Barbara Wood

Die Prophetin

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Ein Erdrutsch in den Hügeln von Los Angeles legt eine Höhle frei – mit uralten Wandmalereien mystischer Sonnenmotive. Die junge Archäologin Erica Tyler entdeckt dort die Mumie einer Indianerin und setzt alles daran, ihr Geheimnis zu entschlüsseln. Aber sie muß um diese Ausgrabung kämpfen: gegen die Grundstückseigentümer der Gegend, gegen New Age-Fanatiker und Kunsträuber und gegen ihren alten Widersacher Jared Black, der die Rechte der Indianer Südkaliforniens vertritt und verlangt, daß die Schätze der Höhle ihren Nachkommen übergeben werden. Erica findet uralten Indianerschmuck, alte spanische Münzen, ein Blechkruzifix – was verbirgt sich dahinter? Und warum spürt Erica hier die Präsenz einer langen Ahnenreihe von Frauen – sie, die doch selbst ohne Eltern aufgewachsen und von Heim zu Heim weitergereicht worden ist? Langsam enthüllt sich die Vergangenheit…
ISBN: 3-8105-2322-4 Original: The Prophetess Verlag: Wolfgang Krüger Verlag Erscheinungsjahr: 1995

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Buch Golf von Akkaba, 1999: Die junge Archäologin Catherine Alexander entdeckt Schriftrollen aus der Zeit des frühen Christentums. Naher Osten, ca. 50 n. Chr.: Sabina diktiert ihre Lebensgeschichte. Sie trägt die Lehren des »Gerechten« zu den entferntesten Provinzen des Imperiums, ist Zeugin der ersten Gründungen von Glaubensgemeinschaften der Urchristen – und erzählt von einer ausgeprägt weiblichen Führung der frühen Kirche. Kalifornien, 1999: Catherine hat die Schriftrollen nach Amerika gebracht, um sie zu übersetzen – ständig auf der Flucht vor Verfolgern, die auch vor einem Mord nicht zurückschrecken, um die Rollen in ihren Besitz zu bringen. Vatikan, 1999: Die »Kongregation für Glaubensdoktrin« – früher »Inquisition« genannt – hat von den Schriftrollen und ihrer Brisanz für die Kirche erfahren. Sie läßt Catherine observieren. Santa Fe, 1999: Computermilliardär Miles Havers sammelt rare Kultobjekte. Der Wunsch, sie zu besitzen, steigt mit dem Grad ihrer »Heiligkeit«. Um die Schriftrollen für seine Sammlung zu bekommen, hat er zwei Killer auf Catherine angesetzt. Vermont, 1999: Catherine hat mit ihrem neuen Beschützer, dem Priester Michael Garibaldi, die Schriftrollen übersetzt. Doch ihr fehlt die letzte, die entscheidende Rolle, in der Sabina über den Schlüssel zum Ewigen Leben und die Wiederkunft Christi berichtet. Und sie muß mit einer großen menschlichen Enttäuschung zurechtkommen. Pater Garibaldi verdient das Vertrauen und die zärtlichen Gefühle, die sie ihm entgegenbringt, nicht. Petersplatz, 1999: Auf der ganzen Welt steigt das

»Jahrtausendfieber«. Die Presse hat Auszüge aus den Schriftrollen erhalten und publiziert. Alle stürzen sich auf die Aussagen des »Gerechten« und seine Prophezeiungen vom Ewigen Leben und der Wiederkunft Christi. Catherine sucht weiter nach der fehlenden Rolle und trifft erneut auf Pater Garibaldi, der seiner Mission entsagt hat. Aus der anfänglichen Freundschaft wird Liebe… Und Catherine findet die letzte Schriftrolle.

Autor Barbara Wood wurde 1947 in England geboren. Ihr Vater ist polnischer Abstammung und mußte 1940 nach England emigrieren. Dort heiratete er eine Engländerin. Im Jahre 1954 wanderte die Familie in die USA aus. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, daß Barbara Wood sich noch immer stark dem europäischen Kulturkreis und seiner Erzähltradition verbunden fühlt. Ihre Romane fußen auf europäischer Kolonialgeschichte (Kenia, Ägypten, Australien) und der damit verbundenen, oft blutig verlaufenen Auseinandersetzung mit den ursprünglichen Bewohnern dieser Länder. Die Recherchearbeit für diese Romanthemen nimmt Barbara Wood stets mit ihrem Mann George »vor Ort« vor – sie bereist die Schauplätze, bevor sie zu schreiben beginnt. Ihr zweiter großer Themenkreis, der des Heilens und der Medizin, ergibt sich aus dem Beruf, den sie ausübte, bevor sie Schriftstellerin wurde: Sie arbeitete 10 Jahre als OP-Schwester in Kalifornien. Barbara Woods Gesamtwerk liegt im Wolfgang Krüger Verlag und im Fischer Taschenbuch Verlag in deutscher Sprache vor: 14 Romane, die in Deutschland zu Bestsellern wurden.

Für Carlos

»Die Nacht neigt sich dem Ende zu, der Tag ist nahe. Werft ab die Taten der Finsternis und legt an die Rüstung des Lichts.« Aus den Stundengebeten »Ein Kind wird mit dem Glauben geboren.« Kathryn Lindskoog Information kennt keine Grenzen. Universales Hacker-Credo

PROLOG

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In der Wüste Sinai
Der Magus riß der jungen Frau das purpurrote Gewand von den Schultern. Sie saß nackt und gefesselt im silbernen Mondlicht auf dem schweißbedeckten Pferd. Seinem Gefolge verschlug es den Atem. Die Männer bestaunten schweigend die Schönheit der Frau. Sie glich den Statuen auf dem Markt, denn sie schien ebenso weiß, kühl und vollkommen zu sein. Aber keine Statue hatte wie sie so lange schwarze Haare, die ihr über den Rücken und die entblößten Brüste fielen. Auch das leichte Zittern ließ keinen Zweifel daran aufkommen, daß diese Frau aus Fleisch und Blut war. Die Fesseln an Händen und Füßen nahmen ihr nichts von ihrer Würde. Einige der Männer wurden unruhig, senkten verlegen die Köpfe. Der Magus, Herr und Gebieter über die Seelen im Reich, ließ sich von dem Stolz und der Würde seiner Gefangenen nicht beeindrucken. Er hatte mit allen Mitteln versucht, sie zum Sprechen zu bringen. In der Stadt hatte er ihr gedroht, sie bis an ihr Lebensende einzusperren und hungern zu lassen. Er hatte alles versucht, nur ihre Schönheit hatte er nicht angetastet, denn damit hätte er den Kaiser erzürnt. Doch jetzt befanden sie sich nicht mehr in der Stadt. Er hatte die junge Frau hierher an diese einsame Stelle in der Wüste entführt, um ihr das Geheimnis doch noch zu entreißen. An diesem gespenstischen Ort waren nur Schlangen und Skorpione Zeugen seiner Tat, und der Wüstensand würde jeden Hinweis auf sein Verbrechen unter sich begraben. Die sechs Reiter waren lange und schnell geritten. Sie hatten die Stadt unbemerkt bei Sonnenuntergang verlassen und waren durch die vom
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Mond beschienene Einöde galoppiert, als seien Dämonen hinter ihnen her. Die Legionen des Kaisers waren weit entfernt, und niemand folgte ihnen. Erst als sie die Stelle an der verlassenen Küste erreichten, wo bizarre Felsen in den kalt funkelnden Sternenhimmel ragten, hielten sie an. Der Magus wußte: Hier hausten nur die Geister und Dämonen der Finsternis. Er hatte in den alten Schriftrollen von dem tiefen Brunnen gelesen, aus dem nach der Überlieferung das Volk Israel während der vierzigjährigen Wanderschaft einst Trinkwasser geschöpft hatte. Der Brunnen war längst versiegt. Nur ein dunkles, tiefes Loch war geblieben. Auf dem siebten Pferd saß die Gefangene. Die zierliche Stute hatte nach dem langen Ritt blutige Nüstern. Als die Männer den Weidenkorb losbanden und die gefesselte Frau aus dem Sattel hoben, wieherte das Pferd und brach tot zusammen. Die Männer befestigten den Korb an einem langen Seil, und einer von ihnen murmelte ein Gebet, während sie ihn langsam in die Tiefe ließen. Als der Korb mit einem dumpfen Geräusch den Boden des Brunnens erreichte, führten sie die Frau an den Brunnenrand, wo der Magus stand und sie mit seinen Blicken durchbohrte. »Ich frage dich noch einmal«, sagte er drohend und stieß mit dem Stab seiner Macht dreimal auf den Boden. »Wo ist die siebte Schriftrolle?« Die Gefangene gab wieder keine Antwort. Wie in den vergangenen Wochen blieb sie stumm, als habe sie seine Worte nicht gehört. Und diesmal glaubte er, in ihren grünen Augen ein herausforderndes Funkeln zu sehen. Der Magus zitterte wie die Gefangene, aber nicht vor Kälte, sondern vor kaum unterdrückter Wut. Er war der letzte in der langen Reihe der Magi und wußte sehr wohl, daß die Tage seiner Macht gezählt
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waren. Die Klarheit des Wissens um das Unsichtbare, das alles Leben hier auf Erden lenkt, entzog sich ihm immer mehr. Wie sollte er der zuverlässige Ratgeber des Volkes und des Kaisers sein, wenn er die Zauberkräfte seiner Vorfahren nicht mehr besaß, denen die Götter die Macht des Wissens um das Unsichtbare geschenkt hatten? In der siebten Schriftrolle, das hatte der Magus nach dem Lesen der anderen sechs erfahren, stand die Offenbarung des neuen Glaubens. Die siebte Schriftrolle würde ihm den Weg zu den Unsterblichen weisen. Dann wäre seine Macht nicht zu erschüttern, denn dann wäre er es, der das Schicksal lenkte. Wenn er mit Hilfe dieser Frau die siebte Rolle fand, dann konnte er Wunder wirken, Tote zum Leben erwecken und Kranke heilen. Er würde das Ende der Welt aufhalten und als der wahre Herrscher neben dem Kaiser gelten. Den Schlüssel zu allem, wonach er strebte, besaß diese junge Frau. Nur mit dem geheimen Wissen der siebten Schriftrolle würden sich die Worte der Verheißung an ihm erfüllen. Dann erhielte er das ewige Leben als Lohn für seine lange Suche. Die Gefangene kannte das Versteck, aber sie schwieg. Wenn er die Rolle nicht fand, würde er in Ungnade fallen, in Vergessenheit versinken, und alle seine Bemühungen und die seiner Vorgänger wären gescheitert. Er würde den Mächten der Finsternis verfallen, denen er sich geweiht hatte, um das Geheimnis der unsichtbaren Welten zu enträtseln. Der Magus hatte sich davon überzeugt, daß seine Gefangene schwach und hilflos war. Sie konnte die Macht, die die Worte des Lichts dem Eingeweihten verliehen, nicht nutzen. Im Grunde war ihr Martyrium sinnlos. Aber ihr beharrliches Schweigen war für ihn so endgültig wie der Tod. Er glaubte sich fast am Ziel seiner Wünsche und konnte doch an ihrer Entschlossenheit nichts
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ändern. Sie verachtete ihn, weil er mit den Menschen spielte, als seien sie nichts als Puppen. Sie mißtraute ihm, denn er war korrupt und intrigant. Er hatte keine Achtung vor dem Leben, tötete jeden, der ihm mißfiel. Der Magus war ein Sklave des Todes. Sie aber diente dem Licht. »So sei es!« Er hob die Hand und befahl den Männern mit einer knappen Geste, ihr frevelhaftes Werk zu tun. Sie packten die junge Frau mit brutalen, gefühllosen Händen. Aus ihren Blicken sprachen Lüsternheit und Gier, als sie ihr ein Seil über den Oberkörper streiften und unter Armen und Brüsten festzogen, um sie langsam in den Brunnen hinablassen zu können. »Du wirst nicht verletzt werden und schnell sterben!« rief der Magus mit kalter Stimme. »Du sollst lange in deinem dunklen Gefängnis am Leben bleiben. Du wirst bald jeden Stein, jede Spalte und alles Grauen der Dunkelheit kennen. Wenn die Sonne hoch am Himmel steht, wird die Luft zum Verdursten trocken sein, und in den kalten Nächten wird der Frost dich erstarren lassen. Deine Qualen werden mit jeder Stunde wachsen, bis sie über jedes erträgliche Maß hinausgehen. Deine Einsamkeit wird größer und erschreckender sein als der Tod. Du wirst schreien, aber niemand wird dich hören. Und am Ende wird dein Körper die Beute blutgieriger Wesen werden.« Er machte einen Schritt auf sie zu und hob den Stab seines Amtes, vor dem in früheren Zeiten das ganze Volk in Ehrfurcht zu Boden gesunken war, dem sich jetzt aber nur noch die wenigen Männer und Frauen seiner Gefolgschaft hier und in der Stadt beugten. »Ich frage dich zum letzten Mal«, flüsterte er, »wo ist die siebte Schriftrolle? Wenn du es mir sagst, schenke ich dir die Freiheit.« Sie gab keine Antwort.
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»Sag mir wenigstens das eine: Hast du die Rolle mit eigenen Augen gesehen?« Zum ersten Mal, seit er die Frau in seine Gewalt gebracht hatte, öffnete sie den Mund. Es klang fast wie ein Seufzen, als sie antwortete. »Ja…« Der Magus zuckte wie unter einem Peitschenhieb zusammen. Er glaubte an die Unsterblichkeit, an das ewige Leben, wie es Osiris geschenkt worden war. Der Leib des Gottes war in Stücke gerissen und über ganz Ägypten verteilt worden. Aber Isis hatte alle Teile gefunden, den zerstückelten Körper wieder zusammengefügt und ihm den Atem des Lebens eingehaucht. Auf diese Weise hatte sie den Geliebten wieder zum Leben erweckt. In ohnmächtigem Zorn ballte der Magus die Faust und hob sie zum Himmel. »Wenn ich das Geheimnis nicht kennen darf, dann soll es den Sterblichen auf der Erde bis in alle Ewigkeit verborgen bleiben!« Seine Männer hoben die Frau hoch und ließen sie Stück für Stück in den Brunnen hinab. Die rauhen Steine schürften die makellose zarte Haut, und Blut floß über ihren Rücken. Als ihre Schönheit in der Schwärze des Brunnenschachts verschwand, schlug der Magus mit dem goldenen Stab auf den kalten Stein und rief: »Bei der Macht, die dieser Stab mir verleiht, den mir mein Vater übergab, so wie ihm die Macht von seinem Vater anvertraut wurde und allen, die vor ihm kamen, bis zurück in die Zeit, als die Unsterblichen noch auf der Erde wandelten, verfluche ich diese Frau und die sechs Schriftrollen des neuen Glaubens, die ich hier mit ihr begraben lasse, damit das Geheimnis des Lebens auf immer den Menschen verborgen bleibe. Kein Sterblicher soll sie lesen und das Rätsel der Unsterblichen lösen. Wer diesen Brunnen findet, sei verflucht!« Ein Reiter erschien unter den zerklüfteten Klippen. Er
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zügelte sein Pferd weit genug vom Lager der Männer entfernt, daß niemand ihn hörte. Dann saß er ab, schlich sich unbemerkt näher und schnitt mit dem Dolch den Schlafenden so schnell die Kehlen durch, daß keinem der fünf Männer Zeit blieb, einen letzten Schrei auszustoßen. Als dies gelungen war, drang er in das Zelt des Magus ein, denn er hoffte, dort seine Geliebte zu finden. Aber sie war nicht da. Er fesselte den Magus und hielt ihm den Dolch an die Kehle. Der Alte wehrte sich nicht. Er sah den jungen Mann nur wissend und in sein Schicksal ergeben an. »Du wirst sie nicht finden, und du kannst sie nicht retten.« Aus Zorn und in ohnmächtiger Verzweiflung stieß der junge Mann dem Magus den Dolch ins Herz. Das rote Blut tränkte das seidene Kissen. Er verließ das Lager und machte sich auf die Suche nach seiner Geliebten. Er ritt am felsigen Ufer entlang und folgte den ausgetrockneten Wasserläufen. Er hob den Kopf und blickte hinauf zu den Sternen, als suche er sie auch dort. Dann hörte er plötzlich einen erstickten Laut in der stillen Nacht. Er irrte durch die Dunkelheit. Schließlich fand er das tote Pferd und in der Nähe das purpurrote Gewand. Und er entdeckte den Brunnen. Er lauschte. Er rief ihren Namen. Er hörte ein Stöhnen. Der junge Mann wendete seinen Hengst, galoppierte zum Lager zurück und holte ein Seil. Als er den Brunnen wieder erreicht hatte, schlang er ein Ende des Seils um einen Felsen und kletterte in die Tiefe. Sein Fuß stieß gegen etwas Weiches, und er wich seitlich aus, bis er den Boden spürte. Dann tastete er in der Dunkelheit nach seiner Geliebten. Er fand sie, und als er feststellte, daß sie nackt war, sank er neben ihr nieder und flüsterte: »Hab keine Angst, Liebste. Wir sind in Sicherheit.
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Ihr Herz schlug nicht mehr. Gib mir deine Hand.« 14 . Noch vor kurzem hatte sie gestöhnt. aber alles blieb still. das Seil baumelte außer Reichweite über ihm. flüsterte er. »Warum gibst du mir keine Antwort?« Er legte den Kopf auf ihre Brust. legte sich neben sie und nahm sie in die Arme. Er breitete das Gewand über die inzwischen erkaltete Leiche. Mein Glaube. Er fiel auf den Boden. Geliebte«. Kurz entschlossen durchtrennte er mit dem Dolch das Seil. gibt mir die Kraft. Wir werden wieder Zusammensein und uns ewig lieben. Sein Klageruf hallte dumpf in dem dunklen. Seine Tränen wärmten ihr die Haare. die Männer und den Magus zu töten. Der Magus ist tot. der sich von deinem unterscheidet. dir zu versprechen.« Er wartete. während sie hier einsam und verlassen in dem Brunnen lag und starb. bevor er den Boden erreichte. Ihr Körper war noch warm. »Die Götter sind Zeugen meines Schwurs. aber jetzt war sie tot. Das gelobe ich dir. das ihr gehört hatte. Als er wieder in den Brunnen stieg. denn ich kann dich nicht sehen. tiefen Brunnen und stieg hoch zum Himmel auf. Er hatte seine Zeit damit vergeudet. daß dein Tod nicht umsonst gewesen ist. »Du sollst nicht vergebens gestorben sein.Deine Peiniger sind tot. hielt er einen Augenblick an. Schluchzend kletterte er aus dem Brunnen und holte das reich bestickte purpurrote Gewand. Seine Hilfe kam zu spät.

DER ERSTE TAG 15 .

« Während Catherine über den Sand eilte. die an der östlichen Küste der Sinaihalbinsel 16 . Die Baustelle befand sich ohnehin zu nahe an ihrer Grabungsstelle. hätte sie vor Empörung beinahe laut aufgeschrien. Geröll prallte an die zerklüfteten Felsen. klimatisierten Tummelplätze für reiche Touristen. Staubwolken stiegen in die Luft. Catherine Alexander kam stolpernd aus ihrem Zelt. Dezember 1999 Scharm el Scheich. daß bereits Planierraupen heranfuhren. sie rechtzeitig vor einer Sprengung zu informieren. Golf von Akkaba Die Explosion erschütterte das Land im weiten Umkreis und zerriß die morgendliche Stille. die in den Dattelpalmen saßen. Sie zog schnell die Stiefel an und rief den Männern ihrer Mannschaft. Vögel. Warum das Dynamit? Man hatte ihr versprochen. Zum Schutz vor den Strahlen der aufgehenden Sonne legte sie eine Hand über die Augen und blickte auf die etwa zweihundert Meter von ihrem Lager entfernte Baustelle. 14. zu: »Seht euch die Gräben an! Vergewissert euch. um das gesprengte Gestein abzuräumen. die verschlafen aus den Zelten krochen. daß die Stützbalken halten. flatterten erschrocken auf und flogen über das blaue Wasser des Golfs. Hier sollte ein Hotelkomplex entstehen. Sie fluchte leise.Dienstag. sah sie. einer der vielen luxuriösen. Und als sie die Staubwolke sah. Ich werde mit unserem Nachbarn ein ernstes Wort reden. Beim Anblick der riesigen Baumaschinen lief ihr ein Schauer über den Rücken. und das Dynamit konnte die vorsichtig ausgehobenen Gräben mit einem Schlag vernichten. Dr.

gebaut wurden. als sie sich den Wohncontainern der Bauleitung näherte. Catherine wußte. Und im Augenblick hatte Catherine bereits mit genug Widrigkeiten zu kämpfen. daß ich den Brunnen bald finden werde! Man muß mir nur die Möglichkeit geben. das Projekt fallenzulassen und die Geldmittel zu streichen. Das hatte sie versucht den Bürokraten in Kairo zu erklären. Früher oder später würden sie hinter die eigentliche Absicht kommen und wissen. an der Archäologen graben konnten. meine Arbeit ohne solche verdammten Störungen durchzuführen… »Hungerford! Wo sind Sie?« Catherine näherte sich dem Container. nicht zu sprengen!« Die Gefährdung der Grabungen erschwerte ihr das Leben zusätzlich. der man die Grabungserlaubnis nur mit Vorbehalten erteilt hatte. Ich weiß. bald würde es hier keine Stelle mehr geben. während sie von Container zu Container lief und an die Blechtüren klopfte. der als Planungsbüro diente. ragten an der sanft geschwungenen Küste Hotels und Hochhäuser wie weiße Monolithe in den blauen Himmel und verwandelten die karge Landschaft in ein zweites Miami. daß Catherine gelogen hatte. wenn bei den Ausgrabungen nicht in Kürze positive Ergebnisse vorliegen würden. Plötzlich hörte sie in ihrem Rücken Stimmengewirr. bis ihre Ausgrabungen abgeschlossen sein würden. Aber ich bin doch fast am Ziel. einen Baustopp für das neue Hotel zu erwirken. Zu allem Überfluß hatte ihr die Stiftung in der letzten Woche mitgeteilt. dachte Catherine. Sie drehte sich um und sah im gleißenden 17 . »Hungerford!« rief Catherine schon von weitem. Aber in Kairo hörte niemand auf eine Frau und erst recht nicht auf eine. »Sie hatten mir versprochen. man sehe sich gezwungen. Das Ministerium in Kairo saß ihr im Nacken und zeigte ein auffällig großes Interesse an der Ausgrabung. als sie sich vergeblich darum bemühte. So weit man sehen konnte.

Die Männer verstummten und sahen gespannt zu. Es war kein Papier. Wie immer lief ihm der Schweiß über das rote Gesicht. Frau Doktor«. Einer hielt etwas in der Hand. Sie zog eine Lupe aus der Tasche ihrer Khakibluse und 18 . Sie kannte diese Art Aufregung. Offenbar hatte einer der Arbeiter etwas gefunden. Leute?« Die Araber begannen alle auf einmal zu reden. Sie erreichte die Gruppe in dem Augenblick. daß ihr die Arbeit unterbrechen könnt?« Der dicke Texaner nahm den leuchtend gelben Schutzhelm vom Kopf und fuhr sich mit der Hand durch die rötlichen Haare. daß Hungerfords arabische Arbeiter zu der Stelle rannten. sprang über Steine. wo das Dynamit gezündet worden war.Sonnenlicht. »Warum die Aufregung?« murmelte Hungerford kopfschüttelnd. wie die Männer aufgeregt gestikulierend in der sich langsam auflösenden Staubwolke auf einen Felsen zuströmten. was ist los. Sie beobachtete verblüfft. als sie das Papier aufmerksam betrachtete. Catherine hielt den Atem an. das wie das Stück einer alten vergilbten Zeitung aussah. wich Felsbrocken aus und stolperte über Geröll. So war es auch bei den Grabungen in Israel und im Libanon gewesen. »Guten Morgen. wenn etwas wirklich Wertvolles und Einmaliges gefunden worden war. als sich Hungerford einen Weg durch die Menge bahnte. begrüßte sie Hungerford. »Darf ich?« Catherine nahm dem Araber den Fund aus der Hand. als er Catherine sah. »Also. Plötzlich rannte auch sie los. sondern Papyrus. »Was soll das? Wer hat euch gesagt.

« Hungerford kniff die Augen zusammen. Dann fügte sie erklärend hinzu: »In den Felsenhöhlen hier lebte einst eine große Zahl Asketen und Propheten. wie Sie sehen. das steht hier. als er fragte: »Ist das vielleicht ein ›JesusFragment‹?« Catherine kannte seine unverschämte Art. und er murmelte sichtlich beeindruckt: »Das heißt tatsächlich Jesus?« »Ja. zu wunderbar. nur ein Fragment.« Catherine deutete auf den Riß. »›Jesus‹…!« flüsterte sie plötzlich. Er lachte plötzlich laut. wovon jeder Archäologe träumt? Nein. und es klang spöttisch. und am Ende des römischen Reiches war Griechisch unter den Gelehrten weit verbreitet. daß es sich nicht um neugriechische Buchstaben handelte. Die Sonne brannte bereits 19 . Hungerford verzog spöttisch die Lippen. es wäre einfach zu schön. Sie sah sofort. Sehen Sie? Hier steht auf griechisch ›Jesus‹. Sie betrachtete den Fund nachdenklich. Der Papyrus hatte eine honiggelbe Farbe und war mit schwarzen Schriftzeichen bedeckt. Sie deutete auf das Wort ›Iesous‹.« Hungerfords Blick richtete sich auf die Wüstenlandschaft zu ihrer Linken.betrachtete das Fragment. murmelte sie ausweichend und schob sich eine Strähne des kastanienbraunen Haars aus der Stirn. und gab ihm keine Antwort. um wahr zu sein… »Vermutlich stammt es von einem Einsiedler aus dem vierten Jahrhundert«. Das war in der Tat ein sehr altes Dokument. Ihr Herz schlug plötzlich schneller. sich über ihre Arbeit lustig zu machen. Die untere Hälfte des Papyrus fehlte. Bin ich vielleicht auf das gestoßen. »Sie werden doch nicht fluchen. und das hier ist. Frau Doktor?« »Nein.

Catherine lief ein Schauer über den Rücken. »Also gut!« Hungerford setzte den Schutzhelm wieder auf. was auf dem Papyrus steht. Die Buchstaben sind verblaßt. Vermutlich hatte sie der Wind aus einem Touristenhotel hergetragen. Catherine sah die Schlagzeile: ›JAHRTAUSEND-FIEBER!‹ Darunter stand fett gedruckt: ›Das Ende? Weltuntergang in zwanzig Tagen!?‹ Ein Photo zeigte den Petersdom in Rom.« »Können Sie es lesen?« »Dazu muß ich in mein Zelt. und der Papyrus ist an einigen Stellen bereits brüchig. Yallah. Die beiden Amerikaner und die wartenden Araber glaubten. Hungerford räusperte sich und blickte wieder auf das Fragment. Außerdem wäre es hilfreich. woher es kommt. ein merkwürdiges Pfeifen zu hören. wenn wir den Rest finden würden. Über ihren Köpfen kreiste ein Falke und stieß einen schrillen Schrei aus. »Und davon. Alle stürzten sich darauf. Das Geröll bestand in erster Linie aus Kalkstein und Schiefer.« Sie deutete noch einmal auf den gezackten unteren Rand. Aber es war nur die Titelseite der International Times von vor zwei Tagen. der mehr von dieser Art Papyrus findet. Leute!« Die Männer durchsuchten die nähere Umgebung. Der ständige Wind am Golf schien plötzlich stärker zu werden. wo sich bereits viele Menschen zu Tag.« Sie sah ihn nicht an. »Das hängt von seinem Alter ab. Es klang wie zischender Dampf.und Nachtwachen versammelten 20 . »Ist es etwas wert?« Catherine hob die Schultern.unbarmherzig auf die zerklüfteten hohen Felsen. Plötzlich fand einer der Arbeiter etwas unter einem Stein. Fünf ägyptische Pfund für den Mann. um es mir genauer anzusehen. »Wir werden sehen.

bevor die ägyptischen Behörden einschreiten konnten.und darauf warteten. und wieder fiel ihr Blick auf das Wort: ›Jesus‹. Die Araber fanden zwischen den Steinen Stücke eines Hanfseils und Stoffreste. »Und nun?« Catherine wollte mit dem Fragment so schnell wie möglich zu ihrem Zelt. »Wir dürfen unter keinen Umständen etwas von dem Fund verlauten lassen. Hungerford und sie durften die Männer nicht mehr aus den Augen lassen. würde bald jeder Beduine im Umkreis von fünfzig Meilen am Ort der Sprengung erscheinen und sein Zelt aufschlagen. Catherine hatte auch das schon erlebt. wie Hungerford leichtsinnig laut gesagt hatte. daß es ebenfalls sehr alt war. Dann wären alle Artefakte verschwunden. In weniger als drei Wochen würde das Jahr 1999 enden und das Jahr 2000 beginnen. Was haben wir gefunden? »Wir müssen den Platz freiräumen«. daß die Glocken das neue Jahrtausend einläuteten. verbreitete. Als sich Catherine das brüchige Gewebe ansah. Was wird dort stehen außer dem Namen Jesus? »Dr. »Verstehe…«. Sie wissen es! Catherines Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Alexander!« 21 . Sie mußte das brüchige Papyrus vor weiteren Schäden bewahren und es so schnell wie möglich übersetzen. sagte sie mit belegter Stimme. Sie betrachtete noch einmal das Fragment. Die Augen der Araber waren auf sie gerichtet. Wenn sich die Nachricht von einem ›JesusFragment‹. und wieder lief ihr ein Schauer über den Rücken. wußte sie.« Hungerford sah sie erstaunt an und nickte dann langsam. brummte er.

um zu arbeiten. daß Samir. Als er sie erreichte. sie zu einem Drink im nahe gelegenen Hotel Isis einzuladen. was ich meine! Eine so hübsche Frau wie Sie braucht einen Mann. sich zu amüsieren…‹ Wie sich herausstellte.« Catherine mochte Hungerford nicht. »Tut mir leid.Sie drehte sich um und sah. sie sei zum Arbeiten hier. der verlegen lächelte. gerufen hatte. wir haben einen Monat Arbeit verloren!« Catherine warf einen wütenden Blick auf Hungerford. hatte er gefragt: ›Was macht eine so hübsche Frau wie Sie ganz allein in der Wüste?‹ Catherine hatte ihm höflich erklärt. meldete er in dem klaren Englisch. und Touristen aus dem Nahen Osten. und der dicke 22 . Als er vor zwei Monaten mit seiner Mannschaft und dem gesamten Maschinenpark hier erschienen war. Das heißt doch nicht. die nicht so viel Geld hatten wie die Gäste der Luxushotels. daß man nicht hin und wieder Zeit hat. Sie wissen ganz genau. die hier arbeiteten oder wohnten. aber er antwortete: ›Wir sind alle hier. Der schäbige Betonklotz stammte noch aus den fünfziger Jahren und war ein Treffpunkt für Ausländer. daß sie mit ihrem Ausgrabungsstab und fünfzehn Arbeitern wohl kaum ›allein‹ sei. Sein aufdringliches Lachen gefiel ihr nicht. Sie hatte ihn von Anfang an abstoßend gefunden. Hungerford hatte anzüglich gelacht und ungerührt erwidert: ›Ach. aber sie ging Hungerford immer aus dem Weg.‹ Catherine erklärte. das er während des Studiums in London gelernt hatte: »Einige Wände sind beschädigt und sechs Gräben eingestürzt. bestand das ›Amüsieren‹ in dem Versuch.« »Das bedeutet. Auch Catherine erholte sich nach der Tagesarbeit hin und wieder mit einigen ihrer Leute in der verräucherten Bar des Hotels. ihr Aufseher. aber der Fortschritt läßt sich nicht aufhalten. Frau Doktor. Die Vergangenheit darf der Zukunft nicht im Wege stehen.

traf der scharfe Wind ihr Gesicht. nach der Prophetin Mirjam. Er stellte ihr Fragen. sie in ein Gespräch über die Ausgrabung zu verwickeln. Sie atmete tief die zeitlose. was alle wußten: ›Wir suchen nach Moses. »Glauben Sie. daß sie nämlich nicht nach Moses. Der Texaner ließ sich jedoch keine Gelegenheit entgehen. Hatte das überraschend aufgetauchte Dokument etwas mit ihrer Suche nach der Prophetin Mirjam zu tun? Als sie nachdenklich den Kopf hob.Bauch über der riesigen Silberschnalle seines breiten Ledergürtels wurde auch nicht dadurch anziehender. als die Israeliten vor mehr als dreitausend Jahren hier entlang 23 . »Also«. daß er ihn ständig stolz mit beiden Händen umfaßte. Wonach mochte die Luft gerochen haben. als sei der Bauch etwas Besonderes. das hat etwas mit Ihrer Arbeit hier zu tun?« Catherine hatte zweifellos das brüchige Stück einer Schriftrolle aus dem Altertum gefunden. das nur er zu bieten habe. brennenden Müllhalde – die Nase. sagte Hungerford jetzt grinsend und deutete mit einem vom Nikotin verfärbten Finger auf das Fragment. salzige Luft des Golfs ein und rümpfte über die Gerüche des Fortschritts – Dieselabgase und der Rauch einer nicht allzuweit entfernten. wenn man die Wahrheit erfahren würde. Sie spürte die rauhe Oberfläche an der Fingerspitze und blickte ehrfurchtsvoll auf die mit großer Sorgfalt geschriebenen Buchstaben. sondern nach seiner Schwester suchte. wie: ›Sie suchen also nach den Tafeln mit den Zehn Geboten?‹ Catherine gab ihm jedesmal ausweichende Antworten und hütete sich davor.‹ Sie konnte sich die Reaktionen gut vorstellen. Aus Vorsicht hatte sie sogar den Behörden in Kairo nur gesagt. ihm den wahren Grund für ihre Grabung anzuvertrauen. Unwillkürlich betastete sie vorsichtig das bräunlichgelbe Blatt.

Das neue Jahr würde kein gewöhnliches Jahr sein. die Gräben zu sichern. Auch das machte ihr Sorgen. die durch Hungerfords Sprengung in Mitleidenschaft gezogen worden waren. Es war der Beginn eines neuen Jahrzehnts. erklärte sie mit Nachdruck und drehte sich um. Als Catherine das Lager erreichte.« »Na klar!« trompetete Hungerford. 24 . dem Anführer der Juden. »Sagen Sie Ihren Leuten. Es war sehr viel schwieriger. in die Gegenwart zurückzukehren. und sein vulgäres Lachen hallte von den Felsen wider. ihrem Bruder. als sich Schleier und Umhänge der Israeliten im Wind blähten. »Ich muß mir das Fragment genauer ansehen«. ihrem ›Eßzimmer‹. Da sie Hungerfords Blick noch immer auf sich gerichtet sah. eines neuen Jahrhunderts und sogar eines neuen Jahrtausends. den alle mit größter Begeisterung tranken. und Mirjam die Kühnheit besaß. Das lag zum Teil an dem kühlen Wetter. und nur einige hatten ihre Rückkehr zugesagt. die Stirn zu bieten und ihn zu fragen: ›Hat der Herr nur durch Moses gesprochen?‹ Catherine zwang sich.gezogen waren? Wie war das Leben unter diesem Himmel gewesen. senkte sie schnell den Kopf und stellte fest. In diesem Winter hatte Catherine eine gute Mannschaft. füllte der Koch Körbchen mit einheimischem Fladenbrot. daß sie in der Eile nach der überraschenden Sprengung vergessen hatte. Unter dem Sonnendach. die oberen Knöpfe der Bluse zuzuknöpfen. schwarzen Kaffee bereit. sie sollen weitersuchen. bei einer Grabung mitzuarbeiten. hatte ihr GrabungsTeam aus amerikanischen Studenten und Freiwilligen bereits damit begonnen. zerteilte den Ziegenkäse und stellte die unterschiedlichen Becher für den starken. Leider würden die meisten Weihnachten nach Hause fahren. in den drückend heißen Sommermonaten Leute zu finden. die bereit waren.

mein lieber Julius…‹ ›Sie brauchen einen Mann‹. Die großen grünen Augen. daß sie an einem Wendepunkt in ihrem Leben stand. ein Erbe ihrer Mutter. 25 . daß ein neues Zeichen des Alters hinzugekommen war: eine senkrechte Falte zwischen den Augen. die sie im Nacken mit einer Spange zusammenhielt. hatte Hungerford gesagt. Die Falte war entstanden. Trotz der anstrengenden Jahre unter der heißen Sonne bei Ausgrabungen in Israel und Ägypten war es ihr bis jetzt irgendwie gelungen. daß sie gezwungen sein würde. Sie trat in das Zelt und legte das Fragment vorsichtig auf die Arbeitsplatte. denn sie spürte mehr denn je. Bisher war sie stets wieder verschwunden. Doch obwohl Catherine das Gesicht jetzt bewußt entspannte. Genau das konnte sie sich aber nicht leisten.Catherine fürchtete nicht zu Unrecht. Ein Blick in den Spiegel zeigte ihr in der nüchternen Klarheit des hellen Morgens. Wie konnte Julius behaupten. Aber jetzt stellte sie seufzend fest. weil sie bei ihrer konzentrierten Arbeit immer unbewußt die Augenbrauen zusammenzog. noch nicht von grauen Fäden durchzogen. daß sie müde und erschöpft aussah. ›Du auch nicht. blieb die Falte deutlich sichtbar. Aber zuerst ging sie zum Waschbecken und kühlte sich das Gesicht ab. die Ausgrabung vorübergehend abzubrechen. sie sei schön? Catherine fand ihr Gesicht in keiner Weise außergewöhnlich. hörte sie eine spöttische Stimme flüstern. dem Schicksal aller Archäologen zu entgehen. fand auch Catherine schön. Immerhin waren die langen kastanienbraunen Haare. Catherine lächelte. um es genauer zu untersuchen. ständig unter Sonnenbrand zu leiden und ein Gesicht voller Falten und Krähenfüße zu haben. obwohl sie vermutlich sehr viel jünger als sechsunddreißig aussah. ›Du wirst nicht jünger‹.

wie sie fand. daß diese Brüche entstanden waren. daß du keine Jüdin bist. ›Warum. Julius fehlte ihr… Catherine schaffte genügend Platz auf dem überfüllten Arbeitstisch. In der Mittagspause lernten sie sich kennen. als der Arm zur Selbstverteidigung gehoben wurde. ›Warum willst du mich nicht heiraten? Es kann doch nicht daran liegen. Es war wirklich so etwas wie Liebe auf den ersten Blick gewesen. um einen Schlag abzuwehren. Das ist nicht der Grund.‹ Catherine würde sich niemals zu seinem Glauben bekehren. Julius Voss war vor zwei Jahren auf einer Archäologen-Tagung in Oakland in ihr Leben getreten. Er sah wirklich gut aus. als befinde er sich plötzlich in ihrem Zelt. selbst wenn er das verlangen sollte. besonders bei Frauen. Er hielt einen Vortrag über das auffällig häufige Vorkommen von Unterarmbrüchen bei ägyptischen Skeletten. Die Sonnenstrahlen fielen auf ein Photo. Catherine hatte dort ein Thesenpapier vorgestellt mit dem Titel: ›Bestimmung der Herkunft von Ton bei Keramik der Bronzezeit mit Hilfe der optischen Emissionsspektroskopie. um das Morgenlicht hereinzulassen. als unterhalte er sich gerade mit ihr. einen gepflegten Bart und. und die gegenseitige Anziehung war augenblicklich spürbar. das sie mit Klebeband über dem Arbeitstisch befestigt hatte: Julius lächelte sie an. Dr. Dann öffnete sie eine Klappe am Zeltdach. geheimnisvolle dunkle Augen.Catherine hatte einen Mann.‹ Julius war Mediziner und hatte sich auf Krankheiten im Altertum spezialisiert. hatte schwarze Haare. Cathy?‹ hörte sie ihn wieder fragen. Er vertrat die Auffassung. Sie hatte 26 . Du weißt. daß ich von dir nicht verlange. meine Religion anzunehmen. Leider befand er sich neuntausend Meilen entfernt am anderen Ende der Welt.

auf den sie schon so lange gehofft hatte? Würde sie möglicherweise erfahren. genauer gesagt ein gläubiger Jude. daß sie keine Religion brauchte. Catherine schob mit einem leisen Seufzen den Gedanken an Julius beiseite und konzentrierte sich auf das Fragment. Nicht die Tatsache. Catherine liebte Julius. dann konnte sie frei und ungezwungen mit ihm reden. Bestand möglicherweise eine Verbindung zwischen diesem christlichen Dokument und der Prophetin des Alten Testaments. und es handelte sich um die englische Übersetzung der Erinnerungen von Ihn Hassan. auch wenn sie ihn noch so sehr liebte. daß er Jude war. Chr. daß sie Julius nicht heiraten konnte. einem Araber aus dem zehnten Jahrhundert.ihm bereits gesagt. dann erfaßte sie eine unbestimmte. Sie überflog die griechischen Buchstaben. Aber es gab andere Gründe dafür. Es stammte aus dem Jahr 1764. bereitete ihr Unbehagen. um ein Leben lang genug von Religionen zu haben. wenn es um Religion ging – und das würde nicht ausbleiben. sondern seine Frömmigkeit. namenlose Angst. Wenn sie sich über wissenschaftliche Themen oder über gemeinsame Interessen unterhielten. die Stelle in der Wüste. dessen Schiff im Jahr 976 n. in einem Sturm vom Kurs abgekommen 27 . für ihn dasein und ihm zuhören. wo sich die Oase befand. Der Katholizismus ihrer Kindheit und Jugend reichte. wo Mirjam und ihr Bruder den Kampf um die Macht geführt hatten? Catherine überlegte einen Augenblick und nahm dann ein Buch aus dem Regal. doch das Wort ›Jesus‹ fand sie nur an einer Stelle. Aber jedesmal. Aber das war bedeutsam genug. nach der sie hier auf der Sinaihalbinsel suchte? Gab das Jesus-Fragment vielleicht den entscheidenden Hinweis. Das Problem ließ sich nicht so leicht in Worte fassen: Julius war Jude. wenn sie in seine große orthodoxe Familie einheiratete -.

die mit den technischen Spezialeffekten von Star Trek und Krieg der Sterne aufgewachsen waren. Als Vierzehnjährige zeigte man in der von Nonnen geleiteten katholischen Schule während der Karwoche eine Reihe von Filmen für die achte und neunte Klasse zum Thema: ›Bibelfilme der vierziger und fünfziger Jahre. wie Aldebaran über meiner Heimat aufging‹) sowie unter Berücksichtigung der Legenden und Gebräuche der Beduinen dieser Gegend zu dem Schluß. wo jetzt die Ferienhotels Touristen aus aller Welt anlockten. als Moses das Rote Meer teilte -. Während die meisten ihrer Mitschüler. wo die ansässigen Beduinen ihre Herden tränken. Sie sah ihre Vermutungen bestätigt. Catherines Suche hatte genaugenommen an einem ganz bestimmten Tag begonnen. dem Bir Mary am…‹ Der Mirjam-Brunnen. daß der Araber an dieser Küste gestrandet war.‹ Höhepunkt war DeMilles Klassiker Die Zehn Gebote aus dem Jahr 1954. Beim ersten Lesen war Catherine die Stelle aufgefallen: ›… im Lande Sina gestrandet…‹ Damals dachte sie: Spricht er von der Sinaihalbinsel? Sie verglich die unklaren Hinweise aus der Geschichte des Arabers mit Stellen im Alten Testament und kam unter Einbeziehung von Astronomie und der Navigation mit Hilfe von Sternen (Ihn Hassan berichtete: ›Ich sah. Mit dieser Erkenntnis hatte Catherines lebenslange. Alle Filme verherrlichten die Helden der Bibel: Samson.war. denn Ihn Hassan hatte geschrieben: ›Ich verbrachte meine einsamen Tage an einem Ort. Der Mann konnte sich an eine nur ungenau bezeichnete Küste retten. Auf der Leinwand zeigte man gute. unbestimmte Suche schließlich ein Ziel gefunden. Salomon. Unter den Frauen gab es 28 . würdevolle und heldenhafte Männer. wurde Catherine sehr nachdenklich. kicherten und sich langweilten – allerdings gab es Beifall. Moses.

daß der Wüstensand. daß die Frauen wenig mehr waren als Statistinnen zur Verherrlichung der Männer. Sie glaubte felsenfest. daß die von Männern beherrschte Archäologie und Bibelwissenschaft mit ihren anerkannten und scheinbar unumstößlichen Theorien von der alten Garde wie eine uneinnehmbare Bastion verteidigt wurden. Sie führte zahllose Gespräche.dagegen nur zwei Typen: Die böse Verführerin und die geduldig leidende Jungfrau. Die zähen Verhandlungen zogen sich über Monate hin. eine Anführerin der Israeliten gewesen sei und daß sich die Geschwister die Führerschaft als gleichberechtigte Partner geteilt hätten. Selbst ältere Frauen und Mütter wirkten in den Filmen irgendwie jungfräulich und blaß. daß Mirjam. Aus dieser einfachen Beobachtung – Catherine war überzeugt davon. sie beabsichtige. die nur darauf warteten. ausgegraben zu werden. Als sich Catherine vor fünf Jahren zum ersten Mal um eine Grabungsgenehmigung in dieser Gegend bemüht hatte. und hoffe damit. Catherine fand. die schließlich zu ihrer Berufswahl führte: biblische Archäologie. In keinem Film gab es eine richtige Heldin. Beweise für ihre Theorie zu finden. in dem man Schätze wie das Grab des Tutench-Amun und die Schriftrollen vom Toten Meer gefunden hatte. in der Wüste finden. weit mehr Geheimnisse barg. die Schwester von Moses. zahlte hohe 29 . von ihren grundsätzlichen Erkenntnissen abzurücken. dann wollte Catherine sie an Ort und Stelle. Wenn man in der Bibel keine Heldinnen fand. Sie tolerierten in ihren Reihen kaum Frauen und waren unter keinen Umständen bereit. nach dem Mirjam-Brunnen zu suchen. daß es auch in biblischen Zeiten Heldinnen gab – hatte sich bereits in ihrer Jugend eine wahre Besessenheit entwickelt. Sie mußte jedoch bald feststellen. erklärte sie den Beamten im Ministerium in Kairo.

‹ ›Wenn du das für mich tust. Sie blätterte bis zu einer Passage. die ihr Anhaltspunkte für die Suche nach dem Weg der Juden bei ihrem Auszug aus Ägypten geliefert hatten. wurde von einer Stelle zur anderen verwiesen. Sie führte mich zu einem Brunnen und forderte mich auf. das sie suchte. deren Schönheit und Glanz mich blendeten. zuerst mit weicher Erde und dann mit Steinen. las sie nicht die Stellen. Der Anker aus Schilf war ein Symbol. daß Dokumente spurlos verschwanden. der sie bislang weniger Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Als Catherine jetzt Ibn Hassans Buch aufschlug. die sie jetzt jedoch nachdenklich noch einmal las. ihn zu füllen. Ein Jahr darauf erschien sie wieder in Kairo und stellte den Antrag auf eine Grabungserlaubnis. ›Eines Nachts erwachte ich‹. Ibn Hassan‹. kein wirklicher Anker! Sofort fiel ihr ein. 30 .‹ Catherine blickte nachdenklich auf die Worte: ›Anker aus Schilf‹. Sie hatte ihnen bislang wenig Bedeutung beigemessen.Bestechungsgelder. Wozu einen Anker aus Schilf? Sie zuckte zusammen. mußte erleben. ›werde ich dir das Geheimnis des ewigen Lebens verraten. und schließlich lehnte man ihr Gesuch ab. Plötzlich wußte sie die Antwort. Der Anker war das Verbindungsglied zum Christentum. um den Moses-Brunnen zu suchen. Auf den Brunnen sollte ich einen Anker aus Schilf stellen. Catherine runzelte die Stirn. schrieb der Araber. ›und vor mir stand eine wundersame junge Frau. Deshalb hatte Catherine den Rückzug angetreten und eine andere Strategie entwickelt. sagte der Engel zu mir. daß der Anker in frühchristlicher Zeit eine symbolische Bedeutung besessen hatte und erst später vom Kreuz verdrängt worden war.

und der Erscheinung eines Engels. denn der Engel hat mir das ewige Leben zum Geschenk gemacht‹. Er beschrieb darin eine Expedition in die Wüste Sinai. und deshalb behauptete. daß ich nicht sterben werde. Zwei Worte stachen ihr ins Auge: ›Zoe aionios. was hatte der Hinweis auf ›Jesus‹ mit dem Mirjam-Brunnen zu tun? Catherine hatte. bisher keine Hinweise auf einen MirjamBrunnen gefunden. wurde gerettet. abgesehen von Ibn Hassans Erinnerungen. wundersame Geschichten zu erzählen. das Hungerfords Araber gefunden hatten. einhundertneunundzwanzig Jahre alt zu sein. Bestand ein Zusammenhang zwischen diesem Fragment. In der Nacht wurden die Teilnehmer der Expedition von seltsamen Träumen 31 . Ibn Hassan Abu Mohammed Omar Abbas Ali. Die Zelte standen unter einem steilen Felsen in der Nähe eines Brunnens mit dem Namen Bir Umma – Brunnen der Mutter. Ich. Catherine hatte diese Worte bisher als Prahlerei eines alten Mannes abgetan. Ich konnte die einsame Küste verlassen und zu meiner Familie zurückkehren. Aber jetzt… Sie blickte auf das Jesus-Fragment. der es liebte.Sie blätterte zurück zur ersten Seite von Ibn Hassans Erinnerungen und las mit wachsender Erregung: ›Und so erhielt ich den Schlüssel zum ewigen Leben. Eines Tages schlug die Gruppe ihr Lager an der Küste im Osten des Katharinenklosters auf. das sie nach vorsichtiger Schätzung um zweihundert nach Christus datierte.‹ Ewiges Leben. Aber sie war bei ihren Nachforschungen auf das Buch eines deutschen Ägyptologen von 1883 gestoßen. Ich erzähle dies im hohen Alter von zweimal sechzig und neun Jahren bei bester Gesundheit und in dem festen Glauben. der einem Schiffbrüchigen sieben Jahrhunderte später das ›ewige Leben‹ verhieß? Wenn es diesen Zusammenhang gab.

es gab auf der Sinaihalbinsel keine vulkanischen Gebirge. bei Tag in einer Wolkensäule. und die Feuersäule nicht bei Nacht. dafür aber in Saudi-Arabien im Osten des Golfs von Akkaba. Catherine entdeckte schließlich einen Anhaltspunkt im Alten Testament. an der Ibn Hassan Schiffbruch erlitten hatte. Mit einem Papyrus-Fund. Sie wußte. um einen Beweis für den Weg der Israeliten durch die Wüste zu finden und auch Hinweise auf die Prophetin Mirjam. denn dort hatten sie die ›Wolkensäule‹ bei Tag und ›das Feuer‹ in der Nacht gesehen.‹ Catherine erkannte nicht als erste. So konnten sie Tag und Nacht unterwegs sein. mit dem Traum der Frau des Ägyptologen und mit den Legenden 32 . um ihnen den Weg zu zeigen. um ihnen zu leuchten. Catherine war hierhergekommen. Die Frau des Deutschen berichtete fast in denselben Worten wie Ibn Hassan von der Erscheinung einer überirdisch schönen jungen Frau. Man nannte das Gebiet dort ›das Land Midian‹. ob die Ähnlichkeit der Erscheinung ein Hinweis darauf war. bei Nacht in einer Feuersäule. der zu ihrem Entschluß führte. auf der anderen Seite des Golfs gelangt. Die Wolkensäule wich bei Tag nicht von der Spitze des Volkes. daß Professor Krügers Expedition das Lager an der Stelle aufgeschlagen hatte.heimgesucht. daß diese Bibelstelle sehr wohl einen aktiven Vulkan beschreiben mochte. Deshalb kam sie zu folgendem Schluß: Das Gebirge befand sich an der Westküste Arabiens. Sie überlegte: Was hat das Fragment und die Worte ›ewiges Leben‹ mit Ibn Hassans ›Engel‹. hatte sie allerdings nicht gerechnet. an dieser Stelle zu graben. Die Frage lag nahe. Die Israeliten waren dem Feuer und Rauch des Vulkans gefolgt und an diesen Ort an der Ostküste. Exodus 13:21/22: ›Der Herr zog vor ihnen her. in dem das Wort ›Jesus‹ vorkam.

die das Geröll durchsuchten. es war kein Traum gewesen. Vor Beginn der Ausgrabungen hatte sie das Gebiet mit den neuesten geologischen Meßinstrumenten untersucht und an dieser Stelle das Vorhandensein eines ungewöhnlichen unterirdischen Tunnels festgestellt. ›Du abscheuliches Mädchen! Das wirst du büßen…‹ Catherine schob die Erinnerung seufzend beiseite und griff nach der Lupe. Ihr Herz schlug schneller. Die Araber hatten etwas gefunden. stellte sich erstaunlicherweise wieder ein. Der morgendliche Wind nahm an Heftigkeit zu. sie sprang auf und rannte ohne eine Erklärung zu ihrem Grabungsplatz zurück. die an dieser Stelle den Menschen erscheinen? Catherine lauschte auf die Geräusche vor dem Zelt. Nein. Ein Jahr später war sie auf der zweiten Ebene noch immer nicht auf Hinweise für eine menschliche Besiedlung gestoßen. In unmittelbarer Nähe der Sprengung waren die Arbeiter auf ein Loch gestoßen. Als Catherine jetzt in einem der Gräben stand. als es draußen plötzlich laut wurde. wo sie 33 . Er fuhr pfeifend über den dunkelblauen Golf und mischte sich mit dem Lachen und Rufen von Hungerfords Arbeitern. Eine Erinnerung.der Beduinen zu tun. Sie wollte damit beginnen. die sie mit großer Entschlossenheit verdrängt hatte. Catherine kniete im Sand und betrachtete die Öffnung. das wie ein Tunneleingang wirkte. daß sie in der vergangenen Nacht ebenfalls einen seltsamen Traum gehabt hatte. Sie hatte ein Planquadrat mit einem Raster angefertigt und dann mit den Grabungen begonnen. um sie zu quälen. die altgriechischen Worte zu übersetzen. Auf der dritten Ebene hatten sie eine Kalksteinschicht erreicht und den Einstieg zu einem Tunnel gefunden. in denen immer wieder von Geistwesen oder Geistern berichtet wird. Plötzlich erinnerte sie sich.

Im Innern wartete sie einen Augenblick. Es war bestimmt nicht das Ende des unterirdischen Gangs. waren nicht vergessen. Seit der Sprengung am frühen Morgen. die das Jesus-Fragment zutage gefördert hatte. Was mochte sich am Ende des Tunnels befinden? Es gab nur eine Möglichkeit. fiel ihr auf. bis eine wissenschaftliche Klärung vorlag. schob sich mit den Ellbogen durch den Gang vorwärts und hielt den Strahl der Taschenlampe auf die endlose Schwärze gerichtet. Niemand kannte die Festigkeit des Gesteins. mit denen sie das Geröll aus den Gräben transportierten. Die Sonne stand bereits hoch am Himmel. waren drei Stunden vergangen. Das Gerücht von dem sensationellen Fund kursierte vielleicht schon auf der ganzen Halbinsel. Catherine hatte ihre Gruppe angewiesen. die die Einheimischen auf dem schwarzen Markt für die Schriftrollen vom Toten Meer und den ›Nag Hammadi‹Schatz erzielt hatten. daß er in Richtung der Sprengung verlief. das herauszufinden. Deshalb hatten sie ein Signal verabredet: Wenn Catherine einmal am Seil zog. und machte sich mit einer Taschenlampe in der Hand auf den Weg. der offenbar zu dem steilen Uferfelsen führte. das durch die Sprengung brüchig geworden sein mochte. ein Auge auf seine Leute zu haben und dafür zu sorgen. Catherine hatte Hungerford vor dem abenteuerlichen Einstieg noch einmal ermahnt. Catherine band sich das Seil um die Hüfte. als Catherine in der Dunkelheit verschwand. daß alle in der Nähe blieben und niemand zum nächsten Telefon rannte – die Preise. Der Gang war dunkel und eng. Trotzdem machte sie sich Sorgen. Sie bewegte sich langsam.diesen Tunnel entdeckt hatten. 34 . Staub und kleine Steine lösten sich von den Wänden. legte sich auf eine der Paletten auf Rädern. kein Wort über den Fund verlauten zu lassen. würde man sie sofort herausholen.

daß sie die meiste Zeit flach auf dem Bauch liegen und den Kopf einziehen mußte. Wasser für einen Brunnen? Trotz der Kühle trat Catherine der Schweiß auf die Stirn. Der Gang war so niedrig. wo Hungerford mit seinen Leuten stand und das Sicherungsseil abrollte. Trotzdem stieß sie immer wieder gegen den Fels. die Khakishorts gegen Jeans ausgetauscht zu haben. Catherine liefen kalte Schauer über den Rücken. Möglicherweise war er durch ein Erdbeben entstanden oder von Wasser ausgehöhlt worden. Vorsichtig rollte sie auf dem Wägelchen weiter. Ihrer Schätzung nach war sie etwa fünfzig Meter von der Öffnung entfernt. Nach einer Weile kam sie jedoch zu dem Schluß. der Tunnel sei nicht das Werk von Menschen. Sie durfte vor allem nicht die Nerven verlieren. und sie wünschte zu spät. das aus einer unterirdischen Quelle stammte. War ihr Traum eine Warnung gewesen? War dieser Ort verflucht? Der Gang war plötzlich versperrt.Immer wieder rieselte Sand auf sie herab. Catherine holte tief Luft. Ihre nackten Knie waren auf dem rauhen Kalksteinboden bald aufgeschürft. entschlossen herauszufinden. Der Gang wand sich jetzt durch festes Gestein. was sich am Ende des Tunnels befand. Neugierig musterte Catherine im Schein der Taschenlampe die relativ glatte Decke und die ebenso glatten Wände. daß die Decke des Tunnels im nächsten Augenblick einstürzen werde. daß es sich um die Reste eines Korbes 35 . sondern ein natürlicher Gang. Ibn Hassan und Krügers Frau hatten berichtet. und wenn sie die Palette zum Stehen brachte. hier seien Menschen lebend begraben worden. hielt sie den Atem an und rechnete fast damit. Trotz aller Hindernisse und möglicher Gefahren ließ sie sich nicht beirren. Vorsichtig untersuchte sie das Hindernis und stellte zu ihrem Erstaunen fest.

Der Tunnel mündete plötzlich in einen kreisrunden Schacht. erwiderte Catherine und klopfte 36 . wie sie für Bauten der Bronzezeit typisch waren. Der Boden war trocken. und dann sah sie es. der senkrecht nach oben führte. Habe ich den Mirjam-Brunnen gefunden? Catherine richtete die Taschenlampe nach unten und blickte zitternd über den Rand. Der unterirdische Gang ging weiter. Hoffentlich würde sie nicht in den Brunnen fallen.handeln mußte. die zum Teil noch von Steinen umgeben waren. daß die Wände aus großen unbehauenen Feuersteinblöcken bestanden. richtete sie die Taschenlampe nach vorne. Der schwankende Lichtstrahl tanzte über die Steine. Wieder rieselte Sand auf ihren Kopf. Als sich die Staubwolke gelegt hatte. Sie sah Steine und loses Geröll. Dort lag ein Schädel! Der Schädel eines Menschen. Sie griff danach und zog daran. Catherine sah. Dann rollte sie langsam weiter. Sie verlagerte vorsichtig das Gewicht und streckte den Kopf vor. Plötzlich entdeckte sie etwas Weißes. das sich offenbar durch die Sprengung gelöst und einen Teil des Schachts zum Einsturz gebracht hatte. Was. um besser in die Tiefe blicken zu können. Sie nahm die Korbreste zwischen die Arme und legte das Kinn darauf. »Ich meine in Dollars und Cents. Der Korb löste sich mühelos aus dem Geröll. Catherine kniff die Augen zusammen und wartete mit angehaltenem Atem. meinen Sie. »Wie schätzen Sie diesen Fund ein?« fragte Hungerford und grinste. Er hatte einen Durchmesser von etwa fünf bis sechs Metern und war über ihr verschlossen. würde zum Beispiel ein Museum für das Jesus-Fragment zahlen?« »Museen zahlen nicht«.

»Die Webart des Leinens und die Verschnürung weisen auf eine nachbyzantinische Zeit hin. daß die anderen ebenso enttäuscht waren wie Hungerford. überhaupt einen Wert hat. Catherine war über und über mit Staub und Sand bedeckt. Ich werde Professor 37 . antwortete Catherine und versuchte. Erleichtert stellte sie fest. »Vielleicht siebtes oder achtes Jahrhundert«. »Und der Wert?« fragte Hungerford verdrießlich. Ihre kastanienbraunen Haare waren wie mit Puder bestäubt. antwortete Catherine. während sich alle um sie drängten und neugierig den Fund anstarrten. »Die privaten Sammler zahlen…« Sie sah Hungerford an. daß seine Träume von Geld und Ruhm wie eine Seifenblase geplatzt waren. als sei der schlichte. »Je nachdem…«. während sie den unterirdischen Gang erkundet hatte. das sie aus dem Tunnel mitgebracht hatte.« »Wie alt ist das Zeug?« fragte er und deutete auf das Bündel. soviel Enttäuschung wie möglich in ihre Stimme zu legen. ob das. verrottete Korb dafür verantwortlich. Alle hatten auf einen spektakulären Fund gehofft. was ich gefunden habe. »Ich glaube.sich den Staub von der Bluse. sagte Catherine und wich seinem Blick aus. »Aber freuen Sie sich nicht zu früh. Bis jetzt wissen wir nicht. von denen ich Ihnen erzählt habe. waren die Erwartungen der Leute gestiegen.« »Das heißt also«. Sie stand zwar wieder im hellen Sonnenlicht und atmete den frischen Meereswind. aber noch immer saß ihr die Angst im Nacken. sagte Hungerford mit gerunzelter Stirn. der Korb gehörte einem der Einsiedler. die sie in dem engen unterirdischen Gang und am Rand des tiefen Brunnens erfaßt hatte. In der vergangenen Stunde. »es stammt nicht aus dem ersten Jahrhundert?« »Leider nein«.

als sie es sich in ihren kühnsten Träumen vorstellte.Gottlieb in Jerusalem anrufen. Sie werden jemanden herschicken. Catherine ging eilig zu ihrem Zelt. die zweitausend Jahre alt waren. Ich werde meine Leute dort drüben einsetzen. desto besser. Hatte Hungerford ihr geglaubt? Sie hoffte es. Sie blieb einen Augenblick in der Mitte des Zelts stehen. Er kann uns bestimmt schnell Gewißheit verschaffen.« Catherine wich erschrocken zurück. Dieser Fund gehörte ihr. daß ein Fund dieser Art in Gegenwart glaubwürdiger Zeugen geöffnet wird. um wieder ruhiger zu werden. Sie durfte auf keinen Fall auch nur andeuten. die Ausgrabungen 38 . daß der Fund vermutlich eine weit größere Bedeutung hatte. Ich werde sofort Kairo benachrichtigen und die zuständige Behörde informieren. Dann konnte keine Rede mehr davon sein. Ihre Gedanken überschlugen sich. und je schneller sie die zuständigen Experten in Kairo informierte. ja. Wenn sich ihre Vermutungen bestätigten. sondern möglicherweise enthielt der Korb Schriftrollen. »Nein! Wissenschaftliches Vorgehen verlangt. zog den Reißverschluß der Zeltklappe zu und schaltete das Licht ein. dann hatte Hungerford sie mit der Sprengung nicht zu einem Fund aus dem achten Jahrhundert geführt.« »Ja. aber diesmal war ihr nichts anderes übriggeblieben. Sonst wäre hier die Hölle los.« »Machen wir ihn auf.« Der Texaner schob die Hände in die Hosentaschen und ging kopfschüttelnd davon. Inzwischen sollten Sie an dieser Stelle keinerlei Arbeiten durchführen. Wir können inzwischen die Tennisplätze planieren. bis das Gelände von den Regierungsbeamten untersucht worden ist. Catherine log nur ungern.

das Alter des Fragments zu bestimmen. Als Catherine den Zündschlüssel für den Landrover suchte. wie sie brauchte. Die Bürokraten in Kairo konnten erfahrungsgemäß so schnell nichts in Bewegung setzen. im Haus der lieben Amelia. hielt sie inne. Sie überlegte kurz.vorzeitig zu beenden! Die Stiftung würde ihr die Geldmittel so lange zur Verfügung stellen. Ihr Magen knurrte und erinnerte sie daran. Aber Catherine brauchte sie hier auf der Stelle. griff nach der Lupe und begann zu lesen. würde natürlich sofort jemand kommen. des verehrten…‹ Catherine zog die Augenbrauen zusammen. Ein Blick auf die Uhr erinnerte sie daran. Das wußte jeder. Doch Catherine interessierte sich im Augenblick nicht für Essen. Was 39 . daß seit der Sprengung inzwischen mehr als vier Stunden vergangen waren. daß das Fragment eindeutig aus dem zweiten oder dritten Jahrhundert stammte. legte das Fragment unter die helle Lampe. unseres Herrn Jesus. Sie mußte auf der Stelle zum Hotel Isis fahren und die Abteilung für Altertümer informieren. Sie würde keine Minute Ruhe haben. bis das Gelände von den Beamten gesichert worden war. Wie konnte sie das erreichen? Sie blickte auf das Jesus-Fragment. Wenn sie nach Kairo berichten konnte. daß sie nicht gefrühstückt hatte. Eure Schwester. um die Arbeiten abzuschließen. es könne nichts schaden. auf der Stelle zum Hotel zu fahren? Sie entschied. Offenbar handelte es sich um den Anfang eines Briefes. Oder wäre es klüger. ob sie sich die Zeit nehmen sollte. ›Sabina. das sie noch immer nicht übersetzt hatte. wenn sie die Behörde ein paar Minuten später informierte. grüßt Euch und segnet die Gemeinschaft des Gerechten. Und sie würde auch alle gewünschten Arbeitskräfte bekommen.

daß nur meine Stimme zu Euch spricht. liebe Schwestern. deshalb ist eine genauere Übersetzung im 40 . einer Frau. In der Frühkirche waren Diakonai (die. Sabina sprach von Amelia. Perpetua. aber nur in Verbindung mit einem Mann. Samir rief nach einer Kelle. zu der ich auf höchst wundersame Weise gekommen bin.bedeutete das nächste Wort: ›διάκονος – Diakonos‹? Diakon… Das konnte nicht sein. die Befehle des Königs ausführen) Täufer. An dieser Stelle möchte ich Euch jedoch warnen: Lest diesen Brief im geheimen. Catherine kannte die Anrede ›Diakonos -Diakon‹ aus anderen Schriften. Wird heute übersetzt als‹Diakon›. daß meine Stimme beim Reden zittert. Prediger und Hüter des Sakraments. Sie las den Satz noch einmal. Kopfschüttelnd las sie weiter. All das registrierte ihr Bewußtsein kaum. ›Lest diesen Brief im geheimen und in Furcht um Euer Leben!‹ Was um alles in der Welt hatte sie gefunden? Sie las noch einmal den Anfang: ›… der lieben Amelia. Es gab keinen Zweifel. schreibt meine Worte an Euch nieder. Als sie das entsprechende Werk gefunden hatte. als ›Diakonos – Diakon‹. ›Ich möchte Euch. eine gesegnete Frau. während sie aufgeregt unter ihren Büchern suchte.‹ Catherine stieß die Luft aus. Eine Frau war eine ›Diakonissa – Diakonin‹. des verehrten Diakon…‹ Durch die dünne Nylonwand ihres Zelts hörte Catherine die üblichen Geräusche im Lager. aus einem Kofferradio kamen die Nachrichten eines Senders in Jerusalem. etwas so Erstaunliches berichten. Aber zuerst sollt Ihr wissen. suchte sie im Register und las: ›Diakonos (Strong’s Nummer: 1249-GSN) griechisch:‹Diener›. in Sorge um Eure Sicherheit und in Furcht um Euer Leben. einer der Studenten lachte laut.

Die ganze Familie ist zum ChanukkahFest hier. als ›Priester‹ angeredet? Das konnte nicht sein! Catherine schlug ein Schriftbeispiel in dem Nachschlagewerk auf. in dem das Wort ›Jesus‹ vorkam. Aber sie hatte ihm erklärt. Kein Zweifel: Sabinas Brief an Amelia mußte im zweiten Jahrhundert geschrieben worden sein.‹ Dann sagte er: ›Du kannst der 41 .‹ Als sie geschwiegen hatte.Kontext des Neuen Testaments‹Priester›. Seine Antwort und der Ton seiner Stimme gingen ihr nicht mehr aus dem Sinn. ›Ich hoffe. ›Es gab einmal eine Zeit. du kommst über die Feiertage‹. Nur das hätte die Anrede ›Diakon‹ gerechtfertigt. Damals bekleideten jedoch nach der übereinstimmenden Ansicht von Theologen und Bibelwissenschaftlern keine Frauen das Priesteramt. Beide stimmten beinahe völlig miteinander überein. besteht denn wenigstens die Möglichkeit. Plötzlich erinnerte sie sich an das letzte Gespräch mit Julius. War Amelia eine Priesterin? Eine Frau wurde in einem Brief. Sie hatte ihn vor einer Woche aus dem Hotel Isis angerufen. Sie klappte das Buch zu und versuchte. sie könne die Ausgrabungen nicht unterbrechen. Außerdem sei Weihnachten für sie ein Tag wie jeder andere. daß nur wir beide Weihnachten zusammensein können? Du fehlst mir so. Ihr Blick fiel auf das Photo der Autorin auf der Rückseite. ›Meine Eltern freuen sich darauf. da hat dir Weihnachten sehr viel bedeutet. Danach werden sie abreisen. griff nach der Lupe und verglich sorgfältig die Handschrift des Briefs mit den Buchstaben im Buch. die erstaunlichen Schlußfolgerungen in ihrer Tragweite zu erfassen. Liebste‹. Cathy.‹ Catherine holte tief Luft. fragte er: ›Cathy. dich wiederzusehen. hatte er gesagt.

was ich getan habe.‹ Sie hatte erwidert: ›O doch. den meine Mutter gebraucht hätte? Sie blickte auf den Korb und auf das Loch im Geflecht. Dahinter entdeckte sie das abgerissene Ende eines Papyrus. Das bedeutete. Cathy. Das Bild zeigte eine junge Frau mit lächelnden grünen Augen. Habe ich den Beweis gefunden. Aber Catherine sah nicht die Augen. streitbaren Lebens. Dr. sondern sie hörte die tonlose Stimme ihrer Mutter am Ende ihres bewegten. Nina Alexander hatte das Handbuch des Griechischen im Neuen Testament geschrieben. Sie hielt das ebenfalls abgerissene untere Ende ihres Fragments daran. ich hätte nicht tun dürfen. Behutsam legte sie das Jesus-Fragment in eine verschließbare Kassette und schob sie zusammen mit dem Korb unter ihr Feldbett. Die beiden Papyrus-Stücke paßten zusammen. als ihre Mutter kurz vor dem Ende alle ihre Erkenntnisse widerrufen hatte und die Kirche schließlich doch triumphierte… Verwirrt und innerlich aufgewühlt richtete Catherine ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Jesus-Fragment und das brisante Wort: ›Diakon‹. das Ende des Briefes nach den Worten: ›in Sorge um Eure Sicherheit und in Furcht um Euer Leben‹ befand sich in dem Korb. Catherine zögerte nicht mehr.‹ Ihr Blick richtete sich nachdenklich auf das Photo. denn mir fehlten die Beweise. aus denen eine wache Intelligenz sprach. das offenbar durch die Sprengung entstanden war. Sie sah die 42 . Wenn ich doch nur einen Beweis gehabt hätte…‹ Catherine wollte nicht mehr an den schmerzlichen Tag denken. Was beim Tod meiner Mutter geschehen ist. war ganz allein die Schuld der Kirche. als sie allein in einem Krankenhauszimmer lag und flüsterte: ›Sie hatten recht.Kirche nicht ewig die Schuld an allem geben.

43 . hörte sie einen Motor aufheulen. Sie vermutete. der Fund und möglicherweise sogar ihre persönliche Sicherheit in großer Gefahr. um hinauszugehen. mit welchem Flugzeug sie Ägypten so schnell wie möglich verlassen konnte. Aber als sie sah. Inzwischen sah die ganze Sache anders aus. ihr Zelt zu bewachen. verriet ihr die Staubwolke. daß er es offenbar sehr eilig hatte. danach Daniel in Mexiko und schließlich feststellen. daß einer ihrer Leute zum Einkaufen nach Scharm el Scheich fahren wollte. Er wird reden! In diesem Augenblick wußte Catherine. Zuerst würde sie Samir bitten. dann waren die Ausgrabung.Schlüssel für den Landrover neben dem Waschtisch. Die Abteilung für Altertümer in Kairo würde sie nicht anrufen. steckte sie ein und blickte auf die Uhr. In Kalifornien war es kurz nach Mitternacht. wenn das geschah. die manchmal die ganze Nacht dauerten. Als sie die Zeltklappe zurückschlug. dann Julius aus dem Hotel Isis anrufen. daß Hungerford in seinem Jeep in Richtung der Hotels davonbrauste. Catherines Plan stand fest. und ging um das Zelt herum. Hoffentlich war Julius zu Hause und nicht im Institut bei einem seiner Tests.

um den Platz wieder bespielbar zu machen. welche aufregende Überraschung Miles ihr zeigen wollte. Er machte so große Schritte. Erika lachte. »Du wirst staunen!« rief er so laut. New Mexico »Erika! Erika. wo in Vitrinen Kultobjekte aus dem Zum Pueblo standen. Sie liefen über den riesigen Innenhof. Es konnte eine ungewöhnliche Wolkenformation oder ein neuer superschneller Mikrochip sein. daß sich seine Stimme an der getäfelten Decke brach und von den weißen Wänden ihres beinahe tausend Quadratmeter großen Hauses aus Adobeziegeln widerhallte. In den dreißig Jahren ihrer Ehe hatte es keinen einzigen Augenblick der Langeweile gegeben. daß sie beinahe rennen mußte. Liebling! Schnell. kamen wieder ins Freie und liefen an dem privaten Golfplatz vorbei. wo Gärtner sorgfältig den frisch gefallenen Schnee entfernten. der einen schokoladenbraunen Corvette ZR-1 auf Hochglanz polierte – einen von dreiundzwanzig alten Corvettes aus Havers’ Sammlung -. Bei ihrem Mann mußte sie auf alles gefaßt sein.Santa Fe. hob erstaunt den Kopf. »Aber Miles! Ich bin doch gerade…« »Das mußt du sehen. Aber wie immer ließ sie sich sofort von seiner Begeisterung anstecken. 44 . Ein Chauffeur. beeil dich!« Er lief mit ihr nach draußen und durchquerte dabei eine verglaste Veranda mit alten spanischen Möbeln und sehr bequemen Rattansesseln. komm schnell!« Miles Havers nahm die Hand seiner Frau und zog Erika aus dem Sessel. Sie hatte keine Ahnung. Dann eilten sie durch einen mit Buntglas gestalteten Bogengang.

Sie war eine zarte. Die Jahrtausendwende stand bevor. als ihre Augen unwillkürlich in Richtung Golfplatz wanderten. Es war eine Vorsichtsmaßnahme. die Miles um das sechzig Hektar große Anwesen hatte Stellung beziehen lassen. und Santa Fe galt als einer 45 . Schließlich wußte Erika. Als sie die verschlossene Tür erreichten. daß ihre Füße kaum den Boden zu berühren schienen. Das war ein vertrautes Geräusch auf dem Anwesen. aber noch immer staunte sie über das unvergleichliche Blau des Himmels von New Mexico. sie waren da – die Wachen. Erika war wie er Anfang Fünfzig. den man Stein für Stein. in dessen Herzen sich ihr fünftausend Hektar großes Gelände befand. denn der zweiundfünfzigjährige Miles Havers war ein begeisterter Jogger und trainierte zu jeder Tagund Nachtzeit seinen immer noch sportlichen Körper. Sie sah niemanden dort. die intensive Färbung beruhe auf der geringen Luftfeuchtigkeit.Havers’ Sandalen klatschten laut auf den SaltilloFliesen. aber sie wußte. die an diesem kalten Dezembertag in weißen Schnee gehüllt waren. Man hatte ihr gesagt. wohin er sie führte – in das Tropenhaus. Sie dachte verzaubert: Sangre de Cristo – Blut Christi – wirklich ein seltsamer Name für ein Gebirge… Ein kalter Wind fuhr durch ihre kurzen aschblonden Haare. denn in diesem Monat kamen ungewöhnlich viele Menschen nach Santa Fe. Erikas Blick richtete sich unwillkürlich nach Westen zu den Sangre de Christo-Bergen. Fliese um Fliese aus Madrid hierhergebracht hatte. um das Schloß zu öffnen. und ein Schauer lief ihr über den Rücken. die so leichtfüßig ging. feingliedrige und vornehm wirkende Frau. als sie ihrem Mann um den spanischen Brunnen aus dem fünfzehnten Jahrhundert folgte. Erika lebte inzwischen bereits zehn Jahre hier. gab Miles eine Geheimnummer ein.

Stars und gefeierte Künstler. da sich alle Stars aus Angst vor der großen Katastrophe in die sicheren Gebiete von Wyoming oder Montana und nach Manhattan zurückgezogen hatten. die er in der Steinwüste sechshundert Meter über dem Meeresboden geschaffen hatte. Nelken und Gardenien. das in weniger als drei Wochen beginnen würde. so hieß es. Präsidenten. In sehnsüchtiger Erwartung auf eine spirituelle Offenbarung für die Welt und für sie persönlich hatte sie das letzte Jahr mit den Vorbereitungen für das ›Fest des Jahrhunderts‹ zugebracht. und Erika schlug heiße. Man rechnete mit Erdbeben. Das Tropenhaus war. in anderen standen Gewächse bereits in voller Blüte oder waren mit Knospen 46 . Hollywood. Erika hingegen freute sich auf das neue Jahrtausend. Sie alle sollten zugegen sein und als Zeugen in der Casa Havers die große Konvergenz erleben. bei dem die Heerscharen des Himmels die Mächte der Hölle besiegen würden.der heiligen Orte der Erde. in denen Ableger und aus Samen gezogene Pflanzen wuchsen. riesigen Überschwemmungen. bescheiden ausgedrückt. darunter Verwandte. Die Bevölkerung der ganzen Welt sah mit Spannung dem neuen Jahr entgegen. Miles führte Erika voll Stolz in seine Miniaturtropen. schweren Naturkatastrophen. Geschäftsfreunde. Berühmtheiten des gesellschaftlichen und religiösen Lebens. Es wurden über tausend Gäste erwartet. Die Tür des Tropenhauses glitt geräuschlos zur Seite. und viele bereiteten sich sogar auf den Weltuntergang vor. Dünger und Moder lagen die betäubenden Düfte von Narzissen. eine Miniaturwelt. gute Freunde. Über den Gerüchen von Erde. Sie gingen zwischen Beeten hindurch. sei inzwischen eine Geisterstadt. feuchte Luft entgegen. auf die Erika und ihre New Age-Freunde hofften.

erklärte er mit bebender Stimme. die von geldgierigen und gewissenlosen Sammlern gefördert wird. als er die Knolle bei einem Züchter in Kalifornien gekauft hatte. was er als richtig empfand. hier in den Vereinigten Staaten gesunde Pflanzen unter künstlichen Bedingungen zu züchten! Das bedeutet. das empfindliche Gleichgewicht der Biosphäre zu stören. das Krächzen von Papageien und das Geschnatter von Affen zu hören. »Und es ist mir doch gelungen! Das ist der Beweis. wir können in Zukunft den Dschungel in Ruhe lassen.« Erika sah ihn an. Als Erika die Blüte mit den mitternachtsblauen Blütenblättern und den schimmernden grünen Blättern sah. daß man mit wissenschaftlichen Methoden die barbarische Plünderung der Regenwälder aufhalten kann. Miles! Das ist unfaßlich…« »Zygopetalum Blauer See«. verständnisvoller Mensch. für das zu kämpfen. legte sie die Hand auf die Brust und hauchte: »Oh. 47 . Manchmal schlief er sogar hier im Gewächshaus. Er war ein guter. Das bewunderte sie an Miles am meisten. Erika.« Erika wußte. es sei nicht möglich«. Sie spürte seine Begeisterung in der schwülen Luft. Schließlich legte sie lächelnd die Arme um ihn und drückte ihn an sich. welche Mühe sich Miles gegeben hatte. wo Miles seine seltenen Orchideen züchtete. »Man hat mir gesagt. »Es war nicht einfach. während er sprach. In schattigen Grotten wuchsen üppige dunkelgrüne Farne und rankende Kletterpflanzen. der den Mut hatte. als fürchte er. Er blieb stehen und flüsterte: »Da…«. diese besondere Orchidee zum Blühen zu bringen. Es ist möglich. sagte er triumphierend. aber sie hat es geschafft.übersät. um sein ›Kind‹ zu pflegen. Es war ein Abenteuer gewesen von dem Augenblick an. Schließlich erreichten sie die Stelle. Es hätte Erika nicht überrascht.

Aber natürlich mußte niemand darüber aufgeklärt werden. dessen rücksichtslose Ausrottung mancher Pflanzenarten Miles dazu veranlaßt hatte. was alles zu Havers’ Elektronik-Imperium gehörte. Miles hatte sich schon immer für die weltweite Erhaltung der Umwelt eingesetzt. und so liebte Erika ihren Mann. Da sein kometenhafter Erfolg und sein Reichtum auf seiner Zeit als Hacker beruhte. und Time Magazine hatte ihn kürzlich als Erfinder von Internet bezeichnet. daß Miles Havers – Golfspieler. Deshalb unterstützte er die Bemühungen der USA. bei dem Sammler astronomische Summen für eine einzige Pflanze zahlten. karikierte man Miles oft als die ›Wühl-Maus‹. Niemand wußte genau. Miles war ein Held seiner Zeit. daß einige Arten bereits ausgerottet worden waren. Erst am Tag zuvor war er aus Washington zurückgekommen. wo er vor einem Senatsausschuß ausgesagt und strengere Gesetze zum Import seltener Pflanzen gefordert hatte. Er nutzte seinen Reichtum für die Lösung gesellschaftlicher Aufgaben. Er hatte alarmierende Zahlen vorgelegt. diesen superreichen Computer-König. die Dschungel ihrer natürlichen Flora so weit beraubten. Wie auch immer. Im Augenblick kämpfte er auf einer höheren und sehr viel einflußreicheren Ebene. Sein Feldzug richtete sich besonders gegen Taiwan. das Land öffentlich anzuprangern. Ganz Amerika liebte ihn. sein Einfluß reichte inzwischen um die ganze Welt. Jogger und Drachenflieger – kaum in das Klischee eines 48 . die bewiesen. Taiwan die Mitgliedschaft in den Vereinten Nationen zu verweigern. aber seine besondere Leidenschaft galt der Rettung gefährdeter Pflanzen und Tiere. Die Zeitschrift Forbes hatte den Nettowert seines Konzerns mit zehneinhalb Milliarden Dollar veranschlagt. daß der illegale weltweite Handel mit Orchideen.Gewiß.

« Mit einem Blick auf Erika sagte er: »Entschuldige. Ich muß ohnehin noch einmal die Gästeliste für das Konzert durchgehen und den Maestro anrufen. daß er dem Alter nach bereits den Höhepunkt seines Lebens überschritten hatte. wenn ich zurückrufe. daß er wie ein Filmstar aussah. Seine blondbraunen Haare waren immer jungenhaft zerzaust. Erika fand immer. gab eine Geheimnummer ein. aber ich muß das Gespräch annehmen.Computer-Freaks paßte. sagte er: »Sprechen Sie. »Also gut. auch das war ein Klischee. Dazu kamen die faszinierenden grauen Augen und sein unvergleichliches ansteckendes Lächeln. wenn sie an die Zeit zurückdachte. verbinden Sie. und man sah ihm nicht an.« Miles kniff die Augen zusammen. Der Piepser an seinem Gürtel meldete sich plötzlich. in der sie als Hippies in einem VW-Bus durch die Vereinigten Staaten gefahren waren und in Woodstock nackt im Regen getanzt hatten. daß sie und Miles es soweit gebracht hatten. Das Gespräch kommt aus Kairo. Manchmal konnte sie es noch immer nicht glauben. Havers trat zu einem Sprechgerät an der Wand. aber es entsprach trotzdem der Wahrheit. Gewiß. Miles Havers war in den Augen seiner Frau der Inbegriff von Klugheit und salopper männlicher Eleganz. Dann nahm er den Hörer des Wandapparats neben dem Eingang ab.« »Wer ist es?« »Der Anrufer wollte keinen Namen nennen. Sir.« Sie gab ihm einen Kuß auf die Wange.« Miles begleitete sie zur Tür. Er war schlank und muskulös. »Ja?« »Sie haben ein Telefongespräch. die sich automatisch hinter Erika schloß. und als sich der Teilnehmer am anderen Ende meldete.« Miles 49 . »Eine wundervolle Orchidee. Es ist dringend. Liebling. Hast du etwas dagegen?« »Aber nein.

wenn es geschah. sondern die Erwartung ist die Droge des Sammlers. und das Entfernen der Knolle riskant. Mr. prickelnde Erregung erfaßte ihn. »Und Sie sind sicher. Wie vor sechs Monaten war seine Beutegier erwacht. die man so gut wie nicht findet. und seine Lippen wurden schmal. »Ein Fragment?« fragte er. Jetzt wurde er belohnt. ›Ich habe eine Orchidee für Sie. Die Ausfuhr ist illegal. Nicht der Erwerb. Das Wichtigste dabei war: Sie blühte nur zu seinem persönlichen Vergnügen. gehörte das zu den unvergeßlichsten Augenblicken seines Lebens… Vor sechs Monaten hatte er einen Anruf aus Taiwan erhalten.‹ Miles hatte nach dem Telefonat tagelang nicht geschlafen. daß in dem Schriftstück das Wort ›Jesus‹ vorkommt? Sind noch andere Fragmente oder Schriftrollen gefunden worden?« Als er die Antwort hörte. Er hatte dieses besondere Gefühl längere Zeit nicht mehr erlebt. In seiner privaten tropischen Welt blühte schimmernd eine atemberaubend schöne und seltene Orchidee.hörte einen Augenblick lang zu. Gefahren gehören zu meinem tollkühnen Spiel »Sind die Behörden bereits informiert? Ich verstehe… Was ist in dem Korb? Stellen Sie es fest. Die Transaktion wird sehr teuer werden. Havers… Zygopetalum Blauer See… eine sehr seltene Art. Dann endlich traf die kostbare Knolle von ›einem Züchter aus Santa Barbara‹ ein. ballte Miles unbewußt die freie Hand zur Faust. obwohl die mehrfach isolierten Scheiben des Tropenhauses keinen Laut nach außen dringen ließen. aber jedesmal.« 50 . Eine vertraute. »Ein Korb?« fragte er und sprach unwillkürlich leise. und halten Sie mich auf dem laufenden. dachte er.

der sich Ihnen in den Weg stellt. »Zeke ist in der Leitung. daß ich ihn auf der Stelle sprechen muß.« 51 . Gehen Sie von Anfang an unauffällig vor. Wie? Das überlasse ich Ihnen. Wenn das der Fall ist. bis das Telefon summte. als er hinzufügte: »Hören Sie. wird ausgeschaltet. Sir. Stellen Sie fest. Haben Sie mich verstanden?« Seine Stimme klang kalt.Er beendete das Gespräch und wählte eine andere Nummer. ob der Korb etwas mit dem Jesus-Fragment zu tun hat und ob es Schriftrollen gibt. dann möchte ich sie haben. Zeke. Sagen Sie Zeke.« Es dauerte keine fünf Minuten. sofort. aber jeder. »Rufen Sie in Athen an. Begeben Sie sich nach Scharm el Scheich. ich habe jeder gesagt.« Miles gab ihm kurz die notwendigen Informationen und sagte dann: »Der Auftrag in Athen kann warten.

Vor ihr stand grinsend Hungerford und nahm ihr mit seiner Leibesfülle den Blick 52 .Scharm el Scheich. um sich vorzustellen. murmelte sie. fragend an.« Sie hatte drei Stunden lang vergeblich versucht. Sie sah plötzlich in jeder Ecke Spitzel bei türkischem Kaffee. wie die Nachricht von diesem Fund um den Erdball kreiste. Ein Blick durch die Hotelhalle machte sie noch mißtrauischer. Golf von Akkaba »Hallo? Senor?« rief Catherine in den Telefonhörer. Frau Doktor?« Catherine fuhr herum. »Ich versuche immer noch. seit die Sprengung das Jesus-Fragment zutage gefördert hatte. Daniel Stevenson zu erreichen. Vermutlich hatte Hungerford bereits am frühen Morgen mit einem einzigen Anruf dafür gesorgt. die ihre Tauchausrüstung zum privaten Anlegeplatz des Hotels trugen. was sie als nächstes tun sollte. Die vielen neuen Gäste in den Korbsesseln hinter den Kübelpalmen tarnten ihre wahren Absichten vermutlich mit der Lektüre arabischer und französischer Zeitungen. den Besitzer des Hotel Isis. Sein Lager befindet sich… Hallo? Hallo!« Sie starrte auf das stumme Telefon in ihrer Hand und stöhnte. »Pech«. »Ich bekomme keine Verbindung. Zehn Stunden waren vergangen. Catherine brauchte nicht viel Phantasie. sah sie Mr. »Nicht schon wieder!« Als Catherine zur Rezeption zurückkehrte. etwa wie Elektronen um ein Proton. Dr. Mylonas. Selbst die sportlichen Touristen. kaute auf der Unterlippe und überlegte. Catherine stemmte die Hände in die Hüften. Die Verbindung wird ständig unterbrochen. Daniel in Mexiko zu erreichen. kamen ihr verdächtig vor. »Sie telefonieren. daß die Jagd der privaten Sammler auf den Fund begonnen hatte.

die er mit dem JesusFragment und dem Korb haben mochte. wenn wir den Korb öffnen. daß er die Sache mit den Zeitungen nicht glaubte. Eigentum des ägyptischen Volkes. ob sein übliches anzügliches Gehabe diesmal von gewissen gefährlichen Untertönen begleitet gewesen war.« Hungerfords blaßbraune Augen musterten sie fragend. in dem sich die letzten Strahlen der untergehenden Sonne spiegelten. um alle möglichen Pläne. Dann lachte er laut: »Aber natürlich! Da steht uns offenbar ein richtiger Medienrummel bevor. »AI Ahram und die Gazette möchten Reporter und Photographen schicken. »Tut mir leid. er zweifle daran. »Ich warte auf den Rückruf… einer Zeitung«. »Ich habe Kairo informiert. Außerdem hatte sie den Eindruck. Das ist im Augenblick nicht möglich. die anwesend sein sollen. was wir gefunden haben. »Natürlich. um unseren Fund zu feiern?« Catherine zwang sich. wie er gesagt hatte ›unser Fund‹. Frau Doktor!« Er drehte sich um und verschwand grinsend in der Bar. Die Behörde schickt die zuständigen Beamten.« Ihr gefiel es überhaupt nicht. 53 . im Keim zu ersticken. erwiderte sie gereizt. daß sie die Behörde in Kairo informiert hatte. aber genau das mache ich«.« Seine Augen richteten sich wieder stumm auf ihr Gesicht. »Sie werden es nicht glauben. Dann zwinkerte er ihr zu. Sie werden morgen früh hier sein. Schließlich…«. Catherine sah ihm nach und fragte sich. fügte sie schnell hinzu. wo gerade eine Bauchtänzerin mit ihrer Darbietung begann. Sie hatte sich die Lüge spontan einfallen lassen. Sie wurde den Eindruck nicht los.auf die Hotelveranda und den türkisfarbenen Swimmingpool. freundlich zu bleiben. Und wie wäre es mit einem Drink. sie lächelte und sagte spitz. »ist das.

Die Bande verhöhnte und verspottete sie. Sie wollte etwas Illegales und Unmoralisches tun. vertrieb die Jungen mit seinen Fäusten 54 .Kalter Schweiß stand ihr auf der Stirn. In dieser Lage gab es nur einen Menschen. Eine Bande rauflustiger Jungen hatte sie. Aber dazu brauchte sie Hilfe. bevor es ihr gelungen war. Catherine wußte. einen fragwürdigen Ruf zu haben. mit dem sie bisher aus Schüchternheit nie gesprochen hatte. wenn die Behörde in Kairo etwas von dem Fund erfuhr. Sie konnte Julius unmöglich in dieses Abenteuer hineinziehen. daß Daniel stolz darauf war. Ägypten zu verlassen? Die Beamten würden mehr als ungehalten darüber sein. Julius nicht anzurufen. landete sie sogar in einem ägyptischen Gefängnis. Plötzlich tauchte ein magerer kleiner Junge aus ihrer Klasse auf. ihr die Leitung der Grabungen entziehen und sie ägyptischen Archäologen übertragen… Wie auch immer. Das war schon an dem Tag vor sechsundzwanzig Jahren nicht anders gewesen. Zweifellos würde man zu drastischen Maßnahmen greifen. sie würde sich nicht durch mögliche spätere Konsequenzen von ihrem Entschluß abbringen lassen. als sie ihn kennenlernte. Sie hatte Angst. Was würde geschehen. die ängstliche Zehnjährige. Sie mußte vorsichtig vorgehen und bei der riskanten Aktion auch an ihre Sicherheit denken. und wenn sie Pech hatte. Zuerst einmal mußte es ihr gelingen. Ihr Plan würde ihrem wissenschaftlichen Ruf schaden. daß Catherine sie nicht informiert hatte. auf den sie sich hundertprozentig verlassen konnte… Auf der Fahrt vom Lager zum Hotel hatte Catherine beschlossen. und man konnte sich immer darauf verlassen. das Fragment und den Korb aus Ägypten zu schaffen. Deshalb blieb nur Daniel. daß er etwas Unerhörtes tat. Er liebte das Risiko. im Schulhof in eine Ecke getrieben.

Daniel hatte ihr in der finsteren Nacht vor ihrem dreiundzwanzigsten Geburtstag aus dem Abgrund geholfen. der nicht gelacht hat. Seit diesem Augenblick war Daniel für Catherine immer ein zuverlässiger Freund und sie seine Freundin geblieben. als ich mit dem Schild um den Hals auf dem Hocker stand… Catherine blickte auf ihre Uhr. als sie ihre Eltern verlor.und rettete sie wie ein edler Ritter. weshalb Catherine aus der Kirche ausgetreten und eine Rückkehr zum Glauben für sie ausgeschlossen war. In Mexiko war es kurz vor acht Uhr morgens. du warst der einzige in der Klasse. Sie mußte ihm die Information zukommen lassen. Nur Daniel verstand wirklich. Sie tröstete ihn beim Tod seiner Mutter. Danno. Dort wäre er die nächsten zehn Stunden nicht mehr erreichbar. Er würde das Lager bald verlassen und sich auf den Weg zu dem Maya-Grab machen. Aber wie? 55 . und er tröstete Catherine. denn er gehörte zu der quälenden Erinnerung. So viel Zeit hatte Catherine nicht. Der Held war Daniel Stevenson und wie Catherine ein Außenseiter in der Schule. Sie kannte Daniels Arbeitsgewohnheiten. Auch Daniel war in der letzten Nacht in ihrem Traum gewesen.

Cathy hatte ihn in den langen einsamen Wochen mit ihren Briefen und Telefonaten moralisch unterstützt. er hatte es geschafft. Dann schrieb jemand aus dem Institut in Santa Barbara: ›Wer zuletzt lacht. Dr. Danny Boy!‹ Daniel betrachtete glücklich die übereinanderliegenden Bilder auf dem Monitor. Wenn doch Cathy diesen Augenblick seines Triumphs mit ihm hätte teilen können! Auf dem Bildschirm erschien ein lachendes ComicGesicht. und lachte. Cathy… Sie als einzige hatte nicht gelacht. Der Ton brach sich an den feuchten Wänden der Grabkammer. 56 . Houston? Habt ihr das Bild?‹ Kurz darauf erschien auf dem Bildschirm des Laptops die Antwort: ›Wir sehen es.Mexiko »Da ist es!« rief Daniel. und seine Stimme hallte dumpf in dem Felsengrab. als er zum ersten Mal seine These aufstellte. Dann wurde es still. daß die Vorfahren der Mayas Minoer gewesen seien. die sich nach dem Untergang von Atlantis an die Küste von Yukatan retten konnten. das Ergebnis jahrelanger Arbeit. daß die Vorfahren der Mayas Überlebende des verschwundenen Kontinents Atlantis waren. Er lächelte glücklich. Endlich hatte er den Beweis erbracht. Kein Zweifel. Schnell tippte er auf seiner Tastatur: ›Seht ihr es. daß er mit seinem Examen in Physik und einer hervorragenden Dissertation. lacht am besten. Er konnte nachweisen. Glückwunsch!‹ Daniel dämpfte das Licht der Laterne und erhöhte die Helligkeit auf seinem Bildschirm. Cathy hatte ihn daran erinnert. um das Bild besser und schärfer zu bekommen. während er in der engen Grabkammer des Maya-Königs arbeitete und vom ohrenbetäubenden Lärm des Generators beinahe taub wurde. Stevenson.

aber mit Beweisen. die man in Bonampak fand. sich gegen die Spötter zu wehren. Danno‹. das Recht hatte.in der er die Genauigkeit der Datierung bronzezeitlicher Keramik mit Hilfe von Thermolumineszenz in Frage stellte. die aus einer früheren Zeit stammten als alle derzeit bekannten. so ernst genommen zu werden wie jeder andere Wissenschaftler auch. Aber Daniel erwiderte. Und von Cathy hatte er gelernt. hatte Luftaufnahmen studiert und die Computer mit immer neuen Daten gefüttert. Dieses Ergebnis hatte ihm die widerwillige Anerkennung seiner Kollegen eingebracht. Er kam deshalb zu dem Schluß. es seien keine Ähnlichkeiten zwischen der Kunst der Ägäis und der des klassischen Mittelamerika nachzuweisen.‹ Die Herausforderung hatte in der Tat darin gelegen. die an Besessenheit grenzte. Seine Entschlossenheit. Allerdings 57 . Kunst und Kultur hätten sich in den dazwischenliegenden Jahrhunderten entsprechend entwickelt. Dann aber stieß er auf ein Fresko. den Beweis zu finden. sagte sie immer wieder. zeigte es schlanke. ›Mach dir nichts daraus. Alle erklärten. drahtige Gestalten mit schmalen Hüften und schulterlangen schwarzen Haaren. daß die Kunst von Chichen Itza und anderer Hochburgen der MayaKultur mehrere tausend Jahre nach der AtlantisKatastrophe entstanden sei. das lasse sich dadurch erklären. daß es sich um das Grab eines bis dahin unbekannten MayaKönigs handelte. Beispiele der Maya-Kunst zu finden. wie man es noch nie zuvor gesehen hatte. es müsse ihm gelingen. Er hatte mehrere Jahre mit der Suche zugebracht. Anstelle der korpulenten Gestalten mit schlaffen Armen und dicken Bäuchen. Nach zwei Jahren mühevoller Ausgrabungen stellte er fest. führte ihn schließlich zu einem seltsamen Hügel im mexikanischen Dschungel. ›Stürze sie von ihrem hohen Sockel.

Die Archäologen deuteten solche gewundenen Bänder in der aztekischen Kunst als Symbole für Sprache oder Atem. bei der ihre Vorfahren ertrunken waren. Einige gingen sogar soweit zu behaupten. Azteken und den Mayas als mächtiger Gott verehrt wurde. so erklärte Daniel. könne man erklären. das selbst ihn verblüffte. die erst Jahrhunderte später auftauchten.oder Südamerika zu finden war. Dann legte Danno auf der dritten Wand der Grabkammer ein weiteres Fresko frei. daß sich diese Menschen unter Wasser befanden und ertranken. Deshalb verwies Daniel auf die Wandbilder von Bonampak. die Jahrhunderte später entstanden waren. Es glich aztekischen Darstellungen. Unter den Kalkschichten einer zweiten Wand war Daniel auf etwas gestoßen. das Schlangen zeigte: die Vorläufer der Gefiederten Schlange. als Atlantis unterging – seine Kritiker ließen sich jedoch nicht überzeugen. Das Fresko. Wie. Aus ihren Mündern stiegen seltsame Wirbel auf. Daniel dagegen deutete sie als Hinweise darauf. die ein Kennzeichen der späteren MayaKunst waren. Jetzt hatte er allerdings einen noch klareren Beweis gefunden. aber die Spötter machten sich sofort wieder über ihn lustig. die bei den Tolteken. sei der Beweis für seine Atlantis-Theorie.hatten sie bereits die flache Stirn und die langen Hinterköpfe. so hatte er gefragt. Die Menschen auf dem Bild saßen zusammengekauert oder lagen auf dem Rücken. daß auf 58 . Das neu entdeckte Wandbild zeigte die Geschichte der großen Katastrophe. Auf dem von Danno entdeckten Fresko hielten die Menschen Schlangen in beiden Händen – ein bekanntes Motiv der minoischen Kunst. Es handelte sich um ein Wandbild. das weder in Mexiko noch irgendwo in Mittel. bei den Spiralen handle es sich um Darstellungen der Atmungsapparate vorzeitlicher Astronauten.

Weshalb sollte eine Gesellschaft im Dschungel Lebewesen und Pflanzen aus dem Meer darstellen? Aus einem einfachen Grund. In der Info-Box des Monitors erschien die Frage: ›Wo bleibt der Champagner?‹ Houston fragte: ›Wo bleibt unser Geld?‹ Das war ein alter Witz. Ein durchdringender Pfeifton machte Daniel darauf aufmerksam. denn jedermann wußte. Knie und Fingerspitzen wurden präzise übereinanderprojiziert und fehlende Stellen mit Hilfe des Rekonstruktions-Programms ergänzt. Leute! Heute spendiere ich den Kaviar. daß die Batterie seines Laptop aufgeladen werden mußte. Mit seinem alten IBM ThinkPad. der Kopfschmuck erinnerte an Kraken. Daniel nahm die Helligkeit des Bildschirms zurück und antwortete seinen Freunden: ›Danke. ›Mazel tow!‹ schrieben die Kollegen aus Santa Barbara. daß Daniel ständig Geldsorgen hatte. Bestimmte Punkte wie Nasen. Das erlaubte ihm sowohl den Zugriff auf eine Kunst-Datenbank als auch auf ein Kunst-RekonstruktionsProgramm. erklärte Danno: Diese Bilder erzählten die Geschichte des Untergangs von Atlantis.‹ Er seufzte und lauschte auf den heftigen Regen draußen 59 .34-Modem und einem Funktelefon hatte er eine CyberspaceVerbindung zu Kollegen in Houston und Santa Barbara aufgebaut. Sie stimmten beinahe völlig überein. Flossen und Seetang.diesen Fresken des achten Jahrhunderts immer wieder das Thema Meeresleben auftauchte? Auf den Gewändern von Priestern und Herrschern sah man Langusten. Dann verglich er sorgfältig eines der Wandbilder mit ausgewählten minoischen Darstellungen. Über eine Satellitenverbindung in Cozumel übertrug er die entdeckten Wandbilder in beide Institute. einem Xircom PCMCIA V. Daniel hatte neben dem neu entdeckten Königsgrab sein Lager aufgeschlagen.

der ein Wendepunkt in seinem Leben gewesen war. und plötzlich wurde aus seiner besten Freundin ein Mädchen. Cathy lachte und hielt abwehrend die Hand vor das Objektiv der Kamera. und Daniel hatte alles getan. Die Nachricht überraschte Daniel nicht. Ihn würde sie bestimmt nicht heiraten. denn er war sicher. Aber Cathy hatte ihn gefunden. das er heftig liebte. Andererseits konnte er den Gedanken nicht ertragen. So hatte er ihr Bild bei der Arbeit immer vor Augen. daß ich ihn heirate‹. in dem Wasserfluten den Helden im Dschungel von der Welt abschnitten. weil sie sich für häßlich hielt. Einerseits wollte er. das er an der Innenseite des Laptop-Deckels unter den Bildschirm geklebt hatte. Damals war er sechzehn. Der Duft ihres Parfüms stieg ihm in die Nase. es werde alles gut werden. daß sie Julius heiratete. Der unaufhörliche Regen ließ ihn an eine Szene aus einem Film denken. damit sie auch nach zwanzig Jahren nichts von seiner Liebe wußte. daß die beiden glücklich sein würden. Seine Freude schwand. obwohl sie in Wirklichkeit eines der schönsten Mädchen der Schule gewesen war. drückte ihn an sich und flüsterte. Warum konnte sie jetzt nicht bei ihm sein? Er sah sich traurig in der modrigen Grabkammer um und dachte an den Tag. Wie schön wäre es. Catherine hatte damals nichts davon geahnt. Sie umarmte ihn. daß sie einem anderen Mann gehörte. aber sie traf ihn trotzdem bis ins Mark. hatte sie in ihrem letzten Brief geschrieben.vor dem Grab. und er fühlte sich plötzlich niedergeschlagen. ›Julius möchte. Es war eine alte Aufnahme von der Schulabschlußfeier. wenn Cathy mit mir feiern könnte… Leider hatte er nur ihr Photo. Er hatte sich in der Waschküche verkrochen und schluchzte verzweifelt. er spürte ihren schlanken Körper. Daniel machte sich keine Illusionen über ihre 60 .

etwas von der Begeisterung zurückzuholen. die ihn noch vor kurzem beflügelt hatte. 61 . Sie waren Freunde. wenn sie zusammen waren. fiel ihm allerdings nichts ein. mit einem Mel Gibson konnte er sich nicht vergleichen. vielleicht sogar Seelengefährten. aber sie würden nie ein Paar werden können. was schlimmer gewesen wäre. Soll sie diesen Julius heiraten und ihr Glück als ›Mrs. Es gibt Schlimmeres… Während Daniel auf den Monitor starrte und versuchte. Catherine würde für ihn nie romantische Gefühle entwickeln. Er war kleiner als Catherine.Beziehung. aber er wußte. Voss‹ finden. Er fand sich zwar nicht gerade häßlich. Das mußte sich Daniel jedesmal eingestehen.

Golf von Akkaba Plötzlich wußte Catherine. wie man einen Computer bedient. um Post abzuholen. ich kann für ein paar Minuten den Hotel-Computer benutzen? Ich bezahle Ihnen natürlich die Gebühren für die Zeit. die ich brauche. Sie erschien beinahe täglich. »Mr. Mylonas«. und hat aus Athen einen Computer kommen lassen. »ich möchte Sie um einen Gefallen bitten. sagte sie jetzt zu ihm.« »Beim heiligen Andreas!« sagte er lachend und schüttelte den Kopf. zuerst viel Kaffee. Schnell ging Catherine zur Rezeption zurück. wie sie Daniel erreichen konnte… Sie hatte ihm einen Sommer lang geholfen. »Vor vier Jahren hat mir Papadopoulos erklärt. weil Daniel dort ein verborgenes Grab vermutete. Nach einem Jahr kannte sie jeder im Hotel Isis. Mylonas. das Hotel zu modernisieren. ein Gebiet in Chiapas zu kartographieren.Scharm el Scheich. und ich weiß es auch nicht. In diesem Sommer gab es kaum Änderungen im Tagesablauf: Aufstehen vor Sonnenaufgang. was in der Welt geschah. danach Auswertung der Ergebnisse des Vortags und dann… Es war ihr wieder eingefallen! Daniel saß vor der Arbeit regelmäßig am Computer und informierte sich via Internet über das. nach Scharm el Scheich zu fahren. Hassan weiß es nicht. es ist Zeit. um einen Freund zu erreichen. Glauben Sie. tauschte Gedanken und Informationen mit einer Gruppe von Freunden aus und las seine E-Mail. und Ramesch kann nur Briefe damit 62 . Gelegentlich trank sie sogar mit dem siebzigjährigen verwitweten Besitzer Tee. wenn sie keine Zeit hatte. Aber Papadopoulos weiß nicht. und versorgte sich mit den nötigen Dingen.

Catherine überlegte nicht lange und ging zum Büro im hinteren Teil des Hotels. in ein anderes Hotel zu fahren. »Wer noch?« »Ein Gast. Ich kann an den Fingern einer Hand abzählen.« Aber Catherine hatte keine Zeit. ebenfalls nicht. Sie mußte ihn erreichen. der Stellvertreter von Mr. und am Deckenventilator baumelten klebrige Fliegenfänger. Der Mann drehte ihr den Rücken zu und tippte auf der Tastatur. Neben mehreren altmodischen Telefonen mit Wählscheibe stand dort auch eine mechanische Schreibmaschine. der heute am späten Nachmittag eingetroffen ist. Und heute? Plötzlich wollen alle an den Computer!« »Alle?« »Ja. hatte 63 . Er war groß. Der kleine Raum war vollgestopft mit ausrangierten Möbeln. bevor er sein Zelt verließ. sagte Mr. Aber am Computer saß jemand. Frau Doktor. Die Sekretärin war nicht da. der Computer ist im Augenblick nicht frei?« Er nickte und zuckte entschuldigend mit den Schultern. In den vergangenen fünf Monaten niemand. Mylonas und widmete sich einem Gast. An der Wand hingen ein islamischer und ein westlicher Kalender. Er sitzt gerade am Computer.« »Wollen Sie damit sagen.schreiben. und sie blickte hinein. Hungerford. Die Tür stand offen. Mylonas. »Tut mir leid«. wie viele Gäste diesen Computer benutzt haben. ihr amerikanischer Freund. »Vielleicht können Sie es im Sheraton oder im Hilton versuchen.« Sie runzelte die Stirn. In Mexiko war es inzwischen halb neun. der Geld umtauschen wollte. zum Beispiel Mr. Ramesch. Daniel blieb nie länger als eine Stunde Online.

Catherine warf erst einen Blick auf die Uhr. sondern einen Priesterkragen hatte. Aber dann fiel ihr auf. Er hatte blaue Augen und eine sonnengebräunte Haut. Mr. Sie war verwirrt. Sie räusperte sich noch einmal. trommelte sie mit den Fingern nervös auf das Gästebuch und starrte in die Richtung des Büros. Catherines Blick verweilte unwillkürlich auf der betont männlichen Gestalt. »Ich wollte Sie fragen. das Telefon in unserem Büro steht Ihnen zur Verfügung. einen Priester um einen Gefallen zu bitten. Während sie wartete.« »Stunden? Warum dauert das so lange?« »Ich glaube. ob der Computer frei ist…« »Ich habe gerade meine E-Mail abgeschickt und fürchte. Catherine räusperte sich und blieb in der Tür stehen.« »Wie lange?« »Ein paar Stunden. damit ist dieser Computer eine Weile beschäftigt. ob ein Computer frei sei. ob…« Der Mann drehte sich um. im Sheraton anzufragen. Frau Doktor«. »Aber alle Anschlüsse sind besetzt. Er lächelte sie liebenswürdig an. dann auf den Computer und schließlich auf den Priester. sie brachte es einfach nicht über sich. Er trug ein schwarzes Hemd mit kurzen Ärmeln und Jeans. überlegte es sich aber anders und drehte sich wortlos um. daß das schwarze Hemd kein normales Hemd war. daß der Gast ein Geistlicher war. er hat ein 300-Bits-pro-Sekunde-Modem!« erwiderte er und lachte. sagte Mr. »Ich wollte Sie fragen.breite Schultern und eine fast militärische Haltung. Mylonas und hängte auf. Bitte. An der Rezeption bat sie Mr.« 64 . Sie wollte etwas sagen. Mylonas hatte nicht erwähnt. Sosehr sie es auch gewollt hätte. »Entschuldigen Sie…«. Vielleicht haben Sie diesmal mehr Glück. »Tut mir wirklich leid. Mylonas.

Warum ist er noch immer hier? Warum ist er nicht bei seinen Leuten? Sie dachte an Samir. 27 Min. daß er sich nicht ständig in der Nähe des Zelts aufhalten konnte. dachte sie. 65 . ich versuche. das Senden der E-Mail zu unterbrechen. Ich habe keine andere Wahl. Er ist… Hallo?« Die Verbindung wurde unterbrochen. »Hallo?« rief sie in den Hörer. »Na los. Dr.« Während sie noch einmal versuchte. Die Meldung wirkte jedoch eher wie Hohn: »Gesendet: 1200 Bytes voraussichtl. Catherine wußte jedoch. Bestimmt kein sicheres Versteck. ob der Computer vielleicht doch schon frei war. »Verflucht…«. daß sie mit dem Anschluß hier mehr Glück haben würde als in einer Telefonzelle. und ging zurück in das Büro. die Funkvermittlung in Cancun zu erreichen. Aber was sollte sie tun. Der Priester war nicht mehr da. »Ja. sie durfte die Funde nicht länger allein lassen. und sie warf einen Blick auf den Bildschirm. War er bereits unterwegs zum Grab? Durch die angelehnte Tür hörte sie plötzlich lauten Beifall aus der Bar und Hungerfords unverkennbares Lachen. murmelte sie ungeduldig. ihr Zelt nicht aus den Augen zu lassen. dachte sie flüchtig daran. um zu sehen. die um die halbe Welt gingen. Stevenson zu erreichen. Sie dachte an das Fragment und den Korb unter dem Feldbett. Sie hatte ihn gebeten. Sendezeit: l Std. Daniel ihre Nachricht zu übermitteln und später mit dem Priester zu reden. »Bitte nimm endlich ab!« Sie warf wieder einen Blick auf die Uhr.Catherine vermutete. preßte den Hörer ans Ohr und lauschte auf die veralteten Telefontöne. wenn sie Danno nicht erreichte? Ich fliege noch heute nacht. Catherine wußte. Danno«.

Seine große Gestalt füllte den Raum.« Er setzte sich vor den Computer. dann setzte sie sich. dachte sie unwillkürlich und staunte über ihren Zynismus. »Was ist los?« Sie drehte sich verblüfft um. Eigentlich wirkte er überhaupt nicht wie ein Priester.murmelte sie. »Sie sind wohl kaum auf mich angewiesen.« »Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?« »Ich möchte nicht gerne auf einen Priester angewiesen sein. Durch die Glastüren sah sie in seinem Rücken den feurig-goldenen Sonnenuntergang. Sie legte auf und seufzte.« Er sah sie überrascht an. Hinter ihm befand sich die Hotelhalle. um jemanden zu erreichen. Die ersten Anzeichen von Grau in den kurz geschnittenen dunkelbraunen Haaren verrieten. sagte er knapp und verließ das Büro. Aber sein muskulöser Körper wirkte jugendlich und sportlich. Er war etwa einen Meter fünfundachtzig groß. Warum löste dieser Mann so heftige Reaktionen bei ihr aus? Er betrat das Büro. der plötzlich noch kleiner zu sein schien. Der Priester stand in der Tür. daß er über vierzig sein mußte. tippte etwas auf der Tastatur und stand auf: »Er steht zu Ihrer Verfügung«. ohne sie noch einmal anzusehen. legte den Notizblock mit Daniels EMail-Adresse auf den Tisch und begann mit der Eingabe. »Ich muß unbedingt den Computer benutzen. Eine wahrhaft gute Kulisse für einen Diener der spirituellen Welt. 66 . Catherine blickte ihm einen Augenblick nach.

‹ In diesem Augenblick kam einer der Studenten mit einer Thermoskanne und zwei in fettiges Pergamentpapier gewickelten Päckchen in die Grabkammer. das Unwetter…« »Mach dir keine Gedanken! Komm. erwiderte Daniel und schraubte den Deckel der Thermoskanne auf. »He. Jemand wollte dich sprechen. Er hatte die Arbeit nicht unterbrechen wollen und war nicht wie üblich ins Lager zurückgegangen. Als er hungrig das heiße Burrito zu essen begann. schloß er die Augen. du hast es geschafft!« »Gerade noch rechtzeitig. Aber ich glaube. sagte er mit vollem Mund. wie ausgehungert er nach der Nacht in diesem Grab war.« 67 . Es klang dringend. Käse und Paprika stieg ihm in die Nase. Ihm war nicht bewußt gewesen. sieh dir das an!« Sein Assistent stellte das Frühstück ab und kauerte sich vor den Laptop. »Wer wollte mich sprechen?« Der junge Mann reichte ihm eines der Päckchen. Meine letzte Batterie ist am Ende«. Sofort verbreitete sich in der Grabkammer der belebende Duft von Kaffee. »Wer auch immer es gewesen sein mag«. und der würzige Duft von Bohnen. »Phantastisch! Danny. Danny!« rief der junge Mann und ließ seinen nassen Poncho auf den Boden fallen. und niemand kann lange ohne diese Quelle leben. »Weiß nicht…« Daniel schlug das fettige Papier beiseite. wird er es schon noch einmal versuchen. »Wenn es wichtig ist. »Die Funkverbindung ist wieder zusammengebrochen.Mexiko Daniel hatte gerade seinen Net-Slogan eingegeben: ›Im Universum gibt es eine Quelle des Lebens.

als eine Meldung erschien. Der Bildschirm begann zu flackern.»Deine Batterie gibt gerade endgültig den Geist auf«. sagte sein Assistent. 68 .

Sie hatten eine Stunde. daß niemand sie gesehen hatte. Er hatte gerade noch ihre Nachricht erhalten. 69 . Sie stellten den Außenbordmotor ab und sprangen schnell und lautlos ins flache Wasser. Aber es stand weit genug entfernt. um ihr Ziel auszumachen und ihrem Auftraggeber einen ersten Bericht zu erstatten. Einer der beiden warf einen Blick auf die Uhr. Ihr Auftrag verlangte. daß im Lager alle schliefen. Das erste in der langen Reihe der Touristenhotels hob sich schemenhaft vor dem Nachthimmel ab. sobald sie sicher sein konnte. Zwei Männer in schwarzen Tauchanzügen saßen in dem Boot. als versuchten die Dämonen der Wüste. Golf von Akkaba Das schwarze Schlauchboot schoß über das Wasser und erreichte den Strand. daß sie unerkannt in das Land kamen. Sie entluden schnell das Boot. Zwölf Stunden waren vergangen. Trotzdem blieben sie wachsam und verloren keine Zeit. Als sie das sandige Ufer erreichten. Catherine seufzte und blickte unruhig auf den Korb. Gott sei Dank hatte sie Daniel über Internet erreicht. seit sie den Korb in dem unterirdischen Gang gefunden hatte. Sie wollte ihn öffnen. Sie blieben abwartend stehen und lauschten auf Lebenszeichen. der auf ihrem Arbeitstisch stand. es davonzutragen. zogen sie das Boot hinter sich her aufs Trockene. Der Nachtwind heulte um das Zelt. bevor der Mond über dem Golf aufging und sein fahles Licht auf das nächtliche Land warf. Es klang. Aber in dieser kalten Nacht blieb alles dunkel und still.Scharm el Scheich. und die Männer konnten sicher sein.

den Korb ungestört öffnen zu können. Gab es wirklich so etwas wie Dämonen? Der Korb war nicht groß. nutzte sie die Zeit. Catherine richtete sich auf und schloß kurz die Augen. der verehrte Priester… Catherine erschauerte. Er sagte nur drei wundervolle Worte: ›Ich bin unterwegs!‹ Aber bis zu seiner Ankunft würde fast ein ganzer Tag vergehen. das Äußere mit der Lupe zu untersuchen. Sie stand auf. schienen seltsame Gewalten am Werk zu sein. mußte der Korb von einem anderen Ort hierher gebracht worden sein. zerfiel. Dabei schabte sie behutsam Sandkörner. um ihre Herkunft zu bestimmen. nachdem der Hanf dem Sonnenlicht ausgesetzt worden war. nicht größer als ein Picknickkorb. Er roch nach Erde und Moder. Aber Catherine glaubte fest daran.bevor die Batterie seines Computers völlig versagte. daß sich der sorgfältig verpackte Inhalt noch in einem guten Zustand befand und nicht zerstört worden war. Da die Grabungen bisher keine Hinweise auf eine ständige menschliche Besiedlung dieser Gegend vor dem fünften Jahrhundert erbracht hatten. Seit der Fund ans Licht gekommen war. ging zu dem Fliegenfenster und blickte über das dunkle Land. in das er eingepackt war. Ein Teil der Verschnürung hatte sich bereits in Staub aufgelöst. Wie sollten ihre Nerven diese Spannung aushaken? Und sie hatte noch viel zu tun bis zu ihrer Flucht. Catherines Unruhe wuchs von Minute zu Minute. winzige Insekten und getrocknete Pflanzenteile von der Leinenumhüllung. Amelia. Das Gewebe. Eine Stunde später rief er sie aus dem Dorf in der Nähe seines Lagers an. In der 70 . Woher? Ein besonders heftiger Windstoß traf das Zelt. Während sie darauf wartete.

Ferne sah sie die Lichter von Hungerfords Lager. mit den Abbildungen und Zeichnungen im Text. aber sie konnte nicht riskieren. würden Spuren von Pflanzen des Niltals an alten israelitischen Tonwaren ihre Hypothese erhärten. Als sie die Schärfe einstellte. dabei gestört zu werden. Catherine war der Überzeugung. bei Grabungen botanische Funde zu sammeln und zu bestimmen. was sie sah. Sie hörte. wenn sie an einem Ort längere Zeit blieben. die im südlichen Sinai wuchsen. 71 . Der Pflanzenrest unter dem Mikroskop ließ sich nicht sofort zuordnen. die am Strand entlanggingen. In einiger Entfernung von Catherines Lager beleuchtete er auch zwei Männer. Deshalb bestand ein Teil von Catherines Arbeit darin. Sie blätterte in einem Buch über Paläobotanik. daß sich einige ihrer Leute unterhielten. Er warf sein silbernes Licht über die einsame Wüste. Er war noch immer im Hotel Isis gewesen. Sie setzte sich wieder an den Arbeitstisch. die sie aussäten und anpflanzten. blickte immer wieder in das Mikroskop und verglich das. daß Moses und Mirjam ihr Volk hier entlang geführt hatten. Leider hatte Catherine bisher jedoch nur Pflanzen gefunden. Da manche Pflanzen in bestimmten Gebieten endemisch sind und in anderen nicht vorkommen. erschien die senkrechte Falte zwischen ihren Augen. daß die Juden beim Auszug aus Ägypten Sämereien und Stecklinge mitgenommen hatten. legte einen Pflanzenrest auf den Objektträger und betrachtete ihn unter dem Mikroskop. Ist er vielleicht noch dort? Im Lager brannte in zwei Zelten noch Licht. Catherine wollte den Korb so schnell wie möglich öffnen. als sie sich auf den Rückweg gemacht hatte. Inzwischen war der Mond aufgegangen.

wuchs nur im Negev und sonst nirgendwo auf der Welt. und niemand konnte es mit ihnen in Zusammenhang bringen -. Israel… das ist mehr als zweihundert Meilen entfernt! Wieder blickte sie auf den geheimnisvollen Korb und spürte. Aber weshalb hatte man damals soviel Sorgfalt darauf verwendet. Die winzige Pflanze. den Inhalt zu verpacken. »Origanum ramonense…«. Vorsichtig und mißtrauisch blieben sie stehen. Er lächelte sie an und fragte: »Sie Amerikaner?« Seine Zähne blitzen weiß. Das bedeutete. Die Blütenkrone war gut erhalten. was immer sich in dem Korb befinden mochte. ebenso die Härchen am Stengel und am Blütenkelch. Catherine las die Beschreibung im Buch. als sie sahen.Nachdem sie das Boot wieder ins Wasser geschoben hatten – sie brauchten es nicht mehr. wie ihr Herz schneller schlug. die an der Schnur hing. »Bakschisch!«. Ihre großen Nylontaschen sahen wie normales Reisegepäck aus. mit der der Korb verschnürt worden war. streiften sie schnell die Tauchanzüge ab und kleideten sich wie Touristen in weite Leinenanzüge und geblümte Hawaiihemden. die vor vielen Jahrhunderten hier in den Höhlen des Sinai gelebt hatten. Sie waren noch nicht lange in Richtung der Hotels gegangen. daß ihnen jemand entgegenkam. die damit endete: ›… endemisch im zentralen Hochland der Negev‹. kam ebenfalls von dort. denn die Form des winzigen Blättchens war eindeutig. als er hinzufügte: »Ahlan wa sahlan!« und die Hand ausstreckte. murmelte Catherine zufrieden. Es war ein junger Ägypter. Ihre Vermutungen waren richtig. und war mit dem Korb dann so weit 72 . Das Jesus-Fragment stammte nicht von einem der Einsiedler.

den Korb ohne lästige Zeugen öffnen zu können? 73 . und er erklärte überglücklich. Er war fleißig.‹ Catherine zuckte zusammen. Catherine hatte Samir als GrabungsAufseher eine solche Stelle verschafft. Kann ich ihm wirklich trauen? Sie kannte den netten jungen Ägypter seit fünf Jahren. Frau Doktor«. in Sorge um Eure Sicherheit und in furcht um Euer Lehen. daß sie sich voll und ganz auf ihn verlassen konnte. Die Konkurrenz unter den Archäologen war groß. wenn es um einen einmaligen Fund ging. Sein schneller Blick auf den Korb machte Catherine mißtrauisch. »Kommen Sie herein. daß sie nur darauf wartete. Sie hatten sich bei Ausgrabungen an der Nordküste des Sinai getroffen.gereist.« Ahnte er. um ihn hier zu begraben? Woher waren die Leute gekommen? Wer waren sie gewesen? Und der Schädel? Hatte man jemanden zusammen mit dem Korb begraben? Und wenn das so war. um nach dem MosesBrunnen zu suchen. der ihn möglicherweise reich und berühmt machen würde? »Im Lager ist alles in Ordnung. Als sie nach Ägypten zurückkam.« Als er eintrat. Konnte sie sich auch dann noch auf ihn verlassen. aus welchen Grund? ›Lest diesen Brief im geheimen. und meist bekam die begehrten Posten bei Ausgrabungen nur jemand. Dann hörte sie eine vertraute Stimme: »Frau Doktor?« Es war Samir. hatte Samir promoviert. dafür sei er ihr ewig zu Dank verpflichtet. daß er einen schnellen Blick auf den Korb warf. der Freunde oder Verwandte in der Behörde hatte. sah Catherine. und Catherine stellte bald fest. sagte er und fügte zu Catherines Überraschung hinzu: »Alle schlafen. Vor dem Zelt räusperte sich jemand. Samir war Examenskandidat in Ägyptologie. aber er suchte eine Stelle.

als sie schließlich den Inhalt sah. Ihre Augen wurden groß vor Staunen. Catherine entfernte mit angehaltenem Atem die innerste Umhüllung. Sand und kleine Steine wurden prasselnd gegen die Zeltbahnen getrieben. Der Wind pfiff und heulte um das Zelt. ihr Dollarscheine und ägyptische Pfundnoten in das hautenge Kostüm zu stecken. weil er die Reisepässe nicht zur Hand hatte. An der Rezeption verlangte einer der beiden spät eingetroffenen Amerikaner ein Zimmer für die Nacht. Als sich der gewünschte Teilnehmer meldete. wie es ihre Aufregung zuließ. Er sagte: »Wir sind am Ziel. Er bezahlte bar und rundete den Betrag großzügig nach oben ab. North Dakota. In Wirklichkeit hieß sie Shirley Milewski und kam aus Bismarck. Sie brauchte nicht länger zu warten.« 74 . entfernte die Verschnürung und schnitt präzise und ruhig wie ein Chirurg bei einer Operation durch die einzelnen Schichten.Nachdem er gegangen war. Die Bauchtänzerin erreichte das Ende ihrer Vorstellung. Mit Pinzette und Schere machte sie sich so behutsam und langsam an die Arbeit. Der Mond stand inzwischen hoch am Himmel und tauchte das Lager in ein geheimnisvolles Licht. Sie hieß Yasmina und wurde vom Hotel Isis als ›Rose des Ostens‹ angepriesen. Sie tanzte jetzt zwischen den Tischen der Gäste und ermunterte sie. schloß sie den Reißverschluß des Zelteingangs und ging an den Arbeitstisch zurück. daß niemand ihn beobachtete oder mithörte. Sein Partner stand am Telefon neben dem Aufzug. Vorher vergewisserte er sich jedoch. sagte er schnell einen einzigen Satz. Sie durchtrennte vorsichtig die äußere Leinenumhüllung.

wie man unbemerkt in fremde Länder einreiste und sie ebenso unbemerkt wieder verließ. damit sie nicht entdeckt wurden. Die Amerikaner gaben dem Gepäckträger. Jemand mußte viel Mühe auf sich genommen haben. ein Laser-Entfernungsmesser. Sie wußten. Trommelrevolver mit neunzehn Schuß und Laservisier und Kleinkalibergewehre mit Zielfernrohr hatten sie bereits am Strand in 75 . Die beiden Männer hatten jedoch weder Flugtickets noch Reisepässe. Das Handwerkszeug ihres Metiers befand sich in den Reisetaschen – Nachtgläser russischer Herkunft. ihr vorübergehendes Einsatzzentrum funktionsfähig zu machen. wasserdichte Stablampen. Klappmesser aus Edelstahl.Catherine sah vor sich ›Bücher‹ aus Papyrus mit Ledereinbänden. mit dem sie überall auf der Erde ihre genaue Position bestimmen konnten. Sie hatten auch präzise Landkarten der Küste des Golfs von Akkaba und Saudi-Arabiens mit sich. Sie tat es mit der Behutsamkeit und Vorsicht. die sie im Laufe der Jahre beim Umgang mit zerbrechlichen und seltenen Gegenständen gelernt hatte. dem Suezkanal und dem Roten Meer. Betäubungsgewehre mit einer Leistung bis zu 200. sowie LANDSAT-Photos vom südlichen Sinai.000 Volt und ein tragbarer GPSNavigator. der sie zu ihrem Zimmer führte. Langsam schlug sie es auf. Man hatte sie in dünnes Leinen gewickelt. Dann verschlossen sie die Tür und gingen daran. Warum hatte man sie nicht einfach vernichtet? Warum waren sie mit so großem Aufwand begraben worden? Catherine nahm das erste Buch in die Hand. ein gutes Trinkgeld. die hervorragend erhalten waren. verschnürt und in diesen Korb gepackt.

»besteht aus typischen Papyrus-Seiten. Geöffnet hat es die Standardlänge von zwanzig Seiten. Jedes Blatt ist beschrieben.Schulterhalftern unter den Jacken verborgen. sprach sie auf Band. den 76 . damit die Leiche im Wasser versank. in die Richtung. Zeke drehte sich nach seinem Partner um und sagte betont langsam: »Keine Zeugen…« Catherine drückte auf eine Taste ihres Diktiergerätes. Zekes Augen wanderten den Strand entlang nach Norden. Zeke überlegte. ob die Haie die Leiche des jungen Ägypters bereits gefunden hatten. Aber so war ihnen keine andere Wahl geblieben. Der Text befindet sich auf den rechten. Nach dem Ende der Bauchtanzvorstellung fuhren die Gäste laut hupend und mit quietschenden Reifen davon. als ihn zu töten. die in englisch. Sie brauchten nicht viele Steine. »Das erste Buch«. Wenn der böige Wind nicht plötzlich die Waffen unter Zekes Jackett enthüllt hätte. Wie lange mochte es dauern. wäre der Junge vermutlich noch am Leben gewesen. arabisch und französisch vor Haien warnten. Der Junge war nicht stark und auch nicht schwer. aus der sie gekommen waren. Es ist wie ein Akkordeon gefaltet und nicht an einer Seite gebunden. Zeke. Außerdem hatte es keine große Mühe gemacht. der die Verbindung mit ihrem Auftraggeber hielt. Der Einsatz konnte beginnen. Er warf einen prüfenden Blick hinunter zur Auffahrt. trat auf den Balkon hinaus. Scharm el Scheich war unter Tauchern als eine der besten Stellen der Welt bekannt. bis man den jungen Ägypter vermißte? Aber auch das war nicht weiter wichtig. aber sie hatten am Ufer Tafeln gesehen. die leicht überlappend aneinandergeklebt sind. Vor ihm lag das dunkle Wasser.

Die Wüste war in ein seltsam übernatürliches Licht getaucht. Als sie ihm mit der Taschenlampe ins Gesicht leuchtete. Sie richtete sich auf und lauschte. Zuerst sah sie nur die Gräben und die Absperrungsseile. »Entschuldigen Sie. daß es der Priester aus dem Hotel Isis war. »Fremde haben hier keinen Zutritt«. Catherine holte eine große Lupe und rückte die Lampe näher an den Papyrus. sagte sie und senkte die Taschenlampe. Der Wind wurde zum Sturm und jagte mit einem gespenstischen Heulen über den Golf. Der Wind drehte. die im Wind schaukelten.ungeraden Seiten. Plötzlich hörte sie vor dem Zelt ein Geräusch. »He. »Hallo?« rief sie. An den Rändern sind horizontal verlaufende Fasern erkennbar. Ihre Leute schliefen. sah sie. verließ das Zelt und richtete den Lichtstrahl auf den Grabungsplatz. Sand wurde über die Steine gefegt. »Wer ist da?« Sie ging zum Zelteingang. Dann hörte sie ein anderes Geräusch – Schritte auf dem Geröll. es wäre nichts 77 . das die Beduinen die Schreie der Verdammten nannten. öffnete den Reißverschluß und blickte angestrengt in die stürmische Nacht. In den Zelten war alles still. Er hielt schützend die Arme vor die Augen. was machen Sie da?« rief sie und lief auf den Mann zu. ich dachte. die Worte des uralten Dokuments zu lesen. Sie lauschte mit angehaltenem Atem. Sie schob sich die langen Haare aus dem Gesicht und begann.« Sie entfaltete behutsam den spröden Papyrus. Aber dann entdeckte sie eine Gestalt. und sie hörte Ziegenglocken und hin und wieder das helle Meckern einer Ziege. Sie griff nach der Taschenlampe.

sagte er mit einer leichten Verbeugung und streckte ihr die Hand entgegen. Dann drehte er sich um und starrte auf die dunklen Gräben und die Geröllhaufen. Am nächsten Tag standen bereits 78 . bevor ich mit den Ausgrabungen fortfahre. ohne auf die Hand zu achten. Arbeiten Sie hier?« »Das ist meine Grabung. sind Sie nicht die Frau. Ist es nicht etwas spät für eine Besichtigung?« »Ich konnte nicht schlafen.« Er blickte an ihr vorbei zu dem beleuchteten Zelt. »Ja«. »Was suchen Sie hier?« wiederholte sie ihre Frage. sagte er. »Michael Garibaldi«. Sie auch nicht. Die Nachricht verbreitete sich in Windeseile. Ich erinnere mich daran. Sie trug nur eine Bluse und Shorts. etwas über den Fund in der Nähe von Bir el Dam gelesen zu haben. Ich war neugierig. Unwillkürlich überlegte sie. Catherine sah. daß Sie etwas Wertvolles gefunden haben.« Dann rief er gegen den Sturm: »Ach. wie er wohl seine Muskeln trainierte. Wie ich sehe. Wenn das meine Grabung wäre. »Sie sind bestimmt Dr. »Im Hotel erzählt man. daß hier eine Grabung durchgeführt wird. die mir den Computer ausgespannt hat? Haben Sie Ihren Freund erreicht?« Der kalte Wind ließ Catherine frösteln.« Er nickte. »Man hat mir im Hotel gesagt. Alexander«.« »Das wissen wir noch nicht genau«. »Ich warte auf einen Beamten der ägyptischen Regierung. wenn ich mich etwas umsehe. erwiderte sie und mußte mit der freien Hand ihre Haare festhalten. »Ich verstehe. wie der Wind sein Hemd an den breiten muskulösen Rücken preßte. würde ich auch alle Vorsichtsmaßnahmen ergreifen.Verbotenes. damit sie ihr nicht ins Gesicht geweht wurden. erwiderte Catherine vorsichtig.

Aber als sich jetzt Michael Garibaldis blaue Augen auf sie richteten. ob man die Wahrheit sagte oder nicht. sehr groß. daß man einen Priester mit seinem Titel ansprechen muß.« Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: »Ich komme aus Chicago. fragte er: »Warum lassen Sie es mich so deutlich spüren. Für die Polizei ist die Wüste sehr. Eigentlich bin ich schon wieder auf der Rückreise. sagte sie. daß Sie mich nicht mögen?« »Vater Garibaldi…« »Bitte«. »Wir können deshalb Fremden nicht erlauben. sagte er leise.« Als sie noch immer schwieg. Es ist zu gefährlich. daß das Erdreich nachgibt«. »Ich habe als Kind gelernt. und innerhalb einer Woche waren alle Fundstücke verschwunden.« Aber Catherine ließ sich nicht erweichen. während er ihr folgte. einfach ›Mike‹ zu Ihnen zu sagen. Sie dachte daran.« Catherine blickte fasziniert auf seine blauen Augen. überkam sie das seltsame Gefühl. auf dem Gelände herumzulaufen. »Ich war gerade in Jerusalem«. er könne ihr tatsächlich in die Seele blicken. Ich finde es nicht richtig. um etwas von der Sinaihalbinsel zu sehen. meinen Urlaub zu verlängern.überall Zelte. falls Sie das interessiert.« Sie richtete die Taschenlampe auf den Boden und führte ihn wie eine Platzanweiserin im Kino von den Gräben weg zum Lager. wie sie als kleines Mädchen geglaubt hatte.« »Ach so…« 79 . als sie erkannte. »und habe beschlossen. Und das gefiel ihr überhaupt nicht. »Es besteht die Gefahr. Diese Illusion hatte sie verloren. unterbrach er sie lächelnd. »Nennen Sie mich Mike. daß ein Priester einem Menschen in die Seele blicken könne und wisse. daß Priester auch nur Menschen waren.

sagte sie. »Gute Nacht. die ungeschützt auf ihrem Arbeitstisch im Zelt lagen. Sie sah Fältchen um seine Augen. einem zum Beispiel einen Computer zu überlassen. und das Licht fiel auf ihn. und sie hatte das Gefühl. um mich zu bedanken. Er mußte ein sportlicher Priester sein. Vater Garibaldi. Entweder war er oft in der Sonne oder er lachte viel. Dann erwiderte er: »Und ich habe gelernt. um einen Nachtfalter zu verjagen. sah sie. der vor seinem Gesicht flatterte.« »Darf ich Sie noch etwas fragen?« Er trat einen Schritt auf sie zu. »Sie haben mir wirklich sehr geholfen. Sie seien in der Stadt. »Im Hotel haben Sie gesagt. daß man sich bedankt. Aber Mr. Haben Sie ihre E-Mail später noch senden können?« Er lächelte wieder.« Catherine nickte. er sei verletzt. die mit dem Katholizismus nicht vertraut sind. wenn jemand so freundlich ist. Als er die Hand hob. daß Sie nicht auf die Gunst eines Priesters angewiesen sein möchten. dachte sie. Ich habe zwölf Jahre lang eine katholische Schule besucht. Mylonas sagte.« »Das war nicht persönlich gemeint. ließ sich von ihnen ›Mike‹ nennen und versuchte. »Tut mir leid.« Er hob die Schultern. dann trägt er unter dem weißen Priesterkragen bestimmt ein blaues Arbeiterhemd.Er schwieg. Wenn er aus Chicago ist. daß er auch muskulöse Arme hatte. ein paar Stunden später. sie vor Drogen und Kriminalität zu bewahren.« Inzwischen hatten sie Catherines Zelt erreicht. Leute. »Es ist spät«. 80 . Vermutlich spielte er mit den Jugendlichen im Ghetto von Chicago Basketball. »Ja.« Sie dachte an die Papyri. Ich habe nach Ihnen Ausschau gehalten. haben manchmal…« »Ich bin katholisch aufgewachsen. die Bemerkung hat mich neugierig gemacht. vielleicht traf auch beides zu. »Nun ja.

Sie würde Garibaldi nichts von Vater McKinney und dem Abend erzählen. die er auf sie ausübte. Dann. Plötzlich wurde ihr bewußt. früher…« Das war schon lange her. Warum? Immerhin hatte er ihr aus freien Stücken den Computer überlassen. Sie holte tief Luft und dachte nach. und ihre Blicke sich trafen. Alexander. was Sie suchen. Auch jetzt.« Er räusperte sich und erwiderte: »Dr. daß sie den Fremden regelrecht haßte. Sie verstand die seltsame Faszination nicht. und sie ärgerte sich. daß er ein Priester war. weil sie das Ganze zugelassen hatte. nachdem sie wußte. Er drückte sie fest. »Gute Nacht…« Sie reichte ihm die Hand. an dem ihre Mutter gestorben war. als er sich umdrehte. Es war ihr nicht möglich. daß Sie das. ich wünsche Ihnen.« »Ach…« Er nickte. reagierte sie auf seine Männlichkeit. »Wenn Sie einmal nach Chicago kommen sollten…« Sie zog schnell die Hand zurück und murmelte verlegen: »Gute Nacht. hier finden werden. Nach einer Weile konnte sie sich die Antwort eingestehen. Beim ersten Anblick im Büro des Hotels hatte sie als Frau auf einen gutaussehenden Mann reagiert. »Aber Sie waren einmal eine gläubige Katholikin?« »Ja. Sie ärgerte sich darüber. bemerkte sie den Priesterkragen und fühlte sich irgendwie betrogen.Dann bin ich aus der Kirche ausgetreten. die sie verblüffte und gleichzeitig erregte. Vater. empfand Catherine blitzartig eine Verbundenheit mit ihm.« Catherine sah ihm nach. Als sie den Kopf hob. in ihm nur einen Priester zu sehen wie in Vater 81 .

Unförmiges aufragen. Bei Sonnenuntergang hatte es noch nicht dort gestanden.McKinney oder Vater Ignatius. daß es ein Beduinenzelt war. 82 . Diese beiden waren für sie nie Männer gewesen. Irgendwie fand sie das beunruhigend. Garibaldi hatte sich ihr vom ersten Augenblick an als Mann und erst in zweiter Linie als Priester präsentiert. Als Catherine den Reißverschluß schließen wollte. Mit Entsetzen stellte sie fest. sah sie flüchtig am Rande der Ausgrabung etwas Großes.

machen Sie kurzen Prozeß. an dem sich sein Leben von Grund auf verändert hatte.Santa Fe. Nehmen Sie die Ware an sich und verschwinden Sie innerhalb von vierundzwanzig Stunden wieder aus dem Land. Ich wünsche kein Feilschen. ihre entzückende Enkeltochter in die Arme genommen und geantwortet: ›An Weihnachten wird der kleine Jesus in der Krippe liegen!‹ Miles lächelte noch immer. aber dann wurde er ernst und sagte ins Telefon: »Wenn Sie die Kontaktperson treffen. sagte Miles ruhig in den Hörer. Die Kleinste kauerte vor der Krippe unter dem Baum und hatte plötzlich gerufen: ›Aber wo ist das Baby?‹ Erika hatte gelacht. Mr. Der Tiger war seine Intuition. Entweder Sie einigen sich oder Sie schalten den Mann aus. wie Erika mit den Enkelkindern beriet.« Der Tiger hob die Pranke… 83 . Niemand darf etwas von der Sache erfahren. Havers.« »Gut«. den Weihnachtsbaum zu schmücken. an welche Stellen die bunten Glaskugeln von den geduldigen Dienstboten an die riesige Douglasfichte gehängt werden sollten. Das Raubtier in ihm knurrte jetzt hungrig.« Aus Miles sprach der Tiger – die Bestie war vor vielen Jahren an einem Tag geboren worden. »schalten Sie den Mann aus. Die Familie war gerade dabei. Der Tiger in ihm war sprungbereit. Lassen Sie sich nicht auf irgendwelche Spielchen ein. Miles hatte zugesehen. antwortete Miles und ging mit dem Funktelefon außer Hörweite der anderen. er witterte Gefahr und lauerte auf Beute. auch wenn Sie sich mit ihm einigen sollten. »Hören Sie«. New Mexico »Wir sind am Ziel.

DER ZWEITE TAG 84 .

