Barbara Wood

Die Prophetin

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Ein Erdrutsch in den Hügeln von Los Angeles legt eine Höhle frei – mit uralten Wandmalereien mystischer Sonnenmotive. Die junge Archäologin Erica Tyler entdeckt dort die Mumie einer Indianerin und setzt alles daran, ihr Geheimnis zu entschlüsseln. Aber sie muß um diese Ausgrabung kämpfen: gegen die Grundstückseigentümer der Gegend, gegen New Age-Fanatiker und Kunsträuber und gegen ihren alten Widersacher Jared Black, der die Rechte der Indianer Südkaliforniens vertritt und verlangt, daß die Schätze der Höhle ihren Nachkommen übergeben werden. Erica findet uralten Indianerschmuck, alte spanische Münzen, ein Blechkruzifix – was verbirgt sich dahinter? Und warum spürt Erica hier die Präsenz einer langen Ahnenreihe von Frauen – sie, die doch selbst ohne Eltern aufgewachsen und von Heim zu Heim weitergereicht worden ist? Langsam enthüllt sich die Vergangenheit…
ISBN: 3-8105-2322-4 Original: The Prophetess Verlag: Wolfgang Krüger Verlag Erscheinungsjahr: 1995

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Buch Golf von Akkaba, 1999: Die junge Archäologin Catherine Alexander entdeckt Schriftrollen aus der Zeit des frühen Christentums. Naher Osten, ca. 50 n. Chr.: Sabina diktiert ihre Lebensgeschichte. Sie trägt die Lehren des »Gerechten« zu den entferntesten Provinzen des Imperiums, ist Zeugin der ersten Gründungen von Glaubensgemeinschaften der Urchristen – und erzählt von einer ausgeprägt weiblichen Führung der frühen Kirche. Kalifornien, 1999: Catherine hat die Schriftrollen nach Amerika gebracht, um sie zu übersetzen – ständig auf der Flucht vor Verfolgern, die auch vor einem Mord nicht zurückschrecken, um die Rollen in ihren Besitz zu bringen. Vatikan, 1999: Die »Kongregation für Glaubensdoktrin« – früher »Inquisition« genannt – hat von den Schriftrollen und ihrer Brisanz für die Kirche erfahren. Sie läßt Catherine observieren. Santa Fe, 1999: Computermilliardär Miles Havers sammelt rare Kultobjekte. Der Wunsch, sie zu besitzen, steigt mit dem Grad ihrer »Heiligkeit«. Um die Schriftrollen für seine Sammlung zu bekommen, hat er zwei Killer auf Catherine angesetzt. Vermont, 1999: Catherine hat mit ihrem neuen Beschützer, dem Priester Michael Garibaldi, die Schriftrollen übersetzt. Doch ihr fehlt die letzte, die entscheidende Rolle, in der Sabina über den Schlüssel zum Ewigen Leben und die Wiederkunft Christi berichtet. Und sie muß mit einer großen menschlichen Enttäuschung zurechtkommen. Pater Garibaldi verdient das Vertrauen und die zärtlichen Gefühle, die sie ihm entgegenbringt, nicht. Petersplatz, 1999: Auf der ganzen Welt steigt das

»Jahrtausendfieber«. Die Presse hat Auszüge aus den Schriftrollen erhalten und publiziert. Alle stürzen sich auf die Aussagen des »Gerechten« und seine Prophezeiungen vom Ewigen Leben und der Wiederkunft Christi. Catherine sucht weiter nach der fehlenden Rolle und trifft erneut auf Pater Garibaldi, der seiner Mission entsagt hat. Aus der anfänglichen Freundschaft wird Liebe… Und Catherine findet die letzte Schriftrolle.

Autor Barbara Wood wurde 1947 in England geboren. Ihr Vater ist polnischer Abstammung und mußte 1940 nach England emigrieren. Dort heiratete er eine Engländerin. Im Jahre 1954 wanderte die Familie in die USA aus. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, daß Barbara Wood sich noch immer stark dem europäischen Kulturkreis und seiner Erzähltradition verbunden fühlt. Ihre Romane fußen auf europäischer Kolonialgeschichte (Kenia, Ägypten, Australien) und der damit verbundenen, oft blutig verlaufenen Auseinandersetzung mit den ursprünglichen Bewohnern dieser Länder. Die Recherchearbeit für diese Romanthemen nimmt Barbara Wood stets mit ihrem Mann George »vor Ort« vor – sie bereist die Schauplätze, bevor sie zu schreiben beginnt. Ihr zweiter großer Themenkreis, der des Heilens und der Medizin, ergibt sich aus dem Beruf, den sie ausübte, bevor sie Schriftstellerin wurde: Sie arbeitete 10 Jahre als OP-Schwester in Kalifornien. Barbara Woods Gesamtwerk liegt im Wolfgang Krüger Verlag und im Fischer Taschenbuch Verlag in deutscher Sprache vor: 14 Romane, die in Deutschland zu Bestsellern wurden.

Für Carlos

»Die Nacht neigt sich dem Ende zu, der Tag ist nahe. Werft ab die Taten der Finsternis und legt an die Rüstung des Lichts.« Aus den Stundengebeten »Ein Kind wird mit dem Glauben geboren.« Kathryn Lindskoog Information kennt keine Grenzen. Universales Hacker-Credo

PROLOG

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In der Wüste Sinai
Der Magus riß der jungen Frau das purpurrote Gewand von den Schultern. Sie saß nackt und gefesselt im silbernen Mondlicht auf dem schweißbedeckten Pferd. Seinem Gefolge verschlug es den Atem. Die Männer bestaunten schweigend die Schönheit der Frau. Sie glich den Statuen auf dem Markt, denn sie schien ebenso weiß, kühl und vollkommen zu sein. Aber keine Statue hatte wie sie so lange schwarze Haare, die ihr über den Rücken und die entblößten Brüste fielen. Auch das leichte Zittern ließ keinen Zweifel daran aufkommen, daß diese Frau aus Fleisch und Blut war. Die Fesseln an Händen und Füßen nahmen ihr nichts von ihrer Würde. Einige der Männer wurden unruhig, senkten verlegen die Köpfe. Der Magus, Herr und Gebieter über die Seelen im Reich, ließ sich von dem Stolz und der Würde seiner Gefangenen nicht beeindrucken. Er hatte mit allen Mitteln versucht, sie zum Sprechen zu bringen. In der Stadt hatte er ihr gedroht, sie bis an ihr Lebensende einzusperren und hungern zu lassen. Er hatte alles versucht, nur ihre Schönheit hatte er nicht angetastet, denn damit hätte er den Kaiser erzürnt. Doch jetzt befanden sie sich nicht mehr in der Stadt. Er hatte die junge Frau hierher an diese einsame Stelle in der Wüste entführt, um ihr das Geheimnis doch noch zu entreißen. An diesem gespenstischen Ort waren nur Schlangen und Skorpione Zeugen seiner Tat, und der Wüstensand würde jeden Hinweis auf sein Verbrechen unter sich begraben. Die sechs Reiter waren lange und schnell geritten. Sie hatten die Stadt unbemerkt bei Sonnenuntergang verlassen und waren durch die vom
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Mond beschienene Einöde galoppiert, als seien Dämonen hinter ihnen her. Die Legionen des Kaisers waren weit entfernt, und niemand folgte ihnen. Erst als sie die Stelle an der verlassenen Küste erreichten, wo bizarre Felsen in den kalt funkelnden Sternenhimmel ragten, hielten sie an. Der Magus wußte: Hier hausten nur die Geister und Dämonen der Finsternis. Er hatte in den alten Schriftrollen von dem tiefen Brunnen gelesen, aus dem nach der Überlieferung das Volk Israel während der vierzigjährigen Wanderschaft einst Trinkwasser geschöpft hatte. Der Brunnen war längst versiegt. Nur ein dunkles, tiefes Loch war geblieben. Auf dem siebten Pferd saß die Gefangene. Die zierliche Stute hatte nach dem langen Ritt blutige Nüstern. Als die Männer den Weidenkorb losbanden und die gefesselte Frau aus dem Sattel hoben, wieherte das Pferd und brach tot zusammen. Die Männer befestigten den Korb an einem langen Seil, und einer von ihnen murmelte ein Gebet, während sie ihn langsam in die Tiefe ließen. Als der Korb mit einem dumpfen Geräusch den Boden des Brunnens erreichte, führten sie die Frau an den Brunnenrand, wo der Magus stand und sie mit seinen Blicken durchbohrte. »Ich frage dich noch einmal«, sagte er drohend und stieß mit dem Stab seiner Macht dreimal auf den Boden. »Wo ist die siebte Schriftrolle?« Die Gefangene gab wieder keine Antwort. Wie in den vergangenen Wochen blieb sie stumm, als habe sie seine Worte nicht gehört. Und diesmal glaubte er, in ihren grünen Augen ein herausforderndes Funkeln zu sehen. Der Magus zitterte wie die Gefangene, aber nicht vor Kälte, sondern vor kaum unterdrückter Wut. Er war der letzte in der langen Reihe der Magi und wußte sehr wohl, daß die Tage seiner Macht gezählt
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waren. Die Klarheit des Wissens um das Unsichtbare, das alles Leben hier auf Erden lenkt, entzog sich ihm immer mehr. Wie sollte er der zuverlässige Ratgeber des Volkes und des Kaisers sein, wenn er die Zauberkräfte seiner Vorfahren nicht mehr besaß, denen die Götter die Macht des Wissens um das Unsichtbare geschenkt hatten? In der siebten Schriftrolle, das hatte der Magus nach dem Lesen der anderen sechs erfahren, stand die Offenbarung des neuen Glaubens. Die siebte Schriftrolle würde ihm den Weg zu den Unsterblichen weisen. Dann wäre seine Macht nicht zu erschüttern, denn dann wäre er es, der das Schicksal lenkte. Wenn er mit Hilfe dieser Frau die siebte Rolle fand, dann konnte er Wunder wirken, Tote zum Leben erwecken und Kranke heilen. Er würde das Ende der Welt aufhalten und als der wahre Herrscher neben dem Kaiser gelten. Den Schlüssel zu allem, wonach er strebte, besaß diese junge Frau. Nur mit dem geheimen Wissen der siebten Schriftrolle würden sich die Worte der Verheißung an ihm erfüllen. Dann erhielte er das ewige Leben als Lohn für seine lange Suche. Die Gefangene kannte das Versteck, aber sie schwieg. Wenn er die Rolle nicht fand, würde er in Ungnade fallen, in Vergessenheit versinken, und alle seine Bemühungen und die seiner Vorgänger wären gescheitert. Er würde den Mächten der Finsternis verfallen, denen er sich geweiht hatte, um das Geheimnis der unsichtbaren Welten zu enträtseln. Der Magus hatte sich davon überzeugt, daß seine Gefangene schwach und hilflos war. Sie konnte die Macht, die die Worte des Lichts dem Eingeweihten verliehen, nicht nutzen. Im Grunde war ihr Martyrium sinnlos. Aber ihr beharrliches Schweigen war für ihn so endgültig wie der Tod. Er glaubte sich fast am Ziel seiner Wünsche und konnte doch an ihrer Entschlossenheit nichts
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ändern. Sie verachtete ihn, weil er mit den Menschen spielte, als seien sie nichts als Puppen. Sie mißtraute ihm, denn er war korrupt und intrigant. Er hatte keine Achtung vor dem Leben, tötete jeden, der ihm mißfiel. Der Magus war ein Sklave des Todes. Sie aber diente dem Licht. »So sei es!« Er hob die Hand und befahl den Männern mit einer knappen Geste, ihr frevelhaftes Werk zu tun. Sie packten die junge Frau mit brutalen, gefühllosen Händen. Aus ihren Blicken sprachen Lüsternheit und Gier, als sie ihr ein Seil über den Oberkörper streiften und unter Armen und Brüsten festzogen, um sie langsam in den Brunnen hinablassen zu können. »Du wirst nicht verletzt werden und schnell sterben!« rief der Magus mit kalter Stimme. »Du sollst lange in deinem dunklen Gefängnis am Leben bleiben. Du wirst bald jeden Stein, jede Spalte und alles Grauen der Dunkelheit kennen. Wenn die Sonne hoch am Himmel steht, wird die Luft zum Verdursten trocken sein, und in den kalten Nächten wird der Frost dich erstarren lassen. Deine Qualen werden mit jeder Stunde wachsen, bis sie über jedes erträgliche Maß hinausgehen. Deine Einsamkeit wird größer und erschreckender sein als der Tod. Du wirst schreien, aber niemand wird dich hören. Und am Ende wird dein Körper die Beute blutgieriger Wesen werden.« Er machte einen Schritt auf sie zu und hob den Stab seines Amtes, vor dem in früheren Zeiten das ganze Volk in Ehrfurcht zu Boden gesunken war, dem sich jetzt aber nur noch die wenigen Männer und Frauen seiner Gefolgschaft hier und in der Stadt beugten. »Ich frage dich zum letzten Mal«, flüsterte er, »wo ist die siebte Schriftrolle? Wenn du es mir sagst, schenke ich dir die Freiheit.« Sie gab keine Antwort.
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»Sag mir wenigstens das eine: Hast du die Rolle mit eigenen Augen gesehen?« Zum ersten Mal, seit er die Frau in seine Gewalt gebracht hatte, öffnete sie den Mund. Es klang fast wie ein Seufzen, als sie antwortete. »Ja…« Der Magus zuckte wie unter einem Peitschenhieb zusammen. Er glaubte an die Unsterblichkeit, an das ewige Leben, wie es Osiris geschenkt worden war. Der Leib des Gottes war in Stücke gerissen und über ganz Ägypten verteilt worden. Aber Isis hatte alle Teile gefunden, den zerstückelten Körper wieder zusammengefügt und ihm den Atem des Lebens eingehaucht. Auf diese Weise hatte sie den Geliebten wieder zum Leben erweckt. In ohnmächtigem Zorn ballte der Magus die Faust und hob sie zum Himmel. »Wenn ich das Geheimnis nicht kennen darf, dann soll es den Sterblichen auf der Erde bis in alle Ewigkeit verborgen bleiben!« Seine Männer hoben die Frau hoch und ließen sie Stück für Stück in den Brunnen hinab. Die rauhen Steine schürften die makellose zarte Haut, und Blut floß über ihren Rücken. Als ihre Schönheit in der Schwärze des Brunnenschachts verschwand, schlug der Magus mit dem goldenen Stab auf den kalten Stein und rief: »Bei der Macht, die dieser Stab mir verleiht, den mir mein Vater übergab, so wie ihm die Macht von seinem Vater anvertraut wurde und allen, die vor ihm kamen, bis zurück in die Zeit, als die Unsterblichen noch auf der Erde wandelten, verfluche ich diese Frau und die sechs Schriftrollen des neuen Glaubens, die ich hier mit ihr begraben lasse, damit das Geheimnis des Lebens auf immer den Menschen verborgen bleibe. Kein Sterblicher soll sie lesen und das Rätsel der Unsterblichen lösen. Wer diesen Brunnen findet, sei verflucht!« Ein Reiter erschien unter den zerklüfteten Klippen. Er
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zügelte sein Pferd weit genug vom Lager der Männer entfernt, daß niemand ihn hörte. Dann saß er ab, schlich sich unbemerkt näher und schnitt mit dem Dolch den Schlafenden so schnell die Kehlen durch, daß keinem der fünf Männer Zeit blieb, einen letzten Schrei auszustoßen. Als dies gelungen war, drang er in das Zelt des Magus ein, denn er hoffte, dort seine Geliebte zu finden. Aber sie war nicht da. Er fesselte den Magus und hielt ihm den Dolch an die Kehle. Der Alte wehrte sich nicht. Er sah den jungen Mann nur wissend und in sein Schicksal ergeben an. »Du wirst sie nicht finden, und du kannst sie nicht retten.« Aus Zorn und in ohnmächtiger Verzweiflung stieß der junge Mann dem Magus den Dolch ins Herz. Das rote Blut tränkte das seidene Kissen. Er verließ das Lager und machte sich auf die Suche nach seiner Geliebten. Er ritt am felsigen Ufer entlang und folgte den ausgetrockneten Wasserläufen. Er hob den Kopf und blickte hinauf zu den Sternen, als suche er sie auch dort. Dann hörte er plötzlich einen erstickten Laut in der stillen Nacht. Er irrte durch die Dunkelheit. Schließlich fand er das tote Pferd und in der Nähe das purpurrote Gewand. Und er entdeckte den Brunnen. Er lauschte. Er rief ihren Namen. Er hörte ein Stöhnen. Der junge Mann wendete seinen Hengst, galoppierte zum Lager zurück und holte ein Seil. Als er den Brunnen wieder erreicht hatte, schlang er ein Ende des Seils um einen Felsen und kletterte in die Tiefe. Sein Fuß stieß gegen etwas Weiches, und er wich seitlich aus, bis er den Boden spürte. Dann tastete er in der Dunkelheit nach seiner Geliebten. Er fand sie, und als er feststellte, daß sie nackt war, sank er neben ihr nieder und flüsterte: »Hab keine Angst, Liebste. Wir sind in Sicherheit.
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gibt mir die Kraft. »Die Götter sind Zeugen meines Schwurs. hielt er einen Augenblick an. Ihr Herz schlug nicht mehr. während sie hier einsam und verlassen in dem Brunnen lag und starb. Das gelobe ich dir. bevor er den Boden erreichte. Seine Hilfe kam zu spät. Der Magus ist tot. Sein Klageruf hallte dumpf in dem dunklen. Seine Tränen wärmten ihr die Haare. aber jetzt war sie tot. daß dein Tod nicht umsonst gewesen ist. Mein Glaube. das ihr gehört hatte. aber alles blieb still. »Du sollst nicht vergebens gestorben sein. Wir werden wieder Zusammensein und uns ewig lieben. legte sich neben sie und nahm sie in die Arme. Schluchzend kletterte er aus dem Brunnen und holte das reich bestickte purpurrote Gewand. Geliebte«.« 14 . Noch vor kurzem hatte sie gestöhnt. Kurz entschlossen durchtrennte er mit dem Dolch das Seil.« Er wartete. dir zu versprechen. Er fiel auf den Boden.Deine Peiniger sind tot. die Männer und den Magus zu töten. denn ich kann dich nicht sehen. Gib mir deine Hand. tiefen Brunnen und stieg hoch zum Himmel auf. Als er wieder in den Brunnen stieg. das Seil baumelte außer Reichweite über ihm. Er hatte seine Zeit damit vergeudet. Er breitete das Gewand über die inzwischen erkaltete Leiche. der sich von deinem unterscheidet. Ihr Körper war noch warm. flüsterte er. »Warum gibst du mir keine Antwort?« Er legte den Kopf auf ihre Brust.

DER ERSTE TAG 15 .

und das Dynamit konnte die vorsichtig ausgehobenen Gräben mit einem Schlag vernichten. Zum Schutz vor den Strahlen der aufgehenden Sonne legte sie eine Hand über die Augen und blickte auf die etwa zweihundert Meter von ihrem Lager entfernte Baustelle. Golf von Akkaba Die Explosion erschütterte das Land im weiten Umkreis und zerriß die morgendliche Stille. Beim Anblick der riesigen Baumaschinen lief ihr ein Schauer über den Rücken. Vögel. flatterten erschrocken auf und flogen über das blaue Wasser des Golfs. Warum das Dynamit? Man hatte ihr versprochen. Staubwolken stiegen in die Luft. daß bereits Planierraupen heranfuhren. Und als sie die Staubwolke sah. die verschlafen aus den Zelten krochen. Geröll prallte an die zerklüfteten Felsen. Dezember 1999 Scharm el Scheich. daß die Stützbalken halten. die an der östlichen Küste der Sinaihalbinsel 16 . Catherine Alexander kam stolpernd aus ihrem Zelt. die in den Dattelpalmen saßen. Hier sollte ein Hotelkomplex entstehen. Sie fluchte leise.Dienstag. sah sie. Sie zog schnell die Stiefel an und rief den Männern ihrer Mannschaft. Ich werde mit unserem Nachbarn ein ernstes Wort reden. Die Baustelle befand sich ohnehin zu nahe an ihrer Grabungsstelle. um das gesprengte Gestein abzuräumen. Dr. einer der vielen luxuriösen. 14. sie rechtzeitig vor einer Sprengung zu informieren. zu: »Seht euch die Gräben an! Vergewissert euch. klimatisierten Tummelplätze für reiche Touristen. hätte sie vor Empörung beinahe laut aufgeschrien.« Während Catherine über den Sand eilte.

einen Baustopp für das neue Hotel zu erwirken. Ich weiß. Das Ministerium in Kairo saß ihr im Nacken und zeigte ein auffällig großes Interesse an der Ausgrabung. »Sie hatten mir versprochen. bis ihre Ausgrabungen abgeschlossen sein würden. Aber in Kairo hörte niemand auf eine Frau und erst recht nicht auf eine. bald würde es hier keine Stelle mehr geben. meine Arbeit ohne solche verdammten Störungen durchzuführen… »Hungerford! Wo sind Sie?« Catherine näherte sich dem Container. als sie sich den Wohncontainern der Bauleitung näherte. daß ich den Brunnen bald finden werde! Man muß mir nur die Möglichkeit geben. »Hungerford!« rief Catherine schon von weitem. das Projekt fallenzulassen und die Geldmittel zu streichen. der als Planungsbüro diente. Catherine wußte. ragten an der sanft geschwungenen Küste Hotels und Hochhäuser wie weiße Monolithe in den blauen Himmel und verwandelten die karge Landschaft in ein zweites Miami. dachte Catherine. als sie sich vergeblich darum bemühte. Sie drehte sich um und sah im gleißenden 17 . So weit man sehen konnte. Zu allem Überfluß hatte ihr die Stiftung in der letzten Woche mitgeteilt. während sie von Container zu Container lief und an die Blechtüren klopfte. Das hatte sie versucht den Bürokraten in Kairo zu erklären. Und im Augenblick hatte Catherine bereits mit genug Widrigkeiten zu kämpfen. Plötzlich hörte sie in ihrem Rücken Stimmengewirr. Früher oder später würden sie hinter die eigentliche Absicht kommen und wissen. Aber ich bin doch fast am Ziel. an der Archäologen graben konnten. nicht zu sprengen!« Die Gefährdung der Grabungen erschwerte ihr das Leben zusätzlich. wenn bei den Ausgrabungen nicht in Kürze positive Ergebnisse vorliegen würden. daß Catherine gelogen hatte.gebaut wurden. der man die Grabungserlaubnis nur mit Vorbehalten erteilt hatte. man sehe sich gezwungen.

»Also. Offenbar hatte einer der Arbeiter etwas gefunden. wo das Dynamit gezündet worden war. als er Catherine sah. sprang über Steine. »Darf ich?« Catherine nahm dem Araber den Fund aus der Hand. Catherine hielt den Atem an. wie die Männer aufgeregt gestikulierend in der sich langsam auflösenden Staubwolke auf einen Felsen zuströmten. So war es auch bei den Grabungen in Israel und im Libanon gewesen. »Warum die Aufregung?« murmelte Hungerford kopfschüttelnd. Sie zog eine Lupe aus der Tasche ihrer Khakibluse und 18 . begrüßte sie Hungerford. Frau Doktor«. als sich Hungerford einen Weg durch die Menge bahnte. wenn etwas wirklich Wertvolles und Einmaliges gefunden worden war. »Was soll das? Wer hat euch gesagt. Plötzlich rannte auch sie los. Die Männer verstummten und sahen gespannt zu. daß ihr die Arbeit unterbrechen könnt?« Der dicke Texaner nahm den leuchtend gelben Schutzhelm vom Kopf und fuhr sich mit der Hand durch die rötlichen Haare.Sonnenlicht. wich Felsbrocken aus und stolperte über Geröll. sondern Papyrus. das wie das Stück einer alten vergilbten Zeitung aussah. Leute?« Die Araber begannen alle auf einmal zu reden. als sie das Papier aufmerksam betrachtete. Sie erreichte die Gruppe in dem Augenblick. Sie kannte diese Art Aufregung. Einer hielt etwas in der Hand. Sie beobachtete verblüfft. »Guten Morgen. daß Hungerfords arabische Arbeiter zu der Stelle rannten. Es war kein Papier. was ist los. Wie immer lief ihm der Schweiß über das rote Gesicht.

»Sie werden doch nicht fluchen. daß es sich nicht um neugriechische Buchstaben handelte. wovon jeder Archäologe träumt? Nein. Das war in der Tat ein sehr altes Dokument. um wahr zu sein… »Vermutlich stammt es von einem Einsiedler aus dem vierten Jahrhundert«. nur ein Fragment. »›Jesus‹…!« flüsterte sie plötzlich.« Catherine deutete auf den Riß. wie Sie sehen. Ihr Herz schlug plötzlich schneller. Die untere Hälfte des Papyrus fehlte.« Hungerfords Blick richtete sich auf die Wüstenlandschaft zu ihrer Linken. Die Sonne brannte bereits 19 . und er murmelte sichtlich beeindruckt: »Das heißt tatsächlich Jesus?« »Ja. und es klang spöttisch.betrachtete das Fragment. und das hier ist. Der Papyrus hatte eine honiggelbe Farbe und war mit schwarzen Schriftzeichen bedeckt. Sie deutete auf das Wort ›Iesous‹. es wäre einfach zu schön. zu wunderbar. und gab ihm keine Antwort. das steht hier. sich über ihre Arbeit lustig zu machen. und am Ende des römischen Reiches war Griechisch unter den Gelehrten weit verbreitet. Bin ich vielleicht auf das gestoßen. als er fragte: »Ist das vielleicht ein ›JesusFragment‹?« Catherine kannte seine unverschämte Art. Hungerford verzog spöttisch die Lippen. Er lachte plötzlich laut. Dann fügte sie erklärend hinzu: »In den Felsenhöhlen hier lebte einst eine große Zahl Asketen und Propheten. Sie betrachtete den Fund nachdenklich. Sie sah sofort. Frau Doktor?« »Nein.« Hungerford kniff die Augen zusammen. Sehen Sie? Hier steht auf griechisch ›Jesus‹. murmelte sie ausweichend und schob sich eine Strähne des kastanienbraunen Haars aus der Stirn.

um es mir genauer anzusehen. wo sich bereits viele Menschen zu Tag. Die beiden Amerikaner und die wartenden Araber glaubten.« »Können Sie es lesen?« »Dazu muß ich in mein Zelt. Leute!« Die Männer durchsuchten die nähere Umgebung. Über ihren Köpfen kreiste ein Falke und stieß einen schrillen Schrei aus.« Sie sah ihn nicht an. Der ständige Wind am Golf schien plötzlich stärker zu werden. Catherine sah die Schlagzeile: ›JAHRTAUSEND-FIEBER!‹ Darunter stand fett gedruckt: ›Das Ende? Weltuntergang in zwanzig Tagen!?‹ Ein Photo zeigte den Petersdom in Rom. was auf dem Papyrus steht. Vermutlich hatte sie der Wind aus einem Touristenhotel hergetragen. Hungerford räusperte sich und blickte wieder auf das Fragment. woher es kommt. »Ist es etwas wert?« Catherine hob die Schultern. Yallah.« Sie deutete noch einmal auf den gezackten unteren Rand. Fünf ägyptische Pfund für den Mann.unbarmherzig auf die zerklüfteten hohen Felsen. »Wir werden sehen. wenn wir den Rest finden würden. Plötzlich fand einer der Arbeiter etwas unter einem Stein. Außerdem wäre es hilfreich. »Und davon. Catherine lief ein Schauer über den Rücken. »Also gut!« Hungerford setzte den Schutzhelm wieder auf. der mehr von dieser Art Papyrus findet. Alle stürzten sich darauf. »Das hängt von seinem Alter ab. Aber es war nur die Titelseite der International Times von vor zwei Tagen. ein merkwürdiges Pfeifen zu hören. Die Buchstaben sind verblaßt. und der Papyrus ist an einigen Stellen bereits brüchig.und Nachtwachen versammelten 20 . Das Geröll bestand in erster Linie aus Kalkstein und Schiefer. Es klang wie zischender Dampf.

daß es ebenfalls sehr alt war. In weniger als drei Wochen würde das Jahr 1999 enden und das Jahr 2000 beginnen. Was haben wir gefunden? »Wir müssen den Platz freiräumen«. wie Hungerford leichtsinnig laut gesagt hatte. Wenn sich die Nachricht von einem ›JesusFragment‹. Sie betrachtete noch einmal das Fragment. Hungerford und sie durften die Männer nicht mehr aus den Augen lassen.« Hungerford sah sie erstaunt an und nickte dann langsam. »Verstehe…«. Catherine hatte auch das schon erlebt. Dann wären alle Artefakte verschwunden. brummte er. und wieder lief ihr ein Schauer über den Rücken. wußte sie. verbreitete. und wieder fiel ihr Blick auf das Wort: ›Jesus‹. Sie mußte das brüchige Papyrus vor weiteren Schäden bewahren und es so schnell wie möglich übersetzen. Die Araber fanden zwischen den Steinen Stücke eines Hanfseils und Stoffreste. Die Augen der Araber waren auf sie gerichtet. Alexander!« 21 . Was wird dort stehen außer dem Namen Jesus? »Dr.und darauf warteten. bevor die ägyptischen Behörden einschreiten konnten. daß die Glocken das neue Jahrtausend einläuteten. Sie wissen es! Catherines Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Als sich Catherine das brüchige Gewebe ansah. würde bald jeder Beduine im Umkreis von fünfzig Meilen am Ort der Sprengung erscheinen und sein Zelt aufschlagen. »Wir dürfen unter keinen Umständen etwas von dem Fund verlauten lassen. sagte sie mit belegter Stimme. »Und nun?« Catherine wollte mit dem Fragment so schnell wie möglich zu ihrem Zelt.

sie zu einem Drink im nahe gelegenen Hotel Isis einzuladen. Das heißt doch nicht.« Catherine mochte Hungerford nicht.‹ Catherine erklärte. das er während des Studiums in London gelernt hatte: »Einige Wände sind beschädigt und sechs Gräben eingestürzt. Sie wissen ganz genau. gerufen hatte. die nicht so viel Geld hatten wie die Gäste der Luxushotels. um zu arbeiten. sie sei zum Arbeiten hier. Hungerford hatte anzüglich gelacht und ungerührt erwidert: ›Ach.Sie drehte sich um und sah. Auch Catherine erholte sich nach der Tagesarbeit hin und wieder mit einigen ihrer Leute in der verräucherten Bar des Hotels. die hier arbeiteten oder wohnten. aber sie ging Hungerford immer aus dem Weg. Der schäbige Betonklotz stammte noch aus den fünfziger Jahren und war ein Treffpunkt für Ausländer. daß Samir. Sein aufdringliches Lachen gefiel ihr nicht. und Touristen aus dem Nahen Osten. sich zu amüsieren…‹ Wie sich herausstellte. daß sie mit ihrem Ausgrabungsstab und fünfzehn Arbeitern wohl kaum ›allein‹ sei. daß man nicht hin und wieder Zeit hat. wir haben einen Monat Arbeit verloren!« Catherine warf einen wütenden Blick auf Hungerford. Als er sie erreichte. ihr Aufseher. aber er antwortete: ›Wir sind alle hier. Als er vor zwei Monaten mit seiner Mannschaft und dem gesamten Maschinenpark hier erschienen war. Frau Doktor. und der dicke 22 . was ich meine! Eine so hübsche Frau wie Sie braucht einen Mann. hatte er gefragt: ›Was macht eine so hübsche Frau wie Sie ganz allein in der Wüste?‹ Catherine hatte ihm höflich erklärt. »Tut mir leid. Sie hatte ihn von Anfang an abstoßend gefunden. aber der Fortschritt läßt sich nicht aufhalten. meldete er in dem klaren Englisch. Die Vergangenheit darf der Zukunft nicht im Wege stehen. der verlegen lächelte. bestand das ›Amüsieren‹ in dem Versuch.« »Das bedeutet.

als die Israeliten vor mehr als dreitausend Jahren hier entlang 23 . daß er ihn ständig stolz mit beiden Händen umfaßte. salzige Luft des Golfs ein und rümpfte über die Gerüche des Fortschritts – Dieselabgase und der Rauch einer nicht allzuweit entfernten. Sie spürte die rauhe Oberfläche an der Fingerspitze und blickte ehrfurchtsvoll auf die mit großer Sorgfalt geschriebenen Buchstaben. brennenden Müllhalde – die Nase. traf der scharfe Wind ihr Gesicht. daß sie nämlich nicht nach Moses. Er stellte ihr Fragen. Der Texaner ließ sich jedoch keine Gelegenheit entgehen.Bauch über der riesigen Silberschnalle seines breiten Ledergürtels wurde auch nicht dadurch anziehender. Sie atmete tief die zeitlose. ihm den wahren Grund für ihre Grabung anzuvertrauen. sondern nach seiner Schwester suchte. Hatte das überraschend aufgetauchte Dokument etwas mit ihrer Suche nach der Prophetin Mirjam zu tun? Als sie nachdenklich den Kopf hob. das hat etwas mit Ihrer Arbeit hier zu tun?« Catherine hatte zweifellos das brüchige Stück einer Schriftrolle aus dem Altertum gefunden. Wonach mochte die Luft gerochen haben.‹ Sie konnte sich die Reaktionen gut vorstellen. nach der Prophetin Mirjam. Aus Vorsicht hatte sie sogar den Behörden in Kairo nur gesagt. wie: ›Sie suchen also nach den Tafeln mit den Zehn Geboten?‹ Catherine gab ihm jedesmal ausweichende Antworten und hütete sich davor. »Also«. »Glauben Sie. wenn man die Wahrheit erfahren würde. sie in ein Gespräch über die Ausgrabung zu verwickeln. das nur er zu bieten habe. sagte Hungerford jetzt grinsend und deutete mit einem vom Nikotin verfärbten Finger auf das Fragment. als sei der Bauch etwas Besonderes. Unwillkürlich betastete sie vorsichtig das bräunlichgelbe Blatt. was alle wußten: ›Wir suchen nach Moses.

senkte sie schnell den Kopf und stellte fest. die Stirn zu bieten und ihn zu fragen: ›Hat der Herr nur durch Moses gesprochen?‹ Catherine zwang sich. 24 . sie sollen weitersuchen. »Ich muß mir das Fragment genauer ansehen«. die Gräben zu sichern. Da sie Hungerfords Blick noch immer auf sich gerichtet sah. Es war sehr viel schwieriger.« »Na klar!« trompetete Hungerford. Es war der Beginn eines neuen Jahrzehnts. in den drückend heißen Sommermonaten Leute zu finden. Als Catherine das Lager erreichte. und nur einige hatten ihre Rückkehr zugesagt.gezogen waren? Wie war das Leben unter diesem Himmel gewesen. Das neue Jahr würde kein gewöhnliches Jahr sein. eines neuen Jahrhunderts und sogar eines neuen Jahrtausends. füllte der Koch Körbchen mit einheimischem Fladenbrot. ihrem Bruder. »Sagen Sie Ihren Leuten. und Mirjam die Kühnheit besaß. ihrem ›Eßzimmer‹. schwarzen Kaffee bereit. daß sie in der Eile nach der überraschenden Sprengung vergessen hatte. als sich Schleier und Umhänge der Israeliten im Wind blähten. den alle mit größter Begeisterung tranken. die bereit waren. die durch Hungerfords Sprengung in Mitleidenschaft gezogen worden waren. bei einer Grabung mitzuarbeiten. hatte ihr GrabungsTeam aus amerikanischen Studenten und Freiwilligen bereits damit begonnen. Das lag zum Teil an dem kühlen Wetter. Auch das machte ihr Sorgen. Unter dem Sonnendach. In diesem Winter hatte Catherine eine gute Mannschaft. die oberen Knöpfe der Bluse zuzuknöpfen. in die Gegenwart zurückzukehren. Leider würden die meisten Weihnachten nach Hause fahren. dem Anführer der Juden. erklärte sie mit Nachdruck und drehte sich um. zerteilte den Ziegenkäse und stellte die unterschiedlichen Becher für den starken. und sein vulgäres Lachen hallte von den Felsen wider.

blieb die Falte deutlich sichtbar. Ein Blick in den Spiegel zeigte ihr in der nüchternen Klarheit des hellen Morgens. denn sie spürte mehr denn je. daß sie an einem Wendepunkt in ihrem Leben stand. ›Du auch nicht. daß sie müde und erschöpft aussah. ein Erbe ihrer Mutter. Aber jetzt stellte sie seufzend fest. Aber zuerst ging sie zum Waschbecken und kühlte sich das Gesicht ab. Genau das konnte sie sich aber nicht leisten. Die großen grünen Augen. ständig unter Sonnenbrand zu leiden und ein Gesicht voller Falten und Krähenfüße zu haben. Wie konnte Julius behaupten. dem Schicksal aller Archäologen zu entgehen. die sie im Nacken mit einer Spange zusammenhielt. hatte Hungerford gesagt. Die Falte war entstanden. 25 . Trotz der anstrengenden Jahre unter der heißen Sonne bei Ausgrabungen in Israel und Ägypten war es ihr bis jetzt irgendwie gelungen. Catherine lächelte. ›Du wirst nicht jünger‹. noch nicht von grauen Fäden durchzogen. um es genauer zu untersuchen. fand auch Catherine schön. die Ausgrabung vorübergehend abzubrechen. weil sie bei ihrer konzentrierten Arbeit immer unbewußt die Augenbrauen zusammenzog. Bisher war sie stets wieder verschwunden. daß sie gezwungen sein würde.Catherine fürchtete nicht zu Unrecht. Doch obwohl Catherine das Gesicht jetzt bewußt entspannte. Sie trat in das Zelt und legte das Fragment vorsichtig auf die Arbeitsplatte. Immerhin waren die langen kastanienbraunen Haare. sie sei schön? Catherine fand ihr Gesicht in keiner Weise außergewöhnlich. daß ein neues Zeichen des Alters hinzugekommen war: eine senkrechte Falte zwischen den Augen. hörte sie eine spöttische Stimme flüstern. mein lieber Julius…‹ ›Sie brauchen einen Mann‹. obwohl sie vermutlich sehr viel jünger als sechsunddreißig aussah.

das sie mit Klebeband über dem Arbeitstisch befestigt hatte: Julius lächelte sie an. als der Arm zur Selbstverteidigung gehoben wurde. Dann öffnete sie eine Klappe am Zeltdach. daß ich von dir nicht verlange. Er sah wirklich gut aus. und die gegenseitige Anziehung war augenblicklich spürbar. ›Warum willst du mich nicht heiraten? Es kann doch nicht daran liegen. Dr. Leider befand er sich neuntausend Meilen entfernt am anderen Ende der Welt. als unterhalte er sich gerade mit ihr. Es war wirklich so etwas wie Liebe auf den ersten Blick gewesen. Er hielt einen Vortrag über das auffällig häufige Vorkommen von Unterarmbrüchen bei ägyptischen Skeletten. besonders bei Frauen. selbst wenn er das verlangen sollte. wie sie fand. Catherine hatte dort ein Thesenpapier vorgestellt mit dem Titel: ›Bestimmung der Herkunft von Ton bei Keramik der Bronzezeit mit Hilfe der optischen Emissionsspektroskopie. Sie hatte 26 . als befinde er sich plötzlich in ihrem Zelt. geheimnisvolle dunkle Augen. einen gepflegten Bart und. ›Warum. Das ist nicht der Grund.‹ Catherine würde sich niemals zu seinem Glauben bekehren.Catherine hatte einen Mann. Cathy?‹ hörte sie ihn wieder fragen.‹ Julius war Mediziner und hatte sich auf Krankheiten im Altertum spezialisiert. Die Sonnenstrahlen fielen auf ein Photo. um einen Schlag abzuwehren. Er vertrat die Auffassung. daß du keine Jüdin bist. um das Morgenlicht hereinzulassen. hatte schwarze Haare. Du weißt. In der Mittagspause lernten sie sich kennen. Julius Voss war vor zwei Jahren auf einer Archäologen-Tagung in Oakland in ihr Leben getreten. Julius fehlte ihr… Catherine schaffte genügend Platz auf dem überfüllten Arbeitstisch. meine Religion anzunehmen. daß diese Brüche entstanden waren.

wo sich die Oase befand. nach der sie hier auf der Sinaihalbinsel suchte? Gab das Jesus-Fragment vielleicht den entscheidenden Hinweis. Chr. daß sie keine Religion brauchte. daß sie Julius nicht heiraten konnte. wenn sie in seine große orthodoxe Familie einheiratete -. Nicht die Tatsache. Es stammte aus dem Jahr 1764. wenn es um Religion ging – und das würde nicht ausbleiben. sondern seine Frömmigkeit. auch wenn sie ihn noch so sehr liebte. dessen Schiff im Jahr 976 n. dann konnte sie frei und ungezwungen mit ihm reden. dann erfaßte sie eine unbestimmte. Wenn sie sich über wissenschaftliche Themen oder über gemeinsame Interessen unterhielten.ihm bereits gesagt. namenlose Angst. und es handelte sich um die englische Übersetzung der Erinnerungen von Ihn Hassan. daß er Jude war. für ihn dasein und ihm zuhören. Sie überflog die griechischen Buchstaben. in einem Sturm vom Kurs abgekommen 27 . Aber das war bedeutsam genug. auf den sie schon so lange gehofft hatte? Würde sie möglicherweise erfahren. Catherine schob mit einem leisen Seufzen den Gedanken an Julius beiseite und konzentrierte sich auf das Fragment. die Stelle in der Wüste. Das Problem ließ sich nicht so leicht in Worte fassen: Julius war Jude. bereitete ihr Unbehagen. Bestand möglicherweise eine Verbindung zwischen diesem christlichen Dokument und der Prophetin des Alten Testaments. um ein Leben lang genug von Religionen zu haben. Aber es gab andere Gründe dafür. Aber jedesmal. Catherine liebte Julius. Der Katholizismus ihrer Kindheit und Jugend reichte. genauer gesagt ein gläubiger Jude. einem Araber aus dem zehnten Jahrhundert. wo Mirjam und ihr Bruder den Kampf um die Macht geführt hatten? Catherine überlegte einen Augenblick und nahm dann ein Buch aus dem Regal. doch das Wort ›Jesus‹ fand sie nur an einer Stelle.

Mit dieser Erkenntnis hatte Catherines lebenslange. Der Mann konnte sich an eine nur ungenau bezeichnete Küste retten. Salomon. wo jetzt die Ferienhotels Touristen aus aller Welt anlockten. als Moses das Rote Meer teilte -. Moses. wurde Catherine sehr nachdenklich. unbestimmte Suche schließlich ein Ziel gefunden. denn Ihn Hassan hatte geschrieben: ›Ich verbrachte meine einsamen Tage an einem Ort. würdevolle und heldenhafte Männer. Beim ersten Lesen war Catherine die Stelle aufgefallen: ›… im Lande Sina gestrandet…‹ Damals dachte sie: Spricht er von der Sinaihalbinsel? Sie verglich die unklaren Hinweise aus der Geschichte des Arabers mit Stellen im Alten Testament und kam unter Einbeziehung von Astronomie und der Navigation mit Hilfe von Sternen (Ihn Hassan berichtete: ›Ich sah. dem Bir Mary am…‹ Der Mirjam-Brunnen. wie Aldebaran über meiner Heimat aufging‹) sowie unter Berücksichtigung der Legenden und Gebräuche der Beduinen dieser Gegend zu dem Schluß. Catherines Suche hatte genaugenommen an einem ganz bestimmten Tag begonnen. Sie sah ihre Vermutungen bestätigt. kicherten und sich langweilten – allerdings gab es Beifall. Alle Filme verherrlichten die Helden der Bibel: Samson. Auf der Leinwand zeigte man gute. die mit den technischen Spezialeffekten von Star Trek und Krieg der Sterne aufgewachsen waren.‹ Höhepunkt war DeMilles Klassiker Die Zehn Gebote aus dem Jahr 1954. Als Vierzehnjährige zeigte man in der von Nonnen geleiteten katholischen Schule während der Karwoche eine Reihe von Filmen für die achte und neunte Klasse zum Thema: ›Bibelfilme der vierziger und fünfziger Jahre. Während die meisten ihrer Mitschüler. wo die ansässigen Beduinen ihre Herden tränken. Unter den Frauen gab es 28 . daß der Araber an dieser Küste gestrandet war.war.

erklärte sie den Beamten im Ministerium in Kairo. sie beabsichtige. daß es auch in biblischen Zeiten Heldinnen gab – hatte sich bereits in ihrer Jugend eine wahre Besessenheit entwickelt. dann wollte Catherine sie an Ort und Stelle. Wenn man in der Bibel keine Heldinnen fand. nach dem Mirjam-Brunnen zu suchen. Sie glaubte felsenfest. In keinem Film gab es eine richtige Heldin. die schließlich zu ihrer Berufswahl führte: biblische Archäologie. die Schwester von Moses. Beweise für ihre Theorie zu finden. in der Wüste finden. zahlte hohe 29 . Aus dieser einfachen Beobachtung – Catherine war überzeugt davon. daß die Frauen wenig mehr waren als Statistinnen zur Verherrlichung der Männer. Catherine fand. von ihren grundsätzlichen Erkenntnissen abzurücken. die nur darauf warteten. Als sich Catherine vor fünf Jahren zum ersten Mal um eine Grabungsgenehmigung in dieser Gegend bemüht hatte. ausgegraben zu werden.dagegen nur zwei Typen: Die böse Verführerin und die geduldig leidende Jungfrau. Die zähen Verhandlungen zogen sich über Monate hin. Sie mußte jedoch bald feststellen. daß der Wüstensand. daß die von Männern beherrschte Archäologie und Bibelwissenschaft mit ihren anerkannten und scheinbar unumstößlichen Theorien von der alten Garde wie eine uneinnehmbare Bastion verteidigt wurden. und hoffe damit. in dem man Schätze wie das Grab des Tutench-Amun und die Schriftrollen vom Toten Meer gefunden hatte. Sie führte zahllose Gespräche. weit mehr Geheimnisse barg. daß Mirjam. Selbst ältere Frauen und Mütter wirkten in den Filmen irgendwie jungfräulich und blaß. eine Anführerin der Israeliten gewesen sei und daß sich die Geschwister die Führerschaft als gleichberechtigte Partner geteilt hätten. Sie tolerierten in ihren Reihen kaum Frauen und waren unter keinen Umständen bereit.

las sie nicht die Stellen. die sie jetzt jedoch nachdenklich noch einmal las. Als Catherine jetzt Ibn Hassans Buch aufschlug.‹ Catherine blickte nachdenklich auf die Worte: ›Anker aus Schilf‹. Ibn Hassan‹. daß der Anker in frühchristlicher Zeit eine symbolische Bedeutung besessen hatte und erst später vom Kreuz verdrängt worden war. der sie bislang weniger Aufmerksamkeit geschenkt hatte. die ihr Anhaltspunkte für die Suche nach dem Weg der Juden bei ihrem Auszug aus Ägypten geliefert hatten. schrieb der Araber. Der Anker aus Schilf war ein Symbol. Der Anker war das Verbindungsglied zum Christentum. Wozu einen Anker aus Schilf? Sie zuckte zusammen. Catherine runzelte die Stirn. Plötzlich wußte sie die Antwort. Sie hatte ihnen bislang wenig Bedeutung beigemessen. sagte der Engel zu mir. Auf den Brunnen sollte ich einen Anker aus Schilf stellen.‹ ›Wenn du das für mich tust. Sie führte mich zu einem Brunnen und forderte mich auf. ›werde ich dir das Geheimnis des ewigen Lebens verraten. Sie blätterte bis zu einer Passage. ›und vor mir stand eine wundersame junge Frau. ihn zu füllen. Deshalb hatte Catherine den Rückzug angetreten und eine andere Strategie entwickelt. zuerst mit weicher Erde und dann mit Steinen. Ein Jahr darauf erschien sie wieder in Kairo und stellte den Antrag auf eine Grabungserlaubnis. wurde von einer Stelle zur anderen verwiesen.Bestechungsgelder. das sie suchte. deren Schönheit und Glanz mich blendeten. daß Dokumente spurlos verschwanden. 30 . ›Eines Nachts erwachte ich‹. mußte erleben. um den Moses-Brunnen zu suchen. und schließlich lehnte man ihr Gesuch ab. kein wirklicher Anker! Sofort fiel ihr ein.

Ibn Hassan Abu Mohammed Omar Abbas Ali. In der Nacht wurden die Teilnehmer der Expedition von seltsamen Träumen 31 . Catherine hatte diese Worte bisher als Prahlerei eines alten Mannes abgetan. Zwei Worte stachen ihr ins Auge: ›Zoe aionios. wurde gerettet. Die Zelte standen unter einem steilen Felsen in der Nähe eines Brunnens mit dem Namen Bir Umma – Brunnen der Mutter. was hatte der Hinweis auf ›Jesus‹ mit dem Mirjam-Brunnen zu tun? Catherine hatte. Er beschrieb darin eine Expedition in die Wüste Sinai.‹ Ewiges Leben. Aber jetzt… Sie blickte auf das Jesus-Fragment. bisher keine Hinweise auf einen MirjamBrunnen gefunden. der es liebte. Ich. Ich erzähle dies im hohen Alter von zweimal sechzig und neun Jahren bei bester Gesundheit und in dem festen Glauben.Sie blätterte zurück zur ersten Seite von Ibn Hassans Erinnerungen und las mit wachsender Erregung: ›Und so erhielt ich den Schlüssel zum ewigen Leben. das sie nach vorsichtiger Schätzung um zweihundert nach Christus datierte. und der Erscheinung eines Engels. Ich konnte die einsame Küste verlassen und zu meiner Familie zurückkehren. der einem Schiffbrüchigen sieben Jahrhunderte später das ›ewige Leben‹ verhieß? Wenn es diesen Zusammenhang gab. das Hungerfords Araber gefunden hatten. Eines Tages schlug die Gruppe ihr Lager an der Küste im Osten des Katharinenklosters auf. und deshalb behauptete. Bestand ein Zusammenhang zwischen diesem Fragment. daß ich nicht sterben werde. abgesehen von Ibn Hassans Erinnerungen. einhundertneunundzwanzig Jahre alt zu sein. wundersame Geschichten zu erzählen. Aber sie war bei ihren Nachforschungen auf das Buch eines deutschen Ägyptologen von 1883 gestoßen. denn der Engel hat mir das ewige Leben zum Geschenk gemacht‹.

um ihnen zu leuchten. Sie überlegte: Was hat das Fragment und die Worte ›ewiges Leben‹ mit Ibn Hassans ›Engel‹. und die Feuersäule nicht bei Nacht. Mit einem Papyrus-Fund. So konnten sie Tag und Nacht unterwegs sein. an dieser Stelle zu graben. der zu ihrem Entschluß führte. daß Professor Krügers Expedition das Lager an der Stelle aufgeschlagen hatte. Catherine entdeckte schließlich einen Anhaltspunkt im Alten Testament.heimgesucht. ob die Ähnlichkeit der Erscheinung ein Hinweis darauf war. Die Frage lag nahe. Die Frau des Deutschen berichtete fast in denselben Worten wie Ibn Hassan von der Erscheinung einer überirdisch schönen jungen Frau. an der Ibn Hassan Schiffbruch erlitten hatte. um ihnen den Weg zu zeigen. Exodus 13:21/22: ›Der Herr zog vor ihnen her. Die Israeliten waren dem Feuer und Rauch des Vulkans gefolgt und an diesen Ort an der Ostküste. Deshalb kam sie zu folgendem Schluß: Das Gebirge befand sich an der Westküste Arabiens. denn dort hatten sie die ›Wolkensäule‹ bei Tag und ›das Feuer‹ in der Nacht gesehen. es gab auf der Sinaihalbinsel keine vulkanischen Gebirge. dafür aber in Saudi-Arabien im Osten des Golfs von Akkaba. in dem das Wort ›Jesus‹ vorkam. Man nannte das Gebiet dort ›das Land Midian‹. bei Tag in einer Wolkensäule. bei Nacht in einer Feuersäule. auf der anderen Seite des Golfs gelangt. hatte sie allerdings nicht gerechnet. Sie wußte. Catherine war hierhergekommen. mit dem Traum der Frau des Ägyptologen und mit den Legenden 32 . daß diese Bibelstelle sehr wohl einen aktiven Vulkan beschreiben mochte.‹ Catherine erkannte nicht als erste. um einen Beweis für den Weg der Israeliten durch die Wüste zu finden und auch Hinweise auf die Prophetin Mirjam. Die Wolkensäule wich bei Tag nicht von der Spitze des Volkes.

Nein. sie sprang auf und rannte ohne eine Erklärung zu ihrem Grabungsplatz zurück. Catherine kniete im Sand und betrachtete die Öffnung. Sie wollte damit beginnen. Eine Erinnerung. Plötzlich erinnerte sie sich. die altgriechischen Worte zu übersetzen. die an dieser Stelle den Menschen erscheinen? Catherine lauschte auf die Geräusche vor dem Zelt. daß sie in der vergangenen Nacht ebenfalls einen seltsamen Traum gehabt hatte. Auf der dritten Ebene hatten sie eine Kalksteinschicht erreicht und den Einstieg zu einem Tunnel gefunden. wo sie 33 . Ein Jahr später war sie auf der zweiten Ebene noch immer nicht auf Hinweise für eine menschliche Besiedlung gestoßen. Vor Beginn der Ausgrabungen hatte sie das Gebiet mit den neuesten geologischen Meßinstrumenten untersucht und an dieser Stelle das Vorhandensein eines ungewöhnlichen unterirdischen Tunnels festgestellt. in denen immer wieder von Geistwesen oder Geistern berichtet wird. Ihr Herz schlug schneller.der Beduinen zu tun. es war kein Traum gewesen. Er fuhr pfeifend über den dunkelblauen Golf und mischte sich mit dem Lachen und Rufen von Hungerfords Arbeitern. die sie mit großer Entschlossenheit verdrängt hatte. Sie hatte ein Planquadrat mit einem Raster angefertigt und dann mit den Grabungen begonnen. die das Geröll durchsuchten. stellte sich erstaunlicherweise wieder ein. ›Du abscheuliches Mädchen! Das wirst du büßen…‹ Catherine schob die Erinnerung seufzend beiseite und griff nach der Lupe. Als Catherine jetzt in einem der Gräben stand. In unmittelbarer Nähe der Sprengung waren die Arbeiter auf ein Loch gestoßen. um sie zu quälen. als es draußen plötzlich laut wurde. Die Araber hatten etwas gefunden. Der morgendliche Wind nahm an Heftigkeit zu. das wie ein Tunneleingang wirkte.

Das Gerücht von dem sensationellen Fund kursierte vielleicht schon auf der ganzen Halbinsel. legte sich auf eine der Paletten auf Rädern. fiel ihr auf. die die Einheimischen auf dem schwarzen Markt für die Schriftrollen vom Toten Meer und den ›Nag Hammadi‹Schatz erzielt hatten. der offenbar zu dem steilen Uferfelsen führte. Der Gang war dunkel und eng. als Catherine in der Dunkelheit verschwand. Niemand kannte die Festigkeit des Gesteins. Catherine band sich das Seil um die Hüfte. daß er in Richtung der Sprengung verlief. bis eine wissenschaftliche Klärung vorlag. waren nicht vergessen. Sie bewegte sich langsam. das durch die Sprengung brüchig geworden sein mochte. und machte sich mit einer Taschenlampe in der Hand auf den Weg. 34 . Deshalb hatten sie ein Signal verabredet: Wenn Catherine einmal am Seil zog. Die Sonne stand bereits hoch am Himmel. würde man sie sofort herausholen. Catherine hatte Hungerford vor dem abenteuerlichen Einstieg noch einmal ermahnt. das herauszufinden. schob sich mit den Ellbogen durch den Gang vorwärts und hielt den Strahl der Taschenlampe auf die endlose Schwärze gerichtet. daß alle in der Nähe blieben und niemand zum nächsten Telefon rannte – die Preise. mit denen sie das Geröll aus den Gräben transportierten.diesen Tunnel entdeckt hatten. Es war bestimmt nicht das Ende des unterirdischen Gangs. waren drei Stunden vergangen. Seit der Sprengung am frühen Morgen. die das Jesus-Fragment zutage gefördert hatte. Staub und kleine Steine lösten sich von den Wänden. ein Auge auf seine Leute zu haben und dafür zu sorgen. kein Wort über den Fund verlauten zu lassen. Trotzdem machte sie sich Sorgen. Was mochte sich am Ende des Tunnels befinden? Es gab nur eine Möglichkeit. Im Innern wartete sie einen Augenblick. Catherine hatte ihre Gruppe angewiesen.

der Tunnel sei nicht das Werk von Menschen. und wenn sie die Palette zum Stehen brachte. daß es sich um die Reste eines Korbes 35 . Ibn Hassan und Krügers Frau hatten berichtet. Ihre nackten Knie waren auf dem rauhen Kalksteinboden bald aufgeschürft. Nach einer Weile kam sie jedoch zu dem Schluß. Neugierig musterte Catherine im Schein der Taschenlampe die relativ glatte Decke und die ebenso glatten Wände. hier seien Menschen lebend begraben worden. daß die Decke des Tunnels im nächsten Augenblick einstürzen werde. Ihrer Schätzung nach war sie etwa fünfzig Meter von der Öffnung entfernt. wo Hungerford mit seinen Leuten stand und das Sicherungsseil abrollte. Vorsichtig rollte sie auf dem Wägelchen weiter. entschlossen herauszufinden. und sie wünschte zu spät. Der Gang wand sich jetzt durch festes Gestein. Trotzdem stieß sie immer wieder gegen den Fels. daß sie die meiste Zeit flach auf dem Bauch liegen und den Kopf einziehen mußte. Wasser für einen Brunnen? Trotz der Kühle trat Catherine der Schweiß auf die Stirn. was sich am Ende des Tunnels befand. Sie durfte vor allem nicht die Nerven verlieren. hielt sie den Atem an und rechnete fast damit. sondern ein natürlicher Gang. Catherine holte tief Luft. War ihr Traum eine Warnung gewesen? War dieser Ort verflucht? Der Gang war plötzlich versperrt. die Khakishorts gegen Jeans ausgetauscht zu haben. Vorsichtig untersuchte sie das Hindernis und stellte zu ihrem Erstaunen fest. das aus einer unterirdischen Quelle stammte. Trotz aller Hindernisse und möglicher Gefahren ließ sie sich nicht beirren. Catherine liefen kalte Schauer über den Rücken. Der Gang war so niedrig. Möglicherweise war er durch ein Erdbeben entstanden oder von Wasser ausgehöhlt worden.Immer wieder rieselte Sand auf sie herab.

»Ich meine in Dollars und Cents. würde zum Beispiel ein Museum für das Jesus-Fragment zahlen?« »Museen zahlen nicht«. Der schwankende Lichtstrahl tanzte über die Steine. Dann rollte sie langsam weiter. Was. und dann sah sie es. Catherine kniff die Augen zusammen und wartete mit angehaltenem Atem. Als sich die Staubwolke gelegt hatte. Dort lag ein Schädel! Der Schädel eines Menschen. die zum Teil noch von Steinen umgeben waren. Der Korb löste sich mühelos aus dem Geröll. daß die Wände aus großen unbehauenen Feuersteinblöcken bestanden. Der unterirdische Gang ging weiter. das sich offenbar durch die Sprengung gelöst und einen Teil des Schachts zum Einsturz gebracht hatte. Plötzlich entdeckte sie etwas Weißes. richtete sie die Taschenlampe nach vorne. um besser in die Tiefe blicken zu können. erwiderte Catherine und klopfte 36 . wie sie für Bauten der Bronzezeit typisch waren. der senkrecht nach oben führte. Der Boden war trocken. Sie nahm die Korbreste zwischen die Arme und legte das Kinn darauf. Er hatte einen Durchmesser von etwa fünf bis sechs Metern und war über ihr verschlossen. Wieder rieselte Sand auf ihren Kopf. Habe ich den Mirjam-Brunnen gefunden? Catherine richtete die Taschenlampe nach unten und blickte zitternd über den Rand. Hoffentlich würde sie nicht in den Brunnen fallen. Catherine sah. »Wie schätzen Sie diesen Fund ein?« fragte Hungerford und grinste. Sie sah Steine und loses Geröll. Sie griff danach und zog daran. Der Tunnel mündete plötzlich in einen kreisrunden Schacht. meinen Sie. Sie verlagerte vorsichtig das Gewicht und streckte den Kopf vor.handeln mußte.

überhaupt einen Wert hat. aber noch immer saß ihr die Angst im Nacken. die sie in dem engen unterirdischen Gang und am Rand des tiefen Brunnens erfaßt hatte. sagte Hungerford mit gerunzelter Stirn. In der vergangenen Stunde. Bis jetzt wissen wir nicht. daß die anderen ebenso enttäuscht waren wie Hungerford. »Je nachdem…«. Catherine war über und über mit Staub und Sand bedeckt. der Korb gehörte einem der Einsiedler. antwortete Catherine und versuchte. waren die Erwartungen der Leute gestiegen. Erleichtert stellte sie fest. »Die Webart des Leinens und die Verschnürung weisen auf eine nachbyzantinische Zeit hin. während sich alle um sie drängten und neugierig den Fund anstarrten. »Die privaten Sammler zahlen…« Sie sah Hungerford an.« »Das heißt also«. von denen ich Ihnen erzählt habe. während sie den unterirdischen Gang erkundet hatte. »Aber freuen Sie sich nicht zu früh. verrottete Korb dafür verantwortlich. »Ich glaube. antwortete Catherine. das sie aus dem Tunnel mitgebracht hatte. Alle hatten auf einen spektakulären Fund gehofft. sagte Catherine und wich seinem Blick aus. Ich werde Professor 37 . Ihre kastanienbraunen Haare waren wie mit Puder bestäubt. daß seine Träume von Geld und Ruhm wie eine Seifenblase geplatzt waren. »es stammt nicht aus dem ersten Jahrhundert?« »Leider nein«. »Und der Wert?« fragte Hungerford verdrießlich.sich den Staub von der Bluse. was ich gefunden habe. soviel Enttäuschung wie möglich in ihre Stimme zu legen. Sie stand zwar wieder im hellen Sonnenlicht und atmete den frischen Meereswind.« »Wie alt ist das Zeug?« fragte er und deutete auf das Bündel. »Vielleicht siebtes oder achtes Jahrhundert«. als sei der schlichte. ob das.

Ihre Gedanken überschlugen sich. daß ein Fund dieser Art in Gegenwart glaubwürdiger Zeugen geöffnet wird. Wenn sich ihre Vermutungen bestätigten. daß der Fund vermutlich eine weit größere Bedeutung hatte. Sie werden jemanden herschicken.« »Ja. Catherine ging eilig zu ihrem Zelt.« Catherine wich erschrocken zurück. aber diesmal war ihr nichts anderes übriggeblieben. Ich werde sofort Kairo benachrichtigen und die zuständige Behörde informieren. desto besser. Sie blieb einen Augenblick in der Mitte des Zelts stehen. Sonst wäre hier die Hölle los.Gottlieb in Jerusalem anrufen. Er kann uns bestimmt schnell Gewißheit verschaffen. dann hatte Hungerford sie mit der Sprengung nicht zu einem Fund aus dem achten Jahrhundert geführt. Wir können inzwischen die Tennisplätze planieren. Inzwischen sollten Sie an dieser Stelle keinerlei Arbeiten durchführen. und je schneller sie die zuständigen Experten in Kairo informierte. sondern möglicherweise enthielt der Korb Schriftrollen. ja.« Der Texaner schob die Hände in die Hosentaschen und ging kopfschüttelnd davon. als sie es sich in ihren kühnsten Träumen vorstellte. die zweitausend Jahre alt waren. Ich werde meine Leute dort drüben einsetzen.« »Machen wir ihn auf. Dann konnte keine Rede mehr davon sein. bis das Gelände von den Regierungsbeamten untersucht worden ist. Catherine log nur ungern. zog den Reißverschluß der Zeltklappe zu und schaltete das Licht ein. die Ausgrabungen 38 . »Nein! Wissenschaftliches Vorgehen verlangt. um wieder ruhiger zu werden. Dieser Fund gehörte ihr. Sie durfte auf keinen Fall auch nur andeuten. Hatte Hungerford ihr geglaubt? Sie hoffte es.

Sie überlegte kurz. grüßt Euch und segnet die Gemeinschaft des Gerechten. auf der Stelle zum Hotel zu fahren? Sie entschied. Eure Schwester. Was 39 .vorzeitig zu beenden! Die Stiftung würde ihr die Geldmittel so lange zur Verfügung stellen. Ihr Magen knurrte und erinnerte sie daran. Wenn sie nach Kairo berichten konnte. ›Sabina. das sie noch immer nicht übersetzt hatte. um die Arbeiten abzuschließen. daß seit der Sprengung inzwischen mehr als vier Stunden vergangen waren. Oder wäre es klüger. daß das Fragment eindeutig aus dem zweiten oder dritten Jahrhundert stammte. unseres Herrn Jesus. Aber Catherine brauchte sie hier auf der Stelle. es könne nichts schaden. hielt sie inne. Das wußte jeder. Doch Catherine interessierte sich im Augenblick nicht für Essen. legte das Fragment unter die helle Lampe. Offenbar handelte es sich um den Anfang eines Briefes. bis das Gelände von den Beamten gesichert worden war. Die Bürokraten in Kairo konnten erfahrungsgemäß so schnell nichts in Bewegung setzen. daß sie nicht gefrühstückt hatte. wie sie brauchte. das Alter des Fragments zu bestimmen. Wie konnte sie das erreichen? Sie blickte auf das Jesus-Fragment. Und sie würde auch alle gewünschten Arbeitskräfte bekommen. Als Catherine den Zündschlüssel für den Landrover suchte. Sie mußte auf der Stelle zum Hotel Isis fahren und die Abteilung für Altertümer informieren. ob sie sich die Zeit nehmen sollte. Sie würde keine Minute Ruhe haben. Ein Blick auf die Uhr erinnerte sie daran. wenn sie die Behörde ein paar Minuten später informierte. griff nach der Lupe und begann zu lesen. des verehrten…‹ Catherine zog die Augenbrauen zusammen. im Haus der lieben Amelia. würde natürlich sofort jemand kommen.

Als sie das entsprechende Werk gefunden hatte. schreibt meine Worte an Euch nieder. Catherine kannte die Anrede ›Diakonos -Diakon‹ aus anderen Schriften. An dieser Stelle möchte ich Euch jedoch warnen: Lest diesen Brief im geheimen. In der Frühkirche waren Diakonai (die. Sie las den Satz noch einmal. Es gab keinen Zweifel. des verehrten Diakon…‹ Durch die dünne Nylonwand ihres Zelts hörte Catherine die üblichen Geräusche im Lager. All das registrierte ihr Bewußtsein kaum. als ›Diakonos – Diakon‹. Samir rief nach einer Kelle. ›Lest diesen Brief im geheimen und in Furcht um Euer Leben!‹ Was um alles in der Welt hatte sie gefunden? Sie las noch einmal den Anfang: ›… der lieben Amelia. Eine Frau war eine ›Diakonissa – Diakonin‹.bedeutete das nächste Wort: ›διάκονος – Diakonos‹? Diakon… Das konnte nicht sein. einer Frau. die Befehle des Königs ausführen) Täufer. daß nur meine Stimme zu Euch spricht. Perpetua. Sabina sprach von Amelia. während sie aufgeregt unter ihren Büchern suchte. einer der Studenten lachte laut. Wird heute übersetzt als‹Diakon›. eine gesegnete Frau. deshalb ist eine genauere Übersetzung im 40 . etwas so Erstaunliches berichten. Kopfschüttelnd las sie weiter. daß meine Stimme beim Reden zittert. aber nur in Verbindung mit einem Mann. ›Ich möchte Euch. zu der ich auf höchst wundersame Weise gekommen bin. suchte sie im Register und las: ›Diakonos (Strong’s Nummer: 1249-GSN) griechisch:‹Diener›.‹ Catherine stieß die Luft aus. aus einem Kofferradio kamen die Nachrichten eines Senders in Jerusalem. Prediger und Hüter des Sakraments. Aber zuerst sollt Ihr wissen. in Sorge um Eure Sicherheit und in Furcht um Euer Leben. liebe Schwestern.

Sie hatte ihn vor einer Woche aus dem Hotel Isis angerufen. die erstaunlichen Schlußfolgerungen in ihrer Tragweite zu erfassen. War Amelia eine Priesterin? Eine Frau wurde in einem Brief. ›Ich hoffe. Damals bekleideten jedoch nach der übereinstimmenden Ansicht von Theologen und Bibelwissenschaftlern keine Frauen das Priesteramt. ›Es gab einmal eine Zeit. Kein Zweifel: Sabinas Brief an Amelia mußte im zweiten Jahrhundert geschrieben worden sein.‹ Als sie geschwiegen hatte. sie könne die Ausgrabungen nicht unterbrechen. hatte er gesagt. Ihr Blick fiel auf das Photo der Autorin auf der Rückseite.‹ Catherine holte tief Luft. Aber sie hatte ihm erklärt. griff nach der Lupe und verglich sorgfältig die Handschrift des Briefs mit den Buchstaben im Buch.‹ Dann sagte er: ›Du kannst der 41 . dich wiederzusehen. als ›Priester‹ angeredet? Das konnte nicht sein! Catherine schlug ein Schriftbeispiel in dem Nachschlagewerk auf. in dem das Wort ›Jesus‹ vorkam. Beide stimmten beinahe völlig miteinander überein. daß nur wir beide Weihnachten zusammensein können? Du fehlst mir so.Kontext des Neuen Testaments‹Priester›. Cathy. Sie klappte das Buch zu und versuchte. Die ganze Familie ist zum ChanukkahFest hier. Plötzlich erinnerte sie sich an das letzte Gespräch mit Julius. Außerdem sei Weihnachten für sie ein Tag wie jeder andere. ›Meine Eltern freuen sich darauf. Seine Antwort und der Ton seiner Stimme gingen ihr nicht mehr aus dem Sinn. du kommst über die Feiertage‹. da hat dir Weihnachten sehr viel bedeutet. Nur das hätte die Anrede ›Diakon‹ gerechtfertigt. fragte er: ›Cathy. besteht denn wenigstens die Möglichkeit. Liebste‹. Danach werden sie abreisen.

Behutsam legte sie das Jesus-Fragment in eine verschließbare Kassette und schob sie zusammen mit dem Korb unter ihr Feldbett. Das Bild zeigte eine junge Frau mit lächelnden grünen Augen. Wenn ich doch nur einen Beweis gehabt hätte…‹ Catherine wollte nicht mehr an den schmerzlichen Tag denken. Dr. Nina Alexander hatte das Handbuch des Griechischen im Neuen Testament geschrieben. Die beiden Papyrus-Stücke paßten zusammen. den meine Mutter gebraucht hätte? Sie blickte auf den Korb und auf das Loch im Geflecht. als ihre Mutter kurz vor dem Ende alle ihre Erkenntnisse widerrufen hatte und die Kirche schließlich doch triumphierte… Verwirrt und innerlich aufgewühlt richtete Catherine ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Jesus-Fragment und das brisante Wort: ›Diakon‹. Cathy. streitbaren Lebens. denn mir fehlten die Beweise. was ich getan habe. Habe ich den Beweis gefunden. Dahinter entdeckte sie das abgerissene Ende eines Papyrus. Aber Catherine sah nicht die Augen. war ganz allein die Schuld der Kirche. als sie allein in einem Krankenhauszimmer lag und flüsterte: ›Sie hatten recht.‹ Sie hatte erwidert: ›O doch. Was beim Tod meiner Mutter geschehen ist. ich hätte nicht tun dürfen. das offenbar durch die Sprengung entstanden war. Sie sah die 42 . Das bedeutete.Kirche nicht ewig die Schuld an allem geben.‹ Ihr Blick richtete sich nachdenklich auf das Photo. Catherine zögerte nicht mehr. aus denen eine wache Intelligenz sprach. das Ende des Briefes nach den Worten: ›in Sorge um Eure Sicherheit und in Furcht um Euer Leben‹ befand sich in dem Korb. sondern sie hörte die tonlose Stimme ihrer Mutter am Ende ihres bewegten. Sie hielt das ebenfalls abgerissene untere Ende ihres Fragments daran.

Hoffentlich war Julius zu Hause und nicht im Institut bei einem seiner Tests. steckte sie ein und blickte auf die Uhr. 43 . Die Abteilung für Altertümer in Kairo würde sie nicht anrufen. und ging um das Zelt herum. der Fund und möglicherweise sogar ihre persönliche Sicherheit in großer Gefahr. danach Daniel in Mexiko und schließlich feststellen. hörte sie einen Motor aufheulen. mit welchem Flugzeug sie Ägypten so schnell wie möglich verlassen konnte. daß er es offenbar sehr eilig hatte. um hinauszugehen. dann Julius aus dem Hotel Isis anrufen. In Kalifornien war es kurz nach Mitternacht. verriet ihr die Staubwolke. Zuerst würde sie Samir bitten. die manchmal die ganze Nacht dauerten. daß Hungerford in seinem Jeep in Richtung der Hotels davonbrauste.Schlüssel für den Landrover neben dem Waschtisch. daß einer ihrer Leute zum Einkaufen nach Scharm el Scheich fahren wollte. wenn das geschah. ihr Zelt zu bewachen. Als sie die Zeltklappe zurückschlug. Catherines Plan stand fest. Er wird reden! In diesem Augenblick wußte Catherine. Inzwischen sah die ganze Sache anders aus. Sie vermutete. Aber als sie sah. dann waren die Ausgrabung.

kamen wieder ins Freie und liefen an dem privaten Golfplatz vorbei. Bei ihrem Mann mußte sie auf alles gefaßt sein. beeil dich!« Er lief mit ihr nach draußen und durchquerte dabei eine verglaste Veranda mit alten spanischen Möbeln und sehr bequemen Rattansesseln. Sie hatte keine Ahnung. Sie liefen über den riesigen Innenhof. Es konnte eine ungewöhnliche Wolkenformation oder ein neuer superschneller Mikrochip sein. komm schnell!« Miles Havers nahm die Hand seiner Frau und zog Erika aus dem Sessel. wo Gärtner sorgfältig den frisch gefallenen Schnee entfernten. der einen schokoladenbraunen Corvette ZR-1 auf Hochglanz polierte – einen von dreiundzwanzig alten Corvettes aus Havers’ Sammlung -. Ein Chauffeur.Santa Fe. 44 . wo in Vitrinen Kultobjekte aus dem Zum Pueblo standen. Erika lachte. Dann eilten sie durch einen mit Buntglas gestalteten Bogengang. Er machte so große Schritte. In den dreißig Jahren ihrer Ehe hatte es keinen einzigen Augenblick der Langeweile gegeben. Aber wie immer ließ sie sich sofort von seiner Begeisterung anstecken. welche aufregende Überraschung Miles ihr zeigen wollte. Liebling! Schnell. hob erstaunt den Kopf. daß sie beinahe rennen mußte. »Aber Miles! Ich bin doch gerade…« »Das mußt du sehen. um den Platz wieder bespielbar zu machen. New Mexico »Erika! Erika. daß sich seine Stimme an der getäfelten Decke brach und von den weißen Wänden ihres beinahe tausend Quadratmeter großen Hauses aus Adobeziegeln widerhallte. »Du wirst staunen!« rief er so laut.

feingliedrige und vornehm wirkende Frau. daß ihre Füße kaum den Boden zu berühren schienen. denn der zweiundfünfzigjährige Miles Havers war ein begeisterter Jogger und trainierte zu jeder Tagund Nachtzeit seinen immer noch sportlichen Körper. Fliese um Fliese aus Madrid hierhergebracht hatte. Als sie die verschlossene Tür erreichten. die intensive Färbung beruhe auf der geringen Luftfeuchtigkeit. und ein Schauer lief ihr über den Rücken. Es war eine Vorsichtsmaßnahme. als ihre Augen unwillkürlich in Richtung Golfplatz wanderten. gab Miles eine Geheimnummer ein. Schließlich wußte Erika. als sie ihrem Mann um den spanischen Brunnen aus dem fünfzehnten Jahrhundert folgte. aber noch immer staunte sie über das unvergleichliche Blau des Himmels von New Mexico. aber sie wußte.Havers’ Sandalen klatschten laut auf den SaltilloFliesen. wohin er sie führte – in das Tropenhaus. Sie sah niemanden dort. Erika war wie er Anfang Fünfzig. Die Jahrtausendwende stand bevor. die Miles um das sechzig Hektar große Anwesen hatte Stellung beziehen lassen. sie waren da – die Wachen. in dessen Herzen sich ihr fünftausend Hektar großes Gelände befand. die an diesem kalten Dezembertag in weißen Schnee gehüllt waren. Sie dachte verzaubert: Sangre de Cristo – Blut Christi – wirklich ein seltsamer Name für ein Gebirge… Ein kalter Wind fuhr durch ihre kurzen aschblonden Haare. Das war ein vertrautes Geräusch auf dem Anwesen. Erikas Blick richtete sich unwillkürlich nach Westen zu den Sangre de Christo-Bergen. und Santa Fe galt als einer 45 . um das Schloß zu öffnen. den man Stein für Stein. Sie war eine zarte. Erika lebte inzwischen bereits zehn Jahre hier. denn in diesem Monat kamen ungewöhnlich viele Menschen nach Santa Fe. Man hatte ihr gesagt. die so leichtfüßig ging.

und viele bereiteten sich sogar auf den Weltuntergang vor. Sie gingen zwischen Beeten hindurch. bescheiden ausgedrückt. eine Miniaturwelt. schweren Naturkatastrophen. riesigen Überschwemmungen. Hollywood. in denen Ableger und aus Samen gezogene Pflanzen wuchsen. Erika hingegen freute sich auf das neue Jahrtausend. Sie alle sollten zugegen sein und als Zeugen in der Casa Havers die große Konvergenz erleben. bei dem die Heerscharen des Himmels die Mächte der Hölle besiegen würden. Berühmtheiten des gesellschaftlichen und religiösen Lebens. das in weniger als drei Wochen beginnen würde. Über den Gerüchen von Erde. so hieß es. auf die Erika und ihre New Age-Freunde hofften. Geschäftsfreunde. sei inzwischen eine Geisterstadt. in anderen standen Gewächse bereits in voller Blüte oder waren mit Knospen 46 . Das Tropenhaus war. Stars und gefeierte Künstler. Nelken und Gardenien. Die Bevölkerung der ganzen Welt sah mit Spannung dem neuen Jahr entgegen. darunter Verwandte. Dünger und Moder lagen die betäubenden Düfte von Narzissen. Es wurden über tausend Gäste erwartet. In sehnsüchtiger Erwartung auf eine spirituelle Offenbarung für die Welt und für sie persönlich hatte sie das letzte Jahr mit den Vorbereitungen für das ›Fest des Jahrhunderts‹ zugebracht. und Erika schlug heiße.der heiligen Orte der Erde. feuchte Luft entgegen. Man rechnete mit Erdbeben. Miles führte Erika voll Stolz in seine Miniaturtropen. Die Tür des Tropenhauses glitt geräuschlos zur Seite. gute Freunde. die er in der Steinwüste sechshundert Meter über dem Meeresboden geschaffen hatte. Präsidenten. da sich alle Stars aus Angst vor der großen Katastrophe in die sicheren Gebiete von Wyoming oder Montana und nach Manhattan zurückgezogen hatten.

erklärte er mit bebender Stimme. wir können in Zukunft den Dschungel in Ruhe lassen. Es hätte Erika nicht überrascht. es sei nicht möglich«. hier in den Vereinigten Staaten gesunde Pflanzen unter künstlichen Bedingungen zu züchten! Das bedeutet. während er sprach. Er blieb stehen und flüsterte: »Da…«.übersät. daß man mit wissenschaftlichen Methoden die barbarische Plünderung der Regenwälder aufhalten kann. für das zu kämpfen. »Es war nicht einfach. um sein ›Kind‹ zu pflegen. diese besondere Orchidee zum Blühen zu bringen. sagte er triumphierend. Manchmal schlief er sogar hier im Gewächshaus. wo Miles seine seltenen Orchideen züchtete. Erika. In schattigen Grotten wuchsen üppige dunkelgrüne Farne und rankende Kletterpflanzen. verständnisvoller Mensch. als er die Knolle bei einem Züchter in Kalifornien gekauft hatte. Schließlich erreichten sie die Stelle. Miles! Das ist unfaßlich…« »Zygopetalum Blauer See«.« Erika wußte. Es ist möglich. Als Erika die Blüte mit den mitternachtsblauen Blütenblättern und den schimmernden grünen Blättern sah. als fürchte er. 47 . Das bewunderte sie an Miles am meisten. aber sie hat es geschafft. Er war ein guter. Es war ein Abenteuer gewesen von dem Augenblick an. Schließlich legte sie lächelnd die Arme um ihn und drückte ihn an sich. die von geldgierigen und gewissenlosen Sammlern gefördert wird. das Krächzen von Papageien und das Geschnatter von Affen zu hören. »Und es ist mir doch gelungen! Das ist der Beweis. was er als richtig empfand. der den Mut hatte.« Erika sah ihn an. »Man hat mir gesagt. das empfindliche Gleichgewicht der Biosphäre zu stören. Sie spürte seine Begeisterung in der schwülen Luft. welche Mühe sich Miles gegeben hatte. legte sie die Hand auf die Brust und hauchte: »Oh.

Da sein kometenhafter Erfolg und sein Reichtum auf seiner Zeit als Hacker beruhte. Im Augenblick kämpfte er auf einer höheren und sehr viel einflußreicheren Ebene. die Dschungel ihrer natürlichen Flora so weit beraubten. Die Zeitschrift Forbes hatte den Nettowert seines Konzerns mit zehneinhalb Milliarden Dollar veranschlagt. Miles hatte sich schon immer für die weltweite Erhaltung der Umwelt eingesetzt. Deshalb unterstützte er die Bemühungen der USA. Aber natürlich mußte niemand darüber aufgeklärt werden. Jogger und Drachenflieger – kaum in das Klischee eines 48 . Taiwan die Mitgliedschaft in den Vereinten Nationen zu verweigern. daß der illegale weltweite Handel mit Orchideen. Erst am Tag zuvor war er aus Washington zurückgekommen. Niemand wußte genau. das Land öffentlich anzuprangern.Gewiß. daß Miles Havers – Golfspieler. wo er vor einem Senatsausschuß ausgesagt und strengere Gesetze zum Import seltener Pflanzen gefordert hatte. aber seine besondere Leidenschaft galt der Rettung gefährdeter Pflanzen und Tiere. Wie auch immer. karikierte man Miles oft als die ›Wühl-Maus‹. bei dem Sammler astronomische Summen für eine einzige Pflanze zahlten. diesen superreichen Computer-König. sein Einfluß reichte inzwischen um die ganze Welt. was alles zu Havers’ Elektronik-Imperium gehörte. und Time Magazine hatte ihn kürzlich als Erfinder von Internet bezeichnet. Ganz Amerika liebte ihn. Miles war ein Held seiner Zeit. Er hatte alarmierende Zahlen vorgelegt. dessen rücksichtslose Ausrottung mancher Pflanzenarten Miles dazu veranlaßt hatte. daß einige Arten bereits ausgerottet worden waren. Sein Feldzug richtete sich besonders gegen Taiwan. und so liebte Erika ihren Mann. Er nutzte seinen Reichtum für die Lösung gesellschaftlicher Aufgaben. die bewiesen.

wenn sie an die Zeit zurückdachte. »Also gut.« »Wer ist es?« »Der Anrufer wollte keinen Namen nennen. Es ist dringend. und man sah ihm nicht an. Manchmal konnte sie es noch immer nicht glauben. »Ja?« »Sie haben ein Telefongespräch. aber es entsprach trotzdem der Wahrheit. Dann nahm er den Hörer des Wandapparats neben dem Eingang ab.« Miles kniff die Augen zusammen. Erika fand immer. aber ich muß das Gespräch annehmen. Gewiß.« Sie gab ihm einen Kuß auf die Wange. Dazu kamen die faszinierenden grauen Augen und sein unvergleichliches ansteckendes Lächeln.Computer-Freaks paßte.« Mit einem Blick auf Erika sagte er: »Entschuldige. die sich automatisch hinter Erika schloß. Liebling. verbinden Sie. Hast du etwas dagegen?« »Aber nein. Sir. Das Gespräch kommt aus Kairo. gab eine Geheimnummer ein. daß er dem Alter nach bereits den Höhepunkt seines Lebens überschritten hatte. und als sich der Teilnehmer am anderen Ende meldete.« Miles begleitete sie zur Tür. daß er wie ein Filmstar aussah. daß sie und Miles es soweit gebracht hatten. wenn ich zurückrufe. Der Piepser an seinem Gürtel meldete sich plötzlich. auch das war ein Klischee. sagte er: »Sprechen Sie. Havers trat zu einem Sprechgerät an der Wand. Ich muß ohnehin noch einmal die Gästeliste für das Konzert durchgehen und den Maestro anrufen. Miles Havers war in den Augen seiner Frau der Inbegriff von Klugheit und salopper männlicher Eleganz. »Eine wundervolle Orchidee. Er war schlank und muskulös. Seine blondbraunen Haare waren immer jungenhaft zerzaust. in der sie als Hippies in einem VW-Bus durch die Vereinigten Staaten gefahren waren und in Woodstock nackt im Regen getanzt hatten.« Miles 49 .

daß in dem Schriftstück das Wort ›Jesus‹ vorkommt? Sind noch andere Fragmente oder Schriftrollen gefunden worden?« Als er die Antwort hörte. aber jedesmal. gehörte das zu den unvergeßlichsten Augenblicken seines Lebens… Vor sechs Monaten hatte er einen Anruf aus Taiwan erhalten. ballte Miles unbewußt die freie Hand zur Faust. sondern die Erwartung ist die Droge des Sammlers. Die Ausfuhr ist illegal. »Und Sie sind sicher. Das Wichtigste dabei war: Sie blühte nur zu seinem persönlichen Vergnügen. ›Ich habe eine Orchidee für Sie. und das Entfernen der Knolle riskant. Die Transaktion wird sehr teuer werden. Mr. obwohl die mehrfach isolierten Scheiben des Tropenhauses keinen Laut nach außen dringen ließen. »Ein Fragment?« fragte er. die man so gut wie nicht findet. Havers… Zygopetalum Blauer See… eine sehr seltene Art. Dann endlich traf die kostbare Knolle von ›einem Züchter aus Santa Barbara‹ ein.‹ Miles hatte nach dem Telefonat tagelang nicht geschlafen. prickelnde Erregung erfaßte ihn.hörte einen Augenblick lang zu. wenn es geschah. »Ein Korb?« fragte er und sprach unwillkürlich leise. und seine Lippen wurden schmal. Wie vor sechs Monaten war seine Beutegier erwacht. dachte er. In seiner privaten tropischen Welt blühte schimmernd eine atemberaubend schöne und seltene Orchidee. Jetzt wurde er belohnt. Er hatte dieses besondere Gefühl längere Zeit nicht mehr erlebt.« 50 . Nicht der Erwerb. Eine vertraute. Gefahren gehören zu meinem tollkühnen Spiel »Sind die Behörden bereits informiert? Ich verstehe… Was ist in dem Korb? Stellen Sie es fest. und halten Sie mich auf dem laufenden.

dann möchte ich sie haben. Wenn das der Fall ist.« Es dauerte keine fünf Minuten. ich habe jeder gesagt. Sagen Sie Zeke. Zeke. Begeben Sie sich nach Scharm el Scheich. wird ausgeschaltet. daß ich ihn auf der Stelle sprechen muß. Wie? Das überlasse ich Ihnen.« Miles gab ihm kurz die notwendigen Informationen und sagte dann: »Der Auftrag in Athen kann warten. Haben Sie mich verstanden?« Seine Stimme klang kalt. »Rufen Sie in Athen an. Sir.Er beendete das Gespräch und wählte eine andere Nummer.« 51 . bis das Telefon summte. »Zeke ist in der Leitung. der sich Ihnen in den Weg stellt. aber jeder. als er hinzufügte: »Hören Sie. sofort. ob der Korb etwas mit dem Jesus-Fragment zu tun hat und ob es Schriftrollen gibt. Gehen Sie von Anfang an unauffällig vor. Stellen Sie fest.

