Barbara Wood

Die Prophetin

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Ein Erdrutsch in den Hügeln von Los Angeles legt eine Höhle frei – mit uralten Wandmalereien mystischer Sonnenmotive. Die junge Archäologin Erica Tyler entdeckt dort die Mumie einer Indianerin und setzt alles daran, ihr Geheimnis zu entschlüsseln. Aber sie muß um diese Ausgrabung kämpfen: gegen die Grundstückseigentümer der Gegend, gegen New Age-Fanatiker und Kunsträuber und gegen ihren alten Widersacher Jared Black, der die Rechte der Indianer Südkaliforniens vertritt und verlangt, daß die Schätze der Höhle ihren Nachkommen übergeben werden. Erica findet uralten Indianerschmuck, alte spanische Münzen, ein Blechkruzifix – was verbirgt sich dahinter? Und warum spürt Erica hier die Präsenz einer langen Ahnenreihe von Frauen – sie, die doch selbst ohne Eltern aufgewachsen und von Heim zu Heim weitergereicht worden ist? Langsam enthüllt sich die Vergangenheit…
ISBN: 3-8105-2322-4 Original: The Prophetess Verlag: Wolfgang Krüger Verlag Erscheinungsjahr: 1995

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Buch Golf von Akkaba, 1999: Die junge Archäologin Catherine Alexander entdeckt Schriftrollen aus der Zeit des frühen Christentums. Naher Osten, ca. 50 n. Chr.: Sabina diktiert ihre Lebensgeschichte. Sie trägt die Lehren des »Gerechten« zu den entferntesten Provinzen des Imperiums, ist Zeugin der ersten Gründungen von Glaubensgemeinschaften der Urchristen – und erzählt von einer ausgeprägt weiblichen Führung der frühen Kirche. Kalifornien, 1999: Catherine hat die Schriftrollen nach Amerika gebracht, um sie zu übersetzen – ständig auf der Flucht vor Verfolgern, die auch vor einem Mord nicht zurückschrecken, um die Rollen in ihren Besitz zu bringen. Vatikan, 1999: Die »Kongregation für Glaubensdoktrin« – früher »Inquisition« genannt – hat von den Schriftrollen und ihrer Brisanz für die Kirche erfahren. Sie läßt Catherine observieren. Santa Fe, 1999: Computermilliardär Miles Havers sammelt rare Kultobjekte. Der Wunsch, sie zu besitzen, steigt mit dem Grad ihrer »Heiligkeit«. Um die Schriftrollen für seine Sammlung zu bekommen, hat er zwei Killer auf Catherine angesetzt. Vermont, 1999: Catherine hat mit ihrem neuen Beschützer, dem Priester Michael Garibaldi, die Schriftrollen übersetzt. Doch ihr fehlt die letzte, die entscheidende Rolle, in der Sabina über den Schlüssel zum Ewigen Leben und die Wiederkunft Christi berichtet. Und sie muß mit einer großen menschlichen Enttäuschung zurechtkommen. Pater Garibaldi verdient das Vertrauen und die zärtlichen Gefühle, die sie ihm entgegenbringt, nicht. Petersplatz, 1999: Auf der ganzen Welt steigt das

»Jahrtausendfieber«. Die Presse hat Auszüge aus den Schriftrollen erhalten und publiziert. Alle stürzen sich auf die Aussagen des »Gerechten« und seine Prophezeiungen vom Ewigen Leben und der Wiederkunft Christi. Catherine sucht weiter nach der fehlenden Rolle und trifft erneut auf Pater Garibaldi, der seiner Mission entsagt hat. Aus der anfänglichen Freundschaft wird Liebe… Und Catherine findet die letzte Schriftrolle.

Autor Barbara Wood wurde 1947 in England geboren. Ihr Vater ist polnischer Abstammung und mußte 1940 nach England emigrieren. Dort heiratete er eine Engländerin. Im Jahre 1954 wanderte die Familie in die USA aus. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, daß Barbara Wood sich noch immer stark dem europäischen Kulturkreis und seiner Erzähltradition verbunden fühlt. Ihre Romane fußen auf europäischer Kolonialgeschichte (Kenia, Ägypten, Australien) und der damit verbundenen, oft blutig verlaufenen Auseinandersetzung mit den ursprünglichen Bewohnern dieser Länder. Die Recherchearbeit für diese Romanthemen nimmt Barbara Wood stets mit ihrem Mann George »vor Ort« vor – sie bereist die Schauplätze, bevor sie zu schreiben beginnt. Ihr zweiter großer Themenkreis, der des Heilens und der Medizin, ergibt sich aus dem Beruf, den sie ausübte, bevor sie Schriftstellerin wurde: Sie arbeitete 10 Jahre als OP-Schwester in Kalifornien. Barbara Woods Gesamtwerk liegt im Wolfgang Krüger Verlag und im Fischer Taschenbuch Verlag in deutscher Sprache vor: 14 Romane, die in Deutschland zu Bestsellern wurden.

Für Carlos

»Die Nacht neigt sich dem Ende zu, der Tag ist nahe. Werft ab die Taten der Finsternis und legt an die Rüstung des Lichts.« Aus den Stundengebeten »Ein Kind wird mit dem Glauben geboren.« Kathryn Lindskoog Information kennt keine Grenzen. Universales Hacker-Credo

PROLOG

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In der Wüste Sinai
Der Magus riß der jungen Frau das purpurrote Gewand von den Schultern. Sie saß nackt und gefesselt im silbernen Mondlicht auf dem schweißbedeckten Pferd. Seinem Gefolge verschlug es den Atem. Die Männer bestaunten schweigend die Schönheit der Frau. Sie glich den Statuen auf dem Markt, denn sie schien ebenso weiß, kühl und vollkommen zu sein. Aber keine Statue hatte wie sie so lange schwarze Haare, die ihr über den Rücken und die entblößten Brüste fielen. Auch das leichte Zittern ließ keinen Zweifel daran aufkommen, daß diese Frau aus Fleisch und Blut war. Die Fesseln an Händen und Füßen nahmen ihr nichts von ihrer Würde. Einige der Männer wurden unruhig, senkten verlegen die Köpfe. Der Magus, Herr und Gebieter über die Seelen im Reich, ließ sich von dem Stolz und der Würde seiner Gefangenen nicht beeindrucken. Er hatte mit allen Mitteln versucht, sie zum Sprechen zu bringen. In der Stadt hatte er ihr gedroht, sie bis an ihr Lebensende einzusperren und hungern zu lassen. Er hatte alles versucht, nur ihre Schönheit hatte er nicht angetastet, denn damit hätte er den Kaiser erzürnt. Doch jetzt befanden sie sich nicht mehr in der Stadt. Er hatte die junge Frau hierher an diese einsame Stelle in der Wüste entführt, um ihr das Geheimnis doch noch zu entreißen. An diesem gespenstischen Ort waren nur Schlangen und Skorpione Zeugen seiner Tat, und der Wüstensand würde jeden Hinweis auf sein Verbrechen unter sich begraben. Die sechs Reiter waren lange und schnell geritten. Sie hatten die Stadt unbemerkt bei Sonnenuntergang verlassen und waren durch die vom
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Mond beschienene Einöde galoppiert, als seien Dämonen hinter ihnen her. Die Legionen des Kaisers waren weit entfernt, und niemand folgte ihnen. Erst als sie die Stelle an der verlassenen Küste erreichten, wo bizarre Felsen in den kalt funkelnden Sternenhimmel ragten, hielten sie an. Der Magus wußte: Hier hausten nur die Geister und Dämonen der Finsternis. Er hatte in den alten Schriftrollen von dem tiefen Brunnen gelesen, aus dem nach der Überlieferung das Volk Israel während der vierzigjährigen Wanderschaft einst Trinkwasser geschöpft hatte. Der Brunnen war längst versiegt. Nur ein dunkles, tiefes Loch war geblieben. Auf dem siebten Pferd saß die Gefangene. Die zierliche Stute hatte nach dem langen Ritt blutige Nüstern. Als die Männer den Weidenkorb losbanden und die gefesselte Frau aus dem Sattel hoben, wieherte das Pferd und brach tot zusammen. Die Männer befestigten den Korb an einem langen Seil, und einer von ihnen murmelte ein Gebet, während sie ihn langsam in die Tiefe ließen. Als der Korb mit einem dumpfen Geräusch den Boden des Brunnens erreichte, führten sie die Frau an den Brunnenrand, wo der Magus stand und sie mit seinen Blicken durchbohrte. »Ich frage dich noch einmal«, sagte er drohend und stieß mit dem Stab seiner Macht dreimal auf den Boden. »Wo ist die siebte Schriftrolle?« Die Gefangene gab wieder keine Antwort. Wie in den vergangenen Wochen blieb sie stumm, als habe sie seine Worte nicht gehört. Und diesmal glaubte er, in ihren grünen Augen ein herausforderndes Funkeln zu sehen. Der Magus zitterte wie die Gefangene, aber nicht vor Kälte, sondern vor kaum unterdrückter Wut. Er war der letzte in der langen Reihe der Magi und wußte sehr wohl, daß die Tage seiner Macht gezählt
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waren. Die Klarheit des Wissens um das Unsichtbare, das alles Leben hier auf Erden lenkt, entzog sich ihm immer mehr. Wie sollte er der zuverlässige Ratgeber des Volkes und des Kaisers sein, wenn er die Zauberkräfte seiner Vorfahren nicht mehr besaß, denen die Götter die Macht des Wissens um das Unsichtbare geschenkt hatten? In der siebten Schriftrolle, das hatte der Magus nach dem Lesen der anderen sechs erfahren, stand die Offenbarung des neuen Glaubens. Die siebte Schriftrolle würde ihm den Weg zu den Unsterblichen weisen. Dann wäre seine Macht nicht zu erschüttern, denn dann wäre er es, der das Schicksal lenkte. Wenn er mit Hilfe dieser Frau die siebte Rolle fand, dann konnte er Wunder wirken, Tote zum Leben erwecken und Kranke heilen. Er würde das Ende der Welt aufhalten und als der wahre Herrscher neben dem Kaiser gelten. Den Schlüssel zu allem, wonach er strebte, besaß diese junge Frau. Nur mit dem geheimen Wissen der siebten Schriftrolle würden sich die Worte der Verheißung an ihm erfüllen. Dann erhielte er das ewige Leben als Lohn für seine lange Suche. Die Gefangene kannte das Versteck, aber sie schwieg. Wenn er die Rolle nicht fand, würde er in Ungnade fallen, in Vergessenheit versinken, und alle seine Bemühungen und die seiner Vorgänger wären gescheitert. Er würde den Mächten der Finsternis verfallen, denen er sich geweiht hatte, um das Geheimnis der unsichtbaren Welten zu enträtseln. Der Magus hatte sich davon überzeugt, daß seine Gefangene schwach und hilflos war. Sie konnte die Macht, die die Worte des Lichts dem Eingeweihten verliehen, nicht nutzen. Im Grunde war ihr Martyrium sinnlos. Aber ihr beharrliches Schweigen war für ihn so endgültig wie der Tod. Er glaubte sich fast am Ziel seiner Wünsche und konnte doch an ihrer Entschlossenheit nichts
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ändern. Sie verachtete ihn, weil er mit den Menschen spielte, als seien sie nichts als Puppen. Sie mißtraute ihm, denn er war korrupt und intrigant. Er hatte keine Achtung vor dem Leben, tötete jeden, der ihm mißfiel. Der Magus war ein Sklave des Todes. Sie aber diente dem Licht. »So sei es!« Er hob die Hand und befahl den Männern mit einer knappen Geste, ihr frevelhaftes Werk zu tun. Sie packten die junge Frau mit brutalen, gefühllosen Händen. Aus ihren Blicken sprachen Lüsternheit und Gier, als sie ihr ein Seil über den Oberkörper streiften und unter Armen und Brüsten festzogen, um sie langsam in den Brunnen hinablassen zu können. »Du wirst nicht verletzt werden und schnell sterben!« rief der Magus mit kalter Stimme. »Du sollst lange in deinem dunklen Gefängnis am Leben bleiben. Du wirst bald jeden Stein, jede Spalte und alles Grauen der Dunkelheit kennen. Wenn die Sonne hoch am Himmel steht, wird die Luft zum Verdursten trocken sein, und in den kalten Nächten wird der Frost dich erstarren lassen. Deine Qualen werden mit jeder Stunde wachsen, bis sie über jedes erträgliche Maß hinausgehen. Deine Einsamkeit wird größer und erschreckender sein als der Tod. Du wirst schreien, aber niemand wird dich hören. Und am Ende wird dein Körper die Beute blutgieriger Wesen werden.« Er machte einen Schritt auf sie zu und hob den Stab seines Amtes, vor dem in früheren Zeiten das ganze Volk in Ehrfurcht zu Boden gesunken war, dem sich jetzt aber nur noch die wenigen Männer und Frauen seiner Gefolgschaft hier und in der Stadt beugten. »Ich frage dich zum letzten Mal«, flüsterte er, »wo ist die siebte Schriftrolle? Wenn du es mir sagst, schenke ich dir die Freiheit.« Sie gab keine Antwort.
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»Sag mir wenigstens das eine: Hast du die Rolle mit eigenen Augen gesehen?« Zum ersten Mal, seit er die Frau in seine Gewalt gebracht hatte, öffnete sie den Mund. Es klang fast wie ein Seufzen, als sie antwortete. »Ja…« Der Magus zuckte wie unter einem Peitschenhieb zusammen. Er glaubte an die Unsterblichkeit, an das ewige Leben, wie es Osiris geschenkt worden war. Der Leib des Gottes war in Stücke gerissen und über ganz Ägypten verteilt worden. Aber Isis hatte alle Teile gefunden, den zerstückelten Körper wieder zusammengefügt und ihm den Atem des Lebens eingehaucht. Auf diese Weise hatte sie den Geliebten wieder zum Leben erweckt. In ohnmächtigem Zorn ballte der Magus die Faust und hob sie zum Himmel. »Wenn ich das Geheimnis nicht kennen darf, dann soll es den Sterblichen auf der Erde bis in alle Ewigkeit verborgen bleiben!« Seine Männer hoben die Frau hoch und ließen sie Stück für Stück in den Brunnen hinab. Die rauhen Steine schürften die makellose zarte Haut, und Blut floß über ihren Rücken. Als ihre Schönheit in der Schwärze des Brunnenschachts verschwand, schlug der Magus mit dem goldenen Stab auf den kalten Stein und rief: »Bei der Macht, die dieser Stab mir verleiht, den mir mein Vater übergab, so wie ihm die Macht von seinem Vater anvertraut wurde und allen, die vor ihm kamen, bis zurück in die Zeit, als die Unsterblichen noch auf der Erde wandelten, verfluche ich diese Frau und die sechs Schriftrollen des neuen Glaubens, die ich hier mit ihr begraben lasse, damit das Geheimnis des Lebens auf immer den Menschen verborgen bleibe. Kein Sterblicher soll sie lesen und das Rätsel der Unsterblichen lösen. Wer diesen Brunnen findet, sei verflucht!« Ein Reiter erschien unter den zerklüfteten Klippen. Er
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zügelte sein Pferd weit genug vom Lager der Männer entfernt, daß niemand ihn hörte. Dann saß er ab, schlich sich unbemerkt näher und schnitt mit dem Dolch den Schlafenden so schnell die Kehlen durch, daß keinem der fünf Männer Zeit blieb, einen letzten Schrei auszustoßen. Als dies gelungen war, drang er in das Zelt des Magus ein, denn er hoffte, dort seine Geliebte zu finden. Aber sie war nicht da. Er fesselte den Magus und hielt ihm den Dolch an die Kehle. Der Alte wehrte sich nicht. Er sah den jungen Mann nur wissend und in sein Schicksal ergeben an. »Du wirst sie nicht finden, und du kannst sie nicht retten.« Aus Zorn und in ohnmächtiger Verzweiflung stieß der junge Mann dem Magus den Dolch ins Herz. Das rote Blut tränkte das seidene Kissen. Er verließ das Lager und machte sich auf die Suche nach seiner Geliebten. Er ritt am felsigen Ufer entlang und folgte den ausgetrockneten Wasserläufen. Er hob den Kopf und blickte hinauf zu den Sternen, als suche er sie auch dort. Dann hörte er plötzlich einen erstickten Laut in der stillen Nacht. Er irrte durch die Dunkelheit. Schließlich fand er das tote Pferd und in der Nähe das purpurrote Gewand. Und er entdeckte den Brunnen. Er lauschte. Er rief ihren Namen. Er hörte ein Stöhnen. Der junge Mann wendete seinen Hengst, galoppierte zum Lager zurück und holte ein Seil. Als er den Brunnen wieder erreicht hatte, schlang er ein Ende des Seils um einen Felsen und kletterte in die Tiefe. Sein Fuß stieß gegen etwas Weiches, und er wich seitlich aus, bis er den Boden spürte. Dann tastete er in der Dunkelheit nach seiner Geliebten. Er fand sie, und als er feststellte, daß sie nackt war, sank er neben ihr nieder und flüsterte: »Hab keine Angst, Liebste. Wir sind in Sicherheit.
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daß dein Tod nicht umsonst gewesen ist. der sich von deinem unterscheidet. »Du sollst nicht vergebens gestorben sein. hielt er einen Augenblick an. Geliebte«. Er hatte seine Zeit damit vergeudet. während sie hier einsam und verlassen in dem Brunnen lag und starb. Ihr Herz schlug nicht mehr. das ihr gehört hatte. Seine Hilfe kam zu spät. tiefen Brunnen und stieg hoch zum Himmel auf. Ihr Körper war noch warm. Gib mir deine Hand. »Warum gibst du mir keine Antwort?« Er legte den Kopf auf ihre Brust. Der Magus ist tot. Sein Klageruf hallte dumpf in dem dunklen. Er breitete das Gewand über die inzwischen erkaltete Leiche. Das gelobe ich dir. dir zu versprechen. Wir werden wieder Zusammensein und uns ewig lieben. Seine Tränen wärmten ihr die Haare. Kurz entschlossen durchtrennte er mit dem Dolch das Seil.Deine Peiniger sind tot. Mein Glaube. bevor er den Boden erreichte. Schluchzend kletterte er aus dem Brunnen und holte das reich bestickte purpurrote Gewand. das Seil baumelte außer Reichweite über ihm. Als er wieder in den Brunnen stieg. »Die Götter sind Zeugen meines Schwurs. die Männer und den Magus zu töten. legte sich neben sie und nahm sie in die Arme.« Er wartete.« 14 . denn ich kann dich nicht sehen. flüsterte er. Noch vor kurzem hatte sie gestöhnt. gibt mir die Kraft. aber alles blieb still. Er fiel auf den Boden. aber jetzt war sie tot.

DER ERSTE TAG 15 .

klimatisierten Tummelplätze für reiche Touristen. Golf von Akkaba Die Explosion erschütterte das Land im weiten Umkreis und zerriß die morgendliche Stille. sie rechtzeitig vor einer Sprengung zu informieren. Ich werde mit unserem Nachbarn ein ernstes Wort reden. die an der östlichen Küste der Sinaihalbinsel 16 . Staubwolken stiegen in die Luft. Beim Anblick der riesigen Baumaschinen lief ihr ein Schauer über den Rücken. 14.« Während Catherine über den Sand eilte. Catherine Alexander kam stolpernd aus ihrem Zelt. die in den Dattelpalmen saßen. Dr. Geröll prallte an die zerklüfteten Felsen. Zum Schutz vor den Strahlen der aufgehenden Sonne legte sie eine Hand über die Augen und blickte auf die etwa zweihundert Meter von ihrem Lager entfernte Baustelle. einer der vielen luxuriösen. Vögel. hätte sie vor Empörung beinahe laut aufgeschrien. flatterten erschrocken auf und flogen über das blaue Wasser des Golfs. Hier sollte ein Hotelkomplex entstehen. Und als sie die Staubwolke sah.Dienstag. Sie fluchte leise. und das Dynamit konnte die vorsichtig ausgehobenen Gräben mit einem Schlag vernichten. sah sie. Die Baustelle befand sich ohnehin zu nahe an ihrer Grabungsstelle. daß die Stützbalken halten. um das gesprengte Gestein abzuräumen. die verschlafen aus den Zelten krochen. Warum das Dynamit? Man hatte ihr versprochen. Dezember 1999 Scharm el Scheich. daß bereits Planierraupen heranfuhren. zu: »Seht euch die Gräben an! Vergewissert euch. Sie zog schnell die Stiefel an und rief den Männern ihrer Mannschaft.

Und im Augenblick hatte Catherine bereits mit genug Widrigkeiten zu kämpfen. »Hungerford!« rief Catherine schon von weitem. dachte Catherine. bis ihre Ausgrabungen abgeschlossen sein würden. während sie von Container zu Container lief und an die Blechtüren klopfte. ragten an der sanft geschwungenen Küste Hotels und Hochhäuser wie weiße Monolithe in den blauen Himmel und verwandelten die karge Landschaft in ein zweites Miami. meine Arbeit ohne solche verdammten Störungen durchzuführen… »Hungerford! Wo sind Sie?« Catherine näherte sich dem Container. einen Baustopp für das neue Hotel zu erwirken. der man die Grabungserlaubnis nur mit Vorbehalten erteilt hatte. als sie sich vergeblich darum bemühte.gebaut wurden. Das hatte sie versucht den Bürokraten in Kairo zu erklären. Früher oder später würden sie hinter die eigentliche Absicht kommen und wissen. Aber ich bin doch fast am Ziel. So weit man sehen konnte. »Sie hatten mir versprochen. nicht zu sprengen!« Die Gefährdung der Grabungen erschwerte ihr das Leben zusätzlich. Zu allem Überfluß hatte ihr die Stiftung in der letzten Woche mitgeteilt. wenn bei den Ausgrabungen nicht in Kürze positive Ergebnisse vorliegen würden. Catherine wußte. Plötzlich hörte sie in ihrem Rücken Stimmengewirr. daß Catherine gelogen hatte. Sie drehte sich um und sah im gleißenden 17 . Ich weiß. bald würde es hier keine Stelle mehr geben. an der Archäologen graben konnten. man sehe sich gezwungen. Das Ministerium in Kairo saß ihr im Nacken und zeigte ein auffällig großes Interesse an der Ausgrabung. als sie sich den Wohncontainern der Bauleitung näherte. das Projekt fallenzulassen und die Geldmittel zu streichen. der als Planungsbüro diente. Aber in Kairo hörte niemand auf eine Frau und erst recht nicht auf eine. daß ich den Brunnen bald finden werde! Man muß mir nur die Möglichkeit geben.

sprang über Steine. So war es auch bei den Grabungen in Israel und im Libanon gewesen. Offenbar hatte einer der Arbeiter etwas gefunden. sondern Papyrus. Leute?« Die Araber begannen alle auf einmal zu reden. was ist los. Einer hielt etwas in der Hand. wo das Dynamit gezündet worden war. »Warum die Aufregung?« murmelte Hungerford kopfschüttelnd. Catherine hielt den Atem an. daß ihr die Arbeit unterbrechen könnt?« Der dicke Texaner nahm den leuchtend gelben Schutzhelm vom Kopf und fuhr sich mit der Hand durch die rötlichen Haare. »Darf ich?« Catherine nahm dem Araber den Fund aus der Hand. das wie das Stück einer alten vergilbten Zeitung aussah. begrüßte sie Hungerford. daß Hungerfords arabische Arbeiter zu der Stelle rannten. als sie das Papier aufmerksam betrachtete. Es war kein Papier. wich Felsbrocken aus und stolperte über Geröll. wenn etwas wirklich Wertvolles und Einmaliges gefunden worden war. Frau Doktor«. als er Catherine sah. wie die Männer aufgeregt gestikulierend in der sich langsam auflösenden Staubwolke auf einen Felsen zuströmten. »Was soll das? Wer hat euch gesagt. als sich Hungerford einen Weg durch die Menge bahnte. Sie erreichte die Gruppe in dem Augenblick. Wie immer lief ihm der Schweiß über das rote Gesicht. »Guten Morgen. Die Männer verstummten und sahen gespannt zu. Sie beobachtete verblüfft. Sie zog eine Lupe aus der Tasche ihrer Khakibluse und 18 . Sie kannte diese Art Aufregung.Sonnenlicht. »Also. Plötzlich rannte auch sie los.

Ihr Herz schlug plötzlich schneller. zu wunderbar. und gab ihm keine Antwort. sich über ihre Arbeit lustig zu machen. das steht hier. Dann fügte sie erklärend hinzu: »In den Felsenhöhlen hier lebte einst eine große Zahl Asketen und Propheten. Hungerford verzog spöttisch die Lippen. um wahr zu sein… »Vermutlich stammt es von einem Einsiedler aus dem vierten Jahrhundert«.« Hungerfords Blick richtete sich auf die Wüstenlandschaft zu ihrer Linken. wovon jeder Archäologe träumt? Nein. »›Jesus‹…!« flüsterte sie plötzlich. und das hier ist.betrachtete das Fragment. daß es sich nicht um neugriechische Buchstaben handelte. Sie deutete auf das Wort ›Iesous‹. murmelte sie ausweichend und schob sich eine Strähne des kastanienbraunen Haars aus der Stirn. Das war in der Tat ein sehr altes Dokument. es wäre einfach zu schön. »Sie werden doch nicht fluchen. Er lachte plötzlich laut. und es klang spöttisch. und er murmelte sichtlich beeindruckt: »Das heißt tatsächlich Jesus?« »Ja. Sie sah sofort. Sie betrachtete den Fund nachdenklich. Frau Doktor?« »Nein. Die untere Hälfte des Papyrus fehlte.« Hungerford kniff die Augen zusammen. Die Sonne brannte bereits 19 . Bin ich vielleicht auf das gestoßen. wie Sie sehen.« Catherine deutete auf den Riß. Der Papyrus hatte eine honiggelbe Farbe und war mit schwarzen Schriftzeichen bedeckt. und am Ende des römischen Reiches war Griechisch unter den Gelehrten weit verbreitet. Sehen Sie? Hier steht auf griechisch ›Jesus‹. nur ein Fragment. als er fragte: »Ist das vielleicht ein ›JesusFragment‹?« Catherine kannte seine unverschämte Art.

Vermutlich hatte sie der Wind aus einem Touristenhotel hergetragen. Es klang wie zischender Dampf. Yallah. der mehr von dieser Art Papyrus findet.« Sie deutete noch einmal auf den gezackten unteren Rand. »Ist es etwas wert?« Catherine hob die Schultern. Leute!« Die Männer durchsuchten die nähere Umgebung. »Wir werden sehen. wo sich bereits viele Menschen zu Tag. Das Geröll bestand in erster Linie aus Kalkstein und Schiefer. »Also gut!« Hungerford setzte den Schutzhelm wieder auf. Fünf ägyptische Pfund für den Mann.« »Können Sie es lesen?« »Dazu muß ich in mein Zelt. und der Papyrus ist an einigen Stellen bereits brüchig.unbarmherzig auf die zerklüfteten hohen Felsen. Catherine sah die Schlagzeile: ›JAHRTAUSEND-FIEBER!‹ Darunter stand fett gedruckt: ›Das Ende? Weltuntergang in zwanzig Tagen!?‹ Ein Photo zeigte den Petersdom in Rom. »Das hängt von seinem Alter ab. »Und davon. Plötzlich fand einer der Arbeiter etwas unter einem Stein. Aber es war nur die Titelseite der International Times von vor zwei Tagen.und Nachtwachen versammelten 20 . ein merkwürdiges Pfeifen zu hören. Hungerford räusperte sich und blickte wieder auf das Fragment.« Sie sah ihn nicht an. wenn wir den Rest finden würden. Alle stürzten sich darauf. Die beiden Amerikaner und die wartenden Araber glaubten. Die Buchstaben sind verblaßt. Catherine lief ein Schauer über den Rücken. woher es kommt. was auf dem Papyrus steht. Außerdem wäre es hilfreich. Der ständige Wind am Golf schien plötzlich stärker zu werden. um es mir genauer anzusehen. Über ihren Köpfen kreiste ein Falke und stieß einen schrillen Schrei aus.

Was haben wir gefunden? »Wir müssen den Platz freiräumen«. sagte sie mit belegter Stimme. daß die Glocken das neue Jahrtausend einläuteten. wußte sie. Sie wissen es! Catherines Nerven waren zum Zerreißen gespannt. brummte er. Dann wären alle Artefakte verschwunden. »Verstehe…«. und wieder lief ihr ein Schauer über den Rücken. Sie betrachtete noch einmal das Fragment.und darauf warteten. Die Augen der Araber waren auf sie gerichtet. Alexander!« 21 . wie Hungerford leichtsinnig laut gesagt hatte. bevor die ägyptischen Behörden einschreiten konnten. und wieder fiel ihr Blick auf das Wort: ›Jesus‹. Hungerford und sie durften die Männer nicht mehr aus den Augen lassen. Sie mußte das brüchige Papyrus vor weiteren Schäden bewahren und es so schnell wie möglich übersetzen. daß es ebenfalls sehr alt war. Catherine hatte auch das schon erlebt. In weniger als drei Wochen würde das Jahr 1999 enden und das Jahr 2000 beginnen. Wenn sich die Nachricht von einem ›JesusFragment‹. »Und nun?« Catherine wollte mit dem Fragment so schnell wie möglich zu ihrem Zelt. Die Araber fanden zwischen den Steinen Stücke eines Hanfseils und Stoffreste. verbreitete. Als sich Catherine das brüchige Gewebe ansah. »Wir dürfen unter keinen Umständen etwas von dem Fund verlauten lassen. Was wird dort stehen außer dem Namen Jesus? »Dr.« Hungerford sah sie erstaunt an und nickte dann langsam. würde bald jeder Beduine im Umkreis von fünfzig Meilen am Ort der Sprengung erscheinen und sein Zelt aufschlagen.

Sie wissen ganz genau.‹ Catherine erklärte. wir haben einen Monat Arbeit verloren!« Catherine warf einen wütenden Blick auf Hungerford. daß man nicht hin und wieder Zeit hat. die hier arbeiteten oder wohnten. Die Vergangenheit darf der Zukunft nicht im Wege stehen. Sie hatte ihn von Anfang an abstoßend gefunden. Frau Doktor. aber sie ging Hungerford immer aus dem Weg. und Touristen aus dem Nahen Osten. Auch Catherine erholte sich nach der Tagesarbeit hin und wieder mit einigen ihrer Leute in der verräucherten Bar des Hotels. Als er sie erreichte. der verlegen lächelte.Sie drehte sich um und sah. meldete er in dem klaren Englisch. gerufen hatte. um zu arbeiten. sie zu einem Drink im nahe gelegenen Hotel Isis einzuladen. Das heißt doch nicht. sie sei zum Arbeiten hier. sich zu amüsieren…‹ Wie sich herausstellte.« Catherine mochte Hungerford nicht. Als er vor zwei Monaten mit seiner Mannschaft und dem gesamten Maschinenpark hier erschienen war. hatte er gefragt: ›Was macht eine so hübsche Frau wie Sie ganz allein in der Wüste?‹ Catherine hatte ihm höflich erklärt. Der schäbige Betonklotz stammte noch aus den fünfziger Jahren und war ein Treffpunkt für Ausländer. aber er antwortete: ›Wir sind alle hier. daß Samir. und der dicke 22 . die nicht so viel Geld hatten wie die Gäste der Luxushotels. aber der Fortschritt läßt sich nicht aufhalten. das er während des Studiums in London gelernt hatte: »Einige Wände sind beschädigt und sechs Gräben eingestürzt. ihr Aufseher. bestand das ›Amüsieren‹ in dem Versuch.« »Das bedeutet. »Tut mir leid. Hungerford hatte anzüglich gelacht und ungerührt erwidert: ›Ach. Sein aufdringliches Lachen gefiel ihr nicht. daß sie mit ihrem Ausgrabungsstab und fünfzehn Arbeitern wohl kaum ›allein‹ sei. was ich meine! Eine so hübsche Frau wie Sie braucht einen Mann.

was alle wußten: ›Wir suchen nach Moses. als die Israeliten vor mehr als dreitausend Jahren hier entlang 23 .Bauch über der riesigen Silberschnalle seines breiten Ledergürtels wurde auch nicht dadurch anziehender. brennenden Müllhalde – die Nase. Sie atmete tief die zeitlose. wenn man die Wahrheit erfahren würde. das hat etwas mit Ihrer Arbeit hier zu tun?« Catherine hatte zweifellos das brüchige Stück einer Schriftrolle aus dem Altertum gefunden.‹ Sie konnte sich die Reaktionen gut vorstellen. traf der scharfe Wind ihr Gesicht. Sie spürte die rauhe Oberfläche an der Fingerspitze und blickte ehrfurchtsvoll auf die mit großer Sorgfalt geschriebenen Buchstaben. sondern nach seiner Schwester suchte. wie: ›Sie suchen also nach den Tafeln mit den Zehn Geboten?‹ Catherine gab ihm jedesmal ausweichende Antworten und hütete sich davor. daß er ihn ständig stolz mit beiden Händen umfaßte. Der Texaner ließ sich jedoch keine Gelegenheit entgehen. das nur er zu bieten habe. sie in ein Gespräch über die Ausgrabung zu verwickeln. Aus Vorsicht hatte sie sogar den Behörden in Kairo nur gesagt. als sei der Bauch etwas Besonderes. Hatte das überraschend aufgetauchte Dokument etwas mit ihrer Suche nach der Prophetin Mirjam zu tun? Als sie nachdenklich den Kopf hob. Wonach mochte die Luft gerochen haben. Er stellte ihr Fragen. »Glauben Sie. ihm den wahren Grund für ihre Grabung anzuvertrauen. salzige Luft des Golfs ein und rümpfte über die Gerüche des Fortschritts – Dieselabgase und der Rauch einer nicht allzuweit entfernten. sagte Hungerford jetzt grinsend und deutete mit einem vom Nikotin verfärbten Finger auf das Fragment. »Also«. nach der Prophetin Mirjam. Unwillkürlich betastete sie vorsichtig das bräunlichgelbe Blatt. daß sie nämlich nicht nach Moses.

Es war sehr viel schwieriger. und Mirjam die Kühnheit besaß. Als Catherine das Lager erreichte.« »Na klar!« trompetete Hungerford.gezogen waren? Wie war das Leben unter diesem Himmel gewesen. füllte der Koch Körbchen mit einheimischem Fladenbrot. Das lag zum Teil an dem kühlen Wetter. Unter dem Sonnendach. hatte ihr GrabungsTeam aus amerikanischen Studenten und Freiwilligen bereits damit begonnen. den alle mit größter Begeisterung tranken. »Ich muß mir das Fragment genauer ansehen«. ihrem ›Eßzimmer‹. die bereit waren. ihrem Bruder. 24 . In diesem Winter hatte Catherine eine gute Mannschaft. Es war der Beginn eines neuen Jahrzehnts. »Sagen Sie Ihren Leuten. eines neuen Jahrhunderts und sogar eines neuen Jahrtausends. daß sie in der Eile nach der überraschenden Sprengung vergessen hatte. Auch das machte ihr Sorgen. schwarzen Kaffee bereit. Leider würden die meisten Weihnachten nach Hause fahren. Das neue Jahr würde kein gewöhnliches Jahr sein. die Gräben zu sichern. sie sollen weitersuchen. senkte sie schnell den Kopf und stellte fest. und sein vulgäres Lachen hallte von den Felsen wider. Da sie Hungerfords Blick noch immer auf sich gerichtet sah. in die Gegenwart zurückzukehren. die Stirn zu bieten und ihn zu fragen: ›Hat der Herr nur durch Moses gesprochen?‹ Catherine zwang sich. und nur einige hatten ihre Rückkehr zugesagt. dem Anführer der Juden. die durch Hungerfords Sprengung in Mitleidenschaft gezogen worden waren. in den drückend heißen Sommermonaten Leute zu finden. zerteilte den Ziegenkäse und stellte die unterschiedlichen Becher für den starken. bei einer Grabung mitzuarbeiten. die oberen Knöpfe der Bluse zuzuknöpfen. erklärte sie mit Nachdruck und drehte sich um. als sich Schleier und Umhänge der Israeliten im Wind blähten.

Catherine lächelte. daß sie müde und erschöpft aussah. Die Falte war entstanden. Aber zuerst ging sie zum Waschbecken und kühlte sich das Gesicht ab.Catherine fürchtete nicht zu Unrecht. Wie konnte Julius behaupten. Sie trat in das Zelt und legte das Fragment vorsichtig auf die Arbeitsplatte. hörte sie eine spöttische Stimme flüstern. daß sie gezwungen sein würde. mein lieber Julius…‹ ›Sie brauchen einen Mann‹. hatte Hungerford gesagt. 25 . noch nicht von grauen Fäden durchzogen. die sie im Nacken mit einer Spange zusammenhielt. ›Du wirst nicht jünger‹. die Ausgrabung vorübergehend abzubrechen. blieb die Falte deutlich sichtbar. Doch obwohl Catherine das Gesicht jetzt bewußt entspannte. denn sie spürte mehr denn je. ›Du auch nicht. daß ein neues Zeichen des Alters hinzugekommen war: eine senkrechte Falte zwischen den Augen. Trotz der anstrengenden Jahre unter der heißen Sonne bei Ausgrabungen in Israel und Ägypten war es ihr bis jetzt irgendwie gelungen. Genau das konnte sie sich aber nicht leisten. um es genauer zu untersuchen. sie sei schön? Catherine fand ihr Gesicht in keiner Weise außergewöhnlich. Immerhin waren die langen kastanienbraunen Haare. ein Erbe ihrer Mutter. Aber jetzt stellte sie seufzend fest. Die großen grünen Augen. obwohl sie vermutlich sehr viel jünger als sechsunddreißig aussah. ständig unter Sonnenbrand zu leiden und ein Gesicht voller Falten und Krähenfüße zu haben. Bisher war sie stets wieder verschwunden. daß sie an einem Wendepunkt in ihrem Leben stand. Ein Blick in den Spiegel zeigte ihr in der nüchternen Klarheit des hellen Morgens. dem Schicksal aller Archäologen zu entgehen. fand auch Catherine schön. weil sie bei ihrer konzentrierten Arbeit immer unbewußt die Augenbrauen zusammenzog.

um einen Schlag abzuwehren. einen gepflegten Bart und. geheimnisvolle dunkle Augen. Die Sonnenstrahlen fielen auf ein Photo. Julius Voss war vor zwei Jahren auf einer Archäologen-Tagung in Oakland in ihr Leben getreten. selbst wenn er das verlangen sollte. Das ist nicht der Grund. Du weißt. daß du keine Jüdin bist. wie sie fand. Dr. Catherine hatte dort ein Thesenpapier vorgestellt mit dem Titel: ›Bestimmung der Herkunft von Ton bei Keramik der Bronzezeit mit Hilfe der optischen Emissionsspektroskopie. Er vertrat die Auffassung.‹ Catherine würde sich niemals zu seinem Glauben bekehren. daß diese Brüche entstanden waren. Leider befand er sich neuntausend Meilen entfernt am anderen Ende der Welt. als befinde er sich plötzlich in ihrem Zelt. Julius fehlte ihr… Catherine schaffte genügend Platz auf dem überfüllten Arbeitstisch. daß ich von dir nicht verlange. Sie hatte 26 . besonders bei Frauen. hatte schwarze Haare. ›Warum willst du mich nicht heiraten? Es kann doch nicht daran liegen. Er hielt einen Vortrag über das auffällig häufige Vorkommen von Unterarmbrüchen bei ägyptischen Skeletten.‹ Julius war Mediziner und hatte sich auf Krankheiten im Altertum spezialisiert. um das Morgenlicht hereinzulassen. In der Mittagspause lernten sie sich kennen. Es war wirklich so etwas wie Liebe auf den ersten Blick gewesen.Catherine hatte einen Mann. Cathy?‹ hörte sie ihn wieder fragen. das sie mit Klebeband über dem Arbeitstisch befestigt hatte: Julius lächelte sie an. ›Warum. Er sah wirklich gut aus. meine Religion anzunehmen. und die gegenseitige Anziehung war augenblicklich spürbar. Dann öffnete sie eine Klappe am Zeltdach. als unterhalte er sich gerade mit ihr. als der Arm zur Selbstverteidigung gehoben wurde.

sondern seine Frömmigkeit. Catherine schob mit einem leisen Seufzen den Gedanken an Julius beiseite und konzentrierte sich auf das Fragment. für ihn dasein und ihm zuhören. einem Araber aus dem zehnten Jahrhundert. Chr. Aber jedesmal. um ein Leben lang genug von Religionen zu haben. Das Problem ließ sich nicht so leicht in Worte fassen: Julius war Jude. in einem Sturm vom Kurs abgekommen 27 . Es stammte aus dem Jahr 1764. die Stelle in der Wüste. dessen Schiff im Jahr 976 n. wenn sie in seine große orthodoxe Familie einheiratete -. daß sie Julius nicht heiraten konnte. genauer gesagt ein gläubiger Jude. Der Katholizismus ihrer Kindheit und Jugend reichte. dann erfaßte sie eine unbestimmte. auch wenn sie ihn noch so sehr liebte. namenlose Angst. wo sich die Oase befand. wo Mirjam und ihr Bruder den Kampf um die Macht geführt hatten? Catherine überlegte einen Augenblick und nahm dann ein Buch aus dem Regal. nach der sie hier auf der Sinaihalbinsel suchte? Gab das Jesus-Fragment vielleicht den entscheidenden Hinweis. Sie überflog die griechischen Buchstaben.ihm bereits gesagt. Wenn sie sich über wissenschaftliche Themen oder über gemeinsame Interessen unterhielten. und es handelte sich um die englische Übersetzung der Erinnerungen von Ihn Hassan. Catherine liebte Julius. wenn es um Religion ging – und das würde nicht ausbleiben. dann konnte sie frei und ungezwungen mit ihm reden. Aber es gab andere Gründe dafür. doch das Wort ›Jesus‹ fand sie nur an einer Stelle. daß sie keine Religion brauchte. auf den sie schon so lange gehofft hatte? Würde sie möglicherweise erfahren. Bestand möglicherweise eine Verbindung zwischen diesem christlichen Dokument und der Prophetin des Alten Testaments. bereitete ihr Unbehagen. Nicht die Tatsache. daß er Jude war. Aber das war bedeutsam genug.

Beim ersten Lesen war Catherine die Stelle aufgefallen: ›… im Lande Sina gestrandet…‹ Damals dachte sie: Spricht er von der Sinaihalbinsel? Sie verglich die unklaren Hinweise aus der Geschichte des Arabers mit Stellen im Alten Testament und kam unter Einbeziehung von Astronomie und der Navigation mit Hilfe von Sternen (Ihn Hassan berichtete: ›Ich sah. Sie sah ihre Vermutungen bestätigt. Moses. unbestimmte Suche schließlich ein Ziel gefunden. wie Aldebaran über meiner Heimat aufging‹) sowie unter Berücksichtigung der Legenden und Gebräuche der Beduinen dieser Gegend zu dem Schluß. wo die ansässigen Beduinen ihre Herden tränken. Catherines Suche hatte genaugenommen an einem ganz bestimmten Tag begonnen. denn Ihn Hassan hatte geschrieben: ›Ich verbrachte meine einsamen Tage an einem Ort. Der Mann konnte sich an eine nur ungenau bezeichnete Küste retten. die mit den technischen Spezialeffekten von Star Trek und Krieg der Sterne aufgewachsen waren. als Moses das Rote Meer teilte -.war. wurde Catherine sehr nachdenklich. dem Bir Mary am…‹ Der Mirjam-Brunnen. Als Vierzehnjährige zeigte man in der von Nonnen geleiteten katholischen Schule während der Karwoche eine Reihe von Filmen für die achte und neunte Klasse zum Thema: ›Bibelfilme der vierziger und fünfziger Jahre. daß der Araber an dieser Küste gestrandet war. Alle Filme verherrlichten die Helden der Bibel: Samson. Auf der Leinwand zeigte man gute. wo jetzt die Ferienhotels Touristen aus aller Welt anlockten. würdevolle und heldenhafte Männer. Während die meisten ihrer Mitschüler. Unter den Frauen gab es 28 . Mit dieser Erkenntnis hatte Catherines lebenslange.‹ Höhepunkt war DeMilles Klassiker Die Zehn Gebote aus dem Jahr 1954. kicherten und sich langweilten – allerdings gab es Beifall. Salomon.

sie beabsichtige. Sie tolerierten in ihren Reihen kaum Frauen und waren unter keinen Umständen bereit. erklärte sie den Beamten im Ministerium in Kairo. daß es auch in biblischen Zeiten Heldinnen gab – hatte sich bereits in ihrer Jugend eine wahre Besessenheit entwickelt. nach dem Mirjam-Brunnen zu suchen. von ihren grundsätzlichen Erkenntnissen abzurücken. die Schwester von Moses. Catherine fand. Wenn man in der Bibel keine Heldinnen fand. Selbst ältere Frauen und Mütter wirkten in den Filmen irgendwie jungfräulich und blaß. Sie mußte jedoch bald feststellen. eine Anführerin der Israeliten gewesen sei und daß sich die Geschwister die Führerschaft als gleichberechtigte Partner geteilt hätten. ausgegraben zu werden. die nur darauf warteten. Beweise für ihre Theorie zu finden. zahlte hohe 29 . die schließlich zu ihrer Berufswahl führte: biblische Archäologie. Sie glaubte felsenfest. in der Wüste finden.dagegen nur zwei Typen: Die böse Verführerin und die geduldig leidende Jungfrau. In keinem Film gab es eine richtige Heldin. dann wollte Catherine sie an Ort und Stelle. Als sich Catherine vor fünf Jahren zum ersten Mal um eine Grabungsgenehmigung in dieser Gegend bemüht hatte. weit mehr Geheimnisse barg. daß Mirjam. daß die Frauen wenig mehr waren als Statistinnen zur Verherrlichung der Männer. daß der Wüstensand. und hoffe damit. Die zähen Verhandlungen zogen sich über Monate hin. Aus dieser einfachen Beobachtung – Catherine war überzeugt davon. in dem man Schätze wie das Grab des Tutench-Amun und die Schriftrollen vom Toten Meer gefunden hatte. daß die von Männern beherrschte Archäologie und Bibelwissenschaft mit ihren anerkannten und scheinbar unumstößlichen Theorien von der alten Garde wie eine uneinnehmbare Bastion verteidigt wurden. Sie führte zahllose Gespräche.

daß der Anker in frühchristlicher Zeit eine symbolische Bedeutung besessen hatte und erst später vom Kreuz verdrängt worden war. daß Dokumente spurlos verschwanden.‹ Catherine blickte nachdenklich auf die Worte: ›Anker aus Schilf‹. Ein Jahr darauf erschien sie wieder in Kairo und stellte den Antrag auf eine Grabungserlaubnis.Bestechungsgelder. um den Moses-Brunnen zu suchen. schrieb der Araber. das sie suchte. Der Anker war das Verbindungsglied zum Christentum. Catherine runzelte die Stirn. ›Eines Nachts erwachte ich‹. deren Schönheit und Glanz mich blendeten. ihn zu füllen. Der Anker aus Schilf war ein Symbol. sagte der Engel zu mir. Sie führte mich zu einem Brunnen und forderte mich auf. zuerst mit weicher Erde und dann mit Steinen. mußte erleben. kein wirklicher Anker! Sofort fiel ihr ein. Sie hatte ihnen bislang wenig Bedeutung beigemessen. die ihr Anhaltspunkte für die Suche nach dem Weg der Juden bei ihrem Auszug aus Ägypten geliefert hatten. Als Catherine jetzt Ibn Hassans Buch aufschlug. ›und vor mir stand eine wundersame junge Frau. 30 .‹ ›Wenn du das für mich tust. und schließlich lehnte man ihr Gesuch ab. Auf den Brunnen sollte ich einen Anker aus Schilf stellen. Deshalb hatte Catherine den Rückzug angetreten und eine andere Strategie entwickelt. Ibn Hassan‹. Sie blätterte bis zu einer Passage. las sie nicht die Stellen. ›werde ich dir das Geheimnis des ewigen Lebens verraten. wurde von einer Stelle zur anderen verwiesen. der sie bislang weniger Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Wozu einen Anker aus Schilf? Sie zuckte zusammen. Plötzlich wußte sie die Antwort. die sie jetzt jedoch nachdenklich noch einmal las.

und der Erscheinung eines Engels. Aber jetzt… Sie blickte auf das Jesus-Fragment. der einem Schiffbrüchigen sieben Jahrhunderte später das ›ewige Leben‹ verhieß? Wenn es diesen Zusammenhang gab. einhundertneunundzwanzig Jahre alt zu sein. Ich erzähle dies im hohen Alter von zweimal sechzig und neun Jahren bei bester Gesundheit und in dem festen Glauben. Die Zelte standen unter einem steilen Felsen in der Nähe eines Brunnens mit dem Namen Bir Umma – Brunnen der Mutter. das sie nach vorsichtiger Schätzung um zweihundert nach Christus datierte. Ich. denn der Engel hat mir das ewige Leben zum Geschenk gemacht‹.Sie blätterte zurück zur ersten Seite von Ibn Hassans Erinnerungen und las mit wachsender Erregung: ›Und so erhielt ich den Schlüssel zum ewigen Leben. Ich konnte die einsame Küste verlassen und zu meiner Familie zurückkehren. Zwei Worte stachen ihr ins Auge: ›Zoe aionios. und deshalb behauptete. daß ich nicht sterben werde. das Hungerfords Araber gefunden hatten. Ibn Hassan Abu Mohammed Omar Abbas Ali.‹ Ewiges Leben. Bestand ein Zusammenhang zwischen diesem Fragment. Er beschrieb darin eine Expedition in die Wüste Sinai. abgesehen von Ibn Hassans Erinnerungen. was hatte der Hinweis auf ›Jesus‹ mit dem Mirjam-Brunnen zu tun? Catherine hatte. wundersame Geschichten zu erzählen. Catherine hatte diese Worte bisher als Prahlerei eines alten Mannes abgetan. Aber sie war bei ihren Nachforschungen auf das Buch eines deutschen Ägyptologen von 1883 gestoßen. wurde gerettet. bisher keine Hinweise auf einen MirjamBrunnen gefunden. der es liebte. In der Nacht wurden die Teilnehmer der Expedition von seltsamen Träumen 31 . Eines Tages schlug die Gruppe ihr Lager an der Küste im Osten des Katharinenklosters auf.

Exodus 13:21/22: ›Der Herr zog vor ihnen her. Deshalb kam sie zu folgendem Schluß: Das Gebirge befand sich an der Westküste Arabiens. mit dem Traum der Frau des Ägyptologen und mit den Legenden 32 . dafür aber in Saudi-Arabien im Osten des Golfs von Akkaba. Die Frage lag nahe. Die Israeliten waren dem Feuer und Rauch des Vulkans gefolgt und an diesen Ort an der Ostküste. an dieser Stelle zu graben. Sie wußte. denn dort hatten sie die ›Wolkensäule‹ bei Tag und ›das Feuer‹ in der Nacht gesehen. hatte sie allerdings nicht gerechnet. Die Frau des Deutschen berichtete fast in denselben Worten wie Ibn Hassan von der Erscheinung einer überirdisch schönen jungen Frau. Mit einem Papyrus-Fund. Catherine entdeckte schließlich einen Anhaltspunkt im Alten Testament. Catherine war hierhergekommen. um ihnen den Weg zu zeigen. Die Wolkensäule wich bei Tag nicht von der Spitze des Volkes. um ihnen zu leuchten. daß Professor Krügers Expedition das Lager an der Stelle aufgeschlagen hatte. es gab auf der Sinaihalbinsel keine vulkanischen Gebirge. daß diese Bibelstelle sehr wohl einen aktiven Vulkan beschreiben mochte. Sie überlegte: Was hat das Fragment und die Worte ›ewiges Leben‹ mit Ibn Hassans ›Engel‹. an der Ibn Hassan Schiffbruch erlitten hatte. bei Tag in einer Wolkensäule. So konnten sie Tag und Nacht unterwegs sein.heimgesucht. um einen Beweis für den Weg der Israeliten durch die Wüste zu finden und auch Hinweise auf die Prophetin Mirjam. bei Nacht in einer Feuersäule. und die Feuersäule nicht bei Nacht. in dem das Wort ›Jesus‹ vorkam. der zu ihrem Entschluß führte.‹ Catherine erkannte nicht als erste. ob die Ähnlichkeit der Erscheinung ein Hinweis darauf war. Man nannte das Gebiet dort ›das Land Midian‹. auf der anderen Seite des Golfs gelangt.

Ein Jahr später war sie auf der zweiten Ebene noch immer nicht auf Hinweise für eine menschliche Besiedlung gestoßen. das wie ein Tunneleingang wirkte. Der morgendliche Wind nahm an Heftigkeit zu. Plötzlich erinnerte sie sich. Sie wollte damit beginnen. Catherine kniete im Sand und betrachtete die Öffnung. sie sprang auf und rannte ohne eine Erklärung zu ihrem Grabungsplatz zurück. die sie mit großer Entschlossenheit verdrängt hatte. wo sie 33 . Er fuhr pfeifend über den dunkelblauen Golf und mischte sich mit dem Lachen und Rufen von Hungerfords Arbeitern. ›Du abscheuliches Mädchen! Das wirst du büßen…‹ Catherine schob die Erinnerung seufzend beiseite und griff nach der Lupe.der Beduinen zu tun. in denen immer wieder von Geistwesen oder Geistern berichtet wird. Als Catherine jetzt in einem der Gräben stand. die das Geröll durchsuchten. Eine Erinnerung. Auf der dritten Ebene hatten sie eine Kalksteinschicht erreicht und den Einstieg zu einem Tunnel gefunden. Vor Beginn der Ausgrabungen hatte sie das Gebiet mit den neuesten geologischen Meßinstrumenten untersucht und an dieser Stelle das Vorhandensein eines ungewöhnlichen unterirdischen Tunnels festgestellt. stellte sich erstaunlicherweise wieder ein. In unmittelbarer Nähe der Sprengung waren die Arbeiter auf ein Loch gestoßen. Die Araber hatten etwas gefunden. die an dieser Stelle den Menschen erscheinen? Catherine lauschte auf die Geräusche vor dem Zelt. Sie hatte ein Planquadrat mit einem Raster angefertigt und dann mit den Grabungen begonnen. Nein. um sie zu quälen. die altgriechischen Worte zu übersetzen. daß sie in der vergangenen Nacht ebenfalls einen seltsamen Traum gehabt hatte. es war kein Traum gewesen. Ihr Herz schlug schneller. als es draußen plötzlich laut wurde.

legte sich auf eine der Paletten auf Rädern. die das Jesus-Fragment zutage gefördert hatte. ein Auge auf seine Leute zu haben und dafür zu sorgen. Niemand kannte die Festigkeit des Gesteins. der offenbar zu dem steilen Uferfelsen führte. Seit der Sprengung am frühen Morgen. daß alle in der Nähe blieben und niemand zum nächsten Telefon rannte – die Preise. mit denen sie das Geröll aus den Gräben transportierten. Staub und kleine Steine lösten sich von den Wänden. würde man sie sofort herausholen. daß er in Richtung der Sprengung verlief. Der Gang war dunkel und eng. als Catherine in der Dunkelheit verschwand. Im Innern wartete sie einen Augenblick. das durch die Sprengung brüchig geworden sein mochte. waren drei Stunden vergangen. Es war bestimmt nicht das Ende des unterirdischen Gangs. Das Gerücht von dem sensationellen Fund kursierte vielleicht schon auf der ganzen Halbinsel. Deshalb hatten sie ein Signal verabredet: Wenn Catherine einmal am Seil zog. 34 .diesen Tunnel entdeckt hatten. kein Wort über den Fund verlauten zu lassen. Catherine band sich das Seil um die Hüfte. das herauszufinden. und machte sich mit einer Taschenlampe in der Hand auf den Weg. die die Einheimischen auf dem schwarzen Markt für die Schriftrollen vom Toten Meer und den ›Nag Hammadi‹Schatz erzielt hatten. Catherine hatte ihre Gruppe angewiesen. Was mochte sich am Ende des Tunnels befinden? Es gab nur eine Möglichkeit. fiel ihr auf. bis eine wissenschaftliche Klärung vorlag. Catherine hatte Hungerford vor dem abenteuerlichen Einstieg noch einmal ermahnt. schob sich mit den Ellbogen durch den Gang vorwärts und hielt den Strahl der Taschenlampe auf die endlose Schwärze gerichtet. Die Sonne stand bereits hoch am Himmel. Trotzdem machte sie sich Sorgen. Sie bewegte sich langsam. waren nicht vergessen.

das aus einer unterirdischen Quelle stammte. Ihre nackten Knie waren auf dem rauhen Kalksteinboden bald aufgeschürft. Trotzdem stieß sie immer wieder gegen den Fels. Ibn Hassan und Krügers Frau hatten berichtet. Vorsichtig rollte sie auf dem Wägelchen weiter. Wasser für einen Brunnen? Trotz der Kühle trat Catherine der Schweiß auf die Stirn. entschlossen herauszufinden. hielt sie den Atem an und rechnete fast damit.Immer wieder rieselte Sand auf sie herab. Catherine holte tief Luft. Nach einer Weile kam sie jedoch zu dem Schluß. was sich am Ende des Tunnels befand. hier seien Menschen lebend begraben worden. wo Hungerford mit seinen Leuten stand und das Sicherungsseil abrollte. Der Gang wand sich jetzt durch festes Gestein. Neugierig musterte Catherine im Schein der Taschenlampe die relativ glatte Decke und die ebenso glatten Wände. Ihrer Schätzung nach war sie etwa fünfzig Meter von der Öffnung entfernt. daß sie die meiste Zeit flach auf dem Bauch liegen und den Kopf einziehen mußte. und wenn sie die Palette zum Stehen brachte. War ihr Traum eine Warnung gewesen? War dieser Ort verflucht? Der Gang war plötzlich versperrt. Catherine liefen kalte Schauer über den Rücken. daß die Decke des Tunnels im nächsten Augenblick einstürzen werde. die Khakishorts gegen Jeans ausgetauscht zu haben. und sie wünschte zu spät. der Tunnel sei nicht das Werk von Menschen. Sie durfte vor allem nicht die Nerven verlieren. Trotz aller Hindernisse und möglicher Gefahren ließ sie sich nicht beirren. daß es sich um die Reste eines Korbes 35 . Möglicherweise war er durch ein Erdbeben entstanden oder von Wasser ausgehöhlt worden. Vorsichtig untersuchte sie das Hindernis und stellte zu ihrem Erstaunen fest. Der Gang war so niedrig. sondern ein natürlicher Gang.

würde zum Beispiel ein Museum für das Jesus-Fragment zahlen?« »Museen zahlen nicht«. um besser in die Tiefe blicken zu können. die zum Teil noch von Steinen umgeben waren. Plötzlich entdeckte sie etwas Weißes. Der schwankende Lichtstrahl tanzte über die Steine.handeln mußte. richtete sie die Taschenlampe nach vorne. Wieder rieselte Sand auf ihren Kopf. erwiderte Catherine und klopfte 36 . daß die Wände aus großen unbehauenen Feuersteinblöcken bestanden. Der unterirdische Gang ging weiter. Er hatte einen Durchmesser von etwa fünf bis sechs Metern und war über ihr verschlossen. meinen Sie. »Ich meine in Dollars und Cents. Sie verlagerte vorsichtig das Gewicht und streckte den Kopf vor. und dann sah sie es. Dort lag ein Schädel! Der Schädel eines Menschen. Der Boden war trocken. Sie griff danach und zog daran. wie sie für Bauten der Bronzezeit typisch waren. Der Korb löste sich mühelos aus dem Geröll. das sich offenbar durch die Sprengung gelöst und einen Teil des Schachts zum Einsturz gebracht hatte. Hoffentlich würde sie nicht in den Brunnen fallen. Catherine sah. Habe ich den Mirjam-Brunnen gefunden? Catherine richtete die Taschenlampe nach unten und blickte zitternd über den Rand. Als sich die Staubwolke gelegt hatte. Dann rollte sie langsam weiter. »Wie schätzen Sie diesen Fund ein?« fragte Hungerford und grinste. Der Tunnel mündete plötzlich in einen kreisrunden Schacht. Sie nahm die Korbreste zwischen die Arme und legte das Kinn darauf. Catherine kniff die Augen zusammen und wartete mit angehaltenem Atem. der senkrecht nach oben führte. Was. Sie sah Steine und loses Geröll.

»Aber freuen Sie sich nicht zu früh. Ihre kastanienbraunen Haare waren wie mit Puder bestäubt. »es stammt nicht aus dem ersten Jahrhundert?« »Leider nein«.« »Wie alt ist das Zeug?« fragte er und deutete auf das Bündel. Alle hatten auf einen spektakulären Fund gehofft. »Vielleicht siebtes oder achtes Jahrhundert«. daß die anderen ebenso enttäuscht waren wie Hungerford. »Je nachdem…«. was ich gefunden habe. Sie stand zwar wieder im hellen Sonnenlicht und atmete den frischen Meereswind. als sei der schlichte. der Korb gehörte einem der Einsiedler. sagte Hungerford mit gerunzelter Stirn. waren die Erwartungen der Leute gestiegen. Erleichtert stellte sie fest. daß seine Träume von Geld und Ruhm wie eine Seifenblase geplatzt waren. »Und der Wert?« fragte Hungerford verdrießlich. überhaupt einen Wert hat. Catherine war über und über mit Staub und Sand bedeckt. von denen ich Ihnen erzählt habe. verrottete Korb dafür verantwortlich. ob das. antwortete Catherine. soviel Enttäuschung wie möglich in ihre Stimme zu legen. »Ich glaube. das sie aus dem Tunnel mitgebracht hatte. aber noch immer saß ihr die Angst im Nacken. »Die Webart des Leinens und die Verschnürung weisen auf eine nachbyzantinische Zeit hin.sich den Staub von der Bluse. Ich werde Professor 37 . während sie den unterirdischen Gang erkundet hatte. Bis jetzt wissen wir nicht. »Die privaten Sammler zahlen…« Sie sah Hungerford an. sagte Catherine und wich seinem Blick aus. In der vergangenen Stunde. antwortete Catherine und versuchte. die sie in dem engen unterirdischen Gang und am Rand des tiefen Brunnens erfaßt hatte.« »Das heißt also«. während sich alle um sie drängten und neugierig den Fund anstarrten.

bis das Gelände von den Regierungsbeamten untersucht worden ist. Wenn sich ihre Vermutungen bestätigten. Catherine ging eilig zu ihrem Zelt. Er kann uns bestimmt schnell Gewißheit verschaffen. Dieser Fund gehörte ihr. Ich werde sofort Kairo benachrichtigen und die zuständige Behörde informieren.Gottlieb in Jerusalem anrufen.« Catherine wich erschrocken zurück. Inzwischen sollten Sie an dieser Stelle keinerlei Arbeiten durchführen. daß ein Fund dieser Art in Gegenwart glaubwürdiger Zeugen geöffnet wird. desto besser. um wieder ruhiger zu werden. Ich werde meine Leute dort drüben einsetzen. Sonst wäre hier die Hölle los. dann hatte Hungerford sie mit der Sprengung nicht zu einem Fund aus dem achten Jahrhundert geführt. aber diesmal war ihr nichts anderes übriggeblieben. »Nein! Wissenschaftliches Vorgehen verlangt. zog den Reißverschluß der Zeltklappe zu und schaltete das Licht ein.« »Ja. und je schneller sie die zuständigen Experten in Kairo informierte. Ihre Gedanken überschlugen sich. Catherine log nur ungern. als sie es sich in ihren kühnsten Träumen vorstellte. Sie blieb einen Augenblick in der Mitte des Zelts stehen.« »Machen wir ihn auf. Sie durfte auf keinen Fall auch nur andeuten. Wir können inzwischen die Tennisplätze planieren. ja. die Ausgrabungen 38 . Dann konnte keine Rede mehr davon sein. die zweitausend Jahre alt waren. Sie werden jemanden herschicken. sondern möglicherweise enthielt der Korb Schriftrollen. daß der Fund vermutlich eine weit größere Bedeutung hatte.« Der Texaner schob die Hände in die Hosentaschen und ging kopfschüttelnd davon. Hatte Hungerford ihr geglaubt? Sie hoffte es.

Sie würde keine Minute Ruhe haben. um die Arbeiten abzuschließen. Ein Blick auf die Uhr erinnerte sie daran. daß sie nicht gefrühstückt hatte. ob sie sich die Zeit nehmen sollte. auf der Stelle zum Hotel zu fahren? Sie entschied. würde natürlich sofort jemand kommen. Ihr Magen knurrte und erinnerte sie daran. das Alter des Fragments zu bestimmen. Eure Schwester. legte das Fragment unter die helle Lampe. Offenbar handelte es sich um den Anfang eines Briefes. wenn sie die Behörde ein paar Minuten später informierte. ›Sabina. Als Catherine den Zündschlüssel für den Landrover suchte. Was 39 . im Haus der lieben Amelia. daß das Fragment eindeutig aus dem zweiten oder dritten Jahrhundert stammte. Die Bürokraten in Kairo konnten erfahrungsgemäß so schnell nichts in Bewegung setzen. Oder wäre es klüger.vorzeitig zu beenden! Die Stiftung würde ihr die Geldmittel so lange zur Verfügung stellen. es könne nichts schaden. daß seit der Sprengung inzwischen mehr als vier Stunden vergangen waren. Sie mußte auf der Stelle zum Hotel Isis fahren und die Abteilung für Altertümer informieren. des verehrten…‹ Catherine zog die Augenbrauen zusammen. bis das Gelände von den Beamten gesichert worden war. Wenn sie nach Kairo berichten konnte. Doch Catherine interessierte sich im Augenblick nicht für Essen. wie sie brauchte. Sie überlegte kurz. grüßt Euch und segnet die Gemeinschaft des Gerechten. griff nach der Lupe und begann zu lesen. Und sie würde auch alle gewünschten Arbeitskräfte bekommen. das sie noch immer nicht übersetzt hatte. Wie konnte sie das erreichen? Sie blickte auf das Jesus-Fragment. Das wußte jeder. Aber Catherine brauchte sie hier auf der Stelle. hielt sie inne. unseres Herrn Jesus.

daß nur meine Stimme zu Euch spricht. etwas so Erstaunliches berichten. In der Frühkirche waren Diakonai (die. Eine Frau war eine ›Diakonissa – Diakonin‹. liebe Schwestern. Wird heute übersetzt als‹Diakon›.bedeutete das nächste Wort: ›διάκονος – Diakonos‹? Diakon… Das konnte nicht sein. ›Lest diesen Brief im geheimen und in Furcht um Euer Leben!‹ Was um alles in der Welt hatte sie gefunden? Sie las noch einmal den Anfang: ›… der lieben Amelia. eine gesegnete Frau. zu der ich auf höchst wundersame Weise gekommen bin. Es gab keinen Zweifel. aus einem Kofferradio kamen die Nachrichten eines Senders in Jerusalem. deshalb ist eine genauere Übersetzung im 40 . suchte sie im Register und las: ›Diakonos (Strong’s Nummer: 1249-GSN) griechisch:‹Diener›. Kopfschüttelnd las sie weiter. als ›Diakonos – Diakon‹. An dieser Stelle möchte ich Euch jedoch warnen: Lest diesen Brief im geheimen. einer Frau. Sie las den Satz noch einmal. Perpetua. ›Ich möchte Euch. des verehrten Diakon…‹ Durch die dünne Nylonwand ihres Zelts hörte Catherine die üblichen Geräusche im Lager. Sabina sprach von Amelia. Als sie das entsprechende Werk gefunden hatte. Samir rief nach einer Kelle. All das registrierte ihr Bewußtsein kaum. die Befehle des Königs ausführen) Täufer. Aber zuerst sollt Ihr wissen. Prediger und Hüter des Sakraments. in Sorge um Eure Sicherheit und in Furcht um Euer Leben. daß meine Stimme beim Reden zittert.‹ Catherine stieß die Luft aus. während sie aufgeregt unter ihren Büchern suchte. aber nur in Verbindung mit einem Mann. schreibt meine Worte an Euch nieder. einer der Studenten lachte laut. Catherine kannte die Anrede ›Diakonos -Diakon‹ aus anderen Schriften.

da hat dir Weihnachten sehr viel bedeutet. Beide stimmten beinahe völlig miteinander überein. Plötzlich erinnerte sie sich an das letzte Gespräch mit Julius. griff nach der Lupe und verglich sorgfältig die Handschrift des Briefs mit den Buchstaben im Buch. Kein Zweifel: Sabinas Brief an Amelia mußte im zweiten Jahrhundert geschrieben worden sein. in dem das Wort ›Jesus‹ vorkam. ›Ich hoffe.Kontext des Neuen Testaments‹Priester›. Die ganze Familie ist zum ChanukkahFest hier. War Amelia eine Priesterin? Eine Frau wurde in einem Brief. Damals bekleideten jedoch nach der übereinstimmenden Ansicht von Theologen und Bibelwissenschaftlern keine Frauen das Priesteramt. als ›Priester‹ angeredet? Das konnte nicht sein! Catherine schlug ein Schriftbeispiel in dem Nachschlagewerk auf. du kommst über die Feiertage‹. die erstaunlichen Schlußfolgerungen in ihrer Tragweite zu erfassen. dich wiederzusehen. besteht denn wenigstens die Möglichkeit. Sie klappte das Buch zu und versuchte.‹ Als sie geschwiegen hatte. Danach werden sie abreisen. daß nur wir beide Weihnachten zusammensein können? Du fehlst mir so. Aber sie hatte ihm erklärt. hatte er gesagt.‹ Catherine holte tief Luft. Außerdem sei Weihnachten für sie ein Tag wie jeder andere. sie könne die Ausgrabungen nicht unterbrechen. ›Es gab einmal eine Zeit. ›Meine Eltern freuen sich darauf.‹ Dann sagte er: ›Du kannst der 41 . Liebste‹. Sie hatte ihn vor einer Woche aus dem Hotel Isis angerufen. fragte er: ›Cathy. Ihr Blick fiel auf das Photo der Autorin auf der Rückseite. Seine Antwort und der Ton seiner Stimme gingen ihr nicht mehr aus dem Sinn. Cathy. Nur das hätte die Anrede ›Diakon‹ gerechtfertigt.

als ihre Mutter kurz vor dem Ende alle ihre Erkenntnisse widerrufen hatte und die Kirche schließlich doch triumphierte… Verwirrt und innerlich aufgewühlt richtete Catherine ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Jesus-Fragment und das brisante Wort: ›Diakon‹. sondern sie hörte die tonlose Stimme ihrer Mutter am Ende ihres bewegten. denn mir fehlten die Beweise.‹ Sie hatte erwidert: ›O doch. Sie sah die 42 . Dahinter entdeckte sie das abgerissene Ende eines Papyrus. Was beim Tod meiner Mutter geschehen ist. Aber Catherine sah nicht die Augen. war ganz allein die Schuld der Kirche. als sie allein in einem Krankenhauszimmer lag und flüsterte: ›Sie hatten recht. Behutsam legte sie das Jesus-Fragment in eine verschließbare Kassette und schob sie zusammen mit dem Korb unter ihr Feldbett. den meine Mutter gebraucht hätte? Sie blickte auf den Korb und auf das Loch im Geflecht. das Ende des Briefes nach den Worten: ›in Sorge um Eure Sicherheit und in Furcht um Euer Leben‹ befand sich in dem Korb. Nina Alexander hatte das Handbuch des Griechischen im Neuen Testament geschrieben. was ich getan habe. Dr. Catherine zögerte nicht mehr. Wenn ich doch nur einen Beweis gehabt hätte…‹ Catherine wollte nicht mehr an den schmerzlichen Tag denken. Die beiden Papyrus-Stücke paßten zusammen. Habe ich den Beweis gefunden. Das bedeutete. Cathy. Sie hielt das ebenfalls abgerissene untere Ende ihres Fragments daran.Kirche nicht ewig die Schuld an allem geben.‹ Ihr Blick richtete sich nachdenklich auf das Photo. ich hätte nicht tun dürfen. das offenbar durch die Sprengung entstanden war. streitbaren Lebens. aus denen eine wache Intelligenz sprach. Das Bild zeigte eine junge Frau mit lächelnden grünen Augen.

daß Hungerford in seinem Jeep in Richtung der Hotels davonbrauste. Als sie die Zeltklappe zurückschlug. und ging um das Zelt herum. hörte sie einen Motor aufheulen. Catherines Plan stand fest. wenn das geschah. dann Julius aus dem Hotel Isis anrufen. Zuerst würde sie Samir bitten. ihr Zelt zu bewachen. die manchmal die ganze Nacht dauerten. der Fund und möglicherweise sogar ihre persönliche Sicherheit in großer Gefahr. mit welchem Flugzeug sie Ägypten so schnell wie möglich verlassen konnte. In Kalifornien war es kurz nach Mitternacht. danach Daniel in Mexiko und schließlich feststellen. Aber als sie sah. daß er es offenbar sehr eilig hatte. Hoffentlich war Julius zu Hause und nicht im Institut bei einem seiner Tests. Sie vermutete. 43 . Er wird reden! In diesem Augenblick wußte Catherine. verriet ihr die Staubwolke. Die Abteilung für Altertümer in Kairo würde sie nicht anrufen. um hinauszugehen. dann waren die Ausgrabung. Inzwischen sah die ganze Sache anders aus. daß einer ihrer Leute zum Einkaufen nach Scharm el Scheich fahren wollte.Schlüssel für den Landrover neben dem Waschtisch. steckte sie ein und blickte auf die Uhr.

Liebling! Schnell. Dann eilten sie durch einen mit Buntglas gestalteten Bogengang. Sie liefen über den riesigen Innenhof. beeil dich!« Er lief mit ihr nach draußen und durchquerte dabei eine verglaste Veranda mit alten spanischen Möbeln und sehr bequemen Rattansesseln.Santa Fe. Er machte so große Schritte. wo in Vitrinen Kultobjekte aus dem Zum Pueblo standen. daß sie beinahe rennen mußte. um den Platz wieder bespielbar zu machen. »Aber Miles! Ich bin doch gerade…« »Das mußt du sehen. welche aufregende Überraschung Miles ihr zeigen wollte. 44 . Sie hatte keine Ahnung. Erika lachte. »Du wirst staunen!« rief er so laut. Es konnte eine ungewöhnliche Wolkenformation oder ein neuer superschneller Mikrochip sein. Bei ihrem Mann mußte sie auf alles gefaßt sein. kamen wieder ins Freie und liefen an dem privaten Golfplatz vorbei. In den dreißig Jahren ihrer Ehe hatte es keinen einzigen Augenblick der Langeweile gegeben. der einen schokoladenbraunen Corvette ZR-1 auf Hochglanz polierte – einen von dreiundzwanzig alten Corvettes aus Havers’ Sammlung -. hob erstaunt den Kopf. komm schnell!« Miles Havers nahm die Hand seiner Frau und zog Erika aus dem Sessel. New Mexico »Erika! Erika. Aber wie immer ließ sie sich sofort von seiner Begeisterung anstecken. daß sich seine Stimme an der getäfelten Decke brach und von den weißen Wänden ihres beinahe tausend Quadratmeter großen Hauses aus Adobeziegeln widerhallte. wo Gärtner sorgfältig den frisch gefallenen Schnee entfernten. Ein Chauffeur.

Erika lebte inzwischen bereits zehn Jahre hier. Es war eine Vorsichtsmaßnahme. und ein Schauer lief ihr über den Rücken. als ihre Augen unwillkürlich in Richtung Golfplatz wanderten. als sie ihrem Mann um den spanischen Brunnen aus dem fünfzehnten Jahrhundert folgte. Als sie die verschlossene Tür erreichten. feingliedrige und vornehm wirkende Frau. aber sie wußte. denn in diesem Monat kamen ungewöhnlich viele Menschen nach Santa Fe.Havers’ Sandalen klatschten laut auf den SaltilloFliesen. Schließlich wußte Erika. und Santa Fe galt als einer 45 . Sie war eine zarte. Die Jahrtausendwende stand bevor. die so leichtfüßig ging. wohin er sie führte – in das Tropenhaus. Fliese um Fliese aus Madrid hierhergebracht hatte. die Miles um das sechzig Hektar große Anwesen hatte Stellung beziehen lassen. die an diesem kalten Dezembertag in weißen Schnee gehüllt waren. Sie sah niemanden dort. gab Miles eine Geheimnummer ein. denn der zweiundfünfzigjährige Miles Havers war ein begeisterter Jogger und trainierte zu jeder Tagund Nachtzeit seinen immer noch sportlichen Körper. aber noch immer staunte sie über das unvergleichliche Blau des Himmels von New Mexico. Sie dachte verzaubert: Sangre de Cristo – Blut Christi – wirklich ein seltsamer Name für ein Gebirge… Ein kalter Wind fuhr durch ihre kurzen aschblonden Haare. den man Stein für Stein. um das Schloß zu öffnen. Man hatte ihr gesagt. die intensive Färbung beruhe auf der geringen Luftfeuchtigkeit. in dessen Herzen sich ihr fünftausend Hektar großes Gelände befand. sie waren da – die Wachen. daß ihre Füße kaum den Boden zu berühren schienen. Erika war wie er Anfang Fünfzig. Das war ein vertrautes Geräusch auf dem Anwesen. Erikas Blick richtete sich unwillkürlich nach Westen zu den Sangre de Christo-Bergen.

Sie gingen zwischen Beeten hindurch. Präsidenten. Hollywood.der heiligen Orte der Erde. die er in der Steinwüste sechshundert Meter über dem Meeresboden geschaffen hatte. Die Tür des Tropenhauses glitt geräuschlos zur Seite. Dünger und Moder lagen die betäubenden Düfte von Narzissen. da sich alle Stars aus Angst vor der großen Katastrophe in die sicheren Gebiete von Wyoming oder Montana und nach Manhattan zurückgezogen hatten. Erika hingegen freute sich auf das neue Jahrtausend. und Erika schlug heiße. Man rechnete mit Erdbeben. bescheiden ausgedrückt. Das Tropenhaus war. sei inzwischen eine Geisterstadt. feuchte Luft entgegen. auf die Erika und ihre New Age-Freunde hofften. Berühmtheiten des gesellschaftlichen und religiösen Lebens. Miles führte Erika voll Stolz in seine Miniaturtropen. darunter Verwandte. Sie alle sollten zugegen sein und als Zeugen in der Casa Havers die große Konvergenz erleben. in anderen standen Gewächse bereits in voller Blüte oder waren mit Knospen 46 . riesigen Überschwemmungen. Über den Gerüchen von Erde. in denen Ableger und aus Samen gezogene Pflanzen wuchsen. und viele bereiteten sich sogar auf den Weltuntergang vor. Geschäftsfreunde. Nelken und Gardenien. eine Miniaturwelt. Es wurden über tausend Gäste erwartet. Stars und gefeierte Künstler. das in weniger als drei Wochen beginnen würde. so hieß es. Die Bevölkerung der ganzen Welt sah mit Spannung dem neuen Jahr entgegen. bei dem die Heerscharen des Himmels die Mächte der Hölle besiegen würden. schweren Naturkatastrophen. gute Freunde. In sehnsüchtiger Erwartung auf eine spirituelle Offenbarung für die Welt und für sie persönlich hatte sie das letzte Jahr mit den Vorbereitungen für das ›Fest des Jahrhunderts‹ zugebracht.

wo Miles seine seltenen Orchideen züchtete. was er als richtig empfand. Schließlich legte sie lächelnd die Arme um ihn und drückte ihn an sich. das Krächzen von Papageien und das Geschnatter von Affen zu hören. Sie spürte seine Begeisterung in der schwülen Luft.« Erika wußte. die von geldgierigen und gewissenlosen Sammlern gefördert wird. erklärte er mit bebender Stimme. »Es war nicht einfach. Das bewunderte sie an Miles am meisten. Als Erika die Blüte mit den mitternachtsblauen Blütenblättern und den schimmernden grünen Blättern sah. es sei nicht möglich«. Er blieb stehen und flüsterte: »Da…«. Es ist möglich. das empfindliche Gleichgewicht der Biosphäre zu stören. daß man mit wissenschaftlichen Methoden die barbarische Plünderung der Regenwälder aufhalten kann. um sein ›Kind‹ zu pflegen. Es hätte Erika nicht überrascht. sagte er triumphierend. wir können in Zukunft den Dschungel in Ruhe lassen.übersät. Es war ein Abenteuer gewesen von dem Augenblick an. für das zu kämpfen. »Und es ist mir doch gelungen! Das ist der Beweis. als er die Knolle bei einem Züchter in Kalifornien gekauft hatte. Er war ein guter. »Man hat mir gesagt. legte sie die Hand auf die Brust und hauchte: »Oh. diese besondere Orchidee zum Blühen zu bringen. aber sie hat es geschafft. Miles! Das ist unfaßlich…« »Zygopetalum Blauer See«. welche Mühe sich Miles gegeben hatte. der den Mut hatte. hier in den Vereinigten Staaten gesunde Pflanzen unter künstlichen Bedingungen zu züchten! Das bedeutet. als fürchte er.« Erika sah ihn an. während er sprach. Manchmal schlief er sogar hier im Gewächshaus. Schließlich erreichten sie die Stelle. In schattigen Grotten wuchsen üppige dunkelgrüne Farne und rankende Kletterpflanzen. Erika. 47 . verständnisvoller Mensch.

Wie auch immer. und Time Magazine hatte ihn kürzlich als Erfinder von Internet bezeichnet. Erst am Tag zuvor war er aus Washington zurückgekommen. bei dem Sammler astronomische Summen für eine einzige Pflanze zahlten. dessen rücksichtslose Ausrottung mancher Pflanzenarten Miles dazu veranlaßt hatte. daß Miles Havers – Golfspieler. sein Einfluß reichte inzwischen um die ganze Welt. Ganz Amerika liebte ihn. Er nutzte seinen Reichtum für die Lösung gesellschaftlicher Aufgaben. karikierte man Miles oft als die ›Wühl-Maus‹. Da sein kometenhafter Erfolg und sein Reichtum auf seiner Zeit als Hacker beruhte. daß der illegale weltweite Handel mit Orchideen. die bewiesen. diesen superreichen Computer-König. das Land öffentlich anzuprangern. Die Zeitschrift Forbes hatte den Nettowert seines Konzerns mit zehneinhalb Milliarden Dollar veranschlagt. die Dschungel ihrer natürlichen Flora so weit beraubten. daß einige Arten bereits ausgerottet worden waren. aber seine besondere Leidenschaft galt der Rettung gefährdeter Pflanzen und Tiere. Er hatte alarmierende Zahlen vorgelegt. Jogger und Drachenflieger – kaum in das Klischee eines 48 . Aber natürlich mußte niemand darüber aufgeklärt werden. Im Augenblick kämpfte er auf einer höheren und sehr viel einflußreicheren Ebene. wo er vor einem Senatsausschuß ausgesagt und strengere Gesetze zum Import seltener Pflanzen gefordert hatte. Miles war ein Held seiner Zeit. und so liebte Erika ihren Mann.Gewiß. Taiwan die Mitgliedschaft in den Vereinten Nationen zu verweigern. Miles hatte sich schon immer für die weltweite Erhaltung der Umwelt eingesetzt. Niemand wußte genau. was alles zu Havers’ Elektronik-Imperium gehörte. Deshalb unterstützte er die Bemühungen der USA. Sein Feldzug richtete sich besonders gegen Taiwan.

« Miles kniff die Augen zusammen. »Ja?« »Sie haben ein Telefongespräch. und man sah ihm nicht an. aber ich muß das Gespräch annehmen. »Eine wundervolle Orchidee.« Mit einem Blick auf Erika sagte er: »Entschuldige. Dann nahm er den Hörer des Wandapparats neben dem Eingang ab. wenn ich zurückrufe.« Sie gab ihm einen Kuß auf die Wange.Computer-Freaks paßte. gab eine Geheimnummer ein. und als sich der Teilnehmer am anderen Ende meldete. Ich muß ohnehin noch einmal die Gästeliste für das Konzert durchgehen und den Maestro anrufen. Miles Havers war in den Augen seiner Frau der Inbegriff von Klugheit und salopper männlicher Eleganz. Hast du etwas dagegen?« »Aber nein. in der sie als Hippies in einem VW-Bus durch die Vereinigten Staaten gefahren waren und in Woodstock nackt im Regen getanzt hatten.« »Wer ist es?« »Der Anrufer wollte keinen Namen nennen. Das Gespräch kommt aus Kairo. daß er wie ein Filmstar aussah. Der Piepser an seinem Gürtel meldete sich plötzlich. Es ist dringend. auch das war ein Klischee. Manchmal konnte sie es noch immer nicht glauben.« Miles begleitete sie zur Tür. Dazu kamen die faszinierenden grauen Augen und sein unvergleichliches ansteckendes Lächeln. »Also gut. Havers trat zu einem Sprechgerät an der Wand. wenn sie an die Zeit zurückdachte. daß er dem Alter nach bereits den Höhepunkt seines Lebens überschritten hatte. Sir. daß sie und Miles es soweit gebracht hatten. Liebling. Erika fand immer. aber es entsprach trotzdem der Wahrheit. Seine blondbraunen Haare waren immer jungenhaft zerzaust.« Miles 49 . Gewiß. sagte er: »Sprechen Sie. verbinden Sie. die sich automatisch hinter Erika schloß. Er war schlank und muskulös.

Gefahren gehören zu meinem tollkühnen Spiel »Sind die Behörden bereits informiert? Ich verstehe… Was ist in dem Korb? Stellen Sie es fest. und halten Sie mich auf dem laufenden. die man so gut wie nicht findet.« 50 . »Und Sie sind sicher. Mr. obwohl die mehrfach isolierten Scheiben des Tropenhauses keinen Laut nach außen dringen ließen. ›Ich habe eine Orchidee für Sie. »Ein Fragment?« fragte er. Eine vertraute. wenn es geschah.hörte einen Augenblick lang zu. daß in dem Schriftstück das Wort ›Jesus‹ vorkommt? Sind noch andere Fragmente oder Schriftrollen gefunden worden?« Als er die Antwort hörte. ballte Miles unbewußt die freie Hand zur Faust. Havers… Zygopetalum Blauer See… eine sehr seltene Art. Das Wichtigste dabei war: Sie blühte nur zu seinem persönlichen Vergnügen. Die Ausfuhr ist illegal. In seiner privaten tropischen Welt blühte schimmernd eine atemberaubend schöne und seltene Orchidee. Er hatte dieses besondere Gefühl längere Zeit nicht mehr erlebt. »Ein Korb?« fragte er und sprach unwillkürlich leise. aber jedesmal. Wie vor sechs Monaten war seine Beutegier erwacht. dachte er. und seine Lippen wurden schmal. sondern die Erwartung ist die Droge des Sammlers. Die Transaktion wird sehr teuer werden. Dann endlich traf die kostbare Knolle von ›einem Züchter aus Santa Barbara‹ ein. prickelnde Erregung erfaßte ihn. Jetzt wurde er belohnt.‹ Miles hatte nach dem Telefonat tagelang nicht geschlafen. und das Entfernen der Knolle riskant. Nicht der Erwerb. gehörte das zu den unvergeßlichsten Augenblicken seines Lebens… Vor sechs Monaten hatte er einen Anruf aus Taiwan erhalten.

Stellen Sie fest. daß ich ihn auf der Stelle sprechen muß. Gehen Sie von Anfang an unauffällig vor.Er beendete das Gespräch und wählte eine andere Nummer.« Miles gab ihm kurz die notwendigen Informationen und sagte dann: »Der Auftrag in Athen kann warten. Zeke. der sich Ihnen in den Weg stellt. sofort. ich habe jeder gesagt. als er hinzufügte: »Hören Sie. dann möchte ich sie haben.« Es dauerte keine fünf Minuten. »Zeke ist in der Leitung. Sir. Wenn das der Fall ist. Wie? Das überlasse ich Ihnen. ob der Korb etwas mit dem Jesus-Fragment zu tun hat und ob es Schriftrollen gibt. bis das Telefon summte.« 51 . aber jeder. »Rufen Sie in Athen an. Sagen Sie Zeke. Begeben Sie sich nach Scharm el Scheich. Haben Sie mich verstanden?« Seine Stimme klang kalt. wird ausgeschaltet.

Vor ihr stand grinsend Hungerford und nahm ihr mit seiner Leibesfülle den Blick 52 . Mylonas.Scharm el Scheich. etwa wie Elektronen um ein Proton. Catherine stemmte die Hände in die Hüften. »Sie telefonieren. Die Verbindung wird ständig unterbrochen. Frau Doktor?« Catherine fuhr herum. die ihre Tauchausrüstung zum privaten Anlegeplatz des Hotels trugen. kamen ihr verdächtig vor. wie die Nachricht von diesem Fund um den Erdball kreiste. Catherine brauchte nicht viel Phantasie. Daniel in Mexiko zu erreichen. seit die Sprengung das Jesus-Fragment zutage gefördert hatte. »Ich versuche immer noch. »Nicht schon wieder!« Als Catherine zur Rezeption zurückkehrte. Dr. daß die Jagd der privaten Sammler auf den Fund begonnen hatte. Selbst die sportlichen Touristen. Golf von Akkaba »Hallo? Senor?« rief Catherine in den Telefonhörer. kaute auf der Unterlippe und überlegte. Sein Lager befindet sich… Hallo? Hallo!« Sie starrte auf das stumme Telefon in ihrer Hand und stöhnte. sah sie Mr. »Ich bekomme keine Verbindung. Sie sah plötzlich in jeder Ecke Spitzel bei türkischem Kaffee. fragend an.« Sie hatte drei Stunden lang vergeblich versucht. was sie als nächstes tun sollte. Daniel Stevenson zu erreichen. »Pech«. Vermutlich hatte Hungerford bereits am frühen Morgen mit einem einzigen Anruf dafür gesorgt. Ein Blick durch die Hotelhalle machte sie noch mißtrauischer. um sich vorzustellen. Zehn Stunden waren vergangen. murmelte sie. den Besitzer des Hotel Isis. Die vielen neuen Gäste in den Korbsesseln hinter den Kübelpalmen tarnten ihre wahren Absichten vermutlich mit der Lektüre arabischer und französischer Zeitungen.

wo gerade eine Bauchtänzerin mit ihrer Darbietung begann. Schließlich…«. ob sein übliches anzügliches Gehabe diesmal von gewissen gefährlichen Untertönen begleitet gewesen war. Sie werden morgen früh hier sein.auf die Hotelveranda und den türkisfarbenen Swimmingpool. »Natürlich. Sie hatte sich die Lüge spontan einfallen lassen. Catherine sah ihm nach und fragte sich. um alle möglichen Pläne. Eigentum des ägyptischen Volkes. Frau Doktor!« Er drehte sich um und verschwand grinsend in der Bar. daß er die Sache mit den Zeitungen nicht glaubte. fügte sie schnell hinzu.« Ihr gefiel es überhaupt nicht. »Sie werden es nicht glauben. erwiderte sie gereizt. im Keim zu ersticken. »ist das. wenn wir den Korb öffnen. die anwesend sein sollen.« Hungerfords blaßbraune Augen musterten sie fragend. Dann lachte er laut: »Aber natürlich! Da steht uns offenbar ein richtiger Medienrummel bevor.« Seine Augen richteten sich wieder stumm auf ihr Gesicht. sie lächelte und sagte spitz. Das ist im Augenblick nicht möglich. aber genau das mache ich«. er zweifle daran. »Ich warte auf den Rückruf… einer Zeitung«. »Tut mir leid. Und wie wäre es mit einem Drink. »AI Ahram und die Gazette möchten Reporter und Photographen schicken. freundlich zu bleiben. um unseren Fund zu feiern?« Catherine zwang sich. Sie wurde den Eindruck nicht los. die er mit dem JesusFragment und dem Korb haben mochte. in dem sich die letzten Strahlen der untergehenden Sonne spiegelten. was wir gefunden haben. Die Behörde schickt die zuständigen Beamten. »Ich habe Kairo informiert. daß sie die Behörde in Kairo informiert hatte. wie er gesagt hatte ›unser Fund‹. Dann zwinkerte er ihr zu. 53 . Außerdem hatte sie den Eindruck.

Zuerst einmal mußte es ihr gelingen. als sie ihn kennenlernte. im Schulhof in eine Ecke getrieben. mit dem sie bisher aus Schüchternheit nie gesprochen hatte. Plötzlich tauchte ein magerer kleiner Junge aus ihrer Klasse auf. In dieser Lage gab es nur einen Menschen. Zweifellos würde man zu drastischen Maßnahmen greifen. landete sie sogar in einem ägyptischen Gefängnis. und man konnte sich immer darauf verlassen. bevor es ihr gelungen war. vertrieb die Jungen mit seinen Fäusten 54 . Ägypten zu verlassen? Die Beamten würden mehr als ungehalten darüber sein.Kalter Schweiß stand ihr auf der Stirn. Was würde geschehen. Das war schon an dem Tag vor sechsundzwanzig Jahren nicht anders gewesen. Sie konnte Julius unmöglich in dieses Abenteuer hineinziehen. Ihr Plan würde ihrem wissenschaftlichen Ruf schaden. daß Catherine sie nicht informiert hatte. daß er etwas Unerhörtes tat. Julius nicht anzurufen. auf den sie sich hundertprozentig verlassen konnte… Auf der Fahrt vom Lager zum Hotel hatte Catherine beschlossen. die ängstliche Zehnjährige. wenn die Behörde in Kairo etwas von dem Fund erfuhr. Aber dazu brauchte sie Hilfe. Sie wollte etwas Illegales und Unmoralisches tun. sie würde sich nicht durch mögliche spätere Konsequenzen von ihrem Entschluß abbringen lassen. Die Bande verhöhnte und verspottete sie. Er liebte das Risiko. daß Daniel stolz darauf war. Sie hatte Angst. Deshalb blieb nur Daniel. ihr die Leitung der Grabungen entziehen und sie ägyptischen Archäologen übertragen… Wie auch immer. und wenn sie Pech hatte. einen fragwürdigen Ruf zu haben. Sie mußte vorsichtig vorgehen und bei der riskanten Aktion auch an ihre Sicherheit denken. Catherine wußte. Eine Bande rauflustiger Jungen hatte sie. das Fragment und den Korb aus Ägypten zu schaffen.

als ich mit dem Schild um den Hals auf dem Hocker stand… Catherine blickte auf ihre Uhr. Sie kannte Daniels Arbeitsgewohnheiten. der nicht gelacht hat. Der Held war Daniel Stevenson und wie Catherine ein Außenseiter in der Schule. In Mexiko war es kurz vor acht Uhr morgens. und er tröstete Catherine. denn er gehörte zu der quälenden Erinnerung. als sie ihre Eltern verlor. Sie mußte ihm die Information zukommen lassen. weshalb Catherine aus der Kirche ausgetreten und eine Rückkehr zum Glauben für sie ausgeschlossen war.und rettete sie wie ein edler Ritter. Aber wie? 55 . Daniel hatte ihr in der finsteren Nacht vor ihrem dreiundzwanzigsten Geburtstag aus dem Abgrund geholfen. Danno. So viel Zeit hatte Catherine nicht. Dort wäre er die nächsten zehn Stunden nicht mehr erreichbar. Seit diesem Augenblick war Daniel für Catherine immer ein zuverlässiger Freund und sie seine Freundin geblieben. Er würde das Lager bald verlassen und sich auf den Weg zu dem Maya-Grab machen. Sie tröstete ihn beim Tod seiner Mutter. du warst der einzige in der Klasse. Auch Daniel war in der letzten Nacht in ihrem Traum gewesen. Nur Daniel verstand wirklich.

Mexiko »Da ist es!« rief Daniel. das Ergebnis jahrelanger Arbeit. Endlich hatte er den Beweis erbracht. Dann wurde es still. Wenn doch Cathy diesen Augenblick seines Triumphs mit ihm hätte teilen können! Auf dem Bildschirm erschien ein lachendes ComicGesicht. und lachte. Dr. daß er mit seinem Examen in Physik und einer hervorragenden Dissertation. er hatte es geschafft. während er in der engen Grabkammer des Maya-Königs arbeitete und vom ohrenbetäubenden Lärm des Generators beinahe taub wurde. Cathy hatte ihn in den langen einsamen Wochen mit ihren Briefen und Telefonaten moralisch unterstützt. Der Ton brach sich an den feuchten Wänden der Grabkammer. Cathy hatte ihn daran erinnert. Stevenson. Er konnte nachweisen. Danny Boy!‹ Daniel betrachtete glücklich die übereinanderliegenden Bilder auf dem Monitor. und seine Stimme hallte dumpf in dem Felsengrab. daß die Vorfahren der Mayas Überlebende des verschwundenen Kontinents Atlantis waren. Houston? Habt ihr das Bild?‹ Kurz darauf erschien auf dem Bildschirm des Laptops die Antwort: ›Wir sehen es. Cathy… Sie als einzige hatte nicht gelacht. Glückwunsch!‹ Daniel dämpfte das Licht der Laterne und erhöhte die Helligkeit auf seinem Bildschirm. 56 . Schnell tippte er auf seiner Tastatur: ›Seht ihr es. um das Bild besser und schärfer zu bekommen. Er lächelte glücklich. lacht am besten. Dann schrieb jemand aus dem Institut in Santa Barbara: ›Wer zuletzt lacht. die sich nach dem Untergang von Atlantis an die Küste von Yukatan retten konnten. Kein Zweifel. daß die Vorfahren der Mayas Minoer gewesen seien. als er zum ersten Mal seine These aufstellte.

hatte Luftaufnahmen studiert und die Computer mit immer neuen Daten gefüttert. Alle erklärten. die man in Bonampak fand. zeigte es schlanke. daß die Kunst von Chichen Itza und anderer Hochburgen der MayaKultur mehrere tausend Jahre nach der AtlantisKatastrophe entstanden sei. es müsse ihm gelingen. ›Mach dir nichts daraus. den Beweis zu finden. Aber Daniel erwiderte. es seien keine Ähnlichkeiten zwischen der Kunst der Ägäis und der des klassischen Mittelamerika nachzuweisen. so ernst genommen zu werden wie jeder andere Wissenschaftler auch. Nach zwei Jahren mühevoller Ausgrabungen stellte er fest. Kunst und Kultur hätten sich in den dazwischenliegenden Jahrhunderten entsprechend entwickelt. das lasse sich dadurch erklären. ›Stürze sie von ihrem hohen Sockel. sagte sie immer wieder. Anstelle der korpulenten Gestalten mit schlaffen Armen und dicken Bäuchen. Seine Entschlossenheit. drahtige Gestalten mit schmalen Hüften und schulterlangen schwarzen Haaren. Dann aber stieß er auf ein Fresko. führte ihn schließlich zu einem seltsamen Hügel im mexikanischen Dschungel. wie man es noch nie zuvor gesehen hatte.in der er die Genauigkeit der Datierung bronzezeitlicher Keramik mit Hilfe von Thermolumineszenz in Frage stellte.‹ Die Herausforderung hatte in der Tat darin gelegen. Danno‹. Er kam deshalb zu dem Schluß. Und von Cathy hatte er gelernt. das Recht hatte. Allerdings 57 . daß es sich um das Grab eines bis dahin unbekannten MayaKönigs handelte. Dieses Ergebnis hatte ihm die widerwillige Anerkennung seiner Kollegen eingebracht. Beispiele der Maya-Kunst zu finden. die aus einer früheren Zeit stammten als alle derzeit bekannten. Er hatte mehrere Jahre mit der Suche zugebracht. aber mit Beweisen. sich gegen die Spötter zu wehren. die an Besessenheit grenzte.

das selbst ihn verblüffte. Einige gingen sogar soweit zu behaupten.hatten sie bereits die flache Stirn und die langen Hinterköpfe. Daniel dagegen deutete sie als Hinweise darauf. Auf dem von Danno entdeckten Fresko hielten die Menschen Schlangen in beiden Händen – ein bekanntes Motiv der minoischen Kunst.oder Südamerika zu finden war. die Jahrhunderte später entstanden waren. die ein Kennzeichen der späteren MayaKunst waren. Das Fresko. das weder in Mexiko noch irgendwo in Mittel. sei der Beweis für seine Atlantis-Theorie. so hatte er gefragt. aber die Spötter machten sich sofort wieder über ihn lustig. die erst Jahrhunderte später auftauchten. die bei den Tolteken. daß auf 58 . Es glich aztekischen Darstellungen. Die Menschen auf dem Bild saßen zusammengekauert oder lagen auf dem Rücken. Aus ihren Mündern stiegen seltsame Wirbel auf. Wie. Das neu entdeckte Wandbild zeigte die Geschichte der großen Katastrophe. bei der ihre Vorfahren ertrunken waren. daß sich diese Menschen unter Wasser befanden und ertranken. so erklärte Daniel. Die Archäologen deuteten solche gewundenen Bänder in der aztekischen Kunst als Symbole für Sprache oder Atem. Azteken und den Mayas als mächtiger Gott verehrt wurde. Es handelte sich um ein Wandbild. könne man erklären. bei den Spiralen handle es sich um Darstellungen der Atmungsapparate vorzeitlicher Astronauten. Unter den Kalkschichten einer zweiten Wand war Daniel auf etwas gestoßen. als Atlantis unterging – seine Kritiker ließen sich jedoch nicht überzeugen. Deshalb verwies Daniel auf die Wandbilder von Bonampak. Jetzt hatte er allerdings einen noch klareren Beweis gefunden. Dann legte Danno auf der dritten Wand der Grabkammer ein weiteres Fresko frei. das Schlangen zeigte: die Vorläufer der Gefiederten Schlange.

diesen Fresken des achten Jahrhunderts immer wieder das Thema Meeresleben auftauchte? Auf den Gewändern von Priestern und Herrschern sah man Langusten. Ein durchdringender Pfeifton machte Daniel darauf aufmerksam. Daniel nahm die Helligkeit des Bildschirms zurück und antwortete seinen Freunden: ›Danke. Bestimmte Punkte wie Nasen. daß Daniel ständig Geldsorgen hatte. Das erlaubte ihm sowohl den Zugriff auf eine Kunst-Datenbank als auch auf ein Kunst-RekonstruktionsProgramm. erklärte Danno: Diese Bilder erzählten die Geschichte des Untergangs von Atlantis. Über eine Satellitenverbindung in Cozumel übertrug er die entdeckten Wandbilder in beide Institute. der Kopfschmuck erinnerte an Kraken. Flossen und Seetang. daß die Batterie seines Laptop aufgeladen werden mußte. In der Info-Box des Monitors erschien die Frage: ›Wo bleibt der Champagner?‹ Houston fragte: ›Wo bleibt unser Geld?‹ Das war ein alter Witz. einem Xircom PCMCIA V. Mit seinem alten IBM ThinkPad.34-Modem und einem Funktelefon hatte er eine CyberspaceVerbindung zu Kollegen in Houston und Santa Barbara aufgebaut. Sie stimmten beinahe völlig überein. ›Mazel tow!‹ schrieben die Kollegen aus Santa Barbara. Leute! Heute spendiere ich den Kaviar. Knie und Fingerspitzen wurden präzise übereinanderprojiziert und fehlende Stellen mit Hilfe des Rekonstruktions-Programms ergänzt. Daniel hatte neben dem neu entdeckten Königsgrab sein Lager aufgeschlagen. Weshalb sollte eine Gesellschaft im Dschungel Lebewesen und Pflanzen aus dem Meer darstellen? Aus einem einfachen Grund. denn jedermann wußte.‹ Er seufzte und lauschte auf den heftigen Regen draußen 59 . Dann verglich er sorgfältig eines der Wandbilder mit ausgewählten minoischen Darstellungen.

in dem Wasserfluten den Helden im Dschungel von der Welt abschnitten. und plötzlich wurde aus seiner besten Freundin ein Mädchen. er spürte ihren schlanken Körper. Sie umarmte ihn. Daniel machte sich keine Illusionen über ihre 60 . Die Nachricht überraschte Daniel nicht. Der unaufhörliche Regen ließ ihn an eine Szene aus einem Film denken. Warum konnte sie jetzt nicht bei ihm sein? Er sah sich traurig in der modrigen Grabkammer um und dachte an den Tag. Damals war er sechzehn. Einerseits wollte er. daß die beiden glücklich sein würden. das er heftig liebte. Seine Freude schwand. weil sie sich für häßlich hielt. Andererseits konnte er den Gedanken nicht ertragen. ›Julius möchte. aber sie traf ihn trotzdem bis ins Mark. Cathy lachte und hielt abwehrend die Hand vor das Objektiv der Kamera. Es war eine alte Aufnahme von der Schulabschlußfeier. daß sie einem anderen Mann gehörte. drückte ihn an sich und flüsterte. So hatte er ihr Bild bei der Arbeit immer vor Augen. denn er war sicher. Ihn würde sie bestimmt nicht heiraten. Aber Cathy hatte ihn gefunden. Der Duft ihres Parfüms stieg ihm in die Nase. es werde alles gut werden. daß ich ihn heirate‹. daß sie Julius heiratete. wenn Cathy mit mir feiern könnte… Leider hatte er nur ihr Photo. der ein Wendepunkt in seinem Leben gewesen war. das er an der Innenseite des Laptop-Deckels unter den Bildschirm geklebt hatte.vor dem Grab. obwohl sie in Wirklichkeit eines der schönsten Mädchen der Schule gewesen war. und er fühlte sich plötzlich niedergeschlagen. Catherine hatte damals nichts davon geahnt. damit sie auch nach zwanzig Jahren nichts von seiner Liebe wußte. hatte sie in ihrem letzten Brief geschrieben. und Daniel hatte alles getan. Er hatte sich in der Waschküche verkrochen und schluchzte verzweifelt. Wie schön wäre es.

61 . mit einem Mel Gibson konnte er sich nicht vergleichen. Er fand sich zwar nicht gerade häßlich. Das mußte sich Daniel jedesmal eingestehen. was schlimmer gewesen wäre. die ihn noch vor kurzem beflügelt hatte. wenn sie zusammen waren. etwas von der Begeisterung zurückzuholen. Es gibt Schlimmeres… Während Daniel auf den Monitor starrte und versuchte. Er war kleiner als Catherine. aber er wußte. aber sie würden nie ein Paar werden können. fiel ihm allerdings nichts ein. Catherine würde für ihn nie romantische Gefühle entwickeln. vielleicht sogar Seelengefährten. Soll sie diesen Julius heiraten und ihr Glück als ›Mrs.Beziehung. Sie waren Freunde. Voss‹ finden.

danach Auswertung der Ergebnisse des Vortags und dann… Es war ihr wieder eingefallen! Daniel saß vor der Arbeit regelmäßig am Computer und informierte sich via Internet über das. und versorgte sich mit den nötigen Dingen. es ist Zeit. weil Daniel dort ein verborgenes Grab vermutete. ein Gebiet in Chiapas zu kartographieren. »Vor vier Jahren hat mir Papadopoulos erklärt. wie sie Daniel erreichen konnte… Sie hatte ihm einen Sommer lang geholfen. sagte sie jetzt zu ihm. und Ramesch kann nur Briefe damit 62 . In diesem Sommer gab es kaum Änderungen im Tagesablauf: Aufstehen vor Sonnenaufgang. Mylonas. die ich brauche. was in der Welt geschah. das Hotel zu modernisieren. Hassan weiß es nicht. ich kann für ein paar Minuten den Hotel-Computer benutzen? Ich bezahle Ihnen natürlich die Gebühren für die Zeit. Sie erschien beinahe täglich. Aber Papadopoulos weiß nicht.« »Beim heiligen Andreas!« sagte er lachend und schüttelte den Kopf. Glauben Sie. und hat aus Athen einen Computer kommen lassen. tauschte Gedanken und Informationen mit einer Gruppe von Freunden aus und las seine E-Mail. Mylonas«. um Post abzuholen. Nach einem Jahr kannte sie jeder im Hotel Isis. und ich weiß es auch nicht.Scharm el Scheich. zuerst viel Kaffee. »Mr. um einen Freund zu erreichen. wenn sie keine Zeit hatte. Schnell ging Catherine zur Rezeption zurück. nach Scharm el Scheich zu fahren. Golf von Akkaba Plötzlich wußte Catherine. »ich möchte Sie um einen Gefallen bitten. wie man einen Computer bedient. Gelegentlich trank sie sogar mit dem siebzigjährigen verwitweten Besitzer Tee.

und am Deckenventilator baumelten klebrige Fliegenfänger. »Tut mir leid«. ihr amerikanischer Freund. Ich kann an den Fingern einer Hand abzählen. und sie blickte hinein. Der kleine Raum war vollgestopft mit ausrangierten Möbeln. Aber am Computer saß jemand. der Geld umtauschen wollte. Mylonas. zum Beispiel Mr. Mylonas und widmete sich einem Gast.« Aber Catherine hatte keine Zeit. Neben mehreren altmodischen Telefonen mit Wählscheibe stand dort auch eine mechanische Schreibmaschine. Die Sekretärin war nicht da. Sie mußte ihn erreichen. sagte Mr. hatte 63 . Ramesch. der Computer ist im Augenblick nicht frei?« Er nickte und zuckte entschuldigend mit den Schultern. bevor er sein Zelt verließ. Hungerford. Frau Doktor. In den vergangenen fünf Monaten niemand. An der Wand hingen ein islamischer und ein westlicher Kalender. Catherine überlegte nicht lange und ging zum Büro im hinteren Teil des Hotels. Und heute? Plötzlich wollen alle an den Computer!« »Alle?« »Ja. in ein anderes Hotel zu fahren. Daniel blieb nie länger als eine Stunde Online. »Wer noch?« »Ein Gast. ebenfalls nicht. der Stellvertreter von Mr. Er sitzt gerade am Computer.« Sie runzelte die Stirn. Die Tür stand offen. Er war groß. wie viele Gäste diesen Computer benutzt haben.schreiben. der heute am späten Nachmittag eingetroffen ist. In Mexiko war es inzwischen halb neun. Der Mann drehte ihr den Rücken zu und tippte auf der Tastatur. »Vielleicht können Sie es im Sheraton oder im Hilton versuchen.« »Wollen Sie damit sagen.

im Sheraton anzufragen. sagte Mr.« »Wie lange?« »Ein paar Stunden. damit ist dieser Computer eine Weile beschäftigt. Mylonas und hängte auf. Sie räusperte sich noch einmal. ob der Computer frei ist…« »Ich habe gerade meine E-Mail abgeschickt und fürchte. Sie wollte etwas sagen. dann auf den Computer und schließlich auf den Priester. Frau Doktor«.« »Stunden? Warum dauert das so lange?« »Ich glaube. Mylonas. »Ich wollte Sie fragen. einen Priester um einen Gefallen zu bitten. »Ich wollte Sie fragen. er hat ein 300-Bits-pro-Sekunde-Modem!« erwiderte er und lachte. Catherine warf erst einen Blick auf die Uhr. Er lächelte sie liebenswürdig an.breite Schultern und eine fast militärische Haltung. »Aber alle Anschlüsse sind besetzt. Er hatte blaue Augen und eine sonnengebräunte Haut. Mylonas hatte nicht erwähnt. ob…« Der Mann drehte sich um. Sosehr sie es auch gewollt hätte. Catherine räusperte sich und blieb in der Tür stehen. Vielleicht haben Sie diesmal mehr Glück. Während sie wartete. daß der Gast ein Geistlicher war. Sie war verwirrt. sie brachte es einfach nicht über sich. »Tut mir wirklich leid. Bitte. Er trug ein schwarzes Hemd mit kurzen Ärmeln und Jeans. Catherines Blick verweilte unwillkürlich auf der betont männlichen Gestalt. sondern einen Priesterkragen hatte. An der Rezeption bat sie Mr. überlegte es sich aber anders und drehte sich wortlos um. ob ein Computer frei sei. Aber dann fiel ihr auf. das Telefon in unserem Büro steht Ihnen zur Verfügung. daß das schwarze Hemd kein normales Hemd war.« 64 . »Entschuldigen Sie…«. trommelte sie mit den Fingern nervös auf das Gästebuch und starrte in die Richtung des Büros. Mr.

preßte den Hörer ans Ohr und lauschte auf die veralteten Telefontöne. »Verflucht…«. Ich habe keine andere Wahl. Er ist… Hallo?« Die Verbindung wurde unterbrochen. »Ja. Sie dachte an das Fragment und den Korb unter dem Feldbett. Aber was sollte sie tun. ob der Computer vielleicht doch schon frei war. daß sie mit dem Anschluß hier mehr Glück haben würde als in einer Telefonzelle. Der Priester war nicht mehr da. die um die halbe Welt gingen. Dr. und ging zurück in das Büro. daß er sich nicht ständig in der Nähe des Zelts aufhalten konnte.Catherine vermutete. Warum ist er noch immer hier? Warum ist er nicht bei seinen Leuten? Sie dachte an Samir. dachte sie. Sendezeit: l Std. Catherine wußte jedoch. die Funkvermittlung in Cancun zu erreichen. das Senden der E-Mail zu unterbrechen. murmelte sie ungeduldig. »Na los. um zu sehen. Daniel ihre Nachricht zu übermitteln und später mit dem Priester zu reden. wenn sie Danno nicht erreichte? Ich fliege noch heute nacht. Stevenson zu erreichen.« Während sie noch einmal versuchte. Catherine wußte. ihr Zelt nicht aus den Augen zu lassen. dachte sie flüchtig daran. sie durfte die Funde nicht länger allein lassen. ich versuche. Die Meldung wirkte jedoch eher wie Hohn: »Gesendet: 1200 Bytes voraussichtl. War er bereits unterwegs zum Grab? Durch die angelehnte Tür hörte sie plötzlich lauten Beifall aus der Bar und Hungerfords unverkennbares Lachen. »Bitte nimm endlich ab!« Sie warf wieder einen Blick auf die Uhr. 65 . Sie hatte ihn gebeten. »Hallo?« rief sie in den Hörer. Danno«. 27 Min. Bestimmt kein sicheres Versteck. und sie warf einen Blick auf den Bildschirm.

Er war etwa einen Meter fünfundachtzig groß.« Er sah sie überrascht an. Die ersten Anzeichen von Grau in den kurz geschnittenen dunkelbraunen Haaren verrieten. Durch die Glastüren sah sie in seinem Rücken den feurig-goldenen Sonnenuntergang.« Er setzte sich vor den Computer. sagte er knapp und verließ das Büro. dachte sie unwillkürlich und staunte über ihren Zynismus.« »Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?« »Ich möchte nicht gerne auf einen Priester angewiesen sein. Seine große Gestalt füllte den Raum. daß er über vierzig sein mußte. Eigentlich wirkte er überhaupt nicht wie ein Priester. Sie legte auf und seufzte.murmelte sie. Aber sein muskulöser Körper wirkte jugendlich und sportlich. dann setzte sie sich. tippte etwas auf der Tastatur und stand auf: »Er steht zu Ihrer Verfügung«. Hinter ihm befand sich die Hotelhalle. Der Priester stand in der Tür. um jemanden zu erreichen. legte den Notizblock mit Daniels EMail-Adresse auf den Tisch und begann mit der Eingabe. Eine wahrhaft gute Kulisse für einen Diener der spirituellen Welt. Catherine blickte ihm einen Augenblick nach. ohne sie noch einmal anzusehen. 66 . »Was ist los?« Sie drehte sich verblüfft um. »Sie sind wohl kaum auf mich angewiesen. »Ich muß unbedingt den Computer benutzen. der plötzlich noch kleiner zu sein schien. Warum löste dieser Mann so heftige Reaktionen bei ihr aus? Er betrat das Büro.

und niemand kann lange ohne diese Quelle leben. Danny!« rief der junge Mann und ließ seinen nassen Poncho auf den Boden fallen. und der würzige Duft von Bohnen. schloß er die Augen. Jemand wollte dich sprechen. »Die Funkverbindung ist wieder zusammengebrochen. du hast es geschafft!« »Gerade noch rechtzeitig. wie ausgehungert er nach der Nacht in diesem Grab war.« 67 . »Wer wollte mich sprechen?« Der junge Mann reichte ihm eines der Päckchen. Er hatte die Arbeit nicht unterbrechen wollen und war nicht wie üblich ins Lager zurückgegangen. Aber ich glaube. »Weiß nicht…« Daniel schlug das fettige Papier beiseite. »Wer auch immer es gewesen sein mag«. Als er hungrig das heiße Burrito zu essen begann. das Unwetter…« »Mach dir keine Gedanken! Komm. sieh dir das an!« Sein Assistent stellte das Frühstück ab und kauerte sich vor den Laptop. Es klang dringend. Ihm war nicht bewußt gewesen. »Wenn es wichtig ist. Meine letzte Batterie ist am Ende«. Käse und Paprika stieg ihm in die Nase. »He. sagte er mit vollem Mund. Sofort verbreitete sich in der Grabkammer der belebende Duft von Kaffee.‹ In diesem Augenblick kam einer der Studenten mit einer Thermoskanne und zwei in fettiges Pergamentpapier gewickelten Päckchen in die Grabkammer. »Phantastisch! Danny.Mexiko Daniel hatte gerade seinen Net-Slogan eingegeben: ›Im Universum gibt es eine Quelle des Lebens. erwiderte Daniel und schraubte den Deckel der Thermoskanne auf. wird er es schon noch einmal versuchen.

sagte sein Assistent. 68 .»Deine Batterie gibt gerade endgültig den Geist auf«. Der Bildschirm begann zu flackern. als eine Meldung erschien.

Sie wollte ihn öffnen. Aber es stand weit genug entfernt. daß sie unerkannt in das Land kamen. Golf von Akkaba Das schwarze Schlauchboot schoß über das Wasser und erreichte den Strand. der auf ihrem Arbeitstisch stand. Der Nachtwind heulte um das Zelt. Aber in dieser kalten Nacht blieb alles dunkel und still. bevor der Mond über dem Golf aufging und sein fahles Licht auf das nächtliche Land warf. Es klang. Sie entluden schnell das Boot. Trotzdem blieben sie wachsam und verloren keine Zeit.Scharm el Scheich. seit sie den Korb in dem unterirdischen Gang gefunden hatte. um ihr Ziel auszumachen und ihrem Auftraggeber einen ersten Bericht zu erstatten. Sie stellten den Außenbordmotor ab und sprangen schnell und lautlos ins flache Wasser. sobald sie sicher sein konnte. als versuchten die Dämonen der Wüste. Sie hatten eine Stunde. es davonzutragen. Gott sei Dank hatte sie Daniel über Internet erreicht. zogen sie das Boot hinter sich her aufs Trockene. Das erste in der langen Reihe der Touristenhotels hob sich schemenhaft vor dem Nachthimmel ab. und die Männer konnten sicher sein. Einer der beiden warf einen Blick auf die Uhr. Zwölf Stunden waren vergangen. 69 . Er hatte gerade noch ihre Nachricht erhalten. daß im Lager alle schliefen. Ihr Auftrag verlangte. Catherine seufzte und blickte unruhig auf den Korb. Sie blieben abwartend stehen und lauschten auf Lebenszeichen. Als sie das sandige Ufer erreichten. daß niemand sie gesehen hatte. Zwei Männer in schwarzen Tauchanzügen saßen in dem Boot.

Da die Grabungen bisher keine Hinweise auf eine ständige menschliche Besiedlung dieser Gegend vor dem fünften Jahrhundert erbracht hatten. Er roch nach Erde und Moder. zerfiel. nicht größer als ein Picknickkorb. schienen seltsame Gewalten am Werk zu sein. mußte der Korb von einem anderen Ort hierher gebracht worden sein. um ihre Herkunft zu bestimmen. Wie sollten ihre Nerven diese Spannung aushaken? Und sie hatte noch viel zu tun bis zu ihrer Flucht. das Äußere mit der Lupe zu untersuchen. Seit der Fund ans Licht gekommen war. Amelia. Dabei schabte sie behutsam Sandkörner. den Korb ungestört öffnen zu können. Catherines Unruhe wuchs von Minute zu Minute.bevor die Batterie seines Computers völlig versagte. In der 70 . der verehrte Priester… Catherine erschauerte. Ein Teil der Verschnürung hatte sich bereits in Staub aufgelöst. Er sagte nur drei wundervolle Worte: ›Ich bin unterwegs!‹ Aber bis zu seiner Ankunft würde fast ein ganzer Tag vergehen. Während sie darauf wartete. daß sich der sorgfältig verpackte Inhalt noch in einem guten Zustand befand und nicht zerstört worden war. winzige Insekten und getrocknete Pflanzenteile von der Leinenumhüllung. ging zu dem Fliegenfenster und blickte über das dunkle Land. Sie stand auf. Aber Catherine glaubte fest daran. Gab es wirklich so etwas wie Dämonen? Der Korb war nicht groß. Catherine richtete sich auf und schloß kurz die Augen. Eine Stunde später rief er sie aus dem Dorf in der Nähe seines Lagers an. Das Gewebe. nutzte sie die Zeit. nachdem der Hanf dem Sonnenlicht ausgesetzt worden war. in das er eingepackt war. Woher? Ein besonders heftiger Windstoß traf das Zelt.

In einiger Entfernung von Catherines Lager beleuchtete er auch zwei Männer. Er warf sein silbernes Licht über die einsame Wüste. wenn sie an einem Ort längere Zeit blieben.Ferne sah sie die Lichter von Hungerfords Lager. Deshalb bestand ein Teil von Catherines Arbeit darin. legte einen Pflanzenrest auf den Objektträger und betrachtete ihn unter dem Mikroskop. Sie blätterte in einem Buch über Paläobotanik. blickte immer wieder in das Mikroskop und verglich das. Sie hörte. erschien die senkrechte Falte zwischen ihren Augen. 71 . die sie aussäten und anpflanzten. Da manche Pflanzen in bestimmten Gebieten endemisch sind und in anderen nicht vorkommen. Als sie die Schärfe einstellte. Leider hatte Catherine bisher jedoch nur Pflanzen gefunden. daß die Juden beim Auszug aus Ägypten Sämereien und Stecklinge mitgenommen hatten. würden Spuren von Pflanzen des Niltals an alten israelitischen Tonwaren ihre Hypothese erhärten. Sie setzte sich wieder an den Arbeitstisch. daß sich einige ihrer Leute unterhielten. die am Strand entlanggingen. Catherine war der Überzeugung. die im südlichen Sinai wuchsen. bei Grabungen botanische Funde zu sammeln und zu bestimmen. Inzwischen war der Mond aufgegangen. was sie sah. daß Moses und Mirjam ihr Volk hier entlang geführt hatten. Der Pflanzenrest unter dem Mikroskop ließ sich nicht sofort zuordnen. Er war noch immer im Hotel Isis gewesen. dabei gestört zu werden. aber sie konnte nicht riskieren. als sie sich auf den Rückweg gemacht hatte. Catherine wollte den Korb so schnell wie möglich öffnen. mit den Abbildungen und Zeichnungen im Text. Ist er vielleicht noch dort? Im Lager brannte in zwei Zelten noch Licht.

kam ebenfalls von dort. ebenso die Härchen am Stengel und am Blütenkelch. was immer sich in dem Korb befinden mochte. die vor vielen Jahrhunderten hier in den Höhlen des Sinai gelebt hatten. und niemand konnte es mit ihnen in Zusammenhang bringen -. Israel… das ist mehr als zweihundert Meilen entfernt! Wieder blickte sie auf den geheimnisvollen Korb und spürte. wuchs nur im Negev und sonst nirgendwo auf der Welt. Sie waren noch nicht lange in Richtung der Hotels gegangen. Das Jesus-Fragment stammte nicht von einem der Einsiedler. Er lächelte sie an und fragte: »Sie Amerikaner?« Seine Zähne blitzen weiß. die damit endete: ›… endemisch im zentralen Hochland der Negev‹. Ihre großen Nylontaschen sahen wie normales Reisegepäck aus. daß ihnen jemand entgegenkam.Nachdem sie das Boot wieder ins Wasser geschoben hatten – sie brauchten es nicht mehr. Ihre Vermutungen waren richtig. Das bedeutete. Aber weshalb hatte man damals soviel Sorgfalt darauf verwendet. wie ihr Herz schneller schlug. murmelte Catherine zufrieden. als er hinzufügte: »Ahlan wa sahlan!« und die Hand ausstreckte. denn die Form des winzigen Blättchens war eindeutig. als sie sahen. Vorsichtig und mißtrauisch blieben sie stehen. mit der der Korb verschnürt worden war. und war mit dem Korb dann so weit 72 . Die winzige Pflanze. den Inhalt zu verpacken. die an der Schnur hing. Es war ein junger Ägypter. streiften sie schnell die Tauchanzüge ab und kleideten sich wie Touristen in weite Leinenanzüge und geblümte Hawaiihemden. »Bakschisch!«. Die Blütenkrone war gut erhalten. Catherine las die Beschreibung im Buch. »Origanum ramonense…«.

dafür sei er ihr ewig zu Dank verpflichtet. daß sie nur darauf wartete. um nach dem MosesBrunnen zu suchen. sagte er und fügte zu Catherines Überraschung hinzu: »Alle schlafen. Samir war Examenskandidat in Ägyptologie. »Kommen Sie herein.gereist.« Als er eintrat. aber er suchte eine Stelle. den Korb ohne lästige Zeugen öffnen zu können? 73 . hatte Samir promoviert. aus welchen Grund? ›Lest diesen Brief im geheimen. daß sie sich voll und ganz auf ihn verlassen konnte. und Catherine stellte bald fest. Die Konkurrenz unter den Archäologen war groß. daß er einen schnellen Blick auf den Korb warf. Er war fleißig. Frau Doktor«.‹ Catherine zuckte zusammen. der Freunde oder Verwandte in der Behörde hatte. Konnte sie sich auch dann noch auf ihn verlassen. der ihn möglicherweise reich und berühmt machen würde? »Im Lager ist alles in Ordnung. Sie hatten sich bei Ausgrabungen an der Nordküste des Sinai getroffen. Als sie nach Ägypten zurückkam.« Ahnte er. um ihn hier zu begraben? Woher waren die Leute gekommen? Wer waren sie gewesen? Und der Schädel? Hatte man jemanden zusammen mit dem Korb begraben? Und wenn das so war. und meist bekam die begehrten Posten bei Ausgrabungen nur jemand. in Sorge um Eure Sicherheit und in furcht um Euer Lehen. Kann ich ihm wirklich trauen? Sie kannte den netten jungen Ägypter seit fünf Jahren. und er erklärte überglücklich. Vor dem Zelt räusperte sich jemand. Sein schneller Blick auf den Korb machte Catherine mißtrauisch. sah Catherine. Dann hörte sie eine vertraute Stimme: »Frau Doktor?« Es war Samir. Catherine hatte Samir als GrabungsAufseher eine solche Stelle verschafft. wenn es um einen einmaligen Fund ging.

entfernte die Verschnürung und schnitt präzise und ruhig wie ein Chirurg bei einer Operation durch die einzelnen Schichten. Sie durchtrennte vorsichtig die äußere Leinenumhüllung. Er bezahlte bar und rundete den Betrag großzügig nach oben ab. Die Bauchtänzerin erreichte das Ende ihrer Vorstellung. Vorher vergewisserte er sich jedoch. Als sich der gewünschte Teilnehmer meldete. An der Rezeption verlangte einer der beiden spät eingetroffenen Amerikaner ein Zimmer für die Nacht.« 74 . Mit Pinzette und Schere machte sie sich so behutsam und langsam an die Arbeit. sagte er schnell einen einzigen Satz. daß niemand ihn beobachtete oder mithörte. Sie hieß Yasmina und wurde vom Hotel Isis als ›Rose des Ostens‹ angepriesen. Catherine entfernte mit angehaltenem Atem die innerste Umhüllung. In Wirklichkeit hieß sie Shirley Milewski und kam aus Bismarck.Nachdem er gegangen war. ihr Dollarscheine und ägyptische Pfundnoten in das hautenge Kostüm zu stecken. Sie tanzte jetzt zwischen den Tischen der Gäste und ermunterte sie. Der Mond stand inzwischen hoch am Himmel und tauchte das Lager in ein geheimnisvolles Licht. Sie brauchte nicht länger zu warten. Sand und kleine Steine wurden prasselnd gegen die Zeltbahnen getrieben. wie es ihre Aufregung zuließ. Er sagte: »Wir sind am Ziel. Ihre Augen wurden groß vor Staunen. North Dakota. Der Wind pfiff und heulte um das Zelt. als sie schließlich den Inhalt sah. schloß sie den Reißverschluß des Zelteingangs und ging an den Arbeitstisch zurück. weil er die Reisepässe nicht zur Hand hatte. Sein Partner stand am Telefon neben dem Aufzug.

Sie hatten auch präzise Landkarten der Küste des Golfs von Akkaba und Saudi-Arabiens mit sich. Warum hatte man sie nicht einfach vernichtet? Warum waren sie mit so großem Aufwand begraben worden? Catherine nahm das erste Buch in die Hand. Betäubungsgewehre mit einer Leistung bis zu 200.000 Volt und ein tragbarer GPSNavigator. ihr vorübergehendes Einsatzzentrum funktionsfähig zu machen.Catherine sah vor sich ›Bücher‹ aus Papyrus mit Ledereinbänden. Jemand mußte viel Mühe auf sich genommen haben. ein gutes Trinkgeld. Die beiden Männer hatten jedoch weder Flugtickets noch Reisepässe. sowie LANDSAT-Photos vom südlichen Sinai. Das Handwerkszeug ihres Metiers befand sich in den Reisetaschen – Nachtgläser russischer Herkunft. dem Suezkanal und dem Roten Meer. die hervorragend erhalten waren. Trommelrevolver mit neunzehn Schuß und Laservisier und Kleinkalibergewehre mit Zielfernrohr hatten sie bereits am Strand in 75 . Man hatte sie in dünnes Leinen gewickelt. der sie zu ihrem Zimmer führte. Dann verschlossen sie die Tür und gingen daran. wasserdichte Stablampen. Die Amerikaner gaben dem Gepäckträger. Sie wußten. die sie im Laufe der Jahre beim Umgang mit zerbrechlichen und seltenen Gegenständen gelernt hatte. Klappmesser aus Edelstahl. wie man unbemerkt in fremde Länder einreiste und sie ebenso unbemerkt wieder verließ. verschnürt und in diesen Korb gepackt. damit sie nicht entdeckt wurden. mit dem sie überall auf der Erde ihre genaue Position bestimmen konnten. Sie tat es mit der Behutsamkeit und Vorsicht. Langsam schlug sie es auf. ein Laser-Entfernungsmesser.

Zeke überlegte. Es ist wie ein Akkordeon gefaltet und nicht an einer Seite gebunden. wäre der Junge vermutlich noch am Leben gewesen. sprach sie auf Band. Scharm el Scheich war unter Tauchern als eine der besten Stellen der Welt bekannt. bis man den jungen Ägypter vermißte? Aber auch das war nicht weiter wichtig. arabisch und französisch vor Haien warnten. damit die Leiche im Wasser versank. Aber so war ihnen keine andere Wahl geblieben. die in englisch. Sie brauchten nicht viele Steine. Wenn der böige Wind nicht plötzlich die Waffen unter Zekes Jackett enthüllt hätte. trat auf den Balkon hinaus. »besteht aus typischen Papyrus-Seiten. Er warf einen prüfenden Blick hinunter zur Auffahrt. Wie lange mochte es dauern. Nach dem Ende der Bauchtanzvorstellung fuhren die Gäste laut hupend und mit quietschenden Reifen davon. aus der sie gekommen waren. der die Verbindung mit ihrem Auftraggeber hielt. Der Text befindet sich auf den rechten. ob die Haie die Leiche des jungen Ägypters bereits gefunden hatten. in die Richtung. Vor ihm lag das dunkle Wasser. den 76 . Außerdem hatte es keine große Mühe gemacht. die leicht überlappend aneinandergeklebt sind. Jedes Blatt ist beschrieben. aber sie hatten am Ufer Tafeln gesehen.Schulterhalftern unter den Jacken verborgen. Zeke drehte sich nach seinem Partner um und sagte betont langsam: »Keine Zeugen…« Catherine drückte auf eine Taste ihres Diktiergerätes. Zekes Augen wanderten den Strand entlang nach Norden. Der Junge war nicht stark und auch nicht schwer. Der Einsatz konnte beginnen. als ihn zu töten. Zeke. »Das erste Buch«. Geöffnet hat es die Standardlänge von zwanzig Seiten.

« Sie entfaltete behutsam den spröden Papyrus. »Wer ist da?« Sie ging zum Zelteingang. »Hallo?« rief sie. Er hielt schützend die Arme vor die Augen. Sand wurde über die Steine gefegt. das die Beduinen die Schreie der Verdammten nannten. In den Zelten war alles still. die Worte des uralten Dokuments zu lesen. Sie schob sich die langen Haare aus dem Gesicht und begann. Catherine holte eine große Lupe und rückte die Lampe näher an den Papyrus. die im Wind schaukelten. Die Wüste war in ein seltsam übernatürliches Licht getaucht. Der Wind wurde zum Sturm und jagte mit einem gespenstischen Heulen über den Golf. Sie griff nach der Taschenlampe. Sie richtete sich auf und lauschte. »He. An den Rändern sind horizontal verlaufende Fasern erkennbar. sah sie. ich dachte. Aber dann entdeckte sie eine Gestalt. Ihre Leute schliefen. Plötzlich hörte sie vor dem Zelt ein Geräusch. daß es der Priester aus dem Hotel Isis war. sagte sie und senkte die Taschenlampe. es wäre nichts 77 . und sie hörte Ziegenglocken und hin und wieder das helle Meckern einer Ziege. »Entschuldigen Sie. Dann hörte sie ein anderes Geräusch – Schritte auf dem Geröll. »Fremde haben hier keinen Zutritt«. Zuerst sah sie nur die Gräben und die Absperrungsseile. öffnete den Reißverschluß und blickte angestrengt in die stürmische Nacht. Der Wind drehte. Sie lauschte mit angehaltenem Atem. verließ das Zelt und richtete den Lichtstrahl auf den Grabungsplatz. Als sie ihm mit der Taschenlampe ins Gesicht leuchtete.ungeraden Seiten. was machen Sie da?« rief sie und lief auf den Mann zu.

»Ja«. wie der Wind sein Hemd an den breiten muskulösen Rücken preßte. Ist es nicht etwas spät für eine Besichtigung?« »Ich konnte nicht schlafen. »Ich warte auf einen Beamten der ägyptischen Regierung. Die Nachricht verbreitete sich in Windeseile. »Man hat mir im Hotel gesagt. »Michael Garibaldi«. daß Sie etwas Wertvolles gefunden haben. »Ich verstehe. Dann drehte er sich um und starrte auf die dunklen Gräben und die Geröllhaufen. Arbeiten Sie hier?« »Das ist meine Grabung. die mir den Computer ausgespannt hat? Haben Sie Ihren Freund erreicht?« Der kalte Wind ließ Catherine frösteln.Verbotenes. Sie auch nicht.« Dann rief er gegen den Sturm: »Ach. ohne auf die Hand zu achten. etwas über den Fund in der Nähe von Bir el Dam gelesen zu haben.« »Das wissen wir noch nicht genau«. »Was suchen Sie hier?« wiederholte sie ihre Frage. sagte er mit einer leichten Verbeugung und streckte ihr die Hand entgegen. wie er wohl seine Muskeln trainierte. daß hier eine Grabung durchgeführt wird. sagte er. damit sie ihr nicht ins Gesicht geweht wurden. Wenn das meine Grabung wäre. »Im Hotel erzählt man. erwiderte Catherine vorsichtig. Am nächsten Tag standen bereits 78 .« Er blickte an ihr vorbei zu dem beleuchteten Zelt. Wie ich sehe. erwiderte sie und mußte mit der freien Hand ihre Haare festhalten. Ich war neugierig. würde ich auch alle Vorsichtsmaßnahmen ergreifen.« Er nickte. bevor ich mit den Ausgrabungen fortfahre. Alexander«. Unwillkürlich überlegte sie. Ich erinnere mich daran. »Sie sind bestimmt Dr. wenn ich mich etwas umsehe. Sie trug nur eine Bluse und Shorts. sind Sie nicht die Frau. Catherine sah.

überall Zelte. Aber als sich jetzt Michael Garibaldis blaue Augen auf sie richteten. Ich finde es nicht richtig. daß ein Priester einem Menschen in die Seele blicken könne und wisse.« Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: »Ich komme aus Chicago. »Ich war gerade in Jerusalem«. auf dem Gelände herumzulaufen.« Als sie noch immer schwieg. daß das Erdreich nachgibt«. als sie erkannte. Diese Illusion hatte sie verloren. Für die Polizei ist die Wüste sehr. unterbrach er sie lächelnd. daß Sie mich nicht mögen?« »Vater Garibaldi…« »Bitte«. und innerhalb einer Woche waren alle Fundstücke verschwunden. meinen Urlaub zu verlängern.« Aber Catherine ließ sich nicht erweichen. Und das gefiel ihr überhaupt nicht. »Ich habe als Kind gelernt. Es ist zu gefährlich. wie sie als kleines Mädchen geglaubt hatte. Sie dachte daran. »und habe beschlossen. daß Priester auch nur Menschen waren. »Wir können deshalb Fremden nicht erlauben. einfach ›Mike‹ zu Ihnen zu sagen. ob man die Wahrheit sagte oder nicht. um etwas von der Sinaihalbinsel zu sehen. »Es besteht die Gefahr. sehr groß.« Sie richtete die Taschenlampe auf den Boden und führte ihn wie eine Platzanweiserin im Kino von den Gräben weg zum Lager. überkam sie das seltsame Gefühl. sagte sie.« Catherine blickte fasziniert auf seine blauen Augen. er könne ihr tatsächlich in die Seele blicken. während er ihr folgte.« »Ach so…« 79 . daß man einen Priester mit seinem Titel ansprechen muß. »Nennen Sie mich Mike. sagte er leise. fragte er: »Warum lassen Sie es mich so deutlich spüren. falls Sie das interessiert. Eigentlich bin ich schon wieder auf der Rückreise.

Als er die Hand hob. daß er auch muskulöse Arme hatte. Haben Sie ihre E-Mail später noch senden können?« Er lächelte wieder. und das Licht fiel auf ihn. Leute. »Tut mir leid. Ich habe nach Ihnen Ausschau gehalten. Sie seien in der Stadt. die ungeschützt auf ihrem Arbeitstisch im Zelt lagen. dachte sie. »Gute Nacht. Dann erwiderte er: »Und ich habe gelernt. ein paar Stunden später. haben manchmal…« »Ich bin katholisch aufgewachsen. daß man sich bedankt. »Ja. Sie sah Fältchen um seine Augen. daß Sie nicht auf die Gunst eines Priesters angewiesen sein möchten.« Catherine nickte. um einen Nachtfalter zu verjagen. sah sie. um mich zu bedanken. Vermutlich spielte er mit den Jugendlichen im Ghetto von Chicago Basketball. die Bemerkung hat mich neugierig gemacht. einem zum Beispiel einen Computer zu überlassen. die mit dem Katholizismus nicht vertraut sind. »Nun ja.« »Das war nicht persönlich gemeint. dann trägt er unter dem weißen Priesterkragen bestimmt ein blaues Arbeiterhemd. »Es ist spät«. Entweder war er oft in der Sonne oder er lachte viel. und sie hatte das Gefühl. Er mußte ein sportlicher Priester sein. Ich habe zwölf Jahre lang eine katholische Schule besucht. sie vor Drogen und Kriminalität zu bewahren.« »Darf ich Sie noch etwas fragen?« Er trat einen Schritt auf sie zu. ließ sich von ihnen ›Mike‹ nennen und versuchte.« Inzwischen hatten sie Catherines Zelt erreicht. »Sie haben mir wirklich sehr geholfen.« Er hob die Schultern. sagte sie. Mylonas sagte. wenn jemand so freundlich ist. Aber Mr. Wenn er aus Chicago ist. »Im Hotel haben Sie gesagt.« Sie dachte an die Papyri. der vor seinem Gesicht flatterte. 80 . Vater Garibaldi.Er schwieg. vielleicht traf auch beides zu. er sei verletzt.

daß er ein Priester war. Vater. Auch jetzt. »Wenn Sie einmal nach Chicago kommen sollten…« Sie zog schnell die Hand zurück und murmelte verlegen: »Gute Nacht.« Catherine sah ihm nach. Sie würde Garibaldi nichts von Vater McKinney und dem Abend erzählen.« »Ach…« Er nickte. daß Sie das. Als sie den Kopf hob. daß sie den Fremden regelrecht haßte. und sie ärgerte sich. weil sie das Ganze zugelassen hatte. Plötzlich wurde ihr bewußt. Er drückte sie fest. Sie holte tief Luft und dachte nach. hier finden werden. früher…« Das war schon lange her. »Aber Sie waren einmal eine gläubige Katholikin?« »Ja.Dann bin ich aus der Kirche ausgetreten. Sie ärgerte sich darüber.« Er räusperte sich und erwiderte: »Dr. nachdem sie wußte. empfand Catherine blitzartig eine Verbundenheit mit ihm. die sie verblüffte und gleichzeitig erregte. ich wünsche Ihnen. und ihre Blicke sich trafen. Nach einer Weile konnte sie sich die Antwort eingestehen. was Sie suchen. reagierte sie auf seine Männlichkeit. Alexander. Beim ersten Anblick im Büro des Hotels hatte sie als Frau auf einen gutaussehenden Mann reagiert. die er auf sie ausübte. Sie verstand die seltsame Faszination nicht. Dann. als er sich umdrehte. bemerkte sie den Priesterkragen und fühlte sich irgendwie betrogen. in ihm nur einen Priester zu sehen wie in Vater 81 . »Gute Nacht…« Sie reichte ihm die Hand. an dem ihre Mutter gestorben war. Es war ihr nicht möglich. Warum? Immerhin hatte er ihr aus freien Stücken den Computer überlassen.

Garibaldi hatte sich ihr vom ersten Augenblick an als Mann und erst in zweiter Linie als Priester präsentiert. 82 . sah sie flüchtig am Rande der Ausgrabung etwas Großes. Unförmiges aufragen. daß es ein Beduinenzelt war. Irgendwie fand sie das beunruhigend. Als Catherine den Reißverschluß schließen wollte. Mit Entsetzen stellte sie fest.McKinney oder Vater Ignatius. Diese beiden waren für sie nie Männer gewesen. Bei Sonnenuntergang hatte es noch nicht dort gestanden.

New Mexico »Wir sind am Ziel. Das Raubtier in ihm knurrte jetzt hungrig. Lassen Sie sich nicht auf irgendwelche Spielchen ein. Entweder Sie einigen sich oder Sie schalten den Mann aus. an dem sich sein Leben von Grund auf verändert hatte.« »Gut«. »Hören Sie«. an welche Stellen die bunten Glaskugeln von den geduldigen Dienstboten an die riesige Douglasfichte gehängt werden sollten. den Weihnachtsbaum zu schmücken. aber dann wurde er ernst und sagte ins Telefon: »Wenn Sie die Kontaktperson treffen. antwortete Miles und ging mit dem Funktelefon außer Hörweite der anderen. Havers. Die Kleinste kauerte vor der Krippe unter dem Baum und hatte plötzlich gerufen: ›Aber wo ist das Baby?‹ Erika hatte gelacht. sagte Miles ruhig in den Hörer. Der Tiger war seine Intuition. er witterte Gefahr und lauerte auf Beute. Die Familie war gerade dabei. wie Erika mit den Enkelkindern beriet. machen Sie kurzen Prozeß. Ich wünsche kein Feilschen. Niemand darf etwas von der Sache erfahren. Der Tiger in ihm war sprungbereit. Miles hatte zugesehen.« Aus Miles sprach der Tiger – die Bestie war vor vielen Jahren an einem Tag geboren worden. auch wenn Sie sich mit ihm einigen sollten. »schalten Sie den Mann aus. Mr. Nehmen Sie die Ware an sich und verschwinden Sie innerhalb von vierundzwanzig Stunden wieder aus dem Land.Santa Fe.« Der Tiger hob die Pranke… 83 . ihre entzückende Enkeltochter in die Arme genommen und geantwortet: ›An Weihnachten wird der kleine Jesus in der Krippe liegen!‹ Miles lächelte noch immer.