Als Danno sie schließlich zögernd losließ und aufmerksam betrachtete. daß du da bist…«. Samir. Er war glücklich. »Gott sei Dank. »Ich bin da!« rief er und winkte. stand Daniel auf und hielt sich am Rollbügel fest. Eseln. Er war von oben bis unten mit Staub bedeckt. Dezember 1999 Scharm el Scheich. flüsterte ihm Catherine erleichtert ins Ohr. wie sie vor ihr Zelt trat und eine Hand schützend über die Augen hob. Als sie jetzt in dem offenen Wagen über die Ebene fuhren. »Du wirkst auch nicht gerade taufrisch…« Da hatte sie bestimmt recht. »Danno!« Sie rannte ihm entgegen. 15. weshalb er unbedingt kommen sollte. daß sie ihn brauchte. aber sie trug Sandalen und er Nikes mit dicken Gummisohlen. Er sprang vom Wagen und umarmte sie. Um die Ausgrabung lag ein Ring von Zelten. Touristen und Arabern. Golf von Akkaba Allmächtiger. hatte wenig erzählt.Mittwoch. dachte Danno. so glücklich wie in seinen Träumen. und das T-Shirt mit dem Aufdruck ›Die Erfolge von Archäologen liegen in Trümmern‹ war fleckig und 85 . Was ist denn hier los? Sie hatte ihm am Telefon nicht gesagt. Daniel war zwar kleiner als Cathy. Er drückte sie fest an sich. Bussen. Cathy hat etwas gefunden! Dann sah er sie. murmelte er betroffen: »Du meine Güte.« Sie fuhr ihm lachend durch die blonden Haare. der ihn am Flughafen von Scharm el Scheich erwartete. als sich der Landrover Catherines Ausgrabung näherte. die Haare waren schweißverklebt. Wagen. du siehst ziemlich mitgenommen aus.

Ich habe nur noch auf dich gewartet. Bücher. sie sind sehr alt…« Sie schwieg beunruhigt und hielt den Atem an. Pinsel in allen Größen. Ein anderer Arbeitstisch war geheimnisvoll mit einem Laken verhüllt. lag alles kreuz und quer durcheinander. Meßstäbe. Kellen und Eimer.« Ihre Augen leuchteten.« Sie legte den Finger an die Lippen.« »Was ist denn los?« 86 . ich hätte draußen etwas gehört. Schnur und Pflöcke. Kameras. »Willst du verreisen?« Sie reichte ihm das Glas und antwortete leise: »Ich bin eigentlich nicht mehr da. auf dem Flaschen und Gläser standen. weiß bereits alle Welt. Chemikalien… Wie bei Cathy üblich. ein Mikroskop.« Catherine nahm ihn bei der Hand. Dann bemerkte er den offenen Koffer auf dem Feldbett. »Was ist los?« fragte er verwundert. schloß sorgfältig wieder die Klappe und ging zum Arbeitstisch. Daniel sah sich im Zelt um: Schaufeln. aber sie bedeutete ihm zu schweigen.« »Den Mirjam-Brunnen?« »Etwas viel Wichtigeres. Landkarten und Skizzen. »Meine Leute sind wie üblich bei der Arbeit. schloß sie die Zeltklappe.« »Der Zirkus da draußen läßt auf Gold schließen. Er wollte etwas sagen. aber wie du siehst. und sie sind alt. Dann ging sie zur Fensterklappe und blickte hinaus. »Ich dachte. mein Gott. daß wir etwas gefunden haben. Danno! Wir haben Schriftrollen gefunden. »Laß deine Sachen im Wagen! Komm schnell in mein Zelt. In seinen Träumen eroberte er sie nie so verschwitzt und wenig attraktiv. Pickel. Als sie im Zelt standen.zerknittert. als sie leise sagte: »Wertvoller als Gold. Sie füllte zwei Gläser mit Mineralwasser.

seit Hungerford sie mit der Sprengung aus dem Schlaf gerissen hatte. Er blickte auf Jas Wasser. was ich dir jetzt zeige. während die Sonne gerade hinter dem Sinaigebirge verschwand. daß ich den Korb geöffnet habe«. Zeke machte sich keine Gedanken darüber. Noch lassen sich die Neugierigen davon zurückhalten…« Catherine nahm sich nicht die Zeit. Er wußte bereits. sagte sie. »Aber es ist nur eine Frage der Zeit. Auch ihnen hatte man zugeflüstert.»Setz dich. Er war noch nicht als vermißt gemeldet worden. Du hast die Absperrungen und Warntafeln um den Grabungsplatz gesehen. war das nur eine willkommene Gelegenheit. bis es bekannt wird. »Niemand weiß. Du wirst nicht glauben. bis sein Auftrag erfüllt war. Wenn es Konkurrenz gab. Es klopfte an der Zimmertür. daß unter ihm Wetten um die ›Ware‹ ausgehandelt wurden. die vergangen waren. Spekulationen und Gerüchte heizten die Stimmung an. ihre Sachen sorgfältig zu packen. daß die Archäologen in der Nähe etwas gefunden hatten. das bereits im Schatten lag. Von der Restaurant-Terrasse unter ihm drang erregtes Stimmengewirr herauf. Während Catherine die letzten Dinge in den Koffer packte. die er für seinen Auftraggeber hier abholen sollte.« Zeke stand auf dem Balkon seines Hotelzimmers. Über den jungen Ägypter sprach bis jetzt niemand. Danno. Der Anbieter war da. Zeke rechnete damit. informierte sie Daniel flüsternd über die Ereignisse der sechsunddreißig Stunden. die eigenen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. »Ich 87 . daß es noch ein paar Tote geben würde.

vermute. Mr. wie sie das Jesus-Fragment an die erste. erklärte ihm Catherine. Der Beamte wird vermutlich noch heute abend eintreffen. wurde die Schriftrolle um das zweite Jahrhundert allmählich durch den Kodex ersetzt. ich kann verschwinden. Ich hoffe. Ich denke. paßten die beiden Teile nahtlos aneinander. Es sieht aus. ich verstehe dich nicht…« Sie richtete sich auf und ging zu der verhüllten Arbeitsplatte.« »Warum mußt du dich wie ein Dieb davonstehlen?« »Ich brauche Zeit und muß Ägypten verlassen haben.« »Wenn ich mich recht erinnere. Bei den Einheimischen ist abends immer irgendein Fest. Als Daniel an den Tisch trat. beschriebene Seiten zu falten 88 . Daniel beugte sich ehrfürchtig über das Blatt. bevor jemand nach mir sucht. es wird auch heute abend genug Ablenkung geben. Wie nicht anders zu erwarten. Hungerford hat geplaudert. »Warum sprichst du immer von ›Schriftrollen‹?« »Sieh dir die Enden an. als seien sie an runden Holzstäben befestigt gewesen. nicht vollständige Seite des vermutlich ›ersten Buchs‹ gelegt hatte. Sie hatte eine Glasplatte über die wieder vollständige Seite gelegt. Vorsichtig nahm sie das Laken ab und sagte: »Hier!« Catherine hatte die Schriftrollen ordentlich nebeneinandergelegt. Mylonas vom Hotel Isis hat mir ausrichten lassen. Man hat angefangen. während alle beim Abendessen sind. daß jemand von der Behörde unterwegs hierher ist. Das erste ›Buch‹ war entfaltet.« »Cathy. Später hat man offenbar die Holzstäbe entfernt und die einzelnen Schriftrollen wie ein Akkordeon zu einem ›Buch‹ gefaltet. aber dann möchte ich nicht mehr hier sein.

ich 89 . der über einen Meter lang und dicht mit schwarzen Buchstaben beschrieben war. aber in diesem Fall sind die Seiten nicht seitlich befestigt. Das erste Buch beginnt wie ein Brief und scheint die Geschichte einer Frau zu erzählen.« »Willst du damit sagen. Ein flaches Buch dagegen kann man ohne weiteres unter einem weiten Gewand verstecken.« Daniel blickte wie gebannt auf den entfalteten Papyrus. »Schriftrollen sind empfindlich und nicht so einfach zu verbergen.« Hungerford musterte die beiden Fremden und ließ sich in den angebotenen Sessel fallen. »Und was meinst du?« »Um sie leichter transportieren zu können«. Ich habe mich gefragt: Warum hat man die Holzstäbe entfernt und die Schriftrollen gefaltet?« Er sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an. »habe ich noch nicht aufgeklappt. Siehst du. »War noch etwas in dem Korb?« »Nein…« »Hast du das alles schon übersetzt?« »Nur die erste Seite. Trotzdem sehen sie für uns wie Bücher aus.« »Und?« Sie reichte ihm den Notizblock. sie deutete auf die gefalteten Papyri. die Besitzer dieser Schriftrollen wurden verfolgt?« »Möglicherweise. antwortete Catherine. Er sah die ersten Worte: ›Von Sabina…‹ »Lies die Stelle. und es sind keine einzelnen Blätter. Die anderen fünf«. ich habe die Schriftrollen so nebeneinandergelegt.und am Rand zu befestigen…« »Ja. »Ich muß gestehen. wie man sie vermutlich lesen muß. die ich gelb markiert habe.

zwar hübsch sein mochte.hätte nicht so schnell mit einer Antwort gerechnet. Der Händler versprach. Es war ein Händler für ›private Altertümer‹ wie Ramesch es ausgedrückt hatte. nur der andere. aber er sprach von ›einem Papyrus-Fragment. Gentlemen«. »Also. hatte er sich sofort in seinen Wagen gesetzt und war zurück zum Hotel gefahren. die Archäologin zu erwähnen.« Nachdem Dr. dachte er schon beim Betreten des Zimmers. Nachdem die Archäologin mit einem geheimnisvollen Korb aus dem unterirdischen Gang zurückgekommen war. in dem Jesus erwähnt wird‹. Vor allem nicht mit zwei Landsleuten. machen Sie das Geschäft doch für einen anderen. Alexander mit dem Jesus-Fragment in ihrem Zelt verschwunden war. sich wieder bei ihm zu melden.« Hungerford hatte sofort erkannt. »Wenn mich nicht alles täuscht. um den Mann in Kairo über den neuesten Stand der Dinge zu informieren. aber nicht lügen konnte. Leibwächter oder Abenteurer. als man ihm ein paar Stunden später aus dem Hotel die Nachricht überbrachte. »Sie wollen die Sammler sein?« Er grinste. ohne jedoch allzuviel zu sagen. Er unterließ es natürlich. daß sie. Hungerford hatte den Händler auf der Stelle angerufen. damit er den Mann auf die richtige Spur setzte. ein ›Sammler‹ interessiere sich für das Fragment. daß die beiden nicht das große Geld hatten. sagte er jetzt. kam Hungerford zu dem Schluß. Im Hotel Isis hatte er sich mit dem Stellvertreter von Mr. Hungerford war angenehm überrascht. Mylonas unter vier Augen unterhalten und dabei den Namen eines Mannes in Kairo erfahren. der sich als 90 . Der eine Mann blieb stumm.

Dann murmelte er: »Wenn bekannt wird. Zeke lächelte.›Zeke‹ vorgestellt hatte. wann genau der Weltuntergang…« Er verstummte.« »Was steht noch in dem Brief?« Catherine übersetzte direkt vom Original: »Bevor ich meine Geschichte erzähle. ausdruckslose graue Augen und eine Narbe auf der einen Gesichtshälfte. und daß wir nach all 91 . daß eine JesusSchriftrolle gefunden wurde. liebe Amelia. die vom Haaransatz über die rechte Augenbraue. Sie spricht eindeutig vom ›Jüngsten Gericht‹…« »Überzeuge dich selbst. Gentlemen. daß das richtig übersetzt ist? Ich meine… das ist nicht zu fassen. Daniel kniff die Augen zusammen und nickte. redete. »Unser Auftraggeber möchte anonym bleiben. Offenbar waren seine Gegner bis jetzt immer die Schwächeren gewesen. »Ich habe nichts dagegen! Nennen Sie die Summe. »Das ist ein Grund.« Hungerford zuckte die Schultern. »Bist du sicher. das rechte Auge und den rechten Mundwinkel bis zum Kinn reichte. Es war nicht schwer zu erraten. erinnere ich Dich an meine Warnung.« Sie deutete auf eine Zeile des Fragments. in der steht. weshalb ich keinem Menschen etwas davon gesagt habe. daß dieser Typ schon mehr als einmal um sein Leben gekämpft hatte. Er war nicht groß. Was bietet Ihr Boß?« Daniel las leise: ›… ich weiß um das Ende aller Dinge und um die Wiederkunft des Gerechten. Perpetua hat mir von den großen Leiden unserer Schwestern berichtet. bestand aber fast nur aus Muskeln und hatte kurz geschnittene weißblonde Haare.‹ Er sah Catherine erstaunt an.

was ich Dir mitzuteilen habe. »Glaubst du. bei den Männern Empörung auslöst und sie Dich deshalb bestrafen wollen. wenn ich alle Schriftrollen übersetzt habe.« Daniel fuhr sich mit der Hand durch die Haare und ging nachdenklich auf und ab.‹« »König Tymbos! Wer ist das?« »Keine Ahnung.« Sie hielt die Lupe über die zweite Spalte und las weiter: »›… Tymbos. »Warum schweigst du?« »Der Text endet hier auf dieser Seite.« »Was für Schriftrollen sind das? Unbekannte Evangelien?« »Ich weiß nicht. sie meint damit die Frühchristen?« Catherine ging zu ihrem Koffer und schloß energisch den Deckel. Dann zog sie ihre Reisetasche unter dem Feldbett hervor. sie sollten die Absperrung nicht übertreten. es fehlt ein Buch. Er blieb stehen und drehte sich um. Ich möchte unter keinen Umständen. Wenn das. damit sie in Sicherheit sind. Ich habe keinen Hinweis darauf.den Jahren der Gleichberechtigung mit den Männern in unserer Gemeinschaft jetzt zu Schweigen und Absonderung verurteilt worden sind. Jemand rief den Neugierigen zu. aber ich glaube.« »Wie kommst du darauf?« Catherine ging zum Arbeitstisch zurück. dann nimm diese Bücher mit zu König…« Daniel sah sie an. »Sie waren alle in dem Korb. sagte er. Durch eine der Zeltklappen drangen von draußen Stimmen herein. »Die ›Gemeinschaft‹«. daß Schwestern unserer Gemeinschaft meinetwegen verfolgt werden. »Das werde ich wissen. Aber 92 . daß noch andere Bücher mit ihnen vergraben worden sind.

und eine etwas genauere Übersetzung wäre demnach: ›Ich fürchtete mich vor…‹« »›Vor…‹?« »Sie fürchtete sich vor etwas.« Catherine nahm ihre Jacke vom Haken und legte sie auf den Koffer. etwas damit zu tun?« »Wenn ja. Dieses Wort hier hat seinen Ursprung in dem Wort ›phobos‹. »Aber ich glaube. Er wird nichts verlauten lassen. »Ich kann ihm vertrauen.« »Und?« »Nach einem ersten Überblick kann ich sagen zweites Jahrhundert.« »Hans Schüller?« Sie nickte.« »Jemand?« »Vielleicht war es eine Frau…« Von weitem hörte man den Ruf des Muezzin von einem 93 . den du gesehen hast. daß die Geschichte weitergeht. dann wurde jemand in den Brunnen geworfen oder ist hineingefallen. Aber ich habe die Zeit genutzt und die Handschrift analysiert. Es müßte also mindestens noch eine Seite oder eine siebte Schriftrolle geben. Der Satz ist nicht zu Ende. »Ich habe eine Papyrus-Probe in die Schweiz geschickt. erwiderte er. da steht: ›… und ich hatte Angst…‹« »Das stimmt nicht ganz.sieh dir die letzte Seite von Buch sechs an… hier!« Sie deutete auf die letzte Zeile der letzten Seite. »Lies das…« »Mein Altgriechisch ist nicht sehr gut«. Das weist darauf hin. damit man dort so schnell wie möglich eine genaue Altersbestimmung mit der Radiokarbonmethode vornimmt. Es fehlt ein Wort.« »Hat der Schädel.

Cathy. das griechische Wort für Diakonin ist Diakonissa. die du gerade gelesen hast. in meiner Übersetzung noch einmal an. sie war eine Diakonin. Wir haben nur dieses eine Beispiel. sieh dir die Seite. Aber hier steht Diakonos. stand am Altar.« »Ein Schreibfehler?« »Das glaube ich nicht.Minarett: »Allahu akbar…« Der Gebetsruf zum Sonnenuntergang bedeutete auch. Hier.« »Du vergißt. und die Pflichten der Diakonin beschränkten sich darauf. denn er wußte plötzlich. Nina Alexander gut gekannt und sehr gemocht.« »›Amelia. Es gibt nur eine einzige Stelle in der Bibel. denn der Diakon. »Trotzdem verstehe ich dich nicht. Paulus spricht von Phöbe als Diakonos. daß eine Frau ein so hohes Amt bekleidete. daß er auf der ›falschen Seite‹ der Stadt 94 . verehrte Diakonos…‹« Daniel runzelte die Stirn. daß die Schriftrollen aus dem ersten Jahrhundert stammen…« Daniel nickte ernst. daß es Zeit zum Abendessen war. der Priester. Das ist nicht ungewöhnlich. daß er zu den wenigen Stipendiaten der Schule gehörte. Warum hast du die Behörde in Kairo nicht über den Fund informiert? Und warum willst du abreisen?« »Danno. an der eine Frau mit dem männlichen Titel erwähnt wird – Römer. Später wurde eine weibliche Form geprägt. Es roch bereits nach Lammbraten und Kaffee. die Kranken und Alten zu pflegen. weshalb Catherine nicht die Behörde in Kairo informieren wollte… Der Grund war ihre Mutter. die Anrede. Im Gegensatz zu den Eltern anderer Kinder hatte Catherines Mutter niemals Anstoß daran genommen. »Nun ja. Daniel hatte Dr. Kapitel sechzehn.« »Wenn du beweisen kannst.

daß angeblich der heilige Petrus den auferstandenen Jesus als erster gesehen hatte. im Krankenhaus gewesen und hatte mit eigenen Augen gesehen. und Nina Alexander stand neben ihm am Grab und tröstete ihn. Mit dem Neuen Testament als Quelle und als Beweis war Dr. die erste der Apostel veröffentlichte. »die Schriftrollen könnten den Beweis dafür liefern. nicht zu rechtfertigen sei. woran sie glaubte. daß die Autorität des Papstes. sondern Maria Magdalena müsse die Nachfolgerin Jesu gewesen sein. Daniel war in der Nacht. als Nina Alexander starb. eine weithin anerkannte Expertin auf dem Gebiet der Datierung von Handschriften. weil sie für das eingetreten war. Berühmt wurde sie jedoch durch ein Buch. Darin behauptete sie. fragte Daniel jetzt leise. Alle vier Evangelien berichteten. nicht Petrus. »Du glaubst also«. daß sie eine gebrochene Frau war. Und in zwei Evangelien hieß es. daß Frauen als erste das leere Grab gefunden hatten. Alexander zu dem Schluß gekommen. so argumentierte Nina. Beim Tod seiner Mutter war er neunzehn. die auf der apostolischen Nachfolge beruhte und ihren Anfang damit nahm. und er war in ihrem Haus stets willkommen. das sie unter dem Titel Maria Magdalena. Catherines Mutter war Paläographin gewesen.wohnte und nicht wußte. Dieses Buch hatte Catherines Mutter die erbitterte Feindschaft der Kirche eingebracht. wer sein Vater war. daß die Theorie deiner Mutter richtig ist?« Catherine antwortete ebenso leise: »Die Kritiker meiner 95 . Und alles nur deshalb. Sie war immer freundlich zu ihm gewesen. der sich aus Angst um sein Leben versteckt hatte. daß der auferstandene Jesus zuerst Maria Magdalena erschienen war und nicht Petrus.

daß im ersten Brief des Paulus an die Korinther. und deshalb besitzt sein Werk wegen der zeitlichen Nähe zu den Ereignissen größere Autorität. daß deine Mutter recht hatte. Wenn die Behörden sie in die Hände bekommen. Was aber. »Was für eine Frage!« »Ich muß noch ein paar Dinge vorbereiten. ja nicht einmal das leere Grab. Cathy. das ist eine heiße Sache. »Wenn sie Hinweise auf Frauen am Grab enthielten. daß Nostradamus das Ende des Papsttums und des Katholizismus für das Jahr 1999 vorausgesagt hat? Nicht auszudenken. Maria Magdalena nicht erwähnt wird und auch keine andere Frau. ein solcher Beweis konnte die katholische Kirche in ihren Grundfesten erschüttern. Weißt du. bis draußen alle mit dem Abendessen beschäftigt sind. Wir warten. in dem er über die Auferstehung spricht. daß du die Bücher wegbringen willst. Danno. wäre. werden wir sie nie wiedersehen!« »Nur mit diesen Schriftrollen kann ich vielleicht die Ehre und den Ruf meiner Mutter wiederherstellen. vielleicht sogar auf Maria Magdalena?« Danno lachte leise.Mutter haben darauf hingewiesen. daß die Briefe des Paulus an die Korinther mindestens zwanzig Jahre vor dem Auftauchen der Evangelien in schriftlicher Form entstanden sind. Danno lachte leise. »Dann wäre der Anspruch des katholischen Klerus auf das Priesteramt und das Papsttum nicht mehr zu halten. wenn diese Schriftrollen früher geschrieben wurden als die Briefe des Paulus?« Catherine legte die Bücher vorsichtig aufeinander. wenn diese Schriftrollen beweisen. Danno. Wir wissen. daß Petrus nicht der rechtmäßige Nachfolger von Jesus war und der Machtanspruch der Päpste auf einem Irrtum beruht!« Catherine wußte. und 96 . wirst du mir helfen?« Er lächelte. »Kein Wunder.

Man glaubt. die Essener kannten auch das Geheimnis des ewigen Lebens. Warum? Die Antwort steht ebenfalls hier: ›Zoe aionios‹ – das ewige Leben. Diese mystischen Heiler galten als Hüter vieler uralter Geheimnisse. Richtig? Was wäre.« Er hob die Hand und zählte an den Fingern ab: »Es war schwierig. »Das hier ist kein Werk der Essener.« »Das meine ich nicht. bestätigte sie und nickte. daß die Sekte verfolgt wurde. Vielleicht haben sie sich deshalb so hermetisch gegen alle abgeschirmt. in die Sekte aufgenommen zu werden.« Catherine legte die Bücher behutsam übereinander. daß ihre Leute sich um das Lagerfeuer eines Beduinen versammelt hatten. »Später wird Jesus in dem Text ›der Gerechte‹ genannt. die nicht zu ihnen gehörten.« Daniel blickte noch einmal auf die erste Seite der ersten Schriftrolle. murmelte er. Wenn ich mich nicht irre. wenn ihre Geheimnisse nicht mit ihnen untergegangen sind? Vielleicht konnten sie die wichtige letzte Schriftrolle 97 . die Initiation dauerte eine Ewigkeit und war grausam. dann galten die Essener als Heiler. daß jemand die Gemeinschaft verließ. manchmal sogar mit dem Tod.brechen dann auf. das steht hier…« Catherine blickte durch die Zeltklappe. Sie sah. »Worauf willst du hinaus?« »Angenommen. Denk an die Regeln ihrer Sekte. »Ja. »Hier steht: ›Jesus‹«. der geringste Verstoß gegen eine der Regeln wurde hart bestraft. als Rom zuerst Jerusalem zerstörte und dann Massada. »Ja…«. und wollten nicht zulassen. Das Wort ›Essene‹ stammt von dem griechischen ›Essenoi‹ – Heiler.« »Wird in den Schriften vom Toten Meer nicht auch von einem Gerechten gesprochen?« Sie sah ihn an und schüttelte den Kopf.

wenn wir herausfinden. daß Jesus ein Essener war und deshalb im Neuen Testament als Heiler auftritt. um mehr über den Fund zu erfahren.‹ »Warum könnte der Gerechte nicht Jesus sein?« fuhr Daniel immer erregter fort. Hungerford«. sondern auf das Leben hier auf der Erde. Angenommen. das wertvoller ist als die Kronjuwelen von England.retten. wollte der Texaner antworten.« Ich habe etwas. Könnte das nicht ein Beweis dafür sein. sehr alte Schriftrollen. Auf dem Weg zu diesem Treffen im Hotel Isis hatte er beschlossen. Möglicherweise enthält sie das Geheimnis des ewigen Lebens…« Catherine dachte unwillkürlich an die Worte des Ibn Hassan: ›… dann werde ich dir das Geheimnis des ewigen Lebens verraten. Alexander war mit einem Besucher in ihrem Zelt gewesen. wie sie sagte. seine Botschaft vom ewigen Leben bezog sich nicht auf das Leben nach dem Tod. »Cathy. sagte Zeke. »Viele Wissenschaftler behaupten. Aber Dr. was Sie anzubieten haben. »Ich sage nur soviel. wann das Ende der Welt kommen wird. und er hörte. Das Glück war auf seiner Seite. was ich 98 . die Archäologin zu besuchen. »müssen wir wissen. daß er das Mittel zum ewigen Leben kannte?« Daniel setzte sich auf das Feldbett und stützte den Kopf in die Hände. Mr. die siebte Schriftrolle zu finden und können das Geheimnis des ewigen Lebens enträtseln!« »Bevor wir über Geld sprechen. in der steht. sie habe Schriftrollen gefunden. wer Tymbos war und in welcher Stadt er als König geherrscht hat. dann sind wir vielleicht in der Lage. auf ein ewiges Leben in Fleisch und Blut! Jesus hat Tote zum Leben erweckt. Ihr Boß wird das haben wollen.

aber ich habe mich noch nicht einmal nach deinem Projekt erkundigt. Es war nicht der richtige Zeitpunkt. ihr von seinen Erfolgen zu berichten. eine ganze Woche lang nicht mehr schlafen zu können!« Bei seinem Anruf aus Chiapas hatte er nichts von seiner Entdeckung erwähnt. Sie würden feiern. »So. denn er wollte Cathy alles beim Wiedersehen erzählen. Für ihn war es in diesem besonderen Augenblick das Schönste gewesen. »Es tut mir leid. Daniel hob sie auf und 99 . Sie verstummten und lauschten auf die Musik der Beduinen. reden wir jetzt über die Summe.anbiete. fiel die International Times vom Vortag aus der Tasche. in Kalifornien. noch bevor Sie sagen können: ›Hier ist das Geld. von Catherine zu hören: ›Du mußt unbedingt kommen!‹ Aber die Lage im Sinai war keineswegs zum Feiern geeignet. »Fertig«. Ich sollte das nicht von dir verlangen. und Sie werden den Schatz vor sich sehen. flüsterte Daniel. Du bist um die halbe Welt geflogen und mußt völlig erschöpft sein. Vielleicht würde er dann sogar den Mut aufbringen. ihr seine Liebe zu gestehen… Als Catherine nach der Jacke griff.‹« »Fertig?« fragte Catherine und nahm die Reisetasche vom Bett. Catherine zögerte. »Danno…« Sie legte ihm die Hand auf den Arm. und das genügte. die zusammen mit dem Rauch von brennendem Kamelmist und süßlichen Haschischwolken in den dunklen Himmel stieg. Du brauchst dringend Schlaf…« »Im Augenblick habe ich den Eindruck. nach den Wandmalereien in dem Königsgrab. Später. Er freute sich mit ihr über den sensationellen Fund.« Er zwinkerte. Cathy brauchte seine Hilfe. sie beide ganz allein. konnte er ihr alles von sich erzählen.

wenn uns die fehlende siebte Schriftrolle wirklich das genaue Datum und die Zeit des Weltuntergangs verrät?« »Das werden wir alles wissen. »ich möchte Ihnen ein paar Informationen über 100 . und im Zimmer wurde es dunkel. um in den Südpazifik zu fliegen. »Mr. Dann merken meine Leute. Hungerford«. so daß sie das neue Jahr gleich zweimal feiern konnten. die in Erwartung der bevorstehenden Jahrtausendwende überall auf der Welt begangen wurden – Feste auf der Queen Elizabeth II und auf dem Eiffelturm. »Cathy«. fuhr Daniel fort. ist es wirklich nur ein Zufall. Ich meine. die Sonne war untergegangen. »Gehen wir?« Catherine warf einen vorsichtigen Blick aus dem Zelt. daß ich abreisen will. wo die internationale Zeitgrenze zwischen zwei Inseln verlief.sah auf der ersten Seite den Bericht über die Verrücktheiten und Exzesse. was geschieht. wenn wir die Schriftrollen übersetzen.« Sie griff nach ihrem Koffer. »Stell dir vor. Zeke trat in den Lichtkreis der schwachen Stehlampe und verließ ihn sofort wieder. »Wieder dieser Priester! Er unterhält sich mit einem meiner Leute. »Was ist?« fragte Daniel.« »Und was jetzt?« fragte Daniel. Sie werden uns sehen!« »Na und?« »Er wird sich mit uns unterhalten wollen. wich aber sofort wieder zurück. und sie stehen ausgerechnet in der Nähe des Landrovers. Besonders Kluge hatten Flugzeuge gechartert. Schwarze Messen in den Höhlen von Karlsbad und in Machu Picchu. daß sie gerade jetzt gefunden wurden… zwei Wochen vor Anbruch des neuen Jahrtausends? Und was ist. wenn diese Schriftrollen das endgültige Aus für die katholische Kirche als Institution bedeuten.

Hungerford. dann kaufen die interessierten Sammler das Haus. trat es rückwirkend in Kraft. »Ich bin nicht sicher…« Zeke trat so nahe an ihn heran. daß sie im Handumdrehen alle Gerüchte. wird manchmal sogar ein neues Haus darauf gebaut. daß Hungerford die weißen Pünktchen um die Narbe sah. an seinen Ursprungsort zurückgebracht werden. die viel Geld in alte Papyri investiert hatten. Als dieses Gesetz verabschiedet wurde. Mr. das aus einem Land geschmuggelt wird. Ich will Ihnen ein Beispiel nennen. Mr. Diese Familien besitzen ein unglaublich wirkungsvolles Nachrichtennetz. Hinweise und Geschichten über mögliche Funde von Schriftrollen und Papyrusfragmenten erfahren. das an diesem Platz steht. Das führte zum Beispiel dazu. dessen Einhaltung von der UNESCO überwacht wird. sagte Zeke freundlich. das Sie in Staunen versetzen würde. Wenn das Grundstück unbebaut ist. Deshalb beschränkt er sich mittlerweile auf eine Reihe ausgewählter Familien. Und nachdem die Grabungen beendet sind. Danach muß jedes Stück. daß Sammler.den illegalen Handel mit Altertümern und Antiquitäten geben. Wenn in Jerusalem das Gerücht kursiert. Hungerford. Dies wiederum löste einen interessanten Preisanstieg aus. ihre Sammlungen nicht mehr öffentlich machen konnten. »Der illegale Handel mit Schriftrollen wurde für viele Händler zu riskant. die Zekes Gesicht durchschnitt.« 101 . wird es wieder abgerissen. »Also werde ich mich deutlicher ausdrücken«. von denen die Behörden nie etwas erfahren. Es gibt ein Gesetz. Das Netz sorgt dafür. Sie lassen im Keller Ausgrabungen durchführen. daß an einer bestimmten Stelle ein Fund vermutet wird. Können Sie mir folgen?« Hungerford runzelte verwirrt die Stirn. und der illegale Handel mit diesen Dingen spielt sich seitdem nur noch unter Ausschluß der Öffentlichkeit ab.

Hungerford. Hungerford. sah Hungerford ein Stilett in seiner Hand blitzen. aus dem das Fragment vermutlich stammt. als Sie sich vermutlich vorstellen können. »Mr. um Zeit zu verlieren. sie sind nicht dumm. was Sie wissen. daß Sie sich auf ein Spiel mit hohen Einsätzen eingelassen haben. daß ein Jesus-Fragment und ein Korb mit Schriftrollen gefunden worden ist.»Ich verstehe immer noch nicht…« »Ich versuche. Es geht dabei um sehr viel mehr. und ich kann Ihnen versichern.« Zeke bückte sich. aber als er sich wieder aufrichtete. Ihnen klarzumachen. ich habe nicht im Traum…« »Sie haben einen bestimmten Händler in Kairo angerufen und ihm gesagt. und zwar schnell. Mr.« Hungerford trat der Schweiß auf die Stirn.« 102 . Sagen Sie uns alles. Hungerford. »Na ja. Mr. als wollte er sich am Bein kratzen. Ihre Mitspieler. sind Ihre Gegner. wir haben den weiten Weg nicht gemacht.

nach einer geistigen Nahrung. Da der Schamane keine Antwort gab. der um seinen Kopf wirbelte? Erika war protestantisch erzogen. das in der heiligen Schale glühte. hatte ihren Glauben jedoch während der Hippie-Zeit in den sechziger und siebziger Jahren aufgegeben und sich den östlichen Philosophien und Religionen zugewandt. die auf den Verlust von etwas Lebenswichtigem hinzuweisen schien. während Kojote in den heiligen Rauch blickte. einer Bewegung. New Age versprach einen geistigen Neuanfang. Die Sehnsucht in Erika dagegen schien nach dem Wissen der Alten zu verlangen. wo sich die ganze Familie versammelt hatte – ihre drei erwachsenen Töchter mit Kindern und Ehemännern. sich in der neuen Computerwelt einen Namen zu machen und Erika ihre drei Kinder großzog. schien jeder Gedanke an Religion aus ihrem Leben verschwunden zu sein. Dampfwolken stiegen in den blauen Himmel von New Mexico. Sie waren gekommen. die von dem Holz des Mesquitestrauchs aufstieg. Der Wasserdampf über dem Pool war sehr viel dichter als die dünne Rauchfahne. Der Schamane blickte in die Zukunft. richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf das Geschehen am Pool. In letzter Zeit hatte sie jedoch eine seltsame Leere verspürt. Was mochte er in dem Rauch sehen. eine Leere. Später. Sie beschäftigte sich mit New Age. zu der sich viele ihrer Freunde hingezogen fühlten. Erika konzentrierte sich wieder auf ihn. um mit ihnen Weihnachten und Silvester zu feiern. die 103 . als Miles seinen ganzen Ehrgeiz daransetzte. Der Pool war geheizt.Santa Fe. New Mexico »Was sehen Sie?« fragte Erika Havers besorgt.

Die Polizei sprach von Diebstahl. und so hieß er Luke Pifieda. die Sonne habe die Pigmente aus seinen Augen gebleicht. richteten sich auf die zierliche Frau mit den aschblonden Haaren. verweilte nicht bei den Farben und Formen.die Prüfungen der Zeit überstanden hatte. hatte Kojote gesagt. der KachinaGeist sei aus eigenem Entschluß in die Erde zurückgekehrt.« Erika verstand ihn. daß sie fast farblos wirkten. Sein Stammesname war jedoch Kojote. Die Gesetze der Weißen zwangen seinem Volk seit mehr als hundert Jahren christliche und bürgerliche Namen auf. die so hell waren. um den 104 . sich den Weg an die Oberfläche gebahnt hatten. Der Rauch ist leer. Er blickte in das Wesen der Dinge. Er war Pueblo-Indianer und das Haupt der Antilopensippe. Dabei streiften seine langen weißen Haare das dunkle Lederhemd. die mütterliche Schöpferin der Welt. »Was sehen Sie?« flüsterte Erika noch einmal. In seiner Obhut befanden sich die heiligen Kachinas. die Sonnenwend-Kachina‹. Das machte ihn zum geistigen und politischen Führer seines Dorfes. In seinem Dorf sagte man. Eines Tages begegnete sie dem Schamanen in einer Ausstellung indianischer Kunst. als die Ahnen. aber der Schamane erklärte. weil die Kachina des Pueblo Acoma verschwunden war.« Sie sah ihn ängstlich an. nicht im Rauch. Aber er sah nicht das Äußere. Von ihm hatte Erika etwas über Latiku. weil das Ende der Welt bevorstand. Diesmal schüttelte Kojote langsam den Kopf. »Das sehen Sie im Rauch?« Seine Augen. »Nein. ›Soyal erscheint zur Wintersonnenwende. Havers. Er glaubte an den Weltuntergang. Mrs. um in der Sonne zu leben. die in den unterirdischen Regionen hausten. Er hatte ihr auch die Geschichte von der Entstehung der Menschen erzählt. Das Ende der Welt ist wirklich nahe. ›Er ist Soyal. »Es ist sehr schlimm. erfahren.

»Zum ersten Mal in der Geschichte meiner Sippe wird Soyal nicht erscheinen. Er betrachtete sich gern und kannte keine falsche Bescheidenheit. Steht der Weltuntergang wirklich bevor? Der Anruf kam aus dem Sinai. der nach dem Wettschwimmen mit seinen Schwiegersöhnen zufrieden aus dem Wasser stieg. Er kommt als der erste aus der Kiva und geht durch das Dorf.‹ Kojote war in die Kiva gegangen. daß sich in der jugendlichen Erscheinung sein Reichtum. Lachend hielt er die Stoppuhr hoch. sondern wahrscheinlich auch seinen eigenen Rekord gebrochen. Ihm gefiel die Vorstellung. seine Figur zu erhalten. sein Geschmack und sein Verstand ebenso spiegelten wie in seiner vorbildlichen Familie und seinem unvergleichlichen Anwesen. und seine Stimme klang wie das Rascheln gefallener Blätter. betrachtete er sein Spiegelbild in dem Glas. daß der Butler auf der Terrasse erschien und neben Miles trat. und er hatte festgestellt. Er hatte natürlich nicht nur gewonnen.Beginn der Kachina-Zeit anzukündigen. Erika wollte eine Frage stellen. 105 . Damit bereitet er den anderen Kachinas den Weg. Schließlich besaß er den Körper eines zwanzig Jahre jüngeren Mannes und arbeitete täglich daran. die ihm sein Trainer gereicht hatte. Kurz darauf folgte er dem alten Butler ins Haus. Deshalb können auch die anderen Kachinas nicht aus den Kivas kommen und mein Volk segnen. als sie sah. hinter dem Pokale und Siegestrophäen standen. damit sie aus der Geist-Welt auf die Erde zurückkehren können. sehr schlimm«. um die Ankunft der Kachinas zur bevorstehenden Wintersonnenwende vorzubereiten. Während Miles zuhörte. Erikas Blick richtete sich wieder auf den heiligen Rauch. sagte der Schamane. daß Soyal nicht mehr da war. Das ist sehr.

Das Untergeschoß war ganz in den beruhigenden Pastelltönen der Wüste gehalten. Vergessen Sie Hungerford. und ein ausgeklügeltes Sicherheitssystem. was Sie finden können. um später irgendwelche Aussagen machen zu können. Ich brauche die Informationen schnell!« Mit einem Knopfdruck schaltete er wieder zu Zeke zurück. zu seiner Familie zurückzukehren.Einem erfolgreichen Mann. befahl er ihm zu warten und wählte eine andere Nummer. indirekt beleuchtet und gegen Störungen der Außenwelt schalldicht isoliert. Nachdem Zeke Bericht erstattet hatte. Freunde… alles. Er hatte sogar Sensoren einbauen lassen. Dort befand sich unter anderem ein Museum. war er nicht in der Stimmung. daß Dr. Havers?« »Teddy. Alexander nicht in der Nähe ist. zu der nur er Zugang hatte. sollte man den Erfolg auch ansehen. »Nach meiner Meinung kann man mit dieser Archäologin kein Geschäft machen. Der Teilnehmer meldete sich sofort. Deshalb beschloß er.« Nachdem Miles aufgelegt hatte. wer ihre Kollegen sind. ihre Bekannten. In einem besonderen Raum befand sich eine kleine Schaltzentrale. hinunter in sein persönliches unterirdisches Reich zu gehen. beschaffen Sie sich schnellstens die Schriftrollen und sorgen Sie dafür. wo sie wohnt. Catherine Alexander. Stellen Sie zusammen. so fand Miles. die vor Erdbeben warnten. Von hier aus konnte er nicht nur das 106 . besorgen Sie mir alles über eine Archäologin. in dem seine Schätze hinter Glas geschützt bei elektronisch gesteuerter gleichbleibender Temperatur und Luftfeuchtigkeit auf ihn warteten. Zu solchen Dingen ist kaum jemand aus ihrer Branche bereit. Mr. »Ja. Die Frau heißt Dr. Ich möchte wissen.

Die aus Pappelholz 107 . und die Besucherzahlen brachen alle Rekorde. einen unschätzbaren Wert erhielt. das Gesicht Jesu auf dem Tor einer Garage. die bislang geschlossen waren. wenn es von religiöser Bedeutung war. weil es ein religiöser Wahn war. Viele Menschen schworen. die mit der Jahrtausendwende erwartet wurden. aber inzwischen schienen sie den Großteil seiner Sammlung auszumachen. daß die Augen des Gesichts auf dem Tuch. daß ein Stück. die in letzter Zeit auf spirituellem Gebiet nach Antworten suchte. Niemand. Und Miles war besonders stolz darauf. die Tränen vergossen. In England mußte das Militär eingreifen. gleichgültig wie alt. Statuen. wie selten oder wie kostbar. nicht einmal Erika. Die Menschen schienen das Unsichtbare sehr viel höher einzuschätzen als das Sichtbare. sondern das Anwesen und seine Produktionsstätten auf der ganzen Welt überwachen. wußte von diesem Stück. die mit Zelten und Wohnwagen nach Stonehenge pilgerten.Museum. jetzt offenstanden. Die Medien berichteten Tag für Tag über religiöse Wahnvorstellungen und unerklärbare religiöse Phänomene – MarienErscheinungen. Miles ging zielstrebig durch das langgestreckte Museum zu einem Kabinett an der Stirnseite. Das Grabtuch von Turin wurde in diesem Jahr öffentlich gezeigt. in dem sein neuester Zugang aufbewahrt wurde. Miles mußte in diesem Zusammenhang an Erika denken. um die Menschenmassen unter Kontrolle zu bringen. um dort den Katastrophen zu entgehen. Er hatte festgestellt. Im Grunde hatte sich Miles nicht von Anfang an mit religiösen Gegenständen beschäftigt. Die ganze Welt schien im Fieber zu liegen. Sie war übrigens nicht die einzige. denn mit diesem Wahn ließen sich riesige Gewinne machen – vor allem deshalb. und das gefiel Miles.

In der linken Hand trug sie eine Adlerfeder. und aus dem geisterhaften Kopf ragte ein weißer Federbusch.geschnitzte Statuette war sechzig Zentimeter groß und gespenstisch weiß bemalt. Man sagte. 108 . Soyal gehörte jetzt ihm. Es war die Sonnenwend-Kachina. Miles betrachtete die Gestalt voller Ehrfurcht. diese Statuette sei die kostbarste und heiligste aller Pueblo-Kachinas.

johlten oder auch drohend schimpften. Zeke versuchte. Vielleicht hatte man den Toten schon gefunden… »Was ist denn hier los?« fragte er einen Zuschauer. Das waren vermutlich Leute aus dem Lager von Dr. die sich heftig gegen 109 . Zeke entdeckte einen westlich gekleideten Ägypter. erwiderte der Angesprochene. die von den Hotels herübergekommen waren und das Spektakel eher unbeteiligt beobachteten. Diese Verzögerung gefiel ihm nicht. der Amerikaner zu sein schien. die wie üblich von Kopf bis Fuß schwarz verhüllt war. daß die Putzfrauen Hungerfords Leiche erst am nächsten Morgen in der Badewanne entdeckten. Im Licht der Scheinwerfer sahen sie am Rand der Ausgrabungen eine aufgeregte Menschenmenge. Zeke sah nur wenige Weiße in der Menge. »Der Mann ist ihr Bruder«. Alexander. Im Hotel hatte er das Schild ›Bitte nicht stören‹ an die Zimmertür gehängt. Zeke gab keine Antwort. seine Schwester habe Schande über die Familie gebracht. wo sich das Lager der Archäologin befand. daß nicht doch jemand aus irgendeinem Grund das Zimmer früher betrat. Der Mann schrie auf die Frau ein. während die Umstehenden lachten. aber er kam nicht weit. Die beiden Amerikaner sprangen aus dem Wagen und mischten sich unter die lärmenden Ägypter. »Er sagt.« Zeke musterte die Frau. Aber das Schild war keine Garantie dafür. Golf von Akkaba »Was soll denn das bedeuten?« fragte Zekes Partner. sich einen Weg durch die Menschen zur anderen Seite zu bahnen. sondern hielt den Leihwagen in der Nähe des Lagers an. Er fluchte leise. der eine Beduinin mit sich zerrte. um sicherzustellen. vielleicht auch ein paar Touristen.Scharm el Scheich.

Ohne ein Wort zu wechseln. Als sie mühsam wieder aufstand. Nach seiner Kleidung zu urteilen. Die Umstehenden johlten. daß die Frau schwanger war. die der schwangeren Frau und ihrem wütenden Bruder folgten. schien es ein Priester zu sein. daß sie Nikes trug. In dem Zelt brannte Licht. Als es ihr schließlich gelang. Plötzlich stürzte die Frau zu Boden. Sie sahen. Es dauerte nicht lange. wo sich ihr Zelt befand. sah Zeke. Sein Partner war beinahe gleichzeitig zur Stelle. bis auf die Augen. ob vielleicht auch Dr. Ein Teil der Leute stimmte ihm zu. Er wußte aber. verschwanden ihre Hände in den Jacken und umfaßten die Griffe ihrer Waffen. 110 . wie der Ägypter die ›Beduinin‹ in einen Landrover zerrte und in einer Staubwolke davonraste. und Zeke sah. Schließlich gelang es Zeke. Die Menge bewegte sich langsam weiter und entfernte sich vom Lager. Das schwarze Gewand bauschte sich um ihren Leib und verhüllte alles.ihren Bruder wehrte. während die anderen noch lauter schrien. Alexander unter den Zuschauern war. »Das geht Sie nichts an!« rief der Bruder der Frau. Ein Blick beruhigte ihn. »He!« rief Zeke und stieß seinen Partner an. Zeke ging eilig durch das Lager und erreichte das Zelt der Archäologin. bis die beiden Amerikaner ihren Leihwagen erreicht hatten. Zeke startete den Motor und verfolgte die ›Geschwister‹ mit Vollgas. Zeke vergewisserte sich noch einmal. verrutschte das schwarze Gewand. an den Menschen vorbeizukommen. Im Schein der wenigen Lampen konnte er nicht alle Gesichter sehen. daß die Menge nur Augen für die Familientragödie hatte. sich aus dem Griff des Mannes zu befreien. »Komm mit!« Die beiden liefen los. Zeke fragte sich. Plötzlich drängte sich ein Weißer durch die Menge und erhob laut Einspruch gegen die brutale Behandlung der Frau.

Er konnte es kaum erwarten.‹ Dann küßte er sie leidenschaftlich. die dem Benutzer zum Bearbeiten von Filmen die raffiniertesten Spezialeffekte der Filmtechnologie zur Verfügung stellte. staunte über das Erreichte. Der Film war das Ergebnis seiner neuesten technischen Errungenschaft. als sein Konzern damit begonnen hatte. W. am Weihnachtsmorgen ihr Gesicht zu sehen. Sie würde begeistert sein. Sogar Miles. Jeder würde künftig in der Lage sein. Es funktionierte besser als erwartet. die Digitalisierungsrechte berühmter Kunstwerke zu kaufen. blickte ihr tief in die Augen und sagte: ›Uns bleibt immer noch Paris. Die Idee dazu stammte aus der Zeit. Als die Lichter in seinem privaten Filmtheater mit den dreißig dunkelroten Polstersesseln angingen. mit einem PC und einer normalen Videokamera 111 . Er digitalisierte sie in den alten Streifen und konnte die Stars durch Manipulation winziger Informations-Pixel in neuen Filmen ›einsetzen‹. lächelte Miles zufrieden. und Erika ahnte nichts. damit jeder über das World Wide Web Zugriff hatte. der an diesem Projekt beinahe ein Jahr gearbeitet hatte. und produzierte sie als brandneue CD-ROMs. Miles spezialisierte sich auf die großen Filmstars der Vergangenheit und erwarb die Exklusivrechte an Rudolpho Valentino. Die Leinwand wurde dunkel. deren Copyright verjährt war. Sie wurden reproduziert und ins Net eingespeist.Santa Fe. New Mexico Humphrey Bogart nahm Erika Havers in die Arme. C. Fields und zahllosen anderen. Es handelte sich um eine Software. Dianuba Technologies sicherte sich die Rechte an Literatur und Filmen. und der rote Samtvorhang schloß sich geräuschlos.

wenn wir in jedem Film. Warum gibt es eigentlich keine Computerspiele für Frauen? Ich denke da an Liebesgeschichten. war sogar dafür verantwortlich.einen Film mit einem berühmten Star als Partner zu produzieren. Erika hatte ihm den Anstoß zu diesem Projekt gegeben. Auch Erika achtete darauf. Er sah Erika auf dem Tennisplatz. wäre er vermutlich immer noch ein ausgeflippter Hacker mit einem ausrangierten. fit und gesund zu bleiben. Miles verließ das Kino und ging durch einen der verglasten Innenhöfe. die die fächerartig angeordneten Flügel des großen Anwesens miteinander verbanden. aber Butterfly. Sie spielte mit ihren Töchtern ein Doppel. Die Luft war kalt und klar. hatte die Welle ausgelöst und war mittlerweile ein Klassiker. Wieder einmal rief ihm der Anblick dieser bezaubernden Frau ins Bewußtsein. sagte sie anschließend zu Miles: ›Wäre es nicht schön. Er blickte auf die schneebedeckten Berge und den dunkelblauen Himmel.‹ Inzwischen gab es unzählige Imitationen. der uns gefällt. ein interaktives Computerspiel auf CD-ROM. daß Miles mit seiner Gesellschaft zum weltweit führenden Software-Hersteller geworden war. Aus der Entfernung wirkte sie ebenso jung und temperamentvoll wie ihre Kinder. Als sie Forrest Gump gesehen hatten. Eine ihrer Ideen. was für ein glücklicher Mann er war. mit dem eine Frau dem Mann ihrer Träume begegnen konnte. Erika hatte gesagt: ›All diese aggressiven Computerspiele werden für Männer gemacht. veralteten Modem und keinem Penny 112 . selbst mitspielen könnten? Ich würde mich so gern einmal als Elsa in Casablanca sehen!‹ Erikas Vorschläge fielen bei ihrem Mann immer auf fruchtbaren Boden. daran gab es für Miles keinen Zweifel. Ohne Erika. ideal zum Joggen. über die sie vor vier Jahren eher beiläufig gesprochen hatte.

Sein Büro unterschied sich damit von dem für Santa Fe typischen. spanisch beeinflußten Stil. Miles wußte. Das heißt. zog sich Miles zum Entspannen und Nachdenken zurück. Inzwischen schien er hier im Haus zu wohnen. Das Turmzimmer unter den Zinnen hatte Fenster nach allen Himmelsrichtungen und war in den Tönen Goldgelb und Burgunderrot gehalten und sparsam mit wenigen Designermöbeln eingerichtet. an den höchsten Punkt im ganzen Haus. sah er aus dem Augenwinkel den Schamanen am Rand des Tennisplatzes. Hierher. Mit solchen Gedanken durfte er sich nicht belasten. Ahnte er womöglich. Als sich Miles gerade umdrehen wollte. er liebte sie nicht nur. daß Erika ihn zum Bleiben aufgefordert hatte. das war unmöglich! Der Schamane kam nur wegen Erika ins Haus. Es hatte indirekte Beleuchtung und einen weichen dunkelblauen Seidenteppich. Luke Pineda legte großen Wert darauf. Wenn ich diese Frau verlieren sollte… Er schüttelte unwillig den Kopf. er war noch immer in sie verliebt.in der Tasche gewesen. wo er mit den Bergen auf einer Höhe zu sein schien. ›Kojote‹ genannt zu werden. Selbst nach all den vielen Jahre liebte er sie. ihr den Mond in Silberpapier verpackt zu überreichen. Sollte sie ihn bitten. ihr den Mond zu schenken. daß sich seine wertvolle SonnenwendKachina in dem unterirdischen Museum befand? Aber wie sollte der Alte das herausgefunden haben? Nein. ließ er die Familie hinter sich und zog sich in sein abgeschirmtes Büro zurück – ein runder Turm an der Ostseite des Anwesens. würde es ihm irgendwie gelingen. aber er mißtraute dem alten Indianer. Miles blickte noch einmal zu seiner Frau hinüber. Als Miles den Fahrstuhl erreicht hatte. Zwei Dinge beschäftigten ihn an diesem 113 .

Ein vertrauenswürdiger Vermittler hatte für Miles ein Geheimabkommen mit den Russen eingefädelt. Lautlos öffnete sich die Tür der Bar.Dezembermorgen. dachte Miles und drückte auf einen Knopf. die seit dem Zweiten Weltkrieg als verloren gegolten hatten. und ein weltweiter. Sollen sie es doch versuchen. Natürlich gefiel das der Konkurrenz und der Regierung nicht. wurde die Sache bekannt. Er genehmigte sich einen Drink. Damals waren viele Schätze wieder aufgetaucht. und sein Lächeln verschwand. bittersüßen Geschmack in seiner Kehle. Die Kopernikus-Tagebücher. daß am Ende nur Erfolg und Macht zählten. den Kauf dieses Unternehmens zu verhindern. Er erinnerte sich an eine herbe Niederlage. aber das lag nicht an dem scharfen. denn er wußte. empörter Aufschrei war die Folge. Sein bester und erfahrenster Berater machte ihn darauf aufmerksam. Miles hatte von den Tagebüchern kurz nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erfahren. Und er besaß beides. nachdem sich die Tagebücher in seinem Besitz befanden. daß das Justizministerium beabsichtige. Auch diesmal würde er schließlich der Sieger sein. die absolute Kontrolle über die Software-Industrie zu erreichen. Wann immer er sich etwas in den Kopf setzte. Bald. Vor dem Justizministerium hatte er keine Angst. Forscher und 114 . Nichts würde ihn daran hindern. Wissenschaftler. Er erwarb die Tagebücher des polnischen Astronomen aus dem sechzehnten Jahrhundert zum stattlichen Preis von dreißig Millionen Dollar für seine Privatsammlung. führte er die betreffende Sache auch zum Erfolg. Er leerte sein Glas. genau zwei Wochen vor der Jahreswende: Zekes Auftrag auf dem Sinai und die Aktennotiz seines Anwalts zu dem geplanten Kauf des letzten Software-Herstellers in Privatbesitz für eine Milliarde Dollar. Miles lächelte spöttisch.

die er zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte. und die Tür öffnete sich. aber nachdem sie in so viele andere Hände gelangt und der Öffentlichkeit zugänglich waren. Das entsprach der Wahrheit. aber er mußte an seinen Ruf denken. die Tagebücher der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Tagebücher befanden sich mittlerweile als Leihgabe in der Universität von Warschau. sah er. dieses einzigartige Dokument der Vergangenheit sei Eigentum der ganzen Menschheit. hatte Miles das Interesse daran verloren. aber er würde es natürlich leugnen. der ihm bis zur Hüfte reichte. Ein schlanker Asiate mit zwei Ringen in einem Ohr und schwarzen Haaren. Seine Gedanken richteten sich auf die Aktennotiz.« Es war eine dicke Akte. »Hier sind die Unterlagen. den Software-Markt zu monopolisieren. wie um sich von dem unangenehmen Geschmack seiner Erinnerungen zu befreien. Mr. Miles wollte nicht auf die Tagebücher verzichten. Er drückte einen Knopf. Deshalb ließ er erklären. darunter sogar Unterlagen des FBI. Das Justizministerium warf ihm vor. daß jemand vor der Tür stand. Praktisch waren sie noch sein Eigentum.Bürger erhoben Einspruch und erklärten. Er füllte ein Glas mit Wasser und trank es langsam. Der junge Mann hatte sein Examen zwar in 115 . kam herein. es sei von Anfang an seine Absicht gewesen. und als Miles darin blätterte. Er legte einen Aktenordner auf die große schwarze Granitplatte des kreisrunden Schreibtischs. die Sie angefordert haben. Ein Lichtsignal machte ihn darauf aufmerksam. auf der nichts außer einer leuchtendgelben Orchidee stand. Havers. daß Teddy Yamaguchi beachtlich viele Informationen zusammengetragen hatte.

das sich Teddy über UPI hatte einspielen lassen. die Berichte der Nonnen aus ihrer Zeit in der katholischen Schule. dem Datum ihrer ersten Kommunion. wohin ihre arabischen Freunde sie bringen. daß er außer mir niemanden von Hungerfords Anruf informiert hat. Zeke war am Apparat. In der Spalte ›Freunde‹ stand Daniel Stevenson an erster Stelle. aber er hatte keine guten Nachrichten. Das verschafft uns einen Vorteil. Ich vermute. Sein Telefon läutete. fragte Miles. Die Akte enthielt alle Informationen über Dr. die Verfolgung abzubrechen. aber sie ist nicht mein Typ. in dem sie geboren worden war. Ganz gleich. es gebe kein einziges Byte Information auf der ganzen Welt. Catherine Alexander – angefangen bei dem Krankenhaus. Miles entließ Teddy und griff erst nach dem Hörer. daß Sie das Versteck nicht finden werden. diese Alexander ahnt nicht. man wird dafür sorgen. Wir wollen natürlich nicht in Erscheinung treten. wenn es nicht unbedingt notwendig ist.« Miles blickte auf das Photo in der Akte. das Teddy nicht beschaffen konnte. aber die eigentliche Leidenschaft des Achtundzwanzigjährigen waren Computer. die ihre Mutter bei der Entbindung erhalten hatte. als sich die Tür hinter dem jungen Mann geschlossen hatte. dem Namen der Ärztin. Miles Havers hatte manchmal den Eindruck. die sie zur Welt gebracht. Mein Händler in Kairo hat mir versichert. Er hörte die Antwort und nickte. Eine Jugendliebe? überlegte Miles. Die Alexander ist eine schöne Frau. daß wir etwas von den Schriftrollen wissen. dachte Miles. Es folgten Catherines Jugendjahre mit Kinderkrankheiten. 116 . »Was wollen Sie damit sagen: Sie ist geflohen…«. »Es war richtig. und Angaben über die Narkose.Biochemie gemacht und war ein meisterhafter Segler.

Vermutlich befindet sie sich bereits auf dem Rückflug in die USA. wenn sie Scharm el Scheich in Verkleidung verlassen hat. er habe gehört. Außerdem lag in ihren Augen etwas Herausforderndes. was sie in diese Außenseiterrolle gebracht haben mochte. möglicherweise sogar eine Verhaftung durch die ägyptischen Behörden und einen Aufenthalt im Gefängnis? »Hungerford hat uns berichtet. habe er ein Papyrus-Fragment und einen Korb beschlagnahmt. daß sie eine Einzelgängerin war. sagte er. daß sie eine weltweite Verurteilung ihrer wissenschaftlichen Kollegen in Kauf nahm. ohne jemanden einzuweihen. daß Sie alle Flughäfen überwachen lassen. Ich möchte. Die katholische Kirche hatte ihre Bücher zensiert und ihr verboten.Das leicht gereckte Kinn verriet einen starken Willen. kann das nur bedeuten. daß ein Beamter der ägyptischen Behörde am Grabungsort erschienen sei. wie sie jemandem gesagt hat. weiterhin ihre Theorie über Maria Magdalena zu veröffentlichen. Als der Mann feststellte. Maria Magdalena… »Zeke«. sagte Zeke. Nina Alexander. Aha. an denen sie eintreffen 117 . Vielleicht lag das an ihrem Blick. Beim Überfliegen der Daten des FBI hatte Miles gesehen. keine Verwandten und nur wenige gute Freunde hatte. »ich werde Ihnen die Unterlagen über Dr. Aber was? Was konnte eine Frau wie sie dazu bringen. Miles entdeckte in dem Ordner einen Vermerk über ihre Mutter. Alexander verschwunden war. Sie war auch nicht verheiratet. Alexander faxen. Zeke berichtete. daß Dr. ihr zu nahe zu treten. die Schriftrollen seien sehr alt…«. Dr. daß sie etwas aus dem Lager geschmuggelt hat. dachte Miles. ihre Karriere aufs Spiel zu setzen? Was konnte so wichtig sein. aber keine Schriftrollen. Miles überlegte. der jeden Außenstehenden davor zu warnen schien.

daß Erika mit den Kindern vom Tennisplatz zurückkam. wo sich ihr Freund. im Augenblick befindet.kann.« 118 . Dann ließ er sich wieder zum Schreibtisch zurückdrehen und sagte gefährlich ruhig in den Hörer: »Wir werden sie finden. Mir ist es gleich. aber Sie müssen diese Frau unbedingt finden. Vielleicht ist er außer Landes. Zeke. ein gewisser Daniel Stevenson. Aber das nächste Mal dürfen Sie die Frau auf keinen Fall entkommen lassen. und er lächelte bei dem fröhlichen Anblick zufrieden. Er ist ebenfalls Archäologe.« Miles ließ sich von seinem elektronisch gesteuerten Massagesessel um fünfundvierzig Grad drehen und blickte aus dem Fenster. Stellen Sie außerdem fest. wie Sie es anstellen. Er sah.

DER DRITTE TAG 119 .

Fast alle Sicherheitskräfte waren deshalb auf die Einreisenden konzentriert. 16. der etwas großzügiger war als seine Kollegen. was Dezember in New York bedeutete. 120 . da Menschen aus aller Welt in das Land strömten. Kennedy-Airport. Es schneite. denn sie wollten die mühsame Zollabfertigung nach dem langen Flug so schnell wie möglich hinter sich bringen. die Abreisenden dagegen durften ohne größere Formalitäten das Land verlassen. aber sie hatte vergessen. Der Abflug aus Ägypten hatte sich einfacher erwiesen als erwartet. Dezember 1999 John F. Sie ließen allerdings nicht jedes Gepäckstück öffnen. um zur Jahrtausendwende zu den Pyramiden zu pilgern. Der Flughafen von Kairo glich einem Irrenhaus. war es geschafft. aber sie mußte weder den Koffer noch die Reisetasche öffnen. daß die amerikanischen Zollbeamten die Koffer der Einreisenden durchsuchten. und einige Reisende konnten unbehelligt passieren. Sie hoffte.Donnerstag. Der Winter auf dem Sinai konnte zwar kalt sein. Man hatte Catherines Gepäck wie üblich mit Röntgenstrahlen nach Waffen untersucht. Mit Unbehagen stellte sie fest. Sie war nicht auf Schnee vorbereitet. Die Schriftrollen befanden sich jetzt in ihrem Besitz. New York Catherine musterte unauffällig die Zollbeamten. Catherine zögerte und ließ die Beamten nicht aus dem Auge. Seufzend warf sie einen Blick durch die großen Fensterscheiben auf den dunklen Abend. Die anderen Fluggäste schoben sich ungeduldig an Catherine vorbei. Wenn sie den Zoll hinter sich hatte. und sich in diese Schlange stellen. einen zu finden.

ihren Schatz gut genug getarnt zu haben. Warum waren die Beamten bei der Abfertigung des Gepäcks so gewissenhaft? Suchten sie etwas Bestimmtes? Hatte man Angst vor Terroristen? Ihr Flug kam schließlich aus dem Nahen Osten… Bis jetzt war alles glattgegangen. zu diesem Zöllner würde sie bestimmt nicht gehen. von dort nach Amman. wenn sie den Zoll passiert hatte… Der Beamte vor ihr ließ eine vierköpfige Familie nicht nur die Koffer öffnen. Ihr Herz begann zu klopfen. hatte sie Samir zu Hilfe gerufen. Daniel als ›schwangere Beduinin‹ zu verkleiden. Samir spielte den erzürnten ›Bruder‹. Catherine hatte die Schriftrollen gut versteckt. fragte sie sich plötzlich besorgt. daß Weihnachten bevorstand. aufgeregte Besucher mit Weihnachtsgeschenken und weinenden Kindern – hörte sie aus den Lautsprechern die süßlichen Klänge von ›Stille Nacht…‹ Sie hatte bei all den Aufregungen der letzten Tage völlig vergessen. Es war eine mühsame Reise gewesen: Zuerst mit einer kleinen DC-3 von Scharm el Scheich nach Kairo.Über das Stimmengewirr der zahllosen Menschen hinweg – gereizte Touristen. 121 . Es war seine Idee gewesen. Die Familientragödie hatte tatsächlich für die notwendige Ablenkung gesorgt. aber als sie sah. und schließlich der Direktflug nach New York. Wie hoch ist eigentlich die Strafe für das illegale Einführen von Grabungsfunden. Nein. obwohl sie erst dann am Ziel war. bezweifelte sie. die Bedauernswerten mußten auch alle Geschenke auspacken. wie ein Beamter sogar das Futter eines Koffers auftrennte. als sie endlich wieder auf amerikanischem Boden stand. Immerhin atmete sie auf. Sie war bestimmt vierundzwanzig Stunden unterwegs gewesen. Als ihnen im Lager der Priester den Weg versperrte. Catherine fühlte sich zerschlagen. Jordanien.

Jetzt galt es. Catherine sei wegen einer dringenden Familienangelegenheit abgereist. Während Catherine auf Daniels Ankunft aus Mexiko wartete. hatte sie die Schriftrollen photographiert und die Filme an Ort und Stelle entwickelt. Sie hatten verabredet. Ein älterer rothaariger Mann schien zu Frauen etwas freundlicher zu sein… 122 . welcher sie ohne Gepäckkontrolle abfertigen würde. Der freundliche alte Herr würde alle Post an ihre Adresse in den USA weiterleiten. hatte Daniel wenigstens die Photos. den sie mit Steinen gefüllt und wieder in das Leinengewebe eingepackt hatte. Samir zeigte größtes Verständnis und fuhr mit Daniel anschließend nach Kairo. daß die überstürzte Abreise auf Außenstehende möglichst normal wirkte. Es war eine Vorsichtsmaßnahme. Daniel nahm das Photomaterial in sein Handgepäck. Sie hoffte. alle Spuren sorgfältig zu verwischen. und auch den Korb. was alle Zeugen gesehen hatten – einen Korb und ein Papyrus-Fragment. sondern eine Geschichte von einem eifersüchtigen Liebhaber erfunden. denn bei diesem Abenteuer mußten sie auf alles gefaßt seih. denn falls Catherine oder den Schriftrollen etwas zustoßen sollte. der sich an ihr und Daniel rächen wolle.Catherine hatte Samir jedoch nicht die Wahrheit erzählt. Noch einmal musterte sie die Zollbeamten und versuchte. Mylonas im Hotel Isis ausrichten. wie sie es bei Ausgrabungen immer tat. Samir wollte dem hilfsbereiten Mr. daß Daniel dort einen anderen Flug nahm. Sie wollten unter keinen Umständen Ägypten gemeinsam verlassen. intuitiv herauszufinden. Um die Beamten aus Kairo zu täuschen. Bei der Durchsuchung ihres Zelts würde man genau das finden. hatte Catherine das Jesus-Fragment zurückgelassen.

an Daniel. für die Schwachen einzutreten. alles sei verloren. Es war bereits alles in die Wege geleitet. sich in einen Familienstreit von Arabern einzumischen! Das hätte böse Folgen für ihn haben können. aber dann änderte er seine Pläne ohne eine Erklärung von einem Tag auf den anderen. Er verriet ihr auch später nie den Grund für seine Tränen. Ihr Bild würde in den Zeitungen erscheinen. Sie verabschiedeten die Reisenden nicht mehr mit ›Frohe Weihnachten‹ aber das Gepäck untersuchten sie noch immer. Es gehörte Mut dazu. er habe beschlossen. als sie ihn weinend in der Waschküche entdeckt und ihn getröstet hatte. in Handschellen abgeführt zu werden. Die Schlangen vor den Zollbeamten wurden kürzer. Bei dem Handgemenge wäre Daniels Verkleidung beinahe entdeckt worden. Daniel hatte früher einmal Priester werden wollen. als sie glaubte. um die arme »mißhandelte Frau« vor dem Zorn ihres »Bruders« zu schützen. Garibaldi. Um sich abzulenken. daß sie einen der obersten Grundsätze der Wissenschaft und ihres 123 . Seine Kollegen rechts und links wirkten müde.Catherine erinnerte sich mit leichtem Schaudern an den einen entsetzlichen Augenblick auf der Flucht. und man würde sie auf das schärfste dafür verurteilen. dachte sie an Garibaldi. Sie schob den Koffer und die Reisetasche mit den Knien vorwärts und näherte sich langsam dem Zollbeamten. Catherine entschied sich schließlich für den Rothaarigen und stellte sich mit ihren beiden Gepäckstücken an. kein Priester zu werden. der Priester. Das war damals. Catherines Nerven waren inzwischen bis zum Zerreißen gespannt. Irgendwie erinnerte sie der Priester in seiner Art. Kurz darauf erklärte er. Sein Vorgehen hatte sie wider Willen beeindruckt. hatte sich zum Wortführer der Zuschauer gemacht. Sie hatte Angst.

ohne die Koffer zu überprüfen. Ohne Zögern öffnete sie den Koffer und die große Reisetasche. Dort wartete die Freiheit… »Bitte öffnen Sie den Koffer!« Catherine bekam einen trockenen Mund. Pottery Of The Late Bronze Age – und bedeutete ihr mit einer knappen Geste. die sie für ihre Arbeit benutzte – vor allem Bücher. Als der Mann die Photos der Skelette und Schädel sah – für ihn Bilder aus einem Horrorfilm -. den Koffer zu schließen. Krankheiten bei ägyptischen Mumien. Sie hatte das Buch in Kairo gefunden und für Julius gekauft. nach außen die Ruhe zu bewahren. Der Beamte blickte fragend auf die Bücher. Amelia… Diakonos… Jesus… das Ende der Welt… War Sabina Jesus persönlich begegnet? Hatte sie von ihm etwas erfahren. im Koffer die wesentlichen Dinge. Sie reichte es dem Beamten und schlug es hilfsbereit auf. Die Schriftrollen befanden sich im Koffer. deren Worte das ganze Christentum grundlegend verändern würden? Der Zollbeamte ließ das ältere Ehepaar vor Catherine durchgehen. Aber sie waren ihr auf der ganzen Reise gegenwärtig gewesen. Catherines Hoffnungen stiegen. das weder im Neuen Testament noch im Alten stand? War Sabina die Prophetin. Catherine 124 . den sie auf dem Flug aufgegeben hatte. Sie versuchte. Sie blickte sehnsüchtig auf den Ausgang hinter dem Zoll. Catherine nahm schnell eines heraus. Darunter auch die Schriftrollen. gab er ihr das Buch schnell zurück.Berufs mißachtet hatte. In der Reisetasche befanden sich ihre persönlichen Dinge und schmutzige Wäsche. warf noch einen flüchtigen Blick auf ein anderes – Handbook Of Feld Archaeology. und sie mußte immer wieder an die geheimnisvollen Worte denken. obwohl ihr das Herz bis zum Hals schlug.

Beim Einpacken vor der Flucht entschloß sie sich. Der Boden unter ihren Füßen schien leicht zu schwanken. Die Anspannung war zu groß gewesen. hinter denen die überfüllten Zubringerbusse die Reisenden durch die verschneite Nacht zu den anderen Terminals brachten. bevor sie den Gepäckwagen durch die Tür schob. Der Umschlag paßte genau. daß die Schriftrollen die lange Reise unversehrt überstehen und auch bei einer Zollkontrolle nicht weiter auffallen würden. Aber als sie an die Glastüren kam. Der Autor des Buches war Julius Voss. die er Catherine stolz nach Ägypten geschickt hatte. hörte sie über die Lautsprecher eine Meldung. noch mehr von ihrem Gepäck zu sehen. aber ihre Strategie hatte sich als erfolgreich erwiesen. der den Betrachter anzugrinsen schien. Jedenfalls war so sichergestellt. Weitere Informationen erteilt Ihnen Ihre zuständige Fluggesellschaft. den Umschlag als Tarnung für die Schriftrollen zu benutzen. es sei ein Buch mit vergilbten Seiten. Bei flüchtigem Hinsehen konnte man glauben. Sie entfernte alle Seiten eines alten botanischen Handbuchs und legte die sechs Papyri zwischen die Buchdeckel. Genau das hatte Catherine gehofft. Unter dem Buch mit den Skeletten lag ein Buch mit dem Titel Die Leiche im Moor.schloß schnell Tasche und Koffer und eilte weiter. das Buch zu lesen. »Achtung! Achtung! Wir bitten um Ihre Aufmerksamkeit! Infolge des Schneesturms werden alle Flüge vorübergehend eingestellt.« 125 . Auf dem Umschlag sah man einen Totenschädel. Es war seine neueste Veröffentlichung. um den Anschlußflug nach Los Angeles zu erreichen. Hinter der Zollabfertigung wankte sie zur nächsten Damentoilette und klammerte sich an ein Waschbecken. Gesicht und Hände zu waschen. Catherine nahm sich Zeit. Sie hatte jedoch noch keine Zeit gehabt. Bei diesem Anblick hatte der Zollbeamte darauf verzichtet.

Es war neun Uhr abends. Alexander muß also entweder im Flughafen warten oder sie verbringt die Nacht in einem der Flughafenhotels. »Ist sie bereits auf dem Weg nach Kalifornien?« »Wegen eines Schneesturms sind alle Flüge storniert worden.« Miles nickte stumm und beendete mit einem Knopfdruck das Gespräch. Mr.« Miles blickte auf die Uhr. New Mexico »Ich habe sie gefunden. Dr. das bedeutete Mitternacht an der Ostküste. »Sie hat Kairo in Richtung Amman verlassen und ist von dort nach New York geflogen. das sich neben dem unterirdischen Museum befand. Vor zwei Stunden ist sie angekommen. Havers!« Miles stellte den Lautsprecher des Sprechgeräts sofort lauter.Santa Fé. »Wo ist sie?« Teddy Yamaguchi hatte sich aus dem großen ComputerZentrum des Anwesens gemeldet. Dann wählte er eine andere Nummer. 126 .

DER VIERTE TAG 127 .

und es gab für sie nichts Schöneres. Das wäre ihm 128 . Julius liebte Regen.« Julius hielt das Diktiergerät an. aber um Catherines willen wäre ihm Sonnenschein im Augenblick lieber gewesen. Kalifornien »Der Gesichtsausdruck läßt darauf schließen. und es fanden alle möglichen Veranstaltungen statt. konnte er nur noch daran denken. daß er den Tod nicht kommen sah. Er verließ seinen Platz am Schreibtisch. und trat zur Glastür. Das Chanukkah-Fest war zwar vorüber. Vielleicht würde Catherine aber vorziehen. Seit Catherines Anruf am späten Abend und der überraschenden Nachricht. mit ihm allein hier in seinem Strandhaus zu bleiben. Er wußte. sobald der Schneesturm vorüber war. daß er sie wiedersehen würde. Es erschien ihm wie ein Wunder. daß sie sich bereits in New York befand und nach Kalifornien kommen wollte. sie war gern am Strand. Dahinter wogte das stürmische graue Meer. Die Beschaffenheit des Körpers macht jedoch eine genaue Bestimmung der Todesursache nicht möglich. Es half alles nichts. aber es gab schließlich noch Weihnachten und Silvester.Freitag. Wieder einmal jagte ein Sturm über Malibu hinweg. Aus Anlaß der Jahrtausendwende wurde auch in Malibu überall gefeiert. Dezember 1999 Malibu. Draußen peitschte der Regen auf die Terrasse. 17. Er konnte sich einfach nicht konzentrieren. daß sie es sich anders überlegt hatte und über die Feiertage doch nach Kalifornien zurückkam. auf dem sich wie immer die Arbeit häufte. als in der Brandung zu schwimmen.

daß ihm die Berufung fehlte und er nicht die Gabe besaß. Julius«. sie habe wundervolle Neuigkeiten. Ihn hatte schon immer das Altertum interessiert. Er nutzte sein medizinisches Wissen und machte die 129 . Nach dem Examen hatte er eine Praxis eröffnet. Durfte er sich Hoffnungen machen. würde seine Ehe besser laufen. weil das der Familientradition entsprach. Er sehnte sich nach dem stillen Leben eines Wissenschaftlers. Diesmal. Was hatte sie ihm noch sagen wollen? Wie auch immer. so hatte er sich vorgenommen. daß sie doch beschlossen hatte. »Es gibt einfach zu viel…« Dann war die Verbindung abgerissen. daß er nicht wirklich glücklich war. »Ich kann dich nicht heiraten. ihn zu heiraten? Bei ihrem Telefongespräch vor einer Woche schien dieses Thema bereits entschieden zu sein.am liebsten… Und doch verstand er ihren plötzlichen Entschluß nicht. seine Patienten zu heilen. Sie hatte am Telefon glücklich und aufgeregt geklungen und nur gesagt. daß sie füreinander geschaffen waren. Julius hatte Medizin studiert. und er hatte sich bereits an der Universität mit Ägyptologie und Paläontologie beschäftigt. Er wußte einfach. Die Lösung lag auf der Hand. ebenso sein Großvater und sein Urgroßvater. Ganz anders als die Beziehung mit Rachel. Er hatte sogar schon die Eheringe gekauft. Sein Vater war Arzt gewesen. hatte sie über das Knacken und Rauschen in der Leitung aus dem Sinai hinweg gesagt. daß sie erst aus New York angerufen hatte und nicht schon aus Ägypten. Julius würde nicht aufgeben. aber bald festgestellt. Nach einem Jahr mußte er sich eingestehen. Vielleicht wollte sie ihn überraschen. Warum hatte sie ihre Grabungsarbeiten von einem Tag auf den anderen unterbrochen? Ihn wunderte auch.

daß man über einen Knochenfund oder beim Anblick eines versteinerten Blatts in Begeisterung geraten konnte.Paläopathologie zu seinem Spezialgebiet. Alle waren glücklich. Dann lernte er Catherine kennen. Außerdem war sie sehr attraktiv. und 130 . Nach der Scheidung von Rachel dachte Julius. sie sei gekommen. daß er jemals eine Frau finden werde. Der Sturm ließ nicht nach. als er sich vorstellte. Nur das kann der Grund für die überraschende Heimreise sein. daß er ganze Nächte im Institut verbrachte oder sich längere Zeit bei Ausgrabungen im Ausland aufhielt. einen Arzt zu heiraten. Diese Frau verstand sehr gut. Es hatte den Anschein. die seine außergewöhnlichen Interessen teilen konnte und damit einverstanden wäre. Cathy wollte es ihm natürlich persönlich sagen. Julius habe mit seinem Entschluß. er werde nie wieder heiraten. um seinen Heiratsantrag doch anzunehmen. wie sein Haus vibrierte. bei der Eheschließung sei sie in dem Glauben gewesen. sein Eheversprechen gebrochen Rachel war inzwischen mit einem Schönheitschirurgen verheiratet. Julius traf sich mit seinen beiden heranwachsenden Kindern an den Wochenenden und in den Ferien. mehrere tausend Jahre alte Skelette zu erforschen. der viermal soviel verdiente wie Julius. die beruflich ähnliche Ziele wie er verfolgte. Hier gab es noch viel wissenschaftliches Neuland. Wenn sich die hohen Wellen am Strand brachen. Rachel reichte danach die Scheidung ein. Er zweifelte sogar daran. Manchmal glaubte Julius zu träumen – wie jetzt. dachte er. Sie erklärte. Er blickte auf die Uhr. spürte Julius. als wollte der Wind die kleinen Häuser entlang der Küste davonfegen. Hin und wieder nahm er sie sogar zu archäologischen Ausgrabungen mit. Die Erforschung von Krankheiten des Altertums war eine neue Sparte.

Er hatte die Hoffnung. um nach ihr Ausschau zu halten. Der Zeitpunkt ihrer Rückkehr war gut gewählt. Sie hätte eigentlich längst dasein müssen. machte ihn unruhig. daß sie einmal eine gläubige Katholikin gewesen war. Auch er hatte Neuigkeiten für sie. daß wir beide in diesem Sturm auf der Straße sind. Langsam fügte sich alles bestens. Julius wußte. dann konnte sie seinetwegen auch wieder Katholikin werden. Catherine zum Judentum zu bekehren. War die Straße blockiert? Oder wartete sie noch immer in New York auf einen Flug? Nein.dann konnten sie gemeinsam feiern. Der Champagner lag bereits im Kühlschrank. das bedeutet. Ich nehme mir einen Leihwagen und fahre direkt zu dir. Es ergibt keinen Sinn. ›Ich bin auf der Zehn-Uhr-Maschine gebucht. dann hätte sie inzwischen bestimmt wieder angerufen… Er konnte seiner Aufregung kaum noch Herr werden und ging zur Haustür. Dann war sein Glück vollkommen. Sie mußte nur noch kommen. Im Radio hatte man vor Schlammlawinen auf der Küstenstraße gewarnt. Du mußt aber nicht zum Flughafen kommen. Er hatte vor nicht langer Zeit selbst 131 . Julius. wo die Uhr stand. daß der Flugverkehr am frühen Morgen wieder aufgenommen werden kann‹. Wo bleibt sie nur? ›Man hofft. hatte sie ihm am Abend zuvor gesagt. daß sie durch ihn den Glauben an Gott wiederfinden würde. Ein Blick zum Kaminsims. Wenn es nicht das Judentum war.‹ Inzwischen war es beinahe drei Uhr nachmittags. ich müßte um halb eins in Los Angeles eintreffen. Es mußte ihm nur noch gelingen. Julius drehte dem Sturm den Rücken zu und ging ins Wohnzimmer.

Während sie auf eine Lücke im dichten Gegenverkehr wartete. der sicher schon auf sie wartete. der sich in ihre Gefühle hineinversetzen und ihre Zielsetzungen teilen konnte. Wie die meisten Häuser in dieser Gegend von Malibu wirkte es unauffällig und schlicht. Julius hatte sie bereits gesehen. Sie zweifelte nicht daran. sondern hierbleiben und in aller Ruhe die Schriftrollen übersetzen. Es war ihr schwergefallen. und ihr war nicht ganz wohl bei dem Gedanken. Außerdem wollte sie seine Reaktion sehen. Bei dem Gedanken an Julius. Sie bog schnell in den schmalen Weg ein. Aber die Sache mit den Schriftrollen mußte sie ihm persönlich sagen. der zur Auffahrt führte. Julius war neben Danno schließlich der einzige Mensch. würde sich vieles in seinem und auch in ihrem Leben ändern… Catherine erreichte endlich das verwitterte Holzhaus am Strand. Niemand ahnte.einen geistigen Durchbruch erlebt und wollte seine spirituellen Erfahrungen mit ihr teilen. daß es über eine Million Dollar wert war. Sie wollte nicht in ihre Eigentumswohnung in Santa Monica zurückkehren. Wenn sie erst verheiratet waren und mehr Zeit miteinander verbrachten. Als sie sich dem Haus näherte und der laute Verkehr hinter ihr zurückblieb. Julius nichts von den sich überstürzenden Ereignissen zu sagen. sah sie. Die Geranien auf der Terrasse waren im strömenden Regen kaum zu sehen. Endlich war die Straße einen Augenblick lang frei. 132 . wenn sie ihm die alten Papyri zeigte. freute sie sich. daß er ihre Freude teilen würde. Jetzt würde die Stunde der Wahrheit kommen. daß die Haustür offenstand. als sie ihn aus New York angerufen hatte. blickte sie auf das bescheidene kleine Strandhaus.

Ich trage deine Sachen hinein. Er gehörte zu den ruhigen. »Komm schnell ins Haus. Das Feuer im Kamin brennt. eine Schildpattkatze und eine Mankatze. du hast es geschafft!« Er hielt ihr die Wagentür auf und schloß sie in die Arme. Dr.« Als Catherine das gemütliche Wohnzimmer betrat. Sie erinnerten sich an Catherine. die innere Kraft ausstrahlen. Vor zehn Wochen hatten sie sich zum letzten Mal gesehen. es ist so schön. die bequemen Mokassins und die immer griffbereite Meerschaumpfeife bei. Seine pechschwarzen Haare reichten ihm bis in den Nacken. Er war kein Sportler. Für seinen langen leidenschaftlichen Kuß gab es keinen Sturm und keine Wolken. Catherine fühlte sich in seiner Nähe geborgen. in dem sich das erste Grau zeigte. 133 . Sie musterte ihn lange und aufmerksam und konnte kaum glauben. »Wir werden uns noch erkälten!« rief Catherine schließlich und rang nach Luft. denn auch sie spielte stets mit den beiden und streichelte sie. als er ins Zimmer trat und die Tür schloß. »Gott sei Dank. daß er wirklich vor ihr stand. »Ach Julius. Julius war ein angenehmer und unaufdringlicher Mann. und er trug einen kurz geschnittenen Bart. Julius Voss war der Leiter des angesehenen Freers Instituts in West Los Angeles und sah unbestreitbar sehr gut aus. Dazu trugen auch der lässige Pullover mit den alten Lederflecken an den Ellbogen.»Catherine!« rief er und lief ihr durch den strömenden Regen entgegen. die Julius beide sehr verwöhnte. Julius war zweiundvierzig Jahre alt. Es waren Radius und Ulna. wieder bei dir zu sein!« rief sie. aber Catherine fand ihn unwiderstehlich. erschienen zwei gutgenährte Katzen und strichen ihr schnurrend um die Beine. stillen Menschen.

murmelte er. breitete er die Arme aus. Da der Schneesturm ihre Ankunft verzögert hatte. und die beiden Katzen rieben schnurrend die Köpfe an ihren Beinen. »Du mußt dich erst einmal aufwärmen. Er meldete sich nicht. Nein. forschenden Augen aufgefallen. sie drückte sich an ihn und legte den Kopf an seine Schulter. sie war überhaupt nicht müde. Daniel in Santa Barbara zu erreichen. War ihm vielleicht etwas zugestoßen? Catherine ging zurück ins Wohnzimmer. umarmte sie zärtlich und strich ihr über die Haare.« 134 . ohne sich etwas beweisen zu müssen. »Setz dich ans Feuer«.« In New York und auch nach der Ankunft in Los Angeles hatte Catherine mehrmals vergeblich versucht. Catherine ließ ihn nicht los. Sie lauschte auf den Regen und das leise Knistern des Feuers. Die Schriftrollen warteten und versprachen die Enthüllung uralter Geheimnisse und aufsehenerregender Erkenntnisse. Als er zurückkam. wenn auch mit einer anderen Maschine. küßte ihn zärtlich auf den Mund und sagte: »Ich muß jemanden anrufen. Aber bis jetzt hatte er sich nicht gemeldet. Daniel müßte längst zu Hause sein. dachte sie. Schon bei der ersten Begegnung waren Catherine seine dunklen. und die knisternden Flammen schlugen hoch. Julius fragte: »Alles in Ordnung?« Sie runzelte die Stirn. Er hatte Ägypten gleichzeitig mit ihr verlassen. Daniel werde vor ihr zu Hause sein. Sie stand in der Küche. während sie Daniels Nummer wählte.« Er nahm ihr die Jacke ab und brachte sie hinaus. Schließlich löste sie sich von ihm. Ein Klavierkonzert von Mozart sorgte für Atmosphäre. »Nein. Erschöpfung und Müdigkeit schienen für alle Zeiten aus ihrem Leben verschwunden zu sein.Er lebte im Einklang mit sich selbst. und auch deshalb liebte sie ihn. »Du bist bestimmt müde«. Julius hatte Holz nachgelegt. sagte er.

‹ Aber dann sah sie noch etwas. So.Er reichte ihr ein Glas Wein und bot ihr den großen bequemen Sessel vor dem Kamin an. den Grund dafür zu finden. Plötzlich erfaßte sie eine unbestimmte Unruhe. Sie trank einen Schluck Wein und versuchte. Julius hatte viele Pflanzen und ein Aquarium mit tropischen Fischen. Julius schien in seinem Haus ganz bewußt ein Gegengewicht zu seinem Beruf zu schaffen. Sie wußte nur. Hast du den Mirjam-Brunnen gefunden?« »Ja… vielleicht. schlagartig überschattet 135 . daß die Freude. Ihr Blick fiel auf einen neuen Gebetsschal mit Fransen. ein Geschenk seines Großvaters. Den habe ich für einen besonderen Anlaß aufgehoben. Dabei sah sie sich im Wohnzimmer um. der ihn Tag für Tag mit Krankheit und Tod konfrontierte. Selbst das bunte Geschenkpapier hatte Julius noch nicht weggeräumt. wieder bei Julius zu sein. und nach den Wochen in der Wüste empfand sie die lange entbehrte Umgebung als wahren Luxus. die Julius seit seiner Kindheit besaß. Aber es gelang ihr nicht. ohne jedoch die Schriftrollen zu erwähnen. Die Anzeichen eines geordneten Lebens. Spielzeug für die Katzen lag auf dem Boden. aber die vertraute Menorah und die Dreidel. sowie das Buch der Makkabäer in Hebräisch und Englisch.« Sie erzählte ihm von den Ereignissen an dem schicksalhaften Morgen. »Das ist ein Cabernet Sauvignon. überall hingen Familienphotos. Es war vertraut und schön. Über dem Kamin hing ein in Holz geschnitzter Spruch: ›Mortui Vivos Docent – Die Toten lehren die Lebenden. Das Chanukkah-Fest war seit sechs Tagen vorüber. lagen alle noch auf einem Tisch. nun erzähl mir alles und laß mich nicht länger im unklaren. dachte Catherine und lächelte.

« »Julius«. Die züngelnden Flammen spiegelten sich in seinen dunklen Augen. du kannst deine Grabungen in Scharm el Scheich fortführen. was sagst du dazu?« »Das ist natürlich ein verführerisches Angebot…« »Du kannst dir nicht vorstellen. Aber mit dieser Stelle mußt du in Zukunft nicht immer bei Ausgrabungen sein. der sehr gut ist. »Das ist wirklich eine Überraschung. das zu weit nach vorne gerollt war. damit wir endlich heiraten können. Du kannst dir Photokopien der Manuskripte mit in den Sinai nehmen und dort in aller Ruhe daran arbeiten. Die Stelle ist großzügig dotiert und sicher. begann er mit belegter Stimme. »Das weiß ich. Geht es um das neue Projekt. du hast gestern am Telefon angedeutet. fügte er schnell hinzu: »Ich kenne deine Einwände. Du wirst hier in Kalifornien leben und kannst mit mir zusammen etwas aufbauen. Wir können unser Leben gemeinsam nach unseren Wünschen gestalten. daß du auch Neuigkeiten hast. Er sah sie gespannt an und fragte: »Was sagst du dazu?« Noch ehe sie antworten konnte. und wir brauchen unbedingt jemanden. Unser Paläograph hat gekündigt.« 136 . das man dir angeboten hat?« Er schob umständlich mit dem Schürhaken ein brennendes Stück Holz zurück. »es ist mir gelungen. Darauf war ich nicht vorbereitet. wie lange ich über eine Lösung nachgedacht habe. Aber keine Angst. die es dir erlaubt hierzubleiben. Dann legte er den Schürhaken beiseite und setzte sich ihr gegenüber. Nun. Die Arbeiten müssen nicht im Institut erledigt werden. Catherine drängte das Gefühl zurück und sagte: »Julius. dir im Institut eine Stelle zu verschaffen.« Es war heraus. »Catherine«.war. flüsterte sie.« Er lachte.

Catherine stellte das Glas ab. aber ich muß mich auf meine Arbeit in Scharm el Scheich konzentrieren. Jedesmal. erwiderte sie leise. ich habe nicht die Absicht hierzubleiben. Dicke schwarze Wolken jagten über den Himmel.« »Catherine. wie lange eine intensive Beziehung die Entfernung von über achttausend Meilen überleben kann. das weißt du. Vergiß nicht. »Aber Julius. Ich glaube.« »Wir müssen uns nicht gleich wieder trennen«. als wollten sie ganz Malibu verschlingen. Man wird das Skelett ausgraben. »Ich liebe dich. erwiderte sie und setzte sich in den Sessel.« »Und ich kann nicht bleiben«. Es wurde still im Zimmer. Sie sahen so bedrohlich aus. Du kannst mit mir zurückfahren. ich habe vielleicht wirklich den Brunnen der Prophetin gefunden. Ich kann nicht beides zugleich machen. was sie beide seit zwei Jahren bewegte. Aber ich bin noch nicht zu einer Ehe bereit. »Ich habe dir noch nicht alles erzählt.« Sie stand auf und ging zur Glastür.« Er schüttelte den Kopf. daß schließlich ausgesprochen worden war. 137 . »Die Stelle im Institut klingt wirklich interessant. Ich kann nicht einfach von heute auf morgen abreisen. ich bin der Leiter des Instituts. ich weiß wirklich nicht. gemeinsam bei einer Ausgrabung zu arbeiten und wären nicht getrennt. datieren und identifizieren müssen.« »Und was ist mit dem Heiraten?« Sie drehte sich um. der Rest des Skeletts ist unter den Steinen begraben. Ich habe auf dem Boden des Brunnens einen Schädel entdeckt. Damit hätten wir endlich eine Möglichkeit. wird der Abschied schwerer. Sie blickten sich stumm an und wußten. wenn wir uns trennen. »Catherine. Julius. die nach der Sprengung herabgefallen sind.

ob ich so weitermachen kann. Wenn du dich an diese Arbeit machst. muß ich Antworten finden. Bevor ich heirate.« Er sah sie an. das kann ich nicht. Catherine. hast du auf Jahre hinaus etwas zu tun. und ihre Toilettentasche stand in seinem Bad. Natürlich kam sie auch wegen Julius. dann ging es darum. in dem du deine Theorien über die Prophetinnen im Alten Testament darlegst. ›etwas zu tun‹!« rief sie empört und erschreckte damit eine der Katzen.« Er griff nach seiner Pfeife und drehte sie in den Händen. du willst ein Buch schreiben. Julius starrte in die Flammen und sagte dann tonlos: »Ich weiß nicht. die auf ihrem Schoß lag. daß wir Wurzeln schlagen.« »Natürlich.Catherines Sachen hingen zwar im Schlafzimmerschrank von Julius. Vorträge zu halten oder Gelder für die nächste Ausgrabung genehmigt zu bekommen. Ich möchte. Glaubst du wirklich. »Im Institut kannst du Antworten auf deine Fragen finden. daß wir endgültig zusammenfinden und eine Familie gründen. daß ein Archäologe ein ganzes Leben lang etwas suchen kann und es vielleicht nie finden 138 . daß du sie jemals finden wirst?« »Julius. »Du hast immer gesagt. Wir haben zahllose nicht übersetzte und undatierte Manuskripte und Dokumente. Warum fängst du nicht damit an?« »Ich habe meine Felduntersuchungen noch nicht abgeschlossen. und wenn sie kam. aber sie wohnte nicht hier. Ich bin noch auf der Suche. Aber sie blieb nie lange und reiste bald wieder ab. du weißt genau. Sie hielt sich nie lange in den USA auf. Ich möchte.« »Julius.« »Es geht mir nicht darum. »Du hast vierzehn Jahre lang nach der Prophetin Mirjam gesucht.

« Er schüttelte den Kopf. daß Frauen in den Tagen der Patriarchen und Könige Macht besaßen. und sah ihn mit leuchtenden Augen an. Priesterinnen und weise Frauen. aber ich habe dort manchmal den Eindruck. was ich tue? Oder denkst du. Julius!« Als er nichts erwiderte. »Ich weiß nicht.wird. Es muß Teil unseres Bewußtseins werden. Julius. den Frauen das natürliche Selbstbewußtsein und die Aufgaben zurückzugeben. Vielleicht kann man 139 . Wenn ich dort draußen in der Einsamkeit bin…« Sie hoffte. Aber ich weiß aus den Schriften des Altertums. Sie waren Prophetinnen. ihn durch ihre Begeisterung mitreißen zu können. Noch immer stützen sie ihre Autorität auf die Bibel und legitimieren damit ihre Herrschaft über die Frauen. und ich möchte es ins Gedächtnis der Menschen unserer Zeit zurückrufen. daß die Vergangenheit nicht vorüber. Ich suche nach einer Möglichkeit. »Wie kannst du dir deiner Sache nur so sicher sein? Glaubst du wirklich. Julius. Vielleicht wird jemand nach mir kommen und meine Arbeit zu Ende führen. das werde ich. fuhr sie ruhig fort: »Glaubst du an das. Aber mit seinen Untersuchungen schafft er die Grundlage für den Nachfolger. Männer haben die Heilige Schrift stets zu ihrem Zweck benutzt. Ich weiß jedenfalls nur das eine: Ich kann jetzt nicht aufhören.« »Julius. sondern noch immer gegenwärtig ist. All das ist im Laufe der Geschichte verlorengegangen. ich jage Hirngespinsten nach? Meine Suche nach der Prophetin Mirjam ist kein Wahn. den Beweis in der Wüste zu finden?« »O ja.« »Das weiß ich. die sie einst besessen haben. Das sagt mir mein Gefühl. wie ich es dir erklären soll. Catherine.

sie nicht sehen. was in meinen Kräften stand. aber ich liebe auch meine Arbeit. Cathy. die mir garantiert keine Lösungen bringen?« »Also gut. »Auch deshalb liebe ich dich. du willst dein Leben lang in aller Welt deinen Fragen nachjagen. Julius. Gerade in letzter Zeit. 140 . jetzt noch nicht. wenn ich in einem Graben stand.« Sie lächelte traurig. Catherine. und ich wußte. etwas über Frauen zu finden. daß ich kurz davor stehe. daß Moses wirklich gelebt hat. nach denen du suchst. Aber du kannst mir glauben. Nur aus den alten Schriften wissen wir. daß du die Hinweise auf das Wirken der Frauen finden wirst. Als sie seinen erstaunten Blick sah. Julius? Ich werde sagen.« Catherine stand auf und ging ins Schlafzimmer. Wir haben nicht einmal greifbare Hinweise auf die Männer.« »Ich bewundere deine Entschlossenheit«. den Beweis zu finden. Sie öffnete ihren Koffer und kam mit dem Buch über Paläobotanik zurück.« »Du meinst also. Möchtest du denn keine Familie?« »Doch.« »Aber du wirst kein Zuhause haben.« »Warum bist du dann überhaupt gekommen? Warum die plötzliche Rückkehr? Du hattest mir bereits gesagt.« Er legte die Pfeife auf den Tisch. daß wir uns frühestens im Februar wiedersehen würden. Ich kann sie nicht aufgeben. ich sollte aufgeben? Ich sollte wie du im Institut arbeiten und mich mit Manuskripten beschäftigen. den Sand durchsiebte und auf den entscheidenden Hinweis hoffte. zurückblicken und sagen…« »Was werde ich sagen. Wieviel schwieriger ist es erst. »Deine Theorie ist in Ordnung. Ich bezweifle allerdings. eines Tages wirst du innehalten. schwanden alle Zweifel. »Ich liebe dich. aber ich spüre sie. sagte er. eines Tages. daß ich alles getan habe.

ich habe dein Buch nicht mißbraucht. und sie wurden von einer Handvoll 141 . ohne die Behörden von dem Fund in Kenntnis zu setzen?« »Es blieb mir keine andere Wahl. Die Strategie hat sich bewährt!« Er runzelte die Stirn. Er hörte sprachlos zu.« Catherine nahm die gefalteten Papyri zwischen den Buchdeckeln heraus und legte sie behutsam auf den Tisch. sagte Catherine. Julius sah sie staunend an. Das Bild des Mannes im Moor ist so abschreckend. sondern mir nur den Umschlag ausgeliehen.sagte sie: »Keine Angst. »Aber im Flughafenhotel konnte ich mich vor Erschöpfung nicht mehr auf den Beinen halten. was mit den Schriftrollen vom Toten Meer geschehen ist und den Nag Hammadi-Evangelien.« Sie sah ihn erwartungsvoll an. Man hielt sie unter Verschluß. Mit angehaltenem Atem entfaltete Julius die erste ›Seite‹ des ersten Buchs und betrachtete mit großen Augen das brüchige bräunlichgelbe Papyrus. Die Flammen im Kamin verwandelten sich in rote Glut. Du weißt doch. Dann fragte er fassungslos: »Hast du sie einfach mitgenommen? Du hast sie bei deinen Ausgrabungen entdeckt und aus dem Land geschmuggelt. daß ich dachte. und die bleigrauen Wellen brachen sich donnernd am Ufer. denn die Beamten hätten sie sofort an sich genommen. es würde jeden. vor allem neugierige Zollbeamte davon abhalten. der Sturm peitschte mit unverminderter Kraft gegen die Glastür. »Mein Gott! Woher hast du das?« Sie berichtete ihm schnell von dem Fund im unterirdischen Gang. Jetzt bin ich Gott sei Dank hier und würde mich am liebsten auf der Stelle an die Arbeit machen. schon mehr übersetzt zu haben«. »Was meinst du?« Er starrte stumm auf die Schriftrollen. die Gischt schäumte. »Zollbeamte? Ich verstehe dich nicht. das Buch aufzuschlagen. »Ich hatte gehofft.

« »Was ist so Besonderes daran?« Sie zeigte ihm ihre Übersetzung des Fragments. sagte er nachdenklich. »Aber es war notwendig. Julius – Diakonos. erwiderte sie. »Ich verstehe deine Begeisterung. Wir wissen. werde ich sie nie wiedersehen. daß Julius durch und durch Wissenschaftler war. Ich konnte nicht zulassen. Amelia wird als Diakonos bezeichnet. Aber war es klug.« »Eine Frau als Priester?« »Eine Frau in der frühchristlichen Kirche. die das Priesteramt bekleidete. Er hielt nichts von Risiken oder davon. »Hier. sieh dir dieses Wort an. was alles notwendig war. es war nicht klug«. Julius! Die Tragweite dieses Fundes ist deshalb nicht abzuschätzen!« »Nun gut«.Wissenschaftler eifersüchtig bewacht. »Nein. Erst danach hat man die Schriftrollen vom Toten Meer Wissenschaftlern auf der ganzen Welt zugänglich gemacht. daß sich das mit meinem Fund wiederholt. bis sich von allen Seiten Protest erhob. vertraute nur auf die erprobten Wege und verwarf zweifelhafte Methoden prinzipiell. Heute ist das die Aufgabe der Priester. bevor alle Fakten geklärt waren. die Schriftrollen zu stehlen und sie aus Ägypten zu schmuggeln?« Catherine wußte. Julius! Wenn ich die Texte der Behörde übergebe. eine Theorie zu veröffentlichen. daß die Diakone beim Abendmahl den Gläubigen Brot und Wein reichten. Trotzdem hatte sie auf eine andere Reaktion gehofft. um die Schriftrollen vom Toten Meer der Wissenschaft 142 .« »Das ist eine Behauptung.« »Wer durfte die Ecole Biblique in Jerusalem betreten? Erinnere dich daran. Er beachtete stets die Vorschriften.

daß man dich von allen Seiten angreifen wird. du willst sie übersetzen und deine Ergebnisse veröffentlichen. das wäre noch das Harmloseste!« Er stand auf und setzte sich 143 . Wir beide wissen. bis ich sie übersetzt habe. diese Schriftrollen allen anderen vorzuenthalten. das wäre in diesem Fall anders. Du machst dich überstürzt an eine Übersetzung. Du könntest sofort die Öffentlichkeit über deinen Fund informieren und an alle Wissenschaftler appellieren. Catherine? Ich kann dir jetzt schon sagen.« Catherine schüttelte den Kopf. vierzig Jahre darauf zu warten. daß ich diese Bücher übersetzen darf. Ich werde sie nicht vierzig Jahre lang verstecken. Auch sie wollten niemandem erlauben. Man würde dich rückhaltlos unterstützen. Du willst deine These mit Material erhärten. die Schriftrollen zu sehen. was die Wissenschaftler an der Ecole getan haben. Du bist entschlossen. Ich werde sie nur so lange behalten.« »Gut. Und sie hat sich streng im Rahmen des Neuen Testaments bewegt! Du hast etwas gefunden. wie die Texte in deinen Besitz gelangt sind. wie eifersüchtig die verschiedenen Fraktionen ihre Theorien verteidigen und wie gefährlich ihre Angriffe sind. Wer wird auf dich hören.« »Mit einem Unterschied. In deiner Mutter hast du ein gutes Beispiel.« »Du tust also genau dasselbe. Man wird dich auslachen oder als Verrückte abstempeln. das auf fragwürdige Weise gefunden wurde. Danach werde ich die Texte den zuständigen Stellen übergeben und meine Übersetzung veröffentlichen. aber bis jetzt hast du weder deinen Fund noch deine Arbeitsmethoden veröffentlicht.« »Catherine. Niemand weiß. »Darauf kann ich es nicht ankommen lassen.zugänglich zu machen? Ich habe keine Zeit. wie empfindlich die Bibel-Wissenschaftler sind.

und kein wissenschaftlicher Verlag wird deine Arbeiten veröffentlichen. daß du als Archäologin Selbstmord begehst«. wofür du so schwer gearbeitet hast.« »Und du?« fragte sie leise. Dann holte er tief Luft und sagte ruhig und mit fester Stimme: »Deshalb bitte ich dich. »Das bedeutet. »Ich werde immer an deiner Seite stehen. Wie willst du nach einem Skandal deiner Mutter helfen?« Er schüttelte den Kopf und seufzte. Du bekommst keine Grabungsgenehmigung mehr. Du verlierst deine Glaubwürdigkeit. Man wird dich im wahrsten Sinne des Wortes kreuzigen. Du kannst erklären. Man wird dir Charakterlosigkeit vorwerfen. Trotzdem muß ich dir die Augen öffnen. Du kannst sagen. Das weißt du.« Er griff nach ihren Händen. solange ich noch die Möglichkeit dazu habe? Wie kann ich in dem Bewußtsein weiterleben. und du wirst keine Freunde mehr haben. Und ich muß gestehen. »Ich verstehe gut. Man wird dich als Wissenschaftlerin nicht mehr achten. wenn ich jetzt nicht Fakten schaffe. Aber auf diese Weise kannst du den Ruf deiner Mutter nicht wiederherstellen. daß ich nicht alles 144 . übergib die Schriften dem ägyptischen Konsulat in San Francisco. aber ich muß es tun.« Sie schüttelte den Kopf. Julius. Catherine.neben sie auf die Sessellehne. man werde sie stehlen oder vernichten. Niemand wird etwas mit dir zu tun haben wollen.« »Ich habe auch Angst. ich habe Angst. warum du das alles auf dich nimmst. »Du stellst deine Integrität in Frage. Wie soll ich weiterleben. Noch kannst du dich retten. was dieser Fund für dich bedeutet. daß du Grund zu der Annahme hattest. »Catherine. Noch ist Zeit dazu. hör auf mich. Catherine. um diese wertvollen Texte zu schützen. Du wirst alles verlieren. du hast sie aus Ägypten herausgebracht. und ich glaube auch zu wissen. sagte er ernst.

die weit in der Vergangenheit liegen? Catherine. sagte Julius eindringlich. Obwohl er äußerlich so ruhig wie immer wirkte.« »Deren Loyalität in erster Linie der Kirche gehört. »kann sie uns beide vernichten. der sich durch die Menge gekämpft hatte. die dich zerstört. »Vielleicht ist das deine Meinung. Jeder Priester ist ein Instrument der Kirche.« 145 . die Sache mit deiner Mutter geht nicht auf das Konto der Kirche. Dafür war nur ein einziger Mann verantwortlich.« »Du willst also sagen. die man gegen meine Mutter erhoben hat?« »Das willst du tun. Sie kann sich nicht mehr verteidigen. um einer Beduinenfrau zu helfen. Dort blieb er eine Weile schweigend mit dem Rücken zu ihr stehen. Ich sehe es anders. an die Folgen deines Vorhabens zu denken. um die Anschuldigungen zu entkräften. »du läßt dein Leben von der Vergangenheit bestimmen. daß alle Priester gleich sind?« Unwillkürlich mußte Catherine an Garibaldi denken. ja. aber meine Mutter ist tot.« Er stand auf und trat an die Glastür. Vater McKinney war katholischer Priester. bevor er sich umdrehte. sagte er leise. Wäre Vater McKinney ebenso mutig gewesen? »Catherine«.« Sie zog ihre Hände zurück. »Catherine. ich bitte dich. Wenn du sie nicht überwindest«.« »Ist das nicht eine Art persönlicher Rachefeldzug? Willst du die Kirche angreifen wegen Dingen.« »Priester sind auch nur Menschen. Mir bleibt später noch die Möglichkeit einer Rechtfertigung. lag in seiner Stimme eine gewisse Schärfe. die Catherine an ihm nicht kannte. In dir ist eine Bitterkeit.getan habe. indem du deinen eigenen guten Namen aufs Spiel setzt?« »Wenn nötig.

« Er ging zur Tür. Ich würde nur dazu beitragen. dann fallen sie in den Bereich der Archäologie. sonst wird man dich mundtot machen.« »Julius…« Er suchte nach seinen Wagenschlüsseln. Wenn ich deinem wahnwitzigen Plan zustimme. müssen polizeiliche Nachforschungen angestellt werden. etwas Falsches zu tun. dann unterstütze ich dich nicht. dich zu ruinieren. »Gerade weil ich dich liebe. eine Altersbestimmung vorzunehmen. wir müssen miteinander reden. weshalb du es tun willst. du würdest mich unterstützen. dann mußt du das im Rahmen einer wissenschaftlich anerkannten Vorgehensweise tun. drehte sich dann aber langsam um und sagte seufzend: »Catherine. Glaub mir. In der Gegend hinter Bel Air hat man Reste eines Skeletts gefunden. muß ich dir sagen. Catherine. was erwartest du von mir?« 146 . und die Polizei muß sich nicht darum kümmern. Aber wenn du deine Mutter rechtfertigen möchtest. Du behauptest.« »Julius. daß du im Begriff bist. »Ich muß noch einmal ins Institut. Wir vermuten. ich verstehe sehr gut. »Wenn die Knochen älter als hundert Jahre sind.« »Natürlich liebe ich dich!« Es klang wie ein Aufschrei.« Er sah sie kopfschüttelnd an und warf dann einen Blick auf die Uhr. mich zu lieben. Aber wenn sie jüngeren Datums sind. Die Kommune hat uns gebeten. ich dachte. es stammt von einer alten indianischen Begräbnisstätte.« »Dieses Risiko muß ich eingehen.»Ich suche nur nach Antworten…« »Wirklich? Willst du etwas finden oder willst du etwas zerstören?« »Julius.

Ich glaube.« »Niemand weiß etwas von dem Fund. Als er aus der Garage in den strömenden Regen fuhr. du bringst dich und uns in eine sehr gefährliche Lage. um dich zu begrüßen. Ich war wirklich sehr vorsichtig. das Universum gerate plötzlich aus dem Gleichgewicht. Du hörst mir nicht zu. Das Wiedersehen mit Julius hätte nicht so verlaufen dürfen. Mein Verstand sagt mir.« Sie sah ihm nach.« Er schüttelte den Kopf. die Welt. »Ich hätte die Tests schon heute morgen durchführen sollen. Catherine stand wie gelähmt im Zimmer und glaubte. »Catherine. Nichts anders tue ich jetzt. daß es bereits vier Uhr nachmittags war. daß du recht hast. dir diese Dummheit auszureden?« »Davon spreche ich nicht. Die Konfrontation schmerzte. das Haus. In der Ferne donnerte es. »Gibt es für dich immer nur Regeln und Vorschriften? Hast du nie etwas getan. Ich weiß. nur weil es dein Herz wollte?« »Natürlich. aber mein Herz befiehlt mir. Bestimmt bin ich noch vor acht zurück. stritten sie miteinander. Es ist illegal und unmoralisch. ich habe kein gutes Gefühl dabei. Sie holte tief Luft und sah. nichts war mehr wie zuvor. Ich werde im Moonshadow einen Tisch für uns reservieren. Julius. Anstatt ihr Wiedersehen zu feiern. 147 . nahm er alle Wärme und Geborgenheit mit sich. In seiner Ernüchterung wollte er nur so schnell wie möglich weg. aber ich wollte hier sein. Er konnte ihr nicht zustimmen. daß mein Vorgehen falsch ist. Wer sonst würde versuchen.« Er wich ihrem Blick aus und öffnete die Tür.Sie stand auf und ging zu ihm. Alles schien auf den Kopf gestellt. den eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Alle seine Hoffnungen hatten sich zerschlagen.

Julius. ich habe jemanden vor dem Zelt gehört…« »O Gott. wir sind nicht die einzigen. du hast recht… ich habe uns alle in Gefahr gebracht. den er ebenfalls nie benutzte. ich bin sicher. Ich komme mit den Photos zu dir…« »Nein. Danno!« »Du irrst dich. sagte sie. Sie 148 . denn wenn uns jemand verfolgt. flüsterte sie und schloß die Augen. sagte sie und dachte fieberhaft nach. nur das nicht…«. »Ich glaube. bleib in deiner Wohnung«. ging aber noch einmal in die Küche zurück und hinterließ eine Nachricht für Julius. dann überwachen sie mein Haus. Stell dir vor.Wie benommen ging sie in die Küche und wählte noch einmal Daniels Nummer. daß du anrufst! Ich bin vor ein paar Minuten hier angekommen. die Julius vor einem Jahr zusammen mit einem Jogginganzug gekauft hatte.« »Wie bitte?« »Cathy. Geh nicht ans Telefon und laß keinen Menschen in die Wohnung. warte«. die etwas von dem Fund wissen.« Nach einigem Suchen fand sie eine große blaue Sporttasche. »Danno. Und ich glaube zu wissen. so schnell ich kann. Kannst du so schnell wie möglich herkommen?« »Was ist denn los?« »Jemand verfolgt uns. Catherine wollte schon aus dem Haus eilen. wir sind in großen Schwierigkeiten. »Ich komme zu dir. Ich komme. Diesmal meldete er sich. Sie packte die Schriftrollen und die notwendigsten Dinge in die Tasche. »Catherine! Gott sei Dank. Ich kann auf keinen Fall nach Hause. wer hinter uns her ist.« »Das ist unmöglich! Wir haben die Schriftrollen unbemerkt aus dem Land geschafft.

Sie schloß mit den Worten: »Ich liebe dich…« und legte das Blatt Papier gut sichtbar auf den Küchentisch. sie sei ein paar Tage unterwegs und werde sich bald bei ihm melden. Als sie mit dem Rücken zum Regen die Haustür hinter sich zuzog. stand. was der Grund dafür war. auf dem ein Text aus dem Deuteronomium. sah sie. und wieder überkam sie das seltsame. Plötzlich wußte sie.schrieb. das sie beim Anblick der religiösen Dinge im Haus von Julius gehabt hatte. Auch das war neu. dem fünften Buch Mose. wie der Gebetsschal im Wohnzimmer. Catherine fuhr auf der nassen Straße in Richtung Norden. 149 . daß Julius eine Mezuzah am verwitterten Holz des Türrahmens befestigt hatte – eine kleine Rolle mit einem Pergament. Ich beneide ihn. unerklärliche Gefühl.

»Wer ist hinter uns her?« fragte sie. Die Fahrt von Malibu nach Santa Barbara. »Woher weißt du überhaupt. daß ihr niemand gefolgt war. die normalerweise eineinhalb Stunden dauerte. daß dir niemand gefolgt ist. War ihr Verdacht doch nicht unbegründet gewesen? Am Guckloch erschien ein Auge. zog den Regenmantel aus und nahm die Plastikhaube vom Kopf. als sie die Treppe hinauf in den dritten Stock zu Daniels Wohnung lief. schob den Vorhang etwas zur Seite und blickte auf die Straße. hatte an diesem stürmischen Tag beinahe vier Stunden in Anspruch genommen. daß wir verfolgt werden?« »Einen Moment. ›Jemand ist hinter uns her.‹ Wer kann das sein? dachte Catherine und klingelte. Im Hotel Isis hatte sie noch vor zwei Tagen in jedem der Gäste einen Spion gesehen. Sie hoffte inständig. wäre es mir aufgefallen. Wenn jemand das Haus von Julius überwacht hätte. daß ihm in der Zwischenzeit nichts zugestoßen war. dann wurde die Wohnungstür geöffnet.« »Bestimmt nicht. »Cathy! Gott sei Dank! Komm schnell herein. als über alle möglichen Verdächtigen nachzudenken. Kalifornien Catherine nahm zwei Stufen auf einmal. Dort kann 150 . »Ich muß sicher sein. ›Wir sind in großen Schwierigkeiten‹ hatte Daniel gesagt. Die ägyptischen Behörden? Hungerford? Sie hatte auf der zermürbenden Fahrt nichts anderes getan. warf er noch einen Blick ins Treppenhaus und vergewisserte sich.« Er ging zum Fenster.Santa Barbara.« Bevor Daniel die Tür hinter ihr schloß.

»Versteh ich nicht… Was ist das für eine Stelle aus Lukas?« 151 . Nichts deutete auf den langen Flug hin. daß sie nur aus Neugier hinter dir her sind. daß eine Frau den Text geschrieben hat. Daniel litt erstaunlicherweise nie unter der Zeitverschiebung. Viertes Jahrhundert.« »Sag nur. griechisch. woher ich das weiß.T. Ich wollte nachsehen. »Sobald ich hier war. Hier…«. Bericht einer Reise nach Britannien.:‹Mein Mann und mein Kind› lassen darauf schließen. »Es gibt keinen Zweifel«.‹ Daniel fuhr sich mit den Fingern durch die langen blonden Haare. Jh. antwortete er. in der ersten Person. ohne gesehen zu werden. Zwei Seiten eines Buches.). Wie immer trug Daniel zerknitterte. und im Rückspiegel war niemand zu sehen. habe ich mich in das Internet eingeloggt. Ich werde dir zeigen. Oben auf der Liste steht das British Museum. Danno.niemand parken. Hinw. N. murmelte sie. ob es vielleicht andere Schriftrollen gibt. ja. auf dem sein Laptop stand. 16:5-13. »Ich kann mir nicht vorstellen.: Lukas. »Besteht da ein Zusammenhang?« »Eine Reise nach Britannien…«. Auf der Rückseite einer LiviusSchrift. du hast etwas gefunden!« »Ich glaube. Er wirkte ausgeschlafen und völlig munter. der an Kreuzungen mit mir abgebogen wäre. die deinen ähnlich sind. sagte er und reichte ihr ein Blatt Papier. bist du sicher. drehte sich um und sah sie an.« Er ging zu einem kleinen Tisch. weite und bequeme Sachen. Viel ist es nicht. Kein Wagen ist hinter mir vom Highway abgefahren. daß mir niemand gefolgt ist. Außerdem habe ich mich ständig davon überzeugt.« Catherine las den Ausdruck: ›?245 (4. Hinw. »Ich habe die Information auf meine Festplatte geladen und sie für dich ausgedruckt. daß jemand die Schriftrollen haben will?« Er ließ den Vorhang fallen.

»Ich habe nachgeschlagen. die mich verfolgen…« »Hier«. sei verschwunden. so meldete man.« Catherine betrachtete den Ausdruck in ihrer Hand. »Ich glaube. er wußte etwas von den Schriftrollen. um zu dem Schluß zu kommen. und in einem nahe gelegenen Hotel sei ein amerikanischer Ingenieur ermordet worden. Es war nichts zu finden. »Hungerford…«. Danno. Vermutlich handelt es sich dabei jedoch nur um Fragmente. Kapitel sechzehn. sagte Daniel und reichte ihr einen anderen Ausdruck. den Spuren muß ich unbedingt nachgehen. sagte sie nachdenklich. jetzt hinter dir her sind. Cathy. Vielleicht finden wir auf diese Weise Teile der siebten Schriftrolle!« »Das habe ich schon versucht. daß Zeugen 152 . In dem Bericht heißt es auch. »Es wäre möglich«. das Gleichnis vom reichen Mann. den Fund auf dem Schwarzen Markt anzubieten. Ausschnitte aus den Büchern des Neuen Testaments sind über die ganze Welt verstreut. daß wir in großen Schwierigkeiten sind. Er hat offenbar versucht. Die verantwortliche Archäologin. während ich auf dich gewartet habe. und das gefunden. Ich habe im Web nach Nachrichten aus dem Sinai gesucht. »Das sagt mir. die den ägyptischen Behörden Rätsel aufgab. Daniel räusperte sich. »daß Sabinas Text wie die Evangelien und die Briefe der Apostel immer wieder kopiert wurden. daß die Leute. Man braucht nicht viel Phantasie. die Hungerford umgebracht haben. flüsterte Catherine. einfach nur so.« Catherine las die Meldung über eine Ausgrabung in der Nähe von Scharm el Scheich. Es könnte durchaus Kopien von Sabinas Brief und ihrer Geschichte geben. Und unter dem Stichwort ›Papyrus‹ gibt es im Web über tausend Eintragungen!« »Aber was ist mit den Leuten.

Das durfte nicht wahr sein. »Was war das?« »Meine Nachbarn! Sie streiten sich ständig«. der Ingenieur habe ein Jesus-Fragment gefunden. fiel es mir wieder ein…« Ein Schrei hallte durch die Luft. Draußen im Gang hörte man laute Schritte.« Catherine ging zum Fenster und blickte durch einen Spalt im Vorhang hinaus. wie er nervös die Brille abnahm und die Gläser an seinem T-Shirt blank rieb.berichten.« Catherine sah. wir sollten nicht hierbleiben.« Catherine rieb sich die Stirn. ist mir in der Menge ein Gesicht aufgefallen. Wo hatte ich diesen Amerikaner schon einmal gesehen? Als ich hier am PC saß und meinen Tagebucheintrag machte. »Zeit zu verschwinden. Catherine fuhr erschrocken zusammen. Es regnete noch immer. Zuerst Julius und jetzt… »Danno. »Ich glaube. Sie hatte ein flaues Gefühl im Magen – Hungerford war ermordet worden. Ich habe ein ungutes Gefühl.« Daniel holte eine riesige Leinentasche mit dem Aufdruck USS Enterprise und packte Mappen und Ordner hinein. Die Straße unten war menschenleer. Er setzte sie wieder auf und sagte: »Während mich Samir als ›Beduinenfrau‹ zu dem Landrover geschleppt hat. und in der schwarzen Nässe leuchteten nur die elektrischen Kerzen einer Lichterkette an einem Hauseingang. Die Sache ist also eindeutig bekannt. Catherine schüttelte den Kopf. »Du hast recht«. Es kam mir irgendwie bekannt vor. sagte sie tonlos und verließ den Platz am Fenster. das möglicherweise zu einem frühchristlichen Evangelium gehört. Das Gesicht ging mir nicht mehr aus dem Kopf. du hast am Telefon gesagt. antwortete Daniel und schloß den Laptop. wer es ist. Es war ein Amerikaner. daß du weißt. »Ein Freund von mir hat in Washington ein Ferienhaus am 153 .

»es ist mein Ernst. »Sie sind hinter mir her. »Das kann nicht wahr sein. Wenn ich nicht mehr da bin. erwiderte er ruhig. eine Weile dort zu wohnen. und ich kann meine Arbeit an den Wandbildern fortsetzen. Danno«. als du mich in der Grundschule beim Nasenbohren ertappt hattest.« »Das ist bereits geschehen.« »›Daniel‹…?« Er lachte. als du es für möglich 154 .Meer. jetzt suchen sie mich.« »Daniel«. widersprach er energisch.« »Danno. Danno!« Er schüttelte lachend den Kopf und schob Bücher und Wechselplatten in die Tasche. sagte Catherine.« »Ich werde mich allein auf den Weg machen. »Kommt überhaupt nicht in Frage«. Cathy«. Ich möchte dich nicht in diese Sache hineinziehen. erwiderte er und legte zum Abschluß ein paar Tüten Knabbergebäck und eine Dose Limonade obendrauf. »Im Haus meines Freundes werde ich den Kontakt zum Institut in Houston wiederaufnehmen.« Sie legte ihm die Hand auf den Arm. Er hat mir schon oft angeboten. der Mord an Hungerford ist kein Zufall. Catherine stemmte die Hände in die Hüften. Du hast mich zum letzten Mal ›Daniel‹ genannt. werden sie dich in Ruhe lassen. Du wirst die Schriftrollen übersetzen. Du darfst mich nicht begleiten. »Wir bleiben zusammen. Ich werde dein Leben nicht aufs Spiel setzen. sagte Catherine und griff nach der blauen Tasche. »Ich bin tiefer hineinverwickelt. Die Mörder sind hinter den Schriftrollen her. Das heißt. »Was packst du da alles ein?« »Ich werde meine Unterlagen über das Maya-Grab nicht zurücklassen«. Jeder in meiner Begleitung ist in Gefahr.

falls den Schriftrollen etwas zustößt?« »Was soll den Schriftrollen schon zustoßen? Ich habe sie 155 . ich bin dein Freund. in diesem Fall das Haus meines Freundes. wo sich die siebte Schriftrolle befindet. ich brauche nur etwas Zeit… genug Zeit.« »Warte«. »Also gut.« Er schüttelte den Kopf.« »Danno.« »Während ich auf dich aufpasse. Cathy. Cathy? Du darfst mich jetzt nicht ausklammern. Deshalb werde ich allein eine Weile untertauchen. Außerdem brauchst du mich. fügte er lachend hinzu: »Das Internet. Dann ist die Gefahr vorüber. Vielleicht wirst du dann erfahren.« »Danno…« »Es bleibt dabei. gehen wir.« Sie lächelte.« Als sie ihn fragend ansah.« »Sollte ich sie nicht vielleicht bei mir behalten. keiner darf dich finden! Also flüchten wir in ein sicheres Versteck und überlassen das Reisen den elektronischen Fingern.« »Nein. ohne sein Versteck zu verlassen. Danach werde ich die Schriftrollen jedem geben. um die Texte zu übersetzen. »Tut mir leid. Du mußt feststellen. Cathy! Man kann überall auf der Welt suchen. der sie haben möchte. »Die Photos.« Da sie schwieg. »Dummkopf!« murmelte sie und gab ihm einen Kuß auf die Wange. und ich werde dich nicht allein lassen. Vergiß nicht. sagte er und griff nach einem dicken Umschlag.« »Ich lege sie in meine Tasche.hältst. fügte er schnell hinzu: »Ich frage dich: Wann haben wir einmal nicht zusammengehalten und uns gegenseitig geholfen. wer dieser König war.

daß du sie siehst. dürfte alles klar sein.« Daniel öffnete die Schreibtischschublade und nahm etwas heraus. Den Grund dafür kannte er auch. »Was hast du da?« Er blickte auf die Pistole. ich hole noch meinen Poncho. erwiderte Catherine und hängte sich die blaue Tasche über die Schulter.hier bei mir«. Es gibt doch jemanden – Hans Schüller am Radiologischen Institut in Zürich. was du von Waffen hältst. dann können wir 156 . »Aber er weiß nicht.« »Hast du Julius etwas davon gesagt?« »Ja«. antwortete sie und ließ den Kopf hängen. die Catherine an der Hand packte. etwas habe ich vergessen. wo wir sind.« »Oh. Ich habe ihm eine Papyrusprobe für eine genaue Datierung geschickt. daß du eine Pistole hast!« »Ich wollte nicht. Keine Waffen!« Seufzend legte er die Pistole wieder in die Schreibtischschublade. »Ich werde sie nicht mehr aus den Augen lassen.« »Cathy…« »Danno. Er wußte. daß Catherine alle Arten von Gewalt verabscheute.« Sie runzelte die Stirn. »Leider in unserer Zeit eine Notwendigkeit.« »Du wirst die Pistole auf keinen Fall mitnehmen. die er aus dem Schreibtisch genommen hatte. »Wenn niemand weiß. aus der Klasse zerrte und dabei schimpfte: ›Du bist ein freches und schamloses Mädchen! Du wirst für deine Frechheit büßen!‹ Catherine legte sich den Regenmantel über die Schultern und sagte: »Ich muß mich bei Schüller melden und ihm sagen. Ich weiß.« »Gut. wo ich bin. das ist mein Ernst. Er würde Schwester Immaculata nie vergessen.« »Ich wußte nicht. daß ich hier bin.

Catherine sah alles gleichzeitig: Den Mann mit dem weißblonden Haar und der roten Narbe im Gesicht. Im Gang stieß Catherine mit einer Hausbewohnerin zusammen. Der Umschlag fiel Daniel aus der Hand. Seine Schuhspitze wurde rot vom Blut. »Du überprüfst das Treppenhaus und vergewisserst dich.« »Ich hole den Poncho«. Sie griff blindlings danach und stürmte ins Treppenhaus. Schwarzweiß-Photos verteilten sich auf dem Teppich. Die beiden Männer waren ihr dicht auf den Fersen. das Daniels Kopf umgab. Er stand auf der anderen Seite des Wohnzimmers mit dem Rücken zu den Lautsprechern der Stereoanlage. Daniels Entsetzen. es sei doch besser. Dann rannte sie los. 157 . Sie starrte auf Daniels Gesicht – sein erstaunter Ausdruck wirkte wie erstarrt. ein blitzendes Messer und plötzlich hellrotes Blut. An der Wohnungstür stolperte sie über den Laptop. die beiden Männer blickten auf Catherine. die Brille war verbogen. Catherine nahm den Poncho vom Bügel. verlagerte die schwere Nylontasche von der rechten Schulter auf die linke und rief in Richtung Flur: »Was hast du gesagt…?« Aber Daniel war nicht an der Wohnungstür. Die beiden Männer wichen zurück. in den blauen Augen unter den blonden Wimpern war das Licht erloschen. die Photos in die Einkaufstasche zu seinem MayaMaterial zu legen.« Als sie den Kleiderschrank öffnete und nach dem Poncho suchte hörte sie. wie Daniel rief. daß uns niemand erwartet. der eine machte einen Schritt auf sie zu. die eine Einkaufstüte trug. den Daniel dort abgestellt hatte. Zwei Männer hielten ihn fest. Wie in Zeitlupe sank Daniel leblos zu Boden. sagte sie und ging bereits in sein Schlafzimmer.los.

Kugeln schlugen in den Wagen. »O nein!« keuchte sie. Catherine schob sich die Haare aus dem Gesicht und sah ihn fassungslos an. griff Garibaldi nach Catherine und zog sie geistesgegenwärtig vom Gehweg. Sie stürzte. Ihre Füße berührten kaum noch die Stufen. Ihre Verfolger hatten den Hauseingang erreicht… In diesem Augenblick stieß Catherine mit jemandem zusammen. fiel ein zweiter Schuß. »Was ist denn…« »Laufen Sie!« Sie rannten durch den Regen. Orangen. stehenzubleiben. »Laufen Sie!« schrie Catherine und hob den Laptop auf. daß Farbe und Putz von der Wand regneten. Die Reifen waren aufgeschlitzt. Und dann… Ein ohrenbetäubender Knall. Wieder hallte ein Schuß durch die Nacht. »Geben Sie mir Ihre Hand!« rief der Mann und zog sie wieder hoch. während sie blitzschnell weiter die Treppe hinunterrannte. Sie bogen um die nächste Straßenecke und erreichten Catherines Leihwagen. Sie rannten geduckt über den nassen Rasen und in einen engen Durchgang zwischen 158 . Catherine voraus. während Dosen. Hinter sich hörte sie Schritte. Garibaldi dicht hinter ihr. Als die beiden Männer mit schußbereiten Waffen an der Straßenecke auftauchten. Es war Garibaldi. und der Laptop fiel auf den Asphalt. Catherine rannte weiter. Als sie die Haustür erreichte und keuchend in die Nacht stürmte.»He!« rief die Frau empört. wollte er fragen. Sie lief den regennassen Gehweg entlang und warf ängstlich einen Blick über die Schulter zurück. »Haben Sie sich ver…«. Sie blickte nach oben und sah. ein tiefgekühlter Truthahn und ein Weihnachtsstern auf den Boden fielen. Eine tiefe Stimme befahl ihr.

heulte in der Nähe ein anderer Motor auf. Ampeln. »Auch das noch…«. Der Mustang schien vom Boden abzuheben. Sie erreichten die Straße an der Rückseite der Häuser.« 159 . hörte sie Garibaldi stöhnen. daß sie sich in einer Sackgasse befanden. Als er mit quietschenden Reifen anfuhr. Catherine klammerte sich am Armaturenbrett fest und schloß die Augen. Es dauerte nicht lange. Garibaldi ließ den Motor an. Garibaldi bog um die nächste Ecke und gab Vollgas. Hinter ihnen leuchteten die Scheinwerfer ihrer Verfolger. Garibaldi rief etwas. Sie hörten weitere Schüsse. packte sie am Arm und zog sie weiter. das Herz werde ihr zerspringen. Sie rang nach Luft und glaubte. Catherine riß die Augen auf und sah mit Entsetzen. »Wenn Sie noch beten können. der dort geparkt war und rief: »Steigen Sie ein!« Catherine fiel auf den Sitz. »dann sollten Sie es jetzt tun. »Sie holen auf!« stieß sie atemlos hervor. Der blaue Mustang raste durch die verlassene Straße. Frau Doktor«. rief Garibaldi. Alles um sie herum schien zu verschwimmen – Häuser. Lichter. Garibaldi riß die Beifahrertür eines blauen Mustangs auf.zwei Mietshäusern. Catherine glitt auf dem glitschigen Beton aus und fiel gegen eine Hauswand. bis hinter ihnen Scheinwerfer auftauchten. Catherine kauerte sich noch immer keuchend in den Sitz.

die bereits überforderten Sicherheitskräfte des Vatikans vor nahezu unlösbare Probleme stellte. Natürlich gab es auch in Rom graue Himmel. Seine Eminenz machte den Menschen dort unten keinen Vorwurf. um die Heerscharen der Hölle zu erwarten. daß der Himmel an diesem Vormittag eine sehr ungewöhnliche Farbe hatte. wie an jedem anderen Tag auch. Alle behaupteten. die alle Rekorde brach. Man befürchtete das Schlimmste und hatte die Städtische Polizei um Hilfe gebeten. Woher mochte das kommen? Er richtete den Blick auf den Petersplatz. scheinen wahrhaftig keine gewöhnlichen Wolken zu sein. Es war Winter. Gab es einen besseren Ort. Rom Kardinal Lefevre wurde das Gefühl nicht los. das Ende der Welt stehe bevor. Er gab sich einen Ruck. Sie hatten Angst. War seine seltsame Farbe ein Zeichen kommenden Unheils? Er schüttelte den Kopf. hatte er diese Farbe noch nie gesehen.Der Vatikan. dachte der Kardinal verwirrt. Die Arbeit wartete. und er durfte seine Zeit nicht damit 160 . Wenn er es sich recht überlegte. Aber das. Es war Regen vorhergesagt. wo eine Menschenmenge. wo der heilige Petrus den Märtyrertod erlitten hatte? Lefevres Augen richteten sich wieder auf den Himmel. daß die Sinne nicht mehr so zuverlässig waren wie früher. Vielleicht sollte er seine Augen untersuchen lassen. als den. Die Italiener der Vergangenheit und der Gegenwart mußten sich mit ihrem Anteil an Stürmen und Überschwemmungen abfinden. Unsinn! Der Himmel war der Himmel. Mit siebzig mußte man sich damit abfinden.

erschien ein junger Priester in langer schwarzer Soutane in dem Büro. Fuchs darauf aufmerksam. »Ja.« Die Augen des Priesters wurden eine Spur größer. Er leitet das Archäologische Institut der Universität von Rom. Im vergangenen Jahr hatte sich Rom auf zusätzliche zehn Millionen Besucher vorbereitet. daß er über die Farbe des Himmels nachdachte… Als er sich an seinen Schreibtisch setzte. Den Berichten nach war diese Zahl inzwischen weit überschritten. schob es in die Tasche seiner roten Soutane und sagte: »Bitte nehmen Sie unverzüglich Kontakt zu Dr. trat Kardinal Lefevre wieder ans Fenster. Während Ihrer Audienz bei Seiner Heiligkeit traf diese Nachricht für Sie ein. Eure Eminenz. wo sich die Akten stapelten. »Ich bitte die Störung zu entschuldigen. Eminenz?« »Machen Sie Dr. Sagen Sie ihm. Diesmal blickte er auf die Stadt. Und…?« »Ja.« Als der junge Mann gegangen war. um die Menschenmassen unter Kontrolle zu halten. In der ganzen Stadt gab es kein einziges freies Zimmer mehr. Eure Eminenz. und man würde über kurz oder lang militärische Unterstützung brauchen. die an den Feierlichkeiten zum zweitausendsten Geburtstag Christi teilnehmen würden.« Lefevre brach das Siegel und zog ein Blatt Papier aus dem Umschlag. »Unglaublich!« »Eminenz?« Der Kardinal faltete das Blatt schnell zusammen. Die große 161 . daß ich ihn in einer äußerst dringenden Angelegenheit sofort sprechen muß. daß die Angelegenheit streng geheim ist.vergeuden. Fuchs auf. Beim Lesen der Mitteilung hoben sich seine buschigen weißen Augenbrauen.

die nicht nur in Rom.Frage. 162 . die er gerade erhalten hatte. bekreuzigte sich Kardinal Lefevre und blickte unwillkürlich wieder besorgt zum grauen Himmel hinauf. sondern auf der ganzen Welt alle Gläubigen bewegte. war: Würde mit Beginn des Jahres 2000 eine apokalyptische Katastrophe über die Menschheit hereinbrechen? Beim Gedanken an die beunruhigende Nachricht.

Zeke? Sie sind Ihnen entkommen!« Die Stimme von Miles Havers aus dem Lautsprecher klang zwar wie immer beherrscht und ruhig. auch sein Bild auf dem Monitor wirkte gelassen. zum Beispiel ein katholischer Priester…« 163 . auf das flimmernde Bild seines Auftraggebers zu blicken. aber Zeke und seinem Partner entging der Zorn ihres Auftraggebers nicht. Havers. sie säßen in der Falle. was geschehen ist«. »Ich möchte. erklärte Zeke.« »Spielen Sie noch einmal das Band ab. und der Regen prasselte auf die Windschutzscheibe. unterbrach ihn Miles. Kalifornien »Was sagen Sie. auf dem Sie das Gespräch aufgezeichnet haben. Als das Tonband abgelaufen war. Sie saßen in ihrem Wagen.Santa Barbara. Zeke hatte überall in Stevensons Wohnung Wanzen verteilt. Es waren noch andere Amerikaner in der Menge. fragte Miles: »Wie hat er Sie erkannt. Mr. Zeke?« »Ich weiß nicht. Mr. Wenn sich die beiden Archäologen in der Wohnung bewegten. »Aber in diesem Augenblick tauchte ein Streifenwagen auf und…« »Mir ist völlig gleichgültig. während die Stimmen von Catherine Alexander und Daniel Stevenson in dem schwarzen Pontiac zu hören waren. Havers. waren ihre Stimmen laut und deutlich zu hören. als der Wagen in eine Sackgasse einbog«. Vielleicht spricht er auch nicht von mir.« Zeke hielt den Kassettenrecorder dicht an das Funkgerät und vermied es. daß Sie die Frau finden und mir diese Schriftrollen beschaffen. »Wir glaubten schon. Ist das klar?« »Ja.

Schuld daran waren die Anweisungen. Sobald sie gehört hatten. Sie sollten alles aufnehmen. Daraufhin hatte Miles jemanden beauftragt. Sie hatten den Auftrag. ihre Wohnung in Santa Monica zu überwachen. als komme sie gerade von ihrer AerobicStunde. Während das Bild gesendet wurde. wie die Archäologin mit der blauen Tasche über der Schulter das Haus betrat. bis sie den sicheren Beweis hatten. Als Zeke sah. daß sich die Schriftrollen dort befanden. Aber die Frau war ihnen entkommen. Wir müssen so schnell wie möglich sein Tagebuch haben. »Stevenson spricht vielleicht nicht von Ihnen. sein Telefon anzuzapfen und die Wohnung abzuhören. konnte Zeke seinen Zorn nur mühsam unterdrücken. nahm ein Photo heraus und legte es in den tragbaren Scanner. wußte er instinktiv. Den Männern von Havers war es in New York nicht gelungen. daß sich die Schriftrollen in 164 . Catherine Alexander am John F. Sir. was gesprochen wurde. wie Dr. Kennedy-Flughafen aufzuspüren.»Ein Priester!« Miles lachte höhnisch.« »Was ist mit den Photos.« »Ja. Alles hätte anders sein können. Alexander sagte: »Ich habe sie hier bei mir«. die Stevenson erwähnt? Haben Sie die Aufnahmen?« Zeke griff nach dem blutbefleckten großen blauen Umschlag. aber wir dürfen kein Risiko eingehen. Außerdem setzte er Zeke und seinen Partner auf Daniel Stevenson an. der auf dem Armaturenbrett lag. und mit dem Eingreifen warten. Das hatten sie getan. wenn er bei einem Auftrag versagte. Es gefiel ihm nicht. waren Zeke und sein Partner in die Wohnung eingedrungen und hatten Stevenson ausgeschaltet.

daß ihr jemand helfen würde. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung haben wir kein Tagebuch gefunden. aber nicht damit gerechnet. das Stevenson erwähnt?« »Wir wissen es nicht. Aber er hatte seine Anweisungen und mußte sich daran halten. Es befand sich nichts Wertvolles dort. Er und diese Alexander müssen die Schriftrollen und die Photos im Reisegepäck gehabt haben. daß den Originalen etwas zustoßen sollte. vermutlich eine Sicherheitsmaßnahme für den Fall. Vielleicht war es ein Fremder. »Es sind höchstwahrscheinlich Aufnahmen der Schriftrollen. sagte Miles. so schwor er sich stumm.« »Wo ist das Tagebuch. Mr. Wir mußten die Frau verfolgen. daß sie mit den Schriftrollen geflohen ist?« »Sie befanden sich in einer blauen Tasche. als wir die Wanzen verteilt haben. Wir hatten ihren Wagen fahruntauglich gemacht. »Wir haben ihn nur undeutlich gesehen und wissen nicht.« »Was ist das für ein Mann. dann sagte er: »Ich 165 . die sie bei sich trug. Ein paar Photos sind aus dem Umschlag gefallen.der Tasche befanden. mit dem sie geflohen ist?« wollte Miles wissen. Das nächste Mal. Er hätte die Frau und die ›Ware‹ auf der Stelle gehabt. sie aufzuheben. Haben Sie alle?« »Nein.« Miles schwieg bedrohlich lange. Havers. Wir hatten keine Zeit.« »Haben Sie die Wohnung von Stevenson durchsucht?« »Am Vormittag.« »Sie sind sicher. »Gut«. würde er auf die Anweisungen pfeifen und sich auf seinen Instinkt verlassen. ob sie ihn kannte. Wir haben allerdings das Kennzeichen des Fluchtautos.

« Der letzte Befehl war unnötig. der die Photos abholt. Fahren Sie zum Flughafen in Santa Barbara und warten Sie auf meinen Privatjet. Zeke! Diesmal darf sie Ihnen nicht entkommen. darf niemand den Eintrag lesen.« »Oder sie ist nicht weit gekommen.« »Ja. Havers. »Was hat das eigentlich alles zu bedeuten?« fragte Garibaldi und achtete darauf. Mr. daß er die zulässige Höchstgeschwindigkeit nicht überschritt. »Was für Männer waren das? Warum haben sie geschossen?« Catherine blickte immer wieder unruhig zurück. Havers. es wird ihr nicht gelingen. Mr. Sir. weil immer mehr Leute noch spät abends Weihnachtseinkäufe machten. sagte Miles.« »Noch etwas. Danach suchen Sie sich ein Hotel.schicke jemanden. Sobald wir diese Alexander aufgespürt haben. Sie fuhren auf der Hauptstraße durch Santa Barbara. dann würde sie sich wünschen.« »Entschuldigen Sie. »In zwei Stunden werden meine Leute in Santa Barbara sein. Sie dürfen auf keinen Fall die Gegend verlassen. Wenn er Sie erkannt hat. daß Sie ständig über Funk erreichbar sind. Die 166 .« »Sorgen Sie dafür. Der Verkehr nahm zu. bis Catherine Alexander gefunden ist. nie geboren worden zu sein. Zeke hatte sich bereits geschworen: Wenn er Catherine Alexander das nächste Mal sah. Sie könnte morgen schon Hunderte von Meilen entfernt sein. Der Jet ist startbereit«. werden Sie die Verfolgung aufnehmen. sich lange zu verstecken. Wo immer sie auch sein mag.« »Ja. Beschaffen Sie die Schriftrollen und Stevensons Tagebuch.