Vermutlich hatte Hungerford bereits am frühen Morgen mit einem einzigen Anruf dafür gesorgt. kaute auf der Unterlippe und überlegte. Daniel Stevenson zu erreichen. etwa wie Elektronen um ein Proton. was sie als nächstes tun sollte.« Sie hatte drei Stunden lang vergeblich versucht. Catherine brauchte nicht viel Phantasie. die ihre Tauchausrüstung zum privaten Anlegeplatz des Hotels trugen. »Ich versuche immer noch. Catherine stemmte die Hände in die Hüften. wie die Nachricht von diesem Fund um den Erdball kreiste. kamen ihr verdächtig vor. »Sie telefonieren. fragend an. Selbst die sportlichen Touristen. Sein Lager befindet sich… Hallo? Hallo!« Sie starrte auf das stumme Telefon in ihrer Hand und stöhnte. Dr. sah sie Mr. murmelte sie. Mylonas. seit die Sprengung das Jesus-Fragment zutage gefördert hatte. Die vielen neuen Gäste in den Korbsesseln hinter den Kübelpalmen tarnten ihre wahren Absichten vermutlich mit der Lektüre arabischer und französischer Zeitungen. Zehn Stunden waren vergangen. »Ich bekomme keine Verbindung. »Pech«. Vor ihr stand grinsend Hungerford und nahm ihr mit seiner Leibesfülle den Blick 52 . Frau Doktor?« Catherine fuhr herum. daß die Jagd der privaten Sammler auf den Fund begonnen hatte. Daniel in Mexiko zu erreichen. den Besitzer des Hotel Isis.Scharm el Scheich. Sie sah plötzlich in jeder Ecke Spitzel bei türkischem Kaffee. »Nicht schon wieder!« Als Catherine zur Rezeption zurückkehrte. Golf von Akkaba »Hallo? Senor?« rief Catherine in den Telefonhörer. Die Verbindung wird ständig unterbrochen. Ein Blick durch die Hotelhalle machte sie noch mißtrauischer. um sich vorzustellen.

um unseren Fund zu feiern?« Catherine zwang sich. freundlich zu bleiben. aber genau das mache ich«. Außerdem hatte sie den Eindruck. Das ist im Augenblick nicht möglich. Und wie wäre es mit einem Drink. die er mit dem JesusFragment und dem Korb haben mochte. Schließlich…«. »Tut mir leid. Sie hatte sich die Lüge spontan einfallen lassen.« Ihr gefiel es überhaupt nicht. daß sie die Behörde in Kairo informiert hatte. um alle möglichen Pläne. daß er die Sache mit den Zeitungen nicht glaubte. »Ich warte auf den Rückruf… einer Zeitung«. die anwesend sein sollen. fügte sie schnell hinzu. ob sein übliches anzügliches Gehabe diesmal von gewissen gefährlichen Untertönen begleitet gewesen war. Frau Doktor!« Er drehte sich um und verschwand grinsend in der Bar. »Sie werden es nicht glauben. Sie werden morgen früh hier sein. erwiderte sie gereizt. Dann lachte er laut: »Aber natürlich! Da steht uns offenbar ein richtiger Medienrummel bevor. was wir gefunden haben. Die Behörde schickt die zuständigen Beamten. »ist das.« Hungerfords blaßbraune Augen musterten sie fragend. »Ich habe Kairo informiert. Dann zwinkerte er ihr zu. in dem sich die letzten Strahlen der untergehenden Sonne spiegelten. »Natürlich. wie er gesagt hatte ›unser Fund‹. »AI Ahram und die Gazette möchten Reporter und Photographen schicken. Catherine sah ihm nach und fragte sich. er zweifle daran. Eigentum des ägyptischen Volkes.« Seine Augen richteten sich wieder stumm auf ihr Gesicht. im Keim zu ersticken. Sie wurde den Eindruck nicht los.auf die Hotelveranda und den türkisfarbenen Swimmingpool. wo gerade eine Bauchtänzerin mit ihrer Darbietung begann. sie lächelte und sagte spitz. 53 . wenn wir den Korb öffnen.

Sie hatte Angst. ihr die Leitung der Grabungen entziehen und sie ägyptischen Archäologen übertragen… Wie auch immer. Plötzlich tauchte ein magerer kleiner Junge aus ihrer Klasse auf. auf den sie sich hundertprozentig verlassen konnte… Auf der Fahrt vom Lager zum Hotel hatte Catherine beschlossen. Die Bande verhöhnte und verspottete sie. wenn die Behörde in Kairo etwas von dem Fund erfuhr. Zuerst einmal mußte es ihr gelingen. landete sie sogar in einem ägyptischen Gefängnis. und wenn sie Pech hatte. Sie wollte etwas Illegales und Unmoralisches tun. Das war schon an dem Tag vor sechsundzwanzig Jahren nicht anders gewesen. Catherine wußte. In dieser Lage gab es nur einen Menschen. im Schulhof in eine Ecke getrieben. Was würde geschehen. daß er etwas Unerhörtes tat. Zweifellos würde man zu drastischen Maßnahmen greifen. bevor es ihr gelungen war. daß Catherine sie nicht informiert hatte. Deshalb blieb nur Daniel. und man konnte sich immer darauf verlassen. Aber dazu brauchte sie Hilfe. Ihr Plan würde ihrem wissenschaftlichen Ruf schaden. sie würde sich nicht durch mögliche spätere Konsequenzen von ihrem Entschluß abbringen lassen. mit dem sie bisher aus Schüchternheit nie gesprochen hatte. Sie mußte vorsichtig vorgehen und bei der riskanten Aktion auch an ihre Sicherheit denken. das Fragment und den Korb aus Ägypten zu schaffen.Kalter Schweiß stand ihr auf der Stirn. Ägypten zu verlassen? Die Beamten würden mehr als ungehalten darüber sein. Er liebte das Risiko. Sie konnte Julius unmöglich in dieses Abenteuer hineinziehen. einen fragwürdigen Ruf zu haben. vertrieb die Jungen mit seinen Fäusten 54 . Julius nicht anzurufen. die ängstliche Zehnjährige. als sie ihn kennenlernte. Eine Bande rauflustiger Jungen hatte sie. daß Daniel stolz darauf war.

Danno. Nur Daniel verstand wirklich. du warst der einzige in der Klasse. Dort wäre er die nächsten zehn Stunden nicht mehr erreichbar. Der Held war Daniel Stevenson und wie Catherine ein Außenseiter in der Schule. und er tröstete Catherine.und rettete sie wie ein edler Ritter. weshalb Catherine aus der Kirche ausgetreten und eine Rückkehr zum Glauben für sie ausgeschlossen war. In Mexiko war es kurz vor acht Uhr morgens. Aber wie? 55 . So viel Zeit hatte Catherine nicht. denn er gehörte zu der quälenden Erinnerung. Er würde das Lager bald verlassen und sich auf den Weg zu dem Maya-Grab machen. der nicht gelacht hat. Seit diesem Augenblick war Daniel für Catherine immer ein zuverlässiger Freund und sie seine Freundin geblieben. als ich mit dem Schild um den Hals auf dem Hocker stand… Catherine blickte auf ihre Uhr. Sie mußte ihm die Information zukommen lassen. Sie tröstete ihn beim Tod seiner Mutter. Daniel hatte ihr in der finsteren Nacht vor ihrem dreiundzwanzigsten Geburtstag aus dem Abgrund geholfen. Sie kannte Daniels Arbeitsgewohnheiten. Auch Daniel war in der letzten Nacht in ihrem Traum gewesen. als sie ihre Eltern verlor.

Glückwunsch!‹ Daniel dämpfte das Licht der Laterne und erhöhte die Helligkeit auf seinem Bildschirm. Endlich hatte er den Beweis erbracht. Cathy… Sie als einzige hatte nicht gelacht. daß er mit seinem Examen in Physik und einer hervorragenden Dissertation. Der Ton brach sich an den feuchten Wänden der Grabkammer. und seine Stimme hallte dumpf in dem Felsengrab. daß die Vorfahren der Mayas Überlebende des verschwundenen Kontinents Atlantis waren. er hatte es geschafft. die sich nach dem Untergang von Atlantis an die Küste von Yukatan retten konnten. Stevenson. als er zum ersten Mal seine These aufstellte. Dann schrieb jemand aus dem Institut in Santa Barbara: ›Wer zuletzt lacht. Cathy hatte ihn in den langen einsamen Wochen mit ihren Briefen und Telefonaten moralisch unterstützt. Dr. um das Bild besser und schärfer zu bekommen. Schnell tippte er auf seiner Tastatur: ›Seht ihr es. das Ergebnis jahrelanger Arbeit. Dann wurde es still. 56 . daß die Vorfahren der Mayas Minoer gewesen seien. Kein Zweifel. und lachte. Er lächelte glücklich. Er konnte nachweisen. Danny Boy!‹ Daniel betrachtete glücklich die übereinanderliegenden Bilder auf dem Monitor. Cathy hatte ihn daran erinnert. lacht am besten.Mexiko »Da ist es!« rief Daniel. während er in der engen Grabkammer des Maya-Königs arbeitete und vom ohrenbetäubenden Lärm des Generators beinahe taub wurde. Wenn doch Cathy diesen Augenblick seines Triumphs mit ihm hätte teilen können! Auf dem Bildschirm erschien ein lachendes ComicGesicht. Houston? Habt ihr das Bild?‹ Kurz darauf erschien auf dem Bildschirm des Laptops die Antwort: ›Wir sehen es.

Kunst und Kultur hätten sich in den dazwischenliegenden Jahrhunderten entsprechend entwickelt. sich gegen die Spötter zu wehren. Allerdings 57 . zeigte es schlanke. Beispiele der Maya-Kunst zu finden. Nach zwei Jahren mühevoller Ausgrabungen stellte er fest. die aus einer früheren Zeit stammten als alle derzeit bekannten. ›Stürze sie von ihrem hohen Sockel. Anstelle der korpulenten Gestalten mit schlaffen Armen und dicken Bäuchen. es müsse ihm gelingen. aber mit Beweisen. Danno‹. so ernst genommen zu werden wie jeder andere Wissenschaftler auch. Aber Daniel erwiderte. die an Besessenheit grenzte. den Beweis zu finden. Alle erklärten.‹ Die Herausforderung hatte in der Tat darin gelegen. sagte sie immer wieder. drahtige Gestalten mit schmalen Hüften und schulterlangen schwarzen Haaren. Seine Entschlossenheit. führte ihn schließlich zu einem seltsamen Hügel im mexikanischen Dschungel. Dieses Ergebnis hatte ihm die widerwillige Anerkennung seiner Kollegen eingebracht.in der er die Genauigkeit der Datierung bronzezeitlicher Keramik mit Hilfe von Thermolumineszenz in Frage stellte. daß es sich um das Grab eines bis dahin unbekannten MayaKönigs handelte. wie man es noch nie zuvor gesehen hatte. das lasse sich dadurch erklären. das Recht hatte. hatte Luftaufnahmen studiert und die Computer mit immer neuen Daten gefüttert. Und von Cathy hatte er gelernt. die man in Bonampak fand. ›Mach dir nichts daraus. Er hatte mehrere Jahre mit der Suche zugebracht. Dann aber stieß er auf ein Fresko. es seien keine Ähnlichkeiten zwischen der Kunst der Ägäis und der des klassischen Mittelamerika nachzuweisen. daß die Kunst von Chichen Itza und anderer Hochburgen der MayaKultur mehrere tausend Jahre nach der AtlantisKatastrophe entstanden sei. Er kam deshalb zu dem Schluß.

daß auf 58 . Wie. die Jahrhunderte später entstanden waren. Jetzt hatte er allerdings einen noch klareren Beweis gefunden. Daniel dagegen deutete sie als Hinweise darauf. als Atlantis unterging – seine Kritiker ließen sich jedoch nicht überzeugen. die erst Jahrhunderte später auftauchten. Auf dem von Danno entdeckten Fresko hielten die Menschen Schlangen in beiden Händen – ein bekanntes Motiv der minoischen Kunst. Aus ihren Mündern stiegen seltsame Wirbel auf. Deshalb verwies Daniel auf die Wandbilder von Bonampak. daß sich diese Menschen unter Wasser befanden und ertranken. so hatte er gefragt. das Schlangen zeigte: die Vorläufer der Gefiederten Schlange. Das neu entdeckte Wandbild zeigte die Geschichte der großen Katastrophe. Unter den Kalkschichten einer zweiten Wand war Daniel auf etwas gestoßen.hatten sie bereits die flache Stirn und die langen Hinterköpfe. das selbst ihn verblüffte.oder Südamerika zu finden war. könne man erklären. Azteken und den Mayas als mächtiger Gott verehrt wurde. Es glich aztekischen Darstellungen. aber die Spötter machten sich sofort wieder über ihn lustig. bei der ihre Vorfahren ertrunken waren. Einige gingen sogar soweit zu behaupten. sei der Beweis für seine Atlantis-Theorie. Es handelte sich um ein Wandbild. das weder in Mexiko noch irgendwo in Mittel. die bei den Tolteken. die ein Kennzeichen der späteren MayaKunst waren. bei den Spiralen handle es sich um Darstellungen der Atmungsapparate vorzeitlicher Astronauten. Dann legte Danno auf der dritten Wand der Grabkammer ein weiteres Fresko frei. Die Archäologen deuteten solche gewundenen Bänder in der aztekischen Kunst als Symbole für Sprache oder Atem. Das Fresko. Die Menschen auf dem Bild saßen zusammengekauert oder lagen auf dem Rücken. so erklärte Daniel.

Daniel hatte neben dem neu entdeckten Königsgrab sein Lager aufgeschlagen. Dann verglich er sorgfältig eines der Wandbilder mit ausgewählten minoischen Darstellungen. Sie stimmten beinahe völlig überein. Über eine Satellitenverbindung in Cozumel übertrug er die entdeckten Wandbilder in beide Institute. der Kopfschmuck erinnerte an Kraken. Leute! Heute spendiere ich den Kaviar.‹ Er seufzte und lauschte auf den heftigen Regen draußen 59 . daß Daniel ständig Geldsorgen hatte. Bestimmte Punkte wie Nasen.diesen Fresken des achten Jahrhunderts immer wieder das Thema Meeresleben auftauchte? Auf den Gewändern von Priestern und Herrschern sah man Langusten. einem Xircom PCMCIA V. erklärte Danno: Diese Bilder erzählten die Geschichte des Untergangs von Atlantis. Ein durchdringender Pfeifton machte Daniel darauf aufmerksam. In der Info-Box des Monitors erschien die Frage: ›Wo bleibt der Champagner?‹ Houston fragte: ›Wo bleibt unser Geld?‹ Das war ein alter Witz.34-Modem und einem Funktelefon hatte er eine CyberspaceVerbindung zu Kollegen in Houston und Santa Barbara aufgebaut. Weshalb sollte eine Gesellschaft im Dschungel Lebewesen und Pflanzen aus dem Meer darstellen? Aus einem einfachen Grund. Flossen und Seetang. Daniel nahm die Helligkeit des Bildschirms zurück und antwortete seinen Freunden: ›Danke. Knie und Fingerspitzen wurden präzise übereinanderprojiziert und fehlende Stellen mit Hilfe des Rekonstruktions-Programms ergänzt. denn jedermann wußte. Das erlaubte ihm sowohl den Zugriff auf eine Kunst-Datenbank als auch auf ein Kunst-RekonstruktionsProgramm. Mit seinem alten IBM ThinkPad. daß die Batterie seines Laptop aufgeladen werden mußte. ›Mazel tow!‹ schrieben die Kollegen aus Santa Barbara.

obwohl sie in Wirklichkeit eines der schönsten Mädchen der Schule gewesen war. damit sie auch nach zwanzig Jahren nichts von seiner Liebe wußte. ›Julius möchte. Die Nachricht überraschte Daniel nicht. Es war eine alte Aufnahme von der Schulabschlußfeier. Damals war er sechzehn. daß sie Julius heiratete. Warum konnte sie jetzt nicht bei ihm sein? Er sah sich traurig in der modrigen Grabkammer um und dachte an den Tag. Andererseits konnte er den Gedanken nicht ertragen. Er hatte sich in der Waschküche verkrochen und schluchzte verzweifelt. Sie umarmte ihn. daß die beiden glücklich sein würden. aber sie traf ihn trotzdem bis ins Mark. daß ich ihn heirate‹. weil sie sich für häßlich hielt. Seine Freude schwand. drückte ihn an sich und flüsterte. und plötzlich wurde aus seiner besten Freundin ein Mädchen. Daniel machte sich keine Illusionen über ihre 60 . Catherine hatte damals nichts davon geahnt. das er an der Innenseite des Laptop-Deckels unter den Bildschirm geklebt hatte. es werde alles gut werden. wenn Cathy mit mir feiern könnte… Leider hatte er nur ihr Photo. So hatte er ihr Bild bei der Arbeit immer vor Augen. Wie schön wäre es. und er fühlte sich plötzlich niedergeschlagen. daß sie einem anderen Mann gehörte. er spürte ihren schlanken Körper.vor dem Grab. Cathy lachte und hielt abwehrend die Hand vor das Objektiv der Kamera. der ein Wendepunkt in seinem Leben gewesen war. hatte sie in ihrem letzten Brief geschrieben. denn er war sicher. Aber Cathy hatte ihn gefunden. das er heftig liebte. in dem Wasserfluten den Helden im Dschungel von der Welt abschnitten. Der unaufhörliche Regen ließ ihn an eine Szene aus einem Film denken. Einerseits wollte er. Der Duft ihres Parfüms stieg ihm in die Nase. und Daniel hatte alles getan. Ihn würde sie bestimmt nicht heiraten.

61 . mit einem Mel Gibson konnte er sich nicht vergleichen. Das mußte sich Daniel jedesmal eingestehen. die ihn noch vor kurzem beflügelt hatte. Er war kleiner als Catherine. wenn sie zusammen waren. was schlimmer gewesen wäre. aber er wußte. Sie waren Freunde. etwas von der Begeisterung zurückzuholen. Es gibt Schlimmeres… Während Daniel auf den Monitor starrte und versuchte. vielleicht sogar Seelengefährten. aber sie würden nie ein Paar werden können.Beziehung. Catherine würde für ihn nie romantische Gefühle entwickeln. fiel ihm allerdings nichts ein. Er fand sich zwar nicht gerade häßlich. Voss‹ finden. Soll sie diesen Julius heiraten und ihr Glück als ›Mrs.

Hassan weiß es nicht. Golf von Akkaba Plötzlich wußte Catherine. danach Auswertung der Ergebnisse des Vortags und dann… Es war ihr wieder eingefallen! Daniel saß vor der Arbeit regelmäßig am Computer und informierte sich via Internet über das. und hat aus Athen einen Computer kommen lassen. um Post abzuholen. um einen Freund zu erreichen. Glauben Sie. wie man einen Computer bedient. wie sie Daniel erreichen konnte… Sie hatte ihm einen Sommer lang geholfen. Nach einem Jahr kannte sie jeder im Hotel Isis. ich kann für ein paar Minuten den Hotel-Computer benutzen? Ich bezahle Ihnen natürlich die Gebühren für die Zeit. Mylonas. weil Daniel dort ein verborgenes Grab vermutete. »Vor vier Jahren hat mir Papadopoulos erklärt.« »Beim heiligen Andreas!« sagte er lachend und schüttelte den Kopf.Scharm el Scheich. Gelegentlich trank sie sogar mit dem siebzigjährigen verwitweten Besitzer Tee. »Mr. das Hotel zu modernisieren. was in der Welt geschah. zuerst viel Kaffee. die ich brauche. Sie erschien beinahe täglich. sagte sie jetzt zu ihm. In diesem Sommer gab es kaum Änderungen im Tagesablauf: Aufstehen vor Sonnenaufgang. Mylonas«. ein Gebiet in Chiapas zu kartographieren. tauschte Gedanken und Informationen mit einer Gruppe von Freunden aus und las seine E-Mail. und ich weiß es auch nicht. »ich möchte Sie um einen Gefallen bitten. wenn sie keine Zeit hatte. Schnell ging Catherine zur Rezeption zurück. nach Scharm el Scheich zu fahren. und versorgte sich mit den nötigen Dingen. und Ramesch kann nur Briefe damit 62 . es ist Zeit. Aber Papadopoulos weiß nicht.

sagte Mr. Der Mann drehte ihr den Rücken zu und tippte auf der Tastatur. hatte 63 . »Vielleicht können Sie es im Sheraton oder im Hilton versuchen. und am Deckenventilator baumelten klebrige Fliegenfänger. Und heute? Plötzlich wollen alle an den Computer!« »Alle?« »Ja. ebenfalls nicht. An der Wand hingen ein islamischer und ein westlicher Kalender. wie viele Gäste diesen Computer benutzt haben. Catherine überlegte nicht lange und ging zum Büro im hinteren Teil des Hotels. »Wer noch?« »Ein Gast. Er sitzt gerade am Computer. der heute am späten Nachmittag eingetroffen ist. Der kleine Raum war vollgestopft mit ausrangierten Möbeln. bevor er sein Zelt verließ. der Geld umtauschen wollte. In Mexiko war es inzwischen halb neun. Sie mußte ihn erreichen. der Stellvertreter von Mr. Daniel blieb nie länger als eine Stunde Online.schreiben. In den vergangenen fünf Monaten niemand. in ein anderes Hotel zu fahren. Ramesch. der Computer ist im Augenblick nicht frei?« Er nickte und zuckte entschuldigend mit den Schultern. Die Tür stand offen. Frau Doktor. Er war groß.« Sie runzelte die Stirn. zum Beispiel Mr. Hungerford. Aber am Computer saß jemand. Neben mehreren altmodischen Telefonen mit Wählscheibe stand dort auch eine mechanische Schreibmaschine. Die Sekretärin war nicht da. Ich kann an den Fingern einer Hand abzählen.« Aber Catherine hatte keine Zeit. Mylonas und widmete sich einem Gast. ihr amerikanischer Freund. »Tut mir leid«. Mylonas. und sie blickte hinein.« »Wollen Sie damit sagen.

»Ich wollte Sie fragen. überlegte es sich aber anders und drehte sich wortlos um. Aber dann fiel ihr auf. im Sheraton anzufragen. An der Rezeption bat sie Mr. Während sie wartete. daß der Gast ein Geistlicher war.« 64 . Sosehr sie es auch gewollt hätte. sondern einen Priesterkragen hatte. Sie war verwirrt. Sie wollte etwas sagen. er hat ein 300-Bits-pro-Sekunde-Modem!« erwiderte er und lachte. Mylonas hatte nicht erwähnt. sie brachte es einfach nicht über sich.« »Wie lange?« »Ein paar Stunden. ob…« Der Mann drehte sich um. Bitte. »Ich wollte Sie fragen. das Telefon in unserem Büro steht Ihnen zur Verfügung. Er lächelte sie liebenswürdig an. trommelte sie mit den Fingern nervös auf das Gästebuch und starrte in die Richtung des Büros. Er hatte blaue Augen und eine sonnengebräunte Haut. Sie räusperte sich noch einmal. Mylonas. »Tut mir wirklich leid. ob der Computer frei ist…« »Ich habe gerade meine E-Mail abgeschickt und fürchte. einen Priester um einen Gefallen zu bitten. sagte Mr. Vielleicht haben Sie diesmal mehr Glück. Catherine warf erst einen Blick auf die Uhr. »Entschuldigen Sie…«. Mr. ob ein Computer frei sei.breite Schultern und eine fast militärische Haltung. »Aber alle Anschlüsse sind besetzt. Catherine räusperte sich und blieb in der Tür stehen. daß das schwarze Hemd kein normales Hemd war. Mylonas und hängte auf. Frau Doktor«.« »Stunden? Warum dauert das so lange?« »Ich glaube. damit ist dieser Computer eine Weile beschäftigt. dann auf den Computer und schließlich auf den Priester. Catherines Blick verweilte unwillkürlich auf der betont männlichen Gestalt. Er trug ein schwarzes Hemd mit kurzen Ärmeln und Jeans.

War er bereits unterwegs zum Grab? Durch die angelehnte Tür hörte sie plötzlich lauten Beifall aus der Bar und Hungerfords unverkennbares Lachen. wenn sie Danno nicht erreichte? Ich fliege noch heute nacht. ich versuche. Sendezeit: l Std. Catherine wußte. 65 . Bestimmt kein sicheres Versteck. ihr Zelt nicht aus den Augen zu lassen. Ich habe keine andere Wahl. Stevenson zu erreichen. daß sie mit dem Anschluß hier mehr Glück haben würde als in einer Telefonzelle. Sie dachte an das Fragment und den Korb unter dem Feldbett. Sie hatte ihn gebeten. »Hallo?« rief sie in den Hörer. »Bitte nimm endlich ab!« Sie warf wieder einen Blick auf die Uhr. »Verflucht…«. ob der Computer vielleicht doch schon frei war. Der Priester war nicht mehr da. Daniel ihre Nachricht zu übermitteln und später mit dem Priester zu reden. Warum ist er noch immer hier? Warum ist er nicht bei seinen Leuten? Sie dachte an Samir. das Senden der E-Mail zu unterbrechen. »Ja. 27 Min. dachte sie flüchtig daran. und sie warf einen Blick auf den Bildschirm.« Während sie noch einmal versuchte. Dr. die um die halbe Welt gingen. Die Meldung wirkte jedoch eher wie Hohn: »Gesendet: 1200 Bytes voraussichtl. »Na los. die Funkvermittlung in Cancun zu erreichen.Catherine vermutete. um zu sehen. sie durfte die Funde nicht länger allein lassen. preßte den Hörer ans Ohr und lauschte auf die veralteten Telefontöne. Catherine wußte jedoch. Er ist… Hallo?« Die Verbindung wurde unterbrochen. murmelte sie ungeduldig. daß er sich nicht ständig in der Nähe des Zelts aufhalten konnte. Aber was sollte sie tun. Danno«. und ging zurück in das Büro. dachte sie.

Hinter ihm befand sich die Hotelhalle. Eine wahrhaft gute Kulisse für einen Diener der spirituellen Welt. dann setzte sie sich. sagte er knapp und verließ das Büro. um jemanden zu erreichen. ohne sie noch einmal anzusehen.« »Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?« »Ich möchte nicht gerne auf einen Priester angewiesen sein. Aber sein muskulöser Körper wirkte jugendlich und sportlich.« Er sah sie überrascht an. daß er über vierzig sein mußte. »Ich muß unbedingt den Computer benutzen. Eigentlich wirkte er überhaupt nicht wie ein Priester. Sie legte auf und seufzte. dachte sie unwillkürlich und staunte über ihren Zynismus. der plötzlich noch kleiner zu sein schien. tippte etwas auf der Tastatur und stand auf: »Er steht zu Ihrer Verfügung«. Der Priester stand in der Tür. Seine große Gestalt füllte den Raum. »Sie sind wohl kaum auf mich angewiesen. Er war etwa einen Meter fünfundachtzig groß.« Er setzte sich vor den Computer. 66 . »Was ist los?« Sie drehte sich verblüfft um.murmelte sie. Warum löste dieser Mann so heftige Reaktionen bei ihr aus? Er betrat das Büro. Die ersten Anzeichen von Grau in den kurz geschnittenen dunkelbraunen Haaren verrieten. legte den Notizblock mit Daniels EMail-Adresse auf den Tisch und begann mit der Eingabe. Catherine blickte ihm einen Augenblick nach. Durch die Glastüren sah sie in seinem Rücken den feurig-goldenen Sonnenuntergang.

schloß er die Augen. »Wer auch immer es gewesen sein mag«. »Phantastisch! Danny. Er hatte die Arbeit nicht unterbrechen wollen und war nicht wie üblich ins Lager zurückgegangen. wie ausgehungert er nach der Nacht in diesem Grab war. »Wer wollte mich sprechen?« Der junge Mann reichte ihm eines der Päckchen. Es klang dringend.« 67 . Aber ich glaube. Käse und Paprika stieg ihm in die Nase. wird er es schon noch einmal versuchen. Danny!« rief der junge Mann und ließ seinen nassen Poncho auf den Boden fallen. »He. Ihm war nicht bewußt gewesen. sagte er mit vollem Mund. Meine letzte Batterie ist am Ende«.Mexiko Daniel hatte gerade seinen Net-Slogan eingegeben: ›Im Universum gibt es eine Quelle des Lebens. Jemand wollte dich sprechen. »Die Funkverbindung ist wieder zusammengebrochen.‹ In diesem Augenblick kam einer der Studenten mit einer Thermoskanne und zwei in fettiges Pergamentpapier gewickelten Päckchen in die Grabkammer. »Weiß nicht…« Daniel schlug das fettige Papier beiseite. sieh dir das an!« Sein Assistent stellte das Frühstück ab und kauerte sich vor den Laptop. Als er hungrig das heiße Burrito zu essen begann. und der würzige Duft von Bohnen. Sofort verbreitete sich in der Grabkammer der belebende Duft von Kaffee. das Unwetter…« »Mach dir keine Gedanken! Komm. du hast es geschafft!« »Gerade noch rechtzeitig. »Wenn es wichtig ist. und niemand kann lange ohne diese Quelle leben. erwiderte Daniel und schraubte den Deckel der Thermoskanne auf.

sagte sein Assistent. 68 . als eine Meldung erschien.»Deine Batterie gibt gerade endgültig den Geist auf«. Der Bildschirm begann zu flackern.

Gott sei Dank hatte sie Daniel über Internet erreicht. Sie hatten eine Stunde. Das erste in der langen Reihe der Touristenhotels hob sich schemenhaft vor dem Nachthimmel ab. Aber in dieser kalten Nacht blieb alles dunkel und still. daß niemand sie gesehen hatte. seit sie den Korb in dem unterirdischen Gang gefunden hatte. und die Männer konnten sicher sein. Der Nachtwind heulte um das Zelt. sobald sie sicher sein konnte. Als sie das sandige Ufer erreichten. Sie wollte ihn öffnen. Golf von Akkaba Das schwarze Schlauchboot schoß über das Wasser und erreichte den Strand. der auf ihrem Arbeitstisch stand. als versuchten die Dämonen der Wüste.Scharm el Scheich. Es klang. Zwei Männer in schwarzen Tauchanzügen saßen in dem Boot. Aber es stand weit genug entfernt. Er hatte gerade noch ihre Nachricht erhalten. zogen sie das Boot hinter sich her aufs Trockene. Sie entluden schnell das Boot. Einer der beiden warf einen Blick auf die Uhr. daß im Lager alle schliefen. Catherine seufzte und blickte unruhig auf den Korb. Sie stellten den Außenbordmotor ab und sprangen schnell und lautlos ins flache Wasser. um ihr Ziel auszumachen und ihrem Auftraggeber einen ersten Bericht zu erstatten. Trotzdem blieben sie wachsam und verloren keine Zeit. es davonzutragen. daß sie unerkannt in das Land kamen. bevor der Mond über dem Golf aufging und sein fahles Licht auf das nächtliche Land warf. 69 . Ihr Auftrag verlangte. Sie blieben abwartend stehen und lauschten auf Lebenszeichen. Zwölf Stunden waren vergangen.

Er roch nach Erde und Moder. Gab es wirklich so etwas wie Dämonen? Der Korb war nicht groß. Dabei schabte sie behutsam Sandkörner. Ein Teil der Verschnürung hatte sich bereits in Staub aufgelöst. daß sich der sorgfältig verpackte Inhalt noch in einem guten Zustand befand und nicht zerstört worden war. um ihre Herkunft zu bestimmen. nicht größer als ein Picknickkorb. Seit der Fund ans Licht gekommen war. Während sie darauf wartete. in das er eingepackt war. Aber Catherine glaubte fest daran. den Korb ungestört öffnen zu können. der verehrte Priester… Catherine erschauerte. das Äußere mit der Lupe zu untersuchen. Das Gewebe. Er sagte nur drei wundervolle Worte: ›Ich bin unterwegs!‹ Aber bis zu seiner Ankunft würde fast ein ganzer Tag vergehen. Amelia. mußte der Korb von einem anderen Ort hierher gebracht worden sein. Da die Grabungen bisher keine Hinweise auf eine ständige menschliche Besiedlung dieser Gegend vor dem fünften Jahrhundert erbracht hatten. Wie sollten ihre Nerven diese Spannung aushaken? Und sie hatte noch viel zu tun bis zu ihrer Flucht. Catherine richtete sich auf und schloß kurz die Augen. Eine Stunde später rief er sie aus dem Dorf in der Nähe seines Lagers an. Sie stand auf. ging zu dem Fliegenfenster und blickte über das dunkle Land. nutzte sie die Zeit. Woher? Ein besonders heftiger Windstoß traf das Zelt. winzige Insekten und getrocknete Pflanzenteile von der Leinenumhüllung. Catherines Unruhe wuchs von Minute zu Minute. schienen seltsame Gewalten am Werk zu sein.bevor die Batterie seines Computers völlig versagte. In der 70 . zerfiel. nachdem der Hanf dem Sonnenlicht ausgesetzt worden war.

Ist er vielleicht noch dort? Im Lager brannte in zwei Zelten noch Licht. legte einen Pflanzenrest auf den Objektträger und betrachtete ihn unter dem Mikroskop. Er war noch immer im Hotel Isis gewesen. Leider hatte Catherine bisher jedoch nur Pflanzen gefunden. die sie aussäten und anpflanzten. dabei gestört zu werden. Der Pflanzenrest unter dem Mikroskop ließ sich nicht sofort zuordnen. 71 . wenn sie an einem Ort längere Zeit blieben. daß die Juden beim Auszug aus Ägypten Sämereien und Stecklinge mitgenommen hatten. daß Moses und Mirjam ihr Volk hier entlang geführt hatten. daß sich einige ihrer Leute unterhielten. Er warf sein silbernes Licht über die einsame Wüste. Sie setzte sich wieder an den Arbeitstisch. erschien die senkrechte Falte zwischen ihren Augen. als sie sich auf den Rückweg gemacht hatte. Deshalb bestand ein Teil von Catherines Arbeit darin. Sie blätterte in einem Buch über Paläobotanik. mit den Abbildungen und Zeichnungen im Text. die im südlichen Sinai wuchsen. In einiger Entfernung von Catherines Lager beleuchtete er auch zwei Männer. aber sie konnte nicht riskieren. was sie sah.Ferne sah sie die Lichter von Hungerfords Lager. Als sie die Schärfe einstellte. bei Grabungen botanische Funde zu sammeln und zu bestimmen. Sie hörte. Catherine wollte den Korb so schnell wie möglich öffnen. Da manche Pflanzen in bestimmten Gebieten endemisch sind und in anderen nicht vorkommen. würden Spuren von Pflanzen des Niltals an alten israelitischen Tonwaren ihre Hypothese erhärten. die am Strand entlanggingen. Catherine war der Überzeugung. blickte immer wieder in das Mikroskop und verglich das. Inzwischen war der Mond aufgegangen.

Ihre großen Nylontaschen sahen wie normales Reisegepäck aus. die damit endete: ›… endemisch im zentralen Hochland der Negev‹. »Bakschisch!«. Aber weshalb hatte man damals soviel Sorgfalt darauf verwendet. denn die Form des winzigen Blättchens war eindeutig. murmelte Catherine zufrieden. Das Jesus-Fragment stammte nicht von einem der Einsiedler. Er lächelte sie an und fragte: »Sie Amerikaner?« Seine Zähne blitzen weiß. die an der Schnur hing. Israel… das ist mehr als zweihundert Meilen entfernt! Wieder blickte sie auf den geheimnisvollen Korb und spürte. »Origanum ramonense…«. Das bedeutete. ebenso die Härchen am Stengel und am Blütenkelch. Catherine las die Beschreibung im Buch. wie ihr Herz schneller schlug. was immer sich in dem Korb befinden mochte.Nachdem sie das Boot wieder ins Wasser geschoben hatten – sie brauchten es nicht mehr. und niemand konnte es mit ihnen in Zusammenhang bringen -. kam ebenfalls von dort. als er hinzufügte: »Ahlan wa sahlan!« und die Hand ausstreckte. Die winzige Pflanze. und war mit dem Korb dann so weit 72 . als sie sahen. die vor vielen Jahrhunderten hier in den Höhlen des Sinai gelebt hatten. daß ihnen jemand entgegenkam. Vorsichtig und mißtrauisch blieben sie stehen. Die Blütenkrone war gut erhalten. streiften sie schnell die Tauchanzüge ab und kleideten sich wie Touristen in weite Leinenanzüge und geblümte Hawaiihemden. Ihre Vermutungen waren richtig. mit der der Korb verschnürt worden war. Sie waren noch nicht lange in Richtung der Hotels gegangen. Es war ein junger Ägypter. wuchs nur im Negev und sonst nirgendwo auf der Welt. den Inhalt zu verpacken.

Als sie nach Ägypten zurückkam. wenn es um einen einmaligen Fund ging. daß sie sich voll und ganz auf ihn verlassen konnte. Dann hörte sie eine vertraute Stimme: »Frau Doktor?« Es war Samir. Frau Doktor«.‹ Catherine zuckte zusammen. aus welchen Grund? ›Lest diesen Brief im geheimen. und meist bekam die begehrten Posten bei Ausgrabungen nur jemand. der Freunde oder Verwandte in der Behörde hatte. daß er einen schnellen Blick auf den Korb warf. Sein schneller Blick auf den Korb machte Catherine mißtrauisch. aber er suchte eine Stelle.« Als er eintrat. Catherine hatte Samir als GrabungsAufseher eine solche Stelle verschafft. in Sorge um Eure Sicherheit und in furcht um Euer Lehen. Die Konkurrenz unter den Archäologen war groß. dafür sei er ihr ewig zu Dank verpflichtet. der ihn möglicherweise reich und berühmt machen würde? »Im Lager ist alles in Ordnung. den Korb ohne lästige Zeugen öffnen zu können? 73 . »Kommen Sie herein. um nach dem MosesBrunnen zu suchen. hatte Samir promoviert. Er war fleißig. sah Catherine. Sie hatten sich bei Ausgrabungen an der Nordküste des Sinai getroffen. Kann ich ihm wirklich trauen? Sie kannte den netten jungen Ägypter seit fünf Jahren.« Ahnte er. Samir war Examenskandidat in Ägyptologie. und er erklärte überglücklich. sagte er und fügte zu Catherines Überraschung hinzu: »Alle schlafen. und Catherine stellte bald fest. Konnte sie sich auch dann noch auf ihn verlassen. Vor dem Zelt räusperte sich jemand.gereist. um ihn hier zu begraben? Woher waren die Leute gekommen? Wer waren sie gewesen? Und der Schädel? Hatte man jemanden zusammen mit dem Korb begraben? Und wenn das so war. daß sie nur darauf wartete.

Sie tanzte jetzt zwischen den Tischen der Gäste und ermunterte sie. Sie hieß Yasmina und wurde vom Hotel Isis als ›Rose des Ostens‹ angepriesen. Der Wind pfiff und heulte um das Zelt. Er bezahlte bar und rundete den Betrag großzügig nach oben ab. Mit Pinzette und Schere machte sie sich so behutsam und langsam an die Arbeit. In Wirklichkeit hieß sie Shirley Milewski und kam aus Bismarck. Vorher vergewisserte er sich jedoch. als sie schließlich den Inhalt sah. sagte er schnell einen einzigen Satz. ihr Dollarscheine und ägyptische Pfundnoten in das hautenge Kostüm zu stecken. Sand und kleine Steine wurden prasselnd gegen die Zeltbahnen getrieben.Nachdem er gegangen war. wie es ihre Aufregung zuließ. daß niemand ihn beobachtete oder mithörte. entfernte die Verschnürung und schnitt präzise und ruhig wie ein Chirurg bei einer Operation durch die einzelnen Schichten. Ihre Augen wurden groß vor Staunen. Catherine entfernte mit angehaltenem Atem die innerste Umhüllung. Er sagte: »Wir sind am Ziel. weil er die Reisepässe nicht zur Hand hatte. Als sich der gewünschte Teilnehmer meldete. Sein Partner stand am Telefon neben dem Aufzug. Die Bauchtänzerin erreichte das Ende ihrer Vorstellung. An der Rezeption verlangte einer der beiden spät eingetroffenen Amerikaner ein Zimmer für die Nacht.« 74 . Sie brauchte nicht länger zu warten. Der Mond stand inzwischen hoch am Himmel und tauchte das Lager in ein geheimnisvolles Licht. schloß sie den Reißverschluß des Zelteingangs und ging an den Arbeitstisch zurück. Sie durchtrennte vorsichtig die äußere Leinenumhüllung. North Dakota.

wie man unbemerkt in fremde Länder einreiste und sie ebenso unbemerkt wieder verließ. die hervorragend erhalten waren. Das Handwerkszeug ihres Metiers befand sich in den Reisetaschen – Nachtgläser russischer Herkunft. ein gutes Trinkgeld. Langsam schlug sie es auf. Jemand mußte viel Mühe auf sich genommen haben. mit dem sie überall auf der Erde ihre genaue Position bestimmen konnten. Klappmesser aus Edelstahl. ein Laser-Entfernungsmesser. Trommelrevolver mit neunzehn Schuß und Laservisier und Kleinkalibergewehre mit Zielfernrohr hatten sie bereits am Strand in 75 . Sie hatten auch präzise Landkarten der Küste des Golfs von Akkaba und Saudi-Arabiens mit sich. Dann verschlossen sie die Tür und gingen daran.000 Volt und ein tragbarer GPSNavigator. dem Suezkanal und dem Roten Meer. wasserdichte Stablampen. die sie im Laufe der Jahre beim Umgang mit zerbrechlichen und seltenen Gegenständen gelernt hatte. Sie tat es mit der Behutsamkeit und Vorsicht. Die beiden Männer hatten jedoch weder Flugtickets noch Reisepässe.Catherine sah vor sich ›Bücher‹ aus Papyrus mit Ledereinbänden. Sie wußten. der sie zu ihrem Zimmer führte. Man hatte sie in dünnes Leinen gewickelt. sowie LANDSAT-Photos vom südlichen Sinai. ihr vorübergehendes Einsatzzentrum funktionsfähig zu machen. Warum hatte man sie nicht einfach vernichtet? Warum waren sie mit so großem Aufwand begraben worden? Catherine nahm das erste Buch in die Hand. damit sie nicht entdeckt wurden. Betäubungsgewehre mit einer Leistung bis zu 200. Die Amerikaner gaben dem Gepäckträger. verschnürt und in diesen Korb gepackt.

als ihn zu töten. Außerdem hatte es keine große Mühe gemacht. Der Text befindet sich auf den rechten. der die Verbindung mit ihrem Auftraggeber hielt. »besteht aus typischen Papyrus-Seiten. Wie lange mochte es dauern. Jedes Blatt ist beschrieben. Vor ihm lag das dunkle Wasser. den 76 . trat auf den Balkon hinaus. Der Junge war nicht stark und auch nicht schwer. die leicht überlappend aneinandergeklebt sind. arabisch und französisch vor Haien warnten. sprach sie auf Band. Aber so war ihnen keine andere Wahl geblieben. Zeke überlegte. die in englisch. Zekes Augen wanderten den Strand entlang nach Norden. aus der sie gekommen waren. »Das erste Buch«. aber sie hatten am Ufer Tafeln gesehen. in die Richtung. Zeke drehte sich nach seinem Partner um und sagte betont langsam: »Keine Zeugen…« Catherine drückte auf eine Taste ihres Diktiergerätes. Sie brauchten nicht viele Steine. wäre der Junge vermutlich noch am Leben gewesen. Wenn der böige Wind nicht plötzlich die Waffen unter Zekes Jackett enthüllt hätte.Schulterhalftern unter den Jacken verborgen. Er warf einen prüfenden Blick hinunter zur Auffahrt. Nach dem Ende der Bauchtanzvorstellung fuhren die Gäste laut hupend und mit quietschenden Reifen davon. Es ist wie ein Akkordeon gefaltet und nicht an einer Seite gebunden. bis man den jungen Ägypter vermißte? Aber auch das war nicht weiter wichtig. damit die Leiche im Wasser versank. Geöffnet hat es die Standardlänge von zwanzig Seiten. Zeke. ob die Haie die Leiche des jungen Ägypters bereits gefunden hatten. Scharm el Scheich war unter Tauchern als eine der besten Stellen der Welt bekannt. Der Einsatz konnte beginnen.

Dann hörte sie ein anderes Geräusch – Schritte auf dem Geröll. Sie richtete sich auf und lauschte. Als sie ihm mit der Taschenlampe ins Gesicht leuchtete. »Entschuldigen Sie. Sand wurde über die Steine gefegt. Er hielt schützend die Arme vor die Augen. und sie hörte Ziegenglocken und hin und wieder das helle Meckern einer Ziege. die im Wind schaukelten. Sie schob sich die langen Haare aus dem Gesicht und begann. Plötzlich hörte sie vor dem Zelt ein Geräusch. was machen Sie da?« rief sie und lief auf den Mann zu. die Worte des uralten Dokuments zu lesen. »Fremde haben hier keinen Zutritt«. öffnete den Reißverschluß und blickte angestrengt in die stürmische Nacht. verließ das Zelt und richtete den Lichtstrahl auf den Grabungsplatz. Zuerst sah sie nur die Gräben und die Absperrungsseile. Sie lauschte mit angehaltenem Atem. In den Zelten war alles still. Sie griff nach der Taschenlampe.ungeraden Seiten. es wäre nichts 77 . Aber dann entdeckte sie eine Gestalt. sagte sie und senkte die Taschenlampe. »Hallo?« rief sie. Ihre Leute schliefen. daß es der Priester aus dem Hotel Isis war. Die Wüste war in ein seltsam übernatürliches Licht getaucht. An den Rändern sind horizontal verlaufende Fasern erkennbar. das die Beduinen die Schreie der Verdammten nannten. »He. Der Wind wurde zum Sturm und jagte mit einem gespenstischen Heulen über den Golf. »Wer ist da?« Sie ging zum Zelteingang.« Sie entfaltete behutsam den spröden Papyrus. ich dachte. Der Wind drehte. Catherine holte eine große Lupe und rückte die Lampe näher an den Papyrus. sah sie.

sagte er mit einer leichten Verbeugung und streckte ihr die Hand entgegen. bevor ich mit den Ausgrabungen fortfahre. wenn ich mich etwas umsehe. »Was suchen Sie hier?« wiederholte sie ihre Frage. Arbeiten Sie hier?« »Das ist meine Grabung.« »Das wissen wir noch nicht genau«. »Sie sind bestimmt Dr. Ich erinnere mich daran. Catherine sah. damit sie ihr nicht ins Gesicht geweht wurden. Ich war neugierig. Ist es nicht etwas spät für eine Besichtigung?« »Ich konnte nicht schlafen. Alexander«. ohne auf die Hand zu achten. »Man hat mir im Hotel gesagt. erwiderte sie und mußte mit der freien Hand ihre Haare festhalten. würde ich auch alle Vorsichtsmaßnahmen ergreifen. sagte er. die mir den Computer ausgespannt hat? Haben Sie Ihren Freund erreicht?« Der kalte Wind ließ Catherine frösteln. Sie auch nicht. erwiderte Catherine vorsichtig. »Ich warte auf einen Beamten der ägyptischen Regierung. sind Sie nicht die Frau. Unwillkürlich überlegte sie. etwas über den Fund in der Nähe von Bir el Dam gelesen zu haben. daß Sie etwas Wertvolles gefunden haben. »Im Hotel erzählt man. Am nächsten Tag standen bereits 78 . wie der Wind sein Hemd an den breiten muskulösen Rücken preßte. »Ich verstehe. Dann drehte er sich um und starrte auf die dunklen Gräben und die Geröllhaufen. »Michael Garibaldi«.Verbotenes. Wie ich sehe.« Er nickte. »Ja«. wie er wohl seine Muskeln trainierte.« Er blickte an ihr vorbei zu dem beleuchteten Zelt. daß hier eine Grabung durchgeführt wird. Sie trug nur eine Bluse und Shorts. Wenn das meine Grabung wäre.« Dann rief er gegen den Sturm: »Ach. Die Nachricht verbreitete sich in Windeseile.

daß ein Priester einem Menschen in die Seele blicken könne und wisse. ob man die Wahrheit sagte oder nicht. »Ich war gerade in Jerusalem«. Es ist zu gefährlich. Diese Illusion hatte sie verloren. »Wir können deshalb Fremden nicht erlauben. er könne ihr tatsächlich in die Seele blicken. Aber als sich jetzt Michael Garibaldis blaue Augen auf sie richteten. um etwas von der Sinaihalbinsel zu sehen.« Aber Catherine ließ sich nicht erweichen. sehr groß. Sie dachte daran. als sie erkannte.« Sie richtete die Taschenlampe auf den Boden und führte ihn wie eine Platzanweiserin im Kino von den Gräben weg zum Lager. falls Sie das interessiert. daß das Erdreich nachgibt«. Ich finde es nicht richtig. sagte sie. »und habe beschlossen. daß man einen Priester mit seinem Titel ansprechen muß. einfach ›Mike‹ zu Ihnen zu sagen. auf dem Gelände herumzulaufen. während er ihr folgte. fragte er: »Warum lassen Sie es mich so deutlich spüren. »Es besteht die Gefahr.« »Ach so…« 79 .« Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: »Ich komme aus Chicago.« Als sie noch immer schwieg. daß Sie mich nicht mögen?« »Vater Garibaldi…« »Bitte«. sagte er leise. meinen Urlaub zu verlängern. unterbrach er sie lächelnd.« Catherine blickte fasziniert auf seine blauen Augen.überall Zelte. wie sie als kleines Mädchen geglaubt hatte. überkam sie das seltsame Gefühl. »Nennen Sie mich Mike. Eigentlich bin ich schon wieder auf der Rückreise. Und das gefiel ihr überhaupt nicht. und innerhalb einer Woche waren alle Fundstücke verschwunden. daß Priester auch nur Menschen waren. Für die Polizei ist die Wüste sehr. »Ich habe als Kind gelernt.

daß er auch muskulöse Arme hatte. die ungeschützt auf ihrem Arbeitstisch im Zelt lagen. Vater Garibaldi. die mit dem Katholizismus nicht vertraut sind. »Nun ja. einem zum Beispiel einen Computer zu überlassen. sah sie. daß man sich bedankt. »Es ist spät«. Sie sah Fältchen um seine Augen. Sie seien in der Stadt. er sei verletzt. der vor seinem Gesicht flatterte.« »Das war nicht persönlich gemeint. daß Sie nicht auf die Gunst eines Priesters angewiesen sein möchten.« Catherine nickte.Er schwieg. »Tut mir leid. dann trägt er unter dem weißen Priesterkragen bestimmt ein blaues Arbeiterhemd. ließ sich von ihnen ›Mike‹ nennen und versuchte. Er mußte ein sportlicher Priester sein. Vermutlich spielte er mit den Jugendlichen im Ghetto von Chicago Basketball. sie vor Drogen und Kriminalität zu bewahren. »Ja. Wenn er aus Chicago ist. Haben Sie ihre E-Mail später noch senden können?« Er lächelte wieder. Leute.« »Darf ich Sie noch etwas fragen?« Er trat einen Schritt auf sie zu. und sie hatte das Gefühl. dachte sie. Ich habe zwölf Jahre lang eine katholische Schule besucht. haben manchmal…« »Ich bin katholisch aufgewachsen. »Sie haben mir wirklich sehr geholfen.« Inzwischen hatten sie Catherines Zelt erreicht. Entweder war er oft in der Sonne oder er lachte viel.« Er hob die Schultern. sagte sie. »Im Hotel haben Sie gesagt. wenn jemand so freundlich ist. und das Licht fiel auf ihn. die Bemerkung hat mich neugierig gemacht. vielleicht traf auch beides zu. ein paar Stunden später. Mylonas sagte.« Sie dachte an die Papyri. Als er die Hand hob. um einen Nachtfalter zu verjagen. »Gute Nacht. Ich habe nach Ihnen Ausschau gehalten. Dann erwiderte er: »Und ich habe gelernt. Aber Mr. um mich zu bedanken. 80 .

empfand Catherine blitzartig eine Verbundenheit mit ihm. Sie ärgerte sich darüber. die er auf sie ausübte.Dann bin ich aus der Kirche ausgetreten. früher…« Das war schon lange her. daß er ein Priester war. Er drückte sie fest. Sie verstand die seltsame Faszination nicht. ich wünsche Ihnen. »Aber Sie waren einmal eine gläubige Katholikin?« »Ja. daß Sie das. Es war ihr nicht möglich. hier finden werden. an dem ihre Mutter gestorben war. »Gute Nacht…« Sie reichte ihm die Hand.« Catherine sah ihm nach. Sie holte tief Luft und dachte nach. Nach einer Weile konnte sie sich die Antwort eingestehen. als er sich umdrehte. weil sie das Ganze zugelassen hatte. Dann. Auch jetzt. Sie würde Garibaldi nichts von Vater McKinney und dem Abend erzählen. nachdem sie wußte. Warum? Immerhin hatte er ihr aus freien Stücken den Computer überlassen. bemerkte sie den Priesterkragen und fühlte sich irgendwie betrogen. reagierte sie auf seine Männlichkeit. Vater. die sie verblüffte und gleichzeitig erregte. und ihre Blicke sich trafen.« Er räusperte sich und erwiderte: »Dr.« »Ach…« Er nickte. Beim ersten Anblick im Büro des Hotels hatte sie als Frau auf einen gutaussehenden Mann reagiert. und sie ärgerte sich. Alexander. daß sie den Fremden regelrecht haßte. in ihm nur einen Priester zu sehen wie in Vater 81 . was Sie suchen. Als sie den Kopf hob. »Wenn Sie einmal nach Chicago kommen sollten…« Sie zog schnell die Hand zurück und murmelte verlegen: »Gute Nacht. Plötzlich wurde ihr bewußt.

Als Catherine den Reißverschluß schließen wollte. daß es ein Beduinenzelt war.McKinney oder Vater Ignatius. Bei Sonnenuntergang hatte es noch nicht dort gestanden. sah sie flüchtig am Rande der Ausgrabung etwas Großes. Garibaldi hatte sich ihr vom ersten Augenblick an als Mann und erst in zweiter Linie als Priester präsentiert. Unförmiges aufragen. Diese beiden waren für sie nie Männer gewesen. Mit Entsetzen stellte sie fest. 82 . Irgendwie fand sie das beunruhigend.

machen Sie kurzen Prozeß. er witterte Gefahr und lauerte auf Beute. Niemand darf etwas von der Sache erfahren. Ich wünsche kein Feilschen.« Aus Miles sprach der Tiger – die Bestie war vor vielen Jahren an einem Tag geboren worden. Die Familie war gerade dabei. antwortete Miles und ging mit dem Funktelefon außer Hörweite der anderen. ihre entzückende Enkeltochter in die Arme genommen und geantwortet: ›An Weihnachten wird der kleine Jesus in der Krippe liegen!‹ Miles lächelte noch immer. Das Raubtier in ihm knurrte jetzt hungrig. den Weihnachtsbaum zu schmücken. Mr.« »Gut«. Der Tiger in ihm war sprungbereit. New Mexico »Wir sind am Ziel. Lassen Sie sich nicht auf irgendwelche Spielchen ein. an dem sich sein Leben von Grund auf verändert hatte. Nehmen Sie die Ware an sich und verschwinden Sie innerhalb von vierundzwanzig Stunden wieder aus dem Land. »schalten Sie den Mann aus.Santa Fe. Der Tiger war seine Intuition. wie Erika mit den Enkelkindern beriet. aber dann wurde er ernst und sagte ins Telefon: »Wenn Sie die Kontaktperson treffen. auch wenn Sie sich mit ihm einigen sollten. Miles hatte zugesehen.« Der Tiger hob die Pranke… 83 . »Hören Sie«. Die Kleinste kauerte vor der Krippe unter dem Baum und hatte plötzlich gerufen: ›Aber wo ist das Baby?‹ Erika hatte gelacht. Entweder Sie einigen sich oder Sie schalten den Mann aus. sagte Miles ruhig in den Hörer. Havers. an welche Stellen die bunten Glaskugeln von den geduldigen Dienstboten an die riesige Douglasfichte gehängt werden sollten.

DER ZWEITE TAG 84 .

weshalb er unbedingt kommen sollte. »Danno!« Sie rannte ihm entgegen. Er drückte sie fest an sich. murmelte er betroffen: »Du meine Güte. Als sie jetzt in dem offenen Wagen über die Ebene fuhren.« Sie fuhr ihm lachend durch die blonden Haare. daß du da bist…«. Golf von Akkaba Allmächtiger. als sich der Landrover Catherines Ausgrabung näherte. aber sie trug Sandalen und er Nikes mit dicken Gummisohlen. du siehst ziemlich mitgenommen aus. Um die Ausgrabung lag ein Ring von Zelten. Dezember 1999 Scharm el Scheich. Cathy hat etwas gefunden! Dann sah er sie. so glücklich wie in seinen Träumen. Samir. die Haare waren schweißverklebt. Wagen. 15. und das T-Shirt mit dem Aufdruck ›Die Erfolge von Archäologen liegen in Trümmern‹ war fleckig und 85 . dachte Danno. daß sie ihn brauchte. Er sprang vom Wagen und umarmte sie. »Ich bin da!« rief er und winkte. Touristen und Arabern. Er war glücklich. Als Danno sie schließlich zögernd losließ und aufmerksam betrachtete. der ihn am Flughafen von Scharm el Scheich erwartete. »Gott sei Dank. hatte wenig erzählt. Bussen. Was ist denn hier los? Sie hatte ihm am Telefon nicht gesagt. »Du wirkst auch nicht gerade taufrisch…« Da hatte sie bestimmt recht. stand Daniel auf und hielt sich am Rollbügel fest. flüsterte ihm Catherine erleichtert ins Ohr. Daniel war zwar kleiner als Cathy.Mittwoch. Er war von oben bis unten mit Staub bedeckt. wie sie vor ihr Zelt trat und eine Hand schützend über die Augen hob. Eseln.

Bücher. Danno! Wir haben Schriftrollen gefunden. Pinsel in allen Größen. Kameras. ich hätte draußen etwas gehört. weiß bereits alle Welt. daß wir etwas gefunden haben. Als sie im Zelt standen. Landkarten und Skizzen.« »Den Mirjam-Brunnen?« »Etwas viel Wichtigeres. »Willst du verreisen?« Sie reichte ihm das Glas und antwortete leise: »Ich bin eigentlich nicht mehr da.« Ihre Augen leuchteten.« Catherine nahm ihn bei der Hand. auf dem Flaschen und Gläser standen. Pickel.« »Der Zirkus da draußen läßt auf Gold schließen. In seinen Träumen eroberte er sie nie so verschwitzt und wenig attraktiv. aber sie bedeutete ihm zu schweigen. »Meine Leute sind wie üblich bei der Arbeit. schloß sorgfältig wieder die Klappe und ging zum Arbeitstisch. lag alles kreuz und quer durcheinander.« Sie legte den Finger an die Lippen. als sie leise sagte: »Wertvoller als Gold.« »Was ist denn los?« 86 . Ein anderer Arbeitstisch war geheimnisvoll mit einem Laken verhüllt. »Ich dachte. Sie füllte zwei Gläser mit Mineralwasser. Kellen und Eimer.zerknittert. Er wollte etwas sagen. Ich habe nur noch auf dich gewartet. Dann bemerkte er den offenen Koffer auf dem Feldbett. Chemikalien… Wie bei Cathy üblich. ein Mikroskop. Daniel sah sich im Zelt um: Schaufeln. Schnur und Pflöcke. schloß sie die Zeltklappe. Meßstäbe. mein Gott. und sie sind alt. »Laß deine Sachen im Wagen! Komm schnell in mein Zelt. aber wie du siehst. sie sind sehr alt…« Sie schwieg beunruhigt und hielt den Atem an. »Was ist los?« fragte er verwundert. Dann ging sie zur Fensterklappe und blickte hinaus.

Er blickte auf Jas Wasser. sagte sie. die er für seinen Auftraggeber hier abholen sollte.»Setz dich. ihre Sachen sorgfältig zu packen. Es klopfte an der Zimmertür. Zeke machte sich keine Gedanken darüber. bis es bekannt wird. war das nur eine willkommene Gelegenheit. das bereits im Schatten lag. Spekulationen und Gerüchte heizten die Stimmung an. »Ich 87 . daß es noch ein paar Tote geben würde. »Aber es ist nur eine Frage der Zeit. die eigenen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Danno. daß ich den Korb geöffnet habe«. Er wußte bereits. Du hast die Absperrungen und Warntafeln um den Grabungsplatz gesehen. informierte sie Daniel flüsternd über die Ereignisse der sechsunddreißig Stunden. Über den jungen Ägypter sprach bis jetzt niemand. die vergangen waren. seit Hungerford sie mit der Sprengung aus dem Schlaf gerissen hatte. was ich dir jetzt zeige. Auch ihnen hatte man zugeflüstert. Zeke rechnete damit. bis sein Auftrag erfüllt war. während die Sonne gerade hinter dem Sinaigebirge verschwand.« Zeke stand auf dem Balkon seines Hotelzimmers. Während Catherine die letzten Dinge in den Koffer packte. Noch lassen sich die Neugierigen davon zurückhalten…« Catherine nahm sich nicht die Zeit. Du wirst nicht glauben. daß unter ihm Wetten um die ›Ware‹ ausgehandelt wurden. Der Anbieter war da. Er war noch nicht als vermißt gemeldet worden. Wenn es Konkurrenz gab. daß die Archäologen in der Nähe etwas gefunden hatten. »Niemand weiß. Von der Restaurant-Terrasse unter ihm drang erregtes Stimmengewirr herauf.

Sie hatte eine Glasplatte über die wieder vollständige Seite gelegt. daß jemand von der Behörde unterwegs hierher ist. Als Daniel an den Tisch trat. Bei den Einheimischen ist abends immer irgendein Fest.vermute. Hungerford hat geplaudert. ich verstehe dich nicht…« Sie richtete sich auf und ging zu der verhüllten Arbeitsplatte. es wird auch heute abend genug Ablenkung geben. Mr. als seien sie an runden Holzstäben befestigt gewesen. bevor jemand nach mir sucht. »Warum sprichst du immer von ›Schriftrollen‹?« »Sieh dir die Enden an. paßten die beiden Teile nahtlos aneinander. Später hat man offenbar die Holzstäbe entfernt und die einzelnen Schriftrollen wie ein Akkordeon zu einem ›Buch‹ gefaltet.« »Wenn ich mich recht erinnere. ich kann verschwinden. erklärte ihm Catherine.« »Warum mußt du dich wie ein Dieb davonstehlen?« »Ich brauche Zeit und muß Ägypten verlassen haben.« »Cathy. Vorsichtig nahm sie das Laken ab und sagte: »Hier!« Catherine hatte die Schriftrollen ordentlich nebeneinandergelegt. Ich denke. Das erste ›Buch‹ war entfaltet. Es sieht aus. Wie nicht anders zu erwarten. Man hat angefangen. beschriebene Seiten zu falten 88 . Der Beamte wird vermutlich noch heute abend eintreffen. aber dann möchte ich nicht mehr hier sein. nicht vollständige Seite des vermutlich ›ersten Buchs‹ gelegt hatte. wie sie das Jesus-Fragment an die erste. Mylonas vom Hotel Isis hat mir ausrichten lassen. wurde die Schriftrolle um das zweite Jahrhundert allmählich durch den Kodex ersetzt. Ich hoffe. Daniel beugte sich ehrfürchtig über das Blatt. während alle beim Abendessen sind.

wie man sie vermutlich lesen muß. die ich gelb markiert habe. antwortete Catherine. aber in diesem Fall sind die Seiten nicht seitlich befestigt. sie deutete auf die gefalteten Papyri.« Daniel blickte wie gebannt auf den entfalteten Papyrus.« »Willst du damit sagen. Trotzdem sehen sie für uns wie Bücher aus.« »Und?« Sie reichte ihm den Notizblock. »Ich muß gestehen. Ein flaches Buch dagegen kann man ohne weiteres unter einem weiten Gewand verstecken. die Besitzer dieser Schriftrollen wurden verfolgt?« »Möglicherweise. Ich habe mich gefragt: Warum hat man die Holzstäbe entfernt und die Schriftrollen gefaltet?« Er sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an.« Hungerford musterte die beiden Fremden und ließ sich in den angebotenen Sessel fallen. »habe ich noch nicht aufgeklappt. ich habe die Schriftrollen so nebeneinandergelegt. Er sah die ersten Worte: ›Von Sabina…‹ »Lies die Stelle. ich 89 . »War noch etwas in dem Korb?« »Nein…« »Hast du das alles schon übersetzt?« »Nur die erste Seite. der über einen Meter lang und dicht mit schwarzen Buchstaben beschrieben war.und am Rand zu befestigen…« »Ja. und es sind keine einzelnen Blätter. Das erste Buch beginnt wie ein Brief und scheint die Geschichte einer Frau zu erzählen. »Und was meinst du?« »Um sie leichter transportieren zu können«. Siehst du. »Schriftrollen sind empfindlich und nicht so einfach zu verbergen. Die anderen fünf«.

Hungerford hatte den Händler auf der Stelle angerufen. sagte er jetzt. aber er sprach von ›einem Papyrus-Fragment.hätte nicht so schnell mit einer Antwort gerechnet.« Hungerford hatte sofort erkannt. damit er den Mann auf die richtige Spur setzte. Im Hotel Isis hatte er sich mit dem Stellvertreter von Mr. aber nicht lügen konnte. machen Sie das Geschäft doch für einen anderen. kam Hungerford zu dem Schluß. zwar hübsch sein mochte. der sich als 90 . daß sie. Der eine Mann blieb stumm. als man ihm ein paar Stunden später aus dem Hotel die Nachricht überbrachte. ohne jedoch allzuviel zu sagen. »Sie wollen die Sammler sein?« Er grinste. dachte er schon beim Betreten des Zimmers. »Also. daß die beiden nicht das große Geld hatten. hatte er sich sofort in seinen Wagen gesetzt und war zurück zum Hotel gefahren. Er unterließ es natürlich. »Wenn mich nicht alles täuscht. Gentlemen«. Es war ein Händler für ›private Altertümer‹ wie Ramesch es ausgedrückt hatte. sich wieder bei ihm zu melden. Der Händler versprach. Leibwächter oder Abenteurer. Vor allem nicht mit zwei Landsleuten. um den Mann in Kairo über den neuesten Stand der Dinge zu informieren. Nachdem die Archäologin mit einem geheimnisvollen Korb aus dem unterirdischen Gang zurückgekommen war.« Nachdem Dr. Hungerford war angenehm überrascht. ein ›Sammler‹ interessiere sich für das Fragment. die Archäologin zu erwähnen. in dem Jesus erwähnt wird‹. Alexander mit dem Jesus-Fragment in ihrem Zelt verschwunden war. Mylonas unter vier Augen unterhalten und dabei den Namen eines Mannes in Kairo erfahren. nur der andere.

bestand aber fast nur aus Muskeln und hatte kurz geschnittene weißblonde Haare. »Ich habe nichts dagegen! Nennen Sie die Summe. erinnere ich Dich an meine Warnung. Was bietet Ihr Boß?« Daniel las leise: ›… ich weiß um das Ende aller Dinge und um die Wiederkunft des Gerechten. das rechte Auge und den rechten Mundwinkel bis zum Kinn reichte. die vom Haaransatz über die rechte Augenbraue. in der steht. Daniel kniff die Augen zusammen und nickte. Sie spricht eindeutig vom ›Jüngsten Gericht‹…« »Überzeuge dich selbst. daß das richtig übersetzt ist? Ich meine… das ist nicht zu fassen.‹ Er sah Catherine erstaunt an. liebe Amelia. daß eine JesusSchriftrolle gefunden wurde.« »Was steht noch in dem Brief?« Catherine übersetzte direkt vom Original: »Bevor ich meine Geschichte erzähle. »Das ist ein Grund.›Zeke‹ vorgestellt hatte. Er war nicht groß.« Sie deutete auf eine Zeile des Fragments. redete. weshalb ich keinem Menschen etwas davon gesagt habe. Gentlemen. »Bist du sicher. »Unser Auftraggeber möchte anonym bleiben. Offenbar waren seine Gegner bis jetzt immer die Schwächeren gewesen.« Hungerford zuckte die Schultern. und daß wir nach all 91 . daß dieser Typ schon mehr als einmal um sein Leben gekämpft hatte. Perpetua hat mir von den großen Leiden unserer Schwestern berichtet. wann genau der Weltuntergang…« Er verstummte. Es war nicht schwer zu erraten. ausdruckslose graue Augen und eine Narbe auf der einen Gesichtshälfte. Dann murmelte er: »Wenn bekannt wird. Zeke lächelte.

« Daniel fuhr sich mit der Hand durch die Haare und ging nachdenklich auf und ab. wenn ich alle Schriftrollen übersetzt habe. es fehlt ein Buch.den Jahren der Gleichberechtigung mit den Männern in unserer Gemeinschaft jetzt zu Schweigen und Absonderung verurteilt worden sind. »Warum schweigst du?« »Der Text endet hier auf dieser Seite. was ich Dir mitzuteilen habe. »Sie waren alle in dem Korb. Aber 92 . daß noch andere Bücher mit ihnen vergraben worden sind. sie meint damit die Frühchristen?« Catherine ging zu ihrem Koffer und schloß energisch den Deckel. »Die ›Gemeinschaft‹«. Wenn das. Jemand rief den Neugierigen zu. Ich möchte unter keinen Umständen. Er blieb stehen und drehte sich um. Ich habe keinen Hinweis darauf. Dann zog sie ihre Reisetasche unter dem Feldbett hervor. »Das werde ich wissen. Durch eine der Zeltklappen drangen von draußen Stimmen herein. bei den Männern Empörung auslöst und sie Dich deshalb bestrafen wollen. »Glaubst du. damit sie in Sicherheit sind. dann nimm diese Bücher mit zu König…« Daniel sah sie an. aber ich glaube. sie sollten die Absperrung nicht übertreten.‹« »König Tymbos! Wer ist das?« »Keine Ahnung. daß Schwestern unserer Gemeinschaft meinetwegen verfolgt werden. sagte er.« »Was für Schriftrollen sind das? Unbekannte Evangelien?« »Ich weiß nicht.« Sie hielt die Lupe über die zweite Spalte und las weiter: »›… Tymbos.« »Wie kommst du darauf?« Catherine ging zum Arbeitstisch zurück.

Es fehlt ein Wort. daß die Geschichte weitergeht. erwiderte er. etwas damit zu tun?« »Wenn ja.sieh dir die letzte Seite von Buch sechs an… hier!« Sie deutete auf die letzte Zeile der letzten Seite. Das weist darauf hin. »Ich kann ihm vertrauen. dann wurde jemand in den Brunnen geworfen oder ist hineingefallen. Er wird nichts verlauten lassen. »Lies das…« »Mein Altgriechisch ist nicht sehr gut«. Der Satz ist nicht zu Ende.« »Hat der Schädel. und eine etwas genauere Übersetzung wäre demnach: ›Ich fürchtete mich vor…‹« »›Vor…‹?« »Sie fürchtete sich vor etwas. da steht: ›… und ich hatte Angst…‹« »Das stimmt nicht ganz. damit man dort so schnell wie möglich eine genaue Altersbestimmung mit der Radiokarbonmethode vornimmt.« Catherine nahm ihre Jacke vom Haken und legte sie auf den Koffer. »Aber ich glaube.« »Jemand?« »Vielleicht war es eine Frau…« Von weitem hörte man den Ruf des Muezzin von einem 93 .« »Und?« »Nach einem ersten Überblick kann ich sagen zweites Jahrhundert.« »Hans Schüller?« Sie nickte. »Ich habe eine Papyrus-Probe in die Schweiz geschickt. den du gesehen hast. Dieses Wort hier hat seinen Ursprung in dem Wort ›phobos‹. Aber ich habe die Zeit genutzt und die Handschrift analysiert. Es müßte also mindestens noch eine Seite oder eine siebte Schriftrolle geben.

und die Pflichten der Diakonin beschränkten sich darauf. denn der Diakon. daß die Schriftrollen aus dem ersten Jahrhundert stammen…« Daniel nickte ernst. in meiner Übersetzung noch einmal an. an der eine Frau mit dem männlichen Titel erwähnt wird – Römer. Kapitel sechzehn. Aber hier steht Diakonos. daß eine Frau ein so hohes Amt bekleidete. der Priester. Daniel hatte Dr. sieh dir die Seite. Im Gegensatz zu den Eltern anderer Kinder hatte Catherines Mutter niemals Anstoß daran genommen. die Kranken und Alten zu pflegen.Minarett: »Allahu akbar…« Der Gebetsruf zum Sonnenuntergang bedeutete auch. »Trotzdem verstehe ich dich nicht. Das ist nicht ungewöhnlich. die du gerade gelesen hast. die Anrede. »Nun ja. verehrte Diakonos…‹« Daniel runzelte die Stirn. Nina Alexander gut gekannt und sehr gemocht.« »›Amelia. daß er zu den wenigen Stipendiaten der Schule gehörte. daß er auf der ›falschen Seite‹ der Stadt 94 .« »Wenn du beweisen kannst. Später wurde eine weibliche Form geprägt. Es gibt nur eine einzige Stelle in der Bibel. das griechische Wort für Diakonin ist Diakonissa.« »Du vergißt.« »Ein Schreibfehler?« »Das glaube ich nicht. Warum hast du die Behörde in Kairo nicht über den Fund informiert? Und warum willst du abreisen?« »Danno. stand am Altar. sie war eine Diakonin. Hier. weshalb Catherine nicht die Behörde in Kairo informieren wollte… Der Grund war ihre Mutter. denn er wußte plötzlich. Cathy. daß es Zeit zum Abendessen war. Wir haben nur dieses eine Beispiel. Es roch bereits nach Lammbraten und Kaffee. Paulus spricht von Phöbe als Diakonos.

wer sein Vater war. daß die Theorie deiner Mutter richtig ist?« Catherine antwortete ebenso leise: »Die Kritiker meiner 95 . und Nina Alexander stand neben ihm am Grab und tröstete ihn. Alexander zu dem Schluß gekommen. sondern Maria Magdalena müsse die Nachfolgerin Jesu gewesen sein. Daniel war in der Nacht. die auf der apostolischen Nachfolge beruhte und ihren Anfang damit nahm. der sich aus Angst um sein Leben versteckt hatte. Und in zwei Evangelien hieß es. »Du glaubst also«. so argumentierte Nina. Alle vier Evangelien berichteten. Dieses Buch hatte Catherines Mutter die erbitterte Feindschaft der Kirche eingebracht. im Krankenhaus gewesen und hatte mit eigenen Augen gesehen. Mit dem Neuen Testament als Quelle und als Beweis war Dr. und er war in ihrem Haus stets willkommen. Berühmt wurde sie jedoch durch ein Buch. Beim Tod seiner Mutter war er neunzehn. daß Frauen als erste das leere Grab gefunden hatten. daß angeblich der heilige Petrus den auferstandenen Jesus als erster gesehen hatte. das sie unter dem Titel Maria Magdalena. daß die Autorität des Papstes. daß der auferstandene Jesus zuerst Maria Magdalena erschienen war und nicht Petrus. Und alles nur deshalb. daß sie eine gebrochene Frau war. nicht Petrus. »die Schriftrollen könnten den Beweis dafür liefern. als Nina Alexander starb. fragte Daniel jetzt leise. Sie war immer freundlich zu ihm gewesen. Catherines Mutter war Paläographin gewesen. weil sie für das eingetreten war. Darin behauptete sie. eine weithin anerkannte Expertin auf dem Gebiet der Datierung von Handschriften. woran sie glaubte.wohnte und nicht wußte. die erste der Apostel veröffentlichte. nicht zu rechtfertigen sei.

daß im ersten Brief des Paulus an die Korinther. daß deine Mutter recht hatte. Wir wissen. ja nicht einmal das leere Grab. »Was für eine Frage!« »Ich muß noch ein paar Dinge vorbereiten. »Dann wäre der Anspruch des katholischen Klerus auf das Priesteramt und das Papsttum nicht mehr zu halten. Weißt du. das ist eine heiße Sache. in dem er über die Auferstehung spricht. bis draußen alle mit dem Abendessen beschäftigt sind. und deshalb besitzt sein Werk wegen der zeitlichen Nähe zu den Ereignissen größere Autorität.Mutter haben darauf hingewiesen. Danno. Danno lachte leise. Was aber. Maria Magdalena nicht erwähnt wird und auch keine andere Frau. Cathy. wenn diese Schriftrollen früher geschrieben wurden als die Briefe des Paulus?« Catherine legte die Bücher vorsichtig aufeinander. ein solcher Beweis konnte die katholische Kirche in ihren Grundfesten erschüttern. wäre. daß Nostradamus das Ende des Papsttums und des Katholizismus für das Jahr 1999 vorausgesagt hat? Nicht auszudenken. daß Petrus nicht der rechtmäßige Nachfolger von Jesus war und der Machtanspruch der Päpste auf einem Irrtum beruht!« Catherine wußte. daß die Briefe des Paulus an die Korinther mindestens zwanzig Jahre vor dem Auftauchen der Evangelien in schriftlicher Form entstanden sind. Wir warten. wenn diese Schriftrollen beweisen. Wenn die Behörden sie in die Hände bekommen. »Wenn sie Hinweise auf Frauen am Grab enthielten. werden wir sie nie wiedersehen!« »Nur mit diesen Schriftrollen kann ich vielleicht die Ehre und den Ruf meiner Mutter wiederherstellen. Danno. vielleicht sogar auf Maria Magdalena?« Danno lachte leise. und 96 . »Kein Wunder. wirst du mir helfen?« Er lächelte. daß du die Bücher wegbringen willst.

in die Sekte aufgenommen zu werden. Diese mystischen Heiler galten als Hüter vieler uralter Geheimnisse. »Später wird Jesus in dem Text ›der Gerechte‹ genannt. der geringste Verstoß gegen eine der Regeln wurde hart bestraft. als Rom zuerst Jerusalem zerstörte und dann Massada. daß ihre Leute sich um das Lagerfeuer eines Beduinen versammelt hatten. die Initiation dauerte eine Ewigkeit und war grausam. daß jemand die Gemeinschaft verließ. Vielleicht haben sie sich deshalb so hermetisch gegen alle abgeschirmt. Sie sah. »Das hier ist kein Werk der Essener. »Ja…«. manchmal sogar mit dem Tod.« »Das meine ich nicht. Richtig? Was wäre. das steht hier…« Catherine blickte durch die Zeltklappe. »Hier steht: ›Jesus‹«. Das Wort ›Essene‹ stammt von dem griechischen ›Essenoi‹ – Heiler.« »Wird in den Schriften vom Toten Meer nicht auch von einem Gerechten gesprochen?« Sie sah ihn an und schüttelte den Kopf. dann galten die Essener als Heiler. Denk an die Regeln ihrer Sekte. und wollten nicht zulassen. die Essener kannten auch das Geheimnis des ewigen Lebens.« Catherine legte die Bücher behutsam übereinander. »Ja. daß die Sekte verfolgt wurde. wenn ihre Geheimnisse nicht mit ihnen untergegangen sind? Vielleicht konnten sie die wichtige letzte Schriftrolle 97 . murmelte er. Man glaubt. die nicht zu ihnen gehörten. Warum? Die Antwort steht ebenfalls hier: ›Zoe aionios‹ – das ewige Leben. Wenn ich mich nicht irre.« Daniel blickte noch einmal auf die erste Seite der ersten Schriftrolle. »Worauf willst du hinaus?« »Angenommen. bestätigte sie und nickte.« Er hob die Hand und zählte an den Fingern ab: »Es war schwierig.brechen dann auf.

die siebte Schriftrolle zu finden und können das Geheimnis des ewigen Lebens enträtseln!« »Bevor wir über Geld sprechen.retten. die Archäologin zu besuchen. auf ein ewiges Leben in Fleisch und Blut! Jesus hat Tote zum Leben erweckt. Aber Dr. »Viele Wissenschaftler behaupten.« Ich habe etwas. Mr. seine Botschaft vom ewigen Leben bezog sich nicht auf das Leben nach dem Tod. und er hörte. wollte der Texaner antworten. das wertvoller ist als die Kronjuwelen von England. was ich 98 . in der steht. »Ich sage nur soviel. Alexander war mit einem Besucher in ihrem Zelt gewesen. sondern auf das Leben hier auf der Erde. wenn wir herausfinden. daß Jesus ein Essener war und deshalb im Neuen Testament als Heiler auftritt. sagte Zeke. wer Tymbos war und in welcher Stadt er als König geherrscht hat. Auf dem Weg zu diesem Treffen im Hotel Isis hatte er beschlossen. was Sie anzubieten haben. Ihr Boß wird das haben wollen. sehr alte Schriftrollen. Hungerford«. Das Glück war auf seiner Seite. dann sind wir vielleicht in der Lage. um mehr über den Fund zu erfahren. »müssen wir wissen. Könnte das nicht ein Beweis dafür sein. sie habe Schriftrollen gefunden. »Cathy. Möglicherweise enthält sie das Geheimnis des ewigen Lebens…« Catherine dachte unwillkürlich an die Worte des Ibn Hassan: ›… dann werde ich dir das Geheimnis des ewigen Lebens verraten. wann das Ende der Welt kommen wird. wie sie sagte. Angenommen.‹ »Warum könnte der Gerechte nicht Jesus sein?« fuhr Daniel immer erregter fort. daß er das Mittel zum ewigen Leben kannte?« Daniel setzte sich auf das Feldbett und stützte den Kopf in die Hände.

sie beide ganz allein. denn er wollte Cathy alles beim Wiedersehen erzählen. in Kalifornien. Er freute sich mit ihr über den sensationellen Fund. Daniel hob sie auf und 99 . Ich sollte das nicht von dir verlangen. flüsterte Daniel. von Catherine zu hören: ›Du mußt unbedingt kommen!‹ Aber die Lage im Sinai war keineswegs zum Feiern geeignet. konnte er ihr alles von sich erzählen. noch bevor Sie sagen können: ›Hier ist das Geld. und das genügte. fiel die International Times vom Vortag aus der Tasche. Sie verstummten und lauschten auf die Musik der Beduinen. Catherine zögerte. ihr seine Liebe zu gestehen… Als Catherine nach der Jacke griff. Später.‹« »Fertig?« fragte Catherine und nahm die Reisetasche vom Bett. Du bist um die halbe Welt geflogen und mußt völlig erschöpft sein. Es war nicht der richtige Zeitpunkt. »Danno…« Sie legte ihm die Hand auf den Arm.anbiete. und Sie werden den Schatz vor sich sehen. ihr von seinen Erfolgen zu berichten. Vielleicht würde er dann sogar den Mut aufbringen. nach den Wandmalereien in dem Königsgrab. Du brauchst dringend Schlaf…« »Im Augenblick habe ich den Eindruck.« Er zwinkerte. Sie würden feiern. Cathy brauchte seine Hilfe. eine ganze Woche lang nicht mehr schlafen zu können!« Bei seinem Anruf aus Chiapas hatte er nichts von seiner Entdeckung erwähnt. die zusammen mit dem Rauch von brennendem Kamelmist und süßlichen Haschischwolken in den dunklen Himmel stieg. »Fertig«. aber ich habe mich noch nicht einmal nach deinem Projekt erkundigt. »So. »Es tut mir leid. reden wir jetzt über die Summe. Für ihn war es in diesem besonderen Augenblick das Schönste gewesen.

»Was ist?« fragte Daniel.« Sie griff nach ihrem Koffer. Ich meine. und im Zimmer wurde es dunkel. die in Erwartung der bevorstehenden Jahrtausendwende überall auf der Welt begangen wurden – Feste auf der Queen Elizabeth II und auf dem Eiffelturm. ist es wirklich nur ein Zufall. wo die internationale Zeitgrenze zwischen zwei Inseln verlief.sah auf der ersten Seite den Bericht über die Verrücktheiten und Exzesse. so daß sie das neue Jahr gleich zweimal feiern konnten. und sie stehen ausgerechnet in der Nähe des Landrovers. daß sie gerade jetzt gefunden wurden… zwei Wochen vor Anbruch des neuen Jahrtausends? Und was ist. fuhr Daniel fort.« »Und was jetzt?« fragte Daniel. »Cathy«. Schwarze Messen in den Höhlen von Karlsbad und in Machu Picchu. Hungerford«. wenn wir die Schriftrollen übersetzen. »Stell dir vor. was geschieht. die Sonne war untergegangen. »ich möchte Ihnen ein paar Informationen über 100 . daß ich abreisen will. Sie werden uns sehen!« »Na und?« »Er wird sich mit uns unterhalten wollen. wenn uns die fehlende siebte Schriftrolle wirklich das genaue Datum und die Zeit des Weltuntergangs verrät?« »Das werden wir alles wissen. um in den Südpazifik zu fliegen. »Mr. Zeke trat in den Lichtkreis der schwachen Stehlampe und verließ ihn sofort wieder. »Wieder dieser Priester! Er unterhält sich mit einem meiner Leute. wenn diese Schriftrollen das endgültige Aus für die katholische Kirche als Institution bedeuten. Besonders Kluge hatten Flugzeuge gechartert. »Gehen wir?« Catherine warf einen vorsichtigen Blick aus dem Zelt. Dann merken meine Leute. wich aber sofort wieder zurück.

Dies wiederum löste einen interessanten Preisanstieg aus. das Sie in Staunen versetzen würde. daß an einer bestimmten Stelle ein Fund vermutet wird. Ich will Ihnen ein Beispiel nennen. trat es rückwirkend in Kraft. »Also werde ich mich deutlicher ausdrücken«. Danach muß jedes Stück. Können Sie mir folgen?« Hungerford runzelte verwirrt die Stirn. das aus einem Land geschmuggelt wird. die viel Geld in alte Papyri investiert hatten. Hinweise und Geschichten über mögliche Funde von Schriftrollen und Papyrusfragmenten erfahren. wird manchmal sogar ein neues Haus darauf gebaut. Hungerford. von denen die Behörden nie etwas erfahren. Wenn in Jerusalem das Gerücht kursiert. sagte Zeke freundlich. Wenn das Grundstück unbebaut ist. und der illegale Handel mit diesen Dingen spielt sich seitdem nur noch unter Ausschluß der Öffentlichkeit ab. »Der illegale Handel mit Schriftrollen wurde für viele Händler zu riskant. daß Sammler. Und nachdem die Grabungen beendet sind. ihre Sammlungen nicht mehr öffentlich machen konnten. Es gibt ein Gesetz. daß sie im Handumdrehen alle Gerüchte. daß Hungerford die weißen Pünktchen um die Narbe sah. wird es wieder abgerissen. »Ich bin nicht sicher…« Zeke trat so nahe an ihn heran. Sie lassen im Keller Ausgrabungen durchführen. Als dieses Gesetz verabschiedet wurde. Hungerford. an seinen Ursprungsort zurückgebracht werden. die Zekes Gesicht durchschnitt. dann kaufen die interessierten Sammler das Haus.« 101 . Diese Familien besitzen ein unglaublich wirkungsvolles Nachrichtennetz.den illegalen Handel mit Altertümern und Antiquitäten geben. Deshalb beschränkt er sich mittlerweile auf eine Reihe ausgewählter Familien. Das führte zum Beispiel dazu. das an diesem Platz steht. Mr. Mr. Das Netz sorgt dafür. dessen Einhaltung von der UNESCO überwacht wird.

