Barbara Wood

Die Prophetin

corrected by eboo

Ein Erdrutsch in den Hügeln von Los Angeles legt eine Höhle frei – mit uralten Wandmalereien mystischer Sonnenmotive. Die junge Archäologin Erica Tyler entdeckt dort die Mumie einer Indianerin und setzt alles daran, ihr Geheimnis zu entschlüsseln. Aber sie muß um diese Ausgrabung kämpfen: gegen die Grundstückseigentümer der Gegend, gegen New Age-Fanatiker und Kunsträuber und gegen ihren alten Widersacher Jared Black, der die Rechte der Indianer Südkaliforniens vertritt und verlangt, daß die Schätze der Höhle ihren Nachkommen übergeben werden. Erica findet uralten Indianerschmuck, alte spanische Münzen, ein Blechkruzifix – was verbirgt sich dahinter? Und warum spürt Erica hier die Präsenz einer langen Ahnenreihe von Frauen – sie, die doch selbst ohne Eltern aufgewachsen und von Heim zu Heim weitergereicht worden ist? Langsam enthüllt sich die Vergangenheit…
ISBN: 3-8105-2322-4 Original: The Prophetess Verlag: Wolfgang Krüger Verlag Erscheinungsjahr: 1995

Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!!

Buch Golf von Akkaba, 1999: Die junge Archäologin Catherine Alexander entdeckt Schriftrollen aus der Zeit des frühen Christentums. Naher Osten, ca. 50 n. Chr.: Sabina diktiert ihre Lebensgeschichte. Sie trägt die Lehren des »Gerechten« zu den entferntesten Provinzen des Imperiums, ist Zeugin der ersten Gründungen von Glaubensgemeinschaften der Urchristen – und erzählt von einer ausgeprägt weiblichen Führung der frühen Kirche. Kalifornien, 1999: Catherine hat die Schriftrollen nach Amerika gebracht, um sie zu übersetzen – ständig auf der Flucht vor Verfolgern, die auch vor einem Mord nicht zurückschrecken, um die Rollen in ihren Besitz zu bringen. Vatikan, 1999: Die »Kongregation für Glaubensdoktrin« – früher »Inquisition« genannt – hat von den Schriftrollen und ihrer Brisanz für die Kirche erfahren. Sie läßt Catherine observieren. Santa Fe, 1999: Computermilliardär Miles Havers sammelt rare Kultobjekte. Der Wunsch, sie zu besitzen, steigt mit dem Grad ihrer »Heiligkeit«. Um die Schriftrollen für seine Sammlung zu bekommen, hat er zwei Killer auf Catherine angesetzt. Vermont, 1999: Catherine hat mit ihrem neuen Beschützer, dem Priester Michael Garibaldi, die Schriftrollen übersetzt. Doch ihr fehlt die letzte, die entscheidende Rolle, in der Sabina über den Schlüssel zum Ewigen Leben und die Wiederkunft Christi berichtet. Und sie muß mit einer großen menschlichen Enttäuschung zurechtkommen. Pater Garibaldi verdient das Vertrauen und die zärtlichen Gefühle, die sie ihm entgegenbringt, nicht. Petersplatz, 1999: Auf der ganzen Welt steigt das

»Jahrtausendfieber«. Die Presse hat Auszüge aus den Schriftrollen erhalten und publiziert. Alle stürzen sich auf die Aussagen des »Gerechten« und seine Prophezeiungen vom Ewigen Leben und der Wiederkunft Christi. Catherine sucht weiter nach der fehlenden Rolle und trifft erneut auf Pater Garibaldi, der seiner Mission entsagt hat. Aus der anfänglichen Freundschaft wird Liebe… Und Catherine findet die letzte Schriftrolle.

Autor Barbara Wood wurde 1947 in England geboren. Ihr Vater ist polnischer Abstammung und mußte 1940 nach England emigrieren. Dort heiratete er eine Engländerin. Im Jahre 1954 wanderte die Familie in die USA aus. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, daß Barbara Wood sich noch immer stark dem europäischen Kulturkreis und seiner Erzähltradition verbunden fühlt. Ihre Romane fußen auf europäischer Kolonialgeschichte (Kenia, Ägypten, Australien) und der damit verbundenen, oft blutig verlaufenen Auseinandersetzung mit den ursprünglichen Bewohnern dieser Länder. Die Recherchearbeit für diese Romanthemen nimmt Barbara Wood stets mit ihrem Mann George »vor Ort« vor – sie bereist die Schauplätze, bevor sie zu schreiben beginnt. Ihr zweiter großer Themenkreis, der des Heilens und der Medizin, ergibt sich aus dem Beruf, den sie ausübte, bevor sie Schriftstellerin wurde: Sie arbeitete 10 Jahre als OP-Schwester in Kalifornien. Barbara Woods Gesamtwerk liegt im Wolfgang Krüger Verlag und im Fischer Taschenbuch Verlag in deutscher Sprache vor: 14 Romane, die in Deutschland zu Bestsellern wurden.

Für Carlos

»Die Nacht neigt sich dem Ende zu, der Tag ist nahe. Werft ab die Taten der Finsternis und legt an die Rüstung des Lichts.« Aus den Stundengebeten »Ein Kind wird mit dem Glauben geboren.« Kathryn Lindskoog Information kennt keine Grenzen. Universales Hacker-Credo

PROLOG

7

In der Wüste Sinai
Der Magus riß der jungen Frau das purpurrote Gewand von den Schultern. Sie saß nackt und gefesselt im silbernen Mondlicht auf dem schweißbedeckten Pferd. Seinem Gefolge verschlug es den Atem. Die Männer bestaunten schweigend die Schönheit der Frau. Sie glich den Statuen auf dem Markt, denn sie schien ebenso weiß, kühl und vollkommen zu sein. Aber keine Statue hatte wie sie so lange schwarze Haare, die ihr über den Rücken und die entblößten Brüste fielen. Auch das leichte Zittern ließ keinen Zweifel daran aufkommen, daß diese Frau aus Fleisch und Blut war. Die Fesseln an Händen und Füßen nahmen ihr nichts von ihrer Würde. Einige der Männer wurden unruhig, senkten verlegen die Köpfe. Der Magus, Herr und Gebieter über die Seelen im Reich, ließ sich von dem Stolz und der Würde seiner Gefangenen nicht beeindrucken. Er hatte mit allen Mitteln versucht, sie zum Sprechen zu bringen. In der Stadt hatte er ihr gedroht, sie bis an ihr Lebensende einzusperren und hungern zu lassen. Er hatte alles versucht, nur ihre Schönheit hatte er nicht angetastet, denn damit hätte er den Kaiser erzürnt. Doch jetzt befanden sie sich nicht mehr in der Stadt. Er hatte die junge Frau hierher an diese einsame Stelle in der Wüste entführt, um ihr das Geheimnis doch noch zu entreißen. An diesem gespenstischen Ort waren nur Schlangen und Skorpione Zeugen seiner Tat, und der Wüstensand würde jeden Hinweis auf sein Verbrechen unter sich begraben. Die sechs Reiter waren lange und schnell geritten. Sie hatten die Stadt unbemerkt bei Sonnenuntergang verlassen und waren durch die vom
8

Mond beschienene Einöde galoppiert, als seien Dämonen hinter ihnen her. Die Legionen des Kaisers waren weit entfernt, und niemand folgte ihnen. Erst als sie die Stelle an der verlassenen Küste erreichten, wo bizarre Felsen in den kalt funkelnden Sternenhimmel ragten, hielten sie an. Der Magus wußte: Hier hausten nur die Geister und Dämonen der Finsternis. Er hatte in den alten Schriftrollen von dem tiefen Brunnen gelesen, aus dem nach der Überlieferung das Volk Israel während der vierzigjährigen Wanderschaft einst Trinkwasser geschöpft hatte. Der Brunnen war längst versiegt. Nur ein dunkles, tiefes Loch war geblieben. Auf dem siebten Pferd saß die Gefangene. Die zierliche Stute hatte nach dem langen Ritt blutige Nüstern. Als die Männer den Weidenkorb losbanden und die gefesselte Frau aus dem Sattel hoben, wieherte das Pferd und brach tot zusammen. Die Männer befestigten den Korb an einem langen Seil, und einer von ihnen murmelte ein Gebet, während sie ihn langsam in die Tiefe ließen. Als der Korb mit einem dumpfen Geräusch den Boden des Brunnens erreichte, führten sie die Frau an den Brunnenrand, wo der Magus stand und sie mit seinen Blicken durchbohrte. »Ich frage dich noch einmal«, sagte er drohend und stieß mit dem Stab seiner Macht dreimal auf den Boden. »Wo ist die siebte Schriftrolle?« Die Gefangene gab wieder keine Antwort. Wie in den vergangenen Wochen blieb sie stumm, als habe sie seine Worte nicht gehört. Und diesmal glaubte er, in ihren grünen Augen ein herausforderndes Funkeln zu sehen. Der Magus zitterte wie die Gefangene, aber nicht vor Kälte, sondern vor kaum unterdrückter Wut. Er war der letzte in der langen Reihe der Magi und wußte sehr wohl, daß die Tage seiner Macht gezählt
9

waren. Die Klarheit des Wissens um das Unsichtbare, das alles Leben hier auf Erden lenkt, entzog sich ihm immer mehr. Wie sollte er der zuverlässige Ratgeber des Volkes und des Kaisers sein, wenn er die Zauberkräfte seiner Vorfahren nicht mehr besaß, denen die Götter die Macht des Wissens um das Unsichtbare geschenkt hatten? In der siebten Schriftrolle, das hatte der Magus nach dem Lesen der anderen sechs erfahren, stand die Offenbarung des neuen Glaubens. Die siebte Schriftrolle würde ihm den Weg zu den Unsterblichen weisen. Dann wäre seine Macht nicht zu erschüttern, denn dann wäre er es, der das Schicksal lenkte. Wenn er mit Hilfe dieser Frau die siebte Rolle fand, dann konnte er Wunder wirken, Tote zum Leben erwecken und Kranke heilen. Er würde das Ende der Welt aufhalten und als der wahre Herrscher neben dem Kaiser gelten. Den Schlüssel zu allem, wonach er strebte, besaß diese junge Frau. Nur mit dem geheimen Wissen der siebten Schriftrolle würden sich die Worte der Verheißung an ihm erfüllen. Dann erhielte er das ewige Leben als Lohn für seine lange Suche. Die Gefangene kannte das Versteck, aber sie schwieg. Wenn er die Rolle nicht fand, würde er in Ungnade fallen, in Vergessenheit versinken, und alle seine Bemühungen und die seiner Vorgänger wären gescheitert. Er würde den Mächten der Finsternis verfallen, denen er sich geweiht hatte, um das Geheimnis der unsichtbaren Welten zu enträtseln. Der Magus hatte sich davon überzeugt, daß seine Gefangene schwach und hilflos war. Sie konnte die Macht, die die Worte des Lichts dem Eingeweihten verliehen, nicht nutzen. Im Grunde war ihr Martyrium sinnlos. Aber ihr beharrliches Schweigen war für ihn so endgültig wie der Tod. Er glaubte sich fast am Ziel seiner Wünsche und konnte doch an ihrer Entschlossenheit nichts
10

ändern. Sie verachtete ihn, weil er mit den Menschen spielte, als seien sie nichts als Puppen. Sie mißtraute ihm, denn er war korrupt und intrigant. Er hatte keine Achtung vor dem Leben, tötete jeden, der ihm mißfiel. Der Magus war ein Sklave des Todes. Sie aber diente dem Licht. »So sei es!« Er hob die Hand und befahl den Männern mit einer knappen Geste, ihr frevelhaftes Werk zu tun. Sie packten die junge Frau mit brutalen, gefühllosen Händen. Aus ihren Blicken sprachen Lüsternheit und Gier, als sie ihr ein Seil über den Oberkörper streiften und unter Armen und Brüsten festzogen, um sie langsam in den Brunnen hinablassen zu können. »Du wirst nicht verletzt werden und schnell sterben!« rief der Magus mit kalter Stimme. »Du sollst lange in deinem dunklen Gefängnis am Leben bleiben. Du wirst bald jeden Stein, jede Spalte und alles Grauen der Dunkelheit kennen. Wenn die Sonne hoch am Himmel steht, wird die Luft zum Verdursten trocken sein, und in den kalten Nächten wird der Frost dich erstarren lassen. Deine Qualen werden mit jeder Stunde wachsen, bis sie über jedes erträgliche Maß hinausgehen. Deine Einsamkeit wird größer und erschreckender sein als der Tod. Du wirst schreien, aber niemand wird dich hören. Und am Ende wird dein Körper die Beute blutgieriger Wesen werden.« Er machte einen Schritt auf sie zu und hob den Stab seines Amtes, vor dem in früheren Zeiten das ganze Volk in Ehrfurcht zu Boden gesunken war, dem sich jetzt aber nur noch die wenigen Männer und Frauen seiner Gefolgschaft hier und in der Stadt beugten. »Ich frage dich zum letzten Mal«, flüsterte er, »wo ist die siebte Schriftrolle? Wenn du es mir sagst, schenke ich dir die Freiheit.« Sie gab keine Antwort.
11

»Sag mir wenigstens das eine: Hast du die Rolle mit eigenen Augen gesehen?« Zum ersten Mal, seit er die Frau in seine Gewalt gebracht hatte, öffnete sie den Mund. Es klang fast wie ein Seufzen, als sie antwortete. »Ja…« Der Magus zuckte wie unter einem Peitschenhieb zusammen. Er glaubte an die Unsterblichkeit, an das ewige Leben, wie es Osiris geschenkt worden war. Der Leib des Gottes war in Stücke gerissen und über ganz Ägypten verteilt worden. Aber Isis hatte alle Teile gefunden, den zerstückelten Körper wieder zusammengefügt und ihm den Atem des Lebens eingehaucht. Auf diese Weise hatte sie den Geliebten wieder zum Leben erweckt. In ohnmächtigem Zorn ballte der Magus die Faust und hob sie zum Himmel. »Wenn ich das Geheimnis nicht kennen darf, dann soll es den Sterblichen auf der Erde bis in alle Ewigkeit verborgen bleiben!« Seine Männer hoben die Frau hoch und ließen sie Stück für Stück in den Brunnen hinab. Die rauhen Steine schürften die makellose zarte Haut, und Blut floß über ihren Rücken. Als ihre Schönheit in der Schwärze des Brunnenschachts verschwand, schlug der Magus mit dem goldenen Stab auf den kalten Stein und rief: »Bei der Macht, die dieser Stab mir verleiht, den mir mein Vater übergab, so wie ihm die Macht von seinem Vater anvertraut wurde und allen, die vor ihm kamen, bis zurück in die Zeit, als die Unsterblichen noch auf der Erde wandelten, verfluche ich diese Frau und die sechs Schriftrollen des neuen Glaubens, die ich hier mit ihr begraben lasse, damit das Geheimnis des Lebens auf immer den Menschen verborgen bleibe. Kein Sterblicher soll sie lesen und das Rätsel der Unsterblichen lösen. Wer diesen Brunnen findet, sei verflucht!« Ein Reiter erschien unter den zerklüfteten Klippen. Er
12

zügelte sein Pferd weit genug vom Lager der Männer entfernt, daß niemand ihn hörte. Dann saß er ab, schlich sich unbemerkt näher und schnitt mit dem Dolch den Schlafenden so schnell die Kehlen durch, daß keinem der fünf Männer Zeit blieb, einen letzten Schrei auszustoßen. Als dies gelungen war, drang er in das Zelt des Magus ein, denn er hoffte, dort seine Geliebte zu finden. Aber sie war nicht da. Er fesselte den Magus und hielt ihm den Dolch an die Kehle. Der Alte wehrte sich nicht. Er sah den jungen Mann nur wissend und in sein Schicksal ergeben an. »Du wirst sie nicht finden, und du kannst sie nicht retten.« Aus Zorn und in ohnmächtiger Verzweiflung stieß der junge Mann dem Magus den Dolch ins Herz. Das rote Blut tränkte das seidene Kissen. Er verließ das Lager und machte sich auf die Suche nach seiner Geliebten. Er ritt am felsigen Ufer entlang und folgte den ausgetrockneten Wasserläufen. Er hob den Kopf und blickte hinauf zu den Sternen, als suche er sie auch dort. Dann hörte er plötzlich einen erstickten Laut in der stillen Nacht. Er irrte durch die Dunkelheit. Schließlich fand er das tote Pferd und in der Nähe das purpurrote Gewand. Und er entdeckte den Brunnen. Er lauschte. Er rief ihren Namen. Er hörte ein Stöhnen. Der junge Mann wendete seinen Hengst, galoppierte zum Lager zurück und holte ein Seil. Als er den Brunnen wieder erreicht hatte, schlang er ein Ende des Seils um einen Felsen und kletterte in die Tiefe. Sein Fuß stieß gegen etwas Weiches, und er wich seitlich aus, bis er den Boden spürte. Dann tastete er in der Dunkelheit nach seiner Geliebten. Er fand sie, und als er feststellte, daß sie nackt war, sank er neben ihr nieder und flüsterte: »Hab keine Angst, Liebste. Wir sind in Sicherheit.
13

»Du sollst nicht vergebens gestorben sein. Schluchzend kletterte er aus dem Brunnen und holte das reich bestickte purpurrote Gewand. »Warum gibst du mir keine Antwort?« Er legte den Kopf auf ihre Brust. Mein Glaube. der sich von deinem unterscheidet. Geliebte«. Das gelobe ich dir. Er hatte seine Zeit damit vergeudet. Seine Tränen wärmten ihr die Haare. Seine Hilfe kam zu spät. Noch vor kurzem hatte sie gestöhnt. daß dein Tod nicht umsonst gewesen ist. Kurz entschlossen durchtrennte er mit dem Dolch das Seil.« Er wartete. Ihr Herz schlug nicht mehr. Als er wieder in den Brunnen stieg. das Seil baumelte außer Reichweite über ihm. denn ich kann dich nicht sehen. Wir werden wieder Zusammensein und uns ewig lieben. Er breitete das Gewand über die inzwischen erkaltete Leiche. dir zu versprechen. aber jetzt war sie tot. gibt mir die Kraft.« 14 . das ihr gehört hatte. legte sich neben sie und nahm sie in die Arme. »Die Götter sind Zeugen meines Schwurs. hielt er einen Augenblick an. aber alles blieb still. tiefen Brunnen und stieg hoch zum Himmel auf. Gib mir deine Hand. Er fiel auf den Boden. flüsterte er. Ihr Körper war noch warm. Der Magus ist tot.Deine Peiniger sind tot. die Männer und den Magus zu töten. Sein Klageruf hallte dumpf in dem dunklen. bevor er den Boden erreichte. während sie hier einsam und verlassen in dem Brunnen lag und starb.

DER ERSTE TAG 15 .

hätte sie vor Empörung beinahe laut aufgeschrien. Die Baustelle befand sich ohnehin zu nahe an ihrer Grabungsstelle. klimatisierten Tummelplätze für reiche Touristen. Dr. Geröll prallte an die zerklüfteten Felsen. Catherine Alexander kam stolpernd aus ihrem Zelt. daß die Stützbalken halten. Dezember 1999 Scharm el Scheich. Golf von Akkaba Die Explosion erschütterte das Land im weiten Umkreis und zerriß die morgendliche Stille. 14. Hier sollte ein Hotelkomplex entstehen. die in den Dattelpalmen saßen. Sie zog schnell die Stiefel an und rief den Männern ihrer Mannschaft. Ich werde mit unserem Nachbarn ein ernstes Wort reden. Sie fluchte leise. einer der vielen luxuriösen.« Während Catherine über den Sand eilte. um das gesprengte Gestein abzuräumen. Vögel. daß bereits Planierraupen heranfuhren. flatterten erschrocken auf und flogen über das blaue Wasser des Golfs. Warum das Dynamit? Man hatte ihr versprochen. Beim Anblick der riesigen Baumaschinen lief ihr ein Schauer über den Rücken.Dienstag. sie rechtzeitig vor einer Sprengung zu informieren. zu: »Seht euch die Gräben an! Vergewissert euch. und das Dynamit konnte die vorsichtig ausgehobenen Gräben mit einem Schlag vernichten. die an der östlichen Küste der Sinaihalbinsel 16 . Zum Schutz vor den Strahlen der aufgehenden Sonne legte sie eine Hand über die Augen und blickte auf die etwa zweihundert Meter von ihrem Lager entfernte Baustelle. Und als sie die Staubwolke sah. die verschlafen aus den Zelten krochen. sah sie. Staubwolken stiegen in die Luft.

man sehe sich gezwungen. daß Catherine gelogen hatte. während sie von Container zu Container lief und an die Blechtüren klopfte. Früher oder später würden sie hinter die eigentliche Absicht kommen und wissen. Aber in Kairo hörte niemand auf eine Frau und erst recht nicht auf eine. Catherine wußte. meine Arbeit ohne solche verdammten Störungen durchzuführen… »Hungerford! Wo sind Sie?« Catherine näherte sich dem Container. Plötzlich hörte sie in ihrem Rücken Stimmengewirr. So weit man sehen konnte. einen Baustopp für das neue Hotel zu erwirken. wenn bei den Ausgrabungen nicht in Kürze positive Ergebnisse vorliegen würden. Aber ich bin doch fast am Ziel. »Hungerford!« rief Catherine schon von weitem. »Sie hatten mir versprochen. das Projekt fallenzulassen und die Geldmittel zu streichen. als sie sich den Wohncontainern der Bauleitung näherte. Und im Augenblick hatte Catherine bereits mit genug Widrigkeiten zu kämpfen. der man die Grabungserlaubnis nur mit Vorbehalten erteilt hatte. Ich weiß. Das hatte sie versucht den Bürokraten in Kairo zu erklären. als sie sich vergeblich darum bemühte.gebaut wurden. nicht zu sprengen!« Die Gefährdung der Grabungen erschwerte ihr das Leben zusätzlich. Sie drehte sich um und sah im gleißenden 17 . ragten an der sanft geschwungenen Küste Hotels und Hochhäuser wie weiße Monolithe in den blauen Himmel und verwandelten die karge Landschaft in ein zweites Miami. bald würde es hier keine Stelle mehr geben. daß ich den Brunnen bald finden werde! Man muß mir nur die Möglichkeit geben. bis ihre Ausgrabungen abgeschlossen sein würden. an der Archäologen graben konnten. dachte Catherine. Das Ministerium in Kairo saß ihr im Nacken und zeigte ein auffällig großes Interesse an der Ausgrabung. Zu allem Überfluß hatte ihr die Stiftung in der letzten Woche mitgeteilt. der als Planungsbüro diente.

als sie das Papier aufmerksam betrachtete. »Warum die Aufregung?« murmelte Hungerford kopfschüttelnd. Sie zog eine Lupe aus der Tasche ihrer Khakibluse und 18 . sondern Papyrus. als er Catherine sah. als sich Hungerford einen Weg durch die Menge bahnte. sprang über Steine. was ist los. Sie kannte diese Art Aufregung. So war es auch bei den Grabungen in Israel und im Libanon gewesen. Es war kein Papier. Offenbar hatte einer der Arbeiter etwas gefunden. Catherine hielt den Atem an. wo das Dynamit gezündet worden war. begrüßte sie Hungerford. Sie beobachtete verblüfft. Leute?« Die Araber begannen alle auf einmal zu reden.Sonnenlicht. Wie immer lief ihm der Schweiß über das rote Gesicht. Die Männer verstummten und sahen gespannt zu. »Darf ich?« Catherine nahm dem Araber den Fund aus der Hand. »Guten Morgen. wich Felsbrocken aus und stolperte über Geröll. das wie das Stück einer alten vergilbten Zeitung aussah. daß Hungerfords arabische Arbeiter zu der Stelle rannten. Plötzlich rannte auch sie los. wie die Männer aufgeregt gestikulierend in der sich langsam auflösenden Staubwolke auf einen Felsen zuströmten. Einer hielt etwas in der Hand. wenn etwas wirklich Wertvolles und Einmaliges gefunden worden war. »Also. Sie erreichte die Gruppe in dem Augenblick. Frau Doktor«. »Was soll das? Wer hat euch gesagt. daß ihr die Arbeit unterbrechen könnt?« Der dicke Texaner nahm den leuchtend gelben Schutzhelm vom Kopf und fuhr sich mit der Hand durch die rötlichen Haare.

wovon jeder Archäologe träumt? Nein. und es klang spöttisch. wie Sie sehen. »Sie werden doch nicht fluchen. murmelte sie ausweichend und schob sich eine Strähne des kastanienbraunen Haars aus der Stirn. Die Sonne brannte bereits 19 .« Hungerfords Blick richtete sich auf die Wüstenlandschaft zu ihrer Linken. das steht hier.« Catherine deutete auf den Riß. Bin ich vielleicht auf das gestoßen. Dann fügte sie erklärend hinzu: »In den Felsenhöhlen hier lebte einst eine große Zahl Asketen und Propheten. nur ein Fragment. und das hier ist. sich über ihre Arbeit lustig zu machen. Sie betrachtete den Fund nachdenklich. es wäre einfach zu schön. Frau Doktor?« »Nein. Hungerford verzog spöttisch die Lippen. Ihr Herz schlug plötzlich schneller. Sehen Sie? Hier steht auf griechisch ›Jesus‹. um wahr zu sein… »Vermutlich stammt es von einem Einsiedler aus dem vierten Jahrhundert«. Sie sah sofort. und gab ihm keine Antwort. »›Jesus‹…!« flüsterte sie plötzlich. Sie deutete auf das Wort ›Iesous‹.« Hungerford kniff die Augen zusammen. und am Ende des römischen Reiches war Griechisch unter den Gelehrten weit verbreitet. Das war in der Tat ein sehr altes Dokument. als er fragte: »Ist das vielleicht ein ›JesusFragment‹?« Catherine kannte seine unverschämte Art. zu wunderbar. daß es sich nicht um neugriechische Buchstaben handelte. Er lachte plötzlich laut. Die untere Hälfte des Papyrus fehlte.betrachtete das Fragment. Der Papyrus hatte eine honiggelbe Farbe und war mit schwarzen Schriftzeichen bedeckt. und er murmelte sichtlich beeindruckt: »Das heißt tatsächlich Jesus?« »Ja.

der mehr von dieser Art Papyrus findet.und Nachtwachen versammelten 20 . »Das hängt von seinem Alter ab. Plötzlich fand einer der Arbeiter etwas unter einem Stein. »Und davon. wenn wir den Rest finden würden. Catherine lief ein Schauer über den Rücken. wo sich bereits viele Menschen zu Tag. Leute!« Die Männer durchsuchten die nähere Umgebung. Die beiden Amerikaner und die wartenden Araber glaubten. Fünf ägyptische Pfund für den Mann. Yallah. ein merkwürdiges Pfeifen zu hören. »Also gut!« Hungerford setzte den Schutzhelm wieder auf. Catherine sah die Schlagzeile: ›JAHRTAUSEND-FIEBER!‹ Darunter stand fett gedruckt: ›Das Ende? Weltuntergang in zwanzig Tagen!?‹ Ein Photo zeigte den Petersdom in Rom. woher es kommt. Außerdem wäre es hilfreich.« Sie deutete noch einmal auf den gezackten unteren Rand. Hungerford räusperte sich und blickte wieder auf das Fragment.« »Können Sie es lesen?« »Dazu muß ich in mein Zelt. Der ständige Wind am Golf schien plötzlich stärker zu werden. um es mir genauer anzusehen. »Ist es etwas wert?« Catherine hob die Schultern. Vermutlich hatte sie der Wind aus einem Touristenhotel hergetragen. Über ihren Köpfen kreiste ein Falke und stieß einen schrillen Schrei aus. Es klang wie zischender Dampf. und der Papyrus ist an einigen Stellen bereits brüchig.unbarmherzig auf die zerklüfteten hohen Felsen. »Wir werden sehen.« Sie sah ihn nicht an. was auf dem Papyrus steht. Aber es war nur die Titelseite der International Times von vor zwei Tagen. Das Geröll bestand in erster Linie aus Kalkstein und Schiefer. Alle stürzten sich darauf. Die Buchstaben sind verblaßt.

bevor die ägyptischen Behörden einschreiten konnten. brummte er.« Hungerford sah sie erstaunt an und nickte dann langsam. Was wird dort stehen außer dem Namen Jesus? »Dr. würde bald jeder Beduine im Umkreis von fünfzig Meilen am Ort der Sprengung erscheinen und sein Zelt aufschlagen. verbreitete. wie Hungerford leichtsinnig laut gesagt hatte. Als sich Catherine das brüchige Gewebe ansah. Sie mußte das brüchige Papyrus vor weiteren Schäden bewahren und es so schnell wie möglich übersetzen. Wenn sich die Nachricht von einem ›JesusFragment‹. Hungerford und sie durften die Männer nicht mehr aus den Augen lassen. und wieder fiel ihr Blick auf das Wort: ›Jesus‹. Was haben wir gefunden? »Wir müssen den Platz freiräumen«. Catherine hatte auch das schon erlebt. »Verstehe…«. Alexander!« 21 . Sie betrachtete noch einmal das Fragment. Die Araber fanden zwischen den Steinen Stücke eines Hanfseils und Stoffreste. »Wir dürfen unter keinen Umständen etwas von dem Fund verlauten lassen. und wieder lief ihr ein Schauer über den Rücken.und darauf warteten. In weniger als drei Wochen würde das Jahr 1999 enden und das Jahr 2000 beginnen. wußte sie. daß die Glocken das neue Jahrtausend einläuteten. »Und nun?« Catherine wollte mit dem Fragment so schnell wie möglich zu ihrem Zelt. Dann wären alle Artefakte verschwunden. daß es ebenfalls sehr alt war. Die Augen der Araber waren auf sie gerichtet. sagte sie mit belegter Stimme. Sie wissen es! Catherines Nerven waren zum Zerreißen gespannt.

was ich meine! Eine so hübsche Frau wie Sie braucht einen Mann. um zu arbeiten. Der schäbige Betonklotz stammte noch aus den fünfziger Jahren und war ein Treffpunkt für Ausländer. das er während des Studiums in London gelernt hatte: »Einige Wände sind beschädigt und sechs Gräben eingestürzt. Sie hatte ihn von Anfang an abstoßend gefunden. hatte er gefragt: ›Was macht eine so hübsche Frau wie Sie ganz allein in der Wüste?‹ Catherine hatte ihm höflich erklärt. der verlegen lächelte. daß man nicht hin und wieder Zeit hat. Als er vor zwei Monaten mit seiner Mannschaft und dem gesamten Maschinenpark hier erschienen war. Frau Doktor. und der dicke 22 . aber sie ging Hungerford immer aus dem Weg. Das heißt doch nicht. die hier arbeiteten oder wohnten. aber der Fortschritt läßt sich nicht aufhalten. Sie wissen ganz genau. gerufen hatte. daß Samir. und Touristen aus dem Nahen Osten. »Tut mir leid. daß sie mit ihrem Ausgrabungsstab und fünfzehn Arbeitern wohl kaum ›allein‹ sei. Die Vergangenheit darf der Zukunft nicht im Wege stehen. ihr Aufseher. Sein aufdringliches Lachen gefiel ihr nicht. sie zu einem Drink im nahe gelegenen Hotel Isis einzuladen. bestand das ›Amüsieren‹ in dem Versuch. Auch Catherine erholte sich nach der Tagesarbeit hin und wieder mit einigen ihrer Leute in der verräucherten Bar des Hotels. die nicht so viel Geld hatten wie die Gäste der Luxushotels.« Catherine mochte Hungerford nicht. wir haben einen Monat Arbeit verloren!« Catherine warf einen wütenden Blick auf Hungerford.« »Das bedeutet. Hungerford hatte anzüglich gelacht und ungerührt erwidert: ›Ach.‹ Catherine erklärte. Als er sie erreichte. meldete er in dem klaren Englisch. sich zu amüsieren…‹ Wie sich herausstellte.Sie drehte sich um und sah. aber er antwortete: ›Wir sind alle hier. sie sei zum Arbeiten hier.

traf der scharfe Wind ihr Gesicht. was alle wußten: ›Wir suchen nach Moses. Der Texaner ließ sich jedoch keine Gelegenheit entgehen. das nur er zu bieten habe. brennenden Müllhalde – die Nase. salzige Luft des Golfs ein und rümpfte über die Gerüche des Fortschritts – Dieselabgase und der Rauch einer nicht allzuweit entfernten. »Glauben Sie.Bauch über der riesigen Silberschnalle seines breiten Ledergürtels wurde auch nicht dadurch anziehender. Hatte das überraschend aufgetauchte Dokument etwas mit ihrer Suche nach der Prophetin Mirjam zu tun? Als sie nachdenklich den Kopf hob. Wonach mochte die Luft gerochen haben. Aus Vorsicht hatte sie sogar den Behörden in Kairo nur gesagt. als die Israeliten vor mehr als dreitausend Jahren hier entlang 23 . daß sie nämlich nicht nach Moses. »Also«. Unwillkürlich betastete sie vorsichtig das bräunlichgelbe Blatt. sondern nach seiner Schwester suchte. Sie spürte die rauhe Oberfläche an der Fingerspitze und blickte ehrfurchtsvoll auf die mit großer Sorgfalt geschriebenen Buchstaben.‹ Sie konnte sich die Reaktionen gut vorstellen. daß er ihn ständig stolz mit beiden Händen umfaßte. wie: ›Sie suchen also nach den Tafeln mit den Zehn Geboten?‹ Catherine gab ihm jedesmal ausweichende Antworten und hütete sich davor. wenn man die Wahrheit erfahren würde. das hat etwas mit Ihrer Arbeit hier zu tun?« Catherine hatte zweifellos das brüchige Stück einer Schriftrolle aus dem Altertum gefunden. Er stellte ihr Fragen. nach der Prophetin Mirjam. Sie atmete tief die zeitlose. sie in ein Gespräch über die Ausgrabung zu verwickeln. als sei der Bauch etwas Besonderes. ihm den wahren Grund für ihre Grabung anzuvertrauen. sagte Hungerford jetzt grinsend und deutete mit einem vom Nikotin verfärbten Finger auf das Fragment.

in die Gegenwart zurückzukehren. Leider würden die meisten Weihnachten nach Hause fahren. eines neuen Jahrhunderts und sogar eines neuen Jahrtausends. »Sagen Sie Ihren Leuten. dem Anführer der Juden. und sein vulgäres Lachen hallte von den Felsen wider.gezogen waren? Wie war das Leben unter diesem Himmel gewesen. füllte der Koch Körbchen mit einheimischem Fladenbrot. hatte ihr GrabungsTeam aus amerikanischen Studenten und Freiwilligen bereits damit begonnen. schwarzen Kaffee bereit. den alle mit größter Begeisterung tranken. und Mirjam die Kühnheit besaß. In diesem Winter hatte Catherine eine gute Mannschaft. zerteilte den Ziegenkäse und stellte die unterschiedlichen Becher für den starken. Es war sehr viel schwieriger. die durch Hungerfords Sprengung in Mitleidenschaft gezogen worden waren. bei einer Grabung mitzuarbeiten. in den drückend heißen Sommermonaten Leute zu finden. die bereit waren. die Gräben zu sichern. sie sollen weitersuchen. daß sie in der Eile nach der überraschenden Sprengung vergessen hatte. als sich Schleier und Umhänge der Israeliten im Wind blähten. Unter dem Sonnendach. erklärte sie mit Nachdruck und drehte sich um. Da sie Hungerfords Blick noch immer auf sich gerichtet sah. Das neue Jahr würde kein gewöhnliches Jahr sein. senkte sie schnell den Kopf und stellte fest. Als Catherine das Lager erreichte.« »Na klar!« trompetete Hungerford. Es war der Beginn eines neuen Jahrzehnts. die Stirn zu bieten und ihn zu fragen: ›Hat der Herr nur durch Moses gesprochen?‹ Catherine zwang sich. die oberen Knöpfe der Bluse zuzuknöpfen. Das lag zum Teil an dem kühlen Wetter. »Ich muß mir das Fragment genauer ansehen«. Auch das machte ihr Sorgen. 24 . ihrem Bruder. und nur einige hatten ihre Rückkehr zugesagt. ihrem ›Eßzimmer‹.

noch nicht von grauen Fäden durchzogen. daß sie gezwungen sein würde. Bisher war sie stets wieder verschwunden. Die großen grünen Augen. ein Erbe ihrer Mutter. mein lieber Julius…‹ ›Sie brauchen einen Mann‹. die Ausgrabung vorübergehend abzubrechen. ständig unter Sonnenbrand zu leiden und ein Gesicht voller Falten und Krähenfüße zu haben. ›Du wirst nicht jünger‹. Doch obwohl Catherine das Gesicht jetzt bewußt entspannte. Aber zuerst ging sie zum Waschbecken und kühlte sich das Gesicht ab.Catherine fürchtete nicht zu Unrecht. sie sei schön? Catherine fand ihr Gesicht in keiner Weise außergewöhnlich. hatte Hungerford gesagt. ›Du auch nicht. Aber jetzt stellte sie seufzend fest. Ein Blick in den Spiegel zeigte ihr in der nüchternen Klarheit des hellen Morgens. Trotz der anstrengenden Jahre unter der heißen Sonne bei Ausgrabungen in Israel und Ägypten war es ihr bis jetzt irgendwie gelungen. denn sie spürte mehr denn je. Catherine lächelte. hörte sie eine spöttische Stimme flüstern. dem Schicksal aller Archäologen zu entgehen. um es genauer zu untersuchen. die sie im Nacken mit einer Spange zusammenhielt. weil sie bei ihrer konzentrierten Arbeit immer unbewußt die Augenbrauen zusammenzog. Immerhin waren die langen kastanienbraunen Haare. fand auch Catherine schön. blieb die Falte deutlich sichtbar. daß ein neues Zeichen des Alters hinzugekommen war: eine senkrechte Falte zwischen den Augen. 25 . daß sie an einem Wendepunkt in ihrem Leben stand. obwohl sie vermutlich sehr viel jünger als sechsunddreißig aussah. Wie konnte Julius behaupten. Genau das konnte sie sich aber nicht leisten. Sie trat in das Zelt und legte das Fragment vorsichtig auf die Arbeitsplatte. Die Falte war entstanden. daß sie müde und erschöpft aussah.

Er sah wirklich gut aus. daß diese Brüche entstanden waren. um einen Schlag abzuwehren. Dr. Sie hatte 26 . In der Mittagspause lernten sie sich kennen. daß du keine Jüdin bist. wie sie fand. Catherine hatte dort ein Thesenpapier vorgestellt mit dem Titel: ›Bestimmung der Herkunft von Ton bei Keramik der Bronzezeit mit Hilfe der optischen Emissionsspektroskopie. selbst wenn er das verlangen sollte. als befinde er sich plötzlich in ihrem Zelt. ›Warum willst du mich nicht heiraten? Es kann doch nicht daran liegen. Leider befand er sich neuntausend Meilen entfernt am anderen Ende der Welt. hatte schwarze Haare. um das Morgenlicht hereinzulassen.‹ Catherine würde sich niemals zu seinem Glauben bekehren.‹ Julius war Mediziner und hatte sich auf Krankheiten im Altertum spezialisiert. das sie mit Klebeband über dem Arbeitstisch befestigt hatte: Julius lächelte sie an. geheimnisvolle dunkle Augen. und die gegenseitige Anziehung war augenblicklich spürbar. ›Warum. meine Religion anzunehmen. Das ist nicht der Grund. Cathy?‹ hörte sie ihn wieder fragen. Er hielt einen Vortrag über das auffällig häufige Vorkommen von Unterarmbrüchen bei ägyptischen Skeletten.Catherine hatte einen Mann. Julius Voss war vor zwei Jahren auf einer Archäologen-Tagung in Oakland in ihr Leben getreten. besonders bei Frauen. einen gepflegten Bart und. daß ich von dir nicht verlange. Die Sonnenstrahlen fielen auf ein Photo. Du weißt. Es war wirklich so etwas wie Liebe auf den ersten Blick gewesen. Julius fehlte ihr… Catherine schaffte genügend Platz auf dem überfüllten Arbeitstisch. Er vertrat die Auffassung. als der Arm zur Selbstverteidigung gehoben wurde. als unterhalte er sich gerade mit ihr. Dann öffnete sie eine Klappe am Zeltdach.

wo Mirjam und ihr Bruder den Kampf um die Macht geführt hatten? Catherine überlegte einen Augenblick und nahm dann ein Buch aus dem Regal. Aber es gab andere Gründe dafür. in einem Sturm vom Kurs abgekommen 27 . einem Araber aus dem zehnten Jahrhundert. dann konnte sie frei und ungezwungen mit ihm reden. daß er Jude war. die Stelle in der Wüste. und es handelte sich um die englische Übersetzung der Erinnerungen von Ihn Hassan. Nicht die Tatsache. namenlose Angst. Es stammte aus dem Jahr 1764. daß sie Julius nicht heiraten konnte. Catherine schob mit einem leisen Seufzen den Gedanken an Julius beiseite und konzentrierte sich auf das Fragment. Sie überflog die griechischen Buchstaben. Catherine liebte Julius. nach der sie hier auf der Sinaihalbinsel suchte? Gab das Jesus-Fragment vielleicht den entscheidenden Hinweis. wenn sie in seine große orthodoxe Familie einheiratete -. bereitete ihr Unbehagen.ihm bereits gesagt. Bestand möglicherweise eine Verbindung zwischen diesem christlichen Dokument und der Prophetin des Alten Testaments. sondern seine Frömmigkeit. daß sie keine Religion brauchte. Das Problem ließ sich nicht so leicht in Worte fassen: Julius war Jude. wenn es um Religion ging – und das würde nicht ausbleiben. Chr. Der Katholizismus ihrer Kindheit und Jugend reichte. auch wenn sie ihn noch so sehr liebte. Aber jedesmal. dessen Schiff im Jahr 976 n. für ihn dasein und ihm zuhören. genauer gesagt ein gläubiger Jude. Aber das war bedeutsam genug. dann erfaßte sie eine unbestimmte. wo sich die Oase befand. um ein Leben lang genug von Religionen zu haben. auf den sie schon so lange gehofft hatte? Würde sie möglicherweise erfahren. Wenn sie sich über wissenschaftliche Themen oder über gemeinsame Interessen unterhielten. doch das Wort ›Jesus‹ fand sie nur an einer Stelle.

daß der Araber an dieser Küste gestrandet war. wurde Catherine sehr nachdenklich. Salomon. Alle Filme verherrlichten die Helden der Bibel: Samson. dem Bir Mary am…‹ Der Mirjam-Brunnen. wo die ansässigen Beduinen ihre Herden tränken. Auf der Leinwand zeigte man gute.war. würdevolle und heldenhafte Männer. die mit den technischen Spezialeffekten von Star Trek und Krieg der Sterne aufgewachsen waren. Als Vierzehnjährige zeigte man in der von Nonnen geleiteten katholischen Schule während der Karwoche eine Reihe von Filmen für die achte und neunte Klasse zum Thema: ›Bibelfilme der vierziger und fünfziger Jahre. Moses. Während die meisten ihrer Mitschüler. wo jetzt die Ferienhotels Touristen aus aller Welt anlockten. Catherines Suche hatte genaugenommen an einem ganz bestimmten Tag begonnen. wie Aldebaran über meiner Heimat aufging‹) sowie unter Berücksichtigung der Legenden und Gebräuche der Beduinen dieser Gegend zu dem Schluß.‹ Höhepunkt war DeMilles Klassiker Die Zehn Gebote aus dem Jahr 1954. Der Mann konnte sich an eine nur ungenau bezeichnete Küste retten. Beim ersten Lesen war Catherine die Stelle aufgefallen: ›… im Lande Sina gestrandet…‹ Damals dachte sie: Spricht er von der Sinaihalbinsel? Sie verglich die unklaren Hinweise aus der Geschichte des Arabers mit Stellen im Alten Testament und kam unter Einbeziehung von Astronomie und der Navigation mit Hilfe von Sternen (Ihn Hassan berichtete: ›Ich sah. unbestimmte Suche schließlich ein Ziel gefunden. Sie sah ihre Vermutungen bestätigt. Mit dieser Erkenntnis hatte Catherines lebenslange. Unter den Frauen gab es 28 . denn Ihn Hassan hatte geschrieben: ›Ich verbrachte meine einsamen Tage an einem Ort. kicherten und sich langweilten – allerdings gab es Beifall. als Moses das Rote Meer teilte -.

zahlte hohe 29 . die nur darauf warteten. erklärte sie den Beamten im Ministerium in Kairo. Als sich Catherine vor fünf Jahren zum ersten Mal um eine Grabungsgenehmigung in dieser Gegend bemüht hatte. dann wollte Catherine sie an Ort und Stelle. die schließlich zu ihrer Berufswahl führte: biblische Archäologie. daß es auch in biblischen Zeiten Heldinnen gab – hatte sich bereits in ihrer Jugend eine wahre Besessenheit entwickelt. Die zähen Verhandlungen zogen sich über Monate hin. nach dem Mirjam-Brunnen zu suchen. die Schwester von Moses. Sie mußte jedoch bald feststellen. daß die von Männern beherrschte Archäologie und Bibelwissenschaft mit ihren anerkannten und scheinbar unumstößlichen Theorien von der alten Garde wie eine uneinnehmbare Bastion verteidigt wurden. Catherine fand. Sie tolerierten in ihren Reihen kaum Frauen und waren unter keinen Umständen bereit. daß der Wüstensand. in der Wüste finden. weit mehr Geheimnisse barg. daß die Frauen wenig mehr waren als Statistinnen zur Verherrlichung der Männer. Sie führte zahllose Gespräche. sie beabsichtige. in dem man Schätze wie das Grab des Tutench-Amun und die Schriftrollen vom Toten Meer gefunden hatte. Wenn man in der Bibel keine Heldinnen fand. und hoffe damit.dagegen nur zwei Typen: Die böse Verführerin und die geduldig leidende Jungfrau. daß Mirjam. Selbst ältere Frauen und Mütter wirkten in den Filmen irgendwie jungfräulich und blaß. von ihren grundsätzlichen Erkenntnissen abzurücken. Beweise für ihre Theorie zu finden. In keinem Film gab es eine richtige Heldin. ausgegraben zu werden. eine Anführerin der Israeliten gewesen sei und daß sich die Geschwister die Führerschaft als gleichberechtigte Partner geteilt hätten. Sie glaubte felsenfest. Aus dieser einfachen Beobachtung – Catherine war überzeugt davon.

Sie blätterte bis zu einer Passage. und schließlich lehnte man ihr Gesuch ab. zuerst mit weicher Erde und dann mit Steinen. die sie jetzt jedoch nachdenklich noch einmal las. das sie suchte. ihn zu füllen. wurde von einer Stelle zur anderen verwiesen. 30 . las sie nicht die Stellen. um den Moses-Brunnen zu suchen. der sie bislang weniger Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Catherine runzelte die Stirn. Sie hatte ihnen bislang wenig Bedeutung beigemessen. Deshalb hatte Catherine den Rückzug angetreten und eine andere Strategie entwickelt.‹ Catherine blickte nachdenklich auf die Worte: ›Anker aus Schilf‹. daß Dokumente spurlos verschwanden. daß der Anker in frühchristlicher Zeit eine symbolische Bedeutung besessen hatte und erst später vom Kreuz verdrängt worden war. ›Eines Nachts erwachte ich‹. ›und vor mir stand eine wundersame junge Frau. Auf den Brunnen sollte ich einen Anker aus Schilf stellen. Plötzlich wußte sie die Antwort. schrieb der Araber.‹ ›Wenn du das für mich tust. ›werde ich dir das Geheimnis des ewigen Lebens verraten. Der Anker aus Schilf war ein Symbol. mußte erleben. deren Schönheit und Glanz mich blendeten. sagte der Engel zu mir. Ein Jahr darauf erschien sie wieder in Kairo und stellte den Antrag auf eine Grabungserlaubnis. Wozu einen Anker aus Schilf? Sie zuckte zusammen. Als Catherine jetzt Ibn Hassans Buch aufschlug.Bestechungsgelder. Sie führte mich zu einem Brunnen und forderte mich auf. Der Anker war das Verbindungsglied zum Christentum. kein wirklicher Anker! Sofort fiel ihr ein. Ibn Hassan‹. die ihr Anhaltspunkte für die Suche nach dem Weg der Juden bei ihrem Auszug aus Ägypten geliefert hatten.

wundersame Geschichten zu erzählen. einhundertneunundzwanzig Jahre alt zu sein. Ich erzähle dies im hohen Alter von zweimal sechzig und neun Jahren bei bester Gesundheit und in dem festen Glauben. der es liebte. Aber sie war bei ihren Nachforschungen auf das Buch eines deutschen Ägyptologen von 1883 gestoßen.‹ Ewiges Leben. bisher keine Hinweise auf einen MirjamBrunnen gefunden. was hatte der Hinweis auf ›Jesus‹ mit dem Mirjam-Brunnen zu tun? Catherine hatte. wurde gerettet. und der Erscheinung eines Engels. abgesehen von Ibn Hassans Erinnerungen.Sie blätterte zurück zur ersten Seite von Ibn Hassans Erinnerungen und las mit wachsender Erregung: ›Und so erhielt ich den Schlüssel zum ewigen Leben. Die Zelte standen unter einem steilen Felsen in der Nähe eines Brunnens mit dem Namen Bir Umma – Brunnen der Mutter. Eines Tages schlug die Gruppe ihr Lager an der Küste im Osten des Katharinenklosters auf. Zwei Worte stachen ihr ins Auge: ›Zoe aionios. Ich. In der Nacht wurden die Teilnehmer der Expedition von seltsamen Träumen 31 . der einem Schiffbrüchigen sieben Jahrhunderte später das ›ewige Leben‹ verhieß? Wenn es diesen Zusammenhang gab. Er beschrieb darin eine Expedition in die Wüste Sinai. und deshalb behauptete. denn der Engel hat mir das ewige Leben zum Geschenk gemacht‹. daß ich nicht sterben werde. Aber jetzt… Sie blickte auf das Jesus-Fragment. Ibn Hassan Abu Mohammed Omar Abbas Ali. Catherine hatte diese Worte bisher als Prahlerei eines alten Mannes abgetan. das sie nach vorsichtiger Schätzung um zweihundert nach Christus datierte. das Hungerfords Araber gefunden hatten. Bestand ein Zusammenhang zwischen diesem Fragment. Ich konnte die einsame Küste verlassen und zu meiner Familie zurückkehren.

heimgesucht. Sie wußte. in dem das Wort ›Jesus‹ vorkam. So konnten sie Tag und Nacht unterwegs sein. und die Feuersäule nicht bei Nacht.‹ Catherine erkannte nicht als erste. um ihnen zu leuchten. Sie überlegte: Was hat das Fragment und die Worte ›ewiges Leben‹ mit Ibn Hassans ›Engel‹. denn dort hatten sie die ›Wolkensäule‹ bei Tag und ›das Feuer‹ in der Nacht gesehen. daß Professor Krügers Expedition das Lager an der Stelle aufgeschlagen hatte. Deshalb kam sie zu folgendem Schluß: Das Gebirge befand sich an der Westküste Arabiens. Mit einem Papyrus-Fund. Exodus 13:21/22: ›Der Herr zog vor ihnen her. bei Tag in einer Wolkensäule. auf der anderen Seite des Golfs gelangt. Die Frau des Deutschen berichtete fast in denselben Worten wie Ibn Hassan von der Erscheinung einer überirdisch schönen jungen Frau. um ihnen den Weg zu zeigen. an dieser Stelle zu graben. an der Ibn Hassan Schiffbruch erlitten hatte. mit dem Traum der Frau des Ägyptologen und mit den Legenden 32 . Die Frage lag nahe. um einen Beweis für den Weg der Israeliten durch die Wüste zu finden und auch Hinweise auf die Prophetin Mirjam. Die Wolkensäule wich bei Tag nicht von der Spitze des Volkes. der zu ihrem Entschluß führte. daß diese Bibelstelle sehr wohl einen aktiven Vulkan beschreiben mochte. dafür aber in Saudi-Arabien im Osten des Golfs von Akkaba. ob die Ähnlichkeit der Erscheinung ein Hinweis darauf war. Catherine entdeckte schließlich einen Anhaltspunkt im Alten Testament. Catherine war hierhergekommen. Die Israeliten waren dem Feuer und Rauch des Vulkans gefolgt und an diesen Ort an der Ostküste. bei Nacht in einer Feuersäule. hatte sie allerdings nicht gerechnet. es gab auf der Sinaihalbinsel keine vulkanischen Gebirge. Man nannte das Gebiet dort ›das Land Midian‹.

wo sie 33 . die altgriechischen Worte zu übersetzen. Auf der dritten Ebene hatten sie eine Kalksteinschicht erreicht und den Einstieg zu einem Tunnel gefunden.der Beduinen zu tun. Der morgendliche Wind nahm an Heftigkeit zu. Als Catherine jetzt in einem der Gräben stand. das wie ein Tunneleingang wirkte. Die Araber hatten etwas gefunden. die das Geröll durchsuchten. die sie mit großer Entschlossenheit verdrängt hatte. Er fuhr pfeifend über den dunkelblauen Golf und mischte sich mit dem Lachen und Rufen von Hungerfords Arbeitern. um sie zu quälen. Eine Erinnerung. daß sie in der vergangenen Nacht ebenfalls einen seltsamen Traum gehabt hatte. ›Du abscheuliches Mädchen! Das wirst du büßen…‹ Catherine schob die Erinnerung seufzend beiseite und griff nach der Lupe. sie sprang auf und rannte ohne eine Erklärung zu ihrem Grabungsplatz zurück. Vor Beginn der Ausgrabungen hatte sie das Gebiet mit den neuesten geologischen Meßinstrumenten untersucht und an dieser Stelle das Vorhandensein eines ungewöhnlichen unterirdischen Tunnels festgestellt. es war kein Traum gewesen. stellte sich erstaunlicherweise wieder ein. als es draußen plötzlich laut wurde. Catherine kniete im Sand und betrachtete die Öffnung. Plötzlich erinnerte sie sich. die an dieser Stelle den Menschen erscheinen? Catherine lauschte auf die Geräusche vor dem Zelt. Sie wollte damit beginnen. Ihr Herz schlug schneller. In unmittelbarer Nähe der Sprengung waren die Arbeiter auf ein Loch gestoßen. Nein. Ein Jahr später war sie auf der zweiten Ebene noch immer nicht auf Hinweise für eine menschliche Besiedlung gestoßen. in denen immer wieder von Geistwesen oder Geistern berichtet wird. Sie hatte ein Planquadrat mit einem Raster angefertigt und dann mit den Grabungen begonnen.

die die Einheimischen auf dem schwarzen Markt für die Schriftrollen vom Toten Meer und den ›Nag Hammadi‹Schatz erzielt hatten.diesen Tunnel entdeckt hatten. Catherine band sich das Seil um die Hüfte. bis eine wissenschaftliche Klärung vorlag. ein Auge auf seine Leute zu haben und dafür zu sorgen. Seit der Sprengung am frühen Morgen. schob sich mit den Ellbogen durch den Gang vorwärts und hielt den Strahl der Taschenlampe auf die endlose Schwärze gerichtet. daß alle in der Nähe blieben und niemand zum nächsten Telefon rannte – die Preise. der offenbar zu dem steilen Uferfelsen führte. und machte sich mit einer Taschenlampe in der Hand auf den Weg. Sie bewegte sich langsam. Es war bestimmt nicht das Ende des unterirdischen Gangs. waren drei Stunden vergangen. Staub und kleine Steine lösten sich von den Wänden. mit denen sie das Geröll aus den Gräben transportierten. fiel ihr auf. Im Innern wartete sie einen Augenblick. kein Wort über den Fund verlauten zu lassen. die das Jesus-Fragment zutage gefördert hatte. Deshalb hatten sie ein Signal verabredet: Wenn Catherine einmal am Seil zog. Der Gang war dunkel und eng. als Catherine in der Dunkelheit verschwand. würde man sie sofort herausholen. legte sich auf eine der Paletten auf Rädern. das herauszufinden. daß er in Richtung der Sprengung verlief. Das Gerücht von dem sensationellen Fund kursierte vielleicht schon auf der ganzen Halbinsel. Was mochte sich am Ende des Tunnels befinden? Es gab nur eine Möglichkeit. das durch die Sprengung brüchig geworden sein mochte. Catherine hatte ihre Gruppe angewiesen. Die Sonne stand bereits hoch am Himmel. Trotzdem machte sie sich Sorgen. Catherine hatte Hungerford vor dem abenteuerlichen Einstieg noch einmal ermahnt. Niemand kannte die Festigkeit des Gesteins. 34 . waren nicht vergessen.

Sie durfte vor allem nicht die Nerven verlieren. der Tunnel sei nicht das Werk von Menschen. sondern ein natürlicher Gang. Der Gang war so niedrig. daß sie die meiste Zeit flach auf dem Bauch liegen und den Kopf einziehen mußte. Vorsichtig untersuchte sie das Hindernis und stellte zu ihrem Erstaunen fest. War ihr Traum eine Warnung gewesen? War dieser Ort verflucht? Der Gang war plötzlich versperrt. entschlossen herauszufinden. Ihre nackten Knie waren auf dem rauhen Kalksteinboden bald aufgeschürft. Vorsichtig rollte sie auf dem Wägelchen weiter. Catherine liefen kalte Schauer über den Rücken. und sie wünschte zu spät. Möglicherweise war er durch ein Erdbeben entstanden oder von Wasser ausgehöhlt worden. Catherine holte tief Luft. wo Hungerford mit seinen Leuten stand und das Sicherungsseil abrollte. das aus einer unterirdischen Quelle stammte.Immer wieder rieselte Sand auf sie herab. daß die Decke des Tunnels im nächsten Augenblick einstürzen werde. Trotzdem stieß sie immer wieder gegen den Fels. und wenn sie die Palette zum Stehen brachte. was sich am Ende des Tunnels befand. hielt sie den Atem an und rechnete fast damit. Ihrer Schätzung nach war sie etwa fünfzig Meter von der Öffnung entfernt. Ibn Hassan und Krügers Frau hatten berichtet. Wasser für einen Brunnen? Trotz der Kühle trat Catherine der Schweiß auf die Stirn. die Khakishorts gegen Jeans ausgetauscht zu haben. Der Gang wand sich jetzt durch festes Gestein. hier seien Menschen lebend begraben worden. Nach einer Weile kam sie jedoch zu dem Schluß. Neugierig musterte Catherine im Schein der Taschenlampe die relativ glatte Decke und die ebenso glatten Wände. daß es sich um die Reste eines Korbes 35 . Trotz aller Hindernisse und möglicher Gefahren ließ sie sich nicht beirren.

Der schwankende Lichtstrahl tanzte über die Steine. Was. Dort lag ein Schädel! Der Schädel eines Menschen. daß die Wände aus großen unbehauenen Feuersteinblöcken bestanden. Der Boden war trocken. die zum Teil noch von Steinen umgeben waren. Der Tunnel mündete plötzlich in einen kreisrunden Schacht. Wieder rieselte Sand auf ihren Kopf. Dann rollte sie langsam weiter. »Wie schätzen Sie diesen Fund ein?« fragte Hungerford und grinste. würde zum Beispiel ein Museum für das Jesus-Fragment zahlen?« »Museen zahlen nicht«. Sie griff danach und zog daran. Als sich die Staubwolke gelegt hatte.handeln mußte. Er hatte einen Durchmesser von etwa fünf bis sechs Metern und war über ihr verschlossen. Catherine sah. richtete sie die Taschenlampe nach vorne. um besser in die Tiefe blicken zu können. Der Korb löste sich mühelos aus dem Geröll. Habe ich den Mirjam-Brunnen gefunden? Catherine richtete die Taschenlampe nach unten und blickte zitternd über den Rand. Sie verlagerte vorsichtig das Gewicht und streckte den Kopf vor. Sie sah Steine und loses Geröll. Plötzlich entdeckte sie etwas Weißes. Der unterirdische Gang ging weiter. erwiderte Catherine und klopfte 36 . Sie nahm die Korbreste zwischen die Arme und legte das Kinn darauf. wie sie für Bauten der Bronzezeit typisch waren. das sich offenbar durch die Sprengung gelöst und einen Teil des Schachts zum Einsturz gebracht hatte. der senkrecht nach oben führte. und dann sah sie es. Catherine kniff die Augen zusammen und wartete mit angehaltenem Atem. »Ich meine in Dollars und Cents. meinen Sie. Hoffentlich würde sie nicht in den Brunnen fallen.

sagte Catherine und wich seinem Blick aus. daß seine Träume von Geld und Ruhm wie eine Seifenblase geplatzt waren.« »Wie alt ist das Zeug?« fragte er und deutete auf das Bündel. sagte Hungerford mit gerunzelter Stirn. was ich gefunden habe.sich den Staub von der Bluse. antwortete Catherine. antwortete Catherine und versuchte. Sie stand zwar wieder im hellen Sonnenlicht und atmete den frischen Meereswind. überhaupt einen Wert hat. aber noch immer saß ihr die Angst im Nacken. »Vielleicht siebtes oder achtes Jahrhundert«. Ihre kastanienbraunen Haare waren wie mit Puder bestäubt. daß die anderen ebenso enttäuscht waren wie Hungerford. Catherine war über und über mit Staub und Sand bedeckt. verrottete Korb dafür verantwortlich. In der vergangenen Stunde.« »Das heißt also«. von denen ich Ihnen erzählt habe. das sie aus dem Tunnel mitgebracht hatte. »Aber freuen Sie sich nicht zu früh. die sie in dem engen unterirdischen Gang und am Rand des tiefen Brunnens erfaßt hatte. während sich alle um sie drängten und neugierig den Fund anstarrten. waren die Erwartungen der Leute gestiegen. »Die privaten Sammler zahlen…« Sie sah Hungerford an. »Und der Wert?« fragte Hungerford verdrießlich. Erleichtert stellte sie fest. »Ich glaube. soviel Enttäuschung wie möglich in ihre Stimme zu legen. ob das. »Je nachdem…«. »Die Webart des Leinens und die Verschnürung weisen auf eine nachbyzantinische Zeit hin. »es stammt nicht aus dem ersten Jahrhundert?« »Leider nein«. Ich werde Professor 37 . Bis jetzt wissen wir nicht. Alle hatten auf einen spektakulären Fund gehofft. während sie den unterirdischen Gang erkundet hatte. als sei der schlichte. der Korb gehörte einem der Einsiedler.

desto besser. die Ausgrabungen 38 . Sonst wäre hier die Hölle los. und je schneller sie die zuständigen Experten in Kairo informierte. die zweitausend Jahre alt waren. Ich werde meine Leute dort drüben einsetzen. Inzwischen sollten Sie an dieser Stelle keinerlei Arbeiten durchführen.Gottlieb in Jerusalem anrufen. zog den Reißverschluß der Zeltklappe zu und schaltete das Licht ein. Wir können inzwischen die Tennisplätze planieren. Sie werden jemanden herschicken. als sie es sich in ihren kühnsten Träumen vorstellte. Sie durfte auf keinen Fall auch nur andeuten. bis das Gelände von den Regierungsbeamten untersucht worden ist.« »Ja. dann hatte Hungerford sie mit der Sprengung nicht zu einem Fund aus dem achten Jahrhundert geführt. Wenn sich ihre Vermutungen bestätigten. daß der Fund vermutlich eine weit größere Bedeutung hatte. daß ein Fund dieser Art in Gegenwart glaubwürdiger Zeugen geöffnet wird. Sie blieb einen Augenblick in der Mitte des Zelts stehen. aber diesmal war ihr nichts anderes übriggeblieben.« »Machen wir ihn auf. ja. Er kann uns bestimmt schnell Gewißheit verschaffen. Ihre Gedanken überschlugen sich.« Catherine wich erschrocken zurück. Catherine ging eilig zu ihrem Zelt. »Nein! Wissenschaftliches Vorgehen verlangt. um wieder ruhiger zu werden. sondern möglicherweise enthielt der Korb Schriftrollen. Dieser Fund gehörte ihr. Ich werde sofort Kairo benachrichtigen und die zuständige Behörde informieren. Hatte Hungerford ihr geglaubt? Sie hoffte es.« Der Texaner schob die Hände in die Hosentaschen und ging kopfschüttelnd davon. Dann konnte keine Rede mehr davon sein. Catherine log nur ungern.

Als Catherine den Zündschlüssel für den Landrover suchte. Aber Catherine brauchte sie hier auf der Stelle. ob sie sich die Zeit nehmen sollte. Sie würde keine Minute Ruhe haben.vorzeitig zu beenden! Die Stiftung würde ihr die Geldmittel so lange zur Verfügung stellen. Ein Blick auf die Uhr erinnerte sie daran. Was 39 . daß das Fragment eindeutig aus dem zweiten oder dritten Jahrhundert stammte. Wie konnte sie das erreichen? Sie blickte auf das Jesus-Fragment. Sie überlegte kurz. um die Arbeiten abzuschließen. hielt sie inne. Offenbar handelte es sich um den Anfang eines Briefes. Das wußte jeder. Oder wäre es klüger. Ihr Magen knurrte und erinnerte sie daran. griff nach der Lupe und begann zu lesen. auf der Stelle zum Hotel zu fahren? Sie entschied. unseres Herrn Jesus. bis das Gelände von den Beamten gesichert worden war. ›Sabina. wie sie brauchte. grüßt Euch und segnet die Gemeinschaft des Gerechten. Eure Schwester. würde natürlich sofort jemand kommen. daß seit der Sprengung inzwischen mehr als vier Stunden vergangen waren. daß sie nicht gefrühstückt hatte. Die Bürokraten in Kairo konnten erfahrungsgemäß so schnell nichts in Bewegung setzen. im Haus der lieben Amelia. das Alter des Fragments zu bestimmen. Doch Catherine interessierte sich im Augenblick nicht für Essen. Wenn sie nach Kairo berichten konnte. Und sie würde auch alle gewünschten Arbeitskräfte bekommen. Sie mußte auf der Stelle zum Hotel Isis fahren und die Abteilung für Altertümer informieren. das sie noch immer nicht übersetzt hatte. wenn sie die Behörde ein paar Minuten später informierte. es könne nichts schaden. legte das Fragment unter die helle Lampe. des verehrten…‹ Catherine zog die Augenbrauen zusammen.

aber nur in Verbindung mit einem Mann. die Befehle des Königs ausführen) Täufer. In der Frühkirche waren Diakonai (die.bedeutete das nächste Wort: ›διάκονος – Diakonos‹? Diakon… Das konnte nicht sein. ›Ich möchte Euch. zu der ich auf höchst wundersame Weise gekommen bin. in Sorge um Eure Sicherheit und in Furcht um Euer Leben. etwas so Erstaunliches berichten.‹ Catherine stieß die Luft aus. Catherine kannte die Anrede ›Diakonos -Diakon‹ aus anderen Schriften. als ›Diakonos – Diakon‹. Samir rief nach einer Kelle. Wird heute übersetzt als‹Diakon›. Sie las den Satz noch einmal. während sie aufgeregt unter ihren Büchern suchte. ›Lest diesen Brief im geheimen und in Furcht um Euer Leben!‹ Was um alles in der Welt hatte sie gefunden? Sie las noch einmal den Anfang: ›… der lieben Amelia. Prediger und Hüter des Sakraments. einer der Studenten lachte laut. aus einem Kofferradio kamen die Nachrichten eines Senders in Jerusalem. daß nur meine Stimme zu Euch spricht. des verehrten Diakon…‹ Durch die dünne Nylonwand ihres Zelts hörte Catherine die üblichen Geräusche im Lager. Als sie das entsprechende Werk gefunden hatte. Perpetua. eine gesegnete Frau. All das registrierte ihr Bewußtsein kaum. schreibt meine Worte an Euch nieder. suchte sie im Register und las: ›Diakonos (Strong’s Nummer: 1249-GSN) griechisch:‹Diener›. Es gab keinen Zweifel. Aber zuerst sollt Ihr wissen. daß meine Stimme beim Reden zittert. Sabina sprach von Amelia. einer Frau. liebe Schwestern. An dieser Stelle möchte ich Euch jedoch warnen: Lest diesen Brief im geheimen. Kopfschüttelnd las sie weiter. deshalb ist eine genauere Übersetzung im 40 . Eine Frau war eine ›Diakonissa – Diakonin‹.

Beide stimmten beinahe völlig miteinander überein. dich wiederzusehen.‹ Als sie geschwiegen hatte. Ihr Blick fiel auf das Photo der Autorin auf der Rückseite. als ›Priester‹ angeredet? Das konnte nicht sein! Catherine schlug ein Schriftbeispiel in dem Nachschlagewerk auf. ›Es gab einmal eine Zeit. Danach werden sie abreisen. ›Ich hoffe. War Amelia eine Priesterin? Eine Frau wurde in einem Brief. hatte er gesagt. Seine Antwort und der Ton seiner Stimme gingen ihr nicht mehr aus dem Sinn. griff nach der Lupe und verglich sorgfältig die Handschrift des Briefs mit den Buchstaben im Buch. Aber sie hatte ihm erklärt.Kontext des Neuen Testaments‹Priester›. Sie klappte das Buch zu und versuchte. du kommst über die Feiertage‹. Nur das hätte die Anrede ›Diakon‹ gerechtfertigt. besteht denn wenigstens die Möglichkeit. die erstaunlichen Schlußfolgerungen in ihrer Tragweite zu erfassen. ›Meine Eltern freuen sich darauf. Liebste‹. Die ganze Familie ist zum ChanukkahFest hier. da hat dir Weihnachten sehr viel bedeutet. daß nur wir beide Weihnachten zusammensein können? Du fehlst mir so. Cathy. Sie hatte ihn vor einer Woche aus dem Hotel Isis angerufen. fragte er: ›Cathy. in dem das Wort ›Jesus‹ vorkam.‹ Dann sagte er: ›Du kannst der 41 . sie könne die Ausgrabungen nicht unterbrechen. Plötzlich erinnerte sie sich an das letzte Gespräch mit Julius. Damals bekleideten jedoch nach der übereinstimmenden Ansicht von Theologen und Bibelwissenschaftlern keine Frauen das Priesteramt. Außerdem sei Weihnachten für sie ein Tag wie jeder andere.‹ Catherine holte tief Luft. Kein Zweifel: Sabinas Brief an Amelia mußte im zweiten Jahrhundert geschrieben worden sein.

Aber Catherine sah nicht die Augen. den meine Mutter gebraucht hätte? Sie blickte auf den Korb und auf das Loch im Geflecht. das Ende des Briefes nach den Worten: ›in Sorge um Eure Sicherheit und in Furcht um Euer Leben‹ befand sich in dem Korb. Sie hielt das ebenfalls abgerissene untere Ende ihres Fragments daran. denn mir fehlten die Beweise.‹ Ihr Blick richtete sich nachdenklich auf das Photo. Nina Alexander hatte das Handbuch des Griechischen im Neuen Testament geschrieben. das offenbar durch die Sprengung entstanden war. als ihre Mutter kurz vor dem Ende alle ihre Erkenntnisse widerrufen hatte und die Kirche schließlich doch triumphierte… Verwirrt und innerlich aufgewühlt richtete Catherine ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Jesus-Fragment und das brisante Wort: ›Diakon‹. streitbaren Lebens. Habe ich den Beweis gefunden. Sie sah die 42 . Das bedeutete.Kirche nicht ewig die Schuld an allem geben.‹ Sie hatte erwidert: ›O doch. Wenn ich doch nur einen Beweis gehabt hätte…‹ Catherine wollte nicht mehr an den schmerzlichen Tag denken. Die beiden Papyrus-Stücke paßten zusammen. Behutsam legte sie das Jesus-Fragment in eine verschließbare Kassette und schob sie zusammen mit dem Korb unter ihr Feldbett. was ich getan habe. Catherine zögerte nicht mehr. Cathy. war ganz allein die Schuld der Kirche. Dahinter entdeckte sie das abgerissene Ende eines Papyrus. Was beim Tod meiner Mutter geschehen ist. aus denen eine wache Intelligenz sprach. Dr. als sie allein in einem Krankenhauszimmer lag und flüsterte: ›Sie hatten recht. sondern sie hörte die tonlose Stimme ihrer Mutter am Ende ihres bewegten. ich hätte nicht tun dürfen. Das Bild zeigte eine junge Frau mit lächelnden grünen Augen.

daß er es offenbar sehr eilig hatte. ihr Zelt zu bewachen. der Fund und möglicherweise sogar ihre persönliche Sicherheit in großer Gefahr. Zuerst würde sie Samir bitten. Die Abteilung für Altertümer in Kairo würde sie nicht anrufen.Schlüssel für den Landrover neben dem Waschtisch. und ging um das Zelt herum. Inzwischen sah die ganze Sache anders aus. die manchmal die ganze Nacht dauerten. Aber als sie sah. Er wird reden! In diesem Augenblick wußte Catherine. Hoffentlich war Julius zu Hause und nicht im Institut bei einem seiner Tests. steckte sie ein und blickte auf die Uhr. danach Daniel in Mexiko und schließlich feststellen. daß einer ihrer Leute zum Einkaufen nach Scharm el Scheich fahren wollte. daß Hungerford in seinem Jeep in Richtung der Hotels davonbrauste. Als sie die Zeltklappe zurückschlug. hörte sie einen Motor aufheulen. um hinauszugehen. dann waren die Ausgrabung. Catherines Plan stand fest. Sie vermutete. 43 . In Kalifornien war es kurz nach Mitternacht. wenn das geschah. mit welchem Flugzeug sie Ägypten so schnell wie möglich verlassen konnte. dann Julius aus dem Hotel Isis anrufen. verriet ihr die Staubwolke.

Bei ihrem Mann mußte sie auf alles gefaßt sein. um den Platz wieder bespielbar zu machen. kamen wieder ins Freie und liefen an dem privaten Golfplatz vorbei. »Aber Miles! Ich bin doch gerade…« »Das mußt du sehen. welche aufregende Überraschung Miles ihr zeigen wollte. daß sich seine Stimme an der getäfelten Decke brach und von den weißen Wänden ihres beinahe tausend Quadratmeter großen Hauses aus Adobeziegeln widerhallte. Sie hatte keine Ahnung. daß sie beinahe rennen mußte. In den dreißig Jahren ihrer Ehe hatte es keinen einzigen Augenblick der Langeweile gegeben. der einen schokoladenbraunen Corvette ZR-1 auf Hochglanz polierte – einen von dreiundzwanzig alten Corvettes aus Havers’ Sammlung -. wo in Vitrinen Kultobjekte aus dem Zum Pueblo standen. Er machte so große Schritte. hob erstaunt den Kopf. Erika lachte. komm schnell!« Miles Havers nahm die Hand seiner Frau und zog Erika aus dem Sessel. Es konnte eine ungewöhnliche Wolkenformation oder ein neuer superschneller Mikrochip sein. 44 . beeil dich!« Er lief mit ihr nach draußen und durchquerte dabei eine verglaste Veranda mit alten spanischen Möbeln und sehr bequemen Rattansesseln.Santa Fe. New Mexico »Erika! Erika. wo Gärtner sorgfältig den frisch gefallenen Schnee entfernten. »Du wirst staunen!« rief er so laut. Liebling! Schnell. Dann eilten sie durch einen mit Buntglas gestalteten Bogengang. Sie liefen über den riesigen Innenhof. Aber wie immer ließ sie sich sofort von seiner Begeisterung anstecken. Ein Chauffeur.

wohin er sie führte – in das Tropenhaus. daß ihre Füße kaum den Boden zu berühren schienen. denn in diesem Monat kamen ungewöhnlich viele Menschen nach Santa Fe. aber sie wußte. als ihre Augen unwillkürlich in Richtung Golfplatz wanderten. Sie war eine zarte. Die Jahrtausendwende stand bevor. die Miles um das sechzig Hektar große Anwesen hatte Stellung beziehen lassen. als sie ihrem Mann um den spanischen Brunnen aus dem fünfzehnten Jahrhundert folgte. gab Miles eine Geheimnummer ein. Als sie die verschlossene Tür erreichten. und Santa Fe galt als einer 45 . Erika war wie er Anfang Fünfzig.Havers’ Sandalen klatschten laut auf den SaltilloFliesen. Erika lebte inzwischen bereits zehn Jahre hier. den man Stein für Stein. Schließlich wußte Erika. die so leichtfüßig ging. denn der zweiundfünfzigjährige Miles Havers war ein begeisterter Jogger und trainierte zu jeder Tagund Nachtzeit seinen immer noch sportlichen Körper. sie waren da – die Wachen. Das war ein vertrautes Geräusch auf dem Anwesen. Sie sah niemanden dort. Es war eine Vorsichtsmaßnahme. die intensive Färbung beruhe auf der geringen Luftfeuchtigkeit. und ein Schauer lief ihr über den Rücken. aber noch immer staunte sie über das unvergleichliche Blau des Himmels von New Mexico. feingliedrige und vornehm wirkende Frau. Fliese um Fliese aus Madrid hierhergebracht hatte. Sie dachte verzaubert: Sangre de Cristo – Blut Christi – wirklich ein seltsamer Name für ein Gebirge… Ein kalter Wind fuhr durch ihre kurzen aschblonden Haare. Erikas Blick richtete sich unwillkürlich nach Westen zu den Sangre de Christo-Bergen. um das Schloß zu öffnen. in dessen Herzen sich ihr fünftausend Hektar großes Gelände befand. Man hatte ihr gesagt. die an diesem kalten Dezembertag in weißen Schnee gehüllt waren.

riesigen Überschwemmungen. Präsidenten. Das Tropenhaus war. Geschäftsfreunde. die er in der Steinwüste sechshundert Meter über dem Meeresboden geschaffen hatte. Die Tür des Tropenhauses glitt geräuschlos zur Seite. darunter Verwandte. sei inzwischen eine Geisterstadt. das in weniger als drei Wochen beginnen würde.der heiligen Orte der Erde. Berühmtheiten des gesellschaftlichen und religiösen Lebens. Die Bevölkerung der ganzen Welt sah mit Spannung dem neuen Jahr entgegen. in anderen standen Gewächse bereits in voller Blüte oder waren mit Knospen 46 . Erika hingegen freute sich auf das neue Jahrtausend. bei dem die Heerscharen des Himmels die Mächte der Hölle besiegen würden. In sehnsüchtiger Erwartung auf eine spirituelle Offenbarung für die Welt und für sie persönlich hatte sie das letzte Jahr mit den Vorbereitungen für das ›Fest des Jahrhunderts‹ zugebracht. Über den Gerüchen von Erde. in denen Ableger und aus Samen gezogene Pflanzen wuchsen. eine Miniaturwelt. Nelken und Gardenien. Es wurden über tausend Gäste erwartet. bescheiden ausgedrückt. Hollywood. Sie alle sollten zugegen sein und als Zeugen in der Casa Havers die große Konvergenz erleben. schweren Naturkatastrophen. Miles führte Erika voll Stolz in seine Miniaturtropen. auf die Erika und ihre New Age-Freunde hofften. so hieß es. Sie gingen zwischen Beeten hindurch. Man rechnete mit Erdbeben. Dünger und Moder lagen die betäubenden Düfte von Narzissen. da sich alle Stars aus Angst vor der großen Katastrophe in die sicheren Gebiete von Wyoming oder Montana und nach Manhattan zurückgezogen hatten. gute Freunde. Stars und gefeierte Künstler. und Erika schlug heiße. feuchte Luft entgegen. und viele bereiteten sich sogar auf den Weltuntergang vor.

der den Mut hatte.« Erika sah ihn an. wir können in Zukunft den Dschungel in Ruhe lassen. Er blieb stehen und flüsterte: »Da…«. wo Miles seine seltenen Orchideen züchtete. verständnisvoller Mensch. während er sprach.« Erika wußte. was er als richtig empfand. Schließlich legte sie lächelnd die Arme um ihn und drückte ihn an sich. als fürchte er. die von geldgierigen und gewissenlosen Sammlern gefördert wird. legte sie die Hand auf die Brust und hauchte: »Oh. Als Erika die Blüte mit den mitternachtsblauen Blütenblättern und den schimmernden grünen Blättern sah. das empfindliche Gleichgewicht der Biosphäre zu stören. das Krächzen von Papageien und das Geschnatter von Affen zu hören. sagte er triumphierend. als er die Knolle bei einem Züchter in Kalifornien gekauft hatte. Es war ein Abenteuer gewesen von dem Augenblick an. aber sie hat es geschafft. »Es war nicht einfach. diese besondere Orchidee zum Blühen zu bringen. Er war ein guter. In schattigen Grotten wuchsen üppige dunkelgrüne Farne und rankende Kletterpflanzen. Miles! Das ist unfaßlich…« »Zygopetalum Blauer See«. erklärte er mit bebender Stimme. Das bewunderte sie an Miles am meisten. daß man mit wissenschaftlichen Methoden die barbarische Plünderung der Regenwälder aufhalten kann. »Und es ist mir doch gelungen! Das ist der Beweis. 47 . für das zu kämpfen. Sie spürte seine Begeisterung in der schwülen Luft. Es hätte Erika nicht überrascht. hier in den Vereinigten Staaten gesunde Pflanzen unter künstlichen Bedingungen zu züchten! Das bedeutet.übersät. es sei nicht möglich«. Manchmal schlief er sogar hier im Gewächshaus. um sein ›Kind‹ zu pflegen. Es ist möglich. »Man hat mir gesagt. Schließlich erreichten sie die Stelle. welche Mühe sich Miles gegeben hatte. Erika.

Jogger und Drachenflieger – kaum in das Klischee eines 48 . Sein Feldzug richtete sich besonders gegen Taiwan. daß der illegale weltweite Handel mit Orchideen. Niemand wußte genau. Da sein kometenhafter Erfolg und sein Reichtum auf seiner Zeit als Hacker beruhte. Miles hatte sich schon immer für die weltweite Erhaltung der Umwelt eingesetzt. wo er vor einem Senatsausschuß ausgesagt und strengere Gesetze zum Import seltener Pflanzen gefordert hatte. Wie auch immer. Miles war ein Held seiner Zeit. Im Augenblick kämpfte er auf einer höheren und sehr viel einflußreicheren Ebene. Ganz Amerika liebte ihn. Taiwan die Mitgliedschaft in den Vereinten Nationen zu verweigern. aber seine besondere Leidenschaft galt der Rettung gefährdeter Pflanzen und Tiere. Er nutzte seinen Reichtum für die Lösung gesellschaftlicher Aufgaben. bei dem Sammler astronomische Summen für eine einzige Pflanze zahlten. sein Einfluß reichte inzwischen um die ganze Welt. und Time Magazine hatte ihn kürzlich als Erfinder von Internet bezeichnet. die bewiesen. diesen superreichen Computer-König. Die Zeitschrift Forbes hatte den Nettowert seines Konzerns mit zehneinhalb Milliarden Dollar veranschlagt. das Land öffentlich anzuprangern. Deshalb unterstützte er die Bemühungen der USA. Aber natürlich mußte niemand darüber aufgeklärt werden. daß einige Arten bereits ausgerottet worden waren. was alles zu Havers’ Elektronik-Imperium gehörte. dessen rücksichtslose Ausrottung mancher Pflanzenarten Miles dazu veranlaßt hatte.Gewiß. und so liebte Erika ihren Mann. karikierte man Miles oft als die ›Wühl-Maus‹. Erst am Tag zuvor war er aus Washington zurückgekommen. die Dschungel ihrer natürlichen Flora so weit beraubten. Er hatte alarmierende Zahlen vorgelegt. daß Miles Havers – Golfspieler.

und als sich der Teilnehmer am anderen Ende meldete. auch das war ein Klischee. in der sie als Hippies in einem VW-Bus durch die Vereinigten Staaten gefahren waren und in Woodstock nackt im Regen getanzt hatten. Havers trat zu einem Sprechgerät an der Wand.« »Wer ist es?« »Der Anrufer wollte keinen Namen nennen. daß sie und Miles es soweit gebracht hatten.Computer-Freaks paßte. wenn sie an die Zeit zurückdachte.« Miles begleitete sie zur Tür. »Eine wundervolle Orchidee. daß er dem Alter nach bereits den Höhepunkt seines Lebens überschritten hatte. Dazu kamen die faszinierenden grauen Augen und sein unvergleichliches ansteckendes Lächeln. Es ist dringend. und man sah ihm nicht an. Sir.« Mit einem Blick auf Erika sagte er: »Entschuldige. Gewiß. Hast du etwas dagegen?« »Aber nein. die sich automatisch hinter Erika schloß. sagte er: »Sprechen Sie. Miles Havers war in den Augen seiner Frau der Inbegriff von Klugheit und salopper männlicher Eleganz.« Sie gab ihm einen Kuß auf die Wange. aber es entsprach trotzdem der Wahrheit. aber ich muß das Gespräch annehmen. Seine blondbraunen Haare waren immer jungenhaft zerzaust. Ich muß ohnehin noch einmal die Gästeliste für das Konzert durchgehen und den Maestro anrufen.« Miles 49 . Liebling. Dann nahm er den Hörer des Wandapparats neben dem Eingang ab. Erika fand immer. verbinden Sie. Das Gespräch kommt aus Kairo. wenn ich zurückrufe. »Ja?« »Sie haben ein Telefongespräch. daß er wie ein Filmstar aussah.« Miles kniff die Augen zusammen. Der Piepser an seinem Gürtel meldete sich plötzlich. gab eine Geheimnummer ein. Manchmal konnte sie es noch immer nicht glauben. Er war schlank und muskulös. »Also gut.

aber jedesmal. die man so gut wie nicht findet. »Ein Fragment?« fragte er. Die Transaktion wird sehr teuer werden. Eine vertraute. Jetzt wurde er belohnt. obwohl die mehrfach isolierten Scheiben des Tropenhauses keinen Laut nach außen dringen ließen. Nicht der Erwerb. Er hatte dieses besondere Gefühl längere Zeit nicht mehr erlebt. Havers… Zygopetalum Blauer See… eine sehr seltene Art. ›Ich habe eine Orchidee für Sie. »Und Sie sind sicher. gehörte das zu den unvergeßlichsten Augenblicken seines Lebens… Vor sechs Monaten hatte er einen Anruf aus Taiwan erhalten.« 50 . Gefahren gehören zu meinem tollkühnen Spiel »Sind die Behörden bereits informiert? Ich verstehe… Was ist in dem Korb? Stellen Sie es fest. Mr.‹ Miles hatte nach dem Telefonat tagelang nicht geschlafen. dachte er. ballte Miles unbewußt die freie Hand zur Faust. Wie vor sechs Monaten war seine Beutegier erwacht. daß in dem Schriftstück das Wort ›Jesus‹ vorkommt? Sind noch andere Fragmente oder Schriftrollen gefunden worden?« Als er die Antwort hörte. »Ein Korb?« fragte er und sprach unwillkürlich leise. und das Entfernen der Knolle riskant. und seine Lippen wurden schmal. Das Wichtigste dabei war: Sie blühte nur zu seinem persönlichen Vergnügen. sondern die Erwartung ist die Droge des Sammlers. In seiner privaten tropischen Welt blühte schimmernd eine atemberaubend schöne und seltene Orchidee. Die Ausfuhr ist illegal. wenn es geschah. prickelnde Erregung erfaßte ihn. und halten Sie mich auf dem laufenden.hörte einen Augenblick lang zu. Dann endlich traf die kostbare Knolle von ›einem Züchter aus Santa Barbara‹ ein.

»Zeke ist in der Leitung. als er hinzufügte: »Hören Sie. Begeben Sie sich nach Scharm el Scheich. Sagen Sie Zeke. aber jeder.« Es dauerte keine fünf Minuten. der sich Ihnen in den Weg stellt. bis das Telefon summte.« Miles gab ihm kurz die notwendigen Informationen und sagte dann: »Der Auftrag in Athen kann warten. »Rufen Sie in Athen an.Er beendete das Gespräch und wählte eine andere Nummer. Wenn das der Fall ist. daß ich ihn auf der Stelle sprechen muß. Gehen Sie von Anfang an unauffällig vor. Zeke. Stellen Sie fest. ob der Korb etwas mit dem Jesus-Fragment zu tun hat und ob es Schriftrollen gibt. Sir. wird ausgeschaltet. ich habe jeder gesagt. Wie? Das überlasse ich Ihnen. sofort. dann möchte ich sie haben.« 51 . Haben Sie mich verstanden?« Seine Stimme klang kalt.

»Ich versuche immer noch. Daniel in Mexiko zu erreichen. Die Verbindung wird ständig unterbrochen. Catherine brauchte nicht viel Phantasie. Ein Blick durch die Hotelhalle machte sie noch mißtrauischer. kaute auf der Unterlippe und überlegte. »Ich bekomme keine Verbindung. Catherine stemmte die Hände in die Hüften. daß die Jagd der privaten Sammler auf den Fund begonnen hatte. Golf von Akkaba »Hallo? Senor?« rief Catherine in den Telefonhörer. Sein Lager befindet sich… Hallo? Hallo!« Sie starrte auf das stumme Telefon in ihrer Hand und stöhnte. was sie als nächstes tun sollte. Die vielen neuen Gäste in den Korbsesseln hinter den Kübelpalmen tarnten ihre wahren Absichten vermutlich mit der Lektüre arabischer und französischer Zeitungen. Frau Doktor?« Catherine fuhr herum. sah sie Mr. Mylonas. die ihre Tauchausrüstung zum privaten Anlegeplatz des Hotels trugen. um sich vorzustellen. »Pech«. »Sie telefonieren. Daniel Stevenson zu erreichen. seit die Sprengung das Jesus-Fragment zutage gefördert hatte.Scharm el Scheich. etwa wie Elektronen um ein Proton.« Sie hatte drei Stunden lang vergeblich versucht. Sie sah plötzlich in jeder Ecke Spitzel bei türkischem Kaffee. kamen ihr verdächtig vor. Vor ihr stand grinsend Hungerford und nahm ihr mit seiner Leibesfülle den Blick 52 . fragend an. Selbst die sportlichen Touristen. Zehn Stunden waren vergangen. den Besitzer des Hotel Isis. Vermutlich hatte Hungerford bereits am frühen Morgen mit einem einzigen Anruf dafür gesorgt. murmelte sie. »Nicht schon wieder!« Als Catherine zur Rezeption zurückkehrte. wie die Nachricht von diesem Fund um den Erdball kreiste. Dr.

freundlich zu bleiben. Frau Doktor!« Er drehte sich um und verschwand grinsend in der Bar. Sie werden morgen früh hier sein. Außerdem hatte sie den Eindruck. Schließlich…«. Sie hatte sich die Lüge spontan einfallen lassen. »Ich habe Kairo informiert. daß sie die Behörde in Kairo informiert hatte. im Keim zu ersticken. »Natürlich.« Ihr gefiel es überhaupt nicht. um alle möglichen Pläne. was wir gefunden haben. erwiderte sie gereizt. um unseren Fund zu feiern?« Catherine zwang sich. Dann zwinkerte er ihr zu. aber genau das mache ich«. wo gerade eine Bauchtänzerin mit ihrer Darbietung begann. »Sie werden es nicht glauben. Und wie wäre es mit einem Drink. sie lächelte und sagte spitz.« Seine Augen richteten sich wieder stumm auf ihr Gesicht. Das ist im Augenblick nicht möglich. er zweifle daran. ob sein übliches anzügliches Gehabe diesmal von gewissen gefährlichen Untertönen begleitet gewesen war. Catherine sah ihm nach und fragte sich. »Ich warte auf den Rückruf… einer Zeitung«. Eigentum des ägyptischen Volkes. »ist das. Die Behörde schickt die zuständigen Beamten. »Tut mir leid. wie er gesagt hatte ›unser Fund‹. »AI Ahram und die Gazette möchten Reporter und Photographen schicken. fügte sie schnell hinzu. daß er die Sache mit den Zeitungen nicht glaubte. 53 . die er mit dem JesusFragment und dem Korb haben mochte. in dem sich die letzten Strahlen der untergehenden Sonne spiegelten. Dann lachte er laut: »Aber natürlich! Da steht uns offenbar ein richtiger Medienrummel bevor. die anwesend sein sollen.« Hungerfords blaßbraune Augen musterten sie fragend. wenn wir den Korb öffnen.auf die Hotelveranda und den türkisfarbenen Swimmingpool. Sie wurde den Eindruck nicht los.

Sie konnte Julius unmöglich in dieses Abenteuer hineinziehen. die ängstliche Zehnjährige. und man konnte sich immer darauf verlassen. Deshalb blieb nur Daniel. einen fragwürdigen Ruf zu haben. landete sie sogar in einem ägyptischen Gefängnis. In dieser Lage gab es nur einen Menschen. Die Bande verhöhnte und verspottete sie. daß Catherine sie nicht informiert hatte. im Schulhof in eine Ecke getrieben. daß Daniel stolz darauf war. Ägypten zu verlassen? Die Beamten würden mehr als ungehalten darüber sein. Julius nicht anzurufen. bevor es ihr gelungen war. vertrieb die Jungen mit seinen Fäusten 54 . Aber dazu brauchte sie Hilfe. Das war schon an dem Tag vor sechsundzwanzig Jahren nicht anders gewesen. Sie mußte vorsichtig vorgehen und bei der riskanten Aktion auch an ihre Sicherheit denken. Zweifellos würde man zu drastischen Maßnahmen greifen. Eine Bande rauflustiger Jungen hatte sie. mit dem sie bisher aus Schüchternheit nie gesprochen hatte.Kalter Schweiß stand ihr auf der Stirn. sie würde sich nicht durch mögliche spätere Konsequenzen von ihrem Entschluß abbringen lassen. Catherine wußte. als sie ihn kennenlernte. Plötzlich tauchte ein magerer kleiner Junge aus ihrer Klasse auf. Was würde geschehen. daß er etwas Unerhörtes tat. Sie wollte etwas Illegales und Unmoralisches tun. auf den sie sich hundertprozentig verlassen konnte… Auf der Fahrt vom Lager zum Hotel hatte Catherine beschlossen. Ihr Plan würde ihrem wissenschaftlichen Ruf schaden. und wenn sie Pech hatte. wenn die Behörde in Kairo etwas von dem Fund erfuhr. das Fragment und den Korb aus Ägypten zu schaffen. Zuerst einmal mußte es ihr gelingen. ihr die Leitung der Grabungen entziehen und sie ägyptischen Archäologen übertragen… Wie auch immer. Er liebte das Risiko. Sie hatte Angst.

Dort wäre er die nächsten zehn Stunden nicht mehr erreichbar. Aber wie? 55 . Der Held war Daniel Stevenson und wie Catherine ein Außenseiter in der Schule. denn er gehörte zu der quälenden Erinnerung. Seit diesem Augenblick war Daniel für Catherine immer ein zuverlässiger Freund und sie seine Freundin geblieben. du warst der einzige in der Klasse. und er tröstete Catherine. Nur Daniel verstand wirklich. In Mexiko war es kurz vor acht Uhr morgens. Er würde das Lager bald verlassen und sich auf den Weg zu dem Maya-Grab machen. Daniel hatte ihr in der finsteren Nacht vor ihrem dreiundzwanzigsten Geburtstag aus dem Abgrund geholfen. Sie mußte ihm die Information zukommen lassen. Sie kannte Daniels Arbeitsgewohnheiten. Auch Daniel war in der letzten Nacht in ihrem Traum gewesen. als ich mit dem Schild um den Hals auf dem Hocker stand… Catherine blickte auf ihre Uhr. So viel Zeit hatte Catherine nicht.und rettete sie wie ein edler Ritter. als sie ihre Eltern verlor. weshalb Catherine aus der Kirche ausgetreten und eine Rückkehr zum Glauben für sie ausgeschlossen war. Sie tröstete ihn beim Tod seiner Mutter. der nicht gelacht hat. Danno.

daß die Vorfahren der Mayas Überlebende des verschwundenen Kontinents Atlantis waren. Cathy… Sie als einzige hatte nicht gelacht. und seine Stimme hallte dumpf in dem Felsengrab. Cathy hatte ihn in den langen einsamen Wochen mit ihren Briefen und Telefonaten moralisch unterstützt. Der Ton brach sich an den feuchten Wänden der Grabkammer. lacht am besten. um das Bild besser und schärfer zu bekommen. Schnell tippte er auf seiner Tastatur: ›Seht ihr es. Cathy hatte ihn daran erinnert. Glückwunsch!‹ Daniel dämpfte das Licht der Laterne und erhöhte die Helligkeit auf seinem Bildschirm.Mexiko »Da ist es!« rief Daniel. und lachte. Kein Zweifel. als er zum ersten Mal seine These aufstellte. daß die Vorfahren der Mayas Minoer gewesen seien. das Ergebnis jahrelanger Arbeit. während er in der engen Grabkammer des Maya-Königs arbeitete und vom ohrenbetäubenden Lärm des Generators beinahe taub wurde. Danny Boy!‹ Daniel betrachtete glücklich die übereinanderliegenden Bilder auf dem Monitor. Endlich hatte er den Beweis erbracht. Dann schrieb jemand aus dem Institut in Santa Barbara: ›Wer zuletzt lacht. 56 . Er konnte nachweisen. Wenn doch Cathy diesen Augenblick seines Triumphs mit ihm hätte teilen können! Auf dem Bildschirm erschien ein lachendes ComicGesicht. Er lächelte glücklich. Houston? Habt ihr das Bild?‹ Kurz darauf erschien auf dem Bildschirm des Laptops die Antwort: ›Wir sehen es. Dr. Stevenson. daß er mit seinem Examen in Physik und einer hervorragenden Dissertation. die sich nach dem Untergang von Atlantis an die Küste von Yukatan retten konnten. er hatte es geschafft. Dann wurde es still.

›Stürze sie von ihrem hohen Sockel. zeigte es schlanke. Und von Cathy hatte er gelernt. sich gegen die Spötter zu wehren. Er hatte mehrere Jahre mit der Suche zugebracht. so ernst genommen zu werden wie jeder andere Wissenschaftler auch. die aus einer früheren Zeit stammten als alle derzeit bekannten.in der er die Genauigkeit der Datierung bronzezeitlicher Keramik mit Hilfe von Thermolumineszenz in Frage stellte. Beispiele der Maya-Kunst zu finden. Kunst und Kultur hätten sich in den dazwischenliegenden Jahrhunderten entsprechend entwickelt. Allerdings 57 . Dann aber stieß er auf ein Fresko. sagte sie immer wieder. Anstelle der korpulenten Gestalten mit schlaffen Armen und dicken Bäuchen. das lasse sich dadurch erklären. Danno‹. den Beweis zu finden. drahtige Gestalten mit schmalen Hüften und schulterlangen schwarzen Haaren. aber mit Beweisen. Alle erklärten. Aber Daniel erwiderte. führte ihn schließlich zu einem seltsamen Hügel im mexikanischen Dschungel. daß die Kunst von Chichen Itza und anderer Hochburgen der MayaKultur mehrere tausend Jahre nach der AtlantisKatastrophe entstanden sei. Seine Entschlossenheit. Nach zwei Jahren mühevoller Ausgrabungen stellte er fest. es seien keine Ähnlichkeiten zwischen der Kunst der Ägäis und der des klassischen Mittelamerika nachzuweisen. das Recht hatte. die man in Bonampak fand. ›Mach dir nichts daraus.‹ Die Herausforderung hatte in der Tat darin gelegen. daß es sich um das Grab eines bis dahin unbekannten MayaKönigs handelte. hatte Luftaufnahmen studiert und die Computer mit immer neuen Daten gefüttert. Er kam deshalb zu dem Schluß. wie man es noch nie zuvor gesehen hatte. Dieses Ergebnis hatte ihm die widerwillige Anerkennung seiner Kollegen eingebracht. es müsse ihm gelingen. die an Besessenheit grenzte.

Azteken und den Mayas als mächtiger Gott verehrt wurde. das Schlangen zeigte: die Vorläufer der Gefiederten Schlange. bei der ihre Vorfahren ertrunken waren.hatten sie bereits die flache Stirn und die langen Hinterköpfe. daß sich diese Menschen unter Wasser befanden und ertranken. daß auf 58 . die ein Kennzeichen der späteren MayaKunst waren.oder Südamerika zu finden war. die Jahrhunderte später entstanden waren. Unter den Kalkschichten einer zweiten Wand war Daniel auf etwas gestoßen. Deshalb verwies Daniel auf die Wandbilder von Bonampak. Wie. Jetzt hatte er allerdings einen noch klareren Beweis gefunden. das weder in Mexiko noch irgendwo in Mittel. Dann legte Danno auf der dritten Wand der Grabkammer ein weiteres Fresko frei. könne man erklären. Es handelte sich um ein Wandbild. sei der Beweis für seine Atlantis-Theorie. Auf dem von Danno entdeckten Fresko hielten die Menschen Schlangen in beiden Händen – ein bekanntes Motiv der minoischen Kunst. Das Fresko. als Atlantis unterging – seine Kritiker ließen sich jedoch nicht überzeugen. Es glich aztekischen Darstellungen. Das neu entdeckte Wandbild zeigte die Geschichte der großen Katastrophe. so hatte er gefragt. die bei den Tolteken. Aus ihren Mündern stiegen seltsame Wirbel auf. aber die Spötter machten sich sofort wieder über ihn lustig. bei den Spiralen handle es sich um Darstellungen der Atmungsapparate vorzeitlicher Astronauten. so erklärte Daniel. Die Archäologen deuteten solche gewundenen Bänder in der aztekischen Kunst als Symbole für Sprache oder Atem. das selbst ihn verblüffte. Daniel dagegen deutete sie als Hinweise darauf. Die Menschen auf dem Bild saßen zusammengekauert oder lagen auf dem Rücken. die erst Jahrhunderte später auftauchten. Einige gingen sogar soweit zu behaupten.

34-Modem und einem Funktelefon hatte er eine CyberspaceVerbindung zu Kollegen in Houston und Santa Barbara aufgebaut. Das erlaubte ihm sowohl den Zugriff auf eine Kunst-Datenbank als auch auf ein Kunst-RekonstruktionsProgramm. Daniel nahm die Helligkeit des Bildschirms zurück und antwortete seinen Freunden: ›Danke. daß die Batterie seines Laptop aufgeladen werden mußte. Bestimmte Punkte wie Nasen. denn jedermann wußte. der Kopfschmuck erinnerte an Kraken. Leute! Heute spendiere ich den Kaviar. Sie stimmten beinahe völlig überein. erklärte Danno: Diese Bilder erzählten die Geschichte des Untergangs von Atlantis. ›Mazel tow!‹ schrieben die Kollegen aus Santa Barbara. In der Info-Box des Monitors erschien die Frage: ›Wo bleibt der Champagner?‹ Houston fragte: ›Wo bleibt unser Geld?‹ Das war ein alter Witz. Weshalb sollte eine Gesellschaft im Dschungel Lebewesen und Pflanzen aus dem Meer darstellen? Aus einem einfachen Grund.‹ Er seufzte und lauschte auf den heftigen Regen draußen 59 . Flossen und Seetang.diesen Fresken des achten Jahrhunderts immer wieder das Thema Meeresleben auftauchte? Auf den Gewändern von Priestern und Herrschern sah man Langusten. Ein durchdringender Pfeifton machte Daniel darauf aufmerksam. daß Daniel ständig Geldsorgen hatte. einem Xircom PCMCIA V. Knie und Fingerspitzen wurden präzise übereinanderprojiziert und fehlende Stellen mit Hilfe des Rekonstruktions-Programms ergänzt. Mit seinem alten IBM ThinkPad. Über eine Satellitenverbindung in Cozumel übertrug er die entdeckten Wandbilder in beide Institute. Dann verglich er sorgfältig eines der Wandbilder mit ausgewählten minoischen Darstellungen. Daniel hatte neben dem neu entdeckten Königsgrab sein Lager aufgeschlagen.

er spürte ihren schlanken Körper. und er fühlte sich plötzlich niedergeschlagen. So hatte er ihr Bild bei der Arbeit immer vor Augen. Seine Freude schwand. Warum konnte sie jetzt nicht bei ihm sein? Er sah sich traurig in der modrigen Grabkammer um und dachte an den Tag. Sie umarmte ihn. Es war eine alte Aufnahme von der Schulabschlußfeier. Ihn würde sie bestimmt nicht heiraten. wenn Cathy mit mir feiern könnte… Leider hatte er nur ihr Photo. ›Julius möchte. daß sie Julius heiratete. das er an der Innenseite des Laptop-Deckels unter den Bildschirm geklebt hatte. aber sie traf ihn trotzdem bis ins Mark. und plötzlich wurde aus seiner besten Freundin ein Mädchen. Catherine hatte damals nichts davon geahnt. Einerseits wollte er. daß die beiden glücklich sein würden. Cathy lachte und hielt abwehrend die Hand vor das Objektiv der Kamera. und Daniel hatte alles getan. Andererseits konnte er den Gedanken nicht ertragen. der ein Wendepunkt in seinem Leben gewesen war. Wie schön wäre es. weil sie sich für häßlich hielt. Die Nachricht überraschte Daniel nicht. es werde alles gut werden. das er heftig liebte. Er hatte sich in der Waschküche verkrochen und schluchzte verzweifelt. denn er war sicher. hatte sie in ihrem letzten Brief geschrieben. Der Duft ihres Parfüms stieg ihm in die Nase.vor dem Grab. Der unaufhörliche Regen ließ ihn an eine Szene aus einem Film denken. in dem Wasserfluten den Helden im Dschungel von der Welt abschnitten. daß sie einem anderen Mann gehörte. obwohl sie in Wirklichkeit eines der schönsten Mädchen der Schule gewesen war. damit sie auch nach zwanzig Jahren nichts von seiner Liebe wußte. Daniel machte sich keine Illusionen über ihre 60 . Aber Cathy hatte ihn gefunden. daß ich ihn heirate‹. drückte ihn an sich und flüsterte. Damals war er sechzehn.

fiel ihm allerdings nichts ein. wenn sie zusammen waren.Beziehung. Soll sie diesen Julius heiraten und ihr Glück als ›Mrs. Es gibt Schlimmeres… Während Daniel auf den Monitor starrte und versuchte. Er fand sich zwar nicht gerade häßlich. Catherine würde für ihn nie romantische Gefühle entwickeln. mit einem Mel Gibson konnte er sich nicht vergleichen. die ihn noch vor kurzem beflügelt hatte. aber er wußte. etwas von der Begeisterung zurückzuholen. was schlimmer gewesen wäre. vielleicht sogar Seelengefährten. Voss‹ finden. aber sie würden nie ein Paar werden können. Er war kleiner als Catherine. Sie waren Freunde. Das mußte sich Daniel jedesmal eingestehen. 61 .

»Mr. Golf von Akkaba Plötzlich wußte Catherine. es ist Zeit. Gelegentlich trank sie sogar mit dem siebzigjährigen verwitweten Besitzer Tee. Schnell ging Catherine zur Rezeption zurück.« »Beim heiligen Andreas!« sagte er lachend und schüttelte den Kopf. nach Scharm el Scheich zu fahren. die ich brauche. danach Auswertung der Ergebnisse des Vortags und dann… Es war ihr wieder eingefallen! Daniel saß vor der Arbeit regelmäßig am Computer und informierte sich via Internet über das. und ich weiß es auch nicht.Scharm el Scheich. um Post abzuholen. sagte sie jetzt zu ihm. weil Daniel dort ein verborgenes Grab vermutete. »Vor vier Jahren hat mir Papadopoulos erklärt. Sie erschien beinahe täglich. tauschte Gedanken und Informationen mit einer Gruppe von Freunden aus und las seine E-Mail. und versorgte sich mit den nötigen Dingen. zuerst viel Kaffee. und Ramesch kann nur Briefe damit 62 . was in der Welt geschah. Mylonas. um einen Freund zu erreichen. Nach einem Jahr kannte sie jeder im Hotel Isis. ein Gebiet in Chiapas zu kartographieren. und hat aus Athen einen Computer kommen lassen. Aber Papadopoulos weiß nicht. wie sie Daniel erreichen konnte… Sie hatte ihm einen Sommer lang geholfen. »ich möchte Sie um einen Gefallen bitten. In diesem Sommer gab es kaum Änderungen im Tagesablauf: Aufstehen vor Sonnenaufgang. wenn sie keine Zeit hatte. Hassan weiß es nicht. das Hotel zu modernisieren. wie man einen Computer bedient. ich kann für ein paar Minuten den Hotel-Computer benutzen? Ich bezahle Ihnen natürlich die Gebühren für die Zeit. Glauben Sie. Mylonas«.

Die Tür stand offen. ebenfalls nicht. Er sitzt gerade am Computer. »Tut mir leid«. der Computer ist im Augenblick nicht frei?« Er nickte und zuckte entschuldigend mit den Schultern. Der Mann drehte ihr den Rücken zu und tippte auf der Tastatur.« Sie runzelte die Stirn.schreiben. sagte Mr. Ramesch. bevor er sein Zelt verließ. Catherine überlegte nicht lange und ging zum Büro im hinteren Teil des Hotels. Und heute? Plötzlich wollen alle an den Computer!« »Alle?« »Ja. Die Sekretärin war nicht da.« Aber Catherine hatte keine Zeit. hatte 63 . zum Beispiel Mr. in ein anderes Hotel zu fahren. und am Deckenventilator baumelten klebrige Fliegenfänger. Daniel blieb nie länger als eine Stunde Online. der Stellvertreter von Mr. Frau Doktor. ihr amerikanischer Freund. Aber am Computer saß jemand. Sie mußte ihn erreichen. Er war groß. der Geld umtauschen wollte. Ich kann an den Fingern einer Hand abzählen. Mylonas.« »Wollen Sie damit sagen. In Mexiko war es inzwischen halb neun. »Vielleicht können Sie es im Sheraton oder im Hilton versuchen. und sie blickte hinein. »Wer noch?« »Ein Gast. In den vergangenen fünf Monaten niemand. Mylonas und widmete sich einem Gast. Hungerford. Der kleine Raum war vollgestopft mit ausrangierten Möbeln. wie viele Gäste diesen Computer benutzt haben. der heute am späten Nachmittag eingetroffen ist. Neben mehreren altmodischen Telefonen mit Wählscheibe stand dort auch eine mechanische Schreibmaschine. An der Wand hingen ein islamischer und ein westlicher Kalender.

Mylonas und hängte auf. Er lächelte sie liebenswürdig an.« 64 . im Sheraton anzufragen. »Entschuldigen Sie…«. »Ich wollte Sie fragen. »Aber alle Anschlüsse sind besetzt. damit ist dieser Computer eine Weile beschäftigt. »Ich wollte Sie fragen.« »Stunden? Warum dauert das so lange?« »Ich glaube. einen Priester um einen Gefallen zu bitten. Aber dann fiel ihr auf. er hat ein 300-Bits-pro-Sekunde-Modem!« erwiderte er und lachte. ob ein Computer frei sei. Catherine räusperte sich und blieb in der Tür stehen. Sie räusperte sich noch einmal. daß das schwarze Hemd kein normales Hemd war. Sie war verwirrt. Mylonas hatte nicht erwähnt. Sosehr sie es auch gewollt hätte. daß der Gast ein Geistlicher war. sie brachte es einfach nicht über sich. An der Rezeption bat sie Mr. überlegte es sich aber anders und drehte sich wortlos um. sondern einen Priesterkragen hatte. Mylonas. Er hatte blaue Augen und eine sonnengebräunte Haut. Bitte. trommelte sie mit den Fingern nervös auf das Gästebuch und starrte in die Richtung des Büros. ob der Computer frei ist…« »Ich habe gerade meine E-Mail abgeschickt und fürchte. ob…« Der Mann drehte sich um. Sie wollte etwas sagen. dann auf den Computer und schließlich auf den Priester. Er trug ein schwarzes Hemd mit kurzen Ärmeln und Jeans. Vielleicht haben Sie diesmal mehr Glück. sagte Mr. Catherines Blick verweilte unwillkürlich auf der betont männlichen Gestalt.« »Wie lange?« »Ein paar Stunden. Frau Doktor«. Während sie wartete. Catherine warf erst einen Blick auf die Uhr.breite Schultern und eine fast militärische Haltung. Mr. »Tut mir wirklich leid. das Telefon in unserem Büro steht Ihnen zur Verfügung.

dachte sie flüchtig daran. daß er sich nicht ständig in der Nähe des Zelts aufhalten konnte.Catherine vermutete. wenn sie Danno nicht erreichte? Ich fliege noch heute nacht. »Bitte nimm endlich ab!« Sie warf wieder einen Blick auf die Uhr. Warum ist er noch immer hier? Warum ist er nicht bei seinen Leuten? Sie dachte an Samir. Dr. Aber was sollte sie tun. Die Meldung wirkte jedoch eher wie Hohn: »Gesendet: 1200 Bytes voraussichtl. die Funkvermittlung in Cancun zu erreichen. »Verflucht…«. um zu sehen. das Senden der E-Mail zu unterbrechen. ihr Zelt nicht aus den Augen zu lassen. 65 . Sie hatte ihn gebeten. »Na los. 27 Min. Catherine wußte. Stevenson zu erreichen. Der Priester war nicht mehr da. daß sie mit dem Anschluß hier mehr Glück haben würde als in einer Telefonzelle. »Ja. und sie warf einen Blick auf den Bildschirm. sie durfte die Funde nicht länger allein lassen. die um die halbe Welt gingen. Sendezeit: l Std. und ging zurück in das Büro. »Hallo?« rief sie in den Hörer. Danno«. preßte den Hörer ans Ohr und lauschte auf die veralteten Telefontöne. ob der Computer vielleicht doch schon frei war. Er ist… Hallo?« Die Verbindung wurde unterbrochen. Sie dachte an das Fragment und den Korb unter dem Feldbett. murmelte sie ungeduldig.« Während sie noch einmal versuchte. Ich habe keine andere Wahl. dachte sie. Catherine wußte jedoch. Daniel ihre Nachricht zu übermitteln und später mit dem Priester zu reden. Bestimmt kein sicheres Versteck. War er bereits unterwegs zum Grab? Durch die angelehnte Tür hörte sie plötzlich lauten Beifall aus der Bar und Hungerfords unverkennbares Lachen. ich versuche.

« Er setzte sich vor den Computer. tippte etwas auf der Tastatur und stand auf: »Er steht zu Ihrer Verfügung«. Durch die Glastüren sah sie in seinem Rücken den feurig-goldenen Sonnenuntergang. Seine große Gestalt füllte den Raum. Catherine blickte ihm einen Augenblick nach.« Er sah sie überrascht an. »Ich muß unbedingt den Computer benutzen. Aber sein muskulöser Körper wirkte jugendlich und sportlich. Eine wahrhaft gute Kulisse für einen Diener der spirituellen Welt. der plötzlich noch kleiner zu sein schien. »Was ist los?« Sie drehte sich verblüfft um. Hinter ihm befand sich die Hotelhalle. Eigentlich wirkte er überhaupt nicht wie ein Priester. dachte sie unwillkürlich und staunte über ihren Zynismus.murmelte sie. daß er über vierzig sein mußte. »Sie sind wohl kaum auf mich angewiesen.« »Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?« »Ich möchte nicht gerne auf einen Priester angewiesen sein. sagte er knapp und verließ das Büro. dann setzte sie sich. Der Priester stand in der Tür. ohne sie noch einmal anzusehen. Die ersten Anzeichen von Grau in den kurz geschnittenen dunkelbraunen Haaren verrieten. 66 . Sie legte auf und seufzte. legte den Notizblock mit Daniels EMail-Adresse auf den Tisch und begann mit der Eingabe. Warum löste dieser Mann so heftige Reaktionen bei ihr aus? Er betrat das Büro. Er war etwa einen Meter fünfundachtzig groß. um jemanden zu erreichen.

Danny!« rief der junge Mann und ließ seinen nassen Poncho auf den Boden fallen. »Wer auch immer es gewesen sein mag«. »Die Funkverbindung ist wieder zusammengebrochen. Aber ich glaube.‹ In diesem Augenblick kam einer der Studenten mit einer Thermoskanne und zwei in fettiges Pergamentpapier gewickelten Päckchen in die Grabkammer. Sofort verbreitete sich in der Grabkammer der belebende Duft von Kaffee. Jemand wollte dich sprechen.« 67 . sieh dir das an!« Sein Assistent stellte das Frühstück ab und kauerte sich vor den Laptop. erwiderte Daniel und schraubte den Deckel der Thermoskanne auf. du hast es geschafft!« »Gerade noch rechtzeitig. »He. Es klang dringend. »Phantastisch! Danny. Käse und Paprika stieg ihm in die Nase. das Unwetter…« »Mach dir keine Gedanken! Komm. Ihm war nicht bewußt gewesen. Er hatte die Arbeit nicht unterbrechen wollen und war nicht wie üblich ins Lager zurückgegangen. »Wenn es wichtig ist. »Weiß nicht…« Daniel schlug das fettige Papier beiseite. »Wer wollte mich sprechen?« Der junge Mann reichte ihm eines der Päckchen. wird er es schon noch einmal versuchen. Meine letzte Batterie ist am Ende«. sagte er mit vollem Mund. Als er hungrig das heiße Burrito zu essen begann. und der würzige Duft von Bohnen.Mexiko Daniel hatte gerade seinen Net-Slogan eingegeben: ›Im Universum gibt es eine Quelle des Lebens. schloß er die Augen. und niemand kann lange ohne diese Quelle leben. wie ausgehungert er nach der Nacht in diesem Grab war.

»Deine Batterie gibt gerade endgültig den Geist auf«. 68 . Der Bildschirm begann zu flackern. sagte sein Assistent. als eine Meldung erschien.

Es klang. Aber in dieser kalten Nacht blieb alles dunkel und still. Sie wollte ihn öffnen. als versuchten die Dämonen der Wüste. Sie hatten eine Stunde.Scharm el Scheich. um ihr Ziel auszumachen und ihrem Auftraggeber einen ersten Bericht zu erstatten. sobald sie sicher sein konnte. Trotzdem blieben sie wachsam und verloren keine Zeit. es davonzutragen. bevor der Mond über dem Golf aufging und sein fahles Licht auf das nächtliche Land warf. Ihr Auftrag verlangte. Er hatte gerade noch ihre Nachricht erhalten. zogen sie das Boot hinter sich her aufs Trockene. Sie blieben abwartend stehen und lauschten auf Lebenszeichen. Zwölf Stunden waren vergangen. der auf ihrem Arbeitstisch stand. daß sie unerkannt in das Land kamen. und die Männer konnten sicher sein. Sie stellten den Außenbordmotor ab und sprangen schnell und lautlos ins flache Wasser. daß niemand sie gesehen hatte. Golf von Akkaba Das schwarze Schlauchboot schoß über das Wasser und erreichte den Strand. Sie entluden schnell das Boot. daß im Lager alle schliefen. Das erste in der langen Reihe der Touristenhotels hob sich schemenhaft vor dem Nachthimmel ab. seit sie den Korb in dem unterirdischen Gang gefunden hatte. 69 . Zwei Männer in schwarzen Tauchanzügen saßen in dem Boot. Als sie das sandige Ufer erreichten. Catherine seufzte und blickte unruhig auf den Korb. Gott sei Dank hatte sie Daniel über Internet erreicht. Einer der beiden warf einen Blick auf die Uhr. Aber es stand weit genug entfernt. Der Nachtwind heulte um das Zelt.

daß sich der sorgfältig verpackte Inhalt noch in einem guten Zustand befand und nicht zerstört worden war. Dabei schabte sie behutsam Sandkörner. in das er eingepackt war. Amelia. Catherine richtete sich auf und schloß kurz die Augen. Das Gewebe. In der 70 . Wie sollten ihre Nerven diese Spannung aushaken? Und sie hatte noch viel zu tun bis zu ihrer Flucht. Aber Catherine glaubte fest daran. den Korb ungestört öffnen zu können. Da die Grabungen bisher keine Hinweise auf eine ständige menschliche Besiedlung dieser Gegend vor dem fünften Jahrhundert erbracht hatten. Seit der Fund ans Licht gekommen war. nicht größer als ein Picknickkorb. Catherines Unruhe wuchs von Minute zu Minute. Ein Teil der Verschnürung hatte sich bereits in Staub aufgelöst. Eine Stunde später rief er sie aus dem Dorf in der Nähe seines Lagers an. ging zu dem Fliegenfenster und blickte über das dunkle Land. zerfiel. Sie stand auf. der verehrte Priester… Catherine erschauerte. winzige Insekten und getrocknete Pflanzenteile von der Leinenumhüllung. schienen seltsame Gewalten am Werk zu sein. Woher? Ein besonders heftiger Windstoß traf das Zelt. nachdem der Hanf dem Sonnenlicht ausgesetzt worden war. Er sagte nur drei wundervolle Worte: ›Ich bin unterwegs!‹ Aber bis zu seiner Ankunft würde fast ein ganzer Tag vergehen. Während sie darauf wartete. Er roch nach Erde und Moder. um ihre Herkunft zu bestimmen. mußte der Korb von einem anderen Ort hierher gebracht worden sein. nutzte sie die Zeit. Gab es wirklich so etwas wie Dämonen? Der Korb war nicht groß.bevor die Batterie seines Computers völlig versagte. das Äußere mit der Lupe zu untersuchen.

Leider hatte Catherine bisher jedoch nur Pflanzen gefunden. daß Moses und Mirjam ihr Volk hier entlang geführt hatten. Catherine war der Überzeugung. bei Grabungen botanische Funde zu sammeln und zu bestimmen. Er warf sein silbernes Licht über die einsame Wüste. Sie setzte sich wieder an den Arbeitstisch. Sie hörte. dabei gestört zu werden. Als sie die Schärfe einstellte. erschien die senkrechte Falte zwischen ihren Augen. Er war noch immer im Hotel Isis gewesen. aber sie konnte nicht riskieren. Da manche Pflanzen in bestimmten Gebieten endemisch sind und in anderen nicht vorkommen. daß sich einige ihrer Leute unterhielten. Inzwischen war der Mond aufgegangen. Sie blätterte in einem Buch über Paläobotanik. mit den Abbildungen und Zeichnungen im Text. Catherine wollte den Korb so schnell wie möglich öffnen. die am Strand entlanggingen. was sie sah. In einiger Entfernung von Catherines Lager beleuchtete er auch zwei Männer. legte einen Pflanzenrest auf den Objektträger und betrachtete ihn unter dem Mikroskop. würden Spuren von Pflanzen des Niltals an alten israelitischen Tonwaren ihre Hypothese erhärten. Der Pflanzenrest unter dem Mikroskop ließ sich nicht sofort zuordnen. die sie aussäten und anpflanzten. die im südlichen Sinai wuchsen. blickte immer wieder in das Mikroskop und verglich das.Ferne sah sie die Lichter von Hungerfords Lager. als sie sich auf den Rückweg gemacht hatte. Ist er vielleicht noch dort? Im Lager brannte in zwei Zelten noch Licht. 71 . Deshalb bestand ein Teil von Catherines Arbeit darin. wenn sie an einem Ort längere Zeit blieben. daß die Juden beim Auszug aus Ägypten Sämereien und Stecklinge mitgenommen hatten.

denn die Form des winzigen Blättchens war eindeutig. mit der der Korb verschnürt worden war. Aber weshalb hatte man damals soviel Sorgfalt darauf verwendet. wuchs nur im Negev und sonst nirgendwo auf der Welt. Das bedeutete. wie ihr Herz schneller schlug. als er hinzufügte: »Ahlan wa sahlan!« und die Hand ausstreckte. den Inhalt zu verpacken. die vor vielen Jahrhunderten hier in den Höhlen des Sinai gelebt hatten. was immer sich in dem Korb befinden mochte. Ihre Vermutungen waren richtig. und niemand konnte es mit ihnen in Zusammenhang bringen -. als sie sahen. Die winzige Pflanze. und war mit dem Korb dann so weit 72 . Das Jesus-Fragment stammte nicht von einem der Einsiedler.Nachdem sie das Boot wieder ins Wasser geschoben hatten – sie brauchten es nicht mehr. »Bakschisch!«. ebenso die Härchen am Stengel und am Blütenkelch. daß ihnen jemand entgegenkam. Vorsichtig und mißtrauisch blieben sie stehen. Die Blütenkrone war gut erhalten. Catherine las die Beschreibung im Buch. »Origanum ramonense…«. Ihre großen Nylontaschen sahen wie normales Reisegepäck aus. die damit endete: ›… endemisch im zentralen Hochland der Negev‹. die an der Schnur hing. Sie waren noch nicht lange in Richtung der Hotels gegangen. Es war ein junger Ägypter. Er lächelte sie an und fragte: »Sie Amerikaner?« Seine Zähne blitzen weiß. Israel… das ist mehr als zweihundert Meilen entfernt! Wieder blickte sie auf den geheimnisvollen Korb und spürte. streiften sie schnell die Tauchanzüge ab und kleideten sich wie Touristen in weite Leinenanzüge und geblümte Hawaiihemden. kam ebenfalls von dort. murmelte Catherine zufrieden.

»Kommen Sie herein. Samir war Examenskandidat in Ägyptologie. daß sie sich voll und ganz auf ihn verlassen konnte. und meist bekam die begehrten Posten bei Ausgrabungen nur jemand. der ihn möglicherweise reich und berühmt machen würde? »Im Lager ist alles in Ordnung. den Korb ohne lästige Zeugen öffnen zu können? 73 . Kann ich ihm wirklich trauen? Sie kannte den netten jungen Ägypter seit fünf Jahren. in Sorge um Eure Sicherheit und in furcht um Euer Lehen. Vor dem Zelt räusperte sich jemand. und er erklärte überglücklich.« Ahnte er. Sein schneller Blick auf den Korb machte Catherine mißtrauisch. aus welchen Grund? ›Lest diesen Brief im geheimen. dafür sei er ihr ewig zu Dank verpflichtet. daß sie nur darauf wartete. hatte Samir promoviert.‹ Catherine zuckte zusammen. um nach dem MosesBrunnen zu suchen. daß er einen schnellen Blick auf den Korb warf. Catherine hatte Samir als GrabungsAufseher eine solche Stelle verschafft. sagte er und fügte zu Catherines Überraschung hinzu: »Alle schlafen. Sie hatten sich bei Ausgrabungen an der Nordküste des Sinai getroffen. und Catherine stellte bald fest. Dann hörte sie eine vertraute Stimme: »Frau Doktor?« Es war Samir. Als sie nach Ägypten zurückkam. Er war fleißig. der Freunde oder Verwandte in der Behörde hatte. wenn es um einen einmaligen Fund ging.« Als er eintrat. um ihn hier zu begraben? Woher waren die Leute gekommen? Wer waren sie gewesen? Und der Schädel? Hatte man jemanden zusammen mit dem Korb begraben? Und wenn das so war. sah Catherine.gereist. Konnte sie sich auch dann noch auf ihn verlassen. Frau Doktor«. aber er suchte eine Stelle. Die Konkurrenz unter den Archäologen war groß.

Sand und kleine Steine wurden prasselnd gegen die Zeltbahnen getrieben. Sie hieß Yasmina und wurde vom Hotel Isis als ›Rose des Ostens‹ angepriesen. Sie brauchte nicht länger zu warten. ihr Dollarscheine und ägyptische Pfundnoten in das hautenge Kostüm zu stecken. Die Bauchtänzerin erreichte das Ende ihrer Vorstellung. Als sich der gewünschte Teilnehmer meldete. North Dakota. Catherine entfernte mit angehaltenem Atem die innerste Umhüllung. An der Rezeption verlangte einer der beiden spät eingetroffenen Amerikaner ein Zimmer für die Nacht. Sie durchtrennte vorsichtig die äußere Leinenumhüllung. entfernte die Verschnürung und schnitt präzise und ruhig wie ein Chirurg bei einer Operation durch die einzelnen Schichten. Mit Pinzette und Schere machte sie sich so behutsam und langsam an die Arbeit. schloß sie den Reißverschluß des Zelteingangs und ging an den Arbeitstisch zurück. wie es ihre Aufregung zuließ. Er bezahlte bar und rundete den Betrag großzügig nach oben ab. In Wirklichkeit hieß sie Shirley Milewski und kam aus Bismarck. als sie schließlich den Inhalt sah. Der Wind pfiff und heulte um das Zelt.« 74 . sagte er schnell einen einzigen Satz. weil er die Reisepässe nicht zur Hand hatte. Er sagte: »Wir sind am Ziel. Ihre Augen wurden groß vor Staunen. daß niemand ihn beobachtete oder mithörte. Vorher vergewisserte er sich jedoch. Sie tanzte jetzt zwischen den Tischen der Gäste und ermunterte sie. Sein Partner stand am Telefon neben dem Aufzug.Nachdem er gegangen war. Der Mond stand inzwischen hoch am Himmel und tauchte das Lager in ein geheimnisvolles Licht.

Klappmesser aus Edelstahl. ein Laser-Entfernungsmesser. Man hatte sie in dünnes Leinen gewickelt. die hervorragend erhalten waren. Sie hatten auch präzise Landkarten der Küste des Golfs von Akkaba und Saudi-Arabiens mit sich. Dann verschlossen sie die Tür und gingen daran.000 Volt und ein tragbarer GPSNavigator. Sie tat es mit der Behutsamkeit und Vorsicht. Das Handwerkszeug ihres Metiers befand sich in den Reisetaschen – Nachtgläser russischer Herkunft. verschnürt und in diesen Korb gepackt. wie man unbemerkt in fremde Länder einreiste und sie ebenso unbemerkt wieder verließ. ein gutes Trinkgeld. ihr vorübergehendes Einsatzzentrum funktionsfähig zu machen. Trommelrevolver mit neunzehn Schuß und Laservisier und Kleinkalibergewehre mit Zielfernrohr hatten sie bereits am Strand in 75 . Die Amerikaner gaben dem Gepäckträger. mit dem sie überall auf der Erde ihre genaue Position bestimmen konnten. Sie wußten. Warum hatte man sie nicht einfach vernichtet? Warum waren sie mit so großem Aufwand begraben worden? Catherine nahm das erste Buch in die Hand. der sie zu ihrem Zimmer führte. Die beiden Männer hatten jedoch weder Flugtickets noch Reisepässe. Langsam schlug sie es auf. Jemand mußte viel Mühe auf sich genommen haben. Betäubungsgewehre mit einer Leistung bis zu 200. dem Suezkanal und dem Roten Meer.Catherine sah vor sich ›Bücher‹ aus Papyrus mit Ledereinbänden. sowie LANDSAT-Photos vom südlichen Sinai. wasserdichte Stablampen. damit sie nicht entdeckt wurden. die sie im Laufe der Jahre beim Umgang mit zerbrechlichen und seltenen Gegenständen gelernt hatte.

Zekes Augen wanderten den Strand entlang nach Norden. Der Text befindet sich auf den rechten. Aber so war ihnen keine andere Wahl geblieben. Jedes Blatt ist beschrieben. wäre der Junge vermutlich noch am Leben gewesen. Geöffnet hat es die Standardlänge von zwanzig Seiten. in die Richtung. Er warf einen prüfenden Blick hinunter zur Auffahrt. sprach sie auf Band. Es ist wie ein Akkordeon gefaltet und nicht an einer Seite gebunden. Zeke überlegte. trat auf den Balkon hinaus. als ihn zu töten. »Das erste Buch«. Scharm el Scheich war unter Tauchern als eine der besten Stellen der Welt bekannt. den 76 . bis man den jungen Ägypter vermißte? Aber auch das war nicht weiter wichtig. Sie brauchten nicht viele Steine. die in englisch. damit die Leiche im Wasser versank. ob die Haie die Leiche des jungen Ägypters bereits gefunden hatten. aus der sie gekommen waren. arabisch und französisch vor Haien warnten. »besteht aus typischen Papyrus-Seiten. Außerdem hatte es keine große Mühe gemacht. Vor ihm lag das dunkle Wasser. Zeke. Nach dem Ende der Bauchtanzvorstellung fuhren die Gäste laut hupend und mit quietschenden Reifen davon.Schulterhalftern unter den Jacken verborgen. der die Verbindung mit ihrem Auftraggeber hielt. Der Einsatz konnte beginnen. Wie lange mochte es dauern. aber sie hatten am Ufer Tafeln gesehen. Der Junge war nicht stark und auch nicht schwer. die leicht überlappend aneinandergeklebt sind. Wenn der böige Wind nicht plötzlich die Waffen unter Zekes Jackett enthüllt hätte. Zeke drehte sich nach seinem Partner um und sagte betont langsam: »Keine Zeugen…« Catherine drückte auf eine Taste ihres Diktiergerätes.

sagte sie und senkte die Taschenlampe. Die Wüste war in ein seltsam übernatürliches Licht getaucht. »He. daß es der Priester aus dem Hotel Isis war. die im Wind schaukelten.ungeraden Seiten. »Fremde haben hier keinen Zutritt«. Er hielt schützend die Arme vor die Augen. sah sie. An den Rändern sind horizontal verlaufende Fasern erkennbar. Der Wind drehte. öffnete den Reißverschluß und blickte angestrengt in die stürmische Nacht. das die Beduinen die Schreie der Verdammten nannten. Zuerst sah sie nur die Gräben und die Absperrungsseile. Sie griff nach der Taschenlampe. die Worte des uralten Dokuments zu lesen. Dann hörte sie ein anderes Geräusch – Schritte auf dem Geröll. Der Wind wurde zum Sturm und jagte mit einem gespenstischen Heulen über den Golf. Sand wurde über die Steine gefegt. verließ das Zelt und richtete den Lichtstrahl auf den Grabungsplatz. Plötzlich hörte sie vor dem Zelt ein Geräusch. Sie lauschte mit angehaltenem Atem. »Hallo?« rief sie. was machen Sie da?« rief sie und lief auf den Mann zu. ich dachte. und sie hörte Ziegenglocken und hin und wieder das helle Meckern einer Ziege. Als sie ihm mit der Taschenlampe ins Gesicht leuchtete. Catherine holte eine große Lupe und rückte die Lampe näher an den Papyrus. Sie richtete sich auf und lauschte. »Entschuldigen Sie. In den Zelten war alles still. es wäre nichts 77 . Sie schob sich die langen Haare aus dem Gesicht und begann. Ihre Leute schliefen. Aber dann entdeckte sie eine Gestalt. »Wer ist da?« Sie ging zum Zelteingang.« Sie entfaltete behutsam den spröden Papyrus.

Ist es nicht etwas spät für eine Besichtigung?« »Ich konnte nicht schlafen. Unwillkürlich überlegte sie. sind Sie nicht die Frau. »Ich verstehe. Alexander«. etwas über den Fund in der Nähe von Bir el Dam gelesen zu haben. »Ja«. Catherine sah. damit sie ihr nicht ins Gesicht geweht wurden. erwiderte sie und mußte mit der freien Hand ihre Haare festhalten.« »Das wissen wir noch nicht genau«. wenn ich mich etwas umsehe. sagte er mit einer leichten Verbeugung und streckte ihr die Hand entgegen. sagte er. Arbeiten Sie hier?« »Das ist meine Grabung. »Man hat mir im Hotel gesagt. »Ich warte auf einen Beamten der ägyptischen Regierung. »Im Hotel erzählt man. Ich war neugierig. Wenn das meine Grabung wäre. »Michael Garibaldi«. Ich erinnere mich daran. daß hier eine Grabung durchgeführt wird. erwiderte Catherine vorsichtig. daß Sie etwas Wertvolles gefunden haben. bevor ich mit den Ausgrabungen fortfahre.« Er nickte.« Er blickte an ihr vorbei zu dem beleuchteten Zelt. »Sie sind bestimmt Dr. Sie auch nicht.Verbotenes. wie er wohl seine Muskeln trainierte.« Dann rief er gegen den Sturm: »Ach. »Was suchen Sie hier?« wiederholte sie ihre Frage. Die Nachricht verbreitete sich in Windeseile. Sie trug nur eine Bluse und Shorts. die mir den Computer ausgespannt hat? Haben Sie Ihren Freund erreicht?« Der kalte Wind ließ Catherine frösteln. ohne auf die Hand zu achten. würde ich auch alle Vorsichtsmaßnahmen ergreifen. Dann drehte er sich um und starrte auf die dunklen Gräben und die Geröllhaufen. wie der Wind sein Hemd an den breiten muskulösen Rücken preßte. Am nächsten Tag standen bereits 78 . Wie ich sehe.

wie sie als kleines Mädchen geglaubt hatte. überkam sie das seltsame Gefühl. daß ein Priester einem Menschen in die Seele blicken könne und wisse. »Nennen Sie mich Mike.« Als sie noch immer schwieg. Ich finde es nicht richtig. sehr groß. auf dem Gelände herumzulaufen. »Ich war gerade in Jerusalem«. Eigentlich bin ich schon wieder auf der Rückreise. während er ihr folgte. sagte sie.« Aber Catherine ließ sich nicht erweichen. Aber als sich jetzt Michael Garibaldis blaue Augen auf sie richteten. und innerhalb einer Woche waren alle Fundstücke verschwunden. meinen Urlaub zu verlängern. sagte er leise. ob man die Wahrheit sagte oder nicht. er könne ihr tatsächlich in die Seele blicken. unterbrach er sie lächelnd. einfach ›Mike‹ zu Ihnen zu sagen. daß Priester auch nur Menschen waren. fragte er: »Warum lassen Sie es mich so deutlich spüren. »Wir können deshalb Fremden nicht erlauben. Und das gefiel ihr überhaupt nicht. Sie dachte daran. »Ich habe als Kind gelernt.« »Ach so…« 79 . daß man einen Priester mit seinem Titel ansprechen muß. Diese Illusion hatte sie verloren. »Es besteht die Gefahr.« Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: »Ich komme aus Chicago. Es ist zu gefährlich. um etwas von der Sinaihalbinsel zu sehen. daß Sie mich nicht mögen?« »Vater Garibaldi…« »Bitte«.überall Zelte.« Sie richtete die Taschenlampe auf den Boden und führte ihn wie eine Platzanweiserin im Kino von den Gräben weg zum Lager. daß das Erdreich nachgibt«. Für die Polizei ist die Wüste sehr. als sie erkannte. »und habe beschlossen.« Catherine blickte fasziniert auf seine blauen Augen. falls Sie das interessiert.

und sie hatte das Gefühl. ein paar Stunden später. um einen Nachtfalter zu verjagen. Sie seien in der Stadt. Ich habe nach Ihnen Ausschau gehalten. »Es ist spät«. sie vor Drogen und Kriminalität zu bewahren. Ich habe zwölf Jahre lang eine katholische Schule besucht.« Catherine nickte.« »Das war nicht persönlich gemeint. daß Sie nicht auf die Gunst eines Priesters angewiesen sein möchten. 80 . Vater Garibaldi. die ungeschützt auf ihrem Arbeitstisch im Zelt lagen.Er schwieg. »Sie haben mir wirklich sehr geholfen. »Im Hotel haben Sie gesagt. wenn jemand so freundlich ist. »Nun ja. haben manchmal…« »Ich bin katholisch aufgewachsen. »Gute Nacht. Mylonas sagte. »Ja. einem zum Beispiel einen Computer zu überlassen. Er mußte ein sportlicher Priester sein. er sei verletzt. daß man sich bedankt.« »Darf ich Sie noch etwas fragen?« Er trat einen Schritt auf sie zu. Dann erwiderte er: »Und ich habe gelernt. dachte sie. Leute. dann trägt er unter dem weißen Priesterkragen bestimmt ein blaues Arbeiterhemd. sah sie. Aber Mr. Als er die Hand hob.« Er hob die Schultern. Haben Sie ihre E-Mail später noch senden können?« Er lächelte wieder. daß er auch muskulöse Arme hatte. Vermutlich spielte er mit den Jugendlichen im Ghetto von Chicago Basketball. ließ sich von ihnen ›Mike‹ nennen und versuchte. die mit dem Katholizismus nicht vertraut sind. Sie sah Fältchen um seine Augen. und das Licht fiel auf ihn. Entweder war er oft in der Sonne oder er lachte viel. vielleicht traf auch beides zu. die Bemerkung hat mich neugierig gemacht. um mich zu bedanken. sagte sie.« Sie dachte an die Papyri. der vor seinem Gesicht flatterte. Wenn er aus Chicago ist.« Inzwischen hatten sie Catherines Zelt erreicht. »Tut mir leid.

und sie ärgerte sich. daß Sie das. Als sie den Kopf hob. empfand Catherine blitzartig eine Verbundenheit mit ihm. Auch jetzt. »Aber Sie waren einmal eine gläubige Katholikin?« »Ja. bemerkte sie den Priesterkragen und fühlte sich irgendwie betrogen. daß er ein Priester war. »Gute Nacht…« Sie reichte ihm die Hand.« Catherine sah ihm nach. Warum? Immerhin hatte er ihr aus freien Stücken den Computer überlassen. Alexander.Dann bin ich aus der Kirche ausgetreten. Es war ihr nicht möglich. hier finden werden. früher…« Das war schon lange her. Sie ärgerte sich darüber. daß sie den Fremden regelrecht haßte.« »Ach…« Er nickte. weil sie das Ganze zugelassen hatte. Nach einer Weile konnte sie sich die Antwort eingestehen. Plötzlich wurde ihr bewußt. an dem ihre Mutter gestorben war. ich wünsche Ihnen. Sie verstand die seltsame Faszination nicht. Er drückte sie fest. Sie holte tief Luft und dachte nach. »Wenn Sie einmal nach Chicago kommen sollten…« Sie zog schnell die Hand zurück und murmelte verlegen: »Gute Nacht. die er auf sie ausübte. nachdem sie wußte. und ihre Blicke sich trafen. in ihm nur einen Priester zu sehen wie in Vater 81 . was Sie suchen. die sie verblüffte und gleichzeitig erregte. Beim ersten Anblick im Büro des Hotels hatte sie als Frau auf einen gutaussehenden Mann reagiert. Vater.« Er räusperte sich und erwiderte: »Dr. als er sich umdrehte. reagierte sie auf seine Männlichkeit. Sie würde Garibaldi nichts von Vater McKinney und dem Abend erzählen. Dann.

sah sie flüchtig am Rande der Ausgrabung etwas Großes. Diese beiden waren für sie nie Männer gewesen. 82 . Unförmiges aufragen. Mit Entsetzen stellte sie fest. Garibaldi hatte sich ihr vom ersten Augenblick an als Mann und erst in zweiter Linie als Priester präsentiert. daß es ein Beduinenzelt war. Als Catherine den Reißverschluß schließen wollte. Bei Sonnenuntergang hatte es noch nicht dort gestanden. Irgendwie fand sie das beunruhigend.McKinney oder Vater Ignatius.

aber dann wurde er ernst und sagte ins Telefon: »Wenn Sie die Kontaktperson treffen. wie Erika mit den Enkelkindern beriet. Nehmen Sie die Ware an sich und verschwinden Sie innerhalb von vierundzwanzig Stunden wieder aus dem Land. »schalten Sie den Mann aus. Entweder Sie einigen sich oder Sie schalten den Mann aus. Lassen Sie sich nicht auf irgendwelche Spielchen ein. Der Tiger war seine Intuition.« Aus Miles sprach der Tiger – die Bestie war vor vielen Jahren an einem Tag geboren worden. New Mexico »Wir sind am Ziel. auch wenn Sie sich mit ihm einigen sollten. Die Familie war gerade dabei.« Der Tiger hob die Pranke… 83 . Mr. Der Tiger in ihm war sprungbereit. machen Sie kurzen Prozeß. an welche Stellen die bunten Glaskugeln von den geduldigen Dienstboten an die riesige Douglasfichte gehängt werden sollten. er witterte Gefahr und lauerte auf Beute. den Weihnachtsbaum zu schmücken. »Hören Sie«. Ich wünsche kein Feilschen. sagte Miles ruhig in den Hörer. antwortete Miles und ging mit dem Funktelefon außer Hörweite der anderen. Niemand darf etwas von der Sache erfahren. Die Kleinste kauerte vor der Krippe unter dem Baum und hatte plötzlich gerufen: ›Aber wo ist das Baby?‹ Erika hatte gelacht. Miles hatte zugesehen. ihre entzückende Enkeltochter in die Arme genommen und geantwortet: ›An Weihnachten wird der kleine Jesus in der Krippe liegen!‹ Miles lächelte noch immer. Das Raubtier in ihm knurrte jetzt hungrig.Santa Fe. an dem sich sein Leben von Grund auf verändert hatte.« »Gut«. Havers.

DER ZWEITE TAG 84 .