DER ZWEITE TAG 84 .

du siehst ziemlich mitgenommen aus. Golf von Akkaba Allmächtiger. »Gott sei Dank. Daniel war zwar kleiner als Cathy. Er drückte sie fest an sich. Um die Ausgrabung lag ein Ring von Zelten. Was ist denn hier los? Sie hatte ihm am Telefon nicht gesagt. als sich der Landrover Catherines Ausgrabung näherte. Eseln. murmelte er betroffen: »Du meine Güte. daß sie ihn brauchte. Als sie jetzt in dem offenen Wagen über die Ebene fuhren. der ihn am Flughafen von Scharm el Scheich erwartete. Er sprang vom Wagen und umarmte sie. Wagen. Samir. Dezember 1999 Scharm el Scheich. Bussen. 15. und das T-Shirt mit dem Aufdruck ›Die Erfolge von Archäologen liegen in Trümmern‹ war fleckig und 85 . daß du da bist…«. Als Danno sie schließlich zögernd losließ und aufmerksam betrachtete. Cathy hat etwas gefunden! Dann sah er sie.Mittwoch. weshalb er unbedingt kommen sollte. Touristen und Arabern. dachte Danno.« Sie fuhr ihm lachend durch die blonden Haare. stand Daniel auf und hielt sich am Rollbügel fest. flüsterte ihm Catherine erleichtert ins Ohr. »Du wirkst auch nicht gerade taufrisch…« Da hatte sie bestimmt recht. so glücklich wie in seinen Träumen. Er war von oben bis unten mit Staub bedeckt. aber sie trug Sandalen und er Nikes mit dicken Gummisohlen. die Haare waren schweißverklebt. »Ich bin da!« rief er und winkte. wie sie vor ihr Zelt trat und eine Hand schützend über die Augen hob. »Danno!« Sie rannte ihm entgegen. hatte wenig erzählt. Er war glücklich.

Ein anderer Arbeitstisch war geheimnisvoll mit einem Laken verhüllt. weiß bereits alle Welt. Danno! Wir haben Schriftrollen gefunden. auf dem Flaschen und Gläser standen. Dann ging sie zur Fensterklappe und blickte hinaus.« Sie legte den Finger an die Lippen.« Ihre Augen leuchteten. Bücher. Kellen und Eimer.« »Der Zirkus da draußen läßt auf Gold schließen. Kameras. daß wir etwas gefunden haben. In seinen Träumen eroberte er sie nie so verschwitzt und wenig attraktiv. Dann bemerkte er den offenen Koffer auf dem Feldbett.« Catherine nahm ihn bei der Hand. »Laß deine Sachen im Wagen! Komm schnell in mein Zelt. ein Mikroskop. Sie füllte zwei Gläser mit Mineralwasser. schloß sorgfältig wieder die Klappe und ging zum Arbeitstisch. und sie sind alt. aber wie du siehst.zerknittert. »Willst du verreisen?« Sie reichte ihm das Glas und antwortete leise: »Ich bin eigentlich nicht mehr da. aber sie bedeutete ihm zu schweigen. Landkarten und Skizzen. mein Gott. Ich habe nur noch auf dich gewartet. »Was ist los?« fragte er verwundert. »Meine Leute sind wie üblich bei der Arbeit. Pickel. Chemikalien… Wie bei Cathy üblich. Meßstäbe. Er wollte etwas sagen. lag alles kreuz und quer durcheinander. Schnur und Pflöcke. Daniel sah sich im Zelt um: Schaufeln. als sie leise sagte: »Wertvoller als Gold. »Ich dachte. ich hätte draußen etwas gehört.« »Was ist denn los?« 86 . schloß sie die Zeltklappe. sie sind sehr alt…« Sie schwieg beunruhigt und hielt den Atem an. Pinsel in allen Größen. Als sie im Zelt standen.« »Den Mirjam-Brunnen?« »Etwas viel Wichtigeres.

»Aber es ist nur eine Frage der Zeit. bis es bekannt wird. die er für seinen Auftraggeber hier abholen sollte. informierte sie Daniel flüsternd über die Ereignisse der sechsunddreißig Stunden. »Ich 87 . Auch ihnen hatte man zugeflüstert. daß ich den Korb geöffnet habe«. ihre Sachen sorgfältig zu packen. sagte sie. bis sein Auftrag erfüllt war.»Setz dich. Zeke machte sich keine Gedanken darüber. die eigenen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Er blickte auf Jas Wasser. war das nur eine willkommene Gelegenheit. Spekulationen und Gerüchte heizten die Stimmung an. Noch lassen sich die Neugierigen davon zurückhalten…« Catherine nahm sich nicht die Zeit. die vergangen waren. Während Catherine die letzten Dinge in den Koffer packte.« Zeke stand auf dem Balkon seines Hotelzimmers. Der Anbieter war da. Danno. daß die Archäologen in der Nähe etwas gefunden hatten. Er war noch nicht als vermißt gemeldet worden. seit Hungerford sie mit der Sprengung aus dem Schlaf gerissen hatte. daß unter ihm Wetten um die ›Ware‹ ausgehandelt wurden. daß es noch ein paar Tote geben würde. während die Sonne gerade hinter dem Sinaigebirge verschwand. Zeke rechnete damit. Wenn es Konkurrenz gab. das bereits im Schatten lag. »Niemand weiß. Über den jungen Ägypter sprach bis jetzt niemand. Du wirst nicht glauben. Du hast die Absperrungen und Warntafeln um den Grabungsplatz gesehen. Es klopfte an der Zimmertür. Er wußte bereits. was ich dir jetzt zeige. Von der Restaurant-Terrasse unter ihm drang erregtes Stimmengewirr herauf.

Man hat angefangen. Der Beamte wird vermutlich noch heute abend eintreffen. Ich denke. als seien sie an runden Holzstäben befestigt gewesen.« »Wenn ich mich recht erinnere. ich kann verschwinden. wurde die Schriftrolle um das zweite Jahrhundert allmählich durch den Kodex ersetzt.vermute. Es sieht aus. Mylonas vom Hotel Isis hat mir ausrichten lassen.« »Cathy.« »Warum mußt du dich wie ein Dieb davonstehlen?« »Ich brauche Zeit und muß Ägypten verlassen haben. wie sie das Jesus-Fragment an die erste. Ich hoffe. daß jemand von der Behörde unterwegs hierher ist. Bei den Einheimischen ist abends immer irgendein Fest. Später hat man offenbar die Holzstäbe entfernt und die einzelnen Schriftrollen wie ein Akkordeon zu einem ›Buch‹ gefaltet. Das erste ›Buch‹ war entfaltet. erklärte ihm Catherine. Daniel beugte sich ehrfürchtig über das Blatt. Mr. Als Daniel an den Tisch trat. Wie nicht anders zu erwarten. es wird auch heute abend genug Ablenkung geben. aber dann möchte ich nicht mehr hier sein. ich verstehe dich nicht…« Sie richtete sich auf und ging zu der verhüllten Arbeitsplatte. paßten die beiden Teile nahtlos aneinander. bevor jemand nach mir sucht. Sie hatte eine Glasplatte über die wieder vollständige Seite gelegt. nicht vollständige Seite des vermutlich ›ersten Buchs‹ gelegt hatte. Vorsichtig nahm sie das Laken ab und sagte: »Hier!« Catherine hatte die Schriftrollen ordentlich nebeneinandergelegt. beschriebene Seiten zu falten 88 . »Warum sprichst du immer von ›Schriftrollen‹?« »Sieh dir die Enden an. Hungerford hat geplaudert. während alle beim Abendessen sind.

die Besitzer dieser Schriftrollen wurden verfolgt?« »Möglicherweise. Die anderen fünf«. Das erste Buch beginnt wie ein Brief und scheint die Geschichte einer Frau zu erzählen. wie man sie vermutlich lesen muß. Er sah die ersten Worte: ›Von Sabina…‹ »Lies die Stelle.« Hungerford musterte die beiden Fremden und ließ sich in den angebotenen Sessel fallen. »Ich muß gestehen. »Schriftrollen sind empfindlich und nicht so einfach zu verbergen. Trotzdem sehen sie für uns wie Bücher aus. ich 89 .und am Rand zu befestigen…« »Ja. der über einen Meter lang und dicht mit schwarzen Buchstaben beschrieben war. »War noch etwas in dem Korb?« »Nein…« »Hast du das alles schon übersetzt?« »Nur die erste Seite.« »Und?« Sie reichte ihm den Notizblock.« Daniel blickte wie gebannt auf den entfalteten Papyrus. Siehst du. Ein flaches Buch dagegen kann man ohne weiteres unter einem weiten Gewand verstecken. »habe ich noch nicht aufgeklappt. aber in diesem Fall sind die Seiten nicht seitlich befestigt. und es sind keine einzelnen Blätter.« »Willst du damit sagen. Ich habe mich gefragt: Warum hat man die Holzstäbe entfernt und die Schriftrollen gefaltet?« Er sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an. die ich gelb markiert habe. ich habe die Schriftrollen so nebeneinandergelegt. sie deutete auf die gefalteten Papyri. antwortete Catherine. »Und was meinst du?« »Um sie leichter transportieren zu können«.

»Wenn mich nicht alles täuscht. kam Hungerford zu dem Schluß. damit er den Mann auf die richtige Spur setzte. dachte er schon beim Betreten des Zimmers. Der Händler versprach. Gentlemen«. in dem Jesus erwähnt wird‹. ohne jedoch allzuviel zu sagen. Leibwächter oder Abenteurer. nur der andere. um den Mann in Kairo über den neuesten Stand der Dinge zu informieren. aber er sprach von ›einem Papyrus-Fragment. der sich als 90 .« Hungerford hatte sofort erkannt. aber nicht lügen konnte. sagte er jetzt. zwar hübsch sein mochte. Mylonas unter vier Augen unterhalten und dabei den Namen eines Mannes in Kairo erfahren. die Archäologin zu erwähnen.hätte nicht so schnell mit einer Antwort gerechnet. daß sie. hatte er sich sofort in seinen Wagen gesetzt und war zurück zum Hotel gefahren. Er unterließ es natürlich. Nachdem die Archäologin mit einem geheimnisvollen Korb aus dem unterirdischen Gang zurückgekommen war. »Sie wollen die Sammler sein?« Er grinste. Hungerford hatte den Händler auf der Stelle angerufen. Alexander mit dem Jesus-Fragment in ihrem Zelt verschwunden war. ein ›Sammler‹ interessiere sich für das Fragment. Hungerford war angenehm überrascht. »Also. machen Sie das Geschäft doch für einen anderen. Der eine Mann blieb stumm. Vor allem nicht mit zwei Landsleuten. als man ihm ein paar Stunden später aus dem Hotel die Nachricht überbrachte. Es war ein Händler für ›private Altertümer‹ wie Ramesch es ausgedrückt hatte. sich wieder bei ihm zu melden. Im Hotel Isis hatte er sich mit dem Stellvertreter von Mr. daß die beiden nicht das große Geld hatten.« Nachdem Dr.

Perpetua hat mir von den großen Leiden unserer Schwestern berichtet.›Zeke‹ vorgestellt hatte. Sie spricht eindeutig vom ›Jüngsten Gericht‹…« »Überzeuge dich selbst.« Sie deutete auf eine Zeile des Fragments. das rechte Auge und den rechten Mundwinkel bis zum Kinn reichte. Daniel kniff die Augen zusammen und nickte. Er war nicht groß.‹ Er sah Catherine erstaunt an. Was bietet Ihr Boß?« Daniel las leise: ›… ich weiß um das Ende aller Dinge und um die Wiederkunft des Gerechten. und daß wir nach all 91 . daß das richtig übersetzt ist? Ich meine… das ist nicht zu fassen.« Hungerford zuckte die Schultern. erinnere ich Dich an meine Warnung. ausdruckslose graue Augen und eine Narbe auf der einen Gesichtshälfte. weshalb ich keinem Menschen etwas davon gesagt habe. »Bist du sicher. daß dieser Typ schon mehr als einmal um sein Leben gekämpft hatte. Zeke lächelte. daß eine JesusSchriftrolle gefunden wurde. Offenbar waren seine Gegner bis jetzt immer die Schwächeren gewesen.« »Was steht noch in dem Brief?« Catherine übersetzte direkt vom Original: »Bevor ich meine Geschichte erzähle. »Ich habe nichts dagegen! Nennen Sie die Summe. bestand aber fast nur aus Muskeln und hatte kurz geschnittene weißblonde Haare. die vom Haaransatz über die rechte Augenbraue. in der steht. wann genau der Weltuntergang…« Er verstummte. Es war nicht schwer zu erraten. »Unser Auftraggeber möchte anonym bleiben. liebe Amelia. redete. »Das ist ein Grund. Dann murmelte er: »Wenn bekannt wird. Gentlemen.

« Sie hielt die Lupe über die zweite Spalte und las weiter: »›… Tymbos. sie sollten die Absperrung nicht übertreten. damit sie in Sicherheit sind. »Die ›Gemeinschaft‹«. wenn ich alle Schriftrollen übersetzt habe. »Glaubst du. sagte er. daß noch andere Bücher mit ihnen vergraben worden sind. dann nimm diese Bücher mit zu König…« Daniel sah sie an. Jemand rief den Neugierigen zu. sie meint damit die Frühchristen?« Catherine ging zu ihrem Koffer und schloß energisch den Deckel.« »Was für Schriftrollen sind das? Unbekannte Evangelien?« »Ich weiß nicht. Er blieb stehen und drehte sich um. Wenn das.« »Wie kommst du darauf?« Catherine ging zum Arbeitstisch zurück.den Jahren der Gleichberechtigung mit den Männern in unserer Gemeinschaft jetzt zu Schweigen und Absonderung verurteilt worden sind.« Daniel fuhr sich mit der Hand durch die Haare und ging nachdenklich auf und ab. Durch eine der Zeltklappen drangen von draußen Stimmen herein. daß Schwestern unserer Gemeinschaft meinetwegen verfolgt werden. »Warum schweigst du?« »Der Text endet hier auf dieser Seite. Ich möchte unter keinen Umständen. Aber 92 . »Das werde ich wissen. bei den Männern Empörung auslöst und sie Dich deshalb bestrafen wollen.‹« »König Tymbos! Wer ist das?« »Keine Ahnung. es fehlt ein Buch. aber ich glaube. Dann zog sie ihre Reisetasche unter dem Feldbett hervor. »Sie waren alle in dem Korb. was ich Dir mitzuteilen habe. Ich habe keinen Hinweis darauf.

damit man dort so schnell wie möglich eine genaue Altersbestimmung mit der Radiokarbonmethode vornimmt. Es müßte also mindestens noch eine Seite oder eine siebte Schriftrolle geben. Dieses Wort hier hat seinen Ursprung in dem Wort ›phobos‹.« Catherine nahm ihre Jacke vom Haken und legte sie auf den Koffer. den du gesehen hast.« »Jemand?« »Vielleicht war es eine Frau…« Von weitem hörte man den Ruf des Muezzin von einem 93 . Aber ich habe die Zeit genutzt und die Handschrift analysiert. dann wurde jemand in den Brunnen geworfen oder ist hineingefallen.sieh dir die letzte Seite von Buch sechs an… hier!« Sie deutete auf die letzte Zeile der letzten Seite. da steht: ›… und ich hatte Angst…‹« »Das stimmt nicht ganz.« »Hans Schüller?« Sie nickte.« »Und?« »Nach einem ersten Überblick kann ich sagen zweites Jahrhundert. Das weist darauf hin. Der Satz ist nicht zu Ende. »Lies das…« »Mein Altgriechisch ist nicht sehr gut«. »Ich kann ihm vertrauen. etwas damit zu tun?« »Wenn ja.« »Hat der Schädel. »Ich habe eine Papyrus-Probe in die Schweiz geschickt. erwiderte er. Es fehlt ein Wort. und eine etwas genauere Übersetzung wäre demnach: ›Ich fürchtete mich vor…‹« »›Vor…‹?« »Sie fürchtete sich vor etwas. »Aber ich glaube. daß die Geschichte weitergeht. Er wird nichts verlauten lassen.

denn er wußte plötzlich. Nina Alexander gut gekannt und sehr gemocht. denn der Diakon. weshalb Catherine nicht die Behörde in Kairo informieren wollte… Der Grund war ihre Mutter. Im Gegensatz zu den Eltern anderer Kinder hatte Catherines Mutter niemals Anstoß daran genommen. in meiner Übersetzung noch einmal an. die Kranken und Alten zu pflegen. die du gerade gelesen hast. Cathy. sie war eine Diakonin. Aber hier steht Diakonos. der Priester. daß die Schriftrollen aus dem ersten Jahrhundert stammen…« Daniel nickte ernst.Minarett: »Allahu akbar…« Der Gebetsruf zum Sonnenuntergang bedeutete auch. Es roch bereits nach Lammbraten und Kaffee.« »Du vergißt. Es gibt nur eine einzige Stelle in der Bibel. die Anrede. verehrte Diakonos…‹« Daniel runzelte die Stirn. »Trotzdem verstehe ich dich nicht. Wir haben nur dieses eine Beispiel. sieh dir die Seite. Später wurde eine weibliche Form geprägt. Daniel hatte Dr.« »Wenn du beweisen kannst. das griechische Wort für Diakonin ist Diakonissa. Hier. Kapitel sechzehn. daß eine Frau ein so hohes Amt bekleidete. daß es Zeit zum Abendessen war. daß er auf der ›falschen Seite‹ der Stadt 94 . Warum hast du die Behörde in Kairo nicht über den Fund informiert? Und warum willst du abreisen?« »Danno. Paulus spricht von Phöbe als Diakonos. daß er zu den wenigen Stipendiaten der Schule gehörte. Das ist nicht ungewöhnlich. »Nun ja. stand am Altar.« »Ein Schreibfehler?« »Das glaube ich nicht. und die Pflichten der Diakonin beschränkten sich darauf.« »›Amelia. an der eine Frau mit dem männlichen Titel erwähnt wird – Römer.

das sie unter dem Titel Maria Magdalena. Catherines Mutter war Paläographin gewesen. wer sein Vater war. und Nina Alexander stand neben ihm am Grab und tröstete ihn. die auf der apostolischen Nachfolge beruhte und ihren Anfang damit nahm. woran sie glaubte. Darin behauptete sie. Und alles nur deshalb. die erste der Apostel veröffentlichte. und er war in ihrem Haus stets willkommen. eine weithin anerkannte Expertin auf dem Gebiet der Datierung von Handschriften. fragte Daniel jetzt leise. Dieses Buch hatte Catherines Mutter die erbitterte Feindschaft der Kirche eingebracht. Daniel war in der Nacht. »die Schriftrollen könnten den Beweis dafür liefern. der sich aus Angst um sein Leben versteckt hatte. daß der auferstandene Jesus zuerst Maria Magdalena erschienen war und nicht Petrus. daß Frauen als erste das leere Grab gefunden hatten. Alexander zu dem Schluß gekommen. im Krankenhaus gewesen und hatte mit eigenen Augen gesehen. so argumentierte Nina.wohnte und nicht wußte. daß die Theorie deiner Mutter richtig ist?« Catherine antwortete ebenso leise: »Die Kritiker meiner 95 . Alle vier Evangelien berichteten. als Nina Alexander starb. daß angeblich der heilige Petrus den auferstandenen Jesus als erster gesehen hatte. »Du glaubst also«. Mit dem Neuen Testament als Quelle und als Beweis war Dr. nicht Petrus. daß die Autorität des Papstes. sondern Maria Magdalena müsse die Nachfolgerin Jesu gewesen sein. Berühmt wurde sie jedoch durch ein Buch. daß sie eine gebrochene Frau war. nicht zu rechtfertigen sei. Und in zwei Evangelien hieß es. Beim Tod seiner Mutter war er neunzehn. Sie war immer freundlich zu ihm gewesen. weil sie für das eingetreten war.

Maria Magdalena nicht erwähnt wird und auch keine andere Frau. daß im ersten Brief des Paulus an die Korinther. und 96 . daß deine Mutter recht hatte. ja nicht einmal das leere Grab. »Dann wäre der Anspruch des katholischen Klerus auf das Priesteramt und das Papsttum nicht mehr zu halten. Danno. Wir warten. daß Petrus nicht der rechtmäßige Nachfolger von Jesus war und der Machtanspruch der Päpste auf einem Irrtum beruht!« Catherine wußte. und deshalb besitzt sein Werk wegen der zeitlichen Nähe zu den Ereignissen größere Autorität.Mutter haben darauf hingewiesen. »Wenn sie Hinweise auf Frauen am Grab enthielten. daß die Briefe des Paulus an die Korinther mindestens zwanzig Jahre vor dem Auftauchen der Evangelien in schriftlicher Form entstanden sind. wenn diese Schriftrollen beweisen. »Was für eine Frage!« »Ich muß noch ein paar Dinge vorbereiten. das ist eine heiße Sache. daß Nostradamus das Ende des Papsttums und des Katholizismus für das Jahr 1999 vorausgesagt hat? Nicht auszudenken. Wir wissen. wenn diese Schriftrollen früher geschrieben wurden als die Briefe des Paulus?« Catherine legte die Bücher vorsichtig aufeinander. Wenn die Behörden sie in die Hände bekommen. Cathy. werden wir sie nie wiedersehen!« »Nur mit diesen Schriftrollen kann ich vielleicht die Ehre und den Ruf meiner Mutter wiederherstellen. Weißt du. ein solcher Beweis konnte die katholische Kirche in ihren Grundfesten erschüttern. daß du die Bücher wegbringen willst. Danno lachte leise. in dem er über die Auferstehung spricht. wirst du mir helfen?« Er lächelte. bis draußen alle mit dem Abendessen beschäftigt sind. Was aber. Danno. wäre. vielleicht sogar auf Maria Magdalena?« Danno lachte leise. »Kein Wunder.

Wenn ich mich nicht irre. das steht hier…« Catherine blickte durch die Zeltklappe. daß jemand die Gemeinschaft verließ. »Ja…«.« »Wird in den Schriften vom Toten Meer nicht auch von einem Gerechten gesprochen?« Sie sah ihn an und schüttelte den Kopf. die nicht zu ihnen gehörten. »Später wird Jesus in dem Text ›der Gerechte‹ genannt.« Catherine legte die Bücher behutsam übereinander. Richtig? Was wäre.« Er hob die Hand und zählte an den Fingern ab: »Es war schwierig. die Essener kannten auch das Geheimnis des ewigen Lebens.« Daniel blickte noch einmal auf die erste Seite der ersten Schriftrolle. manchmal sogar mit dem Tod.brechen dann auf. Das Wort ›Essene‹ stammt von dem griechischen ›Essenoi‹ – Heiler. »Hier steht: ›Jesus‹«. murmelte er. wenn ihre Geheimnisse nicht mit ihnen untergegangen sind? Vielleicht konnten sie die wichtige letzte Schriftrolle 97 . als Rom zuerst Jerusalem zerstörte und dann Massada. Denk an die Regeln ihrer Sekte. Vielleicht haben sie sich deshalb so hermetisch gegen alle abgeschirmt. die Initiation dauerte eine Ewigkeit und war grausam. »Das hier ist kein Werk der Essener. bestätigte sie und nickte. »Worauf willst du hinaus?« »Angenommen. Warum? Die Antwort steht ebenfalls hier: ›Zoe aionios‹ – das ewige Leben. der geringste Verstoß gegen eine der Regeln wurde hart bestraft. Sie sah. und wollten nicht zulassen. dann galten die Essener als Heiler. in die Sekte aufgenommen zu werden. »Ja. daß ihre Leute sich um das Lagerfeuer eines Beduinen versammelt hatten. daß die Sekte verfolgt wurde.« »Das meine ich nicht. Man glaubt. Diese mystischen Heiler galten als Hüter vieler uralter Geheimnisse.

Ihr Boß wird das haben wollen. sagte Zeke. wie sie sagte. »Viele Wissenschaftler behaupten. sehr alte Schriftrollen. »Ich sage nur soviel. Das Glück war auf seiner Seite. Möglicherweise enthält sie das Geheimnis des ewigen Lebens…« Catherine dachte unwillkürlich an die Worte des Ibn Hassan: ›… dann werde ich dir das Geheimnis des ewigen Lebens verraten. wenn wir herausfinden. Könnte das nicht ein Beweis dafür sein. auf ein ewiges Leben in Fleisch und Blut! Jesus hat Tote zum Leben erweckt. Angenommen. dann sind wir vielleicht in der Lage. »müssen wir wissen. »Cathy. in der steht. wer Tymbos war und in welcher Stadt er als König geherrscht hat. das wertvoller ist als die Kronjuwelen von England. was Sie anzubieten haben.« Ich habe etwas. und er hörte. sondern auf das Leben hier auf der Erde. Alexander war mit einem Besucher in ihrem Zelt gewesen. daß er das Mittel zum ewigen Leben kannte?« Daniel setzte sich auf das Feldbett und stützte den Kopf in die Hände. die siebte Schriftrolle zu finden und können das Geheimnis des ewigen Lebens enträtseln!« »Bevor wir über Geld sprechen. wollte der Texaner antworten. um mehr über den Fund zu erfahren. daß Jesus ein Essener war und deshalb im Neuen Testament als Heiler auftritt. seine Botschaft vom ewigen Leben bezog sich nicht auf das Leben nach dem Tod.‹ »Warum könnte der Gerechte nicht Jesus sein?« fuhr Daniel immer erregter fort. die Archäologin zu besuchen. was ich 98 . sie habe Schriftrollen gefunden.retten. Auf dem Weg zu diesem Treffen im Hotel Isis hatte er beschlossen. Hungerford«. Aber Dr. Mr. wann das Ende der Welt kommen wird.

sie beide ganz allein. Er freute sich mit ihr über den sensationellen Fund. und das genügte. eine ganze Woche lang nicht mehr schlafen zu können!« Bei seinem Anruf aus Chiapas hatte er nichts von seiner Entdeckung erwähnt. aber ich habe mich noch nicht einmal nach deinem Projekt erkundigt. ihr seine Liebe zu gestehen… Als Catherine nach der Jacke griff.anbiete.« Er zwinkerte. Ich sollte das nicht von dir verlangen. »Fertig«. Vielleicht würde er dann sogar den Mut aufbringen. Für ihn war es in diesem besonderen Augenblick das Schönste gewesen. Sie würden feiern. nach den Wandmalereien in dem Königsgrab. reden wir jetzt über die Summe. Catherine zögerte. die zusammen mit dem Rauch von brennendem Kamelmist und süßlichen Haschischwolken in den dunklen Himmel stieg. in Kalifornien. Es war nicht der richtige Zeitpunkt. konnte er ihr alles von sich erzählen. und Sie werden den Schatz vor sich sehen. flüsterte Daniel. »So. denn er wollte Cathy alles beim Wiedersehen erzählen. noch bevor Sie sagen können: ›Hier ist das Geld. fiel die International Times vom Vortag aus der Tasche. von Catherine zu hören: ›Du mußt unbedingt kommen!‹ Aber die Lage im Sinai war keineswegs zum Feiern geeignet. Daniel hob sie auf und 99 . Du brauchst dringend Schlaf…« »Im Augenblick habe ich den Eindruck. Cathy brauchte seine Hilfe. »Danno…« Sie legte ihm die Hand auf den Arm.‹« »Fertig?« fragte Catherine und nahm die Reisetasche vom Bett. Sie verstummten und lauschten auf die Musik der Beduinen. »Es tut mir leid. Du bist um die halbe Welt geflogen und mußt völlig erschöpft sein. Später. ihr von seinen Erfolgen zu berichten.

wenn wir die Schriftrollen übersetzen. »Gehen wir?« Catherine warf einen vorsichtigen Blick aus dem Zelt. Dann merken meine Leute.sah auf der ersten Seite den Bericht über die Verrücktheiten und Exzesse. »Stell dir vor. »Wieder dieser Priester! Er unterhält sich mit einem meiner Leute.« Sie griff nach ihrem Koffer. wo die internationale Zeitgrenze zwischen zwei Inseln verlief. um in den Südpazifik zu fliegen. »ich möchte Ihnen ein paar Informationen über 100 . »Was ist?« fragte Daniel. wenn diese Schriftrollen das endgültige Aus für die katholische Kirche als Institution bedeuten. ist es wirklich nur ein Zufall. Ich meine. daß ich abreisen will. so daß sie das neue Jahr gleich zweimal feiern konnten. was geschieht. Zeke trat in den Lichtkreis der schwachen Stehlampe und verließ ihn sofort wieder. Schwarze Messen in den Höhlen von Karlsbad und in Machu Picchu. wich aber sofort wieder zurück. Besonders Kluge hatten Flugzeuge gechartert. »Mr. die in Erwartung der bevorstehenden Jahrtausendwende überall auf der Welt begangen wurden – Feste auf der Queen Elizabeth II und auf dem Eiffelturm. fuhr Daniel fort. Sie werden uns sehen!« »Na und?« »Er wird sich mit uns unterhalten wollen. und sie stehen ausgerechnet in der Nähe des Landrovers. die Sonne war untergegangen. »Cathy«. wenn uns die fehlende siebte Schriftrolle wirklich das genaue Datum und die Zeit des Weltuntergangs verrät?« »Das werden wir alles wissen. Hungerford«. daß sie gerade jetzt gefunden wurden… zwei Wochen vor Anbruch des neuen Jahrtausends? Und was ist.« »Und was jetzt?« fragte Daniel. und im Zimmer wurde es dunkel.

Mr. »Der illegale Handel mit Schriftrollen wurde für viele Händler zu riskant. Als dieses Gesetz verabschiedet wurde. dessen Einhaltung von der UNESCO überwacht wird. die Zekes Gesicht durchschnitt.« 101 . die viel Geld in alte Papyri investiert hatten. Das Netz sorgt dafür. und der illegale Handel mit diesen Dingen spielt sich seitdem nur noch unter Ausschluß der Öffentlichkeit ab. dann kaufen die interessierten Sammler das Haus. Wenn in Jerusalem das Gerücht kursiert. Es gibt ein Gesetz. »Ich bin nicht sicher…« Zeke trat so nahe an ihn heran. Sie lassen im Keller Ausgrabungen durchführen. wird es wieder abgerissen. sagte Zeke freundlich. das an diesem Platz steht. »Also werde ich mich deutlicher ausdrücken«. das aus einem Land geschmuggelt wird. Hungerford. daß an einer bestimmten Stelle ein Fund vermutet wird. Danach muß jedes Stück. daß Sammler. Können Sie mir folgen?« Hungerford runzelte verwirrt die Stirn. an seinen Ursprungsort zurückgebracht werden. von denen die Behörden nie etwas erfahren. Hungerford. ihre Sammlungen nicht mehr öffentlich machen konnten. trat es rückwirkend in Kraft. Das führte zum Beispiel dazu. Ich will Ihnen ein Beispiel nennen. das Sie in Staunen versetzen würde. Dies wiederum löste einen interessanten Preisanstieg aus. Hinweise und Geschichten über mögliche Funde von Schriftrollen und Papyrusfragmenten erfahren. Diese Familien besitzen ein unglaublich wirkungsvolles Nachrichtennetz. Wenn das Grundstück unbebaut ist. wird manchmal sogar ein neues Haus darauf gebaut. Und nachdem die Grabungen beendet sind. daß sie im Handumdrehen alle Gerüchte. Mr. daß Hungerford die weißen Pünktchen um die Narbe sah. Deshalb beschränkt er sich mittlerweile auf eine Reihe ausgewählter Familien.den illegalen Handel mit Altertümern und Antiquitäten geben.

sie sind nicht dumm. Sagen Sie uns alles.« 102 . Hungerford. was Sie wissen. Ihre Mitspieler. daß Sie sich auf ein Spiel mit hohen Einsätzen eingelassen haben. daß ein Jesus-Fragment und ein Korb mit Schriftrollen gefunden worden ist. um Zeit zu verlieren. aus dem das Fragment vermutlich stammt. »Mr. »Na ja. Es geht dabei um sehr viel mehr. Mr.»Ich verstehe immer noch nicht…« »Ich versuche. Ihnen klarzumachen. und zwar schnell. aber als er sich wieder aufrichtete. Hungerford. wir haben den weiten Weg nicht gemacht. ich habe nicht im Traum…« »Sie haben einen bestimmten Händler in Kairo angerufen und ihm gesagt.« Zeke bückte sich. als Sie sich vermutlich vorstellen können. und ich kann Ihnen versichern. Hungerford.« Hungerford trat der Schweiß auf die Stirn. sah Hungerford ein Stilett in seiner Hand blitzen. sind Ihre Gegner. als wollte er sich am Bein kratzen. Mr.

nach einer geistigen Nahrung. Da der Schamane keine Antwort gab. New Mexico »Was sehen Sie?« fragte Erika Havers besorgt. Der Pool war geheizt. der um seinen Kopf wirbelte? Erika war protestantisch erzogen. zu der sich viele ihrer Freunde hingezogen fühlten. schien jeder Gedanke an Religion aus ihrem Leben verschwunden zu sein. die auf den Verlust von etwas Lebenswichtigem hinzuweisen schien. In letzter Zeit hatte sie jedoch eine seltsame Leere verspürt. die von dem Holz des Mesquitestrauchs aufstieg.Santa Fe. Sie waren gekommen. Die Sehnsucht in Erika dagegen schien nach dem Wissen der Alten zu verlangen. einer Bewegung. wo sich die ganze Familie versammelt hatte – ihre drei erwachsenen Töchter mit Kindern und Ehemännern. eine Leere. um mit ihnen Weihnachten und Silvester zu feiern. sich in der neuen Computerwelt einen Namen zu machen und Erika ihre drei Kinder großzog. Dampfwolken stiegen in den blauen Himmel von New Mexico. das in der heiligen Schale glühte. Später. New Age versprach einen geistigen Neuanfang. Erika konzentrierte sich wieder auf ihn. Der Wasserdampf über dem Pool war sehr viel dichter als die dünne Rauchfahne. als Miles seinen ganzen Ehrgeiz daransetzte. Der Schamane blickte in die Zukunft. richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf das Geschehen am Pool. Was mochte er in dem Rauch sehen. die 103 . Sie beschäftigte sich mit New Age. hatte ihren Glauben jedoch während der Hippie-Zeit in den sechziger und siebziger Jahren aufgegeben und sich den östlichen Philosophien und Religionen zugewandt. während Kojote in den heiligen Rauch blickte.

die Sonne habe die Pigmente aus seinen Augen gebleicht. ›Er ist Soyal. In seinem Dorf sagte man. Von ihm hatte Erika etwas über Latiku. Aber er sah nicht das Äußere. Er blickte in das Wesen der Dinge.« Erika verstand ihn. Diesmal schüttelte Kojote langsam den Kopf. erfahren. die mütterliche Schöpferin der Welt.die Prüfungen der Zeit überstanden hatte. Mrs. weil die Kachina des Pueblo Acoma verschwunden war. »Was sehen Sie?« flüsterte Erika noch einmal. sich den Weg an die Oberfläche gebahnt hatten. Das Ende der Welt ist wirklich nahe. Der Rauch ist leer. als die Ahnen. weil das Ende der Welt bevorstand. In seiner Obhut befanden sich die heiligen Kachinas. die Sonnenwend-Kachina‹. Er glaubte an den Weltuntergang. um den 104 . die in den unterirdischen Regionen hausten. Havers.« Sie sah ihn ängstlich an. die so hell waren. Sein Stammesname war jedoch Kojote. verweilte nicht bei den Farben und Formen. Er war Pueblo-Indianer und das Haupt der Antilopensippe. der KachinaGeist sei aus eigenem Entschluß in die Erde zurückgekehrt. hatte Kojote gesagt. Die Gesetze der Weißen zwangen seinem Volk seit mehr als hundert Jahren christliche und bürgerliche Namen auf. Die Polizei sprach von Diebstahl. daß sie fast farblos wirkten. Dabei streiften seine langen weißen Haare das dunkle Lederhemd. richteten sich auf die zierliche Frau mit den aschblonden Haaren. »Das sehen Sie im Rauch?« Seine Augen. Das machte ihn zum geistigen und politischen Führer seines Dorfes. und so hieß er Luke Pifieda. Er hatte ihr auch die Geschichte von der Entstehung der Menschen erzählt. nicht im Rauch. »Nein. ›Soyal erscheint zur Wintersonnenwende. Eines Tages begegnete sie dem Schamanen in einer Ausstellung indianischer Kunst. um in der Sonne zu leben. »Es ist sehr schlimm. aber der Schamane erklärte.

und er hatte festgestellt. daß der Butler auf der Terrasse erschien und neben Miles trat. sagte der Schamane. Das ist sehr. Während Miles zuhörte. Er betrachtete sich gern und kannte keine falsche Bescheidenheit. seine Figur zu erhalten. Kurz darauf folgte er dem alten Butler ins Haus. hinter dem Pokale und Siegestrophäen standen. als sie sah. Schließlich besaß er den Körper eines zwanzig Jahre jüngeren Mannes und arbeitete täglich daran. Lachend hielt er die Stoppuhr hoch. sehr schlimm«. betrachtete er sein Spiegelbild in dem Glas. die ihm sein Trainer gereicht hatte. Erikas Blick richtete sich wieder auf den heiligen Rauch. damit sie aus der Geist-Welt auf die Erde zurückkehren können. Er kommt als der erste aus der Kiva und geht durch das Dorf. sein Geschmack und sein Verstand ebenso spiegelten wie in seiner vorbildlichen Familie und seinem unvergleichlichen Anwesen.‹ Kojote war in die Kiva gegangen. sondern wahrscheinlich auch seinen eigenen Rekord gebrochen. »Zum ersten Mal in der Geschichte meiner Sippe wird Soyal nicht erscheinen. Steht der Weltuntergang wirklich bevor? Der Anruf kam aus dem Sinai. und seine Stimme klang wie das Rascheln gefallener Blätter. der nach dem Wettschwimmen mit seinen Schwiegersöhnen zufrieden aus dem Wasser stieg. 105 . Er hatte natürlich nicht nur gewonnen. Erika wollte eine Frage stellen. um die Ankunft der Kachinas zur bevorstehenden Wintersonnenwende vorzubereiten. daß sich in der jugendlichen Erscheinung sein Reichtum. Ihm gefiel die Vorstellung. Deshalb können auch die anderen Kachinas nicht aus den Kivas kommen und mein Volk segnen.Beginn der Kachina-Zeit anzukündigen. daß Soyal nicht mehr da war. Damit bereitet er den anderen Kachinas den Weg.

»Ja. Zu solchen Dingen ist kaum jemand aus ihrer Branche bereit. Stellen Sie zusammen. Der Teilnehmer meldete sich sofort. Ich möchte wissen. so fand Miles. Nachdem Zeke Bericht erstattet hatte. ihre Bekannten. besorgen Sie mir alles über eine Archäologin. Alexander nicht in der Nähe ist. daß Dr. war er nicht in der Stimmung. Havers?« »Teddy. zu seiner Familie zurückzukehren. In einem besonderen Raum befand sich eine kleine Schaltzentrale. Ich brauche die Informationen schnell!« Mit einem Knopfdruck schaltete er wieder zu Zeke zurück. Catherine Alexander. hinunter in sein persönliches unterirdisches Reich zu gehen. wo sie wohnt. befahl er ihm zu warten und wählte eine andere Nummer. »Nach meiner Meinung kann man mit dieser Archäologin kein Geschäft machen. sollte man den Erfolg auch ansehen. um später irgendwelche Aussagen machen zu können. die vor Erdbeben warnten. Freunde… alles. was Sie finden können. indirekt beleuchtet und gegen Störungen der Außenwelt schalldicht isoliert. Deshalb beschloß er. Er hatte sogar Sensoren einbauen lassen. Die Frau heißt Dr. wer ihre Kollegen sind. beschaffen Sie sich schnellstens die Schriftrollen und sorgen Sie dafür. und ein ausgeklügeltes Sicherheitssystem. in dem seine Schätze hinter Glas geschützt bei elektronisch gesteuerter gleichbleibender Temperatur und Luftfeuchtigkeit auf ihn warteten.Einem erfolgreichen Mann. Mr. Dort befand sich unter anderem ein Museum.« Nachdem Miles aufgelegt hatte. Von hier aus konnte er nicht nur das 106 . zu der nur er Zugang hatte. Vergessen Sie Hungerford. Das Untergeschoß war ganz in den beruhigenden Pastelltönen der Wüste gehalten.

die in letzter Zeit auf spirituellem Gebiet nach Antworten suchte. aber inzwischen schienen sie den Großteil seiner Sammlung auszumachen. Die Medien berichteten Tag für Tag über religiöse Wahnvorstellungen und unerklärbare religiöse Phänomene – MarienErscheinungen. in dem sein neuester Zugang aufbewahrt wurde. Das Grabtuch von Turin wurde in diesem Jahr öffentlich gezeigt. Miles ging zielstrebig durch das langgestreckte Museum zu einem Kabinett an der Stirnseite. einen unschätzbaren Wert erhielt. Die aus Pappelholz 107 . wußte von diesem Stück. die bislang geschlossen waren.Museum. daß ein Stück. Niemand. Miles mußte in diesem Zusammenhang an Erika denken. Sie war übrigens nicht die einzige. weil es ein religiöser Wahn war. Und Miles war besonders stolz darauf. daß die Augen des Gesichts auf dem Tuch. wenn es von religiöser Bedeutung war. die mit Zelten und Wohnwagen nach Stonehenge pilgerten. und die Besucherzahlen brachen alle Rekorde. das Gesicht Jesu auf dem Tor einer Garage. und das gefiel Miles. wie selten oder wie kostbar. die Tränen vergossen. nicht einmal Erika. Statuen. sondern das Anwesen und seine Produktionsstätten auf der ganzen Welt überwachen. In England mußte das Militär eingreifen. Im Grunde hatte sich Miles nicht von Anfang an mit religiösen Gegenständen beschäftigt. Die Menschen schienen das Unsichtbare sehr viel höher einzuschätzen als das Sichtbare. denn mit diesem Wahn ließen sich riesige Gewinne machen – vor allem deshalb. um die Menschenmassen unter Kontrolle zu bringen. Viele Menschen schworen. Er hatte festgestellt. um dort den Katastrophen zu entgehen. die mit der Jahrtausendwende erwartet wurden. gleichgültig wie alt. jetzt offenstanden. Die ganze Welt schien im Fieber zu liegen.

und aus dem geisterhaften Kopf ragte ein weißer Federbusch. Es war die Sonnenwend-Kachina. Soyal gehörte jetzt ihm. In der linken Hand trug sie eine Adlerfeder. Man sagte.geschnitzte Statuette war sechzig Zentimeter groß und gespenstisch weiß bemalt. 108 . diese Statuette sei die kostbarste und heiligste aller Pueblo-Kachinas. Miles betrachtete die Gestalt voller Ehrfurcht.

»Der Mann ist ihr Bruder«. Vielleicht hatte man den Toten schon gefunden… »Was ist denn hier los?« fragte er einen Zuschauer. Zeke sah nur wenige Weiße in der Menge. Aber das Schild war keine Garantie dafür. die wie üblich von Kopf bis Fuß schwarz verhüllt war. der Amerikaner zu sein schien.« Zeke musterte die Frau. sich einen Weg durch die Menschen zur anderen Seite zu bahnen. daß nicht doch jemand aus irgendeinem Grund das Zimmer früher betrat. Der Mann schrie auf die Frau ein. Zeke versuchte. Zeke entdeckte einen westlich gekleideten Ägypter. vielleicht auch ein paar Touristen. Die beiden Amerikaner sprangen aus dem Wagen und mischten sich unter die lärmenden Ägypter. Im Licht der Scheinwerfer sahen sie am Rand der Ausgrabungen eine aufgeregte Menschenmenge. Diese Verzögerung gefiel ihm nicht.Scharm el Scheich. der eine Beduinin mit sich zerrte. die sich heftig gegen 109 . Er fluchte leise. daß die Putzfrauen Hungerfords Leiche erst am nächsten Morgen in der Badewanne entdeckten. aber er kam nicht weit. sondern hielt den Leihwagen in der Nähe des Lagers an. erwiderte der Angesprochene. Im Hotel hatte er das Schild ›Bitte nicht stören‹ an die Zimmertür gehängt. um sicherzustellen. johlten oder auch drohend schimpften. Das waren vermutlich Leute aus dem Lager von Dr. Alexander. seine Schwester habe Schande über die Familie gebracht. »Er sagt. während die Umstehenden lachten. Golf von Akkaba »Was soll denn das bedeuten?« fragte Zekes Partner. Zeke gab keine Antwort. wo sich das Lager der Archäologin befand. die von den Hotels herübergekommen waren und das Spektakel eher unbeteiligt beobachteten.

Ohne ein Wort zu wechseln. Plötzlich drängte sich ein Weißer durch die Menge und erhob laut Einspruch gegen die brutale Behandlung der Frau. daß die Frau schwanger war. Sie sahen. Zeke startete den Motor und verfolgte die ›Geschwister‹ mit Vollgas. Das schwarze Gewand bauschte sich um ihren Leib und verhüllte alles. bis auf die Augen. 110 . während die anderen noch lauter schrien. Plötzlich stürzte die Frau zu Boden. Schließlich gelang es Zeke. Ein Teil der Leute stimmte ihm zu. Zeke ging eilig durch das Lager und erreichte das Zelt der Archäologin. Er wußte aber. Sein Partner war beinahe gleichzeitig zur Stelle. Zeke fragte sich. ob vielleicht auch Dr. daß die Menge nur Augen für die Familientragödie hatte. Ein Blick beruhigte ihn. Alexander unter den Zuschauern war. daß sie Nikes trug.ihren Bruder wehrte. an den Menschen vorbeizukommen. Als es ihr schließlich gelang. »Komm mit!« Die beiden liefen los. schien es ein Priester zu sein. Als sie mühsam wieder aufstand. verschwanden ihre Hände in den Jacken und umfaßten die Griffe ihrer Waffen. Zeke vergewisserte sich noch einmal. In dem Zelt brannte Licht. Nach seiner Kleidung zu urteilen. sich aus dem Griff des Mannes zu befreien. verrutschte das schwarze Gewand. die der schwangeren Frau und ihrem wütenden Bruder folgten. »Das geht Sie nichts an!« rief der Bruder der Frau. sah Zeke. Es dauerte nicht lange. Die Umstehenden johlten. wie der Ägypter die ›Beduinin‹ in einen Landrover zerrte und in einer Staubwolke davonraste. bis die beiden Amerikaner ihren Leihwagen erreicht hatten. »He!« rief Zeke und stieß seinen Partner an. Die Menge bewegte sich langsam weiter und entfernte sich vom Lager. und Zeke sah. Im Schein der wenigen Lampen konnte er nicht alle Gesichter sehen. wo sich ihr Zelt befand.

der an diesem Projekt beinahe ein Jahr gearbeitet hatte. staunte über das Erreichte. W. Sie würde begeistert sein.‹ Dann küßte er sie leidenschaftlich. Sogar Miles.Santa Fe. Die Idee dazu stammte aus der Zeit. mit einem PC und einer normalen Videokamera 111 . lächelte Miles zufrieden. damit jeder über das World Wide Web Zugriff hatte. als sein Konzern damit begonnen hatte. Als die Lichter in seinem privaten Filmtheater mit den dreißig dunkelroten Polstersesseln angingen. Die Leinwand wurde dunkel. Er digitalisierte sie in den alten Streifen und konnte die Stars durch Manipulation winziger Informations-Pixel in neuen Filmen ›einsetzen‹. deren Copyright verjährt war. und der rote Samtvorhang schloß sich geräuschlos. am Weihnachtsmorgen ihr Gesicht zu sehen. Es funktionierte besser als erwartet. und produzierte sie als brandneue CD-ROMs. Jeder würde künftig in der Lage sein. Es handelte sich um eine Software. C. Er konnte es kaum erwarten. Sie wurden reproduziert und ins Net eingespeist. New Mexico Humphrey Bogart nahm Erika Havers in die Arme. Dianuba Technologies sicherte sich die Rechte an Literatur und Filmen. Fields und zahllosen anderen. Miles spezialisierte sich auf die großen Filmstars der Vergangenheit und erwarb die Exklusivrechte an Rudolpho Valentino. Der Film war das Ergebnis seiner neuesten technischen Errungenschaft. die Digitalisierungsrechte berühmter Kunstwerke zu kaufen. blickte ihr tief in die Augen und sagte: ›Uns bleibt immer noch Paris. und Erika ahnte nichts. die dem Benutzer zum Bearbeiten von Filmen die raffiniertesten Spezialeffekte der Filmtechnologie zur Verfügung stellte.

sagte sie anschließend zu Miles: ›Wäre es nicht schön. war sogar dafür verantwortlich. Erika hatte ihm den Anstoß zu diesem Projekt gegeben. hatte die Welle ausgelöst und war mittlerweile ein Klassiker. Auch Erika achtete darauf. selbst mitspielen könnten? Ich würde mich so gern einmal als Elsa in Casablanca sehen!‹ Erikas Vorschläge fielen bei ihrem Mann immer auf fruchtbaren Boden. Er blickte auf die schneebedeckten Berge und den dunkelblauen Himmel. Ohne Erika. Aus der Entfernung wirkte sie ebenso jung und temperamentvoll wie ihre Kinder. mit dem eine Frau dem Mann ihrer Träume begegnen konnte. wäre er vermutlich immer noch ein ausgeflippter Hacker mit einem ausrangierten. Als sie Forrest Gump gesehen hatten. Eine ihrer Ideen. fit und gesund zu bleiben. veralteten Modem und keinem Penny 112 . Erika hatte gesagt: ›All diese aggressiven Computerspiele werden für Männer gemacht. Die Luft war kalt und klar. Miles verließ das Kino und ging durch einen der verglasten Innenhöfe.einen Film mit einem berühmten Star als Partner zu produzieren. wenn wir in jedem Film.‹ Inzwischen gab es unzählige Imitationen. was für ein glücklicher Mann er war. daran gab es für Miles keinen Zweifel. über die sie vor vier Jahren eher beiläufig gesprochen hatte. die die fächerartig angeordneten Flügel des großen Anwesens miteinander verbanden. der uns gefällt. Wieder einmal rief ihm der Anblick dieser bezaubernden Frau ins Bewußtsein. Er sah Erika auf dem Tennisplatz. Sie spielte mit ihren Töchtern ein Doppel. aber Butterfly. daß Miles mit seiner Gesellschaft zum weltweit führenden Software-Hersteller geworden war. ideal zum Joggen. Warum gibt es eigentlich keine Computerspiele für Frauen? Ich denke da an Liebesgeschichten. ein interaktives Computerspiel auf CD-ROM.

Ahnte er womöglich. er liebte sie nicht nur. Selbst nach all den vielen Jahre liebte er sie. aber er mißtraute dem alten Indianer. Als sich Miles gerade umdrehen wollte. Inzwischen schien er hier im Haus zu wohnen. Als Miles den Fahrstuhl erreicht hatte. spanisch beeinflußten Stil. wo er mit den Bergen auf einer Höhe zu sein schien. Das Turmzimmer unter den Zinnen hatte Fenster nach allen Himmelsrichtungen und war in den Tönen Goldgelb und Burgunderrot gehalten und sparsam mit wenigen Designermöbeln eingerichtet. ihr den Mond zu schenken. Sollte sie ihn bitten. das war unmöglich! Der Schamane kam nur wegen Erika ins Haus. Hierher. Wenn ich diese Frau verlieren sollte… Er schüttelte unwillig den Kopf. sah er aus dem Augenwinkel den Schamanen am Rand des Tennisplatzes. ›Kojote‹ genannt zu werden. an den höchsten Punkt im ganzen Haus. zog sich Miles zum Entspannen und Nachdenken zurück. Das heißt.in der Tasche gewesen. daß Erika ihn zum Bleiben aufgefordert hatte. ihr den Mond in Silberpapier verpackt zu überreichen. daß sich seine wertvolle SonnenwendKachina in dem unterirdischen Museum befand? Aber wie sollte der Alte das herausgefunden haben? Nein. er war noch immer in sie verliebt. würde es ihm irgendwie gelingen. Zwei Dinge beschäftigten ihn an diesem 113 . Sein Büro unterschied sich damit von dem für Santa Fe typischen. ließ er die Familie hinter sich und zog sich in sein abgeschirmtes Büro zurück – ein runder Turm an der Ostseite des Anwesens. Es hatte indirekte Beleuchtung und einen weichen dunkelblauen Seidenteppich. Miles blickte noch einmal zu seiner Frau hinüber. Mit solchen Gedanken durfte er sich nicht belasten. Luke Pineda legte großen Wert darauf. Miles wußte.

Nichts würde ihn daran hindern. Auch diesmal würde er schließlich der Sieger sein. Sollen sie es doch versuchen. Damals waren viele Schätze wieder aufgetaucht. bittersüßen Geschmack in seiner Kehle. Sein bester und erfahrenster Berater machte ihn darauf aufmerksam. Vor dem Justizministerium hatte er keine Angst. genau zwei Wochen vor der Jahreswende: Zekes Auftrag auf dem Sinai und die Aktennotiz seines Anwalts zu dem geplanten Kauf des letzten Software-Herstellers in Privatbesitz für eine Milliarde Dollar. Er erinnerte sich an eine herbe Niederlage. und sein Lächeln verschwand. Er genehmigte sich einen Drink. Er leerte sein Glas. Miles lächelte spöttisch. empörter Aufschrei war die Folge. führte er die betreffende Sache auch zum Erfolg. Miles hatte von den Tagebüchern kurz nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erfahren. die seit dem Zweiten Weltkrieg als verloren gegolten hatten. den Kauf dieses Unternehmens zu verhindern. daß am Ende nur Erfolg und Macht zählten. denn er wußte. Forscher und 114 . Bald. wurde die Sache bekannt. aber das lag nicht an dem scharfen. Wann immer er sich etwas in den Kopf setzte. Er erwarb die Tagebücher des polnischen Astronomen aus dem sechzehnten Jahrhundert zum stattlichen Preis von dreißig Millionen Dollar für seine Privatsammlung.Dezembermorgen. daß das Justizministerium beabsichtige. Ein vertrauenswürdiger Vermittler hatte für Miles ein Geheimabkommen mit den Russen eingefädelt. Lautlos öffnete sich die Tür der Bar. Wissenschaftler. dachte Miles und drückte auf einen Knopf. und ein weltweiter. Und er besaß beides. nachdem sich die Tagebücher in seinem Besitz befanden. Die Kopernikus-Tagebücher. Natürlich gefiel das der Konkurrenz und der Regierung nicht. die absolute Kontrolle über die Software-Industrie zu erreichen.

Ein Lichtsignal machte ihn darauf aufmerksam.Bürger erhoben Einspruch und erklärten. Das entsprach der Wahrheit. Deshalb ließ er erklären. den Software-Markt zu monopolisieren. daß jemand vor der Tür stand. aber nachdem sie in so viele andere Hände gelangt und der Öffentlichkeit zugänglich waren. sah er. die Sie angefordert haben. es sei von Anfang an seine Absicht gewesen. Er drückte einen Knopf. Mr. Havers. auf der nichts außer einer leuchtendgelben Orchidee stand. kam herein. Die Tagebücher befanden sich mittlerweile als Leihgabe in der Universität von Warschau. Seine Gedanken richteten sich auf die Aktennotiz. darunter sogar Unterlagen des FBI. hatte Miles das Interesse daran verloren. die er zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte. aber er mußte an seinen Ruf denken. Ein schlanker Asiate mit zwei Ringen in einem Ohr und schwarzen Haaren. daß Teddy Yamaguchi beachtlich viele Informationen zusammengetragen hatte.« Es war eine dicke Akte. aber er würde es natürlich leugnen. Der junge Mann hatte sein Examen zwar in 115 . »Hier sind die Unterlagen. und die Tür öffnete sich. Praktisch waren sie noch sein Eigentum. die Tagebücher der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. der ihm bis zur Hüfte reichte. und als Miles darin blätterte. Miles wollte nicht auf die Tagebücher verzichten. Das Justizministerium warf ihm vor. dieses einzigartige Dokument der Vergangenheit sei Eigentum der ganzen Menschheit. Er füllte ein Glas mit Wasser und trank es langsam. wie um sich von dem unangenehmen Geschmack seiner Erinnerungen zu befreien. Er legte einen Aktenordner auf die große schwarze Granitplatte des kreisrunden Schreibtischs.

Catherine Alexander – angefangen bei dem Krankenhaus. Es folgten Catherines Jugendjahre mit Kinderkrankheiten. Er hörte die Antwort und nickte. und Angaben über die Narkose. dem Namen der Ärztin. Zeke war am Apparat. es gebe kein einziges Byte Information auf der ganzen Welt. wenn es nicht unbedingt notwendig ist. aber sie ist nicht mein Typ. daß wir etwas von den Schriftrollen wissen. dem Datum ihrer ersten Kommunion. Mein Händler in Kairo hat mir versichert. das Teddy nicht beschaffen konnte. fragte Miles. Miles entließ Teddy und griff erst nach dem Hörer.Biochemie gemacht und war ein meisterhafter Segler. 116 . Eine Jugendliebe? überlegte Miles. in dem sie geboren worden war. diese Alexander ahnt nicht. Die Alexander ist eine schöne Frau. Miles Havers hatte manchmal den Eindruck. man wird dafür sorgen. die Verfolgung abzubrechen. die sie zur Welt gebracht. das sich Teddy über UPI hatte einspielen lassen. daß er außer mir niemanden von Hungerfords Anruf informiert hat. Ich vermute. Wir wollen natürlich nicht in Erscheinung treten. aber die eigentliche Leidenschaft des Achtundzwanzigjährigen waren Computer. Das verschafft uns einen Vorteil. als sich die Tür hinter dem jungen Mann geschlossen hatte. wohin ihre arabischen Freunde sie bringen. dachte Miles. »Was wollen Sie damit sagen: Sie ist geflohen…«. In der Spalte ›Freunde‹ stand Daniel Stevenson an erster Stelle. die Berichte der Nonnen aus ihrer Zeit in der katholischen Schule. Die Akte enthielt alle Informationen über Dr. Sein Telefon läutete. Ganz gleich. aber er hatte keine guten Nachrichten. daß Sie das Versteck nicht finden werden. die ihre Mutter bei der Entbindung erhalten hatte. »Es war richtig.« Miles blickte auf das Photo in der Akte.

ohne jemanden einzuweihen. Außerdem lag in ihren Augen etwas Herausforderndes. »ich werde Ihnen die Unterlagen über Dr. Aber was? Was konnte eine Frau wie sie dazu bringen. Vielleicht lag das an ihrem Blick. er habe gehört. Die katholische Kirche hatte ihre Bücher zensiert und ihr verboten. Maria Magdalena… »Zeke«. Nina Alexander. kann das nur bedeuten. Miles entdeckte in dem Ordner einen Vermerk über ihre Mutter. Aha. wie sie jemandem gesagt hat. daß sie eine weltweite Verurteilung ihrer wissenschaftlichen Kollegen in Kauf nahm. möglicherweise sogar eine Verhaftung durch die ägyptischen Behörden und einen Aufenthalt im Gefängnis? »Hungerford hat uns berichtet. Alexander faxen. Miles überlegte. wenn sie Scharm el Scheich in Verkleidung verlassen hat. keine Verwandten und nur wenige gute Freunde hatte. sagte Zeke. habe er ein Papyrus-Fragment und einen Korb beschlagnahmt. Zeke berichtete.Das leicht gereckte Kinn verriet einen starken Willen. sagte er. ihre Karriere aufs Spiel zu setzen? Was konnte so wichtig sein. dachte Miles. aber keine Schriftrollen. weiterhin ihre Theorie über Maria Magdalena zu veröffentlichen. daß ein Beamter der ägyptischen Behörde am Grabungsort erschienen sei. der jeden Außenstehenden davor zu warnen schien. daß sie eine Einzelgängerin war. die Schriftrollen seien sehr alt…«. daß sie etwas aus dem Lager geschmuggelt hat. Vermutlich befindet sie sich bereits auf dem Rückflug in die USA. Alexander verschwunden war. an denen sie eintreffen 117 . daß Dr. was sie in diese Außenseiterrolle gebracht haben mochte. Ich möchte. Dr. Beim Überfliegen der Daten des FBI hatte Miles gesehen. Als der Mann feststellte. daß Sie alle Flughäfen überwachen lassen. Sie war auch nicht verheiratet. ihr zu nahe zu treten.

Dann ließ er sich wieder zum Schreibtisch zurückdrehen und sagte gefährlich ruhig in den Hörer: »Wir werden sie finden. wo sich ihr Freund. aber Sie müssen diese Frau unbedingt finden. wie Sie es anstellen. daß Erika mit den Kindern vom Tennisplatz zurückkam.kann. Er sah.« 118 . Er ist ebenfalls Archäologe. Aber das nächste Mal dürfen Sie die Frau auf keinen Fall entkommen lassen. Stellen Sie außerdem fest. im Augenblick befindet.« Miles ließ sich von seinem elektronisch gesteuerten Massagesessel um fünfundvierzig Grad drehen und blickte aus dem Fenster. Zeke. und er lächelte bei dem fröhlichen Anblick zufrieden. ein gewisser Daniel Stevenson. Vielleicht ist er außer Landes. Mir ist es gleich.

DER DRITTE TAG 119 .

um zur Jahrtausendwende zu den Pyramiden zu pilgern. Seufzend warf sie einen Blick durch die großen Fensterscheiben auf den dunklen Abend. Sie hoffte. Kennedy-Airport. 120 . was Dezember in New York bedeutete. und einige Reisende konnten unbehelligt passieren. Die anderen Fluggäste schoben sich ungeduldig an Catherine vorbei. der etwas großzügiger war als seine Kollegen. aber sie mußte weder den Koffer noch die Reisetasche öffnen. und sich in diese Schlange stellen. Sie war nicht auf Schnee vorbereitet. Es schneite. Der Flughafen von Kairo glich einem Irrenhaus. einen zu finden. daß die amerikanischen Zollbeamten die Koffer der Einreisenden durchsuchten. Sie ließen allerdings nicht jedes Gepäckstück öffnen. Wenn sie den Zoll hinter sich hatte. Die Schriftrollen befanden sich jetzt in ihrem Besitz. da Menschen aus aller Welt in das Land strömten. Catherine zögerte und ließ die Beamten nicht aus dem Auge. New York Catherine musterte unauffällig die Zollbeamten. 16. denn sie wollten die mühsame Zollabfertigung nach dem langen Flug so schnell wie möglich hinter sich bringen. Man hatte Catherines Gepäck wie üblich mit Röntgenstrahlen nach Waffen untersucht.Donnerstag. Mit Unbehagen stellte sie fest. war es geschafft. Fast alle Sicherheitskräfte waren deshalb auf die Einreisenden konzentriert. Der Abflug aus Ägypten hatte sich einfacher erwiesen als erwartet. aber sie hatte vergessen. Der Winter auf dem Sinai konnte zwar kalt sein. Dezember 1999 John F. die Abreisenden dagegen durften ohne größere Formalitäten das Land verlassen.

Als ihnen im Lager der Priester den Weg versperrte. Daniel als ›schwangere Beduinin‹ zu verkleiden. Samir spielte den erzürnten ›Bruder‹. wie ein Beamter sogar das Futter eines Koffers auftrennte. Catherine fühlte sich zerschlagen. Nein. Wie hoch ist eigentlich die Strafe für das illegale Einführen von Grabungsfunden. wenn sie den Zoll passiert hatte… Der Beamte vor ihr ließ eine vierköpfige Familie nicht nur die Koffer öffnen. hatte sie Samir zu Hilfe gerufen. Warum waren die Beamten bei der Abfertigung des Gepäcks so gewissenhaft? Suchten sie etwas Bestimmtes? Hatte man Angst vor Terroristen? Ihr Flug kam schließlich aus dem Nahen Osten… Bis jetzt war alles glattgegangen. Catherine hatte die Schriftrollen gut versteckt. Die Familientragödie hatte tatsächlich für die notwendige Ablenkung gesorgt. Immerhin atmete sie auf. 121 . die Bedauernswerten mußten auch alle Geschenke auspacken. bezweifelte sie. fragte sie sich plötzlich besorgt. aufgeregte Besucher mit Weihnachtsgeschenken und weinenden Kindern – hörte sie aus den Lautsprechern die süßlichen Klänge von ›Stille Nacht…‹ Sie hatte bei all den Aufregungen der letzten Tage völlig vergessen. als sie endlich wieder auf amerikanischem Boden stand. Sie war bestimmt vierundzwanzig Stunden unterwegs gewesen. Es war seine Idee gewesen. aber als sie sah. von dort nach Amman. und schließlich der Direktflug nach New York. ihren Schatz gut genug getarnt zu haben. zu diesem Zöllner würde sie bestimmt nicht gehen. Ihr Herz begann zu klopfen.Über das Stimmengewirr der zahllosen Menschen hinweg – gereizte Touristen. Jordanien. obwohl sie erst dann am Ziel war. Es war eine mühsame Reise gewesen: Zuerst mit einer kleinen DC-3 von Scharm el Scheich nach Kairo. daß Weihnachten bevorstand.

Der freundliche alte Herr würde alle Post an ihre Adresse in den USA weiterleiten. Catherine sei wegen einer dringenden Familienangelegenheit abgereist.Catherine hatte Samir jedoch nicht die Wahrheit erzählt. Sie hoffte. daß Daniel dort einen anderen Flug nahm. Um die Beamten aus Kairo zu täuschen. Sie wollten unter keinen Umständen Ägypten gemeinsam verlassen. denn bei diesem Abenteuer mußten sie auf alles gefaßt seih. hatte sie die Schriftrollen photographiert und die Filme an Ort und Stelle entwickelt. Samir zeigte größtes Verständnis und fuhr mit Daniel anschließend nach Kairo. Jetzt galt es. wie sie es bei Ausgrabungen immer tat. alle Spuren sorgfältig zu verwischen. Es war eine Vorsichtsmaßnahme. Daniel nahm das Photomaterial in sein Handgepäck. daß die überstürzte Abreise auf Außenstehende möglichst normal wirkte. Ein älterer rothaariger Mann schien zu Frauen etwas freundlicher zu sein… 122 . und auch den Korb. Während Catherine auf Daniels Ankunft aus Mexiko wartete. Noch einmal musterte sie die Zollbeamten und versuchte. der sich an ihr und Daniel rächen wolle. hatte Catherine das Jesus-Fragment zurückgelassen. hatte Daniel wenigstens die Photos. Mylonas im Hotel Isis ausrichten. Bei der Durchsuchung ihres Zelts würde man genau das finden. sondern eine Geschichte von einem eifersüchtigen Liebhaber erfunden. Sie hatten verabredet. den sie mit Steinen gefüllt und wieder in das Leinengewebe eingepackt hatte. was alle Zeugen gesehen hatten – einen Korb und ein Papyrus-Fragment. denn falls Catherine oder den Schriftrollen etwas zustoßen sollte. welcher sie ohne Gepäckkontrolle abfertigen würde. intuitiv herauszufinden. Samir wollte dem hilfsbereiten Mr.

als sie ihn weinend in der Waschküche entdeckt und ihn getröstet hatte. als sie glaubte. Sie verabschiedeten die Reisenden nicht mehr mit ›Frohe Weihnachten‹ aber das Gepäck untersuchten sie noch immer.Catherine erinnerte sich mit leichtem Schaudern an den einen entsetzlichen Augenblick auf der Flucht. sich in einen Familienstreit von Arabern einzumischen! Das hätte böse Folgen für ihn haben können. um die arme »mißhandelte Frau« vor dem Zorn ihres »Bruders« zu schützen. Irgendwie erinnerte sie der Priester in seiner Art. Es gehörte Mut dazu. Um sich abzulenken. dachte sie an Garibaldi. der Priester. hatte sich zum Wortführer der Zuschauer gemacht. Sie hatte Angst. an Daniel. Er verriet ihr auch später nie den Grund für seine Tränen. Catherine entschied sich schließlich für den Rothaarigen und stellte sich mit ihren beiden Gepäckstücken an. und man würde sie auf das schärfste dafür verurteilen. in Handschellen abgeführt zu werden. Sie schob den Koffer und die Reisetasche mit den Knien vorwärts und näherte sich langsam dem Zollbeamten. er habe beschlossen. Es war bereits alles in die Wege geleitet. Kurz darauf erklärte er. Sein Vorgehen hatte sie wider Willen beeindruckt. Ihr Bild würde in den Zeitungen erscheinen. kein Priester zu werden. aber dann änderte er seine Pläne ohne eine Erklärung von einem Tag auf den anderen. Die Schlangen vor den Zollbeamten wurden kürzer. Seine Kollegen rechts und links wirkten müde. alles sei verloren. für die Schwachen einzutreten. Catherines Nerven waren inzwischen bis zum Zerreißen gespannt. Das war damals. daß sie einen der obersten Grundsätze der Wissenschaft und ihres 123 . Garibaldi. Bei dem Handgemenge wäre Daniels Verkleidung beinahe entdeckt worden. Daniel hatte früher einmal Priester werden wollen.

Catherine 124 . Ohne Zögern öffnete sie den Koffer und die große Reisetasche. Catherines Hoffnungen stiegen. Pottery Of The Late Bronze Age – und bedeutete ihr mit einer knappen Geste.Berufs mißachtet hatte. und sie mußte immer wieder an die geheimnisvollen Worte denken. deren Worte das ganze Christentum grundlegend verändern würden? Der Zollbeamte ließ das ältere Ehepaar vor Catherine durchgehen. Sie reichte es dem Beamten und schlug es hilfsbereit auf. Dort wartete die Freiheit… »Bitte öffnen Sie den Koffer!« Catherine bekam einen trockenen Mund. Krankheiten bei ägyptischen Mumien. das weder im Neuen Testament noch im Alten stand? War Sabina die Prophetin. Die Schriftrollen befanden sich im Koffer. Der Beamte blickte fragend auf die Bücher. im Koffer die wesentlichen Dinge. Catherine nahm schnell eines heraus. Aber sie waren ihr auf der ganzen Reise gegenwärtig gewesen. den Koffer zu schließen. warf noch einen flüchtigen Blick auf ein anderes – Handbook Of Feld Archaeology. die sie für ihre Arbeit benutzte – vor allem Bücher. In der Reisetasche befanden sich ihre persönlichen Dinge und schmutzige Wäsche. ohne die Koffer zu überprüfen. Darunter auch die Schriftrollen. Amelia… Diakonos… Jesus… das Ende der Welt… War Sabina Jesus persönlich begegnet? Hatte sie von ihm etwas erfahren. Sie blickte sehnsüchtig auf den Ausgang hinter dem Zoll. nach außen die Ruhe zu bewahren. Als der Mann die Photos der Skelette und Schädel sah – für ihn Bilder aus einem Horrorfilm -. gab er ihr das Buch schnell zurück. obwohl ihr das Herz bis zum Hals schlug. Sie versuchte. den sie auf dem Flug aufgegeben hatte. Sie hatte das Buch in Kairo gefunden und für Julius gekauft.

um den Anschlußflug nach Los Angeles zu erreichen. hinter denen die überfüllten Zubringerbusse die Reisenden durch die verschneite Nacht zu den anderen Terminals brachten.« 125 . Aber als sie an die Glastüren kam. es sei ein Buch mit vergilbten Seiten. Der Boden unter ihren Füßen schien leicht zu schwanken. Beim Einpacken vor der Flucht entschloß sie sich. Der Umschlag paßte genau. Die Anspannung war zu groß gewesen. Gesicht und Hände zu waschen. daß die Schriftrollen die lange Reise unversehrt überstehen und auch bei einer Zollkontrolle nicht weiter auffallen würden. Bei flüchtigem Hinsehen konnte man glauben. Auf dem Umschlag sah man einen Totenschädel. noch mehr von ihrem Gepäck zu sehen. Hinter der Zollabfertigung wankte sie zur nächsten Damentoilette und klammerte sich an ein Waschbecken. die er Catherine stolz nach Ägypten geschickt hatte. Catherine nahm sich Zeit. Sie hatte jedoch noch keine Zeit gehabt. Genau das hatte Catherine gehofft. das Buch zu lesen. den Umschlag als Tarnung für die Schriftrollen zu benutzen. Der Autor des Buches war Julius Voss. Weitere Informationen erteilt Ihnen Ihre zuständige Fluggesellschaft. Es war seine neueste Veröffentlichung. »Achtung! Achtung! Wir bitten um Ihre Aufmerksamkeit! Infolge des Schneesturms werden alle Flüge vorübergehend eingestellt. Jedenfalls war so sichergestellt. hörte sie über die Lautsprecher eine Meldung.schloß schnell Tasche und Koffer und eilte weiter. der den Betrachter anzugrinsen schien. Bei diesem Anblick hatte der Zollbeamte darauf verzichtet. Sie entfernte alle Seiten eines alten botanischen Handbuchs und legte die sechs Papyri zwischen die Buchdeckel. aber ihre Strategie hatte sich als erfolgreich erwiesen. Unter dem Buch mit den Skeletten lag ein Buch mit dem Titel Die Leiche im Moor. bevor sie den Gepäckwagen durch die Tür schob.

« Miles blickte auf die Uhr. Vor zwei Stunden ist sie angekommen. 126 . »Sie hat Kairo in Richtung Amman verlassen und ist von dort nach New York geflogen.Santa Fé. Havers!« Miles stellte den Lautsprecher des Sprechgeräts sofort lauter. Dann wählte er eine andere Nummer. »Wo ist sie?« Teddy Yamaguchi hatte sich aus dem großen ComputerZentrum des Anwesens gemeldet. das bedeutete Mitternacht an der Ostküste. New Mexico »Ich habe sie gefunden. Alexander muß also entweder im Flughafen warten oder sie verbringt die Nacht in einem der Flughafenhotels. Mr. Dr. »Ist sie bereits auf dem Weg nach Kalifornien?« »Wegen eines Schneesturms sind alle Flüge storniert worden. Es war neun Uhr abends. das sich neben dem unterirdischen Museum befand.« Miles nickte stumm und beendete mit einem Knopfdruck das Gespräch.

DER VIERTE TAG 127 .

sobald der Schneesturm vorüber war. Julius liebte Regen. Dahinter wogte das stürmische graue Meer. Er konnte sich einfach nicht konzentrieren. und es gab für sie nichts Schöneres. Es erschien ihm wie ein Wunder. daß sie es sich anders überlegt hatte und über die Feiertage doch nach Kalifornien zurückkam. aber es gab schließlich noch Weihnachten und Silvester. Seit Catherines Anruf am späten Abend und der überraschenden Nachricht. aber um Catherines willen wäre ihm Sonnenschein im Augenblick lieber gewesen. daß er den Tod nicht kommen sah. Das wäre ihm 128 . Dezember 1999 Malibu. mit ihm allein hier in seinem Strandhaus zu bleiben. Er verließ seinen Platz am Schreibtisch. auf dem sich wie immer die Arbeit häufte. konnte er nur noch daran denken. daß sie sich bereits in New York befand und nach Kalifornien kommen wollte. Vielleicht würde Catherine aber vorziehen. als in der Brandung zu schwimmen. Es half alles nichts. Die Beschaffenheit des Körpers macht jedoch eine genaue Bestimmung der Todesursache nicht möglich. und es fanden alle möglichen Veranstaltungen statt. sie war gern am Strand. und trat zur Glastür. 17.« Julius hielt das Diktiergerät an. Das Chanukkah-Fest war zwar vorüber.Freitag. Draußen peitschte der Regen auf die Terrasse. Wieder einmal jagte ein Sturm über Malibu hinweg. Aus Anlaß der Jahrtausendwende wurde auch in Malibu überall gefeiert. Er wußte. daß er sie wiedersehen würde. Kalifornien »Der Gesichtsausdruck läßt darauf schließen.

ebenso sein Großvater und sein Urgroßvater. Er wußte einfach. ihn zu heiraten? Bei ihrem Telefongespräch vor einer Woche schien dieses Thema bereits entschieden zu sein. Durfte er sich Hoffnungen machen. daß ihm die Berufung fehlte und er nicht die Gabe besaß. sie habe wundervolle Neuigkeiten. seine Patienten zu heilen. Was hatte sie ihm noch sagen wollen? Wie auch immer. Diesmal. Warum hatte sie ihre Grabungsarbeiten von einem Tag auf den anderen unterbrochen? Ihn wunderte auch. Nach dem Examen hatte er eine Praxis eröffnet. »Es gibt einfach zu viel…« Dann war die Verbindung abgerissen.am liebsten… Und doch verstand er ihren plötzlichen Entschluß nicht. Ihn hatte schon immer das Altertum interessiert. hatte sie über das Knacken und Rauschen in der Leitung aus dem Sinai hinweg gesagt. daß sie füreinander geschaffen waren. »Ich kann dich nicht heiraten. daß sie erst aus New York angerufen hatte und nicht schon aus Ägypten. Sein Vater war Arzt gewesen. daß er nicht wirklich glücklich war. weil das der Familientradition entsprach. Vielleicht wollte sie ihn überraschen. Er sehnte sich nach dem stillen Leben eines Wissenschaftlers. daß sie doch beschlossen hatte. Nach einem Jahr mußte er sich eingestehen. Ganz anders als die Beziehung mit Rachel. Julius würde nicht aufgeben. Er hatte sogar schon die Eheringe gekauft. würde seine Ehe besser laufen. Julius«. Sie hatte am Telefon glücklich und aufgeregt geklungen und nur gesagt. so hatte er sich vorgenommen. Die Lösung lag auf der Hand. aber bald festgestellt. und er hatte sich bereits an der Universität mit Ägyptologie und Paläontologie beschäftigt. Julius hatte Medizin studiert. Er nutzte sein medizinisches Wissen und machte die 129 .

Er blickte auf die Uhr. Cathy wollte es ihm natürlich persönlich sagen. Wenn sich die hohen Wellen am Strand brachen. Hin und wieder nahm er sie sogar zu archäologischen Ausgrabungen mit. wie sein Haus vibrierte. daß er jemals eine Frau finden werde. sein Eheversprechen gebrochen Rachel war inzwischen mit einem Schönheitschirurgen verheiratet. als er sich vorstellte. Dann lernte er Catherine kennen. Nach der Scheidung von Rachel dachte Julius. Julius traf sich mit seinen beiden heranwachsenden Kindern an den Wochenenden und in den Ferien. Außerdem war sie sehr attraktiv. Der Sturm ließ nicht nach. Es hatte den Anschein. bei der Eheschließung sei sie in dem Glauben gewesen. um seinen Heiratsantrag doch anzunehmen. der viermal soviel verdiente wie Julius. Die Erforschung von Krankheiten des Altertums war eine neue Sparte. und 130 . spürte Julius. Diese Frau verstand sehr gut. er werde nie wieder heiraten. als wollte der Wind die kleinen Häuser entlang der Küste davonfegen. Er zweifelte sogar daran. Alle waren glücklich. die beruflich ähnliche Ziele wie er verfolgte. daß man über einen Knochenfund oder beim Anblick eines versteinerten Blatts in Begeisterung geraten konnte. Rachel reichte danach die Scheidung ein. einen Arzt zu heiraten. mehrere tausend Jahre alte Skelette zu erforschen. die seine außergewöhnlichen Interessen teilen konnte und damit einverstanden wäre. Julius habe mit seinem Entschluß. sie sei gekommen. Nur das kann der Grund für die überraschende Heimreise sein. Sie erklärte. dachte er. Hier gab es noch viel wissenschaftliches Neuland. Manchmal glaubte Julius zu träumen – wie jetzt. daß er ganze Nächte im Institut verbrachte oder sich längere Zeit bei Ausgrabungen im Ausland aufhielt.Paläopathologie zu seinem Spezialgebiet.

daß sie einmal eine gläubige Katholikin gewesen war. Langsam fügte sich alles bestens. Im Radio hatte man vor Schlammlawinen auf der Küstenstraße gewarnt. Julius wußte. dann hätte sie inzwischen bestimmt wieder angerufen… Er konnte seiner Aufregung kaum noch Herr werden und ging zur Haustür. Er hatte die Hoffnung. dann konnte sie seinetwegen auch wieder Katholikin werden. daß sie durch ihn den Glauben an Gott wiederfinden würde. Du mußt aber nicht zum Flughafen kommen. ich müßte um halb eins in Los Angeles eintreffen. machte ihn unruhig. Sie hätte eigentlich längst dasein müssen. Er hatte vor nicht langer Zeit selbst 131 . Dann war sein Glück vollkommen. Auch er hatte Neuigkeiten für sie.dann konnten sie gemeinsam feiern. um nach ihr Ausschau zu halten. wo die Uhr stand. Sie mußte nur noch kommen. daß wir beide in diesem Sturm auf der Straße sind.‹ Inzwischen war es beinahe drei Uhr nachmittags. das bedeutet. daß der Flugverkehr am frühen Morgen wieder aufgenommen werden kann‹. Es mußte ihm nur noch gelingen. Der Zeitpunkt ihrer Rückkehr war gut gewählt. Julius. Es ergibt keinen Sinn. Der Champagner lag bereits im Kühlschrank. Wenn es nicht das Judentum war. hatte sie ihm am Abend zuvor gesagt. Ich nehme mir einen Leihwagen und fahre direkt zu dir. Catherine zum Judentum zu bekehren. War die Straße blockiert? Oder wartete sie noch immer in New York auf einen Flug? Nein. ›Ich bin auf der Zehn-Uhr-Maschine gebucht. Julius drehte dem Sturm den Rücken zu und ging ins Wohnzimmer. Ein Blick zum Kaminsims. Wo bleibt sie nur? ›Man hofft.

der zur Auffahrt führte. 132 . würde sich vieles in seinem und auch in ihrem Leben ändern… Catherine erreichte endlich das verwitterte Holzhaus am Strand. der sich in ihre Gefühle hineinversetzen und ihre Zielsetzungen teilen konnte. Endlich war die Straße einen Augenblick lang frei. sondern hierbleiben und in aller Ruhe die Schriftrollen übersetzen. Aber die Sache mit den Schriftrollen mußte sie ihm persönlich sagen. Julius hatte sie bereits gesehen. Sie zweifelte nicht daran. Während sie auf eine Lücke im dichten Gegenverkehr wartete. freute sie sich. Als sie sich dem Haus näherte und der laute Verkehr hinter ihr zurückblieb. daß die Haustür offenstand. Außerdem wollte sie seine Reaktion sehen. Julius war neben Danno schließlich der einzige Mensch. und ihr war nicht ganz wohl bei dem Gedanken. daß es über eine Million Dollar wert war. daß er ihre Freude teilen würde.einen geistigen Durchbruch erlebt und wollte seine spirituellen Erfahrungen mit ihr teilen. der sicher schon auf sie wartete. als sie ihn aus New York angerufen hatte. Julius nichts von den sich überstürzenden Ereignissen zu sagen. Sie wollte nicht in ihre Eigentumswohnung in Santa Monica zurückkehren. Wie die meisten Häuser in dieser Gegend von Malibu wirkte es unauffällig und schlicht. Sie bog schnell in den schmalen Weg ein. Die Geranien auf der Terrasse waren im strömenden Regen kaum zu sehen. wenn sie ihm die alten Papyri zeigte. Niemand ahnte. Es war ihr schwergefallen. Bei dem Gedanken an Julius. sah sie. blickte sie auf das bescheidene kleine Strandhaus. Jetzt würde die Stunde der Wahrheit kommen. Wenn sie erst verheiratet waren und mehr Zeit miteinander verbrachten.

daß er wirklich vor ihr stand. Catherine fühlte sich in seiner Nähe geborgen.»Catherine!« rief er und lief ihr durch den strömenden Regen entgegen.« Als Catherine das gemütliche Wohnzimmer betrat. Dr. du hast es geschafft!« Er hielt ihr die Wagentür auf und schloß sie in die Arme. die Julius beide sehr verwöhnte. Seine pechschwarzen Haare reichten ihm bis in den Nacken. 133 . und er trug einen kurz geschnittenen Bart. die innere Kraft ausstrahlen. stillen Menschen. Er gehörte zu den ruhigen. erschienen zwei gutgenährte Katzen und strichen ihr schnurrend um die Beine. aber Catherine fand ihn unwiderstehlich. als er ins Zimmer trat und die Tür schloß. Julius war zweiundvierzig Jahre alt. denn auch sie spielte stets mit den beiden und streichelte sie. »Gott sei Dank. Vor zehn Wochen hatten sie sich zum letzten Mal gesehen. Julius Voss war der Leiter des angesehenen Freers Instituts in West Los Angeles und sah unbestreitbar sehr gut aus. Er war kein Sportler. wieder bei dir zu sein!« rief sie. eine Schildpattkatze und eine Mankatze. in dem sich das erste Grau zeigte. Es waren Radius und Ulna. Das Feuer im Kamin brennt. Sie erinnerten sich an Catherine. »Ach Julius. »Wir werden uns noch erkälten!« rief Catherine schließlich und rang nach Luft. die bequemen Mokassins und die immer griffbereite Meerschaumpfeife bei. Ich trage deine Sachen hinein. Für seinen langen leidenschaftlichen Kuß gab es keinen Sturm und keine Wolken. Dazu trugen auch der lässige Pullover mit den alten Lederflecken an den Ellbogen. Julius war ein angenehmer und unaufdringlicher Mann. es ist so schön. Sie musterte ihn lange und aufmerksam und konnte kaum glauben. »Komm schnell ins Haus.

»Nein. sagte er. umarmte sie zärtlich und strich ihr über die Haare.« 134 . Er meldete sich nicht. Catherine ließ ihn nicht los. sie war überhaupt nicht müde. Nein. Sie stand in der Küche. Sie lauschte auf den Regen und das leise Knistern des Feuers. Da der Schneesturm ihre Ankunft verzögert hatte.« In New York und auch nach der Ankunft in Los Angeles hatte Catherine mehrmals vergeblich versucht. »Setz dich ans Feuer«.Er lebte im Einklang mit sich selbst. Julius fragte: »Alles in Ordnung?« Sie runzelte die Stirn. während sie Daniels Nummer wählte. Ein Klavierkonzert von Mozart sorgte für Atmosphäre. Die Schriftrollen warteten und versprachen die Enthüllung uralter Geheimnisse und aufsehenerregender Erkenntnisse.« Er nahm ihr die Jacke ab und brachte sie hinaus. und die knisternden Flammen schlugen hoch. und auch deshalb liebte sie ihn. murmelte er. Erschöpfung und Müdigkeit schienen für alle Zeiten aus ihrem Leben verschwunden zu sein. Schließlich löste sie sich von ihm. Daniel müßte längst zu Hause sein. breitete er die Arme aus. und die beiden Katzen rieben schnurrend die Köpfe an ihren Beinen. dachte sie. Als er zurückkam. Aber bis jetzt hatte er sich nicht gemeldet. forschenden Augen aufgefallen. wenn auch mit einer anderen Maschine. »Du bist bestimmt müde«. War ihm vielleicht etwas zugestoßen? Catherine ging zurück ins Wohnzimmer. Er hatte Ägypten gleichzeitig mit ihr verlassen. Schon bei der ersten Begegnung waren Catherine seine dunklen. Daniel in Santa Barbara zu erreichen. Julius hatte Holz nachgelegt. Daniel werde vor ihr zu Hause sein. küßte ihn zärtlich auf den Mund und sagte: »Ich muß jemanden anrufen. ohne sich etwas beweisen zu müssen. »Du mußt dich erst einmal aufwärmen. sie drückte sich an ihn und legte den Kopf an seine Schulter.

Selbst das bunte Geschenkpapier hatte Julius noch nicht weggeräumt. Über dem Kamin hing ein in Holz geschnitzter Spruch: ›Mortui Vivos Docent – Die Toten lehren die Lebenden. Aber es gelang ihr nicht.‹ Aber dann sah sie noch etwas. ohne jedoch die Schriftrollen zu erwähnen. daß die Freude. Ihr Blick fiel auf einen neuen Gebetsschal mit Fransen.Er reichte ihr ein Glas Wein und bot ihr den großen bequemen Sessel vor dem Kamin an. wieder bei Julius zu sein. ein Geschenk seines Großvaters. Den habe ich für einen besonderen Anlaß aufgehoben. Die Anzeichen eines geordneten Lebens. der ihn Tag für Tag mit Krankheit und Tod konfrontierte. Es war vertraut und schön. aber die vertraute Menorah und die Dreidel. So. Hast du den Mirjam-Brunnen gefunden?« »Ja… vielleicht. nun erzähl mir alles und laß mich nicht länger im unklaren. und nach den Wochen in der Wüste empfand sie die lange entbehrte Umgebung als wahren Luxus. Sie wußte nur. Plötzlich erfaßte sie eine unbestimmte Unruhe. sowie das Buch der Makkabäer in Hebräisch und Englisch. die Julius seit seiner Kindheit besaß. Spielzeug für die Katzen lag auf dem Boden.« Sie erzählte ihm von den Ereignissen an dem schicksalhaften Morgen. Sie trank einen Schluck Wein und versuchte. überall hingen Familienphotos. schlagartig überschattet 135 . Dabei sah sie sich im Wohnzimmer um. dachte Catherine und lächelte. Julius schien in seinem Haus ganz bewußt ein Gegengewicht zu seinem Beruf zu schaffen. Das Chanukkah-Fest war seit sechs Tagen vorüber. »Das ist ein Cabernet Sauvignon. den Grund dafür zu finden. lagen alle noch auf einem Tisch. Julius hatte viele Pflanzen und ein Aquarium mit tropischen Fischen.

»Catherine«. Darauf war ich nicht vorbereitet. begann er mit belegter Stimme. der sehr gut ist. Catherine drängte das Gefühl zurück und sagte: »Julius. Aber mit dieser Stelle mußt du in Zukunft nicht immer bei Ausgrabungen sein. daß du auch Neuigkeiten hast. »Das weiß ich. Du wirst hier in Kalifornien leben und kannst mit mir zusammen etwas aufbauen.« Es war heraus. Die Arbeiten müssen nicht im Institut erledigt werden. wie lange ich über eine Lösung nachgedacht habe. Unser Paläograph hat gekündigt. dir im Institut eine Stelle zu verschaffen. Dann legte er den Schürhaken beiseite und setzte sich ihr gegenüber.« 136 . Geht es um das neue Projekt. fügte er schnell hinzu: »Ich kenne deine Einwände. »es ist mir gelungen. du kannst deine Grabungen in Scharm el Scheich fortführen. das man dir angeboten hat?« Er schob umständlich mit dem Schürhaken ein brennendes Stück Holz zurück. Er sah sie gespannt an und fragte: »Was sagst du dazu?« Noch ehe sie antworten konnte.« »Julius«. Die züngelnden Flammen spiegelten sich in seinen dunklen Augen.war. Nun. Wir können unser Leben gemeinsam nach unseren Wünschen gestalten. damit wir endlich heiraten können. flüsterte sie. Die Stelle ist großzügig dotiert und sicher. das zu weit nach vorne gerollt war. Aber keine Angst. und wir brauchen unbedingt jemanden. die es dir erlaubt hierzubleiben. was sagst du dazu?« »Das ist natürlich ein verführerisches Angebot…« »Du kannst dir nicht vorstellen.« Er lachte. Du kannst dir Photokopien der Manuskripte mit in den Sinai nehmen und dort in aller Ruhe daran arbeiten. »Das ist wirklich eine Überraschung. du hast gestern am Telefon angedeutet.

Dicke schwarze Wolken jagten über den Himmel. ich bin der Leiter des Instituts. Ich kann nicht einfach von heute auf morgen abreisen. Damit hätten wir endlich eine Möglichkeit. Ich glaube. 137 . datieren und identifizieren müssen.« »Catherine. gemeinsam bei einer Ausgrabung zu arbeiten und wären nicht getrennt. daß schließlich ausgesprochen worden war. Sie blickten sich stumm an und wußten. die nach der Sprengung herabgefallen sind. wie lange eine intensive Beziehung die Entfernung von über achttausend Meilen überleben kann. ich habe nicht die Absicht hierzubleiben. ich weiß wirklich nicht. Es wurde still im Zimmer. Ich habe auf dem Boden des Brunnens einen Schädel entdeckt.« »Und ich kann nicht bleiben«. Sie sahen so bedrohlich aus.« »Und was ist mit dem Heiraten?« Sie drehte sich um. »Catherine. erwiderte sie und setzte sich in den Sessel. erwiderte sie leise.Catherine stellte das Glas ab. aber ich muß mich auf meine Arbeit in Scharm el Scheich konzentrieren.« Sie stand auf und ging zur Glastür. der Rest des Skeletts ist unter den Steinen begraben. »Aber Julius. was sie beide seit zwei Jahren bewegte. Julius. wird der Abschied schwerer. »Die Stelle im Institut klingt wirklich interessant. Man wird das Skelett ausgraben. wenn wir uns trennen. das weißt du.« »Wir müssen uns nicht gleich wieder trennen«. Aber ich bin noch nicht zu einer Ehe bereit. »Ich habe dir noch nicht alles erzählt. Vergiß nicht.« Er schüttelte den Kopf. als wollten sie ganz Malibu verschlingen. Jedesmal. »Ich liebe dich. Ich kann nicht beides zugleich machen. ich habe vielleicht wirklich den Brunnen der Prophetin gefunden. Du kannst mit mir zurückfahren.

« Er sah sie an. Warum fängst du nicht damit an?« »Ich habe meine Felduntersuchungen noch nicht abgeschlossen. Ich möchte. »Du hast vierzehn Jahre lang nach der Prophetin Mirjam gesucht. ob ich so weitermachen kann. hast du auf Jahre hinaus etwas zu tun.« »Es geht mir nicht darum.« Er griff nach seiner Pfeife und drehte sie in den Händen. Bevor ich heirate. muß ich Antworten finden.« »Natürlich. Vorträge zu halten oder Gelder für die nächste Ausgrabung genehmigt zu bekommen. »Du hast immer gesagt. und ihre Toilettentasche stand in seinem Bad. »Im Institut kannst du Antworten auf deine Fragen finden. Wir haben zahllose nicht übersetzte und undatierte Manuskripte und Dokumente. Wenn du dich an diese Arbeit machst. Ich möchte. ›etwas zu tun‹!« rief sie empört und erschreckte damit eine der Katzen. du willst ein Buch schreiben. Glaubst du wirklich. Ich bin noch auf der Suche. die auf ihrem Schoß lag.« »Julius. Julius starrte in die Flammen und sagte dann tonlos: »Ich weiß nicht. und wenn sie kam. daß du sie jemals finden wirst?« »Julius. in dem du deine Theorien über die Prophetinnen im Alten Testament darlegst. dann ging es darum. das kann ich nicht. Aber sie blieb nie lange und reiste bald wieder ab. Sie hielt sich nie lange in den USA auf. Natürlich kam sie auch wegen Julius. daß ein Archäologe ein ganzes Leben lang etwas suchen kann und es vielleicht nie finden 138 . du weißt genau. daß wir Wurzeln schlagen.Catherines Sachen hingen zwar im Schlafzimmerschrank von Julius. aber sie wohnte nicht hier. daß wir endgültig zusammenfinden und eine Familie gründen. Catherine.

Es muß Teil unseres Bewußtseins werden. Julius. »Wie kannst du dir deiner Sache nur so sicher sein? Glaubst du wirklich.wird. Aber mit seinen Untersuchungen schafft er die Grundlage für den Nachfolger. Noch immer stützen sie ihre Autorität auf die Bibel und legitimieren damit ihre Herrschaft über die Frauen. und sah ihn mit leuchtenden Augen an. den Frauen das natürliche Selbstbewußtsein und die Aufgaben zurückzugeben. Vielleicht wird jemand nach mir kommen und meine Arbeit zu Ende führen. sondern noch immer gegenwärtig ist. daß Frauen in den Tagen der Patriarchen und Könige Macht besaßen. aber ich habe dort manchmal den Eindruck. »Ich weiß nicht. das werde ich. Priesterinnen und weise Frauen. Julius!« Als er nichts erwiderte. Julius.« »Das weiß ich. Sie waren Prophetinnen. die sie einst besessen haben. ich jage Hirngespinsten nach? Meine Suche nach der Prophetin Mirjam ist kein Wahn. ihn durch ihre Begeisterung mitreißen zu können.« »Julius. All das ist im Laufe der Geschichte verlorengegangen. daß die Vergangenheit nicht vorüber. den Beweis in der Wüste zu finden?« »O ja. fuhr sie ruhig fort: »Glaubst du an das. was ich tue? Oder denkst du. Aber ich weiß aus den Schriften des Altertums. Das sagt mir mein Gefühl.« Er schüttelte den Kopf. Männer haben die Heilige Schrift stets zu ihrem Zweck benutzt. Vielleicht kann man 139 . Ich suche nach einer Möglichkeit. wie ich es dir erklären soll. Catherine. Ich weiß jedenfalls nur das eine: Ich kann jetzt nicht aufhören. Wenn ich dort draußen in der Einsamkeit bin…« Sie hoffte. und ich möchte es ins Gedächtnis der Menschen unserer Zeit zurückrufen.

Gerade in letzter Zeit.sie nicht sehen.« »Ich bewundere deine Entschlossenheit«. zurückblicken und sagen…« »Was werde ich sagen. was in meinen Kräften stand. schwanden alle Zweifel.« »Du meinst also. nach denen du suchst. Möchtest du denn keine Familie?« »Doch. Ich bezweifle allerdings. eines Tages. Sie öffnete ihren Koffer und kam mit dem Buch über Paläobotanik zurück. Aber du kannst mir glauben. daß ich alles getan habe.« »Aber du wirst kein Zuhause haben.« Sie lächelte traurig.« »Warum bist du dann überhaupt gekommen? Warum die plötzliche Rückkehr? Du hattest mir bereits gesagt. Als sie seinen erstaunten Blick sah. sagte er. aber ich spüre sie. aber ich liebe auch meine Arbeit. Ich kann sie nicht aufgeben. ich sollte aufgeben? Ich sollte wie du im Institut arbeiten und mich mit Manuskripten beschäftigen. Julius? Ich werde sagen. die mir garantiert keine Lösungen bringen?« »Also gut. Nur aus den alten Schriften wissen wir. daß du die Hinweise auf das Wirken der Frauen finden wirst. »Auch deshalb liebe ich dich. Catherine.« Er legte die Pfeife auf den Tisch. den Beweis zu finden. daß ich kurz davor stehe. du willst dein Leben lang in aller Welt deinen Fragen nachjagen. und ich wußte. daß wir uns frühestens im Februar wiedersehen würden. daß Moses wirklich gelebt hat. Wieviel schwieriger ist es erst. »Ich liebe dich. wenn ich in einem Graben stand. Julius. jetzt noch nicht. den Sand durchsiebte und auf den entscheidenden Hinweis hoffte. Cathy. eines Tages wirst du innehalten.« Catherine stand auf und ging ins Schlafzimmer. Wir haben nicht einmal greifbare Hinweise auf die Männer. »Deine Theorie ist in Ordnung. 140 . etwas über Frauen zu finden.

daß ich dachte. »Mein Gott! Woher hast du das?« Sie berichtete ihm schnell von dem Fund im unterirdischen Gang.sagte sie: »Keine Angst.« Sie sah ihn erwartungsvoll an.« Catherine nahm die gefalteten Papyri zwischen den Buchdeckeln heraus und legte sie behutsam auf den Tisch. das Buch aufzuschlagen. sondern mir nur den Umschlag ausgeliehen. Die Strategie hat sich bewährt!« Er runzelte die Stirn. die Gischt schäumte. Julius sah sie staunend an. ohne die Behörden von dem Fund in Kenntnis zu setzen?« »Es blieb mir keine andere Wahl. Er hörte sprachlos zu. »Ich hatte gehofft. der Sturm peitschte mit unverminderter Kraft gegen die Glastür. und die bleigrauen Wellen brachen sich donnernd am Ufer. denn die Beamten hätten sie sofort an sich genommen. Du weißt doch. vor allem neugierige Zollbeamte davon abhalten. ich habe dein Buch nicht mißbraucht. »Was meinst du?« Er starrte stumm auf die Schriftrollen. »Zollbeamte? Ich verstehe dich nicht. Dann fragte er fassungslos: »Hast du sie einfach mitgenommen? Du hast sie bei deinen Ausgrabungen entdeckt und aus dem Land geschmuggelt. Mit angehaltenem Atem entfaltete Julius die erste ›Seite‹ des ersten Buchs und betrachtete mit großen Augen das brüchige bräunlichgelbe Papyrus. und sie wurden von einer Handvoll 141 . sagte Catherine. Die Flammen im Kamin verwandelten sich in rote Glut. Jetzt bin ich Gott sei Dank hier und würde mich am liebsten auf der Stelle an die Arbeit machen. es würde jeden. Man hielt sie unter Verschluß. »Aber im Flughafenhotel konnte ich mich vor Erschöpfung nicht mehr auf den Beinen halten. was mit den Schriftrollen vom Toten Meer geschehen ist und den Nag Hammadi-Evangelien. Das Bild des Mannes im Moor ist so abschreckend. schon mehr übersetzt zu haben«.

um die Schriftrollen vom Toten Meer der Wissenschaft 142 . Ich konnte nicht zulassen. werde ich sie nie wiedersehen.« »Eine Frau als Priester?« »Eine Frau in der frühchristlichen Kirche. Aber war es klug. Erst danach hat man die Schriftrollen vom Toten Meer Wissenschaftlern auf der ganzen Welt zugänglich gemacht. Wir wissen.« »Das ist eine Behauptung. Julius – Diakonos. die das Priesteramt bekleidete. Julius! Die Tragweite dieses Fundes ist deshalb nicht abzuschätzen!« »Nun gut«. sagte er nachdenklich. Amelia wird als Diakonos bezeichnet.« »Wer durfte die Ecole Biblique in Jerusalem betreten? Erinnere dich daran. es war nicht klug«. bevor alle Fakten geklärt waren. Trotzdem hatte sie auf eine andere Reaktion gehofft.« »Was ist so Besonderes daran?« Sie zeigte ihm ihre Übersetzung des Fragments. daß sich das mit meinem Fund wiederholt. vertraute nur auf die erprobten Wege und verwarf zweifelhafte Methoden prinzipiell. »Hier. daß Julius durch und durch Wissenschaftler war. Heute ist das die Aufgabe der Priester.Wissenschaftler eifersüchtig bewacht. eine Theorie zu veröffentlichen. »Ich verstehe deine Begeisterung. bis sich von allen Seiten Protest erhob. was alles notwendig war. Julius! Wenn ich die Texte der Behörde übergebe. die Schriftrollen zu stehlen und sie aus Ägypten zu schmuggeln?« Catherine wußte. »Aber es war notwendig. sieh dir dieses Wort an. erwiderte sie. »Nein. Er hielt nichts von Risiken oder davon. daß die Diakone beim Abendmahl den Gläubigen Brot und Wein reichten. Er beachtete stets die Vorschriften.

Du willst deine These mit Material erhärten. das wäre noch das Harmloseste!« Er stand auf und setzte sich 143 . »Darauf kann ich es nicht ankommen lassen. Ich werde sie nicht vierzig Jahre lang verstecken.« Catherine schüttelte den Kopf. bis ich sie übersetzt habe. wie eifersüchtig die verschiedenen Fraktionen ihre Theorien verteidigen und wie gefährlich ihre Angriffe sind. Und sie hat sich streng im Rahmen des Neuen Testaments bewegt! Du hast etwas gefunden. daß ich diese Bücher übersetzen darf. Man wird dich auslachen oder als Verrückte abstempeln. das auf fragwürdige Weise gefunden wurde. Danach werde ich die Texte den zuständigen Stellen übergeben und meine Übersetzung veröffentlichen.« »Du tust also genau dasselbe. Wer wird auf dich hören. vierzig Jahre darauf zu warten. Du bist entschlossen. diese Schriftrollen allen anderen vorzuenthalten. was die Wissenschaftler an der Ecole getan haben. die Schriftrollen zu sehen. Du machst dich überstürzt an eine Übersetzung. Wir beide wissen.zugänglich zu machen? Ich habe keine Zeit.« »Mit einem Unterschied. Auch sie wollten niemandem erlauben. wie die Texte in deinen Besitz gelangt sind.« »Gut. Ich werde sie nur so lange behalten. Catherine? Ich kann dir jetzt schon sagen. daß man dich von allen Seiten angreifen wird.« »Catherine. In deiner Mutter hast du ein gutes Beispiel. Niemand weiß. wie empfindlich die Bibel-Wissenschaftler sind. Man würde dich rückhaltlos unterstützen. aber bis jetzt hast du weder deinen Fund noch deine Arbeitsmethoden veröffentlicht. das wäre in diesem Fall anders. du willst sie übersetzen und deine Ergebnisse veröffentlichen. Du könntest sofort die Öffentlichkeit über deinen Fund informieren und an alle Wissenschaftler appellieren.

Julius. man werde sie stehlen oder vernichten.« Er griff nach ihren Händen. übergib die Schriften dem ägyptischen Konsulat in San Francisco. um diese wertvollen Texte zu schützen. solange ich noch die Möglichkeit dazu habe? Wie kann ich in dem Bewußtsein weiterleben. Noch ist Zeit dazu. Man wird dir Charakterlosigkeit vorwerfen. daß du Grund zu der Annahme hattest. »Du stellst deine Integrität in Frage. Catherine. »Catherine. Du bekommst keine Grabungsgenehmigung mehr. Man wird dich als Wissenschaftlerin nicht mehr achten. Wie willst du nach einem Skandal deiner Mutter helfen?« Er schüttelte den Kopf und seufzte.« »Ich habe auch Angst. Man wird dich im wahrsten Sinne des Wortes kreuzigen. und kein wissenschaftlicher Verlag wird deine Arbeiten veröffentlichen. Niemand wird etwas mit dir zu tun haben wollen. sagte er ernst. »Das bedeutet. »Ich verstehe gut.neben sie auf die Sessellehne. aber ich muß es tun. Du kannst erklären.« Sie schüttelte den Kopf. ich habe Angst. wofür du so schwer gearbeitet hast. was dieser Fund für dich bedeutet. Trotzdem muß ich dir die Augen öffnen.« »Und du?« fragte sie leise. du hast sie aus Ägypten herausgebracht. daß du als Archäologin Selbstmord begehst«. und ich glaube auch zu wissen. Du wirst alles verlieren. hör auf mich. Dann holte er tief Luft und sagte ruhig und mit fester Stimme: »Deshalb bitte ich dich. Noch kannst du dich retten. Das weißt du. Aber auf diese Weise kannst du den Ruf deiner Mutter nicht wiederherstellen. Und ich muß gestehen. Catherine. Wie soll ich weiterleben. Du kannst sagen. daß ich nicht alles 144 . »Ich werde immer an deiner Seite stehen. warum du das alles auf dich nimmst. und du wirst keine Freunde mehr haben. wenn ich jetzt nicht Fakten schaffe. Du verlierst deine Glaubwürdigkeit.

ja. indem du deinen eigenen guten Namen aufs Spiel setzt?« »Wenn nötig. »du läßt dein Leben von der Vergangenheit bestimmen. Dafür war nur ein einziger Mann verantwortlich. bevor er sich umdrehte. ich bitte dich. der sich durch die Menge gekämpft hatte. »Catherine. Ich sehe es anders.« »Priester sind auch nur Menschen. um einer Beduinenfrau zu helfen.« »Du willst also sagen. die dich zerstört. die weit in der Vergangenheit liegen? Catherine. die Sache mit deiner Mutter geht nicht auf das Konto der Kirche. die man gegen meine Mutter erhoben hat?« »Das willst du tun.« »Deren Loyalität in erster Linie der Kirche gehört. Wäre Vater McKinney ebenso mutig gewesen? »Catherine«. Sie kann sich nicht mehr verteidigen. Mir bleibt später noch die Möglichkeit einer Rechtfertigung. In dir ist eine Bitterkeit. Wenn du sie nicht überwindest«.« Sie zog ihre Hände zurück.« 145 . aber meine Mutter ist tot. daß alle Priester gleich sind?« Unwillkürlich mußte Catherine an Garibaldi denken. sagte er leise.« »Ist das nicht eine Art persönlicher Rachefeldzug? Willst du die Kirche angreifen wegen Dingen.« Er stand auf und trat an die Glastür.getan habe. lag in seiner Stimme eine gewisse Schärfe. Vater McKinney war katholischer Priester. sagte Julius eindringlich. Jeder Priester ist ein Instrument der Kirche. »Vielleicht ist das deine Meinung. an die Folgen deines Vorhabens zu denken. die Catherine an ihm nicht kannte. Obwohl er äußerlich so ruhig wie immer wirkte. »kann sie uns beide vernichten. Dort blieb er eine Weile schweigend mit dem Rücken zu ihr stehen. um die Anschuldigungen zu entkräften.

ich dachte. Catherine. ich verstehe sehr gut. daß du im Begriff bist. Aber wenn sie jüngeren Datums sind. In der Gegend hinter Bel Air hat man Reste eines Skeletts gefunden. dann mußt du das im Rahmen einer wissenschaftlich anerkannten Vorgehensweise tun. Du behauptest. muß ich dir sagen. eine Altersbestimmung vorzunehmen.« »Julius. du würdest mich unterstützen. »Wenn die Knochen älter als hundert Jahre sind. Ich würde nur dazu beitragen. etwas Falsches zu tun. »Ich muß noch einmal ins Institut.« »Julius…« Er suchte nach seinen Wagenschlüsseln. Aber wenn du deine Mutter rechtfertigen möchtest. dann unterstütze ich dich nicht.« Er ging zur Tür. »Gerade weil ich dich liebe. Wenn ich deinem wahnwitzigen Plan zustimme. und die Polizei muß sich nicht darum kümmern.« »Dieses Risiko muß ich eingehen. Die Kommune hat uns gebeten. müssen polizeiliche Nachforschungen angestellt werden.»Ich suche nur nach Antworten…« »Wirklich? Willst du etwas finden oder willst du etwas zerstören?« »Julius. Wir vermuten. weshalb du es tun willst. was erwartest du von mir?« 146 . drehte sich dann aber langsam um und sagte seufzend: »Catherine. wir müssen miteinander reden.« »Natürlich liebe ich dich!« Es klang wie ein Aufschrei. dich zu ruinieren. Glaub mir.« Er sah sie kopfschüttelnd an und warf dann einen Blick auf die Uhr. sonst wird man dich mundtot machen. mich zu lieben. dann fallen sie in den Bereich der Archäologie. es stammt von einer alten indianischen Begräbnisstätte.

daß es bereits vier Uhr nachmittags war. Nichts anders tue ich jetzt. Julius. In seiner Ernüchterung wollte er nur so schnell wie möglich weg. Ich weiß. ich habe kein gutes Gefühl dabei. Sie holte tief Luft und sah. nichts war mehr wie zuvor. 147 . »Gibt es für dich immer nur Regeln und Vorschriften? Hast du nie etwas getan. nahm er alle Wärme und Geborgenheit mit sich.« »Niemand weiß etwas von dem Fund. Es ist illegal und unmoralisch. stritten sie miteinander.« Er schüttelte den Kopf. Wer sonst würde versuchen. Anstatt ihr Wiedersehen zu feiern. um dich zu begrüßen. Als er aus der Garage in den strömenden Regen fuhr.« Sie sah ihm nach. In der Ferne donnerte es. Alle seine Hoffnungen hatten sich zerschlagen. die Welt. das Universum gerate plötzlich aus dem Gleichgewicht. aber mein Herz befiehlt mir. Ich werde im Moonshadow einen Tisch für uns reservieren. Du hörst mir nicht zu. Ich war wirklich sehr vorsichtig. Das Wiedersehen mit Julius hätte nicht so verlaufen dürfen. das Haus.« Er wich ihrem Blick aus und öffnete die Tür. dir diese Dummheit auszureden?« »Davon spreche ich nicht. Catherine stand wie gelähmt im Zimmer und glaubte. du bringst dich und uns in eine sehr gefährliche Lage. Ich glaube.Sie stand auf und ging zu ihm. Mein Verstand sagt mir. Die Konfrontation schmerzte. aber ich wollte hier sein. daß mein Vorgehen falsch ist. Bestimmt bin ich noch vor acht zurück. »Catherine. daß du recht hast. Er konnte ihr nicht zustimmen. nur weil es dein Herz wollte?« »Natürlich. Alles schien auf den Kopf gestellt. den eingeschlagenen Weg weiterzugehen. »Ich hätte die Tests schon heute morgen durchführen sollen.

Wie benommen ging sie in die Küche und wählte noch einmal Daniels Nummer.« »Wie bitte?« »Cathy. bleib in deiner Wohnung«. ich habe jemanden vor dem Zelt gehört…« »O Gott. du hast recht… ich habe uns alle in Gefahr gebracht. Und ich glaube zu wissen. »Ich komme zu dir. sagte sie und dachte fieberhaft nach.« »Das ist unmöglich! Wir haben die Schriftrollen unbemerkt aus dem Land geschafft. Ich komme. »Ich glaube. die etwas von dem Fund wissen. flüsterte sie und schloß die Augen. »Catherine! Gott sei Dank. Julius. nur das nicht…«. Geh nicht ans Telefon und laß keinen Menschen in die Wohnung. warte«. den er ebenfalls nie benutzte. wir sind nicht die einzigen. sagte sie. wer hinter uns her ist.« Nach einigem Suchen fand sie eine große blaue Sporttasche. dann überwachen sie mein Haus. Sie packte die Schriftrollen und die notwendigsten Dinge in die Tasche. Danno!« »Du irrst dich. so schnell ich kann. ging aber noch einmal in die Küche zurück und hinterließ eine Nachricht für Julius. Catherine wollte schon aus dem Haus eilen. Kannst du so schnell wie möglich herkommen?« »Was ist denn los?« »Jemand verfolgt uns. daß du anrufst! Ich bin vor ein paar Minuten hier angekommen. die Julius vor einem Jahr zusammen mit einem Jogginganzug gekauft hatte. Diesmal meldete er sich. denn wenn uns jemand verfolgt. Ich komme mit den Photos zu dir…« »Nein. Stell dir vor. ich bin sicher. Sie 148 . wir sind in großen Schwierigkeiten. »Danno. Ich kann auf keinen Fall nach Hause.

Sie schloß mit den Worten: »Ich liebe dich…« und legte das Blatt Papier gut sichtbar auf den Küchentisch. und wieder überkam sie das seltsame. daß Julius eine Mezuzah am verwitterten Holz des Türrahmens befestigt hatte – eine kleine Rolle mit einem Pergament. was der Grund dafür war.schrieb. Auch das war neu. stand. 149 . unerklärliche Gefühl. sie sei ein paar Tage unterwegs und werde sich bald bei ihm melden. wie der Gebetsschal im Wohnzimmer. Plötzlich wußte sie. Catherine fuhr auf der nassen Straße in Richtung Norden. sah sie. Ich beneide ihn. das sie beim Anblick der religiösen Dinge im Haus von Julius gehabt hatte. auf dem ein Text aus dem Deuteronomium. Als sie mit dem Rücken zum Regen die Haustür hinter sich zuzog. dem fünften Buch Mose.

wäre es mir aufgefallen. »Wer ist hinter uns her?« fragte sie. Kalifornien Catherine nahm zwei Stufen auf einmal.« Er ging zum Fenster. »Woher weißt du überhaupt. dann wurde die Wohnungstür geöffnet. Wenn jemand das Haus von Julius überwacht hätte. als sie die Treppe hinauf in den dritten Stock zu Daniels Wohnung lief. schob den Vorhang etwas zur Seite und blickte auf die Straße. Die Fahrt von Malibu nach Santa Barbara. die normalerweise eineinhalb Stunden dauerte.« Bevor Daniel die Tür hinter ihr schloß. daß ihm in der Zwischenzeit nichts zugestoßen war. Sie hoffte inständig. War ihr Verdacht doch nicht unbegründet gewesen? Am Guckloch erschien ein Auge.Santa Barbara. hatte an diesem stürmischen Tag beinahe vier Stunden in Anspruch genommen. zog den Regenmantel aus und nahm die Plastikhaube vom Kopf. »Cathy! Gott sei Dank! Komm schnell herein. als über alle möglichen Verdächtigen nachzudenken.‹ Wer kann das sein? dachte Catherine und klingelte. daß ihr niemand gefolgt war.« »Bestimmt nicht. ›Wir sind in großen Schwierigkeiten‹ hatte Daniel gesagt. Dort kann 150 . daß dir niemand gefolgt ist. ›Jemand ist hinter uns her. Die ägyptischen Behörden? Hungerford? Sie hatte auf der zermürbenden Fahrt nichts anderes getan. »Ich muß sicher sein. warf er noch einen Blick ins Treppenhaus und vergewisserte sich. daß wir verfolgt werden?« »Einen Moment. Im Hotel Isis hatte sie noch vor zwei Tagen in jedem der Gäste einen Spion gesehen.

Daniel litt erstaunlicherweise nie unter der Zeitverschiebung.« Er ging zu einem kleinen Tisch. der an Kreuzungen mit mir abgebogen wäre.niemand parken. Viel ist es nicht. Hinw. daß sie nur aus Neugier hinter dir her sind. ohne gesehen zu werden. murmelte sie.« »Sag nur. woher ich das weiß. daß eine Frau den Text geschrieben hat. »Sobald ich hier war. »Besteht da ein Zusammenhang?« »Eine Reise nach Britannien…«. Zwei Seiten eines Buches. Ich werde dir zeigen. und im Rückspiegel war niemand zu sehen. in der ersten Person. habe ich mich in das Internet eingeloggt. Bericht einer Reise nach Britannien. N. Kein Wagen ist hinter mir vom Highway abgefahren. drehte sich um und sah sie an.‹ Daniel fuhr sich mit den Fingern durch die langen blonden Haare. griechisch.:‹Mein Mann und mein Kind› lassen darauf schließen.« Catherine las den Ausdruck: ›?245 (4. Oben auf der Liste steht das British Museum. du hast etwas gefunden!« »Ich glaube. Er wirkte ausgeschlafen und völlig munter. ob es vielleicht andere Schriftrollen gibt. Danno. Hier…«. bist du sicher. weite und bequeme Sachen.). antwortete er. Ich wollte nachsehen. Hinw. 16:5-13. daß jemand die Schriftrollen haben will?« Er ließ den Vorhang fallen. »Versteh ich nicht… Was ist das für eine Stelle aus Lukas?« 151 .T. »Ich habe die Information auf meine Festplatte geladen und sie für dich ausgedruckt. sagte er und reichte ihr ein Blatt Papier. ja. daß mir niemand gefolgt ist. Nichts deutete auf den langen Flug hin. auf dem sein Laptop stand. Viertes Jahrhundert. Wie immer trug Daniel zerknitterte. »Ich kann mir nicht vorstellen. Jh. die deinen ähnlich sind. Auf der Rückseite einer LiviusSchrift.: Lukas. Außerdem habe ich mich ständig davon überzeugt. »Es gibt keinen Zweifel«.

« Catherine las die Meldung über eine Ausgrabung in der Nähe von Scharm el Scheich. Danno. daß die Leute. Die verantwortliche Archäologin. »Hungerford…«.»Ich habe nachgeschlagen. das Gleichnis vom reichen Mann. so meldete man. er wußte etwas von den Schriftrollen. »Ich glaube. sagte Daniel und reichte ihr einen anderen Ausdruck. flüsterte Catherine. Vermutlich handelt es sich dabei jedoch nur um Fragmente. Ausschnitte aus den Büchern des Neuen Testaments sind über die ganze Welt verstreut.« Catherine betrachtete den Ausdruck in ihrer Hand. sei verschwunden. Vielleicht finden wir auf diese Weise Teile der siebten Schriftrolle!« »Das habe ich schon versucht. In dem Bericht heißt es auch. und in einem nahe gelegenen Hotel sei ein amerikanischer Ingenieur ermordet worden. die den ägyptischen Behörden Rätsel aufgab. daß Zeugen 152 . Cathy. den Spuren muß ich unbedingt nachgehen. daß wir in großen Schwierigkeiten sind. und das gefunden. Man braucht nicht viel Phantasie. einfach nur so. »Es wäre möglich«. sagte sie nachdenklich. »Das sagt mir. Er hat offenbar versucht. die mich verfolgen…« »Hier«. Es könnte durchaus Kopien von Sabinas Brief und ihrer Geschichte geben. Kapitel sechzehn. während ich auf dich gewartet habe. Daniel räusperte sich. Ich habe im Web nach Nachrichten aus dem Sinai gesucht. Und unter dem Stichwort ›Papyrus‹ gibt es im Web über tausend Eintragungen!« »Aber was ist mit den Leuten. Es war nichts zu finden. den Fund auf dem Schwarzen Markt anzubieten. »daß Sabinas Text wie die Evangelien und die Briefe der Apostel immer wieder kopiert wurden. um zu dem Schluß zu kommen. jetzt hinter dir her sind. die Hungerford umgebracht haben.

das möglicherweise zu einem frühchristlichen Evangelium gehört. Das Gesicht ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich habe ein ungutes Gefühl. Wo hatte ich diesen Amerikaner schon einmal gesehen? Als ich hier am PC saß und meinen Tagebucheintrag machte. wer es ist. der Ingenieur habe ein Jesus-Fragment gefunden. Sie hatte ein flaues Gefühl im Magen – Hungerford war ermordet worden. Es regnete noch immer. daß du weißt. Es war ein Amerikaner. ist mir in der Menge ein Gesicht aufgefallen. sagte sie tonlos und verließ den Platz am Fenster. fiel es mir wieder ein…« Ein Schrei hallte durch die Luft. Draußen im Gang hörte man laute Schritte. Er setzte sie wieder auf und sagte: »Während mich Samir als ›Beduinenfrau‹ zu dem Landrover geschleppt hat.berichten.« Catherine sah. »Was war das?« »Meine Nachbarn! Sie streiten sich ständig«.« Catherine ging zum Fenster und blickte durch einen Spalt im Vorhang hinaus. »Zeit zu verschwinden. wie er nervös die Brille abnahm und die Gläser an seinem T-Shirt blank rieb. Zuerst Julius und jetzt… »Danno. und in der schwarzen Nässe leuchteten nur die elektrischen Kerzen einer Lichterkette an einem Hauseingang. Catherine schüttelte den Kopf. Die Sache ist also eindeutig bekannt. Es kam mir irgendwie bekannt vor. du hast am Telefon gesagt.« Catherine rieb sich die Stirn.« Daniel holte eine riesige Leinentasche mit dem Aufdruck USS Enterprise und packte Mappen und Ordner hinein. wir sollten nicht hierbleiben. antwortete Daniel und schloß den Laptop. »Du hast recht«. Die Straße unten war menschenleer. Das durfte nicht wahr sein. »Ich glaube. Catherine fuhr erschrocken zusammen. »Ein Freund von mir hat in Washington ein Ferienhaus am 153 .

»Ich bin tiefer hineinverwickelt. erwiderte er und legte zum Abschluß ein paar Tüten Knabbergebäck und eine Dose Limonade obendrauf. eine Weile dort zu wohnen. Danno!« Er schüttelte lachend den Kopf und schob Bücher und Wechselplatten in die Tasche. Du hast mich zum letzten Mal ›Daniel‹ genannt. Ich werde dein Leben nicht aufs Spiel setzen. widersprach er energisch. jetzt suchen sie mich. erwiderte er ruhig. »Was packst du da alles ein?« »Ich werde meine Unterlagen über das Maya-Grab nicht zurücklassen«. sagte Catherine.« »Ich werde mich allein auf den Weg machen. »Wir bleiben zusammen. der Mord an Hungerford ist kein Zufall. Die Mörder sind hinter den Schriftrollen her. sagte Catherine und griff nach der blauen Tasche.Meer. Du wirst die Schriftrollen übersetzen. werden sie dich in Ruhe lassen.« »Danno. Cathy«. Danno«.« »Das ist bereits geschehen. und ich kann meine Arbeit an den Wandbildern fortsetzen. »Kommt überhaupt nicht in Frage«. Das heißt. Er hat mir schon oft angeboten. Wenn ich nicht mehr da bin. Ich möchte dich nicht in diese Sache hineinziehen. »es ist mein Ernst. Jeder in meiner Begleitung ist in Gefahr. Catherine stemmte die Hände in die Hüften. »Sie sind hinter mir her. als du es für möglich 154 . »Das kann nicht wahr sein. als du mich in der Grundschule beim Nasenbohren ertappt hattest. Du darfst mich nicht begleiten. »Im Haus meines Freundes werde ich den Kontakt zum Institut in Houston wiederaufnehmen.« Sie legte ihm die Hand auf den Arm.« »Daniel«.« »›Daniel‹…?« Er lachte.

Vielleicht wirst du dann erfahren. fügte er lachend hinzu: »Das Internet.hältst.« Sie lächelte. fügte er schnell hinzu: »Ich frage dich: Wann haben wir einmal nicht zusammengehalten und uns gegenseitig geholfen. Du mußt feststellen. Danach werde ich die Schriftrollen jedem geben. »Tut mir leid. Cathy. um die Texte zu übersetzen.« »Danno. Dann ist die Gefahr vorüber. keiner darf dich finden! Also flüchten wir in ein sicheres Versteck und überlassen das Reisen den elektronischen Fingern.« »Während ich auf dich aufpasse. in diesem Fall das Haus meines Freundes. ich bin dein Freund.« »Ich lege sie in meine Tasche. wo sich die siebte Schriftrolle befindet.« »Danno…« »Es bleibt dabei. Cathy? Du darfst mich jetzt nicht ausklammern. Deshalb werde ich allein eine Weile untertauchen. wer dieser König war. Cathy! Man kann überall auf der Welt suchen. »Also gut.« Als sie ihn fragend ansah. ohne sein Versteck zu verlassen.« »Warte«. »Dummkopf!« murmelte sie und gab ihm einen Kuß auf die Wange. ich brauche nur etwas Zeit… genug Zeit. Außerdem brauchst du mich.« Er schüttelte den Kopf. Vergiß nicht. der sie haben möchte. und ich werde dich nicht allein lassen.« Da sie schwieg. sagte er und griff nach einem dicken Umschlag. »Die Photos.« »Sollte ich sie nicht vielleicht bei mir behalten. falls den Schriftrollen etwas zustößt?« »Was soll den Schriftrollen schon zustoßen? Ich habe sie 155 .« »Nein. gehen wir.

was du von Waffen hältst.« »Gut.« Daniel öffnete die Schreibtischschublade und nahm etwas heraus. daß du eine Pistole hast!« »Ich wollte nicht. »Was hast du da?« Er blickte auf die Pistole. Er würde Schwester Immaculata nie vergessen. daß du sie siehst. das ist mein Ernst. wo ich bin. die er aus dem Schreibtisch genommen hatte.« »Ich wußte nicht. »Leider in unserer Zeit eine Notwendigkeit. Den Grund dafür kannte er auch.« »Oh. »Ich werde sie nicht mehr aus den Augen lassen. dann können wir 156 .« »Du wirst die Pistole auf keinen Fall mitnehmen. dürfte alles klar sein.« Sie runzelte die Stirn. aus der Klasse zerrte und dabei schimpfte: ›Du bist ein freches und schamloses Mädchen! Du wirst für deine Frechheit büßen!‹ Catherine legte sich den Regenmantel über die Schultern und sagte: »Ich muß mich bei Schüller melden und ihm sagen. wo wir sind. daß Catherine alle Arten von Gewalt verabscheute. Er wußte.hier bei mir«. Es gibt doch jemanden – Hans Schüller am Radiologischen Institut in Zürich. Ich weiß. die Catherine an der Hand packte. »Aber er weiß nicht. antwortete sie und ließ den Kopf hängen.« »Cathy…« »Danno. etwas habe ich vergessen. daß ich hier bin. Ich habe ihm eine Papyrusprobe für eine genaue Datierung geschickt. ich hole noch meinen Poncho.« »Hast du Julius etwas davon gesagt?« »Ja«. erwiderte Catherine und hängte sich die blaue Tasche über die Schulter. »Wenn niemand weiß. Keine Waffen!« Seufzend legte er die Pistole wieder in die Schreibtischschublade.

die eine Einkaufstüte trug. sagte sie und ging bereits in sein Schlafzimmer. Daniels Entsetzen. Zwei Männer hielten ihn fest. daß uns niemand erwartet. Seine Schuhspitze wurde rot vom Blut. in den blauen Augen unter den blonden Wimpern war das Licht erloschen. Die beiden Männer waren ihr dicht auf den Fersen. Sie starrte auf Daniels Gesicht – sein erstaunter Ausdruck wirkte wie erstarrt. das Daniels Kopf umgab. ein blitzendes Messer und plötzlich hellrotes Blut. wie Daniel rief. Die beiden Männer wichen zurück. 157 . Sie griff blindlings danach und stürmte ins Treppenhaus. verlagerte die schwere Nylontasche von der rechten Schulter auf die linke und rief in Richtung Flur: »Was hast du gesagt…?« Aber Daniel war nicht an der Wohnungstür. Schwarzweiß-Photos verteilten sich auf dem Teppich. Der Umschlag fiel Daniel aus der Hand. Catherine nahm den Poncho vom Bügel. An der Wohnungstür stolperte sie über den Laptop.« »Ich hole den Poncho«. die Brille war verbogen.« Als sie den Kleiderschrank öffnete und nach dem Poncho suchte hörte sie. den Daniel dort abgestellt hatte. der eine machte einen Schritt auf sie zu. Wie in Zeitlupe sank Daniel leblos zu Boden. Catherine sah alles gleichzeitig: Den Mann mit dem weißblonden Haar und der roten Narbe im Gesicht. die Photos in die Einkaufstasche zu seinem MayaMaterial zu legen. »Du überprüfst das Treppenhaus und vergewisserst dich. Dann rannte sie los.los. es sei doch besser. die beiden Männer blickten auf Catherine. Er stand auf der anderen Seite des Wohnzimmers mit dem Rücken zu den Lautsprechern der Stereoanlage. Im Gang stieß Catherine mit einer Hausbewohnerin zusammen.

»O nein!« keuchte sie. »Laufen Sie!« schrie Catherine und hob den Laptop auf. während Dosen. fiel ein zweiter Schuß. Sie bogen um die nächste Straßenecke und erreichten Catherines Leihwagen. Wieder hallte ein Schuß durch die Nacht. stehenzubleiben. Hinter sich hörte sie Schritte. ein tiefgekühlter Truthahn und ein Weihnachtsstern auf den Boden fielen. während sie blitzschnell weiter die Treppe hinunterrannte. Die Reifen waren aufgeschlitzt. Catherine rannte weiter. Sie stürzte. »Was ist denn…« »Laufen Sie!« Sie rannten durch den Regen. Sie lief den regennassen Gehweg entlang und warf ängstlich einen Blick über die Schulter zurück. Catherine schob sich die Haare aus dem Gesicht und sah ihn fassungslos an. wollte er fragen. Eine tiefe Stimme befahl ihr. Orangen.»He!« rief die Frau empört. daß Farbe und Putz von der Wand regneten. »Geben Sie mir Ihre Hand!« rief der Mann und zog sie wieder hoch. Ihre Verfolger hatten den Hauseingang erreicht… In diesem Augenblick stieß Catherine mit jemandem zusammen. Kugeln schlugen in den Wagen. Ihre Füße berührten kaum noch die Stufen. Als die beiden Männer mit schußbereiten Waffen an der Straßenecke auftauchten. Sie rannten geduckt über den nassen Rasen und in einen engen Durchgang zwischen 158 . Garibaldi dicht hinter ihr. und der Laptop fiel auf den Asphalt. Sie blickte nach oben und sah. griff Garibaldi nach Catherine und zog sie geistesgegenwärtig vom Gehweg. Und dann… Ein ohrenbetäubender Knall. Als sie die Haustür erreichte und keuchend in die Nacht stürmte. »Haben Sie sich ver…«. Es war Garibaldi. Catherine voraus.

Alles um sie herum schien zu verschwimmen – Häuser. das Herz werde ihr zerspringen. Garibaldi riß die Beifahrertür eines blauen Mustangs auf. Es dauerte nicht lange. Catherine glitt auf dem glitschigen Beton aus und fiel gegen eine Hauswand. Der Mustang schien vom Boden abzuheben. Als er mit quietschenden Reifen anfuhr.zwei Mietshäusern. »Sie holen auf!« stieß sie atemlos hervor. Lichter. »dann sollten Sie es jetzt tun. Garibaldi ließ den Motor an. Catherine klammerte sich am Armaturenbrett fest und schloß die Augen. Garibaldi bog um die nächste Ecke und gab Vollgas. hörte sie Garibaldi stöhnen. Catherine kauerte sich noch immer keuchend in den Sitz. bis hinter ihnen Scheinwerfer auftauchten. »Auch das noch…«. rief Garibaldi. der dort geparkt war und rief: »Steigen Sie ein!« Catherine fiel auf den Sitz.« 159 . Catherine riß die Augen auf und sah mit Entsetzen. Garibaldi rief etwas. Ampeln. Frau Doktor«. packte sie am Arm und zog sie weiter. Sie rang nach Luft und glaubte. Sie erreichten die Straße an der Rückseite der Häuser. Hinter ihnen leuchteten die Scheinwerfer ihrer Verfolger. »Wenn Sie noch beten können. Der blaue Mustang raste durch die verlassene Straße. heulte in der Nähe ein anderer Motor auf. daß sie sich in einer Sackgasse befanden. Sie hörten weitere Schüsse.

die bereits überforderten Sicherheitskräfte des Vatikans vor nahezu unlösbare Probleme stellte. Die Arbeit wartete. Aber das. Woher mochte das kommen? Er richtete den Blick auf den Petersplatz. und er durfte seine Zeit nicht damit 160 . Sie hatten Angst. scheinen wahrhaftig keine gewöhnlichen Wolken zu sein. Man befürchtete das Schlimmste und hatte die Städtische Polizei um Hilfe gebeten. Alle behaupteten. als den. Rom Kardinal Lefevre wurde das Gefühl nicht los. Natürlich gab es auch in Rom graue Himmel.Der Vatikan. Er gab sich einen Ruck. Es war Regen vorhergesagt. daß die Sinne nicht mehr so zuverlässig waren wie früher. hatte er diese Farbe noch nie gesehen. wie an jedem anderen Tag auch. die alle Rekorde brach. Mit siebzig mußte man sich damit abfinden. daß der Himmel an diesem Vormittag eine sehr ungewöhnliche Farbe hatte. um die Heerscharen der Hölle zu erwarten. das Ende der Welt stehe bevor. dachte der Kardinal verwirrt. Gab es einen besseren Ort. Wenn er es sich recht überlegte. War seine seltsame Farbe ein Zeichen kommenden Unheils? Er schüttelte den Kopf. wo der heilige Petrus den Märtyrertod erlitten hatte? Lefevres Augen richteten sich wieder auf den Himmel. Unsinn! Der Himmel war der Himmel. Vielleicht sollte er seine Augen untersuchen lassen. Seine Eminenz machte den Menschen dort unten keinen Vorwurf. wo eine Menschenmenge. Es war Winter. Die Italiener der Vergangenheit und der Gegenwart mußten sich mit ihrem Anteil an Stürmen und Überschwemmungen abfinden.

« Die Augen des Priesters wurden eine Spur größer. Sagen Sie ihm.« Als der junge Mann gegangen war. Im vergangenen Jahr hatte sich Rom auf zusätzliche zehn Millionen Besucher vorbereitet. trat Kardinal Lefevre wieder ans Fenster. wo sich die Akten stapelten. »Ich bitte die Störung zu entschuldigen. Fuchs darauf aufmerksam. Eure Eminenz. »Ja. Fuchs auf. die an den Feierlichkeiten zum zweitausendsten Geburtstag Christi teilnehmen würden. Eminenz?« »Machen Sie Dr. erschien ein junger Priester in langer schwarzer Soutane in dem Büro.« Lefevre brach das Siegel und zog ein Blatt Papier aus dem Umschlag.vergeuden. Beim Lesen der Mitteilung hoben sich seine buschigen weißen Augenbrauen. Er leitet das Archäologische Institut der Universität von Rom. Und…?« »Ja. schob es in die Tasche seiner roten Soutane und sagte: »Bitte nehmen Sie unverzüglich Kontakt zu Dr. Eure Eminenz. um die Menschenmassen unter Kontrolle zu halten. Diesmal blickte er auf die Stadt. In der ganzen Stadt gab es kein einziges freies Zimmer mehr. »Unglaublich!« »Eminenz?« Der Kardinal faltete das Blatt schnell zusammen. Den Berichten nach war diese Zahl inzwischen weit überschritten. daß die Angelegenheit streng geheim ist. und man würde über kurz oder lang militärische Unterstützung brauchen. Die große 161 . daß er über die Farbe des Himmels nachdachte… Als er sich an seinen Schreibtisch setzte. Während Ihrer Audienz bei Seiner Heiligkeit traf diese Nachricht für Sie ein. daß ich ihn in einer äußerst dringenden Angelegenheit sofort sprechen muß.

Frage. 162 . die er gerade erhalten hatte. war: Würde mit Beginn des Jahres 2000 eine apokalyptische Katastrophe über die Menschheit hereinbrechen? Beim Gedanken an die beunruhigende Nachricht. die nicht nur in Rom. bekreuzigte sich Kardinal Lefevre und blickte unwillkürlich wieder besorgt zum grauen Himmel hinauf. sondern auf der ganzen Welt alle Gläubigen bewegte.

und der Regen prasselte auf die Windschutzscheibe. Als das Tonband abgelaufen war. fragte Miles: »Wie hat er Sie erkannt. sie säßen in der Falle. was geschehen ist«.« Zeke hielt den Kassettenrecorder dicht an das Funkgerät und vermied es. auf dem Sie das Gespräch aufgezeichnet haben. auch sein Bild auf dem Monitor wirkte gelassen.« »Spielen Sie noch einmal das Band ab. Havers. »Wir glaubten schon. daß Sie die Frau finden und mir diese Schriftrollen beschaffen. Wenn sich die beiden Archäologen in der Wohnung bewegten. Ist das klar?« »Ja. Es waren noch andere Amerikaner in der Menge. erklärte Zeke. als der Wagen in eine Sackgasse einbog«. auf das flimmernde Bild seines Auftraggebers zu blicken. »Aber in diesem Augenblick tauchte ein Streifenwagen auf und…« »Mir ist völlig gleichgültig. Mr. Kalifornien »Was sagen Sie.Santa Barbara. Zeke? Sie sind Ihnen entkommen!« Die Stimme von Miles Havers aus dem Lautsprecher klang zwar wie immer beherrscht und ruhig. zum Beispiel ein katholischer Priester…« 163 . Vielleicht spricht er auch nicht von mir. unterbrach ihn Miles. Zeke?« »Ich weiß nicht. während die Stimmen von Catherine Alexander und Daniel Stevenson in dem schwarzen Pontiac zu hören waren. Mr. Zeke hatte überall in Stevensons Wohnung Wanzen verteilt. Havers. »Ich möchte. aber Zeke und seinem Partner entging der Zorn ihres Auftraggebers nicht. waren ihre Stimmen laut und deutlich zu hören. Sie saßen in ihrem Wagen.

Sie hatten den Auftrag. Catherine Alexander am John F. Alles hätte anders sein können. sein Telefon anzuzapfen und die Wohnung abzuhören. Sie sollten alles aufnehmen. Den Männern von Havers war es in New York nicht gelungen. »Stevenson spricht vielleicht nicht von Ihnen. die Stevenson erwähnt? Haben Sie die Aufnahmen?« Zeke griff nach dem blutbefleckten großen blauen Umschlag. Wir müssen so schnell wie möglich sein Tagebuch haben. Daraufhin hatte Miles jemanden beauftragt. konnte Zeke seinen Zorn nur mühsam unterdrücken. daß sich die Schriftrollen in 164 . Sir. Es gefiel ihm nicht. Das hatten sie getan. wie die Archäologin mit der blauen Tasche über der Schulter das Haus betrat. als komme sie gerade von ihrer AerobicStunde. ihre Wohnung in Santa Monica zu überwachen. und mit dem Eingreifen warten. was gesprochen wurde. wenn er bei einem Auftrag versagte. bis sie den sicheren Beweis hatten. Als Zeke sah. wie Dr.»Ein Priester!« Miles lachte höhnisch. Alexander sagte: »Ich habe sie hier bei mir«. wußte er instinktiv. Außerdem setzte er Zeke und seinen Partner auf Daniel Stevenson an.« »Ja. Während das Bild gesendet wurde. Kennedy-Flughafen aufzuspüren. Schuld daran waren die Anweisungen. nahm ein Photo heraus und legte es in den tragbaren Scanner.« »Was ist mit den Photos. aber wir dürfen kein Risiko eingehen. daß sich die Schriftrollen dort befanden. waren Zeke und sein Partner in die Wohnung eingedrungen und hatten Stevenson ausgeschaltet. Aber die Frau war ihnen entkommen. Sobald sie gehört hatten. der auf dem Armaturenbrett lag.

sie aufzuheben. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung haben wir kein Tagebuch gefunden. Aber er hatte seine Anweisungen und mußte sich daran halten. »Es sind höchstwahrscheinlich Aufnahmen der Schriftrollen.« Miles schwieg bedrohlich lange.« »Wo ist das Tagebuch. »Wir haben ihn nur undeutlich gesehen und wissen nicht. dann sagte er: »Ich 165 . Havers. daß sie mit den Schriftrollen geflohen ist?« »Sie befanden sich in einer blauen Tasche. die sie bei sich trug.« »Sie sind sicher. daß ihr jemand helfen würde.« »Haben Sie die Wohnung von Stevenson durchsucht?« »Am Vormittag. würde er auf die Anweisungen pfeifen und sich auf seinen Instinkt verlassen. Wir hatten keine Zeit. das Stevenson erwähnt?« »Wir wissen es nicht. als wir die Wanzen verteilt haben. so schwor er sich stumm. Er und diese Alexander müssen die Schriftrollen und die Photos im Reisegepäck gehabt haben. aber nicht damit gerechnet.« »Was ist das für ein Mann. »Gut«. Das nächste Mal. Wir haben allerdings das Kennzeichen des Fluchtautos. Wir hatten ihren Wagen fahruntauglich gemacht. mit dem sie geflohen ist?« wollte Miles wissen. Wir mußten die Frau verfolgen. Es befand sich nichts Wertvolles dort. Mr. daß den Originalen etwas zustoßen sollte.der Tasche befanden. ob sie ihn kannte. Er hätte die Frau und die ›Ware‹ auf der Stelle gehabt. sagte Miles. Haben Sie alle?« »Nein. Ein paar Photos sind aus dem Umschlag gefallen. Vielleicht war es ein Fremder. vermutlich eine Sicherheitsmaßnahme für den Fall.

Die 166 . Der Jet ist startbereit«. Sir. »Was hat das eigentlich alles zu bedeuten?« fragte Garibaldi und achtete darauf. Zeke hatte sich bereits geschworen: Wenn er Catherine Alexander das nächste Mal sah.« »Ja.« »Oder sie ist nicht weit gekommen. Beschaffen Sie die Schriftrollen und Stevensons Tagebuch.schicke jemanden. Mr. werden Sie die Verfolgung aufnehmen. Mr. nie geboren worden zu sein. Sobald wir diese Alexander aufgespürt haben. Fahren Sie zum Flughafen in Santa Barbara und warten Sie auf meinen Privatjet. Wo immer sie auch sein mag. Wenn er Sie erkannt hat.« »Sorgen Sie dafür. Havers. Sie fuhren auf der Hauptstraße durch Santa Barbara. Danach suchen Sie sich ein Hotel. weil immer mehr Leute noch spät abends Weihnachtseinkäufe machten. sich lange zu verstecken.« »Noch etwas.« »Ja. dann würde sie sich wünschen. Zeke! Diesmal darf sie Ihnen nicht entkommen. Havers. »Was für Männer waren das? Warum haben sie geschossen?« Catherine blickte immer wieder unruhig zurück. Sie dürfen auf keinen Fall die Gegend verlassen. daß er die zulässige Höchstgeschwindigkeit nicht überschritt. bis Catherine Alexander gefunden ist.« »Entschuldigen Sie. es wird ihr nicht gelingen. sagte Miles. daß Sie ständig über Funk erreichbar sind. »In zwei Stunden werden meine Leute in Santa Barbara sein. Sie könnte morgen schon Hunderte von Meilen entfernt sein. Der Verkehr nahm zu.« Der letzte Befehl war unnötig. darf niemand den Eintrag lesen. der die Photos abholt.

dann können wir in Ruhe überlegen. und ich muß etwas tun. »Sie haben meinen Freund umgebracht. »Sagen Sie mir. »Was sind das für Männer gewesen?« Catherine verschränkte die Arme und schloß die Augen. antwortete sie tonlos und begann zu zittern. es ist zu gefährlich. Verfolgten die Killer sie noch? »Fahren Sie weiter«. »Wer waren diese Männer?« »Sie haben Danno ermordet«. murmelte sie. was los ist!« begann Garibaldi noch einmal. Danno. als sie vor einem Kaufhaus anhalten mußten. »Das weiß ich nicht!« stieß sie zitternd hervor. Wir sollten erst etwas Abstand zwischen uns und sie bringen.« »Warum nicht?« fragte Garibaldi.« Sie schüttelte stumm den Kopf. was zu tun ist. fahren Sie einfach weiter. »Wohin? Ich kenne mich hier nicht aus.« Sie drehte sich um und starrte durch die regennasse Windschutzscheibe. »Aber sie… sie haben auf uns geschossen. aber sie können jeden Augenblick wieder 167 . »Das… das werden sie büßen! Fahren Sie zurück.« »Gehen wir nicht zur Polizei?« »Nein! Auf keinen Fall gehen wir zur Polizei.« Mit einem prüfenden Blick auf Catherine fragte er: »Was ist mit Ihnen?« »Also gut. zurückzufahren. Wir haben sie abgeschüttelt. »Diese Kerle sind brutale Killer!« Sie preßte die Lippen zusammen und schloß die Augen.« Er schwieg und flüsterte dann: »Gott sei seiner Seele gnädig.« »Ich finde.Scheinwerfer der Autos erinnerten an eine weiße Lichterkette. Er ließ den Rückspiegel nicht aus den Augen und musterte die nachfolgenden Wagen.