Ihnen klarzumachen. und ich kann Ihnen versichern. daß Sie sich auf ein Spiel mit hohen Einsätzen eingelassen haben. daß ein Jesus-Fragment und ein Korb mit Schriftrollen gefunden worden ist. was Sie wissen. Sagen Sie uns alles.« Zeke bückte sich. Hungerford. aus dem das Fragment vermutlich stammt. Es geht dabei um sehr viel mehr. aber als er sich wieder aufrichtete. wir haben den weiten Weg nicht gemacht. ich habe nicht im Traum…« »Sie haben einen bestimmten Händler in Kairo angerufen und ihm gesagt. »Na ja. »Mr. sah Hungerford ein Stilett in seiner Hand blitzen. als Sie sich vermutlich vorstellen können. um Zeit zu verlieren. sind Ihre Gegner. Mr. sie sind nicht dumm. Mr. als wollte er sich am Bein kratzen.« Hungerford trat der Schweiß auf die Stirn. Hungerford.« 102 .»Ich verstehe immer noch nicht…« »Ich versuche. und zwar schnell. Ihre Mitspieler. Hungerford.

als Miles seinen ganzen Ehrgeiz daransetzte. der um seinen Kopf wirbelte? Erika war protestantisch erzogen. New Mexico »Was sehen Sie?« fragte Erika Havers besorgt. nach einer geistigen Nahrung. Sie waren gekommen. Sie beschäftigte sich mit New Age.Santa Fe. einer Bewegung. die 103 . schien jeder Gedanke an Religion aus ihrem Leben verschwunden zu sein. Der Schamane blickte in die Zukunft. um mit ihnen Weihnachten und Silvester zu feiern. während Kojote in den heiligen Rauch blickte. zu der sich viele ihrer Freunde hingezogen fühlten. das in der heiligen Schale glühte. New Age versprach einen geistigen Neuanfang. Die Sehnsucht in Erika dagegen schien nach dem Wissen der Alten zu verlangen. In letzter Zeit hatte sie jedoch eine seltsame Leere verspürt. wo sich die ganze Familie versammelt hatte – ihre drei erwachsenen Töchter mit Kindern und Ehemännern. Da der Schamane keine Antwort gab. hatte ihren Glauben jedoch während der Hippie-Zeit in den sechziger und siebziger Jahren aufgegeben und sich den östlichen Philosophien und Religionen zugewandt. eine Leere. die von dem Holz des Mesquitestrauchs aufstieg. Der Wasserdampf über dem Pool war sehr viel dichter als die dünne Rauchfahne. Später. richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf das Geschehen am Pool. sich in der neuen Computerwelt einen Namen zu machen und Erika ihre drei Kinder großzog. Dampfwolken stiegen in den blauen Himmel von New Mexico. Der Pool war geheizt. Was mochte er in dem Rauch sehen. Erika konzentrierte sich wieder auf ihn. die auf den Verlust von etwas Lebenswichtigem hinzuweisen schien.

verweilte nicht bei den Farben und Formen. sich den Weg an die Oberfläche gebahnt hatten. die Sonne habe die Pigmente aus seinen Augen gebleicht. Diesmal schüttelte Kojote langsam den Kopf. Havers. In seiner Obhut befanden sich die heiligen Kachinas. die mütterliche Schöpferin der Welt. In seinem Dorf sagte man. Mrs. »Was sehen Sie?« flüsterte Erika noch einmal. »Nein. und so hieß er Luke Pifieda. Der Rauch ist leer. Er war Pueblo-Indianer und das Haupt der Antilopensippe.die Prüfungen der Zeit überstanden hatte. der KachinaGeist sei aus eigenem Entschluß in die Erde zurückgekehrt. weil das Ende der Welt bevorstand. Eines Tages begegnete sie dem Schamanen in einer Ausstellung indianischer Kunst. Das Ende der Welt ist wirklich nahe. ›Soyal erscheint zur Wintersonnenwende. erfahren. die in den unterirdischen Regionen hausten. Von ihm hatte Erika etwas über Latiku. um in der Sonne zu leben. Sein Stammesname war jedoch Kojote. die Sonnenwend-Kachina‹. die so hell waren. hatte Kojote gesagt. Er glaubte an den Weltuntergang. als die Ahnen. richteten sich auf die zierliche Frau mit den aschblonden Haaren. nicht im Rauch. Er blickte in das Wesen der Dinge. Das machte ihn zum geistigen und politischen Führer seines Dorfes. Dabei streiften seine langen weißen Haare das dunkle Lederhemd. Aber er sah nicht das Äußere. »Es ist sehr schlimm. um den 104 .« Sie sah ihn ängstlich an. Er hatte ihr auch die Geschichte von der Entstehung der Menschen erzählt. daß sie fast farblos wirkten. Die Gesetze der Weißen zwangen seinem Volk seit mehr als hundert Jahren christliche und bürgerliche Namen auf. Die Polizei sprach von Diebstahl. »Das sehen Sie im Rauch?« Seine Augen. weil die Kachina des Pueblo Acoma verschwunden war.« Erika verstand ihn. ›Er ist Soyal. aber der Schamane erklärte.

Damit bereitet er den anderen Kachinas den Weg. Erikas Blick richtete sich wieder auf den heiligen Rauch. Deshalb können auch die anderen Kachinas nicht aus den Kivas kommen und mein Volk segnen. sagte der Schamane. Erika wollte eine Frage stellen. um die Ankunft der Kachinas zur bevorstehenden Wintersonnenwende vorzubereiten. Er hatte natürlich nicht nur gewonnen. daß sich in der jugendlichen Erscheinung sein Reichtum. und seine Stimme klang wie das Rascheln gefallener Blätter. und er hatte festgestellt. Während Miles zuhörte. hinter dem Pokale und Siegestrophäen standen. als sie sah.Beginn der Kachina-Zeit anzukündigen. Er kommt als der erste aus der Kiva und geht durch das Dorf. 105 . »Zum ersten Mal in der Geschichte meiner Sippe wird Soyal nicht erscheinen. sein Geschmack und sein Verstand ebenso spiegelten wie in seiner vorbildlichen Familie und seinem unvergleichlichen Anwesen. Kurz darauf folgte er dem alten Butler ins Haus. Schließlich besaß er den Körper eines zwanzig Jahre jüngeren Mannes und arbeitete täglich daran. Er betrachtete sich gern und kannte keine falsche Bescheidenheit. Steht der Weltuntergang wirklich bevor? Der Anruf kam aus dem Sinai. Das ist sehr. Lachend hielt er die Stoppuhr hoch. betrachtete er sein Spiegelbild in dem Glas. daß Soyal nicht mehr da war. Ihm gefiel die Vorstellung. damit sie aus der Geist-Welt auf die Erde zurückkehren können. daß der Butler auf der Terrasse erschien und neben Miles trat. seine Figur zu erhalten. der nach dem Wettschwimmen mit seinen Schwiegersöhnen zufrieden aus dem Wasser stieg. die ihm sein Trainer gereicht hatte.‹ Kojote war in die Kiva gegangen. sehr schlimm«. sondern wahrscheinlich auch seinen eigenen Rekord gebrochen.

Die Frau heißt Dr. Das Untergeschoß war ganz in den beruhigenden Pastelltönen der Wüste gehalten. sollte man den Erfolg auch ansehen.Einem erfolgreichen Mann. daß Dr. »Ja. Alexander nicht in der Nähe ist. »Nach meiner Meinung kann man mit dieser Archäologin kein Geschäft machen. Nachdem Zeke Bericht erstattet hatte. Deshalb beschloß er. in dem seine Schätze hinter Glas geschützt bei elektronisch gesteuerter gleichbleibender Temperatur und Luftfeuchtigkeit auf ihn warteten. zu der nur er Zugang hatte. besorgen Sie mir alles über eine Archäologin. Ich möchte wissen. Vergessen Sie Hungerford. hinunter in sein persönliches unterirdisches Reich zu gehen. Stellen Sie zusammen. ihre Bekannten. Mr. so fand Miles. indirekt beleuchtet und gegen Störungen der Außenwelt schalldicht isoliert. zu seiner Familie zurückzukehren. um später irgendwelche Aussagen machen zu können. wo sie wohnt. war er nicht in der Stimmung. Ich brauche die Informationen schnell!« Mit einem Knopfdruck schaltete er wieder zu Zeke zurück. Havers?« »Teddy. die vor Erdbeben warnten. und ein ausgeklügeltes Sicherheitssystem. Von hier aus konnte er nicht nur das 106 .« Nachdem Miles aufgelegt hatte. Freunde… alles. Zu solchen Dingen ist kaum jemand aus ihrer Branche bereit. wer ihre Kollegen sind. was Sie finden können. Catherine Alexander. beschaffen Sie sich schnellstens die Schriftrollen und sorgen Sie dafür. Dort befand sich unter anderem ein Museum. In einem besonderen Raum befand sich eine kleine Schaltzentrale. befahl er ihm zu warten und wählte eine andere Nummer. Er hatte sogar Sensoren einbauen lassen. Der Teilnehmer meldete sich sofort.

daß ein Stück. Die ganze Welt schien im Fieber zu liegen. weil es ein religiöser Wahn war. Die Menschen schienen das Unsichtbare sehr viel höher einzuschätzen als das Sichtbare. Miles mußte in diesem Zusammenhang an Erika denken. die mit der Jahrtausendwende erwartet wurden. und die Besucherzahlen brachen alle Rekorde. Sie war übrigens nicht die einzige. Im Grunde hatte sich Miles nicht von Anfang an mit religiösen Gegenständen beschäftigt. einen unschätzbaren Wert erhielt. aber inzwischen schienen sie den Großteil seiner Sammlung auszumachen. Das Grabtuch von Turin wurde in diesem Jahr öffentlich gezeigt. wußte von diesem Stück. die mit Zelten und Wohnwagen nach Stonehenge pilgerten. Er hatte festgestellt. In England mußte das Militär eingreifen. wenn es von religiöser Bedeutung war. um dort den Katastrophen zu entgehen. die in letzter Zeit auf spirituellem Gebiet nach Antworten suchte. Niemand. Statuen. und das gefiel Miles. wie selten oder wie kostbar. Viele Menschen schworen. nicht einmal Erika. Die Medien berichteten Tag für Tag über religiöse Wahnvorstellungen und unerklärbare religiöse Phänomene – MarienErscheinungen. jetzt offenstanden. Und Miles war besonders stolz darauf. die Tränen vergossen. die bislang geschlossen waren. Miles ging zielstrebig durch das langgestreckte Museum zu einem Kabinett an der Stirnseite. denn mit diesem Wahn ließen sich riesige Gewinne machen – vor allem deshalb. um die Menschenmassen unter Kontrolle zu bringen. Die aus Pappelholz 107 . daß die Augen des Gesichts auf dem Tuch. gleichgültig wie alt. sondern das Anwesen und seine Produktionsstätten auf der ganzen Welt überwachen. in dem sein neuester Zugang aufbewahrt wurde.Museum. das Gesicht Jesu auf dem Tor einer Garage.

108 . und aus dem geisterhaften Kopf ragte ein weißer Federbusch. Soyal gehörte jetzt ihm. Es war die Sonnenwend-Kachina.geschnitzte Statuette war sechzig Zentimeter groß und gespenstisch weiß bemalt. In der linken Hand trug sie eine Adlerfeder. Miles betrachtete die Gestalt voller Ehrfurcht. Man sagte. diese Statuette sei die kostbarste und heiligste aller Pueblo-Kachinas.

der eine Beduinin mit sich zerrte. wo sich das Lager der Archäologin befand. die sich heftig gegen 109 . »Er sagt. johlten oder auch drohend schimpften. aber er kam nicht weit.Scharm el Scheich. während die Umstehenden lachten. erwiderte der Angesprochene. Im Hotel hatte er das Schild ›Bitte nicht stören‹ an die Zimmertür gehängt. Zeke entdeckte einen westlich gekleideten Ägypter. Die beiden Amerikaner sprangen aus dem Wagen und mischten sich unter die lärmenden Ägypter. um sicherzustellen.« Zeke musterte die Frau. daß nicht doch jemand aus irgendeinem Grund das Zimmer früher betrat. Golf von Akkaba »Was soll denn das bedeuten?« fragte Zekes Partner. sondern hielt den Leihwagen in der Nähe des Lagers an. seine Schwester habe Schande über die Familie gebracht. sich einen Weg durch die Menschen zur anderen Seite zu bahnen. Im Licht der Scheinwerfer sahen sie am Rand der Ausgrabungen eine aufgeregte Menschenmenge. Der Mann schrie auf die Frau ein. Zeke gab keine Antwort. »Der Mann ist ihr Bruder«. vielleicht auch ein paar Touristen. Das waren vermutlich Leute aus dem Lager von Dr. Er fluchte leise. der Amerikaner zu sein schien. Alexander. Aber das Schild war keine Garantie dafür. Zeke versuchte. Diese Verzögerung gefiel ihm nicht. Vielleicht hatte man den Toten schon gefunden… »Was ist denn hier los?« fragte er einen Zuschauer. die von den Hotels herübergekommen waren und das Spektakel eher unbeteiligt beobachteten. Zeke sah nur wenige Weiße in der Menge. die wie üblich von Kopf bis Fuß schwarz verhüllt war. daß die Putzfrauen Hungerfords Leiche erst am nächsten Morgen in der Badewanne entdeckten.

Das schwarze Gewand bauschte sich um ihren Leib und verhüllte alles. 110 . Ein Blick beruhigte ihn. Als sie mühsam wieder aufstand. während die anderen noch lauter schrien. Die Umstehenden johlten. Ohne ein Wort zu wechseln. »He!« rief Zeke und stieß seinen Partner an.ihren Bruder wehrte. daß sie Nikes trug. »Komm mit!« Die beiden liefen los. die der schwangeren Frau und ihrem wütenden Bruder folgten. an den Menschen vorbeizukommen. sich aus dem Griff des Mannes zu befreien. Sein Partner war beinahe gleichzeitig zur Stelle. Zeke vergewisserte sich noch einmal. Zeke ging eilig durch das Lager und erreichte das Zelt der Archäologin. ob vielleicht auch Dr. Sie sahen. »Das geht Sie nichts an!« rief der Bruder der Frau. Nach seiner Kleidung zu urteilen. bis auf die Augen. In dem Zelt brannte Licht. Zeke fragte sich. wie der Ägypter die ›Beduinin‹ in einen Landrover zerrte und in einer Staubwolke davonraste. Schließlich gelang es Zeke. Plötzlich stürzte die Frau zu Boden. schien es ein Priester zu sein. daß die Frau schwanger war. Die Menge bewegte sich langsam weiter und entfernte sich vom Lager. Es dauerte nicht lange. daß die Menge nur Augen für die Familientragödie hatte. Im Schein der wenigen Lampen konnte er nicht alle Gesichter sehen. und Zeke sah. verrutschte das schwarze Gewand. Plötzlich drängte sich ein Weißer durch die Menge und erhob laut Einspruch gegen die brutale Behandlung der Frau. verschwanden ihre Hände in den Jacken und umfaßten die Griffe ihrer Waffen. Alexander unter den Zuschauern war. Als es ihr schließlich gelang. sah Zeke. bis die beiden Amerikaner ihren Leihwagen erreicht hatten. Ein Teil der Leute stimmte ihm zu. Zeke startete den Motor und verfolgte die ›Geschwister‹ mit Vollgas. Er wußte aber. wo sich ihr Zelt befand.

Fields und zahllosen anderen. und Erika ahnte nichts. damit jeder über das World Wide Web Zugriff hatte. Als die Lichter in seinem privaten Filmtheater mit den dreißig dunkelroten Polstersesseln angingen. New Mexico Humphrey Bogart nahm Erika Havers in die Arme. blickte ihr tief in die Augen und sagte: ›Uns bleibt immer noch Paris. Es handelte sich um eine Software. die dem Benutzer zum Bearbeiten von Filmen die raffiniertesten Spezialeffekte der Filmtechnologie zur Verfügung stellte. Miles spezialisierte sich auf die großen Filmstars der Vergangenheit und erwarb die Exklusivrechte an Rudolpho Valentino. der an diesem Projekt beinahe ein Jahr gearbeitet hatte. und der rote Samtvorhang schloß sich geräuschlos.‹ Dann küßte er sie leidenschaftlich. W. Es funktionierte besser als erwartet.Santa Fe. Sie würde begeistert sein. Die Leinwand wurde dunkel. Er digitalisierte sie in den alten Streifen und konnte die Stars durch Manipulation winziger Informations-Pixel in neuen Filmen ›einsetzen‹. als sein Konzern damit begonnen hatte. die Digitalisierungsrechte berühmter Kunstwerke zu kaufen. lächelte Miles zufrieden. Sie wurden reproduziert und ins Net eingespeist. mit einem PC und einer normalen Videokamera 111 . am Weihnachtsmorgen ihr Gesicht zu sehen. Dianuba Technologies sicherte sich die Rechte an Literatur und Filmen. C. staunte über das Erreichte. Er konnte es kaum erwarten. Der Film war das Ergebnis seiner neuesten technischen Errungenschaft. und produzierte sie als brandneue CD-ROMs. Jeder würde künftig in der Lage sein. deren Copyright verjährt war. Sogar Miles. Die Idee dazu stammte aus der Zeit.

Ohne Erika. Eine ihrer Ideen. fit und gesund zu bleiben. daran gab es für Miles keinen Zweifel. Als sie Forrest Gump gesehen hatten. war sogar dafür verantwortlich. selbst mitspielen könnten? Ich würde mich so gern einmal als Elsa in Casablanca sehen!‹ Erikas Vorschläge fielen bei ihrem Mann immer auf fruchtbaren Boden.‹ Inzwischen gab es unzählige Imitationen. Erika hatte ihm den Anstoß zu diesem Projekt gegeben. über die sie vor vier Jahren eher beiläufig gesprochen hatte. sagte sie anschließend zu Miles: ›Wäre es nicht schön. ein interaktives Computerspiel auf CD-ROM. mit dem eine Frau dem Mann ihrer Träume begegnen konnte. Die Luft war kalt und klar. der uns gefällt. veralteten Modem und keinem Penny 112 . hatte die Welle ausgelöst und war mittlerweile ein Klassiker. Sie spielte mit ihren Töchtern ein Doppel. aber Butterfly. daß Miles mit seiner Gesellschaft zum weltweit führenden Software-Hersteller geworden war.einen Film mit einem berühmten Star als Partner zu produzieren. Aus der Entfernung wirkte sie ebenso jung und temperamentvoll wie ihre Kinder. Er blickte auf die schneebedeckten Berge und den dunkelblauen Himmel. Warum gibt es eigentlich keine Computerspiele für Frauen? Ich denke da an Liebesgeschichten. Auch Erika achtete darauf. Miles verließ das Kino und ging durch einen der verglasten Innenhöfe. wenn wir in jedem Film. wäre er vermutlich immer noch ein ausgeflippter Hacker mit einem ausrangierten. ideal zum Joggen. was für ein glücklicher Mann er war. die die fächerartig angeordneten Flügel des großen Anwesens miteinander verbanden. Er sah Erika auf dem Tennisplatz. Wieder einmal rief ihm der Anblick dieser bezaubernden Frau ins Bewußtsein. Erika hatte gesagt: ›All diese aggressiven Computerspiele werden für Männer gemacht.

ihr den Mond zu schenken. Inzwischen schien er hier im Haus zu wohnen. Luke Pineda legte großen Wert darauf. Miles blickte noch einmal zu seiner Frau hinüber. Sollte sie ihn bitten. Das Turmzimmer unter den Zinnen hatte Fenster nach allen Himmelsrichtungen und war in den Tönen Goldgelb und Burgunderrot gehalten und sparsam mit wenigen Designermöbeln eingerichtet. Es hatte indirekte Beleuchtung und einen weichen dunkelblauen Seidenteppich. Mit solchen Gedanken durfte er sich nicht belasten.in der Tasche gewesen. sah er aus dem Augenwinkel den Schamanen am Rand des Tennisplatzes. Sein Büro unterschied sich damit von dem für Santa Fe typischen. ›Kojote‹ genannt zu werden. ihr den Mond in Silberpapier verpackt zu überreichen. spanisch beeinflußten Stil. ließ er die Familie hinter sich und zog sich in sein abgeschirmtes Büro zurück – ein runder Turm an der Ostseite des Anwesens. Miles wußte. Als Miles den Fahrstuhl erreicht hatte. daß sich seine wertvolle SonnenwendKachina in dem unterirdischen Museum befand? Aber wie sollte der Alte das herausgefunden haben? Nein. Das heißt. zog sich Miles zum Entspannen und Nachdenken zurück. er liebte sie nicht nur. er war noch immer in sie verliebt. Wenn ich diese Frau verlieren sollte… Er schüttelte unwillig den Kopf. das war unmöglich! Der Schamane kam nur wegen Erika ins Haus. Ahnte er womöglich. daß Erika ihn zum Bleiben aufgefordert hatte. würde es ihm irgendwie gelingen. Selbst nach all den vielen Jahre liebte er sie. Als sich Miles gerade umdrehen wollte. an den höchsten Punkt im ganzen Haus. Zwei Dinge beschäftigten ihn an diesem 113 . aber er mißtraute dem alten Indianer. wo er mit den Bergen auf einer Höhe zu sein schien. Hierher.

die seit dem Zweiten Weltkrieg als verloren gegolten hatten. Er erinnerte sich an eine herbe Niederlage. Nichts würde ihn daran hindern. Auch diesmal würde er schließlich der Sieger sein. führte er die betreffende Sache auch zum Erfolg. daß am Ende nur Erfolg und Macht zählten. Vor dem Justizministerium hatte er keine Angst. Natürlich gefiel das der Konkurrenz und der Regierung nicht. Wann immer er sich etwas in den Kopf setzte. daß das Justizministerium beabsichtige. Er leerte sein Glas. Miles lächelte spöttisch. Die Kopernikus-Tagebücher. nachdem sich die Tagebücher in seinem Besitz befanden. Lautlos öffnete sich die Tür der Bar. Er genehmigte sich einen Drink. wurde die Sache bekannt. Miles hatte von den Tagebüchern kurz nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erfahren. bittersüßen Geschmack in seiner Kehle. die absolute Kontrolle über die Software-Industrie zu erreichen. den Kauf dieses Unternehmens zu verhindern. Wissenschaftler. empörter Aufschrei war die Folge. denn er wußte. Ein vertrauenswürdiger Vermittler hatte für Miles ein Geheimabkommen mit den Russen eingefädelt. Sollen sie es doch versuchen. Damals waren viele Schätze wieder aufgetaucht. dachte Miles und drückte auf einen Knopf. Sein bester und erfahrenster Berater machte ihn darauf aufmerksam. und ein weltweiter.Dezembermorgen. aber das lag nicht an dem scharfen. Er erwarb die Tagebücher des polnischen Astronomen aus dem sechzehnten Jahrhundert zum stattlichen Preis von dreißig Millionen Dollar für seine Privatsammlung. Forscher und 114 . genau zwei Wochen vor der Jahreswende: Zekes Auftrag auf dem Sinai und die Aktennotiz seines Anwalts zu dem geplanten Kauf des letzten Software-Herstellers in Privatbesitz für eine Milliarde Dollar. Bald. Und er besaß beides. und sein Lächeln verschwand.

Seine Gedanken richteten sich auf die Aktennotiz. aber nachdem sie in so viele andere Hände gelangt und der Öffentlichkeit zugänglich waren. daß jemand vor der Tür stand. Er drückte einen Knopf. Mr. hatte Miles das Interesse daran verloren.Bürger erhoben Einspruch und erklärten. Praktisch waren sie noch sein Eigentum. Das entsprach der Wahrheit. die Sie angefordert haben. »Hier sind die Unterlagen.« Es war eine dicke Akte. Miles wollte nicht auf die Tagebücher verzichten. sah er. Havers. Das Justizministerium warf ihm vor. Deshalb ließ er erklären. darunter sogar Unterlagen des FBI. auf der nichts außer einer leuchtendgelben Orchidee stand. den Software-Markt zu monopolisieren. die Tagebücher der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. wie um sich von dem unangenehmen Geschmack seiner Erinnerungen zu befreien. der ihm bis zur Hüfte reichte. daß Teddy Yamaguchi beachtlich viele Informationen zusammengetragen hatte. dieses einzigartige Dokument der Vergangenheit sei Eigentum der ganzen Menschheit. Er füllte ein Glas mit Wasser und trank es langsam. Der junge Mann hatte sein Examen zwar in 115 . Die Tagebücher befanden sich mittlerweile als Leihgabe in der Universität von Warschau. aber er mußte an seinen Ruf denken. die er zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte. Ein Lichtsignal machte ihn darauf aufmerksam. und als Miles darin blätterte. es sei von Anfang an seine Absicht gewesen. aber er würde es natürlich leugnen. Ein schlanker Asiate mit zwei Ringen in einem Ohr und schwarzen Haaren. kam herein. und die Tür öffnete sich. Er legte einen Aktenordner auf die große schwarze Granitplatte des kreisrunden Schreibtischs.

« Miles blickte auf das Photo in der Akte. Es folgten Catherines Jugendjahre mit Kinderkrankheiten. Er hörte die Antwort und nickte. Die Alexander ist eine schöne Frau. Miles entließ Teddy und griff erst nach dem Hörer. als sich die Tür hinter dem jungen Mann geschlossen hatte. dachte Miles. Wir wollen natürlich nicht in Erscheinung treten. die Verfolgung abzubrechen. Das verschafft uns einen Vorteil. Die Akte enthielt alle Informationen über Dr. man wird dafür sorgen. wohin ihre arabischen Freunde sie bringen. wenn es nicht unbedingt notwendig ist. diese Alexander ahnt nicht. Ich vermute. Miles Havers hatte manchmal den Eindruck. die sie zur Welt gebracht. daß er außer mir niemanden von Hungerfords Anruf informiert hat. Mein Händler in Kairo hat mir versichert. es gebe kein einziges Byte Information auf der ganzen Welt. Ganz gleich. aber die eigentliche Leidenschaft des Achtundzwanzigjährigen waren Computer. Catherine Alexander – angefangen bei dem Krankenhaus. daß wir etwas von den Schriftrollen wissen. Sein Telefon läutete. »Es war richtig. Zeke war am Apparat. In der Spalte ›Freunde‹ stand Daniel Stevenson an erster Stelle. die Berichte der Nonnen aus ihrer Zeit in der katholischen Schule. dem Namen der Ärztin. das sich Teddy über UPI hatte einspielen lassen.Biochemie gemacht und war ein meisterhafter Segler. fragte Miles. das Teddy nicht beschaffen konnte. daß Sie das Versteck nicht finden werden. aber er hatte keine guten Nachrichten. die ihre Mutter bei der Entbindung erhalten hatte. Eine Jugendliebe? überlegte Miles. dem Datum ihrer ersten Kommunion. und Angaben über die Narkose. »Was wollen Sie damit sagen: Sie ist geflohen…«. aber sie ist nicht mein Typ. 116 . in dem sie geboren worden war.

Miles entdeckte in dem Ordner einen Vermerk über ihre Mutter. was sie in diese Außenseiterrolle gebracht haben mochte. Miles überlegte. Alexander verschwunden war. Nina Alexander.Das leicht gereckte Kinn verriet einen starken Willen. Dr. ihr zu nahe zu treten. ihre Karriere aufs Spiel zu setzen? Was konnte so wichtig sein. daß Sie alle Flughäfen überwachen lassen. kann das nur bedeuten. ohne jemanden einzuweihen. Vermutlich befindet sie sich bereits auf dem Rückflug in die USA. habe er ein Papyrus-Fragment und einen Korb beschlagnahmt. daß sie etwas aus dem Lager geschmuggelt hat. daß sie eine weltweite Verurteilung ihrer wissenschaftlichen Kollegen in Kauf nahm. Die katholische Kirche hatte ihre Bücher zensiert und ihr verboten. keine Verwandten und nur wenige gute Freunde hatte. sagte Zeke. Zeke berichtete. weiterhin ihre Theorie über Maria Magdalena zu veröffentlichen. »ich werde Ihnen die Unterlagen über Dr. daß ein Beamter der ägyptischen Behörde am Grabungsort erschienen sei. Beim Überfliegen der Daten des FBI hatte Miles gesehen. daß sie eine Einzelgängerin war. der jeden Außenstehenden davor zu warnen schien. Ich möchte. Alexander faxen. die Schriftrollen seien sehr alt…«. Maria Magdalena… »Zeke«. Vielleicht lag das an ihrem Blick. sagte er. er habe gehört. an denen sie eintreffen 117 . Aber was? Was konnte eine Frau wie sie dazu bringen. Außerdem lag in ihren Augen etwas Herausforderndes. Aha. wenn sie Scharm el Scheich in Verkleidung verlassen hat. Als der Mann feststellte. wie sie jemandem gesagt hat. aber keine Schriftrollen. möglicherweise sogar eine Verhaftung durch die ägyptischen Behörden und einen Aufenthalt im Gefängnis? »Hungerford hat uns berichtet. dachte Miles. daß Dr. Sie war auch nicht verheiratet.

Mir ist es gleich. wo sich ihr Freund. Er ist ebenfalls Archäologe. im Augenblick befindet.« 118 . Stellen Sie außerdem fest.« Miles ließ sich von seinem elektronisch gesteuerten Massagesessel um fünfundvierzig Grad drehen und blickte aus dem Fenster. wie Sie es anstellen. ein gewisser Daniel Stevenson. Zeke. Vielleicht ist er außer Landes.kann. Er sah. aber Sie müssen diese Frau unbedingt finden. Dann ließ er sich wieder zum Schreibtisch zurückdrehen und sagte gefährlich ruhig in den Hörer: »Wir werden sie finden. und er lächelte bei dem fröhlichen Anblick zufrieden. daß Erika mit den Kindern vom Tennisplatz zurückkam. Aber das nächste Mal dürfen Sie die Frau auf keinen Fall entkommen lassen.

DER DRITTE TAG 119 .

der etwas großzügiger war als seine Kollegen. daß die amerikanischen Zollbeamten die Koffer der Einreisenden durchsuchten. Man hatte Catherines Gepäck wie üblich mit Röntgenstrahlen nach Waffen untersucht. Mit Unbehagen stellte sie fest. Die anderen Fluggäste schoben sich ungeduldig an Catherine vorbei. Wenn sie den Zoll hinter sich hatte. aber sie mußte weder den Koffer noch die Reisetasche öffnen. und sich in diese Schlange stellen. Seufzend warf sie einen Blick durch die großen Fensterscheiben auf den dunklen Abend. Der Abflug aus Ägypten hatte sich einfacher erwiesen als erwartet. und einige Reisende konnten unbehelligt passieren. Sie hoffte. die Abreisenden dagegen durften ohne größere Formalitäten das Land verlassen. Der Flughafen von Kairo glich einem Irrenhaus. Die Schriftrollen befanden sich jetzt in ihrem Besitz. 120 . um zur Jahrtausendwende zu den Pyramiden zu pilgern.Donnerstag. Fast alle Sicherheitskräfte waren deshalb auf die Einreisenden konzentriert. Dezember 1999 John F. 16. Sie ließen allerdings nicht jedes Gepäckstück öffnen. New York Catherine musterte unauffällig die Zollbeamten. da Menschen aus aller Welt in das Land strömten. Sie war nicht auf Schnee vorbereitet. Es schneite. war es geschafft. Kennedy-Airport. denn sie wollten die mühsame Zollabfertigung nach dem langen Flug so schnell wie möglich hinter sich bringen. Catherine zögerte und ließ die Beamten nicht aus dem Auge. einen zu finden. was Dezember in New York bedeutete. aber sie hatte vergessen. Der Winter auf dem Sinai konnte zwar kalt sein.

wie ein Beamter sogar das Futter eines Koffers auftrennte. als sie endlich wieder auf amerikanischem Boden stand. Catherine fühlte sich zerschlagen. Es war seine Idee gewesen. Daniel als ›schwangere Beduinin‹ zu verkleiden. und schließlich der Direktflug nach New York. die Bedauernswerten mußten auch alle Geschenke auspacken. 121 . aber als sie sah. ihren Schatz gut genug getarnt zu haben. Catherine hatte die Schriftrollen gut versteckt. Warum waren die Beamten bei der Abfertigung des Gepäcks so gewissenhaft? Suchten sie etwas Bestimmtes? Hatte man Angst vor Terroristen? Ihr Flug kam schließlich aus dem Nahen Osten… Bis jetzt war alles glattgegangen. wenn sie den Zoll passiert hatte… Der Beamte vor ihr ließ eine vierköpfige Familie nicht nur die Koffer öffnen. daß Weihnachten bevorstand. Sie war bestimmt vierundzwanzig Stunden unterwegs gewesen. Als ihnen im Lager der Priester den Weg versperrte. fragte sie sich plötzlich besorgt. Jordanien. hatte sie Samir zu Hilfe gerufen. Immerhin atmete sie auf. aufgeregte Besucher mit Weihnachtsgeschenken und weinenden Kindern – hörte sie aus den Lautsprechern die süßlichen Klänge von ›Stille Nacht…‹ Sie hatte bei all den Aufregungen der letzten Tage völlig vergessen. Wie hoch ist eigentlich die Strafe für das illegale Einführen von Grabungsfunden. Es war eine mühsame Reise gewesen: Zuerst mit einer kleinen DC-3 von Scharm el Scheich nach Kairo. Samir spielte den erzürnten ›Bruder‹. bezweifelte sie. Die Familientragödie hatte tatsächlich für die notwendige Ablenkung gesorgt. Ihr Herz begann zu klopfen. von dort nach Amman. Nein.Über das Stimmengewirr der zahllosen Menschen hinweg – gereizte Touristen. obwohl sie erst dann am Ziel war. zu diesem Zöllner würde sie bestimmt nicht gehen.

Jetzt galt es. Es war eine Vorsichtsmaßnahme. was alle Zeugen gesehen hatten – einen Korb und ein Papyrus-Fragment. Um die Beamten aus Kairo zu täuschen. Sie wollten unter keinen Umständen Ägypten gemeinsam verlassen. Ein älterer rothaariger Mann schien zu Frauen etwas freundlicher zu sein… 122 . Samir wollte dem hilfsbereiten Mr. der sich an ihr und Daniel rächen wolle. Während Catherine auf Daniels Ankunft aus Mexiko wartete. Catherine sei wegen einer dringenden Familienangelegenheit abgereist. hatte sie die Schriftrollen photographiert und die Filme an Ort und Stelle entwickelt. Der freundliche alte Herr würde alle Post an ihre Adresse in den USA weiterleiten. hatte Daniel wenigstens die Photos. wie sie es bei Ausgrabungen immer tat. Noch einmal musterte sie die Zollbeamten und versuchte. Mylonas im Hotel Isis ausrichten. und auch den Korb. hatte Catherine das Jesus-Fragment zurückgelassen. daß die überstürzte Abreise auf Außenstehende möglichst normal wirkte. daß Daniel dort einen anderen Flug nahm. denn falls Catherine oder den Schriftrollen etwas zustoßen sollte. intuitiv herauszufinden.Catherine hatte Samir jedoch nicht die Wahrheit erzählt. Bei der Durchsuchung ihres Zelts würde man genau das finden. welcher sie ohne Gepäckkontrolle abfertigen würde. Sie hatten verabredet. sondern eine Geschichte von einem eifersüchtigen Liebhaber erfunden. alle Spuren sorgfältig zu verwischen. denn bei diesem Abenteuer mußten sie auf alles gefaßt seih. Samir zeigte größtes Verständnis und fuhr mit Daniel anschließend nach Kairo. den sie mit Steinen gefüllt und wieder in das Leinengewebe eingepackt hatte. Sie hoffte. Daniel nahm das Photomaterial in sein Handgepäck.

Kurz darauf erklärte er. Seine Kollegen rechts und links wirkten müde. und man würde sie auf das schärfste dafür verurteilen. Die Schlangen vor den Zollbeamten wurden kürzer. für die Schwachen einzutreten. Ihr Bild würde in den Zeitungen erscheinen.Catherine erinnerte sich mit leichtem Schaudern an den einen entsetzlichen Augenblick auf der Flucht. Sie hatte Angst. Irgendwie erinnerte sie der Priester in seiner Art. Catherine entschied sich schließlich für den Rothaarigen und stellte sich mit ihren beiden Gepäckstücken an. als sie glaubte. als sie ihn weinend in der Waschküche entdeckt und ihn getröstet hatte. dachte sie an Garibaldi. Es gehörte Mut dazu. der Priester. um die arme »mißhandelte Frau« vor dem Zorn ihres »Bruders« zu schützen. Daniel hatte früher einmal Priester werden wollen. sich in einen Familienstreit von Arabern einzumischen! Das hätte böse Folgen für ihn haben können. kein Priester zu werden. Es war bereits alles in die Wege geleitet. daß sie einen der obersten Grundsätze der Wissenschaft und ihres 123 . an Daniel. Um sich abzulenken. Catherines Nerven waren inzwischen bis zum Zerreißen gespannt. Garibaldi. Bei dem Handgemenge wäre Daniels Verkleidung beinahe entdeckt worden. Das war damals. Sie verabschiedeten die Reisenden nicht mehr mit ›Frohe Weihnachten‹ aber das Gepäck untersuchten sie noch immer. alles sei verloren. er habe beschlossen. Sein Vorgehen hatte sie wider Willen beeindruckt. hatte sich zum Wortführer der Zuschauer gemacht. Er verriet ihr auch später nie den Grund für seine Tränen. Sie schob den Koffer und die Reisetasche mit den Knien vorwärts und näherte sich langsam dem Zollbeamten. in Handschellen abgeführt zu werden. aber dann änderte er seine Pläne ohne eine Erklärung von einem Tag auf den anderen.

nach außen die Ruhe zu bewahren. Die Schriftrollen befanden sich im Koffer. den sie auf dem Flug aufgegeben hatte.Berufs mißachtet hatte. obwohl ihr das Herz bis zum Hals schlug. und sie mußte immer wieder an die geheimnisvollen Worte denken. gab er ihr das Buch schnell zurück. Catherine nahm schnell eines heraus. Dort wartete die Freiheit… »Bitte öffnen Sie den Koffer!« Catherine bekam einen trockenen Mund. Ohne Zögern öffnete sie den Koffer und die große Reisetasche. den Koffer zu schließen. Der Beamte blickte fragend auf die Bücher. Sie reichte es dem Beamten und schlug es hilfsbereit auf. Sie versuchte. Als der Mann die Photos der Skelette und Schädel sah – für ihn Bilder aus einem Horrorfilm -. Krankheiten bei ägyptischen Mumien. Aber sie waren ihr auf der ganzen Reise gegenwärtig gewesen. In der Reisetasche befanden sich ihre persönlichen Dinge und schmutzige Wäsche. das weder im Neuen Testament noch im Alten stand? War Sabina die Prophetin. Darunter auch die Schriftrollen. Pottery Of The Late Bronze Age – und bedeutete ihr mit einer knappen Geste. ohne die Koffer zu überprüfen. Catherine 124 . warf noch einen flüchtigen Blick auf ein anderes – Handbook Of Feld Archaeology. Catherines Hoffnungen stiegen. deren Worte das ganze Christentum grundlegend verändern würden? Der Zollbeamte ließ das ältere Ehepaar vor Catherine durchgehen. Sie hatte das Buch in Kairo gefunden und für Julius gekauft. die sie für ihre Arbeit benutzte – vor allem Bücher. im Koffer die wesentlichen Dinge. Sie blickte sehnsüchtig auf den Ausgang hinter dem Zoll. Amelia… Diakonos… Jesus… das Ende der Welt… War Sabina Jesus persönlich begegnet? Hatte sie von ihm etwas erfahren.

Sie hatte jedoch noch keine Zeit gehabt. das Buch zu lesen. den Umschlag als Tarnung für die Schriftrollen zu benutzen. Genau das hatte Catherine gehofft. um den Anschlußflug nach Los Angeles zu erreichen. Auf dem Umschlag sah man einen Totenschädel. Gesicht und Hände zu waschen.« 125 . Die Anspannung war zu groß gewesen. die er Catherine stolz nach Ägypten geschickt hatte. Catherine nahm sich Zeit. Bei diesem Anblick hatte der Zollbeamte darauf verzichtet. bevor sie den Gepäckwagen durch die Tür schob. noch mehr von ihrem Gepäck zu sehen. Jedenfalls war so sichergestellt. Der Boden unter ihren Füßen schien leicht zu schwanken. Beim Einpacken vor der Flucht entschloß sie sich. hörte sie über die Lautsprecher eine Meldung. Aber als sie an die Glastüren kam. Sie entfernte alle Seiten eines alten botanischen Handbuchs und legte die sechs Papyri zwischen die Buchdeckel. daß die Schriftrollen die lange Reise unversehrt überstehen und auch bei einer Zollkontrolle nicht weiter auffallen würden. Der Autor des Buches war Julius Voss. Hinter der Zollabfertigung wankte sie zur nächsten Damentoilette und klammerte sich an ein Waschbecken. Es war seine neueste Veröffentlichung. aber ihre Strategie hatte sich als erfolgreich erwiesen. Unter dem Buch mit den Skeletten lag ein Buch mit dem Titel Die Leiche im Moor. hinter denen die überfüllten Zubringerbusse die Reisenden durch die verschneite Nacht zu den anderen Terminals brachten.schloß schnell Tasche und Koffer und eilte weiter. Weitere Informationen erteilt Ihnen Ihre zuständige Fluggesellschaft. Bei flüchtigem Hinsehen konnte man glauben. es sei ein Buch mit vergilbten Seiten. Der Umschlag paßte genau. »Achtung! Achtung! Wir bitten um Ihre Aufmerksamkeit! Infolge des Schneesturms werden alle Flüge vorübergehend eingestellt. der den Betrachter anzugrinsen schien.

« Miles blickte auf die Uhr. Dr. das bedeutete Mitternacht an der Ostküste. Alexander muß also entweder im Flughafen warten oder sie verbringt die Nacht in einem der Flughafenhotels. Dann wählte er eine andere Nummer. Mr. 126 . das sich neben dem unterirdischen Museum befand. Es war neun Uhr abends. Havers!« Miles stellte den Lautsprecher des Sprechgeräts sofort lauter. Vor zwei Stunden ist sie angekommen. »Wo ist sie?« Teddy Yamaguchi hatte sich aus dem großen ComputerZentrum des Anwesens gemeldet. New Mexico »Ich habe sie gefunden.Santa Fé. »Sie hat Kairo in Richtung Amman verlassen und ist von dort nach New York geflogen.« Miles nickte stumm und beendete mit einem Knopfdruck das Gespräch. »Ist sie bereits auf dem Weg nach Kalifornien?« »Wegen eines Schneesturms sind alle Flüge storniert worden.

DER VIERTE TAG 127 .

Das Chanukkah-Fest war zwar vorüber. Kalifornien »Der Gesichtsausdruck läßt darauf schließen. Wieder einmal jagte ein Sturm über Malibu hinweg. Er wußte. Seit Catherines Anruf am späten Abend und der überraschenden Nachricht. mit ihm allein hier in seinem Strandhaus zu bleiben. Die Beschaffenheit des Körpers macht jedoch eine genaue Bestimmung der Todesursache nicht möglich. Vielleicht würde Catherine aber vorziehen.« Julius hielt das Diktiergerät an. Das wäre ihm 128 . aber um Catherines willen wäre ihm Sonnenschein im Augenblick lieber gewesen. sie war gern am Strand. Er konnte sich einfach nicht konzentrieren. Dezember 1999 Malibu. sobald der Schneesturm vorüber war. und es fanden alle möglichen Veranstaltungen statt. Aus Anlaß der Jahrtausendwende wurde auch in Malibu überall gefeiert. Er verließ seinen Platz am Schreibtisch. als in der Brandung zu schwimmen. Draußen peitschte der Regen auf die Terrasse. daß er sie wiedersehen würde. daß sie sich bereits in New York befand und nach Kalifornien kommen wollte.Freitag. daß er den Tod nicht kommen sah. 17. konnte er nur noch daran denken. und es gab für sie nichts Schöneres. auf dem sich wie immer die Arbeit häufte. Es half alles nichts. daß sie es sich anders überlegt hatte und über die Feiertage doch nach Kalifornien zurückkam. aber es gab schließlich noch Weihnachten und Silvester. Dahinter wogte das stürmische graue Meer. und trat zur Glastür. Es erschien ihm wie ein Wunder. Julius liebte Regen.

sie habe wundervolle Neuigkeiten. daß sie füreinander geschaffen waren. weil das der Familientradition entsprach. Julius würde nicht aufgeben. Julius hatte Medizin studiert. daß ihm die Berufung fehlte und er nicht die Gabe besaß. Er sehnte sich nach dem stillen Leben eines Wissenschaftlers. daß sie doch beschlossen hatte. hatte sie über das Knacken und Rauschen in der Leitung aus dem Sinai hinweg gesagt. Sein Vater war Arzt gewesen. Er nutzte sein medizinisches Wissen und machte die 129 . Julius«. Nach einem Jahr mußte er sich eingestehen. aber bald festgestellt. und er hatte sich bereits an der Universität mit Ägyptologie und Paläontologie beschäftigt. Die Lösung lag auf der Hand. »Ich kann dich nicht heiraten. Was hatte sie ihm noch sagen wollen? Wie auch immer. Warum hatte sie ihre Grabungsarbeiten von einem Tag auf den anderen unterbrochen? Ihn wunderte auch. Durfte er sich Hoffnungen machen. Ihn hatte schon immer das Altertum interessiert. Er wußte einfach. würde seine Ehe besser laufen. Sie hatte am Telefon glücklich und aufgeregt geklungen und nur gesagt. ebenso sein Großvater und sein Urgroßvater. ihn zu heiraten? Bei ihrem Telefongespräch vor einer Woche schien dieses Thema bereits entschieden zu sein. Vielleicht wollte sie ihn überraschen. Ganz anders als die Beziehung mit Rachel. seine Patienten zu heilen.am liebsten… Und doch verstand er ihren plötzlichen Entschluß nicht. Diesmal. »Es gibt einfach zu viel…« Dann war die Verbindung abgerissen. Nach dem Examen hatte er eine Praxis eröffnet. so hatte er sich vorgenommen. daß er nicht wirklich glücklich war. daß sie erst aus New York angerufen hatte und nicht schon aus Ägypten. Er hatte sogar schon die Eheringe gekauft.

Der Sturm ließ nicht nach. als er sich vorstellte.Paläopathologie zu seinem Spezialgebiet. mehrere tausend Jahre alte Skelette zu erforschen. spürte Julius. Nach der Scheidung von Rachel dachte Julius. er werde nie wieder heiraten. Julius habe mit seinem Entschluß. Außerdem war sie sehr attraktiv. Nur das kann der Grund für die überraschende Heimreise sein. Er blickte auf die Uhr. Cathy wollte es ihm natürlich persönlich sagen. sein Eheversprechen gebrochen Rachel war inzwischen mit einem Schönheitschirurgen verheiratet. einen Arzt zu heiraten. Rachel reichte danach die Scheidung ein. Alle waren glücklich. und 130 . Diese Frau verstand sehr gut. Die Erforschung von Krankheiten des Altertums war eine neue Sparte. wie sein Haus vibrierte. Wenn sich die hohen Wellen am Strand brachen. daß er ganze Nächte im Institut verbrachte oder sich längere Zeit bei Ausgrabungen im Ausland aufhielt. der viermal soviel verdiente wie Julius. Hier gab es noch viel wissenschaftliches Neuland. Sie erklärte. Manchmal glaubte Julius zu träumen – wie jetzt. Er zweifelte sogar daran. die beruflich ähnliche Ziele wie er verfolgte. um seinen Heiratsantrag doch anzunehmen. Hin und wieder nahm er sie sogar zu archäologischen Ausgrabungen mit. daß man über einen Knochenfund oder beim Anblick eines versteinerten Blatts in Begeisterung geraten konnte. als wollte der Wind die kleinen Häuser entlang der Küste davonfegen. Es hatte den Anschein. sie sei gekommen. bei der Eheschließung sei sie in dem Glauben gewesen. daß er jemals eine Frau finden werde. Dann lernte er Catherine kennen. die seine außergewöhnlichen Interessen teilen konnte und damit einverstanden wäre. Julius traf sich mit seinen beiden heranwachsenden Kindern an den Wochenenden und in den Ferien. dachte er.

machte ihn unruhig. Ich nehme mir einen Leihwagen und fahre direkt zu dir. Er hatte die Hoffnung. Wo bleibt sie nur? ›Man hofft. ›Ich bin auf der Zehn-Uhr-Maschine gebucht. Es mußte ihm nur noch gelingen. Der Zeitpunkt ihrer Rückkehr war gut gewählt. Langsam fügte sich alles bestens. Sie mußte nur noch kommen. daß sie einmal eine gläubige Katholikin gewesen war. dann hätte sie inzwischen bestimmt wieder angerufen… Er konnte seiner Aufregung kaum noch Herr werden und ging zur Haustür. daß der Flugverkehr am frühen Morgen wieder aufgenommen werden kann‹. Ein Blick zum Kaminsims. dann konnte sie seinetwegen auch wieder Katholikin werden. hatte sie ihm am Abend zuvor gesagt. Dann war sein Glück vollkommen. das bedeutet. ich müßte um halb eins in Los Angeles eintreffen.‹ Inzwischen war es beinahe drei Uhr nachmittags. War die Straße blockiert? Oder wartete sie noch immer in New York auf einen Flug? Nein. Sie hätte eigentlich längst dasein müssen. Er hatte vor nicht langer Zeit selbst 131 . Julius wußte. Julius drehte dem Sturm den Rücken zu und ging ins Wohnzimmer. wo die Uhr stand. Es ergibt keinen Sinn.dann konnten sie gemeinsam feiern. Catherine zum Judentum zu bekehren. um nach ihr Ausschau zu halten. Wenn es nicht das Judentum war. Du mußt aber nicht zum Flughafen kommen. daß wir beide in diesem Sturm auf der Straße sind. Der Champagner lag bereits im Kühlschrank. Auch er hatte Neuigkeiten für sie. daß sie durch ihn den Glauben an Gott wiederfinden würde. Julius. Im Radio hatte man vor Schlammlawinen auf der Küstenstraße gewarnt.

wenn sie ihm die alten Papyri zeigte. der sicher schon auf sie wartete. Aber die Sache mit den Schriftrollen mußte sie ihm persönlich sagen. daß er ihre Freude teilen würde. Wenn sie erst verheiratet waren und mehr Zeit miteinander verbrachten. sah sie. Sie zweifelte nicht daran. Während sie auf eine Lücke im dichten Gegenverkehr wartete. Die Geranien auf der Terrasse waren im strömenden Regen kaum zu sehen. freute sie sich. Es war ihr schwergefallen. Wie die meisten Häuser in dieser Gegend von Malibu wirkte es unauffällig und schlicht. Sie bog schnell in den schmalen Weg ein. 132 . Als sie sich dem Haus näherte und der laute Verkehr hinter ihr zurückblieb. blickte sie auf das bescheidene kleine Strandhaus. Außerdem wollte sie seine Reaktion sehen. Julius hatte sie bereits gesehen. der zur Auffahrt führte. Sie wollte nicht in ihre Eigentumswohnung in Santa Monica zurückkehren. Julius nichts von den sich überstürzenden Ereignissen zu sagen. der sich in ihre Gefühle hineinversetzen und ihre Zielsetzungen teilen konnte. Niemand ahnte. Bei dem Gedanken an Julius. Endlich war die Straße einen Augenblick lang frei. daß die Haustür offenstand. daß es über eine Million Dollar wert war. Jetzt würde die Stunde der Wahrheit kommen.einen geistigen Durchbruch erlebt und wollte seine spirituellen Erfahrungen mit ihr teilen. würde sich vieles in seinem und auch in ihrem Leben ändern… Catherine erreichte endlich das verwitterte Holzhaus am Strand. als sie ihn aus New York angerufen hatte. Julius war neben Danno schließlich der einzige Mensch. und ihr war nicht ganz wohl bei dem Gedanken. sondern hierbleiben und in aller Ruhe die Schriftrollen übersetzen.

es ist so schön. Julius war zweiundvierzig Jahre alt. in dem sich das erste Grau zeigte. Sie erinnerten sich an Catherine. Er gehörte zu den ruhigen. aber Catherine fand ihn unwiderstehlich. wieder bei dir zu sein!« rief sie. und er trug einen kurz geschnittenen Bart. denn auch sie spielte stets mit den beiden und streichelte sie. Seine pechschwarzen Haare reichten ihm bis in den Nacken. Er war kein Sportler. eine Schildpattkatze und eine Mankatze. »Ach Julius. die innere Kraft ausstrahlen. daß er wirklich vor ihr stand. du hast es geschafft!« Er hielt ihr die Wagentür auf und schloß sie in die Arme. als er ins Zimmer trat und die Tür schloß. »Gott sei Dank. Julius Voss war der Leiter des angesehenen Freers Instituts in West Los Angeles und sah unbestreitbar sehr gut aus. »Komm schnell ins Haus. Catherine fühlte sich in seiner Nähe geborgen. die Julius beide sehr verwöhnte. Dazu trugen auch der lässige Pullover mit den alten Lederflecken an den Ellbogen. Ich trage deine Sachen hinein.»Catherine!« rief er und lief ihr durch den strömenden Regen entgegen. Dr. erschienen zwei gutgenährte Katzen und strichen ihr schnurrend um die Beine. stillen Menschen. Sie musterte ihn lange und aufmerksam und konnte kaum glauben. Es waren Radius und Ulna. Das Feuer im Kamin brennt. 133 . Für seinen langen leidenschaftlichen Kuß gab es keinen Sturm und keine Wolken.« Als Catherine das gemütliche Wohnzimmer betrat. die bequemen Mokassins und die immer griffbereite Meerschaumpfeife bei. Vor zehn Wochen hatten sie sich zum letzten Mal gesehen. »Wir werden uns noch erkälten!« rief Catherine schließlich und rang nach Luft. Julius war ein angenehmer und unaufdringlicher Mann.

Daniel müßte längst zu Hause sein. sie war überhaupt nicht müde. Ein Klavierkonzert von Mozart sorgte für Atmosphäre. Sie lauschte auf den Regen und das leise Knistern des Feuers. Julius hatte Holz nachgelegt. »Du mußt dich erst einmal aufwärmen. während sie Daniels Nummer wählte. dachte sie. und auch deshalb liebte sie ihn.Er lebte im Einklang mit sich selbst. forschenden Augen aufgefallen. breitete er die Arme aus. Schließlich löste sie sich von ihm. »Du bist bestimmt müde«. sie drückte sich an ihn und legte den Kopf an seine Schulter. Aber bis jetzt hatte er sich nicht gemeldet. Sie stand in der Küche. Die Schriftrollen warteten und versprachen die Enthüllung uralter Geheimnisse und aufsehenerregender Erkenntnisse. und die beiden Katzen rieben schnurrend die Köpfe an ihren Beinen. »Setz dich ans Feuer«. Er meldete sich nicht. Daniel werde vor ihr zu Hause sein. Als er zurückkam. wenn auch mit einer anderen Maschine. Catherine ließ ihn nicht los. und die knisternden Flammen schlugen hoch. Er hatte Ägypten gleichzeitig mit ihr verlassen.« 134 .« Er nahm ihr die Jacke ab und brachte sie hinaus. sagte er.« In New York und auch nach der Ankunft in Los Angeles hatte Catherine mehrmals vergeblich versucht. Schon bei der ersten Begegnung waren Catherine seine dunklen. umarmte sie zärtlich und strich ihr über die Haare. Julius fragte: »Alles in Ordnung?« Sie runzelte die Stirn. ohne sich etwas beweisen zu müssen. Nein. Erschöpfung und Müdigkeit schienen für alle Zeiten aus ihrem Leben verschwunden zu sein. War ihm vielleicht etwas zugestoßen? Catherine ging zurück ins Wohnzimmer. Da der Schneesturm ihre Ankunft verzögert hatte. küßte ihn zärtlich auf den Mund und sagte: »Ich muß jemanden anrufen. murmelte er. »Nein. Daniel in Santa Barbara zu erreichen.

Ihr Blick fiel auf einen neuen Gebetsschal mit Fransen. Dabei sah sie sich im Wohnzimmer um. Sie trank einen Schluck Wein und versuchte. dachte Catherine und lächelte. überall hingen Familienphotos. und nach den Wochen in der Wüste empfand sie die lange entbehrte Umgebung als wahren Luxus. Aber es gelang ihr nicht. So. der ihn Tag für Tag mit Krankheit und Tod konfrontierte. nun erzähl mir alles und laß mich nicht länger im unklaren. die Julius seit seiner Kindheit besaß. Selbst das bunte Geschenkpapier hatte Julius noch nicht weggeräumt. wieder bei Julius zu sein. sowie das Buch der Makkabäer in Hebräisch und Englisch. daß die Freude.« Sie erzählte ihm von den Ereignissen an dem schicksalhaften Morgen. aber die vertraute Menorah und die Dreidel.‹ Aber dann sah sie noch etwas. Über dem Kamin hing ein in Holz geschnitzter Spruch: ›Mortui Vivos Docent – Die Toten lehren die Lebenden. den Grund dafür zu finden. Julius hatte viele Pflanzen und ein Aquarium mit tropischen Fischen. Plötzlich erfaßte sie eine unbestimmte Unruhe. schlagartig überschattet 135 . Sie wußte nur. Julius schien in seinem Haus ganz bewußt ein Gegengewicht zu seinem Beruf zu schaffen. Die Anzeichen eines geordneten Lebens. Das Chanukkah-Fest war seit sechs Tagen vorüber. ein Geschenk seines Großvaters.Er reichte ihr ein Glas Wein und bot ihr den großen bequemen Sessel vor dem Kamin an. Es war vertraut und schön. »Das ist ein Cabernet Sauvignon. lagen alle noch auf einem Tisch. Den habe ich für einen besonderen Anlaß aufgehoben. Hast du den Mirjam-Brunnen gefunden?« »Ja… vielleicht. Spielzeug für die Katzen lag auf dem Boden. ohne jedoch die Schriftrollen zu erwähnen.

was sagst du dazu?« »Das ist natürlich ein verführerisches Angebot…« »Du kannst dir nicht vorstellen. und wir brauchen unbedingt jemanden.« »Julius«. Die züngelnden Flammen spiegelten sich in seinen dunklen Augen. du hast gestern am Telefon angedeutet. »Das weiß ich. Darauf war ich nicht vorbereitet. begann er mit belegter Stimme. fügte er schnell hinzu: »Ich kenne deine Einwände. damit wir endlich heiraten können. dir im Institut eine Stelle zu verschaffen. Aber keine Angst. »Das ist wirklich eine Überraschung. Aber mit dieser Stelle mußt du in Zukunft nicht immer bei Ausgrabungen sein. du kannst deine Grabungen in Scharm el Scheich fortführen. Unser Paläograph hat gekündigt. »es ist mir gelungen.« 136 .« Es war heraus. Geht es um das neue Projekt. Er sah sie gespannt an und fragte: »Was sagst du dazu?« Noch ehe sie antworten konnte. wie lange ich über eine Lösung nachgedacht habe. Die Stelle ist großzügig dotiert und sicher. Catherine drängte das Gefühl zurück und sagte: »Julius. Du kannst dir Photokopien der Manuskripte mit in den Sinai nehmen und dort in aller Ruhe daran arbeiten. Wir können unser Leben gemeinsam nach unseren Wünschen gestalten. Nun. flüsterte sie. Du wirst hier in Kalifornien leben und kannst mit mir zusammen etwas aufbauen. der sehr gut ist. das man dir angeboten hat?« Er schob umständlich mit dem Schürhaken ein brennendes Stück Holz zurück. »Catherine«. die es dir erlaubt hierzubleiben. daß du auch Neuigkeiten hast. Die Arbeiten müssen nicht im Institut erledigt werden.« Er lachte.war. das zu weit nach vorne gerollt war. Dann legte er den Schürhaken beiseite und setzte sich ihr gegenüber.

was sie beide seit zwei Jahren bewegte. Ich glaube. erwiderte sie leise.« Sie stand auf und ging zur Glastür. gemeinsam bei einer Ausgrabung zu arbeiten und wären nicht getrennt. erwiderte sie und setzte sich in den Sessel. »Aber Julius. aber ich muß mich auf meine Arbeit in Scharm el Scheich konzentrieren. ich weiß wirklich nicht. daß schließlich ausgesprochen worden war.« »Catherine. Julius. »Ich habe dir noch nicht alles erzählt. das weißt du. die nach der Sprengung herabgefallen sind.« »Wir müssen uns nicht gleich wieder trennen«. Ich kann nicht einfach von heute auf morgen abreisen. Du kannst mit mir zurückfahren. der Rest des Skeletts ist unter den Steinen begraben. Es wurde still im Zimmer. 137 . »Catherine. ich habe vielleicht wirklich den Brunnen der Prophetin gefunden. Dicke schwarze Wolken jagten über den Himmel.« Er schüttelte den Kopf. Jedesmal.Catherine stellte das Glas ab. Vergiß nicht. Man wird das Skelett ausgraben. Sie blickten sich stumm an und wußten. wenn wir uns trennen. »Ich liebe dich. Ich kann nicht beides zugleich machen.« »Und ich kann nicht bleiben«. Sie sahen so bedrohlich aus. ich habe nicht die Absicht hierzubleiben. Ich habe auf dem Boden des Brunnens einen Schädel entdeckt. Damit hätten wir endlich eine Möglichkeit.« »Und was ist mit dem Heiraten?« Sie drehte sich um. ich bin der Leiter des Instituts. »Die Stelle im Institut klingt wirklich interessant. Aber ich bin noch nicht zu einer Ehe bereit. datieren und identifizieren müssen. als wollten sie ganz Malibu verschlingen. wird der Abschied schwerer. wie lange eine intensive Beziehung die Entfernung von über achttausend Meilen überleben kann.

Natürlich kam sie auch wegen Julius.Catherines Sachen hingen zwar im Schlafzimmerschrank von Julius.« Er griff nach seiner Pfeife und drehte sie in den Händen.« »Julius. Glaubst du wirklich. Sie hielt sich nie lange in den USA auf. Ich bin noch auf der Suche. ob ich so weitermachen kann. muß ich Antworten finden.« »Natürlich. Vorträge zu halten oder Gelder für die nächste Ausgrabung genehmigt zu bekommen. Ich möchte. Warum fängst du nicht damit an?« »Ich habe meine Felduntersuchungen noch nicht abgeschlossen. »Du hast immer gesagt. in dem du deine Theorien über die Prophetinnen im Alten Testament darlegst. Ich möchte. daß wir endgültig zusammenfinden und eine Familie gründen. du weißt genau. dann ging es darum.« Er sah sie an. Wir haben zahllose nicht übersetzte und undatierte Manuskripte und Dokumente. aber sie wohnte nicht hier. »Im Institut kannst du Antworten auf deine Fragen finden. die auf ihrem Schoß lag. ›etwas zu tun‹!« rief sie empört und erschreckte damit eine der Katzen. Julius starrte in die Flammen und sagte dann tonlos: »Ich weiß nicht. du willst ein Buch schreiben. das kann ich nicht. daß ein Archäologe ein ganzes Leben lang etwas suchen kann und es vielleicht nie finden 138 . und wenn sie kam.« »Es geht mir nicht darum. Wenn du dich an diese Arbeit machst. »Du hast vierzehn Jahre lang nach der Prophetin Mirjam gesucht. Catherine. und ihre Toilettentasche stand in seinem Bad. daß du sie jemals finden wirst?« »Julius. Bevor ich heirate. daß wir Wurzeln schlagen. hast du auf Jahre hinaus etwas zu tun. Aber sie blieb nie lange und reiste bald wieder ab.

die sie einst besessen haben. ich jage Hirngespinsten nach? Meine Suche nach der Prophetin Mirjam ist kein Wahn. Ich suche nach einer Möglichkeit. Ich weiß jedenfalls nur das eine: Ich kann jetzt nicht aufhören. was ich tue? Oder denkst du. Priesterinnen und weise Frauen. Männer haben die Heilige Schrift stets zu ihrem Zweck benutzt. Wenn ich dort draußen in der Einsamkeit bin…« Sie hoffte. Julius!« Als er nichts erwiderte. den Beweis in der Wüste zu finden?« »O ja. Es muß Teil unseres Bewußtseins werden. das werde ich. und sah ihn mit leuchtenden Augen an. Vielleicht wird jemand nach mir kommen und meine Arbeit zu Ende führen. Julius. Vielleicht kann man 139 . sondern noch immer gegenwärtig ist. aber ich habe dort manchmal den Eindruck. daß Frauen in den Tagen der Patriarchen und Könige Macht besaßen. den Frauen das natürliche Selbstbewußtsein und die Aufgaben zurückzugeben. Aber mit seinen Untersuchungen schafft er die Grundlage für den Nachfolger. All das ist im Laufe der Geschichte verlorengegangen. fuhr sie ruhig fort: »Glaubst du an das. Das sagt mir mein Gefühl. und ich möchte es ins Gedächtnis der Menschen unserer Zeit zurückrufen. »Wie kannst du dir deiner Sache nur so sicher sein? Glaubst du wirklich.wird.« »Das weiß ich. Julius. ihn durch ihre Begeisterung mitreißen zu können. daß die Vergangenheit nicht vorüber. wie ich es dir erklären soll. Noch immer stützen sie ihre Autorität auf die Bibel und legitimieren damit ihre Herrschaft über die Frauen.« »Julius. Sie waren Prophetinnen. Aber ich weiß aus den Schriften des Altertums. Catherine.« Er schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht.

aber ich liebe auch meine Arbeit. daß ich kurz davor stehe. aber ich spüre sie. Cathy. »Deine Theorie ist in Ordnung. »Ich liebe dich. zurückblicken und sagen…« »Was werde ich sagen.« »Warum bist du dann überhaupt gekommen? Warum die plötzliche Rückkehr? Du hattest mir bereits gesagt. wenn ich in einem Graben stand. Gerade in letzter Zeit. daß du die Hinweise auf das Wirken der Frauen finden wirst. schwanden alle Zweifel. Sie öffnete ihren Koffer und kam mit dem Buch über Paläobotanik zurück.« Catherine stand auf und ging ins Schlafzimmer. den Sand durchsiebte und auf den entscheidenden Hinweis hoffte. Ich bezweifle allerdings. die mir garantiert keine Lösungen bringen?« »Also gut.sie nicht sehen. nach denen du suchst. etwas über Frauen zu finden.« Sie lächelte traurig. Aber du kannst mir glauben. Ich kann sie nicht aufgeben. den Beweis zu finden.« »Aber du wirst kein Zuhause haben. daß wir uns frühestens im Februar wiedersehen würden.« »Du meinst also. eines Tages wirst du innehalten. Wir haben nicht einmal greifbare Hinweise auf die Männer. jetzt noch nicht. Nur aus den alten Schriften wissen wir.« Er legte die Pfeife auf den Tisch. 140 . Möchtest du denn keine Familie?« »Doch. sagte er. daß Moses wirklich gelebt hat. du willst dein Leben lang in aller Welt deinen Fragen nachjagen. eines Tages. und ich wußte. daß ich alles getan habe. ich sollte aufgeben? Ich sollte wie du im Institut arbeiten und mich mit Manuskripten beschäftigen.« »Ich bewundere deine Entschlossenheit«. Julius. Catherine. Wieviel schwieriger ist es erst. Julius? Ich werde sagen. Als sie seinen erstaunten Blick sah. »Auch deshalb liebe ich dich. was in meinen Kräften stand.

sondern mir nur den Umschlag ausgeliehen. »Mein Gott! Woher hast du das?« Sie berichtete ihm schnell von dem Fund im unterirdischen Gang. vor allem neugierige Zollbeamte davon abhalten. »Was meinst du?« Er starrte stumm auf die Schriftrollen. Du weißt doch. Das Bild des Mannes im Moor ist so abschreckend. die Gischt schäumte. Mit angehaltenem Atem entfaltete Julius die erste ›Seite‹ des ersten Buchs und betrachtete mit großen Augen das brüchige bräunlichgelbe Papyrus.sagte sie: »Keine Angst. es würde jeden. ich habe dein Buch nicht mißbraucht. was mit den Schriftrollen vom Toten Meer geschehen ist und den Nag Hammadi-Evangelien. und die bleigrauen Wellen brachen sich donnernd am Ufer. und sie wurden von einer Handvoll 141 . der Sturm peitschte mit unverminderter Kraft gegen die Glastür. Julius sah sie staunend an. Dann fragte er fassungslos: »Hast du sie einfach mitgenommen? Du hast sie bei deinen Ausgrabungen entdeckt und aus dem Land geschmuggelt. sagte Catherine. Man hielt sie unter Verschluß. »Ich hatte gehofft. daß ich dachte. denn die Beamten hätten sie sofort an sich genommen. »Aber im Flughafenhotel konnte ich mich vor Erschöpfung nicht mehr auf den Beinen halten. schon mehr übersetzt zu haben«. Die Strategie hat sich bewährt!« Er runzelte die Stirn. das Buch aufzuschlagen. Jetzt bin ich Gott sei Dank hier und würde mich am liebsten auf der Stelle an die Arbeit machen. Er hörte sprachlos zu. »Zollbeamte? Ich verstehe dich nicht.« Catherine nahm die gefalteten Papyri zwischen den Buchdeckeln heraus und legte sie behutsam auf den Tisch.« Sie sah ihn erwartungsvoll an. ohne die Behörden von dem Fund in Kenntnis zu setzen?« »Es blieb mir keine andere Wahl. Die Flammen im Kamin verwandelten sich in rote Glut.

es war nicht klug«. Julius! Wenn ich die Texte der Behörde übergebe. Aber war es klug. um die Schriftrollen vom Toten Meer der Wissenschaft 142 . bis sich von allen Seiten Protest erhob. werde ich sie nie wiedersehen.« »Eine Frau als Priester?« »Eine Frau in der frühchristlichen Kirche. sieh dir dieses Wort an. daß sich das mit meinem Fund wiederholt. daß Julius durch und durch Wissenschaftler war. Ich konnte nicht zulassen.« »Wer durfte die Ecole Biblique in Jerusalem betreten? Erinnere dich daran. eine Theorie zu veröffentlichen. daß die Diakone beim Abendmahl den Gläubigen Brot und Wein reichten. Er beachtete stets die Vorschriften. Erst danach hat man die Schriftrollen vom Toten Meer Wissenschaftlern auf der ganzen Welt zugänglich gemacht. was alles notwendig war.« »Das ist eine Behauptung. Julius! Die Tragweite dieses Fundes ist deshalb nicht abzuschätzen!« »Nun gut«. »Aber es war notwendig. vertraute nur auf die erprobten Wege und verwarf zweifelhafte Methoden prinzipiell.« »Was ist so Besonderes daran?« Sie zeigte ihm ihre Übersetzung des Fragments. »Hier. Trotzdem hatte sie auf eine andere Reaktion gehofft. Amelia wird als Diakonos bezeichnet. erwiderte sie.Wissenschaftler eifersüchtig bewacht. bevor alle Fakten geklärt waren. Wir wissen. Heute ist das die Aufgabe der Priester. die Schriftrollen zu stehlen und sie aus Ägypten zu schmuggeln?« Catherine wußte. Julius – Diakonos. die das Priesteramt bekleidete. »Ich verstehe deine Begeisterung. »Nein. sagte er nachdenklich. Er hielt nichts von Risiken oder davon.

du willst sie übersetzen und deine Ergebnisse veröffentlichen. Man wird dich auslachen oder als Verrückte abstempeln. wie empfindlich die Bibel-Wissenschaftler sind. das auf fragwürdige Weise gefunden wurde. Auch sie wollten niemandem erlauben. das wäre in diesem Fall anders.zugänglich zu machen? Ich habe keine Zeit.« »Du tust also genau dasselbe. Wir beide wissen. das wäre noch das Harmloseste!« Er stand auf und setzte sich 143 .« Catherine schüttelte den Kopf. wie die Texte in deinen Besitz gelangt sind. bis ich sie übersetzt habe.« »Catherine. die Schriftrollen zu sehen. Danach werde ich die Texte den zuständigen Stellen übergeben und meine Übersetzung veröffentlichen. Man würde dich rückhaltlos unterstützen. Catherine? Ich kann dir jetzt schon sagen. Ich werde sie nicht vierzig Jahre lang verstecken. was die Wissenschaftler an der Ecole getan haben. Du bist entschlossen. daß ich diese Bücher übersetzen darf. aber bis jetzt hast du weder deinen Fund noch deine Arbeitsmethoden veröffentlicht. wie eifersüchtig die verschiedenen Fraktionen ihre Theorien verteidigen und wie gefährlich ihre Angriffe sind. »Darauf kann ich es nicht ankommen lassen. Und sie hat sich streng im Rahmen des Neuen Testaments bewegt! Du hast etwas gefunden. diese Schriftrollen allen anderen vorzuenthalten. daß man dich von allen Seiten angreifen wird. Ich werde sie nur so lange behalten. Du machst dich überstürzt an eine Übersetzung. Du willst deine These mit Material erhärten. vierzig Jahre darauf zu warten. Du könntest sofort die Öffentlichkeit über deinen Fund informieren und an alle Wissenschaftler appellieren. Wer wird auf dich hören. Niemand weiß.« »Mit einem Unterschied.« »Gut. In deiner Mutter hast du ein gutes Beispiel.

aber ich muß es tun. Niemand wird etwas mit dir zu tun haben wollen. was dieser Fund für dich bedeutet. Noch kannst du dich retten. »Du stellst deine Integrität in Frage. Wie willst du nach einem Skandal deiner Mutter helfen?« Er schüttelte den Kopf und seufzte. Catherine. um diese wertvollen Texte zu schützen. daß ich nicht alles 144 . und ich glaube auch zu wissen. Wie soll ich weiterleben. Und ich muß gestehen. man werde sie stehlen oder vernichten. hör auf mich. »Catherine. daß du als Archäologin Selbstmord begehst«. und kein wissenschaftlicher Verlag wird deine Arbeiten veröffentlichen. Du wirst alles verlieren. Du kannst erklären. Catherine. Du kannst sagen. Dann holte er tief Luft und sagte ruhig und mit fester Stimme: »Deshalb bitte ich dich. Aber auf diese Weise kannst du den Ruf deiner Mutter nicht wiederherstellen. Man wird dich als Wissenschaftlerin nicht mehr achten. Du verlierst deine Glaubwürdigkeit. daß du Grund zu der Annahme hattest.« »Und du?« fragte sie leise. »Ich werde immer an deiner Seite stehen. übergib die Schriften dem ägyptischen Konsulat in San Francisco. wofür du so schwer gearbeitet hast. Noch ist Zeit dazu. und du wirst keine Freunde mehr haben. Trotzdem muß ich dir die Augen öffnen. du hast sie aus Ägypten herausgebracht.neben sie auf die Sessellehne.« »Ich habe auch Angst. Man wird dir Charakterlosigkeit vorwerfen. Man wird dich im wahrsten Sinne des Wortes kreuzigen.« Sie schüttelte den Kopf.« Er griff nach ihren Händen. »Das bedeutet. Das weißt du. Du bekommst keine Grabungsgenehmigung mehr. »Ich verstehe gut. Julius. sagte er ernst. wenn ich jetzt nicht Fakten schaffe. ich habe Angst. warum du das alles auf dich nimmst. solange ich noch die Möglichkeit dazu habe? Wie kann ich in dem Bewußtsein weiterleben.

Wäre Vater McKinney ebenso mutig gewesen? »Catherine«. der sich durch die Menge gekämpft hatte. die weit in der Vergangenheit liegen? Catherine. »kann sie uns beide vernichten.« »Priester sind auch nur Menschen. »Vielleicht ist das deine Meinung. »du läßt dein Leben von der Vergangenheit bestimmen.« 145 . die Sache mit deiner Mutter geht nicht auf das Konto der Kirche. Dafür war nur ein einziger Mann verantwortlich. Obwohl er äußerlich so ruhig wie immer wirkte. indem du deinen eigenen guten Namen aufs Spiel setzt?« »Wenn nötig.getan habe. Dort blieb er eine Weile schweigend mit dem Rücken zu ihr stehen. Mir bleibt später noch die Möglichkeit einer Rechtfertigung. Wenn du sie nicht überwindest«. die dich zerstört.« »Du willst also sagen. sagte er leise. Ich sehe es anders. Jeder Priester ist ein Instrument der Kirche. um einer Beduinenfrau zu helfen.« Er stand auf und trat an die Glastür. aber meine Mutter ist tot. Vater McKinney war katholischer Priester. die Catherine an ihm nicht kannte. ich bitte dich. Sie kann sich nicht mehr verteidigen. die man gegen meine Mutter erhoben hat?« »Das willst du tun.« »Ist das nicht eine Art persönlicher Rachefeldzug? Willst du die Kirche angreifen wegen Dingen. ja. sagte Julius eindringlich. »Catherine.« Sie zog ihre Hände zurück. In dir ist eine Bitterkeit. bevor er sich umdrehte. an die Folgen deines Vorhabens zu denken. um die Anschuldigungen zu entkräften. daß alle Priester gleich sind?« Unwillkürlich mußte Catherine an Garibaldi denken. lag in seiner Stimme eine gewisse Schärfe.« »Deren Loyalität in erster Linie der Kirche gehört.

wir müssen miteinander reden. und die Polizei muß sich nicht darum kümmern. dann fallen sie in den Bereich der Archäologie. sonst wird man dich mundtot machen. daß du im Begriff bist. Wir vermuten. etwas Falsches zu tun.»Ich suche nur nach Antworten…« »Wirklich? Willst du etwas finden oder willst du etwas zerstören?« »Julius.« »Natürlich liebe ich dich!« Es klang wie ein Aufschrei. »Gerade weil ich dich liebe.« Er sah sie kopfschüttelnd an und warf dann einen Blick auf die Uhr. mich zu lieben. dann mußt du das im Rahmen einer wissenschaftlich anerkannten Vorgehensweise tun.« »Julius. was erwartest du von mir?« 146 . Die Kommune hat uns gebeten. weshalb du es tun willst. dann unterstütze ich dich nicht. müssen polizeiliche Nachforschungen angestellt werden. Aber wenn du deine Mutter rechtfertigen möchtest. drehte sich dann aber langsam um und sagte seufzend: »Catherine. ich verstehe sehr gut. eine Altersbestimmung vorzunehmen.« Er ging zur Tür. es stammt von einer alten indianischen Begräbnisstätte. Wenn ich deinem wahnwitzigen Plan zustimme.« »Dieses Risiko muß ich eingehen. du würdest mich unterstützen. In der Gegend hinter Bel Air hat man Reste eines Skeletts gefunden.« »Julius…« Er suchte nach seinen Wagenschlüsseln. »Wenn die Knochen älter als hundert Jahre sind. »Ich muß noch einmal ins Institut. Du behauptest. ich dachte. muß ich dir sagen. Catherine. Aber wenn sie jüngeren Datums sind. dich zu ruinieren. Ich würde nur dazu beitragen. Glaub mir.

du bringst dich und uns in eine sehr gefährliche Lage. Bestimmt bin ich noch vor acht zurück. Sie holte tief Luft und sah. Er konnte ihr nicht zustimmen. um dich zu begrüßen. In seiner Ernüchterung wollte er nur so schnell wie möglich weg. Das Wiedersehen mit Julius hätte nicht so verlaufen dürfen. nur weil es dein Herz wollte?« »Natürlich. Ich werde im Moonshadow einen Tisch für uns reservieren. Alle seine Hoffnungen hatten sich zerschlagen.« »Niemand weiß etwas von dem Fund. das Universum gerate plötzlich aus dem Gleichgewicht. die Welt. stritten sie miteinander.« Er schüttelte den Kopf. Wer sonst würde versuchen.« Er wich ihrem Blick aus und öffnete die Tür. Ich glaube. »Ich hätte die Tests schon heute morgen durchführen sollen. Catherine stand wie gelähmt im Zimmer und glaubte. das Haus.Sie stand auf und ging zu ihm. Ich weiß. daß mein Vorgehen falsch ist. 147 . aber ich wollte hier sein. Mein Verstand sagt mir. nahm er alle Wärme und Geborgenheit mit sich. Julius. Nichts anders tue ich jetzt. den eingeschlagenen Weg weiterzugehen. aber mein Herz befiehlt mir. Alles schien auf den Kopf gestellt. »Catherine. Du hörst mir nicht zu. Anstatt ihr Wiedersehen zu feiern. Als er aus der Garage in den strömenden Regen fuhr. Es ist illegal und unmoralisch. Ich war wirklich sehr vorsichtig. »Gibt es für dich immer nur Regeln und Vorschriften? Hast du nie etwas getan. In der Ferne donnerte es. nichts war mehr wie zuvor.« Sie sah ihm nach. Die Konfrontation schmerzte. ich habe kein gutes Gefühl dabei. daß es bereits vier Uhr nachmittags war. daß du recht hast. dir diese Dummheit auszureden?« »Davon spreche ich nicht.

Stell dir vor. den er ebenfalls nie benutzte. »Catherine! Gott sei Dank. Sie packte die Schriftrollen und die notwendigsten Dinge in die Tasche. Ich kann auf keinen Fall nach Hause. Sie 148 . Kannst du so schnell wie möglich herkommen?« »Was ist denn los?« »Jemand verfolgt uns. »Ich glaube. wer hinter uns her ist. so schnell ich kann. bleib in deiner Wohnung«. ich bin sicher. die etwas von dem Fund wissen. »Danno. Julius. flüsterte sie und schloß die Augen. sagte sie. Ich komme.« »Das ist unmöglich! Wir haben die Schriftrollen unbemerkt aus dem Land geschafft. Catherine wollte schon aus dem Haus eilen. warte«. wir sind in großen Schwierigkeiten. »Ich komme zu dir. Geh nicht ans Telefon und laß keinen Menschen in die Wohnung.« »Wie bitte?« »Cathy. daß du anrufst! Ich bin vor ein paar Minuten hier angekommen. Ich komme mit den Photos zu dir…« »Nein. dann überwachen sie mein Haus.Wie benommen ging sie in die Küche und wählte noch einmal Daniels Nummer. ging aber noch einmal in die Küche zurück und hinterließ eine Nachricht für Julius. ich habe jemanden vor dem Zelt gehört…« »O Gott. nur das nicht…«. Und ich glaube zu wissen. sagte sie und dachte fieberhaft nach. Danno!« »Du irrst dich. die Julius vor einem Jahr zusammen mit einem Jogginganzug gekauft hatte. wir sind nicht die einzigen. du hast recht… ich habe uns alle in Gefahr gebracht. Diesmal meldete er sich.« Nach einigem Suchen fand sie eine große blaue Sporttasche. denn wenn uns jemand verfolgt.

daß Julius eine Mezuzah am verwitterten Holz des Türrahmens befestigt hatte – eine kleine Rolle mit einem Pergament. wie der Gebetsschal im Wohnzimmer. Auch das war neu.schrieb. Sie schloß mit den Worten: »Ich liebe dich…« und legte das Blatt Papier gut sichtbar auf den Küchentisch. das sie beim Anblick der religiösen Dinge im Haus von Julius gehabt hatte. stand. Plötzlich wußte sie. sah sie. dem fünften Buch Mose. was der Grund dafür war. Catherine fuhr auf der nassen Straße in Richtung Norden. 149 . Als sie mit dem Rücken zum Regen die Haustür hinter sich zuzog. sie sei ein paar Tage unterwegs und werde sich bald bei ihm melden. auf dem ein Text aus dem Deuteronomium. unerklärliche Gefühl. Ich beneide ihn. und wieder überkam sie das seltsame.

dann wurde die Wohnungstür geöffnet. »Ich muß sicher sein. als über alle möglichen Verdächtigen nachzudenken. daß dir niemand gefolgt ist.Santa Barbara. ›Wir sind in großen Schwierigkeiten‹ hatte Daniel gesagt. daß wir verfolgt werden?« »Einen Moment. Im Hotel Isis hatte sie noch vor zwei Tagen in jedem der Gäste einen Spion gesehen. »Woher weißt du überhaupt. »Wer ist hinter uns her?« fragte sie. Wenn jemand das Haus von Julius überwacht hätte. als sie die Treppe hinauf in den dritten Stock zu Daniels Wohnung lief.« Er ging zum Fenster. Die Fahrt von Malibu nach Santa Barbara.« »Bestimmt nicht. wäre es mir aufgefallen. zog den Regenmantel aus und nahm die Plastikhaube vom Kopf. daß ihm in der Zwischenzeit nichts zugestoßen war. warf er noch einen Blick ins Treppenhaus und vergewisserte sich. ›Jemand ist hinter uns her. die normalerweise eineinhalb Stunden dauerte. War ihr Verdacht doch nicht unbegründet gewesen? Am Guckloch erschien ein Auge. daß ihr niemand gefolgt war. »Cathy! Gott sei Dank! Komm schnell herein. schob den Vorhang etwas zur Seite und blickte auf die Straße. Sie hoffte inständig. hatte an diesem stürmischen Tag beinahe vier Stunden in Anspruch genommen. Kalifornien Catherine nahm zwei Stufen auf einmal. Dort kann 150 .‹ Wer kann das sein? dachte Catherine und klingelte.« Bevor Daniel die Tür hinter ihr schloß. Die ägyptischen Behörden? Hungerford? Sie hatte auf der zermürbenden Fahrt nichts anderes getan.

Ich werde dir zeigen. Jh.:‹Mein Mann und mein Kind› lassen darauf schließen. N. ja. weite und bequeme Sachen. sagte er und reichte ihr ein Blatt Papier. »Besteht da ein Zusammenhang?« »Eine Reise nach Britannien…«. Hinw. Nichts deutete auf den langen Flug hin. daß jemand die Schriftrollen haben will?« Er ließ den Vorhang fallen.« »Sag nur. Ich wollte nachsehen.). Viel ist es nicht. »Ich kann mir nicht vorstellen. Bericht einer Reise nach Britannien. Hinw. die deinen ähnlich sind. auf dem sein Laptop stand. daß eine Frau den Text geschrieben hat. murmelte sie. bist du sicher. drehte sich um und sah sie an. daß sie nur aus Neugier hinter dir her sind. Kein Wagen ist hinter mir vom Highway abgefahren. antwortete er. der an Kreuzungen mit mir abgebogen wäre.‹ Daniel fuhr sich mit den Fingern durch die langen blonden Haare. »Es gibt keinen Zweifel«. habe ich mich in das Internet eingeloggt.: Lukas. 16:5-13. Daniel litt erstaunlicherweise nie unter der Zeitverschiebung. »Sobald ich hier war. griechisch. Außerdem habe ich mich ständig davon überzeugt. und im Rückspiegel war niemand zu sehen. ohne gesehen zu werden. Danno. du hast etwas gefunden!« »Ich glaube. in der ersten Person. »Ich habe die Information auf meine Festplatte geladen und sie für dich ausgedruckt. »Versteh ich nicht… Was ist das für eine Stelle aus Lukas?« 151 . Zwei Seiten eines Buches. Viertes Jahrhundert.« Catherine las den Ausdruck: ›?245 (4. Auf der Rückseite einer LiviusSchrift.« Er ging zu einem kleinen Tisch. Hier…«. Wie immer trug Daniel zerknitterte.T. Er wirkte ausgeschlafen und völlig munter. Oben auf der Liste steht das British Museum. ob es vielleicht andere Schriftrollen gibt.niemand parken. daß mir niemand gefolgt ist. woher ich das weiß.

»Ich habe nachgeschlagen. und das gefunden. Es könnte durchaus Kopien von Sabinas Brief und ihrer Geschichte geben. »Das sagt mir. »Es wäre möglich«. Vermutlich handelt es sich dabei jedoch nur um Fragmente. sagte sie nachdenklich. Ich habe im Web nach Nachrichten aus dem Sinai gesucht. Er hat offenbar versucht. In dem Bericht heißt es auch. Die verantwortliche Archäologin. während ich auf dich gewartet habe. Man braucht nicht viel Phantasie. er wußte etwas von den Schriftrollen. daß die Leute.« Catherine las die Meldung über eine Ausgrabung in der Nähe von Scharm el Scheich. Kapitel sechzehn. die Hungerford umgebracht haben. jetzt hinter dir her sind. und in einem nahe gelegenen Hotel sei ein amerikanischer Ingenieur ermordet worden. flüsterte Catherine. sei verschwunden. sagte Daniel und reichte ihr einen anderen Ausdruck. so meldete man. Daniel räusperte sich. Cathy. die mich verfolgen…« »Hier«. Vielleicht finden wir auf diese Weise Teile der siebten Schriftrolle!« »Das habe ich schon versucht. »Ich glaube. »daß Sabinas Text wie die Evangelien und die Briefe der Apostel immer wieder kopiert wurden. daß wir in großen Schwierigkeiten sind. den Spuren muß ich unbedingt nachgehen. einfach nur so. daß Zeugen 152 . Es war nichts zu finden. die den ägyptischen Behörden Rätsel aufgab.« Catherine betrachtete den Ausdruck in ihrer Hand. »Hungerford…«. Ausschnitte aus den Büchern des Neuen Testaments sind über die ganze Welt verstreut. den Fund auf dem Schwarzen Markt anzubieten. um zu dem Schluß zu kommen. Und unter dem Stichwort ›Papyrus‹ gibt es im Web über tausend Eintragungen!« »Aber was ist mit den Leuten. das Gleichnis vom reichen Mann. Danno.

du hast am Telefon gesagt. wie er nervös die Brille abnahm und die Gläser an seinem T-Shirt blank rieb.« Daniel holte eine riesige Leinentasche mit dem Aufdruck USS Enterprise und packte Mappen und Ordner hinein. Es regnete noch immer. sagte sie tonlos und verließ den Platz am Fenster. Zuerst Julius und jetzt… »Danno. »Ein Freund von mir hat in Washington ein Ferienhaus am 153 . »Ich glaube. Es war ein Amerikaner.« Catherine sah.berichten. Das durfte nicht wahr sein. der Ingenieur habe ein Jesus-Fragment gefunden. »Du hast recht«. Die Straße unten war menschenleer. »Was war das?« »Meine Nachbarn! Sie streiten sich ständig«.« Catherine rieb sich die Stirn. Ich habe ein ungutes Gefühl. Die Sache ist also eindeutig bekannt. Das Gesicht ging mir nicht mehr aus dem Kopf. ist mir in der Menge ein Gesicht aufgefallen. wer es ist. Wo hatte ich diesen Amerikaner schon einmal gesehen? Als ich hier am PC saß und meinen Tagebucheintrag machte. Draußen im Gang hörte man laute Schritte. »Zeit zu verschwinden. fiel es mir wieder ein…« Ein Schrei hallte durch die Luft. Sie hatte ein flaues Gefühl im Magen – Hungerford war ermordet worden. Er setzte sie wieder auf und sagte: »Während mich Samir als ›Beduinenfrau‹ zu dem Landrover geschleppt hat. daß du weißt. wir sollten nicht hierbleiben. Catherine schüttelte den Kopf. und in der schwarzen Nässe leuchteten nur die elektrischen Kerzen einer Lichterkette an einem Hauseingang. antwortete Daniel und schloß den Laptop. das möglicherweise zu einem frühchristlichen Evangelium gehört. Catherine fuhr erschrocken zusammen. Es kam mir irgendwie bekannt vor.« Catherine ging zum Fenster und blickte durch einen Spalt im Vorhang hinaus.