»Danno!« Sie rannte ihm entgegen. stand Daniel auf und hielt sich am Rollbügel fest. Cathy hat etwas gefunden! Dann sah er sie. Als Danno sie schließlich zögernd losließ und aufmerksam betrachtete. wie sie vor ihr Zelt trat und eine Hand schützend über die Augen hob. Samir. als sich der Landrover Catherines Ausgrabung näherte. Als sie jetzt in dem offenen Wagen über die Ebene fuhren. du siehst ziemlich mitgenommen aus. Touristen und Arabern. weshalb er unbedingt kommen sollte. »Gott sei Dank. flüsterte ihm Catherine erleichtert ins Ohr. Eseln. dachte Danno. aber sie trug Sandalen und er Nikes mit dicken Gummisohlen. Er war von oben bis unten mit Staub bedeckt. und das T-Shirt mit dem Aufdruck ›Die Erfolge von Archäologen liegen in Trümmern‹ war fleckig und 85 . der ihn am Flughafen von Scharm el Scheich erwartete. murmelte er betroffen: »Du meine Güte. Er sprang vom Wagen und umarmte sie. 15. Bussen. daß du da bist…«. Dezember 1999 Scharm el Scheich. Er drückte sie fest an sich. die Haare waren schweißverklebt. Er war glücklich. Um die Ausgrabung lag ein Ring von Zelten. hatte wenig erzählt. Daniel war zwar kleiner als Cathy. daß sie ihn brauchte. Golf von Akkaba Allmächtiger. Was ist denn hier los? Sie hatte ihm am Telefon nicht gesagt. »Ich bin da!« rief er und winkte. Wagen.Mittwoch. »Du wirkst auch nicht gerade taufrisch…« Da hatte sie bestimmt recht. so glücklich wie in seinen Träumen.« Sie fuhr ihm lachend durch die blonden Haare.

aber wie du siehst. Als sie im Zelt standen. Ich habe nur noch auf dich gewartet. Schnur und Pflöcke.« »Was ist denn los?« 86 . Sie füllte zwei Gläser mit Mineralwasser. In seinen Träumen eroberte er sie nie so verschwitzt und wenig attraktiv. Chemikalien… Wie bei Cathy üblich. »Laß deine Sachen im Wagen! Komm schnell in mein Zelt. Pinsel in allen Größen.« Catherine nahm ihn bei der Hand. Dann bemerkte er den offenen Koffer auf dem Feldbett. Ein anderer Arbeitstisch war geheimnisvoll mit einem Laken verhüllt. Landkarten und Skizzen. daß wir etwas gefunden haben. schloß sorgfältig wieder die Klappe und ging zum Arbeitstisch. Kameras. »Ich dachte. sie sind sehr alt…« Sie schwieg beunruhigt und hielt den Atem an. lag alles kreuz und quer durcheinander.« Ihre Augen leuchteten. »Willst du verreisen?« Sie reichte ihm das Glas und antwortete leise: »Ich bin eigentlich nicht mehr da.« »Der Zirkus da draußen läßt auf Gold schließen. Meßstäbe.« Sie legte den Finger an die Lippen. und sie sind alt. Bücher. Danno! Wir haben Schriftrollen gefunden. als sie leise sagte: »Wertvoller als Gold.« »Den Mirjam-Brunnen?« »Etwas viel Wichtigeres. Er wollte etwas sagen. »Meine Leute sind wie üblich bei der Arbeit. ich hätte draußen etwas gehört. mein Gott.zerknittert. auf dem Flaschen und Gläser standen. weiß bereits alle Welt. Daniel sah sich im Zelt um: Schaufeln. schloß sie die Zeltklappe. ein Mikroskop. aber sie bedeutete ihm zu schweigen. »Was ist los?« fragte er verwundert. Dann ging sie zur Fensterklappe und blickte hinaus. Pickel. Kellen und Eimer.

Zeke rechnete damit. das bereits im Schatten lag. informierte sie Daniel flüsternd über die Ereignisse der sechsunddreißig Stunden. daß unter ihm Wetten um die ›Ware‹ ausgehandelt wurden. die er für seinen Auftraggeber hier abholen sollte. seit Hungerford sie mit der Sprengung aus dem Schlaf gerissen hatte.« Zeke stand auf dem Balkon seines Hotelzimmers. Der Anbieter war da. Er wußte bereits. Danno. Wenn es Konkurrenz gab. die eigenen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. bis sein Auftrag erfüllt war. Es klopfte an der Zimmertür. Auch ihnen hatte man zugeflüstert. »Aber es ist nur eine Frage der Zeit. ihre Sachen sorgfältig zu packen. »Ich 87 . bis es bekannt wird. daß es noch ein paar Tote geben würde. Spekulationen und Gerüchte heizten die Stimmung an. sagte sie. Er blickte auf Jas Wasser. Zeke machte sich keine Gedanken darüber. Er war noch nicht als vermißt gemeldet worden. Du hast die Absperrungen und Warntafeln um den Grabungsplatz gesehen.»Setz dich. Über den jungen Ägypter sprach bis jetzt niemand. war das nur eine willkommene Gelegenheit. Während Catherine die letzten Dinge in den Koffer packte. Noch lassen sich die Neugierigen davon zurückhalten…« Catherine nahm sich nicht die Zeit. während die Sonne gerade hinter dem Sinaigebirge verschwand. Du wirst nicht glauben. »Niemand weiß. was ich dir jetzt zeige. daß die Archäologen in der Nähe etwas gefunden hatten. daß ich den Korb geöffnet habe«. Von der Restaurant-Terrasse unter ihm drang erregtes Stimmengewirr herauf. die vergangen waren.

Als Daniel an den Tisch trat.« »Warum mußt du dich wie ein Dieb davonstehlen?« »Ich brauche Zeit und muß Ägypten verlassen haben. erklärte ihm Catherine. Hungerford hat geplaudert.« »Cathy. Der Beamte wird vermutlich noch heute abend eintreffen. Mylonas vom Hotel Isis hat mir ausrichten lassen. Wie nicht anders zu erwarten. Mr. ich verstehe dich nicht…« Sie richtete sich auf und ging zu der verhüllten Arbeitsplatte. paßten die beiden Teile nahtlos aneinander. es wird auch heute abend genug Ablenkung geben. wie sie das Jesus-Fragment an die erste. Ich hoffe. Bei den Einheimischen ist abends immer irgendein Fest. Später hat man offenbar die Holzstäbe entfernt und die einzelnen Schriftrollen wie ein Akkordeon zu einem ›Buch‹ gefaltet. Daniel beugte sich ehrfürchtig über das Blatt. nicht vollständige Seite des vermutlich ›ersten Buchs‹ gelegt hatte. als seien sie an runden Holzstäben befestigt gewesen. Vorsichtig nahm sie das Laken ab und sagte: »Hier!« Catherine hatte die Schriftrollen ordentlich nebeneinandergelegt. Ich denke.vermute. beschriebene Seiten zu falten 88 . Man hat angefangen. während alle beim Abendessen sind. »Warum sprichst du immer von ›Schriftrollen‹?« »Sieh dir die Enden an.« »Wenn ich mich recht erinnere. aber dann möchte ich nicht mehr hier sein. wurde die Schriftrolle um das zweite Jahrhundert allmählich durch den Kodex ersetzt. Es sieht aus. Das erste ›Buch‹ war entfaltet. Sie hatte eine Glasplatte über die wieder vollständige Seite gelegt. bevor jemand nach mir sucht. daß jemand von der Behörde unterwegs hierher ist. ich kann verschwinden.

Trotzdem sehen sie für uns wie Bücher aus.und am Rand zu befestigen…« »Ja. der über einen Meter lang und dicht mit schwarzen Buchstaben beschrieben war. antwortete Catherine.« »Und?« Sie reichte ihm den Notizblock. ich 89 . die Besitzer dieser Schriftrollen wurden verfolgt?« »Möglicherweise. »habe ich noch nicht aufgeklappt.« Daniel blickte wie gebannt auf den entfalteten Papyrus. Ich habe mich gefragt: Warum hat man die Holzstäbe entfernt und die Schriftrollen gefaltet?« Er sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an.« Hungerford musterte die beiden Fremden und ließ sich in den angebotenen Sessel fallen. »Ich muß gestehen. ich habe die Schriftrollen so nebeneinandergelegt. »War noch etwas in dem Korb?« »Nein…« »Hast du das alles schon übersetzt?« »Nur die erste Seite. wie man sie vermutlich lesen muß. Er sah die ersten Worte: ›Von Sabina…‹ »Lies die Stelle. die ich gelb markiert habe. aber in diesem Fall sind die Seiten nicht seitlich befestigt. Das erste Buch beginnt wie ein Brief und scheint die Geschichte einer Frau zu erzählen. »Schriftrollen sind empfindlich und nicht so einfach zu verbergen. sie deutete auf die gefalteten Papyri. Die anderen fünf«.« »Willst du damit sagen. Siehst du. »Und was meinst du?« »Um sie leichter transportieren zu können«. und es sind keine einzelnen Blätter. Ein flaches Buch dagegen kann man ohne weiteres unter einem weiten Gewand verstecken.

Im Hotel Isis hatte er sich mit dem Stellvertreter von Mr. nur der andere. der sich als 90 . Leibwächter oder Abenteurer. ein ›Sammler‹ interessiere sich für das Fragment. Nachdem die Archäologin mit einem geheimnisvollen Korb aus dem unterirdischen Gang zurückgekommen war. kam Hungerford zu dem Schluß. Der Händler versprach. zwar hübsch sein mochte. Hungerford hatte den Händler auf der Stelle angerufen. Er unterließ es natürlich. sich wieder bei ihm zu melden. damit er den Mann auf die richtige Spur setzte. »Also. Vor allem nicht mit zwei Landsleuten.« Hungerford hatte sofort erkannt. sagte er jetzt. »Wenn mich nicht alles täuscht. »Sie wollen die Sammler sein?« Er grinste. Hungerford war angenehm überrascht. Es war ein Händler für ›private Altertümer‹ wie Ramesch es ausgedrückt hatte. machen Sie das Geschäft doch für einen anderen. als man ihm ein paar Stunden später aus dem Hotel die Nachricht überbrachte. Gentlemen«.hätte nicht so schnell mit einer Antwort gerechnet.« Nachdem Dr. in dem Jesus erwähnt wird‹. Alexander mit dem Jesus-Fragment in ihrem Zelt verschwunden war. die Archäologin zu erwähnen. Mylonas unter vier Augen unterhalten und dabei den Namen eines Mannes in Kairo erfahren. ohne jedoch allzuviel zu sagen. hatte er sich sofort in seinen Wagen gesetzt und war zurück zum Hotel gefahren. daß sie. daß die beiden nicht das große Geld hatten. aber nicht lügen konnte. aber er sprach von ›einem Papyrus-Fragment. dachte er schon beim Betreten des Zimmers. Der eine Mann blieb stumm. um den Mann in Kairo über den neuesten Stand der Dinge zu informieren.

und daß wir nach all 91 .‹ Er sah Catherine erstaunt an. liebe Amelia. die vom Haaransatz über die rechte Augenbraue. »Bist du sicher. »Unser Auftraggeber möchte anonym bleiben. weshalb ich keinem Menschen etwas davon gesagt habe. Er war nicht groß. redete. bestand aber fast nur aus Muskeln und hatte kurz geschnittene weißblonde Haare. daß eine JesusSchriftrolle gefunden wurde. Daniel kniff die Augen zusammen und nickte. erinnere ich Dich an meine Warnung. daß dieser Typ schon mehr als einmal um sein Leben gekämpft hatte. das rechte Auge und den rechten Mundwinkel bis zum Kinn reichte. »Ich habe nichts dagegen! Nennen Sie die Summe. »Das ist ein Grund. Dann murmelte er: »Wenn bekannt wird. Was bietet Ihr Boß?« Daniel las leise: ›… ich weiß um das Ende aller Dinge und um die Wiederkunft des Gerechten.« Hungerford zuckte die Schultern. Zeke lächelte.›Zeke‹ vorgestellt hatte. ausdruckslose graue Augen und eine Narbe auf der einen Gesichtshälfte. Gentlemen. wann genau der Weltuntergang…« Er verstummte.« »Was steht noch in dem Brief?« Catherine übersetzte direkt vom Original: »Bevor ich meine Geschichte erzähle. in der steht. Sie spricht eindeutig vom ›Jüngsten Gericht‹…« »Überzeuge dich selbst. Offenbar waren seine Gegner bis jetzt immer die Schwächeren gewesen. Es war nicht schwer zu erraten.« Sie deutete auf eine Zeile des Fragments. daß das richtig übersetzt ist? Ich meine… das ist nicht zu fassen. Perpetua hat mir von den großen Leiden unserer Schwestern berichtet.

Wenn das. »Warum schweigst du?« »Der Text endet hier auf dieser Seite.den Jahren der Gleichberechtigung mit den Männern in unserer Gemeinschaft jetzt zu Schweigen und Absonderung verurteilt worden sind.« Sie hielt die Lupe über die zweite Spalte und las weiter: »›… Tymbos. Ich habe keinen Hinweis darauf.« »Was für Schriftrollen sind das? Unbekannte Evangelien?« »Ich weiß nicht. Dann zog sie ihre Reisetasche unter dem Feldbett hervor. aber ich glaube. daß noch andere Bücher mit ihnen vergraben worden sind. sie meint damit die Frühchristen?« Catherine ging zu ihrem Koffer und schloß energisch den Deckel. es fehlt ein Buch. »Sie waren alle in dem Korb.« »Wie kommst du darauf?« Catherine ging zum Arbeitstisch zurück. »Das werde ich wissen. dann nimm diese Bücher mit zu König…« Daniel sah sie an. Jemand rief den Neugierigen zu. »Die ›Gemeinschaft‹«. bei den Männern Empörung auslöst und sie Dich deshalb bestrafen wollen. Er blieb stehen und drehte sich um. sie sollten die Absperrung nicht übertreten.‹« »König Tymbos! Wer ist das?« »Keine Ahnung. Aber 92 .« Daniel fuhr sich mit der Hand durch die Haare und ging nachdenklich auf und ab. sagte er. wenn ich alle Schriftrollen übersetzt habe. Ich möchte unter keinen Umständen. was ich Dir mitzuteilen habe. daß Schwestern unserer Gemeinschaft meinetwegen verfolgt werden. Durch eine der Zeltklappen drangen von draußen Stimmen herein. damit sie in Sicherheit sind. »Glaubst du.

da steht: ›… und ich hatte Angst…‹« »Das stimmt nicht ganz.« »Hat der Schädel. Er wird nichts verlauten lassen. »Ich kann ihm vertrauen. Dieses Wort hier hat seinen Ursprung in dem Wort ›phobos‹. damit man dort so schnell wie möglich eine genaue Altersbestimmung mit der Radiokarbonmethode vornimmt. etwas damit zu tun?« »Wenn ja. den du gesehen hast. »Aber ich glaube. Es müßte also mindestens noch eine Seite oder eine siebte Schriftrolle geben.sieh dir die letzte Seite von Buch sechs an… hier!« Sie deutete auf die letzte Zeile der letzten Seite. »Lies das…« »Mein Altgriechisch ist nicht sehr gut«. Aber ich habe die Zeit genutzt und die Handschrift analysiert. Das weist darauf hin.« »Und?« »Nach einem ersten Überblick kann ich sagen zweites Jahrhundert. Der Satz ist nicht zu Ende. »Ich habe eine Papyrus-Probe in die Schweiz geschickt. dann wurde jemand in den Brunnen geworfen oder ist hineingefallen. und eine etwas genauere Übersetzung wäre demnach: ›Ich fürchtete mich vor…‹« »›Vor…‹?« »Sie fürchtete sich vor etwas.« »Jemand?« »Vielleicht war es eine Frau…« Von weitem hörte man den Ruf des Muezzin von einem 93 . daß die Geschichte weitergeht.« »Hans Schüller?« Sie nickte.« Catherine nahm ihre Jacke vom Haken und legte sie auf den Koffer. Es fehlt ein Wort. erwiderte er.

« »Ein Schreibfehler?« »Das glaube ich nicht. Wir haben nur dieses eine Beispiel. Paulus spricht von Phöbe als Diakonos. weshalb Catherine nicht die Behörde in Kairo informieren wollte… Der Grund war ihre Mutter. in meiner Übersetzung noch einmal an. Warum hast du die Behörde in Kairo nicht über den Fund informiert? Und warum willst du abreisen?« »Danno. daß er zu den wenigen Stipendiaten der Schule gehörte. denn er wußte plötzlich. Es roch bereits nach Lammbraten und Kaffee. Aber hier steht Diakonos.« »Du vergißt. an der eine Frau mit dem männlichen Titel erwähnt wird – Römer. »Trotzdem verstehe ich dich nicht. Hier. Cathy. die du gerade gelesen hast. verehrte Diakonos…‹« Daniel runzelte die Stirn.« »›Amelia. sieh dir die Seite. Daniel hatte Dr. »Nun ja. die Anrede. die Kranken und Alten zu pflegen. Nina Alexander gut gekannt und sehr gemocht. Es gibt nur eine einzige Stelle in der Bibel.« »Wenn du beweisen kannst. daß eine Frau ein so hohes Amt bekleidete. daß die Schriftrollen aus dem ersten Jahrhundert stammen…« Daniel nickte ernst. und die Pflichten der Diakonin beschränkten sich darauf. daß es Zeit zum Abendessen war. stand am Altar. Kapitel sechzehn. Später wurde eine weibliche Form geprägt. Das ist nicht ungewöhnlich.Minarett: »Allahu akbar…« Der Gebetsruf zum Sonnenuntergang bedeutete auch. denn der Diakon. sie war eine Diakonin. Im Gegensatz zu den Eltern anderer Kinder hatte Catherines Mutter niemals Anstoß daran genommen. das griechische Wort für Diakonin ist Diakonissa. daß er auf der ›falschen Seite‹ der Stadt 94 . der Priester.

Und in zwei Evangelien hieß es. Dieses Buch hatte Catherines Mutter die erbitterte Feindschaft der Kirche eingebracht. Alexander zu dem Schluß gekommen. die auf der apostolischen Nachfolge beruhte und ihren Anfang damit nahm. nicht zu rechtfertigen sei. daß der auferstandene Jesus zuerst Maria Magdalena erschienen war und nicht Petrus. wer sein Vater war. Mit dem Neuen Testament als Quelle und als Beweis war Dr. Daniel war in der Nacht.wohnte und nicht wußte. daß angeblich der heilige Petrus den auferstandenen Jesus als erster gesehen hatte. eine weithin anerkannte Expertin auf dem Gebiet der Datierung von Handschriften. nicht Petrus. Sie war immer freundlich zu ihm gewesen. so argumentierte Nina. woran sie glaubte. Berühmt wurde sie jedoch durch ein Buch. sondern Maria Magdalena müsse die Nachfolgerin Jesu gewesen sein. und er war in ihrem Haus stets willkommen. Alle vier Evangelien berichteten. und Nina Alexander stand neben ihm am Grab und tröstete ihn. Darin behauptete sie. die erste der Apostel veröffentlichte. das sie unter dem Titel Maria Magdalena. daß die Theorie deiner Mutter richtig ist?« Catherine antwortete ebenso leise: »Die Kritiker meiner 95 . »Du glaubst also«. weil sie für das eingetreten war. Beim Tod seiner Mutter war er neunzehn. daß die Autorität des Papstes. daß sie eine gebrochene Frau war. fragte Daniel jetzt leise. »die Schriftrollen könnten den Beweis dafür liefern. Und alles nur deshalb. daß Frauen als erste das leere Grab gefunden hatten. Catherines Mutter war Paläographin gewesen. der sich aus Angst um sein Leben versteckt hatte. im Krankenhaus gewesen und hatte mit eigenen Augen gesehen. als Nina Alexander starb.

Danno. Danno lachte leise. wäre. und deshalb besitzt sein Werk wegen der zeitlichen Nähe zu den Ereignissen größere Autorität. werden wir sie nie wiedersehen!« »Nur mit diesen Schriftrollen kann ich vielleicht die Ehre und den Ruf meiner Mutter wiederherstellen. Cathy. »Was für eine Frage!« »Ich muß noch ein paar Dinge vorbereiten. Was aber. Maria Magdalena nicht erwähnt wird und auch keine andere Frau. »Kein Wunder. Wir wissen. wenn diese Schriftrollen beweisen. daß deine Mutter recht hatte. Weißt du. wenn diese Schriftrollen früher geschrieben wurden als die Briefe des Paulus?« Catherine legte die Bücher vorsichtig aufeinander.Mutter haben darauf hingewiesen. daß die Briefe des Paulus an die Korinther mindestens zwanzig Jahre vor dem Auftauchen der Evangelien in schriftlicher Form entstanden sind. daß im ersten Brief des Paulus an die Korinther. das ist eine heiße Sache. »Dann wäre der Anspruch des katholischen Klerus auf das Priesteramt und das Papsttum nicht mehr zu halten. in dem er über die Auferstehung spricht. vielleicht sogar auf Maria Magdalena?« Danno lachte leise. ein solcher Beweis konnte die katholische Kirche in ihren Grundfesten erschüttern. daß Petrus nicht der rechtmäßige Nachfolger von Jesus war und der Machtanspruch der Päpste auf einem Irrtum beruht!« Catherine wußte. Wir warten. daß du die Bücher wegbringen willst. wirst du mir helfen?« Er lächelte. bis draußen alle mit dem Abendessen beschäftigt sind. daß Nostradamus das Ende des Papsttums und des Katholizismus für das Jahr 1999 vorausgesagt hat? Nicht auszudenken. »Wenn sie Hinweise auf Frauen am Grab enthielten. Danno. ja nicht einmal das leere Grab. und 96 . Wenn die Behörden sie in die Hände bekommen.

Das Wort ›Essene‹ stammt von dem griechischen ›Essenoi‹ – Heiler. wenn ihre Geheimnisse nicht mit ihnen untergegangen sind? Vielleicht konnten sie die wichtige letzte Schriftrolle 97 . in die Sekte aufgenommen zu werden. Man glaubt. der geringste Verstoß gegen eine der Regeln wurde hart bestraft. das steht hier…« Catherine blickte durch die Zeltklappe. Warum? Die Antwort steht ebenfalls hier: ›Zoe aionios‹ – das ewige Leben. als Rom zuerst Jerusalem zerstörte und dann Massada. daß ihre Leute sich um das Lagerfeuer eines Beduinen versammelt hatten. Richtig? Was wäre. und wollten nicht zulassen. »Das hier ist kein Werk der Essener.« Er hob die Hand und zählte an den Fingern ab: »Es war schwierig. Sie sah.« »Das meine ich nicht. daß jemand die Gemeinschaft verließ.« Daniel blickte noch einmal auf die erste Seite der ersten Schriftrolle. »Ja…«. »Ja.« »Wird in den Schriften vom Toten Meer nicht auch von einem Gerechten gesprochen?« Sie sah ihn an und schüttelte den Kopf. bestätigte sie und nickte.brechen dann auf. dann galten die Essener als Heiler. »Hier steht: ›Jesus‹«. manchmal sogar mit dem Tod. »Worauf willst du hinaus?« »Angenommen. Wenn ich mich nicht irre. Diese mystischen Heiler galten als Hüter vieler uralter Geheimnisse. »Später wird Jesus in dem Text ›der Gerechte‹ genannt. Vielleicht haben sie sich deshalb so hermetisch gegen alle abgeschirmt. daß die Sekte verfolgt wurde. murmelte er. Denk an die Regeln ihrer Sekte. die Initiation dauerte eine Ewigkeit und war grausam. die nicht zu ihnen gehörten. die Essener kannten auch das Geheimnis des ewigen Lebens.« Catherine legte die Bücher behutsam übereinander.

»Cathy. »müssen wir wissen. auf ein ewiges Leben in Fleisch und Blut! Jesus hat Tote zum Leben erweckt. was ich 98 . wann das Ende der Welt kommen wird. die Archäologin zu besuchen. Hungerford«. und er hörte. was Sie anzubieten haben. seine Botschaft vom ewigen Leben bezog sich nicht auf das Leben nach dem Tod. Alexander war mit einem Besucher in ihrem Zelt gewesen. sagte Zeke. »Viele Wissenschaftler behaupten. Ihr Boß wird das haben wollen.retten.‹ »Warum könnte der Gerechte nicht Jesus sein?« fuhr Daniel immer erregter fort. die siebte Schriftrolle zu finden und können das Geheimnis des ewigen Lebens enträtseln!« »Bevor wir über Geld sprechen. sondern auf das Leben hier auf der Erde. in der steht. Das Glück war auf seiner Seite. wenn wir herausfinden. wollte der Texaner antworten. daß er das Mittel zum ewigen Leben kannte?« Daniel setzte sich auf das Feldbett und stützte den Kopf in die Hände. um mehr über den Fund zu erfahren. daß Jesus ein Essener war und deshalb im Neuen Testament als Heiler auftritt. Aber Dr. Könnte das nicht ein Beweis dafür sein. wie sie sagte. Auf dem Weg zu diesem Treffen im Hotel Isis hatte er beschlossen. das wertvoller ist als die Kronjuwelen von England. Mr. Angenommen. dann sind wir vielleicht in der Lage. sehr alte Schriftrollen. wer Tymbos war und in welcher Stadt er als König geherrscht hat.« Ich habe etwas. sie habe Schriftrollen gefunden. Möglicherweise enthält sie das Geheimnis des ewigen Lebens…« Catherine dachte unwillkürlich an die Worte des Ibn Hassan: ›… dann werde ich dir das Geheimnis des ewigen Lebens verraten. »Ich sage nur soviel.

Es war nicht der richtige Zeitpunkt. Cathy brauchte seine Hilfe. »Fertig«. die zusammen mit dem Rauch von brennendem Kamelmist und süßlichen Haschischwolken in den dunklen Himmel stieg. nach den Wandmalereien in dem Königsgrab. Vielleicht würde er dann sogar den Mut aufbringen. noch bevor Sie sagen können: ›Hier ist das Geld. eine ganze Woche lang nicht mehr schlafen zu können!« Bei seinem Anruf aus Chiapas hatte er nichts von seiner Entdeckung erwähnt. Er freute sich mit ihr über den sensationellen Fund. »So. Du bist um die halbe Welt geflogen und mußt völlig erschöpft sein. in Kalifornien. ihr seine Liebe zu gestehen… Als Catherine nach der Jacke griff. Du brauchst dringend Schlaf…« »Im Augenblick habe ich den Eindruck. und Sie werden den Schatz vor sich sehen. denn er wollte Cathy alles beim Wiedersehen erzählen. aber ich habe mich noch nicht einmal nach deinem Projekt erkundigt.« Er zwinkerte. Catherine zögerte. Sie würden feiern. Daniel hob sie auf und 99 . ihr von seinen Erfolgen zu berichten. »Danno…« Sie legte ihm die Hand auf den Arm. und das genügte. reden wir jetzt über die Summe. Sie verstummten und lauschten auf die Musik der Beduinen. Später. Ich sollte das nicht von dir verlangen. flüsterte Daniel.anbiete. Für ihn war es in diesem besonderen Augenblick das Schönste gewesen. von Catherine zu hören: ›Du mußt unbedingt kommen!‹ Aber die Lage im Sinai war keineswegs zum Feiern geeignet.‹« »Fertig?« fragte Catherine und nahm die Reisetasche vom Bett. konnte er ihr alles von sich erzählen. »Es tut mir leid. fiel die International Times vom Vortag aus der Tasche. sie beide ganz allein.

« Sie griff nach ihrem Koffer. daß sie gerade jetzt gefunden wurden… zwei Wochen vor Anbruch des neuen Jahrtausends? Und was ist. Ich meine. daß ich abreisen will. Besonders Kluge hatten Flugzeuge gechartert. »Wieder dieser Priester! Er unterhält sich mit einem meiner Leute. wenn wir die Schriftrollen übersetzen. »Cathy«. Hungerford«. und sie stehen ausgerechnet in der Nähe des Landrovers. Zeke trat in den Lichtkreis der schwachen Stehlampe und verließ ihn sofort wieder. »ich möchte Ihnen ein paar Informationen über 100 .« »Und was jetzt?« fragte Daniel. Sie werden uns sehen!« »Na und?« »Er wird sich mit uns unterhalten wollen. so daß sie das neue Jahr gleich zweimal feiern konnten. wo die internationale Zeitgrenze zwischen zwei Inseln verlief. die Sonne war untergegangen. Dann merken meine Leute. wich aber sofort wieder zurück. »Mr. wenn uns die fehlende siebte Schriftrolle wirklich das genaue Datum und die Zeit des Weltuntergangs verrät?« »Das werden wir alles wissen. was geschieht. »Stell dir vor. Schwarze Messen in den Höhlen von Karlsbad und in Machu Picchu. und im Zimmer wurde es dunkel. ist es wirklich nur ein Zufall. die in Erwartung der bevorstehenden Jahrtausendwende überall auf der Welt begangen wurden – Feste auf der Queen Elizabeth II und auf dem Eiffelturm. fuhr Daniel fort.sah auf der ersten Seite den Bericht über die Verrücktheiten und Exzesse. wenn diese Schriftrollen das endgültige Aus für die katholische Kirche als Institution bedeuten. »Was ist?« fragte Daniel. um in den Südpazifik zu fliegen. »Gehen wir?« Catherine warf einen vorsichtigen Blick aus dem Zelt.

Danach muß jedes Stück. wird manchmal sogar ein neues Haus darauf gebaut. Es gibt ein Gesetz. die Zekes Gesicht durchschnitt. Diese Familien besitzen ein unglaublich wirkungsvolles Nachrichtennetz. das Sie in Staunen versetzen würde. Das führte zum Beispiel dazu. an seinen Ursprungsort zurückgebracht werden. das an diesem Platz steht. ihre Sammlungen nicht mehr öffentlich machen konnten. Mr. wird es wieder abgerissen. dann kaufen die interessierten Sammler das Haus. Das Netz sorgt dafür. Sie lassen im Keller Ausgrabungen durchführen. Hungerford. »Der illegale Handel mit Schriftrollen wurde für viele Händler zu riskant. »Ich bin nicht sicher…« Zeke trat so nahe an ihn heran. daß an einer bestimmten Stelle ein Fund vermutet wird. Und nachdem die Grabungen beendet sind. Mr. Hinweise und Geschichten über mögliche Funde von Schriftrollen und Papyrusfragmenten erfahren. Ich will Ihnen ein Beispiel nennen. Als dieses Gesetz verabschiedet wurde. sagte Zeke freundlich. das aus einem Land geschmuggelt wird. Dies wiederum löste einen interessanten Preisanstieg aus. Deshalb beschränkt er sich mittlerweile auf eine Reihe ausgewählter Familien. daß Hungerford die weißen Pünktchen um die Narbe sah. daß sie im Handumdrehen alle Gerüchte. Wenn das Grundstück unbebaut ist. trat es rückwirkend in Kraft. Können Sie mir folgen?« Hungerford runzelte verwirrt die Stirn. und der illegale Handel mit diesen Dingen spielt sich seitdem nur noch unter Ausschluß der Öffentlichkeit ab. von denen die Behörden nie etwas erfahren. die viel Geld in alte Papyri investiert hatten.den illegalen Handel mit Altertümern und Antiquitäten geben. »Also werde ich mich deutlicher ausdrücken«. Hungerford. dessen Einhaltung von der UNESCO überwacht wird.« 101 . daß Sammler. Wenn in Jerusalem das Gerücht kursiert.

wir haben den weiten Weg nicht gemacht. sah Hungerford ein Stilett in seiner Hand blitzen. aus dem das Fragment vermutlich stammt. als wollte er sich am Bein kratzen. Mr. Ihre Mitspieler. ich habe nicht im Traum…« »Sie haben einen bestimmten Händler in Kairo angerufen und ihm gesagt.« 102 . Hungerford. Hungerford. und zwar schnell. Mr. Es geht dabei um sehr viel mehr. um Zeit zu verlieren. Ihnen klarzumachen. daß Sie sich auf ein Spiel mit hohen Einsätzen eingelassen haben. Hungerford. aber als er sich wieder aufrichtete. »Na ja. sind Ihre Gegner.« Hungerford trat der Schweiß auf die Stirn. sie sind nicht dumm. »Mr.« Zeke bückte sich. Sagen Sie uns alles. was Sie wissen. und ich kann Ihnen versichern. daß ein Jesus-Fragment und ein Korb mit Schriftrollen gefunden worden ist. als Sie sich vermutlich vorstellen können.»Ich verstehe immer noch nicht…« »Ich versuche.

das in der heiligen Schale glühte. schien jeder Gedanke an Religion aus ihrem Leben verschwunden zu sein. hatte ihren Glauben jedoch während der Hippie-Zeit in den sechziger und siebziger Jahren aufgegeben und sich den östlichen Philosophien und Religionen zugewandt. richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf das Geschehen am Pool. die von dem Holz des Mesquitestrauchs aufstieg. In letzter Zeit hatte sie jedoch eine seltsame Leere verspürt. Sie beschäftigte sich mit New Age. einer Bewegung. New Mexico »Was sehen Sie?« fragte Erika Havers besorgt. Später. die 103 . nach einer geistigen Nahrung. Dampfwolken stiegen in den blauen Himmel von New Mexico. um mit ihnen Weihnachten und Silvester zu feiern. zu der sich viele ihrer Freunde hingezogen fühlten. Sie waren gekommen. Erika konzentrierte sich wieder auf ihn. Der Schamane blickte in die Zukunft. wo sich die ganze Familie versammelt hatte – ihre drei erwachsenen Töchter mit Kindern und Ehemännern.Santa Fe. New Age versprach einen geistigen Neuanfang. Da der Schamane keine Antwort gab. eine Leere. die auf den Verlust von etwas Lebenswichtigem hinzuweisen schien. während Kojote in den heiligen Rauch blickte. sich in der neuen Computerwelt einen Namen zu machen und Erika ihre drei Kinder großzog. Der Wasserdampf über dem Pool war sehr viel dichter als die dünne Rauchfahne. Die Sehnsucht in Erika dagegen schien nach dem Wissen der Alten zu verlangen. Was mochte er in dem Rauch sehen. als Miles seinen ganzen Ehrgeiz daransetzte. der um seinen Kopf wirbelte? Erika war protestantisch erzogen. Der Pool war geheizt.

die Sonne habe die Pigmente aus seinen Augen gebleicht. Das machte ihn zum geistigen und politischen Führer seines Dorfes. In seiner Obhut befanden sich die heiligen Kachinas. weil das Ende der Welt bevorstand. Er blickte in das Wesen der Dinge. »Das sehen Sie im Rauch?« Seine Augen. Er war Pueblo-Indianer und das Haupt der Antilopensippe. Aber er sah nicht das Äußere. Dabei streiften seine langen weißen Haare das dunkle Lederhemd. die Sonnenwend-Kachina‹. »Nein. ›Er ist Soyal. Sein Stammesname war jedoch Kojote. Er glaubte an den Weltuntergang. als die Ahnen. Der Rauch ist leer. und so hieß er Luke Pifieda. die so hell waren. ›Soyal erscheint zur Wintersonnenwende. um den 104 . weil die Kachina des Pueblo Acoma verschwunden war. Die Polizei sprach von Diebstahl. nicht im Rauch. hatte Kojote gesagt. »Es ist sehr schlimm.die Prüfungen der Zeit überstanden hatte. verweilte nicht bei den Farben und Formen. »Was sehen Sie?« flüsterte Erika noch einmal. Eines Tages begegnete sie dem Schamanen in einer Ausstellung indianischer Kunst. die in den unterirdischen Regionen hausten. Die Gesetze der Weißen zwangen seinem Volk seit mehr als hundert Jahren christliche und bürgerliche Namen auf. Mrs. Das Ende der Welt ist wirklich nahe. aber der Schamane erklärte. erfahren. Er hatte ihr auch die Geschichte von der Entstehung der Menschen erzählt. der KachinaGeist sei aus eigenem Entschluß in die Erde zurückgekehrt. Havers. Von ihm hatte Erika etwas über Latiku. die mütterliche Schöpferin der Welt. In seinem Dorf sagte man. richteten sich auf die zierliche Frau mit den aschblonden Haaren.« Erika verstand ihn. Diesmal schüttelte Kojote langsam den Kopf. um in der Sonne zu leben. daß sie fast farblos wirkten.« Sie sah ihn ängstlich an. sich den Weg an die Oberfläche gebahnt hatten.

Kurz darauf folgte er dem alten Butler ins Haus. der nach dem Wettschwimmen mit seinen Schwiegersöhnen zufrieden aus dem Wasser stieg. und seine Stimme klang wie das Rascheln gefallener Blätter. Er hatte natürlich nicht nur gewonnen. Er betrachtete sich gern und kannte keine falsche Bescheidenheit. als sie sah. die ihm sein Trainer gereicht hatte. betrachtete er sein Spiegelbild in dem Glas. sehr schlimm«. Deshalb können auch die anderen Kachinas nicht aus den Kivas kommen und mein Volk segnen. Damit bereitet er den anderen Kachinas den Weg. seine Figur zu erhalten. Steht der Weltuntergang wirklich bevor? Der Anruf kam aus dem Sinai. Das ist sehr. daß Soyal nicht mehr da war. damit sie aus der Geist-Welt auf die Erde zurückkehren können. Erikas Blick richtete sich wieder auf den heiligen Rauch. hinter dem Pokale und Siegestrophäen standen. sein Geschmack und sein Verstand ebenso spiegelten wie in seiner vorbildlichen Familie und seinem unvergleichlichen Anwesen. sagte der Schamane. und er hatte festgestellt. »Zum ersten Mal in der Geschichte meiner Sippe wird Soyal nicht erscheinen.Beginn der Kachina-Zeit anzukündigen. Schließlich besaß er den Körper eines zwanzig Jahre jüngeren Mannes und arbeitete täglich daran. Während Miles zuhörte. sondern wahrscheinlich auch seinen eigenen Rekord gebrochen.‹ Kojote war in die Kiva gegangen. daß sich in der jugendlichen Erscheinung sein Reichtum. um die Ankunft der Kachinas zur bevorstehenden Wintersonnenwende vorzubereiten. daß der Butler auf der Terrasse erschien und neben Miles trat. 105 . Er kommt als der erste aus der Kiva und geht durch das Dorf. Ihm gefiel die Vorstellung. Erika wollte eine Frage stellen. Lachend hielt er die Stoppuhr hoch.

Catherine Alexander. sollte man den Erfolg auch ansehen. wo sie wohnt. Havers?« »Teddy. indirekt beleuchtet und gegen Störungen der Außenwelt schalldicht isoliert. Zu solchen Dingen ist kaum jemand aus ihrer Branche bereit. In einem besonderen Raum befand sich eine kleine Schaltzentrale. Das Untergeschoß war ganz in den beruhigenden Pastelltönen der Wüste gehalten. Mr. befahl er ihm zu warten und wählte eine andere Nummer. so fand Miles. hinunter in sein persönliches unterirdisches Reich zu gehen. zu der nur er Zugang hatte. daß Dr. Die Frau heißt Dr. »Ja.« Nachdem Miles aufgelegt hatte. die vor Erdbeben warnten. was Sie finden können. Er hatte sogar Sensoren einbauen lassen. Stellen Sie zusammen. ihre Bekannten. Nachdem Zeke Bericht erstattet hatte. wer ihre Kollegen sind. Der Teilnehmer meldete sich sofort. zu seiner Familie zurückzukehren. beschaffen Sie sich schnellstens die Schriftrollen und sorgen Sie dafür. Dort befand sich unter anderem ein Museum. Ich möchte wissen. und ein ausgeklügeltes Sicherheitssystem. Alexander nicht in der Nähe ist. in dem seine Schätze hinter Glas geschützt bei elektronisch gesteuerter gleichbleibender Temperatur und Luftfeuchtigkeit auf ihn warteten. Vergessen Sie Hungerford. Ich brauche die Informationen schnell!« Mit einem Knopfdruck schaltete er wieder zu Zeke zurück. Freunde… alles. war er nicht in der Stimmung. besorgen Sie mir alles über eine Archäologin.Einem erfolgreichen Mann. Von hier aus konnte er nicht nur das 106 . »Nach meiner Meinung kann man mit dieser Archäologin kein Geschäft machen. Deshalb beschloß er. um später irgendwelche Aussagen machen zu können.

Die ganze Welt schien im Fieber zu liegen. Die Menschen schienen das Unsichtbare sehr viel höher einzuschätzen als das Sichtbare. Statuen. Und Miles war besonders stolz darauf. Das Grabtuch von Turin wurde in diesem Jahr öffentlich gezeigt. die mit Zelten und Wohnwagen nach Stonehenge pilgerten. die Tränen vergossen. und die Besucherzahlen brachen alle Rekorde. wie selten oder wie kostbar. jetzt offenstanden. wenn es von religiöser Bedeutung war. wußte von diesem Stück. sondern das Anwesen und seine Produktionsstätten auf der ganzen Welt überwachen. die mit der Jahrtausendwende erwartet wurden. daß die Augen des Gesichts auf dem Tuch. die in letzter Zeit auf spirituellem Gebiet nach Antworten suchte. In England mußte das Militär eingreifen. Er hatte festgestellt. nicht einmal Erika. um die Menschenmassen unter Kontrolle zu bringen. die bislang geschlossen waren. Sie war übrigens nicht die einzige. denn mit diesem Wahn ließen sich riesige Gewinne machen – vor allem deshalb. Die aus Pappelholz 107 . einen unschätzbaren Wert erhielt. um dort den Katastrophen zu entgehen. Miles ging zielstrebig durch das langgestreckte Museum zu einem Kabinett an der Stirnseite. Niemand.Museum. in dem sein neuester Zugang aufbewahrt wurde. Im Grunde hatte sich Miles nicht von Anfang an mit religiösen Gegenständen beschäftigt. weil es ein religiöser Wahn war. Die Medien berichteten Tag für Tag über religiöse Wahnvorstellungen und unerklärbare religiöse Phänomene – MarienErscheinungen. Viele Menschen schworen. das Gesicht Jesu auf dem Tor einer Garage. daß ein Stück. und das gefiel Miles. aber inzwischen schienen sie den Großteil seiner Sammlung auszumachen. Miles mußte in diesem Zusammenhang an Erika denken. gleichgültig wie alt.

diese Statuette sei die kostbarste und heiligste aller Pueblo-Kachinas. und aus dem geisterhaften Kopf ragte ein weißer Federbusch. Soyal gehörte jetzt ihm.geschnitzte Statuette war sechzig Zentimeter groß und gespenstisch weiß bemalt. 108 . Es war die Sonnenwend-Kachina. Miles betrachtete die Gestalt voller Ehrfurcht. In der linken Hand trug sie eine Adlerfeder. Man sagte.

»Er sagt. johlten oder auch drohend schimpften. der eine Beduinin mit sich zerrte. Diese Verzögerung gefiel ihm nicht. Zeke gab keine Antwort. aber er kam nicht weit. die von den Hotels herübergekommen waren und das Spektakel eher unbeteiligt beobachteten. Die beiden Amerikaner sprangen aus dem Wagen und mischten sich unter die lärmenden Ägypter.Scharm el Scheich. Im Hotel hatte er das Schild ›Bitte nicht stören‹ an die Zimmertür gehängt. Zeke versuchte. Zeke sah nur wenige Weiße in der Menge. sondern hielt den Leihwagen in der Nähe des Lagers an. vielleicht auch ein paar Touristen. sich einen Weg durch die Menschen zur anderen Seite zu bahnen. Alexander. Aber das Schild war keine Garantie dafür. der Amerikaner zu sein schien. Das waren vermutlich Leute aus dem Lager von Dr. Zeke entdeckte einen westlich gekleideten Ägypter. um sicherzustellen.« Zeke musterte die Frau. Im Licht der Scheinwerfer sahen sie am Rand der Ausgrabungen eine aufgeregte Menschenmenge. Vielleicht hatte man den Toten schon gefunden… »Was ist denn hier los?« fragte er einen Zuschauer. »Der Mann ist ihr Bruder«. daß nicht doch jemand aus irgendeinem Grund das Zimmer früher betrat. während die Umstehenden lachten. die sich heftig gegen 109 . seine Schwester habe Schande über die Familie gebracht. die wie üblich von Kopf bis Fuß schwarz verhüllt war. Er fluchte leise. daß die Putzfrauen Hungerfords Leiche erst am nächsten Morgen in der Badewanne entdeckten. Golf von Akkaba »Was soll denn das bedeuten?« fragte Zekes Partner. erwiderte der Angesprochene. wo sich das Lager der Archäologin befand. Der Mann schrie auf die Frau ein.

»He!« rief Zeke und stieß seinen Partner an. »Das geht Sie nichts an!« rief der Bruder der Frau. wo sich ihr Zelt befand. und Zeke sah. daß die Frau schwanger war.ihren Bruder wehrte. verschwanden ihre Hände in den Jacken und umfaßten die Griffe ihrer Waffen. Ein Teil der Leute stimmte ihm zu. 110 . Es dauerte nicht lange. Sie sahen. Das schwarze Gewand bauschte sich um ihren Leib und verhüllte alles. Ein Blick beruhigte ihn. Zeke fragte sich. Als es ihr schließlich gelang. bis auf die Augen. Die Menge bewegte sich langsam weiter und entfernte sich vom Lager. Plötzlich drängte sich ein Weißer durch die Menge und erhob laut Einspruch gegen die brutale Behandlung der Frau. Zeke vergewisserte sich noch einmal. wie der Ägypter die ›Beduinin‹ in einen Landrover zerrte und in einer Staubwolke davonraste. ob vielleicht auch Dr. Sein Partner war beinahe gleichzeitig zur Stelle. Zeke ging eilig durch das Lager und erreichte das Zelt der Archäologin. schien es ein Priester zu sein. Als sie mühsam wieder aufstand. Plötzlich stürzte die Frau zu Boden. daß sie Nikes trug. Nach seiner Kleidung zu urteilen. verrutschte das schwarze Gewand. sich aus dem Griff des Mannes zu befreien. Im Schein der wenigen Lampen konnte er nicht alle Gesichter sehen. Zeke startete den Motor und verfolgte die ›Geschwister‹ mit Vollgas. bis die beiden Amerikaner ihren Leihwagen erreicht hatten. Er wußte aber. In dem Zelt brannte Licht. Alexander unter den Zuschauern war. an den Menschen vorbeizukommen. während die anderen noch lauter schrien. die der schwangeren Frau und ihrem wütenden Bruder folgten. Ohne ein Wort zu wechseln. sah Zeke. »Komm mit!« Die beiden liefen los. Schließlich gelang es Zeke. daß die Menge nur Augen für die Familientragödie hatte. Die Umstehenden johlten.

mit einem PC und einer normalen Videokamera 111 . der an diesem Projekt beinahe ein Jahr gearbeitet hatte. die dem Benutzer zum Bearbeiten von Filmen die raffiniertesten Spezialeffekte der Filmtechnologie zur Verfügung stellte. deren Copyright verjährt war. als sein Konzern damit begonnen hatte. und produzierte sie als brandneue CD-ROMs. Er digitalisierte sie in den alten Streifen und konnte die Stars durch Manipulation winziger Informations-Pixel in neuen Filmen ›einsetzen‹. Jeder würde künftig in der Lage sein. lächelte Miles zufrieden. Der Film war das Ergebnis seiner neuesten technischen Errungenschaft. Sie würde begeistert sein. Es handelte sich um eine Software. und Erika ahnte nichts. Es funktionierte besser als erwartet. Fields und zahllosen anderen. Er konnte es kaum erwarten. und der rote Samtvorhang schloß sich geräuschlos. Sogar Miles.Santa Fe.‹ Dann küßte er sie leidenschaftlich. Die Idee dazu stammte aus der Zeit. Sie wurden reproduziert und ins Net eingespeist. C. staunte über das Erreichte. Als die Lichter in seinem privaten Filmtheater mit den dreißig dunkelroten Polstersesseln angingen. am Weihnachtsmorgen ihr Gesicht zu sehen. die Digitalisierungsrechte berühmter Kunstwerke zu kaufen. Die Leinwand wurde dunkel. Miles spezialisierte sich auf die großen Filmstars der Vergangenheit und erwarb die Exklusivrechte an Rudolpho Valentino. blickte ihr tief in die Augen und sagte: ›Uns bleibt immer noch Paris. Dianuba Technologies sicherte sich die Rechte an Literatur und Filmen. damit jeder über das World Wide Web Zugriff hatte. W. New Mexico Humphrey Bogart nahm Erika Havers in die Arme.

fit und gesund zu bleiben. war sogar dafür verantwortlich. Sie spielte mit ihren Töchtern ein Doppel. daß Miles mit seiner Gesellschaft zum weltweit führenden Software-Hersteller geworden war. Miles verließ das Kino und ging durch einen der verglasten Innenhöfe. hatte die Welle ausgelöst und war mittlerweile ein Klassiker. Als sie Forrest Gump gesehen hatten. ideal zum Joggen. selbst mitspielen könnten? Ich würde mich so gern einmal als Elsa in Casablanca sehen!‹ Erikas Vorschläge fielen bei ihrem Mann immer auf fruchtbaren Boden.einen Film mit einem berühmten Star als Partner zu produzieren. Warum gibt es eigentlich keine Computerspiele für Frauen? Ich denke da an Liebesgeschichten.‹ Inzwischen gab es unzählige Imitationen. ein interaktives Computerspiel auf CD-ROM. Aus der Entfernung wirkte sie ebenso jung und temperamentvoll wie ihre Kinder. Erika hatte gesagt: ›All diese aggressiven Computerspiele werden für Männer gemacht. Die Luft war kalt und klar. die die fächerartig angeordneten Flügel des großen Anwesens miteinander verbanden. mit dem eine Frau dem Mann ihrer Träume begegnen konnte. wenn wir in jedem Film. aber Butterfly. Ohne Erika. der uns gefällt. Erika hatte ihm den Anstoß zu diesem Projekt gegeben. Er sah Erika auf dem Tennisplatz. sagte sie anschließend zu Miles: ›Wäre es nicht schön. Er blickte auf die schneebedeckten Berge und den dunkelblauen Himmel. was für ein glücklicher Mann er war. über die sie vor vier Jahren eher beiläufig gesprochen hatte. daran gab es für Miles keinen Zweifel. Wieder einmal rief ihm der Anblick dieser bezaubernden Frau ins Bewußtsein. Auch Erika achtete darauf. wäre er vermutlich immer noch ein ausgeflippter Hacker mit einem ausrangierten. Eine ihrer Ideen. veralteten Modem und keinem Penny 112 .

sah er aus dem Augenwinkel den Schamanen am Rand des Tennisplatzes.in der Tasche gewesen. Sein Büro unterschied sich damit von dem für Santa Fe typischen. Als Miles den Fahrstuhl erreicht hatte. Es hatte indirekte Beleuchtung und einen weichen dunkelblauen Seidenteppich. Miles blickte noch einmal zu seiner Frau hinüber. Ahnte er womöglich. das war unmöglich! Der Schamane kam nur wegen Erika ins Haus. aber er mißtraute dem alten Indianer. Selbst nach all den vielen Jahre liebte er sie. Sollte sie ihn bitten. Inzwischen schien er hier im Haus zu wohnen. Mit solchen Gedanken durfte er sich nicht belasten. Hierher. daß sich seine wertvolle SonnenwendKachina in dem unterirdischen Museum befand? Aber wie sollte der Alte das herausgefunden haben? Nein. zog sich Miles zum Entspannen und Nachdenken zurück. Das Turmzimmer unter den Zinnen hatte Fenster nach allen Himmelsrichtungen und war in den Tönen Goldgelb und Burgunderrot gehalten und sparsam mit wenigen Designermöbeln eingerichtet. wo er mit den Bergen auf einer Höhe zu sein schien. spanisch beeinflußten Stil. ließ er die Familie hinter sich und zog sich in sein abgeschirmtes Büro zurück – ein runder Turm an der Ostseite des Anwesens. daß Erika ihn zum Bleiben aufgefordert hatte. ›Kojote‹ genannt zu werden. ihr den Mond in Silberpapier verpackt zu überreichen. Als sich Miles gerade umdrehen wollte. Miles wußte. Zwei Dinge beschäftigten ihn an diesem 113 . würde es ihm irgendwie gelingen. Wenn ich diese Frau verlieren sollte… Er schüttelte unwillig den Kopf. er liebte sie nicht nur. er war noch immer in sie verliebt. Luke Pineda legte großen Wert darauf. Das heißt. an den höchsten Punkt im ganzen Haus. ihr den Mond zu schenken.

die absolute Kontrolle über die Software-Industrie zu erreichen. Er erinnerte sich an eine herbe Niederlage. genau zwei Wochen vor der Jahreswende: Zekes Auftrag auf dem Sinai und die Aktennotiz seines Anwalts zu dem geplanten Kauf des letzten Software-Herstellers in Privatbesitz für eine Milliarde Dollar. nachdem sich die Tagebücher in seinem Besitz befanden. Wissenschaftler. Nichts würde ihn daran hindern. bittersüßen Geschmack in seiner Kehle. dachte Miles und drückte auf einen Knopf. die seit dem Zweiten Weltkrieg als verloren gegolten hatten. Lautlos öffnete sich die Tür der Bar. Er erwarb die Tagebücher des polnischen Astronomen aus dem sechzehnten Jahrhundert zum stattlichen Preis von dreißig Millionen Dollar für seine Privatsammlung. Natürlich gefiel das der Konkurrenz und der Regierung nicht. und sein Lächeln verschwand. Er genehmigte sich einen Drink. Sein bester und erfahrenster Berater machte ihn darauf aufmerksam. den Kauf dieses Unternehmens zu verhindern. führte er die betreffende Sache auch zum Erfolg. aber das lag nicht an dem scharfen. denn er wußte. wurde die Sache bekannt. daß das Justizministerium beabsichtige. empörter Aufschrei war die Folge. Miles hatte von den Tagebüchern kurz nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erfahren. Vor dem Justizministerium hatte er keine Angst. daß am Ende nur Erfolg und Macht zählten. und ein weltweiter. Sollen sie es doch versuchen. Bald. Miles lächelte spöttisch. Wann immer er sich etwas in den Kopf setzte. Er leerte sein Glas.Dezembermorgen. Damals waren viele Schätze wieder aufgetaucht. Ein vertrauenswürdiger Vermittler hatte für Miles ein Geheimabkommen mit den Russen eingefädelt. Die Kopernikus-Tagebücher. Forscher und 114 . Auch diesmal würde er schließlich der Sieger sein. Und er besaß beides.

und die Tür öffnete sich. die er zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte. Er drückte einen Knopf. Das Justizministerium warf ihm vor. daß jemand vor der Tür stand.« Es war eine dicke Akte. Deshalb ließ er erklären. aber nachdem sie in so viele andere Hände gelangt und der Öffentlichkeit zugänglich waren. Seine Gedanken richteten sich auf die Aktennotiz. den Software-Markt zu monopolisieren. auf der nichts außer einer leuchtendgelben Orchidee stand. Havers. die Tagebücher der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Tagebücher befanden sich mittlerweile als Leihgabe in der Universität von Warschau. Miles wollte nicht auf die Tagebücher verzichten. sah er. Das entsprach der Wahrheit.Bürger erhoben Einspruch und erklärten. aber er würde es natürlich leugnen. Praktisch waren sie noch sein Eigentum. kam herein. darunter sogar Unterlagen des FBI. es sei von Anfang an seine Absicht gewesen. der ihm bis zur Hüfte reichte. daß Teddy Yamaguchi beachtlich viele Informationen zusammengetragen hatte. hatte Miles das Interesse daran verloren. die Sie angefordert haben. Ein schlanker Asiate mit zwei Ringen in einem Ohr und schwarzen Haaren. aber er mußte an seinen Ruf denken. »Hier sind die Unterlagen. Mr. dieses einzigartige Dokument der Vergangenheit sei Eigentum der ganzen Menschheit. wie um sich von dem unangenehmen Geschmack seiner Erinnerungen zu befreien. Er füllte ein Glas mit Wasser und trank es langsam. Er legte einen Aktenordner auf die große schwarze Granitplatte des kreisrunden Schreibtischs. Der junge Mann hatte sein Examen zwar in 115 . und als Miles darin blätterte. Ein Lichtsignal machte ihn darauf aufmerksam.

dachte Miles. dem Datum ihrer ersten Kommunion. aber er hatte keine guten Nachrichten. daß er außer mir niemanden von Hungerfords Anruf informiert hat. das Teddy nicht beschaffen konnte. das sich Teddy über UPI hatte einspielen lassen. in dem sie geboren worden war. wohin ihre arabischen Freunde sie bringen. die Verfolgung abzubrechen. Sein Telefon läutete. Das verschafft uns einen Vorteil. Mein Händler in Kairo hat mir versichert. als sich die Tür hinter dem jungen Mann geschlossen hatte. die sie zur Welt gebracht. In der Spalte ›Freunde‹ stand Daniel Stevenson an erster Stelle. diese Alexander ahnt nicht. die Berichte der Nonnen aus ihrer Zeit in der katholischen Schule. Zeke war am Apparat. »Es war richtig. die ihre Mutter bei der Entbindung erhalten hatte. Die Akte enthielt alle Informationen über Dr. Miles entließ Teddy und griff erst nach dem Hörer. 116 . Wir wollen natürlich nicht in Erscheinung treten. Catherine Alexander – angefangen bei dem Krankenhaus. es gebe kein einziges Byte Information auf der ganzen Welt. man wird dafür sorgen.« Miles blickte auf das Photo in der Akte. daß wir etwas von den Schriftrollen wissen. »Was wollen Sie damit sagen: Sie ist geflohen…«. Ganz gleich. und Angaben über die Narkose. Miles Havers hatte manchmal den Eindruck. fragte Miles. wenn es nicht unbedingt notwendig ist. daß Sie das Versteck nicht finden werden. Ich vermute. aber die eigentliche Leidenschaft des Achtundzwanzigjährigen waren Computer. Er hörte die Antwort und nickte. Eine Jugendliebe? überlegte Miles.Biochemie gemacht und war ein meisterhafter Segler. dem Namen der Ärztin. aber sie ist nicht mein Typ. Die Alexander ist eine schöne Frau. Es folgten Catherines Jugendjahre mit Kinderkrankheiten.

wie sie jemandem gesagt hat. ihr zu nahe zu treten. Alexander faxen. möglicherweise sogar eine Verhaftung durch die ägyptischen Behörden und einen Aufenthalt im Gefängnis? »Hungerford hat uns berichtet. daß ein Beamter der ägyptischen Behörde am Grabungsort erschienen sei. Sie war auch nicht verheiratet. Die katholische Kirche hatte ihre Bücher zensiert und ihr verboten. daß sie eine Einzelgängerin war. Maria Magdalena… »Zeke«. weiterhin ihre Theorie über Maria Magdalena zu veröffentlichen. keine Verwandten und nur wenige gute Freunde hatte. wenn sie Scharm el Scheich in Verkleidung verlassen hat. die Schriftrollen seien sehr alt…«. Aber was? Was konnte eine Frau wie sie dazu bringen. Miles überlegte. »ich werde Ihnen die Unterlagen über Dr. Vermutlich befindet sie sich bereits auf dem Rückflug in die USA. Zeke berichtete. kann das nur bedeuten. aber keine Schriftrollen. daß sie etwas aus dem Lager geschmuggelt hat. habe er ein Papyrus-Fragment und einen Korb beschlagnahmt. Dr. er habe gehört. daß Dr. sagte er.Das leicht gereckte Kinn verriet einen starken Willen. Außerdem lag in ihren Augen etwas Herausforderndes. Alexander verschwunden war. ihre Karriere aufs Spiel zu setzen? Was konnte so wichtig sein. Miles entdeckte in dem Ordner einen Vermerk über ihre Mutter. Beim Überfliegen der Daten des FBI hatte Miles gesehen. Ich möchte. Aha. daß sie eine weltweite Verurteilung ihrer wissenschaftlichen Kollegen in Kauf nahm. an denen sie eintreffen 117 . ohne jemanden einzuweihen. Nina Alexander. daß Sie alle Flughäfen überwachen lassen. was sie in diese Außenseiterrolle gebracht haben mochte. der jeden Außenstehenden davor zu warnen schien. dachte Miles. Als der Mann feststellte. sagte Zeke. Vielleicht lag das an ihrem Blick.

Dann ließ er sich wieder zum Schreibtisch zurückdrehen und sagte gefährlich ruhig in den Hörer: »Wir werden sie finden. wo sich ihr Freund. Aber das nächste Mal dürfen Sie die Frau auf keinen Fall entkommen lassen. Zeke.kann. aber Sie müssen diese Frau unbedingt finden. Er ist ebenfalls Archäologe. Mir ist es gleich. ein gewisser Daniel Stevenson. daß Erika mit den Kindern vom Tennisplatz zurückkam. im Augenblick befindet. wie Sie es anstellen.« Miles ließ sich von seinem elektronisch gesteuerten Massagesessel um fünfundvierzig Grad drehen und blickte aus dem Fenster.« 118 . Stellen Sie außerdem fest. und er lächelte bei dem fröhlichen Anblick zufrieden. Er sah. Vielleicht ist er außer Landes.

DER DRITTE TAG 119 .

und einige Reisende konnten unbehelligt passieren. aber sie mußte weder den Koffer noch die Reisetasche öffnen. Es schneite. aber sie hatte vergessen. was Dezember in New York bedeutete. New York Catherine musterte unauffällig die Zollbeamten. Die Schriftrollen befanden sich jetzt in ihrem Besitz. Wenn sie den Zoll hinter sich hatte. war es geschafft. Man hatte Catherines Gepäck wie üblich mit Röntgenstrahlen nach Waffen untersucht. Dezember 1999 John F. der etwas großzügiger war als seine Kollegen. Kennedy-Airport. Sie ließen allerdings nicht jedes Gepäckstück öffnen. die Abreisenden dagegen durften ohne größere Formalitäten das Land verlassen. Seufzend warf sie einen Blick durch die großen Fensterscheiben auf den dunklen Abend. Sie hoffte. Der Abflug aus Ägypten hatte sich einfacher erwiesen als erwartet. um zur Jahrtausendwende zu den Pyramiden zu pilgern. Fast alle Sicherheitskräfte waren deshalb auf die Einreisenden konzentriert. denn sie wollten die mühsame Zollabfertigung nach dem langen Flug so schnell wie möglich hinter sich bringen. Sie war nicht auf Schnee vorbereitet. da Menschen aus aller Welt in das Land strömten. Der Winter auf dem Sinai konnte zwar kalt sein. Mit Unbehagen stellte sie fest. und sich in diese Schlange stellen. 16. Catherine zögerte und ließ die Beamten nicht aus dem Auge. Die anderen Fluggäste schoben sich ungeduldig an Catherine vorbei. einen zu finden. Der Flughafen von Kairo glich einem Irrenhaus. daß die amerikanischen Zollbeamten die Koffer der Einreisenden durchsuchten. 120 .Donnerstag.

Über das Stimmengewirr der zahllosen Menschen hinweg – gereizte Touristen. Warum waren die Beamten bei der Abfertigung des Gepäcks so gewissenhaft? Suchten sie etwas Bestimmtes? Hatte man Angst vor Terroristen? Ihr Flug kam schließlich aus dem Nahen Osten… Bis jetzt war alles glattgegangen. wenn sie den Zoll passiert hatte… Der Beamte vor ihr ließ eine vierköpfige Familie nicht nur die Koffer öffnen. wie ein Beamter sogar das Futter eines Koffers auftrennte. fragte sie sich plötzlich besorgt. Nein. Samir spielte den erzürnten ›Bruder‹. von dort nach Amman. Catherine fühlte sich zerschlagen. hatte sie Samir zu Hilfe gerufen. Als ihnen im Lager der Priester den Weg versperrte. Wie hoch ist eigentlich die Strafe für das illegale Einführen von Grabungsfunden. Ihr Herz begann zu klopfen. aufgeregte Besucher mit Weihnachtsgeschenken und weinenden Kindern – hörte sie aus den Lautsprechern die süßlichen Klänge von ›Stille Nacht…‹ Sie hatte bei all den Aufregungen der letzten Tage völlig vergessen. Daniel als ›schwangere Beduinin‹ zu verkleiden. und schließlich der Direktflug nach New York. Es war seine Idee gewesen. 121 . daß Weihnachten bevorstand. obwohl sie erst dann am Ziel war. zu diesem Zöllner würde sie bestimmt nicht gehen. ihren Schatz gut genug getarnt zu haben. Catherine hatte die Schriftrollen gut versteckt. Die Familientragödie hatte tatsächlich für die notwendige Ablenkung gesorgt. Jordanien. bezweifelte sie. als sie endlich wieder auf amerikanischem Boden stand. Immerhin atmete sie auf. die Bedauernswerten mußten auch alle Geschenke auspacken. aber als sie sah. Sie war bestimmt vierundzwanzig Stunden unterwegs gewesen. Es war eine mühsame Reise gewesen: Zuerst mit einer kleinen DC-3 von Scharm el Scheich nach Kairo.

wie sie es bei Ausgrabungen immer tat.Catherine hatte Samir jedoch nicht die Wahrheit erzählt. Sie wollten unter keinen Umständen Ägypten gemeinsam verlassen. Sie hoffte. Bei der Durchsuchung ihres Zelts würde man genau das finden. Um die Beamten aus Kairo zu täuschen. daß Daniel dort einen anderen Flug nahm. was alle Zeugen gesehen hatten – einen Korb und ein Papyrus-Fragment. Ein älterer rothaariger Mann schien zu Frauen etwas freundlicher zu sein… 122 . alle Spuren sorgfältig zu verwischen. welcher sie ohne Gepäckkontrolle abfertigen würde. Samir zeigte größtes Verständnis und fuhr mit Daniel anschließend nach Kairo. hatte Catherine das Jesus-Fragment zurückgelassen. Catherine sei wegen einer dringenden Familienangelegenheit abgereist. Mylonas im Hotel Isis ausrichten. Sie hatten verabredet. hatte sie die Schriftrollen photographiert und die Filme an Ort und Stelle entwickelt. sondern eine Geschichte von einem eifersüchtigen Liebhaber erfunden. der sich an ihr und Daniel rächen wolle. Daniel nahm das Photomaterial in sein Handgepäck. den sie mit Steinen gefüllt und wieder in das Leinengewebe eingepackt hatte. Samir wollte dem hilfsbereiten Mr. Während Catherine auf Daniels Ankunft aus Mexiko wartete. und auch den Korb. daß die überstürzte Abreise auf Außenstehende möglichst normal wirkte. Noch einmal musterte sie die Zollbeamten und versuchte. intuitiv herauszufinden. Es war eine Vorsichtsmaßnahme. Jetzt galt es. Der freundliche alte Herr würde alle Post an ihre Adresse in den USA weiterleiten. hatte Daniel wenigstens die Photos. denn falls Catherine oder den Schriftrollen etwas zustoßen sollte. denn bei diesem Abenteuer mußten sie auf alles gefaßt seih.

Um sich abzulenken. an Daniel. und man würde sie auf das schärfste dafür verurteilen. Catherines Nerven waren inzwischen bis zum Zerreißen gespannt. Ihr Bild würde in den Zeitungen erscheinen. Sie verabschiedeten die Reisenden nicht mehr mit ›Frohe Weihnachten‹ aber das Gepäck untersuchten sie noch immer. Bei dem Handgemenge wäre Daniels Verkleidung beinahe entdeckt worden. Es gehörte Mut dazu. kein Priester zu werden. er habe beschlossen. für die Schwachen einzutreten. in Handschellen abgeführt zu werden. als sie ihn weinend in der Waschküche entdeckt und ihn getröstet hatte. der Priester. daß sie einen der obersten Grundsätze der Wissenschaft und ihres 123 . alles sei verloren. Sein Vorgehen hatte sie wider Willen beeindruckt. dachte sie an Garibaldi. Er verriet ihr auch später nie den Grund für seine Tränen. als sie glaubte. Die Schlangen vor den Zollbeamten wurden kürzer. um die arme »mißhandelte Frau« vor dem Zorn ihres »Bruders« zu schützen. hatte sich zum Wortführer der Zuschauer gemacht. Das war damals. sich in einen Familienstreit von Arabern einzumischen! Das hätte böse Folgen für ihn haben können. Sie hatte Angst. Sie schob den Koffer und die Reisetasche mit den Knien vorwärts und näherte sich langsam dem Zollbeamten. Kurz darauf erklärte er. Garibaldi. Es war bereits alles in die Wege geleitet. Seine Kollegen rechts und links wirkten müde. Irgendwie erinnerte sie der Priester in seiner Art. Catherine entschied sich schließlich für den Rothaarigen und stellte sich mit ihren beiden Gepäckstücken an. aber dann änderte er seine Pläne ohne eine Erklärung von einem Tag auf den anderen.Catherine erinnerte sich mit leichtem Schaudern an den einen entsetzlichen Augenblick auf der Flucht. Daniel hatte früher einmal Priester werden wollen.

Die Schriftrollen befanden sich im Koffer. den Koffer zu schließen. Ohne Zögern öffnete sie den Koffer und die große Reisetasche. ohne die Koffer zu überprüfen. Als der Mann die Photos der Skelette und Schädel sah – für ihn Bilder aus einem Horrorfilm -. Pottery Of The Late Bronze Age – und bedeutete ihr mit einer knappen Geste. Amelia… Diakonos… Jesus… das Ende der Welt… War Sabina Jesus persönlich begegnet? Hatte sie von ihm etwas erfahren. Sie blickte sehnsüchtig auf den Ausgang hinter dem Zoll. Sie reichte es dem Beamten und schlug es hilfsbereit auf. Dort wartete die Freiheit… »Bitte öffnen Sie den Koffer!« Catherine bekam einen trockenen Mund. Catherine nahm schnell eines heraus. Aber sie waren ihr auf der ganzen Reise gegenwärtig gewesen. Catherine 124 . Krankheiten bei ägyptischen Mumien. das weder im Neuen Testament noch im Alten stand? War Sabina die Prophetin. Catherines Hoffnungen stiegen. warf noch einen flüchtigen Blick auf ein anderes – Handbook Of Feld Archaeology. deren Worte das ganze Christentum grundlegend verändern würden? Der Zollbeamte ließ das ältere Ehepaar vor Catherine durchgehen. Sie versuchte.Berufs mißachtet hatte. Der Beamte blickte fragend auf die Bücher. In der Reisetasche befanden sich ihre persönlichen Dinge und schmutzige Wäsche. gab er ihr das Buch schnell zurück. den sie auf dem Flug aufgegeben hatte. und sie mußte immer wieder an die geheimnisvollen Worte denken. nach außen die Ruhe zu bewahren. obwohl ihr das Herz bis zum Hals schlug. Darunter auch die Schriftrollen. im Koffer die wesentlichen Dinge. Sie hatte das Buch in Kairo gefunden und für Julius gekauft. die sie für ihre Arbeit benutzte – vor allem Bücher.

Sie entfernte alle Seiten eines alten botanischen Handbuchs und legte die sechs Papyri zwischen die Buchdeckel. Weitere Informationen erteilt Ihnen Ihre zuständige Fluggesellschaft. Auf dem Umschlag sah man einen Totenschädel. Die Anspannung war zu groß gewesen. Der Umschlag paßte genau. aber ihre Strategie hatte sich als erfolgreich erwiesen. Unter dem Buch mit den Skeletten lag ein Buch mit dem Titel Die Leiche im Moor. Jedenfalls war so sichergestellt. hörte sie über die Lautsprecher eine Meldung. Sie hatte jedoch noch keine Zeit gehabt. Bei diesem Anblick hatte der Zollbeamte darauf verzichtet. Beim Einpacken vor der Flucht entschloß sie sich. hinter denen die überfüllten Zubringerbusse die Reisenden durch die verschneite Nacht zu den anderen Terminals brachten.« 125 . Der Boden unter ihren Füßen schien leicht zu schwanken. Gesicht und Hände zu waschen. Aber als sie an die Glastüren kam. das Buch zu lesen. »Achtung! Achtung! Wir bitten um Ihre Aufmerksamkeit! Infolge des Schneesturms werden alle Flüge vorübergehend eingestellt. daß die Schriftrollen die lange Reise unversehrt überstehen und auch bei einer Zollkontrolle nicht weiter auffallen würden. Der Autor des Buches war Julius Voss. Bei flüchtigem Hinsehen konnte man glauben. um den Anschlußflug nach Los Angeles zu erreichen.schloß schnell Tasche und Koffer und eilte weiter. der den Betrachter anzugrinsen schien. bevor sie den Gepäckwagen durch die Tür schob. Catherine nahm sich Zeit. Hinter der Zollabfertigung wankte sie zur nächsten Damentoilette und klammerte sich an ein Waschbecken. die er Catherine stolz nach Ägypten geschickt hatte. Es war seine neueste Veröffentlichung. es sei ein Buch mit vergilbten Seiten. den Umschlag als Tarnung für die Schriftrollen zu benutzen. Genau das hatte Catherine gehofft. noch mehr von ihrem Gepäck zu sehen.

« Miles blickte auf die Uhr.« Miles nickte stumm und beendete mit einem Knopfdruck das Gespräch. New Mexico »Ich habe sie gefunden. das sich neben dem unterirdischen Museum befand. Alexander muß also entweder im Flughafen warten oder sie verbringt die Nacht in einem der Flughafenhotels. Havers!« Miles stellte den Lautsprecher des Sprechgeräts sofort lauter. »Wo ist sie?« Teddy Yamaguchi hatte sich aus dem großen ComputerZentrum des Anwesens gemeldet. Mr.Santa Fé. Dr. »Sie hat Kairo in Richtung Amman verlassen und ist von dort nach New York geflogen. Dann wählte er eine andere Nummer. »Ist sie bereits auf dem Weg nach Kalifornien?« »Wegen eines Schneesturms sind alle Flüge storniert worden. Vor zwei Stunden ist sie angekommen. Es war neun Uhr abends. 126 . das bedeutete Mitternacht an der Ostküste.

DER VIERTE TAG 127 .

Er verließ seinen Platz am Schreibtisch. daß er sie wiedersehen würde. und es gab für sie nichts Schöneres. Es half alles nichts. und trat zur Glastür. Seit Catherines Anruf am späten Abend und der überraschenden Nachricht. mit ihm allein hier in seinem Strandhaus zu bleiben. Dahinter wogte das stürmische graue Meer. Draußen peitschte der Regen auf die Terrasse. konnte er nur noch daran denken. als in der Brandung zu schwimmen. Er konnte sich einfach nicht konzentrieren. Das wäre ihm 128 . daß sie sich bereits in New York befand und nach Kalifornien kommen wollte. sobald der Schneesturm vorüber war. und es fanden alle möglichen Veranstaltungen statt. daß er den Tod nicht kommen sah. Es erschien ihm wie ein Wunder. Aus Anlaß der Jahrtausendwende wurde auch in Malibu überall gefeiert. 17. auf dem sich wie immer die Arbeit häufte. Die Beschaffenheit des Körpers macht jedoch eine genaue Bestimmung der Todesursache nicht möglich. aber es gab schließlich noch Weihnachten und Silvester. Julius liebte Regen. Kalifornien »Der Gesichtsausdruck läßt darauf schließen.« Julius hielt das Diktiergerät an. Das Chanukkah-Fest war zwar vorüber. daß sie es sich anders überlegt hatte und über die Feiertage doch nach Kalifornien zurückkam. Er wußte. sie war gern am Strand. Vielleicht würde Catherine aber vorziehen. Wieder einmal jagte ein Sturm über Malibu hinweg. aber um Catherines willen wäre ihm Sonnenschein im Augenblick lieber gewesen.Freitag. Dezember 1999 Malibu.

Ihn hatte schon immer das Altertum interessiert. daß er nicht wirklich glücklich war. sie habe wundervolle Neuigkeiten. »Es gibt einfach zu viel…« Dann war die Verbindung abgerissen. weil das der Familientradition entsprach.am liebsten… Und doch verstand er ihren plötzlichen Entschluß nicht. würde seine Ehe besser laufen. Er hatte sogar schon die Eheringe gekauft. Diesmal. Er sehnte sich nach dem stillen Leben eines Wissenschaftlers. ebenso sein Großvater und sein Urgroßvater. daß ihm die Berufung fehlte und er nicht die Gabe besaß. hatte sie über das Knacken und Rauschen in der Leitung aus dem Sinai hinweg gesagt. daß sie doch beschlossen hatte. aber bald festgestellt. Julius«. daß sie erst aus New York angerufen hatte und nicht schon aus Ägypten. ihn zu heiraten? Bei ihrem Telefongespräch vor einer Woche schien dieses Thema bereits entschieden zu sein. Vielleicht wollte sie ihn überraschen. Sie hatte am Telefon glücklich und aufgeregt geklungen und nur gesagt. Die Lösung lag auf der Hand. Julius würde nicht aufgeben. daß sie füreinander geschaffen waren. Was hatte sie ihm noch sagen wollen? Wie auch immer. Nach dem Examen hatte er eine Praxis eröffnet. und er hatte sich bereits an der Universität mit Ägyptologie und Paläontologie beschäftigt. Warum hatte sie ihre Grabungsarbeiten von einem Tag auf den anderen unterbrochen? Ihn wunderte auch. Er wußte einfach. »Ich kann dich nicht heiraten. so hatte er sich vorgenommen. seine Patienten zu heilen. Julius hatte Medizin studiert. Sein Vater war Arzt gewesen. Nach einem Jahr mußte er sich eingestehen. Ganz anders als die Beziehung mit Rachel. Durfte er sich Hoffnungen machen. Er nutzte sein medizinisches Wissen und machte die 129 .

mehrere tausend Jahre alte Skelette zu erforschen. daß man über einen Knochenfund oder beim Anblick eines versteinerten Blatts in Begeisterung geraten konnte. Er zweifelte sogar daran. Er blickte auf die Uhr. Nur das kann der Grund für die überraschende Heimreise sein. Julius traf sich mit seinen beiden heranwachsenden Kindern an den Wochenenden und in den Ferien. als wollte der Wind die kleinen Häuser entlang der Küste davonfegen. Cathy wollte es ihm natürlich persönlich sagen. die beruflich ähnliche Ziele wie er verfolgte. Außerdem war sie sehr attraktiv. Manchmal glaubte Julius zu träumen – wie jetzt. Rachel reichte danach die Scheidung ein. Julius habe mit seinem Entschluß. Hin und wieder nahm er sie sogar zu archäologischen Ausgrabungen mit. Der Sturm ließ nicht nach. sie sei gekommen. spürte Julius. und 130 . der viermal soviel verdiente wie Julius. um seinen Heiratsantrag doch anzunehmen. Diese Frau verstand sehr gut. er werde nie wieder heiraten. Es hatte den Anschein. dachte er. daß er jemals eine Frau finden werde. daß er ganze Nächte im Institut verbrachte oder sich längere Zeit bei Ausgrabungen im Ausland aufhielt. einen Arzt zu heiraten. als er sich vorstellte. bei der Eheschließung sei sie in dem Glauben gewesen. Hier gab es noch viel wissenschaftliches Neuland. sein Eheversprechen gebrochen Rachel war inzwischen mit einem Schönheitschirurgen verheiratet. Nach der Scheidung von Rachel dachte Julius. Die Erforschung von Krankheiten des Altertums war eine neue Sparte. Sie erklärte. wie sein Haus vibrierte.Paläopathologie zu seinem Spezialgebiet. die seine außergewöhnlichen Interessen teilen konnte und damit einverstanden wäre. Wenn sich die hohen Wellen am Strand brachen. Dann lernte er Catherine kennen. Alle waren glücklich.

dann hätte sie inzwischen bestimmt wieder angerufen… Er konnte seiner Aufregung kaum noch Herr werden und ging zur Haustür. Wo bleibt sie nur? ›Man hofft. um nach ihr Ausschau zu halten. Er hatte vor nicht langer Zeit selbst 131 . War die Straße blockiert? Oder wartete sie noch immer in New York auf einen Flug? Nein. dann konnte sie seinetwegen auch wieder Katholikin werden. Im Radio hatte man vor Schlammlawinen auf der Küstenstraße gewarnt. Julius drehte dem Sturm den Rücken zu und ging ins Wohnzimmer.dann konnten sie gemeinsam feiern. Ich nehme mir einen Leihwagen und fahre direkt zu dir. Dann war sein Glück vollkommen. Catherine zum Judentum zu bekehren. Julius wußte. hatte sie ihm am Abend zuvor gesagt. Auch er hatte Neuigkeiten für sie. Langsam fügte sich alles bestens. ›Ich bin auf der Zehn-Uhr-Maschine gebucht. Er hatte die Hoffnung. wo die Uhr stand. machte ihn unruhig. Sie mußte nur noch kommen. ich müßte um halb eins in Los Angeles eintreffen. Der Champagner lag bereits im Kühlschrank. Julius. daß der Flugverkehr am frühen Morgen wieder aufgenommen werden kann‹. Es ergibt keinen Sinn. Wenn es nicht das Judentum war. Du mußt aber nicht zum Flughafen kommen. Sie hätte eigentlich längst dasein müssen. das bedeutet. daß sie einmal eine gläubige Katholikin gewesen war. daß wir beide in diesem Sturm auf der Straße sind.‹ Inzwischen war es beinahe drei Uhr nachmittags. Ein Blick zum Kaminsims. Es mußte ihm nur noch gelingen. Der Zeitpunkt ihrer Rückkehr war gut gewählt. daß sie durch ihn den Glauben an Gott wiederfinden würde.

einen geistigen Durchbruch erlebt und wollte seine spirituellen Erfahrungen mit ihr teilen. 132 . Sie zweifelte nicht daran. daß die Haustür offenstand. der sich in ihre Gefühle hineinversetzen und ihre Zielsetzungen teilen konnte. der zur Auffahrt führte. daß es über eine Million Dollar wert war. Bei dem Gedanken an Julius. Sie wollte nicht in ihre Eigentumswohnung in Santa Monica zurückkehren. der sicher schon auf sie wartete. Wie die meisten Häuser in dieser Gegend von Malibu wirkte es unauffällig und schlicht. freute sie sich. Als sie sich dem Haus näherte und der laute Verkehr hinter ihr zurückblieb. Wenn sie erst verheiratet waren und mehr Zeit miteinander verbrachten. Während sie auf eine Lücke im dichten Gegenverkehr wartete. als sie ihn aus New York angerufen hatte. Die Geranien auf der Terrasse waren im strömenden Regen kaum zu sehen. und ihr war nicht ganz wohl bei dem Gedanken. Es war ihr schwergefallen. blickte sie auf das bescheidene kleine Strandhaus. sondern hierbleiben und in aller Ruhe die Schriftrollen übersetzen. Julius war neben Danno schließlich der einzige Mensch. würde sich vieles in seinem und auch in ihrem Leben ändern… Catherine erreichte endlich das verwitterte Holzhaus am Strand. sah sie. wenn sie ihm die alten Papyri zeigte. Sie bog schnell in den schmalen Weg ein. Jetzt würde die Stunde der Wahrheit kommen. Julius nichts von den sich überstürzenden Ereignissen zu sagen. Niemand ahnte. Julius hatte sie bereits gesehen. daß er ihre Freude teilen würde. Endlich war die Straße einen Augenblick lang frei. Außerdem wollte sie seine Reaktion sehen. Aber die Sache mit den Schriftrollen mußte sie ihm persönlich sagen.

Sie erinnerten sich an Catherine. Er gehörte zu den ruhigen. »Wir werden uns noch erkälten!« rief Catherine schließlich und rang nach Luft. die innere Kraft ausstrahlen. es ist so schön. Ich trage deine Sachen hinein. aber Catherine fand ihn unwiderstehlich. Sie musterte ihn lange und aufmerksam und konnte kaum glauben. und er trug einen kurz geschnittenen Bart. Das Feuer im Kamin brennt. die bequemen Mokassins und die immer griffbereite Meerschaumpfeife bei. »Gott sei Dank. Julius Voss war der Leiter des angesehenen Freers Instituts in West Los Angeles und sah unbestreitbar sehr gut aus. Julius war ein angenehmer und unaufdringlicher Mann. denn auch sie spielte stets mit den beiden und streichelte sie. in dem sich das erste Grau zeigte. Seine pechschwarzen Haare reichten ihm bis in den Nacken. erschienen zwei gutgenährte Katzen und strichen ihr schnurrend um die Beine. die Julius beide sehr verwöhnte. Dr. 133 . Es waren Radius und Ulna. »Komm schnell ins Haus. wieder bei dir zu sein!« rief sie. daß er wirklich vor ihr stand.« Als Catherine das gemütliche Wohnzimmer betrat. stillen Menschen. Er war kein Sportler. Julius war zweiundvierzig Jahre alt. Dazu trugen auch der lässige Pullover mit den alten Lederflecken an den Ellbogen. eine Schildpattkatze und eine Mankatze. Catherine fühlte sich in seiner Nähe geborgen. du hast es geschafft!« Er hielt ihr die Wagentür auf und schloß sie in die Arme. Vor zehn Wochen hatten sie sich zum letzten Mal gesehen. als er ins Zimmer trat und die Tür schloß.»Catherine!« rief er und lief ihr durch den strömenden Regen entgegen. »Ach Julius. Für seinen langen leidenschaftlichen Kuß gab es keinen Sturm und keine Wolken.

Sie stand in der Küche. und die beiden Katzen rieben schnurrend die Köpfe an ihren Beinen. Julius fragte: »Alles in Ordnung?« Sie runzelte die Stirn. forschenden Augen aufgefallen. wenn auch mit einer anderen Maschine. küßte ihn zärtlich auf den Mund und sagte: »Ich muß jemanden anrufen. umarmte sie zärtlich und strich ihr über die Haare. Ein Klavierkonzert von Mozart sorgte für Atmosphäre. Aber bis jetzt hatte er sich nicht gemeldet. Er hatte Ägypten gleichzeitig mit ihr verlassen. dachte sie. Die Schriftrollen warteten und versprachen die Enthüllung uralter Geheimnisse und aufsehenerregender Erkenntnisse. »Du mußt dich erst einmal aufwärmen. Erschöpfung und Müdigkeit schienen für alle Zeiten aus ihrem Leben verschwunden zu sein. sie war überhaupt nicht müde. Catherine ließ ihn nicht los. »Du bist bestimmt müde«. Sie lauschte auf den Regen und das leise Knistern des Feuers.« Er nahm ihr die Jacke ab und brachte sie hinaus. und auch deshalb liebte sie ihn. War ihm vielleicht etwas zugestoßen? Catherine ging zurück ins Wohnzimmer. Julius hatte Holz nachgelegt. Er meldete sich nicht. Schon bei der ersten Begegnung waren Catherine seine dunklen.« In New York und auch nach der Ankunft in Los Angeles hatte Catherine mehrmals vergeblich versucht.Er lebte im Einklang mit sich selbst. »Setz dich ans Feuer«. murmelte er. Daniel in Santa Barbara zu erreichen. Daniel werde vor ihr zu Hause sein. Als er zurückkam. »Nein. Schließlich löste sie sich von ihm. während sie Daniels Nummer wählte. sagte er.« 134 . und die knisternden Flammen schlugen hoch. sie drückte sich an ihn und legte den Kopf an seine Schulter. ohne sich etwas beweisen zu müssen. Daniel müßte längst zu Hause sein. Da der Schneesturm ihre Ankunft verzögert hatte. breitete er die Arme aus. Nein.

dachte Catherine und lächelte. Julius schien in seinem Haus ganz bewußt ein Gegengewicht zu seinem Beruf zu schaffen. schlagartig überschattet 135 . Aber es gelang ihr nicht. sowie das Buch der Makkabäer in Hebräisch und Englisch. Hast du den Mirjam-Brunnen gefunden?« »Ja… vielleicht. Selbst das bunte Geschenkpapier hatte Julius noch nicht weggeräumt. Die Anzeichen eines geordneten Lebens. und nach den Wochen in der Wüste empfand sie die lange entbehrte Umgebung als wahren Luxus. lagen alle noch auf einem Tisch. Dabei sah sie sich im Wohnzimmer um. Julius hatte viele Pflanzen und ein Aquarium mit tropischen Fischen.Er reichte ihr ein Glas Wein und bot ihr den großen bequemen Sessel vor dem Kamin an. Spielzeug für die Katzen lag auf dem Boden. den Grund dafür zu finden. Ihr Blick fiel auf einen neuen Gebetsschal mit Fransen. aber die vertraute Menorah und die Dreidel. der ihn Tag für Tag mit Krankheit und Tod konfrontierte. wieder bei Julius zu sein. die Julius seit seiner Kindheit besaß. Sie trank einen Schluck Wein und versuchte.‹ Aber dann sah sie noch etwas. Den habe ich für einen besonderen Anlaß aufgehoben. Sie wußte nur. daß die Freude. überall hingen Familienphotos. »Das ist ein Cabernet Sauvignon. nun erzähl mir alles und laß mich nicht länger im unklaren. Plötzlich erfaßte sie eine unbestimmte Unruhe. So. Über dem Kamin hing ein in Holz geschnitzter Spruch: ›Mortui Vivos Docent – Die Toten lehren die Lebenden. ein Geschenk seines Großvaters. Das Chanukkah-Fest war seit sechs Tagen vorüber. Es war vertraut und schön. ohne jedoch die Schriftrollen zu erwähnen.« Sie erzählte ihm von den Ereignissen an dem schicksalhaften Morgen.

und wir brauchen unbedingt jemanden. was sagst du dazu?« »Das ist natürlich ein verführerisches Angebot…« »Du kannst dir nicht vorstellen. Aber mit dieser Stelle mußt du in Zukunft nicht immer bei Ausgrabungen sein. der sehr gut ist. die es dir erlaubt hierzubleiben. flüsterte sie. Darauf war ich nicht vorbereitet. »Catherine«. wie lange ich über eine Lösung nachgedacht habe. »es ist mir gelungen. begann er mit belegter Stimme. Er sah sie gespannt an und fragte: »Was sagst du dazu?« Noch ehe sie antworten konnte. Geht es um das neue Projekt.« »Julius«. du hast gestern am Telefon angedeutet. fügte er schnell hinzu: »Ich kenne deine Einwände. Aber keine Angst. das zu weit nach vorne gerollt war. Die züngelnden Flammen spiegelten sich in seinen dunklen Augen. Nun. Die Arbeiten müssen nicht im Institut erledigt werden. dir im Institut eine Stelle zu verschaffen. Du wirst hier in Kalifornien leben und kannst mit mir zusammen etwas aufbauen. »Das weiß ich. Unser Paläograph hat gekündigt.war. damit wir endlich heiraten können. Du kannst dir Photokopien der Manuskripte mit in den Sinai nehmen und dort in aller Ruhe daran arbeiten.« 136 .« Er lachte. Wir können unser Leben gemeinsam nach unseren Wünschen gestalten. Catherine drängte das Gefühl zurück und sagte: »Julius. du kannst deine Grabungen in Scharm el Scheich fortführen. Dann legte er den Schürhaken beiseite und setzte sich ihr gegenüber. »Das ist wirklich eine Überraschung. das man dir angeboten hat?« Er schob umständlich mit dem Schürhaken ein brennendes Stück Holz zurück. Die Stelle ist großzügig dotiert und sicher. daß du auch Neuigkeiten hast.« Es war heraus.

»Ich liebe dich. Julius. erwiderte sie leise. die nach der Sprengung herabgefallen sind. ich habe nicht die Absicht hierzubleiben. »Die Stelle im Institut klingt wirklich interessant. was sie beide seit zwei Jahren bewegte. »Aber Julius.Catherine stellte das Glas ab. daß schließlich ausgesprochen worden war. wenn wir uns trennen. wie lange eine intensive Beziehung die Entfernung von über achttausend Meilen überleben kann. Jedesmal. datieren und identifizieren müssen. der Rest des Skeletts ist unter den Steinen begraben. Ich habe auf dem Boden des Brunnens einen Schädel entdeckt. Du kannst mit mir zurückfahren. ich habe vielleicht wirklich den Brunnen der Prophetin gefunden. Ich glaube. Aber ich bin noch nicht zu einer Ehe bereit. wird der Abschied schwerer. Sie sahen so bedrohlich aus. Vergiß nicht.« »Catherine.« »Und was ist mit dem Heiraten?« Sie drehte sich um. Es wurde still im Zimmer. Ich kann nicht einfach von heute auf morgen abreisen. Dicke schwarze Wolken jagten über den Himmel. ich bin der Leiter des Instituts. das weißt du.« »Wir müssen uns nicht gleich wieder trennen«. als wollten sie ganz Malibu verschlingen. gemeinsam bei einer Ausgrabung zu arbeiten und wären nicht getrennt. ich weiß wirklich nicht.« Er schüttelte den Kopf.« »Und ich kann nicht bleiben«. »Ich habe dir noch nicht alles erzählt. erwiderte sie und setzte sich in den Sessel.« Sie stand auf und ging zur Glastür. Ich kann nicht beides zugleich machen. Sie blickten sich stumm an und wußten. 137 . aber ich muß mich auf meine Arbeit in Scharm el Scheich konzentrieren. Damit hätten wir endlich eine Möglichkeit. »Catherine. Man wird das Skelett ausgraben.

« »Es geht mir nicht darum. Vorträge zu halten oder Gelder für die nächste Ausgrabung genehmigt zu bekommen. Catherine. das kann ich nicht. Bevor ich heirate. muß ich Antworten finden. Sie hielt sich nie lange in den USA auf. »Du hast immer gesagt. Ich möchte. Ich bin noch auf der Suche.« Er griff nach seiner Pfeife und drehte sie in den Händen. und ihre Toilettentasche stand in seinem Bad. daß wir Wurzeln schlagen. ›etwas zu tun‹!« rief sie empört und erschreckte damit eine der Katzen. die auf ihrem Schoß lag. Aber sie blieb nie lange und reiste bald wieder ab. »Du hast vierzehn Jahre lang nach der Prophetin Mirjam gesucht. Natürlich kam sie auch wegen Julius. in dem du deine Theorien über die Prophetinnen im Alten Testament darlegst. ob ich so weitermachen kann. Wir haben zahllose nicht übersetzte und undatierte Manuskripte und Dokumente. Ich möchte. »Im Institut kannst du Antworten auf deine Fragen finden. daß wir endgültig zusammenfinden und eine Familie gründen. und wenn sie kam. du willst ein Buch schreiben. daß ein Archäologe ein ganzes Leben lang etwas suchen kann und es vielleicht nie finden 138 . hast du auf Jahre hinaus etwas zu tun.Catherines Sachen hingen zwar im Schlafzimmerschrank von Julius.« »Julius. Wenn du dich an diese Arbeit machst. dann ging es darum.« Er sah sie an. Warum fängst du nicht damit an?« »Ich habe meine Felduntersuchungen noch nicht abgeschlossen. Julius starrte in die Flammen und sagte dann tonlos: »Ich weiß nicht. aber sie wohnte nicht hier.« »Natürlich. Glaubst du wirklich. du weißt genau. daß du sie jemals finden wirst?« »Julius.

Ich suche nach einer Möglichkeit. Julius!« Als er nichts erwiderte. Sie waren Prophetinnen. die sie einst besessen haben. All das ist im Laufe der Geschichte verlorengegangen.wird.« »Das weiß ich. Vielleicht kann man 139 . Wenn ich dort draußen in der Einsamkeit bin…« Sie hoffte. wie ich es dir erklären soll. daß Frauen in den Tagen der Patriarchen und Könige Macht besaßen. Aber ich weiß aus den Schriften des Altertums. was ich tue? Oder denkst du. »Ich weiß nicht.« »Julius. den Beweis in der Wüste zu finden?« »O ja. Julius. Männer haben die Heilige Schrift stets zu ihrem Zweck benutzt. Priesterinnen und weise Frauen. Ich weiß jedenfalls nur das eine: Ich kann jetzt nicht aufhören. Julius. aber ich habe dort manchmal den Eindruck. und sah ihn mit leuchtenden Augen an. das werde ich. sondern noch immer gegenwärtig ist. daß die Vergangenheit nicht vorüber. Das sagt mir mein Gefühl. Vielleicht wird jemand nach mir kommen und meine Arbeit zu Ende führen. Es muß Teil unseres Bewußtseins werden. den Frauen das natürliche Selbstbewußtsein und die Aufgaben zurückzugeben.« Er schüttelte den Kopf. und ich möchte es ins Gedächtnis der Menschen unserer Zeit zurückrufen. »Wie kannst du dir deiner Sache nur so sicher sein? Glaubst du wirklich. Aber mit seinen Untersuchungen schafft er die Grundlage für den Nachfolger. ihn durch ihre Begeisterung mitreißen zu können. ich jage Hirngespinsten nach? Meine Suche nach der Prophetin Mirjam ist kein Wahn. Noch immer stützen sie ihre Autorität auf die Bibel und legitimieren damit ihre Herrschaft über die Frauen. fuhr sie ruhig fort: »Glaubst du an das. Catherine.

« Catherine stand auf und ging ins Schlafzimmer. Ich kann sie nicht aufgeben. und ich wußte. Julius. Nur aus den alten Schriften wissen wir. daß wir uns frühestens im Februar wiedersehen würden. daß du die Hinweise auf das Wirken der Frauen finden wirst. Als sie seinen erstaunten Blick sah. »Deine Theorie ist in Ordnung. 140 . daß ich kurz davor stehe.« »Warum bist du dann überhaupt gekommen? Warum die plötzliche Rückkehr? Du hattest mir bereits gesagt.« Er legte die Pfeife auf den Tisch. Möchtest du denn keine Familie?« »Doch. schwanden alle Zweifel. daß Moses wirklich gelebt hat. wenn ich in einem Graben stand. aber ich spüre sie. Julius? Ich werde sagen. Ich bezweifle allerdings. den Sand durchsiebte und auf den entscheidenden Hinweis hoffte. »Auch deshalb liebe ich dich. eines Tages wirst du innehalten. aber ich liebe auch meine Arbeit. eines Tages. Aber du kannst mir glauben. zurückblicken und sagen…« »Was werde ich sagen. den Beweis zu finden. was in meinen Kräften stand. etwas über Frauen zu finden. »Ich liebe dich. du willst dein Leben lang in aller Welt deinen Fragen nachjagen. jetzt noch nicht.« »Du meinst also.« Sie lächelte traurig.« »Ich bewundere deine Entschlossenheit«. Wieviel schwieriger ist es erst. die mir garantiert keine Lösungen bringen?« »Also gut. Catherine. ich sollte aufgeben? Ich sollte wie du im Institut arbeiten und mich mit Manuskripten beschäftigen. Cathy. sagte er. Sie öffnete ihren Koffer und kam mit dem Buch über Paläobotanik zurück. Gerade in letzter Zeit. nach denen du suchst.sie nicht sehen.« »Aber du wirst kein Zuhause haben. daß ich alles getan habe. Wir haben nicht einmal greifbare Hinweise auf die Männer.

»Mein Gott! Woher hast du das?« Sie berichtete ihm schnell von dem Fund im unterirdischen Gang. der Sturm peitschte mit unverminderter Kraft gegen die Glastür. Jetzt bin ich Gott sei Dank hier und würde mich am liebsten auf der Stelle an die Arbeit machen. und die bleigrauen Wellen brachen sich donnernd am Ufer. Die Flammen im Kamin verwandelten sich in rote Glut.« Sie sah ihn erwartungsvoll an. »Was meinst du?« Er starrte stumm auf die Schriftrollen. »Aber im Flughafenhotel konnte ich mich vor Erschöpfung nicht mehr auf den Beinen halten. Julius sah sie staunend an. Dann fragte er fassungslos: »Hast du sie einfach mitgenommen? Du hast sie bei deinen Ausgrabungen entdeckt und aus dem Land geschmuggelt. denn die Beamten hätten sie sofort an sich genommen. was mit den Schriftrollen vom Toten Meer geschehen ist und den Nag Hammadi-Evangelien. es würde jeden. »Ich hatte gehofft. daß ich dachte. Die Strategie hat sich bewährt!« Er runzelte die Stirn. vor allem neugierige Zollbeamte davon abhalten. Er hörte sprachlos zu. Man hielt sie unter Verschluß. das Buch aufzuschlagen. sagte Catherine.sagte sie: »Keine Angst. ich habe dein Buch nicht mißbraucht. ohne die Behörden von dem Fund in Kenntnis zu setzen?« »Es blieb mir keine andere Wahl. die Gischt schäumte. schon mehr übersetzt zu haben«. Das Bild des Mannes im Moor ist so abschreckend.« Catherine nahm die gefalteten Papyri zwischen den Buchdeckeln heraus und legte sie behutsam auf den Tisch. »Zollbeamte? Ich verstehe dich nicht. sondern mir nur den Umschlag ausgeliehen. Mit angehaltenem Atem entfaltete Julius die erste ›Seite‹ des ersten Buchs und betrachtete mit großen Augen das brüchige bräunlichgelbe Papyrus. und sie wurden von einer Handvoll 141 . Du weißt doch.

Erst danach hat man die Schriftrollen vom Toten Meer Wissenschaftlern auf der ganzen Welt zugänglich gemacht. daß sich das mit meinem Fund wiederholt. daß die Diakone beim Abendmahl den Gläubigen Brot und Wein reichten. Heute ist das die Aufgabe der Priester. was alles notwendig war.« »Wer durfte die Ecole Biblique in Jerusalem betreten? Erinnere dich daran. bis sich von allen Seiten Protest erhob. Julius – Diakonos.« »Eine Frau als Priester?« »Eine Frau in der frühchristlichen Kirche. die das Priesteramt bekleidete. »Aber es war notwendig. Er beachtete stets die Vorschriften. es war nicht klug«. um die Schriftrollen vom Toten Meer der Wissenschaft 142 . sagte er nachdenklich. werde ich sie nie wiedersehen. eine Theorie zu veröffentlichen. erwiderte sie. »Ich verstehe deine Begeisterung. daß Julius durch und durch Wissenschaftler war. Julius! Die Tragweite dieses Fundes ist deshalb nicht abzuschätzen!« »Nun gut«. vertraute nur auf die erprobten Wege und verwarf zweifelhafte Methoden prinzipiell. »Nein. Trotzdem hatte sie auf eine andere Reaktion gehofft. »Hier.« »Das ist eine Behauptung. Wir wissen. Julius! Wenn ich die Texte der Behörde übergebe. die Schriftrollen zu stehlen und sie aus Ägypten zu schmuggeln?« Catherine wußte. bevor alle Fakten geklärt waren. Er hielt nichts von Risiken oder davon. Ich konnte nicht zulassen. Aber war es klug.« »Was ist so Besonderes daran?« Sie zeigte ihm ihre Übersetzung des Fragments. sieh dir dieses Wort an.Wissenschaftler eifersüchtig bewacht. Amelia wird als Diakonos bezeichnet.

Man würde dich rückhaltlos unterstützen. Du bist entschlossen. Ich werde sie nicht vierzig Jahre lang verstecken.zugänglich zu machen? Ich habe keine Zeit. Du willst deine These mit Material erhärten. Auch sie wollten niemandem erlauben. Niemand weiß. Wir beide wissen. Danach werde ich die Texte den zuständigen Stellen übergeben und meine Übersetzung veröffentlichen. Man wird dich auslachen oder als Verrückte abstempeln. wie eifersüchtig die verschiedenen Fraktionen ihre Theorien verteidigen und wie gefährlich ihre Angriffe sind. »Darauf kann ich es nicht ankommen lassen.« »Du tust also genau dasselbe.« Catherine schüttelte den Kopf. wie empfindlich die Bibel-Wissenschaftler sind. Catherine? Ich kann dir jetzt schon sagen. aber bis jetzt hast du weder deinen Fund noch deine Arbeitsmethoden veröffentlicht. daß man dich von allen Seiten angreifen wird. bis ich sie übersetzt habe. das wäre in diesem Fall anders. Ich werde sie nur so lange behalten.« »Catherine. Du könntest sofort die Öffentlichkeit über deinen Fund informieren und an alle Wissenschaftler appellieren. vierzig Jahre darauf zu warten. daß ich diese Bücher übersetzen darf. die Schriftrollen zu sehen. Und sie hat sich streng im Rahmen des Neuen Testaments bewegt! Du hast etwas gefunden. das auf fragwürdige Weise gefunden wurde. was die Wissenschaftler an der Ecole getan haben.« »Gut. wie die Texte in deinen Besitz gelangt sind. In deiner Mutter hast du ein gutes Beispiel. Du machst dich überstürzt an eine Übersetzung. diese Schriftrollen allen anderen vorzuenthalten. du willst sie übersetzen und deine Ergebnisse veröffentlichen. Wer wird auf dich hören.« »Mit einem Unterschied. das wäre noch das Harmloseste!« Er stand auf und setzte sich 143 .

übergib die Schriften dem ägyptischen Konsulat in San Francisco. Wie soll ich weiterleben. Noch kannst du dich retten. »Catherine. daß du Grund zu der Annahme hattest. Man wird dir Charakterlosigkeit vorwerfen. hör auf mich. aber ich muß es tun.neben sie auf die Sessellehne. Du verlierst deine Glaubwürdigkeit. »Das bedeutet. »Ich werde immer an deiner Seite stehen. Catherine. sagte er ernst. Niemand wird etwas mit dir zu tun haben wollen. und du wirst keine Freunde mehr haben. Du wirst alles verlieren. Julius. daß du als Archäologin Selbstmord begehst«. Und ich muß gestehen. Wie willst du nach einem Skandal deiner Mutter helfen?« Er schüttelte den Kopf und seufzte. Du kannst erklären. Man wird dich im wahrsten Sinne des Wortes kreuzigen. Catherine. »Ich verstehe gut. du hast sie aus Ägypten herausgebracht.« Sie schüttelte den Kopf.« Er griff nach ihren Händen. Du bekommst keine Grabungsgenehmigung mehr. wofür du so schwer gearbeitet hast. was dieser Fund für dich bedeutet. Das weißt du. Man wird dich als Wissenschaftlerin nicht mehr achten.« »Und du?« fragte sie leise. um diese wertvollen Texte zu schützen. Trotzdem muß ich dir die Augen öffnen. warum du das alles auf dich nimmst. ich habe Angst. man werde sie stehlen oder vernichten. Aber auf diese Weise kannst du den Ruf deiner Mutter nicht wiederherstellen. Du kannst sagen. und ich glaube auch zu wissen. solange ich noch die Möglichkeit dazu habe? Wie kann ich in dem Bewußtsein weiterleben.« »Ich habe auch Angst. daß ich nicht alles 144 . wenn ich jetzt nicht Fakten schaffe. und kein wissenschaftlicher Verlag wird deine Arbeiten veröffentlichen. Dann holte er tief Luft und sagte ruhig und mit fester Stimme: »Deshalb bitte ich dich. Noch ist Zeit dazu. »Du stellst deine Integrität in Frage.

daß alle Priester gleich sind?« Unwillkürlich mußte Catherine an Garibaldi denken. Wäre Vater McKinney ebenso mutig gewesen? »Catherine«. Sie kann sich nicht mehr verteidigen. bevor er sich umdrehte. lag in seiner Stimme eine gewisse Schärfe. Dort blieb er eine Weile schweigend mit dem Rücken zu ihr stehen. Jeder Priester ist ein Instrument der Kirche. die man gegen meine Mutter erhoben hat?« »Das willst du tun.« »Deren Loyalität in erster Linie der Kirche gehört. ja. aber meine Mutter ist tot. der sich durch die Menge gekämpft hatte. Ich sehe es anders. indem du deinen eigenen guten Namen aufs Spiel setzt?« »Wenn nötig.« Er stand auf und trat an die Glastür.getan habe. Mir bleibt später noch die Möglichkeit einer Rechtfertigung.« 145 . an die Folgen deines Vorhabens zu denken.« »Du willst also sagen. um einer Beduinenfrau zu helfen.« Sie zog ihre Hände zurück. Wenn du sie nicht überwindest«. »Vielleicht ist das deine Meinung. sagte er leise. die dich zerstört. um die Anschuldigungen zu entkräften. »Catherine. ich bitte dich.« »Priester sind auch nur Menschen. In dir ist eine Bitterkeit.« »Ist das nicht eine Art persönlicher Rachefeldzug? Willst du die Kirche angreifen wegen Dingen. »du läßt dein Leben von der Vergangenheit bestimmen. sagte Julius eindringlich. Obwohl er äußerlich so ruhig wie immer wirkte. die weit in der Vergangenheit liegen? Catherine. die Catherine an ihm nicht kannte. Dafür war nur ein einziger Mann verantwortlich. Vater McKinney war katholischer Priester. die Sache mit deiner Mutter geht nicht auf das Konto der Kirche. »kann sie uns beide vernichten.

dann mußt du das im Rahmen einer wissenschaftlich anerkannten Vorgehensweise tun. weshalb du es tun willst. daß du im Begriff bist. dann unterstütze ich dich nicht.« »Natürlich liebe ich dich!« Es klang wie ein Aufschrei. Du behauptest. drehte sich dann aber langsam um und sagte seufzend: »Catherine. Wenn ich deinem wahnwitzigen Plan zustimme. Die Kommune hat uns gebeten. muß ich dir sagen. »Ich muß noch einmal ins Institut.« Er ging zur Tür. etwas Falsches zu tun. Aber wenn sie jüngeren Datums sind. Glaub mir.« »Dieses Risiko muß ich eingehen. und die Polizei muß sich nicht darum kümmern. mich zu lieben. Catherine. dann fallen sie in den Bereich der Archäologie. sonst wird man dich mundtot machen. »Wenn die Knochen älter als hundert Jahre sind.« Er sah sie kopfschüttelnd an und warf dann einen Blick auf die Uhr. wir müssen miteinander reden. ich verstehe sehr gut. müssen polizeiliche Nachforschungen angestellt werden.»Ich suche nur nach Antworten…« »Wirklich? Willst du etwas finden oder willst du etwas zerstören?« »Julius. Aber wenn du deine Mutter rechtfertigen möchtest. du würdest mich unterstützen.« »Julius…« Er suchte nach seinen Wagenschlüsseln. was erwartest du von mir?« 146 . In der Gegend hinter Bel Air hat man Reste eines Skeletts gefunden. eine Altersbestimmung vorzunehmen. Wir vermuten. dich zu ruinieren. »Gerade weil ich dich liebe.« »Julius. es stammt von einer alten indianischen Begräbnisstätte. ich dachte. Ich würde nur dazu beitragen.

Als er aus der Garage in den strömenden Regen fuhr.« Er wich ihrem Blick aus und öffnete die Tür. Julius. 147 . Ich war wirklich sehr vorsichtig. aber ich wollte hier sein. aber mein Herz befiehlt mir. Ich werde im Moonshadow einen Tisch für uns reservieren. »Catherine. daß du recht hast. Er konnte ihr nicht zustimmen. die Welt. Bestimmt bin ich noch vor acht zurück.« Er schüttelte den Kopf. nahm er alle Wärme und Geborgenheit mit sich. nichts war mehr wie zuvor. Ich weiß. Du hörst mir nicht zu. Wer sonst würde versuchen. »Gibt es für dich immer nur Regeln und Vorschriften? Hast du nie etwas getan. Alles schien auf den Kopf gestellt. stritten sie miteinander. Ich glaube.« »Niemand weiß etwas von dem Fund. Die Konfrontation schmerzte. Nichts anders tue ich jetzt. Das Wiedersehen mit Julius hätte nicht so verlaufen dürfen. du bringst dich und uns in eine sehr gefährliche Lage. das Universum gerate plötzlich aus dem Gleichgewicht. Catherine stand wie gelähmt im Zimmer und glaubte.« Sie sah ihm nach. Es ist illegal und unmoralisch. Alle seine Hoffnungen hatten sich zerschlagen. Sie holte tief Luft und sah.Sie stand auf und ging zu ihm. dir diese Dummheit auszureden?« »Davon spreche ich nicht. ich habe kein gutes Gefühl dabei. Anstatt ihr Wiedersehen zu feiern. In seiner Ernüchterung wollte er nur so schnell wie möglich weg. das Haus. »Ich hätte die Tests schon heute morgen durchführen sollen. nur weil es dein Herz wollte?« »Natürlich. daß mein Vorgehen falsch ist. In der Ferne donnerte es. den eingeschlagenen Weg weiterzugehen. um dich zu begrüßen. Mein Verstand sagt mir. daß es bereits vier Uhr nachmittags war.

wir sind nicht die einzigen. »Catherine! Gott sei Dank. warte«. Sie packte die Schriftrollen und die notwendigsten Dinge in die Tasche. wir sind in großen Schwierigkeiten. daß du anrufst! Ich bin vor ein paar Minuten hier angekommen. Und ich glaube zu wissen. flüsterte sie und schloß die Augen. Ich kann auf keinen Fall nach Hause. Diesmal meldete er sich. Kannst du so schnell wie möglich herkommen?« »Was ist denn los?« »Jemand verfolgt uns. dann überwachen sie mein Haus. die Julius vor einem Jahr zusammen mit einem Jogginganzug gekauft hatte. die etwas von dem Fund wissen. ich bin sicher. nur das nicht…«. Julius. Sie 148 . Ich komme mit den Photos zu dir…« »Nein. Geh nicht ans Telefon und laß keinen Menschen in die Wohnung. bleib in deiner Wohnung«. sagte sie.« Nach einigem Suchen fand sie eine große blaue Sporttasche. denn wenn uns jemand verfolgt. Stell dir vor. wer hinter uns her ist. »Ich glaube. so schnell ich kann. Catherine wollte schon aus dem Haus eilen. »Danno.« »Das ist unmöglich! Wir haben die Schriftrollen unbemerkt aus dem Land geschafft. sagte sie und dachte fieberhaft nach.Wie benommen ging sie in die Küche und wählte noch einmal Daniels Nummer. »Ich komme zu dir. ich habe jemanden vor dem Zelt gehört…« »O Gott. den er ebenfalls nie benutzte.« »Wie bitte?« »Cathy. Ich komme. Danno!« »Du irrst dich. du hast recht… ich habe uns alle in Gefahr gebracht. ging aber noch einmal in die Küche zurück und hinterließ eine Nachricht für Julius.

149 . auf dem ein Text aus dem Deuteronomium. Auch das war neu. dem fünften Buch Mose. Als sie mit dem Rücken zum Regen die Haustür hinter sich zuzog. das sie beim Anblick der religiösen Dinge im Haus von Julius gehabt hatte. Catherine fuhr auf der nassen Straße in Richtung Norden.schrieb. daß Julius eine Mezuzah am verwitterten Holz des Türrahmens befestigt hatte – eine kleine Rolle mit einem Pergament. Ich beneide ihn. sah sie. Plötzlich wußte sie. wie der Gebetsschal im Wohnzimmer. unerklärliche Gefühl. und wieder überkam sie das seltsame. Sie schloß mit den Worten: »Ich liebe dich…« und legte das Blatt Papier gut sichtbar auf den Küchentisch. stand. sie sei ein paar Tage unterwegs und werde sich bald bei ihm melden. was der Grund dafür war.

Sie hoffte inständig. als über alle möglichen Verdächtigen nachzudenken. Die ägyptischen Behörden? Hungerford? Sie hatte auf der zermürbenden Fahrt nichts anderes getan. dann wurde die Wohnungstür geöffnet. »Wer ist hinter uns her?« fragte sie.« Bevor Daniel die Tür hinter ihr schloß.« Er ging zum Fenster. daß dir niemand gefolgt ist. »Cathy! Gott sei Dank! Komm schnell herein. Wenn jemand das Haus von Julius überwacht hätte.Santa Barbara. »Woher weißt du überhaupt. ›Wir sind in großen Schwierigkeiten‹ hatte Daniel gesagt. Im Hotel Isis hatte sie noch vor zwei Tagen in jedem der Gäste einen Spion gesehen. Die Fahrt von Malibu nach Santa Barbara. schob den Vorhang etwas zur Seite und blickte auf die Straße. ›Jemand ist hinter uns her. warf er noch einen Blick ins Treppenhaus und vergewisserte sich. wäre es mir aufgefallen. zog den Regenmantel aus und nahm die Plastikhaube vom Kopf. Dort kann 150 . als sie die Treppe hinauf in den dritten Stock zu Daniels Wohnung lief. daß wir verfolgt werden?« »Einen Moment. hatte an diesem stürmischen Tag beinahe vier Stunden in Anspruch genommen. daß ihm in der Zwischenzeit nichts zugestoßen war.‹ Wer kann das sein? dachte Catherine und klingelte. daß ihr niemand gefolgt war. Kalifornien Catherine nahm zwei Stufen auf einmal. »Ich muß sicher sein.« »Bestimmt nicht. War ihr Verdacht doch nicht unbegründet gewesen? Am Guckloch erschien ein Auge. die normalerweise eineinhalb Stunden dauerte.

Hinw. griechisch. »Es gibt keinen Zweifel«. sagte er und reichte ihr ein Blatt Papier. Daniel litt erstaunlicherweise nie unter der Zeitverschiebung.: Lukas. der an Kreuzungen mit mir abgebogen wäre. Ich wollte nachsehen.« Er ging zu einem kleinen Tisch. »Besteht da ein Zusammenhang?« »Eine Reise nach Britannien…«.« Catherine las den Ausdruck: ›?245 (4. daß sie nur aus Neugier hinter dir her sind. daß jemand die Schriftrollen haben will?« Er ließ den Vorhang fallen. »Ich kann mir nicht vorstellen. Hinw. Ich werde dir zeigen. ja. Viertes Jahrhundert. Bericht einer Reise nach Britannien.niemand parken. Danno. Viel ist es nicht. bist du sicher. daß eine Frau den Text geschrieben hat. antwortete er. Außerdem habe ich mich ständig davon überzeugt.T.). Hier…«. die deinen ähnlich sind. ob es vielleicht andere Schriftrollen gibt. »Ich habe die Information auf meine Festplatte geladen und sie für dich ausgedruckt.« »Sag nur. drehte sich um und sah sie an. in der ersten Person. Er wirkte ausgeschlafen und völlig munter. Zwei Seiten eines Buches. Auf der Rückseite einer LiviusSchrift. murmelte sie.‹ Daniel fuhr sich mit den Fingern durch die langen blonden Haare. Wie immer trug Daniel zerknitterte. »Sobald ich hier war.:‹Mein Mann und mein Kind› lassen darauf schließen. ohne gesehen zu werden. weite und bequeme Sachen. »Versteh ich nicht… Was ist das für eine Stelle aus Lukas?« 151 . Oben auf der Liste steht das British Museum. 16:5-13. woher ich das weiß. habe ich mich in das Internet eingeloggt. und im Rückspiegel war niemand zu sehen. auf dem sein Laptop stand. du hast etwas gefunden!« »Ich glaube. Nichts deutete auf den langen Flug hin. N. daß mir niemand gefolgt ist. Jh. Kein Wagen ist hinter mir vom Highway abgefahren.

Kapitel sechzehn. das Gleichnis vom reichen Mann. Er hat offenbar versucht. Danno. »Ich glaube. daß wir in großen Schwierigkeiten sind.« Catherine las die Meldung über eine Ausgrabung in der Nähe von Scharm el Scheich. »daß Sabinas Text wie die Evangelien und die Briefe der Apostel immer wieder kopiert wurden. Es war nichts zu finden. Und unter dem Stichwort ›Papyrus‹ gibt es im Web über tausend Eintragungen!« »Aber was ist mit den Leuten. Ich habe im Web nach Nachrichten aus dem Sinai gesucht. daß die Leute. »Es wäre möglich«. »Hungerford…«. In dem Bericht heißt es auch. und das gefunden. daß Zeugen 152 . Die verantwortliche Archäologin. »Das sagt mir. um zu dem Schluß zu kommen. die Hungerford umgebracht haben. Vielleicht finden wir auf diese Weise Teile der siebten Schriftrolle!« »Das habe ich schon versucht. den Fund auf dem Schwarzen Markt anzubieten. jetzt hinter dir her sind. Cathy. Ausschnitte aus den Büchern des Neuen Testaments sind über die ganze Welt verstreut. die den ägyptischen Behörden Rätsel aufgab. so meldete man. Man braucht nicht viel Phantasie. und in einem nahe gelegenen Hotel sei ein amerikanischer Ingenieur ermordet worden. Es könnte durchaus Kopien von Sabinas Brief und ihrer Geschichte geben. sagte sie nachdenklich. flüsterte Catherine. sagte Daniel und reichte ihr einen anderen Ausdruck. während ich auf dich gewartet habe. den Spuren muß ich unbedingt nachgehen. die mich verfolgen…« »Hier«. Daniel räusperte sich. sei verschwunden. einfach nur so. Vermutlich handelt es sich dabei jedoch nur um Fragmente.« Catherine betrachtete den Ausdruck in ihrer Hand. er wußte etwas von den Schriftrollen.»Ich habe nachgeschlagen.

daß du weißt.« Catherine rieb sich die Stirn.berichten. »Du hast recht«. wie er nervös die Brille abnahm und die Gläser an seinem T-Shirt blank rieb. und in der schwarzen Nässe leuchteten nur die elektrischen Kerzen einer Lichterkette an einem Hauseingang. Es war ein Amerikaner. sagte sie tonlos und verließ den Platz am Fenster. Wo hatte ich diesen Amerikaner schon einmal gesehen? Als ich hier am PC saß und meinen Tagebucheintrag machte.« Catherine sah. Es regnete noch immer. fiel es mir wieder ein…« Ein Schrei hallte durch die Luft. »Ein Freund von mir hat in Washington ein Ferienhaus am 153 . antwortete Daniel und schloß den Laptop. Sie hatte ein flaues Gefühl im Magen – Hungerford war ermordet worden. Zuerst Julius und jetzt… »Danno. wer es ist.« Catherine ging zum Fenster und blickte durch einen Spalt im Vorhang hinaus. Es kam mir irgendwie bekannt vor. Das Gesicht ging mir nicht mehr aus dem Kopf. du hast am Telefon gesagt. Die Sache ist also eindeutig bekannt. wir sollten nicht hierbleiben. Draußen im Gang hörte man laute Schritte. Er setzte sie wieder auf und sagte: »Während mich Samir als ›Beduinenfrau‹ zu dem Landrover geschleppt hat. Catherine schüttelte den Kopf. »Was war das?« »Meine Nachbarn! Sie streiten sich ständig«. Catherine fuhr erschrocken zusammen.« Daniel holte eine riesige Leinentasche mit dem Aufdruck USS Enterprise und packte Mappen und Ordner hinein. Die Straße unten war menschenleer. Ich habe ein ungutes Gefühl. »Ich glaube. das möglicherweise zu einem frühchristlichen Evangelium gehört. Das durfte nicht wahr sein. »Zeit zu verschwinden. ist mir in der Menge ein Gesicht aufgefallen. der Ingenieur habe ein Jesus-Fragment gefunden.

Du wirst die Schriftrollen übersetzen. erwiderte er und legte zum Abschluß ein paar Tüten Knabbergebäck und eine Dose Limonade obendrauf.« »Das ist bereits geschehen. Jeder in meiner Begleitung ist in Gefahr. Die Mörder sind hinter den Schriftrollen her. widersprach er energisch. sagte Catherine. jetzt suchen sie mich. »Das kann nicht wahr sein. »Wir bleiben zusammen. Ich werde dein Leben nicht aufs Spiel setzen. als du mich in der Grundschule beim Nasenbohren ertappt hattest. und ich kann meine Arbeit an den Wandbildern fortsetzen. eine Weile dort zu wohnen.« »Ich werde mich allein auf den Weg machen. Catherine stemmte die Hände in die Hüften. Das heißt. sagte Catherine und griff nach der blauen Tasche. Du hast mich zum letzten Mal ›Daniel‹ genannt.Meer. Danno!« Er schüttelte lachend den Kopf und schob Bücher und Wechselplatten in die Tasche. Er hat mir schon oft angeboten. Wenn ich nicht mehr da bin. »Kommt überhaupt nicht in Frage«. »es ist mein Ernst.« »Daniel«.« Sie legte ihm die Hand auf den Arm. Cathy«. Du darfst mich nicht begleiten. »Ich bin tiefer hineinverwickelt. erwiderte er ruhig. werden sie dich in Ruhe lassen.« »Danno. Danno«. der Mord an Hungerford ist kein Zufall. als du es für möglich 154 .« »›Daniel‹…?« Er lachte. »Was packst du da alles ein?« »Ich werde meine Unterlagen über das Maya-Grab nicht zurücklassen«. »Sie sind hinter mir her. Ich möchte dich nicht in diese Sache hineinziehen. »Im Haus meines Freundes werde ich den Kontakt zum Institut in Houston wiederaufnehmen.

der sie haben möchte. gehen wir. Cathy? Du darfst mich jetzt nicht ausklammern.« Als sie ihn fragend ansah. Dann ist die Gefahr vorüber.« »Danno. wer dieser König war. Vergiß nicht. Außerdem brauchst du mich. Cathy! Man kann überall auf der Welt suchen. Du mußt feststellen. ohne sein Versteck zu verlassen. ich bin dein Freund. sagte er und griff nach einem dicken Umschlag.« Sie lächelte.hältst. fügte er lachend hinzu: »Das Internet.« »Nein. »Tut mir leid. Deshalb werde ich allein eine Weile untertauchen.« »Sollte ich sie nicht vielleicht bei mir behalten.« »Danno…« »Es bleibt dabei. und ich werde dich nicht allein lassen. fügte er schnell hinzu: »Ich frage dich: Wann haben wir einmal nicht zusammengehalten und uns gegenseitig geholfen. Danach werde ich die Schriftrollen jedem geben.« Er schüttelte den Kopf.« »Warte«. um die Texte zu übersetzen.« Da sie schwieg. falls den Schriftrollen etwas zustößt?« »Was soll den Schriftrollen schon zustoßen? Ich habe sie 155 . Cathy. »Dummkopf!« murmelte sie und gab ihm einen Kuß auf die Wange. Vielleicht wirst du dann erfahren. ich brauche nur etwas Zeit… genug Zeit. wo sich die siebte Schriftrolle befindet.« »Während ich auf dich aufpasse.« »Ich lege sie in meine Tasche. keiner darf dich finden! Also flüchten wir in ein sicheres Versteck und überlassen das Reisen den elektronischen Fingern. »Die Photos. in diesem Fall das Haus meines Freundes. »Also gut.

aus der Klasse zerrte und dabei schimpfte: ›Du bist ein freches und schamloses Mädchen! Du wirst für deine Frechheit büßen!‹ Catherine legte sich den Regenmantel über die Schultern und sagte: »Ich muß mich bei Schüller melden und ihm sagen.« »Ich wußte nicht. daß Catherine alle Arten von Gewalt verabscheute.« Daniel öffnete die Schreibtischschublade und nahm etwas heraus. »Was hast du da?« Er blickte auf die Pistole. dürfte alles klar sein. etwas habe ich vergessen. die er aus dem Schreibtisch genommen hatte. ich hole noch meinen Poncho.« »Oh. »Leider in unserer Zeit eine Notwendigkeit. wo ich bin.« Sie runzelte die Stirn. Er wußte.« »Gut. Es gibt doch jemanden – Hans Schüller am Radiologischen Institut in Zürich. daß du sie siehst. Er würde Schwester Immaculata nie vergessen. Ich weiß. die Catherine an der Hand packte. Ich habe ihm eine Papyrusprobe für eine genaue Datierung geschickt. daß du eine Pistole hast!« »Ich wollte nicht. Den Grund dafür kannte er auch. erwiderte Catherine und hängte sich die blaue Tasche über die Schulter. »Ich werde sie nicht mehr aus den Augen lassen. was du von Waffen hältst.« »Cathy…« »Danno. antwortete sie und ließ den Kopf hängen. Keine Waffen!« Seufzend legte er die Pistole wieder in die Schreibtischschublade. »Aber er weiß nicht.hier bei mir«. daß ich hier bin. »Wenn niemand weiß. dann können wir 156 . das ist mein Ernst.« »Du wirst die Pistole auf keinen Fall mitnehmen. wo wir sind.« »Hast du Julius etwas davon gesagt?« »Ja«.

die eine Einkaufstüte trug. ein blitzendes Messer und plötzlich hellrotes Blut. wie Daniel rief. Dann rannte sie los. »Du überprüfst das Treppenhaus und vergewisserst dich. in den blauen Augen unter den blonden Wimpern war das Licht erloschen. die Brille war verbogen. 157 . Seine Schuhspitze wurde rot vom Blut. die Photos in die Einkaufstasche zu seinem MayaMaterial zu legen. Daniels Entsetzen. Im Gang stieß Catherine mit einer Hausbewohnerin zusammen. der eine machte einen Schritt auf sie zu. den Daniel dort abgestellt hatte. Sie griff blindlings danach und stürmte ins Treppenhaus. Wie in Zeitlupe sank Daniel leblos zu Boden. Der Umschlag fiel Daniel aus der Hand. Die beiden Männer wichen zurück. Schwarzweiß-Photos verteilten sich auf dem Teppich. Catherine nahm den Poncho vom Bügel. An der Wohnungstür stolperte sie über den Laptop. sagte sie und ging bereits in sein Schlafzimmer.« »Ich hole den Poncho«. Die beiden Männer waren ihr dicht auf den Fersen. Catherine sah alles gleichzeitig: Den Mann mit dem weißblonden Haar und der roten Narbe im Gesicht. es sei doch besser. verlagerte die schwere Nylontasche von der rechten Schulter auf die linke und rief in Richtung Flur: »Was hast du gesagt…?« Aber Daniel war nicht an der Wohnungstür. Er stand auf der anderen Seite des Wohnzimmers mit dem Rücken zu den Lautsprechern der Stereoanlage.« Als sie den Kleiderschrank öffnete und nach dem Poncho suchte hörte sie.los. das Daniels Kopf umgab. die beiden Männer blickten auf Catherine. Zwei Männer hielten ihn fest. daß uns niemand erwartet. Sie starrte auf Daniels Gesicht – sein erstaunter Ausdruck wirkte wie erstarrt.

und der Laptop fiel auf den Asphalt. stehenzubleiben. Ihre Verfolger hatten den Hauseingang erreicht… In diesem Augenblick stieß Catherine mit jemandem zusammen. während sie blitzschnell weiter die Treppe hinunterrannte. Es war Garibaldi. »Geben Sie mir Ihre Hand!« rief der Mann und zog sie wieder hoch. Catherine schob sich die Haare aus dem Gesicht und sah ihn fassungslos an. wollte er fragen. »Haben Sie sich ver…«. Garibaldi dicht hinter ihr. Als sie die Haustür erreichte und keuchend in die Nacht stürmte. Hinter sich hörte sie Schritte. Catherine rannte weiter. »Was ist denn…« »Laufen Sie!« Sie rannten durch den Regen. während Dosen. griff Garibaldi nach Catherine und zog sie geistesgegenwärtig vom Gehweg. Orangen. Wieder hallte ein Schuß durch die Nacht. fiel ein zweiter Schuß.»He!« rief die Frau empört. daß Farbe und Putz von der Wand regneten. Sie stürzte. Sie rannten geduckt über den nassen Rasen und in einen engen Durchgang zwischen 158 . Sie bogen um die nächste Straßenecke und erreichten Catherines Leihwagen. »Laufen Sie!« schrie Catherine und hob den Laptop auf. Eine tiefe Stimme befahl ihr. Als die beiden Männer mit schußbereiten Waffen an der Straßenecke auftauchten. Kugeln schlugen in den Wagen. Die Reifen waren aufgeschlitzt. Und dann… Ein ohrenbetäubender Knall. Ihre Füße berührten kaum noch die Stufen. »O nein!« keuchte sie. Sie blickte nach oben und sah. Sie lief den regennassen Gehweg entlang und warf ängstlich einen Blick über die Schulter zurück. ein tiefgekühlter Truthahn und ein Weihnachtsstern auf den Boden fielen. Catherine voraus.

Catherine kauerte sich noch immer keuchend in den Sitz. Als er mit quietschenden Reifen anfuhr. Catherine klammerte sich am Armaturenbrett fest und schloß die Augen. hörte sie Garibaldi stöhnen. rief Garibaldi. Garibaldi ließ den Motor an. heulte in der Nähe ein anderer Motor auf. Garibaldi riß die Beifahrertür eines blauen Mustangs auf. Sie hörten weitere Schüsse.« 159 . Lichter. daß sie sich in einer Sackgasse befanden. das Herz werde ihr zerspringen. Sie erreichten die Straße an der Rückseite der Häuser. Garibaldi rief etwas. Catherine glitt auf dem glitschigen Beton aus und fiel gegen eine Hauswand. Hinter ihnen leuchteten die Scheinwerfer ihrer Verfolger. »Auch das noch…«. Ampeln. Garibaldi bog um die nächste Ecke und gab Vollgas. bis hinter ihnen Scheinwerfer auftauchten. Sie rang nach Luft und glaubte. »Sie holen auf!« stieß sie atemlos hervor. Frau Doktor«. Es dauerte nicht lange. »dann sollten Sie es jetzt tun. Alles um sie herum schien zu verschwimmen – Häuser. Catherine riß die Augen auf und sah mit Entsetzen. Der Mustang schien vom Boden abzuheben. Der blaue Mustang raste durch die verlassene Straße.zwei Mietshäusern. »Wenn Sie noch beten können. packte sie am Arm und zog sie weiter. der dort geparkt war und rief: »Steigen Sie ein!« Catherine fiel auf den Sitz.

Man befürchtete das Schlimmste und hatte die Städtische Polizei um Hilfe gebeten. Die Italiener der Vergangenheit und der Gegenwart mußten sich mit ihrem Anteil an Stürmen und Überschwemmungen abfinden. wo eine Menschenmenge. Es war Winter. Seine Eminenz machte den Menschen dort unten keinen Vorwurf. Mit siebzig mußte man sich damit abfinden. Sie hatten Angst. das Ende der Welt stehe bevor. Es war Regen vorhergesagt. und er durfte seine Zeit nicht damit 160 . daß der Himmel an diesem Vormittag eine sehr ungewöhnliche Farbe hatte. Woher mochte das kommen? Er richtete den Blick auf den Petersplatz. um die Heerscharen der Hölle zu erwarten. die bereits überforderten Sicherheitskräfte des Vatikans vor nahezu unlösbare Probleme stellte. Aber das. hatte er diese Farbe noch nie gesehen. Wenn er es sich recht überlegte. Rom Kardinal Lefevre wurde das Gefühl nicht los. War seine seltsame Farbe ein Zeichen kommenden Unheils? Er schüttelte den Kopf. als den. dachte der Kardinal verwirrt. Die Arbeit wartete.Der Vatikan. Vielleicht sollte er seine Augen untersuchen lassen. scheinen wahrhaftig keine gewöhnlichen Wolken zu sein. wo der heilige Petrus den Märtyrertod erlitten hatte? Lefevres Augen richteten sich wieder auf den Himmel. wie an jedem anderen Tag auch. Er gab sich einen Ruck. Gab es einen besseren Ort. Alle behaupteten. daß die Sinne nicht mehr so zuverlässig waren wie früher. Natürlich gab es auch in Rom graue Himmel. Unsinn! Der Himmel war der Himmel. die alle Rekorde brach.

daß ich ihn in einer äußerst dringenden Angelegenheit sofort sprechen muß. »Ja. erschien ein junger Priester in langer schwarzer Soutane in dem Büro. Fuchs auf. Sagen Sie ihm. die an den Feierlichkeiten zum zweitausendsten Geburtstag Christi teilnehmen würden. daß die Angelegenheit streng geheim ist. Und…?« »Ja.« Die Augen des Priesters wurden eine Spur größer. Er leitet das Archäologische Institut der Universität von Rom. um die Menschenmassen unter Kontrolle zu halten. Den Berichten nach war diese Zahl inzwischen weit überschritten. »Unglaublich!« »Eminenz?« Der Kardinal faltete das Blatt schnell zusammen. wo sich die Akten stapelten. Während Ihrer Audienz bei Seiner Heiligkeit traf diese Nachricht für Sie ein. Eure Eminenz. Beim Lesen der Mitteilung hoben sich seine buschigen weißen Augenbrauen.« Als der junge Mann gegangen war. In der ganzen Stadt gab es kein einziges freies Zimmer mehr. Eure Eminenz.« Lefevre brach das Siegel und zog ein Blatt Papier aus dem Umschlag. Im vergangenen Jahr hatte sich Rom auf zusätzliche zehn Millionen Besucher vorbereitet. »Ich bitte die Störung zu entschuldigen. daß er über die Farbe des Himmels nachdachte… Als er sich an seinen Schreibtisch setzte.vergeuden. Eminenz?« »Machen Sie Dr. Diesmal blickte er auf die Stadt. schob es in die Tasche seiner roten Soutane und sagte: »Bitte nehmen Sie unverzüglich Kontakt zu Dr. Die große 161 . Fuchs darauf aufmerksam. trat Kardinal Lefevre wieder ans Fenster. und man würde über kurz oder lang militärische Unterstützung brauchen.

war: Würde mit Beginn des Jahres 2000 eine apokalyptische Katastrophe über die Menschheit hereinbrechen? Beim Gedanken an die beunruhigende Nachricht. bekreuzigte sich Kardinal Lefevre und blickte unwillkürlich wieder besorgt zum grauen Himmel hinauf. sondern auf der ganzen Welt alle Gläubigen bewegte. 162 .Frage. die nicht nur in Rom. die er gerade erhalten hatte.

Als das Tonband abgelaufen war. »Aber in diesem Augenblick tauchte ein Streifenwagen auf und…« »Mir ist völlig gleichgültig. was geschehen ist«. »Ich möchte. Wenn sich die beiden Archäologen in der Wohnung bewegten. Havers.« Zeke hielt den Kassettenrecorder dicht an das Funkgerät und vermied es. auf das flimmernde Bild seines Auftraggebers zu blicken. während die Stimmen von Catherine Alexander und Daniel Stevenson in dem schwarzen Pontiac zu hören waren. Ist das klar?« »Ja. Es waren noch andere Amerikaner in der Menge. Mr.« »Spielen Sie noch einmal das Band ab. Havers. unterbrach ihn Miles. Vielleicht spricht er auch nicht von mir. Zeke hatte überall in Stevensons Wohnung Wanzen verteilt. auf dem Sie das Gespräch aufgezeichnet haben. Mr. Zeke?« »Ich weiß nicht. daß Sie die Frau finden und mir diese Schriftrollen beschaffen. »Wir glaubten schon. Zeke? Sie sind Ihnen entkommen!« Die Stimme von Miles Havers aus dem Lautsprecher klang zwar wie immer beherrscht und ruhig. zum Beispiel ein katholischer Priester…« 163 . erklärte Zeke.Santa Barbara. und der Regen prasselte auf die Windschutzscheibe. Kalifornien »Was sagen Sie. waren ihre Stimmen laut und deutlich zu hören. sie säßen in der Falle. auch sein Bild auf dem Monitor wirkte gelassen. Sie saßen in ihrem Wagen. als der Wagen in eine Sackgasse einbog«. fragte Miles: »Wie hat er Sie erkannt. aber Zeke und seinem Partner entging der Zorn ihres Auftraggebers nicht.

Alexander sagte: »Ich habe sie hier bei mir«. ihre Wohnung in Santa Monica zu überwachen. Kennedy-Flughafen aufzuspüren. Catherine Alexander am John F. Sobald sie gehört hatten. sein Telefon anzuzapfen und die Wohnung abzuhören. bis sie den sicheren Beweis hatten. Schuld daran waren die Anweisungen. die Stevenson erwähnt? Haben Sie die Aufnahmen?« Zeke griff nach dem blutbefleckten großen blauen Umschlag. wußte er instinktiv.« »Ja. konnte Zeke seinen Zorn nur mühsam unterdrücken. Es gefiel ihm nicht. Als Zeke sah.»Ein Priester!« Miles lachte höhnisch. aber wir dürfen kein Risiko eingehen. waren Zeke und sein Partner in die Wohnung eingedrungen und hatten Stevenson ausgeschaltet. als komme sie gerade von ihrer AerobicStunde.« »Was ist mit den Photos. was gesprochen wurde. Wir müssen so schnell wie möglich sein Tagebuch haben. Außerdem setzte er Zeke und seinen Partner auf Daniel Stevenson an. »Stevenson spricht vielleicht nicht von Ihnen. nahm ein Photo heraus und legte es in den tragbaren Scanner. Sie hatten den Auftrag. wenn er bei einem Auftrag versagte. daß sich die Schriftrollen dort befanden. Daraufhin hatte Miles jemanden beauftragt. Sie sollten alles aufnehmen. Das hatten sie getan. der auf dem Armaturenbrett lag. Den Männern von Havers war es in New York nicht gelungen. Sir. wie die Archäologin mit der blauen Tasche über der Schulter das Haus betrat. Alles hätte anders sein können. daß sich die Schriftrollen in 164 . und mit dem Eingreifen warten. wie Dr. Aber die Frau war ihnen entkommen. Während das Bild gesendet wurde.

« Miles schwieg bedrohlich lange. »Wir haben ihn nur undeutlich gesehen und wissen nicht. daß ihr jemand helfen würde. so schwor er sich stumm. ob sie ihn kannte.« »Sie sind sicher. mit dem sie geflohen ist?« wollte Miles wissen. vermutlich eine Sicherheitsmaßnahme für den Fall.« »Wo ist das Tagebuch. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung haben wir kein Tagebuch gefunden. daß sie mit den Schriftrollen geflohen ist?« »Sie befanden sich in einer blauen Tasche. Havers. Wir mußten die Frau verfolgen. Mr. daß den Originalen etwas zustoßen sollte. aber nicht damit gerechnet. Er und diese Alexander müssen die Schriftrollen und die Photos im Reisegepäck gehabt haben. Wir hatten keine Zeit. »Gut«. dann sagte er: »Ich 165 . Ein paar Photos sind aus dem Umschlag gefallen. das Stevenson erwähnt?« »Wir wissen es nicht. Vielleicht war es ein Fremder. Wir hatten ihren Wagen fahruntauglich gemacht. sie aufzuheben.« »Was ist das für ein Mann. Haben Sie alle?« »Nein. »Es sind höchstwahrscheinlich Aufnahmen der Schriftrollen. würde er auf die Anweisungen pfeifen und sich auf seinen Instinkt verlassen. Wir haben allerdings das Kennzeichen des Fluchtautos.« »Haben Sie die Wohnung von Stevenson durchsucht?« »Am Vormittag. als wir die Wanzen verteilt haben. die sie bei sich trug. Es befand sich nichts Wertvolles dort. sagte Miles. Das nächste Mal.der Tasche befanden. Er hätte die Frau und die ›Ware‹ auf der Stelle gehabt. Aber er hatte seine Anweisungen und mußte sich daran halten.

« »Noch etwas. sagte Miles. »Was für Männer waren das? Warum haben sie geschossen?« Catherine blickte immer wieder unruhig zurück. bis Catherine Alexander gefunden ist. Mr. sich lange zu verstecken. daß er die zulässige Höchstgeschwindigkeit nicht überschritt. der die Photos abholt. Mr. darf niemand den Eintrag lesen. Der Verkehr nahm zu.« »Sorgen Sie dafür. Danach suchen Sie sich ein Hotel.« Der letzte Befehl war unnötig. Wo immer sie auch sein mag. »In zwei Stunden werden meine Leute in Santa Barbara sein. Wenn er Sie erkannt hat. Fahren Sie zum Flughafen in Santa Barbara und warten Sie auf meinen Privatjet. es wird ihr nicht gelingen. Sie könnte morgen schon Hunderte von Meilen entfernt sein. Sie fuhren auf der Hauptstraße durch Santa Barbara. Sir. Sie dürfen auf keinen Fall die Gegend verlassen. Der Jet ist startbereit«.« »Ja. Zeke! Diesmal darf sie Ihnen nicht entkommen. werden Sie die Verfolgung aufnehmen. dann würde sie sich wünschen. Die 166 . Havers.« »Entschuldigen Sie.« »Ja.schicke jemanden. Havers. daß Sie ständig über Funk erreichbar sind. Beschaffen Sie die Schriftrollen und Stevensons Tagebuch. nie geboren worden zu sein. »Was hat das eigentlich alles zu bedeuten?« fragte Garibaldi und achtete darauf. Zeke hatte sich bereits geschworen: Wenn er Catherine Alexander das nächste Mal sah. weil immer mehr Leute noch spät abends Weihnachtseinkäufe machten. Sobald wir diese Alexander aufgespürt haben.« »Oder sie ist nicht weit gekommen.