»Aber sie… sie haben auf uns geschossen. murmelte sie. als sie vor einem Kaufhaus anhalten mußten. was zu tun ist. Verfolgten die Killer sie noch? »Fahren Sie weiter«. »Was sind das für Männer gewesen?« Catherine verschränkte die Arme und schloß die Augen. Wir haben sie abgeschüttelt.Scheinwerfer der Autos erinnerten an eine weiße Lichterkette.« Mit einem prüfenden Blick auf Catherine fragte er: »Was ist mit Ihnen?« »Also gut. Danno. fahren Sie einfach weiter.« Sie drehte sich um und starrte durch die regennasse Windschutzscheibe. und ich muß etwas tun. Er ließ den Rückspiegel nicht aus den Augen und musterte die nachfolgenden Wagen.« »Ich finde. Wir sollten erst etwas Abstand zwischen uns und sie bringen.« »Warum nicht?« fragte Garibaldi. antwortete sie tonlos und begann zu zittern. »Wohin? Ich kenne mich hier nicht aus. »Sagen Sie mir.« Er schwieg und flüsterte dann: »Gott sei seiner Seele gnädig.« Sie schüttelte stumm den Kopf. »Das weiß ich nicht!« stieß sie zitternd hervor. aber sie können jeden Augenblick wieder 167 . »Diese Kerle sind brutale Killer!« Sie preßte die Lippen zusammen und schloß die Augen. was los ist!« begann Garibaldi noch einmal. »Sie haben meinen Freund umgebracht. es ist zu gefährlich. »Das… das werden sie büßen! Fahren Sie zurück. zurückzufahren. »Wer waren diese Männer?« »Sie haben Danno ermordet«.« »Gehen wir nicht zur Polizei?« »Nein! Auf keinen Fall gehen wir zur Polizei. dann können wir in Ruhe überlegen.

In welche Richtung. Sie drehte sich um. »Fahren Sie nach Norden. »Sie brauchen einen Arzt!« »Nein. »In welche Richtung soll ich fahren?« fragte Garibaldi. es ist nichts…« »Halten Sie an. »Dr. ohne auf die vorbeirasenden Autos und den strömenden Regen zu achten. »Fahren Sie auf die Standspur und halten Sie an. fahren Sie weiter«.« Der Mustang stand noch nicht richtig. »Sie sind verletzt!« »Es ist nur ein Streifschuß…« Aber Catherine sah. Ein Camarro mußte bremsen. Danno liegt in einer Blutlache… »Nach rechts«.« »Nein. Garibaldi zuckte entschuldigend mit der Schulter. daß er unnatürlich blaß war und daß Schweißtropfen auf seiner Stirn standen. »Was haben Sie?« Er umfaßte mit der rechten Hand den linken Arm.« Garibaldi mußte die Fahrbahn wechseln. wir halten den Verkehr auf. Die bunten Lichter der Schiffe spiegelten sich im schwarzen Wasser. »Diese Kerle 168 .« Sie näherten sich dem Yachthafen. Ich werde mich ans Steuer setzen. Jetzt sah sie deutlich das Blut an Garibaldis Arm. zur Fahrerseite lief. und ein Cadillac hupte laut. Der Mustang fädelte sich nicht besonders rücksichtsvoll in den fließenden Verkehr ein. Die Finger waren blutig. Catherine biß sich auf die Unterlippe. Ich weiß es nicht. bitte?« In welche Richtung. als Catherine schon aus dem Wagen sprang und. Catherine fiel plötzlich auf. daß er nur mit einer Hand lenkte. Alexander. Schnell setzte sie sich hinter das Steuer. Die Scheinwerfer hinter ihnen verschwammen im Regen.auftauchen. sagte sie gequält. widersprach er.

« Catherine reihte sich in den Verkehr ein und starrte geradeaus. »Wie kommen Sie eigentlich hierher… 169 . daß ihr zwei Wagen folgten. und sie biß sich auf die Lippen.« »Warum haben sie Ihren Freund umgebracht?« Die Tränen stiegen ihr in die Augen. Die Scheibenwischer bewältigten den Regen kaum. das diese Männer wollten. Sie mußte die Ruhe bewahren und nachdenken. »Ich kann nicht zur Polizei gehen.« »Warum nicht?« Sie sah ihn an. dann erreichten sie den Highway 154. In letzter Sekunde bog Catherine bei der Ausfahrt San Marcos Road ab und erntete dafür prompt ärgerliches Hupen. Wie die Schüsse beweisen.« Er musterte sie einen Augenblick und sagte dann: »In der Sackgasse haben Sie die Polizisten im Streifenwagen nicht um Hilfe gebeten. »was für Männer das waren. sagte sie und zog ein Taschentuch aus ihrer Jacke. »Sagen Sie mir endlich«.« Sie fuhren eine Weile am sturmgepeitschten Meer entlang. Der erste Wagen setzte sofort zum Überholen an. Ich möchte ihnen nicht noch einmal begegnen. meinen sie es ernst. Warum nicht?« Sie nahm den Fuß vom Gaspedal. begann Garibaldi noch einmal. brauste vorbei und verschwand in der Regennacht. Der zweite Wagen verlangsamte ebenfalls das Tempo. »Hier«. »Drücken Sie das auf die Wunde. Sie durfte nicht weinen.sind vielleicht noch hinter uns. »Ich kann nicht…« Sie umklammerte das Steuer fester. »Ich habe etwas.« »Haben sie es bekommen?« »Nein.« »Ich habe sie noch nie im Leben gesehen. Im Rückspiegel sah sie.

»Wir müssen uns so schnell wie möglich die Wunde ansehen.Ich meine nach Santa Barbara. Eindeutig hatte er Schmerzen. »Wie geht es Ihnen?« »Ich weiß nicht… ich bin… Daniel…« Sie begann wieder zu zittern. Im Regen sah sie Kiefern und felsige Canyons. Rancho San Marcos. was mit Daniel geschehen war – das viele Blut.« »Zuerst bringen wir noch ein paar Meilen zwischen uns und die Männer. Catherine zwang sich. Garibaldi drückte eine Hand auf die Wunde und stöhnte manchmal leise. Die Straße wurde enger und wand sich in Kurven nach oben. Sie fuhren in die Berge. und nach zwanzig Meilen würden sie 170 . der hier wohnte. »He!« rief er und griff schnell ans Lenkrad. daß der Wagen hinter ihnen in eine kleine Straße abgebogen war. Auf großen Tafeln warb ein Weingut für den Besuch seiner Kellerei. Der Verkehr ließ sichtbar nach. Im Rückspiegel hatte sie gesehen. die zerbrochene Brille… Halb unbewußt nahm sie die Hinweisschilder am Straßenrand wahr: Chumash Painted Caves State Historical Park. und beinahe hätte sie die Kontrolle über den Wagen verloren. Seitdem blieb hinter ihnen alles dunkel. nicht an das zu denken.« Catherine biß die Zähne zusammen und starrte auf die Straße. Sie fuhren schweigend weiter. Jetzt würden sie schnell feststellen. ob ihnen jemand folgte. Also schien es sich um jemanden gehandelt zu haben. Stagecoach Road. »Nehmen Sie den beiden nicht die Arbeit ab. Ihre Zähne schlugen aufeinander. Wieso standen Sie plötzlich vor Daniels Apartmenthaus?« »Ich habe Sie gesucht…« Er verzog das Gesicht.« Er seufzte und sah sie an.

« Catherine warf einen Blick auf die Digitaluhr. Es war inzwischen beinahe elf Uhr abends. antwortete sie. »Ich sehe keinen Wagen. »Haben Sie eine Ahnung?« »Ich kenne mich in dieser Gegend nicht aus. daß das Benzin zur Neige ging. »Da vorn links ist 171 .« »Ich weiß nicht. Sie rannte durch den Regen. sahen sie nur dunkle Fenster und ein Büro mit Notbeleuchtung. Dann sah sie zu ihrem Entsetzen. ob es hier überhaupt Tankstellen gibt. Sie sah ihn von der Seite an. »Wir müssen wohl oder übel bald anhalten. »Was steht dort?« »›Zur Zeit geschlossen!‹« Langsam fuhr sie durch den Regen weiter. »Wissen Sie eigentlich. Wir haben sie bestimmt abgehängt. Garibaldi bemerkte es ebenfalls. »Nein«.« »Was ist das vor uns? Ich glaube.« Er drehte sich leise stöhnend um und blickte auf die dunkle Straße hinter ihnen. Vor den Zimmern standen keine Wagen.« Aber als Catherine den Wagen verlangsamte und in den unbeleuchteten Parkplatz einbog.« »Ein Motel! Vielleicht können wir dort einen Kanister Benzin kaufen. da kommen Lichter. sagte Catherine und sprang aus dem Wagen. und wenn. Er schien aber nicht mehr so blaß zu sein.Anderson’s Pea Soup Restaurant erreichen. Die Armaturenbeleuchtung ließ sein Gesicht grünlich schimmern. dann sind sie bestimmt geschlossen. »An der Bürotür hängt ein Schild«. wohin wir fahren?« fragte Garibaldi schließlich. ohne die Benzinanzeige aus dem Auge zu lassen. Die ›Zimmer frei‹-Tafel war abgeschaltet. kam aber schnell zurück.

Der Beamte schien der Meinung zu sein. Beim Näherkommen sahen sie enttäuscht das rote Leuchtschild ›Kein Zimmer frei‹. Mylonas war immer sehr freundlich zu mir. Er erklärte. Aber der Beamte deutete an. das Päckchen mitzunehmen und es Ihnen zu bringen. »Ich wette. Sie dort zu finden. und er sagte in Kalifornien. aber Catherine sah. Sie hätten etwas gestohlen.ein Motel!« rief Garibaldi. zog er mich ins Vertrauen. daß Sie etwas Falsches getan hätten. Das Motel war ebenfalls geschlossen. Eine Wertsendung kann unter Umständen spurlos verschwinden. »Warum haben Sie mich gesucht?« fragte sie. Mylonas hat Sie energisch verteidigt. daß Sie nicht mehr da waren. Das Blut an seinem Arm war inzwischen verkrustet. war völlig durcheinander. Sein Stellvertreter hatte es angenommen. denn er traut den Postbeamten in Scharm el Scheich nicht. Sie seien wegen dringender Familienangelegenheiten abgereist. Ich erkundigte mich bei ihm. Er machte sich Gedanken. für Sie sei neben Briefen ein Päckchen gekommen. Mr. »Im Hotel Isis herrschte gestern morgen große Aufregung. Ich 172 . der Besitzer. Aber ich habe Sie in Ihrer Wohnung in Santa Monica nicht angetroffen. sagte Garibaldi. denn es war eine Wertsendung. Er sagte.« »Als der Beamte weg war. bot ich ihm an. Mr. Er hatte keine Ahnung. um die Post abzuholen. ich könnte in Santa Barbara sein?« »Ich hatte nicht damit gerechnet. Ein ägyptischer Beamter hat Sie gesucht. daß er Schmerzen hatte. Mr. wo Sie wohnen.« »Wie sind Sie auf die Idee gekommen.« Catherine biß sich auf die Lippen. Mylonas wollte das Päckchen nicht zurückschicken. Da ich ohnehin über Los Angeles zurückfliegen wollte. wir werden die Nacht mit Norman Bates verbringen…« Er lächelte. »Dieser Regen und dann kein Motel«. Mylonas. »Mr.

Wenn die Killer uns suchen. was geschehen war »Die Wunde 173 . Catherine war völlig gefühllos. Garibaldi nahm das Taschentuch vom Arm und wickelte den Hemdsärmel hoch. Daniel Stevenson. Sie sah auch nicht die bunten Bilder auf dem Fernseher. Während sie das Licht anmachte und den Thermostat der Klimaanlage regulierte. Ich parke den Wagen unter den Bäumen. obwohl ich in Chicago lebe!« Catherine zwang sich.« Sie fuhr zur Rückseite des Motels. Ich habe ein Zimmer genommen.« »Das Päckchen ist von Daniel?« »Ja. »Sie können uns erst morgen früh Benzin verkaufen. und Catherine schloß schnell die Tür auf.wollte das Päckchen dem Absender geben. Pedregosa Street. »Nummer fünfzehn… am Ende. Santa… He! Lichter!« »Das sieht nach einem Motel aus!« Catherine fuhr erleichtert von der Straße ab und hielt vor dem hell erleuchteten Gebäude an. mit denen für die Kinofilme der Woche geworben wurde. werden sie den Wagen nicht sehen. Dr. Später würde noch genug Zeit sein. Vor den dunklen Türen standen nur wenige Wagen. Der Besitzer hat die Schlüssel für die Pumpen bei sich. Schaffen Sie es bis zum Eingang?« Sie liefen durch den Regen. ihn anzusehen. das ist unser Zimmer. Kurze Zeit später kam sie zurück. »Ich bin noch nie angeschossen worden. »Bleiben Sie hier«. achtete sie kaum auf die häßliche in Braun und Orange gehaltene Einrichtung und den abgetretenen gelblichen Teppichboden. sagte sie zu Garibaldi und ging in das Büro. über alles nachzudenken. als sei ein Teil von ihr in Daniels Wohnung zurückgeblieben.

dann hatte er auch das ausgezogen. »Ist es schlimm?« »Die Wunde schmerzt. Sie klopfte noch einmal. Auf dem Rückweg kaufte sie an einem Automaten noch etwas zu knabbern und zu trinken. Sie trat ein paar Schritte zurück und sah Licht durch den Vorhang. richtete sie den Blick schnell auf den verletzten Arm. Als sie seinen nackten. Feigenrollen und Cola-Dosen auf den Tisch vor dem Fenster. »Schließen Sie hinter mir ab.« Nichts rührte sich.« »War es wirklich nur ein Streifschuß oder steckt eine Kugel im Arm?« »Nein.« Mit der blauen Tasche über der Schulter rannte sie durch den Regen zum Büro.« Er hatte das Hemd ausgezogen und den Stehkragen abgeknöpft. ich bin es.« Dann öffnete sie den Verbandskasten. und die Tür ging auf. »Woher haben Sie den?« fragte er und setzte sich neben 174 . wie die Sicherheitskette zurückgeschoben wurde. aber es ist nicht weiter schlimm. keine Kugel…« Sie legte die blaue Tasche auf das Bett am Fenster: »Setzen Sie sich. antwortete er. Sie trat ein und schloß wieder ab. sagte sie. »Warum haben Sie nicht aufgemacht?« fragte sie und legte die Vollkornkekse. Machen Sie auf. muskulösen Oberkörper sah. Er hatte ein Handtuch um die Wunde gewickelt. Kartoffelchips. Dann klopfte sie leise an der Tür Nummer fünfzehn und rief: »Vater Garibaldi.muß behandelt werden«. »Tut mir leid«. Sie blickte auf das Nummerschild der Tür: ›15‹. Nach kurzem Überlegen nahm sie das blutige Taschentuch und wickelte es sich um die Hand. »Ich war im Bad und habe Wasser laufen lassen und das Klopfen nicht gehört. Endlich hörte sie. Immer noch keine Antwort. Wenn er ein Unterhemd trug.

175 . Ich muß mich beschäftigen. »Ist ja schon gut«. warum sind Schußwaffen erlaubt? Warum sind sie nicht grundsätzlich verboten? Warum bringen sich Menschen gegenseitig um? Warum… warum gibt es soviel Gewalt auf der Welt?« Als sie seinen teilnahmsvollen Blick sah. noch nicht… Catherine desinfizierte schweigend die Wunde und verband sie sorgfältig mit einer Mullbinde. Sie wußte nicht. Ihre Welt schien in Stücke gebrochen zu sein – zuerst der Streit mit Julius. Sie begann zu schluchzen. Den weißen Priesterkragen sah sie nicht. Garibaldi fragte: »Was wollen Sie jetzt tun? Ich meine. wenn Sie nicht zur Polizei gehen…« Sie schüttelte nur stumm den Kopf. das hätte nicht geschehen dürfen! Niemand hat es verdient. hätte sie am liebsten geantwortet. hatte Garibaldi ein frisches Hemd angezogen – ein schwarzes Hemd mit kurzen Ärmeln. Als sie ins Zimmer zurückkam. den Koffer mit einem Messer zu öffnen. sonst fange ich an zu denken. sagte Garibaldi tröstend. »Das mit dem Mord.sie. Und ich möchte nicht denken. »Ich habe der Frau im Büro gesagt. brach ihr Widerstand zusammen. und mich dabei geschnitten.« Ich muß mich auf etwas konzentrieren. was sie tun sollte. »Entschuldigen Sie. ich hätte meinen Kofferschlüssel verlegt und versucht. »Geht es Ihnen wieder besser?« fragte er. Verzweifelt schlug sie die Hände vor das Gesicht. ich…« Sie lief ins Bad und ließ sich kaltes Wasser über Gesicht und Hände laufen. so zu sterben! Das Messer… das Blut… O Gott!« Sie sprang auf.« »Wollen Sie das wirklich tun? Ich kann ins Bad gehen und die Wunde selbst verbinden. Sie nickte stumm. und dann… »Vater Garibaldi. Sie hat mir den Verbandskasten verkauft.

erwiderte sie tonlos und starrte auf das Päckchen.Keine Gefühle. sagte sie sich vor. Mylonas für Sie gegeben«. Eine kleine Schachtel kam zum Vorschein. und ich war noch nie in Kalifornien. war es leer. denn es ist bestimmt schon vor Jahrhunderten ausgeraubt worden. Du mußt die Sache zu Ende führen. »Es ist von Danno«. das aus dem Grab stammt. Mexiko. Aber im Laufe der Jahre sind einzelne Funde wieder aufgetaucht. Dieses kleine Kunstwerk habe ich in einem Laden in Cozumel entdeckt und wußte sofort. Darauf lag ein Brief. denn auf einer der Fresken legt eine Frau. aufgegeben worden war. Behalte die Nerven. daß das Päckchen in Cozumel. was ich Dir schicke. »Das hat mir Mr. die meiner Meinung nach die Königin ist. Vorsichtig entfernte sie das braune Packpapier. sagte er und reichte ihr das Päckchen. Mit Tränen in den Augen las sie: ›Hallo. »Wissen Sie.« »Oder Sie wären ebenfalls tot«. »Wäre ich doch nur etwas früher gekommen. dann hätte ich Ihrem Freund vielleicht das Leben retten können. Mais als Opfergabe auf den Altar einer Erdgöttin. Daniel hatte als Absender seine Adresse in Kalifornien angegeben. aber Catherine sah an den Briefmarken und dem Poststempel. daß es aus ‹meinem› Grab stammt. Frohe Weihnachten 176 . Cathy! Das soll eine Überraschung für Dich sein! In Deinen Händen hältst Du etwas. Als ich es entdeckte. nach Santa Barbara zu fahren…« Er seufzte. auf dem Wandbild trägt sie jedenfalls genau das. wie genau die Jade mit der Farbe Deiner Augen übereinstimmt. murmelte sie und legte es auf den Schoß. Das ist kein Witz! Als ich das Grab entdeckte. eine der eher friedlichen Gottheiten im MayaPantheon! Nun ja. ich habe immer noch Urlaub. konnte ich kaum glauben. Das bist du Danno schuldig. Ich fand es interessant.

« »Und dann?« »Dann werde ich die Polizei benachrichtigen. Dort werden wir sehen.‹ Ein anderes Bild drängte sich ihr auf. Das wünscht Dir Danno. Sie spürte eine sanfte Berührung an den Schultern. was Karaoke ist.« Sie klappte den Deckel auf und holte tief Luft.und ein glückliches neues Jahrtausend.« Sie holte tief Luft und fand ihre Fassung wieder. daß Sie deshalb beinahe erschossen worden sind. »Aber ich danke Ihnen. »Was ist?« 177 . Sie hob das Band über den Kopf und legte es um den Hals.‹ Sie öffnete die kleine Schachtel und fand in Watte gebettet einen Jadeanhänger. wer diese Männer sind. das Messer blitzte. und plötzlich war alles voll Blut… Catherine vergrub ihr Gesicht in den Händen. Der Anhänger reichte bis zu ihren Brüsten. er weiß. Er trug ein T-Shirt und sagte lachend: ›Mach mir nichts vor. Sie nahm ihn heraus. Ich weiß.« Sie stand auf und stellte Daniels Laptop auf den Tisch. daß Sie mir das gebracht haben. wer mich verfolgt. ohne zu bemerken. Er hat es in sein Tagebuch geschrieben. daß Garibaldi den Blick nicht von ihr wandte. »Möchten Sie. Cathy. Daniels Augen wurden starr vor Entsetzen. Sein Tagebuch ist in dem Computer. In Gedanken sah sie Daniel. »Dazu ist mein Zorn zu groß. erwiderte sie tonlos. Es war ein Jaguar an einem Lederband. Vater Garibaldi. Sie betrachtete ihn lange und lauschte dabei auf den Regen. Es tut mir leid. daß ich mit Ihnen bete?« »Nein«. »Was haben Sie vor?« »Daniel hat gesagt. Der Mann riß ihm den Kopf zurück.

unterließ es aber. die mit Daniels Interessen zusammenhingen – Spock. sagte sie zu Garibaldi.« Kein Erfolg. Er setzte sich vor den Laptop und tippte ein Wort nach dem anderen ein. flüsterte sie verwundert.« »Dann lassen Sie sich etwas einfallen. »Wie wäre es mit ›Phönix‹?« Catherine schüttelte den Kopf und stand auf. »Versuchen Sie es mit ›Blitz‹. Dann sah er die Meldung auf dem Monitor: BITTE PAßWORT EINGEBEN »Sie müssen sein Paßwort kennen. bis wir das richtige Paßwort finden.« Sie versuchte es mit einigen Worten. Asimov – ohne Erfolg. Klingon. die viele Leute verwenden«. erhielt aber jedesmal dieselbe Meldung: UNGÜLTIGES PAßWORT: BITTE RICHTIGES PAßWORT EINGEBEN! »Wo hat er studiert?« »In Berkeley. wollte etwas sagen. »Es gibt ein paar Begriffe. Catherine fand den Ein/Aus-Schalter und startete den Computer.« Plötzlich wurde der Raum von grellem Scheinwerferlicht 178 . »O nein!« »Was gibt es?« fragte er. um die Dateien öffnen zu können. »Versuchen Sie Ihr Glück«.« Garibaldi tippte ›Stanford‹. sagte Garibaldi. »Ein Photo von mir auf Dannos Laptop! Wieso?« Garibaldi betrachtete das Photo. Garibaldi schüttelte den Kopf und murmelte: »Es kann eine Ewigkeit dauern.« »Ich kenne Daniels Paßwort nicht.»Das bin ich«. »Versuchen Sie es mit ›Nonnenschule‹«. sagte Catherine. Kein Erfolg.

erhellt. Garibaldi sprang auf, und Catherine wich bis an die Wand zurück. Die Lichter wanderten weiter, und Garibaldi schob den Vorhang etwas zur Seite. Ein weißer Lieferwagen fuhr auf den Parkplatz vor dem Nebenzimmer. Garibaldi zog den Vorhang wieder zu. »Falscher Alarm.« Sein Blick fiel auf das Photo neben dem Bildschirm von Daniels Laptop. »Probieren Sie es mit Ihrem Namen«, sagte er. »Warum?« »Warum nicht?« Sie setzte sich und tippte ›Catherine‹. Als wieder die Falschmeldung kam, versuchte sie es mit ›Alexander‹.
UNGÜLTIGES PAßWORT: BITTE RICHTIGES PAßWORT EINGEBEN!

»Was nun?« murmelte sie und starrte auf den Monitor. »Ich werde etwas versuchen.« Garibaldi nahm den Laptop aus der schwarzen Ledertasche und teilte ihn auf den Tisch. Dann suchte er nach den seitlichen Entriegelungen und nahm die Tastatur ab. Jetzt konnte man in das Innere des Gerätes blicken. »Manchmal«, murmelte er, »kann man das Paßwort umgehen, indem man nur…« Er betrachtete sich die Festplatte, die Steckkarten und die anderen elektronischen Komponenten, dann richtete sich seine Aufmerksamkeit auf die grüne Platine mit den Transistoren und Schaltkreisen. »Aha! Da haben wir es. Ich brauche ein Stück Metall. Haben Sie zufällig eine Haarnadel?« Sie fuhr sich mit der Hand durch die langen Haare. »Leider nein.« »Vielleicht eine Büroklammer?« Catherine durchsuchte die Seitentaschen und Fächer der
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Laptop-Tragetasche und fand eine Ersatzbatterie, das sichtlich vielgelesene Exemplar Hawksbill Station von Robert Silverberg, eine leere Kaugummipackung, einen Markierstift, einen Notizblock und – »Hier!« Während Garibaldi die Büroklammer aufbog, deutete er auf die Platine. »Sehen Sie, dort steht ›J-A23/‹! Das ist eine Kurzschlußbrücke. Wenn es mir gelingt, diese beiden Stellen miteinander zu verbinden…« Catherine sah mit angehaltenem Atem zu, wie er den Kupferdraht der Büroklammer so legte, daß er zwei dicht nebeneinander liegende Kontakte verband und ihn dann auf den Krallen festdrückte. Sofort erschien auf dem Bildschirm eine andere Meldung. »Was bewirkt die Büroklammer?« fragte Catherine, während er die Tastatur wieder einsetzte und sicherte. »Ich habe das Paßwort zurückgesetzt.« Auf dem Monitor stand jetzt:
IHRE SETUP INFORMATION HAT SICH GEÄNDERT. DRÜCKEN SIE »F2« UM SETUP ZU LADEN.

»Haben wir jetzt etwa Zugriff auf das System?« fragte Catherine. »Mal sehen«, erwiderte er und drückte die Taste ›F2‹. Auf dem Bildschirm erschien in der ersten Zeile:
SPHINXBIOS SETUP.

Garibaldi klickte auf den Menüpunkt ›Datenschutz‹ und murmelte vor sich hin: »Damit wirklich alle Paßwörter außer Kraft gesetzt sind.« Auf dem Bildschirm erschien die Meldung: BENUTZER-PAßWORT: DEAKTIVIERT! BENUTZER-PAßWORT: [EINGEBEN] PAßWORT BEI START: [DEAKTIVIERT] DISKETTE ZUGANG: [BENUTZER]
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PESTPLATTE BOOT SECTOR: [NORMAL] AUTOM. VIRUSPRÜFUNG: [DEAKTIVIERT] »Okay, Michael«, sagte er. »Speichern und dann ›Exit‹.« Er drückte ›Enter‹, und im nächsten Moment erschien das ›C-Prompt‹ links oben auf dem Monitor. »O je«, sagte Catherine. »Ich fürchte, Daniel hat seine Software nie auf den neuesten Stand gebracht. Ich weiß jedenfalls nicht, wie DOS funktioniert.« »Es ist schon eine Weile her, daß ich mit DOS-Befehlen gearbeitet habe«, sagte Garibaldi. Er tippte SCI und drückte ›Enter‹. FALSCHER BEFEHL Catherine sagte: »Daniel hat bestimmt nie Scimitar benutzt. Er lehnte Dianuba Technologies prinzipiell ab und wollte nichts mit ihrer Software zu tun haben.« »Gut, dann versuchen wir es damit«, Garibaldi tippte ›WIN‹, und sofort erschien das ›WINDOWS‹-Logo. Damit konnten sie alle Dateien auf dem Laptop öffnen. »Na also!« rief Garibaldi und schob Catherine die Tastatur hin. Sie betrachtete aufmerksam die Logos. »Jetzt muß ich nur noch herausfinden, wo Daniel sein Tagebuch abgespeichert hat.« Als sie CAPTAINS LOG sah, rief sie: »Das muß es sein!« Mit einem Doppelklick aktivierte sie den Eintrag. Auf dem Bildschirm erschien die Meldung: Szfdatbg unm Czmhdk Rsdudmrnm »Da stimmt etwas nicht!« »Es sieht nach einem Code aus«, meinte Garibaldi. »Wie kann man so etwas dechiffrieren?«
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»Die gebräuchlichste Methode ist das Ersetzen jedes einzelnen Buchstabens.« »So?« fragte Catherine, tippte das Alphabet und dann darunter: abcdefghijklmnopqrstuvwxyz egjmlakbroctwzvndpuyfshqix »Genauso. Das Wort ›Katze‹ zum Beispiel«, sagte Garibaldi, »sieht in diesem Fall dann so aus: ›Oeuxl‹.« »Wundervoll. Dann müssen wir nur eine Million Kombinationen des Alphabets ausprobieren, um den Schlüssel für den richtigen Code zu finden!« Sie trommelte nervös auf den Tisch. »Hier steht irgendwo der Name von Daniels Mörder. Ich muß ihn finden!« »Vielleicht sollten wir es wie bei den Geheimschriften machen die man in Rätselbüchern findet. Wir suchen nach Wortkombinationen wie ›es‹, ›und‹, ›das‹ usw.« Catherine runzelte die Stirn. »Ich kann mir nicht vorstellen, daß sich Danno die Mühe gemacht hat, einen komplizierten Schlüssel zu erfinden. Schließlich weiß man, daß jeder Code, auch der komplizierteste, geknackt werden kann. Ich meine, er hat das nur gemacht, um zu verhindern, daß Neugierige, die zufällig seinen Laptop in die Hände bekommen, sein Tagebuch lesen.« »Vielleicht sollten wir jeden Buchstaben durch eine Nummer ersetzen.« »Auch das ist viel zu kompliziert. Danno hat sicher nur einen Code benutzt, der sich leicht tippen und später ebenso leicht entschlüsseln läßt. Warten Sie…« Sie begann zu tippen. »Was haben Sie vor?« »Zuerst muß man denken wie Danno. Mein Freund Daniel Stevenson war ein Science-Fiction-Fan. Sein Lieblingsfilm ist…«, sie verbesserte sich, »war… Kubriks
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Odyssee 2001. Wissen Sie noch? HAL hieß der Computer. Der Name war von IBM abgeleitet, wobei die Buchstaben im Alphabet jeweils um eins nach vorne verschoben waren…« Sie begann langsam zu tippen. »Passen Sie auf:« »Tagebuch von Daniel Stevenson« »Ein Schuß ins Schwarze!« rief Garibaldi. »Gut, wonach suchen wir jetzt?« Catherine ließ den Text auf dem Bildschirm abrollen und überflog die Tagebucheintragungen. Dabei sagte sie zu Garibaldi: »An dem Abend, als wir den Sinai verließen, waren im Lager viele Menschen. Danno sagte mir, er habe ein bekanntes Gesicht gesehen… einen Amerikaner.« Garibaldi erwiderte: »Ich war zum Beispiel auch dort.« »Hier… das muß es sein.« Sie brachte den Cursor vor einen Buchstaben und tippte: D-E h-i m-n (Leertaste) L-M z-a m-n m-n usw. Als sie fertig war, stand dort: »Ein Mann mit einer häßlichen Narbe im Gesicht und kurz geschnittenen weißen Haaren. Ich weiß genau, daß ich ihn schon einmal gesehen habe. Aber wo? Natürlich, da steht er direkt vor meinen Augen! Ich blickte in den vergangenen zwei Jahren beinahe jeden Tag auf diesen häßlichen Kerl. Er arbeitet für…« »Mein Gott«, flüsterte Catherine. »Wer ist es?« Sie schob den Computer etwas zur Seite, damit er den Monitor sehen konnte: ›Lhkdr Gzudqr‹, stand dort. Garibaldi kniff die Augen zusammen und murmelte: »Miles Havers… das Computer-Genie?«

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Santa Fé, New Mexico
Teddy Yamaguchi wußte, daß viele Leute dachten, er sei lebendig begraben. Die Leute irrten sich. Computer waren sein Leben, und es gab auf der ganzen Welt keinen anderen Ort, an dem er in diesem Augenblick hätte sein wollen. Er befand sich im modernsten Kommunikationszentrum, das sich nur jemand wie Miles Havers, der reichste Mann der USA, leisten konnte. Teddy, der mit achtundzwanzig gerade das College absolviert hatte, wurde für seine Arbeit fürstlich entlohnt. Er wohnte wie in einem Luxushotel mietfrei in einem nach seinen Wünschen eingerichteten Bungalow auf dem riesigen Anwesen. Es machte ihm nichts aus, daß er sich vierundzwanzig Stunden am Tag dienstbereit halten mußte. Der Job für Miles Havers war die Erfüllung all seiner Träume, denn Teddy konnte auch in seiner Freizeit die Anlagen im Kommunikationszentrum uneingeschränkt benutzen. Manchmal bekam er wirklich schwierige Aufgaben, deren Lösung eine echte Herausforderung darstellte, aber in dieser Nacht war alles einfach. Sein Boß hatte gesagt: »Finden Sie Dr. Catherine Alexander.« So etwas war kaum mehr als Routine. Teddy trug wie immer eine schwarze Nylonhose und ein weißes T-Shirt. Die hoch rasierten dichten schwarzen Haare krönten wie ein Helmbusch seinen schmalen Kopf, und in den beiden goldenen Ohrringen brach sich hin und wieder das Licht der Wand mit den Großbildschirmen, die ihm Informationen aus aller Welt einspielten. Es sah aus, als käme Teddy gerade aus einer Star-sound-Disco und nicht aus seiner verkabelten Hacker-Schüssel, dem futuristischen Schlafzimmer, wo er sich gerade einen alten
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Filmklassiker angesehen hatte, als Havers ihn rief. Teddy setzte sich vor den 4000 210 Mhz 4-Gig HDD-Computer mit einem 128.000-bps-Modem – für ihn schon ein Oldtimer mit nostalgischem Wert. Diese Anlage würde nach der Jagd auf die Archäologin gegen ein neues, schnelleres und sehr viel komfortableres Modell ausgetauscht werden. Er wartete auf Signale von Catherine Alexanders Kreditkarten-Konto, dem Bankkonto, den Telefonkarten und Benzinkarten. Auch ihre Nummer der Sozialversicherung ließ er überwachen. Er hatte selbstverständlich auch die Nummern ihrer Bibliothekenausweise eingegeben – im Grunde alles, was irgendwo in einem Computersystem auftauchen konnte. Als unschlagbarer Hacker hatte Teddy die Systeme, in denen Catherine Alexanders Kreditkarten geführt wurden, fest im Griff. Außerdem überprüfte er das Nummernschild des Leihwagens, in dem sie geflohen war, und durchsuchte ihre persönlichen Daten nach Hinweisen, wohin sie gefahren sein mochte. Mit all diesen Informationen, die rund um die Uhr aktiviert waren, würde er sie ganz bestimmt aufspüren. Teddy mußte unwillkürlich lachen. Es war wie in Pulse, seinem Lieblingscomputerspiel: ›Suche die Frau, den Schatz und das goldene Symbol und finde den Ausgang des Labyrinths, bevor dich Gordon überfällt und ausschaltet‹. Niemand hatte bis jetzt die Rekordzeit unterboten, mit der Teddy in Pulse das Ziel erreichte. Ebensowenig würde es einem anderen gelingen, Catherine Alexander auf Anhieb zu finden. Er griff nach ein paar Snacks in der Schale neben ihm – Schokoladen-Popcorn und Gummibärchen mit einem Überzug aus braunem Zucker und Kaffee -, kaute langsam und hatte das Gefühl, mit Vollgas über die digitalen Datenautobahnen zu jagen. Man
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stelle sich das vor! Für diesen unvergleichlichen Spaß wurde er auch noch bezahlt… Manchmal konnte Teddy sein Glück nicht fassen. Bald, nachdem er 1995 sein Studium an der Stanford University begonnen hatte, wurde er verhaftet und angeklagt. Man warf ihm vor, über das Internet kommerzielle Software im Wert von mehreren Millionen Dollar verschoben zu haben. Diese Software war von Dianuba Technologies, der Gesellschaft von Miles Havers, gestohlen worden. Man sprach von dem größten aufgedeckten Einzelfall von Software-Piraterie. Aber die Anklage wurde von einem Richter niedergeschlagen, der entschied, der Student habe keine kriminelle Handlung begangen. Der CopyrightSchutz für Software bezog sich nicht ausdrücklich auf Teddys angebliches Vergehen, denn er hatte eindeutig keine finanziellen Vorteile aus seinen Manipulationen gezogen. Da die Staatsanwaltschaft jedoch glaubte, ihn irgendwie bestrafen zu müssen, warf man ihm Mißbrauch von Telefonanlagen vor. Als auch das nicht zu dem erwünschten Erfolg führte, meldete sich unerwartet Miles Havers zu Wort. Er überraschte die Öffentlichkeit, indem er dem jungen Mann großzügig alles verzieh und erklärte: ›Wir haben alle einmal gegen das System rebelliert. Es ist kein Geheimnis, daß ich in meiner Jugend im ComputerBereich auch illegale Dinge ausprobiert habe. Die Gesetze sind bis heute nicht klar und eindeutig‹. Mit dieser Äußerung war er schlagartig zum Liebling aller Computer-Freaks geworden. Das Millionenspiel mit den Medien, mit der Staatsanwaltschaft und den Gerichten hatte jedoch einen Hintergrund, von dem die Öffentlichkeit nie etwas erfahren würde. Teddy hatte über Internet das neueste Computer-Spiel verbreitet, das Dianuba Technologies
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damals gerade produzierte. Teddy hatte es gestohlen und illegal kopiert, noch bevor es auf den Markt kam. Darin lag die besondere Bedeutung, denn die Medien sprachen von dem neuen Spiel, das alle Konkurrenzprodukte überflügeln werde. Das Publikum fieberte dem Hit entgegen. Kein Wunder, daß mindestens zwei Millionen Anwender das Spiel kostenlos kopierten, weil Teddy, der Held der Hacker, auf seine Weise dem Kommerz zuvorkam und seinen Erfolg mit allen teilte, die wie er dachten. Auf diese Weise brachte er Havers um mehrere Millionen Dollar Gewinn. Die anderen SoftwareHersteller verurteilten Miles Havers, weil er Teddy Yamaguchi verzieh und auf diese Weise den ›Piraten‹ auch noch in Schutz nahm. Aber Havers schrieb nicht lange Verluste. Als ein halbes Jahr später die zweite Version des Spiels angeboten wurde, setzte es sich sofort an die Spitze und überflügelte selbst Erfolge wie Myst oder Doom. Finanzexperten errechneten, daß Havers damit nicht nur die früheren Verluste wettgemacht hatte, sondern mittlerweile mehr Gewinn erzielte, als wenn die ursprüngliche Version über legale Kanäle auf den Markt gekommen wäre. Teddy hatte noch einen Grund mehr, sich darüber zu freuen, denn das Justizministerium hatte sich an der Nase herumführen lassen. Niemand ahnte etwas davon, aber Miles Havers hatte die Sache von Anfang an so geplant. Er hatte mit Teddy Yamaguchi ein Abkommen getroffen. Dazu gehörte es, die Ursprungsversion zu ›stehlen‹. Als Havers mit ihm über diese unglaubliche Sache verhandelte, war Teddy mißtrauisch gewesen. Aber als Super-Hacker, der er tatsächlich war, begriff er sehr schnell, worauf Havers hinauswollte. Dianuba Technologies hätte das Spiel auch kostenlos im Internet
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anbieten können, wie andere Gesellschaften es mit ihren Produkten taten. Ständig waren ›Vorläufer‹ von Computerspielen im Netz, um Spieler zu werben. Man muß die Leute nur süchtig machen, hieß es in der Software-Industrie, und der Rubel rollt. Miles Havers, ein Kenner der menschlichen Natur, hatte diese Philosophie noch verfeinert. Er sagte sich, gestohlene Software sei wie der verbotene Apfel im Paradies die süßeste aller Früchte. Sein beispielloser Erfolg führte dazu, daß er inzwischen im Kreis seiner Manager laut darüber nachdachte, ob man das manipulierte ›Stehlen‹ von Software als MarketingStrategie nicht routinemäßig einsetzen sollte. Man sprach von Shareware oder Crackware – ein Suchtmittel, das so wirksam zu sein schien wie Crack, aber zehnmal höhere Gewinne brachte. Havers bot dem jungen Asiaten noch vor dem College-Abschluß an, nach Santa Fe zu kommen und für ihn zu arbeiten. Teddy zögerte nicht lange, und seit er zu Havers’ Team gehörte, stiegen die Gewinne der Gesellschaft jährlich in Millionenhöhe. Nein, das war kein schlechtes Leben, besonders wenn Teddy an die Aktienbeteiligungen dachte, die zu seinem monatlichen Einkommen hinzukamen. In fünf Jahren würde er seine Millionen abheben, auf Maui oder auf Hawaii einen Laden für Angler aufmachen und nie mehr einen Computer anrühren. Teddy warf einen Blick auf das Bildtelefon, wo er über Standleitung mit Havers verbunden war. Sein Boß befand sich im Tropenhaus. Er saß vor einer Grotte mit seltenen und schwierig zu ziehenden Pflanzen an einem künstlichen Felsenteich mit einem Wasserfall. Wie alles bei Havers war auch diese ›Landschaft‹ vollkommen. Teddys Kommunikationszentrum wurde von Computern, Bildschirmen, Druckern und der aufwendigen und komplizierten Elektronik beherrscht. Hier gab es
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keine Pflanzen, nur ein Riesenfenster mit einem atemberaubenden Blick auf die Sangre de Cristo-Berge und eine verschneite Wüste. Teddy vergaß manchmal, daß dieser Blick nur eine Projektion war, denn das Computerzentrum befand sich in einem unterirdischen Betonbunker. Havers ist ein kluger Kopf, dachte Teddy bewundernd und nahm sich noch eine reichliche Handvoll von seiner Zucker-Koffein-Nahrung. Havers lebte nach dem Motto: ›Computer bedeuten Macht. Die Kontrolle über Computer bedeutet die absolute Macht.‹ Und Havers besaß zweifellos Macht. 85% aller Computer der Welt arbeiteten mit seiner Software. 1995 hatte er seinen größten Coup gelandet, als er ein neues Betriebssystem auf den Markt brachte, das den Zugang zum Internet für alle Anwender leichtmachte. Die großen Konkurrenten wie AOL und Prodigy wollten das verhindern, aber das Justizministerium lenkte schließlich ein, und Dianuba konnte mit seinem neuen Produkt auf den Markt. Man schätzte, daß inzwischen 70% aller Online-Anwender mit Hilfe von Havers’ PC-Software Scimitar auf Internet zugreifen konnten. Teddy richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die Bildschirme und schob den Gedanken an die großen Erfolge von Havers beiseite. Er dachte auch nicht weiter über die Gründe für das Interesse von Havers an Catherine Alexander nach. Er interessierte sich nur für die Jagd durch die Computersysteme. Kaffee und Zucker taten ihre Wirkung. Teddy war hellwach und holte alle Daten von Dr. Alexander auf den Bildschirm: Ihre Vorlesungen, ihre Konferenzen, ihre Veröffentlichungen und die Telefonnummern der Organisationen, mit denen sie etwas zu tun hatte – Teddy betrachtete aufmerksam die lange Liste ihrer Aktivitäten während der vergangenen fünf Jahre. Irgendwo unter diesen Daten befand sich der goldene Schlüssel zu
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ihrem Versteck. Er würde sie in dem Labyrinth finden, bevor die Zeit für das ›Spiel‹ abgelaufen war. Miles saß in seinem Tropenhaus inmitten von Farnen und Kletterpflanzen, die er besonders liebte. Hier, am Wasserfall, konnte ihn niemand stören. Noch einmal hörte er sich in aller Ruhe das Gespräch zwischen Catherine Alexander und Daniel Stevenson an. Er achtete besonders auf die Erwähnung des Tagebuchs und die Absicht, die Verbindung zum Institut in Houston wiederaufzunehmen. Dabei blickte er auf die handschriftlichen Notizen seines Telefonats mit Zeke. »Sie hatte bei der Flucht einen Koffer, eine blaue Tasche über der Schulter und eine schwarze Tragetasche.« Eine schwarze Tragetasche. Miles trommelte mit den Fingern auf die Steinbank. War es die Tragetasche eines Computers? Vielleicht handelte es sich bei dem Tagebuch überhaupt nicht um ein ›Buch‹, vielleicht benutzte dieser Stevenson einen Computer für seine Tagebucheintragungen, vielleicht hatte Catherine Alexander diesen Computer mitgenommen, als sie aus der Wohnung ihres ermordeten Freundes floh… Miles wurde in seinen Überlegungen durch das Leuchtsignal seines Telefons unterbrochen. Teddy meldete sich. »Mr. Havers, ich habe einen Namen. Der Mann wohnt in Malibu und ist Leiter des Freers Instituts. Er heißt ›Dr. Julius Voss‹. Ich glaube, er ist mit der Alexander liiert.« Ihr Liebhaber, dachte Miles und lächelte. Das war eigentlich zu einfach. Er trennte die Verbindung und wählte eine Nummer mit der Vorwahl von Beverly Hills, West Los Angeles und Malibu. Als sich der Teilnehmer meldete, sagte er: »Hier spricht Havers. Ich habe einen Auftrag für Sie. Die Sache ist dringend und muß sofort erledigt werden.«
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Santa Ynes-Berge, Kalifornien
»Ich muß Julius anrufen!« »Einen Augenblick«, sagte Garibaldi. »Ich begreife das nicht. Wie konnte Ihr Freund Daniel den Mann mit der Narbe im Gesicht mit Miles Havers in Verbindung bringen?« »Das weiß ich auch nicht«, antwortete Catherine. »Aber Danno hat sich das bestimmt nicht ausgedacht.« Sie blickte auf den Laptop-Monitor und las noch einmal die betreffende Stelle im Tagebuch: ›Natürlich, da steht er direkt vor meinen Augen!‹ Plötzlich fiel es ihr ein! Danno meinte damit das alte vergilbte Zeitungsphoto an seinem Kühlschrank. Es stammte noch aus der Zeit, als Havers die Kopernikus-Tagebücher von den Russen gekauft hatte. Das war 1997 gewesen. Catherine kannte das Photo gut, denn sie hatte es jedesmal gesehen, wenn sie bei Danno in der Wohnung war – ein UPI-Photo des gutaussehenden und reichen Miles Havers neben einem lächelnden Russen im Vordergrund, und im Halbkreis hinter ihnen dicht gedrängt andere Herren im Anzug. Unter dem Bild stand: ›Computer-Mogul Miles Havers erwirbt Tagebücher aus dem fünfzehnten Jahrhundert‹ Neben diesem Bild klebte an Dannos Kühlschrank ein anderes mit der Unterschrift: ›Miles Havers verspricht, daß die Kopernikus-Tagebücher der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.‹ Danno hatte zu den Stimmen gehört, die Protest dagegen erhoben, daß die Kopernikus-Tagebücher in einer Privatsammlung verschwanden. Die Zeitungsausschnitte schmückten seinen Kühlschrank als Erinnerung an einen der wenigen Siege in seinem Leben. Auf beiden Photos befand sich im Hintergrund ein Mann
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man weiß doch. daß es mir gutgeht. sagte sie. Catherine stützte den Kopf in beide Hände. Nun gut.« »Sie meinen also.mit kurz geschnittenen Haaren und einer Narbe im Gesicht. Denken Sie an seinen Feldzug gegen die taiwanesischen Importeure von Orchideen. »Und ich weiß jetzt mit Sicherheit.« Catherine setzte sich auf das Bett und nahm den Telefonhörer ab. um seine Ziele zu erreichen. Aber Moral Das klingt nicht nach ihm. »Aber Miles Havers ist auch als Sammler der teuersten und seltensten Objekte bekannt. Ich meine.« »Das weiß ich alles«.« »Wieso das?« »Ich kenne zwei Photos von ihm mit Havers. Havers ist ein gerissener Geschäftsmann. daß Danno tot ist. sondern wird wie ein Idol verehrt. die Umwelt zu schützen und vom Aussterben bedrohte Pflanzenarten zu retten. Das bedeutet allerdings…«. Vielleicht erfährt er. daß er für die Rettung der Regenwälder eintritt! Er ist immer einer der Wortführer. Ich kann das alles immer noch nicht so recht glauben. »ich kann nicht zur Polizei gehen. daß er mich umbringen will…« Catherine stand auf. er ist hinter dem her. »Ich muß Julius benachrichtigen und ihn wissen lassen. In der Öffentlichkeit ist er nicht nur geachtet. der Danno umgebracht hat«. 192 . wenn es darum geht. Niemand würde mir glauben! Havers ist der reichste Mann der USA. aber Garibaldi unterbrach sie: »Warten Sie. daß er für Miles Havers arbeitet. »Ich habe den Mann deutlich gesehen. und bestimmt greift er auch zu fragwürdigen Taktiken. dann macht er sich bestimmt Sorgen um mich. Denken Sie nur an die Kopernikus-Tagebücher. Wenn ich behaupte. was Sie haben. sagte Catherine ungeduldig.

Natürlich ist Miles Havers nicht hinter mir her.« Sie wischte sich mit dem Handrücken die Tränen ab und sagte traurig: »Nochmals vielen Dank. Aber es besteht für Sie wirklich kein Grund mehr. Sie würden gehen. »Es ist mir gleichgültig. ihn zu überzeugen. aber es ließ sich nicht vermeiden. Nehmen Sie den Wagen. Stevenson wird bald herausfinden.« »Ich habe nicht behauptet. »Vergessen Sie alles. Vater Garibaldi. hierzubleiben. Ich muß so schnell wie möglich weg.um es seiner Privatsammlung einzuverleiben?« »Die Vorstellung. weshalb mein Freund Danno sonst so brutal ermordet worden ist?« rief sie erstickt. Ich leide unter Wahnvorstellungen. Deshalb lächelte er entschuldigend und nickte: »Sie haben recht. dann wird er mir mit Sicherheit das abjagen wollen.« Als sie Garibaldis skeptisches Gesicht sah. Wenn Havers diese Photos sieht. Ich komme allein zurecht.« »Können Sie mir verraten. daß Sie mir Dannos Päckchen gebracht haben. Es ist nur schwer zu glauben. daß Havers zwei Killer damit beauftragt hat. Und wenn Havers weiß. Tränen liefen ihr über die Wangen. daß Julius Ihr 193 . und genießen Sie die letzten Tage Ihres Urlaubs. Ich weiß. dann wird er auch bald herausfinden. Der Mörder von Dr. und zwar allein!« »Wirklich? Bei diesem Wetter und ohne einen Wagen?« Seine Worte hatten nicht ironisch klingen sollen. gab sie den Versuch auf. Danno die Kehle durchzuschneiden. ob Sie mir glauben oder nicht. macht mir wirklich Angst. was ich habe. Mir wäre es lieber. daß den Killern die Photos in die Hände gefallen sind. daß ich mit Danno befreundet war. die Danno bei sich hatte. daß Sie sich das alles einbilden. Garibaldi senkte betroffen den Kopf. Und Sie müssen wirklich nichts mit all dem Wahnsinn zu tun haben. daß Julius mein Freund ist.

Julius stellte später fest. sagte sie. sie holte Luft und sagte dann: »Ich hoffe. daß Sie es sind?« »Er weiß es. Ich wollte Ihnen nur sagen. Sein Bericht wurde von einem anderen Wissenschaftler veröffentlicht.« »Doch«. Meritites‹?« »Eine ägyptische Königin. Es gab damals eine Art Skandal… Konkurrenzneid im Institut.« Als Catherine auflegte. Hatte er ihre Nachricht gefunden und war allein ausgegangen? O mein Gott. bevor Julius seine 194 . Sein Anrufbeantworter meldete sich. sagte sie. Julius hat ihre Mumie untersucht. Wie soll er wissen. Sie müssen nicht zurückrufen. daß es mir gesundheitlich ausgezeichnet geht. »Je weniger Julius von all dem weiß. Voss. es geht Ihnen gut. wo ich bin oder was ich über Danno weiß«. »Sie haben nicht mit Ihrer normalen Stimme gesprochen. die vor viertausend Jahren vermutlich an einem Gallenblasenleiden gestorben ist. Sie haben mir im vergangenen Jahr die Gallenblase entfernt.« Danno ist meinetwegen umgebracht worden. Ich hoffe…«. desto besser für ihn. Wenn Julius etwas zustoßen sollte… Aber Julius war nicht zu Hause. sah Garibaldi sie verblüfft an. »›Mrs. Meritites. Sie sollten ihn anrufen.« »Sie haben ihn nicht vor Havers gewarnt. denn ich verreise und mache einen lange überfälligen Urlaub. während sie mit zitternden Händen wählte. hier spricht Mrs. hoffentlich ist ihm nichts passiert! Catherine verstellte ihre Stimme und sagte: »Dr.« »Ich werde ihm nicht sagen. Ich werde Sie von unterwegs anrufen.Freund ist. daß sein Telefon abgehört worden war und daß man seine Aufzeichnungen ohne sein Wissen photokopiert hatte.

« »Nehmen Sie den Wagen«. Aber dann sah sie. und zwar aus einem Grund. 195 . Sie sah ihn hinter sich. und das gefiel Catherine überhaupt nicht. das kann ich nicht. der auf dem Parkplatz wendete und in der entgegengesetzten Richtung weiterfuhr. daß es ein Lkw war. werden sie wieder schießen. Das kalte Glas beschlug unter ihrem Atem.« »Tut mir leid. als sie ihm im Hotel Isis begegnet war. Wenn die beiden Männer uns finden. daß sein Telefon wieder einmal abgehört wird. Vergessen Sie mich und alles was geschehen ist.« In seiner Hartnäckigkeit glich er irgendwie Danno. »Dr. Er sah sie erwartungsvoll an. wenn Sie es nicht wissen«. weshalb ich plötzlich als Zielscheibe diene. »Bitte. Alexander«.« Garibaldi schwieg. während sie nervös darauf gewartet hatte. »Es ist besser für Sie. den Sie mir nicht nennen wollen. »Wollen Sie mir nicht sagen. Er war groß und hatte breite Schultern.« »Ich verstehe. schüttelte den Kopf und lächelte dann. er war ebenfalls aufgestanden und kam näher. ging zum Fenster und öffnete den Vorhang einen Spalt. daß die Klappe hinter dem Sprechgitter zur Seite geschoben wurde. Sie seufzte. Ich würde zumindest gerne wissen. Es erinnerte sie an schwüle Nachmittage im dunklen Beichtstuhl. Das schwarze Hemd und die Jeans erinnerten sie an ihre erste Reaktion. »man hat mich angeschossen. »Also gut. Unwillkürlich hielt sie die Luft an. sagte sie schließlich leise. Draußen näherten sich Scheinwerfer. was Havers so unbedingt haben möchte?« Catherine stand auf. Julius wird sich bestimmt an den Fall erinnern und wissen. »Was wollen Sie wissen?« fragte sie schließlich.Ergebnisse bekanntgeben konnte. fliegen Sie nach Chicago zurück. sagte sie und drehte sich um.

Ich nenne es ›Sabinas Brief‹. über die ich im 196 . Kurz darauf blickte Garibaldi ungläubig auf sechs zusammengefaltete alte Papyri. keinem Menschen etwas von dem zu sagen. von dem Korb. Ihr Eingreifen hätte uns beinahe verraten. und in der Ferne donnerte es. die Sie beschützen wollten. War es Zorn oder vielleicht nur Mißtrauen? »Ich gebe Ihnen mein Wort«. Der Sturm nahm an Heftigkeit zu.« Seine Augen hingen an den sechs Büchern. »Die Beduinenfrau. Catherine griff nach der blauen Tasche. ging damit zum Tisch. Das Licht begann zu zucken. »Und dafür setzen Sie Ihr Leben aufs Spiel?« »Ja. der Entdeckung des unterirdischen Gangs.« »Warum? Was steht in diesen Texten?« »Ich weiß es noch nicht genau. sagte er ernst. schob den Laptop zur Seite und öffnete den Reißverschluß. obwohl ich etwas vermute. Sie berichtete ihm kurz von der Sprengung und dem ersten Fragment.« »Und was?« Sie suchte in der Tasche und nahm einen Notizblock heraus. was ich Ihnen jetzt zeigen werde.Aber Sie müssen mir versprechen. was ich bisher übersetzt habe. »Hier ist das. den sie gefunden hatte. und schließlich von der Flucht mit den Schriftrollen aus Ägypten.« Garibaldi las schweigend die Übersetzung. daß Mitternacht gerade vorüber war. »Aus persönlichen Gründen.« Etwas zuckte in seinem Gesicht. das war Danno. Catherine sah auf der Digitaluhr des Radioweckers neben dem Bett.

damit man dort eine genaue Datierung vornimmt. etwa den Namen eines Kaisers oder eines Herrschers. Deshalb darf Havers die Schriftrollen nicht bekommen.« »Zweites Jahrhundert? Sind Sie sicher?« »Die Geschichte. warum ich keine Zeit verlieren darf?« Garibaldi berührte mit dem 197 . »ein Bericht über das Leben unseres Herrn?« Sie nickte. die Perpetua die Geschichte diktiert.Augenblick nicht sprechen möchte«. Aber nach dem Griechisch zu urteilen. Wenn Sabina zum Beispiel sagen würde. und die Welt würde nie etwas davon erfahren. Verstehen Sie jetzt. ist vielleicht älter. Er würde sie in seiner Sammlung verschwinden lassen. denn sonst werden wir es nie erfahren. daß sie während der Herrschaft des Augustus geboren wurde.« »Diese Frau.« »Dann ist das hier…«. der eine genaue Datierung ermöglicht. in welcher Zeit sich die Geschichte ereignet hat?« »Ich hoffe. Sabina. Ich glaube. stammt der Brief aus dem zweiten Jahrhundert. daß sie Havers in die Hände fallen. einer historischen Gestalt. sagte sie leise. die in den Büchern erzählt wird. Und genau das muß ich herausfinden. in dem Text auf einen Anhaltspunkt zu stoßen. »kann ich diese Schriftrollen nicht der Polizei übergeben und auch nicht riskieren. spricht von dem ›Gerechten‹. dann wäre sie eine Zeitgenossin von Jesus. »In welchem Jahr wurde dieser Brief geschrieben?« »Ich habe eine Papyrusprobe in ein Institut in der Schweiz geschickt. damit könnte sie Jesus meinen.« »Wie können Sie feststellen. spricht von Jesus!« Er sah Catherine an. Möglicherweise erstes Jahrhundert. »Schon möglich. deren Lebensdaten bekannt sind. diese Sabina. sagte er ehrfürchtig.

daß sie den genauen Zeitpunkt der Wiederkehr Christi erfahren hat. die Texte ›König Tymbos‹ zu übergeben. Es fehlt ein Buch. die Danno hatte. Diese Informationen befinden sich wahrscheinlich in der siebten Schriftrolle. wo sich das siebte Buch befinden könnte?« »Sabina rät Amelia.Zeigefinger behutsam das erste Buch. »Während Sie übersetzen. murmelte er. Deshalb hat man damals. »Sabina sagt in ihrem Brief. im zweiten Jahrhundert.« »Die Wiederkehr Jesu Christi«. sagte Garibaldi. »Haben Sie eine Vorstellung. eine 198 . die siebte Rolle aus Sicherheitsgründen an einem anderen Ort versteckt. um die siebte Schriftrolle zu finden!« »Einen Augenblick! Es gibt eine siebte Schriftrolle?« »Diese sechs erzählen nicht die ganze Geschichte. werde ich versuchen. »Verstehen Sie. nahm einen Stuhl und setzte sich an den Computer. wie seine Augen leuchteten. Haben Sie den Namen schon einmal gehört?« Er schüttelte den Kopf. »Dann mache ich mich wohl besser an die Arbeit«. »›Wir‹?« fragte sie. Wenn Havers sie inzwischen übersetzen läßt.« »Wir werden beide arbeiten«. sagte sie und griff nach dem gelben Notizblock und einem Kugelschreiber. den entweder wir gewinnen oder Miles Havers.« Catherine berichtete von der Stelle. dann weiß er bald genug. und Catherine sah. die sich auf den Weltuntergang und das Jüngste Gericht bezog. »Warum dürfen Sie keine Zeit verlieren?« »Wegen der Photos. das alles ist inzwischen ein Wettlauf mit der Zeit.

ich kann besser mit einem Computer umgehen. »Soll ich nicht?« Ein Donnerschlag ließ das Motel erbeben. was Sie tun können. 199 . Sie dachte an Danno und an den reichen und mächtigen Havers. wenn wir uns die Arbeit teilen. was Sabina in den Texten sagte. auch wenn sie gehofft hatte. »Ich danke Ihnen«. aber Catherine unterbrach ihn: »Das müssen Sie nicht.« »Daran zweifle ich nicht. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. Mein Altgriechisch ist nicht mehr das beste. »Ich bin froh über alles. sagte sie zu Garibaldi. daß Ihr Freund ein Login Script benutzt hat und daß das Modem funktioniert. murmelte er: »Hoffen wir.Verbindung zum Internet herzustellen. konnte sich alles ändern – auch ihr eigenes Leben. Sie hörte die Warnung von Julius noch einmal. wie man mit dem Web arbeitet.« Garibaldi klickte im Menü auf ›Wählen‹. Ich nehme an. denn Ihr Freund hat Online gearbeitet.« »Danno hat viel über Internet gemacht. aber wir können doppelt soviel erreichen. Ich weiß. der Computer hat ein Modem. Je nachdem. Sie blickte mit bleichem Gesicht auf Sabinas Geschichte und dachte plötzlich an ihre Mutter.« Er sah sie an. Das Schicksal hatte einen Priester als ihren Begleiter ausgewählt. Mit ihm konnte sie nicht mehr rechnen.« Er drehte sich um und klickte auf ›TCP Manager‹ Als das Trumpet Winsock-Logo auf dem Bildschirm erschien. und Catherine hielt den Atem an.« Garibaldi startete den Computer. er werde ihr helfen. Catherine erschrak. Hatte das Modem die Flucht unbeschädigt überstanden? Kurz darauf hörten sie das beruhigende Wählgeräusch.

Sie verstand die Welt nicht mehr. Zuerst stellte sie fest. CA POP Darunter stand das Wort ›Login‹.Dann erschien die Meldung: Willkommen bei OmegaNets Santa Barbara. Sie runzelte die Stirn und fragte: »Was ist das?« Garibaldi sah. »Das sind PangamotStöcke.« »Man kämpft mit Stöcken?« »Manchmal…« Catherine sah ihn staunend an. das ihr bisher nicht aufgefallen war. Ein philippinischer Kampfsport. und plötzlich verstand sie sein sportliches Aussehen. auf die zwei fingerdicke. denn der Server in Santa Barbara verlangt ein Paßwort. »Das bedeutet. wir brauchen wieder ein Paßwort.« »Wie bitte?« »Pangamot. »Sie kämpfen damit?« Ein Schauer lief ihr über den Rücken. Nachdenklich wanderte ihr Blick durch das Zimmer. schwarz lackierte Bambusstäbe geschnallt waren. daß Danno eine Pistole hatte. Sie wies auf die Stöcke und fragte: »Sind sie echt?« Er nickte. sagte Catherine. Plötzlich entdeckte sie etwas. und nun besaß dieser Priester Kampfstöcke als Waffe. »Danno hat kein Login Script benutzt«. »Sie praktizieren einen Kampfsport?« Er nickte. Was schlagen Sie vor?« Catherine überlegte einen Augenblick. Diesmal können wir uns nicht mit einer Überbrückung helfen. 200 . und hinter dem Doppelpunkt blinkte der Cursor. daß sie auf seine schwarze Reisetasche deutete. Ihr Blick fiel auf seine muskulösen Arme.

Juni 1979‹. Garibaldi tippte die beiden Namen ein.»Dr. Sie drehte es um und las: ›Cathy Schulentlassung. »das Paßwort. Klaattu. Wir sind auf der Datenautobahn…« 201 . Dabei sagte er zufrieden: »Bitte anschnallen. Es erschien die Meldung: PPP Script completed PPP aktiviert »Wir haben es geschafft!« rief Garibaldi und klickte auf das Symbol für ›Mosaic NetScape‹. 15. Daniel machte sich stets Notizen. sagte Garibaldi. während Catherine auf den Bildschirm blickte. Alexander«. Manchmal hatte er sogar die eigene Telefonnummer vergessen. Darunter stand mit einem anderen Stift geschrieben: ›dstevens. Wohin würde er seinen Anwendernamen und das Paßwort geschrieben haben? Spontan griff sie nach dem Photo an der Innenseite des Laptops und löste es vorsichtig ab.« Sie konzentrierte sich und dachte nach.

die vor einer Stunde aus Santa Barbara eingetroffen waren.Santa Fe. Auch er verließ das Tropenhaus und zog sich in sein Büro im Turm zurück. Miles betrachtete die Photos auf der schwarzen Granitplatte seines Schreibtischs. Jetzt trat er mit einem halb unterdrückten Gähnen an ein Fenster und öffnete die Vorhänge. Über der Wüste brach der Morgen an. desto größer wurde seine Gier. Er mußte die Schriftrollen bekommen. »Sabina Amelia… König. Wer sind diese Leute? Er rieb sich die Augen. Ihr Wert? Es kam darauf an. Als es immer später geworden war. der Glas zerbricht. Je mehr er über den Papyrus-Fund dieser Catherine Alexander erfuhr. Aber der Anblick schenkte Miles keinen Frieden. hörte man Daniel Stevenson auf dem Band. Die Berge wirkten vor dem blaßblauen Himmel wie ein Scherenschnitt. Die Jagdlust war vor vier Tagen durch einen Telefonanruf aus Kairo erwacht. In seinem Inneren knurrte der Tiger. daß bereits ein einziger Laut die Ruhe zerstört hätte wie ein Stein. hatte er Teddy Yamaguchi ins Bett geschickt. waren aber sehr viel besser erhalten. Sie erinnerten an die Schriftrollen vom Toten Meer. Alles schien so still und regungslos. wie war sein Name…« Miles hielt das Band an. Stammten sie aus dem Frühchristentum? Handelte es sich um ein bisher unbekanntes Evangelium? Hungerford hatte Zeke 202 . New Mexico »Perpetua«. Er hatte die ganze Nacht nicht geschlafen.

warum veranlaßten die anderen sechs ›Bücher‹ eine Archäologin wie Dr. dann konnte er sich ihren Plan bereits gut vorstellen. Sabina. Einige Worte schienen öfter vorzukommen als andere – Λήελία. Er konnte kein Griechisch. Alexander wollte die Schriftrollen übersetzen und den Inhalt aller Welt zugänglich machen. aber er kannte in etwa das griechische Alphabet. was es war! Und eines wußte er mit Sicherheit: Es blieb ihm nicht viel Zeit. Buchstabe für Buchstabe übersetzte er die drei Worte: Amelia. sogar ihr Leben aufs Spiel zu setzen? Miles beugte sich über den Schreibtisch und betrachtete eines der Bilder genauer. Er mußte unbedingt herausfinden. das nach der Sprengung entdeckt worden war. Περπετνα. Die Kopernikus-Tagebücher waren jahrzehntelang in 203 . Wenn diese Archäologin die Idealistin war. Was war das für eine siebte Schriftrolle. Perpetua. die er in ihr vermutete. Σαβινα. stehe der Name ›Jesus‹. daß Catherine Alexander das ›Jesus-Fragment‹ als eine Art Brief identifiziert habe. Dr. in dem Fragment. Dieser Gedanke ließ ihn erschauern. von der Stevenson auf dem Band sprach? Warum war sie so wichtig? Überhaupt. Vermutlich würde sie die Papyri einem Museum oder einer Universität übergeben. damit die Wissenschaftler und alle Interessenten sie in Augenschein nehmen konnten. Vornamen… Frauennamen? Im Gegensatz zu vielen der in den Qumran-Höhlen gefundenen Schriftrollen handelte es sich hier nicht um das Inventar des Tempelschatzes oder um Bücher des Alten Testaments oder um die Gesetze eines Geheimbundes. Das sagte ihm seine Intuition.gegenüber behauptet. Handelte es sich um Briefe der Frühchristen? Bestimmt war da noch etwas. Alexander ihren Ruf. Hungerford hatte Zeke berichtet.

Alexander sie für ihn entwerten konnte. die SonnenwendKachina hatte sich in der Obhut weniger ausgewählter Priester befunden. sie werde sich wie ein Kaninchen in einem Bau verstecken und die Schriftrollen übersetzen. Deshalb kannten sie bereits die Leihwagenfirma. desto stärker wurde seine Besitzgier. von der das Fluchtauto stammte. wenn sie schlau genug war. Miles erschien nicht auf Auktionen. die niemand kaufen konnte oder von deren Vorhandensein kaum jemand etwas ahnte. je fragiler. so etwas löste in ihm das Verlangen aus. Je seltener. je älter und – wie offenbar auch in diesem Fall – je heiliger etwas war. interessierte sich nicht für die Kataloge von Christie’s oder Sotheby’s. Dr. Etwas. Aber wie sollte er sie finden? Teddy Yamaguchi hatte seine elektronischen Überwacher aufgestellt. und diese Schriftrollen vom Sinai hatten in beinahe zweitausend Jahren nur zwei Menschen gesehen. begutachten oder untersuchen konnten. die niemand zu Gesicht bekam. dann würden sie für Miles verloren sein. es zu besitzen. das alle kannten. verschwendete er keine Zeit damit. Alexander hatte ihrem Freund Stevenson gesagt. keine Kreditkarte zu 204 .einem Archiv verschollen gewesen. Sein Entschluß stand fest: Er mußte die Schriftrollen haben. Aber etwas wie die eine Orchidee. Genau das machte sie für Miles so begehrenswert. besaß für ihn keinen Wert. Wenn andere diese Dinge kaufen. mit dem sich zahllose andere befassen konnten. Etwas Verkäufliches wollte er nicht. Im Augenblick erfüllten die geheimnisvollen sechs Schriftrollen aus dem Sinai alle diese Kriterien. Aber wenn diese idealistische Archäologin sie der Öffentlichkeit zugänglich machte. bevor Dr. Was würde geschehen.

so stellte Miles fest. sie zu finden. denn er hatte es oft mit anderen Zeitzonen zu tun. als sie den Schamanen erwähnte. Und…«. sagte sie.benutzen? Er ballte die rechte Hand zur Faust. daß alles in Ordnung war. als er sie an der Tür begrüßte. »und da ist die Sache mit Kojote. Auf dem Monitor der Überwachungsanlage sah er seine Frau im Fahrstuhl. Er nahm sie in die Arme und küßte sie liebevoll. sie zögerte einen Augenblick. »Ich bin aufgewacht. »Entschuldige. daß die Kinder über die Feiertage hier sind. ich wollte dich nicht beunruhigen. mein Schatz. »Ich habe wieder einmal unruhig geschlafen«. daß er hier ist! Er wird mich morgen zu einem heiligen Platz auf der Cloud Mesa 205 . Die aschblonden Haare. ich glaube. es liegt einfach daran.« Miles erledigte seine Geschäfte auf der ganzen Welt und rund um die Uhr. Das machte sie noch attraktiver und begehrenswerter. Es mußte noch einen anderen Weg geben. Trotzdem vergewisserte sich Erika immer. trug sie offen über der Schulter. »Schlaflosigkeit? Möchtest du nicht vielleicht doch mit Dr. und du warst nicht da«. Sanford darüber sprechen?« »Nein. Welchen? Was hatte er übersehen? Der Summer der Bürotür riß ihn aus seinen Gedanken.« Miles runzelte die Stirn. »Soll ich ihn auffordern zu gehen?« »O nein! Ich möchte. Ihr sonnengebräuntes Gesicht wirkte verschlafen. sagte sie. Erika trug einen pfirsischfarbenen Seidenmantel über einem weißen Spitzennachthemd.

« Er küßte sie noch einmal. Nervös trommelte er mit dem Finger auf den Granit.« »Ich wußte nicht. das sich in seinem Bau in Sicherheit gebracht hatte? Wie sollte er Catherine Alexander aus ihrem Versteck locken? Miles betrachtete die Abzüge in aller Ruhe.« »Da ist nichts. Ihm fiel auf.« »›Die unsichtbaren Wege der Götter‹«.« Nachdem Erika den Turm verlassen hatte. Aber Kojote sagt. um ihre Übersetzung zu vereinfachen… Wie hatte Stevenson das ausgedrückt: ›Überlaß das Suchen den elektronischen Fingern. ging Miles zum Schreibtisch zurück. dann kann man dort die unsichtbaren Wege der Götter und Ahnen sehen. Verstehst du. zumindest nichts für das menschliche Auge. daß nicht alle Textstellen gut lesbar waren. daß ein ganzer Satz fehlte. dann mußt du dein sicheres Versteck nicht verlassen‹ Unvermittelt hörte er Erikas Worte wie ein Echo: ›Die 206 . wo sich vermutlich der Papyrus aufgelöst hatte. die Zeke aus Stevensons Wohnung mitgenommen hatte. »Das klingt schön.führen. wie man sehen muß. wenn man weiß. das ist etwas Ähnliches wie die Traumpfade der Aborigines in Australien. als er den P245-Papyrus im Britischen Museum fand? Catherine Alexander brauche Kopien ähnlicher Schriftrollen. wo noch immer die Photos lagen. »Ich komme bald nach. Auf einer Aufnahme entdeckte er. Es gab sogar Lücken. wiederholte Miles und lächelte. Was hatte Stevenson gesagt. Wie sollte er das Kaninchen finden. daß sich dort oben überhaupt etwas befindet.

der unangefochtene Herrscher. Dort würde man sie früher oder später entdecken. sagte Miles. auf richtigen Straßen zu fahren. daß das Kaninchen durch sein Reich rannte. denen sie auf der Suche nach Kopien folgen konnte.unsichtbaren Wege der Götter…‹ Miles richtete sich auf. es gibt Arbeit«. 207 . Das ist es! Der Tiger duckte sich zum Sprung. und alle Müdigkeit war schlagartig verschwunden. versetzte ihm einen Adrenalinstoß. denn im Internet war er. ›Die unsichtbaren Wege‹ unserer Zeit sind die Datenautobahnen! »Teddy. Der Gedanke. Cyberspace! Dort würde er sie zur Strecke bringen. Miles drückte auf seinem Handsprechgerät eine Nummer und weckte Teddy Yamaguchi. Catherine Alexander würde nicht wagen. Miles Havers. Aber es gab andere Wege.

DER FÜNFTE TAG 208 .

Licht drang durch den Türspalt. Hartes an ihrem Hals. Sie erinnerte sich nicht daran.Samstag. daß sie nicht wie üblich ein übergroßes T-Shirt anstelle eines Schlafanzugs trug. aber sie hörte etwas. er werde sich ins Internet einloggen. Sie blickte zum anderen Bett. hielt es vor die Augen und sah. daß es ein kleiner Jadeanhänger war – ein Jaguar an einem Lederriemen. 18. Auf dem Tisch vor dem Fenster stand Dannos geöffneter Laptop. Garibaldi hatte gesagt. Kalifornien Catherine wachte auf und versuchte. Die Decke war nicht zurückgeschlagen. Die Tür zum Bad war geschlossen. Dezember 1999 Santa Ynes-Berge. aber zerdrückt. Langsam setzte sie sich auf. Er hatte ihr die Sandalen ausgezogen und sie mit der Decke zugedeckt. Offenbar hatte er sich nicht zugedeckt. das sie zuerst nicht einordnen konnte. daß die Schriftrollen 209 . wo sie war. Irgendwann mußte sie Garibaldi ins Bett getragen haben. sich daran zu erinnern. Plötzlich fiel es ihr wieder ein: Die Killer hatten Danno ermordet… ihre Flucht durch den Regen mit Garibaldi. im Sessel eingeschlafen zu sein. Sie lag auch nicht in ihrem Feldbett. Catherine setzte sich auf. Sie spürte etwas Kaltes. Dann wußte sie es. wartete auf den Ruf des Muezzin vom hohen Minarett in der Ferne. Sie tastete danach. Sie lauschte auf die vertrauten Lagergeräusche. seufzte und umfaßte den Kopf mit beiden Händen… Danno! Sie stand auf und ging zu ihrem Gepäck. Als erstes vergewisserte sie sich. Regen… Regen im Sinai? Sie stellte fest. Sie hörte das Wasser der Dusche.

ein Buch – Die Stundengebete – und den neuen Roman von Tony Hillerman. wie sie es in der Nacht zurückgelassen hatte.« »Ich verstehe.« Sie zuckte zusammen.noch da waren. Garibaldi hätte die sechs Bücher an sich nehmen und davonfahren können.« Er betrachtete sie aufmerksam und fragte: »Wie geht es Ihnen?« »Mein inneres Uhrwerk ist überdreht. »Ich wollte nicht neugierig sein. eine kleine Flasche Öl. daß die Stöcke an der Wand lehnten. Sie blickte noch einmal zum Bad. »Ich bin wirklich ein Priester. Alles schien so. Sie unterdrückte den Wunsch. Da die Dusche noch lief. und meine Wut kennt keine Grenzen. Sie sah eine Stola. »Entschuldigen Sie«. Er trug eine schwarze Baumwollhose und ein schwarzes T-Shirt mit dem Aufdruck ›Dong Meyong Pangamot‹. Sie lagen unversehrt zwischen den Einbanddeckeln des paläobotanischen Handbuchs. Garibaldi stand in der Badezimmertür. Wenn Sie nichts dagegen haben. eine andere. Aber das hatte er nicht getan. während sie schlief.« Catherine bürstete ihre langen kastanienbraunen Haare. möchte ich jetzt duschen und dann so schnell wie möglich von hier weg. öffnete sie die Tasche und warf einen Blick hinein.« Sie blickte auf sein T-Shirt und sah dann. denn sie wollte kein Risiko eingehen. die offenbar Weihwasser enthielt. »Ist Pangamot etwas Ähnliches wie Karate?« »Es ist auch ein Kampfsport. Julius anzurufen. daß Sie die Wahrheit gesagt haben. aber ich mußte mich vergewissern. die vom Duschen noch feucht waren. Havers ließ inzwischen bestimmt alle Anrufe 210 . Kann ich ihm vertrauen? Sie sah seine schwarze Reisetasche. sagte Catherine.

Ein katholischer Priester. für ihn war es von großer Bedeutung. betete und beichtete. Daniel war damals ein gläubiger Katholik gewesen. Das war jedoch nicht der Grund dafür. Er würde ihr beistehen und helfen. Aber an jenem Abend hatte sie ihren Glauben verloren.« Er brachte außer Kaffee und belegten Brötchen auch eine Zeitung. daß sie augenblicklich erstarrte… Nachdem Garibaldi aus dem Bad gekommen war. ging Catherine schnell unter die Dusche und überließ ihm das 211 . Sie wußte. Sie wollte sich in seinen Armen ausweinen. obwohl die Last auf ihrer Seele unerträglich schien. der im Augenblick nicht im Zimmer war. und im nächsten Augenblick kam Garibaldi ins Zimmer. bis die Arbeit getan war. Sie würde nie vergessen. den Schock von Dannos Tod zu überwinden. Ihr wurde klar. »Die Tankstelle ist offen. als sie sich mit Schlaftabletten das Leben nehmen wollte. Er hatte sie vor diesem unsinnigen Schritt zurückhalten können. Sie dachte an Garibaldi. sich von ihm trösten lassen. der ihr Trost bringen sollte. ich habe schon getankt. wie die Kirche ihre Mutter verfolgt und noch im Sterben gequält und bestraft hatte.abhören. und der Regen hat nachgelassen. ›Das ist keine Lösung‹. daß ihm vor dem Tod ein Priester die Letzte Ölung geben würde. hatte Daniel gesagt. Aber sie sehnte sich verzweifelt nach Julius. aber genau das nicht konnte. Daran hatte sich bis heute nichts geändert. daß sie weder mit Julius noch mit einem anderen Menschen Kontakt aufnehmen durfte. Er war am Abend nach der Beerdigung ihrer Mutter zu ihr gekommen. Wieder einmal erinnerte sie sich an Dannos Worte vor dreizehn Jahren. Ein Priester hätte Daniel seelischen Trost schenken können… Sie hörte Schritte auf dem Kies. Er ging zur Kirche.

Auf dem Tisch lag eine Notiz. Catherine hatte ihm vorgeworfen. Nach Aussagen von Zeugen wurde eine Frau gesehen.« Sie sah die Meldung: ›Der Archäologe Dr. letzte Spalte. war er nicht mehr da. Daniel Stevenson wurde gestern abend in seiner Wohnung in Santa Barbara tot aufgefunden. »Deshalb. »Ich vermute. daß Ihnen ein Mann bei der Flucht geholfen hat«. sondern eine lange. daß mich die beiden Killer in der Dunkelheit und bei dem Regen nur undeutlich sehen konnten.Zimmer zum Ankleiden. Sie werden bestimmt nicht wissen. schwarze zugeknöpfte Soutane. Wenn ich die Soutane trage. dem Priester und der Kirche und natürlich auch Gott! »Weshalb tragen Sie das?« Er reichte ihr die Zeitung. Vater McKinney war in der Soutane im Krankenhaus erschienen. Die Polizei hat bisher noch keine Einzelheiten bekanntgegeben. Als sie kurze Zeit später das Bad verließ. stellte die Kaffeebecher auf den Tisch und legte die noch warmen Brötchen daneben. Ich bin auch der Meinung. Seite drei. Die Leute werden 212 . Blitzartig stellte sich bei diesem Anblick die Erinnerung an den Abend vor dem Tod ihrer Mutter ein. sagte Garibaldi. Was hatte sie ihm an jenem Abend nicht alles vorgeworfen – ihm. er werde sich nach Benzin erkundigen und Frühstück besorgen. Er trug nicht mehr die schwarze Baumwollhose und das Pangamot T-Shirt. mit der sichtbaren Autorität seiner kirchlichen Macht ihre Mutter beeinflussen und einschüchtern zu wollen. aber man vermutet ein Verbrechen. eine schwarze Schärpe um die Hüfte und ein kleines goldenes Kruzifix an einer Goldkette um den Hals. die Polizei weiß nichts von mir. daß ich Priester bin. die aus dem Haus floh…‹ »Es wird nicht erwähnt. gewinnen wir vermutlich etwas Zeit. Deshalb war sie auf sein Aussehen nicht vorbereitet.

Wenn ich mich als Zeugin bei der Polizei melde.« »Sie irren sich. daß Miles Havers hinter mir her ist. Verzeih mir.« »Und dann?« 213 . werden sie es nicht glauben. Auf den Photos ist im Hintergrund ein Mann zu sehen.« Er verschloß die Reisetasche. Wenn ich mich anonym melde und sage. Sie kämpfte mit den Tränen. wird man mich verhaften. sagte Garibaldi leise.« Catherine ließ die Zeitung sinken. und dann war dein Tod völlig sinnlos.« »Wird man sich in Ihrer Gemeinde nicht Gedanken machen? Werden Sie nicht erwartet?« »Ich habe noch ein paar Tage Urlaub. Noch nie im Leben hatte sich Catherine so hilflos gefühlt. daß Miles Havers hinter dem Mord steckt.« »Sie glauben mir wirklich?« Er nickte. habe ich im Internet nach Zeitungsphotos von Havers gesucht. dachte sie verzweifelt. Ich kann der Polizei nicht sagen. »Während Sie schliefen. unter welchen Umständen du gestorben bist. Danno. auf den Ihre Beschreibung des Killers paßt. man wird mir die Schriftrollen abnehmen. »Wir sollten so schnell wie möglich losfahren«. der Ihren Freund ermordet hat. jetzt glaube ich Ihnen.einen Priester sehen und der Frau in seiner Begleitung weniger Aufmerksamkeit schenken. »Wir sollten so schnell wie möglich hier weg. »Sind Sie fertig?« Catherine sah den großen Mann in der schwarzen Soutane an und fragte: »Warum bleiben Sie bei mir?« Eine gewisse Bitterkeit lag in ihrer Stimme. als sie hinzufügte: »Sie glauben nicht.

flüsterte sie. Garibaldi hatte bereits die Rechnung bezahlt.« »Er ist nicht allein. mir etwas von seinen neuesten Erkenntnissen über die Maya-Wandbilder zu erzählen… Eine Hand legte sich auf ihren Arm. »Wenn ich das nur glauben könnte…« »Hören Sie. Daniel ist in Gottes Hand. Sie stiegen ungesehen in den Wagen. Sie hörte Garibaldis Stimme: »Ist alles in Ordnung?« Catherine stellte fest. Daniel war nach Ihren eigenen Worten ein gläubiger Katholik. Deshalb mußte Catherine nicht noch einmal in das Büro. der sich von nichts entmutigen ließ. »Ich habe an Danno gedacht. fragte er Catherine: »In welche Richtung fahren wir?« Aber sie hörte seine Frage nicht. Was bedeutet das für seine Seele?« »Entscheidend ist der Entwicklungsstand seiner Seele im Augenblick des Todes. Sein Glaube führt ihn zu Gott. war an diesem grauen Morgen wenig los.« Sie sahen sich zuerst vorsichtig auf dem Parkplatz um. Er hatte nicht einmal mehr Gelegenheit. Sie hielt die Zeitung in den Händen und dachte an die kleine. Glauben Sie an ein Leben nach 214 . der Einzelgänger. Er dürfte nicht so allein sein. daß ihr die Tränen über die Wangen liefen. Danno. Abgesehen von ein paar verschlafenen Gästen und einem Lkw-Fahrer. unauffällige Meldung auf Seite drei. Das sollte auch Sie trösten.« »Er ist ohne die Letzte Ölung gestorben. »Entschuldigen Sie«.»Dann werde ich mir etwas einfallen lassen. der den Luftdruck der Reifen überprüfte. lag kalt und starr in einer Leichenhalle.« Sie wischte sich die Tränen vom Gesicht. Als Garibaldi den Motor anließ.

ob sie noch etwas sagen würde. Vorsichtig schlug sie das paläobotanische Handbuch auf 215 . was nach dem Tod mit uns geschieht. Ich hoffe. wo es Sicherheit und Wärme für sie gab. daß uns das Internet auf eine heiße Spur zur siebten Schriftrolle führt. murmelte Catherine. wo Santa Barbara und Malibu lagen und wo Julius lebte – dorthin. den Kampf mit mir aufzunehmen. griff Catherine in die blaue Tasche und holte die sechs Bücher in dem dicken Umschlag heraus. sagte sie entschlossen.« »Haben Sie Angst vor dem Tod?« Sie ließ den Kopf sinken und flüsterte kaum hörbar: »Ja…« Er wartete geduldig. nach Norden. als verschließe sie ihm ihre Gedanken.« Während Garibaldi den Mustang zur Auffahrt des Highway fuhr. »Die Killer. aber als er feststellte. hat er einen Fehler gemacht. als er zu gewinnen hofft. In welche Richtung fahren wir?« Catherine hob den Kopf und starrte durch die Windschutzscheibe in den grauen Tag. damit Sie die Schriftrollen übersetzen und ich wieder eine Online-Verbindung bekomme. »Gut. sagte sie mit kaum unterdrücktem Zorn. in welche Richtung fahren wir?« »Nach Norden«. Sie drehte sich um und blickte in Richtung Süden. Manchmal glaube ich. »Es gab einmal eine Zeit. da habe ich nicht daran gezweifelt. muß schrecklich und beängstigend sein. Als Miles Havers beschlossen hat. die Danno ermordet haben«. »werden nicht ungeschoren davonkommen.dem Tod?« »Ich… ich weiß nicht«. daß sie die Augen schloß. denn er handelt sich damit mehr ein.« »Also. Wir müssen einen Platz finden. sagte er: »Wir sollten losfahren. Heute bin ich nicht so sicher. an dem wir bleiben können.

Meine Mutter erzählte mir später von einer Wahrsagerin. bei weisen Männern und Frauen. die uns voneinander trennen. Ich verstand die ganze Tragweite der Prophezeiung erst viele Jahre später. und ihr sollt wissen. ich greife vor.und entfaltete die erste vergilbte Papyrus-Seite. was auch ich werden sollte. in den Städten und Dörfern. daß meine Mutter ein Diakon war. Zuerst sende ich Dir und meinen Schwestern auf dem Weg des Gerechten meine Grüße. bewegt uns alle die eine Frage: Was geschieht mit uns. die in unserem Haus erschien. Staatsmännern und Dieben. Ich habe die Kunst des Heuens gelernt. Aber verzeih mir. Trotz der unendlich vielen Unterschiede. aber die Frau sagte. liebe Amelia. Euch gilt mein Friedenskuß. sie habe eine wichtige Nachricht von den Priesterinnen der Hekate. Doch an allen Orten. ehe das Schicksal eingriff und den Weg meines Lebens für immer veränderte. das unter diesem Dach zur Welt kommen werde. In den acht Jahrzehnten meines Lebens begegnete ich Königen und Bauern. bei den Unwissenden und Schlechten. ich brachte Kinder zur Welt und spendete Sterbenden Trost. Ich bin bis an die entferntesten Grenzen des Reichs gereist und habe die erstaunlichsten und auch schrecklichsten Dinge erlebt. wenn wir sterben? 216 . den Hoffenden und Verzweifelten habe ich eine weltumspannende Wahrheit gelernt. den Gebildeten und Ungebildeten. Das Schicksal hielt Wundersames für mich bereit. Dann begann sie zu lesen… Seltsame Vorzeichen ereigneten sich in der Nacht meiner Geburt. Es gehe um das Schicksal des Kindes. Meine Familie kannte sie nicht.

denn dort würde der Stern erscheinen. Jedes Jahr feierte meine Familie mit den anderen Bürgern von Antiochia die Wiedergeburt des Hermes. und bis auf den heutigen Tag. An diesem heiligen Tag blickten wir am frühen Morgen auf die Stelle am Horizont. in Syrien. Mithras war damals ein mächtiger Gott in Antiochia. Sie legte mir am Tag meiner Geburt das Hermeskreuz um den Hals. Sein Erscheinen am Horizont wurde von den drei Sternen im Gürtel des Orion angekündigt. Meine Mutter glaubte an die Kraft von Amuletten. ob Mithras immer noch diese Macht besitzt. ich frage mich. In jeder Woche nahm er am Tag der Sonne an geheimen Ritualen im Tempel teil. und wir sangen das Lied: Leben. zu der die Drei Könige wiesen.Liebe Schwestern. Wir gingen zum Fluß und hielten am nächtlichen Himmel Ausschau nach dem Stern Sirius. Wenn er dann aufging. muß ich die Geschichte am Anfang beginnen. bei den Begegnungen auf den Marktplätzen und in den Karawansereien der Welt habe ich schließlich die Antwort gefunden. Ich wurde in Antiochia. trage ich es über meinem 217 . Die Ewigkeit schenkt uns den Segen. die man die ›Drei Könige‹ nannte. In ihrer Jugend war meine Mutter in die Mysterien des Hermes Logos eingeweiht worden. denn das bedeutete. Er stand sogar über Isis. rette uns mit deiner Kraft! Gott mache uns zu geistigen Wesen. in den vielen Jahren. unterwegs auf fernen Straßen. liebe Schwestern. Hermes war wiedergeboren. Liebe Amelia. als einzige Tochter einer reichen und angesehenen Familie geboren. Aber bevor ich mein Wissen mit euch teile. Nur bei Dir finden wir Frieden… Mein Vater gehörte zu den Anhängern des Mithras. war der Jubel groß. der Himmelskönigin.

die Tanten und Nichten begleiteten meine Mutter dorthin. Sie suchte nach ihm im Reich der Toten. Die Erinnerung an meinen Bruder stand immer zwischen mir und meinen Eltern. Ich hatte einen Bruder. Die Frauen meiner Familie sprachen mit meinem verstorbenen Bruder und berichteten ihm von den Ereignissen in der Familie. Hermes sprach das Wort. von seinem toten Sohn zu sprechen. wo er sich befand.‹ Als ich älter wurde. denn der Gott ist das sichtbar gewordene Wort. so wie alle Angehörigen durch ähnliche Röhren ihren Toten Wein geben. Als Dreijähriger erkrankte er am Fieber und überlebte es nicht.Herzen. zum Totenfeld zu gehen und das Grab meines Bruders zu pflegen. Trotz des wöchentlichen Rituals schien meine Mutter mehr zu wollen. Meine Eltern waren untröstlich. Er ist ein verständnisvoller Gott. Milch und Honig. der als Toter mein Leben überschattete. rief seinen Namen und wollte wissen. sie gaben ihm durch ein Rohr. und alle seine Anhänger sind glücklich. An seinem Grab fand dann ein rituelles Mahl statt. Sie brachten ihm manchmal sogar Spielzeug. Die Frauen sprachen zu ihm. verstand ich sie besser. Sie suchte 218 . Meine Großmutter. Es gehörte zu unserem wöchentlichen Ritual. So war das. der als kleines Kind starb. Mutter! Er schläft in der Erde. Ich wuchs in einem stillen Haus heran. Mein Vater brachte es später nie über sich. Doch trotz ihres Glaubens war meine Mutter keine glückliche Frau. und die Welt wurde erschaffen. Ich hatte einen Bruder. das in seinen Sarg führte. Sie saß an seinem Grab. Ich deutete mit dem Finger auf die Erde und sagte: ›Da ist er. Sie glaubte wie alle Anhänger des Hermes Logos an die Magie des Wortes.

Er sprach in seiner Sprache. Eine Art seelische Krankheit lastete über unserem Haus. daß meine Eltern wie Fremde zueinander waren. Er sprach nie über den verlorenen Sohn. Manchmal dachte ich. ich höre noch den Klang seiner Stimme und sehe den Kreis der Zuhörer.nicht den kleinen Jungen. mein Vater errichtete eine kalte und stumme Fassade. damit auch die Fremden unter den Zuhörern den Mann verstanden. es sei noch nicht überwunden und verbreite Tag für Tag sein tödliches Gift. Mein Vater entfernte sich von der Versammlung und ging zu den Bädern und Ärzten. Meine Mutter hüllte sich in ihre Trauer wie in einen Mantel. in der Wüste von Judäa. Er hatte 219 . obwohl ich nichts von dem verstand. machten wir uns auf eine lange Reise. und ich blieb bei ihr. Es kam so weit. die ihn im Laufe der Jahre immer abweisender und schweigsamer machte. Der Arzt meines Vaters riet dazu. Aber meine Mutter wollte dem Mann zuhören. Mein Vater ging nicht mit uns zu dem Grab. es sei das Fieber. und mein Vater sagte. Dort. was er sagte. denn sie gaben sich gegenseitig die Schuld am Tod meines Bruders. das meinen Bruder getötet hatte. denn er konnte ein schweres Rückenleiden meines Vaters nicht kurieren und empfahl ihm das berühmte Heilwasser des Salzmeeres. Jener Tag an dem Ufer das Salzmeeres liegt zwar schon viele Jahre zurück. und ein anderer übersetzte seine Worte ins Griechische. Als ich acht wurde. das Meersalz habe seinen Rücken geheilt. aber ich kann mich noch deutlich an das Gesicht des Mannes in der Wüste erinnern. Ich glaubte. Wir kehrten nach Antiochia zurück. sondern seine Seele. hörten wir einen Mann predigen. Selbst heute kann ich mich an kein einziges Wort erinnern. die ihm Fragen stellten und ihn ›Rabbi‹ nannten.

Eine Gruppe Menschen stand in der Mitte. weshalb sie den anderen Weg 220 . wo jeder einen Gott oder einen Glauben verkaufe. herrschte große Unruhe unter den Menschen. die sich dort eingefunden hatten. Als ich sechzehn war. daß jeder durch Verzeihen das Tor aufstoße und so zum Weg des Lichts finde. Der Mann. Mein Vater nannte das den ›Marktplatz der Religionen‹. Normalerweise ging meine Mutter an solchen Versammlungen achtlos vorüber. Dieser Tag veränderte meine Mutter von Grund auf. Der Mann sprach von Vergebung und davon. Jedes Viertel hatte seinen eigenen Tempel.nie wieder Schmerzen. Sklaven und Esel verkauft wurden.‹ Es dauerte nicht lange. Es war eine Zeit der Unsicherheit. in jeder Straße gab es einen Schrein. besuchte meine Mutter auf unserem wöchentlichen Weg durch die Stadt zum Grab meines Bruders wie immer den Astrologen. die durch das EpiphaniaViertel zur Stadtmitte führte. in der viele in ihrer Verzweiflung und Angst Antworten auf spirituelle Fragen suchten. Man trieb Handel mit dem Segen der Götter und schacherte mit der Hoffnung auf die Gunst der Unsterblichen. und ein Mann redete zu ihnen. Später konnte sie nie sagen. Damals. Man sah dort die Boten des Hermes und die Anhänger von Zoroaster. In der Stadt gab es die Anhänger der unterschiedlichsten Religionen. Nachdem wir die Hauptstraße erreicht hatten. Auf die Plätze kamen viele Prediger. die zu den Menschen sprachen. war ein Fremder. Man sagte uns. sogar der Kaiser in Rom werde als lebender Gott verehrt. und wir gelangten an einen Platz. wo Kamele und Schweine. aber an diesem Tag blieben wir stehen und hörten zu. liebe Schwestern. an jeder Kreuzung stand die Statue eines Gottes. sagte sie: ›Heute nehmen wir einen anderen Weg. der zu den wenigen sprach.

und man fragte ihn: ›Warum sollen wir verzeihen?‹ Er antwortete: ›Nur so könnt ihr euch retten. Der Mann auf dem Platz hatte über viele Dinge gesprochen.‹ Er sagte: ›Wir müssen verzeihen‹. aber die anderen hörten schweigend zu. unnahbaren und lieblosen Mann geworden war. Soll das heißen. aber wir werden sterben. daß er zu einem kalten.‹ Einige machten sich über ihn lustig und riefen: ›Du sagst. Wir stehen im Augenblick der Geburt auf der Schwelle des Todes. jeder möge dem Nächsten in 221 . Er sagte: »Rache steht nur Gott zu«. das in uns allen ist. wird zu einem Wanderer auf dem Weg.‹ Man fragte ihn: ›Wie gelangen wir in dieses Königreich‹ und er erinnerte sie daran. nachdem ihr gestorben seid. sie verzieh meinem Vater und warf ihm nicht länger vor. die wir nicht verstanden. die so viele Jahre im Herzen meiner Mutter lag.‹ Man fragte ihn: ›Sprichst du vom Leben nach dem Tod?‹ und er antwortete: ›Ja. Und der Mann sagte: ›Wir sind nicht tot. und man fragte ihn: ›Welchem Gott?‹ Er antwortete: ›Es gibt nur einen Gott. Die Worte des Predigers schienen die Saat der Bitterkeit abgetötet zu haben. Man fragte ihn: ›Was ist das für ein Königreich‹ und er antwortete: ›Das Königreich des Himmels.‹ Der Mann sprach dann von einem Königreich. Wer diesen Glauben annimmt.gewählt oder weshalb sie dem Mann zugehört hatte. Von da an strahlte aus ihr ein neues Licht. das Leben nach dem Tod sei in uns. wir sind bereits tot?‹ Die einen lachten. Sie wurde wieder glücklich und jung.‹ Man fragte ihn: ›Was ist das für ein Himmel?‹ und er antwortete: ›Dorthin werdet ihr gehen. Aber anschließend gingen wir nach Hause zurück.

Was geschehen soll. wird geschehen. denn ich sah. und ihr werdet finden. Klopfet an und euch wird aufgetan. denn damals war das Leben im ganzen Reich von vielen Gefahren bedroht. Er heilte die Kranken und half den Bekümmerten. was der Mann uns sagte. Durch Verzeihen und Einsicht werdet ihr Freiheit und Frieden finden. Wir versammelten unsere Dienstboten und Sklaven. so wie er es bei seinem Lehrer gelernt hatte. von dem er so oft sprach. und wir lauschten seinen Worten. war jedoch dies: ›Der Gerechte hat den Tod überwunden‹ Der Mann blieb als Gast in unserem Haus und lehrte uns das Wissen des Gerechten. wie sich meine Mutter veränderte. Jeder verriegelte nachts die Tore. Und er ermahnte uns: ›Der Gerechte sagt: Suchet. jemand in der Menge fragte: ›Was geschieht. Und mit dem Frieden kommt das Licht. was unsere Herzen beschwerte.‹ Ich stellte fest. und sie hatten Angst. daß dies der Wahrheit entsprach. denn nichts geschieht zufällig. Alles ist Teil eines größeren Ganzen. denn im Reich gab es viele Kriege. in unser Haus zu kommen. und schließlich luden wir den Mann ein. Wir fragten unseren Gast: ›Wann wird das Ende der Welt kommen? Heute? Morgen? Noch zu unseren Lebzeiten‹. Die Menschen in den Städten waren unzufrieden. an den Grenzen brachen Seuchen aus. wenn man vergibt‹ und er antwortete: ›Man findet die Einsicht. Danach gingen wir jeden Tag zu diesem Platz. daß der Gerechte.seinem Herzen vergeben. den wir in der Wüste Judäas gehört hatten.‹ Das Wichtigste. und in den Kolonien rebellierten die Stämme gegen ihre Herren. und keiner schenkte 222 . der Mann war. unsere Freunde und Nachbarn. und mir wurde bewußt. Wir stellten Fragen über alles.

Ich verspreche euch. und bald mußten die Versammlungen im Freien stattfinden. Die Zahl unserer Mitglieder wuchs. aber ich werde müde. die zusammengefügt die klare Antwort geben. Von Perpetua erfahre ich. das wir Tod nennen. Perpetua sagt mir. Amelia. erhielt die Würde eines Diakons. damit viele den Weg finden. Unser Gast antwortete: ›Ihr werdet das Ende an den Zeichen erkennen. denn wir alle haben die Teile in uns. Wer wie meine Mutter die wöchentliche Lesung der Botschaft übernahm und das Liebesmahl vorbereitete. Auf diese Weise wuchs die Gemeinschaft weiter und zählte immer mehr Mitglieder. Wir müssen die Botschaft so weit wie möglich verbreiten. Sabina. einem jeden werden die Zeichen offenbart werden.‹ Meine Mutter sagte zu mir: ›Das ist der richtige Glaube. Aber damals wurden wir nicht angegriffen. Die Menschen kamen aus allen Teilen der Stadt. die dem Weg des Gerechten folgten. Erst Jahre später fand ich in meinem Leben die Lösung für einen anderen Teil des Rätsels… Ja. als die Männer 223 . damit sie ebenfalls Versammlungen abhalten konnten.‹ Und so entstand eine Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern. Meine Mutter übertrug immer mehr Mitgliedern die Diakonswürde. Die Versammlungen fanden in unserem Haus statt. Wir konnten uns ungehindert treffen. ich spreche bewußt von einem ›Rätsel‹ und meine damit das große Mysterium. denn sie wollten die Botschaft hören. In Alexandria hörte ich zum ersten Mal von dem neuen Zeitalter… Ich bitte Dich um Verständnis.dem anderen Vertrauen. daß sich das inzwischen wegen der Verfolgungen geändert hat. Mein Vater ließ sich jedoch nicht zum Weg des Gerechten bekehren. daß man damals. denn der Gerechte ist Gottes Sohn.

sitzt im Bett und sagt. Ich weiß um das Ende aller Dinge und um die Wiederkunft des Gerechten. daß sie ewig leben wird. sie werde sterben. Ich befürchtete. Ich weiß auch. daß sie nicht weitersprechen konnte.mich fanden und in das Kastell brachten. Aber wie durch ein Wunder hat sie sich wieder erholt. Sabina wurde von den Erinnerungen so überwältigt. wie und wann der Gerechte zurückkehren wird. ich sei tot. daß mir offenbart worden ist. Sie möchte den Bericht in ein paar Tagen fortsetzen. geglaubt hat. daß sich meine Mutter in ihrer Vorstellung vom Tod geirrt hat. Vielleicht war ich tot. (Perpetua schreibt: ›Liebe Amelia. ich überbringe euch die gute Nachricht. Meine Schwestern.‹ 224 .

daß sie in Sicherheit war und sich verstecken würde. bis ihm schließlich dämmerte. Versunken in die Übersetzung würden ihr die langen kastanienbraunen Haare über die Schultern fallen – immer. die mit verstellter Stimme sprach. vergaß sie ihre Haare und machte sich nicht die Mühe. daß Julius zuerst dachte. sie zu frisieren oder mit einer Spange zusammenzuhalten. sie über die Schriftrollen gebeugt zu finden. Aber Daniel hatte sich nicht gemeldet. weil er hoffte. daß die Frau Catherine war. sie sei dort. Bei seiner Rückkehr war das Haus leer gewesen. Doch dann fiel ihm auf. warum die Betonung darauf. 225 . daß es ihr gutgehe? Jetzt machte er sich noch größere Vorwürfe. nach ihrem Streit ins Institut gegangen zu sein. und als er die Nachricht fand: ›Ich muß für ein paar Tage weg!‹ hatte er bei Daniel Stevenson angerufen.Santa Monica. daß sich die geheimnisvolle Anruferin unter dem Namen ›Meritites‹ meldete – der Name der Königin. Er hörte sich das Band mehrmals an. Warum diese Vorsicht? Warum ›Meritites‹ und die verstellte Stimme? Vor allem. Kalifornien Die Mitteilung auf dem Anrufbeantworter war so eigenartig. Sie wollte ihm offenbar mitteilen. Er schloß die Wohnungstür mit seinem Schlüssel auf und hoffte. jemand habe sich einen Scherz mit ihm erlaubt. deren Mumie er vor einem Jahr untersucht hatte. ja rechnete fast damit. wenn sie sehr konzentriert arbeitete. Er hätte bei ihr bleiben müssen. wo sie sich befand – auch er nicht. Deshalb fuhr Julius zu ihrer Wohnung in der Fifth Street in Santa Monica. Niemand sollte wissen.

bitte ruf mich an. flüsterte er. noch immer die Brandung vor der Terrasse hören zu können. Wo immer sie sein mochte. Die Fremde rannte aus Dr. bis sie die Schriftrollen übersetzt hatte… »Lange rotbraune Haare«. Sie hatten damals zusammen an einer Konferenz teilgenommen und im Halekulani Hotel zum ersten Mal miteinander geschlafen.« Der Zusammenstoß war so überraschend gewesen. Er sah das Mondlicht. eher kastanienrot. Ihre Tollkühnheit würde ein Geheimnis bleiben. Stevensons Wohnung. daß Catherine unabhängig war und für sich sorgen konnte. Cathy trug sie am liebsten offen. Trotzdem konnte die Nachbarin die 226 . das Bett war unbenutzt. Wir werden zusammen eine Lösung finden. und auf dem Eßtisch lagen ein Stapel Post und Zeitungen. Komm zurück. »Nein. das ist schon besser. Die Kaffeekanne stand im Küchenschrank. »Cathy«. Ja. »wo immer du auch sein magst. sie befand sich in Sicherheit.Aber Catherine war nicht in der Wohnung. Ihre dichten. die ihre Nachbarin in die Wohnung brachte. und die Frau war bereits auf der Treppe. dann lagen alle Lebensmittel auf dem Boden. Im Schlafzimmer sah er auf der Kommode ein gerahmtes Photo von ihnen beiden am Strand von Honolulu. sagte die Zeugin zu dem Porträtzeichner auf der Polizeiwache. langen kastanienbraunen Haare hatten ihn sofort um den Verstand gebracht.« Er tröstete sich damit. Er glaubte. Hätte ich dich doch nicht allein gelassen. Das fand er sexy und sehr herausfordernd. Julius schloß die Augen. das auf das Bett schien. nicht rot. spürte Cathys zarte Haut und roch den Duft von Kokosnußsonnenöl und frisch gewaschenen Haaren.

Stevenson nur sehr selten da. ich kann durch Hauswände blicken. wie er es eigentlich für richtig gehalten hätte. Außerdem war Dr. gestohlene Fahrzeuge. die die Frau verfolgt haben?« »Ich habe sie nicht richtig gesehen. mit dem die Frau dann geflohen ist?« »Glauben Sie. Er mußte unbedingt noch die Beweisstücke ins Institut bringen. Wissen Sie. Die Nachbarin schüttelte den Kopf. weil ich meine Lebensmittel aufsammeln mußte. Raubüberfälle und betrunkene Autofahrer ließen den Beamten keine ruhige Minute. unterbrach der Inspektor sie ungeduldig und stand auf. junger Mann?« »Sie wissen also nicht. Jetzt bestätigte sie dem Zeichner. einem Irrenhaus – Einbrüche. so eine Art Indiana Jones. Er war ständig unterwegs bei Ausgrabungen. wer sie war. »Haben Sie eine Ahnung. Außerdem waren sie unterbesetzt. der auf dem Schreibtisch saß und Kaugummi kaute. wer diese Frau gewesen sein könnte?« fragte der Inspektor. »Haben Sie den Mann gesehen.« »Und die beiden bewaffneten Männer. Der tiefgefrorene Truthahn ist durch den Gang gerollt und wäre beinahe…« »Draußen hat ein Mann auf die fliehende Frau gewartet«. mit wem sie davongefahren ist?« »Richtig. eine Woche vor Weihnachten. und Sie wissen nicht. Die Polizeistation glich an diesem Dezembermorgen.Fliehende genau beschreiben. Kann ich jetzt gehen?« 227 . diesem Fall so nachzugehen. Der Inspektor konnte sich nicht den Luxus erlauben. das Bild sehe ihr wirklich sehr ähnlich. »In diesem Haus ist jeder mit sich beschäftigt.

der mit 228 . daß Stevenson ein Einzelgänger und Idealist gewesen war. ob aus dem Mord an dem Archäologen vielleicht eine Geschichte zu machen sei. Jedenfalls hatte er keinen großen Beitrag zur Wissenschaft geleistet. um herauszufinden. keine ersichtliche Ordnung.»Sind Sie sicher. Wer mochte diese schöne Unbekannte sein? Der Chefredakteur hatte Maloney auf die Wache geschickt. Auf dem Bild hatte sie eine senkrechte Falte zwischen den Augenbrauen. sagte der Inspektor gereizt und nickte seinem Vorgesetzten zu. als mache sie sich viele Gedanken oder sei oft zornig. Darunter mischten sich aus dem Radio die süßlichen Töne von ›Stille Nacht. »Uns ist nichts aufgefallen«. blickte ihr über die Schulter und fand. etwa. daß dieses Bild ihr gleicht?« Die Nachbarin warf noch einmal einen Blick auf das fertige Porträt. Alle schienen plötzlich gleichzeitig zu reden. Ein Spinner. heilige Nacht‹. Trotzdem schien dieser Stevenson wichtig genug zu sein. klappernden Schreibmaschinen und lauten Druckern. um auf so seltsame Weise ermordet zu werden. und es entstand ein ohrenbetäubender Lärm. ein Science Fiction-Fan. In diesem Augenblick erschien ein anderer Mann in der Wache. »Stevensons Wohnung war das reinste Chaos – nichts aufgeräumt. daß der Porträtist eine hübsche Frau mit großen Augen und sinnlichen Lippen gezeichnet hatte. der ihn zu sich in sein Büro winkte. dachte Maloney gelangweilt. »Ist etwas gestohlen worden?« fragte Maloney den Kaugummi kauenden Inspektor und folgte ihm durch die Wache mit den klingelnden Telefonen. So ein Typ. der verrückte Sachen geglaubt hatte. daß es auf dem Mars Pyramiden gab. Vielleicht war sie auch nur temperamentvoll. Bislang hatte Maloney jedoch nur erfahren.

Maloney blieb stehen und dachte. als mir hier Fragen zu stellen?« Maloney hatte nichts dagegen. drehte sich um und steckte die Hände in die Hosentaschen. »Ich möchte nur ein paar…« Aber der Inspektor ging weiter und verschwand im Büro seines Vorgesetzten. daß ihn die Beamten ›Baloney‹ nannten. haben Sie nichts Besseres zu tun. Was zum Teufel ist das? Maloney runzelte die Stirn. Maloney ließ die Tür von Schapiros Vorgesetztem nicht aus dem Auge. Er drehte sich um und schlenderte durch den Raum in Richtung Ausgang. Wie soll da jemand sagen. So etwas hatte er schon einmal gesehen. 12. Sein Blick fiel auf den Schreibtisch des Inspektors. Seine Spitznamen für sie waren noch weniger schmeichelhaft. Inspekt. wie man sie für die Aufbewahrung von Beweisen benutzt. Verblüfft sah er genauer hin. »Mein lieber Baloney. schob sich rückwärts unauffällig an den Schreibtisch heran und zog geschickt das Photo aus dem Umschlag. er werde wohl am besten in aller Ruhe frühstücken gehen. Er überzeugte sich schnell. 99. weil gerade vier ›Weihnachtsmänner‹ in Handschellen hereingebracht wurden.sechsunddreißig noch immer nicht erwachsen ist. Schapiro. Frage: Warum dringen zwei Männer in die Wohnung eines 229 . auf Hochtouren zu laufen. Auf den Umschlägen stand: Stevenson. daß niemand auf ihn achtete. Aus einem der Umschläge ragte in einer Plastikhülle ein glänzendes Photo. Dann blickte er auf den Schreibtisch. ob etwas fehlt?« »Gibt es Spuren? Weiß man schon. wer die Mörder sind?« fragte Maloney. Aber wo? Sein Gehirn begann. 17. und er sah einen Stapel Umschläge. Er mußte noch einmal stehenbleiben.

Maloney hatte etwas gegen Großstädte. Man nehme eine ganz gewöhnliche Geschichte. Schriftrollen. Es sah aus. ›dann sieht man sich in den Großstädten um. Was für ein Dokument ist das? Noch interessanter war die Frage: Wo befindet es sich? ›Wenn man wirklich etwas erfahren will‹.unbedeutenden Archäologen ein. gezackte Linie. Papyrus-Schriftrollen? Noch einmal: Zwei Killer. war. stelle sie in einen neuen Zusammenhang. Maloney beugte sich über das Photo. daß die Bewohner von Santa Barbara ihre Rasen während der großen Trockenheit 1993 grün gefärbt hatten. und plötzlich ist die Sache nicht länger langweilig. dann mußte man eben etwas daraus machen. als habe man zwei Teile gefunden. In der unteren Hälfte entdeckte er eine weiße. wo wirklich etwas passiert. hatte ihm sein Chefredakteur einmal gesagt. eine fliehende Frau. Deshalb suchte er immer nach einem besonderen Aspekt. Maloney kniff die Augen zusammen und musterte aufmerksam das Photo. ein ermordeter Archäologe. Es sah wie ein Papyrus mit altertümlichen Schriftzeichen aus. was du über dieses verschlafene Nest schreiben willst?‹ Die aufregendste Geschichte. Auf den ersten Blick schien es sich bei dem Papyrus um ein Einzelblatt zu handeln. Ihm gefiel Santa Barbara. 230 . jagen einer Frau hinterher und schießen sogar auf sie? Antwort: Das sind sehr schwere Geschütze für einen harmlosen Diebstahl. was willst du in Santa Barbara? Kannst du mir erklären. an die sich Maloney erinnern konnte. zusammengefügt und dann photographiert. Der Inspektor kam erfreulicherweise noch immer nicht zurück. schneiden ihm die Kehle durch. Also. Wenn die Wirklichkeit langweilig war.

die vom Schauplatz des Verbrechens flieht.Das Porträt der geflohenen Frau zum Beispiel würde ungefähr eine Woche lang in den U-Bahnhöfen ausgehängt werden und dann verschwinden. Maloney hätte am liebsten laut gejubelt. 12. warfen sie ihn zu Boden. gefunden am 14. wird in der Hölle brennen!« Drei Polizisten stürzten sich auf ihn. ein geheimnisvolles Jesus-Fragment und eine schöne Frau. was er als nächstes zu tun hatte. Blitzschnell rekapitulierte er: Ein ermordeter Archäologe. Ein JesusFragment! Seine Gedanken überschlugen sich. 99. hatte lange strähnige Haare und Augen wie Charles Manson. und als er sich wehrte. »Nur durch mich werdet ihr gerettet werden. Schriftrollen… Hatte dieser Stevenson vielleicht einen sensationellen Fund gemacht? Schnell drehte er das Photo um und sah auf der Rückseite den Vermerk: ›Jesus-Fragment. Scharm el Scheich. Frage: Durch welchen Zusammenhang kann ich Interesse für das Photo wecken? Steckt hinter dem Mord vielleicht eine Affäre? Ein Verbrechen aus Leidenschaft? War die Mafia dabei im Spiel? Plötzlich tönte eine Stimme durch den Lärm: »Warum wollt ihr nicht auf mich hören? Ich bin der Erlöser!« Der Mann war hager und wirkte verwahrlost. »Das Ende der Welt ist nahe!« rief er. Wer nicht an mich glaubt. Maloney lief ein Schauer über den Rücken. Nach einem schnellen Blick durch 231 . Golf von Akkaba‹. Er mußte nicht lange darüber nachdenken. Maloney blickte noch einmal auf das Photo.

fröhliche Weihnachten. der ihn ansah. Kurz darauf verließ er lächelnd die Polizeiwache und wünschte jedem.die Wachstube verschwand das Photo in der Tasche seines Regenmantels. Maloney hatte seine Geschichte! 232 .

In seinem Haus befand sich genau der gleiche Fitneß-Raum. den Wettbewerb verzerren und früher oder später von den Verbrauchern überhöhte Preise fordern. Mike Torrez. jeden Teil des Körpers zu kräftigen. »Ich glaube. »Was soll bei einer solchen Untersuchung herauskommen? Warum die Leichenbittermiene? Wir sind nicht durch Ängstlichkeit das geworden. Aber Miles lachte. »Das kann einen Prozeß zur Folge haben«. der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende des Konzerns und Mitglied des aus drei Personen bestehenden Präsidiums von Dianuba. was wir heute sind. erklärte er mit ernster Miene. Er verließ seinen Platz am Bauchmuskelstimulator und begrüßte die Anwesenden – die Führungskräfte seines 233 . beweglich zu halten und zu konditionieren. um die Vorwürfe des Kartellamtes zu diskutieren. daß Dianuba einen weiteren großen Software-Hersteller übernahm. so erklärte man.« Miles hatte die außerplanmäßige Konferenz in der Hauptverwaltung seines Konzerns angesetzt. New Mexico »Es gibt große Schwierigkeiten«.Albuquerque. würde Miles Havers den Markt beherrschen.« Miles beendete sein Übungsprogramm in dem privaten Fitneß-Raum neben seinem Büro. Dadurch. Zwölf elektronisch gesteuerte Trainingsmaschinen zum Preis von jeweils siebentausend Dollar waren von Experten darauf abgestimmt worden. Die Behörde hatte an diesem Tag offiziell Einspruch dagegen erhoben. Das Übungsprogramm gehörte zum Tagesablauf von Miles. machte sich Sorgen. sagte Torrez. wir sollten einen Rückzieher machen.

Miles sah auch den großen Parkplatz für die Mitarbeiter. Wir werden vor Gericht die Vorwürfe in aller Schärfe zurückweisen. die auf der Bartheke lag. die Behörde bei ihren Untersuchungen rückhaltlos unterstützen und unsere Interessen klar und deutlich vor aller Welt vertreten. das gefällt mir nicht. wählte frisch gepreßten Granatapfelsaft und setzte sich an die Tastatur des Computerterminals. wie wir das immer tun. bedeutete das. Ein Prozeß ist kostenlose Werbung.Konzerns und den Leiter der Rechtsabteilung.und Feiertagen besetzt war. An diesem Samstag war er natürlich voll besetzt. drehte er sich um und ging zur Saft-Bar. Ein leerer Parkplatz war ein Indikator für schlechte Geschäfte. Aus der Vogelperspektive wirkten die grünen Rasenflächen so makellos gepflegt wie in einem Fußballstadion. in denen zwölftausendneunhundert Angestellte arbeiteten. Der Parkplatz führte Miles jederzeit anschaulich den Erfolg seines Unternehmens vor Augen. Von seiner Chefetage im dreiundzwanzigsten Stock hatte er einen guten Blick auf die dreißig Gebäude. »Sie alle wissen«. die Produktion war ausgelastet. Die Dianuba-Aktie war am Vortag um 234 .und Entwicklungszentrum‹. Er tippte eine Nummernkombination. Offen gesagt. »daß für mich die Interessen und Wünsche der Anwender immer an erster Stelle stehen. Wenn der Betriebsparkplatz an Sonn. Das Kartellamt wirft mir maßlose Gewinnabsichten vor. und auf dem Monitor erschien der neueste Börsenüberblick. meine Herren!« Miles trat ans Fenster und blickte hinaus. Zufrieden mit dem ermutigenden Anblick. das Unternehmen blühte. aber auch am Sonntag würde kein Platz frei sein. Hier befand sich auch das Dianuba ›Forschungs. sagte er und trocknete sich den Schweiß von Gesicht und Hals.

Julius Voss.zwei Dollar gestiegen. Schließlich erreichte er wieder die Bar und betrachtete sich im Spiegel. hatte Miles befohlen. Er stand nur eine Stufe unter dem Aufsichtsratsvorsitzenden und Konzerngründer und war nur Miles persönlich Rechenschaft schuldig. Kurz vor Beginn der Konferenz hatte er einen Anruf aus Malibu erhalten. einen ersten Bericht über die vierundzwanzigstündige Überwachung von Dr. wann es klüger war zu schweigen. Wir werden auch diesmal siegen.000 Aktien war um einhundertachtundfünfzig Millionen Dollar reicher. Sein Mann hatte allerdings nichts Wichtiges zu sagen. Miles ging weiter und redete dabei zu den Herren am Konferenztisch. Dann möchte ich wissen. daß er mit seinem Aussehen zufrieden war. trat neben Torrez und legte seinem Vize freundschaftlich die Hand auf die Schulter. Er gab sich keine Mühe. aber er wußte aus langer Erfahrung. vor anderen zu verbergen. Das bedeutete. das auch ihn erfüllte. worum es geht und wo sie sich befindet‹ Miles sprach zuversichtliche Worte und flößte der Führungsspitze dasselbe Vertrauen ein. aber sein innerer Tiger knurrte ungeduldig. In seinen Geschäftsbereich fiel die weltweite Vermarktung der Dianuba-Produkte.000. Miles war attraktiv und zog überall die 235 . Miles lächelte. ›Fuhr zur Arbeit ins Institut. Miles mit seinen 79. Er wirkte zuversichtlich und schien alles völlig unter Kontrolle zu haben.« Torrez gab keine Antwort. ›Früher oder später wird die Alexander sich bei ihm melden… entweder sie sich bei ihm oder er sich bei ihr. aß dort mit einem Kollegen zu Mittag…‹ ›Lassen Sie ihn nicht aus den Augen‹. Mike. »Alles wird reibungslos verlaufen.

Teddy hatte in der Tat gute Nachrichten. »Ich muß jetzt nur noch das Internet überwachen und nach jemandem Ausschau halten. die ihm alle bei seinem Anblick zollten. Er hätte sie im Sinai nicht entkommen lassen dürfen. wie Teddy das anstellen würde. Es war ihm gelungen. Als die Herren eine Stunde später das Büro verließen. Havers. und noch wichtiger. Sie haben ein Gespräch auf Ihrem persönlichen Apparat. der Stevensons IP-Adresse benutzt. Jeder weitere Tag vergrößerte die Wahrscheinlichkeit. obwohl es nicht Teddys Schuld war. Seit dem Fund des Jesus-Fragments waren fünf Tage vergangen. er besaß Stevensons elektronische Adresse. Warum sollte er sich nicht selbst im Spiegel betrachten dürfen? Sogar der Schweiß auf der Stirn nach den Übungen unterstrich seine ausgezeichnete körperliche Verfassung.« Es war Teddy Yamaguchi.« Miles wußte. Für einen cleveren Hacker war das ein Kinderspiel. daß ein anderer von den Schriftrollen erfuhr und sich auf die Jagd danach machte. Im stillen verwünschte er Teddy Yamaguchi. würde 236 . Auch Zeke machte er bittere Vorwürfe. daß sie die Frau noch nicht gefunden hatten. »Ich möchte von Ihnen nur eine gute Nachricht hören«. Wenn Catherine Alexander mit Stevensons Laptop im Internet auf Online ging. Miles freute sich über die Bewunderung. Miles warf einen unruhigen Blick auf den Kalender. Daniel Stevensons Internet Server zu lokalisieren. Selbstverständlich erschien sein Name regelmäßig ganz oben auf der Liste der ›am besten gekleideten Männer‹. Seine Sekretärin meldete sich.Blicke auf sich. sagte Miles. »Mr. hatte Miles sie wieder einmal mit seiner ansteckenden Kraft und seiner visionären Begeisterung überzeugt.

wo sich die Alexander in diesem Augenblick befand.« 237 . Stevensons Zugangsvermittler.Teddy die Verbindung sehen und OmegaNet. täuschen. Dann würde Teddy auf seinem Bildschirm sehen. »Wenn sie sich das nächste Mal ins Netz wagt. »dann haben wir sie. er selbst sei diese Alexander. der glaubte. Mr. sagte Teddy zuversichtlich. Havers«. Gleichzeitig konnte er die Verbindung überprüfen und herausfinden. was sie im Netz suchte.

von dem Sabina spricht. fügte sie hinzu. der heilige Paulus ist. die christliche Kirche zu prägen. daß ich den Beweis dafür suche. das Symbol der männlichen Macht. wenn er wüßte. sagte Garibaldi und setzte zum Überholen an. um uns ins Internet einzuwählen«. als sie an dem vermutlich hundertsten geschlossenen Obststand am Straßenrand vorbeikamen. in der er zu den Menschen gesprochen hat.« Catherine erwiderte nichts. Die Straße war älter und langsamer als die Interstate 5. »Sabina ist dort geboren worden.« »Stellen Sie sich vor«. Garibaldi dachte in den Begriffen der Männer. Catherine hatte ihm noch nichts von ihrer Hoffnung gesagt. »es stellt sich heraus. was mehr Licht auf die Rolle der Frauen werfen würde. die sich die katholische Kirche angemaßt hatte. sagte Catherine. »Zuerst sollten wir Informationen über Antiochia suchen«. weil ein vollbeladener Lkw mit stinkendem Dieselqualm die Luft verpestete. Ihr Vater war offenbar ein geachteter Einwohner der Stadt. daß der Prediger. Sie wußte. Sie blickte ihn verstohlen von der Seite an. in den Schriftrollen etwas zu finden. Vielleicht finden wir irgendwo einen Hinweis auf die Familie. denen man das Priesteramt übertrug. was Garibaldi zu Frauen sagen würde. Aber auf dieser Strecke würde man sie nicht vermuten. Kalifornien »Wir werden Daniels Zugangsverbindung benutzen. Dort hat man zum ersten Mal die Anhänger der neuen Lehre als ›Christen‹ bezeichnet. die dazu beigetragen hatten. Catherine fragte sich. daß die Männer 238 . Würde er mich auch dann noch unterstützen. Antiochia war die erste Stadt. Sie und Garibaldi fuhren auf dem Highway 99.Sacramento. Er trug immer noch die schwarze Soutane.

um zu tanken und Essen zu kaufen. Sie waren seit beinahe zehn Stunden unterwegs. Würde sie im Text einen Hinweis finden. Sie hielten ständig Ausschau nach Fahrzeugen. bis sie ein Motel gefunden hatten. In Fresno wechselten sie vorsichtshalber den Leihwagen. als sie bei grauem Himmel das Weinanbaugebiet um Sacramento erreichten. Aber schließlich hatte sie es aufgegeben. Chr. wie und wann der Gerechte zurückkehren wird. sagte Garibaldi. wechselten sich beim Fahren ab und machten nur Pausen. was sie bisher gelesen hatte. der eine Datierung der Bücher ermöglichte? Würde es wirklich so einfach sein? ›Der heilige Paulus war 40 n. sondern einen roten Ford Escort.und Sklavenmarkt zu den Menschen reden hört und den sie später einladen. ›Vielleicht ist er der Mann. die sie möglicherweise verfolgten.nicht das Recht haben. sich als Stellvertreter Christi zum Papst wählen zu lassen? Catherine massierte sich den Nacken. außerdem mußte sie vorsichtig sein. Das Lesen während der Fahrt war einfach zu mühsam. in Antiochia‹. aber sie mußte sich gedulden.« Sie war neugierig. Immer wieder kreisten ihre Gedanken um den einen Satz: »… daß mir offenbart worden ist. damit der empfindliche Papyrus keinen Schaden nahm. Es war spät am Nachmittag. wie Sabinas Geschichte weiterging. Catherine hatte lange in dem ersten Buch gelesen. Dann wollte Catherine nach einem heißen Bad und einer vernünftigen Mahlzeit mit der Übersetzung der Schriftrollen fortfahren. Jetzt fuhren sie nicht mehr den blauen Mustang. die Versammlungen im Haus von Sabinas Familie abzuhalten. Ein so wertvolles Dokument hätte sie normalerweise nur unter Institutsbedingungen angefaßt. Bei den wöchentlichen Lesungen der 239 . den Sabina mit ihrer Mutter auf dem Vieh. als Catherine ihm berichtete.

Während sie an Artischockenfeldern und Kleewiesen vorüberfuhren. Wenn sie am Steuer saß. sie allein zu lassen und nach Chicago zurückzukehren. dachte Catherine. wie sie Garibaldi dazu bringen könnte. Aber Catherine beschäftigten nicht nur das Kleiderproblem und die Schriftrollen.Botschaft und dem Liebesmahl handelt es sich vielleicht um das Evangelium und die Kommunion. sie erinnert mich ständig an Vater McKinney und an Mutters Tod. aufgeschlagen und darin gelesen. dachte Catherine und stöhnte leise. Es liegt an der Soutane. zwei T-Shirts und Khaki-Shorts. weil ihr Nacken und die Schultern immer noch schmerzten. hoffte sie. Wie hätte sie eine so dramatische Flucht voraussehen können? Die Bluse konnte sie im Waschbecken waschen. schließlich war er Priester. Nach dem Telefonat mit Danno hatte sie sich nicht die Zeit genommen. Vielleicht wird es nicht so einfach sein. auch ein Einkaufszentrum zu finden. Kleider zum Wechseln mitzunehmen. Sie hatte während der langen Fahrt immer wieder darüber nachgedacht. anderes jedoch nicht. Während sie in der einsetzenden Dämmerung nach einem Motel Ausschau hielt. Sie hatte nur einen Bademantel. und zu seinen Pflichten gehörte das ›ständige Gebet‹. daß sie ihm deshalb keinen Vorwurf machen durfte. Trotzdem verstehe ich nicht alles…‹ Damit wollte Garibaldi sagen. hatte Garibaldi einige Male sein Brevier. daß einiges an die Worte von Jesus erinnerte. die bei diesem Wetter nicht warm genug waren. das Buch mit den Stundengebeten. Sie brauchte etwas zum Anziehen. Seine Anwesenheit machte ihr zu schaffen. das Rätsel der Schriftrollen zu lösen. Trotzdem 240 . und ihr Unbehagen wuchs von Stunde zu Stunde. aber die Wollhose mußte in die Reinigung. Catherine wußte. flüsterte er lautlos seine Gebete.

wenn er das Brevier schließlich zuklappte und in die Reisetasche legte. Die Menschen verließen ihre Häuser und Wohnungen und fuhren zu den Stellen. waren jedoch ebenfalls unterwegs. daß der Weltuntergang nahe ist? Die Wiederkehr Jesu… War Sabina wirklich dieses Wissen offenbart worden? Wußte sie. die nicht an die Apokalypse und die düsteren Prophezeiungen glaubten. Andere. in Sicherheit zu sein. Im Autoradio hatten sie gehört. »Schon wieder ein geschlossenes Motel!« sagte Garibaldi plötzlich. die in Richtung Big Sur unterwegs waren. daß zu gewissen Orten der Welt ganze Völkerwanderungen unterwegs waren. wenn die sündigen Städte wie Sodom und Gomorrha in Flammen aufgehen. um den endlosen Wagenkolonnen zu entgehen. Was erwartet Garibaldi von der Jahrtausendwende? dachte Catherine plötzlich. Deshalb hatten sie die Küste verlassen und fuhren ins Landesinnere von Kalifornien. Glaubt auch er. wenn wir sterben? ›Und alle die Jahre und Wege… haben mich zu der Antwort geführt‹. was geschieht. auf denen sich die Menschen zur Jahrtausendwende drängten. wo sie glaubten. Catherine lief ein Schauer über den Rücken.fühlte sie sich jedesmal erleichtert. Sie wollten mit Ritualen oder aufwendigen Festen das neue Jahrtausend beginnen. daß Jesus inmitten der himmlischen Heerscharen wieder auf die Erde kommen wird? Glaubt er an das Jüngste Gericht und daran. Offenbar hatten die kleinen Motels entlang des Highway geschlossen. daß die 99 nicht zu den Routen gehörte. Würden sie 241 . weil ihre Besitzer wußten. von Erdbeben oder Naturkatastrophen vernichtet werden würden.

»Ein Arzt müßte die Wunde behandeln. Es war nur noch ein einziges Zimmer zu haben. Sie ließen die Weinberge und die reizvolle Landschaft hinter sich und erreichten die dicht besiedelte Gegend um Stockton. und er 242 . Deutete das auf eine Infektion hin? »Ich bin der Meinung. das sehr sauber aussah und aus kleinen. Catherine hatte nicht nur einen steifen Rücken. stellte sich heraus. beschlossen Catherine und Garibaldi. durch Kieswege miteinander verbundenen Bungalows bestand. Catherine betrachtete sich seinen Arm. aber sie sahen nur die roten ›Kein Zimmer frei‹-Leuchttafeln der Motels. Die lange Fahrt setzte ihnen beiden zu. Catherine ging in das Büro.« Sie legte ihm einen neuen Verband an. Als sie endlich wieder ein grünes Schild mit ›Zimmer frei‹ erreichten. Sie sollten schnellstens nach Chicago fahren«. sondern auch Kopfschmerzen. Beim dritten Versuch. bei einem Dew Drop Inn. und Garibaldis Wunde machte ihm zu schaffen. aber die Wunde sah entzündet aus. Garibaldi fuhr seufzend auf den Highway zurück. daß es auch in diesem Motel nur noch ein Zimmer gab. Als sie in dem Zimmer waren und die Tür abgeschlossen hatten. Inzwischen war eine sternenlose Nacht angebrochen. Der Streifschuß war verkrustet.und Garibaldi das Mysterium aller Mysterien entdecken? »Zimmer frei!« rief er plötzlich und fuhr auf den Parkplatz eines größeren Motels. sagte sie. verschwand Garibaldi mit seiner Tasche im Bad und kam in Jeans und einem Sweatshirt mit dem verblaßten Aufdruck ›Loyola University‹ wieder zurück. Neonlichter halfen ihnen. und die Suche ging weiter. aber sie kam kurz darauf wieder zum Wagen zurück. den letzten freien Einzimmer-Bungalow zu nehmen. sich zu orientieren. Er hatte auch den Verband von der Wunde entfernt.

« Als er zurückkam. daß er am Fenster betete. Sie staunte über die sichtliche Spannung. »Der Arm ist in Ordnung. Jetzt saß sie vor dem Fernseher und suchte einen Sender mit Nachrichten.rollte den Hemdsärmel darüber. er griff nach den Wagenschlüsseln. Er hatte sich über die gefalteten Hände gebeugt und den Kopf auf die Arme gelegt. »Haben Sie etwas über Daniel Stevenson gebracht?« fragte Garibaldi und stellte die weißen Kartons auf den Tisch. die ihre Bemerkung ausgelöst hatte. als er leidenschaftlich betete? »Vergessen Sie die Pizza«. Selbstmorde. der einfach ein Gebet sprach.« »Vater Garibaldi. wo Sie sind. exzessive Parties. Sie blickte in seine klaren blauen Augen. Was hat ihn letzte Nacht so sehr beschäftigt. Und was ist überhaupt mit Ihren Angehörigen?« Er drehte ihr den Rücken zu und griff nach dem Laptop. Sie hatte geduscht und ihre Sachen im Waschbecken gewaschen. In den Nachrichten war nichts über Daniel zu erfahren. alle Berichte kreisten um die bevorstehende Jahrtausendwende – wachsende Hysterie. Schließen Sie hinter mir ab und lassen Sie niemanden herein. und erinnerte sich daran. »Ich habe keine Angehörigen«. wie sie mitten in der Nacht aufgewacht war und gesehen hatte. murmelte er. noch nie 243 . trug Catherine ihren Bademantel. Es war mehr die Geste eines Flehenden gewesen als die eines Priesters. in Ihrer Pfarrei wird man sich fragen. die wieder offen und freundlich und nicht mehr so verschlossen und dunkel wirkten wie noch kurz zuvor. »ich habe nicht weit von hier ein Restaurant gesehen. »Sollen wir uns eine Pizza bringen lassen und sofort mit der Arbeit anfangen?« fragte er.

Ein Priester gehört in eine Kirche…« 244 . »Ich hatte mir schon Sorgen gemacht. daß sie unbedingt etwas zum Anziehen brauchte. bekam sie Hunger. »Sie waren lange weg«. die seit 1995. die Regierung und die Geheimdienste in Atem hielten. zog den Gürtel des Bademantels enger und dachte wieder daran. »Wie soll das alles enden?« Die qualvolle Hilflosigkeit machte sich in ihren Worten Luft. Aber im Augenblick mußte sie sich in ihr Schicksal fügen. Als sie den Reis.« Garibaldi suchte in der Tragetüte nach den Eßstäbchen und Servietten. Am liebsten hätte sie sich längst auf die Suche von Dannos Mördern gemacht. »In dieser Welt scheint es nur noch Terror und sinnlose Gewalt zu geben«. Frühlingsrollen und die anderen verführerisch duftenden Gerichte sah. waren aus den Nachrichten schon lange nicht mehr wegzudenken. denn er hatte ihr das richtige Stichwort gegeben. Bedrohlicher klangen Meldungen von paramilitärischen Gruppen. die offenbar glaubten. die Shrimps. sagte Garibaldi und schüttelte den Kopf. Sie sind Priester und wollen bestimmt bei Ihrer Gemeinde sein. »Sie sollten nach Chicago zurückkehren. sagte sie. Sie kämpfte schon den ganzen Tag gegen ihre ohnmächtige Wut an.« »Ich war noch kurz in der katholische Kirche im Ort. sagte Catherine. »Vater Garibaldi«.dagewesene Großzügigkeit und Spenden. »Wann wird das Kämpfen und Töten endlich aufhören?« Sie schaltete den Fernsehapparat aus. »Die Welt scheint wirklich am Rande des Wahnsinns zu stehen«. Terror-Anschläge und ein Wettlauf des FBI mit Massenvernichtungsdrohungen. antwortete sie bitter. nach der Bombenexplosion in Oklahoma. der apokalyptische Weltuntergang werde ein Kampf zwischen ihnen und der Polizei sein.

Wenn Sabina ihn als Zehnjährige in der Nähe des Toten Meeres hat predigen hören. so ist ein guter Paläograph in der Lage. für Daniel eine Messe zu lesen. geboren sein. »Und Sie glauben. daß Jesus seine Botschaft in den drei Jahren vor der Kreuzigung im Jahr 32 oder 33 unserer Zeitrechnung verkündet hat. sagte er: »Ich denke. »Danke«. Handschriften des Altertums 245 . daß Sie das für Danno getan haben. »Danke. So wie wir eine Handschrift aus dem achtzehnten von einer aus dem neunzehnten Jahrhundert unterscheiden können. Tränen traten ihr in die Augen. die Schriftrollen zu datieren. Im Text steht. sagte sie leise. erwiderte er und lächelte sie an. Dreimal mußte er den Laptop starten. Eine Messe für Daniel… Sie zog einen Stuhl heran und setzte sich neben ihn. zum Beispiel die Unabhängigkeitserklärung im Vergleich zu einem Brief von Charles Dickens. »Ich habe den Priester gebeten. Pinselstriche. Meine Mutter hat viele Jahre damit zugebracht. die Schwärzung von Tinte und die Form der Buchstaben zu katalogisieren. Chr. dann muß sie um 20 n.« »So etwas ist schließlich meine Aufgabe«. »Man sagt.»Deshalb bin ich nicht dorthin gegangen«. wir sollten vor allem versuchen.« »Am Anfang des zweiten Jahrhunderts. erwiderte er und reichte ihr die Soja-Sauce.« Michael nickte nachdenklich. Das wäre demnach im Jahr 100 n.« Catherine sah ihn sprachlos an. Während sich Garibaldi um den Computer bemühte. daß sie Amelia ihre Geschichte als Achtzigjährige erzählt. daß die Handschrift aus dem zweiten Jahrhundert stammt?« »Eindeutig.« Catherine konnte nicht so schnell essen wie er und saß noch über den reichlichen Portionen. Chr.

ich wünschte wirklich. um sich mit uns zu unterhalten. während Catherine noch einen Schluck grünen Tee aus dem Plastikbecher trank.« 246 . daß ich die Schriftrollen in der blauen Tasche bei mir habe. Ich habe es mir immer wieder überlegt. wo sich die Schriftrollen befanden. daß ich erfahren habe. weshalb das alte DOS vom Markt verschwunden ist«.« Er sah sie an und lächelte entwaffnend. »Vater Garibaldi. sagte sie. Verstehen Sie mich?« »Ich verstehe jetzt. Danno hat gesagt. mich zu finden. »Auch ich bin inzwischen völlig auf die Maus angewiesen. sie wußten bereits. sondern sind in die Wohnung eingedrungen und haben Danno blitzschnell ermordet. Sie würden auf mich hören«.genau zu identifizieren und zu datieren. murmelte Garibaldi. aber so einfach werden Sie mich nicht los. die Wohnung wurde überwacht. sind Sie in großer Gefahr. »Sie meinen. dieser Havers ist entschlossen. wer hinter mir her ist. wer hinter dem Mord steckt! Vater Garibaldi. Das bedeutet. Sie haben keine Fragen gestellt. »Tut mir leid. Ganz zum Schluß hatte ich Danno gesagt.« Garibaldi tippte auf der Tastatur. Miles Havers weiß. Das bedeutet. »Aber mir macht etwas anderes große Sorgen.« Garibaldi ließ den Monitor des Computers nicht aus den Augen. Das wiederum konnten sie nur durch Abhören herausgefunden haben. er hätte herausgefunden. Wenn Sie nicht nach Chicago zurückkehren. während er ungerührt auf der Tastatur Befehle eingab. »Ihr Leben ist in Gefahr.« Sie lehnte sich zurück und seufzte. Die beiden Männer waren nicht in Dannos Wohnung. was dort gesprochen wurde?« »So muß es gewesen sein. Zwei Minuten später sind diese Männer aufgetaucht. und man hat alles mitgehört.

»Schließen Sie das Programm. klickte Catherine zweimal auf den TCP-Manager. warf Garibaldi plötzlich die Eßstäbchen auf den Tisch und hielt ihr Handgelenk fest. sagte sie nach kurzem Schweigen.»Vater Garibaldi. Dann kam die Aufforderung: PASSWORD Aber als sie zu tippen begann: Maat….« Er gab keine Antwort und tippte weiter.600 COMPRESSION IP BUFFERS = 32 Auf dem Menü aktivierte sie die ›Anwahl‹-Option und klickte auf ›Login‹. klickte zweimal auf das OmegaNet-Logo. hin und wieder hämmerten die Bässe eines Autoradios durch die Nacht. Er nickte und griff nach seinen Eßstäbchen. und auf dem Bildschirm erschien die Homepage. Sie lauschte unwillkürlich auf die Geräusche der Straße. »Halt!« rief er. Das Trumpet WinsockFenster wurde geöffnet: INTERNAL SLIP DRIVER COM1 BAUD RATE = 57. Auf dem Bildschirm erschien: USERNAME Sie tippte: dstevens.« »Warum?« »Schließen Sie es. »Wollen Sie nicht noch etwas essen?« Sie deutete auf zwei Portionen Reis und einen gemischten Salat. ich bin satt«. allein kann ich mich leichter verstecken. Autos rasten vorbei. Catherine stellte sich vor die Tastatur. Auf dem Highway hatten alle ein Ziel… »So. die Dieselmotoren der Lkws dröhnten laut wie Panzer. schnell!« 247 . Während Garibaldi geschickt mit den Stäbchen die Reste der Portionen aß.

wenn wir ihm einen Schritt voraus sind.‹ Auf dem Bildschirm erschien die Meldung: NO CARRIER »Was soll das?« fragte sie verblüfft. »Wo ist nur mein Verstand geblieben!« rief er kopfschüttelnd. und wir müssen schnell sein. Er legte sich in Jeans und T-Shirt auf das 248 .« Er warf einen Blick auf die Uhr.« »Ja. Mein Fehler hätte uns das Leben kosten können. ist er in der Lage. Wir müssen uns alles.« Catherine schloß den Deckel des Laptop und blickte auf den gelben MicrosoftAufkleber. in dem Daniels Identifikation erscheint.Sie klickte auf ›Exit‹. flüsterte sie. die wie Spinnen das OmegaNet überwachen und nur darauf warten. aber wir können ihm entwischen. ganz genau überlegen. »Havers hat in Daniel Stevensons Wohnung eine Mithöranlage installieren lassen und vermutlich auch sein Telefon angezapft.« Garibaldi nickte. »Jetzt ist es zu spät. sagen Sie. dann auf ›Anwahl‹ und klickte auf ›Bye. und…?« »Würde er nicht auch Daniels Computer in sein Überwachungssystem einbeziehen?« »O mein Gott…«. »Kaum zu glauben. was wir tun. Ich sitze in der Falle!« »Immer mit der Ruhe«. »Daran habe ich überhaupt nicht gedacht. Natürlich! Jemand wie Havers hat natürlich Hacker. Ich bin müde und kann nicht mehr klar denken. erwiderte Garibaldi. Daniel hatte ihn mit einem Schnurrbart versehen und einem fehlenden Zahn. die Verbindung bis hierher zum Motel zurückzuverfolgen!« Catherine schlug mit der Faust auf den Tisch. In dem Augenblick. »Wir sitzen nicht in der Falle. »Dann sollten wir uns ausruhen. aber morgen früh werden wir als erstes eine neue Zugangsberechtigung kaufen. daß ich Online gehe.

mußte sie ihn verlassen. Da er sie offenbar nicht freiwillig allein ließ. schob einen Arm unter den Kopf und den anderen über die Brust. Morgen war Sonntag. der sie von hier wegbrachte. bereits ungeduldig. Garibaldi hatte recht. ihre vielbenutzte Ausgabe von Strongs Griechisch im Neuen Testament und die gefalteten Papyri. Sie wußte in diesem Augenblick. hatte er gesagt. daß sie nicht mehr da 249 . auch wenn sie es nicht gern tat. Das kleine Kreuz hob und senkte sich langsam und regelmäßig mit seinen Atemzügen.eine Bett. ob ›Mike‹ rechtzeitig zum Weihnachtsfest wieder zurück sein werde. Catherine seufzte stumm. Die Goldkette an seinem Hals glänzte. Michael Garibaldi schlief jetzt. Sie würde heimlich verschwinden und den ersten Bus nehmen. Vor dem Essen hatte er sich schnell bekreuzigt. Wahrscheinlich fragten die Kinder im Ghetto. Catherine hatte den Schreck über ihre Nachlässigkeit noch nicht überwunden. blickte sie noch einmal auf Garibaldi. In Jeans wirkte er keineswegs so autoritär und bedrohlich wie in der schwarzen Soutane. Sie legte die Kissen im zweiten Bett aufeinander und schaltete die Leselampe ein. ›Ich habe keine Angehörigen‹. Beinahe wäre alles zu Ende gewesen. Bevor sie mit der Arbeit begann. was sie zu tun hatte. Er würde bestimmt in die Kirche gehen. von welcher Telefonnummer sie sich in das Net eingewählt hatte. Catherine öffnete die blaue Tasche. und er fühlte sich für sie verantwortlich. Sein inzwischen schon vertrautes Gesicht lag im Dunkel. Ja. Catherine dachte an die Wunde an seinem Arm. nahm den Notizblock heraus. Beim Anlegen des neuen Verbands hatte sie die harten Muskeln gespürt. aber er hatte sie gerettet. dann wußte er im nächsten Moment. er war Priester. mit denen er Basketball spielte. ehe er überhaupt ahnte. Wenn sie das Paßwort eingab. Havers ließ das Internet überwachen.