Catherine stemmte die Hände in die Hüften. Du wirst die Schriftrollen übersetzen. »Das kann nicht wahr sein. »Kommt überhaupt nicht in Frage«. und ich kann meine Arbeit an den Wandbildern fortsetzen. werden sie dich in Ruhe lassen. Wenn ich nicht mehr da bin. Danno!« Er schüttelte lachend den Kopf und schob Bücher und Wechselplatten in die Tasche. Er hat mir schon oft angeboten. als du es für möglich 154 . Jeder in meiner Begleitung ist in Gefahr. Ich möchte dich nicht in diese Sache hineinziehen.« »Das ist bereits geschehen.« »Daniel«. erwiderte er und legte zum Abschluß ein paar Tüten Knabbergebäck und eine Dose Limonade obendrauf. erwiderte er ruhig.« »Ich werde mich allein auf den Weg machen. »Ich bin tiefer hineinverwickelt. sagte Catherine und griff nach der blauen Tasche. »Im Haus meines Freundes werde ich den Kontakt zum Institut in Houston wiederaufnehmen. der Mord an Hungerford ist kein Zufall. »Was packst du da alles ein?« »Ich werde meine Unterlagen über das Maya-Grab nicht zurücklassen«. widersprach er energisch.« »Danno.« »›Daniel‹…?« Er lachte. Ich werde dein Leben nicht aufs Spiel setzen. sagte Catherine. Du hast mich zum letzten Mal ›Daniel‹ genannt. Cathy«. Danno«. »Wir bleiben zusammen. als du mich in der Grundschule beim Nasenbohren ertappt hattest. Die Mörder sind hinter den Schriftrollen her. eine Weile dort zu wohnen.« Sie legte ihm die Hand auf den Arm. jetzt suchen sie mich.Meer. Das heißt. Du darfst mich nicht begleiten. »es ist mein Ernst. »Sie sind hinter mir her.

in diesem Fall das Haus meines Freundes.« Da sie schwieg.« Sie lächelte. und ich werde dich nicht allein lassen. Cathy! Man kann überall auf der Welt suchen. keiner darf dich finden! Also flüchten wir in ein sicheres Versteck und überlassen das Reisen den elektronischen Fingern. Außerdem brauchst du mich.« »Nein. »Die Photos. Cathy? Du darfst mich jetzt nicht ausklammern.« »Sollte ich sie nicht vielleicht bei mir behalten.« »Danno…« »Es bleibt dabei. sagte er und griff nach einem dicken Umschlag. Dann ist die Gefahr vorüber.« »Danno. ich brauche nur etwas Zeit… genug Zeit. »Tut mir leid. Vielleicht wirst du dann erfahren. um die Texte zu übersetzen. ich bin dein Freund. »Also gut. fügte er schnell hinzu: »Ich frage dich: Wann haben wir einmal nicht zusammengehalten und uns gegenseitig geholfen. Danach werde ich die Schriftrollen jedem geben.« »Warte«. Du mußt feststellen. gehen wir. der sie haben möchte. Cathy. fügte er lachend hinzu: »Das Internet. falls den Schriftrollen etwas zustößt?« »Was soll den Schriftrollen schon zustoßen? Ich habe sie 155 .« »Während ich auf dich aufpasse. Vergiß nicht. ohne sein Versteck zu verlassen. wo sich die siebte Schriftrolle befindet. wer dieser König war. »Dummkopf!« murmelte sie und gab ihm einen Kuß auf die Wange.« »Ich lege sie in meine Tasche.« Als sie ihn fragend ansah.hältst. Deshalb werde ich allein eine Weile untertauchen.« Er schüttelte den Kopf.

»Aber er weiß nicht. »Was hast du da?« Er blickte auf die Pistole.« Sie runzelte die Stirn. daß Catherine alle Arten von Gewalt verabscheute. Den Grund dafür kannte er auch. wo wir sind. die Catherine an der Hand packte. Er wußte. aus der Klasse zerrte und dabei schimpfte: ›Du bist ein freches und schamloses Mädchen! Du wirst für deine Frechheit büßen!‹ Catherine legte sich den Regenmantel über die Schultern und sagte: »Ich muß mich bei Schüller melden und ihm sagen. Keine Waffen!« Seufzend legte er die Pistole wieder in die Schreibtischschublade. das ist mein Ernst. erwiderte Catherine und hängte sich die blaue Tasche über die Schulter. »Leider in unserer Zeit eine Notwendigkeit. »Ich werde sie nicht mehr aus den Augen lassen.« »Cathy…« »Danno.« »Ich wußte nicht.« »Du wirst die Pistole auf keinen Fall mitnehmen.« Daniel öffnete die Schreibtischschublade und nahm etwas heraus. was du von Waffen hältst. daß du eine Pistole hast!« »Ich wollte nicht. antwortete sie und ließ den Kopf hängen. Es gibt doch jemanden – Hans Schüller am Radiologischen Institut in Zürich. wo ich bin. daß du sie siehst.« »Oh. dürfte alles klar sein. etwas habe ich vergessen. Ich weiß. ich hole noch meinen Poncho. die er aus dem Schreibtisch genommen hatte.hier bei mir«.« »Hast du Julius etwas davon gesagt?« »Ja«. dann können wir 156 . Er würde Schwester Immaculata nie vergessen.« »Gut. Ich habe ihm eine Papyrusprobe für eine genaue Datierung geschickt. »Wenn niemand weiß. daß ich hier bin.

Wie in Zeitlupe sank Daniel leblos zu Boden. Er stand auf der anderen Seite des Wohnzimmers mit dem Rücken zu den Lautsprechern der Stereoanlage. 157 . Daniels Entsetzen.« »Ich hole den Poncho«. ein blitzendes Messer und plötzlich hellrotes Blut. Zwei Männer hielten ihn fest. daß uns niemand erwartet. Sie starrte auf Daniels Gesicht – sein erstaunter Ausdruck wirkte wie erstarrt. An der Wohnungstür stolperte sie über den Laptop. die beiden Männer blickten auf Catherine. Seine Schuhspitze wurde rot vom Blut. die Photos in die Einkaufstasche zu seinem MayaMaterial zu legen. der eine machte einen Schritt auf sie zu. wie Daniel rief. den Daniel dort abgestellt hatte. Die beiden Männer wichen zurück. Schwarzweiß-Photos verteilten sich auf dem Teppich. es sei doch besser. in den blauen Augen unter den blonden Wimpern war das Licht erloschen. Die beiden Männer waren ihr dicht auf den Fersen.« Als sie den Kleiderschrank öffnete und nach dem Poncho suchte hörte sie. Dann rannte sie los. Der Umschlag fiel Daniel aus der Hand. die Brille war verbogen. »Du überprüfst das Treppenhaus und vergewisserst dich. die eine Einkaufstüte trug.los. Sie griff blindlings danach und stürmte ins Treppenhaus. Catherine sah alles gleichzeitig: Den Mann mit dem weißblonden Haar und der roten Narbe im Gesicht. Catherine nahm den Poncho vom Bügel. verlagerte die schwere Nylontasche von der rechten Schulter auf die linke und rief in Richtung Flur: »Was hast du gesagt…?« Aber Daniel war nicht an der Wohnungstür. sagte sie und ging bereits in sein Schlafzimmer. das Daniels Kopf umgab. Im Gang stieß Catherine mit einer Hausbewohnerin zusammen.

Ihre Füße berührten kaum noch die Stufen. Sie stürzte. Kugeln schlugen in den Wagen. Catherine schob sich die Haare aus dem Gesicht und sah ihn fassungslos an. Sie lief den regennassen Gehweg entlang und warf ängstlich einen Blick über die Schulter zurück. Ihre Verfolger hatten den Hauseingang erreicht… In diesem Augenblick stieß Catherine mit jemandem zusammen. Es war Garibaldi. Und dann… Ein ohrenbetäubender Knall. Garibaldi dicht hinter ihr. Wieder hallte ein Schuß durch die Nacht. Catherine rannte weiter.»He!« rief die Frau empört. und der Laptop fiel auf den Asphalt. »Was ist denn…« »Laufen Sie!« Sie rannten durch den Regen. »O nein!« keuchte sie. Hinter sich hörte sie Schritte. Sie rannten geduckt über den nassen Rasen und in einen engen Durchgang zwischen 158 . Catherine voraus. »Haben Sie sich ver…«. Orangen. Eine tiefe Stimme befahl ihr. Als sie die Haustür erreichte und keuchend in die Nacht stürmte. Sie blickte nach oben und sah. Die Reifen waren aufgeschlitzt. daß Farbe und Putz von der Wand regneten. »Geben Sie mir Ihre Hand!« rief der Mann und zog sie wieder hoch. stehenzubleiben. während Dosen. wollte er fragen. Sie bogen um die nächste Straßenecke und erreichten Catherines Leihwagen. ein tiefgekühlter Truthahn und ein Weihnachtsstern auf den Boden fielen. »Laufen Sie!« schrie Catherine und hob den Laptop auf. fiel ein zweiter Schuß. Als die beiden Männer mit schußbereiten Waffen an der Straßenecke auftauchten. griff Garibaldi nach Catherine und zog sie geistesgegenwärtig vom Gehweg. während sie blitzschnell weiter die Treppe hinunterrannte.

Catherine klammerte sich am Armaturenbrett fest und schloß die Augen. Garibaldi rief etwas. Alles um sie herum schien zu verschwimmen – Häuser. rief Garibaldi. hörte sie Garibaldi stöhnen. packte sie am Arm und zog sie weiter. Ampeln. Garibaldi riß die Beifahrertür eines blauen Mustangs auf. Es dauerte nicht lange. »Sie holen auf!« stieß sie atemlos hervor. der dort geparkt war und rief: »Steigen Sie ein!« Catherine fiel auf den Sitz. Der Mustang schien vom Boden abzuheben.« 159 . Sie erreichten die Straße an der Rückseite der Häuser. »Auch das noch…«. Sie rang nach Luft und glaubte. »Wenn Sie noch beten können. Als er mit quietschenden Reifen anfuhr. »dann sollten Sie es jetzt tun. Hinter ihnen leuchteten die Scheinwerfer ihrer Verfolger. Garibaldi ließ den Motor an. Sie hörten weitere Schüsse. bis hinter ihnen Scheinwerfer auftauchten. Frau Doktor«. Lichter. daß sie sich in einer Sackgasse befanden. Der blaue Mustang raste durch die verlassene Straße.zwei Mietshäusern. Catherine glitt auf dem glitschigen Beton aus und fiel gegen eine Hauswand. das Herz werde ihr zerspringen. Catherine kauerte sich noch immer keuchend in den Sitz. heulte in der Nähe ein anderer Motor auf. Garibaldi bog um die nächste Ecke und gab Vollgas. Catherine riß die Augen auf und sah mit Entsetzen.

Die Arbeit wartete. hatte er diese Farbe noch nie gesehen. Woher mochte das kommen? Er richtete den Blick auf den Petersplatz. Die Italiener der Vergangenheit und der Gegenwart mußten sich mit ihrem Anteil an Stürmen und Überschwemmungen abfinden. als den. daß die Sinne nicht mehr so zuverlässig waren wie früher. scheinen wahrhaftig keine gewöhnlichen Wolken zu sein. Natürlich gab es auch in Rom graue Himmel. Gab es einen besseren Ort. die bereits überforderten Sicherheitskräfte des Vatikans vor nahezu unlösbare Probleme stellte. dachte der Kardinal verwirrt. War seine seltsame Farbe ein Zeichen kommenden Unheils? Er schüttelte den Kopf. die alle Rekorde brach. Es war Winter. Seine Eminenz machte den Menschen dort unten keinen Vorwurf. Rom Kardinal Lefevre wurde das Gefühl nicht los. Man befürchtete das Schlimmste und hatte die Städtische Polizei um Hilfe gebeten. Aber das.Der Vatikan. Mit siebzig mußte man sich damit abfinden. wo eine Menschenmenge. Vielleicht sollte er seine Augen untersuchen lassen. Sie hatten Angst. daß der Himmel an diesem Vormittag eine sehr ungewöhnliche Farbe hatte. und er durfte seine Zeit nicht damit 160 . das Ende der Welt stehe bevor. wie an jedem anderen Tag auch. Alle behaupteten. Wenn er es sich recht überlegte. Unsinn! Der Himmel war der Himmel. um die Heerscharen der Hölle zu erwarten. Er gab sich einen Ruck. Es war Regen vorhergesagt. wo der heilige Petrus den Märtyrertod erlitten hatte? Lefevres Augen richteten sich wieder auf den Himmel.

um die Menschenmassen unter Kontrolle zu halten. Die große 161 . »Unglaublich!« »Eminenz?« Der Kardinal faltete das Blatt schnell zusammen. »Ich bitte die Störung zu entschuldigen. die an den Feierlichkeiten zum zweitausendsten Geburtstag Christi teilnehmen würden. Und…?« »Ja. Beim Lesen der Mitteilung hoben sich seine buschigen weißen Augenbrauen. In der ganzen Stadt gab es kein einziges freies Zimmer mehr. Fuchs auf. daß ich ihn in einer äußerst dringenden Angelegenheit sofort sprechen muß. Eure Eminenz. Eure Eminenz. »Ja. Diesmal blickte er auf die Stadt. wo sich die Akten stapelten. trat Kardinal Lefevre wieder ans Fenster. Während Ihrer Audienz bei Seiner Heiligkeit traf diese Nachricht für Sie ein.« Die Augen des Priesters wurden eine Spur größer. daß er über die Farbe des Himmels nachdachte… Als er sich an seinen Schreibtisch setzte.vergeuden. Im vergangenen Jahr hatte sich Rom auf zusätzliche zehn Millionen Besucher vorbereitet. Fuchs darauf aufmerksam.« Lefevre brach das Siegel und zog ein Blatt Papier aus dem Umschlag. Eminenz?« »Machen Sie Dr. erschien ein junger Priester in langer schwarzer Soutane in dem Büro. Er leitet das Archäologische Institut der Universität von Rom. schob es in die Tasche seiner roten Soutane und sagte: »Bitte nehmen Sie unverzüglich Kontakt zu Dr. Den Berichten nach war diese Zahl inzwischen weit überschritten. und man würde über kurz oder lang militärische Unterstützung brauchen.« Als der junge Mann gegangen war. Sagen Sie ihm. daß die Angelegenheit streng geheim ist.

Frage. bekreuzigte sich Kardinal Lefevre und blickte unwillkürlich wieder besorgt zum grauen Himmel hinauf. 162 . die nicht nur in Rom. war: Würde mit Beginn des Jahres 2000 eine apokalyptische Katastrophe über die Menschheit hereinbrechen? Beim Gedanken an die beunruhigende Nachricht. sondern auf der ganzen Welt alle Gläubigen bewegte. die er gerade erhalten hatte.

während die Stimmen von Catherine Alexander und Daniel Stevenson in dem schwarzen Pontiac zu hören waren. Es waren noch andere Amerikaner in der Menge. auf dem Sie das Gespräch aufgezeichnet haben. Vielleicht spricht er auch nicht von mir.« »Spielen Sie noch einmal das Band ab. Havers.« Zeke hielt den Kassettenrecorder dicht an das Funkgerät und vermied es. Kalifornien »Was sagen Sie. Wenn sich die beiden Archäologen in der Wohnung bewegten. zum Beispiel ein katholischer Priester…« 163 . auch sein Bild auf dem Monitor wirkte gelassen. erklärte Zeke. »Ich möchte. Ist das klar?« »Ja. »Aber in diesem Augenblick tauchte ein Streifenwagen auf und…« »Mir ist völlig gleichgültig. auf das flimmernde Bild seines Auftraggebers zu blicken. Havers. Als das Tonband abgelaufen war. was geschehen ist«. Sie saßen in ihrem Wagen. waren ihre Stimmen laut und deutlich zu hören. unterbrach ihn Miles. fragte Miles: »Wie hat er Sie erkannt. Zeke hatte überall in Stevensons Wohnung Wanzen verteilt. Zeke? Sie sind Ihnen entkommen!« Die Stimme von Miles Havers aus dem Lautsprecher klang zwar wie immer beherrscht und ruhig. als der Wagen in eine Sackgasse einbog«. und der Regen prasselte auf die Windschutzscheibe. daß Sie die Frau finden und mir diese Schriftrollen beschaffen. sie säßen in der Falle.Santa Barbara. »Wir glaubten schon. Mr. Mr. Zeke?« »Ich weiß nicht. aber Zeke und seinem Partner entging der Zorn ihres Auftraggebers nicht.

was gesprochen wurde.»Ein Priester!« Miles lachte höhnisch. Sobald sie gehört hatten. »Stevenson spricht vielleicht nicht von Ihnen.« »Was ist mit den Photos. Sie sollten alles aufnehmen. und mit dem Eingreifen warten. Daraufhin hatte Miles jemanden beauftragt. als komme sie gerade von ihrer AerobicStunde. Als Zeke sah. Während das Bild gesendet wurde. wußte er instinktiv. Den Männern von Havers war es in New York nicht gelungen. wie die Archäologin mit der blauen Tasche über der Schulter das Haus betrat. Außerdem setzte er Zeke und seinen Partner auf Daniel Stevenson an. Catherine Alexander am John F. daß sich die Schriftrollen dort befanden. der auf dem Armaturenbrett lag. konnte Zeke seinen Zorn nur mühsam unterdrücken. sein Telefon anzuzapfen und die Wohnung abzuhören. nahm ein Photo heraus und legte es in den tragbaren Scanner. Sie hatten den Auftrag. Alles hätte anders sein können. wie Dr. Aber die Frau war ihnen entkommen. ihre Wohnung in Santa Monica zu überwachen. Wir müssen so schnell wie möglich sein Tagebuch haben. Kennedy-Flughafen aufzuspüren. waren Zeke und sein Partner in die Wohnung eingedrungen und hatten Stevenson ausgeschaltet. aber wir dürfen kein Risiko eingehen. bis sie den sicheren Beweis hatten. die Stevenson erwähnt? Haben Sie die Aufnahmen?« Zeke griff nach dem blutbefleckten großen blauen Umschlag. Alexander sagte: »Ich habe sie hier bei mir«. wenn er bei einem Auftrag versagte. daß sich die Schriftrollen in 164 . Es gefiel ihm nicht.« »Ja. Schuld daran waren die Anweisungen. Sir. Das hatten sie getan.

»Es sind höchstwahrscheinlich Aufnahmen der Schriftrollen. würde er auf die Anweisungen pfeifen und sich auf seinen Instinkt verlassen. als wir die Wanzen verteilt haben. Mr. daß sie mit den Schriftrollen geflohen ist?« »Sie befanden sich in einer blauen Tasche.« Miles schwieg bedrohlich lange. Wir hatten keine Zeit. dann sagte er: »Ich 165 .« »Haben Sie die Wohnung von Stevenson durchsucht?« »Am Vormittag. Das nächste Mal. Havers. Er hätte die Frau und die ›Ware‹ auf der Stelle gehabt.der Tasche befanden. aber nicht damit gerechnet. sagte Miles. Wir hatten ihren Wagen fahruntauglich gemacht. so schwor er sich stumm.« »Sie sind sicher. Ein paar Photos sind aus dem Umschlag gefallen. daß ihr jemand helfen würde. Vielleicht war es ein Fremder. daß den Originalen etwas zustoßen sollte. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung haben wir kein Tagebuch gefunden.« »Wo ist das Tagebuch. »Wir haben ihn nur undeutlich gesehen und wissen nicht. ob sie ihn kannte. Haben Sie alle?« »Nein. das Stevenson erwähnt?« »Wir wissen es nicht. Aber er hatte seine Anweisungen und mußte sich daran halten. »Gut«. Wir mußten die Frau verfolgen.« »Was ist das für ein Mann. vermutlich eine Sicherheitsmaßnahme für den Fall. Wir haben allerdings das Kennzeichen des Fluchtautos. mit dem sie geflohen ist?« wollte Miles wissen. sie aufzuheben. die sie bei sich trug. Er und diese Alexander müssen die Schriftrollen und die Photos im Reisegepäck gehabt haben. Es befand sich nichts Wertvolles dort.

schicke jemanden. dann würde sie sich wünschen. Havers. Beschaffen Sie die Schriftrollen und Stevensons Tagebuch. Sie könnte morgen schon Hunderte von Meilen entfernt sein. es wird ihr nicht gelingen. Wo immer sie auch sein mag. »In zwei Stunden werden meine Leute in Santa Barbara sein.« »Sorgen Sie dafür. nie geboren worden zu sein. Zeke hatte sich bereits geschworen: Wenn er Catherine Alexander das nächste Mal sah. Sir. Sie fuhren auf der Hauptstraße durch Santa Barbara. Mr.« »Oder sie ist nicht weit gekommen. sagte Miles.« »Noch etwas. Sobald wir diese Alexander aufgespürt haben. werden Sie die Verfolgung aufnehmen. »Was für Männer waren das? Warum haben sie geschossen?« Catherine blickte immer wieder unruhig zurück. daß Sie ständig über Funk erreichbar sind.« Der letzte Befehl war unnötig. Sie dürfen auf keinen Fall die Gegend verlassen.« »Ja. sich lange zu verstecken. Mr. Havers. weil immer mehr Leute noch spät abends Weihnachtseinkäufe machten. der die Photos abholt. darf niemand den Eintrag lesen. daß er die zulässige Höchstgeschwindigkeit nicht überschritt. »Was hat das eigentlich alles zu bedeuten?« fragte Garibaldi und achtete darauf. Die 166 . Wenn er Sie erkannt hat. bis Catherine Alexander gefunden ist.« »Entschuldigen Sie. Zeke! Diesmal darf sie Ihnen nicht entkommen. Der Jet ist startbereit«.« »Ja. Der Verkehr nahm zu. Fahren Sie zum Flughafen in Santa Barbara und warten Sie auf meinen Privatjet. Danach suchen Sie sich ein Hotel.

fahren Sie einfach weiter. »Sagen Sie mir. Wir haben sie abgeschüttelt. Verfolgten die Killer sie noch? »Fahren Sie weiter«.Scheinwerfer der Autos erinnerten an eine weiße Lichterkette.« Mit einem prüfenden Blick auf Catherine fragte er: »Was ist mit Ihnen?« »Also gut. »Das weiß ich nicht!« stieß sie zitternd hervor. »Was sind das für Männer gewesen?« Catherine verschränkte die Arme und schloß die Augen. was los ist!« begann Garibaldi noch einmal. Wir sollten erst etwas Abstand zwischen uns und sie bringen. es ist zu gefährlich. »Wohin? Ich kenne mich hier nicht aus.« Er schwieg und flüsterte dann: »Gott sei seiner Seele gnädig. antwortete sie tonlos und begann zu zittern.« »Warum nicht?« fragte Garibaldi. und ich muß etwas tun. »Wer waren diese Männer?« »Sie haben Danno ermordet«.« »Gehen wir nicht zur Polizei?« »Nein! Auf keinen Fall gehen wir zur Polizei. zurückzufahren. »Aber sie… sie haben auf uns geschossen. was zu tun ist. Er ließ den Rückspiegel nicht aus den Augen und musterte die nachfolgenden Wagen.« »Ich finde. »Diese Kerle sind brutale Killer!« Sie preßte die Lippen zusammen und schloß die Augen. »Sie haben meinen Freund umgebracht. aber sie können jeden Augenblick wieder 167 .« Sie schüttelte stumm den Kopf. dann können wir in Ruhe überlegen. Danno.« Sie drehte sich um und starrte durch die regennasse Windschutzscheibe. »Das… das werden sie büßen! Fahren Sie zurück. murmelte sie. als sie vor einem Kaufhaus anhalten mußten.

»Fahren Sie auf die Standspur und halten Sie an. und ein Cadillac hupte laut. sagte sie gequält. Garibaldi zuckte entschuldigend mit der Schulter. Danno liegt in einer Blutlache… »Nach rechts«. Die bunten Lichter der Schiffe spiegelten sich im schwarzen Wasser. »Sie sind verletzt!« »Es ist nur ein Streifschuß…« Aber Catherine sah. daß er nur mit einer Hand lenkte. Sie drehte sich um. Die Scheinwerfer hinter ihnen verschwammen im Regen. Jetzt sah sie deutlich das Blut an Garibaldis Arm.« Sie näherten sich dem Yachthafen. es ist nichts…« »Halten Sie an. wir halten den Verkehr auf. Alexander. Catherine fiel plötzlich auf. Die Finger waren blutig. Der Mustang fädelte sich nicht besonders rücksichtsvoll in den fließenden Verkehr ein. fahren Sie weiter«. »Was haben Sie?« Er umfaßte mit der rechten Hand den linken Arm.auftauchen. »Fahren Sie nach Norden. »Sie brauchen einen Arzt!« »Nein. Ein Camarro mußte bremsen. daß er unnatürlich blaß war und daß Schweißtropfen auf seiner Stirn standen. In welche Richtung. »Dr. Catherine biß sich auf die Unterlippe. »In welche Richtung soll ich fahren?« fragte Garibaldi. Schnell setzte sie sich hinter das Steuer. Ich werde mich ans Steuer setzen. zur Fahrerseite lief.« Garibaldi mußte die Fahrbahn wechseln. bitte?« In welche Richtung. ohne auf die vorbeirasenden Autos und den strömenden Regen zu achten. widersprach er.« »Nein.« Der Mustang stand noch nicht richtig. Ich weiß es nicht. als Catherine schon aus dem Wagen sprang und. »Diese Kerle 168 .

sind vielleicht noch hinter uns. »Sagen Sie mir endlich«.« Sie fuhren eine Weile am sturmgepeitschten Meer entlang.« »Haben sie es bekommen?« »Nein. brauste vorbei und verschwand in der Regennacht. »Drücken Sie das auf die Wunde. begann Garibaldi noch einmal. »Ich habe etwas. Ich möchte ihnen nicht noch einmal begegnen. Wie die Schüsse beweisen. »was für Männer das waren. Sie mußte die Ruhe bewahren und nachdenken. »Ich kann nicht zur Polizei gehen. In letzter Sekunde bog Catherine bei der Ausfahrt San Marcos Road ab und erntete dafür prompt ärgerliches Hupen. Der erste Wagen setzte sofort zum Überholen an. das diese Männer wollten. sagte sie und zog ein Taschentuch aus ihrer Jacke. Die Scheibenwischer bewältigten den Regen kaum.« »Ich habe sie noch nie im Leben gesehen. Warum nicht?« Sie nahm den Fuß vom Gaspedal.« »Warum haben sie Ihren Freund umgebracht?« Die Tränen stiegen ihr in die Augen.« »Warum nicht?« Sie sah ihn an. daß ihr zwei Wagen folgten. dann erreichten sie den Highway 154. »Hier«.« Er musterte sie einen Augenblick und sagte dann: »In der Sackgasse haben Sie die Polizisten im Streifenwagen nicht um Hilfe gebeten. Sie durfte nicht weinen. und sie biß sich auf die Lippen. meinen sie es ernst.« Catherine reihte sich in den Verkehr ein und starrte geradeaus. »Ich kann nicht…« Sie umklammerte das Steuer fester. Der zweite Wagen verlangsamte ebenfalls das Tempo. »Wie kommen Sie eigentlich hierher… 169 . Im Rückspiegel sah sie.

ob ihnen jemand folgte. Rancho San Marcos. Stagecoach Road. Im Regen sah sie Kiefern und felsige Canyons. Also schien es sich um jemanden gehandelt zu haben. Auf großen Tafeln warb ein Weingut für den Besuch seiner Kellerei. und beinahe hätte sie die Kontrolle über den Wagen verloren. daß der Wagen hinter ihnen in eine kleine Straße abgebogen war.« »Zuerst bringen wir noch ein paar Meilen zwischen uns und die Männer. Seitdem blieb hinter ihnen alles dunkel. Im Rückspiegel hatte sie gesehen. »Wir müssen uns so schnell wie möglich die Wunde ansehen. Wieso standen Sie plötzlich vor Daniels Apartmenthaus?« »Ich habe Sie gesucht…« Er verzog das Gesicht. die zerbrochene Brille… Halb unbewußt nahm sie die Hinweisschilder am Straßenrand wahr: Chumash Painted Caves State Historical Park. Sie fuhren in die Berge. Der Verkehr ließ sichtbar nach. Eindeutig hatte er Schmerzen.« Catherine biß die Zähne zusammen und starrte auf die Straße. Sie fuhren schweigend weiter.« Er seufzte und sah sie an. »He!« rief er und griff schnell ans Lenkrad. Die Straße wurde enger und wand sich in Kurven nach oben. »Wie geht es Ihnen?« »Ich weiß nicht… ich bin… Daniel…« Sie begann wieder zu zittern. der hier wohnte. »Nehmen Sie den beiden nicht die Arbeit ab. Garibaldi drückte eine Hand auf die Wunde und stöhnte manchmal leise. was mit Daniel geschehen war – das viele Blut. Catherine zwang sich. nicht an das zu denken.Ich meine nach Santa Barbara. und nach zwanzig Meilen würden sie 170 . Ihre Zähne schlugen aufeinander. Jetzt würden sie schnell feststellen.

Es war inzwischen beinahe elf Uhr abends. da kommen Lichter. sagte Catherine und sprang aus dem Wagen. dann sind sie bestimmt geschlossen. Garibaldi bemerkte es ebenfalls. daß das Benzin zur Neige ging. wohin wir fahren?« fragte Garibaldi schließlich.« Er drehte sich leise stöhnend um und blickte auf die dunkle Straße hinter ihnen. »Wissen Sie eigentlich.Anderson’s Pea Soup Restaurant erreichen. »Da vorn links ist 171 . ob es hier überhaupt Tankstellen gibt. Sie rannte durch den Regen. »Ich sehe keinen Wagen.« »Ein Motel! Vielleicht können wir dort einen Kanister Benzin kaufen.« Aber als Catherine den Wagen verlangsamte und in den unbeleuchteten Parkplatz einbog.« »Ich weiß nicht. sahen sie nur dunkle Fenster und ein Büro mit Notbeleuchtung. Dann sah sie zu ihrem Entsetzen. Er schien aber nicht mehr so blaß zu sein. und wenn.« Catherine warf einen Blick auf die Digitaluhr. Vor den Zimmern standen keine Wagen. ohne die Benzinanzeige aus dem Auge zu lassen. Wir haben sie bestimmt abgehängt. »Wir müssen wohl oder übel bald anhalten. antwortete sie.« »Was ist das vor uns? Ich glaube. »Nein«. »An der Bürotür hängt ein Schild«. Sie sah ihn von der Seite an. kam aber schnell zurück. Die Armaturenbeleuchtung ließ sein Gesicht grünlich schimmern. Die ›Zimmer frei‹-Tafel war abgeschaltet. »Was steht dort?« »›Zur Zeit geschlossen!‹« Langsam fuhr sie durch den Regen weiter. »Haben Sie eine Ahnung?« »Ich kenne mich in dieser Gegend nicht aus.

Das Blut an seinem Arm war inzwischen verkrustet. Beim Näherkommen sahen sie enttäuscht das rote Leuchtschild ›Kein Zimmer frei‹. Ich erkundigte mich bei ihm. für Sie sei neben Briefen ein Päckchen gekommen. Mylonas hat Sie energisch verteidigt.« »Als der Beamte weg war. »Dieser Regen und dann kein Motel«. war völlig durcheinander. denn er traut den Postbeamten in Scharm el Scheich nicht. Der Beamte schien der Meinung zu sein. Ich 172 . wo Sie wohnen. der Besitzer. »Warum haben Sie mich gesucht?« fragte sie.« »Wie sind Sie auf die Idee gekommen. Aber der Beamte deutete an.« Catherine biß sich auf die Lippen. Mylonas wollte das Päckchen nicht zurückschicken. Sein Stellvertreter hatte es angenommen. Mr. Sie seien wegen dringender Familienangelegenheiten abgereist. Er machte sich Gedanken. daß er Schmerzen hatte. Das Motel war ebenfalls geschlossen. sagte Garibaldi. Er erklärte. Eine Wertsendung kann unter Umständen spurlos verschwinden. Ein ägyptischer Beamter hat Sie gesucht. das Päckchen mitzunehmen und es Ihnen zu bringen.ein Motel!« rief Garibaldi. »Ich wette. bot ich ihm an. um die Post abzuholen. Mylonas war immer sehr freundlich zu mir. und er sagte in Kalifornien. ich könnte in Santa Barbara sein?« »Ich hatte nicht damit gerechnet. daß Sie etwas Falsches getan hätten. »Mr. zog er mich ins Vertrauen. Er sagte. denn es war eine Wertsendung. »Im Hotel Isis herrschte gestern morgen große Aufregung. Er hatte keine Ahnung. Mylonas. Mr. Sie dort zu finden. Sie hätten etwas gestohlen. daß Sie nicht mehr da waren. aber Catherine sah. Da ich ohnehin über Los Angeles zurückfliegen wollte. wir werden die Nacht mit Norman Bates verbringen…« Er lächelte. Mr. Aber ich habe Sie in Ihrer Wohnung in Santa Monica nicht angetroffen.

als sei ein Teil von ihr in Daniels Wohnung zurückgeblieben. werden sie den Wagen nicht sehen. Während sie das Licht anmachte und den Thermostat der Klimaanlage regulierte. sagte sie zu Garibaldi und ging in das Büro. ihn anzusehen.wollte das Päckchen dem Absender geben. Schaffen Sie es bis zum Eingang?« Sie liefen durch den Regen. und Catherine schloß schnell die Tür auf. »Nummer fünfzehn… am Ende. obwohl ich in Chicago lebe!« Catherine zwang sich. »Sie können uns erst morgen früh Benzin verkaufen. was geschehen war »Die Wunde 173 . Später würde noch genug Zeit sein. »Ich bin noch nie angeschossen worden. Catherine war völlig gefühllos. Ich habe ein Zimmer genommen. Daniel Stevenson. Dr. Der Besitzer hat die Schlüssel für die Pumpen bei sich. achtete sie kaum auf die häßliche in Braun und Orange gehaltene Einrichtung und den abgetretenen gelblichen Teppichboden. Santa… He! Lichter!« »Das sieht nach einem Motel aus!« Catherine fuhr erleichtert von der Straße ab und hielt vor dem hell erleuchteten Gebäude an. Kurze Zeit später kam sie zurück.« »Das Päckchen ist von Daniel?« »Ja. »Bleiben Sie hier«. über alles nachzudenken. Pedregosa Street. Sie sah auch nicht die bunten Bilder auf dem Fernseher. das ist unser Zimmer.« Sie fuhr zur Rückseite des Motels. Garibaldi nahm das Taschentuch vom Arm und wickelte den Hemdsärmel hoch. Vor den dunklen Türen standen nur wenige Wagen. mit denen für die Kinofilme der Woche geworben wurde. Wenn die Killer uns suchen. Ich parke den Wagen unter den Bäumen.

dann hatte er auch das ausgezogen.« Er hatte das Hemd ausgezogen und den Stehkragen abgeknöpft. Machen Sie auf.« Mit der blauen Tasche über der Schulter rannte sie durch den Regen zum Büro. wie die Sicherheitskette zurückgeschoben wurde. Immer noch keine Antwort.« Dann öffnete sie den Verbandskasten. Er hatte ein Handtuch um die Wunde gewickelt. richtete sie den Blick schnell auf den verletzten Arm. Sie trat ein und schloß wieder ab.« Nichts rührte sich. »Woher haben Sie den?« fragte er und setzte sich neben 174 . »Warum haben Sie nicht aufgemacht?« fragte sie und legte die Vollkornkekse. Sie trat ein paar Schritte zurück und sah Licht durch den Vorhang. aber es ist nicht weiter schlimm. ich bin es. »Ich war im Bad und habe Wasser laufen lassen und das Klopfen nicht gehört. muskulösen Oberkörper sah. sagte sie. Feigenrollen und Cola-Dosen auf den Tisch vor dem Fenster. keine Kugel…« Sie legte die blaue Tasche auf das Bett am Fenster: »Setzen Sie sich. Auf dem Rückweg kaufte sie an einem Automaten noch etwas zu knabbern und zu trinken. Endlich hörte sie. Nach kurzem Überlegen nahm sie das blutige Taschentuch und wickelte es sich um die Hand. Kartoffelchips. »Ist es schlimm?« »Die Wunde schmerzt. »Schließen Sie hinter mir ab. und die Tür ging auf.muß behandelt werden«.« »War es wirklich nur ein Streifschuß oder steckt eine Kugel im Arm?« »Nein. Als sie seinen nackten. Sie blickte auf das Nummerschild der Tür: ›15‹. Wenn er ein Unterhemd trug. Dann klopfte sie leise an der Tür Nummer fünfzehn und rief: »Vater Garibaldi. antwortete er. »Tut mir leid«. Sie klopfte noch einmal.

Sie hat mir den Verbandskasten verkauft. »Das mit dem Mord. Und ich möchte nicht denken. und dann… »Vater Garibaldi. warum sind Schußwaffen erlaubt? Warum sind sie nicht grundsätzlich verboten? Warum bringen sich Menschen gegenseitig um? Warum… warum gibt es soviel Gewalt auf der Welt?« Als sie seinen teilnahmsvollen Blick sah. Sie begann zu schluchzen. Sie nickte stumm. »Ich habe der Frau im Büro gesagt. den Koffer mit einem Messer zu öffnen.« Ich muß mich auf etwas konzentrieren. Garibaldi fragte: »Was wollen Sie jetzt tun? Ich meine. noch nicht… Catherine desinfizierte schweigend die Wunde und verband sie sorgfältig mit einer Mullbinde. Sie wußte nicht. »Geht es Ihnen wieder besser?« fragte er. »Entschuldigen Sie. Den weißen Priesterkragen sah sie nicht. 175 . sonst fange ich an zu denken. ich…« Sie lief ins Bad und ließ sich kaltes Wasser über Gesicht und Hände laufen. Als sie ins Zimmer zurückkam. so zu sterben! Das Messer… das Blut… O Gott!« Sie sprang auf.sie. brach ihr Widerstand zusammen. was sie tun sollte.« »Wollen Sie das wirklich tun? Ich kann ins Bad gehen und die Wunde selbst verbinden. Ihre Welt schien in Stücke gebrochen zu sein – zuerst der Streit mit Julius. das hätte nicht geschehen dürfen! Niemand hat es verdient. und mich dabei geschnitten. »Ist ja schon gut«. wenn Sie nicht zur Polizei gehen…« Sie schüttelte nur stumm den Kopf. sagte Garibaldi tröstend. hätte sie am liebsten geantwortet. ich hätte meinen Kofferschlüssel verlegt und versucht. Ich muß mich beschäftigen. hatte Garibaldi ein frisches Hemd angezogen – ein schwarzes Hemd mit kurzen Ärmeln. Verzweifelt schlug sie die Hände vor das Gesicht.

denn auf einer der Fresken legt eine Frau.« »Oder Sie wären ebenfalls tot«. »Es ist von Danno«. Das ist kein Witz! Als ich das Grab entdeckte. was ich Dir schicke. Dieses kleine Kunstwerk habe ich in einem Laden in Cozumel entdeckt und wußte sofort. konnte ich kaum glauben. auf dem Wandbild trägt sie jedenfalls genau das. Aber im Laufe der Jahre sind einzelne Funde wieder aufgetaucht. das aus dem Grab stammt. Das bist du Danno schuldig. wie genau die Jade mit der Farbe Deiner Augen übereinstimmt. Frohe Weihnachten 176 . Mylonas für Sie gegeben«. Behalte die Nerven. Daniel hatte als Absender seine Adresse in Kalifornien angegeben. sagte er und reichte ihr das Päckchen. daß das Päckchen in Cozumel. und ich war noch nie in Kalifornien. Du mußt die Sache zu Ende führen. aber Catherine sah an den Briefmarken und dem Poststempel. war es leer. Cathy! Das soll eine Überraschung für Dich sein! In Deinen Händen hältst Du etwas. erwiderte sie tonlos und starrte auf das Päckchen. Darauf lag ein Brief. »Wäre ich doch nur etwas früher gekommen. Mexiko. denn es ist bestimmt schon vor Jahrhunderten ausgeraubt worden. dann hätte ich Ihrem Freund vielleicht das Leben retten können. Ich fand es interessant. daß es aus ‹meinem› Grab stammt. aufgegeben worden war. nach Santa Barbara zu fahren…« Er seufzte. sagte sie sich vor. Mit Tränen in den Augen las sie: ›Hallo. Vorsichtig entfernte sie das braune Packpapier.Keine Gefühle. »Wissen Sie. eine der eher friedlichen Gottheiten im MayaPantheon! Nun ja. Eine kleine Schachtel kam zum Vorschein. die meiner Meinung nach die Königin ist. Mais als Opfergabe auf den Altar einer Erdgöttin. murmelte sie und legte es auf den Schoß. ich habe immer noch Urlaub. Als ich es entdeckte. »Das hat mir Mr.

Daniels Augen wurden starr vor Entsetzen.‹ Ein anderes Bild drängte sich ihr auf. »Was haben Sie vor?« »Daniel hat gesagt. »Möchten Sie. ohne zu bemerken. In Gedanken sah sie Daniel. was Karaoke ist. Es tut mir leid. Er hat es in sein Tagebuch geschrieben. wer mich verfolgt. daß Garibaldi den Blick nicht von ihr wandte. Der Mann riß ihm den Kopf zurück. daß Sie deshalb beinahe erschossen worden sind. Sie nahm ihn heraus. »Was ist?« 177 . Dort werden wir sehen.« Sie holte tief Luft und fand ihre Fassung wieder. daß Sie mir das gebracht haben.« Sie stand auf und stellte Daniels Laptop auf den Tisch. daß ich mit Ihnen bete?« »Nein«. und plötzlich war alles voll Blut… Catherine vergrub ihr Gesicht in den Händen.‹ Sie öffnete die kleine Schachtel und fand in Watte gebettet einen Jadeanhänger. Vater Garibaldi. Sie hob das Band über den Kopf und legte es um den Hals. er weiß.« Sie klappte den Deckel auf und holte tief Luft. Er trug ein T-Shirt und sagte lachend: ›Mach mir nichts vor.« »Und dann?« »Dann werde ich die Polizei benachrichtigen. Sie spürte eine sanfte Berührung an den Schultern. Das wünscht Dir Danno. »Dazu ist mein Zorn zu groß.und ein glückliches neues Jahrtausend. Cathy. Sie betrachtete ihn lange und lauschte dabei auf den Regen. wer diese Männer sind. Sein Tagebuch ist in dem Computer. Ich weiß. Der Anhänger reichte bis zu ihren Brüsten. das Messer blitzte. Es war ein Jaguar an einem Lederband. »Aber ich danke Ihnen. erwiderte sie tonlos.

»Versuchen Sie es mit ›Blitz‹.« Sie versuchte es mit einigen Worten. »Es gibt ein paar Begriffe. wollte etwas sagen. sagte Catherine.»Das bin ich«. »Ein Photo von mir auf Dannos Laptop! Wieso?« Garibaldi betrachtete das Photo. »O nein!« »Was gibt es?« fragte er.« »Ich kenne Daniels Paßwort nicht. »Versuchen Sie es mit ›Nonnenschule‹«. Garibaldi schüttelte den Kopf und murmelte: »Es kann eine Ewigkeit dauern. Er setzte sich vor den Laptop und tippte ein Wort nach dem anderen ein. sagte Garibaldi. die viele Leute verwenden«. Dann sah er die Meldung auf dem Monitor: BITTE PAßWORT EINGEBEN »Sie müssen sein Paßwort kennen. flüsterte sie verwundert. sagte sie zu Garibaldi. um die Dateien öffnen zu können. unterließ es aber. die mit Daniels Interessen zusammenhingen – Spock. Catherine fand den Ein/Aus-Schalter und startete den Computer. bis wir das richtige Paßwort finden.« Garibaldi tippte ›Stanford‹. Kein Erfolg. Klingon.« Plötzlich wurde der Raum von grellem Scheinwerferlicht 178 . Asimov – ohne Erfolg.« Kein Erfolg. »Wie wäre es mit ›Phönix‹?« Catherine schüttelte den Kopf und stand auf.« »Dann lassen Sie sich etwas einfallen. erhielt aber jedesmal dieselbe Meldung: UNGÜLTIGES PAßWORT: BITTE RICHTIGES PAßWORT EINGEBEN! »Wo hat er studiert?« »In Berkeley. »Versuchen Sie Ihr Glück«.

erhellt. Garibaldi sprang auf, und Catherine wich bis an die Wand zurück. Die Lichter wanderten weiter, und Garibaldi schob den Vorhang etwas zur Seite. Ein weißer Lieferwagen fuhr auf den Parkplatz vor dem Nebenzimmer. Garibaldi zog den Vorhang wieder zu. »Falscher Alarm.« Sein Blick fiel auf das Photo neben dem Bildschirm von Daniels Laptop. »Probieren Sie es mit Ihrem Namen«, sagte er. »Warum?« »Warum nicht?« Sie setzte sich und tippte ›Catherine‹. Als wieder die Falschmeldung kam, versuchte sie es mit ›Alexander‹.
UNGÜLTIGES PAßWORT: BITTE RICHTIGES PAßWORT EINGEBEN!

»Was nun?« murmelte sie und starrte auf den Monitor. »Ich werde etwas versuchen.« Garibaldi nahm den Laptop aus der schwarzen Ledertasche und teilte ihn auf den Tisch. Dann suchte er nach den seitlichen Entriegelungen und nahm die Tastatur ab. Jetzt konnte man in das Innere des Gerätes blicken. »Manchmal«, murmelte er, »kann man das Paßwort umgehen, indem man nur…« Er betrachtete sich die Festplatte, die Steckkarten und die anderen elektronischen Komponenten, dann richtete sich seine Aufmerksamkeit auf die grüne Platine mit den Transistoren und Schaltkreisen. »Aha! Da haben wir es. Ich brauche ein Stück Metall. Haben Sie zufällig eine Haarnadel?« Sie fuhr sich mit der Hand durch die langen Haare. »Leider nein.« »Vielleicht eine Büroklammer?« Catherine durchsuchte die Seitentaschen und Fächer der
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Laptop-Tragetasche und fand eine Ersatzbatterie, das sichtlich vielgelesene Exemplar Hawksbill Station von Robert Silverberg, eine leere Kaugummipackung, einen Markierstift, einen Notizblock und – »Hier!« Während Garibaldi die Büroklammer aufbog, deutete er auf die Platine. »Sehen Sie, dort steht ›J-A23/‹! Das ist eine Kurzschlußbrücke. Wenn es mir gelingt, diese beiden Stellen miteinander zu verbinden…« Catherine sah mit angehaltenem Atem zu, wie er den Kupferdraht der Büroklammer so legte, daß er zwei dicht nebeneinander liegende Kontakte verband und ihn dann auf den Krallen festdrückte. Sofort erschien auf dem Bildschirm eine andere Meldung. »Was bewirkt die Büroklammer?« fragte Catherine, während er die Tastatur wieder einsetzte und sicherte. »Ich habe das Paßwort zurückgesetzt.« Auf dem Monitor stand jetzt:
IHRE SETUP INFORMATION HAT SICH GEÄNDERT. DRÜCKEN SIE »F2« UM SETUP ZU LADEN.

»Haben wir jetzt etwa Zugriff auf das System?« fragte Catherine. »Mal sehen«, erwiderte er und drückte die Taste ›F2‹. Auf dem Bildschirm erschien in der ersten Zeile:
SPHINXBIOS SETUP.

Garibaldi klickte auf den Menüpunkt ›Datenschutz‹ und murmelte vor sich hin: »Damit wirklich alle Paßwörter außer Kraft gesetzt sind.« Auf dem Bildschirm erschien die Meldung: BENUTZER-PAßWORT: DEAKTIVIERT! BENUTZER-PAßWORT: [EINGEBEN] PAßWORT BEI START: [DEAKTIVIERT] DISKETTE ZUGANG: [BENUTZER]
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PESTPLATTE BOOT SECTOR: [NORMAL] AUTOM. VIRUSPRÜFUNG: [DEAKTIVIERT] »Okay, Michael«, sagte er. »Speichern und dann ›Exit‹.« Er drückte ›Enter‹, und im nächsten Moment erschien das ›C-Prompt‹ links oben auf dem Monitor. »O je«, sagte Catherine. »Ich fürchte, Daniel hat seine Software nie auf den neuesten Stand gebracht. Ich weiß jedenfalls nicht, wie DOS funktioniert.« »Es ist schon eine Weile her, daß ich mit DOS-Befehlen gearbeitet habe«, sagte Garibaldi. Er tippte SCI und drückte ›Enter‹. FALSCHER BEFEHL Catherine sagte: »Daniel hat bestimmt nie Scimitar benutzt. Er lehnte Dianuba Technologies prinzipiell ab und wollte nichts mit ihrer Software zu tun haben.« »Gut, dann versuchen wir es damit«, Garibaldi tippte ›WIN‹, und sofort erschien das ›WINDOWS‹-Logo. Damit konnten sie alle Dateien auf dem Laptop öffnen. »Na also!« rief Garibaldi und schob Catherine die Tastatur hin. Sie betrachtete aufmerksam die Logos. »Jetzt muß ich nur noch herausfinden, wo Daniel sein Tagebuch abgespeichert hat.« Als sie CAPTAINS LOG sah, rief sie: »Das muß es sein!« Mit einem Doppelklick aktivierte sie den Eintrag. Auf dem Bildschirm erschien die Meldung: Szfdatbg unm Czmhdk Rsdudmrnm »Da stimmt etwas nicht!« »Es sieht nach einem Code aus«, meinte Garibaldi. »Wie kann man so etwas dechiffrieren?«
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»Die gebräuchlichste Methode ist das Ersetzen jedes einzelnen Buchstabens.« »So?« fragte Catherine, tippte das Alphabet und dann darunter: abcdefghijklmnopqrstuvwxyz egjmlakbroctwzvndpuyfshqix »Genauso. Das Wort ›Katze‹ zum Beispiel«, sagte Garibaldi, »sieht in diesem Fall dann so aus: ›Oeuxl‹.« »Wundervoll. Dann müssen wir nur eine Million Kombinationen des Alphabets ausprobieren, um den Schlüssel für den richtigen Code zu finden!« Sie trommelte nervös auf den Tisch. »Hier steht irgendwo der Name von Daniels Mörder. Ich muß ihn finden!« »Vielleicht sollten wir es wie bei den Geheimschriften machen die man in Rätselbüchern findet. Wir suchen nach Wortkombinationen wie ›es‹, ›und‹, ›das‹ usw.« Catherine runzelte die Stirn. »Ich kann mir nicht vorstellen, daß sich Danno die Mühe gemacht hat, einen komplizierten Schlüssel zu erfinden. Schließlich weiß man, daß jeder Code, auch der komplizierteste, geknackt werden kann. Ich meine, er hat das nur gemacht, um zu verhindern, daß Neugierige, die zufällig seinen Laptop in die Hände bekommen, sein Tagebuch lesen.« »Vielleicht sollten wir jeden Buchstaben durch eine Nummer ersetzen.« »Auch das ist viel zu kompliziert. Danno hat sicher nur einen Code benutzt, der sich leicht tippen und später ebenso leicht entschlüsseln läßt. Warten Sie…« Sie begann zu tippen. »Was haben Sie vor?« »Zuerst muß man denken wie Danno. Mein Freund Daniel Stevenson war ein Science-Fiction-Fan. Sein Lieblingsfilm ist…«, sie verbesserte sich, »war… Kubriks
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Odyssee 2001. Wissen Sie noch? HAL hieß der Computer. Der Name war von IBM abgeleitet, wobei die Buchstaben im Alphabet jeweils um eins nach vorne verschoben waren…« Sie begann langsam zu tippen. »Passen Sie auf:« »Tagebuch von Daniel Stevenson« »Ein Schuß ins Schwarze!« rief Garibaldi. »Gut, wonach suchen wir jetzt?« Catherine ließ den Text auf dem Bildschirm abrollen und überflog die Tagebucheintragungen. Dabei sagte sie zu Garibaldi: »An dem Abend, als wir den Sinai verließen, waren im Lager viele Menschen. Danno sagte mir, er habe ein bekanntes Gesicht gesehen… einen Amerikaner.« Garibaldi erwiderte: »Ich war zum Beispiel auch dort.« »Hier… das muß es sein.« Sie brachte den Cursor vor einen Buchstaben und tippte: D-E h-i m-n (Leertaste) L-M z-a m-n m-n usw. Als sie fertig war, stand dort: »Ein Mann mit einer häßlichen Narbe im Gesicht und kurz geschnittenen weißen Haaren. Ich weiß genau, daß ich ihn schon einmal gesehen habe. Aber wo? Natürlich, da steht er direkt vor meinen Augen! Ich blickte in den vergangenen zwei Jahren beinahe jeden Tag auf diesen häßlichen Kerl. Er arbeitet für…« »Mein Gott«, flüsterte Catherine. »Wer ist es?« Sie schob den Computer etwas zur Seite, damit er den Monitor sehen konnte: ›Lhkdr Gzudqr‹, stand dort. Garibaldi kniff die Augen zusammen und murmelte: »Miles Havers… das Computer-Genie?«

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Santa Fé, New Mexico
Teddy Yamaguchi wußte, daß viele Leute dachten, er sei lebendig begraben. Die Leute irrten sich. Computer waren sein Leben, und es gab auf der ganzen Welt keinen anderen Ort, an dem er in diesem Augenblick hätte sein wollen. Er befand sich im modernsten Kommunikationszentrum, das sich nur jemand wie Miles Havers, der reichste Mann der USA, leisten konnte. Teddy, der mit achtundzwanzig gerade das College absolviert hatte, wurde für seine Arbeit fürstlich entlohnt. Er wohnte wie in einem Luxushotel mietfrei in einem nach seinen Wünschen eingerichteten Bungalow auf dem riesigen Anwesen. Es machte ihm nichts aus, daß er sich vierundzwanzig Stunden am Tag dienstbereit halten mußte. Der Job für Miles Havers war die Erfüllung all seiner Träume, denn Teddy konnte auch in seiner Freizeit die Anlagen im Kommunikationszentrum uneingeschränkt benutzen. Manchmal bekam er wirklich schwierige Aufgaben, deren Lösung eine echte Herausforderung darstellte, aber in dieser Nacht war alles einfach. Sein Boß hatte gesagt: »Finden Sie Dr. Catherine Alexander.« So etwas war kaum mehr als Routine. Teddy trug wie immer eine schwarze Nylonhose und ein weißes T-Shirt. Die hoch rasierten dichten schwarzen Haare krönten wie ein Helmbusch seinen schmalen Kopf, und in den beiden goldenen Ohrringen brach sich hin und wieder das Licht der Wand mit den Großbildschirmen, die ihm Informationen aus aller Welt einspielten. Es sah aus, als käme Teddy gerade aus einer Star-sound-Disco und nicht aus seiner verkabelten Hacker-Schüssel, dem futuristischen Schlafzimmer, wo er sich gerade einen alten
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Filmklassiker angesehen hatte, als Havers ihn rief. Teddy setzte sich vor den 4000 210 Mhz 4-Gig HDD-Computer mit einem 128.000-bps-Modem – für ihn schon ein Oldtimer mit nostalgischem Wert. Diese Anlage würde nach der Jagd auf die Archäologin gegen ein neues, schnelleres und sehr viel komfortableres Modell ausgetauscht werden. Er wartete auf Signale von Catherine Alexanders Kreditkarten-Konto, dem Bankkonto, den Telefonkarten und Benzinkarten. Auch ihre Nummer der Sozialversicherung ließ er überwachen. Er hatte selbstverständlich auch die Nummern ihrer Bibliothekenausweise eingegeben – im Grunde alles, was irgendwo in einem Computersystem auftauchen konnte. Als unschlagbarer Hacker hatte Teddy die Systeme, in denen Catherine Alexanders Kreditkarten geführt wurden, fest im Griff. Außerdem überprüfte er das Nummernschild des Leihwagens, in dem sie geflohen war, und durchsuchte ihre persönlichen Daten nach Hinweisen, wohin sie gefahren sein mochte. Mit all diesen Informationen, die rund um die Uhr aktiviert waren, würde er sie ganz bestimmt aufspüren. Teddy mußte unwillkürlich lachen. Es war wie in Pulse, seinem Lieblingscomputerspiel: ›Suche die Frau, den Schatz und das goldene Symbol und finde den Ausgang des Labyrinths, bevor dich Gordon überfällt und ausschaltet‹. Niemand hatte bis jetzt die Rekordzeit unterboten, mit der Teddy in Pulse das Ziel erreichte. Ebensowenig würde es einem anderen gelingen, Catherine Alexander auf Anhieb zu finden. Er griff nach ein paar Snacks in der Schale neben ihm – Schokoladen-Popcorn und Gummibärchen mit einem Überzug aus braunem Zucker und Kaffee -, kaute langsam und hatte das Gefühl, mit Vollgas über die digitalen Datenautobahnen zu jagen. Man
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stelle sich das vor! Für diesen unvergleichlichen Spaß wurde er auch noch bezahlt… Manchmal konnte Teddy sein Glück nicht fassen. Bald, nachdem er 1995 sein Studium an der Stanford University begonnen hatte, wurde er verhaftet und angeklagt. Man warf ihm vor, über das Internet kommerzielle Software im Wert von mehreren Millionen Dollar verschoben zu haben. Diese Software war von Dianuba Technologies, der Gesellschaft von Miles Havers, gestohlen worden. Man sprach von dem größten aufgedeckten Einzelfall von Software-Piraterie. Aber die Anklage wurde von einem Richter niedergeschlagen, der entschied, der Student habe keine kriminelle Handlung begangen. Der CopyrightSchutz für Software bezog sich nicht ausdrücklich auf Teddys angebliches Vergehen, denn er hatte eindeutig keine finanziellen Vorteile aus seinen Manipulationen gezogen. Da die Staatsanwaltschaft jedoch glaubte, ihn irgendwie bestrafen zu müssen, warf man ihm Mißbrauch von Telefonanlagen vor. Als auch das nicht zu dem erwünschten Erfolg führte, meldete sich unerwartet Miles Havers zu Wort. Er überraschte die Öffentlichkeit, indem er dem jungen Mann großzügig alles verzieh und erklärte: ›Wir haben alle einmal gegen das System rebelliert. Es ist kein Geheimnis, daß ich in meiner Jugend im ComputerBereich auch illegale Dinge ausprobiert habe. Die Gesetze sind bis heute nicht klar und eindeutig‹. Mit dieser Äußerung war er schlagartig zum Liebling aller Computer-Freaks geworden. Das Millionenspiel mit den Medien, mit der Staatsanwaltschaft und den Gerichten hatte jedoch einen Hintergrund, von dem die Öffentlichkeit nie etwas erfahren würde. Teddy hatte über Internet das neueste Computer-Spiel verbreitet, das Dianuba Technologies
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damals gerade produzierte. Teddy hatte es gestohlen und illegal kopiert, noch bevor es auf den Markt kam. Darin lag die besondere Bedeutung, denn die Medien sprachen von dem neuen Spiel, das alle Konkurrenzprodukte überflügeln werde. Das Publikum fieberte dem Hit entgegen. Kein Wunder, daß mindestens zwei Millionen Anwender das Spiel kostenlos kopierten, weil Teddy, der Held der Hacker, auf seine Weise dem Kommerz zuvorkam und seinen Erfolg mit allen teilte, die wie er dachten. Auf diese Weise brachte er Havers um mehrere Millionen Dollar Gewinn. Die anderen SoftwareHersteller verurteilten Miles Havers, weil er Teddy Yamaguchi verzieh und auf diese Weise den ›Piraten‹ auch noch in Schutz nahm. Aber Havers schrieb nicht lange Verluste. Als ein halbes Jahr später die zweite Version des Spiels angeboten wurde, setzte es sich sofort an die Spitze und überflügelte selbst Erfolge wie Myst oder Doom. Finanzexperten errechneten, daß Havers damit nicht nur die früheren Verluste wettgemacht hatte, sondern mittlerweile mehr Gewinn erzielte, als wenn die ursprüngliche Version über legale Kanäle auf den Markt gekommen wäre. Teddy hatte noch einen Grund mehr, sich darüber zu freuen, denn das Justizministerium hatte sich an der Nase herumführen lassen. Niemand ahnte etwas davon, aber Miles Havers hatte die Sache von Anfang an so geplant. Er hatte mit Teddy Yamaguchi ein Abkommen getroffen. Dazu gehörte es, die Ursprungsversion zu ›stehlen‹. Als Havers mit ihm über diese unglaubliche Sache verhandelte, war Teddy mißtrauisch gewesen. Aber als Super-Hacker, der er tatsächlich war, begriff er sehr schnell, worauf Havers hinauswollte. Dianuba Technologies hätte das Spiel auch kostenlos im Internet
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anbieten können, wie andere Gesellschaften es mit ihren Produkten taten. Ständig waren ›Vorläufer‹ von Computerspielen im Netz, um Spieler zu werben. Man muß die Leute nur süchtig machen, hieß es in der Software-Industrie, und der Rubel rollt. Miles Havers, ein Kenner der menschlichen Natur, hatte diese Philosophie noch verfeinert. Er sagte sich, gestohlene Software sei wie der verbotene Apfel im Paradies die süßeste aller Früchte. Sein beispielloser Erfolg führte dazu, daß er inzwischen im Kreis seiner Manager laut darüber nachdachte, ob man das manipulierte ›Stehlen‹ von Software als MarketingStrategie nicht routinemäßig einsetzen sollte. Man sprach von Shareware oder Crackware – ein Suchtmittel, das so wirksam zu sein schien wie Crack, aber zehnmal höhere Gewinne brachte. Havers bot dem jungen Asiaten noch vor dem College-Abschluß an, nach Santa Fe zu kommen und für ihn zu arbeiten. Teddy zögerte nicht lange, und seit er zu Havers’ Team gehörte, stiegen die Gewinne der Gesellschaft jährlich in Millionenhöhe. Nein, das war kein schlechtes Leben, besonders wenn Teddy an die Aktienbeteiligungen dachte, die zu seinem monatlichen Einkommen hinzukamen. In fünf Jahren würde er seine Millionen abheben, auf Maui oder auf Hawaii einen Laden für Angler aufmachen und nie mehr einen Computer anrühren. Teddy warf einen Blick auf das Bildtelefon, wo er über Standleitung mit Havers verbunden war. Sein Boß befand sich im Tropenhaus. Er saß vor einer Grotte mit seltenen und schwierig zu ziehenden Pflanzen an einem künstlichen Felsenteich mit einem Wasserfall. Wie alles bei Havers war auch diese ›Landschaft‹ vollkommen. Teddys Kommunikationszentrum wurde von Computern, Bildschirmen, Druckern und der aufwendigen und komplizierten Elektronik beherrscht. Hier gab es
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keine Pflanzen, nur ein Riesenfenster mit einem atemberaubenden Blick auf die Sangre de Cristo-Berge und eine verschneite Wüste. Teddy vergaß manchmal, daß dieser Blick nur eine Projektion war, denn das Computerzentrum befand sich in einem unterirdischen Betonbunker. Havers ist ein kluger Kopf, dachte Teddy bewundernd und nahm sich noch eine reichliche Handvoll von seiner Zucker-Koffein-Nahrung. Havers lebte nach dem Motto: ›Computer bedeuten Macht. Die Kontrolle über Computer bedeutet die absolute Macht.‹ Und Havers besaß zweifellos Macht. 85% aller Computer der Welt arbeiteten mit seiner Software. 1995 hatte er seinen größten Coup gelandet, als er ein neues Betriebssystem auf den Markt brachte, das den Zugang zum Internet für alle Anwender leichtmachte. Die großen Konkurrenten wie AOL und Prodigy wollten das verhindern, aber das Justizministerium lenkte schließlich ein, und Dianuba konnte mit seinem neuen Produkt auf den Markt. Man schätzte, daß inzwischen 70% aller Online-Anwender mit Hilfe von Havers’ PC-Software Scimitar auf Internet zugreifen konnten. Teddy richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die Bildschirme und schob den Gedanken an die großen Erfolge von Havers beiseite. Er dachte auch nicht weiter über die Gründe für das Interesse von Havers an Catherine Alexander nach. Er interessierte sich nur für die Jagd durch die Computersysteme. Kaffee und Zucker taten ihre Wirkung. Teddy war hellwach und holte alle Daten von Dr. Alexander auf den Bildschirm: Ihre Vorlesungen, ihre Konferenzen, ihre Veröffentlichungen und die Telefonnummern der Organisationen, mit denen sie etwas zu tun hatte – Teddy betrachtete aufmerksam die lange Liste ihrer Aktivitäten während der vergangenen fünf Jahre. Irgendwo unter diesen Daten befand sich der goldene Schlüssel zu
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ihrem Versteck. Er würde sie in dem Labyrinth finden, bevor die Zeit für das ›Spiel‹ abgelaufen war. Miles saß in seinem Tropenhaus inmitten von Farnen und Kletterpflanzen, die er besonders liebte. Hier, am Wasserfall, konnte ihn niemand stören. Noch einmal hörte er sich in aller Ruhe das Gespräch zwischen Catherine Alexander und Daniel Stevenson an. Er achtete besonders auf die Erwähnung des Tagebuchs und die Absicht, die Verbindung zum Institut in Houston wiederaufzunehmen. Dabei blickte er auf die handschriftlichen Notizen seines Telefonats mit Zeke. »Sie hatte bei der Flucht einen Koffer, eine blaue Tasche über der Schulter und eine schwarze Tragetasche.« Eine schwarze Tragetasche. Miles trommelte mit den Fingern auf die Steinbank. War es die Tragetasche eines Computers? Vielleicht handelte es sich bei dem Tagebuch überhaupt nicht um ein ›Buch‹, vielleicht benutzte dieser Stevenson einen Computer für seine Tagebucheintragungen, vielleicht hatte Catherine Alexander diesen Computer mitgenommen, als sie aus der Wohnung ihres ermordeten Freundes floh… Miles wurde in seinen Überlegungen durch das Leuchtsignal seines Telefons unterbrochen. Teddy meldete sich. »Mr. Havers, ich habe einen Namen. Der Mann wohnt in Malibu und ist Leiter des Freers Instituts. Er heißt ›Dr. Julius Voss‹. Ich glaube, er ist mit der Alexander liiert.« Ihr Liebhaber, dachte Miles und lächelte. Das war eigentlich zu einfach. Er trennte die Verbindung und wählte eine Nummer mit der Vorwahl von Beverly Hills, West Los Angeles und Malibu. Als sich der Teilnehmer meldete, sagte er: »Hier spricht Havers. Ich habe einen Auftrag für Sie. Die Sache ist dringend und muß sofort erledigt werden.«
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Santa Ynes-Berge, Kalifornien
»Ich muß Julius anrufen!« »Einen Augenblick«, sagte Garibaldi. »Ich begreife das nicht. Wie konnte Ihr Freund Daniel den Mann mit der Narbe im Gesicht mit Miles Havers in Verbindung bringen?« »Das weiß ich auch nicht«, antwortete Catherine. »Aber Danno hat sich das bestimmt nicht ausgedacht.« Sie blickte auf den Laptop-Monitor und las noch einmal die betreffende Stelle im Tagebuch: ›Natürlich, da steht er direkt vor meinen Augen!‹ Plötzlich fiel es ihr ein! Danno meinte damit das alte vergilbte Zeitungsphoto an seinem Kühlschrank. Es stammte noch aus der Zeit, als Havers die Kopernikus-Tagebücher von den Russen gekauft hatte. Das war 1997 gewesen. Catherine kannte das Photo gut, denn sie hatte es jedesmal gesehen, wenn sie bei Danno in der Wohnung war – ein UPI-Photo des gutaussehenden und reichen Miles Havers neben einem lächelnden Russen im Vordergrund, und im Halbkreis hinter ihnen dicht gedrängt andere Herren im Anzug. Unter dem Bild stand: ›Computer-Mogul Miles Havers erwirbt Tagebücher aus dem fünfzehnten Jahrhundert‹ Neben diesem Bild klebte an Dannos Kühlschrank ein anderes mit der Unterschrift: ›Miles Havers verspricht, daß die Kopernikus-Tagebücher der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.‹ Danno hatte zu den Stimmen gehört, die Protest dagegen erhoben, daß die Kopernikus-Tagebücher in einer Privatsammlung verschwanden. Die Zeitungsausschnitte schmückten seinen Kühlschrank als Erinnerung an einen der wenigen Siege in seinem Leben. Auf beiden Photos befand sich im Hintergrund ein Mann
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daß er für die Rettung der Regenwälder eintritt! Er ist immer einer der Wortführer. Ich kann das alles immer noch nicht so recht glauben. was Sie haben. daß er mich umbringen will…« Catherine stand auf. aber Garibaldi unterbrach sie: »Warten Sie. man weiß doch. Denken Sie an seinen Feldzug gegen die taiwanesischen Importeure von Orchideen.« »Das weiß ich alles«.« Catherine setzte sich auf das Bett und nahm den Telefonhörer ab. daß er für Miles Havers arbeitet. Havers ist ein gerissener Geschäftsmann. daß es mir gutgeht. daß Danno tot ist. wenn es darum geht. Ich meine. »Ich habe den Mann deutlich gesehen. Das bedeutet allerdings…«. »Und ich weiß jetzt mit Sicherheit. sondern wird wie ein Idol verehrt.« »Wieso das?« »Ich kenne zwei Photos von ihm mit Havers. um seine Ziele zu erreichen. »Aber Miles Havers ist auch als Sammler der teuersten und seltensten Objekte bekannt. »ich kann nicht zur Polizei gehen. Nun gut. In der Öffentlichkeit ist er nicht nur geachtet. und bestimmt greift er auch zu fragwürdigen Taktiken. sagte Catherine ungeduldig. Vielleicht erfährt er. dann macht er sich bestimmt Sorgen um mich. Denken Sie nur an die Kopernikus-Tagebücher. Niemand würde mir glauben! Havers ist der reichste Mann der USA. »Ich muß Julius benachrichtigen und ihn wissen lassen. sagte sie. der Danno umgebracht hat«. Catherine stützte den Kopf in beide Hände. er ist hinter dem her. die Umwelt zu schützen und vom Aussterben bedrohte Pflanzenarten zu retten. Wenn ich behaupte.« »Sie meinen also. Aber Moral Das klingt nicht nach ihm. 192 .mit kurz geschnittenen Haaren und einer Narbe im Gesicht.

hierzubleiben.um es seiner Privatsammlung einzuverleiben?« »Die Vorstellung. dann wird er auch bald herausfinden. daß Sie sich das alles einbilden. daß Havers zwei Killer damit beauftragt hat. die Danno bei sich hatte. Aber es besteht für Sie wirklich kein Grund mehr. dann wird er mir mit Sicherheit das abjagen wollen. Und Sie müssen wirklich nichts mit all dem Wahnsinn zu tun haben. Deshalb lächelte er entschuldigend und nickte: »Sie haben recht. gab sie den Versuch auf. macht mir wirklich Angst. Sie würden gehen. Stevenson wird bald herausfinden. Ich komme allein zurecht.« »Ich habe nicht behauptet. Es ist nur schwer zu glauben. Mir wäre es lieber. Ich leide unter Wahnvorstellungen. und zwar allein!« »Wirklich? Bei diesem Wetter und ohne einen Wagen?« Seine Worte hatten nicht ironisch klingen sollen. und genießen Sie die letzten Tage Ihres Urlaubs. Und wenn Havers weiß. daß Sie mir Dannos Päckchen gebracht haben. »Es ist mir gleichgültig. daß Julius Ihr 193 . daß Julius mein Freund ist. ihn zu überzeugen. Natürlich ist Miles Havers nicht hinter mir her. daß ich mit Danno befreundet war. Ich weiß. Vater Garibaldi. Wenn Havers diese Photos sieht. Der Mörder von Dr. ob Sie mir glauben oder nicht. weshalb mein Freund Danno sonst so brutal ermordet worden ist?« rief sie erstickt. aber es ließ sich nicht vermeiden. Nehmen Sie den Wagen. Danno die Kehle durchzuschneiden. was ich habe.« Sie wischte sich mit dem Handrücken die Tränen ab und sagte traurig: »Nochmals vielen Dank. »Vergessen Sie alles.« »Können Sie mir verraten. Garibaldi senkte betroffen den Kopf. daß den Killern die Photos in die Hände gefallen sind.« Als sie Garibaldis skeptisches Gesicht sah. Ich muß so schnell wie möglich weg. Tränen liefen ihr über die Wangen.

bevor Julius seine 194 . Sein Bericht wurde von einem anderen Wissenschaftler veröffentlicht.« »Sie haben ihn nicht vor Havers gewarnt. Wie soll er wissen. sie holte Luft und sagte dann: »Ich hoffe.« »Doch«. Julius stellte später fest. hoffentlich ist ihm nichts passiert! Catherine verstellte ihre Stimme und sagte: »Dr. sagte sie. Voss. Sein Anrufbeantworter meldete sich.« Danno ist meinetwegen umgebracht worden. Ich hoffe…«. es geht Ihnen gut.Freund ist. daß sein Telefon abgehört worden war und daß man seine Aufzeichnungen ohne sein Wissen photokopiert hatte. Ich werde Sie von unterwegs anrufen. »Je weniger Julius von all dem weiß. sagte sie. während sie mit zitternden Händen wählte. Julius hat ihre Mumie untersucht. sah Garibaldi sie verblüfft an. die vor viertausend Jahren vermutlich an einem Gallenblasenleiden gestorben ist. Meritites. Sie sollten ihn anrufen.« »Ich werde ihm nicht sagen.« Als Catherine auflegte. »Sie haben nicht mit Ihrer normalen Stimme gesprochen. daß es mir gesundheitlich ausgezeichnet geht. Sie haben mir im vergangenen Jahr die Gallenblase entfernt. desto besser für ihn. Wenn Julius etwas zustoßen sollte… Aber Julius war nicht zu Hause. hier spricht Mrs. Hatte er ihre Nachricht gefunden und war allein ausgegangen? O mein Gott. Sie müssen nicht zurückrufen. daß Sie es sind?« »Er weiß es. Meritites‹?« »Eine ägyptische Königin. denn ich verreise und mache einen lange überfälligen Urlaub. Ich wollte Ihnen nur sagen. »›Mrs. wo ich bin oder was ich über Danno weiß«. Es gab damals eine Art Skandal… Konkurrenzneid im Institut.

Sie sah ihn hinter sich. den Sie mir nicht nennen wollen. »Es ist besser für Sie. »Was wollen Sie wissen?« fragte sie schließlich.« Garibaldi schwieg. und zwar aus einem Grund. während sie nervös darauf gewartet hatte. schüttelte den Kopf und lächelte dann. daß sein Telefon wieder einmal abgehört wird. daß es ein Lkw war. Es erinnerte sie an schwüle Nachmittage im dunklen Beichtstuhl. wenn Sie es nicht wissen«. als sie ihm im Hotel Isis begegnet war. Unwillkürlich hielt sie die Luft an. Er war groß und hatte breite Schultern. Sie seufzte. das kann ich nicht. Er sah sie erwartungsvoll an.Ergebnisse bekanntgeben konnte. Alexander«. und das gefiel Catherine überhaupt nicht.« »Tut mir leid. Ich würde zumindest gerne wissen. Julius wird sich bestimmt an den Fall erinnern und wissen. was Havers so unbedingt haben möchte?« Catherine stand auf. fliegen Sie nach Chicago zurück. »Dr. weshalb ich plötzlich als Zielscheibe diene. werden sie wieder schießen.« »Ich verstehe. Vergessen Sie mich und alles was geschehen ist. sagte sie und drehte sich um. »Also gut. Wenn die beiden Männer uns finden. 195 . »Bitte. »Wollen Sie mir nicht sagen. »man hat mich angeschossen. sagte sie schließlich leise. daß die Klappe hinter dem Sprechgitter zur Seite geschoben wurde. Das kalte Glas beschlug unter ihrem Atem. der auf dem Parkplatz wendete und in der entgegengesetzten Richtung weiterfuhr. Aber dann sah sie. Das schwarze Hemd und die Jeans erinnerten sie an ihre erste Reaktion.« In seiner Hartnäckigkeit glich er irgendwie Danno.« »Nehmen Sie den Wagen«. er war ebenfalls aufgestanden und kam näher. ging zum Fenster und öffnete den Vorhang einen Spalt. Draußen näherten sich Scheinwerfer.

sagte er ernst. und schließlich von der Flucht mit den Schriftrollen aus Ägypten. ging damit zum Tisch. was ich bisher übersetzt habe. War es Zorn oder vielleicht nur Mißtrauen? »Ich gebe Ihnen mein Wort«. obwohl ich etwas vermute.Aber Sie müssen mir versprechen. den sie gefunden hatte.« Seine Augen hingen an den sechs Büchern.« »Und was?« Sie suchte in der Tasche und nahm einen Notizblock heraus. der Entdeckung des unterirdischen Gangs. Ich nenne es ›Sabinas Brief‹. Kurz darauf blickte Garibaldi ungläubig auf sechs zusammengefaltete alte Papyri. »Und dafür setzen Sie Ihr Leben aufs Spiel?« »Ja. »Hier ist das. Catherine griff nach der blauen Tasche. Sie berichtete ihm kurz von der Sprengung und dem ersten Fragment. Ihr Eingreifen hätte uns beinahe verraten. und in der Ferne donnerte es. »Aus persönlichen Gründen. von dem Korb. schob den Laptop zur Seite und öffnete den Reißverschluß. keinem Menschen etwas von dem zu sagen.« »Warum? Was steht in diesen Texten?« »Ich weiß es noch nicht genau. Catherine sah auf der Digitaluhr des Radioweckers neben dem Bett. über die ich im 196 . Das Licht begann zu zucken.« Garibaldi las schweigend die Übersetzung.« Etwas zuckte in seinem Gesicht. die Sie beschützen wollten. daß Mitternacht gerade vorüber war. Der Sturm nahm an Heftigkeit zu. »Die Beduinenfrau. was ich Ihnen jetzt zeigen werde. das war Danno.

Er würde sie in seiner Sammlung verschwinden lassen. »Schon möglich. die in den Büchern erzählt wird.« »Wie können Sie feststellen. etwa den Namen eines Kaisers oder eines Herrschers.« »Dann ist das hier…«. dann wäre sie eine Zeitgenossin von Jesus. damit man dort eine genaue Datierung vornimmt. diese Sabina. Aber nach dem Griechisch zu urteilen. »kann ich diese Schriftrollen nicht der Polizei übergeben und auch nicht riskieren. daß sie während der Herrschaft des Augustus geboren wurde.« »Diese Frau.« »Zweites Jahrhundert? Sind Sie sicher?« »Die Geschichte. Ich glaube. warum ich keine Zeit verlieren darf?« Garibaldi berührte mit dem 197 . Wenn Sabina zum Beispiel sagen würde. einer historischen Gestalt. deren Lebensdaten bekannt sind. Und genau das muß ich herausfinden. sagte sie leise. der eine genaue Datierung ermöglicht. Deshalb darf Havers die Schriftrollen nicht bekommen. die Perpetua die Geschichte diktiert. stammt der Brief aus dem zweiten Jahrhundert. »ein Bericht über das Leben unseres Herrn?« Sie nickte. spricht von Jesus!« Er sah Catherine an. in dem Text auf einen Anhaltspunkt zu stoßen. sagte er ehrfürchtig. Möglicherweise erstes Jahrhundert. denn sonst werden wir es nie erfahren. »In welchem Jahr wurde dieser Brief geschrieben?« »Ich habe eine Papyrusprobe in ein Institut in der Schweiz geschickt. in welcher Zeit sich die Geschichte ereignet hat?« »Ich hoffe. daß sie Havers in die Hände fallen.Augenblick nicht sprechen möchte«. ist vielleicht älter. spricht von dem ›Gerechten‹. damit könnte sie Jesus meinen. und die Welt würde nie etwas davon erfahren. Verstehen Sie jetzt. Sabina.

im zweiten Jahrhundert. werde ich versuchen. »Warum dürfen Sie keine Zeit verlieren?« »Wegen der Photos. eine 198 . dann weiß er bald genug. wo sich das siebte Buch befinden könnte?« »Sabina rät Amelia. die siebte Rolle aus Sicherheitsgründen an einem anderen Ort versteckt. daß sie den genauen Zeitpunkt der Wiederkehr Christi erfahren hat. die Texte ›König Tymbos‹ zu übergeben.« »Die Wiederkehr Jesu Christi«. Wenn Havers sie inzwischen übersetzen läßt. den entweder wir gewinnen oder Miles Havers. nahm einen Stuhl und setzte sich an den Computer. »›Wir‹?« fragte sie.Zeigefinger behutsam das erste Buch.« »Wir werden beide arbeiten«. murmelte er. die sich auf den Weltuntergang und das Jüngste Gericht bezog. das alles ist inzwischen ein Wettlauf mit der Zeit. und Catherine sah. die Danno hatte. Deshalb hat man damals. wie seine Augen leuchteten. Haben Sie den Namen schon einmal gehört?« Er schüttelte den Kopf. Es fehlt ein Buch. »Sabina sagt in ihrem Brief. »Haben Sie eine Vorstellung. »Dann mache ich mich wohl besser an die Arbeit«.« Catherine berichtete von der Stelle. »Während Sie übersetzen. Diese Informationen befinden sich wahrscheinlich in der siebten Schriftrolle. sagte Garibaldi. sagte sie und griff nach dem gelben Notizblock und einem Kugelschreiber. um die siebte Schriftrolle zu finden!« »Einen Augenblick! Es gibt eine siebte Schriftrolle?« »Diese sechs erzählen nicht die ganze Geschichte. »Verstehen Sie.

aber wir können doppelt soviel erreichen. was Sie tun können. und Catherine hielt den Atem an. Sie dachte an Danno und an den reichen und mächtigen Havers. Ich weiß. Je nachdem. sagte sie zu Garibaldi. was Sabina in den Texten sagte. Mit ihm konnte sie nicht mehr rechnen. wie man mit dem Web arbeitet. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. Mein Altgriechisch ist nicht mehr das beste.« »Danno hat viel über Internet gemacht.« Garibaldi startete den Computer. er werde ihr helfen. Ich nehme an.« Er drehte sich um und klickte auf ›TCP Manager‹ Als das Trumpet Winsock-Logo auf dem Bildschirm erschien. aber Catherine unterbrach ihn: »Das müssen Sie nicht. Das Schicksal hatte einen Priester als ihren Begleiter ausgewählt.« Garibaldi klickte im Menü auf ›Wählen‹. der Computer hat ein Modem. konnte sich alles ändern – auch ihr eigenes Leben. daß Ihr Freund ein Login Script benutzt hat und daß das Modem funktioniert. auch wenn sie gehofft hatte.Verbindung zum Internet herzustellen. Hatte das Modem die Flucht unbeschädigt überstanden? Kurz darauf hörten sie das beruhigende Wählgeräusch. »Soll ich nicht?« Ein Donnerschlag ließ das Motel erbeben.« »Daran zweifle ich nicht. wenn wir uns die Arbeit teilen.« Er sah sie an. »Ich danke Ihnen«. murmelte er: »Hoffen wir. 199 . Sie blickte mit bleichem Gesicht auf Sabinas Geschichte und dachte plötzlich an ihre Mutter. »Ich bin froh über alles. denn Ihr Freund hat Online gearbeitet. Sie hörte die Warnung von Julius noch einmal. ich kann besser mit einem Computer umgehen. Catherine erschrak.

Ein philippinischer Kampfsport. Nachdenklich wanderte ihr Blick durch das Zimmer.« »Wie bitte?« »Pangamot. daß Danno eine Pistole hatte. denn der Server in Santa Barbara verlangt ein Paßwort. Ihr Blick fiel auf seine muskulösen Arme. Sie wies auf die Stöcke und fragte: »Sind sie echt?« Er nickte. »Das bedeutet. wir brauchen wieder ein Paßwort. das ihr bisher nicht aufgefallen war. »Danno hat kein Login Script benutzt«. Diesmal können wir uns nicht mit einer Überbrückung helfen. CA POP Darunter stand das Wort ›Login‹. Zuerst stellte sie fest. daß sie auf seine schwarze Reisetasche deutete. auf die zwei fingerdicke. und nun besaß dieser Priester Kampfstöcke als Waffe. »Sie kämpfen damit?« Ein Schauer lief ihr über den Rücken. »Sie praktizieren einen Kampfsport?« Er nickte.« »Man kämpft mit Stöcken?« »Manchmal…« Catherine sah ihn staunend an. 200 . Was schlagen Sie vor?« Catherine überlegte einen Augenblick. Plötzlich entdeckte sie etwas. schwarz lackierte Bambusstäbe geschnallt waren. und hinter dem Doppelpunkt blinkte der Cursor. sagte Catherine. Sie runzelte die Stirn und fragte: »Was ist das?« Garibaldi sah. »Das sind PangamotStöcke.Dann erschien die Meldung: Willkommen bei OmegaNets Santa Barbara. Sie verstand die Welt nicht mehr. und plötzlich verstand sie sein sportliches Aussehen.