Verfolgten die Killer sie noch? »Fahren Sie weiter«.« Mit einem prüfenden Blick auf Catherine fragte er: »Was ist mit Ihnen?« »Also gut. »Sagen Sie mir. »Aber sie… sie haben auf uns geschossen. es ist zu gefährlich. antwortete sie tonlos und begann zu zittern. Wir haben sie abgeschüttelt. und ich muß etwas tun.« Sie schüttelte stumm den Kopf. Wir sollten erst etwas Abstand zwischen uns und sie bringen. als sie vor einem Kaufhaus anhalten mußten. »Wer waren diese Männer?« »Sie haben Danno ermordet«. aber sie können jeden Augenblick wieder 167 . murmelte sie. »Was sind das für Männer gewesen?« Catherine verschränkte die Arme und schloß die Augen. »Das weiß ich nicht!« stieß sie zitternd hervor. »Wohin? Ich kenne mich hier nicht aus. zurückzufahren. fahren Sie einfach weiter. »Das… das werden sie büßen! Fahren Sie zurück. »Diese Kerle sind brutale Killer!« Sie preßte die Lippen zusammen und schloß die Augen. was zu tun ist.Scheinwerfer der Autos erinnerten an eine weiße Lichterkette.« Er schwieg und flüsterte dann: »Gott sei seiner Seele gnädig. was los ist!« begann Garibaldi noch einmal. »Sie haben meinen Freund umgebracht.« »Warum nicht?« fragte Garibaldi.« »Ich finde.« »Gehen wir nicht zur Polizei?« »Nein! Auf keinen Fall gehen wir zur Polizei. Danno. Er ließ den Rückspiegel nicht aus den Augen und musterte die nachfolgenden Wagen.« Sie drehte sich um und starrte durch die regennasse Windschutzscheibe. dann können wir in Ruhe überlegen.

und ein Cadillac hupte laut.« Der Mustang stand noch nicht richtig. »In welche Richtung soll ich fahren?« fragte Garibaldi. Die Scheinwerfer hinter ihnen verschwammen im Regen. »Was haben Sie?« Er umfaßte mit der rechten Hand den linken Arm. Ich weiß es nicht. Ein Camarro mußte bremsen.« Sie näherten sich dem Yachthafen. Die bunten Lichter der Schiffe spiegelten sich im schwarzen Wasser. bitte?« In welche Richtung. Die Finger waren blutig. zur Fahrerseite lief. wir halten den Verkehr auf.« »Nein. Alexander. »Diese Kerle 168 . widersprach er. In welche Richtung. sagte sie gequält.auftauchen. »Fahren Sie auf die Standspur und halten Sie an. Catherine fiel plötzlich auf. Garibaldi zuckte entschuldigend mit der Schulter. »Dr. Ich werde mich ans Steuer setzen. Catherine biß sich auf die Unterlippe. »Sie brauchen einen Arzt!« »Nein. es ist nichts…« »Halten Sie an. »Sie sind verletzt!« »Es ist nur ein Streifschuß…« Aber Catherine sah. daß er unnatürlich blaß war und daß Schweißtropfen auf seiner Stirn standen. Schnell setzte sie sich hinter das Steuer. fahren Sie weiter«. als Catherine schon aus dem Wagen sprang und. Der Mustang fädelte sich nicht besonders rücksichtsvoll in den fließenden Verkehr ein. »Fahren Sie nach Norden. Sie drehte sich um.« Garibaldi mußte die Fahrbahn wechseln. daß er nur mit einer Hand lenkte. ohne auf die vorbeirasenden Autos und den strömenden Regen zu achten. Danno liegt in einer Blutlache… »Nach rechts«. Jetzt sah sie deutlich das Blut an Garibaldis Arm.

sagte sie und zog ein Taschentuch aus ihrer Jacke.« »Ich habe sie noch nie im Leben gesehen. Wie die Schüsse beweisen.« Catherine reihte sich in den Verkehr ein und starrte geradeaus. »Ich kann nicht…« Sie umklammerte das Steuer fester. »Ich habe etwas.« »Warum nicht?« Sie sah ihn an. »Ich kann nicht zur Polizei gehen. brauste vorbei und verschwand in der Regennacht. meinen sie es ernst.« Sie fuhren eine Weile am sturmgepeitschten Meer entlang. »Sagen Sie mir endlich«. Der zweite Wagen verlangsamte ebenfalls das Tempo. »was für Männer das waren. Im Rückspiegel sah sie. Die Scheibenwischer bewältigten den Regen kaum. und sie biß sich auf die Lippen. »Wie kommen Sie eigentlich hierher… 169 . »Hier«. Warum nicht?« Sie nahm den Fuß vom Gaspedal. Sie mußte die Ruhe bewahren und nachdenken.« »Warum haben sie Ihren Freund umgebracht?« Die Tränen stiegen ihr in die Augen. Der erste Wagen setzte sofort zum Überholen an. »Drücken Sie das auf die Wunde.« »Haben sie es bekommen?« »Nein. begann Garibaldi noch einmal. In letzter Sekunde bog Catherine bei der Ausfahrt San Marcos Road ab und erntete dafür prompt ärgerliches Hupen. dann erreichten sie den Highway 154.sind vielleicht noch hinter uns. Sie durfte nicht weinen. das diese Männer wollten. daß ihr zwei Wagen folgten. Ich möchte ihnen nicht noch einmal begegnen.« Er musterte sie einen Augenblick und sagte dann: »In der Sackgasse haben Sie die Polizisten im Streifenwagen nicht um Hilfe gebeten.

»He!« rief er und griff schnell ans Lenkrad. Catherine zwang sich. Seitdem blieb hinter ihnen alles dunkel. »Nehmen Sie den beiden nicht die Arbeit ab. und nach zwanzig Meilen würden sie 170 . und beinahe hätte sie die Kontrolle über den Wagen verloren. »Wie geht es Ihnen?« »Ich weiß nicht… ich bin… Daniel…« Sie begann wieder zu zittern. der hier wohnte.« Er seufzte und sah sie an. Also schien es sich um jemanden gehandelt zu haben. Ihre Zähne schlugen aufeinander. nicht an das zu denken. Wieso standen Sie plötzlich vor Daniels Apartmenthaus?« »Ich habe Sie gesucht…« Er verzog das Gesicht.« »Zuerst bringen wir noch ein paar Meilen zwischen uns und die Männer. was mit Daniel geschehen war – das viele Blut. Sie fuhren schweigend weiter. die zerbrochene Brille… Halb unbewußt nahm sie die Hinweisschilder am Straßenrand wahr: Chumash Painted Caves State Historical Park. daß der Wagen hinter ihnen in eine kleine Straße abgebogen war. Sie fuhren in die Berge. Im Regen sah sie Kiefern und felsige Canyons. Der Verkehr ließ sichtbar nach. Rancho San Marcos.« Catherine biß die Zähne zusammen und starrte auf die Straße. Stagecoach Road. Eindeutig hatte er Schmerzen.Ich meine nach Santa Barbara. Jetzt würden sie schnell feststellen. Garibaldi drückte eine Hand auf die Wunde und stöhnte manchmal leise. »Wir müssen uns so schnell wie möglich die Wunde ansehen. Auf großen Tafeln warb ein Weingut für den Besuch seiner Kellerei. Im Rückspiegel hatte sie gesehen. Die Straße wurde enger und wand sich in Kurven nach oben. ob ihnen jemand folgte.

da kommen Lichter.« Catherine warf einen Blick auf die Digitaluhr. »Was steht dort?« »›Zur Zeit geschlossen!‹« Langsam fuhr sie durch den Regen weiter.« »Ich weiß nicht. Er schien aber nicht mehr so blaß zu sein. Wir haben sie bestimmt abgehängt.Anderson’s Pea Soup Restaurant erreichen. Vor den Zimmern standen keine Wagen. »Da vorn links ist 171 . dann sind sie bestimmt geschlossen. Es war inzwischen beinahe elf Uhr abends. Garibaldi bemerkte es ebenfalls.« »Ein Motel! Vielleicht können wir dort einen Kanister Benzin kaufen. sagte Catherine und sprang aus dem Wagen. Die ›Zimmer frei‹-Tafel war abgeschaltet.« »Was ist das vor uns? Ich glaube. ohne die Benzinanzeige aus dem Auge zu lassen. »Haben Sie eine Ahnung?« »Ich kenne mich in dieser Gegend nicht aus. »Wissen Sie eigentlich. daß das Benzin zur Neige ging. »Ich sehe keinen Wagen. Dann sah sie zu ihrem Entsetzen. wohin wir fahren?« fragte Garibaldi schließlich. Die Armaturenbeleuchtung ließ sein Gesicht grünlich schimmern. Sie sah ihn von der Seite an. »Nein«. antwortete sie. kam aber schnell zurück. Sie rannte durch den Regen. sahen sie nur dunkle Fenster und ein Büro mit Notbeleuchtung. »An der Bürotür hängt ein Schild«. »Wir müssen wohl oder übel bald anhalten. und wenn.« Aber als Catherine den Wagen verlangsamte und in den unbeleuchteten Parkplatz einbog.« Er drehte sich leise stöhnend um und blickte auf die dunkle Straße hinter ihnen. ob es hier überhaupt Tankstellen gibt.

bot ich ihm an. denn es war eine Wertsendung. »Ich wette. der Besitzer. Beim Näherkommen sahen sie enttäuscht das rote Leuchtschild ›Kein Zimmer frei‹. Das Blut an seinem Arm war inzwischen verkrustet. Mr. »Warum haben Sie mich gesucht?« fragte sie. Mylonas. »Mr. das Päckchen mitzunehmen und es Ihnen zu bringen. daß Sie etwas Falsches getan hätten. »Dieser Regen und dann kein Motel«.« »Als der Beamte weg war. daß er Schmerzen hatte. Er erklärte. Aber der Beamte deutete an. denn er traut den Postbeamten in Scharm el Scheich nicht.ein Motel!« rief Garibaldi. Sein Stellvertreter hatte es angenommen. Mylonas wollte das Päckchen nicht zurückschicken. und er sagte in Kalifornien. Er hatte keine Ahnung. Ich 172 . Aber ich habe Sie in Ihrer Wohnung in Santa Monica nicht angetroffen. Sie seien wegen dringender Familienangelegenheiten abgereist. Der Beamte schien der Meinung zu sein. Mr. für Sie sei neben Briefen ein Päckchen gekommen.« »Wie sind Sie auf die Idee gekommen. aber Catherine sah. Da ich ohnehin über Los Angeles zurückfliegen wollte. daß Sie nicht mehr da waren.« Catherine biß sich auf die Lippen. zog er mich ins Vertrauen. Das Motel war ebenfalls geschlossen. Mylonas war immer sehr freundlich zu mir. Ein ägyptischer Beamter hat Sie gesucht. war völlig durcheinander. Mr. um die Post abzuholen. Ich erkundigte mich bei ihm. Er sagte. Sie hätten etwas gestohlen. ich könnte in Santa Barbara sein?« »Ich hatte nicht damit gerechnet. Er machte sich Gedanken. Mylonas hat Sie energisch verteidigt. Eine Wertsendung kann unter Umständen spurlos verschwinden. wir werden die Nacht mit Norman Bates verbringen…« Er lächelte. Sie dort zu finden. sagte Garibaldi. »Im Hotel Isis herrschte gestern morgen große Aufregung. wo Sie wohnen.

»Bleiben Sie hier«. das ist unser Zimmer. Der Besitzer hat die Schlüssel für die Pumpen bei sich. als sei ein Teil von ihr in Daniels Wohnung zurückgeblieben. obwohl ich in Chicago lebe!« Catherine zwang sich. Garibaldi nahm das Taschentuch vom Arm und wickelte den Hemdsärmel hoch. »Sie können uns erst morgen früh Benzin verkaufen. über alles nachzudenken. und Catherine schloß schnell die Tür auf. was geschehen war »Die Wunde 173 . »Nummer fünfzehn… am Ende. Während sie das Licht anmachte und den Thermostat der Klimaanlage regulierte. Catherine war völlig gefühllos. »Ich bin noch nie angeschossen worden.« »Das Päckchen ist von Daniel?« »Ja. Ich habe ein Zimmer genommen. Daniel Stevenson. Santa… He! Lichter!« »Das sieht nach einem Motel aus!« Catherine fuhr erleichtert von der Straße ab und hielt vor dem hell erleuchteten Gebäude an. ihn anzusehen. Vor den dunklen Türen standen nur wenige Wagen. Kurze Zeit später kam sie zurück. Schaffen Sie es bis zum Eingang?« Sie liefen durch den Regen. mit denen für die Kinofilme der Woche geworben wurde.wollte das Päckchen dem Absender geben. werden sie den Wagen nicht sehen. Später würde noch genug Zeit sein. achtete sie kaum auf die häßliche in Braun und Orange gehaltene Einrichtung und den abgetretenen gelblichen Teppichboden. Dr. Wenn die Killer uns suchen. Sie sah auch nicht die bunten Bilder auf dem Fernseher. Ich parke den Wagen unter den Bäumen. sagte sie zu Garibaldi und ging in das Büro. Pedregosa Street.« Sie fuhr zur Rückseite des Motels.

dann hatte er auch das ausgezogen. Feigenrollen und Cola-Dosen auf den Tisch vor dem Fenster. Kartoffelchips. antwortete er. Dann klopfte sie leise an der Tür Nummer fünfzehn und rief: »Vater Garibaldi. richtete sie den Blick schnell auf den verletzten Arm.« Dann öffnete sie den Verbandskasten. Nach kurzem Überlegen nahm sie das blutige Taschentuch und wickelte es sich um die Hand.muß behandelt werden«. aber es ist nicht weiter schlimm. Sie blickte auf das Nummerschild der Tür: ›15‹. ich bin es.« »War es wirklich nur ein Streifschuß oder steckt eine Kugel im Arm?« »Nein.« Mit der blauen Tasche über der Schulter rannte sie durch den Regen zum Büro. »Woher haben Sie den?« fragte er und setzte sich neben 174 . Machen Sie auf. »Schließen Sie hinter mir ab. Endlich hörte sie. sagte sie. Als sie seinen nackten. Sie klopfte noch einmal. und die Tür ging auf. Er hatte ein Handtuch um die Wunde gewickelt. »Tut mir leid«. »Warum haben Sie nicht aufgemacht?« fragte sie und legte die Vollkornkekse.« Er hatte das Hemd ausgezogen und den Stehkragen abgeknöpft. Wenn er ein Unterhemd trug. Auf dem Rückweg kaufte sie an einem Automaten noch etwas zu knabbern und zu trinken. muskulösen Oberkörper sah. Sie trat ein und schloß wieder ab. »Ist es schlimm?« »Die Wunde schmerzt. »Ich war im Bad und habe Wasser laufen lassen und das Klopfen nicht gehört.« Nichts rührte sich. Immer noch keine Antwort. keine Kugel…« Sie legte die blaue Tasche auf das Bett am Fenster: »Setzen Sie sich. wie die Sicherheitskette zurückgeschoben wurde. Sie trat ein paar Schritte zurück und sah Licht durch den Vorhang.

sagte Garibaldi tröstend. »Ist ja schon gut«. Ihre Welt schien in Stücke gebrochen zu sein – zuerst der Streit mit Julius. Garibaldi fragte: »Was wollen Sie jetzt tun? Ich meine. warum sind Schußwaffen erlaubt? Warum sind sie nicht grundsätzlich verboten? Warum bringen sich Menschen gegenseitig um? Warum… warum gibt es soviel Gewalt auf der Welt?« Als sie seinen teilnahmsvollen Blick sah. Und ich möchte nicht denken.sie. Ich muß mich beschäftigen. »Ich habe der Frau im Büro gesagt. »Entschuldigen Sie. sonst fange ich an zu denken.« Ich muß mich auf etwas konzentrieren.« »Wollen Sie das wirklich tun? Ich kann ins Bad gehen und die Wunde selbst verbinden. wenn Sie nicht zur Polizei gehen…« Sie schüttelte nur stumm den Kopf. Sie hat mir den Verbandskasten verkauft. ich hätte meinen Kofferschlüssel verlegt und versucht. den Koffer mit einem Messer zu öffnen. brach ihr Widerstand zusammen. das hätte nicht geschehen dürfen! Niemand hat es verdient. was sie tun sollte. Als sie ins Zimmer zurückkam. ich…« Sie lief ins Bad und ließ sich kaltes Wasser über Gesicht und Hände laufen. und mich dabei geschnitten. Sie nickte stumm. Verzweifelt schlug sie die Hände vor das Gesicht. Sie wußte nicht. Sie begann zu schluchzen. und dann… »Vater Garibaldi. »Geht es Ihnen wieder besser?« fragte er. hatte Garibaldi ein frisches Hemd angezogen – ein schwarzes Hemd mit kurzen Ärmeln. »Das mit dem Mord. hätte sie am liebsten geantwortet. 175 . so zu sterben! Das Messer… das Blut… O Gott!« Sie sprang auf. Den weißen Priesterkragen sah sie nicht. noch nicht… Catherine desinfizierte schweigend die Wunde und verband sie sorgfältig mit einer Mullbinde.

« »Oder Sie wären ebenfalls tot«. und ich war noch nie in Kalifornien. aber Catherine sah an den Briefmarken und dem Poststempel. das aus dem Grab stammt. »Wäre ich doch nur etwas früher gekommen. aufgegeben worden war. sagte sie sich vor. daß das Päckchen in Cozumel. Behalte die Nerven. eine der eher friedlichen Gottheiten im MayaPantheon! Nun ja. Darauf lag ein Brief. Daniel hatte als Absender seine Adresse in Kalifornien angegeben. Mylonas für Sie gegeben«. »Das hat mir Mr. ich habe immer noch Urlaub. Mexiko. Als ich es entdeckte. dann hätte ich Ihrem Freund vielleicht das Leben retten können. Aber im Laufe der Jahre sind einzelne Funde wieder aufgetaucht. »Wissen Sie. konnte ich kaum glauben. wie genau die Jade mit der Farbe Deiner Augen übereinstimmt. die meiner Meinung nach die Königin ist. sagte er und reichte ihr das Päckchen. Vorsichtig entfernte sie das braune Packpapier. nach Santa Barbara zu fahren…« Er seufzte. was ich Dir schicke.Keine Gefühle. Cathy! Das soll eine Überraschung für Dich sein! In Deinen Händen hältst Du etwas. denn auf einer der Fresken legt eine Frau. Das bist du Danno schuldig. denn es ist bestimmt schon vor Jahrhunderten ausgeraubt worden. Eine kleine Schachtel kam zum Vorschein. Mais als Opfergabe auf den Altar einer Erdgöttin. Das ist kein Witz! Als ich das Grab entdeckte. »Es ist von Danno«. Du mußt die Sache zu Ende führen. murmelte sie und legte es auf den Schoß. Ich fand es interessant. Mit Tränen in den Augen las sie: ›Hallo. daß es aus ‹meinem› Grab stammt. Frohe Weihnachten 176 . erwiderte sie tonlos und starrte auf das Päckchen. Dieses kleine Kunstwerk habe ich in einem Laden in Cozumel entdeckt und wußte sofort. auf dem Wandbild trägt sie jedenfalls genau das. war es leer.

daß Garibaldi den Blick nicht von ihr wandte. Daniels Augen wurden starr vor Entsetzen. das Messer blitzte. »Was haben Sie vor?« »Daniel hat gesagt. Sie betrachtete ihn lange und lauschte dabei auf den Regen. Cathy. »Möchten Sie. daß Sie mir das gebracht haben. daß ich mit Ihnen bete?« »Nein«. Es tut mir leid. Der Anhänger reichte bis zu ihren Brüsten.« Sie stand auf und stellte Daniels Laptop auf den Tisch. Sie spürte eine sanfte Berührung an den Schultern. er weiß. »Was ist?« 177 . In Gedanken sah sie Daniel. was Karaoke ist. Er trug ein T-Shirt und sagte lachend: ›Mach mir nichts vor. Das wünscht Dir Danno.« Sie holte tief Luft und fand ihre Fassung wieder. Es war ein Jaguar an einem Lederband.« Sie klappte den Deckel auf und holte tief Luft. Sein Tagebuch ist in dem Computer.« »Und dann?« »Dann werde ich die Polizei benachrichtigen. wer mich verfolgt. »Aber ich danke Ihnen. Dort werden wir sehen. Er hat es in sein Tagebuch geschrieben. wer diese Männer sind. und plötzlich war alles voll Blut… Catherine vergrub ihr Gesicht in den Händen.‹ Sie öffnete die kleine Schachtel und fand in Watte gebettet einen Jadeanhänger.und ein glückliches neues Jahrtausend. Ich weiß. erwiderte sie tonlos. Vater Garibaldi.‹ Ein anderes Bild drängte sich ihr auf. ohne zu bemerken. Der Mann riß ihm den Kopf zurück. »Dazu ist mein Zorn zu groß. daß Sie deshalb beinahe erschossen worden sind. Sie nahm ihn heraus. Sie hob das Band über den Kopf und legte es um den Hals.

Klingon. bis wir das richtige Paßwort finden. um die Dateien öffnen zu können. die viele Leute verwenden«. »O nein!« »Was gibt es?« fragte er. »Versuchen Sie es mit ›Blitz‹. »Versuchen Sie es mit ›Nonnenschule‹«. Er setzte sich vor den Laptop und tippte ein Wort nach dem anderen ein.« »Ich kenne Daniels Paßwort nicht. sagte Catherine. die mit Daniels Interessen zusammenhingen – Spock.« Kein Erfolg. Catherine fand den Ein/Aus-Schalter und startete den Computer.»Das bin ich«. unterließ es aber. Garibaldi schüttelte den Kopf und murmelte: »Es kann eine Ewigkeit dauern. Dann sah er die Meldung auf dem Monitor: BITTE PAßWORT EINGEBEN »Sie müssen sein Paßwort kennen. Asimov – ohne Erfolg. flüsterte sie verwundert.« Garibaldi tippte ›Stanford‹. »Versuchen Sie Ihr Glück«. »Ein Photo von mir auf Dannos Laptop! Wieso?« Garibaldi betrachtete das Photo. »Es gibt ein paar Begriffe. wollte etwas sagen. erhielt aber jedesmal dieselbe Meldung: UNGÜLTIGES PAßWORT: BITTE RICHTIGES PAßWORT EINGEBEN! »Wo hat er studiert?« »In Berkeley.« Sie versuchte es mit einigen Worten. sagte Garibaldi.« »Dann lassen Sie sich etwas einfallen.« Plötzlich wurde der Raum von grellem Scheinwerferlicht 178 . »Wie wäre es mit ›Phönix‹?« Catherine schüttelte den Kopf und stand auf. sagte sie zu Garibaldi. Kein Erfolg.

erhellt. Garibaldi sprang auf, und Catherine wich bis an die Wand zurück. Die Lichter wanderten weiter, und Garibaldi schob den Vorhang etwas zur Seite. Ein weißer Lieferwagen fuhr auf den Parkplatz vor dem Nebenzimmer. Garibaldi zog den Vorhang wieder zu. »Falscher Alarm.« Sein Blick fiel auf das Photo neben dem Bildschirm von Daniels Laptop. »Probieren Sie es mit Ihrem Namen«, sagte er. »Warum?« »Warum nicht?« Sie setzte sich und tippte ›Catherine‹. Als wieder die Falschmeldung kam, versuchte sie es mit ›Alexander‹.
UNGÜLTIGES PAßWORT: BITTE RICHTIGES PAßWORT EINGEBEN!

»Was nun?« murmelte sie und starrte auf den Monitor. »Ich werde etwas versuchen.« Garibaldi nahm den Laptop aus der schwarzen Ledertasche und teilte ihn auf den Tisch. Dann suchte er nach den seitlichen Entriegelungen und nahm die Tastatur ab. Jetzt konnte man in das Innere des Gerätes blicken. »Manchmal«, murmelte er, »kann man das Paßwort umgehen, indem man nur…« Er betrachtete sich die Festplatte, die Steckkarten und die anderen elektronischen Komponenten, dann richtete sich seine Aufmerksamkeit auf die grüne Platine mit den Transistoren und Schaltkreisen. »Aha! Da haben wir es. Ich brauche ein Stück Metall. Haben Sie zufällig eine Haarnadel?« Sie fuhr sich mit der Hand durch die langen Haare. »Leider nein.« »Vielleicht eine Büroklammer?« Catherine durchsuchte die Seitentaschen und Fächer der
179

Laptop-Tragetasche und fand eine Ersatzbatterie, das sichtlich vielgelesene Exemplar Hawksbill Station von Robert Silverberg, eine leere Kaugummipackung, einen Markierstift, einen Notizblock und – »Hier!« Während Garibaldi die Büroklammer aufbog, deutete er auf die Platine. »Sehen Sie, dort steht ›J-A23/‹! Das ist eine Kurzschlußbrücke. Wenn es mir gelingt, diese beiden Stellen miteinander zu verbinden…« Catherine sah mit angehaltenem Atem zu, wie er den Kupferdraht der Büroklammer so legte, daß er zwei dicht nebeneinander liegende Kontakte verband und ihn dann auf den Krallen festdrückte. Sofort erschien auf dem Bildschirm eine andere Meldung. »Was bewirkt die Büroklammer?« fragte Catherine, während er die Tastatur wieder einsetzte und sicherte. »Ich habe das Paßwort zurückgesetzt.« Auf dem Monitor stand jetzt:
IHRE SETUP INFORMATION HAT SICH GEÄNDERT. DRÜCKEN SIE »F2« UM SETUP ZU LADEN.

»Haben wir jetzt etwa Zugriff auf das System?« fragte Catherine. »Mal sehen«, erwiderte er und drückte die Taste ›F2‹. Auf dem Bildschirm erschien in der ersten Zeile:
SPHINXBIOS SETUP.

Garibaldi klickte auf den Menüpunkt ›Datenschutz‹ und murmelte vor sich hin: »Damit wirklich alle Paßwörter außer Kraft gesetzt sind.« Auf dem Bildschirm erschien die Meldung: BENUTZER-PAßWORT: DEAKTIVIERT! BENUTZER-PAßWORT: [EINGEBEN] PAßWORT BEI START: [DEAKTIVIERT] DISKETTE ZUGANG: [BENUTZER]
180

PESTPLATTE BOOT SECTOR: [NORMAL] AUTOM. VIRUSPRÜFUNG: [DEAKTIVIERT] »Okay, Michael«, sagte er. »Speichern und dann ›Exit‹.« Er drückte ›Enter‹, und im nächsten Moment erschien das ›C-Prompt‹ links oben auf dem Monitor. »O je«, sagte Catherine. »Ich fürchte, Daniel hat seine Software nie auf den neuesten Stand gebracht. Ich weiß jedenfalls nicht, wie DOS funktioniert.« »Es ist schon eine Weile her, daß ich mit DOS-Befehlen gearbeitet habe«, sagte Garibaldi. Er tippte SCI und drückte ›Enter‹. FALSCHER BEFEHL Catherine sagte: »Daniel hat bestimmt nie Scimitar benutzt. Er lehnte Dianuba Technologies prinzipiell ab und wollte nichts mit ihrer Software zu tun haben.« »Gut, dann versuchen wir es damit«, Garibaldi tippte ›WIN‹, und sofort erschien das ›WINDOWS‹-Logo. Damit konnten sie alle Dateien auf dem Laptop öffnen. »Na also!« rief Garibaldi und schob Catherine die Tastatur hin. Sie betrachtete aufmerksam die Logos. »Jetzt muß ich nur noch herausfinden, wo Daniel sein Tagebuch abgespeichert hat.« Als sie CAPTAINS LOG sah, rief sie: »Das muß es sein!« Mit einem Doppelklick aktivierte sie den Eintrag. Auf dem Bildschirm erschien die Meldung: Szfdatbg unm Czmhdk Rsdudmrnm »Da stimmt etwas nicht!« »Es sieht nach einem Code aus«, meinte Garibaldi. »Wie kann man so etwas dechiffrieren?«
181

»Die gebräuchlichste Methode ist das Ersetzen jedes einzelnen Buchstabens.« »So?« fragte Catherine, tippte das Alphabet und dann darunter: abcdefghijklmnopqrstuvwxyz egjmlakbroctwzvndpuyfshqix »Genauso. Das Wort ›Katze‹ zum Beispiel«, sagte Garibaldi, »sieht in diesem Fall dann so aus: ›Oeuxl‹.« »Wundervoll. Dann müssen wir nur eine Million Kombinationen des Alphabets ausprobieren, um den Schlüssel für den richtigen Code zu finden!« Sie trommelte nervös auf den Tisch. »Hier steht irgendwo der Name von Daniels Mörder. Ich muß ihn finden!« »Vielleicht sollten wir es wie bei den Geheimschriften machen die man in Rätselbüchern findet. Wir suchen nach Wortkombinationen wie ›es‹, ›und‹, ›das‹ usw.« Catherine runzelte die Stirn. »Ich kann mir nicht vorstellen, daß sich Danno die Mühe gemacht hat, einen komplizierten Schlüssel zu erfinden. Schließlich weiß man, daß jeder Code, auch der komplizierteste, geknackt werden kann. Ich meine, er hat das nur gemacht, um zu verhindern, daß Neugierige, die zufällig seinen Laptop in die Hände bekommen, sein Tagebuch lesen.« »Vielleicht sollten wir jeden Buchstaben durch eine Nummer ersetzen.« »Auch das ist viel zu kompliziert. Danno hat sicher nur einen Code benutzt, der sich leicht tippen und später ebenso leicht entschlüsseln läßt. Warten Sie…« Sie begann zu tippen. »Was haben Sie vor?« »Zuerst muß man denken wie Danno. Mein Freund Daniel Stevenson war ein Science-Fiction-Fan. Sein Lieblingsfilm ist…«, sie verbesserte sich, »war… Kubriks
182

Odyssee 2001. Wissen Sie noch? HAL hieß der Computer. Der Name war von IBM abgeleitet, wobei die Buchstaben im Alphabet jeweils um eins nach vorne verschoben waren…« Sie begann langsam zu tippen. »Passen Sie auf:« »Tagebuch von Daniel Stevenson« »Ein Schuß ins Schwarze!« rief Garibaldi. »Gut, wonach suchen wir jetzt?« Catherine ließ den Text auf dem Bildschirm abrollen und überflog die Tagebucheintragungen. Dabei sagte sie zu Garibaldi: »An dem Abend, als wir den Sinai verließen, waren im Lager viele Menschen. Danno sagte mir, er habe ein bekanntes Gesicht gesehen… einen Amerikaner.« Garibaldi erwiderte: »Ich war zum Beispiel auch dort.« »Hier… das muß es sein.« Sie brachte den Cursor vor einen Buchstaben und tippte: D-E h-i m-n (Leertaste) L-M z-a m-n m-n usw. Als sie fertig war, stand dort: »Ein Mann mit einer häßlichen Narbe im Gesicht und kurz geschnittenen weißen Haaren. Ich weiß genau, daß ich ihn schon einmal gesehen habe. Aber wo? Natürlich, da steht er direkt vor meinen Augen! Ich blickte in den vergangenen zwei Jahren beinahe jeden Tag auf diesen häßlichen Kerl. Er arbeitet für…« »Mein Gott«, flüsterte Catherine. »Wer ist es?« Sie schob den Computer etwas zur Seite, damit er den Monitor sehen konnte: ›Lhkdr Gzudqr‹, stand dort. Garibaldi kniff die Augen zusammen und murmelte: »Miles Havers… das Computer-Genie?«

183

Santa Fé, New Mexico
Teddy Yamaguchi wußte, daß viele Leute dachten, er sei lebendig begraben. Die Leute irrten sich. Computer waren sein Leben, und es gab auf der ganzen Welt keinen anderen Ort, an dem er in diesem Augenblick hätte sein wollen. Er befand sich im modernsten Kommunikationszentrum, das sich nur jemand wie Miles Havers, der reichste Mann der USA, leisten konnte. Teddy, der mit achtundzwanzig gerade das College absolviert hatte, wurde für seine Arbeit fürstlich entlohnt. Er wohnte wie in einem Luxushotel mietfrei in einem nach seinen Wünschen eingerichteten Bungalow auf dem riesigen Anwesen. Es machte ihm nichts aus, daß er sich vierundzwanzig Stunden am Tag dienstbereit halten mußte. Der Job für Miles Havers war die Erfüllung all seiner Träume, denn Teddy konnte auch in seiner Freizeit die Anlagen im Kommunikationszentrum uneingeschränkt benutzen. Manchmal bekam er wirklich schwierige Aufgaben, deren Lösung eine echte Herausforderung darstellte, aber in dieser Nacht war alles einfach. Sein Boß hatte gesagt: »Finden Sie Dr. Catherine Alexander.« So etwas war kaum mehr als Routine. Teddy trug wie immer eine schwarze Nylonhose und ein weißes T-Shirt. Die hoch rasierten dichten schwarzen Haare krönten wie ein Helmbusch seinen schmalen Kopf, und in den beiden goldenen Ohrringen brach sich hin und wieder das Licht der Wand mit den Großbildschirmen, die ihm Informationen aus aller Welt einspielten. Es sah aus, als käme Teddy gerade aus einer Star-sound-Disco und nicht aus seiner verkabelten Hacker-Schüssel, dem futuristischen Schlafzimmer, wo er sich gerade einen alten
184

Filmklassiker angesehen hatte, als Havers ihn rief. Teddy setzte sich vor den 4000 210 Mhz 4-Gig HDD-Computer mit einem 128.000-bps-Modem – für ihn schon ein Oldtimer mit nostalgischem Wert. Diese Anlage würde nach der Jagd auf die Archäologin gegen ein neues, schnelleres und sehr viel komfortableres Modell ausgetauscht werden. Er wartete auf Signale von Catherine Alexanders Kreditkarten-Konto, dem Bankkonto, den Telefonkarten und Benzinkarten. Auch ihre Nummer der Sozialversicherung ließ er überwachen. Er hatte selbstverständlich auch die Nummern ihrer Bibliothekenausweise eingegeben – im Grunde alles, was irgendwo in einem Computersystem auftauchen konnte. Als unschlagbarer Hacker hatte Teddy die Systeme, in denen Catherine Alexanders Kreditkarten geführt wurden, fest im Griff. Außerdem überprüfte er das Nummernschild des Leihwagens, in dem sie geflohen war, und durchsuchte ihre persönlichen Daten nach Hinweisen, wohin sie gefahren sein mochte. Mit all diesen Informationen, die rund um die Uhr aktiviert waren, würde er sie ganz bestimmt aufspüren. Teddy mußte unwillkürlich lachen. Es war wie in Pulse, seinem Lieblingscomputerspiel: ›Suche die Frau, den Schatz und das goldene Symbol und finde den Ausgang des Labyrinths, bevor dich Gordon überfällt und ausschaltet‹. Niemand hatte bis jetzt die Rekordzeit unterboten, mit der Teddy in Pulse das Ziel erreichte. Ebensowenig würde es einem anderen gelingen, Catherine Alexander auf Anhieb zu finden. Er griff nach ein paar Snacks in der Schale neben ihm – Schokoladen-Popcorn und Gummibärchen mit einem Überzug aus braunem Zucker und Kaffee -, kaute langsam und hatte das Gefühl, mit Vollgas über die digitalen Datenautobahnen zu jagen. Man
185

stelle sich das vor! Für diesen unvergleichlichen Spaß wurde er auch noch bezahlt… Manchmal konnte Teddy sein Glück nicht fassen. Bald, nachdem er 1995 sein Studium an der Stanford University begonnen hatte, wurde er verhaftet und angeklagt. Man warf ihm vor, über das Internet kommerzielle Software im Wert von mehreren Millionen Dollar verschoben zu haben. Diese Software war von Dianuba Technologies, der Gesellschaft von Miles Havers, gestohlen worden. Man sprach von dem größten aufgedeckten Einzelfall von Software-Piraterie. Aber die Anklage wurde von einem Richter niedergeschlagen, der entschied, der Student habe keine kriminelle Handlung begangen. Der CopyrightSchutz für Software bezog sich nicht ausdrücklich auf Teddys angebliches Vergehen, denn er hatte eindeutig keine finanziellen Vorteile aus seinen Manipulationen gezogen. Da die Staatsanwaltschaft jedoch glaubte, ihn irgendwie bestrafen zu müssen, warf man ihm Mißbrauch von Telefonanlagen vor. Als auch das nicht zu dem erwünschten Erfolg führte, meldete sich unerwartet Miles Havers zu Wort. Er überraschte die Öffentlichkeit, indem er dem jungen Mann großzügig alles verzieh und erklärte: ›Wir haben alle einmal gegen das System rebelliert. Es ist kein Geheimnis, daß ich in meiner Jugend im ComputerBereich auch illegale Dinge ausprobiert habe. Die Gesetze sind bis heute nicht klar und eindeutig‹. Mit dieser Äußerung war er schlagartig zum Liebling aller Computer-Freaks geworden. Das Millionenspiel mit den Medien, mit der Staatsanwaltschaft und den Gerichten hatte jedoch einen Hintergrund, von dem die Öffentlichkeit nie etwas erfahren würde. Teddy hatte über Internet das neueste Computer-Spiel verbreitet, das Dianuba Technologies
186

damals gerade produzierte. Teddy hatte es gestohlen und illegal kopiert, noch bevor es auf den Markt kam. Darin lag die besondere Bedeutung, denn die Medien sprachen von dem neuen Spiel, das alle Konkurrenzprodukte überflügeln werde. Das Publikum fieberte dem Hit entgegen. Kein Wunder, daß mindestens zwei Millionen Anwender das Spiel kostenlos kopierten, weil Teddy, der Held der Hacker, auf seine Weise dem Kommerz zuvorkam und seinen Erfolg mit allen teilte, die wie er dachten. Auf diese Weise brachte er Havers um mehrere Millionen Dollar Gewinn. Die anderen SoftwareHersteller verurteilten Miles Havers, weil er Teddy Yamaguchi verzieh und auf diese Weise den ›Piraten‹ auch noch in Schutz nahm. Aber Havers schrieb nicht lange Verluste. Als ein halbes Jahr später die zweite Version des Spiels angeboten wurde, setzte es sich sofort an die Spitze und überflügelte selbst Erfolge wie Myst oder Doom. Finanzexperten errechneten, daß Havers damit nicht nur die früheren Verluste wettgemacht hatte, sondern mittlerweile mehr Gewinn erzielte, als wenn die ursprüngliche Version über legale Kanäle auf den Markt gekommen wäre. Teddy hatte noch einen Grund mehr, sich darüber zu freuen, denn das Justizministerium hatte sich an der Nase herumführen lassen. Niemand ahnte etwas davon, aber Miles Havers hatte die Sache von Anfang an so geplant. Er hatte mit Teddy Yamaguchi ein Abkommen getroffen. Dazu gehörte es, die Ursprungsversion zu ›stehlen‹. Als Havers mit ihm über diese unglaubliche Sache verhandelte, war Teddy mißtrauisch gewesen. Aber als Super-Hacker, der er tatsächlich war, begriff er sehr schnell, worauf Havers hinauswollte. Dianuba Technologies hätte das Spiel auch kostenlos im Internet
187

anbieten können, wie andere Gesellschaften es mit ihren Produkten taten. Ständig waren ›Vorläufer‹ von Computerspielen im Netz, um Spieler zu werben. Man muß die Leute nur süchtig machen, hieß es in der Software-Industrie, und der Rubel rollt. Miles Havers, ein Kenner der menschlichen Natur, hatte diese Philosophie noch verfeinert. Er sagte sich, gestohlene Software sei wie der verbotene Apfel im Paradies die süßeste aller Früchte. Sein beispielloser Erfolg führte dazu, daß er inzwischen im Kreis seiner Manager laut darüber nachdachte, ob man das manipulierte ›Stehlen‹ von Software als MarketingStrategie nicht routinemäßig einsetzen sollte. Man sprach von Shareware oder Crackware – ein Suchtmittel, das so wirksam zu sein schien wie Crack, aber zehnmal höhere Gewinne brachte. Havers bot dem jungen Asiaten noch vor dem College-Abschluß an, nach Santa Fe zu kommen und für ihn zu arbeiten. Teddy zögerte nicht lange, und seit er zu Havers’ Team gehörte, stiegen die Gewinne der Gesellschaft jährlich in Millionenhöhe. Nein, das war kein schlechtes Leben, besonders wenn Teddy an die Aktienbeteiligungen dachte, die zu seinem monatlichen Einkommen hinzukamen. In fünf Jahren würde er seine Millionen abheben, auf Maui oder auf Hawaii einen Laden für Angler aufmachen und nie mehr einen Computer anrühren. Teddy warf einen Blick auf das Bildtelefon, wo er über Standleitung mit Havers verbunden war. Sein Boß befand sich im Tropenhaus. Er saß vor einer Grotte mit seltenen und schwierig zu ziehenden Pflanzen an einem künstlichen Felsenteich mit einem Wasserfall. Wie alles bei Havers war auch diese ›Landschaft‹ vollkommen. Teddys Kommunikationszentrum wurde von Computern, Bildschirmen, Druckern und der aufwendigen und komplizierten Elektronik beherrscht. Hier gab es
188

keine Pflanzen, nur ein Riesenfenster mit einem atemberaubenden Blick auf die Sangre de Cristo-Berge und eine verschneite Wüste. Teddy vergaß manchmal, daß dieser Blick nur eine Projektion war, denn das Computerzentrum befand sich in einem unterirdischen Betonbunker. Havers ist ein kluger Kopf, dachte Teddy bewundernd und nahm sich noch eine reichliche Handvoll von seiner Zucker-Koffein-Nahrung. Havers lebte nach dem Motto: ›Computer bedeuten Macht. Die Kontrolle über Computer bedeutet die absolute Macht.‹ Und Havers besaß zweifellos Macht. 85% aller Computer der Welt arbeiteten mit seiner Software. 1995 hatte er seinen größten Coup gelandet, als er ein neues Betriebssystem auf den Markt brachte, das den Zugang zum Internet für alle Anwender leichtmachte. Die großen Konkurrenten wie AOL und Prodigy wollten das verhindern, aber das Justizministerium lenkte schließlich ein, und Dianuba konnte mit seinem neuen Produkt auf den Markt. Man schätzte, daß inzwischen 70% aller Online-Anwender mit Hilfe von Havers’ PC-Software Scimitar auf Internet zugreifen konnten. Teddy richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die Bildschirme und schob den Gedanken an die großen Erfolge von Havers beiseite. Er dachte auch nicht weiter über die Gründe für das Interesse von Havers an Catherine Alexander nach. Er interessierte sich nur für die Jagd durch die Computersysteme. Kaffee und Zucker taten ihre Wirkung. Teddy war hellwach und holte alle Daten von Dr. Alexander auf den Bildschirm: Ihre Vorlesungen, ihre Konferenzen, ihre Veröffentlichungen und die Telefonnummern der Organisationen, mit denen sie etwas zu tun hatte – Teddy betrachtete aufmerksam die lange Liste ihrer Aktivitäten während der vergangenen fünf Jahre. Irgendwo unter diesen Daten befand sich der goldene Schlüssel zu
189

ihrem Versteck. Er würde sie in dem Labyrinth finden, bevor die Zeit für das ›Spiel‹ abgelaufen war. Miles saß in seinem Tropenhaus inmitten von Farnen und Kletterpflanzen, die er besonders liebte. Hier, am Wasserfall, konnte ihn niemand stören. Noch einmal hörte er sich in aller Ruhe das Gespräch zwischen Catherine Alexander und Daniel Stevenson an. Er achtete besonders auf die Erwähnung des Tagebuchs und die Absicht, die Verbindung zum Institut in Houston wiederaufzunehmen. Dabei blickte er auf die handschriftlichen Notizen seines Telefonats mit Zeke. »Sie hatte bei der Flucht einen Koffer, eine blaue Tasche über der Schulter und eine schwarze Tragetasche.« Eine schwarze Tragetasche. Miles trommelte mit den Fingern auf die Steinbank. War es die Tragetasche eines Computers? Vielleicht handelte es sich bei dem Tagebuch überhaupt nicht um ein ›Buch‹, vielleicht benutzte dieser Stevenson einen Computer für seine Tagebucheintragungen, vielleicht hatte Catherine Alexander diesen Computer mitgenommen, als sie aus der Wohnung ihres ermordeten Freundes floh… Miles wurde in seinen Überlegungen durch das Leuchtsignal seines Telefons unterbrochen. Teddy meldete sich. »Mr. Havers, ich habe einen Namen. Der Mann wohnt in Malibu und ist Leiter des Freers Instituts. Er heißt ›Dr. Julius Voss‹. Ich glaube, er ist mit der Alexander liiert.« Ihr Liebhaber, dachte Miles und lächelte. Das war eigentlich zu einfach. Er trennte die Verbindung und wählte eine Nummer mit der Vorwahl von Beverly Hills, West Los Angeles und Malibu. Als sich der Teilnehmer meldete, sagte er: »Hier spricht Havers. Ich habe einen Auftrag für Sie. Die Sache ist dringend und muß sofort erledigt werden.«
190

Santa Ynes-Berge, Kalifornien
»Ich muß Julius anrufen!« »Einen Augenblick«, sagte Garibaldi. »Ich begreife das nicht. Wie konnte Ihr Freund Daniel den Mann mit der Narbe im Gesicht mit Miles Havers in Verbindung bringen?« »Das weiß ich auch nicht«, antwortete Catherine. »Aber Danno hat sich das bestimmt nicht ausgedacht.« Sie blickte auf den Laptop-Monitor und las noch einmal die betreffende Stelle im Tagebuch: ›Natürlich, da steht er direkt vor meinen Augen!‹ Plötzlich fiel es ihr ein! Danno meinte damit das alte vergilbte Zeitungsphoto an seinem Kühlschrank. Es stammte noch aus der Zeit, als Havers die Kopernikus-Tagebücher von den Russen gekauft hatte. Das war 1997 gewesen. Catherine kannte das Photo gut, denn sie hatte es jedesmal gesehen, wenn sie bei Danno in der Wohnung war – ein UPI-Photo des gutaussehenden und reichen Miles Havers neben einem lächelnden Russen im Vordergrund, und im Halbkreis hinter ihnen dicht gedrängt andere Herren im Anzug. Unter dem Bild stand: ›Computer-Mogul Miles Havers erwirbt Tagebücher aus dem fünfzehnten Jahrhundert‹ Neben diesem Bild klebte an Dannos Kühlschrank ein anderes mit der Unterschrift: ›Miles Havers verspricht, daß die Kopernikus-Tagebücher der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.‹ Danno hatte zu den Stimmen gehört, die Protest dagegen erhoben, daß die Kopernikus-Tagebücher in einer Privatsammlung verschwanden. Die Zeitungsausschnitte schmückten seinen Kühlschrank als Erinnerung an einen der wenigen Siege in seinem Leben. Auf beiden Photos befand sich im Hintergrund ein Mann
191

sagte sie. Denken Sie nur an die Kopernikus-Tagebücher. Ich kann das alles immer noch nicht so recht glauben. Catherine stützte den Kopf in beide Hände. um seine Ziele zu erreichen. daß es mir gutgeht. 192 . Denken Sie an seinen Feldzug gegen die taiwanesischen Importeure von Orchideen. sagte Catherine ungeduldig. Aber Moral Das klingt nicht nach ihm. »Und ich weiß jetzt mit Sicherheit. daß er für Miles Havers arbeitet. dann macht er sich bestimmt Sorgen um mich. wenn es darum geht. Havers ist ein gerissener Geschäftsmann. Wenn ich behaupte. und bestimmt greift er auch zu fragwürdigen Taktiken. der Danno umgebracht hat«. man weiß doch. daß Danno tot ist.« »Sie meinen also. er ist hinter dem her. Das bedeutet allerdings…«.« »Wieso das?« »Ich kenne zwei Photos von ihm mit Havers. sondern wird wie ein Idol verehrt. Nun gut. daß er für die Rettung der Regenwälder eintritt! Er ist immer einer der Wortführer. »Ich habe den Mann deutlich gesehen. »Aber Miles Havers ist auch als Sammler der teuersten und seltensten Objekte bekannt.mit kurz geschnittenen Haaren und einer Narbe im Gesicht.« »Das weiß ich alles«. »Ich muß Julius benachrichtigen und ihn wissen lassen.« Catherine setzte sich auf das Bett und nahm den Telefonhörer ab. die Umwelt zu schützen und vom Aussterben bedrohte Pflanzenarten zu retten. Niemand würde mir glauben! Havers ist der reichste Mann der USA. »ich kann nicht zur Polizei gehen. was Sie haben. In der Öffentlichkeit ist er nicht nur geachtet. Vielleicht erfährt er. Ich meine. aber Garibaldi unterbrach sie: »Warten Sie. daß er mich umbringen will…« Catherine stand auf.

Ich komme allein zurecht. was ich habe. Stevenson wird bald herausfinden. daß Havers zwei Killer damit beauftragt hat.« Als sie Garibaldis skeptisches Gesicht sah. Natürlich ist Miles Havers nicht hinter mir her. daß ich mit Danno befreundet war. dann wird er mir mit Sicherheit das abjagen wollen. ihn zu überzeugen. »Es ist mir gleichgültig. und genießen Sie die letzten Tage Ihres Urlaubs. Deshalb lächelte er entschuldigend und nickte: »Sie haben recht. Ich muß so schnell wie möglich weg. Der Mörder von Dr. die Danno bei sich hatte. daß Sie mir Dannos Päckchen gebracht haben. Wenn Havers diese Photos sieht. gab sie den Versuch auf. daß Julius Ihr 193 . Garibaldi senkte betroffen den Kopf.« »Ich habe nicht behauptet. Vater Garibaldi.« »Können Sie mir verraten. und zwar allein!« »Wirklich? Bei diesem Wetter und ohne einen Wagen?« Seine Worte hatten nicht ironisch klingen sollen. macht mir wirklich Angst. aber es ließ sich nicht vermeiden. Aber es besteht für Sie wirklich kein Grund mehr. Mir wäre es lieber. Ich leide unter Wahnvorstellungen. Nehmen Sie den Wagen. Und Sie müssen wirklich nichts mit all dem Wahnsinn zu tun haben. daß Sie sich das alles einbilden. daß den Killern die Photos in die Hände gefallen sind.um es seiner Privatsammlung einzuverleiben?« »Die Vorstellung. ob Sie mir glauben oder nicht. weshalb mein Freund Danno sonst so brutal ermordet worden ist?« rief sie erstickt. Sie würden gehen. Ich weiß. Tränen liefen ihr über die Wangen. Es ist nur schwer zu glauben. dann wird er auch bald herausfinden. hierzubleiben. daß Julius mein Freund ist. Und wenn Havers weiß.« Sie wischte sich mit dem Handrücken die Tränen ab und sagte traurig: »Nochmals vielen Dank. »Vergessen Sie alles. Danno die Kehle durchzuschneiden.

daß sein Telefon abgehört worden war und daß man seine Aufzeichnungen ohne sein Wissen photokopiert hatte. »Je weniger Julius von all dem weiß. desto besser für ihn.« »Doch«. Julius stellte später fest.« »Ich werde ihm nicht sagen. daß Sie es sind?« »Er weiß es. hoffentlich ist ihm nichts passiert! Catherine verstellte ihre Stimme und sagte: »Dr. Ich hoffe…«. »›Mrs. Meritites. die vor viertausend Jahren vermutlich an einem Gallenblasenleiden gestorben ist. sagte sie.Freund ist. hier spricht Mrs. Meritites‹?« »Eine ägyptische Königin. sie holte Luft und sagte dann: »Ich hoffe. wo ich bin oder was ich über Danno weiß«. bevor Julius seine 194 . »Sie haben nicht mit Ihrer normalen Stimme gesprochen. Wenn Julius etwas zustoßen sollte… Aber Julius war nicht zu Hause.« Als Catherine auflegte.« »Sie haben ihn nicht vor Havers gewarnt. daß es mir gesundheitlich ausgezeichnet geht. Wie soll er wissen. Es gab damals eine Art Skandal… Konkurrenzneid im Institut. Hatte er ihre Nachricht gefunden und war allein ausgegangen? O mein Gott. es geht Ihnen gut.« Danno ist meinetwegen umgebracht worden. Ich werde Sie von unterwegs anrufen. Sein Anrufbeantworter meldete sich. Sie sollten ihn anrufen. Julius hat ihre Mumie untersucht. Sein Bericht wurde von einem anderen Wissenschaftler veröffentlicht. denn ich verreise und mache einen lange überfälligen Urlaub. Sie müssen nicht zurückrufen. sagte sie. Sie haben mir im vergangenen Jahr die Gallenblase entfernt. Ich wollte Ihnen nur sagen. sah Garibaldi sie verblüfft an. Voss. während sie mit zitternden Händen wählte.

und das gefiel Catherine überhaupt nicht. »Was wollen Sie wissen?« fragte sie schließlich. Er war groß und hatte breite Schultern.« »Nehmen Sie den Wagen«. er war ebenfalls aufgestanden und kam näher. den Sie mir nicht nennen wollen. der auf dem Parkplatz wendete und in der entgegengesetzten Richtung weiterfuhr. 195 . Draußen näherten sich Scheinwerfer. Sie seufzte. Er sah sie erwartungsvoll an. werden sie wieder schießen. was Havers so unbedingt haben möchte?« Catherine stand auf. sagte sie schließlich leise. als sie ihm im Hotel Isis begegnet war. Wenn die beiden Männer uns finden. »Dr. Alexander«.« In seiner Hartnäckigkeit glich er irgendwie Danno. Julius wird sich bestimmt an den Fall erinnern und wissen. Das kalte Glas beschlug unter ihrem Atem. »Es ist besser für Sie.« Garibaldi schwieg. Vergessen Sie mich und alles was geschehen ist. Ich würde zumindest gerne wissen. »Wollen Sie mir nicht sagen. Unwillkürlich hielt sie die Luft an. schüttelte den Kopf und lächelte dann. ging zum Fenster und öffnete den Vorhang einen Spalt. »man hat mich angeschossen.« »Tut mir leid. und zwar aus einem Grund. daß sein Telefon wieder einmal abgehört wird. weshalb ich plötzlich als Zielscheibe diene. daß es ein Lkw war. Sie sah ihn hinter sich.Ergebnisse bekanntgeben konnte.« »Ich verstehe. während sie nervös darauf gewartet hatte. »Also gut. sagte sie und drehte sich um. Aber dann sah sie. das kann ich nicht. wenn Sie es nicht wissen«. »Bitte. Das schwarze Hemd und die Jeans erinnerten sie an ihre erste Reaktion. daß die Klappe hinter dem Sprechgitter zur Seite geschoben wurde. fliegen Sie nach Chicago zurück. Es erinnerte sie an schwüle Nachmittage im dunklen Beichtstuhl.

die Sie beschützen wollten. Das Licht begann zu zucken.« Seine Augen hingen an den sechs Büchern. und in der Ferne donnerte es. obwohl ich etwas vermute.« »Warum? Was steht in diesen Texten?« »Ich weiß es noch nicht genau. den sie gefunden hatte. und schließlich von der Flucht mit den Schriftrollen aus Ägypten. daß Mitternacht gerade vorüber war. »Aus persönlichen Gründen. »Und dafür setzen Sie Ihr Leben aufs Spiel?« »Ja. was ich bisher übersetzt habe.« »Und was?« Sie suchte in der Tasche und nahm einen Notizblock heraus. keinem Menschen etwas von dem zu sagen. was ich Ihnen jetzt zeigen werde. sagte er ernst. von dem Korb. ging damit zum Tisch. »Die Beduinenfrau.« Garibaldi las schweigend die Übersetzung. Ich nenne es ›Sabinas Brief‹.Aber Sie müssen mir versprechen. Ihr Eingreifen hätte uns beinahe verraten. Kurz darauf blickte Garibaldi ungläubig auf sechs zusammengefaltete alte Papyri. War es Zorn oder vielleicht nur Mißtrauen? »Ich gebe Ihnen mein Wort«. der Entdeckung des unterirdischen Gangs. »Hier ist das. schob den Laptop zur Seite und öffnete den Reißverschluß. Catherine sah auf der Digitaluhr des Radioweckers neben dem Bett.« Etwas zuckte in seinem Gesicht. Catherine griff nach der blauen Tasche. über die ich im 196 . Der Sturm nahm an Heftigkeit zu. Sie berichtete ihm kurz von der Sprengung und dem ersten Fragment. das war Danno.

der eine genaue Datierung ermöglicht.« »Diese Frau. Und genau das muß ich herausfinden. »kann ich diese Schriftrollen nicht der Polizei übergeben und auch nicht riskieren. Möglicherweise erstes Jahrhundert. spricht von Jesus!« Er sah Catherine an.Augenblick nicht sprechen möchte«. damit man dort eine genaue Datierung vornimmt. daß sie Havers in die Hände fallen.« »Dann ist das hier…«. in welcher Zeit sich die Geschichte ereignet hat?« »Ich hoffe. spricht von dem ›Gerechten‹. und die Welt würde nie etwas davon erfahren. Aber nach dem Griechisch zu urteilen. einer historischen Gestalt. denn sonst werden wir es nie erfahren. daß sie während der Herrschaft des Augustus geboren wurde. die Perpetua die Geschichte diktiert. damit könnte sie Jesus meinen. Wenn Sabina zum Beispiel sagen würde. diese Sabina. warum ich keine Zeit verlieren darf?« Garibaldi berührte mit dem 197 . »ein Bericht über das Leben unseres Herrn?« Sie nickte. dann wäre sie eine Zeitgenossin von Jesus. Verstehen Sie jetzt. »Schon möglich.« »Wie können Sie feststellen. Sabina. sagte sie leise. Er würde sie in seiner Sammlung verschwinden lassen. die in den Büchern erzählt wird. Deshalb darf Havers die Schriftrollen nicht bekommen. ist vielleicht älter. sagte er ehrfürchtig. in dem Text auf einen Anhaltspunkt zu stoßen. »In welchem Jahr wurde dieser Brief geschrieben?« »Ich habe eine Papyrusprobe in ein Institut in der Schweiz geschickt. deren Lebensdaten bekannt sind. stammt der Brief aus dem zweiten Jahrhundert. Ich glaube.« »Zweites Jahrhundert? Sind Sie sicher?« »Die Geschichte. etwa den Namen eines Kaisers oder eines Herrschers.

sagte Garibaldi. Haben Sie den Namen schon einmal gehört?« Er schüttelte den Kopf. »Warum dürfen Sie keine Zeit verlieren?« »Wegen der Photos. die Texte ›König Tymbos‹ zu übergeben. »›Wir‹?« fragte sie. das alles ist inzwischen ein Wettlauf mit der Zeit. nahm einen Stuhl und setzte sich an den Computer. die sich auf den Weltuntergang und das Jüngste Gericht bezog. sagte sie und griff nach dem gelben Notizblock und einem Kugelschreiber. dann weiß er bald genug. »Dann mache ich mich wohl besser an die Arbeit«. daß sie den genauen Zeitpunkt der Wiederkehr Christi erfahren hat. »Während Sie übersetzen. im zweiten Jahrhundert.Zeigefinger behutsam das erste Buch. wie seine Augen leuchteten.« Catherine berichtete von der Stelle. die Danno hatte. murmelte er.« »Wir werden beide arbeiten«. wo sich das siebte Buch befinden könnte?« »Sabina rät Amelia.« »Die Wiederkehr Jesu Christi«. und Catherine sah. den entweder wir gewinnen oder Miles Havers. Wenn Havers sie inzwischen übersetzen läßt. werde ich versuchen. die siebte Rolle aus Sicherheitsgründen an einem anderen Ort versteckt. Diese Informationen befinden sich wahrscheinlich in der siebten Schriftrolle. »Verstehen Sie. »Sabina sagt in ihrem Brief. eine 198 . Es fehlt ein Buch. Deshalb hat man damals. »Haben Sie eine Vorstellung. um die siebte Schriftrolle zu finden!« »Einen Augenblick! Es gibt eine siebte Schriftrolle?« »Diese sechs erzählen nicht die ganze Geschichte.

»Ich danke Ihnen«.« Er sah sie an. was Sie tun können.« Er drehte sich um und klickte auf ›TCP Manager‹ Als das Trumpet Winsock-Logo auf dem Bildschirm erschien. wenn wir uns die Arbeit teilen. konnte sich alles ändern – auch ihr eigenes Leben. sagte sie zu Garibaldi.« »Daran zweifle ich nicht.Verbindung zum Internet herzustellen.« Garibaldi startete den Computer.« Garibaldi klickte im Menü auf ›Wählen‹. Hatte das Modem die Flucht unbeschädigt überstanden? Kurz darauf hörten sie das beruhigende Wählgeräusch. Catherine erschrak. Ich nehme an. Sie blickte mit bleichem Gesicht auf Sabinas Geschichte und dachte plötzlich an ihre Mutter. aber wir können doppelt soviel erreichen. »Soll ich nicht?« Ein Donnerschlag ließ das Motel erbeben. Sie hörte die Warnung von Julius noch einmal. Je nachdem. ich kann besser mit einem Computer umgehen.« »Danno hat viel über Internet gemacht. 199 . daß Ihr Freund ein Login Script benutzt hat und daß das Modem funktioniert. »Ich bin froh über alles. und Catherine hielt den Atem an. aber Catherine unterbrach ihn: »Das müssen Sie nicht. was Sabina in den Texten sagte. murmelte er: »Hoffen wir. Mein Altgriechisch ist nicht mehr das beste. denn Ihr Freund hat Online gearbeitet. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. auch wenn sie gehofft hatte. Das Schicksal hatte einen Priester als ihren Begleiter ausgewählt. der Computer hat ein Modem. Sie dachte an Danno und an den reichen und mächtigen Havers. Mit ihm konnte sie nicht mehr rechnen. wie man mit dem Web arbeitet. Ich weiß. er werde ihr helfen.

wir brauchen wieder ein Paßwort. daß Danno eine Pistole hatte. und hinter dem Doppelpunkt blinkte der Cursor. Ihr Blick fiel auf seine muskulösen Arme.« »Man kämpft mit Stöcken?« »Manchmal…« Catherine sah ihn staunend an. und plötzlich verstand sie sein sportliches Aussehen. denn der Server in Santa Barbara verlangt ein Paßwort. schwarz lackierte Bambusstäbe geschnallt waren. »Danno hat kein Login Script benutzt«. und nun besaß dieser Priester Kampfstöcke als Waffe. Nachdenklich wanderte ihr Blick durch das Zimmer. das ihr bisher nicht aufgefallen war. daß sie auf seine schwarze Reisetasche deutete. »Sie kämpfen damit?« Ein Schauer lief ihr über den Rücken. Sie runzelte die Stirn und fragte: »Was ist das?« Garibaldi sah. »Das bedeutet. Sie verstand die Welt nicht mehr.Dann erschien die Meldung: Willkommen bei OmegaNets Santa Barbara. Plötzlich entdeckte sie etwas. auf die zwei fingerdicke. 200 .« »Wie bitte?« »Pangamot. »Das sind PangamotStöcke. Diesmal können wir uns nicht mit einer Überbrückung helfen. CA POP Darunter stand das Wort ›Login‹. »Sie praktizieren einen Kampfsport?« Er nickte. sagte Catherine. Zuerst stellte sie fest. Was schlagen Sie vor?« Catherine überlegte einen Augenblick. Sie wies auf die Stöcke und fragte: »Sind sie echt?« Er nickte. Ein philippinischer Kampfsport.

Alexander«. Sie drehte es um und las: ›Cathy Schulentlassung. Wir sind auf der Datenautobahn…« 201 . Dabei sagte er zufrieden: »Bitte anschnallen.»Dr. Manchmal hatte er sogar die eigene Telefonnummer vergessen. 15. Daniel machte sich stets Notizen. während Catherine auf den Bildschirm blickte. Wohin würde er seinen Anwendernamen und das Paßwort geschrieben haben? Spontan griff sie nach dem Photo an der Innenseite des Laptops und löste es vorsichtig ab.« Sie konzentrierte sich und dachte nach. Darunter stand mit einem anderen Stift geschrieben: ›dstevens. Juni 1979‹. »das Paßwort. Garibaldi tippte die beiden Namen ein. Klaattu. Es erschien die Meldung: PPP Script completed PPP aktiviert »Wir haben es geschafft!« rief Garibaldi und klickte auf das Symbol für ›Mosaic NetScape‹. sagte Garibaldi.

daß bereits ein einziger Laut die Ruhe zerstört hätte wie ein Stein. »Sabina Amelia… König. New Mexico »Perpetua«. waren aber sehr viel besser erhalten. die vor einer Stunde aus Santa Barbara eingetroffen waren. Wer sind diese Leute? Er rieb sich die Augen. In seinem Inneren knurrte der Tiger. Alles schien so still und regungslos. Sie erinnerten an die Schriftrollen vom Toten Meer. hatte er Teddy Yamaguchi ins Bett geschickt. Je mehr er über den Papyrus-Fund dieser Catherine Alexander erfuhr. Stammten sie aus dem Frühchristentum? Handelte es sich um ein bisher unbekanntes Evangelium? Hungerford hatte Zeke 202 . Die Berge wirkten vor dem blaßblauen Himmel wie ein Scherenschnitt. desto größer wurde seine Gier. Die Jagdlust war vor vier Tagen durch einen Telefonanruf aus Kairo erwacht. Ihr Wert? Es kam darauf an. Miles betrachtete die Photos auf der schwarzen Granitplatte seines Schreibtischs. Er hatte die ganze Nacht nicht geschlafen. Auch er verließ das Tropenhaus und zog sich in sein Büro im Turm zurück. wie war sein Name…« Miles hielt das Band an. Über der Wüste brach der Morgen an. der Glas zerbricht. hörte man Daniel Stevenson auf dem Band. Als es immer später geworden war. Aber der Anblick schenkte Miles keinen Frieden. Jetzt trat er mit einem halb unterdrückten Gähnen an ein Fenster und öffnete die Vorhänge. Er mußte die Schriftrollen bekommen.Santa Fe.

Er konnte kein Griechisch. dann konnte er sich ihren Plan bereits gut vorstellen. in dem Fragment. Buchstabe für Buchstabe übersetzte er die drei Worte: Amelia. Die Kopernikus-Tagebücher waren jahrzehntelang in 203 . Vermutlich würde sie die Papyri einem Museum oder einer Universität übergeben. von der Stevenson auf dem Band sprach? Warum war sie so wichtig? Überhaupt. warum veranlaßten die anderen sechs ›Bücher‹ eine Archäologin wie Dr. stehe der Name ›Jesus‹. was es war! Und eines wußte er mit Sicherheit: Es blieb ihm nicht viel Zeit. Er mußte unbedingt herausfinden. Alexander wollte die Schriftrollen übersetzen und den Inhalt aller Welt zugänglich machen. Was war das für eine siebte Schriftrolle. aber er kannte in etwa das griechische Alphabet. Σαβινα. das nach der Sprengung entdeckt worden war. Vornamen… Frauennamen? Im Gegensatz zu vielen der in den Qumran-Höhlen gefundenen Schriftrollen handelte es sich hier nicht um das Inventar des Tempelschatzes oder um Bücher des Alten Testaments oder um die Gesetze eines Geheimbundes. Das sagte ihm seine Intuition. Dieser Gedanke ließ ihn erschauern. Sabina. die er in ihr vermutete. sogar ihr Leben aufs Spiel zu setzen? Miles beugte sich über den Schreibtisch und betrachtete eines der Bilder genauer. Dr. Handelte es sich um Briefe der Frühchristen? Bestimmt war da noch etwas. Wenn diese Archäologin die Idealistin war. Hungerford hatte Zeke berichtet. daß Catherine Alexander das ›Jesus-Fragment‹ als eine Art Brief identifiziert habe. Περπετνα. Einige Worte schienen öfter vorzukommen als andere – Λήελία.gegenüber behauptet. damit die Wissenschaftler und alle Interessenten sie in Augenschein nehmen konnten. Perpetua. Alexander ihren Ruf.

interessierte sich nicht für die Kataloge von Christie’s oder Sotheby’s. Deshalb kannten sie bereits die Leihwagenfirma. Je seltener. so etwas löste in ihm das Verlangen aus. Sein Entschluß stand fest: Er mußte die Schriftrollen haben. Dr. je älter und – wie offenbar auch in diesem Fall – je heiliger etwas war. Alexander hatte ihrem Freund Stevenson gesagt. wenn sie schlau genug war. Im Augenblick erfüllten die geheimnisvollen sechs Schriftrollen aus dem Sinai alle diese Kriterien. begutachten oder untersuchen konnten. sie werde sich wie ein Kaninchen in einem Bau verstecken und die Schriftrollen übersetzen. das alle kannten. die SonnenwendKachina hatte sich in der Obhut weniger ausgewählter Priester befunden. verschwendete er keine Zeit damit. Wenn andere diese Dinge kaufen. Alexander sie für ihn entwerten konnte. Etwas. es zu besitzen. Genau das machte sie für Miles so begehrenswert. Was würde geschehen. Aber wie sollte er sie finden? Teddy Yamaguchi hatte seine elektronischen Überwacher aufgestellt. und diese Schriftrollen vom Sinai hatten in beinahe zweitausend Jahren nur zwei Menschen gesehen. dann würden sie für Miles verloren sein. je fragiler. bevor Dr. mit dem sich zahllose andere befassen konnten. keine Kreditkarte zu 204 . Aber etwas wie die eine Orchidee. Etwas Verkäufliches wollte er nicht. desto stärker wurde seine Besitzgier. Miles erschien nicht auf Auktionen. von der das Fluchtauto stammte. die niemand zu Gesicht bekam.einem Archiv verschollen gewesen. besaß für ihn keinen Wert. Aber wenn diese idealistische Archäologin sie der Öffentlichkeit zugänglich machte. die niemand kaufen konnte oder von deren Vorhandensein kaum jemand etwas ahnte.

so stellte Miles fest. »und da ist die Sache mit Kojote. daß er hier ist! Er wird mich morgen zu einem heiligen Platz auf der Cloud Mesa 205 .benutzen? Er ballte die rechte Hand zur Faust. und du warst nicht da«. sie zu finden. Es mußte noch einen anderen Weg geben. Die aschblonden Haare. daß die Kinder über die Feiertage hier sind. Erika trug einen pfirsischfarbenen Seidenmantel über einem weißen Spitzennachthemd. »Schlaflosigkeit? Möchtest du nicht vielleicht doch mit Dr. Er nahm sie in die Arme und küßte sie liebevoll. Und…«. mein Schatz.« Miles runzelte die Stirn. ich wollte dich nicht beunruhigen. Auf dem Monitor der Überwachungsanlage sah er seine Frau im Fahrstuhl. »Ich bin aufgewacht. daß alles in Ordnung war. sie zögerte einen Augenblick. sagte sie. Das machte sie noch attraktiver und begehrenswerter. als er sie an der Tür begrüßte. Ihr sonnengebräuntes Gesicht wirkte verschlafen. als sie den Schamanen erwähnte. es liegt einfach daran. trug sie offen über der Schulter. ich glaube. »Soll ich ihn auffordern zu gehen?« »O nein! Ich möchte. Sanford darüber sprechen?« »Nein. »Entschuldige. »Ich habe wieder einmal unruhig geschlafen«. sagte sie. Welchen? Was hatte er übersehen? Der Summer der Bürotür riß ihn aus seinen Gedanken.« Miles erledigte seine Geschäfte auf der ganzen Welt und rund um die Uhr. Trotzdem vergewisserte sich Erika immer. denn er hatte es oft mit anderen Zeitzonen zu tun.

« Er küßte sie noch einmal.« Nachdem Erika den Turm verlassen hatte. dann kann man dort die unsichtbaren Wege der Götter und Ahnen sehen.führen.« »Da ist nichts.« »›Die unsichtbaren Wege der Götter‹«. das sich in seinem Bau in Sicherheit gebracht hatte? Wie sollte er Catherine Alexander aus ihrem Versteck locken? Miles betrachtete die Abzüge in aller Ruhe. zumindest nichts für das menschliche Auge. daß sich dort oben überhaupt etwas befindet. Verstehst du. Nervös trommelte er mit dem Finger auf den Granit. wenn man weiß. wo noch immer die Photos lagen. Was hatte Stevenson gesagt. dann mußt du dein sicheres Versteck nicht verlassen‹ Unvermittelt hörte er Erikas Worte wie ein Echo: ›Die 206 .« »Ich wußte nicht. als er den P245-Papyrus im Britischen Museum fand? Catherine Alexander brauche Kopien ähnlicher Schriftrollen. Wie sollte er das Kaninchen finden. die Zeke aus Stevensons Wohnung mitgenommen hatte. um ihre Übersetzung zu vereinfachen… Wie hatte Stevenson das ausgedrückt: ›Überlaß das Suchen den elektronischen Fingern. wo sich vermutlich der Papyrus aufgelöst hatte. Ihm fiel auf. Es gab sogar Lücken. »Ich komme bald nach. daß nicht alle Textstellen gut lesbar waren. Auf einer Aufnahme entdeckte er. »Das klingt schön. das ist etwas Ähnliches wie die Traumpfade der Aborigines in Australien. wiederholte Miles und lächelte. daß ein ganzer Satz fehlte. Aber Kojote sagt. wie man sehen muß. ging Miles zum Schreibtisch zurück.

sagte Miles. Der Gedanke. Aber es gab andere Wege. auf richtigen Straßen zu fahren. Cyberspace! Dort würde er sie zur Strecke bringen. Catherine Alexander würde nicht wagen. denn im Internet war er. ›Die unsichtbaren Wege‹ unserer Zeit sind die Datenautobahnen! »Teddy. daß das Kaninchen durch sein Reich rannte. es gibt Arbeit«. und alle Müdigkeit war schlagartig verschwunden. der unangefochtene Herrscher. denen sie auf der Suche nach Kopien folgen konnte. Miles Havers. Miles drückte auf seinem Handsprechgerät eine Nummer und weckte Teddy Yamaguchi. Das ist es! Der Tiger duckte sich zum Sprung. versetzte ihm einen Adrenalinstoß. 207 . Dort würde man sie früher oder später entdecken.unsichtbaren Wege der Götter…‹ Miles richtete sich auf.

DER FÜNFTE TAG 208 .

Sie spürte etwas Kaltes. Die Decke war nicht zurückgeschlagen. aber sie hörte etwas. im Sessel eingeschlafen zu sein. daß es ein kleiner Jadeanhänger war – ein Jaguar an einem Lederriemen. Er hatte ihr die Sandalen ausgezogen und sie mit der Decke zugedeckt. seufzte und umfaßte den Kopf mit beiden Händen… Danno! Sie stand auf und ging zu ihrem Gepäck. Dann wußte sie es. Sie hörte das Wasser der Dusche. Dezember 1999 Santa Ynes-Berge. Sie tastete danach. daß sie nicht wie üblich ein übergroßes T-Shirt anstelle eines Schlafanzugs trug. aber zerdrückt. er werde sich ins Internet einloggen. Sie erinnerte sich nicht daran. Sie blickte zum anderen Bett. Regen… Regen im Sinai? Sie stellte fest. Garibaldi hatte gesagt. Kalifornien Catherine wachte auf und versuchte. wo sie war. sich daran zu erinnern. hielt es vor die Augen und sah. Offenbar hatte er sich nicht zugedeckt. Catherine setzte sich auf. Licht drang durch den Türspalt. 18. Sie lauschte auf die vertrauten Lagergeräusche. Plötzlich fiel es ihr wieder ein: Die Killer hatten Danno ermordet… ihre Flucht durch den Regen mit Garibaldi. wartete auf den Ruf des Muezzin vom hohen Minarett in der Ferne.Samstag. das sie zuerst nicht einordnen konnte. daß die Schriftrollen 209 . Sie lag auch nicht in ihrem Feldbett. Auf dem Tisch vor dem Fenster stand Dannos geöffneter Laptop. Als erstes vergewisserte sie sich. Langsam setzte sie sich auf. Die Tür zum Bad war geschlossen. Irgendwann mußte sie Garibaldi ins Bett getragen haben. Hartes an ihrem Hals.

öffnete sie die Tasche und warf einen Blick hinein. daß die Stöcke an der Wand lehnten. Sie blickte noch einmal zum Bad. Alles schien so. eine kleine Flasche Öl.« Catherine bürstete ihre langen kastanienbraunen Haare. während sie schlief. Da die Dusche noch lief. Garibaldi hätte die sechs Bücher an sich nehmen und davonfahren können. und meine Wut kennt keine Grenzen. Kann ich ihm vertrauen? Sie sah seine schwarze Reisetasche. »Entschuldigen Sie«. die offenbar Weihwasser enthielt. »Ich bin wirklich ein Priester. daß Sie die Wahrheit gesagt haben. möchte ich jetzt duschen und dann so schnell wie möglich von hier weg.« »Ich verstehe. Julius anzurufen. Wenn Sie nichts dagegen haben. Aber das hatte er nicht getan. denn sie wollte kein Risiko eingehen.« Er betrachtete sie aufmerksam und fragte: »Wie geht es Ihnen?« »Mein inneres Uhrwerk ist überdreht.« Sie blickte auf sein T-Shirt und sah dann. Sie lagen unversehrt zwischen den Einbanddeckeln des paläobotanischen Handbuchs.« Sie zuckte zusammen. Er trug eine schwarze Baumwollhose und ein schwarzes T-Shirt mit dem Aufdruck ›Dong Meyong Pangamot‹.noch da waren. Garibaldi stand in der Badezimmertür. ein Buch – Die Stundengebete – und den neuen Roman von Tony Hillerman. eine andere. Sie sah eine Stola. Sie unterdrückte den Wunsch. wie sie es in der Nacht zurückgelassen hatte. »Ist Pangamot etwas Ähnliches wie Karate?« »Es ist auch ein Kampfsport. die vom Duschen noch feucht waren. sagte Catherine. »Ich wollte nicht neugierig sein. Havers ließ inzwischen bestimmt alle Anrufe 210 . aber ich mußte mich vergewissern.

daß sie weder mit Julius noch mit einem anderen Menschen Kontakt aufnehmen durfte. ich habe schon getankt. Das war jedoch nicht der Grund dafür. und im nächsten Augenblick kam Garibaldi ins Zimmer. aber genau das nicht konnte. wie die Kirche ihre Mutter verfolgt und noch im Sterben gequält und bestraft hatte. der ihr Trost bringen sollte. betete und beichtete. Er war am Abend nach der Beerdigung ihrer Mutter zu ihr gekommen. Ein katholischer Priester. Wieder einmal erinnerte sie sich an Dannos Worte vor dreizehn Jahren. Daran hatte sich bis heute nichts geändert. ›Das ist keine Lösung‹. obwohl die Last auf ihrer Seele unerträglich schien. daß ihm vor dem Tod ein Priester die Letzte Ölung geben würde. als sie sich mit Schlaftabletten das Leben nehmen wollte. Aber an jenem Abend hatte sie ihren Glauben verloren. Daniel war damals ein gläubiger Katholik gewesen.abhören. Sie wußte. sich von ihm trösten lassen. für ihn war es von großer Bedeutung. Sie würde nie vergessen. der im Augenblick nicht im Zimmer war. Sie dachte an Garibaldi. ging Catherine schnell unter die Dusche und überließ ihm das 211 . bis die Arbeit getan war. Sie wollte sich in seinen Armen ausweinen. den Schock von Dannos Tod zu überwinden. Ein Priester hätte Daniel seelischen Trost schenken können… Sie hörte Schritte auf dem Kies.« Er brachte außer Kaffee und belegten Brötchen auch eine Zeitung. Er würde ihr beistehen und helfen. »Die Tankstelle ist offen. Er hatte sie vor diesem unsinnigen Schritt zurückhalten können. hatte Daniel gesagt. Er ging zur Kirche. Ihr wurde klar. daß sie augenblicklich erstarrte… Nachdem Garibaldi aus dem Bad gekommen war. Aber sie sehnte sich verzweifelt nach Julius. und der Regen hat nachgelassen.

Vater McKinney war in der Soutane im Krankenhaus erschienen. eine schwarze Schärpe um die Hüfte und ein kleines goldenes Kruzifix an einer Goldkette um den Hals. die Polizei weiß nichts von mir. Sie werden bestimmt nicht wissen. daß mich die beiden Killer in der Dunkelheit und bei dem Regen nur undeutlich sehen konnten.Zimmer zum Ankleiden. Catherine hatte ihm vorgeworfen. Die Leute werden 212 . »Ich vermute. stellte die Kaffeebecher auf den Tisch und legte die noch warmen Brötchen daneben. Er trug nicht mehr die schwarze Baumwollhose und das Pangamot T-Shirt. Die Polizei hat bisher noch keine Einzelheiten bekanntgegeben. letzte Spalte. Wenn ich die Soutane trage. »Deshalb. Seite drei. aber man vermutet ein Verbrechen. gewinnen wir vermutlich etwas Zeit. Was hatte sie ihm an jenem Abend nicht alles vorgeworfen – ihm. er werde sich nach Benzin erkundigen und Frühstück besorgen. Nach Aussagen von Zeugen wurde eine Frau gesehen. daß Ihnen ein Mann bei der Flucht geholfen hat«. Daniel Stevenson wurde gestern abend in seiner Wohnung in Santa Barbara tot aufgefunden. Auf dem Tisch lag eine Notiz. sagte Garibaldi. daß ich Priester bin. war er nicht mehr da. Blitzartig stellte sich bei diesem Anblick die Erinnerung an den Abend vor dem Tod ihrer Mutter ein. schwarze zugeknöpfte Soutane. die aus dem Haus floh…‹ »Es wird nicht erwähnt. sondern eine lange.« Sie sah die Meldung: ›Der Archäologe Dr. Deshalb war sie auf sein Aussehen nicht vorbereitet. mit der sichtbaren Autorität seiner kirchlichen Macht ihre Mutter beeinflussen und einschüchtern zu wollen. dem Priester und der Kirche und natürlich auch Gott! »Weshalb tragen Sie das?« Er reichte ihr die Zeitung. Ich bin auch der Meinung. Als sie kurze Zeit später das Bad verließ.

jetzt glaube ich Ihnen. »Während Sie schliefen. sagte Garibaldi leise. Wenn ich mich als Zeugin bei der Polizei melde. Auf den Photos ist im Hintergrund ein Mann zu sehen.« Er verschloß die Reisetasche.« »Sie irren sich. habe ich im Internet nach Zeitungsphotos von Havers gesucht. daß Miles Havers hinter mir her ist. Wenn ich mich anonym melde und sage. Ich kann der Polizei nicht sagen. Verzeih mir. werden sie es nicht glauben. und dann war dein Tod völlig sinnlos. der Ihren Freund ermordet hat.einen Priester sehen und der Frau in seiner Begleitung weniger Aufmerksamkeit schenken. auf den Ihre Beschreibung des Killers paßt. »Wir sollten so schnell wie möglich losfahren«. Danno.« »Sie glauben mir wirklich?« Er nickte. Noch nie im Leben hatte sich Catherine so hilflos gefühlt. »Sind Sie fertig?« Catherine sah den großen Mann in der schwarzen Soutane an und fragte: »Warum bleiben Sie bei mir?« Eine gewisse Bitterkeit lag in ihrer Stimme.« Catherine ließ die Zeitung sinken. Sie kämpfte mit den Tränen. man wird mir die Schriftrollen abnehmen. dachte sie verzweifelt. wird man mich verhaften. unter welchen Umständen du gestorben bist. daß Miles Havers hinter dem Mord steckt. »Wir sollten so schnell wie möglich hier weg. als sie hinzufügte: »Sie glauben nicht.« »Wird man sich in Ihrer Gemeinde nicht Gedanken machen? Werden Sie nicht erwartet?« »Ich habe noch ein paar Tage Urlaub.« »Und dann?« 213 .

Danno. war an diesem grauen Morgen wenig los. lag kalt und starr in einer Leichenhalle.« »Er ist nicht allein. flüsterte sie. der den Luftdruck der Reifen überprüfte.« Sie sahen sich zuerst vorsichtig auf dem Parkplatz um. Sie hielt die Zeitung in den Händen und dachte an die kleine. Daniel war nach Ihren eigenen Worten ein gläubiger Katholik. Glauben Sie an ein Leben nach 214 . der sich von nichts entmutigen ließ. Daniel ist in Gottes Hand. Garibaldi hatte bereits die Rechnung bezahlt.« »Er ist ohne die Letzte Ölung gestorben. mir etwas von seinen neuesten Erkenntnissen über die Maya-Wandbilder zu erzählen… Eine Hand legte sich auf ihren Arm. Deshalb mußte Catherine nicht noch einmal in das Büro.« Sie wischte sich die Tränen vom Gesicht. »Wenn ich das nur glauben könnte…« »Hören Sie. Was bedeutet das für seine Seele?« »Entscheidend ist der Entwicklungsstand seiner Seele im Augenblick des Todes. Sie hörte Garibaldis Stimme: »Ist alles in Ordnung?« Catherine stellte fest.»Dann werde ich mir etwas einfallen lassen. Abgesehen von ein paar verschlafenen Gästen und einem Lkw-Fahrer. Er dürfte nicht so allein sein. »Entschuldigen Sie«. Er hatte nicht einmal mehr Gelegenheit. unauffällige Meldung auf Seite drei. daß ihr die Tränen über die Wangen liefen. der Einzelgänger. Als Garibaldi den Motor anließ. Das sollte auch Sie trösten. »Ich habe an Danno gedacht. Sie stiegen ungesehen in den Wagen. Sein Glaube führt ihn zu Gott. fragte er Catherine: »In welche Richtung fahren wir?« Aber sie hörte seine Frage nicht.

murmelte Catherine. nach Norden. hat er einen Fehler gemacht. sagte er: »Wir sollten losfahren. Als Miles Havers beschlossen hat. Vorsichtig schlug sie das paläobotanische Handbuch auf 215 .« »Haben Sie Angst vor dem Tod?« Sie ließ den Kopf sinken und flüsterte kaum hörbar: »Ja…« Er wartete geduldig. sagte sie mit kaum unterdrücktem Zorn.« Während Garibaldi den Mustang zur Auffahrt des Highway fuhr. denn er handelt sich damit mehr ein. Ich hoffe. wo Santa Barbara und Malibu lagen und wo Julius lebte – dorthin. ob sie noch etwas sagen würde. an dem wir bleiben können. »Gut. als verschließe sie ihm ihre Gedanken. griff Catherine in die blaue Tasche und holte die sechs Bücher in dem dicken Umschlag heraus. da habe ich nicht daran gezweifelt. »Die Killer. Wir müssen einen Platz finden. »werden nicht ungeschoren davonkommen. was nach dem Tod mit uns geschieht. Heute bin ich nicht so sicher. daß sie die Augen schloß. aber als er feststellte.« »Also. Manchmal glaube ich. wo es Sicherheit und Wärme für sie gab. als er zu gewinnen hofft. die Danno ermordet haben«.dem Tod?« »Ich… ich weiß nicht«. »Es gab einmal eine Zeit. Sie drehte sich um und blickte in Richtung Süden. in welche Richtung fahren wir?« »Nach Norden«. den Kampf mit mir aufzunehmen. In welche Richtung fahren wir?« Catherine hob den Kopf und starrte durch die Windschutzscheibe in den grauen Tag. muß schrecklich und beängstigend sein. damit Sie die Schriftrollen übersetzen und ich wieder eine Online-Verbindung bekomme. daß uns das Internet auf eine heiße Spur zur siebten Schriftrolle führt. sagte sie entschlossen.

bewegt uns alle die eine Frage: Was geschieht mit uns. bei weisen Männern und Frauen. sie habe eine wichtige Nachricht von den Priesterinnen der Hekate. ich brachte Kinder zur Welt und spendete Sterbenden Trost. Aber verzeih mir. Ich habe die Kunst des Heuens gelernt. das unter diesem Dach zur Welt kommen werde. aber die Frau sagte. die uns voneinander trennen. Ich bin bis an die entferntesten Grenzen des Reichs gereist und habe die erstaunlichsten und auch schrecklichsten Dinge erlebt. und ihr sollt wissen. ehe das Schicksal eingriff und den Weg meines Lebens für immer veränderte. liebe Amelia. bei den Unwissenden und Schlechten. Doch an allen Orten. Dann begann sie zu lesen… Seltsame Vorzeichen ereigneten sich in der Nacht meiner Geburt. den Hoffenden und Verzweifelten habe ich eine weltumspannende Wahrheit gelernt. wenn wir sterben? 216 . ich greife vor. Ich verstand die ganze Tragweite der Prophezeiung erst viele Jahre später. Staatsmännern und Dieben. Meine Familie kannte sie nicht. was auch ich werden sollte. den Gebildeten und Ungebildeten. in den Städten und Dörfern. Das Schicksal hielt Wundersames für mich bereit. Meine Mutter erzählte mir später von einer Wahrsagerin. Euch gilt mein Friedenskuß. In den acht Jahrzehnten meines Lebens begegnete ich Königen und Bauern. Trotz der unendlich vielen Unterschiede. daß meine Mutter ein Diakon war. Zuerst sende ich Dir und meinen Schwestern auf dem Weg des Gerechten meine Grüße.und entfaltete die erste vergilbte Papyrus-Seite. Es gehe um das Schicksal des Kindes. die in unserem Haus erschien.

denn dort würde der Stern erscheinen. Liebe Amelia. Jedes Jahr feierte meine Familie mit den anderen Bürgern von Antiochia die Wiedergeburt des Hermes. unterwegs auf fernen Straßen. Meine Mutter glaubte an die Kraft von Amuletten. Sie legte mir am Tag meiner Geburt das Hermeskreuz um den Hals. bei den Begegnungen auf den Marktplätzen und in den Karawansereien der Welt habe ich schließlich die Antwort gefunden. trage ich es über meinem 217 .Liebe Schwestern. ob Mithras immer noch diese Macht besitzt. In jeder Woche nahm er am Tag der Sonne an geheimen Ritualen im Tempel teil. zu der die Drei Könige wiesen. und wir sangen das Lied: Leben. muß ich die Geschichte am Anfang beginnen. als einzige Tochter einer reichen und angesehenen Familie geboren. ich frage mich. in den vielen Jahren. denn das bedeutete. Sein Erscheinen am Horizont wurde von den drei Sternen im Gürtel des Orion angekündigt. und bis auf den heutigen Tag. Ich wurde in Antiochia. rette uns mit deiner Kraft! Gott mache uns zu geistigen Wesen. An diesem heiligen Tag blickten wir am frühen Morgen auf die Stelle am Horizont. Die Ewigkeit schenkt uns den Segen. Wenn er dann aufging. Wir gingen zum Fluß und hielten am nächtlichen Himmel Ausschau nach dem Stern Sirius. Aber bevor ich mein Wissen mit euch teile. Er stand sogar über Isis. Nur bei Dir finden wir Frieden… Mein Vater gehörte zu den Anhängern des Mithras. Mithras war damals ein mächtiger Gott in Antiochia. die man die ›Drei Könige‹ nannte. liebe Schwestern. in Syrien. der Himmelskönigin. war der Jubel groß. In ihrer Jugend war meine Mutter in die Mysterien des Hermes Logos eingeweiht worden. Hermes war wiedergeboren.

sie gaben ihm durch ein Rohr. Er ist ein verständnisvoller Gott. Meine Großmutter. Sie suchte nach ihm im Reich der Toten. und alle seine Anhänger sind glücklich. Sie saß an seinem Grab. Mutter! Er schläft in der Erde.Herzen. Die Frauen meiner Familie sprachen mit meinem verstorbenen Bruder und berichteten ihm von den Ereignissen in der Familie. Milch und Honig. Trotz des wöchentlichen Rituals schien meine Mutter mehr zu wollen. Ich wuchs in einem stillen Haus heran. das in seinen Sarg führte. Meine Eltern waren untröstlich. denn der Gott ist das sichtbar gewordene Wort. zum Totenfeld zu gehen und das Grab meines Bruders zu pflegen. So war das. und die Welt wurde erschaffen. rief seinen Namen und wollte wissen.‹ Als ich älter wurde. Die Frauen sprachen zu ihm. Doch trotz ihres Glaubens war meine Mutter keine glückliche Frau. so wie alle Angehörigen durch ähnliche Röhren ihren Toten Wein geben. Sie brachten ihm manchmal sogar Spielzeug. wo er sich befand. Sie suchte 218 . Es gehörte zu unserem wöchentlichen Ritual. von seinem toten Sohn zu sprechen. An seinem Grab fand dann ein rituelles Mahl statt. Sie glaubte wie alle Anhänger des Hermes Logos an die Magie des Wortes. verstand ich sie besser. Die Erinnerung an meinen Bruder stand immer zwischen mir und meinen Eltern. Ich hatte einen Bruder. Ich deutete mit dem Finger auf die Erde und sagte: ›Da ist er. der als kleines Kind starb. der als Toter mein Leben überschattete. Als Dreijähriger erkrankte er am Fieber und überlebte es nicht. Mein Vater brachte es später nie über sich. Ich hatte einen Bruder. die Tanten und Nichten begleiteten meine Mutter dorthin. Hermes sprach das Wort.

die ihm Fragen stellten und ihn ›Rabbi‹ nannten. Meine Mutter hüllte sich in ihre Trauer wie in einen Mantel. es sei das Fieber.nicht den kleinen Jungen. Als ich acht wurde. daß meine Eltern wie Fremde zueinander waren. das Meersalz habe seinen Rücken geheilt. Mein Vater ging nicht mit uns zu dem Grab. Eine Art seelische Krankheit lastete über unserem Haus. aber ich kann mich noch deutlich an das Gesicht des Mannes in der Wüste erinnern. die ihn im Laufe der Jahre immer abweisender und schweigsamer machte. Manchmal dachte ich. Ich glaubte. ich höre noch den Klang seiner Stimme und sehe den Kreis der Zuhörer. Dort. Jener Tag an dem Ufer das Salzmeeres liegt zwar schon viele Jahre zurück. denn sie gaben sich gegenseitig die Schuld am Tod meines Bruders. es sei noch nicht überwunden und verbreite Tag für Tag sein tödliches Gift. sondern seine Seele. Es kam so weit. Er sprach nie über den verlorenen Sohn. Er sprach in seiner Sprache. und ein anderer übersetzte seine Worte ins Griechische. denn er konnte ein schweres Rückenleiden meines Vaters nicht kurieren und empfahl ihm das berühmte Heilwasser des Salzmeeres. Mein Vater entfernte sich von der Versammlung und ging zu den Bädern und Ärzten. obwohl ich nichts von dem verstand. damit auch die Fremden unter den Zuhörern den Mann verstanden. in der Wüste von Judäa. und mein Vater sagte. mein Vater errichtete eine kalte und stumme Fassade. und ich blieb bei ihr. Der Arzt meines Vaters riet dazu. Wir kehrten nach Antiochia zurück. was er sagte. Er hatte 219 . Selbst heute kann ich mich an kein einziges Wort erinnern. Aber meine Mutter wollte dem Mann zuhören. hörten wir einen Mann predigen. machten wir uns auf eine lange Reise. das meinen Bruder getötet hatte.

Es war eine Zeit der Unsicherheit. in der viele in ihrer Verzweiflung und Angst Antworten auf spirituelle Fragen suchten. Man sagte uns. der zu den wenigen sprach. sagte sie: ›Heute nehmen wir einen anderen Weg. Damals. und wir gelangten an einen Platz. herrschte große Unruhe unter den Menschen. daß jeder durch Verzeihen das Tor aufstoße und so zum Weg des Lichts finde. Normalerweise ging meine Mutter an solchen Versammlungen achtlos vorüber. aber an diesem Tag blieben wir stehen und hörten zu. Mein Vater nannte das den ›Marktplatz der Religionen‹. besuchte meine Mutter auf unserem wöchentlichen Weg durch die Stadt zum Grab meines Bruders wie immer den Astrologen. Man trieb Handel mit dem Segen der Götter und schacherte mit der Hoffnung auf die Gunst der Unsterblichen. Der Mann. liebe Schwestern. und ein Mann redete zu ihnen. weshalb sie den anderen Weg 220 . die durch das EpiphaniaViertel zur Stadtmitte führte. sogar der Kaiser in Rom werde als lebender Gott verehrt. Nachdem wir die Hauptstraße erreicht hatten. die zu den Menschen sprachen. In der Stadt gab es die Anhänger der unterschiedlichsten Religionen.nie wieder Schmerzen. wo Kamele und Schweine. Eine Gruppe Menschen stand in der Mitte. wo jeder einen Gott oder einen Glauben verkaufe. Sklaven und Esel verkauft wurden. Dieser Tag veränderte meine Mutter von Grund auf. Auf die Plätze kamen viele Prediger.‹ Es dauerte nicht lange. an jeder Kreuzung stand die Statue eines Gottes. die sich dort eingefunden hatten. Jedes Viertel hatte seinen eigenen Tempel. Der Mann sprach von Vergebung und davon. war ein Fremder. Als ich sechzehn war. Später konnte sie nie sagen. in jeder Straße gab es einen Schrein. Man sah dort die Boten des Hermes und die Anhänger von Zoroaster.

Man fragte ihn: ›Was ist das für ein Königreich‹ und er antwortete: ›Das Königreich des Himmels. Von da an strahlte aus ihr ein neues Licht.‹ Einige machten sich über ihn lustig und riefen: ›Du sagst. und man fragte ihn: ›Welchem Gott?‹ Er antwortete: ›Es gibt nur einen Gott. unnahbaren und lieblosen Mann geworden war. sie verzieh meinem Vater und warf ihm nicht länger vor. jeder möge dem Nächsten in 221 . Die Worte des Predigers schienen die Saat der Bitterkeit abgetötet zu haben.‹ Man fragte ihn: ›Sprichst du vom Leben nach dem Tod?‹ und er antwortete: ›Ja. Wir stehen im Augenblick der Geburt auf der Schwelle des Todes.‹ Er sagte: ›Wir müssen verzeihen‹. das in uns allen ist.gewählt oder weshalb sie dem Mann zugehört hatte. Aber anschließend gingen wir nach Hause zurück. aber die anderen hörten schweigend zu. Der Mann auf dem Platz hatte über viele Dinge gesprochen. Er sagte: »Rache steht nur Gott zu«. aber wir werden sterben.‹ Man fragte ihn: ›Wie gelangen wir in dieses Königreich‹ und er erinnerte sie daran. Wer diesen Glauben annimmt. das Leben nach dem Tod sei in uns. Soll das heißen.‹ Der Mann sprach dann von einem Königreich. die so viele Jahre im Herzen meiner Mutter lag. nachdem ihr gestorben seid.‹ Man fragte ihn: ›Was ist das für ein Himmel?‹ und er antwortete: ›Dorthin werdet ihr gehen. Sie wurde wieder glücklich und jung. daß er zu einem kalten. Und der Mann sagte: ›Wir sind nicht tot. und man fragte ihn: ›Warum sollen wir verzeihen?‹ Er antwortete: ›Nur so könnt ihr euch retten. die wir nicht verstanden. wir sind bereits tot?‹ Die einen lachten. wird zu einem Wanderer auf dem Weg.

und wir lauschten seinen Worten. von dem er so oft sprach. war jedoch dies: ›Der Gerechte hat den Tod überwunden‹ Der Mann blieb als Gast in unserem Haus und lehrte uns das Wissen des Gerechten. der Mann war.‹ Ich stellte fest. und schließlich luden wir den Mann ein.‹ Das Wichtigste. was unsere Herzen beschwerte. denn nichts geschieht zufällig. Danach gingen wir jeden Tag zu diesem Platz. wenn man vergibt‹ und er antwortete: ›Man findet die Einsicht. jemand in der Menge fragte: ›Was geschieht. denn im Reich gab es viele Kriege. Und er ermahnte uns: ›Der Gerechte sagt: Suchet. Durch Verzeihen und Einsicht werdet ihr Freiheit und Frieden finden.seinem Herzen vergeben. Er heilte die Kranken und half den Bekümmerten. und sie hatten Angst. Die Menschen in den Städten waren unzufrieden. Klopfet an und euch wird aufgetan. Und mit dem Frieden kommt das Licht. denn ich sah. daß dies der Wahrheit entsprach. denn damals war das Leben im ganzen Reich von vielen Gefahren bedroht. Wir versammelten unsere Dienstboten und Sklaven. und keiner schenkte 222 . Alles ist Teil eines größeren Ganzen. in unser Haus zu kommen. was der Mann uns sagte. wie sich meine Mutter veränderte. Wir fragten unseren Gast: ›Wann wird das Ende der Welt kommen? Heute? Morgen? Noch zu unseren Lebzeiten‹. Jeder verriegelte nachts die Tore. Was geschehen soll. und ihr werdet finden. daß der Gerechte. wird geschehen. Wir stellten Fragen über alles. an den Grenzen brachen Seuchen aus. den wir in der Wüste Judäas gehört hatten. und in den Kolonien rebellierten die Stämme gegen ihre Herren. und mir wurde bewußt. so wie er es bei seinem Lehrer gelernt hatte. unsere Freunde und Nachbarn.

‹ Meine Mutter sagte zu mir: ›Das ist der richtige Glaube. Die Versammlungen fanden in unserem Haus statt. einem jeden werden die Zeichen offenbart werden. Mein Vater ließ sich jedoch nicht zum Weg des Gerechten bekehren. Aber damals wurden wir nicht angegriffen. Ich verspreche euch. das wir Tod nennen. und bald mußten die Versammlungen im Freien stattfinden. als die Männer 223 . Meine Mutter übertrug immer mehr Mitgliedern die Diakonswürde. Auf diese Weise wuchs die Gemeinschaft weiter und zählte immer mehr Mitglieder. Wer wie meine Mutter die wöchentliche Lesung der Botschaft übernahm und das Liebesmahl vorbereitete. die dem Weg des Gerechten folgten.‹ Und so entstand eine Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern. Die Zahl unserer Mitglieder wuchs. Von Perpetua erfahre ich. daß man damals. Wir konnten uns ungehindert treffen. Erst Jahre später fand ich in meinem Leben die Lösung für einen anderen Teil des Rätsels… Ja. Sabina.dem anderen Vertrauen. Die Menschen kamen aus allen Teilen der Stadt. aber ich werde müde. die zusammengefügt die klare Antwort geben. damit sie ebenfalls Versammlungen abhalten konnten. Wir müssen die Botschaft so weit wie möglich verbreiten. denn wir alle haben die Teile in uns. denn der Gerechte ist Gottes Sohn. In Alexandria hörte ich zum ersten Mal von dem neuen Zeitalter… Ich bitte Dich um Verständnis. erhielt die Würde eines Diakons. Amelia. ich spreche bewußt von einem ›Rätsel‹ und meine damit das große Mysterium. daß sich das inzwischen wegen der Verfolgungen geändert hat. damit viele den Weg finden. Unser Gast antwortete: ›Ihr werdet das Ende an den Zeichen erkennen. Perpetua sagt mir. denn sie wollten die Botschaft hören.

Ich weiß auch. ich überbringe euch die gute Nachricht. wie und wann der Gerechte zurückkehren wird. daß sie nicht weitersprechen konnte. Ich befürchtete.mich fanden und in das Kastell brachten. Meine Schwestern.‹ 224 . sitzt im Bett und sagt. Aber wie durch ein Wunder hat sie sich wieder erholt. daß sie ewig leben wird. daß mir offenbart worden ist. Ich weiß um das Ende aller Dinge und um die Wiederkunft des Gerechten. (Perpetua schreibt: ›Liebe Amelia. Vielleicht war ich tot. sie werde sterben. daß sich meine Mutter in ihrer Vorstellung vom Tod geirrt hat. Sie möchte den Bericht in ein paar Tagen fortsetzen. Sabina wurde von den Erinnerungen so überwältigt. geglaubt hat. ich sei tot.

Bei seiner Rückkehr war das Haus leer gewesen. daß sich die geheimnisvolle Anruferin unter dem Namen ›Meritites‹ meldete – der Name der Königin. warum die Betonung darauf. Niemand sollte wissen. daß Julius zuerst dachte. ja rechnete fast damit. 225 . Aber Daniel hatte sich nicht gemeldet. deren Mumie er vor einem Jahr untersucht hatte. daß sie in Sicherheit war und sich verstecken würde. Er hörte sich das Band mehrmals an. nach ihrem Streit ins Institut gegangen zu sein. vergaß sie ihre Haare und machte sich nicht die Mühe. weil er hoffte. Kalifornien Die Mitteilung auf dem Anrufbeantworter war so eigenartig. Warum diese Vorsicht? Warum ›Meritites‹ und die verstellte Stimme? Vor allem. jemand habe sich einen Scherz mit ihm erlaubt. sie sei dort. wenn sie sehr konzentriert arbeitete. wo sie sich befand – auch er nicht. Er hätte bei ihr bleiben müssen. die mit verstellter Stimme sprach.Santa Monica. Er schloß die Wohnungstür mit seinem Schlüssel auf und hoffte. Doch dann fiel ihm auf. daß die Frau Catherine war. sie zu frisieren oder mit einer Spange zusammenzuhalten. daß es ihr gutgehe? Jetzt machte er sich noch größere Vorwürfe. Sie wollte ihm offenbar mitteilen. Versunken in die Übersetzung würden ihr die langen kastanienbraunen Haare über die Schultern fallen – immer. Deshalb fuhr Julius zu ihrer Wohnung in der Fifth Street in Santa Monica. und als er die Nachricht fand: ›Ich muß für ein paar Tage weg!‹ hatte er bei Daniel Stevenson angerufen. bis ihm schließlich dämmerte. sie über die Schriftrollen gebeugt zu finden.

noch immer die Brandung vor der Terrasse hören zu können. Ja. »wo immer du auch sein magst. Wo immer sie sein mochte. eher kastanienrot. und die Frau war bereits auf der Treppe. Er glaubte. das auf das Bett schien. Das fand er sexy und sehr herausfordernd. »Cathy«. Er sah das Mondlicht. »Nein. und auf dem Eßtisch lagen ein Stapel Post und Zeitungen. Die Fremde rannte aus Dr. Komm zurück.« Er tröstete sich damit. Julius schloß die Augen.Aber Catherine war nicht in der Wohnung. Wir werden zusammen eine Lösung finden. nicht rot. das ist schon besser. daß Catherine unabhängig war und für sich sorgen konnte. bis sie die Schriftrollen übersetzt hatte… »Lange rotbraune Haare«. sagte die Zeugin zu dem Porträtzeichner auf der Polizeiwache. Ihre dichten. sie befand sich in Sicherheit. Cathy trug sie am liebsten offen. bitte ruf mich an. dann lagen alle Lebensmittel auf dem Boden. Sie hatten damals zusammen an einer Konferenz teilgenommen und im Halekulani Hotel zum ersten Mal miteinander geschlafen. Hätte ich dich doch nicht allein gelassen. langen kastanienbraunen Haare hatten ihn sofort um den Verstand gebracht. Die Kaffeekanne stand im Küchenschrank. flüsterte er.« Der Zusammenstoß war so überraschend gewesen. die ihre Nachbarin in die Wohnung brachte. das Bett war unbenutzt. Stevensons Wohnung. spürte Cathys zarte Haut und roch den Duft von Kokosnußsonnenöl und frisch gewaschenen Haaren. Ihre Tollkühnheit würde ein Geheimnis bleiben. Trotzdem konnte die Nachbarin die 226 . Im Schlafzimmer sah er auf der Kommode ein gerahmtes Photo von ihnen beiden am Strand von Honolulu.

Außerdem waren sie unterbesetzt. wer sie war. Wissen Sie. diesem Fall so nachzugehen. mit dem die Frau dann geflohen ist?« »Glauben Sie. Der tiefgefrorene Truthahn ist durch den Gang gerollt und wäre beinahe…« »Draußen hat ein Mann auf die fliehende Frau gewartet«. Er mußte unbedingt noch die Beweisstücke ins Institut bringen. und Sie wissen nicht. Die Polizeistation glich an diesem Dezembermorgen. wie er es eigentlich für richtig gehalten hätte.Fliehende genau beschreiben.« »Und die beiden bewaffneten Männer. Er war ständig unterwegs bei Ausgrabungen. Der Inspektor konnte sich nicht den Luxus erlauben. mit wem sie davongefahren ist?« »Richtig. Die Nachbarin schüttelte den Kopf. die die Frau verfolgt haben?« »Ich habe sie nicht richtig gesehen. unterbrach der Inspektor sie ungeduldig und stand auf. der auf dem Schreibtisch saß und Kaugummi kaute. einem Irrenhaus – Einbrüche. ich kann durch Hauswände blicken. Kann ich jetzt gehen?« 227 . »Haben Sie den Mann gesehen. junger Mann?« »Sie wissen also nicht. »In diesem Haus ist jeder mit sich beschäftigt. Jetzt bestätigte sie dem Zeichner. weil ich meine Lebensmittel aufsammeln mußte. so eine Art Indiana Jones. Stevenson nur sehr selten da. gestohlene Fahrzeuge. wer diese Frau gewesen sein könnte?« fragte der Inspektor. »Haben Sie eine Ahnung. Raubüberfälle und betrunkene Autofahrer ließen den Beamten keine ruhige Minute. Außerdem war Dr. eine Woche vor Weihnachten. das Bild sehe ihr wirklich sehr ähnlich.

daß dieses Bild ihr gleicht?« Die Nachbarin warf noch einmal einen Blick auf das fertige Porträt. keine ersichtliche Ordnung. In diesem Augenblick erschien ein anderer Mann in der Wache. klappernden Schreibmaschinen und lauten Druckern. Wer mochte diese schöne Unbekannte sein? Der Chefredakteur hatte Maloney auf die Wache geschickt. heilige Nacht‹. daß der Porträtist eine hübsche Frau mit großen Augen und sinnlichen Lippen gezeichnet hatte. um herauszufinden. »Stevensons Wohnung war das reinste Chaos – nichts aufgeräumt. ob aus dem Mord an dem Archäologen vielleicht eine Geschichte zu machen sei. daß Stevenson ein Einzelgänger und Idealist gewesen war. Trotzdem schien dieser Stevenson wichtig genug zu sein. Jedenfalls hatte er keinen großen Beitrag zur Wissenschaft geleistet. So ein Typ. etwa. daß es auf dem Mars Pyramiden gab. Ein Spinner. der verrückte Sachen geglaubt hatte.»Sind Sie sicher. Bislang hatte Maloney jedoch nur erfahren. der mit 228 . blickte ihr über die Schulter und fand. um auf so seltsame Weise ermordet zu werden. Darunter mischten sich aus dem Radio die süßlichen Töne von ›Stille Nacht. Auf dem Bild hatte sie eine senkrechte Falte zwischen den Augenbrauen. Alle schienen plötzlich gleichzeitig zu reden. ein Science Fiction-Fan. »Uns ist nichts aufgefallen«. der ihn zu sich in sein Büro winkte. Vielleicht war sie auch nur temperamentvoll. und es entstand ein ohrenbetäubender Lärm. dachte Maloney gelangweilt. als mache sie sich viele Gedanken oder sei oft zornig. sagte der Inspektor gereizt und nickte seinem Vorgesetzten zu. »Ist etwas gestohlen worden?« fragte Maloney den Kaugummi kauenden Inspektor und folgte ihm durch die Wache mit den klingelnden Telefonen.

Verblüfft sah er genauer hin. Auf den Umschlägen stand: Stevenson. Inspekt. weil gerade vier ›Weihnachtsmänner‹ in Handschellen hereingebracht wurden. wer die Mörder sind?« fragte Maloney. Maloney ließ die Tür von Schapiros Vorgesetztem nicht aus dem Auge. »Ich möchte nur ein paar…« Aber der Inspektor ging weiter und verschwand im Büro seines Vorgesetzten. Frage: Warum dringen zwei Männer in die Wohnung eines 229 . als mir hier Fragen zu stellen?« Maloney hatte nichts dagegen. »Mein lieber Baloney. wie man sie für die Aufbewahrung von Beweisen benutzt. Dann blickte er auf den Schreibtisch. So etwas hatte er schon einmal gesehen. Seine Spitznamen für sie waren noch weniger schmeichelhaft. Wie soll da jemand sagen. und er sah einen Stapel Umschläge. Er drehte sich um und schlenderte durch den Raum in Richtung Ausgang. Was zum Teufel ist das? Maloney runzelte die Stirn. Er überzeugte sich schnell. Maloney blieb stehen und dachte. Sein Blick fiel auf den Schreibtisch des Inspektors. drehte sich um und steckte die Hände in die Hosentaschen. Aus einem der Umschläge ragte in einer Plastikhülle ein glänzendes Photo. auf Hochtouren zu laufen. ob etwas fehlt?« »Gibt es Spuren? Weiß man schon. 12. er werde wohl am besten in aller Ruhe frühstücken gehen. haben Sie nichts Besseres zu tun. schob sich rückwärts unauffällig an den Schreibtisch heran und zog geschickt das Photo aus dem Umschlag. 17. 99. Er mußte noch einmal stehenbleiben. Schapiro.sechsunddreißig noch immer nicht erwachsen ist. Aber wo? Sein Gehirn begann. daß niemand auf ihn achtete. daß ihn die Beamten ›Baloney‹ nannten.

an die sich Maloney erinnern konnte. schneiden ihm die Kehle durch. was willst du in Santa Barbara? Kannst du mir erklären. In der unteren Hälfte entdeckte er eine weiße.unbedeutenden Archäologen ein. Also. Papyrus-Schriftrollen? Noch einmal: Zwei Killer. was du über dieses verschlafene Nest schreiben willst?‹ Die aufregendste Geschichte. und plötzlich ist die Sache nicht länger langweilig. Ihm gefiel Santa Barbara. stelle sie in einen neuen Zusammenhang. Wenn die Wirklichkeit langweilig war. Es sah wie ein Papyrus mit altertümlichen Schriftzeichen aus. als habe man zwei Teile gefunden. Schriftrollen. Maloney kniff die Augen zusammen und musterte aufmerksam das Photo. Der Inspektor kam erfreulicherweise noch immer nicht zurück. Man nehme eine ganz gewöhnliche Geschichte. Deshalb suchte er immer nach einem besonderen Aspekt. gezackte Linie. Auf den ersten Blick schien es sich bei dem Papyrus um ein Einzelblatt zu handeln. 230 . Was für ein Dokument ist das? Noch interessanter war die Frage: Wo befindet es sich? ›Wenn man wirklich etwas erfahren will‹. ein ermordeter Archäologe. eine fliehende Frau. hatte ihm sein Chefredakteur einmal gesagt. Maloney beugte sich über das Photo. Maloney hatte etwas gegen Großstädte. dann mußte man eben etwas daraus machen. wo wirklich etwas passiert. ›dann sieht man sich in den Großstädten um. Es sah aus. daß die Bewohner von Santa Barbara ihre Rasen während der großen Trockenheit 1993 grün gefärbt hatten. war. zusammengefügt und dann photographiert. jagen einer Frau hinterher und schießen sogar auf sie? Antwort: Das sind sehr schwere Geschütze für einen harmlosen Diebstahl.

12. Blitzschnell rekapitulierte er: Ein ermordeter Archäologe. hatte lange strähnige Haare und Augen wie Charles Manson. und als er sich wehrte. Ein JesusFragment! Seine Gedanken überschlugen sich. wird in der Hölle brennen!« Drei Polizisten stürzten sich auf ihn.Das Porträt der geflohenen Frau zum Beispiel würde ungefähr eine Woche lang in den U-Bahnhöfen ausgehängt werden und dann verschwinden. Maloney blickte noch einmal auf das Photo. Er mußte nicht lange darüber nachdenken. Frage: Durch welchen Zusammenhang kann ich Interesse für das Photo wecken? Steckt hinter dem Mord vielleicht eine Affäre? Ein Verbrechen aus Leidenschaft? War die Mafia dabei im Spiel? Plötzlich tönte eine Stimme durch den Lärm: »Warum wollt ihr nicht auf mich hören? Ich bin der Erlöser!« Der Mann war hager und wirkte verwahrlost. Wer nicht an mich glaubt. 99. Nach einem schnellen Blick durch 231 . »Das Ende der Welt ist nahe!« rief er. »Nur durch mich werdet ihr gerettet werden. was er als nächstes zu tun hatte. ein geheimnisvolles Jesus-Fragment und eine schöne Frau. Schriftrollen… Hatte dieser Stevenson vielleicht einen sensationellen Fund gemacht? Schnell drehte er das Photo um und sah auf der Rückseite den Vermerk: ›Jesus-Fragment. warfen sie ihn zu Boden. Maloney hätte am liebsten laut gejubelt. Maloney lief ein Schauer über den Rücken. Golf von Akkaba‹. die vom Schauplatz des Verbrechens flieht. Scharm el Scheich. gefunden am 14.

Maloney hatte seine Geschichte! 232 . der ihn ansah. fröhliche Weihnachten.die Wachstube verschwand das Photo in der Tasche seines Regenmantels. Kurz darauf verließ er lächelnd die Polizeiwache und wünschte jedem.

Zwölf elektronisch gesteuerte Trainingsmaschinen zum Preis von jeweils siebentausend Dollar waren von Experten darauf abgestimmt worden.« Miles beendete sein Übungsprogramm in dem privaten Fitneß-Raum neben seinem Büro. Das Übungsprogramm gehörte zum Tagesablauf von Miles. was wir heute sind. In seinem Haus befand sich genau der gleiche Fitneß-Raum. Aber Miles lachte. so erklärte man. Er verließ seinen Platz am Bauchmuskelstimulator und begrüßte die Anwesenden – die Führungskräfte seines 233 .« Miles hatte die außerplanmäßige Konferenz in der Hauptverwaltung seines Konzerns angesetzt. »Ich glaube. »Was soll bei einer solchen Untersuchung herauskommen? Warum die Leichenbittermiene? Wir sind nicht durch Ängstlichkeit das geworden. machte sich Sorgen. den Wettbewerb verzerren und früher oder später von den Verbrauchern überhöhte Preise fordern. wir sollten einen Rückzieher machen. »Das kann einen Prozeß zur Folge haben«. beweglich zu halten und zu konditionieren. New Mexico »Es gibt große Schwierigkeiten«. würde Miles Havers den Markt beherrschen. um die Vorwürfe des Kartellamtes zu diskutieren. sagte Torrez. jeden Teil des Körpers zu kräftigen. der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende des Konzerns und Mitglied des aus drei Personen bestehenden Präsidiums von Dianuba.Albuquerque. Die Behörde hatte an diesem Tag offiziell Einspruch dagegen erhoben. erklärte er mit ernster Miene. daß Dianuba einen weiteren großen Software-Hersteller übernahm. Mike Torrez. Dadurch.

das Unternehmen blühte. aber auch am Sonntag würde kein Platz frei sein.und Entwicklungszentrum‹. Die Dianuba-Aktie war am Vortag um 234 . Ein leerer Parkplatz war ein Indikator für schlechte Geschäfte. Wir werden vor Gericht die Vorwürfe in aller Schärfe zurückweisen. Hier befand sich auch das Dianuba ›Forschungs. die auf der Bartheke lag. wie wir das immer tun. »daß für mich die Interessen und Wünsche der Anwender immer an erster Stelle stehen. wählte frisch gepreßten Granatapfelsaft und setzte sich an die Tastatur des Computerterminals. Der Parkplatz führte Miles jederzeit anschaulich den Erfolg seines Unternehmens vor Augen. sagte er und trocknete sich den Schweiß von Gesicht und Hals. Offen gesagt. in denen zwölftausendneunhundert Angestellte arbeiteten. das gefällt mir nicht. Aus der Vogelperspektive wirkten die grünen Rasenflächen so makellos gepflegt wie in einem Fußballstadion. Er tippte eine Nummernkombination.Konzerns und den Leiter der Rechtsabteilung. Wenn der Betriebsparkplatz an Sonn. die Behörde bei ihren Untersuchungen rückhaltlos unterstützen und unsere Interessen klar und deutlich vor aller Welt vertreten. Miles sah auch den großen Parkplatz für die Mitarbeiter. »Sie alle wissen«. Ein Prozeß ist kostenlose Werbung. meine Herren!« Miles trat ans Fenster und blickte hinaus. bedeutete das. und auf dem Monitor erschien der neueste Börsenüberblick. An diesem Samstag war er natürlich voll besetzt. die Produktion war ausgelastet. Zufrieden mit dem ermutigenden Anblick. drehte er sich um und ging zur Saft-Bar. Das Kartellamt wirft mir maßlose Gewinnabsichten vor.und Feiertagen besetzt war. Von seiner Chefetage im dreiundzwanzigsten Stock hatte er einen guten Blick auf die dreißig Gebäude.

Sein Mann hatte allerdings nichts Wichtiges zu sagen. ›Früher oder später wird die Alexander sich bei ihm melden… entweder sie sich bei ihm oder er sich bei ihr. Miles war attraktiv und zog überall die 235 . aß dort mit einem Kollegen zu Mittag…‹ ›Lassen Sie ihn nicht aus den Augen‹. Wir werden auch diesmal siegen. Dann möchte ich wissen. einen ersten Bericht über die vierundzwanzigstündige Überwachung von Dr. Kurz vor Beginn der Konferenz hatte er einen Anruf aus Malibu erhalten.« Torrez gab keine Antwort. Er gab sich keine Mühe. daß er mit seinem Aussehen zufrieden war. Er stand nur eine Stufe unter dem Aufsichtsratsvorsitzenden und Konzerngründer und war nur Miles persönlich Rechenschaft schuldig.000. In seinen Geschäftsbereich fiel die weltweite Vermarktung der Dianuba-Produkte. »Alles wird reibungslos verlaufen.zwei Dollar gestiegen. worum es geht und wo sie sich befindet‹ Miles sprach zuversichtliche Worte und flößte der Führungsspitze dasselbe Vertrauen ein. Das bedeutete. aber er wußte aus langer Erfahrung. Miles ging weiter und redete dabei zu den Herren am Konferenztisch. hatte Miles befohlen. Schließlich erreichte er wieder die Bar und betrachtete sich im Spiegel. Miles lächelte. wann es klüger war zu schweigen. Julius Voss. Mike. Miles mit seinen 79. Er wirkte zuversichtlich und schien alles völlig unter Kontrolle zu haben. das auch ihn erfüllte. ›Fuhr zur Arbeit ins Institut. trat neben Torrez und legte seinem Vize freundschaftlich die Hand auf die Schulter. vor anderen zu verbergen. aber sein innerer Tiger knurrte ungeduldig.000 Aktien war um einhundertachtundfünfzig Millionen Dollar reicher.

Jeder weitere Tag vergrößerte die Wahrscheinlichkeit. Seine Sekretärin meldete sich.« Es war Teddy Yamaguchi.Blicke auf sich. Auch Zeke machte er bittere Vorwürfe. der Stevensons IP-Adresse benutzt. Warum sollte er sich nicht selbst im Spiegel betrachten dürfen? Sogar der Schweiß auf der Stirn nach den Übungen unterstrich seine ausgezeichnete körperliche Verfassung. Selbstverständlich erschien sein Name regelmäßig ganz oben auf der Liste der ›am besten gekleideten Männer‹. Im stillen verwünschte er Teddy Yamaguchi. wie Teddy das anstellen würde. Seit dem Fund des Jesus-Fragments waren fünf Tage vergangen. Teddy hatte in der Tat gute Nachrichten. obwohl es nicht Teddys Schuld war. »Ich muß jetzt nur noch das Internet überwachen und nach jemandem Ausschau halten. »Ich möchte von Ihnen nur eine gute Nachricht hören«. Es war ihm gelungen. und noch wichtiger. Als die Herren eine Stunde später das Büro verließen. Daniel Stevensons Internet Server zu lokalisieren.« Miles wußte. hatte Miles sie wieder einmal mit seiner ansteckenden Kraft und seiner visionären Begeisterung überzeugt. daß ein anderer von den Schriftrollen erfuhr und sich auf die Jagd danach machte. Wenn Catherine Alexander mit Stevensons Laptop im Internet auf Online ging. sagte Miles. Havers. Miles warf einen unruhigen Blick auf den Kalender. die ihm alle bei seinem Anblick zollten. daß sie die Frau noch nicht gefunden hatten. »Mr. Für einen cleveren Hacker war das ein Kinderspiel. Miles freute sich über die Bewunderung. er besaß Stevensons elektronische Adresse. Er hätte sie im Sinai nicht entkommen lassen dürfen. Sie haben ein Gespräch auf Ihrem persönlichen Apparat. würde 236 .

Gleichzeitig konnte er die Verbindung überprüfen und herausfinden. er selbst sei diese Alexander. »Wenn sie sich das nächste Mal ins Netz wagt. Mr. Dann würde Teddy auf seinem Bildschirm sehen. der glaubte.Teddy die Verbindung sehen und OmegaNet. »dann haben wir sie. Havers«. täuschen.« 237 . Stevensons Zugangsvermittler. wo sich die Alexander in diesem Augenblick befand. sagte Teddy zuversichtlich. was sie im Netz suchte.

daß die Männer 238 . daß der Prediger. Aber auf dieser Strecke würde man sie nicht vermuten. als sie an dem vermutlich hundertsten geschlossenen Obststand am Straßenrand vorbeikamen. Catherine fragte sich. sagte Garibaldi und setzte zum Überholen an. Catherine hatte ihm noch nichts von ihrer Hoffnung gesagt. in der er zu den Menschen gesprochen hat. »es stellt sich heraus. weil ein vollbeladener Lkw mit stinkendem Dieselqualm die Luft verpestete. die christliche Kirche zu prägen. Kalifornien »Wir werden Daniels Zugangsverbindung benutzen. denen man das Priesteramt übertrug. um uns ins Internet einzuwählen«. die dazu beigetragen hatten. Antiochia war die erste Stadt. Die Straße war älter und langsamer als die Interstate 5. von dem Sabina spricht. Er trug immer noch die schwarze Soutane. die sich die katholische Kirche angemaßt hatte. »Sabina ist dort geboren worden.Sacramento. Würde er mich auch dann noch unterstützen. Ihr Vater war offenbar ein geachteter Einwohner der Stadt. sagte Catherine. »Zuerst sollten wir Informationen über Antiochia suchen«. Garibaldi dachte in den Begriffen der Männer. Sie blickte ihn verstohlen von der Seite an. das Symbol der männlichen Macht.« »Stellen Sie sich vor«. was Garibaldi zu Frauen sagen würde. wenn er wüßte. Sie und Garibaldi fuhren auf dem Highway 99. daß ich den Beweis dafür suche. fügte sie hinzu. der heilige Paulus ist. Vielleicht finden wir irgendwo einen Hinweis auf die Familie. was mehr Licht auf die Rolle der Frauen werfen würde. Sie wußte.« Catherine erwiderte nichts. Dort hat man zum ersten Mal die Anhänger der neuen Lehre als ›Christen‹ bezeichnet. in den Schriftrollen etwas zu finden.

›Vielleicht ist er der Mann. Aber schließlich hatte sie es aufgegeben. aber sie mußte sich gedulden. Chr. Bei den wöchentlichen Lesungen der 239 . Das Lesen während der Fahrt war einfach zu mühsam. bis sie ein Motel gefunden hatten.nicht das Recht haben. in Antiochia‹. Immer wieder kreisten ihre Gedanken um den einen Satz: »… daß mir offenbart worden ist. sagte Garibaldi. Es war spät am Nachmittag. wechselten sich beim Fahren ab und machten nur Pausen. sondern einen roten Ford Escort. damit der empfindliche Papyrus keinen Schaden nahm.und Sklavenmarkt zu den Menschen reden hört und den sie später einladen. außerdem mußte sie vorsichtig sein. sich als Stellvertreter Christi zum Papst wählen zu lassen? Catherine massierte sich den Nacken. Jetzt fuhren sie nicht mehr den blauen Mustang. Ein so wertvolles Dokument hätte sie normalerweise nur unter Institutsbedingungen angefaßt. die Versammlungen im Haus von Sabinas Familie abzuhalten. Catherine hatte lange in dem ersten Buch gelesen. als sie bei grauem Himmel das Weinanbaugebiet um Sacramento erreichten. wie und wann der Gerechte zurückkehren wird. Sie waren seit beinahe zehn Stunden unterwegs. der eine Datierung der Bücher ermöglichte? Würde es wirklich so einfach sein? ›Der heilige Paulus war 40 n. wie Sabinas Geschichte weiterging. die sie möglicherweise verfolgten.« Sie war neugierig. was sie bisher gelesen hatte. Dann wollte Catherine nach einem heißen Bad und einer vernünftigen Mahlzeit mit der Übersetzung der Schriftrollen fortfahren. um zu tanken und Essen zu kaufen. Sie hielten ständig Ausschau nach Fahrzeugen. als Catherine ihm berichtete. In Fresno wechselten sie vorsichtshalber den Leihwagen. Würde sie im Text einen Hinweis finden. den Sabina mit ihrer Mutter auf dem Vieh.

zwei T-Shirts und Khaki-Shorts. und ihr Unbehagen wuchs von Stunde zu Stunde. das Buch mit den Stundengebeten. Nach dem Telefonat mit Danno hatte sie sich nicht die Zeit genommen. Wenn sie am Steuer saß. Sie brauchte etwas zum Anziehen. hoffte sie. Trotzdem verstehe ich nicht alles…‹ Damit wollte Garibaldi sagen. daß einiges an die Worte von Jesus erinnerte.Botschaft und dem Liebesmahl handelt es sich vielleicht um das Evangelium und die Kommunion. Sie hatte während der langen Fahrt immer wieder darüber nachgedacht. dachte Catherine und stöhnte leise. schließlich war er Priester. Seine Anwesenheit machte ihr zu schaffen. Kleider zum Wechseln mitzunehmen. und zu seinen Pflichten gehörte das ›ständige Gebet‹. auch ein Einkaufszentrum zu finden. Wie hätte sie eine so dramatische Flucht voraussehen können? Die Bluse konnte sie im Waschbecken waschen. die bei diesem Wetter nicht warm genug waren. Während sie an Artischockenfeldern und Kleewiesen vorüberfuhren. aufgeschlagen und darin gelesen. flüsterte er lautlos seine Gebete. sie erinnert mich ständig an Vater McKinney und an Mutters Tod. Es liegt an der Soutane. das Rätsel der Schriftrollen zu lösen. Während sie in der einsetzenden Dämmerung nach einem Motel Ausschau hielt. Aber Catherine beschäftigten nicht nur das Kleiderproblem und die Schriftrollen. Vielleicht wird es nicht so einfach sein. hatte Garibaldi einige Male sein Brevier. wie sie Garibaldi dazu bringen könnte. Catherine wußte. Trotzdem 240 . daß sie ihm deshalb keinen Vorwurf machen durfte. weil ihr Nacken und die Schultern immer noch schmerzten. anderes jedoch nicht. dachte Catherine. sie allein zu lassen und nach Chicago zurückzukehren. aber die Wollhose mußte in die Reinigung. Sie hatte nur einen Bademantel.

Glaubt auch er. »Schon wieder ein geschlossenes Motel!« sagte Garibaldi plötzlich. um den endlosen Wagenkolonnen zu entgehen. daß die 99 nicht zu den Routen gehörte. Sie wollten mit Ritualen oder aufwendigen Festen das neue Jahrtausend beginnen. Würden sie 241 . in Sicherheit zu sein. waren jedoch ebenfalls unterwegs. Andere. wenn wir sterben? ›Und alle die Jahre und Wege… haben mich zu der Antwort geführt‹. Offenbar hatten die kleinen Motels entlang des Highway geschlossen. auf denen sich die Menschen zur Jahrtausendwende drängten. Im Autoradio hatten sie gehört. wo sie glaubten. weil ihre Besitzer wußten.fühlte sie sich jedesmal erleichtert. daß der Weltuntergang nahe ist? Die Wiederkehr Jesu… War Sabina wirklich dieses Wissen offenbart worden? Wußte sie. die nicht an die Apokalypse und die düsteren Prophezeiungen glaubten. was geschieht. die in Richtung Big Sur unterwegs waren. Catherine lief ein Schauer über den Rücken. Was erwartet Garibaldi von der Jahrtausendwende? dachte Catherine plötzlich. wenn die sündigen Städte wie Sodom und Gomorrha in Flammen aufgehen. Deshalb hatten sie die Küste verlassen und fuhren ins Landesinnere von Kalifornien. von Erdbeben oder Naturkatastrophen vernichtet werden würden. daß Jesus inmitten der himmlischen Heerscharen wieder auf die Erde kommen wird? Glaubt er an das Jüngste Gericht und daran. wenn er das Brevier schließlich zuklappte und in die Reisetasche legte. Die Menschen verließen ihre Häuser und Wohnungen und fuhren zu den Stellen. daß zu gewissen Orten der Welt ganze Völkerwanderungen unterwegs waren.

Catherine betrachtete sich seinen Arm. Die lange Fahrt setzte ihnen beiden zu. und die Suche ging weiter. den letzten freien Einzimmer-Bungalow zu nehmen. daß es auch in diesem Motel nur noch ein Zimmer gab. das sehr sauber aussah und aus kleinen. Der Streifschuß war verkrustet. aber sie kam kurz darauf wieder zum Wagen zurück. sagte sie.und Garibaldi das Mysterium aller Mysterien entdecken? »Zimmer frei!« rief er plötzlich und fuhr auf den Parkplatz eines größeren Motels. durch Kieswege miteinander verbundenen Bungalows bestand. beschlossen Catherine und Garibaldi. Neonlichter halfen ihnen. bei einem Dew Drop Inn. Garibaldi fuhr seufzend auf den Highway zurück. stellte sich heraus. und Garibaldis Wunde machte ihm zu schaffen. aber sie sahen nur die roten ›Kein Zimmer frei‹-Leuchttafeln der Motels. Er hatte auch den Verband von der Wunde entfernt. Als sie in dem Zimmer waren und die Tür abgeschlossen hatten. verschwand Garibaldi mit seiner Tasche im Bad und kam in Jeans und einem Sweatshirt mit dem verblaßten Aufdruck ›Loyola University‹ wieder zurück. Catherine hatte nicht nur einen steifen Rücken. sondern auch Kopfschmerzen. Sie sollten schnellstens nach Chicago fahren«. Beim dritten Versuch. Es war nur noch ein einziges Zimmer zu haben. Deutete das auf eine Infektion hin? »Ich bin der Meinung.« Sie legte ihm einen neuen Verband an. Catherine ging in das Büro. aber die Wunde sah entzündet aus. sich zu orientieren. »Ein Arzt müßte die Wunde behandeln. Sie ließen die Weinberge und die reizvolle Landschaft hinter sich und erreichten die dicht besiedelte Gegend um Stockton. Inzwischen war eine sternenlose Nacht angebrochen. Als sie endlich wieder ein grünes Schild mit ›Zimmer frei‹ erreichten. und er 242 .

rollte den Hemdsärmel darüber. exzessive Parties. Selbstmorde. »ich habe nicht weit von hier ein Restaurant gesehen. Es war mehr die Geste eines Flehenden gewesen als die eines Priesters. alle Berichte kreisten um die bevorstehende Jahrtausendwende – wachsende Hysterie.« Als er zurückkam. »Der Arm ist in Ordnung. in Ihrer Pfarrei wird man sich fragen. »Sollen wir uns eine Pizza bringen lassen und sofort mit der Arbeit anfangen?« fragte er. die wieder offen und freundlich und nicht mehr so verschlossen und dunkel wirkten wie noch kurz zuvor. Er hatte sich über die gefalteten Hände gebeugt und den Kopf auf die Arme gelegt. Sie blickte in seine klaren blauen Augen. »Haben Sie etwas über Daniel Stevenson gebracht?« fragte Garibaldi und stellte die weißen Kartons auf den Tisch. er griff nach den Wagenschlüsseln. trug Catherine ihren Bademantel. murmelte er. daß er am Fenster betete. und erinnerte sich daran. als er leidenschaftlich betete? »Vergessen Sie die Pizza«. Was hat ihn letzte Nacht so sehr beschäftigt. wo Sie sind. Sie staunte über die sichtliche Spannung. Und was ist überhaupt mit Ihren Angehörigen?« Er drehte ihr den Rücken zu und griff nach dem Laptop.« »Vater Garibaldi. die ihre Bemerkung ausgelöst hatte. »Ich habe keine Angehörigen«. noch nie 243 . wie sie mitten in der Nacht aufgewacht war und gesehen hatte. Schließen Sie hinter mir ab und lassen Sie niemanden herein. Jetzt saß sie vor dem Fernseher und suchte einen Sender mit Nachrichten. Sie hatte geduscht und ihre Sachen im Waschbecken gewaschen. der einfach ein Gebet sprach. In den Nachrichten war nichts über Daniel zu erfahren.

bekam sie Hunger. die seit 1995. »Wann wird das Kämpfen und Töten endlich aufhören?« Sie schaltete den Fernsehapparat aus. daß sie unbedingt etwas zum Anziehen brauchte. »Sie sollten nach Chicago zurückkehren. die Shrimps. Terror-Anschläge und ein Wettlauf des FBI mit Massenvernichtungsdrohungen. waren aus den Nachrichten schon lange nicht mehr wegzudenken. Frühlingsrollen und die anderen verführerisch duftenden Gerichte sah.« »Ich war noch kurz in der katholische Kirche im Ort. »In dieser Welt scheint es nur noch Terror und sinnlose Gewalt zu geben«. antwortete sie bitter. Am liebsten hätte sie sich längst auf die Suche von Dannos Mördern gemacht. »Ich hatte mir schon Sorgen gemacht. sagte Garibaldi und schüttelte den Kopf. Ein Priester gehört in eine Kirche…« 244 . die Regierung und die Geheimdienste in Atem hielten. sagte sie. Sie kämpfte schon den ganzen Tag gegen ihre ohnmächtige Wut an. Bedrohlicher klangen Meldungen von paramilitärischen Gruppen. die offenbar glaubten. sagte Catherine. »Die Welt scheint wirklich am Rande des Wahnsinns zu stehen«.« Garibaldi suchte in der Tragetüte nach den Eßstäbchen und Servietten. Aber im Augenblick mußte sie sich in ihr Schicksal fügen. denn er hatte ihr das richtige Stichwort gegeben. »Vater Garibaldi«. Als sie den Reis. Sie sind Priester und wollen bestimmt bei Ihrer Gemeinde sein. der apokalyptische Weltuntergang werde ein Kampf zwischen ihnen und der Polizei sein. nach der Bombenexplosion in Oklahoma. »Sie waren lange weg«.dagewesene Großzügigkeit und Spenden. »Wie soll das alles enden?« Die qualvolle Hilflosigkeit machte sich in ihren Worten Luft. zog den Gürtel des Bademantels enger und dachte wieder daran.

erwiderte er und lächelte sie an. für Daniel eine Messe zu lesen. »Danke. Während sich Garibaldi um den Computer bemühte. Handschriften des Altertums 245 . Chr.« »Am Anfang des zweiten Jahrhunderts. »Ich habe den Priester gebeten. Chr. sagte er: »Ich denke.« Catherine sah ihn sprachlos an.« Catherine konnte nicht so schnell essen wie er und saß noch über den reichlichen Portionen. daß die Handschrift aus dem zweiten Jahrhundert stammt?« »Eindeutig. »Man sagt. Meine Mutter hat viele Jahre damit zugebracht. Eine Messe für Daniel… Sie zog einen Stuhl heran und setzte sich neben ihn. dann muß sie um 20 n. daß Jesus seine Botschaft in den drei Jahren vor der Kreuzigung im Jahr 32 oder 33 unserer Zeitrechnung verkündet hat.« »So etwas ist schließlich meine Aufgabe«. Tränen traten ihr in die Augen. erwiderte er und reichte ihr die Soja-Sauce. so ist ein guter Paläograph in der Lage. Pinselstriche. Wenn Sabina ihn als Zehnjährige in der Nähe des Toten Meeres hat predigen hören. daß sie Amelia ihre Geschichte als Achtzigjährige erzählt. daß Sie das für Danno getan haben. »Und Sie glauben. So wie wir eine Handschrift aus dem achtzehnten von einer aus dem neunzehnten Jahrhundert unterscheiden können.« Michael nickte nachdenklich. Dreimal mußte er den Laptop starten. die Schriftrollen zu datieren. wir sollten vor allem versuchen. sagte sie leise. geboren sein.»Deshalb bin ich nicht dorthin gegangen«. zum Beispiel die Unabhängigkeitserklärung im Vergleich zu einem Brief von Charles Dickens. »Danke«. Im Text steht. Das wäre demnach im Jahr 100 n. die Schwärzung von Tinte und die Form der Buchstaben zu katalogisieren.

»Auch ich bin inzwischen völlig auf die Maus angewiesen. mich zu finden. was dort gesprochen wurde?« »So muß es gewesen sein. Ich habe es mir immer wieder überlegt. Sie würden auf mich hören«. sondern sind in die Wohnung eingedrungen und haben Danno blitzschnell ermordet. Sie haben keine Fragen gestellt. sie wußten bereits. die Wohnung wurde überwacht. Das wiederum konnten sie nur durch Abhören herausgefunden haben. wer hinter dem Mord steckt! Vater Garibaldi. während er ungerührt auf der Tastatur Befehle eingab. »Vater Garibaldi.« Er sah sie an und lächelte entwaffnend. und man hat alles mitgehört. weshalb das alte DOS vom Markt verschwunden ist«.« Garibaldi tippte auf der Tastatur. sind Sie in großer Gefahr. um sich mit uns zu unterhalten. wer hinter mir her ist. Das bedeutet. »Ihr Leben ist in Gefahr. Danno hat gesagt. aber so einfach werden Sie mich nicht los. ich wünschte wirklich. während Catherine noch einen Schluck grünen Tee aus dem Plastikbecher trank. »Sie meinen.« Sie lehnte sich zurück und seufzte. er hätte herausgefunden. Die beiden Männer waren nicht in Dannos Wohnung. daß ich erfahren habe. Zwei Minuten später sind diese Männer aufgetaucht. »Tut mir leid. daß ich die Schriftrollen in der blauen Tasche bei mir habe. Ganz zum Schluß hatte ich Danno gesagt. Das bedeutet. Wenn Sie nicht nach Chicago zurückkehren. sagte sie. dieser Havers ist entschlossen. murmelte Garibaldi. Miles Havers weiß.genau zu identifizieren und zu datieren.« 246 . Verstehen Sie mich?« »Ich verstehe jetzt.« Garibaldi ließ den Monitor des Computers nicht aus den Augen. »Aber mir macht etwas anderes große Sorgen. wo sich die Schriftrollen befanden.

ich bin satt«.« »Warum?« »Schließen Sie es. Catherine stellte sich vor die Tastatur. »Wollen Sie nicht noch etwas essen?« Sie deutete auf zwei Portionen Reis und einen gemischten Salat. Das Trumpet WinsockFenster wurde geöffnet: INTERNAL SLIP DRIVER COM1 BAUD RATE = 57.600 COMPRESSION IP BUFFERS = 32 Auf dem Menü aktivierte sie die ›Anwahl‹-Option und klickte auf ›Login‹. allein kann ich mich leichter verstecken. sagte sie nach kurzem Schweigen. Auf dem Bildschirm erschien: USERNAME Sie tippte: dstevens. Auf dem Highway hatten alle ein Ziel… »So. Autos rasten vorbei.»Vater Garibaldi. und auf dem Bildschirm erschien die Homepage. schnell!« 247 . klickte zweimal auf das OmegaNet-Logo. »Halt!« rief er. »Schließen Sie das Programm.« Er gab keine Antwort und tippte weiter. Sie lauschte unwillkürlich auf die Geräusche der Straße. warf Garibaldi plötzlich die Eßstäbchen auf den Tisch und hielt ihr Handgelenk fest. klickte Catherine zweimal auf den TCP-Manager. die Dieselmotoren der Lkws dröhnten laut wie Panzer. Während Garibaldi geschickt mit den Stäbchen die Reste der Portionen aß. hin und wieder hämmerten die Bässe eines Autoradios durch die Nacht. Dann kam die Aufforderung: PASSWORD Aber als sie zu tippen begann: Maat…. Er nickte und griff nach seinen Eßstäbchen.

dann auf ›Anwahl‹ und klickte auf ›Bye. Er legte sich in Jeans und T-Shirt auf das 248 . Natürlich! Jemand wie Havers hat natürlich Hacker.« Catherine schloß den Deckel des Laptop und blickte auf den gelben MicrosoftAufkleber. ist er in der Lage. »Wo ist nur mein Verstand geblieben!« rief er kopfschüttelnd.‹ Auf dem Bildschirm erschien die Meldung: NO CARRIER »Was soll das?« fragte sie verblüfft. die Verbindung bis hierher zum Motel zurückzuverfolgen!« Catherine schlug mit der Faust auf den Tisch. was wir tun. »Wir sitzen nicht in der Falle. und…?« »Würde er nicht auch Daniels Computer in sein Überwachungssystem einbeziehen?« »O mein Gott…«.« »Ja. die wie Spinnen das OmegaNet überwachen und nur darauf warten.« Er warf einen Blick auf die Uhr. »Kaum zu glauben. aber morgen früh werden wir als erstes eine neue Zugangsberechtigung kaufen. Daniel hatte ihn mit einem Schnurrbart versehen und einem fehlenden Zahn. Wir müssen uns alles. in dem Daniels Identifikation erscheint.« Garibaldi nickte. aber wir können ihm entwischen. In dem Augenblick. »Jetzt ist es zu spät. Mein Fehler hätte uns das Leben kosten können. erwiderte Garibaldi. »Havers hat in Daniel Stevensons Wohnung eine Mithöranlage installieren lassen und vermutlich auch sein Telefon angezapft. »Daran habe ich überhaupt nicht gedacht.Sie klickte auf ›Exit‹. flüsterte sie. daß ich Online gehe. »Dann sollten wir uns ausruhen. Ich sitze in der Falle!« »Immer mit der Ruhe«. ganz genau überlegen. sagen Sie. wenn wir ihm einen Schritt voraus sind. und wir müssen schnell sein. Ich bin müde und kann nicht mehr klar denken.