Eines Nachts wurden wir zu einer Frau gerufen. um die Geburt vielleicht auf diese Weise einzuleiten. Sie kehrte mit dem lebenden Baby zurück und legte es der jungen Mutter an die Brust. und die alte Hebamme. Meine Mutter wickelte das Baby in ein Tuch und eilte damit in die Stadt. war die junge Frau in einen erschöpften Schlaf gefallen. Wir brachten das Kind zur Welt. Aber Mitgefühl und Verständnis waren damals dringend notwendig. das jemand ausgesetzt hatte. als ich sechzehn wurde. daß vor dem Ende der Welt eine lange und schwere Zeit der Verwirrung kommen werde. Dort fand sie ein Kind. Bevor meine Mutter eine Anhängerin des Weges wurde. die sie betreute. Als die Frau erwachte.war. Meine Mutter war Hebamme. und sie sprachen lange und leise miteinander. hätte sie niemals so etwas aus Mitleid getan. Es war tot. die ein Kind bekam. Sie ließ die arme Frau niesen und flößte ihr Brechmittel ein. während sie schlief. Als meine Mutter eintraf. Eines Abends erschien ein Mann mit einer Botschaft aus Rom in unserem Haus. und ich lernte es von ihr in dem Sommer. Am nächsten Tag verbreitete sich in Antiochia die Nachricht von einer großen Niederlage der 250 . Ihr Können hatte sie von ihrer Mutter gelernt. Sie ging zum Tempel der Juno. Mein Vater zog sich mit ihm in sein Arbeitszimmer zurück. denn viele Zeichen wiesen darauf hin. Sie lag bereits seit einem Tag und einer Nacht in den Wehen. griff aus Unwissenheit zu grausamen Methoden. sah sie überglücklich ›ihr‹ Kind. und tauschte es gegen das tote Kind aus. wo man unerwünschte Neugeborene auf die Tempelstufen legte.

Meine Mutter ging jeden Tag zum Tempel der Vesta. denn eines Abends in den Kalenden des Mai wurde er vor dem Haus überfallen. Er hatte schöne Augen und ein scharf 251 . Schon als kleines Kind hatte ich viele schreckliche Geschichten über die Wilden im kalten Norden gehört. Alle waren der Ansicht. der meinen Vater untersuchte. von den Schwierigkeiten im Reich abzulenken. und wir waren entsetzt. daß der Kaiser meinen Vater in das Rheinland schicken wollte. das Leben meines Vaters zu retten. Als sich am Ende der Woche die Gemeinde zur Lesung der Botschaft und zum Liebesmahl in unserem Haus versammelte.kaiserlichen Truppen in Germanien. sondern dem Kaiser nur dazu diene. war eine angenehme Erscheinung. ausgeraubt und zusammengeschlagen. Während der Heiler versuchte. den Schädel meines Vaters zu öffnen. Sie opferte der Göttin und betete. so hieß der Mann. Und ich glaubte diese Geschichten. die Wilden am Rhein äßen kleine Kinder bei lebendigem Leib. In den nächsten Tagen kamen Freunde meines Vaters in unser Haus. Philos. daß ihm ein Schlag auf den Kopf das Bewußtsein geraubt hatte. ob mein Vater wirklich in das Rheinland hätte ziehen müssen. beteten wir für ihn. Man drohte den ungehorsamen Kindern mit den grausamen Barbaren und erzählte ihnen. Ich hörte. daß der endlose Krieg gegen Germanien wenig mit dem Schutz der Reichsgrenze zu tun habe. Meine Mutter gab dem Mann die Erlaubnis. Ein bekannter Heiler wurde gerufen. Ich hörte sie reden. Wir sollten nie erfahren. Er stellte fest. bat meine Mutter die Anwesenden um ihre Gebete und Segenswünsche. Vermutlich würde er nicht mehr aus der Ohnmacht erwachen.

Was die Natur auseinandergebrochen hat. langer Zeit in Vergessenheit geraten. denn er war ein sehr guter Heiler. Aber in den Tagen und Nächten. sagte er. Philos stammte aus Griechenland. Er war zehn Jahre älter als ich. Das Verbrechen an meinem Vater kommentierte er mit den Worten: ›Schlangen beißen keine Schlangen. stehe unter dem Motto ›cito tuto jucunde‹ – schnell. behutsam. die glauben. Fieber. was in seinen Kräften stand -. Sein eigentlicher Traum war es. wenn er nur die Suche danach nicht aufgab. Der 252 . Doch einem Menschen widerfährt das größte Unheil durch seine Mitmenschen‹ Philos wollte nicht nur Krankheiten heilen. den Tod zu besiegen.geschnittenes Gesicht. in Legenden und Mythen werde von diesem Wundertrank gesprochen. faszinierte mich am meisten. In allen Städten und Dörfern. und wir werden im Chaos versinken. Diese Medizin vertreibe sogar den Tod. aber Philos glaubte. Er hielt sich wirklich an sein Motto. Impotenz. was er sagte. Mich beeindruckten seine Ruhe. sicher. denn er hatte getan. Er erzählte mir. Er gehörte zu den Stoikern. Sein Leben. Angst. sein Wissen und seine Tatkraft. daß am Tag des Weltuntergangs ein Meer die Erde verschlingen wird. tröstete er mich mit den Worten: ›Seine Zeit war gekommen. wird wieder zu einer einzigen Masse zusammengefügt. Als mein Vater starb – niemand gab Philos die Schuld daran. in allen Kulturen und bei allen Völkern. die alles heile – Schmerz. Unfruchtbarkeit. dieser Tag sei noch fern und werde nicht zu unseren Lebzeiten kommen. Aber er sagte auch. so erklärte er. Sein Aufenthalt in Antiochia war nur eine Etappe auf seiner Suche. Die Zusammensetzung sei vor langer. er habe von einer wundersamen Medizin der Götter gehört. in denen er meinen Vater behandelte. er werde das Wundermittel wiederfinden.

um den Tod zu besiegen. und bat ihn. mich mitzunehmen.größte Segen der Natur ist es. sondern weil er nicht zum Glauben an den Weg des Gerechten gefunden hatte. wenn ein Mensch stirbt. weil sie die Botschaft des Gerechten nicht kannten. in dem er wohnte. mein Vater sei viel zu früh gestorben. daß ich Antiochia und meine Mutter verlassen mußte. Auch mich bekümmerte das. Am Vorabend der Abreise von Philos ging ich zu ihm in sein Zimmer in dem Gasthaus.‹ Meine Mutter ließ sich von diesen Worten nicht trösten. die beide ins Nichts sanken. Ich war damals achtzehn. wußte ich. unser Glaube sei der einzige Weg. die ihren Sohn und ihren Mann verloren hatte. Als ich die tiefe Verzweiflung meiner Mutter sah. denn meine Mutter sagte immer. Und was war mit denen. Ich wollte ihn unter allen Umständen dazu überreden. denn auch sie sah im Tod nur einen natürlichen Schritt auf der Seelenwanderung. um aller Welt die Botschaft zu bringen. Der Gerechte hatte uns gelehrt. denn sie fand. Sie war verzweifelt. daß wir nur durch den Glauben an seine Botschaft den Tod überwinden könnten. aber nicht über seinen Tod. Aber eine Frau kann nicht allein durch die Welt reisen. die die Botschaft des Gerechten nie hörten? Wie konnten sie den Weg finden? Damals begriff ich plötzlich den Sinn meines Lebens. Es war das vierte Jahr der Herrschaft des Kaisers… 253 . nachdem seine Aufgabe auf Erden erfüllt ist.

DER SECHSTE TAG 254 .

ihn könne dasselbe Schicksal ereilen wie Danno. Der Anhänger ließ sie an Danno denken und erinnerte sie daran. Catherine schlich sich nur ungern heimlich davon. Sie seien in der Kirche…«. bevor sie die Straße überquerte. Sie wollte nichts anderes. Sie sah auf der Titelseite der Sonntagszeitung ihr Gesicht. Kalifornien Catherine sah schon von weitem. zahlte mit ihrer Kreditkarte. ohne daß er etwas davon ahnte. Garibaldi wollte sie nicht ihrem Schicksal überlassen. Sie ließ den Taxifahrer direkt gegenüber dem Busbahnhof halten. nahm den Laptop in der Tragetasche in die eine Hand und faßte mit der anderen kurz an den Jade-Jaguar. Unter ihrem Porträt entdeckte sie ein Photo des Jesus-Fragments. daß am frühen Sonntagmorgen nur wenige Fahrgäste am Busbahnhof warteten. um die Schriftrollen in aller Ruhe zu übersetzen… Vor den Zeitungsständern am Straßenrand blieb Catherine plötzlich wie angewurzelt stehen. Sie fuhr zusammen. Garibaldi war wie erwartet zur Kirche gefahren. hatte sie sich telefonisch nach den Abfahrtszeiten der Busse erkundigt. murmelte sie 255 . Und sie fürchtete.Sonntag. als ein paar Tage ungestört sein. was sie tun mußte. hängte sich die blaue Tasche über die Schulter. Neben ihr hielt mit quietschenden Bremsen ein Wagen. In Kürze würde sie unterwegs nach Seattle sein. 19. sprang sie ohne Zögern hinein. aber als sie sah. Während er im Bad unter der Dusche stand. Dezember 1999 Sacramento. daß Garibaldi ihr die Wagentür aufhielt. »Ich dachte. aber es blieb ihr keine andere Wahl.

Vater Garibaldi. Das Porträt auf dem Titelblatt der Zeitung sah ihr sehr ähnlich. aber ich glaube. 19. »Ich hatte mein Brevier vergessen und mußte zurück ins Motel. C. Als sie wieder in ihrem Motelzimmer standen. Aber als ich auf dem Tisch die Abfahrtszeiten der Busse sah. Da ich Sie nicht davon überzeugen kann. Dezember. und mit Ihnen waren alle Ihre Dinge verschwunden… die blaue Tasche. »Ich dachte. »Haben Sie wirklich geglaubt. daß ihr Herz heftig schlug. ohne mich von Ihnen zu verabschieden. ich bin in großen Schwierigkeiten. ich würde einfach sagen: ›Also gut. war ich empört und…« 256 .« Er bog in den Parkplatz des Motels ein. Dann fliege ich nach Chicago. »Sie waren nicht mehr da. ›Verzeihen Sie mir. sagte sie und spürte.« Er seufzte laut.« »Du meine Güte! Zuerst dachte ich. Verzeihen Sie mir. wenn ich die Sache allein zu Ende bringe. Bitte machen Sie mir keine Vorwürfe. A. Sie hatte nicht viel geschrieben. es ist für uns beide das beste. griff sie nach dem Brevier und reichte es ihm mit den Worten: »Seite einundfünfzig. Vielen Dank für Ihre Hilfe. es sei das beste für uns beide.« Er schlug das Buch auf. das auf der Ablage neben dem Lenkrad lag.‹« »Vater Garibaldi. und als er anhielt. gehe ich. mich allein weiterfahren zu lassen. sagte er: »Tut mir leid. und ein gefaltetes Blatt Papier fiel heraus.‹ Er legte das Blatt zurück in das Buch und räusperte sich. sie ist weg. wenn wir uns trennen. Ich bin auch nur ein Mensch. der Laptop… alles!« »Tut mir leid«. Ihnen sei etwas zugestoßen.mit hochrotem Kopf. ich hätte Ihnen keine Vorwürfe machen dürfen.« Er deutete auf das Buch. und manchmal reagiere ich unüberlegt.

und ich habe über hundert Aufnahmen gemacht! Die beiden Killer haben bestimmt die meisten mitgenommen.« Er deutete auf das Photo des Papyrus. sich bei der Polizei von Santa Barbara unter der Telefonnummer 1-805-897-2300 (Inspektor Shapiro) 257 . Das ist immerhin ein gewisser Vorteil!« Garibaldi legte die Zeitung auf den Tisch und griff nach seiner Reisetasche. aber doch nicht alle. daß Havers nicht alle Photos hat. Sehen Sie sich das Bild an. »Ich bin wirklich in großen Schwierigkeiten. Man hätte mich im Bus erkannt und verhaftet! Mein Gott. das Jesus-Fragment und auf die Schlagzeile: ›VERRÄT DAS JESUS-FRAGMENT DAS GENAUE DATUM DES JÜNGSTEN GERICHTS?‹ »In dem Artikel steht. Er blickte verblüfft auf das Porträt. wird gebeten. bei Dannos Leiche seien ›ein paar‹ Photographien gefunden worden.« »Die Polizei weiß noch nicht. als ich das Fragment und die erste Seite der ersten Rolle zusammenfügte – Sabinas Brief. der Hinweise über ihre Identität und ihren Aufenthaltsort geben kann. sagte Catherine und deutete auf den Text: ›Haben Sie diese Frau gesehen? Jeder. wer ich bin«. und er ist ein Milliardär. »Aber Miles Havers wird nicht in Zusammenhang mit dem Mord gesucht.« Sie reichte ihm die Zeitung. Hier steht. sondern in meinem Zelt im Sinai zurückgelassen. Ich habe das Fragment nicht behalten. »Ist das die Kopie einer Schriftrolle?« »Es ist das Photo. das ich gemacht habe. unterbrach sie ihn. ich habe zum ersten Mal im Leben richtig Angst. Das ist ein Hinweis darauf.»Vater Garibaldi«. daß die Polizei mich in Verbindung mit Dannos Ermordung sucht.

Vielleicht erscheint er sogar überall auf der Welt. die Papyrusprobe vom Sinai zu datieren. von wo ich anrufe. Aber jetzt waren ihr die Hände gebunden. erwiderte Garibaldi. würde er sich vermutlich weigern. Wenn er den Artikel las. wissen sie. sagte Catherine. um zu erfahren. »Was haben Sie vor?« »Ich habe Danno nicht umgebracht.« »Und das bedeutet«. Garibaldi ging ins Bad. »dieser Artikel mit den beiden Bildern wird von den Zeitungen im ganzen Land übernommen.zu melden. »Ich kann die Redaktion nicht anrufen«. Möglicherweise würde er sogar die Polizei benachrichtigen. Ich bin keine Mörderin. das heißt. die Nummer zu wählen. bis einer meiner Bekannten oder Kollegen das Bild sieht«. ob es ihm bereits möglich gewesen war. »Der Artikel wurde nicht von einem Journalisten in Sacramento geschrieben.« Garibaldi öffnete die Zimmertür einen Spalt und blickte 258 . Sie hatte ihn anrufen wollen. Hier steht. Auch jede andere Polizeidienststelle nimmt Informationen entgegen‹ »Es ist nur eine Frage der Zeit. legte sie plötzlich wieder auf. Ich werde bei der Zeitung hier in Sacramento anrufen und es ihnen sagen. er kommt von einer Nachrichtenagentur. Catherine griff wieder nach der Zeitung.« Aber als sie begann. Sie dachte an Julius und seufzte.« Catherine dachte an Hans Schüller im Institut für Radiologie in Zürich. ihr zu helfen. um seine Toilettentasche zu holen. Wenn sie eine Rufnummernidentifikation haben. murmelte sie. Catherine setzte sich auf das Bett und griff nach dem Telefon. »Ich kann überhaupt nicht telefonieren. legte seine restlichen Dinge in die Reisetasche und zog den Reißverschluß zu. er stammt von ›Associated Press‹.

Sie heute morgen gesehen zu haben…« »Und die Zimmerrechnung?« Garibaldi stellte die schwarze Reisetasche auf den Tisch. gewinnen wir Zeit.hinaus. nahm seine Brieftasche heraus.« Sie eilten zum Wagen. daß der Mann in Ihrer Begleitung ein Priester ist. Wenn ich die Soutane trage. um uns in Sicherheit zu bringen. Als sie wieder auf der Straße waren. sagte er: »Wir haben einen Vorteil. Wenn die Frau im Büro des Motels die Zeitung liest und sich daran erinnert.« 259 . füllte einen Reisescheck aus und legte ihn unter den Lampenfuß. Weder Havers noch die Polizei wissen. »Auch das wäre erledigt. und Garibaldi fuhr vorsichtig vom Parkplatz. »Wir müssen hier weg. Fahren wir.

als Dr. Er betrachtete das Bild nachdenklich. »War diese Frau bei ihm?« fragte er und zeigte dem Mann ihr Photo. Wie heißen die noch? Sultanen… ja.« »Können Sie ihn etwas näher beschreiben?« »Ein großer Mann. Ich habe niemanden in seiner Begleitung gesehen. erwiderte der Angestellte in dem Leihwagenbüro. Das Nummernschild 260 . Er hatte den blauen Mustang gesehen. »Ich kann Ihnen versichern.« Zeke erinnerte sich. Nein. der versucht hatte. Wollen Sie behaupten. dann rief er: »He! Das ist doch die Frau in der Zeitung. es kommt nicht oft vor. »Sie meinen eine Soutane?« »Auf jeden Fall war es ein Priester«. die Beduinenfrau zu beschützen. Das klang sehr nach dem Priester. daß ein Priester bei uns einen Wagen leiht. Kalifornien »Ein Priester?« wiederholte Zeke. »Der Mann trug eines dieser langen schwarzen Gewänder. »Sie meinen.Fresno. Alexander das Lager im Sinai verließ. als er mit seinem Partner vom Highway abgefahren war. daß ein Priester mit einer Mörderin durch Kalifornien flieht?« Zeke starrte ausdruckslos durch die große Glasscheibe. beteuerte der Mann. ein katholischer Priester? Sind Sie sicher?« »Aber ja«. er trug eine Sultane. vor der sich der Parkplatz der Leihwagenfirma befand. wirkte sportlich und hatte kurz geschnittene Haare. der Priester war allein.« Zeke kniff die Augen zusammen. Das Büro lag direkt hinter der Ausfahrt am Highway 99 zwischen einem Restaurant und einer Tankstelle.

Es galt zu überlegen. in welche Richtung der Priester gefahren ist?« »Nach Norden. Dann hat er gefragt. »Diese Frau stiehlt geheime Schriftrollen und flieht mit einem Priester! Weiß das die Polizei schon… ich meine. mit dem Dr. daß das Unternehmen Niederlassungen in ganz Kalifornien hatte.« Zeke lächelte. daß sie das Fluchtfahrzeug gegen einen anderen Wagen austauschen würden. »Können Sie mir noch etwas sagen?« »Nein. »Wissen Sie zufällig. erwiderte Zeke. die er dem Mann gab. Außerdem vermutete er. Alexander aus Santa Barbara geflohen war. sie zu finden. wie viele Meilen die Alexander mit ihrem Begleiter an einem Tag hatte zurücklegen können. von welcher Leihwagenfirma der Mustang stammte. Er war mit sich zufrieden. herauszufinden. wie weit es bis Sacramento ist.« Zeke griff in die Hosentasche und zog ein Bündel Dollarscheine heraus. Und so war er mit seinem Partner hierhergekommen. Der einzige Haken bei der Sache war gewesen. Die Spur dieser Alexander hatte ins Nichts geführt. Zeke lächelte. Er hat eine Straßenkarte gekauft«. Nachdem Zeke die Zulassungsnummer überprüft hatte. war es nicht allzu schwer gewesen. »Da haben Sie recht. aber jetzt war er ihr wieder auf den Fersen. Es war der Wagen. antwortete der Mann und deutete auf den Kartenständer auf der Theke. Schließlich ist der Mann ein Priester und fällt jedem auf. aber es dürfte Ihnen nicht schwerfallen. »Eine der am meisten gekauften – Gold Country.bestätigte seinen Verdacht. »Warum?« 261 . die Sache mit dem Priester?« »Ich glaube nicht«.« »Man stelle sich das vor!« sagte der Mann kopfschüttelnd.

und er griff nach dem Autotelefon. 262 . Miles Havers diese neue Information vorzuenthalten. daß Havers oder die Polizei oder übereifrige Journalisten Catherine Alexander aufspürten. Zeke wollte nicht. als er in den schwarzen Pontiac stieg. Aus demselben Grund hatte er auch den Mann in der Leihwagenfirma zum Schweigen gebracht. Sie fuhren auf die 99 in Richtung Norden. bevor er sie gefunden hatte. daß sie die Spur der Archäologin wiedergefunden hatten und daß sie mit einem Priester auf der Flucht war. Aber etwas ließ ihn zögern. sagte Zeke zu seinem Partner. was eine Zeitung wie der National Enquirer zum Beispiel für eine solche Geschichte zahlen würde? Ich habe von Ihnen schon mehr bekommen. als ich heute verdienen kann.»Warum? Können Sie sich vorstellen. Das Kaninchen gehörte ihm. Er lag jetzt mit durchschnittener Kehle hinter der Theke und starrte mit leeren Augen an die Decke. Er wollte seinem Auftraggeber berichten. Zeke fand es plötzlich besser. und schließlich legte er den Hörer auf. und der Tag ist noch nicht zu Ende!« Er zählte das Geld und sagte dann: »Erlauben Sie mir eine persönliche Frage… die Narbe in Ihrem Gesicht… woher stammt die? Waren Sie in Vietnam?« »Nach Sacramento«.

Voss«. der gerechte Richter…« An diesem ruhigen Sonntagmorgen war Julius allein im Institut – abgesehen von einer Technischen Assistentin. die wie Julius den Sabbat am Vortag gefeiert hatte. als es die Natur bereits getan hatte. Dr. Jedesmal. der nicht mißbraucht oder entweiht werden durfte. daß sein Skalpell sie nicht mehr entstellen würde. daß Julius zögerte. daß vor ihm auf dem Seziertisch ein Mensch lag. Die Schönheit dieser Königin beruhte nicht mehr auf ihrem Gesicht aus Haut und Knochen. einer Adventistin. sagte die Assistentin und lächelte ihn an. es zu zerstören. Zwei Tage waren vergangen. Trotzdem fiel es ihm ungewöhnlich schwer. denn er hatte eine Totenmaske vor sich. »Die Zeitung liegt in Ihrem Büro. Meritites‹ auf dem Anrufbeantworter hatte er nichts von ihr gehört. legte er Wert darauf. um nicht zu vergessen. wenn er eine Autopsie an einer Mumie vornahm. der einmal gelebt hatte und die gleiche Behutsamkeit und Achtung verdiente wie jemand. Als er freundlich nickte. fügte sie hinzu: »Ich habe Ihnen auch Kaffee und ein 263 . seit Catherine ihn verlassen hatte. Er war ein Tempel Gottes. die das Gesicht bedeckte. Bei jedem Schnitt in die brüchige Mumie betete er stumm: »Baruch Dajan haEmet – Gesegnet bist DU. Für Julius war das Leben etwas Heiliges. die Totenmaske oder eine Statue oder eine Darstellung der Toten vor Augen zu haben. West Los Angeles Das Gesicht war so schön. der gerade erst gestorben war.Freers Institut. und der Körper eines anderen verlangte von ihm Ehrerbietung. sich auf seine Arbeit zu konzentrieren. Er machte sich Sorgen. Außer der eigenartigen Nachricht von ›Mrs. Julius mußte sich daran erinnern.

»Bitte sagen Sie den Leuten vom Wachdienst. erwiderte er. Daneben… Julius glaubte. Graue Dunstschleier tanzten über den Wellen. Er überflog schnell den Artikel. die ihre Ausgrabung finanzierte…? Der Becher mit Kaffee fiel ihm plötzlich aus der Hand. daß ich noch hier bin«. daß sie ihn anhimmelte. wie eine Frau aus der Wohnung des Archäologen rannte. Daniel Stevenson war ermordet worden. ›JESUS-FRAGMENT GEFUNDEN!‹ Unter der Schlagzeile befand sich das Photo eines Papyrus mit einem griechischen Text. und Julius hatte den Eindruck. Tracy«. Daniel anzurufen. Er seufzte und drehte dem Fenster den Rücken zu. Es würde Nebel geben. um zu hören. Ich muß Weihnachtseinkäufe machen!« »Danke. Julius 264 . und das Hörnchen rollte über den Fußboden.Hörnchen gebracht. unterbrach Julius die Arbeit an der Mumie. Vielleicht sollte er noch einmal versuchen. ob er etwas von Catherine wußte. rief er ihr nach. »In der letzten Woche haben sie mich eingeschlossen!« Als Tracys Schritte in dem langen Gang verhallten. Unverständlicherweise schien die junge Technische Assistentin seine schwarzen Haare und den Bart attraktiv zu finden. Durch die offenen Fenster drang frische salzige Meeresluft herein. eine Zeugin hatte gesehen. Aber offenbar reichte das Catherine nicht. ›Kennen Sie diese Frau?‹ stand unter Catherines Porträt. Er schloß das Fenster und sah dabei sein Spiegelbild im Glas. Oder sollte er sich bei der Stiftung nach ihr erkundigen. Ich bin den Rest des Tages nicht mehr da. Er streifte die Gummihandschuhe ab und ging in sein Büro. Auch Catherine hatte ihm einmal gesagt. Tracy war zwanzig. um ihn zu heiraten. seinen Augen nicht trauen zu können. ein Wissenschaftler mit dichten lockigen Haaren sei irgendwie sexy.

Kurz darauf klingelte es wieder. Julius legte auf und starrte auf das Porträt. Eine falsche Verbindung. ohne den weißen Wagen zu bemerken.sank auf den Stuhl. Nach Aussagen von Zeugen gelang es der Frau. warum bin ich nicht bei dir geblieben? Warum war ich nur so überheblich und anmaßend? Der Mord war in Santa Barbara geschehen. Er mußte den Beamten erklären. Catherine! Aber der Anrufer wollte nur die Anfangszeiten der Kinos wissen. Aber das war vor zwei Tagen. wer diese Frau war. stand in dem Artikel. Cathy. Aber so sah sie aus. Catherine zu finden. Der Polizeizeichner hatte nichts von ihrem Wesen wiedergegeben. Das Bild zeigte eindeutig sie. und ihnen über die Hintergründe alles sagen. warum habe ich das alles nicht verhindert? Das Telefon hörte auf zu klingeln. Cathy. er mußte auf der Stelle zur Polizei gehen. 265 . denn er bekam plötzlich weiche Knie. Fassungslos las er den Artikel noch einmal Wort für Wort und hörte dabei nicht. was er wußte. Die Telefonnummer des Instituts unterschied sich nur in der letzten Zahl vom Kinocenter in der Pico Street. der am Straßenrand stand und ihm folgte. Julius blickte wie gebannt auf den Apparat. dem scharfen Intellekt und den funkelnden grünen Augen. daß sein Telefon klingelte. Er mußte der Polizei helfen. Was für ein Mann war das? Hatte er Daniel ermordet? Hatte er Catherine entführt? War ihr Leben in Gefahr? War sie womöglich bereits tot? Mein Gott. Er hatte keine andere Wahl. mit einem Mann in einem Auto zu fliehen. Fünf Minuten später fuhr er vom Parkplatz. Sie ist mit einem unbekannten Mann davongefahren… Julius sprang auf. Inzwischen konnte Catherine überall sein.

Man hat uns beschimpft. dem Strom seiner Gedanken Einhalt zu gebieten. das Porträt einer Frau und die Photographie des JesusFragments mit dem beunruhigenden Inhalt waren der Anlaß für die außerplanmäßige und dringende Audienz beim Papst. Wenn man will. und das heißt: die Wachhunde Gottes. während er vor dem Arbeitszimmer des Papstes im apostolischen Palast auf und ab ging. dem heiligen Dominic. Wir haben doch nur versucht. So heißen wir nach dem Ordensgründer. die Kirche vor Häretikern und Teufelsanbetern zu schützen. anstatt sich auf die Alltagspflichten zu konzentrieren. verselbständigten sich seine Gedanken immer öfter. das wurde ihm plötzlich bewußt. unbekannte Wege beschritt und sich im Labyrinth seiner Innenwelt verirrte. wo die Wachen nur mit Mühe die Menschen unter Kontrolle halten konnten. Der Kardinal fühlte sich angegriffen und rechtfertigte sich stumm. Aber warum haßt man uns so? Pierre Lefevre führte stumme Selbstgespräche. Während er sich den unberechenbaren Windungen seiner Gedanken überließ. Die Angelegenheit mit dem geheimnisvollen 266 . Rom Die Wachhunde Gottes… ja. war der Zeitungsartikel vergessen. Ein Wortspiel mit dem Namen unseres Ordens – Dominikaner. anstatt uns Beifall zu zollen… Lefevre zwang sich. kann man den Namen als Domini Cane lesen. Aber die Schlagzeile. So nennt man uns. In letzter Zeit. das stimmt. Er überließ sich abstrakten Erörterungen oder Erinnerungen. die sich dort drängten.Der Vatikan. Auch von hier hatte man einen Blick auf den Petersplatz.

Die hagere Gestalt warf lange Schatten auf die alten Möbel und kostbaren Gemälde.Fund auf der Sinaihalbinsel. Die Besucher waren fast ausschließlich Männer. nahm eine unvorhergesehene und gefährliche Wendung. Freundlich lächelnd sah er die anderen an. Der Mönch in der braunen Kutte. Hin und wieder erschien auch eine Delegation. kam wegen ihrer Missionsstation in Angola. saßen auf den mit rotem Brokat bezogenen Sesseln oder gingen unruhig auf und ab. katholische Laien aus verschiedenen Ländern. der ihn in Alarmbereitschaft versetzt hatte. Er war mit seinen fünfundsiebzig Jahren noch immer groß und im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte. Der alte Kardinal richtete sich auf. Er wollte auf jeden Fall verhindern. der sich angeregt mit dem Präfekten der Heiligen Kongregation für katholische Erziehung unterhielt. und die Schwester in Weiß arbeitete im Gesundheitsdienst des Vatikans. den Papst zu sehen. Kardinal Lefevre nahm seinen Gang durch das Vorzimmer wieder auf. aber Seine Heiligkeit machte den Frauen niemals falsche Hoffnungen. Frauen die Priesterweihe zu gestatten. die um eine Audienz nachgesucht hatten. Kardinal Lefevre nickte Bischof Monduzzi zu. um eine Bittschrift zu übergeben. in der man Seiner Heiligkeit nahelegte. den die Jesuiten betrieben. kam zweifellos von der Libreria Editrice Vaticana. dem Präfekten des päpstlichen Haushalts. Die Nonne in der grauen Tracht. die ebenfalls darauf warteten. Nur wenige Frauen baten um eine Audienz beim Papst. kamen mit Sorgen zu seiner Heiligkeit. Unter dem Caravaggio stand Vater Bailey vom Vatikansender. Aber alle Anwesenden. der nachdenklich eine alte römische Büste betrachtete und ein Manuskript unter dem Arm trug. dem Verlag des Vatikans. Auch Besucher in dunklen Anzügen. das wußte Lefevre. daß man ihm seine Sorgen ansah. Er 267 .

›Du bist für Paraden wie geschaffen!‹ pflegte sein Vater im Scherz zu sagen.war schon immer einen Kopf größer als seine Mitmenschen gewesen. weil sie die Kirche verteidigten. Die Zeichen deuten auf Gefahr. Hatte er die geliebten Eltern tatsächlich vor einem halben Jahrhundert beerdigt? »Eminenz?« Lefevre kniff die Augen zusammen und sah den jungen Priester an. Die Angelegenheit war zu wichtig. um sich von nostalgischen Erinnerungen ablenken zu lassen. Wie viele Jahre war es eigentlich her. Möglicherweise steht uns der letzte und entscheidende Kampf bevor. Lefevre lächelte bei der Erinnerung. 268 . sagte der junge Mann und führte ihn zur Tür. Es ist wieder soweit. Papa wiederzusehen. daß… Unmöglich! Die Zeit verging wie im Flug. Wachhunde Gottes! So hatte man vor einigen hundert Jahren die Dominikaner bezeichnet. Papa… Es wäre schön. Lautlos fiel die Tür hinter ihm zu. Der Kardinal richtete sich noch einmal energisch auf und konzentrierte sich ganz auf seine Aufgabe. Ein langer Weg schien ihn von den Tagen der Kindheit in dem kleinen Dorf in der Provence zu trennen. der ihn offenbar angesprochen hatte. »Seine Heiligkeit lassen bitten«. Die Kirche muß geschützt werden.

sagte Garibaldi und tippte auf der Tastatur des Laptop eine Telefonnummer. in der ihre neuen Jeans und die Bluse verpackt gewesen waren. daß es klappt«. Kalifornien »Ich hoffe. Wenn Havers die Nummer Ihrer Kreditkarte hat. wie heißt er? Catherine kamen vor Enttäuschung beinahe die Tränen. sagte Garibaldi und blickte auf den Monitor. eine starke Lupe und Pinzetten. daß Sabina diesen römischen Kaiser noch einmal erwähnte. Aber Catherine hätte eine bessere Beleuchtung gebraucht. Garibaldi hatte ihr den Tisch überlassen. um die winzigen abgelösten Fragmente behutsam wie ein Puzzle zusammenfügen zu können. »müssen wir schnell sein. damit sie die Rolle glatt ausbreiten konnte. An dieser Stelle war ein Stück Papyrus abgebrochen und für immer verloren. Catherine saß am Tisch und entfaltete behutsam den zweiten Papyrus. wo 269 . ›Das war im vierten Jahr der Herrschaft des Kaisers…‹ Verdammt. Catherine fehlten in diesem Augenblick ein richtiger Arbeitsplatz und die notwendigen Instrumente.Goshen. »Sobald wir uns ins Netz eingewählt haben«. und er saß auf dem Bett. wird er damit bald das Konto Ihrer Zugangsgenehmigung finden. Die Faltstellen der zweiten Schriftrolle erwiesen sich jedoch als weniger haltbar als die der ersten. Sie konnte nur hoffen. Manche schienen bereits bei der leisesten Berührung zu reißen. Aber um zu erfahren. Sie hatte diese notwendigen Dinge bei einem kurzen Einkauf in einem billigen Einkaufscenter am Stadtrand erstanden. Der Laptop stand auf einem Stuhl. Der erste war von Anfang bis Ende übersetzt und lag in der Pappschachtel.

Ein Internet-Konto konnte man nur mit einer Kreditkarte eröffnen. Aus Vorsicht wählten sie kleine Landstraßen. Deshalb habe ich einen Server in Orange County gewählt.Sie sich aufhalten. aber festgestellt. die durch Farmland führten. Für das LaptopModem benötigten sie jedoch einen direkten Anschluß. wie er die Nummer erneut anwählen ließ. die Prophetin. Sie hatten es zuerst mit Garibaldis Karte versucht. Deshalb 270 . dachte sie an ihre Ausgrabung. murmelte Garibaldi. Beim Sonnenuntergang hielten sie Ausschau nach einem Motel. Mirjam. Hatten die Behörden die Arbeiten unterbunden? Wurde womöglich in der Nähe wieder gesprengt? War Hungerford ersetzt worden und der Hotelneubau ging zielstrebig voran? Oder hatten ägyptische Archäologen damit begonnen.… Während Catherine mit angehaltenem Atem den spröden Papyrus auseinanderfaltete und immer wieder verzweifelt feststellte. denn ›Goshen‹ lag nach den Worten der Bibel an dem Weg. Das wird ihn auf die falsche Spur setzen. waren für ihre Zwecke nicht geeignet. daß die Ränder abbrachen und sich manche Bruchstücke sofort in Staub auflösten. den Brunnen freizulegen und das Skelett zu bergen? »Ich habe noch keinen Zugang«. muß er das Zugangssystem knacken. Die ersten. der mit der Vorwahl ›9‹ eine Verbindung herstellte. an denen sie vorüberkamen. Schließlich fanden sie in einer kleinen Stadt am Fuß der Sierras ein geeignetes Motel. Die Stadt hieß ›Goshen Junction‹. Catherine mußte lächeln. und Catherine hörte. Nachdem sie Sacramento verlassen hatten. auf dem Mirjam und Moses ihr Volk aus Ägypten herausgeführt hatten. denn sie hatten Telefonanlagen.« Sie befanden sich nicht in Orange County. waren sie nach Süden gefahren. daß er sein Limit überschritten hatte. LinkNet lehnte die Karte ab.

das außer Sichtweite stand. Garibaldi hob den Kopf. »Ist alles in Ordnung?« »Für die Schriftrollen ist diese Flucht eine Katastrophe! 271 . sagte er kopfschüttelnd und ließ das Modem neu wählen. die Sacramento Bee. auch wenn sie wußten. daß der Zugang innerhalb von zwei Stunden nach dem Kauf aktiviert wird. Garibaldi hatte an der Rezeption die Formalitäten erledigt. Nur wenige. Garibaldi regelte den Ton herunter. Catherine blieb im Auto sitzen. daß LinkNet in Orange County die Verbindung freischaltete. daß Havers jeden Vorgang auf dem Kreditkartenkonto ›sah‹. wie zum Beispiel LinkNet. Dabei trug er wie immer seine Soutane. In allen Ausgaben entdeckten sie Catherines Porträt. In der Praxis schien das allerdings nicht immer zu funktionieren. »Verdammt…«.benutzten sie Catherines Karte. Bei jedem Aufenthalt. ja selbst im Einkaufszentrum hatten sie sich die Zeitungen angesehen – die lokalen. das steht nicht nur auf dem Papier!« Er hatte sich um verschiedene Server bemüht. »Noch immer nicht«. murmelte sie. und man mußte vor fünf Uhr nachmittags kaufen. Die meisten boten ihren Service nicht an Sonntagen an. nutzten die Ungeduld vieler Anwender und boten einen schnellen Zugang. »Dabei werben sie damit. um die Nachrichten zu sehen. aber auch die Fresno Bee. Der Wettlauf hatte eine neue Dimension angenommen. sei es um zu tanken oder um etwas zu essen. während er darauf wartete. die Los Angeles Times und sogar die San Diego Union. Ab jetzt mußten sie schneller als ihr Verfolger sein. Ich hoffe. um am nächsten Tag ab zwölf Uhr mittags den Zugang zu bekommen. Im Motel hatten sie sofort den Fernseher eingeschaltet. Zwischen Catherines Fingern zerbröckelte wieder ein winziges Papyrusstückchen.

fragte Catherine: »Und was ist. Er setzte sich auf das Bett und tippte die Telefonnummer. es ist nicht meine Schuld. wenn sie zu Staub zerfallen!« Er stand hinter ihr und lächelte. sagte sie schnell und deutete auf den Computer. daß er Priester war. als sich nämlich Schwester Agnes versehentlich in die Kammer mit den Sportgeräten eingeschlossen hatte. noch dazu ein gutaussehender Mann. Ich hoffe nur. aber in Jeans und Hemd wurde er auf einmal nur ein Mann. Während sie auf das Wählgeräusch des Modems lauschten. die er ebenfalls bei ihrem Einkauf erstanden hatte. Ich müßte unbedingt ein paar Stunden 272 . Ich muß allerdings gestehen. Mit der Soutane hatte sie wenigstens dieses Problem nicht. daß ich bisher nur ein einziges Mal vor einer ähnlichen Herausforderung stand. Die Soutane erinnerte sie ständig – leider auf bedrohliche Weise – daran. Er trug ein neues Leinenhemd und neue Jeans. während Vater Murphy neben mir stand und mir zehn Dollar versprach. und plötzlich stieg ihr der Duft seines Rasierwassers in die Nase.« Da sie schwieg. Ich mußte die Zahlenkombination des Schlosses herausfinden. »Versuchen Sie es noch einmal«. wo sie unter Glas liegen und die Luftfeuchtigkeit ständig überwacht wird.Man muß sie unbedingt an einen sicheren Ort bringen. wenn es nicht funktioniert?« »Wir werden uns etwas einfallen lassen. Sie blickte zu ihm auf. fragte er aufrichtig besorgt: »Wie geht es Ihnen wirklich?« Catherine rieb sich die Augen. Das brachte sie wie schon mehrmals innerlich aus dem Gleichgewicht. wenn ich sie bis zum nächsten Morgen dort schmoren lassen würde. »Ich bin einfach übermüdet.

murmelte sie und zwang sich. und ging ins Bad. Kurz darauf erschien sie mit einem Handtuch um die Schultern. aber nicht so kurz wie Ihre Haare. »Wie kurz soll es werden?« fragte er. »Kurz. »Kurz geschnittene Haare sind gerade nicht Mode. ist das Ergebnis bestimmt eine Katastrophe.« Als er die erste Haarsträhne abschnitt.« »Welche?« Er zögerte und sagte dann: »Pangamot…« Garibaldi schwieg. als Catherine auf dem Stuhl saß. und da Catherine ihm keine weiteren Fragen stellte.« Garibaldi stand auf und fragte: »Wollen Sie es wirklich tun?« Mit einem Blick auf die Zeitung und ihrem Bild auf dem Titelblatt erwiderte sie: »Mir bleibt keine andere Wahl. mit der Übersetzung später weiterzumachen.« Sie beschloß.« »Ich schneide Haare immer nur mit Hilfe einer Suppenschüssel«.« »Verstehe…« Er lachte. nicht auf die Haare zu 273 . Die Haare waren klatschnaß. Nachdenklich blickte er auf die langen kastanienbraunen Haare und fragte: »Soll ich sie wirklich abschneiden?« »Keine Angst. aber bei mir hat das praktische Gründe.schlafen. Sie hatte eine Schere in der Hand und sagte: »Wir sollten das so schnell wie möglich hinter uns bringen. ich wollte mir die Haare schon lange kürzer schneiden lassen.« »Soll ich sie nur kürzen?« »Sagen wir bis zum Nacken. sagte er und nahm ihr die Schere aus der Hand. hörte Catherine vom Parkplatz ›O du Fröhliche…‹ »Kaum zu glauben«. verzichtete er auf eine Erklärung. Werden Sie mir helfen? Wenn ich es selbst mache.

»Ich hatte nicht einmal Zeit. Julius wollte.« »Mit etwas Glück und Ausdauer«. er habe keine Familie. Wieder landete eine Strähne im Papierkorb. »In fünf Tagen ist Weihnachten. um die Haare gleichmäßig schneiden zu können. Gibt es wirklich so wenige Menschen. im Internet.« »Julius ist Ihr Verlobter?« Schnipp. und Danno würde noch leben. »finden wir alle Antworten. ich würde ihn so gerne anrufen. Ich möchte wenigstens mit ihm reden. wäre ich nicht mehr dort gewesen. »Wann wollen Sie heiraten?« »Wir sind nicht offiziell verlobt. als Sie es jetzt für möglich halten. Und die Hochzeit… mein Gott. die Sie brauchen. Und Freunde? Julius war ein Freund und Danno. daß Haareschneiden etwas so Intimes sein konnte. Es war ihr noch nie aufgefallen. daß ich die Grabungen unterbreche. um mit ihm die Feiertage zu verbringen.« Familie und Freunde… Ich habe keine Familie.« Sie legte die Hand auf den Jadeanhänger. wirkliche Freunde? »Sie waren in Israel«. als Hungerford die Sprengung anordnete. sagte Garibaldi und bewegte sich etwas zur Seite. seine Hände. sagte sie leise und spürte immer deutlicher seine Nähe. nicht einmal entfernte Verwandte. aber ihn hatte sie verloren. Schnipp. Gab es für ihn Freunde? Hatte ein Priester überhaupt Freunde. ihm ein Weihnachtsgeschenk zu kaufen. Nichts von all dem wäre geschehen. die im Papierkorb landeten. »Warum sind Sie vor Weihnachten abgereist?« Er lachte. »Waren Sie einmal während der Weihnachtszeit in Jerusalem? Selbst eine Ratte bekäme 274 . die mir nahestehen? Garibaldi hatte gesagt.achten. Wenn ich auf ihn gehört hätte. Dann sind Sie schneller wieder bei Ihrer Familie und Ihren Freunden.

Und dieses Jahr war alles noch schlimmer. Mirjam war zusammen mit Moses eine Anführerin der Israeliten. erwiderte er nachdenklich und schnitt weiter. nur ihre Haare zu berühren. sich mit ihrer Rolle abzufinden. aber sie konnte ihm keinen Vorwurf machen. Er schnitt wirklich sehr viel Haar ab. Er bemühte sich auffällig darum. »Ja«.« Sie fragte überrascht: »Sie kennen die Geschichte?« »Nun ja. Kapitel zwölf. »Die Weite der Wüste… Was haben Sie eigentlich im Sinai gesucht? Der Besitzer des Hotels Isis sagte etwas vom Zug der Israeliten durch die Wüste. ich bin Priester.« »Natürlich nicht. Es gab im Hotel kein einziges freies Zimmer mehr. denn darum hatte sie ihn 275 . Ich glaube. um auch nur die halbe Länge der Via Dolorosa zurückzulegen. wenn wir zugeben würden. aber meine Theorie ist bei den Bibelforschern nicht sehr beliebt.« »Ich suche Mirjam. »Die Prophetin. Ein Blick in den Papierkorb ließ sie schaudern. daß auch er solche Empfindungen hatte. Ich habe fünf Stunden gebraucht. Seine Nähe schien von ihr Besitz zu ergreifen.dort Platzangst.« Er nickte.« »Dann sind Sie also in die Weite des Sinai geflohen?« Er schwieg und hörte auf zu schneiden. Sie wußte. Sie spürte seinen Atem im Nacken. Sie spürte seine Berührung nicht nur am Kopf und im Nacken. Wie sollten wir die Frauen davon überzeugen. und zuckte bei jedem zufälligen Kontakt mit ihrer Haut zusammen. Das Buch Numeri. daß sie in biblischen Zeiten gleichberechtigt waren?« Das Gefühl der Intimität wurde noch stärker. Ich kenne die Worte der Bibel: ›Hat etwa der Herr nur durch Moses gesprochen? Hat er nicht auch durch uns gesprochen?‹« »Richtig.

holte Catherine tief Luft. Er hob die Augenbrauen. Er tat es schnell und mit sichtlichem Unbehagen.gebeten. aber Garibaldi kam ihr zuvor und reichte ihr die Packung ›Ultra Weißblonde »Hier steht. um sein Werk zu begutachten. »Fertig!« verkündete er schließlich.« »Dazu habe ich keine Zeit. »Ja.« 276 . Schließlich wollte sie dem Zeitungsporträt so wenig ähnlich sehen wie möglich. Der neue Haarschnitt schien sie beunruhigend verwundbar zu machen. die Haare nach vorne kämmte und eine Hand über ihre Augen hielt. Catherine trat vor den Spiegel. »So. Sie trug die Haare immer lang. man soll achtundvierzig Stunden vor dem Färben einen Allergietest machen. Er hielt inne. ihr einen Pony zu schneiden. und es klang erleichtert. »Ein Pony? Sind Sie sicher?« Der Einfall überraschte sie selbst. Der Nacken lag völlig frei.« Als Garibaldi vor ihr stand. kämmte die Haare noch einmal nach vorne und löste eine Strähne hinter dem linken Ohr. denn die Idee war ihr spontan gekommen.« Sie wollte aus der Tragetasche die Tönung holen. »Ist es so in Ordnung?« fragte er schließlich und trat einen Schritt zurück. Seine Knie berührten ihre Beine. Sie waren sehr kurz. »Wie wäre es mit einem Pony?« fragte sie schließlich. Plötzlich wußte sie. Der Gürtel seiner Jeans war direkt vor ihrem Gesicht. jetzt kommt der nächste Schritt. bitte. Es war wie eine flüchtige Liebkosung. weshalb sie ihn aufgefordert hatte. daß sie vor Verlegenheit rot wurde. Sie schloß die Augen und überließ sich dem Gefühl seiner Hand über den Lidern. Catherine betastete die Haare. und Catherine spürte. und das rief bei ihr ein seltsames Gefühl von Nacktheit hervor.

erinnerte sie sich an das Gefühl von Garibaldis Fingern in ihrem Nacken. »Dann gehe ich inzwischen eine Abendzeitung kaufen. und massierte sie dann in die Haare. zog sie eine Plastikhaube über die Haare. Im Spiegel sah sie hinter sich die lackierten Stöcke. Als sie die Plastikhandschuhe anzog. »Wollen Sie das wirklich tun?« »Ich muß mein Aussehen drastisch verändern. daß ihre Wangen immer noch glühten. Als die Meldung: BENUTZER 277 . die er im Gepäck hatte. das Geräusch der Schere und das Gefühl seiner Kraft stellte sich wieder ein. Der Geruch von Ammoniak verbreitete sich im Bad. daß Garibaldi sie nicht nur auf der Verstandesebene beeinflußte. und das Modem wählte. Aber keine Angst. Wer ist er wirklich? Was für eine Vergangenheit hat er? Aus welcher Familie kommt er? Warum ist er Priester geworden? Als die Flüssigkeit auf dem Kopf gleichmäßig verteilt war. Sie ging ins Zimmer und setzte sich an den Computer. Sie schüttelte die Flasche. Im Spiegel sah sie verblüfft. Der Gedanke an seinen Körper in ihrer Nähe. Sie nahm die Verschlußkappe der Flasche ab und füllte das Farbgel in die Flasche mit dem Entwickler. Außerdem gibt mir das endlich einmal die Möglichkeit herauszufinden.Er sah sie kopfschüttelnd an.« Er nickte und ging zur Tür. zum Haarefärben brauche ich Ihre Hilfe nicht. daß das Gel fünfundvierzig Minuten einwirken mußte. Sie mußte sich in diesem Augenblick eingestehen. tippte die Zahlenfolge. In der Gebrauchsanweisung stand. ob Blondinen wirklich mehr Spaß im Leben haben. und ihre Augen begannen zu brennen. um die Flüssigkeiten zu mischen.« Catherine verschwand im Bad.

das sie sich ausgedacht hatten. Bei welcher Datenbank sollte sie die Suche beginnen? Bei Lycos. Catherine ließ das Modem noch einmal wählen und gab das Paßwort ein. Das bedeutete. Carnegie-Mellon Universität. Lycos meldete ihr neunundzwanzig Einträge. Dann kam ein neues Geräusch. »Okay«. Inzwischen hätte der Zugang freigeschaltet sein müssen. Der Cursor blinkte auf: SUCHBEGRIFF. Wie hieß dieser Kampfsport? Pangamot! Sie tippte das Wort und drückte dann auf Eingabe. Es klang wie das Öffnen einer rostigen Tür – der Computer machte seinen ›Handshake‹. Pangamot ist aggressiv. Sie wählte einen kürzlich im Soldier of Fortune erschienenen Artikel und las: ›Für den Pangamot-Kämpfer ist Selbstverteidigung passiv. »Was suche ich als erstes? Antiochia?« Ihr Blick fiel auf die lackierten Stöcke. Das Konto war schon seit über zwei Stunden eröffnet. der Zugang war noch nicht aktiviert. Es ist ein Kampf um 278 . Das Such-Menü erschien. tippte sie ›Phantom‹. Sie lachte und flüsterte: »Wir haben die Zugangsberechtigung!« Sie klickte auf ›NetScape‹ und danach auf ›NetSearch‹. murmelte Catherine.erschien. Was mochte der Grund für die Verzögerung sein? Sie tippte noch einmal die Zahlenfolge. hörte das Modem wählen und den Signalton… Sie wartete mit angehaltenem Atem. beschloß sie. Sie klickte auf ›Search Large Data Base‹. das Paßwort. UNGÜLTIGES PASSWORT. Kurz darauf erschien die Meldung: UNGÜLTIGES PASSWORT.

« Sie sah ihn an. meine eigene. Dort befanden sich Zeichnungen von Kampfstellungen mit den gleichen lackierten Stöcken.« »Nein. Sie wurden eindeutig als todbringende Waffe eingesetzt.‹ Ein Textverweis öffnete ihr die Netz-Seite über den philippinischen Kampfsport. daß Sie die Gewalt Ihres Gegners unter Kontrolle halten?« Er schüttelte den Kopf. Es gibt keine Regeln. Sie setzen auf Gewalt. aber wie unter einem Zwang fragte sie: »Warum lassen Sie sich die Haare so kurz schneiden? Sagen Sie es mir!« »Zu den Techniken beim Pangamot gehört es. ich übe Kontrolle über die Gewalt aus.« »Es ist ein aggressiver Kampfsport. »Ich hätte die Frage nicht stellen sollen.« Ihr wurde plötzlich kalt. und…« »Und?« Und Sie sind Priester. »Sie haben gesagt.« »Warum sind Sie so schockiert?« »Ich hasse Gewalt in jeder Form. Sie hörte nicht. hatte sie sagen wollen. sondern nur sein Leben. Plötzlich stand er hinter ihr und sagte: »Sie hätten mich fragen können. »Nein.« Catherine sah ihn nicht an. daß die Tür aufging und Garibaldi wieder zurück war.« »Das habe ich nicht gesagt. Widerwillig. wie Garibaldi sie benutzte.« Er deutete auf den Bildschirm. was Sie wissen wollen. Der Sieger erhält als Preis keine Siegestrophäe. den Gegner bei den Haaren zu packen und ihn…« Sie starrte auf den Boden. Pangamot sei eine Art Selbstverteidigung. Ich kann 279 .Leben oder Tod. »Ich hätte alles beantwortet. »Wollen Sie damit sagen.

Er streckte sie aus. sagte sie. »Suchen Sie nach ›König Tymbos‹. drehte sich um. der Weg. glänzenden Stöcke. Als er nichts erwiderte.« Garibaldi tippte ›König Tymbos‹ und klickte auf: SUCHE BEGINNT. die Nachricht von der Niederlage der römischen Legionen in Germanien löste großen Schrecken aus…« Ihr Blick fiel auf die Schlagzeile der Abendzeitung. »Hier. 280 . löste die Riemen seiner Reisetasche und nahm die lackierten Stöcke in die Hand. Diakon. dachte sie. Das müssen wir als erstes finden… »Tymbos«.« Er stellte die Stöcke an die Wand. »Ich werde die Suche beginnen. das sie über die Papyri wissen mußte? Ihr Alter. sagte sie und sah ihm direkt in die Augen. nehmen Sie die Stöcke…« »Nein.« »Es sind nur zwei lackierte Bambusstöcke. Womit soll ich anfangen?« Sie überlegte. »Ich habe keine Angst vor dem Bambus«. wann sie geschrieben wurden. Vielleicht können Sie Ihre Angst besser überwinden. Er musterte sie. stand sie auf und murmelte: »Tut mir leid. Sabina sagt. daß ein Priester einen Kampfsport ausübt.nicht gutheißen. wenn Sie sie in die Hand nehmen. Ich muß ins Bad und die Haare ausspülen. ›PROPHEZEIT DAS JESUS-FRAGMENT DEN WELTUNTERGANG?‹ Und Catherine dachte: Das siebte Buch. ich möchte wirklich nicht mehr darüber reden. »Wir müssen herausfinden. der Gerechte… Was war das Wichtigste.« Catherine blickte stumm auf die langen.

Sie fand Miles im Tropenhaus bei seinen Orchideen. dann drehte sie sich um und verließ den Raum. sagte sie anklagend. daß so etwas in Zukunft unterbleibt?« »Leider scheint das der Preis zu sein. mein Schatz. und legte auf. »Schon wieder«. wo riesige Kakteen in großen Töpfen im kalten Mondlicht standen. »Tut mir leid. Damit konnte er sich einen Namen machen. kannst du nicht dafür sorgen. Wer hat sich diesmal gemeldet?« »Das Städtische Leichenschauhaus! Ich finde das wirklich nicht komisch. die Computersysteme von Miles Havers zu knacken. den ich zu zahlen habe. Meist war alles völlig harmlos. Sie überquerte den Innenhof und eilte durch die verglasten Bögen. »Den ganzen Tag über habe ich auf meiner Nummer keinen einzigen Anruf bekommen. uns so zu ärgern?« Miles wußte. New Mexico Das Telefon klingelte achtmal. es gab keine Möglichkeit. ich muß mich verwählt haben«. bevor sich eine Männerstimme mit ›Städtisches Leichenschauhaus‹ meldete. und die Gespräche wurden wie auch diesmal nur zu einer anderen Nummer 281 . Miles. Schließlich habe ich die Sache überprüft und mit einer deiner Nummern meine Nummer angewählt. Erika Havers murmelte: »Entschuldigung. dem Spiel ein Ende zu setzen. Jeder neue Hacker versuchte früher oder später.Santa Fe. Sie blickte kopfschüttelnd auf das Telefon.« »Aber sollte man nicht denken. Wie es aussieht. haben uns diese Hacker wieder einmal aufs Korn genommen. daß diese infantilen Leute inzwischen genug davon haben.« Miles legte die Gartenschere auf den Stein.

Liebling.« Miles nickte. erwiderte Teddy kopfschüttelnd. daß ich am Werk war. »So etwas habe ich noch nicht erlebt…«. Miles. »Wissen wir etwas über den Leihwagen?« fragte Miles. Wir haben trotzdem mehr als tausend Gäste.« »Ach.« »Gewiß. wo Teddy Yamaguchi vor der Bildschirmwand saß. Ich habe nur einen Paßwortsucher eingesetzt und im Handumdrehen alles überspielt. Erika hatte dafür kein Verständnis und klagte: »Inzwischen werden meine Anrufe jede Woche mindestens einmal einfach weitergeleitet…« »Also gut.« »Mach dir nichts daraus. denn sie wollen die Jahrtausendwende mit ihren Kindern auf Fidschi feiern und über die Datumsgrenze nach Tonga fliegen. begleitete sie ins Haus bis zum Fahrstuhl und fuhr auf der Stelle hinunter in den Kommunikationsbunker. Senator Fowler und seine Frau haben abgesagt. was ich brauche. als in das System dieser Leihwagenkette zu kommen. Also habe ich nach der Marke und dem 282 . Sie kommen nicht zur Silvesterparty.« Miles blickte mit zusammengekniffenen Augen auf die Liste der Namen und Zulassungsnummern auf dem Bildschirm. »Und?« »Zuerst habe ich die Zulassungsnummer für den Wagen nicht gefunden. erwiderte er lächelnd.umgeleitet. Es fehlt sogar ein Schutzschild. um sie vierundzwanzig Stunden später noch einmal zu erleben. Liebling«. nur darf mein Telefon nicht immer wieder gestört sein. »Ich werde mich darum kümmern. Sie haben ein richtiges Mickey-MausSicherheitsprogramm. übrigens. »Es ist nichts einfacher. Sie ahnen nicht einmal.

« »Soll das heißen. Doch dieser Monitor blieb leer und stumm. »Dieser ›Jemand‹ wußte. dessen Nummer außer einem einzigen Mann niemand kannte. Miles ging zu der Wand. wo die Fax-Bildschirme standen und Geschäftsnachrichten aus aller Welt eingingen. Warum dauerte alles so lange? Nachdem Zeke die Photos der Schriftrollen aus Santa Barbara geschickt hatte. Aber sein Interesse galt im Augenblick nur einem Faxgerät. zu ihrer Wohnung zurückzukehren. wußte genau. aber die Kreditkarten-Nummer des Kunden ist gelöscht worden. Alexander hatte Stevensons Computer mit dem Tagebuch. jemand ist uns zuvorgekommen und hat die Daten absichtlich unlesbar gemacht?« Teddy gab dem Drehhocker einen Schubs und sah seinen Boß an. was er damit bezwecken wollte.Modell suchen lassen. Dr. Aber er ging auf Nummer Sicher und ließ alle erdenklichen Stellen überwachen. Er mußte diese Frau finden. Er hat sie nicht nur gelöscht. »Kann man sie zurückholen?« Teddy schüttelte den Kopf. Es ging inzwischen nicht nur um die Schriftrollen. Miles bezweifelte. ließ Miles 283 .« »Ist der Wagen da?« »Er ist da. Catherine Alexander. wo das Videobild einer Straße zu sehen war. »Wer die Nummer gelöscht hat. Die Videokamera überwachte die Wohnung von Dr. daß die Archäologin so töricht sein würde.« Miles hob die Augenbrauen. sondern die Daten zerstört. daß wir die Kreditkarten-Nummer haben wollen.« Miles starrte verärgert auf den Bildschirm. Dort stand der Name seines Mörders… Sein Blick wanderte die Reihe der Bildschirme entlang bis zum Ende.

daß er auch die zweite Seite nicht besaß.sie reproduzieren und mit der Anweisung nach Ägypten fliegen. sie befand sich ihm gegenüber auch noch in anderer Hinsicht im Vorteil. 284 . bis zu dem abrupten Ende: ›… nimm sie mit zu König‹ Miles hatte sofort seine Photos nach der Fortsetzung überprüft. Die ersten übersetzten Seiten hätten inzwischen längst hier eingetroffen sein müssen. daß sie so dumm ist. Wie hieß der König? Die Archäologin kannte nicht nur den Namen. Das war vor sechsunddreißig Stunden gewesen. »Wir haben wieder etwas!« Miles ging sofort zu ihm zurück und blickte auf den Bildschirm. Die Zeitung hatte sogar eine Übersetzung abgedruckt. Während Miles untätig auf ein Fax wartete. die Zeke zurückgelassen hatte. Er würde für eine grundlegende Änderung sorgen. Verblüfft sagte er: »Sie hat ihre Kreditkarte noch einmal benutzt? Ich kann nicht glauben.« Teddy tippte wie rasend auf der Tastatur und murmelte: »Vielleicht ist sie nicht so dumm. Sie mußte bei der Polizei liegen. Es stellte sich jedoch heraus. dieser König sei im Besitz der siebten Schriftrolle. Sie würde natürlich nach ihm suchen. Alexander glaubte. wie alle anderen. die Miles begierig las. Miles war sehr unzufrieden mit der augenblicklichen Lage. sie sofort zu übersetzen. Auf der ersten Seite der Zeitung hatte er die allererste Seite der Schriftrollen gesehen. »Mr. die Zeke und sein Partner bedauerlicherweise in Stevensons Wohnung zurückgelassen hatten. Havers!« rief Teddy plötzlich. Nimm sie mit zu König… Jetzt verstand Miles die Frage von Daniel Stevenson: »Wie heißt der König noch?« Dr. Mit Entsetzen dachte er an den Morgen dieses Tages. konnte sie den Originaltext nach Hinweisen auf das Versteck der siebten Schriftrolle durchsuchen.

»Orange County. sagte Miles. Das Spiel lief auf vollen Touren. verfolgen Sie die Spur. 285 . Es war soweit! Die Archäologin hatte sich ins Internet eingewählt. Zucker und Koffein verschafften ihm einen Adrenalinstoß. »LinkNet…«.« »Bin schon dabei. Alexander mit ihrer Karte eine Zugangsberechtigung gekauft. der ihn in die richtige Hacker-Laune versetzte. Havers.« Teddy schob sich lachend eine Handvoll seiner Lieblingssnacks in den Mund.«. Es wird gleich auf dem Bildschirm angezeigt werden. Mr.« »Welche hat sie?« »Einen Augenblick. Also los.Diesmal hat Dr. Ich wette. sie ist nicht in Orange County.

Retter – und ergab das lateinische Wort für ›Fisch‹. etwas über sie zu finden. Benutzte Sabina eine ähnliche Verschlüsselungstechnik? Garibaldi blickte auf die digitale Zeitanzeige des Monitors.« »Möglich«.‹ »Stimmt«. Wissen Sie. dann sollten wir uns besser wieder aus dem Internet verabschieden. ›Der 286 . Garibaldi bekam große Augen. Sind Sie sicher. »Sie sehen so anders aus.« Sie blickte auf den Monitor. Ich wünsche Ihnen diesmal mehr Glück. Das Anagramm ›Ichthus‹ entstand aus den ersten Buchstaben des Satzes: Iesous Christos Theou Uios Soter – Jesus Christus. der Weg. »Daran gibt es keinen Zweifel. Kalifornien »Tut mir leid. Sie dürfen es noch einmal probieren. stimmte ihm Catherine zu. Perpetua. Oben auf der zweiten Seite stand: ›TYMBOS. sagte Garibaldi.Goshen. dann drehte sie sich um und holte die Pappschachtel mit der ersten Schriftrolle. der Gerechte… Ohne die Familiennamen der Frauen war es schwer. murmelte Garibaldi. »Ich glaube. Könnte es ein Anagramm sein? Die frühen Christen hatten eine ausgeprägte Vorliebe für solche Spielereien.« »Genau das wollte ich. Sohn Gottes. Auf diese Weise war eines der ersten Symbole des christlichen Glaubens entstanden. wie zum Beispiel ›Ichthus‹.« Catherine ging in Gedanken die Liste ihrer Stichwörter durch: Amelia. es gibt keinen ›Tymbos‹«. »Es gibt weder einen König noch sonst jemanden mit diesem Namen. daß die Schreibweise richtig ist?« Catherine kam aus dem Bad und bürstete sich die kurz geschnittenen und gebleichten Haare. Sabina. wir haben Zeit für einen weiteren Suchbegriff. wenn nicht sogar unmöglich. als sie ihm das Wort zeigte.

Der kaiserliche Gesandte war ein Römer und hieß Cornelius Severus… 287 . daß die Welt vor langer. Er war ein Alchimist. wie er sagte. Sokrates und auch in den Schriften der Juden. der bis zu den entferntesten Grenzen des Reichs reiste. schloß er sich dem Gefolge des kaiserlichen Gesandten an. Man nannte diese Zeit das Goldene Zeitalter. wo steht. so behauptete er. daß Adam. Er war ein Alchimist. Damals lebten die Menschen sehr. Er sagte mir. der nach den geheimnisvollen Mysterien von Leben und Tod suchte…‹ Wie ich bereits gesagt habe. daß Philos ein Stoiker war. wo die zweite Schriftrolle bereits teilweise entfaltet lag. Philos wollte das uralte Mittel finden. der nach den geheimnisvollen Mysterien von Leben und Tod suchte. Um auf der Suche nach diesem Geheimnis durch die Welt reisen zu können. sehr lange. wenn man nur danach forschte. Ich habe erwähnt. Lycos würde ihr bei diesen Begriffen unzählige Verweise anbieten. Aber er war noch mehr. Sein Leben war eine einzige Suche. Seth und Methusalem beinahe tausend Jahre gelebt haben. um die Grenzposten zu kontrollieren und sich davon zu überzeugen. Er war bei den großen Zauberern und Eingeweihten von Persien gewesen. Hinweise darauf zeigte er mir in den Schriften von Platon. langer Zeit von Riesen bewohnt war. man konnte es wiederfinden. die Menschen das Geheimnis des langen Lebens gelernt hatten. doch er glaubte auch an die Unsterblichen. Aber. daß die Befehle Roms befolgt wurden. Philos war Arzt. Aber er war noch mehr. Allerdings geriet dieses Geheimnis vor sehr langer Zeit wieder in Vergessenheit. das ewiges Leben schenkt. und las die erste Zeile: ›Philos war Arzt.Weg‹ und ›der Gerechte‹ waren zu allgemein. von denen. Sie trat wieder an den Tisch.

/home/internet-search.html SEARCH ENGINES INFOSEEK SEARCH InfoSeek ist ein umfassendes und genaues WWWSuchprogramm.com/Titel?qt=Cornelius+Severus INFOSEEK SUCHERGEBNIS: SIE SUCHEN: Cornelius Severus Keine WWW-Einträge unter Ihrem Suchbegriff. Sie können Suchwünsche in normaler Sprache oder als Suchbegriffe und Sätze eingeben. Sie können auch besondere Such-Operatoren einsetzen: EINGEBEN: Cornelius Severus SUCHE BEGINNT SUCH-TEXT http://www2. File »Exit Dialer«Bye PPP DEAKTIVIERT NO CARRIER 288 .infoseek.mcom.http://home.

Dr. während sie die Suche laufen läßt. Dazu.« »Soll das heißen.« »Sie kann also immer neue Zugangsberechtigungen kaufen. sie vermutet. Vielleicht wären wir dann schneller und könnten sie fassen. daß sie nicht mehr ans Internet geht. Mr. Das heißt. sie kann sich einwählen und verabschieden. Wenn sie sich eingewählt hat. bevor wir sie festnageln können?« »Es sieht so aus. sagte er drohend. daß wir ihr Kartenkonto überwachen. ist sie jetzt schon nicht mehr Online. »Die Zugangsberechtigung wurde vor fünf Stunden erteilt. »Es würde helfen. Teddy schüttelte den Kopf. das ich erfunden habe. Ich möchte wetten. Havers?« 289 .Santa Fe. Diese Frau hat den großen Fehler begangen. Sie hat die Zugangsberechtigung bei LinkNet damit bezahlt. Sie hat bei Internet ihre Adresse in Santa Monica angegeben.« Miles blickte ungeduldig auf die Uhr.« »Was haben Sie vor. New Mexico »Und?« fragte Miles. »wird sie eine Überraschung erleben. wenn wir wüßten. mit mir Katze und Maus spielen zu können«. so dachte er gereizt. während wir zu spät sehen. sich ins Internet einwählen und wieder verabschieden. wonach sie sucht. Warum kam das Fax nicht an? »Wenn sie glaubt. weil wir keine Möglichkeit haben. sich auf ein Spielfeld zu wagen. müßte er die überfällige Übersetzung haben. Alexander hat ihre Kreditkarte nur für diesen einen Vorgang benutzt. was sie gemacht hat?« Teddy nickte. den Einsatz der Karte zurückzuverfolgen.

Teddy. Diese Falle wird unsere kluge kleine Archäologin nicht vermuten und sich deshalb schneller darin fangen. als sie es für möglich hält.« 290 .»Wir locken sie in eine Falle.

Raphael mit der Hornbrille und dem Lockenkopf wirkte harmlos wie ein Chorknabe. vielleicht sogar aufreizend.Sacramento. die gestern abend hier ein Zimmer gemietet hat«. Zeke wußte schon seit langem. vermutlich weil die Narbe etwas Gefährliches andeutete. sagte die Frau jetzt. Zeke habe ein männliches Ritual bestanden. »Ich darf Ihnen den Namen nicht nennen«. 291 . Wange und Lippen schnitt. Ältere Frauen dagegen reagierten abweisend. »Können Sie mir vielleicht sagen. Frauen dagegen waren unberechenbar in ihren Reaktionen. aber er lächelte charmant. Meist fanden jüngere die Narbe faszinierend. denn er wußte. sondern sein Partner Raphael. »Sieht fast wie eine Frau aus. unter welchem Namen sie sich eingetragen hat?« Diesmal stellte nicht Zeke die Fragen. schickte er seinen jungenhaften Partner hinein. Sie schienen zu glauben. antwortete sie. legte den Kopf schief und sah sie mit seinen feuchten Hundeaugen bittend an. was sie beeindruckte und ihm ihre unbewußte Anerkennung verschaffte. Die Frau ahnte bestimmt nicht. daß sein entstelltes Gesicht bei Männern und Frauen unterschiedliche Reaktionen auslöste. die durch Augenbraue. daß Raphael bereits zwölf Morde auf dem Gewissen hatte. Kalifornien »Haben Sie diese Frau gesehen?« Die Frau an der Rezeption im Dew Drop Motel blickte auf das Photo. Als Zeke vor dem Büro des Motels angehalten und durch das Fenster eine grauhaarige Frau an der Rezeption gesehen hatte. Männer reagierten wohlwollend auf die Narbe.

Sie schob ihm das Gästebuch über die Theke. in welche Richtung die beiden gefahren sind?« »Tut mir leid. »Läßt du unseren Boß wissen. Zeke würde sich über die Ironie des Schicksals freuen. und sie hätten tausend Leute gebraucht. Vielleicht hat sie die beiden noch gesehen…« Fünf Minuten später stieg Raphael zufrieden in den Wagen.« Als er sich umdrehen wollte. »Wer ist Lucinda?« »Sie hat das Zimmer saubergemacht. Die Putzkolonne hat beim Saubermachen einen Reisescheck unter der Tischlampe gefunden. Raphael hätte beinahe laut gelacht. Jane Smith. Miss Smith hat sich also nicht einfach davongeschlichen. aber beide Betten waren benutzt.« »Einen Reisescheck?« Sie zeigte ihm den Scheck – American Express. sagte die Frau: »Warten Sie! Ich werde Lucinda fragen…« Sie wählte bereits eine Nummer. um nach der Frau in Begleitung eines Priesters zu suchen. dann wären alle Motels und Hotels in Kalifornien geöffnet gewesen. »Wissen Sie zufällig. »Angeblich nicht. Die Jahrtausendwende half ihnen bei der Suche. Wenn die Menschen nicht den Weltuntergang gefürchtet hätten. daß wir der Dame auf der Spur sind?« Zeke erwiderte abschätzig: »Sollen seine teuren Computer sie doch finden!« 292 . Das mußte sie sein! »War sie in Begleitung?« fragte er. Er überflog die Einträge. ausgestellt und unterschrieben von ›Michael Garibaldi‹. Das war der Priester.

der zuviel über ihn wußte. Die gewonnene Information war für den Hacker eigentlich zweitrangig. was die linke tut. daß es einen Menschen gab. die Miles bei Dianuba Technologies 293 . war die Herausforderung. Das war das Meisterstück. Damit verhinderte er. Diesmal hatte es Teddy mit dem Verstand eines wirklichen Menschen zu tun und nicht nur mit einer Kodierung. Auch er hielt sich an Regeln und Moralgesetze.Santa Fe. Die rechte Hand darf nicht wissen. daß Teddy etwas davon erfuhr. Deshalb hatte er Teddy den Abend freigegeben. so fand er. und Miles brauchte ihn. Aus diesem Grund ahnte Teddy auch nichts von den drei Computerfachleuten. allein im Kommunikationszentrum zu bleiben. sich unbemerkt an sie heranzupirschen. Teddy Yamaguchi war der Beste auf seinem Gebiet. Miles rechnete jeden Augenblick mit dem Eintreffen wichtiger Informationen. Aber für Teddy galt auch das Motto der Hacker: Man darf alles tun. Er durfte nicht riskieren. Miles wußte das. daß Teddy sich am liebsten als eine Art Ritter sah. Aber heute hatte er es vorgezogen. Das Faszinierende an der Jagd nach Informationen. Er wußte. aber niemand darf dabei körperlich Schaden nehmen. und die Jagd auf einen Menschen anstelle einer Spielfigur war noch besser – eine Archäologin floh mit alten Schriftrollen. Miles hielt sich an dieses Motto. Deshalb achtete Miles darauf. daß Teddy nichts von Zeke erfuhr oder von dem Zusammenhang mit dem Mord an Daniel Stevenson. New Mexico Teddys T-Shirt hatte den vielsagenden Aufdruck: ›Informationen wollen frei sein‹.

mich zu heiraten…‹ Ich brachte Philos durch eine List dazu. ob er sich telefonisch nach dem Grund der Verzögerung erkundigen sollte. Ohne eine Übersetzung konnte Miles die Suche auch ganz aufgeben. Das war ein kühner und waghalsiger Schritt. unabhängig voneinander für ihn zu suchen. Miles griff erregt nach der ersten Seite.eingesetzt hatte. die siebte Rolle zu finden. mich zu heiraten. mich nach Hause zu begleiten. bot er an. Als ich 294 . Philos empfing mich freundlich. Miles stand vor dem Problem. Er überlegte gerade. Da ich das ablehnte. Damit stiegen ihre Chancen. Ich fand darunter auch zerstoßenes Haschisch. nach Hause zu gehen. in den ich das Haschisch geschüttet hatte. daß ich abends ohne Begleitung das Haus verließ. daß es noch nichts zu suchen gab. übersetzte sie die Schriftrollen. Ich nahm einen Krug Wein mit. mit dem man einen Blutsturz behandelte. denn ich war die unverheiratete Tochter einer angesehenen Familie. als auf dem Monitor endlich die ersehnte Meldung erschien und gleichzeitig der Drucker zu laufen begann. Das Fax kam aus Kairo. Während die Alexander auf der Flucht war. und die nur darauf warteten. Außerdem wollte ich einen Mann besuchen. und ich wollte unter allen Umständen mit ihm reisen. der nicht verwandt mit mir war. aber jeder wußte. Am Abend ging ich zu dem Gasthaus. daß es auch als Aphrodisiakum wirkte. die sie bei Geburten verwendete. Meine Mutter hatte einen Vorrat an Kräutern und Heilmitteln. aber er forderte mich auf. und es war undenkbar. ›Ich brachte Philos durch eine List dazu. Aber Philos würde Antiochia am nächsten Tag verlassen. Das Fax hätte schon vor Stunden eingehen müssen. Mitternacht war bereits vorüber.

die sich an meine Sandalen klammern mochten. der Dämonen und überirdischen Wesen. Ich dachte. und Kühe werden nicht geschlachtet. und Philos erschien am nächsten Morgen in unserem Haus und hielt bei meiner Mutter um meine Hand an. daß ich ihn nicht liebte… Unser erstes Reiseziel war Indien. Ich trug den flammendroten Brautschleier und sprach das uralte Ehegelöbnis: ›Ubi tu Gaius. liebe Amelia. Für Philos war ich eine gute Partie. ein Land der Götter und Geister. Er trank nur einen einzigen Schluck. der Trank habe seine Wirkung getan. daß sich Männer und Frauen die Ohrläppchen durchstechen lassen als Schutz gegen den unheilvollen Einfluß gefährlicher Sterne und böser Geister. Ich wußte damals nicht. wirst du dann gehen?‹ Ich stimmte zu. sagte er: ›Wenn ich von deinem Wein trinke. In diesem uralten Land weilen die Ahnen noch unter den Lebenden. es sei seine Absicht gewesen. daß das Haschisch keine Wirkung auf Philos haben konnte. sollte mit ihm die Welt kennenlernen. Philos trug mich in der Hochzeitsnacht über die Schwelle des Zimmers.auch das ablehnte. Dort befragt man vor jeder wichtigen Entscheidung die Sterne. Wir wählten den Juni. damit keine bösen Geister. denn seine Braut stammte aus der vornehmen Sippe des Fabianus. denn ich hatte die Stengel und nicht die Blätter zerstoßen und in den Wein gemischt. Es war deshalb nicht wichtig. Und so heiratete ich Philos. mich zu heiraten. ein Fluß gilt als heilig. Ich erfuhr. das neue Leben mit uns beginnen konnten. Philos erzählte mir später. wie ich es versprochen hatte. für die Hochzeit. Er habe das seit der ersten Begegnung gewollt. den glückverheißendsten aller Monate. 295 . Und ich? Ich. Ich verließ das Gasthaus. ego Gaia‹.

damals zu leben. die Welt ändern zu können. das so groß wird wie ein Mann. In meiner jugendlichen Begeisterung und Unschuld glaubte ich. lernten wir neue Menschen kennen. was für ein Abenteuer das für uns war! Ich war jung und wollte unbedingt die Botschaft des Gerechten verbreiten. Wir reisten entlang einer Straße mit sehr alten Türmen. aber er war ein gütiger und geduldiger Lehrer.Stellt Euch vor. ein uraltes Mittel gegen Kopfschmerzen. die Wolle tragen. Eine neue Ordnung wird kommen. denn alle sahen die Zeichen. an dessen Namen sich 296 . Der ›Honig‹ ist körnig und wird nur zum Süßen von Medizin verwandt. Er lernte neue und wirkungsvolle Heilmittel kennen. sagten die Menschen. Man braucht dazu die Rinde von Weiden. daß es in Persien Bäume gibt. Dafür gab er ihnen das Geheimrezept der Hekate. wie er es versprochen hatte. daß man eine Möglichkeit gefunden hatte. der Gerechte würde wiederkommen. Dort stellten wir fest. langer Zeit ein Kaiser errichten ließ. Ich erzählte allen. Wohin wir auch kamen. Die Tempel wurden besser gepflegt als je zuvor. Man gewinnt den ›Honig‹ aus einer Art Schilfrohr. Überall lag eine erwartungsvolle Hoffnung in der Luft. Wir schätzten uns glücklich. daß ich ihn manchmal verwirrte. denn wir waren in einer besonderen Zeit geboren worden. Auf der Suche nach dem Wundermittel tauschte Philos sein Wissen mit Ärzten aus. Ich liebte Philos zwar nicht. die vor langer. Auf dem Weg nach Indien mußten wir Arabien durchqueren. liebe Schwestern. so gut ich es konnte. ›Honig‹ anzubauen. Und ich wußte. Entzündungen und Gliederschmerzen. Fieber. Die Menschen im Osten kannten dieses Mittel damals noch nicht. von seiner Botschaft des Friedens. und auf den Altären der Götter häuften sich die Opfergaben. Das Reich wird zerfallen. In Arabien erfuhren wir auch. obwohl ich glaube.

Philos war ein behutsamer und geduldiger Ehemann. der ein Feuer unterhielt. ob ich je die glühende Liebe kennenlernen würde. die er den Menschen gebracht hatte. Er sagte mir.niemand mehr erinnert. während Cornelius Severus im Namen des Kaisers Recht sprach. Bei schweren Blutungen. anstelle von Wochen. Als Allheilmittel gab Philos den Kranken die zerstoßenen Zähne von Haien in Wein zu trinken. 297 . wo römische Soldaten beim Ausheben der Fundamente für eine Brücke einen versteinerten Oberschenkelknochen gefunden hatten. In den vielen Wochen und Monaten der Reise zum Indus. Die einfachen Legionäre hatten ihren eigenen Militärarzt. Philos diente auf den Reisen treu Cornelius Severus und seinen Offizieren. Ich war jung. Ich erzählte ihnen von dem Gerechten und der Botschaft. daß er einmal einen ihrer Knochen gesehen hatte. aber alle sagten. und Philos das Wundermittel gegen den Tod suchte. er stamme von einem Menschen. daß die Türme in Sichtweite voneinander stehen. von der Catull in seinen Gedichten spricht. Der Führer unserer Karawane erzählte. Der Kaiser ließ Botschaften durch Leuchtsignale von Turm zu Turm übermitteln. wohin wir kamen. aber es fehlte die Leidenschaft. und ich sehnte mich nach Liebe. Früher stand auf jedem Turm ein Mann Wache. bei Asthma und Husten mischte er mit verblüffendem Erfolg einen Trunk aus der Ephedrapflanze. Der Knochen stammte aus Europa. Auf diese Weise erreichte eine Botschaft das nächste Königreich in wenigen Tagen. Überall. und ich begann mich zu fragen. sprach ich mit den Frauen in ihren Zelten und an den Lagerfeuern. Er war fast zwei Beinlängen lang. suchte Philos nach Hinweisen auf die Riesen der Vergangenheit.

DER SIEBTE TAG 298 .

Seine laute Stimme in dem kleinen Bad ließ sie zusammenschrecken. Catherine trocknete sich hastig ab. daß sie es gerade noch ertragen konnte. zog die Jeans und das T-Shirt an und eilte mit nassen Haaren aus dem Bad. Sie suchte ihre Socken und stellte verblüfft fest. wer Sie sind«. sondern ein Photo neueren Datums. und der Luftzug hörte auf. der Boden unter ihren Füßen werde sich auftun und sie verschlingen. Dezember 1999 Goshen. als sie Ihr Bild in der Zeitung sahen. erwiderte er und zeigte ihr eine Zeitung. denn sie hatte die Dusche voll aufgedreht. Alexander. »Man weiß jetzt. und dann spürte sie einen kalten Luftzug. Aber diesmal war es nicht das Porträt des Polizeizeichners. 299 .« Wieder sah sie ihr Bild auf der ersten Seite. »Was ist denn los?« fragte sie und griff nach ihren Schuhen. 20. Catherine Alexander aus Santa Monica. Darunter stand ihr Name: ›Dr. Kalifornien. Diese Frau wird in Verbindung mit zwei Morden. Das Wasser war so heiß. wir müssen sofort hier weg!« Garibaldi schlug die Tür zu. »Kollegen von Ihnen haben die Polizei benachrichtigt.Montag. Diebstahl und Schmuggel von nationalen Kulturgütern gesucht‹ Catherine glaubte. Eine Motelangestellte hat ebenfalls die Polizei angerufen. Kalifornien »Frau Doktor? Frau Doktor!« Catherine hörte ihn nicht. »Dr. Garibaldi klopfte an die Tür. daß Garibaldi ihre Sachen bereits gepackt und neben seine Reisetasche gestellt hatte.

»Das Taxi ist da«. Mylonas im Hotel Isis. der etwas über sie wußte. 300 . Offenbar hatte man jeden. daß sie zum GreyhoundBusbahnhof wollten. daß ich die Leute weiter von Ihnen ablenken kann. sogar die amerikanische Einreisebehörde. daß Dr. sagte er mit einem Blick auf den Parkplatz. sagte er.« Benommen überflog Catherine den Artikel: ›Es besteht Grund zur Annahme. »Ich nehme das Gepäck. der gleichzeitig mit Ihnen im vorigen Motel war.‹ Es war ein langer Artikel. daß der Mann ihn nicht hörte: »Wir sind etwa dreihundert Meilen von Mexiko entfernt. Auf der Fahrt flüsterte er so leise. Ich hoffe. Sie wurde zuletzt in einem roten Ford gesehen und fuhr in Richtung Süden. Wir fahren nach Südosten. Aber sein Name tauchte nicht auf. »Aber wir können nicht mehr mit dem Wagen fahren«. wäre das wie ein Eingeständnis meiner Schuld. nach ihr gefragt: die Stiftung. »Deshalb lasse ich ein Taxi kommen. Samir. daß auch Julius erwähnt werden würde. Wir können es noch heute nacht über die Grenze schaffen…« Aber sie schüttelte den Kopf. antwortete Catherine. Alexander am Samstagabend unter dem Namen Jane Smith in einem Motel in Sacramento abgestiegen ist. Mr.« »Was ist dort?« »Die Wüste«.« Er hatte dem Taxifahrer gesagt. »Wenn ich nach Mexiko fliehen würde. »Von mir wissen sie immer noch nichts«. und ein Sonnenstrahl fiel in das abgedunkelte Zimmer.« Er trug die Soutane. sagte Garibaldi an der Tür. Catherine erwartete. »Man bringt Sie nicht mit dem Priester in Zusammenhang.Garibaldi öffnete die Tür einen Spalt.

selbst alle Anschuldigungen zurückzuweisen. Bis gestern abend hatte die Polizei Catherines Identität noch nicht gekannt und weder etwas von ihrer Beziehung zu Daniel gewußt noch davon. beschloß er. Nach längerem Überlegen war er dann doch nicht ausgestiegen. »Und Sie wissen mit Sicherheit.West Los Angeles »Dr. daß Frau Dr. Aber das war gestern abend gewesen. genau das getan zu haben? Wo befindet sie sich jetzt? Welcher Zusammenhang besteht zu dem Mord an Daniel Stevenson?« Julius stand vom Schreibtisch auf und rieb sich die Schläfen. daß sich die Papyri in ihrem Besitz befanden. ein richtiges Photo von ihr mit Namensangabe. daß diese Frau Catherine Alexander ist?« hätte man ihn gefragt. denn auf der Titelseite befand sich Catherines Bild. Alexander unter dem Verdacht steht. Das imaginäre Verhör wollte ihm nicht aus dem Kopf. seit er vor der Polizeiwache im Auto gesessen hatte und eine Aussage über Catherine machen wollte. ist Ihnen bewußt. »Sie sagen. Voss. die Polizei werde von ihm nichts erfahren. daß die Einfuhr von fremden Kulturgütern in dieses Land ein Vergehen ist? Haben Sie vergessen. 301 . Bis gestern abend hatte Catherine noch die Möglichkeit gehabt. Es quälte ihn. Als sich Julius nach dem stummen Selbstgespräch schließlich entschieden hatte und vom Parkplatz der Polizeiwache gefahren war. daß sie bei Ausgrabungen in Ägypten gefundene Schriftrollen ins Land geschmuggelt hat?« Er hätte Catherine an den Pranger gestellt. Der neblige Morgen brachte in Form der Los Angeles Times ein böses Erwachen.

Julius wußte. Das bedeutete. sie würden wieder töten. Die anderen sechs Rollen enthielten vermutlich Hinweise darauf. Julius griff nach der Zeitung und las den Artikel noch einmal. sie werde sich die Schriftrollen nicht abnehmen lassen. als sie erklärt hatte. Aber was? Dann kam ihm ein Gedanke. Und wie sollte das geschehen? Bestimmt suchte Catherine bereits danach. sie war nicht entführt worden. bis sie die Übersetzung abgeschlossen hatte. Julius vermutete. Hatten Daniels Mörder die anderen Photos an sich genommen? Wer immer sie auch sein mochten. Solange die Suche danach weiterging. war Catherines Leben in Gefahr. Die Photos und die Originale 302 . wo der ›Schatz‹ vergraben war. Dort hieß es. die Polizei habe neunzehn Photos der Schriftrollen gefunden. Aber von Catherine wußte er. Auf Grund der Berichte in den Zeitungen über den sensationellen Fund in Ägypten würden sich natürlich alle möglichen Leute an dieser verrückten Schatzsuche beteiligen. Ich muß die siebte Schriftrolle finden. daß sie jede Seite der Bücher photographiert hatte. Seine Hilflosigkeit empfand er wie eine Folter. Der Mann. Sie befand sich auf der Flucht. mit dem Catherine angeblich aus Daniels Wohnung geflohen war. um die siebte Schriftrolle zu bekommen. Er erinnerte sich noch gut an die Entschlossenheit in ihren Augen. Natürlich würde sie so lange untertauchen. als er las. Er wollte etwas für sie tun. sie wollten die Schriftrollen unbedingt in ihren Besitz bringen und schreckten selbst vor einem Mord nicht zurück. Er warf die Zeitung auf den Schreibtisch und schob die Hände in die Hosentaschen. wie eigensinnig Cathy sein konnte. wurde nicht erwähnt. und das waren mehr als hundert Bilder.Julius war jedoch erleichtert. daß sie noch lebte.

Julius fürchtete. Allerdings würde selbst ein Computer für diese Art Suche viel Zeit brauchen. die Kataloge der Archive nach Schriftrollen zu durchsuchen und zu überprüfen. Sabina. der an manchen Stellen kaum lesbar. Er hoffte. die siebte Schriftrolle einem König zu geben. Alle hatten die Zeitung gelesen. Ihm war ein Name aufgefallen. so wie er sie auf dem Sofatisch in seinem Haus gesehen hatte. Das wäre wenigstens ein Anfang… Julius ging zur Tür seines Büros und wollte sie öffnen.halfen den anderen. Wohin sollte er gehen? Er konnte unmöglich so tun. Julius dagegen stand mit leeren Händen da. um das Blut besser zirkulieren zu lassen. Inzwischen trafen die Mitarbeiter des Instituts ein. Wenn er sich doch nur an den Namen erinnern könnte. das Versteck aufzuspüren. Er ging unruhig in seinem Büro auf und ab und rief sich den regnerischen Nachmittag ins Gedächtnis. den er im Originaltext gelesen hatte. als Catherine unerwartet aus Ägypten zurückgekommen war und ihm die alten Papyri gezeigt hatte. Wessen Name? Es war nicht der Name des Königs… Er griff nach der Zeitung und las noch einmal die Übersetzung. an anderen jedoch wieder verblüffend deutlich war. Aber er blieb unsicher stehen. seine Erinnerung werde sich bei ruhiger Konzentration lückenloser einstellen. ob er die Namen in griechischen Texten dieser Zeit fand. daß Catherine nicht viel Zeit blieb. Catherine entfaltete einen Papyrus und beugte sich über den Text. falls man sie verfolgen würde…‹ Julius rieb sich die Stirn und den Nacken. Dabei achtete er auf die Namen: Amelia. Jeder von 303 . Natürlich wäre es einfach. als beginne ein ganz normaler Arbeitstag. Perpetua. Plötzlich fielen ihm wieder ihre Worte ein: ›Sabina rät Amelia. Er schloß die Augen und stellte sich die alten Bücher vor.

Normalerweise schaltete sich die Beleuchtung erst bei Einbruch der Dunkelheit ein. Er hätte nicht ins Institut kommen dürfen. in die er geraten war. als sie ihm auf dem Anrufbeantworter die seltsame Nachricht hinterließ. als ein 304 . aber peinlichem Schweigen rechnen. alle diese Bücher durchzusehen. Die Weihnachtsbeleuchtung auf dem Wilshire Boulevard brannte schon am frühen Morgen. Natürlich hatte Cathy deshalb den Namen der Mumie gewählt. daß Julius und Catherine verlobt waren. Das war der Name! ›Fabianus‹. War es Sabinas Vater oder ein Mann. Er hatte nicht die Zeit. Wer war ›Fabianus‹? fragte er sich und überflog die Titel der Bücher. OmniSearch… Mrs. um sich das Gerede und die Fragen vorzustellen. den sie geheiratet hatte? Vielleicht war er der König. startete den Computer und dachte dabei an die verfügbaren Suchprogramme: Lycos. um Catherine zu helfen. und er sollte schnellstens etwas unternehmen. Man brauchte nicht viel Phantasie. Meritites… Er kniff die Augen zusammen und nickte. Der Name sollte ihn an die Intrigen im vergangenen Jahr erinnern und an den Konkurrenzkampf. um alles in der Welt? Julius verfluchte im stillen die Lage. InfoSeek. Er drehte sich um und ging zu der Bücherwand gegenüber. Möglicherweise mußte er auch mit höflichem.ihnen wußte. den die Untersuchung der Königin ausgelöst hatte. Der Nebel täuschte offenbar die Sensoren… Fabianus… Julius holte tief Luft. und das wäre noch schlimmer. Er setzte sich an den Schreibtisch. Seufzend trat er ans Fenster und blickte hinaus. dem man die siebte Rolle anvertraut hatte… Julius schüttelte den Kopf. Aber was.

Dann trat er in den grauen Morgen hinaus. Er wollte nicht lügen. Es roch nach Regen. Die feuchte. Weshalb glaubte Catherine. zog sein Jackett an und verließ entschlossen das Büro. Er seufzte und dachte gereizt: Wie soll ich ohne Computer nach der siebten Schriftrolle suchen? Die Zeitung auf dem Schreibtisch erinnerte ihn daran. Aber er wollte zum jetzigen Zeitpunkt unter keinen Umständen eine Aussage machen. die Journalisten und die Polizeibeamten… 305 . bis die Journalisten oder die Polizei bei ihren Nachforschungen auch auf ihn stoßen würden. Eilig ging er durch die langen Gänge und hinterließ am Empfang die Nachricht. Er hatte sich gerade entschieden. Wie konnte er das zumindest so lange hinauszögern. daß es nur eine Frage der Zeit war. zum Strandhaus zu fahren. bis er Zeit gehabt hatte.Kollege das Telefon von Julius angezapft hatte! Er runzelte die Stirn. Und dazu würde man ihn mit direkten Fragen zwingen. alles noch einmal in Ruhe durchzudenken? Er stand auf. salzige Meeresluft schlug ihm entgegen. er sei den ganzen Tag nicht im Institut und auch zu Hause nicht zu erreichen. die Kameras. jemand überwache sein Telefon und seinen Computer? Wer würde so etwas tun und aus welchem Grund? Verwirrt blickte er auf den blinkenden Cursor und schaltete den PC wieder aus. als er die Übertragungswagen der Fernsehsender sah.

Leider. Eigentlich hätte er nicht persönlich fliegen müssen. Er warf einen Blick auf die Uhr. denn der Text der Schriftrollen war bestimmt wie die Evangelien immer wieder abgeschrieben worden. die kein Licht auf das Leben von Sabina Fabiana warfen. Ein dritter Papyrus 306 . Miles war zu dem Schluß gekommen. Wenn die Zeit nicht so gedrängt hätte. Bisher hatte er allerdings nur drei Schriftrollen ausfindig gemacht. der zweite im British Museum. die siebte Rolle zu finden. Miles mußte deshalb andere Wege einschlagen.Über dem Pazifik Miles spürte den Druck in den Ohren. kaum entzifferbare Fragmente. wußte Miles. Die Polizei besaß offenbar neunzehn Photos. es müsse irgendwo auf der Welt Kopien der anderen achtzehn Seiten geben. als sein Jet die Reiseflughöhe verließ. sich mit Hilfe der richtigen Leute auch die Photos zu beschaffen. wichtige Informationen. Da Catherine Alexander die Photos klugerweise numeriert hatte. Eines davon war in den Zeitungen abgebildet worden. um einem anderen die Verantwortung dafür zu überlassen. Die Polizei hatte nur einen Bruchteil. Miles hätte seinen Anwalt damit beauftragen können. enthielten die Texte. Ein Papyrus befand sich im Archiv der Duke University. so vermutete Miles. Jeder Tag brachte diese Alexander ihrem Ziel näher. Es handelte sich dabei um kleine. daß er die meisten besaß. Aber Zeit hatte er nicht. wäre es natürlich kein Problem gewesen. Also brauchte er nur in Archiven und Bibliotheken zu suchen. die bei der Polizei in Santa Barbara lagen. die ihm nicht zur Verfügung standen. Der Flug hatte etwas über sechs Stunden gedauert. die Transaktion durchzuführen. Aber die Schriftrollen waren ihm zu wichtig.

in diesem Augenblick hätte er Erika zur Seite stehen müssen. die Oscarverleihung. Er brauchte Beute. Das gelbe Leuchtsignal der Sprechanlage neben seinem Sitz blinkte mehrmals. und die Vorbereitungen für die große Silvesterfeier waren in vollem Gang. um ihm in der Casa Havers zu huldigen. das Dokument befinde sich in einem ausgezeichneten Zustand. eines reichen japanischen Geschäftsmannes. Miles sah unter sich das dunkelblaue Meer. der Konzern war der Thron. den Debütantinnenball und das FilmFestival von Cannes. Er hatte wie immer seine eigenen Absichten. Miles wollte seine Gäste in dem Bewußtsein begrüßen. daß er im neuen Jahrtausend alle seine Ziele erreicht hatte. Es stammte aus dem sechsten Jahrhundert und war die Kopie eines Papyrus aus dem zweiten Jahrhundert. in dem die Inseln wie wahllos verstreute Edelsteine leuchteten. Die Entscheidung zu diesem Flug nach Hawaii war ihm nicht leichtgefallen. wenn es nicht zum Höhepunkt seiner Ambitionen werden würde. Aber das ganze Fest wäre für ihn bedeutungslos. im Tropenhaus 307 . Den Hinweis auf dieses Fabiana-Fragment fand Miles in der Zeitschrift Archaeology.befand sich im Privatbesitz eines gewissen Aki Matsumoto. Gewiß. daß sie sich im Landeanflug befanden. um dafür zu sorgen. Niemand ahnte den eigentlichen Grund für die Jahrtausendfeier. Die mehr als tausend Menschen aus aller Welt kamen. Das Fest sollte alles übertreffen. daß alles nach Plan verlief. Der Pilot ließ ihn damit wissen. Miles lächelte. denn er ließ Erika nur ungern allein zurück. Das Haus füllte sich bereits mit Gästen. Miles wollte dieses Dokument haben. Der Tiger in Miles war hungrig. sein Computerzentrum Zepter und Schwert. denn in seiner Vorstellung war das Anwesen sein Palast. die berichtete.

Der unsichtbare Fahrgast auf dem Rücksitz war. Dieser Triumph würde das Fest zu seiner persönlichen Siegesfeier machen. seinen Weitblick. Miles. die zum Tagesgespräch geworden waren. Er würde auf seine Weise Herrscher der Welt sein. Mochten die Regierungen. Kurz darauf meldete er. daß die Kontaktperson eingetroffen sei. rollte zum Ende des Flughafens. Das neue Jahrtausend würde ihm unbegrenzte Macht bringen. seine Überzeugungskraft. wie Miles wußte. denn er hatte den Zugriff auf alle Informationen. Wenn er die Gäste mit dem Wissen begrüßte. Bei solchen Geschäften wahrte Miles stets seine Anonymität. würde als einziger wissen. Matsumoto seinerseits ahnte nicht. dann konnte er an Silvester triumphieren. Miles blickte aus dem Fenster und sah einen glänzenden schwarzen Mercedes mit geschlossenen getönten Scheiben. Miles war aus diesem Grund auch nicht mit dem Firmenjet mit dem Logo des Konzerns an 308 . Das Wissen bestimmte seine Entscheidungen. wer ihn hierher gebeten hatte. Aki Matsumoto – ein reicher Mann mit blasser Haut und traurigen Augen. er. Er trug immer schlecht sitzende Anzüge. und erreichte die Parkposition. was Menschen geschaffen hatten. Es war der Schlüssel für seine Stärke. Der Jet landete. und im unterirdischen Museum. die Medien und alle Menschen spekulieren. seiner Schatzkammer.hütete er die Perlen. Sein Anwalt hatte die Begegnung mit Matsumoto vorbereitet. was darin stand. die er in der Elektronikbranche verdiente. daß sich dort die Schriftrollen befanden. Der Flugbegleiter öffnete die Kabinentür und ließ die feuchte Brise in das Flugzeug. sammelte er das Wertvollste. weil alle sich davon Aufschlüsse über die Vergangenheit und die Zukunft erhofften. die nichts von den vielen Millionen verrieten. wo Privatflugzeuge und die Maschinen der kleinen Frachtfluglinien abgefertigt wurden.

Er sah. Mit großer Behutsamkeit legte er den brüchigen Papyrus auf den 309 . die Matsumoto. für sein Angebot zugänglicher machen würde. das bestätigte. suchte Miles in dem Dokument bereits nach den wichtigen Worten. wie der Chauffeur das Wagenfenster öffnete und den Umschlag entgegennahm. Während die Übergabe an der Limousine schweigend stattfand. Der Mann ahnte nicht. Philos… Er entdeckte keinen der Namen. Der Flugbegleiter verließ das Flugzeug. Sabina. Deshalb griff er jetzt zu einer anderen Art Währung. Perpetua. Kurz darauf wurde dem Flugbegleiter im Austausch ein anderer Umschlag herausgereicht. näherte sich der Limousine und überreichte dem Chauffeur den Umschlag. Nach einem kurzen prüfenden Blick reichte er dem Flugbegleiter einen zweiten versiegelten Umschlag. Miles hatte Aki Matsumoto vergeblich eine großzügige Summe für das Fabiana-Dokument angeboten. Das Wort ›Fabiana‹ dagegen stand deutlich lesbar unten auf der ersten Seite. Miles reichte wie abgesprochen dem Flugbegleiter einen Briefumschlag. Chr. daß sich in dem Umschlag Aktphotos von Aki Matsumotos vierzehnjähriger Tochter befanden. wo der Text mitten im Satz abbrach.der Seite gekommen. Miles saß noch in dem bequemen taubengrauen Ledersitz und zog aus dem steifen Umschlag das Dokument und das Echtheitszertifikat. die er inzwischen gelernt hatte zu erkennen – Amelia. daß das Pergament aus dem Jahr 586 n. der die Negative der Photos enthielt. sondern mit seiner weißen Privatmaschine. stammte. den er sofort ins Flugzeug brachte. wie er vermutete. die keine Identifikationsmerkmale trug. die in dem ersten Umschlag gewesen waren.

denn sie waren zu dem Souvenirladen in der Abflughalle des Flughafens gerannt. sich draußen etwas Bewegung zu gönnen. als der Pilot Miles meldete. Seine Chancen. und der Flugbegleiter kam zurück an Bord. waren eindeutig wieder besser. beschloß Miles. wenn er wieder zu Hause sei. denn sie konnte kaum etwas tun.Scanner und faxte den Text mit dem handschriftlichen Zusatz nach Kairo. daß man sie erkannte. Das Blatt hatte sich gewendet. Er gab dem Mann hundert Dollar mit den entsprechenden Anweisungen und ging in die Maschine zurück. werde eine besser lesbare Photokopie folgen. um für ihn etwas zu besorgen. Die Polizei hatte Catherine Alexander identifiziert. daß sie abflugbereit seien. daß sie jetzt praktisch eine Gefangene war. Der Mercedes rollte davon. ohne Gefahr zu laufen. winkte er den Flugbegleiter zu sich. was der Mann für ihn gekauft hatte. 310 . Der Flugbegleiter erschien genau in dem Augenblick. Da die Maschine noch aufgetankt wurde. wo er sie haben wollte – ihr blieb nur noch das Internet für ihre Suche. die siebte Rolle vor ihr zu finden. Er blickte in die Tropensonne und freute sich über die gelungene Transaktion. in dem die Maschinen gewartet wurden. dann betrachtete er. Die beiden Jungs hatten sich das Taschengeld verdient. und die Zeitungen sorgten dafür. Als Miles zwei junge Einheimische in der Nähe des Hangars sah. Niemals kam er von einer Reise ohne ein Geschenk für Erika zurück. Er fand wieder Gefallen an der Jagd nach den Schriftrollen. Miles hob das Muschelhalsband ans Fenster und freute sich. Damit hatte Miles sie dort. Miles schnallte sich zum Start an. Beim Anblick des ZehnDollar-Preisschilds lächelte Miles.

Das sind die Nerven. Λγρα… eindeutig: αγρα. Havers hat zwar nicht alle Photos. KJV: Fischfang‹ Catherine blickte wieder auf den Papyrus. der am Computer saß. Zwischen dem ›y‹ und dem ›p‹ befand sich ein winziges ›0‹. veränderte langsam den Abstand der Lupe zur Papyrusseite und hielt den Blick auf das fragliche Wort gerichtet. »Sagen Sie es rechtzeitig. »›Agora‹« rief sie erleichtert so laut. »So war es nicht gemeint. Dann las sie den Satz.Mojave-Wüste. daß Garibaldi. Kalifornien ›Ich begegnete Satvinder auf einem Fischzug…‹ Catherine zog die Augenbrauen zusammen. Der Zeitdruck ist unerträglich. Ich sitze über dem brüchigen Papyrus und kann nur langsam und 311 . »He!« rief Garibaldi und zog schnell den Kopf ein. »Du meine Güte. noch einmal.« Sie lachte. den sie gerade übersetzt hatte. aber die meisten. daß durch die Hitze der Glühbirne ihr Haar heiß zu werden begann. zog die Lampe so nahe heran. Sie griff nach der Lupe. richtete die Lampe auf das Papyrus und betrachtete sich genau das letzte Wort. Er ergab keinen Sinn. Dann sah sie es. Sie schlug in Strangs Griechisch im Neuen Testament das Wort #0061-GSN nach: ›agra – ein (Fisch)Zug. erstaunt den Kopf hob. so daß der Kugelschreiber ihn nicht traf. wie kann man nur so dumm sein! Sabina begegnet Satvinder natürlich auf dem ›Markt‹ und nicht auf einem ›Fischzug‹!« Sie griff nach dem Kugelschreiber und warf ihn quer durch das Zimmer. wenn Sie demnächst mit Messern nach mir werfen.

um es schnell und unerkannt wieder zu verlassen!« Garibaldi stand auf und streckte sich. aber das Konto ist noch nicht aktiviert. Stellen Sie sich vor. was es auf der Straße an Lebenszeichen zu sehen gab. während wir hier wie Gefangene sitzen. ich wie eine Schnecke übersetze und Sie sich wie ein Dieb ins Internet schleichen. Er dagegen hat Reproduktionen.vorsichtig an einem kaum lesbaren Text arbeiten. oder ein paar fangen von rückwärts an. Death Valley: der tiefste Punkt der westlichen Hemisphäre. noch einmal Online zu gehen. vervielfältigen und jedem geben kann.« Sie warf einen Blick auf den Bildschirm. Vielleicht kennt er schon die Stadt oder das Land. »Ja. Auf dem Nachttisch zwischen den beiden Betten lagen für die Besucher Hinweise auf die Sehenswürdigkeiten der Umgebung: die Geisterstadt Calico. Das bedeutet. die er vergrößern. Vermutlich läßt er mehrere Leute gleichzeitig übersetzen. in dem König Tymbos regierte. erwiderte er und trat ans Fenster. wir haben Probleme. Auf der endlosen Busfahrt nach der überstürzten Abreise aus Goshen hielt Catherine Ausschau nach allem. Havers hat die wichtigen Hinweise bereits gefunden. »Glauben Sie.« Sie befanden sich inzwischen mitten in der Wüste in einem Motel. er ist bereits auf dem Weg zu dem Platz. wo die siebte Schriftrolle liegt. der sich ihm als nützlich erweist. man ist uns auf der Spur?« »Ich weiß es nicht«. Wir haben zwar von dem neuen Service Provider die Zugangsberechtigung. Indianerhöhlen. nach denen ich noch suche. »Es ist bestimmt riskant. das aus einer Reihe rosa verputzter Bungalows bestand. Aber außer Plakaten mit Klapperschlangen und Hinweisschildern auf Indianergräber und Dinosaurierskelette war es wirklich 312 . Edwards Air Force Base – Landeplatz der US Space-Shuttle.

seufzte Catherine. Catherine wandte sich seufzend wieder dem ausgebreiteten Dokument zu.« 313 . dann wüßten wir. um ins Freie blicken zu können. Aber wenn es Kaiser Tiberius war. sie hat Philos zur Zeit des Kaisers Augustus geheiratet. »wenn wir wenigstens einen der Familiennamen dieser Frauen kennen würden.« Garibaldis prüfender Blick aus dem Fenster war nur Routine. »Angenommen. aber Vespasian. denn er glaubte nicht. Nero hätte sie verfolgen können.« »Leider ist Papyrus keine Festplatte. dann fehlt es eben. Trotzdem mußten sie wachsam sein. Sie fuhr sich mit den Fingern durch die kurzen weißblonden Haare. Aber fehlendes Papier? Wenn es fehlt. Caligula wäre noch besser. wie Catherine den Bungalow betrat. Auch der Mann an der Rezeption des Motels hatte vermutlich nicht gesehen. im Auftrag welches römischen Kaisers Cornelius Severus durch das Reich reiste.« Die Suche im Netz hatte viele Hinweise auf ›Amelias‹ und sogar auf ein paar ›Perpetuas‹ gebracht.wenig. Aber die Suche nach ›Philos‹ ergab unzählige Verweise auf Worte mit der Silbe ›philos‹. dann wäre es schon möglich.« »Es wäre auch nicht schlecht«. »Wenn Sabina doch nur den Namen des Kaisers noch einmal erwähnen würde«. kann man es später trotzdem wieder zurückholen. daß ihnen jemand am Busbahnhof von Goshen oder in Mojave besondere Beachtung geschenkt hatte. sagte Garibaldi und schob den Vorhang etwas beiseite. »Es wäre eine große Hilfe. daß uns wesentliche Informationen vorenthalten bleiben. Löscht man etwas auf der Festplatte. wenn wir wüßten. »Die Lücken im Papyrus sorgen natürlich dafür. wenn es nicht mit anderen Informationen überschrieben ist. daß sie vor Jesus lebte und daß diese Schriftrollen nicht von Augenzeugen stammen. und Claudius natürlich am besten. das wäre zu spät.

»Ich liebe Katzen«. ›… die Einreisebehörde hat heute 314 . wie das winzige flauschige Tier zutraulich in Garibaldis großen Händen verschwand. »Ich bin für Claudius.« Er öffnete die Tür. Er schüttelte den Kopf. und ein schwarzweißes Kätzchen sprang herein. setzte sich wieder an den Computer und tippte die Zugangsnummer ein. »Das klingt nach einer Katze. Catherine staunte über seine Behutsamkeit. während er es sanft streichelte. »Woher kommst du denn?« »Vermutlich hat sie keinen Besitzer«. wie wohl sich das Tier bei Garibaldi zu fühlen schien. Catherine riß sich von dem Anblick los und schaltete den Fernseher ein.« Er setzte das Kätzchen vorsichtig auf den Tisch.« »Hören Sie…«.« Catherine sagte lachend: »Sie will etwas trinken. »Wir hatten immer viele Katzen zu Hause. Sie suchte auf den Kanälen nach einem Sender in Los Angeles. Vermutlich gehört es dem Mann an der Rezeption. erwiderte er. Außerdem hat es keine Angst. »Was ist das für ein Geräusch?« Garibaldi lauschte. wen haben wir denn hier?« rief er und nahm das Kätzchen hoch. sagte Catherine und sah verblüfft.« »Sie scheinen sich mit Katzen auszukennen«. Eine Blondine mit professionellem Lächeln und sanfter Stimme las die Meldungen des Tages. wo noch die Reste ihres mexikanischen Essens lagen. sagte Catherine und staunte. Er öffnete die Plastikbecher mit der Kaffeesahne und gab dem Kätzchen auf einem Plastikdeckel die Milch zu trinken. die es gierig aufleckte. Schließlich fand sie einen. »Ja. und das Kätzchen sieht gesund aus. Es schnurrte und schmiegte sich an seine Brust und leckte an seinem kleinen Finger. »Das Fell ist sauber.»Also!« sagte Garibaldi und verließ das Fenster. sagte Catherine und hob die Hand.

Alexander befragt. Nach Auskunft der Zollbeamten weiß man nicht. also am 16. Alexander am Fundort entfernt wurde. daß er sich zwei 315 . und wir haben zuverlässige Hinweise darauf. Man braucht dazu die Aussage von Dr. das im Zelt zurückgeblieben war und sich mittlerweile in den Händen der ägyptischen Behörden befand. aber der Beamte lehnte jede Stellungnahme ab. daß Dr. daß als nächstes die Leiterin der Stiftung eine offizielle Erklärung verlas. daß die untere Hälfte der Seite von Dr. Man zeigte das Photo. Kulturminister Achmed Sayed erklärte als Sprecher der ägyptischen Regierung: ›Die gezackte Linie hier deutet darauf hin. daß Dr. und anschließend das Original. Wir haben seit dem ersten Dezember nichts mehr von ihr gehört. Wir wissen nichts darüber.‹ Danach wurde Inspektor Shapiro von der Polizei in Santa Barbara nach Hinweisen auf den Aufenthaltsort von Dr. Kennedy-Flughafen ein. Dezember. Catherine Alexander vor vier Tagen. Wir wissen nicht.bestätigt. wo sie sich befindet. sagte der Inspektor: ›Wir haben die Information erhalten. Bislang ist gegen die Archäologin jedoch nicht offiziell Anklage erhoben worden. Alexanders Grabungen im Sinai im vergangenen Jahr finanziert. ›Wir haben Dr. das Catherine von dem Jesus-Fragment gemacht hatte. Alexander. daß dieses Fragment nur Teil von mehreren Schriftrollen ist. Als man ihn nach dem Mörder von Daniel Stevenson fragte. Wir haben Grund zu der Annahme. Stevenson am Tag seiner Ermordung aus Ägypten in die Vereinigten Staaten eingereist ist.‹ Garibaldi setzte sich neben Catherine auf das Bett. Wir können weder den Fund von Schriftrollen bestätigen noch dementieren. Sie reiste über den John F. wie die Schriftrollen vom Sinai in die USA gekommen sind.‹ Verblüfft sah Catherine. was sie gefunden hat. in die USA zurückgekehrt ist.

Daniel Stevenson. Julius stand vor dem Haupteingang inmitten von Reportern. murmelte Catherine und schüttelte den Kopf. nicht zu wissen. Außerdem behauptet er. »Julius hat mich gewarnt.Tage vorher auf der Sinaihalbinsel aufgehalten hat. Herr Inspektor?‹ ›Tut mir leid.‹ »Ich habe Danno nicht ermordet«. um die Schriftrollen in ihren Besitz zu bringen. Er erklärte laut und deutlich. Stevenson ermordet hat. Die Stimme der Nachrichtensprecherin war wieder zu hören. wo sich seine Verlobte aufhält. als sie sah. ›Dr. der als Kardinal Lefevre 316 . würdevoller Mann. fragte der Reporter. nach Südkalifornien geflohen ist. Hungerford und der andere an dem Archäologen Dr. die. Er hat mir gesagt. wie er sich zornig und empört vor den Journalisten in das Institutsgebäude rettete. Untersuchungsbeamte in Ägypten und in den USA glauben. daß die beiden Morde. der eine an dem amerikanischen Ingenieur J. seufzte Catherine. die sie angeblich aus Ägypten geschmuggelt hat.« Sie stand auf und lief unruhig im Zimmer auf und ab.« Die Sendung ging mit einem Live-Bericht aus dem Vatikan weiter. in Zusammenhang mit den verschwundenen Schriftrollen und der untergetauchten Dr. nicht zu wissen. Können Sie dazu etwas sagen. »Ich wünschte… Nein!« Auf dem Bildschirm erschien das Freers Institut in West Los Angeles. Deshalb haben wir uns zum ersten Mal gestritten.‹ ›Inspektor Shapiro‹. mein eigenmächtiges Vorgehen würde uns alle in Gefahr bringen.‹ »Julius…«. kein Kommentar. ›es wurde der Verdacht geäußert. Ein großer. Catherine Alexander stehen. was in den Schriftrollen steht. J. daß es zwischen den beiden Archäologen zu Meinungsverschiedenheiten über den Fund gekommen ist und daß Catherine Alexander ihren Kollegen Dr. daß er sich nicht äußern werde. wie man vermutet. Julius Voss behauptet. »es tut mir so leid.

‹ »Das würde den Herren im Vatikan gefallen!« rief Catherine. erwiderte Catherine und streichelte das Kätzchen. »Ich soll wie die sündige Maria Magdalena als Büßerin zu ihnen gehen. das zufrieden schnurrte. dann können sie möglicherweise Licht auf die frühen Jahre des Christentums werfen. Damals war es für eine Frau unmöglich. 1965. weil man keine Frau im Kollegium haben wollte. an den führenden Universitäten einen Studienplatz zu bekommen. ob der Vatikan Interesse an den sogenannten ›SinaiSchriftrollen‹ habe: ›Wir sind stets an allem interessiert. wo sie beide am katholischen 317 . erwiderte auf die Frage des Reporters. Wenn es diese Schriftrollen wirklich gibt und wenn sie echt sind. ihren Platz zu räumen. was mit der Kirche zu tun hat. Sie haben natürlich Angst. als ich gerade zwei Jahre alt war. Sie wurde 1920 geboren und hat in den vierziger Jahren studiert.« »Wie bitte?« »Das hat meine Mutter immer gesagt«. »Meine Mutter war Paläographin und Bibelforscherin und vertrat einige sehr unbeliebte Theorien. Ich möchte deshalb die junge Frau auffordern. Sie mußte sich mit einem privaten FrauenCollege begnügen. Deshalb kam sie mit meinem Vater nach Kalifornien. »Wie kommen Sie darauf?« »Weil man im Vatikan vielleicht nicht zu Unrecht glaubt.vorgestellt wurde. der sie zwingen könnte. bewarb sich meine Mutter um einen Lehrauftrag in Yale und wurde abgewiesen. das ist alles!« Garibaldi sah sie überrascht an. ihre Flucht abzubrechen und die Schriftrollen den zuständigen Behörden zu übergeben. daß ich die Führungsspitze der Kirche mit einem sehr viel älteren Rechtsanspruch konfrontieren werde.

teilte den Vorhang einen Spalt und blickte vorsichtig hinaus. 32/18‹ auf: »›An den Fels. daß Eva als Gehilfin Adams geschaffen worden war. die diese Stelle übersetzt haben. der dich gezeugt hat. du vergaßest den Gott. »Sie zweifeln also an den Worten der Bibel?« »Meine Mutter glaubte an das Wort. in dem zwei Männer saßen.« Das Kätzchen war eingeschlafen. sondern ›Partnerin‹ bedeutet. erzählte sie. ließ den Vorhang wieder fallen und nickte Catherine zu. der dich geschaffen hat. das ursprüngliche hebräische Wort für Beschaffen ›hat‹ bedeutet ›in den Wehen liegen‹. dachtest du nicht mehr. Aber nein. Sie schlug ›Deuteronomium. daß Gott wie eine Frau in den Wehen liegt. »Meine Mutter war zum Beispiel nicht mit der Interpretation einverstanden.« Ein Wagen näherte sich langsam dem Motel. hielt er unwillkürlich die Luft an. Er atmete erleichtert auf. nicht ganz 318 . es waren ein Mann und eine Frau. aber sie mißtraute den Übersetzungen.‹ Vater Garibaldi. die Männer. daß das hebräische Wort in der Genesis nicht ›Gehilfin‹. Garibaldi hob die Augenbrauen. »Meine Mutter lehrte nicht nur Theologie«.« Sie hörten. Als er einen schwarzen Ford sah. und die Ankömmlinge trugen ihre Sachen hinein.College in Pasadena unterrichten konnten. Sie wies darauf hin. Garibaldi ging zum Fenster.« Catherine zog die Schublade des Nachttischs auf und nahm die Gideon-Bibel heraus. »Ihre eigentliche Aufgabe sah sie in der Forschung und dem Veröffentlichen ihrer Arbeiten. Ich glaube. und auf dem Rücksitz entdeckte er außerdem ein Kind. Die Tür wurde aufgeschlossen. wie der Wagen vor dem Nachbar-Bungalow hielt. Ihre Bücher und Artikel lösten stets heftige Kontroversen aus. und Catherine lächelte über das zufriedene kleine Wollknäuel mit den winzigen Pfötchen. fanden die Vorstellung.

»Ähnliche Beispiele finden sich auch im Neuen Testament«. daß einige hinter dem Rücken des Priesters den Abendmahlwein tranken und andere wenig fromme Späße trieben. daß die Priesterweihe ein Sakrament sei und daß Mädchen nicht zu Priestern geweiht werden können. Meiner Meinung nach ist es offensichtlich. Phoebe war auch ein ›Diakonos‹. Vergessen Sie nicht.« »Könnte sein«.« »Nun ja. Ich hätte so etwas nie getan. »aber ich bin der Ansicht. Aber nur die Jungen durften das. fuhr Catherine fort. das ist…« »Vater Garibaldi. Ich weiß noch sehr gut.« »Die Verehrung von Maria und die Behandlung von Frauen sind zwei ganz verschiedene Dinge. als Meßdiener am Altar zu stehen. obwohl ich wußte. daß unsere katholische Kirche die Frauen nicht schlecht behandelt. das hier als ›Diakon‹ übersetzt wird. daß die von Männern stammenden Übersetzungen aus späterer Zeit der wachsenden männlichen Dominanz in der Kirche Rechnung getragen haben. Vater Garibaldi. erwiderte 319 . daß die Katholiken die Mutter Gottes verehren. So wurde die ursprüngliche Bedeutung durch Interpretation verändert. aber er nickte nachdenklich. Ich wollte es nicht glauben und lief weinend nach Hause. daß ich auf der katholischen Schule zu hören bekam. »Paulus wurde als ›Diakonos‹ bezeichnet.richtig. aber als Mädchen durfte ich ja keine Meßdienerin sein!« »Ich habe diese Vorschriften nicht gemacht«. als Mädchen könne ich nicht alle sieben Sakramente empfangen. aber in den meisten Übersetzungen wird sie zu einer ›Gehilfin‹. räumte Garibaldi ein. ich war eine überzeugte Katholikin und hatte den sehnlichen Wunsch. Aber meine Mutter erklärte mir.« Garibaldi sagte nichts.

aber noch keinen Sturm. erschien er als erstes einer Frau. die erste der Apostel. ich habe es sehr aufmerksam gelesen. Alles. »Ich kenne das Buch. ich stehe auf Ihrer Seite. daß ich von einem alten Rechtsanspruch gesprochen habe? Ich will etwas deutlicher werden. 1973. veröffentlichte sie eine wissenschaftliche Arbeit mit dem Titel: Maria Magdalena.« »Erinnern Sie sich. In den sechziger Jahren konzentrierte sich meine Mutter bei ihren Untersuchungen auf das Neue Testament. dann befinden wir uns in unterschiedlichen Lagern. 1970 veröffentlichte sie einen Artikel mit der Frage: ›War Maria Magdalena die Frau von Jesus?‹ Ihre Gedanken riefen ein paar Wellen hervor. Ich habe mich zum Beispiel auch nie gegen die Priesterweihe von Frauen ausgesprochen. während sich die Apostel aus Angst um ihr Leben versteckten. Die Theologen fanden nichts dabei.« 320 .« »Das können Sie nicht. Es stand auf dem Index. Da brach die Hölle los. klingt für mich nicht bedrohlich. Vater Garibaldi! Frauen nahmen den Gekreuzigten ab und sorgten für ein würdiges Begräbnis. Frauen hielten die Totenwache. Als Jesus auferstanden war.« »Sie haben es also nie gelesen. »Bitte lassen Sie mich wiederholen.« »Im Gegenteil. »Bei der Kreuzigung umstanden nur Frauen das Kreuz. Wenn es um das katholische Dogma geht. Dann.« Garibaldi nickte.« »Das sehe ich nicht so. die Forschungen meiner Mutter weiterhin zu ignorieren. Ich frage Sie: Warum haben die Männer später alles an sich gerissen?« Garibaldi hob die Hände.Garibaldi. was Sie gesagt haben.

« Catherine blickte auf den Laptop. Auch der Gedanke. läßt sich mehrere Jahrhunderte zurückverfolgen. daß der Betreffende ein ›Augenzeuge‹ war und den Auftrag erhielt.« »Die Tempelritter zum Beispiel«. denn meine Mutter gab Magdalena eine traditionell weibliche Rolle. die Maria Magdalena zur Prostituierten macht. Sie haben mich überzeugt. als erwarte sie. einer Frau die Aufgabe eines Mannes zuzuweisen.« »Der Grund für die Aufregung liegt auf der Hand«.« Er seufzte.Er lächelte. »Vater Garibaldi. daß dort eine Meldung erscheinen werde. Das wurde nicht hingenommen. »Damals war ich im Priesterseminar und mußte noch viel über Gehorsam lernen.« Garibaldi wiegte zweifelnd den Kopf. »Gut. an keiner Stelle im Neuen Testament steht. Auf Maria Magdalena trafen diese Kriterien zu. erregte die Gemüter nicht sonderlich. daß der Klerus Maria Magdalena zur Prostituierten machte. Die Interpretation. Damals kämpften viele unterschiedliche Kräfte um die Macht in der Kirche. Mit dem ›Apostelbuch‹ überschritt sie jedoch die Grenze des Erlaubten. Man entriß ihr den wahren Status. nahm er ihr alle Würde und Macht. sagte Catherine. die Botschaft zu verkünden. Sie überbrachte den anderen die Nachricht von der Auferstehung. »In den früheren Arbeiten hatte sich meine Mutter mit Frauen und ihren Rollen als Frau beschäftigt. daß Maria Magdalena bis ins Mittelalter viele Anhänger hatte. So wissen wir zum Beispiel. der erste Apostel zu sein. Aber was hat das 321 . »Richtig. daß Maria Magdalena die Frau von Jesus gewesen sei. daß Maria Magdalena eine Prostituierte war. denn sie sah mit eigenen Augen das leere Grab und als erste den wiederauferstandenen Christus. Aber dadurch. sagte Garibaldi und nickte. Sie hatte gewagt. Catherine fuhr fort: »Das ursprüngliche griechische Wort ›Apostel‹ bedeutet.

Er ist ihr als erstem Menschen erschienen.« »Später hat allerdings Petrus Anspruch auf die Nachfolge Christi erhoben und sich an die Spitze der neuen Kirche gestellt. gehört das Haus in Wirklichkeit mir. und sie wußte als erste. die beweisen. Schriftrollen. Meine Mutter sagte.mit dem alten Rechtsanspruch und einer Abdankung des Papstes zu tun?« »Geduld! Ich wiederhole: Maria Magdalena hat als erste den auferstandenen Jesus gesehen. können Sie sich vorstellen. als wenn jemand an die Haustür klopfen und sagen würde: ›Können Sie mir die Besitzurkunde für Ihr Haus zeigen?‹ Der Betreffende sieht sich die Urkunde an und zeigt dem ›Besitzer‹ eine Urkunde älteren Datums: ›Wie Sie sehen. Ich habe einen älteren Anspruch darauf. der den auferstandenen Jesus gesehen habe. daß er wirklich von den Toten auferstanden war. er sei der erste gewesen. was geschieht. Er tat das mit der Begründung. was für eine Wirkung diese Schriftrollen heute auf die Gläubigen in aller Welt haben werden. Zweitausend Jahre lang haben Männer die Nachfolge Petri als Oberhaupt der katholischen Kirche angetreten. gewirkt haben? Dann wissen Sie. als richtige Priesterinnen. das wäre nicht anders. aber Sie müssen ausziehen. Ihre päpstliche Autorität basiert auf der Behauptung von Petrus. Aber in Wirklichkeit war diese Autorität gestohlen! Vater Garibaldi. Streiten Sie das ab?« »Nein. daß Frauen unter den Frühchristen als ›Diakone‹. daß Maria Magdalena die Nachfolgerin von Jesus war.‹« Catherine holte tief Luft und sah Garibaldi 322 . wenn Schriftrollen gefunden werden. die älter sind als der Paulus-Brief an die Korinther? Und wenn in diesen Schriftrollen außerdem dokumentiert wird. Es tut mir leid.

daß Kardinal Lefevre und alle im Vatikan vor den Schriftrollen Angst haben. dann hat die Welt ein Recht. Sie sehen es als Ihre Aufgabe an. der neben anderen vor Soldaten auf den Knien lag. Schließlich sagte Garibaldi: »Ich verstehe jetzt. Dieses Bild war seinerzeit in den Tageszeitungen um die ganze Welt gegangen. wenn man Ihnen befiehlt. Hätte ich diese Texte nicht an mich genommen. um das Richtige tun zu können. das Werk Ihrer Mutter zu beenden. »Deshalb glaube ich. sie zu hören. ein Zeitungsphoto ihres Vaters. Sabinas Worte jetzt zu hören. warum Sie die Schriftrollen um keinen Preis aus der Hand geben wollen. Man hörte nur den Wüstenwind pfeifen. und mich wird man nicht zum Schweigen bringen. wenn der Vatikan erfährt. als erwarte sie seinen Widerspruch. wären sie vielleicht in einem Archiv verschwunden wie damals die Schriftrollen vom Toten Meer. mich den Behörden auszuliefern oder mir die Schriftrollen 323 . das verantworten zu können.« Lange Zeit blieb es still im Zimmer. werden erst nach vielen Jahren entschieden. fragte sie: »Vater Garibaldi. Ja. Fälle. Aber die Menschheit hat das Recht. daß Sie mir helfen? Was werden Sie tun. was werden Sie tun. ich habe mich in diesem Fall über die Gesetze hinweggesetzt.« Catherine schwieg. Ich werde mir Gehör verschaffen. Wenn Sabina uns eine wichtige Botschaft übermitteln will. Manchmal muß man ein Gesetz übertreten.« Ein Bild drängte sich ihr plötzlich auf. Ich habe archäologische Funde aus Ägypten gestohlen und illegal ins Land gebracht. die vor den Internationalen Gerichtshof kommen. »Meine Mutter brachte man zum Schweigen. oder es hätte einen Kampf um die Berechtigung zu ihrer Übersetzung gegeben.durchdringend an. Aber ich bin der Meinung. Da er nichts sagte.

würden Sie dann zulassen. daß diese Schriftrollen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden?« »Wenn die Schriftrollen die Worte und Wünsche unseres Herrn Jesus Christus wiedergeben. ich bin der Meinung.« »Wissen Sie. Alexander. erwiderte er. die Maria Magdalenas Anspruch auf die rechtmäßige Nachfolge Jesu erhärten. genau das befürchte ich.wegzunehmen?« »Ich bin der Kirche zu uneingeschränktem Gehorsam verpflichtet.« »Dr.« »Sie haben meine Frage nicht beantwortet. »Und glauben Sie?« »Ja. den man um eine Stellungnahme gebeten hat. Kardinal Lefevre. dann würde ich das tun.« »O doch.« »Glauben Sie noch an Gott?« »Wie viele Menschen verwechseln ein Lippenbekenntnis mit ›Glauben‹. die es im Klerus gibt. Würden Sie zulassen. traue ich nicht. was ist der Grund für die Bitterkeit. und es würden Schriftrollen gefunden.« »Dann gehören Sie zu den wenigen Ausnahmen. Wenn Sie an seiner Stelle wären. daß dies der Fall sein wird. weil sie auf Wunder 324 . Vater Garibaldi?« »Ich kann nur für mich sprechen«. mit der Sie über die katholische Kirche sprechen?« »Das ist eine lange Geschichte. daß Sabinas Geschichte in den Archiven des Vatikans verschwindet und niemand etwas davon erfährt?« »Sie können nicht voraussagen. die Menschen klammern sich an die Kirche.

aus denen so viel Ruhe und Seelenfrieden sprachen. was auf dem Schild stand. Das Hermes-Kreuz wurde mir am Tag meiner Geburt um den Hals gelegt. Sie griff nach dem Jadeanhänger an ihrem Hals. um sie vor der ganzen Klasse zu demütigen. denn er war eine Art Verbindung zu Daniel. in der Jade Dannos Entschlossenheit zu spüren. »Wie bitte? Nach allem. fielen ihr Sabinas Worte wieder ein: ›Meine Mutter glaubte an die Kraft eines Amuletts. obwohl sie in den vergangenen Stunden und Tagen auch überraschende Verwirrung darin gesehen hatte. hat ein Amulett wirklich eine besondere Kraft… Sie glaubte. liebe Perpetua. nichts steht zwischen den Menschen und dem Himmel. und. »Ich glaube. der darüber hinaus einen gefährlichen Kampfsport betrieb. Die Wüste ist rein. trotz allem weiterzumachen. hatte ihr Danno sehr viel später einmal gesagt. das Schwester Immaculata ihr um den Hals gehängt hatte. Er hatte nie aufgegeben. Er schien sie auch jetzt anzuspornen. als Catherine wissen wollte. ich sollte mich der Polizei stellen«. Sünderin… Keinem der Kinder war die 325 . Der Wüstenhimmel war mit Sternen übersät. Als sich ihre Finger darum schlossen. So war es auch im Sinai.« »Was ist daran so falsch?« Sie blickte in seine klaren blauen Augen. was Sie mir gerade erzählt haben?« Catherine trat an das Fenster und zog den Vorhang zurück. Cathy‹. Es waren die Augen eines widersprüchlichen Mannes.‹ Vielleicht. ich trage es noch heute über meinem Herzen. dachte Catherine. ›Sünderin stand dort. dachte Catherine.hoffen. sagte Catherine plötzlich.

und das Klima ist trocken. Die Kamera schwenkte über Beduinenzelte und dicht gedrängte Menschen hinter einer Absperrung. ›Der Boden hier ist salzhaltig. Aber dabei entsprach seine Haltung nicht einem friedlichen Priester.eigentliche Bedeutung dieses Wortes bewußt gewesen. Das goldene Kreuz hing um seinen Hals. desto mehr Menschen werden darunter zu leiden haben… zum Beispiel Julius. Mylonas. die von Soldaten bewacht wurde. Auf dem Stundenbuch sah sie den Rosenkranz. Eine erste Untersuchung des Skeletts läßt darauf schließen. denn im Fernsehen zeigte man ihren Grabungsplatz in der Wüste. Garibaldi schien mit Dämonen zu ringen. Er ist Wissenschaftler und ein friedfertiger Mann. es handelt sich um eine Frau. Sie sah Samir und Mr. »Ich fürchte. wie Garibaldi mitten in der Nacht auf den Knien gelegen und gebetet hatte. daß die Frau lebend in den Brunnen hinabgelassen wurde. der ägyptische Kulturminister. Und…« Sie brach plötzlich ab. je länger ich auf der Flucht bin. fragte der Reporter. Schnell schaltete sie den Ton ein. Man hatte ihr die Hände mit Lederriemen gefesselt‹ ›Wollen Sie damit sagen‹. »Der Brunnen!« rief sie.‹ 326 . Wir sind der Meinung. Sie mußte unwillkürlich daran denken. Jetzt ist auch sein Leben in Gefahr. Er trug Jeans und ein kariertes Hemd. Deshalb sind Haare und Stoff noch erhalten. in dem er in regelmäßigen Abständen las. Catherine spürte Garibaldis Augen auf sich gerichtet. der in glücklicher Harmonie zu seinem Gott sprach. Sind es die Dämonen in den Pangamot-Stöcken? Sie zog den Vorhang zu und verließ das Fenster. Jemand deutete auf einen Tunnel. ›daß man die Frau lebend begraben hat?‹ ›Es sieht so aus. »Sie legen den Brunnen frei!« ›Bisher haben wir die Überreste eines Skeletts gefunden‹ sagte Achmed Sayed. Neben dem Laptop lag das Brevier.

« ›Herr Minister. Sie wollten sich der Polizei stellen. »Dona nobis pacem. den Dr.»Lebend begraben…«. ist mit rötlichbraunen Fasern bedeckt. Catherines Herz schlug schneller. wiederholte Garibaldi und bekreuzigte sich. »Wir müssen uns an die Arbeit machen«. den Sabina in Indien kennengelernt hat. Alexander gestohlen hat. ›Vielleicht finden wir unter den Steinen den Rest des Skeletts und Hinweise auf die Schriftrollen. in diesem Brunnen gefunden wurden?‹ ›Ja. daß die Schriftrollen. das nehmen wir an. glauben Sie. die man lebend begraben hatte! War es Amelia. Der Korb. »Bitte überprüfen Sie. Perpetua oder vielleicht sogar Sabina? »Eine christliche Märtyrerin«. sagte Garibaldi. die Dr.‹ »Du meine Güte«. Alexander hier gefunden hat. Es war das kaiserliche Purpur des römischen Reiches‹. Sie waren ursprünglich purpurrot und sind mit Murexid gefärbt. Alexander hier gefunden hat. und der. beziehungsweise Anhaltspunkte für das. Eine Frau. ›Wir werden vermutlich mehr wissen. sagte sie. »Was um alles in der Welt haben Sie gefunden?« Catherine griff nach der blauen Tasche und holte den Notizblock heraus. Eine neue Spur. ob wir uns ins Internet einloggen können. Das ist jemand.« »Ich habe es mir anders überlegt«. nach dem wir suchen müssen – Satvinder. wenn der Brunnen völlig freigelegt ist‹.« »Ich dachte.« »Aber…« 327 . »Es gibt einen neuen Namen. später mit Steinen gefüllt wurde. das aus Schnecken gewonnen wird. erwiderte sie wie in Trance. hörte sie Garibaldi murmeln. die wir auch auf dem Skelett festgestellt haben. was Dr. sagte Minister Sayed. Wir haben die Fasern untersuchen lassen.

»Darf ich?« fragte sie. der hinter ihr stand und mit der Maus klickte. die auf Internet verfügbar sind. sagte Catherine ungeduldig und klickte auf ÖFFNEN und tippte dann: ›http://sipparorinst. Auch diese Nummer ist besetzt!« Catherine tippte: ›http://odyssey.duke. und er überließ ihr seinen Platz an der Tastatur. Catherine suchte im Notizbuch nach einer Nummer und tippte dann: ftp.de KEIN ZUGANG UNTER DIESER NUMMER »Versuchen Sie es mit dem WAIS-Verzeichnis«. »Ein Inhaltsverzeichnis aller Arbeiten über archäologische Quellen im Nahen Osten. KEIN WAIS-ZUGANG KONFIGURIERT! »Wir machen etwas falsch«.uchicago. »Was haben Sie vor?« »Ich möchte etwas Neues probieren. sagte Garibaldi.edu/oi/DEpr/RA/ABZU.uni-stuttgart. ALLE LEITUNGEN BESETZT 328 .lib.Sie deutete stumm auf den Fernsehapparat. »Wir sind Online!« rief er. FTPERROR KÖNNEN NICHT MIT FTP SERVER VERBINDEN. SORRY! ALLE LEITUNGEN (75) SIND BESETZT. Garibaldi nickte und ließ das Computermodem die neue Nummer wählen. Die Verbindung kam diesmal zustande.« Sie tippte und blickte gespannt auf den Monitor.edu/papyrus/‹ und klickte ›ENTER‹. Man zeigte die Skelettknochen mit den Lederfesseln in Großaufnahme. Ach du meine Güte.html‹ »Was ist das?« fragte Garibaldi. BITTE SPÄTER VERSUCHEN.

wie es aussieht. die neben dem Bett auf dem Fußboden lagen.edu/papyrology/home. Wir können uns nicht leisten. Wie in einem Alptraum.« »Versuchen Sie es noch einmal«. »Die Medien sorgen dafür. und überflog sie. Was sollen wir tun?« Er griff nach einer der Werbebroschüren. sagte Garibaldi. im Internet über ›Schriftrollen‹ informiert.« Catherine hörte ihn nicht. murmelte er. Chr. die heute abend Informationen über alte Schriftrollen suchen«. im Internet zu bleiben«. in einem tiefen 329 .« Sie klickte. »Sie sind der Computerexperte. »Aber es ist riskant. bis 300 n. Havers darf uns nicht finden. so lange Online zu bleiben. Garibaldi pfiff leise: »Das sind ganz schön viele Papyri…« Sie klickte auf die blau unterlegte Überschrift: INSTITUTIONEN ›SPEZIALSAMMLUNGEN‹ »Es sind nicht so überwältigend viele. riet Garibaldi. Chr. aus dem es kein Entrinnen gab.»Wir sind offenbar nicht die einzigen. »Ich glaube. »Dann wollen wir die Jahre 100 v. daß sich jeder.« Sie klickte auf ein Symbol.umich. Garibaldi runzelte die Stirn. Wir suchen die griechischen. der einen Computer und ein Modem besitzt. und Catherine tippte: ›http://www. glaubte sie.« Sie sah ihn verzweifelt an. »Das wird trotzdem eine Weile dauern.html‹ Papyrologie Home Page »Geschafft!« rief Catherine und ließ sich das Inhaltsverzeichnis anzeigen. es gibt eine Möglichkeit. Man hat die Texte in Unterverzeichnissen aufgelistet.

Die Frau 330 . Der Himmel war unendlich hoch über ihr. soviel bedeutet wie: ›Er. dachte sie und glaubte zu ersticken. Sie beugte sich über die Wunde der Prostituierten und half der Frau so ruhig und gelassen. Als ich mich nach dem Grund erkundigte. die Frau sei eine Prostituierte. ihre Mutter kurz vor deren Tod zu sehen. Sie war gefesselt und konnte sich nicht bewegen. wie ich es von Philos kannte. Verzeih mir. in dem sich drei kleine Krüge und ein in Leinen gewickelter Gegenstand befanden. Julius. Aber der Mann wollte die Frau nicht behandeln. daß ich mich heute nach so vielen Jahren frage. ihrer Sprache. den sie ›Vaidya‹ nannten. daß es sich um eine Frau handeln mußte. ob ich das alles nur geträumt habe. Eine Frau war auf dem Markt auf einen zerbrochenen Krug getreten. Vor ihren Augen wurde alles rot… Danno sank blutend zu Boden. was in Sanskrit.schwarzen Brunnen zu liegen. In diesem Augenblick löste sich aus den Umstehenden eine in weiße Gewänder gehüllte Gestalt. Ich wußte zuerst nicht. Philos zu holen. Er will mir helfen. der weiß‹. Aus ihrem Gewand holte sie einen Beutel hervor. Man trug sie zu einem Heiler. sagte man mir. Die Scherben zerschnitten ihr die Fußsohle. Sie konnte nicht fliehen. ob es eine Frau oder ein Mann war. und ein Heiler dürfe eine Sünderin nicht berühren. aber ich muß weitermachen… Ich begegnete Satvinder auf dem Markt in einer Stadt. Dann glaubte sie. Jedenfalls lernte ich Satvinder unter den merkwürdigsten Umständen kennen. aber das hätte eine Weile gedauert. Aber an den Bewegungen und an den Augen erkannte ich. die so seltsam und so voller Wunder war. Ich dachte daran. Die Menschen sahen ihr schweigend zu.