»In welche Richtung soll ich fahren?« fragte Garibaldi.« »Nein. daß er unnatürlich blaß war und daß Schweißtropfen auf seiner Stirn standen. Garibaldi zuckte entschuldigend mit der Schulter. Ich weiß es nicht. widersprach er. fahren Sie weiter«. es ist nichts…« »Halten Sie an.« Garibaldi mußte die Fahrbahn wechseln. Die Scheinwerfer hinter ihnen verschwammen im Regen. Die bunten Lichter der Schiffe spiegelten sich im schwarzen Wasser. wir halten den Verkehr auf.« Der Mustang stand noch nicht richtig. »Was haben Sie?« Er umfaßte mit der rechten Hand den linken Arm. Danno liegt in einer Blutlache… »Nach rechts«. und ein Cadillac hupte laut. daß er nur mit einer Hand lenkte. Ich werde mich ans Steuer setzen. Catherine biß sich auf die Unterlippe. ohne auf die vorbeirasenden Autos und den strömenden Regen zu achten. »Sie sind verletzt!« »Es ist nur ein Streifschuß…« Aber Catherine sah.« Sie näherten sich dem Yachthafen. »Dr. »Sie brauchen einen Arzt!« »Nein. In welche Richtung. als Catherine schon aus dem Wagen sprang und. bitte?« In welche Richtung.auftauchen. »Fahren Sie nach Norden. Ein Camarro mußte bremsen. Schnell setzte sie sich hinter das Steuer. Jetzt sah sie deutlich das Blut an Garibaldis Arm. »Fahren Sie auf die Standspur und halten Sie an. »Diese Kerle 168 . Catherine fiel plötzlich auf. Die Finger waren blutig. Sie drehte sich um. sagte sie gequält. zur Fahrerseite lief. Der Mustang fädelte sich nicht besonders rücksichtsvoll in den fließenden Verkehr ein. Alexander.

und sie biß sich auf die Lippen.« Catherine reihte sich in den Verkehr ein und starrte geradeaus. Warum nicht?« Sie nahm den Fuß vom Gaspedal. Sie durfte nicht weinen.« Er musterte sie einen Augenblick und sagte dann: »In der Sackgasse haben Sie die Polizisten im Streifenwagen nicht um Hilfe gebeten. begann Garibaldi noch einmal. Der zweite Wagen verlangsamte ebenfalls das Tempo. daß ihr zwei Wagen folgten. dann erreichten sie den Highway 154. sagte sie und zog ein Taschentuch aus ihrer Jacke. »Sagen Sie mir endlich«. In letzter Sekunde bog Catherine bei der Ausfahrt San Marcos Road ab und erntete dafür prompt ärgerliches Hupen. Ich möchte ihnen nicht noch einmal begegnen. Die Scheibenwischer bewältigten den Regen kaum. »Ich kann nicht…« Sie umklammerte das Steuer fester.« »Haben sie es bekommen?« »Nein. brauste vorbei und verschwand in der Regennacht. »Hier«. Sie mußte die Ruhe bewahren und nachdenken.sind vielleicht noch hinter uns.« Sie fuhren eine Weile am sturmgepeitschten Meer entlang. das diese Männer wollten. »Wie kommen Sie eigentlich hierher… 169 .« »Warum nicht?« Sie sah ihn an.« »Warum haben sie Ihren Freund umgebracht?« Die Tränen stiegen ihr in die Augen. Im Rückspiegel sah sie. meinen sie es ernst. »Ich kann nicht zur Polizei gehen. »Ich habe etwas.« »Ich habe sie noch nie im Leben gesehen. »Drücken Sie das auf die Wunde. »was für Männer das waren. Der erste Wagen setzte sofort zum Überholen an. Wie die Schüsse beweisen.

Wieso standen Sie plötzlich vor Daniels Apartmenthaus?« »Ich habe Sie gesucht…« Er verzog das Gesicht. Garibaldi drückte eine Hand auf die Wunde und stöhnte manchmal leise. daß der Wagen hinter ihnen in eine kleine Straße abgebogen war. Im Rückspiegel hatte sie gesehen. was mit Daniel geschehen war – das viele Blut.Ich meine nach Santa Barbara. nicht an das zu denken. »Wir müssen uns so schnell wie möglich die Wunde ansehen. »Nehmen Sie den beiden nicht die Arbeit ab.« Catherine biß die Zähne zusammen und starrte auf die Straße.« Er seufzte und sah sie an. Die Straße wurde enger und wand sich in Kurven nach oben. Der Verkehr ließ sichtbar nach. Auf großen Tafeln warb ein Weingut für den Besuch seiner Kellerei.« »Zuerst bringen wir noch ein paar Meilen zwischen uns und die Männer. Stagecoach Road. der hier wohnte. ob ihnen jemand folgte. die zerbrochene Brille… Halb unbewußt nahm sie die Hinweisschilder am Straßenrand wahr: Chumash Painted Caves State Historical Park. Seitdem blieb hinter ihnen alles dunkel. Jetzt würden sie schnell feststellen. »He!« rief er und griff schnell ans Lenkrad. Eindeutig hatte er Schmerzen. »Wie geht es Ihnen?« »Ich weiß nicht… ich bin… Daniel…« Sie begann wieder zu zittern. und beinahe hätte sie die Kontrolle über den Wagen verloren. und nach zwanzig Meilen würden sie 170 . Catherine zwang sich. Ihre Zähne schlugen aufeinander. Rancho San Marcos. Im Regen sah sie Kiefern und felsige Canyons. Sie fuhren in die Berge. Also schien es sich um jemanden gehandelt zu haben. Sie fuhren schweigend weiter.

ohne die Benzinanzeige aus dem Auge zu lassen. Die Armaturenbeleuchtung ließ sein Gesicht grünlich schimmern. Garibaldi bemerkte es ebenfalls. Sie rannte durch den Regen. Die ›Zimmer frei‹-Tafel war abgeschaltet. sagte Catherine und sprang aus dem Wagen.Anderson’s Pea Soup Restaurant erreichen. ob es hier überhaupt Tankstellen gibt. Sie sah ihn von der Seite an. Wir haben sie bestimmt abgehängt. »Was steht dort?« »›Zur Zeit geschlossen!‹« Langsam fuhr sie durch den Regen weiter.« »Was ist das vor uns? Ich glaube.« »Ich weiß nicht. »Wissen Sie eigentlich. »Haben Sie eine Ahnung?« »Ich kenne mich in dieser Gegend nicht aus. Er schien aber nicht mehr so blaß zu sein.« Er drehte sich leise stöhnend um und blickte auf die dunkle Straße hinter ihnen. »Ich sehe keinen Wagen. sahen sie nur dunkle Fenster und ein Büro mit Notbeleuchtung.« »Ein Motel! Vielleicht können wir dort einen Kanister Benzin kaufen. »Nein«. daß das Benzin zur Neige ging. Dann sah sie zu ihrem Entsetzen. Vor den Zimmern standen keine Wagen. und wenn.« Catherine warf einen Blick auf die Digitaluhr. »An der Bürotür hängt ein Schild«. dann sind sie bestimmt geschlossen. da kommen Lichter. Es war inzwischen beinahe elf Uhr abends.« Aber als Catherine den Wagen verlangsamte und in den unbeleuchteten Parkplatz einbog. kam aber schnell zurück. antwortete sie. »Da vorn links ist 171 . wohin wir fahren?« fragte Garibaldi schließlich. »Wir müssen wohl oder übel bald anhalten.

sagte Garibaldi. Das Blut an seinem Arm war inzwischen verkrustet. Sie seien wegen dringender Familienangelegenheiten abgereist. Ein ägyptischer Beamter hat Sie gesucht. und er sagte in Kalifornien. Beim Näherkommen sahen sie enttäuscht das rote Leuchtschild ›Kein Zimmer frei‹. Er erklärte. wir werden die Nacht mit Norman Bates verbringen…« Er lächelte.ein Motel!« rief Garibaldi.« »Wie sind Sie auf die Idee gekommen. bot ich ihm an. »Warum haben Sie mich gesucht?« fragte sie. war völlig durcheinander. Mylonas hat Sie energisch verteidigt. Er sagte. »Ich wette. der Besitzer. aber Catherine sah. das Päckchen mitzunehmen und es Ihnen zu bringen. »Dieser Regen und dann kein Motel«.« »Als der Beamte weg war. denn er traut den Postbeamten in Scharm el Scheich nicht. »Im Hotel Isis herrschte gestern morgen große Aufregung. daß Sie etwas Falsches getan hätten. Aber der Beamte deutete an. Ich erkundigte mich bei ihm. Aber ich habe Sie in Ihrer Wohnung in Santa Monica nicht angetroffen. ich könnte in Santa Barbara sein?« »Ich hatte nicht damit gerechnet. daß Sie nicht mehr da waren. Mr. denn es war eine Wertsendung. Sie hätten etwas gestohlen. Mylonas war immer sehr freundlich zu mir. um die Post abzuholen. für Sie sei neben Briefen ein Päckchen gekommen. »Mr. Sein Stellvertreter hatte es angenommen. Eine Wertsendung kann unter Umständen spurlos verschwinden.« Catherine biß sich auf die Lippen. Da ich ohnehin über Los Angeles zurückfliegen wollte. Der Beamte schien der Meinung zu sein. Er machte sich Gedanken. Mr. zog er mich ins Vertrauen. Ich 172 . Mylonas. Sie dort zu finden. daß er Schmerzen hatte. wo Sie wohnen. Mr. Mylonas wollte das Päckchen nicht zurückschicken. Er hatte keine Ahnung. Das Motel war ebenfalls geschlossen.

wollte das Päckchen dem Absender geben. Während sie das Licht anmachte und den Thermostat der Klimaanlage regulierte. »Bleiben Sie hier«. achtete sie kaum auf die häßliche in Braun und Orange gehaltene Einrichtung und den abgetretenen gelblichen Teppichboden. was geschehen war »Die Wunde 173 . Santa… He! Lichter!« »Das sieht nach einem Motel aus!« Catherine fuhr erleichtert von der Straße ab und hielt vor dem hell erleuchteten Gebäude an. und Catherine schloß schnell die Tür auf. Dr. Catherine war völlig gefühllos.« Sie fuhr zur Rückseite des Motels. Vor den dunklen Türen standen nur wenige Wagen. werden sie den Wagen nicht sehen. mit denen für die Kinofilme der Woche geworben wurde. sagte sie zu Garibaldi und ging in das Büro. als sei ein Teil von ihr in Daniels Wohnung zurückgeblieben. Schaffen Sie es bis zum Eingang?« Sie liefen durch den Regen. Daniel Stevenson.« »Das Päckchen ist von Daniel?« »Ja. Ich parke den Wagen unter den Bäumen. Wenn die Killer uns suchen. Später würde noch genug Zeit sein. Sie sah auch nicht die bunten Bilder auf dem Fernseher. »Ich bin noch nie angeschossen worden. »Sie können uns erst morgen früh Benzin verkaufen. Kurze Zeit später kam sie zurück. Garibaldi nahm das Taschentuch vom Arm und wickelte den Hemdsärmel hoch. über alles nachzudenken. Der Besitzer hat die Schlüssel für die Pumpen bei sich. ihn anzusehen. »Nummer fünfzehn… am Ende. Ich habe ein Zimmer genommen. obwohl ich in Chicago lebe!« Catherine zwang sich. das ist unser Zimmer. Pedregosa Street.

Immer noch keine Antwort.« Dann öffnete sie den Verbandskasten. ich bin es.muß behandelt werden«. sagte sie. dann hatte er auch das ausgezogen.« »War es wirklich nur ein Streifschuß oder steckt eine Kugel im Arm?« »Nein.« Nichts rührte sich. »Warum haben Sie nicht aufgemacht?« fragte sie und legte die Vollkornkekse. Kartoffelchips. Dann klopfte sie leise an der Tür Nummer fünfzehn und rief: »Vater Garibaldi. Feigenrollen und Cola-Dosen auf den Tisch vor dem Fenster. Auf dem Rückweg kaufte sie an einem Automaten noch etwas zu knabbern und zu trinken.« Er hatte das Hemd ausgezogen und den Stehkragen abgeknöpft. antwortete er. wie die Sicherheitskette zurückgeschoben wurde. »Schließen Sie hinter mir ab. Sie trat ein paar Schritte zurück und sah Licht durch den Vorhang. »Ist es schlimm?« »Die Wunde schmerzt. Machen Sie auf. Sie klopfte noch einmal. Sie blickte auf das Nummerschild der Tür: ›15‹. richtete sie den Blick schnell auf den verletzten Arm. muskulösen Oberkörper sah. keine Kugel…« Sie legte die blaue Tasche auf das Bett am Fenster: »Setzen Sie sich. Als sie seinen nackten. »Ich war im Bad und habe Wasser laufen lassen und das Klopfen nicht gehört. Endlich hörte sie. »Tut mir leid«. »Woher haben Sie den?« fragte er und setzte sich neben 174 . aber es ist nicht weiter schlimm. Er hatte ein Handtuch um die Wunde gewickelt. und die Tür ging auf. Sie trat ein und schloß wieder ab. Wenn er ein Unterhemd trug.« Mit der blauen Tasche über der Schulter rannte sie durch den Regen zum Büro. Nach kurzem Überlegen nahm sie das blutige Taschentuch und wickelte es sich um die Hand.

Sie begann zu schluchzen. Garibaldi fragte: »Was wollen Sie jetzt tun? Ich meine. Sie hat mir den Verbandskasten verkauft. Sie wußte nicht. Verzweifelt schlug sie die Hände vor das Gesicht. ich…« Sie lief ins Bad und ließ sich kaltes Wasser über Gesicht und Hände laufen. Als sie ins Zimmer zurückkam. hätte sie am liebsten geantwortet. wenn Sie nicht zur Polizei gehen…« Sie schüttelte nur stumm den Kopf. das hätte nicht geschehen dürfen! Niemand hat es verdient. was sie tun sollte. Ich muß mich beschäftigen. »Geht es Ihnen wieder besser?« fragte er. »Ist ja schon gut«. sonst fange ich an zu denken. warum sind Schußwaffen erlaubt? Warum sind sie nicht grundsätzlich verboten? Warum bringen sich Menschen gegenseitig um? Warum… warum gibt es soviel Gewalt auf der Welt?« Als sie seinen teilnahmsvollen Blick sah.« »Wollen Sie das wirklich tun? Ich kann ins Bad gehen und die Wunde selbst verbinden. Sie nickte stumm. hatte Garibaldi ein frisches Hemd angezogen – ein schwarzes Hemd mit kurzen Ärmeln. Den weißen Priesterkragen sah sie nicht. den Koffer mit einem Messer zu öffnen. und mich dabei geschnitten.« Ich muß mich auf etwas konzentrieren. Ihre Welt schien in Stücke gebrochen zu sein – zuerst der Streit mit Julius. »Entschuldigen Sie.sie. »Ich habe der Frau im Büro gesagt. so zu sterben! Das Messer… das Blut… O Gott!« Sie sprang auf. sagte Garibaldi tröstend. »Das mit dem Mord. 175 . Und ich möchte nicht denken. brach ihr Widerstand zusammen. ich hätte meinen Kofferschlüssel verlegt und versucht. noch nicht… Catherine desinfizierte schweigend die Wunde und verband sie sorgfältig mit einer Mullbinde. und dann… »Vater Garibaldi.

ich habe immer noch Urlaub. eine der eher friedlichen Gottheiten im MayaPantheon! Nun ja. Daniel hatte als Absender seine Adresse in Kalifornien angegeben. wie genau die Jade mit der Farbe Deiner Augen übereinstimmt. murmelte sie und legte es auf den Schoß. konnte ich kaum glauben. Mais als Opfergabe auf den Altar einer Erdgöttin. erwiderte sie tonlos und starrte auf das Päckchen. aber Catherine sah an den Briefmarken und dem Poststempel. Aber im Laufe der Jahre sind einzelne Funde wieder aufgetaucht. sagte er und reichte ihr das Päckchen.« »Oder Sie wären ebenfalls tot«. daß das Päckchen in Cozumel. und ich war noch nie in Kalifornien. »Wissen Sie. Das bist du Danno schuldig. aufgegeben worden war. Behalte die Nerven. »Es ist von Danno«. auf dem Wandbild trägt sie jedenfalls genau das. dann hätte ich Ihrem Freund vielleicht das Leben retten können. die meiner Meinung nach die Königin ist. Cathy! Das soll eine Überraschung für Dich sein! In Deinen Händen hältst Du etwas. daß es aus ‹meinem› Grab stammt. Ich fand es interessant. Mit Tränen in den Augen las sie: ›Hallo. Mylonas für Sie gegeben«. Darauf lag ein Brief.Keine Gefühle. nach Santa Barbara zu fahren…« Er seufzte. »Das hat mir Mr. das aus dem Grab stammt. Frohe Weihnachten 176 . Mexiko. Vorsichtig entfernte sie das braune Packpapier. Eine kleine Schachtel kam zum Vorschein. denn es ist bestimmt schon vor Jahrhunderten ausgeraubt worden. denn auf einer der Fresken legt eine Frau. Als ich es entdeckte. Das ist kein Witz! Als ich das Grab entdeckte. sagte sie sich vor. Du mußt die Sache zu Ende führen. war es leer. was ich Dir schicke. Dieses kleine Kunstwerk habe ich in einem Laden in Cozumel entdeckt und wußte sofort. »Wäre ich doch nur etwas früher gekommen.

und plötzlich war alles voll Blut… Catherine vergrub ihr Gesicht in den Händen. »Möchten Sie. wer mich verfolgt. »Dazu ist mein Zorn zu groß. Ich weiß. Das wünscht Dir Danno. Es war ein Jaguar an einem Lederband. Sie nahm ihn heraus.« Sie stand auf und stellte Daniels Laptop auf den Tisch.« »Und dann?« »Dann werde ich die Polizei benachrichtigen. Sie betrachtete ihn lange und lauschte dabei auf den Regen. »Aber ich danke Ihnen. was Karaoke ist. daß Garibaldi den Blick nicht von ihr wandte. »Was ist?« 177 . Daniels Augen wurden starr vor Entsetzen. Er trug ein T-Shirt und sagte lachend: ›Mach mir nichts vor.« Sie holte tief Luft und fand ihre Fassung wieder.und ein glückliches neues Jahrtausend. Es tut mir leid. Sie spürte eine sanfte Berührung an den Schultern. ohne zu bemerken. Der Mann riß ihm den Kopf zurück. daß ich mit Ihnen bete?« »Nein«. Vater Garibaldi.« Sie klappte den Deckel auf und holte tief Luft. »Was haben Sie vor?« »Daniel hat gesagt. Dort werden wir sehen. daß Sie mir das gebracht haben. daß Sie deshalb beinahe erschossen worden sind.‹ Sie öffnete die kleine Schachtel und fand in Watte gebettet einen Jadeanhänger. er weiß. Sie hob das Band über den Kopf und legte es um den Hals. In Gedanken sah sie Daniel. erwiderte sie tonlos. das Messer blitzte.‹ Ein anderes Bild drängte sich ihr auf. Sein Tagebuch ist in dem Computer. Er hat es in sein Tagebuch geschrieben. Der Anhänger reichte bis zu ihren Brüsten. Cathy. wer diese Männer sind.

« »Ich kenne Daniels Paßwort nicht. sagte sie zu Garibaldi. »O nein!« »Was gibt es?« fragte er. sagte Catherine. »Ein Photo von mir auf Dannos Laptop! Wieso?« Garibaldi betrachtete das Photo. »Versuchen Sie Ihr Glück«. flüsterte sie verwundert. »Versuchen Sie es mit ›Nonnenschule‹«. die mit Daniels Interessen zusammenhingen – Spock. Er setzte sich vor den Laptop und tippte ein Wort nach dem anderen ein. wollte etwas sagen. bis wir das richtige Paßwort finden.« Sie versuchte es mit einigen Worten.« »Dann lassen Sie sich etwas einfallen. Catherine fand den Ein/Aus-Schalter und startete den Computer. Dann sah er die Meldung auf dem Monitor: BITTE PAßWORT EINGEBEN »Sie müssen sein Paßwort kennen. Klingon. sagte Garibaldi. unterließ es aber.« Kein Erfolg. die viele Leute verwenden«.« Plötzlich wurde der Raum von grellem Scheinwerferlicht 178 . erhielt aber jedesmal dieselbe Meldung: UNGÜLTIGES PAßWORT: BITTE RICHTIGES PAßWORT EINGEBEN! »Wo hat er studiert?« »In Berkeley.« Garibaldi tippte ›Stanford‹. um die Dateien öffnen zu können. »Wie wäre es mit ›Phönix‹?« Catherine schüttelte den Kopf und stand auf. Garibaldi schüttelte den Kopf und murmelte: »Es kann eine Ewigkeit dauern. »Es gibt ein paar Begriffe. »Versuchen Sie es mit ›Blitz‹. Asimov – ohne Erfolg.»Das bin ich«. Kein Erfolg.

erhellt. Garibaldi sprang auf, und Catherine wich bis an die Wand zurück. Die Lichter wanderten weiter, und Garibaldi schob den Vorhang etwas zur Seite. Ein weißer Lieferwagen fuhr auf den Parkplatz vor dem Nebenzimmer. Garibaldi zog den Vorhang wieder zu. »Falscher Alarm.« Sein Blick fiel auf das Photo neben dem Bildschirm von Daniels Laptop. »Probieren Sie es mit Ihrem Namen«, sagte er. »Warum?« »Warum nicht?« Sie setzte sich und tippte ›Catherine‹. Als wieder die Falschmeldung kam, versuchte sie es mit ›Alexander‹.
UNGÜLTIGES PAßWORT: BITTE RICHTIGES PAßWORT EINGEBEN!

»Was nun?« murmelte sie und starrte auf den Monitor. »Ich werde etwas versuchen.« Garibaldi nahm den Laptop aus der schwarzen Ledertasche und teilte ihn auf den Tisch. Dann suchte er nach den seitlichen Entriegelungen und nahm die Tastatur ab. Jetzt konnte man in das Innere des Gerätes blicken. »Manchmal«, murmelte er, »kann man das Paßwort umgehen, indem man nur…« Er betrachtete sich die Festplatte, die Steckkarten und die anderen elektronischen Komponenten, dann richtete sich seine Aufmerksamkeit auf die grüne Platine mit den Transistoren und Schaltkreisen. »Aha! Da haben wir es. Ich brauche ein Stück Metall. Haben Sie zufällig eine Haarnadel?« Sie fuhr sich mit der Hand durch die langen Haare. »Leider nein.« »Vielleicht eine Büroklammer?« Catherine durchsuchte die Seitentaschen und Fächer der
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Laptop-Tragetasche und fand eine Ersatzbatterie, das sichtlich vielgelesene Exemplar Hawksbill Station von Robert Silverberg, eine leere Kaugummipackung, einen Markierstift, einen Notizblock und – »Hier!« Während Garibaldi die Büroklammer aufbog, deutete er auf die Platine. »Sehen Sie, dort steht ›J-A23/‹! Das ist eine Kurzschlußbrücke. Wenn es mir gelingt, diese beiden Stellen miteinander zu verbinden…« Catherine sah mit angehaltenem Atem zu, wie er den Kupferdraht der Büroklammer so legte, daß er zwei dicht nebeneinander liegende Kontakte verband und ihn dann auf den Krallen festdrückte. Sofort erschien auf dem Bildschirm eine andere Meldung. »Was bewirkt die Büroklammer?« fragte Catherine, während er die Tastatur wieder einsetzte und sicherte. »Ich habe das Paßwort zurückgesetzt.« Auf dem Monitor stand jetzt:
IHRE SETUP INFORMATION HAT SICH GEÄNDERT. DRÜCKEN SIE »F2« UM SETUP ZU LADEN.

»Haben wir jetzt etwa Zugriff auf das System?« fragte Catherine. »Mal sehen«, erwiderte er und drückte die Taste ›F2‹. Auf dem Bildschirm erschien in der ersten Zeile:
SPHINXBIOS SETUP.

Garibaldi klickte auf den Menüpunkt ›Datenschutz‹ und murmelte vor sich hin: »Damit wirklich alle Paßwörter außer Kraft gesetzt sind.« Auf dem Bildschirm erschien die Meldung: BENUTZER-PAßWORT: DEAKTIVIERT! BENUTZER-PAßWORT: [EINGEBEN] PAßWORT BEI START: [DEAKTIVIERT] DISKETTE ZUGANG: [BENUTZER]
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PESTPLATTE BOOT SECTOR: [NORMAL] AUTOM. VIRUSPRÜFUNG: [DEAKTIVIERT] »Okay, Michael«, sagte er. »Speichern und dann ›Exit‹.« Er drückte ›Enter‹, und im nächsten Moment erschien das ›C-Prompt‹ links oben auf dem Monitor. »O je«, sagte Catherine. »Ich fürchte, Daniel hat seine Software nie auf den neuesten Stand gebracht. Ich weiß jedenfalls nicht, wie DOS funktioniert.« »Es ist schon eine Weile her, daß ich mit DOS-Befehlen gearbeitet habe«, sagte Garibaldi. Er tippte SCI und drückte ›Enter‹. FALSCHER BEFEHL Catherine sagte: »Daniel hat bestimmt nie Scimitar benutzt. Er lehnte Dianuba Technologies prinzipiell ab und wollte nichts mit ihrer Software zu tun haben.« »Gut, dann versuchen wir es damit«, Garibaldi tippte ›WIN‹, und sofort erschien das ›WINDOWS‹-Logo. Damit konnten sie alle Dateien auf dem Laptop öffnen. »Na also!« rief Garibaldi und schob Catherine die Tastatur hin. Sie betrachtete aufmerksam die Logos. »Jetzt muß ich nur noch herausfinden, wo Daniel sein Tagebuch abgespeichert hat.« Als sie CAPTAINS LOG sah, rief sie: »Das muß es sein!« Mit einem Doppelklick aktivierte sie den Eintrag. Auf dem Bildschirm erschien die Meldung: Szfdatbg unm Czmhdk Rsdudmrnm »Da stimmt etwas nicht!« »Es sieht nach einem Code aus«, meinte Garibaldi. »Wie kann man so etwas dechiffrieren?«
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»Die gebräuchlichste Methode ist das Ersetzen jedes einzelnen Buchstabens.« »So?« fragte Catherine, tippte das Alphabet und dann darunter: abcdefghijklmnopqrstuvwxyz egjmlakbroctwzvndpuyfshqix »Genauso. Das Wort ›Katze‹ zum Beispiel«, sagte Garibaldi, »sieht in diesem Fall dann so aus: ›Oeuxl‹.« »Wundervoll. Dann müssen wir nur eine Million Kombinationen des Alphabets ausprobieren, um den Schlüssel für den richtigen Code zu finden!« Sie trommelte nervös auf den Tisch. »Hier steht irgendwo der Name von Daniels Mörder. Ich muß ihn finden!« »Vielleicht sollten wir es wie bei den Geheimschriften machen die man in Rätselbüchern findet. Wir suchen nach Wortkombinationen wie ›es‹, ›und‹, ›das‹ usw.« Catherine runzelte die Stirn. »Ich kann mir nicht vorstellen, daß sich Danno die Mühe gemacht hat, einen komplizierten Schlüssel zu erfinden. Schließlich weiß man, daß jeder Code, auch der komplizierteste, geknackt werden kann. Ich meine, er hat das nur gemacht, um zu verhindern, daß Neugierige, die zufällig seinen Laptop in die Hände bekommen, sein Tagebuch lesen.« »Vielleicht sollten wir jeden Buchstaben durch eine Nummer ersetzen.« »Auch das ist viel zu kompliziert. Danno hat sicher nur einen Code benutzt, der sich leicht tippen und später ebenso leicht entschlüsseln läßt. Warten Sie…« Sie begann zu tippen. »Was haben Sie vor?« »Zuerst muß man denken wie Danno. Mein Freund Daniel Stevenson war ein Science-Fiction-Fan. Sein Lieblingsfilm ist…«, sie verbesserte sich, »war… Kubriks
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Odyssee 2001. Wissen Sie noch? HAL hieß der Computer. Der Name war von IBM abgeleitet, wobei die Buchstaben im Alphabet jeweils um eins nach vorne verschoben waren…« Sie begann langsam zu tippen. »Passen Sie auf:« »Tagebuch von Daniel Stevenson« »Ein Schuß ins Schwarze!« rief Garibaldi. »Gut, wonach suchen wir jetzt?« Catherine ließ den Text auf dem Bildschirm abrollen und überflog die Tagebucheintragungen. Dabei sagte sie zu Garibaldi: »An dem Abend, als wir den Sinai verließen, waren im Lager viele Menschen. Danno sagte mir, er habe ein bekanntes Gesicht gesehen… einen Amerikaner.« Garibaldi erwiderte: »Ich war zum Beispiel auch dort.« »Hier… das muß es sein.« Sie brachte den Cursor vor einen Buchstaben und tippte: D-E h-i m-n (Leertaste) L-M z-a m-n m-n usw. Als sie fertig war, stand dort: »Ein Mann mit einer häßlichen Narbe im Gesicht und kurz geschnittenen weißen Haaren. Ich weiß genau, daß ich ihn schon einmal gesehen habe. Aber wo? Natürlich, da steht er direkt vor meinen Augen! Ich blickte in den vergangenen zwei Jahren beinahe jeden Tag auf diesen häßlichen Kerl. Er arbeitet für…« »Mein Gott«, flüsterte Catherine. »Wer ist es?« Sie schob den Computer etwas zur Seite, damit er den Monitor sehen konnte: ›Lhkdr Gzudqr‹, stand dort. Garibaldi kniff die Augen zusammen und murmelte: »Miles Havers… das Computer-Genie?«

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Santa Fé, New Mexico
Teddy Yamaguchi wußte, daß viele Leute dachten, er sei lebendig begraben. Die Leute irrten sich. Computer waren sein Leben, und es gab auf der ganzen Welt keinen anderen Ort, an dem er in diesem Augenblick hätte sein wollen. Er befand sich im modernsten Kommunikationszentrum, das sich nur jemand wie Miles Havers, der reichste Mann der USA, leisten konnte. Teddy, der mit achtundzwanzig gerade das College absolviert hatte, wurde für seine Arbeit fürstlich entlohnt. Er wohnte wie in einem Luxushotel mietfrei in einem nach seinen Wünschen eingerichteten Bungalow auf dem riesigen Anwesen. Es machte ihm nichts aus, daß er sich vierundzwanzig Stunden am Tag dienstbereit halten mußte. Der Job für Miles Havers war die Erfüllung all seiner Träume, denn Teddy konnte auch in seiner Freizeit die Anlagen im Kommunikationszentrum uneingeschränkt benutzen. Manchmal bekam er wirklich schwierige Aufgaben, deren Lösung eine echte Herausforderung darstellte, aber in dieser Nacht war alles einfach. Sein Boß hatte gesagt: »Finden Sie Dr. Catherine Alexander.« So etwas war kaum mehr als Routine. Teddy trug wie immer eine schwarze Nylonhose und ein weißes T-Shirt. Die hoch rasierten dichten schwarzen Haare krönten wie ein Helmbusch seinen schmalen Kopf, und in den beiden goldenen Ohrringen brach sich hin und wieder das Licht der Wand mit den Großbildschirmen, die ihm Informationen aus aller Welt einspielten. Es sah aus, als käme Teddy gerade aus einer Star-sound-Disco und nicht aus seiner verkabelten Hacker-Schüssel, dem futuristischen Schlafzimmer, wo er sich gerade einen alten
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Filmklassiker angesehen hatte, als Havers ihn rief. Teddy setzte sich vor den 4000 210 Mhz 4-Gig HDD-Computer mit einem 128.000-bps-Modem – für ihn schon ein Oldtimer mit nostalgischem Wert. Diese Anlage würde nach der Jagd auf die Archäologin gegen ein neues, schnelleres und sehr viel komfortableres Modell ausgetauscht werden. Er wartete auf Signale von Catherine Alexanders Kreditkarten-Konto, dem Bankkonto, den Telefonkarten und Benzinkarten. Auch ihre Nummer der Sozialversicherung ließ er überwachen. Er hatte selbstverständlich auch die Nummern ihrer Bibliothekenausweise eingegeben – im Grunde alles, was irgendwo in einem Computersystem auftauchen konnte. Als unschlagbarer Hacker hatte Teddy die Systeme, in denen Catherine Alexanders Kreditkarten geführt wurden, fest im Griff. Außerdem überprüfte er das Nummernschild des Leihwagens, in dem sie geflohen war, und durchsuchte ihre persönlichen Daten nach Hinweisen, wohin sie gefahren sein mochte. Mit all diesen Informationen, die rund um die Uhr aktiviert waren, würde er sie ganz bestimmt aufspüren. Teddy mußte unwillkürlich lachen. Es war wie in Pulse, seinem Lieblingscomputerspiel: ›Suche die Frau, den Schatz und das goldene Symbol und finde den Ausgang des Labyrinths, bevor dich Gordon überfällt und ausschaltet‹. Niemand hatte bis jetzt die Rekordzeit unterboten, mit der Teddy in Pulse das Ziel erreichte. Ebensowenig würde es einem anderen gelingen, Catherine Alexander auf Anhieb zu finden. Er griff nach ein paar Snacks in der Schale neben ihm – Schokoladen-Popcorn und Gummibärchen mit einem Überzug aus braunem Zucker und Kaffee -, kaute langsam und hatte das Gefühl, mit Vollgas über die digitalen Datenautobahnen zu jagen. Man
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stelle sich das vor! Für diesen unvergleichlichen Spaß wurde er auch noch bezahlt… Manchmal konnte Teddy sein Glück nicht fassen. Bald, nachdem er 1995 sein Studium an der Stanford University begonnen hatte, wurde er verhaftet und angeklagt. Man warf ihm vor, über das Internet kommerzielle Software im Wert von mehreren Millionen Dollar verschoben zu haben. Diese Software war von Dianuba Technologies, der Gesellschaft von Miles Havers, gestohlen worden. Man sprach von dem größten aufgedeckten Einzelfall von Software-Piraterie. Aber die Anklage wurde von einem Richter niedergeschlagen, der entschied, der Student habe keine kriminelle Handlung begangen. Der CopyrightSchutz für Software bezog sich nicht ausdrücklich auf Teddys angebliches Vergehen, denn er hatte eindeutig keine finanziellen Vorteile aus seinen Manipulationen gezogen. Da die Staatsanwaltschaft jedoch glaubte, ihn irgendwie bestrafen zu müssen, warf man ihm Mißbrauch von Telefonanlagen vor. Als auch das nicht zu dem erwünschten Erfolg führte, meldete sich unerwartet Miles Havers zu Wort. Er überraschte die Öffentlichkeit, indem er dem jungen Mann großzügig alles verzieh und erklärte: ›Wir haben alle einmal gegen das System rebelliert. Es ist kein Geheimnis, daß ich in meiner Jugend im ComputerBereich auch illegale Dinge ausprobiert habe. Die Gesetze sind bis heute nicht klar und eindeutig‹. Mit dieser Äußerung war er schlagartig zum Liebling aller Computer-Freaks geworden. Das Millionenspiel mit den Medien, mit der Staatsanwaltschaft und den Gerichten hatte jedoch einen Hintergrund, von dem die Öffentlichkeit nie etwas erfahren würde. Teddy hatte über Internet das neueste Computer-Spiel verbreitet, das Dianuba Technologies
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damals gerade produzierte. Teddy hatte es gestohlen und illegal kopiert, noch bevor es auf den Markt kam. Darin lag die besondere Bedeutung, denn die Medien sprachen von dem neuen Spiel, das alle Konkurrenzprodukte überflügeln werde. Das Publikum fieberte dem Hit entgegen. Kein Wunder, daß mindestens zwei Millionen Anwender das Spiel kostenlos kopierten, weil Teddy, der Held der Hacker, auf seine Weise dem Kommerz zuvorkam und seinen Erfolg mit allen teilte, die wie er dachten. Auf diese Weise brachte er Havers um mehrere Millionen Dollar Gewinn. Die anderen SoftwareHersteller verurteilten Miles Havers, weil er Teddy Yamaguchi verzieh und auf diese Weise den ›Piraten‹ auch noch in Schutz nahm. Aber Havers schrieb nicht lange Verluste. Als ein halbes Jahr später die zweite Version des Spiels angeboten wurde, setzte es sich sofort an die Spitze und überflügelte selbst Erfolge wie Myst oder Doom. Finanzexperten errechneten, daß Havers damit nicht nur die früheren Verluste wettgemacht hatte, sondern mittlerweile mehr Gewinn erzielte, als wenn die ursprüngliche Version über legale Kanäle auf den Markt gekommen wäre. Teddy hatte noch einen Grund mehr, sich darüber zu freuen, denn das Justizministerium hatte sich an der Nase herumführen lassen. Niemand ahnte etwas davon, aber Miles Havers hatte die Sache von Anfang an so geplant. Er hatte mit Teddy Yamaguchi ein Abkommen getroffen. Dazu gehörte es, die Ursprungsversion zu ›stehlen‹. Als Havers mit ihm über diese unglaubliche Sache verhandelte, war Teddy mißtrauisch gewesen. Aber als Super-Hacker, der er tatsächlich war, begriff er sehr schnell, worauf Havers hinauswollte. Dianuba Technologies hätte das Spiel auch kostenlos im Internet
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anbieten können, wie andere Gesellschaften es mit ihren Produkten taten. Ständig waren ›Vorläufer‹ von Computerspielen im Netz, um Spieler zu werben. Man muß die Leute nur süchtig machen, hieß es in der Software-Industrie, und der Rubel rollt. Miles Havers, ein Kenner der menschlichen Natur, hatte diese Philosophie noch verfeinert. Er sagte sich, gestohlene Software sei wie der verbotene Apfel im Paradies die süßeste aller Früchte. Sein beispielloser Erfolg führte dazu, daß er inzwischen im Kreis seiner Manager laut darüber nachdachte, ob man das manipulierte ›Stehlen‹ von Software als MarketingStrategie nicht routinemäßig einsetzen sollte. Man sprach von Shareware oder Crackware – ein Suchtmittel, das so wirksam zu sein schien wie Crack, aber zehnmal höhere Gewinne brachte. Havers bot dem jungen Asiaten noch vor dem College-Abschluß an, nach Santa Fe zu kommen und für ihn zu arbeiten. Teddy zögerte nicht lange, und seit er zu Havers’ Team gehörte, stiegen die Gewinne der Gesellschaft jährlich in Millionenhöhe. Nein, das war kein schlechtes Leben, besonders wenn Teddy an die Aktienbeteiligungen dachte, die zu seinem monatlichen Einkommen hinzukamen. In fünf Jahren würde er seine Millionen abheben, auf Maui oder auf Hawaii einen Laden für Angler aufmachen und nie mehr einen Computer anrühren. Teddy warf einen Blick auf das Bildtelefon, wo er über Standleitung mit Havers verbunden war. Sein Boß befand sich im Tropenhaus. Er saß vor einer Grotte mit seltenen und schwierig zu ziehenden Pflanzen an einem künstlichen Felsenteich mit einem Wasserfall. Wie alles bei Havers war auch diese ›Landschaft‹ vollkommen. Teddys Kommunikationszentrum wurde von Computern, Bildschirmen, Druckern und der aufwendigen und komplizierten Elektronik beherrscht. Hier gab es
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keine Pflanzen, nur ein Riesenfenster mit einem atemberaubenden Blick auf die Sangre de Cristo-Berge und eine verschneite Wüste. Teddy vergaß manchmal, daß dieser Blick nur eine Projektion war, denn das Computerzentrum befand sich in einem unterirdischen Betonbunker. Havers ist ein kluger Kopf, dachte Teddy bewundernd und nahm sich noch eine reichliche Handvoll von seiner Zucker-Koffein-Nahrung. Havers lebte nach dem Motto: ›Computer bedeuten Macht. Die Kontrolle über Computer bedeutet die absolute Macht.‹ Und Havers besaß zweifellos Macht. 85% aller Computer der Welt arbeiteten mit seiner Software. 1995 hatte er seinen größten Coup gelandet, als er ein neues Betriebssystem auf den Markt brachte, das den Zugang zum Internet für alle Anwender leichtmachte. Die großen Konkurrenten wie AOL und Prodigy wollten das verhindern, aber das Justizministerium lenkte schließlich ein, und Dianuba konnte mit seinem neuen Produkt auf den Markt. Man schätzte, daß inzwischen 70% aller Online-Anwender mit Hilfe von Havers’ PC-Software Scimitar auf Internet zugreifen konnten. Teddy richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die Bildschirme und schob den Gedanken an die großen Erfolge von Havers beiseite. Er dachte auch nicht weiter über die Gründe für das Interesse von Havers an Catherine Alexander nach. Er interessierte sich nur für die Jagd durch die Computersysteme. Kaffee und Zucker taten ihre Wirkung. Teddy war hellwach und holte alle Daten von Dr. Alexander auf den Bildschirm: Ihre Vorlesungen, ihre Konferenzen, ihre Veröffentlichungen und die Telefonnummern der Organisationen, mit denen sie etwas zu tun hatte – Teddy betrachtete aufmerksam die lange Liste ihrer Aktivitäten während der vergangenen fünf Jahre. Irgendwo unter diesen Daten befand sich der goldene Schlüssel zu
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ihrem Versteck. Er würde sie in dem Labyrinth finden, bevor die Zeit für das ›Spiel‹ abgelaufen war. Miles saß in seinem Tropenhaus inmitten von Farnen und Kletterpflanzen, die er besonders liebte. Hier, am Wasserfall, konnte ihn niemand stören. Noch einmal hörte er sich in aller Ruhe das Gespräch zwischen Catherine Alexander und Daniel Stevenson an. Er achtete besonders auf die Erwähnung des Tagebuchs und die Absicht, die Verbindung zum Institut in Houston wiederaufzunehmen. Dabei blickte er auf die handschriftlichen Notizen seines Telefonats mit Zeke. »Sie hatte bei der Flucht einen Koffer, eine blaue Tasche über der Schulter und eine schwarze Tragetasche.« Eine schwarze Tragetasche. Miles trommelte mit den Fingern auf die Steinbank. War es die Tragetasche eines Computers? Vielleicht handelte es sich bei dem Tagebuch überhaupt nicht um ein ›Buch‹, vielleicht benutzte dieser Stevenson einen Computer für seine Tagebucheintragungen, vielleicht hatte Catherine Alexander diesen Computer mitgenommen, als sie aus der Wohnung ihres ermordeten Freundes floh… Miles wurde in seinen Überlegungen durch das Leuchtsignal seines Telefons unterbrochen. Teddy meldete sich. »Mr. Havers, ich habe einen Namen. Der Mann wohnt in Malibu und ist Leiter des Freers Instituts. Er heißt ›Dr. Julius Voss‹. Ich glaube, er ist mit der Alexander liiert.« Ihr Liebhaber, dachte Miles und lächelte. Das war eigentlich zu einfach. Er trennte die Verbindung und wählte eine Nummer mit der Vorwahl von Beverly Hills, West Los Angeles und Malibu. Als sich der Teilnehmer meldete, sagte er: »Hier spricht Havers. Ich habe einen Auftrag für Sie. Die Sache ist dringend und muß sofort erledigt werden.«
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Santa Ynes-Berge, Kalifornien
»Ich muß Julius anrufen!« »Einen Augenblick«, sagte Garibaldi. »Ich begreife das nicht. Wie konnte Ihr Freund Daniel den Mann mit der Narbe im Gesicht mit Miles Havers in Verbindung bringen?« »Das weiß ich auch nicht«, antwortete Catherine. »Aber Danno hat sich das bestimmt nicht ausgedacht.« Sie blickte auf den Laptop-Monitor und las noch einmal die betreffende Stelle im Tagebuch: ›Natürlich, da steht er direkt vor meinen Augen!‹ Plötzlich fiel es ihr ein! Danno meinte damit das alte vergilbte Zeitungsphoto an seinem Kühlschrank. Es stammte noch aus der Zeit, als Havers die Kopernikus-Tagebücher von den Russen gekauft hatte. Das war 1997 gewesen. Catherine kannte das Photo gut, denn sie hatte es jedesmal gesehen, wenn sie bei Danno in der Wohnung war – ein UPI-Photo des gutaussehenden und reichen Miles Havers neben einem lächelnden Russen im Vordergrund, und im Halbkreis hinter ihnen dicht gedrängt andere Herren im Anzug. Unter dem Bild stand: ›Computer-Mogul Miles Havers erwirbt Tagebücher aus dem fünfzehnten Jahrhundert‹ Neben diesem Bild klebte an Dannos Kühlschrank ein anderes mit der Unterschrift: ›Miles Havers verspricht, daß die Kopernikus-Tagebücher der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.‹ Danno hatte zu den Stimmen gehört, die Protest dagegen erhoben, daß die Kopernikus-Tagebücher in einer Privatsammlung verschwanden. Die Zeitungsausschnitte schmückten seinen Kühlschrank als Erinnerung an einen der wenigen Siege in seinem Leben. Auf beiden Photos befand sich im Hintergrund ein Mann
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sagte Catherine ungeduldig. Denken Sie an seinen Feldzug gegen die taiwanesischen Importeure von Orchideen. Aber Moral Das klingt nicht nach ihm. er ist hinter dem her. »Ich muß Julius benachrichtigen und ihn wissen lassen. der Danno umgebracht hat«. Ich meine. »Ich habe den Mann deutlich gesehen. die Umwelt zu schützen und vom Aussterben bedrohte Pflanzenarten zu retten. Niemand würde mir glauben! Havers ist der reichste Mann der USA.« »Sie meinen also. »Und ich weiß jetzt mit Sicherheit. Catherine stützte den Kopf in beide Hände. Denken Sie nur an die Kopernikus-Tagebücher. Ich kann das alles immer noch nicht so recht glauben.« »Wieso das?« »Ich kenne zwei Photos von ihm mit Havers. was Sie haben. In der Öffentlichkeit ist er nicht nur geachtet. Das bedeutet allerdings…«. Vielleicht erfährt er. 192 . Nun gut. Havers ist ein gerissener Geschäftsmann.« »Das weiß ich alles«. man weiß doch.« Catherine setzte sich auf das Bett und nahm den Telefonhörer ab. dann macht er sich bestimmt Sorgen um mich. um seine Ziele zu erreichen. Wenn ich behaupte. daß Danno tot ist. daß er für die Rettung der Regenwälder eintritt! Er ist immer einer der Wortführer. sagte sie.mit kurz geschnittenen Haaren und einer Narbe im Gesicht. daß er für Miles Havers arbeitet. sondern wird wie ein Idol verehrt. »Aber Miles Havers ist auch als Sammler der teuersten und seltensten Objekte bekannt. daß es mir gutgeht. »ich kann nicht zur Polizei gehen. aber Garibaldi unterbrach sie: »Warten Sie. daß er mich umbringen will…« Catherine stand auf. wenn es darum geht. und bestimmt greift er auch zu fragwürdigen Taktiken.

Ich leide unter Wahnvorstellungen. Ich weiß. Garibaldi senkte betroffen den Kopf. Deshalb lächelte er entschuldigend und nickte: »Sie haben recht. aber es ließ sich nicht vermeiden. daß Sie sich das alles einbilden. daß Julius mein Freund ist. Ich komme allein zurecht. Tränen liefen ihr über die Wangen. ob Sie mir glauben oder nicht.« Sie wischte sich mit dem Handrücken die Tränen ab und sagte traurig: »Nochmals vielen Dank. Stevenson wird bald herausfinden. weshalb mein Freund Danno sonst so brutal ermordet worden ist?« rief sie erstickt. die Danno bei sich hatte. und zwar allein!« »Wirklich? Bei diesem Wetter und ohne einen Wagen?« Seine Worte hatten nicht ironisch klingen sollen. und genießen Sie die letzten Tage Ihres Urlaubs. Es ist nur schwer zu glauben. hierzubleiben. »Es ist mir gleichgültig.« »Ich habe nicht behauptet. daß ich mit Danno befreundet war. ihn zu überzeugen. Und wenn Havers weiß. Der Mörder von Dr. daß Havers zwei Killer damit beauftragt hat. gab sie den Versuch auf. Natürlich ist Miles Havers nicht hinter mir her.um es seiner Privatsammlung einzuverleiben?« »Die Vorstellung. »Vergessen Sie alles. daß Julius Ihr 193 . Vater Garibaldi. Sie würden gehen. Danno die Kehle durchzuschneiden. Nehmen Sie den Wagen. Mir wäre es lieber. macht mir wirklich Angst. Ich muß so schnell wie möglich weg. daß Sie mir Dannos Päckchen gebracht haben. was ich habe. Aber es besteht für Sie wirklich kein Grund mehr. Wenn Havers diese Photos sieht.« Als sie Garibaldis skeptisches Gesicht sah. Und Sie müssen wirklich nichts mit all dem Wahnsinn zu tun haben.« »Können Sie mir verraten. daß den Killern die Photos in die Hände gefallen sind. dann wird er mir mit Sicherheit das abjagen wollen. dann wird er auch bald herausfinden.

« »Ich werde ihm nicht sagen. bevor Julius seine 194 . Sie müssen nicht zurückrufen.« Als Catherine auflegte. sagte sie.« Danno ist meinetwegen umgebracht worden. daß Sie es sind?« »Er weiß es. sie holte Luft und sagte dann: »Ich hoffe. hier spricht Mrs. Voss. sah Garibaldi sie verblüfft an. die vor viertausend Jahren vermutlich an einem Gallenblasenleiden gestorben ist. Ich werde Sie von unterwegs anrufen. daß es mir gesundheitlich ausgezeichnet geht. »›Mrs. Sein Bericht wurde von einem anderen Wissenschaftler veröffentlicht. »Sie haben nicht mit Ihrer normalen Stimme gesprochen. daß sein Telefon abgehört worden war und daß man seine Aufzeichnungen ohne sein Wissen photokopiert hatte. Sie sollten ihn anrufen. während sie mit zitternden Händen wählte. denn ich verreise und mache einen lange überfälligen Urlaub. Es gab damals eine Art Skandal… Konkurrenzneid im Institut. Sein Anrufbeantworter meldete sich. desto besser für ihn. Julius hat ihre Mumie untersucht. hoffentlich ist ihm nichts passiert! Catherine verstellte ihre Stimme und sagte: »Dr. sagte sie. Julius stellte später fest. Wenn Julius etwas zustoßen sollte… Aber Julius war nicht zu Hause. »Je weniger Julius von all dem weiß. Ich hoffe…«.« »Sie haben ihn nicht vor Havers gewarnt. Sie haben mir im vergangenen Jahr die Gallenblase entfernt. Hatte er ihre Nachricht gefunden und war allein ausgegangen? O mein Gott. wo ich bin oder was ich über Danno weiß«.Freund ist. Meritites. Wie soll er wissen.« »Doch«. es geht Ihnen gut. Ich wollte Ihnen nur sagen. Meritites‹?« »Eine ägyptische Königin.

195 . »Wollen Sie mir nicht sagen. Alexander«. während sie nervös darauf gewartet hatte. daß es ein Lkw war. »man hat mich angeschossen. schüttelte den Kopf und lächelte dann. »Was wollen Sie wissen?« fragte sie schließlich. er war ebenfalls aufgestanden und kam näher. fliegen Sie nach Chicago zurück. der auf dem Parkplatz wendete und in der entgegengesetzten Richtung weiterfuhr. Er war groß und hatte breite Schultern. Wenn die beiden Männer uns finden. das kann ich nicht.« »Tut mir leid. den Sie mir nicht nennen wollen.« In seiner Hartnäckigkeit glich er irgendwie Danno. daß sein Telefon wieder einmal abgehört wird. »Bitte.Ergebnisse bekanntgeben konnte. Draußen näherten sich Scheinwerfer. ging zum Fenster und öffnete den Vorhang einen Spalt.« »Nehmen Sie den Wagen«. daß die Klappe hinter dem Sprechgitter zur Seite geschoben wurde. »Also gut. Sie seufzte. Sie sah ihn hinter sich. »Es ist besser für Sie. Es erinnerte sie an schwüle Nachmittage im dunklen Beichtstuhl. »Dr. weshalb ich plötzlich als Zielscheibe diene. Er sah sie erwartungsvoll an. sagte sie und drehte sich um. was Havers so unbedingt haben möchte?« Catherine stand auf. Das schwarze Hemd und die Jeans erinnerten sie an ihre erste Reaktion. wenn Sie es nicht wissen«. als sie ihm im Hotel Isis begegnet war. und das gefiel Catherine überhaupt nicht. Das kalte Glas beschlug unter ihrem Atem.« »Ich verstehe. und zwar aus einem Grund. Julius wird sich bestimmt an den Fall erinnern und wissen.« Garibaldi schwieg. Vergessen Sie mich und alles was geschehen ist. Unwillkürlich hielt sie die Luft an. werden sie wieder schießen. Ich würde zumindest gerne wissen. sagte sie schließlich leise. Aber dann sah sie.

und in der Ferne donnerte es. was ich Ihnen jetzt zeigen werde. »Und dafür setzen Sie Ihr Leben aufs Spiel?« »Ja.Aber Sie müssen mir versprechen. Ich nenne es ›Sabinas Brief‹. War es Zorn oder vielleicht nur Mißtrauen? »Ich gebe Ihnen mein Wort«. das war Danno. was ich bisher übersetzt habe. der Entdeckung des unterirdischen Gangs. sagte er ernst. Sie berichtete ihm kurz von der Sprengung und dem ersten Fragment. über die ich im 196 . schob den Laptop zur Seite und öffnete den Reißverschluß. von dem Korb. Catherine sah auf der Digitaluhr des Radioweckers neben dem Bett. keinem Menschen etwas von dem zu sagen. »Aus persönlichen Gründen.« »Warum? Was steht in diesen Texten?« »Ich weiß es noch nicht genau. Ihr Eingreifen hätte uns beinahe verraten. Catherine griff nach der blauen Tasche. »Hier ist das. Der Sturm nahm an Heftigkeit zu. die Sie beschützen wollten. Kurz darauf blickte Garibaldi ungläubig auf sechs zusammengefaltete alte Papyri. den sie gefunden hatte.« »Und was?« Sie suchte in der Tasche und nahm einen Notizblock heraus. »Die Beduinenfrau.« Etwas zuckte in seinem Gesicht. ging damit zum Tisch. Das Licht begann zu zucken. obwohl ich etwas vermute. und schließlich von der Flucht mit den Schriftrollen aus Ägypten.« Seine Augen hingen an den sechs Büchern.« Garibaldi las schweigend die Übersetzung. daß Mitternacht gerade vorüber war.

Wenn Sabina zum Beispiel sagen würde. Ich glaube. Aber nach dem Griechisch zu urteilen. spricht von dem ›Gerechten‹. damit könnte sie Jesus meinen.Augenblick nicht sprechen möchte«.« »Zweites Jahrhundert? Sind Sie sicher?« »Die Geschichte. Möglicherweise erstes Jahrhundert. »ein Bericht über das Leben unseres Herrn?« Sie nickte. denn sonst werden wir es nie erfahren. warum ich keine Zeit verlieren darf?« Garibaldi berührte mit dem 197 . spricht von Jesus!« Er sah Catherine an. etwa den Namen eines Kaisers oder eines Herrschers.« »Diese Frau. sagte er ehrfürchtig. in dem Text auf einen Anhaltspunkt zu stoßen. »kann ich diese Schriftrollen nicht der Polizei übergeben und auch nicht riskieren. ist vielleicht älter. stammt der Brief aus dem zweiten Jahrhundert. einer historischen Gestalt. sagte sie leise. in welcher Zeit sich die Geschichte ereignet hat?« »Ich hoffe. und die Welt würde nie etwas davon erfahren. die in den Büchern erzählt wird. Und genau das muß ich herausfinden. dann wäre sie eine Zeitgenossin von Jesus.« »Dann ist das hier…«. diese Sabina. »Schon möglich. damit man dort eine genaue Datierung vornimmt. Er würde sie in seiner Sammlung verschwinden lassen. der eine genaue Datierung ermöglicht. daß sie Havers in die Hände fallen.« »Wie können Sie feststellen. Sabina. Deshalb darf Havers die Schriftrollen nicht bekommen. Verstehen Sie jetzt. die Perpetua die Geschichte diktiert. daß sie während der Herrschaft des Augustus geboren wurde. »In welchem Jahr wurde dieser Brief geschrieben?« »Ich habe eine Papyrusprobe in ein Institut in der Schweiz geschickt. deren Lebensdaten bekannt sind.

daß sie den genauen Zeitpunkt der Wiederkehr Christi erfahren hat. eine 198 . Wenn Havers sie inzwischen übersetzen läßt. die sich auf den Weltuntergang und das Jüngste Gericht bezog. um die siebte Schriftrolle zu finden!« »Einen Augenblick! Es gibt eine siebte Schriftrolle?« »Diese sechs erzählen nicht die ganze Geschichte. »Warum dürfen Sie keine Zeit verlieren?« »Wegen der Photos. den entweder wir gewinnen oder Miles Havers. wie seine Augen leuchteten. »Während Sie übersetzen.Zeigefinger behutsam das erste Buch.« »Wir werden beide arbeiten«. Haben Sie den Namen schon einmal gehört?« Er schüttelte den Kopf.« »Die Wiederkehr Jesu Christi«. Deshalb hat man damals. Es fehlt ein Buch. die siebte Rolle aus Sicherheitsgründen an einem anderen Ort versteckt. dann weiß er bald genug. murmelte er. im zweiten Jahrhundert. werde ich versuchen. »Sabina sagt in ihrem Brief. die Texte ›König Tymbos‹ zu übergeben. das alles ist inzwischen ein Wettlauf mit der Zeit. und Catherine sah. »Verstehen Sie. »Dann mache ich mich wohl besser an die Arbeit«.« Catherine berichtete von der Stelle. sagte Garibaldi. »Haben Sie eine Vorstellung. die Danno hatte. »›Wir‹?« fragte sie. Diese Informationen befinden sich wahrscheinlich in der siebten Schriftrolle. sagte sie und griff nach dem gelben Notizblock und einem Kugelschreiber. wo sich das siebte Buch befinden könnte?« »Sabina rät Amelia. nahm einen Stuhl und setzte sich an den Computer.

Mit ihm konnte sie nicht mehr rechnen. Hatte das Modem die Flucht unbeschädigt überstanden? Kurz darauf hörten sie das beruhigende Wählgeräusch. er werde ihr helfen. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. murmelte er: »Hoffen wir. und Catherine hielt den Atem an.« »Danno hat viel über Internet gemacht. Ich nehme an. »Soll ich nicht?« Ein Donnerschlag ließ das Motel erbeben. Catherine erschrak. Sie hörte die Warnung von Julius noch einmal.« Garibaldi klickte im Menü auf ›Wählen‹. Das Schicksal hatte einen Priester als ihren Begleiter ausgewählt.Verbindung zum Internet herzustellen.« Er drehte sich um und klickte auf ›TCP Manager‹ Als das Trumpet Winsock-Logo auf dem Bildschirm erschien. daß Ihr Freund ein Login Script benutzt hat und daß das Modem funktioniert.« Er sah sie an. aber Catherine unterbrach ihn: »Das müssen Sie nicht. wenn wir uns die Arbeit teilen. sagte sie zu Garibaldi. »Ich danke Ihnen«.« »Daran zweifle ich nicht. auch wenn sie gehofft hatte. was Sie tun können. der Computer hat ein Modem. denn Ihr Freund hat Online gearbeitet. was Sabina in den Texten sagte. 199 . Sie blickte mit bleichem Gesicht auf Sabinas Geschichte und dachte plötzlich an ihre Mutter. Sie dachte an Danno und an den reichen und mächtigen Havers. Je nachdem. »Ich bin froh über alles. ich kann besser mit einem Computer umgehen. Ich weiß. aber wir können doppelt soviel erreichen. konnte sich alles ändern – auch ihr eigenes Leben.« Garibaldi startete den Computer. wie man mit dem Web arbeitet. Mein Altgriechisch ist nicht mehr das beste.

Ein philippinischer Kampfsport. und plötzlich verstand sie sein sportliches Aussehen. Nachdenklich wanderte ihr Blick durch das Zimmer.« »Man kämpft mit Stöcken?« »Manchmal…« Catherine sah ihn staunend an. »Danno hat kein Login Script benutzt«. das ihr bisher nicht aufgefallen war. »Sie kämpfen damit?« Ein Schauer lief ihr über den Rücken. Zuerst stellte sie fest.« »Wie bitte?« »Pangamot. auf die zwei fingerdicke. »Das bedeutet. denn der Server in Santa Barbara verlangt ein Paßwort.Dann erschien die Meldung: Willkommen bei OmegaNets Santa Barbara. Was schlagen Sie vor?« Catherine überlegte einen Augenblick. CA POP Darunter stand das Wort ›Login‹. Sie runzelte die Stirn und fragte: »Was ist das?« Garibaldi sah. »Das sind PangamotStöcke. daß Danno eine Pistole hatte. sagte Catherine. Plötzlich entdeckte sie etwas. wir brauchen wieder ein Paßwort. 200 . und hinter dem Doppelpunkt blinkte der Cursor. und nun besaß dieser Priester Kampfstöcke als Waffe. daß sie auf seine schwarze Reisetasche deutete. Sie verstand die Welt nicht mehr. Diesmal können wir uns nicht mit einer Überbrückung helfen. Sie wies auf die Stöcke und fragte: »Sind sie echt?« Er nickte. »Sie praktizieren einen Kampfsport?« Er nickte. schwarz lackierte Bambusstäbe geschnallt waren. Ihr Blick fiel auf seine muskulösen Arme.

Manchmal hatte er sogar die eigene Telefonnummer vergessen. sagte Garibaldi. während Catherine auf den Bildschirm blickte. »das Paßwort. Alexander«. Sie drehte es um und las: ›Cathy Schulentlassung. Juni 1979‹. Dabei sagte er zufrieden: »Bitte anschnallen. Es erschien die Meldung: PPP Script completed PPP aktiviert »Wir haben es geschafft!« rief Garibaldi und klickte auf das Symbol für ›Mosaic NetScape‹. Wir sind auf der Datenautobahn…« 201 . Darunter stand mit einem anderen Stift geschrieben: ›dstevens. Garibaldi tippte die beiden Namen ein. 15. Daniel machte sich stets Notizen. Klaattu. Wohin würde er seinen Anwendernamen und das Paßwort geschrieben haben? Spontan griff sie nach dem Photo an der Innenseite des Laptops und löste es vorsichtig ab.« Sie konzentrierte sich und dachte nach.»Dr.

Stammten sie aus dem Frühchristentum? Handelte es sich um ein bisher unbekanntes Evangelium? Hungerford hatte Zeke 202 . Ihr Wert? Es kam darauf an. Als es immer später geworden war. Über der Wüste brach der Morgen an. Je mehr er über den Papyrus-Fund dieser Catherine Alexander erfuhr. Die Jagdlust war vor vier Tagen durch einen Telefonanruf aus Kairo erwacht. Miles betrachtete die Photos auf der schwarzen Granitplatte seines Schreibtischs. waren aber sehr viel besser erhalten. daß bereits ein einziger Laut die Ruhe zerstört hätte wie ein Stein. desto größer wurde seine Gier. Er mußte die Schriftrollen bekommen. Sie erinnerten an die Schriftrollen vom Toten Meer. Die Berge wirkten vor dem blaßblauen Himmel wie ein Scherenschnitt. In seinem Inneren knurrte der Tiger. Er hatte die ganze Nacht nicht geschlafen. der Glas zerbricht. Jetzt trat er mit einem halb unterdrückten Gähnen an ein Fenster und öffnete die Vorhänge. Alles schien so still und regungslos. wie war sein Name…« Miles hielt das Band an. Auch er verließ das Tropenhaus und zog sich in sein Büro im Turm zurück. Aber der Anblick schenkte Miles keinen Frieden. die vor einer Stunde aus Santa Barbara eingetroffen waren.Santa Fe. »Sabina Amelia… König. hatte er Teddy Yamaguchi ins Bett geschickt. hörte man Daniel Stevenson auf dem Band. New Mexico »Perpetua«. Wer sind diese Leute? Er rieb sich die Augen.

Sabina. Einige Worte schienen öfter vorzukommen als andere – Λήελία. die er in ihr vermutete. daß Catherine Alexander das ›Jesus-Fragment‹ als eine Art Brief identifiziert habe. Dieser Gedanke ließ ihn erschauern. Er mußte unbedingt herausfinden. Die Kopernikus-Tagebücher waren jahrzehntelang in 203 . Vermutlich würde sie die Papyri einem Museum oder einer Universität übergeben. Alexander wollte die Schriftrollen übersetzen und den Inhalt aller Welt zugänglich machen. Wenn diese Archäologin die Idealistin war. warum veranlaßten die anderen sechs ›Bücher‹ eine Archäologin wie Dr. was es war! Und eines wußte er mit Sicherheit: Es blieb ihm nicht viel Zeit. Hungerford hatte Zeke berichtet. stehe der Name ›Jesus‹. Das sagte ihm seine Intuition. Buchstabe für Buchstabe übersetzte er die drei Worte: Amelia.gegenüber behauptet. sogar ihr Leben aufs Spiel zu setzen? Miles beugte sich über den Schreibtisch und betrachtete eines der Bilder genauer. von der Stevenson auf dem Band sprach? Warum war sie so wichtig? Überhaupt. dann konnte er sich ihren Plan bereits gut vorstellen. in dem Fragment. das nach der Sprengung entdeckt worden war. damit die Wissenschaftler und alle Interessenten sie in Augenschein nehmen konnten. Was war das für eine siebte Schriftrolle. Perpetua. Σαβινα. Er konnte kein Griechisch. Περπετνα. Handelte es sich um Briefe der Frühchristen? Bestimmt war da noch etwas. Vornamen… Frauennamen? Im Gegensatz zu vielen der in den Qumran-Höhlen gefundenen Schriftrollen handelte es sich hier nicht um das Inventar des Tempelschatzes oder um Bücher des Alten Testaments oder um die Gesetze eines Geheimbundes. Alexander ihren Ruf. aber er kannte in etwa das griechische Alphabet. Dr.

je fragiler. Was würde geschehen. dann würden sie für Miles verloren sein. Miles erschien nicht auf Auktionen. die niemand zu Gesicht bekam. begutachten oder untersuchen konnten. keine Kreditkarte zu 204 . interessierte sich nicht für die Kataloge von Christie’s oder Sotheby’s. Aber wie sollte er sie finden? Teddy Yamaguchi hatte seine elektronischen Überwacher aufgestellt.einem Archiv verschollen gewesen. die SonnenwendKachina hatte sich in der Obhut weniger ausgewählter Priester befunden. Genau das machte sie für Miles so begehrenswert. verschwendete er keine Zeit damit. Alexander sie für ihn entwerten konnte. mit dem sich zahllose andere befassen konnten. Sein Entschluß stand fest: Er mußte die Schriftrollen haben. besaß für ihn keinen Wert. von der das Fluchtauto stammte. Etwas. das alle kannten. sie werde sich wie ein Kaninchen in einem Bau verstecken und die Schriftrollen übersetzen. Im Augenblick erfüllten die geheimnisvollen sechs Schriftrollen aus dem Sinai alle diese Kriterien. Dr. bevor Dr. und diese Schriftrollen vom Sinai hatten in beinahe zweitausend Jahren nur zwei Menschen gesehen. Alexander hatte ihrem Freund Stevenson gesagt. so etwas löste in ihm das Verlangen aus. Aber etwas wie die eine Orchidee. es zu besitzen. die niemand kaufen konnte oder von deren Vorhandensein kaum jemand etwas ahnte. desto stärker wurde seine Besitzgier. Etwas Verkäufliches wollte er nicht. Aber wenn diese idealistische Archäologin sie der Öffentlichkeit zugänglich machte. je älter und – wie offenbar auch in diesem Fall – je heiliger etwas war. Deshalb kannten sie bereits die Leihwagenfirma. Je seltener. wenn sie schlau genug war. Wenn andere diese Dinge kaufen.

»Entschuldige. Und…«. Er nahm sie in die Arme und küßte sie liebevoll. daß alles in Ordnung war. »Ich bin aufgewacht. »Schlaflosigkeit? Möchtest du nicht vielleicht doch mit Dr. »Soll ich ihn auffordern zu gehen?« »O nein! Ich möchte. und du warst nicht da«. sie zögerte einen Augenblick. mein Schatz.« Miles erledigte seine Geschäfte auf der ganzen Welt und rund um die Uhr. Es mußte noch einen anderen Weg geben. ich wollte dich nicht beunruhigen. so stellte Miles fest. Auf dem Monitor der Überwachungsanlage sah er seine Frau im Fahrstuhl. sagte sie. Ihr sonnengebräuntes Gesicht wirkte verschlafen. sie zu finden. trug sie offen über der Schulter. Trotzdem vergewisserte sich Erika immer. Welchen? Was hatte er übersehen? Der Summer der Bürotür riß ihn aus seinen Gedanken. »und da ist die Sache mit Kojote. als sie den Schamanen erwähnte. daß die Kinder über die Feiertage hier sind. Die aschblonden Haare. denn er hatte es oft mit anderen Zeitzonen zu tun. sagte sie. ich glaube. als er sie an der Tür begrüßte. daß er hier ist! Er wird mich morgen zu einem heiligen Platz auf der Cloud Mesa 205 . es liegt einfach daran. Sanford darüber sprechen?« »Nein. Das machte sie noch attraktiver und begehrenswerter. Erika trug einen pfirsischfarbenen Seidenmantel über einem weißen Spitzennachthemd. »Ich habe wieder einmal unruhig geschlafen«.« Miles runzelte die Stirn.benutzen? Er ballte die rechte Hand zur Faust.

Es gab sogar Lücken. ging Miles zum Schreibtisch zurück. wie man sehen muß. Verstehst du. wo sich vermutlich der Papyrus aufgelöst hatte. das sich in seinem Bau in Sicherheit gebracht hatte? Wie sollte er Catherine Alexander aus ihrem Versteck locken? Miles betrachtete die Abzüge in aller Ruhe. um ihre Übersetzung zu vereinfachen… Wie hatte Stevenson das ausgedrückt: ›Überlaß das Suchen den elektronischen Fingern.« »Da ist nichts. Ihm fiel auf. Was hatte Stevenson gesagt. Wie sollte er das Kaninchen finden. wenn man weiß.« »›Die unsichtbaren Wege der Götter‹«. zumindest nichts für das menschliche Auge.führen. »Das klingt schön.« »Ich wußte nicht. daß sich dort oben überhaupt etwas befindet. Auf einer Aufnahme entdeckte er. daß ein ganzer Satz fehlte. die Zeke aus Stevensons Wohnung mitgenommen hatte. daß nicht alle Textstellen gut lesbar waren. wiederholte Miles und lächelte. dann kann man dort die unsichtbaren Wege der Götter und Ahnen sehen. wo noch immer die Photos lagen. als er den P245-Papyrus im Britischen Museum fand? Catherine Alexander brauche Kopien ähnlicher Schriftrollen. Nervös trommelte er mit dem Finger auf den Granit. das ist etwas Ähnliches wie die Traumpfade der Aborigines in Australien.« Er küßte sie noch einmal. dann mußt du dein sicheres Versteck nicht verlassen‹ Unvermittelt hörte er Erikas Worte wie ein Echo: ›Die 206 .« Nachdem Erika den Turm verlassen hatte. Aber Kojote sagt. »Ich komme bald nach.

versetzte ihm einen Adrenalinstoß. und alle Müdigkeit war schlagartig verschwunden.unsichtbaren Wege der Götter…‹ Miles richtete sich auf. Cyberspace! Dort würde er sie zur Strecke bringen. ›Die unsichtbaren Wege‹ unserer Zeit sind die Datenautobahnen! »Teddy. sagte Miles. Das ist es! Der Tiger duckte sich zum Sprung. Der Gedanke. Miles drückte auf seinem Handsprechgerät eine Nummer und weckte Teddy Yamaguchi. der unangefochtene Herrscher. Dort würde man sie früher oder später entdecken. denen sie auf der Suche nach Kopien folgen konnte. Aber es gab andere Wege. Catherine Alexander würde nicht wagen. daß das Kaninchen durch sein Reich rannte. es gibt Arbeit«. denn im Internet war er. auf richtigen Straßen zu fahren. Miles Havers. 207 .

DER FÜNFTE TAG 208 .

Er hatte ihr die Sandalen ausgezogen und sie mit der Decke zugedeckt. Offenbar hatte er sich nicht zugedeckt. im Sessel eingeschlafen zu sein. daß die Schriftrollen 209 . Auf dem Tisch vor dem Fenster stand Dannos geöffneter Laptop. Sie erinnerte sich nicht daran. Sie spürte etwas Kaltes. Irgendwann mußte sie Garibaldi ins Bett getragen haben. Langsam setzte sie sich auf. sich daran zu erinnern. Licht drang durch den Türspalt. Plötzlich fiel es ihr wieder ein: Die Killer hatten Danno ermordet… ihre Flucht durch den Regen mit Garibaldi. hielt es vor die Augen und sah. wartete auf den Ruf des Muezzin vom hohen Minarett in der Ferne. Sie lag auch nicht in ihrem Feldbett. seufzte und umfaßte den Kopf mit beiden Händen… Danno! Sie stand auf und ging zu ihrem Gepäck. daß sie nicht wie üblich ein übergroßes T-Shirt anstelle eines Schlafanzugs trug. Sie blickte zum anderen Bett. Sie lauschte auf die vertrauten Lagergeräusche. Die Decke war nicht zurückgeschlagen. Sie tastete danach. Dezember 1999 Santa Ynes-Berge. Hartes an ihrem Hals. daß es ein kleiner Jadeanhänger war – ein Jaguar an einem Lederriemen. 18.Samstag. Sie hörte das Wasser der Dusche. Kalifornien Catherine wachte auf und versuchte. Die Tür zum Bad war geschlossen. aber zerdrückt. Dann wußte sie es. Als erstes vergewisserte sie sich. Garibaldi hatte gesagt. Regen… Regen im Sinai? Sie stellte fest. wo sie war. das sie zuerst nicht einordnen konnte. Catherine setzte sich auf. er werde sich ins Internet einloggen. aber sie hörte etwas.

Aber das hatte er nicht getan. während sie schlief. Julius anzurufen. und meine Wut kennt keine Grenzen. denn sie wollte kein Risiko eingehen. sagte Catherine. Da die Dusche noch lief. »Ich wollte nicht neugierig sein. die offenbar Weihwasser enthielt. daß die Stöcke an der Wand lehnten. Garibaldi hätte die sechs Bücher an sich nehmen und davonfahren können. Sie blickte noch einmal zum Bad. »Ich bin wirklich ein Priester. Garibaldi stand in der Badezimmertür. eine kleine Flasche Öl.« Catherine bürstete ihre langen kastanienbraunen Haare. Sie lagen unversehrt zwischen den Einbanddeckeln des paläobotanischen Handbuchs. aber ich mußte mich vergewissern. Er trug eine schwarze Baumwollhose und ein schwarzes T-Shirt mit dem Aufdruck ›Dong Meyong Pangamot‹. Sie unterdrückte den Wunsch. öffnete sie die Tasche und warf einen Blick hinein. wie sie es in der Nacht zurückgelassen hatte.« »Ich verstehe.« Sie blickte auf sein T-Shirt und sah dann. Wenn Sie nichts dagegen haben. ein Buch – Die Stundengebete – und den neuen Roman von Tony Hillerman.« Er betrachtete sie aufmerksam und fragte: »Wie geht es Ihnen?« »Mein inneres Uhrwerk ist überdreht. »Ist Pangamot etwas Ähnliches wie Karate?« »Es ist auch ein Kampfsport. eine andere. Alles schien so. »Entschuldigen Sie«. daß Sie die Wahrheit gesagt haben. Kann ich ihm vertrauen? Sie sah seine schwarze Reisetasche. Sie sah eine Stola.« Sie zuckte zusammen. die vom Duschen noch feucht waren. möchte ich jetzt duschen und dann so schnell wie möglich von hier weg.noch da waren. Havers ließ inzwischen bestimmt alle Anrufe 210 .

sich von ihm trösten lassen. Daniel war damals ein gläubiger Katholik gewesen. Das war jedoch nicht der Grund dafür. Ihr wurde klar. und der Regen hat nachgelassen. »Die Tankstelle ist offen. für ihn war es von großer Bedeutung. Wieder einmal erinnerte sie sich an Dannos Worte vor dreizehn Jahren. als sie sich mit Schlaftabletten das Leben nehmen wollte. hatte Daniel gesagt. daß sie augenblicklich erstarrte… Nachdem Garibaldi aus dem Bad gekommen war. daß ihm vor dem Tod ein Priester die Letzte Ölung geben würde. daß sie weder mit Julius noch mit einem anderen Menschen Kontakt aufnehmen durfte. Er ging zur Kirche. Sie würde nie vergessen. der ihr Trost bringen sollte. Sie wußte.abhören.« Er brachte außer Kaffee und belegten Brötchen auch eine Zeitung. und im nächsten Augenblick kam Garibaldi ins Zimmer. betete und beichtete. ich habe schon getankt. aber genau das nicht konnte. wie die Kirche ihre Mutter verfolgt und noch im Sterben gequält und bestraft hatte. Sie dachte an Garibaldi. obwohl die Last auf ihrer Seele unerträglich schien. Daran hatte sich bis heute nichts geändert. Sie wollte sich in seinen Armen ausweinen. bis die Arbeit getan war. Aber an jenem Abend hatte sie ihren Glauben verloren. Ein katholischer Priester. Aber sie sehnte sich verzweifelt nach Julius. Er war am Abend nach der Beerdigung ihrer Mutter zu ihr gekommen. Er würde ihr beistehen und helfen. Ein Priester hätte Daniel seelischen Trost schenken können… Sie hörte Schritte auf dem Kies. den Schock von Dannos Tod zu überwinden. der im Augenblick nicht im Zimmer war. ›Das ist keine Lösung‹. ging Catherine schnell unter die Dusche und überließ ihm das 211 . Er hatte sie vor diesem unsinnigen Schritt zurückhalten können.

Deshalb war sie auf sein Aussehen nicht vorbereitet. sondern eine lange. Daniel Stevenson wurde gestern abend in seiner Wohnung in Santa Barbara tot aufgefunden. gewinnen wir vermutlich etwas Zeit. stellte die Kaffeebecher auf den Tisch und legte die noch warmen Brötchen daneben. war er nicht mehr da. schwarze zugeknöpfte Soutane. aber man vermutet ein Verbrechen.Zimmer zum Ankleiden. Die Leute werden 212 . Was hatte sie ihm an jenem Abend nicht alles vorgeworfen – ihm. die Polizei weiß nichts von mir. daß mich die beiden Killer in der Dunkelheit und bei dem Regen nur undeutlich sehen konnten. mit der sichtbaren Autorität seiner kirchlichen Macht ihre Mutter beeinflussen und einschüchtern zu wollen. »Deshalb. sagte Garibaldi. Sie werden bestimmt nicht wissen. daß Ihnen ein Mann bei der Flucht geholfen hat«. Blitzartig stellte sich bei diesem Anblick die Erinnerung an den Abend vor dem Tod ihrer Mutter ein. Auf dem Tisch lag eine Notiz. »Ich vermute. dem Priester und der Kirche und natürlich auch Gott! »Weshalb tragen Sie das?« Er reichte ihr die Zeitung. Ich bin auch der Meinung. letzte Spalte. daß ich Priester bin. Als sie kurze Zeit später das Bad verließ. er werde sich nach Benzin erkundigen und Frühstück besorgen. Seite drei. Er trug nicht mehr die schwarze Baumwollhose und das Pangamot T-Shirt. Catherine hatte ihm vorgeworfen. eine schwarze Schärpe um die Hüfte und ein kleines goldenes Kruzifix an einer Goldkette um den Hals. Nach Aussagen von Zeugen wurde eine Frau gesehen. Wenn ich die Soutane trage. die aus dem Haus floh…‹ »Es wird nicht erwähnt.« Sie sah die Meldung: ›Der Archäologe Dr. Vater McKinney war in der Soutane im Krankenhaus erschienen. Die Polizei hat bisher noch keine Einzelheiten bekanntgegeben.

daß Miles Havers hinter dem Mord steckt. der Ihren Freund ermordet hat. auf den Ihre Beschreibung des Killers paßt. wird man mich verhaften.« Catherine ließ die Zeitung sinken. und dann war dein Tod völlig sinnlos. als sie hinzufügte: »Sie glauben nicht. jetzt glaube ich Ihnen. »Sind Sie fertig?« Catherine sah den großen Mann in der schwarzen Soutane an und fragte: »Warum bleiben Sie bei mir?« Eine gewisse Bitterkeit lag in ihrer Stimme.« »Sie glauben mir wirklich?« Er nickte.« »Wird man sich in Ihrer Gemeinde nicht Gedanken machen? Werden Sie nicht erwartet?« »Ich habe noch ein paar Tage Urlaub. habe ich im Internet nach Zeitungsphotos von Havers gesucht. werden sie es nicht glauben. daß Miles Havers hinter mir her ist.« »Sie irren sich. Wenn ich mich als Zeugin bei der Polizei melde. »Während Sie schliefen. »Wir sollten so schnell wie möglich losfahren«. Verzeih mir. Wenn ich mich anonym melde und sage. Noch nie im Leben hatte sich Catherine so hilflos gefühlt. dachte sie verzweifelt. unter welchen Umständen du gestorben bist. sagte Garibaldi leise. Ich kann der Polizei nicht sagen.einen Priester sehen und der Frau in seiner Begleitung weniger Aufmerksamkeit schenken. »Wir sollten so schnell wie möglich hier weg. Sie kämpfte mit den Tränen. man wird mir die Schriftrollen abnehmen. Auf den Photos ist im Hintergrund ein Mann zu sehen.« Er verschloß die Reisetasche.« »Und dann?« 213 . Danno.

Das sollte auch Sie trösten. Er dürfte nicht so allein sein.« Sie wischte sich die Tränen vom Gesicht. »Wenn ich das nur glauben könnte…« »Hören Sie.« »Er ist nicht allein. Glauben Sie an ein Leben nach 214 . Sie stiegen ungesehen in den Wagen. »Ich habe an Danno gedacht. der Einzelgänger. Daniel ist in Gottes Hand. »Entschuldigen Sie«. Sein Glaube führt ihn zu Gott. Deshalb mußte Catherine nicht noch einmal in das Büro. lag kalt und starr in einer Leichenhalle.« »Er ist ohne die Letzte Ölung gestorben. Garibaldi hatte bereits die Rechnung bezahlt. Daniel war nach Ihren eigenen Worten ein gläubiger Katholik. Sie hörte Garibaldis Stimme: »Ist alles in Ordnung?« Catherine stellte fest.« Sie sahen sich zuerst vorsichtig auf dem Parkplatz um. Was bedeutet das für seine Seele?« »Entscheidend ist der Entwicklungsstand seiner Seele im Augenblick des Todes. fragte er Catherine: »In welche Richtung fahren wir?« Aber sie hörte seine Frage nicht. flüsterte sie. Als Garibaldi den Motor anließ.»Dann werde ich mir etwas einfallen lassen. der sich von nichts entmutigen ließ. daß ihr die Tränen über die Wangen liefen. unauffällige Meldung auf Seite drei. war an diesem grauen Morgen wenig los. mir etwas von seinen neuesten Erkenntnissen über die Maya-Wandbilder zu erzählen… Eine Hand legte sich auf ihren Arm. Danno. Sie hielt die Zeitung in den Händen und dachte an die kleine. Er hatte nicht einmal mehr Gelegenheit. Abgesehen von ein paar verschlafenen Gästen und einem Lkw-Fahrer. der den Luftdruck der Reifen überprüfte.

Ich hoffe. ob sie noch etwas sagen würde. Sie drehte sich um und blickte in Richtung Süden. »Es gab einmal eine Zeit. wo Santa Barbara und Malibu lagen und wo Julius lebte – dorthin. denn er handelt sich damit mehr ein. hat er einen Fehler gemacht. sagte sie mit kaum unterdrücktem Zorn. in welche Richtung fahren wir?« »Nach Norden«. an dem wir bleiben können. wo es Sicherheit und Wärme für sie gab. was nach dem Tod mit uns geschieht. aber als er feststellte. da habe ich nicht daran gezweifelt. murmelte Catherine. muß schrecklich und beängstigend sein. damit Sie die Schriftrollen übersetzen und ich wieder eine Online-Verbindung bekomme. nach Norden. als er zu gewinnen hofft. sagte er: »Wir sollten losfahren. den Kampf mit mir aufzunehmen.« »Also. Heute bin ich nicht so sicher.« Während Garibaldi den Mustang zur Auffahrt des Highway fuhr. »Die Killer. Wir müssen einen Platz finden. Vorsichtig schlug sie das paläobotanische Handbuch auf 215 . Als Miles Havers beschlossen hat. sagte sie entschlossen. Manchmal glaube ich. daß uns das Internet auf eine heiße Spur zur siebten Schriftrolle führt. griff Catherine in die blaue Tasche und holte die sechs Bücher in dem dicken Umschlag heraus. »werden nicht ungeschoren davonkommen. die Danno ermordet haben«. »Gut. daß sie die Augen schloß.dem Tod?« »Ich… ich weiß nicht«. als verschließe sie ihm ihre Gedanken. In welche Richtung fahren wir?« Catherine hob den Kopf und starrte durch die Windschutzscheibe in den grauen Tag.« »Haben Sie Angst vor dem Tod?« Sie ließ den Kopf sinken und flüsterte kaum hörbar: »Ja…« Er wartete geduldig.

Doch an allen Orten. liebe Amelia. Trotz der unendlich vielen Unterschiede. Aber verzeih mir. Ich bin bis an die entferntesten Grenzen des Reichs gereist und habe die erstaunlichsten und auch schrecklichsten Dinge erlebt. die in unserem Haus erschien. das unter diesem Dach zur Welt kommen werde. ich greife vor. bei weisen Männern und Frauen. daß meine Mutter ein Diakon war. ehe das Schicksal eingriff und den Weg meines Lebens für immer veränderte. Zuerst sende ich Dir und meinen Schwestern auf dem Weg des Gerechten meine Grüße. bewegt uns alle die eine Frage: Was geschieht mit uns. Es gehe um das Schicksal des Kindes. Euch gilt mein Friedenskuß.und entfaltete die erste vergilbte Papyrus-Seite. in den Städten und Dörfern. sie habe eine wichtige Nachricht von den Priesterinnen der Hekate. Dann begann sie zu lesen… Seltsame Vorzeichen ereigneten sich in der Nacht meiner Geburt. und ihr sollt wissen. aber die Frau sagte. bei den Unwissenden und Schlechten. die uns voneinander trennen. Das Schicksal hielt Wundersames für mich bereit. Meine Mutter erzählte mir später von einer Wahrsagerin. ich brachte Kinder zur Welt und spendete Sterbenden Trost. Staatsmännern und Dieben. den Hoffenden und Verzweifelten habe ich eine weltumspannende Wahrheit gelernt. Ich verstand die ganze Tragweite der Prophezeiung erst viele Jahre später. den Gebildeten und Ungebildeten. In den acht Jahrzehnten meines Lebens begegnete ich Königen und Bauern. Meine Familie kannte sie nicht. wenn wir sterben? 216 . was auch ich werden sollte. Ich habe die Kunst des Heuens gelernt.

und bis auf den heutigen Tag. die man die ›Drei Könige‹ nannte. rette uns mit deiner Kraft! Gott mache uns zu geistigen Wesen. in Syrien. zu der die Drei Könige wiesen. Nur bei Dir finden wir Frieden… Mein Vater gehörte zu den Anhängern des Mithras. war der Jubel groß. Wenn er dann aufging. und wir sangen das Lied: Leben. als einzige Tochter einer reichen und angesehenen Familie geboren. Ich wurde in Antiochia. denn dort würde der Stern erscheinen.Liebe Schwestern. An diesem heiligen Tag blickten wir am frühen Morgen auf die Stelle am Horizont. In ihrer Jugend war meine Mutter in die Mysterien des Hermes Logos eingeweiht worden. Wir gingen zum Fluß und hielten am nächtlichen Himmel Ausschau nach dem Stern Sirius. in den vielen Jahren. Liebe Amelia. Jedes Jahr feierte meine Familie mit den anderen Bürgern von Antiochia die Wiedergeburt des Hermes. ob Mithras immer noch diese Macht besitzt. denn das bedeutete. liebe Schwestern. In jeder Woche nahm er am Tag der Sonne an geheimen Ritualen im Tempel teil. der Himmelskönigin. Er stand sogar über Isis. Aber bevor ich mein Wissen mit euch teile. Mithras war damals ein mächtiger Gott in Antiochia. unterwegs auf fernen Straßen. Hermes war wiedergeboren. bei den Begegnungen auf den Marktplätzen und in den Karawansereien der Welt habe ich schließlich die Antwort gefunden. muß ich die Geschichte am Anfang beginnen. ich frage mich. Meine Mutter glaubte an die Kraft von Amuletten. trage ich es über meinem 217 . Sie legte mir am Tag meiner Geburt das Hermeskreuz um den Hals. Die Ewigkeit schenkt uns den Segen. Sein Erscheinen am Horizont wurde von den drei Sternen im Gürtel des Orion angekündigt.

und die Welt wurde erschaffen. Als Dreijähriger erkrankte er am Fieber und überlebte es nicht. Mutter! Er schläft in der Erde. rief seinen Namen und wollte wissen. der als kleines Kind starb. So war das. Ich wuchs in einem stillen Haus heran. Trotz des wöchentlichen Rituals schien meine Mutter mehr zu wollen.Herzen. und alle seine Anhänger sind glücklich. Ich hatte einen Bruder. Meine Eltern waren untröstlich. Er ist ein verständnisvoller Gott. sie gaben ihm durch ein Rohr. denn der Gott ist das sichtbar gewordene Wort. Die Erinnerung an meinen Bruder stand immer zwischen mir und meinen Eltern. zum Totenfeld zu gehen und das Grab meines Bruders zu pflegen. Ich hatte einen Bruder. Sie brachten ihm manchmal sogar Spielzeug. Mein Vater brachte es später nie über sich. Die Frauen sprachen zu ihm. das in seinen Sarg führte. An seinem Grab fand dann ein rituelles Mahl statt. Sie suchte 218 . Es gehörte zu unserem wöchentlichen Ritual. wo er sich befand. Sie suchte nach ihm im Reich der Toten. die Tanten und Nichten begleiteten meine Mutter dorthin. Sie saß an seinem Grab. der als Toter mein Leben überschattete. Milch und Honig. so wie alle Angehörigen durch ähnliche Röhren ihren Toten Wein geben. Sie glaubte wie alle Anhänger des Hermes Logos an die Magie des Wortes. Meine Großmutter. Doch trotz ihres Glaubens war meine Mutter keine glückliche Frau. von seinem toten Sohn zu sprechen. Die Frauen meiner Familie sprachen mit meinem verstorbenen Bruder und berichteten ihm von den Ereignissen in der Familie. Hermes sprach das Wort.‹ Als ich älter wurde. Ich deutete mit dem Finger auf die Erde und sagte: ›Da ist er. verstand ich sie besser.

daß meine Eltern wie Fremde zueinander waren. Wir kehrten nach Antiochia zurück. die ihm Fragen stellten und ihn ›Rabbi‹ nannten. mein Vater errichtete eine kalte und stumme Fassade. hörten wir einen Mann predigen. es sei das Fieber. die ihn im Laufe der Jahre immer abweisender und schweigsamer machte. und ein anderer übersetzte seine Worte ins Griechische. Eine Art seelische Krankheit lastete über unserem Haus. denn sie gaben sich gegenseitig die Schuld am Tod meines Bruders. das meinen Bruder getötet hatte. Er sprach nie über den verlorenen Sohn. Er sprach in seiner Sprache. Als ich acht wurde. Manchmal dachte ich. ich höre noch den Klang seiner Stimme und sehe den Kreis der Zuhörer. Er hatte 219 . Meine Mutter hüllte sich in ihre Trauer wie in einen Mantel. obwohl ich nichts von dem verstand. sondern seine Seele. aber ich kann mich noch deutlich an das Gesicht des Mannes in der Wüste erinnern. machten wir uns auf eine lange Reise. das Meersalz habe seinen Rücken geheilt. Selbst heute kann ich mich an kein einziges Wort erinnern. und mein Vater sagte. Aber meine Mutter wollte dem Mann zuhören. Mein Vater ging nicht mit uns zu dem Grab. Der Arzt meines Vaters riet dazu. Dort. was er sagte. denn er konnte ein schweres Rückenleiden meines Vaters nicht kurieren und empfahl ihm das berühmte Heilwasser des Salzmeeres. in der Wüste von Judäa. Mein Vater entfernte sich von der Versammlung und ging zu den Bädern und Ärzten. Jener Tag an dem Ufer das Salzmeeres liegt zwar schon viele Jahre zurück. damit auch die Fremden unter den Zuhörern den Mann verstanden. es sei noch nicht überwunden und verbreite Tag für Tag sein tödliches Gift. Es kam so weit. und ich blieb bei ihr.nicht den kleinen Jungen. Ich glaubte.

liebe Schwestern. sogar der Kaiser in Rom werde als lebender Gott verehrt. wo jeder einen Gott oder einen Glauben verkaufe. Später konnte sie nie sagen. war ein Fremder. der zu den wenigen sprach. die durch das EpiphaniaViertel zur Stadtmitte führte. Jedes Viertel hatte seinen eigenen Tempel. in der viele in ihrer Verzweiflung und Angst Antworten auf spirituelle Fragen suchten. aber an diesem Tag blieben wir stehen und hörten zu.‹ Es dauerte nicht lange. Damals. die sich dort eingefunden hatten. Es war eine Zeit der Unsicherheit. Man sah dort die Boten des Hermes und die Anhänger von Zoroaster. sagte sie: ›Heute nehmen wir einen anderen Weg. Man trieb Handel mit dem Segen der Götter und schacherte mit der Hoffnung auf die Gunst der Unsterblichen. In der Stadt gab es die Anhänger der unterschiedlichsten Religionen. Der Mann sprach von Vergebung und davon. in jeder Straße gab es einen Schrein. herrschte große Unruhe unter den Menschen. und ein Mann redete zu ihnen. weshalb sie den anderen Weg 220 . Dieser Tag veränderte meine Mutter von Grund auf. Normalerweise ging meine Mutter an solchen Versammlungen achtlos vorüber. Als ich sechzehn war. an jeder Kreuzung stand die Statue eines Gottes. Sklaven und Esel verkauft wurden. die zu den Menschen sprachen. Der Mann. Auf die Plätze kamen viele Prediger. wo Kamele und Schweine. Nachdem wir die Hauptstraße erreicht hatten. Mein Vater nannte das den ›Marktplatz der Religionen‹.nie wieder Schmerzen. besuchte meine Mutter auf unserem wöchentlichen Weg durch die Stadt zum Grab meines Bruders wie immer den Astrologen. Eine Gruppe Menschen stand in der Mitte. daß jeder durch Verzeihen das Tor aufstoße und so zum Weg des Lichts finde. und wir gelangten an einen Platz. Man sagte uns.

unnahbaren und lieblosen Mann geworden war. nachdem ihr gestorben seid. Wer diesen Glauben annimmt. Wir stehen im Augenblick der Geburt auf der Schwelle des Todes. aber wir werden sterben. aber die anderen hörten schweigend zu. die so viele Jahre im Herzen meiner Mutter lag. wir sind bereits tot?‹ Die einen lachten. Die Worte des Predigers schienen die Saat der Bitterkeit abgetötet zu haben. und man fragte ihn: ›Welchem Gott?‹ Er antwortete: ›Es gibt nur einen Gott. Von da an strahlte aus ihr ein neues Licht.‹ Man fragte ihn: ›Sprichst du vom Leben nach dem Tod?‹ und er antwortete: ›Ja.‹ Einige machten sich über ihn lustig und riefen: ›Du sagst. Man fragte ihn: ›Was ist das für ein Königreich‹ und er antwortete: ›Das Königreich des Himmels. jeder möge dem Nächsten in 221 . das in uns allen ist.‹ Man fragte ihn: ›Wie gelangen wir in dieses Königreich‹ und er erinnerte sie daran. Sie wurde wieder glücklich und jung. daß er zu einem kalten. Und der Mann sagte: ›Wir sind nicht tot. wird zu einem Wanderer auf dem Weg.gewählt oder weshalb sie dem Mann zugehört hatte. die wir nicht verstanden. Aber anschließend gingen wir nach Hause zurück. Der Mann auf dem Platz hatte über viele Dinge gesprochen.‹ Man fragte ihn: ›Was ist das für ein Himmel?‹ und er antwortete: ›Dorthin werdet ihr gehen. und man fragte ihn: ›Warum sollen wir verzeihen?‹ Er antwortete: ›Nur so könnt ihr euch retten. das Leben nach dem Tod sei in uns.‹ Der Mann sprach dann von einem Königreich. sie verzieh meinem Vater und warf ihm nicht länger vor. Er sagte: »Rache steht nur Gott zu«. Soll das heißen.‹ Er sagte: ›Wir müssen verzeihen‹.

jemand in der Menge fragte: ›Was geschieht. was unsere Herzen beschwerte. Danach gingen wir jeden Tag zu diesem Platz. Durch Verzeihen und Einsicht werdet ihr Freiheit und Frieden finden. an den Grenzen brachen Seuchen aus.seinem Herzen vergeben. so wie er es bei seinem Lehrer gelernt hatte. wie sich meine Mutter veränderte. Und er ermahnte uns: ›Der Gerechte sagt: Suchet. den wir in der Wüste Judäas gehört hatten. und sie hatten Angst. Er heilte die Kranken und half den Bekümmerten. daß der Gerechte. Jeder verriegelte nachts die Tore. daß dies der Wahrheit entsprach. Und mit dem Frieden kommt das Licht. denn nichts geschieht zufällig. der Mann war. und schließlich luden wir den Mann ein. wird geschehen. was der Mann uns sagte. denn damals war das Leben im ganzen Reich von vielen Gefahren bedroht. von dem er so oft sprach. Was geschehen soll. war jedoch dies: ›Der Gerechte hat den Tod überwunden‹ Der Mann blieb als Gast in unserem Haus und lehrte uns das Wissen des Gerechten. Die Menschen in den Städten waren unzufrieden. Alles ist Teil eines größeren Ganzen. und wir lauschten seinen Worten. Wir fragten unseren Gast: ›Wann wird das Ende der Welt kommen? Heute? Morgen? Noch zu unseren Lebzeiten‹. unsere Freunde und Nachbarn. Wir stellten Fragen über alles. und keiner schenkte 222 . wenn man vergibt‹ und er antwortete: ›Man findet die Einsicht. denn im Reich gab es viele Kriege. in unser Haus zu kommen. und in den Kolonien rebellierten die Stämme gegen ihre Herren. Wir versammelten unsere Dienstboten und Sklaven. und ihr werdet finden.‹ Ich stellte fest. und mir wurde bewußt.‹ Das Wichtigste. Klopfet an und euch wird aufgetan. denn ich sah.

Sabina. Unser Gast antwortete: ›Ihr werdet das Ende an den Zeichen erkennen. Mein Vater ließ sich jedoch nicht zum Weg des Gerechten bekehren. denn sie wollten die Botschaft hören. Wir konnten uns ungehindert treffen. Wer wie meine Mutter die wöchentliche Lesung der Botschaft übernahm und das Liebesmahl vorbereitete. damit viele den Weg finden. als die Männer 223 . Die Versammlungen fanden in unserem Haus statt. erhielt die Würde eines Diakons. daß sich das inzwischen wegen der Verfolgungen geändert hat. einem jeden werden die Zeichen offenbart werden. und bald mußten die Versammlungen im Freien stattfinden. Ich verspreche euch. das wir Tod nennen. Die Zahl unserer Mitglieder wuchs. aber ich werde müde.‹ Und so entstand eine Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern. die zusammengefügt die klare Antwort geben.dem anderen Vertrauen.‹ Meine Mutter sagte zu mir: ›Das ist der richtige Glaube. denn der Gerechte ist Gottes Sohn. die dem Weg des Gerechten folgten. daß man damals. Von Perpetua erfahre ich. Erst Jahre später fand ich in meinem Leben die Lösung für einen anderen Teil des Rätsels… Ja. Amelia. Perpetua sagt mir. ich spreche bewußt von einem ›Rätsel‹ und meine damit das große Mysterium. Die Menschen kamen aus allen Teilen der Stadt. denn wir alle haben die Teile in uns. Aber damals wurden wir nicht angegriffen. In Alexandria hörte ich zum ersten Mal von dem neuen Zeitalter… Ich bitte Dich um Verständnis. damit sie ebenfalls Versammlungen abhalten konnten. Auf diese Weise wuchs die Gemeinschaft weiter und zählte immer mehr Mitglieder. Wir müssen die Botschaft so weit wie möglich verbreiten. Meine Mutter übertrug immer mehr Mitgliedern die Diakonswürde.

mich fanden und in das Kastell brachten. Vielleicht war ich tot. (Perpetua schreibt: ›Liebe Amelia. daß sie nicht weitersprechen konnte.‹ 224 . daß sie ewig leben wird. Meine Schwestern. wie und wann der Gerechte zurückkehren wird. Sabina wurde von den Erinnerungen so überwältigt. Ich befürchtete. ich sei tot. Ich weiß um das Ende aller Dinge und um die Wiederkunft des Gerechten. daß sich meine Mutter in ihrer Vorstellung vom Tod geirrt hat. geglaubt hat. ich überbringe euch die gute Nachricht. sie werde sterben. Sie möchte den Bericht in ein paar Tagen fortsetzen. Ich weiß auch. sitzt im Bett und sagt. daß mir offenbart worden ist. Aber wie durch ein Wunder hat sie sich wieder erholt.

sie zu frisieren oder mit einer Spange zusammenzuhalten.Santa Monica. Versunken in die Übersetzung würden ihr die langen kastanienbraunen Haare über die Schultern fallen – immer. sie über die Schriftrollen gebeugt zu finden. daß Julius zuerst dachte. Bei seiner Rückkehr war das Haus leer gewesen. Deshalb fuhr Julius zu ihrer Wohnung in der Fifth Street in Santa Monica. vergaß sie ihre Haare und machte sich nicht die Mühe. Sie wollte ihm offenbar mitteilen. warum die Betonung darauf. Er hätte bei ihr bleiben müssen. bis ihm schließlich dämmerte. und als er die Nachricht fand: ›Ich muß für ein paar Tage weg!‹ hatte er bei Daniel Stevenson angerufen. die mit verstellter Stimme sprach. daß die Frau Catherine war. nach ihrem Streit ins Institut gegangen zu sein. daß es ihr gutgehe? Jetzt machte er sich noch größere Vorwürfe. Er schloß die Wohnungstür mit seinem Schlüssel auf und hoffte. Warum diese Vorsicht? Warum ›Meritites‹ und die verstellte Stimme? Vor allem. Er hörte sich das Band mehrmals an. Aber Daniel hatte sich nicht gemeldet. 225 . sie sei dort. deren Mumie er vor einem Jahr untersucht hatte. daß sie in Sicherheit war und sich verstecken würde. Kalifornien Die Mitteilung auf dem Anrufbeantworter war so eigenartig. Niemand sollte wissen. Doch dann fiel ihm auf. jemand habe sich einen Scherz mit ihm erlaubt. weil er hoffte. wo sie sich befand – auch er nicht. daß sich die geheimnisvolle Anruferin unter dem Namen ›Meritites‹ meldete – der Name der Königin. ja rechnete fast damit. wenn sie sehr konzentriert arbeitete.

spürte Cathys zarte Haut und roch den Duft von Kokosnußsonnenöl und frisch gewaschenen Haaren. bis sie die Schriftrollen übersetzt hatte… »Lange rotbraune Haare«. und auf dem Eßtisch lagen ein Stapel Post und Zeitungen. Ja. das auf das Bett schien. Er sah das Mondlicht. Wo immer sie sein mochte. Die Kaffeekanne stand im Küchenschrank. Die Fremde rannte aus Dr. langen kastanienbraunen Haare hatten ihn sofort um den Verstand gebracht. Komm zurück. Ihre dichten.Aber Catherine war nicht in der Wohnung. daß Catherine unabhängig war und für sich sorgen konnte. Cathy trug sie am liebsten offen. das Bett war unbenutzt. dann lagen alle Lebensmittel auf dem Boden. Das fand er sexy und sehr herausfordernd. das ist schon besser. »Cathy«. Sie hatten damals zusammen an einer Konferenz teilgenommen und im Halekulani Hotel zum ersten Mal miteinander geschlafen. Er glaubte. Wir werden zusammen eine Lösung finden. »Nein.« Der Zusammenstoß war so überraschend gewesen. sagte die Zeugin zu dem Porträtzeichner auf der Polizeiwache. eher kastanienrot. Hätte ich dich doch nicht allein gelassen.« Er tröstete sich damit. Im Schlafzimmer sah er auf der Kommode ein gerahmtes Photo von ihnen beiden am Strand von Honolulu. Julius schloß die Augen. und die Frau war bereits auf der Treppe. sie befand sich in Sicherheit. Stevensons Wohnung. die ihre Nachbarin in die Wohnung brachte. Trotzdem konnte die Nachbarin die 226 . Ihre Tollkühnheit würde ein Geheimnis bleiben. noch immer die Brandung vor der Terrasse hören zu können. »wo immer du auch sein magst. flüsterte er. nicht rot. bitte ruf mich an.

und Sie wissen nicht. Außerdem waren sie unterbesetzt. unterbrach der Inspektor sie ungeduldig und stand auf. mit wem sie davongefahren ist?« »Richtig. Der tiefgefrorene Truthahn ist durch den Gang gerollt und wäre beinahe…« »Draußen hat ein Mann auf die fliehende Frau gewartet«.« »Und die beiden bewaffneten Männer. junger Mann?« »Sie wissen also nicht. Die Nachbarin schüttelte den Kopf. Raubüberfälle und betrunkene Autofahrer ließen den Beamten keine ruhige Minute. Außerdem war Dr. diesem Fall so nachzugehen. einem Irrenhaus – Einbrüche. Er mußte unbedingt noch die Beweisstücke ins Institut bringen. wer sie war. eine Woche vor Weihnachten. mit dem die Frau dann geflohen ist?« »Glauben Sie. Er war ständig unterwegs bei Ausgrabungen. Stevenson nur sehr selten da. Jetzt bestätigte sie dem Zeichner. »Haben Sie den Mann gesehen. so eine Art Indiana Jones. wie er es eigentlich für richtig gehalten hätte. weil ich meine Lebensmittel aufsammeln mußte. Kann ich jetzt gehen?« 227 . das Bild sehe ihr wirklich sehr ähnlich.Fliehende genau beschreiben. Die Polizeistation glich an diesem Dezembermorgen. ich kann durch Hauswände blicken. gestohlene Fahrzeuge. »Haben Sie eine Ahnung. die die Frau verfolgt haben?« »Ich habe sie nicht richtig gesehen. Wissen Sie. der auf dem Schreibtisch saß und Kaugummi kaute. »In diesem Haus ist jeder mit sich beschäftigt. wer diese Frau gewesen sein könnte?« fragte der Inspektor. Der Inspektor konnte sich nicht den Luxus erlauben.

ein Science Fiction-Fan. der verrückte Sachen geglaubt hatte. etwa. daß es auf dem Mars Pyramiden gab. sagte der Inspektor gereizt und nickte seinem Vorgesetzten zu. Ein Spinner. Auf dem Bild hatte sie eine senkrechte Falte zwischen den Augenbrauen. Trotzdem schien dieser Stevenson wichtig genug zu sein. Bislang hatte Maloney jedoch nur erfahren. daß dieses Bild ihr gleicht?« Die Nachbarin warf noch einmal einen Blick auf das fertige Porträt.»Sind Sie sicher. daß Stevenson ein Einzelgänger und Idealist gewesen war. der mit 228 . So ein Typ. daß der Porträtist eine hübsche Frau mit großen Augen und sinnlichen Lippen gezeichnet hatte. »Stevensons Wohnung war das reinste Chaos – nichts aufgeräumt. der ihn zu sich in sein Büro winkte. dachte Maloney gelangweilt. »Uns ist nichts aufgefallen«. In diesem Augenblick erschien ein anderer Mann in der Wache. als mache sie sich viele Gedanken oder sei oft zornig. klappernden Schreibmaschinen und lauten Druckern. um herauszufinden. »Ist etwas gestohlen worden?« fragte Maloney den Kaugummi kauenden Inspektor und folgte ihm durch die Wache mit den klingelnden Telefonen. Darunter mischten sich aus dem Radio die süßlichen Töne von ›Stille Nacht. und es entstand ein ohrenbetäubender Lärm. Wer mochte diese schöne Unbekannte sein? Der Chefredakteur hatte Maloney auf die Wache geschickt. heilige Nacht‹. keine ersichtliche Ordnung. blickte ihr über die Schulter und fand. Jedenfalls hatte er keinen großen Beitrag zur Wissenschaft geleistet. Vielleicht war sie auch nur temperamentvoll. ob aus dem Mord an dem Archäologen vielleicht eine Geschichte zu machen sei. um auf so seltsame Weise ermordet zu werden. Alle schienen plötzlich gleichzeitig zu reden.

Maloney ließ die Tür von Schapiros Vorgesetztem nicht aus dem Auge. ob etwas fehlt?« »Gibt es Spuren? Weiß man schon. als mir hier Fragen zu stellen?« Maloney hatte nichts dagegen. Frage: Warum dringen zwei Männer in die Wohnung eines 229 . Auf den Umschlägen stand: Stevenson. So etwas hatte er schon einmal gesehen. 99. haben Sie nichts Besseres zu tun. Aber wo? Sein Gehirn begann. er werde wohl am besten in aller Ruhe frühstücken gehen. Er mußte noch einmal stehenbleiben. Schapiro. Sein Blick fiel auf den Schreibtisch des Inspektors. daß ihn die Beamten ›Baloney‹ nannten. »Ich möchte nur ein paar…« Aber der Inspektor ging weiter und verschwand im Büro seines Vorgesetzten. und er sah einen Stapel Umschläge. Dann blickte er auf den Schreibtisch. wer die Mörder sind?« fragte Maloney. Seine Spitznamen für sie waren noch weniger schmeichelhaft.sechsunddreißig noch immer nicht erwachsen ist. Er drehte sich um und schlenderte durch den Raum in Richtung Ausgang. wie man sie für die Aufbewahrung von Beweisen benutzt. »Mein lieber Baloney. drehte sich um und steckte die Hände in die Hosentaschen. 12. weil gerade vier ›Weihnachtsmänner‹ in Handschellen hereingebracht wurden. 17. Inspekt. Aus einem der Umschläge ragte in einer Plastikhülle ein glänzendes Photo. Er überzeugte sich schnell. Was zum Teufel ist das? Maloney runzelte die Stirn. schob sich rückwärts unauffällig an den Schreibtisch heran und zog geschickt das Photo aus dem Umschlag. Verblüfft sah er genauer hin. Wie soll da jemand sagen. auf Hochtouren zu laufen. daß niemand auf ihn achtete. Maloney blieb stehen und dachte.

Papyrus-Schriftrollen? Noch einmal: Zwei Killer. jagen einer Frau hinterher und schießen sogar auf sie? Antwort: Das sind sehr schwere Geschütze für einen harmlosen Diebstahl. schneiden ihm die Kehle durch. Man nehme eine ganz gewöhnliche Geschichte. war. zusammengefügt und dann photographiert. ein ermordeter Archäologe. Auf den ersten Blick schien es sich bei dem Papyrus um ein Einzelblatt zu handeln. 230 . eine fliehende Frau.unbedeutenden Archäologen ein. gezackte Linie. Wenn die Wirklichkeit langweilig war. und plötzlich ist die Sache nicht länger langweilig. Es sah wie ein Papyrus mit altertümlichen Schriftzeichen aus. Maloney kniff die Augen zusammen und musterte aufmerksam das Photo. Deshalb suchte er immer nach einem besonderen Aspekt. dann mußte man eben etwas daraus machen. Es sah aus. Ihm gefiel Santa Barbara. Der Inspektor kam erfreulicherweise noch immer nicht zurück. Schriftrollen. hatte ihm sein Chefredakteur einmal gesagt. an die sich Maloney erinnern konnte. was willst du in Santa Barbara? Kannst du mir erklären. stelle sie in einen neuen Zusammenhang. daß die Bewohner von Santa Barbara ihre Rasen während der großen Trockenheit 1993 grün gefärbt hatten. Was für ein Dokument ist das? Noch interessanter war die Frage: Wo befindet es sich? ›Wenn man wirklich etwas erfahren will‹. als habe man zwei Teile gefunden. Also. Maloney hatte etwas gegen Großstädte. Maloney beugte sich über das Photo. In der unteren Hälfte entdeckte er eine weiße. was du über dieses verschlafene Nest schreiben willst?‹ Die aufregendste Geschichte. wo wirklich etwas passiert. ›dann sieht man sich in den Großstädten um.

»Nur durch mich werdet ihr gerettet werden. hatte lange strähnige Haare und Augen wie Charles Manson. 99. Ein JesusFragment! Seine Gedanken überschlugen sich. Frage: Durch welchen Zusammenhang kann ich Interesse für das Photo wecken? Steckt hinter dem Mord vielleicht eine Affäre? Ein Verbrechen aus Leidenschaft? War die Mafia dabei im Spiel? Plötzlich tönte eine Stimme durch den Lärm: »Warum wollt ihr nicht auf mich hören? Ich bin der Erlöser!« Der Mann war hager und wirkte verwahrlost. die vom Schauplatz des Verbrechens flieht. Wer nicht an mich glaubt. Blitzschnell rekapitulierte er: Ein ermordeter Archäologe. Golf von Akkaba‹. Scharm el Scheich. Maloney blickte noch einmal auf das Photo. wird in der Hölle brennen!« Drei Polizisten stürzten sich auf ihn. »Das Ende der Welt ist nahe!« rief er. warfen sie ihn zu Boden. und als er sich wehrte. was er als nächstes zu tun hatte. ein geheimnisvolles Jesus-Fragment und eine schöne Frau. 12. Schriftrollen… Hatte dieser Stevenson vielleicht einen sensationellen Fund gemacht? Schnell drehte er das Photo um und sah auf der Rückseite den Vermerk: ›Jesus-Fragment.Das Porträt der geflohenen Frau zum Beispiel würde ungefähr eine Woche lang in den U-Bahnhöfen ausgehängt werden und dann verschwinden. gefunden am 14. Nach einem schnellen Blick durch 231 . Maloney hätte am liebsten laut gejubelt. Er mußte nicht lange darüber nachdenken. Maloney lief ein Schauer über den Rücken.

Kurz darauf verließ er lächelnd die Polizeiwache und wünschte jedem. fröhliche Weihnachten. der ihn ansah. Maloney hatte seine Geschichte! 232 .die Wachstube verschwand das Photo in der Tasche seines Regenmantels.

jeden Teil des Körpers zu kräftigen. so erklärte man. erklärte er mit ernster Miene. beweglich zu halten und zu konditionieren. »Was soll bei einer solchen Untersuchung herauskommen? Warum die Leichenbittermiene? Wir sind nicht durch Ängstlichkeit das geworden. Dadurch. Das Übungsprogramm gehörte zum Tagesablauf von Miles. wir sollten einen Rückzieher machen.Albuquerque. den Wettbewerb verzerren und früher oder später von den Verbrauchern überhöhte Preise fordern. Zwölf elektronisch gesteuerte Trainingsmaschinen zum Preis von jeweils siebentausend Dollar waren von Experten darauf abgestimmt worden. »Ich glaube. Mike Torrez. sagte Torrez. »Das kann einen Prozeß zur Folge haben«. Die Behörde hatte an diesem Tag offiziell Einspruch dagegen erhoben.« Miles beendete sein Übungsprogramm in dem privaten Fitneß-Raum neben seinem Büro. daß Dianuba einen weiteren großen Software-Hersteller übernahm. Aber Miles lachte.« Miles hatte die außerplanmäßige Konferenz in der Hauptverwaltung seines Konzerns angesetzt. was wir heute sind. machte sich Sorgen. New Mexico »Es gibt große Schwierigkeiten«. der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende des Konzerns und Mitglied des aus drei Personen bestehenden Präsidiums von Dianuba. um die Vorwürfe des Kartellamtes zu diskutieren. Er verließ seinen Platz am Bauchmuskelstimulator und begrüßte die Anwesenden – die Führungskräfte seines 233 . In seinem Haus befand sich genau der gleiche Fitneß-Raum. würde Miles Havers den Markt beherrschen.

Miles sah auch den großen Parkplatz für die Mitarbeiter. Der Parkplatz führte Miles jederzeit anschaulich den Erfolg seines Unternehmens vor Augen. wählte frisch gepreßten Granatapfelsaft und setzte sich an die Tastatur des Computerterminals. drehte er sich um und ging zur Saft-Bar. die auf der Bartheke lag. Er tippte eine Nummernkombination. bedeutete das. die Behörde bei ihren Untersuchungen rückhaltlos unterstützen und unsere Interessen klar und deutlich vor aller Welt vertreten. meine Herren!« Miles trat ans Fenster und blickte hinaus.Konzerns und den Leiter der Rechtsabteilung. Wenn der Betriebsparkplatz an Sonn. »Sie alle wissen«.und Feiertagen besetzt war. aber auch am Sonntag würde kein Platz frei sein. Von seiner Chefetage im dreiundzwanzigsten Stock hatte er einen guten Blick auf die dreißig Gebäude. sagte er und trocknete sich den Schweiß von Gesicht und Hals. Wir werden vor Gericht die Vorwürfe in aller Schärfe zurückweisen. Ein Prozeß ist kostenlose Werbung. »daß für mich die Interessen und Wünsche der Anwender immer an erster Stelle stehen. und auf dem Monitor erschien der neueste Börsenüberblick. Offen gesagt. in denen zwölftausendneunhundert Angestellte arbeiteten. Das Kartellamt wirft mir maßlose Gewinnabsichten vor. An diesem Samstag war er natürlich voll besetzt. Ein leerer Parkplatz war ein Indikator für schlechte Geschäfte. die Produktion war ausgelastet. Hier befand sich auch das Dianuba ›Forschungs. Zufrieden mit dem ermutigenden Anblick. Die Dianuba-Aktie war am Vortag um 234 . Aus der Vogelperspektive wirkten die grünen Rasenflächen so makellos gepflegt wie in einem Fußballstadion. wie wir das immer tun.und Entwicklungszentrum‹. das gefällt mir nicht. das Unternehmen blühte.

aß dort mit einem Kollegen zu Mittag…‹ ›Lassen Sie ihn nicht aus den Augen‹.zwei Dollar gestiegen.« Torrez gab keine Antwort.000 Aktien war um einhundertachtundfünfzig Millionen Dollar reicher. »Alles wird reibungslos verlaufen. Er gab sich keine Mühe. In seinen Geschäftsbereich fiel die weltweite Vermarktung der Dianuba-Produkte. Dann möchte ich wissen. worum es geht und wo sie sich befindet‹ Miles sprach zuversichtliche Worte und flößte der Führungsspitze dasselbe Vertrauen ein. wann es klüger war zu schweigen. das auch ihn erfüllte.000. Miles war attraktiv und zog überall die 235 . einen ersten Bericht über die vierundzwanzigstündige Überwachung von Dr. ›Früher oder später wird die Alexander sich bei ihm melden… entweder sie sich bei ihm oder er sich bei ihr. hatte Miles befohlen. Er wirkte zuversichtlich und schien alles völlig unter Kontrolle zu haben. Mike. aber sein innerer Tiger knurrte ungeduldig. Miles lächelte. Er stand nur eine Stufe unter dem Aufsichtsratsvorsitzenden und Konzerngründer und war nur Miles persönlich Rechenschaft schuldig. Julius Voss. Wir werden auch diesmal siegen. vor anderen zu verbergen. Kurz vor Beginn der Konferenz hatte er einen Anruf aus Malibu erhalten. Sein Mann hatte allerdings nichts Wichtiges zu sagen. Miles mit seinen 79. ›Fuhr zur Arbeit ins Institut. Schließlich erreichte er wieder die Bar und betrachtete sich im Spiegel. trat neben Torrez und legte seinem Vize freundschaftlich die Hand auf die Schulter. aber er wußte aus langer Erfahrung. daß er mit seinem Aussehen zufrieden war. Das bedeutete. Miles ging weiter und redete dabei zu den Herren am Konferenztisch.

und noch wichtiger. wie Teddy das anstellen würde. Selbstverständlich erschien sein Name regelmäßig ganz oben auf der Liste der ›am besten gekleideten Männer‹. Als die Herren eine Stunde später das Büro verließen. Er hätte sie im Sinai nicht entkommen lassen dürfen. Auch Zeke machte er bittere Vorwürfe. Für einen cleveren Hacker war das ein Kinderspiel. Sie haben ein Gespräch auf Ihrem persönlichen Apparat. er besaß Stevensons elektronische Adresse. Es war ihm gelungen. die ihm alle bei seinem Anblick zollten. Seine Sekretärin meldete sich. der Stevensons IP-Adresse benutzt. obwohl es nicht Teddys Schuld war. »Ich muß jetzt nur noch das Internet überwachen und nach jemandem Ausschau halten. Havers. würde 236 . Miles freute sich über die Bewunderung. sagte Miles. Wenn Catherine Alexander mit Stevensons Laptop im Internet auf Online ging. »Mr. hatte Miles sie wieder einmal mit seiner ansteckenden Kraft und seiner visionären Begeisterung überzeugt.« Es war Teddy Yamaguchi. Jeder weitere Tag vergrößerte die Wahrscheinlichkeit. Teddy hatte in der Tat gute Nachrichten. Miles warf einen unruhigen Blick auf den Kalender.Blicke auf sich. daß ein anderer von den Schriftrollen erfuhr und sich auf die Jagd danach machte. Seit dem Fund des Jesus-Fragments waren fünf Tage vergangen. daß sie die Frau noch nicht gefunden hatten. »Ich möchte von Ihnen nur eine gute Nachricht hören«. Warum sollte er sich nicht selbst im Spiegel betrachten dürfen? Sogar der Schweiß auf der Stirn nach den Übungen unterstrich seine ausgezeichnete körperliche Verfassung.« Miles wußte. Im stillen verwünschte er Teddy Yamaguchi. Daniel Stevensons Internet Server zu lokalisieren.

« 237 . der glaubte. Mr. Havers«. was sie im Netz suchte. Dann würde Teddy auf seinem Bildschirm sehen. »Wenn sie sich das nächste Mal ins Netz wagt. sagte Teddy zuversichtlich. wo sich die Alexander in diesem Augenblick befand.Teddy die Verbindung sehen und OmegaNet. Stevensons Zugangsvermittler. er selbst sei diese Alexander. Gleichzeitig konnte er die Verbindung überprüfen und herausfinden. »dann haben wir sie. täuschen.

weil ein vollbeladener Lkw mit stinkendem Dieselqualm die Luft verpestete. um uns ins Internet einzuwählen«. Er trug immer noch die schwarze Soutane.« »Stellen Sie sich vor«. die sich die katholische Kirche angemaßt hatte. daß der Prediger. wenn er wüßte. »Sabina ist dort geboren worden. was mehr Licht auf die Rolle der Frauen werfen würde. Antiochia war die erste Stadt. sagte Catherine. fügte sie hinzu. »es stellt sich heraus. »Zuerst sollten wir Informationen über Antiochia suchen«. die christliche Kirche zu prägen. Catherine fragte sich. der heilige Paulus ist.Sacramento. daß ich den Beweis dafür suche. Vielleicht finden wir irgendwo einen Hinweis auf die Familie. Kalifornien »Wir werden Daniels Zugangsverbindung benutzen. Sie wußte. Sie blickte ihn verstohlen von der Seite an. sagte Garibaldi und setzte zum Überholen an. in der er zu den Menschen gesprochen hat. Dort hat man zum ersten Mal die Anhänger der neuen Lehre als ›Christen‹ bezeichnet. Die Straße war älter und langsamer als die Interstate 5. Garibaldi dachte in den Begriffen der Männer. Aber auf dieser Strecke würde man sie nicht vermuten. die dazu beigetragen hatten.« Catherine erwiderte nichts. denen man das Priesteramt übertrug. als sie an dem vermutlich hundertsten geschlossenen Obststand am Straßenrand vorbeikamen. Catherine hatte ihm noch nichts von ihrer Hoffnung gesagt. Würde er mich auch dann noch unterstützen. was Garibaldi zu Frauen sagen würde. von dem Sabina spricht. Sie und Garibaldi fuhren auf dem Highway 99. daß die Männer 238 . Ihr Vater war offenbar ein geachteter Einwohner der Stadt. in den Schriftrollen etwas zu finden. das Symbol der männlichen Macht.

wie und wann der Gerechte zurückkehren wird.nicht das Recht haben. aber sie mußte sich gedulden. die sie möglicherweise verfolgten. Chr. Sie hielten ständig Ausschau nach Fahrzeugen. Dann wollte Catherine nach einem heißen Bad und einer vernünftigen Mahlzeit mit der Übersetzung der Schriftrollen fortfahren. der eine Datierung der Bücher ermöglichte? Würde es wirklich so einfach sein? ›Der heilige Paulus war 40 n. Es war spät am Nachmittag. wie Sabinas Geschichte weiterging. Das Lesen während der Fahrt war einfach zu mühsam.und Sklavenmarkt zu den Menschen reden hört und den sie später einladen. den Sabina mit ihrer Mutter auf dem Vieh. Catherine hatte lange in dem ersten Buch gelesen. als Catherine ihm berichtete. Immer wieder kreisten ihre Gedanken um den einen Satz: »… daß mir offenbart worden ist. wechselten sich beim Fahren ab und machten nur Pausen. In Fresno wechselten sie vorsichtshalber den Leihwagen. sich als Stellvertreter Christi zum Papst wählen zu lassen? Catherine massierte sich den Nacken. Jetzt fuhren sie nicht mehr den blauen Mustang. sagte Garibaldi. Ein so wertvolles Dokument hätte sie normalerweise nur unter Institutsbedingungen angefaßt.« Sie war neugierig. die Versammlungen im Haus von Sabinas Familie abzuhalten. damit der empfindliche Papyrus keinen Schaden nahm. was sie bisher gelesen hatte. außerdem mußte sie vorsichtig sein. ›Vielleicht ist er der Mann. Bei den wöchentlichen Lesungen der 239 . in Antiochia‹. Aber schließlich hatte sie es aufgegeben. bis sie ein Motel gefunden hatten. als sie bei grauem Himmel das Weinanbaugebiet um Sacramento erreichten. um zu tanken und Essen zu kaufen. sondern einen roten Ford Escort. Sie waren seit beinahe zehn Stunden unterwegs. Würde sie im Text einen Hinweis finden.

und zu seinen Pflichten gehörte das ›ständige Gebet‹. das Rätsel der Schriftrollen zu lösen. wie sie Garibaldi dazu bringen könnte. die bei diesem Wetter nicht warm genug waren. daß einiges an die Worte von Jesus erinnerte. Kleider zum Wechseln mitzunehmen. Es liegt an der Soutane. hoffte sie. Catherine wußte. Während sie an Artischockenfeldern und Kleewiesen vorüberfuhren. Während sie in der einsetzenden Dämmerung nach einem Motel Ausschau hielt. Sie brauchte etwas zum Anziehen.Botschaft und dem Liebesmahl handelt es sich vielleicht um das Evangelium und die Kommunion. das Buch mit den Stundengebeten. und ihr Unbehagen wuchs von Stunde zu Stunde. auch ein Einkaufszentrum zu finden. aber die Wollhose mußte in die Reinigung. Trotzdem verstehe ich nicht alles…‹ Damit wollte Garibaldi sagen. schließlich war er Priester. Wenn sie am Steuer saß. daß sie ihm deshalb keinen Vorwurf machen durfte. Wie hätte sie eine so dramatische Flucht voraussehen können? Die Bluse konnte sie im Waschbecken waschen. Sie hatte nur einen Bademantel. aufgeschlagen und darin gelesen. hatte Garibaldi einige Male sein Brevier. Sie hatte während der langen Fahrt immer wieder darüber nachgedacht. dachte Catherine. anderes jedoch nicht. Nach dem Telefonat mit Danno hatte sie sich nicht die Zeit genommen. Aber Catherine beschäftigten nicht nur das Kleiderproblem und die Schriftrollen. zwei T-Shirts und Khaki-Shorts. flüsterte er lautlos seine Gebete. weil ihr Nacken und die Schultern immer noch schmerzten. sie allein zu lassen und nach Chicago zurückzukehren. dachte Catherine und stöhnte leise. sie erinnert mich ständig an Vater McKinney und an Mutters Tod. Trotzdem 240 . Vielleicht wird es nicht so einfach sein. Seine Anwesenheit machte ihr zu schaffen.

Catherine lief ein Schauer über den Rücken. daß der Weltuntergang nahe ist? Die Wiederkehr Jesu… War Sabina wirklich dieses Wissen offenbart worden? Wußte sie. »Schon wieder ein geschlossenes Motel!« sagte Garibaldi plötzlich. Offenbar hatten die kleinen Motels entlang des Highway geschlossen. Im Autoradio hatten sie gehört. Was erwartet Garibaldi von der Jahrtausendwende? dachte Catherine plötzlich. Die Menschen verließen ihre Häuser und Wohnungen und fuhren zu den Stellen. waren jedoch ebenfalls unterwegs.fühlte sie sich jedesmal erleichtert. um den endlosen Wagenkolonnen zu entgehen. in Sicherheit zu sein. Sie wollten mit Ritualen oder aufwendigen Festen das neue Jahrtausend beginnen. von Erdbeben oder Naturkatastrophen vernichtet werden würden. die nicht an die Apokalypse und die düsteren Prophezeiungen glaubten. wo sie glaubten. Deshalb hatten sie die Küste verlassen und fuhren ins Landesinnere von Kalifornien. daß die 99 nicht zu den Routen gehörte. wenn er das Brevier schließlich zuklappte und in die Reisetasche legte. daß Jesus inmitten der himmlischen Heerscharen wieder auf die Erde kommen wird? Glaubt er an das Jüngste Gericht und daran. Andere. wenn die sündigen Städte wie Sodom und Gomorrha in Flammen aufgehen. was geschieht. Würden sie 241 . die in Richtung Big Sur unterwegs waren. daß zu gewissen Orten der Welt ganze Völkerwanderungen unterwegs waren. wenn wir sterben? ›Und alle die Jahre und Wege… haben mich zu der Antwort geführt‹. Glaubt auch er. weil ihre Besitzer wußten. auf denen sich die Menschen zur Jahrtausendwende drängten.

und Garibaldi das Mysterium aller Mysterien entdecken? »Zimmer frei!« rief er plötzlich und fuhr auf den Parkplatz eines größeren Motels. Neonlichter halfen ihnen. Catherine hatte nicht nur einen steifen Rücken. und die Suche ging weiter. aber sie sahen nur die roten ›Kein Zimmer frei‹-Leuchttafeln der Motels. Sie sollten schnellstens nach Chicago fahren«. »Ein Arzt müßte die Wunde behandeln. aber sie kam kurz darauf wieder zum Wagen zurück. aber die Wunde sah entzündet aus.« Sie legte ihm einen neuen Verband an. Garibaldi fuhr seufzend auf den Highway zurück. stellte sich heraus. Inzwischen war eine sternenlose Nacht angebrochen. bei einem Dew Drop Inn. beschlossen Catherine und Garibaldi. Beim dritten Versuch. Die lange Fahrt setzte ihnen beiden zu. Es war nur noch ein einziges Zimmer zu haben. durch Kieswege miteinander verbundenen Bungalows bestand. Catherine betrachtete sich seinen Arm. Als sie endlich wieder ein grünes Schild mit ›Zimmer frei‹ erreichten. Catherine ging in das Büro. Deutete das auf eine Infektion hin? »Ich bin der Meinung. Der Streifschuß war verkrustet. sondern auch Kopfschmerzen. sagte sie. sich zu orientieren. Er hatte auch den Verband von der Wunde entfernt. verschwand Garibaldi mit seiner Tasche im Bad und kam in Jeans und einem Sweatshirt mit dem verblaßten Aufdruck ›Loyola University‹ wieder zurück. und er 242 . daß es auch in diesem Motel nur noch ein Zimmer gab. den letzten freien Einzimmer-Bungalow zu nehmen. das sehr sauber aussah und aus kleinen. Sie ließen die Weinberge und die reizvolle Landschaft hinter sich und erreichten die dicht besiedelte Gegend um Stockton. und Garibaldis Wunde machte ihm zu schaffen. Als sie in dem Zimmer waren und die Tür abgeschlossen hatten.

die wieder offen und freundlich und nicht mehr so verschlossen und dunkel wirkten wie noch kurz zuvor. noch nie 243 . Selbstmorde. Jetzt saß sie vor dem Fernseher und suchte einen Sender mit Nachrichten. Er hatte sich über die gefalteten Hände gebeugt und den Kopf auf die Arme gelegt. daß er am Fenster betete.rollte den Hemdsärmel darüber. die ihre Bemerkung ausgelöst hatte. Es war mehr die Geste eines Flehenden gewesen als die eines Priesters.« Als er zurückkam. wie sie mitten in der Nacht aufgewacht war und gesehen hatte. »Sollen wir uns eine Pizza bringen lassen und sofort mit der Arbeit anfangen?« fragte er. Sie staunte über die sichtliche Spannung. In den Nachrichten war nichts über Daniel zu erfahren. »Haben Sie etwas über Daniel Stevenson gebracht?« fragte Garibaldi und stellte die weißen Kartons auf den Tisch. Was hat ihn letzte Nacht so sehr beschäftigt. Sie hatte geduscht und ihre Sachen im Waschbecken gewaschen. und erinnerte sich daran. er griff nach den Wagenschlüsseln. der einfach ein Gebet sprach.« »Vater Garibaldi. als er leidenschaftlich betete? »Vergessen Sie die Pizza«. trug Catherine ihren Bademantel. »Ich habe keine Angehörigen«. exzessive Parties. in Ihrer Pfarrei wird man sich fragen. Schließen Sie hinter mir ab und lassen Sie niemanden herein. Und was ist überhaupt mit Ihren Angehörigen?« Er drehte ihr den Rücken zu und griff nach dem Laptop. »ich habe nicht weit von hier ein Restaurant gesehen. »Der Arm ist in Ordnung. Sie blickte in seine klaren blauen Augen. wo Sie sind. murmelte er. alle Berichte kreisten um die bevorstehende Jahrtausendwende – wachsende Hysterie.

die Shrimps. die seit 1995. Ein Priester gehört in eine Kirche…« 244 .dagewesene Großzügigkeit und Spenden. »In dieser Welt scheint es nur noch Terror und sinnlose Gewalt zu geben«. Terror-Anschläge und ein Wettlauf des FBI mit Massenvernichtungsdrohungen. waren aus den Nachrichten schon lange nicht mehr wegzudenken. Frühlingsrollen und die anderen verführerisch duftenden Gerichte sah. nach der Bombenexplosion in Oklahoma. denn er hatte ihr das richtige Stichwort gegeben. der apokalyptische Weltuntergang werde ein Kampf zwischen ihnen und der Polizei sein. »Sie sollten nach Chicago zurückkehren. Sie kämpfte schon den ganzen Tag gegen ihre ohnmächtige Wut an. sagte Catherine. »Wie soll das alles enden?« Die qualvolle Hilflosigkeit machte sich in ihren Worten Luft. daß sie unbedingt etwas zum Anziehen brauchte. Aber im Augenblick mußte sie sich in ihr Schicksal fügen.« »Ich war noch kurz in der katholische Kirche im Ort. bekam sie Hunger. zog den Gürtel des Bademantels enger und dachte wieder daran. Sie sind Priester und wollen bestimmt bei Ihrer Gemeinde sein. »Vater Garibaldi«. sagte sie. »Wann wird das Kämpfen und Töten endlich aufhören?« Sie schaltete den Fernsehapparat aus. »Die Welt scheint wirklich am Rande des Wahnsinns zu stehen«. Am liebsten hätte sie sich längst auf die Suche von Dannos Mördern gemacht. die offenbar glaubten. sagte Garibaldi und schüttelte den Kopf. Bedrohlicher klangen Meldungen von paramilitärischen Gruppen.« Garibaldi suchte in der Tragetüte nach den Eßstäbchen und Servietten. antwortete sie bitter. »Ich hatte mir schon Sorgen gemacht. »Sie waren lange weg«. Als sie den Reis. die Regierung und die Geheimdienste in Atem hielten.

»Deshalb bin ich nicht dorthin gegangen«. Chr. »Ich habe den Priester gebeten. erwiderte er und reichte ihr die Soja-Sauce. sagte sie leise. Pinselstriche. Dreimal mußte er den Laptop starten. daß sie Amelia ihre Geschichte als Achtzigjährige erzählt. für Daniel eine Messe zu lesen. so ist ein guter Paläograph in der Lage. Wenn Sabina ihn als Zehnjährige in der Nähe des Toten Meeres hat predigen hören.« Michael nickte nachdenklich. geboren sein. Handschriften des Altertums 245 . So wie wir eine Handschrift aus dem achtzehnten von einer aus dem neunzehnten Jahrhundert unterscheiden können. Eine Messe für Daniel… Sie zog einen Stuhl heran und setzte sich neben ihn. die Schwärzung von Tinte und die Form der Buchstaben zu katalogisieren. Tränen traten ihr in die Augen. die Schriftrollen zu datieren. »Man sagt.« »So etwas ist schließlich meine Aufgabe«. wir sollten vor allem versuchen. Chr.« Catherine konnte nicht so schnell essen wie er und saß noch über den reichlichen Portionen. »Danke. Meine Mutter hat viele Jahre damit zugebracht. daß Jesus seine Botschaft in den drei Jahren vor der Kreuzigung im Jahr 32 oder 33 unserer Zeitrechnung verkündet hat.« »Am Anfang des zweiten Jahrhunderts. zum Beispiel die Unabhängigkeitserklärung im Vergleich zu einem Brief von Charles Dickens. daß Sie das für Danno getan haben. dann muß sie um 20 n. »Danke«. »Und Sie glauben. sagte er: »Ich denke. erwiderte er und lächelte sie an. daß die Handschrift aus dem zweiten Jahrhundert stammt?« »Eindeutig.« Catherine sah ihn sprachlos an. Das wäre demnach im Jahr 100 n. Im Text steht. Während sich Garibaldi um den Computer bemühte.

»Vater Garibaldi. Wenn Sie nicht nach Chicago zurückkehren. »Sie meinen. ich wünschte wirklich. daß ich die Schriftrollen in der blauen Tasche bei mir habe. Sie würden auf mich hören«.« Garibaldi tippte auf der Tastatur. Verstehen Sie mich?« »Ich verstehe jetzt. »Ihr Leben ist in Gefahr. was dort gesprochen wurde?« »So muß es gewesen sein. wer hinter mir her ist. »Aber mir macht etwas anderes große Sorgen. »Auch ich bin inzwischen völlig auf die Maus angewiesen. Sie haben keine Fragen gestellt. und man hat alles mitgehört. Das bedeutet. dieser Havers ist entschlossen. Das bedeutet. wer hinter dem Mord steckt! Vater Garibaldi. Danno hat gesagt.genau zu identifizieren und zu datieren.« Garibaldi ließ den Monitor des Computers nicht aus den Augen.« Er sah sie an und lächelte entwaffnend. er hätte herausgefunden.« Sie lehnte sich zurück und seufzte. Das wiederum konnten sie nur durch Abhören herausgefunden haben. sondern sind in die Wohnung eingedrungen und haben Danno blitzschnell ermordet. sagte sie. Die beiden Männer waren nicht in Dannos Wohnung.« 246 . Ich habe es mir immer wieder überlegt. die Wohnung wurde überwacht. Zwei Minuten später sind diese Männer aufgetaucht. »Tut mir leid. mich zu finden. aber so einfach werden Sie mich nicht los. weshalb das alte DOS vom Markt verschwunden ist«. wo sich die Schriftrollen befanden. sie wußten bereits. Miles Havers weiß. sind Sie in großer Gefahr. während Catherine noch einen Schluck grünen Tee aus dem Plastikbecher trank. murmelte Garibaldi. um sich mit uns zu unterhalten. Ganz zum Schluß hatte ich Danno gesagt. daß ich erfahren habe. während er ungerührt auf der Tastatur Befehle eingab.

« »Warum?« »Schließen Sie es. Auf dem Highway hatten alle ein Ziel… »So. sagte sie nach kurzem Schweigen. ich bin satt«. die Dieselmotoren der Lkws dröhnten laut wie Panzer.600 COMPRESSION IP BUFFERS = 32 Auf dem Menü aktivierte sie die ›Anwahl‹-Option und klickte auf ›Login‹. Auf dem Bildschirm erschien: USERNAME Sie tippte: dstevens. hin und wieder hämmerten die Bässe eines Autoradios durch die Nacht. »Halt!« rief er.»Vater Garibaldi.« Er gab keine Antwort und tippte weiter. Sie lauschte unwillkürlich auf die Geräusche der Straße. allein kann ich mich leichter verstecken. warf Garibaldi plötzlich die Eßstäbchen auf den Tisch und hielt ihr Handgelenk fest. Das Trumpet WinsockFenster wurde geöffnet: INTERNAL SLIP DRIVER COM1 BAUD RATE = 57. Während Garibaldi geschickt mit den Stäbchen die Reste der Portionen aß. Dann kam die Aufforderung: PASSWORD Aber als sie zu tippen begann: Maat…. klickte Catherine zweimal auf den TCP-Manager. Autos rasten vorbei. Er nickte und griff nach seinen Eßstäbchen. »Wollen Sie nicht noch etwas essen?« Sie deutete auf zwei Portionen Reis und einen gemischten Salat. Catherine stellte sich vor die Tastatur. klickte zweimal auf das OmegaNet-Logo. und auf dem Bildschirm erschien die Homepage. »Schließen Sie das Programm. schnell!« 247 .

und…?« »Würde er nicht auch Daniels Computer in sein Überwachungssystem einbeziehen?« »O mein Gott…«.Sie klickte auf ›Exit‹. aber morgen früh werden wir als erstes eine neue Zugangsberechtigung kaufen. aber wir können ihm entwischen. die wie Spinnen das OmegaNet überwachen und nur darauf warten. was wir tun. die Verbindung bis hierher zum Motel zurückzuverfolgen!« Catherine schlug mit der Faust auf den Tisch. »Wir sitzen nicht in der Falle. Ich bin müde und kann nicht mehr klar denken. daß ich Online gehe. Mein Fehler hätte uns das Leben kosten können. erwiderte Garibaldi. »Dann sollten wir uns ausruhen. »Kaum zu glauben.‹ Auf dem Bildschirm erschien die Meldung: NO CARRIER »Was soll das?« fragte sie verblüfft. sagen Sie. Natürlich! Jemand wie Havers hat natürlich Hacker. in dem Daniels Identifikation erscheint. wenn wir ihm einen Schritt voraus sind. und wir müssen schnell sein. ganz genau überlegen. »Havers hat in Daniel Stevensons Wohnung eine Mithöranlage installieren lassen und vermutlich auch sein Telefon angezapft. flüsterte sie. Er legte sich in Jeans und T-Shirt auf das 248 . In dem Augenblick. dann auf ›Anwahl‹ und klickte auf ›Bye.« Catherine schloß den Deckel des Laptop und blickte auf den gelben MicrosoftAufkleber. ist er in der Lage. »Jetzt ist es zu spät.« »Ja. Ich sitze in der Falle!« »Immer mit der Ruhe«. »Daran habe ich überhaupt nicht gedacht. Daniel hatte ihn mit einem Schnurrbart versehen und einem fehlenden Zahn.« Garibaldi nickte.« Er warf einen Blick auf die Uhr. Wir müssen uns alles. »Wo ist nur mein Verstand geblieben!« rief er kopfschüttelnd.