Catherine hatte den Schreck über ihre Nachlässigkeit noch nicht überwunden. bereits ungeduldig. Garibaldi hatte recht. Havers ließ das Internet überwachen. Michael Garibaldi schlief jetzt. Die Goldkette an seinem Hals glänzte. Catherine dachte an die Wunde an seinem Arm. ihre vielbenutzte Ausgabe von Strongs Griechisch im Neuen Testament und die gefalteten Papyri. Wahrscheinlich fragten die Kinder im Ghetto. mußte sie ihn verlassen. Catherine öffnete die blaue Tasche. Da er sie offenbar nicht freiwillig allein ließ. und er fühlte sich für sie verantwortlich. daß sie nicht mehr da 249 . mit denen er Basketball spielte. Sie wußte in diesem Augenblick. der sie von hier wegbrachte. ob ›Mike‹ rechtzeitig zum Weihnachtsfest wieder zurück sein werde. Catherine seufzte stumm. Das kleine Kreuz hob und senkte sich langsam und regelmäßig mit seinen Atemzügen. Bevor sie mit der Arbeit begann. hatte er gesagt. Morgen war Sonntag. blickte sie noch einmal auf Garibaldi. Sein inzwischen schon vertrautes Gesicht lag im Dunkel. Vor dem Essen hatte er sich schnell bekreuzigt. auch wenn sie es nicht gern tat. ›Ich habe keine Angehörigen‹. von welcher Telefonnummer sie sich in das Net eingewählt hatte. er war Priester. was sie zu tun hatte. Er würde bestimmt in die Kirche gehen. dann wußte er im nächsten Moment. In Jeans wirkte er keineswegs so autoritär und bedrohlich wie in der schwarzen Soutane. Beim Anlegen des neuen Verbands hatte sie die harten Muskeln gespürt. ehe er überhaupt ahnte. Sie legte die Kissen im zweiten Bett aufeinander und schaltete die Leselampe ein. aber er hatte sie gerettet. Beinahe wäre alles zu Ende gewesen. Wenn sie das Paßwort eingab.eine Bett. Sie würde heimlich verschwinden und den ersten Bus nehmen. nahm den Notizblock heraus. Ja. schob einen Arm unter den Kopf und den anderen über die Brust.

sah sie überglücklich ›ihr‹ Kind. Mein Vater zog sich mit ihm in sein Arbeitszimmer zurück. und ich lernte es von ihr in dem Sommer. Am nächsten Tag verbreitete sich in Antiochia die Nachricht von einer großen Niederlage der 250 . hätte sie niemals so etwas aus Mitleid getan.war. und tauschte es gegen das tote Kind aus. Sie kehrte mit dem lebenden Baby zurück und legte es der jungen Mutter an die Brust. als ich sechzehn wurde. und sie sprachen lange und leise miteinander. die ein Kind bekam. das jemand ausgesetzt hatte. Als die Frau erwachte. wo man unerwünschte Neugeborene auf die Tempelstufen legte. Dort fand sie ein Kind. Als meine Mutter eintraf. Eines Nachts wurden wir zu einer Frau gerufen. Aber Mitgefühl und Verständnis waren damals dringend notwendig. Sie ging zum Tempel der Juno. Es war tot. war die junge Frau in einen erschöpften Schlaf gefallen. Bevor meine Mutter eine Anhängerin des Weges wurde. die sie betreute. daß vor dem Ende der Welt eine lange und schwere Zeit der Verwirrung kommen werde. griff aus Unwissenheit zu grausamen Methoden. Meine Mutter wickelte das Baby in ein Tuch und eilte damit in die Stadt. denn viele Zeichen wiesen darauf hin. Eines Abends erschien ein Mann mit einer Botschaft aus Rom in unserem Haus. um die Geburt vielleicht auf diese Weise einzuleiten. während sie schlief. Ihr Können hatte sie von ihrer Mutter gelernt. Sie lag bereits seit einem Tag und einer Nacht in den Wehen. und die alte Hebamme. Wir brachten das Kind zur Welt. Sie ließ die arme Frau niesen und flößte ihr Brechmittel ein. Meine Mutter war Hebamme.

der meinen Vater untersuchte. Und ich glaubte diese Geschichten. denn eines Abends in den Kalenden des Mai wurde er vor dem Haus überfallen. das Leben meines Vaters zu retten. war eine angenehme Erscheinung. ausgeraubt und zusammengeschlagen. Alle waren der Ansicht. Man drohte den ungehorsamen Kindern mit den grausamen Barbaren und erzählte ihnen.kaiserlichen Truppen in Germanien. Er stellte fest. Ich hörte. daß ihm ein Schlag auf den Kopf das Bewußtsein geraubt hatte. Schon als kleines Kind hatte ich viele schreckliche Geschichten über die Wilden im kalten Norden gehört. Philos. Ich hörte sie reden. Ein bekannter Heiler wurde gerufen. Sie opferte der Göttin und betete. Wir sollten nie erfahren. die Wilden am Rhein äßen kleine Kinder bei lebendigem Leib. bat meine Mutter die Anwesenden um ihre Gebete und Segenswünsche. daß der Kaiser meinen Vater in das Rheinland schicken wollte. den Schädel meines Vaters zu öffnen. und wir waren entsetzt. Als sich am Ende der Woche die Gemeinde zur Lesung der Botschaft und zum Liebesmahl in unserem Haus versammelte. Meine Mutter ging jeden Tag zum Tempel der Vesta. so hieß der Mann. Meine Mutter gab dem Mann die Erlaubnis. daß der endlose Krieg gegen Germanien wenig mit dem Schutz der Reichsgrenze zu tun habe. In den nächsten Tagen kamen Freunde meines Vaters in unser Haus. Er hatte schöne Augen und ein scharf 251 . von den Schwierigkeiten im Reich abzulenken. beteten wir für ihn. sondern dem Kaiser nur dazu diene. Während der Heiler versuchte. ob mein Vater wirklich in das Rheinland hätte ziehen müssen. Vermutlich würde er nicht mehr aus der Ohnmacht erwachen.

Als mein Vater starb – niemand gab Philos die Schuld daran. behutsam. Sein eigentlicher Traum war es. wird wieder zu einer einzigen Masse zusammengefügt. Impotenz. sicher. Angst. in denen er meinen Vater behandelte. Er hielt sich wirklich an sein Motto. Er gehörte zu den Stoikern. was in seinen Kräften stand -. Mich beeindruckten seine Ruhe. stehe unter dem Motto ›cito tuto jucunde‹ – schnell. Aber in den Tagen und Nächten. die alles heile – Schmerz. wenn er nur die Suche danach nicht aufgab. aber Philos glaubte. daß am Tag des Weltuntergangs ein Meer die Erde verschlingen wird. und wir werden im Chaos versinken. Diese Medizin vertreibe sogar den Tod. Was die Natur auseinandergebrochen hat. Er war zehn Jahre älter als ich.geschnittenes Gesicht. langer Zeit in Vergessenheit geraten. dieser Tag sei noch fern und werde nicht zu unseren Lebzeiten kommen. er habe von einer wundersamen Medizin der Götter gehört. den Tod zu besiegen. faszinierte mich am meisten. Sein Aufenthalt in Antiochia war nur eine Etappe auf seiner Suche. Philos stammte aus Griechenland. er werde das Wundermittel wiederfinden. In allen Städten und Dörfern. Fieber. sagte er. was er sagte. Er erzählte mir. Der 252 . sein Wissen und seine Tatkraft. Sein Leben. Unfruchtbarkeit. Das Verbrechen an meinem Vater kommentierte er mit den Worten: ›Schlangen beißen keine Schlangen. tröstete er mich mit den Worten: ›Seine Zeit war gekommen. Doch einem Menschen widerfährt das größte Unheil durch seine Mitmenschen‹ Philos wollte nicht nur Krankheiten heilen. in allen Kulturen und bei allen Völkern. denn er war ein sehr guter Heiler. die glauben. Die Zusammensetzung sei vor langer. Aber er sagte auch. in Legenden und Mythen werde von diesem Wundertrank gesprochen. so erklärte er. denn er hatte getan.

wußte ich. Der Gerechte hatte uns gelehrt.‹ Meine Mutter ließ sich von diesen Worten nicht trösten. um aller Welt die Botschaft zu bringen. Es war das vierte Jahr der Herrschaft des Kaisers… 253 . wenn ein Mensch stirbt. die die Botschaft des Gerechten nie hörten? Wie konnten sie den Weg finden? Damals begriff ich plötzlich den Sinn meines Lebens. daß ich Antiochia und meine Mutter verlassen mußte. nachdem seine Aufgabe auf Erden erfüllt ist. denn sie fand. mein Vater sei viel zu früh gestorben. denn meine Mutter sagte immer. mich mitzunehmen. Sie war verzweifelt. die ihren Sohn und ihren Mann verloren hatte. weil sie die Botschaft des Gerechten nicht kannten. aber nicht über seinen Tod. Am Vorabend der Abreise von Philos ging ich zu ihm in sein Zimmer in dem Gasthaus. in dem er wohnte.größte Segen der Natur ist es. Auch mich bekümmerte das. Ich war damals achtzehn. daß wir nur durch den Glauben an seine Botschaft den Tod überwinden könnten. die beide ins Nichts sanken. denn auch sie sah im Tod nur einen natürlichen Schritt auf der Seelenwanderung. und bat ihn. Als ich die tiefe Verzweiflung meiner Mutter sah. um den Tod zu besiegen. Ich wollte ihn unter allen Umständen dazu überreden. Und was war mit denen. unser Glaube sei der einzige Weg. sondern weil er nicht zum Glauben an den Weg des Gerechten gefunden hatte. Aber eine Frau kann nicht allein durch die Welt reisen.

DER SECHSTE TAG 254 .

hatte sie sich telefonisch nach den Abfahrtszeiten der Busse erkundigt. Garibaldi wollte sie nicht ihrem Schicksal überlassen. Garibaldi war wie erwartet zur Kirche gefahren. um die Schriftrollen in aller Ruhe zu übersetzen… Vor den Zeitungsständern am Straßenrand blieb Catherine plötzlich wie angewurzelt stehen. Während er im Bad unter der Dusche stand. »Ich dachte. Dezember 1999 Sacramento. Sie fuhr zusammen. nahm den Laptop in der Tragetasche in die eine Hand und faßte mit der anderen kurz an den Jade-Jaguar. Catherine schlich sich nur ungern heimlich davon. Kalifornien Catherine sah schon von weitem. sprang sie ohne Zögern hinein. Sie wollte nichts anderes. daß am frühen Sonntagmorgen nur wenige Fahrgäste am Busbahnhof warteten. hängte sich die blaue Tasche über die Schulter.Sonntag. ohne daß er etwas davon ahnte. zahlte mit ihrer Kreditkarte. was sie tun mußte. aber es blieb ihr keine andere Wahl. als ein paar Tage ungestört sein. daß Garibaldi ihr die Wagentür aufhielt. aber als sie sah. Unter ihrem Porträt entdeckte sie ein Photo des Jesus-Fragments. In Kürze würde sie unterwegs nach Seattle sein. ihn könne dasselbe Schicksal ereilen wie Danno. Sie ließ den Taxifahrer direkt gegenüber dem Busbahnhof halten. Der Anhänger ließ sie an Danno denken und erinnerte sie daran. bevor sie die Straße überquerte. Neben ihr hielt mit quietschenden Bremsen ein Wagen. 19. Sie sah auf der Titelseite der Sonntagszeitung ihr Gesicht. Und sie fürchtete. murmelte sie 255 . Sie seien in der Kirche…«.

Bitte machen Sie mir keine Vorwürfe. sagte sie und spürte. »Ich dachte. »Sie waren nicht mehr da.« Er schlug das Buch auf.« Er deutete auf das Buch. und manchmal reagiere ich unüberlegt. und ein gefaltetes Blatt Papier fiel heraus. und mit Ihnen waren alle Ihre Dinge verschwunden… die blaue Tasche. A. der Laptop… alles!« »Tut mir leid«. es ist für uns beide das beste. Ich bin auch nur ein Mensch.« Er seufzte laut. daß ihr Herz heftig schlug. Vater Garibaldi. ich bin in großen Schwierigkeiten.« Er bog in den Parkplatz des Motels ein. Dezember. ohne mich von Ihnen zu verabschieden. mich allein weiterfahren zu lassen. wenn ich die Sache allein zu Ende bringe. Aber als ich auf dem Tisch die Abfahrtszeiten der Busse sah. gehe ich. Sie hatte nicht viel geschrieben.mit hochrotem Kopf. sie ist weg. Dann fliege ich nach Chicago. C. wenn wir uns trennen. war ich empört und…« 256 . Da ich Sie nicht davon überzeugen kann. aber ich glaube. »Haben Sie wirklich geglaubt. ›Verzeihen Sie mir. das auf der Ablage neben dem Lenkrad lag.« »Du meine Güte! Zuerst dachte ich. Das Porträt auf dem Titelblatt der Zeitung sah ihr sehr ähnlich. Ihnen sei etwas zugestoßen. es sei das beste für uns beide. sagte er: »Tut mir leid. Verzeihen Sie mir. Als sie wieder in ihrem Motelzimmer standen. griff sie nach dem Brevier und reichte es ihm mit den Worten: »Seite einundfünfzig.‹« »Vater Garibaldi. Vielen Dank für Ihre Hilfe. und als er anhielt. ich würde einfach sagen: ›Also gut. ich hätte Ihnen keine Vorwürfe machen dürfen. 19. »Ich hatte mein Brevier vergessen und mußte zurück ins Motel.‹ Er legte das Blatt zurück in das Buch und räusperte sich.

Man hätte mich im Bus erkannt und verhaftet! Mein Gott. bei Dannos Leiche seien ›ein paar‹ Photographien gefunden worden. daß Havers nicht alle Photos hat. der Hinweise über ihre Identität und ihren Aufenthaltsort geben kann. sich bei der Polizei von Santa Barbara unter der Telefonnummer 1-805-897-2300 (Inspektor Shapiro) 257 . als ich das Fragment und die erste Seite der ersten Rolle zusammenfügte – Sabinas Brief. und ich habe über hundert Aufnahmen gemacht! Die beiden Killer haben bestimmt die meisten mitgenommen. ich habe zum ersten Mal im Leben richtig Angst.« »Die Polizei weiß noch nicht. »Ich bin wirklich in großen Schwierigkeiten.« Er deutete auf das Photo des Papyrus. das ich gemacht habe.« Sie reichte ihm die Zeitung. Ich habe das Fragment nicht behalten. Das ist immerhin ein gewisser Vorteil!« Garibaldi legte die Zeitung auf den Tisch und griff nach seiner Reisetasche. Er blickte verblüfft auf das Porträt. Das ist ein Hinweis darauf. und er ist ein Milliardär.»Vater Garibaldi«. das Jesus-Fragment und auf die Schlagzeile: ›VERRÄT DAS JESUS-FRAGMENT DAS GENAUE DATUM DES JÜNGSTEN GERICHTS?‹ »In dem Artikel steht. sondern in meinem Zelt im Sinai zurückgelassen. unterbrach sie ihn. »Ist das die Kopie einer Schriftrolle?« »Es ist das Photo. aber doch nicht alle. daß die Polizei mich in Verbindung mit Dannos Ermordung sucht. sagte Catherine und deutete auf den Text: ›Haben Sie diese Frau gesehen? Jeder. wird gebeten. wer ich bin«. Sehen Sie sich das Bild an. »Aber Miles Havers wird nicht in Zusammenhang mit dem Mord gesucht. Hier steht.

Hier steht.« Garibaldi öffnete die Zimmertür einen Spalt und blickte 258 . um seine Toilettentasche zu holen. Möglicherweise würde er sogar die Polizei benachrichtigen. bis einer meiner Bekannten oder Kollegen das Bild sieht«. Sie hatte ihn anrufen wollen. Aber jetzt waren ihr die Hände gebunden.« »Und das bedeutet«. erwiderte Garibaldi. Catherine setzte sich auf das Bett und griff nach dem Telefon. Ich werde bei der Zeitung hier in Sacramento anrufen und es ihnen sagen. er kommt von einer Nachrichtenagentur. er stammt von ›Associated Press‹. »dieser Artikel mit den beiden Bildern wird von den Zeitungen im ganzen Land übernommen.zu melden. Auch jede andere Polizeidienststelle nimmt Informationen entgegen‹ »Es ist nur eine Frage der Zeit. murmelte sie. Garibaldi ging ins Bad. ihr zu helfen. legte sie plötzlich wieder auf. »Was haben Sie vor?« »Ich habe Danno nicht umgebracht. »Der Artikel wurde nicht von einem Journalisten in Sacramento geschrieben. um zu erfahren. Catherine griff wieder nach der Zeitung. von wo ich anrufe. ob es ihm bereits möglich gewesen war. das heißt. sagte Catherine. würde er sich vermutlich weigern. »Ich kann überhaupt nicht telefonieren. Wenn er den Artikel las. die Nummer zu wählen. Sie dachte an Julius und seufzte. »Ich kann die Redaktion nicht anrufen«. die Papyrusprobe vom Sinai zu datieren. wissen sie. Wenn sie eine Rufnummernidentifikation haben. legte seine restlichen Dinge in die Reisetasche und zog den Reißverschluß zu.« Catherine dachte an Hans Schüller im Institut für Radiologie in Zürich. Ich bin keine Mörderin. Vielleicht erscheint er sogar überall auf der Welt.« Aber als sie begann.

Wenn ich die Soutane trage. Sie heute morgen gesehen zu haben…« »Und die Zimmerrechnung?« Garibaldi stellte die schwarze Reisetasche auf den Tisch.« Sie eilten zum Wagen. Weder Havers noch die Polizei wissen. nahm seine Brieftasche heraus. daß der Mann in Ihrer Begleitung ein Priester ist. »Auch das wäre erledigt. »Wir müssen hier weg. sagte er: »Wir haben einen Vorteil.« 259 . gewinnen wir Zeit. füllte einen Reisescheck aus und legte ihn unter den Lampenfuß. und Garibaldi fuhr vorsichtig vom Parkplatz.hinaus. Als sie wieder auf der Straße waren. Wenn die Frau im Büro des Motels die Zeitung liest und sich daran erinnert. um uns in Sicherheit zu bringen. Fahren wir.

Er hatte den blauen Mustang gesehen. ein katholischer Priester? Sind Sie sicher?« »Aber ja«.« Zeke kniff die Augen zusammen. »Ich kann Ihnen versichern. als er mit seinem Partner vom Highway abgefahren war. erwiderte der Angestellte in dem Leihwagenbüro. dann rief er: »He! Das ist doch die Frau in der Zeitung. Kalifornien »Ein Priester?« wiederholte Zeke. Wie heißen die noch? Sultanen… ja. beteuerte der Mann. »Der Mann trug eines dieser langen schwarzen Gewänder. als Dr. Alexander das Lager im Sinai verließ. daß ein Priester bei uns einen Wagen leiht. Wollen Sie behaupten. »War diese Frau bei ihm?« fragte er und zeigte dem Mann ihr Photo. der Priester war allein. Das Büro lag direkt hinter der Ausfahrt am Highway 99 zwischen einem Restaurant und einer Tankstelle. Das Nummernschild 260 . »Sie meinen. Ich habe niemanden in seiner Begleitung gesehen. vor der sich der Parkplatz der Leihwagenfirma befand.« »Können Sie ihn etwas näher beschreiben?« »Ein großer Mann. der versucht hatte. wirkte sportlich und hatte kurz geschnittene Haare. Nein. die Beduinenfrau zu beschützen. es kommt nicht oft vor. daß ein Priester mit einer Mörderin durch Kalifornien flieht?« Zeke starrte ausdruckslos durch die große Glasscheibe. »Sie meinen eine Soutane?« »Auf jeden Fall war es ein Priester«.« Zeke erinnerte sich. er trug eine Sultane.Fresno. Das klang sehr nach dem Priester. Er betrachtete das Bild nachdenklich.

aber es dürfte Ihnen nicht schwerfallen. von welcher Leihwagenfirma der Mustang stammte. Es galt zu überlegen. daß das Unternehmen Niederlassungen in ganz Kalifornien hatte. Dann hat er gefragt. wie weit es bis Sacramento ist. »Können Sie mir noch etwas sagen?« »Nein. Nachdem Zeke die Zulassungsnummer überprüft hatte. die er dem Mann gab. Der einzige Haken bei der Sache war gewesen. daß sie das Fluchtfahrzeug gegen einen anderen Wagen austauschen würden.« Zeke lächelte. mit dem Dr. »Warum?« 261 .« »Man stelle sich das vor!« sagte der Mann kopfschüttelnd. Es war der Wagen.« Zeke griff in die Hosentasche und zog ein Bündel Dollarscheine heraus. »Eine der am meisten gekauften – Gold Country. wie viele Meilen die Alexander mit ihrem Begleiter an einem Tag hatte zurücklegen können. Er war mit sich zufrieden. Alexander aus Santa Barbara geflohen war. in welche Richtung der Priester gefahren ist?« »Nach Norden. Schließlich ist der Mann ein Priester und fällt jedem auf. sie zu finden. »Da haben Sie recht. »Diese Frau stiehlt geheime Schriftrollen und flieht mit einem Priester! Weiß das die Polizei schon… ich meine. Und so war er mit seinem Partner hierhergekommen. war es nicht allzu schwer gewesen. Die Spur dieser Alexander hatte ins Nichts geführt. erwiderte Zeke. Außerdem vermutete er. antwortete der Mann und deutete auf den Kartenständer auf der Theke. herauszufinden. Er hat eine Straßenkarte gekauft«. »Wissen Sie zufällig.bestätigte seinen Verdacht. Zeke lächelte. die Sache mit dem Priester?« »Ich glaube nicht«. aber jetzt war er ihr wieder auf den Fersen.

als ich heute verdienen kann. Aus demselben Grund hatte er auch den Mann in der Leihwagenfirma zum Schweigen gebracht. Miles Havers diese neue Information vorzuenthalten. und der Tag ist noch nicht zu Ende!« Er zählte das Geld und sagte dann: »Erlauben Sie mir eine persönliche Frage… die Narbe in Ihrem Gesicht… woher stammt die? Waren Sie in Vietnam?« »Nach Sacramento«. was eine Zeitung wie der National Enquirer zum Beispiel für eine solche Geschichte zahlen würde? Ich habe von Ihnen schon mehr bekommen.»Warum? Können Sie sich vorstellen. und schließlich legte er den Hörer auf. Das Kaninchen gehörte ihm. sagte Zeke zu seinem Partner. Sie fuhren auf die 99 in Richtung Norden. Er lag jetzt mit durchschnittener Kehle hinter der Theke und starrte mit leeren Augen an die Decke. Er wollte seinem Auftraggeber berichten. Aber etwas ließ ihn zögern. und er griff nach dem Autotelefon. daß sie die Spur der Archäologin wiedergefunden hatten und daß sie mit einem Priester auf der Flucht war. Zeke wollte nicht. daß Havers oder die Polizei oder übereifrige Journalisten Catherine Alexander aufspürten. als er in den schwarzen Pontiac stieg. 262 . Zeke fand es plötzlich besser. bevor er sie gefunden hatte.

der gerade erst gestorben war. sagte die Assistentin und lächelte ihn an. der einmal gelebt hatte und die gleiche Behutsamkeit und Achtung verdiente wie jemand. Zwei Tage waren vergangen. West Los Angeles Das Gesicht war so schön. Als er freundlich nickte. denn er hatte eine Totenmaske vor sich. Voss«. und der Körper eines anderen verlangte von ihm Ehrerbietung. sich auf seine Arbeit zu konzentrieren. die Totenmaske oder eine Statue oder eine Darstellung der Toten vor Augen zu haben. der nicht mißbraucht oder entweiht werden durfte. wenn er eine Autopsie an einer Mumie vornahm. Die Schönheit dieser Königin beruhte nicht mehr auf ihrem Gesicht aus Haut und Knochen. Für Julius war das Leben etwas Heiliges. der gerechte Richter…« An diesem ruhigen Sonntagmorgen war Julius allein im Institut – abgesehen von einer Technischen Assistentin. einer Adventistin. daß Julius zögerte. daß vor ihm auf dem Seziertisch ein Mensch lag. seit Catherine ihn verlassen hatte. es zu zerstören. daß sein Skalpell sie nicht mehr entstellen würde. »Die Zeitung liegt in Ihrem Büro. Er war ein Tempel Gottes. die wie Julius den Sabbat am Vortag gefeiert hatte. Außer der eigenartigen Nachricht von ›Mrs. fügte sie hinzu: »Ich habe Ihnen auch Kaffee und ein 263 .Freers Institut. Jedesmal. Er machte sich Sorgen. um nicht zu vergessen. legte er Wert darauf. Dr. Julius mußte sich daran erinnern. Bei jedem Schnitt in die brüchige Mumie betete er stumm: »Baruch Dajan haEmet – Gesegnet bist DU. als es die Natur bereits getan hatte. die das Gesicht bedeckte. Trotzdem fiel es ihm ungewöhnlich schwer. Meritites‹ auf dem Anrufbeantworter hatte er nichts von ihr gehört.

ein Wissenschaftler mit dichten lockigen Haaren sei irgendwie sexy. Er überflog schnell den Artikel. ›JESUS-FRAGMENT GEFUNDEN!‹ Unter der Schlagzeile befand sich das Photo eines Papyrus mit einem griechischen Text. Durch die offenen Fenster drang frische salzige Meeresluft herein. ›Kennen Sie diese Frau?‹ stand unter Catherines Porträt. wie eine Frau aus der Wohnung des Archäologen rannte. Tracy«. Julius 264 . Es würde Nebel geben. seinen Augen nicht trauen zu können. Tracy war zwanzig. Er schloß das Fenster und sah dabei sein Spiegelbild im Glas. Aber offenbar reichte das Catherine nicht. daß ich noch hier bin«. »In der letzten Woche haben sie mich eingeschlossen!« Als Tracys Schritte in dem langen Gang verhallten. Vielleicht sollte er noch einmal versuchen. und Julius hatte den Eindruck. erwiderte er. rief er ihr nach. und das Hörnchen rollte über den Fußboden. daß sie ihn anhimmelte. Oder sollte er sich bei der Stiftung nach ihr erkundigen.Hörnchen gebracht. Ich bin den Rest des Tages nicht mehr da. ob er etwas von Catherine wußte. Ich muß Weihnachtseinkäufe machen!« »Danke. Auch Catherine hatte ihm einmal gesagt. um ihn zu heiraten. Er seufzte und drehte dem Fenster den Rücken zu. Daniel Stevenson war ermordet worden. um zu hören. Daniel anzurufen. unterbrach Julius die Arbeit an der Mumie. Er streifte die Gummihandschuhe ab und ging in sein Büro. Unverständlicherweise schien die junge Technische Assistentin seine schwarzen Haare und den Bart attraktiv zu finden. eine Zeugin hatte gesehen. »Bitte sagen Sie den Leuten vom Wachdienst. Graue Dunstschleier tanzten über den Wellen. die ihre Ausgrabung finanzierte…? Der Becher mit Kaffee fiel ihm plötzlich aus der Hand. Daneben… Julius glaubte.

Julius blickte wie gebannt auf den Apparat. Er mußte den Beamten erklären. Die Telefonnummer des Instituts unterschied sich nur in der letzten Zahl vom Kinocenter in der Pico Street. Aber das war vor zwei Tagen. Fünf Minuten später fuhr er vom Parkplatz. daß sein Telefon klingelte. Fassungslos las er den Artikel noch einmal Wort für Wort und hörte dabei nicht. Nach Aussagen von Zeugen gelang es der Frau. dem scharfen Intellekt und den funkelnden grünen Augen. Das Bild zeigte eindeutig sie. denn er bekam plötzlich weiche Knie. Inzwischen konnte Catherine überall sein. Cathy. Eine falsche Verbindung. Er mußte der Polizei helfen. Catherine! Aber der Anrufer wollte nur die Anfangszeiten der Kinos wissen. Cathy. stand in dem Artikel. wer diese Frau war. Julius legte auf und starrte auf das Porträt. Was für ein Mann war das? Hatte er Daniel ermordet? Hatte er Catherine entführt? War ihr Leben in Gefahr? War sie womöglich bereits tot? Mein Gott. was er wußte. 265 . Der Polizeizeichner hatte nichts von ihrem Wesen wiedergegeben. und ihnen über die Hintergründe alles sagen. ohne den weißen Wagen zu bemerken. der am Straßenrand stand und ihm folgte.sank auf den Stuhl. Aber so sah sie aus. Sie ist mit einem unbekannten Mann davongefahren… Julius sprang auf. mit einem Mann in einem Auto zu fliehen. Er hatte keine andere Wahl. warum bin ich nicht bei dir geblieben? Warum war ich nur so überheblich und anmaßend? Der Mord war in Santa Barbara geschehen. Catherine zu finden. Kurz darauf klingelte es wieder. er mußte auf der Stelle zur Polizei gehen. warum habe ich das alles nicht verhindert? Das Telefon hörte auf zu klingeln.

Ein Wortspiel mit dem Namen unseres Ordens – Dominikaner. war der Zeitungsartikel vergessen. und das heißt: die Wachhunde Gottes. Er überließ sich abstrakten Erörterungen oder Erinnerungen. unbekannte Wege beschritt und sich im Labyrinth seiner Innenwelt verirrte. während er vor dem Arbeitszimmer des Papstes im apostolischen Palast auf und ab ging. Man hat uns beschimpft. Die Angelegenheit mit dem geheimnisvollen 266 . anstatt uns Beifall zu zollen… Lefevre zwang sich. anstatt sich auf die Alltagspflichten zu konzentrieren. Aber warum haßt man uns so? Pierre Lefevre führte stumme Selbstgespräche. die Kirche vor Häretikern und Teufelsanbetern zu schützen. So nennt man uns. dem heiligen Dominic. kann man den Namen als Domini Cane lesen. Wenn man will. Während er sich den unberechenbaren Windungen seiner Gedanken überließ. Wir haben doch nur versucht. dem Strom seiner Gedanken Einhalt zu gebieten.Der Vatikan. das wurde ihm plötzlich bewußt. das Porträt einer Frau und die Photographie des JesusFragments mit dem beunruhigenden Inhalt waren der Anlaß für die außerplanmäßige und dringende Audienz beim Papst. das stimmt. Der Kardinal fühlte sich angegriffen und rechtfertigte sich stumm. wo die Wachen nur mit Mühe die Menschen unter Kontrolle halten konnten. verselbständigten sich seine Gedanken immer öfter. So heißen wir nach dem Ordensgründer. In letzter Zeit. Aber die Schlagzeile. Rom Die Wachhunde Gottes… ja. Auch von hier hatte man einen Blick auf den Petersplatz. die sich dort drängten.

Nur wenige Frauen baten um eine Audienz beim Papst. und die Schwester in Weiß arbeitete im Gesundheitsdienst des Vatikans. katholische Laien aus verschiedenen Ländern. das wußte Lefevre. Unter dem Caravaggio stand Vater Bailey vom Vatikansender. der sich angeregt mit dem Präfekten der Heiligen Kongregation für katholische Erziehung unterhielt. die ebenfalls darauf warteten. der nachdenklich eine alte römische Büste betrachtete und ein Manuskript unter dem Arm trug. dem Präfekten des päpstlichen Haushalts. Die hagere Gestalt warf lange Schatten auf die alten Möbel und kostbaren Gemälde. um eine Bittschrift zu übergeben. aber Seine Heiligkeit machte den Frauen niemals falsche Hoffnungen. kamen mit Sorgen zu seiner Heiligkeit. Aber alle Anwesenden. Auch Besucher in dunklen Anzügen. Die Nonne in der grauen Tracht. Frauen die Priesterweihe zu gestatten. Freundlich lächelnd sah er die anderen an. daß man ihm seine Sorgen ansah. den die Jesuiten betrieben. kam wegen ihrer Missionsstation in Angola. Kardinal Lefevre nahm seinen Gang durch das Vorzimmer wieder auf. Kardinal Lefevre nickte Bischof Monduzzi zu. den Papst zu sehen. Hin und wieder erschien auch eine Delegation. Er 267 . Er wollte auf jeden Fall verhindern. die um eine Audienz nachgesucht hatten.Fund auf der Sinaihalbinsel. der ihn in Alarmbereitschaft versetzt hatte. Der Mönch in der braunen Kutte. nahm eine unvorhergesehene und gefährliche Wendung. kam zweifellos von der Libreria Editrice Vaticana. Er war mit seinen fünfundsiebzig Jahren noch immer groß und im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte. Der alte Kardinal richtete sich auf. saßen auf den mit rotem Brokat bezogenen Sesseln oder gingen unruhig auf und ab. in der man Seiner Heiligkeit nahelegte. dem Verlag des Vatikans. Die Besucher waren fast ausschließlich Männer.

Ein langer Weg schien ihn von den Tagen der Kindheit in dem kleinen Dorf in der Provence zu trennen. weil sie die Kirche verteidigten.war schon immer einen Kopf größer als seine Mitmenschen gewesen. Die Kirche muß geschützt werden. der ihn offenbar angesprochen hatte. Es ist wieder soweit. Wachhunde Gottes! So hatte man vor einigen hundert Jahren die Dominikaner bezeichnet. Papa… Es wäre schön. Die Zeichen deuten auf Gefahr. »Seine Heiligkeit lassen bitten«. Wie viele Jahre war es eigentlich her. sagte der junge Mann und führte ihn zur Tür. Hatte er die geliebten Eltern tatsächlich vor einem halben Jahrhundert beerdigt? »Eminenz?« Lefevre kniff die Augen zusammen und sah den jungen Priester an. Papa wiederzusehen. Möglicherweise steht uns der letzte und entscheidende Kampf bevor. um sich von nostalgischen Erinnerungen ablenken zu lassen. ›Du bist für Paraden wie geschaffen!‹ pflegte sein Vater im Scherz zu sagen. daß… Unmöglich! Die Zeit verging wie im Flug. Die Angelegenheit war zu wichtig. Der Kardinal richtete sich noch einmal energisch auf und konzentrierte sich ganz auf seine Aufgabe. 268 . Lautlos fiel die Tür hinter ihm zu. Lefevre lächelte bei der Erinnerung.

Catherine saß am Tisch und entfaltete behutsam den zweiten Papyrus. wo 269 . Wenn Havers die Nummer Ihrer Kreditkarte hat. Catherine fehlten in diesem Augenblick ein richtiger Arbeitsplatz und die notwendigen Instrumente. wie heißt er? Catherine kamen vor Enttäuschung beinahe die Tränen. daß es klappt«. »Sobald wir uns ins Netz eingewählt haben«. Sie hatte diese notwendigen Dinge bei einem kurzen Einkauf in einem billigen Einkaufscenter am Stadtrand erstanden. Garibaldi hatte ihr den Tisch überlassen. Sie konnte nur hoffen. Kalifornien »Ich hoffe. eine starke Lupe und Pinzetten. um die winzigen abgelösten Fragmente behutsam wie ein Puzzle zusammenfügen zu können. Manche schienen bereits bei der leisesten Berührung zu reißen. Aber um zu erfahren. Der Laptop stand auf einem Stuhl.Goshen. damit sie die Rolle glatt ausbreiten konnte. sagte Garibaldi und blickte auf den Monitor. und er saß auf dem Bett. daß Sabina diesen römischen Kaiser noch einmal erwähnte. Aber Catherine hätte eine bessere Beleuchtung gebraucht. An dieser Stelle war ein Stück Papyrus abgebrochen und für immer verloren. Die Faltstellen der zweiten Schriftrolle erwiesen sich jedoch als weniger haltbar als die der ersten. ›Das war im vierten Jahr der Herrschaft des Kaisers…‹ Verdammt. sagte Garibaldi und tippte auf der Tastatur des Laptop eine Telefonnummer. wird er damit bald das Konto Ihrer Zugangsgenehmigung finden. Der erste war von Anfang bis Ende übersetzt und lag in der Pappschachtel. in der ihre neuen Jeans und die Bluse verpackt gewesen waren. »müssen wir schnell sein.

« Sie befanden sich nicht in Orange County. LinkNet lehnte die Karte ab. aber festgestellt. Die ersten. die Prophetin. Die Stadt hieß ›Goshen Junction‹.Sie sich aufhalten. murmelte Garibaldi. denn ›Goshen‹ lag nach den Worten der Bibel an dem Weg. Das wird ihn auf die falsche Spur setzen. Ein Internet-Konto konnte man nur mit einer Kreditkarte eröffnen. Für das LaptopModem benötigten sie jedoch einen direkten Anschluß. Deshalb 270 . den Brunnen freizulegen und das Skelett zu bergen? »Ich habe noch keinen Zugang«. waren für ihre Zwecke nicht geeignet. an denen sie vorüberkamen. Sie hatten es zuerst mit Garibaldis Karte versucht. daß er sein Limit überschritten hatte. und Catherine hörte. Aus Vorsicht wählten sie kleine Landstraßen. Deshalb habe ich einen Server in Orange County gewählt. waren sie nach Süden gefahren.… Während Catherine mit angehaltenem Atem den spröden Papyrus auseinanderfaltete und immer wieder verzweifelt feststellte. Schließlich fanden sie in einer kleinen Stadt am Fuß der Sierras ein geeignetes Motel. Nachdem sie Sacramento verlassen hatten. wie er die Nummer erneut anwählen ließ. auf dem Mirjam und Moses ihr Volk aus Ägypten herausgeführt hatten. die durch Farmland führten. daß die Ränder abbrachen und sich manche Bruchstücke sofort in Staub auflösten. muß er das Zugangssystem knacken. denn sie hatten Telefonanlagen. Beim Sonnenuntergang hielten sie Ausschau nach einem Motel. Catherine mußte lächeln. Hatten die Behörden die Arbeiten unterbunden? Wurde womöglich in der Nähe wieder gesprengt? War Hungerford ersetzt worden und der Hotelneubau ging zielstrebig voran? Oder hatten ägyptische Archäologen damit begonnen. Mirjam. dachte sie an ihre Ausgrabung. der mit der Vorwahl ›9‹ eine Verbindung herstellte.

das außer Sichtweite stand. die Sacramento Bee. »Dabei werben sie damit.benutzten sie Catherines Karte. und man mußte vor fünf Uhr nachmittags kaufen. wie zum Beispiel LinkNet. »Noch immer nicht«. Garibaldi hatte an der Rezeption die Formalitäten erledigt. Der Wettlauf hatte eine neue Dimension angenommen. nutzten die Ungeduld vieler Anwender und boten einen schnellen Zugang. daß Havers jeden Vorgang auf dem Kreditkartenkonto ›sah‹. Nur wenige. sagte er kopfschüttelnd und ließ das Modem neu wählen. murmelte sie. Dabei trug er wie immer seine Soutane. »Verdammt…«. Garibaldi regelte den Ton herunter. In der Praxis schien das allerdings nicht immer zu funktionieren. Catherine blieb im Auto sitzen. »Ist alles in Ordnung?« »Für die Schriftrollen ist diese Flucht eine Katastrophe! 271 . das steht nicht nur auf dem Papier!« Er hatte sich um verschiedene Server bemüht. Ab jetzt mußten sie schneller als ihr Verfolger sein. um die Nachrichten zu sehen. die Los Angeles Times und sogar die San Diego Union. Zwischen Catherines Fingern zerbröckelte wieder ein winziges Papyrusstückchen. Ich hoffe. daß LinkNet in Orange County die Verbindung freischaltete. während er darauf wartete. auch wenn sie wußten. um am nächsten Tag ab zwölf Uhr mittags den Zugang zu bekommen. Die meisten boten ihren Service nicht an Sonntagen an. sei es um zu tanken oder um etwas zu essen. Bei jedem Aufenthalt. Garibaldi hob den Kopf. Im Motel hatten sie sofort den Fernseher eingeschaltet. In allen Ausgaben entdeckten sie Catherines Porträt. aber auch die Fresno Bee. daß der Zugang innerhalb von zwei Stunden nach dem Kauf aktiviert wird. ja selbst im Einkaufszentrum hatten sie sich die Zeitungen angesehen – die lokalen.

sagte sie schnell und deutete auf den Computer. wenn ich sie bis zum nächsten Morgen dort schmoren lassen würde. Ich mußte die Zahlenkombination des Schlosses herausfinden. aber in Jeans und Hemd wurde er auf einmal nur ein Mann. Ich muß allerdings gestehen. wo sie unter Glas liegen und die Luftfeuchtigkeit ständig überwacht wird. noch dazu ein gutaussehender Mann.Man muß sie unbedingt an einen sicheren Ort bringen. wenn es nicht funktioniert?« »Wir werden uns etwas einfallen lassen. die er ebenfalls bei ihrem Einkauf erstanden hatte. Während sie auf das Wählgeräusch des Modems lauschten. fragte er aufrichtig besorgt: »Wie geht es Ihnen wirklich?« Catherine rieb sich die Augen. »Ich bin einfach übermüdet. es ist nicht meine Schuld.« Da sie schwieg. fragte Catherine: »Und was ist. Sie blickte zu ihm auf. Ich müßte unbedingt ein paar Stunden 272 . Das brachte sie wie schon mehrmals innerlich aus dem Gleichgewicht. daß ich bisher nur ein einziges Mal vor einer ähnlichen Herausforderung stand. Die Soutane erinnerte sie ständig – leider auf bedrohliche Weise – daran. »Versuchen Sie es noch einmal«. Er trug ein neues Leinenhemd und neue Jeans. daß er Priester war. und plötzlich stieg ihr der Duft seines Rasierwassers in die Nase. während Vater Murphy neben mir stand und mir zehn Dollar versprach. wenn sie zu Staub zerfallen!« Er stand hinter ihr und lächelte. Mit der Soutane hatte sie wenigstens dieses Problem nicht. Ich hoffe nur. als sich nämlich Schwester Agnes versehentlich in die Kammer mit den Sportgeräten eingeschlossen hatte. Er setzte sich auf das Bett und tippte die Telefonnummer.

hörte Catherine vom Parkplatz ›O du Fröhliche…‹ »Kaum zu glauben«. ist das Ergebnis bestimmt eine Katastrophe. Werden Sie mir helfen? Wenn ich es selbst mache.« »Verstehe…« Er lachte.« Sie beschloß. Nachdenklich blickte er auf die langen kastanienbraunen Haare und fragte: »Soll ich sie wirklich abschneiden?« »Keine Angst.schlafen. verzichtete er auf eine Erklärung. nicht auf die Haare zu 273 .« »Ich schneide Haare immer nur mit Hilfe einer Suppenschüssel«. und ging ins Bad. ich wollte mir die Haare schon lange kürzer schneiden lassen. als Catherine auf dem Stuhl saß. mit der Übersetzung später weiterzumachen.« Garibaldi stand auf und fragte: »Wollen Sie es wirklich tun?« Mit einem Blick auf die Zeitung und ihrem Bild auf dem Titelblatt erwiderte sie: »Mir bleibt keine andere Wahl. und da Catherine ihm keine weiteren Fragen stellte. sagte er und nahm ihr die Schere aus der Hand. aber bei mir hat das praktische Gründe. »Wie kurz soll es werden?« fragte er. aber nicht so kurz wie Ihre Haare.« »Welche?« Er zögerte und sagte dann: »Pangamot…« Garibaldi schwieg. »Kurz. »Kurz geschnittene Haare sind gerade nicht Mode. Kurz darauf erschien sie mit einem Handtuch um die Schultern. Sie hatte eine Schere in der Hand und sagte: »Wir sollten das so schnell wie möglich hinter uns bringen.« »Soll ich sie nur kürzen?« »Sagen wir bis zum Nacken. murmelte sie und zwang sich.« Als er die erste Haarsträhne abschnitt. Die Haare waren klatschnaß.

seine Hände.achten. Julius wollte. als Sie es jetzt für möglich halten. die Sie brauchen.« »Julius ist Ihr Verlobter?« Schnipp. ich würde ihn so gerne anrufen. die mir nahestehen? Garibaldi hatte gesagt. Wenn ich auf ihn gehört hätte. »Ich hatte nicht einmal Zeit. daß Haareschneiden etwas so Intimes sein konnte. »Wann wollen Sie heiraten?« »Wir sind nicht offiziell verlobt. Dann sind Sie schneller wieder bei Ihrer Familie und Ihren Freunden.« »Mit etwas Glück und Ausdauer«. Und Freunde? Julius war ein Freund und Danno. Gab es für ihn Freunde? Hatte ein Priester überhaupt Freunde. nicht einmal entfernte Verwandte. »In fünf Tagen ist Weihnachten. im Internet. »finden wir alle Antworten. wäre ich nicht mehr dort gewesen. er habe keine Familie. sagte Garibaldi und bewegte sich etwas zur Seite. und Danno würde noch leben. »Waren Sie einmal während der Weihnachtszeit in Jerusalem? Selbst eine Ratte bekäme 274 .« Sie legte die Hand auf den Jadeanhänger. als Hungerford die Sprengung anordnete. Es war ihr noch nie aufgefallen. die im Papierkorb landeten.« Familie und Freunde… Ich habe keine Familie. sagte sie leise und spürte immer deutlicher seine Nähe. um die Haare gleichmäßig schneiden zu können. Gibt es wirklich so wenige Menschen. »Warum sind Sie vor Weihnachten abgereist?« Er lachte. wirkliche Freunde? »Sie waren in Israel«. Wieder landete eine Strähne im Papierkorb. Ich möchte wenigstens mit ihm reden. Schnipp. ihm ein Weihnachtsgeschenk zu kaufen. um mit ihm die Feiertage zu verbringen. Und die Hochzeit… mein Gott. Nichts von all dem wäre geschehen. aber ihn hatte sie verloren. daß ich die Grabungen unterbreche.

Wie sollten wir die Frauen davon überzeugen. ich bin Priester. »Die Prophetin. Ich glaube. nur ihre Haare zu berühren. Das Buch Numeri.dort Platzangst. daß sie in biblischen Zeiten gleichberechtigt waren?« Das Gefühl der Intimität wurde noch stärker. Sie spürte seine Berührung nicht nur am Kopf und im Nacken. aber meine Theorie ist bei den Bibelforschern nicht sehr beliebt.« Sie fragte überrascht: »Sie kennen die Geschichte?« »Nun ja. und zuckte bei jedem zufälligen Kontakt mit ihrer Haut zusammen.« »Natürlich nicht. denn darum hatte sie ihn 275 . daß auch er solche Empfindungen hatte. Kapitel zwölf. »Ja«. »Die Weite der Wüste… Was haben Sie eigentlich im Sinai gesucht? Der Besitzer des Hotels Isis sagte etwas vom Zug der Israeliten durch die Wüste. Ein Blick in den Papierkorb ließ sie schaudern. um auch nur die halbe Länge der Via Dolorosa zurückzulegen.« Er nickte. wenn wir zugeben würden. Sie spürte seinen Atem im Nacken. Es gab im Hotel kein einziges freies Zimmer mehr. erwiderte er nachdenklich und schnitt weiter. aber sie konnte ihm keinen Vorwurf machen. Seine Nähe schien von ihr Besitz zu ergreifen. sich mit ihrer Rolle abzufinden. Ich habe fünf Stunden gebraucht. Er schnitt wirklich sehr viel Haar ab.« »Dann sind Sie also in die Weite des Sinai geflohen?« Er schwieg und hörte auf zu schneiden.« »Ich suche Mirjam. Mirjam war zusammen mit Moses eine Anführerin der Israeliten. Er bemühte sich auffällig darum. Sie wußte. Und dieses Jahr war alles noch schlimmer. Ich kenne die Worte der Bibel: ›Hat etwa der Herr nur durch Moses gesprochen? Hat er nicht auch durch uns gesprochen?‹« »Richtig.

Sie trug die Haare immer lang. denn die Idee war ihr spontan gekommen.« Sie wollte aus der Tragetasche die Tönung holen. Der Nacken lag völlig frei. die Haare nach vorne kämmte und eine Hand über ihre Augen hielt. »So.« »Dazu habe ich keine Zeit. ihr einen Pony zu schneiden. Er hielt inne. aber Garibaldi kam ihr zuvor und reichte ihr die Packung ›Ultra Weißblonde »Hier steht. man soll achtundvierzig Stunden vor dem Färben einen Allergietest machen.« 276 . »Ist es so in Ordnung?« fragte er schließlich und trat einen Schritt zurück. Er tat es schnell und mit sichtlichem Unbehagen. kämmte die Haare noch einmal nach vorne und löste eine Strähne hinter dem linken Ohr. jetzt kommt der nächste Schritt. weshalb sie ihn aufgefordert hatte. Er hob die Augenbrauen. um sein Werk zu begutachten. Sie schloß die Augen und überließ sich dem Gefühl seiner Hand über den Lidern. »Wie wäre es mit einem Pony?« fragte sie schließlich. daß sie vor Verlegenheit rot wurde. Der neue Haarschnitt schien sie beunruhigend verwundbar zu machen. »Ein Pony? Sind Sie sicher?« Der Einfall überraschte sie selbst. Es war wie eine flüchtige Liebkosung. Der Gürtel seiner Jeans war direkt vor ihrem Gesicht. Catherine trat vor den Spiegel. holte Catherine tief Luft.gebeten. bitte. Schließlich wollte sie dem Zeitungsporträt so wenig ähnlich sehen wie möglich. »Fertig!« verkündete er schließlich. und es klang erleichtert. und Catherine spürte. Sie waren sehr kurz. Catherine betastete die Haare. Plötzlich wußte sie.« Als Garibaldi vor ihr stand. und das rief bei ihr ein seltsames Gefühl von Nacktheit hervor. Seine Knie berührten ihre Beine. »Ja.

um die Flüssigkeiten zu mischen. zum Haarefärben brauche ich Ihre Hilfe nicht.« Er nickte und ging zur Tür. Im Spiegel sah sie hinter sich die lackierten Stöcke. die er im Gepäck hatte. Wer ist er wirklich? Was für eine Vergangenheit hat er? Aus welcher Familie kommt er? Warum ist er Priester geworden? Als die Flüssigkeit auf dem Kopf gleichmäßig verteilt war. daß Garibaldi sie nicht nur auf der Verstandesebene beeinflußte. und das Modem wählte. »Dann gehe ich inzwischen eine Abendzeitung kaufen. Sie schüttelte die Flasche. Der Geruch von Ammoniak verbreitete sich im Bad. In der Gebrauchsanweisung stand. Der Gedanke an seinen Körper in ihrer Nähe. Als die Meldung: BENUTZER 277 . erinnerte sie sich an das Gefühl von Garibaldis Fingern in ihrem Nacken. Sie mußte sich in diesem Augenblick eingestehen. und ihre Augen begannen zu brennen.Er sah sie kopfschüttelnd an. Sie ging ins Zimmer und setzte sich an den Computer. daß ihre Wangen immer noch glühten. Sie nahm die Verschlußkappe der Flasche ab und füllte das Farbgel in die Flasche mit dem Entwickler. Aber keine Angst. Im Spiegel sah sie verblüfft. »Wollen Sie das wirklich tun?« »Ich muß mein Aussehen drastisch verändern. tippte die Zahlenfolge. und massierte sie dann in die Haare. zog sie eine Plastikhaube über die Haare. das Geräusch der Schere und das Gefühl seiner Kraft stellte sich wieder ein. daß das Gel fünfundvierzig Minuten einwirken mußte. Als sie die Plastikhandschuhe anzog. ob Blondinen wirklich mehr Spaß im Leben haben. Außerdem gibt mir das endlich einmal die Möglichkeit herauszufinden.« Catherine verschwand im Bad.

Der Cursor blinkte auf: SUCHBEGRIFF. Inzwischen hätte der Zugang freigeschaltet sein müssen. Dann kam ein neues Geräusch. Catherine ließ das Modem noch einmal wählen und gab das Paßwort ein. Es klang wie das Öffnen einer rostigen Tür – der Computer machte seinen ›Handshake‹. »Was suche ich als erstes? Antiochia?« Ihr Blick fiel auf die lackierten Stöcke. Kurz darauf erschien die Meldung: UNGÜLTIGES PASSWORT. Sie wählte einen kürzlich im Soldier of Fortune erschienenen Artikel und las: ›Für den Pangamot-Kämpfer ist Selbstverteidigung passiv. Sie lachte und flüsterte: »Wir haben die Zugangsberechtigung!« Sie klickte auf ›NetScape‹ und danach auf ›NetSearch‹. Lycos meldete ihr neunundzwanzig Einträge. beschloß sie. UNGÜLTIGES PASSWORT. hörte das Modem wählen und den Signalton… Sie wartete mit angehaltenem Atem. murmelte Catherine. tippte sie ›Phantom‹. Das Konto war schon seit über zwei Stunden eröffnet. Pangamot ist aggressiv. Das Such-Menü erschien. Bei welcher Datenbank sollte sie die Suche beginnen? Bei Lycos. Sie klickte auf ›Search Large Data Base‹. Carnegie-Mellon Universität.erschien. Es ist ein Kampf um 278 . der Zugang war noch nicht aktiviert. Was mochte der Grund für die Verzögerung sein? Sie tippte noch einmal die Zahlenfolge. das sie sich ausgedacht hatten. Das bedeutete. »Okay«. Wie hieß dieser Kampfsport? Pangamot! Sie tippte das Wort und drückte dann auf Eingabe. das Paßwort.

‹ Ein Textverweis öffnete ihr die Netz-Seite über den philippinischen Kampfsport. und…« »Und?« Und Sie sind Priester. aber wie unter einem Zwang fragte sie: »Warum lassen Sie sich die Haare so kurz schneiden? Sagen Sie es mir!« »Zu den Techniken beim Pangamot gehört es. Ich kann 279 . ich übe Kontrolle über die Gewalt aus. Dort befanden sich Zeichnungen von Kampfstellungen mit den gleichen lackierten Stöcken. Pangamot sei eine Art Selbstverteidigung.« Sie sah ihn an.« »Warum sind Sie so schockiert?« »Ich hasse Gewalt in jeder Form.« Er deutete auf den Bildschirm. Der Sieger erhält als Preis keine Siegestrophäe. Sie wurden eindeutig als todbringende Waffe eingesetzt. hatte sie sagen wollen. »Nein. Sie hörte nicht. »Ich hätte alles beantwortet. den Gegner bei den Haaren zu packen und ihn…« Sie starrte auf den Boden. daß Sie die Gewalt Ihres Gegners unter Kontrolle halten?« Er schüttelte den Kopf. wie Garibaldi sie benutzte. was Sie wissen wollen. »Wollen Sie damit sagen. daß die Tür aufging und Garibaldi wieder zurück war. meine eigene. Widerwillig.« »Das habe ich nicht gesagt.« Ihr wurde plötzlich kalt. Es gibt keine Regeln. Sie setzen auf Gewalt. »Sie haben gesagt.Leben oder Tod. »Ich hätte die Frage nicht stellen sollen.« »Nein.« Catherine sah ihn nicht an.« »Es ist ein aggressiver Kampfsport. Plötzlich stand er hinter ihr und sagte: »Sie hätten mich fragen können. sondern nur sein Leben.

Er streckte sie aus.« »Es sind nur zwei lackierte Bambusstöcke. ›PROPHEZEIT DAS JESUS-FRAGMENT DEN WELTUNTERGANG?‹ Und Catherine dachte: Das siebte Buch. »Suchen Sie nach ›König Tymbos‹. wenn Sie sie in die Hand nehmen. »Ich werde die Suche beginnen. der Weg. glänzenden Stöcke. dachte sie. Sabina sagt. ich möchte wirklich nicht mehr darüber reden. stand sie auf und murmelte: »Tut mir leid. Vielleicht können Sie Ihre Angst besser überwinden. der Gerechte… Was war das Wichtigste. »Hier.« Catherine blickte stumm auf die langen.nicht gutheißen. Diakon. drehte sich um.« Er stellte die Stöcke an die Wand. daß ein Priester einen Kampfsport ausübt. nehmen Sie die Stöcke…« »Nein. Womit soll ich anfangen?« Sie überlegte. »Wir müssen herausfinden. Als er nichts erwiderte. sagte sie und sah ihm direkt in die Augen. löste die Riemen seiner Reisetasche und nahm die lackierten Stöcke in die Hand. Ich muß ins Bad und die Haare ausspülen. Das müssen wir als erstes finden… »Tymbos«. »Ich habe keine Angst vor dem Bambus«. Er musterte sie. wann sie geschrieben wurden. die Nachricht von der Niederlage der römischen Legionen in Germanien löste großen Schrecken aus…« Ihr Blick fiel auf die Schlagzeile der Abendzeitung.« Garibaldi tippte ›König Tymbos‹ und klickte auf: SUCHE BEGINNT. 280 . sagte sie. das sie über die Papyri wissen mußte? Ihr Alter.

die Computersysteme von Miles Havers zu knacken. und legte auf. »Tut mir leid. uns so zu ärgern?« Miles wußte. und die Gespräche wurden wie auch diesmal nur zu einer anderen Nummer 281 . Schließlich habe ich die Sache überprüft und mit einer deiner Nummern meine Nummer angewählt. »Den ganzen Tag über habe ich auf meiner Nummer keinen einzigen Anruf bekommen. ich muß mich verwählt haben«. Erika Havers murmelte: »Entschuldigung.« »Aber sollte man nicht denken. daß so etwas in Zukunft unterbleibt?« »Leider scheint das der Preis zu sein. den ich zu zahlen habe. dann drehte sie sich um und verließ den Raum. Wie es aussieht. mein Schatz. Sie blickte kopfschüttelnd auf das Telefon. haben uns diese Hacker wieder einmal aufs Korn genommen. daß diese infantilen Leute inzwischen genug davon haben. »Schon wieder«. Damit konnte er sich einen Namen machen. Sie überquerte den Innenhof und eilte durch die verglasten Bögen. Wer hat sich diesmal gemeldet?« »Das Städtische Leichenschauhaus! Ich finde das wirklich nicht komisch. Meist war alles völlig harmlos. bevor sich eine Männerstimme mit ›Städtisches Leichenschauhaus‹ meldete. Jeder neue Hacker versuchte früher oder später. New Mexico Das Telefon klingelte achtmal. dem Spiel ein Ende zu setzen. Miles. sagte sie anklagend. wo riesige Kakteen in großen Töpfen im kalten Mondlicht standen. kannst du nicht dafür sorgen. Sie fand Miles im Tropenhaus bei seinen Orchideen.Santa Fe. es gab keine Möglichkeit.« Miles legte die Gartenschere auf den Stein.

Ich habe nur einen Paßwortsucher eingesetzt und im Handumdrehen alles überspielt. »So etwas habe ich noch nicht erlebt…«. Also habe ich nach der Marke und dem 282 . Sie kommen nicht zur Silvesterparty. Wir haben trotzdem mehr als tausend Gäste. nur darf mein Telefon nicht immer wieder gestört sein.« Miles blickte mit zusammengekniffenen Augen auf die Liste der Namen und Zulassungsnummern auf dem Bildschirm.« »Gewiß.« Miles nickte. Liebling. was ich brauche. »Ich werde mich darum kümmern. als in das System dieser Leihwagenkette zu kommen. begleitete sie ins Haus bis zum Fahrstuhl und fuhr auf der Stelle hinunter in den Kommunikationsbunker. wo Teddy Yamaguchi vor der Bildschirmwand saß. daß ich am Werk war.« »Mach dir nichts daraus. erwiderte Teddy kopfschüttelnd. denn sie wollen die Jahrtausendwende mit ihren Kindern auf Fidschi feiern und über die Datumsgrenze nach Tonga fliegen. Senator Fowler und seine Frau haben abgesagt. Es fehlt sogar ein Schutzschild. erwiderte er lächelnd. »Es ist nichts einfacher. Liebling«.« »Ach. »Wissen wir etwas über den Leihwagen?« fragte Miles.umgeleitet. Miles. um sie vierundzwanzig Stunden später noch einmal zu erleben. Sie ahnen nicht einmal. übrigens. Erika hatte dafür kein Verständnis und klagte: »Inzwischen werden meine Anrufe jede Woche mindestens einmal einfach weitergeleitet…« »Also gut. Sie haben ein richtiges Mickey-MausSicherheitsprogramm. »Und?« »Zuerst habe ich die Zulassungsnummer für den Wagen nicht gefunden.

wo die Fax-Bildschirme standen und Geschäftsnachrichten aus aller Welt eingingen.« »Soll das heißen. Aber er ging auf Nummer Sicher und ließ alle erdenklichen Stellen überwachen. Miles ging zu der Wand. Er mußte diese Frau finden. Doch dieser Monitor blieb leer und stumm. Die Videokamera überwachte die Wohnung von Dr. »Kann man sie zurückholen?« Teddy schüttelte den Kopf. wo das Videobild einer Straße zu sehen war. Miles bezweifelte.« Miles starrte verärgert auf den Bildschirm. aber die Kreditkarten-Nummer des Kunden ist gelöscht worden.« Miles hob die Augenbrauen. daß die Archäologin so töricht sein würde. ließ Miles 283 . was er damit bezwecken wollte. »Wer die Nummer gelöscht hat. Warum dauerte alles so lange? Nachdem Zeke die Photos der Schriftrollen aus Santa Barbara geschickt hatte. »Dieser ›Jemand‹ wußte. zu ihrer Wohnung zurückzukehren.« »Ist der Wagen da?« »Er ist da. Aber sein Interesse galt im Augenblick nur einem Faxgerät. sondern die Daten zerstört. Dr. Er hat sie nicht nur gelöscht. jemand ist uns zuvorgekommen und hat die Daten absichtlich unlesbar gemacht?« Teddy gab dem Drehhocker einen Schubs und sah seinen Boß an. Catherine Alexander.Modell suchen lassen. Alexander hatte Stevensons Computer mit dem Tagebuch. dessen Nummer außer einem einzigen Mann niemand kannte. Es ging inzwischen nicht nur um die Schriftrollen. daß wir die Kreditkarten-Nummer haben wollen. Dort stand der Name seines Mörders… Sein Blick wanderte die Reihe der Bildschirme entlang bis zum Ende. wußte genau.

Auf der ersten Seite der Zeitung hatte er die allererste Seite der Schriftrollen gesehen. Während Miles untätig auf ein Fax wartete. die Miles begierig las. Die ersten übersetzten Seiten hätten inzwischen längst hier eingetroffen sein müssen. Die Zeitung hatte sogar eine Übersetzung abgedruckt. dieser König sei im Besitz der siebten Schriftrolle. die Zeke zurückgelassen hatte. sie sofort zu übersetzen. daß sie so dumm ist.« Teddy tippte wie rasend auf der Tastatur und murmelte: »Vielleicht ist sie nicht so dumm. Alexander glaubte. Havers!« rief Teddy plötzlich. daß er auch die zweite Seite nicht besaß. Das war vor sechsunddreißig Stunden gewesen. 284 . Verblüfft sagte er: »Sie hat ihre Kreditkarte noch einmal benutzt? Ich kann nicht glauben. Er würde für eine grundlegende Änderung sorgen. Sie würde natürlich nach ihm suchen. Es stellte sich jedoch heraus. Wie hieß der König? Die Archäologin kannte nicht nur den Namen. konnte sie den Originaltext nach Hinweisen auf das Versteck der siebten Schriftrolle durchsuchen. die Zeke und sein Partner bedauerlicherweise in Stevensons Wohnung zurückgelassen hatten. bis zu dem abrupten Ende: ›… nimm sie mit zu König‹ Miles hatte sofort seine Photos nach der Fortsetzung überprüft. Miles war sehr unzufrieden mit der augenblicklichen Lage. Nimm sie mit zu König… Jetzt verstand Miles die Frage von Daniel Stevenson: »Wie heißt der König noch?« Dr. Mit Entsetzen dachte er an den Morgen dieses Tages. »Mr.sie reproduzieren und mit der Anweisung nach Ägypten fliegen. Sie mußte bei der Polizei liegen. wie alle anderen. »Wir haben wieder etwas!« Miles ging sofort zu ihm zurück und blickte auf den Bildschirm. sie befand sich ihm gegenüber auch noch in anderer Hinsicht im Vorteil.

« »Bin schon dabei. Ich wette. sie ist nicht in Orange County.« Teddy schob sich lachend eine Handvoll seiner Lieblingssnacks in den Mund. Es war soweit! Die Archäologin hatte sich ins Internet eingewählt. Havers. sagte Miles. Mr.« »Welche hat sie?« »Einen Augenblick. Es wird gleich auf dem Bildschirm angezeigt werden. Also los. der ihn in die richtige Hacker-Laune versetzte. Alexander mit ihrer Karte eine Zugangsberechtigung gekauft. Zucker und Koffein verschafften ihm einen Adrenalinstoß. 285 . verfolgen Sie die Spur. »Orange County. »LinkNet…«.«. Das Spiel lief auf vollen Touren.Diesmal hat Dr.

Könnte es ein Anagramm sein? Die frühen Christen hatten eine ausgeprägte Vorliebe für solche Spielereien. etwas über sie zu finden.Goshen. daß die Schreibweise richtig ist?« Catherine kam aus dem Bad und bürstete sich die kurz geschnittenen und gebleichten Haare. Sohn Gottes. stimmte ihm Catherine zu. wie zum Beispiel ›Ichthus‹.« »Möglich«.‹ »Stimmt«.« Sie blickte auf den Monitor. Perpetua. als sie ihm das Wort zeigte.« Catherine ging in Gedanken die Liste ihrer Stichwörter durch: Amelia. Kalifornien »Tut mir leid. Garibaldi bekam große Augen. sagte Garibaldi. Auf diese Weise war eines der ersten Symbole des christlichen Glaubens entstanden. dann drehte sie sich um und holte die Pappschachtel mit der ersten Schriftrolle. Sabina.« »Genau das wollte ich. »Ich glaube. es gibt keinen ›Tymbos‹«. »Es gibt weder einen König noch sonst jemanden mit diesem Namen. Oben auf der zweiten Seite stand: ›TYMBOS. wir haben Zeit für einen weiteren Suchbegriff. »Daran gibt es keinen Zweifel. Sie dürfen es noch einmal probieren. Wissen Sie. »Sie sehen so anders aus. murmelte Garibaldi. der Gerechte… Ohne die Familiennamen der Frauen war es schwer. Das Anagramm ›Ichthus‹ entstand aus den ersten Buchstaben des Satzes: Iesous Christos Theou Uios Soter – Jesus Christus. der Weg. Sind Sie sicher. dann sollten wir uns besser wieder aus dem Internet verabschieden. ›Der 286 . Ich wünsche Ihnen diesmal mehr Glück. Benutzte Sabina eine ähnliche Verschlüsselungstechnik? Garibaldi blickte auf die digitale Zeitanzeige des Monitors. Retter – und ergab das lateinische Wort für ›Fisch‹. wenn nicht sogar unmöglich.

Sie trat wieder an den Tisch. Man nannte diese Zeit das Goldene Zeitalter. Er war ein Alchimist. Sein Leben war eine einzige Suche. doch er glaubte auch an die Unsterblichen. Er sagte mir. Er war ein Alchimist. Hinweise darauf zeigte er mir in den Schriften von Platon. Philos war Arzt. Allerdings geriet dieses Geheimnis vor sehr langer Zeit wieder in Vergessenheit. der nach den geheimnisvollen Mysterien von Leben und Tod suchte. sehr lange. langer Zeit von Riesen bewohnt war. Aber er war noch mehr. der bis zu den entferntesten Grenzen des Reichs reiste. und las die erste Zeile: ›Philos war Arzt. das ewiges Leben schenkt. Sokrates und auch in den Schriften der Juden. man konnte es wiederfinden. wo die zweite Schriftrolle bereits teilweise entfaltet lag. Aber er war noch mehr. wenn man nur danach forschte. Lycos würde ihr bei diesen Begriffen unzählige Verweise anbieten. um die Grenzposten zu kontrollieren und sich davon zu überzeugen. daß die Befehle Roms befolgt wurden. Seth und Methusalem beinahe tausend Jahre gelebt haben. schloß er sich dem Gefolge des kaiserlichen Gesandten an.Weg‹ und ›der Gerechte‹ waren zu allgemein. Der kaiserliche Gesandte war ein Römer und hieß Cornelius Severus… 287 . daß Philos ein Stoiker war. Damals lebten die Menschen sehr. Um auf der Suche nach diesem Geheimnis durch die Welt reisen zu können. so behauptete er. die Menschen das Geheimnis des langen Lebens gelernt hatten. daß die Welt vor langer. der nach den geheimnisvollen Mysterien von Leben und Tod suchte…‹ Wie ich bereits gesagt habe. wie er sagte. Philos wollte das uralte Mittel finden. daß Adam. von denen. Aber. Er war bei den großen Zauberern und Eingeweihten von Persien gewesen. Ich habe erwähnt. wo steht.

mcom.infoseek. File »Exit Dialer«Bye PPP DEAKTIVIERT NO CARRIER 288 .html SEARCH ENGINES INFOSEEK SEARCH InfoSeek ist ein umfassendes und genaues WWWSuchprogramm.http://home. Sie können auch besondere Such-Operatoren einsetzen: EINGEBEN: Cornelius Severus SUCHE BEGINNT SUCH-TEXT http://www2. Sie können Suchwünsche in normaler Sprache oder als Suchbegriffe und Sätze eingeben./home/internet-search.com/Titel?qt=Cornelius+Severus INFOSEEK SUCHERGEBNIS: SIE SUCHEN: Cornelius Severus Keine WWW-Einträge unter Ihrem Suchbegriff.

den Einsatz der Karte zurückzuverfolgen. was sie gemacht hat?« Teddy nickte. »Die Zugangsberechtigung wurde vor fünf Stunden erteilt. New Mexico »Und?« fragte Miles. das ich erfunden habe. ist sie jetzt schon nicht mehr Online. sie vermutet. Dazu. daß sie nicht mehr ans Internet geht. Alexander hat ihre Kreditkarte nur für diesen einen Vorgang benutzt. sagte er drohend. während sie die Suche laufen läßt. Diese Frau hat den großen Fehler begangen. müßte er die überfällige Übersetzung haben. Das heißt. Ich möchte wetten. »wird sie eine Überraschung erleben. weil wir keine Möglichkeit haben.« »Soll das heißen.« »Was haben Sie vor. so dachte er gereizt. wenn wir wüßten. daß wir ihr Kartenkonto überwachen.Santa Fe. bevor wir sie festnageln können?« »Es sieht so aus. Wenn sie sich eingewählt hat. während wir zu spät sehen. mit mir Katze und Maus spielen zu können«. sie kann sich einwählen und verabschieden. Dr. wonach sie sucht.« Miles blickte ungeduldig auf die Uhr. Sie hat die Zugangsberechtigung bei LinkNet damit bezahlt. Sie hat bei Internet ihre Adresse in Santa Monica angegeben. sich ins Internet einwählen und wieder verabschieden. »Es würde helfen.« »Sie kann also immer neue Zugangsberechtigungen kaufen. Teddy schüttelte den Kopf. Warum kam das Fax nicht an? »Wenn sie glaubt. Vielleicht wären wir dann schneller und könnten sie fassen. Mr. sich auf ein Spielfeld zu wagen. Havers?« 289 .

« 290 . als sie es für möglich hält. Teddy.»Wir locken sie in eine Falle. Diese Falle wird unsere kluge kleine Archäologin nicht vermuten und sich deshalb schneller darin fangen.

aber er lächelte charmant. 291 . Raphael mit der Hornbrille und dem Lockenkopf wirkte harmlos wie ein Chorknabe. legte den Kopf schief und sah sie mit seinen feuchten Hundeaugen bittend an. daß sein entstelltes Gesicht bei Männern und Frauen unterschiedliche Reaktionen auslöste. »Sieht fast wie eine Frau aus. schickte er seinen jungenhaften Partner hinein. was sie beeindruckte und ihm ihre unbewußte Anerkennung verschaffte. vielleicht sogar aufreizend. Zeke wußte schon seit langem. antwortete sie. Ältere Frauen dagegen reagierten abweisend. daß Raphael bereits zwölf Morde auf dem Gewissen hatte. sondern sein Partner Raphael. Zeke habe ein männliches Ritual bestanden. Frauen dagegen waren unberechenbar in ihren Reaktionen. Als Zeke vor dem Büro des Motels angehalten und durch das Fenster eine grauhaarige Frau an der Rezeption gesehen hatte. unter welchem Namen sie sich eingetragen hat?« Diesmal stellte nicht Zeke die Fragen. die durch Augenbraue. Wange und Lippen schnitt. Meist fanden jüngere die Narbe faszinierend. Sie schienen zu glauben. vermutlich weil die Narbe etwas Gefährliches andeutete. »Können Sie mir vielleicht sagen. Die Frau ahnte bestimmt nicht. Kalifornien »Haben Sie diese Frau gesehen?« Die Frau an der Rezeption im Dew Drop Motel blickte auf das Photo. »Ich darf Ihnen den Namen nicht nennen«. denn er wußte. sagte die Frau jetzt. die gestern abend hier ein Zimmer gemietet hat«.Sacramento. Männer reagierten wohlwollend auf die Narbe.

und sie hätten tausend Leute gebraucht. um nach der Frau in Begleitung eines Priesters zu suchen.« Als er sich umdrehen wollte.« »Einen Reisescheck?« Sie zeigte ihm den Scheck – American Express. »Angeblich nicht.Sie schob ihm das Gästebuch über die Theke. in welche Richtung die beiden gefahren sind?« »Tut mir leid. Das mußte sie sein! »War sie in Begleitung?« fragte er. dann wären alle Motels und Hotels in Kalifornien geöffnet gewesen. Wenn die Menschen nicht den Weltuntergang gefürchtet hätten. Zeke würde sich über die Ironie des Schicksals freuen. aber beide Betten waren benutzt. Die Putzkolonne hat beim Saubermachen einen Reisescheck unter der Tischlampe gefunden. Raphael hätte beinahe laut gelacht. »Läßt du unseren Boß wissen. Miss Smith hat sich also nicht einfach davongeschlichen. Die Jahrtausendwende half ihnen bei der Suche. »Wissen Sie zufällig. Jane Smith. daß wir der Dame auf der Spur sind?« Zeke erwiderte abschätzig: »Sollen seine teuren Computer sie doch finden!« 292 . »Wer ist Lucinda?« »Sie hat das Zimmer saubergemacht. Er überflog die Einträge. Das war der Priester. Vielleicht hat sie die beiden noch gesehen…« Fünf Minuten später stieg Raphael zufrieden in den Wagen. sagte die Frau: »Warten Sie! Ich werde Lucinda fragen…« Sie wählte bereits eine Nummer. ausgestellt und unterschrieben von ›Michael Garibaldi‹.

Diesmal hatte es Teddy mit dem Verstand eines wirklichen Menschen zu tun und nicht nur mit einer Kodierung. Damit verhinderte er. daß Teddy etwas davon erfuhr. daß es einen Menschen gab. Aber heute hatte er es vorgezogen. aber niemand darf dabei körperlich Schaden nehmen. allein im Kommunikationszentrum zu bleiben. Miles rechnete jeden Augenblick mit dem Eintreffen wichtiger Informationen. und die Jagd auf einen Menschen anstelle einer Spielfigur war noch besser – eine Archäologin floh mit alten Schriftrollen. was die linke tut. sich unbemerkt an sie heranzupirschen. Auch er hielt sich an Regeln und Moralgesetze. war die Herausforderung. und Miles brauchte ihn. Das war das Meisterstück. Miles wußte das. Deshalb achtete Miles darauf. Miles hielt sich an dieses Motto. daß Teddy sich am liebsten als eine Art Ritter sah. Das Faszinierende an der Jagd nach Informationen. so fand er.Santa Fe. Aber für Teddy galt auch das Motto der Hacker: Man darf alles tun. die Miles bei Dianuba Technologies 293 . daß Teddy nichts von Zeke erfuhr oder von dem Zusammenhang mit dem Mord an Daniel Stevenson. New Mexico Teddys T-Shirt hatte den vielsagenden Aufdruck: ›Informationen wollen frei sein‹. Er durfte nicht riskieren. Die gewonnene Information war für den Hacker eigentlich zweitrangig. Die rechte Hand darf nicht wissen. Teddy Yamaguchi war der Beste auf seinem Gebiet. Deshalb hatte er Teddy den Abend freigegeben. der zuviel über ihn wußte. Er wußte. Aus diesem Grund ahnte Teddy auch nichts von den drei Computerfachleuten.

und ich wollte unter allen Umständen mit ihm reisen.eingesetzt hatte. Miles griff erregt nach der ersten Seite. Mitternacht war bereits vorüber. aber er forderte mich auf. denn ich war die unverheiratete Tochter einer angesehenen Familie. die sie bei Geburten verwendete. die siebte Rolle zu finden. Als ich 294 . und es war undenkbar. Das war ein kühner und waghalsiger Schritt. Ich fand darunter auch zerstoßenes Haschisch. Miles stand vor dem Problem. daß es noch nichts zu suchen gab. aber jeder wußte. mich zu heiraten. Aber Philos würde Antiochia am nächsten Tag verlassen. daß ich abends ohne Begleitung das Haus verließ. ›Ich brachte Philos durch eine List dazu. Das Fax kam aus Kairo. Er überlegte gerade. Damit stiegen ihre Chancen. und die nur darauf warteten. daß es auch als Aphrodisiakum wirkte. nach Hause zu gehen. mich nach Hause zu begleiten. der nicht verwandt mit mir war. Während die Alexander auf der Flucht war. Ich nahm einen Krug Wein mit. ob er sich telefonisch nach dem Grund der Verzögerung erkundigen sollte. unabhängig voneinander für ihn zu suchen. mit dem man einen Blutsturz behandelte. Das Fax hätte schon vor Stunden eingehen müssen. mich zu heiraten…‹ Ich brachte Philos durch eine List dazu. als auf dem Monitor endlich die ersehnte Meldung erschien und gleichzeitig der Drucker zu laufen begann. Am Abend ging ich zu dem Gasthaus. Ohne eine Übersetzung konnte Miles die Suche auch ganz aufgeben. Meine Mutter hatte einen Vorrat an Kräutern und Heilmitteln. in den ich das Haschisch geschüttet hatte. Philos empfing mich freundlich. bot er an. Außerdem wollte ich einen Mann besuchen. Da ich das ablehnte. übersetzte sie die Schriftrollen.

daß sich Männer und Frauen die Ohrläppchen durchstechen lassen als Schutz gegen den unheilvollen Einfluß gefährlicher Sterne und böser Geister. Philos erzählte mir später. Und so heiratete ich Philos.auch das ablehnte. Philos trug mich in der Hochzeitsnacht über die Schwelle des Zimmers. den glückverheißendsten aller Monate. ego Gaia‹. wirst du dann gehen?‹ Ich stimmte zu. denn seine Braut stammte aus der vornehmen Sippe des Fabianus. Und ich? Ich. daß ich ihn nicht liebte… Unser erstes Reiseziel war Indien. das neue Leben mit uns beginnen konnten. sagte er: ›Wenn ich von deinem Wein trinke. Ich trug den flammendroten Brautschleier und sprach das uralte Ehegelöbnis: ›Ubi tu Gaius. denn ich hatte die Stengel und nicht die Blätter zerstoßen und in den Wein gemischt. der Dämonen und überirdischen Wesen. Er trank nur einen einzigen Schluck. ein Fluß gilt als heilig. Ich erfuhr. der Trank habe seine Wirkung getan. für die Hochzeit. die sich an meine Sandalen klammern mochten. Ich wußte damals nicht. 295 . Dort befragt man vor jeder wichtigen Entscheidung die Sterne. ein Land der Götter und Geister. Ich dachte. Ich verließ das Gasthaus. wie ich es versprochen hatte. damit keine bösen Geister. sollte mit ihm die Welt kennenlernen. daß das Haschisch keine Wirkung auf Philos haben konnte. Wir wählten den Juni. es sei seine Absicht gewesen. In diesem uralten Land weilen die Ahnen noch unter den Lebenden. und Kühe werden nicht geschlachtet. mich zu heiraten. liebe Amelia. Er habe das seit der ersten Begegnung gewollt. Es war deshalb nicht wichtig. Für Philos war ich eine gute Partie. und Philos erschien am nächsten Morgen in unserem Haus und hielt bei meiner Mutter um meine Hand an.

denn wir waren in einer besonderen Zeit geboren worden.Stellt Euch vor. Auf der Suche nach dem Wundermittel tauschte Philos sein Wissen mit Ärzten aus. Die Tempel wurden besser gepflegt als je zuvor. Und ich wußte. aber er war ein gütiger und geduldiger Lehrer. lernten wir neue Menschen kennen. Ich erzählte allen. daß ich ihn manchmal verwirrte. Dort stellten wir fest. daß man eine Möglichkeit gefunden hatte. damals zu leben. der Gerechte würde wiederkommen. wie er es versprochen hatte. die Welt ändern zu können. Ich liebte Philos zwar nicht. an dessen Namen sich 296 . Die Menschen im Osten kannten dieses Mittel damals noch nicht. Wohin wir auch kamen. und auf den Altären der Götter häuften sich die Opfergaben. obwohl ich glaube. so gut ich es konnte. die Wolle tragen. ›Honig‹ anzubauen. Man braucht dazu die Rinde von Weiden. Wir reisten entlang einer Straße mit sehr alten Türmen. Das Reich wird zerfallen. Überall lag eine erwartungsvolle Hoffnung in der Luft. Fieber. Dafür gab er ihnen das Geheimrezept der Hekate. ein uraltes Mittel gegen Kopfschmerzen. was für ein Abenteuer das für uns war! Ich war jung und wollte unbedingt die Botschaft des Gerechten verbreiten. Man gewinnt den ›Honig‹ aus einer Art Schilfrohr. Eine neue Ordnung wird kommen. die vor langer. Der ›Honig‹ ist körnig und wird nur zum Süßen von Medizin verwandt. von seiner Botschaft des Friedens. In meiner jugendlichen Begeisterung und Unschuld glaubte ich. denn alle sahen die Zeichen. Wir schätzten uns glücklich. Er lernte neue und wirkungsvolle Heilmittel kennen. sagten die Menschen. das so groß wird wie ein Mann. In Arabien erfuhren wir auch. Entzündungen und Gliederschmerzen. Auf dem Weg nach Indien mußten wir Arabien durchqueren. liebe Schwestern. daß es in Persien Bäume gibt. langer Zeit ein Kaiser errichten ließ.

Der Führer unserer Karawane erzählte. von der Catull in seinen Gedichten spricht. er stamme von einem Menschen. Überall. aber es fehlte die Leidenschaft. Der Kaiser ließ Botschaften durch Leuchtsignale von Turm zu Turm übermitteln. Ich erzählte ihnen von dem Gerechten und der Botschaft. Bei schweren Blutungen. Der Knochen stammte aus Europa. Als Allheilmittel gab Philos den Kranken die zerstoßenen Zähne von Haien in Wein zu trinken. Auf diese Weise erreichte eine Botschaft das nächste Königreich in wenigen Tagen. In den vielen Wochen und Monaten der Reise zum Indus. der ein Feuer unterhielt. sprach ich mit den Frauen in ihren Zelten und an den Lagerfeuern. und Philos das Wundermittel gegen den Tod suchte. ob ich je die glühende Liebe kennenlernen würde. Philos diente auf den Reisen treu Cornelius Severus und seinen Offizieren. Er war fast zwei Beinlängen lang. die er den Menschen gebracht hatte. daß er einmal einen ihrer Knochen gesehen hatte. wohin wir kamen. suchte Philos nach Hinweisen auf die Riesen der Vergangenheit. Philos war ein behutsamer und geduldiger Ehemann. bei Asthma und Husten mischte er mit verblüffendem Erfolg einen Trunk aus der Ephedrapflanze. und ich begann mich zu fragen. Ich war jung. Er sagte mir. Die einfachen Legionäre hatten ihren eigenen Militärarzt. und ich sehnte mich nach Liebe. 297 . während Cornelius Severus im Namen des Kaisers Recht sprach. wo römische Soldaten beim Ausheben der Fundamente für eine Brücke einen versteinerten Oberschenkelknochen gefunden hatten.niemand mehr erinnert. daß die Türme in Sichtweite voneinander stehen. aber alle sagten. anstelle von Wochen. Früher stand auf jedem Turm ein Mann Wache.

DER SIEBTE TAG 298 .

erwiderte er und zeigte ihr eine Zeitung. Diebstahl und Schmuggel von nationalen Kulturgütern gesucht‹ Catherine glaubte. Eine Motelangestellte hat ebenfalls die Polizei angerufen. und dann spürte sie einen kalten Luftzug. Darunter stand ihr Name: ›Dr. Catherine trocknete sich hastig ab. 299 . Das Wasser war so heiß. »Dr. Kalifornien »Frau Doktor? Frau Doktor!« Catherine hörte ihn nicht. wir müssen sofort hier weg!« Garibaldi schlug die Tür zu. Garibaldi klopfte an die Tür. wer Sie sind«. Sie suchte ihre Socken und stellte verblüfft fest.Montag. Kalifornien. Seine laute Stimme in dem kleinen Bad ließ sie zusammenschrecken. daß sie es gerade noch ertragen konnte. »Was ist denn los?« fragte sie und griff nach ihren Schuhen. der Boden unter ihren Füßen werde sich auftun und sie verschlingen. als sie Ihr Bild in der Zeitung sahen. Diese Frau wird in Verbindung mit zwei Morden. Catherine Alexander aus Santa Monica. sondern ein Photo neueren Datums. Aber diesmal war es nicht das Porträt des Polizeizeichners.« Wieder sah sie ihr Bild auf der ersten Seite. denn sie hatte die Dusche voll aufgedreht. und der Luftzug hörte auf. »Kollegen von Ihnen haben die Polizei benachrichtigt. Dezember 1999 Goshen. 20. daß Garibaldi ihre Sachen bereits gepackt und neben seine Reisetasche gestellt hatte. zog die Jeans und das T-Shirt an und eilte mit nassen Haaren aus dem Bad. Alexander. »Man weiß jetzt.

daß der Mann ihn nicht hörte: »Wir sind etwa dreihundert Meilen von Mexiko entfernt. wäre das wie ein Eingeständnis meiner Schuld. daß auch Julius erwähnt werden würde. Mr. und ein Sonnenstrahl fiel in das abgedunkelte Zimmer. Aber sein Name tauchte nicht auf. »Das Taxi ist da«. Samir. sagte Garibaldi an der Tür.« Er hatte dem Taxifahrer gesagt. antwortete Catherine. der gleichzeitig mit Ihnen im vorigen Motel war. »Von mir wissen sie immer noch nichts«. Mylonas im Hotel Isis. der etwas über sie wußte. daß ich die Leute weiter von Ihnen ablenken kann. sagte er mit einem Blick auf den Parkplatz. »Deshalb lasse ich ein Taxi kommen. »Aber wir können nicht mehr mit dem Wagen fahren«. 300 . nach ihr gefragt: die Stiftung. »Wenn ich nach Mexiko fliehen würde. Wir fahren nach Südosten. daß sie zum GreyhoundBusbahnhof wollten. Auf der Fahrt flüsterte er so leise. Ich hoffe. Wir können es noch heute nacht über die Grenze schaffen…« Aber sie schüttelte den Kopf. Alexander am Samstagabend unter dem Namen Jane Smith in einem Motel in Sacramento abgestiegen ist. Catherine erwartete. sogar die amerikanische Einreisebehörde. Offenbar hatte man jeden.« Benommen überflog Catherine den Artikel: ›Es besteht Grund zur Annahme. »Man bringt Sie nicht mit dem Priester in Zusammenhang.‹ Es war ein langer Artikel.« Er trug die Soutane. sagte er.« »Was ist dort?« »Die Wüste«.Garibaldi öffnete die Tür einen Spalt. Sie wurde zuletzt in einem roten Ford gesehen und fuhr in Richtung Süden. daß Dr. »Ich nehme das Gepäck.

ist Ihnen bewußt. daß die Einfuhr von fremden Kulturgütern in dieses Land ein Vergehen ist? Haben Sie vergessen. Es quälte ihn. Alexander unter dem Verdacht steht. »Und Sie wissen mit Sicherheit. denn auf der Titelseite befand sich Catherines Bild. Bis gestern abend hatte die Polizei Catherines Identität noch nicht gekannt und weder etwas von ihrer Beziehung zu Daniel gewußt noch davon. »Sie sagen. seit er vor der Polizeiwache im Auto gesessen hatte und eine Aussage über Catherine machen wollte. Der neblige Morgen brachte in Form der Los Angeles Times ein böses Erwachen. die Polizei werde von ihm nichts erfahren. ein richtiges Photo von ihr mit Namensangabe. Aber das war gestern abend gewesen. Das imaginäre Verhör wollte ihm nicht aus dem Kopf. daß sie bei Ausgrabungen in Ägypten gefundene Schriftrollen ins Land geschmuggelt hat?« Er hätte Catherine an den Pranger gestellt. Voss. beschloß er. Bis gestern abend hatte Catherine noch die Möglichkeit gehabt. 301 . daß diese Frau Catherine Alexander ist?« hätte man ihn gefragt. genau das getan zu haben? Wo befindet sie sich jetzt? Welcher Zusammenhang besteht zu dem Mord an Daniel Stevenson?« Julius stand vom Schreibtisch auf und rieb sich die Schläfen. daß sich die Papyri in ihrem Besitz befanden. selbst alle Anschuldigungen zurückzuweisen. daß Frau Dr. Nach längerem Überlegen war er dann doch nicht ausgestiegen. Als sich Julius nach dem stummen Selbstgespräch schließlich entschieden hatte und vom Parkplatz der Polizeiwache gefahren war.West Los Angeles »Dr.

Seine Hilflosigkeit empfand er wie eine Folter. Julius wußte. Julius griff nach der Zeitung und las den Artikel noch einmal. war Catherines Leben in Gefahr. wie eigensinnig Cathy sein konnte. Der Mann. sie war nicht entführt worden. Er wollte etwas für sie tun. Sie befand sich auf der Flucht. Aber von Catherine wußte er. sie wollten die Schriftrollen unbedingt in ihren Besitz bringen und schreckten selbst vor einem Mord nicht zurück.Julius war jedoch erleichtert. Dort hieß es. und das waren mehr als hundert Bilder. Die Photos und die Originale 302 . die Polizei habe neunzehn Photos der Schriftrollen gefunden. Er erinnerte sich noch gut an die Entschlossenheit in ihren Augen. mit dem Catherine angeblich aus Daniels Wohnung geflohen war. Aber was? Dann kam ihm ein Gedanke. Auf Grund der Berichte in den Zeitungen über den sensationellen Fund in Ägypten würden sich natürlich alle möglichen Leute an dieser verrückten Schatzsuche beteiligen. Natürlich würde sie so lange untertauchen. als sie erklärt hatte. als er las. Hatten Daniels Mörder die anderen Photos an sich genommen? Wer immer sie auch sein mochten. Solange die Suche danach weiterging. Er warf die Zeitung auf den Schreibtisch und schob die Hände in die Hosentaschen. daß sie jede Seite der Bücher photographiert hatte. wo der ›Schatz‹ vergraben war. sie würden wieder töten. Das bedeutete. um die siebte Schriftrolle zu bekommen. wurde nicht erwähnt. Und wie sollte das geschehen? Bestimmt suchte Catherine bereits danach. Ich muß die siebte Schriftrolle finden. Die anderen sechs Rollen enthielten vermutlich Hinweise darauf. daß sie noch lebte. Julius vermutete. sie werde sich die Schriftrollen nicht abnehmen lassen. bis sie die Übersetzung abgeschlossen hatte.

Wohin sollte er gehen? Er konnte unmöglich so tun. so wie er sie auf dem Sofatisch in seinem Haus gesehen hatte. Allerdings würde selbst ein Computer für diese Art Suche viel Zeit brauchen. Sabina. Ihm war ein Name aufgefallen. Catherine entfaltete einen Papyrus und beugte sich über den Text. um das Blut besser zirkulieren zu lassen. Natürlich wäre es einfach. seine Erinnerung werde sich bei ruhiger Konzentration lückenloser einstellen. Julius fürchtete. Alle hatten die Zeitung gelesen. falls man sie verfolgen würde…‹ Julius rieb sich die Stirn und den Nacken. Wenn er sich doch nur an den Namen erinnern könnte. die siebte Schriftrolle einem König zu geben. Perpetua. Er ging unruhig in seinem Büro auf und ab und rief sich den regnerischen Nachmittag ins Gedächtnis. der an manchen Stellen kaum lesbar. Jeder von 303 . ob er die Namen in griechischen Texten dieser Zeit fand. Plötzlich fielen ihm wieder ihre Worte ein: ›Sabina rät Amelia. als beginne ein ganz normaler Arbeitstag. Wessen Name? Es war nicht der Name des Königs… Er griff nach der Zeitung und las noch einmal die Übersetzung.halfen den anderen. Er schloß die Augen und stellte sich die alten Bücher vor. als Catherine unerwartet aus Ägypten zurückgekommen war und ihm die alten Papyri gezeigt hatte. Das wäre wenigstens ein Anfang… Julius ging zur Tür seines Büros und wollte sie öffnen. Aber er blieb unsicher stehen. Er hoffte. an anderen jedoch wieder verblüffend deutlich war. Dabei achtete er auf die Namen: Amelia. Julius dagegen stand mit leeren Händen da. Inzwischen trafen die Mitarbeiter des Instituts ein. die Kataloge der Archive nach Schriftrollen zu durchsuchen und zu überprüfen. das Versteck aufzuspüren. den er im Originaltext gelesen hatte. daß Catherine nicht viel Zeit blieb.

Der Nebel täuschte offenbar die Sensoren… Fabianus… Julius holte tief Luft. Das war der Name! ›Fabianus‹. um Catherine zu helfen. Wer war ›Fabianus‹? fragte er sich und überflog die Titel der Bücher. War es Sabinas Vater oder ein Mann. den sie geheiratet hatte? Vielleicht war er der König. als sie ihm auf dem Anrufbeantworter die seltsame Nachricht hinterließ. in die er geraten war. Er hatte nicht die Zeit. Aber was. daß Julius und Catherine verlobt waren. Er setzte sich an den Schreibtisch. Der Name sollte ihn an die Intrigen im vergangenen Jahr erinnern und an den Konkurrenzkampf.ihnen wußte. um sich das Gerede und die Fragen vorzustellen. Normalerweise schaltete sich die Beleuchtung erst bei Einbruch der Dunkelheit ein. aber peinlichem Schweigen rechnen. den die Untersuchung der Königin ausgelöst hatte. um alles in der Welt? Julius verfluchte im stillen die Lage. startete den Computer und dachte dabei an die verfügbaren Suchprogramme: Lycos. und das wäre noch schlimmer. Die Weihnachtsbeleuchtung auf dem Wilshire Boulevard brannte schon am frühen Morgen. Man brauchte nicht viel Phantasie. als ein 304 . und er sollte schnellstens etwas unternehmen. alle diese Bücher durchzusehen. dem man die siebte Rolle anvertraut hatte… Julius schüttelte den Kopf. Seufzend trat er ans Fenster und blickte hinaus. Er hätte nicht ins Institut kommen dürfen. Er drehte sich um und ging zu der Bücherwand gegenüber. Meritites… Er kniff die Augen zusammen und nickte. OmniSearch… Mrs. InfoSeek. Möglicherweise mußte er auch mit höflichem. Natürlich hatte Cathy deshalb den Namen der Mumie gewählt.

Er wollte nicht lügen. Es roch nach Regen. Er seufzte und dachte gereizt: Wie soll ich ohne Computer nach der siebten Schriftrolle suchen? Die Zeitung auf dem Schreibtisch erinnerte ihn daran. die Kameras. salzige Meeresluft schlug ihm entgegen. Er hatte sich gerade entschieden.Kollege das Telefon von Julius angezapft hatte! Er runzelte die Stirn. Dann trat er in den grauen Morgen hinaus. jemand überwache sein Telefon und seinen Computer? Wer würde so etwas tun und aus welchem Grund? Verwirrt blickte er auf den blinkenden Cursor und schaltete den PC wieder aus. bis die Journalisten oder die Polizei bei ihren Nachforschungen auch auf ihn stoßen würden. Und dazu würde man ihn mit direkten Fragen zwingen. zum Strandhaus zu fahren. er sei den ganzen Tag nicht im Institut und auch zu Hause nicht zu erreichen. Weshalb glaubte Catherine. Wie konnte er das zumindest so lange hinauszögern. bis er Zeit gehabt hatte. Aber er wollte zum jetzigen Zeitpunkt unter keinen Umständen eine Aussage machen. als er die Übertragungswagen der Fernsehsender sah. daß es nur eine Frage der Zeit war. alles noch einmal in Ruhe durchzudenken? Er stand auf. zog sein Jackett an und verließ entschlossen das Büro. Eilig ging er durch die langen Gänge und hinterließ am Empfang die Nachricht. Die feuchte. die Journalisten und die Polizeibeamten… 305 .

Jeder Tag brachte diese Alexander ihrem Ziel näher. Die Polizei besaß offenbar neunzehn Photos. so vermutete Miles. Der Flug hatte etwas über sechs Stunden gedauert. Miles hätte seinen Anwalt damit beauftragen können. Ein dritter Papyrus 306 . Eigentlich hätte er nicht persönlich fliegen müssen. die ihm nicht zur Verfügung standen. Wenn die Zeit nicht so gedrängt hätte. wichtige Informationen. wäre es natürlich kein Problem gewesen. Ein Papyrus befand sich im Archiv der Duke University. Bisher hatte er allerdings nur drei Schriftrollen ausfindig gemacht. daß er die meisten besaß. die siebte Rolle zu finden. Da Catherine Alexander die Photos klugerweise numeriert hatte. Die Polizei hatte nur einen Bruchteil. enthielten die Texte. Also brauchte er nur in Archiven und Bibliotheken zu suchen. sich mit Hilfe der richtigen Leute auch die Photos zu beschaffen. Aber die Schriftrollen waren ihm zu wichtig. denn der Text der Schriftrollen war bestimmt wie die Evangelien immer wieder abgeschrieben worden. der zweite im British Museum. kaum entzifferbare Fragmente. die Transaktion durchzuführen. um einem anderen die Verantwortung dafür zu überlassen. Leider. die kein Licht auf das Leben von Sabina Fabiana warfen. Es handelte sich dabei um kleine.Über dem Pazifik Miles spürte den Druck in den Ohren. wußte Miles. Eines davon war in den Zeitungen abgebildet worden. Er warf einen Blick auf die Uhr. als sein Jet die Reiseflughöhe verließ. die bei der Polizei in Santa Barbara lagen. Miles war zu dem Schluß gekommen. es müsse irgendwo auf der Welt Kopien der anderen achtzehn Seiten geben. Aber Zeit hatte er nicht. Miles mußte deshalb andere Wege einschlagen.

in diesem Augenblick hätte er Erika zur Seite stehen müssen. Das gelbe Leuchtsignal der Sprechanlage neben seinem Sitz blinkte mehrmals. den Debütantinnenball und das FilmFestival von Cannes. daß sie sich im Landeanflug befanden. Der Tiger in Miles war hungrig. Miles wollte seine Gäste in dem Bewußtsein begrüßen. die Oscarverleihung. denn er ließ Erika nur ungern allein zurück. Die Entscheidung zu diesem Flug nach Hawaii war ihm nicht leichtgefallen. Den Hinweis auf dieses Fabiana-Fragment fand Miles in der Zeitschrift Archaeology. Es stammte aus dem sechsten Jahrhundert und war die Kopie eines Papyrus aus dem zweiten Jahrhundert. Das Haus füllte sich bereits mit Gästen.befand sich im Privatbesitz eines gewissen Aki Matsumoto. wenn es nicht zum Höhepunkt seiner Ambitionen werden würde. der Konzern war der Thron. um dafür zu sorgen. in dem die Inseln wie wahllos verstreute Edelsteine leuchteten. und die Vorbereitungen für die große Silvesterfeier waren in vollem Gang. im Tropenhaus 307 . Miles lächelte. daß er im neuen Jahrtausend alle seine Ziele erreicht hatte. Miles wollte dieses Dokument haben. denn in seiner Vorstellung war das Anwesen sein Palast. Gewiß. Das Fest sollte alles übertreffen. Aber das ganze Fest wäre für ihn bedeutungslos. Er hatte wie immer seine eigenen Absichten. daß alles nach Plan verlief. Die mehr als tausend Menschen aus aller Welt kamen. Niemand ahnte den eigentlichen Grund für die Jahrtausendfeier. sein Computerzentrum Zepter und Schwert. eines reichen japanischen Geschäftsmannes. das Dokument befinde sich in einem ausgezeichneten Zustand. um ihm in der Casa Havers zu huldigen. Der Pilot ließ ihn damit wissen. Er brauchte Beute. Miles sah unter sich das dunkelblaue Meer. die berichtete.

Der unsichtbare Fahrgast auf dem Rücksitz war. seiner Schatzkammer. Er würde auf seine Weise Herrscher der Welt sein. die nichts von den vielen Millionen verrieten. Kurz darauf meldete er. was darin stand. die Medien und alle Menschen spekulieren. wo Privatflugzeuge und die Maschinen der kleinen Frachtfluglinien abgefertigt wurden. die zum Tagesgespräch geworden waren. seine Überzeugungskraft. was Menschen geschaffen hatten. weil alle sich davon Aufschlüsse über die Vergangenheit und die Zukunft erhofften. die er in der Elektronikbranche verdiente. Bei solchen Geschäften wahrte Miles stets seine Anonymität.hütete er die Perlen. Miles war aus diesem Grund auch nicht mit dem Firmenjet mit dem Logo des Konzerns an 308 . seinen Weitblick. wer ihn hierher gebeten hatte. rollte zum Ende des Flughafens. Miles. dann konnte er an Silvester triumphieren. Der Jet landete. Miles blickte aus dem Fenster und sah einen glänzenden schwarzen Mercedes mit geschlossenen getönten Scheiben. denn er hatte den Zugriff auf alle Informationen. Er trug immer schlecht sitzende Anzüge. Das neue Jahrtausend würde ihm unbegrenzte Macht bringen. Matsumoto seinerseits ahnte nicht. daß die Kontaktperson eingetroffen sei. Mochten die Regierungen. Es war der Schlüssel für seine Stärke. Aki Matsumoto – ein reicher Mann mit blasser Haut und traurigen Augen. sammelte er das Wertvollste. wie Miles wußte. er. würde als einziger wissen. und im unterirdischen Museum. und erreichte die Parkposition. Sein Anwalt hatte die Begegnung mit Matsumoto vorbereitet. Das Wissen bestimmte seine Entscheidungen. Dieser Triumph würde das Fest zu seiner persönlichen Siegesfeier machen. Wenn er die Gäste mit dem Wissen begrüßte. Der Flugbegleiter öffnete die Kabinentür und ließ die feuchte Brise in das Flugzeug. daß sich dort die Schriftrollen befanden.

der Seite gekommen. Der Flugbegleiter verließ das Flugzeug. wie der Chauffeur das Wagenfenster öffnete und den Umschlag entgegennahm. das bestätigte. daß sich in dem Umschlag Aktphotos von Aki Matsumotos vierzehnjähriger Tochter befanden. die keine Identifikationsmerkmale trug. Miles saß noch in dem bequemen taubengrauen Ledersitz und zog aus dem steifen Umschlag das Dokument und das Echtheitszertifikat. Miles reichte wie abgesprochen dem Flugbegleiter einen Briefumschlag. die in dem ersten Umschlag gewesen waren. Er sah. Kurz darauf wurde dem Flugbegleiter im Austausch ein anderer Umschlag herausgereicht. Perpetua. die er inzwischen gelernt hatte zu erkennen – Amelia. Nach einem kurzen prüfenden Blick reichte er dem Flugbegleiter einen zweiten versiegelten Umschlag. Miles hatte Aki Matsumoto vergeblich eine großzügige Summe für das Fabiana-Dokument angeboten. näherte sich der Limousine und überreichte dem Chauffeur den Umschlag. sondern mit seiner weißen Privatmaschine. Während die Übergabe an der Limousine schweigend stattfand. Chr. die Matsumoto. wie er vermutete. suchte Miles in dem Dokument bereits nach den wichtigen Worten. wo der Text mitten im Satz abbrach. für sein Angebot zugänglicher machen würde. Deshalb griff er jetzt zu einer anderen Art Währung. Das Wort ›Fabiana‹ dagegen stand deutlich lesbar unten auf der ersten Seite. Sabina. den er sofort ins Flugzeug brachte. daß das Pergament aus dem Jahr 586 n. stammte. der die Negative der Photos enthielt. Philos… Er entdeckte keinen der Namen. Der Mann ahnte nicht. Mit großer Behutsamkeit legte er den brüchigen Papyrus auf den 309 .

was der Mann für ihn gekauft hatte. Er gab dem Mann hundert Dollar mit den entsprechenden Anweisungen und ging in die Maschine zurück. Damit hatte Miles sie dort. wenn er wieder zu Hause sei. denn sie konnte kaum etwas tun. dann betrachtete er. Miles schnallte sich zum Start an. und der Flugbegleiter kam zurück an Bord. Die Polizei hatte Catherine Alexander identifiziert.Scanner und faxte den Text mit dem handschriftlichen Zusatz nach Kairo. Der Flugbegleiter erschien genau in dem Augenblick. Beim Anblick des ZehnDollar-Preisschilds lächelte Miles. ohne Gefahr zu laufen. winkte er den Flugbegleiter zu sich. waren eindeutig wieder besser. daß sie abflugbereit seien. Das Blatt hatte sich gewendet. um für ihn etwas zu besorgen. beschloß Miles. Miles hob das Muschelhalsband ans Fenster und freute sich. Er fand wieder Gefallen an der Jagd nach den Schriftrollen. die siebte Rolle vor ihr zu finden. als der Pilot Miles meldete. denn sie waren zu dem Souvenirladen in der Abflughalle des Flughafens gerannt. wo er sie haben wollte – ihr blieb nur noch das Internet für ihre Suche. sich draußen etwas Bewegung zu gönnen. Als Miles zwei junge Einheimische in der Nähe des Hangars sah. Der Mercedes rollte davon. daß man sie erkannte. 310 . Seine Chancen. Da die Maschine noch aufgetankt wurde. daß sie jetzt praktisch eine Gefangene war. Er blickte in die Tropensonne und freute sich über die gelungene Transaktion. und die Zeitungen sorgten dafür. in dem die Maschinen gewartet wurden. werde eine besser lesbare Photokopie folgen. Niemals kam er von einer Reise ohne ein Geschenk für Erika zurück. Die beiden Jungs hatten sich das Taschengeld verdient.

Zwischen dem ›y‹ und dem ›p‹ befand sich ein winziges ›0‹. noch einmal. wenn Sie demnächst mit Messern nach mir werfen. der am Computer saß. KJV: Fischfang‹ Catherine blickte wieder auf den Papyrus. zog die Lampe so nahe heran. Er ergab keinen Sinn. »So war es nicht gemeint. Sie schlug in Strangs Griechisch im Neuen Testament das Wort #0061-GSN nach: ›agra – ein (Fisch)Zug. Der Zeitdruck ist unerträglich. den sie gerade übersetzt hatte. Das sind die Nerven. erstaunt den Kopf hob.Mojave-Wüste. »He!« rief Garibaldi und zog schnell den Kopf ein. Havers hat zwar nicht alle Photos. »›Agora‹« rief sie erleichtert so laut.« Sie lachte. aber die meisten. wie kann man nur so dumm sein! Sabina begegnet Satvinder natürlich auf dem ›Markt‹ und nicht auf einem ›Fischzug‹!« Sie griff nach dem Kugelschreiber und warf ihn quer durch das Zimmer. »Du meine Güte. Kalifornien ›Ich begegnete Satvinder auf einem Fischzug…‹ Catherine zog die Augenbrauen zusammen. so daß der Kugelschreiber ihn nicht traf. richtete die Lampe auf das Papyrus und betrachtete sich genau das letzte Wort. Λγρα… eindeutig: αγρα. Sie griff nach der Lupe. Ich sitze über dem brüchigen Papyrus und kann nur langsam und 311 . Dann sah sie es. Dann las sie den Satz. daß durch die Hitze der Glühbirne ihr Haar heiß zu werden begann. veränderte langsam den Abstand der Lupe zur Papyrusseite und hielt den Blick auf das fragliche Wort gerichtet. »Sagen Sie es rechtzeitig. daß Garibaldi.

wir haben Probleme.vorsichtig an einem kaum lesbaren Text arbeiten. er ist bereits auf dem Weg zu dem Platz. Death Valley: der tiefste Punkt der westlichen Hemisphäre. was es auf der Straße an Lebenszeichen zu sehen gab. »Ja. Havers hat die wichtigen Hinweise bereits gefunden. Er dagegen hat Reproduktionen. oder ein paar fangen von rückwärts an. Aber außer Plakaten mit Klapperschlangen und Hinweisschildern auf Indianergräber und Dinosaurierskelette war es wirklich 312 . erwiderte er und trat ans Fenster.« Sie befanden sich inzwischen mitten in der Wüste in einem Motel. man ist uns auf der Spur?« »Ich weiß es nicht«. wo die siebte Schriftrolle liegt. ich wie eine Schnecke übersetze und Sie sich wie ein Dieb ins Internet schleichen. die er vergrößern. Auf der endlosen Busfahrt nach der überstürzten Abreise aus Goshen hielt Catherine Ausschau nach allem. Edwards Air Force Base – Landeplatz der US Space-Shuttle. Vielleicht kennt er schon die Stadt oder das Land. »Glauben Sie. Stellen Sie sich vor. Wir haben zwar von dem neuen Service Provider die Zugangsberechtigung. in dem König Tymbos regierte. Auf dem Nachttisch zwischen den beiden Betten lagen für die Besucher Hinweise auf die Sehenswürdigkeiten der Umgebung: die Geisterstadt Calico. um es schnell und unerkannt wieder zu verlassen!« Garibaldi stand auf und streckte sich. vervielfältigen und jedem geben kann. Indianerhöhlen. aber das Konto ist noch nicht aktiviert.« Sie warf einen Blick auf den Bildschirm. während wir hier wie Gefangene sitzen. nach denen ich noch suche. Das bedeutet. der sich ihm als nützlich erweist. noch einmal Online zu gehen. Vermutlich läßt er mehrere Leute gleichzeitig übersetzen. das aus einer Reihe rosa verputzter Bungalows bestand. »Es ist bestimmt riskant.

»wenn wir wenigstens einen der Familiennamen dieser Frauen kennen würden. daß sie vor Jesus lebte und daß diese Schriftrollen nicht von Augenzeugen stammen. um ins Freie blicken zu können.« Die Suche im Netz hatte viele Hinweise auf ›Amelias‹ und sogar auf ein paar ›Perpetuas‹ gebracht. im Auftrag welches römischen Kaisers Cornelius Severus durch das Reich reiste. dann wäre es schon möglich. Aber wenn es Kaiser Tiberius war. daß uns wesentliche Informationen vorenthalten bleiben. und Claudius natürlich am besten. sagte Garibaldi und schob den Vorhang etwas beiseite. aber Vespasian. wenn es nicht mit anderen Informationen überschrieben ist.wenig. Catherine wandte sich seufzend wieder dem ausgebreiteten Dokument zu. dann wüßten wir. Caligula wäre noch besser. Sie fuhr sich mit den Fingern durch die kurzen weißblonden Haare.« »Leider ist Papyrus keine Festplatte. kann man es später trotzdem wieder zurückholen. sie hat Philos zur Zeit des Kaisers Augustus geheiratet. »Die Lücken im Papyrus sorgen natürlich dafür. dann fehlt es eben.« 313 . »Wenn Sabina doch nur den Namen des Kaisers noch einmal erwähnen würde«. »Angenommen.« »Es wäre auch nicht schlecht«. Nero hätte sie verfolgen können. Löscht man etwas auf der Festplatte. Trotzdem mußten sie wachsam sein. Aber fehlendes Papier? Wenn es fehlt. wie Catherine den Bungalow betrat. das wäre zu spät.« Garibaldis prüfender Blick aus dem Fenster war nur Routine. Auch der Mann an der Rezeption des Motels hatte vermutlich nicht gesehen. Aber die Suche nach ›Philos‹ ergab unzählige Verweise auf Worte mit der Silbe ›philos‹. seufzte Catherine. wenn wir wüßten. denn er glaubte nicht. »Es wäre eine große Hilfe. daß ihnen jemand am Busbahnhof von Goshen oder in Mojave besondere Beachtung geschenkt hatte.

»Ja. »Ich bin für Claudius. Außerdem hat es keine Angst. »Das Fell ist sauber. ›… die Einreisebehörde hat heute 314 . und ein schwarzweißes Kätzchen sprang herein. sagte Catherine und staunte. »Woher kommst du denn?« »Vermutlich hat sie keinen Besitzer«.« »Hören Sie…«.« Er setzte das Kätzchen vorsichtig auf den Tisch. »Wir hatten immer viele Katzen zu Hause. Catherine riß sich von dem Anblick los und schaltete den Fernseher ein.»Also!« sagte Garibaldi und verließ das Fenster. Catherine staunte über seine Behutsamkeit. wo noch die Reste ihres mexikanischen Essens lagen. sagte Catherine und sah verblüfft. Vermutlich gehört es dem Mann an der Rezeption. Schließlich fand sie einen. setzte sich wieder an den Computer und tippte die Zugangsnummer ein. und das Kätzchen sieht gesund aus.« »Sie scheinen sich mit Katzen auszukennen«. Er schüttelte den Kopf.« Er öffnete die Tür. »Ich liebe Katzen«. Eine Blondine mit professionellem Lächeln und sanfter Stimme las die Meldungen des Tages. »Was ist das für ein Geräusch?« Garibaldi lauschte. wen haben wir denn hier?« rief er und nahm das Kätzchen hoch. Es schnurrte und schmiegte sich an seine Brust und leckte an seinem kleinen Finger. während er es sanft streichelte.« Catherine sagte lachend: »Sie will etwas trinken. wie das winzige flauschige Tier zutraulich in Garibaldis großen Händen verschwand. sagte Catherine und hob die Hand. Er öffnete die Plastikbecher mit der Kaffeesahne und gab dem Kätzchen auf einem Plastikdeckel die Milch zu trinken. Sie suchte auf den Kanälen nach einem Sender in Los Angeles. »Das klingt nach einer Katze. erwiderte er. wie wohl sich das Tier bei Garibaldi zu fühlen schien. die es gierig aufleckte.

Dezember. Wir können weder den Fund von Schriftrollen bestätigen noch dementieren. daß Dr. Wir haben seit dem ersten Dezember nichts mehr von ihr gehört. Catherine Alexander vor vier Tagen. Man zeigte das Photo. ›Wir haben Dr. Wir haben Grund zu der Annahme.‹ Garibaldi setzte sich neben Catherine auf das Bett. das im Zelt zurückgeblieben war und sich mittlerweile in den Händen der ägyptischen Behörden befand. Alexander. Kennedy-Flughafen ein. und wir haben zuverlässige Hinweise darauf. daß als nächstes die Leiterin der Stiftung eine offizielle Erklärung verlas. Stevenson am Tag seiner Ermordung aus Ägypten in die Vereinigten Staaten eingereist ist. sagte der Inspektor: ›Wir haben die Information erhalten. wo sie sich befindet.bestätigt. was sie gefunden hat. Bislang ist gegen die Archäologin jedoch nicht offiziell Anklage erhoben worden. Alexanders Grabungen im Sinai im vergangenen Jahr finanziert. und anschließend das Original. das Catherine von dem Jesus-Fragment gemacht hatte. daß Dr. Alexander befragt. Nach Auskunft der Zollbeamten weiß man nicht. Sie reiste über den John F. also am 16. wie die Schriftrollen vom Sinai in die USA gekommen sind. Als man ihn nach dem Mörder von Daniel Stevenson fragte. aber der Beamte lehnte jede Stellungnahme ab. Wir wissen nichts darüber. Kulturminister Achmed Sayed erklärte als Sprecher der ägyptischen Regierung: ›Die gezackte Linie hier deutet darauf hin. Alexander am Fundort entfernt wurde.‹ Danach wurde Inspektor Shapiro von der Polizei in Santa Barbara nach Hinweisen auf den Aufenthaltsort von Dr. Wir wissen nicht. daß die untere Hälfte der Seite von Dr. Man braucht dazu die Aussage von Dr. in die USA zurückgekehrt ist.‹ Verblüfft sah Catherine. daß dieses Fragment nur Teil von mehreren Schriftrollen ist. daß er sich zwei 315 .

« Die Sendung ging mit einem Live-Bericht aus dem Vatikan weiter. kein Kommentar. Deshalb haben wir uns zum ersten Mal gestritten. ›es wurde der Verdacht geäußert.‹ ›Inspektor Shapiro‹. mein eigenmächtiges Vorgehen würde uns alle in Gefahr bringen. die. Ein großer. Er erklärte laut und deutlich. Stevenson ermordet hat. J. was in den Schriftrollen steht. Julius Voss behauptet. ›Dr. Herr Inspektor?‹ ›Tut mir leid. »Ich wünschte… Nein!« Auf dem Bildschirm erschien das Freers Institut in West Los Angeles.« Sie stand auf und lief unruhig im Zimmer auf und ab. Untersuchungsbeamte in Ägypten und in den USA glauben. nicht zu wissen. Er hat mir gesagt. Die Stimme der Nachrichtensprecherin war wieder zu hören. Hungerford und der andere an dem Archäologen Dr. daß er sich nicht äußern werde. daß die beiden Morde. wie er sich zornig und empört vor den Journalisten in das Institutsgebäude rettete. Catherine Alexander stehen. die sie angeblich aus Ägypten geschmuggelt hat. der als Kardinal Lefevre 316 . »Julius hat mich gewarnt. in Zusammenhang mit den verschwundenen Schriftrollen und der untergetauchten Dr. Julius stand vor dem Haupteingang inmitten von Reportern. wie man vermutet.‹ »Julius…«. Außerdem behauptet er. »es tut mir so leid. daß es zwischen den beiden Archäologen zu Meinungsverschiedenheiten über den Fund gekommen ist und daß Catherine Alexander ihren Kollegen Dr. würdevoller Mann. nicht zu wissen. um die Schriftrollen in ihren Besitz zu bringen.Tage vorher auf der Sinaihalbinsel aufgehalten hat. seufzte Catherine. fragte der Reporter. murmelte Catherine und schüttelte den Kopf. als sie sah. Können Sie dazu etwas sagen. Daniel Stevenson. der eine an dem amerikanischen Ingenieur J.‹ »Ich habe Danno nicht ermordet«. nach Südkalifornien geflohen ist. wo sich seine Verlobte aufhält.

Damals war es für eine Frau unmöglich. an den führenden Universitäten einen Studienplatz zu bekommen. Wenn es diese Schriftrollen wirklich gibt und wenn sie echt sind. »Ich soll wie die sündige Maria Magdalena als Büßerin zu ihnen gehen. ob der Vatikan Interesse an den sogenannten ›SinaiSchriftrollen‹ habe: ›Wir sind stets an allem interessiert. »Meine Mutter war Paläographin und Bibelforscherin und vertrat einige sehr unbeliebte Theorien. das zufrieden schnurrte.« »Wie bitte?« »Das hat meine Mutter immer gesagt«. »Wie kommen Sie darauf?« »Weil man im Vatikan vielleicht nicht zu Unrecht glaubt. dann können sie möglicherweise Licht auf die frühen Jahre des Christentums werfen. weil man keine Frau im Kollegium haben wollte. wo sie beide am katholischen 317 . Deshalb kam sie mit meinem Vater nach Kalifornien. erwiderte Catherine und streichelte das Kätzchen. als ich gerade zwei Jahre alt war.vorgestellt wurde. was mit der Kirche zu tun hat. ihre Flucht abzubrechen und die Schriftrollen den zuständigen Behörden zu übergeben. das ist alles!« Garibaldi sah sie überrascht an. Ich möchte deshalb die junge Frau auffordern. 1965.‹ »Das würde den Herren im Vatikan gefallen!« rief Catherine. der sie zwingen könnte. Sie mußte sich mit einem privaten FrauenCollege begnügen. daß ich die Führungsspitze der Kirche mit einem sehr viel älteren Rechtsanspruch konfrontieren werde. erwiderte auf die Frage des Reporters. bewarb sich meine Mutter um einen Lehrauftrag in Yale und wurde abgewiesen. ihren Platz zu räumen. Sie haben natürlich Angst. Sie wurde 1920 geboren und hat in den vierziger Jahren studiert.

daß das hebräische Wort in der Genesis nicht ›Gehilfin‹. Als er einen schwarzen Ford sah. Garibaldi hob die Augenbrauen.« Ein Wagen näherte sich langsam dem Motel. Er atmete erleichtert auf. der dich geschaffen hat. die diese Stelle übersetzt haben.College in Pasadena unterrichten konnten. Aber nein. du vergaßest den Gott. »Meine Mutter war zum Beispiel nicht mit der Interpretation einverstanden. ließ den Vorhang wieder fallen und nickte Catherine zu. wie der Wagen vor dem Nachbar-Bungalow hielt. aber sie mißtraute den Übersetzungen. Garibaldi ging zum Fenster. das ursprüngliche hebräische Wort für Beschaffen ›hat‹ bedeutet ›in den Wehen liegen‹. und die Ankömmlinge trugen ihre Sachen hinein. daß Eva als Gehilfin Adams geschaffen worden war.‹ Vater Garibaldi. Sie wies darauf hin. Die Tür wurde aufgeschlossen. und Catherine lächelte über das zufriedene kleine Wollknäuel mit den winzigen Pfötchen.« Sie hörten. Sie schlug ›Deuteronomium. der dich gezeugt hat. »Ihre eigentliche Aufgabe sah sie in der Forschung und dem Veröffentlichen ihrer Arbeiten. in dem zwei Männer saßen. »Sie zweifeln also an den Worten der Bibel?« »Meine Mutter glaubte an das Wort. es waren ein Mann und eine Frau. fanden die Vorstellung. erzählte sie. nicht ganz 318 . hielt er unwillkürlich die Luft an.« Das Kätzchen war eingeschlafen. 32/18‹ auf: »›An den Fels. dachtest du nicht mehr. »Meine Mutter lehrte nicht nur Theologie«. daß Gott wie eine Frau in den Wehen liegt. sondern ›Partnerin‹ bedeutet. teilte den Vorhang einen Spalt und blickte vorsichtig hinaus.« Catherine zog die Schublade des Nachttischs auf und nahm die Gideon-Bibel heraus. die Männer. und auf dem Rücksitz entdeckte er außerdem ein Kind. Ihre Bücher und Artikel lösten stets heftige Kontroversen aus. Ich glaube.

daß ich auf der katholischen Schule zu hören bekam. Ich wollte es nicht glauben und lief weinend nach Hause. obwohl ich wußte. daß die von Männern stammenden Übersetzungen aus späterer Zeit der wachsenden männlichen Dominanz in der Kirche Rechnung getragen haben. daß die Priesterweihe ein Sakrament sei und daß Mädchen nicht zu Priestern geweiht werden können. räumte Garibaldi ein. daß die Katholiken die Mutter Gottes verehren. Vergessen Sie nicht. fuhr Catherine fort. erwiderte 319 . das hier als ›Diakon‹ übersetzt wird. aber in den meisten Übersetzungen wird sie zu einer ›Gehilfin‹. daß einige hinter dem Rücken des Priesters den Abendmahlwein tranken und andere wenig fromme Späße trieben. das ist…« »Vater Garibaldi. aber als Mädchen durfte ich ja keine Meßdienerin sein!« »Ich habe diese Vorschriften nicht gemacht«. »Paulus wurde als ›Diakonos‹ bezeichnet.« »Nun ja. aber er nickte nachdenklich. Aber meine Mutter erklärte mir. »Ähnliche Beispiele finden sich auch im Neuen Testament«. als Meßdiener am Altar zu stehen. Phoebe war auch ein ›Diakonos‹. daß unsere katholische Kirche die Frauen nicht schlecht behandelt. So wurde die ursprüngliche Bedeutung durch Interpretation verändert.« »Die Verehrung von Maria und die Behandlung von Frauen sind zwei ganz verschiedene Dinge.richtig. Aber nur die Jungen durften das.« »Könnte sein«. Meiner Meinung nach ist es offensichtlich. als Mädchen könne ich nicht alle sieben Sakramente empfangen.« Garibaldi sagte nichts. »aber ich bin der Ansicht. ich war eine überzeugte Katholikin und hatte den sehnlichen Wunsch. Ich hätte so etwas nie getan. Ich weiß noch sehr gut. Vater Garibaldi.

aber noch keinen Sturm. »Bei der Kreuzigung umstanden nur Frauen das Kreuz. ich habe es sehr aufmerksam gelesen. Alles. Wenn es um das katholische Dogma geht.« »Sie haben es also nie gelesen. klingt für mich nicht bedrohlich. 1970 veröffentlichte sie einen Artikel mit der Frage: ›War Maria Magdalena die Frau von Jesus?‹ Ihre Gedanken riefen ein paar Wellen hervor. was Sie gesagt haben.« »Erinnern Sie sich. veröffentlichte sie eine wissenschaftliche Arbeit mit dem Titel: Maria Magdalena. ich stehe auf Ihrer Seite. die Forschungen meiner Mutter weiterhin zu ignorieren. die erste der Apostel. daß ich von einem alten Rechtsanspruch gesprochen habe? Ich will etwas deutlicher werden. »Ich kenne das Buch. In den sechziger Jahren konzentrierte sich meine Mutter bei ihren Untersuchungen auf das Neue Testament.« 320 .« »Das können Sie nicht.« »Das sehe ich nicht so. Frauen hielten die Totenwache. Da brach die Hölle los.« Garibaldi nickte. Die Theologen fanden nichts dabei.« »Im Gegenteil. erschien er als erstes einer Frau. dann befinden wir uns in unterschiedlichen Lagern. Vater Garibaldi! Frauen nahmen den Gekreuzigten ab und sorgten für ein würdiges Begräbnis. während sich die Apostel aus Angst um ihr Leben versteckten. »Bitte lassen Sie mich wiederholen.Garibaldi. Es stand auf dem Index. Ich habe mich zum Beispiel auch nie gegen die Priesterweihe von Frauen ausgesprochen. 1973. Ich frage Sie: Warum haben die Männer später alles an sich gerissen?« Garibaldi hob die Hände. Dann. Als Jesus auferstanden war.

Catherine fuhr fort: »Das ursprüngliche griechische Wort ›Apostel‹ bedeutet. Die Interpretation.« »Die Tempelritter zum Beispiel«. die Botschaft zu verkünden.« »Der Grund für die Aufregung liegt auf der Hand«. »In den früheren Arbeiten hatte sich meine Mutter mit Frauen und ihren Rollen als Frau beschäftigt. daß Maria Magdalena eine Prostituierte war. »Vater Garibaldi. sagte Catherine. daß Maria Magdalena die Frau von Jesus gewesen sei. als erwarte sie. denn sie sah mit eigenen Augen das leere Grab und als erste den wiederauferstandenen Christus. Mit dem ›Apostelbuch‹ überschritt sie jedoch die Grenze des Erlaubten. daß der Klerus Maria Magdalena zur Prostituierten machte. daß der Betreffende ein ›Augenzeuge‹ war und den Auftrag erhielt. Auch der Gedanke. einer Frau die Aufgabe eines Mannes zuzuweisen.« Er seufzte. Sie haben mich überzeugt. Sie überbrachte den anderen die Nachricht von der Auferstehung. erregte die Gemüter nicht sonderlich. So wissen wir zum Beispiel. Auf Maria Magdalena trafen diese Kriterien zu. an keiner Stelle im Neuen Testament steht. »Gut.« Catherine blickte auf den Laptop. Damals kämpften viele unterschiedliche Kräfte um die Macht in der Kirche.Er lächelte. Aber was hat das 321 . daß dort eine Meldung erscheinen werde. sagte Garibaldi und nickte. daß Maria Magdalena bis ins Mittelalter viele Anhänger hatte.« Garibaldi wiegte zweifelnd den Kopf. die Maria Magdalena zur Prostituierten macht. Man entriß ihr den wahren Status. »Richtig. »Damals war ich im Priesterseminar und mußte noch viel über Gehorsam lernen. nahm er ihr alle Würde und Macht. Aber dadurch. läßt sich mehrere Jahrhunderte zurückverfolgen. Das wurde nicht hingenommen. der erste Apostel zu sein. Sie hatte gewagt. denn meine Mutter gab Magdalena eine traditionell weibliche Rolle.

gewirkt haben? Dann wissen Sie.« »Später hat allerdings Petrus Anspruch auf die Nachfolge Christi erhoben und sich an die Spitze der neuen Kirche gestellt.mit dem alten Rechtsanspruch und einer Abdankung des Papstes zu tun?« »Geduld! Ich wiederhole: Maria Magdalena hat als erste den auferstandenen Jesus gesehen. der den auferstandenen Jesus gesehen habe. er sei der erste gewesen. Es tut mir leid. was geschieht. aber Sie müssen ausziehen. die älter sind als der Paulus-Brief an die Korinther? Und wenn in diesen Schriftrollen außerdem dokumentiert wird. daß Maria Magdalena die Nachfolgerin von Jesus war. Meine Mutter sagte. was für eine Wirkung diese Schriftrollen heute auf die Gläubigen in aller Welt haben werden. gehört das Haus in Wirklichkeit mir. Aber in Wirklichkeit war diese Autorität gestohlen! Vater Garibaldi. Er tat das mit der Begründung. und sie wußte als erste. wenn Schriftrollen gefunden werden. daß Frauen unter den Frühchristen als ›Diakone‹. Er ist ihr als erstem Menschen erschienen. Ich habe einen älteren Anspruch darauf. als richtige Priesterinnen. Ihre päpstliche Autorität basiert auf der Behauptung von Petrus. Zweitausend Jahre lang haben Männer die Nachfolge Petri als Oberhaupt der katholischen Kirche angetreten. Schriftrollen. die beweisen. können Sie sich vorstellen.‹« Catherine holte tief Luft und sah Garibaldi 322 . als wenn jemand an die Haustür klopfen und sagen würde: ›Können Sie mir die Besitzurkunde für Ihr Haus zeigen?‹ Der Betreffende sieht sich die Urkunde an und zeigt dem ›Besitzer‹ eine Urkunde älteren Datums: ›Wie Sie sehen. daß er wirklich von den Toten auferstanden war. das wäre nicht anders. Streiten Sie das ab?« »Nein.

daß Sie mir helfen? Was werden Sie tun. Schließlich sagte Garibaldi: »Ich verstehe jetzt. ein Zeitungsphoto ihres Vaters. Sie sehen es als Ihre Aufgabe an. Ich habe archäologische Funde aus Ägypten gestohlen und illegal ins Land gebracht. Manchmal muß man ein Gesetz übertreten. als erwarte sie seinen Widerspruch. Da er nichts sagte. »Deshalb glaube ich. sie zu hören. was werden Sie tun. wenn man Ihnen befiehlt. um das Richtige tun zu können.« Ein Bild drängte sich ihr plötzlich auf. Ja. Dieses Bild war seinerzeit in den Tageszeitungen um die ganze Welt gegangen. fragte sie: »Vater Garibaldi. Wenn Sabina uns eine wichtige Botschaft übermitteln will. wenn der Vatikan erfährt. werden erst nach vielen Jahren entschieden. die vor den Internationalen Gerichtshof kommen. Hätte ich diese Texte nicht an mich genommen. mich den Behörden auszuliefern oder mir die Schriftrollen 323 . das Werk Ihrer Mutter zu beenden.« Lange Zeit blieb es still im Zimmer. Man hörte nur den Wüstenwind pfeifen. Fälle. Ich werde mir Gehör verschaffen. Aber ich bin der Meinung. das verantworten zu können. und mich wird man nicht zum Schweigen bringen. oder es hätte einen Kampf um die Berechtigung zu ihrer Übersetzung gegeben. ich habe mich in diesem Fall über die Gesetze hinweggesetzt.« Catherine schwieg. »Meine Mutter brachte man zum Schweigen. Aber die Menschheit hat das Recht. der neben anderen vor Soldaten auf den Knien lag. Sabinas Worte jetzt zu hören. wären sie vielleicht in einem Archiv verschwunden wie damals die Schriftrollen vom Toten Meer. dann hat die Welt ein Recht. warum Sie die Schriftrollen um keinen Preis aus der Hand geben wollen.durchdringend an. daß Kardinal Lefevre und alle im Vatikan vor den Schriftrollen Angst haben.

Kardinal Lefevre. die Menschen klammern sich an die Kirche. genau das befürchte ich. mit der Sie über die katholische Kirche sprechen?« »Das ist eine lange Geschichte. den man um eine Stellungnahme gebeten hat.« »O doch. Wenn Sie an seiner Stelle wären. traue ich nicht. Vater Garibaldi?« »Ich kann nur für mich sprechen«.wegzunehmen?« »Ich bin der Kirche zu uneingeschränktem Gehorsam verpflichtet. ich bin der Meinung. erwiderte er. daß diese Schriftrollen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden?« »Wenn die Schriftrollen die Worte und Wünsche unseres Herrn Jesus Christus wiedergeben. daß dies der Fall sein wird. die Maria Magdalenas Anspruch auf die rechtmäßige Nachfolge Jesu erhärten. würden Sie dann zulassen. die es im Klerus gibt. daß Sabinas Geschichte in den Archiven des Vatikans verschwindet und niemand etwas davon erfährt?« »Sie können nicht voraussagen.« »Dr. »Und glauben Sie?« »Ja. und es würden Schriftrollen gefunden. Würden Sie zulassen.« »Sie haben meine Frage nicht beantwortet. Alexander. weil sie auf Wunder 324 . dann würde ich das tun.« »Wissen Sie.« »Dann gehören Sie zu den wenigen Ausnahmen.« »Glauben Sie noch an Gott?« »Wie viele Menschen verwechseln ein Lippenbekenntnis mit ›Glauben‹. was ist der Grund für die Bitterkeit.

als Catherine wissen wollte. denn er war eine Art Verbindung zu Daniel. dachte Catherine. »Wie bitte? Nach allem. der darüber hinaus einen gefährlichen Kampfsport betrieb. was Sie mir gerade erzählt haben?« Catherine trat an das Fenster und zog den Vorhang zurück. nichts steht zwischen den Menschen und dem Himmel. obwohl sie in den vergangenen Stunden und Tagen auch überraschende Verwirrung darin gesehen hatte. ich trage es noch heute über meinem Herzen. So war es auch im Sinai. Sie griff nach dem Jadeanhänger an ihrem Hals. Er schien sie auch jetzt anzuspornen. Es waren die Augen eines widersprüchlichen Mannes. »Ich glaube. sagte Catherine plötzlich. in der Jade Dannos Entschlossenheit zu spüren. hatte ihr Danno sehr viel später einmal gesagt.hoffen. das Schwester Immaculata ihr um den Hals gehängt hatte. Cathy‹. ich sollte mich der Polizei stellen«. was auf dem Schild stand. Sünderin… Keinem der Kinder war die 325 . fielen ihr Sabinas Worte wieder ein: ›Meine Mutter glaubte an die Kraft eines Amuletts. Er hatte nie aufgegeben. Das Hermes-Kreuz wurde mir am Tag meiner Geburt um den Hals gelegt. Als sich ihre Finger darum schlossen.« »Was ist daran so falsch?« Sie blickte in seine klaren blauen Augen. um sie vor der ganzen Klasse zu demütigen. aus denen so viel Ruhe und Seelenfrieden sprachen. dachte Catherine. hat ein Amulett wirklich eine besondere Kraft… Sie glaubte. ›Sünderin stand dort. und. liebe Perpetua. trotz allem weiterzumachen. Der Wüstenhimmel war mit Sternen übersät.‹ Vielleicht. Die Wüste ist rein.

Jetzt ist auch sein Leben in Gefahr. Er trug Jeans und ein kariertes Hemd. Wir sind der Meinung. in dem er in regelmäßigen Abständen las. Neben dem Laptop lag das Brevier. Eine erste Untersuchung des Skeletts läßt darauf schließen.‹ 326 . Mylonas. desto mehr Menschen werden darunter zu leiden haben… zum Beispiel Julius. Garibaldi schien mit Dämonen zu ringen. Aber dabei entsprach seine Haltung nicht einem friedlichen Priester.eigentliche Bedeutung dieses Wortes bewußt gewesen. die von Soldaten bewacht wurde. Die Kamera schwenkte über Beduinenzelte und dicht gedrängte Menschen hinter einer Absperrung. fragte der Reporter. daß die Frau lebend in den Brunnen hinabgelassen wurde. Das goldene Kreuz hing um seinen Hals. wie Garibaldi mitten in der Nacht auf den Knien gelegen und gebetet hatte. Sie mußte unwillkürlich daran denken. Sie sah Samir und Mr. es handelt sich um eine Frau. ›Der Boden hier ist salzhaltig. Sind es die Dämonen in den Pangamot-Stöcken? Sie zog den Vorhang zu und verließ das Fenster. ›daß man die Frau lebend begraben hat?‹ ›Es sieht so aus. Jemand deutete auf einen Tunnel. Man hatte ihr die Hände mit Lederriemen gefesselt‹ ›Wollen Sie damit sagen‹. Und…« Sie brach plötzlich ab. der ägyptische Kulturminister. denn im Fernsehen zeigte man ihren Grabungsplatz in der Wüste. Schnell schaltete sie den Ton ein. »Sie legen den Brunnen frei!« ›Bisher haben wir die Überreste eines Skeletts gefunden‹ sagte Achmed Sayed. »Ich fürchte. »Der Brunnen!« rief sie. Catherine spürte Garibaldis Augen auf sich gerichtet. Er ist Wissenschaftler und ein friedfertiger Mann. Deshalb sind Haare und Stoff noch erhalten. Auf dem Stundenbuch sah sie den Rosenkranz. je länger ich auf der Flucht bin. der in glücklicher Harmonie zu seinem Gott sprach. und das Klima ist trocken.

in diesem Brunnen gefunden wurden?‹ ›Ja.« »Ich dachte. ob wir uns ins Internet einloggen können. erwiderte sie wie in Trance. »Dona nobis pacem. die Dr. sagte Minister Sayed. was Dr. Eine Frau. wenn der Brunnen völlig freigelegt ist‹.« ›Herr Minister. sagte sie. daß die Schriftrollen. ›Wir werden vermutlich mehr wissen. sagte Garibaldi. Der Korb. Eine neue Spur. wiederholte Garibaldi und bekreuzigte sich. Catherines Herz schlug schneller.« »Aber…« 327 . glauben Sie. »Bitte überprüfen Sie. Perpetua oder vielleicht sogar Sabina? »Eine christliche Märtyrerin«. nach dem wir suchen müssen – Satvinder. den Dr. und der. das nehmen wir an. Wir haben die Fasern untersuchen lassen. »Wir müssen uns an die Arbeit machen«. beziehungsweise Anhaltspunkte für das. ist mit rötlichbraunen Fasern bedeckt. hörte sie Garibaldi murmeln. ›Vielleicht finden wir unter den Steinen den Rest des Skeletts und Hinweise auf die Schriftrollen. den Sabina in Indien kennengelernt hat. das aus Schnecken gewonnen wird. Alexander hier gefunden hat. Alexander gestohlen hat.‹ »Du meine Güte«. Das ist jemand. die man lebend begraben hatte! War es Amelia. »Es gibt einen neuen Namen.»Lebend begraben…«. Alexander hier gefunden hat. Sie wollten sich der Polizei stellen.« »Ich habe es mir anders überlegt«. Sie waren ursprünglich purpurrot und sind mit Murexid gefärbt. die wir auch auf dem Skelett festgestellt haben. Es war das kaiserliche Purpur des römischen Reiches‹. »Was um alles in der Welt haben Sie gefunden?« Catherine griff nach der blauen Tasche und holte den Notizblock heraus. später mit Steinen gefüllt wurde.

und er überließ ihr seinen Platz an der Tastatur. sagte Catherine ungeduldig und klickte auf ÖFFNEN und tippte dann: ›http://sipparorinst. Die Verbindung kam diesmal zustande.edu/papyrus/‹ und klickte ›ENTER‹.lib. SORRY! ALLE LEITUNGEN (75) SIND BESETZT. sagte Garibaldi.« Sie tippte und blickte gespannt auf den Monitor. »Was haben Sie vor?« »Ich möchte etwas Neues probieren. »Ein Inhaltsverzeichnis aller Arbeiten über archäologische Quellen im Nahen Osten. Man zeigte die Skelettknochen mit den Lederfesseln in Großaufnahme. Ach du meine Güte.de KEIN ZUGANG UNTER DIESER NUMMER »Versuchen Sie es mit dem WAIS-Verzeichnis«.html‹ »Was ist das?« fragte Garibaldi. »Darf ich?« fragte sie. KEIN WAIS-ZUGANG KONFIGURIERT! »Wir machen etwas falsch«. Auch diese Nummer ist besetzt!« Catherine tippte: ›http://odyssey. ALLE LEITUNGEN BESETZT 328 .Sie deutete stumm auf den Fernsehapparat. FTPERROR KÖNNEN NICHT MIT FTP SERVER VERBINDEN. »Wir sind Online!« rief er. Catherine suchte im Notizbuch nach einer Nummer und tippte dann: ftp. Garibaldi nickte und ließ das Computermodem die neue Nummer wählen.edu/oi/DEpr/RA/ABZU.duke. die auf Internet verfügbar sind.uchicago. der hinter ihr stand und mit der Maus klickte. BITTE SPÄTER VERSUCHEN.uni-stuttgart.

»Wir sind offenbar nicht die einzigen. Was sollen wir tun?« Er griff nach einer der Werbebroschüren. riet Garibaldi. glaubte sie. im Internet über ›Schriftrollen‹ informiert. »Sie sind der Computerexperte. die heute abend Informationen über alte Schriftrollen suchen«. im Internet zu bleiben«. sagte Garibaldi. Garibaldi pfiff leise: »Das sind ganz schön viele Papyri…« Sie klickte auf die blau unterlegte Überschrift: INSTITUTIONEN ›SPEZIALSAMMLUNGEN‹ »Es sind nicht so überwältigend viele. Wir können uns nicht leisten. »Ich glaube. so lange Online zu bleiben.edu/papyrology/home. es gibt eine Möglichkeit.« Sie klickte auf ein Symbol. Man hat die Texte in Unterverzeichnissen aufgelistet. der einen Computer und ein Modem besitzt. Wir suchen die griechischen. murmelte er. daß sich jeder. »Das wird trotzdem eine Weile dauern. »Dann wollen wir die Jahre 100 v. und Catherine tippte: ›http://www. die neben dem Bett auf dem Fußboden lagen. Chr. aus dem es kein Entrinnen gab. »Die Medien sorgen dafür.« Sie klickte. Wie in einem Alptraum. Garibaldi runzelte die Stirn. wie es aussieht. »Aber es ist riskant.« Sie sah ihn verzweifelt an. und überflog sie. Chr. bis 300 n.« »Versuchen Sie es noch einmal«.umich.html‹ Papyrologie Home Page »Geschafft!« rief Catherine und ließ sich das Inhaltsverzeichnis anzeigen. in einem tiefen 329 .« Catherine hörte ihn nicht. Havers darf uns nicht finden.