Dann könne man sie mühelos aus der Haut entfernen. die unter rituellen Worten eine nach der anderen an die klaffende Fußwunde hielt. die ich am Duft erkannte. sie müsse die Greifzangen so lange an der Wunde lassen. Die weißgekleidete Frau öffnete die Hand und ließ aus dem Krug vier große schwarze Ameisen kriechen. Aber im dritten Krug war das Erstaunlichste von allem. bis sie verheilt sei. Die Umstehenden wichen ängstlich zurück. die Bisse dieser Ameisen seien gefährlich und schmerzhaft. Die Umstehenden und auch ich staunten über die geschickte Behandlung der Wunde. Die junge Prostituierte dankte der Frau und lächelte glücklich über soviel Anteilnahme. trennte die Frau die Köpfe der Ameisen vom Leib ab und erklärte der Prostituierten. und ich sah. Noch ehe man Fragen an die weißgekleidete Frau richten konnte. wie sie sagten. 331 . Die Ameisen taten der Frau in Weiß jedoch nichts. war sie wie ein Geist verschwunden. daß es eine Pinzette aus einem Reiherschnabel war. Die Ameisen packten mit den Greifzangen zu und verschlossen die Wunde wie Klammern. und ich hörte. Mit dem Instrument entfernte sie die eingetretenen Tonsplitter. In dem zweiten Krug befand sich eine Salbe aus Myrrhe und Aloe. Danach wickelte sie den Gegenstand aus dem Leinen.reinigte zuerst die Wunde mit einer Flüssigkeit aus einem der kleinen Krüge. wie die HinduHeiler sie oft benutzen. dann murmelte sie etwas und schrieb geheimnisvolle Zeichen in die Luft. Nachdem alle vier auf diese Weise den Schnitt geschlossen hatten.

DER ACHTE TAG 332 .

was er heute war. daß Sie so häßlich sind? Niemand wußte. der in früher Jugend von zu Hause weglief und sich ziellos herumtrieb. Woher kommt diese Narbe? Das sollte heißen: Was ist geschehen. Mit vollem Mund sagte er: »Jedesmal. Nevada »Wie sind Sie zu der Narbe gekommen?« Zeke sah die Kellnerin an. Er wußte nicht. »weil ich meine Nase dorthin gesteckt habe. Vor dem Unfall war Zeke ganz einfach der hagere Tim Johnson gewesen. Er 333 . weil es in der Bar zu einer Rauferei kam. Irgendwann wollte es jedoch das Schicksal. die ihn mit dieser Mischung aus Faszination und Abscheu musterte. gibt du eine andere Antwort. In der Ambulanz kam er wieder zu Bewußtsein. Aber diesmal lief er nicht schnell genug. ein Schwächling. Dezember 1999 Las Vegas.Dienstag. die er inzwischen oft genug erlebt hatte. daß die Narbe Zeke erst zu dem gemacht hatte. erwiderte er kalt lächelnd. Er war schon immer ein Feigling gewesen. wo sie nichts zu suchen hatte. daß Tim in einer Bar am Straßenrand des McKinley Highway in Alaska saß.« Zeke sah der Kellnerin in dem hautengen Kleid nach und schnitt sich ein Stück von dem dicken blutigen Steak ab. »Ich habe sie bekommen«. Er hatte wie so oft zuviel getrunken und wollte sich aus dem Staub machen. 21. weshalb er überhaupt auf der Welt war oder was er mit seinem Leben anfangen sollte. wenn man dir diese Frage stellt.« Raphael lachte und biß hungrig in seinen RiesenHamburger.

wer er war oder wer ihn zusammengeschlagen hatte. seine Muskeln zu trainieren. Tims Erinnerung stellte sich erst dann wieder richtig ein. die ihn gepflegt hatte. sich operieren zu lassen. als würde ein Samenkorn. Nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus zog es ihn wieder in den Süden. Er fand inzwischen Gefallen daran. als er in den Spiegel blickte. Der Schock war groß. Er bemerkte nur. Er dachte nicht daran. Wer war dieser Frankenstein? Das konnte unmöglich Tim Johnson sein. der seine Visite mit einem kleinen Flugzeug machte. Die Narbe schien Macht zu bedeuten. das schon lange dort wartete. endlich keimen. daß die lange rote Narbe auf andere ebenso abschreckend wirkte – selbst auf die Krankenschwester. Harte Burschen erwiesen ihm erstaunlicherweise so etwas wie Achtung. sondern beschloß. Er erklärte. Auf jeden Fall wagte niemand mehr. Er schnitt sich die jungenhaften. Bald hatte er 334 .wußte nicht mehr. die dem neuen Gesicht entsprach. eine Persönlichkeit zu werden. rasierte und bleichte sie. nur ein Chirurg könne Tims Gesicht wieder menschliche Züge verleihen. daß ihn eine Krankenschwester nach den Funkanweisungen eines Arztes verband. Die Frauen wichen ihm entweder aus oder sie kamen zu ihm. Sie erschien stets mit einem Lächeln in der Tür. der als notorischer Feigling von allen verlacht wurde. langen braunen Haare ab. wie etwas in ihm zu wachsen begann. Dann begann er. sich mit ihm anzulegen. um sein gefährliches Aussehen durch einen entsprechenden Körper zu unterstreichen. Es dauerte nicht lange. Eine Woche später erschien der Arzt. und schließlich erreichte er Kalifornien. Da spürte Tim. in den Bars die Reaktionen der Leute zu beobachten. aber er merkte. daß sein Anblick ihr Angst einjagte. bis er feststellte.

dachte er. Hier war alles und jeder verrückt und unberechenbar. Las Vegas. wo sie beide eine gefährliche Fracht bewachen mußten. die heißer ist als die Hölle. »Noch mehr Kaffee?« fragte die Kellnerin. Als Zeke sah. Sie zog das Engelsgesicht von Raphael vor. Und in diesem Monat schien sich Las Vegas selbst zu überbieten. ›Raphael‹ war natürlich nicht sein richtiger Name. um es mit allen aufzunehmen. und er wußte. Zeke beobachtete. Aus Tim wurde Zeke. wie sie mit Raphael flirtete. wie die Kellnerin den Mörder mit den unschuldigen blauen Augen und dem blonden Lockenkopf ahnungslos anlächelte. Unsicherheit und verzweifelte Hoffnung. mit dem Raphael zur Welt gekommen war. Die Kellnerin hatte es sich überlegt und ihre Entscheidung getroffen. Er faszinierte oder schüchterte ein. den er in Südamerika kennengelernt hatte. Eine Stadt. Zeke. ein Killer mit dem Namen eines Engels zu sein. Er hatte Zeke einmal gesagt.genug Kraft. Sie wußte allerdings nicht. Wie konnten Frauen nur so dumm sein? Er. Vielleicht stand wirklich der 335 . Er wurde stark und schweigsam. Die allgemeine Hektik verriet Angst. war inzwischen hart und gefühllos. aber diesmal verschwendete sie keinen Blick an Zeke. daß es die falsche Entscheidung war. Zeke richtete seine Aufmerksamkeit auf das geschäftige Treiben auf der Straße hinter dem Fenster. Aber das war nichts im Vergleich zu dem völligen Mangel an Menschlichkeit. Irgendwann fiel ihm eine Ausgabe von Der Söldner in die Hand. Zeke hatte es bei ihrer Ankunft in der Stadt sofort gemerkt. In den letzten Tagen von 1999 lag eine besondere Spannung in der Luft. schüttelte er sich beinahe. er habe beschlossen. welche Richtung er seinem Leben geben würde. sondern sah nur Raphael an Zeke war das gleichgültig.

Diese Information brachte Zeke auf die Idee. dann müßt ihr sofort zur Stelle sein. Havers noch immer nicht darüber informiert. Vielleicht hofften sie auch auf eine Affäre mit einem der Showgirls oder sie wollten Sünden begehen. daß sie eine heiße Spur verfolgten. Zeke hatte den Eindruck. Ihr Boß dachte zu kompliziert und nur in weltumspannenden Computer-Dimensionen. »Wir werden sie mit unseren Computern finden«. einer Spur mit Ausdauer zu folgen. in diesem Sodom der Neuzeit noch einmal richtig feiern wollten. Wir sind bereits im Einsatz! Er hatte erfahren. der sich wie eine Nadel im Heuhaufen der Sünde versteckt?« Zeke hatte Mr. Sie hofften wie immer auf den großen Gewinn. »Haltet euch einsatzbereit. die Archäologin und der Priester könnten mit dem Bus weitergefahren sein. daß die Polizei den roten Ford Escort im Motel in Goshen sichergestellt hatte. Warum auch nicht? Entweder kam das Jüngste Gericht oder das eintönige Leben ging weiter wie bisher… »Also«. daß alle. Mit 336 . die sie sich nur im Angesicht des nahen Endes zu erlauben wagten. hatte er das letzte Mal zu Zeke gesagt. Niemand wußte. dachte Zeke und lächelte bitter. Er hielt nichts von der bewährten Methode. aber diesmal für ein Morgen.Weltuntergang bevor. die nach Las Vegas gekommen waren. Die kleinen und großen Spieler schienen ihren letzten Einsatz zu wagen. das möglicherweise nicht mehr kommen würde.« Einsatzbereit. wie und ob das Leben im neuen Jahrtausend weitergehen würde. sagte Raphael und wischte sich Fett und Ketchup vom Kinn. »Wie wollen wir in dem Gewühl einen Priester finden. Wenn wir sie ausfindig gemacht haben.

auf seinen Rücken sprang und nach einem Salto hinter dem Tier mit beiden Füßen auf dem Boden landete. einer Stadt. Es blieb die Frage. finden sollte. als sie den Stier geschickt bei den Hörnern packte. Zeke und Raphael mußten sich wie Spürhunde auf die Suche machen. wie es auf Kreta als sportliche Disziplin schon vor dreitausend Jahren ausgeübt wurde.gefälschten FBI-Ausweisen erkundigten sich Zeke und Raphael im Busbahnhof und erfuhren. Doch sie wurden alle von der Tatsache übertroffen. Leider hatte im Busbahnhof von Las Vegas niemand einen Priester gesehen. daß ein Priester zwei Fahrkarten nach Mojave gekauft hatte. bot das Hotel allerhand verrückte und seltsame Amüsements. Erbaut auf einer Insel mitten in einem See. Auch die Fragen im dortigen Busbahnhof erbrachten nützliche Antworten: Ein Priester in Begleitung einer Frau hatte Fahrkarten nach Las Vegas gekauft. daß das zwanzig Stockwerk hohe Atlantis keine Fahrstühle hatte. daß der Priester und die Frau hier in der Stadt waren. so erklärte das Atlantis-Hotel stolz. Das bedeutete. Dann jubelten die Zuschauer. sie zu spüren. als er sich durch die Menschenmenge einen Weg zur Rezeption bahnte. Er glaubte. Waren die beiden in einem billigen oder in einem teuren Hotel abgestiegen? Die Menge schrie vor Entsetzen. als der Stier auf die halbnackte Frau zuraste. Das. die fast nur aus Hotels bestand. Zeke zweifelte jedoch nicht daran. Das wußte Garibaldi bereits. Stierspringen war jedoch nicht das aufsehenerregendste Abenteuer im neuesten und teuersten Luxushotel von Las Vegas. wie man die beiden in der Spielhölle Las Vegas. sei die Wiederbelebung eines alten minoischen Sports: das sogenannte ›Stierspringen‹. 337 .

denn zu den großen Attraktionen gehörte der tägliche Untergang von ›Atlantis‹. Laserstrahlen und die trompe l’oeil-Architektur. Zeke durchschaute die Absicht des Priesters und der Frau. »Nicht zu fassen!« rief Raphael. Säulen und Statuen des ›Altertums‹ konkurrierten mit der superfuturistischen Architektur. daß er sie hier in einem der Mammutpaläste finden würde.Der Luxusbau stand gegenüber dem Beau Rivage am Las Vegas Boulevard. hatte ein Journalist bei der Einweihung treffend geschrieben. Zeke wußte.« Er hatte in ihrem Zimmer eine Werbebroschüre gefunden. hatte Garibaldi in Mojave zu Catherine gesagt. hinter der die sehr zuverlässigen Schienen verschwanden. die das Hotel mit seinen Attraktionen ausführlich beschrieb. Die Hotelhalle war das größte Atrium der Welt. 338 . stellte er jedoch fest. ›Mars rettet Atlantis‹. Touristen strömten in Scharen hierher. Fresken. »Im Atlantis sind wir sicher«. um die Wunder der Illusion zu bestaunen. daß die Leute ihn anstarrten. auf denen die ›Mars-Raumschiffe‹ schwebten. die das Hotel bot. »Niemand wird uns in der Menschenmenge finden. Als Garibaldi die Rezeption erreichte. Er fiel auf. Excalibur. und schwerelose ›Raumschiffe‹ beförderten die Gäste zu den mehr als viertausend Zimmern. Das Atlantis war von Anfang an ein Riesenerfolg und ständig ausgebucht. Zeke und Raphael fuhren langsam den breiten Boulevard entlang und betrachteten die riesigen Hotels – das MGM Grand. Atlantis… Wie unwirkliche Visionen einer fremden Welt ragten die Bauten aus der Wüste unter Nevadas gleißender Sonne in den Himmel. Die beiden Flüchtlinge suchten Schutz in der Menge. denn ein Priester in Soutane war ein seltener Anblick im Atlantis von Las Vegas. In den Raumschiffen hatte man in der Tat den Eindruck zu ›fliegen‹. aber diese Illusion entstand durch Lichteffekte. das Luxor.

»Wo fangen wir an zu suchen?« »Das ist für Sie. das sich wie ein goldener Wasserfall durch die riesigen Glastüren ergoß. Vater«. Zeke blickte auf die Uhr und sagte zu Raphael: »Hier fangen wir an. Er drehte dem Hoteleingang den Rücken zu. kaufte er eine Zeitung. der wie ein minoischer Sarkophag aussah. sie konnten die Kinder mit gutem Gewissen an den Monitoren im Zimmer zurücklassen. Geschäftsreisende nutzten den Service für Konferenzschaltungen und verwandelten ihre Suiten in virtuelle Büros. Du gehst ins MGM Grand. als ein schwarzer Pontiac langsam auf der Auffahrt vorbeirollte. und ich in Caesar’s Palace. Eltern mit Kindern wußten das Angebot ebenfalls zu schätzen. Der Gast zahlte nur eine geringe Gebühr für die Online-Verbindung.»Schlösser! Sphinxe! Piratenschiffe! Wir sind auf einem fremden Stern gelandet. »Anwendername und Paßwort sind nur Ihnen bekannt. während sie selbst an den Spieltischen ihr Glück versuchten. Garibaldi durchquerte noch einmal die Hotelhalle und ging durch das Sonnenlicht. sagte die Frau an der Rezeption und reichte Garibaldi die Internet-Zugangskarte. Sie können sich jederzeit in das Net einloggen.« 339 .« Seine Jagdlust erwachte. An einem Kiosk.« Zu den neuesten Dienstleistungen des Hotels gehörte die Internet-Zugangsberechtigung über das hoteleigene System.

Als sie am späten Nachmittag die Synagoge erreicht hatten. winkte Julius dem Mann zu und fragte sich. Kalifornien Als Julius das Institut durch den Hinterausgang verließ. Ich werde langsam fahren. klopfte an das Wagenfenster und nickte dem überraschten Fahrer freundlich zu. »Wissen Sie. Als er etwas später in seinem Wagen den Parkplatz verließ. Aber der Mann folgte ihm schon seit zwei Tagen. folgte ihm der weiße Honda. ging er nicht geradewegs zu seinem Wagen. wann er Zeit zum Essen fand oder auch nur. blieb ihm auch beim Einkaufsbummel auf den Fersen. wo das ist? Fahren Sie die Pico Street entlang und biegen Sie rechts in den Sepulveda Boulevard in Richtung Culver City. Vielleicht war es auch ein Reporter. »Ich werde bei Johnny’s etwas essen«. wo ein weißer Honda am Bordstein stand. Der Mann wartete geduldig. daß er sich seiner Anwesenheit sehr wohl bewußt war.« Julius wußte nicht. Julius ärgerte sich über die ständige Überwachung und hatte beschlossen. Wenn ich das erledigt habe. besuche ich meinen Rabbi in der Synagoge in San Vincente. sagte er. daß auch die ältesten Mitglieder 340 . dem Mann zu zeigen. ob für die Polizei oder einen privaten Auftraggeber. während Julius Geschenke für seine Ex-Frau und die beiden Kinder und auch ein Geschenk für Catherine kaufte. als der Mann das Fenster geöffnet hatte. damit Sie mich nicht aus den Augen verlieren. Danach werde ich im Santa Monica-Einkaufszentrum Weihnachtseinkäufe machen. Rabbi Goldmann war schon so lange in der Synagoge.West Los Angeles. um auf die Toilette zu gehen. als Julius eine Kleinigkeit aß. Er überquerte die Straße. wer dieser Mann war oder für wen er arbeitete.

« »Was kann ich für dich tun?« »Ich wollte fragen. »Vielen Dank. Rabbi Goldmann.der Gemeinde sich an keinen anderen Rabbi erinnern konnten. religiösen Handschriften und alten Dokumenten die Form eines Fragezeichens angenommen. »ob ich vielleicht Ihren Computer für etwa eine Stunde benutzen kann. dessen überquellende Regale und Bücherschränke verrieten. aber sein Körper hatte nach so vielen Jahren der Beschäftigung mit Büchern. sagte Julius und sah sich suchend in dem abgedunkelten Haus des Rabbi um. Er begrüßte Julius lächelnd und musterte ihn mit seinen klaren und lebhaften Augen. daß hier ein großer Liebhaber von Büchern lebte. »Welch eine Freude.« 341 . Rabbi«. wie alt er war. daß Sie mich ohne weitere Umstände empfangen. Julius!« sagte er und schüttelte ihm die Hand. dich zu sehen. Niemand wußte.

ewig zu leben? Viele unserer Zuschauer hoffen das. Herr Doktor‹.‹ ›Aber beziehen sich diese Worte auf ein ewiges Leben hier auf Erden oder im Himmel nach dem Tod?‹ Miles schaltete den Fernseher aus und füllte ein Glas mit eisgekühltem Wasser. ›Also sagen Sie mir bitte. wenn sie erfahren 342 . dachte Miles. wissen wir nicht. ›Die Sehnsucht nach dem ewigen Leben oder die Illusion. besser gesagt. was in den Schriftrollen steht. die allgemeine Hysterie wurde durch die Spekulation ausgelöst. Genaugenommen wissen wir nicht einmal. erklärte der Gast in der Talkshow. daß die Schriftrollen das geheimnisvolle Rezept enthalten. Er saß in seinem Büro. ob Catherine Alexander noch am Leben ist! Erinnern wir uns.‹ Er machte eine bedeutungsvolle Pause und übersetzte dann: ›Das bedeutet ewiges Leben. das die Zeitungen veröffentlicht haben: Zoe aionios.Santa Fe. ›Glauben Sie. unterbrach ihn der Moderator mit einem professionellen Lächeln. das es den Menschen ermöglicht. in den Schriftrollen werde das Geheimnis des ewigen Lebens offenbart. New Mexico ›Man nennt es das Methusalem-Syndrom‹. daß man ewig leben wird‹.‹ Der Experte räusperte sich und sagte mit dem ganzen Nachdruck seiner fachlichen Autorität: ›Bedauerlicherweise. All das hat seinen Ausgangspunkt in dem einen Satz. Die Wiederkehr des Messias und das ewige Leben! Die Öffentlichkeit hatte sich auf diese beiden Begriffe in dem Fragment gestürzt: Parousia und Zoe aionios. in zwei Worten. Was würden die Leute tun. oder ob es diese Schriftrollen überhaupt gibt. John. die in dem Fragment vorkommen.

Er trat an ein Fenster und blickte auf den grünen Rasen hinunter. Miles seufzte. wie sich die Megalithen in Stonehenge aus eigener Kraft bewegten. der tatsächlich nach dem Geheimnis des ewigen Lebens suchte? Die Menschen würden in ihrer Hysterie nicht vor Mord und Totschlag zurückschrecken. Der erste Anruf am 343 . weil es für alle. Einmal im Jahr erleben sie die Wunderwelt des Reichtums. hatte scheinbar die ganze Welt erfaßt. wo einige seiner Gäste Golf spielten. es bewege sich auf die Erde zu und werde nach ihren Berechnungen am Neujahrstag die Reise durch den Weltraum hinter sich gebracht haben. In England häuften sich Meldungen.sollten. Astrologen in Montana hatten das ›Neue Jerusalem‹ gesichtet. Dann lächelte er. daß die Frau. Der Weihnachtsmann gehörte zu Erikas Weihnachtsfeier für die Kinder der indianischen Mission. Alles drehte sich nur noch um das bevorstehende neue Jahrtausend. der bald mit einem Schlitten und vielen Geschenken eintreffen sollte. Was war nur mit ihm los? Schon beim Aufwachen war er schlechter Laune gewesen. nur um in den Besitz der Schriftrollen zu kommen. nach denen beobachtet worden sei. deren Geschichte in den Schriftrollen erzählt wird. denn eine Schar Kinder lief lachend und aufgeregt über den Hof. in der Tat einen Alchimisten geheiratet hatte. und daran hatte sich nichts geändert. Sie behaupteten. Sie versammelten sich vor dem Haus. das Sternentor zum Himmel sei. um den Weihnachtsmann zu begrüßen. wie sein Vater sagen würde. die NASA habe ein Schwarzes Loch über dem Nordpol entdeckt. Miles schüttelte unwillig den Kopf. Astro-Futurologen behaupteten. Dieser ›Schwachsinn‹. die von der Erde fliehen wollten. und dann müssen sie wieder zurück in die Armut… Miles staunte über den plötzlichen Anflug von Zynismus und wandte sich vom Fenster ab. Die Sache sei streng geheim.

Innerhalb weniger Monate würde sich jeder. Im Begleittext der Übersetzung aus Kairo hieß es. auf den Kauf der Software-Firma zu verzichten. Das war ein Angriff auf die neue Software. Wir sterben. Keine Engel. Der Tiger in ihm wurde immer ungeduldiger und erinnerte ihn daran. Der Dreizehn-Stunden-Flug nach Hawaii und zurück war demnach umsonst gewesen. Seine Berater. die Digitalisierung ehemaliger Filmstars und ihren Mißbrauch für billigste Unterhaltung zu stoppen. wir kämpfen um unser Überleben. hatte sein Vater in einem der Gespräche zwischen Vater und Sohn erklärt. der den Konzern und seine Versuche. die Anfang des nächsten Jahres auf den Markt kommen sollte. da der Justizminister persönlich dem Antrag zur Bildung eines Ausschusses zugestimmt hatte. der einen Computer besaß. Miles wußte. den Markt zu monopolisieren. Wir werden geboren. ›Das ist es eben. damit zum Partner von Marilyn Monroe oder zur Partnerin von Gary Cooper machen können. aber es wollte ihm einfach nicht gelingen. daß ein Mann mit zweiundfünfzig keine Stunde zu verschwenden hatte. beschworen Miles noch einmal. Miles haßte es. die immer zu übertriebener Vorsicht rieten und ständig den Teufel an die Wand malten. der Aki Matsumoto gehört hatte. Man forderte ihn ultimativ auf. er sollte seine Gedanken auf diese ernsten Probleme richten. Der Papyrus aus dem sechsten Jahrhundert. seine Stimmung zu bessern.frühen Morgen hatte auch nicht gerade dazu beigetragen. untersuchen sollte. Zeit und Energie zu verschwenden. 344 . an die sich Miles aus seiner Kindheit erinnern konnte. daß die ›Fabiana‹ dieses Textes in keinem Zusammenhang mit ›Sabina Fabiana‹ stehe. Außerdem geriet er inzwischen ins Kreuzfeuer der Filmindustrie. erwies sich als nutzlos. Dann kommt nichts. ›Das ist es eben‹.

Die vergangene Woche zeigte das deutlich. daß Erikas Bemühen. Er war so versessen. bevor die Würmer dich fressen‹ Miles glaubte seinem Vater. Er wollte sich in der Illusion wiegen. daß er die Fünfzig überschritten hatte? Machte sich jeder Mann Gedanken über sein Leben. die Vorbereitungen für das Fest kurz alles. daß sie in letzter Zeit beinahe wie in Panik nach etwas Unbestimmtem suchte. Dafür gab es schon seit langem Anzeichen – Unruhe. Wie hatte er das alles nur übersehen können? Warum hatte er diese Hinweise nicht längst ernst genommen? Ich war zu sehr mit mir selbst beschäftigt – mit mir und meinen Zielen. oder lag es daran. Erika zeigte ihm wie 345 . die Indianerkinder glücklich zu machen. daß er kaum darauf achtete. dem Stunden und Tage wertvoller als Diamanten und Perlen gewesen waren. wenn er sich in der zweiten Hälfte des Lebens auf das Sterben und den Tod vorbereiten mußte? Auch Erika hatte sich verändert. Er überließ Erika die Familie und die Gäste. was mit seinem Privatleben zu tun hatte. Ihm war nicht entgangen. alles sei in bester Ordnung. was in seinem Haus geschah. Woher nur kamen die düsteren Gedanken? Lag es vielleicht wirklich an dem bevorstehenden neuen Jahrtausend mit all seinen Unwägbarkeiten. in diesem Jahr irgendwie verlogen und hilflos wirkte. unverständlicher Ehrgeiz bei karitativen Projekten. Miles mußte sich in diesem Augenblick eingestehen. plötzliche Tränen.kein Paradies im Himmel. Schlaflosigkeit. nach etwas Spirituellem. Also nutze deine Zeit hier auf der Erde. Der Tiger in ihm brüllte. Und ihm wurde plötzlich klar. daß solche Hinweise auf eine innere Unsicherheit bei Erika nicht neu waren. Catherine Alexander und die Schriftrollen zu finden. Schweißtropfen standen ihm auf der Stirn.

die Journalisten oder das FBI. konnte er die Behauptung als Verfolgungswahn eines paranoiden. Wenn das geschah.jeder in seiner unmittelbaren Umgebung immer nur die heitere Fassade. Zu seiner Überraschung fand er Erika in einem der verglasten Bogengänge. Niemand war ehrlich zu ihm oder brachte genug Vertrauen auf. Selbst wenn der Computer mit dem Tagebuch in die falschen Hände geriet. sondern verließ den Fahrstuhl im Erdgeschoß. »Liebling«. Es ist nur… die 346 . Lohnt es sich eigentlich wirklich. daß ihm die Vorstellung irgendwie gefiel. Aber Miles tröstete sich. sagte er bestürzt und trat neben sie. den Schriftrollen hinterherzujagen? In Stevensons Computer-Tagebuch stand ein sehr belastender Hinweis. Unzufriedenheit und Ängste zu äußern. Er begab sich jedoch nicht sofort in das unterirdische Kommunikationszentrum. Von unten drang das Lachen und Singen der Kinder zu ihm herauf. »Ich wollte nicht. Miles«. Lohnte sich das alles? Es würde nicht mehr lange dauern. Sie stand vor einem Kaktus und drückte ein Taschentuch an die Augen. geschweige denn. bis die Polizei Catherine Alexander fand – die Polizei. Das beantwortete allerdings nicht die eigentliche Frage: Sollte er Catherine Alexander vergessen? Sollte er die Jagd abbrechen und diese Frau ihrem Schicksal überlassen. Und so wurde ihm auch Erika von Tag zu Tag fremder. erwiderte sie schluchzend. besaßen die Schriftrollen für Miles keinen Wert mehr. Entschlossen verließ er das Büro. daß du mich so siehst. mißverstandenen Archäologen abtun. »Was hast du?« »Tut mir leid. das sie ohnehin in den Untergang treiben würde? Miles mußte sich an diesem Morgen eingestehen. offen mit ihm zu reden.

Vermutlich ist er damit beschäftigt. »Ich habe Angst. der Tag. aus einem anderen Pueblo eine Kachina zu besorgen. als sie war.« »Hm. um meine Fassung wiederzufinden.« »Morgen ist die Wintersonnenwende. an dem die Kachinas aus der Kiva kommen. damit die Kiva geöffnet werden kann. das machen sie so.« »Um ihn mußt du dir keine Sorgen machen. 347 . wenn wir sterben. Ich habe ihn auch nicht gesehen und mache mir große Sorgen. verzweifelten Augen an.« Sie trocknete sich die Augen. sagte er beruhigend und drückte sie zärtlich an sich.Kinder und alles. immer gepflegt und attraktiv. Aber das wird diesmal nicht geschehen.« Miles trat einen Schritt zurück und sah Erika an. Miles fragte leicht gereizt: »Wo ist er eigentlich? Ich habe ihn lange nicht gesehen. daß sie eine Zukunft haben. Ich habe Angst. Miles?« fragte sie plötzlich. Aber an diesem Tag entdeckte er verwundert Falten um Augen und Mund. »Kommt nach dem Leben einfach nichts? Werde ich dich oder die Kinder nie wiedersehen? Diesen Gedanken kann ich nicht ertragen. Es war einfach zuviel. sagte er freundlich. Ich wollte allein sein.« »Angst! Wovor?« »Was geschieht mit uns. Ich glaube. »auf dir lastet noch etwas anderes.« »Natürlich werden sie eine Zukunft haben«. »Ich wünsche diesen Kindern so sehr. und wo ist Kojote?« »Ich weiß es nicht. Was ist es?« Sie sah ihn mit großen. »Liebste«. denn die Sonnen-Kachina ist verschwunden. »Warum denn nicht?« »Kojote«. flüsterte sie erstickt. Sie wirkte stets jünger.

daß Erika plötzlich strahlte. Ohne nachzudenken zitierte er: »›Satvinder glaubte. in das Land der Seelen. wie schön das klingt! Wenn ich nur daran glauben könnte. das Ende und was danach kommen würde Miles wußte darauf nichts zu sagen. und das erfüllte ihn mit Empörung und Wut. die niemand geben konnte? Begriffen die Menschen nicht.‹« Erika sah ihn überrascht an. solange ihnen noch die Zeit dazu blieb? Miles dachte an die Berichte im Fernsehen und an die Interviews mit dem ›Mann auf der Straße‹. daß ich nie von dir und den Kindern getrennt sein werde!« Miles sah verblüfft. dann wäre ich glücklich. Plötzlich erinnerte er sich an einen Satz aus der Übersetzung der Schriftrollen.Miles. halt mich fest…« Er nahm sie in die Arme. wenn wir sterben. Die Tränen waren verschwunden. Die Menschen dachten nur noch an den Tod. diese Fragen machten ihn hilflos. Seine Niedergeschlagenheit verwandelte sich in eine Mischung aus Verwirrung und Zorn. »Miles. Sie alle wurden von denselben Ängsten gequält wie Erika.« »›Schalimar‹. und daß sie das Beste daraus machen mußten. denn ich wüßte. ich habe es vermutlich irgendwo gelesen. sogar die Falten und Fältchen schienen sich zu glätten. wirklich etwas zu wissen? Auch wenn er Zugriff auf alle Informationen der Welt hatte. und sie sah wieder jung 348 . Wer konnte sich schon hinstellen und behaupten. daß das Dasein auf der Erde alles war. das man auch den Garten der Liebe nennt. kommen wir nach Schalimar. das ist wundervoll! Wo hast du das gehört?« »Ich weiß nicht. was sie hatten. Hatte die allgemeine Hysterie der bevorstehenden Jahrtausendwende nun auch seine Frau erfaßt? Wonach suchte Erika? Warum nur die Angst? Warum schien jedermann plötzlich Antworten zu wollen.

Er hielt die Zügel wieder fest in der Hand. Er würde nie vergessen.und bezaubernd aus. wie ihn das Adrenalin aus den Tiefen seiner Zweifel riß. wer sonst auf der Welt sollte gegen den apokalyptischen Unsinn der Menschheit immun sein? Er nahm Erika am Arm und sagte fröhlich: »Komm. sehr viel mehr!‹ In diesem Augenblick setzte der Tiger wieder zum Sprung an. die Schriftrollen würden ein Geschenk für Erika sein. die Jagd nach den Schriftrollen aufzugeben? Wenn nicht er. sie in seinem Museum zu verstecken. wie Erikas Augen plötzlich geleuchtet hatten… Ja. Wir sollten dabeisein. die ihn schon beim Aufwachen überfallen hatte. Aber von jetzt an ging es nicht darum. mit dem er sie glücklich machen konnte. Miles spürte.« Die Unsicherheit. über die zweite Lebenshälfte nachdenken und sogar mit dem Gedanken spielen. Er würde dieser Archäologin die Schriftrollen abjagen. alte Wunden lecken. wo ich das gelesen habe. gehen wir zu den Kindern. wenn sie die Geschenke auspacken. 349 . Wie konnte er nur so dumm sein und sich wie eine kranke Katze in eine Ecke verkriechen. war verschwunden. Er wollte ihr sagen: ›Es steht noch mehr dort.

Radiergummi. wie ich feststelle.‹« Garten der Liehe… Catherine hob den Kopf und dachte nach. zwei Modemanschlüsse. der. das man auch den Garten der Liehe nennt. Aber unter ihnen ist kein einziger Tymbos zu finden!« »Ich habe einen neuen Suchbegriff«. die verläßliche Hilfsbereitschaft. Michael saß mit dem Rücken zu ihr an der anderen Seite des Raums vor dem Laptop und suchte im Internet nach Papyri. eine Königin war. in das Land der Seelen. Armenien und Trakien. sagte Catherine.Las Vegas. ein Fax und einen Drucker. die man in einem Büro braucht – Büroklammern. der am Fenster stand. Er konnte auch zärtlich sein. sein Durchhaltevermögen und seine Liebenswürdigkeit gehörten inzwischen wie selbstverständlich in ihr Leben. von Phraates bis Vardenes. kommen wir nach Schalimar. Notizblöcke. 350 . Das bedeutete zwei Schlafzimmer mit getrennten Bädern. Die Könige von Parthien. als spüre er ihre Augen auf sich gerichtet. Sie und Garibaldi hatten im Atlantis eine Suite für Geschäftsleute. und sagte lächelnd: »Ich habe hier vermutlich die genaueste Aufstellung aller Könige im ersten und zweiten Jahrhundert nach Christus. ein Büro mit zwei Schreibtischen. zwei Telefonnummern und all die praktischen Dinge. Es gibt sogar einen Morwan. Nevada »›Satvinder glaubte. wenn wir sterben. wie am Abend zuvor in dem Motel. als er das Kätzchen gestreichelt und mit Milch gefüttert hatte… Er drehte sich um. Von dort hatte sie den eindrucksvollen Blick auf den See und die ›alten‹ Tempel. Locher usw. Catherine arbeitete an dem Schreibtisch. Der Anblick seiner breiten Schultern. Artivastes bis Romotacles.

« Er klickte und tippte inzwischen schon geübt auf die einzelnen Menüpunkte. Catherine trat neben ihn und stellte das Glas Wasser auf seinen Schreibtisch.archives. Garibaldi klickte auf ›Hinduismus‹ und dann wieder auf ›alt. Vielleicht bringt es uns weiter.« Sie nahm aus der Minibar eine Flasche kaltes Mineralwasser und füllte zwei Gläser. Sie erinnerte sich nicht daran. Es könnte möglicherweise ›Schalimar-Fragment‹ heißen. Es war inzwischen dunkel geworden. sagte Garibaldi und öffnete YAHOO: RELIGION VIRTUAL LIBRARY.»Schalimar. »Ihre Wahl?« Catherine überflog die Liste. »Es ist ein Land im Leben nach dem Tod. Es waren einfach viel zu viele Verweise. verehrte Frau Doktor«. um sich in das richtige Programm einzuwählen. und wieder erschien eine Liste mit tausend Einträgen.« »Wie das Parfüm?« Sie stand auf und massierte sich den Nacken. 351 . »Gut.hindu. »Fangen wir noch einmal an«. Es gab auch Stichwörter wie: ›Der Gottesbeweis in Cyberspace‹ und ›Der Beichtstuhl‹. Auf der Home Page stand: ›Global Hindu Electronic Network. sagte Garibaldi. Vielleicht finden wir etwas darüber. RELIGION Eine Liste mit über zweitausend Einträgen erschien.‹ Garibaldi öffnete das Unterverzeichnis: ›alt. Neugierig blickte sie auf den Bildschirm. den Sonnenuntergang bemerkt zu haben.Hindu archives‹. November 1999‹. »Also. suchen wir nach Schalimar. schüttelte den Kopf und seufzte. Vielleicht gibt es irgendwo eine Kopie dieses Kapitels. sponsored by Hindu Students Council. von ›Aristoteles‹ bis ›Zoroaster‹.

um nicht durch neue Meldungen abgelenkt zu werden. »Ich hatte wirklich geglaubt. sagte Garibaldi. Das Laden der Datei würde ein paar Minuten in Anspruch nehmen. daß man hier im Atlantis Dianuba Technologies Software und auch das schnelle neue Scimitar benutzt. Noch dazu. murmelte er und drehte sich um. erwiderte sie und ging langsam zu ihrem Arbeitsplatz zurück. wenn wir ungestört Online bleiben können. die Schmerzen in Nacken und Schultern würden nie verschwinden. wo uns in diesem Hotel ein hochkarätiges System und eine sehr schnelle Software zur Verfügung stehen. »Der Tag war nicht völlig umsonst«. Sie hatte das Gefühl. Ihr fehlten Schlaf und ein normales Leben.622 Bytes. Sie hatten bewußt den ganzen Tag keine Nachrichten gesehen. »Dazu fehlt mir die Geduld«. und er rief: »Vierhundert Einträge!« Er ließ die Liste abrollen und fand unter ›Schalimar‹: Designer-Mode.« Vor dem Fernseher blieb sie zögernd stehen. »Wir haben immerhin den mysteriösen 352 .« Es dauerte nicht lange. »Gut. »Das geht am schnellsten und ist auch sehr umfassend. Nach fünf Minuten Suche deutete immer noch nichts auf eine alte Schriftrolle oder auf die Kopie einer solchen hin. den Geburtsort eines Astronauten in Florida und ein Hotel in Las Vegas. daß sie die Universität von Freiburg angewählt hatten. Havers mit seiner eigenen Software zu schlagen. das Miles Havers für das Internet hat entwickeln lassen…« »Das wundert mich nicht«. »Aber es würde mir eine gewisse Befriedigung verschaffen. denn die Meldung auf dem Bildschirm lautete: empfangen: 3347 Bytes von 149. meinte Garibaldi aufmunternd.« Mit einem schiefen Lächeln fügte er hinzu: »Wissen Sie eigentlich. suchen wir auf Lycos«. »Tut mir leid«. würden wir etwas finden. murmelte Catherine.Die elektronische Adresse verriet.

Wenn Sie die Schriftrollen in zwei oder drei Monaten gefunden hätten. um auf dem laufenden zu bleiben«. daß sie nur noch über diesen Fall berichten…?« ›Die ägyptische Regierung hat die Polizei in Santa Barbara offiziell aufgefordert. den Philos seinen Patienten verordnet hat!« Das Wunderheilmittel aus Weidenrinde war zweitausend Jahre später als ›Aspirin‹ bekannt. erwiderte Garibaldi.« »Ich verstehe das nicht. »Der Fall beginnt zu einer Lawine zu werden. Der ägyptische Außenminister will gegen diese Entscheidung bei seinem Amtskollegen im Weißen Haus Protest einlegen.« Es folgte ein aufgezeichnetes Interview mit einem Theologen.‹ Garibaldi griff sich an den Kopf. Dr. »Man glaubt. geschieht denn auf der Welt überhaupt nichts mehr. die Photos seien Beweismaterial in einem Mordfall und könnten nicht Dritten überlassen werden. über die sie berichten könnten!« »Es liegt am neuen Jahrtausend«. Catherine Alexander in Kürze festnehmen zu können. ihr die sichergestellten Photos der Schriftrollen zu übergeben. Sie hätten Informationen über die Zukunft. und griff zur Fernbedienung. ›Ich halte das Vorgehen dieser Frau für 353 . Warum machen sie aus mir so eine große Sache? Es gibt doch wichtigere Dinge. die niemand mehr aufhalten kann. würde sich kein Mensch darum kümmern. daß man damit rechnet. Mit einem Blick auf die Uhr sagte Catherine: »Wir müssen uns wohl doch die Nachrichten ansehen. Die Nachrichtensprecherin sagte gerade: ›… ein Sprecher des FBI erklärte heute. Aber ein Polizeisprecher erklärte.‹ »Der reinste Zirkus!« sagte Garibaldi. »Du meine Güte.›Hekatetrank‹ gefunden.

sagte Catherine und wechselte mit der Fernbedienung den Kanal. fügte er lächelnd hinzu: »Das ist nicht von mir. Wieso glaubt Catherine Alexander. Im Klassik-Sender endete gerade eine 354 . Wir müssen uns fragen: Was kommt nach dem Tod?‹ ›Warum verzeichnen die traditionellen Kirchen dann nicht einen Zuwachs an Gläubigen?‹ ›Nun ja. Steve. Beenden Sie die törichte Flucht. eine Religion abzulehnen. Alexander. der Katholizismus zum Beispiel sei einfach zu alt. Sie können nicht gewinnen. Cochran. ich spreche für alle von uns. schaltete sie auf Radioempfang. Ich habe es irgendwo einmal gelesen. Kurz gesagt. wenn ich sage. daß sie sich über alle Gesetze hinwegsetzen kann?‹ Ein Professor aus Harvard gab folgende Erklärung ab: ›Ich wende mich persönlich an Sie. »hat den Rosenkranz und die Heiligen gegen Kristalle und Engel ausgetauscht.‹« Als Catherine ihn überrascht ansah. können Sie uns die Gründe dafür nennen. weil die Kirchen den Bedürfnissen unserer Zeit nicht mehr gerecht werden.‹ Garibaldi schüttelte den Kopf und murmelte: »›Eine Religion. Bitte übergeben Sie die Schriftrollen einer wissenschaftlichen Institution oder einer kirchlichen Organisation. Aber es ist wirklich komisch. Ich denke. ich war früher Katholik. unsere Sterblichkeit ernstzunehmen. daß wir uns vom Glauben unserer Eltern losgesagt haben. daß im ganzen Land das Bewußtsein für spirituelle Fragen wächst?‹ ›Die Zeit der Materialisten geht zu Ende.« Da keines der Fernsehprogramme ihr zusagte. nur weil sie alt ist!« »Dieser Mann«. Dr.äußerst fragwürdig. ›Dr.‹ Im Studio wurde ein weiterer Experte befragt. Deshalb sind wir gezwungen. die unter dem Staub der Jahrhunderte begraben liegt. aber heute bin ich wie viele meiner Freunde ein Anhänger von New Age. viele meinen. Steve.

einige Vertreter der Kirchen haben erklärt. wie die ursprüngliche christliche Kirche aussah?‹ Catherine setzte sich auf einen Stuhl. denn er ist frei von den Geschichten. Das. was uns dieser Text über die Anfänge unserer Kirchen sagen kann. denn sie wollte sich das Gespräch anhören. Wenn diese Schriftrollen von Frühchristen geschrieben wurden. sondern aufmerksam zur Kenntnis nehmen. die etablierten Kirchen sollten sich von den Schriftrollen nicht bedroht fühlen. daß der Text von einer Frau stammt und daß diese Frau sich sehr wahrscheinlich an die frühen Christen wendet… das Wort ‹Diakonos› läßt darauf schließen. Wir wissen auch. die im Laufe der vielen Jahrhunderte mit dem Christentum in Verbindung gebracht worden sind. könnte sehr befreiend wirken. antwortete Dr. Natürlich kommt in dem Text auch das Wort ‹Jesus› vor.Konzertübertragung. Dr. Pearson. ›Nun ja‹. dann hörten sie den Sprecher: ›Wir haben heute Dr. was wir dort erfahren.‹ ›Dr. ›Erstens.‹ Pearson erwiderte leise lachend: ›Nun ja. Pearson. Dr. Pearson.‹ ›Wollen Sie damit andeuten. Pearson. dann können sie uns vielleicht Aufschluß über die Anfänge des Christentums geben. ›Möglicherweise nicht‹. die Schriftrollen seien blasphemisch und ketzerisch. Raymond Pearson bei uns im Studio. ›Das 355 . die paläographische Untersuchung datiert den Text in das erste oder zweite Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Was können Sie uns über das PapyrusFragment sagen. daß uns das Neue Testament nicht sagt. erwiderte Dr. Legenden und Märchen. Pearson?‹ Garibaldi ging zu seinem Schreibtisch zurück und trank einen Schluck Wasser. Er ist der Gründer der historisch orientierten JesusGesellschaft.

Es ist in der Tat das älteste Textfragment des Neuen Testaments. so glaubt man. etwa zwanzig Jahre später. Damit stellt sich natürlich die brisante Frage. um eine Stelle aus dem Johannes-Evangelium. stammt erst aus dem Jahr 225?‹ ›Richtig. Sie kennen die Nummer. ›Liebe Zuhörer. Außerdem gibt es ein Fragment des Markus-Evangeliums aus dem Jahr 225. Sie können jetzt im Studio anrufen. daß es sich um einen griechischen Text handelte. 1925 wurde zum Beispiel ein Papyrus-Fragment in der ägyptischen Wüste gefunden und an Archäologen in Kairo verkauft. das wir besitzen. trotz intensiver Forschungen sind die Originalhandschriften der vier Evangelien nie gefunden worden. Die ersten Ausschnitte. die Kreuzigung lag zu diesem Zeitpunkt bereits einhundertsiebzig Jahre zurück. Nach wissenschaftlicher Prüfung stellte man fest. und das Johannes-Evangelium um das Jahr 95. und Dr. Sie sind im Laufe der Zeit verlorengegangen.‹ ›Wie können wir dann dem Neuen Testament überhaupt vertrauen?‹ ›Wir haben Kopien. welche Veränderungen die Evangelien in all den vielen Jahren erfahren haben.Markus-Evangelium wurde um das Jahr 65 geschrieben. für 356 . Und hier ist bereits die erste. aber ein Fragment der ersten Kopie. das Markus-Evangelium wurde um das Jahr 65 geschrieben. aber er wurde hundert Jahre nach der Kreuzigung geschrieben. Pearson wird Ihre Fragen beantworten. stammen aus dem Jahr 200 n. die wir haben.und MatthäusEvangelium vorliegen.‹ ›Danke!‹ sagte der Moderator.‹ ›Sie sagen. Wir dürfen nicht vergessen. Das heißt.‹ ›Herr Doktor. das Matthäus – und Lukas-Evangelium. die uns aus dem Lukas. wie immer Sie auch heißen mögen. Chr.

der hinter ihr stand. den wahren Glauben zu vertreten. In den ersten hundert Jahren gab es im Römischen Reich eine große Zahl christlicher Sekten mit unterschiedlichen Glaubensvorstellungen.‹ ›Dr. Aber wir kennen nicht die ursprünglichen Worte. Wenn die Schriftrollen. Paulus war anderer Meinung. Gebeten und Vorstellungen von der Persönlichkeit Jesu und seiner Worte. was sie das Neue Testament nannten. es kam nach dem Tod von Jesus zu einem Machtkampf‹ sagte Pearson. Erst im vierten Jahrhundert setzte sich das mächtigste ‹Lager› durch. Einige Gruppen hielten sich an die Lehren von Petrus. beschnitten wurden. die damals allgemein verbreitet waren. andere an die von Paulus. und alle behaupteten. was der richtige Glaube sei. Petrus zum Beispiel bestand darauf. wollen Sie behaupten. und erklärten alle anderen für ketzerisch. aber sie taten es mit unterschiedlichen Ritualen. dann werden 357 . Nächster Anruf. Erinnern wir uns. tatsächlich Berichte von Augenzeugen der Mission des Herrn hier auf Erden sind.‹ Catherine spürte Garibaldi. Es zirkulierten viele Evangelien und Briefe. Pearson. Splittergruppen gründeten eigene Kirchen. ›Das ist in Urkunden dokumentiert. Die Frühchristen stritten darüber. daß alle Männer. Regeln und so weiter. Diese Christen stellten zusammen. ›Wir wissen. das Neue Testament ist nicht das von Gott offenbarte Wort?‹ ›Verstehen Sie mich nicht falsch. Die Auseinandersetzungen um den richtigen Glauben dauerten noch zweihundert Jahre an. Die Evangelien sind die Worte Gottes. aber er schwieg. die sich zum christlichen Glauben bekehrten.Ihre Worte werden Sie in der Hölle brennen…‹ ›Danke. die Dr. Alexander aus Ägypten geschmuggelt hat. Die Spannung im Raum stieg merklich. bitte. Sie entschieden sich für nur vier Evangelien von den vielen.

bitte. wie wir sie heute kennen. und er wird seine tausendjährige Herrschaft auf Erden gründen. damit wir uns auf den Tag und die Stunde der Wiederkehr des Messias vorbereiten können?‹ ›Ich bin sicher. hier ist jemand aus San Francisco. Pearson. um die guten Christen vom Weg der Erlösung abzubringen.‹ ›Jesus wird kommen. Alexander zu finden. Dr. Wie heißt Ihre Frage?‹ ›Zuerst einmal. wenn in diesen Schriftrollen. der auf die Erde gekommen ist. der Tag und die Stunde genannt werden.‹ ›Danke. Das nächste Gespräch. mit denen diese Frau auf der Flucht ist.wir durch diese Texte vielleicht zum ersten Mal einen wirklichen Einblick in die Ursprünge des Christentums und seiner Intentionen vor den inneren Kämpfen und Auseinandersetzungen bekommen. die Behörden tun alles. die sich sehr von der unterscheidet. ›Das klingt ja. die meisten von Ihnen hören nur das Besetztzeichen. Dr. Vielleicht werden wir dann eine Kirche sehen. um Dr. Ich weiß. das wissen wir. Herr Professor. denn das Jüngste Gericht steht uns bevor. um ihr die Schriftrollen abzunehmen. warum unternehmen die zuständigen Stellen nichts. So.‹ ›Ich habe Dr. Sie erzählen eine Menge Lügen. wenn sie bei uns anrufen. Sie werden für Ihre Frevel büßen! Sie sind eine…‹ ›Leute!‹ rief der Moderator. Alexander ist der Antichrist. ich weiß. Unsere 358 . Der nächste Anrufer ist zugeschaltet. ich sei der Antichrist…« ›Danke. was in ihren Kräften steht. Alexander etwas zu sagen. als würde die Öffentlichkeit klar und deutlich ihre Meinung kundtun! Liebe Zuhörer. Meine Frage ist. Und wenn Sie…‹ Catherine murmelte: »Der Antichrist! Er behauptet.

daß einer die Nachricht weiterleitet. »Das könnte gehen. Man deutet Ihr Schweigen als ein Eingeständnis von Schuld. Catherine stützte den Kopf in beide Hände. Offenbar sind bereits zu viele Menschen davon überzeugt. Sie in ihre Gewalt zu bekommen. wenn man Sie erkennen sollte. sagte sie. Besorgt sah er Catherine an.« »Dann werde ich es über Internet versuchen. Fanatiker werden möglicherweise versuchen. sie weiterzuleiten. Sie müssen Ihre Nachricht an eine Stelle schicken.« »Dann muß ich allen die Wahrheit sagen! Sie müssen meine Beweggründe kennenlernen!« »Gut. »Alles in Ordnung?« fragte er leise. Das Jahrtausendfieber scheint den Menschen den Verstand zu rauben. Es könnte für Sie gefährlich werden.« Catherine setzte sich vor den Computer und dachte nach. mir gefällt das alles überhaupt nicht.Damen in der Zentrale haben alle Hände voll zu tun. »Warum beschimpfen sie mich? Warum sind alle gegen mich?« »Vermutlich deshalb. Dann besteht die größte Wahrscheinlichkeit. Man würde Sie sofort aufspüren. Wie es aussieht. wo viele sie lesen. UniCom wäre das 359 .« Er überlegte und nickte dann. »Ich kann sie nicht WELL oder ECHO schicken«. wer ist jetzt am Apparat?‹ ›Sagen Sie dem Weib…‹ Garibaldi griff nach der Fernbedienung und schaltete ab. weil Sie schweigen. könnte Ihnen nicht einmal die Polizei Schutz bieten. aber wie? Sie können nicht telefonieren. Verstehen Sie. Aber lassen Sie sich nicht entmutigen. daß sowohl Sie als auch die Schriftrollen das ›Böse‹ sind. »Dort muß man angemeldet sein. Ja. selbst wenn Sie sich stellen würden. Ich werde die Nachricht dort an einem Schwarzen Brett deponieren und darum bitten. wir beantworten so viele Anrufe wie möglich.

und sie begann zu tippen. Er suchte einen Maya-Tempel. Das gilt auch für Dianuba Network. Ausgestoßene…« Plötzlich fiel ihr etwas ein. die von ihrer Welt und ihrer Zeit abgeschnitten worden sind. Noch weniger wird man die Nachricht weiterleiten.beste. und jemanden beauftragt. Garibaldi zog sich einen Stuhl heran und setzte sich neben sie. »Das war sein Lieblingsbuch«. erwiderte Catherine.« »Er kann nicht alle Kanäle überwachen«. aber in den meisten sind nur drei oder vier Anwender gleichzeitig Online. dachte Catherine und starrte trübsinnig auf Dannos Computertasche. murmelte sie. denn sonst läßt sich wie beim Telefonieren der Absender ausfindig machen. ermittelt der Spion die Adresse der Zugangslizenz und weiß. aber auch dort muß man sich anmelden. daß Sie hier im Hotel sind. besteht kaum die Chance. »Was haben Sie vor?« »Ich habe mit Danno einen Sommer lang in Mexiko gearbeitet. öffnete sie und holte die vergilbte Ausgabe von Hawksbill Station heraus. Das ist schade. dort nach Ihnen Ausschau zu halten. Wenn Sie sich in diese Gespräche einwählen.« »Havers hat vermutlich vorausgesehen.« »Sie können die Nachricht keiner Anwendergruppe zuleiten. Danno war 360 . »Es handelt von einer Gruppe Männer. denn durch den Einwahlknoten würden Sie mehr Menschen erreichen. Sobald Sie Ihre Nachricht senden. Sie griff danach. daß Sie daran denken würden.« Es muß einen Weg geben. daß man Ihnen glaubt. »Es gibt viele tausend IRC-Kanäle!« »Richtig.« »Wie wäre es mit IRC? Im Internet Relay Chat gibt es viele sehr populäre Kanäle. denn beinahe jeder hat das.

us. das so weit und so schnell wie möglich zu verbreiten. wenn Sie den Kanal finden?« »Ich werde ihnen sagen. »doch wenn ich das. BOTS ARE ALLOWED ON THIS SERVER ONLY WITH SERVER OP APPRQ-VAL.regelmäßig morgens und abends eine Stunde im Internet. ABSOLUTELY NO 361 .undernet.« Auf dem Monitor erschien die Meldung: ›Ihr Host ist pasadena. 2. Aber auf die Loyalität der Mitglieder von Dannos Gruppe kann ich setzen.ca. PERSISTENT ABUSERS OF THIS RULE WILL HAVE THEIR HOST BANNED FROM THIS SERVER. was ich sagen will.000 Anwender. dann habe ich keine Garantie.org.« »Was wollen Sie mitteilen.« Catherine tippte eilig weiter: ›pasadena.undernet. Server created 7/23/96 um 16:43 PST. hieß der Kanal ›Hawksbill‹. »Vor zwei Jahren hatten sie zehn Mitglieder.« Sie klickte auf das Symbol IRC MANAGER. sagte Catherine. er benutzte Internet Relay Chat.us. anonym in einem BBS hinterlasse.ca. das sind nicht viele«. Ich werde ihnen sagen. daß ich unschuldig bin. wer ich bin. wo es hundert Leute lesen.« Auf dem Monitor erschien die Meldung: MOTD: PAKE USER @HOST IS NOT ALLOWED ON THIS SERVER. »Wie groß ist die Gruppe?« Sie klickte auf das Symbol CONNECT. daß sie die Nachricht verbreiten.‹ »Ich weiß. 1500 unsichtbar auf 127 Servern.org‹ und drückte: ENTER. »Wenn ich mich recht erinnere. und sie bitten. Ich glaube.

Jean-Luc.« Aber Catherine erinnerte sich deutlich daran. Der vierte. oocbert.Zeichen vor dem Namen. daß er oder sie der Kanal-Operator war. END OP/MOTD COMMAND »Hoffen wir. »›Hawksbill‹!« Sie markierte #hawksbill und klickte zweimal.CLONE BOTS ALLOWED. wenn er sich bei 362 . »Nein. »Kennen Sie die Leute?« fragte Garibaldi.‹ Auf der rechten Seite des geteilten Bildschirms begannen Namen und Nummern zu erscheinen: #altair 4 #boyehat 7 #dogs 5 #doomsday 9 #england 12 #friendly 32 #german 6 #hawksbill 4 »Da ist er!« rief Garibaldi. die Spitznamen der im Augenblick im Netz befindlichen Teilnehmer angezeigt: BENHUR. murmelte Catherine und tippte: ›/list -min 4. ein Hinweis darauf. wie sie im schwülen heißen Regenwald von Yucatan Danno über die Schulter geblickt hatte. daß der Kanal noch da ist«. Sofort erschien die Meldung: YOU HAVE JOINED HAWKSBILL In einem Kasten wurden die ›handles‹. »Es gibt sie noch!« rief Catherine. hatte das @. spaCeman.

beachtete das blinkende Symbol nicht und ließ sich den Dialog anzeigen. daß Sie sich nicht einwählen dürfen. ist Hawksbill am Ende. *SERVER* HASENFUß! johnjay@machl.ca [@Jean-Luc] Hallo.wlu.« Catherine verließ den Kanal und ließ sich in ›SERVER/CONNECTION‹ den Spitznamen von Daniel anzeigen.der morgendlichen Plauderstunde mit seinen Freunden unterhielt. Seine Atlantis-Theorie und alle seine Beweise sind zu unbequem gewesen. und ein Piepton war zu hören. »Danno wußte nicht einmal.« Catherine wählte sich wieder in den Kanal. Kaum hatte sie sich in den Kanal eingewählt. Man wird Sie hinauswerfen. »Versuchen Sie es noch einmal unter diesem Namen. »Sie sagen Ihnen. Sie sind eine Fremde. Hasenfuß! Du bist wirklich ein Hase. [BENHUR] Eine Verschwörung? Quatsch! Da steckt etwas anderes dahinter. Jemand wollte ihn endgültig zum Schweigen bringen. begann ein Symbol links oben am Bildschirm zu blinken. Über die seltsamen Namen hatte sie sich schon damals gewundert. »Wissen Sie etwas über diese Leute?« fragte Garibaldi und verfolgte kopfschüttelnd den Dialog im nicht lokalisierbaren Cyberspace. [spaCeman] Ich sage euch. Es erschien die Meldung: IRC Kein Zutritt HAWKSBILLBOT »O je!« sagte Garibaldi. es ist eine Verschwörung. wenn Sie im Kanal bleiben. ob es Männer oder Frauen 363 . Er hieß ›Klaatu‹. Lange nichts von Dir gehört:-)) [Hasenfuß] Habt Ihr die Meldungen in den Zeitungen gelesen? Wenn das alles stimmt.

[spaCeman] Was soll das?!!! 364 . daß Daniel Stevenson. Mitexilanten. er hatte am meisten gelitten und er besaß die größten inneren Kraftreserven. dann können sie auch nicht ahnen. welchen er für ›seine‹ Gruppe hatte. stöhnte Garibaldi.« Kurz darauf erschien folgender Text: [@Jean-Luc] Klaatu: Sorry. Sehen Sie. ich bin es. »Wir haben nicht viel Zeit. löschte ›Klaatu‹ und tippte einen neuen Spitznamen. »Nicht schon wieder ein Paßwort-Problem«. dann griff sie wieder nach dem Roman Hawksbill Station. ich weiß.« »Wenn sie die Identität der anderen nicht kennen. Niemand bestritt das. dieser Jean-Luc.« »Danno ist eine Ausnahme. Sie schlug die erste Seite auf und las den Anfang: ›Barrett war der ungekrönte König auf Hawksbill Station.sind. Er war schon länger hier als alle anderen. das hier ist ein privater Kanal.« Sie klickte auf ›#hawksbill‹ und tippte: ›Barrett‹ Hallo. sie sprechen eindeutig über Dannos Tod. denn er hat den Kanal eingerichtet. über den soviel in den Medien berichtet wurde. Aber ich glaube. Sie sind alle in der einen oder anderen Form Außenseiter und sprechen prinzipiell nicht über ihr Leben. zu ihrer Gruppe gehört hat. Wenn Havers IRC überwachen läßt.‹ Catherine klickte auf: ›SERVER/CONNECTION‹. Du mußt dich verabschieden. Zu Garibaldi sagte sie: »Danno hat vermutlich nicht nur einen Kanal benutzt und in jeder Gruppe einen anderen Namen verwendet. oder das FBI…« Catherine dachte nach. Das ist eine der Regeln auf dem Hawksbill-Kanal. Er war der Gründer… er und noch ein Freund… ich glaube.

Sie war meine beste Freundin. daß Sie wirklich Daniels Freundin sind und nicht ein Schwindler. Ich brauche euch! *DOGbert kommt wieder zu Bewußtsein. dann tippte sie: ›Im Universum gibt es eine Quelle des Lebens. Catherine Alexander hat mich nicht ermordet.‹ [@Jean-Luc] Das kann nicht sein! * Hasenfuß ist empört *DOGbert sinkt beim Anblick eines Geistes in Ohnmacht. Sie braucht unbedingt eure Hilfe! [@Jean-Luc] BEWEISE!!!!!!! »Die glauben Ihnen nicht!« sagte Garibaldi und blickte unruhig auf die Uhr. [spaCeman] Du machst die Sache nur noch schlimmer. Sie ist unschuldig. Du Schwachkopf! «Barrett»Catherine Alexander war meine Freundin. »Sie müssen die Gruppe überzeugen. und 365 . [spaCeman] Werft den Hochstapler raus! [@Jean-Luc] Du bist gewarnt! [Barrett] Wartet bitte. Aber das muß schnell geschehen. [@Jean-Luc] Tote reden nicht! [DOGbert ] Das finde ich nicht komisch.« Catherine dachte einen Augenblick nach.[BENHUR] Barrett ist tot:-( [@Jean-Luc] Verlaß den Kanal! Catherine tippte: ›Ich bin Barrett. Wir haben Barrett verloooooooooren. Wir trauern… *DOGbert trauert [Barrett]Ich brauche eure Hilfe. Sie waren bereits fünfzehn Minuten im IRC. Dr.

aber er hat von ›Janet‹ gesprochen.« [@ Jean-Luc] Ich wiederhole: Bist Du Janet? »Sie warten auf eine Antwort.« »Aber warum gerade ›Janet‹?« Er griff nach dem Roman und blätterte darin. Als keine Antwort kam. Daniel hat Sie geliebt. die richtigen Namen preiszugeben. wenn ich mit Ja antwortete und das ist falsch. Daniel hatte nie eine Janet erwähnt. Verzweifelt murmelte sie: »Ich bin auf ihre Hilfe angewiesen. Wenn sie mir nicht vertrauen. Was dann?« Garibaldis Blick fiel auf das Photo von Catherine. »Ich glaube. sagte er und deutete auf die Stelle. »Hier«. ist alles verloren.« »Seine Geliebte!« »Ich glaube. [spaCeman] Wer ist Catherine Alexander? [DOGbert] Warum sollen wir ihr helfen? [BENHUR] Tod allen Hochstaplern! [@Jean-Luc] Bist Du Janet? Catherine zuckte zusammen.‹ Sie drückte ›Enter‹ und wartete. Die Gruppe vermeidet doch offensichtlich.« Catherine biß sich auf die Lippen. Daniel muß Sie erwähnt haben.« Catherine sah Garibaldi verwirrt an und tippte: 366 . »Wer ist nun wieder ›Janet‹?« »Keine Ahnung.« »Hatte Daniel eine Freundin?« »Das hätte er mir gesagt. Aber wenn sie mich auf die Probe stellen. das Daniel auf die Innenseite des Laptop geklebt hatte. mir zu glauben.niemand kann lange ohne diese Quelle leben. »Janet war Barretts Geliebte. tippte sie: Barrett bittet euch. Garibaldi runzelte die Stirn.

bist Du es wirklich??«:-) [DOGbert] Die Station ist nicht mehr das.uk ist auf diesem Kanal.vetcom ist da. aber dann kamen die Sätze in schneller Folge: [@Jean-Luc] Barrett fehlt uns. Barrett ist doch tot!!!! [spaCeman] Sei still. Janet? [Barrett] Der Grund: Ich besitze etwas.ix. [Sugar] BENHUR hat mich aufgestöbert und meint. [@Jean-Luc] Janet. [Server] Maynard! ~rismith@alice. [DOGbert] Wer hat ihn umgebracht? [Server] Trilogy! Atombak@ix-orl-22. Barrett ist wieder da? [Barrett] Ein Killer hat ihn umgebracht. ich bin Janet. Auf dem Bildschirm bewegte sich nichts. seit Barrett nicht mehr da ist. [BENHUR] Janet.ae. Wer hat ihn umgebracht? Warum hat die Polizei den Mörder noch nicht gefaßt? [BENHUR] BRB [Server] BENHUR hat sich verabschiedet.demon. was sie einmal war.[Barrett] Ja. warum hat man Barrett umgebracht? [spaCeman] Der Mord ist ein Skandal! Was können wir für Dich tun. ich soll mich einwählen.brad.co. Was soll das heißen. [Server] Sugar! ~kharvey@scgrad.us *Trilogy schüttelt den Kopf und sagt: unmöglich. und hör zu! [Maynard] Hallo Leute! Hat jemand in letzter Zeit 367 .

Sie war Barretts beste Freundin und sie braucht die Hilfe seiner Freunde. [Carlos] Was gibt es? Benhur hat mich aus einer Gruppe rausgeholt.com ist auf diesem Kanal [Trilogy] He. [Maynard] Unmöglich! [Sugar] möglich [@Jean-Luc] Barrett bist Du noch da? [Maynard] Ich habe es in der Zeitung gelesen. [Barrett] Catherine Alexander hat mich nicht umgebracht.DialUp. Julius Vossjlvoss@freers. Barrett ist wieder da! [Server] Benhur!~George@Sebakal.PolarisTel. Sie braucht eure Hilfe. sag uns. Barrett.Net grüßt die Runde. Er hat sich gewehrt. Der Killer ist hinter ihr her und will auch sie umbringen. Catherine Alexander ist in Sicherheit und gesund. Eine Frau hat ihn umgebracht. [@Jean-Luc] Es ist Barrett… [Sugar] Exilanten halten zusammen. Meldet allen im Net.org. die dann aus der Wohnung geflohen ist. [Carlos] Barrett war in Ordnung.edu [Sugar] Mayn-Man! Willkommen im Bett! [DOGbert] Keine Sexgespräche auf diesem Kanal! [Maynard] Entschuldigung… [@Jean-Luc] He Maynard.cudenver. [Server] Carlos!mmongo@dianuba. Carlos. daß 368 . Sagt ihm.einen Orgasmus gehabt? [Server] Zipcode!zelinksi@ouray. was wir tun sollen. Sie ist unschuldig. [Barrett] Benachrichtigt Dr.

[Trilogy] Ist sie die Kleine mit den Schriftrollen? »Vorsicht. Sein Mörder verfolgt Janet. »War das klug?« fragte Garibaldi. Ich glaube. [Barrett]Eine Person. Alexander UNSCHULDIG ist. Catherine massierte sich den Nacken und überlegte. und sie muß beschützt werden. wer Barrett umgebracht hat. eine Person oder ein Anagramm. ob ihr Tymbos gefunden habt. Es ist ein Ort. vielleicht ist das eine Falle!« rief Garibaldi. ein Ort.Dr. daß einer von ihnen Astrophysiker ist. Sagt der Polizei.« [Sugar] Barrett: Was ist tymbos? [Trilogy] s. »Wenn die Gruppe das Wort ›Tymbos‹ im Internet verbreitet. [(©Jean-Luc] Ein Anagramm? Was zum Beispiel? [Barrett]Ist jemand von euch katholisch? 369 . Dann tippte sie: [Barrett] Helft Dr. was sie antworten sollte. Aber ich werde einen anderen Namen benutzen. mich zu erinnern. um zu sehen. ob ›Tymbos‹ ein Code ist und was sich dahinter verbirgt. Vielleicht findet er oder sie heraus. kommt Havers Ihnen möglicherweise auf die Spur.« »Ich weiß von Danno. daß diese Leute sehr geschickt sind. o. sie weiß NICHT. Sie wird verfolgt. Sie muß Tymbos finden. Ich melde mich wieder. möglicherweise auch ein Anagramm. weil der Bösewicht mich überwacht. Alexander. SAGT KEINEM ETWAS VON TYMBOS.

Wenn sie ihr Werk getan hat.Eine Weile bleibt der Bildschirm leer. [Sugar] Barrett/Janet. Sie wird verfolgt. Catherine tippte: ›ichthus‹ [Carlos] Iesous Christos. Die Jagd muß aufhören. wie alle behaupten? [Carlos] die Wiederkehr von Jesus? [Barrett] Dr. Menschheit gehört. Ihr Leben ist in Gefahr. 370 . wird sie es der Welt zum Geschenk machen. Catherine blickte gespannt auf den Bildschirm. Alexander arbeitet an etwas. Bitte sorgt für die Verbreitung dieser Botschaft im Namen der Quelle des Lebens im Universum. um sich klar darüber zu werden. hat Dr. Helft mir. denn Tymbos kann mich vielleicht zur siebten Schriftrolle führen. zitierte Garibaldi. Aber ihre Worte blieben dort stehen. flüsterte sie. auch im Internet. »Sie schweigen«. daß er seinen einzigen Sohn hingab. Auf dem Monitor erschien nichts Neues. ist ›Tymbos‹ griechisch oder lateinisch? [Barrett] Weiß nicht. bevor sie noch einmal morden. Alexander die Schriftrollen? [@Jean-Luc] Sagen sie den Weltuntergang voraus. glaube aber griechisch.« Der Dialog schien zu Ende. Sie ist eine von uns. damit jeder. der an ihn glaubt. Dann: [Carlos] Johannes 3:16 »›Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt. ob sie Ihnen trauen sollen. sondern das ewige Leben hat‹«. Die Killer müssen gefunden werden. »Vielleicht verständigen sie sich untereinander. nicht zugrunde geht. das der ganzen. theou uios soter [Sugar] Barrett.

»Das gefällt mir nicht«. Als Philos und ich Cornelius Severus zu einem Festmahl in den Palast begleiteten. »Ich bin sicher. Satvinder hat mir diese Geschichte erzählt. drang das Gift. Als der König sie eines Tages aufsuchte und sich mit ihr vereinte. in sein Blut. Aber bei der Liebe war er nicht so vorsichtig. Deshalb ließ er jeden Tag alles untersuchen – seine Speisen. Das nächste Mal begegneten wir uns unter anderen Vorzeichen. sagte Garibaldi. Eine Konkubine gewöhnte sich langsam an ein tödliches Gift. Ich werde einen Kanal schaffen. *Bitte glaubt mir* Haltet die Augen offen… Dann trennte sie die Verbindung: FILE »EXIT DIALER« BYE NO CARRIER Es wird erzählt. sein Parfüm. stellte ich fest. seinen Wein. daß der vorige König befürchtete. daß es in Indien den Frauen verboten ist.« »Einen Moment noch«. 371 . seine Gewänder. »Verlassen Sie den Kanal. Beobachtet IRC. Sie erzählte mir. sonst wird man mich vielleicht entdecken. sagte Catherine. daß Satvinder die älteste Tochter des Königs war. vergiftet zu werden. Satvinder war auch die weißgekleidete geheimnisvolle Frau auf dem Marktplatz. und er starb. Aber ich werde euch in ein paar Tagen anwählen.« Nach kurzem Zögern tippte Catherine ihre letzten Sätze: [Barrett] Ich kann mich auf diesem Kanal nicht mehr melden. wir können ihnen trauen.« »Ich weiß nicht recht. seine Girlanden. das sich in ihren Körpersäften befand. seine Schminke. seinen Turban.

Als ich sie fragte: ›Wer hin ich?‹ sagte sie: ›Du bist das Eine und das Viele!‹ Als ich fragte: ›Und Gott?‹ gab sie dieselbe Antwort. er müsse wissen. antwortete sie: ›Sie ist die Mutter. das heißt ›Wissen des Lebens‹.‹ Ich erzählte vom Gerechten und von seiner Botschaft. daß sie ihre Heilkünste in der Stadt zum Nutzen der Kranken verkleidet praktizierte. Sie ist die höchste Gottheit. Sie war die Lieblingstochter ihres Vaters. eine der Wissenschaften zu studieren oder die Heilkünste auszuüben. Als ich wissen wollte. sie wollte es auch anwenden. Aber als ich den König kennenlernte. auf das wieder das Erschaffen folgt. Patient. daß seine Tochter sich nicht an die ungerechten Gesetze der Männer hielt. dachte ich. Ihr Name bedeutet kosmische Kraft. Sie sagte. und wenn das nicht hilft. Satvinder sprach von ihrem Glauben. was mit dem Kreislauf von Erschaffen. Zerstören und Wiedererschaffen 372 . gehört. die er uns am Salzmeer verkündet hatte. in der Verborgenheit des Palastes zu studieren und zu lernen. Erhalten und Zerstören. Pflege. zu dem das Wissen um das zyklische Weltdrama von Erschaffen. benutzt man Medikamente. ihrem Vater sei nicht bekannt. wer Shakti sei.Sanskrit zu lernen. die im Lotus des Herzens sitzt. mir zu erklären. Von ihr lernte ich. Wenn sie nicht helfen. daß am Indus die medizinische Behandlung auf vier Säulen ruht: Arzt. die erschafft. Satvinder war eine Anhängerin der Göttin Shakti. Satvinder gab sich mit dem Wissen allein nicht zufrieden. als sei sie ein Mann. Zuerst werden Zaubersprüche gesprochen. und er erlaubte ihr. Aber Satvinder besaß einen starken Willen. Als ich Satvinder bat. Eine Krankheit wird immer auf dreierlei Weise behandelt. Satvinder praktizierte Ayurveda. dann operiert man. Medikamente.

nicht in das ewige Königreich gelangen würde. Sie reisten in den Osten bis zum Ganges und in den Süden bis zu den Tamilen. Aber ich wollte nicht nur ein Kind. An meinem zwanzigsten Geburtstag trafen zwei Briefe ein. daß wir wiedergeboren werden…‹ Meinte er damit dasselbe wie Satvinder? Meinte er. Ich fand Freundinnen unter Satvinders Gefolge und auch bei den Frauen der römischen Offiziere. und daß man den Menschen die Augen öffnen müsse. Die Gemahlin von Cornelius Severus war mit den Kindern in Rom geblieben. Ich erinnerte mich an den Prediger in Antiochia. Auch sie sahen ihre Männer nicht. sagte sie. Etwas in ihren Worten kam mir bekannt vor. wenn Philos mit Cornelius Severus zurückkommen würde. Die Frauen gaben mir viele Ratschläge. Sie waren viele Monate unterwegs.gemeint sei. Ich hatte von Philos noch kein Kind. daß Satvinder. weil die Botschaft des Gerechten nicht in ihr Herz drang. Der eine war an Cornelius Severus gerichtet und 373 . Während wir am Indus waren. wo ich ihn als Kind predigen hörte? Der Kummer. aber sie hatten Kinder zu versorgen. noch mehr sehnte ich mich nach Liebe. denn er begleitete Cornelius Severus. damit sie das Licht sahen. diese fromme. der gesagt hatte: ›Der Gerechte hat uns verheißen. daß wir als Mensch mit Fleisch und Blut ins Leben zurückkehren? Hatte der Gerechte in Indien gelehrt. aber die Frauen der anderen Offiziere begleiteten ihre Männer. blieb. aber unwissende Anhängerin der Göttin Shakti. daß der Weg der wahre Glaube sei. sah ich wenig von Philos. Wir waren fast alle gleichaltrig und blieben zusammen. was ich tun sollte. Ich war traurig. bevor er in die Wüste von Judäa ging. daß wir alle viele Male geboren werden und sterben. der auf meiner Seele lastete. denn ich glaubte noch immer.

Es war der Brief einer Frau aus Rom. Die Macht Gottes rettet alle im Glauben. Die Nachricht machte mich traurig. daß meine Mutter in das Königreich des Gerechten eingegangen war. Ich bin der Gedanke. Der zweite war für mich und kam von zu Hause. daß mir mit der traurigen Nachricht vom Tod meiner Mutter neue Worte des Gerechten von denen überbracht wurden. den Indus zu verlassen und weiterzureisen. daß meine Mutter gestorben war. Meine Großmutter teilte mir mit. die ihn gekannt hatten. Zusammen mit dem Schreiben meiner Großmutter bekam ich ein bemerkenswertes Geschenk. Mein Glaube wurde gefestigt. Vergeßt nicht die Worte Salomos. Ich bewege jedes Wesen. Ich bin der Erste und der Letzte. Es tröstete mich.‹ 374 . den sie an die Gemeinde in Antiochia gerichtet hatte. des Meeres und jeder Quelle. Gesegnet sind die Worte des Gerechten. Findet das Leben durch den Glauben. Und ich bin auf alle Zeiten bei euch. es ist ein Geschenk für alle. Verehrt den Schöpfer der Erde und des Himmels. der gesagt hat. Und dies sind die Worte von Maria in dem Brief: ›Eure Schwester grüßt die Gemeinschaft in Antiochia mit dem Friedenskuß. vor der nächsten großen Reise einen Besuch in Antiochia machen zu können. und ich wußte. der wird das ewige Leben haben. die es begehren. Wer durstig ist. Auf diese Weise bekehrten sich viele zu unserem Glauben. wo Gläubige sich wie bei uns in Antiochia versammelten. der Verehrte und der Verachtete. Die Mitglieder der Gemeinde fertigten Kopien dieses Briefes an und schickten sie an andere Orte. denn ich hatte meine Mutter zwei lange Jahre nicht gesehen und gehofft. der Tod des Gerechten ist nur eine Täuschung. der soll kommen und das Wasser des Lebens trinken. Wer da glaubt.enthielt Befehle. der gesagt hat: Ich bin die Stimme in allen.

Das Herz. Brüder und Schwestern.Liebe Perpetua. folgt dem Weg der Liebe. Beim Abschied betete ich. damit auch sie das ewige Leben fand. daß ich mich in Philos verlieben würde und er sich in mich. das Herz aus Stein. das sich der Liebe öffnet. Ich hoffte. Wir verließen den Indus vor den jährlichen Regenfällen. das. Sie schenkte mir ein Zaubermittel. Wir umarmten uns als Schwestern auch wenn wir aus unterschiedlichen Welten kamen und einen unterschiedlichen Glauben hatten. Ohne Liebe kann der Glaube keine Berge versetzen. Deshalb.‹ Ich schrieb den Brief ab und gab die Abschrift Satvinder. meinen Leib fruchtbar machen werde. die folgenden Worte Marias nahm ich mir am meisten zu Herzen: ›Der Weg ist Frieden und Vergeben. Ich reiste mit einem stillen Gebet im Herzen ab. worauf sich der Glaube gründet. daß Satvinder die Worte Marias lesen und das Licht sehen werde. In dieser Gnade werden wir nicht vergehen und niemals sterben. die uns Erfüllung schenkt. wie sie sagte. Denn die Liebe ist das. wird den Tod überwinden. So finden wir eine Gnade. Das bedrückte Herz. das falsche Herz – sie alle werden den Tod finden. 375 .

DER NEUNTE TAG 376 .

‹ »Die Vatikanbibliothek?« fragte sie. Aber ich habe kein Glück. zuckte zusammen. Als Catherine sah. Nevada »Nicht schon wieder!« rief Garibaldi und schlug mit der Faust auf den Schreibtisch. »Ja. hob die Arme und ließ den Kopf nach hinten sinken. Es ist ständig besetzt.Mittwoch. Ich dachte. drehte sie sich schnell um. das sei eine gute Adresse für ein so ausgefallenes Thema. Ihr Nacken und die Schultern schmerzten. Überrascht stellte sie fest. dort liegen Tausende von Manuskripten und Dokumenten. »Alle Welt will dasselbe wie ich«. erwiderte Garibaldi gereizt und wies ungeduldig auf den Monitor. Dezember 1999 Las Vegas. dann stand sie mit steifen Gliedern auf. Sie hatte stundenlang über die Schriftrollen gebeugt gelesen und übersetzt. »Was ist los?« fragte sie und reckte sich gähnend. von denen viele nicht übersetzt oder katalogisiert sind. Der Tag war wie im Flug vergangen.html.vaticano. daß sich der Himmel vor dem Fenster bereits orange färbte. wie sich das schwarze Priesterhemd über den Muskeln seines Oberkörpers spannte. Catherine. die in Sabinas Geschichte vertieft war. denn sie 377 .« Er lehnte sich auf dem Stuhl zurück. 22. wen er zu erreichen versucht hatte: ›http://christusrex/archivo. Dann sah sie. Catherine setzte sich neben ihn und las auf dem Bildschirm die Meldung: ZUR ZEIT KEINE VERBINDUNG MÖGLICH.

Schließlich war sie genau in die Schwierigkeiten geraten. Das ewige Leben. »Warum machen Sie so ein besorgtes Gesicht?« fragte er schließlich. ob meine Bitte dazu geführt hat.fand es unverfänglicher. Havers könnte durch seine Wachhunde ihre IP-Adresse bis zum Hotel Atlantis zurückverfolgen. er werde ihr eher schaden. die wie flüssiges Gold durch das Fenster fielen und dem Teppichboden einen schimmernden Glanz verliehen. Havers konnte unmöglich die vielen tausend Teilnehmer in aller Welt überwachen. wie sehr sie ihn vermißte. Garibaldi betrachtete Catherine aufmerksam. die den Fall auf ihre Weise aufgegriffen hatten. die er an jenem verregneten Nachmittag vor fünf Tagen in Malibu zu ihr gesagt hatte. Könnte ich doch nur über das Internet herausfinden. Catherine hoffte jedoch. »Ich habe nachgedacht. Sie wollte an Julius denken und daran. die letzten Sonnenstrahlen zu bewundern.« An diese Worte. in seiner Meinung bestärkt. half ihm ihre Nachricht vielleicht. Im Web waren sie sicher. daß Sabina oder Philos möglicherweise das 378 . wenn er sie unterstützte. sie zu verstehen. Wenn ja. Vermutlich fühlte er sich angesichts der Medien. sondern die Schriftrollen übersetzen mußte. daß sie jetzt nicht aufgeben durfte. vor denen er sie gewarnt hatte. Sie wollte ihm klarmachen. Catherine. erinnerte sie sich noch sehr gut. daß Dannos Freunde mir helfen. weil es anonym war – zumindest hofften sie es. Aber Catherine und Garibaldi wagten es nicht. daß die Leute von Hawksbill ihn erreicht hatten. wird dir das nicht helfen. weil sie fürchteten. von dem Sabina spricht: Was bedeutet es Ihrer Meinung nach? Glauben Sie. sich in die Nachrichtendienste oder IRC-Kanäle einzuwählen. Was macht er gerade? Was fühlt er? Was denkt er? »Wenn ich bei dieser verrückten Sache mitmache.

« Doch Catherine überging seinen Einwand. sagte sie.« Er zog die Augenbrauen hoch. denn sie beschäftigte sich in Gedanken bereits wieder mit Ihn Hassan. Bei ihrer Botschaft handelt es sich um die Worte von Jesus. Garibaldi sah sie an und lächelte. Sabina war über achtzig und schien sich keine Sorgen über das Sterben gemacht zu haben. was Daniel über die Essener gesagt hatte.« Catherine blickte auf den Text. »was sie sagt. das zu glauben. »Wie können Sie so etwas sagen?« Er deutete auf den Bildschirm. sondern ein Buch über Metaphysik. »Dann würde eine Welt entstehen. aber nicht ganz. klingt christlich. Wie lange hatte er nach der Niederschrift seiner Erinnerungen noch gelebt? Und wenn er noch immer am Leben ist? Sie rieb sich den schmerzenden Nacken. über Alchimie?« »Was dann?« »Dann müssen wir uns sehr genau überlegen. »Vater Garibaldi«. murmelte sie. Was für ein verrückter Gedanke… »Ich komme mir vor wie ein Tier im Käfig«. wer etwas davon erfährt. denn alle werden die Formel für ein ewiges Leben haben wollen. in der niemand stirbt? Es fällt mir schwer. murmelte sie schließlich frustriert.Mittel für ein unvorstellbar langes Leben gefunden haben?« »Ich glaube. »In den 379 . der behauptet hatte. »Ich weiß nicht«.« Catherine dachte an den hundertneunundzwanzigjährigen Ihn Hassan. aber nicht ganz. Catherine erinnerte sich daran. ob sie möglicherweise die geheime Formel für die Verlängerung des Erdenlebens entdeckt hatten. sie spricht vom ewigen Leben nach dem Tod. daß er ewig leben werde. »falls diese Schriftrollen nun kein religiöses Dokument sind.

Wäre es nicht denkbar. doch Sabina sagte. doch Catherine fiel auf. zurück zum Oriental Institute in Chicago. wenn sie davon erfuhr? »He!« sagte Michael. daß Garibaldi seine Suchbegriffe um ›Maria-Brief‹ erweitert hatte. Da kann man wohl kaum von einem ›Käfig‹ sprechen. daß der Teilnehmer.« Catherines Blick fiel auf den Notizblock neben dem Computer. daß noch eine Kopie des Briefes existierte? Sabina berichtete. Deshalb versuche ich. Sind Sie mit dabei?« Er tippte bereits. »Wohin wollen Sie diesmal?« »Beim Suchen in San Francisco habe ich einen Hinweis auf ein Verzeichnis privater Antiquitätensammlungen entdeckt. nicht @uni. Sie überlegte: Was wäre.« Catherine beugte sich vor und fragte stirnrunzelnd: 380 . die Gemeinde in Antiochia habe Abschriften angefertigt. hieß. und sie sah. und Sabina selbst hatte ebenfalls eine gemacht.stutt. und solange der Vatikan besetzt ist. diese Maria habe den Gerechten gekannt. Ich habe vor kurzem der Duke University einen Besuch abgestattet und bin von dort nach Beijing gesaust. Es handelte sich allerdings nicht um eine Hypertext-Verbindung. daß es sich bei der Maria im Text um Maria Magdalena handelt? Maria war damals zwar ein sehr verbreiteter Name gewesen.edu.letzten Tagen sind wir auf diesen unsichtbaren Datenautobahnen viele tausend Meilen gereist. wenn sich herausstellen sollte. dem Hinweis auf einem anderen Weg nachzugehen. den er anwählte. werde ich mich in der Universität Stuttgart umsehen. »Da ist sie! Die Liste der Privatsammlungen. Gab es vielleicht irgendwo auf der Welt einen Maria MagdalenaBrief? Wie würde die Kirche reagieren.

Soweit ich weiß. Geburtsdatum. an dem Nudel den ersten Haarball ausgespuckt hatte – und erreichten schließlich: Besitzer des Hundes. hier ist das Freers Institut aufgeführt. Catherine rief: »Halt.« 381 . was er besitzt.html CHECK LOCATION AND TRY AGAIN Catherine zog die Stirn in Falten. Gewicht. ›Texte‹. die aus unerfindlichen Gründen das Photo eines häßlichen kleinen Hundes zeigte.»Fred’s Seite?« Michael klickte die farbig unterlegte HypertextVerbindung an. gibt es dort nur vier ägyptische Begräbnis-Papyri. klick. »Eigenartig. Wir wollen uns einmal ansehen.san. Eine neue Liste erschien. und Fred’s Seite erschien. Öffnen Sie die Datei. »Den Namen habe ich auch schon einmal gehört. ›Altertum‹.com. »Er bietet den Zugriff auf private Sammlungen!« sagte Catherine und blickte verblüfft auf das Photo eines jungen Mannes. Zeitpunkt. er ist ein reicher japanischer Sammler. Michael durchsuchte die Liste. »Sehen Sie«. und plötzlich erschien eine Web-Seite. ›Artefakte‹. Beim Stichwort: ›Historisch‹ klickte er. der mit bewußt dümmlichem Gesichtausdruck einen aufgeblasenen Gummisaurier umarmte. klick. warten Sie!« Sie hatte den Eintrag: ›Aki Matsumoto. klick. Es muß sich um kleine Sammlungen handeln.matsumoto. Sie lasen die Angaben – Alter. sagte Michael und rollte im Text nach unten. Ich glaube. und Catherine überflog sie schnell.« Garibaldi ließ die Liste langsam weiter abrollen. »Von manchen habe ich noch nie etwas gehört! Sehen Sie. privat‹ entdeckt. Michael klickte den Begriff an. der Nudel hieß.« !!!THIS LOCATION [URL] IS NOT RECOGNIZED: aki.

Er wollte gerade klicken. Einen Augenblick lang saßen sie schweigend da und nahmen kaum das gedämpfte Klappern eines Servierwagens wahr. In dem Artikel über Matsumoto heißt es. »Er ist tot!« »Selbstmord…« »Sehen Sie sich das Datum an!« Er blickte ungläubig auf den Text. die auf dem Schreibtisch lag.« Er rollte den Trackball. Das Sonnenlicht verblaßte. »Warten Sie.»Moment mal!« sagte Michael. bis der Cursor auf ›Langford‹ wies.« »Aber weshalb sollte er dann Selbstmord begehen?« Garibaldi brach die Verbindung ab. und suchte die EAdresse.« Er griff nach der Zeitung. Ist das nicht ein zeremonieller Selbstmord. Garibaldi blickte fragend auf Catherine: »Und jetzt?« »Sehen wir uns noch einmal Fred’s Seite an. den jemand unter allen Umständen haben wollte. »Matsumoto… Den Namen habe ich irgendwo gelesen. Als die Verbindung hergestellt war. Einen Augenblick später erschien ein Zeitungsartikel auf dem Bildschirm. »Aki Matsumoto hat gestern morgen Selbstmord begangen!« »Das muß ein Zufall sein!« »Es sei denn. und das Zimmer lag im Dämmerlicht. als Catherine ihm die Hand auf den Arm legte. Ich habe ein ungutes Gefühl. Matsumoto war im Besitz eines Papyrus. tippte Aki Matsumoto und drückte die Eingabetaste. der im Flur vorbeigeschoben wurde. danach auf ›Netsearch‹ und gab die elektronische Anschrift des Las Vegas Herald ein. Catherine überflog ihn. Er klickte auf das ›Go‹-Symbol. Meine Intuition warnt mich. zu dem das 382 . er hat Seppuku begangen. klickte er auf ›Suchbegriff‹.

»Brechen Sie bitte ab. Ich muß hierbleiben.« Die Anzeige auf dem Bildschirm verschwand. das der Zimmerservice gebracht hatte – Spinatsalat. Brechen wir ab. wie Garibaldi seufzte. und sagte: »Warum gehen Sie nicht spazieren? Sie haben den ganzen Tag am Computer gesessen.« »Wir sollten die Verbindung so lange wie möglich halten. ja. erwiderte er und lachte leise.« »Ich weiß nicht recht«. weil die Ehre der Familie verletzt wurde?« »Ich glaube. die in der kalten Wüste für eine Raumtemperatur von 23 Grad sorgte.« »Wollen Sie nicht wenigstens sehen. Hier sind wir sicher. Sie können sich unter die Leute wagen.Familienoberhaupt verpflichtet ist. Clubsandwich. Mineralwasser. die Havers unbedingt haben und die Matsumoto aber nicht verkaufen wollte? Wenn also…« »Erpressung?« »Ich weiß nicht. aber sie war nicht hungrig. Sie saßen im Dunkeln und lauschten auf das leise Flüstern der Klimaanlage. aber mir gefällt das alles nicht. Sie hatten vor vielen Stunden das letzte Mal etwas gegessen. Catherine blickte gedankenverloren auf die Reste ihres Mittagessens.« »Irgend etwas stimmt nicht. »Für mich ist Las Vegas ein gefährlicher Ort. Ich habe diese Schwäche 383 . Warum?« »Wenn er eine Schriftrolle besessen hat. Sie hörte. Vielleicht geht meine Phantasie mit mir durch. was die Sammlung Langford enthält?« Sie starrte auf die leuchtenden Buchstaben.« »Wieso?« »Ich bin ein geborener Spieler.

Sie sahen sich an. »Ein Erdbeben!« Sie rannten zum Fenster und blickten hinaus. Während Catherine das apokalyptische Ereignis beobachtete nahm sie auch die Menschenmenge wahr. welche Farbe das Kleid von Mrs. die Tempel und die Götter. versank Atlantis – die Insel. habe ich bei jeder Gelegenheit gewettet… auf Pferde. Als ich jung war. Wieder einmal. sogar darauf. spürten sie plötzlich. die auf seinem Arm lag. sagte er schnell.« Aber bevor er weitersprechen konnte. immer noch die glatte Haut und die Muskeln seines Unterarms zu spüren. Zunächst sahen sie nur die strahlenden Lichter von Las Vegas vor dem dunklen Himmel. die sich um den See drängte und 384 . Auf einer der Inseln in dem 20 Hektar großen See. was es war: Atlantis versank. Das Beben wurde stärker.nie völlig überwinden können. Plötzlich wußten sie. schreiende Menschen. Nußbaum von der Bäckerei an einem bestimmten Tag haben würde!« Er blickte auf Catherines Hand. Bei Tag war das Spektakel weniger dramatisch als abends. Säulen und riesigen Götterstatuen nach den Vorstellungen eines Architekten wieder erstanden. Catherine zog sie zurück. und keines stürzte ein. Catherine glaubte. war das untergegangene Atlantis mit Tempeln. auf alle möglichen Dinge. »Was zum…?« rief Garibaldi und sprang auf. »ich muß Ihnen etwas sagen. und nun hörten sie auch ein leises drohendes Grollen. der das Hotel umgab. wenn die Tempel von Fackeln beleuchtet wurden und aus scheinbar vulkanischen Erdspalten die Flammen schlugen. »Catherine«. wie die Sessel vibrierten. Es gab sogar Geräuscheffekte – herabfallende Steine. Andere Gebäude schienen nicht zu schwanken. als hätte sie sich verbrannt. pünktlich auf die Minute. Und zweimal täglich. Dann schien das Zimmer zu schwanken.

stillen Wasser des Sees blieb keine Spur von den Werken der Menschen zurück.« »Und gegen eine Show darf man nichts einwenden? Wie oft müssen wir solche Dinge in dem Bewußtsein sehen. »Ich glaube. Plötzlich war alles verschwunden: Atlantis. bevor uns echte Gewalt und Zerstörung völlig gleichgültig ist?« Sie drehte dem Fenster den Rücken zu. Catherine und Michael schwiegen. was in der Nacht des 31. ich nehme ein heißes Bad. also in acht Tagen. daß es sich um Illusionen handelt. bevor auch sie versank. Dezember. die sehr realistisch mit den Schreien von Menschen in Todesangst unterlegt war. schwankte. eine Säule. und im glatten. bis auch sie ins Wasser stürzte und wie ein Baumstamm rollte. Doch der Realismus der Schau ängstigte sie plötzlich.die Katastrophe bestaunte. Ihr Herz schlug schneller. als wollten sie die Sterne verschlingen. um meinen steifen Hals und die Schultern zu 385 . Flammen loderten in den Himmel. der das Ganze steuerte. Dann sagte Catherine: »Wie kann man aus einer solchen Katastrophe Unterhaltung machen? Haben Sie die Zuschauer da unten gehört? Über das Schauspiel einer gewaltigen Zerstörung. barst und stürzte unter lautem Getöse zusammen. Die riesige Statue einer Göttin auf dem höchsten Punkt der Insel schwankte und drehte sich um die eigene Achse. Es ist nichts Wirkliches. daß es sich um eine Illusion handelte. Winden und einem Computer. Räderwerken. eine ganze Zivilisation. war untergegangen. wie man sie von Disneyland und anderen Freizeitparks kannte – mit versteckten Mechanismen. Meterhohe Flutwellen türmten sich auf und begruben Atlantis unter sich. Ihr Verstand sagte ihr zwar. haben diese Leute gejohlt und gelacht!« »Es ist doch nur eine Show. als sei das ein Vorgeschmack dessen. geschehen würde. die aussah. und ihr Mund wurde trocken. als sei sie aus Granit.

Aber sein Bild stand ihr nicht so klar vor Augen wie das von Garibaldi. sich Julius vorzustellen – die sanften schwarzen Augen. die siebte Schriftrolle vielleicht nicht rechtzeitig zu finden. ihre Gefühle zu erforschen und die seltsame Angst zu identifizieren. ob er darauf etwas erwidern solle. Sie fühlte. Es war nicht nur die Angst vor Havers oder die Angst. Es hatte etwas mit Garibaldi zu tun. Sie wollte sich an den Duft des Rasierwassers erinnern. wie sich in ihr etwas Unbekanntes und Unwillkommenes ausbreitete.« Er sah sie an. Catherine blickte wieder aus dem Fenster und sah zu. 386 .« Er verschwand in seinem Zimmer und schloß die Tür hinter sich. War das gleichbedeutend mit fünf Wochen. das sie mehr erschreckte als alle Gefahren. daß sie diesen Duft einmal erregend gefunden hatte. Garibaldi benutzte Old Spice.lockern. als überlege er. Sie schloß die Augen und sah ihn vor sich. wie die Insel langsam aus dem Wasser auftauchte und für den nächsten Untergang vorbereitet wurde. die scharf geschnittenen semitischen Gesichtszüge. das Julius benutzte. also über hundert Stunden ohne Unterbrechung in seiner Gesellschaft verbracht. Bei sechs Swimmingpools müßte ich eigentlich ein paar Bahnen schwimmen können. Sie versuchte. dem ausrasierten Haaransatz im Nacken und den vereinzelten grauen Haaren an den Schläfen. bis hin zu dem kleinen schwarzen Leberfleck hinter dem rechten Ohr. Dann versuchte sie. die ihr drohten. die sich wie eine eiserne Klammer um ihr Herz legte. Sie sah ihn ganz deutlich. Sie hatte nun fünf Tage und fünf Nächte. Aber dann sagte er nur: »Ich werde feststellen. ihr fiel nur ein. in allen Einzelheiten. den traditionellen und maskulinen ›Männerduft‹. Aber es gelang nicht richtig. was das Fitneß-Zentrum des Hotels zu bieten hat.

vielleicht sogar mit fünf Monaten in einer normalen Beziehung? Catherine staunte darüber, wie sehr sich ihr sein Äußeres eingeprägt hatte. Doch sie wußte immer noch kaum etwas über ihn – weder über seine Herkunft noch darüber, warum er Priester geworden war. In zwei Tagen war Weihnachten. Würde er nach Hause fahren wollen? Mußten Priester an Weihnachten nicht die Messe lesen? Sie hatte zwar anfangs versucht, Garibaldi loszuwerden, doch jetzt beunruhigte sie der Gedanke, möglicherweise ohne ihn weitermachen zu müssen. Sie hörte, wie er aus seinem Schlafzimmer kam, und sah sein Spiegelbild in der Fensterscheibe. Er blieb mitten im Zimmer stehen. In der einen Hand hielt er seine schwarze Tasche und in der anderen etwas, das sie nicht erkennen konnte. Obwohl er inzwischen nur noch das schwarze Hemd mit dem Priesterkragen trug, fiel es ihr immer schwerer, in ihm einen Priester zu sehen. »Vater Garibaldi«, sagte sie, ohne sich umzudrehen, »glauben Sie, die Hawksbill-Leute haben meine Nachricht weitergegeben?« »Wollen Sie den Computer starten, um es festzustellen?« Sie drehte sich um und sah ihn an. »Nein, ich möchte mich noch nicht bei Hawksbill melden. Wenn Havers herausgefunden hat, daß ich Kontakt zu diesen Leuten aufgenommen habe, und mich auf diesem Kanal erwartet, dann werde ich zum letzten Mal dort auftauchen können, und wir beide müssen weiter. Ich lasse ihnen ein paar Tage Zeit, bevor ich mich erkundige.« »Wer weiß«, sagte Garibaldi und lächelte, »vielleicht ist Jean-Luc der Chefarchivar der Kongreßbibliothek.« Catherine lachte. Ihre Blicke trafen sich über das Zimmer hinweg. Sie schwiegen beide. Er stand schon an der Tür zum Flur, als Catherine sagte:
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»Vater Garibaldi, in zwei Tagen ist Weihnachten. Wollen Sie nicht nach Hause fahren?« Erschrocken stellte sie fest, daß sich sein Gesicht verfinsterte und sich die Muskeln an seinem Hals spannten. Ihr fiel ein, daß er im Begriff gewesen war, ihr etwas zu sagen, als das ›Erdbeben‹ eingesetzt hatte. Er schüttelte stumm den Kopf, drehte sich abrupt um und ging hinaus. Während sich die Tür hinter ihm schloß, sah Catherine flüchtig, was er in der anderen Hand trug. Die philippinischen Kampfstöcke.

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Las Vegas, Nevada
»Ich bin dafür, daß wir es bei den billigeren Hotels versuchen«, sagte Raphael und spießte mit der Gabel ein paar Fettucini auf. »Bis jetzt haben sie immer billige Unterkünfte gehabt.« Er lachte mit vollem Mund. »Wahrscheinlich hast du recht«, stimmte ihm Zeke zu. Er stützte die Ellbogen auf den Tisch und starrte auf den Teller. Er hatte seine gegrillten Rippchen nicht angerührt. Er war zu angespannt, um etwas essen zu können. Sie hatten seit ihrer Ankunft in den großen Hotels diskret und für viel Geld Erkundigungen eingezogen. Nirgends war ein Priester zu finden gewesen. »Morgen früh«, sagte er, »nimmst du dir als erstes die eine Seite der Fremont Street vor und ich die andere.« Es blieb noch ein letztes Hotel, in dem sie sich erkundigen mußten, bevor sie für diesen Abend Schluß machen konnten. Es stand mitten, in einem See und war auch sonst ein Beispiel exzessiver Geschmacklosigkeit: das Atlantis. Catherine legte den Kugelschreiber beiseite. Es hatte keinen Sinn. Sie konnte sich nicht konzentrieren. Sie warf einen Blick auf die Uhr. Es war schon eine Weile her, seit sie den Untergang von Atlantis beobachtet hatten. Warum war Garibaldi noch nicht vom FitneßZentrum zurück? Sie stand vom Schreibtisch auf und ging im Zimmer hin und her. Ein Name beschäftigte sie, und sie versuchte vergeblich, ihn einer Person zuzuordnen. Auf dem anderen Schreibtisch stand der dunkle Laptop.
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Plötzlich hatte sie das dringende Bedürfnis, etwas zu tun. Sie setzte sich, startete den Computer, wählte die Zugangsnummer des Hotels für das Internet und gab den temporären Teilnehmernamen sowie das Paßwort ein. Bevor sie sich ins Web einklickte, zögerte sie, dachte nach und klickte aus einer plötzlichen Eingebung heraus auf NewsReader. Wünschen Sie die letzte Gruppenliste? Sie klickte auf ›a‹. DATEI WIRD GELADEN… Catherine wußte, daß sie sich ungefährdet bei den einzelnen Gruppen umsehen konnte, denn sie wollte sich nicht an den Diskussionen dort beteiligen, sondern nur die Nachrichten lesen. Als die Liste der Gruppen erschien, begann sie zu rollen, und hielt bei alt.bibel.prophez. an. Sie klickte, geriet in eine Diskussion über die Endzeit und klickte noch einmal. ORGANISATION: UNIVERSITY OF CAMBRIDGE, ENGLAND ZEILEN: 26 Nachricht-ID: 4pvrpd~50q@favor.csx.eain.ac.uk MNTP-Posting Host: usen.chu.cam.a-uk Thema: Endzeit »»»Die Apokryphen stützen Bibelprophezeiungen über die Letzten Tage. »»»Steve »»»Du irrst dich, Steve. Die Apocryphen sind nicht das Wort Gottes. Wo sind deine Beweise? »»»Ray »»»Sorry, daß es so lange dauert. Habe den Beweis für dich gesucht. Siehe P245 British Museum, P14 Broderick Archiv, Duke University u.a. Nach Aussage der Schriften nicht autorisierter Bücher steht uns das Paradies auf Erden bevor, Junge. »»»Steve

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Catherine holte die angegebenen Texte auf den Bildschirm, stellte jedoch fest, daß sie beide Quellen bereits kannte – sie enthielten nichts, was Licht auf Sabinas Schriftrollen geworfen hätte. Sie wechselte zur Hauptliste und suchte weiter, bis sie alt.archaeologie entdeckte. Sie klickte und sah sich die Einträge an. Plötzlich bekam sie große Augen. 199.911/30 Daniel Stevenson ›Atlantis‹ Sie klickte. Xref: newsomeganet.com sci.archaelogy 25. Nov. 1999 18:44:37 +0100, stan@moonbeam.vamp.co.aus schreibt: »»»Stevenson! Du hast deine absurden Theorien schon vor ein paar Monaten geschickt, und dir ist damals von uns gesagt worden, daß das alles unhaltbar ist. Warum verursachst du uns die Kosten, den ganzen Unsinn noch einmal einzufahren? »»»Atlanter-Mayas Catherine wurde zornig. Man griff Danno wie üblich an. So war es schon immer gewesen: Daniel, der Benachteiligte, Daniel, der die Rechte eines anderen verteidigte oder für eine unpopuläre Sache eintrat. Danno, der auf seinem Platz in ihrer Schulklasse saß und dem die Tränen über die Wangen liefen, weil sie neben dem Pult von Schwester Immaculata auf einem Hocker stand und vor Scham weinte, während alle anderen lachten und kicherten. Plötzlich hatte Catherine den unwiderstehlichen Drang, diesem aufgeblasenen Kerl in Australien am Schwarzen Brett ordentlich die Meinung zu sagen. Doch das durfte sie nicht tun, sonst wurde ihre IP-Adresse sichtbar, und jeder,
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der die Nachricht las, konnte selbst noch nach einiger Zeit herausfinden, daß sie sich in diesem Hotel befand. Sie schaltete den Laptop aus. Als der Bildschirm dunkel wurde, betrachtete sie noch einen Moment lang das Photo von ihr auf der Innenseite des Deckels. Wieso hatte Danno es dorthin geklebt? »Ich glaube, Daniel hat Sie geliebt«, hatte Garibaldi gesagt. Garibaldi… Ihre Unruhe schien etwas mit Garibaldi zu tun zu haben. Seit er gegangen war, beschäftigte sie sich beinahe ununterbrochen mit ihm. Catherines Nervosität wuchs, und sie schaltete den Fernseher ein, weil sie hoffte, eine tröstende menschliche Stimme zu hören. Statt dessen wurden die Spätnachrichten mit der Schlagzeile angekündigt, die für sie wie eine Ohrfeige war: ›Gestohlene Schriftrollen als ein Werk des Antichrist bezeichnet!‹ Catherine wechselte den Sender. Ein Interview mit einem bekannten Physiker kam auf den Schirm. »Wir erleben den Anfang vom Ende. Synchronizität ist real. Wie viele von uns bemerken immer häufiger scheinbare Zufälle? Das Bewußtsein erfaßt inzwischen besser die eigentlichen Zusammenhänge. Das wiederum ist ein Hinweis darauf, daß die Dinge in eine ganz bestimmte Richtung laufen. Die Fäden, die Bereiche, die Ebenen, die Strömungen des Universums beginnen seit einiger Zeit, miteinander in Berührung zu kommen, und das Ergebnis ist eine Koinzidenz. Die Ebenen und Strömungen und unsichtbaren Sphären werden sich von jetzt an immer öfter berühren, bis schließlich jeder Punkt des Universums mit dem anderen in Kontakt steht, und der Kosmos implodiert, das heißt, in sich zusammenbricht, und wie wir wissen, wieder in das Chaos vor der Ordnung zurückkehrt. Ich habe es mathematisch berechnet. Der Schlußpunkt wird genau um Mitternacht am 31. Dezember
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1999 erreicht sein.« Catherine schaltete den Fernseher aus und ging unruhig im Zimmer auf und ab. Auf dem Sofatisch sah sie das Brevier mit dem geprägten goldenen Chiro – das große P mit dem X über dem Abstrich, die ersten beiden Buchstaben des Wortes Christos – auf dem dunkelgrünen Ledereinband. In den vergangenen fünf Tagen hatte sie Garibaldi öfter dabei beobachtet, wenn er darin las. Manchmal bewegte er die Lippen und flüsterte stumm die rituellen Worte. Gegen ihren Willen war sie neugierig geworden. Waren es lateinische Texte? Handelte es sich um Gebete oder nur um Aussprüche, tröstende Worte oder vielleicht um Lieder? Catherine hatte das Brevier noch nie gelesen. In ihrer Jugendzeit hatte sie sich an das katholische Gesangbuch gehalten. Sie griff nach dem Brevier und schlug es auf. Es war, wie sie wußte, in Tage und Stunden gegliedert. Sie suchte das Abendgebet für den 22. Dezember. Gott ist Licht! Wenn wir mehr und mehr im Licht leben, herrscht Liebe zwischen uns. Ohne Liebe kann es auf der Welt keinen Frieden geben: Herr, befreie unsere Welt von Haß und Furcht. Herr, hilf den Männern und Frauen, Trost im Leid und Stärke in den Prüfungen zu finden. Gewähre ihnen beständige Liebe. Herr, nimm all die Toten in deine Obhut: Jene, die wir geliebt haben und auch jene, an die sich niemand erinnert. Catherine schloß die Augen.
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»Nimm all die Toten… jene, die wir geliebt haben…« Einen Augenblick lang empfand sie so etwas wie Frieden. Aber plötzlich fiel ihr ein Gespräch ein, das vor langer Zeit stattgefunden hatte. In der elften Klasse erklärte ihr ein Mitschüler, wie er sich das Leben nach dem Tode vorstelle. »Ich glaube, es ist genauso wie das Leben davor.« »Du meinst, bevor wir geboren wurden?« hatte Catherine ihn gefragt. »Erinnerst du dich an etwas aus dieser Zeit?« »Natürlich nicht.« »Na bitte.« Catherine dachte: Ist es das? Ein Nicht-Sein? Ist Danno dort im Nichts? Ist meine Mutter auch dort? Sie klappte das Buch zu und legte es auf den Tisch. Nimm alle Toten… Es war ein schönes Gebet, aber es war katholisch, und sie konnte das Gebet nicht von der Kirche trennen, in deren Kontext es entstanden war. Ihre Gedanken kehrten wieder zu Garibaldi zurück. Plötzlich wußte sie, was sie beunruhigte. »Bei sechs Swimmingpools«, hatte er gesagt, »sollte ich eigentlich ein paar Bahnen schwimmen können.« Aber er hatte die Pangamot-Stöcke mitgenommen! Catherine setzte sich wieder an den Laptop, startete, klickte auf Lycos, gab den Suchbegriff ›Pangamot‹ ein und gelangte über die Hypertext-Verbindung in das Web und zu dem Stichwort: ›Philippinischer Kampfsport.‹ Sie hatte die Homepage an jenem Abend aufgerufen, als Garibaldi ihr die Haare abschnitt. Als die Seite mit dem Symbol – ein Schwert und ein Rohrstock, die sich kreuzten – auf dem Bildschirm erschien, fragte sich Catherine, ob sie dort etwas finden würde, das ihr den Menschen Garibaldi
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vielleicht verständlicher machte. Beim ersten Mal hatte sie nur kurz die Einleitung überflogen. Nun sprang sie von Stichwort zu Stichwort, bis sie die Überschrift ›Häufig auftauchende Fragen‹ erreichte. Dort begann sie, nach Antworten zu suchen. Ein Swimmingpool befand sich im fünfzehnten Stock neben dem Fitneß-Zentrum. Aber Catherine sah Garibaldi nicht. Als ihr der Bademeister sagte, niemand habe sich unter der Nummer ihrer Suite im Fitneß-Zentrum eingetragen, bestätigte er nur Catherines Vermutung. Trotzdem warf sie einen Blick auf die Gewichtheber und die danebenliegende Laufhalle. Sie suchte Garibaldi in der Saftbar, im Boxring und erkundigte sich sogar bei den Masseuren nach ihm. Schließlich erreichte sie einen Gang, wo Anschlagtafeln auf Tanz-, Yoga- und AerobicUnterricht hinwiesen. In zwei Räumen sah Catherine Gruppen beim Üben, doch die anderen waren alle dunkel und leer. Als sie den Notausgang erreichte, wollte sie umkehren, doch plötzlich glaubte sie, etwas zu hören. Sie warf einen Blick in den letzten Raum am Ende des Gangs. Zuerst sah sie ihn nicht, denn es brannte kein Licht. Er war nur ein schwarzer Schatten in einer weiten Hose und einem T-Shirt. Er schien zu tanzen. Catherine blieb im Dunkeln stehen und sah zu. »Es ist ein allgemein verbreiteter Irrtum«, hatte Catherine auf dem Monitor gelesen, »daß sich der philippinische Kampfsport auf den Gebrauch von Stöcken beschränkt. Er erfordert daneben auch die Beherrschung von Kicken, Boxen und Ringen.« Garibaldi stand breitbeinig und mit leicht gebeugten Knien mitten im Raum und bewegte sich wie in Zeitlupe. Seine rechte Hand glitt geschmeidig vor dem Körper nach oben und nach unten. Catherine mußte an die eleganten Bewegungen einer Frau beim Nähen denken. Garibaldi
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hatte offenbar jeden Muskel, jede Sehne seines Körpers unter Kontrolle. Er bewegte sich sehr langsam, ausgewogen und harmonisch. »Im Vergleich zu anderen Kampfsportarten, etwa dem zirkulären, innerlich geführten und sanften Tai Chi ist Pangamot direkt, wahrnehmbar und hart.« Garibaldis Körperhaltung, federnd und mit etwas gebeugtem, vorgestelltem Bein, ließ Catherine aber trotzdem an Tai Chi denken, jedoch manche seiner Bewegungen endeten abrupt, als sei er gegen eine gläserne Wand gestoßen. Catherine vermutete, daß es sich dabei um das Abwehren von Angriffen eines unsichtbaren Gegners handelte. »Bei Wettkämpfen auf den Philippinen halten sich die teilnehmenden Kämpfer nicht zurück. Es ist deshalb nicht ungewöhnlich, daß jemand schwer verwundet oder sogar getötet wird.« Auf den verspiegelten Wänden verfielfältigte sich sein Spiegelbild. Catherine sah hundert Garibaldis aus jedem erdenklichen Blickwinkel. Zu ihrer Überraschung wirkte er immer anders: In einem Spiegel schien er beinahe zu lächeln, in einem anderen glaubte Catherine, einen gewissen Spott in seinem Gesicht zu erkennen. Doch im nächsten sah sie das Gesicht eines zornigen Mannes. Während sich seine Gestalt langsam im Schattentanz der todbringenden Bewegungen drehte, sah sie auch seine Erregung. Der Anblick stieß Catherine ab – und zog sie paradoxerweise gleichzeitig in seinen Bann. Sie konnte den Blick nicht von Garibaldis Körper wenden und dachte daran, wie er mit dieser absolut beherrschten Kraft im Bett sein würde. Direkt und hart… »Die zwölf Angriffsmethoden…«
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Wie konnte es ein Priester mit seinem Amt vereinbaren, sich in einer Kampfmethode zu üben, die nur das eine Ziel hatte, den Gegner zu töten? Wie konnte er es rechtfertigen, daß er Diener der Kirche und gleichzeitig ein gefährlicher Kämpfer war? »Manchmal werden die Rohre oder Stäbe aus Bambus auch als Todesstöcke bezeichnet…« Catherine fand es brutal und angsteinflößend, was sich vor ihren Augen abspielte, trotzdem hatte sie plötzlich den Wunsch, mitzumachen. Sie wollte hinter Garibaldi stehen, ihren Körper an seinen Körper drücken, ihre Arme neben seine Arme legen und sich mit ihm bewegen. Sie wollte spüren, wie diese gewalttätige, kontrollierte Energie von seinem Körper auf ihren überging und sich mit ihr vereinte. Der Gedanke, sie könnte das tatsächlich tun, könnte sich ihm spontan bei diesem Schattenkampf anschließen, könnte einem Drang nachgeben, der allem widersprach, woran sie glaubte, dieser Gedanke erschreckte sie mehr als alles andere. Garibaldi brachte einen Aspekt von ihr zum Vorschein, von dessen Vorhandensein sie bis zu diesem Augenblick nichts geahnt hatte und der ihrer Kontrolle entglitt. Schließlich kam er zum Ende, faltete die Hände unter dem Kinn und verneigte sich leicht vor seinem unsichtbaren Gegner. Dann stand er einen Augenblick bewegungslos da, bevor er nach den lackierten Stöcken griff und sie so schnell herumwirbelte, als bereite er sich darauf vor, eine Parade anzuführen. Er ging in Kampfstellung, setzte einen Fuß vor den anderen, spreizte die Beine und beugte die Knie. Die Stöcke glitten langsam in einer Folge komplizierter Bewegungen durch die Luft. Zuerst drehte er den rechten Stock hinter dem Kopf, während er den linken wie ein Schwert vor sich schwang; dann stieß der erste Stock nach vorne, der zweite hob sich, wurde zurückgezogen, legte sich schräg vor den anderen, und beide bildeten ein X in der Luft. Das alles
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wirkte wie ein Mechanismus, der von verborgenen Zahnrädern und Gewichten in Gang gehalten wurde – zuerst langsam, dann schneller und immer schneller, zorniger und kraftvoller, bis Catherine hörte, wie die Stöcke pfeifend durch die Luft sausten und sie in unblutige Scheiben schnitten. Garibaldi bedrängte seinen unsichtbaren Gegner mit den Stöcken. Sein Atem ging rauh und stoßweise, während er blitzschnelle, tödliche Schläge austeilte. Er sprang zur Seite, fing einen imaginären Hieb ab, sank auf ein Knie und schlug dem Feind mit beiden Stäben über die Beine. Dann sprang er auf, tänzelte wie ein Boxer auf den Fußballen, schlug hierhin, dorthin, steigerte das Tempo, wobei auch die Brutalität zunahm. Der Raum war erfüllt von seiner Kampfeswut, so daß Catherine den Atem anhielt und spürte, wie ihr Körper vor Spannung und Angst erstarrte. Er übt diesen aggressiven Kampfsport, er hält sich fit, um zu töten. Warum? Wen will er töten? Garibaldi schien einen Kampf gegen unsichtbare Mächte zu führen. Seine Übungen wirkten wie die Probe für ein persönliches Armageddon. Was gab ihm der Kampfsport, das ihm sein Katholizismus nicht geben konnte? Wenn Gebete nicht wirken, werden es die PangamotStöcke tun? Catherine wich von der Tür zurück und riß sich von einer Szene los, die sie früher einmal empört hätte, jetzt aber… Sie hatte sich auf die Suche nach Antworten gemacht und war dabei auf noch größere Rätsel gestoßen. Außerdem hatte sie etwas entdeckt, das sie in seiner Tragweite entsetzte. Ich hätte mich vor Abscheu abwenden sollen, statt dessen glühe ich vor sexueller Erregung.

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Der Schrei drang in ihr Unterbewußtsein. Catherine schreckte aus dem Schlaf auf und starrte verwirrt an die dunkle Zimmerdecke. Sie wußte nicht sofort, wo sie war. Dann warf sie einen Blick auf die Uhr neben dem Bett. Es war kurz nach Mitternacht. Sie hatte nur ein paar Minuten geschlafen. Sie lauschte in die Stille. Was hatte sie geweckt? Wieder ein Schrei. Ein gequälter Schrei. Sie setzte sich auf. War das Garibaldi? Catherine lag schon im Bett, als er vor etwa einer Stunde aus dem Trainingsraum zurückgekommen war. Sie hatte gehört, wie er leise in sein Zimmer ging und die Tür schloß. War jemand bei ihm? »Laß mich in Ruhe! Warum verfolgst du mich?« Catherine sprang aus dem Bett und lief durch das Wohnzimmer, das die beiden Schlafzimmer der Suite trennte. An Garibaldis Schlafzimmertür blieb sie stehen und lauschte. Er keuchte und stöhnte, als sei er krank. »Vater Garibaldi!« rief Catherine. »Fehlt Ihnen etwas?« Sie legte das Ohr an die Tür und glaubte, Schluchzen zu hören. »Vater?« Sie klopfte. »Vater Garibaldi?« Catherine öffnete die Tür einen Spalt und blickte ins Zimmer. Mondlicht fiel durch das Fenster. Die Bettdecken lagen auf dem Fußboden. Garibaldi hatte offenbar einen Alptraum. Schweiß stand auf seiner Stirn. Er warf den Kopf unruhig hin und her. Catherine sah sein gequältes Gesicht und trat ins Zimmer. »Vater Garibaldi?« Er hatte die Augen geschlossen und biß die Zähne so fest zusammen, daß die Adern an seinem Hals hervortraten. Er trug kein Hemd. Die Muskeln an Armen und Oberkörper waren verkrampft. Er schien wieder einmal mit unsichtbaren Dämonen zu ringen. Catherine trat an das Bett. Sie legte Garibaldi die Hand
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Catherine ging zurück in ihr Schlafzimmer und zog den Bademantel über. Es war nur ein Traum. zog sie an sich und vergrub sein Gesicht an ihrem Hals. Vater Garibaldi. bis er sie sah. »Ist alles in Ordnung?« fragte sie. Catherine sah. »Möchten Sie darüber sprechen?« Er nickte.« Er holte tief Luft. auf seinem nackten Oberkörper. »Es ist alles gut. Als er ausatmete. und trocknete sie mit der Hand ab. das Garibaldi immer trug. wie sein Körper vor krampfartigem Schluchzen zuckte. »Wachen Sie auf«. setzte sich auf und blinzelte benommen. sagte Catherine beruhigend. die sie erschreckte. Er streckte die Arme nach ihr aus. sagte sie laut. Sie sah das Goldkreuz. daß seine Wangen feucht waren. »Sie haben mich von einem sehr dunklen Ort zurückgeholt«. »Vater Garibaldi. »Sie haben geträumt«. »Nein. murmelte er. Wachen Sie auf. Ein Bild tauchte vor ihrem inneren Auge auf und verschwand sofort wieder. »Sie haben einen Alptraum. Sie spürte. Instinktiv griff sie nach dem Jaguaranhänger und schloß die Finger darum. 400 . nicht…« Sie setzte sich auf den Bettrand. Catherine blickte erstaunt in seine Augen. Dann atmete er etwas ruhiger und löste sich von ihr. Sie träumen.« »Nein«. flüsterte er. Sie sah Angst darin und eine Verletzlichkeit. Er klammerte sich stumm einen langen Moment an sie. Dann stützte er sich mit den Händen ab. bitte wachen Sie auf!« »O mein Gott!« Er schlug die Augen auf. überlief ihn ein Schauer. Catherine hielt ihn fest.auf die Schulter und schüttelte ihn sanft.

Pangamot ist nicht zur Selbstverteidigung gedacht. Ihre Hände hatten gezittert. Catherine hatte den Eindruck. wie ihr auffiel. »Ich hatte nicht geschlafen. seine Arme um ihren Hals zu spüren. sogar Socken. Warum machen sie es?« »Aus vielen Gründen«. Catherine blickte stumm auf seine Silhouette. Da er nicht antwortete. Ich habe Sie beobachtet.Im Wohnzimmer schaltete sie die Lichter ein. war die Spannung im Raum spürbar. Jeans und. Möchten Sie mir Ihren Traum erzählen?« Er ging zur Minibar und nahm eine kleine Flasche Mineralwasser heraus. Er trug ein kariertes Hemd. Es dauerte nicht lange. wie ein schwarzes Fenster im Sternenhimmel über der Wüste wirkte. Er sah sie an. platinfarbene Mondlicht ins Zimmer. als sie sich auf die glatten Muskeln seines Rückens legten. die wie ein Scherenschnitt. daß Sie mich geweckt haben. Wieder glaubte sie. »Es tut mir leid. und er kam aus seinem Zimmer. Ich bin froh. bevor er sie absetzte und Luft holte. 401 . als habe sich sogar das Licht verändert. »Es war schlimm. Sie stellte fest. erwiderte er leise. sondern zum Töten. schob die Vorhänge zurück und ließ das kalte. daß ich Sie geweckt habe«.« »Haben Sie oft Alpträume?« Er trank lange und leerte beinahe die ganze Flasche. daß er sich angezogen hatte. und der Abdruck seiner Lippen auf ihrem Ohr schien noch zu brennen. sagte er und räusperte sich. Als ihre Blicke sich trafen. sagte sie: »Ich hatte mich auf die Suche nach Ihnen gemacht und Sie in einem der Übungsräume entdeckt. Seine Hand hatte ihre Haare berührt. Dann trat er ans Fenster.

»Ich meine. Er schien über seine nächsten Worte nachzudenken. während er blicklos auf die Flasche in seinen Händen starrte. von dem mir mein Verstand und mein Herz sagen. setzte sich in einen Sessel gegenüber dem Sofa.»Haben Sie jemals… einen Menschen getötet?« »Mit Pangamot? Nein. Pangamot sei wie Karate reine Selbstverteidigung. Das müssen Sie mir glauben. Zuerst dachte ich. weshalb Sie es tun. wie ich Priester sein und eine Kampfmethode ausüben kann?« »Ja«. Aber jetzt bin ich völlig verwirrt. »Haben Sie die Kraft. ich würde Sie schlagen…« Er hob mit einem Ruck den Kopf. Sie tun es als eine Art geistige Disziplin.« Sie hob in einer Geste der Hilflosigkeit die Hände. »Ich würde Ihnen nie in meinem ganzen Leben weh tun. warum mein Körper von etwas erregt wird. um sich fit zu halten. In seinen Augen tanzten unruhige Schatten. Mein Vater hat immer zuerst 402 . daß es falsch ist. Aber noch weniger gefällt mir. es gefällt mir nicht.« Er kam vom Fenster zurück. Garibaldi. Bitte haben Sie keine Angst vor mir.« »Sie wollen wissen. Ich sagte mir. angenommen. wenn ich verstehen würde. Und ich möchte verstehen. Ich konnte es akzeptieren. was ich über Sie herausgefunden habe. was ich dadurch über mich weiß. »Vielleicht hätte ich keine Angst. wollte sie sagen. die Sie mit dem Trainieren in sich kultivieren. bevor er schließlich antwortete: »Ich bin in einem Haus aufgewachsen. erwiderte sie. unter Kontrolle?« fragte sie. in dem Prügel die normale Form der Verständigung waren.

Er ging an die Kasse. Der alte Mann stand hinter der Theke und sagte: ›He. und er sah wie ein Schwächling aus. daß ich im Laden war. aber diese Kraft macht mir Angst. Eines Abends habe ich mich mit ein paar Freunden betrunken. Der Pfarrer hat nicht die Polizei gerufen. der den Kindern immer Bonbons schenkte. Als Sechzehnjähriger war ich einmal noch spät in seinem Laden. ich will die Spätnachrichten nicht verpassen. Er wußte nicht. Vater Pulaski ging mit mir hinter die Kirche und hat mich windelweich geschlagen. Mickey. ich weiß nicht mehr wie er hieß. und wir beschlossen. Damals entdeckte ich…« »Was haben Sie entdeckt?« Er sah sie mit seinen klaren Augen an. Er wollte gerade schließen. einen altmodischen kleinen Laden.« »Hängt der Alptraum damit zusammen?« »In unserer Gegend gab es einen Laden. Da ich nicht von der Stelle wich. »Daß es in mir etwas gibt das ich ständig unter Kontrolle halten muß. der Kirche in unserer Gegend einen Besuch abzustatten. Seine Frau war vor ein paar Jahren gestorben. gleichgültig. Ich kann es nicht beschreiben. zog eine Pistole und wollte Geld. 403 . ob er betrunken oder nüchtern war. Ich wurde danach mit meiner Brutalität zum Schrecken des ganzen Viertels.‹ In diesem Augenblick kam einer dieser Junkies herein. Er war ein riesiger Pole vom anderen Ende der Stadt. Er war ein netter alter Mann. sagte er: ›Such dir was aus. sondern Vater Pulaski kommen lassen. Er stammte aus Europa und sprach mit einem starken Akzent. Dann meldete er mich im CVJM für einen Karatekurs an. Das hat mich hart und gefühllos gemacht.geschlagen und später Fragen gestellt. Er nannte mich immer Mickey. Er war älter als ich. aber dünn. Er gehörte einem alten Mann.

Er zitterte. Aber ich war wie gelähmt. Ich blieb stehen. Sie trafen den alten Mann dreimal in die Brust. Ich stand einfach da. »erlebe ich im Traum immer wieder. Er wartete darauf. In diesem Augenblick schien plötzlich alles zu erstarren. Ich habe es noch nicht einmal versucht…« »Er hatte eine Waffe. als sei die Welt zum Stillstand gekommen.Junge.« »Aber er wußte nicht.« Garibaldi ging wortlos in sein Schlafzimmer und kam kurz 404 . Die Augen des alten Mannes richteten sich unverwandt auf mich. Eine Weile schien es keine Geräusche zu geben.« »Das war nicht Ihre Schuld. Sie waren erst sechzehn…« »Ich war sehr viel stärker als der Typ und habe dem alten Mann doch nicht geholfen. in einer Kirche Graffitti zu sprühen. wie ich mit meinem Sechserpack Bier oder Coke oder was immer es war durch den Gang kam. »Wie auch immer. Ich stehe in dem Laden. »Und das«. Ich fand es zum Beispiel cool. danach bin ich regelrecht ausgeflippt.« Garibaldi seufzte tief und stand auf. bis er sich wieder unter Kontrolle hatte.‹ Der alte Mann sah. Ich machte völlig verrückte Sachen. denn ich befand mich hinter ihm. daß ich etwas tun würde. Ich stehe untätig in dem Laden. Der Junkie bemerkte mich nicht. das wirst du doch nicht machen! Damit ruinierst du dir das Leben. während dieser Junkie einem unschuldigen Mann das Leben nimmt.« »Und wie sind Sie Priester geworden?« »Vater Pulaski hat mich auf den Weg gebracht. sagte er schließlich tonlos. Der Junkie sprang über die Theke. daß ich hinter ihm stand. Es dauerte eine Weile. Dann hörte ich die Schüsse. nahm das Geld aus der Kasse und rannte davon…« Garibaldi ließ den Kopf sinken.

darauf mit einer Taschenuhr zurück. ob ich nicht Priester werden sollte. »Vater Pulaski war ein großer. von seinem Lehrer bekommen hat. Als ich 1984 schließlich das 405 . Nach einer Weile fuhr er fort: »Vater Pulaski war entschieden gegen die neue Messe und las bis zu seinem Tod die alte lateinische Messe. sagte Garibaldi und gab ihr die Uhr. daß der Bischof kam. »Er hat sie mir an dem Tag geschenkt. Als ich ihm gestand. die Messe muß jetzt auf Englisch gelesen werden! Man hätte wenigstens ein bißchen Latein beibehalten können! Wenigstens das Kyrie hätte man beibehalten sollen!‹ Keiner von uns brachte es übers Herz. daß er sie regelmäßig hervorholte und aufzog. Es war eine alte Uhr an einer Kette von der Art. Junge!‹ Ich fragte: ›Und was soll ich jetzt machen?‹ Da rief er mit Donnerstimme: ›Was für eine dumme Frage? Selbstverständlich folgst du dem Ruf!‹« Garibaldi blieb am Fenster stehen. obwohl es ihm verboten worden war. als habe ihn ein Schlag getroffen. als er starb«. »Vater Pulaski veranstaltete eine Kollekte und schickte mich zur Schule. lauter. wie sie sich in Catherines Vorstellung im letzten Jahrhundert über den runden Bäuchen wohlhabender Geschäftsmänner spannten. erklärte er: ›Du bist zum Dienst des Herrn berufen worden. Sie ist sehr alt.« Garibaldi sah Catherine an. daß ich überlegte. Dort entdeckte ich meine Begabung für Mathematik und mein Talent für den Umgang mit Computern. um mit ihm zu sprechen. daß das Kyrie der einzige griechische Teil der Messe war. wie ich glaube. lärmender Pole. ihn daran zu erinnern. man kann die Gravur kaum lesen…« Catherine nahm die Uhr bewundernd in die Hand. »Sie stammte von seinem Lehrer. Catherine hatte bereits beobachtet. der sie. Ich erinnere mich. Garibaldi ging im Zimmer auf und ab. Vater Pulaski brummte: ›Also gut. berührte mit den Fingern die Glasscheibe und zuckte zurück.

den Glauben zu erhellen. sondern drehte sich um und blickte schweigend in die Dunkelheit. Wenn überhaupt. als wollte sie die Zukunft darin lesen.« »Seit 1965 heißt es nicht mehr Inquisition. daß man sie seit vierunddreißig Jahren anders nennt. sanfte Frau und sehr religiös. war. jemanden wegen seines Glaubens anzugreifen. und einem Beisitzer. was sie wollte.‹ Aber sie hieß sechshundert Jahre lang Inquisition.Examen in Computerwissenschaft ablegte. war ich siebenundzwanzig und bereits seit sechs Jahren ein geweihter Priester. Der Mann aus dem Vatikan war ein Dominikaner und gehörte zum Offizium der Inquisition. dem Kommissar. dann hoffte sie. Ihre Aufgabe ist es. was die Kongregation tut. Schließlich schickte man jemanden aus Rom. Und weil sie an einem katholischen College unterrichtete. Das letzte. Dann sagte sie: »Ich habe Ihnen von meiner Mutter und von ihrer Arbeit erzählt. Vater Garibaldi? Warum sind Sie nicht in Ihrem Pfarrhaus oder an der Universität. 406 . daß diese Untersuchungen unter strenger Geheimhaltung durchgeführt werden. »Warum sind Sie immer noch bei mir. alles zu untersuchen. Vater Garibaldi. ich weiß über die Kongregation Bescheid: Wie das Tribunal eingesetzt wird. wo Sie unterrichten?« Er gab keine Antwort. Man hat sich einen unverfänglicheren Namen einfallen lassen: ›Die Kongregation für Glaubensdoktrin. Ich weiß. mit einem Richter. Anfangs widersetzte sie sich. was der Kirche gefährlich werden könnte. dem Assessor.« Sie ballte die Fäuste und fuhr dann mit schneidender Stimme fort: »Ja. Ich weiß. Catherine starrte auf ihre Handflächen. Doch die Kirche sah in ihr eine Bedrohung. machte die Kirche ihren Einfluß geltend. Und ich weiß.« »Ich weiß. Sie war eine liebenswerte. und diese Einrichtung ändert sich nicht dadurch.« Catherine legte die Uhr vorsichtig auf den Tisch.

meine Mutter ihrer Stellung zu entheben und ihr die Befähigung abzuerkennen. ihre Argumente zu widerlegen. empfand Vater McKinney das als eine persönliche Niederlage. »Vater McKinney genügte das nicht. etwas zu erreichen. Es war schrecklich. Catherine seufzte. Vater McKinney stand auf der Kanzel. Sie ist nie mehr zum Gottesdienst gegangen.daß sie jeden unter die Lupe nehmen. Vater McKinney kam zu uns nach Hause und verlangte von meiner Mutter. Man teilte ihr sogar mit. Er hatte das Gefühl. über Vater McKinney. der eine Gefahr für die Einheit der Kirche darstellen könnte. Und es war ihm nicht gelungen. von meiner Mutter gedemütigt worden zu sein. unseren Gemeindepfarrer. Danach besuchten nur noch mein Vater und ich die Sonntagsmesse. sie sei keine katholische Theologin mehr und verbot ihr. Ich spürte jedesmal. weiterhin zu schreiben oder zu veröffentlichen. als schließlich der Vertreter des Vatikan erschien. Er hatte sie nicht überzeugen können. die Kirche müsse sich im Einklang mit den Bedürfnissen ihrer Mitglieder entwickeln. Meine Mutter stand auf und verließ mit hoch erhobenem Kopf die Kirche. Aber«. Die anderen Kinder in der Schule gaben meiner Mutter Schimpfnamen und sagten. Die ganze Gemeinde starrte uns an. Ich werde den Sonntag nie vergessen… damals war ich zehn. wir würden für unsere Sünden in der Hölle 407 . Ich nehme an. Meine Mutter fügte sich. Aber sie verwickelte ihn immer in leidenschaftliche Diskussionen und erklärte. wie die Leute uns anstarrten. die römisch-katholische Glaubenslehre zu unterrichten.« »Was ist geschehen?« »Die Inquisition hat dem Papst empfohlen. sprach in seiner Predigt über Ketzerei und blickte dabei auf meine Mutter. ihre Angriffe gegen die Kirche einzustellen. Am Anfang haben sie versucht.

Er bekam ein großes katholisches Begräbnis und wurde auf einem katholischen Friedhof begraben.büßen. Deshalb wurde sie schließlich exkommuniziert. der von der Spitze der Pyramide des Luxor Hotels wie ein Weg in eine andere Galaxis in den Himmel stieg. Es kam in dem Land zu einem Umsturz. während sie neben dem Pult der Lehrerin auf einem Hocker stand.« »Man brachte seine Leiche zurück. Meine Mutter starb ein paar Monate später – an Lungenentzündung. Ihr Gesicht glühte vor Scham. Ich wußte nicht. einen Priester und drei Nonnen. weil etwas Feuchtes an ihren Beinen hinunterlief. »Mein Vater fuhr in einer Friedensmission nach Afrika«. sie ist an gebrochenem Herzen gestorben. Mein Vater und seine Begleiter gerieten in Gefangenschaft. daß es Ihr Vater war. daß meine Mutter jeden Sonntagmorgen ihren eigenen Gottesdienst hielt. fuhr sie fort. die Sakramente zu empfangen.« Catherine stand vom Sofa auf und trat neben Garibaldi ans Fenster.« Catherine schloß die Augen. das war später. Man hat sie als Spione hingerichtet – meinen Vater. »mit Medikamenten und Bibeln. »Die Leute wußten nicht. nach dem Tod meines Vaters. ein Stamm kämpfte gegen einen anderen.« »Sind Sie deshalb aus der Kirche ausgetreten?« »Nein. weigerte sich aber. Sie blieb eine gläubige Katholikin. Sie blickte mit zusammengekniffenen Augen auf den Laser-Lichtstrahl. wie die Ärzte sagten. Meine 408 . In den Nachrichten wurde darüber berichtet. Die fünfte Klasse kicherte und flüsterte. als plötzlich ungebeten ein Bild vor ihr auftauchte. Aber ich weiß. Man zeigte immer wieder die Photos der Hingerichteten…« »Ich kann mich an den Fall erinnern.

Die Stimme klang tonlos. Aber das war nur möglich. an der Seite meines Vaters begraben zu werden. es sei ihr größter Wunsch. aber ich dachte. Ich weiß noch. als meine Mutter starb. als sei er gekommen. weiterzuleben. wenn meine Mutter beichtete und die Absolution erhielt. Ich ging ins Zimmer zurück. aus denen nur einer als Sieger hervorgehen konnte. eine Art Triumph. ohne ein Wort zu sagen. Aber es war zu spät. als er in das Krankenzimmer trat. und ohne meinen Vater gab es für meine Mutter keinen Grund mehr. Sie spürte Garibaldis Blick. Meine Mutter weinte. da kam Vater McKinney mit hochrotem Kopf heraus und stürmte wütend. Aber Vater McKinney…« Catherine mußte sich zwingen. um endgültig mit meiner Mutter abzurechnen. Sie hingen aneinander.« 409 . Kurz vor ihrem Tod erklärte sie sich nach all den Jahren der Abkehr von der Kirche dazu bereit…« Catherine holte tief Luft und stieß sie langsam wieder aus. einen anderen Priester zu finden. »Ich ging aus dem Zimmer. »Meine Mutter bat mich. was dann geschah.« Catherine sah Vater Garibaldi an. als es ihr nach einer kurzen Pause gelang. Ich rief im Pfarramt an. Ich wußte. Ich hätte es nicht tun sollen. einen Priester zu holen. als sei das der Höhepunkt der vergangenen Auseinandersetzungen. Sie würde nicht im Schoß der katholischen Kirche sterben. sagte sie mir. weiterzusprechen. Es dauerte nicht lange. »An dem Abend. Es war. sie hatte keine Absolution und keine Sterbesakramente erhalten. und ausgerechnet Vater McKinney kam. meine Mutter wollte ungestört sein. Ich weiß nicht genau.Eltern hatten sich sehr geliebt. an mir vorbei. damit sie in alle Ewigkeit Zusammensein könnten. Ich versuchte. lag etwas Gefährliches in seinen Augen. Meine Mutter wollte nur in Frieden sterben und neben meinem Vater begraben werden.

die sterben. Sie hörte ihre letzten Worte. Sie hatte auf ewig mit dem Mann Zusammensein wollen. »Ich gehe zu deinem Vater. doch es klang wie ›Ora pro nobis. »Vater Garibaldi. damit er uns nach dem Erdenleben zu ewigen Qualen 410 . sondern auf dem städtischen Friedhof. meine Mutter in alle Ewigkeit zu verdammen?« »Diese Frage kann ich nicht beantworten«.« »Was ist mit Menschen. ohne von ihren Sünden losgesprochen zu sein? Was ist mit der Hölle?« »Als Priester glaube ich an die Strafen der Hölle. bitte für uns‹. daß der himmlische Vater uns geschaffen hat. wir sind Seelen. und das muß ich auch predigen.« Catherine sah ihre Mutter in dem einfachen Krankenhausbett vor sich. hatte Nina geflüstert. wenn wir sterben?« »Wenn wir sterben. anstatt von ihr getröstet zu werden.« Catherine wandte den Kopf und sah ihn an. was zwischen Ihrer Mutter und diesem Vater McKinney vorgefallen ist. wie Garibaldi etwas murmelte. Wenn Ihre Mutter allerdings Gott direkt um Vergebung gebeten hat«. kehren wir zu Gott zurück. »Meine Mutter wurde nicht neben meinem Vater begraben. Sie verstand die Worte nicht genau.Sie hörte.« »Und was geschieht. nicht einmal in geweihter Erde. hat ein einfacher Pfarrer das Recht. »wenn ich nicht weiß. wenn sie eine Seele hatte?« »Wir haben keine Seelen. hat die Kirche.« War sie tatsächlich zu ihm gegangen? »Wohin ist meine Mutter nach ihrem Tod gegangen? Wo ist ihre Seele jetzt. mit denen sie ihre Tochter tröstete. Haben tun wir den Körper… vorübergehend. den sie liebte. In meinem Herzen kann ich nicht glauben. fügte er sanft hinzu »dann ist ihr verziehen worden. »Du mußt nicht traurig sein«. erwiderte Garibaldi.

Das Problem ist. Aber auch Sie können beten. daß ich für Sie glaube?« Sie sah ihn wieder an. sagte sie.« »Jeder wird mit der Sehnsucht nach dem verlorenen Himmel geboren.« »Wollen Sie Julius deshalb nicht heiraten?« Sie zog die Augenbrauen hoch. »Ich fühle mich in der Nähe von gläubigen Menschen nicht wohl. »Nicht nur Vater McKinney«.« »Dann hilft es.« Wie.« Catherine sah zu.« »Sie wollen also. den Weg dorthin zurückzufinden. Wie? Garibaldi drehte sich um und ging zur Minibar. bis jemand für unsere Erlösung betet. wollte sie fragen. ich möchte glauben. ich könnte so gläubig sein wie meine Mutter.« »Werden Sie für meine Mutter beten?« »Ja. wie er austrank und die leere Flasche auf die Minibar stellte. »Vater Garibaldi.« »Und das Fegefeuer?« »Ich glaube an das Fegefeuer und daran. ich würde ihn nicht heiraten!« 411 . »Meine Gebete würden nichts nützen. wenn die Hinterbliebenen für die Seelen der Toten beten?« »Ja.verdammen kann.« Sie wandte sich von ihm ab und vom Anblick der verführerischen Stadt der Spieler. »Vater McKinney ist also der Grund dafür.« »Warum nicht?« »Weil ich keine gläubige Christin bin. daß Sie mich bei unserer ersten Begegnung abgelehnt haben. Ich wünschte. »Wie kommen Sie darauf. daß wir dort bleiben.