Wohin würde er seinen Anwendernamen und das Paßwort geschrieben haben? Spontan griff sie nach dem Photo an der Innenseite des Laptops und löste es vorsichtig ab. 15. Wir sind auf der Datenautobahn…« 201 .»Dr. Dabei sagte er zufrieden: »Bitte anschnallen. Alexander«. Manchmal hatte er sogar die eigene Telefonnummer vergessen. Darunter stand mit einem anderen Stift geschrieben: ›dstevens.« Sie konzentrierte sich und dachte nach. Sie drehte es um und las: ›Cathy Schulentlassung. sagte Garibaldi. »das Paßwort. Daniel machte sich stets Notizen. Juni 1979‹. Garibaldi tippte die beiden Namen ein. Klaattu. während Catherine auf den Bildschirm blickte. Es erschien die Meldung: PPP Script completed PPP aktiviert »Wir haben es geschafft!« rief Garibaldi und klickte auf das Symbol für ›Mosaic NetScape‹.

waren aber sehr viel besser erhalten. In seinem Inneren knurrte der Tiger. Die Berge wirkten vor dem blaßblauen Himmel wie ein Scherenschnitt. Ihr Wert? Es kam darauf an. Die Jagdlust war vor vier Tagen durch einen Telefonanruf aus Kairo erwacht. Alles schien so still und regungslos. die vor einer Stunde aus Santa Barbara eingetroffen waren.Santa Fe. New Mexico »Perpetua«. Aber der Anblick schenkte Miles keinen Frieden. der Glas zerbricht. Jetzt trat er mit einem halb unterdrückten Gähnen an ein Fenster und öffnete die Vorhänge. hörte man Daniel Stevenson auf dem Band. desto größer wurde seine Gier. »Sabina Amelia… König. hatte er Teddy Yamaguchi ins Bett geschickt. Wer sind diese Leute? Er rieb sich die Augen. Auch er verließ das Tropenhaus und zog sich in sein Büro im Turm zurück. Über der Wüste brach der Morgen an. Er hatte die ganze Nacht nicht geschlafen. Als es immer später geworden war. Stammten sie aus dem Frühchristentum? Handelte es sich um ein bisher unbekanntes Evangelium? Hungerford hatte Zeke 202 . Je mehr er über den Papyrus-Fund dieser Catherine Alexander erfuhr. Er mußte die Schriftrollen bekommen. Sie erinnerten an die Schriftrollen vom Toten Meer. daß bereits ein einziger Laut die Ruhe zerstört hätte wie ein Stein. wie war sein Name…« Miles hielt das Band an. Miles betrachtete die Photos auf der schwarzen Granitplatte seines Schreibtischs.

in dem Fragment. Die Kopernikus-Tagebücher waren jahrzehntelang in 203 . Alexander wollte die Schriftrollen übersetzen und den Inhalt aller Welt zugänglich machen. Vornamen… Frauennamen? Im Gegensatz zu vielen der in den Qumran-Höhlen gefundenen Schriftrollen handelte es sich hier nicht um das Inventar des Tempelschatzes oder um Bücher des Alten Testaments oder um die Gesetze eines Geheimbundes. warum veranlaßten die anderen sechs ›Bücher‹ eine Archäologin wie Dr. dann konnte er sich ihren Plan bereits gut vorstellen. Vermutlich würde sie die Papyri einem Museum oder einer Universität übergeben. Er mußte unbedingt herausfinden. Dr. Buchstabe für Buchstabe übersetzte er die drei Worte: Amelia. Σαβινα. daß Catherine Alexander das ›Jesus-Fragment‹ als eine Art Brief identifiziert habe. sogar ihr Leben aufs Spiel zu setzen? Miles beugte sich über den Schreibtisch und betrachtete eines der Bilder genauer. Handelte es sich um Briefe der Frühchristen? Bestimmt war da noch etwas. Er konnte kein Griechisch. aber er kannte in etwa das griechische Alphabet. damit die Wissenschaftler und alle Interessenten sie in Augenschein nehmen konnten. Einige Worte schienen öfter vorzukommen als andere – Λήελία. stehe der Name ›Jesus‹. Was war das für eine siebte Schriftrolle. die er in ihr vermutete. Perpetua. Sabina. Wenn diese Archäologin die Idealistin war. Alexander ihren Ruf.gegenüber behauptet. Dieser Gedanke ließ ihn erschauern. von der Stevenson auf dem Band sprach? Warum war sie so wichtig? Überhaupt. was es war! Und eines wußte er mit Sicherheit: Es blieb ihm nicht viel Zeit. Das sagte ihm seine Intuition. das nach der Sprengung entdeckt worden war. Περπετνα. Hungerford hatte Zeke berichtet.

besaß für ihn keinen Wert. je älter und – wie offenbar auch in diesem Fall – je heiliger etwas war. Miles erschien nicht auf Auktionen. verschwendete er keine Zeit damit.einem Archiv verschollen gewesen. begutachten oder untersuchen konnten. Im Augenblick erfüllten die geheimnisvollen sechs Schriftrollen aus dem Sinai alle diese Kriterien. Sein Entschluß stand fest: Er mußte die Schriftrollen haben. Wenn andere diese Dinge kaufen. die SonnenwendKachina hatte sich in der Obhut weniger ausgewählter Priester befunden. interessierte sich nicht für die Kataloge von Christie’s oder Sotheby’s. und diese Schriftrollen vom Sinai hatten in beinahe zweitausend Jahren nur zwei Menschen gesehen. Was würde geschehen. sie werde sich wie ein Kaninchen in einem Bau verstecken und die Schriftrollen übersetzen. Dr. keine Kreditkarte zu 204 . wenn sie schlau genug war. je fragiler. so etwas löste in ihm das Verlangen aus. dann würden sie für Miles verloren sein. die niemand zu Gesicht bekam. Aber wenn diese idealistische Archäologin sie der Öffentlichkeit zugänglich machte. von der das Fluchtauto stammte. Je seltener. Etwas Verkäufliches wollte er nicht. die niemand kaufen konnte oder von deren Vorhandensein kaum jemand etwas ahnte. desto stärker wurde seine Besitzgier. das alle kannten. Aber wie sollte er sie finden? Teddy Yamaguchi hatte seine elektronischen Überwacher aufgestellt. Aber etwas wie die eine Orchidee. Alexander sie für ihn entwerten konnte. Etwas. es zu besitzen. bevor Dr. Genau das machte sie für Miles so begehrenswert. Deshalb kannten sie bereits die Leihwagenfirma. mit dem sich zahllose andere befassen konnten. Alexander hatte ihrem Freund Stevenson gesagt.

so stellte Miles fest. »Soll ich ihn auffordern zu gehen?« »O nein! Ich möchte. Trotzdem vergewisserte sich Erika immer. Er nahm sie in die Arme und küßte sie liebevoll. Auf dem Monitor der Überwachungsanlage sah er seine Frau im Fahrstuhl. sagte sie. denn er hatte es oft mit anderen Zeitzonen zu tun. daß die Kinder über die Feiertage hier sind.« Miles runzelte die Stirn. als er sie an der Tür begrüßte. als sie den Schamanen erwähnte. sie zu finden. es liegt einfach daran. und du warst nicht da«. ich wollte dich nicht beunruhigen. Die aschblonden Haare. Es mußte noch einen anderen Weg geben.« Miles erledigte seine Geschäfte auf der ganzen Welt und rund um die Uhr. Ihr sonnengebräuntes Gesicht wirkte verschlafen. »Ich habe wieder einmal unruhig geschlafen«. Welchen? Was hatte er übersehen? Der Summer der Bürotür riß ihn aus seinen Gedanken. mein Schatz. »Schlaflosigkeit? Möchtest du nicht vielleicht doch mit Dr. »Ich bin aufgewacht. »Entschuldige. »und da ist die Sache mit Kojote. daß alles in Ordnung war. ich glaube. Erika trug einen pfirsischfarbenen Seidenmantel über einem weißen Spitzennachthemd. sagte sie. Das machte sie noch attraktiver und begehrenswerter. daß er hier ist! Er wird mich morgen zu einem heiligen Platz auf der Cloud Mesa 205 . trug sie offen über der Schulter. Und…«. Sanford darüber sprechen?« »Nein. sie zögerte einen Augenblick.benutzen? Er ballte die rechte Hand zur Faust.

« »Ich wußte nicht. das ist etwas Ähnliches wie die Traumpfade der Aborigines in Australien. Wie sollte er das Kaninchen finden.« »›Die unsichtbaren Wege der Götter‹«.führen. wiederholte Miles und lächelte. Aber Kojote sagt. dann mußt du dein sicheres Versteck nicht verlassen‹ Unvermittelt hörte er Erikas Worte wie ein Echo: ›Die 206 . Auf einer Aufnahme entdeckte er. zumindest nichts für das menschliche Auge. daß nicht alle Textstellen gut lesbar waren. wo noch immer die Photos lagen. daß sich dort oben überhaupt etwas befindet. »Das klingt schön. Verstehst du. wo sich vermutlich der Papyrus aufgelöst hatte.« »Da ist nichts. Was hatte Stevenson gesagt. »Ich komme bald nach. die Zeke aus Stevensons Wohnung mitgenommen hatte. das sich in seinem Bau in Sicherheit gebracht hatte? Wie sollte er Catherine Alexander aus ihrem Versteck locken? Miles betrachtete die Abzüge in aller Ruhe. ging Miles zum Schreibtisch zurück. wenn man weiß. Nervös trommelte er mit dem Finger auf den Granit. wie man sehen muß. Ihm fiel auf. Es gab sogar Lücken.« Er küßte sie noch einmal.« Nachdem Erika den Turm verlassen hatte. um ihre Übersetzung zu vereinfachen… Wie hatte Stevenson das ausgedrückt: ›Überlaß das Suchen den elektronischen Fingern. dann kann man dort die unsichtbaren Wege der Götter und Ahnen sehen. daß ein ganzer Satz fehlte. als er den P245-Papyrus im Britischen Museum fand? Catherine Alexander brauche Kopien ähnlicher Schriftrollen.

Miles drückte auf seinem Handsprechgerät eine Nummer und weckte Teddy Yamaguchi. Aber es gab andere Wege. denn im Internet war er. Der Gedanke. Cyberspace! Dort würde er sie zur Strecke bringen. Miles Havers. 207 . auf richtigen Straßen zu fahren. Catherine Alexander würde nicht wagen. Dort würde man sie früher oder später entdecken. und alle Müdigkeit war schlagartig verschwunden. versetzte ihm einen Adrenalinstoß. denen sie auf der Suche nach Kopien folgen konnte. es gibt Arbeit«. daß das Kaninchen durch sein Reich rannte. der unangefochtene Herrscher. sagte Miles.unsichtbaren Wege der Götter…‹ Miles richtete sich auf. Das ist es! Der Tiger duckte sich zum Sprung. ›Die unsichtbaren Wege‹ unserer Zeit sind die Datenautobahnen! »Teddy.

DER FÜNFTE TAG 208 .

wartete auf den Ruf des Muezzin vom hohen Minarett in der Ferne. Er hatte ihr die Sandalen ausgezogen und sie mit der Decke zugedeckt. im Sessel eingeschlafen zu sein. Die Decke war nicht zurückgeschlagen. Irgendwann mußte sie Garibaldi ins Bett getragen haben. Sie spürte etwas Kaltes. Sie tastete danach. Licht drang durch den Türspalt. wo sie war. hielt es vor die Augen und sah. daß es ein kleiner Jadeanhänger war – ein Jaguar an einem Lederriemen. Sie lauschte auf die vertrauten Lagergeräusche. Garibaldi hatte gesagt. sich daran zu erinnern. Sie blickte zum anderen Bett. aber zerdrückt. daß die Schriftrollen 209 . seufzte und umfaßte den Kopf mit beiden Händen… Danno! Sie stand auf und ging zu ihrem Gepäck. Catherine setzte sich auf. Regen… Regen im Sinai? Sie stellte fest. Als erstes vergewisserte sie sich. Dezember 1999 Santa Ynes-Berge. 18. Sie lag auch nicht in ihrem Feldbett. Die Tür zum Bad war geschlossen. Auf dem Tisch vor dem Fenster stand Dannos geöffneter Laptop. aber sie hörte etwas.Samstag. das sie zuerst nicht einordnen konnte. Hartes an ihrem Hals. Dann wußte sie es. Kalifornien Catherine wachte auf und versuchte. Plötzlich fiel es ihr wieder ein: Die Killer hatten Danno ermordet… ihre Flucht durch den Regen mit Garibaldi. Sie hörte das Wasser der Dusche. daß sie nicht wie üblich ein übergroßes T-Shirt anstelle eines Schlafanzugs trug. Langsam setzte sie sich auf. Sie erinnerte sich nicht daran. Offenbar hatte er sich nicht zugedeckt. er werde sich ins Internet einloggen.

« Er betrachtete sie aufmerksam und fragte: »Wie geht es Ihnen?« »Mein inneres Uhrwerk ist überdreht. Alles schien so. »Entschuldigen Sie«. sagte Catherine. Garibaldi hätte die sechs Bücher an sich nehmen und davonfahren können. daß die Stöcke an der Wand lehnten. die vom Duschen noch feucht waren. eine andere. Wenn Sie nichts dagegen haben. Er trug eine schwarze Baumwollhose und ein schwarzes T-Shirt mit dem Aufdruck ›Dong Meyong Pangamot‹. Da die Dusche noch lief. »Ich wollte nicht neugierig sein. daß Sie die Wahrheit gesagt haben.« Sie blickte auf sein T-Shirt und sah dann. Havers ließ inzwischen bestimmt alle Anrufe 210 . Sie blickte noch einmal zum Bad. wie sie es in der Nacht zurückgelassen hatte. Kann ich ihm vertrauen? Sie sah seine schwarze Reisetasche. und meine Wut kennt keine Grenzen. Sie unterdrückte den Wunsch. aber ich mußte mich vergewissern. öffnete sie die Tasche und warf einen Blick hinein. Aber das hatte er nicht getan. die offenbar Weihwasser enthielt. Julius anzurufen.« Catherine bürstete ihre langen kastanienbraunen Haare.« »Ich verstehe.« Sie zuckte zusammen. »Ich bin wirklich ein Priester. Garibaldi stand in der Badezimmertür. »Ist Pangamot etwas Ähnliches wie Karate?« »Es ist auch ein Kampfsport. denn sie wollte kein Risiko eingehen.noch da waren. ein Buch – Die Stundengebete – und den neuen Roman von Tony Hillerman. Sie sah eine Stola. möchte ich jetzt duschen und dann so schnell wie möglich von hier weg. eine kleine Flasche Öl. während sie schlief. Sie lagen unversehrt zwischen den Einbanddeckeln des paläobotanischen Handbuchs.

als sie sich mit Schlaftabletten das Leben nehmen wollte. ›Das ist keine Lösung‹. Sie wußte. daß sie augenblicklich erstarrte… Nachdem Garibaldi aus dem Bad gekommen war. daß ihm vor dem Tod ein Priester die Letzte Ölung geben würde.abhören. für ihn war es von großer Bedeutung. Sie dachte an Garibaldi. und im nächsten Augenblick kam Garibaldi ins Zimmer. Ihr wurde klar. Sie würde nie vergessen.« Er brachte außer Kaffee und belegten Brötchen auch eine Zeitung. Daniel war damals ein gläubiger Katholik gewesen. Aber an jenem Abend hatte sie ihren Glauben verloren. »Die Tankstelle ist offen. Sie wollte sich in seinen Armen ausweinen. Aber sie sehnte sich verzweifelt nach Julius. aber genau das nicht konnte. Er würde ihr beistehen und helfen. daß sie weder mit Julius noch mit einem anderen Menschen Kontakt aufnehmen durfte. hatte Daniel gesagt. Ein katholischer Priester. Daran hatte sich bis heute nichts geändert. obwohl die Last auf ihrer Seele unerträglich schien. wie die Kirche ihre Mutter verfolgt und noch im Sterben gequält und bestraft hatte. der im Augenblick nicht im Zimmer war. Er hatte sie vor diesem unsinnigen Schritt zurückhalten können. Ein Priester hätte Daniel seelischen Trost schenken können… Sie hörte Schritte auf dem Kies. und der Regen hat nachgelassen. bis die Arbeit getan war. den Schock von Dannos Tod zu überwinden. Wieder einmal erinnerte sie sich an Dannos Worte vor dreizehn Jahren. Er ging zur Kirche. betete und beichtete. Das war jedoch nicht der Grund dafür. der ihr Trost bringen sollte. ich habe schon getankt. ging Catherine schnell unter die Dusche und überließ ihm das 211 . Er war am Abend nach der Beerdigung ihrer Mutter zu ihr gekommen. sich von ihm trösten lassen.

er werde sich nach Benzin erkundigen und Frühstück besorgen. Nach Aussagen von Zeugen wurde eine Frau gesehen. die Polizei weiß nichts von mir. daß mich die beiden Killer in der Dunkelheit und bei dem Regen nur undeutlich sehen konnten. gewinnen wir vermutlich etwas Zeit. eine schwarze Schärpe um die Hüfte und ein kleines goldenes Kruzifix an einer Goldkette um den Hals. Ich bin auch der Meinung. Er trug nicht mehr die schwarze Baumwollhose und das Pangamot T-Shirt. daß ich Priester bin. die aus dem Haus floh…‹ »Es wird nicht erwähnt. Seite drei. mit der sichtbaren Autorität seiner kirchlichen Macht ihre Mutter beeinflussen und einschüchtern zu wollen. Als sie kurze Zeit später das Bad verließ. Deshalb war sie auf sein Aussehen nicht vorbereitet.Zimmer zum Ankleiden. Die Polizei hat bisher noch keine Einzelheiten bekanntgegeben. Vater McKinney war in der Soutane im Krankenhaus erschienen. Blitzartig stellte sich bei diesem Anblick die Erinnerung an den Abend vor dem Tod ihrer Mutter ein. Daniel Stevenson wurde gestern abend in seiner Wohnung in Santa Barbara tot aufgefunden. letzte Spalte. »Deshalb. Die Leute werden 212 . Sie werden bestimmt nicht wissen. »Ich vermute. sondern eine lange. schwarze zugeknöpfte Soutane. Catherine hatte ihm vorgeworfen. dem Priester und der Kirche und natürlich auch Gott! »Weshalb tragen Sie das?« Er reichte ihr die Zeitung. daß Ihnen ein Mann bei der Flucht geholfen hat«. Was hatte sie ihm an jenem Abend nicht alles vorgeworfen – ihm. Wenn ich die Soutane trage. Auf dem Tisch lag eine Notiz. aber man vermutet ein Verbrechen. war er nicht mehr da.« Sie sah die Meldung: ›Der Archäologe Dr. sagte Garibaldi. stellte die Kaffeebecher auf den Tisch und legte die noch warmen Brötchen daneben.

Wenn ich mich als Zeugin bei der Polizei melde.einen Priester sehen und der Frau in seiner Begleitung weniger Aufmerksamkeit schenken. »Wir sollten so schnell wie möglich hier weg. Wenn ich mich anonym melde und sage. »Während Sie schliefen. Verzeih mir. Sie kämpfte mit den Tränen.« Er verschloß die Reisetasche. unter welchen Umständen du gestorben bist.« Catherine ließ die Zeitung sinken. und dann war dein Tod völlig sinnlos. der Ihren Freund ermordet hat.« »Und dann?« 213 . »Wir sollten so schnell wie möglich losfahren«. Auf den Photos ist im Hintergrund ein Mann zu sehen.« »Wird man sich in Ihrer Gemeinde nicht Gedanken machen? Werden Sie nicht erwartet?« »Ich habe noch ein paar Tage Urlaub. Danno. »Sind Sie fertig?« Catherine sah den großen Mann in der schwarzen Soutane an und fragte: »Warum bleiben Sie bei mir?« Eine gewisse Bitterkeit lag in ihrer Stimme. Ich kann der Polizei nicht sagen. wird man mich verhaften.« »Sie glauben mir wirklich?« Er nickte. habe ich im Internet nach Zeitungsphotos von Havers gesucht. daß Miles Havers hinter mir her ist. man wird mir die Schriftrollen abnehmen. auf den Ihre Beschreibung des Killers paßt. sagte Garibaldi leise. daß Miles Havers hinter dem Mord steckt. Noch nie im Leben hatte sich Catherine so hilflos gefühlt. werden sie es nicht glauben. dachte sie verzweifelt. jetzt glaube ich Ihnen.« »Sie irren sich. als sie hinzufügte: »Sie glauben nicht.

Sie hielt die Zeitung in den Händen und dachte an die kleine. Er dürfte nicht so allein sein. Sie stiegen ungesehen in den Wagen.« Sie sahen sich zuerst vorsichtig auf dem Parkplatz um. lag kalt und starr in einer Leichenhalle. Daniel ist in Gottes Hand. war an diesem grauen Morgen wenig los. Als Garibaldi den Motor anließ. Sein Glaube führt ihn zu Gott. daß ihr die Tränen über die Wangen liefen. der Einzelgänger. Daniel war nach Ihren eigenen Worten ein gläubiger Katholik. flüsterte sie. mir etwas von seinen neuesten Erkenntnissen über die Maya-Wandbilder zu erzählen… Eine Hand legte sich auf ihren Arm. Danno.« Sie wischte sich die Tränen vom Gesicht.»Dann werde ich mir etwas einfallen lassen. »Ich habe an Danno gedacht. der sich von nichts entmutigen ließ. Das sollte auch Sie trösten. fragte er Catherine: »In welche Richtung fahren wir?« Aber sie hörte seine Frage nicht. Abgesehen von ein paar verschlafenen Gästen und einem Lkw-Fahrer. Sie hörte Garibaldis Stimme: »Ist alles in Ordnung?« Catherine stellte fest. Garibaldi hatte bereits die Rechnung bezahlt. Er hatte nicht einmal mehr Gelegenheit. »Wenn ich das nur glauben könnte…« »Hören Sie.« »Er ist ohne die Letzte Ölung gestorben. unauffällige Meldung auf Seite drei. der den Luftdruck der Reifen überprüfte. »Entschuldigen Sie«.« »Er ist nicht allein. Deshalb mußte Catherine nicht noch einmal in das Büro. Was bedeutet das für seine Seele?« »Entscheidend ist der Entwicklungsstand seiner Seele im Augenblick des Todes. Glauben Sie an ein Leben nach 214 .

murmelte Catherine. sagte sie entschlossen. wo es Sicherheit und Wärme für sie gab. als er zu gewinnen hofft. die Danno ermordet haben«. Ich hoffe. in welche Richtung fahren wir?« »Nach Norden«. da habe ich nicht daran gezweifelt. sagte er: »Wir sollten losfahren. »Die Killer. denn er handelt sich damit mehr ein.dem Tod?« »Ich… ich weiß nicht«. In welche Richtung fahren wir?« Catherine hob den Kopf und starrte durch die Windschutzscheibe in den grauen Tag. nach Norden. Vorsichtig schlug sie das paläobotanische Handbuch auf 215 .« »Also. sagte sie mit kaum unterdrücktem Zorn. »werden nicht ungeschoren davonkommen.« Während Garibaldi den Mustang zur Auffahrt des Highway fuhr. Sie drehte sich um und blickte in Richtung Süden. »Gut. Manchmal glaube ich. aber als er feststellte. hat er einen Fehler gemacht. an dem wir bleiben können. Als Miles Havers beschlossen hat. Heute bin ich nicht so sicher. den Kampf mit mir aufzunehmen. »Es gab einmal eine Zeit.« »Haben Sie Angst vor dem Tod?« Sie ließ den Kopf sinken und flüsterte kaum hörbar: »Ja…« Er wartete geduldig. wo Santa Barbara und Malibu lagen und wo Julius lebte – dorthin. griff Catherine in die blaue Tasche und holte die sechs Bücher in dem dicken Umschlag heraus. muß schrecklich und beängstigend sein. ob sie noch etwas sagen würde. daß uns das Internet auf eine heiße Spur zur siebten Schriftrolle führt. damit Sie die Schriftrollen übersetzen und ich wieder eine Online-Verbindung bekomme. Wir müssen einen Platz finden. als verschließe sie ihm ihre Gedanken. daß sie die Augen schloß. was nach dem Tod mit uns geschieht.

bei den Unwissenden und Schlechten. sie habe eine wichtige Nachricht von den Priesterinnen der Hekate.und entfaltete die erste vergilbte Papyrus-Seite. Das Schicksal hielt Wundersames für mich bereit. Doch an allen Orten. was auch ich werden sollte. Staatsmännern und Dieben. Ich verstand die ganze Tragweite der Prophezeiung erst viele Jahre später. ich greife vor. In den acht Jahrzehnten meines Lebens begegnete ich Königen und Bauern. Zuerst sende ich Dir und meinen Schwestern auf dem Weg des Gerechten meine Grüße. das unter diesem Dach zur Welt kommen werde. Dann begann sie zu lesen… Seltsame Vorzeichen ereigneten sich in der Nacht meiner Geburt. Meine Familie kannte sie nicht. bewegt uns alle die eine Frage: Was geschieht mit uns. und ihr sollt wissen. die uns voneinander trennen. den Hoffenden und Verzweifelten habe ich eine weltumspannende Wahrheit gelernt. Ich habe die Kunst des Heuens gelernt. den Gebildeten und Ungebildeten. Trotz der unendlich vielen Unterschiede. ehe das Schicksal eingriff und den Weg meines Lebens für immer veränderte. Es gehe um das Schicksal des Kindes. Euch gilt mein Friedenskuß. Meine Mutter erzählte mir später von einer Wahrsagerin. liebe Amelia. Aber verzeih mir. Ich bin bis an die entferntesten Grenzen des Reichs gereist und habe die erstaunlichsten und auch schrecklichsten Dinge erlebt. wenn wir sterben? 216 . die in unserem Haus erschien. aber die Frau sagte. in den Städten und Dörfern. daß meine Mutter ein Diakon war. bei weisen Männern und Frauen. ich brachte Kinder zur Welt und spendete Sterbenden Trost.

rette uns mit deiner Kraft! Gott mache uns zu geistigen Wesen.Liebe Schwestern. liebe Schwestern. war der Jubel groß. In jeder Woche nahm er am Tag der Sonne an geheimen Ritualen im Tempel teil. zu der die Drei Könige wiesen. Sein Erscheinen am Horizont wurde von den drei Sternen im Gürtel des Orion angekündigt. Wenn er dann aufging. In ihrer Jugend war meine Mutter in die Mysterien des Hermes Logos eingeweiht worden. in Syrien. trage ich es über meinem 217 . bei den Begegnungen auf den Marktplätzen und in den Karawansereien der Welt habe ich schließlich die Antwort gefunden. ich frage mich. und bis auf den heutigen Tag. Meine Mutter glaubte an die Kraft von Amuletten. Jedes Jahr feierte meine Familie mit den anderen Bürgern von Antiochia die Wiedergeburt des Hermes. Die Ewigkeit schenkt uns den Segen. Hermes war wiedergeboren. und wir sangen das Lied: Leben. Wir gingen zum Fluß und hielten am nächtlichen Himmel Ausschau nach dem Stern Sirius. Aber bevor ich mein Wissen mit euch teile. unterwegs auf fernen Straßen. in den vielen Jahren. der Himmelskönigin. denn dort würde der Stern erscheinen. die man die ›Drei Könige‹ nannte. Sie legte mir am Tag meiner Geburt das Hermeskreuz um den Hals. ob Mithras immer noch diese Macht besitzt. Nur bei Dir finden wir Frieden… Mein Vater gehörte zu den Anhängern des Mithras. Liebe Amelia. als einzige Tochter einer reichen und angesehenen Familie geboren. Mithras war damals ein mächtiger Gott in Antiochia. denn das bedeutete. muß ich die Geschichte am Anfang beginnen. Ich wurde in Antiochia. An diesem heiligen Tag blickten wir am frühen Morgen auf die Stelle am Horizont. Er stand sogar über Isis.

Als Dreijähriger erkrankte er am Fieber und überlebte es nicht. Es gehörte zu unserem wöchentlichen Ritual. das in seinen Sarg führte. Sie suchte nach ihm im Reich der Toten.Herzen. Meine Großmutter. Sie glaubte wie alle Anhänger des Hermes Logos an die Magie des Wortes. Meine Eltern waren untröstlich. Mutter! Er schläft in der Erde. Die Erinnerung an meinen Bruder stand immer zwischen mir und meinen Eltern. von seinem toten Sohn zu sprechen. die Tanten und Nichten begleiteten meine Mutter dorthin. An seinem Grab fand dann ein rituelles Mahl statt. wo er sich befand. Ich wuchs in einem stillen Haus heran. Er ist ein verständnisvoller Gott. So war das. verstand ich sie besser. Ich hatte einen Bruder. und alle seine Anhänger sind glücklich. Ich hatte einen Bruder. und die Welt wurde erschaffen. der als Toter mein Leben überschattete. rief seinen Namen und wollte wissen. Sie saß an seinem Grab. Die Frauen meiner Familie sprachen mit meinem verstorbenen Bruder und berichteten ihm von den Ereignissen in der Familie. Milch und Honig. sie gaben ihm durch ein Rohr. Sie brachten ihm manchmal sogar Spielzeug. Sie suchte 218 . Hermes sprach das Wort.‹ Als ich älter wurde. Mein Vater brachte es später nie über sich. Trotz des wöchentlichen Rituals schien meine Mutter mehr zu wollen. Ich deutete mit dem Finger auf die Erde und sagte: ›Da ist er. Doch trotz ihres Glaubens war meine Mutter keine glückliche Frau. denn der Gott ist das sichtbar gewordene Wort. so wie alle Angehörigen durch ähnliche Röhren ihren Toten Wein geben. Die Frauen sprachen zu ihm. der als kleines Kind starb. zum Totenfeld zu gehen und das Grab meines Bruders zu pflegen.

Aber meine Mutter wollte dem Mann zuhören. Er sprach in seiner Sprache. das Meersalz habe seinen Rücken geheilt. hörten wir einen Mann predigen. ich höre noch den Klang seiner Stimme und sehe den Kreis der Zuhörer. Manchmal dachte ich. Als ich acht wurde. damit auch die Fremden unter den Zuhörern den Mann verstanden. und ich blieb bei ihr. Selbst heute kann ich mich an kein einziges Wort erinnern. mein Vater errichtete eine kalte und stumme Fassade. machten wir uns auf eine lange Reise. und mein Vater sagte. die ihn im Laufe der Jahre immer abweisender und schweigsamer machte. obwohl ich nichts von dem verstand. denn er konnte ein schweres Rückenleiden meines Vaters nicht kurieren und empfahl ihm das berühmte Heilwasser des Salzmeeres. aber ich kann mich noch deutlich an das Gesicht des Mannes in der Wüste erinnern. Er hatte 219 . was er sagte. Dort. Meine Mutter hüllte sich in ihre Trauer wie in einen Mantel. die ihm Fragen stellten und ihn ›Rabbi‹ nannten.nicht den kleinen Jungen. denn sie gaben sich gegenseitig die Schuld am Tod meines Bruders. das meinen Bruder getötet hatte. Ich glaubte. und ein anderer übersetzte seine Worte ins Griechische. sondern seine Seele. daß meine Eltern wie Fremde zueinander waren. Mein Vater ging nicht mit uns zu dem Grab. Der Arzt meines Vaters riet dazu. Es kam so weit. Eine Art seelische Krankheit lastete über unserem Haus. Jener Tag an dem Ufer das Salzmeeres liegt zwar schon viele Jahre zurück. in der Wüste von Judäa. es sei noch nicht überwunden und verbreite Tag für Tag sein tödliches Gift. Mein Vater entfernte sich von der Versammlung und ging zu den Bädern und Ärzten. Er sprach nie über den verlorenen Sohn. Wir kehrten nach Antiochia zurück. es sei das Fieber.

Man sah dort die Boten des Hermes und die Anhänger von Zoroaster. an jeder Kreuzung stand die Statue eines Gottes. besuchte meine Mutter auf unserem wöchentlichen Weg durch die Stadt zum Grab meines Bruders wie immer den Astrologen. Auf die Plätze kamen viele Prediger. Eine Gruppe Menschen stand in der Mitte. Mein Vater nannte das den ›Marktplatz der Religionen‹. Nachdem wir die Hauptstraße erreicht hatten. Später konnte sie nie sagen. aber an diesem Tag blieben wir stehen und hörten zu. Dieser Tag veränderte meine Mutter von Grund auf. die sich dort eingefunden hatten. wo Kamele und Schweine. In der Stadt gab es die Anhänger der unterschiedlichsten Religionen.nie wieder Schmerzen. und wir gelangten an einen Platz.‹ Es dauerte nicht lange. Man trieb Handel mit dem Segen der Götter und schacherte mit der Hoffnung auf die Gunst der Unsterblichen. in der viele in ihrer Verzweiflung und Angst Antworten auf spirituelle Fragen suchten. Man sagte uns. Der Mann. der zu den wenigen sprach. Der Mann sprach von Vergebung und davon. liebe Schwestern. daß jeder durch Verzeihen das Tor aufstoße und so zum Weg des Lichts finde. Jedes Viertel hatte seinen eigenen Tempel. die durch das EpiphaniaViertel zur Stadtmitte führte. Normalerweise ging meine Mutter an solchen Versammlungen achtlos vorüber. sagte sie: ›Heute nehmen wir einen anderen Weg. Als ich sechzehn war. die zu den Menschen sprachen. und ein Mann redete zu ihnen. Es war eine Zeit der Unsicherheit. sogar der Kaiser in Rom werde als lebender Gott verehrt. Damals. herrschte große Unruhe unter den Menschen. wo jeder einen Gott oder einen Glauben verkaufe. weshalb sie den anderen Weg 220 . war ein Fremder. in jeder Straße gab es einen Schrein. Sklaven und Esel verkauft wurden.

Soll das heißen. Wer diesen Glauben annimmt.‹ Man fragte ihn: ›Wie gelangen wir in dieses Königreich‹ und er erinnerte sie daran. Man fragte ihn: ›Was ist das für ein Königreich‹ und er antwortete: ›Das Königreich des Himmels. Wir stehen im Augenblick der Geburt auf der Schwelle des Todes.‹ Man fragte ihn: ›Was ist das für ein Himmel?‹ und er antwortete: ›Dorthin werdet ihr gehen. wir sind bereits tot?‹ Die einen lachten. jeder möge dem Nächsten in 221 . die wir nicht verstanden. Der Mann auf dem Platz hatte über viele Dinge gesprochen. Die Worte des Predigers schienen die Saat der Bitterkeit abgetötet zu haben. aber die anderen hörten schweigend zu.‹ Er sagte: ›Wir müssen verzeihen‹.‹ Man fragte ihn: ›Sprichst du vom Leben nach dem Tod?‹ und er antwortete: ›Ja. unnahbaren und lieblosen Mann geworden war. Und der Mann sagte: ›Wir sind nicht tot. Sie wurde wieder glücklich und jung. und man fragte ihn: ›Welchem Gott?‹ Er antwortete: ›Es gibt nur einen Gott. die so viele Jahre im Herzen meiner Mutter lag. nachdem ihr gestorben seid. das in uns allen ist. aber wir werden sterben. Aber anschließend gingen wir nach Hause zurück. sie verzieh meinem Vater und warf ihm nicht länger vor.‹ Einige machten sich über ihn lustig und riefen: ›Du sagst. Von da an strahlte aus ihr ein neues Licht. wird zu einem Wanderer auf dem Weg.gewählt oder weshalb sie dem Mann zugehört hatte. das Leben nach dem Tod sei in uns. und man fragte ihn: ›Warum sollen wir verzeihen?‹ Er antwortete: ›Nur so könnt ihr euch retten. daß er zu einem kalten. Er sagte: »Rache steht nur Gott zu«.‹ Der Mann sprach dann von einem Königreich.

an den Grenzen brachen Seuchen aus. von dem er so oft sprach. und wir lauschten seinen Worten. Klopfet an und euch wird aufgetan. Und er ermahnte uns: ›Der Gerechte sagt: Suchet. Alles ist Teil eines größeren Ganzen. daß der Gerechte.seinem Herzen vergeben. in unser Haus zu kommen.‹ Ich stellte fest. denn nichts geschieht zufällig. denn im Reich gab es viele Kriege. daß dies der Wahrheit entsprach. so wie er es bei seinem Lehrer gelernt hatte. was der Mann uns sagte. jemand in der Menge fragte: ›Was geschieht. war jedoch dies: ›Der Gerechte hat den Tod überwunden‹ Der Mann blieb als Gast in unserem Haus und lehrte uns das Wissen des Gerechten. Er heilte die Kranken und half den Bekümmerten. und ihr werdet finden. Wir fragten unseren Gast: ›Wann wird das Ende der Welt kommen? Heute? Morgen? Noch zu unseren Lebzeiten‹. denn ich sah. Durch Verzeihen und Einsicht werdet ihr Freiheit und Frieden finden. Wir versammelten unsere Dienstboten und Sklaven. und mir wurde bewußt. Wir stellten Fragen über alles. Jeder verriegelte nachts die Tore. und keiner schenkte 222 . wie sich meine Mutter veränderte. und schließlich luden wir den Mann ein. Die Menschen in den Städten waren unzufrieden. wenn man vergibt‹ und er antwortete: ›Man findet die Einsicht. Was geschehen soll. der Mann war. was unsere Herzen beschwerte. und sie hatten Angst. und in den Kolonien rebellierten die Stämme gegen ihre Herren. Danach gingen wir jeden Tag zu diesem Platz. wird geschehen.‹ Das Wichtigste. unsere Freunde und Nachbarn. den wir in der Wüste Judäas gehört hatten. Und mit dem Frieden kommt das Licht. denn damals war das Leben im ganzen Reich von vielen Gefahren bedroht.

einem jeden werden die Zeichen offenbart werden. Wer wie meine Mutter die wöchentliche Lesung der Botschaft übernahm und das Liebesmahl vorbereitete. Perpetua sagt mir. daß man damals. Auf diese Weise wuchs die Gemeinschaft weiter und zählte immer mehr Mitglieder. und bald mußten die Versammlungen im Freien stattfinden. Die Menschen kamen aus allen Teilen der Stadt.‹ Und so entstand eine Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern. Sabina. die zusammengefügt die klare Antwort geben. In Alexandria hörte ich zum ersten Mal von dem neuen Zeitalter… Ich bitte Dich um Verständnis. Wir konnten uns ungehindert treffen. Amelia. Erst Jahre später fand ich in meinem Leben die Lösung für einen anderen Teil des Rätsels… Ja. Von Perpetua erfahre ich. das wir Tod nennen. denn der Gerechte ist Gottes Sohn. Meine Mutter übertrug immer mehr Mitgliedern die Diakonswürde. die dem Weg des Gerechten folgten. denn wir alle haben die Teile in uns. ich spreche bewußt von einem ›Rätsel‹ und meine damit das große Mysterium. Ich verspreche euch. Die Versammlungen fanden in unserem Haus statt. als die Männer 223 .dem anderen Vertrauen. Wir müssen die Botschaft so weit wie möglich verbreiten. damit viele den Weg finden. damit sie ebenfalls Versammlungen abhalten konnten. aber ich werde müde.‹ Meine Mutter sagte zu mir: ›Das ist der richtige Glaube. Unser Gast antwortete: ›Ihr werdet das Ende an den Zeichen erkennen. Aber damals wurden wir nicht angegriffen. Die Zahl unserer Mitglieder wuchs. Mein Vater ließ sich jedoch nicht zum Weg des Gerechten bekehren. daß sich das inzwischen wegen der Verfolgungen geändert hat. erhielt die Würde eines Diakons. denn sie wollten die Botschaft hören.

Aber wie durch ein Wunder hat sie sich wieder erholt. sitzt im Bett und sagt. daß sie ewig leben wird. Sabina wurde von den Erinnerungen so überwältigt. Ich weiß auch.‹ 224 . geglaubt hat.mich fanden und in das Kastell brachten. daß sich meine Mutter in ihrer Vorstellung vom Tod geirrt hat. Ich befürchtete. Meine Schwestern. wie und wann der Gerechte zurückkehren wird. Sie möchte den Bericht in ein paar Tagen fortsetzen. daß sie nicht weitersprechen konnte. ich sei tot. sie werde sterben. (Perpetua schreibt: ›Liebe Amelia. Vielleicht war ich tot. Ich weiß um das Ende aller Dinge und um die Wiederkunft des Gerechten. ich überbringe euch die gute Nachricht. daß mir offenbart worden ist.

Warum diese Vorsicht? Warum ›Meritites‹ und die verstellte Stimme? Vor allem. und als er die Nachricht fand: ›Ich muß für ein paar Tage weg!‹ hatte er bei Daniel Stevenson angerufen. weil er hoffte. Niemand sollte wissen. Aber Daniel hatte sich nicht gemeldet. die mit verstellter Stimme sprach. daß es ihr gutgehe? Jetzt machte er sich noch größere Vorwürfe. daß die Frau Catherine war. sie zu frisieren oder mit einer Spange zusammenzuhalten. sie über die Schriftrollen gebeugt zu finden. wenn sie sehr konzentriert arbeitete. sie sei dort. Kalifornien Die Mitteilung auf dem Anrufbeantworter war so eigenartig. Er hätte bei ihr bleiben müssen. wo sie sich befand – auch er nicht. daß Julius zuerst dachte. bis ihm schließlich dämmerte. warum die Betonung darauf. Sie wollte ihm offenbar mitteilen.Santa Monica. daß sich die geheimnisvolle Anruferin unter dem Namen ›Meritites‹ meldete – der Name der Königin. 225 . Versunken in die Übersetzung würden ihr die langen kastanienbraunen Haare über die Schultern fallen – immer. deren Mumie er vor einem Jahr untersucht hatte. Er schloß die Wohnungstür mit seinem Schlüssel auf und hoffte. jemand habe sich einen Scherz mit ihm erlaubt. vergaß sie ihre Haare und machte sich nicht die Mühe. Doch dann fiel ihm auf. Er hörte sich das Band mehrmals an. ja rechnete fast damit. Deshalb fuhr Julius zu ihrer Wohnung in der Fifth Street in Santa Monica. nach ihrem Streit ins Institut gegangen zu sein. Bei seiner Rückkehr war das Haus leer gewesen. daß sie in Sicherheit war und sich verstecken würde.

»Cathy«. Er sah das Mondlicht. die ihre Nachbarin in die Wohnung brachte. Er glaubte. Stevensons Wohnung. Hätte ich dich doch nicht allein gelassen. Cathy trug sie am liebsten offen. Ihre dichten. das ist schon besser. sagte die Zeugin zu dem Porträtzeichner auf der Polizeiwache. eher kastanienrot. bitte ruf mich an. nicht rot. Im Schlafzimmer sah er auf der Kommode ein gerahmtes Photo von ihnen beiden am Strand von Honolulu. »Nein. Ja. Wo immer sie sein mochte.« Er tröstete sich damit. sie befand sich in Sicherheit. Die Kaffeekanne stand im Küchenschrank.Aber Catherine war nicht in der Wohnung. Die Fremde rannte aus Dr. Wir werden zusammen eine Lösung finden. langen kastanienbraunen Haare hatten ihn sofort um den Verstand gebracht. noch immer die Brandung vor der Terrasse hören zu können. Ihre Tollkühnheit würde ein Geheimnis bleiben. und auf dem Eßtisch lagen ein Stapel Post und Zeitungen. Julius schloß die Augen. daß Catherine unabhängig war und für sich sorgen konnte. Komm zurück. dann lagen alle Lebensmittel auf dem Boden. bis sie die Schriftrollen übersetzt hatte… »Lange rotbraune Haare«. Sie hatten damals zusammen an einer Konferenz teilgenommen und im Halekulani Hotel zum ersten Mal miteinander geschlafen. flüsterte er. Trotzdem konnte die Nachbarin die 226 . Das fand er sexy und sehr herausfordernd. »wo immer du auch sein magst. und die Frau war bereits auf der Treppe. das Bett war unbenutzt. das auf das Bett schien. spürte Cathys zarte Haut und roch den Duft von Kokosnußsonnenöl und frisch gewaschenen Haaren.« Der Zusammenstoß war so überraschend gewesen.

der auf dem Schreibtisch saß und Kaugummi kaute. wer diese Frau gewesen sein könnte?« fragte der Inspektor. Er mußte unbedingt noch die Beweisstücke ins Institut bringen. Jetzt bestätigte sie dem Zeichner. »In diesem Haus ist jeder mit sich beschäftigt. wie er es eigentlich für richtig gehalten hätte. diesem Fall so nachzugehen. Der Inspektor konnte sich nicht den Luxus erlauben. Wissen Sie. Stevenson nur sehr selten da. das Bild sehe ihr wirklich sehr ähnlich. »Haben Sie den Mann gesehen. Kann ich jetzt gehen?« 227 . Außerdem war Dr. mit wem sie davongefahren ist?« »Richtig. einem Irrenhaus – Einbrüche. junger Mann?« »Sie wissen also nicht. Außerdem waren sie unterbesetzt.Fliehende genau beschreiben. und Sie wissen nicht. Der tiefgefrorene Truthahn ist durch den Gang gerollt und wäre beinahe…« »Draußen hat ein Mann auf die fliehende Frau gewartet«. Die Nachbarin schüttelte den Kopf. eine Woche vor Weihnachten. gestohlene Fahrzeuge. mit dem die Frau dann geflohen ist?« »Glauben Sie. weil ich meine Lebensmittel aufsammeln mußte. wer sie war. die die Frau verfolgt haben?« »Ich habe sie nicht richtig gesehen. Die Polizeistation glich an diesem Dezembermorgen. unterbrach der Inspektor sie ungeduldig und stand auf. so eine Art Indiana Jones.« »Und die beiden bewaffneten Männer. Er war ständig unterwegs bei Ausgrabungen. Raubüberfälle und betrunkene Autofahrer ließen den Beamten keine ruhige Minute. ich kann durch Hauswände blicken. »Haben Sie eine Ahnung.

Alle schienen plötzlich gleichzeitig zu reden. der mit 228 . Ein Spinner. So ein Typ. »Uns ist nichts aufgefallen«. daß dieses Bild ihr gleicht?« Die Nachbarin warf noch einmal einen Blick auf das fertige Porträt. Bislang hatte Maloney jedoch nur erfahren. Trotzdem schien dieser Stevenson wichtig genug zu sein. der ihn zu sich in sein Büro winkte. heilige Nacht‹. klappernden Schreibmaschinen und lauten Druckern. ein Science Fiction-Fan. blickte ihr über die Schulter und fand. Vielleicht war sie auch nur temperamentvoll. daß es auf dem Mars Pyramiden gab. etwa. »Stevensons Wohnung war das reinste Chaos – nichts aufgeräumt. Jedenfalls hatte er keinen großen Beitrag zur Wissenschaft geleistet. daß Stevenson ein Einzelgänger und Idealist gewesen war. daß der Porträtist eine hübsche Frau mit großen Augen und sinnlichen Lippen gezeichnet hatte. Darunter mischten sich aus dem Radio die süßlichen Töne von ›Stille Nacht. ob aus dem Mord an dem Archäologen vielleicht eine Geschichte zu machen sei. dachte Maloney gelangweilt. der verrückte Sachen geglaubt hatte. sagte der Inspektor gereizt und nickte seinem Vorgesetzten zu. als mache sie sich viele Gedanken oder sei oft zornig. und es entstand ein ohrenbetäubender Lärm. »Ist etwas gestohlen worden?« fragte Maloney den Kaugummi kauenden Inspektor und folgte ihm durch die Wache mit den klingelnden Telefonen.»Sind Sie sicher. um herauszufinden. Wer mochte diese schöne Unbekannte sein? Der Chefredakteur hatte Maloney auf die Wache geschickt. Auf dem Bild hatte sie eine senkrechte Falte zwischen den Augenbrauen. um auf so seltsame Weise ermordet zu werden. keine ersichtliche Ordnung. In diesem Augenblick erschien ein anderer Mann in der Wache.

Sein Blick fiel auf den Schreibtisch des Inspektors. Verblüfft sah er genauer hin. 17. ob etwas fehlt?« »Gibt es Spuren? Weiß man schon. Dann blickte er auf den Schreibtisch. Er drehte sich um und schlenderte durch den Raum in Richtung Ausgang. Inspekt. schob sich rückwärts unauffällig an den Schreibtisch heran und zog geschickt das Photo aus dem Umschlag. 99. daß niemand auf ihn achtete. Maloney blieb stehen und dachte. So etwas hatte er schon einmal gesehen.sechsunddreißig noch immer nicht erwachsen ist. »Mein lieber Baloney. drehte sich um und steckte die Hände in die Hosentaschen. als mir hier Fragen zu stellen?« Maloney hatte nichts dagegen. Er überzeugte sich schnell. 12. daß ihn die Beamten ›Baloney‹ nannten. Maloney ließ die Tür von Schapiros Vorgesetztem nicht aus dem Auge. Wie soll da jemand sagen. wer die Mörder sind?« fragte Maloney. und er sah einen Stapel Umschläge. Er mußte noch einmal stehenbleiben. auf Hochtouren zu laufen. Aber wo? Sein Gehirn begann. Frage: Warum dringen zwei Männer in die Wohnung eines 229 . Was zum Teufel ist das? Maloney runzelte die Stirn. Auf den Umschlägen stand: Stevenson. Schapiro. »Ich möchte nur ein paar…« Aber der Inspektor ging weiter und verschwand im Büro seines Vorgesetzten. Seine Spitznamen für sie waren noch weniger schmeichelhaft. weil gerade vier ›Weihnachtsmänner‹ in Handschellen hereingebracht wurden. haben Sie nichts Besseres zu tun. er werde wohl am besten in aller Ruhe frühstücken gehen. wie man sie für die Aufbewahrung von Beweisen benutzt. Aus einem der Umschläge ragte in einer Plastikhülle ein glänzendes Photo.

schneiden ihm die Kehle durch. Ihm gefiel Santa Barbara. stelle sie in einen neuen Zusammenhang. Papyrus-Schriftrollen? Noch einmal: Zwei Killer. Es sah wie ein Papyrus mit altertümlichen Schriftzeichen aus. war. gezackte Linie. Was für ein Dokument ist das? Noch interessanter war die Frage: Wo befindet es sich? ›Wenn man wirklich etwas erfahren will‹. Auf den ersten Blick schien es sich bei dem Papyrus um ein Einzelblatt zu handeln. dann mußte man eben etwas daraus machen. Maloney kniff die Augen zusammen und musterte aufmerksam das Photo. daß die Bewohner von Santa Barbara ihre Rasen während der großen Trockenheit 1993 grün gefärbt hatten. 230 . und plötzlich ist die Sache nicht länger langweilig. an die sich Maloney erinnern konnte. Deshalb suchte er immer nach einem besonderen Aspekt. hatte ihm sein Chefredakteur einmal gesagt.unbedeutenden Archäologen ein. jagen einer Frau hinterher und schießen sogar auf sie? Antwort: Das sind sehr schwere Geschütze für einen harmlosen Diebstahl. eine fliehende Frau. zusammengefügt und dann photographiert. was du über dieses verschlafene Nest schreiben willst?‹ Die aufregendste Geschichte. ein ermordeter Archäologe. Der Inspektor kam erfreulicherweise noch immer nicht zurück. wo wirklich etwas passiert. Es sah aus. In der unteren Hälfte entdeckte er eine weiße. Maloney beugte sich über das Photo. Wenn die Wirklichkeit langweilig war. Schriftrollen. Man nehme eine ganz gewöhnliche Geschichte. Also. was willst du in Santa Barbara? Kannst du mir erklären. als habe man zwei Teile gefunden. ›dann sieht man sich in den Großstädten um. Maloney hatte etwas gegen Großstädte.

hatte lange strähnige Haare und Augen wie Charles Manson. 99. Frage: Durch welchen Zusammenhang kann ich Interesse für das Photo wecken? Steckt hinter dem Mord vielleicht eine Affäre? Ein Verbrechen aus Leidenschaft? War die Mafia dabei im Spiel? Plötzlich tönte eine Stimme durch den Lärm: »Warum wollt ihr nicht auf mich hören? Ich bin der Erlöser!« Der Mann war hager und wirkte verwahrlost. die vom Schauplatz des Verbrechens flieht. Maloney lief ein Schauer über den Rücken. warfen sie ihn zu Boden. Maloney hätte am liebsten laut gejubelt. »Das Ende der Welt ist nahe!« rief er. wird in der Hölle brennen!« Drei Polizisten stürzten sich auf ihn. Blitzschnell rekapitulierte er: Ein ermordeter Archäologe. und als er sich wehrte. Er mußte nicht lange darüber nachdenken. Maloney blickte noch einmal auf das Photo. ein geheimnisvolles Jesus-Fragment und eine schöne Frau. Nach einem schnellen Blick durch 231 . 12. Scharm el Scheich. »Nur durch mich werdet ihr gerettet werden. gefunden am 14. Wer nicht an mich glaubt. Schriftrollen… Hatte dieser Stevenson vielleicht einen sensationellen Fund gemacht? Schnell drehte er das Photo um und sah auf der Rückseite den Vermerk: ›Jesus-Fragment. was er als nächstes zu tun hatte. Ein JesusFragment! Seine Gedanken überschlugen sich. Golf von Akkaba‹.Das Porträt der geflohenen Frau zum Beispiel würde ungefähr eine Woche lang in den U-Bahnhöfen ausgehängt werden und dann verschwinden.

Maloney hatte seine Geschichte! 232 . Kurz darauf verließ er lächelnd die Polizeiwache und wünschte jedem.die Wachstube verschwand das Photo in der Tasche seines Regenmantels. der ihn ansah. fröhliche Weihnachten.

der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende des Konzerns und Mitglied des aus drei Personen bestehenden Präsidiums von Dianuba. Aber Miles lachte. Er verließ seinen Platz am Bauchmuskelstimulator und begrüßte die Anwesenden – die Führungskräfte seines 233 . wir sollten einen Rückzieher machen. beweglich zu halten und zu konditionieren. so erklärte man. Dadurch. daß Dianuba einen weiteren großen Software-Hersteller übernahm.« Miles hatte die außerplanmäßige Konferenz in der Hauptverwaltung seines Konzerns angesetzt. sagte Torrez. »Das kann einen Prozeß zur Folge haben«. »Was soll bei einer solchen Untersuchung herauskommen? Warum die Leichenbittermiene? Wir sind nicht durch Ängstlichkeit das geworden. Mike Torrez. um die Vorwürfe des Kartellamtes zu diskutieren. was wir heute sind. Zwölf elektronisch gesteuerte Trainingsmaschinen zum Preis von jeweils siebentausend Dollar waren von Experten darauf abgestimmt worden. Die Behörde hatte an diesem Tag offiziell Einspruch dagegen erhoben.Albuquerque. erklärte er mit ernster Miene. jeden Teil des Körpers zu kräftigen. würde Miles Havers den Markt beherrschen. Das Übungsprogramm gehörte zum Tagesablauf von Miles. »Ich glaube.« Miles beendete sein Übungsprogramm in dem privaten Fitneß-Raum neben seinem Büro. New Mexico »Es gibt große Schwierigkeiten«. In seinem Haus befand sich genau der gleiche Fitneß-Raum. machte sich Sorgen. den Wettbewerb verzerren und früher oder später von den Verbrauchern überhöhte Preise fordern.

Er tippte eine Nummernkombination. das Unternehmen blühte. und auf dem Monitor erschien der neueste Börsenüberblick. sagte er und trocknete sich den Schweiß von Gesicht und Hals.und Feiertagen besetzt war. meine Herren!« Miles trat ans Fenster und blickte hinaus. bedeutete das. drehte er sich um und ging zur Saft-Bar. Ein Prozeß ist kostenlose Werbung. die auf der Bartheke lag. Die Dianuba-Aktie war am Vortag um 234 . Aus der Vogelperspektive wirkten die grünen Rasenflächen so makellos gepflegt wie in einem Fußballstadion. das gefällt mir nicht. Zufrieden mit dem ermutigenden Anblick. Wenn der Betriebsparkplatz an Sonn. wie wir das immer tun. aber auch am Sonntag würde kein Platz frei sein. Miles sah auch den großen Parkplatz für die Mitarbeiter. Offen gesagt.Konzerns und den Leiter der Rechtsabteilung. die Produktion war ausgelastet. »daß für mich die Interessen und Wünsche der Anwender immer an erster Stelle stehen. wählte frisch gepreßten Granatapfelsaft und setzte sich an die Tastatur des Computerterminals. Das Kartellamt wirft mir maßlose Gewinnabsichten vor. Hier befand sich auch das Dianuba ›Forschungs. Ein leerer Parkplatz war ein Indikator für schlechte Geschäfte. Wir werden vor Gericht die Vorwürfe in aller Schärfe zurückweisen. Von seiner Chefetage im dreiundzwanzigsten Stock hatte er einen guten Blick auf die dreißig Gebäude.und Entwicklungszentrum‹. »Sie alle wissen«. An diesem Samstag war er natürlich voll besetzt. die Behörde bei ihren Untersuchungen rückhaltlos unterstützen und unsere Interessen klar und deutlich vor aller Welt vertreten. Der Parkplatz führte Miles jederzeit anschaulich den Erfolg seines Unternehmens vor Augen. in denen zwölftausendneunhundert Angestellte arbeiteten.

Wir werden auch diesmal siegen. Er gab sich keine Mühe. Er wirkte zuversichtlich und schien alles völlig unter Kontrolle zu haben. trat neben Torrez und legte seinem Vize freundschaftlich die Hand auf die Schulter. Miles war attraktiv und zog überall die 235 .000 Aktien war um einhundertachtundfünfzig Millionen Dollar reicher. ›Früher oder später wird die Alexander sich bei ihm melden… entweder sie sich bei ihm oder er sich bei ihr. aß dort mit einem Kollegen zu Mittag…‹ ›Lassen Sie ihn nicht aus den Augen‹. Miles mit seinen 79. vor anderen zu verbergen. Dann möchte ich wissen. Er stand nur eine Stufe unter dem Aufsichtsratsvorsitzenden und Konzerngründer und war nur Miles persönlich Rechenschaft schuldig. einen ersten Bericht über die vierundzwanzigstündige Überwachung von Dr.zwei Dollar gestiegen. Miles ging weiter und redete dabei zu den Herren am Konferenztisch. Julius Voss. wann es klüger war zu schweigen. Sein Mann hatte allerdings nichts Wichtiges zu sagen.000. ›Fuhr zur Arbeit ins Institut.« Torrez gab keine Antwort. Das bedeutete. daß er mit seinem Aussehen zufrieden war. Miles lächelte. aber er wußte aus langer Erfahrung. Schließlich erreichte er wieder die Bar und betrachtete sich im Spiegel. aber sein innerer Tiger knurrte ungeduldig. »Alles wird reibungslos verlaufen. In seinen Geschäftsbereich fiel die weltweite Vermarktung der Dianuba-Produkte. das auch ihn erfüllte. Mike. hatte Miles befohlen. worum es geht und wo sie sich befindet‹ Miles sprach zuversichtliche Worte und flößte der Führungsspitze dasselbe Vertrauen ein. Kurz vor Beginn der Konferenz hatte er einen Anruf aus Malibu erhalten.

»Ich muß jetzt nur noch das Internet überwachen und nach jemandem Ausschau halten. Seit dem Fund des Jesus-Fragments waren fünf Tage vergangen. Daniel Stevensons Internet Server zu lokalisieren. Als die Herren eine Stunde später das Büro verließen. Warum sollte er sich nicht selbst im Spiegel betrachten dürfen? Sogar der Schweiß auf der Stirn nach den Übungen unterstrich seine ausgezeichnete körperliche Verfassung. Auch Zeke machte er bittere Vorwürfe. »Mr. Selbstverständlich erschien sein Name regelmäßig ganz oben auf der Liste der ›am besten gekleideten Männer‹. Miles freute sich über die Bewunderung. Jeder weitere Tag vergrößerte die Wahrscheinlichkeit. hatte Miles sie wieder einmal mit seiner ansteckenden Kraft und seiner visionären Begeisterung überzeugt. Havers.« Miles wußte. daß ein anderer von den Schriftrollen erfuhr und sich auf die Jagd danach machte. Im stillen verwünschte er Teddy Yamaguchi. und noch wichtiger. Sie haben ein Gespräch auf Ihrem persönlichen Apparat. er besaß Stevensons elektronische Adresse. Er hätte sie im Sinai nicht entkommen lassen dürfen.Blicke auf sich. sagte Miles. der Stevensons IP-Adresse benutzt. wie Teddy das anstellen würde. die ihm alle bei seinem Anblick zollten. Miles warf einen unruhigen Blick auf den Kalender.« Es war Teddy Yamaguchi. Es war ihm gelungen. Für einen cleveren Hacker war das ein Kinderspiel. daß sie die Frau noch nicht gefunden hatten. Seine Sekretärin meldete sich. Wenn Catherine Alexander mit Stevensons Laptop im Internet auf Online ging. würde 236 . obwohl es nicht Teddys Schuld war. »Ich möchte von Ihnen nur eine gute Nachricht hören«. Teddy hatte in der Tat gute Nachrichten.

»Wenn sie sich das nächste Mal ins Netz wagt. wo sich die Alexander in diesem Augenblick befand. Gleichzeitig konnte er die Verbindung überprüfen und herausfinden. »dann haben wir sie. der glaubte.Teddy die Verbindung sehen und OmegaNet. Mr.« 237 . er selbst sei diese Alexander. Havers«. was sie im Netz suchte. sagte Teddy zuversichtlich. täuschen. Stevensons Zugangsvermittler. Dann würde Teddy auf seinem Bildschirm sehen.

Die Straße war älter und langsamer als die Interstate 5. die christliche Kirche zu prägen.« »Stellen Sie sich vor«. Sie blickte ihn verstohlen von der Seite an. Dort hat man zum ersten Mal die Anhänger der neuen Lehre als ›Christen‹ bezeichnet.Sacramento. »es stellt sich heraus. Aber auf dieser Strecke würde man sie nicht vermuten. als sie an dem vermutlich hundertsten geschlossenen Obststand am Straßenrand vorbeikamen. in der er zu den Menschen gesprochen hat. die sich die katholische Kirche angemaßt hatte. von dem Sabina spricht. Catherine hatte ihm noch nichts von ihrer Hoffnung gesagt. »Sabina ist dort geboren worden. um uns ins Internet einzuwählen«. was Garibaldi zu Frauen sagen würde. Catherine fragte sich. Antiochia war die erste Stadt. sagte Catherine. Vielleicht finden wir irgendwo einen Hinweis auf die Familie. weil ein vollbeladener Lkw mit stinkendem Dieselqualm die Luft verpestete. Kalifornien »Wir werden Daniels Zugangsverbindung benutzen. Würde er mich auch dann noch unterstützen. das Symbol der männlichen Macht. daß ich den Beweis dafür suche. in den Schriftrollen etwas zu finden. die dazu beigetragen hatten. Sie wußte. daß die Männer 238 . Er trug immer noch die schwarze Soutane. was mehr Licht auf die Rolle der Frauen werfen würde. »Zuerst sollten wir Informationen über Antiochia suchen«. daß der Prediger. der heilige Paulus ist. Garibaldi dachte in den Begriffen der Männer. sagte Garibaldi und setzte zum Überholen an. fügte sie hinzu. Ihr Vater war offenbar ein geachteter Einwohner der Stadt. Sie und Garibaldi fuhren auf dem Highway 99. wenn er wüßte.« Catherine erwiderte nichts. denen man das Priesteramt übertrug.

sich als Stellvertreter Christi zum Papst wählen zu lassen? Catherine massierte sich den Nacken. Würde sie im Text einen Hinweis finden. wie Sabinas Geschichte weiterging. Aber schließlich hatte sie es aufgegeben. Das Lesen während der Fahrt war einfach zu mühsam. um zu tanken und Essen zu kaufen. Jetzt fuhren sie nicht mehr den blauen Mustang. der eine Datierung der Bücher ermöglichte? Würde es wirklich so einfach sein? ›Der heilige Paulus war 40 n. Sie hielten ständig Ausschau nach Fahrzeugen.nicht das Recht haben. was sie bisher gelesen hatte. Chr. In Fresno wechselten sie vorsichtshalber den Leihwagen. aber sie mußte sich gedulden. Bei den wöchentlichen Lesungen der 239 . sagte Garibaldi.und Sklavenmarkt zu den Menschen reden hört und den sie später einladen. außerdem mußte sie vorsichtig sein. in Antiochia‹. Ein so wertvolles Dokument hätte sie normalerweise nur unter Institutsbedingungen angefaßt. Sie waren seit beinahe zehn Stunden unterwegs. wechselten sich beim Fahren ab und machten nur Pausen. bis sie ein Motel gefunden hatten. Es war spät am Nachmittag. als Catherine ihm berichtete. Dann wollte Catherine nach einem heißen Bad und einer vernünftigen Mahlzeit mit der Übersetzung der Schriftrollen fortfahren. die Versammlungen im Haus von Sabinas Familie abzuhalten. Catherine hatte lange in dem ersten Buch gelesen. damit der empfindliche Papyrus keinen Schaden nahm. ›Vielleicht ist er der Mann. Immer wieder kreisten ihre Gedanken um den einen Satz: »… daß mir offenbart worden ist. sondern einen roten Ford Escort.« Sie war neugierig. als sie bei grauem Himmel das Weinanbaugebiet um Sacramento erreichten. die sie möglicherweise verfolgten. den Sabina mit ihrer Mutter auf dem Vieh. wie und wann der Gerechte zurückkehren wird.

zwei T-Shirts und Khaki-Shorts. dachte Catherine. Während sie in der einsetzenden Dämmerung nach einem Motel Ausschau hielt. wie sie Garibaldi dazu bringen könnte. auch ein Einkaufszentrum zu finden. weil ihr Nacken und die Schultern immer noch schmerzten. aufgeschlagen und darin gelesen. Wie hätte sie eine so dramatische Flucht voraussehen können? Die Bluse konnte sie im Waschbecken waschen. Nach dem Telefonat mit Danno hatte sie sich nicht die Zeit genommen. Trotzdem 240 . Sie hatte nur einen Bademantel. Vielleicht wird es nicht so einfach sein. das Buch mit den Stundengebeten.Botschaft und dem Liebesmahl handelt es sich vielleicht um das Evangelium und die Kommunion. Es liegt an der Soutane. anderes jedoch nicht. hatte Garibaldi einige Male sein Brevier. Seine Anwesenheit machte ihr zu schaffen. daß sie ihm deshalb keinen Vorwurf machen durfte. dachte Catherine und stöhnte leise. hoffte sie. schließlich war er Priester. Trotzdem verstehe ich nicht alles…‹ Damit wollte Garibaldi sagen. aber die Wollhose mußte in die Reinigung. Sie brauchte etwas zum Anziehen. sie allein zu lassen und nach Chicago zurückzukehren. Wenn sie am Steuer saß. und ihr Unbehagen wuchs von Stunde zu Stunde. das Rätsel der Schriftrollen zu lösen. Während sie an Artischockenfeldern und Kleewiesen vorüberfuhren. Kleider zum Wechseln mitzunehmen. Sie hatte während der langen Fahrt immer wieder darüber nachgedacht. flüsterte er lautlos seine Gebete. daß einiges an die Worte von Jesus erinnerte. und zu seinen Pflichten gehörte das ›ständige Gebet‹. Catherine wußte. Aber Catherine beschäftigten nicht nur das Kleiderproblem und die Schriftrollen. sie erinnert mich ständig an Vater McKinney und an Mutters Tod. die bei diesem Wetter nicht warm genug waren.

Was erwartet Garibaldi von der Jahrtausendwende? dachte Catherine plötzlich. Im Autoradio hatten sie gehört. »Schon wieder ein geschlossenes Motel!« sagte Garibaldi plötzlich. wenn die sündigen Städte wie Sodom und Gomorrha in Flammen aufgehen. was geschieht. Die Menschen verließen ihre Häuser und Wohnungen und fuhren zu den Stellen. wenn er das Brevier schließlich zuklappte und in die Reisetasche legte. wo sie glaubten. die nicht an die Apokalypse und die düsteren Prophezeiungen glaubten. daß der Weltuntergang nahe ist? Die Wiederkehr Jesu… War Sabina wirklich dieses Wissen offenbart worden? Wußte sie. auf denen sich die Menschen zur Jahrtausendwende drängten. die in Richtung Big Sur unterwegs waren. Sie wollten mit Ritualen oder aufwendigen Festen das neue Jahrtausend beginnen. daß zu gewissen Orten der Welt ganze Völkerwanderungen unterwegs waren. daß Jesus inmitten der himmlischen Heerscharen wieder auf die Erde kommen wird? Glaubt er an das Jüngste Gericht und daran. um den endlosen Wagenkolonnen zu entgehen. Deshalb hatten sie die Küste verlassen und fuhren ins Landesinnere von Kalifornien. Glaubt auch er. daß die 99 nicht zu den Routen gehörte. in Sicherheit zu sein. von Erdbeben oder Naturkatastrophen vernichtet werden würden. Andere. weil ihre Besitzer wußten. Offenbar hatten die kleinen Motels entlang des Highway geschlossen. waren jedoch ebenfalls unterwegs. Würden sie 241 . Catherine lief ein Schauer über den Rücken.fühlte sie sich jedesmal erleichtert. wenn wir sterben? ›Und alle die Jahre und Wege… haben mich zu der Antwort geführt‹.

durch Kieswege miteinander verbundenen Bungalows bestand. stellte sich heraus. Sie sollten schnellstens nach Chicago fahren«.« Sie legte ihm einen neuen Verband an.und Garibaldi das Mysterium aller Mysterien entdecken? »Zimmer frei!« rief er plötzlich und fuhr auf den Parkplatz eines größeren Motels. und die Suche ging weiter. das sehr sauber aussah und aus kleinen. Garibaldi fuhr seufzend auf den Highway zurück. aber die Wunde sah entzündet aus. bei einem Dew Drop Inn. beschlossen Catherine und Garibaldi. sondern auch Kopfschmerzen. den letzten freien Einzimmer-Bungalow zu nehmen. Catherine ging in das Büro. »Ein Arzt müßte die Wunde behandeln. Es war nur noch ein einziges Zimmer zu haben. Als sie in dem Zimmer waren und die Tür abgeschlossen hatten. Catherine hatte nicht nur einen steifen Rücken. Neonlichter halfen ihnen. sagte sie. Der Streifschuß war verkrustet. und Garibaldis Wunde machte ihm zu schaffen. daß es auch in diesem Motel nur noch ein Zimmer gab. Catherine betrachtete sich seinen Arm. Die lange Fahrt setzte ihnen beiden zu. Deutete das auf eine Infektion hin? »Ich bin der Meinung. sich zu orientieren. aber sie sahen nur die roten ›Kein Zimmer frei‹-Leuchttafeln der Motels. Beim dritten Versuch. Sie ließen die Weinberge und die reizvolle Landschaft hinter sich und erreichten die dicht besiedelte Gegend um Stockton. und er 242 . Als sie endlich wieder ein grünes Schild mit ›Zimmer frei‹ erreichten. Er hatte auch den Verband von der Wunde entfernt. verschwand Garibaldi mit seiner Tasche im Bad und kam in Jeans und einem Sweatshirt mit dem verblaßten Aufdruck ›Loyola University‹ wieder zurück. aber sie kam kurz darauf wieder zum Wagen zurück. Inzwischen war eine sternenlose Nacht angebrochen.

exzessive Parties. Was hat ihn letzte Nacht so sehr beschäftigt. wie sie mitten in der Nacht aufgewacht war und gesehen hatte. die wieder offen und freundlich und nicht mehr so verschlossen und dunkel wirkten wie noch kurz zuvor. der einfach ein Gebet sprach. In den Nachrichten war nichts über Daniel zu erfahren. alle Berichte kreisten um die bevorstehende Jahrtausendwende – wachsende Hysterie. Und was ist überhaupt mit Ihren Angehörigen?« Er drehte ihr den Rücken zu und griff nach dem Laptop. Jetzt saß sie vor dem Fernseher und suchte einen Sender mit Nachrichten. »Der Arm ist in Ordnung.rollte den Hemdsärmel darüber. trug Catherine ihren Bademantel. Es war mehr die Geste eines Flehenden gewesen als die eines Priesters.« »Vater Garibaldi. Selbstmorde. murmelte er. Sie hatte geduscht und ihre Sachen im Waschbecken gewaschen. »Haben Sie etwas über Daniel Stevenson gebracht?« fragte Garibaldi und stellte die weißen Kartons auf den Tisch. Sie staunte über die sichtliche Spannung.« Als er zurückkam. Sie blickte in seine klaren blauen Augen. »Ich habe keine Angehörigen«. Er hatte sich über die gefalteten Hände gebeugt und den Kopf auf die Arme gelegt. »Sollen wir uns eine Pizza bringen lassen und sofort mit der Arbeit anfangen?« fragte er. wo Sie sind. daß er am Fenster betete. in Ihrer Pfarrei wird man sich fragen. Schließen Sie hinter mir ab und lassen Sie niemanden herein. und erinnerte sich daran. er griff nach den Wagenschlüsseln. noch nie 243 . »ich habe nicht weit von hier ein Restaurant gesehen. die ihre Bemerkung ausgelöst hatte. als er leidenschaftlich betete? »Vergessen Sie die Pizza«.

bekam sie Hunger. sagte Catherine. »Wann wird das Kämpfen und Töten endlich aufhören?« Sie schaltete den Fernsehapparat aus. Frühlingsrollen und die anderen verführerisch duftenden Gerichte sah. Sie kämpfte schon den ganzen Tag gegen ihre ohnmächtige Wut an. »Sie sollten nach Chicago zurückkehren. zog den Gürtel des Bademantels enger und dachte wieder daran. »Vater Garibaldi«. Bedrohlicher klangen Meldungen von paramilitärischen Gruppen.dagewesene Großzügigkeit und Spenden. Sie sind Priester und wollen bestimmt bei Ihrer Gemeinde sein. waren aus den Nachrichten schon lange nicht mehr wegzudenken. »Ich hatte mir schon Sorgen gemacht. die Shrimps. »Wie soll das alles enden?« Die qualvolle Hilflosigkeit machte sich in ihren Worten Luft. denn er hatte ihr das richtige Stichwort gegeben.« Garibaldi suchte in der Tragetüte nach den Eßstäbchen und Servietten. »Die Welt scheint wirklich am Rande des Wahnsinns zu stehen«. Am liebsten hätte sie sich längst auf die Suche von Dannos Mördern gemacht. Ein Priester gehört in eine Kirche…« 244 . »Sie waren lange weg«. sagte Garibaldi und schüttelte den Kopf. Als sie den Reis. Terror-Anschläge und ein Wettlauf des FBI mit Massenvernichtungsdrohungen. »In dieser Welt scheint es nur noch Terror und sinnlose Gewalt zu geben«. der apokalyptische Weltuntergang werde ein Kampf zwischen ihnen und der Polizei sein. die seit 1995.« »Ich war noch kurz in der katholische Kirche im Ort. daß sie unbedingt etwas zum Anziehen brauchte. nach der Bombenexplosion in Oklahoma. die Regierung und die Geheimdienste in Atem hielten. antwortete sie bitter. sagte sie. die offenbar glaubten. Aber im Augenblick mußte sie sich in ihr Schicksal fügen.

dann muß sie um 20 n. die Schwärzung von Tinte und die Form der Buchstaben zu katalogisieren.« Catherine sah ihn sprachlos an.« Catherine konnte nicht so schnell essen wie er und saß noch über den reichlichen Portionen.« »Am Anfang des zweiten Jahrhunderts. Tränen traten ihr in die Augen. daß Jesus seine Botschaft in den drei Jahren vor der Kreuzigung im Jahr 32 oder 33 unserer Zeitrechnung verkündet hat.« »So etwas ist schließlich meine Aufgabe«. Das wäre demnach im Jahr 100 n. wir sollten vor allem versuchen. zum Beispiel die Unabhängigkeitserklärung im Vergleich zu einem Brief von Charles Dickens. »Man sagt. Wenn Sabina ihn als Zehnjährige in der Nähe des Toten Meeres hat predigen hören. die Schriftrollen zu datieren.« Michael nickte nachdenklich. »Und Sie glauben. So wie wir eine Handschrift aus dem achtzehnten von einer aus dem neunzehnten Jahrhundert unterscheiden können. für Daniel eine Messe zu lesen. daß die Handschrift aus dem zweiten Jahrhundert stammt?« »Eindeutig. »Danke. daß sie Amelia ihre Geschichte als Achtzigjährige erzählt. Dreimal mußte er den Laptop starten. Pinselstriche. daß Sie das für Danno getan haben. Handschriften des Altertums 245 . Chr. geboren sein. sagte sie leise. »Danke«. so ist ein guter Paläograph in der Lage. Während sich Garibaldi um den Computer bemühte. Eine Messe für Daniel… Sie zog einen Stuhl heran und setzte sich neben ihn. Im Text steht. erwiderte er und lächelte sie an. sagte er: »Ich denke. »Ich habe den Priester gebeten. erwiderte er und reichte ihr die Soja-Sauce. Chr.»Deshalb bin ich nicht dorthin gegangen«. Meine Mutter hat viele Jahre damit zugebracht.

mich zu finden. Danno hat gesagt. »Auch ich bin inzwischen völlig auf die Maus angewiesen. Das wiederum konnten sie nur durch Abhören herausgefunden haben. »Tut mir leid. dieser Havers ist entschlossen. Sie würden auf mich hören«. »Vater Garibaldi.« Er sah sie an und lächelte entwaffnend. murmelte Garibaldi. Sie haben keine Fragen gestellt.« Garibaldi tippte auf der Tastatur. Miles Havers weiß. ich wünschte wirklich. um sich mit uns zu unterhalten. Das bedeutet. daß ich die Schriftrollen in der blauen Tasche bei mir habe. wo sich die Schriftrollen befanden. Ich habe es mir immer wieder überlegt. während Catherine noch einen Schluck grünen Tee aus dem Plastikbecher trank. und man hat alles mitgehört. sie wußten bereits. daß ich erfahren habe. Ganz zum Schluß hatte ich Danno gesagt.« Garibaldi ließ den Monitor des Computers nicht aus den Augen. wer hinter mir her ist.genau zu identifizieren und zu datieren. die Wohnung wurde überwacht. was dort gesprochen wurde?« »So muß es gewesen sein. sind Sie in großer Gefahr. »Sie meinen. aber so einfach werden Sie mich nicht los. er hätte herausgefunden. während er ungerührt auf der Tastatur Befehle eingab. weshalb das alte DOS vom Markt verschwunden ist«. Wenn Sie nicht nach Chicago zurückkehren. Zwei Minuten später sind diese Männer aufgetaucht. »Ihr Leben ist in Gefahr. sondern sind in die Wohnung eingedrungen und haben Danno blitzschnell ermordet.« Sie lehnte sich zurück und seufzte. sagte sie. Das bedeutet. wer hinter dem Mord steckt! Vater Garibaldi. Die beiden Männer waren nicht in Dannos Wohnung. Verstehen Sie mich?« »Ich verstehe jetzt. »Aber mir macht etwas anderes große Sorgen.« 246 .

Auf dem Bildschirm erschien: USERNAME Sie tippte: dstevens. sagte sie nach kurzem Schweigen. allein kann ich mich leichter verstecken. Das Trumpet WinsockFenster wurde geöffnet: INTERNAL SLIP DRIVER COM1 BAUD RATE = 57. »Halt!« rief er. klickte Catherine zweimal auf den TCP-Manager. Catherine stellte sich vor die Tastatur.600 COMPRESSION IP BUFFERS = 32 Auf dem Menü aktivierte sie die ›Anwahl‹-Option und klickte auf ›Login‹. Auf dem Highway hatten alle ein Ziel… »So. Autos rasten vorbei.»Vater Garibaldi. hin und wieder hämmerten die Bässe eines Autoradios durch die Nacht. warf Garibaldi plötzlich die Eßstäbchen auf den Tisch und hielt ihr Handgelenk fest.« Er gab keine Antwort und tippte weiter. Sie lauschte unwillkürlich auf die Geräusche der Straße. die Dieselmotoren der Lkws dröhnten laut wie Panzer. klickte zweimal auf das OmegaNet-Logo. Dann kam die Aufforderung: PASSWORD Aber als sie zu tippen begann: Maat…. Während Garibaldi geschickt mit den Stäbchen die Reste der Portionen aß. »Wollen Sie nicht noch etwas essen?« Sie deutete auf zwei Portionen Reis und einen gemischten Salat. schnell!« 247 . Er nickte und griff nach seinen Eßstäbchen. »Schließen Sie das Programm. und auf dem Bildschirm erschien die Homepage.« »Warum?« »Schließen Sie es. ich bin satt«.

in dem Daniels Identifikation erscheint. »Wir sitzen nicht in der Falle. »Jetzt ist es zu spät. Er legte sich in Jeans und T-Shirt auf das 248 . In dem Augenblick. »Havers hat in Daniel Stevensons Wohnung eine Mithöranlage installieren lassen und vermutlich auch sein Telefon angezapft. ist er in der Lage. flüsterte sie. die wie Spinnen das OmegaNet überwachen und nur darauf warten. daß ich Online gehe. wenn wir ihm einen Schritt voraus sind. Natürlich! Jemand wie Havers hat natürlich Hacker. aber wir können ihm entwischen. Daniel hatte ihn mit einem Schnurrbart versehen und einem fehlenden Zahn. und wir müssen schnell sein. »Dann sollten wir uns ausruhen. Mein Fehler hätte uns das Leben kosten können. Wir müssen uns alles. »Daran habe ich überhaupt nicht gedacht. ganz genau überlegen.‹ Auf dem Bildschirm erschien die Meldung: NO CARRIER »Was soll das?« fragte sie verblüfft. aber morgen früh werden wir als erstes eine neue Zugangsberechtigung kaufen. sagen Sie. Ich sitze in der Falle!« »Immer mit der Ruhe«. »Kaum zu glauben. die Verbindung bis hierher zum Motel zurückzuverfolgen!« Catherine schlug mit der Faust auf den Tisch. erwiderte Garibaldi.« Garibaldi nickte.« Catherine schloß den Deckel des Laptop und blickte auf den gelben MicrosoftAufkleber. was wir tun.« »Ja. dann auf ›Anwahl‹ und klickte auf ›Bye. Ich bin müde und kann nicht mehr klar denken.« Er warf einen Blick auf die Uhr. »Wo ist nur mein Verstand geblieben!« rief er kopfschüttelnd. und…?« »Würde er nicht auch Daniels Computer in sein Überwachungssystem einbeziehen?« »O mein Gott…«.Sie klickte auf ›Exit‹.

eine Bett. Catherine seufzte stumm. der sie von hier wegbrachte. Er würde bestimmt in die Kirche gehen. Beim Anlegen des neuen Verbands hatte sie die harten Muskeln gespürt. Sie wußte in diesem Augenblick. ob ›Mike‹ rechtzeitig zum Weihnachtsfest wieder zurück sein werde. mußte sie ihn verlassen. nahm den Notizblock heraus. ›Ich habe keine Angehörigen‹. ihre vielbenutzte Ausgabe von Strongs Griechisch im Neuen Testament und die gefalteten Papyri. Sein inzwischen schon vertrautes Gesicht lag im Dunkel. Vor dem Essen hatte er sich schnell bekreuzigt. Ja. Catherine dachte an die Wunde an seinem Arm. Morgen war Sonntag. mit denen er Basketball spielte. Wahrscheinlich fragten die Kinder im Ghetto. von welcher Telefonnummer sie sich in das Net eingewählt hatte. und er fühlte sich für sie verantwortlich. bereits ungeduldig. Bevor sie mit der Arbeit begann. Wenn sie das Paßwort eingab. Sie würde heimlich verschwinden und den ersten Bus nehmen. er war Priester. daß sie nicht mehr da 249 . Michael Garibaldi schlief jetzt. Garibaldi hatte recht. In Jeans wirkte er keineswegs so autoritär und bedrohlich wie in der schwarzen Soutane. Die Goldkette an seinem Hals glänzte. dann wußte er im nächsten Moment. blickte sie noch einmal auf Garibaldi. hatte er gesagt. Sie legte die Kissen im zweiten Bett aufeinander und schaltete die Leselampe ein. Catherine öffnete die blaue Tasche. Da er sie offenbar nicht freiwillig allein ließ. was sie zu tun hatte. Catherine hatte den Schreck über ihre Nachlässigkeit noch nicht überwunden. Havers ließ das Internet überwachen. schob einen Arm unter den Kopf und den anderen über die Brust. Das kleine Kreuz hob und senkte sich langsam und regelmäßig mit seinen Atemzügen. ehe er überhaupt ahnte. auch wenn sie es nicht gern tat. aber er hatte sie gerettet. Beinahe wäre alles zu Ende gewesen.

Mein Vater zog sich mit ihm in sein Arbeitszimmer zurück. hätte sie niemals so etwas aus Mitleid getan. Als die Frau erwachte. Es war tot. denn viele Zeichen wiesen darauf hin. Eines Abends erschien ein Mann mit einer Botschaft aus Rom in unserem Haus. Sie kehrte mit dem lebenden Baby zurück und legte es der jungen Mutter an die Brust. war die junge Frau in einen erschöpften Schlaf gefallen. um die Geburt vielleicht auf diese Weise einzuleiten. Als meine Mutter eintraf. wo man unerwünschte Neugeborene auf die Tempelstufen legte. sah sie überglücklich ›ihr‹ Kind. die ein Kind bekam. und ich lernte es von ihr in dem Sommer. Sie lag bereits seit einem Tag und einer Nacht in den Wehen. und tauschte es gegen das tote Kind aus. die sie betreute. Wir brachten das Kind zur Welt. daß vor dem Ende der Welt eine lange und schwere Zeit der Verwirrung kommen werde. Sie ließ die arme Frau niesen und flößte ihr Brechmittel ein. und sie sprachen lange und leise miteinander. Eines Nachts wurden wir zu einer Frau gerufen. Ihr Können hatte sie von ihrer Mutter gelernt. und die alte Hebamme. Meine Mutter wickelte das Baby in ein Tuch und eilte damit in die Stadt. als ich sechzehn wurde. Bevor meine Mutter eine Anhängerin des Weges wurde. Aber Mitgefühl und Verständnis waren damals dringend notwendig. Dort fand sie ein Kind. Meine Mutter war Hebamme. das jemand ausgesetzt hatte.war. Am nächsten Tag verbreitete sich in Antiochia die Nachricht von einer großen Niederlage der 250 . Sie ging zum Tempel der Juno. griff aus Unwissenheit zu grausamen Methoden. während sie schlief.

war eine angenehme Erscheinung. Er stellte fest. Philos. Ich hörte. Meine Mutter ging jeden Tag zum Tempel der Vesta. Er hatte schöne Augen und ein scharf 251 . Ich hörte sie reden. Schon als kleines Kind hatte ich viele schreckliche Geschichten über die Wilden im kalten Norden gehört. Als sich am Ende der Woche die Gemeinde zur Lesung der Botschaft und zum Liebesmahl in unserem Haus versammelte. Meine Mutter gab dem Mann die Erlaubnis. Sie opferte der Göttin und betete. bat meine Mutter die Anwesenden um ihre Gebete und Segenswünsche. Während der Heiler versuchte. daß der endlose Krieg gegen Germanien wenig mit dem Schutz der Reichsgrenze zu tun habe. daß ihm ein Schlag auf den Kopf das Bewußtsein geraubt hatte. von den Schwierigkeiten im Reich abzulenken. Und ich glaubte diese Geschichten. sondern dem Kaiser nur dazu diene. das Leben meines Vaters zu retten. In den nächsten Tagen kamen Freunde meines Vaters in unser Haus. den Schädel meines Vaters zu öffnen. daß der Kaiser meinen Vater in das Rheinland schicken wollte. denn eines Abends in den Kalenden des Mai wurde er vor dem Haus überfallen. Wir sollten nie erfahren. so hieß der Mann. der meinen Vater untersuchte. Man drohte den ungehorsamen Kindern mit den grausamen Barbaren und erzählte ihnen. Vermutlich würde er nicht mehr aus der Ohnmacht erwachen.kaiserlichen Truppen in Germanien. ob mein Vater wirklich in das Rheinland hätte ziehen müssen. beteten wir für ihn. und wir waren entsetzt. die Wilden am Rhein äßen kleine Kinder bei lebendigem Leib. Alle waren der Ansicht. ausgeraubt und zusammengeschlagen. Ein bekannter Heiler wurde gerufen.

wenn er nur die Suche danach nicht aufgab. in denen er meinen Vater behandelte. er werde das Wundermittel wiederfinden. Mich beeindruckten seine Ruhe. in Legenden und Mythen werde von diesem Wundertrank gesprochen. daß am Tag des Weltuntergangs ein Meer die Erde verschlingen wird. Er hielt sich wirklich an sein Motto. was in seinen Kräften stand -. Sein Aufenthalt in Antiochia war nur eine Etappe auf seiner Suche. den Tod zu besiegen. wird wieder zu einer einzigen Masse zusammengefügt. Die Zusammensetzung sei vor langer. aber Philos glaubte. Aber er sagte auch. In allen Städten und Dörfern. Er gehörte zu den Stoikern. Fieber. er habe von einer wundersamen Medizin der Götter gehört. Sein Leben. und wir werden im Chaos versinken. Was die Natur auseinandergebrochen hat. die glauben. Er war zehn Jahre älter als ich. Als mein Vater starb – niemand gab Philos die Schuld daran. sein Wissen und seine Tatkraft. sicher. behutsam. Diese Medizin vertreibe sogar den Tod. tröstete er mich mit den Worten: ›Seine Zeit war gekommen. Der 252 . Er erzählte mir. Das Verbrechen an meinem Vater kommentierte er mit den Worten: ›Schlangen beißen keine Schlangen. dieser Tag sei noch fern und werde nicht zu unseren Lebzeiten kommen. langer Zeit in Vergessenheit geraten. Angst. in allen Kulturen und bei allen Völkern. Sein eigentlicher Traum war es. Philos stammte aus Griechenland. Impotenz. denn er hatte getan. was er sagte. Unfruchtbarkeit. sagte er. Aber in den Tagen und Nächten.geschnittenes Gesicht. Doch einem Menschen widerfährt das größte Unheil durch seine Mitmenschen‹ Philos wollte nicht nur Krankheiten heilen. denn er war ein sehr guter Heiler. so erklärte er. die alles heile – Schmerz. stehe unter dem Motto ›cito tuto jucunde‹ – schnell. faszinierte mich am meisten.

Der Gerechte hatte uns gelehrt. um den Tod zu besiegen. Auch mich bekümmerte das. wenn ein Mensch stirbt. Sie war verzweifelt. weil sie die Botschaft des Gerechten nicht kannten. um aller Welt die Botschaft zu bringen.‹ Meine Mutter ließ sich von diesen Worten nicht trösten. sondern weil er nicht zum Glauben an den Weg des Gerechten gefunden hatte. aber nicht über seinen Tod. denn auch sie sah im Tod nur einen natürlichen Schritt auf der Seelenwanderung. die ihren Sohn und ihren Mann verloren hatte. mich mitzunehmen. Ich war damals achtzehn. wußte ich. nachdem seine Aufgabe auf Erden erfüllt ist. daß ich Antiochia und meine Mutter verlassen mußte. Aber eine Frau kann nicht allein durch die Welt reisen. mein Vater sei viel zu früh gestorben. die die Botschaft des Gerechten nie hörten? Wie konnten sie den Weg finden? Damals begriff ich plötzlich den Sinn meines Lebens. in dem er wohnte. die beide ins Nichts sanken. Am Vorabend der Abreise von Philos ging ich zu ihm in sein Zimmer in dem Gasthaus. und bat ihn. denn meine Mutter sagte immer. Ich wollte ihn unter allen Umständen dazu überreden. denn sie fand. daß wir nur durch den Glauben an seine Botschaft den Tod überwinden könnten. Als ich die tiefe Verzweiflung meiner Mutter sah. Und was war mit denen. Es war das vierte Jahr der Herrschaft des Kaisers… 253 . unser Glaube sei der einzige Weg.größte Segen der Natur ist es.