Die Scherben zerschnitten ihr die Fußsohle. Aus ihrem Gewand holte sie einen Beutel hervor. Eine Frau war auf dem Markt auf einen zerbrochenen Krug getreten. daß es sich um eine Frau handeln mußte. Die Menschen sahen ihr schweigend zu. die Frau sei eine Prostituierte. Sie konnte nicht fliehen. ihre Mutter kurz vor deren Tod zu sehen. Vor ihren Augen wurde alles rot… Danno sank blutend zu Boden. ob es eine Frau oder ein Mann war. der weiß‹. Aber der Mann wollte die Frau nicht behandeln. dachte sie und glaubte zu ersticken. Dann glaubte sie. soviel bedeutet wie: ›Er. Jedenfalls lernte ich Satvinder unter den merkwürdigsten Umständen kennen. Ich dachte daran. aber das hätte eine Weile gedauert. die so seltsam und so voller Wunder war.schwarzen Brunnen zu liegen. aber ich muß weitermachen… Ich begegnete Satvinder auf dem Markt in einer Stadt. Ich wußte zuerst nicht. Er will mir helfen. den sie ›Vaidya‹ nannten. Als ich mich nach dem Grund erkundigte. Man trug sie zu einem Heiler. Die Frau 330 . sagte man mir. und ein Heiler dürfe eine Sünderin nicht berühren. daß ich mich heute nach so vielen Jahren frage. Sie beugte sich über die Wunde der Prostituierten und half der Frau so ruhig und gelassen. ihrer Sprache. in dem sich drei kleine Krüge und ein in Leinen gewickelter Gegenstand befanden. Aber an den Bewegungen und an den Augen erkannte ich. Philos zu holen. Julius. ob ich das alles nur geträumt habe. was in Sanskrit. Verzeih mir. Sie war gefesselt und konnte sich nicht bewegen. Der Himmel war unendlich hoch über ihr. In diesem Augenblick löste sich aus den Umstehenden eine in weiße Gewänder gehüllte Gestalt. wie ich es von Philos kannte.

war sie wie ein Geist verschwunden. Dann könne man sie mühelos aus der Haut entfernen. 331 . Die Ameisen packten mit den Greifzangen zu und verschlossen die Wunde wie Klammern.reinigte zuerst die Wunde mit einer Flüssigkeit aus einem der kleinen Krüge. die Bisse dieser Ameisen seien gefährlich und schmerzhaft. Die Umstehenden und auch ich staunten über die geschickte Behandlung der Wunde. Die junge Prostituierte dankte der Frau und lächelte glücklich über soviel Anteilnahme. und ich hörte. daß es eine Pinzette aus einem Reiherschnabel war. die ich am Duft erkannte. die unter rituellen Worten eine nach der anderen an die klaffende Fußwunde hielt. Mit dem Instrument entfernte sie die eingetretenen Tonsplitter. Danach wickelte sie den Gegenstand aus dem Leinen. wie die HinduHeiler sie oft benutzen. trennte die Frau die Köpfe der Ameisen vom Leib ab und erklärte der Prostituierten. sie müsse die Greifzangen so lange an der Wunde lassen. bis sie verheilt sei. Die Umstehenden wichen ängstlich zurück. Nachdem alle vier auf diese Weise den Schnitt geschlossen hatten. Die Ameisen taten der Frau in Weiß jedoch nichts. Die weißgekleidete Frau öffnete die Hand und ließ aus dem Krug vier große schwarze Ameisen kriechen. wie sie sagten. und ich sah. dann murmelte sie etwas und schrieb geheimnisvolle Zeichen in die Luft. Aber im dritten Krug war das Erstaunlichste von allem. In dem zweiten Krug befand sich eine Salbe aus Myrrhe und Aloe. Noch ehe man Fragen an die weißgekleidete Frau richten konnte.

DER ACHTE TAG 332 .

21. die ihn mit dieser Mischung aus Faszination und Abscheu musterte. daß Sie so häßlich sind? Niemand wußte. was er heute war. Aber diesmal lief er nicht schnell genug. Er 333 . die er inzwischen oft genug erlebt hatte. weshalb er überhaupt auf der Welt war oder was er mit seinem Leben anfangen sollte. Vor dem Unfall war Zeke ganz einfach der hagere Tim Johnson gewesen. Dezember 1999 Las Vegas. In der Ambulanz kam er wieder zu Bewußtsein. »Ich habe sie bekommen«.« Zeke sah der Kellnerin in dem hautengen Kleid nach und schnitt sich ein Stück von dem dicken blutigen Steak ab. Woher kommt diese Narbe? Das sollte heißen: Was ist geschehen. daß die Narbe Zeke erst zu dem gemacht hatte.« Raphael lachte und biß hungrig in seinen RiesenHamburger. Nevada »Wie sind Sie zu der Narbe gekommen?« Zeke sah die Kellnerin an. Er hatte wie so oft zuviel getrunken und wollte sich aus dem Staub machen. ein Schwächling. Er wußte nicht. Mit vollem Mund sagte er: »Jedesmal. erwiderte er kalt lächelnd. daß Tim in einer Bar am Straßenrand des McKinley Highway in Alaska saß.Dienstag. weil es in der Bar zu einer Rauferei kam. wo sie nichts zu suchen hatte. wenn man dir diese Frage stellt. »weil ich meine Nase dorthin gesteckt habe. der in früher Jugend von zu Hause weglief und sich ziellos herumtrieb. gibt du eine andere Antwort. Er war schon immer ein Feigling gewesen. Irgendwann wollte es jedoch das Schicksal.

Wer war dieser Frankenstein? Das konnte unmöglich Tim Johnson sein. eine Persönlichkeit zu werden. um sein gefährliches Aussehen durch einen entsprechenden Körper zu unterstreichen. die dem neuen Gesicht entsprach. Da spürte Tim. nur ein Chirurg könne Tims Gesicht wieder menschliche Züge verleihen. aber er merkte. Er fand inzwischen Gefallen daran. Nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus zog es ihn wieder in den Süden. Dann begann er. und schließlich erreichte er Kalifornien. Die Narbe schien Macht zu bedeuten. in den Bars die Reaktionen der Leute zu beobachten. der als notorischer Feigling von allen verlacht wurde. Sie erschien stets mit einem Lächeln in der Tür. Er erklärte. die ihn gepflegt hatte. Es dauerte nicht lange. der seine Visite mit einem kleinen Flugzeug machte. als würde ein Samenkorn. Eine Woche später erschien der Arzt. Tims Erinnerung stellte sich erst dann wieder richtig ein. rasierte und bleichte sie. das schon lange dort wartete. sondern beschloß. Bald hatte er 334 . daß die lange rote Narbe auf andere ebenso abschreckend wirkte – selbst auf die Krankenschwester. sich mit ihm anzulegen. wer er war oder wer ihn zusammengeschlagen hatte. seine Muskeln zu trainieren. Die Frauen wichen ihm entweder aus oder sie kamen zu ihm. bis er feststellte. Er schnitt sich die jungenhaften. Auf jeden Fall wagte niemand mehr. Er dachte nicht daran. Er bemerkte nur. sich operieren zu lassen. daß ihn eine Krankenschwester nach den Funkanweisungen eines Arztes verband. endlich keimen. wie etwas in ihm zu wachsen begann. daß sein Anblick ihr Angst einjagte. Harte Burschen erwiesen ihm erstaunlicherweise so etwas wie Achtung.wußte nicht mehr. langen braunen Haare ab. als er in den Spiegel blickte. Der Schock war groß.

genug Kraft. wie sie mit Raphael flirtete. welche Richtung er seinem Leben geben würde. Zeke richtete seine Aufmerksamkeit auf das geschäftige Treiben auf der Straße hinter dem Fenster. Sie wußte allerdings nicht. Unsicherheit und verzweifelte Hoffnung. war inzwischen hart und gefühllos. dachte er. Vielleicht stand wirklich der 335 . Las Vegas. Als Zeke sah. ›Raphael‹ war natürlich nicht sein richtiger Name. er habe beschlossen. die heißer ist als die Hölle. um es mit allen aufzunehmen. sondern sah nur Raphael an Zeke war das gleichgültig. wo sie beide eine gefährliche Fracht bewachen mußten. Eine Stadt. »Noch mehr Kaffee?« fragte die Kellnerin. ein Killer mit dem Namen eines Engels zu sein. Die allgemeine Hektik verriet Angst. Aber das war nichts im Vergleich zu dem völligen Mangel an Menschlichkeit. schüttelte er sich beinahe. wie die Kellnerin den Mörder mit den unschuldigen blauen Augen und dem blonden Lockenkopf ahnungslos anlächelte. daß es die falsche Entscheidung war. Aus Tim wurde Zeke. mit dem Raphael zur Welt gekommen war. Er faszinierte oder schüchterte ein. Und in diesem Monat schien sich Las Vegas selbst zu überbieten. Zeke hatte es bei ihrer Ankunft in der Stadt sofort gemerkt. Zeke. Zeke beobachtete. Wie konnten Frauen nur so dumm sein? Er. aber diesmal verschwendete sie keinen Blick an Zeke. Sie zog das Engelsgesicht von Raphael vor. Die Kellnerin hatte es sich überlegt und ihre Entscheidung getroffen. Er wurde stark und schweigsam. Hier war alles und jeder verrückt und unberechenbar. und er wußte. Er hatte Zeke einmal gesagt. In den letzten Tagen von 1999 lag eine besondere Spannung in der Luft. den er in Südamerika kennengelernt hatte. Irgendwann fiel ihm eine Ausgabe von Der Söldner in die Hand.

einer Spur mit Ausdauer zu folgen. Wenn wir sie ausfindig gemacht haben. »Wir werden sie mit unseren Computern finden«. dachte Zeke und lächelte bitter. die Archäologin und der Priester könnten mit dem Bus weitergefahren sein. Ihr Boß dachte zu kompliziert und nur in weltumspannenden Computer-Dimensionen. Zeke hatte den Eindruck. aber diesmal für ein Morgen. die nach Las Vegas gekommen waren.Weltuntergang bevor. daß alle. in diesem Sodom der Neuzeit noch einmal richtig feiern wollten.« Einsatzbereit. Die kleinen und großen Spieler schienen ihren letzten Einsatz zu wagen. dann müßt ihr sofort zur Stelle sein. der sich wie eine Nadel im Heuhaufen der Sünde versteckt?« Zeke hatte Mr. daß sie eine heiße Spur verfolgten. Er hielt nichts von der bewährten Methode. Wir sind bereits im Einsatz! Er hatte erfahren. wie und ob das Leben im neuen Jahrtausend weitergehen würde. das möglicherweise nicht mehr kommen würde. hatte er das letzte Mal zu Zeke gesagt. die sie sich nur im Angesicht des nahen Endes zu erlauben wagten. »Wie wollen wir in dem Gewühl einen Priester finden. Diese Information brachte Zeke auf die Idee. Warum auch nicht? Entweder kam das Jüngste Gericht oder das eintönige Leben ging weiter wie bisher… »Also«. »Haltet euch einsatzbereit. Sie hofften wie immer auf den großen Gewinn. Mit 336 . Vielleicht hofften sie auch auf eine Affäre mit einem der Showgirls oder sie wollten Sünden begehen. sagte Raphael und wischte sich Fett und Ketchup vom Kinn. Niemand wußte. Havers noch immer nicht darüber informiert. daß die Polizei den roten Ford Escort im Motel in Goshen sichergestellt hatte.

Das. daß das zwanzig Stockwerk hohe Atlantis keine Fahrstühle hatte. Doch sie wurden alle von der Tatsache übertroffen. Waren die beiden in einem billigen oder in einem teuren Hotel abgestiegen? Die Menge schrie vor Entsetzen. Das wußte Garibaldi bereits.gefälschten FBI-Ausweisen erkundigten sich Zeke und Raphael im Busbahnhof und erfuhren. als der Stier auf die halbnackte Frau zuraste. wie man die beiden in der Spielhölle Las Vegas. so erklärte das Atlantis-Hotel stolz. wie es auf Kreta als sportliche Disziplin schon vor dreitausend Jahren ausgeübt wurde. sie zu spüren. finden sollte. Stierspringen war jedoch nicht das aufsehenerregendste Abenteuer im neuesten und teuersten Luxushotel von Las Vegas. Dann jubelten die Zuschauer. Zeke zweifelte jedoch nicht daran. 337 . die fast nur aus Hotels bestand. daß der Priester und die Frau hier in der Stadt waren. Zeke und Raphael mußten sich wie Spürhunde auf die Suche machen. Das bedeutete. als sie den Stier geschickt bei den Hörnern packte. bot das Hotel allerhand verrückte und seltsame Amüsements. daß ein Priester zwei Fahrkarten nach Mojave gekauft hatte. Es blieb die Frage. einer Stadt. Auch die Fragen im dortigen Busbahnhof erbrachten nützliche Antworten: Ein Priester in Begleitung einer Frau hatte Fahrkarten nach Las Vegas gekauft. Erbaut auf einer Insel mitten in einem See. Er glaubte. als er sich durch die Menschenmenge einen Weg zur Rezeption bahnte. Leider hatte im Busbahnhof von Las Vegas niemand einen Priester gesehen. sei die Wiederbelebung eines alten minoischen Sports: das sogenannte ›Stierspringen‹. auf seinen Rücken sprang und nach einem Salto hinter dem Tier mit beiden Füßen auf dem Boden landete.

Er fiel auf. die das Hotel mit seinen Attraktionen ausführlich beschrieb. Säulen und Statuen des ›Altertums‹ konkurrierten mit der superfuturistischen Architektur. aber diese Illusion entstand durch Lichteffekte. Excalibur. Als Garibaldi die Rezeption erreichte. Atlantis… Wie unwirkliche Visionen einer fremden Welt ragten die Bauten aus der Wüste unter Nevadas gleißender Sonne in den Himmel. stellte er jedoch fest. hatte Garibaldi in Mojave zu Catherine gesagt. »Im Atlantis sind wir sicher«. »Nicht zu fassen!« rief Raphael. denn zu den großen Attraktionen gehörte der tägliche Untergang von ›Atlantis‹. Touristen strömten in Scharen hierher. hatte ein Journalist bei der Einweihung treffend geschrieben. um die Wunder der Illusion zu bestaunen. Zeke und Raphael fuhren langsam den breiten Boulevard entlang und betrachteten die riesigen Hotels – das MGM Grand. Das Atlantis war von Anfang an ein Riesenerfolg und ständig ausgebucht. »Niemand wird uns in der Menschenmenge finden. daß er sie hier in einem der Mammutpaläste finden würde. auf denen die ›Mars-Raumschiffe‹ schwebten. Laserstrahlen und die trompe l’oeil-Architektur. Zeke durchschaute die Absicht des Priesters und der Frau. Die Hotelhalle war das größte Atrium der Welt. hinter der die sehr zuverlässigen Schienen verschwanden. Fresken. 338 . Die beiden Flüchtlinge suchten Schutz in der Menge. In den Raumschiffen hatte man in der Tat den Eindruck zu ›fliegen‹. ›Mars rettet Atlantis‹. Zeke wußte. denn ein Priester in Soutane war ein seltener Anblick im Atlantis von Las Vegas.Der Luxusbau stand gegenüber dem Beau Rivage am Las Vegas Boulevard. und schwerelose ›Raumschiffe‹ beförderten die Gäste zu den mehr als viertausend Zimmern.« Er hatte in ihrem Zimmer eine Werbebroschüre gefunden. das Luxor. daß die Leute ihn anstarrten. die das Hotel bot.

und ich in Caesar’s Palace. Vater«.« Seine Jagdlust erwachte. während sie selbst an den Spieltischen ihr Glück versuchten.« 339 . An einem Kiosk. der wie ein minoischer Sarkophag aussah.»Schlösser! Sphinxe! Piratenschiffe! Wir sind auf einem fremden Stern gelandet.« Zu den neuesten Dienstleistungen des Hotels gehörte die Internet-Zugangsberechtigung über das hoteleigene System. Der Gast zahlte nur eine geringe Gebühr für die Online-Verbindung. Er drehte dem Hoteleingang den Rücken zu. Du gehst ins MGM Grand. sie konnten die Kinder mit gutem Gewissen an den Monitoren im Zimmer zurücklassen. »Anwendername und Paßwort sind nur Ihnen bekannt. kaufte er eine Zeitung. sagte die Frau an der Rezeption und reichte Garibaldi die Internet-Zugangskarte. Geschäftsreisende nutzten den Service für Konferenzschaltungen und verwandelten ihre Suiten in virtuelle Büros. »Wo fangen wir an zu suchen?« »Das ist für Sie. das sich wie ein goldener Wasserfall durch die riesigen Glastüren ergoß. Sie können sich jederzeit in das Net einloggen. als ein schwarzer Pontiac langsam auf der Auffahrt vorbeirollte. Garibaldi durchquerte noch einmal die Hotelhalle und ging durch das Sonnenlicht. Eltern mit Kindern wußten das Angebot ebenfalls zu schätzen. Zeke blickte auf die Uhr und sagte zu Raphael: »Hier fangen wir an.

Kalifornien Als Julius das Institut durch den Hinterausgang verließ. als der Mann das Fenster geöffnet hatte. Danach werde ich im Santa Monica-Einkaufszentrum Weihnachtseinkäufe machen. ob für die Polizei oder einen privaten Auftraggeber.West Los Angeles. Vielleicht war es auch ein Reporter. wann er Zeit zum Essen fand oder auch nur. Aber der Mann folgte ihm schon seit zwei Tagen. Julius ärgerte sich über die ständige Überwachung und hatte beschlossen. Rabbi Goldmann war schon so lange in der Synagoge. Ich werde langsam fahren. dem Mann zu zeigen. Als sie am späten Nachmittag die Synagoge erreicht hatten. wer dieser Mann war oder für wen er arbeitete. ging er nicht geradewegs zu seinem Wagen. »Ich werde bei Johnny’s etwas essen«. daß auch die ältesten Mitglieder 340 . folgte ihm der weiße Honda. klopfte an das Wagenfenster und nickte dem überraschten Fahrer freundlich zu. Er überquerte die Straße. wo das ist? Fahren Sie die Pico Street entlang und biegen Sie rechts in den Sepulveda Boulevard in Richtung Culver City.« Julius wußte nicht. wo ein weißer Honda am Bordstein stand. als Julius eine Kleinigkeit aß. winkte Julius dem Mann zu und fragte sich. Der Mann wartete geduldig. Als er etwas später in seinem Wagen den Parkplatz verließ. blieb ihm auch beim Einkaufsbummel auf den Fersen. besuche ich meinen Rabbi in der Synagoge in San Vincente. damit Sie mich nicht aus den Augen verlieren. daß er sich seiner Anwesenheit sehr wohl bewußt war. um auf die Toilette zu gehen. sagte er. Wenn ich das erledigt habe. während Julius Geschenke für seine Ex-Frau und die beiden Kinder und auch ein Geschenk für Catherine kaufte. »Wissen Sie.

daß Sie mich ohne weitere Umstände empfangen. Julius!« sagte er und schüttelte ihm die Hand. Rabbi Goldmann.« 341 . aber sein Körper hatte nach so vielen Jahren der Beschäftigung mit Büchern. »Vielen Dank. wie alt er war. sagte Julius und sah sich suchend in dem abgedunkelten Haus des Rabbi um. Rabbi«. dessen überquellende Regale und Bücherschränke verrieten. Er begrüßte Julius lächelnd und musterte ihn mit seinen klaren und lebhaften Augen. Niemand wußte. dich zu sehen. »Welch eine Freude.der Gemeinde sich an keinen anderen Rabbi erinnern konnten. »ob ich vielleicht Ihren Computer für etwa eine Stunde benutzen kann. daß hier ein großer Liebhaber von Büchern lebte. religiösen Handschriften und alten Dokumenten die Form eines Fragezeichens angenommen.« »Was kann ich für dich tun?« »Ich wollte fragen.

die in dem Fragment vorkommen. Genaugenommen wissen wir nicht einmal. unterbrach ihn der Moderator mit einem professionellen Lächeln. in den Schriftrollen werde das Geheimnis des ewigen Lebens offenbart. Herr Doktor‹. New Mexico ›Man nennt es das Methusalem-Syndrom‹.‹ Er machte eine bedeutungsvolle Pause und übersetzte dann: ›Das bedeutet ewiges Leben. die allgemeine Hysterie wurde durch die Spekulation ausgelöst. in zwei Worten. Die Wiederkehr des Messias und das ewige Leben! Die Öffentlichkeit hatte sich auf diese beiden Begriffe in dem Fragment gestürzt: Parousia und Zoe aionios. erklärte der Gast in der Talkshow. was in den Schriftrollen steht. besser gesagt.‹ ›Aber beziehen sich diese Worte auf ein ewiges Leben hier auf Erden oder im Himmel nach dem Tod?‹ Miles schaltete den Fernseher aus und füllte ein Glas mit eisgekühltem Wasser. daß die Schriftrollen das geheimnisvolle Rezept enthalten. Was würden die Leute tun. ob Catherine Alexander noch am Leben ist! Erinnern wir uns. wissen wir nicht. wenn sie erfahren 342 . ›Also sagen Sie mir bitte. das die Zeitungen veröffentlicht haben: Zoe aionios. Er saß in seinem Büro. dachte Miles. daß man ewig leben wird‹.Santa Fe. John. ewig zu leben? Viele unserer Zuschauer hoffen das. ›Die Sehnsucht nach dem ewigen Leben oder die Illusion.‹ Der Experte räusperte sich und sagte mit dem ganzen Nachdruck seiner fachlichen Autorität: ›Bedauerlicherweise. das es den Menschen ermöglicht. oder ob es diese Schriftrollen überhaupt gibt. All das hat seinen Ausgangspunkt in dem einen Satz. ›Glauben Sie.

weil es für alle. die NASA habe ein Schwarzes Loch über dem Nordpol entdeckt. wie sein Vater sagen würde. es bewege sich auf die Erde zu und werde nach ihren Berechnungen am Neujahrstag die Reise durch den Weltraum hinter sich gebracht haben. nach denen beobachtet worden sei. Miles schüttelte unwillig den Kopf. und dann müssen sie wieder zurück in die Armut… Miles staunte über den plötzlichen Anflug von Zynismus und wandte sich vom Fenster ab. wo einige seiner Gäste Golf spielten. Alles drehte sich nur noch um das bevorstehende neue Jahrtausend. nur um in den Besitz der Schriftrollen zu kommen. hatte scheinbar die ganze Welt erfaßt. das Sternentor zum Himmel sei. Dieser ›Schwachsinn‹. um den Weihnachtsmann zu begrüßen. deren Geschichte in den Schriftrollen erzählt wird. Der Weihnachtsmann gehörte zu Erikas Weihnachtsfeier für die Kinder der indianischen Mission.sollten. in der Tat einen Alchimisten geheiratet hatte. Sie behaupteten. In England häuften sich Meldungen. der tatsächlich nach dem Geheimnis des ewigen Lebens suchte? Die Menschen würden in ihrer Hysterie nicht vor Mord und Totschlag zurückschrecken. daß die Frau. Dann lächelte er. Die Sache sei streng geheim. der bald mit einem Schlitten und vielen Geschenken eintreffen sollte. denn eine Schar Kinder lief lachend und aufgeregt über den Hof. Er trat an ein Fenster und blickte auf den grünen Rasen hinunter. Astrologen in Montana hatten das ›Neue Jerusalem‹ gesichtet. Sie versammelten sich vor dem Haus. Der erste Anruf am 343 . Astro-Futurologen behaupteten. wie sich die Megalithen in Stonehenge aus eigener Kraft bewegten. die von der Erde fliehen wollten. Miles seufzte. und daran hatte sich nichts geändert. Was war nur mit ihm los? Schon beim Aufwachen war er schlechter Laune gewesen. Einmal im Jahr erleben sie die Wunderwelt des Reichtums.

Der Tiger in ihm wurde immer ungeduldiger und erinnerte ihn daran. Innerhalb weniger Monate würde sich jeder. aber es wollte ihm einfach nicht gelingen. da der Justizminister persönlich dem Antrag zur Bildung eines Ausschusses zugestimmt hatte. hatte sein Vater in einem der Gespräche zwischen Vater und Sohn erklärt. Seine Berater. ›Das ist es eben. Man forderte ihn ultimativ auf. daß ein Mann mit zweiundfünfzig keine Stunde zu verschwenden hatte. der Aki Matsumoto gehört hatte. an die sich Miles aus seiner Kindheit erinnern konnte. er sollte seine Gedanken auf diese ernsten Probleme richten. der den Konzern und seine Versuche. wir kämpfen um unser Überleben. Zeit und Energie zu verschwenden.frühen Morgen hatte auch nicht gerade dazu beigetragen. die Digitalisierung ehemaliger Filmstars und ihren Mißbrauch für billigste Unterhaltung zu stoppen. Wir sterben. Miles wußte. Der Papyrus aus dem sechsten Jahrhundert. Wir werden geboren. seine Stimmung zu bessern. die Anfang des nächsten Jahres auf den Markt kommen sollte. den Markt zu monopolisieren. Außerdem geriet er inzwischen ins Kreuzfeuer der Filmindustrie. ›Das ist es eben‹. Miles haßte es. der einen Computer besaß. Im Begleittext der Übersetzung aus Kairo hieß es. Das war ein Angriff auf die neue Software. erwies sich als nutzlos. beschworen Miles noch einmal. daß die ›Fabiana‹ dieses Textes in keinem Zusammenhang mit ›Sabina Fabiana‹ stehe. untersuchen sollte. auf den Kauf der Software-Firma zu verzichten. Keine Engel. Der Dreizehn-Stunden-Flug nach Hawaii und zurück war demnach umsonst gewesen. die immer zu übertriebener Vorsicht rieten und ständig den Teufel an die Wand malten. damit zum Partner von Marilyn Monroe oder zur Partnerin von Gary Cooper machen können. Dann kommt nichts. 344 .

oder lag es daran. daß sie in letzter Zeit beinahe wie in Panik nach etwas Unbestimmtem suchte. was in seinem Haus geschah. unverständlicher Ehrgeiz bei karitativen Projekten. Ihm war nicht entgangen. wenn er sich in der zweiten Hälfte des Lebens auf das Sterben und den Tod vorbereiten mußte? Auch Erika hatte sich verändert. Miles mußte sich in diesem Augenblick eingestehen. Dafür gab es schon seit langem Anzeichen – Unruhe. Erika zeigte ihm wie 345 . die Indianerkinder glücklich zu machen.kein Paradies im Himmel. die Vorbereitungen für das Fest kurz alles. Und ihm wurde plötzlich klar. bevor die Würmer dich fressen‹ Miles glaubte seinem Vater. Catherine Alexander und die Schriftrollen zu finden. daß er die Fünfzig überschritten hatte? Machte sich jeder Mann Gedanken über sein Leben. was mit seinem Privatleben zu tun hatte. nach etwas Spirituellem. Er war so versessen. Wie hatte er das alles nur übersehen können? Warum hatte er diese Hinweise nicht längst ernst genommen? Ich war zu sehr mit mir selbst beschäftigt – mit mir und meinen Zielen. Er wollte sich in der Illusion wiegen. dem Stunden und Tage wertvoller als Diamanten und Perlen gewesen waren. Also nutze deine Zeit hier auf der Erde. daß er kaum darauf achtete. plötzliche Tränen. Woher nur kamen die düsteren Gedanken? Lag es vielleicht wirklich an dem bevorstehenden neuen Jahrtausend mit all seinen Unwägbarkeiten. Die vergangene Woche zeigte das deutlich. Er überließ Erika die Familie und die Gäste. Der Tiger in ihm brüllte. in diesem Jahr irgendwie verlogen und hilflos wirkte. daß Erikas Bemühen. Schweißtropfen standen ihm auf der Stirn. alles sei in bester Ordnung. daß solche Hinweise auf eine innere Unsicherheit bei Erika nicht neu waren. Schlaflosigkeit.

Das beantwortete allerdings nicht die eigentliche Frage: Sollte er Catherine Alexander vergessen? Sollte er die Jagd abbrechen und diese Frau ihrem Schicksal überlassen. Niemand war ehrlich zu ihm oder brachte genug Vertrauen auf. offen mit ihm zu reden. Aber Miles tröstete sich. geschweige denn. konnte er die Behauptung als Verfolgungswahn eines paranoiden. »Was hast du?« »Tut mir leid. Lohnte sich das alles? Es würde nicht mehr lange dauern. Selbst wenn der Computer mit dem Tagebuch in die falschen Hände geriet. Miles«. Er begab sich jedoch nicht sofort in das unterirdische Kommunikationszentrum. die Journalisten oder das FBI. daß du mich so siehst. das sie ohnehin in den Untergang treiben würde? Miles mußte sich an diesem Morgen eingestehen. erwiderte sie schluchzend. Unzufriedenheit und Ängste zu äußern. Es ist nur… die 346 .jeder in seiner unmittelbaren Umgebung immer nur die heitere Fassade. Lohnt es sich eigentlich wirklich. »Liebling«. daß ihm die Vorstellung irgendwie gefiel. Von unten drang das Lachen und Singen der Kinder zu ihm herauf. Entschlossen verließ er das Büro. Sie stand vor einem Kaktus und drückte ein Taschentuch an die Augen. mißverstandenen Archäologen abtun. Wenn das geschah. Und so wurde ihm auch Erika von Tag zu Tag fremder. »Ich wollte nicht. besaßen die Schriftrollen für Miles keinen Wert mehr. den Schriftrollen hinterherzujagen? In Stevensons Computer-Tagebuch stand ein sehr belastender Hinweis. sagte er bestürzt und trat neben sie. Zu seiner Überraschung fand er Erika in einem der verglasten Bogengänge. sondern verließ den Fahrstuhl im Erdgeschoß. bis die Polizei Catherine Alexander fand – die Polizei.

« »Morgen ist die Wintersonnenwende. daß sie eine Zukunft haben. Aber an diesem Tag entdeckte er verwundert Falten um Augen und Mund.« Miles trat einen Schritt zurück und sah Erika an. sagte er beruhigend und drückte sie zärtlich an sich.« »Um ihn mußt du dir keine Sorgen machen. denn die Sonnen-Kachina ist verschwunden. »Kommt nach dem Leben einfach nichts? Werde ich dich oder die Kinder nie wiedersehen? Diesen Gedanken kann ich nicht ertragen. Ich habe ihn auch nicht gesehen und mache mir große Sorgen. der Tag. um meine Fassung wiederzufinden. Ich wollte allein sein.Kinder und alles. als sie war. »Ich wünsche diesen Kindern so sehr.« »Natürlich werden sie eine Zukunft haben«. Sie wirkte stets jünger. wenn wir sterben. 347 . damit die Kiva geöffnet werden kann. sagte er freundlich. und wo ist Kojote?« »Ich weiß es nicht. verzweifelten Augen an. Was ist es?« Sie sah ihn mit großen. Miles?« fragte sie plötzlich. Aber das wird diesmal nicht geschehen. »Warum denn nicht?« »Kojote«. »Ich habe Angst. an dem die Kachinas aus der Kiva kommen. Ich glaube. Es war einfach zuviel. »auf dir lastet noch etwas anderes. Ich habe Angst. flüsterte sie erstickt. immer gepflegt und attraktiv.« Sie trocknete sich die Augen.« »Angst! Wovor?« »Was geschieht mit uns. »Liebste«. aus einem anderen Pueblo eine Kachina zu besorgen. Vermutlich ist er damit beschäftigt. das machen sie so.« »Hm. Miles fragte leicht gereizt: »Wo ist er eigentlich? Ich habe ihn lange nicht gesehen.

wenn wir sterben. daß Erika plötzlich strahlte. halt mich fest…« Er nahm sie in die Arme. dann wäre ich glücklich.‹« Erika sah ihn überrascht an. das Ende und was danach kommen würde Miles wußte darauf nichts zu sagen.Miles. Wer konnte sich schon hinstellen und behaupten. das man auch den Garten der Liebe nennt. sogar die Falten und Fältchen schienen sich zu glätten. in das Land der Seelen. was sie hatten. und sie sah wieder jung 348 . Sie alle wurden von denselben Ängsten gequält wie Erika. Hatte die allgemeine Hysterie der bevorstehenden Jahrtausendwende nun auch seine Frau erfaßt? Wonach suchte Erika? Warum nur die Angst? Warum schien jedermann plötzlich Antworten zu wollen. Plötzlich erinnerte er sich an einen Satz aus der Übersetzung der Schriftrollen. das ist wundervoll! Wo hast du das gehört?« »Ich weiß nicht. »Miles. Seine Niedergeschlagenheit verwandelte sich in eine Mischung aus Verwirrung und Zorn. wirklich etwas zu wissen? Auch wenn er Zugriff auf alle Informationen der Welt hatte. Die Menschen dachten nur noch an den Tod. Die Tränen waren verschwunden. daß ich nie von dir und den Kindern getrennt sein werde!« Miles sah verblüfft. und daß sie das Beste daraus machen mußten. die niemand geben konnte? Begriffen die Menschen nicht.« »›Schalimar‹. und das erfüllte ihn mit Empörung und Wut. denn ich wüßte. wie schön das klingt! Wenn ich nur daran glauben könnte. Ohne nachzudenken zitierte er: »›Satvinder glaubte. diese Fragen machten ihn hilflos. daß das Dasein auf der Erde alles war. ich habe es vermutlich irgendwo gelesen. solange ihnen noch die Zeit dazu blieb? Miles dachte an die Berichte im Fernsehen und an die Interviews mit dem ›Mann auf der Straße‹. kommen wir nach Schalimar.

wer sonst auf der Welt sollte gegen den apokalyptischen Unsinn der Menschheit immun sein? Er nahm Erika am Arm und sagte fröhlich: »Komm. Er würde nie vergessen. über die zweite Lebenshälfte nachdenken und sogar mit dem Gedanken spielen. wie Erikas Augen plötzlich geleuchtet hatten… Ja.« Die Unsicherheit. sie in seinem Museum zu verstecken. wie ihn das Adrenalin aus den Tiefen seiner Zweifel riß. Wir sollten dabeisein. Er wollte ihr sagen: ›Es steht noch mehr dort. Er würde dieser Archäologin die Schriftrollen abjagen. die Schriftrollen würden ein Geschenk für Erika sein. wo ich das gelesen habe. mit dem er sie glücklich machen konnte. Er hielt die Zügel wieder fest in der Hand. gehen wir zu den Kindern. Wie konnte er nur so dumm sein und sich wie eine kranke Katze in eine Ecke verkriechen. Miles spürte. die Jagd nach den Schriftrollen aufzugeben? Wenn nicht er. sehr viel mehr!‹ In diesem Augenblick setzte der Tiger wieder zum Sprung an. Aber von jetzt an ging es nicht darum. alte Wunden lecken.und bezaubernd aus. 349 . wenn sie die Geschenke auspacken. war verschwunden. die ihn schon beim Aufwachen überfallen hatte.

zwei Modemanschlüsse. Artivastes bis Romotacles. der am Fenster stand. als spüre er ihre Augen auf sich gerichtet. ein Büro mit zwei Schreibtischen. Er konnte auch zärtlich sein. Radiergummi. von Phraates bis Vardenes. und sagte lächelnd: »Ich habe hier vermutlich die genaueste Aufstellung aller Könige im ersten und zweiten Jahrhundert nach Christus. kommen wir nach Schalimar. 350 .‹« Garten der Liehe… Catherine hob den Kopf und dachte nach. Es gibt sogar einen Morwan. Das bedeutete zwei Schlafzimmer mit getrennten Bädern. in das Land der Seelen. wie am Abend zuvor in dem Motel. das man auch den Garten der Liehe nennt. Notizblöcke. als er das Kätzchen gestreichelt und mit Milch gefüttert hatte… Er drehte sich um. zwei Telefonnummern und all die praktischen Dinge. Nevada »›Satvinder glaubte. Catherine arbeitete an dem Schreibtisch. der. Michael saß mit dem Rücken zu ihr an der anderen Seite des Raums vor dem Laptop und suchte im Internet nach Papyri. Sie und Garibaldi hatten im Atlantis eine Suite für Geschäftsleute. wenn wir sterben. Die Könige von Parthien. wie ich feststelle. Von dort hatte sie den eindrucksvollen Blick auf den See und die ›alten‹ Tempel. sein Durchhaltevermögen und seine Liebenswürdigkeit gehörten inzwischen wie selbstverständlich in ihr Leben. ein Fax und einen Drucker. die verläßliche Hilfsbereitschaft. Der Anblick seiner breiten Schultern. Locher usw. Armenien und Trakien. sagte Catherine. die man in einem Büro braucht – Büroklammern.Las Vegas. eine Königin war. Aber unter ihnen ist kein einziger Tymbos zu finden!« »Ich habe einen neuen Suchbegriff«.

Es war inzwischen dunkel geworden. sagte Garibaldi und öffnete YAHOO: RELIGION VIRTUAL LIBRARY. Vielleicht bringt es uns weiter. »Es ist ein Land im Leben nach dem Tod. Catherine trat neben ihn und stellte das Glas Wasser auf seinen Schreibtisch. Neugierig blickte sie auf den Bildschirm. von ›Aristoteles‹ bis ›Zoroaster‹. Garibaldi klickte auf ›Hinduismus‹ und dann wieder auf ›alt.archives. November 1999‹. Vielleicht finden wir etwas darüber. um sich in das richtige Programm einzuwählen. den Sonnenuntergang bemerkt zu haben. RELIGION Eine Liste mit über zweitausend Einträgen erschien.‹ Garibaldi öffnete das Unterverzeichnis: ›alt. suchen wir nach Schalimar. und wieder erschien eine Liste mit tausend Einträgen. Sie erinnerte sich nicht daran. sponsored by Hindu Students Council. 351 .»Schalimar. verehrte Frau Doktor«. Es waren einfach viel zu viele Verweise. schüttelte den Kopf und seufzte. »Ihre Wahl?« Catherine überflog die Liste.« Er klickte und tippte inzwischen schon geübt auf die einzelnen Menüpunkte.« Sie nahm aus der Minibar eine Flasche kaltes Mineralwasser und füllte zwei Gläser. Vielleicht gibt es irgendwo eine Kopie dieses Kapitels. Es gab auch Stichwörter wie: ›Der Gottesbeweis in Cyberspace‹ und ›Der Beichtstuhl‹.« »Wie das Parfüm?« Sie stand auf und massierte sich den Nacken.Hindu archives‹. »Also.hindu. »Gut. Auf der Home Page stand: ›Global Hindu Electronic Network. sagte Garibaldi. Es könnte möglicherweise ›Schalimar-Fragment‹ heißen. »Fangen wir noch einmal an«.

Das Laden der Datei würde ein paar Minuten in Anspruch nehmen. Noch dazu. den Geburtsort eines Astronauten in Florida und ein Hotel in Las Vegas. murmelte er und drehte sich um. Ihr fehlten Schlaf und ein normales Leben. daß man hier im Atlantis Dianuba Technologies Software und auch das schnelle neue Scimitar benutzt. Sie hatte das Gefühl. »Der Tag war nicht völlig umsonst«. Havers mit seiner eigenen Software zu schlagen. wenn wir ungestört Online bleiben können. »Gut. würden wir etwas finden. denn die Meldung auf dem Bildschirm lautete: empfangen: 3347 Bytes von 149. das Miles Havers für das Internet hat entwickeln lassen…« »Das wundert mich nicht«. »Tut mir leid«. Nach fünf Minuten Suche deutete immer noch nichts auf eine alte Schriftrolle oder auf die Kopie einer solchen hin. und er rief: »Vierhundert Einträge!« Er ließ die Liste abrollen und fand unter ›Schalimar‹: Designer-Mode. »Dazu fehlt mir die Geduld«. »Aber es würde mir eine gewisse Befriedigung verschaffen. daß sie die Universität von Freiburg angewählt hatten.622 Bytes.Die elektronische Adresse verriet. meinte Garibaldi aufmunternd. murmelte Catherine. um nicht durch neue Meldungen abgelenkt zu werden. wo uns in diesem Hotel ein hochkarätiges System und eine sehr schnelle Software zur Verfügung stehen. sagte Garibaldi. erwiderte sie und ging langsam zu ihrem Arbeitsplatz zurück. »Wir haben immerhin den mysteriösen 352 . suchen wir auf Lycos«. die Schmerzen in Nacken und Schultern würden nie verschwinden. »Das geht am schnellsten und ist auch sehr umfassend. »Ich hatte wirklich geglaubt. Sie hatten bewußt den ganzen Tag keine Nachrichten gesehen.« Vor dem Fernseher blieb sie zögernd stehen.« Es dauerte nicht lange.« Mit einem schiefen Lächeln fügte er hinzu: »Wissen Sie eigentlich.

›Ich halte das Vorgehen dieser Frau für 353 . Aber ein Polizeisprecher erklärte. ihr die sichergestellten Photos der Schriftrollen zu übergeben. Dr. Der ägyptische Außenminister will gegen diese Entscheidung bei seinem Amtskollegen im Weißen Haus Protest einlegen.›Hekatetrank‹ gefunden. Catherine Alexander in Kürze festnehmen zu können. und griff zur Fernbedienung. daß man damit rechnet. geschieht denn auf der Welt überhaupt nichts mehr. »Der Fall beginnt zu einer Lawine zu werden. Die Nachrichtensprecherin sagte gerade: ›… ein Sprecher des FBI erklärte heute. die niemand mehr aufhalten kann.« Es folgte ein aufgezeichnetes Interview mit einem Theologen. um auf dem laufenden zu bleiben«.« »Ich verstehe das nicht. Sie hätten Informationen über die Zukunft. würde sich kein Mensch darum kümmern. Warum machen sie aus mir so eine große Sache? Es gibt doch wichtigere Dinge. »Man glaubt. die Photos seien Beweismaterial in einem Mordfall und könnten nicht Dritten überlassen werden. »Du meine Güte.‹ »Der reinste Zirkus!« sagte Garibaldi.‹ Garibaldi griff sich an den Kopf. über die sie berichten könnten!« »Es liegt am neuen Jahrtausend«. Mit einem Blick auf die Uhr sagte Catherine: »Wir müssen uns wohl doch die Nachrichten ansehen. erwiderte Garibaldi. daß sie nur noch über diesen Fall berichten…?« ›Die ägyptische Regierung hat die Polizei in Santa Barbara offiziell aufgefordert. den Philos seinen Patienten verordnet hat!« Das Wunderheilmittel aus Weidenrinde war zweitausend Jahre später als ›Aspirin‹ bekannt. Wenn Sie die Schriftrollen in zwei oder drei Monaten gefunden hätten.

‹« Als Catherine ihn überrascht ansah.‹ Im Studio wurde ein weiterer Experte befragt. Im Klassik-Sender endete gerade eine 354 . daß im ganzen Land das Bewußtsein für spirituelle Fragen wächst?‹ ›Die Zeit der Materialisten geht zu Ende. Beenden Sie die törichte Flucht. sagte Catherine und wechselte mit der Fernbedienung den Kanal. der Katholizismus zum Beispiel sei einfach zu alt. die unter dem Staub der Jahrhunderte begraben liegt. eine Religion abzulehnen. fügte er lächelnd hinzu: »Das ist nicht von mir. wenn ich sage. Deshalb sind wir gezwungen. daß sie sich über alle Gesetze hinwegsetzen kann?‹ Ein Professor aus Harvard gab folgende Erklärung ab: ›Ich wende mich persönlich an Sie. aber heute bin ich wie viele meiner Freunde ein Anhänger von New Age. nur weil sie alt ist!« »Dieser Mann«. weil die Kirchen den Bedürfnissen unserer Zeit nicht mehr gerecht werden. Ich habe es irgendwo einmal gelesen. Dr. Kurz gesagt. Wir müssen uns fragen: Was kommt nach dem Tod?‹ ›Warum verzeichnen die traditionellen Kirchen dann nicht einen Zuwachs an Gläubigen?‹ ›Nun ja. »hat den Rosenkranz und die Heiligen gegen Kristalle und Engel ausgetauscht. Cochran.äußerst fragwürdig. Wieso glaubt Catherine Alexander.‹ Garibaldi schüttelte den Kopf und murmelte: »›Eine Religion. ich spreche für alle von uns. Ich denke. Alexander. Steve. Steve. ›Dr. Sie können nicht gewinnen. schaltete sie auf Radioempfang. können Sie uns die Gründe dafür nennen. viele meinen. unsere Sterblichkeit ernstzunehmen. Bitte übergeben Sie die Schriftrollen einer wissenschaftlichen Institution oder einer kirchlichen Organisation. daß wir uns vom Glauben unserer Eltern losgesagt haben.« Da keines der Fernsehprogramme ihr zusagte. ich war früher Katholik. Aber es ist wirklich komisch.

die etablierten Kirchen sollten sich von den Schriftrollen nicht bedroht fühlen. Natürlich kommt in dem Text auch das Wort ‹Jesus› vor. was uns dieser Text über die Anfänge unserer Kirchen sagen kann. dann können sie uns vielleicht Aufschluß über die Anfänge des Christentums geben. daß uns das Neue Testament nicht sagt. Das. Pearson.‹ ›Dr. Legenden und Märchen. Pearson?‹ Garibaldi ging zu seinem Schreibtisch zurück und trank einen Schluck Wasser. Was können Sie uns über das PapyrusFragment sagen. Raymond Pearson bei uns im Studio. Wir wissen auch. könnte sehr befreiend wirken. die paläographische Untersuchung datiert den Text in das erste oder zweite Jahrhundert unserer Zeitrechnung. die im Laufe der vielen Jahrhunderte mit dem Christentum in Verbindung gebracht worden sind. ›Möglicherweise nicht‹.‹ Pearson erwiderte leise lachend: ›Nun ja. wie die ursprüngliche christliche Kirche aussah?‹ Catherine setzte sich auf einen Stuhl. denn er ist frei von den Geschichten. Dr. was wir dort erfahren. Er ist der Gründer der historisch orientierten JesusGesellschaft. dann hörten sie den Sprecher: ›Wir haben heute Dr. Pearson. Dr. denn sie wollte sich das Gespräch anhören.‹ ›Wollen Sie damit andeuten. Pearson. ›Erstens. sondern aufmerksam zur Kenntnis nehmen. erwiderte Dr. antwortete Dr. Wenn diese Schriftrollen von Frühchristen geschrieben wurden. einige Vertreter der Kirchen haben erklärt. ›Das 355 . daß der Text von einer Frau stammt und daß diese Frau sich sehr wahrscheinlich an die frühen Christen wendet… das Wort ‹Diakonos› läßt darauf schließen. Pearson.Konzertübertragung. ›Nun ja‹. die Schriftrollen seien blasphemisch und ketzerisch.

Und hier ist bereits die erste. 1925 wurde zum Beispiel ein Papyrus-Fragment in der ägyptischen Wüste gefunden und an Archäologen in Kairo verkauft. stammen aus dem Jahr 200 n. Sie kennen die Nummer. wie immer Sie auch heißen mögen. die uns aus dem Lukas. für 356 . Das heißt. trotz intensiver Forschungen sind die Originalhandschriften der vier Evangelien nie gefunden worden. Die ersten Ausschnitte. aber er wurde hundert Jahre nach der Kreuzigung geschrieben. die Kreuzigung lag zu diesem Zeitpunkt bereits einhundertsiebzig Jahre zurück. aber ein Fragment der ersten Kopie. ›Liebe Zuhörer. und Dr. das Matthäus – und Lukas-Evangelium. Sie sind im Laufe der Zeit verlorengegangen. daß es sich um einen griechischen Text handelte. Sie können jetzt im Studio anrufen. und das Johannes-Evangelium um das Jahr 95.‹ ›Sie sagen. Es ist in der Tat das älteste Textfragment des Neuen Testaments. das wir besitzen. Chr.‹ ›Wie können wir dann dem Neuen Testament überhaupt vertrauen?‹ ›Wir haben Kopien. Außerdem gibt es ein Fragment des Markus-Evangeliums aus dem Jahr 225. stammt erst aus dem Jahr 225?‹ ›Richtig. welche Veränderungen die Evangelien in all den vielen Jahren erfahren haben. das Markus-Evangelium wurde um das Jahr 65 geschrieben. die wir haben. so glaubt man.Markus-Evangelium wurde um das Jahr 65 geschrieben. Wir dürfen nicht vergessen. Damit stellt sich natürlich die brisante Frage.‹ ›Danke!‹ sagte der Moderator.‹ ›Herr Doktor. Pearson wird Ihre Fragen beantworten. Nach wissenschaftlicher Prüfung stellte man fest.und MatthäusEvangelium vorliegen. um eine Stelle aus dem Johannes-Evangelium. etwa zwanzig Jahre später.

Ihre Worte werden Sie in der Hölle brennen…‹ ›Danke.‹ ›Dr. der hinter ihr stand. Wenn die Schriftrollen. und erklärten alle anderen für ketzerisch. Nächster Anruf. aber sie taten es mit unterschiedlichen Ritualen. Alexander aus Ägypten geschmuggelt hat. beschnitten wurden. Gebeten und Vorstellungen von der Persönlichkeit Jesu und seiner Worte. Splittergruppen gründeten eigene Kirchen. Erst im vierten Jahrhundert setzte sich das mächtigste ‹Lager› durch.‹ Catherine spürte Garibaldi. Es zirkulierten viele Evangelien und Briefe. andere an die von Paulus. den wahren Glauben zu vertreten. tatsächlich Berichte von Augenzeugen der Mission des Herrn hier auf Erden sind. In den ersten hundert Jahren gab es im Römischen Reich eine große Zahl christlicher Sekten mit unterschiedlichen Glaubensvorstellungen. Einige Gruppen hielten sich an die Lehren von Petrus. das Neue Testament ist nicht das von Gott offenbarte Wort?‹ ›Verstehen Sie mich nicht falsch. Die Auseinandersetzungen um den richtigen Glauben dauerten noch zweihundert Jahre an. die Dr. Paulus war anderer Meinung. die sich zum christlichen Glauben bekehrten. die damals allgemein verbreitet waren. Die Spannung im Raum stieg merklich. Diese Christen stellten zusammen. Pearson. wollen Sie behaupten. aber er schwieg. Regeln und so weiter. dann werden 357 . bitte. Die Evangelien sind die Worte Gottes. und alle behaupteten. Erinnern wir uns. Sie entschieden sich für nur vier Evangelien von den vielen. Die Frühchristen stritten darüber. ›Das ist in Urkunden dokumentiert. was sie das Neue Testament nannten. Petrus zum Beispiel bestand darauf. daß alle Männer. was der richtige Glaube sei. es kam nach dem Tod von Jesus zu einem Machtkampf‹ sagte Pearson. ›Wir wissen. Aber wir kennen nicht die ursprünglichen Worte.

wenn sie bei uns anrufen. Ich weiß. Sie erzählen eine Menge Lügen. was in ihren Kräften steht. um ihr die Schriftrollen abzunehmen. und er wird seine tausendjährige Herrschaft auf Erden gründen. ›Das klingt ja. die sich sehr von der unterscheidet. Alexander zu finden. Pearson. mit denen diese Frau auf der Flucht ist.‹ ›Ich habe Dr. wenn in diesen Schriftrollen. hier ist jemand aus San Francisco. Und wenn Sie…‹ Catherine murmelte: »Der Antichrist! Er behauptet. Unsere 358 . warum unternehmen die zuständigen Stellen nichts. Meine Frage ist. So. die Behörden tun alles. denn das Jüngste Gericht steht uns bevor.‹ ›Jesus wird kommen. Sie werden für Ihre Frevel büßen! Sie sind eine…‹ ›Leute!‹ rief der Moderator. die meisten von Ihnen hören nur das Besetztzeichen. wie wir sie heute kennen. das wissen wir. ich sei der Antichrist…« ›Danke. ich weiß. Vielleicht werden wir dann eine Kirche sehen. Der nächste Anrufer ist zugeschaltet. um Dr. damit wir uns auf den Tag und die Stunde der Wiederkehr des Messias vorbereiten können?‹ ›Ich bin sicher. der Tag und die Stunde genannt werden. Herr Professor. Dr.‹ ›Danke. Alexander etwas zu sagen. Alexander ist der Antichrist. der auf die Erde gekommen ist. um die guten Christen vom Weg der Erlösung abzubringen. Wie heißt Ihre Frage?‹ ›Zuerst einmal. Dr.wir durch diese Texte vielleicht zum ersten Mal einen wirklichen Einblick in die Ursprünge des Christentums und seiner Intentionen vor den inneren Kämpfen und Auseinandersetzungen bekommen. Das nächste Gespräch. bitte. als würde die Öffentlichkeit klar und deutlich ihre Meinung kundtun! Liebe Zuhörer.

Sie müssen Ihre Nachricht an eine Stelle schicken. daß sowohl Sie als auch die Schriftrollen das ›Böse‹ sind. Ich werde die Nachricht dort an einem Schwarzen Brett deponieren und darum bitten. »Das könnte gehen. wer ist jetzt am Apparat?‹ ›Sagen Sie dem Weib…‹ Garibaldi griff nach der Fernbedienung und schaltete ab. Fanatiker werden möglicherweise versuchen. Dann besteht die größte Wahrscheinlichkeit. Catherine stützte den Kopf in beide Hände. Sie in ihre Gewalt zu bekommen. »Ich kann sie nicht WELL oder ECHO schicken«. »Warum beschimpfen sie mich? Warum sind alle gegen mich?« »Vermutlich deshalb. Besorgt sah er Catherine an. »Alles in Ordnung?« fragte er leise. Es könnte für Sie gefährlich werden. Wie es aussieht. Aber lassen Sie sich nicht entmutigen. sie weiterzuleiten.« Catherine setzte sich vor den Computer und dachte nach. wenn man Sie erkennen sollte. UniCom wäre das 359 .« »Dann werde ich es über Internet versuchen. selbst wenn Sie sich stellen würden. Verstehen Sie. wir beantworten so viele Anrufe wie möglich. aber wie? Sie können nicht telefonieren. wo viele sie lesen.Damen in der Zentrale haben alle Hände voll zu tun. sagte sie.« »Dann muß ich allen die Wahrheit sagen! Sie müssen meine Beweggründe kennenlernen!« »Gut. »Dort muß man angemeldet sein. weil Sie schweigen. Das Jahrtausendfieber scheint den Menschen den Verstand zu rauben. mir gefällt das alles überhaupt nicht. Ja. daß einer die Nachricht weiterleitet. Offenbar sind bereits zu viele Menschen davon überzeugt.« Er überlegte und nickte dann. Man würde Sie sofort aufspüren. könnte Ihnen nicht einmal die Polizei Schutz bieten. Man deutet Ihr Schweigen als ein Eingeständnis von Schuld.

dachte Catherine und starrte trübsinnig auf Dannos Computertasche. Er suchte einen Maya-Tempel.« »Wie wäre es mit IRC? Im Internet Relay Chat gibt es viele sehr populäre Kanäle. aber in den meisten sind nur drei oder vier Anwender gleichzeitig Online. Sobald Sie Ihre Nachricht senden. »Das war sein Lieblingsbuch«. dort nach Ihnen Ausschau zu halten. Danno war 360 . Garibaldi zog sich einen Stuhl heran und setzte sich neben sie. »Es handelt von einer Gruppe Männer. und jemanden beauftragt. denn beinahe jeder hat das. öffnete sie und holte die vergilbte Ausgabe von Hawksbill Station heraus. denn sonst läßt sich wie beim Telefonieren der Absender ausfindig machen.« »Er kann nicht alle Kanäle überwachen«.« »Sie können die Nachricht keiner Anwendergruppe zuleiten. ermittelt der Spion die Adresse der Zugangslizenz und weiß.« »Havers hat vermutlich vorausgesehen. Noch weniger wird man die Nachricht weiterleiten. Sie griff danach. denn durch den Einwahlknoten würden Sie mehr Menschen erreichen. Das ist schade. »Was haben Sie vor?« »Ich habe mit Danno einen Sommer lang in Mexiko gearbeitet. die von ihrer Welt und ihrer Zeit abgeschnitten worden sind. murmelte sie. aber auch dort muß man sich anmelden. daß Sie daran denken würden.beste. und sie begann zu tippen. Wenn Sie sich in diese Gespräche einwählen. Das gilt auch für Dianuba Network.« Es muß einen Weg geben. Ausgestoßene…« Plötzlich fiel ihr etwas ein. besteht kaum die Chance. erwiderte Catherine. daß man Ihnen glaubt. daß Sie hier im Hotel sind. »Es gibt viele tausend IRC-Kanäle!« »Richtig.

us. BOTS ARE ALLOWED ON THIS SERVER ONLY WITH SERVER OP APPRQ-VAL. »Wie groß ist die Gruppe?« Sie klickte auf das Symbol CONNECT.« Catherine tippte eilig weiter: ›pasadena. wo es hundert Leute lesen. 1500 unsichtbar auf 127 Servern.us. dann habe ich keine Garantie. 2. sagte Catherine.org‹ und drückte: ENTER.undernet. was ich sagen will. Server created 7/23/96 um 16:43 PST.« Auf dem Monitor erschien die Meldung: MOTD: PAKE USER @HOST IS NOT ALLOWED ON THIS SERVER. »doch wenn ich das. das sind nicht viele«.ca.undernet. das so weit und so schnell wie möglich zu verbreiten. »Vor zwei Jahren hatten sie zehn Mitglieder.« Auf dem Monitor erschien die Meldung: ›Ihr Host ist pasadena.org. Ich werde ihnen sagen. »Wenn ich mich recht erinnere. daß ich unschuldig bin.regelmäßig morgens und abends eine Stunde im Internet.« »Was wollen Sie mitteilen. ABSOLUTELY NO 361 . wer ich bin.ca.‹ »Ich weiß. und sie bitten. hieß der Kanal ›Hawksbill‹. Ich glaube. Aber auf die Loyalität der Mitglieder von Dannos Gruppe kann ich setzen. wenn Sie den Kanal finden?« »Ich werde ihnen sagen.000 Anwender.« Sie klickte auf das Symbol IRC MANAGER. er benutzte Internet Relay Chat. daß sie die Nachricht verbreiten. PERSISTENT ABUSERS OF THIS RULE WILL HAVE THEIR HOST BANNED FROM THIS SERVER. anonym in einem BBS hinterlasse.

daß der Kanal noch da ist«.CLONE BOTS ALLOWED. wie sie im schwülen heißen Regenwald von Yucatan Danno über die Schulter geblickt hatte. Sofort erschien die Meldung: YOU HAVE JOINED HAWKSBILL In einem Kasten wurden die ›handles‹. ein Hinweis darauf. »Nein. daß er oder sie der Kanal-Operator war. Jean-Luc. »›Hawksbill‹!« Sie markierte #hawksbill und klickte zweimal. hatte das @. END OP/MOTD COMMAND »Hoffen wir. murmelte Catherine und tippte: ›/list -min 4. spaCeman. oocbert. die Spitznamen der im Augenblick im Netz befindlichen Teilnehmer angezeigt: BENHUR. wenn er sich bei 362 . Der vierte. »Es gibt sie noch!« rief Catherine. »Kennen Sie die Leute?« fragte Garibaldi.« Aber Catherine erinnerte sich deutlich daran.Zeichen vor dem Namen.‹ Auf der rechten Seite des geteilten Bildschirms begannen Namen und Nummern zu erscheinen: #altair 4 #boyehat 7 #dogs 5 #doomsday 9 #england 12 #friendly 32 #german 6 #hawksbill 4 »Da ist er!« rief Garibaldi.

Sie sind eine Fremde. Es erschien die Meldung: IRC Kein Zutritt HAWKSBILLBOT »O je!« sagte Garibaldi. Er hieß ›Klaatu‹. wenn Sie im Kanal bleiben. [spaCeman] Ich sage euch.der morgendlichen Plauderstunde mit seinen Freunden unterhielt.ca [@Jean-Luc] Hallo. »Sie sagen Ihnen. ist Hawksbill am Ende. beachtete das blinkende Symbol nicht und ließ sich den Dialog anzeigen. Über die seltsamen Namen hatte sie sich schon damals gewundert.« Catherine verließ den Kanal und ließ sich in ›SERVER/CONNECTION‹ den Spitznamen von Daniel anzeigen. *SERVER* HASENFUß! johnjay@machl. »Versuchen Sie es noch einmal unter diesem Namen. Hasenfuß! Du bist wirklich ein Hase. »Danno wußte nicht einmal. und ein Piepton war zu hören. ob es Männer oder Frauen 363 . Seine Atlantis-Theorie und alle seine Beweise sind zu unbequem gewesen. Kaum hatte sie sich in den Kanal eingewählt. Man wird Sie hinauswerfen. »Wissen Sie etwas über diese Leute?« fragte Garibaldi und verfolgte kopfschüttelnd den Dialog im nicht lokalisierbaren Cyberspace. Lange nichts von Dir gehört:-)) [Hasenfuß] Habt Ihr die Meldungen in den Zeitungen gelesen? Wenn das alles stimmt.wlu. daß Sie sich nicht einwählen dürfen. Jemand wollte ihn endgültig zum Schweigen bringen. begann ein Symbol links oben am Bildschirm zu blinken. [BENHUR] Eine Verschwörung? Quatsch! Da steckt etwas anderes dahinter.« Catherine wählte sich wieder in den Kanal. es ist eine Verschwörung.

oder das FBI…« Catherine dachte nach. dieser Jean-Luc. Das ist eine der Regeln auf dem Hawksbill-Kanal. Er war schon länger hier als alle anderen. Niemand bestritt das.« Kurz darauf erschien folgender Text: [@Jean-Luc] Klaatu: Sorry. sie sprechen eindeutig über Dannos Tod. ich bin es. Sie sind alle in der einen oder anderen Form Außenseiter und sprechen prinzipiell nicht über ihr Leben. »Nicht schon wieder ein Paßwort-Problem«. er hatte am meisten gelitten und er besaß die größten inneren Kraftreserven.« »Wenn sie die Identität der anderen nicht kennen. Aber ich glaube. über den soviel in den Medien berichtet wurde. Er war der Gründer… er und noch ein Freund… ich glaube. zu ihrer Gruppe gehört hat.« Sie klickte auf ›#hawksbill‹ und tippte: ›Barrett‹ Hallo. löschte ›Klaatu‹ und tippte einen neuen Spitznamen. welchen er für ›seine‹ Gruppe hatte.‹ Catherine klickte auf: ›SERVER/CONNECTION‹. daß Daniel Stevenson. Zu Garibaldi sagte sie: »Danno hat vermutlich nicht nur einen Kanal benutzt und in jeder Gruppe einen anderen Namen verwendet.« »Danno ist eine Ausnahme. Sehen Sie. »Wir haben nicht viel Zeit. dann können sie auch nicht ahnen. stöhnte Garibaldi. Sie schlug die erste Seite auf und las den Anfang: ›Barrett war der ungekrönte König auf Hawksbill Station. Mitexilanten. das hier ist ein privater Kanal. [spaCeman] Was soll das?!!! 364 .sind. ich weiß. Wenn Havers IRC überwachen läßt. dann griff sie wieder nach dem Roman Hawksbill Station. Du mußt dich verabschieden. denn er hat den Kanal eingerichtet.

dann tippte sie: ›Im Universum gibt es eine Quelle des Lebens. Aber das muß schnell geschehen. Ich brauche euch! *DOGbert kommt wieder zu Bewußtsein.« Catherine dachte einen Augenblick nach. [spaCeman] Werft den Hochstapler raus! [@Jean-Luc] Du bist gewarnt! [Barrett] Wartet bitte. Wir trauern… *DOGbert trauert [Barrett]Ich brauche eure Hilfe. [spaCeman] Du machst die Sache nur noch schlimmer. Sie waren bereits fünfzehn Minuten im IRC. Sie war meine beste Freundin. Wir haben Barrett verloooooooooren. Dr. Sie ist unschuldig. und 365 . Sie braucht unbedingt eure Hilfe! [@Jean-Luc] BEWEISE!!!!!!! »Die glauben Ihnen nicht!« sagte Garibaldi und blickte unruhig auf die Uhr. [@Jean-Luc] Tote reden nicht! [DOGbert ] Das finde ich nicht komisch. daß Sie wirklich Daniels Freundin sind und nicht ein Schwindler. Catherine Alexander hat mich nicht ermordet. »Sie müssen die Gruppe überzeugen.[BENHUR] Barrett ist tot:-( [@Jean-Luc] Verlaß den Kanal! Catherine tippte: ›Ich bin Barrett. Du Schwachkopf! «Barrett»Catherine Alexander war meine Freundin.‹ [@Jean-Luc] Das kann nicht sein! * Hasenfuß ist empört *DOGbert sinkt beim Anblick eines Geistes in Ohnmacht.

niemand kann lange ohne diese Quelle leben.« »Hatte Daniel eine Freundin?« »Das hätte er mir gesagt. Wenn sie mir nicht vertrauen. die richtigen Namen preiszugeben. Daniel hat Sie geliebt.« [@ Jean-Luc] Ich wiederhole: Bist Du Janet? »Sie warten auf eine Antwort.« »Seine Geliebte!« »Ich glaube. mir zu glauben. [spaCeman] Wer ist Catherine Alexander? [DOGbert] Warum sollen wir ihr helfen? [BENHUR] Tod allen Hochstaplern! [@Jean-Luc] Bist Du Janet? Catherine zuckte zusammen. »Ich glaube. Die Gruppe vermeidet doch offensichtlich. »Janet war Barretts Geliebte. sagte er und deutete auf die Stelle. »Hier«.« Catherine biß sich auf die Lippen. Daniel muß Sie erwähnt haben. Aber wenn sie mich auf die Probe stellen. wenn ich mit Ja antwortete und das ist falsch. Verzweifelt murmelte sie: »Ich bin auf ihre Hilfe angewiesen. das Daniel auf die Innenseite des Laptop geklebt hatte.‹ Sie drückte ›Enter‹ und wartete. Garibaldi runzelte die Stirn. aber er hat von ›Janet‹ gesprochen. »Wer ist nun wieder ›Janet‹?« »Keine Ahnung. Was dann?« Garibaldis Blick fiel auf das Photo von Catherine. ist alles verloren.« Catherine sah Garibaldi verwirrt an und tippte: 366 . tippte sie: Barrett bittet euch. Als keine Antwort kam. Daniel hatte nie eine Janet erwähnt.« »Aber warum gerade ›Janet‹?« Er griff nach dem Roman und blätterte darin.

[Server] Maynard! ~rismith@alice. warum hat man Barrett umgebracht? [spaCeman] Der Mord ist ein Skandal! Was können wir für Dich tun. Wer hat ihn umgebracht? Warum hat die Polizei den Mörder noch nicht gefaßt? [BENHUR] BRB [Server] BENHUR hat sich verabschiedet.ix.demon. ich soll mich einwählen. [BENHUR] Janet. was sie einmal war. Was soll das heißen. Janet? [Barrett] Der Grund: Ich besitze etwas. [@Jean-Luc] Janet.vetcom ist da.co. Barrett ist wieder da? [Barrett] Ein Killer hat ihn umgebracht.ae.[Barrett] Ja.us *Trilogy schüttelt den Kopf und sagt: unmöglich. ich bin Janet. [Sugar] BENHUR hat mich aufgestöbert und meint. seit Barrett nicht mehr da ist. Auf dem Bildschirm bewegte sich nichts. [DOGbert] Wer hat ihn umgebracht? [Server] Trilogy! Atombak@ix-orl-22. [Server] Sugar! ~kharvey@scgrad. bist Du es wirklich??«:-) [DOGbert] Die Station ist nicht mehr das. Barrett ist doch tot!!!! [spaCeman] Sei still.uk ist auf diesem Kanal. und hör zu! [Maynard] Hallo Leute! Hat jemand in letzter Zeit 367 . aber dann kamen die Sätze in schneller Folge: [@Jean-Luc] Barrett fehlt uns.brad.

Sagt ihm.DialUp. Sie war Barretts beste Freundin und sie braucht die Hilfe seiner Freunde.edu [Sugar] Mayn-Man! Willkommen im Bett! [DOGbert] Keine Sexgespräche auf diesem Kanal! [Maynard] Entschuldigung… [@Jean-Luc] He Maynard. Meldet allen im Net. sag uns. Barrett ist wieder da! [Server] Benhur!~George@Sebakal. [Barrett] Benachrichtigt Dr. Der Killer ist hinter ihr her und will auch sie umbringen.PolarisTel. Eine Frau hat ihn umgebracht.cudenver. [Carlos] Barrett war in Ordnung. Carlos.einen Orgasmus gehabt? [Server] Zipcode!zelinksi@ouray. Sie braucht eure Hilfe. [Barrett] Catherine Alexander hat mich nicht umgebracht. [Maynard] Unmöglich! [Sugar] möglich [@Jean-Luc] Barrett bist Du noch da? [Maynard] Ich habe es in der Zeitung gelesen. Sie ist unschuldig. Er hat sich gewehrt. [@Jean-Luc] Es ist Barrett… [Sugar] Exilanten halten zusammen.com ist auf diesem Kanal [Trilogy] He.Net grüßt die Runde. Barrett. die dann aus der Wohnung geflohen ist. Catherine Alexander ist in Sicherheit und gesund.org. [Carlos] Was gibt es? Benhur hat mich aus einer Gruppe rausgeholt. [Server] Carlos!mmongo@dianuba. daß 368 . was wir tun sollen. Julius Vossjlvoss@freers.

kommt Havers Ihnen möglicherweise auf die Spur. daß einer von ihnen Astrophysiker ist. ob ihr Tymbos gefunden habt. ob ›Tymbos‹ ein Code ist und was sich dahinter verbirgt. um zu sehen. weil der Bösewicht mich überwacht.Dr. Ich melde mich wieder. »War das klug?« fragte Garibaldi. eine Person oder ein Anagramm. ein Ort.« [Sugar] Barrett: Was ist tymbos? [Trilogy] s. SAGT KEINEM ETWAS VON TYMBOS. »Wenn die Gruppe das Wort ›Tymbos‹ im Internet verbreitet. Aber ich werde einen anderen Namen benutzen. [Trilogy] Ist sie die Kleine mit den Schriftrollen? »Vorsicht. [Barrett]Eine Person. möglicherweise auch ein Anagramm. Sie muß Tymbos finden. und sie muß beschützt werden. was sie antworten sollte. Vielleicht findet er oder sie heraus. mich zu erinnern.« »Ich weiß von Danno. Alexander. Alexander UNSCHULDIG ist. Es ist ein Ort. Ich glaube. sie weiß NICHT. wer Barrett umgebracht hat. Catherine massierte sich den Nacken und überlegte. Dann tippte sie: [Barrett] Helft Dr. daß diese Leute sehr geschickt sind. Sagt der Polizei. Sein Mörder verfolgt Janet. [(©Jean-Luc] Ein Anagramm? Was zum Beispiel? [Barrett]Ist jemand von euch katholisch? 369 . o. Sie wird verfolgt. vielleicht ist das eine Falle!« rief Garibaldi.

der an ihn glaubt. bevor sie noch einmal morden. Dann: [Carlos] Johannes 3:16 »›Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt. Alexander arbeitet an etwas. Menschheit gehört. 370 . [Sugar] Barrett/Janet. wird sie es der Welt zum Geschenk machen. Alexander die Schriftrollen? [@Jean-Luc] Sagen sie den Weltuntergang voraus. »Sie schweigen«. wie alle behaupten? [Carlos] die Wiederkehr von Jesus? [Barrett] Dr. nicht zugrunde geht. damit jeder. denn Tymbos kann mich vielleicht zur siebten Schriftrolle führen. daß er seinen einzigen Sohn hingab. »Vielleicht verständigen sie sich untereinander. Helft mir. sondern das ewige Leben hat‹«. Sie wird verfolgt. Catherine blickte gespannt auf den Bildschirm.Eine Weile bleibt der Bildschirm leer. hat Dr. Die Jagd muß aufhören. ob sie Ihnen trauen sollen. theou uios soter [Sugar] Barrett. Catherine tippte: ›ichthus‹ [Carlos] Iesous Christos. zitierte Garibaldi. Auf dem Monitor erschien nichts Neues. Wenn sie ihr Werk getan hat. Die Killer müssen gefunden werden. Ihr Leben ist in Gefahr. Sie ist eine von uns. glaube aber griechisch.« Der Dialog schien zu Ende. flüsterte sie. ist ›Tymbos‹ griechisch oder lateinisch? [Barrett] Weiß nicht. Bitte sorgt für die Verbreitung dieser Botschaft im Namen der Quelle des Lebens im Universum. das der ganzen. auch im Internet. Aber ihre Worte blieben dort stehen. um sich klar darüber zu werden.

sagte Catherine. daß Satvinder die älteste Tochter des Königs war. und er starb. seinen Wein. *Bitte glaubt mir* Haltet die Augen offen… Dann trennte sie die Verbindung: FILE »EXIT DIALER« BYE NO CARRIER Es wird erzählt.« »Ich weiß nicht recht. wir können ihnen trauen. seine Schminke. Aber bei der Liebe war er nicht so vorsichtig. Aber ich werde euch in ein paar Tagen anwählen. drang das Gift.»Das gefällt mir nicht«. Beobachtet IRC. »Ich bin sicher.« »Einen Moment noch«. in sein Blut. sonst wird man mich vielleicht entdecken. daß der vorige König befürchtete. das sich in ihren Körpersäften befand. Satvinder hat mir diese Geschichte erzählt. stellte ich fest. 371 . Als Philos und ich Cornelius Severus zu einem Festmahl in den Palast begleiteten. seinen Turban. Deshalb ließ er jeden Tag alles untersuchen – seine Speisen. daß es in Indien den Frauen verboten ist. seine Girlanden.« Nach kurzem Zögern tippte Catherine ihre letzten Sätze: [Barrett] Ich kann mich auf diesem Kanal nicht mehr melden. Als der König sie eines Tages aufsuchte und sich mit ihr vereinte. Eine Konkubine gewöhnte sich langsam an ein tödliches Gift. sein Parfüm. sagte Garibaldi. Sie erzählte mir. »Verlassen Sie den Kanal. Satvinder war auch die weißgekleidete geheimnisvolle Frau auf dem Marktplatz. vergiftet zu werden. seine Gewänder. Das nächste Mal begegneten wir uns unter anderen Vorzeichen. Ich werde einen Kanal schaffen.

Als ich Satvinder bat. Aber Satvinder besaß einen starken Willen. Satvinder sprach von ihrem Glauben. die er uns am Salzmeer verkündet hatte. gehört. er müsse wissen. Patient. das heißt ›Wissen des Lebens‹. Satvinder war eine Anhängerin der Göttin Shakti. Sie sagte. auf das wieder das Erschaffen folgt. antwortete sie: ›Sie ist die Mutter. Satvinder gab sich mit dem Wissen allein nicht zufrieden. Aber als ich den König kennenlernte. Eine Krankheit wird immer auf dreierlei Weise behandelt. und wenn das nicht hilft. daß sie ihre Heilkünste in der Stadt zum Nutzen der Kranken verkleidet praktizierte. daß seine Tochter sich nicht an die ungerechten Gesetze der Männer hielt. zu dem das Wissen um das zyklische Weltdrama von Erschaffen. sie wollte es auch anwenden. Satvinder praktizierte Ayurveda. was mit dem Kreislauf von Erschaffen. als sei sie ein Mann. Pflege. Medikamente. mir zu erklären. dachte ich. dann operiert man. daß am Indus die medizinische Behandlung auf vier Säulen ruht: Arzt. Zuerst werden Zaubersprüche gesprochen. Erhalten und Zerstören. benutzt man Medikamente. Als ich sie fragte: ›Wer hin ich?‹ sagte sie: ›Du bist das Eine und das Viele!‹ Als ich fragte: ›Und Gott?‹ gab sie dieselbe Antwort. Als ich wissen wollte. und er erlaubte ihr. Sie ist die höchste Gottheit.‹ Ich erzählte vom Gerechten und von seiner Botschaft. ihrem Vater sei nicht bekannt. Ihr Name bedeutet kosmische Kraft. Sie war die Lieblingstochter ihres Vaters.Sanskrit zu lernen. wer Shakti sei. Wenn sie nicht helfen. Von ihr lernte ich. die erschafft. die im Lotus des Herzens sitzt. eine der Wissenschaften zu studieren oder die Heilkünste auszuüben. Zerstören und Wiedererschaffen 372 . in der Verborgenheit des Palastes zu studieren und zu lernen.

daß wir alle viele Male geboren werden und sterben.gemeint sei. Ich erinnerte mich an den Prediger in Antiochia. Aber ich wollte nicht nur ein Kind. Etwas in ihren Worten kam mir bekannt vor. Die Gemahlin von Cornelius Severus war mit den Kindern in Rom geblieben. sagte sie. was ich tun sollte. weil die Botschaft des Gerechten nicht in ihr Herz drang. daß Satvinder. Während wir am Indus waren. Ich hatte von Philos noch kein Kind. wenn Philos mit Cornelius Severus zurückkommen würde. denn ich glaubte noch immer. und daß man den Menschen die Augen öffnen müsse. daß wir wiedergeboren werden…‹ Meinte er damit dasselbe wie Satvinder? Meinte er. Die Frauen gaben mir viele Ratschläge. Der eine war an Cornelius Severus gerichtet und 373 . aber sie hatten Kinder zu versorgen. nicht in das ewige Königreich gelangen würde. der gesagt hatte: ›Der Gerechte hat uns verheißen. der auf meiner Seele lastete. An meinem zwanzigsten Geburtstag trafen zwei Briefe ein. daß der Weg der wahre Glaube sei. denn er begleitete Cornelius Severus. Ich fand Freundinnen unter Satvinders Gefolge und auch bei den Frauen der römischen Offiziere. daß wir als Mensch mit Fleisch und Blut ins Leben zurückkehren? Hatte der Gerechte in Indien gelehrt. Sie waren viele Monate unterwegs. Sie reisten in den Osten bis zum Ganges und in den Süden bis zu den Tamilen. bevor er in die Wüste von Judäa ging. aber die Frauen der anderen Offiziere begleiteten ihre Männer. diese fromme. damit sie das Licht sahen. Ich war traurig. Auch sie sahen ihre Männer nicht. noch mehr sehnte ich mich nach Liebe. sah ich wenig von Philos. aber unwissende Anhängerin der Göttin Shakti. wo ich ihn als Kind predigen hörte? Der Kummer. blieb. Wir waren fast alle gleichaltrig und blieben zusammen.

daß meine Mutter gestorben war. Es tröstete mich. Die Mitglieder der Gemeinde fertigten Kopien dieses Briefes an und schickten sie an andere Orte. Und dies sind die Worte von Maria in dem Brief: ›Eure Schwester grüßt die Gemeinschaft in Antiochia mit dem Friedenskuß. Ich bin der Gedanke. es ist ein Geschenk für alle. Vergeßt nicht die Worte Salomos. daß meine Mutter in das Königreich des Gerechten eingegangen war. Es war der Brief einer Frau aus Rom. Ich bewege jedes Wesen. Auf diese Weise bekehrten sich viele zu unserem Glauben.‹ 374 . Ich bin der Erste und der Letzte. Und ich bin auf alle Zeiten bei euch. Gesegnet sind die Worte des Gerechten. vor der nächsten großen Reise einen Besuch in Antiochia machen zu können. den sie an die Gemeinde in Antiochia gerichtet hatte. Die Macht Gottes rettet alle im Glauben. des Meeres und jeder Quelle. Zusammen mit dem Schreiben meiner Großmutter bekam ich ein bemerkenswertes Geschenk. der gesagt hat. daß mir mit der traurigen Nachricht vom Tod meiner Mutter neue Worte des Gerechten von denen überbracht wurden.enthielt Befehle. und ich wußte. Findet das Leben durch den Glauben. Die Nachricht machte mich traurig. der gesagt hat: Ich bin die Stimme in allen. denn ich hatte meine Mutter zwei lange Jahre nicht gesehen und gehofft. den Indus zu verlassen und weiterzureisen. der Verehrte und der Verachtete. Mein Glaube wurde gefestigt. Wer durstig ist. der soll kommen und das Wasser des Lebens trinken. Meine Großmutter teilte mir mit. der Tod des Gerechten ist nur eine Täuschung. Verehrt den Schöpfer der Erde und des Himmels. der wird das ewige Leben haben. wo Gläubige sich wie bei uns in Antiochia versammelten. die es begehren. Wer da glaubt. die ihn gekannt hatten. Der zweite war für mich und kam von zu Hause.

375 . die uns Erfüllung schenkt. die folgenden Worte Marias nahm ich mir am meisten zu Herzen: ›Der Weg ist Frieden und Vergeben. Wir umarmten uns als Schwestern auch wenn wir aus unterschiedlichen Welten kamen und einen unterschiedlichen Glauben hatten. das falsche Herz – sie alle werden den Tod finden. das sich der Liebe öffnet. So finden wir eine Gnade. meinen Leib fruchtbar machen werde. Beim Abschied betete ich. Brüder und Schwestern. Ich reiste mit einem stillen Gebet im Herzen ab. Das bedrückte Herz. In dieser Gnade werden wir nicht vergehen und niemals sterben. damit auch sie das ewige Leben fand. folgt dem Weg der Liebe.‹ Ich schrieb den Brief ab und gab die Abschrift Satvinder. das Herz aus Stein. Ohne Liebe kann der Glaube keine Berge versetzen. Wir verließen den Indus vor den jährlichen Regenfällen. Denn die Liebe ist das. wie sie sagte. daß ich mich in Philos verlieben würde und er sich in mich. wird den Tod überwinden. Das Herz. Ich hoffte. worauf sich der Glaube gründet. Sie schenkte mir ein Zaubermittel. daß Satvinder die Worte Marias lesen und das Licht sehen werde.Liebe Perpetua. Deshalb. das.

DER NEUNTE TAG 376 .

« Er lehnte sich auf dem Stuhl zurück. daß sich der Himmel vor dem Fenster bereits orange färbte. erwiderte Garibaldi gereizt und wies ungeduldig auf den Monitor. Dezember 1999 Las Vegas. hob die Arme und ließ den Kopf nach hinten sinken. Nevada »Nicht schon wieder!« rief Garibaldi und schlug mit der Faust auf den Schreibtisch.‹ »Die Vatikanbibliothek?« fragte sie. Als Catherine sah. Überrascht stellte sie fest. Dann sah sie. Der Tag war wie im Flug vergangen. Es ist ständig besetzt. denn sie 377 . zuckte zusammen. Aber ich habe kein Glück. wie sich das schwarze Priesterhemd über den Muskeln seines Oberkörpers spannte. »Ja.Mittwoch. drehte sie sich schnell um. das sei eine gute Adresse für ein so ausgefallenes Thema. wen er zu erreichen versucht hatte: ›http://christusrex/archivo. Catherine setzte sich neben ihn und las auf dem Bildschirm die Meldung: ZUR ZEIT KEINE VERBINDUNG MÖGLICH. dort liegen Tausende von Manuskripten und Dokumenten. »Alle Welt will dasselbe wie ich«.vaticano.html. von denen viele nicht übersetzt oder katalogisiert sind. Ihr Nacken und die Schultern schmerzten. 22. dann stand sie mit steifen Gliedern auf. »Was ist los?« fragte sie und reckte sich gähnend. Sie hatte stundenlang über die Schriftrollen gebeugt gelesen und übersetzt. Catherine. die in Sabinas Geschichte vertieft war. Ich dachte.

Sie wollte an Julius denken und daran. weil sie fürchteten. Sie wollte ihm klarmachen. daß die Leute von Hawksbill ihn erreicht hatten. Könnte ich doch nur über das Internet herausfinden. ob meine Bitte dazu geführt hat. »Warum machen Sie so ein besorgtes Gesicht?« fragte er schließlich. daß Dannos Freunde mir helfen. wie sehr sie ihn vermißte. Garibaldi betrachtete Catherine aufmerksam. Catherine hoffte jedoch. erinnerte sie sich noch sehr gut. Catherine. die er an jenem verregneten Nachmittag vor fünf Tagen in Malibu zu ihr gesagt hatte. sich in die Nachrichtendienste oder IRC-Kanäle einzuwählen. von dem Sabina spricht: Was bedeutet es Ihrer Meinung nach? Glauben Sie. die den Fall auf ihre Weise aufgegriffen hatten. Im Web waren sie sicher. wenn er sie unterstützte. Aber Catherine und Garibaldi wagten es nicht. wird dir das nicht helfen. die letzten Sonnenstrahlen zu bewundern. Vermutlich fühlte er sich angesichts der Medien. daß sie jetzt nicht aufgeben durfte. daß Sabina oder Philos möglicherweise das 378 . »Ich habe nachgedacht. Havers konnte unmöglich die vielen tausend Teilnehmer in aller Welt überwachen.« An diese Worte. er werde ihr eher schaden. weil es anonym war – zumindest hofften sie es. Wenn ja. Schließlich war sie genau in die Schwierigkeiten geraten. die wie flüssiges Gold durch das Fenster fielen und dem Teppichboden einen schimmernden Glanz verliehen.fand es unverfänglicher. sondern die Schriftrollen übersetzen mußte. half ihm ihre Nachricht vielleicht. in seiner Meinung bestärkt. Was macht er gerade? Was fühlt er? Was denkt er? »Wenn ich bei dieser verrückten Sache mitmache. Havers könnte durch seine Wachhunde ihre IP-Adresse bis zum Hotel Atlantis zurückverfolgen. vor denen er sie gewarnt hatte. sie zu verstehen. Das ewige Leben.

»Ich weiß nicht«. aber nicht ganz. Was für ein verrückter Gedanke… »Ich komme mir vor wie ein Tier im Käfig«. Bei ihrer Botschaft handelt es sich um die Worte von Jesus. aber nicht ganz. wer etwas davon erfährt. »Wie können Sie so etwas sagen?« Er deutete auf den Bildschirm. denn sie beschäftigte sich in Gedanken bereits wieder mit Ihn Hassan. »falls diese Schriftrollen nun kein religiöses Dokument sind. daß er ewig leben werde. denn alle werden die Formel für ein ewiges Leben haben wollen. Catherine erinnerte sich daran.« Doch Catherine überging seinen Einwand. klingt christlich. Garibaldi sah sie an und lächelte. ob sie möglicherweise die geheime Formel für die Verlängerung des Erdenlebens entdeckt hatten. sagte sie. »Dann würde eine Welt entstehen.« Er zog die Augenbrauen hoch. sondern ein Buch über Metaphysik. »In den 379 . der behauptet hatte. »was sie sagt. das zu glauben.« Catherine dachte an den hundertneunundzwanzigjährigen Ihn Hassan. über Alchimie?« »Was dann?« »Dann müssen wir uns sehr genau überlegen.« Catherine blickte auf den Text. sie spricht vom ewigen Leben nach dem Tod. in der niemand stirbt? Es fällt mir schwer. Sabina war über achtzig und schien sich keine Sorgen über das Sterben gemacht zu haben. murmelte sie. Wie lange hatte er nach der Niederschrift seiner Erinnerungen noch gelebt? Und wenn er noch immer am Leben ist? Sie rieb sich den schmerzenden Nacken. »Vater Garibaldi«.Mittel für ein unvorstellbar langes Leben gefunden haben?« »Ich glaube. was Daniel über die Essener gesagt hatte. murmelte sie schließlich frustriert.

doch Sabina sagte.« Catherines Blick fiel auf den Notizblock neben dem Computer. den er anwählte. wenn sich herausstellen sollte. werde ich mich in der Universität Stuttgart umsehen. Da kann man wohl kaum von einem ›Käfig‹ sprechen. und Sabina selbst hatte ebenfalls eine gemacht. daß der Teilnehmer. zurück zum Oriental Institute in Chicago. wenn sie davon erfuhr? »He!« sagte Michael. nicht @uni.stutt. hieß. und solange der Vatikan besetzt ist. Wäre es nicht denkbar. doch Catherine fiel auf. Deshalb versuche ich.edu. Sie überlegte: Was wäre. diese Maria habe den Gerechten gekannt. »Wohin wollen Sie diesmal?« »Beim Suchen in San Francisco habe ich einen Hinweis auf ein Verzeichnis privater Antiquitätensammlungen entdeckt. daß noch eine Kopie des Briefes existierte? Sabina berichtete.letzten Tagen sind wir auf diesen unsichtbaren Datenautobahnen viele tausend Meilen gereist. Es handelte sich allerdings nicht um eine Hypertext-Verbindung.« Catherine beugte sich vor und fragte stirnrunzelnd: 380 . die Gemeinde in Antiochia habe Abschriften angefertigt. daß es sich bei der Maria im Text um Maria Magdalena handelt? Maria war damals zwar ein sehr verbreiteter Name gewesen. daß Garibaldi seine Suchbegriffe um ›Maria-Brief‹ erweitert hatte. und sie sah. Ich habe vor kurzem der Duke University einen Besuch abgestattet und bin von dort nach Beijing gesaust. »Da ist sie! Die Liste der Privatsammlungen. Gab es vielleicht irgendwo auf der Welt einen Maria MagdalenaBrief? Wie würde die Kirche reagieren. dem Hinweis auf einem anderen Weg nachzugehen. Sind Sie mit dabei?« Er tippte bereits.

Catherine rief: »Halt. »Von manchen habe ich noch nie etwas gehört! Sehen Sie. und plötzlich erschien eine Web-Seite. und Catherine überflog sie schnell. hier ist das Freers Institut aufgeführt. ›Texte‹. Sie lasen die Angaben – Alter. gibt es dort nur vier ägyptische Begräbnis-Papyri. der Nudel hieß. »Er bietet den Zugriff auf private Sammlungen!« sagte Catherine und blickte verblüfft auf das Photo eines jungen Mannes. klick. privat‹ entdeckt. an dem Nudel den ersten Haarball ausgespuckt hatte – und erreichten schließlich: Besitzer des Hundes. Michael durchsuchte die Liste. was er besitzt.« 381 .»Fred’s Seite?« Michael klickte die farbig unterlegte HypertextVerbindung an. warten Sie!« Sie hatte den Eintrag: ›Aki Matsumoto.html CHECK LOCATION AND TRY AGAIN Catherine zog die Stirn in Falten. klick. »Sehen Sie«. sagte Michael und rollte im Text nach unten. Beim Stichwort: ›Historisch‹ klickte er. Soweit ich weiß. Geburtsdatum. Gewicht. klick.san. Michael klickte den Begriff an. »Eigenartig. die aus unerfindlichen Gründen das Photo eines häßlichen kleinen Hundes zeigte. ›Altertum‹. Zeitpunkt. »Den Namen habe ich auch schon einmal gehört. und Fred’s Seite erschien.« Garibaldi ließ die Liste langsam weiter abrollen. Ich glaube. ›Artefakte‹.« !!!THIS LOCATION [URL] IS NOT RECOGNIZED: aki. Öffnen Sie die Datei. Wir wollen uns einmal ansehen.com. er ist ein reicher japanischer Sammler. Eine neue Liste erschien.matsumoto. Es muß sich um kleine Sammlungen handeln. der mit bewußt dümmlichem Gesichtausdruck einen aufgeblasenen Gummisaurier umarmte.

als Catherine ihm die Hand auf den Arm legte. Als die Verbindung hergestellt war. Meine Intuition warnt mich.« Er rollte den Trackball. Ist das nicht ein zeremonieller Selbstmord. klickte er auf ›Suchbegriff‹.« »Aber weshalb sollte er dann Selbstmord begehen?« Garibaldi brach die Verbindung ab. Garibaldi blickte fragend auf Catherine: »Und jetzt?« »Sehen wir uns noch einmal Fred’s Seite an. »Er ist tot!« »Selbstmord…« »Sehen Sie sich das Datum an!« Er blickte ungläubig auf den Text. Ich habe ein ungutes Gefühl. »Warten Sie. Matsumoto war im Besitz eines Papyrus. die auf dem Schreibtisch lag. der im Flur vorbeigeschoben wurde. den jemand unter allen Umständen haben wollte. Er klickte auf das ›Go‹-Symbol. In dem Artikel über Matsumoto heißt es. er hat Seppuku begangen. Er wollte gerade klicken. »Matsumoto… Den Namen habe ich irgendwo gelesen. und das Zimmer lag im Dämmerlicht. und suchte die EAdresse. zu dem das 382 . tippte Aki Matsumoto und drückte die Eingabetaste. Das Sonnenlicht verblaßte. Catherine überflog ihn. Einen Augenblick lang saßen sie schweigend da und nahmen kaum das gedämpfte Klappern eines Servierwagens wahr. bis der Cursor auf ›Langford‹ wies. Einen Augenblick später erschien ein Zeitungsartikel auf dem Bildschirm.»Moment mal!« sagte Michael.« Er griff nach der Zeitung. danach auf ›Netsearch‹ und gab die elektronische Anschrift des Las Vegas Herald ein. »Aki Matsumoto hat gestern morgen Selbstmord begangen!« »Das muß ein Zufall sein!« »Es sei denn.

Warum?« »Wenn er eine Schriftrolle besessen hat. Sie hatten vor vielen Stunden das letzte Mal etwas gegessen. aber mir gefällt das alles nicht. Hier sind wir sicher. Mineralwasser. Sie saßen im Dunkeln und lauschten auf das leise Flüstern der Klimaanlage. Brechen wir ab.« »Wieso?« »Ich bin ein geborener Spieler.Familienoberhaupt verpflichtet ist. erwiderte er und lachte leise.« Die Anzeige auf dem Bildschirm verschwand. Sie können sich unter die Leute wagen. Ich muß hierbleiben. die Havers unbedingt haben und die Matsumoto aber nicht verkaufen wollte? Wenn also…« »Erpressung?« »Ich weiß nicht. ja. weil die Ehre der Familie verletzt wurde?« »Ich glaube. »Für mich ist Las Vegas ein gefährlicher Ort. Sie hörte.« »Wollen Sie nicht wenigstens sehen. die in der kalten Wüste für eine Raumtemperatur von 23 Grad sorgte. Vielleicht geht meine Phantasie mit mir durch.« »Wir sollten die Verbindung so lange wie möglich halten. was die Sammlung Langford enthält?« Sie starrte auf die leuchtenden Buchstaben. Clubsandwich. das der Zimmerservice gebracht hatte – Spinatsalat. aber sie war nicht hungrig. wie Garibaldi seufzte.« »Ich weiß nicht recht«. »Brechen Sie bitte ab.« »Irgend etwas stimmt nicht. Ich habe diese Schwäche 383 . und sagte: »Warum gehen Sie nicht spazieren? Sie haben den ganzen Tag am Computer gesessen. Catherine blickte gedankenverloren auf die Reste ihres Mittagessens.

wenn die Tempel von Fackeln beleuchtet wurden und aus scheinbar vulkanischen Erdspalten die Flammen schlugen. und nun hörten sie auch ein leises drohendes Grollen. Auf einer der Inseln in dem 20 Hektar großen See. als hätte sie sich verbrannt. auf alle möglichen Dinge. die sich um den See drängte und 384 . wie die Sessel vibrierten. Während Catherine das apokalyptische Ereignis beobachtete nahm sie auch die Menschenmenge wahr. Plötzlich wußten sie. der das Hotel umgab. was es war: Atlantis versank. Catherine zog sie zurück. sagte er schnell. Dann schien das Zimmer zu schwanken. spürten sie plötzlich. war das untergegangene Atlantis mit Tempeln. Es gab sogar Geräuscheffekte – herabfallende Steine. Säulen und riesigen Götterstatuen nach den Vorstellungen eines Architekten wieder erstanden. habe ich bei jeder Gelegenheit gewettet… auf Pferde. Nußbaum von der Bäckerei an einem bestimmten Tag haben würde!« Er blickte auf Catherines Hand. und keines stürzte ein. »Was zum…?« rief Garibaldi und sprang auf. die auf seinem Arm lag. Das Beben wurde stärker. die Tempel und die Götter. versank Atlantis – die Insel. Wieder einmal. sogar darauf. welche Farbe das Kleid von Mrs. pünktlich auf die Minute. »Catherine«. schreiende Menschen. Bei Tag war das Spektakel weniger dramatisch als abends. Andere Gebäude schienen nicht zu schwanken.nie völlig überwinden können.« Aber bevor er weitersprechen konnte. »ich muß Ihnen etwas sagen. Als ich jung war. Und zweimal täglich. immer noch die glatte Haut und die Muskeln seines Unterarms zu spüren. Zunächst sahen sie nur die strahlenden Lichter von Las Vegas vor dem dunklen Himmel. Sie sahen sich an. »Ein Erdbeben!« Sie rannten zum Fenster und blickten hinaus. Catherine glaubte.

und ihr Mund wurde trocken. war untergegangen. als wollten sie die Sterne verschlingen. um meinen steifen Hals und die Schultern zu 385 . daß es sich um Illusionen handelt. Dezember. haben diese Leute gejohlt und gelacht!« »Es ist doch nur eine Show. als sei das ein Vorgeschmack dessen. ich nehme ein heißes Bad. Doch der Realismus der Schau ängstigte sie plötzlich. eine ganze Zivilisation. bevor auch sie versank. Winden und einem Computer. der das Ganze steuerte.« »Und gegen eine Show darf man nichts einwenden? Wie oft müssen wir solche Dinge in dem Bewußtsein sehen. als sei sie aus Granit. Die riesige Statue einer Göttin auf dem höchsten Punkt der Insel schwankte und drehte sich um die eigene Achse. Catherine und Michael schwiegen. wie man sie von Disneyland und anderen Freizeitparks kannte – mit versteckten Mechanismen. Dann sagte Catherine: »Wie kann man aus einer solchen Katastrophe Unterhaltung machen? Haben Sie die Zuschauer da unten gehört? Über das Schauspiel einer gewaltigen Zerstörung.die Katastrophe bestaunte. also in acht Tagen. und im glatten. daß es sich um eine Illusion handelte. bevor uns echte Gewalt und Zerstörung völlig gleichgültig ist?« Sie drehte dem Fenster den Rücken zu. was in der Nacht des 31. Plötzlich war alles verschwunden: Atlantis. bis auch sie ins Wasser stürzte und wie ein Baumstamm rollte. Räderwerken. Meterhohe Flutwellen türmten sich auf und begruben Atlantis unter sich. geschehen würde. barst und stürzte unter lautem Getöse zusammen. schwankte. eine Säule. die aussah. die sehr realistisch mit den Schreien von Menschen in Todesangst unterlegt war. Ihr Verstand sagte ihr zwar. Es ist nichts Wirkliches. »Ich glaube. Ihr Herz schlug schneller. Flammen loderten in den Himmel. stillen Wasser des Sees blieb keine Spur von den Werken der Menschen zurück.

als überlege er. Sie hatte nun fünf Tage und fünf Nächte. 386 . bis hin zu dem kleinen schwarzen Leberfleck hinter dem rechten Ohr. Sie versuchte. ob er darauf etwas erwidern solle. Sie sah ihn ganz deutlich.« Er sah sie an. Aber dann sagte er nur: »Ich werde feststellen. Sie wollte sich an den Duft des Rasierwassers erinnern. wie die Insel langsam aus dem Wasser auftauchte und für den nächsten Untergang vorbereitet wurde. die scharf geschnittenen semitischen Gesichtszüge. Aber es gelang nicht richtig. den traditionellen und maskulinen ›Männerduft‹. die sich wie eine eiserne Klammer um ihr Herz legte. Es war nicht nur die Angst vor Havers oder die Angst. wie sich in ihr etwas Unbekanntes und Unwillkommenes ausbreitete. in allen Einzelheiten. Catherine blickte wieder aus dem Fenster und sah zu. Dann versuchte sie.« Er verschwand in seinem Zimmer und schloß die Tür hinter sich. dem ausrasierten Haaransatz im Nacken und den vereinzelten grauen Haaren an den Schläfen. Aber sein Bild stand ihr nicht so klar vor Augen wie das von Garibaldi. sich Julius vorzustellen – die sanften schwarzen Augen.lockern. Sie fühlte. Bei sechs Swimmingpools müßte ich eigentlich ein paar Bahnen schwimmen können. das sie mehr erschreckte als alle Gefahren. also über hundert Stunden ohne Unterbrechung in seiner Gesellschaft verbracht. das Julius benutzte. die ihr drohten. die siebte Schriftrolle vielleicht nicht rechtzeitig zu finden. ihre Gefühle zu erforschen und die seltsame Angst zu identifizieren. Garibaldi benutzte Old Spice. daß sie diesen Duft einmal erregend gefunden hatte. Es hatte etwas mit Garibaldi zu tun. ihr fiel nur ein. War das gleichbedeutend mit fünf Wochen. was das Fitneß-Zentrum des Hotels zu bieten hat. Sie schloß die Augen und sah ihn vor sich.

vielleicht sogar mit fünf Monaten in einer normalen Beziehung? Catherine staunte darüber, wie sehr sich ihr sein Äußeres eingeprägt hatte. Doch sie wußte immer noch kaum etwas über ihn – weder über seine Herkunft noch darüber, warum er Priester geworden war. In zwei Tagen war Weihnachten. Würde er nach Hause fahren wollen? Mußten Priester an Weihnachten nicht die Messe lesen? Sie hatte zwar anfangs versucht, Garibaldi loszuwerden, doch jetzt beunruhigte sie der Gedanke, möglicherweise ohne ihn weitermachen zu müssen. Sie hörte, wie er aus seinem Schlafzimmer kam, und sah sein Spiegelbild in der Fensterscheibe. Er blieb mitten im Zimmer stehen. In der einen Hand hielt er seine schwarze Tasche und in der anderen etwas, das sie nicht erkennen konnte. Obwohl er inzwischen nur noch das schwarze Hemd mit dem Priesterkragen trug, fiel es ihr immer schwerer, in ihm einen Priester zu sehen. »Vater Garibaldi«, sagte sie, ohne sich umzudrehen, »glauben Sie, die Hawksbill-Leute haben meine Nachricht weitergegeben?« »Wollen Sie den Computer starten, um es festzustellen?« Sie drehte sich um und sah ihn an. »Nein, ich möchte mich noch nicht bei Hawksbill melden. Wenn Havers herausgefunden hat, daß ich Kontakt zu diesen Leuten aufgenommen habe, und mich auf diesem Kanal erwartet, dann werde ich zum letzten Mal dort auftauchen können, und wir beide müssen weiter. Ich lasse ihnen ein paar Tage Zeit, bevor ich mich erkundige.« »Wer weiß«, sagte Garibaldi und lächelte, »vielleicht ist Jean-Luc der Chefarchivar der Kongreßbibliothek.« Catherine lachte. Ihre Blicke trafen sich über das Zimmer hinweg. Sie schwiegen beide. Er stand schon an der Tür zum Flur, als Catherine sagte:
387

»Vater Garibaldi, in zwei Tagen ist Weihnachten. Wollen Sie nicht nach Hause fahren?« Erschrocken stellte sie fest, daß sich sein Gesicht verfinsterte und sich die Muskeln an seinem Hals spannten. Ihr fiel ein, daß er im Begriff gewesen war, ihr etwas zu sagen, als das ›Erdbeben‹ eingesetzt hatte. Er schüttelte stumm den Kopf, drehte sich abrupt um und ging hinaus. Während sich die Tür hinter ihm schloß, sah Catherine flüchtig, was er in der anderen Hand trug. Die philippinischen Kampfstöcke.

388

Las Vegas, Nevada
»Ich bin dafür, daß wir es bei den billigeren Hotels versuchen«, sagte Raphael und spießte mit der Gabel ein paar Fettucini auf. »Bis jetzt haben sie immer billige Unterkünfte gehabt.« Er lachte mit vollem Mund. »Wahrscheinlich hast du recht«, stimmte ihm Zeke zu. Er stützte die Ellbogen auf den Tisch und starrte auf den Teller. Er hatte seine gegrillten Rippchen nicht angerührt. Er war zu angespannt, um etwas essen zu können. Sie hatten seit ihrer Ankunft in den großen Hotels diskret und für viel Geld Erkundigungen eingezogen. Nirgends war ein Priester zu finden gewesen. »Morgen früh«, sagte er, »nimmst du dir als erstes die eine Seite der Fremont Street vor und ich die andere.« Es blieb noch ein letztes Hotel, in dem sie sich erkundigen mußten, bevor sie für diesen Abend Schluß machen konnten. Es stand mitten, in einem See und war auch sonst ein Beispiel exzessiver Geschmacklosigkeit: das Atlantis. Catherine legte den Kugelschreiber beiseite. Es hatte keinen Sinn. Sie konnte sich nicht konzentrieren. Sie warf einen Blick auf die Uhr. Es war schon eine Weile her, seit sie den Untergang von Atlantis beobachtet hatten. Warum war Garibaldi noch nicht vom FitneßZentrum zurück? Sie stand vom Schreibtisch auf und ging im Zimmer hin und her. Ein Name beschäftigte sie, und sie versuchte vergeblich, ihn einer Person zuzuordnen. Auf dem anderen Schreibtisch stand der dunkle Laptop.
389

Plötzlich hatte sie das dringende Bedürfnis, etwas zu tun. Sie setzte sich, startete den Computer, wählte die Zugangsnummer des Hotels für das Internet und gab den temporären Teilnehmernamen sowie das Paßwort ein. Bevor sie sich ins Web einklickte, zögerte sie, dachte nach und klickte aus einer plötzlichen Eingebung heraus auf NewsReader. Wünschen Sie die letzte Gruppenliste? Sie klickte auf ›a‹. DATEI WIRD GELADEN… Catherine wußte, daß sie sich ungefährdet bei den einzelnen Gruppen umsehen konnte, denn sie wollte sich nicht an den Diskussionen dort beteiligen, sondern nur die Nachrichten lesen. Als die Liste der Gruppen erschien, begann sie zu rollen, und hielt bei alt.bibel.prophez. an. Sie klickte, geriet in eine Diskussion über die Endzeit und klickte noch einmal. ORGANISATION: UNIVERSITY OF CAMBRIDGE, ENGLAND ZEILEN: 26 Nachricht-ID: 4pvrpd~50q@favor.csx.eain.ac.uk MNTP-Posting Host: usen.chu.cam.a-uk Thema: Endzeit »»»Die Apokryphen stützen Bibelprophezeiungen über die Letzten Tage. »»»Steve »»»Du irrst dich, Steve. Die Apocryphen sind nicht das Wort Gottes. Wo sind deine Beweise? »»»Ray »»»Sorry, daß es so lange dauert. Habe den Beweis für dich gesucht. Siehe P245 British Museum, P14 Broderick Archiv, Duke University u.a. Nach Aussage der Schriften nicht autorisierter Bücher steht uns das Paradies auf Erden bevor, Junge. »»»Steve

390

Catherine holte die angegebenen Texte auf den Bildschirm, stellte jedoch fest, daß sie beide Quellen bereits kannte – sie enthielten nichts, was Licht auf Sabinas Schriftrollen geworfen hätte. Sie wechselte zur Hauptliste und suchte weiter, bis sie alt.archaeologie entdeckte. Sie klickte und sah sich die Einträge an. Plötzlich bekam sie große Augen. 199.911/30 Daniel Stevenson ›Atlantis‹ Sie klickte. Xref: newsomeganet.com sci.archaelogy 25. Nov. 1999 18:44:37 +0100, stan@moonbeam.vamp.co.aus schreibt: »»»Stevenson! Du hast deine absurden Theorien schon vor ein paar Monaten geschickt, und dir ist damals von uns gesagt worden, daß das alles unhaltbar ist. Warum verursachst du uns die Kosten, den ganzen Unsinn noch einmal einzufahren? »»»Atlanter-Mayas Catherine wurde zornig. Man griff Danno wie üblich an. So war es schon immer gewesen: Daniel, der Benachteiligte, Daniel, der die Rechte eines anderen verteidigte oder für eine unpopuläre Sache eintrat. Danno, der auf seinem Platz in ihrer Schulklasse saß und dem die Tränen über die Wangen liefen, weil sie neben dem Pult von Schwester Immaculata auf einem Hocker stand und vor Scham weinte, während alle anderen lachten und kicherten. Plötzlich hatte Catherine den unwiderstehlichen Drang, diesem aufgeblasenen Kerl in Australien am Schwarzen Brett ordentlich die Meinung zu sagen. Doch das durfte sie nicht tun, sonst wurde ihre IP-Adresse sichtbar, und jeder,
391

der die Nachricht las, konnte selbst noch nach einiger Zeit herausfinden, daß sie sich in diesem Hotel befand. Sie schaltete den Laptop aus. Als der Bildschirm dunkel wurde, betrachtete sie noch einen Moment lang das Photo von ihr auf der Innenseite des Deckels. Wieso hatte Danno es dorthin geklebt? »Ich glaube, Daniel hat Sie geliebt«, hatte Garibaldi gesagt. Garibaldi… Ihre Unruhe schien etwas mit Garibaldi zu tun zu haben. Seit er gegangen war, beschäftigte sie sich beinahe ununterbrochen mit ihm. Catherines Nervosität wuchs, und sie schaltete den Fernseher ein, weil sie hoffte, eine tröstende menschliche Stimme zu hören. Statt dessen wurden die Spätnachrichten mit der Schlagzeile angekündigt, die für sie wie eine Ohrfeige war: ›Gestohlene Schriftrollen als ein Werk des Antichrist bezeichnet!‹ Catherine wechselte den Sender. Ein Interview mit einem bekannten Physiker kam auf den Schirm. »Wir erleben den Anfang vom Ende. Synchronizität ist real. Wie viele von uns bemerken immer häufiger scheinbare Zufälle? Das Bewußtsein erfaßt inzwischen besser die eigentlichen Zusammenhänge. Das wiederum ist ein Hinweis darauf, daß die Dinge in eine ganz bestimmte Richtung laufen. Die Fäden, die Bereiche, die Ebenen, die Strömungen des Universums beginnen seit einiger Zeit, miteinander in Berührung zu kommen, und das Ergebnis ist eine Koinzidenz. Die Ebenen und Strömungen und unsichtbaren Sphären werden sich von jetzt an immer öfter berühren, bis schließlich jeder Punkt des Universums mit dem anderen in Kontakt steht, und der Kosmos implodiert, das heißt, in sich zusammenbricht, und wie wir wissen, wieder in das Chaos vor der Ordnung zurückkehrt. Ich habe es mathematisch berechnet. Der Schlußpunkt wird genau um Mitternacht am 31. Dezember
392

1999 erreicht sein.« Catherine schaltete den Fernseher aus und ging unruhig im Zimmer auf und ab. Auf dem Sofatisch sah sie das Brevier mit dem geprägten goldenen Chiro – das große P mit dem X über dem Abstrich, die ersten beiden Buchstaben des Wortes Christos – auf dem dunkelgrünen Ledereinband. In den vergangenen fünf Tagen hatte sie Garibaldi öfter dabei beobachtet, wenn er darin las. Manchmal bewegte er die Lippen und flüsterte stumm die rituellen Worte. Gegen ihren Willen war sie neugierig geworden. Waren es lateinische Texte? Handelte es sich um Gebete oder nur um Aussprüche, tröstende Worte oder vielleicht um Lieder? Catherine hatte das Brevier noch nie gelesen. In ihrer Jugendzeit hatte sie sich an das katholische Gesangbuch gehalten. Sie griff nach dem Brevier und schlug es auf. Es war, wie sie wußte, in Tage und Stunden gegliedert. Sie suchte das Abendgebet für den 22. Dezember. Gott ist Licht! Wenn wir mehr und mehr im Licht leben, herrscht Liebe zwischen uns. Ohne Liebe kann es auf der Welt keinen Frieden geben: Herr, befreie unsere Welt von Haß und Furcht. Herr, hilf den Männern und Frauen, Trost im Leid und Stärke in den Prüfungen zu finden. Gewähre ihnen beständige Liebe. Herr, nimm all die Toten in deine Obhut: Jene, die wir geliebt haben und auch jene, an die sich niemand erinnert. Catherine schloß die Augen.
393

»Nimm all die Toten… jene, die wir geliebt haben…« Einen Augenblick lang empfand sie so etwas wie Frieden. Aber plötzlich fiel ihr ein Gespräch ein, das vor langer Zeit stattgefunden hatte. In der elften Klasse erklärte ihr ein Mitschüler, wie er sich das Leben nach dem Tode vorstelle. »Ich glaube, es ist genauso wie das Leben davor.« »Du meinst, bevor wir geboren wurden?« hatte Catherine ihn gefragt. »Erinnerst du dich an etwas aus dieser Zeit?« »Natürlich nicht.« »Na bitte.« Catherine dachte: Ist es das? Ein Nicht-Sein? Ist Danno dort im Nichts? Ist meine Mutter auch dort? Sie klappte das Buch zu und legte es auf den Tisch. Nimm alle Toten… Es war ein schönes Gebet, aber es war katholisch, und sie konnte das Gebet nicht von der Kirche trennen, in deren Kontext es entstanden war. Ihre Gedanken kehrten wieder zu Garibaldi zurück. Plötzlich wußte sie, was sie beunruhigte. »Bei sechs Swimmingpools«, hatte er gesagt, »sollte ich eigentlich ein paar Bahnen schwimmen können.« Aber er hatte die Pangamot-Stöcke mitgenommen! Catherine setzte sich wieder an den Laptop, startete, klickte auf Lycos, gab den Suchbegriff ›Pangamot‹ ein und gelangte über die Hypertext-Verbindung in das Web und zu dem Stichwort: ›Philippinischer Kampfsport.‹ Sie hatte die Homepage an jenem Abend aufgerufen, als Garibaldi ihr die Haare abschnitt. Als die Seite mit dem Symbol – ein Schwert und ein Rohrstock, die sich kreuzten – auf dem Bildschirm erschien, fragte sich Catherine, ob sie dort etwas finden würde, das ihr den Menschen Garibaldi
394

vielleicht verständlicher machte. Beim ersten Mal hatte sie nur kurz die Einleitung überflogen. Nun sprang sie von Stichwort zu Stichwort, bis sie die Überschrift ›Häufig auftauchende Fragen‹ erreichte. Dort begann sie, nach Antworten zu suchen. Ein Swimmingpool befand sich im fünfzehnten Stock neben dem Fitneß-Zentrum. Aber Catherine sah Garibaldi nicht. Als ihr der Bademeister sagte, niemand habe sich unter der Nummer ihrer Suite im Fitneß-Zentrum eingetragen, bestätigte er nur Catherines Vermutung. Trotzdem warf sie einen Blick auf die Gewichtheber und die danebenliegende Laufhalle. Sie suchte Garibaldi in der Saftbar, im Boxring und erkundigte sich sogar bei den Masseuren nach ihm. Schließlich erreichte sie einen Gang, wo Anschlagtafeln auf Tanz-, Yoga- und AerobicUnterricht hinwiesen. In zwei Räumen sah Catherine Gruppen beim Üben, doch die anderen waren alle dunkel und leer. Als sie den Notausgang erreichte, wollte sie umkehren, doch plötzlich glaubte sie, etwas zu hören. Sie warf einen Blick in den letzten Raum am Ende des Gangs. Zuerst sah sie ihn nicht, denn es brannte kein Licht. Er war nur ein schwarzer Schatten in einer weiten Hose und einem T-Shirt. Er schien zu tanzen. Catherine blieb im Dunkeln stehen und sah zu. »Es ist ein allgemein verbreiteter Irrtum«, hatte Catherine auf dem Monitor gelesen, »daß sich der philippinische Kampfsport auf den Gebrauch von Stöcken beschränkt. Er erfordert daneben auch die Beherrschung von Kicken, Boxen und Ringen.« Garibaldi stand breitbeinig und mit leicht gebeugten Knien mitten im Raum und bewegte sich wie in Zeitlupe. Seine rechte Hand glitt geschmeidig vor dem Körper nach oben und nach unten. Catherine mußte an die eleganten Bewegungen einer Frau beim Nähen denken. Garibaldi
395

hatte offenbar jeden Muskel, jede Sehne seines Körpers unter Kontrolle. Er bewegte sich sehr langsam, ausgewogen und harmonisch. »Im Vergleich zu anderen Kampfsportarten, etwa dem zirkulären, innerlich geführten und sanften Tai Chi ist Pangamot direkt, wahrnehmbar und hart.« Garibaldis Körperhaltung, federnd und mit etwas gebeugtem, vorgestelltem Bein, ließ Catherine aber trotzdem an Tai Chi denken, jedoch manche seiner Bewegungen endeten abrupt, als sei er gegen eine gläserne Wand gestoßen. Catherine vermutete, daß es sich dabei um das Abwehren von Angriffen eines unsichtbaren Gegners handelte. »Bei Wettkämpfen auf den Philippinen halten sich die teilnehmenden Kämpfer nicht zurück. Es ist deshalb nicht ungewöhnlich, daß jemand schwer verwundet oder sogar getötet wird.« Auf den verspiegelten Wänden verfielfältigte sich sein Spiegelbild. Catherine sah hundert Garibaldis aus jedem erdenklichen Blickwinkel. Zu ihrer Überraschung wirkte er immer anders: In einem Spiegel schien er beinahe zu lächeln, in einem anderen glaubte Catherine, einen gewissen Spott in seinem Gesicht zu erkennen. Doch im nächsten sah sie das Gesicht eines zornigen Mannes. Während sich seine Gestalt langsam im Schattentanz der todbringenden Bewegungen drehte, sah sie auch seine Erregung. Der Anblick stieß Catherine ab – und zog sie paradoxerweise gleichzeitig in seinen Bann. Sie konnte den Blick nicht von Garibaldis Körper wenden und dachte daran, wie er mit dieser absolut beherrschten Kraft im Bett sein würde. Direkt und hart… »Die zwölf Angriffsmethoden…«
396

Wie konnte es ein Priester mit seinem Amt vereinbaren, sich in einer Kampfmethode zu üben, die nur das eine Ziel hatte, den Gegner zu töten? Wie konnte er es rechtfertigen, daß er Diener der Kirche und gleichzeitig ein gefährlicher Kämpfer war? »Manchmal werden die Rohre oder Stäbe aus Bambus auch als Todesstöcke bezeichnet…« Catherine fand es brutal und angsteinflößend, was sich vor ihren Augen abspielte, trotzdem hatte sie plötzlich den Wunsch, mitzumachen. Sie wollte hinter Garibaldi stehen, ihren Körper an seinen Körper drücken, ihre Arme neben seine Arme legen und sich mit ihm bewegen. Sie wollte spüren, wie diese gewalttätige, kontrollierte Energie von seinem Körper auf ihren überging und sich mit ihr vereinte. Der Gedanke, sie könnte das tatsächlich tun, könnte sich ihm spontan bei diesem Schattenkampf anschließen, könnte einem Drang nachgeben, der allem widersprach, woran sie glaubte, dieser Gedanke erschreckte sie mehr als alles andere. Garibaldi brachte einen Aspekt von ihr zum Vorschein, von dessen Vorhandensein sie bis zu diesem Augenblick nichts geahnt hatte und der ihrer Kontrolle entglitt. Schließlich kam er zum Ende, faltete die Hände unter dem Kinn und verneigte sich leicht vor seinem unsichtbaren Gegner. Dann stand er einen Augenblick bewegungslos da, bevor er nach den lackierten Stöcken griff und sie so schnell herumwirbelte, als bereite er sich darauf vor, eine Parade anzuführen. Er ging in Kampfstellung, setzte einen Fuß vor den anderen, spreizte die Beine und beugte die Knie. Die Stöcke glitten langsam in einer Folge komplizierter Bewegungen durch die Luft. Zuerst drehte er den rechten Stock hinter dem Kopf, während er den linken wie ein Schwert vor sich schwang; dann stieß der erste Stock nach vorne, der zweite hob sich, wurde zurückgezogen, legte sich schräg vor den anderen, und beide bildeten ein X in der Luft. Das alles
397

wirkte wie ein Mechanismus, der von verborgenen Zahnrädern und Gewichten in Gang gehalten wurde – zuerst langsam, dann schneller und immer schneller, zorniger und kraftvoller, bis Catherine hörte, wie die Stöcke pfeifend durch die Luft sausten und sie in unblutige Scheiben schnitten. Garibaldi bedrängte seinen unsichtbaren Gegner mit den Stöcken. Sein Atem ging rauh und stoßweise, während er blitzschnelle, tödliche Schläge austeilte. Er sprang zur Seite, fing einen imaginären Hieb ab, sank auf ein Knie und schlug dem Feind mit beiden Stäben über die Beine. Dann sprang er auf, tänzelte wie ein Boxer auf den Fußballen, schlug hierhin, dorthin, steigerte das Tempo, wobei auch die Brutalität zunahm. Der Raum war erfüllt von seiner Kampfeswut, so daß Catherine den Atem anhielt und spürte, wie ihr Körper vor Spannung und Angst erstarrte. Er übt diesen aggressiven Kampfsport, er hält sich fit, um zu töten. Warum? Wen will er töten? Garibaldi schien einen Kampf gegen unsichtbare Mächte zu führen. Seine Übungen wirkten wie die Probe für ein persönliches Armageddon. Was gab ihm der Kampfsport, das ihm sein Katholizismus nicht geben konnte? Wenn Gebete nicht wirken, werden es die PangamotStöcke tun? Catherine wich von der Tür zurück und riß sich von einer Szene los, die sie früher einmal empört hätte, jetzt aber… Sie hatte sich auf die Suche nach Antworten gemacht und war dabei auf noch größere Rätsel gestoßen. Außerdem hatte sie etwas entdeckt, das sie in seiner Tragweite entsetzte. Ich hätte mich vor Abscheu abwenden sollen, statt dessen glühe ich vor sexueller Erregung.

398

Der Schrei drang in ihr Unterbewußtsein. Catherine schreckte aus dem Schlaf auf und starrte verwirrt an die dunkle Zimmerdecke. Sie wußte nicht sofort, wo sie war. Dann warf sie einen Blick auf die Uhr neben dem Bett. Es war kurz nach Mitternacht. Sie hatte nur ein paar Minuten geschlafen. Sie lauschte in die Stille. Was hatte sie geweckt? Wieder ein Schrei. Ein gequälter Schrei. Sie setzte sich auf. War das Garibaldi? Catherine lag schon im Bett, als er vor etwa einer Stunde aus dem Trainingsraum zurückgekommen war. Sie hatte gehört, wie er leise in sein Zimmer ging und die Tür schloß. War jemand bei ihm? »Laß mich in Ruhe! Warum verfolgst du mich?« Catherine sprang aus dem Bett und lief durch das Wohnzimmer, das die beiden Schlafzimmer der Suite trennte. An Garibaldis Schlafzimmertür blieb sie stehen und lauschte. Er keuchte und stöhnte, als sei er krank. »Vater Garibaldi!« rief Catherine. »Fehlt Ihnen etwas?« Sie legte das Ohr an die Tür und glaubte, Schluchzen zu hören. »Vater?« Sie klopfte. »Vater Garibaldi?« Catherine öffnete die Tür einen Spalt und blickte ins Zimmer. Mondlicht fiel durch das Fenster. Die Bettdecken lagen auf dem Fußboden. Garibaldi hatte offenbar einen Alptraum. Schweiß stand auf seiner Stirn. Er warf den Kopf unruhig hin und her. Catherine sah sein gequältes Gesicht und trat ins Zimmer. »Vater Garibaldi?« Er hatte die Augen geschlossen und biß die Zähne so fest zusammen, daß die Adern an seinem Hals hervortraten. Er trug kein Hemd. Die Muskeln an Armen und Oberkörper waren verkrampft. Er schien wieder einmal mit unsichtbaren Dämonen zu ringen. Catherine trat an das Bett. Sie legte Garibaldi die Hand
399

Wachen Sie auf. »Möchten Sie darüber sprechen?« Er nickte.« »Nein«. bitte wachen Sie auf!« »O mein Gott!« Er schlug die Augen auf.auf die Schulter und schüttelte ihn sanft. setzte sich auf und blinzelte benommen. Instinktiv griff sie nach dem Jaguaranhänger und schloß die Finger darum. und trocknete sie mit der Hand ab. auf seinem nackten Oberkörper. Catherine blickte erstaunt in seine Augen. die sie erschreckte. »Sie haben geträumt«. »Vater Garibaldi. »Ist alles in Ordnung?« fragte sie. »Nein. »Sie haben mich von einem sehr dunklen Ort zurückgeholt«. Es war nur ein Traum. wie sein Körper vor krampfartigem Schluchzen zuckte. Ein Bild tauchte vor ihrem inneren Auge auf und verschwand sofort wieder. nicht…« Sie setzte sich auf den Bettrand. Catherine ging zurück in ihr Schlafzimmer und zog den Bademantel über. Sie sah Angst darin und eine Verletzlichkeit. Als er ausatmete. Catherine hielt ihn fest. daß seine Wangen feucht waren. Er streckte die Arme nach ihr aus. Sie träumen. überlief ihn ein Schauer. Dann atmete er etwas ruhiger und löste sich von ihr. Sie spürte. »Sie haben einen Alptraum. murmelte er. Vater Garibaldi. flüsterte er. Sie sah das Goldkreuz. das Garibaldi immer trug. »Wachen Sie auf«. Er klammerte sich stumm einen langen Moment an sie. »Es ist alles gut. Dann stützte er sich mit den Händen ab. bis er sie sah. sagte sie laut. zog sie an sich und vergrub sein Gesicht an ihrem Hals. sagte Catherine beruhigend. 400 . Catherine sah.« Er holte tief Luft.

Möchten Sie mir Ihren Traum erzählen?« Er ging zur Minibar und nahm eine kleine Flasche Mineralwasser heraus. Er sah sie an. »Es war schlimm. Warum machen sie es?« »Aus vielen Gründen«. erwiderte er leise. Ich bin froh. die wie ein Scherenschnitt. als sie sich auf die glatten Muskeln seines Rückens legten. Ich habe Sie beobachtet. Da er nicht antwortete. Dann trat er ans Fenster. »Es tut mir leid. daß ich Sie geweckt habe«. als habe sich sogar das Licht verändert. seine Arme um ihren Hals zu spüren. wie ein schwarzes Fenster im Sternenhimmel über der Wüste wirkte. Catherine hatte den Eindruck. schob die Vorhänge zurück und ließ das kalte. sogar Socken. Es dauerte nicht lange. daß Sie mich geweckt haben. Ihre Hände hatten gezittert. Catherine blickte stumm auf seine Silhouette. war die Spannung im Raum spürbar. Er trug ein kariertes Hemd. sagte er und räusperte sich. Sie stellte fest. platinfarbene Mondlicht ins Zimmer. sondern zum Töten.« »Haben Sie oft Alpträume?« Er trank lange und leerte beinahe die ganze Flasche. Jeans und.Im Wohnzimmer schaltete sie die Lichter ein. sagte sie: »Ich hatte mich auf die Suche nach Ihnen gemacht und Sie in einem der Übungsräume entdeckt. 401 . Wieder glaubte sie. daß er sich angezogen hatte. Pangamot ist nicht zur Selbstverteidigung gedacht. wie ihr auffiel. und der Abdruck seiner Lippen auf ihrem Ohr schien noch zu brennen. und er kam aus seinem Zimmer. Seine Hand hatte ihre Haare berührt. »Ich hatte nicht geschlafen. bevor er sie absetzte und Luft holte. Als ihre Blicke sich trafen.

setzte sich in einen Sessel gegenüber dem Sofa. »Vielleicht hätte ich keine Angst. bevor er schließlich antwortete: »Ich bin in einem Haus aufgewachsen. während er blicklos auf die Flasche in seinen Händen starrte. es gefällt mir nicht. Das müssen Sie mir glauben. wenn ich verstehen würde. Er schien über seine nächsten Worte nachzudenken. in dem Prügel die normale Form der Verständigung waren. Ich sagte mir. warum mein Körper von etwas erregt wird. weshalb Sie es tun. angenommen. unter Kontrolle?« fragte sie. wollte sie sagen.« »Sie wollen wissen. In seinen Augen tanzten unruhige Schatten. Bitte haben Sie keine Angst vor mir. die Sie mit dem Trainieren in sich kultivieren. was ich dadurch über mich weiß. Mein Vater hat immer zuerst 402 .« Sie hob in einer Geste der Hilflosigkeit die Hände. was ich über Sie herausgefunden habe. Pangamot sei wie Karate reine Selbstverteidigung. Und ich möchte verstehen.»Haben Sie jemals… einen Menschen getötet?« »Mit Pangamot? Nein. Ich konnte es akzeptieren. Sie tun es als eine Art geistige Disziplin. um sich fit zu halten. Aber jetzt bin ich völlig verwirrt. Zuerst dachte ich. »Haben Sie die Kraft.« Er kam vom Fenster zurück. Garibaldi. daß es falsch ist. erwiderte sie. wie ich Priester sein und eine Kampfmethode ausüben kann?« »Ja«. »Ich meine. von dem mir mein Verstand und mein Herz sagen. Aber noch weniger gefällt mir. ich würde Sie schlagen…« Er hob mit einem Ruck den Kopf. »Ich würde Ihnen nie in meinem ganzen Leben weh tun.

403 . Der Pfarrer hat nicht die Polizei gerufen. Dann meldete er mich im CVJM für einen Karatekurs an. Er war ein riesiger Pole vom anderen Ende der Stadt. Er gehörte einem alten Mann. ich will die Spätnachrichten nicht verpassen. Mickey.« »Hängt der Alptraum damit zusammen?« »In unserer Gegend gab es einen Laden. der den Kindern immer Bonbons schenkte. Da ich nicht von der Stelle wich. aber diese Kraft macht mir Angst. und wir beschlossen. Eines Abends habe ich mich mit ein paar Freunden betrunken. der Kirche in unserer Gegend einen Besuch abzustatten. Vater Pulaski ging mit mir hinter die Kirche und hat mich windelweich geschlagen. Er war ein netter alter Mann. »Daß es in mir etwas gibt das ich ständig unter Kontrolle halten muß. zog eine Pistole und wollte Geld. sondern Vater Pulaski kommen lassen. ich weiß nicht mehr wie er hieß. Ich kann es nicht beschreiben. Er wußte nicht. Als Sechzehnjähriger war ich einmal noch spät in seinem Laden. Er ging an die Kasse. Seine Frau war vor ein paar Jahren gestorben. daß ich im Laden war. Damals entdeckte ich…« »Was haben Sie entdeckt?« Er sah sie mit seinen klaren Augen an. und er sah wie ein Schwächling aus.geschlagen und später Fragen gestellt. Er nannte mich immer Mickey.‹ In diesem Augenblick kam einer dieser Junkies herein. Er stammte aus Europa und sprach mit einem starken Akzent. Ich wurde danach mit meiner Brutalität zum Schrecken des ganzen Viertels. sagte er: ›Such dir was aus. aber dünn. Er war älter als ich. Das hat mich hart und gefühllos gemacht. Der alte Mann stand hinter der Theke und sagte: ›He. Er wollte gerade schließen. ob er betrunken oder nüchtern war. gleichgültig. einen altmodischen kleinen Laden.

Er wartete darauf. daß ich hinter ihm stand. Sie waren erst sechzehn…« »Ich war sehr viel stärker als der Typ und habe dem alten Mann doch nicht geholfen. Aber ich war wie gelähmt.« »Aber er wußte nicht. denn ich befand mich hinter ihm. Eine Weile schien es keine Geräusche zu geben. Der Junkie sprang über die Theke. Ich machte völlig verrückte Sachen. Ich stand einfach da.« Garibaldi ging wortlos in sein Schlafzimmer und kam kurz 404 . in einer Kirche Graffitti zu sprühen.« Garibaldi seufzte tief und stand auf. Der Junkie bemerkte mich nicht. »erlebe ich im Traum immer wieder. »Und das«. Er zitterte. Es dauerte eine Weile. bis er sich wieder unter Kontrolle hatte. als sei die Welt zum Stillstand gekommen. Dann hörte ich die Schüsse. das wirst du doch nicht machen! Damit ruinierst du dir das Leben. während dieser Junkie einem unschuldigen Mann das Leben nimmt. Ich blieb stehen. Sie trafen den alten Mann dreimal in die Brust. nahm das Geld aus der Kasse und rannte davon…« Garibaldi ließ den Kopf sinken. »Wie auch immer.‹ Der alte Mann sah. Die Augen des alten Mannes richteten sich unverwandt auf mich.« »Und wie sind Sie Priester geworden?« »Vater Pulaski hat mich auf den Weg gebracht. daß ich etwas tun würde. In diesem Augenblick schien plötzlich alles zu erstarren.« »Das war nicht Ihre Schuld.Junge. Ich fand es zum Beispiel cool. Ich stehe untätig in dem Laden. wie ich mit meinem Sechserpack Bier oder Coke oder was immer es war durch den Gang kam. sagte er schließlich tonlos. danach bin ich regelrecht ausgeflippt. Ich habe es noch nicht einmal versucht…« »Er hatte eine Waffe. Ich stehe in dem Laden.

der sie. als habe ihn ein Schlag getroffen. daß der Bischof kam. »Sie stammte von seinem Lehrer. Als ich ihm gestand. erklärte er: ›Du bist zum Dienst des Herrn berufen worden. Junge!‹ Ich fragte: ›Und was soll ich jetzt machen?‹ Da rief er mit Donnerstimme: ›Was für eine dumme Frage? Selbstverständlich folgst du dem Ruf!‹« Garibaldi blieb am Fenster stehen. »Er hat sie mir an dem Tag geschenkt.« Garibaldi sah Catherine an. Ich erinnere mich. Dort entdeckte ich meine Begabung für Mathematik und mein Talent für den Umgang mit Computern. man kann die Gravur kaum lesen…« Catherine nahm die Uhr bewundernd in die Hand. »Vater Pulaski war ein großer. ob ich nicht Priester werden sollte.darauf mit einer Taschenuhr zurück. daß ich überlegte. Als ich 1984 schließlich das 405 . um mit ihm zu sprechen. lärmender Pole. sagte Garibaldi und gab ihr die Uhr. ihn daran zu erinnern. wie sie sich in Catherines Vorstellung im letzten Jahrhundert über den runden Bäuchen wohlhabender Geschäftsmänner spannten. Es war eine alte Uhr an einer Kette von der Art. wie ich glaube. daß das Kyrie der einzige griechische Teil der Messe war. Garibaldi ging im Zimmer auf und ab. als er starb«. Catherine hatte bereits beobachtet. Vater Pulaski brummte: ›Also gut. die Messe muß jetzt auf Englisch gelesen werden! Man hätte wenigstens ein bißchen Latein beibehalten können! Wenigstens das Kyrie hätte man beibehalten sollen!‹ Keiner von uns brachte es übers Herz. obwohl es ihm verboten worden war. daß er sie regelmäßig hervorholte und aufzog. lauter. »Vater Pulaski veranstaltete eine Kollekte und schickte mich zur Schule. Sie ist sehr alt. von seinem Lehrer bekommen hat. Nach einer Weile fuhr er fort: »Vater Pulaski war entschieden gegen die neue Messe und las bis zu seinem Tod die alte lateinische Messe. berührte mit den Fingern die Glasscheibe und zuckte zurück.

Und ich weiß. dann hoffte sie. Catherine starrte auf ihre Handflächen. Man hat sich einen unverfänglicheren Namen einfallen lassen: ›Die Kongregation für Glaubensdoktrin. Vater Garibaldi? Warum sind Sie nicht in Ihrem Pfarrhaus oder an der Universität. den Glauben zu erhellen. Ich weiß. Schließlich schickte man jemanden aus Rom. Ich weiß. daß man sie seit vierunddreißig Jahren anders nennt. Vater Garibaldi. 406 . was der Kirche gefährlich werden könnte. sondern drehte sich um und blickte schweigend in die Dunkelheit. Ihre Aufgabe ist es. »Warum sind Sie immer noch bei mir. ich weiß über die Kongregation Bescheid: Wie das Tribunal eingesetzt wird. Wenn überhaupt. mit einem Richter. machte die Kirche ihren Einfluß geltend. Sie war eine liebenswerte. alles zu untersuchen. daß diese Untersuchungen unter strenger Geheimhaltung durchgeführt werden. Anfangs widersetzte sie sich. dem Kommissar. und einem Beisitzer.« »Seit 1965 heißt es nicht mehr Inquisition. war ich siebenundzwanzig und bereits seit sechs Jahren ein geweihter Priester.« Sie ballte die Fäuste und fuhr dann mit schneidender Stimme fort: »Ja.« »Ich weiß. und diese Einrichtung ändert sich nicht dadurch. sanfte Frau und sehr religiös. Doch die Kirche sah in ihr eine Bedrohung. jemanden wegen seines Glaubens anzugreifen. als wollte sie die Zukunft darin lesen. Das letzte. Der Mann aus dem Vatikan war ein Dominikaner und gehörte zum Offizium der Inquisition. wo Sie unterrichten?« Er gab keine Antwort. Und weil sie an einem katholischen College unterrichtete. war. dem Assessor.Examen in Computerwissenschaft ablegte.« Catherine legte die Uhr vorsichtig auf den Tisch. was die Kongregation tut. was sie wollte.‹ Aber sie hieß sechshundert Jahre lang Inquisition. Dann sagte sie: »Ich habe Ihnen von meiner Mutter und von ihrer Arbeit erzählt.

»Vater McKinney genügte das nicht. Aber sie verwickelte ihn immer in leidenschaftliche Diskussionen und erklärte. etwas zu erreichen. Vater McKinney kam zu uns nach Hause und verlangte von meiner Mutter. Man teilte ihr sogar mit. über Vater McKinney. weiterhin zu schreiben oder zu veröffentlichen. wie die Leute uns anstarrten. sie sei keine katholische Theologin mehr und verbot ihr. Danach besuchten nur noch mein Vater und ich die Sonntagsmesse. als schließlich der Vertreter des Vatikan erschien. Meine Mutter stand auf und verließ mit hoch erhobenem Kopf die Kirche.daß sie jeden unter die Lupe nehmen. Sie ist nie mehr zum Gottesdienst gegangen. Meine Mutter fügte sich. die Kirche müsse sich im Einklang mit den Bedürfnissen ihrer Mitglieder entwickeln. die römisch-katholische Glaubenslehre zu unterrichten. von meiner Mutter gedemütigt worden zu sein. Aber«. Die anderen Kinder in der Schule gaben meiner Mutter Schimpfnamen und sagten. Er hatte sie nicht überzeugen können. Er hatte das Gefühl. meine Mutter ihrer Stellung zu entheben und ihr die Befähigung abzuerkennen. ihre Argumente zu widerlegen. unseren Gemeindepfarrer. Und es war ihm nicht gelungen. Es war schrecklich. Die ganze Gemeinde starrte uns an. Am Anfang haben sie versucht. Ich spürte jedesmal. Ich werde den Sonntag nie vergessen… damals war ich zehn. Ich nehme an. empfand Vater McKinney das als eine persönliche Niederlage. wir würden für unsere Sünden in der Hölle 407 . Vater McKinney stand auf der Kanzel.« »Was ist geschehen?« »Die Inquisition hat dem Papst empfohlen. der eine Gefahr für die Einheit der Kirche darstellen könnte. ihre Angriffe gegen die Kirche einzustellen. sprach in seiner Predigt über Ketzerei und blickte dabei auf meine Mutter. Catherine seufzte.

Sie blieb eine gläubige Katholikin. während sie neben dem Pult der Lehrerin auf einem Hocker stand. wie die Ärzte sagten. als plötzlich ungebeten ein Bild vor ihr auftauchte. Aber ich weiß. nach dem Tod meines Vaters. »Mein Vater fuhr in einer Friedensmission nach Afrika«. ein Stamm kämpfte gegen einen anderen. fuhr sie fort. Meine 408 . Man hat sie als Spione hingerichtet – meinen Vater. Man zeigte immer wieder die Photos der Hingerichteten…« »Ich kann mich an den Fall erinnern.« Catherine stand vom Sofa auf und trat neben Garibaldi ans Fenster. »mit Medikamenten und Bibeln.büßen. daß meine Mutter jeden Sonntagmorgen ihren eigenen Gottesdienst hielt. Es kam in dem Land zu einem Umsturz. daß es Ihr Vater war.« »Sind Sie deshalb aus der Kirche ausgetreten?« »Nein. Deshalb wurde sie schließlich exkommuniziert. weigerte sich aber. der von der Spitze der Pyramide des Luxor Hotels wie ein Weg in eine andere Galaxis in den Himmel stieg.« Catherine schloß die Augen. Meine Mutter starb ein paar Monate später – an Lungenentzündung. Sie blickte mit zusammengekniffenen Augen auf den Laser-Lichtstrahl.« »Man brachte seine Leiche zurück. einen Priester und drei Nonnen. das war später. Mein Vater und seine Begleiter gerieten in Gefangenschaft. Er bekam ein großes katholisches Begräbnis und wurde auf einem katholischen Friedhof begraben. sie ist an gebrochenem Herzen gestorben. Ich wußte nicht. weil etwas Feuchtes an ihren Beinen hinunterlief. die Sakramente zu empfangen. In den Nachrichten wurde darüber berichtet. Die fünfte Klasse kicherte und flüsterte. »Die Leute wußten nicht. Ihr Gesicht glühte vor Scham.

da kam Vater McKinney mit hochrotem Kopf heraus und stürmte wütend. Aber das war nur möglich. an mir vorbei. aber ich dachte. Ich weiß nicht genau. ohne ein Wort zu sagen. Sie würde nicht im Schoß der katholischen Kirche sterben. Es dauerte nicht lange.« Catherine sah Vater Garibaldi an. »An dem Abend. Es war. und ohne meinen Vater gab es für meine Mutter keinen Grund mehr. als es ihr nach einer kurzen Pause gelang. weiterzuleben. Aber es war zu spät. als er in das Krankenzimmer trat. Ich ging ins Zimmer zurück.« 409 . um endgültig mit meiner Mutter abzurechnen. aus denen nur einer als Sieger hervorgehen konnte. Meine Mutter weinte. Ich versuchte. als sei er gekommen. »Ich ging aus dem Zimmer. damit sie in alle Ewigkeit Zusammensein könnten. »Meine Mutter bat mich. wenn meine Mutter beichtete und die Absolution erhielt. Aber Vater McKinney…« Catherine mußte sich zwingen. und ausgerechnet Vater McKinney kam. Ich wußte. lag etwas Gefährliches in seinen Augen. als sei das der Höhepunkt der vergangenen Auseinandersetzungen. eine Art Triumph. es sei ihr größter Wunsch. Ich weiß noch. Kurz vor ihrem Tod erklärte sie sich nach all den Jahren der Abkehr von der Kirche dazu bereit…« Catherine holte tief Luft und stieß sie langsam wieder aus. Sie hingen aneinander. Sie spürte Garibaldis Blick. was dann geschah. Die Stimme klang tonlos. an der Seite meines Vaters begraben zu werden. einen Priester zu holen. Ich rief im Pfarramt an. sagte sie mir.Eltern hatten sich sehr geliebt. Meine Mutter wollte nur in Frieden sterben und neben meinem Vater begraben werden. als meine Mutter starb. sie hatte keine Absolution und keine Sterbesakramente erhalten. einen anderen Priester zu finden. meine Mutter wollte ungestört sein. weiterzusprechen. Ich hätte es nicht tun sollen.

Sie hörte. und das muß ich auch predigen. doch es klang wie ›Ora pro nobis. Sie hörte ihre letzten Worte.« »Und was geschieht. Sie verstand die Worte nicht genau. anstatt von ihr getröstet zu werden. Wenn Ihre Mutter allerdings Gott direkt um Vergebung gebeten hat«. bitte für uns‹. was zwischen Ihrer Mutter und diesem Vater McKinney vorgefallen ist. Sie hatte auf ewig mit dem Mann Zusammensein wollen. »wenn ich nicht weiß. hatte Nina geflüstert. damit er uns nach dem Erdenleben zu ewigen Qualen 410 . hat ein einfacher Pfarrer das Recht.« War sie tatsächlich zu ihm gegangen? »Wohin ist meine Mutter nach ihrem Tod gegangen? Wo ist ihre Seele jetzt. meine Mutter in alle Ewigkeit zu verdammen?« »Diese Frage kann ich nicht beantworten«. »Ich gehe zu deinem Vater. den sie liebte. mit denen sie ihre Tochter tröstete. nicht einmal in geweihter Erde. ohne von ihren Sünden losgesprochen zu sein? Was ist mit der Hölle?« »Als Priester glaube ich an die Strafen der Hölle. fügte er sanft hinzu »dann ist ihr verziehen worden. sondern auf dem städtischen Friedhof. die sterben. daß der himmlische Vater uns geschaffen hat.« Catherine wandte den Kopf und sah ihn an.« »Was ist mit Menschen. In meinem Herzen kann ich nicht glauben. kehren wir zu Gott zurück. wir sind Seelen. wie Garibaldi etwas murmelte. hat die Kirche. »Du mußt nicht traurig sein«. wenn sie eine Seele hatte?« »Wir haben keine Seelen. »Meine Mutter wurde nicht neben meinem Vater begraben. erwiderte Garibaldi. »Vater Garibaldi.« Catherine sah ihre Mutter in dem einfachen Krankenhausbett vor sich. Haben tun wir den Körper… vorübergehend. wenn wir sterben?« »Wenn wir sterben.

« »Werden Sie für meine Mutter beten?« »Ja.« Sie wandte sich von ihm ab und vom Anblick der verführerischen Stadt der Spieler. Wie? Garibaldi drehte sich um und ging zur Minibar.« Wie. »Vater McKinney ist also der Grund dafür.« »Dann hilft es.« »Sie wollen also. bis jemand für unsere Erlösung betet. daß Sie mich bei unserer ersten Begegnung abgelehnt haben.« »Jeder wird mit der Sehnsucht nach dem verlorenen Himmel geboren. daß wir dort bleiben. Ich wünschte. wie er austrank und die leere Flasche auf die Minibar stellte. ich möchte glauben. »Nicht nur Vater McKinney«. »Wie kommen Sie darauf. ich würde ihn nicht heiraten!« 411 .« »Und das Fegefeuer?« »Ich glaube an das Fegefeuer und daran. »Meine Gebete würden nichts nützen.verdammen kann. daß ich für Sie glaube?« Sie sah ihn wieder an. sagte sie. Aber auch Sie können beten. »Ich fühle mich in der Nähe von gläubigen Menschen nicht wohl. wollte sie fragen.« »Warum nicht?« »Weil ich keine gläubige Christin bin.« Catherine sah zu.« »Wollen Sie Julius deshalb nicht heiraten?« Sie zog die Augenbrauen hoch. wenn die Hinterbliebenen für die Seelen der Toten beten?« »Ja. ich könnte so gläubig sein wie meine Mutter. den Weg dorthin zurückzufinden. »Vater Garibaldi. Das Problem ist.