« Er sah sie an. das Sie gesagt haben.»Ich weiß nicht. Er würde mich ständig an das erinnern. Ich fühle mich bestraft. »Hassen Sie den katholischen Glauben so sehr?« »O nein. »Oder nicht gesagt haben. Deshalb bin ich so wütend. die Antwort darauf finden Sie nur in sich selbst. denen Sabina begegnet ist« erwiderte Catherine. Vielleicht liegt es an etwas. wie die Schüler der katholischen Schule beim Anblick einer hübschen Nonne oder eines gutaussehenden Priesters immer sagten. Wie viele junge Mädchen in Vater Garibaldis Gemeinde waren wohl heimlich in ihn verliebt? »Vater Garibaldi. Es ist eine wunderbare Religion. das kann ich nicht.« »Julius ist ein sehr religiöser Mensch. Obwohl ich nicht länger gläubig bin.« Es gab noch eine Frage.« »Aber denken Sie an die Menschen. die es in der Geschichte der Menschheit gegeben hat.« »Nein. welche Verschwendung das sei.« Sie sah Garibaldi an und mußte daran denken. Mit einem solchen Mann könnte ich nicht zusammenleben.« Er lächelte.« »Sie können es zurückbekommen. Wie kann da nur eine Religion richtig sein und alle anderen falsch?« »Ich glaube. was mir fehlt. die Heiligen. begann sie »was hätten Sie am Sterbebett 412 . weil mir das alles genommen worden ist. die sie unbedingt stellen wollte. obwohl sie sich beinahe davor fürchtete. Er hält sich an die Regeln und Gesetze seiner Religion. ja. fehlen mir der Weihrauch. die Beichte und die Tröstungen. »Vater Garibaldi«. Ich liebe ihn. ist der katholische Glaube der wahre Glaube?« »Ich glaube. »Denken Sie an alle Religionen.

deshalb zog sie sich an und folgte ihm. »Ich gehe an die frische Luft«. und sie sah. Der 413 . der gerade aus ihrer Suite gekommen war. Ich bin immer noch entsetzt über die sinnlose Gewalt. warum ich Pangamot ablehne. »Ich komme mit.« Er ging mit großen Schritten zur Tür. Warten Sie nicht auf mich.« Sie sah ihn an. und sie dann losgesprochen.meiner Mutter getan?« »Ich hätte Ihre Mutter gefragt. Im Flur entdeckte sie einen Zimmerkellner. Catherine blickte auf die Tür und überlegte. unterbrach er sie. »Jede Form von Gewalt stößt mich ab. Dort oben sei ein Garten mit Springbrunnen und Tempeln. der Mann. was gerade geschehen war. In der Beichte hatten Vater McKinneys persönliche Meinungsunterschiede mit Ihrer Mutter und die Aussagen in den umstrittenen Büchern nichts zu suchen. daß Sie…« »Ich verstehe«. Aber ich kann Ihnen versichern. Es verwirrt mich. Das überraschte sie. durch die mein Vater gestorben ist.« »Ist sie jetzt bei meinem Vater? Sind sie zusammen?« »Darauf kann ich Ihnen keine Antwort geben. ob sie ihre Sünden bereut. jetzt wissen Sie. der ihr sagte. Seine Reaktion war unverständlich. »Ich würde lieber allein gehen.« Damit verschwand er. Auf dem Dach waren nur wenige Gäste.« Catherine nickte. wie er auf die Uhr blickte. daß Beten hilft. Sie mußte ihn zur Rede stellen. habe ihn nach dem Fahrstuhl zur Dachterrasse gefragt. Dann räusperte sie sich und sagte: »Wie auch immer. Er schien plötzlich unruhig zu werden. Doch Catherine hörte eine gewisse Härte in seiner Stimme. sagte er unvermittelt.

das ich noch keinem Menschen gesagt habe. der Vorfall in dem Laden sei Gottes Art gewesen. der Mut werde ihn verlassen. wie ich mich fühle. Inzwischen kommen mir jedoch Zweifel. was das zu bedeuten hat. nicht einmal Vater Pulaski. aber nicht an meinem Glauben. »Ich glaubte lange Zeit. Ich dachte. es ist mein Gewissen. Er läßt mich nicht mehr zur Ruhe kommen. Selbst bei Tag verfolgt mich inzwischen das anklagende Gesicht des alten Mannes. Deshalb wurde ich Priester. »Sie haben mich gefragt. Ich werde Ihnen etwas sagen.« Er schwieg. Ich bin gezwungen. er habe mich in diesem Augenblick dorthin gestellt. sondern an meiner Berufung. seit ich weiß. aber dann kam er wieder. Dann fuhr er fort: »Ich hatte den Alptraum jahrelang nicht mehr.« Seine Worte kamen schnell. Garibaldi stand am Geländer und blickte auf die Wüste. mich in seinen Dienst zu rufen. daß Sie das abstößt.« »Ist es Ihnen gelungen?« »Ich glaube. als fürchte er. damit ich einen anderen Weg einschlagen würde. Ich habe wie besessen versucht zu verstehen. Garibaldi brach das Schweigen.Wüstenwind wehte so kalt und scharf. warum ich bei Ihnen bleibe und nicht zu meinen Aufgaben zurückkehre. Ohne etwas zu sagen. den Vorfall immer neu zu erleben. die hinter der hell erleuchteten Stadt wie ein endloses drohendes Reich der Dunkelheit begann. als wollte er warten. das mich nach all den 414 . »Können Sie sich vorstellen. der mich zu ihm führt. wie sie darauf reagierte. was ich tue? Daß Pangamot Ihnen Angst macht? Daß ich Ihnen Angst mache?« Unvermittelt sah er sie an. daß Catherine auf ihrem Weg zwischen den Farnen und Palmen unwillkürlich an Winter und Schnee dachte. stellte sie sich neben ihn.

Priester zu bleiben. Ich befand mich auf einer persönlichen Pilgerreise. was ich am Tag meiner Priesterweihe empfand? Ich will es Ihnen sagen.Jahren wieder quält. ob ich geeignet sei. Garibaldi in seinem kurzärmligen Hemd schien die Kälte überhaupt nicht zu spüren. und deshalb bin ich ein Betrüger. Und deshalb bin ich bei Ihnen geblieben. die möglicherweise Gottes Botschaft erhellen können. Catherine legte schützend die Arme vor den Oberkörper.« »Aber warum. und nicht. Ich wollte herausfinden. daß ich an jenem Abend dem alten Mann nicht geholfen hatte. das ist kein Grund. mache ich mein Versagen an jenem Abend wieder gut. »Darum geht es nicht! Wissen Sie. ob die Schriftrollen die Antwort auf meine Fragen enthalten. ich hätte in Israel Urlaub gemacht. Ich bin nach Israel gegangen. Ihr war kalt. Das stimmt nicht. mir sei endlich verziehen worden. weil man sich auf diese Weise vor seinen Schuldgefühlen verstecken kann! Ich versuchte.« Der Wind wurde noch heftiger. Ich kam in den Sinai und wurde in die Sache mit den neu entdeckten Schriftrollen hineingezogen. Ich empfand keine Freude oder religiösen Hochgefühle. Priester zu werden! Man wird Priester. Vater Garibaldi? Sie wissen nicht.« »Vater Garibaldi…« »Ich habe Ihnen gesagt. mir einzureden. Ich fühlte mich nur erleichtert. um meine Seele zu retten. Ich hatte das Gefühl. obwohl sie eine Jacke trug. Ich bin aus egoistischen Motiven Priester geworden. um mein Gewissen zu erforschen und herauszufinden. weil man Gott dienen will. ob Sie ihn hätten retten können. Aber das stimmt nicht! So einfach ist das nicht.« 415 . indem ich Gott diene. Aber du liebe Zeit. Ich habe die Gelübde abgelegt.

« Er lachte leise. Es klang beinahe anerkennend.« »Vater Garibaldi. Sie zuckte unter der Berührung zusammen. die Sie töten wollen. »Wenn es das nicht ist«. ich habe ihn angebetet. »Was dann? Sagen Sie es mir!« »Ich kann es nicht sagen. Sie und ich. sagte sie. Vielleicht 416 . Ja. »Wir sind uns sehr ähnlich. aber jeder kämpft in einer anderen Arena. als er hinzufügte: »Beim Pangamot wären Sie eine ernstzunehmende Gegnerin. ob Sie Priester bleiben oder nicht?« Er erwiderte nichts. hatte Schwester Immaculata gesagt und Catherine vom Hocker gezerrt. Gewalt zu verabscheuen. aber Sie geben nicht auf. Vater Garibaldi? Sollen die Schriftrollen Ihnen sagen. Vielleicht werde ich es nie können. rief sie.« Er faßte sie plötzlich an den Schultern. und doch möchten Sie mir helfen?« Er blickte in den Himmel.»Welche Antwort. »Das Schwere ist…« »Ist was?« »Ich habe meinen Vater geliebt.« Aber genau aus diesem Grund hatte sich ihr Konflikt bis ins Unerträgliche gesteigert. und er ließ sie wieder los. »Ich habe deinen Vater rufen lassen.« »Es ist leicht zu kämpfen«. betrachtete lange die Sterne und sah sie dann wieder an. noch nicht. bitte lassen Sie mich Ihnen helfen. »Sie wollen mir wirklich helfen? Sie hassen Priester. wenn Sie allem Anschein nach keine Chancen haben zu gewinnen.« Er ließ die Arme sinken und lächelte. daß Sie ein Widerspruch in sich selbst sind? Sie behaupten. und doch kämpfen Sie. »Wissen Sie. »Du bist ein schmutziges kleines Ungeheuer«. Wir ringen mit Dämonen. und der Wind trug ihre Stimme hinaus in die Wüste. Irgendwo dort draußen gibt es Männer.

den kalten Wind zu spüren. Ein paar Monate später starb meine Mutter. dachte ich. daß sich mein Vater getrieben fühlte. habe ich zu meiner Mutter schreckliche Dinge gesagt. Als er erschossen wurde. daß ich meine Worte bereute. Sie hatte plötzlich das Bedürfnis. verharrte sie noch einen Augenblick in seinen schützenden Armen. »Ach. das ist die Wahrheit. bevor sie sich von ihm löste und ein paar Schritte zurücktrat.kann er dir etwas Achtung vor deiner Lehrerin einbleuen. sagte er. Nichts davon war wirklich so gemeint. Er hielt sie fest. »Was ist mit morgen?« »Ich fürchte. wie du es bist.« »Der Bruch meiner Mutter mit der Kirche hat dazu geführt.« Catherine liefen die Tränen über die Wangen. übrigens«. Jedem war klar. bis morgen früh zu warten. während sie mit den Tränen kämpfte und um die Beherrschung rang. »Wir gehen besser nach unten«. »Morgen wartet eine Menge Arbeit auf uns«. sagte sie mit belegter Stimme und drehte sich um. und ich konnte ihr nicht mehr sagen. Ich habe sie für seinen Tod verantwortlich gemacht. ihre angebliche Sünde gutzumachen. die eine Nonne und keine Sünderin ist. »Wegen morgen…« Sie drehte sich um. um es 417 . sie schliefen. und beschloß. Als er schwieg. daß er die Friedensmissionen in alle Welt unternahm.« »Wie meinen Sie das?« »Als ich vom Fitneß-Zentrum zurückkam. fügte sie betont energisch hinzu. So wahr mir Gott helfe. wir werden ausziehen müssen. und flüsterte leise ein Gebet. weil sie sich ihrer Gefühle schämte. Ärgerlich wischte sie sich das Gesicht und murmelte verlegen: »Ach verdammt!« Garibaldi nahm sie wortlos in die Arme.

sind wir völlig pleite. und als ich herauskam. »Ich war nach dem Training im Dampfbad.« »Weg! Sie meinen gestohlen?« »Ich habe es der Hotelleitung gemeldet. stand die Tür meines Schranks im Umkleideraum offen. Abgesehen von den zwanzig Dollar. »dann müssen wir uns etwas einfallen lassen. daß ich sie wiederbekomme.Ihnen zu sagen. wie wir wieder zu Geld kommen.« »Na gut«. sagte sie. die Sie noch haben. Es tut mir leid. aber man macht mir keine großen Hoffnungen. Meine Brieftasche ist weg.« Er machte eine Pause.« 418 .

Der Korb für die E-Mail war leer. Es war auch keine neue Datei ausgedruckt. New Mexico »Sie sollten herunterkommen. Mr. der ihn im Moment am meisten interessierte. Schlaf weiter. Er vergewisserte sich. sagte Teddy. »Da ist wirklich etwas Verrücktes…« Miles legte den Hörer auf und wollte aufstehen. »Was gibt es?« fragte er. Havers«. Er wollte sehen. hatte er keine guten Nachrichten erhalten. ob aus Kairo weitere Übersetzungen angekommen seien. Die Schriftrollen waren für Erika bestimmt. Von den drei Technikern bei Dianuba. Ihre aschblonden Haare auf den Kissen machten sie noch zerbrechlicher und zarter. warf Miles schnell einen Blick auf den Bildschirm. »Liebling…?« »Ich muß nur rasch etwas erledigen. Als er die unterirdische Computer-Zentrale betrat. daß Erika wieder schlief. »Hat Voss wieder Post bekommen?« Es war Teddy mühelos gelungen. Teddy 419 . wo Teddy Yamaguchi allein vor den elektronischen Geräten im Wert von mehreren Millionen saß. den Computercode des Freers Instituts zu knacken und die für Julius Voss bestimmte Post zu lesen. ein Produkt von Dianuba. als sich Erika neben ihm im Bett bewegte. doch es handelte sich dabei um Keep Out.Santa Fe. Für dich…. Das hatte er am Tag zuvor entschieden.« Er griff nach seinem Hausmantel aus kastanienbrauner Rohseide und zog ihn an. was auch nur entfernt mit den Sabina-Schriftrollen in Zusammenhang stand. die er mit der Suche nach allem beauftragt hatte. Das Institut hatte zum Schutz der E-Mail zwar ein Verschlüsselungsprogramm installiert.

sagte Teddy. daß ihr System geknackt worden war und jemand die Unterlagen las. Teddy hatte aber einen Grund.« Er saß in seiner gewohnten Haltung am Computer: Der Stuhl war zurückgekippt. keine E-Mail für Voss«. Die dritte Nachricht kam wenige Minuten später aus Seattle. diesmal aus Denver. Das machte nichts. ein knapper Satz von einem Computer in England: ›Catherine lebt. und die Finger trommelten flink auf den Tasten.konnte sich einwählen. die Arme lagen eng am Körper. es geht ihr gut.‹ Teddy und Miles hatten noch darüber gerätselt und sich gefragt. Die erste Nachricht für Voss war am Abend zuvor eingegangen.‹ Eine vierte lautete: ›Sie hat die Schriftrollen und wird sie der ganzen Menschheit zum Geschenk machen. allerdings mit dem Zusatz: ›Sie hat Daniel Stevenson nicht umgebracht. als bilde ein Netz von Neuronen 420 . die Tastatur hatte er auf dem Schoß. Alexander feststellen zu können. »Es ist etwas wirklich Seltsames. Alexander das Land verlassen habe als Voss eine weitere Nachricht desselben Inhalts. ob Dr. wirklich zu staunen. Es war eine Wiederholung der ersten beiden. sobald sie mit der Übersetzung fertig ist. aber nicht verhindern.‹ Teddy verfolgte die Nachrichten sofort zu den Absendern zurück. daß jeder jeden überwachte. bei Voss diskret vorzugehen. Bis jetzt! »Nein. erhielt. Teddy gab sich keine Mühe. In diesem Spiel wußten inzwischen alle Beteiligten. Seine Augen klebten geradezu am Bildschirm. Seitdem waren ständig eigenartige Nachrichten eingegangen. aber keine von Bedeutung. Teddy warf niemals einen Blick auf die Tastatur. ohne jedoch eine Verbindung zwischen ihnen und Dr. daß die Computer die Benutzer im Freers Institut darauf hinwiesen. Sehen Sie sich das an.

hallo. daß Teddy von einem Internet Relay Kanal sprach. wenn er die Chat-Kanäle durchging und sich ein – und auswählte. [SERVER] Francie! ~fjames@kendaeo. naja. Woher bist du? [Francie] Dr. »Warten Sie«. sehen Sie selbst. »Als plötzlich…. Die Gespräche waren genauso oberflächlich geblieben.telebyte. dem Mode-Drink seiner Generation. in die man früher gegangen war. was in Cyberland im Augenblick alles vor sich ging. Francie.und Dendronen eine unsichtbare Brücke zwischen dem Monitor. wußte Havers. Catherine Alexander läuft um ihr Leben. der eigentlich ›Echtzeit-Chat‹ hieß. während der übrige Körper völlig passiv blieb. Dabei stopfte er sich seine Lieblingssnacks aus Tüten in den Mund und spülte sie mit Snapple. handelte es sich nur um den üblichen Schwachsinn. [Mike] Hi. »Sie haben über Baseball geredet«. »Was kümmert uns das?« fragte Havers irritiert. Francie! [Catbox] Willkommen. Nach dem üblichen MOTD und einigem Hin und Her erschien der Dialog: [Catbox] Was plant ihr denn alle so für Sylvester? [CelsiuS] Mike. um zu sehen. der Unterschied ist Zwei. Teddy entspannte sich. Soweit er sehen konnte. hinunter. Sie ist unschuldig. Internet-Unterhaltungen hatten die Kneipen ersetzt. um Leute kennenzulernen. seinem Hirn und seinen Fingern. der Felines heißt«.com. Als er sagte: »Ich habe mich in einen Kanal eingeschaltet. Gib das weiter. 421 .« Havers blickte auf den Bildschirm. Sie wird von Killern verfolgt. erklärte Teddy. erwiderte Teddy.

als jage unsere kluge Dr. Bleib cool. hallo. als suche er etwas. «SERVER»Einundvierzigplus. »Was soll das bedeuten?« fragte Havers. Rächer! Hier hast du ein Coke. Sie hat die Schriftrollen und beschützt sie für uns alle vor den Killern. bereits in einem Kanal zu warten. ihr irgendwie zuvorzukommen.« Miles zog einen Hocker heran und setzte sich an den nächsten Monitor.il. und verschwinden wieder. Wenn wir es schaffen. Catherine Alexander umzubringen. loggte er sich im IRC ein und sprang von einem Forum zum anderen.[SERVER] Francie hat sich verabschiedet. [MoonDoggy] Hallo. Alexander unschuldig ist. Als ›Rächer‹. «SERVER»MoonDoggy hat sich verabschiedet. hier bin ich. [bOzO] figgy2. daß Dr. sagen. «SERVER»Moondoggy!phil@atcom. könnten wir ihre Adresse feststellen…«. bevor sie sich einwählt. »Es sieht ganz so aus.co. »So geht es schon die ganze Zeit. der Deckname aus seiner Zeit als Hacker. sagte Miles nachdenklich. Für meine Dienste /msg Foxy [Cream] Weihnachtseinkäufe Ähhhhh!!!! 422 . Und offenbar springt sie willkürlich in den Kanälen herum. Alexander von einer Kneipe zur anderen. beantworte meine Fragen. *figgy2 gibt Rächer ein Coke. Jemand versucht. «SERVER»Willkommen bei #Planeten [figgyg] Hi. Leute wählen sich in eine Gruppe ein.« »Seit wann?« »Nach meiner Berechnung schon die ganze Nacht.

hallo. [Cream] Hi. Alexander in Ruhe lassen. die er gleichzeitig beobachtete. drückte die ENTER-Taste und wurde mit Hallo Mouse – seinem IRCNamen – begrüßt.G. fügte er hinzu und hüpfte ebenso schnell durch die Kanäle wie die Leute. «SERVER»Maynard! ~rismith@alice.D. sie sollen Dr. «SERVER»Carlos hat sich verabschiedet.S. Bist du F oder M? [Gollee] ToTo: mußte die Katze hereinlassen. Teddy gab achselzuckend #Zippers ein.[ToTo] Größe sechs.ac. Catherine Alexander hat Daniel Stevenson NICHT ermordet. Nein. Dr. Im nächsten Augenblick erschien auf dem Bildschirm: «SERVER»Carlos!mongo@dianuba. Mr. Havers«. die sich zu Catherine Alexanders Verteidigern gemacht hatten.C.us. und die Bullen werden sie NICHT fassen. »Ich glaube nicht. vielleicht acht.com.L. glaube ich. »Aber was sind das für Leute?« fragte Havers und klickte sich gerade rechtzeitig in #Geologie ein. »Außerdem sind sie überall auf der Welt«.brad.U. er sei direkt mit den Computern verdrahtet. Sie ist U. um zu sehen: [Carlos] Sagt den Bullen. sagte Teddy. Er hatte seine Haltung verändert und saß inzwischen wie eine sprungbereite Katze vor zwei Bildschirmen. 423 . daß das Dr.N. »Diese vielen Adressen… das sind verschiedene Leute!« Teddys Augen funkelten und blitzten. Alexander ist. Maynard. «SERVER»Maynard hat sich verabschiedet. hallo. Wovon haben wir geredet? [Maynard] Sag allen.I. Man hatte den Eindruck.H. während er gebannt auf die Bildschirme starrte. die du kennst.

Teddy wechselte zu #German. Er stand unvermittelt auf.cac. mouse. [LadyGray] Olé. Carlos hatte sich gerade erst im letzten Kanal verabschiedet. Sorry. «SERVER»figgy2 hat sich verabschiedet. Teddy faßte sich mit beiden Händen an den Kopf.»Schon wieder Carlos!« rief Teddy. sorry. den Kanal wechselten und sie weitergaben. schob die Hände in die Taschen seines Hausmantels und blickte zu Teddy hinüber. sie will in Ruhe gelassen werden. Mouse. Das Summen der Klimaanlage und das blitzschnelle Klack Klack der Tasten von zwei Tastaturen unter Teddys Händen waren die einzigen Geräusche im Raum. Live-Diskussionen am Bildschirm 424 . Gebt es weiter.psu. [Figgy2]Sagt allen in Deutschland. und sie hat geheimes Wissen über das neue Jahrtausend. weil die Leute in allen möglichen Foren dieselbe Nachricht lasen. Hallo Maus. Wie geht’s? Ich bin in Spanien.edu. Wo bist du? [CorVette] Jetzt haben wir fünf Länder. In seinen Augen spiegelte sich das Leuchten der beiden Bildschirme. Catherine Alexander hat Daniel Stevenson nicht umgebracht. [Troy] Hallo Figgy2. dessen Augen noch immer an den Monitoren hingen. Mann! «SERVER»Figgy2!ashame@ppp26. Die unzähligen Gespräche. auch er klickte von einem Kanal zum anderen und stellte staunend fest. »Unglaublich! Die Drähte glühen! Die kleine Alexander hat bald die ganze Welt auf ihrer Seite!« Havers sagte nichts. sie hat niemandem irgendwelche Schriftrollen gestohlen. hallo. auf denen die Informationen mit der Geschwindigkeit von Kamerablenden wechselten. daß eine Welle zu einer gewaltigen Woge anschwoll.

im Augenblick gehört ihr das Internet!« Hatte Teddy seine Gedanken erraten? Miles lächelte kaum merklich. in einem IRC-Forum. schienen jedoch nicht mehr von dieser Welt zu sein. Es kann überall gewesen sein. Sehen Sie. daß ich nicht mithalten kann.und der ständige Fluß der Nachrichten über alle Entfernungen hinweg. Das ganze Internet scheint verseucht! Die Leute wissen nicht einmal. Teddy schüttelte den Kopf. »Unmöglich. einfach überall. die nur dank Online und ISDNVerbindungen möglich waren – Namen ohne Menschen. Catherine Alexander war nicht nur im IRC. Jeder greift die Meldung auf und wechselt so schnell den Kanal. diese Foren waren nur 425 . gerade haben sich drei neue Leute zugeschaltet. Mr. Mann. Im neuen Jahrtausend würde Cyberspace bereits zum Alltag gehören wie Wasser. Worte ohne Stimmen. Räume ohne Wände -. Das ist mein Reich. Die Menschen hatten sich eine neue Dimension erobert: Cyberspace. Erde und Luft. Vor vierundzwanzig Stunden hatte Catherine Alexander noch als der Antichrist gegolten. das herauszufinden. aber sie stellen sich auf ihre Seite. denen ich bereits auf anderen Kanälen begegnet bin. einer News-Gruppe. Der junge Mann mochte recht haben. In Cyberspace werden alle von mir manipuliert. »Wo hat es angefangen?« fragte Havers stirnrunzelnd. Havers. wer Catherine Alexander ist. Und die Information verbreitet sich so schnell wie ein Virus. Teddy hatte nicht den Überblick wie Miles. Miles stand einen Augenblick wie gebannt da und sah zu. Ich bin der ungekrönte Herrscher dieser neuen Welt! Rebellen hat es schon immer gegeben. Jetzt war sie plötzlich eine Heldin. denn er war nur einer der vielen Millionen. die mit und durch Cyberspace lebten. Miles kannte die Psychologie des Internet. Ich werde sie wie lästige Fliegen vernichten. doch Havers ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.

obwohl sie ›Cathy‹ nicht einmal kannten. Message-Übermittler zu sein. die Süchtigen der neuen Dimension. »Nein. lauf!« Das war der Schlachtruf der Verdammten. daß sogar ihr Photo in Form von Millionen Bytes um die Welt ging – Sie hatte die Frechheit besessen. daß sie Lycos und InfoSeek bald ausgeschöpft haben und ihre Suche auf weniger bekannte Datenbanken ausdehnen würde. von der sie nichts verstanden. niemand. Transmitter. NewsGruppen sprachen im Augenblick über sie. »Lauf. daß ihnen die Freiheit genommen war. nachdem es ihnen nicht gelungen war. bei jeder Unterhaltung im Web tauchte ihr Name auf. und jeder redete über diese Frau. »Hat sich jemand hier gemeldet?« fragte er lauernd. der Cyberspace-Öffentlichkeit zu erklären: »Ich werde die Schriftrollen der ganzen Menschheit zum Geschenk machen. von Island nach Neuseeland. von Johannesburg nach Deutschland. Vielleicht ahnten sie in dieser Nacht. Havers ging an der Reihe von Bildschirmen entlang zu einem. Havers hatte sich ausgerechnet. als Server. die nichts anderes vom Leben zu erwarten hatten. Miles zweifelte nicht daran. E-Mail flog auf dem ganzen Globus hin und her. auf dem eine Homepage mit dem Titel PAPYRUSSAMMLUNG LONGPORD zu sehen war. Cathy. die jemand wie Catherine Alexander noch für sich und ihr Leben beanspruchte. die keiner kannte. ein 426 . Catherine Alexander im LinkNet von Orange County ausfindig zu machen. sich eine Sache zu eigen gemacht.« Deshalb hatten seine zahllosen Untertanen. Er richtete das Angebot einer nicht existierenden PapyrusSammlung ein und setzte sie auf ›Fred’s Seite‹.die Spitze eines sehr viel größeren Eisbergs.« Sie hatten diese Datenbank vor drei Tagen installiert.

Während er Teddy beobachtete. Alexandria ist auch das bedeutendste Zentrum der Welt für anatomische Forschungen. wenn man eine Münze in einen Schlitz steckte. die bereits früher hierhergekommen waren. Wir kamen nach Alexandria. die für die Worte des Gerechten offen waren. das sich drehte. brüllte der Tiger in ihm. was er tun mußte. Philos und ich bewunderten mechanische Vögel. die er suchte. um die Körper von Tieren und Menschen zu studieren. wurde Miles klar. denn anders als in Indien sind Autopsien hier erlaubt. wir saßen in einem Theater. Philos wußte. Ich nahm an ihren wöchentlichen Zusammenkünften teil. wenn er der Sieger sein wollte. hier würde er die Antworten finden. Alexandria ist eine Stadt der Erfinder und ihrer Maschinen. das im Augenblick bei Online-Amerika sehr beliebt war. Ich las den Brüdern und Schwestern aus dem 427 . wir hörten dampfgetriebene Nebelhörner. und wir hörten Lesungen der Briefe seiner Jünger und der Worte des Gerechten. Ich kam in diese Stadt auf der Suche nach Herzen und Seelen. Die kluge Archäologin hatte den Köder jedoch nicht geschluckt. Er hatte gehofft.Clearinghaus für alle möglichen Bereiche. dem größten Zentrum der Wissenschaft und Gelehrsamkeit. Und ich werde siegen. Ich traf andere Anhänger des Weges. aber nun blieb ihm keine andere Wahl. Die Ärzte kommen aus den fernsten Gegenden des Reiches. nicht soweit gehen zu müssen. Aber mehr als alles andere ist Alexandria eine Stadt der geistigen Freiheit und Aufgeklärtheit. aus dem Süßigkeiten herauskamen. der durch die IRC wie ein Weltmeister auf einer haushohen Flutwelle surfte. und wir sahen ein Gerät.

»Der Gerechte hat von vielen Wohnungen gesprochen«. wie sie glaubten. der Tod sei eine Illusion. dann kommt das Jüngste Gericht.Brief der Maria vor. die sagten. der Fisch und das Kreuz. was ›Wissende‹ bedeutet. und sie sprach davon. erklärte mir Priscilla. sagten sie als Erklärung. sie begrüßten sich mit dem Friedenskuß. daß der Gerechte uns gesagt habe. sie seien der Beginn eines neuen goldenen Zeitalters auf Erden. Sie glaubten an Frieden und Vergebung. von denen ich noch nie etwas gehört hatte. es handle sich um die tausendjährige Herrschaft Satans. und wir feierten gemeinsam das Liebesmahl. wie ich sie aus Antiochia kannte. Ich traf die Jünger eines 428 .« Ich traf Priscilla. Doch sie sprachen vom Schöpfer. wie der Gerechte es getan hat. was man mich gelehrt hatte. Sie nannten sich Gnostiker. In diesem Punkt herrschte keine Einigkeit. der Gerechte als Sohn Gottes abstamme. und wir erwachen aus dem Schlaf und gelangen zu unserem Schöpfer«. Es gab sogar einige. Sie verehrten auch die Unsterblichen. wenn wir nur glauben. Andere behaupteten. Für sie war das Universum sehr viel vielschichtiger und größer. daß die Gemeinschaft hier Glaubensvorstellungen vertrat. Trotzdem waren sie eine Gemeinschaft. und das Leben könne ewig dauern. von denen. Sie sprachen von Gott. »Und das hat er damit gemeint. den Diakon der Gemeinde. In der Gemeinde hörte ich auch zum ersten Mal von der Prophezeiung der tausend Jahre. Man sagte. während wieder andere erklärten. nachdem wir gestorben sind: »Wir schlafen ein Jahrtausend. die tausend Jahre würden erst dann beginnen. als sei er getrennt von Gott. und ihre Symbole waren der Anker. Aber ich stellte fest. damit seien die tausend Jahre der Herrschaft des Gerechten auf Erden gemeint. Doch ihre Vorstellungen vom Kosmos unterschieden sich sehr von dem.

um Ägypten zu sehen. neue Anhänger ihres Glaubens zu gewinnen. In ihrer Sprache bedeutet das ›der Erleuchtete‹.« Die Buddhisten von Alexandria sind Missionare und versuchen. daß man bei Schlangenbissen die behandelte Wunde mit Klemmen verschließt. und es wird eine neue Schöpfung geben. was ist und was sein wird. die ich in Indien gelernt hatte (in Alexandria hatte noch niemand davon gehört. so fragte ich mich. Wenn Buddha sagt. Ich bin der Anfang und das Ende. An den Wänden des Tempels lasen wir die Worte. In der alten Stadt Sais besuchten wir den Tempel der Göttin Isis. Dann wird Buddha auf die Erde zurückkommen. mein Wissen und mein Können bei der Geburtshilfe weiterzugeben und unbekannte Heilmethoden zu erläutern. 429 . der Himmelskönigin.« Ich war damit beschäftigt. Er sagte: »Sei dir selbst Zuflucht und halte an der Wahrheit als Licht fest. Er wird die Guten belohnen. und der Gerechte sagt. die man damit erzielt). und fuhren nil-aufwärts. die Botschaft vom Weg des Gerechten zu verbreiten.Mannes. der du von Dunkelheit umgeben bist?« Sie glauben an ein Weltgericht. Er wurde von einer jungfräulichen Mutter namens Maja geboren. um ihr zu huldigen. Sie gehen auf den Marktplatz und fragen die Vorübergehenden: »Suchst du nicht ein Licht. »Ich bin alles. daß der Gerechte auch in Indien gelehrt hat? Wir machten eine Reise. du. er wird wiederkehren. bedeutet das. er wird wiederkehren. und die Leute staunten über die Erfolge. und das bedeutet das Ende aller Dinge. was war. die vor tausend Jahren dort eingeritzt worden waren. die Bösen bestrafen. den sie Buddha nennen.

die ihm den Weg zu der uralten Formel weisen würde. meine liebe Amelia. frommen Männern und weisen Frauen. weil ich in dieser Stadt endlich die Liebe kennenlernte. eine Spur zu finden. die das ewige Leben schenkt. Aber. ich werde Alexandria vor allem deshalb nicht vergessen.Philos sah sich in der Stadt um. Er sprach mit gelehrten Männern und verbrachte Wochen und Monate in der großen Bibliothek. mit Sehern und Seherinnen. 430 . Er hoffte. er beriet sich mit Priestern und Priesterinnen.

DER ZEHNTE TAG 431 .

die an diesem sonnigen Morgen den durstigen Gästen bereits die ersten Bloody Marys und Screwdrivers servierten. es gibt einen Pfarrer. wird sich der Kellner die Zimmernummer merken…« Raphael griff nach der Schale mit den gesalzenen Nüssen. und schon gewinnt er den Jackpot«. um das Geld ›zu beschaffen‹ das ihm am Abend 432 . Beim Aufwachen am frühen Morgen war er nicht in seinem Zimmer gewesen. es könnte eine Frau sein. ohne ihn zu finden. »Du hast also den Priester gefunden?« fragte er. Er meint.Donnerstag. 23. Möglicherweise war er im Casino. Dezember 1999 Las Vegas. sie wüßten ohnehin am besten über die Gäste Bescheid. »Und ob ich ihn gefunden habe«. Nachdem seine Erkundigungen an der Rezeption erfolglos geblieben waren. sich mit Zimmerkellnern und Zimmermädchen zu unterhalten. steckte die anderen in die Jackentasche und sagte: »Schnappen wir sie uns.« Catherine machte sich Sorgen. erwiderte Zeke. als er Raphael wie besprochen in der Mz’nos Taverne im Hotel Atlantis traf. Zeke lächelte vielsagend. »Ein Kellner vom Zimmer-Service sagt. der immer Essen für zwei bestellt. Aber er hat die andere Person noch nie gesehen. Wenn der Pfarrer heute Frühstück bestellt. Ich habe ihm ein gutes Trinkgeld gegeben. Raphael mußte sich vom Anblick der spärlich bekleideten Kellnerinnen losreißen. Sie hatte das Hotel nach Garibaldi abgesucht. denn er sagte sich. sagte Zeke. hatte Zeke beschlossen. schob sich eine in den Mund. Nevada »Jemand wie ich muß nur nach Las Vegas kommen.

Deshalb bezweifeln wir. »Diese Fanatiker könnten Sie entführen oder Schlimmeres…«. Am frühen Morgen war im Radio Kriminalkommissar Shapiro aus Santa Barbara zitiert worden. Sie wußte. erkannt zu werden. Stevenson ermordet hat.« Dann äußerte sich ein Theologe: »Catherine Alexander hütet einen Schatz. »LASST MICH IN RUHE!« stand da neben einem Photo von ihr. die sie mit den Kleidern gekauft hatte. Sie erweist der Menschheit einen Dienst. Aber auch an den Spieltischen hatte sie ihn nicht entdeckt. Ich finde es bemerkenswert 433 . hatte Garibaldi gesagt. was mit den Schriftrollen vom Toten Meer geschehen ist. der gesagt hatte: »Wir haben keine Anklage gegen sie erhoben. daß Catherine Alexander überall im Internet zum Thema Nummer eins geworden war. An einem Zeitungskiosk fiel ihr Blick auf die Schlagzeile.zuvor im Umkleideraum gestohlen worden war. Aber das war an dem Abend gewesen. als Danno sie schließlich davon überzeugte. Catherine hatte sich lange gegen die Computertechnik gewehrt und ihren Widerstand erst aufgegeben. der Artikel würde berichten. Inzwischen hatte sich die öffentliche Meinung um hundertachtzig Grad gedreht. sie sei von bewaffneten Männern verfolgt worden. und die Polizei wußte noch nichts von ihren blonden kurzen Haaren. Catherine trug die große Sonnenbrille. als die ganze Welt gegen sie zu sein schien. Zeugen sagen aus. Man sollte sie nicht verfolgen. Denken Sie daran. daß ein Computer ein höchst wirksames Instrument der Forschung sein konnte. Beinahe fünfzig Jahre lang hat sie niemand zu sehen bekommen. Jetzt fühlte sie sich in der Welt von Cyberspace sicherer als in der wirklichen. daß sie Dr. trotzdem fürchtete sie. der uns allen gehört. Wir wollen ihr nur einige Fragen stellen. Ihre Bitte um Weitergabe der Information hatte einen ungeheuren Erfolg gehabt.

Geld gewinnen. Sie freute sich über den Fund. Wenn das nicht möglich war. Catherine fiel ein. weshalb alle diese bedauernswerte Frau verfolgen. die in einem spanischen Kloster aufgenommen worden waren. wohin Garibaldi gegangen sein mochte. Dann mußten sie Las Vegas natürlich sofort verlassen. daß sich in ihrer Suite ein Kassettenrecorder befand. Freunde sehen. »Ich weiß nicht.und sehr mutig. Sie wollten Unterhaltung. von einem der Raumschiffe in die oberen Stockwerke befördert zu 434 . Sie ist weder von der Polizei noch von der amerikanischen Regierung offiziell eines Verbrechens beschuldigt worden. und kaufte die Kassette.« Selbst Kardinal Lefevre im Vatikan schien seine Haltung geändert zu haben. als ihr Blick auf die ausgestellten Musik-Kassetten fiel. Ich finde. was sie angeblich gestohlen hat. Und das fehlende Geld? Garibaldi konnte sich über den Kreditkarten-Service entweder Reiseschecks oder eine Ersatzkarte ausstellen lassen. um ihre Spur zu verwischen. während sie beide arbeiteten. Frühstück.« Trotzdem blieb Catherine vorsichtig. daß sie diese schwere Prüfung übersteht. Das ägyptische Kulturministerium kann nicht genau sagen. Darunter befand sich eine mit gregorianischen Chorälen. würde sie es tun. Aber die Hotelgäste interessierten sich mehr für andere Dinge. Während sie die Zeitungen am Kiosk überflog und überlegte. im Atlantis das Leben genießen… Catherine war gerade im Begriff weiterzugehen. Bevor sie sich zu den Hotelgästen stellte. was Dr. die darauf warteten. Die Musik würde entspannend und beruhigend wirken. Alexander tut. behielt sie die Leute im Auge. Es sollte eine Überraschung für Garibaldi werden. wir sollten sie in Frieden lassen und beten. kurz gesagt.

Geld aufzutreiben – genug. hielt sie noch einmal nach Garibaldi Ausschau. daß ich nicht lange weg sein würde. Garibaldi sah sich um und sagte etwas leiser: »Ich habe gute Neuigkeiten. weil ich mir Sorgen mache.« Er legte ihr freundschaftlich den Arm um die Schulter. Es ist mir gelungen.« Als sie ihn fragend ansah.« Er lächelte sie an. fügte er schnell hinzu: »Keine Sorge. Aber dann 435 . sagte er erstaunt und griff nach ihrem Arm. »Ich habe neue Batterien für den Laptop besorgt. um Geld auf zutreiben? Sie war so in Gedanken versunken. Sie machte sich Sorgen. Sie überlegte. als er plötzlich am anderen Ende der Halle auftauchte. Sie hatte danach unruhig geschlafen und im Traum den Priester gesehen. ob er möglicherweise in einem anderen Spielcasino sei. »Warum sind Sie nicht oben im Zimmer?« »Ich habe Sie gesucht. Catherine drängte sich durch die Leute. Wir müssen nicht ausziehen. Ich stand am Eingang des Spielcasinos und wäre beinahe hineingegangen. Was mochte Garibaldi unternommen haben. daß sie ihn beinahe nicht gesehen hätte. »Catherine«.« »In meiner Nachricht stand doch. den immer noch Selbstvorwürfe quälten und der in seiner Verzweiflung versuchte. mit zwei blutigen Stöcken die Furien zu besiegen. die einsteigen wollten lief quer durch die Halle und erreichte ihn atemlos vor der drei Stockwerke hohen Statue der Göttin Athene.werden. die ihn verfolgten. Sie hatte jedoch auch von seinen Küssen geträumt. in der sich ein Videoladen befand. um eine Weile damit auszukommen. Die Berührung durchzuckte Catherine wie ein Blitzstrahl und erinnerte sie an die Umarmung gestern nacht.

nahm ihren Arm und ging mit ihr zu den Raumschiffen.« Als sie die Zahlenkombination für ihre Suite eingaben.habe ich es doch nicht getan. ob ich allmählich an Verfolgungswahn leide. Trotzdem glaube ich. Und ganz besonders sehen sie nicht die Frau an meiner Seite. denn sie hörte.« Garibaldi wich einen Schritt rückwärts und hob 436 . nicht den Mann. Catherine merkte.« »Und wie…?« »Das erkläre ich Ihnen später«. ahnten sie nicht.« Er lächelte. daß sie erwartet wurden. Ich weiß nicht. »Schon gut. Schemenhaft sah sie in dem Vorraum neben Garibaldi eine Gestalt an der Tür. sagte er. »Wir haben nicht viel Zeit. aber mein Partner möchte unbedingt persönlich mit Ihnen sprechen«. daß ihre Bemerkung leicht spöttisch und beinahe kokett geklungen hatte. »Was…?« Das Licht ging plötzlich aus. um die Kassette einzulegen. hörte Catherine eine zynische Stimme.« »Was erwarten Sie in diesem Aufzug anderes?« Garibaldi trug die Soutane. Wenn die Leute mich anstarren. »Wir fahren besser nach oben. Ich weiß. ich falle sogar in diesem verrückten Hotel auf. wie hinter ihr die Tür der Suite mit einem lauten Knall ins Schloß fiel. einer der Portiers habe bei meinem Anblick merkwürdig reagiert. so war es nicht gemeint. aber ich hatte das Gefühl. heben Sie die Hände hoch und gehen Sie hinein. sehen sie den Priester. aber sie blieb erschrocken stehen. »Bitte. Den Weg kennen Sie ja. und entschuldigte sich sofort. »Tut mir leid. Catherine wollte sofort zur Stereoanlage. daß es der beste Schutz für Sie ist. Sie erstarrte.

hatte ihn Garibaldi bereits an den Haaren gepackt. Catherine sah. Garibaldi rettete sich auf die andere Seite des Tischs. und er blieb leblos liegen. »Richtig. und die Lampe zerbrach mit einem lauten Knall an der gegenüberliegenden Wand. fügte sie tonlos hinzu. ging das Licht wieder an. Aber dann schlug er dem Mann die Waffe aus der Hand. Garibaldi dagegen hatte keine Waffe. wir müssen hier weg!« und griff nach ihrer Hand. Geschickt wich der Killer aus. Noch ehe er am Boden lag. Zeke war im Vorteil. »Machen Sie die Zimmertür auf!« rief er Catherine zu. Er fiel mit einem dumpfen Schlag gegen den Tisch. »Nein!« Es klang fast wie ein Schrei.« Der Killer mit der Narbe stand mit der blauen Tasche im Zimmer. Ehe Garibaldi etwas erwidern konnte. Der Mann schwankte. ihm den Todesstoß versetzen zu können. ließ sich blitzschnell fallen und packte ihn an den Beinen. denn er kämpfte mit dem Messer.scheinbar gehorsam die Hände. als Garibaldi nach einer Tischlampe griff und sie nach ihm schleuderte. riß er den Mann hoch und warf ihn in das Zimmer. Frau Doktor. wo 437 . verlor das Gleichgewicht und stürzte zur Seite. und der Killer trieb ihn durch den Raum in eine Ecke. Aber sie riß sich los. Sein Kopf traf die Kante. Kaum war die Tür offen. Sagen Sie Ihrem frommen Leibwächter daß er die Schriftrollen bei mir abholen kann! Ich habe noch ein Wort eben mit ihm zu reden. Zeke glaubte schon. Sie gehorchte mechanisch wie eine Marionette. Die beiden Männer umkreisten sich wie Raubtiere. »Die Schriftrollen«. Garibaldi stieß keuchend hervor: »Schnell. wie die blonden lockigen Haare sich blutig färbten.

ihre Panik und verstand. Garibaldi stand mit dem Rücken zu ihr. Wenn er feststellte. »Hier…«. »Das wirst du mir büßen!« knurrte der Killer. Sie wußte. Mit einem Fußtritt 438 . Der Kampf würde nicht mehr lange dauern. Garibaldi sprang aus dem Stand über den Tisch. »Nein!« Garibaldi hielt inne. Zekes Hand blutete. »Los. Sie wußte später nicht mehr. daß Garibaldi ihm überlegen war. Er sah ihr Flehen. würde er ihn kaltblütig erschießen und dann… Sie bewegte sich wie in Trance. Von nebenan hörte sie einen wütenden Aufschrei. griff er nach dem Stock. Catherine stand an der Tür. sah sie über den Raum hinweg für den Bruchteil einer Sekunde an. Dann ging alles sehr schnell. laufen Sie in mein Zimmer!« rief er Catherine zu und sprang auf den Tisch. Garibaldi riß geistesgegenwärtig den Stock hoch. wie es wirklich geschehen war. Als Zeke mit dem Messer nach ihm stieß. wie es klirrend auf die Tischplatte fiel. durchlief sie ein Schauer. was Garibaldi von ihr wollte. Catherine glaubte. den sie ihm reichte. Aber im nächsten Augenblick stand Garibaldi wieder und hob den Stock zum tödlichen Schlag. Ohne sich umzudrehen. Der Killer stürzte rücklings zu Boden und riß Garibaldi mit sich. »Laufen Sie!« rief Garibaldi noch einmal. die Beine würden ihr den Dienst versagen. trat er ihm mit voller Wucht gegen den Arm. In diesem Augenblick warf Zeke das Messer. ihre Verzweiflung. Er hatte die blaue Tasche fallen lassen und richtete sich wütend auf. Der Stock traf Zeke wie ein Pfeil. flüsterte sie. Als sie den lackierten Stock in die Hand nahm. kniete vor Garibaldis Reisetasche. Der Killer taumelte rückwärts und drehte sich einmal um sich selbst. aber es gelang Garibaldi.Zekes Partner noch immer bewußtlos lag. das Messer abzuwehren. Sie hörte. Zeke hatte außer dem Messer noch eine Pistole.

ihre Frauen dagegen wirkten spröde und waren maskenhaft geschminkt.machte er Zeke bewußtlos. die sie bei dem Kampf erlebt hatte. wurde ihr übel. Als das Raumschiff in der Hotelhalle anhielt und sie aussteigen wollten. wir haben es gleich geschafft. Sie dachte an die Killer. Er ist mein 439 . griff nach der blauen Tasche und nickte ihr zu. Sie umklammerte die blaue Tasche und versuchte. In das Raumschiff drängte sich eine Gruppe Engländer. Wenn wir aus dem Hotel sind.‹ Catherine biß die Zähne zusammen. reichte ihr schließlich die Hand und zog sie vom Sitz. Garibaldi hatte nach dem Kampf nur flüchtig einen Blick auf die beiden Männer geworfen und gesagt: ›Sie werden keine schönen Träume haben. flüsterte er. Catherine schloß die Augen. daß sie Garibaldi auf eine neue Art respektierte. ein Club auf Erlebnisreise. ließen sie jetzt noch zittern. die Brutalität und Gewalt. die bewußtlos im Zimmer lagen. Der Brechreiz ließ nach. »Kommen Sie. und wenn sie aufwachen. »Wir dürfen kein Aufsehen erregen«. drückte Catherine an sich und legte ihr den Arm um die Schulter. Das Blut. In diesem Augenblick der Schwäche wußte Catherine. Die Engländer wollten zum Stierspringen. der Attraktion am Vormittag in der riesigen Hotelhalle. kann uns nichts mehr passieren…« Er griff nach der blauen Tasche. Garibaldi sah sie besorgt an. Sie staunte über das tröstliche Gefühl. sich ihm vertrauensvoll überlassen zu können. das laute Lachen und die anzüglichen Bemerkungen über Stiere und Frauen zu überhören. Sie konnte sich nicht von der Stelle rühren. Die Männer waren selbstsicher und ausgelassen und benahmen sich beinahe kindisch. sind wir nicht mehr in Las Vegas.

fügte er beruhigend hinzu: »Es ist besser so. Nehmen Sie die blaue Tasche. sich zu entspannen. An der Rezeption ist immer viel los. daß Garibaldi sie an das entfernte Ende der Empfangshalle geführt hatte. als er sie an der Rezeption vorbeiführte. Der Wettkampf zwischen der Frau und dem Tier begann… Catherine war froh. Ihr Herz schlug laut. Fanfaren und dumpfe Trommelwirbel kündigten den Stier an. Setzen Sie sich. es kann einige Zeit dauern. er mußte warten. »Warten Sie hier. Der 440 . Hier sah sie wenigstens nichts von dem aufreizenden Spektakel. Die Unruhe wuchs. Catherine setzte sich in den weich gepolsterten Sessel und versuchte. aber keine Angst. Die Menge verstummte. Wann wird die Flucht zu Ende sein? Catherine drehte sich unruhig um und erstarrte.Beschützer. doch das Geschrei und Gejohle der Zuschauer zerrte trotzdem an ihren Nerven. bis ich die Rechnung bezahlt habe. sie atmete flach. Am liebsten wäre sie aufgesprungen und einfach davongerannt. Endlich war Garibaldi an der Reihe. Er läßt mich nicht im Stich! »Wohin gehen wir?« fragte sie leise.« Sie hatten eine verspiegelte Pendeltür erreicht. fragte sie erschrocken: »Wo ist der Laptop?« »In meiner Reisetasche. Ihre Hände waren naß vom Schweiß. Es gelang ihr nicht. Sie können mich von hier sehen.« Catherine nickte. blieb jedoch unentschlossen stehen.« Da Catherine sich ängstlich an ihn drückte. »Ich habe mir gestern das Hotel etwas genauer angesehen und einen Seitenausgang entdeckt.« Garibaldi hatte recht. Garibaldi deutete auf einen Sessel. Als er sich umdrehte und gehen wollte.

sah sie den Killer. sich zu bewegen. aber sie war wie gelähmt und rührte sich nicht von der Stelle. drehte sich sein Kopf in ihre Richtung. Als sich die schwere Eisentür des Aufzugs langsam schloß. Ihr blieb nicht viel Zeit. daß jemand den Aufzug nach oben holen wollte – der Killer! Sie saß in der Falle. grün gekachelten Tunnel. Als sei sie mit ihm durch unsichtbare Fäden verbunden. Schnell ging sie durch die Tür und befand sich in einem Gang. die Tür glitt zur Seite. Schließlich ging er in Richtung Rezeption. Der Fahrstuhl blieb mit einem Ruck stehen. Catherine hatte das Gefühl zu fallen und klammerte sich an einen Haltegriff. drückte sie schnell den roten Knopf mit der Aufschrift: ›STOP‹. Sie befand sich in einem breiten. Der Aufzug fuhr nach unten. Hatte er sie vielleicht doch nicht bemerkt? Sie mußte Garibaldi warnen! Die Pendeltür bewegte sich. Catherine wagte nicht. die verletzte Hand in der Hosentasche. Der Killer war nicht zu sehen. und sie zuckte wie unter einem Schlag zusammen. Für den Bruchteil einer Sekunde sah Catherine seine kalten Augen auf sich gerichtet. Er verfolgte sie. Auch wenn sie den Aufzug blockierte. Als sich die Aufzugstür jedoch wieder schloß. Plötzlich war sie hellwach. Am Ende sah sie einen Lastenaufzug mit dem Hinweis: ›Nur für Angestellte!‹ Daneben befand sich hinter einer Glastür eine Treppe. Catherine war mit einem Satz im Aufzug und drückte auf den Knopf. In regelmäßigen Abständen brannten blauweiße 441 . Ihre Hand berührte den Bronzegriff der verspiegelten Pendeltür. gab es für ihn immer noch die Treppe. Catherine nahm die blaue Tasche über die Schulter und verließ den Aufzug. Catherine blieb atemlos vor dem Aufzug stehen und drehte sich um.Killer mit der Narbe trat aus einem Raumschiff. Er blieb stehen und blickte sich suchend in der Halle um. Auf der Leuchtanzeige sah sie. und sie sprang in Panik auf.

In den Boden war ein Gleis eingelassen. dessen ›Untergang‹ zweimal täglich den Hotelgästen vorgeführt wurde. Der Tunnel machte eine leichte Kurve. Catherine rannte weiter. daß sich unter dem Hotel und dem See ein Tunnel befand. ließ sie zusammenzucken. zu Atlantis. 442 . aber heftiges Seitenstechen zwang sie schließlich stehenzubleiben. Catherine rannte weiter. Wo befand sie sich. Sie war nicht mehr allein. die ins Schloß fiel. als sie vermutet hatte. der sie wieder nach oben bringen würde. Vielleicht gab es dahinter einen Aufzug. als plötzlich Neonlichter aufflammten. Garibaldi hatte ihr erzählt. Ihre Angst nahm zu. Auf einer Tafel neben einer grünen und roten Ampel stand: ›ACHTUNG SCHLEUSE! BETRETEN VERBOTEN! LEBENSGEFAHR!‹ Catherine wußte jetzt. Die Kurve schien kein Ende zu nehmen. Zurück konnte sie nicht. Sollte sie vielleicht doch umkehren? Der dumpfe Knall einer Eisentür.Deckenlampen. Der Gang wurde eng und bot nur Platz für die Schienen. An der Seite sah sie ein Schienenfahrzeug mit einem kleinen Kran. Der Killer würde sie einholen und hier unten leichtes Spiel mit ihr haben. Die grünen Fliesen wirkten im blauen Licht kalt und lebensfeindlich. und wohin führte der Gang? Sie blieb verwirrt stehen. Der Killer schien sich seiner Sache sicher und trieb sie vor sich her. der zur Insel führte. Sie konnte sich nicht weiter vorwagen. blieb dann aber wie angewurzelt stehen. Ihre Schritte hallten dumpf in der seltsam unnatürlichen Stille Ihr Keuchen klang überlaut. Ein bedrohliches Brummen oder Summen lag in der Luft. Der Gang war sehr viel länger. wo sie war. Hinter der Biegung war alles dunkel. Sie lief los.

Havers hatte gewonnen. Als sie sich aufrichtete und vorsichtig einen Schritt zur Seite machte und dann noch einen. Sobald ihr Atem wieder etwas ruhiger ging. Sie schob den Hebel. betastete sie den Boden. der sich leicht bewegte. Sollte sie aufgeben? Mit der Insel würden auch die Schriftrollen untergehen und 443 . wie die Schleuse den Tunnel verschloß. Er würde die Schriftrollen bekommen. Warum habe ich Garibaldi daran gehindert. Nur das kalte Eisen der Schienen war trocken. in die Stellung ›A‹. Catherine mußte gegen ihre aufsteigende Panik ankämpfen. Der Beton war feucht und glitschig. kamen ihr die Tränen. würde sie ertrinken. Von der Decke tropfte Wasser. und eine Warnlampe begann zu blinken. Als Catherine zum dritten Mal auf dem glitschigen Boden ausrutschte und beinahe stürzte. Der Killer würde nicht lange zögern und das Schleusentor wieder öffnen. als sie unter der Ampel einen großen Hebel mit der Aufschrift: ›Lichtschranke‹ bemerkte. den Killer umzubringen? In ihrer Verzweiflung wollte Catherine durch das offene Schleusentor in die Dunkelheit fliehen. Er konnte sie einfach erschießen. wenn der Tunnel geflutet wurde und Atlantis wieder einmal im Wasser versank. Die Ampel wechselte auf Rot. Trotzdem mußte sie weiter. Sie sank auf die Knie. Er durfte sie auf keinen Fall direkt hinter der Schleuse einholen. sie bot ihr im Augenblick den einzigen Schutz. Falls der Killer sie nicht fand und umbrachte. Catherine hörte hinter sich das Hallen von Schritten. So schrecklich die Dunkelheit auch war. Sie stand gut sichtbar im Licht. Sie trat durch das Tor und sah mit angehaltenem Atem zu. stieß sie gegen die Wand. und sie lehnte sich mit unterdrücktem Schluchzen an die Wand. Dann stand sie in völliger Dunkelheit. Die Beine versagten ihr den Dienst.

Tempeln. und sie fiel der Länge nach auf den Boden. Entschlossen eilte sie weiter. hätte sie fast das Gleichgewicht verloren.Sabinas Geheimnis… Garibaldi! Sie konzentrierte sich auf ihn und wurde ruhiger. Am anderen Ende der Insel erhob sich ein niedriger Hügel. Ohne zu zögern kletterte sie hinauf. daß sie aus der Halle fliehen mußte. Als sie sie auf den Rücken schieben wollte. Statuen und den gespenstischen Fassaden unwirklicher Häuser. Atlantis… Catherine hatte das Spektakel bereits mehrmals vom Hotelzimmer aus gesehen. Sie biß die Zähne zusammen und kletterte weiter. Der Gang endete in einem Schacht. Sie wußte. Instinktiv hielt sie schützend die freie Hand vor den Kopf. Als sie sich aufrichtete. sah sie in einiger Entfernung schwaches Tageslicht. Sie konnte sich nicht orientieren und wußte nur: Am Ende versank Atlantis in den Fluten. Sie stand im Freien. Das Sonnenlicht war so grell. der senkrecht nach oben führte Catherine entdeckte jedoch Eisensprossen. Erschrocken sah sie sich um. Ein dumpfes Grollen ließ sie zusammenzucken. Sie holte tief Luft und empfand wieder etwas Zuversicht. Sie stand auf und rannte weiter. Sie befand sich in einer Stadt mit bizarren Säulen. dessen Gipfel in diesem Augenblick auseinanderbrach und sich in einen feuerspeienden Vulkan verwandelte. er würde sie nicht im Stich lassen. Bestimmt war ihm nicht entgangen. Dabei war ihr die blaue Tasche im Weg. Aber hier auf der Insel schien alles anders zu sein. daß sie die Augen schließen mußte. 444 . Aber die frische Luft war wie eine Erlösung. Es muß einen Ausweg geben! Catherine stieß einen durchdringenden Schrei aus und stürzte ins Leere. Die Wand hörte plötzlich auf.

Der Mann wich im letzten Moment aus. Am Fuß der breiten Marmortreppe bleib sie atemlos stehen und drehte sich um. Sie wußte. Eine Fassade stürzte ein. mit der das Schauspiel des Untergangs eingeleitet wurde. Vorsicht! Sie schien den Schuß und das Einschlagen der Kugel vor sich gleichzeitig wahrzunehmen. Als sie den Killer mit der Narbe in der Nähe des Schachts entdeckte.Unschlüssig stand sie neben dem Schacht. Sie rannte seitlich am Tempel vorbei und den Hang an der anderen Seite hinunter. Catherine kniff die Augen zusammen. Aber auch die hohe Säule vor dem Tempel mit der vergoldeten Statue einer Göttin schwankte. Wie von Furien gejagt rannte. Sie mußte einen davon erreichen. Sie rannte weiter. Aus den Lautsprechern des Hotels hallte die ›Atlantis-Symphonie‹ herüber. lief sie los. die Säule würde erst gegen Ende des Schauspiels auf die Stufen stürzen. Schreie. Sie näherte sich dem großen weißen Tempel in der Mitte der Insel. Sie war nur eine große Kulisse mit Winden und mechanischen Greifarmen. die wie ein gigantisches Uhrwerk langsam in Bewegung gerieten. Der Killer! Die Phantomstadt hatte keine richtigen Straßen und Plätze. Als sie jedoch in dem dunklen Loch das Licht einer Taschenlampe sah. stiegen Fontänen aus unsichtbaren Kratern auf. Da begann das Wasser die Insel zu überfluten. Am liebsten wäre sie wieder hinuntergestiegen. fing die Erde an zu beben. Explosionen und Sturmgeräusche untermalten das Inferno. Wenn Atlantis auseinanderbrach. stolperte und kletterte Catherine über die seltsamsten Hindernisse. Es gab also noch mehr Schächte auf der Insel. Verblüfft drehte sich Catherine 445 . Die Fontänen! Catherine erinnerte sich. Der Kopf einer Statue zersprang auf dem Boden. bevor der Killer sie fand und die Insel im See versank.

»Er kann bestimmt schwimmen. Hinter ihnen schloß sich fast lautlos das schwere Schleusentor. muß er es lernen. Nicht lange und über ihnen würde Atlantis versinken. und ein Funkenregen ging auf die Insel nieder. aber es war Garibaldi. Vor einem Springbrunnen befand sich der nächste Schacht. »Schnell! Kommen Sie!« Er zog sie mit sich. und wenn nicht. lag unter einem umgestürzten Plastikbaum. Als sie sich der Schleuse näherten. Er packte sie am Arm und zog sie weiter. Sie zuckte erschrocken zusammen. blinkte bereits die gelbe Warnleuchte. »Was ist mit dem Mann?« fragte Catherine.um. Garibaldi nahm die blaue Tasche und half ihr beim Einstieg. heulte schrill eine Sirene. der nicht aus den Lautsprechern kam. Garibaldi folgte ihr hustend in die Dunkelheit. Der Killer. Wer hat gerufen? Dann hörte sie einen Schrei.« 446 . Im dunklen Gang brannte Licht. der auf sie geschossen hatte. Es waren die Scheinwerfer eines Schienenfahrzeugs. Garibaldi half Catherine auf den Beifahrersitz und fuhr los. künstliche Lava strömte den Hügel herab. Noch bevor sie den Tunnel erreicht hatten. Dampf und Rauchwolken wirbelten durch die Luft. »Schnell weg hier!« Eine Hand legte sich auf Catherines Schulter.

Schriftrollen. Im reproduzierten Text sprang ihm sofort der Name Sabina Fabiana ins Auge. war ihm eine lateinische Handschrift aus dem Mittelalter mit dem Hinweis: ›Thomas von Monmouth zugeschrieben. Er war zufällig darauf gestoßen. Er war sicher. daß Catherine nichts von der Existenz dieses Pergaments wußte. sie in die weltweiten Datenbanken aufzunehmen. war er plötzlich beunruhigt. Er hatte das alte Buch von Rabbi Goldman ausgeliehen. Er hatte sich stets an strenge Prinzipien gehalten. Kalifornien Julius traute seinen Augen nicht. daß er schließlich einen Weg gefunden hatte. Es war ein dickes. Er blickte ehrfürchtig auf die Buchseite mit dem Dokument. die sich in Privatsammlungen befanden. Sein Latein war schlecht. was alle wissen wollten. Während er die Einträge studiert hatte. ob er ihr überhaupt etwas von der Handschrift sagen sollte. Doch anstatt erleichtert zu sein.Malibu. vor hundert Jahren erschienenes Werk. auf die Titel alter Papyri zu stoßen. während er etwas anderes suchte. Jahrhundert‹ aufgefallen. um ihm zu verraten. XII. Handschriften und Briefe gewesen. Kodizes. Sein der Wissenschaft verpflichtetes Gewissen lag im Widerstreit mit seiner Liebe. Julius wußte. weil er hoffte. Er fragte sich. Hier auf dieser Seite stand. doch es reichte aus. Catherine zu helfen. 447 . daß es sich nicht gelohnt hatte. Zur damaligen Zeit war es vermutlich der umfassendste Katalog alter Dokumente. Das Ende der Geschichte. Sie konnte es nicht über Internet ausfindig machen. daß manche dieser Sammlungen so klein waren. Er hatte es gefunden. Sabina Fabianas Schicksal.

wie sich sein Anrufbeantworter in der Küche einschaltete. waren alle gescheitert. hier spricht Camilla Williams von der Nachrichtensendung Augenzeugen. wenig gegessen und war wie von bösen Geistern gejagt von einem Computer zum anderen gefahren – zuerst zu Rabbi Goldman. daß Catherine anrufen würde. als er Rabbi Goldman die ganze Sache erzählt hatte. als er in der Glastür des Mikrowellenherds sein Spiegelbild sah. Erst. das mit Sabina und den Schriftrollen in Zusammenhang stand. danach zur Öffentlichen Bibliothek. tat es aber doch nicht. Nach dem Pfeifton meldete sich eine Frauenstimme: »Herr Dr. Das Telefon klingelte zweimal. Seine Versuche. im Internet einen Hinweis auf Fabianus. wenn er sie unterstützte. Er wollte gerade ins Wohnzimmer und zu dem beunruhigenden Dokument zurückgehen. aber über die dunklen Ringe unter den Augen und das leichenblasse Gesicht staunte er doch. Voss. Er billigte nicht. daß er erschöpft aussah. den Stecker zu ziehen. und er hatte sich den Kopf darüber zerbrochen. Es wunderte ihn nicht. widersprach das allen seinen Grundsätzen. was sie tat. wie er Catherine helfen könnte. Aber ebensowenig wollte er Catherine im Stich lassen. Er hatte in den letzten vierundzwanzig Stunden kaum geschlafen. und er hörte.und die wollte er nicht aufgeben. Fabiana oder etwas. Er dachte kurz daran. nahm der geduldige alte Gelehrte ein verstaubtes Buch mit brüchigen Seiten aus dem Regal. ob wir ein Live-Interview mit Ihnen in unsere Sendung einplanen dürfen…« Julius ging in die Küche und schaltete das Gerät ab. in das Archäologische Institut der Universität und von dort zurück zu Rabbi Goldman -. Es bestand immer die Möglichkeit. Wir wüßten gerne. indem er ihr von diesem Dokument berichtete. drückte es Julius in die 448 .

Catherine… Er hatte der Polizei schließlich sagen müssen. den er und Catherine eines Nachts im Sand gefunden hatten. »Ja. wie sie in die Vereinigten Staaten gebracht wurden. dachte er bitter. Alexander ist im Besitz von Schriftrollen. Kurz danach waren sie vor fünf verrückten Motorradfahrern geflohen. Dr. war es so. Hinter diesem Horizont. sein Blick fiel auf die bequeme Zedernholzsitzgruppe. ging zur Glasschiebetür. und trat hinaus in die frische Meeresluft. die dicht am Wasser ein Rennen fuhren.« Er hatte Halbwahrheiten zu Protokoll gegeben und versucht.Hand und sagte lächelnd: »Es ist vielleicht nicht so schnell wie ein Computer aber dafür stürzt der Text nie ab. die auf die verwitterte Holzterrasse führte. auf der anderen Seite der großen runden Erde lag Hawaii mit dem Halekulani Hotel. nicht zu lügen. ich weiß nichts über die genaue Fundstelle. ich weiß nicht genau. Nein.« Julius fuhr sich nervös mit den Fingern durch die dichten schwarzen Haare. Die Terrasse lag im Schatten. Er lächelte bei diesem Gedanken. was er wußte. so fragte er sich. wo er und Catherine sich ihre Liebe gestanden hatten. Damals hatten sie sich zum zweiten Mal geliebt – am Strand unter den Sternen. Er fühlte sich innerlich zerrissen. 449 . Nein. gleichzeitig aber auch. war die Trennungslinie zwischen dem Gewissen eines Mannes und seiner Liebe zu einer Frau? Mußte das eine das andere ausschließen? In diesem Fall. Sein Blick glitt über den perlmuttfarbenen Pazifik. der sich am fernen Horizont verlor. Catherine zu schützen. die Töpfe mit den roten und rosa Geranien und auf den getrockneten Seestern. Wo. wo tiefe Wolken hingen und einzelne Sonnenstrahlen dazwischen das Wasser küßten. Dann hätte er am liebsten geweint.

es sei Catherine. Doch es war nur wieder ein Sensationsreporter. was kommen würde. sagte seine Mutter. Catherine werde anrufen. der Julius Geld für seine Geschichte anbot. dauerte ihre Suche Wochen. Wenn er Catherine etwas von dem Manuskript des Thomas von Monmouth sagte. die er einen Tag und eine Nacht lang getragen hatte. daß sie es nicht wagen konnte. und er lauschte. »Julius. Dann duschte er und stellte das Wasser so heiß. Er fühlte sich anschließend immer noch so zerschlagen wie zuvor. hatte ihn der Computer mit einem Warnsignal darauf aufmerksam gemacht. die Tage und Monate ungeschehen zu machen. Catherine hatte recht gehabt. was in den Nachrichten über Catherine berichtet wurde.Wenn es nur möglich wäre. weil er hoffte. unterstützte er sie in einer Sache. Wütend auf sich und auf seine Hilflosigkeit ging Julius ins Haus zurück und zog die Sachen aus. nachdem sie gehört hatte. Das Telefon im Haus klingelte wieder. Sie hatte ihn sehr aufgeregt angerufen. es zu vermeiden. 450 . daß sein Kodierungsprogramm geknackt war und seine Post gelesen wurde. obwohl er wußte. und der Möglichkeit. die er für falsch hielt. du trägst eine schwere Last«. noch einmal neu zu beginnen in einer Zeit der Unschuld und in dem Wissen. Wenn er ihr nichts sagte. vielleicht sogar Monate. Als die E-MailNachrichten von fremden Menschen auf der ganzen Welt eingegangen waren. die ihm versicherten. Julius hoffte. Doch das Duschen half nicht. die Uhr zurückzudrehen. daß seine Haut krebsrot wurde. Beim Anziehen dachte er an das Telefongespräch mit seiner Mutter an diesem Morgen. und die Gefahr für sie wuchs. Catherine gehe es gut.

an die brennende Lampe. daß die Sonne den Kampf gegen die Wolken gewonnen hatte. Er ging ins Wohnzimmer. was er zu tun hatte. sah er. Sein Geist war klar. Bitte ihn. In der Küche wählte er die Nummer der Redaktion von Augenzeugen und fragte nach Camilla Williams. daß das Licht der Thora nie erlöschen werde. alle Verwirrung und Unsicherheit schienen verschwunden. Zwar verrichtete Julius regelmäßig das Morgengebet. Während 451 . bewußtes Gebet nehmen. als hätte er gut gegessen und tief geschlafen.»Trag sie nicht allein. Julius fühlte sich so erfrischt. legte Julius die Autoschlüssel wieder beiseite. und an die hebräische Inschrift über der Lade: »Wisse. blickte auf die Wiedergabe der mit Malereien verzierten Handschrift in Rabbi Goldmans Katalog und sah seinen Weg deutlich vor sich. wo man ihn einläßt‹«.« Er dachte: Ich werde zur Synagoge gehen und beten. An diesem Morgen würde er sich die Zeit für ein richtiges. zog die oberste Schublade der Kommode im Schlafzimmer auf und holte den Tallit und die Tefillin heraus – den Gebetsschal und die Gebetsriemen. an die Lade mit den Thora-Rollen. dich zu führen. Der Himmel über Malibu war strahlend blau. vor wem du stehst. der sagte: »Baal Schem-Tow hat uns gesagt: ›Er ist überall dort zu finden. die symbolisierte. Doch als er im Geist die Stimme seines längst verstorbenen Vaters hörte.« Plötzlich dachte Julius an die tröstliche Atmosphäre der Synagoge. Als er nach langer tiefer Versunkenheit den Blick vom Gebetbuch hob. doch er wußte sehr wohl. Er wußte jetzt. daß er es oberflächlich tat und mit seinen Gedanken bereits bei dem bevorstehenden Tag war. Gib dich in Gottes Hand.

daß sie gestorben war. sowie die Tatsache. wanderte sein Blick zurück ins Wohnzimmer und zu dem bemerkenswerten Buch. von der die Legende berichtet.er auf die Verbindung wartete. »Über die siebte. bevor sie ihre Geschichte zu Ende erzählen konnte. hieß es in der Handschrift. das eine Darstellung der letzten Tage der Sabina Fabiana enthielt – die Umstände und den Ort ihres Todes. denn sie wurde nie geschrieben. »Sie hinterließ sechs Schriftrollen über Alchimie und Zauberei«. ist nichts bekannt.« 452 .

schloß die Augen und dachte sofort wieder an den Kampf und die Flucht aus dem Hotel Atlantis.C. Bei ihrer Flucht aus Las Vegas hatten sie nur ihre persönlichen Dinge mitgenommen – Catherine die blaue Sporttasche. als das Taxi langsam durch die verstopften Straßen rollte. Sie waren um Haaresbreite mit dem Leben davongekommen. sagte der Taxifahrer. »Alles in Ordnung?« flüsterte er. Sie haben mich nicht darum gebeten«. Garibaldi seine Reisetasche und den Laptop -. die gekauften Kleidungsstücke hatten sie zurückgelassen. »Aber ich nehme bei Besuchern. C. Sie nahmen den nächsten Flug. so sagte man ihnen. Das kostet nichts extra«. Sie war sich nur der Wärme der Finger bewußt. Wie sich herausstellte. fügte er freundlich hinzu. jetzt am Abend war die Luft schneidend kalt. die zum ersten Mal hier sind. Ein Schauer lief ihr über den Rücken. Sie nickte. D.Washington. am liebsten diesen Weg. der Las Vegas verließ. besonders in der Weihnachtszeit. seien es gerade null Grad gewesen. »Ich weiß. die in der kalten Dezembernacht im Lichterglanz strahlten. und die Kerzen am Weihnachtsbaum auf dem Rasen vor dem Weißen Haus brennen. D. hatte Garibaldi Reiseschecks besorgt. die ihre Hand umschlossen. Nach der Ankunft hatten sie sich auf dem Flughafen 453 . Bei ihrer Ankunft auf dem Flughafen hatten sie festgestellt. Dann sind alle Denkmäler angestrahlt. Sie blickte auf Garibaldis Hand hinunter. Tagsüber. Die Maschine brachte sie nach Washington. der ihre Hand hielt. daß es minus 5 Grad waren und das Thermometer weiter fiel. Catherine nahm kaum etwas von den berühmten Bauwerken und Denkmälern wahr.

fuhr er fort und blickte fragend in den Rückspiegel. »was glauben Sie? Was wird an Silvester geschehen? Kommt der Weltuntergang oder eine schreckliche Katastrophe?« Er lachte leise. geisterhafter Finger in den Himmel ragte. ›separate Zimmer‹ bedeutete. wirklich unter Kontrolle hatte. als sie am Washington-Denkmal vorbeifuhren. berichtete der Taxifahrer. »Übernachtung und Frühstück«. Garibaldi hätte seine beiden Gegner im Handumdrehen töten können. »Also«. wenn sie ihn nicht daran gehindert hätte. Eine halbe Stunde später trafen sie sich wieder: Catherine mit Einkaufstüten. Er hätte den Killer mit dem lackierten Stock umgebracht. Er hatte ihr bewiesen. »Zwei separate Zimmer. und Garibaldi mit der Nachricht daß er etwas für sie gefunden hatte. in denen sich auch ein friedfertiger Mann blitzschnell in einen Kämpfer verwandeln mußte.« Catherine wußte. als sie Garibaldi aus seinem Alptraum geweckt und er sie in die Arme genommen hatte. »Im Radio sagen sie. Handschuhe und Strickmützen befanden. daß es im Leben Situationen gab. sagte sie leise mit einem Blick auf den Laptop 454 .getrennt. in denen sich Daunenjacken. Schals. um eine Unterkunft zu finden. das wie ein anklagender. es wird wahrscheinlich schneien«. daß er die tödliche Kraft. Als er darauf verzichtete. Garibaldi ging zum Zimmernachweis-Schalter. die er kultivierte. es bestand keine Gefahr einer Wiederholung der Episode der Nacht im Atlantis. Catherine machte sich auf die Suche nach einem Geschäft für Winterkleidung. Seitdem fiel es ihr sehr viel leichter. ihm wirklich zu vertrauen… »Wir müssen so schnell wie möglich wieder ins Internet«. stellte er unter Beweis. Ohne sein Pangamot wären sie beide nicht mehr am Leben. Catherine sah Garibaldi nachdenklich an. sagte er.

daß der Mann von Havers unter den Schaulustigen stand. als sie am Jefferson-Denkmal vorbeifuhren. es wäre ein Schutz für Sie. An dem Abend. Außerdem glaube ich. die Geld brauchen.« Er seufzte und schüttelte den Kopf. Seitdem verfolgt er uns. »Verstehen Sie. habe ich die Uhr verkauft. das rund um die Uhr geöffnet ist. Er nickte und drückte ihre Hand. »Ihr Freund Daniel hatte Ihnen gesagt. Catherine schloß die Augen. Die Kunden sind natürlich vor allem Spieler. Aber ich war in Panik und dachte. War das alles nur ein böser Traum. als Sie beide das Lager im Sinai verlassen haben. für alle Fälle.« Sie sah ihn an. aus dem sie nicht erwachen konnte? »Es ist alles meine Schuld«.und schob die Erinnerung beiseite. daß die katholische Kirche unbegrenzten Kredit hat. Statt dessen habe ich eine klar sichtbare Spur hinterlassen. wenn ich meine Soutane trage. ich habe etwas voreilig gehandelt.« Er zögerte. Der Killer muß mich in Santa Barbara wiedererkannt haben. als man mir die Brieftasche gestohlen hat. nicht wahr?« »Bei unserer Ankunft im Atlantis habe ich in der Halle das Firmenschild eines Antiquitätengeschäfts gesehen. murmelte Garibaldi kaum hörbar. daß Vater Pulaski nichts dagegen gehabt hätte.« »Wo haben Sie Ihre Uhr?« Er räusperte sich und blickte stumm aus dem Wagenfenster. »Ich dachte. »Sie haben Vater Pulaskis Uhr verkauft. wir brauchten das Geld. »Woher haben Sie eigentlich das ganze Geld?« Er lachte verlegen.« 455 .« »Aber sie hat Ihnen so viel bedeutet…« »Ich gestehe. »Sie scheinen zu vergessen. Ich war ebenfalls dort.

wo das Jaguar-Amulett gehangen hatte. Aber sie wußte. Auf der Suche nach Garibaldi war sie ebenfalls in dem Antiquitätengeschäft gewesen. daß sie sich schämt. Der Besitzer hatte ihr für den Maya-Anhänger nicht annähernd soviel bezahlt. fügte er hinzu. ein paar Kreuzungen von der Georgetown-Universität entfernt. daß die Kirche Ihnen unbegrenzten Kredit einräumt?« Er lachte. Das war immer so gewesen… Danno… Wieder stellten sich die Erinnerungen ungerufen ein. Sie spürt etwas Nasses an ihren Beinen. In dem Prospekt. »Hier. Die anderen Kinder fangen an zu kichern und zu lachen. die Neue. steht auf dem Hocker und macht in die Hose. wie einem Jungen vor Mitgefühl die Tränen über die Wangen laufen. Catherine Alexander. denn Catherine weiß.Sie nickte und sagte dann lächelnd: »Haben Sie vielleicht daran gezweifelt. als er vor einem Reihenhaus im Föderationsstil anhielt. Sie sieht.« Catherine legte verstohlen die Hand an ihre Brust. wo an einem Eckhaus teure Wagen und Limousinen vorfuhren. die Sache ist ihnen peinlich. sagte der Fahrer beruhigend. Der Junge ist Danno. die anderen wissen. Das Gästehaus befand sich in der N Street. den Garibaldi vom Zimmernachweis am Flughafen 456 . wie er ihrer Meinung nach wert war. in dieser Gegend wohnt die Prominenz«. Die Stille ist schlimmer als das Gelächter. »Sie sind wirklich mit Komplimenten nicht sparsam. und er wird sie später vor ein paar Raufbolden beschützen. Die Kinder verstummen. »Eine sehr gute Gegend«. daß Danno sie ebenfalls verstanden hätte. Sie steht während des Unterrichts auf einem Hocker vor der Klasse. denen Damen in Abendkleidern und Herren im Frack entstiegen. »Dort wird die eigentliche Politik gemacht!« Er deutete zum Ende der Straße. Dann hört das Gelächter auf.

»Treten Sie ein. die das Rot des Backsteinmauerwerks gliederten. welchen Flug wir genommen haben. Das Haus stammte aus dem Jahr 1790 und hatte eine interessante Geschichte.und Lesezimmer und ein geräumiges Wohnzimmer. den gepflegten Vorgarten. ein ruhiges Spiel. treten Sie ein«. Garibaldis Zimmer lag im zweiten Stock. Im offenen Kamin brannte ein Feuer. Im ersten Stockwerk gab es drei Zimmer mit Bädern. Sie sind der Herr. sagte eine freundliche Frau. Catherine blickte auf den weiß lackierten Holzzaun. Selbst die Frau beim Zimmernachweis weiß nicht. daß sie plötzlich den Wunsch hatte. »Auch wenn sie herausfinden. Im Erdgeschoß befanden sich ein elegantes Eßzimmer.« Auf dem Flug von Las Vegas nach Washington hatte Garibaldi den Priesterkragen abgenommen. die schindelgedeckten Dachgauben und die schönen weißen Rahmen von Fenstern und Türen. Es sah alles so einladend und wohnlich aus. sagte er leise zu Catherine.mitgebracht hatte. Die Flammen vervielfältigten sich als Spiegelbilder im glänzenden Schmuck des Weihnachtsbaums. das zu einer Wohnung umgebaut worden war. Alle diese Räume standen den Gästen zur Verfügung. Catherines im ersten. stand. der vom Flughafen angerufen hat«. länger hier zu bleiben. die sich ein Bad am Ende des Flurs teilten. das Gästehaus gehöre zwei verwitweten Schwestern. die sie an der Tür begrüßte. ihr ins Wohnzimmer zu folgen. »Ich nehme an. Darauf habe ich diesmal geachtet. als der Fahrer ausstieg und ihre Sachen aus dem Kofferraum nahm. »Hierher können sie unsere Spur nicht verfolgen«. daß ich ein Priester bin. »Es ist 457 . fuhr sie fort und bat Catherine und Garibaldi. Sie lebten im Untergeschoß. werden sie uns hier verlieren. Im obersten Stock konnten bis zu acht Gäste wohnen.

Wir werden Sie nicht belästigen. daß man nur ihre Augen sah. »Also. und…« »Genaugenommen«.« Er sah Catherine nach.wirklich sehr kalt heute abend! Bitte geben Sie mir Ihre Jacken. »Ich hoffe. Garibaldi. erwiderte sie. und ich komme in ein paar Minuten mit einem Glas Sherry nach. sagte Catherine. O’Toole. »Sonst kann ich mich im Flugzeug nicht entspannen. sagte er und zog die schwarze Jacke aus. strahlten ihre Augen. darf ich Ihnen einen Sherry anbieten? Die meisten Gäste sind ausgegangen. Sie hielt sich den leuchtend roten Schal vor das Gesicht und hatte die passende Strickmütze so tief in die Stirn gezogen. ich verstehe. »Sie hat vor kurzem einen sehr guten Freund verloren…« »Ach. In meinem Haus bekommt jeder Gast zur Begrüßung einen Sherry!« Sie wandte sich an Garibaldi. O’Toole. Warum setzen Sie sich nicht ans Feuer. Mrs. überlege ich…« Sie sah ihn mit großen erwartungsvollen Augen an. als sie die Treppe hinaufstieg. »Ich nehme beim Fliegen den Kragen immer ab«. »Bin ich Vater Garibaldi. aber…« »Eigentlich.« »Natürlich«. Vater Garibaldi. Sie wird darüber hinwegkommen müssen. sagte Garibaldi und lächelte verlegen. Ich bin Mrs. O’Toole das schwarze Priesterhemd und das kleine Goldkreuz sah. »Lucy wird Sie hinaufbringen. würde ich gern gleich auf mein Zimmer gehen«. wie schrecklich. die Catherine am Flughafen für ihn gekauft hatte. Ihrer Schwester fehlt nichts.« Als Mrs. »Ja?« »Ich habe etwas Dringendes für meinen Monsignore zu 458 . »Natürlich!« erwiderte Mrs.« »Wenn es möglich ist. O’Toole. Ja. Mr.

»Wissen Sie. »Mein Computer muß repariert werden. »Wie bitte?« Er hielt den Laptop hoch. Er ist in diesem Alter. Niemand hat etwas von einem Computer gesagt. Im Augenblick ist er nicht da.« Als sie sein enttäuschtes Gesicht sah.erledigen. ob Sie möglicherweise einen Computer haben. den ich mir kurz ausleihen könnte. solange sie wollen. wenn er zu Besuch kommt. Ich bin sicher. An der Wand sah er ein Klavier. Bitte kommen Sie mit. hier neben dem Fernseher ist er. Es war ein Spielcomputer für Kinder. Mein Enkel benutzt einen Computer. sagte Garibaldi. »Wo stellt er ihn immer hin? Ach ja. Vielleicht ist ja auch unter Ihren Gästen jemand mit einem Computer. Dann sah er. daß Sie ihn benutzen. wissen Sie. und kann über nichts anderes als Computer reden. Benutzen Sie ihn. Und meine Gäste… Ich weiß nicht. Vater.« Garibaldi folgte ihr ins Nebenzimmer. worauf sie deutete.« »Ich überlege.« »Vielen Dank«. wo vor einem Fernseher drei Sessel standen.« »Computer?« sagte sie.« »Oh. 459 . »Wollen wir mal sehen…« Sie drehte sich langsam um. ich habe ganz bestimmt keinen. er hätte nichts dagegen. fügte sie schnell hinzu: »Warten Sie.« Ihr Lächeln gefror. und leider ist mit meiner Festplatte etwas nicht in Ordnung. aber er hat den Computer hier gelassen.

»Ich habe sie gefunden«.« »Wohin?« »Zum Besuch beim Präsidenten«. »Die Frau am Schalter von Delta sagt. stieg ein und steckte seinen falschen FBI-Ausweis in die Jackentasche. in dem Zeke vor dem Flughafengebäude auf ihn wartete. ein Priester hat zwei Tickets gekauft. sagte er. Nevada Raphael kam zurück zum Wagen.Las Vegas. 460 . erwiderte Raphael und grinste.

DER ELFTE TAG 461 .

und daß andere unruhig werden und Angst bekommen. die den Tod in Würde und Ruhe erwarten. daß es Menschen gibt. Da ich keine Familie hatte. die täglichen Ereignisse einer Frau seien für ihn nicht wichtig. konnte ich mir meinen Traum erfüllen und die Botschaft des Gerechten verbreiten. sagte er. Ebensowenig wußte er. Für manche Menschen ist der Tod wie ein 462 . ihnen den Weg in die nächste Welt zu erleichtern. Er kam abends nach Hause und erzählte mir. aber meist saß ich nur an den Betten der Sterbenden und versuchte. und da mein Ehemann nur selten zu Hause war. daß sich Frauen in Geschäften. was ich gelernt hatte. Als Grieche hielt Philos nichts davon. am Herd und bei der Familie. Dezember 1999 Die Liebe kam auf völlig unerwartete Weise. Philos ahnte nicht. im Handel oder in einem Beruf betätigen. ihm von meinem Tag zu erzählen und davon.Freitag. wie er den Tag verbracht und was er gelernt hatte. Philos war den ganzen Tag bei den Männern in der Stadt. die Kranken und Sterbenden zu pflegen. Der Platz einer Frau sei im Haus. daß ich beobachten konnte. verschwand nach kurzer Zeit unter irgendeinem Vorwand in seinem Arbeitszimmer und schloß die Tür. Ich sah. um die ich mich hätte kümmern müssen. Doch wenn ich anfing. auf welch unterschiedliche Weise die Menschen sterben. er war der Meinung. Und so kam es. was ich während meiner Freundschaft mit Satvinder gelernt hatte. Ich weiß. Ich konnte etwas medizinischen Beistand leisten. daß ich regelmäßig in das Hospital im Isistempel ging und den Schwestern half. hörte er mir nicht zu. 24.

sagten die anderen. aber wir sterben auf unterschiedliche Weise und jeder zu einem anderen Zeitpunkt in seinem Leben. Ich erlebte oft. sagten die einen. Doch der Weg lehrt. Ich habe es nie beobachtet. wo meine Ahnen sind«. Ich halte die Schlüssel des Todes und des Lebens in meiner Hand. Wenn ich an den Betten der Menschen mit einem starken Glauben saß und bei anderen. das da ist. die der Botschaft des Gerechten folgen. die sich ohne jeden Glauben auf den Weg in das Jenseits vorbereiten mußten. Die Ägypter glauben. andere fürchten sich nach dem Übergang in die Geisterwelt vor schrecklichen Foltern und großen Qualen. die nichts davon hören wollten. wie die Kranken die Augen schlossen und ihren letzten Atemzug taten. Doch es gab andere. sondern glaubt. Anhänger anderer Religionen glaubten. der zu uns gesagt hat: »Ich bin vor der Zeit von allem. und ich lebe. »Wir werden dort einen neuen Körper bekommen«. Viele behaupten. als Wind über die Welt zu wehen oder auf alle Ewigkeit in dunkle Höhlen 463 . und wieder andere haben viele Fragen. Alle anderen werden zugrunde gehen. Während der Wochen und Monate im Isistempel wurde ich Zeugin einer universellen Wahrheit: Wir sterben alle.langer Schlaf. ich bin am Ende aller Dinge. daß sie sich auf die Reise an einen neuen Ort begaben. ein Leben nach dem Tode bestimmt ist. Manche waren davon überzeugt. die da sind und kommen. das gesehen zu haben. aber ich habe sie nie gesehen. fürchtet euch nicht. sprach ich zu ihnen von der Botschaft des Gerechten. daß nur jenen. Ich hielt Ausschau nach der davonfliegenden Seele. Ich habe den Tod erlitten und das Leben gefunden.« Jene. starben in Frieden. die diese Botschaft annahmen. die Seele verlasse den Körper durch die Nase in Gestalt eines Vogels. »Mein Geist wird dorthin gehen.

zog er den Pfeil mit sich. es gebe eine andere Möglichkeit. die Wahrheit der alten Überlieferungen zu beweisen. in dessen Haus ich lebte. Es ging so schnell. Als ich den Ast losließ. Philos warnte den Verletzten aber vor der Infektionsgefahr. Aber er war mit seiner Alchimie beschäftigt und mit der Suche nach einem Elixier. Er las und führte Experimente durch. denn ihn trieb der Wunsch. niemals alle rechtzeitig mit seiner Botschaft erreichen können. Philos untersuchte ihn und erklärte. Als ich das hörte. An diesem Abend kam Philos in mein Zimmer – denn wir hatten damals getrennte Schlafzimmer – und fragte mich. Ich hörte ihnen zu und lernte etwas über die vielen Vorstellungen vom Leben nach dem Tod. Ich wollte mit Philos darüber sprechen. der Pfeil könne nicht herausgezogen werden. Er wollte den Mann in einen künstlichen Schlaf versetzen und den Pfeil dann mit einem Skalpell herausschneiden. Aber meine Verzweiflung wuchs. So kam es. Er würde sein Bein nicht verlieren. Philos säuberte und verband die Wunde. Ich zog einen starken Zweig nach unten. weil wir. faßte ich mir ein Herz und sagte. sondern ein Fremder. das ewiges Leben schenkt. vor dem Wundbrand und der Möglichkeit. daß er nicht länger mein Mann war. er habe überhaupt nichts gespürt. Eines Abends brachte man einen Verletzten zu uns.hinabzusteigen. die Anhänger des Gerechten. in dessen Bein eine Pfeilspitze steckte. schloß die Tür und arbeitete bis spät in die Nacht. daß der Mann staunend erklärte. und der Mann ging davon. Er zog sich in sein Arbeitszimmer zurück. und er zurückschnellte. Wir brachten den Verletzten auf meine Anweisung in den Garten zu einem Baum. über die andere spotteten. befestigte eine Schnur daran und verknotete das andere Ende am Pfeilschaft. daß er das Bein verlieren werde. 464 .

Und so schifften wir uns nach Britannien ein. Ich hoffte. Ich brachte ihn zum Diakon der Gemeinde. Ich erzählte ihm von Satvinder. an das wir denken müssen. als die Menschen unter den Unsterblichen lebten. 465 . daß Britannien unser Ziel war. liebten wir uns mit unseren Körpern und den Herzen. Können wir Cornelius Severus nicht verlassen und nach Hause reisen?« Doch Philos hatte von riesigen Steinen gehört. bei mir. nach dem Dichter. wie viele andere der Gemeinde. Wir haben jetzt ein Kind. und sie taufte ihn. bekam ich Angst. Als der Morgen graute. Ich sagte zu Philos: »Britannien ist nahe der Rheingrenze. denn wir stünden unter dem Schutz des römischen Adlers. Danach trugen wir ihn in den Tempel des Hermes Logos. Obwohl ich eine Anhängerin des Gerechten war. das Kind unserer Liebe. die wir in Indien gesehen und erlebt hatten. und ich würde endlich meine Heimat wiedersehen. Und er war das schönste Kind. (Perpetua schreibt: »Sabina lacht. glaubte ich.wo ich diese Methode gelernt hätte. Unser Sohn wurde neun Monate später geboren. wo die Priesterinnen unseren Sohn segneten und noch einmal tauften. immer auch noch an die Macht des Hermes und seiner Worte. wir hätten nichts zu befürchten. in Britannien aufgerichtet worden waren. die während des Goldenen Zeitalters.«) Wir nannten ihn Pindar. Wir erzählten uns gegenseitig von den wunderbaren Dingen. Als ich hörte. Ich behielt Pindar. er werde vielleicht zurück nach Antiochia versetzt werden. an dem Cornelius Severus einen neuen Auftrag erhielt. Er sagte. Der Tag kam. Aber es sollte nicht sein. Wir blieben die ganze Nacht wach und redeten zum ersten Mal in unserer Ehe wirklich miteinander. das es jemals unter den Menschen gegeben hat.

wollen wir kurz für alle jene erklären. um die Fernsehnachrichten zu sehen. wäre heute beinahe vom FBI festgenommen worden. bei denen das Computer-Zeitalter noch nicht begonnen hat.« «@CaAlex »Die Schriftrollen sagen den Weltuntergang voraus. Dr. ist eine Wiedergabe des Textes.« Der Kollege der Sprecherin fügte lachend hinzu. nach der die Polizei bisher ergebnislos fahndet. der heute morgen auf den Monitoren der Beamten erschien. Sie sagen auch. Das FBI wurde heute morgen auf eine falsche Fährte gelockt. daß es sich nicht um die flüchtige Archäologin handelte. Die 466 . WERDE ICH DIE SCHRIFTROLLEN VERBRENNEN!»»» Es folgten Aufnahmen eines Hauses am See. Der Sprecher fuhr fort: »Das FBI verfolgte die Spur des Teilnehmers bis zu diesem abgelegenen Haus auf der Bainbridge-Insel. New Mexico »Jahrtausendtollheit und der Wahnsinn im Internet!« Erika unterbrach das Einpacken der Weihnachtsgeschenke. sondern um eine Hausfrau aus Seattle.Santa Fe. als die Behörde erfuhr. das zwischen hohen Bäumen stand. Catherine Alexander. Und wenn die Bullen mich nicht in Ruhe lassen. »Wie das FBI den Aufenthaltsort der Verdächtigen ausfindig gemacht hat. »Die untergetauchte Dr. Was Sie im Augenblick auf Ihrem Bildschirm sehen. Alexander habe sich auf einem Kanal im Internet zu Wort gemeldet. Es stellte sich allerdings heraus. wann Jesus zurückkommen wird. daß eine heitere Meldung folgen würde. die Internet überwachen. Die Sprecherin verriet durch ihr Lächeln.

000 Dollar verkauft worden war. daß sie sich für Miles nicht mit einem beliebigen Titel zufriedengeben konnte. hatte das Recht. ihn zu erwerben.« Die Sprecherin wurde wieder eingeblendet. Aber wie verpackt man den Titel eines Lords? Sie hatte Miles zum letzten Weihnachtsfest des Jahrtausends ein ganz besonderes. 467 . »Die Beamten des FBI fanden das nicht sehr lustig. den sie haben wollte. sich zum Beispiel Lord oder Lady of the Manor zu nennen. Dafür brauchte sie ganz besonderes Papier. sie habe sich nur einen Spaß erlaubt. daß es einmal eine Zeit gegeben hatte. hob sie den Kopf und blickte hinaus auf die schneebedeckten Sangre de Cristo-Berge. Erika hatte sich das gemerkt und auf eine Gelegenheit gehofft. wie unbekümmert sie inzwischen mit Geld umging. wußte Erika. nicht zu vergessen. Wer einen solchen Titel kaufte. Gastwirtin Barbara Young. Als sie jetzt nach dem richtigen Papier für die polierte Schatulle aus Wurzelholz suchte – das wertvolle Dokument war erst an diesem Morgen aus London eingetroffen -. Tatsächlich stand der Titel in diesem Jahr wieder zum Verkauf. hatte sie sich nach Einzelheiten erkundigt. erwähnte er. daß er diesen Titel gern selbst gehabt hätte. in der sie manchmal nicht genug Geld für einen halben Liter Milch besaß. daß der Titel des Lords von Stratford-upon-Avon für die Rekordsumme von 228. Obwohl bereits das sehr reizvoll klang. Als sie las. daß in England ungefähr zwanzigtausend Adelstitel zum Verkauf standen. Es gab nur einen. Als Miles 1990 erfahren hatte. erklärte. Erika dachte daran. Es war schwer.computerbegeisterte Besitzerin. Weitere Nachrichten zum Thema Jahrtausendwende…« Erika stellte den Ton ab und griff nach dem Geschenk für Miles. ein einmaliges Geschenk machen wollen.

als sei ein Schleier von ihren Augen gezogen worden. Während ihr der Satz immer wieder durch den Kopf ging. anderes nicht. daß sie den Keim dieser Erkenntnis 468 . Und wo war ihr Zuhause? Nicht hier. bevor… Bevor? Erika hatte noch eine Offenbarung. und plötzlich erfaßte sie eine überwältigende Sehnsucht nach einem einfacheren Leben. Es würde Miles ähnlich sehen. Erika erkannte. das er ihr zu Weihnachten schenken wollte. Ich suche den Weg nach Hause. blickte sie auf die vielen Geschenke. vermutete jedoch. klang biblisch. Wo dann? Zu Hause ist die Vergangenheit.Ihre Finger strichen über das goldgehämmerte Geschenkpapier in ihren Händen. in all diesem Reichtum. Plötzlich begriff Erika etwas. die so klar und überwältigend war. du. Erika wußte nicht. daß ihr der Atem stockte und das Geschenkpapier ihren Händen entglitt. Damals. was er zitierte. aber wahre Erkenntnis. erstaunt über diese schlichte. daß sie aus einem Werk stammten. Manches. auf diese Weise ihre Neugier zu wecken. wo er sie fand. doch es gefiel ihr alles. flüsterte sie. die sie wie eine Offenbarung empfand. die Zeit vor vielen Jahren. als Miles noch nicht den Durchbruch geschafft hatte… Sie erinnerte sich an die Worte von Miles. der du von Dunkelheit umgeben bist? Suchst du nicht den Weg nach Hause?‹« In letzter Zeit überraschte er sie häufig mit solchen Zitaten. Er hatte heute morgen beim gemeinsamen Frühstück den Satz aus einem Buch zitiert: »›Suchst du nicht ein Licht. Ja. die ein anschaulicher Beweis ihres Reichtums waren. »Ich suche tatsächlich den Weg nach Hause«. Das war die eigentliche Ursache ihrer Unzufriedenheit in letzter Zeit. Vor dem Krieg… Nun war es heraus. ich suche das Licht.

daß dieser Krieg das Leben Tausender zerstört hatte. Miles hatte nach dem Krieg wie ein kleines Kind geschlafen. Es hatte keine Alpträume gegeben. keine Selbsthilfegruppen. Sie hatte es sich nur nie eingestehen wollen. der Tatsache ins Auge zu sehen. nach dreißig Jahren. Miles war mit einem seltsamen neuen Ehrgeiz zurückgekommen. aus denen er schreiend aufwachte. und mit einem eigenartigen Optimismus. war ein anderer Mann als der. daß es in ihrem Fall irgendwie anders war. der sie irgendwie verwirrte. wie andere Ehefrauen es von ihren Männern berichteten. Mann!« Perez. der zurückgekommen war. Er sprach nicht über seine Kriegserlebnisse. Er lächelte nur und sagte. er habe die Kraft des Tigers in sich. Der Mann. Erika wußte. Unteroffizier Manuel Perez. Er brauchte keine psychologische Beratung. er litt nicht unter Depressionen oder an Schuldgefühlen. daß Miles sich in Vietnam auf beunruhigende Weise verändert hatte – er war fröhlich zurückgekommen. Die Erlebnisse in Vietnam hatten Miles anders geschädigt. Zum ersten Mal seit dem Ende des Krieges stellte sie sich wieder die Frage: Was hat ihn so verändert? »In Vietnam gibt es keine Tiger. widersprach seinem 469 . den sie 1968 einen Tag vor seiner Abfahrt nach Vietnam geheiratet hatte. den sie vorher nie an ihm bemerkt hatte. Aber sie hatte geahnt. in denen sie ihre Kinder großgezogen hatte und die Ehefrau des inzwischen beinahe legendären Miles Havers gewesen war. in denen Erika es nicht hatte wahrhaben wollen. Aber nun. Er war ohne einen Kratzer zurückgekommen. zwang sie sich.schon lange in sich getragen hatte – genaugenommen seit drei Jahrzehnten.

Jetzt gab es keine Verpflegung mehr. Vor zwei Tagen hatten sie die letzten Essensrationen aufgebraucht. Doch es gab etwas Schlimmeres als den Hunger. und seine Phantasien kreisten um das Essen.« Daran mußte er seine Männer nicht erinnern. bunt zusammengewürfelten Trupps her zu. aber ein Selbstmörder war er nicht. als sie im Gänsemarsch durch den dampfenden Dschungel marschierten. veränderte die Prioritäten eines Menschen. Perez mochte tollkühn sein. Die Männer der kleinen Kampfeinheit ahnten zwei schreckliche Dinge. wo sie genug zu essen hatten. so erkannte er. Es hatte tagelang nicht aufgehört zu regnen. Gefreiter Miles Havers. hockten die Männer in einem stinkenden Zelt und fragten sich. überließ er sich sexuellen Phantasien. hatte noch nie in seinem ganzen Leben einen solchen Hunger gehabt. völlig ausgehungert. in welche neue Hölle sie diesmal geraten waren. Befanden sie sich überhaupt noch auf südvietnamesischem Gebiet? Zweitens. schlugen das Zelt ab und waren jetzt. Es war Sommer 1968. Im Basislager. Sie mußten weiter. Jungs!« rief er ihnen von der Spitze des desolaten. Der Hunger. Erstens: Sie waren so weit von ihrem Regiment entfernt. ihr Oberst war offensichtlich verrückt geworden. Sie haben es auf uns abgesehen. daß ihre Nerven unter der Anspannung zu 470 . Sie hatten seit langem weder ein Dorf noch ein Reisfeld gesehen. und das machte ihnen noch mehr angst. Sie waren sich der Allgegenwart der Vietkong so sehr bewußt. daß sie sich wahrscheinlich bereits hoffnungslos verirrt hatten. Aber er tat das nicht in Hörweite des Oberst. »die gelben Teufel sind in der Gegend.Vorgesetzten. »Hört mal her. zwanzig Jahre alt. Während die Sintflut das Land in einen Sumpf zu verwandeln schien.

die überall auf den Dschungelpfaden in getarnten Fallgruben steckten. Aber weshalb hatte der Oberst dabei den Hörer in der Hand gehalten? Sag es nicht! Der Oberst hatte den Hörer in der Hand. als sie der sintflutartige Regen überraschte. Der Oberst hatte danebengestanden und eingehend das Blut des Majors an seiner Hose betrachtet. »Der 471 . denn das wäre das Signal gewesen. Alle lauschten auf das metallische Klicken von Patronen. sagte der Oberst und zog einen aufgeweichten Zigarrenstummel aus der Tasche seines Tarnanzugs. Dabei hatte er gelächelt und gesagt: »Ich werde den Tiger finden…« Deshalb konnte Miles nicht aufhören. Der Oberst hatte ihnen gesagt. das stehe irgendwie in einem Zusammenhang mit dem Hubschrauber. weil er das Funkgerät absichtlich zerstört hat. um Himmels willen? Damit er auf seine verrückte Tigerjagd gehen kann. macht dich stärker‹« Der Oberst hatte sich verändert. Miles glaubte. Aber noch schlimmer war die Bedrohung durch PimgiPflöcke – angespitzte grüne Bambusrohre. Jungs«. Selbst das Sonnenlicht auf ihren Gesichtern schien sie wie Sandpapier wundzuscheuern.zerreißen drohten. Der Oberst hackte sich einen Weg durch das dichte Unterholz und rief fröhlich: »Denkt immer daran. der den Major und den Leutnant abgeholt hatte – oder das. »Tiger jagen allein. an das Funkgerät zu denken. Aber wieso. was der große Sün Tse gesagt hat: ›Was dich nicht umbringt. es sei im Schlamm begraben worden. was von ihnen übriggeblieben war. Sie machten das Gehen zu einer ganz neuen Herausforderung. mit einem Kugelhagel von 350 Geschossen in der Minute den Dschungel in einen Fleischwolf zu verwandeln. die in die Kammer einer AK-4 gedrückt wurden.

»Der Tiger. denkt immer daran. ist ein Menschenfresser. um sie anzuspringen.« Er steckte die angerauchte Zigarre in den Mund und sprach zwischen den Zähnen weiter. wenn von dem Opfer nur noch Haut und Knochen übrig sind. sagte der Oberst grinsend. Die Leute in der Gegend 472 . Jungs. verkriecht er sich in das Unterholz und wartet auf den richtigen Augenblick. Ein Tiger greift von der Seite oder von hinten an. den wir suchen. Dann schleppt der Tiger sie ins dichte Unterholz und frißt sie über einen Zeitraum von mehreren Tagen auf. während seine ausgehungerten. nämlich Hirsch und Wildschwein. um ihre Jungen zu schützen.« Der Trupp überquerte unter den üblichen Vorsichtsmaßnahmen einen kleinen Bach. Offenbar fand sie mehr Geschmack an Menschenfleisch als an ihrer üblichen Beute. Inzwischen hat sie dreizehn Menschen getötet und gefressen. erreicht er sie mit wenigen Sätzen. Sobald er die Beute erspäht. Jungs. Beim Reißen der Beute befinden sich seine Hinterbeine fest auf der Erde. Dabei setzt er die Pfoten behutsam auf und verharrt immer wieder regungslos. erschöpften Männer hinter ihm hertrotteten. Wenn er die Beute anfällt. und sie hat einen Dorfbewohner getötet. ein Tiger springt niemals hoch in die Luft oder macht zu große Sätze. Dabei beginnt er immer«.Tiger legt auf der Suche nach Beute bis zu zwölf Meilen zurück und verläßt sich mehr auf seine Augen als auf den Geruchssinn. Jungs. ohne auf ihn zu hören. Und er hört erst auf. Der Oberst fuhr in seinem Vortrag fort: »Die Beute wird am Hals gepackt und umgeworfen. und. Es ist eine Tigerin. »Die eigentliche Jagd ist sehr eindrucksvoll.« Er lachte zufrieden. Der Tiger bewegt sich geduckt und mit erhobenem Kopf sehr langsam und vorsichtig. »hinten.

der Oberst hat nicht mehr alle Tassen im Schrank. Jungs«. Ich meine. Mit den Augen des Oberst stimmte etwas nicht. es ist eine Brigade. Miles mußte immer wieder an die Kompasse denken. hab ich einen Hunger. Es war sonderbar.nennen sie Seelendiebin. sagte er. der ihn gehört hatte. »Ich habe gehört. der immer größer zu werden schien. In der Mitte der Pupillen befand sich ein beängstigender schwarzer Fleck. der einzige Schwarze des Trupps. die bis zu den Zähnen mit sowjetischen Panzern und Artillerie bewaffnet ist. daß er und alle anderen es geschafft hatten. ohne den Männern irgendwelche Erklärungen zu geben. Eine Brigade der nordvietnamesischen Armee. O Gott. und grinste. »In der Gegend ist eine Vietkong-Patrouille gemeldet worden. um die Zigaretten anzuzünden. ihren Kompaß zu verlieren.« »›Patrouille‹.« Miles überprüfte zum hundertsten Mal das Magazin seines automatischen Revolvers und schob ihn wieder in 473 . Perez sagte leise: »Der Oberst hat wirklich eine Macke. und er blickte hin und wieder darauf. was für ein Scheiß«. aber sie waren alle zu nervös. Nur der Oberst besaß noch einen. erwiderte der Oberst. sagte Jackson. überlief es Miles jedesmal eiskalt. was zum Teufel suchen wir hier überhaupt?« »Wir jagen einen Tiger«. Plötzlich war ihm der Oberst unheimlicher als die Vietkong oder die ganze nordvietnamesische Armee. weil sie vierzehn Seelen gestohlen hat.« Perez schloß auf und murmelte Miles zu: »Wenn du mich fragst. Wohin zum Teufel führte er sie? »Sperrt eure Augen und Ohren auf. Wenn er sich umdrehte und seine Männer ansah. Mann.« Goldstein brachte eine Schachtel Camel zum Vorschein und reichte sie herum.

zum ersten Mal in diesem absurden Alptraum von einem Krieg. »Was ist. »Die größte Spezies der Katzenfamilie. tötete man damit sehr schnell und wirkungsvoll. »warum wir diesen Tiger jagen?« Der Oberst blieb wie angewurzelt stehen. Ich habe im Ponderosa davon gehört. »Hier ist ein Tiger. Es ist mit Sicherheit unsere Menschenfresserin. wo es ihm paßt.« »Darf ich fragen. mein Junge. sagte Perez. »He.« Er drehte sich wieder um und marschierte weiter.« Er lachte leise. ein Selbstladegewehr. die inzwischen als Bar diente. im Regenwald und in der Wüste. »Jetzt«. »Den Tigern gehört die Welt. flüsterte der junge Smart.« Das Ponderosa war eine ehemalige französische Villa im Hauptquartier in Saigon. und weil es die Kugeln horizontal streute. Feldwebel«. das liegt auf der Hand. obwohl er ein paar Schritte vor ihnen ging. Sie haben es auf uns abgesehen. »Ein großer Tiger. drehte sich um und warf einen erstaunten Blick auf seine Männer.das Halfter zurück. Es war ein 3er Ithaka.« »Sir. Unteroffizier Perez. Es flößte Miles eine ungeheure Angst ein. glauben Sie nicht…« »Panthera tigris!« rief der Oberst fröhlich. murmelte der junge Smart mit klappernden Zähnen. Vietkong sind in der Gegend. »Man sollte glauben. aber wie ein Zwölfjähriger aussah. Er hatte keine eigene 474 . Man findet ihn im Schnee und im Bambus.« Auch Miles hatte Angst. der achtzehn war. haben sie mir versichert. »jetzt habe ich aber wirklich Angst. Er lebt überall. Seine andere Waffe hing über der linken Schulter und schien mit jedem Schritt schwerer zu werden. Sir«. wenn wir wirklich einen Tiger finden?« Der Oberst hörte die Frage.

sagte der Oberst. Schlemmen? Was?. ob er seinen Einberufungsbescheid verbrennen und nach Kanada flüchten sollte. Sie rollten Splittergranaten in die Zelte von Offizieren. Der Saft ist das Wichtige daran.« Die Augen der Männer in den hageren. Da ihre Mägen knurrten. bevor die Nacht zu Ende ist. sagte Perez. mein Junge. um euch Appetit zu machen«. Er blieb stehen und pflückte dunkelgrüne Blätter von einem großen Strauch. die Männer auf die Suche nach etwas Eßbarem zu schicken?« »Das ist nicht nötig. Als er sich überlegte. flüsterte Smart. »Bleibt cool«. machte er bereits Liegestützen in einer Kaserne. wieder lebend aus dem Gemetzel herauszukommen. verdreckten Gesichtern wurden groß. Er verteilte die Blätter wie Hostien und ermahnte die Männer: »Ihr müßt gut kauen. dessen jungenhaftes Kinn große Pickel zierten. daß die Blätter nicht schlecht schmeckten – ähnlich wie Spinat. Er wollte in die USA und zu Erika zurück. daß sich Mannschaften von ihren Vorgesetzten ›trennten‹. »sollen wir uns vielleicht von jetzt ab wie Pferde von Gras ernähren?« Perez zog nachdenklich die Stirn in Falten und blickte in die ängstlichen Gesichter der anderen. »habe ich die Erlaubnis.« »He. was sie dachten. »Sir«.Meinung über das Töten. Ihr werdet schlemmen. die an Coffein erinnerte. Es kam immer häufiger vor. folgten sie dem Beispiel des Oberst. hätten sie alle am liebsten gefragt. Es stellte sich heraus. »Hier ist eine kleine Vorspeise. der mit ungewöhnlich roten Blüten übersät war. Jetzt richtete sich sein ganzer Ehrgeiz jedoch darauf. die daraufhin in tausend Stücke zerrissen wurden. sagte Perez. kauten herzhaft auf 475 . Er wußte. Unteroffizier«. aber mit einer gewissen Schärfe.

und einmal. Er schloß die Augen und öffnete sie wieder. Von plötzlichem Heißhunger gepackt. »Tiger jagen nachts«. seufzte Jackson. Sie hörten Vogelrufe. daß seine Ohren überempfindlich wurden. wie sich die Blüte einer Orchidee entfaltete. der sich auf der anderen Seite der Welt in die Bucht von San Francisco wälzte. als wanderten sie über die Brüste einer Frau. als sie anhielten. um die Hebelwirkung der mächtigen Kiefer zu verstärken. Der Schädel ist kurz. Überall schienen Smaragde zu hängen.den Blättern herum und schluckten sie hinunter. fuhr der Oberst fort. Er hätte schwören können. Die Pagode verschwand. Die Luft verfestigte sich und wurde zu Seide. schön…«. als die Sonnenstrahlen im Dschungel verblaßten. Die feuchte Erde schien unter ihren Stiefeln sanft zu seufzen. spitze einziehbare Krallen. »Die Vorderbeine und Schultern eines Tigers«. »sind sehr muskulös.« Goldstein begann zu summen. daß er den Nebel hörte. 476 . Ihre geschwungenen Dächer strahlten golden. um noch mehr Blätter zu pflücken. und an den Pfoten hat er lange. er höre. erklärte der Oberst. Unsere Tigerin ist eine starke Mutter. Miles spähte durch die dicken Lianen und Schlingpflanzen und sah in einiger Entfernung eine leuchtend rote Pagode aus dem Dunst aufsteigen. Der junge Smart seufzte: »Waaauuuu…« Perez hielt sich eine Hand vor die Nase und schnupperte am Handgelenk. Er lächelte glücklich. Es war nur ein abgestorbener Baum. Bald leuchtete der Dschungel in neuen Farben. rissen sie immer mehr Blätter von dem Strauch und stopften sie sich gierig in den Mund. schwor Miles. Miles stellte fest. »Wahnsinn. die wie das Lachen kleiner Mädchen klangen.

Die Bestie drehte den Kopf und blickte mit schräg geschnittenen. die zwischen den Farnen stand. »Großer Gott«. Sie war so schön. fuhr er flüsternd fort und teilte Elefantenohr-Blätter. Das Licht des gerade aufgegangenen Mondes trieb seine Spiele mit den Naturgesetzen: Formen veränderten sich. Es war eine schöne schlanke Tigerin mit elegant geformten Hinterbeinen. Ihr Fell wirkte im fahlen Mondlicht wie Schnee. Es war eine altmodische Maschine auf einem Karren mit großen Rädern und einem Aufbau. »Da ist sie!« Wahrhaftig tauchte die Bestie auf der Lichtung auf. Er ist dunkler gefärbt als der indische und heller als der südchinesische Tiger. daß Smart ihn anrempelte. daß es den Männern den Atem verschlug. Sie leckte sich mit einer überraschend 477 . murmelte Goldstein. Auch Miles sah nichts außer einer dunklen Lichtung. auf der das Gras wie Perlmutt schimmerte. Doch die Maschine löste sich auf und wurde wieder zu einem gewöhnlichen Steinhaufen. Im letzten Jahrhundert wurde er nahezu ausgerottet. »ist der indochinesische Tiger. gebutterten Popcorns.Miles blieb stehen und betrachtete eine große glänzende Popcorn-Maschine. durch den in dramatischen schwarzen Streifen die Erde zu sehen war. Wieso wittert sie uns nicht. Jungs«. der wie ein Zirkuszelt aussah. mandelförmigen Augen in die Richtung der Männer. um auf eine Lichtung zu spähen. dachte Miles. »Da ist sie!« sagte der Oberst mit gedämpfter Stimme und blieb so unvermittelt stehen. dehnten sich aus und nahmen die ursprüngliche Größe wieder an. Miles schmatzte in Erwartung der salzigen. Sie hörten es – weiche Pfoten auf dem modrigen Boden. »Was ihr da seht. Ist sie nicht schön?« Die Männer spähten durch das Laub. »Ich sehe keinen Tiger«. hauchte der junge Smart. Aber irgend etwas bewegte sich im Gras.

die Seele der Seelendiebin zu essen und vielleicht sogar die Seelen der Menschen. Der Tiger stieß ein fürchterliches Gebrüll aus. Das warme Blut tropfte. Er hätte schwören können. Sie sank mit einem lauten Gurgeln ins Gras. waren sie bis zu den Ellbogen rot. Die Männer bemalten sich mit roten Streifen und lachten wie Kinder unter dem Rasensprenger an einem heißen Sommertag. der weiße Bauch blitzte auf. sagte er triumphierend und ging daran. Als Miles näher kam. Magen. die sie gefressen hatte. die Innereien herauszuholen – Nieren. Während er auf dem festen Herzmuskel kaute. Er öffnete das Tier mit einem Schnitt von der Kehle bis zu den Lenden. Ihre Augen standen offen. Dann spürte er. schoß und traf die sechshundert Pfund schwere Raubkatze mitten in die Brust. warf er einen Blick auf das Gesicht der Tigerin. die schwarzrote Leber. Därme. »Bries«. griff mit beiden Händen in den offenen Leib und begann. daß das Herz der Tigerin noch schlug. Er hielt etwas Gelbes in den Fäusten. Dann war der Oberst auf den Knien. Miles zog das Hemd aus. als er rief: »Greift zu. wie sein Magen knurrte. als wittere sie Gefahr. Perez tauchte als erster die Arme in den offenen Leib.rosafarbenen Zunge die Lippen. Jungs!« Die ausgehungerten Männer zögerten nicht. als er es in zwei Teile schnitt und Jackson eine Portion zuwarf. Sie stopften sich voll mit dem Tigergeist und prahlten damit. verrieb eine Handvoll klebriges Blut auf seiner weißen Haut. schob er energisch einen Gedanken 478 . und flüchtig wirkten sie beinahe wie die einer Frau. zückte das Messer. und als er sie zurückzog. Der Oberst richtete sich furchtlos auf. es zu verschlingen. Plötzlich erstarrte sie jedoch. Der Oberst rannte auf die Lichtung. und er stürzte sich ebenfalls auf das rohe Fleisch.

wie sie die Lichtung verlassen hatten. Der Gedanke verschwand. Sie haben etwas gegessen. häßlicher Gedanke. sondern Kreaturen. Smart. was haben die Kerle denn gemacht? Es sieht aus. Es war ein unangenehmer. Doch Miles hatte nicht vergessen. sie waren keine denkenden Männer mehr. sie könnten sich nur daran erinnern.« »Ich habe etwas gesehen…« Jahre später hatte Miles aus heiterem Himmel einen Anruf erhalten. Perez. rief mitten in der Nacht an und sagte: »Ich habe nachgeschlagen.« »Aber was? Da war doch nichts. die nur noch die nackte Lust am Überleben kannten. Goldstein und Jackson behaupteten später. Sie hörten den Hubschrauber nicht kommen. als hätten sie in Blut gebadet. der inzwischen als Anwalt in West Virginia lebte. der ihn verfolgte. und er gehört hatte. und dabei sind sie nicht einmal verwundet…« »Sieh dir ihre Gesichter an. Unteroffizier Perez. im Militärkrankenhaus von Saigon aufgewacht zu sein. Miles? Es war doch ein Tiger? Wir haben doch einen Tiger gegessen?« 479 . daß sie an Bord des Rettungshubschraubers gekommen waren. Sie war noch nicht tot. wie jemand sagte: »Mein Gott. als der Oberst sie aufgeschlitzt hat. und später wußte keiner von ihnen.beiseite. In Vietnam gibt es keine Tiger! He.

C. Wann würde sich das ändern? Mrs. an die Hawksbill-Gruppe gewandt hatte. seit sich Catherine mit der Bitte. frischen Blumen und der englischen Seife im Badezimmer gefiel ihr gut. ob jemand etwas entdeckt hatte. Hinter ihr lagen elf fast schlaflose Nächte. Catherines Zimmer mit einem Himmelbett. das sichere Haus zu verlassen. Sie waren gezwungen. 480 . um nach einer möglicherweise existierenden Kopie der Texte oder nach der siebten Schriftrolle zu suchen. frisches Obst und starker Kaffee. O’Toole war sehr entgegenkommend und ließ Catherine die Mahlzeiten auf ihr Zimmer bringen. dem handgenähten Quilt. um an einen Computer heranzukommen. saß ihr die Angst im Nacken. nach Informationen über Tymbos zu suchen. Seit sie den Killern in Las Vegas so knapp entkommen waren. Garibaldi hatte an diesem Morgen mit ihr gefrühstückt: selbstgemachtes Gebäck. Vor elf Tagen hatte Hungerford mit der Sprengung das JesusFragment ans Tageslicht gebracht. Sie wollte herausfinden. weil heute Heiligabend ist. erwiderte Garibaldi.« Catherine warf verstohlen einen Blick über die Schulter zurück. der beinahe ihr ganzes Gesicht bedeckte. »Sind Sie sich der Ironie bewußt?« fragte Garibaldi. während ihnen der kalte Wind ins Gesicht blies. D. »wo alle Bibliotheken ihren Benutzern Zugang zum Internet anbieten. Drei Tage waren vergangen.Washington. Aber die Bibliotheken sind geschlossen. Hier ist der ideale Ort. als sie durch die ruhige Straße gingen. »Welcher Ironie?« Catherines Stimme drang gedämpft durch den dicken Wollschal. »Wir sind hier in einer Stadt«. Omelett mit Käse.

»Die Leute verehren diesen Verbrecher wie einen Helden.Wenn sie nur nicht weiter fliehen müßten und sich hier eine Weile ausruhen könnten… Sie bogen um die Ecke auf die Wisconsin Avenue. und Garibaldi rief: »Da!« »Wie bitte?« Sie blickte über die Straße und wußte sofort. betraten das Geschäft. und Catherine bekam einen Riesenschreck. Er ist für sie eine Mischung aus Superman und Weihnachtsmann. Niemand wollte zurückbleiben. Vor ihnen stand Miles Havers! Dann sah sie zu ihrer Beruhigung.« Über dem Aufgang zur Dianuba-Software-Abteilung hing ein Transparent. was er meinte. murmelte Garibaldi. denn jeder kaufte sich mit seinen Produkten die Fahrkarte in das neue Jahrtausend. und im Schaufenster hing ein Plakat. Dort stand. Drinnen drängten sich die Käufer. Ein weihnachtlich dekorierter Computerladen. Er war zweifellos ein Idol und verkörperte die Zukunft. daß beim Kauf jedes 481 . auf dem stand: TESTEN SIE UNSERE NEUESTE SOFTWARE FÜR INTERNET KOSTENLOS Sie liefen über die Straße. daß es sich nur um einen lebensgroßen Aufsteller aus Pappe handelte. »Ich verstehe das nicht«. daß die Leute in langen Schlangen geduldig vor den Kassen standen. Die Frauen kauften ›Butterfly 33‹. während sie sich einen Weg durch die Menge bahnten. Auf der Suche nach den Vorführ-Computern stießen sie überall auf den Pappmann ›Havers‹. die neueste interaktive Romanze auf CD-ROM. Computerspiele und Software-Pakete von Dianuba Technologies waren die großen Hits. Kein Wunder also. Sein Konzern beherrschte den Markt.

Garibaldi hielt Wache. in Ihrem Fall werden die komprimierten Daten nach dem File Transfer eingelesen und für Sie auf den Bildschirm gebracht…« Die junge Frau nickte unsicher. dann sind Sie im Ver. eroberte sich Catherine geistesgegenwärtig die Tastatur.und Entpackungsprogramm. klickten sich durch die Angebote im Web. aus Anchorage. Erleichtert sah sie den Eintrag: #hawksbill. Garibaldi warf einen Blick auf den ›Superpreis‹: dreihundert Dollar! Als endlich ein Computer frei wurde. und der Verkäufer legte ihr strahlend das ›Komplettpaket für die Verbindung zum Daten-Highway‹ in den Einkaufswagen.beliebigen Artikels ein bestimmter Anteil des Preises der privaten. Sie suchten in den Foren nach Angeboten auf den ›Schwarzen Brettern‹ und brachten die Drähte zu den Nachrichten der Welt zum Glühen. Auf dem Computer war die sehr schnelle Scimitar Software installiert. 482 . während sie arbeitete. sagen wir. Das bedeutete. »So werden Massen manipuliert!« stieß Catherine wütend hervor. die Gruppe war Online. an Live-Diskussionen teilzunehmen. daß sie absolut nichts von all dem verstand. »Dieses Feature ist kostenlos in das Dianuba-Sicherungsprogramm KeepOut installiert. Ein Verkäufer redete auf eine Frau ein. Vor allem Jugendliche standen an den Tastaturen. das heißt. gemeinnützigen Regenwald-Stiftung von Miles Havers zugute komme. Und das Besondere: Brauchen Sie eine große Datei. Alaska? Kein Problem. was ihr angeboten wurde. Mit einem Mausklick war sie im IRC. kämpften in virtuellen Welten und entdeckten den Spaß. Auf dieses Symbol klicken. Die Vorführ-Computer waren von Neugierigen umlagert. der man ansah.

Sie war versucht. »Scheint nicht viel loszusein«. drückte die Eingabetaste. »Nun beeilt euch schon«. Wenn Havers die Sache mit ›Hawksbill‹ herausgefunden hatte. Sie seufzte und blickte auf den Bildschirm. Aber ein anderer des gut trainierten Verkäuferteams wurde auf sie aufmerksam. Aber der Verkäufer würde sie nicht mehr lange in Ruhe lassen. Der junge Mann wich zurück und verschwand in der Menge. Deshalb tippte sie: /join #janet. Janet. »Seht ihr mich denn nicht? Ich bin es. der mit seinen Fragen einen Verkäufer ablenkte. Der Verkäufer hatte sie erreicht. Catherine blickte in ein lächelndes Gesicht. sich einzuwählen.Natürlich würden sie staunen. Aber dann hätte sie keiner aus der Hawksbill-Gruppe gefunden. »Was kann ich Ihnen über die neue Scimitar 483 . daß sich Catherine über IRC meldete. Ich zeige Ihnen. »Guten Tag«. begrüßte er sie höflich. wagte es aber nicht. Sie sah zu Garibaldi hinüber. Sie können mir ja dabei zusehen. einen unsichtbaren Kanal zu schaffen.« »Verzeihung«. das Sicherste wäre gewesen. Sie starrte auf den leeren Bildschirm mit ihrem Namen – @janet – und hoffte. und auf der rechten Bildschirmhälfte erschien: #janet i. Jetzt mußte sie warten. Catherine wußte. flüsterte sie. daß einer der Hawksbill-Leute ihn entdeckte und Kontakt aufnahm. war es möglich. würde ich gerne die Software ausprobieren. wie…« Catherine bekam einen eindrucksvollen Hustenanfall. hörte sie eine Stimme hinter sich. »Wacht endlich auf!« sagte sie etwas lauter. daß er sich einen Namen aus dem Roman zugelegt hatte und nur auf ihr Auftauchen wartete. sagte der junge Mann und deutete auf den Bildschirm »Wenn Sie nichts dagegen haben.

könnten Sie mir etwas über die nahtlose Integration von FTP in die WorkPlace-Shell von OS/2 sagen?« Catherine senkte den Kopf und hustete in ihren Schal. Der leere Bildschirm mußte sie irgendwann ungeduldig oder argwöhnisch machen. «SERVER»Sugar!~kharvey@scgrad. ihr Gesicht zu zeigen. »Ja natürlich«. »Was soll ich Ihnen zeigen? Haben Sie vielleicht Probleme mit UNIX? Ich werde Ihnen zeigen. »Außerdem sind viele dieser Kanäle in Europa. hallo. hätte Catherine am liebsten Mütze und Schal beiseite gelegt. hallo. wie es geht.edu. Er drängte sich durch die Umstehenden. auf IRC wird im Augenblick nicht viel los sein. Aber sie durfte nicht riskieren. Mit diesem verblüffenden neuen…« Catherine bekam wieder einen Hustenanfall. «SERVER»Jean-Luc! fmason@ouray. wo nur ihr Name stand und darauf wartete. daß hinter ihr andere Leute unruhig auf eine Freifahrt durch das Internet warteten. die Weihnachtsgeschenke auszupacken. Sie blickte auf die Uhr. »Ach. 484 . »Selbstverständlich. Und so konzentrierte sie sich auf den Bildschirm. Wie lange stand sie schon hier? Sie spürte.cudenver.demon. Er war lauter als der erste.co. wissen Sie.« Er griff nach der Tastatur und wollte etwas eingeben. Bitte kommen Sie mit. sagte der Verkäufer und war froh. Dort ist es bereits Abend und Zeit. die erkältete Kundin verlassen zu können.uk. Die Leute machen alle Weihnachtseinkäufe!« fügte er eine Spur herablassend hinzu.Software erzählen? Eine Frage: Sind Sie bereits mit Internet vertraut?« Er blickte auf den Monitor. und Garibaldi hörte sie. faßte den Verkäufer am Arm und sagte: »Entschuldigung.« Nachdem sie weg waren. daß sich jemand meldete.

hallo. wir haben dein Bild in den Zeitungen gesehen. Man hatte sie entdeckt! «Janet »Hi.Polaris.brad. Du bist sehr hübsch. ob jemand Tymbos gefunden habe. wir haben auf dich gewartet. [Jean-Luc] Janet.Telnet. [BENHUR] Noch nicht. [SpaCeman] Aber nicht uns.ac. [sugar] Janet: hast du das mit der Frau aus Seattle gehört. [Sugar] Hi!:))) «Janet »Großartig.ix. [Jean-Luc] Janet.DialUp. «SERVER» Benhur! ~George@Sebakal. Catherine wollte sich gerade erkundigen. Hoffentlich schnappen sie dich nicht. die behauptet hat.com.Catherine hätte vor Erleichterung beinahe laut gejubelt. [BENHUR] Janet: Fröhliche Weihnachten [sugar] Was sagen die Schriftrollen??? Geht die Welt an Sylvester unter? Soll ich mich mit Prankie verabreden oder einfach zu Hause bleiben und sterben? Hahahaha «SERVER»Trilogy! Atomba@ix-orl-22. «SERVER»Carlos!mongo@dianuba. als wieder ein Kunde kam und sich hinter sie stellte. Leute!!! «SERVER»Maynard! ~rismith@ alice. nicht Hawksbill. sie wäre du? 485 .vetcom. [Jean-Luc] Janet. hallo. [Carlos] Wir glauben dir. du kannst nicht mehr hierher kommen. [DOGbert] Ich will nicht sterben. daß ihr mich entdeckt habt. Das FBI überwacht die IRC Kanäle. Der nächste Hustenanfall vertrieb jedoch auch ihn. hallo.us. hallo.

Wir schaffen andere Kanäle. [TrilogY] leider nein!!!! [sugar] Wir haben es versucht. [Jean-Luc] Wirst du jemals zu uns zurückkommen? Catherine blickte auf den Monitor und las die Worte und Gesten von Menschen. Catherine blickte enttäuscht auf den Bildschirm. damit sie nicht so schnell agieren. Sie wußte nicht.[SpaCeman] Und das FBI hat sie aufgespürt:))) «Janet »Ja. ob 486 . Dann tippte sie: «Janet »An alle: Es ist besser. Sie werden es wieder für einen Witz halten. TrilogY auch ich… auch ich wünsche dir Glück. [sugar] paß auf dich auf :-) sugar küßt Janet (((umarmt sie))) «SERVER»sugar hat abgeschaltet. «SERVER»TrilogY hat sich verabschiedet. falls Dr. ihr geht. Alexander wirklich selbst einen Kanal einrichtet. [DOGbert] viel Glück! * DOGbert umarmt Janet.:( [BENHUR] Überall…. -) Nach einem schnellen Blick über die Schulter tippte Catherine: »Habt ihr Tymbos gefunden?« [Jean-Luc] Kein Tymbos. das würde die Polizei und alle von deiner Spur abbringen ):-p [Jean-Luc] Wir geben falschen Alarm. «SERVER»Dogbert hat sich verabschiedet. Es ist hier nicht sicher. Seid ihr das gewesen? [TrilogY] Wir dachten. die sie nie getroffen hatte und vermutlich auch nie treffen würde.

«SERVER»Maynard hat sich verabschiedet.›sugar‹ eine Frau war oder ›spaCeman‹ ein Mann. * Janet umarmt euch alle. «SERVER»Carlos hat sich verabschiedet. Waren sie zwanzig oder siebzig? Lebten sie in den Vereinigten Staaten? «Janet »Jean-Luc: wahrscheinlich nicht. [Jean-Luc] Janet… «Janet»Ja? Es dauerte eine Weile. bevor eine Antwort kam: [Jean-Luc] Vielleicht treffen wir uns im neuen Jahrtausend… /leave DISCONNECT SERVER NO CARRIER 487 . «SERVER»Benhur hat sich verabschiedet. Danke für eure Hilfe. «SERVER»Spaceman hat sich verabschiedet. Auf dem Bildschirm standen nur noch zwei Namen:«@Janet und Jean-Luc.

Rom Kardinal Lefevre sah die Schlagzeile: »FRAU BERÜHRT PHOTO EINER ALTEN SCHRIFTROLLE UND IST VOM KREBS GEHEILT!« Die Tatsache. nahm ihr in den Augen des Kardinals nichts von der Wirkung. die Kirche gehe nicht mit der Zeit? Der Vatikan hatte in den neunziger Jahren sehr umsichtig den Schritt in das Computer-Zeitalter gemacht und würde auch im nächsten Jahrtausend auf 488 . wie weit der Wahn der Verblendung um sich gegriffen hatte. es hatte auch hier Veränderungen gegeben: Nun standen Computer im Archiv.Der Vatikan. Auf dem Weg zu der Tür. der hinter einem Schreibtisch an einem Computer saß. als zwanzigtausend Seiten Handschriften plötzlich in den Cyberspace entlassen wurden und auf diese Weise Menschen auf der ganzen Welt mit einem Klicken der Maus Bilder aus mittelalterlichen Miniaturen und illuminierten Handschriften auf ihren Bildschirm rufen konnten. Der Vatikan war 1995 an das Internet gegangen. nickte er dem diensthabenden Priester zu. O ja. in denen die Heilkräfte des sogenannten Jesus-Fragments bestätigt wurden. Kardinal Lefevre erinnerte sich an den denkwürdigen Augenblick vor vier Jahren. deren geprägte Bronzeplakette die Aufschrift Archivio Secreto Vaticano trug. Diese Schlagzeile machte nur deutlich. Die Telefone im Vatikan standen keinen Augenblick mehr still. daß es nicht der Aufmacher der New York Times oder der italienischen Oggi war. sondern nur die Schlagzeile eines amerikanischen Sensationsblattes. Wer wollte da behaupten. und es ging eine Flut von Telegrammen aus aller Welt ein.

nicht nur zu hohen Beamten. das nicht ignoriert werden durfte – nicht von Kardinal Lefevre. Dezember 1999. Natürlich waren es nicht alle Photos. 99 -. Daneben gab es Anmerkungen in Tinte: das Datum des 17. sondern bis hinunter zu Angehörigen der Polizeibehörde von Santa Barbara. in dem ein kleiner Teil der fünfundvierzig laufenden Regalkilometer Archivmaterial aufbewahrt wurde. eine Aktennummer und die Initialen eines Polizeibeamten. Theologen im Fachbereich Archäologie waren davon nicht 489 . das sich in aller Klarheit mit den Aufgaben und Pflichten von Theologen beschäftigte. A. um Seine Eminenz davon zu überzeugen. – Catherine Alexander‹ versehen. Sie waren auf der Rückseite mit Bleistift datiert – 15. Doch sie genügten. Eigentum der Kirche. einem Mann. An diesem kalten Nachmittag des vierundzwanzigsten Dezember verließ Kardinal Lefevre jedoch den öffentlichen Teil der Bibliothek und verschwand im hinteren Bereich. Der Kardinal betrat einen der großen Räume. Lefevre wußte. daß die Menschen den Namen der Bibliothek falsch deuteten. die Verbindung herzustellen. ›Geheim‹ bedeutete in diesem Fall nicht versteckt und ganz sicher nicht verboten. numeriert und mit den Initialen ›C. die inoffiziell aktiv geworden waren. sondern schlicht ›privat‹. auf den der Entwurf eines Dokuments zurückging. Man hatte auf diesem Weg nur ein paar besorgen können. daß Catherine Alexander auf dem Sinai etwas gefunden hatte. Kurz zuvor hatte ihm ein Kurier einen Umschlag mit Photos überbracht. Dort lagerten in Gewölben mit dicken Mauern Tausende nicht erfaßter und katalogisierter Schriften.seine Weise die Massen in aller Welt beeinflussen. auf deren Loyalität die Kirche zählen konnte. der tatsächlich geheim war.12. Es hatte Tage gedauert. Das Geheimarchiv war natürlich Wissenschaftlern und Studenten zugänglich.

Das Büro des Kardinals in der Kongregation führte einen täglichen Kampf darum. Der Kardinal hatte im Namen der Inquisition oder der Kongregation für Glaubensdoktrin. in diesem Dokument unmißverständlich klargestellt. während er mit einem Spezialschlüssel die Tür des nächsten Gewölbes aufschloß.« In diesen Bereich gehörten auch Dokumente aus dem Altertum. dachte er mit gerunzelter Stirn. Alexander hatte in einem Brief heftig gegen die Gleichsetzung von Dissens mit Sünde protestiert. überarbeiteten Version des Katechismus. um sie zu übersetzen. Das stand völlig im Einklang mit der 1990 erschienenen. Man mußte Grenzen ziehen. daß die Fundamente der katholischen Kirche nicht von dissidierenden Theologen unterhöhlt wurden. bei denen es sich möglicherweise um christliche Texte handelte.ausgenommen. hätte das ein allgemeines Chaos und den Zerfall der kirchlichen Macht bedeutet. Der Aufschrei von Bibelwissenschaftlern und Historikern beim Erscheinen des neuen Katechismus war zu erwarten gewesen. wie diese Institution jetzt so schön hieß. Vor allem nicht. fragte Kardinal Lefevre in ein stummes Selbstgespräch vertieft. von zornigen jungen Frauen. die von der offiziellen Kirchenlehre abwichen. das Wort Gottes nach eigenem Gutdünken auszulegen. daß Theologen. und sie aus ihrer 490 . Aber was stellen diese Leute sich eigentlich vor. Leitlinien festlegen und Strukturen vorgeben. der feststellt: »Die Aufgabe. wurde allein dem Lehramt der Kirche übertragen. Wenn es jedermann erlaubt gewesen wäre. Auch Dr. die widerrechtlich wertvolles Kircheneigentum an sich nehmen – falls es sich bei den Schriftrollen tatsächlich um christliche Dokumente handelt. eine Sünde begingen. eine authentische Interpretation des Wortes Gottes zu geben.

Es handelte sich offenbar um einen Brief. das man 1932 bei Ausgrabungen in Nordafrika in einer Ruine entdeckt. der vor siebenundzwanzig Jahren Dr. dem die Diakonin die Schriftrollen übergeben sollte. und ein Schauer lief ihm über den Rücken. Wie die Mutter so die Tochter. und es deshalb in seine Archive aufgenommen. Nina Alexander untersagt hatte. dachte er und griff nach einer Stahlkassette. und das der Sand Algeriens beinahe zweitausend Jahre unzerstört bewahrt hatte. bei dem Dokument handle es sich möglicherweise um das Fragment eines verlorengegangenen Evangeliums. war von Kardinal Lefevre nach Kalifornien geschickt worden. hatte der Vatikan vermutet. Ein Wort auf dem ersten Photo hatte seine Aufmerksamkeit erregt und ihn schließlich hinunter in dieses Gewölbe. in die tiefsten Regionen des Geheimarchivs geführt: Tymbos. Er nahm ein Papyrusfragment aus der Kassette. kann Dein Herz Frieden finden. wie der Gerechte prophezeit hat. Da ›der Gerechte‹ in der Bibel ein Titel des Messias war. Es war der Name des Königs. da Dir die genaue Stunde der Wiederkehr des Gerechten und der Tag des Endes aller Dinge gesagt worden ist.« Paläographie und die Radiokarbon-Untersuchung führten zu einer Datierung des Fragments zwischen 100 und 150 nach Christus. Der Beauftragte des Vatikans. Hatte der Verfasser des Briefs Sabinas Text gelesen und eine Kopie angefertigt? 491 .voreingenommenen Sicht für alle Welt zu interpretieren! Seine Eminenz kannte Catherine Alexander. fragte sich der Kardinal. ihre Irrlehren weiter zu verbreiten. der im Griechisch des römischen Reiches geschrieben war. Wir werden niemals sterben. »Nun. falls man sie verfolgen würde. Gehört das Fragment zu den Schriftrollen der Sabina. Denn das Geschenk des ewigen Lebens ist Dein.

War die siebte Schriftrolle in Timgad versteckt worden? Lag sie vielleicht immer noch dort und wartete im Sand Nordafrikas darauf.Oder stammte er von der Hand der Diakonin Amelia. Alexander sei nicht im Besitz aller Schriftrollen der Sabina. entdeckt zu werden? 492 . ›Timgad‹ – ›Tymbos‹. sie sei auf der Suche nach einer siebten. Ließ die Ähnlichkeit der Namen auf einen Zusammenhang schließen? Im Internet kursierten Gerüchte. Man sagte. Dr. überlegte der Kardinal. vielleicht sogar der Perpetua? Das Fragment war in der Nähe der alten Stadt Timgad gefunden worden.

erwiderte Zeke und ließ den Wagen an.« Raphael schloß die blauen Augen. Wir haben jeden Fahrer zweimal gefragt. wohin würdest du an Heiligabend gehen?« »Ich werde nicht lange wegbleiben«. D. Ja. ihm war das im Augenblick gleichgültig. »die Kirche ist nur drei Straßen weiter. 493 . Kälte. die letzte Nacht gearbeitet haben. Hier können wir weg«.« »Er hat uns in Las Vegas genau gesehen.« Er wartete auf Catherines Antwort. was Mr. sagte er. Sie saß mit neuen Gummihandschuhen über eine Schriftrolle gebeugt und entfaltete sehr behutsam das erste Blatt der fünften Schriftrolle.C. Havers dieser Auftrag kosten würde. als er in den Mietwagen stieg. »Das bringt nichts. was jetzt? »Raphael«. hielt ihn warm. sind heute wieder da. er wolle hellwach bleiben und einen klaren Kopf behalten. »wenn du Priester wärst. Raphael hatte nichts dagegen. schüttelte den Lockenkopf und murmelte: »… und was jetzt?« Zeke trommelte mit den behandschuhten Fingern auf das Steuerrad. Vielleicht kannte er uns schon vom Sinai. Er sagte. Der Gedanke daran.« »Das heißt«. »Kein Glück?« fragte Zeke. und sein Blick fiel auf die Reihe wartender Taxis vor der Ankunftshalle für Inlandflüge. sagte Garibaldi. sagte Raphael. »ihr Begleiter reist neuerdings in Zivil. Und alle. Hitze. »Keiner hat einen Priester gesehen.Washington. Zeke hatte die Heizung nicht eingeschaltet. obwohl die Temperatur um den Gefrierpunkt lag.