DER SECHSTE TAG 254 .

Neben ihr hielt mit quietschenden Bremsen ein Wagen. zahlte mit ihrer Kreditkarte. nahm den Laptop in der Tragetasche in die eine Hand und faßte mit der anderen kurz an den Jade-Jaguar. daß am frühen Sonntagmorgen nur wenige Fahrgäste am Busbahnhof warteten. hatte sie sich telefonisch nach den Abfahrtszeiten der Busse erkundigt. Sie seien in der Kirche…«. aber es blieb ihr keine andere Wahl. ohne daß er etwas davon ahnte. Kalifornien Catherine sah schon von weitem. Garibaldi war wie erwartet zur Kirche gefahren. als ein paar Tage ungestört sein. Sie fuhr zusammen. daß Garibaldi ihr die Wagentür aufhielt. Dezember 1999 Sacramento. 19. aber als sie sah.Sonntag. Und sie fürchtete. hängte sich die blaue Tasche über die Schulter. sprang sie ohne Zögern hinein. Sie wollte nichts anderes. Während er im Bad unter der Dusche stand. Catherine schlich sich nur ungern heimlich davon. In Kürze würde sie unterwegs nach Seattle sein. murmelte sie 255 . Unter ihrem Porträt entdeckte sie ein Photo des Jesus-Fragments. Sie ließ den Taxifahrer direkt gegenüber dem Busbahnhof halten. Der Anhänger ließ sie an Danno denken und erinnerte sie daran. »Ich dachte. Sie sah auf der Titelseite der Sonntagszeitung ihr Gesicht. ihn könne dasselbe Schicksal ereilen wie Danno. was sie tun mußte. bevor sie die Straße überquerte. Garibaldi wollte sie nicht ihrem Schicksal überlassen. um die Schriftrollen in aller Ruhe zu übersetzen… Vor den Zeitungsständern am Straßenrand blieb Catherine plötzlich wie angewurzelt stehen.

und als er anhielt. Aber als ich auf dem Tisch die Abfahrtszeiten der Busse sah. Ich bin auch nur ein Mensch. das auf der Ablage neben dem Lenkrad lag. ›Verzeihen Sie mir.« »Du meine Güte! Zuerst dachte ich. Ihnen sei etwas zugestoßen. Vielen Dank für Ihre Hilfe. C. Das Porträt auf dem Titelblatt der Zeitung sah ihr sehr ähnlich. wenn ich die Sache allein zu Ende bringe. »Ich dachte. Verzeihen Sie mir.« Er schlug das Buch auf. »Ich hatte mein Brevier vergessen und mußte zurück ins Motel. mich allein weiterfahren zu lassen. der Laptop… alles!« »Tut mir leid«. daß ihr Herz heftig schlug. sagte er: »Tut mir leid.mit hochrotem Kopf. Dezember.« Er deutete auf das Buch. es sei das beste für uns beide. und manchmal reagiere ich unüberlegt. Als sie wieder in ihrem Motelzimmer standen. es ist für uns beide das beste. »Haben Sie wirklich geglaubt. aber ich glaube. sie ist weg. Da ich Sie nicht davon überzeugen kann. gehe ich. sagte sie und spürte. Sie hatte nicht viel geschrieben. Bitte machen Sie mir keine Vorwürfe. ohne mich von Ihnen zu verabschieden. Dann fliege ich nach Chicago.« Er bog in den Parkplatz des Motels ein. 19. Vater Garibaldi. griff sie nach dem Brevier und reichte es ihm mit den Worten: »Seite einundfünfzig. war ich empört und…« 256 .‹« »Vater Garibaldi. ich bin in großen Schwierigkeiten. ich hätte Ihnen keine Vorwürfe machen dürfen. wenn wir uns trennen.‹ Er legte das Blatt zurück in das Buch und räusperte sich. und mit Ihnen waren alle Ihre Dinge verschwunden… die blaue Tasche.« Er seufzte laut. A. und ein gefaltetes Blatt Papier fiel heraus. ich würde einfach sagen: ›Also gut. »Sie waren nicht mehr da.

und er ist ein Milliardär. »Aber Miles Havers wird nicht in Zusammenhang mit dem Mord gesucht.»Vater Garibaldi«. wer ich bin«. der Hinweise über ihre Identität und ihren Aufenthaltsort geben kann. unterbrach sie ihn. und ich habe über hundert Aufnahmen gemacht! Die beiden Killer haben bestimmt die meisten mitgenommen. daß die Polizei mich in Verbindung mit Dannos Ermordung sucht.« »Die Polizei weiß noch nicht. aber doch nicht alle. Sehen Sie sich das Bild an. daß Havers nicht alle Photos hat. Das ist ein Hinweis darauf.« Er deutete auf das Photo des Papyrus. wird gebeten.« Sie reichte ihm die Zeitung. sich bei der Polizei von Santa Barbara unter der Telefonnummer 1-805-897-2300 (Inspektor Shapiro) 257 . Ich habe das Fragment nicht behalten. Hier steht. Das ist immerhin ein gewisser Vorteil!« Garibaldi legte die Zeitung auf den Tisch und griff nach seiner Reisetasche. das ich gemacht habe. bei Dannos Leiche seien ›ein paar‹ Photographien gefunden worden. »Ich bin wirklich in großen Schwierigkeiten. das Jesus-Fragment und auf die Schlagzeile: ›VERRÄT DAS JESUS-FRAGMENT DAS GENAUE DATUM DES JÜNGSTEN GERICHTS?‹ »In dem Artikel steht. sagte Catherine und deutete auf den Text: ›Haben Sie diese Frau gesehen? Jeder. »Ist das die Kopie einer Schriftrolle?« »Es ist das Photo. als ich das Fragment und die erste Seite der ersten Rolle zusammenfügte – Sabinas Brief. ich habe zum ersten Mal im Leben richtig Angst. sondern in meinem Zelt im Sinai zurückgelassen. Er blickte verblüfft auf das Porträt. Man hätte mich im Bus erkannt und verhaftet! Mein Gott.

Möglicherweise würde er sogar die Polizei benachrichtigen. ob es ihm bereits möglich gewesen war. er kommt von einer Nachrichtenagentur. um seine Toilettentasche zu holen. erwiderte Garibaldi. von wo ich anrufe. »Ich kann überhaupt nicht telefonieren. Aber jetzt waren ihr die Hände gebunden. Vielleicht erscheint er sogar überall auf der Welt. die Nummer zu wählen. Catherine setzte sich auf das Bett und griff nach dem Telefon. Wenn er den Artikel las. Ich werde bei der Zeitung hier in Sacramento anrufen und es ihnen sagen.« Garibaldi öffnete die Zimmertür einen Spalt und blickte 258 . wissen sie.zu melden. legte sie plötzlich wieder auf. das heißt. ihr zu helfen. Hier steht. »dieser Artikel mit den beiden Bildern wird von den Zeitungen im ganzen Land übernommen. Sie dachte an Julius und seufzte. »Ich kann die Redaktion nicht anrufen«.« »Und das bedeutet«. »Was haben Sie vor?« »Ich habe Danno nicht umgebracht. die Papyrusprobe vom Sinai zu datieren. legte seine restlichen Dinge in die Reisetasche und zog den Reißverschluß zu. würde er sich vermutlich weigern. sagte Catherine.« Aber als sie begann. um zu erfahren. Wenn sie eine Rufnummernidentifikation haben. Catherine griff wieder nach der Zeitung. bis einer meiner Bekannten oder Kollegen das Bild sieht«. Sie hatte ihn anrufen wollen. »Der Artikel wurde nicht von einem Journalisten in Sacramento geschrieben. Ich bin keine Mörderin. Auch jede andere Polizeidienststelle nimmt Informationen entgegen‹ »Es ist nur eine Frage der Zeit. murmelte sie. Garibaldi ging ins Bad.« Catherine dachte an Hans Schüller im Institut für Radiologie in Zürich. er stammt von ›Associated Press‹.

« 259 . Als sie wieder auf der Straße waren. »Wir müssen hier weg. gewinnen wir Zeit. Wenn ich die Soutane trage. Fahren wir. um uns in Sicherheit zu bringen. Weder Havers noch die Polizei wissen.hinaus. Wenn die Frau im Büro des Motels die Zeitung liest und sich daran erinnert. »Auch das wäre erledigt. Sie heute morgen gesehen zu haben…« »Und die Zimmerrechnung?« Garibaldi stellte die schwarze Reisetasche auf den Tisch. füllte einen Reisescheck aus und legte ihn unter den Lampenfuß. und Garibaldi fuhr vorsichtig vom Parkplatz. sagte er: »Wir haben einen Vorteil. nahm seine Brieftasche heraus. daß der Mann in Ihrer Begleitung ein Priester ist.« Sie eilten zum Wagen.

es kommt nicht oft vor. Das Nummernschild 260 . daß ein Priester bei uns einen Wagen leiht. dann rief er: »He! Das ist doch die Frau in der Zeitung. Wollen Sie behaupten. Alexander das Lager im Sinai verließ.« »Können Sie ihn etwas näher beschreiben?« »Ein großer Mann. Das klang sehr nach dem Priester. erwiderte der Angestellte in dem Leihwagenbüro. der versucht hatte.« Zeke kniff die Augen zusammen. beteuerte der Mann. der Priester war allein. Er hatte den blauen Mustang gesehen. Kalifornien »Ein Priester?« wiederholte Zeke. Nein. Wie heißen die noch? Sultanen… ja. er trug eine Sultane. Ich habe niemanden in seiner Begleitung gesehen. »Sie meinen eine Soutane?« »Auf jeden Fall war es ein Priester«. »Ich kann Ihnen versichern. als er mit seinem Partner vom Highway abgefahren war.« Zeke erinnerte sich. die Beduinenfrau zu beschützen. vor der sich der Parkplatz der Leihwagenfirma befand. als Dr. »Sie meinen. daß ein Priester mit einer Mörderin durch Kalifornien flieht?« Zeke starrte ausdruckslos durch die große Glasscheibe. ein katholischer Priester? Sind Sie sicher?« »Aber ja«. wirkte sportlich und hatte kurz geschnittene Haare.Fresno. »Der Mann trug eines dieser langen schwarzen Gewänder. Das Büro lag direkt hinter der Ausfahrt am Highway 99 zwischen einem Restaurant und einer Tankstelle. »War diese Frau bei ihm?« fragte er und zeigte dem Mann ihr Photo. Er betrachtete das Bild nachdenklich.

bestätigte seinen Verdacht. sie zu finden. von welcher Leihwagenfirma der Mustang stammte. Die Spur dieser Alexander hatte ins Nichts geführt. Er war mit sich zufrieden.« Zeke lächelte. daß das Unternehmen Niederlassungen in ganz Kalifornien hatte. Und so war er mit seinem Partner hierhergekommen. herauszufinden. Alexander aus Santa Barbara geflohen war. »Können Sie mir noch etwas sagen?« »Nein. war es nicht allzu schwer gewesen. Zeke lächelte. antwortete der Mann und deutete auf den Kartenständer auf der Theke. Nachdem Zeke die Zulassungsnummer überprüft hatte. Es war der Wagen. Außerdem vermutete er. die er dem Mann gab. Es galt zu überlegen. Dann hat er gefragt. aber jetzt war er ihr wieder auf den Fersen. die Sache mit dem Priester?« »Ich glaube nicht«.« Zeke griff in die Hosentasche und zog ein Bündel Dollarscheine heraus. mit dem Dr. Er hat eine Straßenkarte gekauft«.« »Man stelle sich das vor!« sagte der Mann kopfschüttelnd. Der einzige Haken bei der Sache war gewesen. »Wissen Sie zufällig. aber es dürfte Ihnen nicht schwerfallen. daß sie das Fluchtfahrzeug gegen einen anderen Wagen austauschen würden. erwiderte Zeke. in welche Richtung der Priester gefahren ist?« »Nach Norden. wie viele Meilen die Alexander mit ihrem Begleiter an einem Tag hatte zurücklegen können. »Diese Frau stiehlt geheime Schriftrollen und flieht mit einem Priester! Weiß das die Polizei schon… ich meine. »Da haben Sie recht. Schließlich ist der Mann ein Priester und fällt jedem auf. »Warum?« 261 . wie weit es bis Sacramento ist. »Eine der am meisten gekauften – Gold Country.

Das Kaninchen gehörte ihm. 262 . und er griff nach dem Autotelefon. und schließlich legte er den Hörer auf. bevor er sie gefunden hatte. Miles Havers diese neue Information vorzuenthalten. Sie fuhren auf die 99 in Richtung Norden. Zeke fand es plötzlich besser. Zeke wollte nicht. Er wollte seinem Auftraggeber berichten. sagte Zeke zu seinem Partner. und der Tag ist noch nicht zu Ende!« Er zählte das Geld und sagte dann: »Erlauben Sie mir eine persönliche Frage… die Narbe in Ihrem Gesicht… woher stammt die? Waren Sie in Vietnam?« »Nach Sacramento«. Aber etwas ließ ihn zögern.»Warum? Können Sie sich vorstellen. als ich heute verdienen kann. als er in den schwarzen Pontiac stieg. daß Havers oder die Polizei oder übereifrige Journalisten Catherine Alexander aufspürten. Aus demselben Grund hatte er auch den Mann in der Leihwagenfirma zum Schweigen gebracht. daß sie die Spur der Archäologin wiedergefunden hatten und daß sie mit einem Priester auf der Flucht war. was eine Zeitung wie der National Enquirer zum Beispiel für eine solche Geschichte zahlen würde? Ich habe von Ihnen schon mehr bekommen. Er lag jetzt mit durchschnittener Kehle hinter der Theke und starrte mit leeren Augen an die Decke.

Außer der eigenartigen Nachricht von ›Mrs. denn er hatte eine Totenmaske vor sich. West Los Angeles Das Gesicht war so schön. und der Körper eines anderen verlangte von ihm Ehrerbietung. der nicht mißbraucht oder entweiht werden durfte. »Die Zeitung liegt in Ihrem Büro. der gerade erst gestorben war. die wie Julius den Sabbat am Vortag gefeiert hatte. der einmal gelebt hatte und die gleiche Behutsamkeit und Achtung verdiente wie jemand. als es die Natur bereits getan hatte. Die Schönheit dieser Königin beruhte nicht mehr auf ihrem Gesicht aus Haut und Knochen. einer Adventistin. daß Julius zögerte. die Totenmaske oder eine Statue oder eine Darstellung der Toten vor Augen zu haben. legte er Wert darauf. daß sein Skalpell sie nicht mehr entstellen würde. Er war ein Tempel Gottes. der gerechte Richter…« An diesem ruhigen Sonntagmorgen war Julius allein im Institut – abgesehen von einer Technischen Assistentin. sagte die Assistentin und lächelte ihn an. Jedesmal. Trotzdem fiel es ihm ungewöhnlich schwer.Freers Institut. Für Julius war das Leben etwas Heiliges. sich auf seine Arbeit zu konzentrieren. Zwei Tage waren vergangen. daß vor ihm auf dem Seziertisch ein Mensch lag. Meritites‹ auf dem Anrufbeantworter hatte er nichts von ihr gehört. Dr. wenn er eine Autopsie an einer Mumie vornahm. um nicht zu vergessen. seit Catherine ihn verlassen hatte. fügte sie hinzu: »Ich habe Ihnen auch Kaffee und ein 263 . die das Gesicht bedeckte. Bei jedem Schnitt in die brüchige Mumie betete er stumm: »Baruch Dajan haEmet – Gesegnet bist DU. Er machte sich Sorgen. es zu zerstören. Als er freundlich nickte. Julius mußte sich daran erinnern. Voss«.

die ihre Ausgrabung finanzierte…? Der Becher mit Kaffee fiel ihm plötzlich aus der Hand. Unverständlicherweise schien die junge Technische Assistentin seine schwarzen Haare und den Bart attraktiv zu finden. Vielleicht sollte er noch einmal versuchen. wie eine Frau aus der Wohnung des Archäologen rannte. und das Hörnchen rollte über den Fußboden. Tracy«. Er streifte die Gummihandschuhe ab und ging in sein Büro. Graue Dunstschleier tanzten über den Wellen. eine Zeugin hatte gesehen. Daniel anzurufen. Ich bin den Rest des Tages nicht mehr da. Durch die offenen Fenster drang frische salzige Meeresluft herein. ein Wissenschaftler mit dichten lockigen Haaren sei irgendwie sexy. Auch Catherine hatte ihm einmal gesagt. und Julius hatte den Eindruck. um zu hören. Er schloß das Fenster und sah dabei sein Spiegelbild im Glas. daß ich noch hier bin«. Julius 264 . Ich muß Weihnachtseinkäufe machen!« »Danke. »In der letzten Woche haben sie mich eingeschlossen!« Als Tracys Schritte in dem langen Gang verhallten. Aber offenbar reichte das Catherine nicht. ›JESUS-FRAGMENT GEFUNDEN!‹ Unter der Schlagzeile befand sich das Photo eines Papyrus mit einem griechischen Text.Hörnchen gebracht. Daniel Stevenson war ermordet worden. ›Kennen Sie diese Frau?‹ stand unter Catherines Porträt. rief er ihr nach. Er überflog schnell den Artikel. seinen Augen nicht trauen zu können. erwiderte er. Er seufzte und drehte dem Fenster den Rücken zu. unterbrach Julius die Arbeit an der Mumie. »Bitte sagen Sie den Leuten vom Wachdienst. Oder sollte er sich bei der Stiftung nach ihr erkundigen. um ihn zu heiraten. Daneben… Julius glaubte. Tracy war zwanzig. Es würde Nebel geben. ob er etwas von Catherine wußte. daß sie ihn anhimmelte.

Der Polizeizeichner hatte nichts von ihrem Wesen wiedergegeben. Nach Aussagen von Zeugen gelang es der Frau. Er hatte keine andere Wahl. daß sein Telefon klingelte. Kurz darauf klingelte es wieder. Aber so sah sie aus. denn er bekam plötzlich weiche Knie. Catherine! Aber der Anrufer wollte nur die Anfangszeiten der Kinos wissen. ohne den weißen Wagen zu bemerken. Fassungslos las er den Artikel noch einmal Wort für Wort und hörte dabei nicht. was er wußte. Julius legte auf und starrte auf das Porträt. Cathy.sank auf den Stuhl. Er mußte den Beamten erklären. Das Bild zeigte eindeutig sie. Aber das war vor zwei Tagen. und ihnen über die Hintergründe alles sagen. Er mußte der Polizei helfen. er mußte auf der Stelle zur Polizei gehen. Inzwischen konnte Catherine überall sein. wer diese Frau war. der am Straßenrand stand und ihm folgte. Catherine zu finden. stand in dem Artikel. Julius blickte wie gebannt auf den Apparat. warum habe ich das alles nicht verhindert? Das Telefon hörte auf zu klingeln. Was für ein Mann war das? Hatte er Daniel ermordet? Hatte er Catherine entführt? War ihr Leben in Gefahr? War sie womöglich bereits tot? Mein Gott. Fünf Minuten später fuhr er vom Parkplatz. 265 . dem scharfen Intellekt und den funkelnden grünen Augen. Sie ist mit einem unbekannten Mann davongefahren… Julius sprang auf. mit einem Mann in einem Auto zu fliehen. Eine falsche Verbindung. Cathy. Die Telefonnummer des Instituts unterschied sich nur in der letzten Zahl vom Kinocenter in der Pico Street. warum bin ich nicht bei dir geblieben? Warum war ich nur so überheblich und anmaßend? Der Mord war in Santa Barbara geschehen.

So heißen wir nach dem Ordensgründer. während er vor dem Arbeitszimmer des Papstes im apostolischen Palast auf und ab ging. das stimmt. die Kirche vor Häretikern und Teufelsanbetern zu schützen. die sich dort drängten. Der Kardinal fühlte sich angegriffen und rechtfertigte sich stumm. Auch von hier hatte man einen Blick auf den Petersplatz. Wir haben doch nur versucht. und das heißt: die Wachhunde Gottes. dem Strom seiner Gedanken Einhalt zu gebieten. kann man den Namen als Domini Cane lesen. anstatt sich auf die Alltagspflichten zu konzentrieren. unbekannte Wege beschritt und sich im Labyrinth seiner Innenwelt verirrte. So nennt man uns. wo die Wachen nur mit Mühe die Menschen unter Kontrolle halten konnten. verselbständigten sich seine Gedanken immer öfter. dem heiligen Dominic. war der Zeitungsartikel vergessen. In letzter Zeit. Wenn man will. das Porträt einer Frau und die Photographie des JesusFragments mit dem beunruhigenden Inhalt waren der Anlaß für die außerplanmäßige und dringende Audienz beim Papst. Ein Wortspiel mit dem Namen unseres Ordens – Dominikaner. Aber die Schlagzeile. Man hat uns beschimpft. anstatt uns Beifall zu zollen… Lefevre zwang sich. Er überließ sich abstrakten Erörterungen oder Erinnerungen. das wurde ihm plötzlich bewußt. Rom Die Wachhunde Gottes… ja. Während er sich den unberechenbaren Windungen seiner Gedanken überließ. Die Angelegenheit mit dem geheimnisvollen 266 . Aber warum haßt man uns so? Pierre Lefevre führte stumme Selbstgespräche.Der Vatikan.

Kardinal Lefevre nickte Bischof Monduzzi zu. Die Besucher waren fast ausschließlich Männer. die ebenfalls darauf warteten. Nur wenige Frauen baten um eine Audienz beim Papst. Die Nonne in der grauen Tracht. Aber alle Anwesenden. kam wegen ihrer Missionsstation in Angola. nahm eine unvorhergesehene und gefährliche Wendung. Unter dem Caravaggio stand Vater Bailey vom Vatikansender. kam zweifellos von der Libreria Editrice Vaticana. Kardinal Lefevre nahm seinen Gang durch das Vorzimmer wieder auf. die um eine Audienz nachgesucht hatten. das wußte Lefevre. daß man ihm seine Sorgen ansah. der sich angeregt mit dem Präfekten der Heiligen Kongregation für katholische Erziehung unterhielt. Die hagere Gestalt warf lange Schatten auf die alten Möbel und kostbaren Gemälde. dem Präfekten des päpstlichen Haushalts. der nachdenklich eine alte römische Büste betrachtete und ein Manuskript unter dem Arm trug. der ihn in Alarmbereitschaft versetzt hatte. den die Jesuiten betrieben. um eine Bittschrift zu übergeben. saßen auf den mit rotem Brokat bezogenen Sesseln oder gingen unruhig auf und ab. kamen mit Sorgen zu seiner Heiligkeit. katholische Laien aus verschiedenen Ländern. Er war mit seinen fünfundsiebzig Jahren noch immer groß und im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte. Auch Besucher in dunklen Anzügen. aber Seine Heiligkeit machte den Frauen niemals falsche Hoffnungen. Freundlich lächelnd sah er die anderen an. in der man Seiner Heiligkeit nahelegte. Er wollte auf jeden Fall verhindern. Er 267 . Der alte Kardinal richtete sich auf. Hin und wieder erschien auch eine Delegation. Der Mönch in der braunen Kutte. und die Schwester in Weiß arbeitete im Gesundheitsdienst des Vatikans. dem Verlag des Vatikans.Fund auf der Sinaihalbinsel. den Papst zu sehen. Frauen die Priesterweihe zu gestatten.

Die Kirche muß geschützt werden. Papa wiederzusehen. Es ist wieder soweit. Ein langer Weg schien ihn von den Tagen der Kindheit in dem kleinen Dorf in der Provence zu trennen. 268 . der ihn offenbar angesprochen hatte. daß… Unmöglich! Die Zeit verging wie im Flug. Papa… Es wäre schön. Wie viele Jahre war es eigentlich her. Möglicherweise steht uns der letzte und entscheidende Kampf bevor. Die Angelegenheit war zu wichtig. Hatte er die geliebten Eltern tatsächlich vor einem halben Jahrhundert beerdigt? »Eminenz?« Lefevre kniff die Augen zusammen und sah den jungen Priester an. Lefevre lächelte bei der Erinnerung. sagte der junge Mann und führte ihn zur Tür.war schon immer einen Kopf größer als seine Mitmenschen gewesen. »Seine Heiligkeit lassen bitten«. ›Du bist für Paraden wie geschaffen!‹ pflegte sein Vater im Scherz zu sagen. weil sie die Kirche verteidigten. Lautlos fiel die Tür hinter ihm zu. Wachhunde Gottes! So hatte man vor einigen hundert Jahren die Dominikaner bezeichnet. Die Zeichen deuten auf Gefahr. Der Kardinal richtete sich noch einmal energisch auf und konzentrierte sich ganz auf seine Aufgabe. um sich von nostalgischen Erinnerungen ablenken zu lassen.

sagte Garibaldi und blickte auf den Monitor.Goshen. An dieser Stelle war ein Stück Papyrus abgebrochen und für immer verloren. daß es klappt«. Catherine saß am Tisch und entfaltete behutsam den zweiten Papyrus. Wenn Havers die Nummer Ihrer Kreditkarte hat. Manche schienen bereits bei der leisesten Berührung zu reißen. »müssen wir schnell sein. Kalifornien »Ich hoffe. Aber um zu erfahren. »Sobald wir uns ins Netz eingewählt haben«. Die Faltstellen der zweiten Schriftrolle erwiesen sich jedoch als weniger haltbar als die der ersten. Catherine fehlten in diesem Augenblick ein richtiger Arbeitsplatz und die notwendigen Instrumente. damit sie die Rolle glatt ausbreiten konnte. sagte Garibaldi und tippte auf der Tastatur des Laptop eine Telefonnummer. wo 269 . Sie hatte diese notwendigen Dinge bei einem kurzen Einkauf in einem billigen Einkaufscenter am Stadtrand erstanden. wie heißt er? Catherine kamen vor Enttäuschung beinahe die Tränen. wird er damit bald das Konto Ihrer Zugangsgenehmigung finden. in der ihre neuen Jeans und die Bluse verpackt gewesen waren. um die winzigen abgelösten Fragmente behutsam wie ein Puzzle zusammenfügen zu können. ›Das war im vierten Jahr der Herrschaft des Kaisers…‹ Verdammt. und er saß auf dem Bett. Der erste war von Anfang bis Ende übersetzt und lag in der Pappschachtel. daß Sabina diesen römischen Kaiser noch einmal erwähnte. Garibaldi hatte ihr den Tisch überlassen. eine starke Lupe und Pinzetten. Sie konnte nur hoffen. Der Laptop stand auf einem Stuhl. Aber Catherine hätte eine bessere Beleuchtung gebraucht.

Nachdem sie Sacramento verlassen hatten. denn sie hatten Telefonanlagen. die durch Farmland führten. die Prophetin. dachte sie an ihre Ausgrabung. muß er das Zugangssystem knacken. Sie hatten es zuerst mit Garibaldis Karte versucht. der mit der Vorwahl ›9‹ eine Verbindung herstellte. LinkNet lehnte die Karte ab. Beim Sonnenuntergang hielten sie Ausschau nach einem Motel. Catherine mußte lächeln. wie er die Nummer erneut anwählen ließ. auf dem Mirjam und Moses ihr Volk aus Ägypten herausgeführt hatten. Schließlich fanden sie in einer kleinen Stadt am Fuß der Sierras ein geeignetes Motel. Das wird ihn auf die falsche Spur setzen. waren für ihre Zwecke nicht geeignet. Mirjam. daß er sein Limit überschritten hatte. murmelte Garibaldi. Deshalb habe ich einen Server in Orange County gewählt. waren sie nach Süden gefahren.… Während Catherine mit angehaltenem Atem den spröden Papyrus auseinanderfaltete und immer wieder verzweifelt feststellte. den Brunnen freizulegen und das Skelett zu bergen? »Ich habe noch keinen Zugang«. Die ersten. Ein Internet-Konto konnte man nur mit einer Kreditkarte eröffnen. und Catherine hörte. an denen sie vorüberkamen. denn ›Goshen‹ lag nach den Worten der Bibel an dem Weg.« Sie befanden sich nicht in Orange County. Hatten die Behörden die Arbeiten unterbunden? Wurde womöglich in der Nähe wieder gesprengt? War Hungerford ersetzt worden und der Hotelneubau ging zielstrebig voran? Oder hatten ägyptische Archäologen damit begonnen. Aus Vorsicht wählten sie kleine Landstraßen. aber festgestellt. Die Stadt hieß ›Goshen Junction‹. daß die Ränder abbrachen und sich manche Bruchstücke sofort in Staub auflösten.Sie sich aufhalten. Für das LaptopModem benötigten sie jedoch einen direkten Anschluß. Deshalb 270 .

Catherine blieb im Auto sitzen. und man mußte vor fünf Uhr nachmittags kaufen. Ab jetzt mußten sie schneller als ihr Verfolger sein. Nur wenige. während er darauf wartete. daß Havers jeden Vorgang auf dem Kreditkartenkonto ›sah‹. Ich hoffe. Der Wettlauf hatte eine neue Dimension angenommen. Garibaldi regelte den Ton herunter. Im Motel hatten sie sofort den Fernseher eingeschaltet. Garibaldi hatte an der Rezeption die Formalitäten erledigt. »Ist alles in Ordnung?« »Für die Schriftrollen ist diese Flucht eine Katastrophe! 271 . Garibaldi hob den Kopf. Bei jedem Aufenthalt. In allen Ausgaben entdeckten sie Catherines Porträt. »Verdammt…«. »Noch immer nicht«. die Los Angeles Times und sogar die San Diego Union. aber auch die Fresno Bee. Zwischen Catherines Fingern zerbröckelte wieder ein winziges Papyrusstückchen. Die meisten boten ihren Service nicht an Sonntagen an. »Dabei werben sie damit. daß LinkNet in Orange County die Verbindung freischaltete. auch wenn sie wußten.benutzten sie Catherines Karte. die Sacramento Bee. daß der Zugang innerhalb von zwei Stunden nach dem Kauf aktiviert wird. In der Praxis schien das allerdings nicht immer zu funktionieren. Dabei trug er wie immer seine Soutane. das außer Sichtweite stand. sagte er kopfschüttelnd und ließ das Modem neu wählen. um am nächsten Tag ab zwölf Uhr mittags den Zugang zu bekommen. wie zum Beispiel LinkNet. murmelte sie. um die Nachrichten zu sehen. ja selbst im Einkaufszentrum hatten sie sich die Zeitungen angesehen – die lokalen. nutzten die Ungeduld vieler Anwender und boten einen schnellen Zugang. das steht nicht nur auf dem Papier!« Er hatte sich um verschiedene Server bemüht. sei es um zu tanken oder um etwas zu essen.

« Da sie schwieg. Während sie auf das Wählgeräusch des Modems lauschten. »Versuchen Sie es noch einmal«. daß er Priester war. wenn sie zu Staub zerfallen!« Er stand hinter ihr und lächelte. Ich muß allerdings gestehen. als sich nämlich Schwester Agnes versehentlich in die Kammer mit den Sportgeräten eingeschlossen hatte. Die Soutane erinnerte sie ständig – leider auf bedrohliche Weise – daran. Er trug ein neues Leinenhemd und neue Jeans. wenn ich sie bis zum nächsten Morgen dort schmoren lassen würde. Ich hoffe nur.Man muß sie unbedingt an einen sicheren Ort bringen. die er ebenfalls bei ihrem Einkauf erstanden hatte. und plötzlich stieg ihr der Duft seines Rasierwassers in die Nase. fragte Catherine: »Und was ist. aber in Jeans und Hemd wurde er auf einmal nur ein Mann. sagte sie schnell und deutete auf den Computer. fragte er aufrichtig besorgt: »Wie geht es Ihnen wirklich?« Catherine rieb sich die Augen. während Vater Murphy neben mir stand und mir zehn Dollar versprach. noch dazu ein gutaussehender Mann. »Ich bin einfach übermüdet. Mit der Soutane hatte sie wenigstens dieses Problem nicht. Ich mußte die Zahlenkombination des Schlosses herausfinden. Ich müßte unbedingt ein paar Stunden 272 . Sie blickte zu ihm auf. es ist nicht meine Schuld. Das brachte sie wie schon mehrmals innerlich aus dem Gleichgewicht. Er setzte sich auf das Bett und tippte die Telefonnummer. wenn es nicht funktioniert?« »Wir werden uns etwas einfallen lassen. daß ich bisher nur ein einziges Mal vor einer ähnlichen Herausforderung stand. wo sie unter Glas liegen und die Luftfeuchtigkeit ständig überwacht wird.

aber bei mir hat das praktische Gründe.« Garibaldi stand auf und fragte: »Wollen Sie es wirklich tun?« Mit einem Blick auf die Zeitung und ihrem Bild auf dem Titelblatt erwiderte sie: »Mir bleibt keine andere Wahl. sagte er und nahm ihr die Schere aus der Hand. hörte Catherine vom Parkplatz ›O du Fröhliche…‹ »Kaum zu glauben«.« »Ich schneide Haare immer nur mit Hilfe einer Suppenschüssel«. Nachdenklich blickte er auf die langen kastanienbraunen Haare und fragte: »Soll ich sie wirklich abschneiden?« »Keine Angst.« Sie beschloß.« »Welche?« Er zögerte und sagte dann: »Pangamot…« Garibaldi schwieg.« Als er die erste Haarsträhne abschnitt. und da Catherine ihm keine weiteren Fragen stellte.« »Verstehe…« Er lachte. »Wie kurz soll es werden?« fragte er.schlafen. Werden Sie mir helfen? Wenn ich es selbst mache. nicht auf die Haare zu 273 . verzichtete er auf eine Erklärung. ist das Ergebnis bestimmt eine Katastrophe. »Kurz.« »Soll ich sie nur kürzen?« »Sagen wir bis zum Nacken. Kurz darauf erschien sie mit einem Handtuch um die Schultern. »Kurz geschnittene Haare sind gerade nicht Mode. mit der Übersetzung später weiterzumachen. Sie hatte eine Schere in der Hand und sagte: »Wir sollten das so schnell wie möglich hinter uns bringen. ich wollte mir die Haare schon lange kürzer schneiden lassen. murmelte sie und zwang sich. aber nicht so kurz wie Ihre Haare. Die Haare waren klatschnaß. und ging ins Bad. als Catherine auf dem Stuhl saß.

aber ihn hatte sie verloren. sagte Garibaldi und bewegte sich etwas zur Seite.« »Julius ist Ihr Verlobter?« Schnipp. Und Freunde? Julius war ein Freund und Danno. wirkliche Freunde? »Sie waren in Israel«. »finden wir alle Antworten. und Danno würde noch leben. als Hungerford die Sprengung anordnete. Und die Hochzeit… mein Gott. Wenn ich auf ihn gehört hätte. Es war ihr noch nie aufgefallen. daß Haareschneiden etwas so Intimes sein konnte. Nichts von all dem wäre geschehen. Ich möchte wenigstens mit ihm reden. die im Papierkorb landeten.« Sie legte die Hand auf den Jadeanhänger. daß ich die Grabungen unterbreche. im Internet. die Sie brauchen. um mit ihm die Feiertage zu verbringen. Schnipp. als Sie es jetzt für möglich halten. Wieder landete eine Strähne im Papierkorb.« »Mit etwas Glück und Ausdauer«. seine Hände. er habe keine Familie. sagte sie leise und spürte immer deutlicher seine Nähe. Julius wollte. wäre ich nicht mehr dort gewesen. »In fünf Tagen ist Weihnachten. »Ich hatte nicht einmal Zeit. »Warum sind Sie vor Weihnachten abgereist?« Er lachte.« Familie und Freunde… Ich habe keine Familie. Gab es für ihn Freunde? Hatte ein Priester überhaupt Freunde. die mir nahestehen? Garibaldi hatte gesagt. »Wann wollen Sie heiraten?« »Wir sind nicht offiziell verlobt. nicht einmal entfernte Verwandte. ich würde ihn so gerne anrufen. »Waren Sie einmal während der Weihnachtszeit in Jerusalem? Selbst eine Ratte bekäme 274 . um die Haare gleichmäßig schneiden zu können. Dann sind Sie schneller wieder bei Ihrer Familie und Ihren Freunden. Gibt es wirklich so wenige Menschen.achten. ihm ein Weihnachtsgeschenk zu kaufen.

Ein Blick in den Papierkorb ließ sie schaudern.« »Dann sind Sie also in die Weite des Sinai geflohen?« Er schwieg und hörte auf zu schneiden.« Sie fragte überrascht: »Sie kennen die Geschichte?« »Nun ja. Seine Nähe schien von ihr Besitz zu ergreifen.« »Natürlich nicht. denn darum hatte sie ihn 275 . und zuckte bei jedem zufälligen Kontakt mit ihrer Haut zusammen. Sie spürte seine Berührung nicht nur am Kopf und im Nacken. Ich glaube. um auch nur die halbe Länge der Via Dolorosa zurückzulegen. ich bin Priester.dort Platzangst. Er bemühte sich auffällig darum.« »Ich suche Mirjam. daß sie in biblischen Zeiten gleichberechtigt waren?« Das Gefühl der Intimität wurde noch stärker.« Er nickte. Mirjam war zusammen mit Moses eine Anführerin der Israeliten. Ich kenne die Worte der Bibel: ›Hat etwa der Herr nur durch Moses gesprochen? Hat er nicht auch durch uns gesprochen?‹« »Richtig. aber sie konnte ihm keinen Vorwurf machen. Wie sollten wir die Frauen davon überzeugen. Ich habe fünf Stunden gebraucht. Und dieses Jahr war alles noch schlimmer. »Ja«. Sie spürte seinen Atem im Nacken. Das Buch Numeri. Sie wußte. Es gab im Hotel kein einziges freies Zimmer mehr. aber meine Theorie ist bei den Bibelforschern nicht sehr beliebt. nur ihre Haare zu berühren. wenn wir zugeben würden. erwiderte er nachdenklich und schnitt weiter. »Die Weite der Wüste… Was haben Sie eigentlich im Sinai gesucht? Der Besitzer des Hotels Isis sagte etwas vom Zug der Israeliten durch die Wüste. daß auch er solche Empfindungen hatte. Kapitel zwölf. »Die Prophetin. Er schnitt wirklich sehr viel Haar ab. sich mit ihrer Rolle abzufinden.

»Ja. Catherine trat vor den Spiegel.« Sie wollte aus der Tragetasche die Tönung holen. »Ein Pony? Sind Sie sicher?« Der Einfall überraschte sie selbst. daß sie vor Verlegenheit rot wurde.« »Dazu habe ich keine Zeit. »Fertig!« verkündete er schließlich. Sie trug die Haare immer lang. denn die Idee war ihr spontan gekommen. »So. Es war wie eine flüchtige Liebkosung. »Wie wäre es mit einem Pony?« fragte sie schließlich. jetzt kommt der nächste Schritt. Er hob die Augenbrauen. holte Catherine tief Luft.« Als Garibaldi vor ihr stand. Der neue Haarschnitt schien sie beunruhigend verwundbar zu machen. Sie waren sehr kurz. weshalb sie ihn aufgefordert hatte. und es klang erleichtert. kämmte die Haare noch einmal nach vorne und löste eine Strähne hinter dem linken Ohr.gebeten. und Catherine spürte. bitte. man soll achtundvierzig Stunden vor dem Färben einen Allergietest machen. aber Garibaldi kam ihr zuvor und reichte ihr die Packung ›Ultra Weißblonde »Hier steht. und das rief bei ihr ein seltsames Gefühl von Nacktheit hervor. ihr einen Pony zu schneiden.« 276 . Plötzlich wußte sie. Der Gürtel seiner Jeans war direkt vor ihrem Gesicht. Schließlich wollte sie dem Zeitungsporträt so wenig ähnlich sehen wie möglich. Sie schloß die Augen und überließ sich dem Gefühl seiner Hand über den Lidern. Der Nacken lag völlig frei. Seine Knie berührten ihre Beine. »Ist es so in Ordnung?« fragte er schließlich und trat einen Schritt zurück. um sein Werk zu begutachten. Catherine betastete die Haare. Er tat es schnell und mit sichtlichem Unbehagen. Er hielt inne. die Haare nach vorne kämmte und eine Hand über ihre Augen hielt.

Sie mußte sich in diesem Augenblick eingestehen.« Catherine verschwand im Bad. Aber keine Angst. um die Flüssigkeiten zu mischen. »Dann gehe ich inzwischen eine Abendzeitung kaufen. Sie ging ins Zimmer und setzte sich an den Computer. Der Gedanke an seinen Körper in ihrer Nähe. die er im Gepäck hatte.Er sah sie kopfschüttelnd an. daß ihre Wangen immer noch glühten. Der Geruch von Ammoniak verbreitete sich im Bad. Im Spiegel sah sie hinter sich die lackierten Stöcke. Außerdem gibt mir das endlich einmal die Möglichkeit herauszufinden. In der Gebrauchsanweisung stand. tippte die Zahlenfolge. das Geräusch der Schere und das Gefühl seiner Kraft stellte sich wieder ein. zog sie eine Plastikhaube über die Haare. »Wollen Sie das wirklich tun?« »Ich muß mein Aussehen drastisch verändern. und ihre Augen begannen zu brennen. Als sie die Plastikhandschuhe anzog. Wer ist er wirklich? Was für eine Vergangenheit hat er? Aus welcher Familie kommt er? Warum ist er Priester geworden? Als die Flüssigkeit auf dem Kopf gleichmäßig verteilt war. Sie nahm die Verschlußkappe der Flasche ab und füllte das Farbgel in die Flasche mit dem Entwickler.« Er nickte und ging zur Tür. ob Blondinen wirklich mehr Spaß im Leben haben. daß Garibaldi sie nicht nur auf der Verstandesebene beeinflußte. zum Haarefärben brauche ich Ihre Hilfe nicht. Als die Meldung: BENUTZER 277 . Im Spiegel sah sie verblüfft. und massierte sie dann in die Haare. Sie schüttelte die Flasche. daß das Gel fünfundvierzig Minuten einwirken mußte. erinnerte sie sich an das Gefühl von Garibaldis Fingern in ihrem Nacken. und das Modem wählte.

Was mochte der Grund für die Verzögerung sein? Sie tippte noch einmal die Zahlenfolge. Sie lachte und flüsterte: »Wir haben die Zugangsberechtigung!« Sie klickte auf ›NetScape‹ und danach auf ›NetSearch‹. das Paßwort. UNGÜLTIGES PASSWORT. Pangamot ist aggressiv. tippte sie ›Phantom‹. das sie sich ausgedacht hatten. Kurz darauf erschien die Meldung: UNGÜLTIGES PASSWORT. Bei welcher Datenbank sollte sie die Suche beginnen? Bei Lycos. Lycos meldete ihr neunundzwanzig Einträge. Der Cursor blinkte auf: SUCHBEGRIFF. »Okay«. Sie wählte einen kürzlich im Soldier of Fortune erschienenen Artikel und las: ›Für den Pangamot-Kämpfer ist Selbstverteidigung passiv. Das Konto war schon seit über zwei Stunden eröffnet. hörte das Modem wählen und den Signalton… Sie wartete mit angehaltenem Atem. Das bedeutete.erschien. Inzwischen hätte der Zugang freigeschaltet sein müssen. Wie hieß dieser Kampfsport? Pangamot! Sie tippte das Wort und drückte dann auf Eingabe. Carnegie-Mellon Universität. Es ist ein Kampf um 278 . murmelte Catherine. Das Such-Menü erschien. Sie klickte auf ›Search Large Data Base‹. der Zugang war noch nicht aktiviert. Dann kam ein neues Geräusch. »Was suche ich als erstes? Antiochia?« Ihr Blick fiel auf die lackierten Stöcke. Catherine ließ das Modem noch einmal wählen und gab das Paßwort ein. beschloß sie. Es klang wie das Öffnen einer rostigen Tür – der Computer machte seinen ›Handshake‹.

wie Garibaldi sie benutzte. Sie setzen auf Gewalt. daß die Tür aufging und Garibaldi wieder zurück war.« Er deutete auf den Bildschirm. Pangamot sei eine Art Selbstverteidigung.Leben oder Tod. daß Sie die Gewalt Ihres Gegners unter Kontrolle halten?« Er schüttelte den Kopf. »Ich hätte alles beantwortet. und…« »Und?« Und Sie sind Priester.« »Es ist ein aggressiver Kampfsport.« Catherine sah ihn nicht an.« Ihr wurde plötzlich kalt. Der Sieger erhält als Preis keine Siegestrophäe. aber wie unter einem Zwang fragte sie: »Warum lassen Sie sich die Haare so kurz schneiden? Sagen Sie es mir!« »Zu den Techniken beim Pangamot gehört es. was Sie wissen wollen. Widerwillig. Es gibt keine Regeln. ich übe Kontrolle über die Gewalt aus.« »Warum sind Sie so schockiert?« »Ich hasse Gewalt in jeder Form. Dort befanden sich Zeichnungen von Kampfstellungen mit den gleichen lackierten Stöcken. Ich kann 279 .« »Nein. »Sie haben gesagt.« Sie sah ihn an. »Wollen Sie damit sagen. Sie hörte nicht. Plötzlich stand er hinter ihr und sagte: »Sie hätten mich fragen können. Sie wurden eindeutig als todbringende Waffe eingesetzt.‹ Ein Textverweis öffnete ihr die Netz-Seite über den philippinischen Kampfsport. hatte sie sagen wollen. meine eigene. sondern nur sein Leben.« »Das habe ich nicht gesagt. den Gegner bei den Haaren zu packen und ihn…« Sie starrte auf den Boden. »Ich hätte die Frage nicht stellen sollen. »Nein.

Er streckte sie aus. sagte sie und sah ihm direkt in die Augen. dachte sie. der Gerechte… Was war das Wichtigste. Womit soll ich anfangen?« Sie überlegte. Diakon. Er musterte sie. Ich muß ins Bad und die Haare ausspülen. der Weg. Das müssen wir als erstes finden… »Tymbos«. das sie über die Papyri wissen mußte? Ihr Alter. »Ich werde die Suche beginnen. sagte sie. wann sie geschrieben wurden. 280 . Als er nichts erwiderte. glänzenden Stöcke.« Garibaldi tippte ›König Tymbos‹ und klickte auf: SUCHE BEGINNT. nehmen Sie die Stöcke…« »Nein. daß ein Priester einen Kampfsport ausübt. »Hier.« »Es sind nur zwei lackierte Bambusstöcke. Sabina sagt. »Ich habe keine Angst vor dem Bambus«. »Suchen Sie nach ›König Tymbos‹.« Catherine blickte stumm auf die langen. stand sie auf und murmelte: »Tut mir leid. drehte sich um. Vielleicht können Sie Ihre Angst besser überwinden. »Wir müssen herausfinden.nicht gutheißen. löste die Riemen seiner Reisetasche und nahm die lackierten Stöcke in die Hand. wenn Sie sie in die Hand nehmen. die Nachricht von der Niederlage der römischen Legionen in Germanien löste großen Schrecken aus…« Ihr Blick fiel auf die Schlagzeile der Abendzeitung. ›PROPHEZEIT DAS JESUS-FRAGMENT DEN WELTUNTERGANG?‹ Und Catherine dachte: Das siebte Buch. ich möchte wirklich nicht mehr darüber reden.« Er stellte die Stöcke an die Wand.

kannst du nicht dafür sorgen. daß diese infantilen Leute inzwischen genug davon haben. uns so zu ärgern?« Miles wußte. mein Schatz.Santa Fe.« »Aber sollte man nicht denken. Sie blickte kopfschüttelnd auf das Telefon. daß so etwas in Zukunft unterbleibt?« »Leider scheint das der Preis zu sein. und die Gespräche wurden wie auch diesmal nur zu einer anderen Nummer 281 . den ich zu zahlen habe. die Computersysteme von Miles Havers zu knacken. Damit konnte er sich einen Namen machen. New Mexico Das Telefon klingelte achtmal. Meist war alles völlig harmlos. es gab keine Möglichkeit. Wer hat sich diesmal gemeldet?« »Das Städtische Leichenschauhaus! Ich finde das wirklich nicht komisch. »Tut mir leid. dem Spiel ein Ende zu setzen. sagte sie anklagend. Wie es aussieht. Miles. bevor sich eine Männerstimme mit ›Städtisches Leichenschauhaus‹ meldete. wo riesige Kakteen in großen Töpfen im kalten Mondlicht standen. Schließlich habe ich die Sache überprüft und mit einer deiner Nummern meine Nummer angewählt. »Den ganzen Tag über habe ich auf meiner Nummer keinen einzigen Anruf bekommen. Erika Havers murmelte: »Entschuldigung. »Schon wieder«. ich muß mich verwählt haben«. Sie fand Miles im Tropenhaus bei seinen Orchideen. dann drehte sie sich um und verließ den Raum. Sie überquerte den Innenhof und eilte durch die verglasten Bögen.« Miles legte die Gartenschere auf den Stein. und legte auf. Jeder neue Hacker versuchte früher oder später. haben uns diese Hacker wieder einmal aufs Korn genommen.

Es fehlt sogar ein Schutzschild. »So etwas habe ich noch nicht erlebt…«.« »Gewiß. erwiderte Teddy kopfschüttelnd. Sie kommen nicht zur Silvesterparty.umgeleitet. »Und?« »Zuerst habe ich die Zulassungsnummer für den Wagen nicht gefunden. erwiderte er lächelnd. nur darf mein Telefon nicht immer wieder gestört sein. Liebling«. Sie haben ein richtiges Mickey-MausSicherheitsprogramm. Wir haben trotzdem mehr als tausend Gäste. »Ich werde mich darum kümmern. »Wissen wir etwas über den Leihwagen?« fragte Miles. wo Teddy Yamaguchi vor der Bildschirmwand saß. Also habe ich nach der Marke und dem 282 . begleitete sie ins Haus bis zum Fahrstuhl und fuhr auf der Stelle hinunter in den Kommunikationsbunker. was ich brauche.« »Mach dir nichts daraus. Miles. Ich habe nur einen Paßwortsucher eingesetzt und im Handumdrehen alles überspielt. um sie vierundzwanzig Stunden später noch einmal zu erleben. Senator Fowler und seine Frau haben abgesagt. daß ich am Werk war.« »Ach. denn sie wollen die Jahrtausendwende mit ihren Kindern auf Fidschi feiern und über die Datumsgrenze nach Tonga fliegen. übrigens. Liebling. »Es ist nichts einfacher.« Miles blickte mit zusammengekniffenen Augen auf die Liste der Namen und Zulassungsnummern auf dem Bildschirm. Erika hatte dafür kein Verständnis und klagte: »Inzwischen werden meine Anrufe jede Woche mindestens einmal einfach weitergeleitet…« »Also gut. als in das System dieser Leihwagenkette zu kommen. Sie ahnen nicht einmal.« Miles nickte.

Aber er ging auf Nummer Sicher und ließ alle erdenklichen Stellen überwachen. sondern die Daten zerstört. »Dieser ›Jemand‹ wußte. Er mußte diese Frau finden. Die Videokamera überwachte die Wohnung von Dr.Modell suchen lassen. ließ Miles 283 .« Miles hob die Augenbrauen. Doch dieser Monitor blieb leer und stumm. Er hat sie nicht nur gelöscht.« »Soll das heißen. »Wer die Nummer gelöscht hat. Catherine Alexander. »Kann man sie zurückholen?« Teddy schüttelte den Kopf. wo das Videobild einer Straße zu sehen war. Miles ging zu der Wand. Alexander hatte Stevensons Computer mit dem Tagebuch. jemand ist uns zuvorgekommen und hat die Daten absichtlich unlesbar gemacht?« Teddy gab dem Drehhocker einen Schubs und sah seinen Boß an. Warum dauerte alles so lange? Nachdem Zeke die Photos der Schriftrollen aus Santa Barbara geschickt hatte. wußte genau. was er damit bezwecken wollte. wo die Fax-Bildschirme standen und Geschäftsnachrichten aus aller Welt eingingen.« Miles starrte verärgert auf den Bildschirm. Miles bezweifelte. Es ging inzwischen nicht nur um die Schriftrollen. Dr. zu ihrer Wohnung zurückzukehren. aber die Kreditkarten-Nummer des Kunden ist gelöscht worden. dessen Nummer außer einem einzigen Mann niemand kannte.« »Ist der Wagen da?« »Er ist da. Dort stand der Name seines Mörders… Sein Blick wanderte die Reihe der Bildschirme entlang bis zum Ende. Aber sein Interesse galt im Augenblick nur einem Faxgerät. daß wir die Kreditkarten-Nummer haben wollen. daß die Archäologin so töricht sein würde.

Es stellte sich jedoch heraus. daß er auch die zweite Seite nicht besaß. Während Miles untätig auf ein Fax wartete. die Miles begierig las. Er würde für eine grundlegende Änderung sorgen. Sie würde natürlich nach ihm suchen. sie sofort zu übersetzen. »Wir haben wieder etwas!« Miles ging sofort zu ihm zurück und blickte auf den Bildschirm. Havers!« rief Teddy plötzlich. dieser König sei im Besitz der siebten Schriftrolle. Sie mußte bei der Polizei liegen. Nimm sie mit zu König… Jetzt verstand Miles die Frage von Daniel Stevenson: »Wie heißt der König noch?« Dr. Die Zeitung hatte sogar eine Übersetzung abgedruckt. Die ersten übersetzten Seiten hätten inzwischen längst hier eingetroffen sein müssen. Auf der ersten Seite der Zeitung hatte er die allererste Seite der Schriftrollen gesehen. Wie hieß der König? Die Archäologin kannte nicht nur den Namen. sie befand sich ihm gegenüber auch noch in anderer Hinsicht im Vorteil. bis zu dem abrupten Ende: ›… nimm sie mit zu König‹ Miles hatte sofort seine Photos nach der Fortsetzung überprüft. Verblüfft sagte er: »Sie hat ihre Kreditkarte noch einmal benutzt? Ich kann nicht glauben. die Zeke und sein Partner bedauerlicherweise in Stevensons Wohnung zurückgelassen hatten. daß sie so dumm ist. 284 .« Teddy tippte wie rasend auf der Tastatur und murmelte: »Vielleicht ist sie nicht so dumm. Miles war sehr unzufrieden mit der augenblicklichen Lage. »Mr. Das war vor sechsunddreißig Stunden gewesen. die Zeke zurückgelassen hatte. wie alle anderen. konnte sie den Originaltext nach Hinweisen auf das Versteck der siebten Schriftrolle durchsuchen. Alexander glaubte. Mit Entsetzen dachte er an den Morgen dieses Tages.sie reproduzieren und mit der Anweisung nach Ägypten fliegen.

«. verfolgen Sie die Spur. Also los. Ich wette. Alexander mit ihrer Karte eine Zugangsberechtigung gekauft.« »Welche hat sie?« »Einen Augenblick. Havers. Es wird gleich auf dem Bildschirm angezeigt werden. Mr.« »Bin schon dabei. Zucker und Koffein verschafften ihm einen Adrenalinstoß. »Orange County. Es war soweit! Die Archäologin hatte sich ins Internet eingewählt. sie ist nicht in Orange County.« Teddy schob sich lachend eine Handvoll seiner Lieblingssnacks in den Mund. 285 . sagte Miles.Diesmal hat Dr. »LinkNet…«. der ihn in die richtige Hacker-Laune versetzte. Das Spiel lief auf vollen Touren.

›Der 286 . der Gerechte… Ohne die Familiennamen der Frauen war es schwer. wir haben Zeit für einen weiteren Suchbegriff. der Weg. wenn nicht sogar unmöglich. Sabina. Auf diese Weise war eines der ersten Symbole des christlichen Glaubens entstanden.‹ »Stimmt«. Sind Sie sicher. Perpetua. Kalifornien »Tut mir leid. »Es gibt weder einen König noch sonst jemanden mit diesem Namen.« Sie blickte auf den Monitor.« »Möglich«. Wissen Sie. Das Anagramm ›Ichthus‹ entstand aus den ersten Buchstaben des Satzes: Iesous Christos Theou Uios Soter – Jesus Christus. dann sollten wir uns besser wieder aus dem Internet verabschieden. Sohn Gottes. als sie ihm das Wort zeigte.« Catherine ging in Gedanken die Liste ihrer Stichwörter durch: Amelia. »Sie sehen so anders aus.« »Genau das wollte ich. Benutzte Sabina eine ähnliche Verschlüsselungstechnik? Garibaldi blickte auf die digitale Zeitanzeige des Monitors. sagte Garibaldi. Ich wünsche Ihnen diesmal mehr Glück. Garibaldi bekam große Augen.Goshen. wie zum Beispiel ›Ichthus‹. Retter – und ergab das lateinische Wort für ›Fisch‹. daß die Schreibweise richtig ist?« Catherine kam aus dem Bad und bürstete sich die kurz geschnittenen und gebleichten Haare. es gibt keinen ›Tymbos‹«. dann drehte sie sich um und holte die Pappschachtel mit der ersten Schriftrolle. »Daran gibt es keinen Zweifel. Oben auf der zweiten Seite stand: ›TYMBOS. Sie dürfen es noch einmal probieren. stimmte ihm Catherine zu. murmelte Garibaldi. Könnte es ein Anagramm sein? Die frühen Christen hatten eine ausgeprägte Vorliebe für solche Spielereien. etwas über sie zu finden. »Ich glaube.

der nach den geheimnisvollen Mysterien von Leben und Tod suchte. daß Adam. Er war bei den großen Zauberern und Eingeweihten von Persien gewesen. wo steht. Um auf der Suche nach diesem Geheimnis durch die Welt reisen zu können. und las die erste Zeile: ›Philos war Arzt. langer Zeit von Riesen bewohnt war. Lycos würde ihr bei diesen Begriffen unzählige Verweise anbieten. Sokrates und auch in den Schriften der Juden. daß die Befehle Roms befolgt wurden. daß die Welt vor langer. der nach den geheimnisvollen Mysterien von Leben und Tod suchte…‹ Wie ich bereits gesagt habe. Philos wollte das uralte Mittel finden. wenn man nur danach forschte. wie er sagte. wo die zweite Schriftrolle bereits teilweise entfaltet lag. Er war ein Alchimist. Aber er war noch mehr. Philos war Arzt. die Menschen das Geheimnis des langen Lebens gelernt hatten. so behauptete er. doch er glaubte auch an die Unsterblichen. Aber er war noch mehr. Man nannte diese Zeit das Goldene Zeitalter. Seth und Methusalem beinahe tausend Jahre gelebt haben. Hinweise darauf zeigte er mir in den Schriften von Platon. sehr lange. Aber. von denen. das ewiges Leben schenkt. Der kaiserliche Gesandte war ein Römer und hieß Cornelius Severus… 287 . Damals lebten die Menschen sehr. Er sagte mir. Er war ein Alchimist. Sie trat wieder an den Tisch. schloß er sich dem Gefolge des kaiserlichen Gesandten an.Weg‹ und ›der Gerechte‹ waren zu allgemein. Sein Leben war eine einzige Suche. Ich habe erwähnt. man konnte es wiederfinden. daß Philos ein Stoiker war. um die Grenzposten zu kontrollieren und sich davon zu überzeugen. der bis zu den entferntesten Grenzen des Reichs reiste. Allerdings geriet dieses Geheimnis vor sehr langer Zeit wieder in Vergessenheit.

html SEARCH ENGINES INFOSEEK SEARCH InfoSeek ist ein umfassendes und genaues WWWSuchprogramm.http://home. File »Exit Dialer«Bye PPP DEAKTIVIERT NO CARRIER 288 . Sie können Suchwünsche in normaler Sprache oder als Suchbegriffe und Sätze eingeben.mcom. Sie können auch besondere Such-Operatoren einsetzen: EINGEBEN: Cornelius Severus SUCHE BEGINNT SUCH-TEXT http://www2.com/Titel?qt=Cornelius+Severus INFOSEEK SUCHERGEBNIS: SIE SUCHEN: Cornelius Severus Keine WWW-Einträge unter Ihrem Suchbegriff./home/internet-search.infoseek.

Das heißt. Mr. sagte er drohend. »Es würde helfen. Vielleicht wären wir dann schneller und könnten sie fassen. New Mexico »Und?« fragte Miles. Diese Frau hat den großen Fehler begangen. mit mir Katze und Maus spielen zu können«.« Miles blickte ungeduldig auf die Uhr. müßte er die überfällige Übersetzung haben. Teddy schüttelte den Kopf. sich ins Internet einwählen und wieder verabschieden. wenn wir wüßten. Havers?« 289 . Ich möchte wetten. Wenn sie sich eingewählt hat.« »Sie kann also immer neue Zugangsberechtigungen kaufen. Sie hat bei Internet ihre Adresse in Santa Monica angegeben. was sie gemacht hat?« Teddy nickte. sie vermutet. sie kann sich einwählen und verabschieden. ist sie jetzt schon nicht mehr Online. Dazu. bevor wir sie festnageln können?« »Es sieht so aus. sich auf ein Spielfeld zu wagen. das ich erfunden habe. Sie hat die Zugangsberechtigung bei LinkNet damit bezahlt. Warum kam das Fax nicht an? »Wenn sie glaubt. so dachte er gereizt. Dr. wonach sie sucht. »wird sie eine Überraschung erleben. den Einsatz der Karte zurückzuverfolgen. daß sie nicht mehr ans Internet geht. weil wir keine Möglichkeit haben. daß wir ihr Kartenkonto überwachen.« »Soll das heißen. während sie die Suche laufen läßt. während wir zu spät sehen.Santa Fe.« »Was haben Sie vor. »Die Zugangsberechtigung wurde vor fünf Stunden erteilt. Alexander hat ihre Kreditkarte nur für diesen einen Vorgang benutzt.

als sie es für möglich hält. Diese Falle wird unsere kluge kleine Archäologin nicht vermuten und sich deshalb schneller darin fangen.»Wir locken sie in eine Falle. Teddy.« 290 .

unter welchem Namen sie sich eingetragen hat?« Diesmal stellte nicht Zeke die Fragen. die gestern abend hier ein Zimmer gemietet hat«. »Sieht fast wie eine Frau aus. daß Raphael bereits zwölf Morde auf dem Gewissen hatte. vermutlich weil die Narbe etwas Gefährliches andeutete. Raphael mit der Hornbrille und dem Lockenkopf wirkte harmlos wie ein Chorknabe. die durch Augenbraue. 291 . Ältere Frauen dagegen reagierten abweisend. aber er lächelte charmant. legte den Kopf schief und sah sie mit seinen feuchten Hundeaugen bittend an. vielleicht sogar aufreizend. Männer reagierten wohlwollend auf die Narbe. denn er wußte. antwortete sie. Zeke habe ein männliches Ritual bestanden. Wange und Lippen schnitt. schickte er seinen jungenhaften Partner hinein. Als Zeke vor dem Büro des Motels angehalten und durch das Fenster eine grauhaarige Frau an der Rezeption gesehen hatte. was sie beeindruckte und ihm ihre unbewußte Anerkennung verschaffte. sagte die Frau jetzt. Frauen dagegen waren unberechenbar in ihren Reaktionen.Sacramento. sondern sein Partner Raphael. »Können Sie mir vielleicht sagen. Zeke wußte schon seit langem. Meist fanden jüngere die Narbe faszinierend. Kalifornien »Haben Sie diese Frau gesehen?« Die Frau an der Rezeption im Dew Drop Motel blickte auf das Photo. »Ich darf Ihnen den Namen nicht nennen«. Die Frau ahnte bestimmt nicht. daß sein entstelltes Gesicht bei Männern und Frauen unterschiedliche Reaktionen auslöste. Sie schienen zu glauben.

Die Jahrtausendwende half ihnen bei der Suche. daß wir der Dame auf der Spur sind?« Zeke erwiderte abschätzig: »Sollen seine teuren Computer sie doch finden!« 292 . Zeke würde sich über die Ironie des Schicksals freuen. Jane Smith. Das mußte sie sein! »War sie in Begleitung?« fragte er. in welche Richtung die beiden gefahren sind?« »Tut mir leid. »Wer ist Lucinda?« »Sie hat das Zimmer saubergemacht. »Angeblich nicht. Das war der Priester. ausgestellt und unterschrieben von ›Michael Garibaldi‹. Er überflog die Einträge. Miss Smith hat sich also nicht einfach davongeschlichen. um nach der Frau in Begleitung eines Priesters zu suchen. Wenn die Menschen nicht den Weltuntergang gefürchtet hätten. Die Putzkolonne hat beim Saubermachen einen Reisescheck unter der Tischlampe gefunden. sagte die Frau: »Warten Sie! Ich werde Lucinda fragen…« Sie wählte bereits eine Nummer. Vielleicht hat sie die beiden noch gesehen…« Fünf Minuten später stieg Raphael zufrieden in den Wagen. »Läßt du unseren Boß wissen. und sie hätten tausend Leute gebraucht.Sie schob ihm das Gästebuch über die Theke.« Als er sich umdrehen wollte.« »Einen Reisescheck?« Sie zeigte ihm den Scheck – American Express. »Wissen Sie zufällig. dann wären alle Motels und Hotels in Kalifornien geöffnet gewesen. Raphael hätte beinahe laut gelacht. aber beide Betten waren benutzt.

Santa Fe. Miles hielt sich an dieses Motto. sich unbemerkt an sie heranzupirschen. New Mexico Teddys T-Shirt hatte den vielsagenden Aufdruck: ›Informationen wollen frei sein‹. Die rechte Hand darf nicht wissen. daß Teddy etwas davon erfuhr. Aber für Teddy galt auch das Motto der Hacker: Man darf alles tun. die Miles bei Dianuba Technologies 293 . war die Herausforderung. daß Teddy nichts von Zeke erfuhr oder von dem Zusammenhang mit dem Mord an Daniel Stevenson. Er wußte. Teddy Yamaguchi war der Beste auf seinem Gebiet. und die Jagd auf einen Menschen anstelle einer Spielfigur war noch besser – eine Archäologin floh mit alten Schriftrollen. daß es einen Menschen gab. Diesmal hatte es Teddy mit dem Verstand eines wirklichen Menschen zu tun und nicht nur mit einer Kodierung. daß Teddy sich am liebsten als eine Art Ritter sah. Die gewonnene Information war für den Hacker eigentlich zweitrangig. Deshalb hatte er Teddy den Abend freigegeben. Damit verhinderte er. Miles wußte das. Er durfte nicht riskieren. Aber heute hatte er es vorgezogen. aber niemand darf dabei körperlich Schaden nehmen. Deshalb achtete Miles darauf. allein im Kommunikationszentrum zu bleiben. so fand er. was die linke tut. der zuviel über ihn wußte. und Miles brauchte ihn. Auch er hielt sich an Regeln und Moralgesetze. Miles rechnete jeden Augenblick mit dem Eintreffen wichtiger Informationen. Das war das Meisterstück. Aus diesem Grund ahnte Teddy auch nichts von den drei Computerfachleuten. Das Faszinierende an der Jagd nach Informationen.

Am Abend ging ich zu dem Gasthaus. aber er forderte mich auf. Ich fand darunter auch zerstoßenes Haschisch. die siebte Rolle zu finden. ›Ich brachte Philos durch eine List dazu. aber jeder wußte. Als ich 294 . Außerdem wollte ich einen Mann besuchen.eingesetzt hatte. unabhängig voneinander für ihn zu suchen. und die nur darauf warteten. Meine Mutter hatte einen Vorrat an Kräutern und Heilmitteln. und es war undenkbar. und ich wollte unter allen Umständen mit ihm reisen. nach Hause zu gehen. Während die Alexander auf der Flucht war. die sie bei Geburten verwendete. daß es noch nichts zu suchen gab. Miles griff erregt nach der ersten Seite. denn ich war die unverheiratete Tochter einer angesehenen Familie. Philos empfing mich freundlich. ob er sich telefonisch nach dem Grund der Verzögerung erkundigen sollte. Damit stiegen ihre Chancen. bot er an. Mitternacht war bereits vorüber. daß ich abends ohne Begleitung das Haus verließ. Er überlegte gerade. Ich nahm einen Krug Wein mit. daß es auch als Aphrodisiakum wirkte. Aber Philos würde Antiochia am nächsten Tag verlassen. Ohne eine Übersetzung konnte Miles die Suche auch ganz aufgeben. mich nach Hause zu begleiten. Miles stand vor dem Problem. übersetzte sie die Schriftrollen. mit dem man einen Blutsturz behandelte. Da ich das ablehnte. Das Fax hätte schon vor Stunden eingehen müssen. mich zu heiraten. mich zu heiraten…‹ Ich brachte Philos durch eine List dazu. Das war ein kühner und waghalsiger Schritt. in den ich das Haschisch geschüttet hatte. Das Fax kam aus Kairo. als auf dem Monitor endlich die ersehnte Meldung erschien und gleichzeitig der Drucker zu laufen begann. der nicht verwandt mit mir war.

wirst du dann gehen?‹ Ich stimmte zu. das neue Leben mit uns beginnen konnten. ein Fluß gilt als heilig. Und ich? Ich. Ich verließ das Gasthaus. und Kühe werden nicht geschlachtet. Für Philos war ich eine gute Partie. Wir wählten den Juni. mich zu heiraten. liebe Amelia. wie ich es versprochen hatte. daß das Haschisch keine Wirkung auf Philos haben konnte. 295 . damit keine bösen Geister. der Dämonen und überirdischen Wesen. Ich dachte. sollte mit ihm die Welt kennenlernen. und Philos erschien am nächsten Morgen in unserem Haus und hielt bei meiner Mutter um meine Hand an. ego Gaia‹. denn seine Braut stammte aus der vornehmen Sippe des Fabianus. Ich erfuhr. der Trank habe seine Wirkung getan. es sei seine Absicht gewesen. denn ich hatte die Stengel und nicht die Blätter zerstoßen und in den Wein gemischt. Und so heiratete ich Philos. den glückverheißendsten aller Monate. Ich wußte damals nicht. sagte er: ›Wenn ich von deinem Wein trinke. Philos trug mich in der Hochzeitsnacht über die Schwelle des Zimmers. ein Land der Götter und Geister. Er habe das seit der ersten Begegnung gewollt. für die Hochzeit. In diesem uralten Land weilen die Ahnen noch unter den Lebenden.auch das ablehnte. die sich an meine Sandalen klammern mochten. Er trank nur einen einzigen Schluck. daß sich Männer und Frauen die Ohrläppchen durchstechen lassen als Schutz gegen den unheilvollen Einfluß gefährlicher Sterne und böser Geister. Es war deshalb nicht wichtig. Dort befragt man vor jeder wichtigen Entscheidung die Sterne. daß ich ihn nicht liebte… Unser erstes Reiseziel war Indien. Philos erzählte mir später. Ich trug den flammendroten Brautschleier und sprach das uralte Ehegelöbnis: ›Ubi tu Gaius.

Man braucht dazu die Rinde von Weiden. denn wir waren in einer besonderen Zeit geboren worden. Und ich wußte. und auf den Altären der Götter häuften sich die Opfergaben. Das Reich wird zerfallen. von seiner Botschaft des Friedens. Wir schätzten uns glücklich. so gut ich es konnte. daß es in Persien Bäume gibt. aber er war ein gütiger und geduldiger Lehrer.Stellt Euch vor. Die Menschen im Osten kannten dieses Mittel damals noch nicht. ein uraltes Mittel gegen Kopfschmerzen. Der ›Honig‹ ist körnig und wird nur zum Süßen von Medizin verwandt. In meiner jugendlichen Begeisterung und Unschuld glaubte ich. Er lernte neue und wirkungsvolle Heilmittel kennen. Entzündungen und Gliederschmerzen. was für ein Abenteuer das für uns war! Ich war jung und wollte unbedingt die Botschaft des Gerechten verbreiten. die Welt ändern zu können. Ich liebte Philos zwar nicht. sagten die Menschen. denn alle sahen die Zeichen. das so groß wird wie ein Mann. Die Tempel wurden besser gepflegt als je zuvor. Wohin wir auch kamen. die vor langer. daß man eine Möglichkeit gefunden hatte. Überall lag eine erwartungsvolle Hoffnung in der Luft. langer Zeit ein Kaiser errichten ließ. obwohl ich glaube. damals zu leben. Man gewinnt den ›Honig‹ aus einer Art Schilfrohr. Eine neue Ordnung wird kommen. Dafür gab er ihnen das Geheimrezept der Hekate. lernten wir neue Menschen kennen. In Arabien erfuhren wir auch. Ich erzählte allen. Dort stellten wir fest. an dessen Namen sich 296 . daß ich ihn manchmal verwirrte. liebe Schwestern. Auf der Suche nach dem Wundermittel tauschte Philos sein Wissen mit Ärzten aus. Auf dem Weg nach Indien mußten wir Arabien durchqueren. der Gerechte würde wiederkommen. ›Honig‹ anzubauen. Fieber. Wir reisten entlang einer Straße mit sehr alten Türmen. wie er es versprochen hatte. die Wolle tragen.

bei Asthma und Husten mischte er mit verblüffendem Erfolg einen Trunk aus der Ephedrapflanze. Er sagte mir. Ich war jung. Ich erzählte ihnen von dem Gerechten und der Botschaft. suchte Philos nach Hinweisen auf die Riesen der Vergangenheit. er stamme von einem Menschen. und ich begann mich zu fragen.niemand mehr erinnert. anstelle von Wochen. sprach ich mit den Frauen in ihren Zelten und an den Lagerfeuern. Überall. Die einfachen Legionäre hatten ihren eigenen Militärarzt. während Cornelius Severus im Namen des Kaisers Recht sprach. daß die Türme in Sichtweite voneinander stehen. Bei schweren Blutungen. wo römische Soldaten beim Ausheben der Fundamente für eine Brücke einen versteinerten Oberschenkelknochen gefunden hatten. von der Catull in seinen Gedichten spricht. 297 . Früher stand auf jedem Turm ein Mann Wache. Als Allheilmittel gab Philos den Kranken die zerstoßenen Zähne von Haien in Wein zu trinken. aber alle sagten. Philos diente auf den Reisen treu Cornelius Severus und seinen Offizieren. die er den Menschen gebracht hatte. der ein Feuer unterhielt. Er war fast zwei Beinlängen lang. wohin wir kamen. und Philos das Wundermittel gegen den Tod suchte. In den vielen Wochen und Monaten der Reise zum Indus. Der Knochen stammte aus Europa. Der Führer unserer Karawane erzählte. aber es fehlte die Leidenschaft. Philos war ein behutsamer und geduldiger Ehemann. und ich sehnte mich nach Liebe. daß er einmal einen ihrer Knochen gesehen hatte. ob ich je die glühende Liebe kennenlernen würde. Auf diese Weise erreichte eine Botschaft das nächste Königreich in wenigen Tagen. Der Kaiser ließ Botschaften durch Leuchtsignale von Turm zu Turm übermitteln.

DER SIEBTE TAG 298 .

und dann spürte sie einen kalten Luftzug. »Man weiß jetzt. sondern ein Photo neueren Datums. zog die Jeans und das T-Shirt an und eilte mit nassen Haaren aus dem Bad. Catherine trocknete sich hastig ab. der Boden unter ihren Füßen werde sich auftun und sie verschlingen.« Wieder sah sie ihr Bild auf der ersten Seite. Kalifornien. Aber diesmal war es nicht das Porträt des Polizeizeichners. wir müssen sofort hier weg!« Garibaldi schlug die Tür zu. Dezember 1999 Goshen. »Kollegen von Ihnen haben die Polizei benachrichtigt. »Was ist denn los?« fragte sie und griff nach ihren Schuhen. Darunter stand ihr Name: ›Dr. 299 . daß sie es gerade noch ertragen konnte. und der Luftzug hörte auf. erwiderte er und zeigte ihr eine Zeitung. Eine Motelangestellte hat ebenfalls die Polizei angerufen. »Dr. Sie suchte ihre Socken und stellte verblüfft fest. Diebstahl und Schmuggel von nationalen Kulturgütern gesucht‹ Catherine glaubte. als sie Ihr Bild in der Zeitung sahen. wer Sie sind«. 20. daß Garibaldi ihre Sachen bereits gepackt und neben seine Reisetasche gestellt hatte. Diese Frau wird in Verbindung mit zwei Morden. Kalifornien »Frau Doktor? Frau Doktor!« Catherine hörte ihn nicht. Seine laute Stimme in dem kleinen Bad ließ sie zusammenschrecken. Alexander.Montag. Das Wasser war so heiß. Catherine Alexander aus Santa Monica. Garibaldi klopfte an die Tür. denn sie hatte die Dusche voll aufgedreht.

sagte Garibaldi an der Tür.‹ Es war ein langer Artikel. Mr. daß ich die Leute weiter von Ihnen ablenken kann.« Benommen überflog Catherine den Artikel: ›Es besteht Grund zur Annahme. der etwas über sie wußte. daß Dr.« »Was ist dort?« »Die Wüste«. Aber sein Name tauchte nicht auf. Samir. Catherine erwartete. daß auch Julius erwähnt werden würde. und ein Sonnenstrahl fiel in das abgedunkelte Zimmer. antwortete Catherine. »Ich nehme das Gepäck. »Aber wir können nicht mehr mit dem Wagen fahren«. 300 .Garibaldi öffnete die Tür einen Spalt. sagte er.« Er hatte dem Taxifahrer gesagt. nach ihr gefragt: die Stiftung. wäre das wie ein Eingeständnis meiner Schuld. »Wenn ich nach Mexiko fliehen würde. Offenbar hatte man jeden. »Man bringt Sie nicht mit dem Priester in Zusammenhang. sogar die amerikanische Einreisebehörde. Alexander am Samstagabend unter dem Namen Jane Smith in einem Motel in Sacramento abgestiegen ist. Wir können es noch heute nacht über die Grenze schaffen…« Aber sie schüttelte den Kopf. Mylonas im Hotel Isis. »Von mir wissen sie immer noch nichts«. daß sie zum GreyhoundBusbahnhof wollten. sagte er mit einem Blick auf den Parkplatz. der gleichzeitig mit Ihnen im vorigen Motel war. Ich hoffe. »Deshalb lasse ich ein Taxi kommen. Sie wurde zuletzt in einem roten Ford gesehen und fuhr in Richtung Süden. Wir fahren nach Südosten.« Er trug die Soutane. daß der Mann ihn nicht hörte: »Wir sind etwa dreihundert Meilen von Mexiko entfernt. »Das Taxi ist da«. Auf der Fahrt flüsterte er so leise.

daß sich die Papyri in ihrem Besitz befanden. Das imaginäre Verhör wollte ihm nicht aus dem Kopf. »Sie sagen. selbst alle Anschuldigungen zurückzuweisen. genau das getan zu haben? Wo befindet sie sich jetzt? Welcher Zusammenhang besteht zu dem Mord an Daniel Stevenson?« Julius stand vom Schreibtisch auf und rieb sich die Schläfen. Alexander unter dem Verdacht steht. Aber das war gestern abend gewesen. Nach längerem Überlegen war er dann doch nicht ausgestiegen. 301 . beschloß er. Bis gestern abend hatte die Polizei Catherines Identität noch nicht gekannt und weder etwas von ihrer Beziehung zu Daniel gewußt noch davon. daß diese Frau Catherine Alexander ist?« hätte man ihn gefragt. seit er vor der Polizeiwache im Auto gesessen hatte und eine Aussage über Catherine machen wollte. Als sich Julius nach dem stummen Selbstgespräch schließlich entschieden hatte und vom Parkplatz der Polizeiwache gefahren war. Es quälte ihn. daß die Einfuhr von fremden Kulturgütern in dieses Land ein Vergehen ist? Haben Sie vergessen. ein richtiges Photo von ihr mit Namensangabe.West Los Angeles »Dr. Voss. daß Frau Dr. daß sie bei Ausgrabungen in Ägypten gefundene Schriftrollen ins Land geschmuggelt hat?« Er hätte Catherine an den Pranger gestellt. denn auf der Titelseite befand sich Catherines Bild. die Polizei werde von ihm nichts erfahren. Der neblige Morgen brachte in Form der Los Angeles Times ein böses Erwachen. ist Ihnen bewußt. »Und Sie wissen mit Sicherheit. Bis gestern abend hatte Catherine noch die Möglichkeit gehabt.

Natürlich würde sie so lange untertauchen. und das waren mehr als hundert Bilder. die Polizei habe neunzehn Photos der Schriftrollen gefunden. daß sie jede Seite der Bücher photographiert hatte. mit dem Catherine angeblich aus Daniels Wohnung geflohen war. Sie befand sich auf der Flucht. Auf Grund der Berichte in den Zeitungen über den sensationellen Fund in Ägypten würden sich natürlich alle möglichen Leute an dieser verrückten Schatzsuche beteiligen. Der Mann. Seine Hilflosigkeit empfand er wie eine Folter. sie würden wieder töten. Die anderen sechs Rollen enthielten vermutlich Hinweise darauf. Julius vermutete. Hatten Daniels Mörder die anderen Photos an sich genommen? Wer immer sie auch sein mochten. bis sie die Übersetzung abgeschlossen hatte. war Catherines Leben in Gefahr. Dort hieß es.Julius war jedoch erleichtert. wo der ›Schatz‹ vergraben war. sie werde sich die Schriftrollen nicht abnehmen lassen. Ich muß die siebte Schriftrolle finden. sie war nicht entführt worden. Das bedeutete. Solange die Suche danach weiterging. um die siebte Schriftrolle zu bekommen. Er erinnerte sich noch gut an die Entschlossenheit in ihren Augen. daß sie noch lebte. Julius wußte. als er las. Aber von Catherine wußte er. wie eigensinnig Cathy sein konnte. sie wollten die Schriftrollen unbedingt in ihren Besitz bringen und schreckten selbst vor einem Mord nicht zurück. Julius griff nach der Zeitung und las den Artikel noch einmal. wurde nicht erwähnt. Er warf die Zeitung auf den Schreibtisch und schob die Hände in die Hosentaschen. Und wie sollte das geschehen? Bestimmt suchte Catherine bereits danach. als sie erklärt hatte. Die Photos und die Originale 302 . Er wollte etwas für sie tun. Aber was? Dann kam ihm ein Gedanke.

seine Erinnerung werde sich bei ruhiger Konzentration lückenloser einstellen. ob er die Namen in griechischen Texten dieser Zeit fand. Er schloß die Augen und stellte sich die alten Bücher vor. Plötzlich fielen ihm wieder ihre Worte ein: ›Sabina rät Amelia. Aber er blieb unsicher stehen. das Versteck aufzuspüren. Perpetua. an anderen jedoch wieder verblüffend deutlich war. Natürlich wäre es einfach. Er hoffte. Julius dagegen stand mit leeren Händen da. die Kataloge der Archive nach Schriftrollen zu durchsuchen und zu überprüfen. der an manchen Stellen kaum lesbar. Wohin sollte er gehen? Er konnte unmöglich so tun. Ihm war ein Name aufgefallen. Jeder von 303 . als beginne ein ganz normaler Arbeitstag. den er im Originaltext gelesen hatte. falls man sie verfolgen würde…‹ Julius rieb sich die Stirn und den Nacken. so wie er sie auf dem Sofatisch in seinem Haus gesehen hatte. die siebte Schriftrolle einem König zu geben. Julius fürchtete. Alle hatten die Zeitung gelesen. als Catherine unerwartet aus Ägypten zurückgekommen war und ihm die alten Papyri gezeigt hatte. Er ging unruhig in seinem Büro auf und ab und rief sich den regnerischen Nachmittag ins Gedächtnis. Allerdings würde selbst ein Computer für diese Art Suche viel Zeit brauchen. Inzwischen trafen die Mitarbeiter des Instituts ein. um das Blut besser zirkulieren zu lassen. Wenn er sich doch nur an den Namen erinnern könnte. Das wäre wenigstens ein Anfang… Julius ging zur Tür seines Büros und wollte sie öffnen. Dabei achtete er auf die Namen: Amelia. Wessen Name? Es war nicht der Name des Königs… Er griff nach der Zeitung und las noch einmal die Übersetzung. daß Catherine nicht viel Zeit blieb.halfen den anderen. Catherine entfaltete einen Papyrus und beugte sich über den Text. Sabina.

daß Julius und Catherine verlobt waren. als sie ihm auf dem Anrufbeantworter die seltsame Nachricht hinterließ. den die Untersuchung der Königin ausgelöst hatte. aber peinlichem Schweigen rechnen. dem man die siebte Rolle anvertraut hatte… Julius schüttelte den Kopf. Natürlich hatte Cathy deshalb den Namen der Mumie gewählt. um sich das Gerede und die Fragen vorzustellen. und er sollte schnellstens etwas unternehmen. Er hatte nicht die Zeit.ihnen wußte. Er drehte sich um und ging zu der Bücherwand gegenüber. Er hätte nicht ins Institut kommen dürfen. OmniSearch… Mrs. Er setzte sich an den Schreibtisch. Man brauchte nicht viel Phantasie. Die Weihnachtsbeleuchtung auf dem Wilshire Boulevard brannte schon am frühen Morgen. Meritites… Er kniff die Augen zusammen und nickte. Seufzend trat er ans Fenster und blickte hinaus. um Catherine zu helfen. InfoSeek. Normalerweise schaltete sich die Beleuchtung erst bei Einbruch der Dunkelheit ein. als ein 304 . alle diese Bücher durchzusehen. Der Name sollte ihn an die Intrigen im vergangenen Jahr erinnern und an den Konkurrenzkampf. startete den Computer und dachte dabei an die verfügbaren Suchprogramme: Lycos. War es Sabinas Vater oder ein Mann. Aber was. Das war der Name! ›Fabianus‹. Möglicherweise mußte er auch mit höflichem. den sie geheiratet hatte? Vielleicht war er der König. und das wäre noch schlimmer. Der Nebel täuschte offenbar die Sensoren… Fabianus… Julius holte tief Luft. um alles in der Welt? Julius verfluchte im stillen die Lage. Wer war ›Fabianus‹? fragte er sich und überflog die Titel der Bücher. in die er geraten war.

alles noch einmal in Ruhe durchzudenken? Er stand auf. Die feuchte. Er hatte sich gerade entschieden. Dann trat er in den grauen Morgen hinaus. Wie konnte er das zumindest so lange hinauszögern. Eilig ging er durch die langen Gänge und hinterließ am Empfang die Nachricht. Es roch nach Regen. als er die Übertragungswagen der Fernsehsender sah. Weshalb glaubte Catherine. Er seufzte und dachte gereizt: Wie soll ich ohne Computer nach der siebten Schriftrolle suchen? Die Zeitung auf dem Schreibtisch erinnerte ihn daran. bis er Zeit gehabt hatte. jemand überwache sein Telefon und seinen Computer? Wer würde so etwas tun und aus welchem Grund? Verwirrt blickte er auf den blinkenden Cursor und schaltete den PC wieder aus. salzige Meeresluft schlug ihm entgegen. daß es nur eine Frage der Zeit war. Aber er wollte zum jetzigen Zeitpunkt unter keinen Umständen eine Aussage machen. Er wollte nicht lügen. die Journalisten und die Polizeibeamten… 305 .Kollege das Telefon von Julius angezapft hatte! Er runzelte die Stirn. er sei den ganzen Tag nicht im Institut und auch zu Hause nicht zu erreichen. Und dazu würde man ihn mit direkten Fragen zwingen. zum Strandhaus zu fahren. zog sein Jackett an und verließ entschlossen das Büro. die Kameras. bis die Journalisten oder die Polizei bei ihren Nachforschungen auch auf ihn stoßen würden.

daß er die meisten besaß. die ihm nicht zur Verfügung standen. die siebte Rolle zu finden. Bisher hatte er allerdings nur drei Schriftrollen ausfindig gemacht. enthielten die Texte.Über dem Pazifik Miles spürte den Druck in den Ohren. Miles hätte seinen Anwalt damit beauftragen können. als sein Jet die Reiseflughöhe verließ. es müsse irgendwo auf der Welt Kopien der anderen achtzehn Seiten geben. denn der Text der Schriftrollen war bestimmt wie die Evangelien immer wieder abgeschrieben worden. Er warf einen Blick auf die Uhr. Aber die Schriftrollen waren ihm zu wichtig. Eigentlich hätte er nicht persönlich fliegen müssen. die kein Licht auf das Leben von Sabina Fabiana warfen. Die Polizei besaß offenbar neunzehn Photos. Wenn die Zeit nicht so gedrängt hätte. Die Polizei hatte nur einen Bruchteil. wäre es natürlich kein Problem gewesen. um einem anderen die Verantwortung dafür zu überlassen. kaum entzifferbare Fragmente. der zweite im British Museum. wichtige Informationen. Leider. Aber Zeit hatte er nicht. Es handelte sich dabei um kleine. Ein Papyrus befand sich im Archiv der Duke University. Ein dritter Papyrus 306 . die Transaktion durchzuführen. sich mit Hilfe der richtigen Leute auch die Photos zu beschaffen. Eines davon war in den Zeitungen abgebildet worden. Also brauchte er nur in Archiven und Bibliotheken zu suchen. Der Flug hatte etwas über sechs Stunden gedauert. wußte Miles. Jeder Tag brachte diese Alexander ihrem Ziel näher. Da Catherine Alexander die Photos klugerweise numeriert hatte. so vermutete Miles. Miles mußte deshalb andere Wege einschlagen. die bei der Polizei in Santa Barbara lagen. Miles war zu dem Schluß gekommen.

wenn es nicht zum Höhepunkt seiner Ambitionen werden würde. Der Pilot ließ ihn damit wissen. Gewiß. die Oscarverleihung. daß sie sich im Landeanflug befanden. Miles sah unter sich das dunkelblaue Meer. denn er ließ Erika nur ungern allein zurück. das Dokument befinde sich in einem ausgezeichneten Zustand. Aber das ganze Fest wäre für ihn bedeutungslos. Die Entscheidung zu diesem Flug nach Hawaii war ihm nicht leichtgefallen. daß alles nach Plan verlief. Miles lächelte.befand sich im Privatbesitz eines gewissen Aki Matsumoto. Die mehr als tausend Menschen aus aller Welt kamen. um ihm in der Casa Havers zu huldigen. Der Tiger in Miles war hungrig. Niemand ahnte den eigentlichen Grund für die Jahrtausendfeier. Den Hinweis auf dieses Fabiana-Fragment fand Miles in der Zeitschrift Archaeology. Er brauchte Beute. eines reichen japanischen Geschäftsmannes. Miles wollte dieses Dokument haben. Miles wollte seine Gäste in dem Bewußtsein begrüßen. im Tropenhaus 307 . denn in seiner Vorstellung war das Anwesen sein Palast. der Konzern war der Thron. Das Fest sollte alles übertreffen. Das Haus füllte sich bereits mit Gästen. und die Vorbereitungen für die große Silvesterfeier waren in vollem Gang. daß er im neuen Jahrtausend alle seine Ziele erreicht hatte. Er hatte wie immer seine eigenen Absichten. die berichtete. Das gelbe Leuchtsignal der Sprechanlage neben seinem Sitz blinkte mehrmals. um dafür zu sorgen. Es stammte aus dem sechsten Jahrhundert und war die Kopie eines Papyrus aus dem zweiten Jahrhundert. sein Computerzentrum Zepter und Schwert. den Debütantinnenball und das FilmFestival von Cannes. in diesem Augenblick hätte er Erika zur Seite stehen müssen. in dem die Inseln wie wahllos verstreute Edelsteine leuchteten.