« Es gab noch eine Frage. welche Verschwendung das sei. »Denken Sie an alle Religionen. denen Sabina begegnet ist« erwiderte Catherine. Mit einem solchen Mann könnte ich nicht zusammenleben. Deshalb bin ich so wütend. die es in der Geschichte der Menschheit gegeben hat. Ich fühle mich bestraft. das Sie gesagt haben. die sie unbedingt stellen wollte. Es ist eine wunderbare Religion. Er würde mich ständig an das erinnern. die Antwort darauf finden Sie nur in sich selbst. Wie kann da nur eine Religion richtig sein und alle anderen falsch?« »Ich glaube. das kann ich nicht. die Heiligen.« »Nein.« »Aber denken Sie an die Menschen.« Sie sah Garibaldi an und mußte daran denken. Obwohl ich nicht länger gläubig bin. ja. Vielleicht liegt es an etwas.« »Julius ist ein sehr religiöser Mensch.»Ich weiß nicht. was mir fehlt.« »Sie können es zurückbekommen. wie die Schüler der katholischen Schule beim Anblick einer hübschen Nonne oder eines gutaussehenden Priesters immer sagten. obwohl sie sich beinahe davor fürchtete. fehlen mir der Weihrauch. ist der katholische Glaube der wahre Glaube?« »Ich glaube.« Er sah sie an. »Hassen Sie den katholischen Glauben so sehr?« »O nein. begann sie »was hätten Sie am Sterbebett 412 . Er hält sich an die Regeln und Gesetze seiner Religion. Wie viele junge Mädchen in Vater Garibaldis Gemeinde waren wohl heimlich in ihn verliebt? »Vater Garibaldi. »Oder nicht gesagt haben. »Vater Garibaldi«. Ich liebe ihn.« Er lächelte. weil mir das alles genommen worden ist. die Beichte und die Tröstungen.

der Mann. Seine Reaktion war unverständlich.« »Ist sie jetzt bei meinem Vater? Sind sie zusammen?« »Darauf kann ich Ihnen keine Antwort geben. »Ich gehe an die frische Luft«. Er schien plötzlich unruhig zu werden. Das überraschte sie.« Damit verschwand er. ob sie ihre Sünden bereut. daß Beten hilft. durch die mein Vater gestorben ist. der gerade aus ihrer Suite gekommen war.« Sie sah ihn an. Es verwirrt mich. Ich bin immer noch entsetzt über die sinnlose Gewalt. der ihr sagte. »Ich würde lieber allein gehen. Der 413 . Warten Sie nicht auf mich. Im Flur entdeckte sie einen Zimmerkellner. und sie dann losgesprochen. deshalb zog sie sich an und folgte ihm. sagte er unvermittelt. daß Sie…« »Ich verstehe«. Aber ich kann Ihnen versichern. Catherine blickte auf die Tür und überlegte. In der Beichte hatten Vater McKinneys persönliche Meinungsunterschiede mit Ihrer Mutter und die Aussagen in den umstrittenen Büchern nichts zu suchen. Auf dem Dach waren nur wenige Gäste. Dort oben sei ein Garten mit Springbrunnen und Tempeln.meiner Mutter getan?« »Ich hätte Ihre Mutter gefragt.« Er ging mit großen Schritten zur Tür. unterbrach er sie. wie er auf die Uhr blickte. »Jede Form von Gewalt stößt mich ab.« Catherine nickte. Sie mußte ihn zur Rede stellen. warum ich Pangamot ablehne. und sie sah. was gerade geschehen war. Dann räusperte sie sich und sagte: »Wie auch immer. Doch Catherine hörte eine gewisse Härte in seiner Stimme. jetzt wissen Sie. »Ich komme mit. habe ihn nach dem Fahrstuhl zur Dachterrasse gefragt.

der Mut werde ihn verlassen. warum ich bei Ihnen bleibe und nicht zu meinen Aufgaben zurückkehre. »Ich glaubte lange Zeit. das ich noch keinem Menschen gesagt habe. seit ich weiß. der mich zu ihm führt. das mich nach all den 414 . daß Sie das abstößt.« Er schwieg. Ich bin gezwungen. Ich dachte. »Sie haben mich gefragt. den Vorfall immer neu zu erleben. mich in seinen Dienst zu rufen. er habe mich in diesem Augenblick dorthin gestellt. wie ich mich fühle.« »Ist es Ihnen gelungen?« »Ich glaube. die hinter der hell erleuchteten Stadt wie ein endloses drohendes Reich der Dunkelheit begann.« Seine Worte kamen schnell. Ohne etwas zu sagen. sondern an meiner Berufung. Ich werde Ihnen etwas sagen. wie sie darauf reagierte. es ist mein Gewissen. aber nicht an meinem Glauben. Dann fuhr er fort: »Ich hatte den Alptraum jahrelang nicht mehr. der Vorfall in dem Laden sei Gottes Art gewesen. Garibaldi stand am Geländer und blickte auf die Wüste. nicht einmal Vater Pulaski. aber dann kam er wieder. als fürchte er. stellte sie sich neben ihn. Selbst bei Tag verfolgt mich inzwischen das anklagende Gesicht des alten Mannes.Wüstenwind wehte so kalt und scharf. Ich habe wie besessen versucht zu verstehen. was das zu bedeuten hat. was ich tue? Daß Pangamot Ihnen Angst macht? Daß ich Ihnen Angst mache?« Unvermittelt sah er sie an. als wollte er warten. daß Catherine auf ihrem Weg zwischen den Farnen und Palmen unwillkürlich an Winter und Schnee dachte. Deshalb wurde ich Priester. Garibaldi brach das Schweigen. »Können Sie sich vorstellen. damit ich einen anderen Weg einschlagen würde. Inzwischen kommen mir jedoch Zweifel. Er läßt mich nicht mehr zur Ruhe kommen.

Garibaldi in seinem kurzärmligen Hemd schien die Kälte überhaupt nicht zu spüren.« »Vater Garibaldi…« »Ich habe Ihnen gesagt.« Der Wind wurde noch heftiger. Catherine legte schützend die Arme vor den Oberkörper. und nicht. indem ich Gott diene. mir einzureden. Das stimmt nicht. und deshalb bin ich ein Betrüger. Ich hatte das Gefühl. obwohl sie eine Jacke trug. das ist kein Grund. Ich kam in den Sinai und wurde in die Sache mit den neu entdeckten Schriftrollen hineingezogen.« »Aber warum. Und deshalb bin ich bei Ihnen geblieben. ob Sie ihn hätten retten können. um meine Seele zu retten. Priester zu werden! Man wird Priester. Priester zu bleiben. Aber das stimmt nicht! So einfach ist das nicht. ob ich geeignet sei. ich hätte in Israel Urlaub gemacht. die möglicherweise Gottes Botschaft erhellen können. Ich habe die Gelübde abgelegt.« 415 . daß ich an jenem Abend dem alten Mann nicht geholfen hatte. mir sei endlich verziehen worden. weil man sich auf diese Weise vor seinen Schuldgefühlen verstecken kann! Ich versuchte. Ich befand mich auf einer persönlichen Pilgerreise. Ich bin aus egoistischen Motiven Priester geworden. ob die Schriftrollen die Antwort auf meine Fragen enthalten. Ihr war kalt. Ich wollte herausfinden. was ich am Tag meiner Priesterweihe empfand? Ich will es Ihnen sagen. Ich empfand keine Freude oder religiösen Hochgefühle. Ich fühlte mich nur erleichtert. Aber du liebe Zeit. Ich bin nach Israel gegangen. weil man Gott dienen will.Jahren wieder quält. um mein Gewissen zu erforschen und herauszufinden. mache ich mein Versagen an jenem Abend wieder gut. Vater Garibaldi? Sie wissen nicht. »Darum geht es nicht! Wissen Sie.

»Was dann? Sagen Sie es mir!« »Ich kann es nicht sagen. und doch kämpfen Sie. Sie zuckte unter der Berührung zusammen. »Das Schwere ist…« »Ist was?« »Ich habe meinen Vater geliebt. Wir ringen mit Dämonen. Vielleicht 416 . aber Sie geben nicht auf. ob Sie Priester bleiben oder nicht?« Er erwiderte nichts.« »Es ist leicht zu kämpfen«. Ja.« Er faßte sie plötzlich an den Schultern. und der Wind trug ihre Stimme hinaus in die Wüste. bitte lassen Sie mich Ihnen helfen. betrachtete lange die Sterne und sah sie dann wieder an. die Sie töten wollen. Irgendwo dort draußen gibt es Männer. wenn Sie allem Anschein nach keine Chancen haben zu gewinnen. noch nicht.« »Vater Garibaldi.« Er ließ die Arme sinken und lächelte. Sie und ich. ich habe ihn angebetet. sagte sie. aber jeder kämpft in einer anderen Arena. Vater Garibaldi? Sollen die Schriftrollen Ihnen sagen. »Sie wollen mir wirklich helfen? Sie hassen Priester. und er ließ sie wieder los. »Wir sind uns sehr ähnlich. »Ich habe deinen Vater rufen lassen. Es klang beinahe anerkennend. »Du bist ein schmutziges kleines Ungeheuer«. Gewalt zu verabscheuen. daß Sie ein Widerspruch in sich selbst sind? Sie behaupten. hatte Schwester Immaculata gesagt und Catherine vom Hocker gezerrt. Vielleicht werde ich es nie können. rief sie.« Aber genau aus diesem Grund hatte sich ihr Konflikt bis ins Unerträgliche gesteigert.« Er lachte leise. »Wissen Sie. als er hinzufügte: »Beim Pangamot wären Sie eine ernstzunehmende Gegnerin. und doch möchten Sie mir helfen?« Er blickte in den Himmel. »Wenn es das nicht ist«.»Welche Antwort.

übrigens«.kann er dir etwas Achtung vor deiner Lehrerin einbleuen. und flüsterte leise ein Gebet. und beschloß. daß sich mein Vater getrieben fühlte. habe ich zu meiner Mutter schreckliche Dinge gesagt.« »Der Bruch meiner Mutter mit der Kirche hat dazu geführt. daß ich meine Worte bereute. den kalten Wind zu spüren. wir werden ausziehen müssen. »Wir gehen besser nach unten«. fügte sie betont energisch hinzu. Nichts davon war wirklich so gemeint. Jedem war klar. Sie hatte plötzlich das Bedürfnis. bevor sie sich von ihm löste und ein paar Schritte zurücktrat. »Wegen morgen…« Sie drehte sich um. »Ach. Als er schwieg. während sie mit den Tränen kämpfte und um die Beherrschung rang. »Morgen wartet eine Menge Arbeit auf uns«. wie du es bist. »Was ist mit morgen?« »Ich fürchte. Ein paar Monate später starb meine Mutter. ihre angebliche Sünde gutzumachen. sagte sie mit belegter Stimme und drehte sich um. sie schliefen. und ich konnte ihr nicht mehr sagen. So wahr mir Gott helfe. Er hielt sie fest. bis morgen früh zu warten. weil sie sich ihrer Gefühle schämte.« Catherine liefen die Tränen über die Wangen. daß er die Friedensmissionen in alle Welt unternahm. die eine Nonne und keine Sünderin ist. das ist die Wahrheit. dachte ich.« »Wie meinen Sie das?« »Als ich vom Fitneß-Zentrum zurückkam. um es 417 . verharrte sie noch einen Augenblick in seinen schützenden Armen. sagte er. Ich habe sie für seinen Tod verantwortlich gemacht. Als er erschossen wurde. Ärgerlich wischte sie sich das Gesicht und murmelte verlegen: »Ach verdammt!« Garibaldi nahm sie wortlos in die Arme.

daß ich sie wiederbekomme. »Ich war nach dem Training im Dampfbad. sind wir völlig pleite.Ihnen zu sagen.« Er machte eine Pause. Meine Brieftasche ist weg. »dann müssen wir uns etwas einfallen lassen.« »Na gut«. die Sie noch haben. Es tut mir leid. und als ich herauskam. sagte sie.« 418 . stand die Tür meines Schranks im Umkleideraum offen. Abgesehen von den zwanzig Dollar. aber man macht mir keine großen Hoffnungen. wie wir wieder zu Geld kommen.« »Weg! Sie meinen gestohlen?« »Ich habe es der Hotelleitung gemeldet.

ein Produkt von Dianuba. Havers«.Santa Fe. »Da ist wirklich etwas Verrücktes…« Miles legte den Hörer auf und wollte aufstehen. als sich Erika neben ihm im Bett bewegte. Das Institut hatte zum Schutz der E-Mail zwar ein Verschlüsselungsprogramm installiert.« Er griff nach seinem Hausmantel aus kastanienbrauner Rohseide und zog ihn an. den Computercode des Freers Instituts zu knacken und die für Julius Voss bestimmte Post zu lesen. Es war auch keine neue Datei ausgedruckt. daß Erika wieder schlief. Als er die unterirdische Computer-Zentrale betrat. die er mit der Suche nach allem beauftragt hatte. Mr. warf Miles schnell einen Blick auf den Bildschirm. »Was gibt es?« fragte er. Er vergewisserte sich. »Liebling…?« »Ich muß nur rasch etwas erledigen. ob aus Kairo weitere Übersetzungen angekommen seien. Die Schriftrollen waren für Erika bestimmt. Der Korb für die E-Mail war leer. sagte Teddy. Von den drei Technikern bei Dianuba. doch es handelte sich dabei um Keep Out. »Hat Voss wieder Post bekommen?« Es war Teddy mühelos gelungen. Er wollte sehen. Teddy 419 . der ihn im Moment am meisten interessierte. Ihre aschblonden Haare auf den Kissen machten sie noch zerbrechlicher und zarter. was auch nur entfernt mit den Sabina-Schriftrollen in Zusammenhang stand. Für dich…. wo Teddy Yamaguchi allein vor den elektronischen Geräten im Wert von mehreren Millionen saß. Das hatte er am Tag zuvor entschieden. New Mexico »Sie sollten herunterkommen. Schlaf weiter. hatte er keine guten Nachrichten erhalten.

bei Voss diskret vorzugehen. sagte Teddy. Bis jetzt! »Nein. ein knapper Satz von einem Computer in England: ›Catherine lebt. Teddy warf niemals einen Blick auf die Tastatur. die Tastatur hatte er auf dem Schoß. In diesem Spiel wußten inzwischen alle Beteiligten. Seitdem waren ständig eigenartige Nachrichten eingegangen. Alexander das Land verlassen habe als Voss eine weitere Nachricht desselben Inhalts. Es war eine Wiederholung der ersten beiden. aber keine von Bedeutung.‹ Teddy verfolgte die Nachrichten sofort zu den Absendern zurück. aber nicht verhindern.« Er saß in seiner gewohnten Haltung am Computer: Der Stuhl war zurückgekippt. daß die Computer die Benutzer im Freers Institut darauf hinwiesen. daß jeder jeden überwachte. ob Dr. Die erste Nachricht für Voss war am Abend zuvor eingegangen. allerdings mit dem Zusatz: ›Sie hat Daniel Stevenson nicht umgebracht. es geht ihr gut.konnte sich einwählen.‹ Teddy und Miles hatten noch darüber gerätselt und sich gefragt. Alexander feststellen zu können. Sehen Sie sich das an. Das machte nichts. und die Finger trommelten flink auf den Tasten. Die dritte Nachricht kam wenige Minuten später aus Seattle. Seine Augen klebten geradezu am Bildschirm. als bilde ein Netz von Neuronen 420 . daß ihr System geknackt worden war und jemand die Unterlagen las. ohne jedoch eine Verbindung zwischen ihnen und Dr. die Arme lagen eng am Körper. diesmal aus Denver. »Es ist etwas wirklich Seltsames. Teddy hatte aber einen Grund. sobald sie mit der Übersetzung fertig ist. Teddy gab sich keine Mühe.‹ Eine vierte lautete: ›Sie hat die Schriftrollen und wird sie der ganzen Menschheit zum Geschenk machen. keine E-Mail für Voss«. wirklich zu staunen. erhielt.

Sie wird von Killern verfolgt. während der übrige Körper völlig passiv blieb. Als er sagte: »Ich habe mich in einen Kanal eingeschaltet. »Was kümmert uns das?« fragte Havers irritiert. Die Gespräche waren genauso oberflächlich geblieben. in die man früher gegangen war.« Havers blickte auf den Bildschirm. Nach dem üblichen MOTD und einigem Hin und Her erschien der Dialog: [Catbox] Was plant ihr denn alle so für Sylvester? [CelsiuS] Mike. Francie! [Catbox] Willkommen. der Felines heißt«.telebyte. Catherine Alexander läuft um ihr Leben. daß Teddy von einem Internet Relay Kanal sprach. wußte Havers.und Dendronen eine unsichtbare Brücke zwischen dem Monitor. Gib das weiter. »Als plötzlich…. hinunter. was in Cyberland im Augenblick alles vor sich ging. Teddy entspannte sich. Sie ist unschuldig. hallo. wenn er die Chat-Kanäle durchging und sich ein – und auswählte. Internet-Unterhaltungen hatten die Kneipen ersetzt. [Mike] Hi.com. der Unterschied ist Zwei. [SERVER] Francie! ~fjames@kendaeo. »Sie haben über Baseball geredet«. erwiderte Teddy. handelte es sich nur um den üblichen Schwachsinn. Woher bist du? [Francie] Dr. 421 . naja. um Leute kennenzulernen. Dabei stopfte er sich seine Lieblingssnacks aus Tüten in den Mund und spülte sie mit Snapple. »Warten Sie«. seinem Hirn und seinen Fingern. Francie. um zu sehen. dem Mode-Drink seiner Generation. erklärte Teddy. der eigentlich ›Echtzeit-Chat‹ hieß. sehen Sie selbst. Soweit er sehen konnte.

Leute wählen sich in eine Gruppe ein. als jage unsere kluge Dr. ihr irgendwie zuvorzukommen. »Was soll das bedeuten?« fragte Havers. bevor sie sich einwählt. beantworte meine Fragen. sagen. «SERVER»Moondoggy!phil@atcom. Für meine Dienste /msg Foxy [Cream] Weihnachtseinkäufe Ähhhhh!!!! 422 . »So geht es schon die ganze Zeit. [bOzO] figgy2. Bleib cool. Alexander unschuldig ist. Sie hat die Schriftrollen und beschützt sie für uns alle vor den Killern. daß Dr. Als ›Rächer‹.il. Und offenbar springt sie willkürlich in den Kanälen herum. «SERVER»Willkommen bei #Planeten [figgyg] Hi.[SERVER] Francie hat sich verabschiedet. könnten wir ihre Adresse feststellen…«. [MoonDoggy] Hallo. als suche er etwas. Alexander von einer Kneipe zur anderen. Jemand versucht. «SERVER»MoonDoggy hat sich verabschiedet. sagte Miles nachdenklich. «SERVER»Einundvierzigplus. »Es sieht ganz so aus. Rächer! Hier hast du ein Coke. hier bin ich. *figgy2 gibt Rächer ein Coke. bereits in einem Kanal zu warten. Wenn wir es schaffen.« »Seit wann?« »Nach meiner Berechnung schon die ganze Nacht.« Miles zog einen Hocker heran und setzte sich an den nächsten Monitor. Catherine Alexander umzubringen. hallo. loggte er sich im IRC ein und sprang von einem Forum zum anderen.co. der Deckname aus seiner Zeit als Hacker. und verschwinden wieder.

us. Alexander in Ruhe lassen. hallo. und die Bullen werden sie NICHT fassen.S. die er gleichzeitig beobachtete.ac. hallo. Dr.L. Maynard. drückte die ENTER-Taste und wurde mit Hallo Mouse – seinem IRCNamen – begrüßt.[ToTo] Größe sechs.brad. Mr. Sie ist U. sie sollen Dr. «SERVER»Carlos hat sich verabschiedet. «SERVER»Maynard hat sich verabschiedet.com. Nein. glaube ich. Catherine Alexander hat Daniel Stevenson NICHT ermordet. Alexander ist. während er gebannt auf die Bildschirme starrte. er sei direkt mit den Computern verdrahtet.C. sagte Teddy. um zu sehen: [Carlos] Sagt den Bullen. «SERVER»Maynard! ~rismith@alice. »Aber was sind das für Leute?« fragte Havers und klickte sich gerade rechtzeitig in #Geologie ein. Im nächsten Augenblick erschien auf dem Bildschirm: «SERVER»Carlos!mongo@dianuba. Wovon haben wir geredet? [Maynard] Sag allen.H. Havers«. die sich zu Catherine Alexanders Verteidigern gemacht hatten. vielleicht acht. fügte er hinzu und hüpfte ebenso schnell durch die Kanäle wie die Leute. [Cream] Hi. die du kennst. »Ich glaube nicht. Man hatte den Eindruck. daß das Dr.U.I. »Außerdem sind sie überall auf der Welt«.G. Er hatte seine Haltung verändert und saß inzwischen wie eine sprungbereite Katze vor zwei Bildschirmen.D. Bist du F oder M? [Gollee] ToTo: mußte die Katze hereinlassen. 423 . Teddy gab achselzuckend #Zippers ein. »Diese vielen Adressen… das sind verschiedene Leute!« Teddys Augen funkelten und blitzten.N.

Das Summen der Klimaanlage und das blitzschnelle Klack Klack der Tasten von zwei Tastaturen unter Teddys Händen waren die einzigen Geräusche im Raum. [Figgy2]Sagt allen in Deutschland. auch er klickte von einem Kanal zum anderen und stellte staunend fest. Teddy wechselte zu #German. dessen Augen noch immer an den Monitoren hingen.cac. »Unglaublich! Die Drähte glühen! Die kleine Alexander hat bald die ganze Welt auf ihrer Seite!« Havers sagte nichts. sorry. Mouse. «SERVER»figgy2 hat sich verabschiedet. Er stand unvermittelt auf. sie hat niemandem irgendwelche Schriftrollen gestohlen. hallo. In seinen Augen spiegelte sich das Leuchten der beiden Bildschirme. Hallo Maus. Gebt es weiter. Wie geht’s? Ich bin in Spanien. und sie hat geheimes Wissen über das neue Jahrtausend. Mann! «SERVER»Figgy2!ashame@ppp26. daß eine Welle zu einer gewaltigen Woge anschwoll. mouse. Teddy faßte sich mit beiden Händen an den Kopf. Wo bist du? [CorVette] Jetzt haben wir fünf Länder. [LadyGray] Olé.edu. Catherine Alexander hat Daniel Stevenson nicht umgebracht. [Troy] Hallo Figgy2. Sorry. schob die Hände in die Taschen seines Hausmantels und blickte zu Teddy hinüber. auf denen die Informationen mit der Geschwindigkeit von Kamerablenden wechselten.psu. weil die Leute in allen möglichen Foren dieselbe Nachricht lasen. den Kanal wechselten und sie weitergaben. Carlos hatte sich gerade erst im letzten Kanal verabschiedet. Die unzähligen Gespräche. sie will in Ruhe gelassen werden.»Schon wieder Carlos!« rief Teddy. Live-Diskussionen am Bildschirm 424 .

in einem IRC-Forum. die mit und durch Cyberspace lebten. daß ich nicht mithalten kann. die nur dank Online und ISDNVerbindungen möglich waren – Namen ohne Menschen. wer Catherine Alexander ist. Teddy hatte nicht den Überblick wie Miles. aber sie stellen sich auf ihre Seite. gerade haben sich drei neue Leute zugeschaltet. Ich bin der ungekrönte Herrscher dieser neuen Welt! Rebellen hat es schon immer gegeben.und der ständige Fluß der Nachrichten über alle Entfernungen hinweg. denn er war nur einer der vielen Millionen. denen ich bereits auf anderen Kanälen begegnet bin. In Cyberspace werden alle von mir manipuliert. Und die Information verbreitet sich so schnell wie ein Virus. »Wo hat es angefangen?« fragte Havers stirnrunzelnd. Das ganze Internet scheint verseucht! Die Leute wissen nicht einmal. im Augenblick gehört ihr das Internet!« Hatte Teddy seine Gedanken erraten? Miles lächelte kaum merklich. Havers. Mann. Worte ohne Stimmen. Teddy schüttelte den Kopf. Vor vierundzwanzig Stunden hatte Catherine Alexander noch als der Antichrist gegolten. Miles kannte die Psychologie des Internet. Mr. das herauszufinden. Sehen Sie. Der junge Mann mochte recht haben. Ich werde sie wie lästige Fliegen vernichten. Das ist mein Reich. Miles stand einen Augenblick wie gebannt da und sah zu. doch Havers ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Jeder greift die Meldung auf und wechselt so schnell den Kanal. Catherine Alexander war nicht nur im IRC. schienen jedoch nicht mehr von dieser Welt zu sein. Die Menschen hatten sich eine neue Dimension erobert: Cyberspace. einfach überall. Erde und Luft. Jetzt war sie plötzlich eine Heldin. diese Foren waren nur 425 . Es kann überall gewesen sein. einer News-Gruppe. Räume ohne Wände -. Im neuen Jahrtausend würde Cyberspace bereits zum Alltag gehören wie Wasser. »Unmöglich.

nachdem es ihnen nicht gelungen war. »Nein. Transmitter. lauf!« Das war der Schlachtruf der Verdammten. Havers ging an der Reihe von Bildschirmen entlang zu einem. die Süchtigen der neuen Dimension.« Sie hatten diese Datenbank vor drei Tagen installiert. E-Mail flog auf dem ganzen Globus hin und her. und jeder redete über diese Frau. die keiner kannte. daß sie Lycos und InfoSeek bald ausgeschöpft haben und ihre Suche auf weniger bekannte Datenbanken ausdehnen würde. Miles zweifelte nicht daran. als Server. ein 426 .die Spitze eines sehr viel größeren Eisbergs. daß sogar ihr Photo in Form von Millionen Bytes um die Welt ging – Sie hatte die Frechheit besessen. Catherine Alexander im LinkNet von Orange County ausfindig zu machen. daß ihnen die Freiheit genommen war. Havers hatte sich ausgerechnet. von Johannesburg nach Deutschland. von Island nach Neuseeland. der Cyberspace-Öffentlichkeit zu erklären: »Ich werde die Schriftrollen der ganzen Menschheit zum Geschenk machen. »Hat sich jemand hier gemeldet?« fragte er lauernd. auf dem eine Homepage mit dem Titel PAPYRUSSAMMLUNG LONGPORD zu sehen war. Vielleicht ahnten sie in dieser Nacht. niemand.« Deshalb hatten seine zahllosen Untertanen. bei jeder Unterhaltung im Web tauchte ihr Name auf. sich eine Sache zu eigen gemacht. obwohl sie ›Cathy‹ nicht einmal kannten. NewsGruppen sprachen im Augenblick über sie. Er richtete das Angebot einer nicht existierenden PapyrusSammlung ein und setzte sie auf ›Fred’s Seite‹. Cathy. von der sie nichts verstanden. »Lauf. die nichts anderes vom Leben zu erwarten hatten. Message-Übermittler zu sein. die jemand wie Catherine Alexander noch für sich und ihr Leben beanspruchte.

Und ich werde siegen. Die kluge Archäologin hatte den Köder jedoch nicht geschluckt. und wir hörten Lesungen der Briefe seiner Jünger und der Worte des Gerechten. Ich las den Brüdern und Schwestern aus dem 427 . denn anders als in Indien sind Autopsien hier erlaubt. das im Augenblick bei Online-Amerika sehr beliebt war. die er suchte. die bereits früher hierhergekommen waren. Ich kam in diese Stadt auf der Suche nach Herzen und Seelen. Ich nahm an ihren wöchentlichen Zusammenkünften teil. brüllte der Tiger in ihm. dem größten Zentrum der Wissenschaft und Gelehrsamkeit. Ich traf andere Anhänger des Weges. was er tun mußte. wir saßen in einem Theater. das sich drehte. Alexandria ist eine Stadt der Erfinder und ihrer Maschinen.Clearinghaus für alle möglichen Bereiche. Philos wußte. Aber mehr als alles andere ist Alexandria eine Stadt der geistigen Freiheit und Aufgeklärtheit. wenn er der Sieger sein wollte. um die Körper von Tieren und Menschen zu studieren. Die Ärzte kommen aus den fernsten Gegenden des Reiches. Während er Teddy beobachtete. die für die Worte des Gerechten offen waren. aus dem Süßigkeiten herauskamen. der durch die IRC wie ein Weltmeister auf einer haushohen Flutwelle surfte. wir hörten dampfgetriebene Nebelhörner. wenn man eine Münze in einen Schlitz steckte. Alexandria ist auch das bedeutendste Zentrum der Welt für anatomische Forschungen. Philos und ich bewunderten mechanische Vögel. hier würde er die Antworten finden. aber nun blieb ihm keine andere Wahl. Er hatte gehofft. wurde Miles klar. nicht soweit gehen zu müssen. Wir kamen nach Alexandria. und wir sahen ein Gerät.

sie begrüßten sich mit dem Friedenskuß. es handle sich um die tausendjährige Herrschaft Satans. Andere behaupteten. Sie glaubten an Frieden und Vergebung. und sie sprach davon. damit seien die tausend Jahre der Herrschaft des Gerechten auf Erden gemeint. den Diakon der Gemeinde. In diesem Punkt herrschte keine Einigkeit. wie sie glaubten. während wieder andere erklärten. der Tod sei eine Illusion. von denen. Aber ich stellte fest. daß die Gemeinschaft hier Glaubensvorstellungen vertrat. wie ich sie aus Antiochia kannte. Doch ihre Vorstellungen vom Kosmos unterschieden sich sehr von dem. nachdem wir gestorben sind: »Wir schlafen ein Jahrtausend. Doch sie sprachen vom Schöpfer. wenn wir nur glauben. Sie sprachen von Gott. wie der Gerechte es getan hat. Es gab sogar einige. der Fisch und das Kreuz. was ›Wissende‹ bedeutet. was man mich gelehrt hatte. »Und das hat er damit gemeint.Brief der Maria vor.« Ich traf Priscilla. von denen ich noch nie etwas gehört hatte. als sei er getrennt von Gott. und ihre Symbole waren der Anker. Sie nannten sich Gnostiker. Für sie war das Universum sehr viel vielschichtiger und größer. sagten sie als Erklärung. der Gerechte als Sohn Gottes abstamme. »Der Gerechte hat von vielen Wohnungen gesprochen«. und das Leben könne ewig dauern. daß der Gerechte uns gesagt habe. die sagten. dann kommt das Jüngste Gericht. Ich traf die Jünger eines 428 . erklärte mir Priscilla. sie seien der Beginn eines neuen goldenen Zeitalters auf Erden. Sie verehrten auch die Unsterblichen. die tausend Jahre würden erst dann beginnen. Man sagte. In der Gemeinde hörte ich auch zum ersten Mal von der Prophezeiung der tausend Jahre. Trotzdem waren sie eine Gemeinschaft. und wir erwachen aus dem Schlaf und gelangen zu unserem Schöpfer«. und wir feierten gemeinsam das Liebesmahl.

Sie gehen auf den Marktplatz und fragen die Vorübergehenden: »Suchst du nicht ein Licht. und fuhren nil-aufwärts. Er wird die Guten belohnen.« Ich war damit beschäftigt. Er wurde von einer jungfräulichen Mutter namens Maja geboren. er wird wiederkehren. Dann wird Buddha auf die Erde zurückkommen. daß man bei Schlangenbissen die behandelte Wunde mit Klemmen verschließt. was ist und was sein wird. daß der Gerechte auch in Indien gelehrt hat? Wir machten eine Reise. was war. Ich bin der Anfang und das Ende. den sie Buddha nennen. um ihr zu huldigen. und die Leute staunten über die Erfolge. der Himmelskönigin. In der alten Stadt Sais besuchten wir den Tempel der Göttin Isis. die vor tausend Jahren dort eingeritzt worden waren. 429 . die ich in Indien gelernt hatte (in Alexandria hatte noch niemand davon gehört. neue Anhänger ihres Glaubens zu gewinnen.« Die Buddhisten von Alexandria sind Missionare und versuchen. Er sagte: »Sei dir selbst Zuflucht und halte an der Wahrheit als Licht fest. und es wird eine neue Schöpfung geben. In ihrer Sprache bedeutet das ›der Erleuchtete‹.Mannes. die Bösen bestrafen. und der Gerechte sagt. bedeutet das. und das bedeutet das Ende aller Dinge. »Ich bin alles. so fragte ich mich. er wird wiederkehren. die Botschaft vom Weg des Gerechten zu verbreiten. An den Wänden des Tempels lasen wir die Worte. um Ägypten zu sehen. mein Wissen und mein Können bei der Geburtshilfe weiterzugeben und unbekannte Heilmethoden zu erläutern. der du von Dunkelheit umgeben bist?« Sie glauben an ein Weltgericht. die man damit erzielt). Wenn Buddha sagt. du.

Philos sah sich in der Stadt um. Aber. Er hoffte. er beriet sich mit Priestern und Priesterinnen. frommen Männern und weisen Frauen. 430 . ich werde Alexandria vor allem deshalb nicht vergessen. meine liebe Amelia. eine Spur zu finden. weil ich in dieser Stadt endlich die Liebe kennenlernte. mit Sehern und Seherinnen. Er sprach mit gelehrten Männern und verbrachte Wochen und Monate in der großen Bibliothek. die das ewige Leben schenkt. die ihm den Weg zu der uralten Formel weisen würde.

DER ZEHNTE TAG 431 .

ohne ihn zu finden. Zeke lächelte vielsagend. es gibt einen Pfarrer. um das Geld ›zu beschaffen‹ das ihm am Abend 432 .Donnerstag. erwiderte Zeke. Sie hatte das Hotel nach Garibaldi abgesucht. Aber er hat die andere Person noch nie gesehen. Möglicherweise war er im Casino. »Du hast also den Priester gefunden?« fragte er. Nachdem seine Erkundigungen an der Rezeption erfolglos geblieben waren. sie wüßten ohnehin am besten über die Gäste Bescheid. als er Raphael wie besprochen in der Mz’nos Taverne im Hotel Atlantis traf. 23. es könnte eine Frau sein. steckte die anderen in die Jackentasche und sagte: »Schnappen wir sie uns.« Catherine machte sich Sorgen. wird sich der Kellner die Zimmernummer merken…« Raphael griff nach der Schale mit den gesalzenen Nüssen. Beim Aufwachen am frühen Morgen war er nicht in seinem Zimmer gewesen. und schon gewinnt er den Jackpot«. Er meint. Wenn der Pfarrer heute Frühstück bestellt. sich mit Zimmerkellnern und Zimmermädchen zu unterhalten. hatte Zeke beschlossen. die an diesem sonnigen Morgen den durstigen Gästen bereits die ersten Bloody Marys und Screwdrivers servierten. der immer Essen für zwei bestellt. Raphael mußte sich vom Anblick der spärlich bekleideten Kellnerinnen losreißen. »Und ob ich ihn gefunden habe«. »Ein Kellner vom Zimmer-Service sagt. denn er sagte sich. Ich habe ihm ein gutes Trinkgeld gegeben. sagte Zeke. Nevada »Jemand wie ich muß nur nach Las Vegas kommen. Dezember 1999 Las Vegas. schob sich eine in den Mund.

Catherine hatte sich lange gegen die Computertechnik gewehrt und ihren Widerstand erst aufgegeben. Aber auch an den Spieltischen hatte sie ihn nicht entdeckt. Am frühen Morgen war im Radio Kriminalkommissar Shapiro aus Santa Barbara zitiert worden. Catherine trug die große Sonnenbrille. »LASST MICH IN RUHE!« stand da neben einem Photo von ihr. daß ein Computer ein höchst wirksames Instrument der Forschung sein konnte. der Artikel würde berichten.« Dann äußerte sich ein Theologe: »Catherine Alexander hütet einen Schatz. Stevenson ermordet hat.zuvor im Umkleideraum gestohlen worden war. trotzdem fürchtete sie. Deshalb bezweifeln wir. »Diese Fanatiker könnten Sie entführen oder Schlimmeres…«. daß Catherine Alexander überall im Internet zum Thema Nummer eins geworden war. Wir wollen ihr nur einige Fragen stellen. Beinahe fünfzig Jahre lang hat sie niemand zu sehen bekommen. hatte Garibaldi gesagt. Aber das war an dem Abend gewesen. der uns allen gehört. Inzwischen hatte sich die öffentliche Meinung um hundertachtzig Grad gedreht. die sie mit den Kleidern gekauft hatte. daß sie Dr. als Danno sie schließlich davon überzeugte. Jetzt fühlte sie sich in der Welt von Cyberspace sicherer als in der wirklichen. erkannt zu werden. der gesagt hatte: »Wir haben keine Anklage gegen sie erhoben. An einem Zeitungskiosk fiel ihr Blick auf die Schlagzeile. Sie erweist der Menschheit einen Dienst. als die ganze Welt gegen sie zu sein schien. Zeugen sagen aus. sie sei von bewaffneten Männern verfolgt worden. Ich finde es bemerkenswert 433 . und die Polizei wußte noch nichts von ihren blonden kurzen Haaren. Ihre Bitte um Weitergabe der Information hatte einen ungeheuren Erfolg gehabt. Man sollte sie nicht verfolgen. Denken Sie daran. Sie wußte. was mit den Schriftrollen vom Toten Meer geschehen ist.

Bevor sie sich zu den Hotelgästen stellte. Das ägyptische Kulturministerium kann nicht genau sagen. wohin Garibaldi gegangen sein mochte. Und das fehlende Geld? Garibaldi konnte sich über den Kreditkarten-Service entweder Reiseschecks oder eine Ersatzkarte ausstellen lassen. Ich finde. Sie wollten Unterhaltung. »Ich weiß nicht. die in einem spanischen Kloster aufgenommen worden waren.und sehr mutig. Sie freute sich über den Fund. Es sollte eine Überraschung für Garibaldi werden. Aber die Hotelgäste interessierten sich mehr für andere Dinge. Während sie die Zeitungen am Kiosk überflog und überlegte. Die Musik würde entspannend und beruhigend wirken. um ihre Spur zu verwischen. und kaufte die Kassette. von einem der Raumschiffe in die oberen Stockwerke befördert zu 434 . Wenn das nicht möglich war. Freunde sehen. Darunter befand sich eine mit gregorianischen Chorälen.« Selbst Kardinal Lefevre im Vatikan schien seine Haltung geändert zu haben. behielt sie die Leute im Auge. die darauf warteten. daß sie diese schwere Prüfung übersteht. während sie beide arbeiteten. Frühstück. was Dr. Alexander tut. als ihr Blick auf die ausgestellten Musik-Kassetten fiel. Catherine fiel ein. Sie ist weder von der Polizei noch von der amerikanischen Regierung offiziell eines Verbrechens beschuldigt worden.« Trotzdem blieb Catherine vorsichtig. würde sie es tun. daß sich in ihrer Suite ein Kassettenrecorder befand. was sie angeblich gestohlen hat. wir sollten sie in Frieden lassen und beten. Dann mußten sie Las Vegas natürlich sofort verlassen. im Atlantis das Leben genießen… Catherine war gerade im Begriff weiterzugehen. Geld gewinnen. weshalb alle diese bedauernswerte Frau verfolgen. kurz gesagt.

»Ich habe neue Batterien für den Laptop besorgt. in der sich ein Videoladen befand. Die Berührung durchzuckte Catherine wie ein Blitzstrahl und erinnerte sie an die Umarmung gestern nacht. um Geld auf zutreiben? Sie war so in Gedanken versunken. Wir müssen nicht ausziehen. Aber dann 435 . Sie hatte jedoch auch von seinen Küssen geträumt. Geld aufzutreiben – genug. fügte er schnell hinzu: »Keine Sorge. Es ist mir gelungen.werden.« Als sie ihn fragend ansah. als er plötzlich am anderen Ende der Halle auftauchte. hielt sie noch einmal nach Garibaldi Ausschau.« Er lächelte sie an. die einsteigen wollten lief quer durch die Halle und erreichte ihn atemlos vor der drei Stockwerke hohen Statue der Göttin Athene. Sie hatte danach unruhig geschlafen und im Traum den Priester gesehen. weil ich mir Sorgen mache. den immer noch Selbstvorwürfe quälten und der in seiner Verzweiflung versuchte. sagte er erstaunt und griff nach ihrem Arm. Sie überlegte. »Warum sind Sie nicht oben im Zimmer?« »Ich habe Sie gesucht. Catherine drängte sich durch die Leute. »Catherine«. mit zwei blutigen Stöcken die Furien zu besiegen.« »In meiner Nachricht stand doch. ob er möglicherweise in einem anderen Spielcasino sei. die ihn verfolgten.« Er legte ihr freundschaftlich den Arm um die Schulter. Garibaldi sah sich um und sagte etwas leiser: »Ich habe gute Neuigkeiten. Sie machte sich Sorgen. um eine Weile damit auszukommen. Was mochte Garibaldi unternommen haben. daß ich nicht lange weg sein würde. Ich stand am Eingang des Spielcasinos und wäre beinahe hineingegangen. daß sie ihn beinahe nicht gesehen hätte.

daß ihre Bemerkung leicht spöttisch und beinahe kokett geklungen hatte. Sie erstarrte. sagte er.« »Und wie…?« »Das erkläre ich Ihnen später«. um die Kassette einzulegen. Ich weiß.habe ich es doch nicht getan. Und ganz besonders sehen sie nicht die Frau an meiner Seite. einer der Portiers habe bei meinem Anblick merkwürdig reagiert. wie hinter ihr die Tür der Suite mit einem lauten Knall ins Schloß fiel.« Er lächelte. nahm ihren Arm und ging mit ihr zu den Raumschiffen. »Bitte. »Was…?« Das Licht ging plötzlich aus. Den Weg kennen Sie ja.« »Was erwarten Sie in diesem Aufzug anderes?« Garibaldi trug die Soutane. ahnten sie nicht. »Tut mir leid. Ich weiß nicht. Catherine wollte sofort zur Stereoanlage. so war es nicht gemeint. aber mein Partner möchte unbedingt persönlich mit Ihnen sprechen«. denn sie hörte. ob ich allmählich an Verfolgungswahn leide.« Garibaldi wich einen Schritt rückwärts und hob 436 . Wenn die Leute mich anstarren. Trotzdem glaube ich. sehen sie den Priester. nicht den Mann. Catherine merkte. »Schon gut. heben Sie die Hände hoch und gehen Sie hinein.« Als sie die Zahlenkombination für ihre Suite eingaben. hörte Catherine eine zynische Stimme. daß sie erwartet wurden. daß es der beste Schutz für Sie ist. »Wir fahren besser nach oben. ich falle sogar in diesem verrückten Hotel auf. Schemenhaft sah sie in dem Vorraum neben Garibaldi eine Gestalt an der Tür. aber ich hatte das Gefühl. und entschuldigte sich sofort. aber sie blieb erschrocken stehen. »Wir haben nicht viel Zeit.

Zeke war im Vorteil. Frau Doktor. Ehe Garibaldi etwas erwidern konnte. ging das Licht wieder an. »Die Schriftrollen«. denn er kämpfte mit dem Messer. hatte ihn Garibaldi bereits an den Haaren gepackt. ihm den Todesstoß versetzen zu können. Sein Kopf traf die Kante. wie die blonden lockigen Haare sich blutig färbten. Garibaldi rettete sich auf die andere Seite des Tischs. Aber dann schlug er dem Mann die Waffe aus der Hand. Garibaldi dagegen hatte keine Waffe. Noch ehe er am Boden lag. als Garibaldi nach einer Tischlampe griff und sie nach ihm schleuderte. wir müssen hier weg!« und griff nach ihrer Hand. fügte sie tonlos hinzu. Sie gehorchte mechanisch wie eine Marionette. und der Killer trieb ihn durch den Raum in eine Ecke. Garibaldi stieß keuchend hervor: »Schnell.« Der Killer mit der Narbe stand mit der blauen Tasche im Zimmer. Catherine sah. »Richtig. »Machen Sie die Zimmertür auf!« rief er Catherine zu. Die beiden Männer umkreisten sich wie Raubtiere. ließ sich blitzschnell fallen und packte ihn an den Beinen. Sagen Sie Ihrem frommen Leibwächter daß er die Schriftrollen bei mir abholen kann! Ich habe noch ein Wort eben mit ihm zu reden. Aber sie riß sich los. verlor das Gleichgewicht und stürzte zur Seite. riß er den Mann hoch und warf ihn in das Zimmer. und die Lampe zerbrach mit einem lauten Knall an der gegenüberliegenden Wand. Kaum war die Tür offen. wo 437 .scheinbar gehorsam die Hände. Er fiel mit einem dumpfen Schlag gegen den Tisch. Zeke glaubte schon. und er blieb leblos liegen. »Nein!« Es klang fast wie ein Schrei. Geschickt wich der Killer aus. Der Mann schwankte.

Sie wußte später nicht mehr. aber es gelang Garibaldi.Zekes Partner noch immer bewußtlos lag. Garibaldi sprang aus dem Stand über den Tisch. ihre Verzweiflung. Der Killer stürzte rücklings zu Boden und riß Garibaldi mit sich. Als sie den lackierten Stock in die Hand nahm. Der Stock traf Zeke wie ein Pfeil. »Hier…«. durchlief sie ein Schauer. »Laufen Sie!« rief Garibaldi noch einmal. Wenn er feststellte. »Nein!« Garibaldi hielt inne. Der Kampf würde nicht mehr lange dauern. den sie ihm reichte. griff er nach dem Stock. Garibaldi riß geistesgegenwärtig den Stock hoch. würde er ihn kaltblütig erschießen und dann… Sie bewegte sich wie in Trance. Als Zeke mit dem Messer nach ihm stieß. Sie wußte. wie es wirklich geschehen war. Er sah ihr Flehen. das Messer abzuwehren. die Beine würden ihr den Dienst versagen. Sie hörte. kniete vor Garibaldis Reisetasche. Garibaldi stand mit dem Rücken zu ihr. Mit einem Fußtritt 438 . ihre Panik und verstand. laufen Sie in mein Zimmer!« rief er Catherine zu und sprang auf den Tisch. Der Killer taumelte rückwärts und drehte sich einmal um sich selbst. »Das wirst du mir büßen!« knurrte der Killer. Catherine stand an der Tür. daß Garibaldi ihm überlegen war. flüsterte sie. In diesem Augenblick warf Zeke das Messer. Aber im nächsten Augenblick stand Garibaldi wieder und hob den Stock zum tödlichen Schlag. sah sie über den Raum hinweg für den Bruchteil einer Sekunde an. »Los. Zeke hatte außer dem Messer noch eine Pistole. Von nebenan hörte sie einen wütenden Aufschrei. Dann ging alles sehr schnell. trat er ihm mit voller Wucht gegen den Arm. Catherine glaubte. Er hatte die blaue Tasche fallen lassen und richtete sich wütend auf. Zekes Hand blutete. wie es klirrend auf die Tischplatte fiel. Ohne sich umzudrehen. was Garibaldi von ihr wollte.

»Kommen Sie. die sie bei dem Kampf erlebt hatte. sich ihm vertrauensvoll überlassen zu können. In das Raumschiff drängte sich eine Gruppe Engländer. und wenn sie aufwachen. wurde ihr übel. Das Blut. kann uns nichts mehr passieren…« Er griff nach der blauen Tasche. griff nach der blauen Tasche und nickte ihr zu. »Wir dürfen kein Aufsehen erregen«. Sie umklammerte die blaue Tasche und versuchte. Wenn wir aus dem Hotel sind. daß sie Garibaldi auf eine neue Art respektierte. Als das Raumschiff in der Hotelhalle anhielt und sie aussteigen wollten. die Brutalität und Gewalt. die bewußtlos im Zimmer lagen. Sie dachte an die Killer.machte er Zeke bewußtlos. Garibaldi hatte nach dem Kampf nur flüchtig einen Blick auf die beiden Männer geworfen und gesagt: ›Sie werden keine schönen Träume haben. wir haben es gleich geschafft. ein Club auf Erlebnisreise. drückte Catherine an sich und legte ihr den Arm um die Schulter. Er ist mein 439 . Die Engländer wollten zum Stierspringen. der Attraktion am Vormittag in der riesigen Hotelhalle. flüsterte er. In diesem Augenblick der Schwäche wußte Catherine. ihre Frauen dagegen wirkten spröde und waren maskenhaft geschminkt. reichte ihr schließlich die Hand und zog sie vom Sitz. ließen sie jetzt noch zittern. Der Brechreiz ließ nach. Sie konnte sich nicht von der Stelle rühren. Garibaldi sah sie besorgt an. das laute Lachen und die anzüglichen Bemerkungen über Stiere und Frauen zu überhören. Sie staunte über das tröstliche Gefühl. Catherine schloß die Augen. sind wir nicht mehr in Las Vegas. Die Männer waren selbstsicher und ausgelassen und benahmen sich beinahe kindisch.‹ Catherine biß die Zähne zusammen.

« Catherine nickte. Der Wettkampf zwischen der Frau und dem Tier begann… Catherine war froh. blieb jedoch unentschlossen stehen. doch das Geschrei und Gejohle der Zuschauer zerrte trotzdem an ihren Nerven. Catherine setzte sich in den weich gepolsterten Sessel und versuchte. »Ich habe mir gestern das Hotel etwas genauer angesehen und einen Seitenausgang entdeckt. Fanfaren und dumpfe Trommelwirbel kündigten den Stier an. Endlich war Garibaldi an der Reihe. Sie können mich von hier sehen. Wann wird die Flucht zu Ende sein? Catherine drehte sich unruhig um und erstarrte.« Garibaldi hatte recht. »Warten Sie hier. fragte sie erschrocken: »Wo ist der Laptop?« »In meiner Reisetasche. Es gelang ihr nicht. Hier sah sie wenigstens nichts von dem aufreizenden Spektakel. Ihre Hände waren naß vom Schweiß. Ihr Herz schlug laut. Am liebsten wäre sie aufgesprungen und einfach davongerannt. es kann einige Zeit dauern. sie atmete flach. bis ich die Rechnung bezahlt habe. sich zu entspannen. Der 440 . Als er sich umdrehte und gehen wollte. er mußte warten. aber keine Angst. als er sie an der Rezeption vorbeiführte. daß Garibaldi sie an das entfernte Ende der Empfangshalle geführt hatte.« Sie hatten eine verspiegelte Pendeltür erreicht. An der Rezeption ist immer viel los. Die Menge verstummte. Garibaldi deutete auf einen Sessel.« Da Catherine sich ängstlich an ihn drückte. fügte er beruhigend hinzu: »Es ist besser so. Nehmen Sie die blaue Tasche.Beschützer. Setzen Sie sich. Er läßt mich nicht im Stich! »Wohin gehen wir?« fragte sie leise. Die Unruhe wuchs.

und sie sprang in Panik auf. Er verfolgte sie. Für den Bruchteil einer Sekunde sah Catherine seine kalten Augen auf sich gerichtet. aber sie war wie gelähmt und rührte sich nicht von der Stelle. Am Ende sah sie einen Lastenaufzug mit dem Hinweis: ›Nur für Angestellte!‹ Daneben befand sich hinter einer Glastür eine Treppe. sah sie den Killer. Als sei sie mit ihm durch unsichtbare Fäden verbunden. daß jemand den Aufzug nach oben holen wollte – der Killer! Sie saß in der Falle. In regelmäßigen Abständen brannten blauweiße 441 . Als sich die schwere Eisentür des Aufzugs langsam schloß. Auch wenn sie den Aufzug blockierte. Catherine hatte das Gefühl zu fallen und klammerte sich an einen Haltegriff.Killer mit der Narbe trat aus einem Raumschiff. Schnell ging sie durch die Tür und befand sich in einem Gang. und sie zuckte wie unter einem Schlag zusammen. Catherine nahm die blaue Tasche über die Schulter und verließ den Aufzug. Catherine war mit einem Satz im Aufzug und drückte auf den Knopf. sich zu bewegen. Plötzlich war sie hellwach. Hatte er sie vielleicht doch nicht bemerkt? Sie mußte Garibaldi warnen! Die Pendeltür bewegte sich. Schließlich ging er in Richtung Rezeption. Ihre Hand berührte den Bronzegriff der verspiegelten Pendeltür. Als sich die Aufzugstür jedoch wieder schloß. Auf der Leuchtanzeige sah sie. die Tür glitt zur Seite. Ihr blieb nicht viel Zeit. Sie befand sich in einem breiten. die verletzte Hand in der Hosentasche. drückte sie schnell den roten Knopf mit der Aufschrift: ›STOP‹. gab es für ihn immer noch die Treppe. Der Killer war nicht zu sehen. Catherine blieb atemlos vor dem Aufzug stehen und drehte sich um. Catherine wagte nicht. Der Aufzug fuhr nach unten. Der Fahrstuhl blieb mit einem Ruck stehen. Er blieb stehen und blickte sich suchend in der Halle um. grün gekachelten Tunnel. drehte sich sein Kopf in ihre Richtung.

dessen ›Untergang‹ zweimal täglich den Hotelgästen vorgeführt wurde. In den Boden war ein Gleis eingelassen. daß sich unter dem Hotel und dem See ein Tunnel befand. der sie wieder nach oben bringen würde. Ihre Angst nahm zu. zu Atlantis. Der Gang war sehr viel länger. Sie lief los. als sie vermutet hatte. aber heftiges Seitenstechen zwang sie schließlich stehenzubleiben. An der Seite sah sie ein Schienenfahrzeug mit einem kleinen Kran. Der Tunnel machte eine leichte Kurve. Wo befand sie sich. Garibaldi hatte ihr erzählt. Sollte sie vielleicht doch umkehren? Der dumpfe Knall einer Eisentür. Ihre Schritte hallten dumpf in der seltsam unnatürlichen Stille Ihr Keuchen klang überlaut. ließ sie zusammenzucken. Ein bedrohliches Brummen oder Summen lag in der Luft. Catherine rannte weiter. Auf einer Tafel neben einer grünen und roten Ampel stand: ›ACHTUNG SCHLEUSE! BETRETEN VERBOTEN! LEBENSGEFAHR!‹ Catherine wußte jetzt. und wohin führte der Gang? Sie blieb verwirrt stehen. 442 . Vielleicht gab es dahinter einen Aufzug. blieb dann aber wie angewurzelt stehen. Hinter der Biegung war alles dunkel. die ins Schloß fiel. Der Killer würde sie einholen und hier unten leichtes Spiel mit ihr haben. Catherine rannte weiter. Sie konnte sich nicht weiter vorwagen. als plötzlich Neonlichter aufflammten. wo sie war. Sie war nicht mehr allein. Die Kurve schien kein Ende zu nehmen. Der Gang wurde eng und bot nur Platz für die Schienen. Die grünen Fliesen wirkten im blauen Licht kalt und lebensfeindlich. Zurück konnte sie nicht. Der Killer schien sich seiner Sache sicher und trieb sie vor sich her.Deckenlampen. der zur Insel führte.

wenn der Tunnel geflutet wurde und Atlantis wieder einmal im Wasser versank. und eine Warnlampe begann zu blinken. Dann stand sie in völliger Dunkelheit. Die Ampel wechselte auf Rot. Sobald ihr Atem wieder etwas ruhiger ging. kamen ihr die Tränen.Havers hatte gewonnen. Die Beine versagten ihr den Dienst. Nur das kalte Eisen der Schienen war trocken. Sie schob den Hebel. Er durfte sie auf keinen Fall direkt hinter der Schleuse einholen. So schrecklich die Dunkelheit auch war. der sich leicht bewegte. Warum habe ich Garibaldi daran gehindert. den Killer umzubringen? In ihrer Verzweiflung wollte Catherine durch das offene Schleusentor in die Dunkelheit fliehen. als sie unter der Ampel einen großen Hebel mit der Aufschrift: ›Lichtschranke‹ bemerkte. Sie trat durch das Tor und sah mit angehaltenem Atem zu. würde sie ertrinken. Als sie sich aufrichtete und vorsichtig einen Schritt zur Seite machte und dann noch einen. Er würde die Schriftrollen bekommen. in die Stellung ›A‹. stieß sie gegen die Wand. Catherine mußte gegen ihre aufsteigende Panik ankämpfen. und sie lehnte sich mit unterdrücktem Schluchzen an die Wand. Er konnte sie einfach erschießen. sie bot ihr im Augenblick den einzigen Schutz. Der Beton war feucht und glitschig. wie die Schleuse den Tunnel verschloß. Der Killer würde nicht lange zögern und das Schleusentor wieder öffnen. Von der Decke tropfte Wasser. betastete sie den Boden. Falls der Killer sie nicht fand und umbrachte. Sie sank auf die Knie. Catherine hörte hinter sich das Hallen von Schritten. Sollte sie aufgeben? Mit der Insel würden auch die Schriftrollen untergehen und 443 . Trotzdem mußte sie weiter. Sie stand gut sichtbar im Licht. Als Catherine zum dritten Mal auf dem glitschigen Boden ausrutschte und beinahe stürzte.

Aber hier auf der Insel schien alles anders zu sein. Dabei war ihr die blaue Tasche im Weg.Sabinas Geheimnis… Garibaldi! Sie konzentrierte sich auf ihn und wurde ruhiger. Aber die frische Luft war wie eine Erlösung. Entschlossen eilte sie weiter. Sie stand auf und rannte weiter. sah sie in einiger Entfernung schwaches Tageslicht. er würde sie nicht im Stich lassen. Die Wand hörte plötzlich auf. Ein dumpfes Grollen ließ sie zusammenzucken. Instinktiv hielt sie schützend die freie Hand vor den Kopf. Das Sonnenlicht war so grell. Sie wußte. Tempeln. Sie biß die Zähne zusammen und kletterte weiter. Bestimmt war ihm nicht entgangen. dessen Gipfel in diesem Augenblick auseinanderbrach und sich in einen feuerspeienden Vulkan verwandelte. hätte sie fast das Gleichgewicht verloren. Sie befand sich in einer Stadt mit bizarren Säulen. Erschrocken sah sie sich um. Statuen und den gespenstischen Fassaden unwirklicher Häuser. Der Gang endete in einem Schacht. Sie konnte sich nicht orientieren und wußte nur: Am Ende versank Atlantis in den Fluten. Als sie sich aufrichtete. 444 . Am anderen Ende der Insel erhob sich ein niedriger Hügel. daß sie die Augen schließen mußte. Als sie sie auf den Rücken schieben wollte. und sie fiel der Länge nach auf den Boden. Ohne zu zögern kletterte sie hinauf. Sie stand im Freien. der senkrecht nach oben führte Catherine entdeckte jedoch Eisensprossen. Sie holte tief Luft und empfand wieder etwas Zuversicht. Atlantis… Catherine hatte das Spektakel bereits mehrmals vom Hotelzimmer aus gesehen. Es muß einen Ausweg geben! Catherine stieß einen durchdringenden Schrei aus und stürzte ins Leere. daß sie aus der Halle fliehen mußte.

Aus den Lautsprechern des Hotels hallte die ›Atlantis-Symphonie‹ herüber. Die Fontänen! Catherine erinnerte sich. Verblüfft drehte sich Catherine 445 . bevor der Killer sie fand und die Insel im See versank. stiegen Fontänen aus unsichtbaren Kratern auf. Schreie. Als sie jedoch in dem dunklen Loch das Licht einer Taschenlampe sah. Sie mußte einen davon erreichen. mit der das Schauspiel des Untergangs eingeleitet wurde. Vorsicht! Sie schien den Schuß und das Einschlagen der Kugel vor sich gleichzeitig wahrzunehmen. die Säule würde erst gegen Ende des Schauspiels auf die Stufen stürzen. Am Fuß der breiten Marmortreppe bleib sie atemlos stehen und drehte sich um. lief sie los. Sie näherte sich dem großen weißen Tempel in der Mitte der Insel. Catherine kniff die Augen zusammen. Aber auch die hohe Säule vor dem Tempel mit der vergoldeten Statue einer Göttin schwankte. Sie rannte weiter. Explosionen und Sturmgeräusche untermalten das Inferno. Am liebsten wäre sie wieder hinuntergestiegen. fing die Erde an zu beben. die wie ein gigantisches Uhrwerk langsam in Bewegung gerieten. Sie war nur eine große Kulisse mit Winden und mechanischen Greifarmen.Unschlüssig stand sie neben dem Schacht. Der Mann wich im letzten Moment aus. Es gab also noch mehr Schächte auf der Insel. Da begann das Wasser die Insel zu überfluten. Wie von Furien gejagt rannte. Der Killer! Die Phantomstadt hatte keine richtigen Straßen und Plätze. stolperte und kletterte Catherine über die seltsamsten Hindernisse. Als sie den Killer mit der Narbe in der Nähe des Schachts entdeckte. Der Kopf einer Statue zersprang auf dem Boden. Sie rannte seitlich am Tempel vorbei und den Hang an der anderen Seite hinunter. Sie wußte. Eine Fassade stürzte ein. Wenn Atlantis auseinanderbrach.

Im dunklen Gang brannte Licht. Noch bevor sie den Tunnel erreicht hatten. Der Killer. Nicht lange und über ihnen würde Atlantis versinken. künstliche Lava strömte den Hügel herab. der auf sie geschossen hatte. Dampf und Rauchwolken wirbelten durch die Luft. Hinter ihnen schloß sich fast lautlos das schwere Schleusentor. lag unter einem umgestürzten Plastikbaum. heulte schrill eine Sirene. und ein Funkenregen ging auf die Insel nieder. aber es war Garibaldi. blinkte bereits die gelbe Warnleuchte. Garibaldi half Catherine auf den Beifahrersitz und fuhr los. und wenn nicht. Garibaldi folgte ihr hustend in die Dunkelheit. Er packte sie am Arm und zog sie weiter. »Was ist mit dem Mann?« fragte Catherine. Garibaldi nahm die blaue Tasche und half ihr beim Einstieg. »Schnell! Kommen Sie!« Er zog sie mit sich. »Er kann bestimmt schwimmen. »Schnell weg hier!« Eine Hand legte sich auf Catherines Schulter.um. Sie zuckte erschrocken zusammen. Vor einem Springbrunnen befand sich der nächste Schacht.« 446 . Es waren die Scheinwerfer eines Schienenfahrzeugs. Wer hat gerufen? Dann hörte sie einen Schrei. muß er es lernen. Als sie sich der Schleuse näherten. der nicht aus den Lautsprechern kam.

Hier auf dieser Seite stand. Er blickte ehrfürchtig auf die Buchseite mit dem Dokument. um ihm zu verraten. Kodizes. Sie konnte es nicht über Internet ausfindig machen. Er hatte sich stets an strenge Prinzipien gehalten. Sein der Wissenschaft verpflichtetes Gewissen lag im Widerstreit mit seiner Liebe. Catherine zu helfen. Doch anstatt erleichtert zu sein. Das Ende der Geschichte. Sein Latein war schlecht. während er etwas anderes suchte.Malibu. daß er schließlich einen Weg gefunden hatte. Julius wußte. Im reproduzierten Text sprang ihm sofort der Name Sabina Fabiana ins Auge. Er hatte das alte Buch von Rabbi Goldman ausgeliehen. daß manche dieser Sammlungen so klein waren. XII. Kalifornien Julius traute seinen Augen nicht. was alle wissen wollten. sie in die weltweiten Datenbanken aufzunehmen. daß Catherine nichts von der Existenz dieses Pergaments wußte. Während er die Einträge studiert hatte. Er war sicher. war er plötzlich beunruhigt. 447 . Jahrhundert‹ aufgefallen. Zur damaligen Zeit war es vermutlich der umfassendste Katalog alter Dokumente. Er war zufällig darauf gestoßen. doch es reichte aus. Es war ein dickes. Er hatte es gefunden. Er fragte sich. Handschriften und Briefe gewesen. Sabina Fabianas Schicksal. ob er ihr überhaupt etwas von der Handschrift sagen sollte. die sich in Privatsammlungen befanden. war ihm eine lateinische Handschrift aus dem Mittelalter mit dem Hinweis: ›Thomas von Monmouth zugeschrieben. vor hundert Jahren erschienenes Werk. Schriftrollen. daß es sich nicht gelohnt hatte. weil er hoffte. auf die Titel alter Papyri zu stoßen.

und er hatte sich den Kopf darüber zerbrochen. in das Archäologische Institut der Universität und von dort zurück zu Rabbi Goldman -.und die wollte er nicht aufgeben. Voss. wenig gegessen und war wie von bösen Geistern gejagt von einem Computer zum anderen gefahren – zuerst zu Rabbi Goldman. wenn er sie unterstützte. Das Telefon klingelte zweimal. hier spricht Camilla Williams von der Nachrichtensendung Augenzeugen. im Internet einen Hinweis auf Fabianus. Er wollte gerade ins Wohnzimmer und zu dem beunruhigenden Dokument zurückgehen. daß er erschöpft aussah. Wir wüßten gerne. ob wir ein Live-Interview mit Ihnen in unsere Sendung einplanen dürfen…« Julius ging in die Küche und schaltete das Gerät ab. waren alle gescheitert. Aber ebensowenig wollte er Catherine im Stich lassen. als er in der Glastür des Mikrowellenherds sein Spiegelbild sah. Seine Versuche. das mit Sabina und den Schriftrollen in Zusammenhang stand. Es bestand immer die Möglichkeit. Es wunderte ihn nicht. indem er ihr von diesem Dokument berichtete. wie sich sein Anrufbeantworter in der Küche einschaltete. danach zur Öffentlichen Bibliothek. aber über die dunklen Ringe unter den Augen und das leichenblasse Gesicht staunte er doch. Erst. Er billigte nicht. widersprach das allen seinen Grundsätzen. drückte es Julius in die 448 . und er hörte. als er Rabbi Goldman die ganze Sache erzählt hatte. was sie tat. den Stecker zu ziehen. Er hatte in den letzten vierundzwanzig Stunden kaum geschlafen. nahm der geduldige alte Gelehrte ein verstaubtes Buch mit brüchigen Seiten aus dem Regal. wie er Catherine helfen könnte. Er dachte kurz daran. tat es aber doch nicht. Fabiana oder etwas. Nach dem Pfeifton meldete sich eine Frauenstimme: »Herr Dr. daß Catherine anrufen würde.

Wo. so fragte er sich. Dr. Nein. sein Blick fiel auf die bequeme Zedernholzsitzgruppe. auf der anderen Seite der großen runden Erde lag Hawaii mit dem Halekulani Hotel. den er und Catherine eines Nachts im Sand gefunden hatten. wie sie in die Vereinigten Staaten gebracht wurden. und trat hinaus in die frische Meeresluft. die dicht am Wasser ein Rennen fuhren. Nein. Sein Blick glitt über den perlmuttfarbenen Pazifik. der sich am fernen Horizont verlor. Kurz danach waren sie vor fünf verrückten Motorradfahrern geflohen. ich weiß nicht genau.« Er hatte Halbwahrheiten zu Protokoll gegeben und versucht. Die Terrasse lag im Schatten. Dann hätte er am liebsten geweint. Catherine zu schützen. gleichzeitig aber auch. war es so. war die Trennungslinie zwischen dem Gewissen eines Mannes und seiner Liebe zu einer Frau? Mußte das eine das andere ausschließen? In diesem Fall. Catherine… Er hatte der Polizei schließlich sagen müssen. dachte er bitter.Hand und sagte lächelnd: »Es ist vielleicht nicht so schnell wie ein Computer aber dafür stürzt der Text nie ab. wo er und Catherine sich ihre Liebe gestanden hatten. was er wußte. Damals hatten sie sich zum zweiten Mal geliebt – am Strand unter den Sternen. ging zur Glasschiebetür. ich weiß nichts über die genaue Fundstelle. »Ja. Er fühlte sich innerlich zerrissen. Er lächelte bei diesem Gedanken. wo tiefe Wolken hingen und einzelne Sonnenstrahlen dazwischen das Wasser küßten. 449 . die Töpfe mit den roten und rosa Geranien und auf den getrockneten Seestern. nicht zu lügen.« Julius fuhr sich nervös mit den Fingern durch die dichten schwarzen Haare. Hinter diesem Horizont. Alexander ist im Besitz von Schriftrollen. die auf die verwitterte Holzterrasse führte.

Wenn er ihr nichts sagte. Doch das Duschen half nicht. die er einen Tag und eine Nacht lang getragen hatte. die Tage und Monate ungeschehen zu machen. hatte ihn der Computer mit einem Warnsignal darauf aufmerksam gemacht. weil er hoffte. was in den Nachrichten über Catherine berichtet wurde. und die Gefahr für sie wuchs. 450 . sagte seine Mutter. Doch es war nur wieder ein Sensationsreporter. Catherine werde anrufen. unterstützte er sie in einer Sache. Julius hoffte. noch einmal neu zu beginnen in einer Zeit der Unschuld und in dem Wissen. Wenn er Catherine etwas von dem Manuskript des Thomas von Monmouth sagte. »Julius. die Uhr zurückzudrehen. Als die E-MailNachrichten von fremden Menschen auf der ganzen Welt eingegangen waren. und der Möglichkeit.Wenn es nur möglich wäre. der Julius Geld für seine Geschichte anbot. daß sie es nicht wagen konnte. die ihm versicherten. die er für falsch hielt. daß sein Kodierungsprogramm geknackt war und seine Post gelesen wurde. Catherine gehe es gut. es zu vermeiden. Er fühlte sich anschließend immer noch so zerschlagen wie zuvor. Dann duschte er und stellte das Wasser so heiß. dauerte ihre Suche Wochen. Catherine hatte recht gehabt. Beim Anziehen dachte er an das Telefongespräch mit seiner Mutter an diesem Morgen. Sie hatte ihn sehr aufgeregt angerufen. es sei Catherine. daß seine Haut krebsrot wurde. nachdem sie gehört hatte. was kommen würde. und er lauschte. Das Telefon im Haus klingelte wieder. vielleicht sogar Monate. Wütend auf sich und auf seine Hilflosigkeit ging Julius ins Haus zurück und zog die Sachen aus. obwohl er wußte. du trägst eine schwere Last«.

Julius fühlte sich so erfrischt. als hätte er gut gegessen und tief geschlafen. Der Himmel über Malibu war strahlend blau. an die Lade mit den Thora-Rollen. dich zu führen.« Er dachte: Ich werde zur Synagoge gehen und beten.»Trag sie nicht allein. vor wem du stehst. sah er. was er zu tun hatte. Während 451 . an die brennende Lampe. und an die hebräische Inschrift über der Lade: »Wisse. daß er es oberflächlich tat und mit seinen Gedanken bereits bei dem bevorstehenden Tag war. Doch als er im Geist die Stimme seines längst verstorbenen Vaters hörte. die symbolisierte. alle Verwirrung und Unsicherheit schienen verschwunden. zog die oberste Schublade der Kommode im Schlafzimmer auf und holte den Tallit und die Tefillin heraus – den Gebetsschal und die Gebetsriemen. Bitte ihn. legte Julius die Autoschlüssel wieder beiseite. blickte auf die Wiedergabe der mit Malereien verzierten Handschrift in Rabbi Goldmans Katalog und sah seinen Weg deutlich vor sich. doch er wußte sehr wohl. Gib dich in Gottes Hand. der sagte: »Baal Schem-Tow hat uns gesagt: ›Er ist überall dort zu finden. bewußtes Gebet nehmen. Sein Geist war klar. In der Küche wählte er die Nummer der Redaktion von Augenzeugen und fragte nach Camilla Williams. daß die Sonne den Kampf gegen die Wolken gewonnen hatte. wo man ihn einläßt‹«.« Plötzlich dachte Julius an die tröstliche Atmosphäre der Synagoge. Zwar verrichtete Julius regelmäßig das Morgengebet. An diesem Morgen würde er sich die Zeit für ein richtiges. Er ging ins Wohnzimmer. Als er nach langer tiefer Versunkenheit den Blick vom Gebetbuch hob. Er wußte jetzt. daß das Licht der Thora nie erlöschen werde.

von der die Legende berichtet. daß sie gestorben war. »Über die siebte.er auf die Verbindung wartete. das eine Darstellung der letzten Tage der Sabina Fabiana enthielt – die Umstände und den Ort ihres Todes. wanderte sein Blick zurück ins Wohnzimmer und zu dem bemerkenswerten Buch. »Sie hinterließ sechs Schriftrollen über Alchimie und Zauberei«. hieß es in der Handschrift. denn sie wurde nie geschrieben.« 452 . ist nichts bekannt. sowie die Tatsache. bevor sie ihre Geschichte zu Ende erzählen konnte.

sagte der Taxifahrer. C. Catherine nahm kaum etwas von den berühmten Bauwerken und Denkmälern wahr. hatte Garibaldi Reiseschecks besorgt. »Alles in Ordnung?« flüsterte er. Nach der Ankunft hatten sie sich auf dem Flughafen 453 . Ein Schauer lief ihr über den Rücken. jetzt am Abend war die Luft schneidend kalt.Washington. die gekauften Kleidungsstücke hatten sie zurückgelassen. Das kostet nichts extra«. D.C. D. daß es minus 5 Grad waren und das Thermometer weiter fiel. so sagte man ihnen. Garibaldi seine Reisetasche und den Laptop -. die ihre Hand umschlossen. »Aber ich nehme bei Besuchern. Sie war sich nur der Wärme der Finger bewußt. Bei ihrer Flucht aus Las Vegas hatten sie nur ihre persönlichen Dinge mitgenommen – Catherine die blaue Sporttasche. Sie nahmen den nächsten Flug. die zum ersten Mal hier sind. schloß die Augen und dachte sofort wieder an den Kampf und die Flucht aus dem Hotel Atlantis. Sie haben mich nicht darum gebeten«. Sie waren um Haaresbreite mit dem Leben davongekommen. Tagsüber. fügte er freundlich hinzu. der Las Vegas verließ. Sie blickte auf Garibaldis Hand hinunter. am liebsten diesen Weg. seien es gerade null Grad gewesen. Sie nickte. als das Taxi langsam durch die verstopften Straßen rollte. Dann sind alle Denkmäler angestrahlt. Bei ihrer Ankunft auf dem Flughafen hatten sie festgestellt. besonders in der Weihnachtszeit. Wie sich herausstellte. die in der kalten Dezembernacht im Lichterglanz strahlten. der ihre Hand hielt. »Ich weiß. und die Kerzen am Weihnachtsbaum auf dem Rasen vor dem Weißen Haus brennen. Die Maschine brachte sie nach Washington.

berichtete der Taxifahrer. Garibaldi ging zum Zimmernachweis-Schalter. Er hätte den Killer mit dem lackierten Stock umgebracht. Schals. Seitdem fiel es ihr sehr viel leichter. stellte er unter Beweis. »Also«. Er hatte ihr bewiesen. Handschuhe und Strickmützen befanden. Catherine sah Garibaldi nachdenklich an. in denen sich auch ein friedfertiger Mann blitzschnell in einen Kämpfer verwandeln mußte. wenn sie ihn nicht daran gehindert hätte. Ohne sein Pangamot wären sie beide nicht mehr am Leben. als sie Garibaldi aus seinem Alptraum geweckt und er sie in die Arme genommen hatte. geisterhafter Finger in den Himmel ragte. »Im Radio sagen sie. um eine Unterkunft zu finden. »was glauben Sie? Was wird an Silvester geschehen? Kommt der Weltuntergang oder eine schreckliche Katastrophe?« Er lachte leise.getrennt. daß er die tödliche Kraft. in denen sich Daunenjacken. wirklich unter Kontrolle hatte. die er kultivierte. sagte sie leise mit einem Blick auf den Laptop 454 . »Übernachtung und Frühstück«. »Zwei separate Zimmer. fuhr er fort und blickte fragend in den Rückspiegel. sagte er. ihm wirklich zu vertrauen… »Wir müssen so schnell wie möglich wieder ins Internet«. es wird wahrscheinlich schneien«. als sie am Washington-Denkmal vorbeifuhren. ›separate Zimmer‹ bedeutete. Garibaldi hätte seine beiden Gegner im Handumdrehen töten können. das wie ein anklagender. und Garibaldi mit der Nachricht daß er etwas für sie gefunden hatte. daß es im Leben Situationen gab.« Catherine wußte. Eine halbe Stunde später trafen sie sich wieder: Catherine mit Einkaufstüten. Als er darauf verzichtete. Catherine machte sich auf die Suche nach einem Geschäft für Winterkleidung. es bestand keine Gefahr einer Wiederholung der Episode der Nacht im Atlantis.

Seitdem verfolgt er uns.« »Wo haben Sie Ihre Uhr?« Er räusperte sich und blickte stumm aus dem Wagenfenster. nicht wahr?« »Bei unserer Ankunft im Atlantis habe ich in der Halle das Firmenschild eines Antiquitätengeschäfts gesehen. ich habe etwas voreilig gehandelt.« Sie sah ihn an. wir brauchten das Geld. War das alles nur ein böser Traum. daß Vater Pulaski nichts dagegen gehabt hätte. wenn ich meine Soutane trage.« Er zögerte.und schob die Erinnerung beiseite. habe ich die Uhr verkauft.« Er seufzte und schüttelte den Kopf. »Sie scheinen zu vergessen. als man mir die Brieftasche gestohlen hat. An dem Abend.« 455 . »Ihr Freund Daniel hatte Ihnen gesagt. für alle Fälle.« »Aber sie hat Ihnen so viel bedeutet…« »Ich gestehe. Der Killer muß mich in Santa Barbara wiedererkannt haben. Aber ich war in Panik und dachte. das rund um die Uhr geöffnet ist. es wäre ein Schutz für Sie. Er nickte und drückte ihre Hand. daß die katholische Kirche unbegrenzten Kredit hat. »Verstehen Sie. »Woher haben Sie eigentlich das ganze Geld?« Er lachte verlegen. murmelte Garibaldi kaum hörbar. »Sie haben Vater Pulaskis Uhr verkauft. die Geld brauchen. als sie am Jefferson-Denkmal vorbeifuhren. »Ich dachte. daß der Mann von Havers unter den Schaulustigen stand. Catherine schloß die Augen. Statt dessen habe ich eine klar sichtbare Spur hinterlassen. als Sie beide das Lager im Sinai verlassen haben. Außerdem glaube ich. Die Kunden sind natürlich vor allem Spieler. aus dem sie nicht erwachen konnte? »Es ist alles meine Schuld«. Ich war ebenfalls dort.

Auf der Suche nach Garibaldi war sie ebenfalls in dem Antiquitätengeschäft gewesen. die anderen wissen. als er vor einem Reihenhaus im Föderationsstil anhielt. Dann hört das Gelächter auf. Das Gästehaus befand sich in der N Street. wie einem Jungen vor Mitgefühl die Tränen über die Wangen laufen. denn Catherine weiß. die Neue. Die Kinder verstummen.« Catherine legte verstohlen die Hand an ihre Brust. Aber sie wußte. daß sie sich schämt. Das war immer so gewesen… Danno… Wieder stellten sich die Erinnerungen ungerufen ein. denen Damen in Abendkleidern und Herren im Frack entstiegen. In dem Prospekt. fügte er hinzu. »Eine sehr gute Gegend«. Die anderen Kinder fangen an zu kichern und zu lachen. Sie steht während des Unterrichts auf einem Hocker vor der Klasse. Der Junge ist Danno. in dieser Gegend wohnt die Prominenz«. wo das Jaguar-Amulett gehangen hatte. Der Besitzer hatte ihr für den Maya-Anhänger nicht annähernd soviel bezahlt. Sie spürt etwas Nasses an ihren Beinen. »Hier. Catherine Alexander. »Dort wird die eigentliche Politik gemacht!« Er deutete zum Ende der Straße. ein paar Kreuzungen von der Georgetown-Universität entfernt. den Garibaldi vom Zimmernachweis am Flughafen 456 . steht auf dem Hocker und macht in die Hose. Sie sieht. daß die Kirche Ihnen unbegrenzten Kredit einräumt?« Er lachte. wo an einem Eckhaus teure Wagen und Limousinen vorfuhren. sagte der Fahrer beruhigend. die Sache ist ihnen peinlich. »Sie sind wirklich mit Komplimenten nicht sparsam. wie er ihrer Meinung nach wert war. daß Danno sie ebenfalls verstanden hätte. und er wird sie später vor ein paar Raufbolden beschützen. Die Stille ist schlimmer als das Gelächter.Sie nickte und sagte dann lächelnd: »Haben Sie vielleicht daran gezweifelt.

werden sie uns hier verlieren. Catherines im ersten. Sie sind der Herr. »Ich nehme an. Darauf habe ich diesmal geachtet. Garibaldis Zimmer lag im zweiten Stock. treten Sie ein«. die das Rot des Backsteinmauerwerks gliederten. das Gästehaus gehöre zwei verwitweten Schwestern. das zu einer Wohnung umgebaut worden war. Selbst die Frau beim Zimmernachweis weiß nicht. stand.« Auf dem Flug von Las Vegas nach Washington hatte Garibaldi den Priesterkragen abgenommen. »Treten Sie ein. ein ruhiges Spiel. der vom Flughafen angerufen hat«. als der Fahrer ausstieg und ihre Sachen aus dem Kofferraum nahm. länger hier zu bleiben. Catherine blickte auf den weiß lackierten Holzzaun. welchen Flug wir genommen haben. die sich ein Bad am Ende des Flurs teilten. Im offenen Kamin brannte ein Feuer. daß sie plötzlich den Wunsch hatte. Im Erdgeschoß befanden sich ein elegantes Eßzimmer. Alle diese Räume standen den Gästen zur Verfügung. Es sah alles so einladend und wohnlich aus. die schindelgedeckten Dachgauben und die schönen weißen Rahmen von Fenstern und Türen.und Lesezimmer und ein geräumiges Wohnzimmer. fuhr sie fort und bat Catherine und Garibaldi. sagte er leise zu Catherine. Sie lebten im Untergeschoß. »Hierher können sie unsere Spur nicht verfolgen«. Im obersten Stock konnten bis zu acht Gäste wohnen. Die Flammen vervielfältigten sich als Spiegelbilder im glänzenden Schmuck des Weihnachtsbaums. die sie an der Tür begrüßte. »Es ist 457 . daß ich ein Priester bin. »Auch wenn sie herausfinden. Im ersten Stockwerk gab es drei Zimmer mit Bädern. ihr ins Wohnzimmer zu folgen.mitgebracht hatte. sagte eine freundliche Frau. Das Haus stammte aus dem Jahr 1790 und hatte eine interessante Geschichte. den gepflegten Vorgarten.

erwiderte sie. Sie hielt sich den leuchtend roten Schal vor das Gesicht und hatte die passende Strickmütze so tief in die Stirn gezogen.« »Natürlich«. Ja. aber…« »Eigentlich. darf ich Ihnen einen Sherry anbieten? Die meisten Gäste sind ausgegangen.« »Wenn es möglich ist. sagte er und zog die schwarze Jacke aus. O’Toole. O’Toole. Ihrer Schwester fehlt nichts. Garibaldi. »Also. überlege ich…« Sie sah ihn mit großen erwartungsvollen Augen an. würde ich gern gleich auf mein Zimmer gehen«. und…« »Genaugenommen«. und ich komme in ein paar Minuten mit einem Glas Sherry nach. strahlten ihre Augen. In meinem Haus bekommt jeder Gast zur Begrüßung einen Sherry!« Sie wandte sich an Garibaldi. O’Toole das schwarze Priesterhemd und das kleine Goldkreuz sah. Wir werden Sie nicht belästigen. Mrs. wie schrecklich.« Er sah Catherine nach. »Ich nehme beim Fliegen den Kragen immer ab«. »Lucy wird Sie hinaufbringen. ich verstehe. »Natürlich!« erwiderte Mrs. O’Toole. Vater Garibaldi.wirklich sehr kalt heute abend! Bitte geben Sie mir Ihre Jacken. »Ich hoffe. »Ja?« »Ich habe etwas Dringendes für meinen Monsignore zu 458 . sagte Catherine. Mr. Ich bin Mrs. »Bin ich Vater Garibaldi. »Sie hat vor kurzem einen sehr guten Freund verloren…« »Ach. Warum setzen Sie sich nicht ans Feuer. »Sonst kann ich mich im Flugzeug nicht entspannen. sagte Garibaldi und lächelte verlegen. die Catherine am Flughafen für ihn gekauft hatte. Sie wird darüber hinwegkommen müssen.« Als Mrs. daß man nur ihre Augen sah. als sie die Treppe hinaufstieg.

« »Vielen Dank«. und kann über nichts anderes als Computer reden. fügte sie schnell hinzu: »Warten Sie. Benutzen Sie ihn. »Mein Computer muß repariert werden.« Als sie sein enttäuschtes Gesicht sah. den ich mir kurz ausleihen könnte. »Wo stellt er ihn immer hin? Ach ja. sagte Garibaldi.« »Computer?« sagte sie.erledigen. Mein Enkel benutzt einen Computer. Vater.« »Ich überlege. wissen Sie. und leider ist mit meiner Festplatte etwas nicht in Ordnung. Es war ein Spielcomputer für Kinder. 459 . Dann sah er. wo vor einem Fernseher drei Sessel standen. hier neben dem Fernseher ist er. solange sie wollen. Niemand hat etwas von einem Computer gesagt.« »Oh. ich habe ganz bestimmt keinen. worauf sie deutete. daß Sie ihn benutzen. Im Augenblick ist er nicht da. Er ist in diesem Alter. »Wie bitte?« Er hielt den Laptop hoch. »Wissen Sie. Ich bin sicher. wenn er zu Besuch kommt. An der Wand sah er ein Klavier. ob Sie möglicherweise einen Computer haben.« Garibaldi folgte ihr ins Nebenzimmer. »Wollen wir mal sehen…« Sie drehte sich langsam um. Bitte kommen Sie mit. Und meine Gäste… Ich weiß nicht.« Ihr Lächeln gefror. er hätte nichts dagegen. Vielleicht ist ja auch unter Ihren Gästen jemand mit einem Computer. aber er hat den Computer hier gelassen.

erwiderte Raphael und grinste. 460 . ein Priester hat zwei Tickets gekauft.Las Vegas. sagte er. »Ich habe sie gefunden«. Nevada Raphael kam zurück zum Wagen. stieg ein und steckte seinen falschen FBI-Ausweis in die Jackentasche.« »Wohin?« »Zum Besuch beim Präsidenten«. in dem Zeke vor dem Flughafengebäude auf ihn wartete. »Die Frau am Schalter von Delta sagt.

DER ELFTE TAG 461 .

und daß andere unruhig werden und Angst bekommen. Der Platz einer Frau sei im Haus. Für manche Menschen ist der Tod wie ein 462 . im Handel oder in einem Beruf betätigen. Philos war den ganzen Tag bei den Männern in der Stadt. Ich sah. hörte er mir nicht zu. Da ich keine Familie hatte. daß ich beobachten konnte. wie er den Tag verbracht und was er gelernt hatte. 24. um die ich mich hätte kümmern müssen. verschwand nach kurzer Zeit unter irgendeinem Vorwand in seinem Arbeitszimmer und schloß die Tür. Ich weiß. auf welch unterschiedliche Weise die Menschen sterben. daß ich regelmäßig in das Hospital im Isistempel ging und den Schwestern half. die den Tod in Würde und Ruhe erwarten. die Kranken und Sterbenden zu pflegen. Ich konnte etwas medizinischen Beistand leisten.Freitag. am Herd und bei der Familie. sagte er. Ebensowenig wußte er. was ich gelernt hatte. was ich während meiner Freundschaft mit Satvinder gelernt hatte. ihnen den Weg in die nächste Welt zu erleichtern. aber meist saß ich nur an den Betten der Sterbenden und versuchte. Er kam abends nach Hause und erzählte mir. Philos ahnte nicht. und da mein Ehemann nur selten zu Hause war. er war der Meinung. Doch wenn ich anfing. daß es Menschen gibt. ihm von meinem Tag zu erzählen und davon. Und so kam es. daß sich Frauen in Geschäften. Dezember 1999 Die Liebe kam auf völlig unerwartete Weise. die täglichen Ereignisse einer Frau seien für ihn nicht wichtig. Als Grieche hielt Philos nichts davon. konnte ich mir meinen Traum erfüllen und die Botschaft des Gerechten verbreiten.

das gesehen zu haben. aber wir sterben auf unterschiedliche Weise und jeder zu einem anderen Zeitpunkt in seinem Leben. das da ist. die nichts davon hören wollten. Die Ägypter glauben. und wieder andere haben viele Fragen. andere fürchten sich nach dem Übergang in die Geisterwelt vor schrecklichen Foltern und großen Qualen. Doch der Weg lehrt. Während der Wochen und Monate im Isistempel wurde ich Zeugin einer universellen Wahrheit: Wir sterben alle. Viele behaupten. sondern glaubt. »Mein Geist wird dorthin gehen. aber ich habe sie nie gesehen. daß nur jenen. die der Botschaft des Gerechten folgen. Anhänger anderer Religionen glaubten. daß sie sich auf die Reise an einen neuen Ort begaben. Ich erlebte oft. sprach ich zu ihnen von der Botschaft des Gerechten. sagten die anderen. »Wir werden dort einen neuen Körper bekommen«. der zu uns gesagt hat: »Ich bin vor der Zeit von allem.langer Schlaf. Ich halte die Schlüssel des Todes und des Lebens in meiner Hand. Alle anderen werden zugrunde gehen. und ich lebe. starben in Frieden. Manche waren davon überzeugt. die sich ohne jeden Glauben auf den Weg in das Jenseits vorbereiten mußten. die diese Botschaft annahmen. Ich hielt Ausschau nach der davonfliegenden Seele. die Seele verlasse den Körper durch die Nase in Gestalt eines Vogels. Wenn ich an den Betten der Menschen mit einem starken Glauben saß und bei anderen. als Wind über die Welt zu wehen oder auf alle Ewigkeit in dunkle Höhlen 463 . wo meine Ahnen sind«. sagten die einen.« Jene. Ich habe den Tod erlitten und das Leben gefunden. ein Leben nach dem Tode bestimmt ist. fürchtet euch nicht. Doch es gab andere. wie die Kranken die Augen schlossen und ihren letzten Atemzug taten. Ich habe es nie beobachtet. die da sind und kommen. ich bin am Ende aller Dinge.

Philos säuberte und verband die Wunde. schloß die Tür und arbeitete bis spät in die Nacht. sondern ein Fremder. So kam es. Philos warnte den Verletzten aber vor der Infektionsgefahr. er habe überhaupt nichts gespürt.hinabzusteigen. weil wir. Philos untersuchte ihn und erklärte. Aber er war mit seiner Alchimie beschäftigt und mit der Suche nach einem Elixier. das ewiges Leben schenkt. Er zog sich in sein Arbeitszimmer zurück. niemals alle rechtzeitig mit seiner Botschaft erreichen können. der Pfeil könne nicht herausgezogen werden. Als ich das hörte. Als ich den Ast losließ. denn ihn trieb der Wunsch. daß er nicht länger mein Mann war. Er wollte den Mann in einen künstlichen Schlaf versetzen und den Pfeil dann mit einem Skalpell herausschneiden. befestigte eine Schnur daran und verknotete das andere Ende am Pfeilschaft. daß der Mann staunend erklärte. in dessen Haus ich lebte. Ich zog einen starken Zweig nach unten. vor dem Wundbrand und der Möglichkeit. in dessen Bein eine Pfeilspitze steckte. daß er das Bein verlieren werde. faßte ich mir ein Herz und sagte. Wir brachten den Verletzten auf meine Anweisung in den Garten zu einem Baum. die Anhänger des Gerechten. und er zurückschnellte. Eines Abends brachte man einen Verletzten zu uns. die Wahrheit der alten Überlieferungen zu beweisen. Er las und führte Experimente durch. und der Mann ging davon. Aber meine Verzweiflung wuchs. zog er den Pfeil mit sich. 464 . Er würde sein Bein nicht verlieren. An diesem Abend kam Philos in mein Zimmer – denn wir hatten damals getrennte Schlafzimmer – und fragte mich. Ich hörte ihnen zu und lernte etwas über die vielen Vorstellungen vom Leben nach dem Tod. es gebe eine andere Möglichkeit. über die andere spotteten. Es ging so schnell. Ich wollte mit Philos darüber sprechen.

nach dem Dichter. Obwohl ich eine Anhängerin des Gerechten war. glaubte ich. Wir haben jetzt ein Kind. denn wir stünden unter dem Schutz des römischen Adlers. Unser Sohn wurde neun Monate später geboren. Ich erzählte ihm von Satvinder.wo ich diese Methode gelernt hätte. Aber es sollte nicht sein. die während des Goldenen Zeitalters. Als ich hörte. und sie taufte ihn. daß Britannien unser Ziel war. Ich behielt Pindar. als die Menschen unter den Unsterblichen lebten. Ich hoffte. an das wir denken müssen. in Britannien aufgerichtet worden waren. Können wir Cornelius Severus nicht verlassen und nach Hause reisen?« Doch Philos hatte von riesigen Steinen gehört. wir hätten nichts zu befürchten. das Kind unserer Liebe. Wir erzählten uns gegenseitig von den wunderbaren Dingen. das es jemals unter den Menschen gegeben hat. Und so schifften wir uns nach Britannien ein. wo die Priesterinnen unseren Sohn segneten und noch einmal tauften. wie viele andere der Gemeinde. Ich brachte ihn zum Diakon der Gemeinde. er werde vielleicht zurück nach Antiochia versetzt werden. Danach trugen wir ihn in den Tempel des Hermes Logos. Er sagte. (Perpetua schreibt: »Sabina lacht. bekam ich Angst. immer auch noch an die Macht des Hermes und seiner Worte. die wir in Indien gesehen und erlebt hatten. an dem Cornelius Severus einen neuen Auftrag erhielt. Als der Morgen graute. Ich sagte zu Philos: »Britannien ist nahe der Rheingrenze. bei mir. liebten wir uns mit unseren Körpern und den Herzen. 465 . und ich würde endlich meine Heimat wiedersehen. Wir blieben die ganze Nacht wach und redeten zum ersten Mal in unserer Ehe wirklich miteinander. Der Tag kam. Und er war das schönste Kind.«) Wir nannten ihn Pindar.

WERDE ICH DIE SCHRIFTROLLEN VERBRENNEN!»»» Es folgten Aufnahmen eines Hauses am See. wann Jesus zurückkommen wird. das zwischen hohen Bäumen stand.Santa Fe. daß es sich nicht um die flüchtige Archäologin handelte. New Mexico »Jahrtausendtollheit und der Wahnsinn im Internet!« Erika unterbrach das Einpacken der Weihnachtsgeschenke. daß eine heitere Meldung folgen würde. wäre heute beinahe vom FBI festgenommen worden. der heute morgen auf den Monitoren der Beamten erschien. »Die untergetauchte Dr. ist eine Wiedergabe des Textes. Der Sprecher fuhr fort: »Das FBI verfolgte die Spur des Teilnehmers bis zu diesem abgelegenen Haus auf der Bainbridge-Insel. Was Sie im Augenblick auf Ihrem Bildschirm sehen. Dr. Die 466 . Sie sagen auch. Catherine Alexander. als die Behörde erfuhr.« «@CaAlex »Die Schriftrollen sagen den Weltuntergang voraus. die Internet überwachen. Alexander habe sich auf einem Kanal im Internet zu Wort gemeldet. »Wie das FBI den Aufenthaltsort der Verdächtigen ausfindig gemacht hat. um die Fernsehnachrichten zu sehen. Es stellte sich allerdings heraus. wollen wir kurz für alle jene erklären. sondern um eine Hausfrau aus Seattle. Und wenn die Bullen mich nicht in Ruhe lassen. nach der die Polizei bisher ergebnislos fahndet. Das FBI wurde heute morgen auf eine falsche Fährte gelockt. bei denen das Computer-Zeitalter noch nicht begonnen hat. Die Sprecherin verriet durch ihr Lächeln.« Der Kollege der Sprecherin fügte lachend hinzu.

erklärte. Gastwirtin Barbara Young. in der sie manchmal nicht genug Geld für einen halben Liter Milch besaß. Aber wie verpackt man den Titel eines Lords? Sie hatte Miles zum letzten Weihnachtsfest des Jahrtausends ein ganz besonderes. ihn zu erwerben. Weitere Nachrichten zum Thema Jahrtausendwende…« Erika stellte den Ton ab und griff nach dem Geschenk für Miles. Erika hatte sich das gemerkt und auf eine Gelegenheit gehofft.000 Dollar verkauft worden war. wie unbekümmert sie inzwischen mit Geld umging. den sie haben wollte. daß in England ungefähr zwanzigtausend Adelstitel zum Verkauf standen.« Die Sprecherin wurde wieder eingeblendet. 467 . Erika dachte daran. nicht zu vergessen. daß sie sich für Miles nicht mit einem beliebigen Titel zufriedengeben konnte. Als Miles 1990 erfahren hatte. Tatsächlich stand der Titel in diesem Jahr wieder zum Verkauf. Als sie jetzt nach dem richtigen Papier für die polierte Schatulle aus Wurzelholz suchte – das wertvolle Dokument war erst an diesem Morgen aus London eingetroffen -. ein einmaliges Geschenk machen wollen. Dafür brauchte sie ganz besonderes Papier. sich zum Beispiel Lord oder Lady of the Manor zu nennen. hatte das Recht. »Die Beamten des FBI fanden das nicht sehr lustig. sie habe sich nur einen Spaß erlaubt.computerbegeisterte Besitzerin. daß der Titel des Lords von Stratford-upon-Avon für die Rekordsumme von 228. Es gab nur einen. hob sie den Kopf und blickte hinaus auf die schneebedeckten Sangre de Cristo-Berge. hatte sie sich nach Einzelheiten erkundigt. Es war schwer. wußte Erika. Als sie las. erwähnte er. Obwohl bereits das sehr reizvoll klang. Wer einen solchen Titel kaufte. daß es einmal eine Zeit gegeben hatte. daß er diesen Titel gern selbst gehabt hätte.

Er hatte heute morgen beim gemeinsamen Frühstück den Satz aus einem Buch zitiert: »›Suchst du nicht ein Licht. daß ihr der Atem stockte und das Geschenkpapier ihren Händen entglitt. die Zeit vor vielen Jahren. in all diesem Reichtum. Plötzlich begriff Erika etwas. Und wo war ihr Zuhause? Nicht hier. daß sie aus einem Werk stammten. Wo dann? Zu Hause ist die Vergangenheit.Ihre Finger strichen über das goldgehämmerte Geschenkpapier in ihren Händen. Vor dem Krieg… Nun war es heraus. erstaunt über diese schlichte. blickte sie auf die vielen Geschenke. klang biblisch. anderes nicht. die so klar und überwältigend war. das er ihr zu Weihnachten schenken wollte. Das war die eigentliche Ursache ihrer Unzufriedenheit in letzter Zeit. die ein anschaulicher Beweis ihres Reichtums waren. du. »Ich suche tatsächlich den Weg nach Hause«. Es würde Miles ähnlich sehen. Erika wußte nicht. Erika erkannte. wo er sie fand. daß sie den Keim dieser Erkenntnis 468 . doch es gefiel ihr alles. Ja. Während ihr der Satz immer wieder durch den Kopf ging. flüsterte sie. als Miles noch nicht den Durchbruch geschafft hatte… Sie erinnerte sich an die Worte von Miles. aber wahre Erkenntnis. die sie wie eine Offenbarung empfand. ich suche das Licht. Damals. und plötzlich erfaßte sie eine überwältigende Sehnsucht nach einem einfacheren Leben. vermutete jedoch. Manches. auf diese Weise ihre Neugier zu wecken. der du von Dunkelheit umgeben bist? Suchst du nicht den Weg nach Hause?‹« In letzter Zeit überraschte er sie häufig mit solchen Zitaten. Ich suche den Weg nach Hause. was er zitierte. bevor… Bevor? Erika hatte noch eine Offenbarung. als sei ein Schleier von ihren Augen gezogen worden.

widersprach seinem 469 . daß dieser Krieg das Leben Tausender zerstört hatte. in denen sie ihre Kinder großgezogen hatte und die Ehefrau des inzwischen beinahe legendären Miles Havers gewesen war. Erika wußte. Er war ohne einen Kratzer zurückgekommen. Aber sie hatte geahnt. war ein anderer Mann als der. Er brauchte keine psychologische Beratung. Aber nun. wie andere Ehefrauen es von ihren Männern berichteten. Der Mann. keine Selbsthilfegruppen. Miles hatte nach dem Krieg wie ein kleines Kind geschlafen. Zum ersten Mal seit dem Ende des Krieges stellte sie sich wieder die Frage: Was hat ihn so verändert? »In Vietnam gibt es keine Tiger.schon lange in sich getragen hatte – genaugenommen seit drei Jahrzehnten. der sie irgendwie verwirrte. den sie 1968 einen Tag vor seiner Abfahrt nach Vietnam geheiratet hatte. der Tatsache ins Auge zu sehen. Es hatte keine Alpträume gegeben. daß Miles sich in Vietnam auf beunruhigende Weise verändert hatte – er war fröhlich zurückgekommen. Sie hatte es sich nur nie eingestehen wollen. und mit einem eigenartigen Optimismus. nach dreißig Jahren. der zurückgekommen war. er habe die Kraft des Tigers in sich. Miles war mit einem seltsamen neuen Ehrgeiz zurückgekommen. zwang sie sich. Die Erlebnisse in Vietnam hatten Miles anders geschädigt. in denen Erika es nicht hatte wahrhaben wollen. daß es in ihrem Fall irgendwie anders war. den sie vorher nie an ihm bemerkt hatte. aus denen er schreiend aufwachte. Er sprach nicht über seine Kriegserlebnisse. Mann!« Perez. Er lächelte nur und sagte. er litt nicht unter Depressionen oder an Schuldgefühlen. Unteroffizier Manuel Perez.

so erkannte er. Erstens: Sie waren so weit von ihrem Regiment entfernt. veränderte die Prioritäten eines Menschen. ihr Oberst war offensichtlich verrückt geworden. Jungs!« rief er ihnen von der Spitze des desolaten. und das machte ihnen noch mehr angst. völlig ausgehungert. Die Männer der kleinen Kampfeinheit ahnten zwei schreckliche Dinge. Sie haben es auf uns abgesehen.Vorgesetzten. daß ihre Nerven unter der Anspannung zu 470 . Der Hunger. bunt zusammengewürfelten Trupps her zu. Im Basislager. Aber er tat das nicht in Hörweite des Oberst. Jetzt gab es keine Verpflegung mehr. Es war Sommer 1968. Es hatte tagelang nicht aufgehört zu regnen. Während die Sintflut das Land in einen Sumpf zu verwandeln schien. als sie im Gänsemarsch durch den dampfenden Dschungel marschierten. und seine Phantasien kreisten um das Essen. Perez mochte tollkühn sein. Sie waren sich der Allgegenwart der Vietkong so sehr bewußt. Sie mußten weiter. Vor zwei Tagen hatten sie die letzten Essensrationen aufgebraucht. Sie hatten seit langem weder ein Dorf noch ein Reisfeld gesehen. Gefreiter Miles Havers. Befanden sie sich überhaupt noch auf südvietnamesischem Gebiet? Zweitens. schlugen das Zelt ab und waren jetzt. in welche neue Hölle sie diesmal geraten waren. überließ er sich sexuellen Phantasien. wo sie genug zu essen hatten. »die gelben Teufel sind in der Gegend.« Daran mußte er seine Männer nicht erinnern. zwanzig Jahre alt. Doch es gab etwas Schlimmeres als den Hunger. aber ein Selbstmörder war er nicht. hockten die Männer in einem stinkenden Zelt und fragten sich. daß sie sich wahrscheinlich bereits hoffnungslos verirrt hatten. hatte noch nie in seinem ganzen Leben einen solchen Hunger gehabt. »Hört mal her.

macht dich stärker‹« Der Oberst hatte sich verändert. Der Oberst hackte sich einen Weg durch das dichte Unterholz und rief fröhlich: »Denkt immer daran. Alle lauschten auf das metallische Klicken von Patronen. das stehe irgendwie in einem Zusammenhang mit dem Hubschrauber. Aber wieso. um Himmels willen? Damit er auf seine verrückte Tigerjagd gehen kann. Sie machten das Gehen zu einer ganz neuen Herausforderung. Aber weshalb hatte der Oberst dabei den Hörer in der Hand gehalten? Sag es nicht! Der Oberst hatte den Hörer in der Hand. der den Major und den Leutnant abgeholt hatte – oder das. Miles glaubte. Der Oberst hatte ihnen gesagt. »Der 471 . denn das wäre das Signal gewesen. sagte der Oberst und zog einen aufgeweichten Zigarrenstummel aus der Tasche seines Tarnanzugs. an das Funkgerät zu denken. die überall auf den Dschungelpfaden in getarnten Fallgruben steckten. Der Oberst hatte danebengestanden und eingehend das Blut des Majors an seiner Hose betrachtet. es sei im Schlamm begraben worden. die in die Kammer einer AK-4 gedrückt wurden. als sie der sintflutartige Regen überraschte. Jungs«. Selbst das Sonnenlicht auf ihren Gesichtern schien sie wie Sandpapier wundzuscheuern. weil er das Funkgerät absichtlich zerstört hat. mit einem Kugelhagel von 350 Geschossen in der Minute den Dschungel in einen Fleischwolf zu verwandeln.zerreißen drohten. Aber noch schlimmer war die Bedrohung durch PimgiPflöcke – angespitzte grüne Bambusrohre. was der große Sün Tse gesagt hat: ›Was dich nicht umbringt. »Tiger jagen allein. Dabei hatte er gelächelt und gesagt: »Ich werde den Tiger finden…« Deshalb konnte Miles nicht aufhören. was von ihnen übriggeblieben war.

Tiger legt auf der Suche nach Beute bis zu zwölf Meilen zurück und verläßt sich mehr auf seine Augen als auf den Geruchssinn. erschöpften Männer hinter ihm hertrotteten. um ihre Jungen zu schützen. ein Tiger springt niemals hoch in die Luft oder macht zu große Sätze. Dabei setzt er die Pfoten behutsam auf und verharrt immer wieder regungslos. ohne auf ihn zu hören. nämlich Hirsch und Wildschwein. und sie hat einen Dorfbewohner getötet. »hinten. Jungs. Jungs. verkriecht er sich in das Unterholz und wartet auf den richtigen Augenblick. Und er hört erst auf. Es ist eine Tigerin. erreicht er sie mit wenigen Sätzen. Inzwischen hat sie dreizehn Menschen getötet und gefressen. Jungs. Dann schleppt der Tiger sie ins dichte Unterholz und frißt sie über einen Zeitraum von mehreren Tagen auf. Dabei beginnt er immer«. während seine ausgehungerten.« Er steckte die angerauchte Zigarre in den Mund und sprach zwischen den Zähnen weiter. Beim Reißen der Beute befinden sich seine Hinterbeine fest auf der Erde. »Die eigentliche Jagd ist sehr eindrucksvoll. Offenbar fand sie mehr Geschmack an Menschenfleisch als an ihrer üblichen Beute. Ein Tiger greift von der Seite oder von hinten an. Sobald er die Beute erspäht. »Der Tiger. Die Leute in der Gegend 472 . ist ein Menschenfresser. denkt immer daran. Der Oberst fuhr in seinem Vortrag fort: »Die Beute wird am Hals gepackt und umgeworfen. Wenn er die Beute anfällt. Der Tiger bewegt sich geduckt und mit erhobenem Kopf sehr langsam und vorsichtig. wenn von dem Opfer nur noch Haut und Knochen übrig sind. sagte der Oberst grinsend. um sie anzuspringen. den wir suchen.« Der Trupp überquerte unter den üblichen Vorsichtsmaßnahmen einen kleinen Bach.« Er lachte zufrieden. und.

« Goldstein brachte eine Schachtel Camel zum Vorschein und reichte sie herum. sagte er. die bis zu den Zähnen mit sowjetischen Panzern und Artillerie bewaffnet ist. daß er und alle anderen es geschafft hatten. der immer größer zu werden schien. es ist eine Brigade. aber sie waren alle zu nervös. Eine Brigade der nordvietnamesischen Armee. um die Zigaretten anzuzünden. der Oberst hat nicht mehr alle Tassen im Schrank. überlief es Miles jedesmal eiskalt. Mann. Es war sonderbar. ohne den Männern irgendwelche Erklärungen zu geben. Nur der Oberst besaß noch einen.« Miles überprüfte zum hundertsten Mal das Magazin seines automatischen Revolvers und schob ihn wieder in 473 . »Ich habe gehört. In der Mitte der Pupillen befand sich ein beängstigender schwarzer Fleck. Mit den Augen des Oberst stimmte etwas nicht. Miles mußte immer wieder an die Kompasse denken. sagte Jackson. der einzige Schwarze des Trupps. was für ein Scheiß«.nennen sie Seelendiebin. hab ich einen Hunger. was zum Teufel suchen wir hier überhaupt?« »Wir jagen einen Tiger«. Perez sagte leise: »Der Oberst hat wirklich eine Macke. erwiderte der Oberst. Plötzlich war ihm der Oberst unheimlicher als die Vietkong oder die ganze nordvietnamesische Armee. weil sie vierzehn Seelen gestohlen hat. der ihn gehört hatte.« »›Patrouille‹. Wohin zum Teufel führte er sie? »Sperrt eure Augen und Ohren auf. Ich meine. und grinste. O Gott. und er blickte hin und wieder darauf. Wenn er sich umdrehte und seine Männer ansah. Jungs«.« Perez schloß auf und murmelte Miles zu: »Wenn du mich fragst. »In der Gegend ist eine Vietkong-Patrouille gemeldet worden. ihren Kompaß zu verlieren.

Man findet ihn im Schnee und im Bambus. sagte Perez. »jetzt habe ich aber wirklich Angst. Es war ein 3er Ithaka. Seine andere Waffe hing über der linken Schulter und schien mit jedem Schritt schwerer zu werden. murmelte der junge Smart mit klappernden Zähnen. Er lebt überall. »Jetzt«. »Was ist. »Ein großer Tiger. tötete man damit sehr schnell und wirkungsvoll. »Die größte Spezies der Katzenfamilie.« Er lachte leise. »warum wir diesen Tiger jagen?« Der Oberst blieb wie angewurzelt stehen. »Den Tigern gehört die Welt. glauben Sie nicht…« »Panthera tigris!« rief der Oberst fröhlich. Sie haben es auf uns abgesehen. im Regenwald und in der Wüste.« »Sir. und weil es die Kugeln horizontal streute. obwohl er ein paar Schritte vor ihnen ging. Er hatte keine eigene 474 . flüsterte der junge Smart.« Das Ponderosa war eine ehemalige französische Villa im Hauptquartier in Saigon.« »Darf ich fragen. die inzwischen als Bar diente. aber wie ein Zwölfjähriger aussah. Feldwebel«. wo es ihm paßt. Ich habe im Ponderosa davon gehört.« Er drehte sich wieder um und marschierte weiter. drehte sich um und warf einen erstaunten Blick auf seine Männer. das liegt auf der Hand. Es flößte Miles eine ungeheure Angst ein.das Halfter zurück. »Man sollte glauben. ein Selbstladegewehr. mein Junge. der achtzehn war. Es ist mit Sicherheit unsere Menschenfresserin. Unteroffizier Perez. Sir«. »He. »Hier ist ein Tiger.« Auch Miles hatte Angst. wenn wir wirklich einen Tiger finden?« Der Oberst hörte die Frage. haben sie mir versichert. zum ersten Mal in diesem absurden Alptraum von einem Krieg. Vietkong sind in der Gegend.

aber mit einer gewissen Schärfe. Er wollte in die USA und zu Erika zurück. Schlemmen? Was?. Er wußte. sagte der Oberst. Da ihre Mägen knurrten. flüsterte Smart. hätten sie alle am liebsten gefragt. »Bleibt cool«. die daraufhin in tausend Stücke zerrissen wurden. Er verteilte die Blätter wie Hostien und ermahnte die Männer: »Ihr müßt gut kauen. Unteroffizier«. die Männer auf die Suche nach etwas Eßbarem zu schicken?« »Das ist nicht nötig. bevor die Nacht zu Ende ist. dessen jungenhaftes Kinn große Pickel zierten. die an Coffein erinnerte. wieder lebend aus dem Gemetzel herauszukommen. »Sir«. sagte Perez.« Die Augen der Männer in den hageren. Ihr werdet schlemmen. Der Saft ist das Wichtige daran. »sollen wir uns vielleicht von jetzt ab wie Pferde von Gras ernähren?« Perez zog nachdenklich die Stirn in Falten und blickte in die ängstlichen Gesichter der anderen. Sie rollten Splittergranaten in die Zelte von Offizieren. ob er seinen Einberufungsbescheid verbrennen und nach Kanada flüchten sollte. »habe ich die Erlaubnis. »Hier ist eine kleine Vorspeise. Er blieb stehen und pflückte dunkelgrüne Blätter von einem großen Strauch. um euch Appetit zu machen«. verdreckten Gesichtern wurden groß. kauten herzhaft auf 475 . sagte Perez. mein Junge. daß die Blätter nicht schlecht schmeckten – ähnlich wie Spinat. der mit ungewöhnlich roten Blüten übersät war. Es kam immer häufiger vor. machte er bereits Liegestützen in einer Kaserne. was sie dachten. daß sich Mannschaften von ihren Vorgesetzten ›trennten‹.« »He. folgten sie dem Beispiel des Oberst. Es stellte sich heraus.Meinung über das Töten. Als er sich überlegte. Jetzt richtete sich sein ganzer Ehrgeiz jedoch darauf.

fuhr der Oberst fort. Es war nur ein abgestorbener Baum.den Blättern herum und schluckten sie hinunter. »sind sehr muskulös. erklärte der Oberst. spitze einziehbare Krallen. Miles stellte fest. »Die Vorderbeine und Schultern eines Tigers«. schön…«. Bald leuchtete der Dschungel in neuen Farben. Die Luft verfestigte sich und wurde zu Seide. daß seine Ohren überempfindlich wurden. daß er den Nebel hörte. Von plötzlichem Heißhunger gepackt. seufzte Jackson. Er schloß die Augen und öffnete sie wieder. um die Hebelwirkung der mächtigen Kiefer zu verstärken. als sie anhielten. Sie hörten Vogelrufe. Der junge Smart seufzte: »Waaauuuu…« Perez hielt sich eine Hand vor die Nase und schnupperte am Handgelenk. Miles spähte durch die dicken Lianen und Schlingpflanzen und sah in einiger Entfernung eine leuchtend rote Pagode aus dem Dunst aufsteigen. und einmal. er höre. 476 .« Goldstein begann zu summen. Die feuchte Erde schien unter ihren Stiefeln sanft zu seufzen. Überall schienen Smaragde zu hängen. Er lächelte glücklich. und an den Pfoten hat er lange. Unsere Tigerin ist eine starke Mutter. als wanderten sie über die Brüste einer Frau. um noch mehr Blätter zu pflücken. schwor Miles. »Wahnsinn. Ihre geschwungenen Dächer strahlten golden. Der Schädel ist kurz. die wie das Lachen kleiner Mädchen klangen. der sich auf der anderen Seite der Welt in die Bucht von San Francisco wälzte. wie sich die Blüte einer Orchidee entfaltete. rissen sie immer mehr Blätter von dem Strauch und stopften sie sich gierig in den Mund. »Tiger jagen nachts«. Er hätte schwören können. Die Pagode verschwand. als die Sonnenstrahlen im Dschungel verblaßten.

Auch Miles sah nichts außer einer dunklen Lichtung. Im letzten Jahrhundert wurde er nahezu ausgerottet. um auf eine Lichtung zu spähen. fuhr er flüsternd fort und teilte Elefantenohr-Blätter. »Da ist sie!« sagte der Oberst mit gedämpfter Stimme und blieb so unvermittelt stehen. »Da ist sie!« Wahrhaftig tauchte die Bestie auf der Lichtung auf. daß es den Männern den Atem verschlug. Ihr Fell wirkte im fahlen Mondlicht wie Schnee. Doch die Maschine löste sich auf und wurde wieder zu einem gewöhnlichen Steinhaufen. dehnten sich aus und nahmen die ursprüngliche Größe wieder an. dachte Miles.Miles blieb stehen und betrachtete eine große glänzende Popcorn-Maschine. »ist der indochinesische Tiger. »Großer Gott«. mandelförmigen Augen in die Richtung der Männer. Ist sie nicht schön?« Die Männer spähten durch das Laub. »Was ihr da seht. die zwischen den Farnen stand. daß Smart ihn anrempelte. Er ist dunkler gefärbt als der indische und heller als der südchinesische Tiger. murmelte Goldstein. Sie hörten es – weiche Pfoten auf dem modrigen Boden. Aber irgend etwas bewegte sich im Gras. Miles schmatzte in Erwartung der salzigen. Das Licht des gerade aufgegangenen Mondes trieb seine Spiele mit den Naturgesetzen: Formen veränderten sich. auf der das Gras wie Perlmutt schimmerte. gebutterten Popcorns. Sie leckte sich mit einer überraschend 477 . Sie war so schön. Es war eine altmodische Maschine auf einem Karren mit großen Rädern und einem Aufbau. Wieso wittert sie uns nicht. »Ich sehe keinen Tiger«. hauchte der junge Smart. der wie ein Zirkuszelt aussah. Jungs«. Es war eine schöne schlanke Tigerin mit elegant geformten Hinterbeinen. Die Bestie drehte den Kopf und blickte mit schräg geschnittenen. durch den in dramatischen schwarzen Streifen die Erde zu sehen war.

sagte er triumphierend und ging daran. griff mit beiden Händen in den offenen Leib und begann. als er rief: »Greift zu. verrieb eine Handvoll klebriges Blut auf seiner weißen Haut. daß das Herz der Tigerin noch schlug. Sie sank mit einem lauten Gurgeln ins Gras. Die Männer bemalten sich mit roten Streifen und lachten wie Kinder unter dem Rasensprenger an einem heißen Sommertag. Dann war der Oberst auf den Knien. Während er auf dem festen Herzmuskel kaute. Als Miles näher kam. die schwarzrote Leber. Der Oberst richtete sich furchtlos auf. Der Tiger stieß ein fürchterliches Gebrüll aus. Sie stopften sich voll mit dem Tigergeist und prahlten damit. »Bries«. Das warme Blut tropfte. Er hätte schwören können. wie sein Magen knurrte. Plötzlich erstarrte sie jedoch. Perez tauchte als erster die Arme in den offenen Leib. als er es in zwei Teile schnitt und Jackson eine Portion zuwarf. zückte das Messer. und flüchtig wirkten sie beinahe wie die einer Frau. Dann spürte er. Därme. waren sie bis zu den Ellbogen rot. die Seele der Seelendiebin zu essen und vielleicht sogar die Seelen der Menschen. und er stürzte sich ebenfalls auf das rohe Fleisch. Jungs!« Die ausgehungerten Männer zögerten nicht. es zu verschlingen. als wittere sie Gefahr. und als er sie zurückzog. Magen. die sie gefressen hatte.rosafarbenen Zunge die Lippen. schoß und traf die sechshundert Pfund schwere Raubkatze mitten in die Brust. Ihre Augen standen offen. Er hielt etwas Gelbes in den Fäusten. warf er einen Blick auf das Gesicht der Tigerin. der weiße Bauch blitzte auf. Der Oberst rannte auf die Lichtung. Er öffnete das Tier mit einem Schnitt von der Kehle bis zu den Lenden. die Innereien herauszuholen – Nieren. Miles zog das Hemd aus. schob er energisch einen Gedanken 478 .

was haben die Kerle denn gemacht? Es sieht aus. und dabei sind sie nicht einmal verwundet…« »Sieh dir ihre Gesichter an. im Militärkrankenhaus von Saigon aufgewacht zu sein. wie jemand sagte: »Mein Gott. sondern Kreaturen.« »Ich habe etwas gesehen…« Jahre später hatte Miles aus heiterem Himmel einen Anruf erhalten. Perez.beiseite. Goldstein und Jackson behaupteten später. rief mitten in der Nacht an und sagte: »Ich habe nachgeschlagen. Sie war noch nicht tot. Unteroffizier Perez. Smart. Sie hörten den Hubschrauber nicht kommen. sie waren keine denkenden Männer mehr. der ihn verfolgte. Sie haben etwas gegessen.« »Aber was? Da war doch nichts. sie könnten sich nur daran erinnern. Doch Miles hatte nicht vergessen. und er gehört hatte. häßlicher Gedanke. als hätten sie in Blut gebadet. die nur noch die nackte Lust am Überleben kannten. wie sie die Lichtung verlassen hatten. Der Gedanke verschwand. daß sie an Bord des Rettungshubschraubers gekommen waren. der inzwischen als Anwalt in West Virginia lebte. als der Oberst sie aufgeschlitzt hat. Miles? Es war doch ein Tiger? Wir haben doch einen Tiger gegessen?« 479 . In Vietnam gibt es keine Tiger! He. und später wußte keiner von ihnen. Es war ein unangenehmer.

saß ihr die Angst im Nacken. Seit sie den Killern in Las Vegas so knapp entkommen waren. O’Toole war sehr entgegenkommend und ließ Catherine die Mahlzeiten auf ihr Zimmer bringen. frisches Obst und starker Kaffee. Hinter ihr lagen elf fast schlaflose Nächte. frischen Blumen und der englischen Seife im Badezimmer gefiel ihr gut. »wo alle Bibliotheken ihren Benutzern Zugang zum Internet anbieten. erwiderte Garibaldi. das sichere Haus zu verlassen. Vor elf Tagen hatte Hungerford mit der Sprengung das JesusFragment ans Tageslicht gebracht. Sie wollte herausfinden. ob jemand etwas entdeckt hatte. um nach einer möglicherweise existierenden Kopie der Texte oder nach der siebten Schriftrolle zu suchen. Wann würde sich das ändern? Mrs. nach Informationen über Tymbos zu suchen. »Sind Sie sich der Ironie bewußt?« fragte Garibaldi. Aber die Bibliotheken sind geschlossen. Catherines Zimmer mit einem Himmelbett. weil heute Heiligabend ist.« Catherine warf verstohlen einen Blick über die Schulter zurück. als sie durch die ruhige Straße gingen. D. Hier ist der ideale Ort.C. 480 . während ihnen der kalte Wind ins Gesicht blies. an die Hawksbill-Gruppe gewandt hatte. dem handgenähten Quilt. Garibaldi hatte an diesem Morgen mit ihr gefrühstückt: selbstgemachtes Gebäck. »Wir sind hier in einer Stadt«. um an einen Computer heranzukommen. »Welcher Ironie?« Catherines Stimme drang gedämpft durch den dicken Wollschal. Sie waren gezwungen. seit sich Catherine mit der Bitte.Washington. der beinahe ihr ganzes Gesicht bedeckte. Omelett mit Käse. Drei Tage waren vergangen.

daß beim Kauf jedes 481 . Die Frauen kauften ›Butterfly 33‹. denn jeder kaufte sich mit seinen Produkten die Fahrkarte in das neue Jahrtausend. die neueste interaktive Romanze auf CD-ROM. betraten das Geschäft.« Über dem Aufgang zur Dianuba-Software-Abteilung hing ein Transparent. Drinnen drängten sich die Käufer. Niemand wollte zurückbleiben. »Ich verstehe das nicht«. daß die Leute in langen Schlangen geduldig vor den Kassen standen. Computerspiele und Software-Pakete von Dianuba Technologies waren die großen Hits. was er meinte. murmelte Garibaldi.Wenn sie nur nicht weiter fliehen müßten und sich hier eine Weile ausruhen könnten… Sie bogen um die Ecke auf die Wisconsin Avenue. während sie sich einen Weg durch die Menge bahnten. Er war zweifellos ein Idol und verkörperte die Zukunft. Vor ihnen stand Miles Havers! Dann sah sie zu ihrer Beruhigung. Kein Wunder also. und Garibaldi rief: »Da!« »Wie bitte?« Sie blickte über die Straße und wußte sofort. daß es sich nur um einen lebensgroßen Aufsteller aus Pappe handelte. und im Schaufenster hing ein Plakat. Sein Konzern beherrschte den Markt. Er ist für sie eine Mischung aus Superman und Weihnachtsmann. Auf der Suche nach den Vorführ-Computern stießen sie überall auf den Pappmann ›Havers‹. Dort stand. auf dem stand: TESTEN SIE UNSERE NEUESTE SOFTWARE FÜR INTERNET KOSTENLOS Sie liefen über die Straße. Ein weihnachtlich dekorierter Computerladen. »Die Leute verehren diesen Verbrecher wie einen Helden. und Catherine bekam einen Riesenschreck.

kämpften in virtuellen Welten und entdeckten den Spaß. Ein Verkäufer redete auf eine Frau ein. was ihr angeboten wurde. Das bedeutete. gemeinnützigen Regenwald-Stiftung von Miles Havers zugute komme. klickten sich durch die Angebote im Web. Die Vorführ-Computer waren von Neugierigen umlagert. Garibaldi hielt Wache. Auf dem Computer war die sehr schnelle Scimitar Software installiert. während sie arbeitete.und Entpackungsprogramm. Mit einem Mausklick war sie im IRC. in Ihrem Fall werden die komprimierten Daten nach dem File Transfer eingelesen und für Sie auf den Bildschirm gebracht…« Die junge Frau nickte unsicher. der man ansah. Erleichtert sah sie den Eintrag: #hawksbill. Vor allem Jugendliche standen an den Tastaturen. sagen wir. aus Anchorage. Alaska? Kein Problem. dann sind Sie im Ver. »Dieses Feature ist kostenlos in das Dianuba-Sicherungsprogramm KeepOut installiert. Garibaldi warf einen Blick auf den ›Superpreis‹: dreihundert Dollar! Als endlich ein Computer frei wurde. Auf dieses Symbol klicken. daß sie absolut nichts von all dem verstand. an Live-Diskussionen teilzunehmen. Und das Besondere: Brauchen Sie eine große Datei. Sie suchten in den Foren nach Angeboten auf den ›Schwarzen Brettern‹ und brachten die Drähte zu den Nachrichten der Welt zum Glühen. eroberte sich Catherine geistesgegenwärtig die Tastatur. die Gruppe war Online. »So werden Massen manipuliert!« stieß Catherine wütend hervor. und der Verkäufer legte ihr strahlend das ›Komplettpaket für die Verbindung zum Daten-Highway‹ in den Einkaufswagen. 482 .beliebigen Artikels ein bestimmter Anteil des Preises der privaten. das heißt.

hörte sie eine Stimme hinter sich. Wenn Havers die Sache mit ›Hawksbill‹ herausgefunden hatte. sagte der junge Mann und deutete auf den Bildschirm »Wenn Sie nichts dagegen haben. flüsterte sie. Der junge Mann wich zurück und verschwand in der Menge. daß er sich einen Namen aus dem Roman zugelegt hatte und nur auf ihr Auftauchen wartete. und auf der rechten Bildschirmhälfte erschien: #janet i. Sie war versucht. »Was kann ich Ihnen über die neue Scimitar 483 . daß sich Catherine über IRC meldete. Sie sah zu Garibaldi hinüber. Ich zeige Ihnen. Aber der Verkäufer würde sie nicht mehr lange in Ruhe lassen. Catherine wußte. »Wacht endlich auf!« sagte sie etwas lauter. das Sicherste wäre gewesen. Sie seufzte und blickte auf den Bildschirm. begrüßte er sie höflich.Natürlich würden sie staunen. Der Verkäufer hatte sie erreicht. »Seht ihr mich denn nicht? Ich bin es. sich einzuwählen. Aber ein anderer des gut trainierten Verkäuferteams wurde auf sie aufmerksam. Sie können mir ja dabei zusehen. »Scheint nicht viel loszusein«. einen unsichtbaren Kanal zu schaffen. Jetzt mußte sie warten. würde ich gerne die Software ausprobieren. Sie starrte auf den leeren Bildschirm mit ihrem Namen – @janet – und hoffte. wie…« Catherine bekam einen eindrucksvollen Hustenanfall. Deshalb tippte sie: /join #janet. war es möglich. wagte es aber nicht. »Nun beeilt euch schon«. der mit seinen Fragen einen Verkäufer ablenkte.« »Verzeihung«. Catherine blickte in ein lächelndes Gesicht. drückte die Eingabetaste. Janet. Aber dann hätte sie keiner aus der Hawksbill-Gruppe gefunden. daß einer der Hawksbill-Leute ihn entdeckte und Kontakt aufnahm. »Guten Tag«.

Sie blickte auf die Uhr. wo nur ihr Name stand und darauf wartete. faßte den Verkäufer am Arm und sagte: »Entschuldigung. sagte der Verkäufer und war froh. Und so konzentrierte sie sich auf den Bildschirm. Er war lauter als der erste. die erkältete Kundin verlassen zu können. könnten Sie mir etwas über die nahtlose Integration von FTP in die WorkPlace-Shell von OS/2 sagen?« Catherine senkte den Kopf und hustete in ihren Schal. »Selbstverständlich.cudenver. »Außerdem sind viele dieser Kanäle in Europa. «SERVER»Sugar!~kharvey@scgrad. »Ja natürlich«. Der leere Bildschirm mußte sie irgendwann ungeduldig oder argwöhnisch machen. Er drängte sich durch die Umstehenden. auf IRC wird im Augenblick nicht viel los sein. wissen Sie.« Er griff nach der Tastatur und wollte etwas eingeben. Dort ist es bereits Abend und Zeit. ihr Gesicht zu zeigen.edu. daß hinter ihr andere Leute unruhig auf eine Freifahrt durch das Internet warteten.co.« Nachdem sie weg waren.Software erzählen? Eine Frage: Sind Sie bereits mit Internet vertraut?« Er blickte auf den Monitor. Die Leute machen alle Weihnachtseinkäufe!« fügte er eine Spur herablassend hinzu. »Ach. hallo. die Weihnachtsgeschenke auszupacken. »Was soll ich Ihnen zeigen? Haben Sie vielleicht Probleme mit UNIX? Ich werde Ihnen zeigen. wie es geht.demon. «SERVER»Jean-Luc! fmason@ouray. Wie lange stand sie schon hier? Sie spürte. hätte Catherine am liebsten Mütze und Schal beiseite gelegt. Bitte kommen Sie mit.uk. daß sich jemand meldete. 484 . und Garibaldi hörte sie. hallo. Mit diesem verblüffenden neuen…« Catherine bekam wieder einen Hustenanfall. Aber sie durfte nicht riskieren.

Telnet. Man hatte sie entdeckt! «Janet »Hi. «SERVER»Carlos!mongo@dianuba.DialUp. [DOGbert] Ich will nicht sterben.us. du kannst nicht mehr hierher kommen. [Carlos] Wir glauben dir.brad. die behauptet hat. nicht Hawksbill. «SERVER» Benhur! ~George@Sebakal. Catherine wollte sich gerade erkundigen. wir haben auf dich gewartet.ac.com. ob jemand Tymbos gefunden habe. Hoffentlich schnappen sie dich nicht. [SpaCeman] Aber nicht uns. hallo. als wieder ein Kunde kam und sich hinter sie stellte.Catherine hätte vor Erleichterung beinahe laut gejubelt.Polaris. [Jean-Luc] Janet. hallo. [sugar] Janet: hast du das mit der Frau aus Seattle gehört. [BENHUR] Janet: Fröhliche Weihnachten [sugar] Was sagen die Schriftrollen??? Geht die Welt an Sylvester unter? Soll ich mich mit Prankie verabreden oder einfach zu Hause bleiben und sterben? Hahahaha «SERVER»Trilogy! Atomba@ix-orl-22.ix. wir haben dein Bild in den Zeitungen gesehen. hallo. sie wäre du? 485 . [Jean-Luc] Janet. hallo. daß ihr mich entdeckt habt. Du bist sehr hübsch. Der nächste Hustenanfall vertrieb jedoch auch ihn. [BENHUR] Noch nicht. [Jean-Luc] Janet.vetcom. Das FBI überwacht die IRC Kanäle. Leute!!! «SERVER»Maynard! ~rismith@ alice. [Sugar] Hi!:))) «Janet »Großartig.

TrilogY auch ich… auch ich wünsche dir Glück. «SERVER»Dogbert hat sich verabschiedet. Catherine blickte enttäuscht auf den Bildschirm. -) Nach einem schnellen Blick über die Schulter tippte Catherine: »Habt ihr Tymbos gefunden?« [Jean-Luc] Kein Tymbos. falls Dr. [sugar] paß auf dich auf :-) sugar küßt Janet (((umarmt sie))) «SERVER»sugar hat abgeschaltet. ob 486 . Sie werden es wieder für einen Witz halten. [TrilogY] leider nein!!!! [sugar] Wir haben es versucht. damit sie nicht so schnell agieren. Alexander wirklich selbst einen Kanal einrichtet. Sie wußte nicht. die sie nie getroffen hatte und vermutlich auch nie treffen würde. «SERVER»TrilogY hat sich verabschiedet. [Jean-Luc] Wirst du jemals zu uns zurückkommen? Catherine blickte auf den Monitor und las die Worte und Gesten von Menschen. Wir schaffen andere Kanäle. Seid ihr das gewesen? [TrilogY] Wir dachten. Es ist hier nicht sicher. das würde die Polizei und alle von deiner Spur abbringen ):-p [Jean-Luc] Wir geben falschen Alarm.:( [BENHUR] Überall…. ihr geht.[SpaCeman] Und das FBI hat sie aufgespürt:))) «Janet »Ja. Dann tippte sie: «Janet »An alle: Es ist besser. [DOGbert] viel Glück! * DOGbert umarmt Janet.

«SERVER»Maynard hat sich verabschiedet. «SERVER»Benhur hat sich verabschiedet. Auf dem Bildschirm standen nur noch zwei Namen:«@Janet und Jean-Luc. «SERVER»Spaceman hat sich verabschiedet. Waren sie zwanzig oder siebzig? Lebten sie in den Vereinigten Staaten? «Janet »Jean-Luc: wahrscheinlich nicht. Danke für eure Hilfe. [Jean-Luc] Janet… «Janet»Ja? Es dauerte eine Weile.›sugar‹ eine Frau war oder ›spaCeman‹ ein Mann. bevor eine Antwort kam: [Jean-Luc] Vielleicht treffen wir uns im neuen Jahrtausend… /leave DISCONNECT SERVER NO CARRIER 487 . * Janet umarmt euch alle. «SERVER»Carlos hat sich verabschiedet.

Wer wollte da behaupten. O ja. wie weit der Wahn der Verblendung um sich gegriffen hatte. Kardinal Lefevre erinnerte sich an den denkwürdigen Augenblick vor vier Jahren. Die Telefone im Vatikan standen keinen Augenblick mehr still. und es ging eine Flut von Telegrammen aus aller Welt ein. als zwanzigtausend Seiten Handschriften plötzlich in den Cyberspace entlassen wurden und auf diese Weise Menschen auf der ganzen Welt mit einem Klicken der Maus Bilder aus mittelalterlichen Miniaturen und illuminierten Handschriften auf ihren Bildschirm rufen konnten.Der Vatikan. daß es nicht der Aufmacher der New York Times oder der italienischen Oggi war. nahm ihr in den Augen des Kardinals nichts von der Wirkung. Der Vatikan war 1995 an das Internet gegangen. Diese Schlagzeile machte nur deutlich. der hinter einem Schreibtisch an einem Computer saß. nickte er dem diensthabenden Priester zu. sondern nur die Schlagzeile eines amerikanischen Sensationsblattes. die Kirche gehe nicht mit der Zeit? Der Vatikan hatte in den neunziger Jahren sehr umsichtig den Schritt in das Computer-Zeitalter gemacht und würde auch im nächsten Jahrtausend auf 488 . deren geprägte Bronzeplakette die Aufschrift Archivio Secreto Vaticano trug. Rom Kardinal Lefevre sah die Schlagzeile: »FRAU BERÜHRT PHOTO EINER ALTEN SCHRIFTROLLE UND IST VOM KREBS GEHEILT!« Die Tatsache. es hatte auch hier Veränderungen gegeben: Nun standen Computer im Archiv. Auf dem Weg zu der Tür. in denen die Heilkräfte des sogenannten Jesus-Fragments bestätigt wurden.

das sich in aller Klarheit mit den Aufgaben und Pflichten von Theologen beschäftigte.seine Weise die Massen in aller Welt beeinflussen. – Catherine Alexander‹ versehen. auf deren Loyalität die Kirche zählen konnte. Kurz zuvor hatte ihm ein Kurier einen Umschlag mit Photos überbracht. ›Geheim‹ bedeutete in diesem Fall nicht versteckt und ganz sicher nicht verboten. Das Geheimarchiv war natürlich Wissenschaftlern und Studenten zugänglich. Daneben gab es Anmerkungen in Tinte: das Datum des 17. numeriert und mit den Initialen ›C. Der Kardinal betrat einen der großen Räume. Theologen im Fachbereich Archäologie waren davon nicht 489 . Natürlich waren es nicht alle Photos. A.12. Lefevre wußte. Es hatte Tage gedauert. die inoffiziell aktiv geworden waren. der tatsächlich geheim war. sondern bis hinunter zu Angehörigen der Polizeibehörde von Santa Barbara. nicht nur zu hohen Beamten. das nicht ignoriert werden durfte – nicht von Kardinal Lefevre. Dezember 1999. auf den der Entwurf eines Dokuments zurückging. eine Aktennummer und die Initialen eines Polizeibeamten. Dort lagerten in Gewölben mit dicken Mauern Tausende nicht erfaßter und katalogisierter Schriften. Eigentum der Kirche. An diesem kalten Nachmittag des vierundzwanzigsten Dezember verließ Kardinal Lefevre jedoch den öffentlichen Teil der Bibliothek und verschwand im hinteren Bereich. einem Mann. um Seine Eminenz davon zu überzeugen. 99 -. daß Catherine Alexander auf dem Sinai etwas gefunden hatte. Man hatte auf diesem Weg nur ein paar besorgen können. sondern schlicht ›privat‹. daß die Menschen den Namen der Bibliothek falsch deuteten. in dem ein kleiner Teil der fünfundvierzig laufenden Regalkilometer Archivmaterial aufbewahrt wurde. die Verbindung herzustellen. Doch sie genügten. Sie waren auf der Rückseite mit Bleistift datiert – 15.

daß die Fundamente der katholischen Kirche nicht von dissidierenden Theologen unterhöhlt wurden. eine authentische Interpretation des Wortes Gottes zu geben. fragte Kardinal Lefevre in ein stummes Selbstgespräch vertieft. überarbeiteten Version des Katechismus. Auch Dr. Man mußte Grenzen ziehen. das Wort Gottes nach eigenem Gutdünken auszulegen.ausgenommen. Alexander hatte in einem Brief heftig gegen die Gleichsetzung von Dissens mit Sünde protestiert. Das stand völlig im Einklang mit der 1990 erschienenen. von zornigen jungen Frauen. hätte das ein allgemeines Chaos und den Zerfall der kirchlichen Macht bedeutet. Der Aufschrei von Bibelwissenschaftlern und Historikern beim Erscheinen des neuen Katechismus war zu erwarten gewesen. daß Theologen. die von der offiziellen Kirchenlehre abwichen. Das Büro des Kardinals in der Kongregation führte einen täglichen Kampf darum. der feststellt: »Die Aufgabe. wurde allein dem Lehramt der Kirche übertragen. eine Sünde begingen. in diesem Dokument unmißverständlich klargestellt. Aber was stellen diese Leute sich eigentlich vor. um sie zu übersetzen. Der Kardinal hatte im Namen der Inquisition oder der Kongregation für Glaubensdoktrin. während er mit einem Spezialschlüssel die Tür des nächsten Gewölbes aufschloß. Vor allem nicht. Wenn es jedermann erlaubt gewesen wäre. und sie aus ihrer 490 . bei denen es sich möglicherweise um christliche Texte handelte. dachte er mit gerunzelter Stirn. wie diese Institution jetzt so schön hieß.« In diesen Bereich gehörten auch Dokumente aus dem Altertum. Leitlinien festlegen und Strukturen vorgeben. die widerrechtlich wertvolles Kircheneigentum an sich nehmen – falls es sich bei den Schriftrollen tatsächlich um christliche Dokumente handelt.

voreingenommenen Sicht für alle Welt zu interpretieren! Seine Eminenz kannte Catherine Alexander. Da ›der Gerechte‹ in der Bibel ein Titel des Messias war. und das der Sand Algeriens beinahe zweitausend Jahre unzerstört bewahrt hatte. der vor siebenundzwanzig Jahren Dr. Es war der Name des Königs. »Nun. der im Griechisch des römischen Reiches geschrieben war. Hatte der Verfasser des Briefs Sabinas Text gelesen und eine Kopie angefertigt? 491 . Gehört das Fragment zu den Schriftrollen der Sabina. dachte er und griff nach einer Stahlkassette. dem die Diakonin die Schriftrollen übergeben sollte. war von Kardinal Lefevre nach Kalifornien geschickt worden.« Paläographie und die Radiokarbon-Untersuchung führten zu einer Datierung des Fragments zwischen 100 und 150 nach Christus. in die tiefsten Regionen des Geheimarchivs geführt: Tymbos. Es handelte sich offenbar um einen Brief. wie der Gerechte prophezeit hat. ihre Irrlehren weiter zu verbreiten. Wie die Mutter so die Tochter. fragte sich der Kardinal. Der Beauftragte des Vatikans. und es deshalb in seine Archive aufgenommen. da Dir die genaue Stunde der Wiederkehr des Gerechten und der Tag des Endes aller Dinge gesagt worden ist. das man 1932 bei Ausgrabungen in Nordafrika in einer Ruine entdeckt. kann Dein Herz Frieden finden. und ein Schauer lief ihm über den Rücken. Nina Alexander untersagt hatte. Wir werden niemals sterben. Ein Wort auf dem ersten Photo hatte seine Aufmerksamkeit erregt und ihn schließlich hinunter in dieses Gewölbe. hatte der Vatikan vermutet. bei dem Dokument handle es sich möglicherweise um das Fragment eines verlorengegangenen Evangeliums. Er nahm ein Papyrusfragment aus der Kassette. falls man sie verfolgen würde. Denn das Geschenk des ewigen Lebens ist Dein.

vielleicht sogar der Perpetua? Das Fragment war in der Nähe der alten Stadt Timgad gefunden worden. Ließ die Ähnlichkeit der Namen auf einen Zusammenhang schließen? Im Internet kursierten Gerüchte. sie sei auf der Suche nach einer siebten.Oder stammte er von der Hand der Diakonin Amelia. Alexander sei nicht im Besitz aller Schriftrollen der Sabina. Man sagte. Dr. War die siebte Schriftrolle in Timgad versteckt worden? Lag sie vielleicht immer noch dort und wartete im Sand Nordafrikas darauf. überlegte der Kardinal. ›Timgad‹ – ›Tymbos‹. entdeckt zu werden? 492 .

»Kein Glück?« fragte Zeke. D.Washington. 493 . als er in den Mietwagen stieg. »ihr Begleiter reist neuerdings in Zivil. Wir haben jeden Fahrer zweimal gefragt. Zeke hatte die Heizung nicht eingeschaltet. Der Gedanke daran. obwohl die Temperatur um den Gefrierpunkt lag. »die Kirche ist nur drei Straßen weiter. ihm war das im Augenblick gleichgültig. »wenn du Priester wärst. Hier können wir weg«. Kälte. sagte er. »Das bringt nichts.« »Er hat uns in Las Vegas genau gesehen.« Er wartete auf Catherines Antwort.« »Das heißt«. Vielleicht kannte er uns schon vom Sinai. Ja. sagte Garibaldi. er wolle hellwach bleiben und einen klaren Kopf behalten. wohin würdest du an Heiligabend gehen?« »Ich werde nicht lange wegbleiben«. Hitze. erwiderte Zeke und ließ den Wagen an. sagte Raphael. die letzte Nacht gearbeitet haben. Und alle. schüttelte den Lockenkopf und murmelte: »… und was jetzt?« Zeke trommelte mit den behandschuhten Fingern auf das Steuerrad. Havers dieser Auftrag kosten würde. hielt ihn warm. was Mr. sind heute wieder da.C. »Keiner hat einen Priester gesehen.« Raphael schloß die blauen Augen. und sein Blick fiel auf die Reihe wartender Taxis vor der Ankunftshalle für Inlandflüge. Sie saß mit neuen Gummihandschuhen über eine Schriftrolle gebeugt und entfaltete sehr behutsam das erste Blatt der fünften Schriftrolle. was jetzt? »Raphael«. Er sagte. Raphael hatte nichts dagegen.