»heißt das. »Mr. wissen wir so wenig wie am Anfang. In einer anderen Nachrichtendung hieß es: »Der Milliardär Miles Havers. das kann ich. fragte der Reporter.« »Was soll das nun wieder?« sagte Garibaldi kopfschüttelnd. Sie gehören der ganzen Menschheit und nicht einer Person.« Er runzelte die Stirn und zog die Lederhandschuhe an. »Ich wollte. Alexander und ich in Verhandlungen über den Erwerb der Schriftrollen stehen«. Havers stellte sich vor seinem Haus in Santa Fe der Presse. »Aber ich kann Ihnen versichern. Ich dachte. sie könnte die Schriftrollen vernichten. Catherine wechselte den Sender. »Was ist los?« »Ist das nicht Miles Havers?« fragte er und deutete auf den Fernsehapparat. daß ich mit Ihnen gehe. sie von Dr. ich könnte Sie überzeugen…« Er sprach den Satz nicht zu Ende. »Ja. Catherine ließ ihn mit abgeschaltetem Ton laufen. Havers«. das ist er!« sagte sie und schaltete schnell den Ton ein. O’Toole heraufgebracht hatte. es lag nicht in meiner Absicht. Alexander zu kaufen. etwas davon nach außen dringen zu lassen. sagte er in seiner gewohnt liebenswürdigen Art und lächelte gewinnend. die Schriftrollen mit der Welt zu teilen. Alexander hat mein Angebot bisher abgelehnt. daß Dr. es gibt diese Schriftrollen tatsächlich? Können Sie das bestätigen?« »Ja. Aber Dr. »Wie wir die siebte Rolle finden sollen. 494 . »Ich weiß.« Catherine richtete sich auf und sah ihn an. fünfzig Millionen Dollar würden sie dazu bringen.»Es bleiben noch zwei«. weil ihr Vater Garibaldis Schwester leid tat. den Mrs. Aber das kann ich nicht. Sie möchten. wie bekannt geworden ist. »Ich weiß nicht. sagte sie.« »Das glaube ich einfach nicht!« sagte Garibaldi. entspringt meiner Sorge. Der Versuch.

« Die Nachrichtensendung wurde durch Werbung unterbrochen. sie seien zweifelsfrei christlichen Ursprungs und illegal in die Vereinigten Staaten gelangt. Die Person. mit mir zu gehen?« 495 . nämlich die flüchtige Dr. Ich bleibe unauffindbar und schweige. um die Jesus-Schriftrollen für die Summe von fünfzig Millionen Dollar zu erwerben…« »Das ist einfach verrückt«.« »Den Tip muß Havers selbst inszeniert haben«.« »Aber warum?« »Er glaubt vielleicht.Besitzer von Dianuba Technologies.« Sie sah Garibaldi an. In einer Stunde fängt die Mitternachtsmesse an. gab heute bekannt. sei identisch mit der. die sie entdeckt habe. und Catherine schaltete den Fernseher aus. und ich werde weiter an der Übersetzung der Schriftrollen arbeiten. würde Havers alles leugnen. »… erst bestätigt nach einem anonymen Hinweis an die New York Times. murmelte Garibaldi. Also hat er sich die ganze Sache ausgedacht. sagte Garibaldi. die Schriftrollen stammen von der Sinai-Halbinsel. daß er zur Zeit in privaten Verhandlungen mit Dr. »Da täuscht er sich.« »Kann ich Sie wirklich nicht überreden. daß Sie seiner Darstellung öffentlich widersprechen. Er möchte vermutlich. Catherine Alexander. »Sie gehen jetzt besser. die diese Schriftrollen verkaufe. »Warum macht er das? Was hat er davon?« Catherine schüttelte verwirrt den Kopf und schaltete mit der Fernbedienung auf einen Sender in Baltimore. »Wenn der Informant nicht in seinem Auftrag an die Öffentlichkeit gegangen wäre. Catherine Alexander steht. Er hat erklärt. er könnte Sie zwingen. der angeblich aus der unmittelbaren Umgebung von Miles Havers kam. etwas zu unternehmen.

sternenlosen Himmel stützten. In der Kirche spielte die Orgel ›Stille Nacht. Kinder drängten sich um die hell erleuchtete Krippe. erwiderte sie. »Es gibt immer einen Weg zurück. Als sie und Garibaldi sich der Kirche näherten.« Sie blickte auf seine ausgestreckte Hand. andere winkten fröhlich Freunden oder Bekannten zu. ich kann wirklich nicht mitkommen. Als sie seinen Blick auf sich gerichtet spürte. alte Männer und Frauen gingen langsam an ihren Stöcken. Es war eine bitterkalte Nacht.« Sie schüttelte den Kopf. und das Licht schien wie flüssiges Gold hinter den offenen Türen zu schimmern. Trotz der Kälte begann sie zu schwitzen und hatte plötzlich das Bedürfnis. »Ich muß mit der Arbeit daran anfangen.« »Weshalb nicht?« »In der Nacht. habe ich die Kirche und Gott verflucht.« »Natürlich können Sie das«. »Ich sehe keinen. die den dunklen. erwiderte er ruhig.»Der fünfte Papyrus ist in einem schlechteren Zustand als die anderen«.« »Lassen Sie ihn sich von mir zeigen. und es wehte ein schneidender Wind. Manche wirkten ernst und feierlich. als meine Mutter starb. heilige Nacht‹. dachte Catherine und blickte auf die gotischen Kirchtürme. die 496 . die in den Lichtschein traten. Ich kann nicht einfach zurück. Trotzdem strömte eine große Menschenmenge durch das offene Kirchenportal. Noch immer fuhren Wagen vor und verstopften die enge Straße. bekam Catherine Herzklopfen. So viele gläubige Menschen.« Doch Garibaldi blieb. sagte sie: »Vater Garibaldi. Catherine beobachtete die Menschen.

Wenn Sie das tun. flüsterte sie. ich würde beschließen.« »Vater Garibaldi.« »Ich habe mich erinnert«. werden Sie in Zukunft nur noch mehr Schuldgefühle wegen der Sache haben. »Worüber?« »Daß Sie den Priesterrock ausziehen werden.« Er sah. sagte sie leise.« »Sie haben also geglaubt. sagte er: »Sie haben es für mich getan. Am Fuß der Treppe blieb sie leichenblaß stehen. »Ich kann nicht. erwiderte sie. hob das Gesicht in den kalten Wind und schloß die Augen. wenn ich ein verirrtes Schaf zur Herde zurückführen könnte? Catherine.« »Es gibt nichts. »Wenn ich nervös war 497 . und ging mit ihr in den kleinen Park an der Seite der Kirche. Das müssen Sie Ihretwegen tun. Sie können nicht meinetwegen zur Kirche gehen. Da sie keine Antwort gab.Daunenjacke auszuziehen. wovor Sie sich fürchten müßten. »Warum sind Sie mitgekommen?« fragte Garibaldi und sah sie prüfend an. Catherine setzte sich völlig erschöpft dorthin.« »Warum machen Sie sich deshalb Sorgen?« »Weil das keine Lösung ist. Zwischen den von Rauhreif bedeckten Sträuchern stand eine Bank. nicht wahr?« »Ich mache mir Sorgen«. ich kann nicht. wie blaß sie war. Priester zu bleiben. Garibaldi sah sie fragend an. nahm den Schal ab. »Als kleines Mädchen habe ich gestottert«. die Sie jetzt schon belastet. Vater Garibaldi. »Erinnert? Woran?« Catherine zog die Handschuhe aus und überließ ihre feuchten Hände der kalten Luft.« Nach einer kurzen Pause sagte er: »Was ist an der Treppe geschehen? Sie sind plötzlich leichenblaß geworden.

»Im Unterricht wurden die großen Entdecker behandelt. konnte ich nicht mehr richtig sprechen. Sie erklärte.« Catherine schlug die Hände vor das Gesicht. es zu halten. Natürlich geschah das Unglück gleich am ersten Tag. Meine Mutter hatte die Schulleitung davon in Kenntnis gesetzt. und ich hatte entsetzliche Angst. aber sie brachte den Namen kaum über die Lippen. »Natürlich tat sie es. ›VV-Vasco dd-da GG-Gama‹. Die Kinder kicherten und flüsterten miteinander. Dann merkte ich. mir an den Beinen hinunterzulaufen. Das hat sich gegeben. man hat vergessen. Ihre Worte klangen schmerzlich. Sie hängte mir ein Schild um den Hals. ich müsse dort stehenbleiben. daß ich zur Toilette mußte. bis ich etwas Respekt gelernt hätte. auf dem ›Sünderin‹ stand. Die anderen Kinder hörten nicht mehr auf zu lachen.‹ Die Klasse brüllte vor Lachen. Nach einer Weile konnte ich nicht mehr. aber als Zehnjährige in der katholischen Schule hatte ich das Problem noch. und es fing an. ich würde mich über sie lustig machen.« Sie schüttelte bei der Erinnerung den Kopf. weißblonden Haare. schimpfte mich aus und schleppte mich in das Zimmer der Oberin. Zur Strafe mußte ich mich vor der Klasse auf einen Hocker stellen. Ich versuchte zu antworten und erwiderte: ›VV-Vasco dd-da GG-Gama. etwas zu sagen. Es 498 . Schwester Immaculata glaubte. stotterte sie. Ich nehme an. aber ich hatte schreckliche Angst. Ich fing an zu weinen. Sie wollte von mir etwas über Vasco da Gama wissen. Sie zerrte mich vom Hocker. Das machte die Sache für mich noch schlimmer. Also versuchte ich. die Schwester könnte mich aufrufen. und der Unterricht ging weiter. es Schwester Immaculata zu sagen. die leider ebenfalls stotterte. Schwester Immaculata warf mir vor.« Catherine fuhr sich mit den Fingern durch die kurzen.oder mich fürchtete. Plötzlich aber wurden sie still. das alles absichtlich getan zu haben.

Vater Garibaldi. Ihre Stimme war kaum noch zu hören. Er hätte nie ein Kind haben sollen. Nachmittags riefen sie meinen Vater noch einmal an und hinterließen eine Nachricht. Die Schulschwester fuhr mich schließlich nach Hause. Er war nicht zum Vater geschaffen. die Schwestern verließen die Klassenräume.« Catherine stand auf und betrachtete die dünne Eisschicht im Vogelbad. und er kam nicht. Catherine drehte sich herum. Also saß ich mit dem ausgewaschenen Unterhöschen in einer Plastiktüte im Zimmer der Oberin und wartete auf meinen Vater. Er wollte nicht einmal wissen. Er sagte. der hinter ihr stand. Die Kinder gingen nach Hause. mich um die Mittagszeit abzuholen. und die Frau des Hausmeisters fing an. den Fußboden zu putzen. und damit war die Sache für ihn erledigt. Dann war die Schule aus. Mein Vater war da. »Die Kirche bedeutete meinem Vater alles«.dauerte eine Weile. ich habe Gott nicht wegen Vater McKinney verflucht oder deshalb. Die Zeit verging. Er versprach. Ich habe Gott verflucht. sagte sie. »Gott bedeutete ihm mehr als ich. Er verschwand sofort wieder in seinem Arbeitszimmer. »Die Schulschwester kümmerte sich um mich. Meine Mutter war auf einer Tagung. Sind Sie deshalb böse auf ihn?« fragte Garibaldi.« »Die Kirche bedeutete Ihrem Vater mehr als Sie. In der Kirche begann die Messe. während die Oberin bei mir zu Hause anrief. weil meine Mutter ohne den Beistand eines Priesters sterben mußte. das heißt. wo er unterrichtete. »Er war eine Art Mönch. weil mein Vater Gott mehr liebte 499 . in dem College. »Es wurde Mittag. aber mein Vater war zu Hause. bis sie weitersprechen konnte.« Catherine starrte blicklos vor sich hin. was geschehen war. er habe den Anruf vergessen.

Er hat es hingenommen. Sie können sich vorstellen. »Sie glauben. Ich wollte unbedingt wissen. daß ich älter und reifer sein würde. und Catherine sprach etwas ruhiger weiter. weil sie trotz des Verbots Bücher schrieb. Als man mir am Flughafen seine Leiche übergab. ob er nicht gekommen 500 . Garibaldi schwieg. Aber dann kam er ums Leben. Ich wartete immer darauf. um meinen Vater auf eine hinterlistige Art zu bestrafen?« »Auf ihn sind Sie doch böse. »Die Kinder in der Schule waren danach schrecklich zu mir. daß er mich an jenem Tag nicht abgeholt hatte. und daran war meine Mutter schuld. die Ihren Vater aus dem Haus und schließlich in den Tod getrieben hat?« Catherine sah ihn erschrocken an. daß man ihm eine Kapuze über den Kopf zog und ihn hinrichtete. welche Schimpfnamen sie für mich hatten. ich hätte die Schriftrollen an mich genommen. »Wie konnte ich? Sie betete meinen Vater an… und als er starb. ein Spion zu sein. weil wir diese Sache nie bereinigt hatten. wollte ich den Sargdeckel abnehmen und von ihm eine Erklärung dafür verlangen. Er hat es nicht einmal geleugnet. war ich voller Zorn. Er hat keinen Finger zu seiner Verteidigung gerührt.« Catherine blickte auf ihre Hände und sagte leise: »Man hat ihn beschuldigt. die die Kirche angriffen und meinen Vater aus dem Haus trieben!« »Deshalb führen Sie die Arbeit Ihrer Mutter weiter – eine Arbeit. oder nicht? Ihm können Sie nicht vergeben. Gott hätte er nicht mit einer nassen Unterhose im Zimmer der Oberin sitzenlassen!« Sie stieß die Luft aus. um mit ihm darüber zu reden. Wenn Danno nicht gewesen wäre…« »Haben Sie Ihrer Mutter nie etwas davon gesagt?« Catherine stand auf.als mich.

Es war seine Kirche und sein Gott. weil er hingerichtet worden ist?« »Wir hatten noch etwas ins reine zu bringen«.« »Sie sind böse auf ihn. Vater Garibaldi. Aber gehen Sie nur hinein. weil ich ihm so wenig bedeutete.« Er sah ihr nach. als sie die Straße zurück zum Haus von Mrs.war. »Dem hat er sich entzogen. 501 . O’Toole und zur fünften Schriftrolle ging. »Deshalb kann ich nicht mit Ihnen in die Kirche gehen. Vater Garibaldi. Auf mich wartet noch Arbeit. Ich hätte nicht mitkommen sollen. Sie gehören dorthin.« Catherine zog die Handschuhe wieder an. erwiderte sie. Damit will ich nichts mehr zu tun haben.

DER ZWÖLFTE TAG 502 .

daß sie sich in dieses seltsame. daß es sie gegeben hatte. Philos spürte den Zauber dieses Landes ebenfalls. Und ich gründete eine kleine Gemeinde. Doch ich mußte mir bald eingestehen. die im Norden leben. und erzählte von den sagenumwobenen Arimaspi. Sie sprach flüsternd von den Hyperboräern. neblige Land verliebt hatte. Claudia war die Frau des Centurio. Wir trafen uns einmal in der Woche in meinem Haus. die ihre Gestalt verändern«. Sie warnte mich vor ›dem kleinen Volk‹ und den Robbenfrauen und vor Katzen. den Regen und die Dunstschleier über den Tälern liebte. Ich war mit dunklen Vorahnungen gekommen. vor den staunenden Blicken ausbreitet. Ich fragte mich nach der ersten Begegnung. so weit das Auge reicht. als wir unser Haus in Britannien bezogen. die über ein wolkenverhangenes Reich auf dem Gipfel der Erde herrschen. 25. ermahnte mich Claudia.Samstag. Er beschäftigte sich wie besessen mit den Legenden und dem reichen Schatz an Überlieferungen. denn auch hier war die Erinnerung an Riesen lebendig. und nichts ist erhabener als die uralten Eichenhaine. das sich. in denen Geister und Feen hausen. Dezember 1999 »Hüte dich vor den Wesen. denn alles hier war uns so fremd. Ich widmete mich mit ganzer Hingabe der Erziehung von Pindar und freute mich über seine Entwicklung. Man stellte ihm die Beweise dafür in Aussicht. ob sie vielleicht schon zu lange nicht mehr in Rom gewesen war. daß auch ich den Wind. Nichts ist schöner als das wogende Grün. Auf eine Lesung des 503 . Doch nach einer Weile stellte ich fest. dem dieser Vorposten als Befehlshaber unterstand. die Neugeborenen den Lebensodem von den Lippen stehlen.

wie Claudia der Magie der Druiden verfiel. auf der die Mistel wächst. Die Druiden haben keine Tempel oder Heiligtümer. bevor wir seinem Auftrag folgten. Ich traf Druiden. die sie in ihrer Sprache ›die Allheilende‹ nennen. und sie waren wie ich davon überzeugt. daß diese Pflanze jede Krankheit besiegen kann. daß dies der wahre Glaube ist. Aber ich hielt unbeirrt an meinem Glauben fest. die einen uralten Himmelsgott namens Myrddin verehren. 504 . Ich beobachtete nicht ohne Sorge. Für die Druiden gibt es nichts Heiligeres als die Mistel. und sie verehren die Eiche.Marienbriefes folgte eine Ansprache über den Gerechten und seine Botschaft vom Frieden und dem Sieg über den Tod. wie wir sie kennen. gemeinsam das Brot zu brechen und den Wein zu trinken. denn sie glauben. Ich bekehrte viele Menschen zum Weg. Ihre Rituale finden in der freien Natur statt.

wenn wir auf unseren Zimmern bleiben und ihre Einladung nicht annehmen‹. Catherine 505 . Catherine wußte. sagte sie durch die Tür. ich bin nicht in der richtigen Stimmung. Mrs. Im Haus waren die Vorbereitungen für das Festessen voll im Gang. auf dem die fünfte Schriftrolle ausgebreitet lag. Ich bringe Ihnen einen Teller herauf. Ich muß wissen. O’Toole?« »Ich wollte nur fragen. O’Toole ging.« »Ich glaube nicht. Mrs. daß er sich schon darauf freut.Washington. wie viele Gedecke wir auflegen sollen. O’Toole«. »Miss Garibaldi? Hallo? Sind Sie wach. »Ja.C. »Er hat mir heute morgen gesagt. D. um zu feiern. daß Garibaldi ein schlechtes Gewissen hatte. Wird Ihr Bruder mit uns essen?« Mein Bruder… Garibaldi war zur Mitternachtsmesse in der Kirche gewesen und zum ersten Morgengottesdienst. »Ja«. Jetzt war er gerade in der dritten Weihnachtsmesse. ob Sie später zum Weihnachtsessen zu uns herunterkommen. aber ich glaube. Mrs. hatte er erklärt. Catherine stieg schon beim Aufwachen der Duft einer bratenden Gans in die Nase. Der Zustand des Papyrus war besorgniserregend. und Catherine trat wieder an den Tisch. O’Toole wird es vielleicht verdächtig vorkommen. während sie in ihrem Zimmer gefangen war. ›Mrs. »Vielen Dank für die Einladung.« »Schon gut. meine Liebe. öffnete sie allerdings nicht. meine Liebe?« Catherine ging zur Tür. erwiderte Catherine.« Das waren nicht ganz seine Worte gewesen. weil er sich frei bewegen konnte.

Sie hatte am Abend mit dem Übersetzen angefangen. in der Vergangenheit zu leben. Irgendwann im Laufe der Nacht. die ich durch Wände höre. dem schwarzen Schal und dem langen schwarzen Mantel. »Aber ich hielt unbeirrt an meinem Glauben fest. Am Abend zuvor hatten die Leute Weihnachtslieder gesungen. als Garibaldi in der Kirche war. diesen Satz gelesen zu haben. hatte sie keine Worte mehr auf dem Papyrus gesehen. Bilder. um zum Gottesdienst zu gehen. die so wirklichkeitsnah zu sein schienen. Die Straße war ruhig. Sie entdeckte Garibaldi auf dem Gehweg. als nehme sie nicht mehr am Leben teil.blickte auf die Worte. wie sie sich auf den Stationen ihrer Flucht in der virtuellen Welt der Computer sicherer gefühlt hatte als in der Wirklichkeit. So. den er am Vortag in der Wisconsin Avenue gekauft hatte. Sabinas Leben zu führen und nicht ihr eigenes. Sie ging zum Fenster und blickte hinaus. und Szenen. Alle feierten Weihnachten mit einem Gang in die Kirche. die ich durch Fenster sehe. und alle Häuser waren festlich beleuchtet gewesen. wie andere Gäste das Haus verließen. die sich in eine quälend vertraute Wirklichkeit verwandeln. Stimmen. »Sie müssen Ihrem Vater verzeihen. so glaubte sie allmählich. Mrs. mit Sabina in Britannien zu sein. wo keine Fenster sind… Catherine kam es vor. die sie zuletzt gelesen hatte. daß Catherine eine Zeitlang das Gefühl hatte. Er sah eindrucksvoll aus mit dem schwarzen Hut. daß sie ihn zur Feier des Tages noch zu einem Sherry einluden. O’Toole und ihre Schwester waren zusammen mit Garibaldi erst um halb zwei morgens von der Mitternachtsmesse zurückgekommen. sondern sei nur noch eine Beobachterin. daß er damals nicht zur Schule gekommen ist…« 506 . Catherine hatte gehört. sondern Bilder. Am Morgen hatte sie gehört.« Catherine erinnerte sich kaum noch daran.

Warum vergeben Sie dem sechzehnjährigen Jungen nicht. »Schnell!« »Was…?« »Ich habe die Ankündigung zufällig unten im Vorbeigehen gesehen. Wenn Catherine auch diesen Text übersetzt hatte. Sie hatte das Ende des fünften Buches beinahe erreicht. staunte sie auch jetzt darüber. daß er mit seiner Anwesenheit einen Raum auszufüllen schien. war das Abenteuer zu Ende. Aber es war Garibaldi. Vor den Nachrichten kommt aber noch die Werbung. »Schalten Sie den Fernseher ein«.Und was ist mit Ihnen. »Sie und ich. und sie dachte. Wie an jenem Tag. Danach blieb nur noch eine Schriftrolle übrig.« Das waren Garibaldis Worte auf dem Dach des Atlantis gewesen.« Catherine wandte sich vom Fenster ab und betrachtete den brüchigen Papyrus auf dem Tisch.« Catherine wechselte die Kanäle. wenn auch in verschiedenen Arenen. sagte er und zog den Mantel aus. auf denen die üblichen Weihnachtssendungen zu sehen waren. und fand schließlich die Mittagsnachrichten. Wieder einmal sah sie ihr Photo auf dem Bildschirm. wir sind beide Kämpfer. als sie sich zum ersten Mal im Hotel Isis begegnet waren. Vater Garibaldi? wollte sie fragen. und wenn er keine eindeutigen Hinweise über den Verbleib der siebten Rolle enthielt. Catherine ließ ihn ins Zimmer treten. daß er einem alten Mann nicht das Leben gerettet hat? Wie lange wollen wir beide uns noch selbst bestrafen und mit der Last unserer Schuldgefühle leben? »Wir sind uns ähnlich. »Was gibt es 507 . Mrs. Erstaunlicherweise gewöhnte sie sich allmählich daran. O’Toole sei mit einer Kanne Tee zurückgekommen. Sie und Garibaldi würden Abschied voneinander nehmen… Plötzlich klopfte jemand heftig an die Tür.

»Wie bitte? Gestohlen?« »Sie behaupten. was auf dem Fragment gelöscht worden ist: einen Stempel mit der Katalognummer eines Museums…« Auf dem Bildschirm erschien in Nahaufnahme ein blasser Kreis. die gelöscht worden waren. Garibaldi nahm den Hut ab. »Laut Aussagen der Polizei ist damit der Beweis erbracht. Die Datierung des Papyrus nach der Radiokarbon-Methode verweist ungefähr auf das Jahr einhundert unserer Zeitrechnung. die Handschriftenanalyse bestätigt dieses Datum. sagte Catherine. daß das Jesus-Fragment Teil einer Sammlung ist.diesmal?« fragte sie besorgt. vorgenommen. und gleichzeitig haben Paläographen in Deutschland und Großbritannien unabhängig voneinander eine Handschriftenanalyse. die sogenannte Paläographie. Doch Garibaldi hob die Hand. »Man hat Papyrus häufig mehrmals verwendet.« »Die Infrarot-Spektralanalyse enthüllte jedoch noch etwas anderes.« 508 . »… im Institut Technologique in Paris wurde eine Radiokarbon-Untersuchung durchgeführt.« »Wunderbar!« flüsterte Catherine.11. Es handelt sich um eine Verkaufsrechnung aus der Regierungszeit des Kaisers Claudius…« »Das ist nichts Ungewöhnliches«. die jedoch mit Hilfe von Infrarotstrahlen lesbar sind. zog die Handschuhe aus und stellte den Ton lauter. die vor drei Jahren aus dem ägyptischen Museum gestohlen wurde…« Catherine sah Garibaldi ungläubig an. weil das Material so teuer war. die Schriftrollen seien Fälschungen. 45‹ erkennen konnte. in dem man gerade noch die Inschrift: ›Musee d’Antiquites 4. fuhr die Sprecherin fort. »hat ältere Schriftzeichen sichtbar gemacht. »Die Infrarot-Analyse des Fragments«.

»Das kann nicht sein!« Es folgte ein Filmausschnitt. Seine ganze Sippe ist in diesem zwielichtigen Bereich tätig. so sagt er.« »Aber was steckt hinter dieser Geschichte?« fragte Garibaldi. und die ägyptische Regierung entzog ihm die Lizenz für den Verkauf und den Export von Antiquitäten. der vor fünfzehn Jahren auf einer Auktion zehn Millionen Dollar erzielte. Kurze Zeit später entdeckte man. »hat bereits früher Handschriften gefälscht. seien sein Werk. daß es eine Fälschung war.« »Ich habe von ihm gehört«. Catherine Alexander. Die Schriftrollen vom Sinai.« Catherine sprang auf.‹ Der Mann sprach arabisch. Der Mann ist geradezu unanständig reich und verbirgt seine kriminellen Machenschaften hinter der Fassade neu erworbener Ehrbarkeit. das die ganze Welt in Staunen versetzt. Nach seiner Darstellung handelte es sich um eine Auftragsarbeit für Dr. Er habe sie in einem Hinterzimmer seines Antiquitätengeschäfts in Kairo hergestellt. und die Sprecherin fuhr fort: »Nicholas Papazian legte gestern am späten Abend ein Geständnis ab. und in der unteren rechten Ecke des Bildschirms war ein Balken mit dem Hinweis: ›KAIRO NATIONAL TELEVISION. »Es ist nicht nur Papazian. damit er 509 . »In meinem Auftrag? Ich habe den Mann noch nie gesehen!« »Papazian«. Nach einem Geständnis wurde Papazian zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. sagte Catherine. Sie sind eine der bekanntesten Kontaktadressen der Welt für den illegalen Handel mit Altertümern. »Warum sagt er. Ein unglücklich wirkender Mann stand vor einer Reihe Mikrophone. fuhr die Sprecherin fort. Am bekanntesten ist sein sogenannter ›Brief des Pontius Pilatus‹. Sie hätten ihn bezahlt.

Und ich habe den Korb mit den Schriftrollen entdeckt. als Hungerfords Arbeiter das Fragment gefunden haben. Garibaldi ging nachdenklich im Zimmer auf und ab. bei so einem krummen Ding mitzuspielen?« Catherine kaute auf ihrer Unterlippe. der so etwas inszenieren und finanzieren könnte…« »Havers…«. und ich kenne nur einen Mann. »und dann alle Experten.« Catherine lachte kurz und bitter. dieser Korb war nicht erst vor kurzem dorthin gebracht worden. wieder im Gefängnis zu landen?« Garibaldi schüttelte den Kopf.die Schriftrollen fälscht?« »Ich weiß es nicht. Der Korb saß fest in dem unterirdischen Gang. Wenn es eine abgekartete Sache ist.« »Dazu wäre eine Menge Geld nötig. die das Fragment untersucht haben. Sie sind eindeutig zweitausend Jahre alt!« Im Fernsehen wurde gerade der Sprecher des ägyptischen Ministeriums interviewt. »Er muß dahinterstecken. wie hat man die Leute dazu gebracht. »Er würde ein paar Leute bestechen und nicht ins Gefängnis wandern. Wieso gesteht dieser Papazian eine kriminelle Tat. »… meine Regierung befindet sich deshalb in einer sehr peinlichen 510 . »Ein noch größeres Rätsel ist das Motiv dafür. »Und riskieren. Wie hätte Papazian die Schriftrollen oder das Fragment dorthin bringen können? Ich habe die Pflanzenreste am Korb analysiert. Aber wie hat er es gemacht? Ich war dort. Glauben Sie mir. sagte Catherine. sagte Garibaldi. wenn er sie nicht begangen hat?« »Für genug Geld würde er wahrscheinlich alles gestehen.« »Aber der Stempel des Museums«.

wird heute wahrscheinlich etwas darüber in den Morgenzeitungen stehen. und bisher liegen keine Beweise für die Existenz von Schriftrollen vor. »Wenn die Neuigkeit gestern abend in Ägypten bekannt geworden ist. »Ist das wahr?« Sie machte ein finsteres Gesicht. rief Garibaldi. die Weihnachten bei Mrs. daß er persönlich das Fragment sowie den. wie sich herausstellte.« Garibaldi sah Catherine an. »Es kursierten Gerüchte von Schriftrollen.« Garibaldi mußte nicht weit gehen. »Ja. Sie betrachtete prüfend das in der rechten oberen Ecke eingeblendete Bild des Fragments und sagte: »Wenn ich das doch gedruckt sehen könnte…« »Kein Problem«. mit Steinen gefüllten Korb aus dem Zelt von Dr. falls die Grabung nicht bald Erfolge vorweisen würde. O’Toole verbrachten. Alexander entfernt habe. so war ich zunächst von seiner Echtheit überzeugt…« »Merkwürdig«. und es gibt Photos«. und alle sechs Gäste. zurückhaltendem Ton erklärte. Ich bin gleich wieder da. hatten sie bereits gelesen.« »Dann unterstellen sie…« »Daß ich die Schriftrollen gefälscht habe. um mein 511 . sagte er mit hochgezogenen Augenbrauen. »Aber Photographien lassen sich nicht analysieren. ihr die Mittel zu streichen. Alexander in einem Brief gedroht hat. Ein Reporter fragte: »Wir haben gehört. der in betont sachlichem. Die Samstagszeitung lag im Wohnzimmer. murmelte Catherine und ging näher an das Fernsehgerät heran.Lage. daß die Stiftung Dr. Als Garibaldi in Catherines Zimmer zurückkam. Stimmt das?« »Dazu kann ich leider nichts sagen. wurde gerade die Direktorin der Stiftung interviewt. Was das Fragment betrifft.« Dann kam ein Archäologe zu Wort.

und dabei stellte sich heraus. eine Menge Leute haben sich große Hoffnungen gemacht. Darüber stand als Schlagzeile: ›FÄLSCHUNG!‹ »Warum steht das auf dem Titelblatt?« fragte Catherine kopfschüttelnd.« Garibaldi warf einen Blick auf Catherine. das erst in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts erfunden wurde. wie die Menschen das ewige Leben finden können.Projekt weiterführen zu können. der Fundstelle und dem Jesus-Fragment. Der Artikel stand auf der ersten Seite. Dabei hat sich gezeigt. von Nicholas Papazian. daß sie eine ganze Menge Anatas aufweist. daß in den Schriftrollen ein Hinweis auf die Zeitenwende zu finden ist. Oder daß sie vielleicht das Geheimnis enthüllen. Wer weiß. also Titandioxyd enthält. daß ein altes Dokument winzige Spuren von Anatas aufweist. die sich weder das Fernsehen noch die Zeitungen entgehen lassen. daß die Tinte Anatas.« »Dahinter muß Havers stecken«. Dazu gab es Photos von Catherine. die 512 . »Es gibt doch auch noch andere Neuigkeiten auf der Welt. Insofern ist das mit der angeblichen Fälschung eine Sensation. sagte Garibaldi und gab ihr die Zeitung. die Tinte stammt aus neuerer Zeit.« »Ich nehme an. Da es jedoch möglich ist.« Im Fernsehen erklärte gerade eine Wissenschaftlerin aus Denver: »Unserem Institut wurde ein winziger Teil des Fragments zur Verfügung gestellt. Wir haben Tintenpartikel abgelöst und sie unter dem Elektronenmikroskop analysiert. was unter dem Einfluß der Medien in den Köpfen der Menschen auf aller Welt für Erwartungen geweckt worden sind? Die Nachricht heute wird für viele wie eine eiskalte Dusche sein. Das bedeutet. wurde die Tinte mit einem Röntgenverfahren untersucht.

sie übte harte Kritik an Catherine.« Sie überflog den Zeitungsartikel noch einmal. Trotzdem sind die Schriftrollen nicht gefälscht. Aber ich werde ihn nicht in diesen Fall hineinziehen. Das hilft uns nicht weiter. daß er mich reizt. Vielleicht rechnet er auch damit. »Er könnte bezeugen. erwiderte sie. falls er dahintersteckt?« Catherine sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an. daß Sie…« Catherine schlug die Hände vor das Gesicht. Wir müssen herausfinden. »Nicholas Papazian bekommt plötzlich ein schlechtes Gewissen und beschließt zu gestehen. und sie war verzweifelt. »Vielleicht glaubt er. um mich zu verteidigen. daß sie echt sind. »Kein Mensch wird mir glauben«. »Machen Sie sich jetzt keine Vorwürfe. Sie hatte Angst. Was gewinnt Havers. sagte sie. ich werde die Schriftrollen herausgeben. was dieser Schachzug bewirken soll. daß sich Havers das Ganze ausgedacht hat.fassungslos vor dem Bildschirm stand. was für ein Durcheinander habe ich angerichtet.« »Hat jemand die Schriftrollen außer Ihnen und Daniel gesehen?« »Julius«. die Behörde werde die Grabungen an der Stelle weiterführen. Aber wir sind nicht einmal sicher. Im Fernsehen beendete die Wissenschaftlerin 513 . und daß ich aus meinem Versteck auftauche. daß es sich bei dem Dokument tatsächlich um eine Fälschung handelt. Sie war leichenblaß.« Garibaldi beugte sich über sie. »Gott. Dann betrachtete Catherine die Abbildung des JesusFragments. wo die sogenannten Schriftrollen gefunden worden seien. Es tut mir schon leid. Offenbar war der ägyptischen Regierung die Sache peinlich. daß er die Handschrift gefälscht hat. Dann bestätigen alle namhaften Experten und angesehenen Wissenschaftler. Das Ministerium in Kairo forderte sie ultimativ zu einem Gespräch auf und erklärte.

es war meine Schwäche.« 514 . Vergessen wir nicht. der zu seinem Haus führte. als sie den mysteriösen Korb geöffnet hat. war niemand anwesend. Dadurch war von vornherein klar. und ich kann niemandem außer mir selbst einen Vorwurf machen. denn Catherine Alexander hat mich wie alle anderen hinters Licht geführt! Darüber hinaus fühle ich mich persönlich verantwortlich für die Hoffnungen. und es gab vielen Menschen das Gefühl. Und jetzt wird mir kein Mensch auf der ganzen Welt mehr glauben. Er hat alles so eingefädelt. sagte Garibaldi. »der Mann ist gut. die in so vielen Menschen geweckt wurden. als er fortfuhr.« »Natürlich hat er es geplant. »Ich kann nur sagen.« »Deshalb«.des Instituts in Denver ihre Ausführungen. der Betrug bringt mich in große Verlegenheit. Man muß schließlich den zweifelhaften Ruf dieser Archäologin in Betracht ziehen. und auf dem Bildschirm erschien die Auffahrt eines Anwesens irgendwo in den Bergen. er führe mit Ihnen geheime Verhandlungen über den Kauf der Schriftrollen. daß er als Opfer dasteht und Sie als Betrügerin. Dafür entschuldige ich mich. überrascht mich die Nachricht nicht. daß man ihn heute interviewen würde. daß es sich bei dem Fragment um eine Fälschung handelt. sagte Garibaldi ernst. Havers’ typisches Lächeln wich einem Ausdruck moralischer Besorgnis. Es war mein Fehler.« »Ich muß zugeben«. »hat Havers gestern angekündigt. »Offen gestanden. sie seien echt. Miles Havers stand auf dem gepflasterten Weg.« »Du Schwein!« Catherine ballte die Fäuste. die Schriftrollen könnten bestimmte Informationen religiöser Art enthalten. Mein Angebot von fünfzig Millionen Dollar ließ sich als eine gewisse Bestätigung der Echtheit der Schriftrollen deuten.

Miles hatte mir nicht einmal gesagt. Garibaldi beugte sich darüber.»Bitte. daß er heimlich verhandelt. Darin lag die untere Hälfte des Jesus-Fragments. Aber wir müssen uns fragen: Wo ist sie? Und warum geht sie nicht an die Öffentlichkeit. aschblonde Frau antwortete: »Ich bin sprachlos. sagte sie. was sagen Sie dazu?« Die schlanke. Wir hofften alle. ich werde mich über diese Verleumdungen so aufregen. »Es ist eine große Enttäuschung. Sie schlug den Buchdeckel auf. Er hat sich das alles einfallen lassen. sie würden eine bestimmte Botschaft enthalten.« Der Reporter mit dem Mikrophon wandte sich an die Frau neben Havers.« Catherine schaltete den Fernseher ab und griff nach der Zeitung. verstehen Sie mich nicht falsch«. daß ich unüberlegt handle und einen Fehler mache. Und jetzt…« Sie schüttelte fassungslos den Kopf. sagte Garibaldi. Mir wäre nichts lieber. fuhr Havers fort. Havers. um die Schriftrollen zu kaufen. um Sie aus dem Versteck zu locken«. als von Dr. »Was soll ich mir ansehen?« 515 . »Was ist?« Catherine öffnete die blaue Tasche und nahm behutsam den Buchdeckel heraus. Sie betrachtete noch einmal aufmerksam die Abbildung des Fragments der Handschrift. »Sehen Sie sich das an«. Darauf wartet er jetzt. der als Schutz der gefalteten Schriftrollen gedient hatte. »ich erhebe keinerlei Anschuldigungen. Alexanders Unschuld überzeugt sein zu können. Plötzlich sagte sie: »Moment mal…« Sie ging mit der Zeitung zum Tisch und hielt sie unter das Licht. »Er hofft. um sich zu verteidigen?« »Da haben wir es! Er pokert. Catherine hielt die Zeitung daneben. »Mrs. Ich hatte natürlich von dem sensationellen Fund gehört.

»Sie passen nicht zusammen«. nicht um den Papyrus. sagte sie und wies auf die Zeitung. das ich im Zelt zurückgelassen habe. »Dieses Fragment«. Er heißt Hans Schüller und arbeitet in einem Institut. »ist nicht das Fragment.« Sie blätterte die Seiten durch. das zu beweisen. Papazian hat vielleicht einen Beamten bestochen. Papazian hat das Fragment kopiert. im Auftrag von Havers?« »Ja…« »Es wird schwer sein. sondern um eine Fälschung!« »Sie meinen. Sie hätten ihn dafür bezahlt. daß der Papyrus vertauscht worden ist. ging an die Tasche und holte ihr Adreßbuch heraus. Achten Sie auf den unteren Rand. Es sei denn. »Bevor ich vom Sinai abgereist bin.« »Sie meinen.« Er betrachtete beides. sagte Catherine. Aber wo ist dann das echte Fragment?« »Wer weiß? Der Austausch kann auf hoher Ebene veranlaßt worden sein – vielleicht hat auch mein Assistent Samir etwas damit zu tun. habe ich einem Freund in Zürich ein kleines Stück des Papyrus geschickt.« »Nein?« »Die Wissenschaftler lügen nicht! Sie haben eine Fälschung begutachtet! Es handelt sich nicht um das Dokument. Möglicherweise ist der Regierung überhaupt nicht bewußt. das Altersbestimmungen nach der Radiokarbonmethode durchführt. damit er das Original durch die Fälschung ersetzt. das ich zurückgelassen habe. erklärte er. Sie melden sich zu Wort und kontern mit Ihrem Verdacht…« »Ich habe eine bessere Idee«. Vergleichen Sie ihn mit dem oberen Rand meines Papyrus.»Das Fragment in der Zeitung. bis sie die 516 . bewußt eine Fälschung hergestellt und dann behauptet. den Hungerfords Männer gefunden haben.

Wie bitte?« Sie sah Garibaldi an. sagte sie und ging zum Telefon. »Wo ich bin?« Sie legte schnell auf. »Nur Daniel wußte davon«. Die Männer von Havers haben damals in Santa Barbara alles abgehört. nichts zu sagen. Hans«. Das kommt vor.« »Haben Sie seine Privatnummer?« »Nein. Sie gehen jetzt hinunter zum Essen und feiern mit den anderen Weihnachten. und es könnte jemand Verdacht schöpfen. »so muß es wohl sein.« »Mrs. Ich weiß. Plötzlich fühlte sie sich sehr müde. Warum nur schießen alle auf mich…?« »He«. Hier findet uns 517 . aber die bekomme ich bestimmt bei der Auskunft. »So.« »Nein. es ist unterwegs verlorengegangen. ich bleibe bei Ihnen.« Ihr Gespräch mit Schüller fünf Minuten später war kurz. sagte er sanft und legte ihr die Hände auf die Schultern.« Sie rieb sich den Nacken und lockerte Kopf und Schultern mit kreisenden Bewegungen. »Sie haben recht. O’Toole wäre sehr enttäuscht.« Der Apparat am anderen Ende klingelte ein paarmal.Telefonnummer gefunden hatte. dann legte sie auf. »Ja. Die Öffentlichkeit wird mit diesem Fall in Atem gehalten. Ich bin sicher. Wir müssen sehr vorsichtig sein.« »Aber wie kann er von Schüller gewußt haben?« »Ich muß in Daniels Wohnung etwas über ihn gesagt haben. »Havers hat ihn gekauft. »Es wird schon gutgehen. »Ich habe Schüller gebeten. ich kann mich auf ihn verlassen…« »Wollen Sie ihn anrufen?« »Ich versuche es im Institut.« »Es ist Weihnachten. Jeden Tag gibt es neue Sensationsmeldungen. sagte sie.

niemand. Und bald ist alles vorbei.« Und dann werden wir uns trennen. »Ich arbeite weiter an der Übersetzung. Je schneller wir zum Ende kommen, desto besser.« »Sind Sie sicher, daß alles in Ordnung ist?« »Keine Angst, Vater Garibaldi«, sagte sie. »Auch wenn ich noch so wütend bin, sind Miles Havers die Hände gebunden. Er kann nichts sagen, was mich dazu bringen würde, etwas Unüberlegtes zu tun.«

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Malibu, Kalifornien
Julius suchte eine Telefonzelle in einem kleinen Einkaufszentrum an der Küstenstraße. Als er einen freien Apparat fand, wählte er schnell und griff nach seinem Zettel. Er hatte sich aufgeschrieben, was er sagen wollte. Die Zeit war knapp. Es war ihm gelungen, den Mann im weißen Wagen abzuschütteln. Aber er wußte nicht, wie schnell der Aufpasser seine Spur wiederfinden und ihm hierher folgen würde. Während er darauf wartete, daß jemand am anderen Ende den Hörer abnahm, überlegte er, ob es möglich sei, einen Anruf aus einer öffentlichen Telefonzelle zu lokalisieren. Auf alle Fälle behielt er die Straße im Auge, und als sich schließlich eine Frauenstimme meldete, sagte er klar und deutlich: »Ich möchte eine Nachricht für eine Besucherin hinterlassen, die bald zu Ihnen kommen wird. Hören Sie? Ja gut, ich buchstabiere den Namen…« Beim Sprechen nahm er die Zeitung, die er sich unter den Arm geklemmt hatte, und legte sie auf die kleine Ablage unter dem Apparat. Selbst jetzt, Stunden, nachdem er die Schlagzeile gesehen hatte, empfand er noch den Schock. Eine Fälschung! Wie konnten die Schriftrollen gefälscht sein? Er hatte sie mit eigenen Augen gesehen und hätte schwören können, daß sie echt waren. Catherine kannte sich auf ihrem Spezialgebiet aus. Sie hätte Fälschungen erkannt. »Würden Sie es bitte wiederholen?« sagte er ins Telefon. Nachdem er sich vergewissert hatte, daß die Frau in der Zentrale am anderen Ende seine Nachricht richtig notiert hatte, legte Julius auf und blickte auf die Uhr. Camilla Williams von Augenzeugen hatte ihm zugesagt, daß das
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Interview am nächsten Tag gesendet werden würde – landesweit. Das war die einzige Bedingung gewesen, unter der er sich zu dem Gespräch bereit erklärt hatte. Morgen um diese Zeit, so beruhigte er sich, wird die ganze schreckliche Sache vorbei sein. Er konnte und wollte Catherine die unangenehme Wahrheit nicht vorenthalten, daß Sabina ihre Geschichte nie zu Ende geschrieben hatte und daß es keine siebte Schriftrolle gab. Julius mußte jetzt dafür sorgen, daß alle Spekulationen aufhörten. Wenn erst einmal das Interesse der Medien erloschen war, wenn sich alle Mißverständnisse aufgeklärt hatten, dann würden sie daran denken können, wieder ein normales Leben zu führen. Im Augenblick konnte er jedoch nichts anderes tun, als warten und darauf hoffen, daß Catherine in ihrem Versteck blieb und schwieg und daß sie nichts tun würde, was ihren Aufenthaltsort verriet.

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Washington, D.C.
Cornelius Severus ritt nach Chichester, um sich mit dem Führer der Britonen zu treffen, und wie immer begleitete ihn Philos… »Mit wem will er sich treffen?« fragte Catherine laut. Am liebsten hätte sie Sabina angeschrien: »Verrate mir den Namen des Führers der Britonen! War es Cunobelinus?« Denn in diesem Fall wäre Sabina während der Herrschaft des Claudius in Britannien gewesen, und das hätte eine sichere Datierung der Schriftrollen bedeutet. Catherine sank enttäuscht auf dem Stuhl zusammen und warf den Kugelschreiber auf den Tisch. Sabina berichtete ihre Geschichte eindeutig jemandem, der die zeitgenössischen Begleitumstände kannte. So, wie heute jemand sagen würde: »Damals, Ende der sechziger Jahre, haben wir gegen den Krieg protestiert«, ohne ausdrücklich vom Vietnam-Krieg zu sprechen, so bestand auch für Sabina kein Grund zu sagen, auf welchen Kaiser, welches Jahr seiner Regierung oder auf welchen Führer der Britonen sie sich bezog. Es war alles sehr frustrierend. Aber noch schlimmer war, daß sich Catherine bereits dem Ende der fünften Schriftrolle näherte. Und nach allem, was sie sehen konnte, war die sechste Rolle nicht sehr lang. Es blieben Sabina nicht mehr viele Möglichkeiten, durch einen eindeutigen Hinweis klarzustellen, in welcher Zeit sie gelebt hatte. Catherine stand vom Tisch auf, reckte sich und blickte aus dem Fenster. Es waren keine Sterne zu sehen. Der Wetterbericht hatte Schnee angekündigt. Sie warf einen Blick auf die Uhr. Es war elf Uhr abends. Im Haus von Mrs. O’Toole war es inzwischen still geworden. Alle
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schliefen nach einem langen Tag mit Sherry und Weihnachtsliedern, dem üppigen Abendessen mit gebratener Gans und vielen anderen Gängen. Mrs. O’Toole war so freundlich gewesen, Catherines Portionen auf einem Tablett heraufzubringen. Catherine hatte alles aufgegessen, nur das Dessert stand noch auf dem Nachttisch. Sie hatte Garibaldi noch einmal kurz gesehen. Auf dem Weg in sein Zimmer war er hereingekommen, um sich nach ihrem Wohlbefinden zu erkundigen. Leider war am nächsten Tag Sonntag, und der Computerladen würde ebenso geschlossen sein wie die Bibliotheken und alle anderen Einrichtungen, die Zugang zum Internet hätten bieten können. »Wir müssen bis Montag warten«, hatte er gesagt. Ja, am Montag würden sie einen sicheren Weg finden, sich wieder ins Netz einzuloggen und nach den neuen Namen zu suchen, die Catherine in Sabinas Bericht über ihre Jahre in Britannien gefunden hatte. Sie blickte noch einmal auf die Uhr und rechnete nach. In Kalifornien war es jetzt acht Uhr abends. Sie hätte gern Julius angerufen. Aber diesen Wunsch konnte sie sich nicht erfüllen. Catherine rechnete damit, daß das Abenteuer bald vorüber sein werde, wenn Sabina keine weiteren Hinweise auf den Verbleib der siebten Schriftrolle gab. Und so beschloß sie, die Spätnachrichten einzuschalten, um festzustellen, welche neuen Entwicklungen es gab. Es überraschte sie nicht, Miles Havers auf dem Bildschirm zu sehen. Er war der Star des Augenblicks, der Milliardär, der das unschuldige Opfer einer Betrügerin war. Doch als Catherine den Ton lauter stellte, war sie doch überrascht, was sie aus seinem Mund zu hören bekam. »… in bestimmten wissenschaftlichen Kreisen ist der
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Name Dr. Alexander natürlich bekannt. Ihre Mutter, Nina Alexander, wurde vom Vatikan wegen Verbreitung kirchenfeindlicher Lehren öffentlich getadelt. Und das nicht nur einmal…« Catherine sank in den Sessel und folgte fassungslos den beleidigenden Ausführungen von Havers. »… sondern mehrmals, bis sie ihren Lehrauftrag an einem katholischen College verlor. Sie werden sich vielleicht erinnern«, sagte er und lächelte der Moderatorin zu, mit der er offenbar ein langes Studiogespräch führte, »daß Nina Alexander behauptete, den Beweis dafür gefunden zu haben, daß Frauen und nicht Männer auf dem apostolischen Stuhl im Vatikan sitzen müßten.« Er lachte leise, und auch die Moderatorin lächelte über diese absurde Vorstellung. »Ein befreundeter Psychologe vertritt die Theorie, daß Catherine Alexander mit der Fälschung ihre Mutter rehabilitieren möchte. Ich glaube, eine Bestätigung dafür ist die Tatsache, daß sie das Wort Diakonos in den Text eingefügt hat, um zu beweisen, daß Frauen das Priesteramt ausüben sollten.« »Mein Gott«, flüsterte Catherine. »Er ist ja schlimmer als die Inquisition…« »Und natürlich«, fuhr Havers fort, »ist das Skelett, das angeblich zusammen mit den Schriftrollen gefunden wurde, ein weiterer Beweis dafür, daß Dr. Alexander die ganze Sache inszeniert hat.« Er lächelte triumphierend. »Ich meine, die Handgelenke waren mit Lederriemen gefesselt, und niemand zweifelt daran, daß es sich um das Skelett einer Frau handelt!« Er lachte. »Ich kann mir gut vorstellen, aus welchem Grund unsere Archäologin das alles getan hat. Die ganze Welt sollte glauben, es habe sich um eine Art Märtyrerin gehandelt. Aber soviel wissen wir über die Sitten und Gebräuche, um sagen zu können, daß es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um eine Frau
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handelt, die vor zweitausend Jahren ihren Mann betrogen hatte und zur Strafe in den Brunnen geworfen wurde.« Catherine umklammerte die Armlehnen des Sessels. Wie kann er so lügen’? Die Frau im Brunnen ist für ihren Glauben den Märtyrertod gestorben! »Mr. Havers«, unterbrach ihn die Moderatorin. Havers lächelte unwiderstehlich: »Bitte nennen Sie mich Miles.« »Miles, was halten Sie von der neuesten Entwicklung in dieser Angelegenheit? Nicholas Papazian in Kairo hat seine Aussage korrigiert.« Catherine runzelte die Stirn. War ihr seit den Mittagsnachrichten etwas entgangen? »Offen gestanden überrascht es mich nicht, daß eigentlich Daniel Stevenson den Weg für die Fälschung gebahnt hat. Schließlich haben wir es bei ihm mit einem Mann zu tun, der glaubte, die Azteken seien Nachfahren von Marsbewohnern gewesen!« Catherine schaltete schnell den Fernseher aus und starrte auf den dunklen Bildschirm. Sie spürte, wie sich der Schock allmählich in kochende Wut verwandelte. Danno! Er zieht auch noch Danno in den Schmutz! Genügte es diesem Schwein nicht, daß er ihn umgebracht hatte? Mußte er Danno in den Augen der Welt auch noch zu einem Narren und zu einem Dummkopf machen? Danno war nicht mehr am Leben, um sich zu verteidigen! Catherine traten in ohnmächtiger Wut die Tränen in die Augen. Sie ging in Richtung Tür. Das mußte sie Garibaldi sagen. Aber mitten im Zimmer blieb sie stehen. Garibaldi konnte nichts tun. Allerdings konnte und mußte sie etwas tun. Sie hatte Dannos Laptop und mußte Online gehen. Nur noch einmal, ein einziges Mal… Sie trocknete sich die Augen, überflog den Wirtschaftsteil der Zeitung und suchte nach Inseraten von
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Online-Diensten. Es gab eine eigene Rubrik für Internet. Dort fand sie Galaxy BBS in Baltimore, das den Zugang innerhalb einer Stunde anbot. Catherine gab dem Unternehmen die Nummer ihrer Kreditkarte. Wie versprochen war der Zugang eine Stunde später möglich. Als sie sich in den IRC befand, betete sie, daß #hawksbill offen sein werde. Aber wenn alle aus der Gruppe Weihnachten mit ihren Familien verbrachten, würde #hawksbill nicht einmal angezeigt sein. Sie konnte #janet wieder öffnen, doch die Wahrscheinlichkeit war gering, daß es jemand von #hawksbill bemerkte. Sie wußte, ihr Vorgehen war sehr riskant. Aber das kümmerte sie im Augenblick nicht. Dieses Schwein hatte Danno und ihre Mutter in den Schmutz gezogen. Sie würde sich rächen! Sie tippte llist, drückte die Eingabetaste und ballte die Fäuste. Bitte… bitte seid da… Da kam es: #hawksbill. Aber es war nur eine Person im Kanal: Jean Luc, der mit dem @ vor seinem Namen an diesem einsamen Weihnachtsabend auf Gesellschaft zu warten schien. Catherine meldete sich als Janet. [Jean-Luc] Fröhliche Weihnachten, Janet. «Janet»Fröhliche Weihnachten. [Jean-Luc] Du hättest nicht hier auftauchen sollen – zu gefährlich. «Janet »Hat sich heute schon jemand bei dir gemeldet? [Jean-Luc] Nein, die sind alle mit ihren Familien beschäftigt. «Janet»Bist du allein? Catherine wartete. «Janet »Jean Luc: Bist du allein? [Jean-Luc] Ja. «Janet»Wo bist du?
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[Jean-Luc] Das ist gegen die Regeln von Hawskbill. «Janet »Du weißt, wer ich bin. Ich muß wissen, wer du bist. Sie wartete wieder auf Antwort. [Jean-Luc] Einfach ein Freund… Ja, glaub mir, ich bin dein FREUND! «Janet »Bist du ein Mann oder eine Frau? Während Catherine wartete, lauschte sie auf das stille Haus und die ruhige Nacht draußen. Dicke Schneewolken hingen am Himmel und hüllten die Welt in Stille und Frieden. Sie hatte das Gefühl, Jean-Luc und sie seien die einzigen Menschen auf der Welt – gesichtslos, alterslos, geschlechtslos, unbelastet von Körpern und den Vorurteilen des Sehens und Hörens. Sie waren reine Gedanken, Elektronen, zwei entmaterialisierte Menschen, die sich in einem nichtexistenten Raum trafen. Sie wußte nicht einmal, von welchem Ort auf der Welt sich ›JeanLuc‹ meldete. Er oder sie konnte in China sein oder womöglich auf der anderen Straßenseite. Doch es war ein seltsam intimer Augenblick, und Catherine fühlte sich flüchtig enger mit Jean-Luc verbunden, als sie das je bei einem Menschen erlebt hatte. [Jean-Luc] Du hättest dich nicht melden sollen – zu gefährlich. «Janet»Ich mußte es – um Barrett zu verteidigen. Hast du ferngesehen? [Jean-Luc] Ja»:-[ «Janet»Barrett hat die Schriftrollen NICHT gefälscht. Dr. Alexander hat sie auch nicht gefälscht. *Die Schriftrollen sind echt* Und sie hat NICHT mit Miles Havers um fünfzig Millionen Dollar verhandelt. Er hat nie Kontakt zu ihr aufgenommen.
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[Jean-Luc] Ist Havers der Bösewicht? Sie starrte auf den Monitor. »Ist Havers der Bösewicht?« Das hieß im Klartext: Hat Havers Daniel umgebracht? «Janet»Havers beschuldigt Barrett, ein Fälscher zu sein, weil Daniel nicht mehr lebt, um sich verteidigen zu können. Das mußt du glauben. Du mußt es allen sagen. [Jean-Luc] Janet: Ist Havers der Bösewicht? Catherine zögerte. [Jean-Luc] Wiederhole: Ist er der Bösewicht und hinter Dr. Alexander her? «Janet »Darüber kann ich jetzt nicht sprechen. [Jean-Luc] Du hast unser Mitgefühl, aber Miles Havers ist ein mächtiger Mann. «Janet»Leider. Catherine beobachtete den Bildschirm. Der Cursor blinkte, und die Zeit verging. Sie war versucht, Jean-Lucs wahre Identität herauszufinden. Sie wußte, sie konnte es tun, indem sie einen Befehl eingab, der seine IP-Adresse verriet. Ein bißchen Detektivarbeit würde sie direkt zu ihm oder ihr führen. Catherine tippte /whois jean-luc/ und ließ die Hand über der Eingabetaste schweben. [Jean-Luc] Janet: Wir werden tun, was wir können. «SERVER»Jean-Luc hat sich verabschiedet.

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DER DREIZEHNTE TAG

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Sonntag, 26. Dezember 1999 Santa Fe, New Mexico
Irgend etwas weckte Erika auf. Zuerst wußte sie nicht, was es war. Sie lag im Bett, lauschte auf die Stille im Haus und versuchte, sich zurechtzufinden. Die Leuchtziffern ihres Weckers verrieten, daß es zwei Uhr morgens war. Sie wartete mit angehaltenem Atem. Dann drehte sie den Kopf auf dem Kissen und sah, daß Miles nicht im Bett lag. Wieder einmal… Wenn eine wichtige Transaktion bevorstand oder wenn er sich mit einem neuen Software-Code herumschlug, hatte er in den vergangenen Jahren immer wenig geschlafen. Erika hatte jedoch das Gefühl, daß sie in letzter Zeit öfter als üblich feststellen mußte, daß er nicht im Bett war. Sie dachte an die überraschende Presseerklärung zu den Schriftrollen, die er vor zwei Tagen abgegeben hatte. Erika war völlig ahnungslos gewesen. Sie hatte wirklich nichts davon gewußt, daß er die Schriftrollen kaufen wollte und mit der untergetauchten Dr. Alexander Geheimverhandlungen führte. Beamte des FBI waren bis in den späten Abend im Haus gewesen und hatten Miles befragt. Dann stellte sich heraus, daß es sich um Fälschungen handelte! Der arme Miles mußte öffentlich eingestehen, daß er getäuscht worden war. Das ist Miles, dachte Erika, als sie aufstand und den Morgenmantel überzog, er wollte die Schriftrollen für die Welt retten. Wahrscheinlich hatte er bereits ein Gebäude für sie geplant, wo die Öffentlichkeit sie hätte sehen und
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die Wissenschaftler sie hätten studieren können. Es mußte eine große Enttäuschung für ihn gewesen sein. Während sie durch das dunkle, schlafende Haus ging, dachte Erika: Er sollte jetzt nicht allein sein und sich über die Niederlage ärgern. Sie würde ihn trösten und dafür sorgen, daß er ins Bett zurückkam. »Wir haben sie!« rief Teddy. »Sie hat sich bei Galaxy BBS, einem lokalen Server in Baltimore, angemeldet. Sie bieten einen besonders schnellen Zugang zum Internet.« Havers kam herüber. Sie warteten schon ungeduldig, seit der Computer, der Catherine Alexanders Kreditkarte überwachte, sie vor ein paar Stunden durch einen Warnton darauf vorbereitet hatte, daß die Karte benutzt worden war. »Baltimore«, sagte Havers mit einem Blick auf den Bildschirm. Zeke hatte also recht gehabt. Als Zeke am Abend zuvor behauptete, daß die Spur von Dr. Alexander und ihrem Begleiter von Las Vegas zum Dulles-Flughafen in Washington führe, war Havers skeptisch gewesen. Warum um alles in der Welt sollte sie ausgerechnet dorthin geflogen sein? »Wie schnell können Sie Zugang zu dem System in Baltimore bekommen?« fragte er Teddy. »Hängt ganz davon ab. Ich muß ihre IP-Adresse ausfindig machen«, erwiderte Teddy, dessen Finger bereits über die Tastatur glitten. »Einen Merker anbringen, die Such-Software laden…« »Sehen Sie sich die Teilnehmer-Dateien an. Vielleicht hat sie die Telefonnummer angegeben, über die sie sich einwählt.« »Ja, das würde den Job sehr viel einfacher machen…
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He! Sehen Sie!« Miles blickte auf den Monitor. Galaxy BBS in Baltimore benutzte Scimitar-Software von Dianuba Technologies in der Version von 1998. »Sag ich’s doch!« Teddy stieß einen leisen Pfiff aus. Er hatte an der Entwicklung des Sicherheits-Codes für Scimitar mitgearbeitet. Ein Blick auf die Armbanduhr verriet Havers, daß es in Washington fünf Uhr morgens war. »Hängen Sie sich dran! Wenn wir Glück haben, meldet sie sich noch einmal, bevor die Verbindung wieder getrennt wird.« Teddy machte sich daran, das System von Galaxy BBS zu knacken. Miles ging außer Hörweite des jungen Mannes. Er zog das Telefon aus der Tasche des Morgenmantels und wählte eine Nummer. Er konnte ein zufriedenes Lächeln nicht unterdrücken. Sein Plan funktionierte. Miles hatte damit gerechnet, daß es Catherine Alexander nicht schweigend hinnehmen werde, daß der Name ihrer Mutter durch den Schmutz gezogen oder ihr Freund Daniel als Fälscher bezeichnet wurde. Er setzte darauf, daß sie reagieren werde wie vor ein paar Tagen, als die negative öffentliche Meinung sie dazu getrieben hatte, über Internet Hilfe zu suchen. Miles hatte sie mit seiner Strategie sozusagen ›gezwungen‹, sich noch einmal unüberlegt ins Netz einzuwählen. Die Mühe hatte sich gelohnt. Er hatte sich von Papazian eine Fälschung des Fragments herstellen und sie gegen das echte austauschen lassen. Miles wußte jetzt, dieses Mal war ihm das Kaninchen in die Falle gegangen. »Tut mir leid, Mr. Havers«, rief Teddy vom anderen Ende der langen Reihe von Monitoren, »Dr. Alexander hat keine Telefonnummer in Baltimore angegeben, sondern ihre eigene Nummer in Santa Monica. Dumm ist sie nicht…«
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Ja, dumm ist sie nicht, dachte Havers und nickte. Als sich Zeke meldete, ging er in die Nähe der Tür und drehte dem jungen Mann den Rücken zu, damit Teddy nicht hörte, was er sagte: »Sie sind in der Umgebung von Baltimore. Mir ist es gleich, wie Sie den Priester und diese Frau aus dem Weg räumen. Aber beschaffen Sie mir auf jeden Fall die Schriftrollen und vergessen Sie nicht den Computer. Ich brauche das Tagebuch von Stevenson.« Erika hatte gerade anklopfen wollen, obwohl die Tür einen Spalt offenstand. Sie wußte, wie wichtig Miles seine Privatsphäre war und daß er es nicht schätzte, wenn man überraschend bei ihm in einem Zimmer auftauchte. Aber anstatt anzuklopfen, wich sie langsam von der Tür zurück. Sie konnte nicht glauben, was sie gerade gehört hatte… ÜBERWACHUNG GALAXY BBS IP Adresse 204.16.78.101 »»Nbosc hat sich zugeschaltet, 8.02 Uhr »»MrySpncer hat sich zugeschaltet, 8.03 Uhr »»robertsoo? hat sich zugeschaltet, 8.05 Uhr »»Nbosc hat abgeschaltet, 8.07 Uhr »»LtChab hat sich zugeschaltet, 8.07 Uhr »»kharvey hat sich zugeschaltet, 8.10 Uhr Miles drehte den Kopf zur Seite und blickte auf die Uhr. In Baltimore war es inzwischen acht Uhr morgens. Catherine Alexander hatte sich immer noch nicht gemeldet.

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Washington, D.C.
»Wie können Leute nur so leben?« sagte Raphael, der versuchte, sich die Hände an seinem Kaffeebecher zu wärmen. »Immer auf der Flucht…« Er und Zeke saßen in ihrem Wagen und warteten gespannt darauf, daß sich Havers meldete. Es war ein eiskalter Morgen, und sie tranken Kaffee aus Styroporbechern. Zeke haßte es, sich eine Niederlage eingestehen zu müssen. Aber als sie einen Tag lang in Washington gesucht und weder Dr. Alexander noch den Priester gefunden hatten – es erwies sich als unmöglich, alle Kirchen zu überwachen -, meldete er sich schließlich bei Havers und schilderte ihm die Lage. Jetzt mußte Zeke widerwillig die Computer bewundern. Sie hatten geschafft, was ihm trotz aller Anstrengungen nicht gelungen war. Er starrte wie gebannt auf das Autotelefon, als könnte er es dadurch zwingen zu klingeln, und murmelte: »Nun komm schon, Mädchen, schalt noch einmal deinen Computer ein…« Catherine hörte es in der Ferne donnern. Ein Gewitter über dem Meer. Soll ich den Sklaven befehlen, die Fensterläden vorzulegen? Philos! Ich muß Philos warnen… »Catherine! Machen Sie auf, ich bin es.« Sie fuhr hoch und schlug die Augen auf. Wo bin ich? Es klopfte. Das war kein Donner. Vor der Tür stand jemand. Philos? »Catherine? Sind Sie wach?« Garibaldi… Catherine ging unsicher zur Tür und öffnete sie einen
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Spalt. »Was ist…?« »Schalten Sie den Fernseher ein. Schnell!« »Was gibt es?« Sie ließ Garibaldi eintreten und war plötzlich hellwach. Dann eilte sie ins Bad und zog sich schnell den Bademantel über. »Es ist Dr. Voss.« Garibaldi wählte den Nachrichtensender. »Er hat ein Interview gegeben. Vor der Werbung haben sie das Interview angekündigt. Es wird in den Nachrichten gesendet!« Catherine glaubte, ihren Augen nicht zu trauen, als Julius auf dem Bildschirm erschien. Er saß in seinem Büro im Freers Institut. Am unteren Bildschirmrand war ein Schriftbalken eingeblendet: »Das Interview wurde um 7.08 Ortszeit in L.A. aufgezeichnet.« Catherine blickte auf den Wecker neben ihrem Bett. Hier an der Ostküste war es beinahe elf Uhr. Wie konnte sie so lange geschlafen haben? »Dr. Voss, weshalb haben Sie sich schließlich doch zu diesem Interview bereit erklärt? Bislang hatten Sie es abgelehnt, sich zu äußern.« Julius wirkte erschöpft. Er hatte dunkle Ringe unter den Augen, aber in dem eher konservativen Jackett sah er wie immer gepflegt aus. »Ich habe nicht viel zu sagen, sondern möchte Dr. Alexander bitten, ihr Vorgehen zu überdenken. Sie ist eine ausgezeichnete Wissenschaftlerin. Ich brauche sie hier dringend. Ich kann das Meritites-Projekt nicht allein durchführen. Wir haben immer gut zusammengearbeitet. Catherine, erinnerst du dich noch an das erste Mal?« »Meritites«, sagte Garibaldi. »Ist das nicht die Mumie, an der er letztes Jahr gearbeitet hat? Was meint er mit ›das erste Mal‹? Haben Sie beide schon früher zusammengearbeitet?«
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»Nein. Er versucht, mir etwas zu sagen. Warten Sie…« Catherine griff zum Telefon und ließ sich von der Auskunft die Nummer des Halekulani Hotels in Honolulu geben. Dann rief sie dort an und erkundigte sich, ob jemand eine Nachricht für Mrs. Meritites hinterlassen habe. Sie legte die Hand über den Hörer. »›Das erste Mal…‹ Ich glaube nicht, daß er damit unsere Zusammenarbeit meint. Ja? Hier spricht Mrs. Meritites. Haben Sie eine Nachricht für mich?« Sie wartete. »Ja? Lesen Sie bitte vor.« Catherine notierte etwas und legte auf. »Ich glaube, Julius hat mir verraten, wo die siebte Schriftrolle ist. Hier«, sagte sie und gab Garibaldi das Blatt. »Thomas von Monmouth?« sagte er. »Wer ist das?« Sie setzte sich an den Computer. »Ich lasse Julius nur wissen, daß ich die Nachricht bekommen habe.« »Catherine, nicht den Computer…« »Vater Garibaldi, haben Sie denn keine Augen im Kopf? Ich hatte keine Ahnung, daß ihn das alles so mitnehmen würde. Er sieht schrecklich aus. Ich muß ihn wissen lassen, daß ich seine Nachricht bekommen habe und daß es mir gutgeht. Keine Sorge. Das geht ganz schnell.« Sie startete den Computer, klickte zweimal auf das ›Galaxy‹-Symbol, rollte zu ›Dialer‹ und klickte auf ›Login.‹

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Santa Fe, New Mexico
Miles Havers blickte unverwandt auf den Monitor mit der Meldung: ÜBERWACHUNG GALAXY BBS IP Adresse 204.16.78.101 »george hat sich zugeschaltet, 8.15 Uhr »MrySpncer hat abgeschaltet, 8.16 Uhr »joe hat sich zugeschaltet, 8.16 Uhr Plötzlich zuckte es um seine Mundwinkel. »Piep! Piep! Piep! Piep! Miles richtete sich langsam auf. Die Namen rollten nicht länger, aber auf dem Bildschirm erschien die Meldung: **ANSCHLUSS-SUCHE BEGINNT** Lächelnd griff er nach seinem Telefon. Catherine Alexander hatte gerade ihre Zugangsnummer bei Galaxy BBS gewählt.

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Washington, D.C.
Das Autotelefon blinkte, und Zeke nahm sofort ab. »Ja«, sagte er in den Hörer. Er hörte zu, antwortete: »Jawohl, Mr. Havers«, und legte auf. »Sie benutzt ihren Computer«, sagte er zu Raphael. »Sie suchen gerade den Telefonanschluß.« »Brav, Baby«, erwiderte Raphael und rieb sich die Hände. »Ich beeile mich«, sagte Catherine noch einmal. »Julius soll nur wissen, daß… Was ist das?« Am unteren Rand des Bildschirms blinkte die Meldung: *E-MAIL EINGANG* »Jemand hat Ihnen eine Nachricht geschickt«, sagte Garibaldi. »Das ist unmöglich. O Gott, das bedeutet doch nicht etwa…« Sie klickte zuerst auf das Datei-Menü und dann auf ›Briefkasten‹. * Geben Sie das Paßwort ein für* joe@mail.galaxy.com Catherine tippte Batman, das im Kästchen als ****** erschien, und klickte auf die Eingabetaste. ANALYSIERE ADRESSE VON MAIL:GALAXY:GOM LOGGING INTO POP SERVER

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Santa Fe, New Mexico
Miles Havers trommelte mit den Fingerspitzen nervös auf die Schreibtischplatte, ohne den Blick vom Bildschirm zu nehmen. Er war nicht länger im Kommunikationszentrum, sondern saß in seinem burgunderroten Büro an einem Computer, zu dem sich nicht einmal Teddy Yamaguchi Zugang verschaffen konnte. *ANSCHLUSS-SUCHE LÄUFT* Miles hatte die Software zur Überwachung von Galaxy BBS selbst geschrieben und installiert. Das Suchprogramm war durch den Alarmton, den Catherines IP-Adresse ausgelöst hatte, aktiviert worden und verfolgte die Nummer zu ihrem Ausgangspunkt zurück. »Also dann«, sagte er, als auf dem Bildschirm ein Stadtplan von Washington, D.C. erschien. Er beobachtete die blauen Linien, die sekundenschnell Punkte miteinander verbanden – Signale, die wie Blitze über den Stadtplan zuckten. Havers griff nach dem Telefon in seiner Tasche und wählte. Als sich Zeke meldete, sagte er: »In einer Minute habe ich die Adresse«, und sah zu, wie die Linien von einem Punkt zum anderen hüpften. Miles lachte leise, denn er hörte, daß Zeke bereits den Wagen anließ, ohne das Telefon vom Ohr zu nehmen.

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Washington, D.C.
Auf Catherines Monitor blinkte die Meldung *E-MAIL EINGANG* von neuem. Sie klickte auf ›Briefkasten‹ und dann auf ›Neueingang‹. Garibaldi beugte sich über ihre Schulter, um besser zu sehen. »Woher kommt die Nachricht?« fragte er. Catherine erwiderte leicht verwirrt: »Der Absender wird als ›Freund‹ identifiziert.« Nach einem Doppelklick flüsterte sie: »Mein Gott!«
Return-Pfad: freund@dianuba.com Datum: Sonntag, 26. Dez. 1999,6:15:47 Von: freund@dianuba.com An: joe@galaxy.com Betr: EILT

Er hat Sie gefunden. »Hier ist die Adresse«, hörte Zeke seinen Auftraggeber sagen. »N Street 142 in Georgetown. Aber laßt sie diesmal unter keinen Umständen entkommen.« »Nein, Mr. Havers«, sagte Zeke, der bereits mit quietschenden Reifen losfuhr. »Wo ist sie?« fragte Raphael. »Nicht weit von hier.« Raphael ging daran, den Schalldämpfer an der Pistole anzubringen, und Zeke dachte sehr zufrieden: Der Computer hat es vielleicht geschafft, diese Alexander zu finden. Aber kein Computer der Welt kann sie auf die altbewährte Weise ausschalten, so, wie wir das gleich tun werden…

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DER VIERZEHNTE TAG

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sie bergen ein Geheimnis und besitzen die Kraft. Man nennt sie Myrddins Steine und sagt. diese Steine seien vom Himmel gefallen und hätten einen Kreis gebildet. jede Krankheit zu heilen. 541 . Ich hatte Geschichten von einer heiligen Stätte auf der Ebene im Süden gehört. daß die Riesen sie in alter Zeit vom fernen Afrika hierher auf diese Ebene gebracht hätten. Es heißt. Die Macht der ›Himmels‹Steine ist unvorstellbar groß. die Frau des Centurio. Damit würde ich Philos helfen. 27. Ich wollte den ›Ring der Kraft‹ sehen. um sich mit dem Führer der Britonen zu treffen. Während ihrer Abwesenheit gestand mir Claudia. Eine andere Geschichte erzählt. Möglicherweise hatten die Druiden das Rätsel der Steine gelöst. Dezember 1999 Cornelius Severus ritt nach Chichester. daß sie an den geheimen Ritualen der Druiden teilnahm. daß jeder einzelne der Steine besondere übernatürliche Kräfte besitzt. und wie immer begleitete ihn Philos. denn vielleicht gab er einen Hinweis auf die Riesen. Alle glauben. die Unsterblichkeit und immerwährende Jugend.Montag.

Aus Vorsicht fuhren sie weder zum Flughafen noch zum Bahnhof. konnte ihre Flucht bemerken. daß ein Wagen vor dem Gästehaus anhielt. Sie war mit dem Kopf an Garibaldis Schulter eingeschlafen. in Washington Stiefel zu kaufen. Erst gegen 542 . öffnete Catherine die Augen. Vermont Als der Zug vor der Einfahrt in den Bahnhof langsamer wurde. und ihren Blicken bot sich eine verzauberte und märchenhafte Winterlandschaft. Der Fahrer stieg aus und verschwand im Haus – es war der Killer mit dem Narbengesicht. Im Schutz einer immergrünen Hecke warteten sie auf ein Taxi und sahen. Sie hatten die Computernachricht – ›Er hat Sie gefunden!‹ – gelesen und das Haus wenig später durch den rückwärtigen Ausgang verlassen. Catherine richtete sich auf und betrachtete das näherkommende Bahnhofsgebäude von Greensville. sondern ließen sich von dem Taxifahrer wie zwei neugierige Touristen die Stadt zeigen. obwohl es in dem Abteil nichts mehr zu befürchten gab. O’Tooles Gästehaus zu fliehen. Sogar auf dem Bahnsteig lag Schnee. Ein überdachter Gang führte zum Nebenhaus. das gerade völlig renoviert wurde. noch rechtzeitig aus Mrs. Irgendwann im Laufe der Nacht hatte er schützend den Arm um sie gelegt. Garibaldi ließ sich die Rechnung geben.Greensville. Es war ihnen gelungen. daß Garibaldi und sie daran gedacht hatten. Sie war froh. Garibaldi nahm den Laptop und seine schwarze Reisetasche. Catherine packte die blaue Tasche mit den Schriftrollen. Niemand. O’Tooles Haus beobachtete. der Mrs.

ob Havers sie auch hier ausfindig machen werde. das seit dem Tag nach Daniels Tod immer wieder in den Zeitungen erschien. Niemand folgte ihnen. Der Vorwurf der Fälschung hatte nur dazu dienen sollen. Meritites gemeldet hatte. Also bestehe durchaus die Möglichkeit.Abend wagten sie sich in den Bahnhof und nahmen den Zug nach Vermont. Alles hier war still und menschenleer. kein Mensch achtete auf sie. Der Schnee knirschte unter ihren Schritten. hatte die Frau an der Zentrale des Halekulani Hotels gesagt. das am Tag zuvor veröffentlicht worden war und das der ägyptische Archäologe angeblich persönlich aus Dr. daß sich unter den Experten Zweifel an der behaupteten Fälschung regten. und das andere. Auf dem Titelblatt stand: ›GEFÄLSCHT ODER ECHT?‹ Darunter befanden sich nebeneinander zwei Photos des Jesus-Fragments: das Original. da ein Vergleich der beiden Photos ergeben habe. und Catherine kaufte eine Zeitung. In dem Artikel wurde berichtet. daß es sich wahrscheinlich nicht um zwei Teile desselben Dokuments handelte. Catherine fragte sich. die den Schriftrollen ihren Wert zurückgaben und sie wieder für seine Privatsammlung interessant machten. Er hatte diese Runde für sich verbuchen können. »Fahren Sie zum Kloster in Greensville in Vermont«. Alexanders Zelt entfernt hatte. Jetzt hatten sie ihr Ziel erreicht und stapften erleichtert hinaus in die frostige Morgenluft. Catherine zweifelte keinen Augenblick daran.« Garibaldi machte sich auf die Suche nach einer Fahrgelegenheit. sie aus ihrem Versteck zu locken. daß Dr. nachdem sich Catherine als Mrs. Noch einmal wird er mich nicht 543 . »Fragen Sie nach Thomas von Monmouth. Alexanders Schriftrollen echt seien. daß Havers auch diese Wendung vorausgesehen hatte.

sagte Garibaldi. Ohne den anonymen Hinweis wären sie und Garibaldi den Killern nicht entkommen. »Wir haben Glück«. wohnt in der Nähe des Klosters. bis zum Kloster sei es nur noch ein kurzer Weg. Die Straße war völlig leer.« Doch Catherine sah die Anspannung in seinen Augen.« Garibaldi lächelte scheinbar unbeschwert. Sie wußte. und niemand war ihnen gefolgt. Der Mann aus Greensville hatte sie abgesetzt und gesagt. »Ein Mann. und die 544 . wenn auch nur dank der Hilfe des geheimnisvollen ›Freundes‹.« Catherine sah ihn erstaunt an und warf dann einen Blick zur Straße zurück. der auch hier ausgestiegen ist. Es gehörte Benediktinerinnen. »Ich bin solche Winter nicht mehr gewöhnt. als er zurückkam. sagte Garibaldi. die Gäste aufnahmen – allerdings nur Frauen. War es Jean-Luc gewesen? Vor zwei Tagen hätte sie beinahe ›/whois Jean-Luc‹ eingegeben. Er will uns mitnehmen. als sie auf ihrem Weg zum Kloster durch den Schnee stapften.überlisten. Catherine hatte keine Ahnung. Es gab einfache Unterkünfte. was er dachte: Sie waren zum dritten Mal um ihr Leben gelaufen. von wem die Computernachricht gekommen war. Aber sie hatte auf ihre Art diesem Mann oder der Frau auf der langen Fahrt nach Vermont gedankt. Jetzt wünschte sie. wie der Mann aus Greensville gesagt hatte. Er war über Weihnachten in Washington und hat seinen Wagen am Bahnhof abgestellt. Würden sie auch ein viertes Mal Glück haben? »Das muß man erleben. Das Kloster lag in den Bergen inmitten großer Wälder. Wieder einmal hatten sie überlebt. um es zu glauben«. »Wirklich nette Leute hier in Vermont. es getan zu haben.

während sie über die verlassene Landstraße fuhren. wie die Stimmen von Engeln… Catherine und Garibaldi erreichten kurz darauf das massive Holztor. Garibaldi blickte auf die Uhr. doch weder ein Name noch ein Schild verriet. Als der Gesang schließlich verstummte. Julius anzurufen und ihn nach Einzelheiten zu fragen. zog er am Klingelzug. daß die Nonnen ein Schiff für sich allein haben. wie Julius ihn entdeckt hatte und welche Informationen er angeblich besaß. »Die Kapelle ist alt«. »Der Altar steht so. daß es sich um ein Kloster handelte. Es war Mittag. Sie mußten warten. Seitlich der Pforte gab es eine Glocke. hatte der Mann ungefragt erklärt. die grau und streng über die Mauer ragten. das über eine hohe Steinmauer durch die Bäume zu ihnen drang. Und ich kann Ihnen versichern. das vierte kanonische Stundengebet. die auf der anderen Seite durch eine Klappe verschlossen war. Die Nonnen versammelten sich achtmal am Tag zum Gebet. wer Thomas von Monmouth war. Um zehn Uhr morgens wurde eine lateinische Messe gelesen. an der die Leute aus der Umgebung teilnehmen konnten. bis die Nonnen die Sext. Catherine richtete den Blick auf die steinernen Türmchen und Giebel. Nach kurzem Warten erschien ein Gesicht hinter dem 545 .Besucherinnen nahmen die Mahlzeiten entweder allein oder mit den Nonnen ein. Sie sitzen hinter einem Eisengitter getrennt von der Gemeinde. ihr Gesang ist so klar und rein. Ein Telefongespräch hätte ihre Verfolger mit Sicherheit auch hierher in diese Einsamkeit geführt. beendet hatten. Die altmodische Glocke schwang hin und her und läutete hell und laut. Ja. als sei er nicht von dieser Welt!« Catherine hörte jetzt das Singen. Catherine hatte natürlich darauf verzichten müssen. Sie fragte sich. In Augenhöhe befand sich eine kleine vergitterte Öffnung.

« Sie war eine ältere Frau. »Wir vermuten. Dort war es so still wie in einer Kirche. Man sah unter der Haube nichts von den Haaren. sagte sie. »Um diese Jahreszeit haben wir sehr selten Gäste«. fand Catherine. daß sie die Äbtissin des Klosters war. sie sah Garibaldi lächelnd an. Sie stellte sich als Mutter Elisabeth vor. erwiderte Garibaldi. Sie ging mit schnellen Schritten stumm vor den Besuchern her und führte sie über einen vereisten. obwohl…«. sie sehen zu 546 . Heutzutage heißt wohl niemand mehr Thomas von Monmouth. oder?« »Bestimmt nicht«. es könnte sich um ein Dokument oder um eine Handschrift handeln. dessen Perlen an ihrer Hüfte leise klackten. aber in gewisser Weise wirkte sie alterslos. »Sie kommen also. Wir nehmen niemals Männer auf. Ihr Gesicht hatte kaum Falten. »Oder etwas«. die Augen blickten hell und klar die zwei Besucher an. Seit Jahren hat niemand mehr darum gebeten. und der Schlüsselbund sowie ein großer hölzerner Rosenkranz. »Priester selbstverständlich willkommen sind. und es roch nach Zitronenöl. und eine alte. ihr Alter zu erraten. Einen Augenblick später kam eine andere herein. »Die Leute verbringen Weihnachten bei ihren Familien. erwiderte die Äbtissin und lächelte. Sie ist in einem hervorragenden Zustand und wunderbar illuminiert. Die Nonne verschwand durch eine Tür unter einem gotischen Bogen.Gitter. um Thomas zu sehen! Wir sind sehr stolz auf unsere Handschrift. »Was kann ich für Sie tun?« »Wir suchen jemanden«. Auch das erschwerte es. Die Stimme schien einer jungen Frau zu gehören. gepflasterten Weg und ein paar Steinstufen in einen Empfangsraum. gebückte Nonne öffnete die Pforte. fügte Catherine hinzu. und die Hände verschwanden in den langen weiten Ärmeln der schwarzen Ordenstracht. verrieten.

»Ich lasse Sie beide allein. »sehen Sie es sich an. Aber wäre es nicht wunderbar. wie das mit Legenden ist. in der Hoffnung. König Uther gefangenzunehmen…‹« Sie bewegte den Zeigefinger unter dem lateinischen Text entlang: »›… dux bellorum…‹« »Dux bellorum… Anführer der Krieger«. Bitte folgen Sie mir. Ein maschinengeschriebener Hinweis auf einem beigelegten Blatt Papier verriet. »König Arthur?« »So interpretieren wir es auch«. Offenbar handelte es sich um die Seite eines Buches. sagte sie.dürfen. sagte sie und nickte. nahm eine große Ledermappe heraus. »Bitte«.« Sie gingen durch stille Gänge. Es wird mir eine Freude sein. sie Ihnen zu zeigen. Im Laufe der vielen Generationen werden manche Tatsachen verdreht und mit Erfundenem vermischt. und die Farben der Malereien und der Inkunabeln hatten nichts von ihrer Leuchtkraft und Lebendigkeit eingebüßt. Die Mappe enthielt ein vergilbtes. aber gut erhaltenes Blatt Pergament. und erreichten schließlich die große Bibliothek mit einem gemütlichen Feuer im Kamin. und als die Stunde gekommen war. überfielen die Römer die Stanhengues oder den Ring der Kraft. wenn sich das auf König Arthur beziehen würde?« Sie ging zur Tür. daß es sich um ein Werk des Thomas von Monmouth aus dem zwölften Jahrhundert handelte.« Catherine übersetzte den Text und las ihn dabei laut vor: »›… an den Kalenden des Juni. legte sie auf den Tisch und öffnete sie. »Uther?« Er sah die Äbtissin fragend an. murmelte Garibaldi. Die Tinte war noch dunkel. Die Äbtissin schloß ein Kabinett auf. »Sie wissen ja. 547 . wo Statuen von Heiligen mit traurigen Augen unergründlich ins Leere blickten.

Es gab ein schreckliches Gemetzel an jenem Tag im Ring der Steine. die sich dort versammelt hatten. daß Sabina in Stonehenge war. und er stellte zu seinem großen Leidwesen fest. Wir sind stolz auf unsere Bibliothek.« »Wer ist Valeria?« »Vielleicht eine Druidenpriesterin. was Sie brauchen. »benutzen Sie alles. es waren mehr als fünfhundert. »Sabina war nicht mit Cornelius Severus verheiratet. Sie hieß Sabina Fabiana und hinterließ sechs Bücher über Zauberei und Alchimie. die ohne sein Wissen an dem Ritual der Druiden teilnahm. die später mit der Priesterin Valeria am heiligen Ort begraben wurden‹« »Wie bitte? Das kann nicht sein«. Die Römer schnitten allen die Kehle durch. fuhr Catherine mit der Übersetzung fort: »›… den Anführer der Britonen. Und…« Sie seufzte. »aber die Geschichte ist im Laufe der Jahrhunderte mit Sicherheit verändert worden. und sie stürzten sich auf die Druiden. daß er durch den Angriff seine eigene Frau verloren hatte. Wir wissen.« »Könnte das Begrabenwerden etwas mit dem Brunnen auf dem Sinai zu tun haben? Handelt es sich bei dem Skelett um Valeria?« »Vielleicht…« »Wie geht es weiter?« Catherine las die letzte Zeile. Und.damit Sie die Handschrift in Ruhe lesen können. darunter auch Kinder und Frauen. Die Frau des römischen Kommandanten Cornelius Severus befand sich unter ihnen. »›Über das siebte Buch. »wir haben leider nur sechs Bücher. 548 . sie wies freundlich auf den Raum. sagte Catherine.« Nachdem die Äbtissin gegangen war.« »Nein«. Thomas schreibt beinahe tausend Jahre nach dem Ereignis. Vater«. um an einem Druidenritual teilzunehmen. sagte Garibaldi.

denn es wurde nie geschrieben. in einem Punkt falsch. Garibaldi sah sie an und sagte ruhig: »Wo sollen wir als nächstes suchen? Wohin gehen wir von hier aus?« Das hing ganz davon ab. sagte sie nachdenklich. glauben Sie wirklich. und das. Befand sich darin vielleicht eine Beschreibung des Druidenrituals? Hatte Perpetua in einer römischen Garnison in Britannien gelebt und Sabina nach dem Überfall gepflegt? Hatte sie erleben müssen.von dem die Legende berichtet. daß die siebte Schriftrolle nur eine Legende ist?« »Der Bericht des Thomas von Monmouth ist. Sabina ist in Stonehenge getötet worden?« »Ich weiß nicht«. und da am Himmel dunkle Schneewolken hingen. was in der sechsten Rolle stand. war über achtzig gewesen. Sie ging langsam auf Kieswegen entlang. daß das siebte Buch nie geschrieben worden ist? Wenn in der Legende davon gesprochen wird. und betrachtete 549 . von denen der Schnee gefegt worden war. Garibaldi ging zum Nachmittagsgebet der Nonnen in die Kapelle. »Glauben Sie. daß das sechste ›Buch‹ sehr kurz war.‹« Sie sah Garibaldi nachdenklich an. Es gab keine Fahrgelegenheit zum Bahnhof. die diese Rollen diktiert hatte. es stimmt. ist nichts bekannt. Catherine machte auf dem großen Gelände einen Spaziergang. muß es existiert haben. ist reine Erfindung. wie wir gerade festgestellt haben. bot ihnen die Äbtissin an. »Ich muß immer noch eine Schriftrolle übersetzen.« »Catherine. daß Sabina trotzdem an ihren Wunden gestorben war? Aber die Sabina. wovon sie berichten.« Doch Catherine wußte bereits. Woher weiß er. die Nacht im Kloster zu verbringen.« »Viele Legenden sind nichts als Märchen. die Sabina in Britannien war höchstens dreißig. Also könnte er auch darin irren.

die man vor zweihundert Jahren im gotischen Stil errichtet hatte. daß in vier Tagen ein neues Jahrtausend anbrechen sollte. von den Nonnen angefertigte Stickarbeiten verkauft wurden. Catherine sah zum ersten Mal alle Bewohnerinnen des Klosters beisammen. die 550 . daß man tatsächlich an einen Chor der Engel hätte glauben können. Der Himmel über dem Wald wurde allmählich dunkel. wo im Frühling und Sommer Ahornsirup von Bäumen des Klosters und schöne. Catherine warf einen Blick durch das Schaufenster in den geschlossenen kleinen Laden. Im Büro der Äbtissin stand ein kleines Radio. nichts Gedrucktes. Die Äbtissin hatte gesagt.sich die gemauerten Gebäude und kleinen Häuser. daß Garibaldi bei ihnen war. Es muß die Vesper sein. Die Töne stiegen in die Winterluft und klangen von weitem so zart und schwerelos. der für sehr viel mehr Menschen gebaut worden war. dachte sie und erinnerte sich wehmütig an ihre Jugend. und die Nacht hüllte die Erde in eine schwarze Decke. daß es im Kloster keine Zeitschriften oder Zeitungen gab. Sie sah keine Bücher. das aber nur in Notfällen oder für den Wetterbericht eingeschaltet wurde. Das Kloster besaß nicht einmal ein Fernsehgerät. Es waren erstaunlich wenige und meist ältere Nonnen in der Tracht einer vergangenen Zeit. Es schien sie nicht einmal zu kümmern. Ansonsten erlaubten die Schwestern der Welt weder mit Nachrichten noch auf eine andere Weise hinter ihre hohen Mauern vorzudringen. Als Catherine zum Hauptgebäude zurückging. Die Äbtissin hatte zweifellos noch nie etwas von Catherine Alexander oder den Schriftrollen vom Sinai gehört. hörte sie die Nonnen bei der Andacht in der alten Kapelle und stellte sich vor. Sie hörte das Singen aus der Kapelle. Das Abendessen gab es in einem Speisesaal.

fragte sich Catherine. Dabei stellte sie sich die alten Frauen vor. Was geht in ihren Köpfen wohl vor. daß das Durchschnittsalter von Ordensschwestern bei fünfundsechzig Jahren lag. die sie im Speisesaal gesehen hatte. das sie hinter sich gelassen hatten. Mit einer Geste wurde um Salz gebeten. Sie und Garibaldi hatten der Äbtissin nichts über den wahren Grund ihres Besuchs gesagt. dem Tagesschlußgebet. die Gesichter den reinen. versuchte sie so unauffällig wie möglich die Nonnen zu beobachten. die vor vielen Jahrhunderten festgelegt worden waren. Catherine saß am Kamin und glaubte. um noch einmal die Handschrift des Thomas von Monmouth zu betrachten. daß jemand sie dabei überraschte. und versuchte. sondern zog sich in die Bibliothek zurück. engelhaften Stimmen 551 . gelesen zu haben. als sie vor vielen Jahren alles aufgaben. um herauszufinden. ein leises Klopfen mit den Fingerknöcheln war die Bitte um den Wasserkrug. was Sabina in Stonehenge widerfahren war. noch immer den Gesang der Nonnen zu hören.diszipliniert die Ordensregeln und Rituale befolgten. Sie nahm nicht an der Komplet. die sechste Schriftrolle zu lesen. Sie würde sich viel Zeit dazu nehmen. und bis jetzt hatte sich auch niemand danach erkundigt. Die Mahlzeit verlief in tiefem Schweigen. Während Catherine die herzhafte Suppe und das einfache Graubrot aß. Vor allem wollte sie nicht. teil. Danach wollte sie anfangen. das sechste ›Buch‹ zu öffnen und zum genauen Studium unter einer Lampe auszubreiten. die ihr scheu zulächelten. Hatten sie noch Gedanken oder Interesse für die Welt jenseits der Klostermauern? Dachten sie manchmal an das Leben. um Gott zu dienen? Bedauerte vielleicht eine von ihnen diese Entscheidung? Catherine erinnerte sich. Doch der Papyrus befand sich in einem schlechten Zustand.

durch die das irdische Dasein überwunden werden kann. Manche landeten auf den rautenförmigen Fensterscheiben und schmolzen dort. Sie schienen von der Welt vergessen zu sein. als seien Herz und Geist in dem Gesang zu höchster Vollkommenheit vereint. Schnee. und Catherine wurde klar. Es war schon spät. waren nicht Spitzen. als sie draußen im Gang die Äbtissin und Vater Garibaldi hörte. Catherine konnte sich vorstellen. zu einem richtigen Weihnachten gehört Schnee. Ein Spitzenvorhang bewegte sich vor dem Fenster. Ihre Stimmen kündeten von der Reinheit des Glaubens. und schob das sechste ›Buch‹ wieder in die blaue Nylontasche. Sie würden mitten in der Nacht geweckt werden und sich in der Kapelle zur Matin versammeln. Vater hat immer gesagt. die. dachte Catherine lächelnd. Kein Wunder. die nach dem Tod dieser gläubigen Schwestern die Tradition weiterführen würden. um sich mit dem Göttlichen zu vereinen. daß sie. weichen Flocken schwebten durch die Luft und sanken durch die stille Nacht. Trotzdem lebten die Nonnen für ihren Glauben – mehr brauchten sie nicht. sagte die 552 . Catherine zuckte zusammen. sondern tanzender Schnee. Die Nonnen hatten sich bereits in ihre Zellen zurückgezogen. Doch ihre Stimmen – es war. Die zarten. in die Nacht geblickt hatte. daß die Nonnen ihr Leben genau dieser Art Vollkommenheit weihten. Aber was sich vor ihren Augen bewegte. Die kleine Gruppe hielt kompromißlos an den Prinzipien des Glaubens fest. um sich auf der kalten Erde niederzulassen. daß es keine Novizinnen gab. Die Nonnen verbrachten ihr ganzes Leben in klösterlicher Stille. »Die Gästezimmer stehen immer bereit«. zu der Ekstase führen konnte. ohne zu sehen.zuzuordnen. die anderswo dem Fortschritt und der Verweltlichung zum Opfer gefallen waren. wie die Mystiker der unterschiedlichsten Religionen der Welt bewiesen hatten.

wieso?« »In Las Vegas waren Sie auch noch nicht.« »Was wollen Sie damit sagen?« »Sie haben einen Reisepaß. Gute Nacht. als Daniel ermordet wurde und wir aus Santa Barbara geflohen sind. eine Kreditkarte und Reiseschecks. Sie scheinen viel unterwegs zu sein. Wir frühstücken bei Tagesanbruch. Es waren die wenigen Dinge.« »Gefrorene Wasserleitungen«. Ich lasse Ihnen für alle Fälle von einer Schwester heißes Wasser bringen.« »Vater Garibaldi«. »zu unserem Gebet und beim Frühstück.Äbtissin. und Sie kennen sich in Washington nicht aus. murmelte Garibaldi und stellte ihre Sachen ab. die Wasserleitungen sind nicht eingefroren. als sie vor Catherines Zimmer standen. während sie Catherine und Garibaldi durch einen zugigen Gang führte. haben Sie gesagt. »Und Schnee! Wie können die Leute hier auch nur einen einzigen Winter überleben?« Er machte eine kurze Pause und sagte dann: »Catherine. Sie sind willkommen«. erwiderte sie. »an dem Abend. Es muß eine siebte Schriftrolle geben. »Aber im Augenblick sind Sie beide die einzigen Gäste. machen Sie sich keine Sorgen wegen des alten Thomas von Monmouth. fügte sie hinzu und sah Catherine freundlich an. und sah ihn prüfend an. Er rieb sich die kalten Hände und schüttelte sich. Ich hoffe. Sie seien noch nie zuvor in Kalifornien gewesen. die sie auf der Flucht immer bei sich hatten – die blaue Tasche.« »Das stimmt. und wir werden sie finden. Sabina kann nicht in Stonehenge gestorben sein. der Laptop und Garibaldis schwarze Reisetasche. wo zu Füßen von Heiligenstatuen kleine Votivkerzen flackerten. gleich nach der Prim. ohne auf seine Worte zu achten. schlafen Sie gut. Sie 553 .

« »Achtzehn Jahre!.« »Wo sind Sie dann gewesen?« Sie verstummte plötzlich. ich bin Priester. »Ich bin 1981 von dort weggegangen.« »Seit wann nicht mehr?« »Seit achtzehn Jahren«. Sagen Sie mir. Jetzt leben Sie nicht mehr dort?« Nach einer weiteren Pause. Sie leben in Chicago und sind an dieses Wetter nicht gewöhnt?« Er erwiderte kaum hörbar: »Nein. »O mein Gott«. daß ich mich täusche. Sie sind doch Priester. heute auf dem Weg zum Kloster haben Sie eine Bemerkung über den Schnee gemacht und gerade eben eine über gefrorene Wasserleitungen und den Winter im allgemeinen. Aber warum haben Sie mir gesagt… Vater Garibaldi. nein!« »Catherine…« Sie wich einen Schritt zurück. Stimmt das?« Er nickte langsam. und ihre Augen wurden groß. »Vater Garibaldi. »Ja.sind nach Israel und Ägypten gefahren.« »Ich verstehe nicht. »O mein Gott. »Ich bin dort aufgewachsen. lassen Sie uns in Ihr Zimmer gehen und darüber reden. aber in den Vereinigten Staaten kommen Sie offenbar nicht viel herum. nicht wahr?« Er wirkte plötzlich sehr niedergeschlagen. das bin ich nicht. »Vater Garibaldi. antwortete er tonlos: »Nein. es kann nicht sein. sagte er.« »Catherine.« »Lassen Sie es mich erklären. flüsterte sie.« »Aber Sie kommen aus Chicago?« Nach einer Pause sagte er.« 554 .« »Sie kommen vom Vatikan.

oder?« »Catherine…« »Antworten Sie mir. »Ich kann nicht glauben. wer ich bin?« »Ja. Sie zitterte so heftig. die Dinge. »Sie haben nur niemals die Wahrheit gesagt! Aber das ist natürlich keine Sünde. murmelte Catherine. wie der Boden unter ihren Füßen nachgab. »Aber warum? Ich meine…« Sie sank gegen die Tür. die ich Ihnen anvertraut habe! Mit keinem 555 . Mein Gott. daß ich darauf hereingefallen bin«.« »Sie Schwein!« Catherine holte aus und schlug ihm ins Gesicht. lassen Sie es mich erklären«. war das doch Zufall. nicht wahr? Und die erste Pflicht eines Priesters ist Gehorsam gegenüber seiner Kirche. um etwas zu erwidern. »Als ich Sie das erste Mal am Computer im Büro des Hotels gesehen habe… da wußten Sie bereits.»Sagen Sie es mir! Kommen Sie vom Vatikan?« Er setzte an. denn Sie hatten Ihre Anweisungen.« Sie spürte. sagte er und streckte die Hand nach ihr aus. Sie wich zurück.« Sie begann zu zittern.« »Bitte. es war kein Zufall. als wir uns im Hotel Isis getroffen haben.« »Nein…« Sie kämpfte mit den Tränen. »Die vielen Lügen… und ich habe sie alle geglaubt. »Rühren Sie mich nicht an.« »Nein.« »Ich habe nie gelogen. war ich gleich mißtrauisch. Als ich Sie zum ersten Mal gesehen habe. Sie hielt sich krampfhaft an der Türklinke fest. dachte einen Augenblick nach und sagte dann: »Ja. daß sie die Arme um ihren Oberkörper schlingen mußte. Ich hätte mich auf meine Intuition verlassen sollen. »Vater Garibaldi.

auf den ich mich verlassen kann. Ich habe Ihnen mein Innerstes offenbart! Ja. Sie seien der einzige Mensch. Garibaldi warf einen Blick in die Richtung. bitte. »Wer?« »Ich finde. das ist nicht wichtig. Sie arbeiten für die Inquisition. Reden Sie nicht länger darum herum! Die neue Bezeichnung ändert nichts an den Aufgaben und dem Vorgehen. Als die ganze Welt gegen mich war. Ich dachte. 556 . Das ist richtig. die auch meine Mutter vernichtet haben.« Sie beachtete ihn nicht. »Es gibt einen Grund dafür.« »Catherine. Wer hat Sie geschickt?« »Das ist nicht…« »Sagen Sie es mir. und das aus gutem Grund.« Sie preßte die Lippen aufeinander und sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an. nicht wahr? Warum sagen Sie es mir nicht?« Sie schloß die Augen und flüsterte: »Ich weiß es natürlich. »Catherine. ich habe nicht direkt mit der Kongregation…« »Mit der Inquisition. daß Sie es mir nicht sagen wollen.Menschen habe ich bis jetzt darüber gesprochen. gehen wir in Ihr Zimmer und unterhalten wir uns dort. daß wenigstens ein Mensch zu mir hielt. wo die Äbtissin verschwunden war. Und Sie arbeiten für diese Leute!« »Die Kongregation hat mich geschickt. Und jetzt habe ich nicht einmal mehr Sie!« Ihre Stimme hallte durch den Gang. für jene Leute.« In ihren Augen standen Tränen. Vater Garibaldi. »Wer hat Sie geschickt?« »Wer?« »Im Vatikan. wußte ich. ich hatte Angst.

Ich konnte in wenigen Stunden im Sinai sein. Sie haben in den Unterlagen nachgesehen und festgestellt. sich zu beherrschen. »hatte man mich nur geschickt. Ich bin kein Spion. »Ich mache Ihnen keinen Vorwurf. er hat sich an jemanden in Kairo gewandt.« »Und deshalb soll ich glücklich und zufrieden sein?« rief sie. daß Sie wütend…« »Was sollten Sie tun? Mir die Schriftrollen abnehmen? Oder mich durch schöne Reden gesprächig machen. der Kontakt zu Havers aufnahm. Der Vatikan überprüft jede Nachricht über das Auftauchen von Schriftrollen. Ich glaube. Ich bin nur ein Computerfachmann. Sobald meine Vorgesetzten hörten…« »Wie haben sie es erfahren?« Er strich sich mit der Hand über die Haare. Ich bin nicht Torquemada. Ich bin kein Inquisitor. Wahrscheinlich hat dieser Mann danach oder auch davor Kardinal Lefevre informiert. Das ist alles. Vielleicht hat man den Vatikan informiert. Catherine. bis Sie mir alle Informationen entlockt hatten. aber er wurde krank. den veralteten Katalog der Vatikanbibliothek zu computerisieren. Die Araber verkaufen Funde an private Sammler. die der Vatikan haben wollte?« »Ursprünglich«. als Hungerford sein Geschäft machen wollte. daß ich meinen Urlaub in Israel verbrachte. obwohl es ihn sichtlich Mühe kostete.Eigentlich sollte ein anderer Priester fahren. den man beauftragt hatte. weil er 557 . »Ich weiß es nicht. Es ist auch schon vorgekommen. erwiderte er ruhig. Ich war nur zufällig zum falschen Zeitpunkt am richtigen Ort. besonders in dieser Gegend. Catherine. daß die Beduinen Papyri zum Anzünden ihrer Lagerfeuer benutzt haben. um den Gerüchten von einem möglicherweise christlichen Jesus-Fragment nachzugehen.

hat man mich gefragt.« Sie sah Garibaldi an.« »Sie haben also Daniels Weihnachtsgeschenk zum Vorwand genommen…« »Ich bin Ihnen nachgereist. weil ich wissen wollte. man hat es mir befohlen.hoffte. es war nicht meine Idee. »Sie sind also die ganze Zeit bei mir geblieben. ob Sie gläubige Katholikin seien. »es war nicht Ihre Idee. Sie blickte in seine Augen.« »Nein. was in den Schriftrollen steht.« 558 . aber dann waren Sie plötzlich verschwunden. Vater Garibaldi«. Ich sollte dafür sorgen. was geschehen war. ich wollte Ihnen alles sagen. Catherine. ich sollte nach Rom zurückkehren. »Weil ich bei Ihnen bleiben wollte«. das habe ich Ihnen gesagt. Er hat mir aufgetragen. Ihnen aber nichts von den wahren Gründen zu sagen. aber Sie haben es getan. »Und was wollte der Kardinal erreichen? Sollte ich Sie zur siebten Schriftrolle führen?« »Nein. Ich hatte ein persönliches Interesse daran. daß Ihnen nichts zustößt. Der Hoteldirektor erzählte mir von dem Päckchen. und ich mußte das verneinen. sagte sie bitter. und begann wieder zu zittern. Catherine. Ich kenne die Einzelheiten nicht. Ein paarmal war ich nahe daran. Als ich mich am ersten Abend aus dem Hotel Isis in Rom meldete. das für Sie angekommen war. und es lag nicht in meiner Absicht. bei Ihnen zu bleiben. die Angebote in die Höhe treiben zu können. sagte er leise.« »Nein. Und… glauben Sie mir. die sie für klar und ehrlich gehalten hatte. Aber in der ersten Nacht habe ich Kardinal Lefevre angerufen und ihm berichtet. Ein anderer sollte geschickt werden. es zu tun. weil man es Ihnen befohlen hat?« fragte sie mit Tränen in den Augen. meinen Auftrag vor Ihnen geheimzuhalten.« »Und deshalb hat man Sie beauftragt zu spionieren.

« »Glauben Sie. Wenn dieser Text nicht christlicher Herkunft ist. wir wissen bis jetzt nicht einmal mit absoluter Sicherheit. als sich die ägyptische Regierung direkt an das Weiße Haus wandte. Das Ganze wurde sehr heikel. während ich schlief. Warum haben Sie es nicht getan?« »Weil wir keinen Beweis für den christlichen Ursprung der Schriftrollen hatten.Ihre Augen wurden groß. Außerdem sind die sechs ›Bücher‹ nach geltendem Recht Eigentum des ägyptischen Staates. daß es sich um christliche Texte handelt? Was dann?« »Ich weiß es nicht. Aber offiziell hat der Vatikan nichts mit der Sache zu tun.« »Das ist eine Behauptung. die Kirche wird sich über Beweise freuen. 559 . wo es möglich war.« »Warum hat der allmächtige Vatikan uns nicht geholfen.« »Und wenn wir Beweise dafür finden. hat die Kirche kein Anrecht darauf. »Sie waren mein Leibwächter?« »Ja. Vater Garibaldi. daß Frauen in frühchristlicher Zeit das Priesteramt ausgeübt haben?« »Catherine.« »Sie wissen. Das ist eine Frage der Diplomatie und der Rücksichtnahme auf Empfindlichkeiten.« »Wann hat man uns geholfen?« »Zum Beispiel mit Reiseschecks. Mir war klargeworden. als wir Hilfe brauchten?« »Man hat uns geholfen. daß es sich um christliche Dokumente handelt. Der Vatikan mußte neutral erscheinen.« »Sie hätten mir oft genug die Schriftrollen wegnehmen können. was dann mit den Schriftrollen geschehen würde. Ich sollte lediglich Bericht erstatten. Die Kirche würde sie vernichten.

Rom ist natürlich für seine Katzen berühmt!« »Es tut mir leid«.daß man uns durch den Leihwagen auf die Spur kommen konnte. wieso haben Sie die Informationen nicht weitergegeben und die Leute in Rom für uns suchen lassen? Sie hätten Tymbos wahrscheinlich gefunden. Leider wurde damit auch meine Kreditkarte ungültig. und deshalb hatte ich danach keine mehr.« »Ja«.« »Auch damit durfte der Vatikan nichts direkt zu tun haben. Catherine kämpfte immer noch mit den Tränen. all diese Augenblicke. mir die Wahrheit zu sagen?« »Ich habe jede Minute daran gedacht. sagte sie bitter. »Jetzt verstehe ich auch einige andere Dinge. daß die Unterlagen im Computer der Verleihfirma gelöscht wurden. Er hat veranlaßt. Zum Beispiel die kleine Katze in Mojave. Aber man hat dafür gesorgt. Also habe ich Kardinal Lefevre informiert. Vater Garibaldi. daß Chicago für seine Katzen berühmt sein sollte. flüsterte er. Sie hatten der ägyptischen Regierung etwas gestohlen. in denen wir uns nahe waren… Und Sie haben nie daran gedacht.« »Wenn der Vatikan uns geholfen hat. »Die ganze Zeit. Sie haben gesagt: ›Wir sind für unsere Katzen berühmt.‹ Ich fand das komisch. und ich durfte die Dreckarbeit machen. all die Nächte.« »Einiges davon habe ich übernommen«. um alle Rechnungen und auch die ServerGebühren zu bezahlen. Es wäre für den Vatikan nicht klug gewesen. die wir zusammen verbracht haben. weil ich noch nie gehört hatte. daß ich in Las Vegas Reiseschecks bekam. Ihnen zu helfen und Ihre Nachforschungen zu unterstützen. sagte er ruhig. »also hat man abgewartet. Und ich war 560 .

« »Haben Sie eine Vorstellung. als sei ich mißhandelt worden. Aber es war die Äbtissin. Noch schlimmer. »Julius! Du hast mir so gefehlt!« schluchzte sie und hielt ihn fest. in denen sie versucht hatte. Als sie Julius im Gang stehen sah. benutzt und betrogen. Sie haben einen Besucher. »Mutter Oberin«. »Dr. sagte sie. es zu tun. Ich hatte keine andere Wahl. ging in ihr Zimmer und schloß die Tür. sagte Catherine und trocknete sich mit 561 .« Als er ihr den Computer gab. Ich bin sicher. Geben Sie ihn mir. nicht zu weinen und trotz der maßlosen Enttäuschung ihr Ziel nicht aus den Augen zu verlieren.« »Catherine. dort vermißt man Sie. wiederholte er und sah sie traurig an. Aber ich durfte es nicht. »Bitte lassen Sie mich in Ruhe«.« Catherine öffnete die Tür.wirklich oft nahe daran. »Er gehört mir. Es war eine halbe Stunde her. als zu schweigen.« »Was sollten Sie tun. Es klopfte leise. seit sie Garibaldi die Tür vor der Nase zugeschlagen hatte – dreißig Minuten.« Sie drehte sich um. Alexander. sagte sie: »Sie werden nicht bei mir bleiben. warf sie sich weinend in seine Arme. »Geben Sie mir den Computer. ich möchte bei Ihnen bleiben.« Sie streckte die Hand aus. Es ist mir egal. Ich werde Sie jedenfalls nicht vermissen. nachdem ich die siebte Schriftrolle gefunden hatte? Sie mir wegnehmen?« Er schüttelte den Kopf. und Catherine blickte auf die Uhr. wie mir im Augenblick zumute ist? Ich komme mir vor. ich fühle mich verraten!« »Es tut mir leid«. wohin Sie gehen – vielleicht zurück zu Ihrer Gemeinde in Chicago. »Garibaldi… die Inquisition und…« Die Äbtissin räusperte sich diskret. »Nur Bericht darüber erstatten.

daß du hier bist. »Wenn es nicht zu große Mühe macht. Wenn ich die Bilder von dir in den Zeitungen und im Fernsehen gesehen habe… ich dachte. Julius. Dr.« Er legte den Arm schützend um sie und drückte sie an sich. »das ist mein Verlobter.« Die Äbtissin musterte ihn ruhig. »Ich habe meine ganze Hoffnung auf das Internet gesetzt. erwiderte die Äbtissin. ich habe die Handschrift des Thomas von Monmouth gelesen. Dr. Voss kann das Zimmer am anderen Ende haben«.« »Wir bleiben nicht hier. »Du hast keine Vorstellung. dich zu sehen!« Er starrte sie an. und am Ende ist das Wissen eines Gelehrten wie Rabbi Goldman 562 .« Jetzt würde alles gut werden. »Julius. Sie werden ebenfalls ein Zimmer brauchen…« Catherine nickte. Wie hast du sie eigentlich gefunden?« Er erzählte es ihr. »Wie siehst du denn aus?« Er berührte die kurzen weißblonden Haare. sagte Julius lächelnd: »Ich glaube. Da sieht man es wieder. und sie lachte. ich würde verrückt werden. Die Technik hat ihre Grenzen. in einem Kloster schickt sich das nicht. aber ich bin so froh. »Ich nehme an. und als sie sich voneinander lösten. Catherine zog Julius in ihr Zimmer und schloß die Tür. »Findest du es so schrecklich?« »Nein… anders!« Sie küßten sich lange. Voss.« »Vater Garibaldi ist an diesem Ende des Gangs. wie glücklich ich bin. »Es war ein Alptraum. Catherine.dem Handrücken die Tränen. Jetzt würde sie die Kraft haben weiterzumachen.

und seine Stimme wurde weich. und nicht. wir könnten sofort gehen. daß Sabina in Britannien gestorben ist.zuverlässiger. Es hat keinen Sinn. damit ich meine Suche fortführen könnte.« »Ich verlange nicht. Ich muß sehr selbstgerecht und überheblich geklungen haben.« »Catherine.« Sie sah ihn verständnislos an. »Nach Kalifornien? Warum sollte ich nach Kalifornien fliegen?« »Weil Thomas schreibt.« »Wir können nicht weg. wohin Sabina uns als nächstes führt. »Dieser letzte Abend bei mir zu Hause…. weiter danach zu suchen. Hör zu«. um dir zu zeigen. »Ich wünschte. bis wir wissen. damit ich sie abbreche. seine blaue Tasche stand auf dem Boden. daß du deine Suche abbrichst.« »Aber… ich dachte. und daß es keine siebte Schriftrolle gibt. wir bleiben nicht hier«. daß es sich in Wirklichkeit um die Schriftrollen handelte.« 563 . wenn wir bis morgen früh bleiben.« Er lächelte sie an. »Wir fliegen nach Kalifornien zurück. Julius. Thomas von Monmouth kann sich geirrt haben. Der Computer lag auf dem Bett. daß ich auf deiner Seite stehe. wie Catherine in den vergangenen zwei Wochen gelebt haben mußte. sagte er mit gerunzelter Stirn. »ich habe dir geholfen. zumindest so lange nicht.« Er seufzte und schüttelte den Kopf beim Gedanken daran.« Er sah sich in dem einfachen Zimmer um. Ich werde vielleicht ein paar Tage für die letzte Schriftrolle brauchen. Aber hier sind wir sicher. sagte er und faßte sie an den Schultern. niemand wird uns finden. Auf dem Tisch entdeckte er sein Buch Die Leiche im Moor. »Aber wahrscheinlich ist es besser. aber er wußte. es tut mir wirklich leid. du hättest mich hierher geschickt.

Dann hat das Fliehen und das Versteckspielen ein Ende. Ich habe alles in Ordnung gebracht. dir etwas zu tun. Dann kannst du weiterhin an den Schriftrollen arbeiten.« »In Ordnung gebracht?« Sie sah ihn verwundert an.« »Also gut«. werde ich nicht mit dir streiten. dann kann es zu spät sein.« »Und wie hilft mir das. niemand wird versuchen. du mußt dich nicht mehr verstecken. Ich habe die Lage mit ihnen besprochen. wenn ich mit der Übersetzung der sechs Bücher fertig bin.« »Das weiß ich erst.»Nein. »wenn du an das Vorhandensein eines siebten Buchs glauben willst. die Angst.« »Ich habe dich noch aus einem zweiten Grund auf die Handschrift hingewiesen. Du solltest mit eigenen Augen sehen. von den Killern 564 . die es ihnen ermöglicht.« »Julius. die Vorwürfe zurückzuziehen.« Andere Experten? Hilfe? Sie setzte sich an den Tisch und dachte nach. Hilfe anzunehmen. die Anschuldigungen gegen dich fallenzulassen. »Was meinst du damit?« »Du weißt. Andere Experten werden die Rollen analysieren. den ich liebe. die siebte Schriftrolle zu finden?« »Du wirst Hilfe bekommen. Aber dort bist du in Sicherheit.« »Es ist die einzige Möglichkeit für sie. daß ich die Leute im Ministerium in Kairo kenne. daß es keine siebte Schriftrolle gibt. und sie sind zu einer Lösung bereit. Vielleicht ist es Zeit. Das wird natürlich in Kairo und unter der Aufsicht ihrer Leute geschehen müssen. Aber du kannst nach Hause kommen. du hast nur wie der gewissenhafte Mann gesprochen. sagte er lächelnd.

bis alle Vorwürfe gegen dich entkräftet sind. »Das wird nicht möglich sein.« »Gut. ob es weitere Schriftrollen gibt oder etwas anderes.« »Eine neue Grabung?« »Der Brunnen. sagte sie nach kurzem Nachdenken. wer darin begraben liegt. »Vielleicht werde ich es tun. ihn aufzufüllen und zu versiegeln. Und ich will feststellen.« Er zögerte einen Augenblick und fügte dann hinzu: »Zumindest so lange.« »Warum?« »Man hat deine Erlaubnis gesperrt. Julius.« 565 . »Das kann ich ihnen nicht verübeln. der Brunnen sei einsturzgefährdet und Anweisung gegeben. das ist unmöglich. Ich will wissen. Ich habe ihre Gesetze übertreten. »Wird man mir erlauben weiterzumachen?« »Tut mir leid.« »Aber unter einer Bedingung.« »Warum nicht? Wenn ich den Ägyptern die Schriftrollen gebe…« »Der Brunnen wird zugeschüttet.« Sie sah ihn verständnislos an. »Warum?« »Man hat erklärt. Dann kann ich ungestört über Internet recherchieren.« »Wirst du es tun? Wirst du die Schriftrollen der ägyptischen Regierung übergeben?« »Ich werde es mir überlegen«. wem ich vertrauen kann. »Was ist mit meiner Grabung?« fragte sie. Ich muß mich nicht ständig fragen. was uns verrät -« Er schüttelte den Kopf.überrascht zu werden.« Sie seufzte.« »Welcher?« »Daß man mir eine neue Grabung genehmigt.

die man in 566 . »Ich bin froh. was hier gespielt wird. »Catherine…« Als er neben sie trat. »Es ist kein Unsinn. Garibaldi… »Catherine. dann verschwinden sie in einem Archiv. Sie schütten das Skelett der Frau zu. was ich dir vorausgesagt habe. wich sie vor ihm zurück. nach der siebten Schriftrolle zu suchen! Ich tue es nicht nur für meine Mutter und für Daniel. Es ist meine Pflicht. »Nein.« Catherine kniff die Augen zusammen.»Nein!« rief sie entsetzt. ob ich weitermache. sagte sie mit gepreßter Stimme. Julius. Ihre Hände und Gelenke waren gefesselt.« Sie schüttelte den Kopf. Dann wird diese arme Frau umsonst den Märtyrertod gestorben sein! Begreifst du das nicht. drehte sich abrupt um und trat ans Fenster. als man sie lebend in einen Brunnen hinabließ. man hat den freiliegenden Teil des Skeletts untersucht und erklärt. daß du mir das alles gesagt hast.« Der Vatikan. »Ich weiß. Wenn ich die Schriftrollen den Ägyptern überlasse oder dem Vatikan oder der Harvard University oder irgend jemandem sonst. die mit den Schriftrollen begraben worden ist… lebendig begraben worden ist. das ist Unsinn. Es ist genau das. »Wenn ich auch nur einen Augenblick unsicher gewesen sein sollte. dann gibt es jetzt keinen Zweifel mehr.« »Nicht von historische Bedeutung? Julius. es sei nicht von historischer Bedeutung. Die ägyptische Regierung wird unter Druck gesetzt. das dürfen sie nicht tun!« »Catherine. Julius«. und man wird nie mehr etwas von ihnen hören. die Frau kann eine frühchristliche Priesterin gewesen sein! Es könnten Dinge von ungeheurem historischen Wert mit ihr dort unten im Brunnen liegen. Julius?!« Er sah sie erschrocken an. Sie wollen die ganze Sache vertuschen. sondern auch für diese bedauernswerte Frau.

»Gut. dann ist es für immer. Aber ich kann nicht aufgeben. Julius wurde blaß. tu es nicht. und als er hinausging. schloß sie hinter ihm ab.« Sie hielt ihm die Tür auf. wenn du es so haben willst. alle Welt gegen mich aufzubringen. Ich tue es für Sabina. und wahrscheinlich habe ich auch dich verloren. 567 . der die Botschaft der Schriftrollen hören will. bitte. die letzte Rolle zu lesen. Sie schob jeden Gedanken an Julius und an Garibaldi beiseite und atmete bewußt langsam und tief. Ja. ich habe Regeln und Gesetze gebrochen. Julius.den Brunnen gestoßen hat.« Am liebsten hätte sie hinzugefügt: Und nimm Garibaldi gleich mit. zu deinen Regeln und deinen moralischen Grundsätzen und laß mich in Ruhe. Perpetua und Amelia und für jeden. Aber wenn ich jetzt aus diesem Zimmer gehe. Ich habe es geschafft. Geh zurück in dein sicheres Institut. Dann setzte sie sich an den Tisch und bereitete sich darauf vor. Jetzt nicht!« »Catherine.« »Flieg nach Kalifornien. das verspreche ich dir. Ich werde nie wieder in deinem Leben auftauchen.

DER FÜNFZEHNTE TAG 568 .

Sie hielt auf dem holprigen Weg das Steuer des Landrover fest umklammert. 28. Aber als sie nun auf dem schmalen steilen Weg. daß Kojote da draußen sein würde. ob hinter diesem unerwarteten Vertrauensbeweis vielleicht doch eine Absicht gestanden hatte. New Mexico Der Tag brach über der Wüste an und schenkte der kalten schlafenden Welt sein goldenes Licht. Auf der Hochebene angekommen. Und tatsächlich entdeckte sie 569 . Sie wußte intuitiv. stellte sie den Motor ab und blickte sich suchend um. Im Westen war der Himmel noch nachtblau. Sie hatte keinen Beweis. wie es eigentlich nur in Filmen zu sehen war. Es hatte sie gerührt und beeindruckt. um zu beten. daß kaum jemand diesen geheimen Platz kannte. und noch leuchteten dort ein paar Sterne.Dienstag. weil er hoffte. immer weiter nach oben fuhr und die Ebene immer weiter unter ihr zurückblieb. den Sonnwend-Kachina damit zur Rückkehr aus der Unterwelt zu bewegen. Als er vor ungefähr einer Woche Erika zur Cloud Mesa gebracht hatte. daß Kojote hierher gekommen war. Erika achtete nicht auf die Schönheit der Natur. Dezember 1999 Santa Fe. verriet er ihr. daß der alte Schamane. einer weißen Amerikanerin ein solches Geheimnis anvertraute. der dicht an der rauhen Felswand entlangführte. der Häuptling der Sippe. aber seine Familie und die Polizei hatten bisher vergeblich nach ihm gesucht. Aber der östliche Horizont strahlte in majestätischem Glanz. fragte sie sich.

den Schamanen: Er saß mit dem Gesicht nach Osten und gekreuzten Beinen auf einem Felsvorsprung am Rand der Mesa. er war tot. Seine langen weißen Haare waren nicht geflochten. sondern wehten im Wind. Sein Körper war mit Lehm bestrichen. Aber er betete nicht. 570 .

daß sich Schwester Gabriele nicht einmal die Zeit genommen hatte. worum es geht. sagte er mit tiefer Stimme. »Wir würden gern die Äbtissin sprechen. Vermont Schwester Gabriele lief so schnell es ihre beinahe achtzig Jahre erlaubten und schüttelte verständnislos den Kopf. Geduld. In der ganzen Geschichte des Klosters hatte die Glocke der Pforte bestimmt noch nie so stürmisch geläutet. »FBI. die im hohen Schnee standen. dem mußten die Höllenhunde auf den Fersen sein.« 571 .Kloster Greensville. Es ist gegen unsere Regeln…« »Wir haben Grund zu der Annahme. Sie schob die Holzklappe vor der vergitterten Öffnung zurück und spähte hinaus. den Umhang über die Schultern zu legen. und sie konnte nur mit Mühe die Gestalten von drei oder vier Männern erkennen.« Wer immer da draußen stand. Wir müssen in das Kloster. aber Sie müssen mir schon sagen. daß sich jemand bei Ihnen aufhält.« Schwester Gabriele sah einen Polizei-Ausweis. »Geduld. und deshalb zitterte sie jetzt vor Kälte unter dem schwarzen Habit. Eisige Morgenluft schlug ihr ins Gesicht. Der Mann hieß Strickland. Der Besucher läutete so stürmisch. der polizeilich gesucht wird. murmelte sie. Schwester. ich komme ja schon. Die Welt lag noch im Halbdunkel. Einer der Männer hielt ihr etwas vor das Gesicht. »Bitte öffnen Sie.« »Es tut mir leid. »Worum handelt es sich?« fragte sie. »Benedicte«. Schwester«. als sie in den verschneiten Hof hinauseilte.

»Möglicherweise sind es auch drei. sagte der Beamte. »Haben Sie einen Durchsuchungsbefehl?« Die Männer vor der Pforte wurden ungeduldig. »Wen suchen Sie?« Der Mann vor dem Tor hielt ein Photo hoch. Dann bekreuzigte sie sich und fragte: »Was hat sie getan?« »Sie wird im Zusammenhang mit zwei Morden gesucht…« »Morde!« Die beiden Nonnen bekreuzigten sich. Sie suchen jemanden. Strickland. Alexander nur ein paar Fragen stellen. Mr. mein Herr«. »Haben Sie diese Frau gesehen?« Die Äbtissin blickte lange und prüfend auf das Bild. »Was gibt es. Schwester Gabriele? Wer hat geläutet?« »Es ist die Polizei. sagte sie. »Verzeihen Sie. »Nun gut«. und wir wollen Dr. um sie zu verhaften. »es ist sehr kalt hier draußen. Wir sind nicht gekommen.« Nach erneutem Geflüster lief Schwester Gabriele eilig über den Hof zurück.»Gütiger Himmel!« Schwester Gabriele hörte. 572 . »Schwester«. Normalerweise haben Männer hier keinen Zutritt.« Die Äbtissin räusperte sich und nahm den Platz hinter dem Gitter ein. Würden Sie bitte das Tor öffnen?« Die beiden Frauen flüsterten kurz miteinander. der Strickland hieß. dann sagte die Äbtissin. Außerdem hat sie Eigentum einer fremden Regierung entwendet. schob den schweren Riegel zurück und öffnete die Pforte. das sie im Dämmerlicht kaum sah. »Aber bitte nur Sie. daß der Schnee hinter ihr unter eiligen Schritten knirschte. sagte die Äbtissin. und dann die Stimme der Äbtissin.« Strickland bedeutete seinen Kollegen mit einer knappen Bewegung zurückzubleiben. Mehr als einer von Ihnen würde die Ruhe des Klosters stören.

und die Äbtissin musterte den Beamten.« Er seufzte. Mr. wo Vater Garibaldi. als er ihr zum Hauptgebäude folgte. als sei er schon zu lange in seinem Beruf. daß ich die FBI-Dienststelle in Montpelier anrufe. klopfte leise und rief: »Frau Dr. Strickland. Catherine und Dr. Voss am Abend zuvor Zimmer bezogen hatten. »Gibt es noch einen Ausgang?« »Nein. um Ihre Identität zu überprüfen. Sie streckte die Hand aus. Vor Catherines Tür blieb sie stehen.« Sie lauschten auf eine Antwort.« Er gab ihr den Ausweis. Wir suchen diese Frau schon seit zwei Wochen. Sie müssen in den Nachrichten davon gehört haben. »Es ist mir unangenehm. Strickland.« Fünf Minuten später führte die Äbtissin ihn durch den Gang des Gästeflügels. aber ich habe meine Befehle. Die Äbtissin klopfte etwas energischer. Mr.« »Könnte sie auf der Toilette. Er war ein korpulenter Mann Mitte Fünfzig mit einem geröteten Gesicht und einem Ausdruck geduldigen Leidens. ich meine im Badezimmer sein?« »Alle Zimmer haben in den fünfziger Jahren eigene 573 . sagte er. »Darf ich bitte Ihren Dienstausweis sehen?« »Selbstverständlich. Er duftete schwach nach Kaffee und Zigarettenrauch.« Sie traten in die warme Vorhalle. »Frau Dr. Sie zu stören. Alexander? Sind Sie wach? Sie haben einen Besucher. »Sie haben doch sicher nichts dagegen. »Das steht Ihnen frei. Schwester«. Alexander? Sind Sie da?« Strickland sah sich um.»Es tut mir wirklich leid. und zu uns dringen auch sonst keine Nachrichten von draußen.« »Wir hören hier kein Radio.

»Frau Dr. Wir finden sie. Alexander weggegangen wäre. Alexander. was sie bei sich hatte?« Die Äbtissin seufzte und warf einen Blick auf die Sachen. Wir wollten 574 . daß jemand darin geschlafen hatte. der kalte Wind blies herein. sagte Strickland und fügte mit einem Blick auf die Äbtissin hinzu: »Bitte…« Die Äbtissin griff nach dem Schlüsselbund an ihrer Hüfte und schloß die Tür auf. Alexander muß diesen Weg benutzt haben. ist alles in Ordnung mit Ihnen?« »Schließen Sie auf«. »Sie wird nicht weit kommen. sagte er. das ist alles. als hätte sie jemand gewarnt.« Es gab ein schreckliches Gemetzel im Ring der Steine. Das Fenster stand offen.« Strickland blickte hinaus in den verschneiten Wald. »Ich glaube. »Und das ist der einzige Zugang?« »Wenn Dr. »Frau Dr.« Er blickte über die Schulter zurück. Dabei war es eine friedliche Versammlung. sagte Strickland und ging durch das kleine Zimmer. Die Äbtissin trat zum Fenster und blickte hinaus. Auf dem Boden unter dem Tisch entdeckten sie eine blaue Tasche. »Ja«. sagte sie. »Ihre Kleider sind noch hier.« Die Äbtissin klopfte noch einmal. sogar ihre Schuhe«. Sie wird da draußen erfrieren!« »Sie hatte es offenbar eilig«. Auf einem Stuhl lagen Kleider und Toilettenartikel.« Er musterte die Äbtissin mit zusammengekniffenen Augen.Bäder bekommen. »Es sieht ganz so aus. hätten wir sie gesehen. Auf dem kleinen Tisch sahen sie einen Laptop mit dunklem Bildschirm. das zerknitterte Bettzeug wies darauf hin. »Ist das alles.

Meine Freundin Claudia fand durch einen britonischen Speer den Tod. vor dem ich mich schon so lange gefürchtet hatte: Cornelius Severus wurde in die Kolonie Agrippina oder ›Colonia‹. Wir hielten Ausschau nach 575 . und das Knarren der Planken. die uns angriffen. und das war mir ein gewisser Trost. Und so befand ich mich auf einem der sechs Schiffe des Cornelius Severus. wie sie auch genannt wird. wenn nicht Cornelius Severus rechtzeitig mit seiner Legion eingetroffen wäre. damit wir nicht möglicherweise alle drei gleichzeitig ums Leben kommen würden. wenn auch nur Frauen und Kinder. Es waren Britonen. erfüllte Furcht mein Herz. wenn die Sonne direkt auf dem Altar aufgeht. und ich suchte Trost und Hoffnung in den Worten des Marienbriefes. Tagelang hörten wir nur die Geräusche der Segel und der Ruder. Das bedeutete: Wir mußten zu den wilden Barbaren. Deshalb waren wir bei Reisen durch kriegerisches Gebiet oder unter gefährlichen Umständen nie zusammen. Aber sie gehörte zu jenen. Viele starben an diesem Tag. Und dann. Ich las ihn jeden Tag meinen Mitreisenden vor. Ich trug das Kreuz des Hermes auf der Brust. denn einige von uns waren Römer. die ebenfalls mit Angst der Zukunft entgegensahen.nur der besonderen geistigen Kraft dieses Platzes unsere Ehrerbietung erweisen und das Wunder der Sommersonnenwende erleben. Alles war ruhig. Als wir Britannien verließen und uns auf die Reise über die Nordsee in das Land der Germanen begaben. dann kam schließlich der Tag. Philos war ein vorsichtiger Mann. Amelia. und wir hätten alle das Leben verloren. die ins Wasser tauchten. die inzwischen dem Weg des Gerechten folgten. Philos auf einem anderen und unser Sohn mit seiner Amme auf einem dritten. Danach hielt ich mich von den Druiden fern. an den Rhein versetzt.

während die Seeleute Wasser schöpften und alles taten. daß die Fluten über uns zusammenschlugen. Bald trafen Meer und Himmel in einem gewaltigen Mahlstrom zusammen. die dieses Meer im Norden heimsuchen. die in die Wogen stürzten. Wir sahen. die Masten splitterten. Viele lagen auf den Knien und beteten. Wir hörten bebend das laute Wiehern der Pferde. Tiere und alles Gepäck wurden über Bord geworfen. Die Böen kamen von allen Seiten. wie Männer über Bord gespült wurden. Die Leute an Bord gerieten in Panik und waren der Schiffsbesatzung nur im Weg. und wir wurden auf dem Deck hin und her geworfen. Hohe Flammen schlugen daraus 576 . Das Schiff war zu schwer. wie sich am Horizont riesige dunkle Wolken zusammenballten. Nun war das Schiff zwar leichter. Wir sahen plötzlich. Doch wir begegneten keinem feindlichen Schiff. Der Kapitän kannte die tückischen Untiefen in dieser Gegend. Statt dessen überfiel uns ein sehr viel mächtigerer Feind. die Segel zerrissen. die Küste Galliens überfallen und friedliche Siedlungen plündern. Unsere Schwesterschiffe hatten wir schon lange aus den Augen verloren. so daß wir schließlich keines der anderen fünf mehr sahen. immer höher und nahmen den Männern am Steuer jede Sicht. und ein tobender Wind aus Süden trieb uns vom Kurs ab. aber plötzlich tauchte eines wieder auf. Vor uns tauchten schließlich Inseln mit zerklüfteten Klippen auf. aber er wußte nicht.Seeräubern. Das Gefolge von Cornelius Severus war nicht mit dem Meer vertraut. um zu verhindern. doch der Laderaum stand unter Wasser. Vorräte. brach der Sturm über uns herein. Der Sturm jagte unsere schwachen Schiffe über das wogende Meer und zerstreute sie in alle Richtungen. die Wogen schlugen höher. wie er das Unheil verhindern sollte. Noch ehe wir uns richtig vorbereiten konnten. Lasten.

wie sich ein riesiger Wellenberg vor uns auftürmte und die Wassermassen über uns zusammenbrachen. Sie hatte von einem ›Berg aus Wasser‹ gesprochen und gesagt: ›Wenn sich das Meer in den Himmel erhebt…‹ Als das Schiff sank. In diesem Augenblick der Verzweiflung erinnerte ich mich an die Prophezeiung der Hekate-Priesterin in der Nacht meiner Geburt. 577 . Die Wogen schleuderten es gegen ein Riff.empor. Philos war auf diesem Schiff gewesen. Es trieb hilflos auf dem tobenden Meer. es brach auseinander und ging mit der Besatzung und allen Reisenden unter. Ich sah. Dann trieb die böse Macht des Verderbens unser Schiff auf die felsige Landspitze zu. galt mein letzter Gedanke meinem Sohn und meinem Mann. um uns alle in das nasse Grab zu reißen.

DER SECHZEHNTE TAG 578 .

als gesät und gepflanzt wurde und die Männer auf die Jagd gingen. Als die Sippe mich fand. als sei alles in mir zusammen mit meinem Mann und meinem Sohn gestorben. mit denen ich gereist war. und meine Erinnerung kehrte zurück. wie viele meiner Mitreisenden sich in der gleichen Lage befinden mochten. dann wurde es Winter. Ich suchte nach Mitteln und Wegen. die verstreut vor dieser Küste liegen. fand aber keine anderen Überlebenden. wie es kam. denn sie hatten die Alpträume meiner Kindheit bevölkert. und ich hielt Ausschau nach Rauchsignalen von den fernen Inseln. Dezember 1999 Ich weiß nicht. zu den Römern 579 . mit der niemand sprach. lag ich auf einem felsigen Strand. um mich gesundzupflegen. Ich hätte vor diesen Barbaren aus dem Norden entsetzliche Angst haben sollen. Ich suchte das schreckliche Ufer zwei Tage und eine Nacht lang ab. Aber ich bekam zu essen und lebte warm und trocken im Haus einer Frau. die sich über meine Gesellschaft zu freuen schien. und über mir schien schwach die Sonne. Ich blickte über die Inseln. um ein Feuer zu entzünden und so ein Signal zu geben. Ich bat darum. daß ich keine Angst empfand. Schweine und Hunde. Ich sah tote Pferde.Mittwoch. war ich völlig entkräftet und hatte hohes Fieber. Aber der Schock hatte mich so betäubt. 29. und fragte mich. Die Sippe verläßt ihr Winterlager nie. Es war. daß ich überlebte oder wie ich ans Ufer gelangte. Aber ich sah weder Rauch noch ein Feuer. und so mußte ich. Aber als ich aufwachte. Auf den Steinen lagen die Leichen von Menschen. Sie brauchten Monate. kam ich allmählich wieder zu Kräften. im Lager bleiben. Als der Schnee schmolz. eine Außenseiterin.

Alles wurde bereitwillig geteilt: der Herd. und daß feindliche Stämme das Gebiet zwischen uns und der römischen Grenze durchzogen. Sie reden und lachen. daß wir uns weit entfernt von allen römischen Vorposten befanden. Sie war die weise Frau der Sippe. und sie lauschen den Geistern der Winde. Sie sind zwar groß. Waren das wirklich die Barbaren. und man ließ mich auch nicht allein ziehen. und an die Berichte über die schreckliche Grausamkeit der Barbaren. Die Sippe wollte ihre Sicherheit nicht meinetwegen gefährden. Die Germanen schreiben den Frauen prophetische Kräfte zu. die sie besonders verehren. Ich mußte immer wieder an die Geschichten denken. frischem Wildbret und Sauermilch bewirtet. So blieb ich für mich. aber es sind ruhige Menschen. so wie ich einst Satvinders Sprache gelernt hatte. den 580 . die Tür zu weisen. Allmählich lernte ich Freidas Sprache. Die Männer suchen oft ihren Rat und befolgen ihn auch.gebracht zu werden. ist Odin. Nahrung. Besitz – und der Gast wurde mit wilden Früchten. viele haben rotgoldene Haare und wilde blaue Augen. Die Gottheit. die mir meine Amme als Kind erzählt hatte. Aber ich war auch neugierig. von denen ich gehört hatte? Die Frau. die mich gesundpflegte. denn diese freundlichen Menschen entsprachen nicht ganz den Ungeheuern meiner Vorstellung. Bei seiner Abreise ließ der Gast ebenfalls Geschenke zurück. hieß Freida. daß ihnen die Gastfreundschaft heilig war: Es galt als ein Verbrechen. jemandem. der zu ihnen kam. und Freida lehrte mich die Sitten und Bräuche ihres Volkes. Also konnte ich nur bleiben und abwarten. Ich stellte fest. pflanzen Korn und ziehen ihre Kinder groß. Aber sie gaben mir durch Gesten und mit in die Erde geritzten Zeichnungen zu verstehen.

sondern die Nächte des zunehmenden und abnehmenden Mondes. Freida sagte mir. Statt dessen weihen sie den Göttern heilige Haine und besondere Plätze. Aber es gibt keine Bildnisse von ihm. wie man Blutungen nach der Geburt mit einem Aufguß von Misteln stillt. sagte Freida. Ich sah im Geist eine römische Trireme mit der 581 . Als ich ihr sagte. daß die Britonen die Mistel verehren. Die Tage sind alle gleich. Er war ein mächtiger Gott. weil sie einen Gott zu Fall bringen konnte. Ich zeigte Freida und den anderen Frauen. erzählte sie mir die Geschichte von Baldur. weil zu der Zeit. alle Metalle und Krankheiten Frigga. Sie zählen bei ihrem Kalender nicht die Tage. Ich stand jeden Tag am Ufer und blickte sehnsüchtig über das Meer. dem ein Pfeil zum Verhängnis wurde. Baldur niemals zu schaden. So erwarb ich mir allmählich Achtung und die Anerkennung der Sippe.die Römer Merkur nennen. denn sie besitzen keine. den Gesichtern der Götter menschliche Züge zu geben. ihr Volk ehre im Namen der Gottheit das. Sie sagte. Vollmondnächte und Neumondnächte gelten als heilig. den Philos ›Belladonna‹ genannt hatte. wie sie mit Hilfe von Blättern und Wurzeln des schwarzen Nachtschattens. Das geschah. Und so verehre man bei den Völkern im Norden die Mistel. schwören mußten. Ich suchte vergeblich die Statuen ihrer Götter. der aus der Mistel gefertigt war. Es vergingen Monate und schließlich ein zweites Jahr. Fieber senken und Schmerzen lindern konnten. was nur mit den Augen des Glaubens sichtbar sei. als alle Pflanzen und Tiere. Freida zeigte mir. der Großen Göttin. Sie bringen Glück und sind aus dem Alltag herausgehoben. die bescheidene Mistel wegen ihres unauffälligen Aussehens übergangen wurde. es stehe den Menschen nicht zu.

und ich blieb bei der Sippe. ob sie gehört hätten.Flagge des Cornelius Severus auftauchen. ich würde nie mehr etwas anderes als Schmerz und Leid fühlen. das Dorf zu verlassen. mein Glaube habe mich gerettet. und ich dachte. und so zog ich aus dem Wissen Trost. weil viele Germanen römische Speere trugen. daran zu denken. Und allmählich setzte eine Art Heilung ein. abends Gebete an den Gerechten zu sprechen. Ich mußte daran denken. Aber sie konnten mir nie etwas darüber sagen. der einzige Mensch auf dem Schiff. Lange Zeit ließen mich mein Leid und mein Schmerz nicht los. Das bedeutete. daß die Römer eine Frau suchten. daß Philos gestorben war. überlebt hatte. Meine Trauer war so greifbar. Der Beweis dafür schien zu sein. erkundigte ich mich. daß ich. was für einen schrecklichen Tod er erlitten haben mußte. Die feindlichen Stämme in der Umgebung hinderten mich daran. Mein Heimweh wuchs. Doch die Jahreszeiten kamen und gingen. Als die Zeit verging. daß mich jemand von Freidas Leuten zur Grenze brachte. Ich sah Philos an Deck und Pindar an der Hand seiner Amme. und machten es unmöglich. Ich hörte eine vertraute Stimme. meine 582 . ich war auch kinderlos. ob zu Hause alle glaubten. Doch ich konnte nicht aufhören. Ich war inzwischen überzeugt. denn ich wurde ständig an Rom erinnert. daß wenigstens mein Sohn in das Reich des Gerechten eingegangen war. Und Pindar konnte den Sturm mit Sicherheit nicht überlebt haben. Wenn Besucher in das Dorf kamen. auch ich sei tot. ohne zum Weg gefunden zu haben. der an den Weg des Gerechten glaubte. Rückblickend. das wußte ich. als sei sie ein Teil von mir. daß es mir erschien. also war ich Witwe. fragte ich mich. Philos war tot. Pindar hatte ich gelehrt. die mich rief.

leben ewig«. was er gesagt hatte. und von ihr lernte ich. sagte ich ihnen. daß sie alle fromme Menschen waren. mich zu ihrem Glauben zu bekehren. von dem. Allerdings versuchten sie auch nicht. Leider war der Brief der Maria mit dem Schiff untergegangen. Ich zeigte es der Sippe und erklärte. den Göttern nahezukommen und die Ehrfurcht vor dem Unsichtbaren zu bezeugen.liebe Amelia. wie man eine Geschichte ausspinnt. Ich berichtete von seinen Wundern. die die Zuhörer viele Nächte lang in Bann hält. Und ich erzählte von dem Sturm auf dem Meer und dem Schiffbruch. Freida war auch die Erzählerin der Sippe. eine Verkörperung des Höchsten ist. der jedes Jahr stirbt und wiedergeboren wird. sie 583 . aber in Wirklichkeit hörten sie mich nicht. indem ich andere am Glauben teilhaben ließ. »Wir. erkenne ich die Anmaßung dieser Vorstellung. Ich sprach zu ihnen von dem Gerechten. Sie hörten mir zwar zu. Wie Satvinder. bei ihren Ritualen in den heiligen Hainen anwesend zu sein. so wie ich ihn von Antiochia nach Indien und von Alexandria nach Britannien mit mir genommen hatte. Das gelang mir. so hatte auch Freidas Volk eine eigene Art. Aber ich war jung und mußte noch vieles lernen. doch ich wußte. obwohl mir gestattet wurde. wie die Buddhisten in Alexandria. Ich lehrte sie. daß der Glaube an den Gerechten. Aber ich hatte immer noch das Hermes-Kreuz. Ich erkannte zwar. daß Hermes. wie Claudia und die Druiden. Ich blieb meinem Glauben in diesem barbarischen Land treu. daß Frieden und Vergebung die Heimkehr in sein Reich möglich machen werde. die wir an den Weg glauben. und daß sein Wort das Universum geschaffen hat. und von seinen Gleichnissen. den nur ich überlebt hatte. von den Heilungen und dem größten Wunder von allen: Er hatte den Tod überwunden.

tapferen. in den dunklen Wäldern. wo die anderen Stammesangehörigen zurückgeblieben waren. Und dort. Endlich.waren irregeleitet. gottgleichen Sigmund… 584 . wo die Germanen von den Römern Land zurückgewonnen hatten. Es erreichten uns Nachrichten von heftigen Kämpfen zwischen den Stämmen im Westen. um mir die uralten Steine zu zeigen. In diesem Wald gab es einen heiligen Platz. war es mir bestimmt. Freida warf die heiligen Runenstäbe auf ein weißes Tuch und deutete die Zeichen. Und ich sagte mir. Freidas Sippe zu bekehren. so erklärte sie. seien besiegt. das Schicksal habe mich zu ihnen geführt. und gründete in der barbarischen Wildnis im Norden eine Gemeinde. Freida war wieder mit ihrem Sohn zusammen. Sigmund zu treffen – meinen schönen. nachdem die Streitigkeiten sie von der Sippe getrennt und eine Wiedervereinigung lange unmöglich gemacht hatten. so hieß es. konnten wir näher zur Grenze ziehen. die ihr Volk verehrte. So ging ich daran. Die Feinde der Sippe. zu dem mich Freida führte. So erreichten wir schließlich den Wald. weil die Botschaft gerade hier gebraucht werde.