Ja. In Jeans wirkte er keineswegs so autoritär und bedrohlich wie in der schwarzen Soutane. Michael Garibaldi schlief jetzt. Catherine seufzte stumm. aber er hatte sie gerettet. Garibaldi hatte recht. Wenn sie das Paßwort eingab. ›Ich habe keine Angehörigen‹. Sie legte die Kissen im zweiten Bett aufeinander und schaltete die Leselampe ein. der sie von hier wegbrachte.eine Bett. hatte er gesagt. Wahrscheinlich fragten die Kinder im Ghetto. daß sie nicht mehr da 249 . auch wenn sie es nicht gern tat. Catherine öffnete die blaue Tasche. er war Priester. Die Goldkette an seinem Hals glänzte. nahm den Notizblock heraus. Beim Anlegen des neuen Verbands hatte sie die harten Muskeln gespürt. was sie zu tun hatte. Bevor sie mit der Arbeit begann. mit denen er Basketball spielte. ob ›Mike‹ rechtzeitig zum Weihnachtsfest wieder zurück sein werde. Er würde bestimmt in die Kirche gehen. Sie würde heimlich verschwinden und den ersten Bus nehmen. Catherine dachte an die Wunde an seinem Arm. ehe er überhaupt ahnte. von welcher Telefonnummer sie sich in das Net eingewählt hatte. Das kleine Kreuz hob und senkte sich langsam und regelmäßig mit seinen Atemzügen. Catherine hatte den Schreck über ihre Nachlässigkeit noch nicht überwunden. und er fühlte sich für sie verantwortlich. dann wußte er im nächsten Moment. mußte sie ihn verlassen. Sein inzwischen schon vertrautes Gesicht lag im Dunkel. Beinahe wäre alles zu Ende gewesen. Da er sie offenbar nicht freiwillig allein ließ. Morgen war Sonntag. Sie wußte in diesem Augenblick. Vor dem Essen hatte er sich schnell bekreuzigt. schob einen Arm unter den Kopf und den anderen über die Brust. Havers ließ das Internet überwachen. bereits ungeduldig. blickte sie noch einmal auf Garibaldi. ihre vielbenutzte Ausgabe von Strongs Griechisch im Neuen Testament und die gefalteten Papyri.

das jemand ausgesetzt hatte. während sie schlief. und sie sprachen lange und leise miteinander. Sie lag bereits seit einem Tag und einer Nacht in den Wehen. Mein Vater zog sich mit ihm in sein Arbeitszimmer zurück. sah sie überglücklich ›ihr‹ Kind. war die junge Frau in einen erschöpften Schlaf gefallen. griff aus Unwissenheit zu grausamen Methoden. als ich sechzehn wurde. Sie ließ die arme Frau niesen und flößte ihr Brechmittel ein. hätte sie niemals so etwas aus Mitleid getan. Eines Abends erschien ein Mann mit einer Botschaft aus Rom in unserem Haus. Bevor meine Mutter eine Anhängerin des Weges wurde. Sie ging zum Tempel der Juno. Am nächsten Tag verbreitete sich in Antiochia die Nachricht von einer großen Niederlage der 250 . Es war tot. und tauschte es gegen das tote Kind aus. Meine Mutter wickelte das Baby in ein Tuch und eilte damit in die Stadt. Dort fand sie ein Kind. Als meine Mutter eintraf. daß vor dem Ende der Welt eine lange und schwere Zeit der Verwirrung kommen werde. Eines Nachts wurden wir zu einer Frau gerufen. denn viele Zeichen wiesen darauf hin. Sie kehrte mit dem lebenden Baby zurück und legte es der jungen Mutter an die Brust. um die Geburt vielleicht auf diese Weise einzuleiten. Aber Mitgefühl und Verständnis waren damals dringend notwendig. die ein Kind bekam. Als die Frau erwachte. und die alte Hebamme. und ich lernte es von ihr in dem Sommer. Wir brachten das Kind zur Welt. wo man unerwünschte Neugeborene auf die Tempelstufen legte.war. die sie betreute. Meine Mutter war Hebamme. Ihr Können hatte sie von ihrer Mutter gelernt.

Philos. Wir sollten nie erfahren. daß der Kaiser meinen Vater in das Rheinland schicken wollte. Schon als kleines Kind hatte ich viele schreckliche Geschichten über die Wilden im kalten Norden gehört. Während der Heiler versuchte.kaiserlichen Truppen in Germanien. In den nächsten Tagen kamen Freunde meines Vaters in unser Haus. Er stellte fest. den Schädel meines Vaters zu öffnen. ob mein Vater wirklich in das Rheinland hätte ziehen müssen. Meine Mutter ging jeden Tag zum Tempel der Vesta. und wir waren entsetzt. daß der endlose Krieg gegen Germanien wenig mit dem Schutz der Reichsgrenze zu tun habe. bat meine Mutter die Anwesenden um ihre Gebete und Segenswünsche. Ein bekannter Heiler wurde gerufen. Ich hörte. ausgeraubt und zusammengeschlagen. beteten wir für ihn. Man drohte den ungehorsamen Kindern mit den grausamen Barbaren und erzählte ihnen. war eine angenehme Erscheinung. Als sich am Ende der Woche die Gemeinde zur Lesung der Botschaft und zum Liebesmahl in unserem Haus versammelte. Ich hörte sie reden. sondern dem Kaiser nur dazu diene. das Leben meines Vaters zu retten. Vermutlich würde er nicht mehr aus der Ohnmacht erwachen. der meinen Vater untersuchte. denn eines Abends in den Kalenden des Mai wurde er vor dem Haus überfallen. die Wilden am Rhein äßen kleine Kinder bei lebendigem Leib. Und ich glaubte diese Geschichten. daß ihm ein Schlag auf den Kopf das Bewußtsein geraubt hatte. so hieß der Mann. Sie opferte der Göttin und betete. Er hatte schöne Augen und ein scharf 251 . Alle waren der Ansicht. Meine Mutter gab dem Mann die Erlaubnis. von den Schwierigkeiten im Reich abzulenken.

Mich beeindruckten seine Ruhe. Der 252 . Er hielt sich wirklich an sein Motto. Philos stammte aus Griechenland. und wir werden im Chaos versinken. die alles heile – Schmerz. langer Zeit in Vergessenheit geraten. Aber in den Tagen und Nächten. er habe von einer wundersamen Medizin der Götter gehört. Sein Aufenthalt in Antiochia war nur eine Etappe auf seiner Suche. Diese Medizin vertreibe sogar den Tod. wenn er nur die Suche danach nicht aufgab. Sein Leben. Unfruchtbarkeit. In allen Städten und Dörfern. sein Wissen und seine Tatkraft. die glauben. Als mein Vater starb – niemand gab Philos die Schuld daran. sicher. Die Zusammensetzung sei vor langer. wird wieder zu einer einzigen Masse zusammengefügt. Das Verbrechen an meinem Vater kommentierte er mit den Worten: ›Schlangen beißen keine Schlangen. Angst. was in seinen Kräften stand -. den Tod zu besiegen. daß am Tag des Weltuntergangs ein Meer die Erde verschlingen wird. er werde das Wundermittel wiederfinden. Impotenz. dieser Tag sei noch fern und werde nicht zu unseren Lebzeiten kommen. Er gehörte zu den Stoikern. denn er hatte getan. sagte er. Er erzählte mir. stehe unter dem Motto ›cito tuto jucunde‹ – schnell. was er sagte. aber Philos glaubte. Doch einem Menschen widerfährt das größte Unheil durch seine Mitmenschen‹ Philos wollte nicht nur Krankheiten heilen. denn er war ein sehr guter Heiler. faszinierte mich am meisten.geschnittenes Gesicht. Sein eigentlicher Traum war es. behutsam. Was die Natur auseinandergebrochen hat. so erklärte er. Aber er sagte auch. in Legenden und Mythen werde von diesem Wundertrank gesprochen. in allen Kulturen und bei allen Völkern. tröstete er mich mit den Worten: ›Seine Zeit war gekommen. in denen er meinen Vater behandelte. Er war zehn Jahre älter als ich. Fieber.

denn sie fand. um den Tod zu besiegen. denn meine Mutter sagte immer. die die Botschaft des Gerechten nie hörten? Wie konnten sie den Weg finden? Damals begriff ich plötzlich den Sinn meines Lebens. Auch mich bekümmerte das. sondern weil er nicht zum Glauben an den Weg des Gerechten gefunden hatte. wußte ich. Sie war verzweifelt. aber nicht über seinen Tod. Am Vorabend der Abreise von Philos ging ich zu ihm in sein Zimmer in dem Gasthaus. um aller Welt die Botschaft zu bringen. Der Gerechte hatte uns gelehrt. wenn ein Mensch stirbt. mein Vater sei viel zu früh gestorben. weil sie die Botschaft des Gerechten nicht kannten. und bat ihn. Als ich die tiefe Verzweiflung meiner Mutter sah. Ich war damals achtzehn. die ihren Sohn und ihren Mann verloren hatte. Aber eine Frau kann nicht allein durch die Welt reisen. in dem er wohnte. Und was war mit denen. nachdem seine Aufgabe auf Erden erfüllt ist. Es war das vierte Jahr der Herrschaft des Kaisers… 253 . daß ich Antiochia und meine Mutter verlassen mußte.‹ Meine Mutter ließ sich von diesen Worten nicht trösten. Ich wollte ihn unter allen Umständen dazu überreden. die beide ins Nichts sanken. mich mitzunehmen.größte Segen der Natur ist es. unser Glaube sei der einzige Weg. daß wir nur durch den Glauben an seine Botschaft den Tod überwinden könnten. denn auch sie sah im Tod nur einen natürlichen Schritt auf der Seelenwanderung.

DER SECHSTE TAG 254 .

aber es blieb ihr keine andere Wahl. Dezember 1999 Sacramento. um die Schriftrollen in aller Ruhe zu übersetzen… Vor den Zeitungsständern am Straßenrand blieb Catherine plötzlich wie angewurzelt stehen. Catherine schlich sich nur ungern heimlich davon. In Kürze würde sie unterwegs nach Seattle sein. Sie wollte nichts anderes. »Ich dachte. Sie sah auf der Titelseite der Sonntagszeitung ihr Gesicht. Sie seien in der Kirche…«. Und sie fürchtete. Sie fuhr zusammen. was sie tun mußte. daß am frühen Sonntagmorgen nur wenige Fahrgäste am Busbahnhof warteten. Sie ließ den Taxifahrer direkt gegenüber dem Busbahnhof halten. Garibaldi war wie erwartet zur Kirche gefahren. sprang sie ohne Zögern hinein.Sonntag. Garibaldi wollte sie nicht ihrem Schicksal überlassen. Neben ihr hielt mit quietschenden Bremsen ein Wagen. murmelte sie 255 . hängte sich die blaue Tasche über die Schulter. ihn könne dasselbe Schicksal ereilen wie Danno. zahlte mit ihrer Kreditkarte. Während er im Bad unter der Dusche stand. bevor sie die Straße überquerte. aber als sie sah. daß Garibaldi ihr die Wagentür aufhielt. Unter ihrem Porträt entdeckte sie ein Photo des Jesus-Fragments. als ein paar Tage ungestört sein. 19. Der Anhänger ließ sie an Danno denken und erinnerte sie daran. hatte sie sich telefonisch nach den Abfahrtszeiten der Busse erkundigt. nahm den Laptop in der Tragetasche in die eine Hand und faßte mit der anderen kurz an den Jade-Jaguar. Kalifornien Catherine sah schon von weitem. ohne daß er etwas davon ahnte.

ohne mich von Ihnen zu verabschieden. daß ihr Herz heftig schlug. Ihnen sei etwas zugestoßen. sagte er: »Tut mir leid. »Sie waren nicht mehr da. Dezember.‹ Er legte das Blatt zurück in das Buch und räusperte sich. 19. Dann fliege ich nach Chicago. war ich empört und…« 256 . sie ist weg. Verzeihen Sie mir.« Er schlug das Buch auf. Vater Garibaldi. und mit Ihnen waren alle Ihre Dinge verschwunden… die blaue Tasche. ich hätte Ihnen keine Vorwürfe machen dürfen. Aber als ich auf dem Tisch die Abfahrtszeiten der Busse sah. mich allein weiterfahren zu lassen.mit hochrotem Kopf. es sei das beste für uns beide. »Ich hatte mein Brevier vergessen und mußte zurück ins Motel.« Er deutete auf das Buch. Das Porträt auf dem Titelblatt der Zeitung sah ihr sehr ähnlich. ›Verzeihen Sie mir. »Haben Sie wirklich geglaubt. wenn wir uns trennen. und manchmal reagiere ich unüberlegt. und als er anhielt. aber ich glaube. sagte sie und spürte. A.« Er bog in den Parkplatz des Motels ein. wenn ich die Sache allein zu Ende bringe. Ich bin auch nur ein Mensch. Da ich Sie nicht davon überzeugen kann. Bitte machen Sie mir keine Vorwürfe.‹« »Vater Garibaldi. ich bin in großen Schwierigkeiten. es ist für uns beide das beste. der Laptop… alles!« »Tut mir leid«. Als sie wieder in ihrem Motelzimmer standen. und ein gefaltetes Blatt Papier fiel heraus. griff sie nach dem Brevier und reichte es ihm mit den Worten: »Seite einundfünfzig.« Er seufzte laut. gehe ich. »Ich dachte. ich würde einfach sagen: ›Also gut. Vielen Dank für Ihre Hilfe.« »Du meine Güte! Zuerst dachte ich. Sie hatte nicht viel geschrieben. das auf der Ablage neben dem Lenkrad lag. C.

»Aber Miles Havers wird nicht in Zusammenhang mit dem Mord gesucht. der Hinweise über ihre Identität und ihren Aufenthaltsort geben kann. wer ich bin«. Hier steht. Er blickte verblüfft auf das Porträt. Sehen Sie sich das Bild an. Ich habe das Fragment nicht behalten. daß Havers nicht alle Photos hat.« »Die Polizei weiß noch nicht. wird gebeten.« Sie reichte ihm die Zeitung.»Vater Garibaldi«. »Ich bin wirklich in großen Schwierigkeiten. das Jesus-Fragment und auf die Schlagzeile: ›VERRÄT DAS JESUS-FRAGMENT DAS GENAUE DATUM DES JÜNGSTEN GERICHTS?‹ »In dem Artikel steht. Man hätte mich im Bus erkannt und verhaftet! Mein Gott. ich habe zum ersten Mal im Leben richtig Angst. Das ist immerhin ein gewisser Vorteil!« Garibaldi legte die Zeitung auf den Tisch und griff nach seiner Reisetasche. und er ist ein Milliardär. und ich habe über hundert Aufnahmen gemacht! Die beiden Killer haben bestimmt die meisten mitgenommen. das ich gemacht habe. sich bei der Polizei von Santa Barbara unter der Telefonnummer 1-805-897-2300 (Inspektor Shapiro) 257 . als ich das Fragment und die erste Seite der ersten Rolle zusammenfügte – Sabinas Brief. daß die Polizei mich in Verbindung mit Dannos Ermordung sucht. bei Dannos Leiche seien ›ein paar‹ Photographien gefunden worden. »Ist das die Kopie einer Schriftrolle?« »Es ist das Photo. sagte Catherine und deutete auf den Text: ›Haben Sie diese Frau gesehen? Jeder. aber doch nicht alle. Das ist ein Hinweis darauf. sondern in meinem Zelt im Sinai zurückgelassen. unterbrach sie ihn.« Er deutete auf das Photo des Papyrus.

um seine Toilettentasche zu holen. Catherine setzte sich auf das Bett und griff nach dem Telefon. legte sie plötzlich wieder auf. Aber jetzt waren ihr die Hände gebunden. Ich bin keine Mörderin. legte seine restlichen Dinge in die Reisetasche und zog den Reißverschluß zu. Hier steht. ihr zu helfen. Vielleicht erscheint er sogar überall auf der Welt. er stammt von ›Associated Press‹.« »Und das bedeutet«. Wenn er den Artikel las.« Aber als sie begann. Sie dachte an Julius und seufzte. würde er sich vermutlich weigern. murmelte sie.« Catherine dachte an Hans Schüller im Institut für Radiologie in Zürich. bis einer meiner Bekannten oder Kollegen das Bild sieht«. »Was haben Sie vor?« »Ich habe Danno nicht umgebracht. Ich werde bei der Zeitung hier in Sacramento anrufen und es ihnen sagen. erwiderte Garibaldi.zu melden. die Nummer zu wählen. wissen sie.« Garibaldi öffnete die Zimmertür einen Spalt und blickte 258 . Sie hatte ihn anrufen wollen. ob es ihm bereits möglich gewesen war. sagte Catherine. »Ich kann überhaupt nicht telefonieren. »Der Artikel wurde nicht von einem Journalisten in Sacramento geschrieben. Auch jede andere Polizeidienststelle nimmt Informationen entgegen‹ »Es ist nur eine Frage der Zeit. um zu erfahren. Catherine griff wieder nach der Zeitung. er kommt von einer Nachrichtenagentur. »dieser Artikel mit den beiden Bildern wird von den Zeitungen im ganzen Land übernommen. von wo ich anrufe. Garibaldi ging ins Bad. Wenn sie eine Rufnummernidentifikation haben. »Ich kann die Redaktion nicht anrufen«. das heißt. Möglicherweise würde er sogar die Polizei benachrichtigen. die Papyrusprobe vom Sinai zu datieren.

daß der Mann in Ihrer Begleitung ein Priester ist. nahm seine Brieftasche heraus. Wenn die Frau im Büro des Motels die Zeitung liest und sich daran erinnert. und Garibaldi fuhr vorsichtig vom Parkplatz. füllte einen Reisescheck aus und legte ihn unter den Lampenfuß. Wenn ich die Soutane trage. Sie heute morgen gesehen zu haben…« »Und die Zimmerrechnung?« Garibaldi stellte die schwarze Reisetasche auf den Tisch. gewinnen wir Zeit. Weder Havers noch die Polizei wissen. »Auch das wäre erledigt. Als sie wieder auf der Straße waren.« 259 . »Wir müssen hier weg. sagte er: »Wir haben einen Vorteil. Fahren wir.hinaus. um uns in Sicherheit zu bringen.« Sie eilten zum Wagen.

vor der sich der Parkplatz der Leihwagenfirma befand. erwiderte der Angestellte in dem Leihwagenbüro. »Sie meinen eine Soutane?« »Auf jeden Fall war es ein Priester«.Fresno. Er hatte den blauen Mustang gesehen. beteuerte der Mann. Wie heißen die noch? Sultanen… ja. als Dr.« »Können Sie ihn etwas näher beschreiben?« »Ein großer Mann. der Priester war allein.« Zeke kniff die Augen zusammen. Das Nummernschild 260 . die Beduinenfrau zu beschützen. der versucht hatte. er trug eine Sultane. ein katholischer Priester? Sind Sie sicher?« »Aber ja«. Er betrachtete das Bild nachdenklich. Kalifornien »Ein Priester?« wiederholte Zeke. Das Büro lag direkt hinter der Ausfahrt am Highway 99 zwischen einem Restaurant und einer Tankstelle.« Zeke erinnerte sich. »Der Mann trug eines dieser langen schwarzen Gewänder. Nein. Das klang sehr nach dem Priester. als er mit seinem Partner vom Highway abgefahren war. es kommt nicht oft vor. daß ein Priester bei uns einen Wagen leiht. »War diese Frau bei ihm?« fragte er und zeigte dem Mann ihr Photo. Wollen Sie behaupten. dann rief er: »He! Das ist doch die Frau in der Zeitung. daß ein Priester mit einer Mörderin durch Kalifornien flieht?« Zeke starrte ausdruckslos durch die große Glasscheibe. »Sie meinen. Alexander das Lager im Sinai verließ. wirkte sportlich und hatte kurz geschnittene Haare. Ich habe niemanden in seiner Begleitung gesehen. »Ich kann Ihnen versichern.

antwortete der Mann und deutete auf den Kartenständer auf der Theke. Alexander aus Santa Barbara geflohen war. »Diese Frau stiehlt geheime Schriftrollen und flieht mit einem Priester! Weiß das die Polizei schon… ich meine. Die Spur dieser Alexander hatte ins Nichts geführt. in welche Richtung der Priester gefahren ist?« »Nach Norden. die Sache mit dem Priester?« »Ich glaube nicht«. wie weit es bis Sacramento ist. »Können Sie mir noch etwas sagen?« »Nein.bestätigte seinen Verdacht.« Zeke lächelte. »Wissen Sie zufällig. Es war der Wagen. Und so war er mit seinem Partner hierhergekommen. aber es dürfte Ihnen nicht schwerfallen. »Eine der am meisten gekauften – Gold Country.« »Man stelle sich das vor!« sagte der Mann kopfschüttelnd. Dann hat er gefragt.« Zeke griff in die Hosentasche und zog ein Bündel Dollarscheine heraus. Es galt zu überlegen. »Warum?« 261 . herauszufinden. Er hat eine Straßenkarte gekauft«. Schließlich ist der Mann ein Priester und fällt jedem auf. Er war mit sich zufrieden. von welcher Leihwagenfirma der Mustang stammte. wie viele Meilen die Alexander mit ihrem Begleiter an einem Tag hatte zurücklegen können. sie zu finden. Der einzige Haken bei der Sache war gewesen. war es nicht allzu schwer gewesen. aber jetzt war er ihr wieder auf den Fersen. die er dem Mann gab. erwiderte Zeke. Nachdem Zeke die Zulassungsnummer überprüft hatte. daß sie das Fluchtfahrzeug gegen einen anderen Wagen austauschen würden. Zeke lächelte. Außerdem vermutete er. mit dem Dr. »Da haben Sie recht. daß das Unternehmen Niederlassungen in ganz Kalifornien hatte.

daß sie die Spur der Archäologin wiedergefunden hatten und daß sie mit einem Priester auf der Flucht war. Sie fuhren auf die 99 in Richtung Norden. Das Kaninchen gehörte ihm. Er wollte seinem Auftraggeber berichten. Er lag jetzt mit durchschnittener Kehle hinter der Theke und starrte mit leeren Augen an die Decke. 262 . Aus demselben Grund hatte er auch den Mann in der Leihwagenfirma zum Schweigen gebracht. Miles Havers diese neue Information vorzuenthalten. bevor er sie gefunden hatte. Zeke wollte nicht. als er in den schwarzen Pontiac stieg. als ich heute verdienen kann. daß Havers oder die Polizei oder übereifrige Journalisten Catherine Alexander aufspürten. und er griff nach dem Autotelefon. sagte Zeke zu seinem Partner. und schließlich legte er den Hörer auf. Aber etwas ließ ihn zögern. was eine Zeitung wie der National Enquirer zum Beispiel für eine solche Geschichte zahlen würde? Ich habe von Ihnen schon mehr bekommen. Zeke fand es plötzlich besser.»Warum? Können Sie sich vorstellen. und der Tag ist noch nicht zu Ende!« Er zählte das Geld und sagte dann: »Erlauben Sie mir eine persönliche Frage… die Narbe in Ihrem Gesicht… woher stammt die? Waren Sie in Vietnam?« »Nach Sacramento«.

der gerechte Richter…« An diesem ruhigen Sonntagmorgen war Julius allein im Institut – abgesehen von einer Technischen Assistentin. Er war ein Tempel Gottes. »Die Zeitung liegt in Ihrem Büro. um nicht zu vergessen. Außer der eigenartigen Nachricht von ›Mrs. die das Gesicht bedeckte. es zu zerstören. Als er freundlich nickte. Trotzdem fiel es ihm ungewöhnlich schwer. legte er Wert darauf. Jedesmal. Zwei Tage waren vergangen. Julius mußte sich daran erinnern. Die Schönheit dieser Königin beruhte nicht mehr auf ihrem Gesicht aus Haut und Knochen. fügte sie hinzu: »Ich habe Ihnen auch Kaffee und ein 263 . wenn er eine Autopsie an einer Mumie vornahm. daß sein Skalpell sie nicht mehr entstellen würde. der einmal gelebt hatte und die gleiche Behutsamkeit und Achtung verdiente wie jemand. daß vor ihm auf dem Seziertisch ein Mensch lag. Er machte sich Sorgen. daß Julius zögerte. und der Körper eines anderen verlangte von ihm Ehrerbietung. der gerade erst gestorben war. einer Adventistin. Für Julius war das Leben etwas Heiliges. Voss«. als es die Natur bereits getan hatte. West Los Angeles Das Gesicht war so schön. seit Catherine ihn verlassen hatte. denn er hatte eine Totenmaske vor sich. Meritites‹ auf dem Anrufbeantworter hatte er nichts von ihr gehört. sich auf seine Arbeit zu konzentrieren.Freers Institut. Dr. die Totenmaske oder eine Statue oder eine Darstellung der Toten vor Augen zu haben. der nicht mißbraucht oder entweiht werden durfte. die wie Julius den Sabbat am Vortag gefeiert hatte. Bei jedem Schnitt in die brüchige Mumie betete er stumm: »Baruch Dajan haEmet – Gesegnet bist DU. sagte die Assistentin und lächelte ihn an.

›Kennen Sie diese Frau?‹ stand unter Catherines Porträt. und Julius hatte den Eindruck. um zu hören. und das Hörnchen rollte über den Fußboden. Tracy war zwanzig. rief er ihr nach. Auch Catherine hatte ihm einmal gesagt. ob er etwas von Catherine wußte. Graue Dunstschleier tanzten über den Wellen. unterbrach Julius die Arbeit an der Mumie. Tracy«. Er schloß das Fenster und sah dabei sein Spiegelbild im Glas. Unverständlicherweise schien die junge Technische Assistentin seine schwarzen Haare und den Bart attraktiv zu finden. Ich bin den Rest des Tages nicht mehr da. »Bitte sagen Sie den Leuten vom Wachdienst. Daniel Stevenson war ermordet worden. Er überflog schnell den Artikel. Er seufzte und drehte dem Fenster den Rücken zu. seinen Augen nicht trauen zu können. Ich muß Weihnachtseinkäufe machen!« »Danke. eine Zeugin hatte gesehen. Oder sollte er sich bei der Stiftung nach ihr erkundigen.Hörnchen gebracht. ›JESUS-FRAGMENT GEFUNDEN!‹ Unter der Schlagzeile befand sich das Photo eines Papyrus mit einem griechischen Text. Daneben… Julius glaubte. Vielleicht sollte er noch einmal versuchen. die ihre Ausgrabung finanzierte…? Der Becher mit Kaffee fiel ihm plötzlich aus der Hand. um ihn zu heiraten. ein Wissenschaftler mit dichten lockigen Haaren sei irgendwie sexy. Er streifte die Gummihandschuhe ab und ging in sein Büro. daß ich noch hier bin«. Durch die offenen Fenster drang frische salzige Meeresluft herein. erwiderte er. Aber offenbar reichte das Catherine nicht. daß sie ihn anhimmelte. Daniel anzurufen. Es würde Nebel geben. »In der letzten Woche haben sie mich eingeschlossen!« Als Tracys Schritte in dem langen Gang verhallten. Julius 264 . wie eine Frau aus der Wohnung des Archäologen rannte.

Das Bild zeigte eindeutig sie. Kurz darauf klingelte es wieder. mit einem Mann in einem Auto zu fliehen. warum habe ich das alles nicht verhindert? Das Telefon hörte auf zu klingeln. 265 . und ihnen über die Hintergründe alles sagen. denn er bekam plötzlich weiche Knie. Inzwischen konnte Catherine überall sein. Er mußte der Polizei helfen. Er mußte den Beamten erklären. dem scharfen Intellekt und den funkelnden grünen Augen. Eine falsche Verbindung. Julius blickte wie gebannt auf den Apparat. er mußte auf der Stelle zur Polizei gehen. Aber das war vor zwei Tagen. Sie ist mit einem unbekannten Mann davongefahren… Julius sprang auf. Aber so sah sie aus. Was für ein Mann war das? Hatte er Daniel ermordet? Hatte er Catherine entführt? War ihr Leben in Gefahr? War sie womöglich bereits tot? Mein Gott. Fünf Minuten später fuhr er vom Parkplatz. Catherine zu finden. Cathy. daß sein Telefon klingelte. stand in dem Artikel. Der Polizeizeichner hatte nichts von ihrem Wesen wiedergegeben. wer diese Frau war. Nach Aussagen von Zeugen gelang es der Frau. Fassungslos las er den Artikel noch einmal Wort für Wort und hörte dabei nicht. warum bin ich nicht bei dir geblieben? Warum war ich nur so überheblich und anmaßend? Der Mord war in Santa Barbara geschehen. Die Telefonnummer des Instituts unterschied sich nur in der letzten Zahl vom Kinocenter in der Pico Street. Er hatte keine andere Wahl. der am Straßenrand stand und ihm folgte. was er wußte. ohne den weißen Wagen zu bemerken. Cathy.sank auf den Stuhl. Catherine! Aber der Anrufer wollte nur die Anfangszeiten der Kinos wissen. Julius legte auf und starrte auf das Porträt.

Auch von hier hatte man einen Blick auf den Petersplatz. Man hat uns beschimpft. Rom Die Wachhunde Gottes… ja. verselbständigten sich seine Gedanken immer öfter. dem heiligen Dominic. war der Zeitungsartikel vergessen. das wurde ihm plötzlich bewußt. Er überließ sich abstrakten Erörterungen oder Erinnerungen. Wir haben doch nur versucht. Aber warum haßt man uns so? Pierre Lefevre führte stumme Selbstgespräche. So nennt man uns. Die Angelegenheit mit dem geheimnisvollen 266 . die sich dort drängten. In letzter Zeit. So heißen wir nach dem Ordensgründer. die Kirche vor Häretikern und Teufelsanbetern zu schützen. und das heißt: die Wachhunde Gottes. das Porträt einer Frau und die Photographie des JesusFragments mit dem beunruhigenden Inhalt waren der Anlaß für die außerplanmäßige und dringende Audienz beim Papst.Der Vatikan. unbekannte Wege beschritt und sich im Labyrinth seiner Innenwelt verirrte. Ein Wortspiel mit dem Namen unseres Ordens – Dominikaner. dem Strom seiner Gedanken Einhalt zu gebieten. anstatt uns Beifall zu zollen… Lefevre zwang sich. während er vor dem Arbeitszimmer des Papstes im apostolischen Palast auf und ab ging. Aber die Schlagzeile. wo die Wachen nur mit Mühe die Menschen unter Kontrolle halten konnten. kann man den Namen als Domini Cane lesen. das stimmt. Der Kardinal fühlte sich angegriffen und rechtfertigte sich stumm. anstatt sich auf die Alltagspflichten zu konzentrieren. Wenn man will. Während er sich den unberechenbaren Windungen seiner Gedanken überließ.

Er war mit seinen fünfundsiebzig Jahren noch immer groß und im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte. Kardinal Lefevre nickte Bischof Monduzzi zu. aber Seine Heiligkeit machte den Frauen niemals falsche Hoffnungen. Unter dem Caravaggio stand Vater Bailey vom Vatikansender. in der man Seiner Heiligkeit nahelegte. Er wollte auf jeden Fall verhindern. Die Nonne in der grauen Tracht. saßen auf den mit rotem Brokat bezogenen Sesseln oder gingen unruhig auf und ab. das wußte Lefevre. die ebenfalls darauf warteten. nahm eine unvorhergesehene und gefährliche Wendung. Hin und wieder erschien auch eine Delegation. katholische Laien aus verschiedenen Ländern. kamen mit Sorgen zu seiner Heiligkeit. Frauen die Priesterweihe zu gestatten. den Papst zu sehen. Er 267 . Kardinal Lefevre nahm seinen Gang durch das Vorzimmer wieder auf. Der alte Kardinal richtete sich auf. um eine Bittschrift zu übergeben. der sich angeregt mit dem Präfekten der Heiligen Kongregation für katholische Erziehung unterhielt. die um eine Audienz nachgesucht hatten. daß man ihm seine Sorgen ansah. Aber alle Anwesenden. der nachdenklich eine alte römische Büste betrachtete und ein Manuskript unter dem Arm trug. Auch Besucher in dunklen Anzügen. Nur wenige Frauen baten um eine Audienz beim Papst. und die Schwester in Weiß arbeitete im Gesundheitsdienst des Vatikans. kam wegen ihrer Missionsstation in Angola. dem Präfekten des päpstlichen Haushalts.Fund auf der Sinaihalbinsel. Die hagere Gestalt warf lange Schatten auf die alten Möbel und kostbaren Gemälde. der ihn in Alarmbereitschaft versetzt hatte. Die Besucher waren fast ausschließlich Männer. den die Jesuiten betrieben. Freundlich lächelnd sah er die anderen an. dem Verlag des Vatikans. Der Mönch in der braunen Kutte. kam zweifellos von der Libreria Editrice Vaticana.

Es ist wieder soweit. Lefevre lächelte bei der Erinnerung. Möglicherweise steht uns der letzte und entscheidende Kampf bevor. Lautlos fiel die Tür hinter ihm zu. daß… Unmöglich! Die Zeit verging wie im Flug. der ihn offenbar angesprochen hatte. Der Kardinal richtete sich noch einmal energisch auf und konzentrierte sich ganz auf seine Aufgabe. sagte der junge Mann und führte ihn zur Tür. Papa wiederzusehen. Die Angelegenheit war zu wichtig. ›Du bist für Paraden wie geschaffen!‹ pflegte sein Vater im Scherz zu sagen. Papa… Es wäre schön. Wie viele Jahre war es eigentlich her. Die Zeichen deuten auf Gefahr. Ein langer Weg schien ihn von den Tagen der Kindheit in dem kleinen Dorf in der Provence zu trennen. weil sie die Kirche verteidigten. um sich von nostalgischen Erinnerungen ablenken zu lassen. Die Kirche muß geschützt werden. Wachhunde Gottes! So hatte man vor einigen hundert Jahren die Dominikaner bezeichnet. »Seine Heiligkeit lassen bitten«. 268 .war schon immer einen Kopf größer als seine Mitmenschen gewesen. Hatte er die geliebten Eltern tatsächlich vor einem halben Jahrhundert beerdigt? »Eminenz?« Lefevre kniff die Augen zusammen und sah den jungen Priester an.

Der erste war von Anfang bis Ende übersetzt und lag in der Pappschachtel. Catherine fehlten in diesem Augenblick ein richtiger Arbeitsplatz und die notwendigen Instrumente. eine starke Lupe und Pinzetten. Die Faltstellen der zweiten Schriftrolle erwiesen sich jedoch als weniger haltbar als die der ersten. sagte Garibaldi und blickte auf den Monitor. um die winzigen abgelösten Fragmente behutsam wie ein Puzzle zusammenfügen zu können. Aber Catherine hätte eine bessere Beleuchtung gebraucht. Catherine saß am Tisch und entfaltete behutsam den zweiten Papyrus. Sie hatte diese notwendigen Dinge bei einem kurzen Einkauf in einem billigen Einkaufscenter am Stadtrand erstanden. Der Laptop stand auf einem Stuhl. wo 269 . in der ihre neuen Jeans und die Bluse verpackt gewesen waren. ›Das war im vierten Jahr der Herrschaft des Kaisers…‹ Verdammt. »Sobald wir uns ins Netz eingewählt haben«. Sie konnte nur hoffen. sagte Garibaldi und tippte auf der Tastatur des Laptop eine Telefonnummer. daß Sabina diesen römischen Kaiser noch einmal erwähnte. Aber um zu erfahren.Goshen. und er saß auf dem Bett. Wenn Havers die Nummer Ihrer Kreditkarte hat. »müssen wir schnell sein. wird er damit bald das Konto Ihrer Zugangsgenehmigung finden. wie heißt er? Catherine kamen vor Enttäuschung beinahe die Tränen. Kalifornien »Ich hoffe. An dieser Stelle war ein Stück Papyrus abgebrochen und für immer verloren. damit sie die Rolle glatt ausbreiten konnte. Manche schienen bereits bei der leisesten Berührung zu reißen. Garibaldi hatte ihr den Tisch überlassen. daß es klappt«.

denn ›Goshen‹ lag nach den Worten der Bibel an dem Weg. muß er das Zugangssystem knacken. daß er sein Limit überschritten hatte. Für das LaptopModem benötigten sie jedoch einen direkten Anschluß.… Während Catherine mit angehaltenem Atem den spröden Papyrus auseinanderfaltete und immer wieder verzweifelt feststellte. Deshalb habe ich einen Server in Orange County gewählt. LinkNet lehnte die Karte ab. Nachdem sie Sacramento verlassen hatten. Schließlich fanden sie in einer kleinen Stadt am Fuß der Sierras ein geeignetes Motel. an denen sie vorüberkamen. den Brunnen freizulegen und das Skelett zu bergen? »Ich habe noch keinen Zugang«. Die Stadt hieß ›Goshen Junction‹. die durch Farmland führten. denn sie hatten Telefonanlagen.Sie sich aufhalten. Aus Vorsicht wählten sie kleine Landstraßen. Die ersten. die Prophetin. Mirjam. und Catherine hörte. waren für ihre Zwecke nicht geeignet.« Sie befanden sich nicht in Orange County. Beim Sonnenuntergang hielten sie Ausschau nach einem Motel. auf dem Mirjam und Moses ihr Volk aus Ägypten herausgeführt hatten. Sie hatten es zuerst mit Garibaldis Karte versucht. wie er die Nummer erneut anwählen ließ. aber festgestellt. der mit der Vorwahl ›9‹ eine Verbindung herstellte. murmelte Garibaldi. dachte sie an ihre Ausgrabung. daß die Ränder abbrachen und sich manche Bruchstücke sofort in Staub auflösten. Deshalb 270 . Ein Internet-Konto konnte man nur mit einer Kreditkarte eröffnen. Das wird ihn auf die falsche Spur setzen. waren sie nach Süden gefahren. Hatten die Behörden die Arbeiten unterbunden? Wurde womöglich in der Nähe wieder gesprengt? War Hungerford ersetzt worden und der Hotelneubau ging zielstrebig voran? Oder hatten ägyptische Archäologen damit begonnen. Catherine mußte lächeln.

sei es um zu tanken oder um etwas zu essen. Garibaldi hatte an der Rezeption die Formalitäten erledigt. Der Wettlauf hatte eine neue Dimension angenommen. daß der Zugang innerhalb von zwei Stunden nach dem Kauf aktiviert wird. murmelte sie. das außer Sichtweite stand. Ich hoffe. und man mußte vor fünf Uhr nachmittags kaufen. daß Havers jeden Vorgang auf dem Kreditkartenkonto ›sah‹. Ab jetzt mußten sie schneller als ihr Verfolger sein. ja selbst im Einkaufszentrum hatten sie sich die Zeitungen angesehen – die lokalen. In der Praxis schien das allerdings nicht immer zu funktionieren.benutzten sie Catherines Karte. um am nächsten Tag ab zwölf Uhr mittags den Zugang zu bekommen. während er darauf wartete. Dabei trug er wie immer seine Soutane. Zwischen Catherines Fingern zerbröckelte wieder ein winziges Papyrusstückchen. daß LinkNet in Orange County die Verbindung freischaltete. »Ist alles in Ordnung?« »Für die Schriftrollen ist diese Flucht eine Katastrophe! 271 . Bei jedem Aufenthalt. nutzten die Ungeduld vieler Anwender und boten einen schnellen Zugang. Im Motel hatten sie sofort den Fernseher eingeschaltet. Catherine blieb im Auto sitzen. »Noch immer nicht«. sagte er kopfschüttelnd und ließ das Modem neu wählen. aber auch die Fresno Bee. Nur wenige. Garibaldi hob den Kopf. das steht nicht nur auf dem Papier!« Er hatte sich um verschiedene Server bemüht. auch wenn sie wußten. die Sacramento Bee. »Dabei werben sie damit. Garibaldi regelte den Ton herunter. In allen Ausgaben entdeckten sie Catherines Porträt. wie zum Beispiel LinkNet. Die meisten boten ihren Service nicht an Sonntagen an. um die Nachrichten zu sehen. die Los Angeles Times und sogar die San Diego Union. »Verdammt…«.

als sich nämlich Schwester Agnes versehentlich in die Kammer mit den Sportgeräten eingeschlossen hatte. »Ich bin einfach übermüdet. Er setzte sich auf das Bett und tippte die Telefonnummer. Während sie auf das Wählgeräusch des Modems lauschten. Die Soutane erinnerte sie ständig – leider auf bedrohliche Weise – daran. Das brachte sie wie schon mehrmals innerlich aus dem Gleichgewicht. Ich muß allerdings gestehen. Ich hoffe nur. Sie blickte zu ihm auf. und plötzlich stieg ihr der Duft seines Rasierwassers in die Nase. es ist nicht meine Schuld. daß er Priester war. Ich müßte unbedingt ein paar Stunden 272 . die er ebenfalls bei ihrem Einkauf erstanden hatte. wenn es nicht funktioniert?« »Wir werden uns etwas einfallen lassen. daß ich bisher nur ein einziges Mal vor einer ähnlichen Herausforderung stand. wo sie unter Glas liegen und die Luftfeuchtigkeit ständig überwacht wird.Man muß sie unbedingt an einen sicheren Ort bringen. noch dazu ein gutaussehender Mann. wenn sie zu Staub zerfallen!« Er stand hinter ihr und lächelte. wenn ich sie bis zum nächsten Morgen dort schmoren lassen würde. aber in Jeans und Hemd wurde er auf einmal nur ein Mann. Ich mußte die Zahlenkombination des Schlosses herausfinden.« Da sie schwieg. fragte er aufrichtig besorgt: »Wie geht es Ihnen wirklich?« Catherine rieb sich die Augen. sagte sie schnell und deutete auf den Computer. während Vater Murphy neben mir stand und mir zehn Dollar versprach. fragte Catherine: »Und was ist. »Versuchen Sie es noch einmal«. Mit der Soutane hatte sie wenigstens dieses Problem nicht. Er trug ein neues Leinenhemd und neue Jeans.

und da Catherine ihm keine weiteren Fragen stellte.« »Ich schneide Haare immer nur mit Hilfe einer Suppenschüssel«.« »Soll ich sie nur kürzen?« »Sagen wir bis zum Nacken. »Kurz geschnittene Haare sind gerade nicht Mode.« »Verstehe…« Er lachte. als Catherine auf dem Stuhl saß.« Sie beschloß. Nachdenklich blickte er auf die langen kastanienbraunen Haare und fragte: »Soll ich sie wirklich abschneiden?« »Keine Angst. und ging ins Bad. »Wie kurz soll es werden?« fragte er. aber bei mir hat das praktische Gründe.schlafen. murmelte sie und zwang sich. Die Haare waren klatschnaß. Sie hatte eine Schere in der Hand und sagte: »Wir sollten das so schnell wie möglich hinter uns bringen. Kurz darauf erschien sie mit einem Handtuch um die Schultern. mit der Übersetzung später weiterzumachen. hörte Catherine vom Parkplatz ›O du Fröhliche…‹ »Kaum zu glauben«. verzichtete er auf eine Erklärung. aber nicht so kurz wie Ihre Haare. sagte er und nahm ihr die Schere aus der Hand. ist das Ergebnis bestimmt eine Katastrophe. nicht auf die Haare zu 273 .« Garibaldi stand auf und fragte: »Wollen Sie es wirklich tun?« Mit einem Blick auf die Zeitung und ihrem Bild auf dem Titelblatt erwiderte sie: »Mir bleibt keine andere Wahl. Werden Sie mir helfen? Wenn ich es selbst mache.« Als er die erste Haarsträhne abschnitt. »Kurz. ich wollte mir die Haare schon lange kürzer schneiden lassen.« »Welche?« Er zögerte und sagte dann: »Pangamot…« Garibaldi schwieg.

sagte Garibaldi und bewegte sich etwas zur Seite. wirkliche Freunde? »Sie waren in Israel«. Ich möchte wenigstens mit ihm reden. aber ihn hatte sie verloren. »Waren Sie einmal während der Weihnachtszeit in Jerusalem? Selbst eine Ratte bekäme 274 . Und Freunde? Julius war ein Freund und Danno.« »Julius ist Ihr Verlobter?« Schnipp. »Warum sind Sie vor Weihnachten abgereist?« Er lachte. »Wann wollen Sie heiraten?« »Wir sind nicht offiziell verlobt.« Sie legte die Hand auf den Jadeanhänger. daß Haareschneiden etwas so Intimes sein konnte. um die Haare gleichmäßig schneiden zu können. und Danno würde noch leben.achten. Wenn ich auf ihn gehört hätte. Julius wollte. Und die Hochzeit… mein Gott. Wieder landete eine Strähne im Papierkorb. die Sie brauchen. sagte sie leise und spürte immer deutlicher seine Nähe. im Internet. ihm ein Weihnachtsgeschenk zu kaufen. die mir nahestehen? Garibaldi hatte gesagt. ich würde ihn so gerne anrufen. Nichts von all dem wäre geschehen. »In fünf Tagen ist Weihnachten. »Ich hatte nicht einmal Zeit. seine Hände. als Sie es jetzt für möglich halten. nicht einmal entfernte Verwandte. wäre ich nicht mehr dort gewesen. Gibt es wirklich so wenige Menschen.« »Mit etwas Glück und Ausdauer«. um mit ihm die Feiertage zu verbringen. Es war ihr noch nie aufgefallen. »finden wir alle Antworten. Dann sind Sie schneller wieder bei Ihrer Familie und Ihren Freunden. die im Papierkorb landeten. als Hungerford die Sprengung anordnete. Schnipp. daß ich die Grabungen unterbreche. er habe keine Familie. Gab es für ihn Freunde? Hatte ein Priester überhaupt Freunde.« Familie und Freunde… Ich habe keine Familie.

« »Natürlich nicht. denn darum hatte sie ihn 275 . »Ja«. Ich glaube. Sie wußte. Ich kenne die Worte der Bibel: ›Hat etwa der Herr nur durch Moses gesprochen? Hat er nicht auch durch uns gesprochen?‹« »Richtig. Kapitel zwölf.« »Ich suche Mirjam. um auch nur die halbe Länge der Via Dolorosa zurückzulegen. Das Buch Numeri.dort Platzangst. Es gab im Hotel kein einziges freies Zimmer mehr. nur ihre Haare zu berühren. und zuckte bei jedem zufälligen Kontakt mit ihrer Haut zusammen.« Er nickte. »Die Weite der Wüste… Was haben Sie eigentlich im Sinai gesucht? Der Besitzer des Hotels Isis sagte etwas vom Zug der Israeliten durch die Wüste. sich mit ihrer Rolle abzufinden. daß auch er solche Empfindungen hatte. wenn wir zugeben würden. aber meine Theorie ist bei den Bibelforschern nicht sehr beliebt. Ich habe fünf Stunden gebraucht. Mirjam war zusammen mit Moses eine Anführerin der Israeliten. Und dieses Jahr war alles noch schlimmer. Er schnitt wirklich sehr viel Haar ab.« Sie fragte überrascht: »Sie kennen die Geschichte?« »Nun ja. Ein Blick in den Papierkorb ließ sie schaudern. Seine Nähe schien von ihr Besitz zu ergreifen. daß sie in biblischen Zeiten gleichberechtigt waren?« Das Gefühl der Intimität wurde noch stärker. erwiderte er nachdenklich und schnitt weiter.« »Dann sind Sie also in die Weite des Sinai geflohen?« Er schwieg und hörte auf zu schneiden. ich bin Priester. aber sie konnte ihm keinen Vorwurf machen. Sie spürte seine Berührung nicht nur am Kopf und im Nacken. Er bemühte sich auffällig darum. Sie spürte seinen Atem im Nacken. »Die Prophetin. Wie sollten wir die Frauen davon überzeugen.

Er hob die Augenbrauen. »Ein Pony? Sind Sie sicher?« Der Einfall überraschte sie selbst. Der neue Haarschnitt schien sie beunruhigend verwundbar zu machen. und das rief bei ihr ein seltsames Gefühl von Nacktheit hervor. »Ja. um sein Werk zu begutachten. Sie schloß die Augen und überließ sich dem Gefühl seiner Hand über den Lidern.« »Dazu habe ich keine Zeit. weshalb sie ihn aufgefordert hatte.« Sie wollte aus der Tragetasche die Tönung holen. »Fertig!« verkündete er schließlich. Sie trug die Haare immer lang. Er tat es schnell und mit sichtlichem Unbehagen. kämmte die Haare noch einmal nach vorne und löste eine Strähne hinter dem linken Ohr. Der Nacken lag völlig frei. Er hielt inne. holte Catherine tief Luft. aber Garibaldi kam ihr zuvor und reichte ihr die Packung ›Ultra Weißblonde »Hier steht. ihr einen Pony zu schneiden.« 276 . jetzt kommt der nächste Schritt. Catherine trat vor den Spiegel.gebeten. »So. Plötzlich wußte sie. denn die Idee war ihr spontan gekommen.« Als Garibaldi vor ihr stand. man soll achtundvierzig Stunden vor dem Färben einen Allergietest machen. Sie waren sehr kurz. Catherine betastete die Haare. Schließlich wollte sie dem Zeitungsporträt so wenig ähnlich sehen wie möglich. die Haare nach vorne kämmte und eine Hand über ihre Augen hielt. und Catherine spürte. und es klang erleichtert. bitte. »Wie wäre es mit einem Pony?« fragte sie schließlich. Seine Knie berührten ihre Beine. »Ist es so in Ordnung?« fragte er schließlich und trat einen Schritt zurück. Der Gürtel seiner Jeans war direkt vor ihrem Gesicht. Es war wie eine flüchtige Liebkosung. daß sie vor Verlegenheit rot wurde.

Als die Meldung: BENUTZER 277 . ob Blondinen wirklich mehr Spaß im Leben haben. In der Gebrauchsanweisung stand. Sie nahm die Verschlußkappe der Flasche ab und füllte das Farbgel in die Flasche mit dem Entwickler. Der Gedanke an seinen Körper in ihrer Nähe. zum Haarefärben brauche ich Ihre Hilfe nicht.« Er nickte und ging zur Tür. Wer ist er wirklich? Was für eine Vergangenheit hat er? Aus welcher Familie kommt er? Warum ist er Priester geworden? Als die Flüssigkeit auf dem Kopf gleichmäßig verteilt war. Aber keine Angst. Als sie die Plastikhandschuhe anzog. »Wollen Sie das wirklich tun?« »Ich muß mein Aussehen drastisch verändern. Sie mußte sich in diesem Augenblick eingestehen.Er sah sie kopfschüttelnd an. Der Geruch von Ammoniak verbreitete sich im Bad. Im Spiegel sah sie verblüfft. Außerdem gibt mir das endlich einmal die Möglichkeit herauszufinden. daß Garibaldi sie nicht nur auf der Verstandesebene beeinflußte. daß das Gel fünfundvierzig Minuten einwirken mußte. erinnerte sie sich an das Gefühl von Garibaldis Fingern in ihrem Nacken. tippte die Zahlenfolge. daß ihre Wangen immer noch glühten. um die Flüssigkeiten zu mischen. Im Spiegel sah sie hinter sich die lackierten Stöcke. Sie ging ins Zimmer und setzte sich an den Computer.« Catherine verschwand im Bad. das Geräusch der Schere und das Gefühl seiner Kraft stellte sich wieder ein. und das Modem wählte. Sie schüttelte die Flasche. und ihre Augen begannen zu brennen. die er im Gepäck hatte. »Dann gehe ich inzwischen eine Abendzeitung kaufen. zog sie eine Plastikhaube über die Haare. und massierte sie dann in die Haare.

Das Such-Menü erschien. Das Konto war schon seit über zwei Stunden eröffnet. Dann kam ein neues Geräusch. Pangamot ist aggressiv. Es ist ein Kampf um 278 . UNGÜLTIGES PASSWORT. Das bedeutete. Lycos meldete ihr neunundzwanzig Einträge. Catherine ließ das Modem noch einmal wählen und gab das Paßwort ein. Sie lachte und flüsterte: »Wir haben die Zugangsberechtigung!« Sie klickte auf ›NetScape‹ und danach auf ›NetSearch‹. Bei welcher Datenbank sollte sie die Suche beginnen? Bei Lycos. tippte sie ›Phantom‹. Sie klickte auf ›Search Large Data Base‹. Es klang wie das Öffnen einer rostigen Tür – der Computer machte seinen ›Handshake‹. beschloß sie. »Was suche ich als erstes? Antiochia?« Ihr Blick fiel auf die lackierten Stöcke. das sie sich ausgedacht hatten. »Okay«. Was mochte der Grund für die Verzögerung sein? Sie tippte noch einmal die Zahlenfolge. Carnegie-Mellon Universität. Kurz darauf erschien die Meldung: UNGÜLTIGES PASSWORT. der Zugang war noch nicht aktiviert. Sie wählte einen kürzlich im Soldier of Fortune erschienenen Artikel und las: ›Für den Pangamot-Kämpfer ist Selbstverteidigung passiv. Wie hieß dieser Kampfsport? Pangamot! Sie tippte das Wort und drückte dann auf Eingabe.erschien. Der Cursor blinkte auf: SUCHBEGRIFF. murmelte Catherine. hörte das Modem wählen und den Signalton… Sie wartete mit angehaltenem Atem. das Paßwort. Inzwischen hätte der Zugang freigeschaltet sein müssen.

»Ich hätte alles beantwortet. ich übe Kontrolle über die Gewalt aus. aber wie unter einem Zwang fragte sie: »Warum lassen Sie sich die Haare so kurz schneiden? Sagen Sie es mir!« »Zu den Techniken beim Pangamot gehört es. »Nein. »Ich hätte die Frage nicht stellen sollen. daß die Tür aufging und Garibaldi wieder zurück war.‹ Ein Textverweis öffnete ihr die Netz-Seite über den philippinischen Kampfsport.« »Das habe ich nicht gesagt. Es gibt keine Regeln. meine eigene.« »Warum sind Sie so schockiert?« »Ich hasse Gewalt in jeder Form. Widerwillig. den Gegner bei den Haaren zu packen und ihn…« Sie starrte auf den Boden.Leben oder Tod.« Ihr wurde plötzlich kalt. Sie hörte nicht. Der Sieger erhält als Preis keine Siegestrophäe. »Wollen Sie damit sagen. Pangamot sei eine Art Selbstverteidigung. hatte sie sagen wollen.« Catherine sah ihn nicht an.« Sie sah ihn an.« »Es ist ein aggressiver Kampfsport. was Sie wissen wollen. sondern nur sein Leben. Sie setzen auf Gewalt.« »Nein. Plötzlich stand er hinter ihr und sagte: »Sie hätten mich fragen können. wie Garibaldi sie benutzte.« Er deutete auf den Bildschirm. Sie wurden eindeutig als todbringende Waffe eingesetzt. daß Sie die Gewalt Ihres Gegners unter Kontrolle halten?« Er schüttelte den Kopf. und…« »Und?« Und Sie sind Priester. Dort befanden sich Zeichnungen von Kampfstellungen mit den gleichen lackierten Stöcken. Ich kann 279 . »Sie haben gesagt.

wenn Sie sie in die Hand nehmen. löste die Riemen seiner Reisetasche und nahm die lackierten Stöcke in die Hand. Das müssen wir als erstes finden… »Tymbos«. drehte sich um. ich möchte wirklich nicht mehr darüber reden. sagte sie.« Garibaldi tippte ›König Tymbos‹ und klickte auf: SUCHE BEGINNT. stand sie auf und murmelte: »Tut mir leid. »Ich werde die Suche beginnen. Womit soll ich anfangen?« Sie überlegte. Diakon. die Nachricht von der Niederlage der römischen Legionen in Germanien löste großen Schrecken aus…« Ihr Blick fiel auf die Schlagzeile der Abendzeitung. dachte sie. »Ich habe keine Angst vor dem Bambus«. Sabina sagt. Er streckte sie aus. wann sie geschrieben wurden. »Suchen Sie nach ›König Tymbos‹. »Hier. der Weg. Ich muß ins Bad und die Haare ausspülen. nehmen Sie die Stöcke…« »Nein. 280 . sagte sie und sah ihm direkt in die Augen. Vielleicht können Sie Ihre Angst besser überwinden.« Catherine blickte stumm auf die langen. das sie über die Papyri wissen mußte? Ihr Alter. ›PROPHEZEIT DAS JESUS-FRAGMENT DEN WELTUNTERGANG?‹ Und Catherine dachte: Das siebte Buch. der Gerechte… Was war das Wichtigste. Als er nichts erwiderte. Er musterte sie. »Wir müssen herausfinden.« Er stellte die Stöcke an die Wand.nicht gutheißen. glänzenden Stöcke. daß ein Priester einen Kampfsport ausübt.« »Es sind nur zwei lackierte Bambusstöcke.

« Miles legte die Gartenschere auf den Stein. wo riesige Kakteen in großen Töpfen im kalten Mondlicht standen.Santa Fe. die Computersysteme von Miles Havers zu knacken. »Den ganzen Tag über habe ich auf meiner Nummer keinen einzigen Anruf bekommen. New Mexico Das Telefon klingelte achtmal. daß so etwas in Zukunft unterbleibt?« »Leider scheint das der Preis zu sein. es gab keine Möglichkeit. Schließlich habe ich die Sache überprüft und mit einer deiner Nummern meine Nummer angewählt. Wer hat sich diesmal gemeldet?« »Das Städtische Leichenschauhaus! Ich finde das wirklich nicht komisch. Wie es aussieht. uns so zu ärgern?« Miles wußte. Erika Havers murmelte: »Entschuldigung. und die Gespräche wurden wie auch diesmal nur zu einer anderen Nummer 281 . und legte auf. »Tut mir leid. Sie überquerte den Innenhof und eilte durch die verglasten Bögen. mein Schatz. kannst du nicht dafür sorgen. bevor sich eine Männerstimme mit ›Städtisches Leichenschauhaus‹ meldete. haben uns diese Hacker wieder einmal aufs Korn genommen. den ich zu zahlen habe. Miles. Meist war alles völlig harmlos. Damit konnte er sich einen Namen machen. ich muß mich verwählt haben«. Jeder neue Hacker versuchte früher oder später. Sie blickte kopfschüttelnd auf das Telefon. daß diese infantilen Leute inzwischen genug davon haben. »Schon wieder«. dann drehte sie sich um und verließ den Raum.« »Aber sollte man nicht denken. sagte sie anklagend. Sie fand Miles im Tropenhaus bei seinen Orchideen. dem Spiel ein Ende zu setzen.

Ich habe nur einen Paßwortsucher eingesetzt und im Handumdrehen alles überspielt. Erika hatte dafür kein Verständnis und klagte: »Inzwischen werden meine Anrufe jede Woche mindestens einmal einfach weitergeleitet…« »Also gut. Sie kommen nicht zur Silvesterparty. Also habe ich nach der Marke und dem 282 . Wir haben trotzdem mehr als tausend Gäste. was ich brauche.« Miles blickte mit zusammengekniffenen Augen auf die Liste der Namen und Zulassungsnummern auf dem Bildschirm. begleitete sie ins Haus bis zum Fahrstuhl und fuhr auf der Stelle hinunter in den Kommunikationsbunker. erwiderte Teddy kopfschüttelnd.« »Gewiß. Senator Fowler und seine Frau haben abgesagt. Sie haben ein richtiges Mickey-MausSicherheitsprogramm.« »Ach. denn sie wollen die Jahrtausendwende mit ihren Kindern auf Fidschi feiern und über die Datumsgrenze nach Tonga fliegen. Liebling«.umgeleitet. Es fehlt sogar ein Schutzschild. Sie ahnen nicht einmal. Miles.« »Mach dir nichts daraus. »Ich werde mich darum kümmern. »Wissen wir etwas über den Leihwagen?« fragte Miles. wo Teddy Yamaguchi vor der Bildschirmwand saß. »Es ist nichts einfacher. nur darf mein Telefon nicht immer wieder gestört sein. erwiderte er lächelnd.« Miles nickte. als in das System dieser Leihwagenkette zu kommen. übrigens. »So etwas habe ich noch nicht erlebt…«. um sie vierundzwanzig Stunden später noch einmal zu erleben. Liebling. daß ich am Werk war. »Und?« »Zuerst habe ich die Zulassungsnummer für den Wagen nicht gefunden.

daß wir die Kreditkarten-Nummer haben wollen. wußte genau.« Miles hob die Augenbrauen. Dr. Catherine Alexander. sondern die Daten zerstört. Die Videokamera überwachte die Wohnung von Dr. Er mußte diese Frau finden. aber die Kreditkarten-Nummer des Kunden ist gelöscht worden. »Wer die Nummer gelöscht hat.Modell suchen lassen. daß die Archäologin so töricht sein würde. »Dieser ›Jemand‹ wußte.« »Soll das heißen.« »Ist der Wagen da?« »Er ist da. Es ging inzwischen nicht nur um die Schriftrollen. Warum dauerte alles so lange? Nachdem Zeke die Photos der Schriftrollen aus Santa Barbara geschickt hatte.« Miles starrte verärgert auf den Bildschirm. was er damit bezwecken wollte. zu ihrer Wohnung zurückzukehren. ließ Miles 283 . Aber er ging auf Nummer Sicher und ließ alle erdenklichen Stellen überwachen. Miles ging zu der Wand. dessen Nummer außer einem einzigen Mann niemand kannte. Doch dieser Monitor blieb leer und stumm. Dort stand der Name seines Mörders… Sein Blick wanderte die Reihe der Bildschirme entlang bis zum Ende. wo das Videobild einer Straße zu sehen war. »Kann man sie zurückholen?« Teddy schüttelte den Kopf. Alexander hatte Stevensons Computer mit dem Tagebuch. Miles bezweifelte. wo die Fax-Bildschirme standen und Geschäftsnachrichten aus aller Welt eingingen. Aber sein Interesse galt im Augenblick nur einem Faxgerät. Er hat sie nicht nur gelöscht. jemand ist uns zuvorgekommen und hat die Daten absichtlich unlesbar gemacht?« Teddy gab dem Drehhocker einen Schubs und sah seinen Boß an.

sie sofort zu übersetzen. bis zu dem abrupten Ende: ›… nimm sie mit zu König‹ Miles hatte sofort seine Photos nach der Fortsetzung überprüft. »Wir haben wieder etwas!« Miles ging sofort zu ihm zurück und blickte auf den Bildschirm. Wie hieß der König? Die Archäologin kannte nicht nur den Namen. sie befand sich ihm gegenüber auch noch in anderer Hinsicht im Vorteil. Alexander glaubte. daß sie so dumm ist. »Mr. die Zeke und sein Partner bedauerlicherweise in Stevensons Wohnung zurückgelassen hatten. Havers!« rief Teddy plötzlich. Es stellte sich jedoch heraus. Die Zeitung hatte sogar eine Übersetzung abgedruckt. Mit Entsetzen dachte er an den Morgen dieses Tages. wie alle anderen. Er würde für eine grundlegende Änderung sorgen. Während Miles untätig auf ein Fax wartete. daß er auch die zweite Seite nicht besaß. Auf der ersten Seite der Zeitung hatte er die allererste Seite der Schriftrollen gesehen. Das war vor sechsunddreißig Stunden gewesen.« Teddy tippte wie rasend auf der Tastatur und murmelte: »Vielleicht ist sie nicht so dumm. Die ersten übersetzten Seiten hätten inzwischen längst hier eingetroffen sein müssen. Miles war sehr unzufrieden mit der augenblicklichen Lage. Sie würde natürlich nach ihm suchen. Nimm sie mit zu König… Jetzt verstand Miles die Frage von Daniel Stevenson: »Wie heißt der König noch?« Dr. die Miles begierig las. konnte sie den Originaltext nach Hinweisen auf das Versteck der siebten Schriftrolle durchsuchen. die Zeke zurückgelassen hatte.sie reproduzieren und mit der Anweisung nach Ägypten fliegen. Sie mußte bei der Polizei liegen. Verblüfft sagte er: »Sie hat ihre Kreditkarte noch einmal benutzt? Ich kann nicht glauben. dieser König sei im Besitz der siebten Schriftrolle. 284 .

Havers.«. verfolgen Sie die Spur.Diesmal hat Dr. Zucker und Koffein verschafften ihm einen Adrenalinstoß. 285 . »Orange County.« Teddy schob sich lachend eine Handvoll seiner Lieblingssnacks in den Mund. Das Spiel lief auf vollen Touren.« »Welche hat sie?« »Einen Augenblick. sagte Miles. Alexander mit ihrer Karte eine Zugangsberechtigung gekauft.« »Bin schon dabei. sie ist nicht in Orange County. Also los. »LinkNet…«. der ihn in die richtige Hacker-Laune versetzte. Ich wette. Es war soweit! Die Archäologin hatte sich ins Internet eingewählt. Mr. Es wird gleich auf dem Bildschirm angezeigt werden.

« »Genau das wollte ich. Perpetua.« »Möglich«. Benutzte Sabina eine ähnliche Verschlüsselungstechnik? Garibaldi blickte auf die digitale Zeitanzeige des Monitors. murmelte Garibaldi. ›Der 286 . Garibaldi bekam große Augen. es gibt keinen ›Tymbos‹«. etwas über sie zu finden. Sind Sie sicher. »Es gibt weder einen König noch sonst jemanden mit diesem Namen. stimmte ihm Catherine zu. »Daran gibt es keinen Zweifel. Wissen Sie. »Ich glaube. Auf diese Weise war eines der ersten Symbole des christlichen Glaubens entstanden. Kalifornien »Tut mir leid. dann drehte sie sich um und holte die Pappschachtel mit der ersten Schriftrolle. Sabina. sagte Garibaldi. Das Anagramm ›Ichthus‹ entstand aus den ersten Buchstaben des Satzes: Iesous Christos Theou Uios Soter – Jesus Christus. Oben auf der zweiten Seite stand: ›TYMBOS. der Weg.« Catherine ging in Gedanken die Liste ihrer Stichwörter durch: Amelia. Könnte es ein Anagramm sein? Die frühen Christen hatten eine ausgeprägte Vorliebe für solche Spielereien. wie zum Beispiel ›Ichthus‹. Sie dürfen es noch einmal probieren. dann sollten wir uns besser wieder aus dem Internet verabschieden. Sohn Gottes. Retter – und ergab das lateinische Wort für ›Fisch‹. Ich wünsche Ihnen diesmal mehr Glück. daß die Schreibweise richtig ist?« Catherine kam aus dem Bad und bürstete sich die kurz geschnittenen und gebleichten Haare.« Sie blickte auf den Monitor.Goshen. »Sie sehen so anders aus. wir haben Zeit für einen weiteren Suchbegriff. wenn nicht sogar unmöglich. der Gerechte… Ohne die Familiennamen der Frauen war es schwer.‹ »Stimmt«. als sie ihm das Wort zeigte.

daß die Befehle Roms befolgt wurden. daß Philos ein Stoiker war. Philos war Arzt. Sokrates und auch in den Schriften der Juden. das ewiges Leben schenkt. wo die zweite Schriftrolle bereits teilweise entfaltet lag. der nach den geheimnisvollen Mysterien von Leben und Tod suchte…‹ Wie ich bereits gesagt habe. der nach den geheimnisvollen Mysterien von Leben und Tod suchte. wo steht. so behauptete er. Er war bei den großen Zauberern und Eingeweihten von Persien gewesen. Philos wollte das uralte Mittel finden. Aber er war noch mehr. um die Grenzposten zu kontrollieren und sich davon zu überzeugen. doch er glaubte auch an die Unsterblichen. Man nannte diese Zeit das Goldene Zeitalter. Aber er war noch mehr. Sie trat wieder an den Tisch. langer Zeit von Riesen bewohnt war. und las die erste Zeile: ›Philos war Arzt. Seth und Methusalem beinahe tausend Jahre gelebt haben. man konnte es wiederfinden. Hinweise darauf zeigte er mir in den Schriften von Platon. wie er sagte. daß die Welt vor langer. Damals lebten die Menschen sehr. Der kaiserliche Gesandte war ein Römer und hieß Cornelius Severus… 287 . Ich habe erwähnt. Er war ein Alchimist. Aber. Um auf der Suche nach diesem Geheimnis durch die Welt reisen zu können. Lycos würde ihr bei diesen Begriffen unzählige Verweise anbieten. Er sagte mir. sehr lange. Er war ein Alchimist. Allerdings geriet dieses Geheimnis vor sehr langer Zeit wieder in Vergessenheit. von denen. die Menschen das Geheimnis des langen Lebens gelernt hatten. schloß er sich dem Gefolge des kaiserlichen Gesandten an. der bis zu den entferntesten Grenzen des Reichs reiste. daß Adam.Weg‹ und ›der Gerechte‹ waren zu allgemein. wenn man nur danach forschte. Sein Leben war eine einzige Suche.

Sie können auch besondere Such-Operatoren einsetzen: EINGEBEN: Cornelius Severus SUCHE BEGINNT SUCH-TEXT http://www2.html SEARCH ENGINES INFOSEEK SEARCH InfoSeek ist ein umfassendes und genaues WWWSuchprogramm./home/internet-search.infoseek.mcom. File »Exit Dialer«Bye PPP DEAKTIVIERT NO CARRIER 288 .http://home. Sie können Suchwünsche in normaler Sprache oder als Suchbegriffe und Sätze eingeben.com/Titel?qt=Cornelius+Severus INFOSEEK SUCHERGEBNIS: SIE SUCHEN: Cornelius Severus Keine WWW-Einträge unter Ihrem Suchbegriff.

»wird sie eine Überraschung erleben.« Miles blickte ungeduldig auf die Uhr. Ich möchte wetten. Sie hat bei Internet ihre Adresse in Santa Monica angegeben. Wenn sie sich eingewählt hat. was sie gemacht hat?« Teddy nickte. Mr. daß wir ihr Kartenkonto überwachen. mit mir Katze und Maus spielen zu können«. müßte er die überfällige Übersetzung haben. bevor wir sie festnageln können?« »Es sieht so aus. Sie hat die Zugangsberechtigung bei LinkNet damit bezahlt. »Die Zugangsberechtigung wurde vor fünf Stunden erteilt. wonach sie sucht. das ich erfunden habe. sagte er drohend. sie vermutet. Dr. Havers?« 289 . sich ins Internet einwählen und wieder verabschieden. während sie die Suche laufen läßt. New Mexico »Und?« fragte Miles. während wir zu spät sehen. Diese Frau hat den großen Fehler begangen. Warum kam das Fax nicht an? »Wenn sie glaubt. weil wir keine Möglichkeit haben.Santa Fe.« »Soll das heißen. Teddy schüttelte den Kopf. daß sie nicht mehr ans Internet geht.« »Was haben Sie vor. den Einsatz der Karte zurückzuverfolgen. so dachte er gereizt. sie kann sich einwählen und verabschieden. Das heißt.« »Sie kann also immer neue Zugangsberechtigungen kaufen. Alexander hat ihre Kreditkarte nur für diesen einen Vorgang benutzt. sich auf ein Spielfeld zu wagen. »Es würde helfen. Dazu. Vielleicht wären wir dann schneller und könnten sie fassen. wenn wir wüßten. ist sie jetzt schon nicht mehr Online.

»Wir locken sie in eine Falle. Teddy. Diese Falle wird unsere kluge kleine Archäologin nicht vermuten und sich deshalb schneller darin fangen. als sie es für möglich hält.« 290 .

Ältere Frauen dagegen reagierten abweisend. legte den Kopf schief und sah sie mit seinen feuchten Hundeaugen bittend an. Wange und Lippen schnitt. vermutlich weil die Narbe etwas Gefährliches andeutete. »Können Sie mir vielleicht sagen. Zeke wußte schon seit langem. 291 . Als Zeke vor dem Büro des Motels angehalten und durch das Fenster eine grauhaarige Frau an der Rezeption gesehen hatte. Meist fanden jüngere die Narbe faszinierend. Zeke habe ein männliches Ritual bestanden.Sacramento. Raphael mit der Hornbrille und dem Lockenkopf wirkte harmlos wie ein Chorknabe. sondern sein Partner Raphael. Kalifornien »Haben Sie diese Frau gesehen?« Die Frau an der Rezeption im Dew Drop Motel blickte auf das Photo. daß sein entstelltes Gesicht bei Männern und Frauen unterschiedliche Reaktionen auslöste. antwortete sie. die gestern abend hier ein Zimmer gemietet hat«. Sie schienen zu glauben. Die Frau ahnte bestimmt nicht. was sie beeindruckte und ihm ihre unbewußte Anerkennung verschaffte. denn er wußte. die durch Augenbraue. aber er lächelte charmant. vielleicht sogar aufreizend. Frauen dagegen waren unberechenbar in ihren Reaktionen. »Sieht fast wie eine Frau aus. sagte die Frau jetzt. unter welchem Namen sie sich eingetragen hat?« Diesmal stellte nicht Zeke die Fragen. schickte er seinen jungenhaften Partner hinein. Männer reagierten wohlwollend auf die Narbe. daß Raphael bereits zwölf Morde auf dem Gewissen hatte. »Ich darf Ihnen den Namen nicht nennen«.

sagte die Frau: »Warten Sie! Ich werde Lucinda fragen…« Sie wählte bereits eine Nummer. um nach der Frau in Begleitung eines Priesters zu suchen. und sie hätten tausend Leute gebraucht. »Läßt du unseren Boß wissen. Die Putzkolonne hat beim Saubermachen einen Reisescheck unter der Tischlampe gefunden. Miss Smith hat sich also nicht einfach davongeschlichen. »Wissen Sie zufällig. Raphael hätte beinahe laut gelacht. »Wer ist Lucinda?« »Sie hat das Zimmer saubergemacht. daß wir der Dame auf der Spur sind?« Zeke erwiderte abschätzig: »Sollen seine teuren Computer sie doch finden!« 292 .Sie schob ihm das Gästebuch über die Theke. Wenn die Menschen nicht den Weltuntergang gefürchtet hätten. Die Jahrtausendwende half ihnen bei der Suche. ausgestellt und unterschrieben von ›Michael Garibaldi‹. dann wären alle Motels und Hotels in Kalifornien geöffnet gewesen. Jane Smith. »Angeblich nicht. Das war der Priester. in welche Richtung die beiden gefahren sind?« »Tut mir leid. Vielleicht hat sie die beiden noch gesehen…« Fünf Minuten später stieg Raphael zufrieden in den Wagen. aber beide Betten waren benutzt.« Als er sich umdrehen wollte.« »Einen Reisescheck?« Sie zeigte ihm den Scheck – American Express. Das mußte sie sein! »War sie in Begleitung?« fragte er. Er überflog die Einträge. Zeke würde sich über die Ironie des Schicksals freuen.

Das war das Meisterstück. und Miles brauchte ihn. der zuviel über ihn wußte. aber niemand darf dabei körperlich Schaden nehmen. so fand er. Er wußte. was die linke tut. Deshalb achtete Miles darauf. Damit verhinderte er. Aber heute hatte er es vorgezogen. die Miles bei Dianuba Technologies 293 . daß Teddy etwas davon erfuhr. Diesmal hatte es Teddy mit dem Verstand eines wirklichen Menschen zu tun und nicht nur mit einer Kodierung. Miles hielt sich an dieses Motto. Miles rechnete jeden Augenblick mit dem Eintreffen wichtiger Informationen. daß es einen Menschen gab. New Mexico Teddys T-Shirt hatte den vielsagenden Aufdruck: ›Informationen wollen frei sein‹. und die Jagd auf einen Menschen anstelle einer Spielfigur war noch besser – eine Archäologin floh mit alten Schriftrollen. Auch er hielt sich an Regeln und Moralgesetze. Teddy Yamaguchi war der Beste auf seinem Gebiet. Miles wußte das. Aber für Teddy galt auch das Motto der Hacker: Man darf alles tun. Die gewonnene Information war für den Hacker eigentlich zweitrangig.Santa Fe. sich unbemerkt an sie heranzupirschen. Die rechte Hand darf nicht wissen. allein im Kommunikationszentrum zu bleiben. Das Faszinierende an der Jagd nach Informationen. Aus diesem Grund ahnte Teddy auch nichts von den drei Computerfachleuten. daß Teddy sich am liebsten als eine Art Ritter sah. Er durfte nicht riskieren. war die Herausforderung. daß Teddy nichts von Zeke erfuhr oder von dem Zusammenhang mit dem Mord an Daniel Stevenson. Deshalb hatte er Teddy den Abend freigegeben.

Aber Philos würde Antiochia am nächsten Tag verlassen. mich zu heiraten. daß es noch nichts zu suchen gab. Ich fand darunter auch zerstoßenes Haschisch. und die nur darauf warteten. Am Abend ging ich zu dem Gasthaus. Meine Mutter hatte einen Vorrat an Kräutern und Heilmitteln. daß es auch als Aphrodisiakum wirkte. Das Fax hätte schon vor Stunden eingehen müssen.eingesetzt hatte. aber jeder wußte. Da ich das ablehnte. Miles griff erregt nach der ersten Seite. und ich wollte unter allen Umständen mit ihm reisen. der nicht verwandt mit mir war. unabhängig voneinander für ihn zu suchen. Miles stand vor dem Problem. ›Ich brachte Philos durch eine List dazu. Das Fax kam aus Kairo. Das war ein kühner und waghalsiger Schritt. Während die Alexander auf der Flucht war. Mitternacht war bereits vorüber. Philos empfing mich freundlich. Als ich 294 . Er überlegte gerade. in den ich das Haschisch geschüttet hatte. denn ich war die unverheiratete Tochter einer angesehenen Familie. übersetzte sie die Schriftrollen. die siebte Rolle zu finden. Ohne eine Übersetzung konnte Miles die Suche auch ganz aufgeben. ob er sich telefonisch nach dem Grund der Verzögerung erkundigen sollte. die sie bei Geburten verwendete. Ich nahm einen Krug Wein mit. und es war undenkbar. bot er an. mich zu heiraten…‹ Ich brachte Philos durch eine List dazu. mit dem man einen Blutsturz behandelte. aber er forderte mich auf. daß ich abends ohne Begleitung das Haus verließ. Damit stiegen ihre Chancen. als auf dem Monitor endlich die ersehnte Meldung erschien und gleichzeitig der Drucker zu laufen begann. mich nach Hause zu begleiten. Außerdem wollte ich einen Mann besuchen. nach Hause zu gehen.

wie ich es versprochen hatte. Ich erfuhr. daß ich ihn nicht liebte… Unser erstes Reiseziel war Indien. mich zu heiraten. liebe Amelia. ein Fluß gilt als heilig. der Trank habe seine Wirkung getan. Ich wußte damals nicht. denn ich hatte die Stengel und nicht die Blätter zerstoßen und in den Wein gemischt. Philos trug mich in der Hochzeitsnacht über die Schwelle des Zimmers. wirst du dann gehen?‹ Ich stimmte zu. sollte mit ihm die Welt kennenlernen. der Dämonen und überirdischen Wesen. ego Gaia‹. und Philos erschien am nächsten Morgen in unserem Haus und hielt bei meiner Mutter um meine Hand an. Ich verließ das Gasthaus. Ich trug den flammendroten Brautschleier und sprach das uralte Ehegelöbnis: ›Ubi tu Gaius. Ich dachte. für die Hochzeit. Dort befragt man vor jeder wichtigen Entscheidung die Sterne. das neue Leben mit uns beginnen konnten. die sich an meine Sandalen klammern mochten. denn seine Braut stammte aus der vornehmen Sippe des Fabianus. Er trank nur einen einzigen Schluck. Und ich? Ich. sagte er: ›Wenn ich von deinem Wein trinke. In diesem uralten Land weilen die Ahnen noch unter den Lebenden. 295 . ein Land der Götter und Geister. Wir wählten den Juni.auch das ablehnte. daß sich Männer und Frauen die Ohrläppchen durchstechen lassen als Schutz gegen den unheilvollen Einfluß gefährlicher Sterne und böser Geister. Es war deshalb nicht wichtig. den glückverheißendsten aller Monate. daß das Haschisch keine Wirkung auf Philos haben konnte. damit keine bösen Geister. Er habe das seit der ersten Begegnung gewollt. es sei seine Absicht gewesen. Und so heiratete ich Philos. Philos erzählte mir später. Für Philos war ich eine gute Partie. und Kühe werden nicht geschlachtet.

Wohin wir auch kamen. Ich erzählte allen. Das Reich wird zerfallen. Eine neue Ordnung wird kommen. Überall lag eine erwartungsvolle Hoffnung in der Luft. Die Tempel wurden besser gepflegt als je zuvor. liebe Schwestern. Die Menschen im Osten kannten dieses Mittel damals noch nicht. In meiner jugendlichen Begeisterung und Unschuld glaubte ich. die Welt ändern zu können. ein uraltes Mittel gegen Kopfschmerzen. Entzündungen und Gliederschmerzen. daß es in Persien Bäume gibt. Man braucht dazu die Rinde von Weiden. daß man eine Möglichkeit gefunden hatte. Man gewinnt den ›Honig‹ aus einer Art Schilfrohr. denn wir waren in einer besonderen Zeit geboren worden. In Arabien erfuhren wir auch. die Wolle tragen. Und ich wußte. Wir reisten entlang einer Straße mit sehr alten Türmen. langer Zeit ein Kaiser errichten ließ. Wir schätzten uns glücklich. die vor langer. das so groß wird wie ein Mann.Stellt Euch vor. daß ich ihn manchmal verwirrte. an dessen Namen sich 296 . so gut ich es konnte. sagten die Menschen. von seiner Botschaft des Friedens. Fieber. Auf der Suche nach dem Wundermittel tauschte Philos sein Wissen mit Ärzten aus. Ich liebte Philos zwar nicht. aber er war ein gütiger und geduldiger Lehrer. und auf den Altären der Götter häuften sich die Opfergaben. der Gerechte würde wiederkommen. lernten wir neue Menschen kennen. wie er es versprochen hatte. Der ›Honig‹ ist körnig und wird nur zum Süßen von Medizin verwandt. Auf dem Weg nach Indien mußten wir Arabien durchqueren. ›Honig‹ anzubauen. Dafür gab er ihnen das Geheimrezept der Hekate. obwohl ich glaube. was für ein Abenteuer das für uns war! Ich war jung und wollte unbedingt die Botschaft des Gerechten verbreiten. Dort stellten wir fest. Er lernte neue und wirkungsvolle Heilmittel kennen. denn alle sahen die Zeichen. damals zu leben.

und ich begann mich zu fragen. Überall. und ich sehnte mich nach Liebe. Philos war ein behutsamer und geduldiger Ehemann. Er war fast zwei Beinlängen lang. Ich war jung. aber es fehlte die Leidenschaft. Der Knochen stammte aus Europa. während Cornelius Severus im Namen des Kaisers Recht sprach. Philos diente auf den Reisen treu Cornelius Severus und seinen Offizieren. Ich erzählte ihnen von dem Gerechten und der Botschaft. und Philos das Wundermittel gegen den Tod suchte. Er sagte mir. suchte Philos nach Hinweisen auf die Riesen der Vergangenheit. daß er einmal einen ihrer Knochen gesehen hatte. Früher stand auf jedem Turm ein Mann Wache. der ein Feuer unterhielt. anstelle von Wochen. Auf diese Weise erreichte eine Botschaft das nächste Königreich in wenigen Tagen. 297 .niemand mehr erinnert. die er den Menschen gebracht hatte. Als Allheilmittel gab Philos den Kranken die zerstoßenen Zähne von Haien in Wein zu trinken. In den vielen Wochen und Monaten der Reise zum Indus. ob ich je die glühende Liebe kennenlernen würde. von der Catull in seinen Gedichten spricht. er stamme von einem Menschen. bei Asthma und Husten mischte er mit verblüffendem Erfolg einen Trunk aus der Ephedrapflanze. wohin wir kamen. sprach ich mit den Frauen in ihren Zelten und an den Lagerfeuern. Der Kaiser ließ Botschaften durch Leuchtsignale von Turm zu Turm übermitteln. daß die Türme in Sichtweite voneinander stehen. Der Führer unserer Karawane erzählte. aber alle sagten. Die einfachen Legionäre hatten ihren eigenen Militärarzt. Bei schweren Blutungen. wo römische Soldaten beim Ausheben der Fundamente für eine Brücke einen versteinerten Oberschenkelknochen gefunden hatten.

DER SIEBTE TAG 298 .

Kalifornien. 20. Kalifornien »Frau Doktor? Frau Doktor!« Catherine hörte ihn nicht. »Dr. sondern ein Photo neueren Datums. Eine Motelangestellte hat ebenfalls die Polizei angerufen. »Kollegen von Ihnen haben die Polizei benachrichtigt. denn sie hatte die Dusche voll aufgedreht. zog die Jeans und das T-Shirt an und eilte mit nassen Haaren aus dem Bad. Das Wasser war so heiß.« Wieder sah sie ihr Bild auf der ersten Seite. 299 . der Boden unter ihren Füßen werde sich auftun und sie verschlingen. Darunter stand ihr Name: ›Dr. Diebstahl und Schmuggel von nationalen Kulturgütern gesucht‹ Catherine glaubte. Seine laute Stimme in dem kleinen Bad ließ sie zusammenschrecken. Diese Frau wird in Verbindung mit zwei Morden. daß Garibaldi ihre Sachen bereits gepackt und neben seine Reisetasche gestellt hatte. erwiderte er und zeigte ihr eine Zeitung. Catherine Alexander aus Santa Monica. Dezember 1999 Goshen. Aber diesmal war es nicht das Porträt des Polizeizeichners. Alexander. und dann spürte sie einen kalten Luftzug. daß sie es gerade noch ertragen konnte. Garibaldi klopfte an die Tür. und der Luftzug hörte auf. »Was ist denn los?« fragte sie und griff nach ihren Schuhen. wir müssen sofort hier weg!« Garibaldi schlug die Tür zu. Sie suchte ihre Socken und stellte verblüfft fest. Catherine trocknete sich hastig ab.Montag. »Man weiß jetzt. wer Sie sind«. als sie Ihr Bild in der Zeitung sahen.

« »Was ist dort?« »Die Wüste«. Wir fahren nach Südosten.« Benommen überflog Catherine den Artikel: ›Es besteht Grund zur Annahme. Wir können es noch heute nacht über die Grenze schaffen…« Aber sie schüttelte den Kopf. »Wenn ich nach Mexiko fliehen würde. Samir.« Er hatte dem Taxifahrer gesagt. Alexander am Samstagabend unter dem Namen Jane Smith in einem Motel in Sacramento abgestiegen ist. »Aber wir können nicht mehr mit dem Wagen fahren«. sagte er. »Von mir wissen sie immer noch nichts«. sogar die amerikanische Einreisebehörde. der etwas über sie wußte. »Deshalb lasse ich ein Taxi kommen. Mr. Sie wurde zuletzt in einem roten Ford gesehen und fuhr in Richtung Süden. sagte Garibaldi an der Tür. 300 . Catherine erwartete. Offenbar hatte man jeden. und ein Sonnenstrahl fiel in das abgedunkelte Zimmer. daß sie zum GreyhoundBusbahnhof wollten. »Das Taxi ist da«.Garibaldi öffnete die Tür einen Spalt. antwortete Catherine. »Ich nehme das Gepäck. Aber sein Name tauchte nicht auf.‹ Es war ein langer Artikel. wäre das wie ein Eingeständnis meiner Schuld. daß ich die Leute weiter von Ihnen ablenken kann. der gleichzeitig mit Ihnen im vorigen Motel war. Ich hoffe. nach ihr gefragt: die Stiftung. daß auch Julius erwähnt werden würde. daß Dr. daß der Mann ihn nicht hörte: »Wir sind etwa dreihundert Meilen von Mexiko entfernt. sagte er mit einem Blick auf den Parkplatz.« Er trug die Soutane. Mylonas im Hotel Isis. Auf der Fahrt flüsterte er so leise. »Man bringt Sie nicht mit dem Priester in Zusammenhang.

daß sie bei Ausgrabungen in Ägypten gefundene Schriftrollen ins Land geschmuggelt hat?« Er hätte Catherine an den Pranger gestellt. die Polizei werde von ihm nichts erfahren. Bis gestern abend hatte Catherine noch die Möglichkeit gehabt. daß Frau Dr. Als sich Julius nach dem stummen Selbstgespräch schließlich entschieden hatte und vom Parkplatz der Polizeiwache gefahren war. seit er vor der Polizeiwache im Auto gesessen hatte und eine Aussage über Catherine machen wollte. ein richtiges Photo von ihr mit Namensangabe. Alexander unter dem Verdacht steht. Bis gestern abend hatte die Polizei Catherines Identität noch nicht gekannt und weder etwas von ihrer Beziehung zu Daniel gewußt noch davon. »Sie sagen. beschloß er. daß sich die Papyri in ihrem Besitz befanden. Es quälte ihn. »Und Sie wissen mit Sicherheit. 301 . daß diese Frau Catherine Alexander ist?« hätte man ihn gefragt. ist Ihnen bewußt. Der neblige Morgen brachte in Form der Los Angeles Times ein böses Erwachen. Das imaginäre Verhör wollte ihm nicht aus dem Kopf. Voss. daß die Einfuhr von fremden Kulturgütern in dieses Land ein Vergehen ist? Haben Sie vergessen. Aber das war gestern abend gewesen. Nach längerem Überlegen war er dann doch nicht ausgestiegen. denn auf der Titelseite befand sich Catherines Bild.West Los Angeles »Dr. genau das getan zu haben? Wo befindet sie sich jetzt? Welcher Zusammenhang besteht zu dem Mord an Daniel Stevenson?« Julius stand vom Schreibtisch auf und rieb sich die Schläfen. selbst alle Anschuldigungen zurückzuweisen.

war Catherines Leben in Gefahr. sie war nicht entführt worden. die Polizei habe neunzehn Photos der Schriftrollen gefunden. sie werde sich die Schriftrollen nicht abnehmen lassen. daß sie noch lebte. Aber was? Dann kam ihm ein Gedanke. wurde nicht erwähnt. bis sie die Übersetzung abgeschlossen hatte. Er erinnerte sich noch gut an die Entschlossenheit in ihren Augen. Ich muß die siebte Schriftrolle finden. Hatten Daniels Mörder die anderen Photos an sich genommen? Wer immer sie auch sein mochten. Julius vermutete. als sie erklärt hatte. Julius wußte. Und wie sollte das geschehen? Bestimmt suchte Catherine bereits danach. wo der ›Schatz‹ vergraben war. Seine Hilflosigkeit empfand er wie eine Folter. Auf Grund der Berichte in den Zeitungen über den sensationellen Fund in Ägypten würden sich natürlich alle möglichen Leute an dieser verrückten Schatzsuche beteiligen. Natürlich würde sie so lange untertauchen. Sie befand sich auf der Flucht.Julius war jedoch erleichtert. sie würden wieder töten. und das waren mehr als hundert Bilder. Aber von Catherine wußte er. um die siebte Schriftrolle zu bekommen. Der Mann. Er warf die Zeitung auf den Schreibtisch und schob die Hände in die Hosentaschen. Das bedeutete. Die anderen sechs Rollen enthielten vermutlich Hinweise darauf. Julius griff nach der Zeitung und las den Artikel noch einmal. daß sie jede Seite der Bücher photographiert hatte. Dort hieß es. Die Photos und die Originale 302 . Solange die Suche danach weiterging. sie wollten die Schriftrollen unbedingt in ihren Besitz bringen und schreckten selbst vor einem Mord nicht zurück. mit dem Catherine angeblich aus Daniels Wohnung geflohen war. wie eigensinnig Cathy sein konnte. Er wollte etwas für sie tun. als er las.

Er schloß die Augen und stellte sich die alten Bücher vor. Wenn er sich doch nur an den Namen erinnern könnte. die Kataloge der Archive nach Schriftrollen zu durchsuchen und zu überprüfen. Inzwischen trafen die Mitarbeiter des Instituts ein. Das wäre wenigstens ein Anfang… Julius ging zur Tür seines Büros und wollte sie öffnen. Wessen Name? Es war nicht der Name des Königs… Er griff nach der Zeitung und las noch einmal die Übersetzung. Plötzlich fielen ihm wieder ihre Worte ein: ›Sabina rät Amelia. seine Erinnerung werde sich bei ruhiger Konzentration lückenloser einstellen. der an manchen Stellen kaum lesbar. Er hoffte. Sabina. Aber er blieb unsicher stehen. Julius dagegen stand mit leeren Händen da. Julius fürchtete. falls man sie verfolgen würde…‹ Julius rieb sich die Stirn und den Nacken. als Catherine unerwartet aus Ägypten zurückgekommen war und ihm die alten Papyri gezeigt hatte. an anderen jedoch wieder verblüffend deutlich war. daß Catherine nicht viel Zeit blieb. Er ging unruhig in seinem Büro auf und ab und rief sich den regnerischen Nachmittag ins Gedächtnis. ob er die Namen in griechischen Texten dieser Zeit fand. Jeder von 303 . Natürlich wäre es einfach. um das Blut besser zirkulieren zu lassen. so wie er sie auf dem Sofatisch in seinem Haus gesehen hatte. das Versteck aufzuspüren. Catherine entfaltete einen Papyrus und beugte sich über den Text. Ihm war ein Name aufgefallen. Dabei achtete er auf die Namen: Amelia. als beginne ein ganz normaler Arbeitstag. die siebte Schriftrolle einem König zu geben. Wohin sollte er gehen? Er konnte unmöglich so tun. Perpetua. den er im Originaltext gelesen hatte. Allerdings würde selbst ein Computer für diese Art Suche viel Zeit brauchen.halfen den anderen. Alle hatten die Zeitung gelesen.

als ein 304 . in die er geraten war. Der Nebel täuschte offenbar die Sensoren… Fabianus… Julius holte tief Luft. Seufzend trat er ans Fenster und blickte hinaus. alle diese Bücher durchzusehen. Natürlich hatte Cathy deshalb den Namen der Mumie gewählt. Er hätte nicht ins Institut kommen dürfen. und er sollte schnellstens etwas unternehmen. Meritites… Er kniff die Augen zusammen und nickte. OmniSearch… Mrs.ihnen wußte. War es Sabinas Vater oder ein Mann. Das war der Name! ›Fabianus‹. Der Name sollte ihn an die Intrigen im vergangenen Jahr erinnern und an den Konkurrenzkampf. Möglicherweise mußte er auch mit höflichem. um Catherine zu helfen. Wer war ›Fabianus‹? fragte er sich und überflog die Titel der Bücher. um alles in der Welt? Julius verfluchte im stillen die Lage. um sich das Gerede und die Fragen vorzustellen. Aber was. InfoSeek. Die Weihnachtsbeleuchtung auf dem Wilshire Boulevard brannte schon am frühen Morgen. Er drehte sich um und ging zu der Bücherwand gegenüber. startete den Computer und dachte dabei an die verfügbaren Suchprogramme: Lycos. Er setzte sich an den Schreibtisch. dem man die siebte Rolle anvertraut hatte… Julius schüttelte den Kopf. daß Julius und Catherine verlobt waren. Normalerweise schaltete sich die Beleuchtung erst bei Einbruch der Dunkelheit ein. Man brauchte nicht viel Phantasie. aber peinlichem Schweigen rechnen. und das wäre noch schlimmer. als sie ihm auf dem Anrufbeantworter die seltsame Nachricht hinterließ. den die Untersuchung der Königin ausgelöst hatte. Er hatte nicht die Zeit. den sie geheiratet hatte? Vielleicht war er der König.

Kollege das Telefon von Julius angezapft hatte! Er runzelte die Stirn. Er wollte nicht lügen. die Kameras. Er seufzte und dachte gereizt: Wie soll ich ohne Computer nach der siebten Schriftrolle suchen? Die Zeitung auf dem Schreibtisch erinnerte ihn daran. er sei den ganzen Tag nicht im Institut und auch zu Hause nicht zu erreichen. Weshalb glaubte Catherine. daß es nur eine Frage der Zeit war. Dann trat er in den grauen Morgen hinaus. bis die Journalisten oder die Polizei bei ihren Nachforschungen auch auf ihn stoßen würden. die Journalisten und die Polizeibeamten… 305 . zum Strandhaus zu fahren. Es roch nach Regen. jemand überwache sein Telefon und seinen Computer? Wer würde so etwas tun und aus welchem Grund? Verwirrt blickte er auf den blinkenden Cursor und schaltete den PC wieder aus. Und dazu würde man ihn mit direkten Fragen zwingen. alles noch einmal in Ruhe durchzudenken? Er stand auf. Er hatte sich gerade entschieden. salzige Meeresluft schlug ihm entgegen. Aber er wollte zum jetzigen Zeitpunkt unter keinen Umständen eine Aussage machen. bis er Zeit gehabt hatte. Wie konnte er das zumindest so lange hinauszögern. als er die Übertragungswagen der Fernsehsender sah. Eilig ging er durch die langen Gänge und hinterließ am Empfang die Nachricht. zog sein Jackett an und verließ entschlossen das Büro. Die feuchte.

Es handelte sich dabei um kleine. sich mit Hilfe der richtigen Leute auch die Photos zu beschaffen. Er warf einen Blick auf die Uhr. Die Polizei hatte nur einen Bruchteil. wichtige Informationen. so vermutete Miles. Ein dritter Papyrus 306 . Miles hätte seinen Anwalt damit beauftragen können. denn der Text der Schriftrollen war bestimmt wie die Evangelien immer wieder abgeschrieben worden. enthielten die Texte. Die Polizei besaß offenbar neunzehn Photos. Wenn die Zeit nicht so gedrängt hätte. kaum entzifferbare Fragmente. Aber Zeit hatte er nicht. die Transaktion durchzuführen. Jeder Tag brachte diese Alexander ihrem Ziel näher. Ein Papyrus befand sich im Archiv der Duke University. die ihm nicht zur Verfügung standen. Eines davon war in den Zeitungen abgebildet worden. wußte Miles. Der Flug hatte etwas über sechs Stunden gedauert. Miles war zu dem Schluß gekommen. Bisher hatte er allerdings nur drei Schriftrollen ausfindig gemacht. um einem anderen die Verantwortung dafür zu überlassen. die bei der Polizei in Santa Barbara lagen. Miles mußte deshalb andere Wege einschlagen. Eigentlich hätte er nicht persönlich fliegen müssen. die siebte Rolle zu finden. Da Catherine Alexander die Photos klugerweise numeriert hatte. der zweite im British Museum. Also brauchte er nur in Archiven und Bibliotheken zu suchen. es müsse irgendwo auf der Welt Kopien der anderen achtzehn Seiten geben. wäre es natürlich kein Problem gewesen. Leider.Über dem Pazifik Miles spürte den Druck in den Ohren. als sein Jet die Reiseflughöhe verließ. Aber die Schriftrollen waren ihm zu wichtig. die kein Licht auf das Leben von Sabina Fabiana warfen. daß er die meisten besaß.

eines reichen japanischen Geschäftsmannes. Er hatte wie immer seine eigenen Absichten. um dafür zu sorgen. wenn es nicht zum Höhepunkt seiner Ambitionen werden würde. Miles lächelte. die berichtete. denn er ließ Erika nur ungern allein zurück. in dem die Inseln wie wahllos verstreute Edelsteine leuchteten. denn in seiner Vorstellung war das Anwesen sein Palast. Die mehr als tausend Menschen aus aller Welt kamen. Miles sah unter sich das dunkelblaue Meer. Das Haus füllte sich bereits mit Gästen. daß alles nach Plan verlief.befand sich im Privatbesitz eines gewissen Aki Matsumoto. Den Hinweis auf dieses Fabiana-Fragment fand Miles in der Zeitschrift Archaeology. Miles wollte seine Gäste in dem Bewußtsein begrüßen. die Oscarverleihung. daß er im neuen Jahrtausend alle seine Ziele erreicht hatte. Die Entscheidung zu diesem Flug nach Hawaii war ihm nicht leichtgefallen. um ihm in der Casa Havers zu huldigen. in diesem Augenblick hätte er Erika zur Seite stehen müssen. Es stammte aus dem sechsten Jahrhundert und war die Kopie eines Papyrus aus dem zweiten Jahrhundert. Aber das ganze Fest wäre für ihn bedeutungslos. Gewiß. Das gelbe Leuchtsignal der Sprechanlage neben seinem Sitz blinkte mehrmals. Das Fest sollte alles übertreffen. Der Tiger in Miles war hungrig. den Debütantinnenball und das FilmFestival von Cannes. das Dokument befinde sich in einem ausgezeichneten Zustand. sein Computerzentrum Zepter und Schwert. daß sie sich im Landeanflug befanden. Niemand ahnte den eigentlichen Grund für die Jahrtausendfeier. der Konzern war der Thron. und die Vorbereitungen für die große Silvesterfeier waren in vollem Gang. Er brauchte Beute. Miles wollte dieses Dokument haben. im Tropenhaus 307 . Der Pilot ließ ihn damit wissen.

die nichts von den vielen Millionen verrieten. Der unsichtbare Fahrgast auf dem Rücksitz war. daß sich dort die Schriftrollen befanden. Der Jet landete. was Menschen geschaffen hatten. würde als einziger wissen. Miles. was darin stand. seiner Schatzkammer. sammelte er das Wertvollste. Es war der Schlüssel für seine Stärke. Miles war aus diesem Grund auch nicht mit dem Firmenjet mit dem Logo des Konzerns an 308 . die zum Tagesgespräch geworden waren. Aki Matsumoto – ein reicher Mann mit blasser Haut und traurigen Augen. denn er hatte den Zugriff auf alle Informationen. Matsumoto seinerseits ahnte nicht. Bei solchen Geschäften wahrte Miles stets seine Anonymität. Miles blickte aus dem Fenster und sah einen glänzenden schwarzen Mercedes mit geschlossenen getönten Scheiben. Mochten die Regierungen. Wenn er die Gäste mit dem Wissen begrüßte. Das Wissen bestimmte seine Entscheidungen.hütete er die Perlen. und erreichte die Parkposition. rollte zum Ende des Flughafens. Der Flugbegleiter öffnete die Kabinentür und ließ die feuchte Brise in das Flugzeug. Er würde auf seine Weise Herrscher der Welt sein. wo Privatflugzeuge und die Maschinen der kleinen Frachtfluglinien abgefertigt wurden. Dieser Triumph würde das Fest zu seiner persönlichen Siegesfeier machen. Kurz darauf meldete er. er. weil alle sich davon Aufschlüsse über die Vergangenheit und die Zukunft erhofften. die Medien und alle Menschen spekulieren. dann konnte er an Silvester triumphieren. Er trug immer schlecht sitzende Anzüge. daß die Kontaktperson eingetroffen sei. wie Miles wußte. Das neue Jahrtausend würde ihm unbegrenzte Macht bringen. Sein Anwalt hatte die Begegnung mit Matsumoto vorbereitet. seine Überzeugungskraft. seinen Weitblick. wer ihn hierher gebeten hatte. und im unterirdischen Museum. die er in der Elektronikbranche verdiente.

die keine Identifikationsmerkmale trug. sondern mit seiner weißen Privatmaschine. den er sofort ins Flugzeug brachte. Der Flugbegleiter verließ das Flugzeug. Deshalb griff er jetzt zu einer anderen Art Währung. Chr. Miles reichte wie abgesprochen dem Flugbegleiter einen Briefumschlag. wie der Chauffeur das Wagenfenster öffnete und den Umschlag entgegennahm. Perpetua. der die Negative der Photos enthielt. die er inzwischen gelernt hatte zu erkennen – Amelia. näherte sich der Limousine und überreichte dem Chauffeur den Umschlag. die in dem ersten Umschlag gewesen waren. für sein Angebot zugänglicher machen würde. suchte Miles in dem Dokument bereits nach den wichtigen Worten. das bestätigte. Mit großer Behutsamkeit legte er den brüchigen Papyrus auf den 309 . wo der Text mitten im Satz abbrach. Während die Übergabe an der Limousine schweigend stattfand. Miles hatte Aki Matsumoto vergeblich eine großzügige Summe für das Fabiana-Dokument angeboten. Nach einem kurzen prüfenden Blick reichte er dem Flugbegleiter einen zweiten versiegelten Umschlag. stammte. Er sah. Philos… Er entdeckte keinen der Namen. wie er vermutete. Das Wort ›Fabiana‹ dagegen stand deutlich lesbar unten auf der ersten Seite. Miles saß noch in dem bequemen taubengrauen Ledersitz und zog aus dem steifen Umschlag das Dokument und das Echtheitszertifikat. daß sich in dem Umschlag Aktphotos von Aki Matsumotos vierzehnjähriger Tochter befanden. Sabina. die Matsumoto. Kurz darauf wurde dem Flugbegleiter im Austausch ein anderer Umschlag herausgereicht. daß das Pergament aus dem Jahr 586 n.der Seite gekommen. Der Mann ahnte nicht.

in dem die Maschinen gewartet wurden. Er gab dem Mann hundert Dollar mit den entsprechenden Anweisungen und ging in die Maschine zurück. daß sie abflugbereit seien. um für ihn etwas zu besorgen. Damit hatte Miles sie dort. Da die Maschine noch aufgetankt wurde. was der Mann für ihn gekauft hatte. Er blickte in die Tropensonne und freute sich über die gelungene Transaktion. als der Pilot Miles meldete. Miles hob das Muschelhalsband ans Fenster und freute sich. Miles schnallte sich zum Start an. denn sie konnte kaum etwas tun. denn sie waren zu dem Souvenirladen in der Abflughalle des Flughafens gerannt. Das Blatt hatte sich gewendet. Er fand wieder Gefallen an der Jagd nach den Schriftrollen. Seine Chancen. winkte er den Flugbegleiter zu sich. wenn er wieder zu Hause sei. Als Miles zwei junge Einheimische in der Nähe des Hangars sah. sich draußen etwas Bewegung zu gönnen. werde eine besser lesbare Photokopie folgen. beschloß Miles. Die Polizei hatte Catherine Alexander identifiziert. waren eindeutig wieder besser. 310 . Niemals kam er von einer Reise ohne ein Geschenk für Erika zurück. Beim Anblick des ZehnDollar-Preisschilds lächelte Miles. Die beiden Jungs hatten sich das Taschengeld verdient. daß sie jetzt praktisch eine Gefangene war. und der Flugbegleiter kam zurück an Bord. Der Flugbegleiter erschien genau in dem Augenblick. und die Zeitungen sorgten dafür. daß man sie erkannte. wo er sie haben wollte – ihr blieb nur noch das Internet für ihre Suche.Scanner und faxte den Text mit dem handschriftlichen Zusatz nach Kairo. die siebte Rolle vor ihr zu finden. ohne Gefahr zu laufen. dann betrachtete er. Der Mercedes rollte davon.

Havers hat zwar nicht alle Photos. Dann sah sie es. Zwischen dem ›y‹ und dem ›p‹ befand sich ein winziges ›0‹. noch einmal. so daß der Kugelschreiber ihn nicht traf. Sie griff nach der Lupe. daß durch die Hitze der Glühbirne ihr Haar heiß zu werden begann. richtete die Lampe auf das Papyrus und betrachtete sich genau das letzte Wort. Das sind die Nerven. den sie gerade übersetzt hatte. Kalifornien ›Ich begegnete Satvinder auf einem Fischzug…‹ Catherine zog die Augenbrauen zusammen. wenn Sie demnächst mit Messern nach mir werfen.« Sie lachte. Λγρα… eindeutig: αγρα. Ich sitze über dem brüchigen Papyrus und kann nur langsam und 311 . aber die meisten.Mojave-Wüste. veränderte langsam den Abstand der Lupe zur Papyrusseite und hielt den Blick auf das fragliche Wort gerichtet. Er ergab keinen Sinn. daß Garibaldi. Dann las sie den Satz. »He!« rief Garibaldi und zog schnell den Kopf ein. KJV: Fischfang‹ Catherine blickte wieder auf den Papyrus. Sie schlug in Strangs Griechisch im Neuen Testament das Wort #0061-GSN nach: ›agra – ein (Fisch)Zug. Der Zeitdruck ist unerträglich. »So war es nicht gemeint. wie kann man nur so dumm sein! Sabina begegnet Satvinder natürlich auf dem ›Markt‹ und nicht auf einem ›Fischzug‹!« Sie griff nach dem Kugelschreiber und warf ihn quer durch das Zimmer. zog die Lampe so nahe heran. der am Computer saß. »›Agora‹« rief sie erleichtert so laut. erstaunt den Kopf hob. »Sagen Sie es rechtzeitig. »Du meine Güte.

Death Valley: der tiefste Punkt der westlichen Hemisphäre. um es schnell und unerkannt wieder zu verlassen!« Garibaldi stand auf und streckte sich. nach denen ich noch suche. wo die siebte Schriftrolle liegt. die er vergrößern. während wir hier wie Gefangene sitzen. Indianerhöhlen. Stellen Sie sich vor. Aber außer Plakaten mit Klapperschlangen und Hinweisschildern auf Indianergräber und Dinosaurierskelette war es wirklich 312 . noch einmal Online zu gehen. oder ein paar fangen von rückwärts an. »Es ist bestimmt riskant. Havers hat die wichtigen Hinweise bereits gefunden. vervielfältigen und jedem geben kann. der sich ihm als nützlich erweist. Wir haben zwar von dem neuen Service Provider die Zugangsberechtigung.« Sie befanden sich inzwischen mitten in der Wüste in einem Motel. »Ja. was es auf der Straße an Lebenszeichen zu sehen gab. das aus einer Reihe rosa verputzter Bungalows bestand.« Sie warf einen Blick auf den Bildschirm. er ist bereits auf dem Weg zu dem Platz. ich wie eine Schnecke übersetze und Sie sich wie ein Dieb ins Internet schleichen. Auf dem Nachttisch zwischen den beiden Betten lagen für die Besucher Hinweise auf die Sehenswürdigkeiten der Umgebung: die Geisterstadt Calico. Er dagegen hat Reproduktionen. man ist uns auf der Spur?« »Ich weiß es nicht«. wir haben Probleme. Auf der endlosen Busfahrt nach der überstürzten Abreise aus Goshen hielt Catherine Ausschau nach allem. Vielleicht kennt er schon die Stadt oder das Land. Das bedeutet. Vermutlich läßt er mehrere Leute gleichzeitig übersetzen. erwiderte er und trat ans Fenster. »Glauben Sie.vorsichtig an einem kaum lesbaren Text arbeiten. Edwards Air Force Base – Landeplatz der US Space-Shuttle. aber das Konto ist noch nicht aktiviert. in dem König Tymbos regierte.

wenn wir wüßten. Nero hätte sie verfolgen können. dann wüßten wir. das wäre zu spät. kann man es später trotzdem wieder zurückholen.« Garibaldis prüfender Blick aus dem Fenster war nur Routine. denn er glaubte nicht. und Claudius natürlich am besten. wenn es nicht mit anderen Informationen überschrieben ist. »Die Lücken im Papyrus sorgen natürlich dafür. Sie fuhr sich mit den Fingern durch die kurzen weißblonden Haare. Aber fehlendes Papier? Wenn es fehlt. »Es wäre eine große Hilfe. Löscht man etwas auf der Festplatte. Auch der Mann an der Rezeption des Motels hatte vermutlich nicht gesehen. Trotzdem mußten sie wachsam sein.« »Leider ist Papyrus keine Festplatte. daß sie vor Jesus lebte und daß diese Schriftrollen nicht von Augenzeugen stammen. dann wäre es schon möglich. daß uns wesentliche Informationen vorenthalten bleiben.« 313 . daß ihnen jemand am Busbahnhof von Goshen oder in Mojave besondere Beachtung geschenkt hatte. »wenn wir wenigstens einen der Familiennamen dieser Frauen kennen würden.« Die Suche im Netz hatte viele Hinweise auf ›Amelias‹ und sogar auf ein paar ›Perpetuas‹ gebracht. »Wenn Sabina doch nur den Namen des Kaisers noch einmal erwähnen würde«. wie Catherine den Bungalow betrat. Catherine wandte sich seufzend wieder dem ausgebreiteten Dokument zu. Aber die Suche nach ›Philos‹ ergab unzählige Verweise auf Worte mit der Silbe ›philos‹. im Auftrag welches römischen Kaisers Cornelius Severus durch das Reich reiste. um ins Freie blicken zu können. dann fehlt es eben. Caligula wäre noch besser. sie hat Philos zur Zeit des Kaisers Augustus geheiratet. Aber wenn es Kaiser Tiberius war. aber Vespasian.« »Es wäre auch nicht schlecht«. seufzte Catherine. sagte Garibaldi und schob den Vorhang etwas beiseite.wenig. »Angenommen.

Es schnurrte und schmiegte sich an seine Brust und leckte an seinem kleinen Finger. und ein schwarzweißes Kätzchen sprang herein. Sie suchte auf den Kanälen nach einem Sender in Los Angeles. die es gierig aufleckte. erwiderte er. »Ich bin für Claudius. Vermutlich gehört es dem Mann an der Rezeption. »Ich liebe Katzen«. wen haben wir denn hier?« rief er und nahm das Kätzchen hoch. ›… die Einreisebehörde hat heute 314 . Catherine staunte über seine Behutsamkeit. Er öffnete die Plastikbecher mit der Kaffeesahne und gab dem Kätzchen auf einem Plastikdeckel die Milch zu trinken. »Ja. Eine Blondine mit professionellem Lächeln und sanfter Stimme las die Meldungen des Tages. Schließlich fand sie einen. und das Kätzchen sieht gesund aus. setzte sich wieder an den Computer und tippte die Zugangsnummer ein. sagte Catherine und hob die Hand. Er schüttelte den Kopf.« Er setzte das Kätzchen vorsichtig auf den Tisch. »Was ist das für ein Geräusch?« Garibaldi lauschte. wie das winzige flauschige Tier zutraulich in Garibaldis großen Händen verschwand.»Also!« sagte Garibaldi und verließ das Fenster. »Das klingt nach einer Katze.« »Hören Sie…«. sagte Catherine und sah verblüfft.« Catherine sagte lachend: »Sie will etwas trinken. wo noch die Reste ihres mexikanischen Essens lagen. Catherine riß sich von dem Anblick los und schaltete den Fernseher ein. sagte Catherine und staunte.« Er öffnete die Tür. wie wohl sich das Tier bei Garibaldi zu fühlen schien. »Woher kommst du denn?« »Vermutlich hat sie keinen Besitzer«.« »Sie scheinen sich mit Katzen auszukennen«. Außerdem hat es keine Angst. »Das Fell ist sauber. während er es sanft streichelte. »Wir hatten immer viele Katzen zu Hause.

daß als nächstes die Leiterin der Stiftung eine offizielle Erklärung verlas. aber der Beamte lehnte jede Stellungnahme ab. Alexanders Grabungen im Sinai im vergangenen Jahr finanziert. Wir wissen nichts darüber. Alexander befragt. Alexander.bestätigt. Sie reiste über den John F. Alexander am Fundort entfernt wurde.‹ Verblüfft sah Catherine. Catherine Alexander vor vier Tagen. das Catherine von dem Jesus-Fragment gemacht hatte. das im Zelt zurückgeblieben war und sich mittlerweile in den Händen der ägyptischen Behörden befand. Wir wissen nicht. daß er sich zwei 315 . sagte der Inspektor: ›Wir haben die Information erhalten. Nach Auskunft der Zollbeamten weiß man nicht. Dezember. Man zeigte das Photo. daß Dr.‹ Garibaldi setzte sich neben Catherine auf das Bett. also am 16. Als man ihn nach dem Mörder von Daniel Stevenson fragte. Kulturminister Achmed Sayed erklärte als Sprecher der ägyptischen Regierung: ›Die gezackte Linie hier deutet darauf hin. Man braucht dazu die Aussage von Dr. und anschließend das Original. Wir haben Grund zu der Annahme. wo sie sich befindet. und wir haben zuverlässige Hinweise darauf. ›Wir haben Dr. daß dieses Fragment nur Teil von mehreren Schriftrollen ist.‹ Danach wurde Inspektor Shapiro von der Polizei in Santa Barbara nach Hinweisen auf den Aufenthaltsort von Dr. wie die Schriftrollen vom Sinai in die USA gekommen sind. Wir haben seit dem ersten Dezember nichts mehr von ihr gehört. daß Dr. daß die untere Hälfte der Seite von Dr. was sie gefunden hat. Kennedy-Flughafen ein. in die USA zurückgekehrt ist. Wir können weder den Fund von Schriftrollen bestätigen noch dementieren. Stevenson am Tag seiner Ermordung aus Ägypten in die Vereinigten Staaten eingereist ist. Bislang ist gegen die Archäologin jedoch nicht offiziell Anklage erhoben worden.

mein eigenmächtiges Vorgehen würde uns alle in Gefahr bringen. Können Sie dazu etwas sagen. nicht zu wissen.‹ »Julius…«. »es tut mir so leid. J. wo sich seine Verlobte aufhält. daß er sich nicht äußern werde. Er hat mir gesagt. der eine an dem amerikanischen Ingenieur J. Herr Inspektor?‹ ›Tut mir leid.« Sie stand auf und lief unruhig im Zimmer auf und ab. Die Stimme der Nachrichtensprecherin war wieder zu hören. Catherine Alexander stehen. in Zusammenhang mit den verschwundenen Schriftrollen und der untergetauchten Dr. Julius stand vor dem Haupteingang inmitten von Reportern. kein Kommentar. »Julius hat mich gewarnt. der als Kardinal Lefevre 316 . Julius Voss behauptet. Deshalb haben wir uns zum ersten Mal gestritten. murmelte Catherine und schüttelte den Kopf. ›Dr. daß die beiden Morde. Untersuchungsbeamte in Ägypten und in den USA glauben.« Die Sendung ging mit einem Live-Bericht aus dem Vatikan weiter. die sie angeblich aus Ägypten geschmuggelt hat. würdevoller Mann. »Ich wünschte… Nein!« Auf dem Bildschirm erschien das Freers Institut in West Los Angeles. seufzte Catherine. ›es wurde der Verdacht geäußert. nicht zu wissen. Er erklärte laut und deutlich. Stevenson ermordet hat. Hungerford und der andere an dem Archäologen Dr.‹ ›Inspektor Shapiro‹. fragte der Reporter. wie er sich zornig und empört vor den Journalisten in das Institutsgebäude rettete. die.Tage vorher auf der Sinaihalbinsel aufgehalten hat. Daniel Stevenson. was in den Schriftrollen steht. nach Südkalifornien geflohen ist. Ein großer. Außerdem behauptet er. um die Schriftrollen in ihren Besitz zu bringen. daß es zwischen den beiden Archäologen zu Meinungsverschiedenheiten über den Fund gekommen ist und daß Catherine Alexander ihren Kollegen Dr. als sie sah. wie man vermutet.‹ »Ich habe Danno nicht ermordet«.

erwiderte auf die Frage des Reporters. als ich gerade zwei Jahre alt war. der sie zwingen könnte. »Meine Mutter war Paläographin und Bibelforscherin und vertrat einige sehr unbeliebte Theorien. »Ich soll wie die sündige Maria Magdalena als Büßerin zu ihnen gehen.vorgestellt wurde. Sie mußte sich mit einem privaten FrauenCollege begnügen. ob der Vatikan Interesse an den sogenannten ›SinaiSchriftrollen‹ habe: ›Wir sind stets an allem interessiert. »Wie kommen Sie darauf?« »Weil man im Vatikan vielleicht nicht zu Unrecht glaubt.« »Wie bitte?« »Das hat meine Mutter immer gesagt«. ihre Flucht abzubrechen und die Schriftrollen den zuständigen Behörden zu übergeben. das zufrieden schnurrte. Wenn es diese Schriftrollen wirklich gibt und wenn sie echt sind. an den führenden Universitäten einen Studienplatz zu bekommen. Sie wurde 1920 geboren und hat in den vierziger Jahren studiert. wo sie beide am katholischen 317 . das ist alles!« Garibaldi sah sie überrascht an. bewarb sich meine Mutter um einen Lehrauftrag in Yale und wurde abgewiesen. Ich möchte deshalb die junge Frau auffordern. Deshalb kam sie mit meinem Vater nach Kalifornien. was mit der Kirche zu tun hat. ihren Platz zu räumen. erwiderte Catherine und streichelte das Kätzchen. weil man keine Frau im Kollegium haben wollte. Damals war es für eine Frau unmöglich. daß ich die Führungsspitze der Kirche mit einem sehr viel älteren Rechtsanspruch konfrontieren werde.‹ »Das würde den Herren im Vatikan gefallen!« rief Catherine. Sie haben natürlich Angst. dann können sie möglicherweise Licht auf die frühen Jahre des Christentums werfen. 1965.

daß Gott wie eine Frau in den Wehen liegt. daß Eva als Gehilfin Adams geschaffen worden war. und die Ankömmlinge trugen ihre Sachen hinein. aber sie mißtraute den Übersetzungen. die diese Stelle übersetzt haben. »Meine Mutter war zum Beispiel nicht mit der Interpretation einverstanden.« Catherine zog die Schublade des Nachttischs auf und nahm die Gideon-Bibel heraus. Aber nein. das ursprüngliche hebräische Wort für Beschaffen ›hat‹ bedeutet ›in den Wehen liegen‹.« Ein Wagen näherte sich langsam dem Motel. der dich geschaffen hat. wie der Wagen vor dem Nachbar-Bungalow hielt. Er atmete erleichtert auf. ließ den Vorhang wieder fallen und nickte Catherine zu. Garibaldi ging zum Fenster. die Männer.College in Pasadena unterrichten konnten. Die Tür wurde aufgeschlossen.« Sie hörten. teilte den Vorhang einen Spalt und blickte vorsichtig hinaus. erzählte sie. der dich gezeugt hat. Garibaldi hob die Augenbrauen. hielt er unwillkürlich die Luft an. Sie wies darauf hin. fanden die Vorstellung. du vergaßest den Gott. »Ihre eigentliche Aufgabe sah sie in der Forschung und dem Veröffentlichen ihrer Arbeiten. Als er einen schwarzen Ford sah.« Das Kätzchen war eingeschlafen. in dem zwei Männer saßen.‹ Vater Garibaldi. dachtest du nicht mehr. daß das hebräische Wort in der Genesis nicht ›Gehilfin‹. und Catherine lächelte über das zufriedene kleine Wollknäuel mit den winzigen Pfötchen. Sie schlug ›Deuteronomium. nicht ganz 318 . 32/18‹ auf: »›An den Fels. »Meine Mutter lehrte nicht nur Theologie«. sondern ›Partnerin‹ bedeutet. »Sie zweifeln also an den Worten der Bibel?« »Meine Mutter glaubte an das Wort. es waren ein Mann und eine Frau. und auf dem Rücksitz entdeckte er außerdem ein Kind. Ich glaube. Ihre Bücher und Artikel lösten stets heftige Kontroversen aus.

fuhr Catherine fort.« »Die Verehrung von Maria und die Behandlung von Frauen sind zwei ganz verschiedene Dinge.« »Nun ja. daß die Priesterweihe ein Sakrament sei und daß Mädchen nicht zu Priestern geweiht werden können. daß die von Männern stammenden Übersetzungen aus späterer Zeit der wachsenden männlichen Dominanz in der Kirche Rechnung getragen haben. Aber nur die Jungen durften das. das hier als ›Diakon‹ übersetzt wird. als Mädchen könne ich nicht alle sieben Sakramente empfangen. das ist…« »Vater Garibaldi. So wurde die ursprüngliche Bedeutung durch Interpretation verändert. Vergessen Sie nicht. Aber meine Mutter erklärte mir. daß einige hinter dem Rücken des Priesters den Abendmahlwein tranken und andere wenig fromme Späße trieben. Ich weiß noch sehr gut.« »Könnte sein«. als Meßdiener am Altar zu stehen. ich war eine überzeugte Katholikin und hatte den sehnlichen Wunsch. Vater Garibaldi. aber er nickte nachdenklich.« Garibaldi sagte nichts. »Ähnliche Beispiele finden sich auch im Neuen Testament«.richtig. erwiderte 319 . »aber ich bin der Ansicht. »Paulus wurde als ›Diakonos‹ bezeichnet. aber als Mädchen durfte ich ja keine Meßdienerin sein!« »Ich habe diese Vorschriften nicht gemacht«. Phoebe war auch ein ›Diakonos‹. Meiner Meinung nach ist es offensichtlich. obwohl ich wußte. daß ich auf der katholischen Schule zu hören bekam. Ich wollte es nicht glauben und lief weinend nach Hause. daß die Katholiken die Mutter Gottes verehren. Ich hätte so etwas nie getan. räumte Garibaldi ein. aber in den meisten Übersetzungen wird sie zu einer ›Gehilfin‹. daß unsere katholische Kirche die Frauen nicht schlecht behandelt.

»Ich kenne das Buch. Da brach die Hölle los. die Forschungen meiner Mutter weiterhin zu ignorieren. 1970 veröffentlichte sie einen Artikel mit der Frage: ›War Maria Magdalena die Frau von Jesus?‹ Ihre Gedanken riefen ein paar Wellen hervor. aber noch keinen Sturm. daß ich von einem alten Rechtsanspruch gesprochen habe? Ich will etwas deutlicher werden.« »Im Gegenteil.« »Das sehe ich nicht so. die erste der Apostel.« 320 .« »Erinnern Sie sich.« »Sie haben es also nie gelesen. erschien er als erstes einer Frau.Garibaldi. Es stand auf dem Index. Dann. In den sechziger Jahren konzentrierte sich meine Mutter bei ihren Untersuchungen auf das Neue Testament. veröffentlichte sie eine wissenschaftliche Arbeit mit dem Titel: Maria Magdalena. was Sie gesagt haben. Ich frage Sie: Warum haben die Männer später alles an sich gerissen?« Garibaldi hob die Hände. dann befinden wir uns in unterschiedlichen Lagern. ich stehe auf Ihrer Seite.« »Das können Sie nicht. »Bei der Kreuzigung umstanden nur Frauen das Kreuz. Frauen hielten die Totenwache.« Garibaldi nickte. Vater Garibaldi! Frauen nahmen den Gekreuzigten ab und sorgten für ein würdiges Begräbnis. Als Jesus auferstanden war. 1973. Wenn es um das katholische Dogma geht. Alles. Ich habe mich zum Beispiel auch nie gegen die Priesterweihe von Frauen ausgesprochen. klingt für mich nicht bedrohlich. »Bitte lassen Sie mich wiederholen. während sich die Apostel aus Angst um ihr Leben versteckten. Die Theologen fanden nichts dabei. ich habe es sehr aufmerksam gelesen.

der erste Apostel zu sein.Er lächelte. die Maria Magdalena zur Prostituierten macht.« Garibaldi wiegte zweifelnd den Kopf. Sie überbrachte den anderen die Nachricht von der Auferstehung. denn sie sah mit eigenen Augen das leere Grab und als erste den wiederauferstandenen Christus. daß dort eine Meldung erscheinen werde. an keiner Stelle im Neuen Testament steht. Auf Maria Magdalena trafen diese Kriterien zu. läßt sich mehrere Jahrhunderte zurückverfolgen.« Catherine blickte auf den Laptop. nahm er ihr alle Würde und Macht. denn meine Mutter gab Magdalena eine traditionell weibliche Rolle. Man entriß ihr den wahren Status. Catherine fuhr fort: »Das ursprüngliche griechische Wort ›Apostel‹ bedeutet. als erwarte sie. »Vater Garibaldi. sagte Catherine. Das wurde nicht hingenommen. einer Frau die Aufgabe eines Mannes zuzuweisen. Die Interpretation. Aber was hat das 321 . Damals kämpften viele unterschiedliche Kräfte um die Macht in der Kirche.« »Die Tempelritter zum Beispiel«. daß Maria Magdalena bis ins Mittelalter viele Anhänger hatte. »Damals war ich im Priesterseminar und mußte noch viel über Gehorsam lernen. »Gut. So wissen wir zum Beispiel. erregte die Gemüter nicht sonderlich. daß der Betreffende ein ›Augenzeuge‹ war und den Auftrag erhielt. die Botschaft zu verkünden. daß der Klerus Maria Magdalena zur Prostituierten machte.« »Der Grund für die Aufregung liegt auf der Hand«.« Er seufzte. Mit dem ›Apostelbuch‹ überschritt sie jedoch die Grenze des Erlaubten. daß Maria Magdalena die Frau von Jesus gewesen sei. »Richtig. »In den früheren Arbeiten hatte sich meine Mutter mit Frauen und ihren Rollen als Frau beschäftigt. Auch der Gedanke. daß Maria Magdalena eine Prostituierte war. Sie hatte gewagt. sagte Garibaldi und nickte. Aber dadurch. Sie haben mich überzeugt.

aber Sie müssen ausziehen. daß Maria Magdalena die Nachfolgerin von Jesus war. Ihre päpstliche Autorität basiert auf der Behauptung von Petrus. Aber in Wirklichkeit war diese Autorität gestohlen! Vater Garibaldi. die älter sind als der Paulus-Brief an die Korinther? Und wenn in diesen Schriftrollen außerdem dokumentiert wird. als richtige Priesterinnen. Er tat das mit der Begründung. was für eine Wirkung diese Schriftrollen heute auf die Gläubigen in aller Welt haben werden. er sei der erste gewesen. Streiten Sie das ab?« »Nein. das wäre nicht anders.mit dem alten Rechtsanspruch und einer Abdankung des Papstes zu tun?« »Geduld! Ich wiederhole: Maria Magdalena hat als erste den auferstandenen Jesus gesehen. können Sie sich vorstellen. als wenn jemand an die Haustür klopfen und sagen würde: ›Können Sie mir die Besitzurkunde für Ihr Haus zeigen?‹ Der Betreffende sieht sich die Urkunde an und zeigt dem ›Besitzer‹ eine Urkunde älteren Datums: ›Wie Sie sehen. gewirkt haben? Dann wissen Sie. Zweitausend Jahre lang haben Männer die Nachfolge Petri als Oberhaupt der katholischen Kirche angetreten.‹« Catherine holte tief Luft und sah Garibaldi 322 .« »Später hat allerdings Petrus Anspruch auf die Nachfolge Christi erhoben und sich an die Spitze der neuen Kirche gestellt. Ich habe einen älteren Anspruch darauf. wenn Schriftrollen gefunden werden. die beweisen. der den auferstandenen Jesus gesehen habe. Es tut mir leid. und sie wußte als erste. daß Frauen unter den Frühchristen als ›Diakone‹. was geschieht. Er ist ihr als erstem Menschen erschienen. Schriftrollen. daß er wirklich von den Toten auferstanden war. gehört das Haus in Wirklichkeit mir. Meine Mutter sagte.

daß Sie mir helfen? Was werden Sie tun. Sie sehen es als Ihre Aufgabe an. Manchmal muß man ein Gesetz übertreten. Aber die Menschheit hat das Recht. Sabinas Worte jetzt zu hören. um das Richtige tun zu können.« Catherine schwieg. das verantworten zu können. warum Sie die Schriftrollen um keinen Preis aus der Hand geben wollen. wären sie vielleicht in einem Archiv verschwunden wie damals die Schriftrollen vom Toten Meer. Ja. daß Kardinal Lefevre und alle im Vatikan vor den Schriftrollen Angst haben. werden erst nach vielen Jahren entschieden. die vor den Internationalen Gerichtshof kommen. Ich werde mir Gehör verschaffen. Wenn Sabina uns eine wichtige Botschaft übermitteln will. Man hörte nur den Wüstenwind pfeifen. Schließlich sagte Garibaldi: »Ich verstehe jetzt. ich habe mich in diesem Fall über die Gesetze hinweggesetzt. dann hat die Welt ein Recht. sie zu hören. oder es hätte einen Kampf um die Berechtigung zu ihrer Übersetzung gegeben. Dieses Bild war seinerzeit in den Tageszeitungen um die ganze Welt gegangen. »Meine Mutter brachte man zum Schweigen. Fälle. ein Zeitungsphoto ihres Vaters.« Ein Bild drängte sich ihr plötzlich auf. und mich wird man nicht zum Schweigen bringen. Da er nichts sagte. wenn der Vatikan erfährt. Ich habe archäologische Funde aus Ägypten gestohlen und illegal ins Land gebracht. fragte sie: »Vater Garibaldi. der neben anderen vor Soldaten auf den Knien lag. »Deshalb glaube ich. Aber ich bin der Meinung. mich den Behörden auszuliefern oder mir die Schriftrollen 323 . das Werk Ihrer Mutter zu beenden. wenn man Ihnen befiehlt.durchdringend an. was werden Sie tun. als erwarte sie seinen Widerspruch.« Lange Zeit blieb es still im Zimmer. Hätte ich diese Texte nicht an mich genommen.

»Und glauben Sie?« »Ja.wegzunehmen?« »Ich bin der Kirche zu uneingeschränktem Gehorsam verpflichtet. Würden Sie zulassen.« »Wissen Sie. würden Sie dann zulassen. daß diese Schriftrollen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden?« »Wenn die Schriftrollen die Worte und Wünsche unseres Herrn Jesus Christus wiedergeben. Alexander.« »Glauben Sie noch an Gott?« »Wie viele Menschen verwechseln ein Lippenbekenntnis mit ›Glauben‹.« »Dr. Vater Garibaldi?« »Ich kann nur für mich sprechen«.« »Sie haben meine Frage nicht beantwortet. daß Sabinas Geschichte in den Archiven des Vatikans verschwindet und niemand etwas davon erfährt?« »Sie können nicht voraussagen. was ist der Grund für die Bitterkeit. Wenn Sie an seiner Stelle wären. ich bin der Meinung. traue ich nicht. dann würde ich das tun. und es würden Schriftrollen gefunden.« »Dann gehören Sie zu den wenigen Ausnahmen. die es im Klerus gibt. Kardinal Lefevre. daß dies der Fall sein wird. die Maria Magdalenas Anspruch auf die rechtmäßige Nachfolge Jesu erhärten. mit der Sie über die katholische Kirche sprechen?« »Das ist eine lange Geschichte.« »O doch. erwiderte er. den man um eine Stellungnahme gebeten hat. die Menschen klammern sich an die Kirche. weil sie auf Wunder 324 . genau das befürchte ich.

hatte ihr Danno sehr viel später einmal gesagt. ich sollte mich der Polizei stellen«. Der Wüstenhimmel war mit Sternen übersät. fielen ihr Sabinas Worte wieder ein: ›Meine Mutter glaubte an die Kraft eines Amuletts. Das Hermes-Kreuz wurde mir am Tag meiner Geburt um den Hals gelegt. ›Sünderin stand dort. in der Jade Dannos Entschlossenheit zu spüren. Die Wüste ist rein. dachte Catherine. Sie griff nach dem Jadeanhänger an ihrem Hals. Er hatte nie aufgegeben. aus denen so viel Ruhe und Seelenfrieden sprachen.hoffen. dachte Catherine. Sünderin… Keinem der Kinder war die 325 . denn er war eine Art Verbindung zu Daniel. sagte Catherine plötzlich. der darüber hinaus einen gefährlichen Kampfsport betrieb. »Ich glaube. trotz allem weiterzumachen. obwohl sie in den vergangenen Stunden und Tagen auch überraschende Verwirrung darin gesehen hatte. nichts steht zwischen den Menschen und dem Himmel. Er schien sie auch jetzt anzuspornen. was Sie mir gerade erzählt haben?« Catherine trat an das Fenster und zog den Vorhang zurück. So war es auch im Sinai. ich trage es noch heute über meinem Herzen.‹ Vielleicht. Cathy‹. um sie vor der ganzen Klasse zu demütigen.« »Was ist daran so falsch?« Sie blickte in seine klaren blauen Augen. das Schwester Immaculata ihr um den Hals gehängt hatte. was auf dem Schild stand. hat ein Amulett wirklich eine besondere Kraft… Sie glaubte. »Wie bitte? Nach allem. als Catherine wissen wollte. Als sich ihre Finger darum schlossen. liebe Perpetua. und. Es waren die Augen eines widersprüchlichen Mannes.

Und…« Sie brach plötzlich ab. ›Der Boden hier ist salzhaltig. Catherine spürte Garibaldis Augen auf sich gerichtet. Man hatte ihr die Hände mit Lederriemen gefesselt‹ ›Wollen Sie damit sagen‹. Jetzt ist auch sein Leben in Gefahr. denn im Fernsehen zeigte man ihren Grabungsplatz in der Wüste. Jemand deutete auf einen Tunnel. je länger ich auf der Flucht bin. Neben dem Laptop lag das Brevier. es handelt sich um eine Frau. ›daß man die Frau lebend begraben hat?‹ ›Es sieht so aus. der in glücklicher Harmonie zu seinem Gott sprach. Garibaldi schien mit Dämonen zu ringen. daß die Frau lebend in den Brunnen hinabgelassen wurde. Sie sah Samir und Mr. Sind es die Dämonen in den Pangamot-Stöcken? Sie zog den Vorhang zu und verließ das Fenster. Sie mußte unwillkürlich daran denken. Eine erste Untersuchung des Skeletts läßt darauf schließen. »Ich fürchte.‹ 326 . desto mehr Menschen werden darunter zu leiden haben… zum Beispiel Julius. wie Garibaldi mitten in der Nacht auf den Knien gelegen und gebetet hatte. »Der Brunnen!« rief sie. Mylonas.eigentliche Bedeutung dieses Wortes bewußt gewesen. Deshalb sind Haare und Stoff noch erhalten. fragte der Reporter. Die Kamera schwenkte über Beduinenzelte und dicht gedrängte Menschen hinter einer Absperrung. Er trug Jeans und ein kariertes Hemd. in dem er in regelmäßigen Abständen las. die von Soldaten bewacht wurde. Auf dem Stundenbuch sah sie den Rosenkranz. und das Klima ist trocken. Er ist Wissenschaftler und ein friedfertiger Mann. »Sie legen den Brunnen frei!« ›Bisher haben wir die Überreste eines Skeletts gefunden‹ sagte Achmed Sayed. Aber dabei entsprach seine Haltung nicht einem friedlichen Priester. Das goldene Kreuz hing um seinen Hals. Wir sind der Meinung. Schnell schaltete sie den Ton ein. der ägyptische Kulturminister.

Sie wollten sich der Polizei stellen. »Bitte überprüfen Sie.« ›Herr Minister. die Dr. das aus Schnecken gewonnen wird.‹ »Du meine Güte«. das nehmen wir an. ›Vielleicht finden wir unter den Steinen den Rest des Skeletts und Hinweise auf die Schriftrollen.« »Ich dachte. den Sabina in Indien kennengelernt hat. die man lebend begraben hatte! War es Amelia. Alexander hier gefunden hat. beziehungsweise Anhaltspunkte für das.« »Ich habe es mir anders überlegt«. Eine Frau. Das ist jemand.»Lebend begraben…«. die wir auch auf dem Skelett festgestellt haben. sagte Minister Sayed. Der Korb. den Dr.« »Aber…« 327 . ist mit rötlichbraunen Fasern bedeckt. was Dr. Wir haben die Fasern untersuchen lassen. Alexander gestohlen hat. Sie waren ursprünglich purpurrot und sind mit Murexid gefärbt. sagte Garibaldi. »Es gibt einen neuen Namen. »Wir müssen uns an die Arbeit machen«. sagte sie. nach dem wir suchen müssen – Satvinder. »Dona nobis pacem. ›Wir werden vermutlich mehr wissen. Eine neue Spur. glauben Sie. erwiderte sie wie in Trance. später mit Steinen gefüllt wurde. hörte sie Garibaldi murmeln. wenn der Brunnen völlig freigelegt ist‹. und der. in diesem Brunnen gefunden wurden?‹ ›Ja. ob wir uns ins Internet einloggen können. Perpetua oder vielleicht sogar Sabina? »Eine christliche Märtyrerin«. Alexander hier gefunden hat. Catherines Herz schlug schneller. daß die Schriftrollen. Es war das kaiserliche Purpur des römischen Reiches‹. »Was um alles in der Welt haben Sie gefunden?« Catherine griff nach der blauen Tasche und holte den Notizblock heraus. wiederholte Garibaldi und bekreuzigte sich.

FTPERROR KÖNNEN NICHT MIT FTP SERVER VERBINDEN. Garibaldi nickte und ließ das Computermodem die neue Nummer wählen. die auf Internet verfügbar sind. »Wir sind Online!« rief er. »Darf ich?« fragte sie. Auch diese Nummer ist besetzt!« Catherine tippte: ›http://odyssey.uchicago. Ach du meine Güte.html‹ »Was ist das?« fragte Garibaldi. Catherine suchte im Notizbuch nach einer Nummer und tippte dann: ftp. und er überließ ihr seinen Platz an der Tastatur. SORRY! ALLE LEITUNGEN (75) SIND BESETZT.« Sie tippte und blickte gespannt auf den Monitor. BITTE SPÄTER VERSUCHEN.lib. ALLE LEITUNGEN BESETZT 328 .edu/oi/DEpr/RA/ABZU. Die Verbindung kam diesmal zustande.duke. »Ein Inhaltsverzeichnis aller Arbeiten über archäologische Quellen im Nahen Osten.uni-stuttgart.edu/papyrus/‹ und klickte ›ENTER‹. »Was haben Sie vor?« »Ich möchte etwas Neues probieren. der hinter ihr stand und mit der Maus klickte. sagte Garibaldi. KEIN WAIS-ZUGANG KONFIGURIERT! »Wir machen etwas falsch«.de KEIN ZUGANG UNTER DIESER NUMMER »Versuchen Sie es mit dem WAIS-Verzeichnis«. Man zeigte die Skelettknochen mit den Lederfesseln in Großaufnahme.Sie deutete stumm auf den Fernsehapparat. sagte Catherine ungeduldig und klickte auf ÖFFNEN und tippte dann: ›http://sipparorinst.

so lange Online zu bleiben. die neben dem Bett auf dem Fußboden lagen. in einem tiefen 329 . sagte Garibaldi. riet Garibaldi. »Die Medien sorgen dafür. »Dann wollen wir die Jahre 100 v.« Catherine hörte ihn nicht.edu/papyrology/home. im Internet zu bleiben«. murmelte er. »Ich glaube. und überflog sie.« »Versuchen Sie es noch einmal«.« Sie klickte auf ein Symbol.« Sie sah ihn verzweifelt an. wie es aussieht. »Sie sind der Computerexperte. Was sollen wir tun?« Er griff nach einer der Werbebroschüren. »Aber es ist riskant. Wie in einem Alptraum. Garibaldi pfiff leise: »Das sind ganz schön viele Papyri…« Sie klickte auf die blau unterlegte Überschrift: INSTITUTIONEN ›SPEZIALSAMMLUNGEN‹ »Es sind nicht so überwältigend viele. »Das wird trotzdem eine Weile dauern. Havers darf uns nicht finden. im Internet über ›Schriftrollen‹ informiert. Man hat die Texte in Unterverzeichnissen aufgelistet. aus dem es kein Entrinnen gab. und Catherine tippte: ›http://www.html‹ Papyrologie Home Page »Geschafft!« rief Catherine und ließ sich das Inhaltsverzeichnis anzeigen. die heute abend Informationen über alte Schriftrollen suchen«. Garibaldi runzelte die Stirn. der einen Computer und ein Modem besitzt. Wir suchen die griechischen. Chr. Wir können uns nicht leisten. Chr.»Wir sind offenbar nicht die einzigen. daß sich jeder.« Sie klickte. glaubte sie.umich. es gibt eine Möglichkeit. bis 300 n.