Aki Matsumoto – ein reicher Mann mit blasser Haut und traurigen Augen. Dieser Triumph würde das Fest zu seiner persönlichen Siegesfeier machen. würde als einziger wissen. rollte zum Ende des Flughafens. daß die Kontaktperson eingetroffen sei. denn er hatte den Zugriff auf alle Informationen. seiner Schatzkammer. und im unterirdischen Museum. die er in der Elektronikbranche verdiente. und erreichte die Parkposition. daß sich dort die Schriftrollen befanden. wer ihn hierher gebeten hatte. wo Privatflugzeuge und die Maschinen der kleinen Frachtfluglinien abgefertigt wurden. seinen Weitblick. die Medien und alle Menschen spekulieren. Der unsichtbare Fahrgast auf dem Rücksitz war. er.hütete er die Perlen. Miles war aus diesem Grund auch nicht mit dem Firmenjet mit dem Logo des Konzerns an 308 . was Menschen geschaffen hatten. Der Flugbegleiter öffnete die Kabinentür und ließ die feuchte Brise in das Flugzeug. dann konnte er an Silvester triumphieren. Es war der Schlüssel für seine Stärke. Matsumoto seinerseits ahnte nicht. seine Überzeugungskraft. Mochten die Regierungen. die zum Tagesgespräch geworden waren. wie Miles wußte. Miles. Der Jet landete. Das neue Jahrtausend würde ihm unbegrenzte Macht bringen. Er trug immer schlecht sitzende Anzüge. sammelte er das Wertvollste. Kurz darauf meldete er. Sein Anwalt hatte die Begegnung mit Matsumoto vorbereitet. Bei solchen Geschäften wahrte Miles stets seine Anonymität. die nichts von den vielen Millionen verrieten. Er würde auf seine Weise Herrscher der Welt sein. weil alle sich davon Aufschlüsse über die Vergangenheit und die Zukunft erhofften. Das Wissen bestimmte seine Entscheidungen. was darin stand. Wenn er die Gäste mit dem Wissen begrüßte. Miles blickte aus dem Fenster und sah einen glänzenden schwarzen Mercedes mit geschlossenen getönten Scheiben.

sondern mit seiner weißen Privatmaschine. Perpetua. Deshalb griff er jetzt zu einer anderen Art Währung. der die Negative der Photos enthielt. Miles hatte Aki Matsumoto vergeblich eine großzügige Summe für das Fabiana-Dokument angeboten. Chr. die Matsumoto. wie er vermutete. für sein Angebot zugänglicher machen würde. Nach einem kurzen prüfenden Blick reichte er dem Flugbegleiter einen zweiten versiegelten Umschlag. stammte. suchte Miles in dem Dokument bereits nach den wichtigen Worten. die keine Identifikationsmerkmale trug. Das Wort ›Fabiana‹ dagegen stand deutlich lesbar unten auf der ersten Seite. Der Mann ahnte nicht. Er sah. die er inzwischen gelernt hatte zu erkennen – Amelia. Mit großer Behutsamkeit legte er den brüchigen Papyrus auf den 309 . wo der Text mitten im Satz abbrach. den er sofort ins Flugzeug brachte. Philos… Er entdeckte keinen der Namen. die in dem ersten Umschlag gewesen waren. daß das Pergament aus dem Jahr 586 n.der Seite gekommen. Sabina. Kurz darauf wurde dem Flugbegleiter im Austausch ein anderer Umschlag herausgereicht. Während die Übergabe an der Limousine schweigend stattfand. daß sich in dem Umschlag Aktphotos von Aki Matsumotos vierzehnjähriger Tochter befanden. Miles reichte wie abgesprochen dem Flugbegleiter einen Briefumschlag. Der Flugbegleiter verließ das Flugzeug. Miles saß noch in dem bequemen taubengrauen Ledersitz und zog aus dem steifen Umschlag das Dokument und das Echtheitszertifikat. das bestätigte. wie der Chauffeur das Wagenfenster öffnete und den Umschlag entgegennahm. näherte sich der Limousine und überreichte dem Chauffeur den Umschlag.

Da die Maschine noch aufgetankt wurde. sich draußen etwas Bewegung zu gönnen. die siebte Rolle vor ihr zu finden. wenn er wieder zu Hause sei. und die Zeitungen sorgten dafür. dann betrachtete er. ohne Gefahr zu laufen. Miles schnallte sich zum Start an. denn sie konnte kaum etwas tun. Seine Chancen. Die Polizei hatte Catherine Alexander identifiziert. Der Flugbegleiter erschien genau in dem Augenblick. als der Pilot Miles meldete. Niemals kam er von einer Reise ohne ein Geschenk für Erika zurück. daß sie jetzt praktisch eine Gefangene war. was der Mann für ihn gekauft hatte. Die beiden Jungs hatten sich das Taschengeld verdient. in dem die Maschinen gewartet wurden. beschloß Miles. Das Blatt hatte sich gewendet. um für ihn etwas zu besorgen. 310 . winkte er den Flugbegleiter zu sich. Miles hob das Muschelhalsband ans Fenster und freute sich.Scanner und faxte den Text mit dem handschriftlichen Zusatz nach Kairo. Beim Anblick des ZehnDollar-Preisschilds lächelte Miles. wo er sie haben wollte – ihr blieb nur noch das Internet für ihre Suche. daß sie abflugbereit seien. Er blickte in die Tropensonne und freute sich über die gelungene Transaktion. waren eindeutig wieder besser. Damit hatte Miles sie dort. werde eine besser lesbare Photokopie folgen. Der Mercedes rollte davon. und der Flugbegleiter kam zurück an Bord. Er fand wieder Gefallen an der Jagd nach den Schriftrollen. Er gab dem Mann hundert Dollar mit den entsprechenden Anweisungen und ging in die Maschine zurück. daß man sie erkannte. Als Miles zwei junge Einheimische in der Nähe des Hangars sah. denn sie waren zu dem Souvenirladen in der Abflughalle des Flughafens gerannt.

Ich sitze über dem brüchigen Papyrus und kann nur langsam und 311 . Er ergab keinen Sinn. Λγρα… eindeutig: αγρα. Havers hat zwar nicht alle Photos.« Sie lachte. »He!« rief Garibaldi und zog schnell den Kopf ein. aber die meisten. der am Computer saß. zog die Lampe so nahe heran. »Sagen Sie es rechtzeitig. Zwischen dem ›y‹ und dem ›p‹ befand sich ein winziges ›0‹. wenn Sie demnächst mit Messern nach mir werfen. Sie schlug in Strangs Griechisch im Neuen Testament das Wort #0061-GSN nach: ›agra – ein (Fisch)Zug. richtete die Lampe auf das Papyrus und betrachtete sich genau das letzte Wort. Dann las sie den Satz. so daß der Kugelschreiber ihn nicht traf. Das sind die Nerven. wie kann man nur so dumm sein! Sabina begegnet Satvinder natürlich auf dem ›Markt‹ und nicht auf einem ›Fischzug‹!« Sie griff nach dem Kugelschreiber und warf ihn quer durch das Zimmer. »›Agora‹« rief sie erleichtert so laut. erstaunt den Kopf hob. Dann sah sie es. veränderte langsam den Abstand der Lupe zur Papyrusseite und hielt den Blick auf das fragliche Wort gerichtet. Der Zeitdruck ist unerträglich. »So war es nicht gemeint. Sie griff nach der Lupe. KJV: Fischfang‹ Catherine blickte wieder auf den Papyrus. den sie gerade übersetzt hatte. daß Garibaldi. daß durch die Hitze der Glühbirne ihr Haar heiß zu werden begann.Mojave-Wüste. »Du meine Güte. Kalifornien ›Ich begegnete Satvinder auf einem Fischzug…‹ Catherine zog die Augenbrauen zusammen. noch einmal.

erwiderte er und trat ans Fenster. wir haben Probleme. Indianerhöhlen. »Ja. aber das Konto ist noch nicht aktiviert.« Sie warf einen Blick auf den Bildschirm. Auf dem Nachttisch zwischen den beiden Betten lagen für die Besucher Hinweise auf die Sehenswürdigkeiten der Umgebung: die Geisterstadt Calico. »Glauben Sie. um es schnell und unerkannt wieder zu verlassen!« Garibaldi stand auf und streckte sich. Vielleicht kennt er schon die Stadt oder das Land. der sich ihm als nützlich erweist.vorsichtig an einem kaum lesbaren Text arbeiten. Aber außer Plakaten mit Klapperschlangen und Hinweisschildern auf Indianergräber und Dinosaurierskelette war es wirklich 312 . in dem König Tymbos regierte. »Es ist bestimmt riskant. Das bedeutet. oder ein paar fangen von rückwärts an. wo die siebte Schriftrolle liegt. Death Valley: der tiefste Punkt der westlichen Hemisphäre. Havers hat die wichtigen Hinweise bereits gefunden. noch einmal Online zu gehen. Wir haben zwar von dem neuen Service Provider die Zugangsberechtigung. er ist bereits auf dem Weg zu dem Platz. die er vergrößern. während wir hier wie Gefangene sitzen. Er dagegen hat Reproduktionen. Stellen Sie sich vor. nach denen ich noch suche. was es auf der Straße an Lebenszeichen zu sehen gab. man ist uns auf der Spur?« »Ich weiß es nicht«. Vermutlich läßt er mehrere Leute gleichzeitig übersetzen.« Sie befanden sich inzwischen mitten in der Wüste in einem Motel. das aus einer Reihe rosa verputzter Bungalows bestand. Edwards Air Force Base – Landeplatz der US Space-Shuttle. ich wie eine Schnecke übersetze und Sie sich wie ein Dieb ins Internet schleichen. Auf der endlosen Busfahrt nach der überstürzten Abreise aus Goshen hielt Catherine Ausschau nach allem. vervielfältigen und jedem geben kann.

« Garibaldis prüfender Blick aus dem Fenster war nur Routine. und Claudius natürlich am besten. Caligula wäre noch besser. Trotzdem mußten sie wachsam sein. »Wenn Sabina doch nur den Namen des Kaisers noch einmal erwähnen würde«. wenn es nicht mit anderen Informationen überschrieben ist. um ins Freie blicken zu können. Aber fehlendes Papier? Wenn es fehlt. dann wäre es schon möglich. Löscht man etwas auf der Festplatte. dann wüßten wir.« »Leider ist Papyrus keine Festplatte. Catherine wandte sich seufzend wieder dem ausgebreiteten Dokument zu. daß ihnen jemand am Busbahnhof von Goshen oder in Mojave besondere Beachtung geschenkt hatte. Aber wenn es Kaiser Tiberius war. wenn wir wüßten. dann fehlt es eben.« Die Suche im Netz hatte viele Hinweise auf ›Amelias‹ und sogar auf ein paar ›Perpetuas‹ gebracht. daß uns wesentliche Informationen vorenthalten bleiben. Auch der Mann an der Rezeption des Motels hatte vermutlich nicht gesehen. sie hat Philos zur Zeit des Kaisers Augustus geheiratet.« 313 . das wäre zu spät. denn er glaubte nicht. sagte Garibaldi und schob den Vorhang etwas beiseite. im Auftrag welches römischen Kaisers Cornelius Severus durch das Reich reiste. »Es wäre eine große Hilfe. seufzte Catherine.wenig. »wenn wir wenigstens einen der Familiennamen dieser Frauen kennen würden. Aber die Suche nach ›Philos‹ ergab unzählige Verweise auf Worte mit der Silbe ›philos‹. Nero hätte sie verfolgen können. wie Catherine den Bungalow betrat. daß sie vor Jesus lebte und daß diese Schriftrollen nicht von Augenzeugen stammen.« »Es wäre auch nicht schlecht«. kann man es später trotzdem wieder zurückholen. Sie fuhr sich mit den Fingern durch die kurzen weißblonden Haare. aber Vespasian. »Die Lücken im Papyrus sorgen natürlich dafür. »Angenommen.

»Woher kommst du denn?« »Vermutlich hat sie keinen Besitzer«. setzte sich wieder an den Computer und tippte die Zugangsnummer ein. während er es sanft streichelte.»Also!« sagte Garibaldi und verließ das Fenster. ›… die Einreisebehörde hat heute 314 . Vermutlich gehört es dem Mann an der Rezeption. Catherine staunte über seine Behutsamkeit. »Ich liebe Katzen«.« Er öffnete die Tür.« »Sie scheinen sich mit Katzen auszukennen«. die es gierig aufleckte.« Catherine sagte lachend: »Sie will etwas trinken. »Ich bin für Claudius. und ein schwarzweißes Kätzchen sprang herein. sagte Catherine und sah verblüfft. wen haben wir denn hier?« rief er und nahm das Kätzchen hoch.« »Hören Sie…«. Sie suchte auf den Kanälen nach einem Sender in Los Angeles. wie wohl sich das Tier bei Garibaldi zu fühlen schien. erwiderte er. Er öffnete die Plastikbecher mit der Kaffeesahne und gab dem Kätzchen auf einem Plastikdeckel die Milch zu trinken. »Ja. Eine Blondine mit professionellem Lächeln und sanfter Stimme las die Meldungen des Tages. sagte Catherine und staunte. wo noch die Reste ihres mexikanischen Essens lagen. wie das winzige flauschige Tier zutraulich in Garibaldis großen Händen verschwand. sagte Catherine und hob die Hand. »Wir hatten immer viele Katzen zu Hause. Er schüttelte den Kopf. Außerdem hat es keine Angst. »Das Fell ist sauber. Es schnurrte und schmiegte sich an seine Brust und leckte an seinem kleinen Finger. »Das klingt nach einer Katze. Catherine riß sich von dem Anblick los und schaltete den Fernseher ein. »Was ist das für ein Geräusch?« Garibaldi lauschte.« Er setzte das Kätzchen vorsichtig auf den Tisch. und das Kätzchen sieht gesund aus. Schließlich fand sie einen.

das Catherine von dem Jesus-Fragment gemacht hatte. daß Dr. aber der Beamte lehnte jede Stellungnahme ab. Wir wissen nicht. daß dieses Fragment nur Teil von mehreren Schriftrollen ist. Alexander befragt. Nach Auskunft der Zollbeamten weiß man nicht. daß die untere Hälfte der Seite von Dr. ›Wir haben Dr.‹ Verblüfft sah Catherine. Alexander.‹ Garibaldi setzte sich neben Catherine auf das Bett. also am 16. daß Dr. Wir können weder den Fund von Schriftrollen bestätigen noch dementieren. und wir haben zuverlässige Hinweise darauf. daß er sich zwei 315 . Alexanders Grabungen im Sinai im vergangenen Jahr finanziert. Wir haben Grund zu der Annahme. in die USA zurückgekehrt ist. Dezember. wie die Schriftrollen vom Sinai in die USA gekommen sind. Kennedy-Flughafen ein. wo sie sich befindet. Alexander am Fundort entfernt wurde. daß als nächstes die Leiterin der Stiftung eine offizielle Erklärung verlas. Catherine Alexander vor vier Tagen. und anschließend das Original. das im Zelt zurückgeblieben war und sich mittlerweile in den Händen der ägyptischen Behörden befand. Sie reiste über den John F. Man braucht dazu die Aussage von Dr. Man zeigte das Photo.‹ Danach wurde Inspektor Shapiro von der Polizei in Santa Barbara nach Hinweisen auf den Aufenthaltsort von Dr. sagte der Inspektor: ›Wir haben die Information erhalten. Wir haben seit dem ersten Dezember nichts mehr von ihr gehört. Stevenson am Tag seiner Ermordung aus Ägypten in die Vereinigten Staaten eingereist ist. Wir wissen nichts darüber. Kulturminister Achmed Sayed erklärte als Sprecher der ägyptischen Regierung: ›Die gezackte Linie hier deutet darauf hin. Als man ihn nach dem Mörder von Daniel Stevenson fragte.bestätigt. Bislang ist gegen die Archäologin jedoch nicht offiziell Anklage erhoben worden. was sie gefunden hat.

Catherine Alexander stehen. der eine an dem amerikanischen Ingenieur J.« Sie stand auf und lief unruhig im Zimmer auf und ab.‹ »Julius…«.Tage vorher auf der Sinaihalbinsel aufgehalten hat. Außerdem behauptet er. kein Kommentar. Die Stimme der Nachrichtensprecherin war wieder zu hören. mein eigenmächtiges Vorgehen würde uns alle in Gefahr bringen. J. wo sich seine Verlobte aufhält. als sie sah. Herr Inspektor?‹ ›Tut mir leid. Er erklärte laut und deutlich. »Julius hat mich gewarnt. daß er sich nicht äußern werde. was in den Schriftrollen steht.‹ ›Inspektor Shapiro‹. Er hat mir gesagt. der als Kardinal Lefevre 316 . die sie angeblich aus Ägypten geschmuggelt hat. Untersuchungsbeamte in Ägypten und in den USA glauben. würdevoller Mann. Hungerford und der andere an dem Archäologen Dr. Können Sie dazu etwas sagen. wie er sich zornig und empört vor den Journalisten in das Institutsgebäude rettete. um die Schriftrollen in ihren Besitz zu bringen. »es tut mir so leid. wie man vermutet. die. Julius Voss behauptet. ›es wurde der Verdacht geäußert. murmelte Catherine und schüttelte den Kopf. Deshalb haben wir uns zum ersten Mal gestritten. daß es zwischen den beiden Archäologen zu Meinungsverschiedenheiten über den Fund gekommen ist und daß Catherine Alexander ihren Kollegen Dr. Ein großer. ›Dr. seufzte Catherine. fragte der Reporter.« Die Sendung ging mit einem Live-Bericht aus dem Vatikan weiter. nach Südkalifornien geflohen ist. Daniel Stevenson. Stevenson ermordet hat. nicht zu wissen.‹ »Ich habe Danno nicht ermordet«. nicht zu wissen. daß die beiden Morde. Julius stand vor dem Haupteingang inmitten von Reportern. »Ich wünschte… Nein!« Auf dem Bildschirm erschien das Freers Institut in West Los Angeles. in Zusammenhang mit den verschwundenen Schriftrollen und der untergetauchten Dr.

als ich gerade zwei Jahre alt war. das ist alles!« Garibaldi sah sie überrascht an. Sie haben natürlich Angst. weil man keine Frau im Kollegium haben wollte. daß ich die Führungsspitze der Kirche mit einem sehr viel älteren Rechtsanspruch konfrontieren werde. »Wie kommen Sie darauf?« »Weil man im Vatikan vielleicht nicht zu Unrecht glaubt.« »Wie bitte?« »Das hat meine Mutter immer gesagt«.vorgestellt wurde. dann können sie möglicherweise Licht auf die frühen Jahre des Christentums werfen. Sie wurde 1920 geboren und hat in den vierziger Jahren studiert. erwiderte auf die Frage des Reporters. das zufrieden schnurrte. 1965. was mit der Kirche zu tun hat. Sie mußte sich mit einem privaten FrauenCollege begnügen. Damals war es für eine Frau unmöglich. der sie zwingen könnte. ob der Vatikan Interesse an den sogenannten ›SinaiSchriftrollen‹ habe: ›Wir sind stets an allem interessiert. ihren Platz zu räumen.‹ »Das würde den Herren im Vatikan gefallen!« rief Catherine. erwiderte Catherine und streichelte das Kätzchen. ihre Flucht abzubrechen und die Schriftrollen den zuständigen Behörden zu übergeben. »Ich soll wie die sündige Maria Magdalena als Büßerin zu ihnen gehen. an den führenden Universitäten einen Studienplatz zu bekommen. Deshalb kam sie mit meinem Vater nach Kalifornien. Ich möchte deshalb die junge Frau auffordern. »Meine Mutter war Paläographin und Bibelforscherin und vertrat einige sehr unbeliebte Theorien. wo sie beide am katholischen 317 . Wenn es diese Schriftrollen wirklich gibt und wenn sie echt sind. bewarb sich meine Mutter um einen Lehrauftrag in Yale und wurde abgewiesen.

nicht ganz 318 . Sie wies darauf hin. und die Ankömmlinge trugen ihre Sachen hinein. die Männer. aber sie mißtraute den Übersetzungen. »Ihre eigentliche Aufgabe sah sie in der Forschung und dem Veröffentlichen ihrer Arbeiten. ließ den Vorhang wieder fallen und nickte Catherine zu. Sie schlug ›Deuteronomium. Garibaldi ging zum Fenster. hielt er unwillkürlich die Luft an. Die Tür wurde aufgeschlossen. das ursprüngliche hebräische Wort für Beschaffen ›hat‹ bedeutet ›in den Wehen liegen‹. die diese Stelle übersetzt haben. daß Gott wie eine Frau in den Wehen liegt. Als er einen schwarzen Ford sah. daß Eva als Gehilfin Adams geschaffen worden war.« Sie hörten.« Das Kätzchen war eingeschlafen. fanden die Vorstellung. »Meine Mutter lehrte nicht nur Theologie«. teilte den Vorhang einen Spalt und blickte vorsichtig hinaus. sondern ›Partnerin‹ bedeutet. Ich glaube. »Meine Mutter war zum Beispiel nicht mit der Interpretation einverstanden.« Catherine zog die Schublade des Nachttischs auf und nahm die Gideon-Bibel heraus.« Ein Wagen näherte sich langsam dem Motel. der dich gezeugt hat. Er atmete erleichtert auf. wie der Wagen vor dem Nachbar-Bungalow hielt.‹ Vater Garibaldi. erzählte sie. und Catherine lächelte über das zufriedene kleine Wollknäuel mit den winzigen Pfötchen.College in Pasadena unterrichten konnten. »Sie zweifeln also an den Worten der Bibel?« »Meine Mutter glaubte an das Wort. es waren ein Mann und eine Frau. Ihre Bücher und Artikel lösten stets heftige Kontroversen aus. und auf dem Rücksitz entdeckte er außerdem ein Kind. Garibaldi hob die Augenbrauen. dachtest du nicht mehr. in dem zwei Männer saßen. du vergaßest den Gott. der dich geschaffen hat. Aber nein. 32/18‹ auf: »›An den Fels. daß das hebräische Wort in der Genesis nicht ›Gehilfin‹.

»aber ich bin der Ansicht. »Ähnliche Beispiele finden sich auch im Neuen Testament«. fuhr Catherine fort. »Paulus wurde als ›Diakonos‹ bezeichnet. daß die Priesterweihe ein Sakrament sei und daß Mädchen nicht zu Priestern geweiht werden können.« »Könnte sein«. Aber meine Mutter erklärte mir. daß unsere katholische Kirche die Frauen nicht schlecht behandelt. als Meßdiener am Altar zu stehen. Ich hätte so etwas nie getan. aber als Mädchen durfte ich ja keine Meßdienerin sein!« »Ich habe diese Vorschriften nicht gemacht«. Vater Garibaldi. daß einige hinter dem Rücken des Priesters den Abendmahlwein tranken und andere wenig fromme Späße trieben. räumte Garibaldi ein. Ich weiß noch sehr gut. als Mädchen könne ich nicht alle sieben Sakramente empfangen. Ich wollte es nicht glauben und lief weinend nach Hause. obwohl ich wußte. daß ich auf der katholischen Schule zu hören bekam. aber in den meisten Übersetzungen wird sie zu einer ›Gehilfin‹. Vergessen Sie nicht. aber er nickte nachdenklich.« »Die Verehrung von Maria und die Behandlung von Frauen sind zwei ganz verschiedene Dinge. daß die Katholiken die Mutter Gottes verehren.richtig. So wurde die ursprüngliche Bedeutung durch Interpretation verändert.« »Nun ja. das hier als ›Diakon‹ übersetzt wird. das ist…« »Vater Garibaldi. Phoebe war auch ein ›Diakonos‹.« Garibaldi sagte nichts. Meiner Meinung nach ist es offensichtlich. ich war eine überzeugte Katholikin und hatte den sehnlichen Wunsch. erwiderte 319 . daß die von Männern stammenden Übersetzungen aus späterer Zeit der wachsenden männlichen Dominanz in der Kirche Rechnung getragen haben. Aber nur die Jungen durften das.

1970 veröffentlichte sie einen Artikel mit der Frage: ›War Maria Magdalena die Frau von Jesus?‹ Ihre Gedanken riefen ein paar Wellen hervor.« »Das können Sie nicht. Wenn es um das katholische Dogma geht. während sich die Apostel aus Angst um ihr Leben versteckten. daß ich von einem alten Rechtsanspruch gesprochen habe? Ich will etwas deutlicher werden. Vater Garibaldi! Frauen nahmen den Gekreuzigten ab und sorgten für ein würdiges Begräbnis. »Bitte lassen Sie mich wiederholen. Ich frage Sie: Warum haben die Männer später alles an sich gerissen?« Garibaldi hob die Hände.« »Sie haben es also nie gelesen. Da brach die Hölle los. was Sie gesagt haben. die erste der Apostel.« »Erinnern Sie sich. »Ich kenne das Buch. veröffentlichte sie eine wissenschaftliche Arbeit mit dem Titel: Maria Magdalena. 1973. ich habe es sehr aufmerksam gelesen. In den sechziger Jahren konzentrierte sich meine Mutter bei ihren Untersuchungen auf das Neue Testament.Garibaldi. Es stand auf dem Index. Alles. »Bei der Kreuzigung umstanden nur Frauen das Kreuz. Frauen hielten die Totenwache. dann befinden wir uns in unterschiedlichen Lagern. die Forschungen meiner Mutter weiterhin zu ignorieren. Ich habe mich zum Beispiel auch nie gegen die Priesterweihe von Frauen ausgesprochen.« »Das sehe ich nicht so.« »Im Gegenteil. Die Theologen fanden nichts dabei. aber noch keinen Sturm. erschien er als erstes einer Frau.« 320 .« Garibaldi nickte. klingt für mich nicht bedrohlich. Als Jesus auferstanden war. Dann. ich stehe auf Ihrer Seite.

die Maria Magdalena zur Prostituierten macht. »Richtig. Aber dadurch. »Vater Garibaldi. daß Maria Magdalena bis ins Mittelalter viele Anhänger hatte. daß Maria Magdalena die Frau von Jesus gewesen sei.« Er seufzte. denn sie sah mit eigenen Augen das leere Grab und als erste den wiederauferstandenen Christus. daß der Betreffende ein ›Augenzeuge‹ war und den Auftrag erhielt.« Catherine blickte auf den Laptop. daß Maria Magdalena eine Prostituierte war. Damals kämpften viele unterschiedliche Kräfte um die Macht in der Kirche. erregte die Gemüter nicht sonderlich. denn meine Mutter gab Magdalena eine traditionell weibliche Rolle. »Damals war ich im Priesterseminar und mußte noch viel über Gehorsam lernen. Das wurde nicht hingenommen. »Gut.« »Die Tempelritter zum Beispiel«. So wissen wir zum Beispiel. Mit dem ›Apostelbuch‹ überschritt sie jedoch die Grenze des Erlaubten. nahm er ihr alle Würde und Macht. Sie hatte gewagt. Auf Maria Magdalena trafen diese Kriterien zu. Aber was hat das 321 .Er lächelte. sagte Catherine. einer Frau die Aufgabe eines Mannes zuzuweisen. an keiner Stelle im Neuen Testament steht. läßt sich mehrere Jahrhunderte zurückverfolgen. als erwarte sie. Die Interpretation. sagte Garibaldi und nickte.« »Der Grund für die Aufregung liegt auf der Hand«. Catherine fuhr fort: »Das ursprüngliche griechische Wort ›Apostel‹ bedeutet. die Botschaft zu verkünden. daß dort eine Meldung erscheinen werde. Sie haben mich überzeugt.« Garibaldi wiegte zweifelnd den Kopf. der erste Apostel zu sein. Auch der Gedanke. Man entriß ihr den wahren Status. Sie überbrachte den anderen die Nachricht von der Auferstehung. »In den früheren Arbeiten hatte sich meine Mutter mit Frauen und ihren Rollen als Frau beschäftigt. daß der Klerus Maria Magdalena zur Prostituierten machte.

gewirkt haben? Dann wissen Sie. als richtige Priesterinnen. als wenn jemand an die Haustür klopfen und sagen würde: ›Können Sie mir die Besitzurkunde für Ihr Haus zeigen?‹ Der Betreffende sieht sich die Urkunde an und zeigt dem ›Besitzer‹ eine Urkunde älteren Datums: ›Wie Sie sehen. das wäre nicht anders. wenn Schriftrollen gefunden werden.‹« Catherine holte tief Luft und sah Garibaldi 322 . Aber in Wirklichkeit war diese Autorität gestohlen! Vater Garibaldi. daß er wirklich von den Toten auferstanden war. Streiten Sie das ab?« »Nein. Es tut mir leid. Meine Mutter sagte. Ihre päpstliche Autorität basiert auf der Behauptung von Petrus. was geschieht.mit dem alten Rechtsanspruch und einer Abdankung des Papstes zu tun?« »Geduld! Ich wiederhole: Maria Magdalena hat als erste den auferstandenen Jesus gesehen. können Sie sich vorstellen. was für eine Wirkung diese Schriftrollen heute auf die Gläubigen in aller Welt haben werden. die älter sind als der Paulus-Brief an die Korinther? Und wenn in diesen Schriftrollen außerdem dokumentiert wird. Schriftrollen. daß Maria Magdalena die Nachfolgerin von Jesus war. Ich habe einen älteren Anspruch darauf. Er ist ihr als erstem Menschen erschienen. die beweisen. der den auferstandenen Jesus gesehen habe. Zweitausend Jahre lang haben Männer die Nachfolge Petri als Oberhaupt der katholischen Kirche angetreten. daß Frauen unter den Frühchristen als ›Diakone‹.« »Später hat allerdings Petrus Anspruch auf die Nachfolge Christi erhoben und sich an die Spitze der neuen Kirche gestellt. Er tat das mit der Begründung. er sei der erste gewesen. und sie wußte als erste. gehört das Haus in Wirklichkeit mir. aber Sie müssen ausziehen.

Ja.« Lange Zeit blieb es still im Zimmer. was werden Sie tun. Aber die Menschheit hat das Recht. Aber ich bin der Meinung. Manchmal muß man ein Gesetz übertreten.« Catherine schwieg. wären sie vielleicht in einem Archiv verschwunden wie damals die Schriftrollen vom Toten Meer. dann hat die Welt ein Recht. ich habe mich in diesem Fall über die Gesetze hinweggesetzt.« Ein Bild drängte sich ihr plötzlich auf. ein Zeitungsphoto ihres Vaters. der neben anderen vor Soldaten auf den Knien lag. und mich wird man nicht zum Schweigen bringen. oder es hätte einen Kampf um die Berechtigung zu ihrer Übersetzung gegeben. Da er nichts sagte. Fälle. Man hörte nur den Wüstenwind pfeifen. Dieses Bild war seinerzeit in den Tageszeitungen um die ganze Welt gegangen. Sabinas Worte jetzt zu hören. Ich werde mir Gehör verschaffen. werden erst nach vielen Jahren entschieden. fragte sie: »Vater Garibaldi. wenn der Vatikan erfährt. daß Sie mir helfen? Was werden Sie tun. Hätte ich diese Texte nicht an mich genommen. Schließlich sagte Garibaldi: »Ich verstehe jetzt. Wenn Sabina uns eine wichtige Botschaft übermitteln will.durchdringend an. »Deshalb glaube ich. daß Kardinal Lefevre und alle im Vatikan vor den Schriftrollen Angst haben. das verantworten zu können. sie zu hören. Sie sehen es als Ihre Aufgabe an. das Werk Ihrer Mutter zu beenden. die vor den Internationalen Gerichtshof kommen. mich den Behörden auszuliefern oder mir die Schriftrollen 323 . als erwarte sie seinen Widerspruch. »Meine Mutter brachte man zum Schweigen. wenn man Ihnen befiehlt. warum Sie die Schriftrollen um keinen Preis aus der Hand geben wollen. um das Richtige tun zu können. Ich habe archäologische Funde aus Ägypten gestohlen und illegal ins Land gebracht.

den man um eine Stellungnahme gebeten hat. Alexander.« »Glauben Sie noch an Gott?« »Wie viele Menschen verwechseln ein Lippenbekenntnis mit ›Glauben‹. daß diese Schriftrollen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden?« »Wenn die Schriftrollen die Worte und Wünsche unseres Herrn Jesus Christus wiedergeben. die Maria Magdalenas Anspruch auf die rechtmäßige Nachfolge Jesu erhärten. die es im Klerus gibt. Kardinal Lefevre. würden Sie dann zulassen.« »Sie haben meine Frage nicht beantwortet. und es würden Schriftrollen gefunden.« »Dr. erwiderte er.wegzunehmen?« »Ich bin der Kirche zu uneingeschränktem Gehorsam verpflichtet. genau das befürchte ich.« »Dann gehören Sie zu den wenigen Ausnahmen.« »O doch. dann würde ich das tun.« »Wissen Sie. »Und glauben Sie?« »Ja. Würden Sie zulassen. Wenn Sie an seiner Stelle wären. mit der Sie über die katholische Kirche sprechen?« »Das ist eine lange Geschichte. daß dies der Fall sein wird. weil sie auf Wunder 324 . traue ich nicht. was ist der Grund für die Bitterkeit. daß Sabinas Geschichte in den Archiven des Vatikans verschwindet und niemand etwas davon erfährt?« »Sie können nicht voraussagen. die Menschen klammern sich an die Kirche. Vater Garibaldi?« »Ich kann nur für mich sprechen«. ich bin der Meinung.

was auf dem Schild stand. Er hatte nie aufgegeben. Es waren die Augen eines widersprüchlichen Mannes. Als sich ihre Finger darum schlossen. dachte Catherine. denn er war eine Art Verbindung zu Daniel. Der Wüstenhimmel war mit Sternen übersät. Sünderin… Keinem der Kinder war die 325 . hat ein Amulett wirklich eine besondere Kraft… Sie glaubte. ich trage es noch heute über meinem Herzen. liebe Perpetua. aus denen so viel Ruhe und Seelenfrieden sprachen. Sie griff nach dem Jadeanhänger an ihrem Hals.‹ Vielleicht. und. was Sie mir gerade erzählt haben?« Catherine trat an das Fenster und zog den Vorhang zurück. ›Sünderin stand dort. obwohl sie in den vergangenen Stunden und Tagen auch überraschende Verwirrung darin gesehen hatte. Die Wüste ist rein. Das Hermes-Kreuz wurde mir am Tag meiner Geburt um den Hals gelegt. nichts steht zwischen den Menschen und dem Himmel. ich sollte mich der Polizei stellen«. Er schien sie auch jetzt anzuspornen. trotz allem weiterzumachen. dachte Catherine. sagte Catherine plötzlich. in der Jade Dannos Entschlossenheit zu spüren. hatte ihr Danno sehr viel später einmal gesagt. das Schwester Immaculata ihr um den Hals gehängt hatte. als Catherine wissen wollte. So war es auch im Sinai.hoffen. fielen ihr Sabinas Worte wieder ein: ›Meine Mutter glaubte an die Kraft eines Amuletts. Cathy‹. der darüber hinaus einen gefährlichen Kampfsport betrieb. »Wie bitte? Nach allem. um sie vor der ganzen Klasse zu demütigen. »Ich glaube.« »Was ist daran so falsch?« Sie blickte in seine klaren blauen Augen.

Die Kamera schwenkte über Beduinenzelte und dicht gedrängte Menschen hinter einer Absperrung. je länger ich auf der Flucht bin. Das goldene Kreuz hing um seinen Hals.eigentliche Bedeutung dieses Wortes bewußt gewesen. die von Soldaten bewacht wurde. Sie mußte unwillkürlich daran denken. wie Garibaldi mitten in der Nacht auf den Knien gelegen und gebetet hatte. Jemand deutete auf einen Tunnel. Er trug Jeans und ein kariertes Hemd. ›daß man die Frau lebend begraben hat?‹ ›Es sieht so aus. Catherine spürte Garibaldis Augen auf sich gerichtet. der ägyptische Kulturminister. Aber dabei entsprach seine Haltung nicht einem friedlichen Priester. »Sie legen den Brunnen frei!« ›Bisher haben wir die Überreste eines Skeletts gefunden‹ sagte Achmed Sayed. der in glücklicher Harmonie zu seinem Gott sprach. und das Klima ist trocken. denn im Fernsehen zeigte man ihren Grabungsplatz in der Wüste. daß die Frau lebend in den Brunnen hinabgelassen wurde. fragte der Reporter. Sie sah Samir und Mr. Sind es die Dämonen in den Pangamot-Stöcken? Sie zog den Vorhang zu und verließ das Fenster. Deshalb sind Haare und Stoff noch erhalten. Auf dem Stundenbuch sah sie den Rosenkranz. Man hatte ihr die Hände mit Lederriemen gefesselt‹ ›Wollen Sie damit sagen‹. Eine erste Untersuchung des Skeletts läßt darauf schließen. desto mehr Menschen werden darunter zu leiden haben… zum Beispiel Julius. Garibaldi schien mit Dämonen zu ringen. in dem er in regelmäßigen Abständen las. Wir sind der Meinung. »Ich fürchte. Mylonas. »Der Brunnen!« rief sie. es handelt sich um eine Frau. Jetzt ist auch sein Leben in Gefahr. Er ist Wissenschaftler und ein friedfertiger Mann. Und…« Sie brach plötzlich ab. ›Der Boden hier ist salzhaltig. Schnell schaltete sie den Ton ein.‹ 326 . Neben dem Laptop lag das Brevier.

in diesem Brunnen gefunden wurden?‹ ›Ja. Eine Frau. erwiderte sie wie in Trance. ›Vielleicht finden wir unter den Steinen den Rest des Skeletts und Hinweise auf die Schriftrollen. beziehungsweise Anhaltspunkte für das.« ›Herr Minister. Alexander hier gefunden hat. den Sabina in Indien kennengelernt hat. Sie wollten sich der Polizei stellen. ›Wir werden vermutlich mehr wissen. sagte Garibaldi. »Wir müssen uns an die Arbeit machen«.« »Aber…« 327 . daß die Schriftrollen. »Es gibt einen neuen Namen. später mit Steinen gefüllt wurde.« »Ich dachte. wenn der Brunnen völlig freigelegt ist‹.»Lebend begraben…«.« »Ich habe es mir anders überlegt«. die man lebend begraben hatte! War es Amelia. sagte Minister Sayed. Perpetua oder vielleicht sogar Sabina? »Eine christliche Märtyrerin«. ist mit rötlichbraunen Fasern bedeckt. die Dr. Der Korb. Alexander gestohlen hat. Alexander hier gefunden hat. »Dona nobis pacem. hörte sie Garibaldi murmeln. das aus Schnecken gewonnen wird. sagte sie. Wir haben die Fasern untersuchen lassen. Catherines Herz schlug schneller. was Dr. ob wir uns ins Internet einloggen können. die wir auch auf dem Skelett festgestellt haben. das nehmen wir an. und der. Es war das kaiserliche Purpur des römischen Reiches‹.‹ »Du meine Güte«. wiederholte Garibaldi und bekreuzigte sich. glauben Sie. nach dem wir suchen müssen – Satvinder. Eine neue Spur. »Was um alles in der Welt haben Sie gefunden?« Catherine griff nach der blauen Tasche und holte den Notizblock heraus. Sie waren ursprünglich purpurrot und sind mit Murexid gefärbt. Das ist jemand. »Bitte überprüfen Sie. den Dr.

Ach du meine Güte. »Ein Inhaltsverzeichnis aller Arbeiten über archäologische Quellen im Nahen Osten.uni-stuttgart. »Wir sind Online!« rief er. ALLE LEITUNGEN BESETZT 328 . der hinter ihr stand und mit der Maus klickte. Die Verbindung kam diesmal zustande. Garibaldi nickte und ließ das Computermodem die neue Nummer wählen. KEIN WAIS-ZUGANG KONFIGURIERT! »Wir machen etwas falsch«.html‹ »Was ist das?« fragte Garibaldi. BITTE SPÄTER VERSUCHEN.edu/papyrus/‹ und klickte ›ENTER‹.Sie deutete stumm auf den Fernsehapparat.de KEIN ZUGANG UNTER DIESER NUMMER »Versuchen Sie es mit dem WAIS-Verzeichnis«. sagte Catherine ungeduldig und klickte auf ÖFFNEN und tippte dann: ›http://sipparorinst.duke.« Sie tippte und blickte gespannt auf den Monitor.uchicago. »Was haben Sie vor?« »Ich möchte etwas Neues probieren. SORRY! ALLE LEITUNGEN (75) SIND BESETZT.edu/oi/DEpr/RA/ABZU. »Darf ich?« fragte sie. Catherine suchte im Notizbuch nach einer Nummer und tippte dann: ftp. sagte Garibaldi. die auf Internet verfügbar sind. Man zeigte die Skelettknochen mit den Lederfesseln in Großaufnahme. und er überließ ihr seinen Platz an der Tastatur. FTPERROR KÖNNEN NICHT MIT FTP SERVER VERBINDEN. Auch diese Nummer ist besetzt!« Catherine tippte: ›http://odyssey.lib.

»Das wird trotzdem eine Weile dauern.edu/papyrology/home.« Catherine hörte ihn nicht. »Sie sind der Computerexperte. Havers darf uns nicht finden. im Internet zu bleiben«. die neben dem Bett auf dem Fußboden lagen. murmelte er. glaubte sie.« Sie klickte auf ein Symbol. Wie in einem Alptraum. Garibaldi runzelte die Stirn.« Sie sah ihn verzweifelt an. »Die Medien sorgen dafür. so lange Online zu bleiben. Man hat die Texte in Unterverzeichnissen aufgelistet. Was sollen wir tun?« Er griff nach einer der Werbebroschüren.»Wir sind offenbar nicht die einzigen. Wir können uns nicht leisten. »Aber es ist riskant. riet Garibaldi. Garibaldi pfiff leise: »Das sind ganz schön viele Papyri…« Sie klickte auf die blau unterlegte Überschrift: INSTITUTIONEN ›SPEZIALSAMMLUNGEN‹ »Es sind nicht so überwältigend viele. Chr. bis 300 n. in einem tiefen 329 . es gibt eine Möglichkeit. die heute abend Informationen über alte Schriftrollen suchen«. und Catherine tippte: ›http://www.umich.html‹ Papyrologie Home Page »Geschafft!« rief Catherine und ließ sich das Inhaltsverzeichnis anzeigen. Wir suchen die griechischen. im Internet über ›Schriftrollen‹ informiert.« Sie klickte. »Ich glaube. sagte Garibaldi. »Dann wollen wir die Jahre 100 v. der einen Computer und ein Modem besitzt. Chr. daß sich jeder. und überflog sie.« »Versuchen Sie es noch einmal«. aus dem es kein Entrinnen gab. wie es aussieht.

und ein Heiler dürfe eine Sünderin nicht berühren. Aber an den Bewegungen und an den Augen erkannte ich. In diesem Augenblick löste sich aus den Umstehenden eine in weiße Gewänder gehüllte Gestalt. in dem sich drei kleine Krüge und ein in Leinen gewickelter Gegenstand befanden. Sie konnte nicht fliehen. Ich dachte daran. Vor ihren Augen wurde alles rot… Danno sank blutend zu Boden. sagte man mir. aber das hätte eine Weile gedauert. Man trug sie zu einem Heiler. die Frau sei eine Prostituierte. den sie ›Vaidya‹ nannten. soviel bedeutet wie: ›Er. Julius. daß ich mich heute nach so vielen Jahren frage. dachte sie und glaubte zu ersticken. Die Frau 330 . Sie war gefesselt und konnte sich nicht bewegen. Verzeih mir. was in Sanskrit. Aber der Mann wollte die Frau nicht behandeln. ihrer Sprache. Die Menschen sahen ihr schweigend zu. aber ich muß weitermachen… Ich begegnete Satvinder auf dem Markt in einer Stadt. Sie beugte sich über die Wunde der Prostituierten und half der Frau so ruhig und gelassen. Aus ihrem Gewand holte sie einen Beutel hervor. Eine Frau war auf dem Markt auf einen zerbrochenen Krug getreten. ob es eine Frau oder ein Mann war. Als ich mich nach dem Grund erkundigte. daß es sich um eine Frau handeln mußte. Dann glaubte sie. Jedenfalls lernte ich Satvinder unter den merkwürdigsten Umständen kennen. ihre Mutter kurz vor deren Tod zu sehen. Er will mir helfen. Ich wußte zuerst nicht. die so seltsam und so voller Wunder war. Philos zu holen. Die Scherben zerschnitten ihr die Fußsohle. wie ich es von Philos kannte. ob ich das alles nur geträumt habe. Der Himmel war unendlich hoch über ihr.schwarzen Brunnen zu liegen. der weiß‹.

Die Ameisen taten der Frau in Weiß jedoch nichts. Die junge Prostituierte dankte der Frau und lächelte glücklich über soviel Anteilnahme. Die Ameisen packten mit den Greifzangen zu und verschlossen die Wunde wie Klammern. Danach wickelte sie den Gegenstand aus dem Leinen. In dem zweiten Krug befand sich eine Salbe aus Myrrhe und Aloe. war sie wie ein Geist verschwunden. Nachdem alle vier auf diese Weise den Schnitt geschlossen hatten. dann murmelte sie etwas und schrieb geheimnisvolle Zeichen in die Luft. die ich am Duft erkannte. Die Umstehenden wichen ängstlich zurück. und ich sah. trennte die Frau die Köpfe der Ameisen vom Leib ab und erklärte der Prostituierten. sie müsse die Greifzangen so lange an der Wunde lassen. die Bisse dieser Ameisen seien gefährlich und schmerzhaft. Die weißgekleidete Frau öffnete die Hand und ließ aus dem Krug vier große schwarze Ameisen kriechen. Mit dem Instrument entfernte sie die eingetretenen Tonsplitter. Dann könne man sie mühelos aus der Haut entfernen.reinigte zuerst die Wunde mit einer Flüssigkeit aus einem der kleinen Krüge. bis sie verheilt sei. wie die HinduHeiler sie oft benutzen. Aber im dritten Krug war das Erstaunlichste von allem. 331 . Noch ehe man Fragen an die weißgekleidete Frau richten konnte. daß es eine Pinzette aus einem Reiherschnabel war. Die Umstehenden und auch ich staunten über die geschickte Behandlung der Wunde. und ich hörte. wie sie sagten. die unter rituellen Worten eine nach der anderen an die klaffende Fußwunde hielt.

DER ACHTE TAG 332 .

Er hatte wie so oft zuviel getrunken und wollte sich aus dem Staub machen. Irgendwann wollte es jedoch das Schicksal. Nevada »Wie sind Sie zu der Narbe gekommen?« Zeke sah die Kellnerin an. die ihn mit dieser Mischung aus Faszination und Abscheu musterte.Dienstag. Er 333 . »weil ich meine Nase dorthin gesteckt habe.« Zeke sah der Kellnerin in dem hautengen Kleid nach und schnitt sich ein Stück von dem dicken blutigen Steak ab. gibt du eine andere Antwort. wo sie nichts zu suchen hatte. Vor dem Unfall war Zeke ganz einfach der hagere Tim Johnson gewesen. was er heute war. In der Ambulanz kam er wieder zu Bewußtsein. Er war schon immer ein Feigling gewesen. weil es in der Bar zu einer Rauferei kam. 21. »Ich habe sie bekommen«. Woher kommt diese Narbe? Das sollte heißen: Was ist geschehen.« Raphael lachte und biß hungrig in seinen RiesenHamburger. Mit vollem Mund sagte er: »Jedesmal. Aber diesmal lief er nicht schnell genug. Dezember 1999 Las Vegas. daß Sie so häßlich sind? Niemand wußte. daß Tim in einer Bar am Straßenrand des McKinley Highway in Alaska saß. ein Schwächling. erwiderte er kalt lächelnd. die er inzwischen oft genug erlebt hatte. daß die Narbe Zeke erst zu dem gemacht hatte. der in früher Jugend von zu Hause weglief und sich ziellos herumtrieb. Er wußte nicht. weshalb er überhaupt auf der Welt war oder was er mit seinem Leben anfangen sollte. wenn man dir diese Frage stellt.

Eine Woche später erschien der Arzt.wußte nicht mehr. Dann begann er. in den Bars die Reaktionen der Leute zu beobachten. die ihn gepflegt hatte. Tims Erinnerung stellte sich erst dann wieder richtig ein. aber er merkte. bis er feststellte. endlich keimen. Er erklärte. Sie erschien stets mit einem Lächeln in der Tür. Er bemerkte nur. Bald hatte er 334 . Auf jeden Fall wagte niemand mehr. der seine Visite mit einem kleinen Flugzeug machte. um sein gefährliches Aussehen durch einen entsprechenden Körper zu unterstreichen. als er in den Spiegel blickte. sich operieren zu lassen. Da spürte Tim. langen braunen Haare ab. Die Narbe schien Macht zu bedeuten. nur ein Chirurg könne Tims Gesicht wieder menschliche Züge verleihen. Der Schock war groß. Er dachte nicht daran. Die Frauen wichen ihm entweder aus oder sie kamen zu ihm. und schließlich erreichte er Kalifornien. seine Muskeln zu trainieren. daß sein Anblick ihr Angst einjagte. wie etwas in ihm zu wachsen begann. der als notorischer Feigling von allen verlacht wurde. daß ihn eine Krankenschwester nach den Funkanweisungen eines Arztes verband. daß die lange rote Narbe auf andere ebenso abschreckend wirkte – selbst auf die Krankenschwester. wer er war oder wer ihn zusammengeschlagen hatte. Es dauerte nicht lange. die dem neuen Gesicht entsprach. Nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus zog es ihn wieder in den Süden. als würde ein Samenkorn. Wer war dieser Frankenstein? Das konnte unmöglich Tim Johnson sein. sich mit ihm anzulegen. Er fand inzwischen Gefallen daran. das schon lange dort wartete. Harte Burschen erwiesen ihm erstaunlicherweise so etwas wie Achtung. Er schnitt sich die jungenhaften. eine Persönlichkeit zu werden. rasierte und bleichte sie. sondern beschloß.

sondern sah nur Raphael an Zeke war das gleichgültig. wie die Kellnerin den Mörder mit den unschuldigen blauen Augen und dem blonden Lockenkopf ahnungslos anlächelte. und er wußte. mit dem Raphael zur Welt gekommen war. Er hatte Zeke einmal gesagt. ein Killer mit dem Namen eines Engels zu sein. Sie wußte allerdings nicht. Aus Tim wurde Zeke. Eine Stadt. wo sie beide eine gefährliche Fracht bewachen mußten. daß es die falsche Entscheidung war. welche Richtung er seinem Leben geben würde. Irgendwann fiel ihm eine Ausgabe von Der Söldner in die Hand. Hier war alles und jeder verrückt und unberechenbar. die heißer ist als die Hölle. Er faszinierte oder schüchterte ein. Wie konnten Frauen nur so dumm sein? Er. Als Zeke sah. »Noch mehr Kaffee?« fragte die Kellnerin. Er wurde stark und schweigsam. er habe beschlossen. Unsicherheit und verzweifelte Hoffnung. Zeke hatte es bei ihrer Ankunft in der Stadt sofort gemerkt. ›Raphael‹ war natürlich nicht sein richtiger Name. In den letzten Tagen von 1999 lag eine besondere Spannung in der Luft. Vielleicht stand wirklich der 335 . wie sie mit Raphael flirtete. den er in Südamerika kennengelernt hatte. Zeke beobachtete. schüttelte er sich beinahe. Die Kellnerin hatte es sich überlegt und ihre Entscheidung getroffen. war inzwischen hart und gefühllos. Aber das war nichts im Vergleich zu dem völligen Mangel an Menschlichkeit. Und in diesem Monat schien sich Las Vegas selbst zu überbieten. Zeke. dachte er. Sie zog das Engelsgesicht von Raphael vor. um es mit allen aufzunehmen. aber diesmal verschwendete sie keinen Blick an Zeke. Die allgemeine Hektik verriet Angst. Las Vegas.genug Kraft. Zeke richtete seine Aufmerksamkeit auf das geschäftige Treiben auf der Straße hinter dem Fenster.

Die kleinen und großen Spieler schienen ihren letzten Einsatz zu wagen. Niemand wußte. Er hielt nichts von der bewährten Methode.« Einsatzbereit. das möglicherweise nicht mehr kommen würde. Sie hofften wie immer auf den großen Gewinn. dachte Zeke und lächelte bitter. »Haltet euch einsatzbereit.Weltuntergang bevor. Ihr Boß dachte zu kompliziert und nur in weltumspannenden Computer-Dimensionen. »Wir werden sie mit unseren Computern finden«. die Archäologin und der Priester könnten mit dem Bus weitergefahren sein. die sie sich nur im Angesicht des nahen Endes zu erlauben wagten. dann müßt ihr sofort zur Stelle sein. Diese Information brachte Zeke auf die Idee. daß alle. Zeke hatte den Eindruck. hatte er das letzte Mal zu Zeke gesagt. sagte Raphael und wischte sich Fett und Ketchup vom Kinn. aber diesmal für ein Morgen. Mit 336 . der sich wie eine Nadel im Heuhaufen der Sünde versteckt?« Zeke hatte Mr. Havers noch immer nicht darüber informiert. daß sie eine heiße Spur verfolgten. Wir sind bereits im Einsatz! Er hatte erfahren. »Wie wollen wir in dem Gewühl einen Priester finden. Warum auch nicht? Entweder kam das Jüngste Gericht oder das eintönige Leben ging weiter wie bisher… »Also«. Wenn wir sie ausfindig gemacht haben. daß die Polizei den roten Ford Escort im Motel in Goshen sichergestellt hatte. die nach Las Vegas gekommen waren. Vielleicht hofften sie auch auf eine Affäre mit einem der Showgirls oder sie wollten Sünden begehen. in diesem Sodom der Neuzeit noch einmal richtig feiern wollten. einer Spur mit Ausdauer zu folgen. wie und ob das Leben im neuen Jahrtausend weitergehen würde.

Leider hatte im Busbahnhof von Las Vegas niemand einen Priester gesehen. auf seinen Rücken sprang und nach einem Salto hinter dem Tier mit beiden Füßen auf dem Boden landete. so erklärte das Atlantis-Hotel stolz. Es blieb die Frage. daß das zwanzig Stockwerk hohe Atlantis keine Fahrstühle hatte. Das. Erbaut auf einer Insel mitten in einem See. finden sollte. daß der Priester und die Frau hier in der Stadt waren. sei die Wiederbelebung eines alten minoischen Sports: das sogenannte ›Stierspringen‹.gefälschten FBI-Ausweisen erkundigten sich Zeke und Raphael im Busbahnhof und erfuhren. die fast nur aus Hotels bestand. Das bedeutete. 337 . sie zu spüren. Er glaubte. Das wußte Garibaldi bereits. einer Stadt. als er sich durch die Menschenmenge einen Weg zur Rezeption bahnte. daß ein Priester zwei Fahrkarten nach Mojave gekauft hatte. wie es auf Kreta als sportliche Disziplin schon vor dreitausend Jahren ausgeübt wurde. Zeke und Raphael mußten sich wie Spürhunde auf die Suche machen. wie man die beiden in der Spielhölle Las Vegas. Auch die Fragen im dortigen Busbahnhof erbrachten nützliche Antworten: Ein Priester in Begleitung einer Frau hatte Fahrkarten nach Las Vegas gekauft. Waren die beiden in einem billigen oder in einem teuren Hotel abgestiegen? Die Menge schrie vor Entsetzen. Zeke zweifelte jedoch nicht daran. Stierspringen war jedoch nicht das aufsehenerregendste Abenteuer im neuesten und teuersten Luxushotel von Las Vegas. Dann jubelten die Zuschauer. Doch sie wurden alle von der Tatsache übertroffen. bot das Hotel allerhand verrückte und seltsame Amüsements. als sie den Stier geschickt bei den Hörnern packte. als der Stier auf die halbnackte Frau zuraste.

denn ein Priester in Soutane war ein seltener Anblick im Atlantis von Las Vegas. ›Mars rettet Atlantis‹. Er fiel auf. auf denen die ›Mars-Raumschiffe‹ schwebten. Die beiden Flüchtlinge suchten Schutz in der Menge. Zeke wußte. um die Wunder der Illusion zu bestaunen. Zeke durchschaute die Absicht des Priesters und der Frau. aber diese Illusion entstand durch Lichteffekte. »Nicht zu fassen!« rief Raphael. Excalibur. hinter der die sehr zuverlässigen Schienen verschwanden. die das Hotel bot. In den Raumschiffen hatte man in der Tat den Eindruck zu ›fliegen‹. denn zu den großen Attraktionen gehörte der tägliche Untergang von ›Atlantis‹.Der Luxusbau stand gegenüber dem Beau Rivage am Las Vegas Boulevard. Säulen und Statuen des ›Altertums‹ konkurrierten mit der superfuturistischen Architektur. Laserstrahlen und die trompe l’oeil-Architektur. und schwerelose ›Raumschiffe‹ beförderten die Gäste zu den mehr als viertausend Zimmern. »Niemand wird uns in der Menschenmenge finden. hatte Garibaldi in Mojave zu Catherine gesagt. stellte er jedoch fest. daß die Leute ihn anstarrten. Das Atlantis war von Anfang an ein Riesenerfolg und ständig ausgebucht. die das Hotel mit seinen Attraktionen ausführlich beschrieb. Die Hotelhalle war das größte Atrium der Welt. Touristen strömten in Scharen hierher. das Luxor. hatte ein Journalist bei der Einweihung treffend geschrieben. 338 . Zeke und Raphael fuhren langsam den breiten Boulevard entlang und betrachteten die riesigen Hotels – das MGM Grand. Atlantis… Wie unwirkliche Visionen einer fremden Welt ragten die Bauten aus der Wüste unter Nevadas gleißender Sonne in den Himmel. daß er sie hier in einem der Mammutpaläste finden würde.« Er hatte in ihrem Zimmer eine Werbebroschüre gefunden. »Im Atlantis sind wir sicher«. Fresken. Als Garibaldi die Rezeption erreichte.

»Anwendername und Paßwort sind nur Ihnen bekannt. Sie können sich jederzeit in das Net einloggen. An einem Kiosk. während sie selbst an den Spieltischen ihr Glück versuchten. Garibaldi durchquerte noch einmal die Hotelhalle und ging durch das Sonnenlicht. Zeke blickte auf die Uhr und sagte zu Raphael: »Hier fangen wir an. »Wo fangen wir an zu suchen?« »Das ist für Sie. und ich in Caesar’s Palace. Geschäftsreisende nutzten den Service für Konferenzschaltungen und verwandelten ihre Suiten in virtuelle Büros. sie konnten die Kinder mit gutem Gewissen an den Monitoren im Zimmer zurücklassen. sagte die Frau an der Rezeption und reichte Garibaldi die Internet-Zugangskarte. der wie ein minoischer Sarkophag aussah. Vater«. das sich wie ein goldener Wasserfall durch die riesigen Glastüren ergoß. Der Gast zahlte nur eine geringe Gebühr für die Online-Verbindung. Du gehst ins MGM Grand.« Zu den neuesten Dienstleistungen des Hotels gehörte die Internet-Zugangsberechtigung über das hoteleigene System.« Seine Jagdlust erwachte.« 339 . Er drehte dem Hoteleingang den Rücken zu. als ein schwarzer Pontiac langsam auf der Auffahrt vorbeirollte.»Schlösser! Sphinxe! Piratenschiffe! Wir sind auf einem fremden Stern gelandet. kaufte er eine Zeitung. Eltern mit Kindern wußten das Angebot ebenfalls zu schätzen.

folgte ihm der weiße Honda. Wenn ich das erledigt habe. Julius ärgerte sich über die ständige Überwachung und hatte beschlossen. als Julius eine Kleinigkeit aß. blieb ihm auch beim Einkaufsbummel auf den Fersen. daß er sich seiner Anwesenheit sehr wohl bewußt war. klopfte an das Wagenfenster und nickte dem überraschten Fahrer freundlich zu. Danach werde ich im Santa Monica-Einkaufszentrum Weihnachtseinkäufe machen. ob für die Polizei oder einen privaten Auftraggeber. wann er Zeit zum Essen fand oder auch nur. damit Sie mich nicht aus den Augen verlieren. wo das ist? Fahren Sie die Pico Street entlang und biegen Sie rechts in den Sepulveda Boulevard in Richtung Culver City. ging er nicht geradewegs zu seinem Wagen. Ich werde langsam fahren. besuche ich meinen Rabbi in der Synagoge in San Vincente. als der Mann das Fenster geöffnet hatte. winkte Julius dem Mann zu und fragte sich. Vielleicht war es auch ein Reporter. daß auch die ältesten Mitglieder 340 . Kalifornien Als Julius das Institut durch den Hinterausgang verließ. wo ein weißer Honda am Bordstein stand. Aber der Mann folgte ihm schon seit zwei Tagen. um auf die Toilette zu gehen. dem Mann zu zeigen. während Julius Geschenke für seine Ex-Frau und die beiden Kinder und auch ein Geschenk für Catherine kaufte. »Ich werde bei Johnny’s etwas essen«. »Wissen Sie.West Los Angeles. Er überquerte die Straße. Als sie am späten Nachmittag die Synagoge erreicht hatten.« Julius wußte nicht. Der Mann wartete geduldig. wer dieser Mann war oder für wen er arbeitete. Rabbi Goldmann war schon so lange in der Synagoge. sagte er. Als er etwas später in seinem Wagen den Parkplatz verließ.

»ob ich vielleicht Ihren Computer für etwa eine Stunde benutzen kann.« 341 .« »Was kann ich für dich tun?« »Ich wollte fragen. wie alt er war. Niemand wußte. dessen überquellende Regale und Bücherschränke verrieten. dich zu sehen. »Welch eine Freude. aber sein Körper hatte nach so vielen Jahren der Beschäftigung mit Büchern. Rabbi Goldmann. Rabbi«. daß Sie mich ohne weitere Umstände empfangen. sagte Julius und sah sich suchend in dem abgedunkelten Haus des Rabbi um.der Gemeinde sich an keinen anderen Rabbi erinnern konnten. religiösen Handschriften und alten Dokumenten die Form eines Fragezeichens angenommen. Er begrüßte Julius lächelnd und musterte ihn mit seinen klaren und lebhaften Augen. Julius!« sagte er und schüttelte ihm die Hand. »Vielen Dank. daß hier ein großer Liebhaber von Büchern lebte.

‹ ›Aber beziehen sich diese Worte auf ein ewiges Leben hier auf Erden oder im Himmel nach dem Tod?‹ Miles schaltete den Fernseher aus und füllte ein Glas mit eisgekühltem Wasser. besser gesagt. wenn sie erfahren 342 . unterbrach ihn der Moderator mit einem professionellen Lächeln. John. erklärte der Gast in der Talkshow. ob Catherine Alexander noch am Leben ist! Erinnern wir uns.Santa Fe. dachte Miles. daß die Schriftrollen das geheimnisvolle Rezept enthalten. ›Die Sehnsucht nach dem ewigen Leben oder die Illusion. Was würden die Leute tun. Genaugenommen wissen wir nicht einmal.‹ Er machte eine bedeutungsvolle Pause und übersetzte dann: ›Das bedeutet ewiges Leben. ewig zu leben? Viele unserer Zuschauer hoffen das. Herr Doktor‹. wissen wir nicht. oder ob es diese Schriftrollen überhaupt gibt. die in dem Fragment vorkommen. New Mexico ›Man nennt es das Methusalem-Syndrom‹. ›Also sagen Sie mir bitte. Die Wiederkehr des Messias und das ewige Leben! Die Öffentlichkeit hatte sich auf diese beiden Begriffe in dem Fragment gestürzt: Parousia und Zoe aionios. Er saß in seinem Büro. das es den Menschen ermöglicht. ›Glauben Sie. All das hat seinen Ausgangspunkt in dem einen Satz. was in den Schriftrollen steht. in zwei Worten. in den Schriftrollen werde das Geheimnis des ewigen Lebens offenbart. die allgemeine Hysterie wurde durch die Spekulation ausgelöst.‹ Der Experte räusperte sich und sagte mit dem ganzen Nachdruck seiner fachlichen Autorität: ›Bedauerlicherweise. daß man ewig leben wird‹. das die Zeitungen veröffentlicht haben: Zoe aionios.

wie sich die Megalithen in Stonehenge aus eigener Kraft bewegten. die NASA habe ein Schwarzes Loch über dem Nordpol entdeckt. Sie versammelten sich vor dem Haus. Astro-Futurologen behaupteten. wo einige seiner Gäste Golf spielten. Der Weihnachtsmann gehörte zu Erikas Weihnachtsfeier für die Kinder der indianischen Mission. Dann lächelte er. Was war nur mit ihm los? Schon beim Aufwachen war er schlechter Laune gewesen. nur um in den Besitz der Schriftrollen zu kommen. Dieser ›Schwachsinn‹. in der Tat einen Alchimisten geheiratet hatte. es bewege sich auf die Erde zu und werde nach ihren Berechnungen am Neujahrstag die Reise durch den Weltraum hinter sich gebracht haben. der bald mit einem Schlitten und vielen Geschenken eintreffen sollte. Astrologen in Montana hatten das ›Neue Jerusalem‹ gesichtet. Miles seufzte. Alles drehte sich nur noch um das bevorstehende neue Jahrtausend. denn eine Schar Kinder lief lachend und aufgeregt über den Hof. Der erste Anruf am 343 . daß die Frau. deren Geschichte in den Schriftrollen erzählt wird. hatte scheinbar die ganze Welt erfaßt. um den Weihnachtsmann zu begrüßen. wie sein Vater sagen würde. Einmal im Jahr erleben sie die Wunderwelt des Reichtums. die von der Erde fliehen wollten. Die Sache sei streng geheim. nach denen beobachtet worden sei.sollten. und daran hatte sich nichts geändert. Sie behaupteten. In England häuften sich Meldungen. Miles schüttelte unwillig den Kopf. Er trat an ein Fenster und blickte auf den grünen Rasen hinunter. weil es für alle. der tatsächlich nach dem Geheimnis des ewigen Lebens suchte? Die Menschen würden in ihrer Hysterie nicht vor Mord und Totschlag zurückschrecken. und dann müssen sie wieder zurück in die Armut… Miles staunte über den plötzlichen Anflug von Zynismus und wandte sich vom Fenster ab. das Sternentor zum Himmel sei.

die Anfang des nächsten Jahres auf den Markt kommen sollte. da der Justizminister persönlich dem Antrag zur Bildung eines Ausschusses zugestimmt hatte. den Markt zu monopolisieren. die Digitalisierung ehemaliger Filmstars und ihren Mißbrauch für billigste Unterhaltung zu stoppen. Das war ein Angriff auf die neue Software. damit zum Partner von Marilyn Monroe oder zur Partnerin von Gary Cooper machen können. hatte sein Vater in einem der Gespräche zwischen Vater und Sohn erklärt. der einen Computer besaß. Der Papyrus aus dem sechsten Jahrhundert. wir kämpfen um unser Überleben. Wir sterben. Im Begleittext der Übersetzung aus Kairo hieß es. Man forderte ihn ultimativ auf. Miles haßte es. beschworen Miles noch einmal. Zeit und Energie zu verschwenden. der Aki Matsumoto gehört hatte. daß die ›Fabiana‹ dieses Textes in keinem Zusammenhang mit ›Sabina Fabiana‹ stehe. erwies sich als nutzlos. an die sich Miles aus seiner Kindheit erinnern konnte. 344 . Keine Engel. er sollte seine Gedanken auf diese ernsten Probleme richten.frühen Morgen hatte auch nicht gerade dazu beigetragen. Innerhalb weniger Monate würde sich jeder. auf den Kauf der Software-Firma zu verzichten. der den Konzern und seine Versuche. Außerdem geriet er inzwischen ins Kreuzfeuer der Filmindustrie. ›Das ist es eben‹. ›Das ist es eben. seine Stimmung zu bessern. Wir werden geboren. Der Dreizehn-Stunden-Flug nach Hawaii und zurück war demnach umsonst gewesen. Dann kommt nichts. daß ein Mann mit zweiundfünfzig keine Stunde zu verschwenden hatte. untersuchen sollte. aber es wollte ihm einfach nicht gelingen. Seine Berater. die immer zu übertriebener Vorsicht rieten und ständig den Teufel an die Wand malten. Miles wußte. Der Tiger in ihm wurde immer ungeduldiger und erinnerte ihn daran.

Er war so versessen. alles sei in bester Ordnung. daß sie in letzter Zeit beinahe wie in Panik nach etwas Unbestimmtem suchte. daß er die Fünfzig überschritten hatte? Machte sich jeder Mann Gedanken über sein Leben. in diesem Jahr irgendwie verlogen und hilflos wirkte. Der Tiger in ihm brüllte. Schlaflosigkeit. Er wollte sich in der Illusion wiegen. wenn er sich in der zweiten Hälfte des Lebens auf das Sterben und den Tod vorbereiten mußte? Auch Erika hatte sich verändert. Die vergangene Woche zeigte das deutlich. Miles mußte sich in diesem Augenblick eingestehen. Er überließ Erika die Familie und die Gäste. Und ihm wurde plötzlich klar. Dafür gab es schon seit langem Anzeichen – Unruhe. was in seinem Haus geschah. Woher nur kamen die düsteren Gedanken? Lag es vielleicht wirklich an dem bevorstehenden neuen Jahrtausend mit all seinen Unwägbarkeiten. Also nutze deine Zeit hier auf der Erde. Schweißtropfen standen ihm auf der Stirn. daß er kaum darauf achtete. plötzliche Tränen. dem Stunden und Tage wertvoller als Diamanten und Perlen gewesen waren. unverständlicher Ehrgeiz bei karitativen Projekten.kein Paradies im Himmel. Catherine Alexander und die Schriftrollen zu finden. nach etwas Spirituellem. die Vorbereitungen für das Fest kurz alles. oder lag es daran. Erika zeigte ihm wie 345 . was mit seinem Privatleben zu tun hatte. daß Erikas Bemühen. daß solche Hinweise auf eine innere Unsicherheit bei Erika nicht neu waren. bevor die Würmer dich fressen‹ Miles glaubte seinem Vater. die Indianerkinder glücklich zu machen. Ihm war nicht entgangen. Wie hatte er das alles nur übersehen können? Warum hatte er diese Hinweise nicht längst ernst genommen? Ich war zu sehr mit mir selbst beschäftigt – mit mir und meinen Zielen.

das sie ohnehin in den Untergang treiben würde? Miles mußte sich an diesem Morgen eingestehen. Lohnte sich das alles? Es würde nicht mehr lange dauern. Lohnt es sich eigentlich wirklich. »Ich wollte nicht. Zu seiner Überraschung fand er Erika in einem der verglasten Bogengänge. offen mit ihm zu reden. daß du mich so siehst. »Was hast du?« »Tut mir leid. den Schriftrollen hinterherzujagen? In Stevensons Computer-Tagebuch stand ein sehr belastender Hinweis. Wenn das geschah. mißverstandenen Archäologen abtun. daß ihm die Vorstellung irgendwie gefiel. geschweige denn. die Journalisten oder das FBI. Entschlossen verließ er das Büro. Sie stand vor einem Kaktus und drückte ein Taschentuch an die Augen. besaßen die Schriftrollen für Miles keinen Wert mehr. sondern verließ den Fahrstuhl im Erdgeschoß. erwiderte sie schluchzend. »Liebling«. bis die Polizei Catherine Alexander fand – die Polizei. sagte er bestürzt und trat neben sie. Es ist nur… die 346 . Miles«. Er begab sich jedoch nicht sofort in das unterirdische Kommunikationszentrum. Selbst wenn der Computer mit dem Tagebuch in die falschen Hände geriet. konnte er die Behauptung als Verfolgungswahn eines paranoiden. Unzufriedenheit und Ängste zu äußern.jeder in seiner unmittelbaren Umgebung immer nur die heitere Fassade. Aber Miles tröstete sich. Und so wurde ihm auch Erika von Tag zu Tag fremder. Das beantwortete allerdings nicht die eigentliche Frage: Sollte er Catherine Alexander vergessen? Sollte er die Jagd abbrechen und diese Frau ihrem Schicksal überlassen. Niemand war ehrlich zu ihm oder brachte genug Vertrauen auf. Von unten drang das Lachen und Singen der Kinder zu ihm herauf.

Ich wollte allein sein. »Liebste«. Ich habe Angst. »Ich wünsche diesen Kindern so sehr. »auf dir lastet noch etwas anderes. sagte er beruhigend und drückte sie zärtlich an sich. denn die Sonnen-Kachina ist verschwunden. der Tag. Miles fragte leicht gereizt: »Wo ist er eigentlich? Ich habe ihn lange nicht gesehen. Was ist es?« Sie sah ihn mit großen. Aber an diesem Tag entdeckte er verwundert Falten um Augen und Mund. immer gepflegt und attraktiv. »Warum denn nicht?« »Kojote«. Ich habe ihn auch nicht gesehen und mache mir große Sorgen.Kinder und alles.« »Morgen ist die Wintersonnenwende. »Kommt nach dem Leben einfach nichts? Werde ich dich oder die Kinder nie wiedersehen? Diesen Gedanken kann ich nicht ertragen. um meine Fassung wiederzufinden. flüsterte sie erstickt. Aber das wird diesmal nicht geschehen.« »Hm. damit die Kiva geöffnet werden kann. sagte er freundlich.« »Natürlich werden sie eine Zukunft haben«. an dem die Kachinas aus der Kiva kommen. aus einem anderen Pueblo eine Kachina zu besorgen. daß sie eine Zukunft haben. Sie wirkte stets jünger. Es war einfach zuviel.« »Um ihn mußt du dir keine Sorgen machen. verzweifelten Augen an. und wo ist Kojote?« »Ich weiß es nicht. 347 . das machen sie so. Vermutlich ist er damit beschäftigt. wenn wir sterben. als sie war. Miles?« fragte sie plötzlich. Ich glaube. »Ich habe Angst.« Sie trocknete sich die Augen.« »Angst! Wovor?« »Was geschieht mit uns.« Miles trat einen Schritt zurück und sah Erika an.

diese Fragen machten ihn hilflos. sogar die Falten und Fältchen schienen sich zu glätten. und daß sie das Beste daraus machen mußten. Sie alle wurden von denselben Ängsten gequält wie Erika. Hatte die allgemeine Hysterie der bevorstehenden Jahrtausendwende nun auch seine Frau erfaßt? Wonach suchte Erika? Warum nur die Angst? Warum schien jedermann plötzlich Antworten zu wollen. Die Menschen dachten nur noch an den Tod. und sie sah wieder jung 348 . die niemand geben konnte? Begriffen die Menschen nicht. das man auch den Garten der Liebe nennt. wenn wir sterben. Ohne nachzudenken zitierte er: »›Satvinder glaubte. Plötzlich erinnerte er sich an einen Satz aus der Übersetzung der Schriftrollen. denn ich wüßte. das ist wundervoll! Wo hast du das gehört?« »Ich weiß nicht.« »›Schalimar‹. daß das Dasein auf der Erde alles war. ich habe es vermutlich irgendwo gelesen. wie schön das klingt! Wenn ich nur daran glauben könnte. halt mich fest…« Er nahm sie in die Arme.Miles. daß Erika plötzlich strahlte. Die Tränen waren verschwunden. Seine Niedergeschlagenheit verwandelte sich in eine Mischung aus Verwirrung und Zorn. Wer konnte sich schon hinstellen und behaupten.‹« Erika sah ihn überrascht an. daß ich nie von dir und den Kindern getrennt sein werde!« Miles sah verblüfft. und das erfüllte ihn mit Empörung und Wut. das Ende und was danach kommen würde Miles wußte darauf nichts zu sagen. was sie hatten. »Miles. solange ihnen noch die Zeit dazu blieb? Miles dachte an die Berichte im Fernsehen und an die Interviews mit dem ›Mann auf der Straße‹. wirklich etwas zu wissen? Auch wenn er Zugriff auf alle Informationen der Welt hatte. in das Land der Seelen. kommen wir nach Schalimar. dann wäre ich glücklich.

die ihn schon beim Aufwachen überfallen hatte.und bezaubernd aus.« Die Unsicherheit. 349 . sie in seinem Museum zu verstecken. wo ich das gelesen habe. Aber von jetzt an ging es nicht darum. gehen wir zu den Kindern. wie Erikas Augen plötzlich geleuchtet hatten… Ja. Wir sollten dabeisein. alte Wunden lecken. die Schriftrollen würden ein Geschenk für Erika sein. Wie konnte er nur so dumm sein und sich wie eine kranke Katze in eine Ecke verkriechen. die Jagd nach den Schriftrollen aufzugeben? Wenn nicht er. wer sonst auf der Welt sollte gegen den apokalyptischen Unsinn der Menschheit immun sein? Er nahm Erika am Arm und sagte fröhlich: »Komm. wenn sie die Geschenke auspacken. war verschwunden. Er wollte ihr sagen: ›Es steht noch mehr dort. mit dem er sie glücklich machen konnte. sehr viel mehr!‹ In diesem Augenblick setzte der Tiger wieder zum Sprung an. Miles spürte. Er hielt die Zügel wieder fest in der Hand. wie ihn das Adrenalin aus den Tiefen seiner Zweifel riß. Er würde dieser Archäologin die Schriftrollen abjagen. über die zweite Lebenshälfte nachdenken und sogar mit dem Gedanken spielen. Er würde nie vergessen.

Artivastes bis Romotacles. zwei Modemanschlüsse. ein Büro mit zwei Schreibtischen. als spüre er ihre Augen auf sich gerichtet. sagte Catherine. Die Könige von Parthien. wenn wir sterben.‹« Garten der Liehe… Catherine hob den Kopf und dachte nach. von Phraates bis Vardenes. Nevada »›Satvinder glaubte. ein Fax und einen Drucker. Michael saß mit dem Rücken zu ihr an der anderen Seite des Raums vor dem Laptop und suchte im Internet nach Papyri. der. in das Land der Seelen. Armenien und Trakien. Das bedeutete zwei Schlafzimmer mit getrennten Bädern. eine Königin war. wie ich feststelle. Radiergummi. Locher usw. Der Anblick seiner breiten Schultern. Catherine arbeitete an dem Schreibtisch. sein Durchhaltevermögen und seine Liebenswürdigkeit gehörten inzwischen wie selbstverständlich in ihr Leben. kommen wir nach Schalimar. der am Fenster stand.Las Vegas. als er das Kätzchen gestreichelt und mit Milch gefüttert hatte… Er drehte sich um. Sie und Garibaldi hatten im Atlantis eine Suite für Geschäftsleute. Notizblöcke. wie am Abend zuvor in dem Motel. die man in einem Büro braucht – Büroklammern. Aber unter ihnen ist kein einziger Tymbos zu finden!« »Ich habe einen neuen Suchbegriff«. und sagte lächelnd: »Ich habe hier vermutlich die genaueste Aufstellung aller Könige im ersten und zweiten Jahrhundert nach Christus. Von dort hatte sie den eindrucksvollen Blick auf den See und die ›alten‹ Tempel. 350 . das man auch den Garten der Liehe nennt. Es gibt sogar einen Morwan. die verläßliche Hilfsbereitschaft. zwei Telefonnummern und all die praktischen Dinge. Er konnte auch zärtlich sein.

suchen wir nach Schalimar. von ›Aristoteles‹ bis ›Zoroaster‹. RELIGION Eine Liste mit über zweitausend Einträgen erschien. Catherine trat neben ihn und stellte das Glas Wasser auf seinen Schreibtisch. Vielleicht bringt es uns weiter. Es war inzwischen dunkel geworden. Vielleicht gibt es irgendwo eine Kopie dieses Kapitels. »Gut. sponsored by Hindu Students Council.archives. 351 . den Sonnenuntergang bemerkt zu haben. Es gab auch Stichwörter wie: ›Der Gottesbeweis in Cyberspace‹ und ›Der Beichtstuhl‹.hindu. Auf der Home Page stand: ›Global Hindu Electronic Network.»Schalimar. verehrte Frau Doktor«. und wieder erschien eine Liste mit tausend Einträgen. sagte Garibaldi und öffnete YAHOO: RELIGION VIRTUAL LIBRARY. um sich in das richtige Programm einzuwählen. Neugierig blickte sie auf den Bildschirm.« Sie nahm aus der Minibar eine Flasche kaltes Mineralwasser und füllte zwei Gläser. November 1999‹. »Also. Es waren einfach viel zu viele Verweise. Garibaldi klickte auf ›Hinduismus‹ und dann wieder auf ›alt.‹ Garibaldi öffnete das Unterverzeichnis: ›alt. schüttelte den Kopf und seufzte. Vielleicht finden wir etwas darüber. »Fangen wir noch einmal an«.« Er klickte und tippte inzwischen schon geübt auf die einzelnen Menüpunkte. »Es ist ein Land im Leben nach dem Tod. Sie erinnerte sich nicht daran. »Ihre Wahl?« Catherine überflog die Liste. sagte Garibaldi. Es könnte möglicherweise ›Schalimar-Fragment‹ heißen.Hindu archives‹.« »Wie das Parfüm?« Sie stand auf und massierte sich den Nacken.

« Es dauerte nicht lange. meinte Garibaldi aufmunternd. »Aber es würde mir eine gewisse Befriedigung verschaffen. »Wir haben immerhin den mysteriösen 352 . Sie hatte das Gefühl. suchen wir auf Lycos«. »Das geht am schnellsten und ist auch sehr umfassend.« Mit einem schiefen Lächeln fügte er hinzu: »Wissen Sie eigentlich. Sie hatten bewußt den ganzen Tag keine Nachrichten gesehen. »Gut. Ihr fehlten Schlaf und ein normales Leben. daß man hier im Atlantis Dianuba Technologies Software und auch das schnelle neue Scimitar benutzt. erwiderte sie und ging langsam zu ihrem Arbeitsplatz zurück. das Miles Havers für das Internet hat entwickeln lassen…« »Das wundert mich nicht«. wo uns in diesem Hotel ein hochkarätiges System und eine sehr schnelle Software zur Verfügung stehen. würden wir etwas finden. Das Laden der Datei würde ein paar Minuten in Anspruch nehmen. denn die Meldung auf dem Bildschirm lautete: empfangen: 3347 Bytes von 149. wenn wir ungestört Online bleiben können. murmelte Catherine.« Vor dem Fernseher blieb sie zögernd stehen. murmelte er und drehte sich um. sagte Garibaldi. Nach fünf Minuten Suche deutete immer noch nichts auf eine alte Schriftrolle oder auf die Kopie einer solchen hin. »Tut mir leid«. »Dazu fehlt mir die Geduld«. Noch dazu.Die elektronische Adresse verriet. »Ich hatte wirklich geglaubt. Havers mit seiner eigenen Software zu schlagen. die Schmerzen in Nacken und Schultern würden nie verschwinden. »Der Tag war nicht völlig umsonst«. und er rief: »Vierhundert Einträge!« Er ließ die Liste abrollen und fand unter ›Schalimar‹: Designer-Mode.622 Bytes. den Geburtsort eines Astronauten in Florida und ein Hotel in Las Vegas. daß sie die Universität von Freiburg angewählt hatten. um nicht durch neue Meldungen abgelenkt zu werden.

‹ »Der reinste Zirkus!« sagte Garibaldi. die Photos seien Beweismaterial in einem Mordfall und könnten nicht Dritten überlassen werden.›Hekatetrank‹ gefunden. ihr die sichergestellten Photos der Schriftrollen zu übergeben. geschieht denn auf der Welt überhaupt nichts mehr. die niemand mehr aufhalten kann. um auf dem laufenden zu bleiben«. Die Nachrichtensprecherin sagte gerade: ›… ein Sprecher des FBI erklärte heute. »Du meine Güte. Aber ein Polizeisprecher erklärte. Wenn Sie die Schriftrollen in zwei oder drei Monaten gefunden hätten. Mit einem Blick auf die Uhr sagte Catherine: »Wir müssen uns wohl doch die Nachrichten ansehen. »Der Fall beginnt zu einer Lawine zu werden. Catherine Alexander in Kürze festnehmen zu können. Sie hätten Informationen über die Zukunft. daß man damit rechnet. Dr. »Man glaubt.« »Ich verstehe das nicht. Warum machen sie aus mir so eine große Sache? Es gibt doch wichtigere Dinge. den Philos seinen Patienten verordnet hat!« Das Wunderheilmittel aus Weidenrinde war zweitausend Jahre später als ›Aspirin‹ bekannt. Der ägyptische Außenminister will gegen diese Entscheidung bei seinem Amtskollegen im Weißen Haus Protest einlegen. und griff zur Fernbedienung. daß sie nur noch über diesen Fall berichten…?« ›Die ägyptische Regierung hat die Polizei in Santa Barbara offiziell aufgefordert. würde sich kein Mensch darum kümmern. erwiderte Garibaldi.« Es folgte ein aufgezeichnetes Interview mit einem Theologen.‹ Garibaldi griff sich an den Kopf. ›Ich halte das Vorgehen dieser Frau für 353 . über die sie berichten könnten!« »Es liegt am neuen Jahrtausend«.