»Was ist los?« »Ist das nicht Miles Havers?« fragte er und deutete auf den Fernsehapparat. Aber das kann ich nicht. es gibt diese Schriftrollen tatsächlich? Können Sie das bestätigen?« »Ja.« »Was soll das nun wieder?« sagte Garibaldi kopfschüttelnd. sie könnte die Schriftrollen vernichten. daß Dr. Der Versuch. die Schriftrollen mit der Welt zu teilen. »Ich weiß nicht. wie bekannt geworden ist. entspringt meiner Sorge. Aber Dr. das kann ich. »Mr. Sie möchten. Alexander hat mein Angebot bisher abgelehnt. 494 . etwas davon nach außen dringen zu lassen. »Wie wir die siebte Rolle finden sollen. Alexander und ich in Verhandlungen über den Erwerb der Schriftrollen stehen«. den Mrs. »Ich weiß. fragte der Reporter.« Er runzelte die Stirn und zog die Lederhandschuhe an. Ich dachte.« »Das glaube ich einfach nicht!« sagte Garibaldi. es lag nicht in meiner Absicht. O’Toole heraufgebracht hatte. wissen wir so wenig wie am Anfang. fünfzig Millionen Dollar würden sie dazu bringen. sagte sie. daß ich mit Ihnen gehe. Havers stellte sich vor seinem Haus in Santa Fe der Presse. Havers«. »Ich wollte. Sie gehören der ganzen Menschheit und nicht einer Person.« Catherine richtete sich auf und sah ihn an. »heißt das. sie von Dr. das ist er!« sagte sie und schaltete schnell den Ton ein. »Aber ich kann Ihnen versichern. »Ja. weil ihr Vater Garibaldis Schwester leid tat. Catherine wechselte den Sender. In einer anderen Nachrichtendung hieß es: »Der Milliardär Miles Havers.»Es bleiben noch zwei«. Catherine ließ ihn mit abgeschaltetem Ton laufen. sagte er in seiner gewohnt liebenswürdigen Art und lächelte gewinnend. Alexander zu kaufen. ich könnte Sie überzeugen…« Er sprach den Satz nicht zu Ende.

Catherine Alexander steht.Besitzer von Dianuba Technologies. und ich werde weiter an der Übersetzung der Schriftrollen arbeiten.« Die Nachrichtensendung wurde durch Werbung unterbrochen. Ich bleibe unauffindbar und schweige. die diese Schriftrollen verkaufe.« »Kann ich Sie wirklich nicht überreden.« Sie sah Garibaldi an. nämlich die flüchtige Dr. der angeblich aus der unmittelbaren Umgebung von Miles Havers kam. Er möchte vermutlich. In einer Stunde fängt die Mitternachtsmesse an.« »Den Tip muß Havers selbst inszeniert haben«.« »Aber warum?« »Er glaubt vielleicht. die Schriftrollen stammen von der Sinai-Halbinsel. Er hat erklärt. murmelte Garibaldi. er könnte Sie zwingen. gab heute bekannt. sei identisch mit der. »Sie gehen jetzt besser. »Warum macht er das? Was hat er davon?« Catherine schüttelte verwirrt den Kopf und schaltete mit der Fernbedienung auf einen Sender in Baltimore. sagte Garibaldi. daß er zur Zeit in privaten Verhandlungen mit Dr. »Da täuscht er sich. um die Jesus-Schriftrollen für die Summe von fünfzig Millionen Dollar zu erwerben…« »Das ist einfach verrückt«. mit mir zu gehen?« 495 . die sie entdeckt habe. würde Havers alles leugnen. Catherine Alexander. Also hat er sich die ganze Sache ausgedacht. Die Person. und Catherine schaltete den Fernseher aus. sie seien zweifelsfrei christlichen Ursprungs und illegal in die Vereinigten Staaten gelangt. daß Sie seiner Darstellung öffentlich widersprechen. »… erst bestätigt nach einem anonymen Hinweis an die New York Times. etwas zu unternehmen. »Wenn der Informant nicht in seinem Auftrag an die Öffentlichkeit gegangen wäre.

»Der fünfte Papyrus ist in einem schlechteren Zustand als die anderen«.« »Weshalb nicht?« »In der Nacht. »Es gibt immer einen Weg zurück. Catherine beobachtete die Menschen. andere winkten fröhlich Freunden oder Bekannten zu. die den dunklen. Manche wirkten ernst und feierlich.« Doch Garibaldi blieb. und es wehte ein schneidender Wind.« »Natürlich können Sie das«. Es war eine bitterkalte Nacht. erwiderte er ruhig. als meine Mutter starb.« Sie schüttelte den Kopf. alte Männer und Frauen gingen langsam an ihren Stöcken. die in den Lichtschein traten.« Sie blickte auf seine ausgestreckte Hand. Ich kann nicht einfach zurück. Trotzdem strömte eine große Menschenmenge durch das offene Kirchenportal. »Ich sehe keinen. dachte Catherine und blickte auf die gotischen Kirchtürme.« »Lassen Sie ihn sich von mir zeigen. Kinder drängten sich um die hell erleuchtete Krippe. sagte sie: »Vater Garibaldi. Noch immer fuhren Wagen vor und verstopften die enge Straße. heilige Nacht‹. sternenlosen Himmel stützten. In der Kirche spielte die Orgel ›Stille Nacht. bekam Catherine Herzklopfen. »Ich muß mit der Arbeit daran anfangen. ich kann wirklich nicht mitkommen. Trotz der Kälte begann sie zu schwitzen und hatte plötzlich das Bedürfnis. Als sie seinen Blick auf sich gerichtet spürte. Als sie und Garibaldi sich der Kirche näherten. erwiderte sie. die 496 . habe ich die Kirche und Gott verflucht. So viele gläubige Menschen. und das Licht schien wie flüssiges Gold hinter den offenen Türen zu schimmern.

werden Sie in Zukunft nur noch mehr Schuldgefühle wegen der Sache haben. Das müssen Sie Ihretwegen tun. sagte er: »Sie haben es für mich getan.« Er sah. »Ich kann nicht.« »Es gibt nichts. »Worüber?« »Daß Sie den Priesterrock ausziehen werden. ich würde beschließen.Daunenjacke auszuziehen. erwiderte sie. Am Fuß der Treppe blieb sie leichenblaß stehen. nicht wahr?« »Ich mache mir Sorgen«. Zwischen den von Rauhreif bedeckten Sträuchern stand eine Bank. Vater Garibaldi. nahm den Schal ab. »Wenn ich nervös war 497 . »Als kleines Mädchen habe ich gestottert«. »Warum sind Sie mitgekommen?« fragte Garibaldi und sah sie prüfend an.« »Warum machen Sie sich deshalb Sorgen?« »Weil das keine Lösung ist. flüsterte sie. Sie können nicht meinetwegen zur Kirche gehen. wie blaß sie war. Priester zu bleiben. Garibaldi sah sie fragend an.« Nach einer kurzen Pause sagte er: »Was ist an der Treppe geschehen? Sie sind plötzlich leichenblaß geworden. Wenn Sie das tun. Da sie keine Antwort gab. und ging mit ihr in den kleinen Park an der Seite der Kirche.« »Sie haben also geglaubt.« »Vater Garibaldi. hob das Gesicht in den kalten Wind und schloß die Augen. die Sie jetzt schon belastet. sagte sie leise. Catherine setzte sich völlig erschöpft dorthin. »Erinnert? Woran?« Catherine zog die Handschuhe aus und überließ ihre feuchten Hände der kalten Luft.« »Ich habe mich erinnert«. ich kann nicht. wovor Sie sich fürchten müßten. wenn ich ein verirrtes Schaf zur Herde zurückführen könnte? Catherine.

es zu halten.« Catherine fuhr sich mit den Fingern durch die kurzen. ich würde mich über sie lustig machen.‹ Die Klasse brüllte vor Lachen. bis ich etwas Respekt gelernt hätte. »Natürlich tat sie es.« Sie schüttelte bei der Erinnerung den Kopf. Also versuchte ich. schimpfte mich aus und schleppte mich in das Zimmer der Oberin. weißblonden Haare. Schwester Immaculata glaubte.oder mich fürchtete. daß ich zur Toilette mußte. Dann merkte ich. etwas zu sagen. Zur Strafe mußte ich mich vor der Klasse auf einen Hocker stellen. man hat vergessen. konnte ich nicht mehr richtig sprechen. Ich versuchte zu antworten und erwiderte: ›VV-Vasco dd-da GG-Gama. stotterte sie. Es 498 . Ich fing an zu weinen. Natürlich geschah das Unglück gleich am ersten Tag. Sie zerrte mich vom Hocker. Das hat sich gegeben. Ihre Worte klangen schmerzlich. und es fing an. Die anderen Kinder hörten nicht mehr auf zu lachen. ich müsse dort stehenbleiben. es Schwester Immaculata zu sagen. Sie hängte mir ein Schild um den Hals. und ich hatte entsetzliche Angst. aber sie brachte den Namen kaum über die Lippen.« Catherine schlug die Hände vor das Gesicht. Das machte die Sache für mich noch schlimmer. das alles absichtlich getan zu haben. Schwester Immaculata warf mir vor. die leider ebenfalls stotterte. Meine Mutter hatte die Schulleitung davon in Kenntnis gesetzt. Die Kinder kicherten und flüsterten miteinander. ›VV-Vasco dd-da GG-Gama‹. und der Unterricht ging weiter. aber als Zehnjährige in der katholischen Schule hatte ich das Problem noch. mir an den Beinen hinunterzulaufen. die Schwester könnte mich aufrufen. Ich nehme an. aber ich hatte schreckliche Angst. Nach einer Weile konnte ich nicht mehr. Sie erklärte. auf dem ›Sünderin‹ stand. »Im Unterricht wurden die großen Entdecker behandelt. Sie wollte von mir etwas über Vasco da Gama wissen. Plötzlich aber wurden sie still.

und die Frau des Hausmeisters fing an.« Catherine stand auf und betrachtete die dünne Eisschicht im Vogelbad. während die Oberin bei mir zu Hause anrief. Er verschwand sofort wieder in seinem Arbeitszimmer. und er kam nicht. was geschehen war. Er versprach.« Catherine starrte blicklos vor sich hin. Er hätte nie ein Kind haben sollen. mich um die Mittagszeit abzuholen. er habe den Anruf vergessen. Er wollte nicht einmal wissen. den Fußboden zu putzen. Ich habe Gott verflucht. Sind Sie deshalb böse auf ihn?« fragte Garibaldi. weil mein Vater Gott mehr liebte 499 . und damit war die Sache für ihn erledigt. Vater Garibaldi. sagte sie. in dem College. »Die Schulschwester kümmerte sich um mich. Nachmittags riefen sie meinen Vater noch einmal an und hinterließen eine Nachricht. der hinter ihr stand. Mein Vater war da. In der Kirche begann die Messe.dauerte eine Weile. bis sie weitersprechen konnte. die Schwestern verließen die Klassenräume. Meine Mutter war auf einer Tagung. Also saß ich mit dem ausgewaschenen Unterhöschen in einer Plastiktüte im Zimmer der Oberin und wartete auf meinen Vater. Ihre Stimme war kaum noch zu hören. Er sagte. aber mein Vater war zu Hause. Dann war die Schule aus. Die Kinder gingen nach Hause. wo er unterrichtete. »Er war eine Art Mönch. das heißt. weil meine Mutter ohne den Beistand eines Priesters sterben mußte. Die Schulschwester fuhr mich schließlich nach Hause. Er war nicht zum Vater geschaffen. ich habe Gott nicht wegen Vater McKinney verflucht oder deshalb. Catherine drehte sich herum. Die Zeit verging. »Gott bedeutete ihm mehr als ich. »Die Kirche bedeutete meinem Vater alles«.« »Die Kirche bedeutete Ihrem Vater mehr als Sie. »Es wurde Mittag.

« Catherine blickte auf ihre Hände und sagte leise: »Man hat ihn beschuldigt. daß er mich an jenem Tag nicht abgeholt hatte. und daran war meine Mutter schuld. Aber dann kam er ums Leben. die die Kirche angriffen und meinen Vater aus dem Haus trieben!« »Deshalb führen Sie die Arbeit Ihrer Mutter weiter – eine Arbeit. Garibaldi schwieg. »Die Kinder in der Schule waren danach schrecklich zu mir. Ich wartete immer darauf. Als man mir am Flughafen seine Leiche übergab.als mich. daß ich älter und reifer sein würde. ein Spion zu sein. ob er nicht gekommen 500 . Ich wollte unbedingt wissen. Sie können sich vorstellen. oder nicht? Ihm können Sie nicht vergeben. um meinen Vater auf eine hinterlistige Art zu bestrafen?« »Auf ihn sind Sie doch böse. wollte ich den Sargdeckel abnehmen und von ihm eine Erklärung dafür verlangen. ich hätte die Schriftrollen an mich genommen. Er hat es nicht einmal geleugnet. Er hat es hingenommen. um mit ihm darüber zu reden. welche Schimpfnamen sie für mich hatten. Wenn Danno nicht gewesen wäre…« »Haben Sie Ihrer Mutter nie etwas davon gesagt?« Catherine stand auf. die Ihren Vater aus dem Haus und schließlich in den Tod getrieben hat?« Catherine sah ihn erschrocken an. »Wie konnte ich? Sie betete meinen Vater an… und als er starb. »Sie glauben. war ich voller Zorn. weil wir diese Sache nie bereinigt hatten. weil sie trotz des Verbots Bücher schrieb. Er hat keinen Finger zu seiner Verteidigung gerührt. und Catherine sprach etwas ruhiger weiter. Gott hätte er nicht mit einer nassen Unterhose im Zimmer der Oberin sitzenlassen!« Sie stieß die Luft aus. daß man ihm eine Kapuze über den Kopf zog und ihn hinrichtete.

weil er hingerichtet worden ist?« »Wir hatten noch etwas ins reine zu bringen«. 501 . erwiderte sie. als sie die Straße zurück zum Haus von Mrs.« Er sah ihr nach. »Deshalb kann ich nicht mit Ihnen in die Kirche gehen.war. Auf mich wartet noch Arbeit.« »Sie sind böse auf ihn. weil ich ihm so wenig bedeutete.« Catherine zog die Handschuhe wieder an. Vater Garibaldi. »Dem hat er sich entzogen. Es war seine Kirche und sein Gott. Ich hätte nicht mitkommen sollen. Damit will ich nichts mehr zu tun haben. Aber gehen Sie nur hinein. Sie gehören dorthin. Vater Garibaldi. O’Toole und zur fünften Schriftrolle ging.

DER ZWÖLFTE TAG 502 .

Doch nach einer Weile stellte ich fest. Nichts ist schöner als das wogende Grün. so weit das Auge reicht. den Regen und die Dunstschleier über den Tälern liebte. Ich widmete mich mit ganzer Hingabe der Erziehung von Pindar und freute mich über seine Entwicklung. das sich. und erzählte von den sagenumwobenen Arimaspi. die ihre Gestalt verändern«. Sie warnte mich vor ›dem kleinen Volk‹ und den Robbenfrauen und vor Katzen. dem dieser Vorposten als Befehlshaber unterstand. Claudia war die Frau des Centurio. Auf eine Lesung des 503 . denn auch hier war die Erinnerung an Riesen lebendig. Ich fragte mich nach der ersten Begegnung. die im Norden leben.Samstag. daß auch ich den Wind. Doch ich mußte mir bald eingestehen. als wir unser Haus in Britannien bezogen. Man stellte ihm die Beweise dafür in Aussicht. daß es sie gegeben hatte. neblige Land verliebt hatte. Ich war mit dunklen Vorahnungen gekommen. Wir trafen uns einmal in der Woche in meinem Haus. in denen Geister und Feen hausen. denn alles hier war uns so fremd. Philos spürte den Zauber dieses Landes ebenfalls. vor den staunenden Blicken ausbreitet. Dezember 1999 »Hüte dich vor den Wesen. Und ich gründete eine kleine Gemeinde. und nichts ist erhabener als die uralten Eichenhaine. die über ein wolkenverhangenes Reich auf dem Gipfel der Erde herrschen. Sie sprach flüsternd von den Hyperboräern. ob sie vielleicht schon zu lange nicht mehr in Rom gewesen war. ermahnte mich Claudia. die Neugeborenen den Lebensodem von den Lippen stehlen. 25. daß sie sich in dieses seltsame. Er beschäftigte sich wie besessen mit den Legenden und dem reichen Schatz an Überlieferungen.

und sie verehren die Eiche. auf der die Mistel wächst. Ich beobachtete nicht ohne Sorge.Marienbriefes folgte eine Ansprache über den Gerechten und seine Botschaft vom Frieden und dem Sieg über den Tod. daß diese Pflanze jede Krankheit besiegen kann. bevor wir seinem Auftrag folgten. die sie in ihrer Sprache ›die Allheilende‹ nennen. denn sie glauben. wie Claudia der Magie der Druiden verfiel. Ihre Rituale finden in der freien Natur statt. und sie waren wie ich davon überzeugt. Ich traf Druiden. die einen uralten Himmelsgott namens Myrddin verehren. Aber ich hielt unbeirrt an meinem Glauben fest. Die Druiden haben keine Tempel oder Heiligtümer. Ich bekehrte viele Menschen zum Weg. gemeinsam das Brot zu brechen und den Wein zu trinken. Für die Druiden gibt es nichts Heiligeres als die Mistel. daß dies der wahre Glaube ist. wie wir sie kennen. 504 .

« »Ich glaube nicht. weil er sich frei bewegen konnte. Ich muß wissen. Catherine 505 . »Ja. O’Toole ging. Mrs. Catherine wußte. D. Wird Ihr Bruder mit uns essen?« Mein Bruder… Garibaldi war zur Mitternachtsmesse in der Kirche gewesen und zum ersten Morgengottesdienst. und Catherine trat wieder an den Tisch. Catherine stieg schon beim Aufwachen der Duft einer bratenden Gans in die Nase. aber ich glaube. sagte sie durch die Tür. daß Garibaldi ein schlechtes Gewissen hatte.C. Der Zustand des Papyrus war besorgniserregend.« Das waren nicht ganz seine Worte gewesen. hatte er erklärt. »Miss Garibaldi? Hallo? Sind Sie wach. wenn wir auf unseren Zimmern bleiben und ihre Einladung nicht annehmen‹. daß er sich schon darauf freut. »Er hat mir heute morgen gesagt. Mrs. O’Toole?« »Ich wollte nur fragen. Jetzt war er gerade in der dritten Weihnachtsmesse. Mrs.« »Schon gut.Washington. ›Mrs. um zu feiern. erwiderte Catherine. O’Toole«. ob Sie später zum Weihnachtsessen zu uns herunterkommen. »Ja«. meine Liebe?« Catherine ging zur Tür. Im Haus waren die Vorbereitungen für das Festessen voll im Gang. auf dem die fünfte Schriftrolle ausgebreitet lag. O’Toole wird es vielleicht verdächtig vorkommen. meine Liebe. öffnete sie allerdings nicht. ich bin nicht in der richtigen Stimmung. Ich bringe Ihnen einen Teller herauf. während sie in ihrem Zimmer gefangen war. »Vielen Dank für die Einladung. wie viele Gedecke wir auflegen sollen.

Am Morgen hatte sie gehört. die ich durch Fenster sehe. So.blickte auf die Worte. Am Abend zuvor hatten die Leute Weihnachtslieder gesungen. Stimmen. in der Vergangenheit zu leben. die sich in eine quälend vertraute Wirklichkeit verwandeln. daß Catherine eine Zeitlang das Gefühl hatte. die sie zuletzt gelesen hatte. daß er damals nicht zur Schule gekommen ist…« 506 . Er sah eindrucksvoll aus mit dem schwarzen Hut. sondern sei nur noch eine Beobachterin. die so wirklichkeitsnah zu sein schienen. um zum Gottesdienst zu gehen. Bilder. so glaubte sie allmählich. und Szenen. wo keine Fenster sind… Catherine kam es vor. mit Sabina in Britannien zu sein. Sie entdeckte Garibaldi auf dem Gehweg.« Catherine erinnerte sich kaum noch daran. O’Toole und ihre Schwester waren zusammen mit Garibaldi erst um halb zwei morgens von der Mitternachtsmesse zurückgekommen. Irgendwann im Laufe der Nacht. und alle Häuser waren festlich beleuchtet gewesen. Sie hatte am Abend mit dem Übersetzen angefangen. Sie ging zum Fenster und blickte hinaus. Sabinas Leben zu führen und nicht ihr eigenes. dem schwarzen Schal und dem langen schwarzen Mantel. »Aber ich hielt unbeirrt an meinem Glauben fest. Die Straße war ruhig. daß sie ihn zur Feier des Tages noch zu einem Sherry einluden. »Sie müssen Ihrem Vater verzeihen. den er am Vortag in der Wisconsin Avenue gekauft hatte. Catherine hatte gehört. als nehme sie nicht mehr am Leben teil. diesen Satz gelesen zu haben. sondern Bilder. Alle feierten Weihnachten mit einem Gang in die Kirche. als Garibaldi in der Kirche war. wie andere Gäste das Haus verließen. Mrs. hatte sie keine Worte mehr auf dem Papyrus gesehen. die ich durch Wände höre. wie sie sich auf den Stationen ihrer Flucht in der virtuellen Welt der Computer sicherer gefühlt hatte als in der Wirklichkeit.

Mrs. »Schalten Sie den Fernseher ein«. daß er mit seiner Anwesenheit einen Raum auszufüllen schien. Vor den Nachrichten kommt aber noch die Werbung. wir sind beide Kämpfer. Wie an jenem Tag. und fand schließlich die Mittagsnachrichten. war das Abenteuer zu Ende. Catherine ließ ihn ins Zimmer treten. Sie hatte das Ende des fünften Buches beinahe erreicht.« Das waren Garibaldis Worte auf dem Dach des Atlantis gewesen. auf denen die üblichen Weihnachtssendungen zu sehen waren. »Was gibt es 507 .« Catherine wechselte die Kanäle. daß er einem alten Mann nicht das Leben gerettet hat? Wie lange wollen wir beide uns noch selbst bestrafen und mit der Last unserer Schuldgefühle leben? »Wir sind uns ähnlich. »Sie und ich. sagte er und zog den Mantel aus. Erstaunlicherweise gewöhnte sie sich allmählich daran. Vater Garibaldi? wollte sie fragen. Aber es war Garibaldi. als sie sich zum ersten Mal im Hotel Isis begegnet waren.Und was ist mit Ihnen. Sie und Garibaldi würden Abschied voneinander nehmen… Plötzlich klopfte jemand heftig an die Tür. Danach blieb nur noch eine Schriftrolle übrig.« Catherine wandte sich vom Fenster ab und betrachtete den brüchigen Papyrus auf dem Tisch. wenn auch in verschiedenen Arenen. Wieder einmal sah sie ihr Photo auf dem Bildschirm. staunte sie auch jetzt darüber. »Schnell!« »Was…?« »Ich habe die Ankündigung zufällig unten im Vorbeigehen gesehen. Warum vergeben Sie dem sechzehnjährigen Jungen nicht. und wenn er keine eindeutigen Hinweise über den Verbleib der siebten Rolle enthielt. Wenn Catherine auch diesen Text übersetzt hatte. und sie dachte. O’Toole sei mit einer Kanne Tee zurückgekommen.

weil das Material so teuer war. »hat ältere Schriftzeichen sichtbar gemacht. Doch Garibaldi hob die Hand. Die Datierung des Papyrus nach der Radiokarbon-Methode verweist ungefähr auf das Jahr einhundert unserer Zeitrechnung. »… im Institut Technologique in Paris wurde eine Radiokarbon-Untersuchung durchgeführt. die jedoch mit Hilfe von Infrarotstrahlen lesbar sind. »Man hat Papyrus häufig mehrmals verwendet. und gleichzeitig haben Paläographen in Deutschland und Großbritannien unabhängig voneinander eine Handschriftenanalyse. die gelöscht worden waren. 45‹ erkennen konnte.« 508 . die Schriftrollen seien Fälschungen. »Laut Aussagen der Polizei ist damit der Beweis erbracht. in dem man gerade noch die Inschrift: ›Musee d’Antiquites 4. Garibaldi nahm den Hut ab. zog die Handschuhe aus und stellte den Ton lauter. die vor drei Jahren aus dem ägyptischen Museum gestohlen wurde…« Catherine sah Garibaldi ungläubig an. sagte Catherine. »Wie bitte? Gestohlen?« »Sie behaupten.11.« »Die Infrarot-Spektralanalyse enthüllte jedoch noch etwas anderes.« »Wunderbar!« flüsterte Catherine. die sogenannte Paläographie. fuhr die Sprecherin fort.diesmal?« fragte sie besorgt. Es handelt sich um eine Verkaufsrechnung aus der Regierungszeit des Kaisers Claudius…« »Das ist nichts Ungewöhnliches«. die Handschriftenanalyse bestätigt dieses Datum. daß das Jesus-Fragment Teil einer Sammlung ist. vorgenommen. was auf dem Fragment gelöscht worden ist: einen Stempel mit der Katalognummer eines Museums…« Auf dem Bildschirm erschien in Nahaufnahme ein blasser Kreis. »Die Infrarot-Analyse des Fragments«.

Die Schriftrollen vom Sinai. seien sein Werk. Nach seiner Darstellung handelte es sich um eine Auftragsarbeit für Dr.« »Ich habe von ihm gehört«. fuhr die Sprecherin fort. und die Sprecherin fuhr fort: »Nicholas Papazian legte gestern am späten Abend ein Geständnis ab.« »Aber was steckt hinter dieser Geschichte?« fragte Garibaldi.‹ Der Mann sprach arabisch. das die ganze Welt in Staunen versetzt. Sie hätten ihn bezahlt. »Warum sagt er. »hat bereits früher Handschriften gefälscht. Am bekanntesten ist sein sogenannter ›Brief des Pontius Pilatus‹. Nach einem Geständnis wurde Papazian zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. daß es eine Fälschung war. damit er 509 .»Das kann nicht sein!« Es folgte ein Filmausschnitt.« Catherine sprang auf. »Es ist nicht nur Papazian. sagte Catherine. Sie sind eine der bekanntesten Kontaktadressen der Welt für den illegalen Handel mit Altertümern. Seine ganze Sippe ist in diesem zwielichtigen Bereich tätig. Catherine Alexander. und in der unteren rechten Ecke des Bildschirms war ein Balken mit dem Hinweis: ›KAIRO NATIONAL TELEVISION. und die ägyptische Regierung entzog ihm die Lizenz für den Verkauf und den Export von Antiquitäten. »In meinem Auftrag? Ich habe den Mann noch nie gesehen!« »Papazian«. Er habe sie in einem Hinterzimmer seines Antiquitätengeschäfts in Kairo hergestellt. Ein unglücklich wirkender Mann stand vor einer Reihe Mikrophone. der vor fünfzehn Jahren auf einer Auktion zehn Millionen Dollar erzielte. Der Mann ist geradezu unanständig reich und verbirgt seine kriminellen Machenschaften hinter der Fassade neu erworbener Ehrbarkeit. so sagt er. Kurze Zeit später entdeckte man.

und ich kenne nur einen Mann. Wenn es eine abgekartete Sache ist. »… meine Regierung befindet sich deshalb in einer sehr peinlichen 510 . bei so einem krummen Ding mitzuspielen?« Catherine kaute auf ihrer Unterlippe.« Catherine lachte kurz und bitter. Der Korb saß fest in dem unterirdischen Gang. wie hat man die Leute dazu gebracht. Wieso gesteht dieser Papazian eine kriminelle Tat. der so etwas inszenieren und finanzieren könnte…« »Havers…«. Wie hätte Papazian die Schriftrollen oder das Fragment dorthin bringen können? Ich habe die Pflanzenreste am Korb analysiert. wenn er sie nicht begangen hat?« »Für genug Geld würde er wahrscheinlich alles gestehen. wieder im Gefängnis zu landen?« Garibaldi schüttelte den Kopf. sagte Garibaldi. »Und riskieren. die das Fragment untersucht haben. Aber wie hat er es gemacht? Ich war dort. »Er muß dahinterstecken.« »Dazu wäre eine Menge Geld nötig.« »Aber der Stempel des Museums«. »und dann alle Experten. sagte Catherine. dieser Korb war nicht erst vor kurzem dorthin gebracht worden. Glauben Sie mir. Garibaldi ging nachdenklich im Zimmer auf und ab. Und ich habe den Korb mit den Schriftrollen entdeckt.die Schriftrollen fälscht?« »Ich weiß es nicht. Sie sind eindeutig zweitausend Jahre alt!« Im Fernsehen wurde gerade der Sprecher des ägyptischen Ministeriums interviewt. »Er würde ein paar Leute bestechen und nicht ins Gefängnis wandern. als Hungerfords Arbeiter das Fragment gefunden haben. »Ein noch größeres Rätsel ist das Motiv dafür.

wurde gerade die Direktorin der Stiftung interviewt. Ein Reporter fragte: »Wir haben gehört. Stimmt das?« »Dazu kann ich leider nichts sagen. daß er persönlich das Fragment sowie den. »Wenn die Neuigkeit gestern abend in Ägypten bekannt geworden ist.« Garibaldi sah Catherine an. O’Toole verbrachten.Lage. und alle sechs Gäste.« »Dann unterstellen sie…« »Daß ich die Schriftrollen gefälscht habe. und es gibt Photos«. Als Garibaldi in Catherines Zimmer zurückkam. hatten sie bereits gelesen. daß die Stiftung Dr. Die Samstagszeitung lag im Wohnzimmer. Was das Fragment betrifft. »Ist das wahr?« Sie machte ein finsteres Gesicht. der in betont sachlichem. und bisher liegen keine Beweise für die Existenz von Schriftrollen vor. ihr die Mittel zu streichen. rief Garibaldi. Sie betrachtete prüfend das in der rechten oberen Ecke eingeblendete Bild des Fragments und sagte: »Wenn ich das doch gedruckt sehen könnte…« »Kein Problem«.« Garibaldi mußte nicht weit gehen. falls die Grabung nicht bald Erfolge vorweisen würde. mit Steinen gefüllten Korb aus dem Zelt von Dr. sagte er mit hochgezogenen Augenbrauen. Alexander entfernt habe. Ich bin gleich wieder da. »Ja. wie sich herausstellte. zurückhaltendem Ton erklärte. murmelte Catherine und ging näher an das Fernsehgerät heran. wird heute wahrscheinlich etwas darüber in den Morgenzeitungen stehen. »Aber Photographien lassen sich nicht analysieren. Alexander in einem Brief gedroht hat. so war ich zunächst von seiner Echtheit überzeugt…« »Merkwürdig«. um mein 511 .« Dann kam ein Archäologe zu Wort. »Es kursierten Gerüchte von Schriftrollen. die Weihnachten bei Mrs.

Wer weiß. sagte Garibaldi und gab ihr die Zeitung. wie die Menschen das ewige Leben finden können. Insofern ist das mit der angeblichen Fälschung eine Sensation. von Nicholas Papazian.Projekt weiterführen zu können. Dazu gab es Photos von Catherine. Das bedeutet. also Titandioxyd enthält. Wir haben Tintenpartikel abgelöst und sie unter dem Elektronenmikroskop analysiert. daß ein altes Dokument winzige Spuren von Anatas aufweist. die sich weder das Fernsehen noch die Zeitungen entgehen lassen. daß die Tinte Anatas. was unter dem Einfluß der Medien in den Köpfen der Menschen auf aller Welt für Erwartungen geweckt worden sind? Die Nachricht heute wird für viele wie eine eiskalte Dusche sein. »Es gibt doch auch noch andere Neuigkeiten auf der Welt. die Tinte stammt aus neuerer Zeit.« Im Fernsehen erklärte gerade eine Wissenschaftlerin aus Denver: »Unserem Institut wurde ein winziger Teil des Fragments zur Verfügung gestellt. Da es jedoch möglich ist. Der Artikel stand auf der ersten Seite. die 512 . eine Menge Leute haben sich große Hoffnungen gemacht. Darüber stand als Schlagzeile: ›FÄLSCHUNG!‹ »Warum steht das auf dem Titelblatt?« fragte Catherine kopfschüttelnd. Dabei hat sich gezeigt. daß in den Schriftrollen ein Hinweis auf die Zeitenwende zu finden ist.« Garibaldi warf einen Blick auf Catherine. daß sie eine ganze Menge Anatas aufweist.« »Dahinter muß Havers stecken«. und dabei stellte sich heraus. der Fundstelle und dem Jesus-Fragment. das erst in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts erfunden wurde.« »Ich nehme an. wurde die Tinte mit einem Röntgenverfahren untersucht. Oder daß sie vielleicht das Geheimnis enthüllen.

daß es sich bei dem Dokument tatsächlich um eine Fälschung handelt. und daß ich aus meinem Versteck auftauche. Dann bestätigen alle namhaften Experten und angesehenen Wissenschaftler. Das hilft uns nicht weiter. »Machen Sie sich jetzt keine Vorwürfe. »Nicholas Papazian bekommt plötzlich ein schlechtes Gewissen und beschließt zu gestehen. ich werde die Schriftrollen herausgeben. Das Ministerium in Kairo forderte sie ultimativ zu einem Gespräch auf und erklärte. Offenbar war der ägyptischen Regierung die Sache peinlich. daß Sie…« Catherine schlug die Hände vor das Gesicht. Aber wir sind nicht einmal sicher. »Gott. Vielleicht rechnet er auch damit.fassungslos vor dem Bildschirm stand.« Sie überflog den Zeitungsartikel noch einmal. Sie war leichenblaß. was dieser Schachzug bewirken soll. und sie war verzweifelt. Trotzdem sind die Schriftrollen nicht gefälscht. Im Fernsehen beendete die Wissenschaftlerin 513 . Wir müssen herausfinden. daß er mich reizt. Aber ich werde ihn nicht in diesen Fall hineinziehen. die Behörde werde die Grabungen an der Stelle weiterführen. erwiderte sie. wo die sogenannten Schriftrollen gefunden worden seien. sie übte harte Kritik an Catherine. Dann betrachtete Catherine die Abbildung des JesusFragments. falls er dahintersteckt?« Catherine sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Es tut mir schon leid. daß er die Handschrift gefälscht hat. »Kein Mensch wird mir glauben«. »Er könnte bezeugen.« Garibaldi beugte sich über sie.« »Hat jemand die Schriftrollen außer Ihnen und Daniel gesehen?« »Julius«. Was gewinnt Havers. »Vielleicht glaubt er. was für ein Durcheinander habe ich angerichtet. um mich zu verteidigen. daß sie echt sind. daß sich Havers das Ganze ausgedacht hat. Sie hatte Angst. sagte sie.

daß man ihn heute interviewen würde. Mein Angebot von fünfzig Millionen Dollar ließ sich als eine gewisse Bestätigung der Echtheit der Schriftrollen deuten.des Instituts in Denver ihre Ausführungen. als er fortfuhr. er führe mit Ihnen geheime Verhandlungen über den Kauf der Schriftrollen. die Schriftrollen könnten bestimmte Informationen religiöser Art enthalten.« »Du Schwein!« Catherine ballte die Fäuste. als sie den mysteriösen Korb geöffnet hat. »der Mann ist gut. Es war mein Fehler. »hat Havers gestern angekündigt. Vergessen wir nicht. überrascht mich die Nachricht nicht. Dafür entschuldige ich mich.« »Deshalb«. daß er als Opfer dasteht und Sie als Betrügerin. Havers’ typisches Lächeln wich einem Ausdruck moralischer Besorgnis. sagte Garibaldi. Und jetzt wird mir kein Mensch auf der ganzen Welt mehr glauben. Er hat alles so eingefädelt. sie seien echt. die in so vielen Menschen geweckt wurden. der Betrug bringt mich in große Verlegenheit. »Ich kann nur sagen.« 514 . war niemand anwesend. daß es sich bei dem Fragment um eine Fälschung handelt. Miles Havers stand auf dem gepflasterten Weg.« »Ich muß zugeben«. sagte Garibaldi ernst.« »Natürlich hat er es geplant. und es gab vielen Menschen das Gefühl. der zu seinem Haus führte. Dadurch war von vornherein klar. und auf dem Bildschirm erschien die Auffahrt eines Anwesens irgendwo in den Bergen. es war meine Schwäche. und ich kann niemandem außer mir selbst einen Vorwurf machen. »Offen gestanden. Man muß schließlich den zweifelhaften Ruf dieser Archäologin in Betracht ziehen. denn Catherine Alexander hat mich wie alle anderen hinters Licht geführt! Darüber hinaus fühle ich mich persönlich verantwortlich für die Hoffnungen.

Aber wir müssen uns fragen: Wo ist sie? Und warum geht sie nicht an die Öffentlichkeit. Darin lag die untere Hälfte des Jesus-Fragments. Garibaldi beugte sich darüber. fuhr Havers fort. was sagen Sie dazu?« Die schlanke. Sie betrachtete noch einmal aufmerksam die Abbildung des Fragments der Handschrift. um Sie aus dem Versteck zu locken«. Catherine hielt die Zeitung daneben. sie würden eine bestimmte Botschaft enthalten. aschblonde Frau antwortete: »Ich bin sprachlos. Havers. sagte sie. sagte Garibaldi.« Der Reporter mit dem Mikrophon wandte sich an die Frau neben Havers.« Catherine schaltete den Fernseher ab und griff nach der Zeitung. daß ich unüberlegt handle und einen Fehler mache. Miles hatte mir nicht einmal gesagt. Mir wäre nichts lieber. der als Schutz der gefalteten Schriftrollen gedient hatte. »Er hofft. Darauf wartet er jetzt. Wir hofften alle. Und jetzt…« Sie schüttelte fassungslos den Kopf. »Es ist eine große Enttäuschung. Alexanders Unschuld überzeugt sein zu können. »Sehen Sie sich das an«. um sich zu verteidigen?« »Da haben wir es! Er pokert. verstehen Sie mich nicht falsch«. »Mrs. als von Dr. »Was ist?« Catherine öffnete die blaue Tasche und nahm behutsam den Buchdeckel heraus. Sie schlug den Buchdeckel auf. Ich hatte natürlich von dem sensationellen Fund gehört. Plötzlich sagte sie: »Moment mal…« Sie ging mit der Zeitung zum Tisch und hielt sie unter das Licht. daß er heimlich verhandelt. Er hat sich das alles einfallen lassen.»Bitte. ich werde mich über diese Verleumdungen so aufregen. um die Schriftrollen zu kaufen. »Was soll ich mir ansehen?« 515 . »ich erhebe keinerlei Anschuldigungen.

habe ich einem Freund in Zürich ein kleines Stück des Papyrus geschickt. sagte Catherine. daß der Papyrus vertauscht worden ist. im Auftrag von Havers?« »Ja…« »Es wird schwer sein. »Dieses Fragment«.»Das Fragment in der Zeitung. Er heißt Hans Schüller und arbeitet in einem Institut. das zu beweisen. Sie melden sich zu Wort und kontern mit Ihrem Verdacht…« »Ich habe eine bessere Idee«. »Bevor ich vom Sinai abgereist bin. Vergleichen Sie ihn mit dem oberen Rand meines Papyrus.« Er betrachtete beides. sondern um eine Fälschung!« »Sie meinen.« »Sie meinen. das ich zurückgelassen habe. ging an die Tasche und holte ihr Adreßbuch heraus. bis sie die 516 . »ist nicht das Fragment. Möglicherweise ist der Regierung überhaupt nicht bewußt. das ich im Zelt zurückgelassen habe. sagte sie und wies auf die Zeitung. Papazian hat das Fragment kopiert. Achten Sie auf den unteren Rand.« Sie blätterte die Seiten durch. Papazian hat vielleicht einen Beamten bestochen. Es sei denn. Sie hätten ihn dafür bezahlt. »Sie passen nicht zusammen«. das Altersbestimmungen nach der Radiokarbonmethode durchführt. erklärte er. damit er das Original durch die Fälschung ersetzt. bewußt eine Fälschung hergestellt und dann behauptet. nicht um den Papyrus. Aber wo ist dann das echte Fragment?« »Wer weiß? Der Austausch kann auf hoher Ebene veranlaßt worden sein – vielleicht hat auch mein Assistent Samir etwas damit zu tun. den Hungerfords Männer gefunden haben.« »Nein?« »Die Wissenschaftler lügen nicht! Sie haben eine Fälschung begutachtet! Es handelt sich nicht um das Dokument.

»Es wird schon gutgehen. nichts zu sagen. sagte sie und ging zum Telefon. Wir müssen sehr vorsichtig sein. Ich weiß. Die Öffentlichkeit wird mit diesem Fall in Atem gehalten. »Wo ich bin?« Sie legte schnell auf. dann legte sie auf. sagte er sanft und legte ihr die Hände auf die Schultern. Die Männer von Havers haben damals in Santa Barbara alles abgehört. »Havers hat ihn gekauft. Warum nur schießen alle auf mich…?« »He«.« Der Apparat am anderen Ende klingelte ein paarmal. »Ja. »Sie haben recht.« Ihr Gespräch mit Schüller fünf Minuten später war kurz. O’Toole wäre sehr enttäuscht. sagte sie. ich bleibe bei Ihnen. Wie bitte?« Sie sah Garibaldi an. »so muß es wohl sein. ich kann mich auf ihn verlassen…« »Wollen Sie ihn anrufen?« »Ich versuche es im Institut.Telefonnummer gefunden hatte. aber die bekomme ich bestimmt bei der Auskunft. Jeden Tag gibt es neue Sensationsmeldungen.« »Mrs. Plötzlich fühlte sie sich sehr müde.« »Nein. »So. Sie gehen jetzt hinunter zum Essen und feiern mit den anderen Weihnachten. »Ich habe Schüller gebeten. Hier findet uns 517 .« »Aber wie kann er von Schüller gewußt haben?« »Ich muß in Daniels Wohnung etwas über ihn gesagt haben.« »Haben Sie seine Privatnummer?« »Nein. Das kommt vor. Hans«.« »Es ist Weihnachten. es ist unterwegs verlorengegangen. und es könnte jemand Verdacht schöpfen.« Sie rieb sich den Nacken und lockerte Kopf und Schultern mit kreisenden Bewegungen. Ich bin sicher. »Nur Daniel wußte davon«.

niemand. Und bald ist alles vorbei.« Und dann werden wir uns trennen. »Ich arbeite weiter an der Übersetzung. Je schneller wir zum Ende kommen, desto besser.« »Sind Sie sicher, daß alles in Ordnung ist?« »Keine Angst, Vater Garibaldi«, sagte sie. »Auch wenn ich noch so wütend bin, sind Miles Havers die Hände gebunden. Er kann nichts sagen, was mich dazu bringen würde, etwas Unüberlegtes zu tun.«

518

Malibu, Kalifornien
Julius suchte eine Telefonzelle in einem kleinen Einkaufszentrum an der Küstenstraße. Als er einen freien Apparat fand, wählte er schnell und griff nach seinem Zettel. Er hatte sich aufgeschrieben, was er sagen wollte. Die Zeit war knapp. Es war ihm gelungen, den Mann im weißen Wagen abzuschütteln. Aber er wußte nicht, wie schnell der Aufpasser seine Spur wiederfinden und ihm hierher folgen würde. Während er darauf wartete, daß jemand am anderen Ende den Hörer abnahm, überlegte er, ob es möglich sei, einen Anruf aus einer öffentlichen Telefonzelle zu lokalisieren. Auf alle Fälle behielt er die Straße im Auge, und als sich schließlich eine Frauenstimme meldete, sagte er klar und deutlich: »Ich möchte eine Nachricht für eine Besucherin hinterlassen, die bald zu Ihnen kommen wird. Hören Sie? Ja gut, ich buchstabiere den Namen…« Beim Sprechen nahm er die Zeitung, die er sich unter den Arm geklemmt hatte, und legte sie auf die kleine Ablage unter dem Apparat. Selbst jetzt, Stunden, nachdem er die Schlagzeile gesehen hatte, empfand er noch den Schock. Eine Fälschung! Wie konnten die Schriftrollen gefälscht sein? Er hatte sie mit eigenen Augen gesehen und hätte schwören können, daß sie echt waren. Catherine kannte sich auf ihrem Spezialgebiet aus. Sie hätte Fälschungen erkannt. »Würden Sie es bitte wiederholen?« sagte er ins Telefon. Nachdem er sich vergewissert hatte, daß die Frau in der Zentrale am anderen Ende seine Nachricht richtig notiert hatte, legte Julius auf und blickte auf die Uhr. Camilla Williams von Augenzeugen hatte ihm zugesagt, daß das
519

Interview am nächsten Tag gesendet werden würde – landesweit. Das war die einzige Bedingung gewesen, unter der er sich zu dem Gespräch bereit erklärt hatte. Morgen um diese Zeit, so beruhigte er sich, wird die ganze schreckliche Sache vorbei sein. Er konnte und wollte Catherine die unangenehme Wahrheit nicht vorenthalten, daß Sabina ihre Geschichte nie zu Ende geschrieben hatte und daß es keine siebte Schriftrolle gab. Julius mußte jetzt dafür sorgen, daß alle Spekulationen aufhörten. Wenn erst einmal das Interesse der Medien erloschen war, wenn sich alle Mißverständnisse aufgeklärt hatten, dann würden sie daran denken können, wieder ein normales Leben zu führen. Im Augenblick konnte er jedoch nichts anderes tun, als warten und darauf hoffen, daß Catherine in ihrem Versteck blieb und schwieg und daß sie nichts tun würde, was ihren Aufenthaltsort verriet.

520

Washington, D.C.
Cornelius Severus ritt nach Chichester, um sich mit dem Führer der Britonen zu treffen, und wie immer begleitete ihn Philos… »Mit wem will er sich treffen?« fragte Catherine laut. Am liebsten hätte sie Sabina angeschrien: »Verrate mir den Namen des Führers der Britonen! War es Cunobelinus?« Denn in diesem Fall wäre Sabina während der Herrschaft des Claudius in Britannien gewesen, und das hätte eine sichere Datierung der Schriftrollen bedeutet. Catherine sank enttäuscht auf dem Stuhl zusammen und warf den Kugelschreiber auf den Tisch. Sabina berichtete ihre Geschichte eindeutig jemandem, der die zeitgenössischen Begleitumstände kannte. So, wie heute jemand sagen würde: »Damals, Ende der sechziger Jahre, haben wir gegen den Krieg protestiert«, ohne ausdrücklich vom Vietnam-Krieg zu sprechen, so bestand auch für Sabina kein Grund zu sagen, auf welchen Kaiser, welches Jahr seiner Regierung oder auf welchen Führer der Britonen sie sich bezog. Es war alles sehr frustrierend. Aber noch schlimmer war, daß sich Catherine bereits dem Ende der fünften Schriftrolle näherte. Und nach allem, was sie sehen konnte, war die sechste Rolle nicht sehr lang. Es blieben Sabina nicht mehr viele Möglichkeiten, durch einen eindeutigen Hinweis klarzustellen, in welcher Zeit sie gelebt hatte. Catherine stand vom Tisch auf, reckte sich und blickte aus dem Fenster. Es waren keine Sterne zu sehen. Der Wetterbericht hatte Schnee angekündigt. Sie warf einen Blick auf die Uhr. Es war elf Uhr abends. Im Haus von Mrs. O’Toole war es inzwischen still geworden. Alle
521

schliefen nach einem langen Tag mit Sherry und Weihnachtsliedern, dem üppigen Abendessen mit gebratener Gans und vielen anderen Gängen. Mrs. O’Toole war so freundlich gewesen, Catherines Portionen auf einem Tablett heraufzubringen. Catherine hatte alles aufgegessen, nur das Dessert stand noch auf dem Nachttisch. Sie hatte Garibaldi noch einmal kurz gesehen. Auf dem Weg in sein Zimmer war er hereingekommen, um sich nach ihrem Wohlbefinden zu erkundigen. Leider war am nächsten Tag Sonntag, und der Computerladen würde ebenso geschlossen sein wie die Bibliotheken und alle anderen Einrichtungen, die Zugang zum Internet hätten bieten können. »Wir müssen bis Montag warten«, hatte er gesagt. Ja, am Montag würden sie einen sicheren Weg finden, sich wieder ins Netz einzuloggen und nach den neuen Namen zu suchen, die Catherine in Sabinas Bericht über ihre Jahre in Britannien gefunden hatte. Sie blickte noch einmal auf die Uhr und rechnete nach. In Kalifornien war es jetzt acht Uhr abends. Sie hätte gern Julius angerufen. Aber diesen Wunsch konnte sie sich nicht erfüllen. Catherine rechnete damit, daß das Abenteuer bald vorüber sein werde, wenn Sabina keine weiteren Hinweise auf den Verbleib der siebten Schriftrolle gab. Und so beschloß sie, die Spätnachrichten einzuschalten, um festzustellen, welche neuen Entwicklungen es gab. Es überraschte sie nicht, Miles Havers auf dem Bildschirm zu sehen. Er war der Star des Augenblicks, der Milliardär, der das unschuldige Opfer einer Betrügerin war. Doch als Catherine den Ton lauter stellte, war sie doch überrascht, was sie aus seinem Mund zu hören bekam. »… in bestimmten wissenschaftlichen Kreisen ist der
522

Name Dr. Alexander natürlich bekannt. Ihre Mutter, Nina Alexander, wurde vom Vatikan wegen Verbreitung kirchenfeindlicher Lehren öffentlich getadelt. Und das nicht nur einmal…« Catherine sank in den Sessel und folgte fassungslos den beleidigenden Ausführungen von Havers. »… sondern mehrmals, bis sie ihren Lehrauftrag an einem katholischen College verlor. Sie werden sich vielleicht erinnern«, sagte er und lächelte der Moderatorin zu, mit der er offenbar ein langes Studiogespräch führte, »daß Nina Alexander behauptete, den Beweis dafür gefunden zu haben, daß Frauen und nicht Männer auf dem apostolischen Stuhl im Vatikan sitzen müßten.« Er lachte leise, und auch die Moderatorin lächelte über diese absurde Vorstellung. »Ein befreundeter Psychologe vertritt die Theorie, daß Catherine Alexander mit der Fälschung ihre Mutter rehabilitieren möchte. Ich glaube, eine Bestätigung dafür ist die Tatsache, daß sie das Wort Diakonos in den Text eingefügt hat, um zu beweisen, daß Frauen das Priesteramt ausüben sollten.« »Mein Gott«, flüsterte Catherine. »Er ist ja schlimmer als die Inquisition…« »Und natürlich«, fuhr Havers fort, »ist das Skelett, das angeblich zusammen mit den Schriftrollen gefunden wurde, ein weiterer Beweis dafür, daß Dr. Alexander die ganze Sache inszeniert hat.« Er lächelte triumphierend. »Ich meine, die Handgelenke waren mit Lederriemen gefesselt, und niemand zweifelt daran, daß es sich um das Skelett einer Frau handelt!« Er lachte. »Ich kann mir gut vorstellen, aus welchem Grund unsere Archäologin das alles getan hat. Die ganze Welt sollte glauben, es habe sich um eine Art Märtyrerin gehandelt. Aber soviel wissen wir über die Sitten und Gebräuche, um sagen zu können, daß es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um eine Frau
523

handelt, die vor zweitausend Jahren ihren Mann betrogen hatte und zur Strafe in den Brunnen geworfen wurde.« Catherine umklammerte die Armlehnen des Sessels. Wie kann er so lügen’? Die Frau im Brunnen ist für ihren Glauben den Märtyrertod gestorben! »Mr. Havers«, unterbrach ihn die Moderatorin. Havers lächelte unwiderstehlich: »Bitte nennen Sie mich Miles.« »Miles, was halten Sie von der neuesten Entwicklung in dieser Angelegenheit? Nicholas Papazian in Kairo hat seine Aussage korrigiert.« Catherine runzelte die Stirn. War ihr seit den Mittagsnachrichten etwas entgangen? »Offen gestanden überrascht es mich nicht, daß eigentlich Daniel Stevenson den Weg für die Fälschung gebahnt hat. Schließlich haben wir es bei ihm mit einem Mann zu tun, der glaubte, die Azteken seien Nachfahren von Marsbewohnern gewesen!« Catherine schaltete schnell den Fernseher aus und starrte auf den dunklen Bildschirm. Sie spürte, wie sich der Schock allmählich in kochende Wut verwandelte. Danno! Er zieht auch noch Danno in den Schmutz! Genügte es diesem Schwein nicht, daß er ihn umgebracht hatte? Mußte er Danno in den Augen der Welt auch noch zu einem Narren und zu einem Dummkopf machen? Danno war nicht mehr am Leben, um sich zu verteidigen! Catherine traten in ohnmächtiger Wut die Tränen in die Augen. Sie ging in Richtung Tür. Das mußte sie Garibaldi sagen. Aber mitten im Zimmer blieb sie stehen. Garibaldi konnte nichts tun. Allerdings konnte und mußte sie etwas tun. Sie hatte Dannos Laptop und mußte Online gehen. Nur noch einmal, ein einziges Mal… Sie trocknete sich die Augen, überflog den Wirtschaftsteil der Zeitung und suchte nach Inseraten von
524

Online-Diensten. Es gab eine eigene Rubrik für Internet. Dort fand sie Galaxy BBS in Baltimore, das den Zugang innerhalb einer Stunde anbot. Catherine gab dem Unternehmen die Nummer ihrer Kreditkarte. Wie versprochen war der Zugang eine Stunde später möglich. Als sie sich in den IRC befand, betete sie, daß #hawksbill offen sein werde. Aber wenn alle aus der Gruppe Weihnachten mit ihren Familien verbrachten, würde #hawksbill nicht einmal angezeigt sein. Sie konnte #janet wieder öffnen, doch die Wahrscheinlichkeit war gering, daß es jemand von #hawksbill bemerkte. Sie wußte, ihr Vorgehen war sehr riskant. Aber das kümmerte sie im Augenblick nicht. Dieses Schwein hatte Danno und ihre Mutter in den Schmutz gezogen. Sie würde sich rächen! Sie tippte llist, drückte die Eingabetaste und ballte die Fäuste. Bitte… bitte seid da… Da kam es: #hawksbill. Aber es war nur eine Person im Kanal: Jean Luc, der mit dem @ vor seinem Namen an diesem einsamen Weihnachtsabend auf Gesellschaft zu warten schien. Catherine meldete sich als Janet. [Jean-Luc] Fröhliche Weihnachten, Janet. «Janet»Fröhliche Weihnachten. [Jean-Luc] Du hättest nicht hier auftauchen sollen – zu gefährlich. «Janet »Hat sich heute schon jemand bei dir gemeldet? [Jean-Luc] Nein, die sind alle mit ihren Familien beschäftigt. «Janet»Bist du allein? Catherine wartete. «Janet »Jean Luc: Bist du allein? [Jean-Luc] Ja. «Janet»Wo bist du?
525

[Jean-Luc] Das ist gegen die Regeln von Hawskbill. «Janet »Du weißt, wer ich bin. Ich muß wissen, wer du bist. Sie wartete wieder auf Antwort. [Jean-Luc] Einfach ein Freund… Ja, glaub mir, ich bin dein FREUND! «Janet »Bist du ein Mann oder eine Frau? Während Catherine wartete, lauschte sie auf das stille Haus und die ruhige Nacht draußen. Dicke Schneewolken hingen am Himmel und hüllten die Welt in Stille und Frieden. Sie hatte das Gefühl, Jean-Luc und sie seien die einzigen Menschen auf der Welt – gesichtslos, alterslos, geschlechtslos, unbelastet von Körpern und den Vorurteilen des Sehens und Hörens. Sie waren reine Gedanken, Elektronen, zwei entmaterialisierte Menschen, die sich in einem nichtexistenten Raum trafen. Sie wußte nicht einmal, von welchem Ort auf der Welt sich ›JeanLuc‹ meldete. Er oder sie konnte in China sein oder womöglich auf der anderen Straßenseite. Doch es war ein seltsam intimer Augenblick, und Catherine fühlte sich flüchtig enger mit Jean-Luc verbunden, als sie das je bei einem Menschen erlebt hatte. [Jean-Luc] Du hättest dich nicht melden sollen – zu gefährlich. «Janet»Ich mußte es – um Barrett zu verteidigen. Hast du ferngesehen? [Jean-Luc] Ja»:-[ «Janet»Barrett hat die Schriftrollen NICHT gefälscht. Dr. Alexander hat sie auch nicht gefälscht. *Die Schriftrollen sind echt* Und sie hat NICHT mit Miles Havers um fünfzig Millionen Dollar verhandelt. Er hat nie Kontakt zu ihr aufgenommen.
526

[Jean-Luc] Ist Havers der Bösewicht? Sie starrte auf den Monitor. »Ist Havers der Bösewicht?« Das hieß im Klartext: Hat Havers Daniel umgebracht? «Janet»Havers beschuldigt Barrett, ein Fälscher zu sein, weil Daniel nicht mehr lebt, um sich verteidigen zu können. Das mußt du glauben. Du mußt es allen sagen. [Jean-Luc] Janet: Ist Havers der Bösewicht? Catherine zögerte. [Jean-Luc] Wiederhole: Ist er der Bösewicht und hinter Dr. Alexander her? «Janet »Darüber kann ich jetzt nicht sprechen. [Jean-Luc] Du hast unser Mitgefühl, aber Miles Havers ist ein mächtiger Mann. «Janet»Leider. Catherine beobachtete den Bildschirm. Der Cursor blinkte, und die Zeit verging. Sie war versucht, Jean-Lucs wahre Identität herauszufinden. Sie wußte, sie konnte es tun, indem sie einen Befehl eingab, der seine IP-Adresse verriet. Ein bißchen Detektivarbeit würde sie direkt zu ihm oder ihr führen. Catherine tippte /whois jean-luc/ und ließ die Hand über der Eingabetaste schweben. [Jean-Luc] Janet: Wir werden tun, was wir können. «SERVER»Jean-Luc hat sich verabschiedet.

527

DER DREIZEHNTE TAG

528

Sonntag, 26. Dezember 1999 Santa Fe, New Mexico
Irgend etwas weckte Erika auf. Zuerst wußte sie nicht, was es war. Sie lag im Bett, lauschte auf die Stille im Haus und versuchte, sich zurechtzufinden. Die Leuchtziffern ihres Weckers verrieten, daß es zwei Uhr morgens war. Sie wartete mit angehaltenem Atem. Dann drehte sie den Kopf auf dem Kissen und sah, daß Miles nicht im Bett lag. Wieder einmal… Wenn eine wichtige Transaktion bevorstand oder wenn er sich mit einem neuen Software-Code herumschlug, hatte er in den vergangenen Jahren immer wenig geschlafen. Erika hatte jedoch das Gefühl, daß sie in letzter Zeit öfter als üblich feststellen mußte, daß er nicht im Bett war. Sie dachte an die überraschende Presseerklärung zu den Schriftrollen, die er vor zwei Tagen abgegeben hatte. Erika war völlig ahnungslos gewesen. Sie hatte wirklich nichts davon gewußt, daß er die Schriftrollen kaufen wollte und mit der untergetauchten Dr. Alexander Geheimverhandlungen führte. Beamte des FBI waren bis in den späten Abend im Haus gewesen und hatten Miles befragt. Dann stellte sich heraus, daß es sich um Fälschungen handelte! Der arme Miles mußte öffentlich eingestehen, daß er getäuscht worden war. Das ist Miles, dachte Erika, als sie aufstand und den Morgenmantel überzog, er wollte die Schriftrollen für die Welt retten. Wahrscheinlich hatte er bereits ein Gebäude für sie geplant, wo die Öffentlichkeit sie hätte sehen und
529

die Wissenschaftler sie hätten studieren können. Es mußte eine große Enttäuschung für ihn gewesen sein. Während sie durch das dunkle, schlafende Haus ging, dachte Erika: Er sollte jetzt nicht allein sein und sich über die Niederlage ärgern. Sie würde ihn trösten und dafür sorgen, daß er ins Bett zurückkam. »Wir haben sie!« rief Teddy. »Sie hat sich bei Galaxy BBS, einem lokalen Server in Baltimore, angemeldet. Sie bieten einen besonders schnellen Zugang zum Internet.« Havers kam herüber. Sie warteten schon ungeduldig, seit der Computer, der Catherine Alexanders Kreditkarte überwachte, sie vor ein paar Stunden durch einen Warnton darauf vorbereitet hatte, daß die Karte benutzt worden war. »Baltimore«, sagte Havers mit einem Blick auf den Bildschirm. Zeke hatte also recht gehabt. Als Zeke am Abend zuvor behauptete, daß die Spur von Dr. Alexander und ihrem Begleiter von Las Vegas zum Dulles-Flughafen in Washington führe, war Havers skeptisch gewesen. Warum um alles in der Welt sollte sie ausgerechnet dorthin geflogen sein? »Wie schnell können Sie Zugang zu dem System in Baltimore bekommen?« fragte er Teddy. »Hängt ganz davon ab. Ich muß ihre IP-Adresse ausfindig machen«, erwiderte Teddy, dessen Finger bereits über die Tastatur glitten. »Einen Merker anbringen, die Such-Software laden…« »Sehen Sie sich die Teilnehmer-Dateien an. Vielleicht hat sie die Telefonnummer angegeben, über die sie sich einwählt.« »Ja, das würde den Job sehr viel einfacher machen…
530

He! Sehen Sie!« Miles blickte auf den Monitor. Galaxy BBS in Baltimore benutzte Scimitar-Software von Dianuba Technologies in der Version von 1998. »Sag ich’s doch!« Teddy stieß einen leisen Pfiff aus. Er hatte an der Entwicklung des Sicherheits-Codes für Scimitar mitgearbeitet. Ein Blick auf die Armbanduhr verriet Havers, daß es in Washington fünf Uhr morgens war. »Hängen Sie sich dran! Wenn wir Glück haben, meldet sie sich noch einmal, bevor die Verbindung wieder getrennt wird.« Teddy machte sich daran, das System von Galaxy BBS zu knacken. Miles ging außer Hörweite des jungen Mannes. Er zog das Telefon aus der Tasche des Morgenmantels und wählte eine Nummer. Er konnte ein zufriedenes Lächeln nicht unterdrücken. Sein Plan funktionierte. Miles hatte damit gerechnet, daß es Catherine Alexander nicht schweigend hinnehmen werde, daß der Name ihrer Mutter durch den Schmutz gezogen oder ihr Freund Daniel als Fälscher bezeichnet wurde. Er setzte darauf, daß sie reagieren werde wie vor ein paar Tagen, als die negative öffentliche Meinung sie dazu getrieben hatte, über Internet Hilfe zu suchen. Miles hatte sie mit seiner Strategie sozusagen ›gezwungen‹, sich noch einmal unüberlegt ins Netz einzuwählen. Die Mühe hatte sich gelohnt. Er hatte sich von Papazian eine Fälschung des Fragments herstellen und sie gegen das echte austauschen lassen. Miles wußte jetzt, dieses Mal war ihm das Kaninchen in die Falle gegangen. »Tut mir leid, Mr. Havers«, rief Teddy vom anderen Ende der langen Reihe von Monitoren, »Dr. Alexander hat keine Telefonnummer in Baltimore angegeben, sondern ihre eigene Nummer in Santa Monica. Dumm ist sie nicht…«
531

Ja, dumm ist sie nicht, dachte Havers und nickte. Als sich Zeke meldete, ging er in die Nähe der Tür und drehte dem jungen Mann den Rücken zu, damit Teddy nicht hörte, was er sagte: »Sie sind in der Umgebung von Baltimore. Mir ist es gleich, wie Sie den Priester und diese Frau aus dem Weg räumen. Aber beschaffen Sie mir auf jeden Fall die Schriftrollen und vergessen Sie nicht den Computer. Ich brauche das Tagebuch von Stevenson.« Erika hatte gerade anklopfen wollen, obwohl die Tür einen Spalt offenstand. Sie wußte, wie wichtig Miles seine Privatsphäre war und daß er es nicht schätzte, wenn man überraschend bei ihm in einem Zimmer auftauchte. Aber anstatt anzuklopfen, wich sie langsam von der Tür zurück. Sie konnte nicht glauben, was sie gerade gehört hatte… ÜBERWACHUNG GALAXY BBS IP Adresse 204.16.78.101 »»Nbosc hat sich zugeschaltet, 8.02 Uhr »»MrySpncer hat sich zugeschaltet, 8.03 Uhr »»robertsoo? hat sich zugeschaltet, 8.05 Uhr »»Nbosc hat abgeschaltet, 8.07 Uhr »»LtChab hat sich zugeschaltet, 8.07 Uhr »»kharvey hat sich zugeschaltet, 8.10 Uhr Miles drehte den Kopf zur Seite und blickte auf die Uhr. In Baltimore war es inzwischen acht Uhr morgens. Catherine Alexander hatte sich immer noch nicht gemeldet.

532

Washington, D.C.
»Wie können Leute nur so leben?« sagte Raphael, der versuchte, sich die Hände an seinem Kaffeebecher zu wärmen. »Immer auf der Flucht…« Er und Zeke saßen in ihrem Wagen und warteten gespannt darauf, daß sich Havers meldete. Es war ein eiskalter Morgen, und sie tranken Kaffee aus Styroporbechern. Zeke haßte es, sich eine Niederlage eingestehen zu müssen. Aber als sie einen Tag lang in Washington gesucht und weder Dr. Alexander noch den Priester gefunden hatten – es erwies sich als unmöglich, alle Kirchen zu überwachen -, meldete er sich schließlich bei Havers und schilderte ihm die Lage. Jetzt mußte Zeke widerwillig die Computer bewundern. Sie hatten geschafft, was ihm trotz aller Anstrengungen nicht gelungen war. Er starrte wie gebannt auf das Autotelefon, als könnte er es dadurch zwingen zu klingeln, und murmelte: »Nun komm schon, Mädchen, schalt noch einmal deinen Computer ein…« Catherine hörte es in der Ferne donnern. Ein Gewitter über dem Meer. Soll ich den Sklaven befehlen, die Fensterläden vorzulegen? Philos! Ich muß Philos warnen… »Catherine! Machen Sie auf, ich bin es.« Sie fuhr hoch und schlug die Augen auf. Wo bin ich? Es klopfte. Das war kein Donner. Vor der Tür stand jemand. Philos? »Catherine? Sind Sie wach?« Garibaldi… Catherine ging unsicher zur Tür und öffnete sie einen
533

Spalt. »Was ist…?« »Schalten Sie den Fernseher ein. Schnell!« »Was gibt es?« Sie ließ Garibaldi eintreten und war plötzlich hellwach. Dann eilte sie ins Bad und zog sich schnell den Bademantel über. »Es ist Dr. Voss.« Garibaldi wählte den Nachrichtensender. »Er hat ein Interview gegeben. Vor der Werbung haben sie das Interview angekündigt. Es wird in den Nachrichten gesendet!« Catherine glaubte, ihren Augen nicht zu trauen, als Julius auf dem Bildschirm erschien. Er saß in seinem Büro im Freers Institut. Am unteren Bildschirmrand war ein Schriftbalken eingeblendet: »Das Interview wurde um 7.08 Ortszeit in L.A. aufgezeichnet.« Catherine blickte auf den Wecker neben ihrem Bett. Hier an der Ostküste war es beinahe elf Uhr. Wie konnte sie so lange geschlafen haben? »Dr. Voss, weshalb haben Sie sich schließlich doch zu diesem Interview bereit erklärt? Bislang hatten Sie es abgelehnt, sich zu äußern.« Julius wirkte erschöpft. Er hatte dunkle Ringe unter den Augen, aber in dem eher konservativen Jackett sah er wie immer gepflegt aus. »Ich habe nicht viel zu sagen, sondern möchte Dr. Alexander bitten, ihr Vorgehen zu überdenken. Sie ist eine ausgezeichnete Wissenschaftlerin. Ich brauche sie hier dringend. Ich kann das Meritites-Projekt nicht allein durchführen. Wir haben immer gut zusammengearbeitet. Catherine, erinnerst du dich noch an das erste Mal?« »Meritites«, sagte Garibaldi. »Ist das nicht die Mumie, an der er letztes Jahr gearbeitet hat? Was meint er mit ›das erste Mal‹? Haben Sie beide schon früher zusammengearbeitet?«
534

»Nein. Er versucht, mir etwas zu sagen. Warten Sie…« Catherine griff zum Telefon und ließ sich von der Auskunft die Nummer des Halekulani Hotels in Honolulu geben. Dann rief sie dort an und erkundigte sich, ob jemand eine Nachricht für Mrs. Meritites hinterlassen habe. Sie legte die Hand über den Hörer. »›Das erste Mal…‹ Ich glaube nicht, daß er damit unsere Zusammenarbeit meint. Ja? Hier spricht Mrs. Meritites. Haben Sie eine Nachricht für mich?« Sie wartete. »Ja? Lesen Sie bitte vor.« Catherine notierte etwas und legte auf. »Ich glaube, Julius hat mir verraten, wo die siebte Schriftrolle ist. Hier«, sagte sie und gab Garibaldi das Blatt. »Thomas von Monmouth?« sagte er. »Wer ist das?« Sie setzte sich an den Computer. »Ich lasse Julius nur wissen, daß ich die Nachricht bekommen habe.« »Catherine, nicht den Computer…« »Vater Garibaldi, haben Sie denn keine Augen im Kopf? Ich hatte keine Ahnung, daß ihn das alles so mitnehmen würde. Er sieht schrecklich aus. Ich muß ihn wissen lassen, daß ich seine Nachricht bekommen habe und daß es mir gutgeht. Keine Sorge. Das geht ganz schnell.« Sie startete den Computer, klickte zweimal auf das ›Galaxy‹-Symbol, rollte zu ›Dialer‹ und klickte auf ›Login.‹

535

Santa Fe, New Mexico
Miles Havers blickte unverwandt auf den Monitor mit der Meldung: ÜBERWACHUNG GALAXY BBS IP Adresse 204.16.78.101 »george hat sich zugeschaltet, 8.15 Uhr »MrySpncer hat abgeschaltet, 8.16 Uhr »joe hat sich zugeschaltet, 8.16 Uhr Plötzlich zuckte es um seine Mundwinkel. »Piep! Piep! Piep! Piep! Miles richtete sich langsam auf. Die Namen rollten nicht länger, aber auf dem Bildschirm erschien die Meldung: **ANSCHLUSS-SUCHE BEGINNT** Lächelnd griff er nach seinem Telefon. Catherine Alexander hatte gerade ihre Zugangsnummer bei Galaxy BBS gewählt.

536

Washington, D.C.
Das Autotelefon blinkte, und Zeke nahm sofort ab. »Ja«, sagte er in den Hörer. Er hörte zu, antwortete: »Jawohl, Mr. Havers«, und legte auf. »Sie benutzt ihren Computer«, sagte er zu Raphael. »Sie suchen gerade den Telefonanschluß.« »Brav, Baby«, erwiderte Raphael und rieb sich die Hände. »Ich beeile mich«, sagte Catherine noch einmal. »Julius soll nur wissen, daß… Was ist das?« Am unteren Rand des Bildschirms blinkte die Meldung: *E-MAIL EINGANG* »Jemand hat Ihnen eine Nachricht geschickt«, sagte Garibaldi. »Das ist unmöglich. O Gott, das bedeutet doch nicht etwa…« Sie klickte zuerst auf das Datei-Menü und dann auf ›Briefkasten‹. * Geben Sie das Paßwort ein für* joe@mail.galaxy.com Catherine tippte Batman, das im Kästchen als ****** erschien, und klickte auf die Eingabetaste. ANALYSIERE ADRESSE VON MAIL:GALAXY:GOM LOGGING INTO POP SERVER

537

Santa Fe, New Mexico
Miles Havers trommelte mit den Fingerspitzen nervös auf die Schreibtischplatte, ohne den Blick vom Bildschirm zu nehmen. Er war nicht länger im Kommunikationszentrum, sondern saß in seinem burgunderroten Büro an einem Computer, zu dem sich nicht einmal Teddy Yamaguchi Zugang verschaffen konnte. *ANSCHLUSS-SUCHE LÄUFT* Miles hatte die Software zur Überwachung von Galaxy BBS selbst geschrieben und installiert. Das Suchprogramm war durch den Alarmton, den Catherines IP-Adresse ausgelöst hatte, aktiviert worden und verfolgte die Nummer zu ihrem Ausgangspunkt zurück. »Also dann«, sagte er, als auf dem Bildschirm ein Stadtplan von Washington, D.C. erschien. Er beobachtete die blauen Linien, die sekundenschnell Punkte miteinander verbanden – Signale, die wie Blitze über den Stadtplan zuckten. Havers griff nach dem Telefon in seiner Tasche und wählte. Als sich Zeke meldete, sagte er: »In einer Minute habe ich die Adresse«, und sah zu, wie die Linien von einem Punkt zum anderen hüpften. Miles lachte leise, denn er hörte, daß Zeke bereits den Wagen anließ, ohne das Telefon vom Ohr zu nehmen.

538

Washington, D.C.
Auf Catherines Monitor blinkte die Meldung *E-MAIL EINGANG* von neuem. Sie klickte auf ›Briefkasten‹ und dann auf ›Neueingang‹. Garibaldi beugte sich über ihre Schulter, um besser zu sehen. »Woher kommt die Nachricht?« fragte er. Catherine erwiderte leicht verwirrt: »Der Absender wird als ›Freund‹ identifiziert.« Nach einem Doppelklick flüsterte sie: »Mein Gott!«
Return-Pfad: freund@dianuba.com Datum: Sonntag, 26. Dez. 1999,6:15:47 Von: freund@dianuba.com An: joe@galaxy.com Betr: EILT

Er hat Sie gefunden. »Hier ist die Adresse«, hörte Zeke seinen Auftraggeber sagen. »N Street 142 in Georgetown. Aber laßt sie diesmal unter keinen Umständen entkommen.« »Nein, Mr. Havers«, sagte Zeke, der bereits mit quietschenden Reifen losfuhr. »Wo ist sie?« fragte Raphael. »Nicht weit von hier.« Raphael ging daran, den Schalldämpfer an der Pistole anzubringen, und Zeke dachte sehr zufrieden: Der Computer hat es vielleicht geschafft, diese Alexander zu finden. Aber kein Computer der Welt kann sie auf die altbewährte Weise ausschalten, so, wie wir das gleich tun werden…

539

DER VIERZEHNTE TAG

540

541 . sie bergen ein Geheimnis und besitzen die Kraft. daß sie an den geheimen Ritualen der Druiden teilnahm. Möglicherweise hatten die Druiden das Rätsel der Steine gelöst. daß die Riesen sie in alter Zeit vom fernen Afrika hierher auf diese Ebene gebracht hätten. Eine andere Geschichte erzählt. Damit würde ich Philos helfen. die Frau des Centurio. 27. Die Macht der ›Himmels‹Steine ist unvorstellbar groß. daß jeder einzelne der Steine besondere übernatürliche Kräfte besitzt. jede Krankheit zu heilen. diese Steine seien vom Himmel gefallen und hätten einen Kreis gebildet. Während ihrer Abwesenheit gestand mir Claudia. um sich mit dem Führer der Britonen zu treffen.Montag. Dezember 1999 Cornelius Severus ritt nach Chichester. Es heißt. Man nennt sie Myrddins Steine und sagt. denn vielleicht gab er einen Hinweis auf die Riesen. Ich wollte den ›Ring der Kraft‹ sehen. und wie immer begleitete ihn Philos. Alle glauben. die Unsterblichkeit und immerwährende Jugend. Ich hatte Geschichten von einer heiligen Stätte auf der Ebene im Süden gehört.

obwohl es in dem Abteil nichts mehr zu befürchten gab. Erst gegen 542 . Vermont Als der Zug vor der Einfahrt in den Bahnhof langsamer wurde. Garibaldi ließ sich die Rechnung geben. konnte ihre Flucht bemerken. O’Tooles Gästehaus zu fliehen. und ihren Blicken bot sich eine verzauberte und märchenhafte Winterlandschaft. noch rechtzeitig aus Mrs. in Washington Stiefel zu kaufen. Sie war froh. daß ein Wagen vor dem Gästehaus anhielt.Greensville. Catherine richtete sich auf und betrachtete das näherkommende Bahnhofsgebäude von Greensville. daß Garibaldi und sie daran gedacht hatten. Aus Vorsicht fuhren sie weder zum Flughafen noch zum Bahnhof. O’Tooles Haus beobachtete. Sogar auf dem Bahnsteig lag Schnee. Sie hatten die Computernachricht – ›Er hat Sie gefunden!‹ – gelesen und das Haus wenig später durch den rückwärtigen Ausgang verlassen. Ein überdachter Gang führte zum Nebenhaus. das gerade völlig renoviert wurde. der Mrs. Es war ihnen gelungen. Im Schutz einer immergrünen Hecke warteten sie auf ein Taxi und sahen. Niemand. öffnete Catherine die Augen. sondern ließen sich von dem Taxifahrer wie zwei neugierige Touristen die Stadt zeigen. Catherine packte die blaue Tasche mit den Schriftrollen. Garibaldi nahm den Laptop und seine schwarze Reisetasche. Irgendwann im Laufe der Nacht hatte er schützend den Arm um sie gelegt. Sie war mit dem Kopf an Garibaldis Schulter eingeschlafen. Der Fahrer stieg aus und verschwand im Haus – es war der Killer mit dem Narbengesicht.

Alexanders Schriftrollen echt seien. Auf dem Titelblatt stand: ›GEFÄLSCHT ODER ECHT?‹ Darunter befanden sich nebeneinander zwei Photos des Jesus-Fragments: das Original. Der Schnee knirschte unter ihren Schritten.« Garibaldi machte sich auf die Suche nach einer Fahrgelegenheit. hatte die Frau an der Zentrale des Halekulani Hotels gesagt. das seit dem Tag nach Daniels Tod immer wieder in den Zeitungen erschien. Catherine fragte sich. Alles hier war still und menschenleer. und das andere. kein Mensch achtete auf sie. Also bestehe durchaus die Möglichkeit. Meritites gemeldet hatte. daß Dr. daß es sich wahrscheinlich nicht um zwei Teile desselben Dokuments handelte. Der Vorwurf der Fälschung hatte nur dazu dienen sollen. Alexanders Zelt entfernt hatte. sie aus ihrem Versteck zu locken. Catherine zweifelte keinen Augenblick daran.Abend wagten sie sich in den Bahnhof und nahmen den Zug nach Vermont. Er hatte diese Runde für sich verbuchen können. nachdem sich Catherine als Mrs. das am Tag zuvor veröffentlicht worden war und das der ägyptische Archäologe angeblich persönlich aus Dr. Niemand folgte ihnen. ob Havers sie auch hier ausfindig machen werde. da ein Vergleich der beiden Photos ergeben habe. und Catherine kaufte eine Zeitung. Jetzt hatten sie ihr Ziel erreicht und stapften erleichtert hinaus in die frostige Morgenluft. »Fragen Sie nach Thomas von Monmouth. die den Schriftrollen ihren Wert zurückgaben und sie wieder für seine Privatsammlung interessant machten. daß sich unter den Experten Zweifel an der behaupteten Fälschung regten. »Fahren Sie zum Kloster in Greensville in Vermont«. daß Havers auch diese Wendung vorausgesehen hatte. Noch einmal wird er mich nicht 543 . In dem Artikel wurde berichtet.

von wem die Computernachricht gekommen war. Er will uns mitnehmen. »Wir haben Glück«. die Gäste aufnahmen – allerdings nur Frauen. um es zu glauben«. Es gab einfache Unterkünfte. War es Jean-Luc gewesen? Vor zwei Tagen hätte sie beinahe ›/whois Jean-Luc‹ eingegeben. sagte Garibaldi. Der Mann aus Greensville hatte sie abgesetzt und gesagt. sagte Garibaldi. als sie auf ihrem Weg zum Kloster durch den Schnee stapften. Jetzt wünschte sie. es getan zu haben. Würden sie auch ein viertes Mal Glück haben? »Das muß man erleben. »Ein Mann. Die Straße war völlig leer. was er dachte: Sie waren zum dritten Mal um ihr Leben gelaufen.« Catherine sah ihn erstaunt an und warf dann einen Blick zur Straße zurück. wie der Mann aus Greensville gesagt hatte. Sie wußte. wenn auch nur dank der Hilfe des geheimnisvollen ›Freundes‹. Es gehörte Benediktinerinnen. »Ich bin solche Winter nicht mehr gewöhnt. der auch hier ausgestiegen ist.überlisten. bis zum Kloster sei es nur noch ein kurzer Weg. Er war über Weihnachten in Washington und hat seinen Wagen am Bahnhof abgestellt. als er zurückkam. und niemand war ihnen gefolgt. Ohne den anonymen Hinweis wären sie und Garibaldi den Killern nicht entkommen.« Doch Catherine sah die Anspannung in seinen Augen.« Garibaldi lächelte scheinbar unbeschwert. Catherine hatte keine Ahnung. »Wirklich nette Leute hier in Vermont. Aber sie hatte auf ihre Art diesem Mann oder der Frau auf der langen Fahrt nach Vermont gedankt. und die 544 . Das Kloster lag in den Bergen inmitten großer Wälder. wohnt in der Nähe des Klosters. Wieder einmal hatten sie überlebt.

Um zehn Uhr morgens wurde eine lateinische Messe gelesen. Sie mußten warten. Und ich kann Ihnen versichern. »Die Kapelle ist alt«. In Augenhöhe befand sich eine kleine vergitterte Öffnung. Seitlich der Pforte gab es eine Glocke. die auf der anderen Seite durch eine Klappe verschlossen war. Ein Telefongespräch hätte ihre Verfolger mit Sicherheit auch hierher in diese Einsamkeit geführt. während sie über die verlassene Landstraße fuhren. Catherine hatte natürlich darauf verzichten müssen.Besucherinnen nahmen die Mahlzeiten entweder allein oder mit den Nonnen ein. Julius anzurufen und ihn nach Einzelheiten zu fragen. wie Julius ihn entdeckt hatte und welche Informationen er angeblich besaß. das über eine hohe Steinmauer durch die Bäume zu ihnen drang. an der die Leute aus der Umgebung teilnehmen konnten. Die Nonnen versammelten sich achtmal am Tag zum Gebet. hatte der Mann ungefragt erklärt. ihr Gesang ist so klar und rein. Garibaldi blickte auf die Uhr. beendet hatten. Die altmodische Glocke schwang hin und her und läutete hell und laut. Nach kurzem Warten erschien ein Gesicht hinter dem 545 . Sie sitzen hinter einem Eisengitter getrennt von der Gemeinde. Sie fragte sich. die grau und streng über die Mauer ragten. als sei er nicht von dieser Welt!« Catherine hörte jetzt das Singen. zog er am Klingelzug. wie die Stimmen von Engeln… Catherine und Garibaldi erreichten kurz darauf das massive Holztor. daß es sich um ein Kloster handelte. Es war Mittag. doch weder ein Name noch ein Schild verriet. Ja. das vierte kanonische Stundengebet. bis die Nonnen die Sext. Catherine richtete den Blick auf die steinernen Türmchen und Giebel. Als der Gesang schließlich verstummte. »Der Altar steht so. wer Thomas von Monmouth war. daß die Nonnen ein Schiff für sich allein haben.

Seit Jahren hat niemand mehr darum gebeten. obwohl…«. und eine alte. dessen Perlen an ihrer Hüfte leise klackten. »Um diese Jahreszeit haben wir sehr selten Gäste«. Sie ist in einem hervorragenden Zustand und wunderbar illuminiert. und die Hände verschwanden in den langen weiten Ärmeln der schwarzen Ordenstracht. Man sah unter der Haube nichts von den Haaren. erwiderte die Äbtissin und lächelte. »Sie kommen also. Einen Augenblick später kam eine andere herein. sie sah Garibaldi lächelnd an. »Was kann ich für Sie tun?« »Wir suchen jemanden«. ihr Alter zu erraten. Heutzutage heißt wohl niemand mehr Thomas von Monmouth. Dort war es so still wie in einer Kirche. Sie stellte sich als Mutter Elisabeth vor. und der Schlüsselbund sowie ein großer hölzerner Rosenkranz. Die Nonne verschwand durch eine Tür unter einem gotischen Bogen. fügte Catherine hinzu. oder?« »Bestimmt nicht«. und es roch nach Zitronenöl. um Thomas zu sehen! Wir sind sehr stolz auf unsere Handschrift. »Die Leute verbringen Weihnachten bei ihren Familien. erwiderte Garibaldi. Sie ging mit schnellen Schritten stumm vor den Besuchern her und führte sie über einen vereisten. Ihr Gesicht hatte kaum Falten. »Wir vermuten. die Augen blickten hell und klar die zwei Besucher an. aber in gewisser Weise wirkte sie alterslos. daß sie die Äbtissin des Klosters war. gebückte Nonne öffnete die Pforte.« Sie war eine ältere Frau.Gitter. verrieten. sagte sie. es könnte sich um ein Dokument oder um eine Handschrift handeln. Auch das erschwerte es. Wir nehmen niemals Männer auf. »Priester selbstverständlich willkommen sind. Die Stimme schien einer jungen Frau zu gehören. gepflasterten Weg und ein paar Steinstufen in einen Empfangsraum. fand Catherine. sie sehen zu 546 . »Oder etwas«.

nahm eine große Ledermappe heraus. daß es sich um ein Werk des Thomas von Monmouth aus dem zwölften Jahrhundert handelte. Die Tinte war noch dunkel. »Bitte«. Im Laufe der vielen Generationen werden manche Tatsachen verdreht und mit Erfundenem vermischt. aber gut erhaltenes Blatt Pergament. sagte sie. Die Äbtissin schloß ein Kabinett auf. »sehen Sie es sich an. »König Arthur?« »So interpretieren wir es auch«. Es wird mir eine Freude sein. König Uther gefangenzunehmen…‹« Sie bewegte den Zeigefinger unter dem lateinischen Text entlang: »›… dux bellorum…‹« »Dux bellorum… Anführer der Krieger«. und die Farben der Malereien und der Inkunabeln hatten nichts von ihrer Leuchtkraft und Lebendigkeit eingebüßt. Aber wäre es nicht wunderbar. Ein maschinengeschriebener Hinweis auf einem beigelegten Blatt Papier verriet. »Uther?« Er sah die Äbtissin fragend an. murmelte Garibaldi. wo Statuen von Heiligen mit traurigen Augen unergründlich ins Leere blickten. und erreichten schließlich die große Bibliothek mit einem gemütlichen Feuer im Kamin. Bitte folgen Sie mir. sie Ihnen zu zeigen. wenn sich das auf König Arthur beziehen würde?« Sie ging zur Tür. sagte sie und nickte. und als die Stunde gekommen war. Offenbar handelte es sich um die Seite eines Buches. »Ich lasse Sie beide allein. legte sie auf den Tisch und öffnete sie. »Sie wissen ja. überfielen die Römer die Stanhengues oder den Ring der Kraft. Die Mappe enthielt ein vergilbtes. 547 .« Catherine übersetzte den Text und las ihn dabei laut vor: »›… an den Kalenden des Juni.dürfen. in der Hoffnung.« Sie gingen durch stille Gänge. wie das mit Legenden ist.

Es gab ein schreckliches Gemetzel an jenem Tag im Ring der Steine. Die Römer schnitten allen die Kehle durch. die sich dort versammelt hatten. die ohne sein Wissen an dem Ritual der Druiden teilnahm. darunter auch Kinder und Frauen. es waren mehr als fünfhundert.« »Nein«.« Nachdem die Äbtissin gegangen war. »benutzen Sie alles. Vater«. 548 . sie wies freundlich auf den Raum. und er stellte zu seinem großen Leidwesen fest.« »Wer ist Valeria?« »Vielleicht eine Druidenpriesterin. sagte Catherine. die später mit der Priesterin Valeria am heiligen Ort begraben wurden‹« »Wie bitte? Das kann nicht sein«. »aber die Geschichte ist im Laufe der Jahrhunderte mit Sicherheit verändert worden. Und. »Sabina war nicht mit Cornelius Severus verheiratet.damit Sie die Handschrift in Ruhe lesen können. Und…« Sie seufzte. daß er durch den Angriff seine eigene Frau verloren hatte.« »Könnte das Begrabenwerden etwas mit dem Brunnen auf dem Sinai zu tun haben? Handelt es sich bei dem Skelett um Valeria?« »Vielleicht…« »Wie geht es weiter?« Catherine las die letzte Zeile. daß Sabina in Stonehenge war. »wir haben leider nur sechs Bücher. was Sie brauchen. Wir sind stolz auf unsere Bibliothek. sagte Garibaldi. und sie stürzten sich auf die Druiden. fuhr Catherine mit der Übersetzung fort: »›… den Anführer der Britonen. Wir wissen. Sie hieß Sabina Fabiana und hinterließ sechs Bücher über Zauberei und Alchimie. Die Frau des römischen Kommandanten Cornelius Severus befand sich unter ihnen. um an einem Druidenritual teilzunehmen. »›Über das siebte Buch. Thomas schreibt beinahe tausend Jahre nach dem Ereignis.

in einem Punkt falsch. und das. sagte sie nachdenklich.« »Catherine. wie wir gerade festgestellt haben. und betrachtete 549 . Woher weiß er. es stimmt. daß das siebte Buch nie geschrieben worden ist? Wenn in der Legende davon gesprochen wird.« »Viele Legenden sind nichts als Märchen. die diese Rollen diktiert hatte. bot ihnen die Äbtissin an. die Nacht im Kloster zu verbringen. und da am Himmel dunkle Schneewolken hingen. ist reine Erfindung. Catherine machte auf dem großen Gelände einen Spaziergang. Also könnte er auch darin irren. glauben Sie wirklich. Sabina ist in Stonehenge getötet worden?« »Ich weiß nicht«. was in der sechsten Rolle stand. »Glauben Sie.« Doch Catherine wußte bereits. daß Sabina trotzdem an ihren Wunden gestorben war? Aber die Sabina. ist nichts bekannt. daß das sechste ›Buch‹ sehr kurz war. Garibaldi ging zum Nachmittagsgebet der Nonnen in die Kapelle. die Sabina in Britannien war höchstens dreißig. Befand sich darin vielleicht eine Beschreibung des Druidenrituals? Hatte Perpetua in einer römischen Garnison in Britannien gelebt und Sabina nach dem Überfall gepflegt? Hatte sie erleben müssen. muß es existiert haben.‹« Sie sah Garibaldi nachdenklich an. Es gab keine Fahrgelegenheit zum Bahnhof. denn es wurde nie geschrieben. Garibaldi sah sie an und sagte ruhig: »Wo sollen wir als nächstes suchen? Wohin gehen wir von hier aus?« Das hing ganz davon ab. »Ich muß immer noch eine Schriftrolle übersetzen.von dem die Legende berichtet. Sie ging langsam auf Kieswegen entlang. von denen der Schnee gefegt worden war. wovon sie berichten. daß die siebte Schriftrolle nur eine Legende ist?« »Der Bericht des Thomas von Monmouth ist. war über achtzig gewesen.

Das Abendessen gab es in einem Speisesaal. Catherine sah zum ersten Mal alle Bewohnerinnen des Klosters beisammen. daß es im Kloster keine Zeitschriften oder Zeitungen gab. daß in vier Tagen ein neues Jahrtausend anbrechen sollte. und die Nacht hüllte die Erde in eine schwarze Decke. hörte sie die Nonnen bei der Andacht in der alten Kapelle und stellte sich vor. Es schien sie nicht einmal zu kümmern. die man vor zweihundert Jahren im gotischen Stil errichtet hatte. daß Garibaldi bei ihnen war. Catherine warf einen Blick durch das Schaufenster in den geschlossenen kleinen Laden. Sie hörte das Singen aus der Kapelle. Es muß die Vesper sein. Die Töne stiegen in die Winterluft und klangen von weitem so zart und schwerelos. Die Äbtissin hatte zweifellos noch nie etwas von Catherine Alexander oder den Schriftrollen vom Sinai gehört. der für sehr viel mehr Menschen gebaut worden war. Die Äbtissin hatte gesagt. Es waren erstaunlich wenige und meist ältere Nonnen in der Tracht einer vergangenen Zeit. Als Catherine zum Hauptgebäude zurückging. dachte sie und erinnerte sich wehmütig an ihre Jugend. Das Kloster besaß nicht einmal ein Fernsehgerät. daß man tatsächlich an einen Chor der Engel hätte glauben können. Sie sah keine Bücher. von den Nonnen angefertigte Stickarbeiten verkauft wurden. wo im Frühling und Sommer Ahornsirup von Bäumen des Klosters und schöne. Im Büro der Äbtissin stand ein kleines Radio. nichts Gedrucktes. das aber nur in Notfällen oder für den Wetterbericht eingeschaltet wurde. Der Himmel über dem Wald wurde allmählich dunkel.sich die gemauerten Gebäude und kleinen Häuser. die 550 . Ansonsten erlaubten die Schwestern der Welt weder mit Nachrichten noch auf eine andere Weise hinter ihre hohen Mauern vorzudringen.

was Sabina in Stonehenge widerfahren war. Sie nahm nicht an der Komplet. und versuchte. das sechste ›Buch‹ zu öffnen und zum genauen Studium unter einer Lampe auszubreiten. Mit einer Geste wurde um Salz gebeten. sondern zog sich in die Bibliothek zurück. die vor vielen Jahrhunderten festgelegt worden waren. Vor allem wollte sie nicht. die ihr scheu zulächelten. versuchte sie so unauffällig wie möglich die Nonnen zu beobachten. als sie vor vielen Jahren alles aufgaben. Die Mahlzeit verlief in tiefem Schweigen. engelhaften Stimmen 551 . Was geht in ihren Köpfen wohl vor. Während Catherine die herzhafte Suppe und das einfache Graubrot aß. fragte sich Catherine. Dabei stellte sie sich die alten Frauen vor.diszipliniert die Ordensregeln und Rituale befolgten. um noch einmal die Handschrift des Thomas von Monmouth zu betrachten. die sechste Schriftrolle zu lesen. Sie und Garibaldi hatten der Äbtissin nichts über den wahren Grund ihres Besuchs gesagt. noch immer den Gesang der Nonnen zu hören. Catherine saß am Kamin und glaubte. ein leises Klopfen mit den Fingerknöcheln war die Bitte um den Wasserkrug. Hatten sie noch Gedanken oder Interesse für die Welt jenseits der Klostermauern? Dachten sie manchmal an das Leben. dem Tagesschlußgebet. teil. um Gott zu dienen? Bedauerte vielleicht eine von ihnen diese Entscheidung? Catherine erinnerte sich. und bis jetzt hatte sich auch niemand danach erkundigt. daß das Durchschnittsalter von Ordensschwestern bei fünfundsechzig Jahren lag. Danach wollte sie anfangen. das sie hinter sich gelassen hatten. die sie im Speisesaal gesehen hatte. daß jemand sie dabei überraschte. Doch der Papyrus befand sich in einem schlechten Zustand. um herauszufinden. die Gesichter den reinen. Sie würde sich viel Zeit dazu nehmen. gelesen zu haben.

die. weichen Flocken schwebten durch die Luft und sanken durch die stille Nacht. Schnee. in die Nacht geblickt hatte. und Catherine wurde klar. als sie draußen im Gang die Äbtissin und Vater Garibaldi hörte. Catherine konnte sich vorstellen. Catherine zuckte zusammen. Es war schon spät. die anderswo dem Fortschritt und der Verweltlichung zum Opfer gefallen waren. Aber was sich vor ihren Augen bewegte. Trotzdem lebten die Nonnen für ihren Glauben – mehr brauchten sie nicht.zuzuordnen. daß es keine Novizinnen gab. als seien Herz und Geist in dem Gesang zu höchster Vollkommenheit vereint. die nach dem Tod dieser gläubigen Schwestern die Tradition weiterführen würden. Ein Spitzenvorhang bewegte sich vor dem Fenster. dachte Catherine lächelnd. zu der Ekstase führen konnte. wie die Mystiker der unterschiedlichsten Religionen der Welt bewiesen hatten. waren nicht Spitzen. Sie schienen von der Welt vergessen zu sein. Sie würden mitten in der Nacht geweckt werden und sich in der Kapelle zur Matin versammeln. zu einem richtigen Weihnachten gehört Schnee. daß sie. um sich mit dem Göttlichen zu vereinen. Manche landeten auf den rautenförmigen Fensterscheiben und schmolzen dort. Kein Wunder. und schob das sechste ›Buch‹ wieder in die blaue Nylontasche. daß die Nonnen ihr Leben genau dieser Art Vollkommenheit weihten. Die Nonnen verbrachten ihr ganzes Leben in klösterlicher Stille. ohne zu sehen. sondern tanzender Schnee. durch die das irdische Dasein überwunden werden kann. um sich auf der kalten Erde niederzulassen. Vater hat immer gesagt. Die kleine Gruppe hielt kompromißlos an den Prinzipien des Glaubens fest. Doch ihre Stimmen – es war. Die zarten. Die Nonnen hatten sich bereits in ihre Zellen zurückgezogen. sagte die 552 . Ihre Stimmen kündeten von der Reinheit des Glaubens. »Die Gästezimmer stehen immer bereit«.

Gute Nacht. Ich lasse Ihnen für alle Fälle von einer Schwester heißes Wasser bringen. Sie seien noch nie zuvor in Kalifornien gewesen. fügte sie hinzu und sah Catherine freundlich an. murmelte Garibaldi und stellte ihre Sachen ab. wieso?« »In Las Vegas waren Sie auch noch nicht. als Daniel ermordet wurde und wir aus Santa Barbara geflohen sind. der Laptop und Garibaldis schwarze Reisetasche.« »Das stimmt. schlafen Sie gut. »zu unserem Gebet und beim Frühstück.« »Was wollen Sie damit sagen?« »Sie haben einen Reisepaß. eine Kreditkarte und Reiseschecks. Es muß eine siebte Schriftrolle geben. erwiderte sie. »Aber im Augenblick sind Sie beide die einzigen Gäste.Äbtissin. Sie 553 . »an dem Abend. ohne auf seine Worte zu achten. machen Sie sich keine Sorgen wegen des alten Thomas von Monmouth. Sabina kann nicht in Stonehenge gestorben sein. die Wasserleitungen sind nicht eingefroren. und sah ihn prüfend an. und wir werden sie finden.« »Vater Garibaldi«. haben Sie gesagt. Sie sind willkommen«. als sie vor Catherines Zimmer standen. gleich nach der Prim. »Und Schnee! Wie können die Leute hier auch nur einen einzigen Winter überleben?« Er machte eine kurze Pause und sagte dann: »Catherine. wo zu Füßen von Heiligenstatuen kleine Votivkerzen flackerten. die sie auf der Flucht immer bei sich hatten – die blaue Tasche. während sie Catherine und Garibaldi durch einen zugigen Gang führte. Ich hoffe. Sie scheinen viel unterwegs zu sein. Er rieb sich die kalten Hände und schüttelte sich.« »Gefrorene Wasserleitungen«. Wir frühstücken bei Tagesanbruch. und Sie kennen sich in Washington nicht aus. Es waren die wenigen Dinge.

Sie leben in Chicago und sind an dieses Wetter nicht gewöhnt?« Er erwiderte kaum hörbar: »Nein. nein!« »Catherine…« Sie wich einen Schritt zurück. »Ich bin dort aufgewachsen. »Ja. »O mein Gott.« »Catherine.« 554 . flüsterte sie. daß ich mich täusche.« »Seit wann nicht mehr?« »Seit achtzehn Jahren«.« »Ich verstehe nicht. sagte er.« »Lassen Sie es mich erklären. nicht wahr?« Er wirkte plötzlich sehr niedergeschlagen.« »Aber Sie kommen aus Chicago?« Nach einer Pause sagte er. das bin ich nicht. es kann nicht sein. lassen Sie uns in Ihr Zimmer gehen und darüber reden. und ihre Augen wurden groß.« »Achtzehn Jahre!. aber in den Vereinigten Staaten kommen Sie offenbar nicht viel herum. ich bin Priester. Stimmt das?« Er nickte langsam. »O mein Gott«. Jetzt leben Sie nicht mehr dort?« Nach einer weiteren Pause.« »Sie kommen vom Vatikan. Sie sind doch Priester.sind nach Israel und Ägypten gefahren. »Vater Garibaldi. antwortete er tonlos: »Nein. Aber warum haben Sie mir gesagt… Vater Garibaldi.« »Wo sind Sie dann gewesen?« Sie verstummte plötzlich. heute auf dem Weg zum Kloster haben Sie eine Bemerkung über den Schnee gemacht und gerade eben eine über gefrorene Wasserleitungen und den Winter im allgemeinen. Sagen Sie mir. »Vater Garibaldi. »Ich bin 1981 von dort weggegangen.

Mein Gott.« »Bitte. Sie zitterte so heftig. wie der Boden unter ihren Füßen nachgab. Sie wich zurück.« »Sie Schwein!« Catherine holte aus und schlug ihm ins Gesicht. war das doch Zufall. die Dinge. war ich gleich mißtrauisch.« »Ich habe nie gelogen. als wir uns im Hotel Isis getroffen haben. oder?« »Catherine…« »Antworten Sie mir. lassen Sie es mich erklären«.« Sie spürte. murmelte Catherine.« »Nein. dachte einen Augenblick nach und sagte dann: »Ja. die ich Ihnen anvertraut habe! Mit keinem 555 . »Ich kann nicht glauben. »Sie haben nur niemals die Wahrheit gesagt! Aber das ist natürlich keine Sünde. um etwas zu erwidern.« »Nein…« Sie kämpfte mit den Tränen. »Aber warum? Ich meine…« Sie sank gegen die Tür. daß sie die Arme um ihren Oberkörper schlingen mußte. Sie hielt sich krampfhaft an der Türklinke fest. sagte er und streckte die Hand nach ihr aus. Ich hätte mich auf meine Intuition verlassen sollen. Als ich Sie zum ersten Mal gesehen habe. denn Sie hatten Ihre Anweisungen. nicht wahr? Und die erste Pflicht eines Priesters ist Gehorsam gegenüber seiner Kirche. daß ich darauf hereingefallen bin«. wer ich bin?« »Ja. »Vater Garibaldi.»Sagen Sie es mir! Kommen Sie vom Vatikan?« Er setzte an. es war kein Zufall.« Sie begann zu zittern. »Als ich Sie das erste Mal am Computer im Büro des Hotels gesehen habe… da wußten Sie bereits. »Die vielen Lügen… und ich habe sie alle geglaubt. »Rühren Sie mich nicht an.

Vater Garibaldi. Und jetzt habe ich nicht einmal mehr Sie!« Ihre Stimme hallte durch den Gang. Und Sie arbeiten für diese Leute!« »Die Kongregation hat mich geschickt. Wer hat Sie geschickt?« »Das ist nicht…« »Sagen Sie es mir. Sie seien der einzige Mensch. Ich habe Ihnen mein Innerstes offenbart! Ja. daß wenigstens ein Mensch zu mir hielt. Sie arbeiten für die Inquisition. daß Sie es mir nicht sagen wollen.« »Catherine. Ich dachte. auf den ich mich verlassen kann. nicht wahr? Warum sagen Sie es mir nicht?« Sie schloß die Augen und flüsterte: »Ich weiß es natürlich. Garibaldi warf einen Blick in die Richtung. Reden Sie nicht länger darum herum! Die neue Bezeichnung ändert nichts an den Aufgaben und dem Vorgehen. gehen wir in Ihr Zimmer und unterhalten wir uns dort.« Sie preßte die Lippen aufeinander und sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an. die auch meine Mutter vernichtet haben. wußte ich. und das aus gutem Grund.« In ihren Augen standen Tränen. »Wer?« »Ich finde. Als die ganze Welt gegen mich war. 556 . das ist nicht wichtig. bitte. für jene Leute. »Es gibt einen Grund dafür. ich hatte Angst. Das ist richtig.« Sie beachtete ihn nicht. »Wer hat Sie geschickt?« »Wer?« »Im Vatikan. ich habe nicht direkt mit der Kongregation…« »Mit der Inquisition. wo die Äbtissin verschwunden war. »Catherine.Menschen habe ich bis jetzt darüber gesprochen.

daß Sie wütend…« »Was sollten Sie tun? Mir die Schriftrollen abnehmen? Oder mich durch schöne Reden gesprächig machen. der Kontakt zu Havers aufnahm. Sie haben in den Unterlagen nachgesehen und festgestellt.« »Und deshalb soll ich glücklich und zufrieden sein?« rief sie. Ich bin nur ein Computerfachmann. Ich bin nicht Torquemada. um den Gerüchten von einem möglicherweise christlichen Jesus-Fragment nachzugehen. Vielleicht hat man den Vatikan informiert. er hat sich an jemanden in Kairo gewandt. den veralteten Katalog der Vatikanbibliothek zu computerisieren. Es ist auch schon vorgekommen. Ich konnte in wenigen Stunden im Sinai sein. besonders in dieser Gegend. als Hungerford sein Geschäft machen wollte. bis Sie mir alle Informationen entlockt hatten. Ich bin kein Inquisitor. obwohl es ihn sichtlich Mühe kostete.Eigentlich sollte ein anderer Priester fahren. Catherine. daß ich meinen Urlaub in Israel verbrachte. Die Araber verkaufen Funde an private Sammler. erwiderte er ruhig. Das ist alles. »hatte man mich nur geschickt. Sobald meine Vorgesetzten hörten…« »Wie haben sie es erfahren?« Er strich sich mit der Hand über die Haare. den man beauftragt hatte. Ich glaube. Wahrscheinlich hat dieser Mann danach oder auch davor Kardinal Lefevre informiert. sich zu beherrschen. weil er 557 . Catherine. »Ich weiß es nicht. daß die Beduinen Papyri zum Anzünden ihrer Lagerfeuer benutzt haben. Ich bin kein Spion. aber er wurde krank. die der Vatikan haben wollte?« »Ursprünglich«. »Ich mache Ihnen keinen Vorwurf. Der Vatikan überprüft jede Nachricht über das Auftauchen von Schriftrollen. Ich war nur zufällig zum falschen Zeitpunkt am richtigen Ort.

Ihnen aber nichts von den wahren Gründen zu sagen. man hat es mir befohlen. das für Sie angekommen war. »es war nicht Ihre Idee. die Angebote in die Höhe treiben zu können. es zu tun. aber Sie haben es getan. »Weil ich bei Ihnen bleiben wollte«. weil ich wissen wollte. was geschehen war. und begann wieder zu zittern. ob Sie gläubige Katholikin seien. »Und was wollte der Kardinal erreichen? Sollte ich Sie zur siebten Schriftrolle führen?« »Nein. Catherine. was in den Schriftrollen steht. daß Ihnen nichts zustößt. und ich mußte das verneinen. sagte sie bitter.« 558 .« »Nein. Und… glauben Sie mir. Aber in der ersten Nacht habe ich Kardinal Lefevre angerufen und ihm berichtet. sagte er leise. Ein anderer sollte geschickt werden. weil man es Ihnen befohlen hat?« fragte sie mit Tränen in den Augen. Ich kenne die Einzelheiten nicht. Ich sollte dafür sorgen.« »Nein.hoffte.« »Sie haben also Daniels Weihnachtsgeschenk zum Vorwand genommen…« »Ich bin Ihnen nachgereist. das habe ich Ihnen gesagt. »Sie sind also die ganze Zeit bei mir geblieben. ich wollte Ihnen alles sagen. Als ich mich am ersten Abend aus dem Hotel Isis in Rom meldete. es war nicht meine Idee. hat man mich gefragt. bei Ihnen zu bleiben. die sie für klar und ehrlich gehalten hatte. Catherine. Vater Garibaldi«. Der Hoteldirektor erzählte mir von dem Päckchen. und es lag nicht in meiner Absicht. Ich hatte ein persönliches Interesse daran.« »Und deshalb hat man Sie beauftragt zu spionieren. Sie blickte in seine Augen. ich sollte nach Rom zurückkehren. Ein paarmal war ich nahe daran. Er hat mir aufgetragen. aber dann waren Sie plötzlich verschwunden.« Sie sah Garibaldi an. meinen Auftrag vor Ihnen geheimzuhalten.

« »Glauben Sie. Vater Garibaldi. als wir Hilfe brauchten?« »Man hat uns geholfen. die Kirche wird sich über Beweise freuen. als sich die ägyptische Regierung direkt an das Weiße Haus wandte.Ihre Augen wurden groß.« »Und wenn wir Beweise dafür finden. Das Ganze wurde sehr heikel. hat die Kirche kein Anrecht darauf. Die Kirche würde sie vernichten. Der Vatikan mußte neutral erscheinen. Außerdem sind die sechs ›Bücher‹ nach geltendem Recht Eigentum des ägyptischen Staates. was dann mit den Schriftrollen geschehen würde. Das ist eine Frage der Diplomatie und der Rücksichtnahme auf Empfindlichkeiten. daß es sich um christliche Dokumente handelt. »Sie waren mein Leibwächter?« »Ja.« »Warum hat der allmächtige Vatikan uns nicht geholfen.« »Sie wissen. 559 . Ich sollte lediglich Bericht erstatten. Mir war klargeworden.« »Sie hätten mir oft genug die Schriftrollen wegnehmen können. daß Frauen in frühchristlicher Zeit das Priesteramt ausgeübt haben?« »Catherine. Warum haben Sie es nicht getan?« »Weil wir keinen Beweis für den christlichen Ursprung der Schriftrollen hatten. während ich schlief. daß es sich um christliche Texte handelt? Was dann?« »Ich weiß es nicht. wir wissen bis jetzt nicht einmal mit absoluter Sicherheit. Wenn dieser Text nicht christlicher Herkunft ist. Aber offiziell hat der Vatikan nichts mit der Sache zu tun. wo es möglich war.« »Das ist eine Behauptung.« »Wann hat man uns geholfen?« »Zum Beispiel mit Reiseschecks.

daß ich in Las Vegas Reiseschecks bekam. »Jetzt verstehe ich auch einige andere Dinge. »Die ganze Zeit. Vater Garibaldi.daß man uns durch den Leihwagen auf die Spur kommen konnte. und deshalb hatte ich danach keine mehr. all die Nächte.« »Wenn der Vatikan uns geholfen hat. Es wäre für den Vatikan nicht klug gewesen. Er hat veranlaßt. Und ich war 560 . mir die Wahrheit zu sagen?« »Ich habe jede Minute daran gedacht. wieso haben Sie die Informationen nicht weitergegeben und die Leute in Rom für uns suchen lassen? Sie hätten Tymbos wahrscheinlich gefunden. Zum Beispiel die kleine Katze in Mojave. all diese Augenblicke. sagte sie bitter. Catherine kämpfte immer noch mit den Tränen. die wir zusammen verbracht haben. daß die Unterlagen im Computer der Verleihfirma gelöscht wurden. Sie hatten der ägyptischen Regierung etwas gestohlen. daß Chicago für seine Katzen berühmt sein sollte.« »Einiges davon habe ich übernommen«. Aber man hat dafür gesorgt. »also hat man abgewartet. weil ich noch nie gehört hatte. flüsterte er.« »Ja«.‹ Ich fand das komisch. Ihnen zu helfen und Ihre Nachforschungen zu unterstützen. in denen wir uns nahe waren… Und Sie haben nie daran gedacht. um alle Rechnungen und auch die ServerGebühren zu bezahlen.« »Auch damit durfte der Vatikan nichts direkt zu tun haben. Also habe ich Kardinal Lefevre informiert. und ich durfte die Dreckarbeit machen. sagte er ruhig. Sie haben gesagt: ›Wir sind für unsere Katzen berühmt. Rom ist natürlich für seine Katzen berühmt!« »Es tut mir leid«. Leider wurde damit auch meine Kreditkarte ungültig.

als sei ich mißhandelt worden. benutzt und betrogen. sagte sie: »Sie werden nicht bei mir bleiben. wiederholte er und sah sie traurig an. ich fühle mich verraten!« »Es tut mir leid«. als zu schweigen. dort vermißt man Sie. Aber es war die Äbtissin. Aber ich durfte es nicht.« »Catherine. Es klopfte leise. wohin Sie gehen – vielleicht zurück zu Ihrer Gemeinde in Chicago. und Catherine blickte auf die Uhr.« Sie streckte die Hand aus. Noch schlimmer. nicht zu weinen und trotz der maßlosen Enttäuschung ihr Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Sie haben einen Besucher. »Nur Bericht darüber erstatten. sagte sie. seit sie Garibaldi die Tür vor der Nase zugeschlagen hatte – dreißig Minuten. ich möchte bei Ihnen bleiben. »Garibaldi… die Inquisition und…« Die Äbtissin räusperte sich diskret. es zu tun. Als sie Julius im Gang stehen sah. wie mir im Augenblick zumute ist? Ich komme mir vor. Ich hatte keine andere Wahl.« Sie drehte sich um.« »Was sollten Sie tun. in denen sie versucht hatte. Alexander. sagte Catherine und trocknete sich mit 561 . Es war eine halbe Stunde her. Ich werde Sie jedenfalls nicht vermissen. »Julius! Du hast mir so gefehlt!« schluchzte sie und hielt ihn fest. »Er gehört mir.« »Haben Sie eine Vorstellung. Es ist mir egal. »Bitte lassen Sie mich in Ruhe«. nachdem ich die siebte Schriftrolle gefunden hatte? Sie mir wegnehmen?« Er schüttelte den Kopf.« Catherine öffnete die Tür. »Mutter Oberin«. »Geben Sie mir den Computer.« Als er ihr den Computer gab.wirklich oft nahe daran. Ich bin sicher. Geben Sie ihn mir. warf sie sich weinend in seine Arme. »Dr. ging in ihr Zimmer und schloß die Tür.

Wenn ich die Bilder von dir in den Zeitungen und im Fernsehen gesehen habe… ich dachte. Voss. Da sieht man es wieder.« »Vater Garibaldi ist an diesem Ende des Gangs. Sie werden ebenfalls ein Zimmer brauchen…« Catherine nickte. und als sie sich voneinander lösten.« »Wir bleiben nicht hier. wie glücklich ich bin. Dr. »Ich habe meine ganze Hoffnung auf das Internet gesetzt.« Jetzt würde alles gut werden. daß du hier bist. »Wenn es nicht zu große Mühe macht. in einem Kloster schickt sich das nicht. Catherine. »das ist mein Verlobter. ich habe die Handschrift des Thomas von Monmouth gelesen. ich würde verrückt werden. erwiderte die Äbtissin. Julius. »Es war ein Alptraum. aber ich bin so froh. und sie lachte.« Er legte den Arm schützend um sie und drückte sie an sich.dem Handrücken die Tränen. Jetzt würde sie die Kraft haben weiterzumachen. Dr.« Die Äbtissin musterte ihn ruhig. Catherine zog Julius in ihr Zimmer und schloß die Tür. »Ich nehme an. »Findest du es so schrecklich?« »Nein… anders!« Sie küßten sich lange. Wie hast du sie eigentlich gefunden?« Er erzählte es ihr. »Du hast keine Vorstellung. und am Ende ist das Wissen eines Gelehrten wie Rabbi Goldman 562 . sagte Julius lächelnd: »Ich glaube. »Julius. dich zu sehen!« Er starrte sie an. Voss kann das Zimmer am anderen Ende haben«. »Wie siehst du denn aus?« Er berührte die kurzen weißblonden Haare. Die Technik hat ihre Grenzen.

um dir zu zeigen. Thomas von Monmouth kann sich geirrt haben. wie Catherine in den vergangenen zwei Wochen gelebt haben mußte. »Ich wünschte. daß du deine Suche abbrichst.« »Aber… ich dachte. sagte er mit gerunzelter Stirn. es tut mir wirklich leid. »Dieser letzte Abend bei mir zu Hause…. wir könnten sofort gehen. Es hat keinen Sinn.« Er sah sich in dem einfachen Zimmer um. »ich habe dir geholfen. Ich muß sehr selbstgerecht und überheblich geklungen haben. und seine Stimme wurde weich. Der Computer lag auf dem Bett. weiter danach zu suchen. »Aber wahrscheinlich ist es besser. daß ich auf deiner Seite stehe.« Er seufzte und schüttelte den Kopf beim Gedanken daran. wir bleiben nicht hier«. sagte er und faßte sie an den Schultern. wenn wir bis morgen früh bleiben. wohin Sabina uns als nächstes führt. bis wir wissen.« »Ich verlange nicht. »Nach Kalifornien? Warum sollte ich nach Kalifornien fliegen?« »Weil Thomas schreibt. Aber hier sind wir sicher. daß Sabina in Britannien gestorben ist. daß es sich in Wirklichkeit um die Schriftrollen handelte.« 563 . und nicht. seine blaue Tasche stand auf dem Boden.« »Catherine. Ich werde vielleicht ein paar Tage für die letzte Schriftrolle brauchen. Hör zu«. niemand wird uns finden.« Sie sah ihn verständnislos an. Julius.« Er lächelte sie an. damit ich sie abbreche.« »Wir können nicht weg. zumindest so lange nicht. aber er wußte. und daß es keine siebte Schriftrolle gibt. du hättest mich hierher geschickt. Auf dem Tisch entdeckte er sein Buch Die Leiche im Moor. damit ich meine Suche fortführen könnte. »Wir fliegen nach Kalifornien zurück.zuverlässiger.

Ich habe alles in Ordnung gebracht. von den Killern 564 .« »Ich habe dich noch aus einem zweiten Grund auf die Handschrift hingewiesen. Vielleicht ist es Zeit. die Angst. du mußt dich nicht mehr verstecken. Dann hat das Fliehen und das Versteckspielen ein Ende. Hilfe anzunehmen. den ich liebe. daß es keine siebte Schriftrolle gibt. daß ich die Leute im Ministerium in Kairo kenne. dir etwas zu tun. »Was meinst du damit?« »Du weißt. Andere Experten werden die Rollen analysieren. wenn ich mit der Übersetzung der sechs Bücher fertig bin. die siebte Schriftrolle zu finden?« »Du wirst Hilfe bekommen. sagte er lächelnd.»Nein.« »Und wie hilft mir das. Aber du kannst nach Hause kommen.« »Julius. Das wird natürlich in Kairo und unter der Aufsicht ihrer Leute geschehen müssen. niemand wird versuchen.« »Also gut«.« »In Ordnung gebracht?« Sie sah ihn verwundert an. und sie sind zu einer Lösung bereit.« Andere Experten? Hilfe? Sie setzte sich an den Tisch und dachte nach. Aber dort bist du in Sicherheit. die Vorwürfe zurückzuziehen. dann kann es zu spät sein.« »Das weiß ich erst. Ich habe die Lage mit ihnen besprochen. werde ich nicht mit dir streiten. du hast nur wie der gewissenhafte Mann gesprochen.« »Es ist die einzige Möglichkeit für sie. die Anschuldigungen gegen dich fallenzulassen. Dann kannst du weiterhin an den Schriftrollen arbeiten. die es ihnen ermöglicht. Du solltest mit eigenen Augen sehen. »wenn du an das Vorhandensein eines siebten Buchs glauben willst.

»Das wird nicht möglich sein. was uns verrät -« Er schüttelte den Kopf.« »Warum nicht? Wenn ich den Ägyptern die Schriftrollen gebe…« »Der Brunnen wird zugeschüttet. sagte sie nach kurzem Nachdenken.« »Eine neue Grabung?« »Der Brunnen. das ist unmöglich. wem ich vertrauen kann. Ich will wissen. Ich muß mich nicht ständig fragen. »Vielleicht werde ich es tun.« »Welcher?« »Daß man mir eine neue Grabung genehmigt.« »Gut. bis alle Vorwürfe gegen dich entkräftet sind. Julius. ihn aufzufüllen und zu versiegeln.« Sie sah ihn verständnislos an. »Warum?« »Man hat erklärt.« Er zögerte einen Augenblick und fügte dann hinzu: »Zumindest so lange. »Das kann ich ihnen nicht verübeln. wer darin begraben liegt. »Was ist mit meiner Grabung?« fragte sie. Dann kann ich ungestört über Internet recherchieren. ob es weitere Schriftrollen gibt oder etwas anderes.überrascht zu werden.« »Aber unter einer Bedingung. Und ich will feststellen.« »Wirst du es tun? Wirst du die Schriftrollen der ägyptischen Regierung übergeben?« »Ich werde es mir überlegen«. »Wird man mir erlauben weiterzumachen?« »Tut mir leid.« 565 . der Brunnen sei einsturzgefährdet und Anweisung gegeben. Ich habe ihre Gesetze übertreten.« »Warum?« »Man hat deine Erlaubnis gesperrt.« Sie seufzte.

das ist Unsinn. »Es ist kein Unsinn. was hier gespielt wird. Julius. daß du mir das alles gesagt hast. »Catherine…« Als er neben sie trat. was ich dir vorausgesagt habe. man hat den freiliegenden Teil des Skeletts untersucht und erklärt.»Nein!« rief sie entsetzt. Julius«. drehte sich abrupt um und trat ans Fenster. die man in 566 . wich sie vor ihm zurück. nach der siebten Schriftrolle zu suchen! Ich tue es nicht nur für meine Mutter und für Daniel. dann verschwinden sie in einem Archiv. Garibaldi… »Catherine. und man wird nie mehr etwas von ihnen hören. als man sie lebend in einen Brunnen hinabließ. sagte sie mit gepreßter Stimme. »Wenn ich auch nur einen Augenblick unsicher gewesen sein sollte. Es ist meine Pflicht. Sie schütten das Skelett der Frau zu. Die ägyptische Regierung wird unter Druck gesetzt. Wenn ich die Schriftrollen den Ägyptern überlasse oder dem Vatikan oder der Harvard University oder irgend jemandem sonst. das dürfen sie nicht tun!« »Catherine. dann gibt es jetzt keinen Zweifel mehr.« »Nicht von historische Bedeutung? Julius. »Nein. ob ich weitermache. »Ich weiß. Es ist genau das.« Catherine kniff die Augen zusammen. die mit den Schriftrollen begraben worden ist… lebendig begraben worden ist.« Sie schüttelte den Kopf. Sie wollen die ganze Sache vertuschen. »Ich bin froh. Julius?!« Er sah sie erschrocken an. die Frau kann eine frühchristliche Priesterin gewesen sein! Es könnten Dinge von ungeheurem historischen Wert mit ihr dort unten im Brunnen liegen. Dann wird diese arme Frau umsonst den Märtyrertod gestorben sein! Begreifst du das nicht. es sei nicht von historischer Bedeutung.« Der Vatikan. sondern auch für diese bedauernswerte Frau. Ihre Hände und Gelenke waren gefesselt.

Ich tue es für Sabina. Dann setzte sie sich an den Tisch und bereitete sich darauf vor. Aber ich kann nicht aufgeben. 567 . die letzte Rolle zu lesen. Ich habe es geschafft. Perpetua und Amelia und für jeden.« Sie hielt ihm die Tür auf. Jetzt nicht!« »Catherine. »Gut. schloß sie hinter ihm ab. Ja. wenn du es so haben willst. tu es nicht. ich habe Regeln und Gesetze gebrochen. der die Botschaft der Schriftrollen hören will. Julius. Aber wenn ich jetzt aus diesem Zimmer gehe. Geh zurück in dein sicheres Institut.« »Flieg nach Kalifornien. Julius wurde blaß.den Brunnen gestoßen hat. und wahrscheinlich habe ich auch dich verloren. Ich werde nie wieder in deinem Leben auftauchen. alle Welt gegen mich aufzubringen. das verspreche ich dir. und als er hinausging.« Am liebsten hätte sie hinzugefügt: Und nimm Garibaldi gleich mit. Sie schob jeden Gedanken an Julius und an Garibaldi beiseite und atmete bewußt langsam und tief. bitte. dann ist es für immer. zu deinen Regeln und deinen moralischen Grundsätzen und laß mich in Ruhe.

DER FÜNFZEHNTE TAG 568 .

Es hatte sie gerührt und beeindruckt. Im Westen war der Himmel noch nachtblau. der Häuptling der Sippe. Und tatsächlich entdeckte sie 569 . Als er vor ungefähr einer Woche Erika zur Cloud Mesa gebracht hatte. wie es eigentlich nur in Filmen zu sehen war. daß kaum jemand diesen geheimen Platz kannte. Aber der östliche Horizont strahlte in majestätischem Glanz. stellte sie den Motor ab und blickte sich suchend um. Sie wußte intuitiv. um zu beten. daß Kojote hierher gekommen war. immer weiter nach oben fuhr und die Ebene immer weiter unter ihr zurückblieb. ob hinter diesem unerwarteten Vertrauensbeweis vielleicht doch eine Absicht gestanden hatte. Dezember 1999 Santa Fe. der dicht an der rauhen Felswand entlangführte. daß Kojote da draußen sein würde. Sie hatte keinen Beweis. einer weißen Amerikanerin ein solches Geheimnis anvertraute. Erika achtete nicht auf die Schönheit der Natur. den Sonnwend-Kachina damit zur Rückkehr aus der Unterwelt zu bewegen. daß der alte Schamane. Aber als sie nun auf dem schmalen steilen Weg. aber seine Familie und die Polizei hatten bisher vergeblich nach ihm gesucht. verriet er ihr. und noch leuchteten dort ein paar Sterne.Dienstag. 28. weil er hoffte. New Mexico Der Tag brach über der Wüste an und schenkte der kalten schlafenden Welt sein goldenes Licht. Auf der Hochebene angekommen. fragte sie sich. Sie hielt auf dem holprigen Weg das Steuer des Landrover fest umklammert.

sondern wehten im Wind.den Schamanen: Er saß mit dem Gesicht nach Osten und gekreuzten Beinen auf einem Felsvorsprung am Rand der Mesa. Sein Körper war mit Lehm bestrichen. 570 . Seine langen weißen Haare waren nicht geflochten. Aber er betete nicht. er war tot.

Vermont Schwester Gabriele lief so schnell es ihre beinahe achtzig Jahre erlaubten und schüttelte verständnislos den Kopf. sagte er mit tiefer Stimme. Sie schob die Holzklappe vor der vergitterten Öffnung zurück und spähte hinaus. »FBI. »Benedicte«. als sie in den verschneiten Hof hinauseilte. der polizeilich gesucht wird. aber Sie müssen mir schon sagen. »Wir würden gern die Äbtissin sprechen. dem mußten die Höllenhunde auf den Fersen sein. Schwester. »Bitte öffnen Sie.Kloster Greensville. daß sich jemand bei Ihnen aufhält.« Wer immer da draußen stand. Eisige Morgenluft schlug ihr ins Gesicht. Geduld. worum es geht. Schwester«.« »Es tut mir leid. ich komme ja schon. »Worum handelt es sich?« fragte sie. In der ganzen Geschichte des Klosters hatte die Glocke der Pforte bestimmt noch nie so stürmisch geläutet. den Umhang über die Schultern zu legen. »Geduld. die im hohen Schnee standen. Der Besucher läutete so stürmisch. Die Welt lag noch im Halbdunkel. Einer der Männer hielt ihr etwas vor das Gesicht. und deshalb zitterte sie jetzt vor Kälte unter dem schwarzen Habit. Der Mann hieß Strickland. daß sich Schwester Gabriele nicht einmal die Zeit genommen hatte. Wir müssen in das Kloster. murmelte sie.« 571 . und sie konnte nur mit Mühe die Gestalten von drei oder vier Männern erkennen. Es ist gegen unsere Regeln…« »Wir haben Grund zu der Annahme.« Schwester Gabriele sah einen Polizei-Ausweis.

schob den schweren Riegel zurück und öffnete die Pforte.« Strickland bedeutete seinen Kollegen mit einer knappen Bewegung zurückzubleiben. sagte sie. daß der Schnee hinter ihr unter eiligen Schritten knirschte. »Haben Sie diese Frau gesehen?« Die Äbtissin blickte lange und prüfend auf das Bild.« Die Äbtissin räusperte sich und nahm den Platz hinter dem Gitter ein. Mehr als einer von Ihnen würde die Ruhe des Klosters stören. um sie zu verhaften. »Verzeihen Sie.»Gütiger Himmel!« Schwester Gabriele hörte. »Haben Sie einen Durchsuchungsbefehl?« Die Männer vor der Pforte wurden ungeduldig. sagte die Äbtissin. und dann die Stimme der Äbtissin. und wir wollen Dr.« Nach erneutem Geflüster lief Schwester Gabriele eilig über den Hof zurück. Dann bekreuzigte sie sich und fragte: »Was hat sie getan?« »Sie wird im Zusammenhang mit zwei Morden gesucht…« »Morde!« Die beiden Nonnen bekreuzigten sich. mein Herr«. »Aber bitte nur Sie. Mr. »Was gibt es. der Strickland hieß. Würden Sie bitte das Tor öffnen?« Die beiden Frauen flüsterten kurz miteinander. sagte der Beamte. dann sagte die Äbtissin. »Möglicherweise sind es auch drei. »Schwester«. Außerdem hat sie Eigentum einer fremden Regierung entwendet. Strickland. Alexander nur ein paar Fragen stellen. »Nun gut«. 572 . Normalerweise haben Männer hier keinen Zutritt. »Wen suchen Sie?« Der Mann vor dem Tor hielt ein Photo hoch. Sie suchen jemanden. Schwester Gabriele? Wer hat geläutet?« »Es ist die Polizei. das sie im Dämmerlicht kaum sah. Wir sind nicht gekommen. »es ist sehr kalt hier draußen.

Alexander? Sind Sie da?« Strickland sah sich um. Schwester«. und die Äbtissin musterte den Beamten. »Darf ich bitte Ihren Dienstausweis sehen?« »Selbstverständlich. Strickland. Er war ein korpulenter Mann Mitte Fünfzig mit einem geröteten Gesicht und einem Ausdruck geduldigen Leidens. um Ihre Identität zu überprüfen.« »Wir hören hier kein Radio. Mr. »Gibt es noch einen Ausgang?« »Nein. aber ich habe meine Befehle. Sie müssen in den Nachrichten davon gehört haben.« Fünf Minuten später führte die Äbtissin ihn durch den Gang des Gästeflügels.« Er seufzte.« »Könnte sie auf der Toilette. Sie streckte die Hand aus. Mr.« Er gab ihr den Ausweis. »Sie haben doch sicher nichts dagegen. Sie zu stören. »Es ist mir unangenehm. Strickland.« Sie lauschten auf eine Antwort.»Es tut mir wirklich leid. sagte er. »Frau Dr. und zu uns dringen auch sonst keine Nachrichten von draußen. Vor Catherines Tür blieb sie stehen. Catherine und Dr. als sei er schon zu lange in seinem Beruf. Alexander? Sind Sie wach? Sie haben einen Besucher. wo Vater Garibaldi. daß ich die FBI-Dienststelle in Montpelier anrufe. »Das steht Ihnen frei. klopfte leise und rief: »Frau Dr. Er duftete schwach nach Kaffee und Zigarettenrauch. Die Äbtissin klopfte etwas energischer. ich meine im Badezimmer sein?« »Alle Zimmer haben in den fünfziger Jahren eigene 573 .« Sie traten in die warme Vorhalle. als er ihr zum Hauptgebäude folgte. Voss am Abend zuvor Zimmer bezogen hatten. Wir suchen diese Frau schon seit zwei Wochen.

»Ist das alles.« Strickland blickte hinaus in den verschneiten Wald.« Die Äbtissin klopfte noch einmal. das zerknitterte Bettzeug wies darauf hin. Auf dem kleinen Tisch sahen sie einen Laptop mit dunklem Bildschirm. »Und das ist der einzige Zugang?« »Wenn Dr. daß jemand darin geschlafen hatte. sagte Strickland und fügte mit einem Blick auf die Äbtissin hinzu: »Bitte…« Die Äbtissin griff nach dem Schlüsselbund an ihrer Hüfte und schloß die Tür auf. der kalte Wind blies herein. das ist alles. »Ihre Kleider sind noch hier. »Ich glaube. Wir finden sie. Wir wollten 574 . sagte er.Bäder bekommen. Sie wird da draußen erfrieren!« »Sie hatte es offenbar eilig«. »Ja«. Auf dem Boden unter dem Tisch entdeckten sie eine blaue Tasche. Die Äbtissin trat zum Fenster und blickte hinaus. Das Fenster stand offen.« Es gab ein schreckliches Gemetzel im Ring der Steine.« Er blickte über die Schulter zurück. als hätte sie jemand gewarnt.« Er musterte die Äbtissin mit zusammengekniffenen Augen. sagte sie. »Frau Dr. was sie bei sich hatte?« Die Äbtissin seufzte und warf einen Blick auf die Sachen. »Es sieht ganz so aus. Dabei war es eine friedliche Versammlung. »Sie wird nicht weit kommen. sagte Strickland und ging durch das kleine Zimmer. hätten wir sie gesehen. Alexander weggegangen wäre. Alexander muß diesen Weg benutzt haben. Alexander. ist alles in Ordnung mit Ihnen?« »Schließen Sie auf«. »Frau Dr. Auf einem Stuhl lagen Kleider und Toilettenartikel. sogar ihre Schuhe«.

Und so befand ich mich auf einem der sechs Schiffe des Cornelius Severus. Tagelang hörten wir nur die Geräusche der Segel und der Ruder. wenn die Sonne direkt auf dem Altar aufgeht. die ebenfalls mit Angst der Zukunft entgegensahen. Philos auf einem anderen und unser Sohn mit seiner Amme auf einem dritten. die ins Wasser tauchten. und das Knarren der Planken. Meine Freundin Claudia fand durch einen britonischen Speer den Tod. und ich suchte Trost und Hoffnung in den Worten des Marienbriefes. Aber sie gehörte zu jenen.nur der besonderen geistigen Kraft dieses Platzes unsere Ehrerbietung erweisen und das Wunder der Sommersonnenwende erleben. und wir hätten alle das Leben verloren. Wir hielten Ausschau nach 575 . Viele starben an diesem Tag. und das war mir ein gewisser Trost. Und dann. die inzwischen dem Weg des Gerechten folgten. erfüllte Furcht mein Herz. Als wir Britannien verließen und uns auf die Reise über die Nordsee in das Land der Germanen begaben. denn einige von uns waren Römer. Philos war ein vorsichtiger Mann. Alles war ruhig. wenn nicht Cornelius Severus rechtzeitig mit seiner Legion eingetroffen wäre. Danach hielt ich mich von den Druiden fern. Deshalb waren wir bei Reisen durch kriegerisches Gebiet oder unter gefährlichen Umständen nie zusammen. vor dem ich mich schon so lange gefürchtet hatte: Cornelius Severus wurde in die Kolonie Agrippina oder ›Colonia‹. an den Rhein versetzt. dann kam schließlich der Tag. Es waren Britonen. Das bedeutete: Wir mußten zu den wilden Barbaren. damit wir nicht möglicherweise alle drei gleichzeitig ums Leben kommen würden. Ich las ihn jeden Tag meinen Mitreisenden vor. wenn auch nur Frauen und Kinder. die uns angriffen. wie sie auch genannt wird. Ich trug das Kreuz des Hermes auf der Brust. Amelia.

Die Leute an Bord gerieten in Panik und waren der Schiffsbesatzung nur im Weg. Wir sahen plötzlich. immer höher und nahmen den Männern am Steuer jede Sicht. die Küste Galliens überfallen und friedliche Siedlungen plündern. Statt dessen überfiel uns ein sehr viel mächtigerer Feind. Wir sahen. Vorräte. wie er das Unheil verhindern sollte. Hohe Flammen schlugen daraus 576 . Nun war das Schiff zwar leichter. brach der Sturm über uns herein. die Segel zerrissen. so daß wir schließlich keines der anderen fünf mehr sahen. Noch ehe wir uns richtig vorbereiten konnten. wie sich am Horizont riesige dunkle Wolken zusammenballten. die dieses Meer im Norden heimsuchen. Viele lagen auf den Knien und beteten. um zu verhindern. Doch wir begegneten keinem feindlichen Schiff. Wir hörten bebend das laute Wiehern der Pferde. aber er wußte nicht. Vor uns tauchten schließlich Inseln mit zerklüfteten Klippen auf. Der Kapitän kannte die tückischen Untiefen in dieser Gegend. Lasten. Die Böen kamen von allen Seiten. und wir wurden auf dem Deck hin und her geworfen.Seeräubern. Das Gefolge von Cornelius Severus war nicht mit dem Meer vertraut. Bald trafen Meer und Himmel in einem gewaltigen Mahlstrom zusammen. aber plötzlich tauchte eines wieder auf. doch der Laderaum stand unter Wasser. Das Schiff war zu schwer. daß die Fluten über uns zusammenschlugen. und ein tobender Wind aus Süden trieb uns vom Kurs ab. Unsere Schwesterschiffe hatten wir schon lange aus den Augen verloren. während die Seeleute Wasser schöpften und alles taten. Tiere und alles Gepäck wurden über Bord geworfen. die in die Wogen stürzten. die Masten splitterten. Der Sturm jagte unsere schwachen Schiffe über das wogende Meer und zerstreute sie in alle Richtungen. die Wogen schlugen höher. wie Männer über Bord gespült wurden.

Philos war auf diesem Schiff gewesen.empor. wie sich ein riesiger Wellenberg vor uns auftürmte und die Wassermassen über uns zusammenbrachen. 577 . es brach auseinander und ging mit der Besatzung und allen Reisenden unter. Sie hatte von einem ›Berg aus Wasser‹ gesprochen und gesagt: ›Wenn sich das Meer in den Himmel erhebt…‹ Als das Schiff sank. Ich sah. In diesem Augenblick der Verzweiflung erinnerte ich mich an die Prophezeiung der Hekate-Priesterin in der Nacht meiner Geburt. Die Wogen schleuderten es gegen ein Riff. galt mein letzter Gedanke meinem Sohn und meinem Mann. um uns alle in das nasse Grab zu reißen. Es trieb hilflos auf dem tobenden Meer. Dann trieb die böse Macht des Verderbens unser Schiff auf die felsige Landspitze zu.

DER SECHZEHNTE TAG 578 .

Ich suchte nach Mitteln und Wegen. und ich hielt Ausschau nach Rauchsignalen von den fernen Inseln. fand aber keine anderen Überlebenden. daß ich keine Angst empfand. war ich völlig entkräftet und hatte hohes Fieber. Aber ich sah weder Rauch noch ein Feuer. Ich hätte vor diesen Barbaren aus dem Norden entsetzliche Angst haben sollen.Mittwoch. im Lager bleiben. die sich über meine Gesellschaft zu freuen schien. Ich sah tote Pferde. dann wurde es Winter. und meine Erinnerung kehrte zurück. eine Außenseiterin. Ich blickte über die Inseln. lag ich auf einem felsigen Strand. Die Sippe verläßt ihr Winterlager nie. daß ich überlebte oder wie ich ans Ufer gelangte. denn sie hatten die Alpträume meiner Kindheit bevölkert. und so mußte ich. wie es kam. wie viele meiner Mitreisenden sich in der gleichen Lage befinden mochten. und über mir schien schwach die Sonne. um ein Feuer zu entzünden und so ein Signal zu geben. mit denen ich gereist war. Als der Schnee schmolz. kam ich allmählich wieder zu Kräften. Ich bat darum. 29. Aber der Schock hatte mich so betäubt. Auf den Steinen lagen die Leichen von Menschen. und fragte mich. zu den Römern 579 . Aber ich bekam zu essen und lebte warm und trocken im Haus einer Frau. um mich gesundzupflegen. Als die Sippe mich fand. mit der niemand sprach. Ich suchte das schreckliche Ufer zwei Tage und eine Nacht lang ab. als sei alles in mir zusammen mit meinem Mann und meinem Sohn gestorben. Schweine und Hunde. als gesät und gepflanzt wurde und die Männer auf die Jagd gingen. Sie brauchten Monate. Aber als ich aufwachte. die verstreut vor dieser Küste liegen. Dezember 1999 Ich weiß nicht. Es war.

frischem Wildbret und Sauermilch bewirtet. Die Germanen schreiben den Frauen prophetische Kräfte zu. Sie war die weise Frau der Sippe. und man ließ mich auch nicht allein ziehen.gebracht zu werden. hieß Freida. denn diese freundlichen Menschen entsprachen nicht ganz den Ungeheuern meiner Vorstellung. die Tür zu weisen. Waren das wirklich die Barbaren. von denen ich gehört hatte? Die Frau. Also konnte ich nur bleiben und abwarten. Allmählich lernte ich Freidas Sprache. den 580 . Nahrung. aber es sind ruhige Menschen. viele haben rotgoldene Haare und wilde blaue Augen. die mich gesundpflegte. der zu ihnen kam. Bei seiner Abreise ließ der Gast ebenfalls Geschenke zurück. und sie lauschen den Geistern der Winde. die sie besonders verehren. Die Sippe wollte ihre Sicherheit nicht meinetwegen gefährden. Ich mußte immer wieder an die Geschichten denken. Aber sie gaben mir durch Gesten und mit in die Erde geritzten Zeichnungen zu verstehen. die mir meine Amme als Kind erzählt hatte. Die Gottheit. Besitz – und der Gast wurde mit wilden Früchten. pflanzen Korn und ziehen ihre Kinder groß. und an die Berichte über die schreckliche Grausamkeit der Barbaren. so wie ich einst Satvinders Sprache gelernt hatte. Sie sind zwar groß. Alles wurde bereitwillig geteilt: der Herd. Aber ich war auch neugierig. Die Männer suchen oft ihren Rat und befolgen ihn auch. ist Odin. Sie reden und lachen. daß ihnen die Gastfreundschaft heilig war: Es galt als ein Verbrechen. jemandem. Ich stellte fest. daß wir uns weit entfernt von allen römischen Vorposten befanden. So blieb ich für mich. und daß feindliche Stämme das Gebiet zwischen uns und der römischen Grenze durchzogen. und Freida lehrte mich die Sitten und Bräuche ihres Volkes.

als alle Pflanzen und Tiere. Ich suchte vergeblich die Statuen ihrer Götter. Sie sagte. weil sie einen Gott zu Fall bringen konnte. sondern die Nächte des zunehmenden und abnehmenden Mondes. es stehe den Menschen nicht zu. Als ich ihr sagte. weil zu der Zeit. Ich zeigte Freida und den anderen Frauen. die bescheidene Mistel wegen ihres unauffälligen Aussehens übergangen wurde.die Römer Merkur nennen. schwören mußten. Ich sah im Geist eine römische Trireme mit der 581 . Sie bringen Glück und sind aus dem Alltag herausgehoben. erzählte sie mir die Geschichte von Baldur. Die Tage sind alle gleich. was nur mit den Augen des Glaubens sichtbar sei. Aber es gibt keine Bildnisse von ihm. Vollmondnächte und Neumondnächte gelten als heilig. Freida sagte mir. wie sie mit Hilfe von Blättern und Wurzeln des schwarzen Nachtschattens. Ich stand jeden Tag am Ufer und blickte sehnsüchtig über das Meer. dem ein Pfeil zum Verhängnis wurde. der aus der Mistel gefertigt war. wie man Blutungen nach der Geburt mit einem Aufguß von Misteln stillt. Statt dessen weihen sie den Göttern heilige Haine und besondere Plätze. Freida zeigte mir. Und so verehre man bei den Völkern im Norden die Mistel. den Philos ›Belladonna‹ genannt hatte. alle Metalle und Krankheiten Frigga. denn sie besitzen keine. Fieber senken und Schmerzen lindern konnten. den Gesichtern der Götter menschliche Züge zu geben. So erwarb ich mir allmählich Achtung und die Anerkennung der Sippe. Baldur niemals zu schaden. Es vergingen Monate und schließlich ein zweites Jahr. der Großen Göttin. Das geschah. sagte Freida. Er war ein mächtiger Gott. ihr Volk ehre im Namen der Gottheit das. Sie zählen bei ihrem Kalender nicht die Tage. daß die Britonen die Mistel verehren.

ohne zum Weg gefunden zu haben. Doch ich konnte nicht aufhören. überlebt hatte. weil viele Germanen römische Speere trugen. Lange Zeit ließen mich mein Leid und mein Schmerz nicht los. fragte ich mich. daß es mir erschien. Philos war tot. daß wenigstens mein Sohn in das Reich des Gerechten eingegangen war. Die feindlichen Stämme in der Umgebung hinderten mich daran. denn ich wurde ständig an Rom erinnert. Ich sah Philos an Deck und Pindar an der Hand seiner Amme. abends Gebete an den Gerechten zu sprechen. Wenn Besucher in das Dorf kamen. als sei sie ein Teil von mir. Meine Trauer war so greifbar. ich würde nie mehr etwas anderes als Schmerz und Leid fühlen. was für einen schrecklichen Tod er erlitten haben mußte. Aber sie konnten mir nie etwas darüber sagen. und machten es unmöglich. das wußte ich. Und Pindar konnte den Sturm mit Sicherheit nicht überlebt haben. Ich mußte daran denken. ob zu Hause alle glaubten. der einzige Mensch auf dem Schiff. daran zu denken. das Dorf zu verlassen. Mein Heimweh wuchs. also war ich Witwe. Das bedeutete. der an den Weg des Gerechten glaubte. daß mich jemand von Freidas Leuten zur Grenze brachte. daß ich. Als die Zeit verging. Ich hörte eine vertraute Stimme. Doch die Jahreszeiten kamen und gingen. und so zog ich aus dem Wissen Trost. und ich dachte. Ich war inzwischen überzeugt. daß Philos gestorben war. die mich rief. Pindar hatte ich gelehrt. und ich blieb bei der Sippe. daß die Römer eine Frau suchten.Flagge des Cornelius Severus auftauchen. erkundigte ich mich. Der Beweis dafür schien zu sein. auch ich sei tot. meine 582 . Rückblickend. Und allmählich setzte eine Art Heilung ein. ob sie gehört hätten. mein Glaube habe mich gerettet. ich war auch kinderlos.

aber in Wirklichkeit hörten sie mich nicht. mich zu ihrem Glauben zu bekehren. eine Verkörperung des Höchsten ist. so hatte auch Freidas Volk eine eigene Art. Das gelang mir. der jedes Jahr stirbt und wiedergeboren wird. obwohl mir gestattet wurde.liebe Amelia. daß Frieden und Vergebung die Heimkehr in sein Reich möglich machen werde. Und ich erzählte von dem Sturm auf dem Meer und dem Schiffbruch. sie 583 . Wie Satvinder. Ich lehrte sie. Freida war auch die Erzählerin der Sippe. Sie hörten mir zwar zu. die die Zuhörer viele Nächte lang in Bann hält. Leider war der Brief der Maria mit dem Schiff untergegangen. erkenne ich die Anmaßung dieser Vorstellung. und von seinen Gleichnissen. wie die Buddhisten in Alexandria. so wie ich ihn von Antiochia nach Indien und von Alexandria nach Britannien mit mir genommen hatte. wie Claudia und die Druiden. Aber ich war jung und mußte noch vieles lernen. und von ihr lernte ich. daß Hermes. den nur ich überlebt hatte. daß der Glaube an den Gerechten. bei ihren Ritualen in den heiligen Hainen anwesend zu sein. Ich erkannte zwar. Ich berichtete von seinen Wundern. indem ich andere am Glauben teilhaben ließ. Ich sprach zu ihnen von dem Gerechten. und daß sein Wort das Universum geschaffen hat. daß sie alle fromme Menschen waren. Aber ich hatte immer noch das Hermes-Kreuz. den Göttern nahezukommen und die Ehrfurcht vor dem Unsichtbaren zu bezeugen. Ich zeigte es der Sippe und erklärte. doch ich wußte. wie man eine Geschichte ausspinnt. sagte ich ihnen. von den Heilungen und dem größten Wunder von allen: Er hatte den Tod überwunden. die wir an den Weg glauben. was er gesagt hatte. Ich blieb meinem Glauben in diesem barbarischen Land treu. leben ewig«. »Wir. Allerdings versuchten sie auch nicht. von dem.

konnten wir näher zur Grenze ziehen. Es erreichten uns Nachrichten von heftigen Kämpfen zwischen den Stämmen im Westen. In diesem Wald gab es einen heiligen Platz. so hieß es.waren irregeleitet. nachdem die Streitigkeiten sie von der Sippe getrennt und eine Wiedervereinigung lange unmöglich gemacht hatten. um mir die uralten Steine zu zeigen. die ihr Volk verehrte. wo die Germanen von den Römern Land zurückgewonnen hatten. Freida warf die heiligen Runenstäbe auf ein weißes Tuch und deutete die Zeichen. So erreichten wir schließlich den Wald. Und dort. das Schicksal habe mich zu ihnen geführt. Sigmund zu treffen – meinen schönen. tapferen. seien besiegt. wo die anderen Stammesangehörigen zurückgeblieben waren. so erklärte sie. Und ich sagte mir. Endlich. war es mir bestimmt. Die Feinde der Sippe. Freidas Sippe zu bekehren. So ging ich daran. in den dunklen Wäldern. zu dem mich Freida führte. und gründete in der barbarischen Wildnis im Norden eine Gemeinde. gottgleichen Sigmund… 584 . weil die Botschaft gerade hier gebraucht werde. Freida war wieder mit ihrem Sohn zusammen.