Ich dachte daran. Sie beugte sich über die Wunde der Prostituierten und half der Frau so ruhig und gelassen. Die Scherben zerschnitten ihr die Fußsohle. der weiß‹. daß ich mich heute nach so vielen Jahren frage. Sie konnte nicht fliehen. Aus ihrem Gewand holte sie einen Beutel hervor. die so seltsam und so voller Wunder war. Dann glaubte sie. Verzeih mir. Jedenfalls lernte ich Satvinder unter den merkwürdigsten Umständen kennen. Die Frau 330 . die Frau sei eine Prostituierte. In diesem Augenblick löste sich aus den Umstehenden eine in weiße Gewänder gehüllte Gestalt. Vor ihren Augen wurde alles rot… Danno sank blutend zu Boden. ihre Mutter kurz vor deren Tod zu sehen. ob ich das alles nur geträumt habe. Der Himmel war unendlich hoch über ihr. sagte man mir. Die Menschen sahen ihr schweigend zu. daß es sich um eine Frau handeln mußte. Philos zu holen. ob es eine Frau oder ein Mann war.schwarzen Brunnen zu liegen. Aber an den Bewegungen und an den Augen erkannte ich. wie ich es von Philos kannte. aber ich muß weitermachen… Ich begegnete Satvinder auf dem Markt in einer Stadt. und ein Heiler dürfe eine Sünderin nicht berühren. soviel bedeutet wie: ›Er. Ich wußte zuerst nicht. Sie war gefesselt und konnte sich nicht bewegen. Julius. in dem sich drei kleine Krüge und ein in Leinen gewickelter Gegenstand befanden. Als ich mich nach dem Grund erkundigte. was in Sanskrit. Eine Frau war auf dem Markt auf einen zerbrochenen Krug getreten. Aber der Mann wollte die Frau nicht behandeln. ihrer Sprache. dachte sie und glaubte zu ersticken. Er will mir helfen. Man trug sie zu einem Heiler. aber das hätte eine Weile gedauert. den sie ›Vaidya‹ nannten.

Danach wickelte sie den Gegenstand aus dem Leinen. Die weißgekleidete Frau öffnete die Hand und ließ aus dem Krug vier große schwarze Ameisen kriechen. Die junge Prostituierte dankte der Frau und lächelte glücklich über soviel Anteilnahme. Aber im dritten Krug war das Erstaunlichste von allem. Noch ehe man Fragen an die weißgekleidete Frau richten konnte. 331 . wie die HinduHeiler sie oft benutzen. wie sie sagten.reinigte zuerst die Wunde mit einer Flüssigkeit aus einem der kleinen Krüge. und ich sah. bis sie verheilt sei. die unter rituellen Worten eine nach der anderen an die klaffende Fußwunde hielt. die ich am Duft erkannte. Die Ameisen taten der Frau in Weiß jedoch nichts. daß es eine Pinzette aus einem Reiherschnabel war. und ich hörte. Die Umstehenden und auch ich staunten über die geschickte Behandlung der Wunde. trennte die Frau die Köpfe der Ameisen vom Leib ab und erklärte der Prostituierten. Die Umstehenden wichen ängstlich zurück. die Bisse dieser Ameisen seien gefährlich und schmerzhaft. Die Ameisen packten mit den Greifzangen zu und verschlossen die Wunde wie Klammern. war sie wie ein Geist verschwunden. Nachdem alle vier auf diese Weise den Schnitt geschlossen hatten. sie müsse die Greifzangen so lange an der Wunde lassen. Dann könne man sie mühelos aus der Haut entfernen. dann murmelte sie etwas und schrieb geheimnisvolle Zeichen in die Luft. Mit dem Instrument entfernte sie die eingetretenen Tonsplitter. In dem zweiten Krug befand sich eine Salbe aus Myrrhe und Aloe.

DER ACHTE TAG 332 .

die ihn mit dieser Mischung aus Faszination und Abscheu musterte. Irgendwann wollte es jedoch das Schicksal. Er war schon immer ein Feigling gewesen. die er inzwischen oft genug erlebt hatte. »weil ich meine Nase dorthin gesteckt habe. der in früher Jugend von zu Hause weglief und sich ziellos herumtrieb. daß Tim in einer Bar am Straßenrand des McKinley Highway in Alaska saß. In der Ambulanz kam er wieder zu Bewußtsein. weil es in der Bar zu einer Rauferei kam. was er heute war. Er hatte wie so oft zuviel getrunken und wollte sich aus dem Staub machen. erwiderte er kalt lächelnd. daß Sie so häßlich sind? Niemand wußte. Woher kommt diese Narbe? Das sollte heißen: Was ist geschehen. gibt du eine andere Antwort. Aber diesmal lief er nicht schnell genug.« Raphael lachte und biß hungrig in seinen RiesenHamburger. Vor dem Unfall war Zeke ganz einfach der hagere Tim Johnson gewesen. wo sie nichts zu suchen hatte. weshalb er überhaupt auf der Welt war oder was er mit seinem Leben anfangen sollte. wenn man dir diese Frage stellt. Er 333 . Nevada »Wie sind Sie zu der Narbe gekommen?« Zeke sah die Kellnerin an.Dienstag. »Ich habe sie bekommen«. daß die Narbe Zeke erst zu dem gemacht hatte. 21. Dezember 1999 Las Vegas. Mit vollem Mund sagte er: »Jedesmal.« Zeke sah der Kellnerin in dem hautengen Kleid nach und schnitt sich ein Stück von dem dicken blutigen Steak ab. ein Schwächling. Er wußte nicht.

aber er merkte. endlich keimen. wie etwas in ihm zu wachsen begann. rasierte und bleichte sie. Es dauerte nicht lange. Nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus zog es ihn wieder in den Süden. Die Frauen wichen ihm entweder aus oder sie kamen zu ihm. daß ihn eine Krankenschwester nach den Funkanweisungen eines Arztes verband. sich operieren zu lassen. und schließlich erreichte er Kalifornien. seine Muskeln zu trainieren. Er dachte nicht daran. Er fand inzwischen Gefallen daran. Tims Erinnerung stellte sich erst dann wieder richtig ein. Er schnitt sich die jungenhaften. Eine Woche später erschien der Arzt. als würde ein Samenkorn. eine Persönlichkeit zu werden. die ihn gepflegt hatte. Dann begann er. Wer war dieser Frankenstein? Das konnte unmöglich Tim Johnson sein.wußte nicht mehr. wer er war oder wer ihn zusammengeschlagen hatte. um sein gefährliches Aussehen durch einen entsprechenden Körper zu unterstreichen. sondern beschloß. nur ein Chirurg könne Tims Gesicht wieder menschliche Züge verleihen. als er in den Spiegel blickte. bis er feststellte. Der Schock war groß. der seine Visite mit einem kleinen Flugzeug machte. das schon lange dort wartete. in den Bars die Reaktionen der Leute zu beobachten. daß die lange rote Narbe auf andere ebenso abschreckend wirkte – selbst auf die Krankenschwester. Da spürte Tim. Sie erschien stets mit einem Lächeln in der Tür. langen braunen Haare ab. daß sein Anblick ihr Angst einjagte. Harte Burschen erwiesen ihm erstaunlicherweise so etwas wie Achtung. Er erklärte. Auf jeden Fall wagte niemand mehr. sich mit ihm anzulegen. Bald hatte er 334 . der als notorischer Feigling von allen verlacht wurde. Er bemerkte nur. Die Narbe schien Macht zu bedeuten. die dem neuen Gesicht entsprach.

dachte er. Vielleicht stand wirklich der 335 . wo sie beide eine gefährliche Fracht bewachen mußten. welche Richtung er seinem Leben geben würde. sondern sah nur Raphael an Zeke war das gleichgültig. Eine Stadt. Als Zeke sah. Aus Tim wurde Zeke. die heißer ist als die Hölle. ein Killer mit dem Namen eines Engels zu sein.genug Kraft. er habe beschlossen. Und in diesem Monat schien sich Las Vegas selbst zu überbieten. »Noch mehr Kaffee?« fragte die Kellnerin. den er in Südamerika kennengelernt hatte. und er wußte. schüttelte er sich beinahe. war inzwischen hart und gefühllos. wie sie mit Raphael flirtete. Die allgemeine Hektik verriet Angst. Er hatte Zeke einmal gesagt. mit dem Raphael zur Welt gekommen war. Zeke richtete seine Aufmerksamkeit auf das geschäftige Treiben auf der Straße hinter dem Fenster. daß es die falsche Entscheidung war. Er wurde stark und schweigsam. Zeke hatte es bei ihrer Ankunft in der Stadt sofort gemerkt. Aber das war nichts im Vergleich zu dem völligen Mangel an Menschlichkeit. Unsicherheit und verzweifelte Hoffnung. Sie wußte allerdings nicht. um es mit allen aufzunehmen. In den letzten Tagen von 1999 lag eine besondere Spannung in der Luft. Zeke. Er faszinierte oder schüchterte ein. wie die Kellnerin den Mörder mit den unschuldigen blauen Augen und dem blonden Lockenkopf ahnungslos anlächelte. Zeke beobachtete. Die Kellnerin hatte es sich überlegt und ihre Entscheidung getroffen. Wie konnten Frauen nur so dumm sein? Er. Hier war alles und jeder verrückt und unberechenbar. ›Raphael‹ war natürlich nicht sein richtiger Name. Las Vegas. Irgendwann fiel ihm eine Ausgabe von Der Söldner in die Hand. aber diesmal verschwendete sie keinen Blick an Zeke. Sie zog das Engelsgesicht von Raphael vor.

das möglicherweise nicht mehr kommen würde. einer Spur mit Ausdauer zu folgen. die nach Las Vegas gekommen waren. Vielleicht hofften sie auch auf eine Affäre mit einem der Showgirls oder sie wollten Sünden begehen. Warum auch nicht? Entweder kam das Jüngste Gericht oder das eintönige Leben ging weiter wie bisher… »Also«. Diese Information brachte Zeke auf die Idee. sagte Raphael und wischte sich Fett und Ketchup vom Kinn. Die kleinen und großen Spieler schienen ihren letzten Einsatz zu wagen. wie und ob das Leben im neuen Jahrtausend weitergehen würde. Niemand wußte. die sie sich nur im Angesicht des nahen Endes zu erlauben wagten. »Wir werden sie mit unseren Computern finden«. Wenn wir sie ausfindig gemacht haben. daß alle.Weltuntergang bevor. die Archäologin und der Priester könnten mit dem Bus weitergefahren sein. Er hielt nichts von der bewährten Methode. in diesem Sodom der Neuzeit noch einmal richtig feiern wollten. »Wie wollen wir in dem Gewühl einen Priester finden. Sie hofften wie immer auf den großen Gewinn. daß sie eine heiße Spur verfolgten. daß die Polizei den roten Ford Escort im Motel in Goshen sichergestellt hatte.« Einsatzbereit. Havers noch immer nicht darüber informiert. dachte Zeke und lächelte bitter. dann müßt ihr sofort zur Stelle sein. Zeke hatte den Eindruck. Mit 336 . aber diesmal für ein Morgen. der sich wie eine Nadel im Heuhaufen der Sünde versteckt?« Zeke hatte Mr. hatte er das letzte Mal zu Zeke gesagt. »Haltet euch einsatzbereit. Wir sind bereits im Einsatz! Er hatte erfahren. Ihr Boß dachte zu kompliziert und nur in weltumspannenden Computer-Dimensionen.

daß der Priester und die Frau hier in der Stadt waren. Stierspringen war jedoch nicht das aufsehenerregendste Abenteuer im neuesten und teuersten Luxushotel von Las Vegas. sei die Wiederbelebung eines alten minoischen Sports: das sogenannte ›Stierspringen‹. einer Stadt. als der Stier auf die halbnackte Frau zuraste. als er sich durch die Menschenmenge einen Weg zur Rezeption bahnte. daß ein Priester zwei Fahrkarten nach Mojave gekauft hatte. auf seinen Rücken sprang und nach einem Salto hinter dem Tier mit beiden Füßen auf dem Boden landete. Zeke und Raphael mußten sich wie Spürhunde auf die Suche machen. Waren die beiden in einem billigen oder in einem teuren Hotel abgestiegen? Die Menge schrie vor Entsetzen. als sie den Stier geschickt bei den Hörnern packte. die fast nur aus Hotels bestand. wie es auf Kreta als sportliche Disziplin schon vor dreitausend Jahren ausgeübt wurde. Das. Es blieb die Frage. Er glaubte. Das bedeutete. Leider hatte im Busbahnhof von Las Vegas niemand einen Priester gesehen. Zeke zweifelte jedoch nicht daran. Auch die Fragen im dortigen Busbahnhof erbrachten nützliche Antworten: Ein Priester in Begleitung einer Frau hatte Fahrkarten nach Las Vegas gekauft. 337 . Doch sie wurden alle von der Tatsache übertroffen. so erklärte das Atlantis-Hotel stolz. daß das zwanzig Stockwerk hohe Atlantis keine Fahrstühle hatte. bot das Hotel allerhand verrückte und seltsame Amüsements.gefälschten FBI-Ausweisen erkundigten sich Zeke und Raphael im Busbahnhof und erfuhren. finden sollte. wie man die beiden in der Spielhölle Las Vegas. Dann jubelten die Zuschauer. sie zu spüren. Erbaut auf einer Insel mitten in einem See. Das wußte Garibaldi bereits.

auf denen die ›Mars-Raumschiffe‹ schwebten. denn zu den großen Attraktionen gehörte der tägliche Untergang von ›Atlantis‹. Zeke durchschaute die Absicht des Priesters und der Frau. In den Raumschiffen hatte man in der Tat den Eindruck zu ›fliegen‹. Die Hotelhalle war das größte Atrium der Welt. ›Mars rettet Atlantis‹. »Niemand wird uns in der Menschenmenge finden. Zeke und Raphael fuhren langsam den breiten Boulevard entlang und betrachteten die riesigen Hotels – das MGM Grand. Laserstrahlen und die trompe l’oeil-Architektur.Der Luxusbau stand gegenüber dem Beau Rivage am Las Vegas Boulevard. und schwerelose ›Raumschiffe‹ beförderten die Gäste zu den mehr als viertausend Zimmern. Säulen und Statuen des ›Altertums‹ konkurrierten mit der superfuturistischen Architektur. das Luxor. Excalibur. Touristen strömten in Scharen hierher. hatte Garibaldi in Mojave zu Catherine gesagt. Zeke wußte. »Nicht zu fassen!« rief Raphael. Das Atlantis war von Anfang an ein Riesenerfolg und ständig ausgebucht. daß er sie hier in einem der Mammutpaläste finden würde. hinter der die sehr zuverlässigen Schienen verschwanden. aber diese Illusion entstand durch Lichteffekte. Atlantis… Wie unwirkliche Visionen einer fremden Welt ragten die Bauten aus der Wüste unter Nevadas gleißender Sonne in den Himmel. 338 . daß die Leute ihn anstarrten. »Im Atlantis sind wir sicher«. denn ein Priester in Soutane war ein seltener Anblick im Atlantis von Las Vegas. Die beiden Flüchtlinge suchten Schutz in der Menge. Als Garibaldi die Rezeption erreichte. um die Wunder der Illusion zu bestaunen. Fresken. stellte er jedoch fest. Er fiel auf. die das Hotel bot. hatte ein Journalist bei der Einweihung treffend geschrieben. die das Hotel mit seinen Attraktionen ausführlich beschrieb.« Er hatte in ihrem Zimmer eine Werbebroschüre gefunden.

»Schlösser! Sphinxe! Piratenschiffe! Wir sind auf einem fremden Stern gelandet. An einem Kiosk. Du gehst ins MGM Grand. Geschäftsreisende nutzten den Service für Konferenzschaltungen und verwandelten ihre Suiten in virtuelle Büros. Garibaldi durchquerte noch einmal die Hotelhalle und ging durch das Sonnenlicht. Eltern mit Kindern wußten das Angebot ebenfalls zu schätzen.« Seine Jagdlust erwachte. kaufte er eine Zeitung. sagte die Frau an der Rezeption und reichte Garibaldi die Internet-Zugangskarte. der wie ein minoischer Sarkophag aussah. das sich wie ein goldener Wasserfall durch die riesigen Glastüren ergoß. Vater«. Der Gast zahlte nur eine geringe Gebühr für die Online-Verbindung. Sie können sich jederzeit in das Net einloggen. als ein schwarzer Pontiac langsam auf der Auffahrt vorbeirollte. Zeke blickte auf die Uhr und sagte zu Raphael: »Hier fangen wir an. Er drehte dem Hoteleingang den Rücken zu.« Zu den neuesten Dienstleistungen des Hotels gehörte die Internet-Zugangsberechtigung über das hoteleigene System.« 339 . sie konnten die Kinder mit gutem Gewissen an den Monitoren im Zimmer zurücklassen. während sie selbst an den Spieltischen ihr Glück versuchten. und ich in Caesar’s Palace. »Anwendername und Paßwort sind nur Ihnen bekannt. »Wo fangen wir an zu suchen?« »Das ist für Sie.

Kalifornien Als Julius das Institut durch den Hinterausgang verließ. besuche ich meinen Rabbi in der Synagoge in San Vincente. daß auch die ältesten Mitglieder 340 . klopfte an das Wagenfenster und nickte dem überraschten Fahrer freundlich zu. während Julius Geschenke für seine Ex-Frau und die beiden Kinder und auch ein Geschenk für Catherine kaufte. Ich werde langsam fahren. winkte Julius dem Mann zu und fragte sich. »Ich werde bei Johnny’s etwas essen«. wer dieser Mann war oder für wen er arbeitete. als Julius eine Kleinigkeit aß.« Julius wußte nicht. um auf die Toilette zu gehen. als der Mann das Fenster geöffnet hatte. daß er sich seiner Anwesenheit sehr wohl bewußt war. Vielleicht war es auch ein Reporter. wo das ist? Fahren Sie die Pico Street entlang und biegen Sie rechts in den Sepulveda Boulevard in Richtung Culver City. damit Sie mich nicht aus den Augen verlieren. blieb ihm auch beim Einkaufsbummel auf den Fersen. »Wissen Sie. Rabbi Goldmann war schon so lange in der Synagoge. Aber der Mann folgte ihm schon seit zwei Tagen. sagte er. ob für die Polizei oder einen privaten Auftraggeber.West Los Angeles. Er überquerte die Straße. Julius ärgerte sich über die ständige Überwachung und hatte beschlossen. folgte ihm der weiße Honda. Als sie am späten Nachmittag die Synagoge erreicht hatten. Der Mann wartete geduldig. wann er Zeit zum Essen fand oder auch nur. wo ein weißer Honda am Bordstein stand. Als er etwas später in seinem Wagen den Parkplatz verließ. Danach werde ich im Santa Monica-Einkaufszentrum Weihnachtseinkäufe machen. dem Mann zu zeigen. ging er nicht geradewegs zu seinem Wagen. Wenn ich das erledigt habe.

daß Sie mich ohne weitere Umstände empfangen.der Gemeinde sich an keinen anderen Rabbi erinnern konnten. sagte Julius und sah sich suchend in dem abgedunkelten Haus des Rabbi um. religiösen Handschriften und alten Dokumenten die Form eines Fragezeichens angenommen. Er begrüßte Julius lächelnd und musterte ihn mit seinen klaren und lebhaften Augen. Julius!« sagte er und schüttelte ihm die Hand.« »Was kann ich für dich tun?« »Ich wollte fragen. »ob ich vielleicht Ihren Computer für etwa eine Stunde benutzen kann. Niemand wußte. daß hier ein großer Liebhaber von Büchern lebte. »Vielen Dank. »Welch eine Freude. Rabbi Goldmann. dessen überquellende Regale und Bücherschränke verrieten. Rabbi«. dich zu sehen. wie alt er war.« 341 . aber sein Körper hatte nach so vielen Jahren der Beschäftigung mit Büchern.

daß man ewig leben wird‹. Die Wiederkehr des Messias und das ewige Leben! Die Öffentlichkeit hatte sich auf diese beiden Begriffe in dem Fragment gestürzt: Parousia und Zoe aionios. dachte Miles. Was würden die Leute tun. unterbrach ihn der Moderator mit einem professionellen Lächeln. ›Glauben Sie.Santa Fe. in zwei Worten. ob Catherine Alexander noch am Leben ist! Erinnern wir uns. was in den Schriftrollen steht. das es den Menschen ermöglicht. die allgemeine Hysterie wurde durch die Spekulation ausgelöst. New Mexico ›Man nennt es das Methusalem-Syndrom‹. die in dem Fragment vorkommen. ewig zu leben? Viele unserer Zuschauer hoffen das. in den Schriftrollen werde das Geheimnis des ewigen Lebens offenbart. ›Also sagen Sie mir bitte. das die Zeitungen veröffentlicht haben: Zoe aionios. Genaugenommen wissen wir nicht einmal.‹ ›Aber beziehen sich diese Worte auf ein ewiges Leben hier auf Erden oder im Himmel nach dem Tod?‹ Miles schaltete den Fernseher aus und füllte ein Glas mit eisgekühltem Wasser. oder ob es diese Schriftrollen überhaupt gibt. wenn sie erfahren 342 . Er saß in seinem Büro. John. ›Die Sehnsucht nach dem ewigen Leben oder die Illusion.‹ Der Experte räusperte sich und sagte mit dem ganzen Nachdruck seiner fachlichen Autorität: ›Bedauerlicherweise. daß die Schriftrollen das geheimnisvolle Rezept enthalten. wissen wir nicht. Herr Doktor‹. All das hat seinen Ausgangspunkt in dem einen Satz. besser gesagt. erklärte der Gast in der Talkshow.‹ Er machte eine bedeutungsvolle Pause und übersetzte dann: ›Das bedeutet ewiges Leben.

um den Weihnachtsmann zu begrüßen. Dann lächelte er.sollten. Dieser ›Schwachsinn‹. Astro-Futurologen behaupteten. in der Tat einen Alchimisten geheiratet hatte. daß die Frau. hatte scheinbar die ganze Welt erfaßt. nur um in den Besitz der Schriftrollen zu kommen. wo einige seiner Gäste Golf spielten. In England häuften sich Meldungen. Sie versammelten sich vor dem Haus. der tatsächlich nach dem Geheimnis des ewigen Lebens suchte? Die Menschen würden in ihrer Hysterie nicht vor Mord und Totschlag zurückschrecken. Die Sache sei streng geheim. deren Geschichte in den Schriftrollen erzählt wird. die NASA habe ein Schwarzes Loch über dem Nordpol entdeckt. Einmal im Jahr erleben sie die Wunderwelt des Reichtums. es bewege sich auf die Erde zu und werde nach ihren Berechnungen am Neujahrstag die Reise durch den Weltraum hinter sich gebracht haben. nach denen beobachtet worden sei. Alles drehte sich nur noch um das bevorstehende neue Jahrtausend. das Sternentor zum Himmel sei. Miles seufzte. der bald mit einem Schlitten und vielen Geschenken eintreffen sollte. Sie behaupteten. Was war nur mit ihm los? Schon beim Aufwachen war er schlechter Laune gewesen. Er trat an ein Fenster und blickte auf den grünen Rasen hinunter. und daran hatte sich nichts geändert. Der erste Anruf am 343 . Astrologen in Montana hatten das ›Neue Jerusalem‹ gesichtet. Miles schüttelte unwillig den Kopf. wie sein Vater sagen würde. weil es für alle. Der Weihnachtsmann gehörte zu Erikas Weihnachtsfeier für die Kinder der indianischen Mission. die von der Erde fliehen wollten. und dann müssen sie wieder zurück in die Armut… Miles staunte über den plötzlichen Anflug von Zynismus und wandte sich vom Fenster ab. denn eine Schar Kinder lief lachend und aufgeregt über den Hof. wie sich die Megalithen in Stonehenge aus eigener Kraft bewegten.

Keine Engel. an die sich Miles aus seiner Kindheit erinnern konnte. den Markt zu monopolisieren. Zeit und Energie zu verschwenden. damit zum Partner von Marilyn Monroe oder zur Partnerin von Gary Cooper machen können. wir kämpfen um unser Überleben. Das war ein Angriff auf die neue Software. aber es wollte ihm einfach nicht gelingen. Wir sterben. daß ein Mann mit zweiundfünfzig keine Stunde zu verschwenden hatte. Außerdem geriet er inzwischen ins Kreuzfeuer der Filmindustrie. 344 . Seine Berater. beschworen Miles noch einmal. da der Justizminister persönlich dem Antrag zur Bildung eines Ausschusses zugestimmt hatte. Dann kommt nichts. Innerhalb weniger Monate würde sich jeder. der Aki Matsumoto gehört hatte. seine Stimmung zu bessern. daß die ›Fabiana‹ dieses Textes in keinem Zusammenhang mit ›Sabina Fabiana‹ stehe. ›Das ist es eben‹. der einen Computer besaß. Miles wußte. Wir werden geboren. die Anfang des nächsten Jahres auf den Markt kommen sollte. auf den Kauf der Software-Firma zu verzichten. Der Tiger in ihm wurde immer ungeduldiger und erinnerte ihn daran. erwies sich als nutzlos. hatte sein Vater in einem der Gespräche zwischen Vater und Sohn erklärt. Der Papyrus aus dem sechsten Jahrhundert. Im Begleittext der Übersetzung aus Kairo hieß es. Der Dreizehn-Stunden-Flug nach Hawaii und zurück war demnach umsonst gewesen. Miles haßte es. ›Das ist es eben. die Digitalisierung ehemaliger Filmstars und ihren Mißbrauch für billigste Unterhaltung zu stoppen. untersuchen sollte.frühen Morgen hatte auch nicht gerade dazu beigetragen. die immer zu übertriebener Vorsicht rieten und ständig den Teufel an die Wand malten. Man forderte ihn ultimativ auf. der den Konzern und seine Versuche. er sollte seine Gedanken auf diese ernsten Probleme richten.

nach etwas Spirituellem. Und ihm wurde plötzlich klar. Er wollte sich in der Illusion wiegen.kein Paradies im Himmel. die Indianerkinder glücklich zu machen. Die vergangene Woche zeigte das deutlich. was mit seinem Privatleben zu tun hatte. daß er kaum darauf achtete. die Vorbereitungen für das Fest kurz alles. Wie hatte er das alles nur übersehen können? Warum hatte er diese Hinweise nicht längst ernst genommen? Ich war zu sehr mit mir selbst beschäftigt – mit mir und meinen Zielen. Woher nur kamen die düsteren Gedanken? Lag es vielleicht wirklich an dem bevorstehenden neuen Jahrtausend mit all seinen Unwägbarkeiten. was in seinem Haus geschah. oder lag es daran. Miles mußte sich in diesem Augenblick eingestehen. alles sei in bester Ordnung. Schweißtropfen standen ihm auf der Stirn. daß sie in letzter Zeit beinahe wie in Panik nach etwas Unbestimmtem suchte. daß er die Fünfzig überschritten hatte? Machte sich jeder Mann Gedanken über sein Leben. Er war so versessen. Er überließ Erika die Familie und die Gäste. Also nutze deine Zeit hier auf der Erde. Catherine Alexander und die Schriftrollen zu finden. wenn er sich in der zweiten Hälfte des Lebens auf das Sterben und den Tod vorbereiten mußte? Auch Erika hatte sich verändert. Schlaflosigkeit. in diesem Jahr irgendwie verlogen und hilflos wirkte. Ihm war nicht entgangen. Der Tiger in ihm brüllte. plötzliche Tränen. Dafür gab es schon seit langem Anzeichen – Unruhe. bevor die Würmer dich fressen‹ Miles glaubte seinem Vater. dem Stunden und Tage wertvoller als Diamanten und Perlen gewesen waren. unverständlicher Ehrgeiz bei karitativen Projekten. daß Erikas Bemühen. Erika zeigte ihm wie 345 . daß solche Hinweise auf eine innere Unsicherheit bei Erika nicht neu waren.

sondern verließ den Fahrstuhl im Erdgeschoß. erwiderte sie schluchzend. »Ich wollte nicht.jeder in seiner unmittelbaren Umgebung immer nur die heitere Fassade. Miles«. die Journalisten oder das FBI. Aber Miles tröstete sich. Entschlossen verließ er das Büro. Er begab sich jedoch nicht sofort in das unterirdische Kommunikationszentrum. Niemand war ehrlich zu ihm oder brachte genug Vertrauen auf. den Schriftrollen hinterherzujagen? In Stevensons Computer-Tagebuch stand ein sehr belastender Hinweis. Lohnt es sich eigentlich wirklich. Unzufriedenheit und Ängste zu äußern. offen mit ihm zu reden. daß ihm die Vorstellung irgendwie gefiel. das sie ohnehin in den Untergang treiben würde? Miles mußte sich an diesem Morgen eingestehen. Von unten drang das Lachen und Singen der Kinder zu ihm herauf. Das beantwortete allerdings nicht die eigentliche Frage: Sollte er Catherine Alexander vergessen? Sollte er die Jagd abbrechen und diese Frau ihrem Schicksal überlassen. »Was hast du?« »Tut mir leid. Sie stand vor einem Kaktus und drückte ein Taschentuch an die Augen. bis die Polizei Catherine Alexander fand – die Polizei. besaßen die Schriftrollen für Miles keinen Wert mehr. Wenn das geschah. geschweige denn. Und so wurde ihm auch Erika von Tag zu Tag fremder. »Liebling«. Selbst wenn der Computer mit dem Tagebuch in die falschen Hände geriet. Lohnte sich das alles? Es würde nicht mehr lange dauern. sagte er bestürzt und trat neben sie. daß du mich so siehst. Es ist nur… die 346 . mißverstandenen Archäologen abtun. Zu seiner Überraschung fand er Erika in einem der verglasten Bogengänge. konnte er die Behauptung als Verfolgungswahn eines paranoiden.

Was ist es?« Sie sah ihn mit großen. Ich habe ihn auch nicht gesehen und mache mir große Sorgen. immer gepflegt und attraktiv. Ich habe Angst. Miles fragte leicht gereizt: »Wo ist er eigentlich? Ich habe ihn lange nicht gesehen.« Miles trat einen Schritt zurück und sah Erika an. das machen sie so. Ich glaube. der Tag. sagte er freundlich. »Liebste«.Kinder und alles. Es war einfach zuviel. Aber das wird diesmal nicht geschehen. 347 . Miles?« fragte sie plötzlich. wenn wir sterben.« »Natürlich werden sie eine Zukunft haben«.« Sie trocknete sich die Augen. verzweifelten Augen an. »Ich habe Angst. »Warum denn nicht?« »Kojote«.« »Um ihn mußt du dir keine Sorgen machen. aus einem anderen Pueblo eine Kachina zu besorgen. Vermutlich ist er damit beschäftigt. um meine Fassung wiederzufinden. denn die Sonnen-Kachina ist verschwunden. »Kommt nach dem Leben einfach nichts? Werde ich dich oder die Kinder nie wiedersehen? Diesen Gedanken kann ich nicht ertragen. sagte er beruhigend und drückte sie zärtlich an sich. als sie war. Aber an diesem Tag entdeckte er verwundert Falten um Augen und Mund. »auf dir lastet noch etwas anderes. damit die Kiva geöffnet werden kann.« »Morgen ist die Wintersonnenwende. »Ich wünsche diesen Kindern so sehr. an dem die Kachinas aus der Kiva kommen. Ich wollte allein sein. flüsterte sie erstickt.« »Angst! Wovor?« »Was geschieht mit uns. und wo ist Kojote?« »Ich weiß es nicht. Sie wirkte stets jünger.« »Hm. daß sie eine Zukunft haben.

Ohne nachzudenken zitierte er: »›Satvinder glaubte. daß das Dasein auf der Erde alles war. Sie alle wurden von denselben Ängsten gequält wie Erika. denn ich wüßte. wie schön das klingt! Wenn ich nur daran glauben könnte. die niemand geben konnte? Begriffen die Menschen nicht. ich habe es vermutlich irgendwo gelesen. kommen wir nach Schalimar. Die Tränen waren verschwunden. wirklich etwas zu wissen? Auch wenn er Zugriff auf alle Informationen der Welt hatte. dann wäre ich glücklich. das Ende und was danach kommen würde Miles wußte darauf nichts zu sagen. Plötzlich erinnerte er sich an einen Satz aus der Übersetzung der Schriftrollen. solange ihnen noch die Zeit dazu blieb? Miles dachte an die Berichte im Fernsehen und an die Interviews mit dem ›Mann auf der Straße‹. und das erfüllte ihn mit Empörung und Wut. und daß sie das Beste daraus machen mußten. das man auch den Garten der Liebe nennt. und sie sah wieder jung 348 . Die Menschen dachten nur noch an den Tod.‹« Erika sah ihn überrascht an. wenn wir sterben. »Miles. das ist wundervoll! Wo hast du das gehört?« »Ich weiß nicht. Seine Niedergeschlagenheit verwandelte sich in eine Mischung aus Verwirrung und Zorn.Miles.« »›Schalimar‹. diese Fragen machten ihn hilflos. daß ich nie von dir und den Kindern getrennt sein werde!« Miles sah verblüfft. was sie hatten. in das Land der Seelen. daß Erika plötzlich strahlte. halt mich fest…« Er nahm sie in die Arme. Wer konnte sich schon hinstellen und behaupten. sogar die Falten und Fältchen schienen sich zu glätten. Hatte die allgemeine Hysterie der bevorstehenden Jahrtausendwende nun auch seine Frau erfaßt? Wonach suchte Erika? Warum nur die Angst? Warum schien jedermann plötzlich Antworten zu wollen.

wer sonst auf der Welt sollte gegen den apokalyptischen Unsinn der Menschheit immun sein? Er nahm Erika am Arm und sagte fröhlich: »Komm. sie in seinem Museum zu verstecken. wie ihn das Adrenalin aus den Tiefen seiner Zweifel riß. Er wollte ihr sagen: ›Es steht noch mehr dort. sehr viel mehr!‹ In diesem Augenblick setzte der Tiger wieder zum Sprung an. Er würde nie vergessen. Aber von jetzt an ging es nicht darum. wie Erikas Augen plötzlich geleuchtet hatten… Ja. alte Wunden lecken. über die zweite Lebenshälfte nachdenken und sogar mit dem Gedanken spielen.und bezaubernd aus. wo ich das gelesen habe. gehen wir zu den Kindern. war verschwunden. wenn sie die Geschenke auspacken. Er hielt die Zügel wieder fest in der Hand. Wie konnte er nur so dumm sein und sich wie eine kranke Katze in eine Ecke verkriechen. Miles spürte. die Schriftrollen würden ein Geschenk für Erika sein. die Jagd nach den Schriftrollen aufzugeben? Wenn nicht er. 349 .« Die Unsicherheit. mit dem er sie glücklich machen konnte. Er würde dieser Archäologin die Schriftrollen abjagen. Wir sollten dabeisein. die ihn schon beim Aufwachen überfallen hatte.

in das Land der Seelen. Armenien und Trakien. als spüre er ihre Augen auf sich gerichtet. als er das Kätzchen gestreichelt und mit Milch gefüttert hatte… Er drehte sich um. Nevada »›Satvinder glaubte. sagte Catherine. Er konnte auch zärtlich sein. Artivastes bis Romotacles. und sagte lächelnd: »Ich habe hier vermutlich die genaueste Aufstellung aller Könige im ersten und zweiten Jahrhundert nach Christus. zwei Modemanschlüsse. Von dort hatte sie den eindrucksvollen Blick auf den See und die ›alten‹ Tempel. Der Anblick seiner breiten Schultern. Die Könige von Parthien. Catherine arbeitete an dem Schreibtisch. Notizblöcke. wie am Abend zuvor in dem Motel. der am Fenster stand. zwei Telefonnummern und all die praktischen Dinge. Michael saß mit dem Rücken zu ihr an der anderen Seite des Raums vor dem Laptop und suchte im Internet nach Papyri.‹« Garten der Liehe… Catherine hob den Kopf und dachte nach. von Phraates bis Vardenes. 350 .Las Vegas. Locher usw. Es gibt sogar einen Morwan. der. Das bedeutete zwei Schlafzimmer mit getrennten Bädern. die man in einem Büro braucht – Büroklammern. Radiergummi. ein Fax und einen Drucker. kommen wir nach Schalimar. ein Büro mit zwei Schreibtischen. wenn wir sterben. das man auch den Garten der Liehe nennt. die verläßliche Hilfsbereitschaft. wie ich feststelle. Sie und Garibaldi hatten im Atlantis eine Suite für Geschäftsleute. eine Königin war. sein Durchhaltevermögen und seine Liebenswürdigkeit gehörten inzwischen wie selbstverständlich in ihr Leben. Aber unter ihnen ist kein einziger Tymbos zu finden!« »Ich habe einen neuen Suchbegriff«.

den Sonnenuntergang bemerkt zu haben. 351 . Neugierig blickte sie auf den Bildschirm.hindu. und wieder erschien eine Liste mit tausend Einträgen. sponsored by Hindu Students Council. sagte Garibaldi.« »Wie das Parfüm?« Sie stand auf und massierte sich den Nacken.archives.« Sie nahm aus der Minibar eine Flasche kaltes Mineralwasser und füllte zwei Gläser. Catherine trat neben ihn und stellte das Glas Wasser auf seinen Schreibtisch. sagte Garibaldi und öffnete YAHOO: RELIGION VIRTUAL LIBRARY.« Er klickte und tippte inzwischen schon geübt auf die einzelnen Menüpunkte. Es war inzwischen dunkel geworden.‹ Garibaldi öffnete das Unterverzeichnis: ›alt. Vielleicht finden wir etwas darüber. »Also. »Gut.»Schalimar. schüttelte den Kopf und seufzte. »Es ist ein Land im Leben nach dem Tod. Auf der Home Page stand: ›Global Hindu Electronic Network. Vielleicht bringt es uns weiter. Es könnte möglicherweise ›Schalimar-Fragment‹ heißen. Garibaldi klickte auf ›Hinduismus‹ und dann wieder auf ›alt. November 1999‹. suchen wir nach Schalimar. verehrte Frau Doktor«. RELIGION Eine Liste mit über zweitausend Einträgen erschien. Es gab auch Stichwörter wie: ›Der Gottesbeweis in Cyberspace‹ und ›Der Beichtstuhl‹. Sie erinnerte sich nicht daran. um sich in das richtige Programm einzuwählen. »Ihre Wahl?« Catherine überflog die Liste. Vielleicht gibt es irgendwo eine Kopie dieses Kapitels.Hindu archives‹. »Fangen wir noch einmal an«. von ›Aristoteles‹ bis ›Zoroaster‹. Es waren einfach viel zu viele Verweise.

murmelte Catherine. Sie hatte das Gefühl.« Vor dem Fernseher blieb sie zögernd stehen. »Tut mir leid«.« Es dauerte nicht lange. sagte Garibaldi. »Der Tag war nicht völlig umsonst«. daß man hier im Atlantis Dianuba Technologies Software und auch das schnelle neue Scimitar benutzt. meinte Garibaldi aufmunternd. suchen wir auf Lycos«. denn die Meldung auf dem Bildschirm lautete: empfangen: 3347 Bytes von 149. Havers mit seiner eigenen Software zu schlagen. »Ich hatte wirklich geglaubt. um nicht durch neue Meldungen abgelenkt zu werden. erwiderte sie und ging langsam zu ihrem Arbeitsplatz zurück.« Mit einem schiefen Lächeln fügte er hinzu: »Wissen Sie eigentlich. Noch dazu. »Wir haben immerhin den mysteriösen 352 . »Dazu fehlt mir die Geduld«. das Miles Havers für das Internet hat entwickeln lassen…« »Das wundert mich nicht«. Sie hatten bewußt den ganzen Tag keine Nachrichten gesehen. »Das geht am schnellsten und ist auch sehr umfassend. wenn wir ungestört Online bleiben können. wo uns in diesem Hotel ein hochkarätiges System und eine sehr schnelle Software zur Verfügung stehen.622 Bytes. »Aber es würde mir eine gewisse Befriedigung verschaffen. daß sie die Universität von Freiburg angewählt hatten. »Gut.Die elektronische Adresse verriet. Nach fünf Minuten Suche deutete immer noch nichts auf eine alte Schriftrolle oder auf die Kopie einer solchen hin. würden wir etwas finden. murmelte er und drehte sich um. die Schmerzen in Nacken und Schultern würden nie verschwinden. den Geburtsort eines Astronauten in Florida und ein Hotel in Las Vegas. Ihr fehlten Schlaf und ein normales Leben. und er rief: »Vierhundert Einträge!« Er ließ die Liste abrollen und fand unter ›Schalimar‹: Designer-Mode. Das Laden der Datei würde ein paar Minuten in Anspruch nehmen.

daß sie nur noch über diesen Fall berichten…?« ›Die ägyptische Regierung hat die Polizei in Santa Barbara offiziell aufgefordert. Catherine Alexander in Kürze festnehmen zu können. und griff zur Fernbedienung. Der ägyptische Außenminister will gegen diese Entscheidung bei seinem Amtskollegen im Weißen Haus Protest einlegen. Aber ein Polizeisprecher erklärte. »Der Fall beginnt zu einer Lawine zu werden. Dr. den Philos seinen Patienten verordnet hat!« Das Wunderheilmittel aus Weidenrinde war zweitausend Jahre später als ›Aspirin‹ bekannt. »Du meine Güte. um auf dem laufenden zu bleiben«. die niemand mehr aufhalten kann. Warum machen sie aus mir so eine große Sache? Es gibt doch wichtigere Dinge. daß man damit rechnet. Mit einem Blick auf die Uhr sagte Catherine: »Wir müssen uns wohl doch die Nachrichten ansehen.« Es folgte ein aufgezeichnetes Interview mit einem Theologen. würde sich kein Mensch darum kümmern.›Hekatetrank‹ gefunden. Wenn Sie die Schriftrollen in zwei oder drei Monaten gefunden hätten.« »Ich verstehe das nicht. erwiderte Garibaldi. »Man glaubt. ›Ich halte das Vorgehen dieser Frau für 353 . Sie hätten Informationen über die Zukunft. Die Nachrichtensprecherin sagte gerade: ›… ein Sprecher des FBI erklärte heute. ihr die sichergestellten Photos der Schriftrollen zu übergeben. geschieht denn auf der Welt überhaupt nichts mehr. über die sie berichten könnten!« »Es liegt am neuen Jahrtausend«. die Photos seien Beweismaterial in einem Mordfall und könnten nicht Dritten überlassen werden.‹ Garibaldi griff sich an den Kopf.‹ »Der reinste Zirkus!« sagte Garibaldi.

Kurz gesagt. Wir müssen uns fragen: Was kommt nach dem Tod?‹ ›Warum verzeichnen die traditionellen Kirchen dann nicht einen Zuwachs an Gläubigen?‹ ›Nun ja. Wieso glaubt Catherine Alexander. unsere Sterblichkeit ernstzunehmen. Steve. Cochran. ich spreche für alle von uns. daß wir uns vom Glauben unserer Eltern losgesagt haben. Alexander. schaltete sie auf Radioempfang. Ich denke. ›Dr. der Katholizismus zum Beispiel sei einfach zu alt. Bitte übergeben Sie die Schriftrollen einer wissenschaftlichen Institution oder einer kirchlichen Organisation. Steve. Sie können nicht gewinnen.« Da keines der Fernsehprogramme ihr zusagte.‹« Als Catherine ihn überrascht ansah. daß im ganzen Land das Bewußtsein für spirituelle Fragen wächst?‹ ›Die Zeit der Materialisten geht zu Ende. Dr. Beenden Sie die törichte Flucht. viele meinen.äußerst fragwürdig. nur weil sie alt ist!« »Dieser Mann«. Ich habe es irgendwo einmal gelesen. Aber es ist wirklich komisch. eine Religion abzulehnen. daß sie sich über alle Gesetze hinwegsetzen kann?‹ Ein Professor aus Harvard gab folgende Erklärung ab: ›Ich wende mich persönlich an Sie. fügte er lächelnd hinzu: »Das ist nicht von mir. sagte Catherine und wechselte mit der Fernbedienung den Kanal. weil die Kirchen den Bedürfnissen unserer Zeit nicht mehr gerecht werden. die unter dem Staub der Jahrhunderte begraben liegt. können Sie uns die Gründe dafür nennen. wenn ich sage. Im Klassik-Sender endete gerade eine 354 .‹ Im Studio wurde ein weiterer Experte befragt. aber heute bin ich wie viele meiner Freunde ein Anhänger von New Age. Deshalb sind wir gezwungen.‹ Garibaldi schüttelte den Kopf und murmelte: »›Eine Religion. »hat den Rosenkranz und die Heiligen gegen Kristalle und Engel ausgetauscht. ich war früher Katholik.

daß uns das Neue Testament nicht sagt. könnte sehr befreiend wirken. dann können sie uns vielleicht Aufschluß über die Anfänge des Christentums geben. Was können Sie uns über das PapyrusFragment sagen. ›Nun ja‹. daß der Text von einer Frau stammt und daß diese Frau sich sehr wahrscheinlich an die frühen Christen wendet… das Wort ‹Diakonos› läßt darauf schließen. Wenn diese Schriftrollen von Frühchristen geschrieben wurden. Pearson. Dr. dann hörten sie den Sprecher: ›Wir haben heute Dr. Wir wissen auch. die etablierten Kirchen sollten sich von den Schriftrollen nicht bedroht fühlen. Das. denn sie wollte sich das Gespräch anhören. ›Das 355 . ›Erstens. was uns dieser Text über die Anfänge unserer Kirchen sagen kann. Raymond Pearson bei uns im Studio. denn er ist frei von den Geschichten. ›Möglicherweise nicht‹.Konzertübertragung.‹ ›Wollen Sie damit andeuten. was wir dort erfahren. erwiderte Dr.‹ Pearson erwiderte leise lachend: ›Nun ja. Dr. Pearson. Er ist der Gründer der historisch orientierten JesusGesellschaft. Legenden und Märchen. Pearson. Pearson. die im Laufe der vielen Jahrhunderte mit dem Christentum in Verbindung gebracht worden sind. einige Vertreter der Kirchen haben erklärt. sondern aufmerksam zur Kenntnis nehmen. Pearson?‹ Garibaldi ging zu seinem Schreibtisch zurück und trank einen Schluck Wasser.‹ ›Dr. wie die ursprüngliche christliche Kirche aussah?‹ Catherine setzte sich auf einen Stuhl. Natürlich kommt in dem Text auch das Wort ‹Jesus› vor. die Schriftrollen seien blasphemisch und ketzerisch. die paläographische Untersuchung datiert den Text in das erste oder zweite Jahrhundert unserer Zeitrechnung. antwortete Dr.

und MatthäusEvangelium vorliegen.‹ ›Danke!‹ sagte der Moderator. die Kreuzigung lag zu diesem Zeitpunkt bereits einhundertsiebzig Jahre zurück. und das Johannes-Evangelium um das Jahr 95. Nach wissenschaftlicher Prüfung stellte man fest. daß es sich um einen griechischen Text handelte. stammen aus dem Jahr 200 n.‹ ›Sie sagen. Es ist in der Tat das älteste Textfragment des Neuen Testaments. Außerdem gibt es ein Fragment des Markus-Evangeliums aus dem Jahr 225. 1925 wurde zum Beispiel ein Papyrus-Fragment in der ägyptischen Wüste gefunden und an Archäologen in Kairo verkauft. die uns aus dem Lukas. das Matthäus – und Lukas-Evangelium. Damit stellt sich natürlich die brisante Frage. Sie können jetzt im Studio anrufen. Sie kennen die Nummer. Die ersten Ausschnitte. aber ein Fragment der ersten Kopie. aber er wurde hundert Jahre nach der Kreuzigung geschrieben.‹ ›Herr Doktor. Wir dürfen nicht vergessen. Pearson wird Ihre Fragen beantworten. stammt erst aus dem Jahr 225?‹ ›Richtig.Markus-Evangelium wurde um das Jahr 65 geschrieben. ›Liebe Zuhörer. wie immer Sie auch heißen mögen. Und hier ist bereits die erste. welche Veränderungen die Evangelien in all den vielen Jahren erfahren haben. trotz intensiver Forschungen sind die Originalhandschriften der vier Evangelien nie gefunden worden. Chr. die wir haben. so glaubt man. Sie sind im Laufe der Zeit verlorengegangen. Das heißt. das Markus-Evangelium wurde um das Jahr 65 geschrieben. für 356 . das wir besitzen. um eine Stelle aus dem Johannes-Evangelium. und Dr.‹ ›Wie können wir dann dem Neuen Testament überhaupt vertrauen?‹ ›Wir haben Kopien. etwa zwanzig Jahre später.

den wahren Glauben zu vertreten. Nächster Anruf. der hinter ihr stand. Die Frühchristen stritten darüber. Regeln und so weiter.Ihre Worte werden Sie in der Hölle brennen…‹ ›Danke. Einige Gruppen hielten sich an die Lehren von Petrus. In den ersten hundert Jahren gab es im Römischen Reich eine große Zahl christlicher Sekten mit unterschiedlichen Glaubensvorstellungen. tatsächlich Berichte von Augenzeugen der Mission des Herrn hier auf Erden sind. Pearson.‹ ›Dr. Wenn die Schriftrollen. Petrus zum Beispiel bestand darauf. die damals allgemein verbreitet waren. Gebeten und Vorstellungen von der Persönlichkeit Jesu und seiner Worte.‹ Catherine spürte Garibaldi. Die Evangelien sind die Worte Gottes. andere an die von Paulus. Es zirkulierten viele Evangelien und Briefe. aber sie taten es mit unterschiedlichen Ritualen. ›Das ist in Urkunden dokumentiert. Aber wir kennen nicht die ursprünglichen Worte. was der richtige Glaube sei. Sie entschieden sich für nur vier Evangelien von den vielen. aber er schwieg. es kam nach dem Tod von Jesus zu einem Machtkampf‹ sagte Pearson. das Neue Testament ist nicht das von Gott offenbarte Wort?‹ ›Verstehen Sie mich nicht falsch. und alle behaupteten. beschnitten wurden. Splittergruppen gründeten eigene Kirchen. Erinnern wir uns. wollen Sie behaupten. Die Auseinandersetzungen um den richtigen Glauben dauerten noch zweihundert Jahre an. daß alle Männer. bitte. Die Spannung im Raum stieg merklich. die Dr. was sie das Neue Testament nannten. Erst im vierten Jahrhundert setzte sich das mächtigste ‹Lager› durch. die sich zum christlichen Glauben bekehrten. dann werden 357 . Diese Christen stellten zusammen. Alexander aus Ägypten geschmuggelt hat. ›Wir wissen. Paulus war anderer Meinung. und erklärten alle anderen für ketzerisch.

Wie heißt Ihre Frage?‹ ›Zuerst einmal. als würde die Öffentlichkeit klar und deutlich ihre Meinung kundtun! Liebe Zuhörer. Pearson. Alexander etwas zu sagen. Sie werden für Ihre Frevel büßen! Sie sind eine…‹ ›Leute!‹ rief der Moderator. Dr. wie wir sie heute kennen. wenn in diesen Schriftrollen. Das nächste Gespräch. Herr Professor. und er wird seine tausendjährige Herrschaft auf Erden gründen. um die guten Christen vom Weg der Erlösung abzubringen. Unsere 358 . Meine Frage ist. der auf die Erde gekommen ist. was in ihren Kräften steht. um Dr. wenn sie bei uns anrufen. die Behörden tun alles.‹ ›Ich habe Dr. die sich sehr von der unterscheidet. Und wenn Sie…‹ Catherine murmelte: »Der Antichrist! Er behauptet. Alexander zu finden. ich sei der Antichrist…« ›Danke. das wissen wir. hier ist jemand aus San Francisco.‹ ›Jesus wird kommen. die meisten von Ihnen hören nur das Besetztzeichen. damit wir uns auf den Tag und die Stunde der Wiederkehr des Messias vorbereiten können?‹ ›Ich bin sicher. um ihr die Schriftrollen abzunehmen. warum unternehmen die zuständigen Stellen nichts. ›Das klingt ja.‹ ›Danke. mit denen diese Frau auf der Flucht ist. ich weiß. Alexander ist der Antichrist. der Tag und die Stunde genannt werden. denn das Jüngste Gericht steht uns bevor. bitte. Vielleicht werden wir dann eine Kirche sehen. Sie erzählen eine Menge Lügen. Der nächste Anrufer ist zugeschaltet. Ich weiß. Dr. So.wir durch diese Texte vielleicht zum ersten Mal einen wirklichen Einblick in die Ursprünge des Christentums und seiner Intentionen vor den inneren Kämpfen und Auseinandersetzungen bekommen.

daß einer die Nachricht weiterleitet. selbst wenn Sie sich stellen würden. »Dort muß man angemeldet sein.« »Dann werde ich es über Internet versuchen. »Ich kann sie nicht WELL oder ECHO schicken«. UniCom wäre das 359 . Es könnte für Sie gefährlich werden. Catherine stützte den Kopf in beide Hände. Dann besteht die größte Wahrscheinlichkeit. »Das könnte gehen. daß sowohl Sie als auch die Schriftrollen das ›Böse‹ sind. Aber lassen Sie sich nicht entmutigen. Verstehen Sie. sagte sie.Damen in der Zentrale haben alle Hände voll zu tun. aber wie? Sie können nicht telefonieren. Wie es aussieht. mir gefällt das alles überhaupt nicht. »Warum beschimpfen sie mich? Warum sind alle gegen mich?« »Vermutlich deshalb. wir beantworten so viele Anrufe wie möglich. Man würde Sie sofort aufspüren. wenn man Sie erkennen sollte. Ich werde die Nachricht dort an einem Schwarzen Brett deponieren und darum bitten. Man deutet Ihr Schweigen als ein Eingeständnis von Schuld. wer ist jetzt am Apparat?‹ ›Sagen Sie dem Weib…‹ Garibaldi griff nach der Fernbedienung und schaltete ab. weil Sie schweigen. Besorgt sah er Catherine an. Offenbar sind bereits zu viele Menschen davon überzeugt. Fanatiker werden möglicherweise versuchen. »Alles in Ordnung?« fragte er leise. Das Jahrtausendfieber scheint den Menschen den Verstand zu rauben.« »Dann muß ich allen die Wahrheit sagen! Sie müssen meine Beweggründe kennenlernen!« »Gut. könnte Ihnen nicht einmal die Polizei Schutz bieten. Sie müssen Ihre Nachricht an eine Stelle schicken. sie weiterzuleiten.« Er überlegte und nickte dann. wo viele sie lesen. Ja.« Catherine setzte sich vor den Computer und dachte nach. Sie in ihre Gewalt zu bekommen.

Danno war 360 . die von ihrer Welt und ihrer Zeit abgeschnitten worden sind.« »Sie können die Nachricht keiner Anwendergruppe zuleiten.« »Wie wäre es mit IRC? Im Internet Relay Chat gibt es viele sehr populäre Kanäle. und jemanden beauftragt.« Es muß einen Weg geben. »Das war sein Lieblingsbuch«. daß Sie daran denken würden. erwiderte Catherine. »Es gibt viele tausend IRC-Kanäle!« »Richtig. dachte Catherine und starrte trübsinnig auf Dannos Computertasche. Ausgestoßene…« Plötzlich fiel ihr etwas ein. öffnete sie und holte die vergilbte Ausgabe von Hawksbill Station heraus. dort nach Ihnen Ausschau zu halten.« »Er kann nicht alle Kanäle überwachen«. Noch weniger wird man die Nachricht weiterleiten. besteht kaum die Chance. daß man Ihnen glaubt. Sie griff danach. aber auch dort muß man sich anmelden. »Es handelt von einer Gruppe Männer. denn beinahe jeder hat das. denn durch den Einwahlknoten würden Sie mehr Menschen erreichen. Er suchte einen Maya-Tempel.« »Havers hat vermutlich vorausgesehen. Das gilt auch für Dianuba Network. und sie begann zu tippen. denn sonst läßt sich wie beim Telefonieren der Absender ausfindig machen. daß Sie hier im Hotel sind. murmelte sie. aber in den meisten sind nur drei oder vier Anwender gleichzeitig Online. Sobald Sie Ihre Nachricht senden. Das ist schade. Garibaldi zog sich einen Stuhl heran und setzte sich neben sie. »Was haben Sie vor?« »Ich habe mit Danno einen Sommer lang in Mexiko gearbeitet. ermittelt der Spion die Adresse der Zugangslizenz und weiß.beste. Wenn Sie sich in diese Gespräche einwählen.

das so weit und so schnell wie möglich zu verbreiten.org. ABSOLUTELY NO 361 .us. daß sie die Nachricht verbreiten. anonym in einem BBS hinterlasse. Aber auf die Loyalität der Mitglieder von Dannos Gruppe kann ich setzen. wo es hundert Leute lesen. er benutzte Internet Relay Chat. sagte Catherine. PERSISTENT ABUSERS OF THIS RULE WILL HAVE THEIR HOST BANNED FROM THIS SERVER. wenn Sie den Kanal finden?« »Ich werde ihnen sagen. das sind nicht viele«.« Sie klickte auf das Symbol IRC MANAGER. 1500 unsichtbar auf 127 Servern.« Catherine tippte eilig weiter: ›pasadena.« Auf dem Monitor erschien die Meldung: MOTD: PAKE USER @HOST IS NOT ALLOWED ON THIS SERVER.« Auf dem Monitor erschien die Meldung: ›Ihr Host ist pasadena.ca.us. »doch wenn ich das.undernet.undernet.« »Was wollen Sie mitteilen.‹ »Ich weiß. wer ich bin. »Vor zwei Jahren hatten sie zehn Mitglieder. Ich glaube. »Wie groß ist die Gruppe?« Sie klickte auf das Symbol CONNECT.org‹ und drückte: ENTER. daß ich unschuldig bin. dann habe ich keine Garantie.000 Anwender. und sie bitten. 2. »Wenn ich mich recht erinnere. Server created 7/23/96 um 16:43 PST. BOTS ARE ALLOWED ON THIS SERVER ONLY WITH SERVER OP APPRQ-VAL. was ich sagen will. Ich werde ihnen sagen.regelmäßig morgens und abends eine Stunde im Internet.ca. hieß der Kanal ›Hawksbill‹.

»Kennen Sie die Leute?« fragte Garibaldi. wenn er sich bei 362 .« Aber Catherine erinnerte sich deutlich daran.Zeichen vor dem Namen. daß der Kanal noch da ist«. murmelte Catherine und tippte: ›/list -min 4. daß er oder sie der Kanal-Operator war.CLONE BOTS ALLOWED.‹ Auf der rechten Seite des geteilten Bildschirms begannen Namen und Nummern zu erscheinen: #altair 4 #boyehat 7 #dogs 5 #doomsday 9 #england 12 #friendly 32 #german 6 #hawksbill 4 »Da ist er!« rief Garibaldi. ein Hinweis darauf. oocbert. »Nein. »›Hawksbill‹!« Sie markierte #hawksbill und klickte zweimal. Jean-Luc. die Spitznamen der im Augenblick im Netz befindlichen Teilnehmer angezeigt: BENHUR. wie sie im schwülen heißen Regenwald von Yucatan Danno über die Schulter geblickt hatte. hatte das @. END OP/MOTD COMMAND »Hoffen wir. spaCeman. »Es gibt sie noch!« rief Catherine. Der vierte. Sofort erschien die Meldung: YOU HAVE JOINED HAWKSBILL In einem Kasten wurden die ›handles‹.

wenn Sie im Kanal bleiben. Hasenfuß! Du bist wirklich ein Hase. Es erschien die Meldung: IRC Kein Zutritt HAWKSBILLBOT »O je!« sagte Garibaldi. und ein Piepton war zu hören. Seine Atlantis-Theorie und alle seine Beweise sind zu unbequem gewesen. Jemand wollte ihn endgültig zum Schweigen bringen. *SERVER* HASENFUß! johnjay@machl.der morgendlichen Plauderstunde mit seinen Freunden unterhielt.« Catherine verließ den Kanal und ließ sich in ›SERVER/CONNECTION‹ den Spitznamen von Daniel anzeigen.« Catherine wählte sich wieder in den Kanal. begann ein Symbol links oben am Bildschirm zu blinken. Man wird Sie hinauswerfen.ca [@Jean-Luc] Hallo. ob es Männer oder Frauen 363 . ist Hawksbill am Ende.wlu. beachtete das blinkende Symbol nicht und ließ sich den Dialog anzeigen. Lange nichts von Dir gehört:-)) [Hasenfuß] Habt Ihr die Meldungen in den Zeitungen gelesen? Wenn das alles stimmt. [spaCeman] Ich sage euch. es ist eine Verschwörung. »Versuchen Sie es noch einmal unter diesem Namen. »Sie sagen Ihnen. daß Sie sich nicht einwählen dürfen. [BENHUR] Eine Verschwörung? Quatsch! Da steckt etwas anderes dahinter. Kaum hatte sie sich in den Kanal eingewählt. Sie sind eine Fremde. »Wissen Sie etwas über diese Leute?« fragte Garibaldi und verfolgte kopfschüttelnd den Dialog im nicht lokalisierbaren Cyberspace. »Danno wußte nicht einmal. Über die seltsamen Namen hatte sie sich schon damals gewundert. Er hieß ›Klaatu‹.

Er war schon länger hier als alle anderen. Sie schlug die erste Seite auf und las den Anfang: ›Barrett war der ungekrönte König auf Hawksbill Station. ich weiß. oder das FBI…« Catherine dachte nach. Das ist eine der Regeln auf dem Hawksbill-Kanal.sind. Sehen Sie. über den soviel in den Medien berichtet wurde. das hier ist ein privater Kanal.« Kurz darauf erschien folgender Text: [@Jean-Luc] Klaatu: Sorry. dann können sie auch nicht ahnen. Er war der Gründer… er und noch ein Freund… ich glaube. »Nicht schon wieder ein Paßwort-Problem«. Sie sind alle in der einen oder anderen Form Außenseiter und sprechen prinzipiell nicht über ihr Leben. Du mußt dich verabschieden. denn er hat den Kanal eingerichtet. welchen er für ›seine‹ Gruppe hatte. er hatte am meisten gelitten und er besaß die größten inneren Kraftreserven. ich bin es. löschte ›Klaatu‹ und tippte einen neuen Spitznamen. Zu Garibaldi sagte sie: »Danno hat vermutlich nicht nur einen Kanal benutzt und in jeder Gruppe einen anderen Namen verwendet. Wenn Havers IRC überwachen läßt.« Sie klickte auf ›#hawksbill‹ und tippte: ›Barrett‹ Hallo. sie sprechen eindeutig über Dannos Tod.‹ Catherine klickte auf: ›SERVER/CONNECTION‹. Mitexilanten. zu ihrer Gruppe gehört hat. Aber ich glaube. [spaCeman] Was soll das?!!! 364 . dann griff sie wieder nach dem Roman Hawksbill Station. dieser Jean-Luc.« »Wenn sie die Identität der anderen nicht kennen. Niemand bestritt das. stöhnte Garibaldi.« »Danno ist eine Ausnahme. daß Daniel Stevenson. »Wir haben nicht viel Zeit.

daß Sie wirklich Daniels Freundin sind und nicht ein Schwindler. Catherine Alexander hat mich nicht ermordet.[BENHUR] Barrett ist tot:-( [@Jean-Luc] Verlaß den Kanal! Catherine tippte: ›Ich bin Barrett. Sie waren bereits fünfzehn Minuten im IRC. Aber das muß schnell geschehen. [@Jean-Luc] Tote reden nicht! [DOGbert ] Das finde ich nicht komisch.‹ [@Jean-Luc] Das kann nicht sein! * Hasenfuß ist empört *DOGbert sinkt beim Anblick eines Geistes in Ohnmacht. »Sie müssen die Gruppe überzeugen. und 365 . Du Schwachkopf! «Barrett»Catherine Alexander war meine Freundin. dann tippte sie: ›Im Universum gibt es eine Quelle des Lebens. [spaCeman] Werft den Hochstapler raus! [@Jean-Luc] Du bist gewarnt! [Barrett] Wartet bitte. Sie ist unschuldig. Sie braucht unbedingt eure Hilfe! [@Jean-Luc] BEWEISE!!!!!!! »Die glauben Ihnen nicht!« sagte Garibaldi und blickte unruhig auf die Uhr. Wir trauern… *DOGbert trauert [Barrett]Ich brauche eure Hilfe. Sie war meine beste Freundin. Ich brauche euch! *DOGbert kommt wieder zu Bewußtsein. Dr. Wir haben Barrett verloooooooooren.« Catherine dachte einen Augenblick nach. [spaCeman] Du machst die Sache nur noch schlimmer.

Als keine Antwort kam. wenn ich mit Ja antwortete und das ist falsch.« »Seine Geliebte!« »Ich glaube. Verzweifelt murmelte sie: »Ich bin auf ihre Hilfe angewiesen. »Ich glaube. tippte sie: Barrett bittet euch.« Catherine sah Garibaldi verwirrt an und tippte: 366 .« »Aber warum gerade ›Janet‹?« Er griff nach dem Roman und blätterte darin. Daniel muß Sie erwähnt haben. »Wer ist nun wieder ›Janet‹?« »Keine Ahnung. »Janet war Barretts Geliebte. aber er hat von ›Janet‹ gesprochen. [spaCeman] Wer ist Catherine Alexander? [DOGbert] Warum sollen wir ihr helfen? [BENHUR] Tod allen Hochstaplern! [@Jean-Luc] Bist Du Janet? Catherine zuckte zusammen.« Catherine biß sich auf die Lippen. Daniel hat Sie geliebt. Daniel hatte nie eine Janet erwähnt.« »Hatte Daniel eine Freundin?« »Das hätte er mir gesagt. ist alles verloren. mir zu glauben. das Daniel auf die Innenseite des Laptop geklebt hatte.‹ Sie drückte ›Enter‹ und wartete. Wenn sie mir nicht vertrauen. Was dann?« Garibaldis Blick fiel auf das Photo von Catherine.niemand kann lange ohne diese Quelle leben. Die Gruppe vermeidet doch offensichtlich. Garibaldi runzelte die Stirn. Aber wenn sie mich auf die Probe stellen. »Hier«. die richtigen Namen preiszugeben. sagte er und deutete auf die Stelle.« [@ Jean-Luc] Ich wiederhole: Bist Du Janet? »Sie warten auf eine Antwort.

demon.brad. Janet? [Barrett] Der Grund: Ich besitze etwas. ich soll mich einwählen. Barrett ist doch tot!!!! [spaCeman] Sei still.co. aber dann kamen die Sätze in schneller Folge: [@Jean-Luc] Barrett fehlt uns. [@Jean-Luc] Janet. Auf dem Bildschirm bewegte sich nichts. [Server] Sugar! ~kharvey@scgrad.us *Trilogy schüttelt den Kopf und sagt: unmöglich.uk ist auf diesem Kanal. warum hat man Barrett umgebracht? [spaCeman] Der Mord ist ein Skandal! Was können wir für Dich tun. [DOGbert] Wer hat ihn umgebracht? [Server] Trilogy! Atombak@ix-orl-22. [Sugar] BENHUR hat mich aufgestöbert und meint. Was soll das heißen.vetcom ist da. Wer hat ihn umgebracht? Warum hat die Polizei den Mörder noch nicht gefaßt? [BENHUR] BRB [Server] BENHUR hat sich verabschiedet. und hör zu! [Maynard] Hallo Leute! Hat jemand in letzter Zeit 367 . Barrett ist wieder da? [Barrett] Ein Killer hat ihn umgebracht. bist Du es wirklich??«:-) [DOGbert] Die Station ist nicht mehr das. [Server] Maynard! ~rismith@alice. was sie einmal war. [BENHUR] Janet. seit Barrett nicht mehr da ist.ae. ich bin Janet.[Barrett] Ja.ix.

einen Orgasmus gehabt? [Server] Zipcode!zelinksi@ouray. [Maynard] Unmöglich! [Sugar] möglich [@Jean-Luc] Barrett bist Du noch da? [Maynard] Ich habe es in der Zeitung gelesen. [Server] Carlos!mmongo@dianuba. sag uns. Meldet allen im Net. [Barrett] Catherine Alexander hat mich nicht umgebracht. Er hat sich gewehrt. Sie war Barretts beste Freundin und sie braucht die Hilfe seiner Freunde. daß 368 .Net grüßt die Runde. Eine Frau hat ihn umgebracht.edu [Sugar] Mayn-Man! Willkommen im Bett! [DOGbert] Keine Sexgespräche auf diesem Kanal! [Maynard] Entschuldigung… [@Jean-Luc] He Maynard. [Carlos] Was gibt es? Benhur hat mich aus einer Gruppe rausgeholt. Der Killer ist hinter ihr her und will auch sie umbringen.PolarisTel. Barrett ist wieder da! [Server] Benhur!~George@Sebakal. Sagt ihm.cudenver. Barrett. Sie braucht eure Hilfe. Julius Vossjlvoss@freers.com ist auf diesem Kanal [Trilogy] He. Catherine Alexander ist in Sicherheit und gesund. [Carlos] Barrett war in Ordnung. was wir tun sollen. Carlos. Sie ist unschuldig. die dann aus der Wohnung geflohen ist.org.DialUp. [@Jean-Luc] Es ist Barrett… [Sugar] Exilanten halten zusammen. [Barrett] Benachrichtigt Dr.

Catherine massierte sich den Nacken und überlegte. Aber ich werde einen anderen Namen benutzen. Es ist ein Ort. daß einer von ihnen Astrophysiker ist. möglicherweise auch ein Anagramm. Vielleicht findet er oder sie heraus.Dr. ein Ort. vielleicht ist das eine Falle!« rief Garibaldi. kommt Havers Ihnen möglicherweise auf die Spur. Ich glaube. o. was sie antworten sollte. ob ›Tymbos‹ ein Code ist und was sich dahinter verbirgt. mich zu erinnern. SAGT KEINEM ETWAS VON TYMBOS. »Wenn die Gruppe das Wort ›Tymbos‹ im Internet verbreitet. daß diese Leute sehr geschickt sind. Sie wird verfolgt. Alexander UNSCHULDIG ist. Sagt der Polizei. um zu sehen. wer Barrett umgebracht hat. sie weiß NICHT.« »Ich weiß von Danno. »War das klug?« fragte Garibaldi. [Trilogy] Ist sie die Kleine mit den Schriftrollen? »Vorsicht. [Barrett]Eine Person. Ich melde mich wieder. und sie muß beschützt werden. ob ihr Tymbos gefunden habt. Sie muß Tymbos finden.« [Sugar] Barrett: Was ist tymbos? [Trilogy] s. eine Person oder ein Anagramm. Sein Mörder verfolgt Janet. Alexander. [(©Jean-Luc] Ein Anagramm? Was zum Beispiel? [Barrett]Ist jemand von euch katholisch? 369 . weil der Bösewicht mich überwacht. Dann tippte sie: [Barrett] Helft Dr.

[Sugar] Barrett/Janet. Alexander arbeitet an etwas. Helft mir. Ihr Leben ist in Gefahr. Menschheit gehört. Sie ist eine von uns. Alexander die Schriftrollen? [@Jean-Luc] Sagen sie den Weltuntergang voraus. bevor sie noch einmal morden. Bitte sorgt für die Verbreitung dieser Botschaft im Namen der Quelle des Lebens im Universum. Dann: [Carlos] Johannes 3:16 »›Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt. der an ihn glaubt. 370 . Sie wird verfolgt. Catherine blickte gespannt auf den Bildschirm.Eine Weile bleibt der Bildschirm leer. Die Jagd muß aufhören. Aber ihre Worte blieben dort stehen. das der ganzen. zitierte Garibaldi. wie alle behaupten? [Carlos] die Wiederkehr von Jesus? [Barrett] Dr.« Der Dialog schien zu Ende. ob sie Ihnen trauen sollen. Wenn sie ihr Werk getan hat. glaube aber griechisch. »Sie schweigen«. flüsterte sie. sondern das ewige Leben hat‹«. Catherine tippte: ›ichthus‹ [Carlos] Iesous Christos. ist ›Tymbos‹ griechisch oder lateinisch? [Barrett] Weiß nicht. hat Dr. auch im Internet. daß er seinen einzigen Sohn hingab. Die Killer müssen gefunden werden. »Vielleicht verständigen sie sich untereinander. wird sie es der Welt zum Geschenk machen. um sich klar darüber zu werden. nicht zugrunde geht. damit jeder. Auf dem Monitor erschien nichts Neues. theou uios soter [Sugar] Barrett. denn Tymbos kann mich vielleicht zur siebten Schriftrolle führen.

vergiftet zu werden. stellte ich fest. Satvinder war auch die weißgekleidete geheimnisvolle Frau auf dem Marktplatz. seine Schminke. Als der König sie eines Tages aufsuchte und sich mit ihr vereinte. Sie erzählte mir. sein Parfüm.« »Einen Moment noch«. drang das Gift. sagte Catherine. sonst wird man mich vielleicht entdecken. in sein Blut. seinen Turban. seine Girlanden.»Das gefällt mir nicht«.« »Ich weiß nicht recht. daß Satvinder die älteste Tochter des Königs war. wir können ihnen trauen. das sich in ihren Körpersäften befand. und er starb.« Nach kurzem Zögern tippte Catherine ihre letzten Sätze: [Barrett] Ich kann mich auf diesem Kanal nicht mehr melden. daß der vorige König befürchtete. seinen Wein. Das nächste Mal begegneten wir uns unter anderen Vorzeichen. »Ich bin sicher. Satvinder hat mir diese Geschichte erzählt. sagte Garibaldi. Beobachtet IRC. »Verlassen Sie den Kanal. Deshalb ließ er jeden Tag alles untersuchen – seine Speisen. Als Philos und ich Cornelius Severus zu einem Festmahl in den Palast begleiteten. daß es in Indien den Frauen verboten ist. Ich werde einen Kanal schaffen. Aber ich werde euch in ein paar Tagen anwählen. Aber bei der Liebe war er nicht so vorsichtig. Eine Konkubine gewöhnte sich langsam an ein tödliches Gift. seine Gewänder. 371 . *Bitte glaubt mir* Haltet die Augen offen… Dann trennte sie die Verbindung: FILE »EXIT DIALER« BYE NO CARRIER Es wird erzählt.

Sie sagte. sie wollte es auch anwenden. Wenn sie nicht helfen. mir zu erklären. Erhalten und Zerstören.Sanskrit zu lernen. Medikamente. Als ich Satvinder bat. Satvinder gab sich mit dem Wissen allein nicht zufrieden. Von ihr lernte ich. und er erlaubte ihr. Sie ist die höchste Gottheit. das heißt ›Wissen des Lebens‹. die er uns am Salzmeer verkündet hatte. dann operiert man. daß am Indus die medizinische Behandlung auf vier Säulen ruht: Arzt. Als ich wissen wollte. Patient. als sei sie ein Mann. wer Shakti sei. Aber Satvinder besaß einen starken Willen. Pflege. auf das wieder das Erschaffen folgt. Ihr Name bedeutet kosmische Kraft. er müsse wissen. benutzt man Medikamente. daß seine Tochter sich nicht an die ungerechten Gesetze der Männer hielt.‹ Ich erzählte vom Gerechten und von seiner Botschaft. eine der Wissenschaften zu studieren oder die Heilkünste auszuüben. und wenn das nicht hilft. Aber als ich den König kennenlernte. Satvinder war eine Anhängerin der Göttin Shakti. Zerstören und Wiedererschaffen 372 . Satvinder praktizierte Ayurveda. was mit dem Kreislauf von Erschaffen. Eine Krankheit wird immer auf dreierlei Weise behandelt. daß sie ihre Heilkünste in der Stadt zum Nutzen der Kranken verkleidet praktizierte. Satvinder sprach von ihrem Glauben. die erschafft. zu dem das Wissen um das zyklische Weltdrama von Erschaffen. in der Verborgenheit des Palastes zu studieren und zu lernen. Sie war die Lieblingstochter ihres Vaters. Zuerst werden Zaubersprüche gesprochen. gehört. dachte ich. die im Lotus des Herzens sitzt. ihrem Vater sei nicht bekannt. Als ich sie fragte: ›Wer hin ich?‹ sagte sie: ›Du bist das Eine und das Viele!‹ Als ich fragte: ›Und Gott?‹ gab sie dieselbe Antwort. antwortete sie: ›Sie ist die Mutter.

Sie waren viele Monate unterwegs. wo ich ihn als Kind predigen hörte? Der Kummer. denn ich glaubte noch immer. Ich erinnerte mich an den Prediger in Antiochia. An meinem zwanzigsten Geburtstag trafen zwei Briefe ein. Ich hatte von Philos noch kein Kind. was ich tun sollte. nicht in das ewige Königreich gelangen würde. weil die Botschaft des Gerechten nicht in ihr Herz drang. daß Satvinder. sah ich wenig von Philos. der gesagt hatte: ›Der Gerechte hat uns verheißen. Auch sie sahen ihre Männer nicht. sagte sie. daß wir alle viele Male geboren werden und sterben. Sie reisten in den Osten bis zum Ganges und in den Süden bis zu den Tamilen. damit sie das Licht sahen. denn er begleitete Cornelius Severus. Ich war traurig. aber sie hatten Kinder zu versorgen. Ich fand Freundinnen unter Satvinders Gefolge und auch bei den Frauen der römischen Offiziere. wenn Philos mit Cornelius Severus zurückkommen würde. Wir waren fast alle gleichaltrig und blieben zusammen. aber unwissende Anhängerin der Göttin Shakti. Etwas in ihren Worten kam mir bekannt vor.gemeint sei. der auf meiner Seele lastete. noch mehr sehnte ich mich nach Liebe. daß der Weg der wahre Glaube sei. Der eine war an Cornelius Severus gerichtet und 373 . Während wir am Indus waren. blieb. daß wir als Mensch mit Fleisch und Blut ins Leben zurückkehren? Hatte der Gerechte in Indien gelehrt. Aber ich wollte nicht nur ein Kind. aber die Frauen der anderen Offiziere begleiteten ihre Männer. diese fromme. daß wir wiedergeboren werden…‹ Meinte er damit dasselbe wie Satvinder? Meinte er. bevor er in die Wüste von Judäa ging. Die Gemahlin von Cornelius Severus war mit den Kindern in Rom geblieben. Die Frauen gaben mir viele Ratschläge. und daß man den Menschen die Augen öffnen müsse.

daß meine Mutter in das Königreich des Gerechten eingegangen war. der gesagt hat: Ich bin die Stimme in allen. des Meeres und jeder Quelle. Die Macht Gottes rettet alle im Glauben. denn ich hatte meine Mutter zwei lange Jahre nicht gesehen und gehofft.‹ 374 . daß mir mit der traurigen Nachricht vom Tod meiner Mutter neue Worte des Gerechten von denen überbracht wurden. daß meine Mutter gestorben war. Die Mitglieder der Gemeinde fertigten Kopien dieses Briefes an und schickten sie an andere Orte. Wer durstig ist. Findet das Leben durch den Glauben. Es tröstete mich. Ich bin der Erste und der Letzte. Die Nachricht machte mich traurig. Zusammen mit dem Schreiben meiner Großmutter bekam ich ein bemerkenswertes Geschenk. und ich wußte. wo Gläubige sich wie bei uns in Antiochia versammelten. es ist ein Geschenk für alle. Es war der Brief einer Frau aus Rom. vor der nächsten großen Reise einen Besuch in Antiochia machen zu können. Auf diese Weise bekehrten sich viele zu unserem Glauben. Meine Großmutter teilte mir mit. der Tod des Gerechten ist nur eine Täuschung. Ich bin der Gedanke. Und dies sind die Worte von Maria in dem Brief: ›Eure Schwester grüßt die Gemeinschaft in Antiochia mit dem Friedenskuß. der Verehrte und der Verachtete.enthielt Befehle. Vergeßt nicht die Worte Salomos. Mein Glaube wurde gefestigt. Der zweite war für mich und kam von zu Hause. Wer da glaubt. den Indus zu verlassen und weiterzureisen. der gesagt hat. den sie an die Gemeinde in Antiochia gerichtet hatte. der soll kommen und das Wasser des Lebens trinken. die ihn gekannt hatten. Gesegnet sind die Worte des Gerechten. die es begehren. Ich bewege jedes Wesen. Und ich bin auf alle Zeiten bei euch. Verehrt den Schöpfer der Erde und des Himmels. der wird das ewige Leben haben.

das Herz aus Stein. worauf sich der Glaube gründet. daß Satvinder die Worte Marias lesen und das Licht sehen werde. daß ich mich in Philos verlieben würde und er sich in mich. die folgenden Worte Marias nahm ich mir am meisten zu Herzen: ›Der Weg ist Frieden und Vergeben. das. Beim Abschied betete ich. So finden wir eine Gnade. folgt dem Weg der Liebe. Ohne Liebe kann der Glaube keine Berge versetzen. wird den Tod überwinden.Liebe Perpetua. Ich reiste mit einem stillen Gebet im Herzen ab. 375 . Deshalb. Sie schenkte mir ein Zaubermittel. Wir umarmten uns als Schwestern auch wenn wir aus unterschiedlichen Welten kamen und einen unterschiedlichen Glauben hatten. Das bedrückte Herz. Wir verließen den Indus vor den jährlichen Regenfällen. Brüder und Schwestern. das sich der Liebe öffnet. das falsche Herz – sie alle werden den Tod finden.‹ Ich schrieb den Brief ab und gab die Abschrift Satvinder. wie sie sagte. Denn die Liebe ist das. In dieser Gnade werden wir nicht vergehen und niemals sterben. damit auch sie das ewige Leben fand. Das Herz. Ich hoffte. meinen Leib fruchtbar machen werde. die uns Erfüllung schenkt.

DER NEUNTE TAG 376 .

Dann sah sie. Es ist ständig besetzt. die in Sabinas Geschichte vertieft war. zuckte zusammen. »Ja. Catherine. denn sie 377 . von denen viele nicht übersetzt oder katalogisiert sind. wen er zu erreichen versucht hatte: ›http://christusrex/archivo. »Alle Welt will dasselbe wie ich«. Als Catherine sah. wie sich das schwarze Priesterhemd über den Muskeln seines Oberkörpers spannte. Nevada »Nicht schon wieder!« rief Garibaldi und schlug mit der Faust auf den Schreibtisch. Ihr Nacken und die Schultern schmerzten. Ich dachte.Mittwoch.vaticano. »Was ist los?« fragte sie und reckte sich gähnend. Dezember 1999 Las Vegas. dann stand sie mit steifen Gliedern auf. drehte sie sich schnell um. Sie hatte stundenlang über die Schriftrollen gebeugt gelesen und übersetzt.html. 22. Aber ich habe kein Glück. dort liegen Tausende von Manuskripten und Dokumenten. Der Tag war wie im Flug vergangen. Catherine setzte sich neben ihn und las auf dem Bildschirm die Meldung: ZUR ZEIT KEINE VERBINDUNG MÖGLICH.‹ »Die Vatikanbibliothek?« fragte sie. erwiderte Garibaldi gereizt und wies ungeduldig auf den Monitor. Überrascht stellte sie fest.« Er lehnte sich auf dem Stuhl zurück. daß sich der Himmel vor dem Fenster bereits orange färbte. das sei eine gute Adresse für ein so ausgefallenes Thema. hob die Arme und ließ den Kopf nach hinten sinken.

daß die Leute von Hawksbill ihn erreicht hatten. die den Fall auf ihre Weise aufgegriffen hatten. Im Web waren sie sicher. erinnerte sie sich noch sehr gut. sich in die Nachrichtendienste oder IRC-Kanäle einzuwählen. Aber Catherine und Garibaldi wagten es nicht. sie zu verstehen. Garibaldi betrachtete Catherine aufmerksam. wenn er sie unterstützte. wird dir das nicht helfen. »Warum machen Sie so ein besorgtes Gesicht?« fragte er schließlich. daß Dannos Freunde mir helfen. in seiner Meinung bestärkt. die wie flüssiges Gold durch das Fenster fielen und dem Teppichboden einen schimmernden Glanz verliehen. Sie wollte ihm klarmachen. daß sie jetzt nicht aufgeben durfte. die er an jenem verregneten Nachmittag vor fünf Tagen in Malibu zu ihr gesagt hatte. weil sie fürchteten. Schließlich war sie genau in die Schwierigkeiten geraten. Das ewige Leben. Catherine hoffte jedoch. Könnte ich doch nur über das Internet herausfinden. wie sehr sie ihn vermißte. Wenn ja.fand es unverfänglicher. vor denen er sie gewarnt hatte. sondern die Schriftrollen übersetzen mußte. Was macht er gerade? Was fühlt er? Was denkt er? »Wenn ich bei dieser verrückten Sache mitmache. Vermutlich fühlte er sich angesichts der Medien. ob meine Bitte dazu geführt hat. Havers konnte unmöglich die vielen tausend Teilnehmer in aller Welt überwachen. weil es anonym war – zumindest hofften sie es. von dem Sabina spricht: Was bedeutet es Ihrer Meinung nach? Glauben Sie. half ihm ihre Nachricht vielleicht. daß Sabina oder Philos möglicherweise das 378 . Catherine. »Ich habe nachgedacht. die letzten Sonnenstrahlen zu bewundern. Havers könnte durch seine Wachhunde ihre IP-Adresse bis zum Hotel Atlantis zurückverfolgen.« An diese Worte. er werde ihr eher schaden. Sie wollte an Julius denken und daran.

sondern ein Buch über Metaphysik.« Doch Catherine überging seinen Einwand. aber nicht ganz. »In den 379 . wer etwas davon erfährt. das zu glauben.Mittel für ein unvorstellbar langes Leben gefunden haben?« »Ich glaube. Wie lange hatte er nach der Niederschrift seiner Erinnerungen noch gelebt? Und wenn er noch immer am Leben ist? Sie rieb sich den schmerzenden Nacken. »Dann würde eine Welt entstehen. denn alle werden die Formel für ein ewiges Leben haben wollen. denn sie beschäftigte sich in Gedanken bereits wieder mit Ihn Hassan. aber nicht ganz. daß er ewig leben werde. »Wie können Sie so etwas sagen?« Er deutete auf den Bildschirm. »falls diese Schriftrollen nun kein religiöses Dokument sind. Bei ihrer Botschaft handelt es sich um die Worte von Jesus. Was für ein verrückter Gedanke… »Ich komme mir vor wie ein Tier im Käfig«. der behauptet hatte. murmelte sie schließlich frustriert.« Catherine blickte auf den Text. ob sie möglicherweise die geheime Formel für die Verlängerung des Erdenlebens entdeckt hatten.« Catherine dachte an den hundertneunundzwanzigjährigen Ihn Hassan. Sabina war über achtzig und schien sich keine Sorgen über das Sterben gemacht zu haben. sagte sie. Garibaldi sah sie an und lächelte. »was sie sagt. was Daniel über die Essener gesagt hatte.« Er zog die Augenbrauen hoch. in der niemand stirbt? Es fällt mir schwer. über Alchimie?« »Was dann?« »Dann müssen wir uns sehr genau überlegen. murmelte sie. »Ich weiß nicht«. sie spricht vom ewigen Leben nach dem Tod. klingt christlich. Catherine erinnerte sich daran. »Vater Garibaldi«.

daß noch eine Kopie des Briefes existierte? Sabina berichtete. und Sabina selbst hatte ebenfalls eine gemacht. die Gemeinde in Antiochia habe Abschriften angefertigt. Sind Sie mit dabei?« Er tippte bereits. den er anwählte. Gab es vielleicht irgendwo auf der Welt einen Maria MagdalenaBrief? Wie würde die Kirche reagieren. Ich habe vor kurzem der Duke University einen Besuch abgestattet und bin von dort nach Beijing gesaust. daß der Teilnehmer. Es handelte sich allerdings nicht um eine Hypertext-Verbindung. zurück zum Oriental Institute in Chicago. Da kann man wohl kaum von einem ›Käfig‹ sprechen.« Catherines Blick fiel auf den Notizblock neben dem Computer. und sie sah. Wäre es nicht denkbar. daß Garibaldi seine Suchbegriffe um ›Maria-Brief‹ erweitert hatte.stutt. doch Catherine fiel auf. diese Maria habe den Gerechten gekannt. nicht @uni.« Catherine beugte sich vor und fragte stirnrunzelnd: 380 . »Wohin wollen Sie diesmal?« »Beim Suchen in San Francisco habe ich einen Hinweis auf ein Verzeichnis privater Antiquitätensammlungen entdeckt. hieß. »Da ist sie! Die Liste der Privatsammlungen. und solange der Vatikan besetzt ist. Deshalb versuche ich. Sie überlegte: Was wäre. wenn sie davon erfuhr? »He!« sagte Michael. wenn sich herausstellen sollte. dem Hinweis auf einem anderen Weg nachzugehen. werde ich mich in der Universität Stuttgart umsehen.edu. doch Sabina sagte.letzten Tagen sind wir auf diesen unsichtbaren Datenautobahnen viele tausend Meilen gereist. daß es sich bei der Maria im Text um Maria Magdalena handelt? Maria war damals zwar ein sehr verbreiteter Name gewesen.

Catherine rief: »Halt. Sie lasen die Angaben – Alter. ›Artefakte‹. klick. Soweit ich weiß. »Den Namen habe ich auch schon einmal gehört. sagte Michael und rollte im Text nach unten. er ist ein reicher japanischer Sammler. ›Texte‹. und Catherine überflog sie schnell. ›Altertum‹. Michael durchsuchte die Liste.com.san. Wir wollen uns einmal ansehen. die aus unerfindlichen Gründen das Photo eines häßlichen kleinen Hundes zeigte. was er besitzt. der Nudel hieß. gibt es dort nur vier ägyptische Begräbnis-Papyri. Es muß sich um kleine Sammlungen handeln. und Fred’s Seite erschien. »Sehen Sie«. klick. Gewicht.« Garibaldi ließ die Liste langsam weiter abrollen. »Eigenartig.matsumoto.« 381 . Ich glaube. privat‹ entdeckt.html CHECK LOCATION AND TRY AGAIN Catherine zog die Stirn in Falten. Öffnen Sie die Datei. Geburtsdatum. »Von manchen habe ich noch nie etwas gehört! Sehen Sie. Michael klickte den Begriff an. Eine neue Liste erschien. »Er bietet den Zugriff auf private Sammlungen!« sagte Catherine und blickte verblüfft auf das Photo eines jungen Mannes. und plötzlich erschien eine Web-Seite. Beim Stichwort: ›Historisch‹ klickte er.« !!!THIS LOCATION [URL] IS NOT RECOGNIZED: aki.»Fred’s Seite?« Michael klickte die farbig unterlegte HypertextVerbindung an. warten Sie!« Sie hatte den Eintrag: ›Aki Matsumoto. Zeitpunkt. der mit bewußt dümmlichem Gesichtausdruck einen aufgeblasenen Gummisaurier umarmte. an dem Nudel den ersten Haarball ausgespuckt hatte – und erreichten schließlich: Besitzer des Hundes. klick. hier ist das Freers Institut aufgeführt.

Er wollte gerade klicken. danach auf ›Netsearch‹ und gab die elektronische Anschrift des Las Vegas Herald ein. Catherine überflog ihn. die auf dem Schreibtisch lag. zu dem das 382 . Ich habe ein ungutes Gefühl.« Er rollte den Trackball. Als die Verbindung hergestellt war. und das Zimmer lag im Dämmerlicht. Das Sonnenlicht verblaßte. tippte Aki Matsumoto und drückte die Eingabetaste. den jemand unter allen Umständen haben wollte. klickte er auf ›Suchbegriff‹. »Er ist tot!« »Selbstmord…« »Sehen Sie sich das Datum an!« Er blickte ungläubig auf den Text. und suchte die EAdresse. Er klickte auf das ›Go‹-Symbol. Ist das nicht ein zeremonieller Selbstmord. »Aki Matsumoto hat gestern morgen Selbstmord begangen!« »Das muß ein Zufall sein!« »Es sei denn.« »Aber weshalb sollte er dann Selbstmord begehen?« Garibaldi brach die Verbindung ab. Einen Augenblick lang saßen sie schweigend da und nahmen kaum das gedämpfte Klappern eines Servierwagens wahr. Matsumoto war im Besitz eines Papyrus.»Moment mal!« sagte Michael. »Matsumoto… Den Namen habe ich irgendwo gelesen. als Catherine ihm die Hand auf den Arm legte. In dem Artikel über Matsumoto heißt es. er hat Seppuku begangen. Einen Augenblick später erschien ein Zeitungsartikel auf dem Bildschirm. bis der Cursor auf ›Langford‹ wies. Meine Intuition warnt mich. Garibaldi blickte fragend auf Catherine: »Und jetzt?« »Sehen wir uns noch einmal Fred’s Seite an. der im Flur vorbeigeschoben wurde.« Er griff nach der Zeitung. »Warten Sie.

Mineralwasser. die Havers unbedingt haben und die Matsumoto aber nicht verkaufen wollte? Wenn also…« »Erpressung?« »Ich weiß nicht. aber sie war nicht hungrig. »Brechen Sie bitte ab. Catherine blickte gedankenverloren auf die Reste ihres Mittagessens. Sie können sich unter die Leute wagen. was die Sammlung Langford enthält?« Sie starrte auf die leuchtenden Buchstaben. Sie hatten vor vielen Stunden das letzte Mal etwas gegessen. Warum?« »Wenn er eine Schriftrolle besessen hat.« »Ich weiß nicht recht«. erwiderte er und lachte leise. Ich muß hierbleiben.« »Irgend etwas stimmt nicht. Vielleicht geht meine Phantasie mit mir durch. Hier sind wir sicher. Ich habe diese Schwäche 383 . Sie hörte. Brechen wir ab.« »Wir sollten die Verbindung so lange wie möglich halten. und sagte: »Warum gehen Sie nicht spazieren? Sie haben den ganzen Tag am Computer gesessen.« »Wieso?« »Ich bin ein geborener Spieler. aber mir gefällt das alles nicht. ja. weil die Ehre der Familie verletzt wurde?« »Ich glaube. wie Garibaldi seufzte. »Für mich ist Las Vegas ein gefährlicher Ort.« »Wollen Sie nicht wenigstens sehen.Familienoberhaupt verpflichtet ist.« Die Anzeige auf dem Bildschirm verschwand. Clubsandwich. das der Zimmerservice gebracht hatte – Spinatsalat. die in der kalten Wüste für eine Raumtemperatur von 23 Grad sorgte. Sie saßen im Dunkeln und lauschten auf das leise Flüstern der Klimaanlage.

die sich um den See drängte und 384 . immer noch die glatte Haut und die Muskeln seines Unterarms zu spüren. auf alle möglichen Dinge. Catherine glaubte. sogar darauf. Während Catherine das apokalyptische Ereignis beobachtete nahm sie auch die Menschenmenge wahr. Und zweimal täglich. Bei Tag war das Spektakel weniger dramatisch als abends. die auf seinem Arm lag.« Aber bevor er weitersprechen konnte. Wieder einmal. die Tempel und die Götter. »Catherine«. »Was zum…?« rief Garibaldi und sprang auf. und keines stürzte ein. spürten sie plötzlich. sagte er schnell.nie völlig überwinden können. versank Atlantis – die Insel. der das Hotel umgab. Andere Gebäude schienen nicht zu schwanken. Sie sahen sich an. wie die Sessel vibrierten. Als ich jung war. Nußbaum von der Bäckerei an einem bestimmten Tag haben würde!« Er blickte auf Catherines Hand. Catherine zog sie zurück. »Ein Erdbeben!« Sie rannten zum Fenster und blickten hinaus. welche Farbe das Kleid von Mrs. Das Beben wurde stärker. war das untergegangene Atlantis mit Tempeln. und nun hörten sie auch ein leises drohendes Grollen. Zunächst sahen sie nur die strahlenden Lichter von Las Vegas vor dem dunklen Himmel. Säulen und riesigen Götterstatuen nach den Vorstellungen eines Architekten wieder erstanden. wenn die Tempel von Fackeln beleuchtet wurden und aus scheinbar vulkanischen Erdspalten die Flammen schlugen. Plötzlich wußten sie. was es war: Atlantis versank. Es gab sogar Geräuscheffekte – herabfallende Steine. als hätte sie sich verbrannt. Dann schien das Zimmer zu schwanken. schreiende Menschen. »ich muß Ihnen etwas sagen. pünktlich auf die Minute. habe ich bei jeder Gelegenheit gewettet… auf Pferde. Auf einer der Inseln in dem 20 Hektar großen See.

als sei sie aus Granit. geschehen würde. was in der Nacht des 31. Räderwerken. Dezember. daß es sich um eine Illusion handelte. wie man sie von Disneyland und anderen Freizeitparks kannte – mit versteckten Mechanismen. der das Ganze steuerte. Es ist nichts Wirkliches. bevor uns echte Gewalt und Zerstörung völlig gleichgültig ist?« Sie drehte dem Fenster den Rücken zu. war untergegangen. Dann sagte Catherine: »Wie kann man aus einer solchen Katastrophe Unterhaltung machen? Haben Sie die Zuschauer da unten gehört? Über das Schauspiel einer gewaltigen Zerstörung. und ihr Mund wurde trocken.die Katastrophe bestaunte. haben diese Leute gejohlt und gelacht!« »Es ist doch nur eine Show. die aussah. als wollten sie die Sterne verschlingen. eine Säule. stillen Wasser des Sees blieb keine Spur von den Werken der Menschen zurück. Ihr Verstand sagte ihr zwar. also in acht Tagen. daß es sich um Illusionen handelt.« »Und gegen eine Show darf man nichts einwenden? Wie oft müssen wir solche Dinge in dem Bewußtsein sehen. Meterhohe Flutwellen türmten sich auf und begruben Atlantis unter sich. bis auch sie ins Wasser stürzte und wie ein Baumstamm rollte. ich nehme ein heißes Bad. und im glatten. schwankte. Catherine und Michael schwiegen. Flammen loderten in den Himmel. eine ganze Zivilisation. Plötzlich war alles verschwunden: Atlantis. Doch der Realismus der Schau ängstigte sie plötzlich. als sei das ein Vorgeschmack dessen. »Ich glaube. Die riesige Statue einer Göttin auf dem höchsten Punkt der Insel schwankte und drehte sich um die eigene Achse. Ihr Herz schlug schneller. bevor auch sie versank. barst und stürzte unter lautem Getöse zusammen. Winden und einem Computer. um meinen steifen Hals und die Schultern zu 385 . die sehr realistisch mit den Schreien von Menschen in Todesangst unterlegt war.

Aber es gelang nicht richtig. Sie versuchte. Dann versuchte sie. 386 . ihre Gefühle zu erforschen und die seltsame Angst zu identifizieren. Sie wollte sich an den Duft des Rasierwassers erinnern. die sich wie eine eiserne Klammer um ihr Herz legte. wie die Insel langsam aus dem Wasser auftauchte und für den nächsten Untergang vorbereitet wurde. ob er darauf etwas erwidern solle. die siebte Schriftrolle vielleicht nicht rechtzeitig zu finden. Es hatte etwas mit Garibaldi zu tun. das Julius benutzte. dem ausrasierten Haaransatz im Nacken und den vereinzelten grauen Haaren an den Schläfen. in allen Einzelheiten. bis hin zu dem kleinen schwarzen Leberfleck hinter dem rechten Ohr. Sie hatte nun fünf Tage und fünf Nächte. daß sie diesen Duft einmal erregend gefunden hatte. wie sich in ihr etwas Unbekanntes und Unwillkommenes ausbreitete. Sie fühlte. den traditionellen und maskulinen ›Männerduft‹. Bei sechs Swimmingpools müßte ich eigentlich ein paar Bahnen schwimmen können. Sie sah ihn ganz deutlich. die ihr drohten.lockern. sich Julius vorzustellen – die sanften schwarzen Augen. Aber sein Bild stand ihr nicht so klar vor Augen wie das von Garibaldi. das sie mehr erschreckte als alle Gefahren. die scharf geschnittenen semitischen Gesichtszüge. Aber dann sagte er nur: »Ich werde feststellen.« Er sah sie an. also über hundert Stunden ohne Unterbrechung in seiner Gesellschaft verbracht. als überlege er. War das gleichbedeutend mit fünf Wochen. was das Fitneß-Zentrum des Hotels zu bieten hat.« Er verschwand in seinem Zimmer und schloß die Tür hinter sich. Sie schloß die Augen und sah ihn vor sich. Es war nicht nur die Angst vor Havers oder die Angst. ihr fiel nur ein. Catherine blickte wieder aus dem Fenster und sah zu. Garibaldi benutzte Old Spice.

vielleicht sogar mit fünf Monaten in einer normalen Beziehung? Catherine staunte darüber, wie sehr sich ihr sein Äußeres eingeprägt hatte. Doch sie wußte immer noch kaum etwas über ihn – weder über seine Herkunft noch darüber, warum er Priester geworden war. In zwei Tagen war Weihnachten. Würde er nach Hause fahren wollen? Mußten Priester an Weihnachten nicht die Messe lesen? Sie hatte zwar anfangs versucht, Garibaldi loszuwerden, doch jetzt beunruhigte sie der Gedanke, möglicherweise ohne ihn weitermachen zu müssen. Sie hörte, wie er aus seinem Schlafzimmer kam, und sah sein Spiegelbild in der Fensterscheibe. Er blieb mitten im Zimmer stehen. In der einen Hand hielt er seine schwarze Tasche und in der anderen etwas, das sie nicht erkennen konnte. Obwohl er inzwischen nur noch das schwarze Hemd mit dem Priesterkragen trug, fiel es ihr immer schwerer, in ihm einen Priester zu sehen. »Vater Garibaldi«, sagte sie, ohne sich umzudrehen, »glauben Sie, die Hawksbill-Leute haben meine Nachricht weitergegeben?« »Wollen Sie den Computer starten, um es festzustellen?« Sie drehte sich um und sah ihn an. »Nein, ich möchte mich noch nicht bei Hawksbill melden. Wenn Havers herausgefunden hat, daß ich Kontakt zu diesen Leuten aufgenommen habe, und mich auf diesem Kanal erwartet, dann werde ich zum letzten Mal dort auftauchen können, und wir beide müssen weiter. Ich lasse ihnen ein paar Tage Zeit, bevor ich mich erkundige.« »Wer weiß«, sagte Garibaldi und lächelte, »vielleicht ist Jean-Luc der Chefarchivar der Kongreßbibliothek.« Catherine lachte. Ihre Blicke trafen sich über das Zimmer hinweg. Sie schwiegen beide. Er stand schon an der Tür zum Flur, als Catherine sagte:
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»Vater Garibaldi, in zwei Tagen ist Weihnachten. Wollen Sie nicht nach Hause fahren?« Erschrocken stellte sie fest, daß sich sein Gesicht verfinsterte und sich die Muskeln an seinem Hals spannten. Ihr fiel ein, daß er im Begriff gewesen war, ihr etwas zu sagen, als das ›Erdbeben‹ eingesetzt hatte. Er schüttelte stumm den Kopf, drehte sich abrupt um und ging hinaus. Während sich die Tür hinter ihm schloß, sah Catherine flüchtig, was er in der anderen Hand trug. Die philippinischen Kampfstöcke.

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Las Vegas, Nevada
»Ich bin dafür, daß wir es bei den billigeren Hotels versuchen«, sagte Raphael und spießte mit der Gabel ein paar Fettucini auf. »Bis jetzt haben sie immer billige Unterkünfte gehabt.« Er lachte mit vollem Mund. »Wahrscheinlich hast du recht«, stimmte ihm Zeke zu. Er stützte die Ellbogen auf den Tisch und starrte auf den Teller. Er hatte seine gegrillten Rippchen nicht angerührt. Er war zu angespannt, um etwas essen zu können. Sie hatten seit ihrer Ankunft in den großen Hotels diskret und für viel Geld Erkundigungen eingezogen. Nirgends war ein Priester zu finden gewesen. »Morgen früh«, sagte er, »nimmst du dir als erstes die eine Seite der Fremont Street vor und ich die andere.« Es blieb noch ein letztes Hotel, in dem sie sich erkundigen mußten, bevor sie für diesen Abend Schluß machen konnten. Es stand mitten, in einem See und war auch sonst ein Beispiel exzessiver Geschmacklosigkeit: das Atlantis. Catherine legte den Kugelschreiber beiseite. Es hatte keinen Sinn. Sie konnte sich nicht konzentrieren. Sie warf einen Blick auf die Uhr. Es war schon eine Weile her, seit sie den Untergang von Atlantis beobachtet hatten. Warum war Garibaldi noch nicht vom FitneßZentrum zurück? Sie stand vom Schreibtisch auf und ging im Zimmer hin und her. Ein Name beschäftigte sie, und sie versuchte vergeblich, ihn einer Person zuzuordnen. Auf dem anderen Schreibtisch stand der dunkle Laptop.
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Plötzlich hatte sie das dringende Bedürfnis, etwas zu tun. Sie setzte sich, startete den Computer, wählte die Zugangsnummer des Hotels für das Internet und gab den temporären Teilnehmernamen sowie das Paßwort ein. Bevor sie sich ins Web einklickte, zögerte sie, dachte nach und klickte aus einer plötzlichen Eingebung heraus auf NewsReader. Wünschen Sie die letzte Gruppenliste? Sie klickte auf ›a‹. DATEI WIRD GELADEN… Catherine wußte, daß sie sich ungefährdet bei den einzelnen Gruppen umsehen konnte, denn sie wollte sich nicht an den Diskussionen dort beteiligen, sondern nur die Nachrichten lesen. Als die Liste der Gruppen erschien, begann sie zu rollen, und hielt bei alt.bibel.prophez. an. Sie klickte, geriet in eine Diskussion über die Endzeit und klickte noch einmal. ORGANISATION: UNIVERSITY OF CAMBRIDGE, ENGLAND ZEILEN: 26 Nachricht-ID: 4pvrpd~50q@favor.csx.eain.ac.uk MNTP-Posting Host: usen.chu.cam.a-uk Thema: Endzeit »»»Die Apokryphen stützen Bibelprophezeiungen über die Letzten Tage. »»»Steve »»»Du irrst dich, Steve. Die Apocryphen sind nicht das Wort Gottes. Wo sind deine Beweise? »»»Ray »»»Sorry, daß es so lange dauert. Habe den Beweis für dich gesucht. Siehe P245 British Museum, P14 Broderick Archiv, Duke University u.a. Nach Aussage der Schriften nicht autorisierter Bücher steht uns das Paradies auf Erden bevor, Junge. »»»Steve

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Catherine holte die angegebenen Texte auf den Bildschirm, stellte jedoch fest, daß sie beide Quellen bereits kannte – sie enthielten nichts, was Licht auf Sabinas Schriftrollen geworfen hätte. Sie wechselte zur Hauptliste und suchte weiter, bis sie alt.archaeologie entdeckte. Sie klickte und sah sich die Einträge an. Plötzlich bekam sie große Augen. 199.911/30 Daniel Stevenson ›Atlantis‹ Sie klickte. Xref: newsomeganet.com sci.archaelogy 25. Nov. 1999 18:44:37 +0100, stan@moonbeam.vamp.co.aus schreibt: »»»Stevenson! Du hast deine absurden Theorien schon vor ein paar Monaten geschickt, und dir ist damals von uns gesagt worden, daß das alles unhaltbar ist. Warum verursachst du uns die Kosten, den ganzen Unsinn noch einmal einzufahren? »»»Atlanter-Mayas Catherine wurde zornig. Man griff Danno wie üblich an. So war es schon immer gewesen: Daniel, der Benachteiligte, Daniel, der die Rechte eines anderen verteidigte oder für eine unpopuläre Sache eintrat. Danno, der auf seinem Platz in ihrer Schulklasse saß und dem die Tränen über die Wangen liefen, weil sie neben dem Pult von Schwester Immaculata auf einem Hocker stand und vor Scham weinte, während alle anderen lachten und kicherten. Plötzlich hatte Catherine den unwiderstehlichen Drang, diesem aufgeblasenen Kerl in Australien am Schwarzen Brett ordentlich die Meinung zu sagen. Doch das durfte sie nicht tun, sonst wurde ihre IP-Adresse sichtbar, und jeder,
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der die Nachricht las, konnte selbst noch nach einiger Zeit herausfinden, daß sie sich in diesem Hotel befand. Sie schaltete den Laptop aus. Als der Bildschirm dunkel wurde, betrachtete sie noch einen Moment lang das Photo von ihr auf der Innenseite des Deckels. Wieso hatte Danno es dorthin geklebt? »Ich glaube, Daniel hat Sie geliebt«, hatte Garibaldi gesagt. Garibaldi… Ihre Unruhe schien etwas mit Garibaldi zu tun zu haben. Seit er gegangen war, beschäftigte sie sich beinahe ununterbrochen mit ihm. Catherines Nervosität wuchs, und sie schaltete den Fernseher ein, weil sie hoffte, eine tröstende menschliche Stimme zu hören. Statt dessen wurden die Spätnachrichten mit der Schlagzeile angekündigt, die für sie wie eine Ohrfeige war: ›Gestohlene Schriftrollen als ein Werk des Antichrist bezeichnet!‹ Catherine wechselte den Sender. Ein Interview mit einem bekannten Physiker kam auf den Schirm. »Wir erleben den Anfang vom Ende. Synchronizität ist real. Wie viele von uns bemerken immer häufiger scheinbare Zufälle? Das Bewußtsein erfaßt inzwischen besser die eigentlichen Zusammenhänge. Das wiederum ist ein Hinweis darauf, daß die Dinge in eine ganz bestimmte Richtung laufen. Die Fäden, die Bereiche, die Ebenen, die Strömungen des Universums beginnen seit einiger Zeit, miteinander in Berührung zu kommen, und das Ergebnis ist eine Koinzidenz. Die Ebenen und Strömungen und unsichtbaren Sphären werden sich von jetzt an immer öfter berühren, bis schließlich jeder Punkt des Universums mit dem anderen in Kontakt steht, und der Kosmos implodiert, das heißt, in sich zusammenbricht, und wie wir wissen, wieder in das Chaos vor der Ordnung zurückkehrt. Ich habe es mathematisch berechnet. Der Schlußpunkt wird genau um Mitternacht am 31. Dezember
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1999 erreicht sein.« Catherine schaltete den Fernseher aus und ging unruhig im Zimmer auf und ab. Auf dem Sofatisch sah sie das Brevier mit dem geprägten goldenen Chiro – das große P mit dem X über dem Abstrich, die ersten beiden Buchstaben des Wortes Christos – auf dem dunkelgrünen Ledereinband. In den vergangenen fünf Tagen hatte sie Garibaldi öfter dabei beobachtet, wenn er darin las. Manchmal bewegte er die Lippen und flüsterte stumm die rituellen Worte. Gegen ihren Willen war sie neugierig geworden. Waren es lateinische Texte? Handelte es sich um Gebete oder nur um Aussprüche, tröstende Worte oder vielleicht um Lieder? Catherine hatte das Brevier noch nie gelesen. In ihrer Jugendzeit hatte sie sich an das katholische Gesangbuch gehalten. Sie griff nach dem Brevier und schlug es auf. Es war, wie sie wußte, in Tage und Stunden gegliedert. Sie suchte das Abendgebet für den 22. Dezember. Gott ist Licht! Wenn wir mehr und mehr im Licht leben, herrscht Liebe zwischen uns. Ohne Liebe kann es auf der Welt keinen Frieden geben: Herr, befreie unsere Welt von Haß und Furcht. Herr, hilf den Männern und Frauen, Trost im Leid und Stärke in den Prüfungen zu finden. Gewähre ihnen beständige Liebe. Herr, nimm all die Toten in deine Obhut: Jene, die wir geliebt haben und auch jene, an die sich niemand erinnert. Catherine schloß die Augen.
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»Nimm all die Toten… jene, die wir geliebt haben…« Einen Augenblick lang empfand sie so etwas wie Frieden. Aber plötzlich fiel ihr ein Gespräch ein, das vor langer Zeit stattgefunden hatte. In der elften Klasse erklärte ihr ein Mitschüler, wie er sich das Leben nach dem Tode vorstelle. »Ich glaube, es ist genauso wie das Leben davor.« »Du meinst, bevor wir geboren wurden?« hatte Catherine ihn gefragt. »Erinnerst du dich an etwas aus dieser Zeit?« »Natürlich nicht.« »Na bitte.« Catherine dachte: Ist es das? Ein Nicht-Sein? Ist Danno dort im Nichts? Ist meine Mutter auch dort? Sie klappte das Buch zu und legte es auf den Tisch. Nimm alle Toten… Es war ein schönes Gebet, aber es war katholisch, und sie konnte das Gebet nicht von der Kirche trennen, in deren Kontext es entstanden war. Ihre Gedanken kehrten wieder zu Garibaldi zurück. Plötzlich wußte sie, was sie beunruhigte. »Bei sechs Swimmingpools«, hatte er gesagt, »sollte ich eigentlich ein paar Bahnen schwimmen können.« Aber er hatte die Pangamot-Stöcke mitgenommen! Catherine setzte sich wieder an den Laptop, startete, klickte auf Lycos, gab den Suchbegriff ›Pangamot‹ ein und gelangte über die Hypertext-Verbindung in das Web und zu dem Stichwort: ›Philippinischer Kampfsport.‹ Sie hatte die Homepage an jenem Abend aufgerufen, als Garibaldi ihr die Haare abschnitt. Als die Seite mit dem Symbol – ein Schwert und ein Rohrstock, die sich kreuzten – auf dem Bildschirm erschien, fragte sich Catherine, ob sie dort etwas finden würde, das ihr den Menschen Garibaldi
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vielleicht verständlicher machte. Beim ersten Mal hatte sie nur kurz die Einleitung überflogen. Nun sprang sie von Stichwort zu Stichwort, bis sie die Überschrift ›Häufig auftauchende Fragen‹ erreichte. Dort begann sie, nach Antworten zu suchen. Ein Swimmingpool befand sich im fünfzehnten Stock neben dem Fitneß-Zentrum. Aber Catherine sah Garibaldi nicht. Als ihr der Bademeister sagte, niemand habe sich unter der Nummer ihrer Suite im Fitneß-Zentrum eingetragen, bestätigte er nur Catherines Vermutung. Trotzdem warf sie einen Blick auf die Gewichtheber und die danebenliegende Laufhalle. Sie suchte Garibaldi in der Saftbar, im Boxring und erkundigte sich sogar bei den Masseuren nach ihm. Schließlich erreichte sie einen Gang, wo Anschlagtafeln auf Tanz-, Yoga- und AerobicUnterricht hinwiesen. In zwei Räumen sah Catherine Gruppen beim Üben, doch die anderen waren alle dunkel und leer. Als sie den Notausgang erreichte, wollte sie umkehren, doch plötzlich glaubte sie, etwas zu hören. Sie warf einen Blick in den letzten Raum am Ende des Gangs. Zuerst sah sie ihn nicht, denn es brannte kein Licht. Er war nur ein schwarzer Schatten in einer weiten Hose und einem T-Shirt. Er schien zu tanzen. Catherine blieb im Dunkeln stehen und sah zu. »Es ist ein allgemein verbreiteter Irrtum«, hatte Catherine auf dem Monitor gelesen, »daß sich der philippinische Kampfsport auf den Gebrauch von Stöcken beschränkt. Er erfordert daneben auch die Beherrschung von Kicken, Boxen und Ringen.« Garibaldi stand breitbeinig und mit leicht gebeugten Knien mitten im Raum und bewegte sich wie in Zeitlupe. Seine rechte Hand glitt geschmeidig vor dem Körper nach oben und nach unten. Catherine mußte an die eleganten Bewegungen einer Frau beim Nähen denken. Garibaldi
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hatte offenbar jeden Muskel, jede Sehne seines Körpers unter Kontrolle. Er bewegte sich sehr langsam, ausgewogen und harmonisch. »Im Vergleich zu anderen Kampfsportarten, etwa dem zirkulären, innerlich geführten und sanften Tai Chi ist Pangamot direkt, wahrnehmbar und hart.« Garibaldis Körperhaltung, federnd und mit etwas gebeugtem, vorgestelltem Bein, ließ Catherine aber trotzdem an Tai Chi denken, jedoch manche seiner Bewegungen endeten abrupt, als sei er gegen eine gläserne Wand gestoßen. Catherine vermutete, daß es sich dabei um das Abwehren von Angriffen eines unsichtbaren Gegners handelte. »Bei Wettkämpfen auf den Philippinen halten sich die teilnehmenden Kämpfer nicht zurück. Es ist deshalb nicht ungewöhnlich, daß jemand schwer verwundet oder sogar getötet wird.« Auf den verspiegelten Wänden verfielfältigte sich sein Spiegelbild. Catherine sah hundert Garibaldis aus jedem erdenklichen Blickwinkel. Zu ihrer Überraschung wirkte er immer anders: In einem Spiegel schien er beinahe zu lächeln, in einem anderen glaubte Catherine, einen gewissen Spott in seinem Gesicht zu erkennen. Doch im nächsten sah sie das Gesicht eines zornigen Mannes. Während sich seine Gestalt langsam im Schattentanz der todbringenden Bewegungen drehte, sah sie auch seine Erregung. Der Anblick stieß Catherine ab – und zog sie paradoxerweise gleichzeitig in seinen Bann. Sie konnte den Blick nicht von Garibaldis Körper wenden und dachte daran, wie er mit dieser absolut beherrschten Kraft im Bett sein würde. Direkt und hart… »Die zwölf Angriffsmethoden…«
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Wie konnte es ein Priester mit seinem Amt vereinbaren, sich in einer Kampfmethode zu üben, die nur das eine Ziel hatte, den Gegner zu töten? Wie konnte er es rechtfertigen, daß er Diener der Kirche und gleichzeitig ein gefährlicher Kämpfer war? »Manchmal werden die Rohre oder Stäbe aus Bambus auch als Todesstöcke bezeichnet…« Catherine fand es brutal und angsteinflößend, was sich vor ihren Augen abspielte, trotzdem hatte sie plötzlich den Wunsch, mitzumachen. Sie wollte hinter Garibaldi stehen, ihren Körper an seinen Körper drücken, ihre Arme neben seine Arme legen und sich mit ihm bewegen. Sie wollte spüren, wie diese gewalttätige, kontrollierte Energie von seinem Körper auf ihren überging und sich mit ihr vereinte. Der Gedanke, sie könnte das tatsächlich tun, könnte sich ihm spontan bei diesem Schattenkampf anschließen, könnte einem Drang nachgeben, der allem widersprach, woran sie glaubte, dieser Gedanke erschreckte sie mehr als alles andere. Garibaldi brachte einen Aspekt von ihr zum Vorschein, von dessen Vorhandensein sie bis zu diesem Augenblick nichts geahnt hatte und der ihrer Kontrolle entglitt. Schließlich kam er zum Ende, faltete die Hände unter dem Kinn und verneigte sich leicht vor seinem unsichtbaren Gegner. Dann stand er einen Augenblick bewegungslos da, bevor er nach den lackierten Stöcken griff und sie so schnell herumwirbelte, als bereite er sich darauf vor, eine Parade anzuführen. Er ging in Kampfstellung, setzte einen Fuß vor den anderen, spreizte die Beine und beugte die Knie. Die Stöcke glitten langsam in einer Folge komplizierter Bewegungen durch die Luft. Zuerst drehte er den rechten Stock hinter dem Kopf, während er den linken wie ein Schwert vor sich schwang; dann stieß der erste Stock nach vorne, der zweite hob sich, wurde zurückgezogen, legte sich schräg vor den anderen, und beide bildeten ein X in der Luft. Das alles
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wirkte wie ein Mechanismus, der von verborgenen Zahnrädern und Gewichten in Gang gehalten wurde – zuerst langsam, dann schneller und immer schneller, zorniger und kraftvoller, bis Catherine hörte, wie die Stöcke pfeifend durch die Luft sausten und sie in unblutige Scheiben schnitten. Garibaldi bedrängte seinen unsichtbaren Gegner mit den Stöcken. Sein Atem ging rauh und stoßweise, während er blitzschnelle, tödliche Schläge austeilte. Er sprang zur Seite, fing einen imaginären Hieb ab, sank auf ein Knie und schlug dem Feind mit beiden Stäben über die Beine. Dann sprang er auf, tänzelte wie ein Boxer auf den Fußballen, schlug hierhin, dorthin, steigerte das Tempo, wobei auch die Brutalität zunahm. Der Raum war erfüllt von seiner Kampfeswut, so daß Catherine den Atem anhielt und spürte, wie ihr Körper vor Spannung und Angst erstarrte. Er übt diesen aggressiven Kampfsport, er hält sich fit, um zu töten. Warum? Wen will er töten? Garibaldi schien einen Kampf gegen unsichtbare Mächte zu führen. Seine Übungen wirkten wie die Probe für ein persönliches Armageddon. Was gab ihm der Kampfsport, das ihm sein Katholizismus nicht geben konnte? Wenn Gebete nicht wirken, werden es die PangamotStöcke tun? Catherine wich von der Tür zurück und riß sich von einer Szene los, die sie früher einmal empört hätte, jetzt aber… Sie hatte sich auf die Suche nach Antworten gemacht und war dabei auf noch größere Rätsel gestoßen. Außerdem hatte sie etwas entdeckt, das sie in seiner Tragweite entsetzte. Ich hätte mich vor Abscheu abwenden sollen, statt dessen glühe ich vor sexueller Erregung.

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Der Schrei drang in ihr Unterbewußtsein. Catherine schreckte aus dem Schlaf auf und starrte verwirrt an die dunkle Zimmerdecke. Sie wußte nicht sofort, wo sie war. Dann warf sie einen Blick auf die Uhr neben dem Bett. Es war kurz nach Mitternacht. Sie hatte nur ein paar Minuten geschlafen. Sie lauschte in die Stille. Was hatte sie geweckt? Wieder ein Schrei. Ein gequälter Schrei. Sie setzte sich auf. War das Garibaldi? Catherine lag schon im Bett, als er vor etwa einer Stunde aus dem Trainingsraum zurückgekommen war. Sie hatte gehört, wie er leise in sein Zimmer ging und die Tür schloß. War jemand bei ihm? »Laß mich in Ruhe! Warum verfolgst du mich?« Catherine sprang aus dem Bett und lief durch das Wohnzimmer, das die beiden Schlafzimmer der Suite trennte. An Garibaldis Schlafzimmertür blieb sie stehen und lauschte. Er keuchte und stöhnte, als sei er krank. »Vater Garibaldi!« rief Catherine. »Fehlt Ihnen etwas?« Sie legte das Ohr an die Tür und glaubte, Schluchzen zu hören. »Vater?« Sie klopfte. »Vater Garibaldi?« Catherine öffnete die Tür einen Spalt und blickte ins Zimmer. Mondlicht fiel durch das Fenster. Die Bettdecken lagen auf dem Fußboden. Garibaldi hatte offenbar einen Alptraum. Schweiß stand auf seiner Stirn. Er warf den Kopf unruhig hin und her. Catherine sah sein gequältes Gesicht und trat ins Zimmer. »Vater Garibaldi?« Er hatte die Augen geschlossen und biß die Zähne so fest zusammen, daß die Adern an seinem Hals hervortraten. Er trug kein Hemd. Die Muskeln an Armen und Oberkörper waren verkrampft. Er schien wieder einmal mit unsichtbaren Dämonen zu ringen. Catherine trat an das Bett. Sie legte Garibaldi die Hand
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Wachen Sie auf.auf die Schulter und schüttelte ihn sanft. »Sie haben mich von einem sehr dunklen Ort zurückgeholt«. daß seine Wangen feucht waren. »Es ist alles gut. Dann atmete er etwas ruhiger und löste sich von ihr. setzte sich auf und blinzelte benommen. murmelte er.« Er holte tief Luft. Instinktiv griff sie nach dem Jaguaranhänger und schloß die Finger darum. sagte Catherine beruhigend. und trocknete sie mit der Hand ab. Als er ausatmete. die sie erschreckte. überlief ihn ein Schauer. wie sein Körper vor krampfartigem Schluchzen zuckte. nicht…« Sie setzte sich auf den Bettrand. 400 . sagte sie laut. Catherine ging zurück in ihr Schlafzimmer und zog den Bademantel über. »Ist alles in Ordnung?« fragte sie. Sie träumen. »Wachen Sie auf«. Ein Bild tauchte vor ihrem inneren Auge auf und verschwand sofort wieder. auf seinem nackten Oberkörper. »Vater Garibaldi. Er klammerte sich stumm einen langen Moment an sie.« »Nein«. Sie spürte. zog sie an sich und vergrub sein Gesicht an ihrem Hals. das Garibaldi immer trug. Vater Garibaldi. Dann stützte er sich mit den Händen ab. flüsterte er. Catherine hielt ihn fest. Es war nur ein Traum. »Nein. Catherine sah. »Sie haben einen Alptraum. Sie sah Angst darin und eine Verletzlichkeit. »Möchten Sie darüber sprechen?« Er nickte. »Sie haben geträumt«. Sie sah das Goldkreuz. Catherine blickte erstaunt in seine Augen. Er streckte die Arme nach ihr aus. bitte wachen Sie auf!« »O mein Gott!« Er schlug die Augen auf. bis er sie sah.

Als ihre Blicke sich trafen. Warum machen sie es?« »Aus vielen Gründen«. und der Abdruck seiner Lippen auf ihrem Ohr schien noch zu brennen. Er trug ein kariertes Hemd. Catherine blickte stumm auf seine Silhouette. Jeans und. »Ich hatte nicht geschlafen. »Es tut mir leid. und er kam aus seinem Zimmer. Wieder glaubte sie. als habe sich sogar das Licht verändert. sondern zum Töten. seine Arme um ihren Hals zu spüren. daß Sie mich geweckt haben. Ich habe Sie beobachtet. Ihre Hände hatten gezittert. erwiderte er leise. schob die Vorhänge zurück und ließ das kalte. Möchten Sie mir Ihren Traum erzählen?« Er ging zur Minibar und nahm eine kleine Flasche Mineralwasser heraus. daß ich Sie geweckt habe«. bevor er sie absetzte und Luft holte. Ich bin froh. Er sah sie an. sagte sie: »Ich hatte mich auf die Suche nach Ihnen gemacht und Sie in einem der Übungsräume entdeckt. Catherine hatte den Eindruck. Seine Hand hatte ihre Haare berührt. wie ein schwarzes Fenster im Sternenhimmel über der Wüste wirkte. Es dauerte nicht lange. Sie stellte fest. daß er sich angezogen hatte.Im Wohnzimmer schaltete sie die Lichter ein. »Es war schlimm. Da er nicht antwortete. als sie sich auf die glatten Muskeln seines Rückens legten. war die Spannung im Raum spürbar. sogar Socken. platinfarbene Mondlicht ins Zimmer. wie ihr auffiel.« »Haben Sie oft Alpträume?« Er trank lange und leerte beinahe die ganze Flasche. Dann trat er ans Fenster. Pangamot ist nicht zur Selbstverteidigung gedacht. 401 . sagte er und räusperte sich. die wie ein Scherenschnitt.

um sich fit zu halten. Garibaldi. es gefällt mir nicht. von dem mir mein Verstand und mein Herz sagen. was ich dadurch über mich weiß. wenn ich verstehen würde. Pangamot sei wie Karate reine Selbstverteidigung. Sie tun es als eine Art geistige Disziplin. während er blicklos auf die Flasche in seinen Händen starrte. Ich konnte es akzeptieren.« Sie hob in einer Geste der Hilflosigkeit die Hände. Ich sagte mir. Bitte haben Sie keine Angst vor mir. wollte sie sagen. In seinen Augen tanzten unruhige Schatten.« Er kam vom Fenster zurück. »Ich würde Ihnen nie in meinem ganzen Leben weh tun.« »Sie wollen wissen. »Haben Sie die Kraft. Mein Vater hat immer zuerst 402 .»Haben Sie jemals… einen Menschen getötet?« »Mit Pangamot? Nein. Aber jetzt bin ich völlig verwirrt. »Ich meine. Und ich möchte verstehen. »Vielleicht hätte ich keine Angst. warum mein Körper von etwas erregt wird. angenommen. in dem Prügel die normale Form der Verständigung waren. erwiderte sie. setzte sich in einen Sessel gegenüber dem Sofa. bevor er schließlich antwortete: »Ich bin in einem Haus aufgewachsen. Er schien über seine nächsten Worte nachzudenken. ich würde Sie schlagen…« Er hob mit einem Ruck den Kopf. Zuerst dachte ich. unter Kontrolle?« fragte sie. Aber noch weniger gefällt mir. wie ich Priester sein und eine Kampfmethode ausüben kann?« »Ja«. was ich über Sie herausgefunden habe. die Sie mit dem Trainieren in sich kultivieren. weshalb Sie es tun. Das müssen Sie mir glauben. daß es falsch ist.

Ich wurde danach mit meiner Brutalität zum Schrecken des ganzen Viertels. Dann meldete er mich im CVJM für einen Karatekurs an.« »Hängt der Alptraum damit zusammen?« »In unserer Gegend gab es einen Laden. der Kirche in unserer Gegend einen Besuch abzustatten. gleichgültig. einen altmodischen kleinen Laden. Er war ein riesiger Pole vom anderen Ende der Stadt. Da ich nicht von der Stelle wich. sondern Vater Pulaski kommen lassen. Vater Pulaski ging mit mir hinter die Kirche und hat mich windelweich geschlagen. Seine Frau war vor ein paar Jahren gestorben.‹ In diesem Augenblick kam einer dieser Junkies herein. Er stammte aus Europa und sprach mit einem starken Akzent. Er wollte gerade schließen. aber dünn. ob er betrunken oder nüchtern war. Der alte Mann stand hinter der Theke und sagte: ›He. zog eine Pistole und wollte Geld. Eines Abends habe ich mich mit ein paar Freunden betrunken. Der Pfarrer hat nicht die Polizei gerufen. Er war älter als ich. Er ging an die Kasse. Ich kann es nicht beschreiben. Das hat mich hart und gefühllos gemacht. ich will die Spätnachrichten nicht verpassen. aber diese Kraft macht mir Angst. der den Kindern immer Bonbons schenkte. und wir beschlossen. 403 .geschlagen und später Fragen gestellt. Damals entdeckte ich…« »Was haben Sie entdeckt?« Er sah sie mit seinen klaren Augen an. Mickey. Er gehörte einem alten Mann. Als Sechzehnjähriger war ich einmal noch spät in seinem Laden. daß ich im Laden war. Er war ein netter alter Mann. und er sah wie ein Schwächling aus. sagte er: ›Such dir was aus. ich weiß nicht mehr wie er hieß. Er nannte mich immer Mickey. Er wußte nicht. »Daß es in mir etwas gibt das ich ständig unter Kontrolle halten muß.

Eine Weile schien es keine Geräusche zu geben. Aber ich war wie gelähmt. »erlebe ich im Traum immer wieder. in einer Kirche Graffitti zu sprühen. Sie waren erst sechzehn…« »Ich war sehr viel stärker als der Typ und habe dem alten Mann doch nicht geholfen.« »Aber er wußte nicht. Ich habe es noch nicht einmal versucht…« »Er hatte eine Waffe. Dann hörte ich die Schüsse. nahm das Geld aus der Kasse und rannte davon…« Garibaldi ließ den Kopf sinken. Ich fand es zum Beispiel cool. Ich stand einfach da.Junge. Die Augen des alten Mannes richteten sich unverwandt auf mich.« »Das war nicht Ihre Schuld. Er zitterte. Ich stehe untätig in dem Laden. Er wartete darauf.‹ Der alte Mann sah. Ich blieb stehen. denn ich befand mich hinter ihm. danach bin ich regelrecht ausgeflippt. Der Junkie sprang über die Theke. Der Junkie bemerkte mich nicht. Es dauerte eine Weile. Sie trafen den alten Mann dreimal in die Brust. In diesem Augenblick schien plötzlich alles zu erstarren.« Garibaldi seufzte tief und stand auf. das wirst du doch nicht machen! Damit ruinierst du dir das Leben. daß ich etwas tun würde. während dieser Junkie einem unschuldigen Mann das Leben nimmt. Ich machte völlig verrückte Sachen. Ich stehe in dem Laden.« »Und wie sind Sie Priester geworden?« »Vater Pulaski hat mich auf den Weg gebracht. wie ich mit meinem Sechserpack Bier oder Coke oder was immer es war durch den Gang kam. als sei die Welt zum Stillstand gekommen. »Und das«. »Wie auch immer.« Garibaldi ging wortlos in sein Schlafzimmer und kam kurz 404 . daß ich hinter ihm stand. bis er sich wieder unter Kontrolle hatte. sagte er schließlich tonlos.

»Er hat sie mir an dem Tag geschenkt. der sie. Vater Pulaski brummte: ›Also gut. sagte Garibaldi und gab ihr die Uhr. daß er sie regelmäßig hervorholte und aufzog. um mit ihm zu sprechen. die Messe muß jetzt auf Englisch gelesen werden! Man hätte wenigstens ein bißchen Latein beibehalten können! Wenigstens das Kyrie hätte man beibehalten sollen!‹ Keiner von uns brachte es übers Herz. daß ich überlegte. wie ich glaube. Junge!‹ Ich fragte: ›Und was soll ich jetzt machen?‹ Da rief er mit Donnerstimme: ›Was für eine dumme Frage? Selbstverständlich folgst du dem Ruf!‹« Garibaldi blieb am Fenster stehen. obwohl es ihm verboten worden war. als habe ihn ein Schlag getroffen. ihn daran zu erinnern. lauter. daß der Bischof kam. »Vater Pulaski veranstaltete eine Kollekte und schickte mich zur Schule. »Sie stammte von seinem Lehrer. man kann die Gravur kaum lesen…« Catherine nahm die Uhr bewundernd in die Hand. berührte mit den Fingern die Glasscheibe und zuckte zurück. Es war eine alte Uhr an einer Kette von der Art. ob ich nicht Priester werden sollte. von seinem Lehrer bekommen hat.« Garibaldi sah Catherine an. erklärte er: ›Du bist zum Dienst des Herrn berufen worden. »Vater Pulaski war ein großer. Catherine hatte bereits beobachtet. Als ich ihm gestand. Dort entdeckte ich meine Begabung für Mathematik und mein Talent für den Umgang mit Computern. Sie ist sehr alt. Nach einer Weile fuhr er fort: »Vater Pulaski war entschieden gegen die neue Messe und las bis zu seinem Tod die alte lateinische Messe. als er starb«. Ich erinnere mich. Garibaldi ging im Zimmer auf und ab. wie sie sich in Catherines Vorstellung im letzten Jahrhundert über den runden Bäuchen wohlhabender Geschäftsmänner spannten. Als ich 1984 schließlich das 405 . lärmender Pole. daß das Kyrie der einzige griechische Teil der Messe war.darauf mit einer Taschenuhr zurück.

« »Seit 1965 heißt es nicht mehr Inquisition. was der Kirche gefährlich werden könnte. Anfangs widersetzte sie sich. »Warum sind Sie immer noch bei mir. ich weiß über die Kongregation Bescheid: Wie das Tribunal eingesetzt wird. jemanden wegen seines Glaubens anzugreifen. Man hat sich einen unverfänglicheren Namen einfallen lassen: ›Die Kongregation für Glaubensdoktrin. daß man sie seit vierunddreißig Jahren anders nennt. Schließlich schickte man jemanden aus Rom. Das letzte.Examen in Computerwissenschaft ablegte. was sie wollte. mit einem Richter.« »Ich weiß. war ich siebenundzwanzig und bereits seit sechs Jahren ein geweihter Priester.« Catherine legte die Uhr vorsichtig auf den Tisch. alles zu untersuchen. Der Mann aus dem Vatikan war ein Dominikaner und gehörte zum Offizium der Inquisition. Ich weiß. dem Kommissar. Catherine starrte auf ihre Handflächen. daß diese Untersuchungen unter strenger Geheimhaltung durchgeführt werden. Vater Garibaldi? Warum sind Sie nicht in Ihrem Pfarrhaus oder an der Universität. Ihre Aufgabe ist es. sanfte Frau und sehr religiös. Doch die Kirche sah in ihr eine Bedrohung. 406 . was die Kongregation tut. Vater Garibaldi. dann hoffte sie. dem Assessor. Wenn überhaupt. Ich weiß. sondern drehte sich um und blickte schweigend in die Dunkelheit. als wollte sie die Zukunft darin lesen. Und ich weiß. Sie war eine liebenswerte. Und weil sie an einem katholischen College unterrichtete. wo Sie unterrichten?« Er gab keine Antwort. Dann sagte sie: »Ich habe Ihnen von meiner Mutter und von ihrer Arbeit erzählt. und einem Beisitzer.‹ Aber sie hieß sechshundert Jahre lang Inquisition. den Glauben zu erhellen.« Sie ballte die Fäuste und fuhr dann mit schneidender Stimme fort: »Ja. war. und diese Einrichtung ändert sich nicht dadurch. machte die Kirche ihren Einfluß geltend.

Ich spürte jedesmal. Man teilte ihr sogar mit. weiterhin zu schreiben oder zu veröffentlichen. Danach besuchten nur noch mein Vater und ich die Sonntagsmesse. Und es war ihm nicht gelungen. meine Mutter ihrer Stellung zu entheben und ihr die Befähigung abzuerkennen. empfand Vater McKinney das als eine persönliche Niederlage. als schließlich der Vertreter des Vatikan erschien. Er hatte das Gefühl. wie die Leute uns anstarrten. etwas zu erreichen. Vater McKinney stand auf der Kanzel. Es war schrecklich. Am Anfang haben sie versucht. unseren Gemeindepfarrer. Sie ist nie mehr zum Gottesdienst gegangen. Meine Mutter fügte sich. über Vater McKinney. Meine Mutter stand auf und verließ mit hoch erhobenem Kopf die Kirche. sprach in seiner Predigt über Ketzerei und blickte dabei auf meine Mutter. wir würden für unsere Sünden in der Hölle 407 . Aber«. von meiner Mutter gedemütigt worden zu sein. Vater McKinney kam zu uns nach Hause und verlangte von meiner Mutter. sie sei keine katholische Theologin mehr und verbot ihr.« »Was ist geschehen?« »Die Inquisition hat dem Papst empfohlen. Ich nehme an. ihre Argumente zu widerlegen. der eine Gefahr für die Einheit der Kirche darstellen könnte. Die anderen Kinder in der Schule gaben meiner Mutter Schimpfnamen und sagten. ihre Angriffe gegen die Kirche einzustellen. die Kirche müsse sich im Einklang mit den Bedürfnissen ihrer Mitglieder entwickeln.daß sie jeden unter die Lupe nehmen. Aber sie verwickelte ihn immer in leidenschaftliche Diskussionen und erklärte. Catherine seufzte. die römisch-katholische Glaubenslehre zu unterrichten. Ich werde den Sonntag nie vergessen… damals war ich zehn. Er hatte sie nicht überzeugen können. »Vater McKinney genügte das nicht. Die ganze Gemeinde starrte uns an.

Es kam in dem Land zu einem Umsturz. weil etwas Feuchtes an ihren Beinen hinunterlief.« »Sind Sie deshalb aus der Kirche ausgetreten?« »Nein. »Mein Vater fuhr in einer Friedensmission nach Afrika«. Er bekam ein großes katholisches Begräbnis und wurde auf einem katholischen Friedhof begraben.« »Man brachte seine Leiche zurück. sie ist an gebrochenem Herzen gestorben. In den Nachrichten wurde darüber berichtet. Deshalb wurde sie schließlich exkommuniziert. »mit Medikamenten und Bibeln. weigerte sich aber.« Catherine stand vom Sofa auf und trat neben Garibaldi ans Fenster. Meine Mutter starb ein paar Monate später – an Lungenentzündung. einen Priester und drei Nonnen. Ihr Gesicht glühte vor Scham. die Sakramente zu empfangen. während sie neben dem Pult der Lehrerin auf einem Hocker stand. fuhr sie fort.« Catherine schloß die Augen. wie die Ärzte sagten. Ich wußte nicht. Die fünfte Klasse kicherte und flüsterte. als plötzlich ungebeten ein Bild vor ihr auftauchte. Mein Vater und seine Begleiter gerieten in Gefangenschaft. Aber ich weiß. Meine 408 . nach dem Tod meines Vaters. Sie blieb eine gläubige Katholikin. ein Stamm kämpfte gegen einen anderen. Man hat sie als Spione hingerichtet – meinen Vater. Sie blickte mit zusammengekniffenen Augen auf den Laser-Lichtstrahl. der von der Spitze der Pyramide des Luxor Hotels wie ein Weg in eine andere Galaxis in den Himmel stieg. daß meine Mutter jeden Sonntagmorgen ihren eigenen Gottesdienst hielt. das war später. daß es Ihr Vater war. »Die Leute wußten nicht. Man zeigte immer wieder die Photos der Hingerichteten…« »Ich kann mich an den Fall erinnern.büßen.

aus denen nur einer als Sieger hervorgehen konnte. Sie spürte Garibaldis Blick. Es dauerte nicht lange.Eltern hatten sich sehr geliebt. als sei er gekommen. es sei ihr größter Wunsch. und ohne meinen Vater gab es für meine Mutter keinen Grund mehr. Ich ging ins Zimmer zurück. sie hatte keine Absolution und keine Sterbesakramente erhalten. »Meine Mutter bat mich. als sei das der Höhepunkt der vergangenen Auseinandersetzungen. Aber Vater McKinney…« Catherine mußte sich zwingen. sagte sie mir. Ich versuchte. meine Mutter wollte ungestört sein. »Ich ging aus dem Zimmer. wenn meine Mutter beichtete und die Absolution erhielt. einen anderen Priester zu finden. ohne ein Wort zu sagen. und ausgerechnet Vater McKinney kam. Aber das war nur möglich. Meine Mutter wollte nur in Frieden sterben und neben meinem Vater begraben werden. Ich weiß noch. um endgültig mit meiner Mutter abzurechnen. Ich hätte es nicht tun sollen. da kam Vater McKinney mit hochrotem Kopf heraus und stürmte wütend. was dann geschah. Meine Mutter weinte.« 409 . weiterzuleben. Ich rief im Pfarramt an. Ich weiß nicht genau. Ich wußte. »An dem Abend. Die Stimme klang tonlos. Sie würde nicht im Schoß der katholischen Kirche sterben. Sie hingen aneinander.« Catherine sah Vater Garibaldi an. damit sie in alle Ewigkeit Zusammensein könnten. an mir vorbei. weiterzusprechen. Es war. als es ihr nach einer kurzen Pause gelang. einen Priester zu holen. als meine Mutter starb. aber ich dachte. Aber es war zu spät. an der Seite meines Vaters begraben zu werden. eine Art Triumph. lag etwas Gefährliches in seinen Augen. als er in das Krankenzimmer trat. Kurz vor ihrem Tod erklärte sie sich nach all den Jahren der Abkehr von der Kirche dazu bereit…« Catherine holte tief Luft und stieß sie langsam wieder aus.

»wenn ich nicht weiß. anstatt von ihr getröstet zu werden. sondern auf dem städtischen Friedhof.Sie hörte.« »Was ist mit Menschen. Sie verstand die Worte nicht genau. Wenn Ihre Mutter allerdings Gott direkt um Vergebung gebeten hat«. Sie hatte auf ewig mit dem Mann Zusammensein wollen.« War sie tatsächlich zu ihm gegangen? »Wohin ist meine Mutter nach ihrem Tod gegangen? Wo ist ihre Seele jetzt. hat die Kirche. und das muß ich auch predigen. mit denen sie ihre Tochter tröstete. Haben tun wir den Körper… vorübergehend. »Vater Garibaldi. wenn sie eine Seele hatte?« »Wir haben keine Seelen. damit er uns nach dem Erdenleben zu ewigen Qualen 410 . hatte Nina geflüstert. den sie liebte. wir sind Seelen. daß der himmlische Vater uns geschaffen hat. erwiderte Garibaldi. doch es klang wie ›Ora pro nobis. wie Garibaldi etwas murmelte. Sie hörte ihre letzten Worte. fügte er sanft hinzu »dann ist ihr verziehen worden. »Meine Mutter wurde nicht neben meinem Vater begraben. wenn wir sterben?« »Wenn wir sterben. In meinem Herzen kann ich nicht glauben. kehren wir zu Gott zurück. meine Mutter in alle Ewigkeit zu verdammen?« »Diese Frage kann ich nicht beantworten«. »Du mußt nicht traurig sein«. hat ein einfacher Pfarrer das Recht.« Catherine sah ihre Mutter in dem einfachen Krankenhausbett vor sich. nicht einmal in geweihter Erde. bitte für uns‹. was zwischen Ihrer Mutter und diesem Vater McKinney vorgefallen ist. die sterben.« »Und was geschieht. »Ich gehe zu deinem Vater.« Catherine wandte den Kopf und sah ihn an. ohne von ihren Sünden losgesprochen zu sein? Was ist mit der Hölle?« »Als Priester glaube ich an die Strafen der Hölle.