Die Inschrift in einer gewölbten Nische am Fuß der Statue verriet.Detmold. den die Römer unter dem Namen Arminius gekannt hatten. Schilder mit der Aufschrift: Vorsicht! Glatteis! ermahnten die Besucher. Der Text der Inschrift war lateinisch und deutsch und lautete: ›Im Kriege nicht besiegt‹ Außer ihr befand sich niemand am Denkmal. auf den Weg zu achten. daß es sich um Hermann handelte. tapferen. sechsundfünfzig Meter hohe Statue. Vor ihr auf einer Säule stand ein gottgleicher Mann mit langen Haaren und einem wilden Bart. Catherine war die beinahe vier Kilometer vom nahe gelegenen Detmold hierher zu Fuß gegangen. Mit einer Hand stützte er sich auf seinen Schild. Unter ihr lag ein zugefrorener See. Sigmund zu treffen – meinen schönen. mit der anderen hob er das Schwert hoch in die Luft wie einer der Helden von Wagner. Ist das Sigmund? dachte Catherine. Deutschland »Und dort. Er trug ein kurzes Gewand. war es mir bestimmt. Nun stand sie unter dem dunkelgrauen Himmel und blickte über die sanft gewellten und dicht bewaldeten Hügel des Teutoburger Waldes. gottgleichen Sigmund…« Catherine blickte auf die gewaltige. Er sagte. Dieser germanische Krieger hatte Cäsars Legionen in einer Schlacht besiegt. in den dunklen Wäldern. 585 . die den Lauf der Geschichte veränderte. einen Lederumhang und auf dem Kopf einen geflügelten Helm. als sie sich nach dem Hermannsdenkmal erkundigte. Der Mann am Bahnhof hatte sie erstaunt angesehen.

Da Catherine der älteren Frau überhaupt nicht ähnlich sah und auch nicht annähernd in ihrem Alter war. wo es warm sei. sie vor dem tückischen Glatteis gewarnt und ihr geraten. Da wußte sie. Catherine hatte ihre 586 . daß Sabina nicht in Britannien gestorben war. Sie hörte ein Schweigen. den sie erst vor kurzem für eine Reise nach Rom hatte verlängern lassen. den Picknick-Bänken und Tischen weiße Hauben aufsetzte. vielleicht lieber in den Detmolder Hof zu gehen. Catherine sprach noch am selben Abend mit der Äbtissin über ihren Plan. Nackte schwarze Strichfiguren ragten aus einer weißen Decke. Es war ein dichter Wald. Auf der Erde lag hoher Schnee. an dessen Bäumen allerdings keine Blätter hingen. Doch Catherine war in den Hermannswald gegangen. Nachdem Julius sie im Kloster gebeten hatte. hatte Catherine das erste Blatt der sechsten Schriftrolle gelesen. Er hatte ihr den Führer gegeben. das sich von allem unterschied. weil es keine siebte Schriftrolle gäbe. Die Äbtissin kannte nicht die ganze Geschichte.nur wenige Amerikaner fragten jemals danach und mitten im Winter schon gar nicht. Die ehrwürdige Mutter gab ihr einen Habit und den eigenen Reisepaß. wo Sabina mit Freida gewesen war und wo sie Sigmund getroffen hatte. wo Sabina von dem Aufbruch nach Germanien berichtete. mußte sie sich nach ihrer Ankunft in Frankfurt bei der Paßkontrolle auf ein großes Taschentuch und einen verschlafenen deutschen Beamten verlassen. Außer Catherines Fußabdrücken gab es keine Spuren im Schnee. daß die Geschichte weiterging. der den Ästen und Zweigen. was sie jemals gehört hatte. mit ihm nach Kalifornien zurückzufahren. Den Rest sah sie in seinen Augen: Und vor allen keine Nonne im schwarzen Habit mit einer weißen Haube.

wo sich die Familien um das Feuer versammelt und den Geschichten ihres Volkes gelauscht hatten. und man fand das nicht von Bedeutung – auch Julius nicht. bei sich trug. Dabei brauchte sie nicht viele Worte zu machen. Garibaldi hatte nichts von ihrem Plan erfahren. Am Saum ihres schwarzen Rocks hingen kleine Eisklümpchen. Liebe und Glaube… Catherine beobachtete einen großen Raubvogel. und hier wurde ihr Glaube auf die Probe gestellt. dachte Catherine. der am grauen Himmel still seine Kreise zog. Hier hat sie sich verliebt. Die kluge ältere Frau hörte Catherine ruhig zu und nickte: Ja. 587 .Schwierigkeiten nur angedeutet und sie um Hilfe gebeten. Catherine war tief enttäuscht gewesen. Catherine ließ die ersten fünf Schriftrollen. Sie atmete tief die kalte Luft ein. das sie jetzt sicher verpackt in einer schwarzen Tasche. der sie nur deshalb in das Kloster geschickt hatte. verraten zu werden. nichts. würde etwas an seiner Meinung ändern. Er hielt ihr Vorgehen für falsch. Sie dachte an Julius. Catherine stapfte durch den Schnee. versteckt zwischen den Buchdeckeln. das Skelett sei nicht von historischer Bedeutung«. hatte er berichtet. Eine Frau war wegen der Schriftrollen lebendig begraben worden. Ihr Blick glitt über die dunklen Wälder. sie wolle helfen. was sie sagte oder tat. damit sie ihre Suche aufgab. Vor zweitausend Jahren ist Sabina über diese Hügel gegangen und hat diese Luft geatmet. in ihrer Obhut zurück und nahm nur das sechste Buch mit. Sie wußte. Zum zweiten Mal hatte sie das Gefühl. wie Nonnen sie benutzen. und sie versuchte sich die friedlichen germanischen Dörfer vorzustellen. »Man sagt.

wurde Recht gesprochen. hatte er entweder geschwiegen oder vage Antworten gegeben. Alle sieben Jahre. der durch ihre Nonnentracht drang. wie überfüllt Jerusalem an Weihnachten ist?« Er hatte nicht gelogen. wurden Bekanntschaften erneuert. Das konnte sie ihm nie vergeben. Fehden beigelegt und Sippenbande 588 . Catherine spürte den scharfen Wind nicht. Dort schlugen sie Lager auf und feierten die Sommersonnenwende. Auf ihre Frage. trafen sich die Sippen des Stammes zu einer großen Versammlung bei den heiligen Steinen nahe dem Platz ihres großen Sieges über die Römer. die falschen Schlüsse zu ziehen. hatte er mit einer Gegenfrage reagiert. sich über den gefrorenen See breitete und die Welt in eine unwirkliche Stille hüllte. Hier. hochaufragenden gezackten Steinen näherte. die in einem bizarren Tanz erstarrt waren. daß er sie nie direkt belegen hatte. mußte sie sich eingestehen. Catherine zog den Umgang enger um sich und folgte dem verschneiten Weg. Als sie sich den gespenstischen. im Sommer. Garibaldi… Der Schmerz über seine Täuschung war immer noch unerträglich. Wann immer sie Chicago oder seine Gemeinde erwähnte. wie Bodennebel die Täler füllte. warum er vor Weihnachten aus Israel abgereist sei. »Wissen Sie. der am Waldrand entlangführte. Ein Pfeil wies geradeaus. Sabinas Worte fielen ihr wieder ein. Wenn sie auf ihre Gespräche in den vergangenen beiden Wochen zurückblickte. wenn die Sonne an einem bestimmten Punkt zwischen den Steinen aufging. aber er hatte sie auch nicht daran gehindert. mußte sie an Menschen denken. bis sie ein Schild erreichte: Externsteine. Versprechen erfüllt.Der Himmel wurde dunkler. während sie zusah. so hatte Sabina geschrieben.

wohin Sabina sie als nächstes führen würde. und neue Kinder wurden mit Freuden begrüßt und in den Sippenverbund aufgenommen. und sie fror. Der Wind wurde stärker. und ihr Umhang flatterte. erwies den Ahnen die gebührende Ehre. Frauen und Kinder zum Festmahl zusammen und lauschten den Geschichten. die fehlten. die Freida und die anderen weisen Frauen erzählten. Man tauschte Geschenke aus und stiftete Ehen. Abend für Abend setzten sich Krieger. das sie nach Detmold zurückbrachte – und zurück zu der sechsten Schriftrolle. dachte sie. was ich suche. weil sie zu den Göttern gegangen waren. Sie ging in das nahe gelegene Holzhausen und nahm dort ein Taxi. nicht hier…. Catherine entdeckte im heidnischen Stein ein eingemeißeltes christliches Basrelief. Der Stamm erinnerte sich an alle. Endlich sollte sie erfahren. Nein.gefestigt. Hier ist es nicht. 589 . Inzwischen wurde es dunkel.

Voss nicht von so vielen Männern überwachen lassen können. Einer hatte ihm sofort Meldung erstattet. seine Spur werde nur bis zu dem Kloster führen. Nun saß Miles in seinem Turm. Warum sollte er noch vorsichtig sein? Vielleicht war er sogar in der Hoffnung zum Kloster gefahren. Er öffnete ein paar und stellte fest. Vermont. Voss war vermutlich so leichtsinnig gewesen. New Mexico Als Miles den Laptop von Daniel Stevenson aufklappte. kaufte und am Zielort einen Leihwagen bestellte. daß Erika zufällig vorbeikommen sollte. Ohne Geld hätte Miles diesen Dr.Santa Fe. als Voss einen schweren Fehler beging und ein Flugticket nach Montpelier. und als der Bildschirm hell wurde. das der Mann einfach nicht ablehnen konnte. seine Verlobte nach Hause zurückzubringen. es sei doch sehr viel besser. reich als arm zu sein. daß 590 . weil er glaubte. Wie auch immer. Strickland hatte sich nach dem fragwürdigen Geschäft abgesetzt und war inzwischen auf dem Weg nach Brasilien. Miles wußte. und die Kamera überwachte den Gang für den Fall. Sonst wäre er nämlich niemals in der Lage gewesen. Voss allerdings herausgekommen: Havers hatte endlich Stevensons Computer. und dort sei alles vorüber. Miles startete den Computer. er hatte sich geirrt. Etwas Gutes war bei der Dreitausend-Meilen-Reise von Dr. Reichtum brachte auch andere angenehme Dinge mit sich. einem Beamten des FBI ein Angebot zu machen. dachte er. überprüfte er zunächst die Dateien im DesktopVerzeichnis. Die Tür war gegen das Personal und andere unerwünschte Störenfriede gesichert.

murmelte Miles. Eine Mrs. mit Grafiken überlagern können. Überrascht stellte er fest. Strickland hatte gesagt.« Er hielt inne. Zu schade. Zur Software gehörte Virtual Imaging. die Alexander sei vorsichtig genug gewesen. daß dieser interessante Mann zu seinen Gegnern gehört hatte. der Computer sei an eine Steckdose angeschlossen gewesen. bevor sie zu Bett gegangen war. Die Nachricht war drei Tage alt und morgens. sie sei bereits ausgezogen. Zeke hatte gemeldet. »sehen wir uns an. die von anderen Orten gesendet wurden. O’Toole habe ihm gesagt. und er mußte Stevenson widerwillig bewundern. was geschehen war: Jemand hatte die beiden gewarnt! 591 . kurz nachdem er Catherine durch Galaxy BBS ausfindig gemacht hatte. Catherine Alexander hatte eindeutig am Computer gesessen. woran unsere Archäologin gearbeitet hat. Damit hatte Stevenson Videoaufnahmen. »Also gut«. und beschloß aus Neugier. und auf dem Tisch lagen ein Bleistift und ein Notizblock mit ein paar Aufzeichnungen. Vielleicht war er doch kein Verrückter gewesen. das Verzeichnis zu öffnen. als er das E-Mail-Symbol sah. daß sich im Briefkasten eine Nachricht befand.Stevenson den Laptop hauptsächlich für seine Forschungen benutzt hatte. Miles blickte nachdenklich auf den vielbenutzten Computer. sie sei nicht in dem angegebenen Haus in der N Street in Washington zu finden. als wir sie unhöflicherweise stören wollten. Daneben stand eine halbleere Tasse Kaffee. Er hatte angenommen. Plötzlich wurde ihm klar. eingegangen. Miles starrte auf den Bildschirm und überlegte. nicht ans Netz zu gehen. Miles entdeckte Maya-Fresken über minoischen Darstellungen. Er klickte und las: »Er hat Sie gefunden!« Havers runzelte die Stirn. als sie ihn gefunden hatten.

Er stellte fest.Als er die elektronische Adresse sah – ›freund@dianuba. Er doppelklickte auf ›PCTools‹ und stellte erleichtert fest. ein solches Programm zu laden und dabei möglicherweise Dateien zu löschen. Alle Dateien waren mindestens mehrere Wochen alt. Im Unterverzeichnis TMBX52 entdeckte er eine gelöschte Datei:?YMBOS. Zeit: 6.48 Uhr. sagte Teddy. daß Stevenson ein UndeleteProgramm installiert hatte. Miles hätte nicht riskieren wollen. Etwa um diese Zeit hatte Strickland mit seinen Kollegen das Kloster erreicht. Mit einem Klicken auf ›Undelete‹ und C:\»kam er in das Hauptverzeichnis und überprüfte durch schnelles Öffnen und Schließen die Unterverzeichnisse auf gelöschte Dateien. Sie springt aus dem Bett. daß es sich hauptsächlich um Korrespondenz und Artikel handelte.EXE gelöscht am: 28. murmelte Miles und klickte auf die Datei.com‹ – schnaubte er. »Teddy…« »Ich bin schon dabei. Havers«. es würde weniger als fünf Minuten dauern. die Angaben zu ›Freund‹ zu finden. Aber Miles suchte eine Datei. löscht die wichtigste Datei und klettert rechtzeitig aus dem Fenster. Diesmal suchte er nach einem Utilities-Programm. bevor die Äbtissin und Strickland das Zimmer betreten. »Aber nicht 592 . aber Miles wußte. die an einem bestimmten Datum und zu einem bestimmten Zeitpunkt gelöscht worden war. Havers stellte sich die Szene vor: Eine Nonne warnt Catherine Alexander. 1999. Er griff nach dem Haustelefon. Dez. Mr. schaltet den Computer ein. Miles wandte sich wieder dem Computer zu und sah sich die DesktopSymbole noch einmal an. »Schlaues Mädchen«. Der Trottel hatte die Warnung sogar über das Dianuba Network geschickt. Das Dianuba Network hatte zwar zehn Millionen Benutzer. die Stevenson zur Veröffentlichung weitergeleitet hatte.

was ›?ymbos‹ bedeutete. ein Puzzle zu lösen.00 GELÖSCHT AM: 28/12/1999 06. Es gab Anmerkungen: ›Nicht gefunden über Lycos. Infoseek.48 ERSTER CLUSTER: 30.248 ZUSTAND: gut GESCHÜTZT DURCH DOS DER ERSTE BUCHSTABE DES DATEINAMENS WURDE ÜBER DOS GELÖSCHT: BITTE GEBEN SIE DEN NEUEN ERSTEN BUCHSTABEN EIN:?YMBOS:EXE Miles hatte keine Ahnung. Es sah aus. Wie es schien.800 Bytes PFAD: D:\TMBX52 ERSTELLT AM: 21/12/1999 00. WebCrawler. und Miles hielt einen Ausdruck in der Hand. hatte sie versucht herauszufinden. die täglich bei der Übersetzungsarbeit aufgerufen worden war. Dianuba…‹ 593 . um neue Informationen hinzuzufügen.EXE WIEDERHERGESTELLT: Er hatte die gelöschte Datei. Offenbar handelte es sich um eine Arbeitsunterlage. als habe die Archäologin versucht. Er konnte wenig damit anfangen. was ›Tymbos‹ war. Nichts von all dem ergab einen Sinn. Zwei Minuten später war sie geladen. Er studierte die nächsten Seiten.schlau genug.« Ein neues Kästchen erschien auf dem Bildschirm: DATEINAME:?YMBOS:EXE DATEI GRÖSSE: 94.‹ Auf dem Bildschirm war jetzt zu lesen: BYMBOS. UniCom. Deshalb gab er den Buchstaben ›B‹ ein und klickte auf ›OK. Notizen zu ordnen und griechische Buchstaben in einer unendlichen Vielzahl von Folgen aneinanderzureihen.

exe. um Teddy anzurufen. um wahr zu sein…« Er wandte sich stirnrunzelnd noch einmal dem Computer zu und legte im Textverarbeitungsprogramm eine neue Datei mit dem Namen Havers an. Es würde nicht schwer sein herauszufinden. so daß man die Datei später wiederherstellen 594 .Schließlich erreichte er das Ende: ›Tymbos. Im Desktop klickte er auf ›Datei-Manager‹. fand TMBX52. Das Jesus-Fragment endete mit den Worten: ›… bringe es zu König…‹ Das war also der König! Er las die letzte Notiz: ›Saba war der alte Name Äthiopiens. Das ist beinahe zu schön. Anstatt König Tymbos sollte es heißen König von Tymbos. die Daten blieben jedoch auf der Festplatte erhalten. »Beinahe zu schön. dachte Miles hocherfreut. Ein neues Menü erschien mit den Optionen: NORMAL DELETE WIPE DELETE DOD WIPE DELETE Havers kannte diese Funktionen: Normal Delete bedeutete Löschen im DOS. Ein Volltreffer. Dabei wurde die Datei gelöscht. Liegt Tymbos in Afrika?‹ Miles griff schnell nach dem Telefon. um wahr zu sein! Seine Hand schwebte über dem Telefon. Dann speicherte er sie auf der Festplatte im Unterverzeichnis TMBX52 ab. klickte zuerst auf ›Datei‹ und dann auf ›Löschen‹. betrachtete die Liste der Unterverzeichnisse. ein mystisches Land. das angeblich an der Handelsstraße nach Saba liegt. öffnete es unter havers.‹ Miles starrte auf die letzten Worte: König von Tymbos. ob in den letzten Tagen irgendwelche Amerikaner in Addis Abeba angekommen waren.

so daß es absolut unmöglich wurde. doch aus irgendeinem Grund hatte Catherine Alexander sich für Normal Delete entschieden. Er blickte noch einmal auf das Datum und die Zeit der gelöschten Tymbos-Datei – 6. Strickland hatte die Äbtissin und Vater 595 .48 Uhr. Wenn sie also die Zeit geändert und die Datei normal gelöscht hatte. Es war nicht zu finden. die Datei gelöscht und die Zeit wieder zurückgestellt. Natürlich erst. daß ›Tymbos‹. Miles war sicher. Plötzlich wurde ihm klar. und die Datei ließ sich nicht mehr herstellen. Er suchte das Tagebuch. Stevensons Software hatte die DODFunktion. daß das überhaupt nichts zu bedeuten hatte. so daß die Daten nicht verlorengingen. wenn es überhaupt ein ›Tymbos‹ gab. in Afrika läge. Er wurde wütend auf sich. Sie war immer noch im Besitz der Schriftrollen und des belastenden Tagebuchs. und er wußte nicht. Bei Wipe Delete wurden die Daten mit Nullen überschrieben. wo er sie suchen sollte. daß er die Datei fand! Er sollte glauben.konnte. Also konnte sie die Datei jederzeit gelöscht haben – vermutlich lange vor Ankunft des FBI. und das den Namen seines Mörders enthielt. Alexander hatte möglicherweise die Uhrzeit des Computers geändert. Sie hatte ihm also wieder ein Schnippchen geschlagen. wenn sie die Flucht in letzter Minute vorgetäuscht und den Computer ›zufällig‹ zurückgelassen hatte. Weshalb? Havers überlegte angestrengt. ließ das nur eine Deutung zu: Sie wollte. die Daten noch einmal herzustellen. daß Catherine Alexander diese eine Datei über DOD gelöscht hatte. nachdem die Daten auf einer Diskette gesichert waren. Und DOD – Department of Defence – überschrieb die gelöschte Datei gleich dreifach. Wie konnte er auf einen so durchsichtigen Trick hereinfallen? Er nahm sich die Dateien noch einmal vor. das Stevenson erwähnt hatte.

das Miles von der sechsten Schriftrolle besaß.‹ 596 . hatte Catherine Alexander den Wettlauf gewonnen. nutzlos. und die Aufnahme war unscharf. Wenn der Text von Papazian diesmal keine Hinweise enthielt. Das bedeutete. zum Ende zu kommen. Catherine Alexander mußte es nach dem Aufnehmen so großer Textmengen eilig gehabt haben. Er konnte sein Glück kaum fassen: ›Aquae Grani. wie Miles nun wußte. der mit einer kurzen Notiz mehr Geld verlangte. Als er im Kommunikationszentrum ankam. Beide behaupteten. das ihn auf eine Nachricht aufmerksam machte. war die Übertragung gerade beendet. Miles beachtete diesen Nachsatz nicht. und der war. Es gab keinerlei Anhaltspunkte außer dem Laptop.Garibaldi befragt. Die Übersetzung war nach dem einzigen Photo angefertigt worden. und war etwas nachlässig geworden. Deshalb hatte Papazian beim Übersetzen auch länger gebraucht. Auf der Rückseite des Photos stand der Hinweis: ›Sechste Rolle. nicht zu wissen. Plötzlich gab der Bildschirm ein Signal. Havers überflog das Blatt. was als nächstes zu unternehmen sei.‹ Es war die vorletzte Seite von Sabinas Geschichte. wohin die Alexander verschwunden war. An zwei Wörtern in der Mitte der Seite blieb sein Blick hängen. Seite 12 von insgesamt 13 Seiten. Der Papyrus befand sich in einem schlechten Zustand. daß es sich um die letzte Übersetzung von Papazian in Kairo handelte. Er ging mit großen Schritten in seinem Büro auf und ab und überlegte. die über einen bestimmten Computer im Untergeschoß einging. Miles sah. die Zeit war beinahe abgelaufen.

Es gab sogar ein Bild.Was war das? Eine Stadt? Vielleicht war Catherine Alexander dorthin gefahren. klickte auf ›Suche‹. »Wer sagt es denn…«. Er ging zurück an den Computer in seinem Büro. fuhr die in der Scimitar Software enthaltene Enzyklopädie ein. tippte Aquae Grani und drückte ›Enter‹. 597 . murmelte er einen Augenblick später lächelnd.

DER SIEBZEHNTE TAG 598 .

werde mich kein Mann haben wollen. Er hatte mich bisher kaum zur Kenntnis genommen. daß Sigmund kaum jemals im Dorf war. daß sich die Frau das Heldentum ihres Mannes zu eigen macht. daß sie die harte Arbeit und die Gefahren des Mannes teilt. Bei den Germanen bringt nicht die Braut die Mitgift in die Ehe. so sagte sie. und 599 . Aber ich hatte nicht die Absicht. liebe Amelia? Einerseits hoffte ich immer noch. Der Schild und das Schwert. Sie hatte ihren Sohn Sigmund gefragt. stimmte er zu. denn seine Gedanken kreisten um die Vereinigung der Stämme und die Wiedereroberung des Landes.Donnerstag. 30. Da ich festgestellt hatte. Eines Tages kam sie zu mir und sagte. Eine unverheiratete Frau im gebärfähigen Alter konnte Probleme unter den Männern schaffen. Wie sollte ich darauf reagieren. das die Römer seinem Volk entrissen hatten. sondern der Ehemann. gerettet zu werden. stimmte ich der Heirat zu. ich sei noch jung und im gebärfähigen Alter. denn ich brauche einen Beschützer. Nach alter Tradition erhält sie ein Pferd und Zaumzeug. Diese Dinge symbolisieren. einen Schild und ein Schwert. Kinder zu bekommen. gehen nach dem Tode der Frau in den Besitz ihrer Töchter und danach ihrer Enkeltöchter über. Doch da seine Mutter es wünschte. daß ich bei der Sippe blieb. und erinnern sie daran. Um bei ihnen zu leben. denn er war verwitwet und kinderlos. Andererseits hatte Freida recht. ob er mich nehmen würde. Mein Überleben hing davon ab. so sagte Freida. müsse ich heiraten. Dezember 1999 Freida war die Matriarchin der Sippe. Aber da ich keine Jungfrau sei.

Er versprach nur Sigmund Land. An unserem Hochzeitstag gab es ein großes Festmahl. denn am Rande der Schlacht warteten die Frauen und Mütter und spornten ihre Männer an. den Gegner einzuschüchtern. Ich beobachtete ihn bei Ratsversammlungen. In der Hochzeitsnacht wartete ich jedoch vergebens in dem eigens für uns errichteten Holzhaus auf meinen Bräutigam. Sigmund machte seinen Kriegern Mut. um den römischen Statthalter zu treffen und ihm die Bitte des Stammes um Siedlungsland zu unterbreiten. Sie kämpften im Wald. Er gab dem römischen Statthalter stolz zur Antwort: »Wir haben vielleicht keinen Platz zum Leben. so gehört die Erde den Menschen. um zu sterben!« Er kam zu uns zurück und begann. Er hielt mitreißende Reden. Sigmund war der Anführer. tapfer 600 . aber wir werden einen Platz finden. die anderen Stämme für einen neuen Kampf gegen die Römer um sich zu scharen. wie der Himmel den Göttern gehört. Der Stamm war vom Land seiner Vorfahren vertrieben worden und lebte in der Rolle des heimatlosen Bittstellers auf fremdem Boden. so bekamen wir zu hören. und es war schrecklich anzusehen. Fortan lebte ich wieder bei Freida und sah Sigmund nur selten. zu erschrecken und in Panik zu versetzen. Er sagte: »So. Unbewohntes Land kann und wird von uns besiedelt werden!« Er wagte sich durch gefährliches Gebiet.wie es aussah. Sigmund auch nicht. bot Sigmund einen Handel an. Ich hatte noch nie einen Krieg erlebt. bei dem viel getrunken wurde. liehe Schwestern. Der Statthalter. indem er sie in der Kunst unterwies. Möge mir diese grauenhafte Erfahrung ein zweites Mal erspart bleiben. Er konnte die Krieger mit seinen Taten und Worten begeistern. um den Frieden zu sichern. Sigmund ließ sich nicht bestechen. niemandem sonst.

Aber sie wurden nicht von ihren Frauen in den Kampf begleitet und nicht von ihren Kindern daran erinnert. sie in ein Sumpfgebiet zu treiben. Da rissen sich die Frauen die Kleider vom Leib. wofür sie kämpften. Sie kämpften gegen die Römer. und sie griffen noch erbitterter und kühner die römischen Legionäre an. daß Sigmund sie hörte. Speere und Pfeile schienen wirkungslos an ihm abzuprallen. Meine verzweifelten Schreie waren laut genug. liebe Amelia.und Schulterlänge. Sigmund mit seinen langen rotgoldenen Haaren. Die Soldaten Roms schlugen sich tapfer. Ihre Rufe und die Schreie der Kinder erinnerten die Männer daran. als sei er unverwundbar. wie in den Tagen 601 . weil es den Römern gelang. den eisernen Muskeln und dem Mut eines Gottes bot in der Schlacht einen unvergeßlichen Anblick. spürte ich eine seltsame Veränderung in meinem Herzen. die um ihre Heimat und um ihre Familienehre in die Schlacht zogen. Der Kampf nahm eine gefährliche Wendung für seine Männer. Auch ich beteiligte mich an den Klagen und den ohrenbetäubenden Kampfrufen. welches Schicksal sie nach einer verlorenen Schlacht erwartete: Vergewaltigung und die Sklaverei in Rom. Er überragte die kleinen Römer um Kopf. daß mit dem Sieg oder der Niederlage das Schicksal aller auf dem Spiel stand. keine Männer. Es waren bezahlte Soldaten.zu bleiben. Als ich die Tapferkeit von Sigmund und seinen Kriegern sah. Freidas Stamm würde siegen. Ich war inzwischen drei Jahre bei ihnen. Sie hatten mir das Leben gerettet und mich aufgenommen. Unsere Krieger faßten neuen Mut und stellten sich zum Sterben entschlossen den römischen Legionen. und doch wünschte ich plötzlich. Und so siegten die Germanen wieder. um ihre Männer und Söhne daran zu erinnern.

Mit Hilfe von Kräutern gelang es mir auch. Ich nahm den neuen Namen an. wie ich sie vor langer Zeit 602 . den sie mir gegeben. Seid bitte nicht entsetzt. wie man Wunden mit einem Dorn und Faden vernäht. eilten die Frauen auf das Schlachtfeld und trugen die Toten davon. als der Stamm sie kannte. Diesmal war Sigmund der große Held. und die Männer verbergen nicht schamhaft ihre Verletzungen.des Arminius. liebe Schwestern. Ich zeigte den Frauen. Ich aber lernte von ihnen. wurde ich eine Germanin. Ihr habt die gleichen falschen Vorstellungen und Vorurteile. In dieser Nacht liebten wir uns zum ersten Mal. daß mein Leben in der zivilisierten Welt zu Ende gegangen war und ein neues begann. um ihnen ein ehrenhaftes Begräbnis zu geben. Die Frauen schrecken beim Anblick von Blut nicht zurück. ihn und seine Sippe zum Weg des Gerechten zu bekehren. Wundbrände zu verhindern. da wußte ich. Als ich einige Wochen später spürte. Nachdem die Römer in die Flucht geschlagen waren. und überließ mich völlig Sigmund und seiner Welt. Im stillen erneuerte ich jedoch den Schwur. Fortan sah ich in Sigmund und seiner Familie auch meine. Die verwundeten Männer kamen zu ihren Frauen und Müttern. den ich aber immer abgelehnt hatte. Natürlich behandelte ich auch Sigmunds Verletzungen. und so konnte ich viele vor Schmerzen und Fieber bewahren und bleibenden Verstümmelungen vorbeugen. zeigten ihnen die Wunden und ließen sich von ihnen behandeln. den Verletzten zu helfen und Wunden schneller und schmerzlos zu heilen. Erfreute sich über meine Tapferkeit am Rande der Schlacht und war stolz über meine besonderen Fähigkeiten. wie es als seine Frau mein Recht war. Viele von euch sind Frauen römischer Offiziere. wie man bessere Verbände anlegt. Und so. wie sich neues Leben in mir regte.

Doch dieser zierliche. daß er. Dann dachte ich an Philos und wurde traurig. liebe Perpetua. die man ›Aquae Grani‹ nennt. Ja. Als ich viele Jahre nach dieser Schlacht das erste Mal in die Nähe eines Römers kam. die das Leben in den Wäldern nach sich zog. Ich wollte nicht mit ihm sprechen. Ich hatte ihm nichts zu sagen. und das Wasser die Leiden linderte. Ich betete. falls er noch lebte. überquerten wir während eines kurzen Friedens den Rhein. es ist die Wahrheit: Ich lebte bei den Barbaren und wurde eine von ihnen. fand ich endlich die Antworten auf alle meine Fragen… 603 . denn er hatte nie die unsterblichen Riesen gefunden oder der Menschheit das Wissen um das ewige Leben zurückgeben können. Wenn er doch nur den Sturm überlebt hätte! Wenn er doch nur mit mir in den Wäldern gewesen wäre. denn dort. Als wir in den Quellen von Aquae Grani badeten. glücklich und ein Anhänger des Gerechten war.hatte. um die Bäder im Westen aufzusuchen. dachte ich an meinen Sohn Pindar. denn ich war kleiner als meine germanische Sippe und hatte dunkle Haare. Der Römer sah mich seltsam an. dunkelhaarige Römer schien mir jetzt ein Fremder zu sein.

Als sie zögernd am Eingang des Doms stand und in das halbdunkle Innere blickte. die in den grauen Winterhimmel ragten. als hätten sich die Steine Schicht um Schicht um ein Stück Zeit aufgetürmt und es umschlossen. Die Römer waren vor zweitausend Jahren dort. die zu dem mächtigen Portal führten. war eine moderne Großstadt mit einem mittelalterlichen Kern. würdiges.« Und so war Catherine nach ihrem Besuch im Teutoburger Wald in die westlichste Stadt Deutschlands an der Grenze zu Belgien gefahren. das Aix-laChapelle Karls des Großen. daß auch die Luft alt war. stellte sie fröstelnd fest. als habe er es eilig. über die Straße zu gehen und die Stufen hinaufzusteigen.Aachen. damit sie nicht entfliehen konnte. Deutschland »›Aquae Grani‹?« hatte der Mann an der Rezeption im Detmolder Hof gesagt. Catherine stand auf dem Kopfsteinpflaster einer Straße. Catherine fühlte sich gegen ihren Willen getrieben. Sie dachte an die Kirche in Washington. Sie blickte auf die gotischen Türme. Abgesehen von elektrischem Strom war die moderne Zeit bestimmt niemals in diesen sakralen Raum vorgedrungen. wo zahllose Kerzen brannten. irgendwohin zu kommen. die mehr als fünf Stockwerke hoch zu sein schienen. in die sie mit 604 . »Römische Bäder im Westen? Das muß Aachen sein. Aachen. und betrachtete staunend die eigenartige karolingische Kuppel und die Buntglasfenster. In der Mitte der Stadt befand sich ein majestätischer Dom. Der Dezemberwind jagte durch die Häuserzeilen. die vor zwölfhundert Jahren gebaut worden war. Es war ein altes. zeitloses und einem wahrhaft erhabenen Gott geweihtes Monument.

Catherine fürchtete sich unbestimmt vor dem. ihr Lager aufgeschlagen? Liegen Freida. in der noch immer die Gebete. die auf kunstvoll gearbeiteten Säulen standen. was sie vielleicht nicht finden würde. Vor dreizehn Jahren hatte sie geschworen. was sie hier vielleicht finden. überkam sie eine so überwältigende. spürte. 605 . Mit klopfendem Herzen trat sie durch das hohe Portal. daß ihr der Atem stockte. Sabina berichtete von einer anderen Zeit. wo Heilige und Apostel in erhabener Größe über einen goldenen Untergrund schritten. das Hoffen und das Vertrauen des Glaubens von zwölf Jahrhunderten wie ein Echo widerhallten. Aber ihre Beine hatten plötzlich einen eigenen Willen und trugen sie über die Schwelle. das wußte sie. nie mehr eine katholische Kirche zu betreten. und vor dem. In der Mitte der Kuppel hing an einer langen Kette ein mächtiger vergoldeter Kupferleuchter. das Flehen. Sabina und Sigmund vielleicht hier in dieser geweihten Erde begraben? Doch der Dom war Jahrhunderte später gebaut worden. und als sie nach oben blickte. die wiederum auf anderen Säulen und Bögen ruhten und sich zu einer gewölbten Decke hinauf in eine himmlische Höhe schwangen. an dieser Stelle. kindliche Ehrfurcht. An den Stufen war sie wieder umgekehrt. Jetzt. Nun stand sie in diesem Dom. Ist Sabina hier an dieser Stelle gewesen? Hat Freidas Sippe hier. Catherine ging zum Oktagon. wo jetzt der Dom steht. würde sie nicht umkehren.Garibaldi zur Mitternachtsmesse hatte gehen wollen. wie der Atem der alten und der neuen Zeit sie erfaßte und tiefer und tiefer in die Kathedrale zog. Über ihn neigten sich wie ehrfürchtige Betrachter endlose steinerne Bögen.

Der Dom zu Aachen. bevor es ihr gelang. dachte Catherine voll Ehrfurcht. während er darauf wartete. Alles stürmte in einem Kaleidoskop der Bilder. Der große Kaiser gehörte fast schon in das Reich der Legende. erinnerte jedoch auch an einen anderen Sieg. Es war weit schlimmer als das versinkende Atlantis. die Pein und der Kummer ergossen. aber er war auch eine historisch greifbare Gestalt. und er führte sein Volk aus den Wirren der Kriege und Glaubenskämpfe in eine neue Zeit. die Passion. Empfindungen und Erinnerungen auf sie ein. Von einem der gotischen Stützpfeiler blickte eine Madonna mit soviel Verständnis und Erbarmen auf die Menschen herab. Hier ruht Karl der Große. Der Dom war eine Manifestation des Triumphs nicht nur über Feinde. Sein Leben und Werk hatten das Land geeint. sich mit der Kraft ihrer Vernunft davor in Sicherheit zu bringen. Sie lehnte sich haltsuchend an einen Pfeiler. Ihr plötzlich überwaches Bewußtsein nahm noch andere Einzelheiten wahr. Dreiundzwanzig Jahre gläubigen Katholikentums schlugen wie eine Flutwelle über ihr zusammen. das nach Vollendung strebt.Catherine war wie gebannt. Ihre ganze innere Not brach sich plötzlich Bahn. daß jemand hereinkommen und all das in sich 606 . denn vor der Katastrophe in ihrem Inneren gab es kein Entrinnen. Catherine stand wie gelähmt an der Säule. die der Dom so lange in sich aufbewahrt hatte. Sie war ein hilfloses leeres Gefäß. daß Catherine von ihren Gefühlen überwältigt wurde. in das sich der Glaube. Durch die hohen bunten Glasfenster fielen Regenbogenfarben in den Chor und tauchten den goldenen Schrein in ein überirdisches Licht. die zu dem unvergleichlichen Zauber des Augenblicks beitrugen. das Grab des fränkischen Kaisers. sondern über alles Irdische.

Danno. abgelegte Hülle von ihr ab. sich gegen den Ansturm zu wehren.« Der Strom riß nicht ab. Sie sah ihren Vater. und es ist ein Segen. die nichts mit der Kirche zu tun hatten. Auch Erinnerungen. der staunend auf seine Tochter blickte und sagte: »Wir hatten nicht mehr geglaubt. wie der Neigungswinkel eines Pinselstrichs Handschriften um Jahrhunderte voneinander trennte. daß diese heilige Handlung sie mit allen Katholiken auf der ganzen Welt und über alle Zeiten hinweg mit Jesus verband. daß du noch so spät in unser Leben gekommen bist. Du bist nur deinem Gewissen gefolgt. wie der harte Panzer. Sie rief sich die vielen Argumente und die berechtigten Anklagen ins Gedächtnis. Und ich bin nicht einmal bei dir geblieben. daß wir Kinder haben könnten. drängten sich auf – Catherine saß an einem großen Schreibtisch und beobachtete ihre Mutter bei der Arbeit. Ich habe darin einen Verrat an mir gesehen. Es war meine Schuld. Du hast getan. die ihr geduldig zeigte. der so lange ihr Herz umschlossen hatte. um die Woge der Nostalgie und der emotionalen Schwäche zurückzudrängen. Ihr Bewußtsein versuchte. Julius! rief sie stumm.aufnehmen werde. rief ihr Herz den Marmorwänden und stummen Statuen zu. Er zersprang und fiel wie eine alte. um deiner Seele beim Antritt ihrer letzten Reise zu helfen. Catherine spürte. Ich habe mich geirrt. dem inneren Sturm nicht länger standhalten konnte. die Hostie im Mund und das naive Vertrauen darauf. Aber die Erinnerungen kamen in immer neuen Wellen – das leichte und befreite Gefühl nach der Beichte. Catherine brach unter dieser Last beinahe zusammen. Catherine 607 . Du bist meinetwegen ermordet worden. was du für richtig hältst. Du bist ein Segen Gottes. Es tut mir so leid.

Garibaldi. traute sie ihren Augen nicht. Als sie plötzlich über den weiten Raum hinweg eine Gestalt mit einem traurigen Gesicht sah.« Das hatte sie auch nicht erwartet. daß er sie gefunden hatte. dem man die Wahrheit anvertrauen konnte. die sie in Detmold gekauft hatte. Er war ein Priester. er hatte sich selbst zu dieser Reise entschlossen. Mutter. Sie kämpfte sich verzweifelt durch die Fluten ihrer Gefühle. Sie war sicher. »ich habe niemandem gesagt.glaubte zu ersticken. daß es tatsächlich Garibaldi war. ich hätte Vater McKinney wegschicken sollen. Er war nicht auf Befehl des Vatikans hier. Sie klammerte sich an den kalten Stein. sobald ich ihn im Krankenhaus sah. sondern weil ihn etwas in seinem Innern dazu trieb. und sie wußte. 608 . sondern die unauffälligen Sachen. Doch dann trat er aus dem Schatten eines Pfeilers. daß die Äbtissin ihm seine Fragen wahrheitsgemäß beantwortet hatte. so wie etwas in Catherine sie auf Sabinas Spuren hierher in diesen Dom geführt hatte. Zitternd richtete sie sich auf und schlug die Hände vor das Gesicht. Er kam auf sie zu und hob die Hände in einer Geste der Kapitulation. für das Produkt ihres aus den Fugen geratenen Bewußtseins. Sie löste sich entschlossen von dem Stein und den Erinnerungen. Auch Catherine trug nicht mehr das lange schwarze Gewand einer Nonne. Sie hielt ihn für eine Erscheinung. sagte er leise. selbst wenn er jetzt nicht wie ein Priester gekleidet war. Ich hätte auf einem anderen Priester bestehen müssen. »Keine Angst«. Es überraschte sie nicht. wo Sie sind. Sie wußte in ihrem Herzen.

als wage er nicht. weil ich hoffte. er werde sie finden und sich auf eine falsche Fährte locken lassen. als die Beamten des FBI kamen.« Catherine konnte ihm nicht sofort antworten. Jedenfalls standen im Morgengrauen vier Männer vor der Pforte. die Stille mit profanen Worten zu stören.« Catherine zwang sich zu reden und beobachtete sich dabei wie eine Zuschauerin aus großer Höhe. wenn er einen der Beamten bestochen hätte. antwortete Garibaldi und blickte sie besorgt an. Catherine wehrte sich nicht dagegen. daß Sie den Computer zurückgelassen haben…« »Ich war schon lange weg. Es dauerte eine Weile. »Sie haben uns vielleicht einen Schreck eingejagt. In diesem Augenblick war sie für seinen Schutz und seine Kraft dankbar. Sie gingen langsam durch den Dom. bevor die Beamten gekommen sind. »Es würde mich nicht überraschen. Sie suchte noch immer ihre von Gefühlen zerrissene Seele in den dunklen Höhen der Kuppel. um durch den Schnee zu fliehen. bis es ihr schließlich gelang. und es so aussah. als seien Sie im Nachthemd aus dem Fenster gestiegen. wenn Havers der Computer in die Hände fällt.Sie trafen sich unter einem Steinbogen mitten in dem langen hohen Gang. auf die Erde und in die Wirklichkeit zurückkehren. »Wie hat das FBI den Weg zum Kloster gefunden?« »Wahrscheinlich durch einen Hinweis von Havers«. »Ich habe sogar eine Datei angelegt.« Sie senkte den Kopf. Garibaldi flüsterte unwillkürlich.« Er legte ihr den Arm um die Schulter. Mit etwas Glück sind seine Killer auf dem Weg nach Äthiopien…« 609 . dann ist er eine Weile zufrieden. »FBI…?« murmelte sie. »Von der Äbtissin habe ich erfahren. Hatte er es gesehen? War Garibaldi Zeuge ihres Augenblicks seelischer Ekstase gewesen? »Ich dachte.

Daran habe ich nicht gedacht! Ich habe sie nicht gelöscht! Havers kann jetzt denjenigen ausfindig machen. Er hat mit seiner Warnung viel riskiert. es würde tiefgreifende Folgen haben. Du meine Güte. »Es tut mir leid. daß es aussah. »Es war vor allem diese Nachricht.« »Das lag nicht an Ihnen – nun ja. Dann fragte er schuldbewußt: »Meinetwegen?« Sie sah ihn an. bis Havers uns wieder auf der Spur war. nicht nur…« Ein Schauer lief ihr über den Rücken. die wir in Washington über E-Mail bekommen hatten«.« »Ich nehme es Ihnen nicht übel. Als ich den Anfang der sechsten Rolle las und feststellte.« Catherine zuckte zusammen. daß Sie mitten in der Nacht bei Eis und Schnee vor mir aus dem Kloster geflohen sind. daß es nicht lange dauern würde. Was immer unter der Kuppel mit ihr geschehen war.« »Wir müssen demjenigen. Es tut mir leid. Sie waren meinetwegen so in Panik. als sei ich aus dem Kloster geflohen. keine Zeit zu verlieren. »Ach du liebe Zeit…« »Was ist?« »Die Nachricht. Aber ich war entsetzt. daß ich Sie geschlagen habe. Das hätte ich nicht tun sollen. Vater Garibaldi.»Sie sind also mitten in der Nacht geflohen. ein spirituelles Erlebnis? Catherine spürte die Nachwirkungen noch immer und bemühte sich darum. wütend und enttäuscht. für immer dankbar sein. Ich habe in meinem Zimmer alles so hingelegt. Garibaldi zuzuhören und ihm vernünftige Antworten zu geben. Catherine?« Er schüttelte den Kopf. Sollte sie es eine Epiphanie nennen. »Mir war klar. daß Sabina nach Germanien gegangen war. der sie geschickt hat!« 610 . und ich entschuldige mich. beschloß ich. der die Nachricht geschickt hat. sagte sie leise.

wer immer es gewesen ist. Er schien wütend zu sein. »Ich habe ihr nur gesagt. daß ich mich in Gefahr befinde…« »Ich nehme an.« Catherine hätte das nur zu gerne geglaubt. wenn sich der Betreffende nicht unter einem falschen Namen und mit falscher Adresse gemeldet hatte. es ist inzwischen nicht noch jemand meinetwegen umgebracht worden…« Sie näherten sich dem Portal. Ihre nächsten Worte klangen deshalb etwas unsicher. der ›Freund‹ mußte für die Zugangsberechtigung eine Kreditkarte benutzt haben. Catherine blieb stehen und fragte: »Vater Garibaldi. Wie auch immer. daß er vorsichtig sein muß. sie hat Sie offenbar wirklich ins Herz geschlossen. Ich hätte es nie für möglich gehalten. Er wird anonym im Internet gewesen sein. Voss ist sehr früh am nächsten Morgen abgereist. wo der große germanische Held lebte. Wohin. er wußte. daß Sie in der Klosterbibliothek herausgefunden haben.« Garibaldi schwieg. Ich meine. es hat einen Streit gegeben. das weiß ich nicht. daß die Äbtissin Sie persönlich im Wagen der Schwestern zum Bahnhof gebracht hat. fuhr er fort: »Die Äbtissin hat mir gesagt. wie sie Ihnen bei der Flucht geholfen hat. Aber der Absender ließ sich ausfindig machen. mehr brauchte sie nicht zu wissen. Sie erzählte mir auch. Das tröstete und beunruhigte sie gleichermaßen. haben Sie Julius im Kloster gesehen?« »Dr.»Ich bin sicher. Sie sieht die Menschen mit anderen Augen. Als Catherine sich nicht äußerte. Ich nehme an. »Ich hoffe nur. Catherine…« Seine Stimme klang bewundernd und beinahe zärtlich.« 611 . der die Römer besiegt hat. Wir haben nicht miteinander gesprochen.

wollte sie sagen. Dieses Blau paßt gut zu ihm. scheinbar hilflosen Menschen wurde hier besonders deutlich. Es ist ein schwermütiges Blau. Deshalb fragte sie schnell: »Wie kommen Sie eigentlich hierher?« »Ich war in Detmold. Seine Augen schienen die melancholischen Schatten in sich aufzunehmen. »Warum sind Sie hier im Dom?« fragte er ernst. Vielleicht kam jeder in diesem gewaltigen Gotteshaus seinem eigentlichen Wesen näher. Ihr fiel auf. dachte sie. erkundigt hat.Catherine wurde verlegen und wollte das Thema wechseln. Ich bin meinetwegen hergekommen. Catherine konnte die verborgenen Leidenschaften sehen.« Er lächelte. die Sie verfolgt. daß Sie mich hier im Dom finden würden?« »Das wußte ich nicht. Pangamot kann Ihnen hier nicht helfen. Hier müssen Sie sich der Vergangenheit stellen. die Vater Garibaldi ständig unter Kontrolle halten mußte. Sie wollte erklären. was sich 612 . Sie wollte es ihm sagen. nach dem er sich sehnt. »Es war einfach zu erfahren. daß eine amerikanische Nonne am Hermannsdenkmal war und sich anschließend nach ›Aquae Grani‹. denn es macht ihn empfänglicher für das andere. wo die steinernen Bögen des Oktagons und das Kirchenschiff aufeinandertrafen. so als sei sie bloßgelegt. die in den Ecken lauerten. Vielleicht wurde deshalb in diesem sakralen Raum auch die eigene Seele deutlicher erkennbar.« Er verstummte und betrachtete sie prüfend. daß das Blau seiner Augen hier im geheimnisvollen Dämmerlicht des sakralen Raums sehr viel dunkler zu sein schien. den römischen Bädern.« »Aber woher wußten Sie. Der Gegensatz zwischen dem Erhabenen und dem einzelnen.

noch nicht. Hatte sich ihre katholische Erziehung wieder zu Wort gemeldet? War das alles nichts Übernatürliches oder Himmlisches gewesen. Dann sagte er: »Das verstehe ich. wo ich als nächstes suchen soll. frag mich nicht danach! Wenn ich jetzt darüber reden muß.vor wenigen Augenblicken ereignet hatte. stellte sie fest. »Ich weiß nicht. begann sie. »Ich weiß nicht. als spüre er ihren Widerstand.« »Sind Sie mit der sechsten Rolle fertig?« »Ich habe noch eine Seite zu übersetzen. »Wollen wir sie zusammen lesen?« 613 . daß ein Mensch wie ich. der keinen Glauben mehr hat. fühle ich mich vielleicht gezwungen. Worte zu finden. was geschehen war. unmöglich dem Göttlichen begegnen kann. dachte sie erleichtert. Sie konnte nicht darüber sprechen. fügte er hinzu. Als ihr Garibaldi leicht mit dem Finger über die Wange fuhr. sondern nur eine unwillkürliche Reaktion? »Gib mir ein Kind bis zum Alter von sieben Jahren. ob er sich damit zufriedengeben oder widersprechen sollte.« Wer hatte das gesagt? Ignatius von Loyola? »Ich dachte.« Sie spürte seine Hand am Ellbogen. »Haben Sie hier in Aachen etwas gefunden?« fragte er beiläufig. Dann schüttelte sie den Kopf. um mich davon zu überzeugen. vielleicht…«. um zu erklären. daß er es tatsächlich verstand und daß sie nicht versuchen mußte. Bitte. als überlege er. daß er eine Träne abgewischt hatte. alles zu leugnen.« Catherine hatte das Gefühl. »In Hinblick auf Sabina. warum ich hierhergekommen bin.« Er schien ihre Antwort abzuwägen. und ich werde dir einen Katholiken fürs Leben geben. meine ich«. Er wäre ein guter Psychologe. Sie schüttelte den Kopf.

liebe Amelia. die letzten Seiten von Sabinas Geschichte zu übersetzen. was sie noch zusammenhielt. daß ich Sigmund ein Kind gebar. Dorthin ging sie mit Garibaldi. Wenn Catherine nicht auf die Jeans und die Windjacken achtete. Ich eile durch die Zeit. Das Hotel lag in der Stadtmitte am mittelalterlichen Stadttor. ließ er sich an der Rezeption ebenfalls ein Zimmer geben. Garibaldi klopfte an und kam herein. konnte sie sich vorstellen. wo sich die Häuser aus dem dreizehnten Jahrhundert aneinanderzulehnen schienen. und ich erlebte die Geburt von sechsundzwanzig Enkelkindern und sieben Urenkeln. durch einen Zeitsprung zurück ins Mittelalter versetzt zu sein. Während sie bereits im Fahrstuhl nach oben fuhr. Garibaldi würde in den Vatikan zurückkehren. Es gab keinen Autoverkehr in der Innenstadt. Endlich konnte sie daran denken. hatte sie ein Zimmer im gutbürgerlichen Wilferterhof genommen. dachte sie.Als Catherine am Morgen nach der Bahnfahrt von Detmold in Aachen angekommen war. Danach bekam ich noch acht weitere Söhne und Töchter. an den Anfang des Christentums. Es ist fünf Jahrzehnte her. Wir begruben Freida vor vielen. und Garibaldi hörte zu. und sie… Wohin? Wohin werde ich danach gehen? Catherine las laut die letzten Seiten der Schriftrolle vor. und ich nahm ihren Platz an der Spitze der 614 . Vom Fenster konnte Catherine die engen Straßen mit dem alten Kopfsteinpflaster sehen. Waren das ihre letzten gemeinsamen Stunden? Nach der sechsten Schriftrolle gab es nichts. Deshalb bin ich abgeschnitten von dem. Nur hin und wieder fuhr jemand auf dem Fahrrad vorbei. vielen Ernten auf ihrer Lieblingswiese. was mich in der Gegenwart gehalten hat… Aber nun wollte sie noch weiter zurück.

denn Freida hatte mir die Geschichten ihres Volkes als Erbe hinterlassen. In dieser Hinsicht habe ich versagt. nämlich seine Botschaft zu verbreiten. die ganze Sippe. doch die Angreifer waren in der Überzahl. unsere Söhne und Töchter. ob er die Toga erhalten habe. und ob er sich an seine Mutter und unsere Jahre in Alexandria und Britannien erinnern konnte. Ich fragte mich. mit der ich vor langer Zeit Antiochia verlassen hatte. So lange ist es jedenfalls her. muß ich die Zeit hinzuzählen. Ich weiß aber selbst nicht. liebe Schwestern. Wir waren nicht darauf vorbereitet. Jetzt sind sie alle gegangen. als Ingomar. Ich lebte viele Jahre in Freidas Sippe. Die Absicht. meine Familie zum Weg des Gerechten zu bekehren. und ich starb 615 . In all den Jahren war es mir nie gelungen. ob es ein Monat oder ein Jahr war – vielleicht auch sehr viel länger. ob er am Leben sei. An dem Tag. Nur etwas bedauerte ich. meinen Sohn von Philos. Unsere Männer kämpften tapfer. Sigmund.Sippe ein. die ich durch die Wälder gezogen bin. trug keine Früchte. zum Zeichen seiner Mannbarkeit den ersten Schild und Speer erhielt. Ich floh in den Wald. von der alle sagten. Sie wurde in einem einzigen Augenblick ausgelöscht. daß sie alle getötet wurden. Ich kämpfte nicht an ihrer Seite. Es war ein Überraschungsangriff. Wir hatten keine Ahnung. mein ältester Sohn. sie sei wie ein Märchen. dachte ich an Pindar. Und ich sprach zu ihnen über die Botschaft des Gerechten. daß die Feinde aus dem Norden kommen würden. Ich erzählte sie abends an den Feuern zusammen mit der Geschichte meines Lebens. aber ich führte niemanden zum Licht. Ich blieb nicht bei meiner Familie. Wie lange bin ich jetzt schon hier bei meiner Gastgeberin Perpetua? Um das zu beantworten.

»Schade…« Er seufzte. Sie haben getan. der er sein wollte. »Das ist alles. Schließlich hob sie den Blick von dem Papyrus.« 616 . Sie spürte seinen warmen Atem auf ihrer Handfläche. »Ich bin Ihnen nicht mehr böse.« Sie sah die Enttäuschung in Garibaldis Gesicht. flüsterte sie.« Er ließ den Kopf sinken und fügte hinzu: »Es tut mir wirklich leid. um die dunkleren Ströme zu erforschen. sagte sie. Und das müssen Sie ebenfalls. er hatte gehofft. was wir von Sabinas Geschichte haben. Sie ging zu ihm und legte ihm die Hand auf den Arm. »Schade…«. »Das ist es«. Ich fürchtete mich vor… »Ich fürchtete mich vor…« Catherine verstummte. »Im Dom«. Seine Leidenschaft trieb ein böses Spiel mit ihm. daß er einen sinnlosen Mord nicht verhindert hat. der er war. wozu Sie verpflichtet sind. Sie sah. Sie hatten recht. und sie sah den Konflikt. daß Sie die siebte Schriftrolle auch noch übersetzen können. in dem er lebte. Die Stille des Winters breitete sich nach ihren Worten im Zimmer aus. Ich versteckte mich wie ein Kind. »habe ich meinem Vater endlich vergeben. der Sie einmal waren. verzeihen. daß ich Sie getäuscht habe. Antworten auf seine Fragen zu bekommen.« Er nahm ihre Hand und drückte sie an seine Lippen. Der Priester. Catherine blickte in seine blauen Augen und tauchte in ihre Tiefen. Sie wußte. Ich mußte es tun.« »Schon gut«. konnte den Mann nicht unterdrücken. Ich weiß. Sie müssen dem Sechzehnjährigen. »Ich hätte Ihnen so sehr gewünscht. sagte sie leise. wie sich seine Pupillen weiteten. sagte sie schließlich.nicht mit ihnen. die sie dort entdeckt hatte.

aber ich glaube an die Macht der Vergebung. daß ich ihn haßte. Catherine flüsterte: »Vergeben Sie ihm. Ich versuche seit dieser Zeit.« »Nein. »Das ist es nicht. etwas zu unternehmen.»Ach Catherine…« Er seufzte und wandte sich ab. daß Sie kein Feigling sind. meine Feigheit wiedergutzumachen. weil Sie das für eine ehrliche Lösung halten? Sie wollen sich beweisen. wenn Sie Ihr Priestertum aufgeben. Ich haßte ihn. »Er stand einfach da«. Nicht von dem Junkie. haben Sie diese Prüfung nicht bestanden. Und in seinen Augen stand Abscheu. weil er wußte. Das haben Sie mir gesagt. daß ich ein Feigling bin. veränderte sich sein Ausdruck. Er sah.« Catherine wußte. Und Gott helfe mir. sah er mich mit so tiefer Verachtung an.« Seine Stimme stieg zu der Balkendecke empor und hallte dort lautlos wider. Ich meine. von wem er sprach. Gott vergibt allen. Vielleicht ist das die zweite Chance. um die Sie gebetet haben.« »Sie wollen kein Priester mehr sein. Ich haßte ihn. ich hasse ihn immer noch. Dann wurde es still. sondern von dem alten Mann hinter der Ladentheke. weil er mich mit seinen Augen anklagte. »Was soll ich ihm vergeben? Daß er die Wahrheit gesehen hat? Ich war ein Feigling.« Er sah sie wieder an. sagte Garibaldi aufgewühlt. der den Mord begangen hatte. die zu ihm zurückfinden. Vater Garibaldi…« »Vergeben?« rief er. 617 . Und als ich mich nicht von der Stelle rührte. Es ist eine Prüfung. Ich muß nicht mir selbst verzeihen! Verstehen Sie das nicht? Ich bin nicht das Problem. Als die Kugeln den alten Mann in die Brust trafen.« »Sie glauben nicht an Gott. und ich muß ihm verzeihen. »Er stand da wie ein stummes Tier und flehte mich mit den Augen an. daß ich ein Feigling war. »Er ist es! Auf ihn bin ich böse.

ist das wie eine Befreiung. wie Sie Ihrem Vater vergeben haben?« »Ja. und wir sehen wieder klar. wieder getrennt zu werden. Vater Garibaldi.« »Vater Garibaldi.« Er faßte sie an den Schultern. daß ich würdig bin. Aber Sie sind ein gläubiger Mensch!« »Ich zweifle jedoch daran. Sie haben zur Kirche zurückgefunden? Sind Sie wieder Katholikin?« »Nun ja.« »Das heißt. Wir können Unsicherheit und alle Verwirrungen überwinden. ich glaube nicht an Gott. einfach zu vergeben.« »Nein. blondes Haar. und Sie werden erkennen. daß Sie Priester bleiben müssen. Es genügt nicht. Er legte die Hand auf ihren Nacken und fuhr mit den Fingern durch ihr kurzes. Wenn wir vergeben.Sabina hatte recht. Der Kuß wurde leidenschaftlicher. »Diesmal kämpfen wir in derselben Arena gegen denselben Gegner. als hätten sie Angst. Catherine schlang die Arme um seinen Hals. nein…« »Sehen Sie? So einfach ist das nicht. zog die Ärmel nach unten und ließ es zu Boden 618 .« »Ich soll dem alten Mann vergeben. während er sie an sich drückte und dabei wie ein Ertrinkender festhielt. Damit sind wir wieder am Ausgangspunkt des Problems. »Sie würden für mich kämpfen?« »Ja…« Plötzlich küßte er sie auf den Mund. Vergeben Sie dem alten Mann.« Sie lächelte. Catherine knöpfte sein Hemd auf und schob es über die Schultern. Gott zu dienen. Sie klammerten sich aneinander.

Er trug Catherine zum Bett. Sie suchten Antworten und fanden sie schließlich im anderen. Zitternd legte sie die Hand auf seinen Oberkörper und überließ sich dem Gefühl seiner glatten Muskeln. doch ihre beiden Körper bewegten sich langsam. um das Leben in seiner schönsten und intensivsten Weise zu erleben. daß der Morgen bald anbrechen 619 .fallen.« Sie küßte die Wunde. jede Wimper und jede Pore. der friedlich neben ihr lag und schlief. nun aber fürchtete. »Tut es noch weh?« flüsterte sie. daß alles zu schnell ging. Catherine erwachte und blickte an die Zimmerdecke. die er an ihrem Körper sah. Dann sah sie Michael an. Sie wußten. wo die Kirchtürme einer längst vergangenen Zeit. langsame und schmerzlich zarte Kuß eines Mannes. atmete jede Rundung und Linie. über Jahrhunderte hinweg aus dem Sinai an diesen Ort gekommen. Er küßte sie zärtlich. Es gab kein Fragen und kein Überlegen ob. Er küßte sie noch einmal. doch ein Hauch von Blässe verriet. in der die Menschen noch so fromm und gläubig wie Kinder waren. dachte sie an den Tag in Santa Barbara. Ihr Herz klopfte wie rasend. daß sie nicht mehr dieselben wie damals waren. Der Himmel vor dem Fenster war dunkel. Beide wollten nur im Hier und Jetzt bleiben. Es war der lange. Er verschlang sie mit den Augen. als er sie auf die Daunendecke legte. vor ihrem Fenster aufragten und den Mond und die Sterne verdeckten. Sie waren Tausende von Meilen. als alles angefangen hatte. »Nein. in einem anderen Leben gewesen zu sein. die der Streifschuß hinterlassen hatte. Als sie die noch nicht ganz verheilte Wunde an seinem linken Arm berührte. der eine Ewigkeit auf diesen Augenblick gewartet hat. Seine Fingerspitzen glitten zärtlich über ihr Gesicht. kein Innehalten. um an die Folgen zu denken. Das alles schien in einer anderen Welt.

wo sich die siebte Schriftrolle befand. diese Nacht. Was danach auch kommen mochte. und ihr fiel ein eigenartiger bräunlicher Fleck im Gips auf. 620 . Der Traum! Catherine stockte der Atem. der verriet.würde. sie wußte. Das alles gehörte von jetzt ab zu ihnen. Sie berührte Michaels Gesicht. Die Nacht mit ihm war so schön und so außergewöhnlich gewesen. Ihr Blick wanderte wieder zur Decke. Langsam bekam sie einen klaren Kopf und erinnerte sich… Es hatte etwas… mit… Sie spürte. Der Traum: Tymbos! Sie wußte schlagartig. daß ihr Herz plötzlich heftig klopfte. und ihr traten Tränen in die Augen. Aachen und der Dom würden ihnen immer bleiben. daß irgendwann einmal ein Wasserrohr undicht gewesen sein mußte.

DER LETZTE TAG 621 .

meine Liebe zu ihm zu stärken. jede Minute der letzten beiden Wochen mit dir ist für mich von Bedeutung. ohne den Mantel auszuziehen. »Weißt du eigentlich. die an deinem Sündenfall schuld ist. Wenn überhaupt.« Er nahm ihr Gesicht zwischen seine Hände. »Ich war nicht sicher. Doch seine Augen blickten ernst. Deutschland Als Catherine ins Zimmer trat. daß du anderen immer Dinge in den Mund 622 . »Catherine. verließ Michael seinen Platz am Fenster und sah sie aufmerksam an. 31. dann hilft mir die Liebe zu dir. sagte sie. sagte sie. »Ich liebe dich.« »Bitte.Freitag. »Hallo«. und hielt ein kleines Päckchen in der Hand. »Vielleicht. keinen Priesterkragen.« Er stand dicht vor ihr und lächelte. Dezember 1999 Aachen. »Aber wie ist es mit dir? Bedauerst du es?« »O nein…«. sag das nicht. »Hallo. Sie blieb stehen. flüsterte sie.« »Du wirst mich als die Verführerin in Erinnerung behalten. Catherine.« Er lachte leise.« »Warum nicht? Das bedeutet doch nicht. daß ich Gott weniger liebe. dich hier zu finden«.« Die leuchtenden Strahlen der Morgensonne streiften seine Schultern. »Warum? Wegen heute nacht?« »Wie fühlst du dich?« »Wie ich mich fühle?« Er kam zu ihr. bitte glaub mir. Er trug ein hellblaues. Er lächelte. gemustertes Baumwollhemd und neue Jeans – keine Soutane.« »Aber du wirst jahrelang Buße tun müssen.

fürchtete sich aber auch davor.« Er verschränkte die Arme. Und ich dachte. Wenn überhaupt. »Nun ja. um Frieden zu finden. Letzte Nacht war letzte Nacht – etwas Kostbares. natürlich die Fehler…« 623 . und nahm den gelben Notizblock heraus. er werde sie küssen. sagte sie leise und betrachtete seine Lippen.legst?« »Ich weiß. mich der Tatsache zu stellen. auf dem ihre Übersetzung der Schriftrollen stand. »Bevor ich aus dem Kloster geflohen bin«. »habe ich den Text der Handschrift des Thomas von Monmouth kopiert. dort würde ich finden.« »Heute ist Silvester«. Irgend etwas daran hat mich seit dem ersten Lesen nicht mehr losgelassen. habe ich…« »Hast du was…?« »Habe ich dich soweit gebracht. wo die siebte Schriftrolle ist«. Ich muß dem alten Mann vergeben. sind dafür Ereignisse verantwortlich. daß du kein Priester mehr sein möchtest?« »Wenn ich mich dazu entschließe. Sie wünschte sich sehnlichst. flüsterte er und streichelte sie mit den Augen. was wir brauchen. ich nenne die Dinge immer beim Namen. Besonderes und Schönes. die lange zurückliegen. sagte sie. ich weiß. die sie von der Äbtissin hatte. dann hast du mir geholfen. daß es für mich nur einen Weg gibt. zog den Mantel aus und fuhr fort: »Mir ist gestern vor dem Dom eine katholische Buchhandlung aufgefallen.« »Laß mich dich einfach nur ansehen«.« »Was hast du gesucht?« Sie öffnete die Tasche. Sie legte das Päckchen auf das Bett. »Michael. Aber sie wußte. »Michael. dieser Tag mußte anders sein. sagte sie.

›Tymbos‹ ist das griechische Wort für 624 . sagte sie und sah ihn triumphierend an. Sie sind nur in einen falschen Zusammenhang gestellt. das ist unsere Sabina.»Sind es wirklich Fehler? Denk darüber nach. »Sagen wir. Jetzt zu den anderen Tatsachen.« »Nicht von einer Person.« »Es ergibt Sinn. Wenn man den Text analysiert. Sie war nicht mit Cornelius Severus verheiratet.« »Und was ist das?« »Tymbos«. Nehmen wir als erstes das Wort ›Priesterin‹ und ersetzen es durch ›Diakonin‹. wird alles klar. Wir wissen. wo das Licht darauf fiel. ›König‹ Tymbos zu finden! Damit haben wir uns das Leben unnötig schwergemacht.« Sie schlug den Notizblock auf und legte ihn auf den Tisch am Fenster. »Das ergibt immer noch keinen Sinn. aber sie gehörte zu seinem Gefolge. daß sie in Stonehenge war. denn wenn du ein fehlendes Teil in das Puzzle einfügst. die später zusammen mit der Priesterin Valeria am heiligen Ort begraben wurden. Und das beschäftigt mich schon die ganze Zeit. Heute nacht ist es mir klargeworden. fuhr Catherine fort.« Catherine wies auf den Satz: »Sie hinterließ sechs Bücher über Alchimie und Zauberei.« Sie lachte glücklich und rief: »Michael. Michael. Wir haben uns zu große Mühe gegeben. Die Lösung des Rätsels lag die ganze Zeit auf der Hand. »Auch das stimmt. Und das ist mir im Schlaf aufgegangen.« Sie strich das Wort durch und schrieb das neue darüber. stellt man fest. daß die Fakten alle stimmen. soviel ist richtig. Sieh dir das an. »Aber von Tymbos ist hier überhaupt nicht die Rede.« »Sechs Bücher über Alchimie und Zauberei«. Michael. Jetzt hier – ›Valeria‹.

›»Valeria‹«. sagte Michael verblüfft.‹« Er sah Catherine an.« Er blätterte. »Sie ist also mit der siebten Schriftrolle an einem heiligen Ort begraben worden…« »Nein.›Grab‹!« »Grab?« »Paß auf! Wenn wir ›mit… begraben‹ durch das ›Grab‹ ersetzen…« Catherine strich hastig Wörter durch und ersetzte sie durch andere.« »Welcher heilige Ort soll das sein? Hast du eine Idee?« »Was wäre für dich der heilige Ort schlechthin gewesen. das Wort ›König‹ hinzugefügt. Lies weiter. Er blickte auf den Titel: Frühchristliche Märtyrer. »Das Datum paßt. wie das bei den Christen dieser Zeit üblich war. sagte sie. bis sie einen ganzen neuen Satz hatte. in die Buchhandlung am Dom zu gehen. »hat. »Schlag Seite 32 auf. aber…« Sie ging zum Bett. aber trotzdem sehe ich immer noch nicht…« »Am Ende der Seite. um das Ganze zu einem Rätsel zu machen. ›… bringe es zu König Tymbos. Michael runzelte die Stirn. die später die Diakonin Valeria mit ins Grab nahm. »›starb etwa 142 nach Christus.« »Ich auch«. Es war eine kühne Vermutung. bringe es in das Königreich…‹« »›… in das Königreich Gottes‹«. wenn du vor zweitausend Jahren als Christ gelebt hättest?« »Ich kann mir nur drei vorstellen.« 625 . las er laut vor. »Sabina hinterließ sechs Bücher über Alchimie und Zauberei.« »Und Perpetua«. Michael. sondern am heiligen Ort. ergänzte Catherine. nicht an einem heiligen Ort. wickelte es aus und reichte Michael ein Buch. nahm das Päckchen. »und deshalb habe ich beschlossen.

denn diesen Namen benutzte Perpetua! Deshalb haben wir sie auch trotz all unserer Bemühungen nirgends entdeckt.‹«. damit haben wir die siebte Schriftrolle gefunden!« 626 . Michael.« »Zumindest kennt die Kirchengeschichte sie unter diesem Namen! Wir haben sie als Amelia kennengelernt. »Sie war die Tochter des Amelius Valerius. Sie war demnach Amelia Valeria!« »Und wurde offenbar als Valeria bekannt. las Michael.Zwei lateinische Wörter fielen ihm ins Auge: »Amelius Valerius.« »›Tochter des Amelius Valerius.

Santa Fe. Hier unten sah er das Sonnenlicht nicht. die Hoffnungen und Ängste der über tausend Menschen. dem sichersten Platz auf seinem riesigen Anwesen. nicht einmal das Personal. die vierundzwanzig Stunden lang beim Fest zur Zeitenwende die Stille der Casa Havers störten. Aus den Metropolen der Kontinente. die seine kostbare Sammlung umgaben. Deshalb hatte Miles alles vorbereitet. seiner neuen Ära. geschweige denn die Gäste konnten ihn stören. die Santa Fe auf dem Weg in das neue Jahr und Jahrtausend zeitlich voraus waren. noch öfter jedoch die Intrigen durch die meterdicken Betonwände spürte. während er am Telefon auf eine verschlüsselte Nachricht wartete. Niemand. Die Auserwählten sollten diesen Tag nie vergessen. würden 627 . Er empfing wie ein hochempfindlicher Radarschirm die Energie der Gäste. aber trotzdem fühlte er deutlich den schicksalhaften Morgen des letzten Tages in diesem Jahrtausend. damit seine Gäste den Jahreswechsel nicht nur einmal. die Spannungen. daß er das fröhliche Treiben und das Spiel mit belanglosen Worten. sondern nacheinander sechsmal erleben würden. Miles hätte schwören können. Den Anfang machte Sydney in Australien. Das Leben mit Erika hatte ihn sensibel gemacht für die Schwingungen des Unsichtbaren. New Mexico Miles befand sich in seinem Museum im Untergeschoß. Silvester 1999 stand für den Beginn eines neuen Zeitalters. Die meisten Gäste waren für das große Silvesterereignis bereits eingetroffen. Sie ›zauberten‹ Fernsehbilder auf riesige Projektionsflächen. Und so war es von ihm gewollt. Das ›Wunder‹ vollbrachten Laserprojektoren.

Dieser historische Augenblick würde ihm die Erfüllung seiner Träume bringen. und die Computer auf der ganzen Welt verteilten Informationen.com Name: Joe Smith Adresse: 1600 Pennsylvania Ave. »Ja. Das neue Zeitalter brach an. durch sein Können und seine Durchsetzungsfähigkeit zum weltweit größten Drahtzieher geworden. Die mythische Welt der Kirchen und Religionen. und die Musik sollte von den Sangre de Cristo-Bergen widerhallen. falsche Kreditkartennummer. ›Freund‹ hatte den Anschluß nur eine Stunde. der kleine Hacker. die Teddy ihm geschickt hatte: Suche nach freund@dianuba. Sie stürzten Konzerne und Regierungen oder bestätigten ihre Ziele. die über Jahrtausende hinweg das Bewußtsein der Menschen geprägt hatten. Wirtschaft. Ströme von Champagner würden fließen. Rom und New York. Das war gerade lange genug gewesen.« Er trommelte mit den Fingerspitzen nervös auf die Sessellehne und blickte auf die Notiz. Miles Havers.G. Nicht existierende Telefonnummer. mußte der neuen Macht elektronisch manipulierter Fakten weichen.Direktübertragungen der Silvesterereignisse gesendet werden – aus Sydney. Und er. Wie steht es? Gut. der Tag und Nacht die Erde umkreiste. und kaum jemand ahnte etwas davon. Es war eine gute Zeit. Washington D. Moskau. Alle Fäden liefen bei ihm zusammen. Wissen und Geld. um einzuloggen. Bombay. um zu leben. Kultur und Politik unterwarfen sich fortan dem Datenstrom. »Hallo?« sagte er in den Hörer. die Archäologin zu warnen und wieder in die Anonymität 628 . war durch seinen Weitblick. ich bleibe am Apparat. ich kann Sie hören.

30 Uhr Frankfurt/M.« »Wohin?« fragte er. »Hallo? Ja?« sagte er in den Hörer. »Ich habe eine Standleitung zu Ihnen geschaltet. wo sich die siebte Schriftrolle befand. daß die kluge Frau Doktor doch noch herausgefunden hatte. wenn sie die siebte Rolle holt. anstelle von AOL oder Microsoft.« Der Tiger richtete sich zu seiner ganzen Größe auf. Bleiben Sie ihr auf der Spur. »Was haben Sie herausgefunden?« Er notierte auf den Notizblock: »Catherine Alexander… Abflug 19. Das andere… ich meine. Wirklich sehr gerissen. Beschaffen Sie mir das Dokument.zu verschwinden. wußte er. das überlasse ich Ihnen. Als er die Antwort hörte. wie Sie die Frau hinterher aus dem Weg räumen. ehe der Betrug mit der Kreditkarte entdeckt wurde. 629 . Die Beute war ihm sicher. Und daß er/sie für diesen Coup das Dianuba-Network benutzt hatte. Die Frau darf Sie nicht sehen. Aber seien Sie auf jeden Fall dort. war eindeutig ein elektronischer Seitenhieb auf Miles Havers.

Er hatte sich auf dem Rhein-Main-Flughafen umgezogen. und als ich ihm von uns erzählte. Catherine sah im Vorbeieilen in den Gesichtern von Männern und Frauen. Der Freund. »Er hat die Informationen über die geheimnisvollen Schriftrollen aus dem Sinai in den Medien verfolgt. sagte Michael.Der Vatikan. Die einen weinten. Alle Augen richteten sich wie gebannt auf den Balkon. Die Gesichter der Menschen schienen zu leuchten wie auf einem riesigen Gemälde von George de la Tour. uns zu helfen…« Er nahm Catherines Hand. auf dem der Papst. die sich auf dem Petersplatz drängte. als sie am Petersplatz aus dem Taxi sprangen. Michael trug wieder die Soutane. Der Countdown für Mitternacht hatte begonnen. ihnen den Weg durch die Menge zu bahnen. Laternen. war mit ihm in Chicago auf dem Priesterseminar gewesen und arbeitete im archäologischen Büro des Vatikan. Rom Dreiundzwanzig Uhr. aber viele hatten besorgte oder versteinerte Gesichter. »Er ist mein Freund«. hat er sich bereit erklärt. und sie suchten sich eilig einen Weg durch den Stau. Sie staunten über die riesige Menschenmenge. Jungen und Alten das gesamte Spektrum menschlicher Gefühle. die Hupen machten einen Höllenlärm. die Fahrer schrien. der 630 . von dem er gesprochen hatte. andere lachten. Taschenlampen. Als Priester gelang es Michael. Beinahe jeder hielt irgendeine Art Licht in der Hand – Kerzen. Die Autos standen Stoßstange an Stoßstange. und die Scheinwerfer verbreiteten ein grelles Licht.

Sie wurden mehrmals von der römischen Polizei und von der Schweizergarde angehalten. wie Michael es erlebt hatte. »Vater Sebastian hätte eigentlich auf den Sinai gehen und die Berichte über das Jesus-Fragment prüfen sollen. hatte helle Haut. kamen um eine Ecke und gingen dann durch eine Tür mit einem Schild. Aber mit der dicken Brille wirkte er älter. wie Catherine fand. fast zarte Hände und reichte Catherine kaum bis zu den Schultern. Er war schlank. erscheinen würde. daß es den Anschein hatte. die siebte Schriftrolle ebenfalls. Er führte sie durch einen Hof. sagte der Priester.« Das Grab der Amelia Valeria befand sich hier und. und eine Spur wehmütig. als habe er sein Leben über Büchern verbracht. doch nach ein paar erklärenden Worten von Michael ließ man sie weitergehen. ein Abenteuer verpaßt zu haben. wie sie hofften.« »Aber ich hatte die Grippe«. der dank hölzerner Barrikaden und den Doppelreihen der Gardisten menschenleer war. wo Petrus begraben wurde. daß Vater Sebastian etwas über vierzig war. Es klang entschuldigend. kleine. Er sprach so leise. »Für einen Katholiken«. Sie eilten unter einem anderen Bogen hindurch. Ich meine die Stelle. Catherine vermutete. Catherine konnte sich 631 . »kann es nur einen einzigen heiligen Ort geben. stellte Michael seinen alten Freund Catherine vor. er wollte nicht gehört werden.Nachfolger auf dem Stuhl Petri. Sie trafen Vater Sebastian am Arco delle Campane auf der linken Seite des Doms. als bedaure er. hatte Catherine in Aachen gesagt. auf dem stand: UFFICIO SCAVI – Dienststelle für Ausgrabungen. Er hielt sich leicht gebeugt. Nachdem sie im Büro standen und die Tür hinter sich geschlossen hatten.

sie mußten sich beeilen. Außer einem Blutfleck am weißen Kragen unterschied ihn nichts von den zahllosen Klerikern. auf denen sich Korrespondenz. erklärte Vater Sebastian. sagte Vater Sebastian und brachte einen Schlüsselbund zum Vorschein. wie Catherine auffiel. Catherine überlegte.nicht vorstellen. Tonscherben und Bruchstücke von Statuen türmten. wie die vergangenen beiden Wochen ausgesehen hätten. »Um Mitternacht werden die Tore für eine dreißig Tage dauernde Ausstellung der Gebeine des heiligen Petrus geöffnet. Notizen und. Sie blickte auf die Uhr. schlich sich ein Vierter leise und ungesehen in das UFFICIO SCAVI. Zeke ging eilig zwischen den Schreibtischen hindurch. »Man würde uns sehen. Dahinter befand sich ein enger Korridor. Genau das aber mußten sie tun. und seine Stimme klang aufgeregt. in dem eine Treppe nach unten führte. öffnete sie leise 632 . Als die Tür des Büros hinter ihnen ins Schloß fiel und ihre Schritte auf der Eisentreppe verhallten. Wenn die Grotten dem Publikum zugänglich waren. Ja. war die siebte Schriftrolle auf immer verloren. Die halbe Menschheit wird hinunter in die Grotten kommen!« Er führte sie an Schreibtischen vorbei. Catherine wußte. Amelias Sarkophag zu öffnen. wenn Michaels Vorgesetzte davon erfuhren. blieb an der anderen Tür stehen. die überall im Dom und auf dem Petersplatz zu sehen waren. wenn wir durch die Kirche gingen«. bestand keine Möglichkeit mehr. Sie verließen das Büro durch eine Seitentür. der offenbar in einer der vielen Dienststellen des Vatikan beschäftigt war. wieviel Michael ihm wohl gesagt hatte. Akten. »Wir müssen uns beeilen«. wenn er anstelle von Michael auf den Sinai gefahren wäre. Es war ein weißhaariger Mann in einer schwarzen Soutane.

stießen die Arbeiter auf eine Mauer. Darin befanden sich die Krypten von Päpsten und Herrschern. Seine Hände zitterten etwas. Alle seine Sinne waren geschärft und hellwach. Ihre eiligen Schritte hallten auf dem Marmorboden. Vater Sebastian suchte unter seinen Schlüsseln den passenden für eine unbeschriftete Tür in der reich verzierten Wand. die vor der Krypta von Papst Clemens standen. die eigentlich nicht vorhanden sein sollte. an bescheidenen Altären und geschmückten Sarkophagen. Als man mit den Arbeiten für eine Erweiterung der Grabkapelle von Pius XL begann. das in kleine Kapellen unterteilt war.« Er führte sie an kleinen Kirchenbänken vorbei. der an dieser Stelle. während Sebastian erklärte: »Die römische Nekropole wurde 1939 entdeckt. der einzige englische Papst. von England. als er berichtete: »Die Archäologen machten erstaunliche Entdeckungen! So fanden sie auch die Gebeine des heiligen Märtyrers. und zog Archäologen hinzu. Er war allein. Die heiligen Grotten bestanden genaugenommen aus einem Gewölbe unter dem Petersdom. Ich spreche natürlich vom heiligen Petrus«. unter anderem auch Hadrian IV. Er hatte noch nie zuvor einen Priester ermordet. 633 . Er hatte Raphael absichtlich in der Menge verloren. Man stellte fest. Ein deutscher Kaiser aus dem zehnten Jahrhundert war hier begraben. im Circus des Caligula. mit dem Kopf nach unten gekreuzigt worden ist. daß diese Mauer eintausendsechshundert Jahre alt war.und erreichte den Korridor. fügte er in einem ehrfürchtigen Ton hinzu. Schließlich erreichten sie eine prächtige Kapelle mit einem blau und gold ausgemalten Giebel und mehreren Gebetbänken. Königin Christina von Schweden und James II.

berichtete er weiter. »aber wir wissen. Ängstlich blickte sie den dunklen Weg zurück. daß er sich an dieser Stelle befand. ob Havers oder einer seiner Killer ihnen möglicherweise hierher gefolgt war und irgendwo in den Schatten lauerte. die vor fast zweitausend Jahren für ihren Glauben zur Märtyrerin geworden war. Würde eine Frau. Männer der Kirche hatten über die vielen Jahrhunderte hinweg mit allen Mitteln nach der Weltherrschaft gestrebt. und fragte sich beunruhigt. Wie auch immer. Die siebte Rolle konnte den Untergang dieser skrupellosen und doktrinären Macht einläuten. nach alter 634 . Frauen waren bis heute Randfiguren auf der kirchenpolitischen Bühne geblieben. die Angst ließ sich nicht abschütteln. Auch wenn sie nichts sah. die auf der ganzen Welt Menschen zu ihren Werkzeugen gemacht und ihre Glaubensbereitschaft enttäuscht und mißbraucht hatte. den sie gekommen waren.Catherine lief ein Schauer über den Rücken. wie Havers vielleicht sogar selbst hinter einer Säule hervortrat und mit seinem weltweit bekannten Lächeln sagte: »Jetzt können Sie mir die Schriftrollen geben. daß sie und Michael sich hier unten befanden? Die siebte Schriftrolle konnte Geheimnisse enthüllen und Beweise bringen.« Und dann würde sein Killer mit der häßlichen Narbe… Energisch vertrieb sie diese absurden Vorstellungen und dachte an den riesigen Schwarm von Menschen in und um den Petersdom. die den Vatikan mit dem Papst an der Spitze weit stärker als ein Erdbeben erschüttern würden. Wußte einer von ihnen. »Den Circus gibt es natürlich nicht mehr«. Die Archäologen haben Beweise dafür entdeckt. Sie konnte sich gut vorstellen. diese Kirche an der Jahrtausendwende mit der Wahrheit konfrontieren? Vater Sebastian fand den Schlüssel und drehte ihn im Schloß.

fuhr Vater Sebastian fort und führte sie in die Dunkelheit. Sehen Sie«. Als man die Gebeine entdeckte…« Catherine kannte die Geschichte. Vor eintausendsiebenhundert Jahren hätten wir an dieser Stelle in den Himmel geblickt. passen Sie hier auf!« warnte er. »Als Konstantin im vierten Jahrhundert beschloß. eine große Basilika zu bauen«. Peter.Überlieferung…. »Die Überlieferung sagt. »war der vatikanische Hügel sehr viel kleiner als heute. Auch ihre Eltern hatten die Ansicht vertreten. skeptisch zu sein. Sie hatten Türen. Auf diese Weise begrub Konstantin diese alte Totenstadt. denn sie gingen wie durch eine richtige Straße. Sie kannte jedoch die geradezu besessene Beschäftigung der Christen mit Reliquien. die zu Dächern hinaufführten. Deshalb errichtete er eine Reihe von Stützmauern und füllte die Zwischenräume auf. Schwellen.« Catherine sah sich erstaunt um. Deshalb erschien es auch ihr glaubwürdig. um den Platz zu vergrößern. sagte er mit gedämpfter Stimme und richtete die Taschenlampe an die Decke. daß der Leichnam des Heiligen Petrus von seinen Anhängern heimlich hier begraben wurde. die in die Fundamente der Kirche 635 . Dreihundert Jahre später. bitte. hob die Soutane und ging mit eingeschalteter Taschenlampe voraus. zur Zeit des Kaisers Konstantin. die wie Häuser aussahen. stand das ursprüngliche Heiligtum noch. die nach Staub und Zerfall roch. Fenster und manchmal sogar Treppen. Als Archäologin hatte Catherine gelernt. Der Kaiser ließ hier seine neue Basilika errichten. Sie kamen an Höfen und Brunnen vorbei und an den Fassaden riesiger römischer Mausoleen. »das ist die Unterseite des Fußbodens von St. daß die Gebeine des Apostels unter dem Petersdom ruhten. daß es sich bei dem Skelett unter dem Hauptaltar tatsächlich um Petrus handelte.

denn das würde seine Fundamente schwächen.« Vater Sebastians Stimme klang körperlos und leise. einen Schwarm Vögel – Erinnerungen an Menschen. Als sie durch die engen Straßen gingen. und jeder 636 . Catherine spähte durch Fenster und Türen mit dem eigenartigen Gefühl. Aber man kann sie nicht ausgraben. Plötzlich überkam sie das beängstigende Gefühl. die idyllische Landschaften oder stille Plätze zeigten. und an Fresken vorbeikamen.« Catherine glaubte. fühlte sich Catherine wie in einem Labyrinth. war so tief und beängstigend. die nirgendwohin führten. eine Vase mit Blumen. die besser im Dunkel der Erde blieben. die wie eine wirkliche Stadt aussehen sollte. die längst tot und dem Bewußtsein der Lebenden entschwunden waren. Catherine zweifelte nicht daran. Der Strahl seiner Taschenlampe fiel flüchtig auf einen springenden Delphin.darüber eingebettet waren. Aber es war alles Illusion – eine Totenstadt. von denen Gassen abzweigten. Flüche und Frevel oder ahnte Geheimnisse. Vater Sebastian sprach flüsternd weiter. »Alle Gräber wurden bereits vor vielen Jahren geöffnet und ihr Inhalt entfernt. »Es gibt noch sehr viel mehr Gräber«. Ihr Herz pochte. dieser Wächter der Toten wußte um alle Tragödien. Sie gingen an den geisterhaften ›Häusern‹ vorbei. die sie umgab. ohne einen wachsamen und erfahrenen Führer wie Vater Sebastian könnte man sich hier unten in der von Menschen geschaffenen Welt der Toten verirren und niemals gefunden werden. daß Catherine nach Michaels Hand griff und dicht bei ihm blieb. Das Atmen fiel ihr immer schwerer. Die Dunkelheit. »Die Totenstadt erstreckt sich in ganzer Länge unter dem Petersdom. in den persönlichen Bereich von Menschen einzudringen. die mächtige Kirche mit ihrem lastenden Gewicht auf den Schultern zu spüren. und Vater Sebastian verstummte.

und die beiden folgten ihm. Vater Sebastian richtete den Strahl der Taschenlampe in ein Columbarium mit zahlreichen Nischen für Begräbnisurnen.« Er trat in ein Grabmal. aus dem zweiten und dritten Jahrhundert. und auf die Krone aus Sonnenstrahlen. »Das hier ist ein Beispiel für den Übergang«. Sonnenstrahlen gingen von seinem Kopf aus.Schritt schien sie tiefer in das Totenreich hineinzuziehen. zur Gottesmutter und zur Himmelskönigin. Er beleuchtete die gewölbte Decke mit einem goldenen Mosaik. daß man zum Beispiel Eigenschaften der Isis auf Maria übertragen hatte. und der Sonntag ging auf den Mithraskult zurück. daß Sabina in den Hermestempel gegangen war. die für sie von Bedeutung waren. Catherine blickte auf das Gesicht. und sie dachte daran. obwohl sie zu den Anhängern des Gerechten gehörte. Catherine wußte. obwohl Überschneidungen oft eine klare Trennung kaum möglich machen. das erkennbar Jesus gehörte. Je weiter man sich vom Grab des heiligen Petrus entfernt. die zu Stella Maris wurde. Außerdem gibt es dort christliche Symbole. desto mehr Urnen und Hinweise auf die alten Götter findet man. Die Gräber schienen kein Ende zu nehmen. besondere Aspekte der alten Götter. Viele der hier begrabenen Christen hatten Spuren ihrer alten Religionen in dem neuen Glauben hinterlassen. das Christus als Apollo im Sonnenwagen darstellte. In der Nähe des heiligen Petrus befinden sich Gräber aus späterer Zeit. und 637 . Weihnachten ersetzte die römischen Saturnalien im Dezember. erklärte der Pater. »Man kann auf diesem Weg den allmählichen Übergang vom Heidentum zum Christentum erkennen. in denen die Toten und nicht nur ihre Asche beigesetzt wurden.

als sie sich gegen ihren Willen vorstellte. und schloß sich sofort wieder hinter den Eindringlingen wie ein undurchsichtiger schwarzer Vorhang. Die Dunkelheit riß nur flüchtig auf. »Ach. wie sich um Mitternacht die Deckel der Steinsarkophage heben würden und die Toten ihre Gräber verließen. Während sie an mehr und immer mehr Frauengräbern vorbeigingen – darunter sogar dem einer anderen Amelia mit dem Familiennamen Gorgoni. daß es sich in der Mehrzahl um Begräbnisstätten von Frauen zu handeln schien. Plötzlich fiel Catherine ein Satz aus der Bibel ein: »Am Jüngsten Tag werden die Toten von den Gräbern auferstehen…« Sie spürte ein Kribbeln im Nacken. Catherine glaubte.Catherine fiel auf. schon gut. Auch der heilige Petrus würde auferstehen und… »Was war das?« fragte sie plötzlich. Der Gesang mußte seinen Anfang irgendwo in der Menge genommen haben und von einem auf den anderen übergesprungen sein. Tacitus hatte vor zweitausend Jahren vermutlich zu Recht den neuen Glauben als ›eine Religion der Frauen und Sklaven‹ bezeichnet.« Sie bogen in eine andere Straße ein. Ich weiß nicht. Es ist auch egal. dann immer lauter wie eine anschwellende Woge. Michael sah sie an. Die Luft wurde immer muffiger und modriger. wenn der Schein von Vater Sebastians Taschenlampe die Schatten traf. fragte sich Catherine im stillen: Wann haben die Männer eigentlich die Macht übernommen? Sie stiegen noch tiefer unter die Basilika hinunter. »Was hast du?« »Ich dachte…« Sie legte die Hand kurz auf die Augen. die Menschen mit ihren Lichtern auf dem Petersplatz vor sich zu sehen. 638 . Sein Gesicht war im schwachen Schein der Taschenlampe kaum zu sehen. und dann hörten sie das Singen – zuerst leise.

Lange konnten sie nicht mehr hier unten bleiben. Im Grab herrschte die Atmosphäre eines eleganten Wohnzimmers. Eine besonders schön gestaltete Nische enthielt das Bild der schaumgeborenen Venus. Besorgt fragte sie: »Vater Sebastian. das war dieser Frau zu verdanken. zu deren Füßen sich Delphine aus Stuck in plastisch geformten Wellen tummelten. Darin befanden sich muschelförmige.« Der Lichtstrahl kreiste und beleuchtete ein wundervolles Fresko. der Strahl der Taschenlampe beschrieb einen Bogen. Unter der 639 . »hier haben wir es!« Es war ein richtiges Gebäude mit zwei Stockwerken. daß das Grab der Amelia Valeria hier ist?« »O ja. das eine Familienszene zeigte. Die Innenwände waren mit weißem Gips verputzt. und es hatte einen prunkvollen. »befanden sich Urnen. Außen war es rot angestrichen. »In diesen Nischen«. und wir glauben. Efeuranken und Vögeln ausgemalte Nischen. sagte Vater Sebastian leise und ließ den Lichtstrahl über die Wände gleiten.« »A-ave. wo erstaunliche Beispiele römischer Kunst ans Licht traten. sind Sie sicher. das in einer der Straßen des alten Rom hätte stehen können.deren Stimmen zum sternenübersäten Himmel aufstiegen: »Ave Mari-ia…« Es mußte bald Mitternacht sein. ave-e dominus…« »Und hier«. Irgendwann wurde die Familie jedoch zum Christentum bekehrt. das Symbol der Seelenrettung. von dorischen Säulen getragenen Ziergiebel. Es gehört sogar zu unseren besonders schönen Gräbern. Im Zentrum befand sich eine Orante – die Darstellung der Verstorbenen in Gebetshaltung. mit zarten Blüten. Demnach war das einmal ein heidnisches Grabmal.

Die Diakonin war in weiße Gewänder gekleidet. Amelia sollte sie nur dann mit ins Grab nehmen. die an der Spitze der frühchristlichen Kirche stand. die natürlich die Asche von Heiden enthielten. daß es sich um ein christliches Grab handelt.« Vater Sebastian wies auf den Sarkophag. Sein Gesicht verriet deutlich die innere Spannung. Ihre Feinde bekämpften die Wahrheit dessen. hatte die Arme ausgestreckt und richtete den Blick zum Himmel. »Wir glauben. Sie trat näher und legte die Hände auf den fein behauenen Marmor. Alle Urnen. Amelia mußte eine schöne Frau gewesen sein. wie es die damalige Mode den adligen Frauen des römischen Reiches vorschrieb. Ihre Verfolgung konnte nur eines bedeuten. Amelia mit der zarten Seele. dann mußte sie eine für die damalige Zeit gefährliche Botschaft enthalten. befinden sich in Museen.« Catherine las die in den Sarkophagdeckel eingemeißelten Worte: »Dormit in pace anima dukis Amelia – Ruhe in Frieden. um das Fresko genau zu betrachten. Nur heidnische Gräber wurden geöffnet. was in der Rolle 640 . Eine Frau. daß Amelia als erstes Mitglied der Familie nicht verbrannt wurde. »Nein. dachte Catherine. wenn sie verfolgt wurde. Ihr Haar war kunstvoll in mehreren Lagen aufgesteckt.« Sie blickte auf Michael.Gestalt stand ein Name: ›Amelia Valeria. Wenn sich die siebte Schriftrolle hier befand. Eine christliche Priesterin… War die siebte Rolle mit ihr begraben worden? Und würde sie den Beweis dafür enthalten. daß die Nachfolge Jesu rechtmäßig Frauen und nicht Männern zustand? »Das hier zeigt uns.‹ Die Menge über ihnen sang: »Benedictus tu in mulieribus…« Catherine trat näher.« »Hat man ihn geöffnet?« fragte Catherine flüsternd.

ein paar ›Straßen‹ weiter. Catherine stieß einen Schrei aus. Die gepanzerte Schleuse schloß sich geräuschlos hinter ihm. daß Zeke keinen Schritt ohne seine Anweisungen machen würde. Er betrat das Steuerzentrum der Überwachungsanlage.geschrieben stand. Auf seiner Brust funkelte an einer langen Kette ein schweres Goldkreuz. »Was ist das?« fragte Catherine. »Ich glaube. wie wir den Sarkophag öffnen können. Jubel und Geschrei. Diesmal hatte er dafür gesorgt. Er schüttelte den Kopf und flüsterte: »Nein. Er griff nach dem Handy und meldete sich wie verabredet. roten Knöpfen. ich habe nicht…« 641 . stand Zeke und beobachtete das Geschehen aus sicherer Entfernung. Zehn Zeitzonen weiter zog sich sein Auftraggeber von dem Fest aller Feste aus dem EuropaZelt zurück und eilte hinunter in sein Museum.« Hinter ihnen. »sehen wir nach. sagte Michael. denn jetzt ging es ums Ganze! »Sancta Maria. Michael hob den Kopf. Er setzte sich vor die Wand mit den Schaltrelais und nahm den Anruf aus Rom entgegen. den Symbolen der Priesterwürde. Catherine sah Michael fragend an. Seine Heiligkeit ist gerade auf den Balkon hinausgetreten. und sie hörten Klatschen.« Plötzlich war das Mausoleum in blendend helles Licht getaucht. ora pro nobis…« Das Singen verstummte. Catherine musterte ihre beiden Begleiter in den schwarzen Soutanen. als eine hagere Gestalt auftauchte – ein Kardinal in einem schwarzen Talar mit rotem Besatz. einer anderen Christin. einer breiten roten Seidenschärpe und einem roten Käppchen auf den schütteren Haaren. im Schatten des Grabmals der Julia Mater. Würden sie bald ihr Amt verlieren oder es mit Frauen teilen müssen? »Also gut«.

daß wir Ihre Freunde sind«. In ihren Uniformen mit Piken und Hauberken. die vor fünfhundert Jahren zum Schutz des Papstes aufgestellt worden war. daß sie einen Eid abgelegt hatten. »Ich kann mich noch gut daran erinnern«.« »Sie sind selbst darauf gekommen?« fragte Catherine. der Schweizergarde. ein Tip. erwiderte sie. den Papst notfalls unter Einsatz des eigenen Lebens zu beschützen. »Wollen Sie uns daran hindern?« fragte Catherine herausfordernd. »Ihren Namen unter einem Brief an meine Mutter gelesen 642 . »Und wie ist es Ihnen gelungen. das Rätsel zu lösen. er warf Michael einen strengen Blick zu. wenn ich fragen darf?« »Die Lösung des Rätsels kann ich mir nicht zugute halten. »habe ich seit ein paar Tagen überhaupt nichts mehr von Vater Garibaldi gehört. gestreiften Hosen und den KonquistadorHelmen wirkten sie eher wie Statisten auf einer Opernbühne. und seine Stimme hallte in dem unterirdischen Grab. »Vater Garibaldi hat mich nicht davon in Kenntnis gesetzt. sagte der Kardinal. den Halskrausen. wenn ich Ihnen versichere. Gaspatronen und automatische Waffen bei sich. Sie trugen Sprühdosen mit Tränengas. Alexander«. Dr. Ein Anruf. daß diese jungen Männer gut ausgebildet waren. daß Sie hierherkommen würden. bitte glauben Sie mir. hat mich darauf aufmerksam gemacht. sie gehörten zur Cohors Helvetica. Alexander. Sie musterte die vier jungen Männer.« Ehrwürden Callahan wirkte abweisend und verärgert. Um genau zu sein…«. Das hier ist Ehrwürden Callahan. vom Ufficio Scavi. die ihn begleiteten. »Dr. Catherine wußte auch.»Nein. Wamsen. sagte Kardinal Lefevre. wie Sie sagen würden. doch Catherine wußte. Er starrte mit zusammengekniffenen Augen auf Vater Sebastian.

« »Das ist auch unser Wunsch. Wir haben uns nicht verschworen. fügte er seufzend hinzu. was in dieser Rolle geschrieben steht.« 643 . nicht wahr?« »Wenn es sich um ein christliches Dokument handelt. ja. »wir sind nicht Ihre Feinde. Doktor Alexander. Ich hatte es wirklich nicht soweit kommen lassen wollen. Und ich werde dafür sorgen.« »Es gehört der ganzen Welt. werden wir sie den Wissenschaftlern zugänglich machen und ihren Inhalt veröffentlichen.zu haben. Wenn sich die siebte Rolle hier befindet. Und«. Wir sind keine Unmenschen.« »Eine bedauerliche Episode. Wir ›verstecken‹ Schriftrollen nicht. wie Sie glauben. der Welt die Wahrheit vorzuenthalten. Wenn Sie mit mir irgendwann einmal darüber in meinem Büro sprechen möchten…« »Sie werden die Schriftrolle aus dem Sarkophag der Amelia an sich nehmen. denn dann gehört es der Kirche. daß die Welt liest.

das Brandenburger Tor und den Petersdom ›nachbauen‹ lassen. Wohin war Miles verschwunden? Sie beauftragte einen der vielen burgunderrot und weiß gekleideten Diener. mit den Menschen auf dem Petersplatz das neue Jahrtausend zu beginnen. Miles sollte in diesem Augenblick. 644 . ja sogar im Freien konnte man auf den Projektionswänden das Geschehen in aller Welt verfolgen. den Veranden und Salons. New Mexico Die Gäste auf dem großen Anwesen feierten in der späten Nachmittagsonne und drängten sich in den Festzelten um die üppigen Büfetts mit den erlesensten Delikatessen und Spezialitäten aus der ganzen Welt. Aber Erika suchte ihren Mann schon seit geraumer Zeit. Im Augenblick bereiteten sich die Gäste von Erika und Miles Havers darauf vor. Dieses Kunstwerk aus Zucker wollte er an der Seite von Erika mit einem Feuerwerk den Gästen im Europa-Zelt präsentieren. In Rom richteten sich alle Augen auf Seine Heiligkeit den Papst. sich bei seinem Butler nach ihm zu erkundigen. an ihrer Seite stehen. Jedes Zelt war einem Kontinent gewidmet.Santa Fe. so war es besprochen. Es war dort bald Mitternacht. Big Ben. Aber überall in den großen weißen Zelten. Die Alte Welt feierte die Jahrtausendwende. Miles hatte von Zuckerbäckern aus Salzburg den Eiffelturm. während der Papst in Rom die Menge segnete.

die wie aus einem Mund ›Dieci!‹ riefen.« Er blickte mit gerunzelter Stirn auf die vier Gardisten. Rom Die Gruppe in der Gruft hörte. ihr Mann sei in seinem Museum. Was würde geschehen. die Minuten bis Mitternacht zu zählen. Eminenz«. Sie verließ eilig das große weiße Zelt. Während sich die Fahrstuhltüren schlossen. Es lag etwas Besonderes in der Luft. New Mexico Auf den Projektionswänden sahen und hörten die Gäste den Chor der vor dem Petersdom versammelten Gläubigen. ›Dieci!‹ »Vergeben Sie mir.Der Vatikan. wenn im fernen Europa. Santa Fe. aber die Spannung stieg. hörte Erika. wie hinter ihr die Gäste fröhlich wiederholten: ›Zehn!‹ Für sie war es die dritte Jahrtausendwende seit dem Mittag. wenn auf dem Petersdom in Rom die Kirchenglocken zu läuten begannen? 645 . sagte Michael. »Aber wir werden den Sarkophag öffnen. Der Butler hatte Erika ausrichten lassen. wie die Menge oben auf dem Platz im donnernden Chor begann.

Rom ›Otto!‹ Michael und Vater Sebastian traten seitlich an den Sarkophag und begannen mit Hilfe der beiden Gardisten. Rom ›Nove!‹ Kardinal Lefevre machte eine Handbewegung.Der Vatikan. Sie blickte in das kaum erkennbare Auge der Überwachungskamera und rief leise: »Miles? Bist du hier?« Der Vatikan. Kardinal Lefevre und Ehrwürden Callahan sprachen leise ein Gebet für die Tote. den Deckel von seinem Platz zu schieben. New Mexico ›Neun!‹ Erika stand etwas außer Atem vor dem Museum im Untergeschoß. 646 . Zwei Gardisten legten die Hellebarden ab und näherten sich dem Sarkophag. Santa Fe.

Liebling?« Der Vatikan. sagte Michael. wenn ich es sage. obwohl er ihr als einzigem Menschen einen besonderen ›Schlüssel‹ anvertraut hatte. »alle zusammen. Sie konnte die täglich wechselnde Zahlenkombination mit ihrem Namen aufrufen. blickte sie fragend in den langen großen Raum. »Miles?« 647 .Santa Fe. New Mexico ›Acht!‹ Erika hatte den Code eingegeben. »Miles. Aber die Zeit drängte.« Santa Fe. Sie konnte nicht warten. Rom ›Sette!‹ »Okay«. Als die Tür geräuschlos zur Seite glitt. bis er sie auf dem Überwachungsbildschirm sah. dessen Schätze sanft von der indirekten Beleuchtung angestrahlt wurden. New Mexico ›Sieben!‹ Erika eilte beunruhigt durch das Museum. Normalerweise überließ sie das immer Miles.

Sie kannte die Sammlung. 648 . Rom ›Cinque!‹ Catherine blickte auf Michaels breiten Rücken. Sie hatte es nie zuvor gesehen. Aber dann blieb sie verblüfft stehen. New Mexico ›Sechs!‹ Erika beachtete die Schätze nicht. Ihre Unruhe trieb sie vorwärts. Der Vatikan. während er gegen den Deckel des Sarkophags drückte. Es war neu. Rom ›Sei!‹ Der Deckel des Sarkophags rührte sich nicht von der Stelle. die ihr Mann im Laufe der Jahre zusammengetragen hatte. daß sich der Deckel bewegte. An der Rückwand stand ein Kabinett. Mit angehaltenem Atem wartete sie darauf. Santa Fe. dessen Muskeln sich vor Anstrengung spannten.Der Vatikan. der vor fast zweitausend Jahren geschlossen und versiegelt worden war.

Sie überlegte. Warum hat er mir nichts davon gesagt? Soll es eine Überraschung für mich sein? War er deshalb in diesem Augenblick hier unten im Museum und nicht bei den Gästen? Miles war ein hervorragender Stratege. aber diesmal mit ganzer Kraft!« 649 . Vermutlich hatte er sie auf diese Weise geschickt hierher gelockt. Der Vatikan. Trotzdem. was für Miles wertvoll genug war. Bestimmt befand sich in dem Kabinett ein Neuzugang. sagte Michael stöhnend und wischte sich den Schweiß von der Stirn.Santa Fe. »Noch einmal. Rom ›Quattro!‹ »Also«. ihre Unruhe wurde sie nicht los. um es seiner Sammlung hinzuzufügen. New Mexico ›Fünf!‹ Erika trat neugierig näher. Erika lächelte unsicher.

Santa Fe. Er sah Erika mit dem Rücken zur Videokamera in seinem Museum. 650 . Zögernd streckte sie die Hand aus. und ein Warnton setzte ein. Das Kabinett war nicht verschlossen. Beobachtete er sie? Sollte sie den Schrank öffnen? Wartete er darauf? Dieser Mann! Er denkt sich immer wieder etwas Neues aus… Erika wollte keine Spielverderberin sein. Sie stand vor dem neuen Kabinett. Rom ›Tre!‹ Der Deckel glitt mit einem lauten Knirschen endlich einen Fingerbreit zur Seite. New Mexico ›Drei!‹ Der Überwachungsbildschirm blinkte. Er sprang auf und rannte los. Miles ließ den Hörer sinken und beendete abrupt das Gespräch. New Mexico ›Vier!‹ Erika sah sich suchend um. die Tür zu öffnen. Sie ergriff den kleinen Elfenbeinknopf und begann.Santa Fe. Der Vatikan. Miles war nicht zu sehen.

Dann sank sie lautlos zu Boden. Er blieb wie angewurzelt stehen.Der Vatikan. Rom ›Uno!‹ Catherine blickte in den Sarkophag der Amelia. ›Buon Anno!‹ Santa Fe. »Nein…« Der Vatikan. Rom ›Due!‹ Der Deckel des Sarkophags glitt etwas weiter zur Seite. Santa Fe. New Mexico ›Eins!‹ Erika stand erstarrt vor dem Sonnenwend-Kachina. der breit genug war. dann noch etwas. ›Gutes Neues Jahr!‹ 651 . Aber es war zu spät. um mit der Taschenlampe in das Innere zu leuchten. New Mexico ›Zwei!‹ »Erika!« rief Miles außer Atem. bis schließlich ein Spalt entstand.

« Er trat an den Sarkophag und blickte hinein. Alles blieb still. Er war bestimmt nicht zu unterschätzen. die ganze Basilika einstürzen werde. »In der Tat. Doktor Alexander«. erst dann ist auch das alte Jahrtausend wirklich zu Ende. erwiderte Catherine und fügte gegen ihren Willen hinzu: »Eminenz. Nichts geschah. »Dann müssen wir also noch einmal dreihundertfünfundsechzig Tage warten. die Decke. »Erst wenn das Jahr zweitausend vorbei ist. Kardinal Lefevre seufzte erleichtert auf. um alle zu verschlingen.Der Vatikan. keine Engel und kein Erdbeben. ob das prophezeite neue Zeitalter angebrochen ist. Die neun Menschen in der Gruft hoben erschrocken die Köpfe. bevor wir wissen. »Offenbar werden wir bei dieser Jahrtausendwende doch nicht zu Zeugen der Apokalypse. Nur ein kurzer Augenblick des Schweigens entstand. sagte er und nickte. als die Welt den Atem anhielt. 652 .« »Wir haben das Jahrtausend noch nicht hinter uns«. daß die Mauern des Mausoleums. Keine Posaunen. Rom Über ihnen dröhnte die Erde. und die Erde tat sich nicht auf.« Herausfordernd fügte sie hinzu: »Habe ich recht?« Er sah sie mit einem rätselhaften Lächeln an.« Sie mochte diesen Mann nicht. Sie lauschten angstvoll und rechneten fast damit. Der Himmel öffnete sich nicht. Dann plötzlich – das dumpfe weithin hallende Geschrei und Getöse verstummte. Dann hörten sie den Jubel und die Freudenrufe aus den Kehlen der mehr als Hunderttausend.

Sie warf noch einmal einen Blick in den Sarkophag. »… das Grab ist vor langer Zeit ausgeräumt worden. daß ausgerechnet er bei diesem mehr als zweifelhaften Geschäft leer ausgehen sollte. »Die ganze Mühe war vergebens. Alles würde vorüber sein. Nun gut. Er würde saubere Arbeit leisten. kein Skelett. Er hatte nicht gewollt. Er entsicherte und verließ lautlos das Grabmal der Julia Mater. Es gab keinen Grund dafür. und Catherine wußte wieder nicht. den Catherine nicht deuten konnte – war er enttäuscht oder triumphierte er insgeheim? -. sagte der Kardinal in einem Ton. »Ich vermute…«. »Ora pro nobis!« flüsterte Kardinal Lefevre und bekreuzigte sich. schob Zeke das Handy in die Tasche. er brauchte keine weiteren Anweisungen mehr. Sie betrachtete aufmerksam die Nischen. die Ecken und selbst die Fresken – nirgends konnte eine Schriftrolle versteckt sein. überlasse ich Ihnen. ob in dem Seufzen Erleichterung oder Enttäuschung lag. Wie Sie die Frau hinterher aus dem Weg räumen. Sonst bekommen Sie keinen Penny. als Konstantin befahl. Aber wo war Amelia? 653 .« Catherine sah sich in dem hell erleuchteten Grab um. denn es lag nichts in Amelia Valerias Sarkophag – keine Schriftrolle. bevor jemand wußte.« Das waren die letzten Worte von Havers gewesen. Langsam löste Zeke das Kleinkalibergewehr und nahm es aus dem Halfter. daß es so endete. Er wirkte unbenutzt. das in tiefer Dunkelheit lag. Darin war niemals ein Mensch begraben worden. nicht einmal Asche. was geschah. Die Verbindung war plötzlich unterbrochen. die Nekropole zuzuschütten. »Nehmen Sie die Schriftrolle an sich.« Er seufzte. Vielleicht hat man es schon damals geöffnet.In seinem Versteck.

ohne ihm Bericht zu erstatten. Er würde sich nach dieser Demütigung und der schlechten Behandlung jedoch endgültig von Miles Havers verabschieden. Als sie an Zekes Versteck im Grabmal der Julia Mater vorübergingen. wie Zeke die Alexander auf eigene Faust verfolgt hatte. Er sah sie entschuldigend und voll tiefem Bedauern an. als sei der Petersdom schließlich doch noch über ihnen zusammengestürzt. der mit der Wendung der Dinge zufrieden war. sahen sie weder ihn noch sein Lächeln. Es gab keine Schriftrolle. Zeke war wie immer gezwungen gewesen. Sie drückte seine Hand. Wir sprechen uns in den nächsten Tagen. weiter vorgehen sollte. Und alles andere einfach vergessen? 654 . daß es ihm nicht gefiel. Michael griff verstohlen nach Catherines Hand. Vater Garibaldi. Aber nichts war gut.« Sie verließen das Grab und gingen durch die Straßen der Toten. Havers hatte bereits durchblicken lassen. »Ich muß jetzt zu Seiner Heiligkeit. sonst wäre er für seine Arbeit nicht bezahlt worden. ein Zug der Trauernden. Er hatte nicht gewollt. ohne ihm die Entscheidung zu überlassen. wie er. Er wollte es ihr heimzahlen. Eminenz. Es kam ihr vor. »Ein gutes Neues Jahr«. wohin er sich wieder zurückgezogen hatte. sich den Forderungen von Havers zu beugen.Kardinal Lefevre wandte sich an Michael. Sie hatte ihm eine Niederlage nach der anderen zugefügt. wollte sie zu ihm sagen.« »Jawohl. Nun war sein Vertrag erfüllt. Zeke konnte nach Hause gehen und sein Geld abholen. Ihre Schatten bewegten sich an den Wänden wie eine Begräbnisprozession aus alter Zeit. daß für Catherine Alexander alles so schnell vorbeisein sollte. Zeke war der einzige. Zeke. Das würde sie büßen.

aber an einem Ort und zu einer Zeit. die er bestimmte.Nein. 655 . das gab es bei ihm nicht! Er würde sich rächen. aber auf seine Art. das zu tun. Dann mußte er nicht mit einem Handy am Ohr auf den Befehl warten. wozu andere sich zu fein waren. Er würde töten.

DAS NEUE JAHRTAUSEND 656 .

Catherine war als ›Schwester Elisabeth aus dem Kloster Greensville‹ in die Vereinigten Staaten zurückgekehrt. Nur der Stapel Zeitungen und die Post auf dem Eßtisch erwarteten sie. eine fremde Wohnung zu betreten. Der Anrufbeantworter hatte 99 Anrufe registriert. daß sie schlecht geträumt hatte. Catherine hatte weder für Zeitungen und Post noch für die Anrufe das geringste Interesse. Sie vermutete. Kalifornien Catherine hatte ein seltsames Gefühl. Januar 2000 Santa Monica. lange schlafen und dann Anfang Dezember 1999 aufwachen und feststellen. nachdem die Jahrtausendwende schon ein alter Hut war und der Vatikan 657 . weiter ging das Zählwerk nicht. Sobald sie wieder einen klaren Kopf hatte. Sie war in den vergangenen Jahren oft von hier abgereist und manchmal erst nach Monaten wiedergekommen. Beim Abschied auf dem Flughafen in Rom hatte sie die Hilflosigkeit in seinen Augen gesehen.Samstag. wollte sie nach Santa Barbara fahren und zur Polizei gehen. 1. Sie wollte nur schlafen. was grausamer gewesen war: die siebte Rolle nicht gefunden zu haben oder die Trennung von Michael. Sie wußte nicht. »Was wirst du jetzt tun?« hatte er gefragt. daß sie Havers nicht mehr fürchten mußte. Andere Nachrichten beherrschten die Schlagzeilen. doch die Atmosphäre war so steril. doch diesmal hatte sie zum ersten Mal bei ihrer Rückkehr das Gefühl. Der wöchentliche Reinigungsdienst hatte die Wohnung saubergehalten. als lebe hier niemand.

Oder sollte sie die Schriftrollen einfach behalten und für den Rest ihres Lebens nach der siebten suchen? Wäre es klüger. Eine Möglichkeit wäre. Sie versicherte ihm jedoch. um seinen Glauben zu erforschen und über seine Berufung nachzudenken. sie der ägyptischen Regierung zurückzugeben? Dann konnte es ihr vielleicht gelingen. Sabinas unvollständige Geschichte zu veröffentlichen. was geschehen ist… ich weiß es nicht«. Das tiefgreifende Erlebnis im Dom von Aachen war nur noch eine blasse Erinnerung. es seien keine christlichen Dokumente und deshalb ohne Wert für die Kirche. daß Sabinas Geschichte nichts anderes erzählte als das abenteuerliche Leben einer Frau. bis sie nur noch eine leere Hülle war. hatte er geantwortet. Im Augenblick wußte sie jedoch nicht. Er war vorübergehend von allen Pflichten suspendiert und wurde nach Montreal in ein Zisterzienserkloster geschickt. Nach dieser Klarstellung zog er sich aus der ganzen Sache zurück. Catherine hatte das abgelehnt. was mit den Texten geschehen sollte. »Nach dem. ihren angeschlagenen Ruf zu retten… »Und was wirst du tun?« hatte Catherine nach dem letzten Aufruf ihres Flugs Michael gefragt. 658 . Catherine fühlte sich innerlich leer. sie ihm zu übergeben. er sei an den Schriftrollen nicht interessiert. Die sechs Schriftrollen aus dem Sinai hatte ihr bis jetzt niemand nehmen können. Nach den großen Hoffnungen hatte sich herausgestellt. als sei in den vergangenen drei Wochen Tag für Tag etwas von ihr aufgezehrt worden. Kardinal Lefevre hatte Catherine aufgefordert.offiziell verkündet hatte.

« Es war 1953 im Verlag des Vatikan erschienen: »Libreria Editrice Vaticana. betrachte dir den Jahresbericht der Hausverwaltung. Aber sie konnte noch nicht mit ihm sprechen.« 659 . woher es stammte oder weshalb man es ihr geschickt hatte.Ich sollte Julius anrufen und ihm sagen. Sie stellte das Gepäck ab und warf einen Blick auf den Stapel Post. schmerzte immer noch. allein gelassen worden zu sein. aber sie sah amerikanische Briefmarken. Sie mußte ihm fairerweise gestehen. hatte Julius gesagt. Aber hier in Santa Monica stellte sich das Gefühl. mit aller Bitterkeit wieder ein. beschäftige dich mit dem Alltäglichen… Ganz oben auf dem Stapel entdeckte sie ein kleines Päckchen. Die Wunde. werde ich nie mehr in dein Leben treten«). daß ich wieder zu Hause bin. italienisches Buch in der Hand. Bleib gefühllos. Es war in braunes Packpapier gewickelt. die er ihr mit seinen letzten Worten im Kloster zugefügt hatte (»Wenn ich jetzt aus diesem Zimmer gehe. trug keinen Absender. Catherine schüttelte unwillig den Kopf. Warum schickten ihr die Leute eigentlich Weihnachtskarten. Neugierig öffnete sie es und hielt ein dünnes. wenn sie bei einer Ausgrabung war? Die Ausgrabung… »Ich habe mit der ägyptischen Regierung deine Rückkehr vereinbart«. Peter. sieh dir die Rechnungen an. daß es wirklich keine siebte Schriftrolle gab. Weder ein Brief noch eine Karte oder eine Widmung verrieten. Sie hatte sich sogar selbst die Schuld gegeben. Ihr Blick fiel auf den Titel: »Sacre Grotte Y Scavi Sotto San Pietro – Die heiligen Grotten und die Ausgrabungen unter St. Im Aachener Dom hatte sie ihm alles verziehen. Lies die Weihnachtskarten. Nur nicht daran denken.

Er war auf den Briefmarken kaum erkennbar. Sie schlug das Buch wieder auf. Auch sie sagten ihr nichts. Gegen Ende befand sich eine Gruppenaufnahme der Archäologen. Sie blickte auf das Gesicht der sechsundvierzig Jahre jüngeren Äbtissin. Dann las sie die Namen. und drei Minuten später wählte 660 . Wo hatte sie diesen Namen schon einmal gehört? »Jetzt bin ich Mutter Elisabeth. Warum hatte man ihr das Buch geschickt? Von wem kam es? Ihr Blick fiel wieder auf das Packpapier. Das Päckchen war vor einer Woche abgeschickt worden. Catherine trat ans Fenster. Kein einziges Gesicht kam ihr bekannt vor. »Mein Gott«. Catherine griff zum Telefon. obwohl die Ausgrabungen in der Nekropole beim Entstehen der Aufnahmen noch nicht so weit fortgeschritten gewesen waren wie am Ende des Jahrtausends. ›Vermont‹ konnte sie mit Mühe entziffern und dann das Datum. Dann sah sie den Poststempel. Genau an dem Tag. aber bevor ich in den Orden eintrat… 1966 war ich…«. an dem sie aus dem Kloster geflohen war. blätterte es noch einmal durch und betrachtete aufmerksam die Abbildungen: Christus als Apollo.Catherine blätterte verwundert darin. um die sieben Personen besser sehen zu können. Bis auf… ›Gertrude Majors. die Orante der Amelia Valeria. und ihre Gedanken überschlugen sich. Solange! Sie rief die Auskunft an. St. hörte sie eine Stimme. Catherine überlegte.‹ Catherine runzelte die Stirn. Die SchwarzweißAbbildungen weckten schmerzliche Erinnerungen. Wie war noch der Name des Klosters in der Nähe von Montreal? St…. die damals als Archäologin an den Ausgrabungen unter dem Petersdom teilgenommen hatte. flüsterte Catherine.

sie die Nummer in Kanada. »es gibt die siebte Schriftrolle doch! Und diesmal weiß ich ganz sicher. sagte sie aufgeregt. »Ich würde gern Vater Michael Garibaldi sprechen. wo sie sich befindet!« 661 .« Es dauerte eine Ewigkeit. »Michael«. bis er an den Apparat kam. Es ist dringend.

« Er hatte gewußt. Während er Zekes Nummer wählte. das wiedergutzumachen. lief es ihm immer noch eiskalt über den Rücken. daß er die Kachina sofort an die Sippe von Kojote zurückgab und alle davon überzeugte. ihre Seelenqual… Miles beschloß. Er hatte die Situation – und seine Ehe – nur noch dadurch retten können. Bei dem Gedanken an den Ausdruck auf ihrem Gesicht an Silvester. Zeke nahm ab. Das hätte sie wissen müssen.« 662 . der verwundete Blick ihrer großen Augen. blickte Miles hinunter auf den Tennisplatz. daß er bei ihrem Kauf nicht gewußt habe. New Mexico Miles legte den Hörer auf und sagte leise zu sich selbst: »Der Sieg gehört dem Geduldigen. als sie nach mitteleuropäischer Zeit genau um Mitternacht das Kabinett geöffnet hatte und dann ohnmächtig geworden war. daß es sich um ein so bedeutsames Heiligtum handelte.Santa Fe. wo Erika scheinbar sorglos wie immer spielte. für den Rest seines Lebens alles zu versuchen. daß diese Alexander früher oder später einen Fehler begehen würde. Erikas Gesichtsausdruck. und Havers sagte nur ein Wort: »Vermont. Er ließ ihr Telefon immer noch abhören und ihre Wohnung immer noch überwachen.

Doch ich geriet unter einen unerklärlichen Einfluß. Vater Garibaldi. Die Äbtissin hatte sie ohne die geringste Überraschung begrüßt. weil ich nicht sicher war. Es schien fast.Kloster Greensville. Die beiden hatten sich am Flughafen von Montpelier getroffen und waren mit einem Leihwagen zum Kloster gefahren. habe ich Ihnen nichts von der siebten Schriftrolle gesagt. Diese Art Plünderung habe ich immer mißbilligt. Als Sie hier waren. Die Strahlen der Januarsonne fielen durch die bleigefaßten Fensterscheiben. »nachdem Sie das Buch gesehen hatten. Ich hatte noch nie etwas gestohlen und erst recht nicht bei einer Ausgrabung. Aber ich hatte nicht die Absicht. sagte die Äbtissin.« »Sollte?« »Vergeben Sie mir. die Schriftrollen aus Ägypten zu schmuggeln und in Sicherheit zu bringen. sagte sie jetzt. Vermont »Ja«. das wird seltsam klingen. Ich fühlte mich beinahe als ihre Hüterin. »ich war Archäologin und habe bei der Ausgrabung der Nekropole unter dem Petersdom mitgewirkt.« Catherine erinnerte sich an ihren unwiderstehlichen Drang. ich bin sicher. die ihm aufgetragen hatte. als wache 663 . Mich ließ der Gedanke nicht los. etwas aus den Scavi an mich zu nehmen. die in einer Nische stand. wenn ich sie nicht an mich nahm. Als ich die Schriftrolle in einer Urne entdeckte. daß Sie zurückkommen würden«. daß die Rolle beschädigt oder von einem skrupellosen Sammler gestohlen werden würde. Und dann dachte sie an Ihn Hassans ›schöne Frau in Weiß‹. ob ich es tun sollte. »Ich wußte. konnte ich nicht anders. den Brunnen zu verschließen.« Catherine und Michael saßen im Büro der Äbtissin.

Ich wußte es damals nicht. und dabei stieß ich auf die Handschrift des Thomas von Monmouth. Als ich hierherkam und sie las. »wissen Sie.« Sie blickte aus dem Fenster und lächelte wehmütig. fragte Catherine. »Ehrwürdige Mutter«. warum Amelia nicht in ihrem Sarkophag begraben wurde?« Die Äbtissin schloß die Augen.« Catherine und Michael wechselten einen erstaunten Blick.« »Als ich die Schriftrolle nach Hause gebracht und übersetzt hatte«. Vermutlich gab es damals bereits Christenverfolgungen. das mich zu den anderen Rollen führen würde. daß es sich bei dem Text um insgesamt sieben Schriftrollen handelt. bekreuzigte sich und murmelte: »Gott möge mir verzeihen. »Ich habe die Asche wie Abfall weggeworfen. daß sie Fehler enthielt.Sabinas Geist über die Schriftrollen.« Michael fragte verwundert: »Die Angehörigen ließen Amelia verbrennen. Ich war wie besessen von dem Gedanken. erwiderte Catherine. wer die Verfasserin ›meiner‹ Schriftrolle war. antwortete die Äbtissin. Das war eine Sünde. wurde mir klar. Sie sah ihre Besucher traurig an.« 664 . Am Ende bin ich jedoch hier im Kloster geblieben. den ersten Teil zu finden. Ich dachte. »wurden sie von der Obrigkeit dazu gezwungen. Ich habe zwanzig Jahre nach etwas gesucht. »glaubte ich. fuhr die Äbtissin fort. Sie befand sich im Klosterarchiv. Das bestärkte mich nur in meinem Entschluß herauszufinden. »Die Urne enthielt nicht nur die Rolle. sondern auch Asche«. auf ein unbekanntes Evangelium gestoßen zu sein. obwohl man einen christlichen Sarkophag hatte anfertigen lassen?« »Vielleicht«. »Ich hatte keine Ahnung. es handelt sich um die Asche einer Heidin.

Vater. »Denn sonst hätte das FBI alles beschlagnahmt. Mir war klargeworden.« »Ist sie hier?« fragte Catherine. was ich zu tun hatte. zu mir kamen und sagten. »Als die Beamten hier aufgetaucht sind. auf meine innere Stimme zu hören. die Überreste von Heiden respektlos zu behandeln. Deshalb fühlte ich mich doppelt schuldig. Ich mußte beten. war ich bereits älter und hatte gelernt. gab es für mich keinen Zweifel daran. sagte Michael nachdenklich. um mit Dr. bestätigte die Äbtissin. nicht die richtige Achtung entgegengebracht. daß ich Sie durch mein Schweigen belogen habe. Voss gesprochen hatten. wurde mir klar. mich zu führen. Beinahe hätte ich Ihnen sogar von der siebten Rolle erzählt. Alexander hierherkamen. Als Sie und Dr.« »Ja«. Ich mußte Gott bitten. Ich fand es völlig in Ordnung. Alexander zu sprechen.« »Das war eigentlich gut so«. Ich habe der Asche dieser Frau. daß Sie im Besitz von Sabinas Geschichte waren. daß ich irrtümlich die Asche einer Christin entfernt hatte.Sie wurde unruhig und stand auf. war ich überrascht. Mir blieb nur die Möglichkeit. Sie seien in Gefahr und müßten fliehen. Aber als ich auf die Handschrift von Thomas stieß. Ich hatte keine Nachrichten gehört und wußte nicht. »Als Sie in jener Nacht. einer Christin. daß ich Ihnen helfen mußte. Also habe ich ihr das kleine Büchlein geschickt. aber irgend etwas hielt mich davon ab.« Sie sah Michael an. »Mich quälte das schlechte Gewissen. In jungen Jahren war ich sehr fromm und bildete mir viel auf meine Religion ein. nachdem Sie mit Dr. Als Buße trat ich in den Orden ein.« Sie wandte sich an Catherine. Später wurde ich Äbtissin des Klosters. »Ist die siebte Rolle 665 . alle Religionen zu achten. »Es tut mir leid.

und wieder rauskommen«. wenn dieser Auftrag endlich erledigt ist.« Der Papyrus war noch eine Rolle mit Stäben an beiden Enden. schrecklichen Reich. »Ich hasse Schnee. und die siebte Schriftrolle begann mit den Worten: »diesem dunklen. schrecklichen Reich. die den alten Nonnen einen zweifelhaften Schutz gewährten. und plötzlich waren die Wälder nicht mehr freundlich.hier?« »Ja. Ich freue mich schon auf Borneo. die 666 . hatte Raphael gesagt. Die sechste Rolle hatte mitten in dem Satz geendet. Sie können sie lesen. »erzählt sie das Ende von Sabinas Geschichte?« Die Äbtissin lächelte. »Machen wir. wann immer Sie wollen.« »Das ist vielleicht eine Kälte«.« Zeke erwiderte nichts. Er konzentrierte sich auf die steinernen Türme vor ihnen und auf die hohen Mauern. Catherine und Michael sahen erstaunt etwas. das sie nicht erwartet hatten. Jetzt war ich allein und lief um mein Leben. Die Bilder des Gemetzels standen mir noch lebendig vor Augen. »Das müssen Sie selbst entscheiden. Ganz unten auf der letzten Seite befanden sich die Unterschriften von Sabina und Perpetua. doch ich war immer mit meiner Familie zusammen dort gewesen. »Ich fürchtete mich vor…«. daß wir schnell rein. auf den heißen. »Ich bin froh.« Er lachte. dampfenden Dschungel. »Ja. als sie durch den verschneiten Wald hinter dem Kloster stapften. schimpfte Raphael. Die Geister und Gespenster. Ich hatte zwar den größten Teil meines Lebens in den Wäldern verbracht.« … diesem dunklen. sagte Catherine.« »Ehrwürdige Mutter«. als sie in Greensville ankamen.

doch ich empfand sie als gefährlich und hatte schreckliche Angst. Ich schlug die Augen auf und sah einen Mann. Ich erzählte ihm von meiner Verzweiflung. Und ich würde sie nie mehr wiedersehen. ich sie aber nicht zum rechten Glauben bekehrt hatte. denn mein geliebter Sigmund und unsere Kinder waren gestorben. Grauen und Verzweiflung erfüllten mein Herz.« 667 . sondern Sabina. Als ich dem Tod nahe war. weil meine Familie für immer verloren war. daß meine Familie tot war. Nach einer Weile spürte ich etwas in meiner Nähe. die das Volk meines Mannes verehrte. und ich kannte die Menschen in diesem Wald. daß er der Gerechte war. Als er mich beim Namen rief – nicht meinem germanischen. Ich dachte an die Abende am Feuer. waren zwar die Götter. und ich wußte sofort. Schlimmer als das war jedoch meine Verzweiflung darüber. An seiner Kleidung und der Axt erkannte ich. Ich legte mich in den Schnee und betete.darin wohnten. wenn ich meiner Familie vom Weg des Gerechten erzählt hatte. der durch die Bäume auf mich zukam. Er hob mich aus dem Schnee empor. den ich vor so vielen Jahren am Salzmeer gesehen hatte. wer er wohl sei. und er sagte: »Vertraue auf deinen Glauben. meine Augen füllten sich mit Licht. da fragte ich mich erstaunt. daß es sich um einen Holzfäller handelte. richtete ich ein Gebet an den Gerechten. wo sein Haus stehen mochte. Schließlich konnte ich nicht mehr weiter. daß die Tränen auf meinen Wangen zu Eis erstarrten. ohne etwas vom ewigen Leben zu wissen. Aber ich fragte mich. Verfolgt von dieser schrecklichen Seelenqual rannte ich immer tiefer in den Wald. Ich weinte so bitterlich um den Verlust ihrer Seelen. denn es war ein Fremder. daß die wilden Tiere meine Leiche verschonen würden. Die herabhängenden Zweige zerkratzten mir die Arme und das Gesicht.

Ich sah Sigmund und die ganze Familie. wird einem widerfahrene« In diesem Augenblick wußte ich. ich sei tot. sondern leben. noch einmal zurückzukommen. Meine lieben Schwestern. Sie waren glücklich. Dann hat man meinen Puls gefühlt und gesehen. daß alle meine Freunde. nicht länger auf dieser Erde weilt. Perpetua sagt. um der Welt diese Botschaft zu bringen. daß mich ein Erkundungstrupp gefunden und in die Garnison gebracht hat. Man dachte. und meine Mutter in einer der vielen Wohnungen des Gerechten. Ich wußte. daß ich atmete. was der Prediger auf dem Marktplatz in Antiochia vor vielen Jahren gemeint hatte. am Spieß briet das Wildbret. Die Erde war fruchtbar. Aber mir wurde gestattet. sie leben alle und jeder seinem Glauben gemäß: Satvinder in Schalimar. und der weiße Schnee färbte sich nicht rot von ihrem Blut. und ich hatte eine Vision. Wie leicht und mit welcher Freude kommt mir 668 . Nun verstand ich. und in den Bechern schäumte der Met. sie waren dort für die Ewigkeit. mein Vater mit seinen Brüdern bei Mithras. die mich auf meiner Reise durch das Leben begleitet hatten. was man geglaubt hat. und die Sonne schien warm.« Er legte mir die Hand auf die Augen. daß ich möglicherweise tot war oder am Rand des Todes stand. Sie waren nicht tot. Die Feuer brannten. denn an das freie Leben in den schützenden Wäldern hatten sie geglaubt. Meister?« Und er sagte: »Das Haus meines Vaters hat viele Wohnungen. alle Menschen. Sie waren in unserem Dorf. glaubt nur. Philos in den elysischen Gefilden. denn das. als er sagte: »Der Gerechte hat uns gelehrt: ›Fürchtet euch nicht. dann hat er die ewige Freude seines eigenen Glaubens gefunden. nicht für immer tot waren. Und jeder gehe seinen Weg. Und wenn mein geliebter Erstgeborener. ohne sich dem Weg anzuschließen.Ich fragte: »Was soll ich glauben. Ich glaube. mein Pindar.

Wir werden nicht allein geboren. Und das Versprechen erfüllt er. daß wir alle die Kinder Gottes. Er ist zu mir zurückgekehrt. Wir waren im Dunkel. Das Ende der Welt kommt nicht in einem apokalyptischen Ereignis. vielleicht auch einfach als ein Zeichen am Himmel. Der Gerechte kommt zu jedem von uns auf eine andere Art zurück. der Sprache der Gemeinde und des Weges. das Griechisch meiner Jugend über die Lippen! In dieser Sprache.nach all den Jahren. dessen Zeitpunkt unser eigener wahrer Glaube bestimmt. daß mich der Gerechte vor dem Tod in den Wäldern gerettet hat. wie er zu uns allen zurückkehrt. Wieder anderen mag er als einer der Ahnen erscheinen oder als Engel. und wir müssen nicht allein sterben – nicht. seine Töchter und Söhne. sondern für jeden in einem anderen. um uns das Licht zu zeigen. Wir werden aus dem ewigen Leben geboren und kehren zum ewigen Leben zurück. in einem persönlichen Augenblick. liebe Amelia. anderen erscheint er als ein Prophet oder als der Gott. so wird es für uns sein. und der Gerechte ist gekommen. sie ist kein universales Ereignis. sage ich Dir. Der Weg ist das Licht. Die Wiederkehr findet nicht an einem bestimmten Tag oder zu einer bestimmten Stunde statt. damit ich Dir die Botschaft verkünden kann: Wir sind alle Töchter und Söhne Gottes. und das Reich ist in uns. weil er keine menschliche Gestalt annimmt. 669 . den sie kennen. in denen ich Sigmunds Sprache gesprochen habe. Und er wird sagen. solange wir vorbereitet sind und glauben. Und er hat mir noch etwas gesagt. damit wir es finden und daran glauben. sondern ein persönliches. Der Gerechte hat uns vor langer Zeit gesagt. sind. Es ist ein persönliches Erlebnis. Manche werden ihn vielleicht nicht erkennen. er werde wiederkehren. Wie immer wir uns dieses Reich vorstellen.

dachte Raphael. daß jeder Dummkopf es mit einem Stück Draht öffnen konnte. wenn der Job erledigt ist. Sie betrachteten prüfend die Mauer und das Tor. als der Geldbote kam. »Alle diese Menschen. als einen Ameisenhaufen zu zerstören. »alle die unterschiedlichen Glaubensvorstellungen… Ist es möglich. die Antwort darauf können Sie nur in sich selbst finden. was nun?« fragte Raphael. »Übrigens«. ausdruckslosen Augen an. und dachte dabei an die Frage. daß wir von hier auf dem schnellsten Weg nach 670 . daß die letzte Schriftrolle schon die ganze Zeit hier ist. Und die Frau konnte sich nicht verteidigen. Hätten wir das von Anfang an gewußt. daß nur eine einzige richtig ist und alle anderen falsch?« Und Michael hatte geantwortet: »Ich glaube. verstand sie. Er sah mit einem Blick. hatte sie gefragt. was er gemeint hatte. Du sollst es bekommen. die sie Michael im Hotel Atlantis gestellt hatte: »Ist der Katholizismus der einzige wahre Glaube?« »Für mich ist er es«. Die alten Nonnen würden beim ersten Anzeichen von Gefahr die Flucht ergreifen. »Havers hat mir dein Geld gegeben. Havers möchte. Er und Zeke zweifelten nicht daran. »Havers hat dir mein Geld gegeben?« »Du warst nicht da. sagte er und beugte sich über das alte Schloß im Tor. »Also. die Nonnen waren in der Kapelle und würden sie nicht stören. Sie hörten Gesang. Mr. wäre uns viel Arbeit erspart geblieben. die ganze Sache würde nicht schwieriger sein. hatte er geantwortet. Das bedeutete. Wirklich komisch.« Zeke sah seinen Partner mit blassen. die letzte Seite zu lesen. um ihn nicht zu beschädigen.Catherine entrollte behutsam den brüchigen Papyrus weiter. denen Sabina begegnet ist«.« Als Catherine jetzt begann.

fuhr Raphael unbekümmert fort. »da hast du deinen Anteil… in bar. »Paß ein bißchen auf. Zeke beugte sich vor und drehte die Spitze der Klinge im Schloß. Havers ist nicht mehr an den Schriftrollen interessiert. Hier«.« »Habe ich dir eigentlich gesagt.Borneo fliegen und diese Orchidee abholen. An den Augen sah er. »Stell dir vor«. weil er seinem Partner eine Erklärung schuldig zu sein glaubte. wie sich der Schuß löste. daß Havers mir eine Prämie versproche