Der Mann am Bahnhof hatte sie erstaunt angesehen. Dieser germanische Krieger hatte Cäsars Legionen in einer Schlacht besiegt. Die Inschrift in einer gewölbten Nische am Fuß der Statue verriet. Sigmund zu treffen – meinen schönen. Catherine war die beinahe vier Kilometer vom nahe gelegenen Detmold hierher zu Fuß gegangen. Nun stand sie unter dem dunkelgrauen Himmel und blickte über die sanft gewellten und dicht bewaldeten Hügel des Teutoburger Waldes. gottgleichen Sigmund…« Catherine blickte auf die gewaltige. einen Lederumhang und auf dem Kopf einen geflügelten Helm. den die Römer unter dem Namen Arminius gekannt hatten. mit der anderen hob er das Schwert hoch in die Luft wie einer der Helden von Wagner. Vor ihr auf einer Säule stand ein gottgleicher Mann mit langen Haaren und einem wilden Bart. Unter ihr lag ein zugefrorener See. Schilder mit der Aufschrift: Vorsicht! Glatteis! ermahnten die Besucher. Ist das Sigmund? dachte Catherine. Der Text der Inschrift war lateinisch und deutsch und lautete: ›Im Kriege nicht besiegt‹ Außer ihr befand sich niemand am Denkmal. Deutschland »Und dort. Er sagte.Detmold. war es mir bestimmt. Mit einer Hand stützte er sich auf seinen Schild. tapferen. sechsundfünfzig Meter hohe Statue. als sie sich nach dem Hermannsdenkmal erkundigte. 585 . die den Lauf der Geschichte veränderte. daß es sich um Hermann handelte. Er trug ein kurzes Gewand. in den dunklen Wäldern. auf den Weg zu achten.

Er hatte ihr den Führer gegeben. Die Äbtissin kannte nicht die ganze Geschichte. weil es keine siebte Schriftrolle gäbe. Doch Catherine war in den Hermannswald gegangen. Den Rest sah sie in seinen Augen: Und vor allen keine Nonne im schwarzen Habit mit einer weißen Haube. mußte sie sich nach ihrer Ankunft in Frankfurt bei der Paßkontrolle auf ein großes Taschentuch und einen verschlafenen deutschen Beamten verlassen. an dessen Bäumen allerdings keine Blätter hingen. Nachdem Julius sie im Kloster gebeten hatte. Nackte schwarze Strichfiguren ragten aus einer weißen Decke. Auf der Erde lag hoher Schnee. Die ehrwürdige Mutter gab ihr einen Habit und den eigenen Reisepaß. Catherine sprach noch am selben Abend mit der Äbtissin über ihren Plan. hatte Catherine das erste Blatt der sechsten Schriftrolle gelesen. Es war ein dichter Wald. daß Sabina nicht in Britannien gestorben war. das sich von allem unterschied. Da Catherine der älteren Frau überhaupt nicht ähnlich sah und auch nicht annähernd in ihrem Alter war. vielleicht lieber in den Detmolder Hof zu gehen. Sie hörte ein Schweigen. den Picknick-Bänken und Tischen weiße Hauben aufsetzte. Catherine hatte ihre 586 . den sie erst vor kurzem für eine Reise nach Rom hatte verlängern lassen. wo Sabina mit Freida gewesen war und wo sie Sigmund getroffen hatte. mit ihm nach Kalifornien zurückzufahren. der den Ästen und Zweigen. wo es warm sei. Da wußte sie. wo Sabina von dem Aufbruch nach Germanien berichtete. was sie jemals gehört hatte. Außer Catherines Fußabdrücken gab es keine Spuren im Schnee.nur wenige Amerikaner fragten jemals danach und mitten im Winter schon gar nicht. daß die Geschichte weiterging. sie vor dem tückischen Glatteis gewarnt und ihr geraten.

würde etwas an seiner Meinung ändern. wo sich die Familien um das Feuer versammelt und den Geschichten ihres Volkes gelauscht hatten. dachte Catherine. Catherine war tief enttäuscht gewesen. damit sie ihre Suche aufgab. Vor zweitausend Jahren ist Sabina über diese Hügel gegangen und hat diese Luft geatmet. verraten zu werden. bei sich trug. wie Nonnen sie benutzen. das sie jetzt sicher verpackt in einer schwarzen Tasche. Dabei brauchte sie nicht viele Worte zu machen. der sie nur deshalb in das Kloster geschickt hatte. was sie sagte oder tat. Zum zweiten Mal hatte sie das Gefühl. der am grauen Himmel still seine Kreise zog. Hier hat sie sich verliebt. Catherine ließ die ersten fünf Schriftrollen. Catherine stapfte durch den Schnee. nichts. und sie versuchte sich die friedlichen germanischen Dörfer vorzustellen.Schwierigkeiten nur angedeutet und sie um Hilfe gebeten. hatte er berichtet. in ihrer Obhut zurück und nahm nur das sechste Buch mit. versteckt zwischen den Buchdeckeln. Sie dachte an Julius. und hier wurde ihr Glaube auf die Probe gestellt. sie wolle helfen. und man fand das nicht von Bedeutung – auch Julius nicht. Er hielt ihr Vorgehen für falsch. Eine Frau war wegen der Schriftrollen lebendig begraben worden. 587 . »Man sagt. Die kluge ältere Frau hörte Catherine ruhig zu und nickte: Ja. Ihr Blick glitt über die dunklen Wälder. Sie atmete tief die kalte Luft ein. Garibaldi hatte nichts von ihrem Plan erfahren. das Skelett sei nicht von historischer Bedeutung«. Sie wußte. Liebe und Glaube… Catherine beobachtete einen großen Raubvogel. Am Saum ihres schwarzen Rocks hingen kleine Eisklümpchen.

Wann immer sie Chicago oder seine Gemeinde erwähnte. hatte er entweder geschwiegen oder vage Antworten gegeben. »Wissen Sie. der durch ihre Nonnentracht drang. Als sie sich den gespenstischen. warum er vor Weihnachten aus Israel abgereist sei. Auf ihre Frage. Catherine zog den Umgang enger um sich und folgte dem verschneiten Weg. wurden Bekanntschaften erneuert. Catherine spürte den scharfen Wind nicht.Der Himmel wurde dunkler. wenn die Sonne an einem bestimmten Punkt zwischen den Steinen aufging. sich über den gefrorenen See breitete und die Welt in eine unwirkliche Stille hüllte. Versprechen erfüllt. Wenn sie auf ihre Gespräche in den vergangenen beiden Wochen zurückblickte. Alle sieben Jahre. Hier. mußte sie sich eingestehen. Sabinas Worte fielen ihr wieder ein. Ein Pfeil wies geradeaus. mußte sie an Menschen denken. daß er sie nie direkt belegen hatte. wurde Recht gesprochen. bis sie ein Schild erreichte: Externsteine. Dort schlugen sie Lager auf und feierten die Sommersonnenwende. wie überfüllt Jerusalem an Weihnachten ist?« Er hatte nicht gelogen. wie Bodennebel die Täler füllte. Garibaldi… Der Schmerz über seine Täuschung war immer noch unerträglich. hochaufragenden gezackten Steinen näherte. die in einem bizarren Tanz erstarrt waren. der am Waldrand entlangführte. Fehden beigelegt und Sippenbande 588 . so hatte Sabina geschrieben. aber er hatte sie auch nicht daran gehindert. trafen sich die Sippen des Stammes zu einer großen Versammlung bei den heiligen Steinen nahe dem Platz ihres großen Sieges über die Römer. während sie zusah. im Sommer. die falschen Schlüsse zu ziehen. Das konnte sie ihm nie vergeben. hatte er mit einer Gegenfrage reagiert.

Der Stamm erinnerte sich an alle. Der Wind wurde stärker. Man tauschte Geschenke aus und stiftete Ehen. die Freida und die anderen weisen Frauen erzählten. und neue Kinder wurden mit Freuden begrüßt und in den Sippenverbund aufgenommen. nicht hier…. Sie ging in das nahe gelegene Holzhausen und nahm dort ein Taxi. Catherine entdeckte im heidnischen Stein ein eingemeißeltes christliches Basrelief. Frauen und Kinder zum Festmahl zusammen und lauschten den Geschichten. 589 . was ich suche. Endlich sollte sie erfahren. Abend für Abend setzten sich Krieger. Inzwischen wurde es dunkel. Nein. das sie nach Detmold zurückbrachte – und zurück zu der sechsten Schriftrolle. und ihr Umhang flatterte.gefestigt. die fehlten. weil sie zu den Göttern gegangen waren. erwies den Ahnen die gebührende Ehre. dachte sie. Hier ist es nicht. wohin Sabina sie als nächstes führen würde. und sie fror.

das der Mann einfach nicht ablehnen konnte. Ohne Geld hätte Miles diesen Dr. Miles wußte. und als der Bildschirm hell wurde. Die Tür war gegen das Personal und andere unerwünschte Störenfriede gesichert. weil er glaubte. seine Verlobte nach Hause zurückzubringen. daß Erika zufällig vorbeikommen sollte. seine Spur werde nur bis zu dem Kloster führen. daß 590 .Santa Fe. Nun saß Miles in seinem Turm. er hatte sich geirrt. überprüfte er zunächst die Dateien im DesktopVerzeichnis. Voss war vermutlich so leichtsinnig gewesen. Voss allerdings herausgekommen: Havers hatte endlich Stevensons Computer. einem Beamten des FBI ein Angebot zu machen. Wie auch immer. Etwas Gutes war bei der Dreitausend-Meilen-Reise von Dr. es sei doch sehr viel besser. als Voss einen schweren Fehler beging und ein Flugticket nach Montpelier. Vermont. New Mexico Als Miles den Laptop von Daniel Stevenson aufklappte. Einer hatte ihm sofort Meldung erstattet. Miles startete den Computer. und dort sei alles vorüber. Sonst wäre er nämlich niemals in der Lage gewesen. kaufte und am Zielort einen Leihwagen bestellte. reich als arm zu sein. Voss nicht von so vielen Männern überwachen lassen können. Reichtum brachte auch andere angenehme Dinge mit sich. Warum sollte er noch vorsichtig sein? Vielleicht war er sogar in der Hoffnung zum Kloster gefahren. dachte er. und die Kamera überwachte den Gang für den Fall. Strickland hatte sich nach dem fragwürdigen Geschäft abgesetzt und war inzwischen auf dem Weg nach Brasilien. Er öffnete ein paar und stellte fest.

Vielleicht war er doch kein Verrückter gewesen. als er das E-Mail-Symbol sah. Miles entdeckte Maya-Fresken über minoischen Darstellungen. mit Grafiken überlagern können. das Verzeichnis zu öffnen. daß sich im Briefkasten eine Nachricht befand. woran unsere Archäologin gearbeitet hat.Stevenson den Laptop hauptsächlich für seine Forschungen benutzt hatte. nicht ans Netz zu gehen. die von anderen Orten gesendet wurden. Strickland hatte gesagt. und er mußte Stevenson widerwillig bewundern. Miles blickte nachdenklich auf den vielbenutzten Computer. Miles starrte auf den Bildschirm und überlegte. Catherine Alexander hatte eindeutig am Computer gesessen. Damit hatte Stevenson Videoaufnahmen. Plötzlich wurde ihm klar. »sehen wir uns an. Zeke hatte gemeldet. und beschloß aus Neugier. und auf dem Tisch lagen ein Bleistift und ein Notizblock mit ein paar Aufzeichnungen. Überrascht stellte er fest. Eine Mrs. Die Nachricht war drei Tage alt und morgens. Daneben stand eine halbleere Tasse Kaffee. der Computer sei an eine Steckdose angeschlossen gewesen. als wir sie unhöflicherweise stören wollten. was geschehen war: Jemand hatte die beiden gewarnt! 591 . kurz nachdem er Catherine durch Galaxy BBS ausfindig gemacht hatte. als sie ihn gefunden hatten. O’Toole habe ihm gesagt. eingegangen. bevor sie zu Bett gegangen war. Er hatte angenommen. die Alexander sei vorsichtig genug gewesen. sie sei nicht in dem angegebenen Haus in der N Street in Washington zu finden. daß dieser interessante Mann zu seinen Gegnern gehört hatte. »Also gut«. murmelte Miles. sie sei bereits ausgezogen. Zu schade. Er klickte und las: »Er hat Sie gefunden!« Havers runzelte die Stirn. Zur Software gehörte Virtual Imaging.« Er hielt inne.

sagte Teddy. Er griff nach dem Haustelefon. 1999. daß Stevenson ein UndeleteProgramm installiert hatte. Das Dianuba Network hatte zwar zehn Millionen Benutzer. murmelte Miles und klickte auf die Datei. Miles hätte nicht riskieren wollen. Havers«. daß es sich hauptsächlich um Korrespondenz und Artikel handelte. Sie springt aus dem Bett. Zeit: 6. schaltet den Computer ein. löscht die wichtigste Datei und klettert rechtzeitig aus dem Fenster.com‹ – schnaubte er. Etwa um diese Zeit hatte Strickland mit seinen Kollegen das Kloster erreicht. ein solches Programm zu laden und dabei möglicherweise Dateien zu löschen. Aber Miles suchte eine Datei. Der Trottel hatte die Warnung sogar über das Dianuba Network geschickt. Er doppelklickte auf ›PCTools‹ und stellte erleichtert fest. die Angaben zu ›Freund‹ zu finden. Miles wandte sich wieder dem Computer zu und sah sich die DesktopSymbole noch einmal an. Alle Dateien waren mindestens mehrere Wochen alt. die Stevenson zur Veröffentlichung weitergeleitet hatte. Mr. Im Unterverzeichnis TMBX52 entdeckte er eine gelöschte Datei:?YMBOS. Mit einem Klicken auf ›Undelete‹ und C:\»kam er in das Hauptverzeichnis und überprüfte durch schnelles Öffnen und Schließen die Unterverzeichnisse auf gelöschte Dateien. Havers stellte sich die Szene vor: Eine Nonne warnt Catherine Alexander. Dez. es würde weniger als fünf Minuten dauern. »Aber nicht 592 . »Teddy…« »Ich bin schon dabei. bevor die Äbtissin und Strickland das Zimmer betreten. »Schlaues Mädchen«.Als er die elektronische Adresse sah – ›freund@dianuba. Er stellte fest. die an einem bestimmten Datum und zu einem bestimmten Zeitpunkt gelöscht worden war.48 Uhr. aber Miles wußte. Diesmal suchte er nach einem Utilities-Programm.EXE gelöscht am: 28.

« Ein neues Kästchen erschien auf dem Bildschirm: DATEINAME:?YMBOS:EXE DATEI GRÖSSE: 94. um neue Informationen hinzuzufügen.48 ERSTER CLUSTER: 30. was ›Tymbos‹ war.schlau genug. Notizen zu ordnen und griechische Buchstaben in einer unendlichen Vielzahl von Folgen aneinanderzureihen. was ›?ymbos‹ bedeutete. Er konnte wenig damit anfangen.EXE WIEDERHERGESTELLT: Er hatte die gelöschte Datei.‹ Auf dem Bildschirm war jetzt zu lesen: BYMBOS. ein Puzzle zu lösen. Offenbar handelte es sich um eine Arbeitsunterlage. WebCrawler. als habe die Archäologin versucht. Dianuba…‹ 593 . Infoseek. hatte sie versucht herauszufinden.00 GELÖSCHT AM: 28/12/1999 06. Nichts von all dem ergab einen Sinn. Es gab Anmerkungen: ›Nicht gefunden über Lycos. Zwei Minuten später war sie geladen. die täglich bei der Übersetzungsarbeit aufgerufen worden war. Wie es schien.248 ZUSTAND: gut GESCHÜTZT DURCH DOS DER ERSTE BUCHSTABE DES DATEINAMENS WURDE ÜBER DOS GELÖSCHT: BITTE GEBEN SIE DEN NEUEN ERSTEN BUCHSTABEN EIN:?YMBOS:EXE Miles hatte keine Ahnung. und Miles hielt einen Ausdruck in der Hand. UniCom. Deshalb gab er den Buchstaben ›B‹ ein und klickte auf ›OK. Es sah aus. Er studierte die nächsten Seiten.800 Bytes PFAD: D:\TMBX52 ERSTELLT AM: 21/12/1999 00.

Schließlich erreichte er das Ende: ›Tymbos. fand TMBX52. klickte zuerst auf ›Datei‹ und dann auf ›Löschen‹. um Teddy anzurufen. ob in den letzten Tagen irgendwelche Amerikaner in Addis Abeba angekommen waren. Anstatt König Tymbos sollte es heißen König von Tymbos. das angeblich an der Handelsstraße nach Saba liegt. öffnete es unter havers. betrachtete die Liste der Unterverzeichnisse. um wahr zu sein! Seine Hand schwebte über dem Telefon.‹ Miles starrte auf die letzten Worte: König von Tymbos. ein mystisches Land. Das Jesus-Fragment endete mit den Worten: ›… bringe es zu König…‹ Das war also der König! Er las die letzte Notiz: ›Saba war der alte Name Äthiopiens. Liegt Tymbos in Afrika?‹ Miles griff schnell nach dem Telefon. die Daten blieben jedoch auf der Festplatte erhalten. Es würde nicht schwer sein herauszufinden. Ein Volltreffer. so daß man die Datei später wiederherstellen 594 . um wahr zu sein…« Er wandte sich stirnrunzelnd noch einmal dem Computer zu und legte im Textverarbeitungsprogramm eine neue Datei mit dem Namen Havers an. Ein neues Menü erschien mit den Optionen: NORMAL DELETE WIPE DELETE DOD WIPE DELETE Havers kannte diese Funktionen: Normal Delete bedeutete Löschen im DOS. »Beinahe zu schön. Im Desktop klickte er auf ›Datei-Manager‹. Dann speicherte er sie auf der Festplatte im Unterverzeichnis TMBX52 ab. dachte Miles hocherfreut. Das ist beinahe zu schön. Dabei wurde die Datei gelöscht.exe.

doch aus irgendeinem Grund hatte Catherine Alexander sich für Normal Delete entschieden. daß das überhaupt nichts zu bedeuten hatte. daß Catherine Alexander diese eine Datei über DOD gelöscht hatte. Natürlich erst. Sie war immer noch im Besitz der Schriftrollen und des belastenden Tagebuchs. Und DOD – Department of Defence – überschrieb die gelöschte Datei gleich dreifach. Er suchte das Tagebuch. daß ›Tymbos‹. in Afrika läge. Stevensons Software hatte die DODFunktion. daß er die Datei fand! Er sollte glauben. und er wußte nicht. die Datei gelöscht und die Zeit wieder zurückgestellt. die Daten noch einmal herzustellen. ließ das nur eine Deutung zu: Sie wollte. Wenn sie also die Zeit geändert und die Datei normal gelöscht hatte. nachdem die Daten auf einer Diskette gesichert waren. Also konnte sie die Datei jederzeit gelöscht haben – vermutlich lange vor Ankunft des FBI. Er blickte noch einmal auf das Datum und die Zeit der gelöschten Tymbos-Datei – 6. Wie konnte er auf einen so durchsichtigen Trick hereinfallen? Er nahm sich die Dateien noch einmal vor. Plötzlich wurde ihm klar.48 Uhr. Weshalb? Havers überlegte angestrengt. Er wurde wütend auf sich. das Stevenson erwähnt hatte. und die Datei ließ sich nicht mehr herstellen. Es war nicht zu finden. Miles war sicher. wenn es überhaupt ein ›Tymbos‹ gab. und das den Namen seines Mörders enthielt. Sie hatte ihm also wieder ein Schnippchen geschlagen.konnte. Strickland hatte die Äbtissin und Vater 595 . Bei Wipe Delete wurden die Daten mit Nullen überschrieben. wenn sie die Flucht in letzter Minute vorgetäuscht und den Computer ›zufällig‹ zurückgelassen hatte. so daß die Daten nicht verlorengingen. wo er sie suchen sollte. Alexander hatte möglicherweise die Uhrzeit des Computers geändert. so daß es absolut unmöglich wurde.

Miles beachtete diesen Nachsatz nicht. das Miles von der sechsten Schriftrolle besaß. Er konnte sein Glück kaum fassen: ›Aquae Grani. Seite 12 von insgesamt 13 Seiten. Deshalb hatte Papazian beim Übersetzen auch länger gebraucht. wie Miles nun wußte. der mit einer kurzen Notiz mehr Geld verlangte. Havers überflog das Blatt. An zwei Wörtern in der Mitte der Seite blieb sein Blick hängen. das ihn auf eine Nachricht aufmerksam machte. Wenn der Text von Papazian diesmal keine Hinweise enthielt. Auf der Rückseite des Photos stand der Hinweis: ›Sechste Rolle.Garibaldi befragt. die Zeit war beinahe abgelaufen. Miles sah. hatte Catherine Alexander den Wettlauf gewonnen. nicht zu wissen. und die Aufnahme war unscharf. Er ging mit großen Schritten in seinem Büro auf und ab und überlegte. Plötzlich gab der Bildschirm ein Signal. Beide behaupteten. wohin die Alexander verschwunden war. und der war. Als er im Kommunikationszentrum ankam. Die Übersetzung war nach dem einzigen Photo angefertigt worden. zum Ende zu kommen. Catherine Alexander mußte es nach dem Aufnehmen so großer Textmengen eilig gehabt haben.‹ 596 . nutzlos.‹ Es war die vorletzte Seite von Sabinas Geschichte. Der Papyrus befand sich in einem schlechten Zustand. und war etwas nachlässig geworden. was als nächstes zu unternehmen sei. Es gab keinerlei Anhaltspunkte außer dem Laptop. Das bedeutete. daß es sich um die letzte Übersetzung von Papazian in Kairo handelte. die über einen bestimmten Computer im Untergeschoß einging. war die Übertragung gerade beendet.

Was war das? Eine Stadt? Vielleicht war Catherine Alexander dorthin gefahren. Er ging zurück an den Computer in seinem Büro. Es gab sogar ein Bild. tippte Aquae Grani und drückte ›Enter‹. murmelte er einen Augenblick später lächelnd. klickte auf ›Suche‹. »Wer sagt es denn…«. fuhr die in der Scimitar Software enthaltene Enzyklopädie ein. 597 .

DER SIEBZEHNTE TAG 598 .

denn er war verwitwet und kinderlos. Er hatte mich bisher kaum zur Kenntnis genommen. Aber ich hatte nicht die Absicht. Kinder zu bekommen. Da ich festgestellt hatte. einen Schild und ein Schwert. und 599 . stimmte er zu. daß Sigmund kaum jemals im Dorf war. Andererseits hatte Freida recht. Eine unverheiratete Frau im gebärfähigen Alter konnte Probleme unter den Männern schaffen. Diese Dinge symbolisieren. so sagte sie. so sagte Freida. Um bei ihnen zu leben. daß ich bei der Sippe blieb. 30. ich sei noch jung und im gebärfähigen Alter. Bei den Germanen bringt nicht die Braut die Mitgift in die Ehe. das die Römer seinem Volk entrissen hatten. und erinnern sie daran. Eines Tages kam sie zu mir und sagte. Dezember 1999 Freida war die Matriarchin der Sippe. ob er mich nehmen würde. denn ich brauche einen Beschützer. liebe Amelia? Einerseits hoffte ich immer noch.Donnerstag. stimmte ich der Heirat zu. Aber da ich keine Jungfrau sei. sondern der Ehemann. Doch da seine Mutter es wünschte. Wie sollte ich darauf reagieren. müsse ich heiraten. daß sie die harte Arbeit und die Gefahren des Mannes teilt. gehen nach dem Tode der Frau in den Besitz ihrer Töchter und danach ihrer Enkeltöchter über. denn seine Gedanken kreisten um die Vereinigung der Stämme und die Wiedereroberung des Landes. werde mich kein Mann haben wollen. Mein Überleben hing davon ab. Der Schild und das Schwert. Sie hatte ihren Sohn Sigmund gefragt. daß sich die Frau das Heldentum ihres Mannes zu eigen macht. gerettet zu werden. Nach alter Tradition erhält sie ein Pferd und Zaumzeug.

Unbewohntes Land kann und wird von uns besiedelt werden!« Er wagte sich durch gefährliches Gebiet. Der Statthalter. Er sagte: »So. Sigmund war der Anführer. die anderen Stämme für einen neuen Kampf gegen die Römer um sich zu scharen. Er hielt mitreißende Reden. aber wir werden einen Platz finden. denn am Rande der Schlacht warteten die Frauen und Mütter und spornten ihre Männer an. Er konnte die Krieger mit seinen Taten und Worten begeistern. Sigmund ließ sich nicht bestechen. den Gegner einzuschüchtern. Ich hatte noch nie einen Krieg erlebt. In der Hochzeitsnacht wartete ich jedoch vergebens in dem eigens für uns errichteten Holzhaus auf meinen Bräutigam. Fortan lebte ich wieder bei Freida und sah Sigmund nur selten. Ich beobachtete ihn bei Ratsversammlungen. Möge mir diese grauenhafte Erfahrung ein zweites Mal erspart bleiben. niemandem sonst. Er versprach nur Sigmund Land. so gehört die Erde den Menschen. Der Stamm war vom Land seiner Vorfahren vertrieben worden und lebte in der Rolle des heimatlosen Bittstellers auf fremdem Boden. tapfer 600 . An unserem Hochzeitstag gab es ein großes Festmahl. Sigmund machte seinen Kriegern Mut. indem er sie in der Kunst unterwies. wie der Himmel den Göttern gehört. bei dem viel getrunken wurde. Sie kämpften im Wald.wie es aussah. liehe Schwestern. zu erschrecken und in Panik zu versetzen. bot Sigmund einen Handel an. um zu sterben!« Er kam zu uns zurück und begann. so bekamen wir zu hören. und es war schrecklich anzusehen. um den Frieden zu sichern. um den römischen Statthalter zu treffen und ihm die Bitte des Stammes um Siedlungsland zu unterbreiten. Sigmund auch nicht. Er gab dem römischen Statthalter stolz zur Antwort: »Wir haben vielleicht keinen Platz zum Leben.

Auch ich beteiligte mich an den Klagen und den ohrenbetäubenden Kampfrufen. Sie kämpften gegen die Römer. Da rissen sich die Frauen die Kleider vom Leib. Der Kampf nahm eine gefährliche Wendung für seine Männer. die um ihre Heimat und um ihre Familienehre in die Schlacht zogen. Er überragte die kleinen Römer um Kopf. und sie griffen noch erbitterter und kühner die römischen Legionäre an. keine Männer. als sei er unverwundbar. welches Schicksal sie nach einer verlorenen Schlacht erwartete: Vergewaltigung und die Sklaverei in Rom. Als ich die Tapferkeit von Sigmund und seinen Kriegern sah. Sie hatten mir das Leben gerettet und mich aufgenommen. Freidas Stamm würde siegen. wie in den Tagen 601 . Die Soldaten Roms schlugen sich tapfer. liebe Amelia. Ich war inzwischen drei Jahre bei ihnen. um ihre Männer und Söhne daran zu erinnern. wofür sie kämpften. Unsere Krieger faßten neuen Mut und stellten sich zum Sterben entschlossen den römischen Legionen.und Schulterlänge. Meine verzweifelten Schreie waren laut genug. daß mit dem Sieg oder der Niederlage das Schicksal aller auf dem Spiel stand. Sigmund mit seinen langen rotgoldenen Haaren. Ihre Rufe und die Schreie der Kinder erinnerten die Männer daran. den eisernen Muskeln und dem Mut eines Gottes bot in der Schlacht einen unvergeßlichen Anblick.zu bleiben. daß Sigmund sie hörte. Aber sie wurden nicht von ihren Frauen in den Kampf begleitet und nicht von ihren Kindern daran erinnert. Speere und Pfeile schienen wirkungslos an ihm abzuprallen. Und so siegten die Germanen wieder. und doch wünschte ich plötzlich. sie in ein Sumpfgebiet zu treiben. weil es den Römern gelang. Es waren bezahlte Soldaten. spürte ich eine seltsame Veränderung in meinem Herzen.

Ich zeigte den Frauen. Natürlich behandelte ich auch Sigmunds Verletzungen. Viele von euch sind Frauen römischer Offiziere. da wußte ich. wurde ich eine Germanin. wie man Wunden mit einem Dorn und Faden vernäht. Nachdem die Römer in die Flucht geschlagen waren. Erfreute sich über meine Tapferkeit am Rande der Schlacht und war stolz über meine besonderen Fähigkeiten. und die Männer verbergen nicht schamhaft ihre Verletzungen. den sie mir gegeben. Als ich einige Wochen später spürte. eilten die Frauen auf das Schlachtfeld und trugen die Toten davon. Ich aber lernte von ihnen. Diesmal war Sigmund der große Held. wie man bessere Verbände anlegt. Mit Hilfe von Kräutern gelang es mir auch. Die verwundeten Männer kamen zu ihren Frauen und Müttern. daß mein Leben in der zivilisierten Welt zu Ende gegangen war und ein neues begann. den ich aber immer abgelehnt hatte. Die Frauen schrecken beim Anblick von Blut nicht zurück. Wundbrände zu verhindern. In dieser Nacht liebten wir uns zum ersten Mal. um ihnen ein ehrenhaftes Begräbnis zu geben. Und so. ihn und seine Sippe zum Weg des Gerechten zu bekehren. zeigten ihnen die Wunden und ließen sich von ihnen behandeln. wie es als seine Frau mein Recht war. und überließ mich völlig Sigmund und seiner Welt. wie sich neues Leben in mir regte. wie ich sie vor langer Zeit 602 . den Verletzten zu helfen und Wunden schneller und schmerzlos zu heilen. und so konnte ich viele vor Schmerzen und Fieber bewahren und bleibenden Verstümmelungen vorbeugen. Im stillen erneuerte ich jedoch den Schwur.des Arminius. liebe Schwestern. Fortan sah ich in Sigmund und seiner Familie auch meine. Seid bitte nicht entsetzt. Ich nahm den neuen Namen an. Ihr habt die gleichen falschen Vorstellungen und Vorurteile. als der Stamm sie kannte.

Wenn er doch nur den Sturm überlebt hätte! Wenn er doch nur mit mir in den Wäldern gewesen wäre. falls er noch lebte. denn er hatte nie die unsterblichen Riesen gefunden oder der Menschheit das Wissen um das ewige Leben zurückgeben können. die man ›Aquae Grani‹ nennt. Doch dieser zierliche. Der Römer sah mich seltsam an. Ich hatte ihm nichts zu sagen. Ich betete. es ist die Wahrheit: Ich lebte bei den Barbaren und wurde eine von ihnen. Als ich viele Jahre nach dieser Schlacht das erste Mal in die Nähe eines Römers kam. denn dort. überquerten wir während eines kurzen Friedens den Rhein. Als wir in den Quellen von Aquae Grani badeten. Dann dachte ich an Philos und wurde traurig.hatte. liebe Perpetua. dachte ich an meinen Sohn Pindar. und das Wasser die Leiden linderte. denn ich war kleiner als meine germanische Sippe und hatte dunkle Haare. Ich wollte nicht mit ihm sprechen. dunkelhaarige Römer schien mir jetzt ein Fremder zu sein. fand ich endlich die Antworten auf alle meine Fragen… 603 . glücklich und ein Anhänger des Gerechten war. daß er. um die Bäder im Westen aufzusuchen. die das Leben in den Wäldern nach sich zog. Ja.

damit sie nicht entfliehen konnte. in die sie mit 604 . Der Dezemberwind jagte durch die Häuserzeilen. zeitloses und einem wahrhaft erhabenen Gott geweihtes Monument. die in den grauen Winterhimmel ragten. die vor zwölfhundert Jahren gebaut worden war. Als sie zögernd am Eingang des Doms stand und in das halbdunkle Innere blickte. das Aix-laChapelle Karls des Großen. Sie blickte auf die gotischen Türme. als hätten sich die Steine Schicht um Schicht um ein Stück Zeit aufgetürmt und es umschlossen. Catherine fühlte sich gegen ihren Willen getrieben. In der Mitte der Stadt befand sich ein majestätischer Dom. würdiges. Catherine stand auf dem Kopfsteinpflaster einer Straße. daß auch die Luft alt war. über die Straße zu gehen und die Stufen hinaufzusteigen. stellte sie fröstelnd fest. Aachen. als habe er es eilig.Aachen. Es war ein altes. und betrachtete staunend die eigenartige karolingische Kuppel und die Buntglasfenster. irgendwohin zu kommen. »Römische Bäder im Westen? Das muß Aachen sein. war eine moderne Großstadt mit einem mittelalterlichen Kern.« Und so war Catherine nach ihrem Besuch im Teutoburger Wald in die westlichste Stadt Deutschlands an der Grenze zu Belgien gefahren. Deutschland »›Aquae Grani‹?« hatte der Mann an der Rezeption im Detmolder Hof gesagt. die mehr als fünf Stockwerke hoch zu sein schienen. Abgesehen von elektrischem Strom war die moderne Zeit bestimmt niemals in diesen sakralen Raum vorgedrungen. Die Römer waren vor zweitausend Jahren dort. wo zahllose Kerzen brannten. Sie dachte an die Kirche in Washington. die zu dem mächtigen Portal führten.

das wußte sie. das Flehen. 605 . Mit klopfendem Herzen trat sie durch das hohe Portal. Sabina und Sigmund vielleicht hier in dieser geweihten Erde begraben? Doch der Dom war Jahrhunderte später gebaut worden. und als sie nach oben blickte. In der Mitte der Kuppel hing an einer langen Kette ein mächtiger vergoldeter Kupferleuchter. Jetzt. wo jetzt der Dom steht. An den Stufen war sie wieder umgekehrt. Ist Sabina hier an dieser Stelle gewesen? Hat Freidas Sippe hier. wo Heilige und Apostel in erhabener Größe über einen goldenen Untergrund schritten. nie mehr eine katholische Kirche zu betreten. an dieser Stelle. die wiederum auf anderen Säulen und Bögen ruhten und sich zu einer gewölbten Decke hinauf in eine himmlische Höhe schwangen. kindliche Ehrfurcht. Über ihn neigten sich wie ehrfürchtige Betrachter endlose steinerne Bögen. spürte. überkam sie eine so überwältigende. wie der Atem der alten und der neuen Zeit sie erfaßte und tiefer und tiefer in die Kathedrale zog. Sabina berichtete von einer anderen Zeit. Vor dreizehn Jahren hatte sie geschworen. Aber ihre Beine hatten plötzlich einen eigenen Willen und trugen sie über die Schwelle. was sie hier vielleicht finden. was sie vielleicht nicht finden würde. und vor dem. Catherine fürchtete sich unbestimmt vor dem. das Hoffen und das Vertrauen des Glaubens von zwölf Jahrhunderten wie ein Echo widerhallten. würde sie nicht umkehren.Garibaldi zur Mitternachtsmesse hatte gehen wollen. ihr Lager aufgeschlagen? Liegen Freida. Nun stand sie in diesem Dom. die auf kunstvoll gearbeiteten Säulen standen. Catherine ging zum Oktagon. daß ihr der Atem stockte. in der noch immer die Gebete.

Ihre ganze innere Not brach sich plötzlich Bahn. Der Dom war eine Manifestation des Triumphs nicht nur über Feinde. Sie war ein hilfloses leeres Gefäß. Sie lehnte sich haltsuchend an einen Pfeiler. bevor es ihr gelang. und er führte sein Volk aus den Wirren der Kriege und Glaubenskämpfe in eine neue Zeit. das Grab des fränkischen Kaisers. die zu dem unvergleichlichen Zauber des Augenblicks beitrugen. denn vor der Katastrophe in ihrem Inneren gab es kein Entrinnen. Dreiundzwanzig Jahre gläubigen Katholikentums schlugen wie eine Flutwelle über ihr zusammen. Durch die hohen bunten Glasfenster fielen Regenbogenfarben in den Chor und tauchten den goldenen Schrein in ein überirdisches Licht. Es war weit schlimmer als das versinkende Atlantis. sich mit der Kraft ihrer Vernunft davor in Sicherheit zu bringen. Empfindungen und Erinnerungen auf sie ein. daß Catherine von ihren Gefühlen überwältigt wurde. Von einem der gotischen Stützpfeiler blickte eine Madonna mit soviel Verständnis und Erbarmen auf die Menschen herab. Catherine stand wie gelähmt an der Säule. aber er war auch eine historisch greifbare Gestalt. daß jemand hereinkommen und all das in sich 606 . die Pein und der Kummer ergossen. Der Dom zu Aachen. erinnerte jedoch auch an einen anderen Sieg. während er darauf wartete. sondern über alles Irdische. das nach Vollendung strebt. Hier ruht Karl der Große. Der große Kaiser gehörte fast schon in das Reich der Legende. die Passion.Catherine war wie gebannt. dachte Catherine voll Ehrfurcht. in das sich der Glaube. Ihr plötzlich überwaches Bewußtsein nahm noch andere Einzelheiten wahr. Sein Leben und Werk hatten das Land geeint. die der Dom so lange in sich aufbewahrt hatte. Alles stürmte in einem Kaleidoskop der Bilder.

die nichts mit der Kirche zu tun hatten. abgelegte Hülle von ihr ab. Du bist ein Segen Gottes. Ich habe mich geirrt. um deiner Seele beim Antritt ihrer letzten Reise zu helfen. sich gegen den Ansturm zu wehren. Sie rief sich die vielen Argumente und die berechtigten Anklagen ins Gedächtnis. rief ihr Herz den Marmorwänden und stummen Statuen zu. Catherine brach unter dieser Last beinahe zusammen.aufnehmen werde. um die Woge der Nostalgie und der emotionalen Schwäche zurückzudrängen. Danno. der staunend auf seine Tochter blickte und sagte: »Wir hatten nicht mehr geglaubt. Catherine spürte. Auch Erinnerungen. Julius! rief sie stumm. daß du noch so spät in unser Leben gekommen bist. Und ich bin nicht einmal bei dir geblieben. Es war meine Schuld. Aber die Erinnerungen kamen in immer neuen Wellen – das leichte und befreite Gefühl nach der Beichte. die Hostie im Mund und das naive Vertrauen darauf. Ihr Bewußtsein versuchte. und es ist ein Segen. wie der Neigungswinkel eines Pinselstrichs Handschriften um Jahrhunderte voneinander trennte. dem inneren Sturm nicht länger standhalten konnte. die ihr geduldig zeigte. Er zersprang und fiel wie eine alte. drängten sich auf – Catherine saß an einem großen Schreibtisch und beobachtete ihre Mutter bei der Arbeit. Sie sah ihren Vater. Du bist meinetwegen ermordet worden. der so lange ihr Herz umschlossen hatte. Du bist nur deinem Gewissen gefolgt. Du hast getan. Es tut mir so leid. Catherine 607 . Ich habe darin einen Verrat an mir gesehen. wie der harte Panzer.« Der Strom riß nicht ab. was du für richtig hältst. daß diese heilige Handlung sie mit allen Katholiken auf der ganzen Welt und über alle Zeiten hinweg mit Jesus verband. daß wir Kinder haben könnten.

dem man die Wahrheit anvertrauen konnte. und sie wußte. Als sie plötzlich über den weiten Raum hinweg eine Gestalt mit einem traurigen Gesicht sah. Mutter. Auch Catherine trug nicht mehr das lange schwarze Gewand einer Nonne. ich hätte Vater McKinney wegschicken sollen. er hatte sich selbst zu dieser Reise entschlossen. traute sie ihren Augen nicht. Garibaldi. Er war nicht auf Befehl des Vatikans hier. so wie etwas in Catherine sie auf Sabinas Spuren hierher in diesen Dom geführt hatte. Sie kämpfte sich verzweifelt durch die Fluten ihrer Gefühle. für das Produkt ihres aus den Fugen geratenen Bewußtseins. »Keine Angst«. sondern die unauffälligen Sachen. Sie wußte in ihrem Herzen. sagte er leise. 608 . »ich habe niemandem gesagt. daß es tatsächlich Garibaldi war. Sie klammerte sich an den kalten Stein. die sie in Detmold gekauft hatte. Er kam auf sie zu und hob die Hände in einer Geste der Kapitulation.glaubte zu ersticken. Zitternd richtete sie sich auf und schlug die Hände vor das Gesicht. Ich hätte auf einem anderen Priester bestehen müssen. Doch dann trat er aus dem Schatten eines Pfeilers. daß die Äbtissin ihm seine Fragen wahrheitsgemäß beantwortet hatte. Sie löste sich entschlossen von dem Stein und den Erinnerungen. Es überraschte sie nicht.« Das hatte sie auch nicht erwartet. daß er sie gefunden hatte. sobald ich ihn im Krankenhaus sah. sondern weil ihn etwas in seinem Innern dazu trieb. Er war ein Priester. wo Sie sind. selbst wenn er jetzt nicht wie ein Priester gekleidet war. Sie hielt ihn für eine Erscheinung. Sie war sicher.

Catherine wehrte sich nicht dagegen.Sie trafen sich unter einem Steinbogen mitten in dem langen hohen Gang. Es dauerte eine Weile. dann ist er eine Weile zufrieden.« Catherine zwang sich zu reden und beobachtete sich dabei wie eine Zuschauerin aus großer Höhe. Hatte er es gesehen? War Garibaldi Zeuge ihres Augenblicks seelischer Ekstase gewesen? »Ich dachte. »Von der Äbtissin habe ich erfahren.« Er legte ihr den Arm um die Schulter. Garibaldi flüsterte unwillkürlich. Sie suchte noch immer ihre von Gefühlen zerrissene Seele in den dunklen Höhen der Kuppel. wenn er einen der Beamten bestochen hätte. »Ich habe sogar eine Datei angelegt. »Es würde mich nicht überraschen. die Stille mit profanen Worten zu stören. wenn Havers der Computer in die Hände fällt. auf die Erde und in die Wirklichkeit zurückkehren. »Wie hat das FBI den Weg zum Kloster gefunden?« »Wahrscheinlich durch einen Hinweis von Havers«. Mit etwas Glück sind seine Killer auf dem Weg nach Äthiopien…« 609 . bevor die Beamten gekommen sind. und es so aussah. antwortete Garibaldi und blickte sie besorgt an. als wage er nicht. als seien Sie im Nachthemd aus dem Fenster gestiegen. als die Beamten des FBI kamen. Jedenfalls standen im Morgengrauen vier Männer vor der Pforte. »FBI…?« murmelte sie.« Catherine konnte ihm nicht sofort antworten. »Sie haben uns vielleicht einen Schreck eingejagt. weil ich hoffte. er werde sie finden und sich auf eine falsche Fährte locken lassen. Sie gingen langsam durch den Dom.« Sie senkte den Kopf. daß Sie den Computer zurückgelassen haben…« »Ich war schon lange weg. um durch den Schnee zu fliehen. In diesem Augenblick war sie für seinen Schutz und seine Kraft dankbar. bis es ihr schließlich gelang.

die wir in Washington über E-Mail bekommen hatten«. Ich habe in meinem Zimmer alles so hingelegt. für immer dankbar sein. keine Zeit zu verlieren. Es tut mir leid. Das hätte ich nicht tun sollen. Daran habe ich nicht gedacht! Ich habe sie nicht gelöscht! Havers kann jetzt denjenigen ausfindig machen.« »Wir müssen demjenigen. beschloß ich. Was immer unter der Kuppel mit ihr geschehen war. es würde tiefgreifende Folgen haben. Er hat mit seiner Warnung viel riskiert. Dann fragte er schuldbewußt: »Meinetwegen?« Sie sah ihn an. daß Sabina nach Germanien gegangen war. Du meine Güte. Als ich den Anfang der sechsten Rolle las und feststellte. ein spirituelles Erlebnis? Catherine spürte die Nachwirkungen noch immer und bemühte sich darum. »Ach du liebe Zeit…« »Was ist?« »Die Nachricht. »Es tut mir leid. Sollte sie es eine Epiphanie nennen. daß ich Sie geschlagen habe. wütend und enttäuscht.»Sie sind also mitten in der Nacht geflohen. Vater Garibaldi. sagte sie leise. nicht nur…« Ein Schauer lief ihr über den Rücken. bis Havers uns wieder auf der Spur war. Aber ich war entsetzt. daß es aussah. als sei ich aus dem Kloster geflohen. »Mir war klar. und ich entschuldige mich.« Catherine zuckte zusammen. der die Nachricht geschickt hat. der sie geschickt hat!« 610 . Catherine?« Er schüttelte den Kopf. daß Sie mitten in der Nacht bei Eis und Schnee vor mir aus dem Kloster geflohen sind. daß es nicht lange dauern würde.« »Das lag nicht an Ihnen – nun ja. Sie waren meinetwegen so in Panik. »Es war vor allem diese Nachricht.« »Ich nehme es Ihnen nicht übel. Garibaldi zuzuhören und ihm vernünftige Antworten zu geben.

Sie sieht die Menschen mit anderen Augen. daß ich mich in Gefahr befinde…« »Ich nehme an. »Ich habe ihr nur gesagt. wie sie Ihnen bei der Flucht geholfen hat. Ich nehme an.« Catherine hätte das nur zu gerne geglaubt. Er wird anonym im Internet gewesen sein. Ich meine. »Ich hoffe nur. Voss ist sehr früh am nächsten Morgen abgereist. Ich hätte es nie für möglich gehalten. Wie auch immer. Aber der Absender ließ sich ausfindig machen. es ist inzwischen nicht noch jemand meinetwegen umgebracht worden…« Sie näherten sich dem Portal. er wußte. Catherine blieb stehen und fragte: »Vater Garibaldi. mehr brauchte sie nicht zu wissen. wer immer es gewesen ist. daß die Äbtissin Sie persönlich im Wagen der Schwestern zum Bahnhof gebracht hat. es hat einen Streit gegeben.« Garibaldi schwieg. wo der große germanische Held lebte.»Ich bin sicher. Sie erzählte mir auch. der die Römer besiegt hat. Das tröstete und beunruhigte sie gleichermaßen. der ›Freund‹ mußte für die Zugangsberechtigung eine Kreditkarte benutzt haben. Er schien wütend zu sein. daß er vorsichtig sein muß. das weiß ich nicht. daß Sie in der Klosterbibliothek herausgefunden haben. haben Sie Julius im Kloster gesehen?« »Dr. Als Catherine sich nicht äußerte. Catherine…« Seine Stimme klang bewundernd und beinahe zärtlich. sie hat Sie offenbar wirklich ins Herz geschlossen.« 611 . fuhr er fort: »Die Äbtissin hat mir gesagt. Wir haben nicht miteinander gesprochen. Wohin. wenn sich der Betreffende nicht unter einem falschen Namen und mit falscher Adresse gemeldet hatte. Ihre nächsten Worte klangen deshalb etwas unsicher.

Vielleicht kam jeder in diesem gewaltigen Gotteshaus seinem eigentlichen Wesen näher.« »Aber woher wußten Sie. die in den Ecken lauerten. Vielleicht wurde deshalb in diesem sakralen Raum auch die eigene Seele deutlicher erkennbar.Catherine wurde verlegen und wollte das Thema wechseln. erkundigt hat. was sich 612 . so als sei sie bloßgelegt. Der Gegensatz zwischen dem Erhabenen und dem einzelnen. Sie wollte erklären. Deshalb fragte sie schnell: »Wie kommen Sie eigentlich hierher?« »Ich war in Detmold. denn es macht ihn empfänglicher für das andere. Sie wollte es ihm sagen. die Sie verfolgt. wollte sie sagen. daß Sie mich hier im Dom finden würden?« »Das wußte ich nicht. Hier müssen Sie sich der Vergangenheit stellen. Ich bin meinetwegen hergekommen. nach dem er sich sehnt. Seine Augen schienen die melancholischen Schatten in sich aufzunehmen. Dieses Blau paßt gut zu ihm. »Es war einfach zu erfahren. Es ist ein schwermütiges Blau. scheinbar hilflosen Menschen wurde hier besonders deutlich. daß eine amerikanische Nonne am Hermannsdenkmal war und sich anschließend nach ›Aquae Grani‹. Ihr fiel auf. Pangamot kann Ihnen hier nicht helfen. Catherine konnte die verborgenen Leidenschaften sehen. den römischen Bädern. die Vater Garibaldi ständig unter Kontrolle halten mußte. dachte sie.« Er verstummte und betrachtete sie prüfend. daß das Blau seiner Augen hier im geheimnisvollen Dämmerlicht des sakralen Raums sehr viel dunkler zu sein schien.« Er lächelte. wo die steinernen Bögen des Oktagons und das Kirchenschiff aufeinandertrafen. »Warum sind Sie hier im Dom?« fragte er ernst.

« Er schien ihre Antwort abzuwägen. Sie schüttelte den Kopf. Worte zu finden. was geschehen war. ob er sich damit zufriedengeben oder widersprechen sollte. dachte sie erleichtert. Dann schüttelte sie den Kopf. und ich werde dir einen Katholiken fürs Leben geben. daß ein Mensch wie ich. Hatte sich ihre katholische Erziehung wieder zu Wort gemeldet? War das alles nichts Übernatürliches oder Himmlisches gewesen. um zu erklären. daß er eine Träne abgewischt hatte. um mich davon zu überzeugen. »Ich weiß nicht. daß er es tatsächlich verstand und daß sie nicht versuchen mußte. frag mich nicht danach! Wenn ich jetzt darüber reden muß. begann sie. meine ich«.vor wenigen Augenblicken ereignet hatte.« Catherine hatte das Gefühl. Sie konnte nicht darüber sprechen. »Haben Sie hier in Aachen etwas gefunden?« fragte er beiläufig. als überlege er. »In Hinblick auf Sabina. »Wollen wir sie zusammen lesen?« 613 . fügte er hinzu. Als ihr Garibaldi leicht mit dem Finger über die Wange fuhr. wo ich als nächstes suchen soll. fühle ich mich vielleicht gezwungen. als spüre er ihren Widerstand. vielleicht…«.« »Sind Sie mit der sechsten Rolle fertig?« »Ich habe noch eine Seite zu übersetzen. Er wäre ein guter Psychologe. Dann sagte er: »Das verstehe ich. sondern nur eine unwillkürliche Reaktion? »Gib mir ein Kind bis zum Alter von sieben Jahren. alles zu leugnen. warum ich hierhergekommen bin. noch nicht. unmöglich dem Göttlichen begegnen kann. der keinen Glauben mehr hat. stellte sie fest. »Ich weiß nicht.« Wer hatte das gesagt? Ignatius von Loyola? »Ich dachte.« Sie spürte seine Hand am Ellbogen. Bitte.

Dorthin ging sie mit Garibaldi. Das Hotel lag in der Stadtmitte am mittelalterlichen Stadttor. Endlich konnte sie daran denken. die letzten Seiten von Sabinas Geschichte zu übersetzen. Wenn Catherine nicht auf die Jeans und die Windjacken achtete. hatte sie ein Zimmer im gutbürgerlichen Wilferterhof genommen. und ich erlebte die Geburt von sechsundzwanzig Enkelkindern und sieben Urenkeln. wo sich die Häuser aus dem dreizehnten Jahrhundert aneinanderzulehnen schienen. Ich eile durch die Zeit. Deshalb bin ich abgeschnitten von dem. was sie noch zusammenhielt. liebe Amelia. konnte sie sich vorstellen.Als Catherine am Morgen nach der Bahnfahrt von Detmold in Aachen angekommen war. und sie… Wohin? Wohin werde ich danach gehen? Catherine las laut die letzten Seiten der Schriftrolle vor. ließ er sich an der Rezeption ebenfalls ein Zimmer geben. Garibaldi würde in den Vatikan zurückkehren. Danach bekam ich noch acht weitere Söhne und Töchter. Nur hin und wieder fuhr jemand auf dem Fahrrad vorbei. Während sie bereits im Fahrstuhl nach oben fuhr. Wir begruben Freida vor vielen. Garibaldi klopfte an und kam herein. und ich nahm ihren Platz an der Spitze der 614 . daß ich Sigmund ein Kind gebar. Vom Fenster konnte Catherine die engen Straßen mit dem alten Kopfsteinpflaster sehen. durch einen Zeitsprung zurück ins Mittelalter versetzt zu sein. Es gab keinen Autoverkehr in der Innenstadt. und Garibaldi hörte zu. vielen Ernten auf ihrer Lieblingswiese. dachte sie. Es ist fünf Jahrzehnte her. an den Anfang des Christentums. was mich in der Gegenwart gehalten hat… Aber nun wollte sie noch weiter zurück. Waren das ihre letzten gemeinsamen Stunden? Nach der sechsten Schriftrolle gab es nichts.

doch die Angreifer waren in der Überzahl. Ich erzählte sie abends an den Feuern zusammen mit der Geschichte meines Lebens. mit der ich vor langer Zeit Antiochia verlassen hatte. daß die Feinde aus dem Norden kommen würden. von der alle sagten. In dieser Hinsicht habe ich versagt. Ich fragte mich. mein ältester Sohn. So lange ist es jedenfalls her. Die Absicht.Sippe ein. aber ich führte niemanden zum Licht. meine Familie zum Weg des Gerechten zu bekehren. ob er am Leben sei. dachte ich an Pindar. Ich lebte viele Jahre in Freidas Sippe. die ich durch die Wälder gezogen bin. Wir waren nicht darauf vorbereitet. denn Freida hatte mir die Geschichten ihres Volkes als Erbe hinterlassen. zum Zeichen seiner Mannbarkeit den ersten Schild und Speer erhielt. An dem Tag. meinen Sohn von Philos. unsere Söhne und Töchter. Sigmund. Nur etwas bedauerte ich. Ich floh in den Wald. liebe Schwestern. Wie lange bin ich jetzt schon hier bei meiner Gastgeberin Perpetua? Um das zu beantworten. Ich kämpfte nicht an ihrer Seite. nämlich seine Botschaft zu verbreiten. sie sei wie ein Märchen. muß ich die Zeit hinzuzählen. und ob er sich an seine Mutter und unsere Jahre in Alexandria und Britannien erinnern konnte. ob es ein Monat oder ein Jahr war – vielleicht auch sehr viel länger. die ganze Sippe. ob er die Toga erhalten habe. trug keine Früchte. Wir hatten keine Ahnung. Sie wurde in einem einzigen Augenblick ausgelöscht. daß sie alle getötet wurden. Und ich sprach zu ihnen über die Botschaft des Gerechten. und ich starb 615 . Ich blieb nicht bei meiner Familie. Es war ein Überraschungsangriff. als Ingomar. Ich weiß aber selbst nicht. Unsere Männer kämpften tapfer. Jetzt sind sie alle gegangen. In all den Jahren war es mir nie gelungen.

Sie hatten recht. Schließlich hob sie den Blick von dem Papyrus. Sie haben getan. Sie müssen dem Sechzehnjährigen. Die Stille des Winters breitete sich nach ihren Worten im Zimmer aus.« Sie sah die Enttäuschung in Garibaldis Gesicht. in dem er lebte. »Ich bin Ihnen nicht mehr böse. verzeihen. Ich weiß. »Das ist alles. daß er einen sinnlosen Mord nicht verhindert hat. flüsterte sie. Ich fürchtete mich vor… »Ich fürchtete mich vor…« Catherine verstummte. Sie spürte seinen warmen Atem auf ihrer Handfläche. und sie sah den Konflikt.« »Schon gut«. Ich mußte es tun. er hatte gehofft. wie sich seine Pupillen weiteten. sagte sie.« 616 . konnte den Mann nicht unterdrücken.« Er ließ den Kopf sinken und fügte hinzu: »Es tut mir wirklich leid. sagte sie leise. um die dunkleren Ströme zu erforschen. »habe ich meinem Vater endlich vergeben. der Sie einmal waren. Sie wußte. Sie ging zu ihm und legte ihm die Hand auf den Arm. »Im Dom«. Der Priester. Catherine blickte in seine blauen Augen und tauchte in ihre Tiefen. der er war. »Schade…«.« Er nahm ihre Hand und drückte sie an seine Lippen. die sie dort entdeckt hatte. Seine Leidenschaft trieb ein böses Spiel mit ihm. Sie sah. »Das ist es«. wozu Sie verpflichtet sind. »Ich hätte Ihnen so sehr gewünscht. Und das müssen Sie ebenfalls. Ich versteckte mich wie ein Kind. »Schade…« Er seufzte. daß ich Sie getäuscht habe. Antworten auf seine Fragen zu bekommen. daß Sie die siebte Schriftrolle auch noch übersetzen können. was wir von Sabinas Geschichte haben. sagte sie schließlich. der er sein wollte.nicht mit ihnen.

Catherine flüsterte: »Vergeben Sie ihm. der den Mord begangen hatte. wenn Sie Ihr Priestertum aufgeben. Ich meine. Das haben Sie mir gesagt. veränderte sich sein Ausdruck.« »Sie glauben nicht an Gott. Es ist eine Prüfung. sagte Garibaldi aufgewühlt. daß ich ein Feigling war. etwas zu unternehmen. sondern von dem alten Mann hinter der Ladentheke.« Catherine wußte. weil er mich mit seinen Augen anklagte. 617 . »Er stand da wie ein stummes Tier und flehte mich mit den Augen an. »Was soll ich ihm vergeben? Daß er die Wahrheit gesehen hat? Ich war ein Feigling. Dann wurde es still. daß Sie kein Feigling sind. Er sah. Und als ich mich nicht von der Stelle rührte. »Das ist es nicht. Ich versuche seit dieser Zeit. Vielleicht ist das die zweite Chance. Nicht von dem Junkie.« Seine Stimme stieg zu der Balkendecke empor und hallte dort lautlos wider. Vater Garibaldi…« »Vergeben?« rief er. um die Sie gebetet haben.« »Nein. daß ich ihn haßte. »Er ist es! Auf ihn bin ich böse. meine Feigheit wiedergutzumachen. die zu ihm zurückfinden. haben Sie diese Prüfung nicht bestanden. Ich muß nicht mir selbst verzeihen! Verstehen Sie das nicht? Ich bin nicht das Problem. Ich haßte ihn.« »Sie wollen kein Priester mehr sein.»Ach Catherine…« Er seufzte und wandte sich ab. und ich muß ihm verzeihen. ich hasse ihn immer noch. sah er mich mit so tiefer Verachtung an. Ich haßte ihn.« Er sah sie wieder an. von wem er sprach. Und Gott helfe mir. weil er wußte. Gott vergibt allen. Als die Kugeln den alten Mann in die Brust trafen. daß ich ein Feigling bin. aber ich glaube an die Macht der Vergebung. »Er stand einfach da«. weil Sie das für eine ehrliche Lösung halten? Sie wollen sich beweisen. Und in seinen Augen stand Abscheu.

wieder getrennt zu werden. Vater Garibaldi.« Sie lächelte. Wir können Unsicherheit und alle Verwirrungen überwinden. Wenn wir vergeben. und Sie werden erkennen. Es genügt nicht. zog die Ärmel nach unten und ließ es zu Boden 618 . »Diesmal kämpfen wir in derselben Arena gegen denselben Gegner. daß ich würdig bin. daß Sie Priester bleiben müssen.Sabina hatte recht. Catherine knöpfte sein Hemd auf und schob es über die Schultern. als hätten sie Angst. Sie haben zur Kirche zurückgefunden? Sind Sie wieder Katholikin?« »Nun ja. Gott zu dienen. einfach zu vergeben. Er legte die Hand auf ihren Nacken und fuhr mit den Fingern durch ihr kurzes. Damit sind wir wieder am Ausgangspunkt des Problems. blondes Haar. Aber Sie sind ein gläubiger Mensch!« »Ich zweifle jedoch daran.« »Nein. Vergeben Sie dem alten Mann.« Er faßte sie an den Schultern. und wir sehen wieder klar.« »Das heißt. Der Kuß wurde leidenschaftlicher.« »Vater Garibaldi. wie Sie Ihrem Vater vergeben haben?« »Ja. »Sie würden für mich kämpfen?« »Ja…« Plötzlich küßte er sie auf den Mund. nein…« »Sehen Sie? So einfach ist das nicht. ich glaube nicht an Gott. Sie klammerten sich aneinander. ist das wie eine Befreiung.« »Ich soll dem alten Mann vergeben. während er sie an sich drückte und dabei wie ein Ertrinkender festhielt. Catherine schlang die Arme um seinen Hals.

um an die Folgen zu denken.fallen. atmete jede Rundung und Linie. in der die Menschen noch so fromm und gläubig wie Kinder waren. »Tut es noch weh?« flüsterte sie. Er trug Catherine zum Bett. als alles angefangen hatte. als er sie auf die Daunendecke legte. vor ihrem Fenster aufragten und den Mond und die Sterne verdeckten. doch ein Hauch von Blässe verriet. Das alles schien in einer anderen Welt. dachte sie an den Tag in Santa Barbara. Zitternd legte sie die Hand auf seinen Oberkörper und überließ sich dem Gefühl seiner glatten Muskeln. der eine Ewigkeit auf diesen Augenblick gewartet hat. daß der Morgen bald anbrechen 619 . Ihr Herz klopfte wie rasend. Es war der lange. Sie suchten Antworten und fanden sie schließlich im anderen. die der Streifschuß hinterlassen hatte. Beide wollten nur im Hier und Jetzt bleiben. über Jahrhunderte hinweg aus dem Sinai an diesen Ort gekommen. der friedlich neben ihr lag und schlief. langsame und schmerzlich zarte Kuß eines Mannes. wo die Kirchtürme einer längst vergangenen Zeit. Dann sah sie Michael an. Der Himmel vor dem Fenster war dunkel. die er an ihrem Körper sah. Sie wußten. nun aber fürchtete. Er verschlang sie mit den Augen.« Sie küßte die Wunde. kein Innehalten. daß alles zu schnell ging. Catherine erwachte und blickte an die Zimmerdecke. doch ihre beiden Körper bewegten sich langsam. Er küßte sie noch einmal. »Nein. um das Leben in seiner schönsten und intensivsten Weise zu erleben. Seine Fingerspitzen glitten zärtlich über ihr Gesicht. Er küßte sie zärtlich. in einem anderen Leben gewesen zu sein. Es gab kein Fragen und kein Überlegen ob. jede Wimper und jede Pore. Sie waren Tausende von Meilen. daß sie nicht mehr dieselben wie damals waren. Als sie die noch nicht ganz verheilte Wunde an seinem linken Arm berührte.

und ihr fiel ein eigenartiger bräunlicher Fleck im Gips auf. Die Nacht mit ihm war so schön und so außergewöhnlich gewesen. wo sich die siebte Schriftrolle befand.würde. Das alles gehörte von jetzt ab zu ihnen. Aachen und der Dom würden ihnen immer bleiben. diese Nacht. Der Traum! Catherine stockte der Atem. Der Traum: Tymbos! Sie wußte schlagartig. Ihr Blick wanderte wieder zur Decke. Langsam bekam sie einen klaren Kopf und erinnerte sich… Es hatte etwas… mit… Sie spürte. daß irgendwann einmal ein Wasserrohr undicht gewesen sein mußte. der verriet. Was danach auch kommen mochte. und ihr traten Tränen in die Augen. sie wußte. daß ihr Herz plötzlich heftig klopfte. 620 . Sie berührte Michaels Gesicht.

DER LETZTE TAG 621 .

Deutschland Als Catherine ins Zimmer trat. »Weißt du eigentlich.« Er nahm ihr Gesicht zwischen seine Hände. flüsterte sie.« Er lachte leise. »Aber wie ist es mit dir? Bedauerst du es?« »O nein…«. Doch seine Augen blickten ernst. »Vielleicht. Er trug ein hellblaues.« »Aber du wirst jahrelang Buße tun müssen. ohne den Mantel auszuziehen. daß du anderen immer Dinge in den Mund 622 . Catherine. »Hallo«. dich hier zu finden«. »Ich liebe dich.Freitag. Er lächelte. verließ Michael seinen Platz am Fenster und sah sie aufmerksam an.« Er stand dicht vor ihr und lächelte. bitte glaub mir. Dezember 1999 Aachen. dann hilft mir die Liebe zu dir.« »Warum nicht? Das bedeutet doch nicht. »Warum? Wegen heute nacht?« »Wie fühlst du dich?« »Wie ich mich fühle?« Er kam zu ihr. jede Minute der letzten beiden Wochen mit dir ist für mich von Bedeutung. »Hallo.« Die leuchtenden Strahlen der Morgensonne streiften seine Schultern. gemustertes Baumwollhemd und neue Jeans – keine Soutane. »Ich war nicht sicher. Wenn überhaupt. Sie blieb stehen. »Catherine. 31.« »Bitte. die an deinem Sündenfall schuld ist. sag das nicht. meine Liebe zu ihm zu stärken. sagte sie. sagte sie. keinen Priesterkragen.« »Du wirst mich als die Verführerin in Erinnerung behalten. daß ich Gott weniger liebe. und hielt ein kleines Päckchen in der Hand.

Ich muß dem alten Mann vergeben. sind dafür Ereignisse verantwortlich. Wenn überhaupt. daß es für mich nur einen Weg gibt. was wir brauchen. dann hast du mir geholfen. sagte sie. »Michael. »Bevor ich aus dem Kloster geflohen bin«. sagte sie. auf dem ihre Übersetzung der Schriftrollen stand. die sie von der Äbtissin hatte. Irgend etwas daran hat mich seit dem ersten Lesen nicht mehr losgelassen. er werde sie küssen. »habe ich den Text der Handschrift des Thomas von Monmouth kopiert. ich nenne die Dinge immer beim Namen. Sie wünschte sich sehnlichst. Und ich dachte. habe ich…« »Hast du was…?« »Habe ich dich soweit gebracht. die lange zurückliegen. ich weiß. flüsterte er und streichelte sie mit den Augen. Aber sie wußte. fürchtete sich aber auch davor.« Er verschränkte die Arme. sagte sie leise und betrachtete seine Lippen. daß du kein Priester mehr sein möchtest?« »Wenn ich mich dazu entschließe. »Michael.legst?« »Ich weiß. dieser Tag mußte anders sein. wo die siebte Schriftrolle ist«. um Frieden zu finden.« »Heute ist Silvester«. und nahm den gelben Notizblock heraus. dort würde ich finden. natürlich die Fehler…« 623 . »Nun ja. Besonderes und Schönes. mich der Tatsache zu stellen.« »Laß mich dich einfach nur ansehen«. zog den Mantel aus und fuhr fort: »Mir ist gestern vor dem Dom eine katholische Buchhandlung aufgefallen. Sie legte das Päckchen auf das Bett.« »Was hast du gesucht?« Sie öffnete die Tasche. Letzte Nacht war letzte Nacht – etwas Kostbares.

Jetzt hier – ›Valeria‹. stellt man fest. Jetzt zu den anderen Tatsachen.« »Und was ist das?« »Tymbos«. »Sagen wir. denn wenn du ein fehlendes Teil in das Puzzle einfügst. soviel ist richtig. daß sie in Stonehenge war. aber sie gehörte zu seinem Gefolge. Und das ist mir im Schlaf aufgegangen.»Sind es wirklich Fehler? Denk darüber nach. Michael.« Sie schlug den Notizblock auf und legte ihn auf den Tisch am Fenster.« »Nicht von einer Person.« »Es ergibt Sinn. wird alles klar. daß die Fakten alle stimmen. sagte sie und sah ihn triumphierend an. »Das ergibt immer noch keinen Sinn. Wir haben uns zu große Mühe gegeben. ›Tymbos‹ ist das griechische Wort für 624 . fuhr Catherine fort. die später zusammen mit der Priesterin Valeria am heiligen Ort begraben wurden. Sie sind nur in einen falschen Zusammenhang gestellt. Nehmen wir als erstes das Wort ›Priesterin‹ und ersetzen es durch ›Diakonin‹. Heute nacht ist es mir klargeworden. das ist unsere Sabina. ›König‹ Tymbos zu finden! Damit haben wir uns das Leben unnötig schwergemacht. Wenn man den Text analysiert. Und das beschäftigt mich schon die ganze Zeit.« Catherine wies auf den Satz: »Sie hinterließ sechs Bücher über Alchimie und Zauberei. Michael. »Aber von Tymbos ist hier überhaupt nicht die Rede. »Auch das stimmt.« »Sechs Bücher über Alchimie und Zauberei«.« Sie lachte glücklich und rief: »Michael. wo das Licht darauf fiel. Sie war nicht mit Cornelius Severus verheiratet.« Sie strich das Wort durch und schrieb das neue darüber. Wir wissen. Die Lösung des Rätsels lag die ganze Zeit auf der Hand. Sieh dir das an.

« »Ich auch«. wie das bei den Christen dieser Zeit üblich war. »und deshalb habe ich beschlossen. las er laut vor.« »Welcher heilige Ort soll das sein? Hast du eine Idee?« »Was wäre für dich der heilige Ort schlechthin gewesen.« »Und Perpetua«. »Schlag Seite 32 auf. »hat. ergänzte Catherine. Er blickte auf den Titel: Frühchristliche Märtyrer. das Wort ›König‹ hinzugefügt. bis sie einen ganzen neuen Satz hatte.« 625 . »›starb etwa 142 nach Christus. ›»Valeria‹«. Es war eine kühne Vermutung. sondern am heiligen Ort. wickelte es aus und reichte Michael ein Buch.›Grab‹!« »Grab?« »Paß auf! Wenn wir ›mit… begraben‹ durch das ›Grab‹ ersetzen…« Catherine strich hastig Wörter durch und ersetzte sie durch andere. nicht an einem heiligen Ort. um das Ganze zu einem Rätsel zu machen. aber trotzdem sehe ich immer noch nicht…« »Am Ende der Seite. in die Buchhandlung am Dom zu gehen. bringe es in das Königreich…‹« »›… in das Königreich Gottes‹«. sagte Michael verblüfft.« Er blätterte. »Sabina hinterließ sechs Bücher über Alchimie und Zauberei. die später die Diakonin Valeria mit ins Grab nahm. nahm das Päckchen. ›… bringe es zu König Tymbos. »Das Datum paßt. Lies weiter. »Sie ist also mit der siebten Schriftrolle an einem heiligen Ort begraben worden…« »Nein. Michael. sagte sie. Michael runzelte die Stirn. wenn du vor zweitausend Jahren als Christ gelebt hättest?« »Ich kann mir nur drei vorstellen.‹« Er sah Catherine an. aber…« Sie ging zum Bett.

denn diesen Namen benutzte Perpetua! Deshalb haben wir sie auch trotz all unserer Bemühungen nirgends entdeckt.« »Zumindest kennt die Kirchengeschichte sie unter diesem Namen! Wir haben sie als Amelia kennengelernt. Michael.Zwei lateinische Wörter fielen ihm ins Auge: »Amelius Valerius. »Sie war die Tochter des Amelius Valerius.‹«.« »›Tochter des Amelius Valerius. Sie war demnach Amelia Valeria!« »Und wurde offenbar als Valeria bekannt. las Michael. damit haben wir die siebte Schriftrolle gefunden!« 626 .

die seine kostbare Sammlung umgaben. New Mexico Miles befand sich in seinem Museum im Untergeschoß. die Hoffnungen und Ängste der über tausend Menschen. Sie ›zauberten‹ Fernsehbilder auf riesige Projektionsflächen. damit seine Gäste den Jahreswechsel nicht nur einmal. nicht einmal das Personal. Den Anfang machte Sydney in Australien. sondern nacheinander sechsmal erleben würden. Deshalb hatte Miles alles vorbereitet. während er am Telefon auf eine verschlüsselte Nachricht wartete. noch öfter jedoch die Intrigen durch die meterdicken Betonwände spürte. geschweige denn die Gäste konnten ihn stören. die Spannungen. die vierundzwanzig Stunden lang beim Fest zur Zeitenwende die Stille der Casa Havers störten. Er empfing wie ein hochempfindlicher Radarschirm die Energie der Gäste. Das ›Wunder‹ vollbrachten Laserprojektoren. seiner neuen Ära.Santa Fe. Die meisten Gäste waren für das große Silvesterereignis bereits eingetroffen. Aus den Metropolen der Kontinente. daß er das fröhliche Treiben und das Spiel mit belanglosen Worten. aber trotzdem fühlte er deutlich den schicksalhaften Morgen des letzten Tages in diesem Jahrtausend. Hier unten sah er das Sonnenlicht nicht. Silvester 1999 stand für den Beginn eines neuen Zeitalters. würden 627 . Niemand. Miles hätte schwören können. die Santa Fe auf dem Weg in das neue Jahr und Jahrtausend zeitlich voraus waren. Und so war es von ihm gewollt. Das Leben mit Erika hatte ihn sensibel gemacht für die Schwingungen des Unsichtbaren. Die Auserwählten sollten diesen Tag nie vergessen. dem sichersten Platz auf seinem riesigen Anwesen.

Wie steht es? Gut. und die Computer auf der ganzen Welt verteilten Informationen. Sie stürzten Konzerne und Regierungen oder bestätigten ihre Ziele. die Teddy ihm geschickt hatte: Suche nach freund@dianuba. und die Musik sollte von den Sangre de Cristo-Bergen widerhallen. um einzuloggen. Die mythische Welt der Kirchen und Religionen.« Er trommelte mit den Fingerspitzen nervös auf die Sessellehne und blickte auf die Notiz.G. ich bleibe am Apparat. die über Jahrtausende hinweg das Bewußtsein der Menschen geprägt hatten. Wissen und Geld. der Tag und Nacht die Erde umkreiste. Das war gerade lange genug gewesen. »Hallo?« sagte er in den Hörer. durch sein Können und seine Durchsetzungsfähigkeit zum weltweit größten Drahtzieher geworden. Ströme von Champagner würden fließen. und kaum jemand ahnte etwas davon. um zu leben. Kultur und Politik unterwarfen sich fortan dem Datenstrom. Nicht existierende Telefonnummer.com Name: Joe Smith Adresse: 1600 Pennsylvania Ave. Miles Havers. Wirtschaft. falsche Kreditkartennummer.Direktübertragungen der Silvesterereignisse gesendet werden – aus Sydney. die Archäologin zu warnen und wieder in die Anonymität 628 . der kleine Hacker. Und er. Moskau. »Ja. Washington D. Es war eine gute Zeit. mußte der neuen Macht elektronisch manipulierter Fakten weichen. Rom und New York. Alle Fäden liefen bei ihm zusammen. ›Freund‹ hatte den Anschluß nur eine Stunde. Dieser historische Augenblick würde ihm die Erfüllung seiner Träume bringen. Bombay. ich kann Sie hören. war durch seinen Weitblick. Das neue Zeitalter brach an.

Die Frau darf Sie nicht sehen. Bleiben Sie ihr auf der Spur. war eindeutig ein elektronischer Seitenhieb auf Miles Havers. Die Beute war ihm sicher. »Was haben Sie herausgefunden?« Er notierte auf den Notizblock: »Catherine Alexander… Abflug 19.« »Wohin?« fragte er.« Der Tiger richtete sich zu seiner ganzen Größe auf. ehe der Betrug mit der Kreditkarte entdeckt wurde. daß die kluge Frau Doktor doch noch herausgefunden hatte.zu verschwinden. »Hallo? Ja?« sagte er in den Hörer. wenn sie die siebte Rolle holt. anstelle von AOL oder Microsoft. Das andere… ich meine. »Ich habe eine Standleitung zu Ihnen geschaltet. Und daß er/sie für diesen Coup das Dianuba-Network benutzt hatte.30 Uhr Frankfurt/M. Als er die Antwort hörte. wußte er. wie Sie die Frau hinterher aus dem Weg räumen. wo sich die siebte Schriftrolle befand. Wirklich sehr gerissen. das überlasse ich Ihnen. 629 . Beschaffen Sie mir das Dokument. Aber seien Sie auf jeden Fall dort.

die Fahrer schrien. Rom Dreiundzwanzig Uhr. Als Priester gelang es Michael. Jungen und Alten das gesamte Spektrum menschlicher Gefühle. von dem er gesprochen hatte. Taschenlampen. ihnen den Weg durch die Menge zu bahnen. Die Gesichter der Menschen schienen zu leuchten wie auf einem riesigen Gemälde von George de la Tour. Michael trug wieder die Soutane. »Er hat die Informationen über die geheimnisvollen Schriftrollen aus dem Sinai in den Medien verfolgt.Der Vatikan. die sich auf dem Petersplatz drängte. Laternen. Die einen weinten. und die Scheinwerfer verbreiteten ein grelles Licht. Beinahe jeder hielt irgendeine Art Licht in der Hand – Kerzen. der 630 . und als ich ihm von uns erzählte. Der Freund. und sie suchten sich eilig einen Weg durch den Stau. sagte Michael. Sie staunten über die riesige Menschenmenge. aber viele hatten besorgte oder versteinerte Gesichter. Catherine sah im Vorbeieilen in den Gesichtern von Männern und Frauen. Der Countdown für Mitternacht hatte begonnen. hat er sich bereit erklärt. Die Autos standen Stoßstange an Stoßstange. »Er ist mein Freund«. die Hupen machten einen Höllenlärm. Alle Augen richteten sich wie gebannt auf den Balkon. auf dem der Papst. als sie am Petersplatz aus dem Taxi sprangen. andere lachten. uns zu helfen…« Er nahm Catherines Hand. war mit ihm in Chicago auf dem Priesterseminar gewesen und arbeitete im archäologischen Büro des Vatikan. Er hatte sich auf dem Rhein-Main-Flughafen umgezogen.

wie sie hofften.Nachfolger auf dem Stuhl Petri. fast zarte Hände und reichte Catherine kaum bis zu den Schultern. doch nach ein paar erklärenden Worten von Michael ließ man sie weitergehen. hatte Catherine in Aachen gesagt. »kann es nur einen einzigen heiligen Ort geben. Nachdem sie im Büro standen und die Tür hinter sich geschlossen hatten. hatte helle Haut. wo Petrus begraben wurde. kleine. Sie wurden mehrmals von der römischen Polizei und von der Schweizergarde angehalten. Er war schlank. ein Abenteuer verpaßt zu haben. Er hielt sich leicht gebeugt. der dank hölzerner Barrikaden und den Doppelreihen der Gardisten menschenleer war. daß Vater Sebastian etwas über vierzig war. erscheinen würde. als bedaure er. Es klang entschuldigend. Catherine konnte sich 631 . kamen um eine Ecke und gingen dann durch eine Tür mit einem Schild. »Für einen Katholiken«. daß es den Anschein hatte. stellte Michael seinen alten Freund Catherine vor. Er sprach so leise. Er führte sie durch einen Hof. als habe er sein Leben über Büchern verbracht. die siebte Schriftrolle ebenfalls. Catherine vermutete.« »Aber ich hatte die Grippe«. wie Catherine fand.« Das Grab der Amelia Valeria befand sich hier und. Sie trafen Vater Sebastian am Arco delle Campane auf der linken Seite des Doms. Aber mit der dicken Brille wirkte er älter. auf dem stand: UFFICIO SCAVI – Dienststelle für Ausgrabungen. und eine Spur wehmütig. wie Michael es erlebt hatte. Ich meine die Stelle. er wollte nicht gehört werden. sagte der Priester. Sie eilten unter einem anderen Bogen hindurch. »Vater Sebastian hätte eigentlich auf den Sinai gehen und die Berichte über das Jesus-Fragment prüfen sollen.

wie die vergangenen beiden Wochen ausgesehen hätten. war die siebte Schriftrolle auf immer verloren. Genau das aber mußten sie tun. Sie blickte auf die Uhr. Sie verließen das Büro durch eine Seitentür. Wenn die Grotten dem Publikum zugänglich waren. Amelias Sarkophag zu öffnen. wenn er anstelle von Michael auf den Sinai gefahren wäre. Catherine überlegte. erklärte Vater Sebastian. Tonscherben und Bruchstücke von Statuen türmten. Als die Tür des Büros hinter ihnen ins Schloß fiel und ihre Schritte auf der Eisentreppe verhallten. blieb an der anderen Tür stehen. öffnete sie leise 632 . die überall im Dom und auf dem Petersplatz zu sehen waren. Ja. sie mußten sich beeilen. Außer einem Blutfleck am weißen Kragen unterschied ihn nichts von den zahllosen Klerikern. auf denen sich Korrespondenz. sagte Vater Sebastian und brachte einen Schlüsselbund zum Vorschein. in dem eine Treppe nach unten führte. wenn wir durch die Kirche gingen«. wenn Michaels Vorgesetzte davon erfuhren. Dahinter befand sich ein enger Korridor. »Um Mitternacht werden die Tore für eine dreißig Tage dauernde Ausstellung der Gebeine des heiligen Petrus geöffnet. Akten. schlich sich ein Vierter leise und ungesehen in das UFFICIO SCAVI. wie Catherine auffiel. wieviel Michael ihm wohl gesagt hatte. und seine Stimme klang aufgeregt. »Man würde uns sehen. Die halbe Menschheit wird hinunter in die Grotten kommen!« Er führte sie an Schreibtischen vorbei. Catherine wußte. der offenbar in einer der vielen Dienststellen des Vatikan beschäftigt war. Es war ein weißhaariger Mann in einer schwarzen Soutane. Zeke ging eilig zwischen den Schreibtischen hindurch. »Wir müssen uns beeilen«. Notizen und.nicht vorstellen. bestand keine Möglichkeit mehr.

Die heiligen Grotten bestanden genaugenommen aus einem Gewölbe unter dem Petersdom. Man stellte fest. während Sebastian erklärte: »Die römische Nekropole wurde 1939 entdeckt. Er war allein. Ich spreche natürlich vom heiligen Petrus«. fügte er in einem ehrfürchtigen Ton hinzu.und erreichte den Korridor. der an dieser Stelle. mit dem Kopf nach unten gekreuzigt worden ist. stießen die Arbeiter auf eine Mauer. daß diese Mauer eintausendsechshundert Jahre alt war. Er hatte Raphael absichtlich in der Menge verloren. Schließlich erreichten sie eine prächtige Kapelle mit einem blau und gold ausgemalten Giebel und mehreren Gebetbänken. Alle seine Sinne waren geschärft und hellwach. Darin befanden sich die Krypten von Päpsten und Herrschern. Ein deutscher Kaiser aus dem zehnten Jahrhundert war hier begraben. das in kleine Kapellen unterteilt war.« Er führte sie an kleinen Kirchenbänken vorbei. Er hatte noch nie zuvor einen Priester ermordet. im Circus des Caligula. als er berichtete: »Die Archäologen machten erstaunliche Entdeckungen! So fanden sie auch die Gebeine des heiligen Märtyrers. Als man mit den Arbeiten für eine Erweiterung der Grabkapelle von Pius XL begann. Königin Christina von Schweden und James II. der einzige englische Papst. die eigentlich nicht vorhanden sein sollte. und zog Archäologen hinzu. die vor der Krypta von Papst Clemens standen. unter anderem auch Hadrian IV. Ihre eiligen Schritte hallten auf dem Marmorboden. Seine Hände zitterten etwas. Vater Sebastian suchte unter seinen Schlüsseln den passenden für eine unbeschriftete Tür in der reich verzierten Wand. 633 . an bescheidenen Altären und geschmückten Sarkophagen. von England.

Würde eine Frau. daß sie und Michael sich hier unten befanden? Die siebte Schriftrolle konnte Geheimnisse enthüllen und Beweise bringen. Ängstlich blickte sie den dunklen Weg zurück. Auch wenn sie nichts sah.« Und dann würde sein Killer mit der häßlichen Narbe… Energisch vertrieb sie diese absurden Vorstellungen und dachte an den riesigen Schwarm von Menschen in und um den Petersdom. die Angst ließ sich nicht abschütteln. Sie konnte sich gut vorstellen. und fragte sich beunruhigt. Männer der Kirche hatten über die vielen Jahrhunderte hinweg mit allen Mitteln nach der Weltherrschaft gestrebt. die auf der ganzen Welt Menschen zu ihren Werkzeugen gemacht und ihre Glaubensbereitschaft enttäuscht und mißbraucht hatte. berichtete er weiter. den sie gekommen waren. »aber wir wissen.Catherine lief ein Schauer über den Rücken. Wußte einer von ihnen. Wie auch immer. die den Vatikan mit dem Papst an der Spitze weit stärker als ein Erdbeben erschüttern würden. die vor fast zweitausend Jahren für ihren Glauben zur Märtyrerin geworden war. daß er sich an dieser Stelle befand. Die siebte Rolle konnte den Untergang dieser skrupellosen und doktrinären Macht einläuten. nach alter 634 . Frauen waren bis heute Randfiguren auf der kirchenpolitischen Bühne geblieben. »Den Circus gibt es natürlich nicht mehr«. diese Kirche an der Jahrtausendwende mit der Wahrheit konfrontieren? Vater Sebastian fand den Schlüssel und drehte ihn im Schloß. Die Archäologen haben Beweise dafür entdeckt. wie Havers vielleicht sogar selbst hinter einer Säule hervortrat und mit seinem weltweit bekannten Lächeln sagte: »Jetzt können Sie mir die Schriftrollen geben. ob Havers oder einer seiner Killer ihnen möglicherweise hierher gefolgt war und irgendwo in den Schatten lauerte.

Deshalb errichtete er eine Reihe von Stützmauern und füllte die Zwischenräume auf. die nach Staub und Zerfall roch. sagte er mit gedämpfter Stimme und richtete die Taschenlampe an die Decke. Vor eintausendsiebenhundert Jahren hätten wir an dieser Stelle in den Himmel geblickt. Deshalb erschien es auch ihr glaubwürdig. hob die Soutane und ging mit eingeschalteter Taschenlampe voraus. Peter. eine große Basilika zu bauen«. Sie hatten Türen. zur Zeit des Kaisers Konstantin. Der Kaiser ließ hier seine neue Basilika errichten. Als Archäologin hatte Catherine gelernt. daß der Leichnam des Heiligen Petrus von seinen Anhängern heimlich hier begraben wurde. passen Sie hier auf!« warnte er. »Als Konstantin im vierten Jahrhundert beschloß. denn sie gingen wie durch eine richtige Straße. die wie Häuser aussahen. daß es sich bei dem Skelett unter dem Hauptaltar tatsächlich um Petrus handelte. fuhr Vater Sebastian fort und führte sie in die Dunkelheit. »war der vatikanische Hügel sehr viel kleiner als heute. Auch ihre Eltern hatten die Ansicht vertreten. »das ist die Unterseite des Fußbodens von St.Überlieferung…. daß die Gebeine des Apostels unter dem Petersdom ruhten. um den Platz zu vergrößern.« Catherine sah sich erstaunt um. Dreihundert Jahre später. Schwellen. skeptisch zu sein. Auf diese Weise begrub Konstantin diese alte Totenstadt. Sie kannte jedoch die geradezu besessene Beschäftigung der Christen mit Reliquien. stand das ursprüngliche Heiligtum noch. Fenster und manchmal sogar Treppen. »Die Überlieferung sagt. Als man die Gebeine entdeckte…« Catherine kannte die Geschichte. bitte. Sehen Sie«. Sie kamen an Höfen und Brunnen vorbei und an den Fassaden riesiger römischer Mausoleen. die in die Fundamente der Kirche 635 . die zu Dächern hinaufführten.

»Die Totenstadt erstreckt sich in ganzer Länge unter dem Petersdom. war so tief und beängstigend. Sie gingen an den geisterhaften ›Häusern‹ vorbei. einen Schwarm Vögel – Erinnerungen an Menschen. dieser Wächter der Toten wußte um alle Tragödien. die sie umgab. Der Strahl seiner Taschenlampe fiel flüchtig auf einen springenden Delphin. Vater Sebastian sprach flüsternd weiter. daß Catherine nach Michaels Hand griff und dicht bei ihm blieb. von denen Gassen abzweigten. die nirgendwohin führten. die besser im Dunkel der Erde blieben. die wie eine wirkliche Stadt aussehen sollte. Ihr Herz pochte.« Catherine glaubte. die mächtige Kirche mit ihrem lastenden Gewicht auf den Schultern zu spüren.« Vater Sebastians Stimme klang körperlos und leise. Catherine zweifelte nicht daran. Als sie durch die engen Straßen gingen. in den persönlichen Bereich von Menschen einzudringen. Aber man kann sie nicht ausgraben. Flüche und Frevel oder ahnte Geheimnisse. Die Dunkelheit. denn das würde seine Fundamente schwächen. die idyllische Landschaften oder stille Plätze zeigten. Aber es war alles Illusion – eine Totenstadt. Das Atmen fiel ihr immer schwerer. fühlte sich Catherine wie in einem Labyrinth. Plötzlich überkam sie das beängstigende Gefühl. eine Vase mit Blumen. Catherine spähte durch Fenster und Türen mit dem eigenartigen Gefühl.darüber eingebettet waren. »Es gibt noch sehr viel mehr Gräber«. und Vater Sebastian verstummte. die längst tot und dem Bewußtsein der Lebenden entschwunden waren. »Alle Gräber wurden bereits vor vielen Jahren geöffnet und ihr Inhalt entfernt. ohne einen wachsamen und erfahrenen Führer wie Vater Sebastian könnte man sich hier unten in der von Menschen geschaffenen Welt der Toten verirren und niemals gefunden werden. und jeder 636 . und an Fresken vorbeikamen.

Vater Sebastian richtete den Strahl der Taschenlampe in ein Columbarium mit zahlreichen Nischen für Begräbnisurnen. »Man kann auf diesem Weg den allmählichen Übergang vom Heidentum zum Christentum erkennen. in denen die Toten und nicht nur ihre Asche beigesetzt wurden. das Christus als Apollo im Sonnenwagen darstellte. und der Sonntag ging auf den Mithraskult zurück. In der Nähe des heiligen Petrus befinden sich Gräber aus späterer Zeit. die zu Stella Maris wurde. aus dem zweiten und dritten Jahrhundert. obwohl Überschneidungen oft eine klare Trennung kaum möglich machen. und sie dachte daran. Außerdem gibt es dort christliche Symbole. Die Gräber schienen kein Ende zu nehmen.« Er trat in ein Grabmal. Catherine wußte. obwohl sie zu den Anhängern des Gerechten gehörte. und 637 . die für sie von Bedeutung waren. Viele der hier begrabenen Christen hatten Spuren ihrer alten Religionen in dem neuen Glauben hinterlassen. zur Gottesmutter und zur Himmelskönigin. erklärte der Pater. daß Sabina in den Hermestempel gegangen war. Weihnachten ersetzte die römischen Saturnalien im Dezember. daß man zum Beispiel Eigenschaften der Isis auf Maria übertragen hatte. Je weiter man sich vom Grab des heiligen Petrus entfernt. das erkennbar Jesus gehörte. desto mehr Urnen und Hinweise auf die alten Götter findet man. Er beleuchtete die gewölbte Decke mit einem goldenen Mosaik. und die beiden folgten ihm. Sonnenstrahlen gingen von seinem Kopf aus. »Das hier ist ein Beispiel für den Übergang«. und auf die Krone aus Sonnenstrahlen.Schritt schien sie tiefer in das Totenreich hineinzuziehen. Catherine blickte auf das Gesicht. besondere Aspekte der alten Götter.

und dann hörten sie das Singen – zuerst leise.« Sie bogen in eine andere Straße ein. Auch der heilige Petrus würde auferstehen und… »Was war das?« fragte sie plötzlich. wenn der Schein von Vater Sebastians Taschenlampe die Schatten traf. dann immer lauter wie eine anschwellende Woge. Plötzlich fiel Catherine ein Satz aus der Bibel ein: »Am Jüngsten Tag werden die Toten von den Gräbern auferstehen…« Sie spürte ein Kribbeln im Nacken. »Ach. Es ist auch egal. wie sich um Mitternacht die Deckel der Steinsarkophage heben würden und die Toten ihre Gräber verließen. »Was hast du?« »Ich dachte…« Sie legte die Hand kurz auf die Augen. fragte sich Catherine im stillen: Wann haben die Männer eigentlich die Macht übernommen? Sie stiegen noch tiefer unter die Basilika hinunter. die Menschen mit ihren Lichtern auf dem Petersplatz vor sich zu sehen. Catherine glaubte. Während sie an mehr und immer mehr Frauengräbern vorbeigingen – darunter sogar dem einer anderen Amelia mit dem Familiennamen Gorgoni. als sie sich gegen ihren Willen vorstellte. 638 . schon gut.Catherine fiel auf. Sein Gesicht war im schwachen Schein der Taschenlampe kaum zu sehen. Der Gesang mußte seinen Anfang irgendwo in der Menge genommen haben und von einem auf den anderen übergesprungen sein. Tacitus hatte vor zweitausend Jahren vermutlich zu Recht den neuen Glauben als ›eine Religion der Frauen und Sklaven‹ bezeichnet. und schloß sich sofort wieder hinter den Eindringlingen wie ein undurchsichtiger schwarzer Vorhang. Die Dunkelheit riß nur flüchtig auf. Ich weiß nicht. Michael sah sie an. Die Luft wurde immer muffiger und modriger. daß es sich in der Mehrzahl um Begräbnisstätten von Frauen zu handeln schien.

Außen war es rot angestrichen. von dorischen Säulen getragenen Ziergiebel. »hier haben wir es!« Es war ein richtiges Gebäude mit zwei Stockwerken. ave-e dominus…« »Und hier«.« Der Lichtstrahl kreiste und beleuchtete ein wundervolles Fresko. Besorgt fragte sie: »Vater Sebastian. Eine besonders schön gestaltete Nische enthielt das Bild der schaumgeborenen Venus. Irgendwann wurde die Familie jedoch zum Christentum bekehrt. sagte Vater Sebastian leise und ließ den Lichtstrahl über die Wände gleiten. das Symbol der Seelenrettung. wo erstaunliche Beispiele römischer Kunst ans Licht traten. »In diesen Nischen«. das eine Familienszene zeigte. Demnach war das einmal ein heidnisches Grabmal. Es gehört sogar zu unseren besonders schönen Gräbern. zu deren Füßen sich Delphine aus Stuck in plastisch geformten Wellen tummelten. »befanden sich Urnen. Im Grab herrschte die Atmosphäre eines eleganten Wohnzimmers. das in einer der Straßen des alten Rom hätte stehen können. und es hatte einen prunkvollen. sind Sie sicher. Lange konnten sie nicht mehr hier unten bleiben. und wir glauben.« »A-ave. daß das Grab der Amelia Valeria hier ist?« »O ja. der Strahl der Taschenlampe beschrieb einen Bogen. Im Zentrum befand sich eine Orante – die Darstellung der Verstorbenen in Gebetshaltung.deren Stimmen zum sternenübersäten Himmel aufstiegen: »Ave Mari-ia…« Es mußte bald Mitternacht sein. Darin befanden sich muschelförmige. das war dieser Frau zu verdanken. Unter der 639 . Efeuranken und Vögeln ausgemalte Nischen. mit zarten Blüten. Die Innenwände waren mit weißem Gips verputzt.

»Nein. Alle Urnen. Eine Frau. Sein Gesicht verriet deutlich die innere Spannung.« »Hat man ihn geöffnet?« fragte Catherine flüsternd. daß Amelia als erstes Mitglied der Familie nicht verbrannt wurde. dann mußte sie eine für die damalige Zeit gefährliche Botschaft enthalten. Die Diakonin war in weiße Gewänder gekleidet. Ihr Haar war kunstvoll in mehreren Lagen aufgesteckt. Amelia mit der zarten Seele. Amelia mußte eine schöne Frau gewesen sein. die natürlich die Asche von Heiden enthielten.Gestalt stand ein Name: ›Amelia Valeria. was in der Rolle 640 .« Vater Sebastian wies auf den Sarkophag. Ihre Verfolgung konnte nur eines bedeuten. befinden sich in Museen.‹ Die Menge über ihnen sang: »Benedictus tu in mulieribus…« Catherine trat näher. Nur heidnische Gräber wurden geöffnet. Sie trat näher und legte die Hände auf den fein behauenen Marmor. daß die Nachfolge Jesu rechtmäßig Frauen und nicht Männern zustand? »Das hier zeigt uns. daß es sich um ein christliches Grab handelt. »Wir glauben. Eine christliche Priesterin… War die siebte Rolle mit ihr begraben worden? Und würde sie den Beweis dafür enthalten.« Catherine las die in den Sarkophagdeckel eingemeißelten Worte: »Dormit in pace anima dukis Amelia – Ruhe in Frieden. Ihre Feinde bekämpften die Wahrheit dessen. die an der Spitze der frühchristlichen Kirche stand. Wenn sich die siebte Schriftrolle hier befand. dachte Catherine. hatte die Arme ausgestreckt und richtete den Blick zum Himmel. wie es die damalige Mode den adligen Frauen des römischen Reiches vorschrieb.« Sie blickte auf Michael. wenn sie verfolgt wurde. um das Fresko genau zu betrachten. Amelia sollte sie nur dann mit ins Grab nehmen.

Catherine sah Michael fragend an. Er betrat das Steuerzentrum der Überwachungsanlage. und sie hörten Klatschen. Catherine musterte ihre beiden Begleiter in den schwarzen Soutanen. »Was ist das?« fragte Catherine. Auf seiner Brust funkelte an einer langen Kette ein schweres Goldkreuz. wie wir den Sarkophag öffnen können. ein paar ›Straßen‹ weiter. stand Zeke und beobachtete das Geschehen aus sicherer Entfernung. daß Zeke keinen Schritt ohne seine Anweisungen machen würde. Catherine stieß einen Schrei aus. Michael hob den Kopf. Er schüttelte den Kopf und flüsterte: »Nein. als eine hagere Gestalt auftauchte – ein Kardinal in einem schwarzen Talar mit rotem Besatz. ich habe nicht…« 641 . einer breiten roten Seidenschärpe und einem roten Käppchen auf den schütteren Haaren. den Symbolen der Priesterwürde. Diesmal hatte er dafür gesorgt. Jubel und Geschrei. Die gepanzerte Schleuse schloß sich geräuschlos hinter ihm. sagte Michael.« Hinter ihnen. einer anderen Christin. Zehn Zeitzonen weiter zog sich sein Auftraggeber von dem Fest aller Feste aus dem EuropaZelt zurück und eilte hinunter in sein Museum.« Plötzlich war das Mausoleum in blendend helles Licht getaucht. »sehen wir nach. ora pro nobis…« Das Singen verstummte. roten Knöpfen. Würden sie bald ihr Amt verlieren oder es mit Frauen teilen müssen? »Also gut«. Er setzte sich vor die Wand mit den Schaltrelais und nahm den Anruf aus Rom entgegen.geschrieben stand. denn jetzt ging es ums Ganze! »Sancta Maria. »Ich glaube. Seine Heiligkeit ist gerade auf den Balkon hinausgetreten. im Schatten des Grabmals der Julia Mater. Er griff nach dem Handy und meldete sich wie verabredet.

hat mich darauf aufmerksam gemacht. daß wir Ihre Freunde sind«. »Wollen Sie uns daran hindern?« fragte Catherine herausfordernd. daß sie einen Eid abgelegt hatten. »Und wie ist es Ihnen gelungen. sagte Kardinal Lefevre. und seine Stimme hallte in dem unterirdischen Grab. daß diese jungen Männer gut ausgebildet waren. »habe ich seit ein paar Tagen überhaupt nichts mehr von Vater Garibaldi gehört. Um genau zu sein…«. die vor fünfhundert Jahren zum Schutz des Papstes aufgestellt worden war. gestreiften Hosen und den KonquistadorHelmen wirkten sie eher wie Statisten auf einer Opernbühne. den Halskrausen. Sie trugen Sprühdosen mit Tränengas. Das hier ist Ehrwürden Callahan. In ihren Uniformen mit Piken und Hauberken. Wamsen.« »Sie sind selbst darauf gekommen?« fragte Catherine. »Ich kann mich noch gut daran erinnern«. Ein Anruf. »Dr. die ihn begleiteten. das Rätsel zu lösen. Catherine wußte auch. wenn ich Ihnen versichere. Sie musterte die vier jungen Männer. Gaspatronen und automatische Waffen bei sich. den Papst notfalls unter Einsatz des eigenen Lebens zu beschützen. »Ihren Namen unter einem Brief an meine Mutter gelesen 642 . sagte der Kardinal. Alexander«. wie Sie sagen würden. Dr.»Nein. Er starrte mit zusammengekniffenen Augen auf Vater Sebastian. daß Sie hierherkommen würden. bitte glauben Sie mir. ein Tip. wenn ich fragen darf?« »Die Lösung des Rätsels kann ich mir nicht zugute halten. sie gehörten zur Cohors Helvetica. vom Ufficio Scavi. Alexander.« Ehrwürden Callahan wirkte abweisend und verärgert. er warf Michael einen strengen Blick zu. doch Catherine wußte. erwiderte sie. »Vater Garibaldi hat mich nicht davon in Kenntnis gesetzt. der Schweizergarde.

»wir sind nicht Ihre Feinde. was in dieser Rolle geschrieben steht. Ich hatte es wirklich nicht soweit kommen lassen wollen. werden wir sie den Wissenschaftlern zugänglich machen und ihren Inhalt veröffentlichen. Wenn Sie mit mir irgendwann einmal darüber in meinem Büro sprechen möchten…« »Sie werden die Schriftrolle aus dem Sarkophag der Amelia an sich nehmen. der Welt die Wahrheit vorzuenthalten. Und ich werde dafür sorgen. Wir ›verstecken‹ Schriftrollen nicht. Wir sind keine Unmenschen.« »Das ist auch unser Wunsch.« »Es gehört der ganzen Welt. daß die Welt liest. wie Sie glauben.« 643 . Doktor Alexander. nicht wahr?« »Wenn es sich um ein christliches Dokument handelt. ja. Wenn sich die siebte Rolle hier befindet. Und«.« »Eine bedauerliche Episode. denn dann gehört es der Kirche. fügte er seufzend hinzu.zu haben. Wir haben uns nicht verschworen.

Dieses Kunstwerk aus Zucker wollte er an der Seite von Erika mit einem Feuerwerk den Gästen im Europa-Zelt präsentieren. den Veranden und Salons. ja sogar im Freien konnte man auf den Projektionswänden das Geschehen in aller Welt verfolgen. Jedes Zelt war einem Kontinent gewidmet. New Mexico Die Gäste auf dem großen Anwesen feierten in der späten Nachmittagsonne und drängten sich in den Festzelten um die üppigen Büfetts mit den erlesensten Delikatessen und Spezialitäten aus der ganzen Welt. Im Augenblick bereiteten sich die Gäste von Erika und Miles Havers darauf vor. Aber überall in den großen weißen Zelten. Miles hatte von Zuckerbäckern aus Salzburg den Eiffelturm. während der Papst in Rom die Menge segnete.Santa Fe. an ihrer Seite stehen. 644 . Es war dort bald Mitternacht. Aber Erika suchte ihren Mann schon seit geraumer Zeit. sich bei seinem Butler nach ihm zu erkundigen. so war es besprochen. Die Alte Welt feierte die Jahrtausendwende. mit den Menschen auf dem Petersplatz das neue Jahrtausend zu beginnen. Miles sollte in diesem Augenblick. das Brandenburger Tor und den Petersdom ›nachbauen‹ lassen. In Rom richteten sich alle Augen auf Seine Heiligkeit den Papst. Wohin war Miles verschwunden? Sie beauftragte einen der vielen burgunderrot und weiß gekleideten Diener. Big Ben.

wenn auf dem Petersdom in Rom die Kirchenglocken zu läuten begannen? 645 . Der Butler hatte Erika ausrichten lassen. hörte Erika. Während sich die Fahrstuhltüren schlossen. »Aber wir werden den Sarkophag öffnen. wenn im fernen Europa.« Er blickte mit gerunzelter Stirn auf die vier Gardisten. Eminenz«. Was würde geschehen. die wie aus einem Mund ›Dieci!‹ riefen. New Mexico Auf den Projektionswänden sahen und hörten die Gäste den Chor der vor dem Petersdom versammelten Gläubigen. die Minuten bis Mitternacht zu zählen. Santa Fe.Der Vatikan. ›Dieci!‹ »Vergeben Sie mir. sagte Michael. Sie verließ eilig das große weiße Zelt. aber die Spannung stieg. ihr Mann sei in seinem Museum. wie hinter ihr die Gäste fröhlich wiederholten: ›Zehn!‹ Für sie war es die dritte Jahrtausendwende seit dem Mittag. Es lag etwas Besonderes in der Luft. wie die Menge oben auf dem Platz im donnernden Chor begann. Rom Die Gruppe in der Gruft hörte.

den Deckel von seinem Platz zu schieben. Kardinal Lefevre und Ehrwürden Callahan sprachen leise ein Gebet für die Tote. New Mexico ›Neun!‹ Erika stand etwas außer Atem vor dem Museum im Untergeschoß. Rom ›Nove!‹ Kardinal Lefevre machte eine Handbewegung.Der Vatikan. 646 . Rom ›Otto!‹ Michael und Vater Sebastian traten seitlich an den Sarkophag und begannen mit Hilfe der beiden Gardisten. Zwei Gardisten legten die Hellebarden ab und näherten sich dem Sarkophag. Sie blickte in das kaum erkennbare Auge der Überwachungskamera und rief leise: »Miles? Bist du hier?« Der Vatikan. Santa Fe.

Sie konnte nicht warten. Liebling?« Der Vatikan. New Mexico ›Sieben!‹ Erika eilte beunruhigt durch das Museum. »Miles?« 647 . Normalerweise überließ sie das immer Miles. Rom ›Sette!‹ »Okay«. Aber die Zeit drängte. bis er sie auf dem Überwachungsbildschirm sah. wenn ich es sage. Als die Tür geräuschlos zur Seite glitt. »Miles. Sie konnte die täglich wechselnde Zahlenkombination mit ihrem Namen aufrufen. New Mexico ›Acht!‹ Erika hatte den Code eingegeben. sagte Michael. obwohl er ihr als einzigem Menschen einen besonderen ›Schlüssel‹ anvertraut hatte.« Santa Fe. blickte sie fragend in den langen großen Raum.Santa Fe. dessen Schätze sanft von der indirekten Beleuchtung angestrahlt wurden. »alle zusammen.

Der Vatikan. Santa Fe. Mit angehaltenem Atem wartete sie darauf. Ihre Unruhe trieb sie vorwärts. An der Rückwand stand ein Kabinett. Rom ›Sei!‹ Der Deckel des Sarkophags rührte sich nicht von der Stelle. Aber dann blieb sie verblüfft stehen. Rom ›Cinque!‹ Catherine blickte auf Michaels breiten Rücken. 648 . die ihr Mann im Laufe der Jahre zusammengetragen hatte. New Mexico ›Sechs!‹ Erika beachtete die Schätze nicht. während er gegen den Deckel des Sarkophags drückte. der vor fast zweitausend Jahren geschlossen und versiegelt worden war. Sie kannte die Sammlung.Der Vatikan. Sie hatte es nie zuvor gesehen. dessen Muskeln sich vor Anstrengung spannten. Es war neu. daß sich der Deckel bewegte.

Rom ›Quattro!‹ »Also«. Bestimmt befand sich in dem Kabinett ein Neuzugang. ihre Unruhe wurde sie nicht los. Der Vatikan. New Mexico ›Fünf!‹ Erika trat neugierig näher. »Noch einmal. aber diesmal mit ganzer Kraft!« 649 . sagte Michael stöhnend und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Sie überlegte.Santa Fe. um es seiner Sammlung hinzuzufügen. Vermutlich hatte er sie auf diese Weise geschickt hierher gelockt. Warum hat er mir nichts davon gesagt? Soll es eine Überraschung für mich sein? War er deshalb in diesem Augenblick hier unten im Museum und nicht bei den Gästen? Miles war ein hervorragender Stratege. was für Miles wertvoll genug war. Erika lächelte unsicher. Trotzdem.

die Tür zu öffnen. Er sprang auf und rannte los. Der Vatikan. New Mexico ›Vier!‹ Erika sah sich suchend um. New Mexico ›Drei!‹ Der Überwachungsbildschirm blinkte. Beobachtete er sie? Sollte sie den Schrank öffnen? Wartete er darauf? Dieser Mann! Er denkt sich immer wieder etwas Neues aus… Erika wollte keine Spielverderberin sein. Zögernd streckte sie die Hand aus. und ein Warnton setzte ein. Miles war nicht zu sehen. Sie stand vor dem neuen Kabinett. 650 . Rom ›Tre!‹ Der Deckel glitt mit einem lauten Knirschen endlich einen Fingerbreit zur Seite. Sie ergriff den kleinen Elfenbeinknopf und begann. Das Kabinett war nicht verschlossen. Miles ließ den Hörer sinken und beendete abrupt das Gespräch. Santa Fe.Santa Fe. Er sah Erika mit dem Rücken zur Videokamera in seinem Museum.

New Mexico ›Zwei!‹ »Erika!« rief Miles außer Atem. um mit der Taschenlampe in das Innere zu leuchten. Rom ›Uno!‹ Catherine blickte in den Sarkophag der Amelia. Er blieb wie angewurzelt stehen.Der Vatikan. Aber es war zu spät. Santa Fe. dann noch etwas. ›Buon Anno!‹ Santa Fe. der breit genug war. bis schließlich ein Spalt entstand. Rom ›Due!‹ Der Deckel des Sarkophags glitt etwas weiter zur Seite. »Nein…« Der Vatikan. ›Gutes Neues Jahr!‹ 651 . New Mexico ›Eins!‹ Erika stand erstarrt vor dem Sonnenwend-Kachina. Dann sank sie lautlos zu Boden.

»Dann müssen wir also noch einmal dreihundertfünfundsechzig Tage warten. die Decke. keine Engel und kein Erdbeben. Dann plötzlich – das dumpfe weithin hallende Geschrei und Getöse verstummte.« Herausfordernd fügte sie hinzu: »Habe ich recht?« Er sah sie mit einem rätselhaften Lächeln an. als die Welt den Atem anhielt.« Sie mochte diesen Mann nicht. Er war bestimmt nicht zu unterschätzen.Der Vatikan. um alle zu verschlingen. »Offenbar werden wir bei dieser Jahrtausendwende doch nicht zu Zeugen der Apokalypse. Rom Über ihnen dröhnte die Erde. erst dann ist auch das alte Jahrtausend wirklich zu Ende. Der Himmel öffnete sich nicht. Alles blieb still.« »Wir haben das Jahrtausend noch nicht hinter uns«. sagte er und nickte. und die Erde tat sich nicht auf.« Er trat an den Sarkophag und blickte hinein. daß die Mauern des Mausoleums. Die neun Menschen in der Gruft hoben erschrocken die Köpfe. Nur ein kurzer Augenblick des Schweigens entstand. ob das prophezeite neue Zeitalter angebrochen ist. Doktor Alexander«. bevor wir wissen. Dann hörten sie den Jubel und die Freudenrufe aus den Kehlen der mehr als Hunderttausend. erwiderte Catherine und fügte gegen ihren Willen hinzu: »Eminenz. Nichts geschah. die ganze Basilika einstürzen werde. »Erst wenn das Jahr zweitausend vorbei ist. Kardinal Lefevre seufzte erleichtert auf. 652 . Keine Posaunen. »In der Tat. Sie lauschten angstvoll und rechneten fast damit.

Wie Sie die Frau hinterher aus dem Weg räumen. die Nekropole zuzuschütten. Sonst bekommen Sie keinen Penny. Es gab keinen Grund dafür. und Catherine wußte wieder nicht.« Catherine sah sich in dem hell erleuchteten Grab um. Er wirkte unbenutzt. sagte der Kardinal in einem Ton. denn es lag nichts in Amelia Valerias Sarkophag – keine Schriftrolle. überlasse ich Ihnen. Langsam löste Zeke das Kleinkalibergewehr und nahm es aus dem Halfter. als Konstantin befahl. »Ora pro nobis!« flüsterte Kardinal Lefevre und bekreuzigte sich. Er hatte nicht gewollt. Er entsicherte und verließ lautlos das Grabmal der Julia Mater. daß es so endete. ob in dem Seufzen Erleichterung oder Enttäuschung lag. Darin war niemals ein Mensch begraben worden. was geschah. Aber wo war Amelia? 653 . Vielleicht hat man es schon damals geöffnet. »… das Grab ist vor langer Zeit ausgeräumt worden. kein Skelett. daß ausgerechnet er bei diesem mehr als zweifelhaften Geschäft leer ausgehen sollte. das in tiefer Dunkelheit lag. Nun gut.In seinem Versteck. »Ich vermute…«.« Das waren die letzten Worte von Havers gewesen. »Nehmen Sie die Schriftrolle an sich. er brauchte keine weiteren Anweisungen mehr. bevor jemand wußte. die Ecken und selbst die Fresken – nirgends konnte eine Schriftrolle versteckt sein. nicht einmal Asche. Die Verbindung war plötzlich unterbrochen.« Er seufzte. schob Zeke das Handy in die Tasche. Sie warf noch einmal einen Blick in den Sarkophag. Alles würde vorüber sein. Er würde saubere Arbeit leisten. »Die ganze Mühe war vergebens. den Catherine nicht deuten konnte – war er enttäuscht oder triumphierte er insgeheim? -. Sie betrachtete aufmerksam die Nischen.

Sie drückte seine Hand. Er hatte nicht gewollt. sahen sie weder ihn noch sein Lächeln. Das würde sie büßen. »Ich muß jetzt zu Seiner Heiligkeit.Kardinal Lefevre wandte sich an Michael. Zeke war wie immer gezwungen gewesen. Wir sprechen uns in den nächsten Tagen. Michael griff verstohlen nach Catherines Hand. ein Zug der Trauernden. als sei der Petersdom schließlich doch noch über ihnen zusammengestürzt. Es kam ihr vor.« Sie verließen das Grab und gingen durch die Straßen der Toten. ohne ihm Bericht zu erstatten. daß für Catherine Alexander alles so schnell vorbeisein sollte. Aber nichts war gut. wie er. »Ein gutes Neues Jahr«. Er sah sie entschuldigend und voll tiefem Bedauern an. Zeke konnte nach Hause gehen und sein Geld abholen. Havers hatte bereits durchblicken lassen. wollte sie zu ihm sagen. wohin er sich wieder zurückgezogen hatte. Zeke war der einzige. ohne ihm die Entscheidung zu überlassen. Es gab keine Schriftrolle. wie Zeke die Alexander auf eigene Faust verfolgt hatte. Als sie an Zekes Versteck im Grabmal der Julia Mater vorübergingen. sonst wäre er für seine Arbeit nicht bezahlt worden.« »Jawohl. Eminenz. Er würde sich nach dieser Demütigung und der schlechten Behandlung jedoch endgültig von Miles Havers verabschieden. Er wollte es ihr heimzahlen. Ihre Schatten bewegten sich an den Wänden wie eine Begräbnisprozession aus alter Zeit. Sie hatte ihm eine Niederlage nach der anderen zugefügt. Und alles andere einfach vergessen? 654 . Nun war sein Vertrag erfüllt. der mit der Wendung der Dinge zufrieden war. Zeke. sich den Forderungen von Havers zu beugen. Vater Garibaldi. daß es ihm nicht gefiel. weiter vorgehen sollte.

Dann mußte er nicht mit einem Handy am Ohr auf den Befehl warten. aber auf seine Art. wozu andere sich zu fein waren. die er bestimmte. aber an einem Ort und zu einer Zeit. Er würde töten. 655 . das zu tun.Nein. das gab es bei ihm nicht! Er würde sich rächen.

DAS NEUE JAHRTAUSEND 656 .

Sie wollte nur schlafen. doch die Atmosphäre war so steril. doch diesmal hatte sie zum ersten Mal bei ihrer Rückkehr das Gefühl. eine fremde Wohnung zu betreten. wollte sie nach Santa Barbara fahren und zur Polizei gehen. Januar 2000 Santa Monica. daß sie schlecht geträumt hatte. was grausamer gewesen war: die siebte Rolle nicht gefunden zu haben oder die Trennung von Michael. Kalifornien Catherine hatte ein seltsames Gefühl. daß sie Havers nicht mehr fürchten mußte. weiter ging das Zählwerk nicht. Der wöchentliche Reinigungsdienst hatte die Wohnung saubergehalten. Catherine war als ›Schwester Elisabeth aus dem Kloster Greensville‹ in die Vereinigten Staaten zurückgekehrt. 1.Samstag. Sie wußte nicht. »Was wirst du jetzt tun?« hatte er gefragt. als lebe hier niemand. Andere Nachrichten beherrschten die Schlagzeilen. Sie war in den vergangenen Jahren oft von hier abgereist und manchmal erst nach Monaten wiedergekommen. lange schlafen und dann Anfang Dezember 1999 aufwachen und feststellen. nachdem die Jahrtausendwende schon ein alter Hut war und der Vatikan 657 . Sie vermutete. Beim Abschied auf dem Flughafen in Rom hatte sie die Hilflosigkeit in seinen Augen gesehen. Der Anrufbeantworter hatte 99 Anrufe registriert. Sobald sie wieder einen klaren Kopf hatte. Catherine hatte weder für Zeitungen und Post noch für die Anrufe das geringste Interesse. Nur der Stapel Zeitungen und die Post auf dem Eßtisch erwarteten sie.

sie ihm zu übergeben. Die sechs Schriftrollen aus dem Sinai hatte ihr bis jetzt niemand nehmen können. 658 . Catherine fühlte sich innerlich leer. Sabinas unvollständige Geschichte zu veröffentlichen. Oder sollte sie die Schriftrollen einfach behalten und für den Rest ihres Lebens nach der siebten suchen? Wäre es klüger. um seinen Glauben zu erforschen und über seine Berufung nachzudenken. Das tiefgreifende Erlebnis im Dom von Aachen war nur noch eine blasse Erinnerung. Im Augenblick wußte sie jedoch nicht.offiziell verkündet hatte. Catherine hatte das abgelehnt. »Nach dem. ihren angeschlagenen Ruf zu retten… »Und was wirst du tun?« hatte Catherine nach dem letzten Aufruf ihres Flugs Michael gefragt. Eine Möglichkeit wäre. daß Sabinas Geschichte nichts anderes erzählte als das abenteuerliche Leben einer Frau. Nach dieser Klarstellung zog er sich aus der ganzen Sache zurück. Sie versicherte ihm jedoch. was mit den Texten geschehen sollte. sie der ägyptischen Regierung zurückzugeben? Dann konnte es ihr vielleicht gelingen. es seien keine christlichen Dokumente und deshalb ohne Wert für die Kirche. bis sie nur noch eine leere Hülle war. hatte er geantwortet. er sei an den Schriftrollen nicht interessiert. Nach den großen Hoffnungen hatte sich herausgestellt. was geschehen ist… ich weiß es nicht«. als sei in den vergangenen drei Wochen Tag für Tag etwas von ihr aufgezehrt worden. Kardinal Lefevre hatte Catherine aufgefordert. Er war vorübergehend von allen Pflichten suspendiert und wurde nach Montreal in ein Zisterzienserkloster geschickt.

mit aller Bitterkeit wieder ein. Lies die Weihnachtskarten. Aber sie konnte noch nicht mit ihm sprechen.« 659 . hatte Julius gesagt. wenn sie bei einer Ausgrabung war? Die Ausgrabung… »Ich habe mit der ägyptischen Regierung deine Rückkehr vereinbart«. Warum schickten ihr die Leute eigentlich Weihnachtskarten. Sie stellte das Gepäck ab und warf einen Blick auf den Stapel Post. werde ich nie mehr in dein Leben treten«). Es war in braunes Packpapier gewickelt. Sie hatte sich sogar selbst die Schuld gegeben. betrachte dir den Jahresbericht der Hausverwaltung. italienisches Buch in der Hand. die er ihr mit seinen letzten Worten im Kloster zugefügt hatte (»Wenn ich jetzt aus diesem Zimmer gehe. woher es stammte oder weshalb man es ihr geschickt hatte. Ihr Blick fiel auf den Titel: »Sacre Grotte Y Scavi Sotto San Pietro – Die heiligen Grotten und die Ausgrabungen unter St. Im Aachener Dom hatte sie ihm alles verziehen. aber sie sah amerikanische Briefmarken. trug keinen Absender.Ich sollte Julius anrufen und ihm sagen. daß es wirklich keine siebte Schriftrolle gab. Catherine schüttelte unwillig den Kopf. Peter. schmerzte immer noch. Die Wunde. Weder ein Brief noch eine Karte oder eine Widmung verrieten. Neugierig öffnete sie es und hielt ein dünnes. Aber hier in Santa Monica stellte sich das Gefühl. Sie mußte ihm fairerweise gestehen. sieh dir die Rechnungen an. allein gelassen worden zu sein. Bleib gefühllos.« Es war 1953 im Verlag des Vatikan erschienen: »Libreria Editrice Vaticana. Nur nicht daran denken. daß ich wieder zu Hause bin. beschäftige dich mit dem Alltäglichen… Ganz oben auf dem Stapel entdeckte sie ein kleines Päckchen.

Kein einziges Gesicht kam ihr bekannt vor. und ihre Gedanken überschlugen sich.Catherine blätterte verwundert darin. Auch sie sagten ihr nichts. obwohl die Ausgrabungen in der Nekropole beim Entstehen der Aufnahmen noch nicht so weit fortgeschritten gewesen waren wie am Ende des Jahrtausends. Sie blickte auf das Gesicht der sechsundvierzig Jahre jüngeren Äbtissin. Wie war noch der Name des Klosters in der Nähe von Montreal? St…. die Orante der Amelia Valeria. blätterte es noch einmal durch und betrachtete aufmerksam die Abbildungen: Christus als Apollo. die damals als Archäologin an den Ausgrabungen unter dem Petersdom teilgenommen hatte. um die sieben Personen besser sehen zu können. Gegen Ende befand sich eine Gruppenaufnahme der Archäologen. Solange! Sie rief die Auskunft an. Die SchwarzweißAbbildungen weckten schmerzliche Erinnerungen. Das Päckchen war vor einer Woche abgeschickt worden. ›Vermont‹ konnte sie mit Mühe entziffern und dann das Datum. flüsterte Catherine. »Mein Gott«. Sie schlug das Buch wieder auf. Bis auf… ›Gertrude Majors. Er war auf den Briefmarken kaum erkennbar. an dem sie aus dem Kloster geflohen war. Dann sah sie den Poststempel. aber bevor ich in den Orden eintrat… 1966 war ich…«. und drei Minuten später wählte 660 . Genau an dem Tag. Catherine trat ans Fenster. hörte sie eine Stimme. St. Warum hatte man ihr das Buch geschickt? Von wem kam es? Ihr Blick fiel wieder auf das Packpapier. Catherine griff zum Telefon. Catherine überlegte. Dann las sie die Namen. Wo hatte sie diesen Namen schon einmal gehört? »Jetzt bin ich Mutter Elisabeth.‹ Catherine runzelte die Stirn.

sagte sie aufgeregt. Es ist dringend.sie die Nummer in Kanada. »Ich würde gern Vater Michael Garibaldi sprechen. »es gibt die siebte Schriftrolle doch! Und diesmal weiß ich ganz sicher.« Es dauerte eine Ewigkeit. wo sie sich befindet!« 661 . »Michael«. bis er an den Apparat kam.

ihre Seelenqual… Miles beschloß. Zeke nahm ab. Das hätte sie wissen müssen. Während er Zekes Nummer wählte. New Mexico Miles legte den Hörer auf und sagte leise zu sich selbst: »Der Sieg gehört dem Geduldigen. daß diese Alexander früher oder später einen Fehler begehen würde. der verwundete Blick ihrer großen Augen. daß er die Kachina sofort an die Sippe von Kojote zurückgab und alle davon überzeugte. lief es ihm immer noch eiskalt über den Rücken. das wiedergutzumachen. daß es sich um ein so bedeutsames Heiligtum handelte.Santa Fe. als sie nach mitteleuropäischer Zeit genau um Mitternacht das Kabinett geöffnet hatte und dann ohnmächtig geworden war. Erikas Gesichtsausdruck. blickte Miles hinunter auf den Tennisplatz. Er ließ ihr Telefon immer noch abhören und ihre Wohnung immer noch überwachen. für den Rest seines Lebens alles zu versuchen.« 662 . Bei dem Gedanken an den Ausdruck auf ihrem Gesicht an Silvester. und Havers sagte nur ein Wort: »Vermont. Er hatte die Situation – und seine Ehe – nur noch dadurch retten können. wo Erika scheinbar sorglos wie immer spielte.« Er hatte gewußt. daß er bei ihrem Kauf nicht gewußt habe.

das wird seltsam klingen. Die Äbtissin hatte sie ohne die geringste Überraschung begrüßt. ob ich es tun sollte. Vermont »Ja«. habe ich Ihnen nichts von der siebten Schriftrolle gesagt. Es schien fast. Doch ich geriet unter einen unerklärlichen Einfluß. etwas aus den Scavi an mich zu nehmen. als wache 663 . »ich war Archäologin und habe bei der Ausgrabung der Nekropole unter dem Petersdom mitgewirkt. die in einer Nische stand. ich bin sicher. weil ich nicht sicher war. Als ich die Schriftrolle in einer Urne entdeckte. »nachdem Sie das Buch gesehen hatten. Und dann dachte sie an Ihn Hassans ›schöne Frau in Weiß‹. Ich hatte noch nie etwas gestohlen und erst recht nicht bei einer Ausgrabung.« Catherine erinnerte sich an ihren unwiderstehlichen Drang. sagte sie jetzt. Vater Garibaldi. daß Sie zurückkommen würden«. daß die Rolle beschädigt oder von einem skrupellosen Sammler gestohlen werden würde. sagte die Äbtissin. Diese Art Plünderung habe ich immer mißbilligt. die Schriftrollen aus Ägypten zu schmuggeln und in Sicherheit zu bringen. konnte ich nicht anders. die ihm aufgetragen hatte.Kloster Greensville. Die Strahlen der Januarsonne fielen durch die bleigefaßten Fensterscheiben. Mich ließ der Gedanke nicht los. Als Sie hier waren. den Brunnen zu verschließen. Aber ich hatte nicht die Absicht.« Catherine und Michael saßen im Büro der Äbtissin. »Ich wußte. Ich fühlte mich beinahe als ihre Hüterin.« »Sollte?« »Vergeben Sie mir. wenn ich sie nicht an mich nahm. Die beiden hatten sich am Flughafen von Montpelier getroffen und waren mit einem Leihwagen zum Kloster gefahren.

»Ich hatte keine Ahnung. Sie befand sich im Klosterarchiv.« 664 .« Michael fragte verwundert: »Die Angehörigen ließen Amelia verbrennen. Ich war wie besessen von dem Gedanken. Ich dachte. erwiderte Catherine.« Catherine und Michael wechselten einen erstaunten Blick. fragte Catherine.Sabinas Geist über die Schriftrollen. wurde mir klar. es handelt sich um die Asche einer Heidin. »Ich habe die Asche wie Abfall weggeworfen. »Ehrwürdige Mutter«. »Die Urne enthielt nicht nur die Rolle. Ich wußte es damals nicht. »wurden sie von der Obrigkeit dazu gezwungen. Ich habe zwanzig Jahre nach etwas gesucht. bekreuzigte sich und murmelte: »Gott möge mir verzeihen. »glaubte ich. und dabei stieß ich auf die Handschrift des Thomas von Monmouth. den ersten Teil zu finden. daß es sich bei dem Text um insgesamt sieben Schriftrollen handelt. Das bestärkte mich nur in meinem Entschluß herauszufinden. das mich zu den anderen Rollen führen würde. sondern auch Asche«. fuhr die Äbtissin fort. obwohl man einen christlichen Sarkophag hatte anfertigen lassen?« »Vielleicht«. daß sie Fehler enthielt.« »Als ich die Schriftrolle nach Hause gebracht und übersetzt hatte«. Als ich hierherkam und sie las.« Sie blickte aus dem Fenster und lächelte wehmütig. Am Ende bin ich jedoch hier im Kloster geblieben. Vermutlich gab es damals bereits Christenverfolgungen. wer die Verfasserin ›meiner‹ Schriftrolle war. Sie sah ihre Besucher traurig an. auf ein unbekanntes Evangelium gestoßen zu sein. antwortete die Äbtissin. Das war eine Sünde. warum Amelia nicht in ihrem Sarkophag begraben wurde?« Die Äbtissin schloß die Augen. »wissen Sie.

war ich bereits älter und hatte gelernt. die Überreste von Heiden respektlos zu behandeln. Ich hatte keine Nachrichten gehört und wußte nicht. Voss gesprochen hatten. Also habe ich ihr das kleine Büchlein geschickt. Ich mußte Gott bitten. Vater. »Denn sonst hätte das FBI alles beschlagnahmt. daß ich Sie durch mein Schweigen belogen habe. alle Religionen zu achten. Als Sie und Dr.« Sie sah Michael an. nachdem Sie mit Dr. Ich fand es völlig in Ordnung. Als Buße trat ich in den Orden ein. mich zu führen. »Als die Beamten hier aufgetaucht sind.« »Ist sie hier?« fragte Catherine. Alexander zu sprechen. Beinahe hätte ich Ihnen sogar von der siebten Rolle erzählt. »Als Sie in jener Nacht.« Sie wandte sich an Catherine. Ich mußte beten. Aber als ich auf die Handschrift von Thomas stieß.« »Das war eigentlich gut so«. Später wurde ich Äbtissin des Klosters. einer Christin. In jungen Jahren war ich sehr fromm und bildete mir viel auf meine Religion ein. um mit Dr. aber irgend etwas hielt mich davon ab. Mir war klargeworden. gab es für mich keinen Zweifel daran. »Ist die siebte Rolle 665 . Ich habe der Asche dieser Frau. sagte Michael nachdenklich. nicht die richtige Achtung entgegengebracht.Sie wurde unruhig und stand auf. Mir blieb nur die Möglichkeit. »Es tut mir leid. was ich zu tun hatte.« »Ja«. Deshalb fühlte ich mich doppelt schuldig. Alexander hierherkamen. zu mir kamen und sagten. bestätigte die Äbtissin. »Mich quälte das schlechte Gewissen. auf meine innere Stimme zu hören. Sie seien in Gefahr und müßten fliehen. wurde mir klar. war ich überrascht. daß ich Ihnen helfen mußte. daß ich irrtümlich die Asche einer Christin entfernt hatte. daß Sie im Besitz von Sabinas Geschichte waren.

« … diesem dunklen. auf den heißen. Jetzt war ich allein und lief um mein Leben.« Der Papyrus war noch eine Rolle mit Stäben an beiden Enden. »erzählt sie das Ende von Sabinas Geschichte?« Die Äbtissin lächelte. daß wir schnell rein.und wieder rauskommen«. die den alten Nonnen einen zweifelhaften Schutz gewährten. »Machen wir.« »Das ist vielleicht eine Kälte«. Ich freue mich schon auf Borneo. und die siebte Schriftrolle begann mit den Worten: »diesem dunklen. »Ja. »Das müssen Sie selbst entscheiden. »Ich hasse Schnee. und plötzlich waren die Wälder nicht mehr freundlich. Catherine und Michael sahen erstaunt etwas. Ganz unten auf der letzten Seite befanden sich die Unterschriften von Sabina und Perpetua. das sie nicht erwartet hatten. sagte Catherine.hier?« »Ja. Ich hatte zwar den größten Teil meines Lebens in den Wäldern verbracht.« Zeke erwiderte nichts.« Er lachte.« »Ehrwürdige Mutter«. hatte Raphael gesagt. Er konzentrierte sich auf die steinernen Türme vor ihnen und auf die hohen Mauern. als sie in Greensville ankamen. wann immer Sie wollen. »Ich bin froh. wenn dieser Auftrag endlich erledigt ist. dampfenden Dschungel. Sie können sie lesen. schrecklichen Reich. »Ich fürchtete mich vor…«. doch ich war immer mit meiner Familie zusammen dort gewesen. schimpfte Raphael. schrecklichen Reich. Die Bilder des Gemetzels standen mir noch lebendig vor Augen. die 666 . Die Geister und Gespenster. Die sechste Rolle hatte mitten in dem Satz geendet. als sie durch den verschneiten Wald hinter dem Kloster stapften.

die das Volk meines Mannes verehrte. Und ich würde sie nie mehr wiedersehen. Ich schlug die Augen auf und sah einen Mann. daß die Tränen auf meinen Wangen zu Eis erstarrten. Grauen und Verzweiflung erfüllten mein Herz. wo sein Haus stehen mochte. da fragte ich mich erstaunt. und ich kannte die Menschen in diesem Wald. Nach einer Weile spürte ich etwas in meiner Nähe. Die herabhängenden Zweige zerkratzten mir die Arme und das Gesicht. daß es sich um einen Holzfäller handelte. doch ich empfand sie als gefährlich und hatte schreckliche Angst. ohne etwas vom ewigen Leben zu wissen. Verfolgt von dieser schrecklichen Seelenqual rannte ich immer tiefer in den Wald.« 667 . waren zwar die Götter. der durch die Bäume auf mich zukam. Schließlich konnte ich nicht mehr weiter. daß er der Gerechte war. daß die wilden Tiere meine Leiche verschonen würden. richtete ich ein Gebet an den Gerechten. Ich weinte so bitterlich um den Verlust ihrer Seelen. Ich erzählte ihm von meiner Verzweiflung. weil meine Familie für immer verloren war. wenn ich meiner Familie vom Weg des Gerechten erzählt hatte. Als er mich beim Namen rief – nicht meinem germanischen. und er sagte: »Vertraue auf deinen Glauben. wer er wohl sei. Er hob mich aus dem Schnee empor. Als ich dem Tod nahe war. Ich legte mich in den Schnee und betete.darin wohnten. daß meine Familie tot war. Aber ich fragte mich. An seiner Kleidung und der Axt erkannte ich. ich sie aber nicht zum rechten Glauben bekehrt hatte. denn mein geliebter Sigmund und unsere Kinder waren gestorben. meine Augen füllten sich mit Licht. Ich dachte an die Abende am Feuer. den ich vor so vielen Jahren am Salzmeer gesehen hatte. sondern Sabina. und ich wußte sofort. denn es war ein Fremder. Schlimmer als das war jedoch meine Verzweiflung darüber.

Philos in den elysischen Gefilden. nicht länger auf dieser Erde weilt. was man geglaubt hat. Und wenn mein geliebter Erstgeborener. Dann hat man meinen Puls gefühlt und gesehen. Die Feuer brannten.Ich fragte: »Was soll ich glauben. sie leben alle und jeder seinem Glauben gemäß: Satvinder in Schalimar. was der Prediger auf dem Marktplatz in Antiochia vor vielen Jahren gemeint hatte. Meister?« Und er sagte: »Das Haus meines Vaters hat viele Wohnungen. Meine lieben Schwestern. und meine Mutter in einer der vielen Wohnungen des Gerechten. mein Pindar. glaubt nur. wird einem widerfahrene« In diesem Augenblick wußte ich. sondern leben. Man dachte. daß mich ein Erkundungstrupp gefunden und in die Garnison gebracht hat. um der Welt diese Botschaft zu bringen. ohne sich dem Weg anzuschließen. sie waren dort für die Ewigkeit. daß ich atmete. Ich wußte. als er sagte: »Der Gerechte hat uns gelehrt: ›Fürchtet euch nicht. Nun verstand ich. dann hat er die ewige Freude seines eigenen Glaubens gefunden. alle Menschen. und ich hatte eine Vision.« Er legte mir die Hand auf die Augen. mein Vater mit seinen Brüdern bei Mithras. Wie leicht und mit welcher Freude kommt mir 668 . ich sei tot. noch einmal zurückzukommen. Ich sah Sigmund und die ganze Familie. denn das. denn an das freie Leben in den schützenden Wäldern hatten sie geglaubt. Die Erde war fruchtbar. Sie waren glücklich. nicht für immer tot waren. am Spieß briet das Wildbret. und der weiße Schnee färbte sich nicht rot von ihrem Blut. daß alle meine Freunde. Perpetua sagt. und die Sonne schien warm. daß ich möglicherweise tot war oder am Rand des Todes stand. Aber mir wurde gestattet. Ich glaube. Und jeder gehe seinen Weg. und in den Bechern schäumte der Met. Sie waren in unserem Dorf. Sie waren nicht tot. die mich auf meiner Reise durch das Leben begleitet hatten.

Wie immer wir uns dieses Reich vorstellen. Die Wiederkehr findet nicht an einem bestimmten Tag oder zu einer bestimmten Stunde statt. solange wir vorbereitet sind und glauben. Und das Versprechen erfüllt er. Der Gerechte hat uns vor langer Zeit gesagt. sage ich Dir. Der Weg ist das Licht. und das Reich ist in uns. um uns das Licht zu zeigen. Das Ende der Welt kommt nicht in einem apokalyptischen Ereignis. sie ist kein universales Ereignis. Es ist ein persönliches Erlebnis. Er ist zu mir zurückgekehrt. Und er hat mir noch etwas gesagt. wie er zu uns allen zurückkehrt. damit ich Dir die Botschaft verkünden kann: Wir sind alle Töchter und Söhne Gottes. Der Gerechte kommt zu jedem von uns auf eine andere Art zurück. seine Töchter und Söhne. das Griechisch meiner Jugend über die Lippen! In dieser Sprache.nach all den Jahren. Und er wird sagen. daß mich der Gerechte vor dem Tod in den Wäldern gerettet hat. und wir müssen nicht allein sterben – nicht. 669 . so wird es für uns sein. sind. vielleicht auch einfach als ein Zeichen am Himmel. liebe Amelia. damit wir es finden und daran glauben. und der Gerechte ist gekommen. den sie kennen. Wir werden aus dem ewigen Leben geboren und kehren zum ewigen Leben zurück. er werde wiederkehren. Manche werden ihn vielleicht nicht erkennen. anderen erscheint er als ein Prophet oder als der Gott. der Sprache der Gemeinde und des Weges. in denen ich Sigmunds Sprache gesprochen habe. daß wir alle die Kinder Gottes. sondern ein persönliches. weil er keine menschliche Gestalt annimmt. Wieder anderen mag er als einer der Ahnen erscheinen oder als Engel. dessen Zeitpunkt unser eigener wahrer Glaube bestimmt. Wir werden nicht allein geboren. in einem persönlichen Augenblick. Wir waren im Dunkel. sondern für jeden in einem anderen.

Havers möchte. was er gemeint hatte.« Zeke sah seinen Partner mit blassen. Hätten wir das von Anfang an gewußt. »Havers hat dir mein Geld gegeben?« »Du warst nicht da. »Alle diese Menschen. dachte Raphael. die Antwort darauf können Sie nur in sich selbst finden. daß jeder Dummkopf es mit einem Stück Draht öffnen konnte. sagte er und beugte sich über das alte Schloß im Tor. Er sah mit einem Blick. Du sollst es bekommen. hatte er geantwortet. daß nur eine einzige richtig ist und alle anderen falsch?« Und Michael hatte geantwortet: »Ich glaube. was nun?« fragte Raphael. als der Geldbote kam. um ihn nicht zu beschädigen. »alle die unterschiedlichen Glaubensvorstellungen… Ist es möglich. daß die letzte Schriftrolle schon die ganze Zeit hier ist. »Also. Die alten Nonnen würden beim ersten Anzeichen von Gefahr die Flucht ergreifen. die Nonnen waren in der Kapelle und würden sie nicht stören. Und die Frau konnte sich nicht verteidigen. Das bedeutete. daß wir von hier auf dem schnellsten Weg nach 670 . die letzte Seite zu lesen. und dachte dabei an die Frage. »Übrigens«. Wirklich komisch. Sie betrachteten prüfend die Mauer und das Tor. Mr. die ganze Sache würde nicht schwieriger sein. hatte sie gefragt. Er und Zeke zweifelten nicht daran. Sie hörten Gesang. ausdruckslosen Augen an. denen Sabina begegnet ist«.Catherine entrollte behutsam den brüchigen Papyrus weiter. »Havers hat mir dein Geld gegeben. wäre uns viel Arbeit erspart geblieben.« Als Catherine jetzt begann. die sie Michael im Hotel Atlantis gestellt hatte: »Ist der Katholizismus der einzige wahre Glaube?« »Für mich ist er es«. als einen Ameisenhaufen zu zerstören. wenn der Job erledigt ist. verstand sie.

»Paß ein bißchen auf. Mr. Du hast ihn zum Beispiel über die Alexander nicht auf dem laufenden gehalten. Ich fliege nach Borneo. ja… wirklich komisch«. Kumpel. ein paar Gebete zu sprechen. dann wäre es jetzt an der Zeit. ob