« Sie wandte sich von ihm ab und vom Anblick der verführerischen Stadt der Spieler.verdammen kann.« »Werden Sie für meine Mutter beten?« »Ja. »Vater Garibaldi.« Wie. den Weg dorthin zurückzufinden. ich würde ihn nicht heiraten!« 411 . bis jemand für unsere Erlösung betet. ich könnte so gläubig sein wie meine Mutter.« »Jeder wird mit der Sehnsucht nach dem verlorenen Himmel geboren. daß Sie mich bei unserer ersten Begegnung abgelehnt haben. »Nicht nur Vater McKinney«. sagte sie. Ich wünschte. Wie? Garibaldi drehte sich um und ging zur Minibar. wenn die Hinterbliebenen für die Seelen der Toten beten?« »Ja. »Meine Gebete würden nichts nützen. Aber auch Sie können beten. daß wir dort bleiben.« »Und das Fegefeuer?« »Ich glaube an das Fegefeuer und daran.« »Dann hilft es. wie er austrank und die leere Flasche auf die Minibar stellte.« »Warum nicht?« »Weil ich keine gläubige Christin bin.« »Wollen Sie Julius deshalb nicht heiraten?« Sie zog die Augenbrauen hoch. Das Problem ist. »Vater McKinney ist also der Grund dafür. »Wie kommen Sie darauf. wollte sie fragen.« »Sie wollen also. daß ich für Sie glaube?« Sie sah ihn wieder an. »Ich fühle mich in der Nähe von gläubigen Menschen nicht wohl. ich möchte glauben.« Catherine sah zu.

« »Julius ist ein sehr religiöser Mensch. Wie kann da nur eine Religion richtig sein und alle anderen falsch?« »Ich glaube.« Sie sah Garibaldi an und mußte daran denken. weil mir das alles genommen worden ist. »Vater Garibaldi«. die Antwort darauf finden Sie nur in sich selbst. Vielleicht liegt es an etwas.« Er lächelte. Ich liebe ihn. das kann ich nicht. »Hassen Sie den katholischen Glauben so sehr?« »O nein. »Denken Sie an alle Religionen. welche Verschwendung das sei.« Es gab noch eine Frage. Ich fühle mich bestraft. Es ist eine wunderbare Religion.« Er sah sie an. das Sie gesagt haben. ist der katholische Glaube der wahre Glaube?« »Ich glaube. die Heiligen. Er hält sich an die Regeln und Gesetze seiner Religion. Deshalb bin ich so wütend. Er würde mich ständig an das erinnern. denen Sabina begegnet ist« erwiderte Catherine. was mir fehlt. Wie viele junge Mädchen in Vater Garibaldis Gemeinde waren wohl heimlich in ihn verliebt? »Vater Garibaldi.»Ich weiß nicht. die Beichte und die Tröstungen. Obwohl ich nicht länger gläubig bin. Mit einem solchen Mann könnte ich nicht zusammenleben.« »Nein.« »Aber denken Sie an die Menschen. »Oder nicht gesagt haben. die sie unbedingt stellen wollte. wie die Schüler der katholischen Schule beim Anblick einer hübschen Nonne oder eines gutaussehenden Priesters immer sagten. obwohl sie sich beinahe davor fürchtete. ja. die es in der Geschichte der Menschheit gegeben hat.« »Sie können es zurückbekommen. fehlen mir der Weihrauch. begann sie »was hätten Sie am Sterbebett 412 .

Doch Catherine hörte eine gewisse Härte in seiner Stimme.« Er ging mit großen Schritten zur Tür. Der 413 .meiner Mutter getan?« »Ich hätte Ihre Mutter gefragt.« Sie sah ihn an. und sie sah. »Ich gehe an die frische Luft«. deshalb zog sie sich an und folgte ihm. Im Flur entdeckte sie einen Zimmerkellner. der ihr sagte. Warten Sie nicht auf mich. In der Beichte hatten Vater McKinneys persönliche Meinungsunterschiede mit Ihrer Mutter und die Aussagen in den umstrittenen Büchern nichts zu suchen. »Jede Form von Gewalt stößt mich ab. und sie dann losgesprochen. der gerade aus ihrer Suite gekommen war. Sie mußte ihn zur Rede stellen. »Ich würde lieber allein gehen. unterbrach er sie. Ich bin immer noch entsetzt über die sinnlose Gewalt. Catherine blickte auf die Tür und überlegte. habe ihn nach dem Fahrstuhl zur Dachterrasse gefragt. Das überraschte sie. Auf dem Dach waren nur wenige Gäste. jetzt wissen Sie. was gerade geschehen war. Er schien plötzlich unruhig zu werden. warum ich Pangamot ablehne. daß Beten hilft. ob sie ihre Sünden bereut.« »Ist sie jetzt bei meinem Vater? Sind sie zusammen?« »Darauf kann ich Ihnen keine Antwort geben. Dann räusperte sie sich und sagte: »Wie auch immer. wie er auf die Uhr blickte. daß Sie…« »Ich verstehe«. der Mann. »Ich komme mit. Aber ich kann Ihnen versichern. Es verwirrt mich. Seine Reaktion war unverständlich. sagte er unvermittelt.« Damit verschwand er.« Catherine nickte. Dort oben sei ein Garten mit Springbrunnen und Tempeln. durch die mein Vater gestorben ist.

sondern an meiner Berufung. Inzwischen kommen mir jedoch Zweifel. Ich werde Ihnen etwas sagen. als fürchte er.Wüstenwind wehte so kalt und scharf. Ich bin gezwungen. mich in seinen Dienst zu rufen.« »Ist es Ihnen gelungen?« »Ich glaube. aber dann kam er wieder. Ich dachte. Ich habe wie besessen versucht zu verstehen. das mich nach all den 414 . Er läßt mich nicht mehr zur Ruhe kommen. seit ich weiß. er habe mich in diesem Augenblick dorthin gestellt. daß Catherine auf ihrem Weg zwischen den Farnen und Palmen unwillkürlich an Winter und Schnee dachte. warum ich bei Ihnen bleibe und nicht zu meinen Aufgaben zurückkehre.« Seine Worte kamen schnell. was das zu bedeuten hat. der Vorfall in dem Laden sei Gottes Art gewesen. daß Sie das abstößt. »Können Sie sich vorstellen. aber nicht an meinem Glauben. »Ich glaubte lange Zeit. Deshalb wurde ich Priester. nicht einmal Vater Pulaski. der mich zu ihm führt. wie sie darauf reagierte. Garibaldi brach das Schweigen. Ohne etwas zu sagen. Selbst bei Tag verfolgt mich inzwischen das anklagende Gesicht des alten Mannes. das ich noch keinem Menschen gesagt habe. den Vorfall immer neu zu erleben. damit ich einen anderen Weg einschlagen würde. es ist mein Gewissen. als wollte er warten.« Er schwieg. stellte sie sich neben ihn. Dann fuhr er fort: »Ich hatte den Alptraum jahrelang nicht mehr. was ich tue? Daß Pangamot Ihnen Angst macht? Daß ich Ihnen Angst mache?« Unvermittelt sah er sie an. »Sie haben mich gefragt. die hinter der hell erleuchteten Stadt wie ein endloses drohendes Reich der Dunkelheit begann. wie ich mich fühle. der Mut werde ihn verlassen. Garibaldi stand am Geländer und blickte auf die Wüste.

« 415 . ob Sie ihn hätten retten können. ich hätte in Israel Urlaub gemacht. was ich am Tag meiner Priesterweihe empfand? Ich will es Ihnen sagen. Vater Garibaldi? Sie wissen nicht. die möglicherweise Gottes Botschaft erhellen können. Und deshalb bin ich bei Ihnen geblieben. Priester zu bleiben. das ist kein Grund. Ich habe die Gelübde abgelegt. Das stimmt nicht. um mein Gewissen zu erforschen und herauszufinden. und deshalb bin ich ein Betrüger. mache ich mein Versagen an jenem Abend wieder gut. mir einzureden. um meine Seele zu retten. Ihr war kalt.« »Aber warum. »Darum geht es nicht! Wissen Sie. daß ich an jenem Abend dem alten Mann nicht geholfen hatte. Priester zu werden! Man wird Priester. Ich bin aus egoistischen Motiven Priester geworden.« »Vater Garibaldi…« »Ich habe Ihnen gesagt. ob ich geeignet sei. Garibaldi in seinem kurzärmligen Hemd schien die Kälte überhaupt nicht zu spüren. Ich empfand keine Freude oder religiösen Hochgefühle.« Der Wind wurde noch heftiger. Ich befand mich auf einer persönlichen Pilgerreise. weil man sich auf diese Weise vor seinen Schuldgefühlen verstecken kann! Ich versuchte. mir sei endlich verziehen worden. Ich wollte herausfinden. ob die Schriftrollen die Antwort auf meine Fragen enthalten. Catherine legte schützend die Arme vor den Oberkörper. indem ich Gott diene. Ich kam in den Sinai und wurde in die Sache mit den neu entdeckten Schriftrollen hineingezogen. Ich hatte das Gefühl. obwohl sie eine Jacke trug. weil man Gott dienen will. Ich bin nach Israel gegangen. und nicht. Aber das stimmt nicht! So einfach ist das nicht.Jahren wieder quält. Ich fühlte mich nur erleichtert. Aber du liebe Zeit.

wenn Sie allem Anschein nach keine Chancen haben zu gewinnen.« Er ließ die Arme sinken und lächelte. noch nicht. und doch kämpfen Sie. als er hinzufügte: »Beim Pangamot wären Sie eine ernstzunehmende Gegnerin. »Ich habe deinen Vater rufen lassen. Gewalt zu verabscheuen.« »Vater Garibaldi.»Welche Antwort. Vater Garibaldi? Sollen die Schriftrollen Ihnen sagen. ob Sie Priester bleiben oder nicht?« Er erwiderte nichts. »Wenn es das nicht ist«. Sie und ich. Vielleicht 416 . sagte sie. aber jeder kämpft in einer anderen Arena. »Du bist ein schmutziges kleines Ungeheuer«. bitte lassen Sie mich Ihnen helfen. aber Sie geben nicht auf. »Das Schwere ist…« »Ist was?« »Ich habe meinen Vater geliebt. Ja. Irgendwo dort draußen gibt es Männer.« »Es ist leicht zu kämpfen«.« Er faßte sie plötzlich an den Schultern. hatte Schwester Immaculata gesagt und Catherine vom Hocker gezerrt. ich habe ihn angebetet. »Wir sind uns sehr ähnlich. »Wissen Sie. betrachtete lange die Sterne und sah sie dann wieder an. Wir ringen mit Dämonen. »Sie wollen mir wirklich helfen? Sie hassen Priester. und der Wind trug ihre Stimme hinaus in die Wüste. und doch möchten Sie mir helfen?« Er blickte in den Himmel. Sie zuckte unter der Berührung zusammen. Es klang beinahe anerkennend. Vielleicht werde ich es nie können.« Aber genau aus diesem Grund hatte sich ihr Konflikt bis ins Unerträgliche gesteigert.« Er lachte leise. und er ließ sie wieder los. »Was dann? Sagen Sie es mir!« »Ich kann es nicht sagen. rief sie. die Sie töten wollen. daß Sie ein Widerspruch in sich selbst sind? Sie behaupten.

»Wegen morgen…« Sie drehte sich um. dachte ich. während sie mit den Tränen kämpfte und um die Beherrschung rang. »Ach. übrigens«. sagte sie mit belegter Stimme und drehte sich um.« Catherine liefen die Tränen über die Wangen. das ist die Wahrheit. wie du es bist. »Wir gehen besser nach unten«. Ärgerlich wischte sie sich das Gesicht und murmelte verlegen: »Ach verdammt!« Garibaldi nahm sie wortlos in die Arme. Er hielt sie fest. den kalten Wind zu spüren. Als er erschossen wurde. Jedem war klar. daß sich mein Vater getrieben fühlte. um es 417 . »Was ist mit morgen?« »Ich fürchte. und flüsterte leise ein Gebet. weil sie sich ihrer Gefühle schämte. bis morgen früh zu warten. ihre angebliche Sünde gutzumachen.kann er dir etwas Achtung vor deiner Lehrerin einbleuen. wir werden ausziehen müssen. die eine Nonne und keine Sünderin ist. und beschloß. habe ich zu meiner Mutter schreckliche Dinge gesagt. So wahr mir Gott helfe. daß er die Friedensmissionen in alle Welt unternahm. Als er schwieg. Ein paar Monate später starb meine Mutter. »Morgen wartet eine Menge Arbeit auf uns«. und ich konnte ihr nicht mehr sagen.« »Wie meinen Sie das?« »Als ich vom Fitneß-Zentrum zurückkam. sie schliefen. sagte er. Sie hatte plötzlich das Bedürfnis. verharrte sie noch einen Augenblick in seinen schützenden Armen. bevor sie sich von ihm löste und ein paar Schritte zurücktrat. Ich habe sie für seinen Tod verantwortlich gemacht.« »Der Bruch meiner Mutter mit der Kirche hat dazu geführt. daß ich meine Worte bereute. Nichts davon war wirklich so gemeint. fügte sie betont energisch hinzu.

»dann müssen wir uns etwas einfallen lassen.« »Weg! Sie meinen gestohlen?« »Ich habe es der Hotelleitung gemeldet. daß ich sie wiederbekomme. und als ich herauskam.« 418 . stand die Tür meines Schranks im Umkleideraum offen. wie wir wieder zu Geld kommen. aber man macht mir keine großen Hoffnungen. »Ich war nach dem Training im Dampfbad. Meine Brieftasche ist weg.« Er machte eine Pause.« »Na gut«. sagte sie. Abgesehen von den zwanzig Dollar. die Sie noch haben. sind wir völlig pleite.Ihnen zu sagen. Es tut mir leid.

Mr. »Was gibt es?« fragte er. der ihn im Moment am meisten interessierte. ein Produkt von Dianuba. warf Miles schnell einen Blick auf den Bildschirm.« Er griff nach seinem Hausmantel aus kastanienbrauner Rohseide und zog ihn an. Das hatte er am Tag zuvor entschieden. »Liebling…?« »Ich muß nur rasch etwas erledigen. die er mit der Suche nach allem beauftragt hatte. Von den drei Technikern bei Dianuba. sagte Teddy. Für dich…. doch es handelte sich dabei um Keep Out. Die Schriftrollen waren für Erika bestimmt. ob aus Kairo weitere Übersetzungen angekommen seien. Teddy 419 .Santa Fe. was auch nur entfernt mit den Sabina-Schriftrollen in Zusammenhang stand. wo Teddy Yamaguchi allein vor den elektronischen Geräten im Wert von mehreren Millionen saß. Der Korb für die E-Mail war leer. Havers«. Er vergewisserte sich. hatte er keine guten Nachrichten erhalten. den Computercode des Freers Instituts zu knacken und die für Julius Voss bestimmte Post zu lesen. Als er die unterirdische Computer-Zentrale betrat. »Da ist wirklich etwas Verrücktes…« Miles legte den Hörer auf und wollte aufstehen. Schlaf weiter. Er wollte sehen. Ihre aschblonden Haare auf den Kissen machten sie noch zerbrechlicher und zarter. »Hat Voss wieder Post bekommen?« Es war Teddy mühelos gelungen. als sich Erika neben ihm im Bett bewegte. Es war auch keine neue Datei ausgedruckt. New Mexico »Sie sollten herunterkommen. daß Erika wieder schlief. Das Institut hatte zum Schutz der E-Mail zwar ein Verschlüsselungsprogramm installiert.

erhielt. Das machte nichts. Es war eine Wiederholung der ersten beiden. »Es ist etwas wirklich Seltsames. und die Finger trommelten flink auf den Tasten.konnte sich einwählen. Seine Augen klebten geradezu am Bildschirm. Teddy hatte aber einen Grund. Die dritte Nachricht kam wenige Minuten später aus Seattle. bei Voss diskret vorzugehen.‹ Teddy verfolgte die Nachrichten sofort zu den Absendern zurück. Teddy warf niemals einen Blick auf die Tastatur. aber keine von Bedeutung. daß die Computer die Benutzer im Freers Institut darauf hinwiesen. daß ihr System geknackt worden war und jemand die Unterlagen las. ob Dr. Seitdem waren ständig eigenartige Nachrichten eingegangen. Teddy gab sich keine Mühe. die Tastatur hatte er auf dem Schoß. wirklich zu staunen. daß jeder jeden überwachte. die Arme lagen eng am Körper. ein knapper Satz von einem Computer in England: ›Catherine lebt. sagte Teddy. Die erste Nachricht für Voss war am Abend zuvor eingegangen. Sehen Sie sich das an. allerdings mit dem Zusatz: ›Sie hat Daniel Stevenson nicht umgebracht. Alexander das Land verlassen habe als Voss eine weitere Nachricht desselben Inhalts. diesmal aus Denver. sobald sie mit der Übersetzung fertig ist.‹ Eine vierte lautete: ›Sie hat die Schriftrollen und wird sie der ganzen Menschheit zum Geschenk machen.« Er saß in seiner gewohnten Haltung am Computer: Der Stuhl war zurückgekippt. es geht ihr gut. als bilde ein Netz von Neuronen 420 . Bis jetzt! »Nein. keine E-Mail für Voss«. In diesem Spiel wußten inzwischen alle Beteiligten.‹ Teddy und Miles hatten noch darüber gerätselt und sich gefragt. ohne jedoch eine Verbindung zwischen ihnen und Dr. Alexander feststellen zu können. aber nicht verhindern.

der Unterschied ist Zwei. in die man früher gegangen war. um Leute kennenzulernen. »Sie haben über Baseball geredet«. Gib das weiter. Francie! [Catbox] Willkommen. Nach dem üblichen MOTD und einigem Hin und Her erschien der Dialog: [Catbox] Was plant ihr denn alle so für Sylvester? [CelsiuS] Mike. »Was kümmert uns das?« fragte Havers irritiert. Teddy entspannte sich. naja. [Mike] Hi. daß Teddy von einem Internet Relay Kanal sprach. sehen Sie selbst. Dabei stopfte er sich seine Lieblingssnacks aus Tüten in den Mund und spülte sie mit Snapple.« Havers blickte auf den Bildschirm. Als er sagte: »Ich habe mich in einen Kanal eingeschaltet. um zu sehen. hallo. was in Cyberland im Augenblick alles vor sich ging. seinem Hirn und seinen Fingern. Catherine Alexander läuft um ihr Leben. während der übrige Körper völlig passiv blieb. Soweit er sehen konnte. Sie wird von Killern verfolgt. Internet-Unterhaltungen hatten die Kneipen ersetzt. erklärte Teddy.telebyte. der Felines heißt«. erwiderte Teddy. hinunter. dem Mode-Drink seiner Generation. der eigentlich ›Echtzeit-Chat‹ hieß. wußte Havers.com. Francie. 421 .und Dendronen eine unsichtbare Brücke zwischen dem Monitor. wenn er die Chat-Kanäle durchging und sich ein – und auswählte. »Warten Sie«. handelte es sich nur um den üblichen Schwachsinn. Die Gespräche waren genauso oberflächlich geblieben. »Als plötzlich…. Woher bist du? [Francie] Dr. [SERVER] Francie! ~fjames@kendaeo. Sie ist unschuldig.

bevor sie sich einwählt. [bOzO] figgy2. «SERVER»MoonDoggy hat sich verabschiedet. als jage unsere kluge Dr. sagte Miles nachdenklich. «SERVER»Moondoggy!phil@atcom.co. Rächer! Hier hast du ein Coke. Und offenbar springt sie willkürlich in den Kanälen herum. als suche er etwas. Als ›Rächer‹. Bleib cool. loggte er sich im IRC ein und sprang von einem Forum zum anderen. Catherine Alexander umzubringen. [MoonDoggy] Hallo. Alexander unschuldig ist. Leute wählen sich in eine Gruppe ein. »Was soll das bedeuten?« fragte Havers. sagen. beantworte meine Fragen. »So geht es schon die ganze Zeit. daß Dr.« Miles zog einen Hocker heran und setzte sich an den nächsten Monitor. der Deckname aus seiner Zeit als Hacker. und verschwinden wieder.[SERVER] Francie hat sich verabschiedet. könnten wir ihre Adresse feststellen…«. Wenn wir es schaffen. »Es sieht ganz so aus.il. ihr irgendwie zuvorzukommen. «SERVER»Einundvierzigplus. Für meine Dienste /msg Foxy [Cream] Weihnachtseinkäufe Ähhhhh!!!! 422 . «SERVER»Willkommen bei #Planeten [figgyg] Hi. *figgy2 gibt Rächer ein Coke. bereits in einem Kanal zu warten. Alexander von einer Kneipe zur anderen. Sie hat die Schriftrollen und beschützt sie für uns alle vor den Killern. hallo.« »Seit wann?« »Nach meiner Berechnung schon die ganze Nacht. hier bin ich. Jemand versucht.

Er hatte seine Haltung verändert und saß inzwischen wie eine sprungbereite Katze vor zwei Bildschirmen.U. Catherine Alexander hat Daniel Stevenson NICHT ermordet. fügte er hinzu und hüpfte ebenso schnell durch die Kanäle wie die Leute. die er gleichzeitig beobachtete. Im nächsten Augenblick erschien auf dem Bildschirm: «SERVER»Carlos!mongo@dianuba.brad. hallo. [Cream] Hi.L. »Aber was sind das für Leute?« fragte Havers und klickte sich gerade rechtzeitig in #Geologie ein. Nein. glaube ich. »Diese vielen Adressen… das sind verschiedene Leute!« Teddys Augen funkelten und blitzten.us. die du kennst. drückte die ENTER-Taste und wurde mit Hallo Mouse – seinem IRCNamen – begrüßt.H. Teddy gab achselzuckend #Zippers ein. Wovon haben wir geredet? [Maynard] Sag allen. während er gebannt auf die Bildschirme starrte.S. er sei direkt mit den Computern verdrahtet.G.ac. hallo. Sie ist U. Alexander in Ruhe lassen.com. Maynard.N. Alexander ist.I. sie sollen Dr. sagte Teddy. «SERVER»Maynard! ~rismith@alice.D. und die Bullen werden sie NICHT fassen. «SERVER»Carlos hat sich verabschiedet. Man hatte den Eindruck. Dr. um zu sehen: [Carlos] Sagt den Bullen. 423 . »Außerdem sind sie überall auf der Welt«. »Ich glaube nicht.[ToTo] Größe sechs. Mr.C. die sich zu Catherine Alexanders Verteidigern gemacht hatten. Bist du F oder M? [Gollee] ToTo: mußte die Katze hereinlassen. daß das Dr. Havers«. «SERVER»Maynard hat sich verabschiedet. vielleicht acht.

Teddy faßte sich mit beiden Händen an den Kopf. »Unglaublich! Die Drähte glühen! Die kleine Alexander hat bald die ganze Welt auf ihrer Seite!« Havers sagte nichts. auch er klickte von einem Kanal zum anderen und stellte staunend fest. schob die Hände in die Taschen seines Hausmantels und blickte zu Teddy hinüber. Sorry. sie hat niemandem irgendwelche Schriftrollen gestohlen. Carlos hatte sich gerade erst im letzten Kanal verabschiedet. Catherine Alexander hat Daniel Stevenson nicht umgebracht. sie will in Ruhe gelassen werden.»Schon wieder Carlos!« rief Teddy. Live-Diskussionen am Bildschirm 424 . den Kanal wechselten und sie weitergaben. [LadyGray] Olé. Er stand unvermittelt auf. Wo bist du? [CorVette] Jetzt haben wir fünf Länder. Wie geht’s? Ich bin in Spanien. Das Summen der Klimaanlage und das blitzschnelle Klack Klack der Tasten von zwei Tastaturen unter Teddys Händen waren die einzigen Geräusche im Raum. Teddy wechselte zu #German. hallo.edu. mouse. [Troy] Hallo Figgy2.psu. auf denen die Informationen mit der Geschwindigkeit von Kamerablenden wechselten. Mann! «SERVER»Figgy2!ashame@ppp26.cac. und sie hat geheimes Wissen über das neue Jahrtausend. Hallo Maus. Gebt es weiter. In seinen Augen spiegelte sich das Leuchten der beiden Bildschirme. Mouse. daß eine Welle zu einer gewaltigen Woge anschwoll. sorry. dessen Augen noch immer an den Monitoren hingen. [Figgy2]Sagt allen in Deutschland. «SERVER»figgy2 hat sich verabschiedet. weil die Leute in allen möglichen Foren dieselbe Nachricht lasen. Die unzähligen Gespräche.

Ich bin der ungekrönte Herrscher dieser neuen Welt! Rebellen hat es schon immer gegeben. »Unmöglich. Das ganze Internet scheint verseucht! Die Leute wissen nicht einmal. die nur dank Online und ISDNVerbindungen möglich waren – Namen ohne Menschen. Ich werde sie wie lästige Fliegen vernichten. Havers. Teddy schüttelte den Kopf. in einem IRC-Forum. Es kann überall gewesen sein. Miles kannte die Psychologie des Internet. Der junge Mann mochte recht haben. Und die Information verbreitet sich so schnell wie ein Virus. gerade haben sich drei neue Leute zugeschaltet. Sehen Sie. Im neuen Jahrtausend würde Cyberspace bereits zum Alltag gehören wie Wasser. denen ich bereits auf anderen Kanälen begegnet bin. Räume ohne Wände -.und der ständige Fluß der Nachrichten über alle Entfernungen hinweg. Teddy hatte nicht den Überblick wie Miles. Catherine Alexander war nicht nur im IRC. aber sie stellen sich auf ihre Seite. doch Havers ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Worte ohne Stimmen. das herauszufinden. In Cyberspace werden alle von mir manipuliert. daß ich nicht mithalten kann. schienen jedoch nicht mehr von dieser Welt zu sein. einer News-Gruppe. Die Menschen hatten sich eine neue Dimension erobert: Cyberspace. denn er war nur einer der vielen Millionen. Jeder greift die Meldung auf und wechselt so schnell den Kanal. die mit und durch Cyberspace lebten. wer Catherine Alexander ist. Das ist mein Reich. Mann. »Wo hat es angefangen?« fragte Havers stirnrunzelnd. Erde und Luft. Miles stand einen Augenblick wie gebannt da und sah zu. diese Foren waren nur 425 . Mr. Jetzt war sie plötzlich eine Heldin. im Augenblick gehört ihr das Internet!« Hatte Teddy seine Gedanken erraten? Miles lächelte kaum merklich. einfach überall. Vor vierundzwanzig Stunden hatte Catherine Alexander noch als der Antichrist gegolten.

die Spitze eines sehr viel größeren Eisbergs. ein 426 . Havers hatte sich ausgerechnet. bei jeder Unterhaltung im Web tauchte ihr Name auf. von Island nach Neuseeland. Vielleicht ahnten sie in dieser Nacht. und jeder redete über diese Frau. der Cyberspace-Öffentlichkeit zu erklären: »Ich werde die Schriftrollen der ganzen Menschheit zum Geschenk machen. obwohl sie ›Cathy‹ nicht einmal kannten. daß ihnen die Freiheit genommen war. Miles zweifelte nicht daran. die keiner kannte. Er richtete das Angebot einer nicht existierenden PapyrusSammlung ein und setzte sie auf ›Fred’s Seite‹. Transmitter. sich eine Sache zu eigen gemacht. von Johannesburg nach Deutschland. Cathy. als Server. daß sie Lycos und InfoSeek bald ausgeschöpft haben und ihre Suche auf weniger bekannte Datenbanken ausdehnen würde. Message-Übermittler zu sein.« Sie hatten diese Datenbank vor drei Tagen installiert. NewsGruppen sprachen im Augenblick über sie. die jemand wie Catherine Alexander noch für sich und ihr Leben beanspruchte. niemand. lauf!« Das war der Schlachtruf der Verdammten. die nichts anderes vom Leben zu erwarten hatten. Catherine Alexander im LinkNet von Orange County ausfindig zu machen. »Lauf. die Süchtigen der neuen Dimension. von der sie nichts verstanden. »Nein. auf dem eine Homepage mit dem Titel PAPYRUSSAMMLUNG LONGPORD zu sehen war.« Deshalb hatten seine zahllosen Untertanen. E-Mail flog auf dem ganzen Globus hin und her. daß sogar ihr Photo in Form von Millionen Bytes um die Welt ging – Sie hatte die Frechheit besessen. nachdem es ihnen nicht gelungen war. »Hat sich jemand hier gemeldet?« fragte er lauernd. Havers ging an der Reihe von Bildschirmen entlang zu einem.

hier würde er die Antworten finden. was er tun mußte. Ich kam in diese Stadt auf der Suche nach Herzen und Seelen. Philos wußte. Philos und ich bewunderten mechanische Vögel. aus dem Süßigkeiten herauskamen. um die Körper von Tieren und Menschen zu studieren. Und ich werde siegen. Ich traf andere Anhänger des Weges. wir hörten dampfgetriebene Nebelhörner. das im Augenblick bei Online-Amerika sehr beliebt war. aber nun blieb ihm keine andere Wahl. Alexandria ist eine Stadt der Erfinder und ihrer Maschinen. wir saßen in einem Theater. brüllte der Tiger in ihm. Alexandria ist auch das bedeutendste Zentrum der Welt für anatomische Forschungen. die bereits früher hierhergekommen waren.Clearinghaus für alle möglichen Bereiche. denn anders als in Indien sind Autopsien hier erlaubt. Die Ärzte kommen aus den fernsten Gegenden des Reiches. die er suchte. Während er Teddy beobachtete. der durch die IRC wie ein Weltmeister auf einer haushohen Flutwelle surfte. Ich nahm an ihren wöchentlichen Zusammenkünften teil. Die kluge Archäologin hatte den Köder jedoch nicht geschluckt. und wir sahen ein Gerät. dem größten Zentrum der Wissenschaft und Gelehrsamkeit. Ich las den Brüdern und Schwestern aus dem 427 . die für die Worte des Gerechten offen waren. das sich drehte. Wir kamen nach Alexandria. nicht soweit gehen zu müssen. wenn er der Sieger sein wollte. wenn man eine Münze in einen Schlitz steckte. und wir hörten Lesungen der Briefe seiner Jünger und der Worte des Gerechten. Er hatte gehofft. Aber mehr als alles andere ist Alexandria eine Stadt der geistigen Freiheit und Aufgeklärtheit. wurde Miles klar.

wie ich sie aus Antiochia kannte. sie seien der Beginn eines neuen goldenen Zeitalters auf Erden. und wir feierten gemeinsam das Liebesmahl. Doch ihre Vorstellungen vom Kosmos unterschieden sich sehr von dem. die tausend Jahre würden erst dann beginnen. Es gab sogar einige. die sagten. der Fisch und das Kreuz. Ich traf die Jünger eines 428 . wie der Gerechte es getan hat. »Der Gerechte hat von vielen Wohnungen gesprochen«. sie begrüßten sich mit dem Friedenskuß. Sie verehrten auch die Unsterblichen. und das Leben könne ewig dauern. damit seien die tausend Jahre der Herrschaft des Gerechten auf Erden gemeint. dann kommt das Jüngste Gericht. Sie nannten sich Gnostiker. Man sagte. Doch sie sprachen vom Schöpfer. In der Gemeinde hörte ich auch zum ersten Mal von der Prophezeiung der tausend Jahre. daß die Gemeinschaft hier Glaubensvorstellungen vertrat. In diesem Punkt herrschte keine Einigkeit. und wir erwachen aus dem Schlaf und gelangen zu unserem Schöpfer«. von denen. daß der Gerechte uns gesagt habe. nachdem wir gestorben sind: »Wir schlafen ein Jahrtausend. wie sie glaubten. der Tod sei eine Illusion.Brief der Maria vor. Trotzdem waren sie eine Gemeinschaft. was ›Wissende‹ bedeutet. Sie sprachen von Gott. den Diakon der Gemeinde. erklärte mir Priscilla. Andere behaupteten. Für sie war das Universum sehr viel vielschichtiger und größer.« Ich traf Priscilla. und sie sprach davon. der Gerechte als Sohn Gottes abstamme. als sei er getrennt von Gott. von denen ich noch nie etwas gehört hatte. »Und das hat er damit gemeint. während wieder andere erklärten. und ihre Symbole waren der Anker. was man mich gelehrt hatte. es handle sich um die tausendjährige Herrschaft Satans. Aber ich stellte fest. Sie glaubten an Frieden und Vergebung. sagten sie als Erklärung. wenn wir nur glauben.

und die Leute staunten über die Erfolge. In ihrer Sprache bedeutet das ›der Erleuchtete‹. An den Wänden des Tempels lasen wir die Worte. »Ich bin alles. und fuhren nil-aufwärts. Er sagte: »Sei dir selbst Zuflucht und halte an der Wahrheit als Licht fest. die vor tausend Jahren dort eingeritzt worden waren. und das bedeutet das Ende aller Dinge. Er wurde von einer jungfräulichen Mutter namens Maja geboren. daß man bei Schlangenbissen die behandelte Wunde mit Klemmen verschließt. und der Gerechte sagt. und es wird eine neue Schöpfung geben. du. er wird wiederkehren. um Ägypten zu sehen. den sie Buddha nennen. was ist und was sein wird. Dann wird Buddha auf die Erde zurückkommen.« Die Buddhisten von Alexandria sind Missionare und versuchen. Er wird die Guten belohnen.Mannes. die Bösen bestrafen. was war. die man damit erzielt). Ich bin der Anfang und das Ende. daß der Gerechte auch in Indien gelehrt hat? Wir machten eine Reise. In der alten Stadt Sais besuchten wir den Tempel der Göttin Isis. die Botschaft vom Weg des Gerechten zu verbreiten. neue Anhänger ihres Glaubens zu gewinnen. mein Wissen und mein Können bei der Geburtshilfe weiterzugeben und unbekannte Heilmethoden zu erläutern. die ich in Indien gelernt hatte (in Alexandria hatte noch niemand davon gehört. Wenn Buddha sagt.« Ich war damit beschäftigt. der du von Dunkelheit umgeben bist?« Sie glauben an ein Weltgericht. bedeutet das. der Himmelskönigin. so fragte ich mich. Sie gehen auf den Marktplatz und fragen die Vorübergehenden: »Suchst du nicht ein Licht. er wird wiederkehren. 429 . um ihr zu huldigen.

meine liebe Amelia. 430 . ich werde Alexandria vor allem deshalb nicht vergessen. mit Sehern und Seherinnen.Philos sah sich in der Stadt um. Er hoffte. Er sprach mit gelehrten Männern und verbrachte Wochen und Monate in der großen Bibliothek. die das ewige Leben schenkt. Aber. er beriet sich mit Priestern und Priesterinnen. frommen Männern und weisen Frauen. eine Spur zu finden. weil ich in dieser Stadt endlich die Liebe kennenlernte. die ihm den Weg zu der uralten Formel weisen würde.

DER ZEHNTE TAG 431 .

die an diesem sonnigen Morgen den durstigen Gästen bereits die ersten Bloody Marys und Screwdrivers servierten. der immer Essen für zwei bestellt.« Catherine machte sich Sorgen. steckte die anderen in die Jackentasche und sagte: »Schnappen wir sie uns. Er meint. Raphael mußte sich vom Anblick der spärlich bekleideten Kellnerinnen losreißen. Sie hatte das Hotel nach Garibaldi abgesucht.Donnerstag. sie wüßten ohnehin am besten über die Gäste Bescheid. 23. Zeke lächelte vielsagend. Dezember 1999 Las Vegas. Nachdem seine Erkundigungen an der Rezeption erfolglos geblieben waren. Möglicherweise war er im Casino. es könnte eine Frau sein. ohne ihn zu finden. um das Geld ›zu beschaffen‹ das ihm am Abend 432 . Nevada »Jemand wie ich muß nur nach Las Vegas kommen. schob sich eine in den Mund. denn er sagte sich. und schon gewinnt er den Jackpot«. wird sich der Kellner die Zimmernummer merken…« Raphael griff nach der Schale mit den gesalzenen Nüssen. »Du hast also den Priester gefunden?« fragte er. »Und ob ich ihn gefunden habe«. Beim Aufwachen am frühen Morgen war er nicht in seinem Zimmer gewesen. als er Raphael wie besprochen in der Mz’nos Taverne im Hotel Atlantis traf. sich mit Zimmerkellnern und Zimmermädchen zu unterhalten. Ich habe ihm ein gutes Trinkgeld gegeben. Wenn der Pfarrer heute Frühstück bestellt. hatte Zeke beschlossen. es gibt einen Pfarrer. »Ein Kellner vom Zimmer-Service sagt. Aber er hat die andere Person noch nie gesehen. erwiderte Zeke. sagte Zeke.

der gesagt hatte: »Wir haben keine Anklage gegen sie erhoben.« Dann äußerte sich ein Theologe: »Catherine Alexander hütet einen Schatz. als die ganze Welt gegen sie zu sein schien. als Danno sie schließlich davon überzeugte. trotzdem fürchtete sie. die sie mit den Kleidern gekauft hatte. Catherine trug die große Sonnenbrille. Beinahe fünfzig Jahre lang hat sie niemand zu sehen bekommen. Denken Sie daran. Zeugen sagen aus. was mit den Schriftrollen vom Toten Meer geschehen ist. Ich finde es bemerkenswert 433 . daß sie Dr. Ihre Bitte um Weitergabe der Information hatte einen ungeheuren Erfolg gehabt. hatte Garibaldi gesagt. daß ein Computer ein höchst wirksames Instrument der Forschung sein konnte. Deshalb bezweifeln wir. und die Polizei wußte noch nichts von ihren blonden kurzen Haaren. Catherine hatte sich lange gegen die Computertechnik gewehrt und ihren Widerstand erst aufgegeben. »LASST MICH IN RUHE!« stand da neben einem Photo von ihr. der Artikel würde berichten. Aber auch an den Spieltischen hatte sie ihn nicht entdeckt. Aber das war an dem Abend gewesen. Jetzt fühlte sie sich in der Welt von Cyberspace sicherer als in der wirklichen. Wir wollen ihr nur einige Fragen stellen. der uns allen gehört. Sie wußte. Man sollte sie nicht verfolgen. sie sei von bewaffneten Männern verfolgt worden. Inzwischen hatte sich die öffentliche Meinung um hundertachtzig Grad gedreht. »Diese Fanatiker könnten Sie entführen oder Schlimmeres…«. erkannt zu werden. Am frühen Morgen war im Radio Kriminalkommissar Shapiro aus Santa Barbara zitiert worden. Stevenson ermordet hat.zuvor im Umkleideraum gestohlen worden war. Sie erweist der Menschheit einen Dienst. daß Catherine Alexander überall im Internet zum Thema Nummer eins geworden war. An einem Zeitungskiosk fiel ihr Blick auf die Schlagzeile.

weshalb alle diese bedauernswerte Frau verfolgen. würde sie es tun. Und das fehlende Geld? Garibaldi konnte sich über den Kreditkarten-Service entweder Reiseschecks oder eine Ersatzkarte ausstellen lassen. die in einem spanischen Kloster aufgenommen worden waren. während sie beide arbeiteten. Alexander tut. als ihr Blick auf die ausgestellten Musik-Kassetten fiel. kurz gesagt.« Trotzdem blieb Catherine vorsichtig. Freunde sehen. Sie ist weder von der Polizei noch von der amerikanischen Regierung offiziell eines Verbrechens beschuldigt worden. um ihre Spur zu verwischen. Es sollte eine Überraschung für Garibaldi werden. was Dr. von einem der Raumschiffe in die oberen Stockwerke befördert zu 434 . Bevor sie sich zu den Hotelgästen stellte. die darauf warteten. Die Musik würde entspannend und beruhigend wirken. Geld gewinnen. Das ägyptische Kulturministerium kann nicht genau sagen. wohin Garibaldi gegangen sein mochte. Während sie die Zeitungen am Kiosk überflog und überlegte. daß sie diese schwere Prüfung übersteht. Dann mußten sie Las Vegas natürlich sofort verlassen. im Atlantis das Leben genießen… Catherine war gerade im Begriff weiterzugehen. Ich finde. Sie wollten Unterhaltung. daß sich in ihrer Suite ein Kassettenrecorder befand. was sie angeblich gestohlen hat. und kaufte die Kassette.und sehr mutig. Sie freute sich über den Fund. »Ich weiß nicht. Aber die Hotelgäste interessierten sich mehr für andere Dinge. Frühstück. Darunter befand sich eine mit gregorianischen Chorälen. Wenn das nicht möglich war. Catherine fiel ein. behielt sie die Leute im Auge. wir sollten sie in Frieden lassen und beten.« Selbst Kardinal Lefevre im Vatikan schien seine Haltung geändert zu haben.

« Als sie ihn fragend ansah. »Catherine«. ob er möglicherweise in einem anderen Spielcasino sei. die ihn verfolgten. um Geld auf zutreiben? Sie war so in Gedanken versunken. hielt sie noch einmal nach Garibaldi Ausschau. Die Berührung durchzuckte Catherine wie ein Blitzstrahl und erinnerte sie an die Umarmung gestern nacht. »Warum sind Sie nicht oben im Zimmer?« »Ich habe Sie gesucht. um eine Weile damit auszukommen.« Er lächelte sie an. Sie machte sich Sorgen. sagte er erstaunt und griff nach ihrem Arm. Catherine drängte sich durch die Leute.« »In meiner Nachricht stand doch. daß sie ihn beinahe nicht gesehen hätte. als er plötzlich am anderen Ende der Halle auftauchte. Wir müssen nicht ausziehen. Sie hatte danach unruhig geschlafen und im Traum den Priester gesehen. Was mochte Garibaldi unternommen haben. die einsteigen wollten lief quer durch die Halle und erreichte ihn atemlos vor der drei Stockwerke hohen Statue der Göttin Athene. Es ist mir gelungen.« Er legte ihr freundschaftlich den Arm um die Schulter.werden. weil ich mir Sorgen mache. mit zwei blutigen Stöcken die Furien zu besiegen. den immer noch Selbstvorwürfe quälten und der in seiner Verzweiflung versuchte. »Ich habe neue Batterien für den Laptop besorgt. Garibaldi sah sich um und sagte etwas leiser: »Ich habe gute Neuigkeiten. daß ich nicht lange weg sein würde. Ich stand am Eingang des Spielcasinos und wäre beinahe hineingegangen. Aber dann 435 . fügte er schnell hinzu: »Keine Sorge. Geld aufzutreiben – genug. Sie überlegte. in der sich ein Videoladen befand. Sie hatte jedoch auch von seinen Küssen geträumt.

aber mein Partner möchte unbedingt persönlich mit Ihnen sprechen«. daß sie erwartet wurden. aber ich hatte das Gefühl.« Garibaldi wich einen Schritt rückwärts und hob 436 . ich falle sogar in diesem verrückten Hotel auf.« Er lächelte. einer der Portiers habe bei meinem Anblick merkwürdig reagiert. aber sie blieb erschrocken stehen. »Bitte. Ich weiß. hörte Catherine eine zynische Stimme. »Wir fahren besser nach oben. Den Weg kennen Sie ja. »Was…?« Das Licht ging plötzlich aus. daß es der beste Schutz für Sie ist. nicht den Mann. »Tut mir leid.« »Und wie…?« »Das erkläre ich Ihnen später«. denn sie hörte. wie hinter ihr die Tür der Suite mit einem lauten Knall ins Schloß fiel. »Wir haben nicht viel Zeit.« Als sie die Zahlenkombination für ihre Suite eingaben. sehen sie den Priester. sagte er. nahm ihren Arm und ging mit ihr zu den Raumschiffen. Catherine merkte. Trotzdem glaube ich. ob ich allmählich an Verfolgungswahn leide. »Schon gut.« »Was erwarten Sie in diesem Aufzug anderes?« Garibaldi trug die Soutane. Catherine wollte sofort zur Stereoanlage. ahnten sie nicht.habe ich es doch nicht getan. Ich weiß nicht. Wenn die Leute mich anstarren. Sie erstarrte. um die Kassette einzulegen. Und ganz besonders sehen sie nicht die Frau an meiner Seite. daß ihre Bemerkung leicht spöttisch und beinahe kokett geklungen hatte. und entschuldigte sich sofort. so war es nicht gemeint. Schemenhaft sah sie in dem Vorraum neben Garibaldi eine Gestalt an der Tür. heben Sie die Hände hoch und gehen Sie hinein.

Ehe Garibaldi etwas erwidern konnte. Zeke war im Vorteil. Die beiden Männer umkreisten sich wie Raubtiere. und der Killer trieb ihn durch den Raum in eine Ecke. hatte ihn Garibaldi bereits an den Haaren gepackt. »Richtig. wir müssen hier weg!« und griff nach ihrer Hand. als Garibaldi nach einer Tischlampe griff und sie nach ihm schleuderte. Sein Kopf traf die Kante. ließ sich blitzschnell fallen und packte ihn an den Beinen. und die Lampe zerbrach mit einem lauten Knall an der gegenüberliegenden Wand. verlor das Gleichgewicht und stürzte zur Seite.« Der Killer mit der Narbe stand mit der blauen Tasche im Zimmer. Geschickt wich der Killer aus. »Die Schriftrollen«. Garibaldi rettete sich auf die andere Seite des Tischs. Kaum war die Tür offen. Sie gehorchte mechanisch wie eine Marionette. Zeke glaubte schon. Sagen Sie Ihrem frommen Leibwächter daß er die Schriftrollen bei mir abholen kann! Ich habe noch ein Wort eben mit ihm zu reden. Garibaldi stieß keuchend hervor: »Schnell. ihm den Todesstoß versetzen zu können. ging das Licht wieder an. »Machen Sie die Zimmertür auf!« rief er Catherine zu. wie die blonden lockigen Haare sich blutig färbten. denn er kämpfte mit dem Messer. Garibaldi dagegen hatte keine Waffe. Der Mann schwankte. »Nein!« Es klang fast wie ein Schrei. und er blieb leblos liegen. Er fiel mit einem dumpfen Schlag gegen den Tisch. riß er den Mann hoch und warf ihn in das Zimmer. Aber sie riß sich los. fügte sie tonlos hinzu. Catherine sah.scheinbar gehorsam die Hände. Noch ehe er am Boden lag. wo 437 . Aber dann schlug er dem Mann die Waffe aus der Hand. Frau Doktor.

Als Zeke mit dem Messer nach ihm stieß. Der Killer stürzte rücklings zu Boden und riß Garibaldi mit sich. »Hier…«. Ohne sich umzudrehen. Der Kampf würde nicht mehr lange dauern. Der Stock traf Zeke wie ein Pfeil. »Das wirst du mir büßen!« knurrte der Killer. Mit einem Fußtritt 438 . »Los. Zeke hatte außer dem Messer noch eine Pistole. laufen Sie in mein Zimmer!« rief er Catherine zu und sprang auf den Tisch. die Beine würden ihr den Dienst versagen. Wenn er feststellte. kniete vor Garibaldis Reisetasche. Garibaldi riß geistesgegenwärtig den Stock hoch. aber es gelang Garibaldi. Er sah ihr Flehen.Zekes Partner noch immer bewußtlos lag. »Nein!« Garibaldi hielt inne. wie es klirrend auf die Tischplatte fiel. würde er ihn kaltblütig erschießen und dann… Sie bewegte sich wie in Trance. das Messer abzuwehren. Catherine glaubte. Garibaldi sprang aus dem Stand über den Tisch. Von nebenan hörte sie einen wütenden Aufschrei. Dann ging alles sehr schnell. »Laufen Sie!« rief Garibaldi noch einmal. den sie ihm reichte. Sie wußte später nicht mehr. Aber im nächsten Augenblick stand Garibaldi wieder und hob den Stock zum tödlichen Schlag. sah sie über den Raum hinweg für den Bruchteil einer Sekunde an. Sie hörte. Als sie den lackierten Stock in die Hand nahm. In diesem Augenblick warf Zeke das Messer. Garibaldi stand mit dem Rücken zu ihr. Der Killer taumelte rückwärts und drehte sich einmal um sich selbst. Er hatte die blaue Tasche fallen lassen und richtete sich wütend auf. griff er nach dem Stock. durchlief sie ein Schauer. Catherine stand an der Tür. wie es wirklich geschehen war. daß Garibaldi ihm überlegen war. Sie wußte. Zekes Hand blutete. was Garibaldi von ihr wollte. trat er ihm mit voller Wucht gegen den Arm. ihre Verzweiflung. flüsterte sie. ihre Panik und verstand.

Die Engländer wollten zum Stierspringen. Er ist mein 439 . kann uns nichts mehr passieren…« Er griff nach der blauen Tasche. sich ihm vertrauensvoll überlassen zu können. daß sie Garibaldi auf eine neue Art respektierte. die sie bei dem Kampf erlebt hatte. ließen sie jetzt noch zittern. Garibaldi hatte nach dem Kampf nur flüchtig einen Blick auf die beiden Männer geworfen und gesagt: ›Sie werden keine schönen Träume haben. reichte ihr schließlich die Hand und zog sie vom Sitz. In das Raumschiff drängte sich eine Gruppe Engländer. ein Club auf Erlebnisreise. »Wir dürfen kein Aufsehen erregen«. Als das Raumschiff in der Hotelhalle anhielt und sie aussteigen wollten. das laute Lachen und die anzüglichen Bemerkungen über Stiere und Frauen zu überhören. Das Blut. flüsterte er. Sie umklammerte die blaue Tasche und versuchte. der Attraktion am Vormittag in der riesigen Hotelhalle. die Brutalität und Gewalt. Sie konnte sich nicht von der Stelle rühren. wurde ihr übel. Sie dachte an die Killer. wir haben es gleich geschafft.‹ Catherine biß die Zähne zusammen. Sie staunte über das tröstliche Gefühl. Der Brechreiz ließ nach. Catherine schloß die Augen. Wenn wir aus dem Hotel sind. die bewußtlos im Zimmer lagen. Garibaldi sah sie besorgt an. In diesem Augenblick der Schwäche wußte Catherine. ihre Frauen dagegen wirkten spröde und waren maskenhaft geschminkt. »Kommen Sie.machte er Zeke bewußtlos. sind wir nicht mehr in Las Vegas. drückte Catherine an sich und legte ihr den Arm um die Schulter. und wenn sie aufwachen. griff nach der blauen Tasche und nickte ihr zu. Die Männer waren selbstsicher und ausgelassen und benahmen sich beinahe kindisch.

Am liebsten wäre sie aufgesprungen und einfach davongerannt.Beschützer. aber keine Angst. »Ich habe mir gestern das Hotel etwas genauer angesehen und einen Seitenausgang entdeckt. als er sie an der Rezeption vorbeiführte. Endlich war Garibaldi an der Reihe.« Catherine nickte. Sie können mich von hier sehen. Hier sah sie wenigstens nichts von dem aufreizenden Spektakel. Setzen Sie sich. fügte er beruhigend hinzu: »Es ist besser so. Garibaldi deutete auf einen Sessel. Die Menge verstummte. bis ich die Rechnung bezahlt habe. Der Wettkampf zwischen der Frau und dem Tier begann… Catherine war froh. Es gelang ihr nicht. blieb jedoch unentschlossen stehen.« Garibaldi hatte recht.« Da Catherine sich ängstlich an ihn drückte. daß Garibaldi sie an das entfernte Ende der Empfangshalle geführt hatte. Er läßt mich nicht im Stich! »Wohin gehen wir?« fragte sie leise. An der Rezeption ist immer viel los. fragte sie erschrocken: »Wo ist der Laptop?« »In meiner Reisetasche. sich zu entspannen. Catherine setzte sich in den weich gepolsterten Sessel und versuchte. sie atmete flach. Als er sich umdrehte und gehen wollte. doch das Geschrei und Gejohle der Zuschauer zerrte trotzdem an ihren Nerven.« Sie hatten eine verspiegelte Pendeltür erreicht. er mußte warten. »Warten Sie hier. Fanfaren und dumpfe Trommelwirbel kündigten den Stier an. es kann einige Zeit dauern. Ihr Herz schlug laut. Wann wird die Flucht zu Ende sein? Catherine drehte sich unruhig um und erstarrte. Der 440 . Nehmen Sie die blaue Tasche. Die Unruhe wuchs. Ihre Hände waren naß vom Schweiß.

Der Killer war nicht zu sehen. Plötzlich war sie hellwach. In regelmäßigen Abständen brannten blauweiße 441 .Killer mit der Narbe trat aus einem Raumschiff. Als sei sie mit ihm durch unsichtbare Fäden verbunden. Schnell ging sie durch die Tür und befand sich in einem Gang. Als sich die Aufzugstür jedoch wieder schloß. Der Aufzug fuhr nach unten. Am Ende sah sie einen Lastenaufzug mit dem Hinweis: ›Nur für Angestellte!‹ Daneben befand sich hinter einer Glastür eine Treppe. Er verfolgte sie. Catherine wagte nicht. gab es für ihn immer noch die Treppe. Er blieb stehen und blickte sich suchend in der Halle um. Ihr blieb nicht viel Zeit. grün gekachelten Tunnel. Catherine nahm die blaue Tasche über die Schulter und verließ den Aufzug. Catherine war mit einem Satz im Aufzug und drückte auf den Knopf. Hatte er sie vielleicht doch nicht bemerkt? Sie mußte Garibaldi warnen! Die Pendeltür bewegte sich. Sie befand sich in einem breiten. sah sie den Killer. die verletzte Hand in der Hosentasche. Als sich die schwere Eisentür des Aufzugs langsam schloß. drückte sie schnell den roten Knopf mit der Aufschrift: ›STOP‹. Schließlich ging er in Richtung Rezeption. Auch wenn sie den Aufzug blockierte. drehte sich sein Kopf in ihre Richtung. Für den Bruchteil einer Sekunde sah Catherine seine kalten Augen auf sich gerichtet. und sie zuckte wie unter einem Schlag zusammen. die Tür glitt zur Seite. aber sie war wie gelähmt und rührte sich nicht von der Stelle. und sie sprang in Panik auf. daß jemand den Aufzug nach oben holen wollte – der Killer! Sie saß in der Falle. Auf der Leuchtanzeige sah sie. Ihre Hand berührte den Bronzegriff der verspiegelten Pendeltür. Catherine blieb atemlos vor dem Aufzug stehen und drehte sich um. Catherine hatte das Gefühl zu fallen und klammerte sich an einen Haltegriff. sich zu bewegen. Der Fahrstuhl blieb mit einem Ruck stehen.

Ihre Schritte hallten dumpf in der seltsam unnatürlichen Stille Ihr Keuchen klang überlaut. und wohin führte der Gang? Sie blieb verwirrt stehen. der zur Insel führte. In den Boden war ein Gleis eingelassen. Wo befand sie sich. dessen ›Untergang‹ zweimal täglich den Hotelgästen vorgeführt wurde. Auf einer Tafel neben einer grünen und roten Ampel stand: ›ACHTUNG SCHLEUSE! BETRETEN VERBOTEN! LEBENSGEFAHR!‹ Catherine wußte jetzt.Deckenlampen. Sie lief los. Der Killer schien sich seiner Sache sicher und trieb sie vor sich her. Die Kurve schien kein Ende zu nehmen. daß sich unter dem Hotel und dem See ein Tunnel befand. zu Atlantis. als plötzlich Neonlichter aufflammten. der sie wieder nach oben bringen würde. An der Seite sah sie ein Schienenfahrzeug mit einem kleinen Kran. Ihre Angst nahm zu. Sie war nicht mehr allein. Sie konnte sich nicht weiter vorwagen. 442 . Sollte sie vielleicht doch umkehren? Der dumpfe Knall einer Eisentür. als sie vermutet hatte. Der Gang wurde eng und bot nur Platz für die Schienen. Vielleicht gab es dahinter einen Aufzug. aber heftiges Seitenstechen zwang sie schließlich stehenzubleiben. Zurück konnte sie nicht. Ein bedrohliches Brummen oder Summen lag in der Luft. blieb dann aber wie angewurzelt stehen. Die grünen Fliesen wirkten im blauen Licht kalt und lebensfeindlich. die ins Schloß fiel. Der Gang war sehr viel länger. Garibaldi hatte ihr erzählt. wo sie war. Catherine rannte weiter. Der Tunnel machte eine leichte Kurve. Catherine rannte weiter. Hinter der Biegung war alles dunkel. Der Killer würde sie einholen und hier unten leichtes Spiel mit ihr haben. ließ sie zusammenzucken.

Sie stand gut sichtbar im Licht. Als sie sich aufrichtete und vorsichtig einen Schritt zur Seite machte und dann noch einen. kamen ihr die Tränen.Havers hatte gewonnen. Von der Decke tropfte Wasser. wenn der Tunnel geflutet wurde und Atlantis wieder einmal im Wasser versank. Catherine hörte hinter sich das Hallen von Schritten. Sollte sie aufgeben? Mit der Insel würden auch die Schriftrollen untergehen und 443 . Die Beine versagten ihr den Dienst. Falls der Killer sie nicht fand und umbrachte. und eine Warnlampe begann zu blinken. Nur das kalte Eisen der Schienen war trocken. So schrecklich die Dunkelheit auch war. Trotzdem mußte sie weiter. sie bot ihr im Augenblick den einzigen Schutz. Er durfte sie auf keinen Fall direkt hinter der Schleuse einholen. Er würde die Schriftrollen bekommen. Dann stand sie in völliger Dunkelheit. Er konnte sie einfach erschießen. wie die Schleuse den Tunnel verschloß. Sie schob den Hebel. der sich leicht bewegte. und sie lehnte sich mit unterdrücktem Schluchzen an die Wand. Warum habe ich Garibaldi daran gehindert. Sie sank auf die Knie. Sobald ihr Atem wieder etwas ruhiger ging. Die Ampel wechselte auf Rot. Catherine mußte gegen ihre aufsteigende Panik ankämpfen. stieß sie gegen die Wand. betastete sie den Boden. in die Stellung ›A‹. würde sie ertrinken. Der Beton war feucht und glitschig. den Killer umzubringen? In ihrer Verzweiflung wollte Catherine durch das offene Schleusentor in die Dunkelheit fliehen. als sie unter der Ampel einen großen Hebel mit der Aufschrift: ›Lichtschranke‹ bemerkte. Als Catherine zum dritten Mal auf dem glitschigen Boden ausrutschte und beinahe stürzte. Sie trat durch das Tor und sah mit angehaltenem Atem zu. Der Killer würde nicht lange zögern und das Schleusentor wieder öffnen.

Sie wußte. Statuen und den gespenstischen Fassaden unwirklicher Häuser. Es muß einen Ausweg geben! Catherine stieß einen durchdringenden Schrei aus und stürzte ins Leere. Am anderen Ende der Insel erhob sich ein niedriger Hügel. Als sie sie auf den Rücken schieben wollte. Instinktiv hielt sie schützend die freie Hand vor den Kopf. daß sie aus der Halle fliehen mußte. Ohne zu zögern kletterte sie hinauf. Sie konnte sich nicht orientieren und wußte nur: Am Ende versank Atlantis in den Fluten. Dabei war ihr die blaue Tasche im Weg. dessen Gipfel in diesem Augenblick auseinanderbrach und sich in einen feuerspeienden Vulkan verwandelte. hätte sie fast das Gleichgewicht verloren. Sie holte tief Luft und empfand wieder etwas Zuversicht. Bestimmt war ihm nicht entgangen.Sabinas Geheimnis… Garibaldi! Sie konzentrierte sich auf ihn und wurde ruhiger. 444 . Aber hier auf der Insel schien alles anders zu sein. Das Sonnenlicht war so grell. Sie befand sich in einer Stadt mit bizarren Säulen. daß sie die Augen schließen mußte. Sie biß die Zähne zusammen und kletterte weiter. und sie fiel der Länge nach auf den Boden. Ein dumpfes Grollen ließ sie zusammenzucken. Sie stand im Freien. Sie stand auf und rannte weiter. Atlantis… Catherine hatte das Spektakel bereits mehrmals vom Hotelzimmer aus gesehen. er würde sie nicht im Stich lassen. sah sie in einiger Entfernung schwaches Tageslicht. Tempeln. der senkrecht nach oben führte Catherine entdeckte jedoch Eisensprossen. Entschlossen eilte sie weiter. Aber die frische Luft war wie eine Erlösung. Der Gang endete in einem Schacht. Die Wand hörte plötzlich auf. Erschrocken sah sie sich um. Als sie sich aufrichtete.

Sie rannte seitlich am Tempel vorbei und den Hang an der anderen Seite hinunter. Schreie. Sie wußte. Die Fontänen! Catherine erinnerte sich. Am Fuß der breiten Marmortreppe bleib sie atemlos stehen und drehte sich um. Aber auch die hohe Säule vor dem Tempel mit der vergoldeten Statue einer Göttin schwankte. Vorsicht! Sie schien den Schuß und das Einschlagen der Kugel vor sich gleichzeitig wahrzunehmen. stolperte und kletterte Catherine über die seltsamsten Hindernisse. Sie war nur eine große Kulisse mit Winden und mechanischen Greifarmen. Eine Fassade stürzte ein. lief sie los. fing die Erde an zu beben. Sie rannte weiter. stiegen Fontänen aus unsichtbaren Kratern auf. Verblüfft drehte sich Catherine 445 .Unschlüssig stand sie neben dem Schacht. Sie näherte sich dem großen weißen Tempel in der Mitte der Insel. Der Mann wich im letzten Moment aus. Am liebsten wäre sie wieder hinuntergestiegen. die wie ein gigantisches Uhrwerk langsam in Bewegung gerieten. Als sie jedoch in dem dunklen Loch das Licht einer Taschenlampe sah. Aus den Lautsprechern des Hotels hallte die ›Atlantis-Symphonie‹ herüber. bevor der Killer sie fand und die Insel im See versank. Wenn Atlantis auseinanderbrach. Da begann das Wasser die Insel zu überfluten. mit der das Schauspiel des Untergangs eingeleitet wurde. Der Kopf einer Statue zersprang auf dem Boden. Explosionen und Sturmgeräusche untermalten das Inferno. Sie mußte einen davon erreichen. Es gab also noch mehr Schächte auf der Insel. Catherine kniff die Augen zusammen. Wie von Furien gejagt rannte. die Säule würde erst gegen Ende des Schauspiels auf die Stufen stürzen. Als sie den Killer mit der Narbe in der Nähe des Schachts entdeckte. Der Killer! Die Phantomstadt hatte keine richtigen Straßen und Plätze.

Als sie sich der Schleuse näherten. Garibaldi folgte ihr hustend in die Dunkelheit. der nicht aus den Lautsprechern kam. blinkte bereits die gelbe Warnleuchte. Wer hat gerufen? Dann hörte sie einen Schrei. »Schnell weg hier!« Eine Hand legte sich auf Catherines Schulter. Dampf und Rauchwolken wirbelten durch die Luft. Hinter ihnen schloß sich fast lautlos das schwere Schleusentor. »Was ist mit dem Mann?« fragte Catherine.« 446 . Noch bevor sie den Tunnel erreicht hatten. Garibaldi nahm die blaue Tasche und half ihr beim Einstieg. »Er kann bestimmt schwimmen. muß er es lernen. »Schnell! Kommen Sie!« Er zog sie mit sich. Nicht lange und über ihnen würde Atlantis versinken. Im dunklen Gang brannte Licht. und wenn nicht. Er packte sie am Arm und zog sie weiter. Sie zuckte erschrocken zusammen. Es waren die Scheinwerfer eines Schienenfahrzeugs. und ein Funkenregen ging auf die Insel nieder. Vor einem Springbrunnen befand sich der nächste Schacht. künstliche Lava strömte den Hügel herab. aber es war Garibaldi. lag unter einem umgestürzten Plastikbaum. der auf sie geschossen hatte. Der Killer. Garibaldi half Catherine auf den Beifahrersitz und fuhr los. heulte schrill eine Sirene.um.

Sein der Wissenschaft verpflichtetes Gewissen lag im Widerstreit mit seiner Liebe. Er hatte es gefunden. daß es sich nicht gelohnt hatte. Kalifornien Julius traute seinen Augen nicht. daß manche dieser Sammlungen so klein waren. Sein Latein war schlecht. weil er hoffte. ob er ihr überhaupt etwas von der Handschrift sagen sollte. Sie konnte es nicht über Internet ausfindig machen. Sabina Fabianas Schicksal. daß er schließlich einen Weg gefunden hatte. war er plötzlich beunruhigt. Er fragte sich. auf die Titel alter Papyri zu stoßen. um ihm zu verraten. vor hundert Jahren erschienenes Werk. Das Ende der Geschichte. Handschriften und Briefe gewesen. Er hatte das alte Buch von Rabbi Goldman ausgeliehen. Julius wußte. Es war ein dickes. Catherine zu helfen. die sich in Privatsammlungen befanden.Malibu. Er war zufällig darauf gestoßen. Im reproduzierten Text sprang ihm sofort der Name Sabina Fabiana ins Auge. Doch anstatt erleichtert zu sein. Während er die Einträge studiert hatte. doch es reichte aus. Hier auf dieser Seite stand. was alle wissen wollten. Er hatte sich stets an strenge Prinzipien gehalten. daß Catherine nichts von der Existenz dieses Pergaments wußte. Jahrhundert‹ aufgefallen. war ihm eine lateinische Handschrift aus dem Mittelalter mit dem Hinweis: ›Thomas von Monmouth zugeschrieben. 447 . während er etwas anderes suchte. Er war sicher. Schriftrollen. Zur damaligen Zeit war es vermutlich der umfassendste Katalog alter Dokumente. Kodizes. sie in die weltweiten Datenbanken aufzunehmen. Er blickte ehrfürchtig auf die Buchseite mit dem Dokument. XII.

drückte es Julius in die 448 . in das Archäologische Institut der Universität und von dort zurück zu Rabbi Goldman -. als er Rabbi Goldman die ganze Sache erzählt hatte. Er wollte gerade ins Wohnzimmer und zu dem beunruhigenden Dokument zurückgehen. den Stecker zu ziehen. und er hörte. Wir wüßten gerne. aber über die dunklen Ringe unter den Augen und das leichenblasse Gesicht staunte er doch. Er billigte nicht. Seine Versuche. und er hatte sich den Kopf darüber zerbrochen. indem er ihr von diesem Dokument berichtete. ob wir ein Live-Interview mit Ihnen in unsere Sendung einplanen dürfen…« Julius ging in die Küche und schaltete das Gerät ab. wenig gegessen und war wie von bösen Geistern gejagt von einem Computer zum anderen gefahren – zuerst zu Rabbi Goldman. nahm der geduldige alte Gelehrte ein verstaubtes Buch mit brüchigen Seiten aus dem Regal. daß Catherine anrufen würde. was sie tat.und die wollte er nicht aufgeben. als er in der Glastür des Mikrowellenherds sein Spiegelbild sah. Es bestand immer die Möglichkeit. hier spricht Camilla Williams von der Nachrichtensendung Augenzeugen. im Internet einen Hinweis auf Fabianus. Voss. Er dachte kurz daran. Fabiana oder etwas. danach zur Öffentlichen Bibliothek. wie sich sein Anrufbeantworter in der Küche einschaltete. widersprach das allen seinen Grundsätzen. Er hatte in den letzten vierundzwanzig Stunden kaum geschlafen. waren alle gescheitert. Es wunderte ihn nicht. das mit Sabina und den Schriftrollen in Zusammenhang stand. tat es aber doch nicht. wie er Catherine helfen könnte. Erst. daß er erschöpft aussah. Das Telefon klingelte zweimal. Aber ebensowenig wollte er Catherine im Stich lassen. wenn er sie unterstützte. Nach dem Pfeifton meldete sich eine Frauenstimme: »Herr Dr.

Nein. Alexander ist im Besitz von Schriftrollen. wie sie in die Vereinigten Staaten gebracht wurden. war es so. »Ja. nicht zu lügen. so fragte er sich. Er fühlte sich innerlich zerrissen. Kurz danach waren sie vor fünf verrückten Motorradfahrern geflohen. und trat hinaus in die frische Meeresluft.« Julius fuhr sich nervös mit den Fingern durch die dichten schwarzen Haare. wo er und Catherine sich ihre Liebe gestanden hatten. den er und Catherine eines Nachts im Sand gefunden hatten. die dicht am Wasser ein Rennen fuhren. Catherine… Er hatte der Polizei schließlich sagen müssen. Dr. ich weiß nicht genau. Hinter diesem Horizont. 449 . die auf die verwitterte Holzterrasse führte. war die Trennungslinie zwischen dem Gewissen eines Mannes und seiner Liebe zu einer Frau? Mußte das eine das andere ausschließen? In diesem Fall. Die Terrasse lag im Schatten. Nein. ich weiß nichts über die genaue Fundstelle. Catherine zu schützen. was er wußte. Damals hatten sie sich zum zweiten Mal geliebt – am Strand unter den Sternen. der sich am fernen Horizont verlor. Sein Blick glitt über den perlmuttfarbenen Pazifik. Wo. Er lächelte bei diesem Gedanken.« Er hatte Halbwahrheiten zu Protokoll gegeben und versucht.Hand und sagte lächelnd: »Es ist vielleicht nicht so schnell wie ein Computer aber dafür stürzt der Text nie ab. wo tiefe Wolken hingen und einzelne Sonnenstrahlen dazwischen das Wasser küßten. auf der anderen Seite der großen runden Erde lag Hawaii mit dem Halekulani Hotel. dachte er bitter. die Töpfe mit den roten und rosa Geranien und auf den getrockneten Seestern. ging zur Glasschiebetür. Dann hätte er am liebsten geweint. gleichzeitig aber auch. sein Blick fiel auf die bequeme Zedernholzsitzgruppe.

es sei Catherine. die er einen Tag und eine Nacht lang getragen hatte. Doch das Duschen half nicht. Das Telefon im Haus klingelte wieder. Catherine hatte recht gehabt. vielleicht sogar Monate. die ihm versicherten. Er fühlte sich anschließend immer noch so zerschlagen wie zuvor. die Tage und Monate ungeschehen zu machen. und der Möglichkeit. daß seine Haut krebsrot wurde. du trägst eine schwere Last«. Catherine gehe es gut. Catherine werde anrufen. und er lauschte. noch einmal neu zu beginnen in einer Zeit der Unschuld und in dem Wissen. hatte ihn der Computer mit einem Warnsignal darauf aufmerksam gemacht. sagte seine Mutter. was kommen würde. Wenn er Catherine etwas von dem Manuskript des Thomas von Monmouth sagte. Doch es war nur wieder ein Sensationsreporter. Julius hoffte. Beim Anziehen dachte er an das Telefongespräch mit seiner Mutter an diesem Morgen. obwohl er wußte. und die Gefahr für sie wuchs. Dann duschte er und stellte das Wasser so heiß. Wütend auf sich und auf seine Hilflosigkeit ging Julius ins Haus zurück und zog die Sachen aus. Sie hatte ihn sehr aufgeregt angerufen.Wenn es nur möglich wäre. der Julius Geld für seine Geschichte anbot. was in den Nachrichten über Catherine berichtet wurde. »Julius. daß sein Kodierungsprogramm geknackt war und seine Post gelesen wurde. nachdem sie gehört hatte. die er für falsch hielt. unterstützte er sie in einer Sache. Als die E-MailNachrichten von fremden Menschen auf der ganzen Welt eingegangen waren. dauerte ihre Suche Wochen. weil er hoffte. Wenn er ihr nichts sagte. daß sie es nicht wagen konnte. die Uhr zurückzudrehen. es zu vermeiden. 450 .

als hätte er gut gegessen und tief geschlafen. Er ging ins Wohnzimmer. der sagte: »Baal Schem-Tow hat uns gesagt: ›Er ist überall dort zu finden.»Trag sie nicht allein. blickte auf die Wiedergabe der mit Malereien verzierten Handschrift in Rabbi Goldmans Katalog und sah seinen Weg deutlich vor sich. legte Julius die Autoschlüssel wieder beiseite. was er zu tun hatte.« Er dachte: Ich werde zur Synagoge gehen und beten. Julius fühlte sich so erfrischt. Bitte ihn. Sein Geist war klar. An diesem Morgen würde er sich die Zeit für ein richtiges. zog die oberste Schublade der Kommode im Schlafzimmer auf und holte den Tallit und die Tefillin heraus – den Gebetsschal und die Gebetsriemen. alle Verwirrung und Unsicherheit schienen verschwunden. Der Himmel über Malibu war strahlend blau. In der Küche wählte er die Nummer der Redaktion von Augenzeugen und fragte nach Camilla Williams. an die brennende Lampe. Gib dich in Gottes Hand. an die Lade mit den Thora-Rollen. die symbolisierte. bewußtes Gebet nehmen. sah er. wo man ihn einläßt‹«. vor wem du stehst. doch er wußte sehr wohl. daß das Licht der Thora nie erlöschen werde.« Plötzlich dachte Julius an die tröstliche Atmosphäre der Synagoge. daß die Sonne den Kampf gegen die Wolken gewonnen hatte. Doch als er im Geist die Stimme seines längst verstorbenen Vaters hörte. Er wußte jetzt. Zwar verrichtete Julius regelmäßig das Morgengebet. daß er es oberflächlich tat und mit seinen Gedanken bereits bei dem bevorstehenden Tag war. dich zu führen. Als er nach langer tiefer Versunkenheit den Blick vom Gebetbuch hob. Während 451 . und an die hebräische Inschrift über der Lade: »Wisse.

ist nichts bekannt.er auf die Verbindung wartete. das eine Darstellung der letzten Tage der Sabina Fabiana enthielt – die Umstände und den Ort ihres Todes. hieß es in der Handschrift. sowie die Tatsache. denn sie wurde nie geschrieben. wanderte sein Blick zurück ins Wohnzimmer und zu dem bemerkenswerten Buch. »Sie hinterließ sechs Schriftrollen über Alchimie und Zauberei«. daß sie gestorben war.« 452 . bevor sie ihre Geschichte zu Ende erzählen konnte. »Über die siebte. von der die Legende berichtet.

Bei ihrer Ankunft auf dem Flughafen hatten sie festgestellt. Ein Schauer lief ihr über den Rücken. am liebsten diesen Weg. Sie nahmen den nächsten Flug. fügte er freundlich hinzu. schloß die Augen und dachte sofort wieder an den Kampf und die Flucht aus dem Hotel Atlantis. D. seien es gerade null Grad gewesen. der Las Vegas verließ. hatte Garibaldi Reiseschecks besorgt.C. und die Kerzen am Weihnachtsbaum auf dem Rasen vor dem Weißen Haus brennen. Sie haben mich nicht darum gebeten«. Garibaldi seine Reisetasche und den Laptop -. Sie blickte auf Garibaldis Hand hinunter. jetzt am Abend war die Luft schneidend kalt. als das Taxi langsam durch die verstopften Straßen rollte.Washington. Nach der Ankunft hatten sie sich auf dem Flughafen 453 . Sie nickte. Sie waren um Haaresbreite mit dem Leben davongekommen. die ihre Hand umschlossen. Dann sind alle Denkmäler angestrahlt. die gekauften Kleidungsstücke hatten sie zurückgelassen. die in der kalten Dezembernacht im Lichterglanz strahlten. Das kostet nichts extra«. »Aber ich nehme bei Besuchern. so sagte man ihnen. der ihre Hand hielt. besonders in der Weihnachtszeit. sagte der Taxifahrer. C. daß es minus 5 Grad waren und das Thermometer weiter fiel. Wie sich herausstellte. die zum ersten Mal hier sind. Tagsüber. Bei ihrer Flucht aus Las Vegas hatten sie nur ihre persönlichen Dinge mitgenommen – Catherine die blaue Sporttasche. Sie war sich nur der Wärme der Finger bewußt. »Ich weiß. Catherine nahm kaum etwas von den berühmten Bauwerken und Denkmälern wahr. »Alles in Ordnung?« flüsterte er. Die Maschine brachte sie nach Washington. D.

es wird wahrscheinlich schneien«. stellte er unter Beweis. als sie Garibaldi aus seinem Alptraum geweckt und er sie in die Arme genommen hatte. wenn sie ihn nicht daran gehindert hätte. die er kultivierte. »Übernachtung und Frühstück«. daß er die tödliche Kraft. berichtete der Taxifahrer. »Also«. Handschuhe und Strickmützen befanden. in denen sich Daunenjacken. Catherine machte sich auf die Suche nach einem Geschäft für Winterkleidung. fuhr er fort und blickte fragend in den Rückspiegel. wirklich unter Kontrolle hatte. daß es im Leben Situationen gab. sagte er. »was glauben Sie? Was wird an Silvester geschehen? Kommt der Weltuntergang oder eine schreckliche Katastrophe?« Er lachte leise.« Catherine wußte. geisterhafter Finger in den Himmel ragte. Schals. Als er darauf verzichtete. Eine halbe Stunde später trafen sie sich wieder: Catherine mit Einkaufstüten. Catherine sah Garibaldi nachdenklich an. Garibaldi ging zum Zimmernachweis-Schalter. Garibaldi hätte seine beiden Gegner im Handumdrehen töten können. ihm wirklich zu vertrauen… »Wir müssen so schnell wie möglich wieder ins Internet«. ›separate Zimmer‹ bedeutete. sagte sie leise mit einem Blick auf den Laptop 454 . um eine Unterkunft zu finden. Seitdem fiel es ihr sehr viel leichter. Er hatte ihr bewiesen. Er hätte den Killer mit dem lackierten Stock umgebracht. als sie am Washington-Denkmal vorbeifuhren.getrennt. »Im Radio sagen sie. Ohne sein Pangamot wären sie beide nicht mehr am Leben. und Garibaldi mit der Nachricht daß er etwas für sie gefunden hatte. es bestand keine Gefahr einer Wiederholung der Episode der Nacht im Atlantis. »Zwei separate Zimmer. in denen sich auch ein friedfertiger Mann blitzschnell in einen Kämpfer verwandeln mußte. das wie ein anklagender.

die Geld brauchen. Außerdem glaube ich. für alle Fälle.und schob die Erinnerung beiseite. Er nickte und drückte ihre Hand. »Ich dachte. es wäre ein Schutz für Sie. »Ihr Freund Daniel hatte Ihnen gesagt. Der Killer muß mich in Santa Barbara wiedererkannt haben.« Er seufzte und schüttelte den Kopf. Seitdem verfolgt er uns. als sie am Jefferson-Denkmal vorbeifuhren. »Sie haben Vater Pulaskis Uhr verkauft. ich habe etwas voreilig gehandelt. »Woher haben Sie eigentlich das ganze Geld?« Er lachte verlegen. Catherine schloß die Augen. Statt dessen habe ich eine klar sichtbare Spur hinterlassen.« 455 . daß die katholische Kirche unbegrenzten Kredit hat. murmelte Garibaldi kaum hörbar. daß Vater Pulaski nichts dagegen gehabt hätte. das rund um die Uhr geöffnet ist. als man mir die Brieftasche gestohlen hat.« Sie sah ihn an. als Sie beide das Lager im Sinai verlassen haben. An dem Abend.« »Wo haben Sie Ihre Uhr?« Er räusperte sich und blickte stumm aus dem Wagenfenster. nicht wahr?« »Bei unserer Ankunft im Atlantis habe ich in der Halle das Firmenschild eines Antiquitätengeschäfts gesehen. habe ich die Uhr verkauft.« Er zögerte. Aber ich war in Panik und dachte. »Sie scheinen zu vergessen. daß der Mann von Havers unter den Schaulustigen stand. wenn ich meine Soutane trage.« »Aber sie hat Ihnen so viel bedeutet…« »Ich gestehe. »Verstehen Sie. Ich war ebenfalls dort. aus dem sie nicht erwachen konnte? »Es ist alles meine Schuld«. Die Kunden sind natürlich vor allem Spieler. wir brauchten das Geld. War das alles nur ein böser Traum.

Die Stille ist schlimmer als das Gelächter. »Dort wird die eigentliche Politik gemacht!« Er deutete zum Ende der Straße. den Garibaldi vom Zimmernachweis am Flughafen 456 . als er vor einem Reihenhaus im Föderationsstil anhielt. Sie sieht. Die Kinder verstummen. wie er ihrer Meinung nach wert war. Das Gästehaus befand sich in der N Street. die Sache ist ihnen peinlich. wie einem Jungen vor Mitgefühl die Tränen über die Wangen laufen. Sie spürt etwas Nasses an ihren Beinen. Sie steht während des Unterrichts auf einem Hocker vor der Klasse. daß die Kirche Ihnen unbegrenzten Kredit einräumt?« Er lachte.Sie nickte und sagte dann lächelnd: »Haben Sie vielleicht daran gezweifelt. Aber sie wußte. die Neue. fügte er hinzu. Catherine Alexander. »Sie sind wirklich mit Komplimenten nicht sparsam. denen Damen in Abendkleidern und Herren im Frack entstiegen. ein paar Kreuzungen von der Georgetown-Universität entfernt. die anderen wissen. Dann hört das Gelächter auf.« Catherine legte verstohlen die Hand an ihre Brust. wo an einem Eckhaus teure Wagen und Limousinen vorfuhren. In dem Prospekt. Der Junge ist Danno. wo das Jaguar-Amulett gehangen hatte. daß Danno sie ebenfalls verstanden hätte. Die anderen Kinder fangen an zu kichern und zu lachen. »Hier. daß sie sich schämt. »Eine sehr gute Gegend«. steht auf dem Hocker und macht in die Hose. und er wird sie später vor ein paar Raufbolden beschützen. Auf der Suche nach Garibaldi war sie ebenfalls in dem Antiquitätengeschäft gewesen. Das war immer so gewesen… Danno… Wieder stellten sich die Erinnerungen ungerufen ein. sagte der Fahrer beruhigend. Der Besitzer hatte ihr für den Maya-Anhänger nicht annähernd soviel bezahlt. in dieser Gegend wohnt die Prominenz«. denn Catherine weiß.

die sie an der Tür begrüßte. »Es ist 457 . Im offenen Kamin brannte ein Feuer. daß ich ein Priester bin. Es sah alles so einladend und wohnlich aus. Im Erdgeschoß befanden sich ein elegantes Eßzimmer. Sie lebten im Untergeschoß. Catherine blickte auf den weiß lackierten Holzzaun. ihr ins Wohnzimmer zu folgen.mitgebracht hatte. die sich ein Bad am Ende des Flurs teilten. »Ich nehme an.und Lesezimmer und ein geräumiges Wohnzimmer. welchen Flug wir genommen haben. der vom Flughafen angerufen hat«.« Auf dem Flug von Las Vegas nach Washington hatte Garibaldi den Priesterkragen abgenommen. stand. daß sie plötzlich den Wunsch hatte. Alle diese Räume standen den Gästen zur Verfügung. ein ruhiges Spiel. die das Rot des Backsteinmauerwerks gliederten. »Hierher können sie unsere Spur nicht verfolgen«. Im ersten Stockwerk gab es drei Zimmer mit Bädern. Garibaldis Zimmer lag im zweiten Stock. das Gästehaus gehöre zwei verwitweten Schwestern. das zu einer Wohnung umgebaut worden war. Darauf habe ich diesmal geachtet. länger hier zu bleiben. »Auch wenn sie herausfinden. Catherines im ersten. »Treten Sie ein. den gepflegten Vorgarten. sagte er leise zu Catherine. die schindelgedeckten Dachgauben und die schönen weißen Rahmen von Fenstern und Türen. Sie sind der Herr. sagte eine freundliche Frau. Die Flammen vervielfältigten sich als Spiegelbilder im glänzenden Schmuck des Weihnachtsbaums. Im obersten Stock konnten bis zu acht Gäste wohnen. Das Haus stammte aus dem Jahr 1790 und hatte eine interessante Geschichte. treten Sie ein«. fuhr sie fort und bat Catherine und Garibaldi. Selbst die Frau beim Zimmernachweis weiß nicht. werden sie uns hier verlieren. als der Fahrer ausstieg und ihre Sachen aus dem Kofferraum nahm.

Mrs. »Ich nehme beim Fliegen den Kragen immer ab«. darf ich Ihnen einen Sherry anbieten? Die meisten Gäste sind ausgegangen. und…« »Genaugenommen«. sagte Garibaldi und lächelte verlegen. O’Toole. erwiderte sie. »Sie hat vor kurzem einen sehr guten Freund verloren…« »Ach. »Bin ich Vater Garibaldi. »Ich hoffe. Ich bin Mrs. und ich komme in ein paar Minuten mit einem Glas Sherry nach.« Als Mrs. Wir werden Sie nicht belästigen. »Sonst kann ich mich im Flugzeug nicht entspannen. ich verstehe. aber…« »Eigentlich. sagte Catherine. Sie hielt sich den leuchtend roten Schal vor das Gesicht und hatte die passende Strickmütze so tief in die Stirn gezogen.« »Natürlich«. »Natürlich!« erwiderte Mrs. strahlten ihre Augen. Ja. als sie die Treppe hinaufstieg. O’Toole. sagte er und zog die schwarze Jacke aus. »Lucy wird Sie hinaufbringen. Ihrer Schwester fehlt nichts. wie schrecklich. würde ich gern gleich auf mein Zimmer gehen«. überlege ich…« Sie sah ihn mit großen erwartungsvollen Augen an. »Also. O’Toole das schwarze Priesterhemd und das kleine Goldkreuz sah. O’Toole.« Er sah Catherine nach. Sie wird darüber hinwegkommen müssen. Mr.wirklich sehr kalt heute abend! Bitte geben Sie mir Ihre Jacken.« »Wenn es möglich ist. die Catherine am Flughafen für ihn gekauft hatte. In meinem Haus bekommt jeder Gast zur Begrüßung einen Sherry!« Sie wandte sich an Garibaldi. Vater Garibaldi. »Ja?« »Ich habe etwas Dringendes für meinen Monsignore zu 458 . daß man nur ihre Augen sah. Garibaldi. Warum setzen Sie sich nicht ans Feuer.

wenn er zu Besuch kommt. den ich mir kurz ausleihen könnte. Benutzen Sie ihn. und kann über nichts anderes als Computer reden. fügte sie schnell hinzu: »Warten Sie.« »Ich überlege. »Wissen Sie.erledigen. »Mein Computer muß repariert werden. sagte Garibaldi. solange sie wollen. Bitte kommen Sie mit.« Garibaldi folgte ihr ins Nebenzimmer. ob Sie möglicherweise einen Computer haben. wissen Sie. Niemand hat etwas von einem Computer gesagt. Mein Enkel benutzt einen Computer. Es war ein Spielcomputer für Kinder.« »Oh. Im Augenblick ist er nicht da.« »Vielen Dank«. ich habe ganz bestimmt keinen. Vielleicht ist ja auch unter Ihren Gästen jemand mit einem Computer. und leider ist mit meiner Festplatte etwas nicht in Ordnung. »Wie bitte?« Er hielt den Laptop hoch. wo vor einem Fernseher drei Sessel standen. er hätte nichts dagegen.« »Computer?« sagte sie. aber er hat den Computer hier gelassen. »Wo stellt er ihn immer hin? Ach ja. hier neben dem Fernseher ist er. daß Sie ihn benutzen. worauf sie deutete. Ich bin sicher. Dann sah er. Vater. An der Wand sah er ein Klavier. Und meine Gäste… Ich weiß nicht.« Ihr Lächeln gefror. 459 . »Wollen wir mal sehen…« Sie drehte sich langsam um.« Als sie sein enttäuschtes Gesicht sah. Er ist in diesem Alter.

»Ich habe sie gefunden«. Nevada Raphael kam zurück zum Wagen.Las Vegas. sagte er. 460 .« »Wohin?« »Zum Besuch beim Präsidenten«. erwiderte Raphael und grinste. »Die Frau am Schalter von Delta sagt. stieg ein und steckte seinen falschen FBI-Ausweis in die Jackentasche. ein Priester hat zwei Tickets gekauft. in dem Zeke vor dem Flughafengebäude auf ihn wartete.

DER ELFTE TAG 461 .

wie er den Tag verbracht und was er gelernt hatte. Dezember 1999 Die Liebe kam auf völlig unerwartete Weise. und daß andere unruhig werden und Angst bekommen. sagte er. hörte er mir nicht zu. Doch wenn ich anfing. Für manche Menschen ist der Tod wie ein 462 . daß es Menschen gibt. er war der Meinung. Da ich keine Familie hatte. ihnen den Weg in die nächste Welt zu erleichtern. Als Grieche hielt Philos nichts davon. was ich während meiner Freundschaft mit Satvinder gelernt hatte. Der Platz einer Frau sei im Haus. Ebensowenig wußte er. die Kranken und Sterbenden zu pflegen. die den Tod in Würde und Ruhe erwarten. daß sich Frauen in Geschäften. und da mein Ehemann nur selten zu Hause war. die täglichen Ereignisse einer Frau seien für ihn nicht wichtig. am Herd und bei der Familie.Freitag. um die ich mich hätte kümmern müssen. auf welch unterschiedliche Weise die Menschen sterben. ihm von meinem Tag zu erzählen und davon. Und so kam es. daß ich regelmäßig in das Hospital im Isistempel ging und den Schwestern half. Er kam abends nach Hause und erzählte mir. Ich sah. was ich gelernt hatte. verschwand nach kurzer Zeit unter irgendeinem Vorwand in seinem Arbeitszimmer und schloß die Tür. Philos war den ganzen Tag bei den Männern in der Stadt. Ich weiß. Ich konnte etwas medizinischen Beistand leisten. im Handel oder in einem Beruf betätigen. aber meist saß ich nur an den Betten der Sterbenden und versuchte. daß ich beobachten konnte. 24. Philos ahnte nicht. konnte ich mir meinen Traum erfüllen und die Botschaft des Gerechten verbreiten.

Während der Wochen und Monate im Isistempel wurde ich Zeugin einer universellen Wahrheit: Wir sterben alle. sondern glaubt. ein Leben nach dem Tode bestimmt ist. wie die Kranken die Augen schlossen und ihren letzten Atemzug taten. sprach ich zu ihnen von der Botschaft des Gerechten. andere fürchten sich nach dem Übergang in die Geisterwelt vor schrecklichen Foltern und großen Qualen. wo meine Ahnen sind«. und wieder andere haben viele Fragen. Wenn ich an den Betten der Menschen mit einem starken Glauben saß und bei anderen. Manche waren davon überzeugt. die der Botschaft des Gerechten folgen. »Mein Geist wird dorthin gehen. die sich ohne jeden Glauben auf den Weg in das Jenseits vorbereiten mußten. Viele behaupten. Die Ägypter glauben. das gesehen zu haben. und ich lebe. Doch es gab andere. die da sind und kommen. fürchtet euch nicht. aber wir sterben auf unterschiedliche Weise und jeder zu einem anderen Zeitpunkt in seinem Leben. daß sie sich auf die Reise an einen neuen Ort begaben. Alle anderen werden zugrunde gehen. »Wir werden dort einen neuen Körper bekommen«. sagten die einen. sagten die anderen. Doch der Weg lehrt. aber ich habe sie nie gesehen. das da ist. als Wind über die Welt zu wehen oder auf alle Ewigkeit in dunkle Höhlen 463 .« Jene. daß nur jenen. der zu uns gesagt hat: »Ich bin vor der Zeit von allem. ich bin am Ende aller Dinge.langer Schlaf. Ich habe es nie beobachtet. Ich erlebte oft. Ich hielt Ausschau nach der davonfliegenden Seele. die diese Botschaft annahmen. die Seele verlasse den Körper durch die Nase in Gestalt eines Vogels. Anhänger anderer Religionen glaubten. Ich halte die Schlüssel des Todes und des Lebens in meiner Hand. starben in Frieden. Ich habe den Tod erlitten und das Leben gefunden. die nichts davon hören wollten.

Er wollte den Mann in einen künstlichen Schlaf versetzen und den Pfeil dann mit einem Skalpell herausschneiden. An diesem Abend kam Philos in mein Zimmer – denn wir hatten damals getrennte Schlafzimmer – und fragte mich. Wir brachten den Verletzten auf meine Anweisung in den Garten zu einem Baum. und er zurückschnellte. Es ging so schnell. die Wahrheit der alten Überlieferungen zu beweisen. und der Mann ging davon. Philos warnte den Verletzten aber vor der Infektionsgefahr. vor dem Wundbrand und der Möglichkeit. sondern ein Fremder. daß der Mann staunend erklärte. in dessen Bein eine Pfeilspitze steckte. das ewiges Leben schenkt. niemals alle rechtzeitig mit seiner Botschaft erreichen können. Er würde sein Bein nicht verlieren. denn ihn trieb der Wunsch. daß er das Bein verlieren werde. Ich wollte mit Philos darüber sprechen. Aber er war mit seiner Alchimie beschäftigt und mit der Suche nach einem Elixier. er habe überhaupt nichts gespürt. zog er den Pfeil mit sich. weil wir. schloß die Tür und arbeitete bis spät in die Nacht. faßte ich mir ein Herz und sagte. Ich hörte ihnen zu und lernte etwas über die vielen Vorstellungen vom Leben nach dem Tod. der Pfeil könne nicht herausgezogen werden. 464 . Er las und führte Experimente durch. So kam es. befestigte eine Schnur daran und verknotete das andere Ende am Pfeilschaft.hinabzusteigen. über die andere spotteten. Als ich das hörte. Aber meine Verzweiflung wuchs. Eines Abends brachte man einen Verletzten zu uns. es gebe eine andere Möglichkeit. Er zog sich in sein Arbeitszimmer zurück. die Anhänger des Gerechten. Philos säuberte und verband die Wunde. Ich zog einen starken Zweig nach unten. in dessen Haus ich lebte. daß er nicht länger mein Mann war. Philos untersuchte ihn und erklärte. Als ich den Ast losließ.

die während des Goldenen Zeitalters. wie viele andere der Gemeinde. Ich erzählte ihm von Satvinder.wo ich diese Methode gelernt hätte. Er sagte. Ich sagte zu Philos: »Britannien ist nahe der Rheingrenze. Ich hoffte. das es jemals unter den Menschen gegeben hat. immer auch noch an die Macht des Hermes und seiner Worte. nach dem Dichter. Und so schifften wir uns nach Britannien ein. Können wir Cornelius Severus nicht verlassen und nach Hause reisen?« Doch Philos hatte von riesigen Steinen gehört. er werde vielleicht zurück nach Antiochia versetzt werden. wo die Priesterinnen unseren Sohn segneten und noch einmal tauften. Als der Morgen graute. in Britannien aufgerichtet worden waren. Wir erzählten uns gegenseitig von den wunderbaren Dingen. Der Tag kam. Wir haben jetzt ein Kind. und ich würde endlich meine Heimat wiedersehen. Ich behielt Pindar. das Kind unserer Liebe. Aber es sollte nicht sein. Danach trugen wir ihn in den Tempel des Hermes Logos. glaubte ich. die wir in Indien gesehen und erlebt hatten. (Perpetua schreibt: »Sabina lacht. Wir blieben die ganze Nacht wach und redeten zum ersten Mal in unserer Ehe wirklich miteinander.«) Wir nannten ihn Pindar. liebten wir uns mit unseren Körpern und den Herzen. daß Britannien unser Ziel war. und sie taufte ihn. 465 . Und er war das schönste Kind. als die Menschen unter den Unsterblichen lebten. an dem Cornelius Severus einen neuen Auftrag erhielt. an das wir denken müssen. bekam ich Angst. denn wir stünden unter dem Schutz des römischen Adlers. wir hätten nichts zu befürchten. Ich brachte ihn zum Diakon der Gemeinde. Als ich hörte. Obwohl ich eine Anhängerin des Gerechten war. bei mir. Unser Sohn wurde neun Monate später geboren.

um die Fernsehnachrichten zu sehen. bei denen das Computer-Zeitalter noch nicht begonnen hat. als die Behörde erfuhr. Catherine Alexander. wollen wir kurz für alle jene erklären. Das FBI wurde heute morgen auf eine falsche Fährte gelockt. »Die untergetauchte Dr. Der Sprecher fuhr fort: »Das FBI verfolgte die Spur des Teilnehmers bis zu diesem abgelegenen Haus auf der Bainbridge-Insel. Alexander habe sich auf einem Kanal im Internet zu Wort gemeldet. Und wenn die Bullen mich nicht in Ruhe lassen. wann Jesus zurückkommen wird. die Internet überwachen.Santa Fe. WERDE ICH DIE SCHRIFTROLLEN VERBRENNEN!»»» Es folgten Aufnahmen eines Hauses am See. Dr. daß es sich nicht um die flüchtige Archäologin handelte.« Der Kollege der Sprecherin fügte lachend hinzu. Was Sie im Augenblick auf Ihrem Bildschirm sehen. nach der die Polizei bisher ergebnislos fahndet. Sie sagen auch. Die Sprecherin verriet durch ihr Lächeln. wäre heute beinahe vom FBI festgenommen worden. »Wie das FBI den Aufenthaltsort der Verdächtigen ausfindig gemacht hat. das zwischen hohen Bäumen stand. Die 466 . sondern um eine Hausfrau aus Seattle. daß eine heitere Meldung folgen würde.« «@CaAlex »Die Schriftrollen sagen den Weltuntergang voraus. ist eine Wiedergabe des Textes. der heute morgen auf den Monitoren der Beamten erschien. Es stellte sich allerdings heraus. New Mexico »Jahrtausendtollheit und der Wahnsinn im Internet!« Erika unterbrach das Einpacken der Weihnachtsgeschenke.

« Die Sprecherin wurde wieder eingeblendet. daß in England ungefähr zwanzigtausend Adelstitel zum Verkauf standen. ein einmaliges Geschenk machen wollen. Wer einen solchen Titel kaufte. erwähnte er. Als sie jetzt nach dem richtigen Papier für die polierte Schatulle aus Wurzelholz suchte – das wertvolle Dokument war erst an diesem Morgen aus London eingetroffen -. Es gab nur einen. in der sie manchmal nicht genug Geld für einen halben Liter Milch besaß.computerbegeisterte Besitzerin. ihn zu erwerben. Erika hatte sich das gemerkt und auf eine Gelegenheit gehofft. wie unbekümmert sie inzwischen mit Geld umging. Dafür brauchte sie ganz besonderes Papier. sich zum Beispiel Lord oder Lady of the Manor zu nennen. 467 .000 Dollar verkauft worden war. erklärte. hatte das Recht. wußte Erika. »Die Beamten des FBI fanden das nicht sehr lustig. Als Miles 1990 erfahren hatte. nicht zu vergessen. daß sie sich für Miles nicht mit einem beliebigen Titel zufriedengeben konnte. den sie haben wollte. daß es einmal eine Zeit gegeben hatte. Erika dachte daran. hatte sie sich nach Einzelheiten erkundigt. Gastwirtin Barbara Young. Es war schwer. sie habe sich nur einen Spaß erlaubt. Aber wie verpackt man den Titel eines Lords? Sie hatte Miles zum letzten Weihnachtsfest des Jahrtausends ein ganz besonderes. Weitere Nachrichten zum Thema Jahrtausendwende…« Erika stellte den Ton ab und griff nach dem Geschenk für Miles. Als sie las. daß der Titel des Lords von Stratford-upon-Avon für die Rekordsumme von 228. Tatsächlich stand der Titel in diesem Jahr wieder zum Verkauf. hob sie den Kopf und blickte hinaus auf die schneebedeckten Sangre de Cristo-Berge. Obwohl bereits das sehr reizvoll klang. daß er diesen Titel gern selbst gehabt hätte.

Das war die eigentliche Ursache ihrer Unzufriedenheit in letzter Zeit. vermutete jedoch. daß sie aus einem Werk stammten. das er ihr zu Weihnachten schenken wollte. Manches. Es würde Miles ähnlich sehen. auf diese Weise ihre Neugier zu wecken.Ihre Finger strichen über das goldgehämmerte Geschenkpapier in ihren Händen. Während ihr der Satz immer wieder durch den Kopf ging. die so klar und überwältigend war. Plötzlich begriff Erika etwas. erstaunt über diese schlichte. was er zitierte. daß sie den Keim dieser Erkenntnis 468 . die sie wie eine Offenbarung empfand. »Ich suche tatsächlich den Weg nach Hause«. blickte sie auf die vielen Geschenke. Wo dann? Zu Hause ist die Vergangenheit. Ja. und plötzlich erfaßte sie eine überwältigende Sehnsucht nach einem einfacheren Leben. anderes nicht. Ich suche den Weg nach Hause. daß ihr der Atem stockte und das Geschenkpapier ihren Händen entglitt. als sei ein Schleier von ihren Augen gezogen worden. Und wo war ihr Zuhause? Nicht hier. ich suche das Licht. der du von Dunkelheit umgeben bist? Suchst du nicht den Weg nach Hause?‹« In letzter Zeit überraschte er sie häufig mit solchen Zitaten. doch es gefiel ihr alles. klang biblisch. bevor… Bevor? Erika hatte noch eine Offenbarung. als Miles noch nicht den Durchbruch geschafft hatte… Sie erinnerte sich an die Worte von Miles. Vor dem Krieg… Nun war es heraus. Erika wußte nicht. wo er sie fand. in all diesem Reichtum. du. Damals. flüsterte sie. die Zeit vor vielen Jahren. die ein anschaulicher Beweis ihres Reichtums waren. aber wahre Erkenntnis. Erika erkannte. Er hatte heute morgen beim gemeinsamen Frühstück den Satz aus einem Buch zitiert: »›Suchst du nicht ein Licht.

Unteroffizier Manuel Perez. Zum ersten Mal seit dem Ende des Krieges stellte sie sich wieder die Frage: Was hat ihn so verändert? »In Vietnam gibt es keine Tiger. daß Miles sich in Vietnam auf beunruhigende Weise verändert hatte – er war fröhlich zurückgekommen. und mit einem eigenartigen Optimismus. Die Erlebnisse in Vietnam hatten Miles anders geschädigt. Miles war mit einem seltsamen neuen Ehrgeiz zurückgekommen. der sie irgendwie verwirrte. daß dieser Krieg das Leben Tausender zerstört hatte. den sie 1968 einen Tag vor seiner Abfahrt nach Vietnam geheiratet hatte. Miles hatte nach dem Krieg wie ein kleines Kind geschlafen. widersprach seinem 469 . Er war ohne einen Kratzer zurückgekommen. Es hatte keine Alpträume gegeben. Er sprach nicht über seine Kriegserlebnisse. Aber sie hatte geahnt. Sie hatte es sich nur nie eingestehen wollen. Der Mann. keine Selbsthilfegruppen. Erika wußte. daß es in ihrem Fall irgendwie anders war. nach dreißig Jahren. den sie vorher nie an ihm bemerkt hatte. er litt nicht unter Depressionen oder an Schuldgefühlen. Mann!« Perez. Er lächelte nur und sagte. er habe die Kraft des Tigers in sich. in denen Erika es nicht hatte wahrhaben wollen. aus denen er schreiend aufwachte. war ein anderer Mann als der. zwang sie sich. wie andere Ehefrauen es von ihren Männern berichteten.schon lange in sich getragen hatte – genaugenommen seit drei Jahrzehnten. der zurückgekommen war. Er brauchte keine psychologische Beratung. Aber nun. der Tatsache ins Auge zu sehen. in denen sie ihre Kinder großgezogen hatte und die Ehefrau des inzwischen beinahe legendären Miles Havers gewesen war.

schlugen das Zelt ab und waren jetzt. Die Männer der kleinen Kampfeinheit ahnten zwei schreckliche Dinge. daß ihre Nerven unter der Anspannung zu 470 . Es war Sommer 1968. »Hört mal her. Vor zwei Tagen hatten sie die letzten Essensrationen aufgebraucht. völlig ausgehungert. in welche neue Hölle sie diesmal geraten waren. und seine Phantasien kreisten um das Essen. daß sie sich wahrscheinlich bereits hoffnungslos verirrt hatten. Sie hatten seit langem weder ein Dorf noch ein Reisfeld gesehen. und das machte ihnen noch mehr angst. wo sie genug zu essen hatten. Gefreiter Miles Havers. Der Hunger. Jetzt gab es keine Verpflegung mehr.Vorgesetzten. »die gelben Teufel sind in der Gegend. Sie mußten weiter. veränderte die Prioritäten eines Menschen. hockten die Männer in einem stinkenden Zelt und fragten sich. so erkannte er. Es hatte tagelang nicht aufgehört zu regnen. Sie haben es auf uns abgesehen.« Daran mußte er seine Männer nicht erinnern. überließ er sich sexuellen Phantasien. aber ein Selbstmörder war er nicht. als sie im Gänsemarsch durch den dampfenden Dschungel marschierten. ihr Oberst war offensichtlich verrückt geworden. zwanzig Jahre alt. Jungs!« rief er ihnen von der Spitze des desolaten. Während die Sintflut das Land in einen Sumpf zu verwandeln schien. bunt zusammengewürfelten Trupps her zu. Aber er tat das nicht in Hörweite des Oberst. Sie waren sich der Allgegenwart der Vietkong so sehr bewußt. Im Basislager. Befanden sie sich überhaupt noch auf südvietnamesischem Gebiet? Zweitens. Doch es gab etwas Schlimmeres als den Hunger. Perez mochte tollkühn sein. Erstens: Sie waren so weit von ihrem Regiment entfernt. hatte noch nie in seinem ganzen Leben einen solchen Hunger gehabt.

Miles glaubte. der den Major und den Leutnant abgeholt hatte – oder das. »Der 471 .zerreißen drohten. macht dich stärker‹« Der Oberst hatte sich verändert. weil er das Funkgerät absichtlich zerstört hat. Jungs«. Sie machten das Gehen zu einer ganz neuen Herausforderung. Selbst das Sonnenlicht auf ihren Gesichtern schien sie wie Sandpapier wundzuscheuern. das stehe irgendwie in einem Zusammenhang mit dem Hubschrauber. die in die Kammer einer AK-4 gedrückt wurden. Der Oberst hatte ihnen gesagt. mit einem Kugelhagel von 350 Geschossen in der Minute den Dschungel in einen Fleischwolf zu verwandeln. Der Oberst hatte danebengestanden und eingehend das Blut des Majors an seiner Hose betrachtet. als sie der sintflutartige Regen überraschte. die überall auf den Dschungelpfaden in getarnten Fallgruben steckten. an das Funkgerät zu denken. Aber wieso. um Himmels willen? Damit er auf seine verrückte Tigerjagd gehen kann. Aber weshalb hatte der Oberst dabei den Hörer in der Hand gehalten? Sag es nicht! Der Oberst hatte den Hörer in der Hand. Der Oberst hackte sich einen Weg durch das dichte Unterholz und rief fröhlich: »Denkt immer daran. Aber noch schlimmer war die Bedrohung durch PimgiPflöcke – angespitzte grüne Bambusrohre. Alle lauschten auf das metallische Klicken von Patronen. es sei im Schlamm begraben worden. denn das wäre das Signal gewesen. was von ihnen übriggeblieben war. sagte der Oberst und zog einen aufgeweichten Zigarrenstummel aus der Tasche seines Tarnanzugs. Dabei hatte er gelächelt und gesagt: »Ich werde den Tiger finden…« Deshalb konnte Miles nicht aufhören. »Tiger jagen allein. was der große Sün Tse gesagt hat: ›Was dich nicht umbringt.

erreicht er sie mit wenigen Sätzen. nämlich Hirsch und Wildschwein. Wenn er die Beute anfällt. erschöpften Männer hinter ihm hertrotteten.« Er steckte die angerauchte Zigarre in den Mund und sprach zwischen den Zähnen weiter.« Der Trupp überquerte unter den üblichen Vorsichtsmaßnahmen einen kleinen Bach. Der Oberst fuhr in seinem Vortrag fort: »Die Beute wird am Hals gepackt und umgeworfen. »Die eigentliche Jagd ist sehr eindrucksvoll.« Er lachte zufrieden. Jungs. Und er hört erst auf. denkt immer daran. »Der Tiger.Tiger legt auf der Suche nach Beute bis zu zwölf Meilen zurück und verläßt sich mehr auf seine Augen als auf den Geruchssinn. Jungs. Dabei beginnt er immer«. Dabei setzt er die Pfoten behutsam auf und verharrt immer wieder regungslos. Es ist eine Tigerin. während seine ausgehungerten. Jungs. und sie hat einen Dorfbewohner getötet. und. Dann schleppt der Tiger sie ins dichte Unterholz und frißt sie über einen Zeitraum von mehreren Tagen auf. sagte der Oberst grinsend. Beim Reißen der Beute befinden sich seine Hinterbeine fest auf der Erde. Der Tiger bewegt sich geduckt und mit erhobenem Kopf sehr langsam und vorsichtig. verkriecht er sich in das Unterholz und wartet auf den richtigen Augenblick. ist ein Menschenfresser. den wir suchen. Inzwischen hat sie dreizehn Menschen getötet und gefressen. Ein Tiger greift von der Seite oder von hinten an. »hinten. ohne auf ihn zu hören. Offenbar fand sie mehr Geschmack an Menschenfleisch als an ihrer üblichen Beute. ein Tiger springt niemals hoch in die Luft oder macht zu große Sätze. um sie anzuspringen. um ihre Jungen zu schützen. wenn von dem Opfer nur noch Haut und Knochen übrig sind. Die Leute in der Gegend 472 . Sobald er die Beute erspäht.

erwiderte der Oberst. In der Mitte der Pupillen befand sich ein beängstigender schwarzer Fleck. Jungs«.« Goldstein brachte eine Schachtel Camel zum Vorschein und reichte sie herum. hab ich einen Hunger. und grinste. und er blickte hin und wieder darauf.nennen sie Seelendiebin. O Gott. Es war sonderbar. Perez sagte leise: »Der Oberst hat wirklich eine Macke. Plötzlich war ihm der Oberst unheimlicher als die Vietkong oder die ganze nordvietnamesische Armee. um die Zigaretten anzuzünden. Mit den Augen des Oberst stimmte etwas nicht. Eine Brigade der nordvietnamesischen Armee. aber sie waren alle zu nervös. daß er und alle anderen es geschafft hatten. es ist eine Brigade. der ihn gehört hatte. Wohin zum Teufel führte er sie? »Sperrt eure Augen und Ohren auf. weil sie vierzehn Seelen gestohlen hat. »In der Gegend ist eine Vietkong-Patrouille gemeldet worden. Mann. die bis zu den Zähnen mit sowjetischen Panzern und Artillerie bewaffnet ist. »Ich habe gehört. sagte Jackson. der einzige Schwarze des Trupps. was zum Teufel suchen wir hier überhaupt?« »Wir jagen einen Tiger«. Ich meine. was für ein Scheiß«. ihren Kompaß zu verlieren.« Perez schloß auf und murmelte Miles zu: »Wenn du mich fragst. Wenn er sich umdrehte und seine Männer ansah.« Miles überprüfte zum hundertsten Mal das Magazin seines automatischen Revolvers und schob ihn wieder in 473 . überlief es Miles jedesmal eiskalt.« »›Patrouille‹. sagte er. der Oberst hat nicht mehr alle Tassen im Schrank. Miles mußte immer wieder an die Kompasse denken. Nur der Oberst besaß noch einen. ohne den Männern irgendwelche Erklärungen zu geben. der immer größer zu werden schien.

« »Darf ich fragen. »jetzt habe ich aber wirklich Angst. drehte sich um und warf einen erstaunten Blick auf seine Männer. Vietkong sind in der Gegend. und weil es die Kugeln horizontal streute. die inzwischen als Bar diente. »Was ist. wo es ihm paßt.« Er lachte leise. obwohl er ein paar Schritte vor ihnen ging.« Er drehte sich wieder um und marschierte weiter. ein Selbstladegewehr. »Den Tigern gehört die Welt.« Auch Miles hatte Angst. das liegt auf der Hand. sagte Perez. Es war ein 3er Ithaka. haben sie mir versichert. Es flößte Miles eine ungeheure Angst ein.das Halfter zurück. Ich habe im Ponderosa davon gehört. murmelte der junge Smart mit klappernden Zähnen. Sie haben es auf uns abgesehen. zum ersten Mal in diesem absurden Alptraum von einem Krieg.« Das Ponderosa war eine ehemalige französische Villa im Hauptquartier in Saigon. mein Junge. Feldwebel«. Unteroffizier Perez. flüsterte der junge Smart. im Regenwald und in der Wüste. »warum wir diesen Tiger jagen?« Der Oberst blieb wie angewurzelt stehen. Er lebt überall. aber wie ein Zwölfjähriger aussah. glauben Sie nicht…« »Panthera tigris!« rief der Oberst fröhlich. tötete man damit sehr schnell und wirkungsvoll. »Ein großer Tiger. Er hatte keine eigene 474 . »Hier ist ein Tiger. Sir«. »He. »Jetzt«. wenn wir wirklich einen Tiger finden?« Der Oberst hörte die Frage.« »Sir. »Man sollte glauben. Seine andere Waffe hing über der linken Schulter und schien mit jedem Schritt schwerer zu werden. Es ist mit Sicherheit unsere Menschenfresserin. »Die größte Spezies der Katzenfamilie. der achtzehn war. Man findet ihn im Schnee und im Bambus.

flüsterte Smart. wieder lebend aus dem Gemetzel herauszukommen. machte er bereits Liegestützen in einer Kaserne. was sie dachten. Als er sich überlegte. Ihr werdet schlemmen. Sie rollten Splittergranaten in die Zelte von Offizieren. die an Coffein erinnerte. Es kam immer häufiger vor. sagte Perez. Er wußte. der mit ungewöhnlich roten Blüten übersät war.Meinung über das Töten.« »He. mein Junge. sagte Perez. Es stellte sich heraus. ob er seinen Einberufungsbescheid verbrennen und nach Kanada flüchten sollte.« Die Augen der Männer in den hageren. daß die Blätter nicht schlecht schmeckten – ähnlich wie Spinat. kauten herzhaft auf 475 . Jetzt richtete sich sein ganzer Ehrgeiz jedoch darauf. Er blieb stehen und pflückte dunkelgrüne Blätter von einem großen Strauch. dessen jungenhaftes Kinn große Pickel zierten. »sollen wir uns vielleicht von jetzt ab wie Pferde von Gras ernähren?« Perez zog nachdenklich die Stirn in Falten und blickte in die ängstlichen Gesichter der anderen. daß sich Mannschaften von ihren Vorgesetzten ›trennten‹. die daraufhin in tausend Stücke zerrissen wurden. »Hier ist eine kleine Vorspeise. aber mit einer gewissen Schärfe. um euch Appetit zu machen«. Schlemmen? Was?. hätten sie alle am liebsten gefragt. bevor die Nacht zu Ende ist. Er wollte in die USA und zu Erika zurück. Unteroffizier«. »Sir«. Er verteilte die Blätter wie Hostien und ermahnte die Männer: »Ihr müßt gut kauen. »Bleibt cool«. Der Saft ist das Wichtige daran. »habe ich die Erlaubnis. verdreckten Gesichtern wurden groß. die Männer auf die Suche nach etwas Eßbarem zu schicken?« »Das ist nicht nötig. folgten sie dem Beispiel des Oberst. Da ihre Mägen knurrten. sagte der Oberst.

als sie anhielten. daß seine Ohren überempfindlich wurden. Er lächelte glücklich. Er schloß die Augen und öffnete sie wieder. Der Schädel ist kurz. Es war nur ein abgestorbener Baum. Miles spähte durch die dicken Lianen und Schlingpflanzen und sah in einiger Entfernung eine leuchtend rote Pagode aus dem Dunst aufsteigen. Er hätte schwören können. fuhr der Oberst fort. wie sich die Blüte einer Orchidee entfaltete. schön…«. daß er den Nebel hörte.den Blättern herum und schluckten sie hinunter. rissen sie immer mehr Blätter von dem Strauch und stopften sie sich gierig in den Mund. um die Hebelwirkung der mächtigen Kiefer zu verstärken. der sich auf der anderen Seite der Welt in die Bucht von San Francisco wälzte. 476 . seufzte Jackson. und an den Pfoten hat er lange. »Die Vorderbeine und Schultern eines Tigers«. Von plötzlichem Heißhunger gepackt. Miles stellte fest. Ihre geschwungenen Dächer strahlten golden. Der junge Smart seufzte: »Waaauuuu…« Perez hielt sich eine Hand vor die Nase und schnupperte am Handgelenk. Die Pagode verschwand. schwor Miles. Die feuchte Erde schien unter ihren Stiefeln sanft zu seufzen. Unsere Tigerin ist eine starke Mutter. »Tiger jagen nachts«. »sind sehr muskulös. Bald leuchtete der Dschungel in neuen Farben. erklärte der Oberst. die wie das Lachen kleiner Mädchen klangen. Überall schienen Smaragde zu hängen. und einmal. um noch mehr Blätter zu pflücken. als die Sonnenstrahlen im Dschungel verblaßten. Sie hörten Vogelrufe.« Goldstein begann zu summen. er höre. als wanderten sie über die Brüste einer Frau. Die Luft verfestigte sich und wurde zu Seide. »Wahnsinn. spitze einziehbare Krallen.

hauchte der junge Smart. Ihr Fell wirkte im fahlen Mondlicht wie Schnee. »Da ist sie!« Wahrhaftig tauchte die Bestie auf der Lichtung auf. gebutterten Popcorns. Wieso wittert sie uns nicht. die zwischen den Farnen stand. Doch die Maschine löste sich auf und wurde wieder zu einem gewöhnlichen Steinhaufen. Die Bestie drehte den Kopf und blickte mit schräg geschnittenen. Sie hörten es – weiche Pfoten auf dem modrigen Boden. dachte Miles. daß es den Männern den Atem verschlug. Auch Miles sah nichts außer einer dunklen Lichtung. daß Smart ihn anrempelte. Aber irgend etwas bewegte sich im Gras. »Was ihr da seht. Ist sie nicht schön?« Die Männer spähten durch das Laub. »Da ist sie!« sagte der Oberst mit gedämpfter Stimme und blieb so unvermittelt stehen.Miles blieb stehen und betrachtete eine große glänzende Popcorn-Maschine. mandelförmigen Augen in die Richtung der Männer. »Großer Gott«. Miles schmatzte in Erwartung der salzigen. dehnten sich aus und nahmen die ursprüngliche Größe wieder an. Sie leckte sich mit einer überraschend 477 . Im letzten Jahrhundert wurde er nahezu ausgerottet. »ist der indochinesische Tiger. »Ich sehe keinen Tiger«. Er ist dunkler gefärbt als der indische und heller als der südchinesische Tiger. Sie war so schön. fuhr er flüsternd fort und teilte Elefantenohr-Blätter. murmelte Goldstein. der wie ein Zirkuszelt aussah. um auf eine Lichtung zu spähen. Jungs«. Es war eine altmodische Maschine auf einem Karren mit großen Rädern und einem Aufbau. auf der das Gras wie Perlmutt schimmerte. durch den in dramatischen schwarzen Streifen die Erde zu sehen war. Das Licht des gerade aufgegangenen Mondes trieb seine Spiele mit den Naturgesetzen: Formen veränderten sich. Es war eine schöne schlanke Tigerin mit elegant geformten Hinterbeinen.

und als er sie zurückzog. Dann war der Oberst auf den Knien. Das warme Blut tropfte. Magen. Während er auf dem festen Herzmuskel kaute. es zu verschlingen. Der Oberst richtete sich furchtlos auf. sagte er triumphierend und ging daran. Därme. und flüchtig wirkten sie beinahe wie die einer Frau. Die Männer bemalten sich mit roten Streifen und lachten wie Kinder unter dem Rasensprenger an einem heißen Sommertag. wie sein Magen knurrte. die schwarzrote Leber. Sie stopften sich voll mit dem Tigergeist und prahlten damit. daß das Herz der Tigerin noch schlug. Der Oberst rannte auf die Lichtung. die Seele der Seelendiebin zu essen und vielleicht sogar die Seelen der Menschen. und er stürzte sich ebenfalls auf das rohe Fleisch. Als Miles näher kam. Er hielt etwas Gelbes in den Fäusten. Der Tiger stieß ein fürchterliches Gebrüll aus. schoß und traf die sechshundert Pfund schwere Raubkatze mitten in die Brust. verrieb eine Handvoll klebriges Blut auf seiner weißen Haut. Miles zog das Hemd aus. Sie sank mit einem lauten Gurgeln ins Gras. als wittere sie Gefahr. als er rief: »Greift zu. Dann spürte er. Plötzlich erstarrte sie jedoch. als er es in zwei Teile schnitt und Jackson eine Portion zuwarf. die Innereien herauszuholen – Nieren. griff mit beiden Händen in den offenen Leib und begann. zückte das Messer. warf er einen Blick auf das Gesicht der Tigerin. Perez tauchte als erster die Arme in den offenen Leib.rosafarbenen Zunge die Lippen. Er öffnete das Tier mit einem Schnitt von der Kehle bis zu den Lenden. Ihre Augen standen offen. die sie gefressen hatte. Jungs!« Die ausgehungerten Männer zögerten nicht. Er hätte schwören können. schob er energisch einen Gedanken 478 . waren sie bis zu den Ellbogen rot. »Bries«. der weiße Bauch blitzte auf.

im Militärkrankenhaus von Saigon aufgewacht zu sein. als der Oberst sie aufgeschlitzt hat.« »Aber was? Da war doch nichts. der inzwischen als Anwalt in West Virginia lebte. der ihn verfolgte. Sie haben etwas gegessen.« »Ich habe etwas gesehen…« Jahre später hatte Miles aus heiterem Himmel einen Anruf erhalten. Doch Miles hatte nicht vergessen. Sie hörten den Hubschrauber nicht kommen. als hätten sie in Blut gebadet. Sie war noch nicht tot. Smart. was haben die Kerle denn gemacht? Es sieht aus. rief mitten in der Nacht an und sagte: »Ich habe nachgeschlagen. In Vietnam gibt es keine Tiger! He. Goldstein und Jackson behaupteten später. die nur noch die nackte Lust am Überleben kannten. und dabei sind sie nicht einmal verwundet…« »Sieh dir ihre Gesichter an. sie waren keine denkenden Männer mehr. und er gehört hatte. Perez. Es war ein unangenehmer. Miles? Es war doch ein Tiger? Wir haben doch einen Tiger gegessen?« 479 . und später wußte keiner von ihnen. wie jemand sagte: »Mein Gott. wie sie die Lichtung verlassen hatten.beiseite. häßlicher Gedanke. daß sie an Bord des Rettungshubschraubers gekommen waren. Unteroffizier Perez. Der Gedanke verschwand. sondern Kreaturen. sie könnten sich nur daran erinnern.

Seit sie den Killern in Las Vegas so knapp entkommen waren. »Sind Sie sich der Ironie bewußt?« fragte Garibaldi. Drei Tage waren vergangen. nach Informationen über Tymbos zu suchen. D. Aber die Bibliotheken sind geschlossen. frisches Obst und starker Kaffee. »Wir sind hier in einer Stadt«. Garibaldi hatte an diesem Morgen mit ihr gefrühstückt: selbstgemachtes Gebäck. Hier ist der ideale Ort. an die Hawksbill-Gruppe gewandt hatte. ob jemand etwas entdeckt hatte. O’Toole war sehr entgegenkommend und ließ Catherine die Mahlzeiten auf ihr Zimmer bringen. während ihnen der kalte Wind ins Gesicht blies. Vor elf Tagen hatte Hungerford mit der Sprengung das JesusFragment ans Tageslicht gebracht. Omelett mit Käse. um an einen Computer heranzukommen.« Catherine warf verstohlen einen Blick über die Schulter zurück. der beinahe ihr ganzes Gesicht bedeckte. dem handgenähten Quilt. um nach einer möglicherweise existierenden Kopie der Texte oder nach der siebten Schriftrolle zu suchen. Sie waren gezwungen. »Welcher Ironie?« Catherines Stimme drang gedämpft durch den dicken Wollschal. seit sich Catherine mit der Bitte. saß ihr die Angst im Nacken. weil heute Heiligabend ist. »wo alle Bibliotheken ihren Benutzern Zugang zum Internet anbieten. erwiderte Garibaldi. als sie durch die ruhige Straße gingen. Hinter ihr lagen elf fast schlaflose Nächte.C.Washington. 480 . Wann würde sich das ändern? Mrs. das sichere Haus zu verlassen. Sie wollte herausfinden. frischen Blumen und der englischen Seife im Badezimmer gefiel ihr gut. Catherines Zimmer mit einem Himmelbett.

denn jeder kaufte sich mit seinen Produkten die Fahrkarte in das neue Jahrtausend. Niemand wollte zurückbleiben. »Die Leute verehren diesen Verbrecher wie einen Helden. Dort stand. was er meinte. Vor ihnen stand Miles Havers! Dann sah sie zu ihrer Beruhigung.« Über dem Aufgang zur Dianuba-Software-Abteilung hing ein Transparent. Auf der Suche nach den Vorführ-Computern stießen sie überall auf den Pappmann ›Havers‹. und im Schaufenster hing ein Plakat. Er ist für sie eine Mischung aus Superman und Weihnachtsmann. die neueste interaktive Romanze auf CD-ROM. daß es sich nur um einen lebensgroßen Aufsteller aus Pappe handelte. daß beim Kauf jedes 481 . auf dem stand: TESTEN SIE UNSERE NEUESTE SOFTWARE FÜR INTERNET KOSTENLOS Sie liefen über die Straße. Die Frauen kauften ›Butterfly 33‹. Kein Wunder also. und Garibaldi rief: »Da!« »Wie bitte?« Sie blickte über die Straße und wußte sofort. murmelte Garibaldi.Wenn sie nur nicht weiter fliehen müßten und sich hier eine Weile ausruhen könnten… Sie bogen um die Ecke auf die Wisconsin Avenue. Computerspiele und Software-Pakete von Dianuba Technologies waren die großen Hits. während sie sich einen Weg durch die Menge bahnten. Sein Konzern beherrschte den Markt. daß die Leute in langen Schlangen geduldig vor den Kassen standen. Drinnen drängten sich die Käufer. und Catherine bekam einen Riesenschreck. »Ich verstehe das nicht«. Er war zweifellos ein Idol und verkörperte die Zukunft. Ein weihnachtlich dekorierter Computerladen. betraten das Geschäft.

beliebigen Artikels ein bestimmter Anteil des Preises der privaten. »Dieses Feature ist kostenlos in das Dianuba-Sicherungsprogramm KeepOut installiert. und der Verkäufer legte ihr strahlend das ›Komplettpaket für die Verbindung zum Daten-Highway‹ in den Einkaufswagen. der man ansah. Garibaldi hielt Wache. Auf dem Computer war die sehr schnelle Scimitar Software installiert. Die Vorführ-Computer waren von Neugierigen umlagert. sagen wir. was ihr angeboten wurde. Vor allem Jugendliche standen an den Tastaturen. klickten sich durch die Angebote im Web. Erleichtert sah sie den Eintrag: #hawksbill. in Ihrem Fall werden die komprimierten Daten nach dem File Transfer eingelesen und für Sie auf den Bildschirm gebracht…« Die junge Frau nickte unsicher. Das bedeutete. aus Anchorage. 482 . Alaska? Kein Problem. Und das Besondere: Brauchen Sie eine große Datei. Ein Verkäufer redete auf eine Frau ein. Mit einem Mausklick war sie im IRC. eroberte sich Catherine geistesgegenwärtig die Tastatur.und Entpackungsprogramm. kämpften in virtuellen Welten und entdeckten den Spaß. Sie suchten in den Foren nach Angeboten auf den ›Schwarzen Brettern‹ und brachten die Drähte zu den Nachrichten der Welt zum Glühen. Auf dieses Symbol klicken. die Gruppe war Online. das heißt. Garibaldi warf einen Blick auf den ›Superpreis‹: dreihundert Dollar! Als endlich ein Computer frei wurde. gemeinnützigen Regenwald-Stiftung von Miles Havers zugute komme. während sie arbeitete. daß sie absolut nichts von all dem verstand. an Live-Diskussionen teilzunehmen. »So werden Massen manipuliert!« stieß Catherine wütend hervor. dann sind Sie im Ver.

daß er sich einen Namen aus dem Roman zugelegt hatte und nur auf ihr Auftauchen wartete. flüsterte sie. war es möglich. Aber der Verkäufer würde sie nicht mehr lange in Ruhe lassen. sich einzuwählen. Der junge Mann wich zurück und verschwand in der Menge. »Scheint nicht viel loszusein«. Ich zeige Ihnen. das Sicherste wäre gewesen. Wenn Havers die Sache mit ›Hawksbill‹ herausgefunden hatte. Sie können mir ja dabei zusehen. drückte die Eingabetaste. Aber dann hätte sie keiner aus der Hawksbill-Gruppe gefunden. würde ich gerne die Software ausprobieren. daß sich Catherine über IRC meldete. Catherine blickte in ein lächelndes Gesicht. wie…« Catherine bekam einen eindrucksvollen Hustenanfall. begrüßte er sie höflich.« »Verzeihung«. »Nun beeilt euch schon«. Jetzt mußte sie warten. Der Verkäufer hatte sie erreicht. Janet. »Seht ihr mich denn nicht? Ich bin es. der mit seinen Fragen einen Verkäufer ablenkte. Catherine wußte. wagte es aber nicht. »Wacht endlich auf!« sagte sie etwas lauter. hörte sie eine Stimme hinter sich. »Guten Tag«. »Was kann ich Ihnen über die neue Scimitar 483 . Aber ein anderer des gut trainierten Verkäuferteams wurde auf sie aufmerksam.Natürlich würden sie staunen. Sie sah zu Garibaldi hinüber. Deshalb tippte sie: /join #janet. einen unsichtbaren Kanal zu schaffen. Sie seufzte und blickte auf den Bildschirm. Sie starrte auf den leeren Bildschirm mit ihrem Namen – @janet – und hoffte. und auf der rechten Bildschirmhälfte erschien: #janet i. Sie war versucht. sagte der junge Mann und deutete auf den Bildschirm »Wenn Sie nichts dagegen haben. daß einer der Hawksbill-Leute ihn entdeckte und Kontakt aufnahm.

demon. Er war lauter als der erste.cudenver. Die Leute machen alle Weihnachtseinkäufe!« fügte er eine Spur herablassend hinzu. die erkältete Kundin verlassen zu können. Der leere Bildschirm mußte sie irgendwann ungeduldig oder argwöhnisch machen. ihr Gesicht zu zeigen. Bitte kommen Sie mit. Mit diesem verblüffenden neuen…« Catherine bekam wieder einen Hustenanfall.uk. Aber sie durfte nicht riskieren. sagte der Verkäufer und war froh. Er drängte sich durch die Umstehenden.« Er griff nach der Tastatur und wollte etwas eingeben. »Ja natürlich«. »Selbstverständlich. »Außerdem sind viele dieser Kanäle in Europa. Und so konzentrierte sie sich auf den Bildschirm. wo nur ihr Name stand und darauf wartete. faßte den Verkäufer am Arm und sagte: »Entschuldigung. wissen Sie.« Nachdem sie weg waren. Dort ist es bereits Abend und Zeit. und Garibaldi hörte sie.Software erzählen? Eine Frage: Sind Sie bereits mit Internet vertraut?« Er blickte auf den Monitor. Wie lange stand sie schon hier? Sie spürte. hallo. »Was soll ich Ihnen zeigen? Haben Sie vielleicht Probleme mit UNIX? Ich werde Ihnen zeigen. »Ach. auf IRC wird im Augenblick nicht viel los sein. daß sich jemand meldete. «SERVER»Sugar!~kharvey@scgrad. hätte Catherine am liebsten Mütze und Schal beiseite gelegt. wie es geht.co. daß hinter ihr andere Leute unruhig auf eine Freifahrt durch das Internet warteten.edu. «SERVER»Jean-Luc! fmason@ouray. hallo. Sie blickte auf die Uhr. könnten Sie mir etwas über die nahtlose Integration von FTP in die WorkPlace-Shell von OS/2 sagen?« Catherine senkte den Kopf und hustete in ihren Schal. die Weihnachtsgeschenke auszupacken. 484 .

wir haben dein Bild in den Zeitungen gesehen. hallo.ac. daß ihr mich entdeckt habt. [Jean-Luc] Janet. ob jemand Tymbos gefunden habe. [Jean-Luc] Janet. «SERVER»Carlos!mongo@dianuba. Der nächste Hustenanfall vertrieb jedoch auch ihn.Polaris. [BENHUR] Noch nicht.Catherine hätte vor Erleichterung beinahe laut gejubelt. [BENHUR] Janet: Fröhliche Weihnachten [sugar] Was sagen die Schriftrollen??? Geht die Welt an Sylvester unter? Soll ich mich mit Prankie verabreden oder einfach zu Hause bleiben und sterben? Hahahaha «SERVER»Trilogy! Atomba@ix-orl-22. wir haben auf dich gewartet. Hoffentlich schnappen sie dich nicht. hallo. sie wäre du? 485 .brad. [DOGbert] Ich will nicht sterben. Das FBI überwacht die IRC Kanäle. [sugar] Janet: hast du das mit der Frau aus Seattle gehört. [Sugar] Hi!:))) «Janet »Großartig. [Carlos] Wir glauben dir. du kannst nicht mehr hierher kommen.DialUp. Leute!!! «SERVER»Maynard! ~rismith@ alice. Man hatte sie entdeckt! «Janet »Hi. hallo. Catherine wollte sich gerade erkundigen.vetcom.Telnet. nicht Hawksbill.ix. [Jean-Luc] Janet. [SpaCeman] Aber nicht uns. die behauptet hat.us. «SERVER» Benhur! ~George@Sebakal. als wieder ein Kunde kam und sich hinter sie stellte. hallo. Du bist sehr hübsch.com.

-) Nach einem schnellen Blick über die Schulter tippte Catherine: »Habt ihr Tymbos gefunden?« [Jean-Luc] Kein Tymbos. [Jean-Luc] Wirst du jemals zu uns zurückkommen? Catherine blickte auf den Monitor und las die Worte und Gesten von Menschen. ob 486 . TrilogY auch ich… auch ich wünsche dir Glück. Seid ihr das gewesen? [TrilogY] Wir dachten. die sie nie getroffen hatte und vermutlich auch nie treffen würde. «SERVER»TrilogY hat sich verabschiedet. ihr geht. Dann tippte sie: «Janet »An alle: Es ist besser. «SERVER»Dogbert hat sich verabschiedet. [sugar] paß auf dich auf :-) sugar küßt Janet (((umarmt sie))) «SERVER»sugar hat abgeschaltet. Es ist hier nicht sicher.:( [BENHUR] Überall…. [DOGbert] viel Glück! * DOGbert umarmt Janet. Wir schaffen andere Kanäle. falls Dr. [TrilogY] leider nein!!!! [sugar] Wir haben es versucht. damit sie nicht so schnell agieren.[SpaCeman] Und das FBI hat sie aufgespürt:))) «Janet »Ja. Alexander wirklich selbst einen Kanal einrichtet. Sie wußte nicht. Catherine blickte enttäuscht auf den Bildschirm. Sie werden es wieder für einen Witz halten. das würde die Polizei und alle von deiner Spur abbringen ):-p [Jean-Luc] Wir geben falschen Alarm.

Auf dem Bildschirm standen nur noch zwei Namen:«@Janet und Jean-Luc. [Jean-Luc] Janet… «Janet»Ja? Es dauerte eine Weile.›sugar‹ eine Frau war oder ›spaCeman‹ ein Mann. «SERVER»Carlos hat sich verabschiedet. «SERVER»Benhur hat sich verabschiedet. bevor eine Antwort kam: [Jean-Luc] Vielleicht treffen wir uns im neuen Jahrtausend… /leave DISCONNECT SERVER NO CARRIER 487 . «SERVER»Maynard hat sich verabschiedet. «SERVER»Spaceman hat sich verabschiedet. Waren sie zwanzig oder siebzig? Lebten sie in den Vereinigten Staaten? «Janet »Jean-Luc: wahrscheinlich nicht. * Janet umarmt euch alle. Danke für eure Hilfe.

Auf dem Weg zu der Tür. der hinter einem Schreibtisch an einem Computer saß. Wer wollte da behaupten.Der Vatikan. es hatte auch hier Veränderungen gegeben: Nun standen Computer im Archiv. die Kirche gehe nicht mit der Zeit? Der Vatikan hatte in den neunziger Jahren sehr umsichtig den Schritt in das Computer-Zeitalter gemacht und würde auch im nächsten Jahrtausend auf 488 . wie weit der Wahn der Verblendung um sich gegriffen hatte. nahm ihr in den Augen des Kardinals nichts von der Wirkung. und es ging eine Flut von Telegrammen aus aller Welt ein. Rom Kardinal Lefevre sah die Schlagzeile: »FRAU BERÜHRT PHOTO EINER ALTEN SCHRIFTROLLE UND IST VOM KREBS GEHEILT!« Die Tatsache. als zwanzigtausend Seiten Handschriften plötzlich in den Cyberspace entlassen wurden und auf diese Weise Menschen auf der ganzen Welt mit einem Klicken der Maus Bilder aus mittelalterlichen Miniaturen und illuminierten Handschriften auf ihren Bildschirm rufen konnten. Diese Schlagzeile machte nur deutlich. daß es nicht der Aufmacher der New York Times oder der italienischen Oggi war. Der Vatikan war 1995 an das Internet gegangen. deren geprägte Bronzeplakette die Aufschrift Archivio Secreto Vaticano trug. sondern nur die Schlagzeile eines amerikanischen Sensationsblattes. Kardinal Lefevre erinnerte sich an den denkwürdigen Augenblick vor vier Jahren. Die Telefone im Vatikan standen keinen Augenblick mehr still. O ja. nickte er dem diensthabenden Priester zu. in denen die Heilkräfte des sogenannten Jesus-Fragments bestätigt wurden.

das sich in aller Klarheit mit den Aufgaben und Pflichten von Theologen beschäftigte. A. 99 -. in dem ein kleiner Teil der fünfundvierzig laufenden Regalkilometer Archivmaterial aufbewahrt wurde. der tatsächlich geheim war. das nicht ignoriert werden durfte – nicht von Kardinal Lefevre. Lefevre wußte. Dezember 1999. Sie waren auf der Rückseite mit Bleistift datiert – 15. eine Aktennummer und die Initialen eines Polizeibeamten. die Verbindung herzustellen. Natürlich waren es nicht alle Photos. numeriert und mit den Initialen ›C. – Catherine Alexander‹ versehen. die inoffiziell aktiv geworden waren. An diesem kalten Nachmittag des vierundzwanzigsten Dezember verließ Kardinal Lefevre jedoch den öffentlichen Teil der Bibliothek und verschwand im hinteren Bereich. Der Kardinal betrat einen der großen Räume. Eigentum der Kirche. daß die Menschen den Namen der Bibliothek falsch deuteten. Daneben gab es Anmerkungen in Tinte: das Datum des 17. Doch sie genügten. sondern bis hinunter zu Angehörigen der Polizeibehörde von Santa Barbara. daß Catherine Alexander auf dem Sinai etwas gefunden hatte. Es hatte Tage gedauert. Theologen im Fachbereich Archäologie waren davon nicht 489 . Dort lagerten in Gewölben mit dicken Mauern Tausende nicht erfaßter und katalogisierter Schriften. auf den der Entwurf eines Dokuments zurückging. ›Geheim‹ bedeutete in diesem Fall nicht versteckt und ganz sicher nicht verboten. Man hatte auf diesem Weg nur ein paar besorgen können. auf deren Loyalität die Kirche zählen konnte. nicht nur zu hohen Beamten. Kurz zuvor hatte ihm ein Kurier einen Umschlag mit Photos überbracht.12. um Seine Eminenz davon zu überzeugen. Das Geheimarchiv war natürlich Wissenschaftlern und Studenten zugänglich. sondern schlicht ›privat‹. einem Mann.seine Weise die Massen in aller Welt beeinflussen.

fragte Kardinal Lefevre in ein stummes Selbstgespräch vertieft. das Wort Gottes nach eigenem Gutdünken auszulegen. daß Theologen. Auch Dr. Wenn es jedermann erlaubt gewesen wäre. eine authentische Interpretation des Wortes Gottes zu geben. um sie zu übersetzen. der feststellt: »Die Aufgabe.« In diesen Bereich gehörten auch Dokumente aus dem Altertum. Man mußte Grenzen ziehen. Das stand völlig im Einklang mit der 1990 erschienenen. während er mit einem Spezialschlüssel die Tür des nächsten Gewölbes aufschloß. in diesem Dokument unmißverständlich klargestellt. Leitlinien festlegen und Strukturen vorgeben.ausgenommen. Das Büro des Kardinals in der Kongregation führte einen täglichen Kampf darum. von zornigen jungen Frauen. wie diese Institution jetzt so schön hieß. Alexander hatte in einem Brief heftig gegen die Gleichsetzung von Dissens mit Sünde protestiert. daß die Fundamente der katholischen Kirche nicht von dissidierenden Theologen unterhöhlt wurden. Der Aufschrei von Bibelwissenschaftlern und Historikern beim Erscheinen des neuen Katechismus war zu erwarten gewesen. eine Sünde begingen. bei denen es sich möglicherweise um christliche Texte handelte. und sie aus ihrer 490 . Aber was stellen diese Leute sich eigentlich vor. überarbeiteten Version des Katechismus. dachte er mit gerunzelter Stirn. die von der offiziellen Kirchenlehre abwichen. die widerrechtlich wertvolles Kircheneigentum an sich nehmen – falls es sich bei den Schriftrollen tatsächlich um christliche Dokumente handelt. hätte das ein allgemeines Chaos und den Zerfall der kirchlichen Macht bedeutet. Der Kardinal hatte im Namen der Inquisition oder der Kongregation für Glaubensdoktrin. wurde allein dem Lehramt der Kirche übertragen. Vor allem nicht.

in die tiefsten Regionen des Geheimarchivs geführt: Tymbos. Nina Alexander untersagt hatte. der im Griechisch des römischen Reiches geschrieben war. der vor siebenundzwanzig Jahren Dr. war von Kardinal Lefevre nach Kalifornien geschickt worden. Es handelte sich offenbar um einen Brief. Er nahm ein Papyrusfragment aus der Kassette. das man 1932 bei Ausgrabungen in Nordafrika in einer Ruine entdeckt. wie der Gerechte prophezeit hat. Der Beauftragte des Vatikans. fragte sich der Kardinal. und ein Schauer lief ihm über den Rücken. Hatte der Verfasser des Briefs Sabinas Text gelesen und eine Kopie angefertigt? 491 . Gehört das Fragment zu den Schriftrollen der Sabina. dachte er und griff nach einer Stahlkassette. hatte der Vatikan vermutet. da Dir die genaue Stunde der Wiederkehr des Gerechten und der Tag des Endes aller Dinge gesagt worden ist.voreingenommenen Sicht für alle Welt zu interpretieren! Seine Eminenz kannte Catherine Alexander.« Paläographie und die Radiokarbon-Untersuchung führten zu einer Datierung des Fragments zwischen 100 und 150 nach Christus. Ein Wort auf dem ersten Photo hatte seine Aufmerksamkeit erregt und ihn schließlich hinunter in dieses Gewölbe. Da ›der Gerechte‹ in der Bibel ein Titel des Messias war. bei dem Dokument handle es sich möglicherweise um das Fragment eines verlorengegangenen Evangeliums. und es deshalb in seine Archive aufgenommen. »Nun. ihre Irrlehren weiter zu verbreiten. falls man sie verfolgen würde. Wie die Mutter so die Tochter. Denn das Geschenk des ewigen Lebens ist Dein. und das der Sand Algeriens beinahe zweitausend Jahre unzerstört bewahrt hatte. dem die Diakonin die Schriftrollen übergeben sollte. kann Dein Herz Frieden finden. Wir werden niemals sterben. Es war der Name des Königs.

Man sagte. sie sei auf der Suche nach einer siebten. Ließ die Ähnlichkeit der Namen auf einen Zusammenhang schließen? Im Internet kursierten Gerüchte.Oder stammte er von der Hand der Diakonin Amelia. Alexander sei nicht im Besitz aller Schriftrollen der Sabina. überlegte der Kardinal. vielleicht sogar der Perpetua? Das Fragment war in der Nähe der alten Stadt Timgad gefunden worden. War die siebte Schriftrolle in Timgad versteckt worden? Lag sie vielleicht immer noch dort und wartete im Sand Nordafrikas darauf. ›Timgad‹ – ›Tymbos‹. entdeckt zu werden? 492 . Dr.

sagte Garibaldi. sind heute wieder da. »Kein Glück?« fragte Zeke. sagte Raphael. »die Kirche ist nur drei Straßen weiter. was Mr. Wir haben jeden Fahrer zweimal gefragt. »wenn du Priester wärst. »ihr Begleiter reist neuerdings in Zivil. schüttelte den Lockenkopf und murmelte: »… und was jetzt?« Zeke trommelte mit den behandschuhten Fingern auf das Steuerrad. Ja.« Raphael schloß die blauen Augen. Hitze.« »Das heißt«. was jetzt? »Raphael«. wohin würdest du an Heiligabend gehen?« »Ich werde nicht lange wegbleiben«. »Das bringt nichts. »Keiner hat einen Priester gesehen. Raphael hatte nichts dagegen. die letzte Nacht gearbeitet haben. D. und sein Blick fiel auf die Reihe wartender Taxis vor der Ankunftshalle für Inlandflüge. Zeke hatte die Heizung nicht eingeschaltet. 493 . Havers dieser Auftrag kosten würde. er wolle hellwach bleiben und einen klaren Kopf behalten. erwiderte Zeke und ließ den Wagen an.« »Er hat uns in Las Vegas genau gesehen.Washington. Der Gedanke daran. sagte er. Und alle. obwohl die Temperatur um den Gefrierpunkt lag. Er sagte.« Er wartete auf Catherines Antwort.C. Hier können wir weg«. Sie saß mit neuen Gummihandschuhen über eine Schriftrolle gebeugt und entfaltete sehr behutsam das erste Blatt der fünften Schriftrolle. ihm war das im Augenblick gleichgültig. hielt ihn warm. Vielleicht kannte er uns schon vom Sinai. Kälte. als er in den Mietwagen stieg.

« »Das glaube ich einfach nicht!« sagte Garibaldi. Sie möchten. Ich dachte. »Was ist los?« »Ist das nicht Miles Havers?« fragte er und deutete auf den Fernsehapparat. daß Dr. sie könnte die Schriftrollen vernichten. es gibt diese Schriftrollen tatsächlich? Können Sie das bestätigen?« »Ja. »Wie wir die siebte Rolle finden sollen. Der Versuch. 494 . »heißt das. Alexander zu kaufen. wissen wir so wenig wie am Anfang. entspringt meiner Sorge. den Mrs.« Catherine richtete sich auf und sah ihn an. Alexander und ich in Verhandlungen über den Erwerb der Schriftrollen stehen«. sie von Dr. sagte sie. Catherine ließ ihn mit abgeschaltetem Ton laufen. »Ich weiß. Havers«. Sie gehören der ganzen Menschheit und nicht einer Person. Aber das kann ich nicht. ich könnte Sie überzeugen…« Er sprach den Satz nicht zu Ende. In einer anderen Nachrichtendung hieß es: »Der Milliardär Miles Havers.»Es bleiben noch zwei«. Havers stellte sich vor seinem Haus in Santa Fe der Presse. O’Toole heraufgebracht hatte. sagte er in seiner gewohnt liebenswürdigen Art und lächelte gewinnend. Catherine wechselte den Sender. »Mr. fünfzig Millionen Dollar würden sie dazu bringen. Aber Dr. »Ja. Alexander hat mein Angebot bisher abgelehnt. wie bekannt geworden ist. »Aber ich kann Ihnen versichern. daß ich mit Ihnen gehe. das kann ich.« Er runzelte die Stirn und zog die Lederhandschuhe an. das ist er!« sagte sie und schaltete schnell den Ton ein. weil ihr Vater Garibaldis Schwester leid tat.« »Was soll das nun wieder?« sagte Garibaldi kopfschüttelnd. es lag nicht in meiner Absicht. die Schriftrollen mit der Welt zu teilen. »Ich weiß nicht. fragte der Reporter. »Ich wollte. etwas davon nach außen dringen zu lassen.

Er möchte vermutlich. und Catherine schaltete den Fernseher aus. der angeblich aus der unmittelbaren Umgebung von Miles Havers kam.« »Aber warum?« »Er glaubt vielleicht. er könnte Sie zwingen. Ich bleibe unauffindbar und schweige. die diese Schriftrollen verkaufe.« »Kann ich Sie wirklich nicht überreden. Catherine Alexander. Er hat erklärt. »Wenn der Informant nicht in seinem Auftrag an die Öffentlichkeit gegangen wäre. die Schriftrollen stammen von der Sinai-Halbinsel. »… erst bestätigt nach einem anonymen Hinweis an die New York Times. Catherine Alexander steht. um die Jesus-Schriftrollen für die Summe von fünfzig Millionen Dollar zu erwerben…« »Das ist einfach verrückt«. daß Sie seiner Darstellung öffentlich widersprechen. gab heute bekannt.« »Den Tip muß Havers selbst inszeniert haben«. Also hat er sich die ganze Sache ausgedacht. In einer Stunde fängt die Mitternachtsmesse an. sie seien zweifelsfrei christlichen Ursprungs und illegal in die Vereinigten Staaten gelangt. sei identisch mit der. etwas zu unternehmen. murmelte Garibaldi. sagte Garibaldi.Besitzer von Dianuba Technologies.« Die Nachrichtensendung wurde durch Werbung unterbrochen. nämlich die flüchtige Dr. würde Havers alles leugnen. »Da täuscht er sich. Die Person. »Sie gehen jetzt besser. und ich werde weiter an der Übersetzung der Schriftrollen arbeiten. mit mir zu gehen?« 495 .« Sie sah Garibaldi an. »Warum macht er das? Was hat er davon?« Catherine schüttelte verwirrt den Kopf und schaltete mit der Fernbedienung auf einen Sender in Baltimore. daß er zur Zeit in privaten Verhandlungen mit Dr. die sie entdeckt habe.

andere winkten fröhlich Freunden oder Bekannten zu. Ich kann nicht einfach zurück. So viele gläubige Menschen. die den dunklen. alte Männer und Frauen gingen langsam an ihren Stöcken. »Ich muß mit der Arbeit daran anfangen. und es wehte ein schneidender Wind. Es war eine bitterkalte Nacht.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich sehe keinen. In der Kirche spielte die Orgel ›Stille Nacht. und das Licht schien wie flüssiges Gold hinter den offenen Türen zu schimmern. erwiderte sie. habe ich die Kirche und Gott verflucht. die 496 . erwiderte er ruhig. als meine Mutter starb.« »Weshalb nicht?« »In der Nacht.« »Lassen Sie ihn sich von mir zeigen. sagte sie: »Vater Garibaldi. Trotz der Kälte begann sie zu schwitzen und hatte plötzlich das Bedürfnis.« Doch Garibaldi blieb. Manche wirkten ernst und feierlich. dachte Catherine und blickte auf die gotischen Kirchtürme. heilige Nacht‹. Kinder drängten sich um die hell erleuchtete Krippe. Catherine beobachtete die Menschen.« »Natürlich können Sie das«. Noch immer fuhren Wagen vor und verstopften die enge Straße. bekam Catherine Herzklopfen. »Es gibt immer einen Weg zurück. Als sie und Garibaldi sich der Kirche näherten. sternenlosen Himmel stützten. die in den Lichtschein traten.»Der fünfte Papyrus ist in einem schlechteren Zustand als die anderen«.« Sie blickte auf seine ausgestreckte Hand. ich kann wirklich nicht mitkommen. Als sie seinen Blick auf sich gerichtet spürte. Trotzdem strömte eine große Menschenmenge durch das offene Kirchenportal.

Sie können nicht meinetwegen zur Kirche gehen. ich kann nicht.« »Vater Garibaldi. »Wenn ich nervös war 497 . Vater Garibaldi. »Erinnert? Woran?« Catherine zog die Handschuhe aus und überließ ihre feuchten Hände der kalten Luft. sagte sie leise. wovor Sie sich fürchten müßten. Da sie keine Antwort gab. nicht wahr?« »Ich mache mir Sorgen«. Zwischen den von Rauhreif bedeckten Sträuchern stand eine Bank. wenn ich ein verirrtes Schaf zur Herde zurückführen könnte? Catherine. hob das Gesicht in den kalten Wind und schloß die Augen. nahm den Schal ab. und ging mit ihr in den kleinen Park an der Seite der Kirche. Wenn Sie das tun. Catherine setzte sich völlig erschöpft dorthin. »Ich kann nicht. Das müssen Sie Ihretwegen tun. sagte er: »Sie haben es für mich getan.« Er sah. ich würde beschließen.Daunenjacke auszuziehen.« »Ich habe mich erinnert«. wie blaß sie war. flüsterte sie.« »Sie haben also geglaubt.« »Es gibt nichts.« Nach einer kurzen Pause sagte er: »Was ist an der Treppe geschehen? Sie sind plötzlich leichenblaß geworden.« »Warum machen Sie sich deshalb Sorgen?« »Weil das keine Lösung ist. »Warum sind Sie mitgekommen?« fragte Garibaldi und sah sie prüfend an. erwiderte sie. »Als kleines Mädchen habe ich gestottert«. Am Fuß der Treppe blieb sie leichenblaß stehen. Garibaldi sah sie fragend an. werden Sie in Zukunft nur noch mehr Schuldgefühle wegen der Sache haben. Priester zu bleiben. die Sie jetzt schon belastet. »Worüber?« »Daß Sie den Priesterrock ausziehen werden.

aber ich hatte schreckliche Angst. Sie erklärte. Nach einer Weile konnte ich nicht mehr. auf dem ›Sünderin‹ stand.« Sie schüttelte bei der Erinnerung den Kopf. Das hat sich gegeben. Die Kinder kicherten und flüsterten miteinander. stotterte sie. die leider ebenfalls stotterte. Zur Strafe mußte ich mich vor der Klasse auf einen Hocker stellen. bis ich etwas Respekt gelernt hätte. Ich fing an zu weinen. Ich nehme an. Sie wollte von mir etwas über Vasco da Gama wissen. es Schwester Immaculata zu sagen. und es fing an. Natürlich geschah das Unglück gleich am ersten Tag. ich müsse dort stehenbleiben. Schwester Immaculata warf mir vor.« Catherine schlug die Hände vor das Gesicht. aber als Zehnjährige in der katholischen Schule hatte ich das Problem noch. Ihre Worte klangen schmerzlich. und ich hatte entsetzliche Angst. Plötzlich aber wurden sie still. weißblonden Haare. »Natürlich tat sie es. Sie hängte mir ein Schild um den Hals. es zu halten. und der Unterricht ging weiter. Meine Mutter hatte die Schulleitung davon in Kenntnis gesetzt. Dann merkte ich. Ich versuchte zu antworten und erwiderte: ›VV-Vasco dd-da GG-Gama. »Im Unterricht wurden die großen Entdecker behandelt. die Schwester könnte mich aufrufen.« Catherine fuhr sich mit den Fingern durch die kurzen. Sie zerrte mich vom Hocker. Es 498 . daß ich zur Toilette mußte. Die anderen Kinder hörten nicht mehr auf zu lachen.oder mich fürchtete. etwas zu sagen. ›VV-Vasco dd-da GG-Gama‹. aber sie brachte den Namen kaum über die Lippen.‹ Die Klasse brüllte vor Lachen. ich würde mich über sie lustig machen. Das machte die Sache für mich noch schlimmer. konnte ich nicht mehr richtig sprechen. man hat vergessen. schimpfte mich aus und schleppte mich in das Zimmer der Oberin. mir an den Beinen hinunterzulaufen. Also versuchte ich. Schwester Immaculata glaubte. das alles absichtlich getan zu haben.

Catherine drehte sich herum. Ihre Stimme war kaum noch zu hören. »Die Kirche bedeutete meinem Vater alles«. »Er war eine Art Mönch. Er verschwand sofort wieder in seinem Arbeitszimmer.dauerte eine Weile. Nachmittags riefen sie meinen Vater noch einmal an und hinterließen eine Nachricht. und die Frau des Hausmeisters fing an. weil meine Mutter ohne den Beistand eines Priesters sterben mußte. ich habe Gott nicht wegen Vater McKinney verflucht oder deshalb. Ich habe Gott verflucht. sagte sie. und damit war die Sache für ihn erledigt. während die Oberin bei mir zu Hause anrief. Vater Garibaldi. In der Kirche begann die Messe. Er sagte. »Die Schulschwester kümmerte sich um mich. bis sie weitersprechen konnte. Dann war die Schule aus. Die Kinder gingen nach Hause. Er war nicht zum Vater geschaffen. was geschehen war. der hinter ihr stand. Er versprach. Sind Sie deshalb böse auf ihn?« fragte Garibaldi. mich um die Mittagszeit abzuholen. Die Schulschwester fuhr mich schließlich nach Hause. weil mein Vater Gott mehr liebte 499 . »Es wurde Mittag. in dem College. er habe den Anruf vergessen. aber mein Vater war zu Hause.« Catherine stand auf und betrachtete die dünne Eisschicht im Vogelbad. Mein Vater war da.« Catherine starrte blicklos vor sich hin. Er wollte nicht einmal wissen. Die Zeit verging. »Gott bedeutete ihm mehr als ich. Er hätte nie ein Kind haben sollen.« »Die Kirche bedeutete Ihrem Vater mehr als Sie. Also saß ich mit dem ausgewaschenen Unterhöschen in einer Plastiktüte im Zimmer der Oberin und wartete auf meinen Vater. das heißt. Meine Mutter war auf einer Tagung. den Fußboden zu putzen. die Schwestern verließen die Klassenräume. und er kam nicht. wo er unterrichtete.

Er hat es nicht einmal geleugnet. war ich voller Zorn. um mit ihm darüber zu reden. Wenn Danno nicht gewesen wäre…« »Haben Sie Ihrer Mutter nie etwas davon gesagt?« Catherine stand auf. Er hat keinen Finger zu seiner Verteidigung gerührt. »Die Kinder in der Schule waren danach schrecklich zu mir. daß ich älter und reifer sein würde. ein Spion zu sein. Ich wartete immer darauf. die die Kirche angriffen und meinen Vater aus dem Haus trieben!« »Deshalb führen Sie die Arbeit Ihrer Mutter weiter – eine Arbeit. wollte ich den Sargdeckel abnehmen und von ihm eine Erklärung dafür verlangen. welche Schimpfnamen sie für mich hatten. und Catherine sprach etwas ruhiger weiter.als mich. Garibaldi schwieg. und daran war meine Mutter schuld. weil wir diese Sache nie bereinigt hatten. daß er mich an jenem Tag nicht abgeholt hatte. oder nicht? Ihm können Sie nicht vergeben. die Ihren Vater aus dem Haus und schließlich in den Tod getrieben hat?« Catherine sah ihn erschrocken an. »Sie glauben. ob er nicht gekommen 500 . daß man ihm eine Kapuze über den Kopf zog und ihn hinrichtete.« Catherine blickte auf ihre Hände und sagte leise: »Man hat ihn beschuldigt. »Wie konnte ich? Sie betete meinen Vater an… und als er starb. Aber dann kam er ums Leben. Er hat es hingenommen. ich hätte die Schriftrollen an mich genommen. Gott hätte er nicht mit einer nassen Unterhose im Zimmer der Oberin sitzenlassen!« Sie stieß die Luft aus. um meinen Vater auf eine hinterlistige Art zu bestrafen?« »Auf ihn sind Sie doch böse. Als man mir am Flughafen seine Leiche übergab. Sie können sich vorstellen. Ich wollte unbedingt wissen. weil sie trotz des Verbots Bücher schrieb.

« »Sie sind böse auf ihn. weil er hingerichtet worden ist?« »Wir hatten noch etwas ins reine zu bringen«. weil ich ihm so wenig bedeutete. Aber gehen Sie nur hinein. Auf mich wartet noch Arbeit.war. »Dem hat er sich entzogen. als sie die Straße zurück zum Haus von Mrs. »Deshalb kann ich nicht mit Ihnen in die Kirche gehen. Vater Garibaldi. Ich hätte nicht mitkommen sollen. Vater Garibaldi. O’Toole und zur fünften Schriftrolle ging. erwiderte sie. Sie gehören dorthin. Es war seine Kirche und sein Gott.« Catherine zog die Handschuhe wieder an.« Er sah ihr nach. Damit will ich nichts mehr zu tun haben. 501 .

DER ZWÖLFTE TAG 502 .

und erzählte von den sagenumwobenen Arimaspi. Nichts ist schöner als das wogende Grün. Ich fragte mich nach der ersten Begegnung. Philos spürte den Zauber dieses Landes ebenfalls. denn alles hier war uns so fremd. neblige Land verliebt hatte. Sie sprach flüsternd von den Hyperboräern. so weit das Auge reicht. Ich war mit dunklen Vorahnungen gekommen. die Neugeborenen den Lebensodem von den Lippen stehlen. als wir unser Haus in Britannien bezogen. Doch nach einer Weile stellte ich fest. daß es sie gegeben hatte. die im Norden leben. in denen Geister und Feen hausen. ob sie vielleicht schon zu lange nicht mehr in Rom gewesen war. vor den staunenden Blicken ausbreitet. Dezember 1999 »Hüte dich vor den Wesen. Und ich gründete eine kleine Gemeinde. Doch ich mußte mir bald eingestehen. ermahnte mich Claudia. und nichts ist erhabener als die uralten Eichenhaine. Claudia war die Frau des Centurio. Auf eine Lesung des 503 . daß auch ich den Wind. Ich widmete mich mit ganzer Hingabe der Erziehung von Pindar und freute mich über seine Entwicklung. die über ein wolkenverhangenes Reich auf dem Gipfel der Erde herrschen. dem dieser Vorposten als Befehlshaber unterstand. die ihre Gestalt verändern«. den Regen und die Dunstschleier über den Tälern liebte. das sich. denn auch hier war die Erinnerung an Riesen lebendig.Samstag. Sie warnte mich vor ›dem kleinen Volk‹ und den Robbenfrauen und vor Katzen. 25. daß sie sich in dieses seltsame. Wir trafen uns einmal in der Woche in meinem Haus. Er beschäftigte sich wie besessen mit den Legenden und dem reichen Schatz an Überlieferungen. Man stellte ihm die Beweise dafür in Aussicht.

Ich bekehrte viele Menschen zum Weg. Für die Druiden gibt es nichts Heiligeres als die Mistel. wie wir sie kennen. bevor wir seinem Auftrag folgten. wie Claudia der Magie der Druiden verfiel. die sie in ihrer Sprache ›die Allheilende‹ nennen. Ich traf Druiden. und sie waren wie ich davon überzeugt. 504 . auf der die Mistel wächst. Ich beobachtete nicht ohne Sorge. Ihre Rituale finden in der freien Natur statt. daß dies der wahre Glaube ist. Die Druiden haben keine Tempel oder Heiligtümer.Marienbriefes folgte eine Ansprache über den Gerechten und seine Botschaft vom Frieden und dem Sieg über den Tod. gemeinsam das Brot zu brechen und den Wein zu trinken. denn sie glauben. und sie verehren die Eiche. daß diese Pflanze jede Krankheit besiegen kann. Aber ich hielt unbeirrt an meinem Glauben fest. die einen uralten Himmelsgott namens Myrddin verehren.

erwiderte Catherine. meine Liebe?« Catherine ging zur Tür. »Ja«. daß Garibaldi ein schlechtes Gewissen hatte. und Catherine trat wieder an den Tisch. wie viele Gedecke wir auflegen sollen. um zu feiern. hatte er erklärt. O’Toole wird es vielleicht verdächtig vorkommen. O’Toole«. »Ja. während sie in ihrem Zimmer gefangen war. Der Zustand des Papyrus war besorgniserregend. Ich bringe Ihnen einen Teller herauf. meine Liebe. Catherine 505 . O’Toole ging. »Miss Garibaldi? Hallo? Sind Sie wach. ich bin nicht in der richtigen Stimmung. Ich muß wissen. D.Washington. Mrs. sagte sie durch die Tür. ob Sie später zum Weihnachtsessen zu uns herunterkommen. daß er sich schon darauf freut. Jetzt war er gerade in der dritten Weihnachtsmesse. Catherine wußte. wenn wir auf unseren Zimmern bleiben und ihre Einladung nicht annehmen‹. Mrs. »Vielen Dank für die Einladung. O’Toole?« »Ich wollte nur fragen. »Er hat mir heute morgen gesagt.C. Mrs. aber ich glaube. Im Haus waren die Vorbereitungen für das Festessen voll im Gang. Catherine stieg schon beim Aufwachen der Duft einer bratenden Gans in die Nase. auf dem die fünfte Schriftrolle ausgebreitet lag.« »Ich glaube nicht. öffnete sie allerdings nicht.« Das waren nicht ganz seine Worte gewesen.« »Schon gut. weil er sich frei bewegen konnte. Wird Ihr Bruder mit uns essen?« Mein Bruder… Garibaldi war zur Mitternachtsmesse in der Kirche gewesen und zum ersten Morgengottesdienst. ›Mrs.

die ich durch Fenster sehe. sondern sei nur noch eine Beobachterin.blickte auf die Worte. den er am Vortag in der Wisconsin Avenue gekauft hatte. Am Morgen hatte sie gehört. So. Sie entdeckte Garibaldi auf dem Gehweg. Er sah eindrucksvoll aus mit dem schwarzen Hut. Catherine hatte gehört. »Aber ich hielt unbeirrt an meinem Glauben fest. wie andere Gäste das Haus verließen. und Szenen. die so wirklichkeitsnah zu sein schienen. Stimmen. in der Vergangenheit zu leben. daß Catherine eine Zeitlang das Gefühl hatte. Sabinas Leben zu führen und nicht ihr eigenes. so glaubte sie allmählich. wo keine Fenster sind… Catherine kam es vor. »Sie müssen Ihrem Vater verzeihen. Bilder. Sie hatte am Abend mit dem Übersetzen angefangen. wie sie sich auf den Stationen ihrer Flucht in der virtuellen Welt der Computer sicherer gefühlt hatte als in der Wirklichkeit. Die Straße war ruhig. hatte sie keine Worte mehr auf dem Papyrus gesehen. dem schwarzen Schal und dem langen schwarzen Mantel. daß sie ihn zur Feier des Tages noch zu einem Sherry einluden. die sich in eine quälend vertraute Wirklichkeit verwandeln. Mrs. sondern Bilder. O’Toole und ihre Schwester waren zusammen mit Garibaldi erst um halb zwei morgens von der Mitternachtsmesse zurückgekommen. um zum Gottesdienst zu gehen. die sie zuletzt gelesen hatte. und alle Häuser waren festlich beleuchtet gewesen.« Catherine erinnerte sich kaum noch daran. Sie ging zum Fenster und blickte hinaus. als nehme sie nicht mehr am Leben teil. mit Sabina in Britannien zu sein. Am Abend zuvor hatten die Leute Weihnachtslieder gesungen. die ich durch Wände höre. Alle feierten Weihnachten mit einem Gang in die Kirche. Irgendwann im Laufe der Nacht. als Garibaldi in der Kirche war. daß er damals nicht zur Schule gekommen ist…« 506 . diesen Satz gelesen zu haben.

daß er einem alten Mann nicht das Leben gerettet hat? Wie lange wollen wir beide uns noch selbst bestrafen und mit der Last unserer Schuldgefühle leben? »Wir sind uns ähnlich.« Catherine wandte sich vom Fenster ab und betrachtete den brüchigen Papyrus auf dem Tisch. Mrs. Sie und Garibaldi würden Abschied voneinander nehmen… Plötzlich klopfte jemand heftig an die Tür. war das Abenteuer zu Ende. wenn auch in verschiedenen Arenen. Sie hatte das Ende des fünften Buches beinahe erreicht. wir sind beide Kämpfer.Und was ist mit Ihnen. und fand schließlich die Mittagsnachrichten. und wenn er keine eindeutigen Hinweise über den Verbleib der siebten Rolle enthielt. staunte sie auch jetzt darüber. Danach blieb nur noch eine Schriftrolle übrig. »Schnell!« »Was…?« »Ich habe die Ankündigung zufällig unten im Vorbeigehen gesehen. »Was gibt es 507 . »Sie und ich. »Schalten Sie den Fernseher ein«.« Catherine wechselte die Kanäle. als sie sich zum ersten Mal im Hotel Isis begegnet waren. Warum vergeben Sie dem sechzehnjährigen Jungen nicht. auf denen die üblichen Weihnachtssendungen zu sehen waren. Erstaunlicherweise gewöhnte sie sich allmählich daran. Vater Garibaldi? wollte sie fragen. sagte er und zog den Mantel aus. Wie an jenem Tag. daß er mit seiner Anwesenheit einen Raum auszufüllen schien. Aber es war Garibaldi. O’Toole sei mit einer Kanne Tee zurückgekommen.« Das waren Garibaldis Worte auf dem Dach des Atlantis gewesen. Catherine ließ ihn ins Zimmer treten. und sie dachte. Vor den Nachrichten kommt aber noch die Werbung. Wieder einmal sah sie ihr Photo auf dem Bildschirm. Wenn Catherine auch diesen Text übersetzt hatte.

daß das Jesus-Fragment Teil einer Sammlung ist. fuhr die Sprecherin fort. Die Datierung des Papyrus nach der Radiokarbon-Methode verweist ungefähr auf das Jahr einhundert unserer Zeitrechnung.« »Wunderbar!« flüsterte Catherine. die sogenannte Paläographie. weil das Material so teuer war. 45‹ erkennen konnte. die jedoch mit Hilfe von Infrarotstrahlen lesbar sind. vorgenommen. in dem man gerade noch die Inschrift: ›Musee d’Antiquites 4. Doch Garibaldi hob die Hand. und gleichzeitig haben Paläographen in Deutschland und Großbritannien unabhängig voneinander eine Handschriftenanalyse. die Handschriftenanalyse bestätigt dieses Datum. zog die Handschuhe aus und stellte den Ton lauter. »Man hat Papyrus häufig mehrmals verwendet. Es handelt sich um eine Verkaufsrechnung aus der Regierungszeit des Kaisers Claudius…« »Das ist nichts Ungewöhnliches«.11. »Wie bitte? Gestohlen?« »Sie behaupten. »Die Infrarot-Analyse des Fragments«. die gelöscht worden waren. »… im Institut Technologique in Paris wurde eine Radiokarbon-Untersuchung durchgeführt. die Schriftrollen seien Fälschungen.« »Die Infrarot-Spektralanalyse enthüllte jedoch noch etwas anderes. Garibaldi nahm den Hut ab.« 508 .diesmal?« fragte sie besorgt. die vor drei Jahren aus dem ägyptischen Museum gestohlen wurde…« Catherine sah Garibaldi ungläubig an. »Laut Aussagen der Polizei ist damit der Beweis erbracht. »hat ältere Schriftzeichen sichtbar gemacht. was auf dem Fragment gelöscht worden ist: einen Stempel mit der Katalognummer eines Museums…« Auf dem Bildschirm erschien in Nahaufnahme ein blasser Kreis. sagte Catherine.

und die ägyptische Regierung entzog ihm die Lizenz für den Verkauf und den Export von Antiquitäten. »In meinem Auftrag? Ich habe den Mann noch nie gesehen!« »Papazian«. Seine ganze Sippe ist in diesem zwielichtigen Bereich tätig. daß es eine Fälschung war.« »Aber was steckt hinter dieser Geschichte?« fragte Garibaldi. so sagt er. seien sein Werk. Kurze Zeit später entdeckte man. fuhr die Sprecherin fort. »Es ist nicht nur Papazian. Nach einem Geständnis wurde Papazian zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt.»Das kann nicht sein!« Es folgte ein Filmausschnitt.« »Ich habe von ihm gehört«. der vor fünfzehn Jahren auf einer Auktion zehn Millionen Dollar erzielte. das die ganze Welt in Staunen versetzt. und die Sprecherin fuhr fort: »Nicholas Papazian legte gestern am späten Abend ein Geständnis ab. Sie hätten ihn bezahlt. Ein unglücklich wirkender Mann stand vor einer Reihe Mikrophone. Der Mann ist geradezu unanständig reich und verbirgt seine kriminellen Machenschaften hinter der Fassade neu erworbener Ehrbarkeit. Er habe sie in einem Hinterzimmer seines Antiquitätengeschäfts in Kairo hergestellt. damit er 509 . Am bekanntesten ist sein sogenannter ›Brief des Pontius Pilatus‹. Die Schriftrollen vom Sinai. Nach seiner Darstellung handelte es sich um eine Auftragsarbeit für Dr. Catherine Alexander. Sie sind eine der bekanntesten Kontaktadressen der Welt für den illegalen Handel mit Altertümern.‹ Der Mann sprach arabisch. »hat bereits früher Handschriften gefälscht. sagte Catherine.« Catherine sprang auf. und in der unteren rechten Ecke des Bildschirms war ein Balken mit dem Hinweis: ›KAIRO NATIONAL TELEVISION. »Warum sagt er.

Garibaldi ging nachdenklich im Zimmer auf und ab. die das Fragment untersucht haben. »Er würde ein paar Leute bestechen und nicht ins Gefängnis wandern. dieser Korb war nicht erst vor kurzem dorthin gebracht worden.« »Aber der Stempel des Museums«. »Er muß dahinterstecken. »Ein noch größeres Rätsel ist das Motiv dafür. Wieso gesteht dieser Papazian eine kriminelle Tat. Und ich habe den Korb mit den Schriftrollen entdeckt. der so etwas inszenieren und finanzieren könnte…« »Havers…«.« Catherine lachte kurz und bitter. Der Korb saß fest in dem unterirdischen Gang. sagte Garibaldi. Aber wie hat er es gemacht? Ich war dort. als Hungerfords Arbeiter das Fragment gefunden haben. wie hat man die Leute dazu gebracht.die Schriftrollen fälscht?« »Ich weiß es nicht.« »Dazu wäre eine Menge Geld nötig. »… meine Regierung befindet sich deshalb in einer sehr peinlichen 510 . und ich kenne nur einen Mann. »und dann alle Experten. bei so einem krummen Ding mitzuspielen?« Catherine kaute auf ihrer Unterlippe. Glauben Sie mir. Sie sind eindeutig zweitausend Jahre alt!« Im Fernsehen wurde gerade der Sprecher des ägyptischen Ministeriums interviewt. sagte Catherine. wieder im Gefängnis zu landen?« Garibaldi schüttelte den Kopf. Wenn es eine abgekartete Sache ist. wenn er sie nicht begangen hat?« »Für genug Geld würde er wahrscheinlich alles gestehen. Wie hätte Papazian die Schriftrollen oder das Fragment dorthin bringen können? Ich habe die Pflanzenreste am Korb analysiert. »Und riskieren.

Ich bin gleich wieder da. Sie betrachtete prüfend das in der rechten oberen Ecke eingeblendete Bild des Fragments und sagte: »Wenn ich das doch gedruckt sehen könnte…« »Kein Problem«. wie sich herausstellte. ihr die Mittel zu streichen. Die Samstagszeitung lag im Wohnzimmer. rief Garibaldi. daß die Stiftung Dr.« Dann kam ein Archäologe zu Wort. murmelte Catherine und ging näher an das Fernsehgerät heran. falls die Grabung nicht bald Erfolge vorweisen würde. und es gibt Photos«. Alexander in einem Brief gedroht hat. wurde gerade die Direktorin der Stiftung interviewt. »Es kursierten Gerüchte von Schriftrollen.Lage. hatten sie bereits gelesen.« Garibaldi mußte nicht weit gehen. Als Garibaldi in Catherines Zimmer zurückkam.« Garibaldi sah Catherine an.« »Dann unterstellen sie…« »Daß ich die Schriftrollen gefälscht habe. wird heute wahrscheinlich etwas darüber in den Morgenzeitungen stehen. sagte er mit hochgezogenen Augenbrauen. Ein Reporter fragte: »Wir haben gehört. »Aber Photographien lassen sich nicht analysieren. und bisher liegen keine Beweise für die Existenz von Schriftrollen vor. »Wenn die Neuigkeit gestern abend in Ägypten bekannt geworden ist. zurückhaltendem Ton erklärte. O’Toole verbrachten. der in betont sachlichem. mit Steinen gefüllten Korb aus dem Zelt von Dr. Stimmt das?« »Dazu kann ich leider nichts sagen. daß er persönlich das Fragment sowie den. so war ich zunächst von seiner Echtheit überzeugt…« »Merkwürdig«. Was das Fragment betrifft. und alle sechs Gäste. die Weihnachten bei Mrs. Alexander entfernt habe. »Ja. »Ist das wahr?« Sie machte ein finsteres Gesicht. um mein 511 .

« Garibaldi warf einen Blick auf Catherine. Der Artikel stand auf der ersten Seite. Das bedeutet. die 512 .« Im Fernsehen erklärte gerade eine Wissenschaftlerin aus Denver: »Unserem Institut wurde ein winziger Teil des Fragments zur Verfügung gestellt. das erst in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts erfunden wurde. Wir haben Tintenpartikel abgelöst und sie unter dem Elektronenmikroskop analysiert. Darüber stand als Schlagzeile: ›FÄLSCHUNG!‹ »Warum steht das auf dem Titelblatt?« fragte Catherine kopfschüttelnd. Da es jedoch möglich ist. daß ein altes Dokument winzige Spuren von Anatas aufweist. also Titandioxyd enthält.Projekt weiterführen zu können. von Nicholas Papazian. »Es gibt doch auch noch andere Neuigkeiten auf der Welt.« »Ich nehme an. Oder daß sie vielleicht das Geheimnis enthüllen. sagte Garibaldi und gab ihr die Zeitung. daß in den Schriftrollen ein Hinweis auf die Zeitenwende zu finden ist. was unter dem Einfluß der Medien in den Köpfen der Menschen auf aller Welt für Erwartungen geweckt worden sind? Die Nachricht heute wird für viele wie eine eiskalte Dusche sein. wie die Menschen das ewige Leben finden können. die sich weder das Fernsehen noch die Zeitungen entgehen lassen. der Fundstelle und dem Jesus-Fragment. daß sie eine ganze Menge Anatas aufweist. die Tinte stammt aus neuerer Zeit. Wer weiß. eine Menge Leute haben sich große Hoffnungen gemacht.« »Dahinter muß Havers stecken«. Insofern ist das mit der angeblichen Fälschung eine Sensation. Dabei hat sich gezeigt. daß die Tinte Anatas. wurde die Tinte mit einem Röntgenverfahren untersucht. und dabei stellte sich heraus. Dazu gab es Photos von Catherine.

was für ein Durcheinander habe ich angerichtet. daß es sich bei dem Dokument tatsächlich um eine Fälschung handelt. Sie hatte Angst. die Behörde werde die Grabungen an der Stelle weiterführen. Sie war leichenblaß. Aber ich werde ihn nicht in diesen Fall hineinziehen. Offenbar war der ägyptischen Regierung die Sache peinlich. daß er die Handschrift gefälscht hat. »Gott. Im Fernsehen beendete die Wissenschaftlerin 513 . Dann bestätigen alle namhaften Experten und angesehenen Wissenschaftler.« »Hat jemand die Schriftrollen außer Ihnen und Daniel gesehen?« »Julius«. was dieser Schachzug bewirken soll. sie übte harte Kritik an Catherine. »Machen Sie sich jetzt keine Vorwürfe. daß sich Havers das Ganze ausgedacht hat. »Er könnte bezeugen. und sie war verzweifelt. »Nicholas Papazian bekommt plötzlich ein schlechtes Gewissen und beschließt zu gestehen. »Vielleicht glaubt er. Das hilft uns nicht weiter. daß er mich reizt. Was gewinnt Havers. falls er dahintersteckt?« Catherine sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an. wo die sogenannten Schriftrollen gefunden worden seien.« Sie überflog den Zeitungsartikel noch einmal.« Garibaldi beugte sich über sie.fassungslos vor dem Bildschirm stand. Trotzdem sind die Schriftrollen nicht gefälscht. Es tut mir schon leid. »Kein Mensch wird mir glauben«. Vielleicht rechnet er auch damit. daß sie echt sind. ich werde die Schriftrollen herausgeben. daß Sie…« Catherine schlug die Hände vor das Gesicht. Aber wir sind nicht einmal sicher. um mich zu verteidigen. Wir müssen herausfinden. Dann betrachtete Catherine die Abbildung des JesusFragments. erwiderte sie. und daß ich aus meinem Versteck auftauche. sagte sie. Das Ministerium in Kairo forderte sie ultimativ zu einem Gespräch auf und erklärte.

daß es sich bei dem Fragment um eine Fälschung handelt. und ich kann niemandem außer mir selbst einen Vorwurf machen. die Schriftrollen könnten bestimmte Informationen religiöser Art enthalten. Dadurch war von vornherein klar. »der Mann ist gut. sagte Garibaldi ernst. der Betrug bringt mich in große Verlegenheit. Mein Angebot von fünfzig Millionen Dollar ließ sich als eine gewisse Bestätigung der Echtheit der Schriftrollen deuten. Miles Havers stand auf dem gepflasterten Weg. daß er als Opfer dasteht und Sie als Betrügerin. Vergessen wir nicht. Es war mein Fehler. Man muß schließlich den zweifelhaften Ruf dieser Archäologin in Betracht ziehen.« »Natürlich hat er es geplant. »Ich kann nur sagen. und auf dem Bildschirm erschien die Auffahrt eines Anwesens irgendwo in den Bergen. Er hat alles so eingefädelt. Und jetzt wird mir kein Mensch auf der ganzen Welt mehr glauben. der zu seinem Haus führte.« »Ich muß zugeben«. »Offen gestanden. sagte Garibaldi. daß man ihn heute interviewen würde. sie seien echt. Dafür entschuldige ich mich. als er fortfuhr. war niemand anwesend.des Instituts in Denver ihre Ausführungen. Havers’ typisches Lächeln wich einem Ausdruck moralischer Besorgnis. es war meine Schwäche. die in so vielen Menschen geweckt wurden.« »Deshalb«.« »Du Schwein!« Catherine ballte die Fäuste. und es gab vielen Menschen das Gefühl. denn Catherine Alexander hat mich wie alle anderen hinters Licht geführt! Darüber hinaus fühle ich mich persönlich verantwortlich für die Hoffnungen.« 514 . als sie den mysteriösen Korb geöffnet hat. überrascht mich die Nachricht nicht. er führe mit Ihnen geheime Verhandlungen über den Kauf der Schriftrollen. »hat Havers gestern angekündigt.

sie würden eine bestimmte Botschaft enthalten. Ich hatte natürlich von dem sensationellen Fund gehört. Und jetzt…« Sie schüttelte fassungslos den Kopf. Sie betrachtete noch einmal aufmerksam die Abbildung des Fragments der Handschrift. ich werde mich über diese Verleumdungen so aufregen. sagte Garibaldi. Plötzlich sagte sie: »Moment mal…« Sie ging mit der Zeitung zum Tisch und hielt sie unter das Licht. Alexanders Unschuld überzeugt sein zu können. der als Schutz der gefalteten Schriftrollen gedient hatte.»Bitte. Garibaldi beugte sich darüber. Darin lag die untere Hälfte des Jesus-Fragments. Catherine hielt die Zeitung daneben. Mir wäre nichts lieber. aschblonde Frau antwortete: »Ich bin sprachlos. als von Dr. Aber wir müssen uns fragen: Wo ist sie? Und warum geht sie nicht an die Öffentlichkeit. »ich erhebe keinerlei Anschuldigungen. »Was soll ich mir ansehen?« 515 . »Es ist eine große Enttäuschung. was sagen Sie dazu?« Die schlanke.« Catherine schaltete den Fernseher ab und griff nach der Zeitung. Wir hofften alle. um die Schriftrollen zu kaufen. »Mrs. daß er heimlich verhandelt. »Sehen Sie sich das an«. Er hat sich das alles einfallen lassen. um sich zu verteidigen?« »Da haben wir es! Er pokert. »Er hofft. Darauf wartet er jetzt. um Sie aus dem Versteck zu locken«. »Was ist?« Catherine öffnete die blaue Tasche und nahm behutsam den Buchdeckel heraus. fuhr Havers fort. Havers. Miles hatte mir nicht einmal gesagt. Sie schlug den Buchdeckel auf. verstehen Sie mich nicht falsch«. daß ich unüberlegt handle und einen Fehler mache. sagte sie.« Der Reporter mit dem Mikrophon wandte sich an die Frau neben Havers.

»Sie passen nicht zusammen«. das ich zurückgelassen habe. Sie melden sich zu Wort und kontern mit Ihrem Verdacht…« »Ich habe eine bessere Idee«. sagte sie und wies auf die Zeitung.« Sie blätterte die Seiten durch. »Dieses Fragment«. das zu beweisen. sagte Catherine.« Er betrachtete beides. Papazian hat das Fragment kopiert.»Das Fragment in der Zeitung. im Auftrag von Havers?« »Ja…« »Es wird schwer sein. bewußt eine Fälschung hergestellt und dann behauptet. ging an die Tasche und holte ihr Adreßbuch heraus. daß der Papyrus vertauscht worden ist. »Bevor ich vom Sinai abgereist bin.« »Nein?« »Die Wissenschaftler lügen nicht! Sie haben eine Fälschung begutachtet! Es handelt sich nicht um das Dokument. habe ich einem Freund in Zürich ein kleines Stück des Papyrus geschickt. »ist nicht das Fragment. bis sie die 516 . den Hungerfords Männer gefunden haben. nicht um den Papyrus. Aber wo ist dann das echte Fragment?« »Wer weiß? Der Austausch kann auf hoher Ebene veranlaßt worden sein – vielleicht hat auch mein Assistent Samir etwas damit zu tun. Sie hätten ihn dafür bezahlt. Er heißt Hans Schüller und arbeitet in einem Institut. damit er das Original durch die Fälschung ersetzt. das Altersbestimmungen nach der Radiokarbonmethode durchführt. das ich im Zelt zurückgelassen habe. Papazian hat vielleicht einen Beamten bestochen. Vergleichen Sie ihn mit dem oberen Rand meines Papyrus.« »Sie meinen. sondern um eine Fälschung!« »Sie meinen. Es sei denn. Möglicherweise ist der Regierung überhaupt nicht bewußt. erklärte er. Achten Sie auf den unteren Rand.

Das kommt vor.« »Haben Sie seine Privatnummer?« »Nein. Sie gehen jetzt hinunter zum Essen und feiern mit den anderen Weihnachten.« »Aber wie kann er von Schüller gewußt haben?« »Ich muß in Daniels Wohnung etwas über ihn gesagt haben. Die Öffentlichkeit wird mit diesem Fall in Atem gehalten. Hier findet uns 517 . »So. O’Toole wäre sehr enttäuscht. dann legte sie auf. Hans«. »so muß es wohl sein. ich kann mich auf ihn verlassen…« »Wollen Sie ihn anrufen?« »Ich versuche es im Institut.Telefonnummer gefunden hatte. ich bleibe bei Ihnen. »Sie haben recht. Ich weiß. sagte sie und ging zum Telefon. nichts zu sagen. aber die bekomme ich bestimmt bei der Auskunft. sagte er sanft und legte ihr die Hände auf die Schultern. sagte sie. »Ich habe Schüller gebeten.« »Es ist Weihnachten. Plötzlich fühlte sie sich sehr müde. Ich bin sicher.« Sie rieb sich den Nacken und lockerte Kopf und Schultern mit kreisenden Bewegungen. Jeden Tag gibt es neue Sensationsmeldungen. Warum nur schießen alle auf mich…?« »He«. Wie bitte?« Sie sah Garibaldi an. es ist unterwegs verlorengegangen.« Ihr Gespräch mit Schüller fünf Minuten später war kurz.« »Nein. »Es wird schon gutgehen. und es könnte jemand Verdacht schöpfen.« »Mrs. Wir müssen sehr vorsichtig sein. »Ja.« Der Apparat am anderen Ende klingelte ein paarmal. »Havers hat ihn gekauft. »Nur Daniel wußte davon«. Die Männer von Havers haben damals in Santa Barbara alles abgehört. »Wo ich bin?« Sie legte schnell auf.

niemand. Und bald ist alles vorbei.« Und dann werden wir uns trennen. »Ich arbeite weiter an der Übersetzung. Je schneller wir zum Ende kommen, desto besser.« »Sind Sie sicher, daß alles in Ordnung ist?« »Keine Angst, Vater Garibaldi«, sagte sie. »Auch wenn ich noch so wütend bin, sind Miles Havers die Hände gebunden. Er kann nichts sagen, was mich dazu bringen würde, etwas Unüberlegtes zu tun.«

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Malibu, Kalifornien
Julius suchte eine Telefonzelle in einem kleinen Einkaufszentrum an der Küstenstraße. Als er einen freien Apparat fand, wählte er schnell und griff nach seinem Zettel. Er hatte sich aufgeschrieben, was er sagen wollte. Die Zeit war knapp. Es war ihm gelungen, den Mann im weißen Wagen abzuschütteln. Aber er wußte nicht, wie schnell der Aufpasser seine Spur wiederfinden und ihm hierher folgen würde. Während er darauf wartete, daß jemand am anderen Ende den Hörer abnahm, überlegte er, ob es möglich sei, einen Anruf aus einer öffentlichen Telefonzelle zu lokalisieren. Auf alle Fälle behielt er die Straße im Auge, und als sich schließlich eine Frauenstimme meldete, sagte er klar und deutlich: »Ich möchte eine Nachricht für eine Besucherin hinterlassen, die bald zu Ihnen kommen wird. Hören Sie? Ja gut, ich buchstabiere den Namen…« Beim Sprechen nahm er die Zeitung, die er sich unter den Arm geklemmt hatte, und legte sie auf die kleine Ablage unter dem Apparat. Selbst jetzt, Stunden, nachdem er die Schlagzeile gesehen hatte, empfand er noch den Schock. Eine Fälschung! Wie konnten die Schriftrollen gefälscht sein? Er hatte sie mit eigenen Augen gesehen und hätte schwören können, daß sie echt waren. Catherine kannte sich auf ihrem Spezialgebiet aus. Sie hätte Fälschungen erkannt. »Würden Sie es bitte wiederholen?« sagte er ins Telefon. Nachdem er sich vergewissert hatte, daß die Frau in der Zentrale am anderen Ende seine Nachricht richtig notiert hatte, legte Julius auf und blickte auf die Uhr. Camilla Williams von Augenzeugen hatte ihm zugesagt, daß das
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Interview am nächsten Tag gesendet werden würde – landesweit. Das war die einzige Bedingung gewesen, unter der er sich zu dem Gespräch bereit erklärt hatte. Morgen um diese Zeit, so beruhigte er sich, wird die ganze schreckliche Sache vorbei sein. Er konnte und wollte Catherine die unangenehme Wahrheit nicht vorenthalten, daß Sabina ihre Geschichte nie zu Ende geschrieben hatte und daß es keine siebte Schriftrolle gab. Julius mußte jetzt dafür sorgen, daß alle Spekulationen aufhörten. Wenn erst einmal das Interesse der Medien erloschen war, wenn sich alle Mißverständnisse aufgeklärt hatten, dann würden sie daran denken können, wieder ein normales Leben zu führen. Im Augenblick konnte er jedoch nichts anderes tun, als warten und darauf hoffen, daß Catherine in ihrem Versteck blieb und schwieg und daß sie nichts tun würde, was ihren Aufenthaltsort verriet.

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Washington, D.C.
Cornelius Severus ritt nach Chichester, um sich mit dem Führer der Britonen zu treffen, und wie immer begleitete ihn Philos… »Mit wem will er sich treffen?« fragte Catherine laut. Am liebsten hätte sie Sabina angeschrien: »Verrate mir den Namen des Führers der Britonen! War es Cunobelinus?« Denn in diesem Fall wäre Sabina während der Herrschaft des Claudius in Britannien gewesen, und das hätte eine sichere Datierung der Schriftrollen bedeutet. Catherine sank enttäuscht auf dem Stuhl zusammen und warf den Kugelschreiber auf den Tisch. Sabina berichtete ihre Geschichte eindeutig jemandem, der die zeitgenössischen Begleitumstände kannte. So, wie heute jemand sagen würde: »Damals, Ende der sechziger Jahre, haben wir gegen den Krieg protestiert«, ohne ausdrücklich vom Vietnam-Krieg zu sprechen, so bestand auch für Sabina kein Grund zu sagen, auf welchen Kaiser, welches Jahr seiner Regierung oder auf welchen Führer der Britonen sie sich bezog. Es war alles sehr frustrierend. Aber noch schlimmer war, daß sich Catherine bereits dem Ende der fünften Schriftrolle näherte. Und nach allem, was sie sehen konnte, war die sechste Rolle nicht sehr lang. Es blieben Sabina nicht mehr viele Möglichkeiten, durch einen eindeutigen Hinweis klarzustellen, in welcher Zeit sie gelebt hatte. Catherine stand vom Tisch auf, reckte sich und blickte aus dem Fenster. Es waren keine Sterne zu sehen. Der Wetterbericht hatte Schnee angekündigt. Sie warf einen Blick auf die Uhr. Es war elf Uhr abends. Im Haus von Mrs. O’Toole war es inzwischen still geworden. Alle
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schliefen nach einem langen Tag mit Sherry und Weihnachtsliedern, dem üppigen Abendessen mit gebratener Gans und vielen anderen Gängen. Mrs. O’Toole war so freundlich gewesen, Catherines Portionen auf einem Tablett heraufzubringen. Catherine hatte alles aufgegessen, nur das Dessert stand noch auf dem Nachttisch. Sie hatte Garibaldi noch einmal kurz gesehen. Auf dem Weg in sein Zimmer war er hereingekommen, um sich nach ihrem Wohlbefinden zu erkundigen. Leider war am nächsten Tag Sonntag, und der Computerladen würde ebenso geschlossen sein wie die Bibliotheken und alle anderen Einrichtungen, die Zugang zum Internet hätten bieten können. »Wir müssen bis Montag warten«, hatte er gesagt. Ja, am Montag würden sie einen sicheren Weg finden, sich wieder ins Netz einzuloggen und nach den neuen Namen zu suchen, die Catherine in Sabinas Bericht über ihre Jahre in Britannien gefunden hatte. Sie blickte noch einmal auf die Uhr und rechnete nach. In Kalifornien war es jetzt acht Uhr abends. Sie hätte gern Julius angerufen. Aber diesen Wunsch konnte sie sich nicht erfüllen. Catherine rechnete damit, daß das Abenteuer bald vorüber sein werde, wenn Sabina keine weiteren Hinweise auf den Verbleib der siebten Schriftrolle gab. Und so beschloß sie, die Spätnachrichten einzuschalten, um festzustellen, welche neuen Entwicklungen es gab. Es überraschte sie nicht, Miles Havers auf dem Bildschirm zu sehen. Er war der Star des Augenblicks, der Milliardär, der das unschuldige Opfer einer Betrügerin war. Doch als Catherine den Ton lauter stellte, war sie doch überrascht, was sie aus seinem Mund zu hören bekam. »… in bestimmten wissenschaftlichen Kreisen ist der
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Name Dr. Alexander natürlich bekannt. Ihre Mutter, Nina Alexander, wurde vom Vatikan wegen Verbreitung kirchenfeindlicher Lehren öffentlich getadelt. Und das nicht nur einmal…« Catherine sank in den Sessel und folgte fassungslos den beleidigenden Ausführungen von Havers. »… sondern mehrmals, bis sie ihren Lehrauftrag an einem katholischen College verlor. Sie werden sich vielleicht erinnern«, sagte er und lächelte der Moderatorin zu, mit der er offenbar ein langes Studiogespräch führte, »daß Nina Alexander behauptete, den Beweis dafür gefunden zu haben, daß Frauen und nicht Männer auf dem apostolischen Stuhl im Vatikan sitzen müßten.« Er lachte leise, und auch die Moderatorin lächelte über diese absurde Vorstellung. »Ein befreundeter Psychologe vertritt die Theorie, daß Catherine Alexander mit der Fälschung ihre Mutter rehabilitieren möchte. Ich glaube, eine Bestätigung dafür ist die Tatsache, daß sie das Wort Diakonos in den Text eingefügt hat, um zu beweisen, daß Frauen das Priesteramt ausüben sollten.« »Mein Gott«, flüsterte Catherine. »Er ist ja schlimmer als die Inquisition…« »Und natürlich«, fuhr Havers fort, »ist das Skelett, das angeblich zusammen mit den Schriftrollen gefunden wurde, ein weiterer Beweis dafür, daß Dr. Alexander die ganze Sache inszeniert hat.« Er lächelte triumphierend. »Ich meine, die Handgelenke waren mit Lederriemen gefesselt, und niemand zweifelt daran, daß es sich um das Skelett einer Frau handelt!« Er lachte. »Ich kann mir gut vorstellen, aus welchem Grund unsere Archäologin das alles getan hat. Die ganze Welt sollte glauben, es habe sich um eine Art Märtyrerin gehandelt. Aber soviel wissen wir über die Sitten und Gebräuche, um sagen zu können, daß es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um eine Frau
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handelt, die vor zweitausend Jahren ihren Mann betrogen hatte und zur Strafe in den Brunnen geworfen wurde.« Catherine umklammerte die Armlehnen des Sessels. Wie kann er so lügen’? Die Frau im Brunnen ist für ihren Glauben den Märtyrertod gestorben! »Mr. Havers«, unterbrach ihn die Moderatorin. Havers lächelte unwiderstehlich: »Bitte nennen Sie mich Miles.« »Miles, was halten Sie von der neuesten Entwicklung in dieser Angelegenheit? Nicholas Papazian in Kairo hat seine Aussage korrigiert.« Catherine runzelte die Stirn. War ihr seit den Mittagsnachrichten etwas entgangen? »Offen gestanden überrascht es mich nicht, daß eigentlich Daniel Stevenson den Weg für die Fälschung gebahnt hat. Schließlich haben wir es bei ihm mit einem Mann zu tun, der glaubte, die Azteken seien Nachfahren von Marsbewohnern gewesen!« Catherine schaltete schnell den Fernseher aus und starrte auf den dunklen Bildschirm. Sie spürte, wie sich der Schock allmählich in kochende Wut verwandelte. Danno! Er zieht auch noch Danno in den Schmutz! Genügte es diesem Schwein nicht, daß er ihn umgebracht hatte? Mußte er Danno in den Augen der Welt auch noch zu einem Narren und zu einem Dummkopf machen? Danno war nicht mehr am Leben, um sich zu verteidigen! Catherine traten in ohnmächtiger Wut die Tränen in die Augen. Sie ging in Richtung Tür. Das mußte sie Garibaldi sagen. Aber mitten im Zimmer blieb sie stehen. Garibaldi konnte nichts tun. Allerdings konnte und mußte sie etwas tun. Sie hatte Dannos Laptop und mußte Online gehen. Nur noch einmal, ein einziges Mal… Sie trocknete sich die Augen, überflog den Wirtschaftsteil der Zeitung und suchte nach Inseraten von
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Online-Diensten. Es gab eine eigene Rubrik für Internet. Dort fand sie Galaxy BBS in Baltimore, das den Zugang innerhalb einer Stunde anbot. Catherine gab dem Unternehmen die Nummer ihrer Kreditkarte. Wie versprochen war der Zugang eine Stunde später möglich. Als sie sich in den IRC befand, betete sie, daß #hawksbill offen sein werde. Aber wenn alle aus der Gruppe Weihnachten mit ihren Familien verbrachten, würde #hawksbill nicht einmal angezeigt sein. Sie konnte #janet wieder öffnen, doch die Wahrscheinlichkeit war gering, daß es jemand von #hawksbill bemerkte. Sie wußte, ihr Vorgehen war sehr riskant. Aber das kümmerte sie im Augenblick nicht. Dieses Schwein hatte Danno und ihre Mutter in den Schmutz gezogen. Sie würde sich rächen! Sie tippte llist, drückte die Eingabetaste und ballte die Fäuste. Bitte… bitte seid da… Da kam es: #hawksbill. Aber es war nur eine Person im Kanal: Jean Luc, der mit dem @ vor seinem Namen an diesem einsamen Weihnachtsabend auf Gesellschaft zu warten schien. Catherine meldete sich als Janet. [Jean-Luc] Fröhliche Weihnachten, Janet. «Janet»Fröhliche Weihnachten. [Jean-Luc] Du hättest nicht hier auftauchen sollen – zu gefährlich. «Janet »Hat sich heute schon jemand bei dir gemeldet? [Jean-Luc] Nein, die sind alle mit ihren Familien beschäftigt. «Janet»Bist du allein? Catherine wartete. «Janet »Jean Luc: Bist du allein? [Jean-Luc] Ja. «Janet»Wo bist du?
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[Jean-Luc] Das ist gegen die Regeln von Hawskbill. «Janet »Du weißt, wer ich bin. Ich muß wissen, wer du bist. Sie wartete wieder auf Antwort. [Jean-Luc] Einfach ein Freund… Ja, glaub mir, ich bin dein FREUND! «Janet »Bist du ein Mann oder eine Frau? Während Catherine wartete, lauschte sie auf das stille Haus und die ruhige Nacht draußen. Dicke Schneewolken hingen am Himmel und hüllten die Welt in Stille und Frieden. Sie hatte das Gefühl, Jean-Luc und sie seien die einzigen Menschen auf der Welt – gesichtslos, alterslos, geschlechtslos, unbelastet von Körpern und den Vorurteilen des Sehens und Hörens. Sie waren reine Gedanken, Elektronen, zwei entmaterialisierte Menschen, die sich in einem nichtexistenten Raum trafen. Sie wußte nicht einmal, von welchem Ort auf der Welt sich ›JeanLuc‹ meldete. Er oder sie konnte in China sein oder womöglich auf der anderen Straßenseite. Doch es war ein seltsam intimer Augenblick, und Catherine fühlte sich flüchtig enger mit Jean-Luc verbunden, als sie das je bei einem Menschen erlebt hatte. [Jean-Luc] Du hättest dich nicht melden sollen – zu gefährlich. «Janet»Ich mußte es – um Barrett zu verteidigen. Hast du ferngesehen? [Jean-Luc] Ja»:-[ «Janet»Barrett hat die Schriftrollen NICHT gefälscht. Dr. Alexander hat sie auch nicht gefälscht. *Die Schriftrollen sind echt* Und sie hat NICHT mit Miles Havers um fünfzig Millionen Dollar verhandelt. Er hat nie Kontakt zu ihr aufgenommen.
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[Jean-Luc] Ist Havers der Bösewicht? Sie starrte auf den Monitor. »Ist Havers der Bösewicht?« Das hieß im Klartext: Hat Havers Daniel umgebracht? «Janet»Havers beschuldigt Barrett, ein Fälscher zu sein, weil Daniel nicht mehr lebt, um sich verteidigen zu können. Das mußt du glauben. Du mußt es allen sagen. [Jean-Luc] Janet: Ist Havers der Bösewicht? Catherine zögerte. [Jean-Luc] Wiederhole: Ist er der Bösewicht und hinter Dr. Alexander her? «Janet »Darüber kann ich jetzt nicht sprechen. [Jean-Luc] Du hast unser Mitgefühl, aber Miles Havers ist ein mächtiger Mann. «Janet»Leider. Catherine beobachtete den Bildschirm. Der Cursor blinkte, und die Zeit verging. Sie war versucht, Jean-Lucs wahre Identität herauszufinden. Sie wußte, sie konnte es tun, indem sie einen Befehl eingab, der seine IP-Adresse verriet. Ein bißchen Detektivarbeit würde sie direkt zu ihm oder ihr führen. Catherine tippte /whois jean-luc/ und ließ die Hand über der Eingabetaste schweben. [Jean-Luc] Janet: Wir werden tun, was wir können. «SERVER»Jean-Luc hat sich verabschiedet.

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DER DREIZEHNTE TAG

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Sonntag, 26. Dezember 1999 Santa Fe, New Mexico
Irgend etwas weckte Erika auf. Zuerst wußte sie nicht, was es war. Sie lag im Bett, lauschte auf die Stille im Haus und versuchte, sich zurechtzufinden. Die Leuchtziffern ihres Weckers verrieten, daß es zwei Uhr morgens war. Sie wartete mit angehaltenem Atem. Dann drehte sie den Kopf auf dem Kissen und sah, daß Miles nicht im Bett lag. Wieder einmal… Wenn eine wichtige Transaktion bevorstand oder wenn er sich mit einem neuen Software-Code herumschlug, hatte er in den vergangenen Jahren immer wenig geschlafen. Erika hatte jedoch das Gefühl, daß sie in letzter Zeit öfter als üblich feststellen mußte, daß er nicht im Bett war. Sie dachte an die überraschende Presseerklärung zu den Schriftrollen, die er vor zwei Tagen abgegeben hatte. Erika war völlig ahnungslos gewesen. Sie hatte wirklich nichts davon gewußt, daß er die Schriftrollen kaufen wollte und mit der untergetauchten Dr. Alexander Geheimverhandlungen führte. Beamte des FBI waren bis in den späten Abend im Haus gewesen und hatten Miles befragt. Dann stellte sich heraus, daß es sich um Fälschungen handelte! Der arme Miles mußte öffentlich eingestehen, daß er getäuscht worden war. Das ist Miles, dachte Erika, als sie aufstand und den Morgenmantel überzog, er wollte die Schriftrollen für die Welt retten. Wahrscheinlich hatte er bereits ein Gebäude für sie geplant, wo die Öffentlichkeit sie hätte sehen und
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die Wissenschaftler sie hätten studieren können. Es mußte eine große Enttäuschung für ihn gewesen sein. Während sie durch das dunkle, schlafende Haus ging, dachte Erika: Er sollte jetzt nicht allein sein und sich über die Niederlage ärgern. Sie würde ihn trösten und dafür sorgen, daß er ins Bett zurückkam. »Wir haben sie!« rief Teddy. »Sie hat sich bei Galaxy BBS, einem lokalen Server in Baltimore, angemeldet. Sie bieten einen besonders schnellen Zugang zum Internet.« Havers kam herüber. Sie warteten schon ungeduldig, seit der Computer, der Catherine Alexanders Kreditkarte überwachte, sie vor ein paar Stunden durch einen Warnton darauf vorbereitet hatte, daß die Karte benutzt worden war. »Baltimore«, sagte Havers mit einem Blick auf den Bildschirm. Zeke hatte also recht gehabt. Als Zeke am Abend zuvor behauptete, daß die Spur von Dr. Alexander und ihrem Begleiter von Las Vegas zum Dulles-Flughafen in Washington führe, war Havers skeptisch gewesen. Warum um alles in der Welt sollte sie ausgerechnet dorthin geflogen sein? »Wie schnell können Sie Zugang zu dem System in Baltimore bekommen?« fragte er Teddy. »Hängt ganz davon ab. Ich muß ihre IP-Adresse ausfindig machen«, erwiderte Teddy, dessen Finger bereits über die Tastatur glitten. »Einen Merker anbringen, die Such-Software laden…« »Sehen Sie sich die Teilnehmer-Dateien an. Vielleicht hat sie die Telefonnummer angegeben, über die sie sich einwählt.« »Ja, das würde den Job sehr viel einfacher machen…
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He! Sehen Sie!« Miles blickte auf den Monitor. Galaxy BBS in Baltimore benutzte Scimitar-Software von Dianuba Technologies in der Version von 1998. »Sag ich’s doch!« Teddy stieß einen leisen Pfiff aus. Er hatte an der Entwicklung des Sicherheits-Codes für Scimitar mitgearbeitet. Ein Blick auf die Armbanduhr verriet Havers, daß es in Washington fünf Uhr morgens war. »Hängen Sie sich dran! Wenn wir Glück haben, meldet sie sich noch einmal, bevor die Verbindung wieder getrennt wird.« Teddy machte sich daran, das System von Galaxy BBS zu knacken. Miles ging außer Hörweite des jungen Mannes. Er zog das Telefon aus der Tasche des Morgenmantels und wählte eine Nummer. Er konnte ein zufriedenes Lächeln nicht unterdrücken. Sein Plan funktionierte. Miles hatte damit gerechnet, daß es Catherine Alexander nicht schweigend hinnehmen werde, daß der Name ihrer Mutter durch den Schmutz gezogen oder ihr Freund Daniel als Fälscher bezeichnet wurde. Er setzte darauf, daß sie reagieren werde wie vor ein paar Tagen, als die negative öffentliche Meinung sie dazu getrieben hatte, über Internet Hilfe zu suchen. Miles hatte sie mit seiner Strategie sozusagen ›gezwungen‹, sich noch einmal unüberlegt ins Netz einzuwählen. Die Mühe hatte sich gelohnt. Er hatte sich von Papazian eine Fälschung des Fragments herstellen und sie gegen das echte austauschen lassen. Miles wußte jetzt, dieses Mal war ihm das Kaninchen in die Falle gegangen. »Tut mir leid, Mr. Havers«, rief Teddy vom anderen Ende der langen Reihe von Monitoren, »Dr. Alexander hat keine Telefonnummer in Baltimore angegeben, sondern ihre eigene Nummer in Santa Monica. Dumm ist sie nicht…«
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Ja, dumm ist sie nicht, dachte Havers und nickte. Als sich Zeke meldete, ging er in die Nähe der Tür und drehte dem jungen Mann den Rücken zu, damit Teddy nicht hörte, was er sagte: »Sie sind in der Umgebung von Baltimore. Mir ist es gleich, wie Sie den Priester und diese Frau aus dem Weg räumen. Aber beschaffen Sie mir auf jeden Fall die Schriftrollen und vergessen Sie nicht den Computer. Ich brauche das Tagebuch von Stevenson.« Erika hatte gerade anklopfen wollen, obwohl die Tür einen Spalt offenstand. Sie wußte, wie wichtig Miles seine Privatsphäre war und daß er es nicht schätzte, wenn man überraschend bei ihm in einem Zimmer auftauchte. Aber anstatt anzuklopfen, wich sie langsam von der Tür zurück. Sie konnte nicht glauben, was sie gerade gehört hatte… ÜBERWACHUNG GALAXY BBS IP Adresse 204.16.78.101 »»Nbosc hat sich zugeschaltet, 8.02 Uhr »»MrySpncer hat sich zugeschaltet, 8.03 Uhr »»robertsoo? hat sich zugeschaltet, 8.05 Uhr »»Nbosc hat abgeschaltet, 8.07 Uhr »»LtChab hat sich zugeschaltet, 8.07 Uhr »»kharvey hat sich zugeschaltet, 8.10 Uhr Miles drehte den Kopf zur Seite und blickte auf die Uhr. In Baltimore war es inzwischen acht Uhr morgens. Catherine Alexander hatte sich immer noch nicht gemeldet.

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Washington, D.C.
»Wie können Leute nur so leben?« sagte Raphael, der versuchte, sich die Hände an seinem Kaffeebecher zu wärmen. »Immer auf der Flucht…« Er und Zeke saßen in ihrem Wagen und warteten gespannt darauf, daß sich Havers meldete. Es war ein eiskalter Morgen, und sie tranken Kaffee aus Styroporbechern. Zeke haßte es, sich eine Niederlage eingestehen zu müssen. Aber als sie einen Tag lang in Washington gesucht und weder Dr. Alexander noch den Priester gefunden hatten – es erwies sich als unmöglich, alle Kirchen zu überwachen -, meldete er sich schließlich bei Havers und schilderte ihm die Lage. Jetzt mußte Zeke widerwillig die Computer bewundern. Sie hatten geschafft, was ihm trotz aller Anstrengungen nicht gelungen war. Er starrte wie gebannt auf das Autotelefon, als könnte er es dadurch zwingen zu klingeln, und murmelte: »Nun komm schon, Mädchen, schalt noch einmal deinen Computer ein…« Catherine hörte es in der Ferne donnern. Ein Gewitter über dem Meer. Soll ich den Sklaven befehlen, die Fensterläden vorzulegen? Philos! Ich muß Philos warnen… »Catherine! Machen Sie auf, ich bin es.« Sie fuhr hoch und schlug die Augen auf. Wo bin ich? Es klopfte. Das war kein Donner. Vor der Tür stand jemand. Philos? »Catherine? Sind Sie wach?« Garibaldi… Catherine ging unsicher zur Tür und öffnete sie einen
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Spalt. »Was ist…?« »Schalten Sie den Fernseher ein. Schnell!« »Was gibt es?« Sie ließ Garibaldi eintreten und war plötzlich hellwach. Dann eilte sie ins Bad und zog sich schnell den Bademantel über. »Es ist Dr. Voss.« Garibaldi wählte den Nachrichtensender. »Er hat ein Interview gegeben. Vor der Werbung haben sie das Interview angekündigt. Es wird in den Nachrichten gesendet!« Catherine glaubte, ihren Augen nicht zu trauen, als Julius auf dem Bildschirm erschien. Er saß in seinem Büro im Freers Institut. Am unteren Bildschirmrand war ein Schriftbalken eingeblendet: »Das Interview wurde um 7.08 Ortszeit in L.A. aufgezeichnet.« Catherine blickte auf den Wecker neben ihrem Bett. Hier an der Ostküste war es beinahe elf Uhr. Wie konnte sie so lange geschlafen haben? »Dr. Voss, weshalb haben Sie sich schließlich doch zu diesem Interview bereit erklärt? Bislang hatten Sie es abgelehnt, sich zu äußern.« Julius wirkte erschöpft. Er hatte dunkle Ringe unter den Augen, aber in dem eher konservativen Jackett sah er wie immer gepflegt aus. »Ich habe nicht viel zu sagen, sondern möchte Dr. Alexander bitten, ihr Vorgehen zu überdenken. Sie ist eine ausgezeichnete Wissenschaftlerin. Ich brauche sie hier dringend. Ich kann das Meritites-Projekt nicht allein durchführen. Wir haben immer gut zusammengearbeitet. Catherine, erinnerst du dich noch an das erste Mal?« »Meritites«, sagte Garibaldi. »Ist das nicht die Mumie, an der er letztes Jahr gearbeitet hat? Was meint er mit ›das erste Mal‹? Haben Sie beide schon früher zusammengearbeitet?«
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»Nein. Er versucht, mir etwas zu sagen. Warten Sie…« Catherine griff zum Telefon und ließ sich von der Auskunft die Nummer des Halekulani Hotels in Honolulu geben. Dann rief sie dort an und erkundigte sich, ob jemand eine Nachricht für Mrs. Meritites hinterlassen habe. Sie legte die Hand über den Hörer. »›Das erste Mal…‹ Ich glaube nicht, daß er damit unsere Zusammenarbeit meint. Ja? Hier spricht Mrs. Meritites. Haben Sie eine Nachricht für mich?« Sie wartete. »Ja? Lesen Sie bitte vor.« Catherine notierte etwas und legte auf. »Ich glaube, Julius hat mir verraten, wo die siebte Schriftrolle ist. Hier«, sagte sie und gab Garibaldi das Blatt. »Thomas von Monmouth?« sagte er. »Wer ist das?« Sie setzte sich an den Computer. »Ich lasse Julius nur wissen, daß ich die Nachricht bekommen habe.« »Catherine, nicht den Computer…« »Vater Garibaldi, haben Sie denn keine Augen im Kopf? Ich hatte keine Ahnung, daß ihn das alles so mitnehmen würde. Er sieht schrecklich aus. Ich muß ihn wissen lassen, daß ich seine Nachricht bekommen habe und daß es mir gutgeht. Keine Sorge. Das geht ganz schnell.« Sie startete den Computer, klickte zweimal auf das ›Galaxy‹-Symbol, rollte zu ›Dialer‹ und klickte auf ›Login.‹

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Santa Fe, New Mexico
Miles Havers blickte unverwandt auf den Monitor mit der Meldung: ÜBERWACHUNG GALAXY BBS IP Adresse 204.16.78.101 »george hat sich zugeschaltet, 8.15 Uhr »MrySpncer hat abgeschaltet, 8.16 Uhr »joe hat sich zugeschaltet, 8.16 Uhr Plötzlich zuckte es um seine Mundwinkel. »Piep! Piep! Piep! Piep! Miles richtete sich langsam auf. Die Namen rollten nicht länger, aber auf dem Bildschirm erschien die Meldung: **ANSCHLUSS-SUCHE BEGINNT** Lächelnd griff er nach seinem Telefon. Catherine Alexander hatte gerade ihre Zugangsnummer bei Galaxy BBS gewählt.

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Washington, D.C.
Das Autotelefon blinkte, und Zeke nahm sofort ab. »Ja«, sagte er in den Hörer. Er hörte zu, antwortete: »Jawohl, Mr. Havers«, und legte auf. »Sie benutzt ihren Computer«, sagte er zu Raphael. »Sie suchen gerade den Telefonanschluß.« »Brav, Baby«, erwiderte Raphael und rieb sich die Hände. »Ich beeile mich«, sagte Catherine noch einmal. »Julius soll nur wissen, daß… Was ist das?« Am unteren Rand des Bildschirms blinkte die Meldung: *E-MAIL EINGANG* »Jemand hat Ihnen eine Nachricht geschickt«, sagte Garibaldi. »Das ist unmöglich. O Gott, das bedeutet doch nicht etwa…« Sie klickte zuerst auf das Datei-Menü und dann auf ›Briefkasten‹. * Geben Sie das Paßwort ein für* joe@mail.galaxy.com Catherine tippte Batman, das im Kästchen als ****** erschien, und klickte auf die Eingabetaste. ANALYSIERE ADRESSE VON MAIL:GALAXY:GOM LOGGING INTO POP SERVER

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Santa Fe, New Mexico
Miles Havers trommelte mit den Fingerspitzen nervös auf die Schreibtischplatte, ohne den Blick vom Bildschirm zu nehmen. Er war nicht länger im Kommunikationszentrum, sondern saß in seinem burgunderroten Büro an einem Computer, zu dem sich nicht einmal Teddy Yamaguchi Zugang verschaffen konnte. *ANSCHLUSS-SUCHE LÄUFT* Miles hatte die Software zur Überwachung von Galaxy BBS selbst geschrieben und installiert. Das Suchprogramm war durch den Alarmton, den Catherines IP-Adresse ausgelöst hatte, aktiviert worden und verfolgte die Nummer zu ihrem Ausgangspunkt zurück. »Also dann«, sagte er, als auf dem Bildschirm ein Stadtplan von Washington, D.C. erschien. Er beobachtete die blauen Linien, die sekundenschnell Punkte miteinander verbanden – Signale, die wie Blitze über den Stadtplan zuckten. Havers griff nach dem Telefon in seiner Tasche und wählte. Als sich Zeke meldete, sagte er: »In einer Minute habe ich die Adresse«, und sah zu, wie die Linien von einem Punkt zum anderen hüpften. Miles lachte leise, denn er hörte, daß Zeke bereits den Wagen anließ, ohne das Telefon vom Ohr zu nehmen.

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Washington, D.C.
Auf Catherines Monitor blinkte die Meldung *E-MAIL EINGANG* von neuem. Sie klickte auf ›Briefkasten‹ und dann auf ›Neueingang‹. Garibaldi beugte sich über ihre Schulter, um besser zu sehen. »Woher kommt die Nachricht?« fragte er. Catherine erwiderte leicht verwirrt: »Der Absender wird als ›Freund‹ identifiziert.« Nach einem Doppelklick flüsterte sie: »Mein Gott!«
Return-Pfad: freund@dianuba.com Datum: Sonntag, 26. Dez. 1999,6:15:47 Von: freund@dianuba.com An: joe@galaxy.com Betr: EILT

Er hat Sie gefunden. »Hier ist die Adresse«, hörte Zeke seinen Auftraggeber sagen. »N Street 142 in Georgetown. Aber laßt sie diesmal unter keinen Umständen entkommen.« »Nein, Mr. Havers«, sagte Zeke, der bereits mit quietschenden Reifen losfuhr. »Wo ist sie?« fragte Raphael. »Nicht weit von hier.« Raphael ging daran, den Schalldämpfer an der Pistole anzubringen, und Zeke dachte sehr zufrieden: Der Computer hat es vielleicht geschafft, diese Alexander zu finden. Aber kein Computer der Welt kann sie auf die altbewährte Weise ausschalten, so, wie wir das gleich tun werden…

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DER VIERZEHNTE TAG

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diese Steine seien vom Himmel gefallen und hätten einen Kreis gebildet. 541 . Damit würde ich Philos helfen. Es heißt. daß die Riesen sie in alter Zeit vom fernen Afrika hierher auf diese Ebene gebracht hätten. daß jeder einzelne der Steine besondere übernatürliche Kräfte besitzt. um sich mit dem Führer der Britonen zu treffen. Während ihrer Abwesenheit gestand mir Claudia. die Unsterblichkeit und immerwährende Jugend. die Frau des Centurio. denn vielleicht gab er einen Hinweis auf die Riesen. Man nennt sie Myrddins Steine und sagt. 27.Montag. sie bergen ein Geheimnis und besitzen die Kraft. Die Macht der ›Himmels‹Steine ist unvorstellbar groß. Dezember 1999 Cornelius Severus ritt nach Chichester. Eine andere Geschichte erzählt. Ich wollte den ›Ring der Kraft‹ sehen. und wie immer begleitete ihn Philos. Alle glauben. Ich hatte Geschichten von einer heiligen Stätte auf der Ebene im Süden gehört. Möglicherweise hatten die Druiden das Rätsel der Steine gelöst. daß sie an den geheimen Ritualen der Druiden teilnahm. jede Krankheit zu heilen.

Sogar auf dem Bahnsteig lag Schnee. Catherine packte die blaue Tasche mit den Schriftrollen. noch rechtzeitig aus Mrs. Im Schutz einer immergrünen Hecke warteten sie auf ein Taxi und sahen. Irgendwann im Laufe der Nacht hatte er schützend den Arm um sie gelegt. und ihren Blicken bot sich eine verzauberte und märchenhafte Winterlandschaft. obwohl es in dem Abteil nichts mehr zu befürchten gab. daß ein Wagen vor dem Gästehaus anhielt. Niemand. O’Tooles Gästehaus zu fliehen. Aus Vorsicht fuhren sie weder zum Flughafen noch zum Bahnhof. daß Garibaldi und sie daran gedacht hatten. Sie war froh. sondern ließen sich von dem Taxifahrer wie zwei neugierige Touristen die Stadt zeigen. Erst gegen 542 . in Washington Stiefel zu kaufen. Garibaldi ließ sich die Rechnung geben. der Mrs. Garibaldi nahm den Laptop und seine schwarze Reisetasche. Catherine richtete sich auf und betrachtete das näherkommende Bahnhofsgebäude von Greensville.Greensville. Sie hatten die Computernachricht – ›Er hat Sie gefunden!‹ – gelesen und das Haus wenig später durch den rückwärtigen Ausgang verlassen. Der Fahrer stieg aus und verschwand im Haus – es war der Killer mit dem Narbengesicht. konnte ihre Flucht bemerken. O’Tooles Haus beobachtete. Vermont Als der Zug vor der Einfahrt in den Bahnhof langsamer wurde. das gerade völlig renoviert wurde. öffnete Catherine die Augen. Ein überdachter Gang führte zum Nebenhaus. Es war ihnen gelungen. Sie war mit dem Kopf an Garibaldis Schulter eingeschlafen.

»Fahren Sie zum Kloster in Greensville in Vermont«. das seit dem Tag nach Daniels Tod immer wieder in den Zeitungen erschien. daß Havers auch diese Wendung vorausgesehen hatte. die den Schriftrollen ihren Wert zurückgaben und sie wieder für seine Privatsammlung interessant machten. da ein Vergleich der beiden Photos ergeben habe. Er hatte diese Runde für sich verbuchen können. das am Tag zuvor veröffentlicht worden war und das der ägyptische Archäologe angeblich persönlich aus Dr. Catherine zweifelte keinen Augenblick daran. daß sich unter den Experten Zweifel an der behaupteten Fälschung regten.« Garibaldi machte sich auf die Suche nach einer Fahrgelegenheit. sie aus ihrem Versteck zu locken. Alles hier war still und menschenleer. Der Vorwurf der Fälschung hatte nur dazu dienen sollen. Also bestehe durchaus die Möglichkeit.Abend wagten sie sich in den Bahnhof und nahmen den Zug nach Vermont. Meritites gemeldet hatte. und das andere. nachdem sich Catherine als Mrs. Jetzt hatten sie ihr Ziel erreicht und stapften erleichtert hinaus in die frostige Morgenluft. Auf dem Titelblatt stand: ›GEFÄLSCHT ODER ECHT?‹ Darunter befanden sich nebeneinander zwei Photos des Jesus-Fragments: das Original. Niemand folgte ihnen. »Fragen Sie nach Thomas von Monmouth. Alexanders Schriftrollen echt seien. Catherine fragte sich. hatte die Frau an der Zentrale des Halekulani Hotels gesagt. Der Schnee knirschte unter ihren Schritten. kein Mensch achtete auf sie. ob Havers sie auch hier ausfindig machen werde. daß Dr. und Catherine kaufte eine Zeitung. Alexanders Zelt entfernt hatte. Noch einmal wird er mich nicht 543 . In dem Artikel wurde berichtet. daß es sich wahrscheinlich nicht um zwei Teile desselben Dokuments handelte.

und die 544 . Das Kloster lag in den Bergen inmitten großer Wälder. sagte Garibaldi. um es zu glauben«. Er war über Weihnachten in Washington und hat seinen Wagen am Bahnhof abgestellt. von wem die Computernachricht gekommen war. Er will uns mitnehmen. »Wir haben Glück«. sagte Garibaldi. Sie wußte. War es Jean-Luc gewesen? Vor zwei Tagen hätte sie beinahe ›/whois Jean-Luc‹ eingegeben. »Ein Mann.« Garibaldi lächelte scheinbar unbeschwert. Wieder einmal hatten sie überlebt. der auch hier ausgestiegen ist. Würden sie auch ein viertes Mal Glück haben? »Das muß man erleben. Der Mann aus Greensville hatte sie abgesetzt und gesagt. als er zurückkam. Jetzt wünschte sie. bis zum Kloster sei es nur noch ein kurzer Weg. Ohne den anonymen Hinweis wären sie und Garibaldi den Killern nicht entkommen. und niemand war ihnen gefolgt.überlisten. es getan zu haben. »Ich bin solche Winter nicht mehr gewöhnt. »Wirklich nette Leute hier in Vermont.« Catherine sah ihn erstaunt an und warf dann einen Blick zur Straße zurück. Es gab einfache Unterkünfte. Aber sie hatte auf ihre Art diesem Mann oder der Frau auf der langen Fahrt nach Vermont gedankt. als sie auf ihrem Weg zum Kloster durch den Schnee stapften. was er dachte: Sie waren zum dritten Mal um ihr Leben gelaufen. wie der Mann aus Greensville gesagt hatte. Catherine hatte keine Ahnung. die Gäste aufnahmen – allerdings nur Frauen. wenn auch nur dank der Hilfe des geheimnisvollen ›Freundes‹. Die Straße war völlig leer. Es gehörte Benediktinerinnen.« Doch Catherine sah die Anspannung in seinen Augen. wohnt in der Nähe des Klosters.

Besucherinnen nahmen die Mahlzeiten entweder allein oder mit den Nonnen ein. doch weder ein Name noch ein Schild verriet. daß es sich um ein Kloster handelte. Catherine richtete den Blick auf die steinernen Türmchen und Giebel. Garibaldi blickte auf die Uhr. während sie über die verlassene Landstraße fuhren. Sie sitzen hinter einem Eisengitter getrennt von der Gemeinde. Es war Mittag. In Augenhöhe befand sich eine kleine vergitterte Öffnung. Die Nonnen versammelten sich achtmal am Tag zum Gebet. Catherine hatte natürlich darauf verzichten müssen. Um zehn Uhr morgens wurde eine lateinische Messe gelesen. beendet hatten. die auf der anderen Seite durch eine Klappe verschlossen war. Als der Gesang schließlich verstummte. ihr Gesang ist so klar und rein. Julius anzurufen und ihn nach Einzelheiten zu fragen. bis die Nonnen die Sext. Sie mußten warten. die grau und streng über die Mauer ragten. Ein Telefongespräch hätte ihre Verfolger mit Sicherheit auch hierher in diese Einsamkeit geführt. Nach kurzem Warten erschien ein Gesicht hinter dem 545 . zog er am Klingelzug. »Der Altar steht so. wie die Stimmen von Engeln… Catherine und Garibaldi erreichten kurz darauf das massive Holztor. wer Thomas von Monmouth war. das vierte kanonische Stundengebet. hatte der Mann ungefragt erklärt. das über eine hohe Steinmauer durch die Bäume zu ihnen drang. Ja. »Die Kapelle ist alt«. daß die Nonnen ein Schiff für sich allein haben. an der die Leute aus der Umgebung teilnehmen konnten. Sie fragte sich. Seitlich der Pforte gab es eine Glocke. Die altmodische Glocke schwang hin und her und läutete hell und laut. wie Julius ihn entdeckt hatte und welche Informationen er angeblich besaß. als sei er nicht von dieser Welt!« Catherine hörte jetzt das Singen. Und ich kann Ihnen versichern.

Sie stellte sich als Mutter Elisabeth vor. ihr Alter zu erraten. aber in gewisser Weise wirkte sie alterslos. erwiderte die Äbtissin und lächelte. gebückte Nonne öffnete die Pforte. »Oder etwas«. obwohl…«. daß sie die Äbtissin des Klosters war. Ihr Gesicht hatte kaum Falten. um Thomas zu sehen! Wir sind sehr stolz auf unsere Handschrift. und eine alte. die Augen blickten hell und klar die zwei Besucher an. »Die Leute verbringen Weihnachten bei ihren Familien. und der Schlüsselbund sowie ein großer hölzerner Rosenkranz. Einen Augenblick später kam eine andere herein. oder?« »Bestimmt nicht«. »Was kann ich für Sie tun?« »Wir suchen jemanden«. sie sah Garibaldi lächelnd an.« Sie war eine ältere Frau. »Um diese Jahreszeit haben wir sehr selten Gäste«. gepflasterten Weg und ein paar Steinstufen in einen Empfangsraum. Man sah unter der Haube nichts von den Haaren. verrieten. erwiderte Garibaldi. Die Nonne verschwand durch eine Tür unter einem gotischen Bogen. fand Catherine. und die Hände verschwanden in den langen weiten Ärmeln der schwarzen Ordenstracht. Dort war es so still wie in einer Kirche. »Wir vermuten. Wir nehmen niemals Männer auf. Heutzutage heißt wohl niemand mehr Thomas von Monmouth. sie sehen zu 546 . Sie ist in einem hervorragenden Zustand und wunderbar illuminiert. dessen Perlen an ihrer Hüfte leise klackten. fügte Catherine hinzu. Die Stimme schien einer jungen Frau zu gehören. Sie ging mit schnellen Schritten stumm vor den Besuchern her und führte sie über einen vereisten. es könnte sich um ein Dokument oder um eine Handschrift handeln. Auch das erschwerte es.Gitter. Seit Jahren hat niemand mehr darum gebeten. »Priester selbstverständlich willkommen sind. sagte sie. und es roch nach Zitronenöl. »Sie kommen also.

überfielen die Römer die Stanhengues oder den Ring der Kraft. Ein maschinengeschriebener Hinweis auf einem beigelegten Blatt Papier verriet. sagte sie. nahm eine große Ledermappe heraus. Die Tinte war noch dunkel. wo Statuen von Heiligen mit traurigen Augen unergründlich ins Leere blickten. Die Mappe enthielt ein vergilbtes. wie das mit Legenden ist. »Uther?« Er sah die Äbtissin fragend an. und erreichten schließlich die große Bibliothek mit einem gemütlichen Feuer im Kamin. in der Hoffnung.« Sie gingen durch stille Gänge. und die Farben der Malereien und der Inkunabeln hatten nichts von ihrer Leuchtkraft und Lebendigkeit eingebüßt.dürfen. Im Laufe der vielen Generationen werden manche Tatsachen verdreht und mit Erfundenem vermischt. König Uther gefangenzunehmen…‹« Sie bewegte den Zeigefinger unter dem lateinischen Text entlang: »›… dux bellorum…‹« »Dux bellorum… Anführer der Krieger«. Die Äbtissin schloß ein Kabinett auf. Es wird mir eine Freude sein. »Bitte«. aber gut erhaltenes Blatt Pergament. Offenbar handelte es sich um die Seite eines Buches. Bitte folgen Sie mir. murmelte Garibaldi. sagte sie und nickte. legte sie auf den Tisch und öffnete sie. »Sie wissen ja. wenn sich das auf König Arthur beziehen würde?« Sie ging zur Tür. daß es sich um ein Werk des Thomas von Monmouth aus dem zwölften Jahrhundert handelte. 547 . und als die Stunde gekommen war. »König Arthur?« »So interpretieren wir es auch«. Aber wäre es nicht wunderbar. sie Ihnen zu zeigen. »sehen Sie es sich an.« Catherine übersetzte den Text und las ihn dabei laut vor: »›… an den Kalenden des Juni. »Ich lasse Sie beide allein.

sagte Garibaldi. Sie hieß Sabina Fabiana und hinterließ sechs Bücher über Zauberei und Alchimie. fuhr Catherine mit der Übersetzung fort: »›… den Anführer der Britonen. und er stellte zu seinem großen Leidwesen fest. »aber die Geschichte ist im Laufe der Jahrhunderte mit Sicherheit verändert worden. Es gab ein schreckliches Gemetzel an jenem Tag im Ring der Steine. 548 .« »Könnte das Begrabenwerden etwas mit dem Brunnen auf dem Sinai zu tun haben? Handelt es sich bei dem Skelett um Valeria?« »Vielleicht…« »Wie geht es weiter?« Catherine las die letzte Zeile.damit Sie die Handschrift in Ruhe lesen können. und sie stürzten sich auf die Druiden. »›Über das siebte Buch. daß Sabina in Stonehenge war. Die Römer schnitten allen die Kehle durch.« »Wer ist Valeria?« »Vielleicht eine Druidenpriesterin. sie wies freundlich auf den Raum. es waren mehr als fünfhundert.« Nachdem die Äbtissin gegangen war. die sich dort versammelt hatten. Vater«. »Sabina war nicht mit Cornelius Severus verheiratet. Wir sind stolz auf unsere Bibliothek. darunter auch Kinder und Frauen. um an einem Druidenritual teilzunehmen. sagte Catherine. die später mit der Priesterin Valeria am heiligen Ort begraben wurden‹« »Wie bitte? Das kann nicht sein«. die ohne sein Wissen an dem Ritual der Druiden teilnahm. was Sie brauchen. Die Frau des römischen Kommandanten Cornelius Severus befand sich unter ihnen. Thomas schreibt beinahe tausend Jahre nach dem Ereignis. Und…« Sie seufzte. daß er durch den Angriff seine eigene Frau verloren hatte. Wir wissen. Und.« »Nein«. »benutzen Sie alles. »wir haben leider nur sechs Bücher.

Es gab keine Fahrgelegenheit zum Bahnhof. »Ich muß immer noch eine Schriftrolle übersetzen. glauben Sie wirklich. von denen der Schnee gefegt worden war. war über achtzig gewesen. sagte sie nachdenklich. in einem Punkt falsch. wie wir gerade festgestellt haben. daß das siebte Buch nie geschrieben worden ist? Wenn in der Legende davon gesprochen wird. die Nacht im Kloster zu verbringen. daß Sabina trotzdem an ihren Wunden gestorben war? Aber die Sabina. »Glauben Sie. Befand sich darin vielleicht eine Beschreibung des Druidenrituals? Hatte Perpetua in einer römischen Garnison in Britannien gelebt und Sabina nach dem Überfall gepflegt? Hatte sie erleben müssen. Garibaldi ging zum Nachmittagsgebet der Nonnen in die Kapelle. und betrachtete 549 . Catherine machte auf dem großen Gelände einen Spaziergang. Sabina ist in Stonehenge getötet worden?« »Ich weiß nicht«. die Sabina in Britannien war höchstens dreißig. muß es existiert haben. daß das sechste ›Buch‹ sehr kurz war. ist reine Erfindung. die diese Rollen diktiert hatte.von dem die Legende berichtet. Also könnte er auch darin irren. wovon sie berichten. Woher weiß er. denn es wurde nie geschrieben. bot ihnen die Äbtissin an.« Doch Catherine wußte bereits. und das. Sie ging langsam auf Kieswegen entlang.« »Catherine. Garibaldi sah sie an und sagte ruhig: »Wo sollen wir als nächstes suchen? Wohin gehen wir von hier aus?« Das hing ganz davon ab. was in der sechsten Rolle stand. ist nichts bekannt.« »Viele Legenden sind nichts als Märchen. und da am Himmel dunkle Schneewolken hingen. daß die siebte Schriftrolle nur eine Legende ist?« »Der Bericht des Thomas von Monmouth ist.‹« Sie sah Garibaldi nachdenklich an. es stimmt.

hörte sie die Nonnen bei der Andacht in der alten Kapelle und stellte sich vor. daß man tatsächlich an einen Chor der Engel hätte glauben können. Das Kloster besaß nicht einmal ein Fernsehgerät. Sie sah keine Bücher. die 550 . das aber nur in Notfällen oder für den Wetterbericht eingeschaltet wurde. der für sehr viel mehr Menschen gebaut worden war. Es schien sie nicht einmal zu kümmern. die man vor zweihundert Jahren im gotischen Stil errichtet hatte. Catherine warf einen Blick durch das Schaufenster in den geschlossenen kleinen Laden. Die Äbtissin hatte zweifellos noch nie etwas von Catherine Alexander oder den Schriftrollen vom Sinai gehört. Der Himmel über dem Wald wurde allmählich dunkel. Das Abendessen gab es in einem Speisesaal. Die Äbtissin hatte gesagt. daß es im Kloster keine Zeitschriften oder Zeitungen gab. Als Catherine zum Hauptgebäude zurückging. wo im Frühling und Sommer Ahornsirup von Bäumen des Klosters und schöne. daß in vier Tagen ein neues Jahrtausend anbrechen sollte. von den Nonnen angefertigte Stickarbeiten verkauft wurden. Die Töne stiegen in die Winterluft und klangen von weitem so zart und schwerelos. und die Nacht hüllte die Erde in eine schwarze Decke. Im Büro der Äbtissin stand ein kleines Radio.sich die gemauerten Gebäude und kleinen Häuser. nichts Gedrucktes. Catherine sah zum ersten Mal alle Bewohnerinnen des Klosters beisammen. dachte sie und erinnerte sich wehmütig an ihre Jugend. Ansonsten erlaubten die Schwestern der Welt weder mit Nachrichten noch auf eine andere Weise hinter ihre hohen Mauern vorzudringen. Sie hörte das Singen aus der Kapelle. Es muß die Vesper sein. Es waren erstaunlich wenige und meist ältere Nonnen in der Tracht einer vergangenen Zeit. daß Garibaldi bei ihnen war.

das sie hinter sich gelassen hatten. teil. die Gesichter den reinen. Sie und Garibaldi hatten der Äbtissin nichts über den wahren Grund ihres Besuchs gesagt. und versuchte. sondern zog sich in die Bibliothek zurück. Die Mahlzeit verlief in tiefem Schweigen. und bis jetzt hatte sich auch niemand danach erkundigt. um Gott zu dienen? Bedauerte vielleicht eine von ihnen diese Entscheidung? Catherine erinnerte sich. engelhaften Stimmen 551 . noch immer den Gesang der Nonnen zu hören. Doch der Papyrus befand sich in einem schlechten Zustand. daß jemand sie dabei überraschte. fragte sich Catherine. als sie vor vielen Jahren alles aufgaben. das sechste ›Buch‹ zu öffnen und zum genauen Studium unter einer Lampe auszubreiten. Catherine saß am Kamin und glaubte. Danach wollte sie anfangen. die ihr scheu zulächelten. Während Catherine die herzhafte Suppe und das einfache Graubrot aß. versuchte sie so unauffällig wie möglich die Nonnen zu beobachten. um noch einmal die Handschrift des Thomas von Monmouth zu betrachten. die sechste Schriftrolle zu lesen. Hatten sie noch Gedanken oder Interesse für die Welt jenseits der Klostermauern? Dachten sie manchmal an das Leben. Vor allem wollte sie nicht. gelesen zu haben. Sie würde sich viel Zeit dazu nehmen. daß das Durchschnittsalter von Ordensschwestern bei fünfundsechzig Jahren lag. dem Tagesschlußgebet. die vor vielen Jahrhunderten festgelegt worden waren. was Sabina in Stonehenge widerfahren war. um herauszufinden. ein leises Klopfen mit den Fingerknöcheln war die Bitte um den Wasserkrug. Was geht in ihren Köpfen wohl vor.diszipliniert die Ordensregeln und Rituale befolgten. Dabei stellte sie sich die alten Frauen vor. Sie nahm nicht an der Komplet. Mit einer Geste wurde um Salz gebeten. die sie im Speisesaal gesehen hatte.

die nach dem Tod dieser gläubigen Schwestern die Tradition weiterführen würden. Die zarten. Die kleine Gruppe hielt kompromißlos an den Prinzipien des Glaubens fest. Sie würden mitten in der Nacht geweckt werden und sich in der Kapelle zur Matin versammeln. um sich auf der kalten Erde niederzulassen. um sich mit dem Göttlichen zu vereinen. dachte Catherine lächelnd. Ein Spitzenvorhang bewegte sich vor dem Fenster. Ihre Stimmen kündeten von der Reinheit des Glaubens. weichen Flocken schwebten durch die Luft und sanken durch die stille Nacht. zu einem richtigen Weihnachten gehört Schnee. Doch ihre Stimmen – es war. Schnee. Es war schon spät. Manche landeten auf den rautenförmigen Fensterscheiben und schmolzen dort. Aber was sich vor ihren Augen bewegte. sondern tanzender Schnee.zuzuordnen. Sie schienen von der Welt vergessen zu sein. Vater hat immer gesagt. Catherine konnte sich vorstellen. Die Nonnen hatten sich bereits in ihre Zellen zurückgezogen. »Die Gästezimmer stehen immer bereit«. ohne zu sehen. und Catherine wurde klar. Die Nonnen verbrachten ihr ganzes Leben in klösterlicher Stille. daß es keine Novizinnen gab. daß sie. wie die Mystiker der unterschiedlichsten Religionen der Welt bewiesen hatten. zu der Ekstase führen konnte. Kein Wunder. Trotzdem lebten die Nonnen für ihren Glauben – mehr brauchten sie nicht. sagte die 552 . und schob das sechste ›Buch‹ wieder in die blaue Nylontasche. als seien Herz und Geist in dem Gesang zu höchster Vollkommenheit vereint. als sie draußen im Gang die Äbtissin und Vater Garibaldi hörte. in die Nacht geblickt hatte. daß die Nonnen ihr Leben genau dieser Art Vollkommenheit weihten. die. durch die das irdische Dasein überwunden werden kann. Catherine zuckte zusammen. waren nicht Spitzen. die anderswo dem Fortschritt und der Verweltlichung zum Opfer gefallen waren.

fügte sie hinzu und sah Catherine freundlich an.« »Das stimmt. Gute Nacht. Ich lasse Ihnen für alle Fälle von einer Schwester heißes Wasser bringen. und wir werden sie finden. ohne auf seine Worte zu achten. eine Kreditkarte und Reiseschecks. Wir frühstücken bei Tagesanbruch. Es waren die wenigen Dinge. Er rieb sich die kalten Hände und schüttelte sich. Es muß eine siebte Schriftrolle geben. als Daniel ermordet wurde und wir aus Santa Barbara geflohen sind. erwiderte sie. und sah ihn prüfend an. murmelte Garibaldi und stellte ihre Sachen ab. wo zu Füßen von Heiligenstatuen kleine Votivkerzen flackerten. Sabina kann nicht in Stonehenge gestorben sein.Äbtissin. »zu unserem Gebet und beim Frühstück. Sie sind willkommen«. Sie 553 . Ich hoffe. haben Sie gesagt. Sie scheinen viel unterwegs zu sein. »an dem Abend.« »Was wollen Sie damit sagen?« »Sie haben einen Reisepaß. die Wasserleitungen sind nicht eingefroren. schlafen Sie gut.« »Vater Garibaldi«. machen Sie sich keine Sorgen wegen des alten Thomas von Monmouth.« »Gefrorene Wasserleitungen«. wieso?« »In Las Vegas waren Sie auch noch nicht. »Aber im Augenblick sind Sie beide die einzigen Gäste. »Und Schnee! Wie können die Leute hier auch nur einen einzigen Winter überleben?« Er machte eine kurze Pause und sagte dann: »Catherine. gleich nach der Prim. als sie vor Catherines Zimmer standen. der Laptop und Garibaldis schwarze Reisetasche. und Sie kennen sich in Washington nicht aus. Sie seien noch nie zuvor in Kalifornien gewesen. die sie auf der Flucht immer bei sich hatten – die blaue Tasche. während sie Catherine und Garibaldi durch einen zugigen Gang führte.

es kann nicht sein.« 554 . »Ich bin 1981 von dort weggegangen. nein!« »Catherine…« Sie wich einen Schritt zurück. »Ich bin dort aufgewachsen. heute auf dem Weg zum Kloster haben Sie eine Bemerkung über den Schnee gemacht und gerade eben eine über gefrorene Wasserleitungen und den Winter im allgemeinen. daß ich mich täusche.« »Wo sind Sie dann gewesen?« Sie verstummte plötzlich.« »Ich verstehe nicht. Sie leben in Chicago und sind an dieses Wetter nicht gewöhnt?« Er erwiderte kaum hörbar: »Nein. ich bin Priester. nicht wahr?« Er wirkte plötzlich sehr niedergeschlagen. flüsterte sie. »Vater Garibaldi. »O mein Gott. Aber warum haben Sie mir gesagt… Vater Garibaldi. antwortete er tonlos: »Nein. »Vater Garibaldi. Sie sind doch Priester.« »Lassen Sie es mich erklären. »O mein Gott«. Sagen Sie mir. das bin ich nicht.« »Achtzehn Jahre!.« »Catherine. lassen Sie uns in Ihr Zimmer gehen und darüber reden. sagte er.« »Sie kommen vom Vatikan.« »Seit wann nicht mehr?« »Seit achtzehn Jahren«.« »Aber Sie kommen aus Chicago?« Nach einer Pause sagte er. Stimmt das?« Er nickte langsam. und ihre Augen wurden groß. »Ja. aber in den Vereinigten Staaten kommen Sie offenbar nicht viel herum.sind nach Israel und Ägypten gefahren. Jetzt leben Sie nicht mehr dort?« Nach einer weiteren Pause.

« »Nein…« Sie kämpfte mit den Tränen. es war kein Zufall. Mein Gott. die ich Ihnen anvertraut habe! Mit keinem 555 . Sie zitterte so heftig.« »Sie Schwein!« Catherine holte aus und schlug ihm ins Gesicht. war das doch Zufall. nicht wahr? Und die erste Pflicht eines Priesters ist Gehorsam gegenüber seiner Kirche. »Sie haben nur niemals die Wahrheit gesagt! Aber das ist natürlich keine Sünde. Ich hätte mich auf meine Intuition verlassen sollen. dachte einen Augenblick nach und sagte dann: »Ja. »Ich kann nicht glauben. »Vater Garibaldi. war ich gleich mißtrauisch. wie der Boden unter ihren Füßen nachgab.« Sie spürte. »Als ich Sie das erste Mal am Computer im Büro des Hotels gesehen habe… da wußten Sie bereits. Sie hielt sich krampfhaft an der Türklinke fest. um etwas zu erwidern. oder?« »Catherine…« »Antworten Sie mir. »Rühren Sie mich nicht an.« »Bitte. murmelte Catherine.« »Ich habe nie gelogen.« »Nein. wer ich bin?« »Ja.« Sie begann zu zittern. lassen Sie es mich erklären«.»Sagen Sie es mir! Kommen Sie vom Vatikan?« Er setzte an. als wir uns im Hotel Isis getroffen haben. die Dinge. sagte er und streckte die Hand nach ihr aus. Sie wich zurück. daß sie die Arme um ihren Oberkörper schlingen mußte. »Aber warum? Ich meine…« Sie sank gegen die Tür. denn Sie hatten Ihre Anweisungen. daß ich darauf hereingefallen bin«. Als ich Sie zum ersten Mal gesehen habe. »Die vielen Lügen… und ich habe sie alle geglaubt.

auf den ich mich verlassen kann. bitte. Das ist richtig. »Catherine. für jene Leute. die auch meine Mutter vernichtet haben. Ich dachte. Vater Garibaldi. gehen wir in Ihr Zimmer und unterhalten wir uns dort. Und jetzt habe ich nicht einmal mehr Sie!« Ihre Stimme hallte durch den Gang. wo die Äbtissin verschwunden war. ich hatte Angst. wußte ich. Sie arbeiten für die Inquisition.« »Catherine. Garibaldi warf einen Blick in die Richtung. Ich habe Ihnen mein Innerstes offenbart! Ja. das ist nicht wichtig. Sie seien der einzige Mensch. »Es gibt einen Grund dafür. 556 . daß Sie es mir nicht sagen wollen.« In ihren Augen standen Tränen.« Sie preßte die Lippen aufeinander und sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an. Reden Sie nicht länger darum herum! Die neue Bezeichnung ändert nichts an den Aufgaben und dem Vorgehen. Wer hat Sie geschickt?« »Das ist nicht…« »Sagen Sie es mir. und das aus gutem Grund. Als die ganze Welt gegen mich war. nicht wahr? Warum sagen Sie es mir nicht?« Sie schloß die Augen und flüsterte: »Ich weiß es natürlich. ich habe nicht direkt mit der Kongregation…« »Mit der Inquisition. daß wenigstens ein Mensch zu mir hielt.« Sie beachtete ihn nicht. »Wer hat Sie geschickt?« »Wer?« »Im Vatikan.Menschen habe ich bis jetzt darüber gesprochen. Und Sie arbeiten für diese Leute!« »Die Kongregation hat mich geschickt. »Wer?« »Ich finde.

Ich war nur zufällig zum falschen Zeitpunkt am richtigen Ort. Sie haben in den Unterlagen nachgesehen und festgestellt. um den Gerüchten von einem möglicherweise christlichen Jesus-Fragment nachzugehen. weil er 557 . Catherine. »Ich mache Ihnen keinen Vorwurf. Ich konnte in wenigen Stunden im Sinai sein. »Ich weiß es nicht. Der Vatikan überprüft jede Nachricht über das Auftauchen von Schriftrollen. bis Sie mir alle Informationen entlockt hatten. Vielleicht hat man den Vatikan informiert.« »Und deshalb soll ich glücklich und zufrieden sein?« rief sie. den man beauftragt hatte. Es ist auch schon vorgekommen. erwiderte er ruhig. Wahrscheinlich hat dieser Mann danach oder auch davor Kardinal Lefevre informiert. Sobald meine Vorgesetzten hörten…« »Wie haben sie es erfahren?« Er strich sich mit der Hand über die Haare. Ich bin nicht Torquemada. Ich bin kein Spion. daß ich meinen Urlaub in Israel verbrachte. Die Araber verkaufen Funde an private Sammler. daß die Beduinen Papyri zum Anzünden ihrer Lagerfeuer benutzt haben. obwohl es ihn sichtlich Mühe kostete. er hat sich an jemanden in Kairo gewandt. »hatte man mich nur geschickt. Ich bin nur ein Computerfachmann. sich zu beherrschen. der Kontakt zu Havers aufnahm. als Hungerford sein Geschäft machen wollte. Catherine. besonders in dieser Gegend. die der Vatikan haben wollte?« »Ursprünglich«. Ich bin kein Inquisitor. Das ist alles. Ich glaube. aber er wurde krank. daß Sie wütend…« »Was sollten Sie tun? Mir die Schriftrollen abnehmen? Oder mich durch schöne Reden gesprächig machen. den veralteten Katalog der Vatikanbibliothek zu computerisieren.Eigentlich sollte ein anderer Priester fahren.

hat man mich gefragt. man hat es mir befohlen. Und… glauben Sie mir. aber dann waren Sie plötzlich verschwunden. aber Sie haben es getan.« »Nein. Ich sollte dafür sorgen. meinen Auftrag vor Ihnen geheimzuhalten. ich sollte nach Rom zurückkehren.« »Und deshalb hat man Sie beauftragt zu spionieren. Catherine. es zu tun. daß Ihnen nichts zustößt. ob Sie gläubige Katholikin seien. bei Ihnen zu bleiben.« »Nein. Der Hoteldirektor erzählte mir von dem Päckchen. was geschehen war.« Sie sah Garibaldi an. was in den Schriftrollen steht. das habe ich Ihnen gesagt. Ihnen aber nichts von den wahren Gründen zu sagen. Vater Garibaldi«. weil ich wissen wollte. und begann wieder zu zittern. die sie für klar und ehrlich gehalten hatte. Er hat mir aufgetragen.« 558 . Ein paarmal war ich nahe daran. Sie blickte in seine Augen. »Weil ich bei Ihnen bleiben wollte«. »Sie sind also die ganze Zeit bei mir geblieben. Catherine. Ich kenne die Einzelheiten nicht.« »Sie haben also Daniels Weihnachtsgeschenk zum Vorwand genommen…« »Ich bin Ihnen nachgereist. und ich mußte das verneinen. sagte er leise. Ich hatte ein persönliches Interesse daran. die Angebote in die Höhe treiben zu können. »Und was wollte der Kardinal erreichen? Sollte ich Sie zur siebten Schriftrolle führen?« »Nein. es war nicht meine Idee. weil man es Ihnen befohlen hat?« fragte sie mit Tränen in den Augen. Als ich mich am ersten Abend aus dem Hotel Isis in Rom meldete. sagte sie bitter. und es lag nicht in meiner Absicht. ich wollte Ihnen alles sagen. Ein anderer sollte geschickt werden. Aber in der ersten Nacht habe ich Kardinal Lefevre angerufen und ihm berichtet. »es war nicht Ihre Idee.hoffte. das für Sie angekommen war.

wo es möglich war. daß Frauen in frühchristlicher Zeit das Priesteramt ausgeübt haben?« »Catherine.« »Wann hat man uns geholfen?« »Zum Beispiel mit Reiseschecks. hat die Kirche kein Anrecht darauf. daß es sich um christliche Texte handelt? Was dann?« »Ich weiß es nicht. die Kirche wird sich über Beweise freuen.« »Das ist eine Behauptung. was dann mit den Schriftrollen geschehen würde.Ihre Augen wurden groß.« »Glauben Sie. Das ist eine Frage der Diplomatie und der Rücksichtnahme auf Empfindlichkeiten. während ich schlief. Der Vatikan mußte neutral erscheinen. wir wissen bis jetzt nicht einmal mit absoluter Sicherheit.« »Sie wissen. Ich sollte lediglich Bericht erstatten. Vater Garibaldi. als sich die ägyptische Regierung direkt an das Weiße Haus wandte.« »Und wenn wir Beweise dafür finden. daß es sich um christliche Dokumente handelt. als wir Hilfe brauchten?« »Man hat uns geholfen. Außerdem sind die sechs ›Bücher‹ nach geltendem Recht Eigentum des ägyptischen Staates. Mir war klargeworden. Die Kirche würde sie vernichten. »Sie waren mein Leibwächter?« »Ja. Warum haben Sie es nicht getan?« »Weil wir keinen Beweis für den christlichen Ursprung der Schriftrollen hatten. Wenn dieser Text nicht christlicher Herkunft ist.« »Warum hat der allmächtige Vatikan uns nicht geholfen. Aber offiziell hat der Vatikan nichts mit der Sache zu tun. Das Ganze wurde sehr heikel. 559 .« »Sie hätten mir oft genug die Schriftrollen wegnehmen können.

‹ Ich fand das komisch. Leider wurde damit auch meine Kreditkarte ungültig. flüsterte er. Zum Beispiel die kleine Katze in Mojave. »Die ganze Zeit. Catherine kämpfte immer noch mit den Tränen. Rom ist natürlich für seine Katzen berühmt!« »Es tut mir leid«. Er hat veranlaßt. all die Nächte. Vater Garibaldi. sagte er ruhig. sagte sie bitter. daß Chicago für seine Katzen berühmt sein sollte.« »Wenn der Vatikan uns geholfen hat.« »Ja«. und ich durfte die Dreckarbeit machen.« »Auch damit durfte der Vatikan nichts direkt zu tun haben. Sie haben gesagt: ›Wir sind für unsere Katzen berühmt. Sie hatten der ägyptischen Regierung etwas gestohlen. all diese Augenblicke. daß ich in Las Vegas Reiseschecks bekam. die wir zusammen verbracht haben. und deshalb hatte ich danach keine mehr. mir die Wahrheit zu sagen?« »Ich habe jede Minute daran gedacht. »Jetzt verstehe ich auch einige andere Dinge. Also habe ich Kardinal Lefevre informiert. um alle Rechnungen und auch die ServerGebühren zu bezahlen. in denen wir uns nahe waren… Und Sie haben nie daran gedacht.« »Einiges davon habe ich übernommen«. wieso haben Sie die Informationen nicht weitergegeben und die Leute in Rom für uns suchen lassen? Sie hätten Tymbos wahrscheinlich gefunden. Es wäre für den Vatikan nicht klug gewesen. weil ich noch nie gehört hatte. daß die Unterlagen im Computer der Verleihfirma gelöscht wurden. Aber man hat dafür gesorgt.daß man uns durch den Leihwagen auf die Spur kommen konnte. Und ich war 560 . Ihnen zu helfen und Ihre Nachforschungen zu unterstützen. »also hat man abgewartet.

ich fühle mich verraten!« »Es tut mir leid«. und Catherine blickte auf die Uhr. Noch schlimmer. »Garibaldi… die Inquisition und…« Die Äbtissin räusperte sich diskret. »Bitte lassen Sie mich in Ruhe«.« Sie streckte die Hand aus. sagte sie.« »Was sollten Sie tun. ich möchte bei Ihnen bleiben. Aber ich durfte es nicht. »Dr.« Catherine öffnete die Tür. Es war eine halbe Stunde her. benutzt und betrogen. sagte Catherine und trocknete sich mit 561 . sagte sie: »Sie werden nicht bei mir bleiben. dort vermißt man Sie. »Mutter Oberin«. als sei ich mißhandelt worden. Aber es war die Äbtissin. Alexander.« Sie drehte sich um. Es ist mir egal. warf sie sich weinend in seine Arme.« »Catherine. wiederholte er und sah sie traurig an. Ich hatte keine andere Wahl. nicht zu weinen und trotz der maßlosen Enttäuschung ihr Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. in denen sie versucht hatte. Es klopfte leise.« Als er ihr den Computer gab.« »Haben Sie eine Vorstellung. Geben Sie ihn mir. wohin Sie gehen – vielleicht zurück zu Ihrer Gemeinde in Chicago. ging in ihr Zimmer und schloß die Tür. es zu tun. seit sie Garibaldi die Tür vor der Nase zugeschlagen hatte – dreißig Minuten. »Er gehört mir. nachdem ich die siebte Schriftrolle gefunden hatte? Sie mir wegnehmen?« Er schüttelte den Kopf. »Julius! Du hast mir so gefehlt!« schluchzte sie und hielt ihn fest. Ich werde Sie jedenfalls nicht vermissen. Ich bin sicher. Als sie Julius im Gang stehen sah. wie mir im Augenblick zumute ist? Ich komme mir vor. Sie haben einen Besucher. »Geben Sie mir den Computer. als zu schweigen. »Nur Bericht darüber erstatten.wirklich oft nahe daran.

»Wenn es nicht zu große Mühe macht. und als sie sich voneinander lösten. Dr. Catherine. Voss. Voss kann das Zimmer am anderen Ende haben«. aber ich bin so froh. Wie hast du sie eigentlich gefunden?« Er erzählte es ihr. Die Technik hat ihre Grenzen. dich zu sehen!« Er starrte sie an. in einem Kloster schickt sich das nicht. wie glücklich ich bin. Da sieht man es wieder.« »Vater Garibaldi ist an diesem Ende des Gangs. Sie werden ebenfalls ein Zimmer brauchen…« Catherine nickte. »Ich nehme an. »Es war ein Alptraum. sagte Julius lächelnd: »Ich glaube. »Findest du es so schrecklich?« »Nein… anders!« Sie küßten sich lange. und sie lachte. ich würde verrückt werden. ich habe die Handschrift des Thomas von Monmouth gelesen. »das ist mein Verlobter.« Er legte den Arm schützend um sie und drückte sie an sich. »Ich habe meine ganze Hoffnung auf das Internet gesetzt. Julius.« Jetzt würde alles gut werden. Dr. daß du hier bist.« Die Äbtissin musterte ihn ruhig. »Julius.dem Handrücken die Tränen.« »Wir bleiben nicht hier. und am Ende ist das Wissen eines Gelehrten wie Rabbi Goldman 562 . Wenn ich die Bilder von dir in den Zeitungen und im Fernsehen gesehen habe… ich dachte. Jetzt würde sie die Kraft haben weiterzumachen. »Wie siehst du denn aus?« Er berührte die kurzen weißblonden Haare. erwiderte die Äbtissin. »Du hast keine Vorstellung. Catherine zog Julius in ihr Zimmer und schloß die Tür.

wohin Sabina uns als nächstes führt. Hör zu«. wenn wir bis morgen früh bleiben. bis wir wissen. Julius. zumindest so lange nicht. »Wir fliegen nach Kalifornien zurück.« Er sah sich in dem einfachen Zimmer um. du hättest mich hierher geschickt. Der Computer lag auf dem Bett.« »Ich verlange nicht. aber er wußte. Auf dem Tisch entdeckte er sein Buch Die Leiche im Moor. damit ich meine Suche fortführen könnte. niemand wird uns finden.zuverlässiger. wie Catherine in den vergangenen zwei Wochen gelebt haben mußte. und seine Stimme wurde weich. seine blaue Tasche stand auf dem Boden.« »Aber… ich dachte. Aber hier sind wir sicher. und daß es keine siebte Schriftrolle gibt. Es hat keinen Sinn.« Er seufzte und schüttelte den Kopf beim Gedanken daran. »Dieser letzte Abend bei mir zu Hause….« »Wir können nicht weg. weiter danach zu suchen. daß Sabina in Britannien gestorben ist.« 563 . und nicht. um dir zu zeigen.« Sie sah ihn verständnislos an.« »Catherine. »Ich wünschte. Thomas von Monmouth kann sich geirrt haben. wir könnten sofort gehen. »Aber wahrscheinlich ist es besser. es tut mir wirklich leid.« Er lächelte sie an. damit ich sie abbreche. daß es sich in Wirklichkeit um die Schriftrollen handelte. »ich habe dir geholfen. daß du deine Suche abbrichst. Ich werde vielleicht ein paar Tage für die letzte Schriftrolle brauchen. Ich muß sehr selbstgerecht und überheblich geklungen haben. sagte er mit gerunzelter Stirn. daß ich auf deiner Seite stehe. wir bleiben nicht hier«. »Nach Kalifornien? Warum sollte ich nach Kalifornien fliegen?« »Weil Thomas schreibt. sagte er und faßte sie an den Schultern.

« »In Ordnung gebracht?« Sie sah ihn verwundert an.« »Und wie hilft mir das. werde ich nicht mit dir streiten. Das wird natürlich in Kairo und unter der Aufsicht ihrer Leute geschehen müssen. Aber dort bist du in Sicherheit. Dann kannst du weiterhin an den Schriftrollen arbeiten. daß es keine siebte Schriftrolle gibt. Dann hat das Fliehen und das Versteckspielen ein Ende. du hast nur wie der gewissenhafte Mann gesprochen. und sie sind zu einer Lösung bereit. die es ihnen ermöglicht. daß ich die Leute im Ministerium in Kairo kenne. niemand wird versuchen. Hilfe anzunehmen. Andere Experten werden die Rollen analysieren.»Nein. die siebte Schriftrolle zu finden?« »Du wirst Hilfe bekommen.« »Also gut«.« Andere Experten? Hilfe? Sie setzte sich an den Tisch und dachte nach.« »Das weiß ich erst. den ich liebe. dir etwas zu tun. Ich habe die Lage mit ihnen besprochen. wenn ich mit der Übersetzung der sechs Bücher fertig bin. Vielleicht ist es Zeit. Aber du kannst nach Hause kommen. Du solltest mit eigenen Augen sehen. die Vorwürfe zurückzuziehen. »wenn du an das Vorhandensein eines siebten Buchs glauben willst.« »Julius.« »Es ist die einzige Möglichkeit für sie.« »Ich habe dich noch aus einem zweiten Grund auf die Handschrift hingewiesen. du mußt dich nicht mehr verstecken. »Was meinst du damit?« »Du weißt. die Angst. von den Killern 564 . Ich habe alles in Ordnung gebracht. sagte er lächelnd. die Anschuldigungen gegen dich fallenzulassen. dann kann es zu spät sein.

»Warum?« »Man hat erklärt. was uns verrät -« Er schüttelte den Kopf. Dann kann ich ungestört über Internet recherchieren. ihn aufzufüllen und zu versiegeln. der Brunnen sei einsturzgefährdet und Anweisung gegeben.« Sie sah ihn verständnislos an.« »Eine neue Grabung?« »Der Brunnen.« 565 .« »Aber unter einer Bedingung. Julius. Ich habe ihre Gesetze übertreten.« »Wirst du es tun? Wirst du die Schriftrollen der ägyptischen Regierung übergeben?« »Ich werde es mir überlegen«. »Wird man mir erlauben weiterzumachen?« »Tut mir leid. sagte sie nach kurzem Nachdenken. wer darin begraben liegt.« »Gut. Ich muß mich nicht ständig fragen.« »Warum?« »Man hat deine Erlaubnis gesperrt.« Sie seufzte. bis alle Vorwürfe gegen dich entkräftet sind. »Vielleicht werde ich es tun. »Das wird nicht möglich sein. wem ich vertrauen kann.« »Warum nicht? Wenn ich den Ägyptern die Schriftrollen gebe…« »Der Brunnen wird zugeschüttet. ob es weitere Schriftrollen gibt oder etwas anderes.« »Welcher?« »Daß man mir eine neue Grabung genehmigt. »Das kann ich ihnen nicht verübeln.« Er zögerte einen Augenblick und fügte dann hinzu: »Zumindest so lange. Ich will wissen.überrascht zu werden. »Was ist mit meiner Grabung?« fragte sie. das ist unmöglich. Und ich will feststellen.

das ist Unsinn. daß du mir das alles gesagt hast. als man sie lebend in einen Brunnen hinabließ. wich sie vor ihm zurück. es sei nicht von historischer Bedeutung. man hat den freiliegenden Teil des Skeletts untersucht und erklärt. Dann wird diese arme Frau umsonst den Märtyrertod gestorben sein! Begreifst du das nicht. Die ägyptische Regierung wird unter Druck gesetzt. und man wird nie mehr etwas von ihnen hören. die Frau kann eine frühchristliche Priesterin gewesen sein! Es könnten Dinge von ungeheurem historischen Wert mit ihr dort unten im Brunnen liegen.« Catherine kniff die Augen zusammen. das dürfen sie nicht tun!« »Catherine.« »Nicht von historische Bedeutung? Julius. was ich dir vorausgesagt habe.« Der Vatikan. Es ist genau das. Garibaldi… »Catherine. Julius«. »Es ist kein Unsinn. was hier gespielt wird. Ihre Hände und Gelenke waren gefesselt. die man in 566 . dann verschwinden sie in einem Archiv. »Ich bin froh. drehte sich abrupt um und trat ans Fenster. Julius. die mit den Schriftrollen begraben worden ist… lebendig begraben worden ist. Sie schütten das Skelett der Frau zu. »Ich weiß. »Catherine…« Als er neben sie trat. Wenn ich die Schriftrollen den Ägyptern überlasse oder dem Vatikan oder der Harvard University oder irgend jemandem sonst. ob ich weitermache.»Nein!« rief sie entsetzt. Es ist meine Pflicht. Sie wollen die ganze Sache vertuschen. nach der siebten Schriftrolle zu suchen! Ich tue es nicht nur für meine Mutter und für Daniel. »Wenn ich auch nur einen Augenblick unsicher gewesen sein sollte. »Nein. sagte sie mit gepreßter Stimme. Julius?!« Er sah sie erschrocken an. dann gibt es jetzt keinen Zweifel mehr.« Sie schüttelte den Kopf. sondern auch für diese bedauernswerte Frau.

Ich habe es geschafft. Aber ich kann nicht aufgeben.« Sie hielt ihm die Tür auf. dann ist es für immer. das verspreche ich dir. Julius wurde blaß. schloß sie hinter ihm ab. und wahrscheinlich habe ich auch dich verloren. Aber wenn ich jetzt aus diesem Zimmer gehe.« »Flieg nach Kalifornien.den Brunnen gestoßen hat. »Gut. Julius. Perpetua und Amelia und für jeden. Jetzt nicht!« »Catherine. ich habe Regeln und Gesetze gebrochen. die letzte Rolle zu lesen. Ich tue es für Sabina. Sie schob jeden Gedanken an Julius und an Garibaldi beiseite und atmete bewußt langsam und tief. Ich werde nie wieder in deinem Leben auftauchen. alle Welt gegen mich aufzubringen. Dann setzte sie sich an den Tisch und bereitete sich darauf vor. und als er hinausging. tu es nicht. bitte. der die Botschaft der Schriftrollen hören will. wenn du es so haben willst. 567 . zu deinen Regeln und deinen moralischen Grundsätzen und laß mich in Ruhe. Ja.« Am liebsten hätte sie hinzugefügt: Und nimm Garibaldi gleich mit. Geh zurück in dein sicheres Institut.

DER FÜNFZEHNTE TAG 568 .

wie es eigentlich nur in Filmen zu sehen war. um zu beten. Als er vor ungefähr einer Woche Erika zur Cloud Mesa gebracht hatte. der dicht an der rauhen Felswand entlangführte. daß Kojote da draußen sein würde. Sie hielt auf dem holprigen Weg das Steuer des Landrover fest umklammert. Auf der Hochebene angekommen. Es hatte sie gerührt und beeindruckt. den Sonnwend-Kachina damit zur Rückkehr aus der Unterwelt zu bewegen. Aber der östliche Horizont strahlte in majestätischem Glanz. fragte sie sich. Dezember 1999 Santa Fe. daß Kojote hierher gekommen war. weil er hoffte. Und tatsächlich entdeckte sie 569 . Sie wußte intuitiv. ob hinter diesem unerwarteten Vertrauensbeweis vielleicht doch eine Absicht gestanden hatte. verriet er ihr. immer weiter nach oben fuhr und die Ebene immer weiter unter ihr zurückblieb. 28. New Mexico Der Tag brach über der Wüste an und schenkte der kalten schlafenden Welt sein goldenes Licht. stellte sie den Motor ab und blickte sich suchend um. und noch leuchteten dort ein paar Sterne.Dienstag. daß der alte Schamane. aber seine Familie und die Polizei hatten bisher vergeblich nach ihm gesucht. Aber als sie nun auf dem schmalen steilen Weg. der Häuptling der Sippe. Im Westen war der Himmel noch nachtblau. Erika achtete nicht auf die Schönheit der Natur. einer weißen Amerikanerin ein solches Geheimnis anvertraute. daß kaum jemand diesen geheimen Platz kannte. Sie hatte keinen Beweis.

Sein Körper war mit Lehm bestrichen. sondern wehten im Wind. er war tot. Seine langen weißen Haare waren nicht geflochten. 570 . Aber er betete nicht.den Schamanen: Er saß mit dem Gesicht nach Osten und gekreuzten Beinen auf einem Felsvorsprung am Rand der Mesa.

Schwester«.« »Es tut mir leid.« Wer immer da draußen stand.« Schwester Gabriele sah einen Polizei-Ausweis. Eisige Morgenluft schlug ihr ins Gesicht. der polizeilich gesucht wird. Vermont Schwester Gabriele lief so schnell es ihre beinahe achtzig Jahre erlaubten und schüttelte verständnislos den Kopf. und sie konnte nur mit Mühe die Gestalten von drei oder vier Männern erkennen. sagte er mit tiefer Stimme. Einer der Männer hielt ihr etwas vor das Gesicht. murmelte sie. und deshalb zitterte sie jetzt vor Kälte unter dem schwarzen Habit. den Umhang über die Schultern zu legen. Geduld. ich komme ja schon. »Geduld. Es ist gegen unsere Regeln…« »Wir haben Grund zu der Annahme. Der Besucher läutete so stürmisch. Wir müssen in das Kloster. Die Welt lag noch im Halbdunkel.« 571 . aber Sie müssen mir schon sagen. dem mußten die Höllenhunde auf den Fersen sein. Der Mann hieß Strickland. In der ganzen Geschichte des Klosters hatte die Glocke der Pforte bestimmt noch nie so stürmisch geläutet. worum es geht. als sie in den verschneiten Hof hinauseilte. »Bitte öffnen Sie. »Benedicte«. »FBI.Kloster Greensville. »Worum handelt es sich?« fragte sie. Sie schob die Holzklappe vor der vergitterten Öffnung zurück und spähte hinaus. »Wir würden gern die Äbtissin sprechen. daß sich jemand bei Ihnen aufhält. die im hohen Schnee standen. daß sich Schwester Gabriele nicht einmal die Zeit genommen hatte. Schwester.

« Die Äbtissin räusperte sich und nahm den Platz hinter dem Gitter ein. Wir sind nicht gekommen. um sie zu verhaften. Strickland. und wir wollen Dr. »es ist sehr kalt hier draußen. mein Herr«. schob den schweren Riegel zurück und öffnete die Pforte. daß der Schnee hinter ihr unter eiligen Schritten knirschte. das sie im Dämmerlicht kaum sah. sagte der Beamte. Sie suchen jemanden. dann sagte die Äbtissin. Mehr als einer von Ihnen würde die Ruhe des Klosters stören. und dann die Stimme der Äbtissin. »Haben Sie einen Durchsuchungsbefehl?« Die Männer vor der Pforte wurden ungeduldig. »Wen suchen Sie?« Der Mann vor dem Tor hielt ein Photo hoch. sagte sie. »Aber bitte nur Sie. 572 . Außerdem hat sie Eigentum einer fremden Regierung entwendet. Würden Sie bitte das Tor öffnen?« Die beiden Frauen flüsterten kurz miteinander. »Was gibt es.« Nach erneutem Geflüster lief Schwester Gabriele eilig über den Hof zurück. Schwester Gabriele? Wer hat geläutet?« »Es ist die Polizei. sagte die Äbtissin. »Verzeihen Sie. Dann bekreuzigte sie sich und fragte: »Was hat sie getan?« »Sie wird im Zusammenhang mit zwei Morden gesucht…« »Morde!« Die beiden Nonnen bekreuzigten sich.« Strickland bedeutete seinen Kollegen mit einer knappen Bewegung zurückzubleiben. »Haben Sie diese Frau gesehen?« Die Äbtissin blickte lange und prüfend auf das Bild. Normalerweise haben Männer hier keinen Zutritt. Mr. »Möglicherweise sind es auch drei. der Strickland hieß. »Schwester«. Alexander nur ein paar Fragen stellen.»Gütiger Himmel!« Schwester Gabriele hörte. »Nun gut«.

Schwester«. Vor Catherines Tür blieb sie stehen. Sie müssen in den Nachrichten davon gehört haben. Voss am Abend zuvor Zimmer bezogen hatten. Catherine und Dr.« Sie lauschten auf eine Antwort. »Es ist mir unangenehm.« Fünf Minuten später führte die Äbtissin ihn durch den Gang des Gästeflügels. Alexander? Sind Sie da?« Strickland sah sich um. »Gibt es noch einen Ausgang?« »Nein. »Sie haben doch sicher nichts dagegen. »Frau Dr. sagte er. als sei er schon zu lange in seinem Beruf. »Das steht Ihnen frei. um Ihre Identität zu überprüfen.« »Wir hören hier kein Radio. Wir suchen diese Frau schon seit zwei Wochen. wo Vater Garibaldi. Sie streckte die Hand aus. Strickland.« Er gab ihr den Ausweis. Er war ein korpulenter Mann Mitte Fünfzig mit einem geröteten Gesicht und einem Ausdruck geduldigen Leidens. Die Äbtissin klopfte etwas energischer.»Es tut mir wirklich leid. Mr.« Er seufzte. aber ich habe meine Befehle. klopfte leise und rief: »Frau Dr. Mr. und zu uns dringen auch sonst keine Nachrichten von draußen.« »Könnte sie auf der Toilette. und die Äbtissin musterte den Beamten. Er duftete schwach nach Kaffee und Zigarettenrauch. als er ihr zum Hauptgebäude folgte. ich meine im Badezimmer sein?« »Alle Zimmer haben in den fünfziger Jahren eigene 573 . »Darf ich bitte Ihren Dienstausweis sehen?« »Selbstverständlich. Sie zu stören. daß ich die FBI-Dienststelle in Montpelier anrufe. Alexander? Sind Sie wach? Sie haben einen Besucher.« Sie traten in die warme Vorhalle. Strickland.

sagte sie. »Und das ist der einzige Zugang?« »Wenn Dr. Alexander. »Es sieht ganz so aus. Alexander muß diesen Weg benutzt haben. sagte Strickland und fügte mit einem Blick auf die Äbtissin hinzu: »Bitte…« Die Äbtissin griff nach dem Schlüsselbund an ihrer Hüfte und schloß die Tür auf. sagte er. Wir finden sie. Das Fenster stand offen.« Die Äbtissin klopfte noch einmal. »Ja«.« Er blickte über die Schulter zurück. Auf einem Stuhl lagen Kleider und Toilettenartikel. »Frau Dr. was sie bei sich hatte?« Die Äbtissin seufzte und warf einen Blick auf die Sachen. hätten wir sie gesehen.« Strickland blickte hinaus in den verschneiten Wald. der kalte Wind blies herein. »Sie wird nicht weit kommen. daß jemand darin geschlafen hatte. das zerknitterte Bettzeug wies darauf hin. ist alles in Ordnung mit Ihnen?« »Schließen Sie auf«. Auf dem kleinen Tisch sahen sie einen Laptop mit dunklem Bildschirm. als hätte sie jemand gewarnt.« Er musterte die Äbtissin mit zusammengekniffenen Augen. »Frau Dr. »Ist das alles. sagte Strickland und ging durch das kleine Zimmer. sogar ihre Schuhe«. »Ich glaube. Sie wird da draußen erfrieren!« »Sie hatte es offenbar eilig«. Wir wollten 574 . Alexander weggegangen wäre.Bäder bekommen. Dabei war es eine friedliche Versammlung. Die Äbtissin trat zum Fenster und blickte hinaus.« Es gab ein schreckliches Gemetzel im Ring der Steine. »Ihre Kleider sind noch hier. das ist alles. Auf dem Boden unter dem Tisch entdeckten sie eine blaue Tasche.

an den Rhein versetzt. erfüllte Furcht mein Herz. damit wir nicht möglicherweise alle drei gleichzeitig ums Leben kommen würden. und wir hätten alle das Leben verloren. Und so befand ich mich auf einem der sechs Schiffe des Cornelius Severus. Deshalb waren wir bei Reisen durch kriegerisches Gebiet oder unter gefährlichen Umständen nie zusammen. und das war mir ein gewisser Trost. Tagelang hörten wir nur die Geräusche der Segel und der Ruder. Ich trug das Kreuz des Hermes auf der Brust. und das Knarren der Planken. denn einige von uns waren Römer. Als wir Britannien verließen und uns auf die Reise über die Nordsee in das Land der Germanen begaben. Ich las ihn jeden Tag meinen Mitreisenden vor. wie sie auch genannt wird. die ebenfalls mit Angst der Zukunft entgegensahen. die ins Wasser tauchten. die inzwischen dem Weg des Gerechten folgten. Es waren Britonen. Philos war ein vorsichtiger Mann. dann kam schließlich der Tag. Viele starben an diesem Tag. Amelia. wenn nicht Cornelius Severus rechtzeitig mit seiner Legion eingetroffen wäre. Danach hielt ich mich von den Druiden fern. Philos auf einem anderen und unser Sohn mit seiner Amme auf einem dritten. wenn die Sonne direkt auf dem Altar aufgeht. Wir hielten Ausschau nach 575 . die uns angriffen. Aber sie gehörte zu jenen. Das bedeutete: Wir mußten zu den wilden Barbaren. und ich suchte Trost und Hoffnung in den Worten des Marienbriefes. Alles war ruhig. wenn auch nur Frauen und Kinder. Und dann. Meine Freundin Claudia fand durch einen britonischen Speer den Tod.nur der besonderen geistigen Kraft dieses Platzes unsere Ehrerbietung erweisen und das Wunder der Sommersonnenwende erleben. vor dem ich mich schon so lange gefürchtet hatte: Cornelius Severus wurde in die Kolonie Agrippina oder ›Colonia‹.

Hohe Flammen schlugen daraus 576 . aber plötzlich tauchte eines wieder auf. während die Seeleute Wasser schöpften und alles taten. Die Böen kamen von allen Seiten. Viele lagen auf den Knien und beteten. Noch ehe wir uns richtig vorbereiten konnten. Bald trafen Meer und Himmel in einem gewaltigen Mahlstrom zusammen. Vor uns tauchten schließlich Inseln mit zerklüfteten Klippen auf. Statt dessen überfiel uns ein sehr viel mächtigerer Feind. Wir sahen. Nun war das Schiff zwar leichter. Unsere Schwesterschiffe hatten wir schon lange aus den Augen verloren. wie sich am Horizont riesige dunkle Wolken zusammenballten. die Masten splitterten. um zu verhindern. Die Leute an Bord gerieten in Panik und waren der Schiffsbesatzung nur im Weg. immer höher und nahmen den Männern am Steuer jede Sicht. und wir wurden auf dem Deck hin und her geworfen. Tiere und alles Gepäck wurden über Bord geworfen. Wir hörten bebend das laute Wiehern der Pferde. die Küste Galliens überfallen und friedliche Siedlungen plündern. Lasten. Der Sturm jagte unsere schwachen Schiffe über das wogende Meer und zerstreute sie in alle Richtungen. brach der Sturm über uns herein. die dieses Meer im Norden heimsuchen. die Wogen schlugen höher. daß die Fluten über uns zusammenschlugen. Das Gefolge von Cornelius Severus war nicht mit dem Meer vertraut.Seeräubern. die Segel zerrissen. Wir sahen plötzlich. doch der Laderaum stand unter Wasser. aber er wußte nicht. Der Kapitän kannte die tückischen Untiefen in dieser Gegend. Das Schiff war zu schwer. und ein tobender Wind aus Süden trieb uns vom Kurs ab. wie er das Unheil verhindern sollte. Doch wir begegneten keinem feindlichen Schiff. wie Männer über Bord gespült wurden. so daß wir schließlich keines der anderen fünf mehr sahen. die in die Wogen stürzten. Vorräte.

In diesem Augenblick der Verzweiflung erinnerte ich mich an die Prophezeiung der Hekate-Priesterin in der Nacht meiner Geburt. es brach auseinander und ging mit der Besatzung und allen Reisenden unter. Sie hatte von einem ›Berg aus Wasser‹ gesprochen und gesagt: ›Wenn sich das Meer in den Himmel erhebt…‹ Als das Schiff sank. Ich sah. wie sich ein riesiger Wellenberg vor uns auftürmte und die Wassermassen über uns zusammenbrachen. Dann trieb die böse Macht des Verderbens unser Schiff auf die felsige Landspitze zu. Es trieb hilflos auf dem tobenden Meer. um uns alle in das nasse Grab zu reißen. Die Wogen schleuderten es gegen ein Riff. 577 . galt mein letzter Gedanke meinem Sohn und meinem Mann. Philos war auf diesem Schiff gewesen.empor.

DER SECHZEHNTE TAG 578 .

Ich hätte vor diesen Barbaren aus dem Norden entsetzliche Angst haben sollen. Auf den Steinen lagen die Leichen von Menschen. Dezember 1999 Ich weiß nicht. dann wurde es Winter. und fragte mich. fand aber keine anderen Überlebenden. eine Außenseiterin. Es war.Mittwoch. Als die Sippe mich fand. Aber der Schock hatte mich so betäubt. im Lager bleiben. Ich sah tote Pferde. Ich bat darum. Schweine und Hunde. 29. um ein Feuer zu entzünden und so ein Signal zu geben. kam ich allmählich wieder zu Kräften. daß ich keine Angst empfand. die sich über meine Gesellschaft zu freuen schien. Ich suchte nach Mitteln und Wegen. zu den Römern 579 . daß ich überlebte oder wie ich ans Ufer gelangte. wie viele meiner Mitreisenden sich in der gleichen Lage befinden mochten. wie es kam. Aber als ich aufwachte. lag ich auf einem felsigen Strand. als sei alles in mir zusammen mit meinem Mann und meinem Sohn gestorben. um mich gesundzupflegen. Ich blickte über die Inseln. Sie brauchten Monate. war ich völlig entkräftet und hatte hohes Fieber. mit der niemand sprach. und über mir schien schwach die Sonne. die verstreut vor dieser Küste liegen. als gesät und gepflanzt wurde und die Männer auf die Jagd gingen. Die Sippe verläßt ihr Winterlager nie. und so mußte ich. Aber ich bekam zu essen und lebte warm und trocken im Haus einer Frau. mit denen ich gereist war. Ich suchte das schreckliche Ufer zwei Tage und eine Nacht lang ab. und meine Erinnerung kehrte zurück. denn sie hatten die Alpträume meiner Kindheit bevölkert. und ich hielt Ausschau nach Rauchsignalen von den fernen Inseln. Als der Schnee schmolz. Aber ich sah weder Rauch noch ein Feuer.

Also konnte ich nur bleiben und abwarten. Besitz – und der Gast wurde mit wilden Früchten. die mich gesundpflegte. Sie sind zwar groß. und man ließ mich auch nicht allein ziehen. Allmählich lernte ich Freidas Sprache. viele haben rotgoldene Haare und wilde blaue Augen. Nahrung. pflanzen Korn und ziehen ihre Kinder groß. Die Männer suchen oft ihren Rat und befolgen ihn auch. Bei seiner Abreise ließ der Gast ebenfalls Geschenke zurück.gebracht zu werden. die sie besonders verehren. jemandem. Aber sie gaben mir durch Gesten und mit in die Erde geritzten Zeichnungen zu verstehen. die Tür zu weisen. Aber ich war auch neugierig. Die Sippe wollte ihre Sicherheit nicht meinetwegen gefährden. Die Gottheit. Alles wurde bereitwillig geteilt: der Herd. Sie war die weise Frau der Sippe. Ich mußte immer wieder an die Geschichten denken. aber es sind ruhige Menschen. Die Germanen schreiben den Frauen prophetische Kräfte zu. und daß feindliche Stämme das Gebiet zwischen uns und der römischen Grenze durchzogen. daß wir uns weit entfernt von allen römischen Vorposten befanden. und sie lauschen den Geistern der Winde. so wie ich einst Satvinders Sprache gelernt hatte. die mir meine Amme als Kind erzählt hatte. Waren das wirklich die Barbaren. ist Odin. hieß Freida. Sie reden und lachen. frischem Wildbret und Sauermilch bewirtet. daß ihnen die Gastfreundschaft heilig war: Es galt als ein Verbrechen. denn diese freundlichen Menschen entsprachen nicht ganz den Ungeheuern meiner Vorstellung. So blieb ich für mich. den 580 . der zu ihnen kam. und Freida lehrte mich die Sitten und Bräuche ihres Volkes. Ich stellte fest. von denen ich gehört hatte? Die Frau. und an die Berichte über die schreckliche Grausamkeit der Barbaren.

wie man Blutungen nach der Geburt mit einem Aufguß von Misteln stillt. weil zu der Zeit. Sie bringen Glück und sind aus dem Alltag herausgehoben. Ich zeigte Freida und den anderen Frauen. den Gesichtern der Götter menschliche Züge zu geben. Das geschah. Ich sah im Geist eine römische Trireme mit der 581 . Freida sagte mir. der aus der Mistel gefertigt war. Als ich ihr sagte. sagte Freida. Fieber senken und Schmerzen lindern konnten. weil sie einen Gott zu Fall bringen konnte. Vollmondnächte und Neumondnächte gelten als heilig. Es vergingen Monate und schließlich ein zweites Jahr. Aber es gibt keine Bildnisse von ihm. ihr Volk ehre im Namen der Gottheit das. Und so verehre man bei den Völkern im Norden die Mistel. Die Tage sind alle gleich. So erwarb ich mir allmählich Achtung und die Anerkennung der Sippe. Baldur niemals zu schaden. was nur mit den Augen des Glaubens sichtbar sei. als alle Pflanzen und Tiere. die bescheidene Mistel wegen ihres unauffälligen Aussehens übergangen wurde. Ich stand jeden Tag am Ufer und blickte sehnsüchtig über das Meer. Statt dessen weihen sie den Göttern heilige Haine und besondere Plätze. der Großen Göttin. Ich suchte vergeblich die Statuen ihrer Götter. sondern die Nächte des zunehmenden und abnehmenden Mondes.die Römer Merkur nennen. alle Metalle und Krankheiten Frigga. wie sie mit Hilfe von Blättern und Wurzeln des schwarzen Nachtschattens. es stehe den Menschen nicht zu. schwören mußten. den Philos ›Belladonna‹ genannt hatte. dem ein Pfeil zum Verhängnis wurde. Sie zählen bei ihrem Kalender nicht die Tage. denn sie besitzen keine. erzählte sie mir die Geschichte von Baldur. daß die Britonen die Mistel verehren. Er war ein mächtiger Gott. Freida zeigte mir. Sie sagte.

Ich war inzwischen überzeugt. Als die Zeit verging. und so zog ich aus dem Wissen Trost. der an den Weg des Gerechten glaubte. Meine Trauer war so greifbar. auch ich sei tot. Das bedeutete. Und allmählich setzte eine Art Heilung ein. das Dorf zu verlassen. Lange Zeit ließen mich mein Leid und mein Schmerz nicht los. Doch die Jahreszeiten kamen und gingen. ohne zum Weg gefunden zu haben. ob sie gehört hätten. Doch ich konnte nicht aufhören. Pindar hatte ich gelehrt. das wußte ich. erkundigte ich mich. Wenn Besucher in das Dorf kamen. Aber sie konnten mir nie etwas darüber sagen. fragte ich mich. und ich dachte. als sei sie ein Teil von mir. der einzige Mensch auf dem Schiff. daß wenigstens mein Sohn in das Reich des Gerechten eingegangen war. also war ich Witwe. Ich mußte daran denken. daß Philos gestorben war. meine 582 . und ich blieb bei der Sippe. daß ich. Rückblickend. überlebt hatte. daran zu denken. ich würde nie mehr etwas anderes als Schmerz und Leid fühlen. Die feindlichen Stämme in der Umgebung hinderten mich daran. die mich rief. ob zu Hause alle glaubten. Mein Heimweh wuchs. Der Beweis dafür schien zu sein. Philos war tot. abends Gebete an den Gerechten zu sprechen. daß es mir erschien. Ich sah Philos an Deck und Pindar an der Hand seiner Amme. Ich hörte eine vertraute Stimme. mein Glaube habe mich gerettet. denn ich wurde ständig an Rom erinnert. ich war auch kinderlos. was für einen schrecklichen Tod er erlitten haben mußte. Und Pindar konnte den Sturm mit Sicherheit nicht überlebt haben. weil viele Germanen römische Speere trugen. daß die Römer eine Frau suchten. daß mich jemand von Freidas Leuten zur Grenze brachte. und machten es unmöglich.Flagge des Cornelius Severus auftauchen.

wie die Buddhisten in Alexandria. daß Hermes. doch ich wußte. von dem. und von ihr lernte ich. Aber ich hatte immer noch das Hermes-Kreuz. den nur ich überlebt hatte. Ich erkannte zwar. daß Frieden und Vergebung die Heimkehr in sein Reich möglich machen werde. was er gesagt hatte. daß sie alle fromme Menschen waren. mich zu ihrem Glauben zu bekehren. so wie ich ihn von Antiochia nach Indien und von Alexandria nach Britannien mit mir genommen hatte. Sie hörten mir zwar zu. wie man eine Geschichte ausspinnt. leben ewig«. Freida war auch die Erzählerin der Sippe. »Wir. die die Zuhörer viele Nächte lang in Bann hält. erkenne ich die Anmaßung dieser Vorstellung. so hatte auch Freidas Volk eine eigene Art. bei ihren Ritualen in den heiligen Hainen anwesend zu sein. aber in Wirklichkeit hörten sie mich nicht. die wir an den Weg glauben. daß der Glaube an den Gerechten. Ich lehrte sie. Ich zeigte es der Sippe und erklärte. und von seinen Gleichnissen. Das gelang mir. Ich sprach zu ihnen von dem Gerechten. der jedes Jahr stirbt und wiedergeboren wird. Wie Satvinder. von den Heilungen und dem größten Wunder von allen: Er hatte den Tod überwunden. Ich berichtete von seinen Wundern.liebe Amelia. sie 583 . obwohl mir gestattet wurde. den Göttern nahezukommen und die Ehrfurcht vor dem Unsichtbaren zu bezeugen. eine Verkörperung des Höchsten ist. Leider war der Brief der Maria mit dem Schiff untergegangen. Allerdings versuchten sie auch nicht. und daß sein Wort das Universum geschaffen hat. Und ich erzählte von dem Sturm auf dem Meer und dem Schiffbruch. wie Claudia und die Druiden. sagte ich ihnen. indem ich andere am Glauben teilhaben ließ. Ich blieb meinem Glauben in diesem barbarischen Land treu. Aber ich war jung und mußte noch vieles lernen.

Und ich sagte mir. wo die Germanen von den Römern Land zurückgewonnen hatten. In diesem Wald gab es einen heiligen Platz. Und dort. Die Feinde der Sippe. So ging ich daran. gottgleichen Sigmund… 584 . in den dunklen Wäldern. weil die Botschaft gerade hier gebraucht werde. Freida war wieder mit ihrem Sohn zusammen. zu dem mich Freida führte. wo die anderen Stammesangehörigen zurückgeblieben waren. Freida warf die heiligen Runenstäbe auf ein weißes Tuch und deutete die Zeichen. um mir die uralten Steine zu zeigen. Endlich.waren irregeleitet. so hieß es. konnten wir näher zur Grenze ziehen. Freidas Sippe zu bekehren. tapferen. Sigmund zu treffen – meinen schönen. Es erreichten uns Nachrichten von heftigen Kämpfen zwischen den Stämmen im Westen. war es mir bestimmt. das Schicksal habe mich zu ihnen geführt. So erreichten wir schließlich den Wald. seien besiegt. nachdem die Streitigkeiten sie von der Sippe getrennt und eine Wiedervereinigung lange unmöglich gemacht hatten. so erklärte sie. und gründete in der barbarischen Wildnis im Norden eine Gemeinde. die ihr Volk verehrte.

einen Lederumhang und auf dem Kopf einen geflügelten Helm. tapferen. den die Römer unter dem Namen Arminius gekannt hatten. Vor ihr auf einer Säule stand ein gottgleicher Mann mit langen Haaren und einem wilden Bart. mit der anderen hob er das Schwert hoch in die Luft wie einer der Helden von Wagner. Deutschland »Und dort. Nun stand sie unter dem dunkelgrauen Himmel und blickte über die sanft gewellten und dicht bewaldeten Hügel des Teutoburger Waldes. Der Mann am Bahnhof hatte sie erstaunt angesehen. Dieser germanische Krieger hatte Cäsars Legionen in einer Schlacht besiegt. als sie sich nach dem Hermannsdenkmal erkundigte. sechsundfünfzig Meter hohe Statue. in den dunklen Wäldern. daß es sich um Hermann handelte. Catherine war die beinahe vier Kilometer vom nahe gelegenen Detmold hierher zu Fuß gegangen.Detmold. Er sagte. Die Inschrift in einer gewölbten Nische am Fuß der Statue verriet. Der Text der Inschrift war lateinisch und deutsch und lautete: ›Im Kriege nicht besiegt‹ Außer ihr befand sich niemand am Denkmal. war es mir bestimmt. 585 . auf den Weg zu achten. Mit einer Hand stützte er sich auf seinen Schild. Er trug ein kurzes Gewand. Sigmund zu treffen – meinen schönen. gottgleichen Sigmund…« Catherine blickte auf die gewaltige. Ist das Sigmund? dachte Catherine. Schilder mit der Aufschrift: Vorsicht! Glatteis! ermahnten die Besucher. die den Lauf der Geschichte veränderte. Unter ihr lag ein zugefrorener See.

Catherine sprach noch am selben Abend mit der Äbtissin über ihren Plan. der den Ästen und Zweigen. Catherine hatte ihre 586 . Nachdem Julius sie im Kloster gebeten hatte. mußte sie sich nach ihrer Ankunft in Frankfurt bei der Paßkontrolle auf ein großes Taschentuch und einen verschlafenen deutschen Beamten verlassen. das sich von allem unterschied. den Picknick-Bänken und Tischen weiße Hauben aufsetzte. Nackte schwarze Strichfiguren ragten aus einer weißen Decke.nur wenige Amerikaner fragten jemals danach und mitten im Winter schon gar nicht. wo es warm sei. vielleicht lieber in den Detmolder Hof zu gehen. an dessen Bäumen allerdings keine Blätter hingen. wo Sabina von dem Aufbruch nach Germanien berichtete. mit ihm nach Kalifornien zurückzufahren. was sie jemals gehört hatte. Er hatte ihr den Führer gegeben. Doch Catherine war in den Hermannswald gegangen. Sie hörte ein Schweigen. sie vor dem tückischen Glatteis gewarnt und ihr geraten. Die ehrwürdige Mutter gab ihr einen Habit und den eigenen Reisepaß. daß Sabina nicht in Britannien gestorben war. Da wußte sie. hatte Catherine das erste Blatt der sechsten Schriftrolle gelesen. weil es keine siebte Schriftrolle gäbe. wo Sabina mit Freida gewesen war und wo sie Sigmund getroffen hatte. Da Catherine der älteren Frau überhaupt nicht ähnlich sah und auch nicht annähernd in ihrem Alter war. daß die Geschichte weiterging. Den Rest sah sie in seinen Augen: Und vor allen keine Nonne im schwarzen Habit mit einer weißen Haube. Außer Catherines Fußabdrücken gab es keine Spuren im Schnee. den sie erst vor kurzem für eine Reise nach Rom hatte verlängern lassen. Es war ein dichter Wald. Die Äbtissin kannte nicht die ganze Geschichte. Auf der Erde lag hoher Schnee.

dachte Catherine. Dabei brauchte sie nicht viele Worte zu machen. damit sie ihre Suche aufgab. der am grauen Himmel still seine Kreise zog. Zum zweiten Mal hatte sie das Gefühl. bei sich trug. Catherine ließ die ersten fünf Schriftrollen. nichts. und hier wurde ihr Glaube auf die Probe gestellt. Sie atmete tief die kalte Luft ein. wo sich die Familien um das Feuer versammelt und den Geschichten ihres Volkes gelauscht hatten. Liebe und Glaube… Catherine beobachtete einen großen Raubvogel. Ihr Blick glitt über die dunklen Wälder. Catherine war tief enttäuscht gewesen. Hier hat sie sich verliebt. würde etwas an seiner Meinung ändern. »Man sagt. Eine Frau war wegen der Schriftrollen lebendig begraben worden. hatte er berichtet. und sie versuchte sich die friedlichen germanischen Dörfer vorzustellen. versteckt zwischen den Buchdeckeln. und man fand das nicht von Bedeutung – auch Julius nicht. Sie dachte an Julius. wie Nonnen sie benutzen. Sie wußte. Vor zweitausend Jahren ist Sabina über diese Hügel gegangen und hat diese Luft geatmet. Garibaldi hatte nichts von ihrem Plan erfahren. was sie sagte oder tat. verraten zu werden. Die kluge ältere Frau hörte Catherine ruhig zu und nickte: Ja. sie wolle helfen. Am Saum ihres schwarzen Rocks hingen kleine Eisklümpchen.Schwierigkeiten nur angedeutet und sie um Hilfe gebeten. in ihrer Obhut zurück und nahm nur das sechste Buch mit. der sie nur deshalb in das Kloster geschickt hatte. das sie jetzt sicher verpackt in einer schwarzen Tasche. das Skelett sei nicht von historischer Bedeutung«. Catherine stapfte durch den Schnee. 587 . Er hielt ihr Vorgehen für falsch.

der am Waldrand entlangführte. Als sie sich den gespenstischen. warum er vor Weihnachten aus Israel abgereist sei. Sabinas Worte fielen ihr wieder ein. Hier. trafen sich die Sippen des Stammes zu einer großen Versammlung bei den heiligen Steinen nahe dem Platz ihres großen Sieges über die Römer. Wann immer sie Chicago oder seine Gemeinde erwähnte. Auf ihre Frage. so hatte Sabina geschrieben. Garibaldi… Der Schmerz über seine Täuschung war immer noch unerträglich. Alle sieben Jahre. der durch ihre Nonnentracht drang. »Wissen Sie. bis sie ein Schild erreichte: Externsteine.Der Himmel wurde dunkler. Wenn sie auf ihre Gespräche in den vergangenen beiden Wochen zurückblickte. mußte sie sich eingestehen. Catherine zog den Umgang enger um sich und folgte dem verschneiten Weg. mußte sie an Menschen denken. Versprechen erfüllt. wurde Recht gesprochen. Das konnte sie ihm nie vergeben. während sie zusah. hatte er entweder geschwiegen oder vage Antworten gegeben. wie Bodennebel die Täler füllte. hatte er mit einer Gegenfrage reagiert. Fehden beigelegt und Sippenbande 588 . die in einem bizarren Tanz erstarrt waren. Ein Pfeil wies geradeaus. Catherine spürte den scharfen Wind nicht. wurden Bekanntschaften erneuert. im Sommer. hochaufragenden gezackten Steinen näherte. Dort schlugen sie Lager auf und feierten die Sommersonnenwende. wie überfüllt Jerusalem an Weihnachten ist?« Er hatte nicht gelogen. die falschen Schlüsse zu ziehen. daß er sie nie direkt belegen hatte. sich über den gefrorenen See breitete und die Welt in eine unwirkliche Stille hüllte. aber er hatte sie auch nicht daran gehindert. wenn die Sonne an einem bestimmten Punkt zwischen den Steinen aufging.

und neue Kinder wurden mit Freuden begrüßt und in den Sippenverbund aufgenommen. Abend für Abend setzten sich Krieger. das sie nach Detmold zurückbrachte – und zurück zu der sechsten Schriftrolle. Man tauschte Geschenke aus und stiftete Ehen. was ich suche. Endlich sollte sie erfahren. und sie fror. dachte sie. Catherine entdeckte im heidnischen Stein ein eingemeißeltes christliches Basrelief. 589 . Sie ging in das nahe gelegene Holzhausen und nahm dort ein Taxi. und ihr Umhang flatterte. Inzwischen wurde es dunkel. Hier ist es nicht. Der Wind wurde stärker. Frauen und Kinder zum Festmahl zusammen und lauschten den Geschichten. weil sie zu den Göttern gegangen waren. die Freida und die anderen weisen Frauen erzählten.gefestigt. wohin Sabina sie als nächstes führen würde. nicht hier…. Der Stamm erinnerte sich an alle. erwies den Ahnen die gebührende Ehre. Nein. die fehlten.

und als der Bildschirm hell wurde. das der Mann einfach nicht ablehnen konnte. Sonst wäre er nämlich niemals in der Lage gewesen. reich als arm zu sein. daß Erika zufällig vorbeikommen sollte. dachte er. seine Spur werde nur bis zu dem Kloster führen. Warum sollte er noch vorsichtig sein? Vielleicht war er sogar in der Hoffnung zum Kloster gefahren. Miles startete den Computer. Voss war vermutlich so leichtsinnig gewesen. und dort sei alles vorüber. daß 590 . Wie auch immer. einem Beamten des FBI ein Angebot zu machen. kaufte und am Zielort einen Leihwagen bestellte. es sei doch sehr viel besser. Reichtum brachte auch andere angenehme Dinge mit sich. Voss allerdings herausgekommen: Havers hatte endlich Stevensons Computer. New Mexico Als Miles den Laptop von Daniel Stevenson aufklappte. und die Kamera überwachte den Gang für den Fall. Vermont. seine Verlobte nach Hause zurückzubringen. Ohne Geld hätte Miles diesen Dr. Miles wußte. Strickland hatte sich nach dem fragwürdigen Geschäft abgesetzt und war inzwischen auf dem Weg nach Brasilien. als Voss einen schweren Fehler beging und ein Flugticket nach Montpelier. Nun saß Miles in seinem Turm. überprüfte er zunächst die Dateien im DesktopVerzeichnis.Santa Fe. Etwas Gutes war bei der Dreitausend-Meilen-Reise von Dr. Einer hatte ihm sofort Meldung erstattet. Er öffnete ein paar und stellte fest. weil er glaubte. Die Tür war gegen das Personal und andere unerwünschte Störenfriede gesichert. er hatte sich geirrt. Voss nicht von so vielen Männern überwachen lassen können.

Miles blickte nachdenklich auf den vielbenutzten Computer. und auf dem Tisch lagen ein Bleistift und ein Notizblock mit ein paar Aufzeichnungen. sie sei nicht in dem angegebenen Haus in der N Street in Washington zu finden. daß dieser interessante Mann zu seinen Gegnern gehört hatte. als sie ihn gefunden hatten. Miles entdeckte Maya-Fresken über minoischen Darstellungen. Eine Mrs. Zu schade. »Also gut«. mit Grafiken überlagern können. als wir sie unhöflicherweise stören wollten. und er mußte Stevenson widerwillig bewundern. bevor sie zu Bett gegangen war. Catherine Alexander hatte eindeutig am Computer gesessen. was geschehen war: Jemand hatte die beiden gewarnt! 591 . kurz nachdem er Catherine durch Galaxy BBS ausfindig gemacht hatte.Stevenson den Laptop hauptsächlich für seine Forschungen benutzt hatte. Miles starrte auf den Bildschirm und überlegte. der Computer sei an eine Steckdose angeschlossen gewesen. als er das E-Mail-Symbol sah. Damit hatte Stevenson Videoaufnahmen. Überrascht stellte er fest. murmelte Miles. Er klickte und las: »Er hat Sie gefunden!« Havers runzelte die Stirn. Strickland hatte gesagt. sie sei bereits ausgezogen. die von anderen Orten gesendet wurden. Zeke hatte gemeldet. und beschloß aus Neugier. Die Nachricht war drei Tage alt und morgens. die Alexander sei vorsichtig genug gewesen. Plötzlich wurde ihm klar. das Verzeichnis zu öffnen. daß sich im Briefkasten eine Nachricht befand. Er hatte angenommen. eingegangen. nicht ans Netz zu gehen.« Er hielt inne. Daneben stand eine halbleere Tasse Kaffee. Zur Software gehörte Virtual Imaging. »sehen wir uns an. O’Toole habe ihm gesagt. Vielleicht war er doch kein Verrückter gewesen. woran unsere Archäologin gearbeitet hat.

Etwa um diese Zeit hatte Strickland mit seinen Kollegen das Kloster erreicht. Zeit: 6. Havers«. aber Miles wußte. Er doppelklickte auf ›PCTools‹ und stellte erleichtert fest. die Angaben zu ›Freund‹ zu finden. Der Trottel hatte die Warnung sogar über das Dianuba Network geschickt. Diesmal suchte er nach einem Utilities-Programm. Alle Dateien waren mindestens mehrere Wochen alt. bevor die Äbtissin und Strickland das Zimmer betreten. Mit einem Klicken auf ›Undelete‹ und C:\»kam er in das Hauptverzeichnis und überprüfte durch schnelles Öffnen und Schließen die Unterverzeichnisse auf gelöschte Dateien. Er griff nach dem Haustelefon. murmelte Miles und klickte auf die Datei. Mr. schaltet den Computer ein. Das Dianuba Network hatte zwar zehn Millionen Benutzer. 1999. die an einem bestimmten Datum und zu einem bestimmten Zeitpunkt gelöscht worden war. die Stevenson zur Veröffentlichung weitergeleitet hatte. Aber Miles suchte eine Datei. daß Stevenson ein UndeleteProgramm installiert hatte. »Aber nicht 592 . Dez. Er stellte fest. »Teddy…« »Ich bin schon dabei.Als er die elektronische Adresse sah – ›freund@dianuba. Havers stellte sich die Szene vor: Eine Nonne warnt Catherine Alexander. es würde weniger als fünf Minuten dauern. Im Unterverzeichnis TMBX52 entdeckte er eine gelöschte Datei:?YMBOS.com‹ – schnaubte er.48 Uhr. Sie springt aus dem Bett. ein solches Programm zu laden und dabei möglicherweise Dateien zu löschen. Miles wandte sich wieder dem Computer zu und sah sich die DesktopSymbole noch einmal an. »Schlaues Mädchen«.EXE gelöscht am: 28. löscht die wichtigste Datei und klettert rechtzeitig aus dem Fenster. Miles hätte nicht riskieren wollen. sagte Teddy. daß es sich hauptsächlich um Korrespondenz und Artikel handelte.

Es gab Anmerkungen: ›Nicht gefunden über Lycos. was ›?ymbos‹ bedeutete. hatte sie versucht herauszufinden.248 ZUSTAND: gut GESCHÜTZT DURCH DOS DER ERSTE BUCHSTABE DES DATEINAMENS WURDE ÜBER DOS GELÖSCHT: BITTE GEBEN SIE DEN NEUEN ERSTEN BUCHSTABEN EIN:?YMBOS:EXE Miles hatte keine Ahnung.800 Bytes PFAD: D:\TMBX52 ERSTELLT AM: 21/12/1999 00. Wie es schien. Infoseek. die täglich bei der Übersetzungsarbeit aufgerufen worden war. ein Puzzle zu lösen. UniCom. Deshalb gab er den Buchstaben ›B‹ ein und klickte auf ›OK.EXE WIEDERHERGESTELLT: Er hatte die gelöschte Datei. Notizen zu ordnen und griechische Buchstaben in einer unendlichen Vielzahl von Folgen aneinanderzureihen.‹ Auf dem Bildschirm war jetzt zu lesen: BYMBOS. und Miles hielt einen Ausdruck in der Hand. Er studierte die nächsten Seiten.00 GELÖSCHT AM: 28/12/1999 06. Zwei Minuten später war sie geladen. Es sah aus.schlau genug. WebCrawler.48 ERSTER CLUSTER: 30.« Ein neues Kästchen erschien auf dem Bildschirm: DATEINAME:?YMBOS:EXE DATEI GRÖSSE: 94. Dianuba…‹ 593 . um neue Informationen hinzuzufügen. Nichts von all dem ergab einen Sinn. Offenbar handelte es sich um eine Arbeitsunterlage. was ›Tymbos‹ war. als habe die Archäologin versucht. Er konnte wenig damit anfangen.

Anstatt König Tymbos sollte es heißen König von Tymbos. klickte zuerst auf ›Datei‹ und dann auf ›Löschen‹.exe.Schließlich erreichte er das Ende: ›Tymbos. um wahr zu sein! Seine Hand schwebte über dem Telefon. Das Jesus-Fragment endete mit den Worten: ›… bringe es zu König…‹ Das war also der König! Er las die letzte Notiz: ›Saba war der alte Name Äthiopiens. »Beinahe zu schön. Dabei wurde die Datei gelöscht. das angeblich an der Handelsstraße nach Saba liegt.‹ Miles starrte auf die letzten Worte: König von Tymbos. Ein Volltreffer. Liegt Tymbos in Afrika?‹ Miles griff schnell nach dem Telefon. ein mystisches Land. Im Desktop klickte er auf ›Datei-Manager‹. fand TMBX52. betrachtete die Liste der Unterverzeichnisse. so daß man die Datei später wiederherstellen 594 . die Daten blieben jedoch auf der Festplatte erhalten. ob in den letzten Tagen irgendwelche Amerikaner in Addis Abeba angekommen waren. Das ist beinahe zu schön. dachte Miles hocherfreut. Ein neues Menü erschien mit den Optionen: NORMAL DELETE WIPE DELETE DOD WIPE DELETE Havers kannte diese Funktionen: Normal Delete bedeutete Löschen im DOS. um Teddy anzurufen. Dann speicherte er sie auf der Festplatte im Unterverzeichnis TMBX52 ab. um wahr zu sein…« Er wandte sich stirnrunzelnd noch einmal dem Computer zu und legte im Textverarbeitungsprogramm eine neue Datei mit dem Namen Havers an. Es würde nicht schwer sein herauszufinden. öffnete es unter havers.

doch aus irgendeinem Grund hatte Catherine Alexander sich für Normal Delete entschieden. Strickland hatte die Äbtissin und Vater 595 . Sie war immer noch im Besitz der Schriftrollen und des belastenden Tagebuchs. Bei Wipe Delete wurden die Daten mit Nullen überschrieben. so daß die Daten nicht verlorengingen. nachdem die Daten auf einer Diskette gesichert waren. daß ›Tymbos‹. Wie konnte er auf einen so durchsichtigen Trick hereinfallen? Er nahm sich die Dateien noch einmal vor. daß er die Datei fand! Er sollte glauben. Natürlich erst. Plötzlich wurde ihm klar. die Daten noch einmal herzustellen. wo er sie suchen sollte. Also konnte sie die Datei jederzeit gelöscht haben – vermutlich lange vor Ankunft des FBI. wenn es überhaupt ein ›Tymbos‹ gab. in Afrika läge. Er wurde wütend auf sich. Stevensons Software hatte die DODFunktion. so daß es absolut unmöglich wurde.konnte. Er suchte das Tagebuch. Wenn sie also die Zeit geändert und die Datei normal gelöscht hatte. die Datei gelöscht und die Zeit wieder zurückgestellt. daß das überhaupt nichts zu bedeuten hatte. daß Catherine Alexander diese eine Datei über DOD gelöscht hatte. Miles war sicher. wenn sie die Flucht in letzter Minute vorgetäuscht und den Computer ›zufällig‹ zurückgelassen hatte. und er wußte nicht.48 Uhr. Er blickte noch einmal auf das Datum und die Zeit der gelöschten Tymbos-Datei – 6. Alexander hatte möglicherweise die Uhrzeit des Computers geändert. ließ das nur eine Deutung zu: Sie wollte. und die Datei ließ sich nicht mehr herstellen. Weshalb? Havers überlegte angestrengt. Sie hatte ihm also wieder ein Schnippchen geschlagen. Und DOD – Department of Defence – überschrieb die gelöschte Datei gleich dreifach. Es war nicht zu finden. und das den Namen seines Mörders enthielt. das Stevenson erwähnt hatte.

Garibaldi befragt. das ihn auf eine Nachricht aufmerksam machte. war die Übertragung gerade beendet. und der war. Seite 12 von insgesamt 13 Seiten. der mit einer kurzen Notiz mehr Geld verlangte. Plötzlich gab der Bildschirm ein Signal. hatte Catherine Alexander den Wettlauf gewonnen. Als er im Kommunikationszentrum ankam. Auf der Rückseite des Photos stand der Hinweis: ›Sechste Rolle.‹ Es war die vorletzte Seite von Sabinas Geschichte. Beide behaupteten. Der Papyrus befand sich in einem schlechten Zustand. Miles beachtete diesen Nachsatz nicht. Havers überflog das Blatt. An zwei Wörtern in der Mitte der Seite blieb sein Blick hängen. Er konnte sein Glück kaum fassen: ›Aquae Grani. nutzlos. Die Übersetzung war nach dem einzigen Photo angefertigt worden. Wenn der Text von Papazian diesmal keine Hinweise enthielt. und die Aufnahme war unscharf. die über einen bestimmten Computer im Untergeschoß einging. Es gab keinerlei Anhaltspunkte außer dem Laptop. was als nächstes zu unternehmen sei. wohin die Alexander verschwunden war. Deshalb hatte Papazian beim Übersetzen auch länger gebraucht. Das bedeutete.‹ 596 . daß es sich um die letzte Übersetzung von Papazian in Kairo handelte. die Zeit war beinahe abgelaufen. wie Miles nun wußte. Catherine Alexander mußte es nach dem Aufnehmen so großer Textmengen eilig gehabt haben. das Miles von der sechsten Schriftrolle besaß. Miles sah. zum Ende zu kommen. und war etwas nachlässig geworden. nicht zu wissen. Er ging mit großen Schritten in seinem Büro auf und ab und überlegte.

597 . fuhr die in der Scimitar Software enthaltene Enzyklopädie ein. Es gab sogar ein Bild.Was war das? Eine Stadt? Vielleicht war Catherine Alexander dorthin gefahren. tippte Aquae Grani und drückte ›Enter‹. klickte auf ›Suche‹. Er ging zurück an den Computer in seinem Büro. »Wer sagt es denn…«. murmelte er einen Augenblick später lächelnd.

DER SIEBZEHNTE TAG 598 .

Kinder zu bekommen. 30. und 599 . daß sie die harte Arbeit und die Gefahren des Mannes teilt. daß Sigmund kaum jemals im Dorf war. ich sei noch jung und im gebärfähigen Alter. sondern der Ehemann. stimmte er zu. liebe Amelia? Einerseits hoffte ich immer noch. gehen nach dem Tode der Frau in den Besitz ihrer Töchter und danach ihrer Enkeltöchter über. denn ich brauche einen Beschützer. ob er mich nehmen würde. und erinnern sie daran. Mein Überleben hing davon ab. Der Schild und das Schwert. Nach alter Tradition erhält sie ein Pferd und Zaumzeug. Um bei ihnen zu leben.Donnerstag. daß sich die Frau das Heldentum ihres Mannes zu eigen macht. Eine unverheiratete Frau im gebärfähigen Alter konnte Probleme unter den Männern schaffen. so sagte Freida. Sie hatte ihren Sohn Sigmund gefragt. Da ich festgestellt hatte. Eines Tages kam sie zu mir und sagte. werde mich kein Mann haben wollen. Dezember 1999 Freida war die Matriarchin der Sippe. einen Schild und ein Schwert. Doch da seine Mutter es wünschte. daß ich bei der Sippe blieb. Wie sollte ich darauf reagieren. Er hatte mich bisher kaum zur Kenntnis genommen. denn er war verwitwet und kinderlos. gerettet zu werden. Aber da ich keine Jungfrau sei. denn seine Gedanken kreisten um die Vereinigung der Stämme und die Wiedereroberung des Landes. stimmte ich der Heirat zu. das die Römer seinem Volk entrissen hatten. Aber ich hatte nicht die Absicht. Andererseits hatte Freida recht. müsse ich heiraten. Diese Dinge symbolisieren. Bei den Germanen bringt nicht die Braut die Mitgift in die Ehe. so sagte sie.

Sigmund war der Anführer. Sie kämpften im Wald. Der Stamm war vom Land seiner Vorfahren vertrieben worden und lebte in der Rolle des heimatlosen Bittstellers auf fremdem Boden. die anderen Stämme für einen neuen Kampf gegen die Römer um sich zu scharen. Ich beobachtete ihn bei Ratsversammlungen. Er gab dem römischen Statthalter stolz zur Antwort: »Wir haben vielleicht keinen Platz zum Leben. um den römischen Statthalter zu treffen und ihm die Bitte des Stammes um Siedlungsland zu unterbreiten. aber wir werden einen Platz finden. um zu sterben!« Er kam zu uns zurück und begann.wie es aussah. An unserem Hochzeitstag gab es ein großes Festmahl. zu erschrecken und in Panik zu versetzen. um den Frieden zu sichern. Sigmund machte seinen Kriegern Mut. und es war schrecklich anzusehen. den Gegner einzuschüchtern. Er versprach nur Sigmund Land. Der Statthalter. Ich hatte noch nie einen Krieg erlebt. Möge mir diese grauenhafte Erfahrung ein zweites Mal erspart bleiben. wie der Himmel den Göttern gehört. Er konnte die Krieger mit seinen Taten und Worten begeistern. indem er sie in der Kunst unterwies. liehe Schwestern. Sigmund auch nicht. Sigmund ließ sich nicht bestechen. bot Sigmund einen Handel an. so bekamen wir zu hören. Er sagte: »So. tapfer 600 . Fortan lebte ich wieder bei Freida und sah Sigmund nur selten. so gehört die Erde den Menschen. In der Hochzeitsnacht wartete ich jedoch vergebens in dem eigens für uns errichteten Holzhaus auf meinen Bräutigam. Unbewohntes Land kann und wird von uns besiedelt werden!« Er wagte sich durch gefährliches Gebiet. bei dem viel getrunken wurde. denn am Rande der Schlacht warteten die Frauen und Mütter und spornten ihre Männer an. Er hielt mitreißende Reden. niemandem sonst.

Ihre Rufe und die Schreie der Kinder erinnerten die Männer daran. und doch wünschte ich plötzlich. welches Schicksal sie nach einer verlorenen Schlacht erwartete: Vergewaltigung und die Sklaverei in Rom. als sei er unverwundbar. sie in ein Sumpfgebiet zu treiben. Sie kämpften gegen die Römer. Sigmund mit seinen langen rotgoldenen Haaren.und Schulterlänge. spürte ich eine seltsame Veränderung in meinem Herzen. daß Sigmund sie hörte. Freidas Stamm würde siegen. Ich war inzwischen drei Jahre bei ihnen. daß mit dem Sieg oder der Niederlage das Schicksal aller auf dem Spiel stand. Die Soldaten Roms schlugen sich tapfer. wie in den Tagen 601 . die um ihre Heimat und um ihre Familienehre in die Schlacht zogen. den eisernen Muskeln und dem Mut eines Gottes bot in der Schlacht einen unvergeßlichen Anblick. liebe Amelia. und sie griffen noch erbitterter und kühner die römischen Legionäre an. Meine verzweifelten Schreie waren laut genug. Speere und Pfeile schienen wirkungslos an ihm abzuprallen. Auch ich beteiligte mich an den Klagen und den ohrenbetäubenden Kampfrufen. Der Kampf nahm eine gefährliche Wendung für seine Männer. Unsere Krieger faßten neuen Mut und stellten sich zum Sterben entschlossen den römischen Legionen. Da rissen sich die Frauen die Kleider vom Leib. Aber sie wurden nicht von ihren Frauen in den Kampf begleitet und nicht von ihren Kindern daran erinnert. Er überragte die kleinen Römer um Kopf. Es waren bezahlte Soldaten. Sie hatten mir das Leben gerettet und mich aufgenommen. weil es den Römern gelang. Und so siegten die Germanen wieder. keine Männer. Als ich die Tapferkeit von Sigmund und seinen Kriegern sah. wofür sie kämpften.zu bleiben. um ihre Männer und Söhne daran zu erinnern.

den ich aber immer abgelehnt hatte. eilten die Frauen auf das Schlachtfeld und trugen die Toten davon. Ihr habt die gleichen falschen Vorstellungen und Vorurteile. Mit Hilfe von Kräutern gelang es mir auch. den sie mir gegeben. Und so. um ihnen ein ehrenhaftes Begräbnis zu geben. da wußte ich.des Arminius. Ich nahm den neuen Namen an. Ich aber lernte von ihnen. Seid bitte nicht entsetzt. Im stillen erneuerte ich jedoch den Schwur. Ich zeigte den Frauen. den Verletzten zu helfen und Wunden schneller und schmerzlos zu heilen. ihn und seine Sippe zum Weg des Gerechten zu bekehren. als der Stamm sie kannte. In dieser Nacht liebten wir uns zum ersten Mal. wie es als seine Frau mein Recht war. Diesmal war Sigmund der große Held. daß mein Leben in der zivilisierten Welt zu Ende gegangen war und ein neues begann. und die Männer verbergen nicht schamhaft ihre Verletzungen. wie sich neues Leben in mir regte. Fortan sah ich in Sigmund und seiner Familie auch meine. liebe Schwestern. wie ich sie vor langer Zeit 602 . wie man bessere Verbände anlegt. Als ich einige Wochen später spürte. und so konnte ich viele vor Schmerzen und Fieber bewahren und bleibenden Verstümmelungen vorbeugen. Viele von euch sind Frauen römischer Offiziere. und überließ mich völlig Sigmund und seiner Welt. Die verwundeten Männer kamen zu ihren Frauen und Müttern. Nachdem die Römer in die Flucht geschlagen waren. Natürlich behandelte ich auch Sigmunds Verletzungen. Erfreute sich über meine Tapferkeit am Rande der Schlacht und war stolz über meine besonderen Fähigkeiten. wurde ich eine Germanin. Die Frauen schrecken beim Anblick von Blut nicht zurück. Wundbrände zu verhindern. zeigten ihnen die Wunden und ließen sich von ihnen behandeln. wie man Wunden mit einem Dorn und Faden vernäht.

dunkelhaarige Römer schien mir jetzt ein Fremder zu sein. es ist die Wahrheit: Ich lebte bei den Barbaren und wurde eine von ihnen. und das Wasser die Leiden linderte. Als ich viele Jahre nach dieser Schlacht das erste Mal in die Nähe eines Römers kam. glücklich und ein Anhänger des Gerechten war. Ich betete. Wenn er doch nur den Sturm überlebt hätte! Wenn er doch nur mit mir in den Wäldern gewesen wäre. Ich hatte ihm nichts zu sagen. liebe Perpetua. die das Leben in den Wäldern nach sich zog. daß er. fand ich endlich die Antworten auf alle meine Fragen… 603 . falls er noch lebte. dachte ich an meinen Sohn Pindar.hatte. Dann dachte ich an Philos und wurde traurig. die man ›Aquae Grani‹ nennt. Der Römer sah mich seltsam an. denn er hatte nie die unsterblichen Riesen gefunden oder der Menschheit das Wissen um das ewige Leben zurückgeben können. Doch dieser zierliche. denn dort. überquerten wir während eines kurzen Friedens den Rhein. denn ich war kleiner als meine germanische Sippe und hatte dunkle Haare. Ich wollte nicht mit ihm sprechen. um die Bäder im Westen aufzusuchen. Ja. Als wir in den Quellen von Aquae Grani badeten.

damit sie nicht entfliehen konnte. war eine moderne Großstadt mit einem mittelalterlichen Kern. Catherine fühlte sich gegen ihren Willen getrieben. die zu dem mächtigen Portal führten. stellte sie fröstelnd fest.Aachen. würdiges. irgendwohin zu kommen. Es war ein altes. die in den grauen Winterhimmel ragten. daß auch die Luft alt war. in die sie mit 604 . Aachen. die mehr als fünf Stockwerke hoch zu sein schienen. Die Römer waren vor zweitausend Jahren dort. und betrachtete staunend die eigenartige karolingische Kuppel und die Buntglasfenster. zeitloses und einem wahrhaft erhabenen Gott geweihtes Monument. Der Dezemberwind jagte durch die Häuserzeilen. »Römische Bäder im Westen? Das muß Aachen sein. über die Straße zu gehen und die Stufen hinaufzusteigen.« Und so war Catherine nach ihrem Besuch im Teutoburger Wald in die westlichste Stadt Deutschlands an der Grenze zu Belgien gefahren. Abgesehen von elektrischem Strom war die moderne Zeit bestimmt niemals in diesen sakralen Raum vorgedrungen. wo zahllose Kerzen brannten. die vor zwölfhundert Jahren gebaut worden war. Als sie zögernd am Eingang des Doms stand und in das halbdunkle Innere blickte. Catherine stand auf dem Kopfsteinpflaster einer Straße. als hätten sich die Steine Schicht um Schicht um ein Stück Zeit aufgetürmt und es umschlossen. das Aix-laChapelle Karls des Großen. Deutschland »›Aquae Grani‹?« hatte der Mann an der Rezeption im Detmolder Hof gesagt. als habe er es eilig. Sie dachte an die Kirche in Washington. Sie blickte auf die gotischen Türme. In der Mitte der Stadt befand sich ein majestätischer Dom.

Jetzt. würde sie nicht umkehren. daß ihr der Atem stockte. was sie vielleicht nicht finden würde. an dieser Stelle. überkam sie eine so überwältigende. die auf kunstvoll gearbeiteten Säulen standen. Sabina und Sigmund vielleicht hier in dieser geweihten Erde begraben? Doch der Dom war Jahrhunderte später gebaut worden. Nun stand sie in diesem Dom. Sabina berichtete von einer anderen Zeit. Catherine ging zum Oktagon. spürte. in der noch immer die Gebete. was sie hier vielleicht finden. Vor dreizehn Jahren hatte sie geschworen. ihr Lager aufgeschlagen? Liegen Freida. In der Mitte der Kuppel hing an einer langen Kette ein mächtiger vergoldeter Kupferleuchter. Mit klopfendem Herzen trat sie durch das hohe Portal.Garibaldi zur Mitternachtsmesse hatte gehen wollen. das wußte sie. wie der Atem der alten und der neuen Zeit sie erfaßte und tiefer und tiefer in die Kathedrale zog. 605 . die wiederum auf anderen Säulen und Bögen ruhten und sich zu einer gewölbten Decke hinauf in eine himmlische Höhe schwangen. und als sie nach oben blickte. das Flehen. Ist Sabina hier an dieser Stelle gewesen? Hat Freidas Sippe hier. wo jetzt der Dom steht. wo Heilige und Apostel in erhabener Größe über einen goldenen Untergrund schritten. kindliche Ehrfurcht. Catherine fürchtete sich unbestimmt vor dem. Über ihn neigten sich wie ehrfürchtige Betrachter endlose steinerne Bögen. An den Stufen war sie wieder umgekehrt. nie mehr eine katholische Kirche zu betreten. das Hoffen und das Vertrauen des Glaubens von zwölf Jahrhunderten wie ein Echo widerhallten. Aber ihre Beine hatten plötzlich einen eigenen Willen und trugen sie über die Schwelle. und vor dem.

Catherine stand wie gelähmt an der Säule. sich mit der Kraft ihrer Vernunft davor in Sicherheit zu bringen. sondern über alles Irdische. bevor es ihr gelang. Durch die hohen bunten Glasfenster fielen Regenbogenfarben in den Chor und tauchten den goldenen Schrein in ein überirdisches Licht. Ihr plötzlich überwaches Bewußtsein nahm noch andere Einzelheiten wahr. und er führte sein Volk aus den Wirren der Kriege und Glaubenskämpfe in eine neue Zeit. erinnerte jedoch auch an einen anderen Sieg. Hier ruht Karl der Große. daß jemand hereinkommen und all das in sich 606 . Der Dom zu Aachen. aber er war auch eine historisch greifbare Gestalt. Alles stürmte in einem Kaleidoskop der Bilder. Sie war ein hilfloses leeres Gefäß. daß Catherine von ihren Gefühlen überwältigt wurde. Es war weit schlimmer als das versinkende Atlantis.Catherine war wie gebannt. das nach Vollendung strebt. Der große Kaiser gehörte fast schon in das Reich der Legende. Der Dom war eine Manifestation des Triumphs nicht nur über Feinde. Sein Leben und Werk hatten das Land geeint. das Grab des fränkischen Kaisers. die Pein und der Kummer ergossen. Dreiundzwanzig Jahre gläubigen Katholikentums schlugen wie eine Flutwelle über ihr zusammen. Empfindungen und Erinnerungen auf sie ein. in das sich der Glaube. Von einem der gotischen Stützpfeiler blickte eine Madonna mit soviel Verständnis und Erbarmen auf die Menschen herab. während er darauf wartete. die Passion. dachte Catherine voll Ehrfurcht. die der Dom so lange in sich aufbewahrt hatte. die zu dem unvergleichlichen Zauber des Augenblicks beitrugen. denn vor der Katastrophe in ihrem Inneren gab es kein Entrinnen. Ihre ganze innere Not brach sich plötzlich Bahn. Sie lehnte sich haltsuchend an einen Pfeiler.

Catherine spürte. Du bist ein Segen Gottes. Du hast getan. drängten sich auf – Catherine saß an einem großen Schreibtisch und beobachtete ihre Mutter bei der Arbeit. Danno. Ihr Bewußtsein versuchte. und es ist ein Segen. wie der Neigungswinkel eines Pinselstrichs Handschriften um Jahrhunderte voneinander trennte. was du für richtig hältst. Er zersprang und fiel wie eine alte. um die Woge der Nostalgie und der emotionalen Schwäche zurückzudrängen. der so lange ihr Herz umschlossen hatte. Aber die Erinnerungen kamen in immer neuen Wellen – das leichte und befreite Gefühl nach der Beichte.« Der Strom riß nicht ab. Und ich bin nicht einmal bei dir geblieben. sich gegen den Ansturm zu wehren. um deiner Seele beim Antritt ihrer letzten Reise zu helfen. abgelegte Hülle von ihr ab. Auch Erinnerungen. Ich habe darin einen Verrat an mir gesehen. Sie sah ihren Vater. dem inneren Sturm nicht länger standhalten konnte. daß wir Kinder haben könnten. der staunend auf seine Tochter blickte und sagte: »Wir hatten nicht mehr geglaubt. Catherine 607 . Es tut mir so leid. Es war meine Schuld. Du bist nur deinem Gewissen gefolgt. Julius! rief sie stumm. Catherine brach unter dieser Last beinahe zusammen. Sie rief sich die vielen Argumente und die berechtigten Anklagen ins Gedächtnis. die ihr geduldig zeigte. rief ihr Herz den Marmorwänden und stummen Statuen zu. daß du noch so spät in unser Leben gekommen bist. Du bist meinetwegen ermordet worden. wie der harte Panzer. die Hostie im Mund und das naive Vertrauen darauf. die nichts mit der Kirche zu tun hatten. daß diese heilige Handlung sie mit allen Katholiken auf der ganzen Welt und über alle Zeiten hinweg mit Jesus verband.aufnehmen werde. Ich habe mich geirrt.

selbst wenn er jetzt nicht wie ein Priester gekleidet war. Er war ein Priester. Als sie plötzlich über den weiten Raum hinweg eine Gestalt mit einem traurigen Gesicht sah. er hatte sich selbst zu dieser Reise entschlossen. daß er sie gefunden hatte. traute sie ihren Augen nicht. Sie klammerte sich an den kalten Stein. Garibaldi.glaubte zu ersticken.« Das hatte sie auch nicht erwartet. für das Produkt ihres aus den Fugen geratenen Bewußtseins. Sie war sicher. daß es tatsächlich Garibaldi war. Er kam auf sie zu und hob die Hände in einer Geste der Kapitulation. sondern die unauffälligen Sachen. Auch Catherine trug nicht mehr das lange schwarze Gewand einer Nonne. »Keine Angst«. Zitternd richtete sie sich auf und schlug die Hände vor das Gesicht. Er war nicht auf Befehl des Vatikans hier. und sie wußte. sondern weil ihn etwas in seinem Innern dazu trieb. dem man die Wahrheit anvertrauen konnte. Sie kämpfte sich verzweifelt durch die Fluten ihrer Gefühle. sagte er leise. die sie in Detmold gekauft hatte. Sie hielt ihn für eine Erscheinung. Sie löste sich entschlossen von dem Stein und den Erinnerungen. Doch dann trat er aus dem Schatten eines Pfeilers. Mutter. ich hätte Vater McKinney wegschicken sollen. wo Sie sind. daß die Äbtissin ihm seine Fragen wahrheitsgemäß beantwortet hatte. Sie wußte in ihrem Herzen. Es überraschte sie nicht. sobald ich ihn im Krankenhaus sah. Ich hätte auf einem anderen Priester bestehen müssen. so wie etwas in Catherine sie auf Sabinas Spuren hierher in diesen Dom geführt hatte. 608 . »ich habe niemandem gesagt.

« Er legte ihr den Arm um die Schulter. auf die Erde und in die Wirklichkeit zurückkehren.« Catherine zwang sich zu reden und beobachtete sich dabei wie eine Zuschauerin aus großer Höhe. wenn Havers der Computer in die Hände fällt.Sie trafen sich unter einem Steinbogen mitten in dem langen hohen Gang. weil ich hoffte. Mit etwas Glück sind seine Killer auf dem Weg nach Äthiopien…« 609 . »Es würde mich nicht überraschen. daß Sie den Computer zurückgelassen haben…« »Ich war schon lange weg. um durch den Schnee zu fliehen. Jedenfalls standen im Morgengrauen vier Männer vor der Pforte. Es dauerte eine Weile. wenn er einen der Beamten bestochen hätte. als seien Sie im Nachthemd aus dem Fenster gestiegen. »Sie haben uns vielleicht einen Schreck eingejagt. bis es ihr schließlich gelang. antwortete Garibaldi und blickte sie besorgt an.« Sie senkte den Kopf. Sie gingen langsam durch den Dom. als wage er nicht. »Ich habe sogar eine Datei angelegt. und es so aussah. Catherine wehrte sich nicht dagegen. Hatte er es gesehen? War Garibaldi Zeuge ihres Augenblicks seelischer Ekstase gewesen? »Ich dachte.« Catherine konnte ihm nicht sofort antworten. die Stille mit profanen Worten zu stören. als die Beamten des FBI kamen. er werde sie finden und sich auf eine falsche Fährte locken lassen. In diesem Augenblick war sie für seinen Schutz und seine Kraft dankbar. »FBI…?« murmelte sie. Garibaldi flüsterte unwillkürlich. bevor die Beamten gekommen sind. Sie suchte noch immer ihre von Gefühlen zerrissene Seele in den dunklen Höhen der Kuppel. dann ist er eine Weile zufrieden. »Von der Äbtissin habe ich erfahren. »Wie hat das FBI den Weg zum Kloster gefunden?« »Wahrscheinlich durch einen Hinweis von Havers«.

keine Zeit zu verlieren. Garibaldi zuzuhören und ihm vernünftige Antworten zu geben. »Es tut mir leid. Sollte sie es eine Epiphanie nennen. Daran habe ich nicht gedacht! Ich habe sie nicht gelöscht! Havers kann jetzt denjenigen ausfindig machen.« Catherine zuckte zusammen. daß ich Sie geschlagen habe. daß Sabina nach Germanien gegangen war. und ich entschuldige mich.»Sie sind also mitten in der Nacht geflohen. nicht nur…« Ein Schauer lief ihr über den Rücken. Das hätte ich nicht tun sollen. es würde tiefgreifende Folgen haben. Als ich den Anfang der sechsten Rolle las und feststellte. daß es nicht lange dauern würde. als sei ich aus dem Kloster geflohen. Aber ich war entsetzt. sagte sie leise. »Es war vor allem diese Nachricht. für immer dankbar sein. Du meine Güte. die wir in Washington über E-Mail bekommen hatten«. wütend und enttäuscht.« »Das lag nicht an Ihnen – nun ja. Vater Garibaldi. ein spirituelles Erlebnis? Catherine spürte die Nachwirkungen noch immer und bemühte sich darum. beschloß ich. Ich habe in meinem Zimmer alles so hingelegt. Was immer unter der Kuppel mit ihr geschehen war. daß Sie mitten in der Nacht bei Eis und Schnee vor mir aus dem Kloster geflohen sind. Catherine?« Er schüttelte den Kopf. daß es aussah. Sie waren meinetwegen so in Panik. Dann fragte er schuldbewußt: »Meinetwegen?« Sie sah ihn an.« »Wir müssen demjenigen.« »Ich nehme es Ihnen nicht übel. »Mir war klar. Es tut mir leid. »Ach du liebe Zeit…« »Was ist?« »Die Nachricht. der sie geschickt hat!« 610 . bis Havers uns wieder auf der Spur war. der die Nachricht geschickt hat. Er hat mit seiner Warnung viel riskiert.

Ich meine.« Catherine hätte das nur zu gerne geglaubt. wer immer es gewesen ist. Voss ist sehr früh am nächsten Morgen abgereist. Catherine blieb stehen und fragte: »Vater Garibaldi. es ist inzwischen nicht noch jemand meinetwegen umgebracht worden…« Sie näherten sich dem Portal. Ich nehme an.« Garibaldi schwieg.« 611 . Sie sieht die Menschen mit anderen Augen. Das tröstete und beunruhigte sie gleichermaßen. daß Sie in der Klosterbibliothek herausgefunden haben. das weiß ich nicht. »Ich habe ihr nur gesagt. Aber der Absender ließ sich ausfindig machen. der die Römer besiegt hat. Ich hätte es nie für möglich gehalten. fuhr er fort: »Die Äbtissin hat mir gesagt. Wir haben nicht miteinander gesprochen. wenn sich der Betreffende nicht unter einem falschen Namen und mit falscher Adresse gemeldet hatte. wie sie Ihnen bei der Flucht geholfen hat. Catherine…« Seine Stimme klang bewundernd und beinahe zärtlich. Er wird anonym im Internet gewesen sein. Wohin. daß die Äbtissin Sie persönlich im Wagen der Schwestern zum Bahnhof gebracht hat. Wie auch immer. mehr brauchte sie nicht zu wissen.»Ich bin sicher. Ihre nächsten Worte klangen deshalb etwas unsicher. »Ich hoffe nur. der ›Freund‹ mußte für die Zugangsberechtigung eine Kreditkarte benutzt haben. daß er vorsichtig sein muß. sie hat Sie offenbar wirklich ins Herz geschlossen. es hat einen Streit gegeben. er wußte. Er schien wütend zu sein. haben Sie Julius im Kloster gesehen?« »Dr. wo der große germanische Held lebte. Sie erzählte mir auch. daß ich mich in Gefahr befinde…« »Ich nehme an. Als Catherine sich nicht äußerte.

daß das Blau seiner Augen hier im geheimnisvollen Dämmerlicht des sakralen Raums sehr viel dunkler zu sein schien. Catherine konnte die verborgenen Leidenschaften sehen. »Warum sind Sie hier im Dom?« fragte er ernst. was sich 612 . scheinbar hilflosen Menschen wurde hier besonders deutlich. dachte sie. Pangamot kann Ihnen hier nicht helfen. den römischen Bädern. Ihr fiel auf. Seine Augen schienen die melancholischen Schatten in sich aufzunehmen. Sie wollte erklären. wo die steinernen Bögen des Oktagons und das Kirchenschiff aufeinandertrafen.« Er lächelte. denn es macht ihn empfänglicher für das andere. erkundigt hat. die Sie verfolgt.Catherine wurde verlegen und wollte das Thema wechseln. die Vater Garibaldi ständig unter Kontrolle halten mußte. Deshalb fragte sie schnell: »Wie kommen Sie eigentlich hierher?« »Ich war in Detmold. die in den Ecken lauerten. Dieses Blau paßt gut zu ihm. »Es war einfach zu erfahren. daß eine amerikanische Nonne am Hermannsdenkmal war und sich anschließend nach ›Aquae Grani‹. Ich bin meinetwegen hergekommen. nach dem er sich sehnt.« »Aber woher wußten Sie. Hier müssen Sie sich der Vergangenheit stellen. Vielleicht wurde deshalb in diesem sakralen Raum auch die eigene Seele deutlicher erkennbar. Es ist ein schwermütiges Blau. wollte sie sagen.« Er verstummte und betrachtete sie prüfend. Der Gegensatz zwischen dem Erhabenen und dem einzelnen. Sie wollte es ihm sagen. Vielleicht kam jeder in diesem gewaltigen Gotteshaus seinem eigentlichen Wesen näher. so als sei sie bloßgelegt. daß Sie mich hier im Dom finden würden?« »Das wußte ich nicht.

« Wer hatte das gesagt? Ignatius von Loyola? »Ich dachte.« Catherine hatte das Gefühl. Er wäre ein guter Psychologe. um mich davon zu überzeugen. Hatte sich ihre katholische Erziehung wieder zu Wort gemeldet? War das alles nichts Übernatürliches oder Himmlisches gewesen. als spüre er ihren Widerstand. wo ich als nächstes suchen soll. meine ich«. Sie schüttelte den Kopf. stellte sie fest.vor wenigen Augenblicken ereignet hatte.« Er schien ihre Antwort abzuwägen. fügte er hinzu. Bitte. Dann sagte er: »Das verstehe ich. vielleicht…«. Als ihr Garibaldi leicht mit dem Finger über die Wange fuhr. um zu erklären. was geschehen war. daß er eine Träne abgewischt hatte. fühle ich mich vielleicht gezwungen. der keinen Glauben mehr hat. begann sie. daß ein Mensch wie ich. warum ich hierhergekommen bin. »Wollen wir sie zusammen lesen?« 613 . »In Hinblick auf Sabina.« Sie spürte seine Hand am Ellbogen. Dann schüttelte sie den Kopf. sondern nur eine unwillkürliche Reaktion? »Gib mir ein Kind bis zum Alter von sieben Jahren. »Haben Sie hier in Aachen etwas gefunden?« fragte er beiläufig. ob er sich damit zufriedengeben oder widersprechen sollte. und ich werde dir einen Katholiken fürs Leben geben. Sie konnte nicht darüber sprechen. Worte zu finden. unmöglich dem Göttlichen begegnen kann. daß er es tatsächlich verstand und daß sie nicht versuchen mußte. frag mich nicht danach! Wenn ich jetzt darüber reden muß.« »Sind Sie mit der sechsten Rolle fertig?« »Ich habe noch eine Seite zu übersetzen. »Ich weiß nicht. alles zu leugnen. »Ich weiß nicht. als überlege er. dachte sie erleichtert. noch nicht.

und sie… Wohin? Wohin werde ich danach gehen? Catherine las laut die letzten Seiten der Schriftrolle vor. wo sich die Häuser aus dem dreizehnten Jahrhundert aneinanderzulehnen schienen. Wenn Catherine nicht auf die Jeans und die Windjacken achtete. Danach bekam ich noch acht weitere Söhne und Töchter. durch einen Zeitsprung zurück ins Mittelalter versetzt zu sein. konnte sie sich vorstellen. und ich nahm ihren Platz an der Spitze der 614 . dachte sie. hatte sie ein Zimmer im gutbürgerlichen Wilferterhof genommen. Es gab keinen Autoverkehr in der Innenstadt. Endlich konnte sie daran denken. vielen Ernten auf ihrer Lieblingswiese. Waren das ihre letzten gemeinsamen Stunden? Nach der sechsten Schriftrolle gab es nichts. an den Anfang des Christentums. Garibaldi klopfte an und kam herein. Vom Fenster konnte Catherine die engen Straßen mit dem alten Kopfsteinpflaster sehen. Während sie bereits im Fahrstuhl nach oben fuhr. die letzten Seiten von Sabinas Geschichte zu übersetzen. was mich in der Gegenwart gehalten hat… Aber nun wollte sie noch weiter zurück. daß ich Sigmund ein Kind gebar. und ich erlebte die Geburt von sechsundzwanzig Enkelkindern und sieben Urenkeln. Garibaldi würde in den Vatikan zurückkehren. Dorthin ging sie mit Garibaldi. und Garibaldi hörte zu. ließ er sich an der Rezeption ebenfalls ein Zimmer geben. Das Hotel lag in der Stadtmitte am mittelalterlichen Stadttor. Wir begruben Freida vor vielen. Es ist fünf Jahrzehnte her. Deshalb bin ich abgeschnitten von dem. was sie noch zusammenhielt. Nur hin und wieder fuhr jemand auf dem Fahrrad vorbei. Ich eile durch die Zeit.Als Catherine am Morgen nach der Bahnfahrt von Detmold in Aachen angekommen war. liebe Amelia.

An dem Tag. Und ich sprach zu ihnen über die Botschaft des Gerechten. Ich lebte viele Jahre in Freidas Sippe. liebe Schwestern. Ich blieb nicht bei meiner Familie. Nur etwas bedauerte ich.Sippe ein. von der alle sagten. nämlich seine Botschaft zu verbreiten. ob er die Toga erhalten habe. trug keine Früchte. und ich starb 615 . aber ich führte niemanden zum Licht. Es war ein Überraschungsangriff. Unsere Männer kämpften tapfer. Wie lange bin ich jetzt schon hier bei meiner Gastgeberin Perpetua? Um das zu beantworten. dachte ich an Pindar. denn Freida hatte mir die Geschichten ihres Volkes als Erbe hinterlassen. doch die Angreifer waren in der Überzahl. mein ältester Sohn. So lange ist es jedenfalls her. muß ich die Zeit hinzuzählen. ob er am Leben sei. mit der ich vor langer Zeit Antiochia verlassen hatte. daß die Feinde aus dem Norden kommen würden. Jetzt sind sie alle gegangen. Ich erzählte sie abends an den Feuern zusammen mit der Geschichte meines Lebens. Wir waren nicht darauf vorbereitet. daß sie alle getötet wurden. die ganze Sippe. die ich durch die Wälder gezogen bin. als Ingomar. meinen Sohn von Philos. Sie wurde in einem einzigen Augenblick ausgelöscht. Ich weiß aber selbst nicht. sie sei wie ein Märchen. In dieser Hinsicht habe ich versagt. Wir hatten keine Ahnung. Die Absicht. meine Familie zum Weg des Gerechten zu bekehren. Ich kämpfte nicht an ihrer Seite. ob es ein Monat oder ein Jahr war – vielleicht auch sehr viel länger. unsere Söhne und Töchter. Ich floh in den Wald. Ich fragte mich. Sigmund. In all den Jahren war es mir nie gelungen. zum Zeichen seiner Mannbarkeit den ersten Schild und Speer erhielt. und ob er sich an seine Mutter und unsere Jahre in Alexandria und Britannien erinnern konnte.

Sie sah. »Das ist es«. Sie hatten recht. und sie sah den Konflikt. daß er einen sinnlosen Mord nicht verhindert hat. Und das müssen Sie ebenfalls. Der Priester. sagte sie leise. »Schade…« Er seufzte. Sie müssen dem Sechzehnjährigen. daß Sie die siebte Schriftrolle auch noch übersetzen können. Sie ging zu ihm und legte ihm die Hand auf den Arm.« Sie sah die Enttäuschung in Garibaldis Gesicht. der er sein wollte. Antworten auf seine Fragen zu bekommen. Schließlich hob sie den Blick von dem Papyrus. verzeihen. wie sich seine Pupillen weiteten. wozu Sie verpflichtet sind. Sie spürte seinen warmen Atem auf ihrer Handfläche. »Ich hätte Ihnen so sehr gewünscht. Sie haben getan. Ich mußte es tun. Ich fürchtete mich vor… »Ich fürchtete mich vor…« Catherine verstummte. »Das ist alles.« »Schon gut«. flüsterte sie. der er war. »Ich bin Ihnen nicht mehr böse. Catherine blickte in seine blauen Augen und tauchte in ihre Tiefen. was wir von Sabinas Geschichte haben.« 616 .nicht mit ihnen. sagte sie schließlich. »habe ich meinem Vater endlich vergeben. konnte den Mann nicht unterdrücken. Ich versteckte mich wie ein Kind. Die Stille des Winters breitete sich nach ihren Worten im Zimmer aus. »Im Dom«. »Schade…«. Sie wußte. der Sie einmal waren.« Er ließ den Kopf sinken und fügte hinzu: »Es tut mir wirklich leid. um die dunkleren Ströme zu erforschen.« Er nahm ihre Hand und drückte sie an seine Lippen. die sie dort entdeckt hatte. er hatte gehofft. in dem er lebte. Ich weiß. Seine Leidenschaft trieb ein böses Spiel mit ihm. sagte sie. daß ich Sie getäuscht habe.

»Er ist es! Auf ihn bin ich böse. Es ist eine Prüfung.« »Nein. Nicht von dem Junkie. Und in seinen Augen stand Abscheu. meine Feigheit wiedergutzumachen. um die Sie gebetet haben. Und als ich mich nicht von der Stelle rührte. sah er mich mit so tiefer Verachtung an. Als die Kugeln den alten Mann in die Brust trafen. daß Sie kein Feigling sind. »Das ist es nicht. »Er stand einfach da«. ich hasse ihn immer noch. und ich muß ihm verzeihen. Catherine flüsterte: »Vergeben Sie ihm. der den Mord begangen hatte. sondern von dem alten Mann hinter der Ladentheke. Ich versuche seit dieser Zeit. Ich meine. Das haben Sie mir gesagt. Ich muß nicht mir selbst verzeihen! Verstehen Sie das nicht? Ich bin nicht das Problem. 617 . Ich haßte ihn. Gott vergibt allen. sagte Garibaldi aufgewühlt. Ich haßte ihn.« »Sie wollen kein Priester mehr sein.« »Sie glauben nicht an Gott. Er sah.« Catherine wußte. »Was soll ich ihm vergeben? Daß er die Wahrheit gesehen hat? Ich war ein Feigling. von wem er sprach. daß ich ihn haßte. »Er stand da wie ein stummes Tier und flehte mich mit den Augen an. aber ich glaube an die Macht der Vergebung.»Ach Catherine…« Er seufzte und wandte sich ab. Vater Garibaldi…« »Vergeben?« rief er. haben Sie diese Prüfung nicht bestanden. veränderte sich sein Ausdruck. etwas zu unternehmen. Und Gott helfe mir. daß ich ein Feigling war. daß ich ein Feigling bin. Vielleicht ist das die zweite Chance. die zu ihm zurückfinden. weil Sie das für eine ehrliche Lösung halten? Sie wollen sich beweisen. weil er wußte. weil er mich mit seinen Augen anklagte.« Er sah sie wieder an. wenn Sie Ihr Priestertum aufgeben.« Seine Stimme stieg zu der Balkendecke empor und hallte dort lautlos wider. Dann wurde es still.

« »Ich soll dem alten Mann vergeben. Wenn wir vergeben. und Sie werden erkennen. wie Sie Ihrem Vater vergeben haben?« »Ja. Er legte die Hand auf ihren Nacken und fuhr mit den Fingern durch ihr kurzes. Catherine schlang die Arme um seinen Hals.« »Vater Garibaldi. blondes Haar. Vergeben Sie dem alten Mann. ist das wie eine Befreiung.« »Das heißt. als hätten sie Angst. Gott zu dienen.Sabina hatte recht. wieder getrennt zu werden. Vater Garibaldi.« Sie lächelte. daß ich würdig bin. Es genügt nicht.« Er faßte sie an den Schultern. Der Kuß wurde leidenschaftlicher. daß Sie Priester bleiben müssen.« »Nein. Damit sind wir wieder am Ausgangspunkt des Problems. einfach zu vergeben. »Diesmal kämpfen wir in derselben Arena gegen denselben Gegner. Aber Sie sind ein gläubiger Mensch!« »Ich zweifle jedoch daran. »Sie würden für mich kämpfen?« »Ja…« Plötzlich küßte er sie auf den Mund. Sie haben zur Kirche zurückgefunden? Sind Sie wieder Katholikin?« »Nun ja. während er sie an sich drückte und dabei wie ein Ertrinkender festhielt. ich glaube nicht an Gott. Sie klammerten sich aneinander. Wir können Unsicherheit und alle Verwirrungen überwinden. zog die Ärmel nach unten und ließ es zu Boden 618 . nein…« »Sehen Sie? So einfach ist das nicht. Catherine knöpfte sein Hemd auf und schob es über die Schultern. und wir sehen wieder klar.

über Jahrhunderte hinweg aus dem Sinai an diesen Ort gekommen. Er küßte sie zärtlich. Catherine erwachte und blickte an die Zimmerdecke. doch ihre beiden Körper bewegten sich langsam. daß alles zu schnell ging. Der Himmel vor dem Fenster war dunkel. Ihr Herz klopfte wie rasend. doch ein Hauch von Blässe verriet. »Nein. Zitternd legte sie die Hand auf seinen Oberkörper und überließ sich dem Gefühl seiner glatten Muskeln. daß der Morgen bald anbrechen 619 . daß sie nicht mehr dieselben wie damals waren. Er küßte sie noch einmal. Er trug Catherine zum Bett. um das Leben in seiner schönsten und intensivsten Weise zu erleben. langsame und schmerzlich zarte Kuß eines Mannes. die er an ihrem Körper sah. der eine Ewigkeit auf diesen Augenblick gewartet hat. Als sie die noch nicht ganz verheilte Wunde an seinem linken Arm berührte. nun aber fürchtete. Er verschlang sie mit den Augen. in der die Menschen noch so fromm und gläubig wie Kinder waren. dachte sie an den Tag in Santa Barbara. um an die Folgen zu denken. jede Wimper und jede Pore. atmete jede Rundung und Linie. der friedlich neben ihr lag und schlief. Das alles schien in einer anderen Welt. Beide wollten nur im Hier und Jetzt bleiben. vor ihrem Fenster aufragten und den Mond und die Sterne verdeckten. Sie waren Tausende von Meilen. kein Innehalten. Es gab kein Fragen und kein Überlegen ob. Seine Fingerspitzen glitten zärtlich über ihr Gesicht. wo die Kirchtürme einer längst vergangenen Zeit. Sie suchten Antworten und fanden sie schließlich im anderen. die der Streifschuß hinterlassen hatte. in einem anderen Leben gewesen zu sein.fallen.« Sie küßte die Wunde. Sie wußten. als alles angefangen hatte. Dann sah sie Michael an. »Tut es noch weh?« flüsterte sie. als er sie auf die Daunendecke legte. Es war der lange.

Sie berührte Michaels Gesicht. daß irgendwann einmal ein Wasserrohr undicht gewesen sein mußte.würde. der verriet. 620 . wo sich die siebte Schriftrolle befand. Was danach auch kommen mochte. Ihr Blick wanderte wieder zur Decke. Der Traum! Catherine stockte der Atem. daß ihr Herz plötzlich heftig klopfte. Das alles gehörte von jetzt ab zu ihnen. Langsam bekam sie einen klaren Kopf und erinnerte sich… Es hatte etwas… mit… Sie spürte. Aachen und der Dom würden ihnen immer bleiben. diese Nacht. Die Nacht mit ihm war so schön und so außergewöhnlich gewesen. Der Traum: Tymbos! Sie wußte schlagartig. sie wußte. und ihr traten Tränen in die Augen. und ihr fiel ein eigenartiger bräunlicher Fleck im Gips auf.

DER LETZTE TAG 621 .

« »Du wirst mich als die Verführerin in Erinnerung behalten. Wenn überhaupt. Catherine.« »Bitte.« »Warum nicht? Das bedeutet doch nicht.Freitag. sagte sie. und hielt ein kleines Päckchen in der Hand. Dezember 1999 Aachen. »Weißt du eigentlich. »Vielleicht. die an deinem Sündenfall schuld ist. dich hier zu finden«. »Ich war nicht sicher. bitte glaub mir. verließ Michael seinen Platz am Fenster und sah sie aufmerksam an.« Er nahm ihr Gesicht zwischen seine Hände. »Catherine.« »Aber du wirst jahrelang Buße tun müssen. »Hallo. daß ich Gott weniger liebe. Er lächelte. »Aber wie ist es mit dir? Bedauerst du es?« »O nein…«.« Er stand dicht vor ihr und lächelte. sag das nicht.« Die leuchtenden Strahlen der Morgensonne streiften seine Schultern. »Ich liebe dich. Deutschland Als Catherine ins Zimmer trat. Sie blieb stehen. 31. gemustertes Baumwollhemd und neue Jeans – keine Soutane. meine Liebe zu ihm zu stärken. »Warum? Wegen heute nacht?« »Wie fühlst du dich?« »Wie ich mich fühle?« Er kam zu ihr. Doch seine Augen blickten ernst. Er trug ein hellblaues. »Hallo«. dann hilft mir die Liebe zu dir. flüsterte sie. jede Minute der letzten beiden Wochen mit dir ist für mich von Bedeutung.« Er lachte leise. ohne den Mantel auszuziehen. sagte sie. daß du anderen immer Dinge in den Mund 622 . keinen Priesterkragen.

er werde sie küssen. natürlich die Fehler…« 623 . sagte sie. sind dafür Ereignisse verantwortlich. Irgend etwas daran hat mich seit dem ersten Lesen nicht mehr losgelassen. was wir brauchen. »Bevor ich aus dem Kloster geflohen bin«. dort würde ich finden.« »Was hast du gesucht?« Sie öffnete die Tasche. Besonderes und Schönes. sagte sie leise und betrachtete seine Lippen. fürchtete sich aber auch davor. die sie von der Äbtissin hatte. mich der Tatsache zu stellen. auf dem ihre Übersetzung der Schriftrollen stand. Und ich dachte. die lange zurückliegen. Sie wünschte sich sehnlichst. Wenn überhaupt. sagte sie. ich nenne die Dinge immer beim Namen.« »Heute ist Silvester«.« Er verschränkte die Arme. »Nun ja.« »Laß mich dich einfach nur ansehen«. ich weiß. dann hast du mir geholfen. um Frieden zu finden. wo die siebte Schriftrolle ist«. habe ich…« »Hast du was…?« »Habe ich dich soweit gebracht. dieser Tag mußte anders sein. Aber sie wußte. »Michael. Sie legte das Päckchen auf das Bett. daß du kein Priester mehr sein möchtest?« »Wenn ich mich dazu entschließe. Letzte Nacht war letzte Nacht – etwas Kostbares. zog den Mantel aus und fuhr fort: »Mir ist gestern vor dem Dom eine katholische Buchhandlung aufgefallen. daß es für mich nur einen Weg gibt. und nahm den gelben Notizblock heraus.legst?« »Ich weiß. Ich muß dem alten Mann vergeben. »habe ich den Text der Handschrift des Thomas von Monmouth kopiert. »Michael. flüsterte er und streichelte sie mit den Augen.

Die Lösung des Rätsels lag die ganze Zeit auf der Hand. Jetzt zu den anderen Tatsachen. Jetzt hier – ›Valeria‹. stellt man fest. Wir wissen. »Das ergibt immer noch keinen Sinn. Michael. Michael.« Sie schlug den Notizblock auf und legte ihn auf den Tisch am Fenster. ›König‹ Tymbos zu finden! Damit haben wir uns das Leben unnötig schwergemacht.« Sie lachte glücklich und rief: »Michael. fuhr Catherine fort.« »Sechs Bücher über Alchimie und Zauberei«.« »Es ergibt Sinn. »Auch das stimmt. »Sagen wir. Heute nacht ist es mir klargeworden.« Catherine wies auf den Satz: »Sie hinterließ sechs Bücher über Alchimie und Zauberei. Und das beschäftigt mich schon die ganze Zeit. daß die Fakten alle stimmen. Wenn man den Text analysiert.»Sind es wirklich Fehler? Denk darüber nach. Sie war nicht mit Cornelius Severus verheiratet. sagte sie und sah ihn triumphierend an.« Sie strich das Wort durch und schrieb das neue darüber. Nehmen wir als erstes das Wort ›Priesterin‹ und ersetzen es durch ›Diakonin‹. das ist unsere Sabina. Wir haben uns zu große Mühe gegeben. daß sie in Stonehenge war. Sie sind nur in einen falschen Zusammenhang gestellt.« »Nicht von einer Person. wird alles klar. soviel ist richtig.« »Und was ist das?« »Tymbos«. ›Tymbos‹ ist das griechische Wort für 624 . die später zusammen mit der Priesterin Valeria am heiligen Ort begraben wurden. »Aber von Tymbos ist hier überhaupt nicht die Rede. aber sie gehörte zu seinem Gefolge. denn wenn du ein fehlendes Teil in das Puzzle einfügst. Sieh dir das an. wo das Licht darauf fiel. Und das ist mir im Schlaf aufgegangen.

wickelte es aus und reichte Michael ein Buch. nicht an einem heiligen Ort. »Sabina hinterließ sechs Bücher über Alchimie und Zauberei. »Das Datum paßt. Lies weiter. bringe es in das Königreich…‹« »›… in das Königreich Gottes‹«.›Grab‹!« »Grab?« »Paß auf! Wenn wir ›mit… begraben‹ durch das ›Grab‹ ersetzen…« Catherine strich hastig Wörter durch und ersetzte sie durch andere. »hat. um das Ganze zu einem Rätsel zu machen. die später die Diakonin Valeria mit ins Grab nahm. nahm das Päckchen.« »Ich auch«.« »Welcher heilige Ort soll das sein? Hast du eine Idee?« »Was wäre für dich der heilige Ort schlechthin gewesen. das Wort ›König‹ hinzugefügt. ergänzte Catherine. Er blickte auf den Titel: Frühchristliche Märtyrer. bis sie einen ganzen neuen Satz hatte.‹« Er sah Catherine an. Michael. sagte sie. aber…« Sie ging zum Bett. las er laut vor. aber trotzdem sehe ich immer noch nicht…« »Am Ende der Seite.« Er blätterte.« »Und Perpetua«. sondern am heiligen Ort. in die Buchhandlung am Dom zu gehen. wie das bei den Christen dieser Zeit üblich war. sagte Michael verblüfft. ›… bringe es zu König Tymbos. »und deshalb habe ich beschlossen. ›»Valeria‹«. »Schlag Seite 32 auf.« 625 . »Sie ist also mit der siebten Schriftrolle an einem heiligen Ort begraben worden…« »Nein. »›starb etwa 142 nach Christus. Michael runzelte die Stirn. wenn du vor zweitausend Jahren als Christ gelebt hättest?« »Ich kann mir nur drei vorstellen. Es war eine kühne Vermutung.

‹«.Zwei lateinische Wörter fielen ihm ins Auge: »Amelius Valerius. las Michael. »Sie war die Tochter des Amelius Valerius.« »Zumindest kennt die Kirchengeschichte sie unter diesem Namen! Wir haben sie als Amelia kennengelernt. Sie war demnach Amelia Valeria!« »Und wurde offenbar als Valeria bekannt.« »›Tochter des Amelius Valerius. Michael. damit haben wir die siebte Schriftrolle gefunden!« 626 . denn diesen Namen benutzte Perpetua! Deshalb haben wir sie auch trotz all unserer Bemühungen nirgends entdeckt.

Santa Fe. die Spannungen. seiner neuen Ära. Das ›Wunder‹ vollbrachten Laserprojektoren. sondern nacheinander sechsmal erleben würden. Und so war es von ihm gewollt. die Santa Fe auf dem Weg in das neue Jahr und Jahrtausend zeitlich voraus waren. Hier unten sah er das Sonnenlicht nicht. Deshalb hatte Miles alles vorbereitet. dem sichersten Platz auf seinem riesigen Anwesen. würden 627 . Die Auserwählten sollten diesen Tag nie vergessen. aber trotzdem fühlte er deutlich den schicksalhaften Morgen des letzten Tages in diesem Jahrtausend. Aus den Metropolen der Kontinente. Die meisten Gäste waren für das große Silvesterereignis bereits eingetroffen. Er empfing wie ein hochempfindlicher Radarschirm die Energie der Gäste. Das Leben mit Erika hatte ihn sensibel gemacht für die Schwingungen des Unsichtbaren. Silvester 1999 stand für den Beginn eines neuen Zeitalters. die seine kostbare Sammlung umgaben. noch öfter jedoch die Intrigen durch die meterdicken Betonwände spürte. Den Anfang machte Sydney in Australien. die Hoffnungen und Ängste der über tausend Menschen. Niemand. daß er das fröhliche Treiben und das Spiel mit belanglosen Worten. nicht einmal das Personal. damit seine Gäste den Jahreswechsel nicht nur einmal. geschweige denn die Gäste konnten ihn stören. Miles hätte schwören können. New Mexico Miles befand sich in seinem Museum im Untergeschoß. während er am Telefon auf eine verschlüsselte Nachricht wartete. Sie ›zauberten‹ Fernsehbilder auf riesige Projektionsflächen. die vierundzwanzig Stunden lang beim Fest zur Zeitenwende die Stille der Casa Havers störten.

Ströme von Champagner würden fließen. ich kann Sie hören. mußte der neuen Macht elektronisch manipulierter Fakten weichen. die Archäologin zu warnen und wieder in die Anonymität 628 . Miles Havers. um einzuloggen. ›Freund‹ hatte den Anschluß nur eine Stunde. Washington D. Dieser historische Augenblick würde ihm die Erfüllung seiner Träume bringen. Alle Fäden liefen bei ihm zusammen. die Teddy ihm geschickt hatte: Suche nach freund@dianuba. Es war eine gute Zeit. Und er. »Ja. »Hallo?« sagte er in den Hörer.« Er trommelte mit den Fingerspitzen nervös auf die Sessellehne und blickte auf die Notiz. Nicht existierende Telefonnummer. falsche Kreditkartennummer. um zu leben. Wirtschaft.Direktübertragungen der Silvesterereignisse gesendet werden – aus Sydney. ich bleibe am Apparat. der kleine Hacker. Moskau. durch sein Können und seine Durchsetzungsfähigkeit zum weltweit größten Drahtzieher geworden. Die mythische Welt der Kirchen und Religionen. der Tag und Nacht die Erde umkreiste. Wissen und Geld. die über Jahrtausende hinweg das Bewußtsein der Menschen geprägt hatten. Kultur und Politik unterwarfen sich fortan dem Datenstrom.G. und die Musik sollte von den Sangre de Cristo-Bergen widerhallen. und kaum jemand ahnte etwas davon. Das war gerade lange genug gewesen.com Name: Joe Smith Adresse: 1600 Pennsylvania Ave. Wie steht es? Gut. Rom und New York. und die Computer auf der ganzen Welt verteilten Informationen. war durch seinen Weitblick. Das neue Zeitalter brach an. Bombay. Sie stürzten Konzerne und Regierungen oder bestätigten ihre Ziele.

»Was haben Sie herausgefunden?« Er notierte auf den Notizblock: »Catherine Alexander… Abflug 19.30 Uhr Frankfurt/M. Bleiben Sie ihr auf der Spur.« Der Tiger richtete sich zu seiner ganzen Größe auf.zu verschwinden.« »Wohin?« fragte er. Die Frau darf Sie nicht sehen. Wirklich sehr gerissen. Aber seien Sie auf jeden Fall dort. Die Beute war ihm sicher. Und daß er/sie für diesen Coup das Dianuba-Network benutzt hatte. »Ich habe eine Standleitung zu Ihnen geschaltet. daß die kluge Frau Doktor doch noch herausgefunden hatte. wußte er. Beschaffen Sie mir das Dokument. anstelle von AOL oder Microsoft. wie Sie die Frau hinterher aus dem Weg räumen. Als er die Antwort hörte. Das andere… ich meine. wenn sie die siebte Rolle holt. war eindeutig ein elektronischer Seitenhieb auf Miles Havers. ehe der Betrug mit der Kreditkarte entdeckt wurde. »Hallo? Ja?« sagte er in den Hörer. 629 . wo sich die siebte Schriftrolle befand. das überlasse ich Ihnen.

war mit ihm in Chicago auf dem Priesterseminar gewesen und arbeitete im archäologischen Büro des Vatikan. der 630 . die Fahrer schrien. Laternen. Der Countdown für Mitternacht hatte begonnen. und sie suchten sich eilig einen Weg durch den Stau.Der Vatikan. die Hupen machten einen Höllenlärm. uns zu helfen…« Er nahm Catherines Hand. »Er ist mein Freund«. hat er sich bereit erklärt. Taschenlampen. Alle Augen richteten sich wie gebannt auf den Balkon. Die Autos standen Stoßstange an Stoßstange. von dem er gesprochen hatte. Michael trug wieder die Soutane. Er hatte sich auf dem Rhein-Main-Flughafen umgezogen. und die Scheinwerfer verbreiteten ein grelles Licht. Beinahe jeder hielt irgendeine Art Licht in der Hand – Kerzen. ihnen den Weg durch die Menge zu bahnen. Catherine sah im Vorbeieilen in den Gesichtern von Männern und Frauen. andere lachten. »Er hat die Informationen über die geheimnisvollen Schriftrollen aus dem Sinai in den Medien verfolgt. sagte Michael. auf dem der Papst. aber viele hatten besorgte oder versteinerte Gesichter. Die einen weinten. Sie staunten über die riesige Menschenmenge. Die Gesichter der Menschen schienen zu leuchten wie auf einem riesigen Gemälde von George de la Tour. Jungen und Alten das gesamte Spektrum menschlicher Gefühle. Der Freund. die sich auf dem Petersplatz drängte. Rom Dreiundzwanzig Uhr. als sie am Petersplatz aus dem Taxi sprangen. Als Priester gelang es Michael. und als ich ihm von uns erzählte.

als habe er sein Leben über Büchern verbracht. Er sprach so leise. Er hielt sich leicht gebeugt. sagte der Priester.Nachfolger auf dem Stuhl Petri. Sie wurden mehrmals von der römischen Polizei und von der Schweizergarde angehalten. Aber mit der dicken Brille wirkte er älter. auf dem stand: UFFICIO SCAVI – Dienststelle für Ausgrabungen. und eine Spur wehmütig. fast zarte Hände und reichte Catherine kaum bis zu den Schultern. Catherine konnte sich 631 . die siebte Schriftrolle ebenfalls.« Das Grab der Amelia Valeria befand sich hier und. »Vater Sebastian hätte eigentlich auf den Sinai gehen und die Berichte über das Jesus-Fragment prüfen sollen. Es klang entschuldigend. er wollte nicht gehört werden. erscheinen würde. »Für einen Katholiken«. wie Catherine fand. wie Michael es erlebt hatte. stellte Michael seinen alten Freund Catherine vor. kamen um eine Ecke und gingen dann durch eine Tür mit einem Schild. wie sie hofften. Sie trafen Vater Sebastian am Arco delle Campane auf der linken Seite des Doms. der dank hölzerner Barrikaden und den Doppelreihen der Gardisten menschenleer war. Ich meine die Stelle. daß Vater Sebastian etwas über vierzig war. wo Petrus begraben wurde. Er war schlank. als bedaure er. daß es den Anschein hatte. »kann es nur einen einzigen heiligen Ort geben. doch nach ein paar erklärenden Worten von Michael ließ man sie weitergehen.« »Aber ich hatte die Grippe«. kleine. Sie eilten unter einem anderen Bogen hindurch. ein Abenteuer verpaßt zu haben. Nachdem sie im Büro standen und die Tür hinter sich geschlossen hatten. Er führte sie durch einen Hof. hatte Catherine in Aachen gesagt. hatte helle Haut. Catherine vermutete.

nicht vorstellen. Ja. wenn wir durch die Kirche gingen«. wenn Michaels Vorgesetzte davon erfuhren. Es war ein weißhaariger Mann in einer schwarzen Soutane. bestand keine Möglichkeit mehr. Außer einem Blutfleck am weißen Kragen unterschied ihn nichts von den zahllosen Klerikern. Genau das aber mußten sie tun. Catherine überlegte. Die halbe Menschheit wird hinunter in die Grotten kommen!« Er führte sie an Schreibtischen vorbei. wenn er anstelle von Michael auf den Sinai gefahren wäre. der offenbar in einer der vielen Dienststellen des Vatikan beschäftigt war. sie mußten sich beeilen. schlich sich ein Vierter leise und ungesehen in das UFFICIO SCAVI. Notizen und. Akten. in dem eine Treppe nach unten führte. wieviel Michael ihm wohl gesagt hatte. wie die vergangenen beiden Wochen ausgesehen hätten. und seine Stimme klang aufgeregt. Tonscherben und Bruchstücke von Statuen türmten. Als die Tür des Büros hinter ihnen ins Schloß fiel und ihre Schritte auf der Eisentreppe verhallten. öffnete sie leise 632 . Sie blickte auf die Uhr. Zeke ging eilig zwischen den Schreibtischen hindurch. wie Catherine auffiel. Catherine wußte. erklärte Vater Sebastian. »Um Mitternacht werden die Tore für eine dreißig Tage dauernde Ausstellung der Gebeine des heiligen Petrus geöffnet. Amelias Sarkophag zu öffnen. Wenn die Grotten dem Publikum zugänglich waren. Sie verließen das Büro durch eine Seitentür. Dahinter befand sich ein enger Korridor. war die siebte Schriftrolle auf immer verloren. sagte Vater Sebastian und brachte einen Schlüsselbund zum Vorschein. »Wir müssen uns beeilen«. die überall im Dom und auf dem Petersplatz zu sehen waren. »Man würde uns sehen. auf denen sich Korrespondenz. blieb an der anderen Tür stehen.

fügte er in einem ehrfürchtigen Ton hinzu. Man stellte fest. an bescheidenen Altären und geschmückten Sarkophagen. Seine Hände zitterten etwas. während Sebastian erklärte: »Die römische Nekropole wurde 1939 entdeckt. mit dem Kopf nach unten gekreuzigt worden ist. Vater Sebastian suchte unter seinen Schlüsseln den passenden für eine unbeschriftete Tür in der reich verzierten Wand. im Circus des Caligula. Alle seine Sinne waren geschärft und hellwach. Königin Christina von Schweden und James II. Ich spreche natürlich vom heiligen Petrus«. Er war allein. der einzige englische Papst. Er hatte Raphael absichtlich in der Menge verloren. und zog Archäologen hinzu. Die heiligen Grotten bestanden genaugenommen aus einem Gewölbe unter dem Petersdom. stießen die Arbeiter auf eine Mauer. von England. als er berichtete: »Die Archäologen machten erstaunliche Entdeckungen! So fanden sie auch die Gebeine des heiligen Märtyrers. Als man mit den Arbeiten für eine Erweiterung der Grabkapelle von Pius XL begann.und erreichte den Korridor.« Er führte sie an kleinen Kirchenbänken vorbei. der an dieser Stelle. das in kleine Kapellen unterteilt war. unter anderem auch Hadrian IV. Ihre eiligen Schritte hallten auf dem Marmorboden. Er hatte noch nie zuvor einen Priester ermordet. die vor der Krypta von Papst Clemens standen. Schließlich erreichten sie eine prächtige Kapelle mit einem blau und gold ausgemalten Giebel und mehreren Gebetbänken. die eigentlich nicht vorhanden sein sollte. 633 . Ein deutscher Kaiser aus dem zehnten Jahrhundert war hier begraben. daß diese Mauer eintausendsechshundert Jahre alt war. Darin befanden sich die Krypten von Päpsten und Herrschern.

Die Archäologen haben Beweise dafür entdeckt. Wie auch immer. die vor fast zweitausend Jahren für ihren Glauben zur Märtyrerin geworden war. die Angst ließ sich nicht abschütteln. den sie gekommen waren. ob Havers oder einer seiner Killer ihnen möglicherweise hierher gefolgt war und irgendwo in den Schatten lauerte. und fragte sich beunruhigt. Sie konnte sich gut vorstellen. Wußte einer von ihnen. Würde eine Frau. Die siebte Rolle konnte den Untergang dieser skrupellosen und doktrinären Macht einläuten. Auch wenn sie nichts sah. nach alter 634 . daß sie und Michael sich hier unten befanden? Die siebte Schriftrolle konnte Geheimnisse enthüllen und Beweise bringen. Ängstlich blickte sie den dunklen Weg zurück. berichtete er weiter.« Und dann würde sein Killer mit der häßlichen Narbe… Energisch vertrieb sie diese absurden Vorstellungen und dachte an den riesigen Schwarm von Menschen in und um den Petersdom. wie Havers vielleicht sogar selbst hinter einer Säule hervortrat und mit seinem weltweit bekannten Lächeln sagte: »Jetzt können Sie mir die Schriftrollen geben. »Den Circus gibt es natürlich nicht mehr«. die den Vatikan mit dem Papst an der Spitze weit stärker als ein Erdbeben erschüttern würden. Männer der Kirche hatten über die vielen Jahrhunderte hinweg mit allen Mitteln nach der Weltherrschaft gestrebt. Frauen waren bis heute Randfiguren auf der kirchenpolitischen Bühne geblieben. »aber wir wissen. diese Kirche an der Jahrtausendwende mit der Wahrheit konfrontieren? Vater Sebastian fand den Schlüssel und drehte ihn im Schloß. die auf der ganzen Welt Menschen zu ihren Werkzeugen gemacht und ihre Glaubensbereitschaft enttäuscht und mißbraucht hatte.Catherine lief ein Schauer über den Rücken. daß er sich an dieser Stelle befand.

hob die Soutane und ging mit eingeschalteter Taschenlampe voraus. Sie hatten Türen. Vor eintausendsiebenhundert Jahren hätten wir an dieser Stelle in den Himmel geblickt. eine große Basilika zu bauen«. die zu Dächern hinaufführten. daß der Leichnam des Heiligen Petrus von seinen Anhängern heimlich hier begraben wurde. Deshalb erschien es auch ihr glaubwürdig.Überlieferung…. zur Zeit des Kaisers Konstantin. Deshalb errichtete er eine Reihe von Stützmauern und füllte die Zwischenräume auf. daß die Gebeine des Apostels unter dem Petersdom ruhten. daß es sich bei dem Skelett unter dem Hauptaltar tatsächlich um Petrus handelte. Sehen Sie«. Peter. Schwellen. Dreihundert Jahre später. Fenster und manchmal sogar Treppen. fuhr Vater Sebastian fort und führte sie in die Dunkelheit. »das ist die Unterseite des Fußbodens von St. Auch ihre Eltern hatten die Ansicht vertreten. denn sie gingen wie durch eine richtige Straße. »Die Überlieferung sagt.« Catherine sah sich erstaunt um. »Als Konstantin im vierten Jahrhundert beschloß. um den Platz zu vergrößern. skeptisch zu sein. Als Archäologin hatte Catherine gelernt. sagte er mit gedämpfter Stimme und richtete die Taschenlampe an die Decke. die wie Häuser aussahen. die nach Staub und Zerfall roch. Auf diese Weise begrub Konstantin diese alte Totenstadt. passen Sie hier auf!« warnte er. bitte. stand das ursprüngliche Heiligtum noch. Der Kaiser ließ hier seine neue Basilika errichten. Sie kannte jedoch die geradezu besessene Beschäftigung der Christen mit Reliquien. »war der vatikanische Hügel sehr viel kleiner als heute. Sie kamen an Höfen und Brunnen vorbei und an den Fassaden riesiger römischer Mausoleen. Als man die Gebeine entdeckte…« Catherine kannte die Geschichte. die in die Fundamente der Kirche 635 .

die mächtige Kirche mit ihrem lastenden Gewicht auf den Schultern zu spüren. denn das würde seine Fundamente schwächen. Sie gingen an den geisterhaften ›Häusern‹ vorbei. »Die Totenstadt erstreckt sich in ganzer Länge unter dem Petersdom. und an Fresken vorbeikamen. »Es gibt noch sehr viel mehr Gräber«. die wie eine wirkliche Stadt aussehen sollte. daß Catherine nach Michaels Hand griff und dicht bei ihm blieb. die sie umgab. dieser Wächter der Toten wußte um alle Tragödien. die längst tot und dem Bewußtsein der Lebenden entschwunden waren. und jeder 636 . Vater Sebastian sprach flüsternd weiter. Aber man kann sie nicht ausgraben. Catherine zweifelte nicht daran. war so tief und beängstigend. die besser im Dunkel der Erde blieben. eine Vase mit Blumen. von denen Gassen abzweigten. fühlte sich Catherine wie in einem Labyrinth. Plötzlich überkam sie das beängstigende Gefühl. ohne einen wachsamen und erfahrenen Führer wie Vater Sebastian könnte man sich hier unten in der von Menschen geschaffenen Welt der Toten verirren und niemals gefunden werden. die idyllische Landschaften oder stille Plätze zeigten. Das Atmen fiel ihr immer schwerer. die nirgendwohin führten. Der Strahl seiner Taschenlampe fiel flüchtig auf einen springenden Delphin. Catherine spähte durch Fenster und Türen mit dem eigenartigen Gefühl. Flüche und Frevel oder ahnte Geheimnisse. Aber es war alles Illusion – eine Totenstadt. »Alle Gräber wurden bereits vor vielen Jahren geöffnet und ihr Inhalt entfernt.« Vater Sebastians Stimme klang körperlos und leise. Die Dunkelheit. Als sie durch die engen Straßen gingen. und Vater Sebastian verstummte.« Catherine glaubte. in den persönlichen Bereich von Menschen einzudringen. Ihr Herz pochte. einen Schwarm Vögel – Erinnerungen an Menschen.darüber eingebettet waren.

Schritt schien sie tiefer in das Totenreich hineinzuziehen. Er beleuchtete die gewölbte Decke mit einem goldenen Mosaik. zur Gottesmutter und zur Himmelskönigin. Catherine blickte auf das Gesicht. »Das hier ist ein Beispiel für den Übergang«. das erkennbar Jesus gehörte. Die Gräber schienen kein Ende zu nehmen. In der Nähe des heiligen Petrus befinden sich Gräber aus späterer Zeit. Je weiter man sich vom Grab des heiligen Petrus entfernt.« Er trat in ein Grabmal. besondere Aspekte der alten Götter. die für sie von Bedeutung waren. daß man zum Beispiel Eigenschaften der Isis auf Maria übertragen hatte. Sonnenstrahlen gingen von seinem Kopf aus. obwohl sie zu den Anhängern des Gerechten gehörte. Außerdem gibt es dort christliche Symbole. und auf die Krone aus Sonnenstrahlen. die zu Stella Maris wurde. in denen die Toten und nicht nur ihre Asche beigesetzt wurden. Weihnachten ersetzte die römischen Saturnalien im Dezember. daß Sabina in den Hermestempel gegangen war. aus dem zweiten und dritten Jahrhundert. und die beiden folgten ihm. Vater Sebastian richtete den Strahl der Taschenlampe in ein Columbarium mit zahlreichen Nischen für Begräbnisurnen. obwohl Überschneidungen oft eine klare Trennung kaum möglich machen. »Man kann auf diesem Weg den allmählichen Übergang vom Heidentum zum Christentum erkennen. Viele der hier begrabenen Christen hatten Spuren ihrer alten Religionen in dem neuen Glauben hinterlassen. das Christus als Apollo im Sonnenwagen darstellte. und der Sonntag ging auf den Mithraskult zurück. Catherine wußte. und sie dachte daran. erklärte der Pater. desto mehr Urnen und Hinweise auf die alten Götter findet man. und 637 .

wenn der Schein von Vater Sebastians Taschenlampe die Schatten traf. Sein Gesicht war im schwachen Schein der Taschenlampe kaum zu sehen. »Ach. und dann hörten sie das Singen – zuerst leise. Michael sah sie an. Tacitus hatte vor zweitausend Jahren vermutlich zu Recht den neuen Glauben als ›eine Religion der Frauen und Sklaven‹ bezeichnet. Die Luft wurde immer muffiger und modriger. Plötzlich fiel Catherine ein Satz aus der Bibel ein: »Am Jüngsten Tag werden die Toten von den Gräbern auferstehen…« Sie spürte ein Kribbeln im Nacken. dann immer lauter wie eine anschwellende Woge. daß es sich in der Mehrzahl um Begräbnisstätten von Frauen zu handeln schien. Auch der heilige Petrus würde auferstehen und… »Was war das?« fragte sie plötzlich. »Was hast du?« »Ich dachte…« Sie legte die Hand kurz auf die Augen. Ich weiß nicht. Es ist auch egal. Die Dunkelheit riß nur flüchtig auf. wie sich um Mitternacht die Deckel der Steinsarkophage heben würden und die Toten ihre Gräber verließen. Catherine glaubte. Während sie an mehr und immer mehr Frauengräbern vorbeigingen – darunter sogar dem einer anderen Amelia mit dem Familiennamen Gorgoni.« Sie bogen in eine andere Straße ein. und schloß sich sofort wieder hinter den Eindringlingen wie ein undurchsichtiger schwarzer Vorhang. die Menschen mit ihren Lichtern auf dem Petersplatz vor sich zu sehen. schon gut. 638 .Catherine fiel auf. als sie sich gegen ihren Willen vorstellte. Der Gesang mußte seinen Anfang irgendwo in der Menge genommen haben und von einem auf den anderen übergesprungen sein. fragte sich Catherine im stillen: Wann haben die Männer eigentlich die Macht übernommen? Sie stiegen noch tiefer unter die Basilika hinunter.

das in einer der Straßen des alten Rom hätte stehen können. Demnach war das einmal ein heidnisches Grabmal. Im Grab herrschte die Atmosphäre eines eleganten Wohnzimmers. sind Sie sicher. »hier haben wir es!« Es war ein richtiges Gebäude mit zwei Stockwerken. »In diesen Nischen«. Die Innenwände waren mit weißem Gips verputzt.deren Stimmen zum sternenübersäten Himmel aufstiegen: »Ave Mari-ia…« Es mußte bald Mitternacht sein. Irgendwann wurde die Familie jedoch zum Christentum bekehrt. Es gehört sogar zu unseren besonders schönen Gräbern. Im Zentrum befand sich eine Orante – die Darstellung der Verstorbenen in Gebetshaltung. »befanden sich Urnen. Lange konnten sie nicht mehr hier unten bleiben. mit zarten Blüten. und es hatte einen prunkvollen. und wir glauben. das Symbol der Seelenrettung. von dorischen Säulen getragenen Ziergiebel. daß das Grab der Amelia Valeria hier ist?« »O ja. ave-e dominus…« »Und hier«. zu deren Füßen sich Delphine aus Stuck in plastisch geformten Wellen tummelten. sagte Vater Sebastian leise und ließ den Lichtstrahl über die Wände gleiten. Eine besonders schön gestaltete Nische enthielt das Bild der schaumgeborenen Venus. der Strahl der Taschenlampe beschrieb einen Bogen.« »A-ave. Besorgt fragte sie: »Vater Sebastian.« Der Lichtstrahl kreiste und beleuchtete ein wundervolles Fresko. Außen war es rot angestrichen. Darin befanden sich muschelförmige. Unter der 639 . Efeuranken und Vögeln ausgemalte Nischen. das war dieser Frau zu verdanken. das eine Familienszene zeigte. wo erstaunliche Beispiele römischer Kunst ans Licht traten.

Sie trat näher und legte die Hände auf den fein behauenen Marmor. daß es sich um ein christliches Grab handelt. »Nein.« Catherine las die in den Sarkophagdeckel eingemeißelten Worte: »Dormit in pace anima dukis Amelia – Ruhe in Frieden.« Sie blickte auf Michael. »Wir glauben. hatte die Arme ausgestreckt und richtete den Blick zum Himmel. Ihre Verfolgung konnte nur eines bedeuten. Amelia mit der zarten Seele. was in der Rolle 640 . daß Amelia als erstes Mitglied der Familie nicht verbrannt wurde.‹ Die Menge über ihnen sang: »Benedictus tu in mulieribus…« Catherine trat näher. Eine Frau. Wenn sich die siebte Schriftrolle hier befand.« Vater Sebastian wies auf den Sarkophag.Gestalt stand ein Name: ›Amelia Valeria. die an der Spitze der frühchristlichen Kirche stand. Ihr Haar war kunstvoll in mehreren Lagen aufgesteckt. dachte Catherine. die natürlich die Asche von Heiden enthielten. wenn sie verfolgt wurde. Eine christliche Priesterin… War die siebte Rolle mit ihr begraben worden? Und würde sie den Beweis dafür enthalten. dann mußte sie eine für die damalige Zeit gefährliche Botschaft enthalten. wie es die damalige Mode den adligen Frauen des römischen Reiches vorschrieb. Amelia mußte eine schöne Frau gewesen sein. um das Fresko genau zu betrachten.« »Hat man ihn geöffnet?« fragte Catherine flüsternd. Die Diakonin war in weiße Gewänder gekleidet. Amelia sollte sie nur dann mit ins Grab nehmen. Nur heidnische Gräber wurden geöffnet. daß die Nachfolge Jesu rechtmäßig Frauen und nicht Männern zustand? »Das hier zeigt uns. befinden sich in Museen. Alle Urnen. Sein Gesicht verriet deutlich die innere Spannung. Ihre Feinde bekämpften die Wahrheit dessen.

wie wir den Sarkophag öffnen können. ich habe nicht…« 641 . stand Zeke und beobachtete das Geschehen aus sicherer Entfernung. Auf seiner Brust funkelte an einer langen Kette ein schweres Goldkreuz. »Ich glaube. einer anderen Christin. Würden sie bald ihr Amt verlieren oder es mit Frauen teilen müssen? »Also gut«. Catherine stieß einen Schrei aus.« Hinter ihnen. als eine hagere Gestalt auftauchte – ein Kardinal in einem schwarzen Talar mit rotem Besatz. Er betrat das Steuerzentrum der Überwachungsanlage. Er setzte sich vor die Wand mit den Schaltrelais und nahm den Anruf aus Rom entgegen. Zehn Zeitzonen weiter zog sich sein Auftraggeber von dem Fest aller Feste aus dem EuropaZelt zurück und eilte hinunter in sein Museum. Er griff nach dem Handy und meldete sich wie verabredet. roten Knöpfen. Catherine musterte ihre beiden Begleiter in den schwarzen Soutanen. ora pro nobis…« Das Singen verstummte. Jubel und Geschrei. ein paar ›Straßen‹ weiter. Diesmal hatte er dafür gesorgt. den Symbolen der Priesterwürde. »sehen wir nach. denn jetzt ging es ums Ganze! »Sancta Maria. Catherine sah Michael fragend an. einer breiten roten Seidenschärpe und einem roten Käppchen auf den schütteren Haaren. Michael hob den Kopf. Die gepanzerte Schleuse schloß sich geräuschlos hinter ihm. sagte Michael. »Was ist das?« fragte Catherine. Er schüttelte den Kopf und flüsterte: »Nein. im Schatten des Grabmals der Julia Mater. Seine Heiligkeit ist gerade auf den Balkon hinausgetreten. daß Zeke keinen Schritt ohne seine Anweisungen machen würde.geschrieben stand.« Plötzlich war das Mausoleum in blendend helles Licht getaucht. und sie hörten Klatschen.

Sie musterte die vier jungen Männer. »Wollen Sie uns daran hindern?« fragte Catherine herausfordernd. Er starrte mit zusammengekniffenen Augen auf Vater Sebastian. er warf Michael einen strengen Blick zu. hat mich darauf aufmerksam gemacht. vom Ufficio Scavi. »habe ich seit ein paar Tagen überhaupt nichts mehr von Vater Garibaldi gehört. daß Sie hierherkommen würden. wie Sie sagen würden. Sie trugen Sprühdosen mit Tränengas. »Vater Garibaldi hat mich nicht davon in Kenntnis gesetzt. gestreiften Hosen und den KonquistadorHelmen wirkten sie eher wie Statisten auf einer Opernbühne. sagte Kardinal Lefevre. die ihn begleiteten.« Ehrwürden Callahan wirkte abweisend und verärgert. daß wir Ihre Freunde sind«. sagte der Kardinal. Alexander«. Um genau zu sein…«.»Nein. Catherine wußte auch. »Und wie ist es Ihnen gelungen. wenn ich Ihnen versichere. bitte glauben Sie mir. Wamsen. den Halskrausen. die vor fünfhundert Jahren zum Schutz des Papstes aufgestellt worden war. wenn ich fragen darf?« »Die Lösung des Rätsels kann ich mir nicht zugute halten. der Schweizergarde. erwiderte sie. Dr. »Ihren Namen unter einem Brief an meine Mutter gelesen 642 . ein Tip. Ein Anruf.« »Sie sind selbst darauf gekommen?« fragte Catherine. In ihren Uniformen mit Piken und Hauberken. »Ich kann mich noch gut daran erinnern«. Gaspatronen und automatische Waffen bei sich. doch Catherine wußte. »Dr. das Rätsel zu lösen. Alexander. daß diese jungen Männer gut ausgebildet waren. den Papst notfalls unter Einsatz des eigenen Lebens zu beschützen. Das hier ist Ehrwürden Callahan. sie gehörten zur Cohors Helvetica. und seine Stimme hallte in dem unterirdischen Grab. daß sie einen Eid abgelegt hatten.

Ich hatte es wirklich nicht soweit kommen lassen wollen. Doktor Alexander. Wir sind keine Unmenschen.« »Das ist auch unser Wunsch. denn dann gehört es der Kirche.« »Es gehört der ganzen Welt. Wir haben uns nicht verschworen. wie Sie glauben. nicht wahr?« »Wenn es sich um ein christliches Dokument handelt. Wenn Sie mit mir irgendwann einmal darüber in meinem Büro sprechen möchten…« »Sie werden die Schriftrolle aus dem Sarkophag der Amelia an sich nehmen. werden wir sie den Wissenschaftlern zugänglich machen und ihren Inhalt veröffentlichen. was in dieser Rolle geschrieben steht. Und ich werde dafür sorgen.« 643 . Wir ›verstecken‹ Schriftrollen nicht.zu haben. ja.« »Eine bedauerliche Episode. Wenn sich die siebte Rolle hier befindet. daß die Welt liest. Und«. fügte er seufzend hinzu. »wir sind nicht Ihre Feinde. der Welt die Wahrheit vorzuenthalten.

an ihrer Seite stehen. New Mexico Die Gäste auf dem großen Anwesen feierten in der späten Nachmittagsonne und drängten sich in den Festzelten um die üppigen Büfetts mit den erlesensten Delikatessen und Spezialitäten aus der ganzen Welt. mit den Menschen auf dem Petersplatz das neue Jahrtausend zu beginnen. Im Augenblick bereiteten sich die Gäste von Erika und Miles Havers darauf vor. Es war dort bald Mitternacht. Dieses Kunstwerk aus Zucker wollte er an der Seite von Erika mit einem Feuerwerk den Gästen im Europa-Zelt präsentieren. Miles sollte in diesem Augenblick. Wohin war Miles verschwunden? Sie beauftragte einen der vielen burgunderrot und weiß gekleideten Diener.Santa Fe. den Veranden und Salons. sich bei seinem Butler nach ihm zu erkundigen. In Rom richteten sich alle Augen auf Seine Heiligkeit den Papst. Aber Erika suchte ihren Mann schon seit geraumer Zeit. ja sogar im Freien konnte man auf den Projektionswänden das Geschehen in aller Welt verfolgen. Miles hatte von Zuckerbäckern aus Salzburg den Eiffelturm. 644 . während der Papst in Rom die Menge segnete. so war es besprochen. Aber überall in den großen weißen Zelten. Big Ben. das Brandenburger Tor und den Petersdom ›nachbauen‹ lassen. Die Alte Welt feierte die Jahrtausendwende. Jedes Zelt war einem Kontinent gewidmet.

Rom Die Gruppe in der Gruft hörte. Während sich die Fahrstuhltüren schlossen. die wie aus einem Mund ›Dieci!‹ riefen. sagte Michael. ihr Mann sei in seinem Museum. Eminenz«. aber die Spannung stieg. wie hinter ihr die Gäste fröhlich wiederholten: ›Zehn!‹ Für sie war es die dritte Jahrtausendwende seit dem Mittag.Der Vatikan. wie die Menge oben auf dem Platz im donnernden Chor begann. wenn auf dem Petersdom in Rom die Kirchenglocken zu läuten begannen? 645 . »Aber wir werden den Sarkophag öffnen. ›Dieci!‹ »Vergeben Sie mir.« Er blickte mit gerunzelter Stirn auf die vier Gardisten. Sie verließ eilig das große weiße Zelt. Der Butler hatte Erika ausrichten lassen. hörte Erika. Was würde geschehen. wenn im fernen Europa. die Minuten bis Mitternacht zu zählen. New Mexico Auf den Projektionswänden sahen und hörten die Gäste den Chor der vor dem Petersdom versammelten Gläubigen. Santa Fe. Es lag etwas Besonderes in der Luft.

New Mexico ›Neun!‹ Erika stand etwas außer Atem vor dem Museum im Untergeschoß. den Deckel von seinem Platz zu schieben. Kardinal Lefevre und Ehrwürden Callahan sprachen leise ein Gebet für die Tote. Rom ›Otto!‹ Michael und Vater Sebastian traten seitlich an den Sarkophag und begannen mit Hilfe der beiden Gardisten. Zwei Gardisten legten die Hellebarden ab und näherten sich dem Sarkophag.Der Vatikan. Sie blickte in das kaum erkennbare Auge der Überwachungskamera und rief leise: »Miles? Bist du hier?« Der Vatikan. 646 . Santa Fe. Rom ›Nove!‹ Kardinal Lefevre machte eine Handbewegung.

blickte sie fragend in den langen großen Raum. obwohl er ihr als einzigem Menschen einen besonderen ›Schlüssel‹ anvertraut hatte. New Mexico ›Sieben!‹ Erika eilte beunruhigt durch das Museum.Santa Fe. Sie konnte die täglich wechselnde Zahlenkombination mit ihrem Namen aufrufen. »Miles. Liebling?« Der Vatikan. sagte Michael. wenn ich es sage. Normalerweise überließ sie das immer Miles.« Santa Fe. »alle zusammen. Sie konnte nicht warten. dessen Schätze sanft von der indirekten Beleuchtung angestrahlt wurden. Rom ›Sette!‹ »Okay«. New Mexico ›Acht!‹ Erika hatte den Code eingegeben. Aber die Zeit drängte. bis er sie auf dem Überwachungsbildschirm sah. Als die Tür geräuschlos zur Seite glitt. »Miles?« 647 .

die ihr Mann im Laufe der Jahre zusammengetragen hatte. Sie kannte die Sammlung. daß sich der Deckel bewegte. Es war neu. Aber dann blieb sie verblüfft stehen. New Mexico ›Sechs!‹ Erika beachtete die Schätze nicht. Ihre Unruhe trieb sie vorwärts. Der Vatikan. Santa Fe. während er gegen den Deckel des Sarkophags drückte. 648 . Mit angehaltenem Atem wartete sie darauf. Rom ›Cinque!‹ Catherine blickte auf Michaels breiten Rücken. dessen Muskeln sich vor Anstrengung spannten. der vor fast zweitausend Jahren geschlossen und versiegelt worden war. An der Rückwand stand ein Kabinett.Der Vatikan. Sie hatte es nie zuvor gesehen. Rom ›Sei!‹ Der Deckel des Sarkophags rührte sich nicht von der Stelle.

Trotzdem. »Noch einmal. sagte Michael stöhnend und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Bestimmt befand sich in dem Kabinett ein Neuzugang. Der Vatikan. Warum hat er mir nichts davon gesagt? Soll es eine Überraschung für mich sein? War er deshalb in diesem Augenblick hier unten im Museum und nicht bei den Gästen? Miles war ein hervorragender Stratege. New Mexico ›Fünf!‹ Erika trat neugierig näher. um es seiner Sammlung hinzuzufügen. aber diesmal mit ganzer Kraft!« 649 .Santa Fe. Vermutlich hatte er sie auf diese Weise geschickt hierher gelockt. Sie überlegte. was für Miles wertvoll genug war. ihre Unruhe wurde sie nicht los. Erika lächelte unsicher. Rom ›Quattro!‹ »Also«.

Beobachtete er sie? Sollte sie den Schrank öffnen? Wartete er darauf? Dieser Mann! Er denkt sich immer wieder etwas Neues aus… Erika wollte keine Spielverderberin sein. Miles ließ den Hörer sinken und beendete abrupt das Gespräch. Rom ›Tre!‹ Der Deckel glitt mit einem lauten Knirschen endlich einen Fingerbreit zur Seite. Er sprang auf und rannte los. die Tür zu öffnen. Zögernd streckte sie die Hand aus. New Mexico ›Drei!‹ Der Überwachungsbildschirm blinkte. Sie ergriff den kleinen Elfenbeinknopf und begann. 650 . Das Kabinett war nicht verschlossen. New Mexico ›Vier!‹ Erika sah sich suchend um. Er sah Erika mit dem Rücken zur Videokamera in seinem Museum. Miles war nicht zu sehen. Sie stand vor dem neuen Kabinett. und ein Warnton setzte ein.Santa Fe. Santa Fe. Der Vatikan.

um mit der Taschenlampe in das Innere zu leuchten.Der Vatikan. dann noch etwas. New Mexico ›Zwei!‹ »Erika!« rief Miles außer Atem. der breit genug war. Rom ›Uno!‹ Catherine blickte in den Sarkophag der Amelia. Santa Fe. Er blieb wie angewurzelt stehen. Aber es war zu spät. bis schließlich ein Spalt entstand. Rom ›Due!‹ Der Deckel des Sarkophags glitt etwas weiter zur Seite. ›Buon Anno!‹ Santa Fe. »Nein…« Der Vatikan. New Mexico ›Eins!‹ Erika stand erstarrt vor dem Sonnenwend-Kachina. Dann sank sie lautlos zu Boden. ›Gutes Neues Jahr!‹ 651 .

« »Wir haben das Jahrtausend noch nicht hinter uns«.Der Vatikan. »Dann müssen wir also noch einmal dreihundertfünfundsechzig Tage warten. die Decke. Sie lauschten angstvoll und rechneten fast damit.« Sie mochte diesen Mann nicht. »Offenbar werden wir bei dieser Jahrtausendwende doch nicht zu Zeugen der Apokalypse. als die Welt den Atem anhielt. »In der Tat. Dann hörten sie den Jubel und die Freudenrufe aus den Kehlen der mehr als Hunderttausend. Kardinal Lefevre seufzte erleichtert auf. Alles blieb still. und die Erde tat sich nicht auf. 652 . Er war bestimmt nicht zu unterschätzen. um alle zu verschlingen.« Herausfordernd fügte sie hinzu: »Habe ich recht?« Er sah sie mit einem rätselhaften Lächeln an. daß die Mauern des Mausoleums. bevor wir wissen. erwiderte Catherine und fügte gegen ihren Willen hinzu: »Eminenz. Doktor Alexander«. Nur ein kurzer Augenblick des Schweigens entstand. erst dann ist auch das alte Jahrtausend wirklich zu Ende. Die neun Menschen in der Gruft hoben erschrocken die Köpfe.« Er trat an den Sarkophag und blickte hinein. Keine Posaunen. Dann plötzlich – das dumpfe weithin hallende Geschrei und Getöse verstummte. »Erst wenn das Jahr zweitausend vorbei ist. Nichts geschah. die ganze Basilika einstürzen werde. keine Engel und kein Erdbeben. Der Himmel öffnete sich nicht. sagte er und nickte. Rom Über ihnen dröhnte die Erde. ob das prophezeite neue Zeitalter angebrochen ist.

»Ora pro nobis!« flüsterte Kardinal Lefevre und bekreuzigte sich. Sie warf noch einmal einen Blick in den Sarkophag. Alles würde vorüber sein. »… das Grab ist vor langer Zeit ausgeräumt worden. die Nekropole zuzuschütten. Aber wo war Amelia? 653 . »Ich vermute…«.« Catherine sah sich in dem hell erleuchteten Grab um. ob in dem Seufzen Erleichterung oder Enttäuschung lag. Langsam löste Zeke das Kleinkalibergewehr und nahm es aus dem Halfter. Vielleicht hat man es schon damals geöffnet.« Er seufzte. die Ecken und selbst die Fresken – nirgends konnte eine Schriftrolle versteckt sein. Sonst bekommen Sie keinen Penny. daß ausgerechnet er bei diesem mehr als zweifelhaften Geschäft leer ausgehen sollte. Wie Sie die Frau hinterher aus dem Weg räumen. Er würde saubere Arbeit leisten. Er wirkte unbenutzt. »Die ganze Mühe war vergebens. sagte der Kardinal in einem Ton. Es gab keinen Grund dafür. überlasse ich Ihnen. daß es so endete. das in tiefer Dunkelheit lag. »Nehmen Sie die Schriftrolle an sich. Er entsicherte und verließ lautlos das Grabmal der Julia Mater. und Catherine wußte wieder nicht.« Das waren die letzten Worte von Havers gewesen. den Catherine nicht deuten konnte – war er enttäuscht oder triumphierte er insgeheim? -. nicht einmal Asche. er brauchte keine weiteren Anweisungen mehr.In seinem Versteck. Die Verbindung war plötzlich unterbrochen. bevor jemand wußte. als Konstantin befahl. kein Skelett. denn es lag nichts in Amelia Valerias Sarkophag – keine Schriftrolle. Sie betrachtete aufmerksam die Nischen. Nun gut. Darin war niemals ein Mensch begraben worden. Er hatte nicht gewollt. was geschah. schob Zeke das Handy in die Tasche.

als sei der Petersdom schließlich doch noch über ihnen zusammengestürzt. Sie drückte seine Hand. Ihre Schatten bewegten sich an den Wänden wie eine Begräbnisprozession aus alter Zeit. Zeke. Es gab keine Schriftrolle. sonst wäre er für seine Arbeit nicht bezahlt worden. daß es ihm nicht gefiel. sich den Forderungen von Havers zu beugen. »Ich muß jetzt zu Seiner Heiligkeit.« Sie verließen das Grab und gingen durch die Straßen der Toten.« »Jawohl. Als sie an Zekes Versteck im Grabmal der Julia Mater vorübergingen. der mit der Wendung der Dinge zufrieden war. Er wollte es ihr heimzahlen. Michael griff verstohlen nach Catherines Hand.Kardinal Lefevre wandte sich an Michael. Zeke war der einzige. Er würde sich nach dieser Demütigung und der schlechten Behandlung jedoch endgültig von Miles Havers verabschieden. wie Zeke die Alexander auf eigene Faust verfolgt hatte. Zeke konnte nach Hause gehen und sein Geld abholen. Aber nichts war gut. ohne ihm Bericht zu erstatten. Eminenz. Wir sprechen uns in den nächsten Tagen. Es kam ihr vor. Nun war sein Vertrag erfüllt. Sie hatte ihm eine Niederlage nach der anderen zugefügt. Er sah sie entschuldigend und voll tiefem Bedauern an. »Ein gutes Neues Jahr«. wollte sie zu ihm sagen. Zeke war wie immer gezwungen gewesen. Vater Garibaldi. Das würde sie büßen. Havers hatte bereits durchblicken lassen. sahen sie weder ihn noch sein Lächeln. ein Zug der Trauernden. Er hatte nicht gewollt. wohin er sich wieder zurückgezogen hatte. daß für Catherine Alexander alles so schnell vorbeisein sollte. weiter vorgehen sollte. ohne ihm die Entscheidung zu überlassen. wie er. Und alles andere einfach vergessen? 654 .

wozu andere sich zu fein waren. Dann mußte er nicht mit einem Handy am Ohr auf den Befehl warten. das zu tun. das gab es bei ihm nicht! Er würde sich rächen. aber auf seine Art.Nein. aber an einem Ort und zu einer Zeit. 655 . die er bestimmte. Er würde töten.

DAS NEUE JAHRTAUSEND 656 .

Der Anrufbeantworter hatte 99 Anrufe registriert. daß sie schlecht geträumt hatte. Sie war in den vergangenen Jahren oft von hier abgereist und manchmal erst nach Monaten wiedergekommen. doch diesmal hatte sie zum ersten Mal bei ihrer Rückkehr das Gefühl. Sie wußte nicht. »Was wirst du jetzt tun?« hatte er gefragt. Sie wollte nur schlafen. Sobald sie wieder einen klaren Kopf hatte. Catherine war als ›Schwester Elisabeth aus dem Kloster Greensville‹ in die Vereinigten Staaten zurückgekehrt. Januar 2000 Santa Monica. Nur der Stapel Zeitungen und die Post auf dem Eßtisch erwarteten sie. Catherine hatte weder für Zeitungen und Post noch für die Anrufe das geringste Interesse. Kalifornien Catherine hatte ein seltsames Gefühl. Der wöchentliche Reinigungsdienst hatte die Wohnung saubergehalten. Andere Nachrichten beherrschten die Schlagzeilen. 1. was grausamer gewesen war: die siebte Rolle nicht gefunden zu haben oder die Trennung von Michael. doch die Atmosphäre war so steril. eine fremde Wohnung zu betreten. als lebe hier niemand. wollte sie nach Santa Barbara fahren und zur Polizei gehen. nachdem die Jahrtausendwende schon ein alter Hut war und der Vatikan 657 . daß sie Havers nicht mehr fürchten mußte. Sie vermutete. weiter ging das Zählwerk nicht. lange schlafen und dann Anfang Dezember 1999 aufwachen und feststellen.Samstag. Beim Abschied auf dem Flughafen in Rom hatte sie die Hilflosigkeit in seinen Augen gesehen.

hatte er geantwortet. Nach dieser Klarstellung zog er sich aus der ganzen Sache zurück. was mit den Texten geschehen sollte. Catherine hatte das abgelehnt. daß Sabinas Geschichte nichts anderes erzählte als das abenteuerliche Leben einer Frau. Kardinal Lefevre hatte Catherine aufgefordert. ihren angeschlagenen Ruf zu retten… »Und was wirst du tun?« hatte Catherine nach dem letzten Aufruf ihres Flugs Michael gefragt. Catherine fühlte sich innerlich leer. Im Augenblick wußte sie jedoch nicht. Die sechs Schriftrollen aus dem Sinai hatte ihr bis jetzt niemand nehmen können.offiziell verkündet hatte. sie ihm zu übergeben. sie der ägyptischen Regierung zurückzugeben? Dann konnte es ihr vielleicht gelingen. um seinen Glauben zu erforschen und über seine Berufung nachzudenken. Nach den großen Hoffnungen hatte sich herausgestellt. als sei in den vergangenen drei Wochen Tag für Tag etwas von ihr aufgezehrt worden. er sei an den Schriftrollen nicht interessiert. Sabinas unvollständige Geschichte zu veröffentlichen. Das tiefgreifende Erlebnis im Dom von Aachen war nur noch eine blasse Erinnerung. Er war vorübergehend von allen Pflichten suspendiert und wurde nach Montreal in ein Zisterzienserkloster geschickt. bis sie nur noch eine leere Hülle war. »Nach dem. es seien keine christlichen Dokumente und deshalb ohne Wert für die Kirche. Oder sollte sie die Schriftrollen einfach behalten und für den Rest ihres Lebens nach der siebten suchen? Wäre es klüger. was geschehen ist… ich weiß es nicht«. 658 . Eine Möglichkeit wäre. Sie versicherte ihm jedoch.

wenn sie bei einer Ausgrabung war? Die Ausgrabung… »Ich habe mit der ägyptischen Regierung deine Rückkehr vereinbart«. hatte Julius gesagt. daß ich wieder zu Hause bin.Ich sollte Julius anrufen und ihm sagen. Aber sie konnte noch nicht mit ihm sprechen. werde ich nie mehr in dein Leben treten«). Warum schickten ihr die Leute eigentlich Weihnachtskarten. Bleib gefühllos. daß es wirklich keine siebte Schriftrolle gab. sieh dir die Rechnungen an. trug keinen Absender. schmerzte immer noch. Neugierig öffnete sie es und hielt ein dünnes. Peter. Die Wunde. Lies die Weihnachtskarten. Aber hier in Santa Monica stellte sich das Gefühl. die er ihr mit seinen letzten Worten im Kloster zugefügt hatte (»Wenn ich jetzt aus diesem Zimmer gehe. Ihr Blick fiel auf den Titel: »Sacre Grotte Y Scavi Sotto San Pietro – Die heiligen Grotten und die Ausgrabungen unter St. mit aller Bitterkeit wieder ein. aber sie sah amerikanische Briefmarken. woher es stammte oder weshalb man es ihr geschickt hatte. Sie mußte ihm fairerweise gestehen.« Es war 1953 im Verlag des Vatikan erschienen: »Libreria Editrice Vaticana. beschäftige dich mit dem Alltäglichen… Ganz oben auf dem Stapel entdeckte sie ein kleines Päckchen. Weder ein Brief noch eine Karte oder eine Widmung verrieten. italienisches Buch in der Hand. Nur nicht daran denken. Sie hatte sich sogar selbst die Schuld gegeben. betrachte dir den Jahresbericht der Hausverwaltung. Im Aachener Dom hatte sie ihm alles verziehen.« 659 . allein gelassen worden zu sein. Es war in braunes Packpapier gewickelt. Catherine schüttelte unwillig den Kopf. Sie stellte das Gepäck ab und warf einen Blick auf den Stapel Post.

blätterte es noch einmal durch und betrachtete aufmerksam die Abbildungen: Christus als Apollo. Genau an dem Tag. Catherine überlegte. Er war auf den Briefmarken kaum erkennbar.Catherine blätterte verwundert darin. Kein einziges Gesicht kam ihr bekannt vor. Wo hatte sie diesen Namen schon einmal gehört? »Jetzt bin ich Mutter Elisabeth. hörte sie eine Stimme. Warum hatte man ihr das Buch geschickt? Von wem kam es? Ihr Blick fiel wieder auf das Packpapier. Wie war noch der Name des Klosters in der Nähe von Montreal? St…. Sie blickte auf das Gesicht der sechsundvierzig Jahre jüngeren Äbtissin. und drei Minuten später wählte 660 . die damals als Archäologin an den Ausgrabungen unter dem Petersdom teilgenommen hatte. obwohl die Ausgrabungen in der Nekropole beim Entstehen der Aufnahmen noch nicht so weit fortgeschritten gewesen waren wie am Ende des Jahrtausends. »Mein Gott«. Dann las sie die Namen. St. Das Päckchen war vor einer Woche abgeschickt worden. an dem sie aus dem Kloster geflohen war. Solange! Sie rief die Auskunft an. Dann sah sie den Poststempel. Sie schlug das Buch wieder auf. Die SchwarzweißAbbildungen weckten schmerzliche Erinnerungen. um die sieben Personen besser sehen zu können. und ihre Gedanken überschlugen sich. Catherine trat ans Fenster. Catherine griff zum Telefon. die Orante der Amelia Valeria. Bis auf… ›Gertrude Majors.‹ Catherine runzelte die Stirn. aber bevor ich in den Orden eintrat… 1966 war ich…«. Gegen Ende befand sich eine Gruppenaufnahme der Archäologen. Auch sie sagten ihr nichts. flüsterte Catherine. ›Vermont‹ konnte sie mit Mühe entziffern und dann das Datum.

»Ich würde gern Vater Michael Garibaldi sprechen. Es ist dringend. bis er an den Apparat kam. sagte sie aufgeregt.sie die Nummer in Kanada.« Es dauerte eine Ewigkeit. »Michael«. wo sie sich befindet!« 661 . »es gibt die siebte Schriftrolle doch! Und diesmal weiß ich ganz sicher.

daß diese Alexander früher oder später einen Fehler begehen würde. daß er die Kachina sofort an die Sippe von Kojote zurückgab und alle davon überzeugte. und Havers sagte nur ein Wort: »Vermont. daß er bei ihrem Kauf nicht gewußt habe. der verwundete Blick ihrer großen Augen. Bei dem Gedanken an den Ausdruck auf ihrem Gesicht an Silvester. das wiedergutzumachen.« Er hatte gewußt. Er ließ ihr Telefon immer noch abhören und ihre Wohnung immer noch überwachen. Während er Zekes Nummer wählte. blickte Miles hinunter auf den Tennisplatz. lief es ihm immer noch eiskalt über den Rücken. ihre Seelenqual… Miles beschloß.« 662 . Das hätte sie wissen müssen. daß es sich um ein so bedeutsames Heiligtum handelte. Er hatte die Situation – und seine Ehe – nur noch dadurch retten können. als sie nach mitteleuropäischer Zeit genau um Mitternacht das Kabinett geöffnet hatte und dann ohnmächtig geworden war. New Mexico Miles legte den Hörer auf und sagte leise zu sich selbst: »Der Sieg gehört dem Geduldigen.Santa Fe. wo Erika scheinbar sorglos wie immer spielte. Zeke nahm ab. für den Rest seines Lebens alles zu versuchen. Erikas Gesichtsausdruck.

« »Sollte?« »Vergeben Sie mir. konnte ich nicht anders. daß Sie zurückkommen würden«. die ihm aufgetragen hatte. »ich war Archäologin und habe bei der Ausgrabung der Nekropole unter dem Petersdom mitgewirkt. Ich fühlte mich beinahe als ihre Hüterin. die in einer Nische stand. Die Äbtissin hatte sie ohne die geringste Überraschung begrüßt. als wache 663 . etwas aus den Scavi an mich zu nehmen. weil ich nicht sicher war. »Ich wußte. ob ich es tun sollte. wenn ich sie nicht an mich nahm. Vermont »Ja«. sagte die Äbtissin. Die Strahlen der Januarsonne fielen durch die bleigefaßten Fensterscheiben.Kloster Greensville. sagte sie jetzt.« Catherine und Michael saßen im Büro der Äbtissin. Vater Garibaldi. habe ich Ihnen nichts von der siebten Schriftrolle gesagt. Mich ließ der Gedanke nicht los. Diese Art Plünderung habe ich immer mißbilligt. das wird seltsam klingen. Als Sie hier waren. Ich hatte noch nie etwas gestohlen und erst recht nicht bei einer Ausgrabung. Aber ich hatte nicht die Absicht.« Catherine erinnerte sich an ihren unwiderstehlichen Drang. Und dann dachte sie an Ihn Hassans ›schöne Frau in Weiß‹. ich bin sicher. daß die Rolle beschädigt oder von einem skrupellosen Sammler gestohlen werden würde. Es schien fast. »nachdem Sie das Buch gesehen hatten. Doch ich geriet unter einen unerklärlichen Einfluß. Die beiden hatten sich am Flughafen von Montpelier getroffen und waren mit einem Leihwagen zum Kloster gefahren. die Schriftrollen aus Ägypten zu schmuggeln und in Sicherheit zu bringen. den Brunnen zu verschließen. Als ich die Schriftrolle in einer Urne entdeckte.

fuhr die Äbtissin fort. Sie befand sich im Klosterarchiv.Sabinas Geist über die Schriftrollen. Das war eine Sünde. fragte Catherine. »glaubte ich. Am Ende bin ich jedoch hier im Kloster geblieben. Ich wußte es damals nicht. bekreuzigte sich und murmelte: »Gott möge mir verzeihen. wurde mir klar. es handelt sich um die Asche einer Heidin. Vermutlich gab es damals bereits Christenverfolgungen.« »Als ich die Schriftrolle nach Hause gebracht und übersetzt hatte«. antwortete die Äbtissin. warum Amelia nicht in ihrem Sarkophag begraben wurde?« Die Äbtissin schloß die Augen. das mich zu den anderen Rollen führen würde.« 664 . sondern auch Asche«. daß sie Fehler enthielt. »Ich habe die Asche wie Abfall weggeworfen. erwiderte Catherine. »Ich hatte keine Ahnung. Das bestärkte mich nur in meinem Entschluß herauszufinden. wer die Verfasserin ›meiner‹ Schriftrolle war.« Catherine und Michael wechselten einen erstaunten Blick. »wurden sie von der Obrigkeit dazu gezwungen. »Die Urne enthielt nicht nur die Rolle. Sie sah ihre Besucher traurig an. auf ein unbekanntes Evangelium gestoßen zu sein. daß es sich bei dem Text um insgesamt sieben Schriftrollen handelt.« Sie blickte aus dem Fenster und lächelte wehmütig. obwohl man einen christlichen Sarkophag hatte anfertigen lassen?« »Vielleicht«. und dabei stieß ich auf die Handschrift des Thomas von Monmouth.« Michael fragte verwundert: »Die Angehörigen ließen Amelia verbrennen. Ich dachte. Als ich hierherkam und sie las. »wissen Sie. den ersten Teil zu finden. Ich war wie besessen von dem Gedanken. Ich habe zwanzig Jahre nach etwas gesucht. »Ehrwürdige Mutter«.

Alexander zu sprechen. Ich mußte Gott bitten. aber irgend etwas hielt mich davon ab. Mir blieb nur die Möglichkeit. Deshalb fühlte ich mich doppelt schuldig. Aber als ich auf die Handschrift von Thomas stieß. »Als die Beamten hier aufgetaucht sind.« »Ist sie hier?« fragte Catherine. »Es tut mir leid. Ich mußte beten. Also habe ich ihr das kleine Büchlein geschickt. zu mir kamen und sagten. gab es für mich keinen Zweifel daran. Ich fand es völlig in Ordnung. mich zu führen. Als Buße trat ich in den Orden ein. »Ist die siebte Rolle 665 . Ich hatte keine Nachrichten gehört und wußte nicht. daß ich Sie durch mein Schweigen belogen habe. sagte Michael nachdenklich. daß ich Ihnen helfen mußte. Mir war klargeworden. Vater. »Denn sonst hätte das FBI alles beschlagnahmt. um mit Dr. war ich überrascht. nicht die richtige Achtung entgegengebracht.« Sie sah Michael an. »Als Sie in jener Nacht. Beinahe hätte ich Ihnen sogar von der siebten Rolle erzählt. Später wurde ich Äbtissin des Klosters. daß Sie im Besitz von Sabinas Geschichte waren. was ich zu tun hatte.« Sie wandte sich an Catherine. auf meine innere Stimme zu hören.Sie wurde unruhig und stand auf. Ich habe der Asche dieser Frau.« »Das war eigentlich gut so«. daß ich irrtümlich die Asche einer Christin entfernt hatte. die Überreste von Heiden respektlos zu behandeln. einer Christin. wurde mir klar. In jungen Jahren war ich sehr fromm und bildete mir viel auf meine Religion ein. Voss gesprochen hatten. »Mich quälte das schlechte Gewissen. bestätigte die Äbtissin. alle Religionen zu achten. nachdem Sie mit Dr. Als Sie und Dr.« »Ja«. war ich bereits älter und hatte gelernt. Sie seien in Gefahr und müßten fliehen. Alexander hierherkamen.

»Ja. Die sechste Rolle hatte mitten in dem Satz geendet. schrecklichen Reich. als sie in Greensville ankamen. Ganz unten auf der letzten Seite befanden sich die Unterschriften von Sabina und Perpetua. wann immer Sie wollen.und wieder rauskommen«. Ich hatte zwar den größten Teil meines Lebens in den Wäldern verbracht. hatte Raphael gesagt. als sie durch den verschneiten Wald hinter dem Kloster stapften. Die Geister und Gespenster.hier?« »Ja. dampfenden Dschungel. »Ich bin froh. »Ich hasse Schnee. die 666 . auf den heißen. sagte Catherine.« Der Papyrus war noch eine Rolle mit Stäben an beiden Enden. Er konzentrierte sich auf die steinernen Türme vor ihnen und auf die hohen Mauern. und plötzlich waren die Wälder nicht mehr freundlich. und die siebte Schriftrolle begann mit den Worten: »diesem dunklen. Catherine und Michael sahen erstaunt etwas. schrecklichen Reich. Sie können sie lesen. daß wir schnell rein. Ich freue mich schon auf Borneo.« Zeke erwiderte nichts.« … diesem dunklen. wenn dieser Auftrag endlich erledigt ist.« Er lachte. Jetzt war ich allein und lief um mein Leben. schimpfte Raphael. »Das müssen Sie selbst entscheiden. doch ich war immer mit meiner Familie zusammen dort gewesen. »erzählt sie das Ende von Sabinas Geschichte?« Die Äbtissin lächelte.« »Das ist vielleicht eine Kälte«.« »Ehrwürdige Mutter«. das sie nicht erwartet hatten. »Machen wir. Die Bilder des Gemetzels standen mir noch lebendig vor Augen. die den alten Nonnen einen zweifelhaften Schutz gewährten. »Ich fürchtete mich vor…«.

daß die wilden Tiere meine Leiche verschonen würden. Ich weinte so bitterlich um den Verlust ihrer Seelen. richtete ich ein Gebet an den Gerechten. Und ich würde sie nie mehr wiedersehen. denn es war ein Fremder. Verfolgt von dieser schrecklichen Seelenqual rannte ich immer tiefer in den Wald. den ich vor so vielen Jahren am Salzmeer gesehen hatte. waren zwar die Götter.« 667 . An seiner Kleidung und der Axt erkannte ich. und ich wußte sofort. ohne etwas vom ewigen Leben zu wissen. Schlimmer als das war jedoch meine Verzweiflung darüber. Ich legte mich in den Schnee und betete. daß meine Familie tot war. Ich erzählte ihm von meiner Verzweiflung. der durch die Bäume auf mich zukam. Er hob mich aus dem Schnee empor. wer er wohl sei. wenn ich meiner Familie vom Weg des Gerechten erzählt hatte. Nach einer Weile spürte ich etwas in meiner Nähe. und er sagte: »Vertraue auf deinen Glauben. wo sein Haus stehen mochte. Ich schlug die Augen auf und sah einen Mann. Ich dachte an die Abende am Feuer. meine Augen füllten sich mit Licht. doch ich empfand sie als gefährlich und hatte schreckliche Angst. da fragte ich mich erstaunt. Schließlich konnte ich nicht mehr weiter. und ich kannte die Menschen in diesem Wald. Grauen und Verzweiflung erfüllten mein Herz. daß die Tränen auf meinen Wangen zu Eis erstarrten. Als ich dem Tod nahe war.darin wohnten. Als er mich beim Namen rief – nicht meinem germanischen. Aber ich fragte mich. die das Volk meines Mannes verehrte. sondern Sabina. Die herabhängenden Zweige zerkratzten mir die Arme und das Gesicht. ich sie aber nicht zum rechten Glauben bekehrt hatte. daß er der Gerechte war. weil meine Familie für immer verloren war. denn mein geliebter Sigmund und unsere Kinder waren gestorben. daß es sich um einen Holzfäller handelte.

Die Erde war fruchtbar. und der weiße Schnee färbte sich nicht rot von ihrem Blut. Man dachte. ohne sich dem Weg anzuschließen. mein Pindar. denn das. die mich auf meiner Reise durch das Leben begleitet hatten. was man geglaubt hat. denn an das freie Leben in den schützenden Wäldern hatten sie geglaubt. und die Sonne schien warm. ich sei tot. daß mich ein Erkundungstrupp gefunden und in die Garnison gebracht hat. sie waren dort für die Ewigkeit. Meine lieben Schwestern. Dann hat man meinen Puls gefühlt und gesehen. dann hat er die ewige Freude seines eigenen Glaubens gefunden. und ich hatte eine Vision. Aber mir wurde gestattet. sondern leben. nicht länger auf dieser Erde weilt. Sie waren in unserem Dorf. nicht für immer tot waren. was der Prediger auf dem Marktplatz in Antiochia vor vielen Jahren gemeint hatte. alle Menschen. wird einem widerfahrene« In diesem Augenblick wußte ich. daß alle meine Freunde. daß ich atmete. Und wenn mein geliebter Erstgeborener. Und jeder gehe seinen Weg. noch einmal zurückzukommen. mein Vater mit seinen Brüdern bei Mithras. daß ich möglicherweise tot war oder am Rand des Todes stand. Sie waren glücklich. glaubt nur.Ich fragte: »Was soll ich glauben. Meister?« Und er sagte: »Das Haus meines Vaters hat viele Wohnungen. Wie leicht und mit welcher Freude kommt mir 668 . Perpetua sagt. Sie waren nicht tot. am Spieß briet das Wildbret. Ich wußte. als er sagte: »Der Gerechte hat uns gelehrt: ›Fürchtet euch nicht. sie leben alle und jeder seinem Glauben gemäß: Satvinder in Schalimar. um der Welt diese Botschaft zu bringen.« Er legte mir die Hand auf die Augen. Ich glaube. und in den Bechern schäumte der Met. Philos in den elysischen Gefilden. Die Feuer brannten. Ich sah Sigmund und die ganze Familie. Nun verstand ich. und meine Mutter in einer der vielen Wohnungen des Gerechten.

Es ist ein persönliches Erlebnis. den sie kennen. er werde wiederkehren. so wird es für uns sein. in denen ich Sigmunds Sprache gesprochen habe. sage ich Dir.nach all den Jahren. daß mich der Gerechte vor dem Tod in den Wäldern gerettet hat. Der Gerechte kommt zu jedem von uns auf eine andere Art zurück. sondern für jeden in einem anderen. sondern ein persönliches. der Sprache der Gemeinde und des Weges. damit wir es finden und daran glauben. weil er keine menschliche Gestalt annimmt. Die Wiederkehr findet nicht an einem bestimmten Tag oder zu einer bestimmten Stunde statt. vielleicht auch einfach als ein Zeichen am Himmel. Er ist zu mir zurückgekehrt. das Griechisch meiner Jugend über die Lippen! In dieser Sprache. in einem persönlichen Augenblick. Wie immer wir uns dieses Reich vorstellen. Der Gerechte hat uns vor langer Zeit gesagt. Und er hat mir noch etwas gesagt. solange wir vorbereitet sind und glauben. Das Ende der Welt kommt nicht in einem apokalyptischen Ereignis. Und das Versprechen erfüllt er. sind. Und er wird sagen. anderen erscheint er als ein Prophet oder als der Gott. Wir waren im Dunkel. und der Gerechte ist gekommen. 669 . um uns das Licht zu zeigen. liebe Amelia. daß wir alle die Kinder Gottes. wie er zu uns allen zurückkehrt. und das Reich ist in uns. Wieder anderen mag er als einer der Ahnen erscheinen oder als Engel. seine Töchter und Söhne. dessen Zeitpunkt unser eigener wahrer Glaube bestimmt. sie ist kein universales Ereignis. Wir werden nicht allein geboren. und wir müssen nicht allein sterben – nicht. Manche werden ihn vielleicht nicht erkennen. Der Weg ist das Licht. damit ich Dir die Botschaft verkünden kann: Wir sind alle Töchter und Söhne Gottes. Wir werden aus dem ewigen Leben geboren und kehren zum ewigen Leben zurück.

daß wir von hier auf dem schnellsten Weg nach 670 . wenn der Job erledigt ist. »Havers hat dir mein Geld gegeben?« »Du warst nicht da. daß jeder Dummkopf es mit einem Stück Draht öffnen konnte. Havers möchte. Die alten Nonnen würden beim ersten Anzeichen von Gefahr die Flucht ergreifen. »Übrigens«. dachte Raphael. sagte er und beugte sich über das alte Schloß im Tor. die Nonnen waren in der Kapelle und würden sie nicht stören. daß nur eine einzige richtig ist und alle anderen falsch?« Und Michael hatte geantwortet: »Ich glaube. daß die letzte Schriftrolle schon die ganze Zeit hier ist.« Zeke sah seinen Partner mit blassen. Sie betrachteten prüfend die Mauer und das Tor. »Also. als einen Ameisenhaufen zu zerstören. als der Geldbote kam. um ihn nicht zu beschädigen. ausdruckslosen Augen an. die Antwort darauf können Sie nur in sich selbst finden. und dachte dabei an die Frage.Catherine entrollte behutsam den brüchigen Papyrus weiter. Er sah mit einem Blick. »alle die unterschiedlichen Glaubensvorstellungen… Ist es möglich. was nun?« fragte Raphael. verstand sie. Sie hörten Gesang. hatte sie gefragt. was er gemeint hatte. die ganze Sache würde nicht schwieriger sein. Hätten wir das von Anfang an gewußt. Er und Zeke zweifelten nicht daran. »Havers hat mir dein Geld gegeben. denen Sabina begegnet ist«. Wirklich komisch. Du sollst es bekommen. Das bedeutete. »Alle diese Menschen. wäre uns viel Arbeit erspart geblieben. Mr. Und die Frau konnte sich nicht verteidigen. hatte er geantwortet. die sie Michael im Hotel Atlantis gestellt hatte: »Ist der Katholizismus der einzige wahre Glaube?« »Für mich ist er es«. die letzte Seite zu lesen.« Als Catherine jetzt begann.