›Dr.äußerst fragwürdig. ich spreche für alle von uns. Dr. Aber es ist wirklich komisch. Deshalb sind wir gezwungen. Steve. Sie können nicht gewinnen.‹« Als Catherine ihn überrascht ansah. fügte er lächelnd hinzu: »Das ist nicht von mir. ich war früher Katholik. der Katholizismus zum Beispiel sei einfach zu alt. Im Klassik-Sender endete gerade eine 354 .‹ Im Studio wurde ein weiterer Experte befragt. Steve. Beenden Sie die törichte Flucht. Cochran.« Da keines der Fernsehprogramme ihr zusagte. weil die Kirchen den Bedürfnissen unserer Zeit nicht mehr gerecht werden. Wir müssen uns fragen: Was kommt nach dem Tod?‹ ›Warum verzeichnen die traditionellen Kirchen dann nicht einen Zuwachs an Gläubigen?‹ ›Nun ja. aber heute bin ich wie viele meiner Freunde ein Anhänger von New Age. daß sie sich über alle Gesetze hinwegsetzen kann?‹ Ein Professor aus Harvard gab folgende Erklärung ab: ›Ich wende mich persönlich an Sie. Wieso glaubt Catherine Alexander. viele meinen. Bitte übergeben Sie die Schriftrollen einer wissenschaftlichen Institution oder einer kirchlichen Organisation. schaltete sie auf Radioempfang. nur weil sie alt ist!« »Dieser Mann«. »hat den Rosenkranz und die Heiligen gegen Kristalle und Engel ausgetauscht. eine Religion abzulehnen. unsere Sterblichkeit ernstzunehmen. Alexander. daß im ganzen Land das Bewußtsein für spirituelle Fragen wächst?‹ ›Die Zeit der Materialisten geht zu Ende. können Sie uns die Gründe dafür nennen. Kurz gesagt. sagte Catherine und wechselte mit der Fernbedienung den Kanal. Ich habe es irgendwo einmal gelesen. Ich denke. die unter dem Staub der Jahrhunderte begraben liegt. daß wir uns vom Glauben unserer Eltern losgesagt haben. wenn ich sage.‹ Garibaldi schüttelte den Kopf und murmelte: »›Eine Religion.

›Erstens. antwortete Dr. Pearson. die Schriftrollen seien blasphemisch und ketzerisch.‹ ›Wollen Sie damit andeuten. die im Laufe der vielen Jahrhunderte mit dem Christentum in Verbindung gebracht worden sind. Natürlich kommt in dem Text auch das Wort ‹Jesus› vor. Dr. einige Vertreter der Kirchen haben erklärt.‹ Pearson erwiderte leise lachend: ›Nun ja. die etablierten Kirchen sollten sich von den Schriftrollen nicht bedroht fühlen. Raymond Pearson bei uns im Studio. erwiderte Dr. Pearson. Wir wissen auch. Legenden und Märchen. sondern aufmerksam zur Kenntnis nehmen. dann hörten sie den Sprecher: ›Wir haben heute Dr. Pearson?‹ Garibaldi ging zu seinem Schreibtisch zurück und trank einen Schluck Wasser. ›Nun ja‹. daß der Text von einer Frau stammt und daß diese Frau sich sehr wahrscheinlich an die frühen Christen wendet… das Wort ‹Diakonos› läßt darauf schließen. denn er ist frei von den Geschichten. die paläographische Untersuchung datiert den Text in das erste oder zweite Jahrhundert unserer Zeitrechnung. was uns dieser Text über die Anfänge unserer Kirchen sagen kann. Was können Sie uns über das PapyrusFragment sagen.‹ ›Dr. Er ist der Gründer der historisch orientierten JesusGesellschaft. Das. ›Möglicherweise nicht‹.Konzertübertragung. wie die ursprüngliche christliche Kirche aussah?‹ Catherine setzte sich auf einen Stuhl. Pearson. daß uns das Neue Testament nicht sagt. Pearson. dann können sie uns vielleicht Aufschluß über die Anfänge des Christentums geben. Wenn diese Schriftrollen von Frühchristen geschrieben wurden. was wir dort erfahren. ›Das 355 . denn sie wollte sich das Gespräch anhören. könnte sehr befreiend wirken. Dr.

welche Veränderungen die Evangelien in all den vielen Jahren erfahren haben. Wir dürfen nicht vergessen. Sie sind im Laufe der Zeit verlorengegangen. das Markus-Evangelium wurde um das Jahr 65 geschrieben. für 356 . stammt erst aus dem Jahr 225?‹ ›Richtig. aber er wurde hundert Jahre nach der Kreuzigung geschrieben.‹ ›Danke!‹ sagte der Moderator. Das heißt. und das Johannes-Evangelium um das Jahr 95.Markus-Evangelium wurde um das Jahr 65 geschrieben. Sie können jetzt im Studio anrufen. die wir haben. daß es sich um einen griechischen Text handelte. 1925 wurde zum Beispiel ein Papyrus-Fragment in der ägyptischen Wüste gefunden und an Archäologen in Kairo verkauft.und MatthäusEvangelium vorliegen. wie immer Sie auch heißen mögen. trotz intensiver Forschungen sind die Originalhandschriften der vier Evangelien nie gefunden worden. stammen aus dem Jahr 200 n. so glaubt man. Nach wissenschaftlicher Prüfung stellte man fest. Sie kennen die Nummer. Die ersten Ausschnitte. Es ist in der Tat das älteste Textfragment des Neuen Testaments. etwa zwanzig Jahre später.‹ ›Sie sagen. Und hier ist bereits die erste. das wir besitzen.‹ ›Herr Doktor. Pearson wird Ihre Fragen beantworten.‹ ›Wie können wir dann dem Neuen Testament überhaupt vertrauen?‹ ›Wir haben Kopien. das Matthäus – und Lukas-Evangelium. ›Liebe Zuhörer. aber ein Fragment der ersten Kopie. Außerdem gibt es ein Fragment des Markus-Evangeliums aus dem Jahr 225. und Dr. die uns aus dem Lukas. Chr. die Kreuzigung lag zu diesem Zeitpunkt bereits einhundertsiebzig Jahre zurück. um eine Stelle aus dem Johannes-Evangelium. Damit stellt sich natürlich die brisante Frage.

‹ Catherine spürte Garibaldi. Erinnern wir uns. die Dr. In den ersten hundert Jahren gab es im Römischen Reich eine große Zahl christlicher Sekten mit unterschiedlichen Glaubensvorstellungen. der hinter ihr stand. Regeln und so weiter. Sie entschieden sich für nur vier Evangelien von den vielen.Ihre Worte werden Sie in der Hölle brennen…‹ ›Danke. andere an die von Paulus. das Neue Testament ist nicht das von Gott offenbarte Wort?‹ ›Verstehen Sie mich nicht falsch. Wenn die Schriftrollen. wollen Sie behaupten. den wahren Glauben zu vertreten. Alexander aus Ägypten geschmuggelt hat. Diese Christen stellten zusammen. dann werden 357 . Nächster Anruf. Pearson. aber sie taten es mit unterschiedlichen Ritualen. was der richtige Glaube sei. was sie das Neue Testament nannten. daß alle Männer. Die Auseinandersetzungen um den richtigen Glauben dauerten noch zweihundert Jahre an. aber er schwieg. die damals allgemein verbreitet waren. ›Das ist in Urkunden dokumentiert. Aber wir kennen nicht die ursprünglichen Worte. Die Frühchristen stritten darüber. Die Spannung im Raum stieg merklich. tatsächlich Berichte von Augenzeugen der Mission des Herrn hier auf Erden sind. Petrus zum Beispiel bestand darauf. und alle behaupteten. Die Evangelien sind die Worte Gottes. ›Wir wissen. die sich zum christlichen Glauben bekehrten.‹ ›Dr. bitte. Splittergruppen gründeten eigene Kirchen. beschnitten wurden. und erklärten alle anderen für ketzerisch. Erst im vierten Jahrhundert setzte sich das mächtigste ‹Lager› durch. Gebeten und Vorstellungen von der Persönlichkeit Jesu und seiner Worte. Paulus war anderer Meinung. Einige Gruppen hielten sich an die Lehren von Petrus. Es zirkulierten viele Evangelien und Briefe. es kam nach dem Tod von Jesus zu einem Machtkampf‹ sagte Pearson.

‹ ›Ich habe Dr. Und wenn Sie…‹ Catherine murmelte: »Der Antichrist! Er behauptet. Herr Professor. hier ist jemand aus San Francisco. der Tag und die Stunde genannt werden. denn das Jüngste Gericht steht uns bevor.wir durch diese Texte vielleicht zum ersten Mal einen wirklichen Einblick in die Ursprünge des Christentums und seiner Intentionen vor den inneren Kämpfen und Auseinandersetzungen bekommen. Alexander zu finden. Ich weiß. wenn sie bei uns anrufen. Der nächste Anrufer ist zugeschaltet. Das nächste Gespräch. ich weiß. Dr. das wissen wir. So. bitte. warum unternehmen die zuständigen Stellen nichts. Dr. Meine Frage ist. der auf die Erde gekommen ist. um Dr. wenn in diesen Schriftrollen. die meisten von Ihnen hören nur das Besetztzeichen. Vielleicht werden wir dann eine Kirche sehen.‹ ›Danke. mit denen diese Frau auf der Flucht ist. Unsere 358 . als würde die Öffentlichkeit klar und deutlich ihre Meinung kundtun! Liebe Zuhörer. und er wird seine tausendjährige Herrschaft auf Erden gründen. ›Das klingt ja. Sie erzählen eine Menge Lügen. damit wir uns auf den Tag und die Stunde der Wiederkehr des Messias vorbereiten können?‹ ›Ich bin sicher. wie wir sie heute kennen. um ihr die Schriftrollen abzunehmen. um die guten Christen vom Weg der Erlösung abzubringen. ich sei der Antichrist…« ›Danke. die sich sehr von der unterscheidet.‹ ›Jesus wird kommen. die Behörden tun alles. Wie heißt Ihre Frage?‹ ›Zuerst einmal. Alexander etwas zu sagen. was in ihren Kräften steht. Pearson. Alexander ist der Antichrist. Sie werden für Ihre Frevel büßen! Sie sind eine…‹ ›Leute!‹ rief der Moderator.

Man würde Sie sofort aufspüren. könnte Ihnen nicht einmal die Polizei Schutz bieten. Man deutet Ihr Schweigen als ein Eingeständnis von Schuld. sagte sie. Dann besteht die größte Wahrscheinlichkeit. Es könnte für Sie gefährlich werden. »Das könnte gehen. Catherine stützte den Kopf in beide Hände. daß einer die Nachricht weiterleitet. Verstehen Sie.« Catherine setzte sich vor den Computer und dachte nach. wir beantworten so viele Anrufe wie möglich. Wie es aussieht. Offenbar sind bereits zu viele Menschen davon überzeugt.« Er überlegte und nickte dann. aber wie? Sie können nicht telefonieren. selbst wenn Sie sich stellen würden. »Dort muß man angemeldet sein.Damen in der Zentrale haben alle Hände voll zu tun. »Ich kann sie nicht WELL oder ECHO schicken«. »Alles in Ordnung?« fragte er leise. Sie müssen Ihre Nachricht an eine Stelle schicken. wenn man Sie erkennen sollte. Fanatiker werden möglicherweise versuchen. daß sowohl Sie als auch die Schriftrollen das ›Böse‹ sind. mir gefällt das alles überhaupt nicht.« »Dann werde ich es über Internet versuchen. Aber lassen Sie sich nicht entmutigen.« »Dann muß ich allen die Wahrheit sagen! Sie müssen meine Beweggründe kennenlernen!« »Gut. wer ist jetzt am Apparat?‹ ›Sagen Sie dem Weib…‹ Garibaldi griff nach der Fernbedienung und schaltete ab. Sie in ihre Gewalt zu bekommen. weil Sie schweigen. wo viele sie lesen. UniCom wäre das 359 . Ich werde die Nachricht dort an einem Schwarzen Brett deponieren und darum bitten. Besorgt sah er Catherine an. Das Jahrtausendfieber scheint den Menschen den Verstand zu rauben. »Warum beschimpfen sie mich? Warum sind alle gegen mich?« »Vermutlich deshalb. sie weiterzuleiten. Ja.

Das gilt auch für Dianuba Network. dort nach Ihnen Ausschau zu halten.« »Havers hat vermutlich vorausgesehen. und jemanden beauftragt. »Was haben Sie vor?« »Ich habe mit Danno einen Sommer lang in Mexiko gearbeitet. denn sonst läßt sich wie beim Telefonieren der Absender ausfindig machen. Sobald Sie Ihre Nachricht senden. »Es handelt von einer Gruppe Männer. Danno war 360 . erwiderte Catherine. denn durch den Einwahlknoten würden Sie mehr Menschen erreichen. Ausgestoßene…« Plötzlich fiel ihr etwas ein. öffnete sie und holte die vergilbte Ausgabe von Hawksbill Station heraus.beste.« »Wie wäre es mit IRC? Im Internet Relay Chat gibt es viele sehr populäre Kanäle. daß Sie hier im Hotel sind. ermittelt der Spion die Adresse der Zugangslizenz und weiß. murmelte sie. dachte Catherine und starrte trübsinnig auf Dannos Computertasche. Das ist schade. aber in den meisten sind nur drei oder vier Anwender gleichzeitig Online. besteht kaum die Chance. daß man Ihnen glaubt. Wenn Sie sich in diese Gespräche einwählen. die von ihrer Welt und ihrer Zeit abgeschnitten worden sind. Er suchte einen Maya-Tempel. »Das war sein Lieblingsbuch«. Garibaldi zog sich einen Stuhl heran und setzte sich neben sie. Noch weniger wird man die Nachricht weiterleiten. denn beinahe jeder hat das. Sie griff danach. daß Sie daran denken würden. »Es gibt viele tausend IRC-Kanäle!« »Richtig. aber auch dort muß man sich anmelden.« Es muß einen Weg geben.« »Sie können die Nachricht keiner Anwendergruppe zuleiten. und sie begann zu tippen.« »Er kann nicht alle Kanäle überwachen«.

wer ich bin.regelmäßig morgens und abends eine Stunde im Internet. daß sie die Nachricht verbreiten.« »Was wollen Sie mitteilen. wo es hundert Leute lesen.us.org. Ich werde ihnen sagen. und sie bitten. das sind nicht viele«. daß ich unschuldig bin. »Wenn ich mich recht erinnere.org‹ und drückte: ENTER. 1500 unsichtbar auf 127 Servern.« Auf dem Monitor erschien die Meldung: ›Ihr Host ist pasadena. das so weit und so schnell wie möglich zu verbreiten.« Auf dem Monitor erschien die Meldung: MOTD: PAKE USER @HOST IS NOT ALLOWED ON THIS SERVER.undernet.000 Anwender. sagte Catherine. dann habe ich keine Garantie.ca. Server created 7/23/96 um 16:43 PST. BOTS ARE ALLOWED ON THIS SERVER ONLY WITH SERVER OP APPRQ-VAL. hieß der Kanal ›Hawksbill‹. PERSISTENT ABUSERS OF THIS RULE WILL HAVE THEIR HOST BANNED FROM THIS SERVER. ABSOLUTELY NO 361 . »Wie groß ist die Gruppe?« Sie klickte auf das Symbol CONNECT. 2. »doch wenn ich das.‹ »Ich weiß.us.undernet.« Sie klickte auf das Symbol IRC MANAGER. er benutzte Internet Relay Chat. Aber auf die Loyalität der Mitglieder von Dannos Gruppe kann ich setzen. anonym in einem BBS hinterlasse. was ich sagen will.« Catherine tippte eilig weiter: ›pasadena. »Vor zwei Jahren hatten sie zehn Mitglieder. Ich glaube.ca. wenn Sie den Kanal finden?« »Ich werde ihnen sagen.

Zeichen vor dem Namen. »Kennen Sie die Leute?« fragte Garibaldi. ein Hinweis darauf. murmelte Catherine und tippte: ›/list -min 4. hatte das @. daß er oder sie der Kanal-Operator war. oocbert.« Aber Catherine erinnerte sich deutlich daran. »›Hawksbill‹!« Sie markierte #hawksbill und klickte zweimal. spaCeman. Der vierte. Jean-Luc. wenn er sich bei 362 . Sofort erschien die Meldung: YOU HAVE JOINED HAWKSBILL In einem Kasten wurden die ›handles‹. die Spitznamen der im Augenblick im Netz befindlichen Teilnehmer angezeigt: BENHUR. »Es gibt sie noch!« rief Catherine. wie sie im schwülen heißen Regenwald von Yucatan Danno über die Schulter geblickt hatte. END OP/MOTD COMMAND »Hoffen wir.‹ Auf der rechten Seite des geteilten Bildschirms begannen Namen und Nummern zu erscheinen: #altair 4 #boyehat 7 #dogs 5 #doomsday 9 #england 12 #friendly 32 #german 6 #hawksbill 4 »Da ist er!« rief Garibaldi.CLONE BOTS ALLOWED. daß der Kanal noch da ist«. »Nein.

Lange nichts von Dir gehört:-)) [Hasenfuß] Habt Ihr die Meldungen in den Zeitungen gelesen? Wenn das alles stimmt. *SERVER* HASENFUß! johnjay@machl. beachtete das blinkende Symbol nicht und ließ sich den Dialog anzeigen. Seine Atlantis-Theorie und alle seine Beweise sind zu unbequem gewesen. Man wird Sie hinauswerfen. Sie sind eine Fremde. »Wissen Sie etwas über diese Leute?« fragte Garibaldi und verfolgte kopfschüttelnd den Dialog im nicht lokalisierbaren Cyberspace. es ist eine Verschwörung.« Catherine wählte sich wieder in den Kanal. Jemand wollte ihn endgültig zum Schweigen bringen. wenn Sie im Kanal bleiben. »Versuchen Sie es noch einmal unter diesem Namen. [BENHUR] Eine Verschwörung? Quatsch! Da steckt etwas anderes dahinter. Hasenfuß! Du bist wirklich ein Hase.der morgendlichen Plauderstunde mit seinen Freunden unterhielt. daß Sie sich nicht einwählen dürfen. »Danno wußte nicht einmal. »Sie sagen Ihnen.ca [@Jean-Luc] Hallo. und ein Piepton war zu hören. Er hieß ›Klaatu‹. Es erschien die Meldung: IRC Kein Zutritt HAWKSBILLBOT »O je!« sagte Garibaldi. begann ein Symbol links oben am Bildschirm zu blinken. ist Hawksbill am Ende. Kaum hatte sie sich in den Kanal eingewählt.« Catherine verließ den Kanal und ließ sich in ›SERVER/CONNECTION‹ den Spitznamen von Daniel anzeigen. [spaCeman] Ich sage euch. ob es Männer oder Frauen 363 . Über die seltsamen Namen hatte sie sich schon damals gewundert.wlu.

Sie sind alle in der einen oder anderen Form Außenseiter und sprechen prinzipiell nicht über ihr Leben.sind. welchen er für ›seine‹ Gruppe hatte. »Wir haben nicht viel Zeit.« Sie klickte auf ›#hawksbill‹ und tippte: ›Barrett‹ Hallo. das hier ist ein privater Kanal. Er war schon länger hier als alle anderen. denn er hat den Kanal eingerichtet. Mitexilanten. über den soviel in den Medien berichtet wurde. Zu Garibaldi sagte sie: »Danno hat vermutlich nicht nur einen Kanal benutzt und in jeder Gruppe einen anderen Namen verwendet. Sehen Sie. dann griff sie wieder nach dem Roman Hawksbill Station. [spaCeman] Was soll das?!!! 364 . »Nicht schon wieder ein Paßwort-Problem«. Aber ich glaube. sie sprechen eindeutig über Dannos Tod. Sie schlug die erste Seite auf und las den Anfang: ›Barrett war der ungekrönte König auf Hawksbill Station. dieser Jean-Luc. ich weiß. daß Daniel Stevenson. dann können sie auch nicht ahnen. Das ist eine der Regeln auf dem Hawksbill-Kanal. Niemand bestritt das. ich bin es.« »Wenn sie die Identität der anderen nicht kennen.« »Danno ist eine Ausnahme. löschte ›Klaatu‹ und tippte einen neuen Spitznamen.‹ Catherine klickte auf: ›SERVER/CONNECTION‹. er hatte am meisten gelitten und er besaß die größten inneren Kraftreserven. zu ihrer Gruppe gehört hat. stöhnte Garibaldi.« Kurz darauf erschien folgender Text: [@Jean-Luc] Klaatu: Sorry. Du mußt dich verabschieden. oder das FBI…« Catherine dachte nach. Er war der Gründer… er und noch ein Freund… ich glaube. Wenn Havers IRC überwachen läßt.

Aber das muß schnell geschehen. Wir haben Barrett verloooooooooren. [spaCeman] Du machst die Sache nur noch schlimmer. Ich brauche euch! *DOGbert kommt wieder zu Bewußtsein. Sie braucht unbedingt eure Hilfe! [@Jean-Luc] BEWEISE!!!!!!! »Die glauben Ihnen nicht!« sagte Garibaldi und blickte unruhig auf die Uhr. Catherine Alexander hat mich nicht ermordet. dann tippte sie: ›Im Universum gibt es eine Quelle des Lebens. Dr. Wir trauern… *DOGbert trauert [Barrett]Ich brauche eure Hilfe. [@Jean-Luc] Tote reden nicht! [DOGbert ] Das finde ich nicht komisch. Du Schwachkopf! «Barrett»Catherine Alexander war meine Freundin. Sie waren bereits fünfzehn Minuten im IRC. und 365 .[BENHUR] Barrett ist tot:-( [@Jean-Luc] Verlaß den Kanal! Catherine tippte: ›Ich bin Barrett. [spaCeman] Werft den Hochstapler raus! [@Jean-Luc] Du bist gewarnt! [Barrett] Wartet bitte. daß Sie wirklich Daniels Freundin sind und nicht ein Schwindler. Sie war meine beste Freundin.« Catherine dachte einen Augenblick nach. »Sie müssen die Gruppe überzeugen. Sie ist unschuldig.‹ [@Jean-Luc] Das kann nicht sein! * Hasenfuß ist empört *DOGbert sinkt beim Anblick eines Geistes in Ohnmacht.

die richtigen Namen preiszugeben. Daniel muß Sie erwähnt haben. Als keine Antwort kam. wenn ich mit Ja antwortete und das ist falsch.« »Hatte Daniel eine Freundin?« »Das hätte er mir gesagt. Daniel hat Sie geliebt. »Wer ist nun wieder ›Janet‹?« »Keine Ahnung. Garibaldi runzelte die Stirn. aber er hat von ›Janet‹ gesprochen. [spaCeman] Wer ist Catherine Alexander? [DOGbert] Warum sollen wir ihr helfen? [BENHUR] Tod allen Hochstaplern! [@Jean-Luc] Bist Du Janet? Catherine zuckte zusammen. tippte sie: Barrett bittet euch.« Catherine biß sich auf die Lippen. ist alles verloren. Aber wenn sie mich auf die Probe stellen.« Catherine sah Garibaldi verwirrt an und tippte: 366 .‹ Sie drückte ›Enter‹ und wartete.« »Aber warum gerade ›Janet‹?« Er griff nach dem Roman und blätterte darin. Was dann?« Garibaldis Blick fiel auf das Photo von Catherine. »Janet war Barretts Geliebte. das Daniel auf die Innenseite des Laptop geklebt hatte. sagte er und deutete auf die Stelle. mir zu glauben.niemand kann lange ohne diese Quelle leben. Verzweifelt murmelte sie: »Ich bin auf ihre Hilfe angewiesen.« »Seine Geliebte!« »Ich glaube. Wenn sie mir nicht vertrauen. »Ich glaube. Die Gruppe vermeidet doch offensichtlich. »Hier«.« [@ Jean-Luc] Ich wiederhole: Bist Du Janet? »Sie warten auf eine Antwort. Daniel hatte nie eine Janet erwähnt.

Barrett ist doch tot!!!! [spaCeman] Sei still. [Server] Maynard! ~rismith@alice. Auf dem Bildschirm bewegte sich nichts. aber dann kamen die Sätze in schneller Folge: [@Jean-Luc] Barrett fehlt uns. [Server] Sugar! ~kharvey@scgrad. [Sugar] BENHUR hat mich aufgestöbert und meint.demon. ich soll mich einwählen. Janet? [Barrett] Der Grund: Ich besitze etwas.brad.[Barrett] Ja. was sie einmal war. [@Jean-Luc] Janet. ich bin Janet.co.uk ist auf diesem Kanal.ae. und hör zu! [Maynard] Hallo Leute! Hat jemand in letzter Zeit 367 . Wer hat ihn umgebracht? Warum hat die Polizei den Mörder noch nicht gefaßt? [BENHUR] BRB [Server] BENHUR hat sich verabschiedet. seit Barrett nicht mehr da ist.vetcom ist da. bist Du es wirklich??«:-) [DOGbert] Die Station ist nicht mehr das. Was soll das heißen. [DOGbert] Wer hat ihn umgebracht? [Server] Trilogy! Atombak@ix-orl-22. warum hat man Barrett umgebracht? [spaCeman] Der Mord ist ein Skandal! Was können wir für Dich tun.ix.us *Trilogy schüttelt den Kopf und sagt: unmöglich. Barrett ist wieder da? [Barrett] Ein Killer hat ihn umgebracht. [BENHUR] Janet.

edu [Sugar] Mayn-Man! Willkommen im Bett! [DOGbert] Keine Sexgespräche auf diesem Kanal! [Maynard] Entschuldigung… [@Jean-Luc] He Maynard. Sagt ihm. Catherine Alexander ist in Sicherheit und gesund.einen Orgasmus gehabt? [Server] Zipcode!zelinksi@ouray. Sie ist unschuldig. Der Killer ist hinter ihr her und will auch sie umbringen. daß 368 . Barrett.com ist auf diesem Kanal [Trilogy] He. [Barrett] Catherine Alexander hat mich nicht umgebracht. was wir tun sollen. die dann aus der Wohnung geflohen ist. [@Jean-Luc] Es ist Barrett… [Sugar] Exilanten halten zusammen. sag uns. [Maynard] Unmöglich! [Sugar] möglich [@Jean-Luc] Barrett bist Du noch da? [Maynard] Ich habe es in der Zeitung gelesen. Eine Frau hat ihn umgebracht.Net grüßt die Runde. [Barrett] Benachrichtigt Dr.org.cudenver. Meldet allen im Net. Carlos. [Carlos] Barrett war in Ordnung. Barrett ist wieder da! [Server] Benhur!~George@Sebakal.DialUp. Sie braucht eure Hilfe. Er hat sich gewehrt. Julius Vossjlvoss@freers. [Carlos] Was gibt es? Benhur hat mich aus einer Gruppe rausgeholt.PolarisTel. Sie war Barretts beste Freundin und sie braucht die Hilfe seiner Freunde. [Server] Carlos!mmongo@dianuba.

»War das klug?« fragte Garibaldi.Dr. vielleicht ist das eine Falle!« rief Garibaldi. Ich glaube. ob ›Tymbos‹ ein Code ist und was sich dahinter verbirgt. daß einer von ihnen Astrophysiker ist. Sein Mörder verfolgt Janet. sie weiß NICHT. weil der Bösewicht mich überwacht. [Trilogy] Ist sie die Kleine mit den Schriftrollen? »Vorsicht. Dann tippte sie: [Barrett] Helft Dr. [Barrett]Eine Person.« [Sugar] Barrett: Was ist tymbos? [Trilogy] s. mich zu erinnern. »Wenn die Gruppe das Wort ›Tymbos‹ im Internet verbreitet. Vielleicht findet er oder sie heraus. ob ihr Tymbos gefunden habt. um zu sehen. und sie muß beschützt werden. ein Ort. was sie antworten sollte. [(©Jean-Luc] Ein Anagramm? Was zum Beispiel? [Barrett]Ist jemand von euch katholisch? 369 .« »Ich weiß von Danno. eine Person oder ein Anagramm. Ich melde mich wieder. Sie wird verfolgt. Sie muß Tymbos finden. Catherine massierte sich den Nacken und überlegte. Aber ich werde einen anderen Namen benutzen. SAGT KEINEM ETWAS VON TYMBOS. wer Barrett umgebracht hat. Es ist ein Ort. Alexander. daß diese Leute sehr geschickt sind. Alexander UNSCHULDIG ist. möglicherweise auch ein Anagramm. Sagt der Polizei. o. kommt Havers Ihnen möglicherweise auf die Spur.

flüsterte sie. das der ganzen. wird sie es der Welt zum Geschenk machen. ist ›Tymbos‹ griechisch oder lateinisch? [Barrett] Weiß nicht. Aber ihre Worte blieben dort stehen. »Vielleicht verständigen sie sich untereinander. Wenn sie ihr Werk getan hat. 370 . theou uios soter [Sugar] Barrett. der an ihn glaubt. sondern das ewige Leben hat‹«. Auf dem Monitor erschien nichts Neues. Helft mir. Catherine tippte: ›ichthus‹ [Carlos] Iesous Christos. Catherine blickte gespannt auf den Bildschirm. bevor sie noch einmal morden. hat Dr. »Sie schweigen«. Sie ist eine von uns. [Sugar] Barrett/Janet. daß er seinen einzigen Sohn hingab. glaube aber griechisch. auch im Internet.Eine Weile bleibt der Bildschirm leer. Dann: [Carlos] Johannes 3:16 »›Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt. zitierte Garibaldi. um sich klar darüber zu werden. Die Jagd muß aufhören. wie alle behaupten? [Carlos] die Wiederkehr von Jesus? [Barrett] Dr. Die Killer müssen gefunden werden. nicht zugrunde geht. ob sie Ihnen trauen sollen. damit jeder. Menschheit gehört. Bitte sorgt für die Verbreitung dieser Botschaft im Namen der Quelle des Lebens im Universum. Alexander die Schriftrollen? [@Jean-Luc] Sagen sie den Weltuntergang voraus. Sie wird verfolgt. denn Tymbos kann mich vielleicht zur siebten Schriftrolle führen.« Der Dialog schien zu Ende. Alexander arbeitet an etwas. Ihr Leben ist in Gefahr.

Eine Konkubine gewöhnte sich langsam an ein tödliches Gift. »Ich bin sicher. seine Schminke. 371 . sagte Garibaldi. seinen Wein. und er starb. »Verlassen Sie den Kanal. stellte ich fest. Aber bei der Liebe war er nicht so vorsichtig. Satvinder war auch die weißgekleidete geheimnisvolle Frau auf dem Marktplatz.« »Einen Moment noch«. sonst wird man mich vielleicht entdecken.« »Ich weiß nicht recht. sein Parfüm. Beobachtet IRC.»Das gefällt mir nicht«. daß der vorige König befürchtete. wir können ihnen trauen. Als der König sie eines Tages aufsuchte und sich mit ihr vereinte. Das nächste Mal begegneten wir uns unter anderen Vorzeichen. Aber ich werde euch in ein paar Tagen anwählen. in sein Blut. Satvinder hat mir diese Geschichte erzählt. drang das Gift. Als Philos und ich Cornelius Severus zu einem Festmahl in den Palast begleiteten. Ich werde einen Kanal schaffen. Sie erzählte mir. daß es in Indien den Frauen verboten ist. seine Girlanden.« Nach kurzem Zögern tippte Catherine ihre letzten Sätze: [Barrett] Ich kann mich auf diesem Kanal nicht mehr melden. seinen Turban. vergiftet zu werden. daß Satvinder die älteste Tochter des Königs war. *Bitte glaubt mir* Haltet die Augen offen… Dann trennte sie die Verbindung: FILE »EXIT DIALER« BYE NO CARRIER Es wird erzählt. das sich in ihren Körpersäften befand. seine Gewänder. Deshalb ließ er jeden Tag alles untersuchen – seine Speisen. sagte Catherine.

Als ich sie fragte: ›Wer hin ich?‹ sagte sie: ›Du bist das Eine und das Viele!‹ Als ich fragte: ›Und Gott?‹ gab sie dieselbe Antwort. Medikamente.Sanskrit zu lernen. auf das wieder das Erschaffen folgt. die im Lotus des Herzens sitzt. Pflege. das heißt ›Wissen des Lebens‹. Satvinder gab sich mit dem Wissen allein nicht zufrieden. Sie war die Lieblingstochter ihres Vaters. Zerstören und Wiedererschaffen 372 . Sie ist die höchste Gottheit. sie wollte es auch anwenden. mir zu erklären. zu dem das Wissen um das zyklische Weltdrama von Erschaffen. Aber als ich den König kennenlernte. antwortete sie: ›Sie ist die Mutter. Satvinder war eine Anhängerin der Göttin Shakti. gehört. Von ihr lernte ich. Patient. die erschafft. daß sie ihre Heilkünste in der Stadt zum Nutzen der Kranken verkleidet praktizierte. Ihr Name bedeutet kosmische Kraft. daß seine Tochter sich nicht an die ungerechten Gesetze der Männer hielt. Aber Satvinder besaß einen starken Willen. dachte ich. Wenn sie nicht helfen. eine der Wissenschaften zu studieren oder die Heilkünste auszuüben. ihrem Vater sei nicht bekannt. Erhalten und Zerstören. Sie sagte. daß am Indus die medizinische Behandlung auf vier Säulen ruht: Arzt. dann operiert man. er müsse wissen. die er uns am Salzmeer verkündet hatte.‹ Ich erzählte vom Gerechten und von seiner Botschaft. Satvinder praktizierte Ayurveda. was mit dem Kreislauf von Erschaffen. in der Verborgenheit des Palastes zu studieren und zu lernen. als sei sie ein Mann. benutzt man Medikamente. und er erlaubte ihr. Zuerst werden Zaubersprüche gesprochen. und wenn das nicht hilft. Satvinder sprach von ihrem Glauben. wer Shakti sei. Eine Krankheit wird immer auf dreierlei Weise behandelt. Als ich Satvinder bat. Als ich wissen wollte.

was ich tun sollte. aber die Frauen der anderen Offiziere begleiteten ihre Männer. diese fromme. Ich fand Freundinnen unter Satvinders Gefolge und auch bei den Frauen der römischen Offiziere. Aber ich wollte nicht nur ein Kind. Etwas in ihren Worten kam mir bekannt vor. der gesagt hatte: ›Der Gerechte hat uns verheißen. daß der Weg der wahre Glaube sei. aber sie hatten Kinder zu versorgen. Ich hatte von Philos noch kein Kind. weil die Botschaft des Gerechten nicht in ihr Herz drang. Sie reisten in den Osten bis zum Ganges und in den Süden bis zu den Tamilen. Der eine war an Cornelius Severus gerichtet und 373 . Während wir am Indus waren. Die Frauen gaben mir viele Ratschläge. wo ich ihn als Kind predigen hörte? Der Kummer. An meinem zwanzigsten Geburtstag trafen zwei Briefe ein. wenn Philos mit Cornelius Severus zurückkommen würde. aber unwissende Anhängerin der Göttin Shakti. daß Satvinder. denn ich glaubte noch immer. damit sie das Licht sahen. nicht in das ewige Königreich gelangen würde. daß wir wiedergeboren werden…‹ Meinte er damit dasselbe wie Satvinder? Meinte er. Ich war traurig. Auch sie sahen ihre Männer nicht. noch mehr sehnte ich mich nach Liebe. daß wir alle viele Male geboren werden und sterben. blieb.gemeint sei. sah ich wenig von Philos. der auf meiner Seele lastete. und daß man den Menschen die Augen öffnen müsse. Sie waren viele Monate unterwegs. Die Gemahlin von Cornelius Severus war mit den Kindern in Rom geblieben. denn er begleitete Cornelius Severus. Ich erinnerte mich an den Prediger in Antiochia. Wir waren fast alle gleichaltrig und blieben zusammen. sagte sie. daß wir als Mensch mit Fleisch und Blut ins Leben zurückkehren? Hatte der Gerechte in Indien gelehrt. bevor er in die Wüste von Judäa ging.

der soll kommen und das Wasser des Lebens trinken. Ich bin der Gedanke. denn ich hatte meine Mutter zwei lange Jahre nicht gesehen und gehofft. Es war der Brief einer Frau aus Rom. Der zweite war für mich und kam von zu Hause. Wer durstig ist. die ihn gekannt hatten. der Tod des Gerechten ist nur eine Täuschung. Und dies sind die Worte von Maria in dem Brief: ›Eure Schwester grüßt die Gemeinschaft in Antiochia mit dem Friedenskuß. Es tröstete mich.‹ 374 . den sie an die Gemeinde in Antiochia gerichtet hatte. der wird das ewige Leben haben. Mein Glaube wurde gefestigt. vor der nächsten großen Reise einen Besuch in Antiochia machen zu können. die es begehren. daß meine Mutter in das Königreich des Gerechten eingegangen war. der gesagt hat: Ich bin die Stimme in allen. der gesagt hat. Auf diese Weise bekehrten sich viele zu unserem Glauben. Die Macht Gottes rettet alle im Glauben. Vergeßt nicht die Worte Salomos. Die Nachricht machte mich traurig. Findet das Leben durch den Glauben. es ist ein Geschenk für alle. Zusammen mit dem Schreiben meiner Großmutter bekam ich ein bemerkenswertes Geschenk. des Meeres und jeder Quelle. daß meine Mutter gestorben war. daß mir mit der traurigen Nachricht vom Tod meiner Mutter neue Worte des Gerechten von denen überbracht wurden.enthielt Befehle. Ich bewege jedes Wesen. und ich wußte. Wer da glaubt. den Indus zu verlassen und weiterzureisen. Die Mitglieder der Gemeinde fertigten Kopien dieses Briefes an und schickten sie an andere Orte. Verehrt den Schöpfer der Erde und des Himmels. wo Gläubige sich wie bei uns in Antiochia versammelten. Ich bin der Erste und der Letzte. der Verehrte und der Verachtete. Gesegnet sind die Worte des Gerechten. Und ich bin auf alle Zeiten bei euch. Meine Großmutter teilte mir mit.

Beim Abschied betete ich. die uns Erfüllung schenkt. das sich der Liebe öffnet. daß Satvinder die Worte Marias lesen und das Licht sehen werde. Deshalb. wie sie sagte. damit auch sie das ewige Leben fand. Sie schenkte mir ein Zaubermittel. Ohne Liebe kann der Glaube keine Berge versetzen. Wir verließen den Indus vor den jährlichen Regenfällen. Ich reiste mit einem stillen Gebet im Herzen ab.Liebe Perpetua. Das Herz. So finden wir eine Gnade. das. das falsche Herz – sie alle werden den Tod finden. Ich hoffte. das Herz aus Stein. In dieser Gnade werden wir nicht vergehen und niemals sterben. Das bedrückte Herz. folgt dem Weg der Liebe. Wir umarmten uns als Schwestern auch wenn wir aus unterschiedlichen Welten kamen und einen unterschiedlichen Glauben hatten. 375 . daß ich mich in Philos verlieben würde und er sich in mich. wird den Tod überwinden. die folgenden Worte Marias nahm ich mir am meisten zu Herzen: ›Der Weg ist Frieden und Vergeben. worauf sich der Glaube gründet. Denn die Liebe ist das. Brüder und Schwestern. meinen Leib fruchtbar machen werde.‹ Ich schrieb den Brief ab und gab die Abschrift Satvinder.

DER NEUNTE TAG 376 .

vaticano. das sei eine gute Adresse für ein so ausgefallenes Thema. Ich dachte. dort liegen Tausende von Manuskripten und Dokumenten.‹ »Die Vatikanbibliothek?« fragte sie.html. die in Sabinas Geschichte vertieft war. Catherine setzte sich neben ihn und las auf dem Bildschirm die Meldung: ZUR ZEIT KEINE VERBINDUNG MÖGLICH. erwiderte Garibaldi gereizt und wies ungeduldig auf den Monitor. Als Catherine sah. Es ist ständig besetzt. Aber ich habe kein Glück. Überrascht stellte sie fest. hob die Arme und ließ den Kopf nach hinten sinken. dann stand sie mit steifen Gliedern auf.« Er lehnte sich auf dem Stuhl zurück. Catherine. Ihr Nacken und die Schultern schmerzten. Sie hatte stundenlang über die Schriftrollen gebeugt gelesen und übersetzt. 22. zuckte zusammen. drehte sie sich schnell um. wen er zu erreichen versucht hatte: ›http://christusrex/archivo. Dann sah sie. Der Tag war wie im Flug vergangen.Mittwoch. von denen viele nicht übersetzt oder katalogisiert sind. daß sich der Himmel vor dem Fenster bereits orange färbte. Nevada »Nicht schon wieder!« rief Garibaldi und schlug mit der Faust auf den Schreibtisch. »Ja. Dezember 1999 Las Vegas. wie sich das schwarze Priesterhemd über den Muskeln seines Oberkörpers spannte. »Was ist los?« fragte sie und reckte sich gähnend. denn sie 377 . »Alle Welt will dasselbe wie ich«.

« An diese Worte. wird dir das nicht helfen. daß die Leute von Hawksbill ihn erreicht hatten. die wie flüssiges Gold durch das Fenster fielen und dem Teppichboden einen schimmernden Glanz verliehen. ob meine Bitte dazu geführt hat. half ihm ihre Nachricht vielleicht. vor denen er sie gewarnt hatte. daß Dannos Freunde mir helfen. »Warum machen Sie so ein besorgtes Gesicht?« fragte er schließlich. Havers könnte durch seine Wachhunde ihre IP-Adresse bis zum Hotel Atlantis zurückverfolgen. die letzten Sonnenstrahlen zu bewundern. weil sie fürchteten. Das ewige Leben. daß Sabina oder Philos möglicherweise das 378 . Vermutlich fühlte er sich angesichts der Medien. Wenn ja. Sie wollte ihm klarmachen. die den Fall auf ihre Weise aufgegriffen hatten. die er an jenem verregneten Nachmittag vor fünf Tagen in Malibu zu ihr gesagt hatte. Im Web waren sie sicher. daß sie jetzt nicht aufgeben durfte. Garibaldi betrachtete Catherine aufmerksam. Catherine. »Ich habe nachgedacht. Könnte ich doch nur über das Internet herausfinden. wenn er sie unterstützte. Schließlich war sie genau in die Schwierigkeiten geraten. Sie wollte an Julius denken und daran. Was macht er gerade? Was fühlt er? Was denkt er? »Wenn ich bei dieser verrückten Sache mitmache. in seiner Meinung bestärkt. sie zu verstehen. Catherine hoffte jedoch. sich in die Nachrichtendienste oder IRC-Kanäle einzuwählen. sondern die Schriftrollen übersetzen mußte. Havers konnte unmöglich die vielen tausend Teilnehmer in aller Welt überwachen. er werde ihr eher schaden. weil es anonym war – zumindest hofften sie es. wie sehr sie ihn vermißte. Aber Catherine und Garibaldi wagten es nicht.fand es unverfänglicher. erinnerte sie sich noch sehr gut. von dem Sabina spricht: Was bedeutet es Ihrer Meinung nach? Glauben Sie.

« Catherine dachte an den hundertneunundzwanzigjährigen Ihn Hassan. aber nicht ganz.« Er zog die Augenbrauen hoch. was Daniel über die Essener gesagt hatte. murmelte sie. sagte sie. »Ich weiß nicht«. Catherine erinnerte sich daran. daß er ewig leben werde. »In den 379 . klingt christlich. in der niemand stirbt? Es fällt mir schwer. »Dann würde eine Welt entstehen. »Wie können Sie so etwas sagen?« Er deutete auf den Bildschirm.« Doch Catherine überging seinen Einwand. Bei ihrer Botschaft handelt es sich um die Worte von Jesus. der behauptet hatte. denn alle werden die Formel für ein ewiges Leben haben wollen. aber nicht ganz. denn sie beschäftigte sich in Gedanken bereits wieder mit Ihn Hassan. sie spricht vom ewigen Leben nach dem Tod. »was sie sagt. Was für ein verrückter Gedanke… »Ich komme mir vor wie ein Tier im Käfig«. über Alchimie?« »Was dann?« »Dann müssen wir uns sehr genau überlegen. »Vater Garibaldi«. Garibaldi sah sie an und lächelte. Wie lange hatte er nach der Niederschrift seiner Erinnerungen noch gelebt? Und wenn er noch immer am Leben ist? Sie rieb sich den schmerzenden Nacken. Sabina war über achtzig und schien sich keine Sorgen über das Sterben gemacht zu haben. murmelte sie schließlich frustriert. ob sie möglicherweise die geheime Formel für die Verlängerung des Erdenlebens entdeckt hatten. wer etwas davon erfährt.Mittel für ein unvorstellbar langes Leben gefunden haben?« »Ich glaube.« Catherine blickte auf den Text. sondern ein Buch über Metaphysik. das zu glauben. »falls diese Schriftrollen nun kein religiöses Dokument sind.

letzten Tagen sind wir auf diesen unsichtbaren Datenautobahnen viele tausend Meilen gereist. wenn sich herausstellen sollte. dem Hinweis auf einem anderen Weg nachzugehen. daß noch eine Kopie des Briefes existierte? Sabina berichtete. Deshalb versuche ich. und Sabina selbst hatte ebenfalls eine gemacht. Wäre es nicht denkbar.« Catherine beugte sich vor und fragte stirnrunzelnd: 380 . werde ich mich in der Universität Stuttgart umsehen.« Catherines Blick fiel auf den Notizblock neben dem Computer. und solange der Vatikan besetzt ist. daß es sich bei der Maria im Text um Maria Magdalena handelt? Maria war damals zwar ein sehr verbreiteter Name gewesen. daß Garibaldi seine Suchbegriffe um ›Maria-Brief‹ erweitert hatte.stutt. und sie sah. hieß. nicht @uni. Sie überlegte: Was wäre. Ich habe vor kurzem der Duke University einen Besuch abgestattet und bin von dort nach Beijing gesaust. Da kann man wohl kaum von einem ›Käfig‹ sprechen. den er anwählte. die Gemeinde in Antiochia habe Abschriften angefertigt. Gab es vielleicht irgendwo auf der Welt einen Maria MagdalenaBrief? Wie würde die Kirche reagieren. »Da ist sie! Die Liste der Privatsammlungen. daß der Teilnehmer. Es handelte sich allerdings nicht um eine Hypertext-Verbindung. doch Sabina sagte. zurück zum Oriental Institute in Chicago. wenn sie davon erfuhr? »He!« sagte Michael.edu. »Wohin wollen Sie diesmal?« »Beim Suchen in San Francisco habe ich einen Hinweis auf ein Verzeichnis privater Antiquitätensammlungen entdeckt. doch Catherine fiel auf. Sind Sie mit dabei?« Er tippte bereits. diese Maria habe den Gerechten gekannt.

com. Es muß sich um kleine Sammlungen handeln. klick. der mit bewußt dümmlichem Gesichtausdruck einen aufgeblasenen Gummisaurier umarmte. was er besitzt. Sie lasen die Angaben – Alter.matsumoto.san. und Catherine überflog sie schnell. Ich glaube. und Fred’s Seite erschien. »Eigenartig. Gewicht. Geburtsdatum. der Nudel hieß.»Fred’s Seite?« Michael klickte die farbig unterlegte HypertextVerbindung an.« 381 . privat‹ entdeckt.« Garibaldi ließ die Liste langsam weiter abrollen. Wir wollen uns einmal ansehen. Eine neue Liste erschien. ›Artefakte‹. klick. er ist ein reicher japanischer Sammler. ›Altertum‹. und plötzlich erschien eine Web-Seite. Michael klickte den Begriff an. Öffnen Sie die Datei. »Sehen Sie«. Zeitpunkt. Soweit ich weiß. Beim Stichwort: ›Historisch‹ klickte er.« !!!THIS LOCATION [URL] IS NOT RECOGNIZED: aki. »Von manchen habe ich noch nie etwas gehört! Sehen Sie. sagte Michael und rollte im Text nach unten. »Den Namen habe ich auch schon einmal gehört. klick. ›Texte‹.html CHECK LOCATION AND TRY AGAIN Catherine zog die Stirn in Falten. »Er bietet den Zugriff auf private Sammlungen!« sagte Catherine und blickte verblüfft auf das Photo eines jungen Mannes. warten Sie!« Sie hatte den Eintrag: ›Aki Matsumoto. Michael durchsuchte die Liste. die aus unerfindlichen Gründen das Photo eines häßlichen kleinen Hundes zeigte. gibt es dort nur vier ägyptische Begräbnis-Papyri. Catherine rief: »Halt. hier ist das Freers Institut aufgeführt. an dem Nudel den ersten Haarball ausgespuckt hatte – und erreichten schließlich: Besitzer des Hundes.

und suchte die EAdresse. »Warten Sie. Ich habe ein ungutes Gefühl. er hat Seppuku begangen. Das Sonnenlicht verblaßte. tippte Aki Matsumoto und drückte die Eingabetaste. Meine Intuition warnt mich.»Moment mal!« sagte Michael. die auf dem Schreibtisch lag. »Aki Matsumoto hat gestern morgen Selbstmord begangen!« »Das muß ein Zufall sein!« »Es sei denn. danach auf ›Netsearch‹ und gab die elektronische Anschrift des Las Vegas Herald ein. »Er ist tot!« »Selbstmord…« »Sehen Sie sich das Datum an!« Er blickte ungläubig auf den Text. Als die Verbindung hergestellt war. und das Zimmer lag im Dämmerlicht. »Matsumoto… Den Namen habe ich irgendwo gelesen. zu dem das 382 .« Er griff nach der Zeitung. als Catherine ihm die Hand auf den Arm legte. den jemand unter allen Umständen haben wollte. Matsumoto war im Besitz eines Papyrus. In dem Artikel über Matsumoto heißt es. bis der Cursor auf ›Langford‹ wies. Er klickte auf das ›Go‹-Symbol. Catherine überflog ihn. Er wollte gerade klicken. klickte er auf ›Suchbegriff‹. Einen Augenblick lang saßen sie schweigend da und nahmen kaum das gedämpfte Klappern eines Servierwagens wahr.« Er rollte den Trackball. der im Flur vorbeigeschoben wurde. Einen Augenblick später erschien ein Zeitungsartikel auf dem Bildschirm. Ist das nicht ein zeremonieller Selbstmord. Garibaldi blickte fragend auf Catherine: »Und jetzt?« »Sehen wir uns noch einmal Fred’s Seite an.« »Aber weshalb sollte er dann Selbstmord begehen?« Garibaldi brach die Verbindung ab.

Sie können sich unter die Leute wagen. was die Sammlung Langford enthält?« Sie starrte auf die leuchtenden Buchstaben. Brechen wir ab. das der Zimmerservice gebracht hatte – Spinatsalat. erwiderte er und lachte leise. ja. Mineralwasser. Sie saßen im Dunkeln und lauschten auf das leise Flüstern der Klimaanlage. wie Garibaldi seufzte. Catherine blickte gedankenverloren auf die Reste ihres Mittagessens. »Für mich ist Las Vegas ein gefährlicher Ort.« »Wollen Sie nicht wenigstens sehen. die in der kalten Wüste für eine Raumtemperatur von 23 Grad sorgte. »Brechen Sie bitte ab.« »Irgend etwas stimmt nicht. weil die Ehre der Familie verletzt wurde?« »Ich glaube. Ich muß hierbleiben. Hier sind wir sicher.« »Wir sollten die Verbindung so lange wie möglich halten. Sie hörte. aber sie war nicht hungrig. aber mir gefällt das alles nicht. Clubsandwich. Sie hatten vor vielen Stunden das letzte Mal etwas gegessen.« Die Anzeige auf dem Bildschirm verschwand. und sagte: »Warum gehen Sie nicht spazieren? Sie haben den ganzen Tag am Computer gesessen.« »Ich weiß nicht recht«. Ich habe diese Schwäche 383 . Warum?« »Wenn er eine Schriftrolle besessen hat. Vielleicht geht meine Phantasie mit mir durch.Familienoberhaupt verpflichtet ist.« »Wieso?« »Ich bin ein geborener Spieler. die Havers unbedingt haben und die Matsumoto aber nicht verkaufen wollte? Wenn also…« »Erpressung?« »Ich weiß nicht.

und keines stürzte ein. spürten sie plötzlich. Dann schien das Zimmer zu schwanken. Während Catherine das apokalyptische Ereignis beobachtete nahm sie auch die Menschenmenge wahr. pünktlich auf die Minute. wenn die Tempel von Fackeln beleuchtet wurden und aus scheinbar vulkanischen Erdspalten die Flammen schlugen. »Was zum…?« rief Garibaldi und sprang auf. Plötzlich wußten sie. und nun hörten sie auch ein leises drohendes Grollen. Das Beben wurde stärker. Auf einer der Inseln in dem 20 Hektar großen See. schreiende Menschen. die sich um den See drängte und 384 . sogar darauf. Zunächst sahen sie nur die strahlenden Lichter von Las Vegas vor dem dunklen Himmel. die Tempel und die Götter. habe ich bei jeder Gelegenheit gewettet… auf Pferde.« Aber bevor er weitersprechen konnte. Säulen und riesigen Götterstatuen nach den Vorstellungen eines Architekten wieder erstanden. Sie sahen sich an. als hätte sie sich verbrannt.nie völlig überwinden können. »ich muß Ihnen etwas sagen. versank Atlantis – die Insel. der das Hotel umgab. wie die Sessel vibrierten. Wieder einmal. sagte er schnell. die auf seinem Arm lag. Es gab sogar Geräuscheffekte – herabfallende Steine. Nußbaum von der Bäckerei an einem bestimmten Tag haben würde!« Er blickte auf Catherines Hand. Und zweimal täglich. Catherine zog sie zurück. Bei Tag war das Spektakel weniger dramatisch als abends. Andere Gebäude schienen nicht zu schwanken. »Ein Erdbeben!« Sie rannten zum Fenster und blickten hinaus. war das untergegangene Atlantis mit Tempeln. Catherine glaubte. Als ich jung war. »Catherine«. immer noch die glatte Haut und die Muskeln seines Unterarms zu spüren. auf alle möglichen Dinge. welche Farbe das Kleid von Mrs. was es war: Atlantis versank.

« »Und gegen eine Show darf man nichts einwenden? Wie oft müssen wir solche Dinge in dem Bewußtsein sehen. wie man sie von Disneyland und anderen Freizeitparks kannte – mit versteckten Mechanismen. geschehen würde. haben diese Leute gejohlt und gelacht!« »Es ist doch nur eine Show. ich nehme ein heißes Bad. Plötzlich war alles verschwunden: Atlantis. daß es sich um Illusionen handelt. Doch der Realismus der Schau ängstigte sie plötzlich. bevor auch sie versank. also in acht Tagen. stillen Wasser des Sees blieb keine Spur von den Werken der Menschen zurück. als wollten sie die Sterne verschlingen. eine ganze Zivilisation. daß es sich um eine Illusion handelte. bevor uns echte Gewalt und Zerstörung völlig gleichgültig ist?« Sie drehte dem Fenster den Rücken zu. und ihr Mund wurde trocken. »Ich glaube. was in der Nacht des 31. bis auch sie ins Wasser stürzte und wie ein Baumstamm rollte. Räderwerken. Ihr Verstand sagte ihr zwar. Meterhohe Flutwellen türmten sich auf und begruben Atlantis unter sich. Ihr Herz schlug schneller. um meinen steifen Hals und die Schultern zu 385 . war untergegangen. Dezember. als sei sie aus Granit. die aussah. Flammen loderten in den Himmel.die Katastrophe bestaunte. Es ist nichts Wirkliches. Dann sagte Catherine: »Wie kann man aus einer solchen Katastrophe Unterhaltung machen? Haben Sie die Zuschauer da unten gehört? Über das Schauspiel einer gewaltigen Zerstörung. eine Säule. barst und stürzte unter lautem Getöse zusammen. die sehr realistisch mit den Schreien von Menschen in Todesangst unterlegt war. als sei das ein Vorgeschmack dessen. Die riesige Statue einer Göttin auf dem höchsten Punkt der Insel schwankte und drehte sich um die eigene Achse. schwankte. und im glatten. Catherine und Michael schwiegen. Winden und einem Computer. der das Ganze steuerte.

Sie hatte nun fünf Tage und fünf Nächte. Aber sein Bild stand ihr nicht so klar vor Augen wie das von Garibaldi.« Er verschwand in seinem Zimmer und schloß die Tür hinter sich. Sie fühlte. den traditionellen und maskulinen ›Männerduft‹. bis hin zu dem kleinen schwarzen Leberfleck hinter dem rechten Ohr. Sie versuchte. ihr fiel nur ein. die siebte Schriftrolle vielleicht nicht rechtzeitig zu finden. Sie sah ihn ganz deutlich. als überlege er. sich Julius vorzustellen – die sanften schwarzen Augen. also über hundert Stunden ohne Unterbrechung in seiner Gesellschaft verbracht.lockern. dem ausrasierten Haaransatz im Nacken und den vereinzelten grauen Haaren an den Schläfen. War das gleichbedeutend mit fünf Wochen. Aber dann sagte er nur: »Ich werde feststellen. Es hatte etwas mit Garibaldi zu tun. 386 . Catherine blickte wieder aus dem Fenster und sah zu.« Er sah sie an. die scharf geschnittenen semitischen Gesichtszüge. das Julius benutzte. ob er darauf etwas erwidern solle. Aber es gelang nicht richtig. Es war nicht nur die Angst vor Havers oder die Angst. in allen Einzelheiten. wie die Insel langsam aus dem Wasser auftauchte und für den nächsten Untergang vorbereitet wurde. Sie schloß die Augen und sah ihn vor sich. Garibaldi benutzte Old Spice. wie sich in ihr etwas Unbekanntes und Unwillkommenes ausbreitete. das sie mehr erschreckte als alle Gefahren. was das Fitneß-Zentrum des Hotels zu bieten hat. die ihr drohten. daß sie diesen Duft einmal erregend gefunden hatte. die sich wie eine eiserne Klammer um ihr Herz legte. ihre Gefühle zu erforschen und die seltsame Angst zu identifizieren. Bei sechs Swimmingpools müßte ich eigentlich ein paar Bahnen schwimmen können. Sie wollte sich an den Duft des Rasierwassers erinnern. Dann versuchte sie.

vielleicht sogar mit fünf Monaten in einer normalen Beziehung? Catherine staunte darüber, wie sehr sich ihr sein Äußeres eingeprägt hatte. Doch sie wußte immer noch kaum etwas über ihn – weder über seine Herkunft noch darüber, warum er Priester geworden war. In zwei Tagen war Weihnachten. Würde er nach Hause fahren wollen? Mußten Priester an Weihnachten nicht die Messe lesen? Sie hatte zwar anfangs versucht, Garibaldi loszuwerden, doch jetzt beunruhigte sie der Gedanke, möglicherweise ohne ihn weitermachen zu müssen. Sie hörte, wie er aus seinem Schlafzimmer kam, und sah sein Spiegelbild in der Fensterscheibe. Er blieb mitten im Zimmer stehen. In der einen Hand hielt er seine schwarze Tasche und in der anderen etwas, das sie nicht erkennen konnte. Obwohl er inzwischen nur noch das schwarze Hemd mit dem Priesterkragen trug, fiel es ihr immer schwerer, in ihm einen Priester zu sehen. »Vater Garibaldi«, sagte sie, ohne sich umzudrehen, »glauben Sie, die Hawksbill-Leute haben meine Nachricht weitergegeben?« »Wollen Sie den Computer starten, um es festzustellen?« Sie drehte sich um und sah ihn an. »Nein, ich möchte mich noch nicht bei Hawksbill melden. Wenn Havers herausgefunden hat, daß ich Kontakt zu diesen Leuten aufgenommen habe, und mich auf diesem Kanal erwartet, dann werde ich zum letzten Mal dort auftauchen können, und wir beide müssen weiter. Ich lasse ihnen ein paar Tage Zeit, bevor ich mich erkundige.« »Wer weiß«, sagte Garibaldi und lächelte, »vielleicht ist Jean-Luc der Chefarchivar der Kongreßbibliothek.« Catherine lachte. Ihre Blicke trafen sich über das Zimmer hinweg. Sie schwiegen beide. Er stand schon an der Tür zum Flur, als Catherine sagte:
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»Vater Garibaldi, in zwei Tagen ist Weihnachten. Wollen Sie nicht nach Hause fahren?« Erschrocken stellte sie fest, daß sich sein Gesicht verfinsterte und sich die Muskeln an seinem Hals spannten. Ihr fiel ein, daß er im Begriff gewesen war, ihr etwas zu sagen, als das ›Erdbeben‹ eingesetzt hatte. Er schüttelte stumm den Kopf, drehte sich abrupt um und ging hinaus. Während sich die Tür hinter ihm schloß, sah Catherine flüchtig, was er in der anderen Hand trug. Die philippinischen Kampfstöcke.

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Las Vegas, Nevada
»Ich bin dafür, daß wir es bei den billigeren Hotels versuchen«, sagte Raphael und spießte mit der Gabel ein paar Fettucini auf. »Bis jetzt haben sie immer billige Unterkünfte gehabt.« Er lachte mit vollem Mund. »Wahrscheinlich hast du recht«, stimmte ihm Zeke zu. Er stützte die Ellbogen auf den Tisch und starrte auf den Teller. Er hatte seine gegrillten Rippchen nicht angerührt. Er war zu angespannt, um etwas essen zu können. Sie hatten seit ihrer Ankunft in den großen Hotels diskret und für viel Geld Erkundigungen eingezogen. Nirgends war ein Priester zu finden gewesen. »Morgen früh«, sagte er, »nimmst du dir als erstes die eine Seite der Fremont Street vor und ich die andere.« Es blieb noch ein letztes Hotel, in dem sie sich erkundigen mußten, bevor sie für diesen Abend Schluß machen konnten. Es stand mitten, in einem See und war auch sonst ein Beispiel exzessiver Geschmacklosigkeit: das Atlantis. Catherine legte den Kugelschreiber beiseite. Es hatte keinen Sinn. Sie konnte sich nicht konzentrieren. Sie warf einen Blick auf die Uhr. Es war schon eine Weile her, seit sie den Untergang von Atlantis beobachtet hatten. Warum war Garibaldi noch nicht vom FitneßZentrum zurück? Sie stand vom Schreibtisch auf und ging im Zimmer hin und her. Ein Name beschäftigte sie, und sie versuchte vergeblich, ihn einer Person zuzuordnen. Auf dem anderen Schreibtisch stand der dunkle Laptop.
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Plötzlich hatte sie das dringende Bedürfnis, etwas zu tun. Sie setzte sich, startete den Computer, wählte die Zugangsnummer des Hotels für das Internet und gab den temporären Teilnehmernamen sowie das Paßwort ein. Bevor sie sich ins Web einklickte, zögerte sie, dachte nach und klickte aus einer plötzlichen Eingebung heraus auf NewsReader. Wünschen Sie die letzte Gruppenliste? Sie klickte auf ›a‹. DATEI WIRD GELADEN… Catherine wußte, daß sie sich ungefährdet bei den einzelnen Gruppen umsehen konnte, denn sie wollte sich nicht an den Diskussionen dort beteiligen, sondern nur die Nachrichten lesen. Als die Liste der Gruppen erschien, begann sie zu rollen, und hielt bei alt.bibel.prophez. an. Sie klickte, geriet in eine Diskussion über die Endzeit und klickte noch einmal. ORGANISATION: UNIVERSITY OF CAMBRIDGE, ENGLAND ZEILEN: 26 Nachricht-ID: 4pvrpd~50q@favor.csx.eain.ac.uk MNTP-Posting Host: usen.chu.cam.a-uk Thema: Endzeit »»»Die Apokryphen stützen Bibelprophezeiungen über die Letzten Tage. »»»Steve »»»Du irrst dich, Steve. Die Apocryphen sind nicht das Wort Gottes. Wo sind deine Beweise? »»»Ray »»»Sorry, daß es so lange dauert. Habe den Beweis für dich gesucht. Siehe P245 British Museum, P14 Broderick Archiv, Duke University u.a. Nach Aussage der Schriften nicht autorisierter Bücher steht uns das Paradies auf Erden bevor, Junge. »»»Steve

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Catherine holte die angegebenen Texte auf den Bildschirm, stellte jedoch fest, daß sie beide Quellen bereits kannte – sie enthielten nichts, was Licht auf Sabinas Schriftrollen geworfen hätte. Sie wechselte zur Hauptliste und suchte weiter, bis sie alt.archaeologie entdeckte. Sie klickte und sah sich die Einträge an. Plötzlich bekam sie große Augen. 199.911/30 Daniel Stevenson ›Atlantis‹ Sie klickte. Xref: newsomeganet.com sci.archaelogy 25. Nov. 1999 18:44:37 +0100, stan@moonbeam.vamp.co.aus schreibt: »»»Stevenson! Du hast deine absurden Theorien schon vor ein paar Monaten geschickt, und dir ist damals von uns gesagt worden, daß das alles unhaltbar ist. Warum verursachst du uns die Kosten, den ganzen Unsinn noch einmal einzufahren? »»»Atlanter-Mayas Catherine wurde zornig. Man griff Danno wie üblich an. So war es schon immer gewesen: Daniel, der Benachteiligte, Daniel, der die Rechte eines anderen verteidigte oder für eine unpopuläre Sache eintrat. Danno, der auf seinem Platz in ihrer Schulklasse saß und dem die Tränen über die Wangen liefen, weil sie neben dem Pult von Schwester Immaculata auf einem Hocker stand und vor Scham weinte, während alle anderen lachten und kicherten. Plötzlich hatte Catherine den unwiderstehlichen Drang, diesem aufgeblasenen Kerl in Australien am Schwarzen Brett ordentlich die Meinung zu sagen. Doch das durfte sie nicht tun, sonst wurde ihre IP-Adresse sichtbar, und jeder,
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der die Nachricht las, konnte selbst noch nach einiger Zeit herausfinden, daß sie sich in diesem Hotel befand. Sie schaltete den Laptop aus. Als der Bildschirm dunkel wurde, betrachtete sie noch einen Moment lang das Photo von ihr auf der Innenseite des Deckels. Wieso hatte Danno es dorthin geklebt? »Ich glaube, Daniel hat Sie geliebt«, hatte Garibaldi gesagt. Garibaldi… Ihre Unruhe schien etwas mit Garibaldi zu tun zu haben. Seit er gegangen war, beschäftigte sie sich beinahe ununterbrochen mit ihm. Catherines Nervosität wuchs, und sie schaltete den Fernseher ein, weil sie hoffte, eine tröstende menschliche Stimme zu hören. Statt dessen wurden die Spätnachrichten mit der Schlagzeile angekündigt, die für sie wie eine Ohrfeige war: ›Gestohlene Schriftrollen als ein Werk des Antichrist bezeichnet!‹ Catherine wechselte den Sender. Ein Interview mit einem bekannten Physiker kam auf den Schirm. »Wir erleben den Anfang vom Ende. Synchronizität ist real. Wie viele von uns bemerken immer häufiger scheinbare Zufälle? Das Bewußtsein erfaßt inzwischen besser die eigentlichen Zusammenhänge. Das wiederum ist ein Hinweis darauf, daß die Dinge in eine ganz bestimmte Richtung laufen. Die Fäden, die Bereiche, die Ebenen, die Strömungen des Universums beginnen seit einiger Zeit, miteinander in Berührung zu kommen, und das Ergebnis ist eine Koinzidenz. Die Ebenen und Strömungen und unsichtbaren Sphären werden sich von jetzt an immer öfter berühren, bis schließlich jeder Punkt des Universums mit dem anderen in Kontakt steht, und der Kosmos implodiert, das heißt, in sich zusammenbricht, und wie wir wissen, wieder in das Chaos vor der Ordnung zurückkehrt. Ich habe es mathematisch berechnet. Der Schlußpunkt wird genau um Mitternacht am 31. Dezember
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1999 erreicht sein.« Catherine schaltete den Fernseher aus und ging unruhig im Zimmer auf und ab. Auf dem Sofatisch sah sie das Brevier mit dem geprägten goldenen Chiro – das große P mit dem X über dem Abstrich, die ersten beiden Buchstaben des Wortes Christos – auf dem dunkelgrünen Ledereinband. In den vergangenen fünf Tagen hatte sie Garibaldi öfter dabei beobachtet, wenn er darin las. Manchmal bewegte er die Lippen und flüsterte stumm die rituellen Worte. Gegen ihren Willen war sie neugierig geworden. Waren es lateinische Texte? Handelte es sich um Gebete oder nur um Aussprüche, tröstende Worte oder vielleicht um Lieder? Catherine hatte das Brevier noch nie gelesen. In ihrer Jugendzeit hatte sie sich an das katholische Gesangbuch gehalten. Sie griff nach dem Brevier und schlug es auf. Es war, wie sie wußte, in Tage und Stunden gegliedert. Sie suchte das Abendgebet für den 22. Dezember. Gott ist Licht! Wenn wir mehr und mehr im Licht leben, herrscht Liebe zwischen uns. Ohne Liebe kann es auf der Welt keinen Frieden geben: Herr, befreie unsere Welt von Haß und Furcht. Herr, hilf den Männern und Frauen, Trost im Leid und Stärke in den Prüfungen zu finden. Gewähre ihnen beständige Liebe. Herr, nimm all die Toten in deine Obhut: Jene, die wir geliebt haben und auch jene, an die sich niemand erinnert. Catherine schloß die Augen.
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»Nimm all die Toten… jene, die wir geliebt haben…« Einen Augenblick lang empfand sie so etwas wie Frieden. Aber plötzlich fiel ihr ein Gespräch ein, das vor langer Zeit stattgefunden hatte. In der elften Klasse erklärte ihr ein Mitschüler, wie er sich das Leben nach dem Tode vorstelle. »Ich glaube, es ist genauso wie das Leben davor.« »Du meinst, bevor wir geboren wurden?« hatte Catherine ihn gefragt. »Erinnerst du dich an etwas aus dieser Zeit?« »Natürlich nicht.« »Na bitte.« Catherine dachte: Ist es das? Ein Nicht-Sein? Ist Danno dort im Nichts? Ist meine Mutter auch dort? Sie klappte das Buch zu und legte es auf den Tisch. Nimm alle Toten… Es war ein schönes Gebet, aber es war katholisch, und sie konnte das Gebet nicht von der Kirche trennen, in deren Kontext es entstanden war. Ihre Gedanken kehrten wieder zu Garibaldi zurück. Plötzlich wußte sie, was sie beunruhigte. »Bei sechs Swimmingpools«, hatte er gesagt, »sollte ich eigentlich ein paar Bahnen schwimmen können.« Aber er hatte die Pangamot-Stöcke mitgenommen! Catherine setzte sich wieder an den Laptop, startete, klickte auf Lycos, gab den Suchbegriff ›Pangamot‹ ein und gelangte über die Hypertext-Verbindung in das Web und zu dem Stichwort: ›Philippinischer Kampfsport.‹ Sie hatte die Homepage an jenem Abend aufgerufen, als Garibaldi ihr die Haare abschnitt. Als die Seite mit dem Symbol – ein Schwert und ein Rohrstock, die sich kreuzten – auf dem Bildschirm erschien, fragte sich Catherine, ob sie dort etwas finden würde, das ihr den Menschen Garibaldi
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vielleicht verständlicher machte. Beim ersten Mal hatte sie nur kurz die Einleitung überflogen. Nun sprang sie von Stichwort zu Stichwort, bis sie die Überschrift ›Häufig auftauchende Fragen‹ erreichte. Dort begann sie, nach Antworten zu suchen. Ein Swimmingpool befand sich im fünfzehnten Stock neben dem Fitneß-Zentrum. Aber Catherine sah Garibaldi nicht. Als ihr der Bademeister sagte, niemand habe sich unter der Nummer ihrer Suite im Fitneß-Zentrum eingetragen, bestätigte er nur Catherines Vermutung. Trotzdem warf sie einen Blick auf die Gewichtheber und die danebenliegende Laufhalle. Sie suchte Garibaldi in der Saftbar, im Boxring und erkundigte sich sogar bei den Masseuren nach ihm. Schließlich erreichte sie einen Gang, wo Anschlagtafeln auf Tanz-, Yoga- und AerobicUnterricht hinwiesen. In zwei Räumen sah Catherine Gruppen beim Üben, doch die anderen waren alle dunkel und leer. Als sie den Notausgang erreichte, wollte sie umkehren, doch plötzlich glaubte sie, etwas zu hören. Sie warf einen Blick in den letzten Raum am Ende des Gangs. Zuerst sah sie ihn nicht, denn es brannte kein Licht. Er war nur ein schwarzer Schatten in einer weiten Hose und einem T-Shirt. Er schien zu tanzen. Catherine blieb im Dunkeln stehen und sah zu. »Es ist ein allgemein verbreiteter Irrtum«, hatte Catherine auf dem Monitor gelesen, »daß sich der philippinische Kampfsport auf den Gebrauch von Stöcken beschränkt. Er erfordert daneben auch die Beherrschung von Kicken, Boxen und Ringen.« Garibaldi stand breitbeinig und mit leicht gebeugten Knien mitten im Raum und bewegte sich wie in Zeitlupe. Seine rechte Hand glitt geschmeidig vor dem Körper nach oben und nach unten. Catherine mußte an die eleganten Bewegungen einer Frau beim Nähen denken. Garibaldi
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hatte offenbar jeden Muskel, jede Sehne seines Körpers unter Kontrolle. Er bewegte sich sehr langsam, ausgewogen und harmonisch. »Im Vergleich zu anderen Kampfsportarten, etwa dem zirkulären, innerlich geführten und sanften Tai Chi ist Pangamot direkt, wahrnehmbar und hart.« Garibaldis Körperhaltung, federnd und mit etwas gebeugtem, vorgestelltem Bein, ließ Catherine aber trotzdem an Tai Chi denken, jedoch manche seiner Bewegungen endeten abrupt, als sei er gegen eine gläserne Wand gestoßen. Catherine vermutete, daß es sich dabei um das Abwehren von Angriffen eines unsichtbaren Gegners handelte. »Bei Wettkämpfen auf den Philippinen halten sich die teilnehmenden Kämpfer nicht zurück. Es ist deshalb nicht ungewöhnlich, daß jemand schwer verwundet oder sogar getötet wird.« Auf den verspiegelten Wänden verfielfältigte sich sein Spiegelbild. Catherine sah hundert Garibaldis aus jedem erdenklichen Blickwinkel. Zu ihrer Überraschung wirkte er immer anders: In einem Spiegel schien er beinahe zu lächeln, in einem anderen glaubte Catherine, einen gewissen Spott in seinem Gesicht zu erkennen. Doch im nächsten sah sie das Gesicht eines zornigen Mannes. Während sich seine Gestalt langsam im Schattentanz der todbringenden Bewegungen drehte, sah sie auch seine Erregung. Der Anblick stieß Catherine ab – und zog sie paradoxerweise gleichzeitig in seinen Bann. Sie konnte den Blick nicht von Garibaldis Körper wenden und dachte daran, wie er mit dieser absolut beherrschten Kraft im Bett sein würde. Direkt und hart… »Die zwölf Angriffsmethoden…«
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Wie konnte es ein Priester mit seinem Amt vereinbaren, sich in einer Kampfmethode zu üben, die nur das eine Ziel hatte, den Gegner zu töten? Wie konnte er es rechtfertigen, daß er Diener der Kirche und gleichzeitig ein gefährlicher Kämpfer war? »Manchmal werden die Rohre oder Stäbe aus Bambus auch als Todesstöcke bezeichnet…« Catherine fand es brutal und angsteinflößend, was sich vor ihren Augen abspielte, trotzdem hatte sie plötzlich den Wunsch, mitzumachen. Sie wollte hinter Garibaldi stehen, ihren Körper an seinen Körper drücken, ihre Arme neben seine Arme legen und sich mit ihm bewegen. Sie wollte spüren, wie diese gewalttätige, kontrollierte Energie von seinem Körper auf ihren überging und sich mit ihr vereinte. Der Gedanke, sie könnte das tatsächlich tun, könnte sich ihm spontan bei diesem Schattenkampf anschließen, könnte einem Drang nachgeben, der allem widersprach, woran sie glaubte, dieser Gedanke erschreckte sie mehr als alles andere. Garibaldi brachte einen Aspekt von ihr zum Vorschein, von dessen Vorhandensein sie bis zu diesem Augenblick nichts geahnt hatte und der ihrer Kontrolle entglitt. Schließlich kam er zum Ende, faltete die Hände unter dem Kinn und verneigte sich leicht vor seinem unsichtbaren Gegner. Dann stand er einen Augenblick bewegungslos da, bevor er nach den lackierten Stöcken griff und sie so schnell herumwirbelte, als bereite er sich darauf vor, eine Parade anzuführen. Er ging in Kampfstellung, setzte einen Fuß vor den anderen, spreizte die Beine und beugte die Knie. Die Stöcke glitten langsam in einer Folge komplizierter Bewegungen durch die Luft. Zuerst drehte er den rechten Stock hinter dem Kopf, während er den linken wie ein Schwert vor sich schwang; dann stieß der erste Stock nach vorne, der zweite hob sich, wurde zurückgezogen, legte sich schräg vor den anderen, und beide bildeten ein X in der Luft. Das alles
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wirkte wie ein Mechanismus, der von verborgenen Zahnrädern und Gewichten in Gang gehalten wurde – zuerst langsam, dann schneller und immer schneller, zorniger und kraftvoller, bis Catherine hörte, wie die Stöcke pfeifend durch die Luft sausten und sie in unblutige Scheiben schnitten. Garibaldi bedrängte seinen unsichtbaren Gegner mit den Stöcken. Sein Atem ging rauh und stoßweise, während er blitzschnelle, tödliche Schläge austeilte. Er sprang zur Seite, fing einen imaginären Hieb ab, sank auf ein Knie und schlug dem Feind mit beiden Stäben über die Beine. Dann sprang er auf, tänzelte wie ein Boxer auf den Fußballen, schlug hierhin, dorthin, steigerte das Tempo, wobei auch die Brutalität zunahm. Der Raum war erfüllt von seiner Kampfeswut, so daß Catherine den Atem anhielt und spürte, wie ihr Körper vor Spannung und Angst erstarrte. Er übt diesen aggressiven Kampfsport, er hält sich fit, um zu töten. Warum? Wen will er töten? Garibaldi schien einen Kampf gegen unsichtbare Mächte zu führen. Seine Übungen wirkten wie die Probe für ein persönliches Armageddon. Was gab ihm der Kampfsport, das ihm sein Katholizismus nicht geben konnte? Wenn Gebete nicht wirken, werden es die PangamotStöcke tun? Catherine wich von der Tür zurück und riß sich von einer Szene los, die sie früher einmal empört hätte, jetzt aber… Sie hatte sich auf die Suche nach Antworten gemacht und war dabei auf noch größere Rätsel gestoßen. Außerdem hatte sie etwas entdeckt, das sie in seiner Tragweite entsetzte. Ich hätte mich vor Abscheu abwenden sollen, statt dessen glühe ich vor sexueller Erregung.

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Der Schrei drang in ihr Unterbewußtsein. Catherine schreckte aus dem Schlaf auf und starrte verwirrt an die dunkle Zimmerdecke. Sie wußte nicht sofort, wo sie war. Dann warf sie einen Blick auf die Uhr neben dem Bett. Es war kurz nach Mitternacht. Sie hatte nur ein paar Minuten geschlafen. Sie lauschte in die Stille. Was hatte sie geweckt? Wieder ein Schrei. Ein gequälter Schrei. Sie setzte sich auf. War das Garibaldi? Catherine lag schon im Bett, als er vor etwa einer Stunde aus dem Trainingsraum zurückgekommen war. Sie hatte gehört, wie er leise in sein Zimmer ging und die Tür schloß. War jemand bei ihm? »Laß mich in Ruhe! Warum verfolgst du mich?« Catherine sprang aus dem Bett und lief durch das Wohnzimmer, das die beiden Schlafzimmer der Suite trennte. An Garibaldis Schlafzimmertür blieb sie stehen und lauschte. Er keuchte und stöhnte, als sei er krank. »Vater Garibaldi!« rief Catherine. »Fehlt Ihnen etwas?« Sie legte das Ohr an die Tür und glaubte, Schluchzen zu hören. »Vater?« Sie klopfte. »Vater Garibaldi?« Catherine öffnete die Tür einen Spalt und blickte ins Zimmer. Mondlicht fiel durch das Fenster. Die Bettdecken lagen auf dem Fußboden. Garibaldi hatte offenbar einen Alptraum. Schweiß stand auf seiner Stirn. Er warf den Kopf unruhig hin und her. Catherine sah sein gequältes Gesicht und trat ins Zimmer. »Vater Garibaldi?« Er hatte die Augen geschlossen und biß die Zähne so fest zusammen, daß die Adern an seinem Hals hervortraten. Er trug kein Hemd. Die Muskeln an Armen und Oberkörper waren verkrampft. Er schien wieder einmal mit unsichtbaren Dämonen zu ringen. Catherine trat an das Bett. Sie legte Garibaldi die Hand
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die sie erschreckte.« »Nein«. »Vater Garibaldi. »Sie haben mich von einem sehr dunklen Ort zurückgeholt«.auf die Schulter und schüttelte ihn sanft. Ein Bild tauchte vor ihrem inneren Auge auf und verschwand sofort wieder. Er klammerte sich stumm einen langen Moment an sie. Sie sah das Goldkreuz. und trocknete sie mit der Hand ab. Vater Garibaldi. auf seinem nackten Oberkörper. sagte sie laut. Catherine blickte erstaunt in seine Augen. das Garibaldi immer trug. zog sie an sich und vergrub sein Gesicht an ihrem Hals. Sie spürte. Wachen Sie auf. Catherine hielt ihn fest. setzte sich auf und blinzelte benommen. Catherine ging zurück in ihr Schlafzimmer und zog den Bademantel über. Sie sah Angst darin und eine Verletzlichkeit. Als er ausatmete. Sie träumen. »Nein. »Sie haben geträumt«. Dann stützte er sich mit den Händen ab. murmelte er. sagte Catherine beruhigend. »Es ist alles gut. wie sein Körper vor krampfartigem Schluchzen zuckte. überlief ihn ein Schauer. »Sie haben einen Alptraum. »Ist alles in Ordnung?« fragte sie.« Er holte tief Luft. flüsterte er. bis er sie sah. »Möchten Sie darüber sprechen?« Er nickte. Catherine sah. Dann atmete er etwas ruhiger und löste sich von ihr. Er streckte die Arme nach ihr aus. Es war nur ein Traum. Instinktiv griff sie nach dem Jaguaranhänger und schloß die Finger darum. nicht…« Sie setzte sich auf den Bettrand. 400 . »Wachen Sie auf«. daß seine Wangen feucht waren. bitte wachen Sie auf!« »O mein Gott!« Er schlug die Augen auf.

wie ein schwarzes Fenster im Sternenhimmel über der Wüste wirkte. und er kam aus seinem Zimmer. Möchten Sie mir Ihren Traum erzählen?« Er ging zur Minibar und nahm eine kleine Flasche Mineralwasser heraus. war die Spannung im Raum spürbar. seine Arme um ihren Hals zu spüren. sondern zum Töten. Pangamot ist nicht zur Selbstverteidigung gedacht. bevor er sie absetzte und Luft holte. als sie sich auf die glatten Muskeln seines Rückens legten. daß ich Sie geweckt habe«. Als ihre Blicke sich trafen. Seine Hand hatte ihre Haare berührt. Er trug ein kariertes Hemd. Sie stellte fest. als habe sich sogar das Licht verändert. Da er nicht antwortete.Im Wohnzimmer schaltete sie die Lichter ein. Dann trat er ans Fenster. Warum machen sie es?« »Aus vielen Gründen«. Ihre Hände hatten gezittert. Es dauerte nicht lange. sogar Socken. Catherine hatte den Eindruck. Catherine blickte stumm auf seine Silhouette. Wieder glaubte sie. daß er sich angezogen hatte.« »Haben Sie oft Alpträume?« Er trank lange und leerte beinahe die ganze Flasche. sagte er und räusperte sich. daß Sie mich geweckt haben. Er sah sie an. wie ihr auffiel. Ich bin froh. 401 . sagte sie: »Ich hatte mich auf die Suche nach Ihnen gemacht und Sie in einem der Übungsräume entdeckt. Jeans und. »Es war schlimm. »Ich hatte nicht geschlafen. Ich habe Sie beobachtet. platinfarbene Mondlicht ins Zimmer. und der Abdruck seiner Lippen auf ihrem Ohr schien noch zu brennen. »Es tut mir leid. die wie ein Scherenschnitt. erwiderte er leise. schob die Vorhänge zurück und ließ das kalte.

Und ich möchte verstehen. »Ich würde Ihnen nie in meinem ganzen Leben weh tun. während er blicklos auf die Flasche in seinen Händen starrte. »Haben Sie die Kraft. Aber noch weniger gefällt mir. Aber jetzt bin ich völlig verwirrt.« »Sie wollen wissen. bevor er schließlich antwortete: »Ich bin in einem Haus aufgewachsen. Ich konnte es akzeptieren. von dem mir mein Verstand und mein Herz sagen. »Vielleicht hätte ich keine Angst. in dem Prügel die normale Form der Verständigung waren. In seinen Augen tanzten unruhige Schatten. erwiderte sie. es gefällt mir nicht.« Sie hob in einer Geste der Hilflosigkeit die Hände. Bitte haben Sie keine Angst vor mir. »Ich meine. daß es falsch ist. wenn ich verstehen würde.»Haben Sie jemals… einen Menschen getötet?« »Mit Pangamot? Nein. wie ich Priester sein und eine Kampfmethode ausüben kann?« »Ja«. um sich fit zu halten. setzte sich in einen Sessel gegenüber dem Sofa. ich würde Sie schlagen…« Er hob mit einem Ruck den Kopf. Ich sagte mir. warum mein Körper von etwas erregt wird. Er schien über seine nächsten Worte nachzudenken. was ich dadurch über mich weiß. was ich über Sie herausgefunden habe. Das müssen Sie mir glauben.« Er kam vom Fenster zurück. Pangamot sei wie Karate reine Selbstverteidigung. Mein Vater hat immer zuerst 402 . Zuerst dachte ich. die Sie mit dem Trainieren in sich kultivieren. wollte sie sagen. Sie tun es als eine Art geistige Disziplin. weshalb Sie es tun. unter Kontrolle?« fragte sie. Garibaldi. angenommen.

ich will die Spätnachrichten nicht verpassen. 403 .« »Hängt der Alptraum damit zusammen?« »In unserer Gegend gab es einen Laden. Ich kann es nicht beschreiben.geschlagen und später Fragen gestellt. Das hat mich hart und gefühllos gemacht. Er war ein riesiger Pole vom anderen Ende der Stadt. zog eine Pistole und wollte Geld. sagte er: ›Such dir was aus. Ich wurde danach mit meiner Brutalität zum Schrecken des ganzen Viertels. Damals entdeckte ich…« »Was haben Sie entdeckt?« Er sah sie mit seinen klaren Augen an. der Kirche in unserer Gegend einen Besuch abzustatten. und er sah wie ein Schwächling aus. Er ging an die Kasse. Er war ein netter alter Mann. Eines Abends habe ich mich mit ein paar Freunden betrunken. Der Pfarrer hat nicht die Polizei gerufen. Der alte Mann stand hinter der Theke und sagte: ›He. aber diese Kraft macht mir Angst. Er stammte aus Europa und sprach mit einem starken Akzent. Er war älter als ich. Da ich nicht von der Stelle wich. der den Kindern immer Bonbons schenkte. Er nannte mich immer Mickey. Er wollte gerade schließen. daß ich im Laden war. Seine Frau war vor ein paar Jahren gestorben. gleichgültig. ob er betrunken oder nüchtern war. Als Sechzehnjähriger war ich einmal noch spät in seinem Laden. Er gehörte einem alten Mann. Mickey. Vater Pulaski ging mit mir hinter die Kirche und hat mich windelweich geschlagen.‹ In diesem Augenblick kam einer dieser Junkies herein. Er wußte nicht. ich weiß nicht mehr wie er hieß. Dann meldete er mich im CVJM für einen Karatekurs an. aber dünn. »Daß es in mir etwas gibt das ich ständig unter Kontrolle halten muß. und wir beschlossen. sondern Vater Pulaski kommen lassen. einen altmodischen kleinen Laden.

Ich blieb stehen. Dann hörte ich die Schüsse. während dieser Junkie einem unschuldigen Mann das Leben nimmt. danach bin ich regelrecht ausgeflippt.‹ Der alte Mann sah. Die Augen des alten Mannes richteten sich unverwandt auf mich. daß ich etwas tun würde. Sie trafen den alten Mann dreimal in die Brust.« Garibaldi seufzte tief und stand auf. Ich stand einfach da.« Garibaldi ging wortlos in sein Schlafzimmer und kam kurz 404 . Eine Weile schien es keine Geräusche zu geben. Ich stehe in dem Laden. in einer Kirche Graffitti zu sprühen.Junge.« »Und wie sind Sie Priester geworden?« »Vater Pulaski hat mich auf den Weg gebracht. »erlebe ich im Traum immer wieder. bis er sich wieder unter Kontrolle hatte. Ich fand es zum Beispiel cool.« »Aber er wußte nicht. »Und das«. Ich habe es noch nicht einmal versucht…« »Er hatte eine Waffe. Er wartete darauf. denn ich befand mich hinter ihm. Es dauerte eine Weile. In diesem Augenblick schien plötzlich alles zu erstarren. Ich machte völlig verrückte Sachen. Aber ich war wie gelähmt. Der Junkie bemerkte mich nicht. daß ich hinter ihm stand. wie ich mit meinem Sechserpack Bier oder Coke oder was immer es war durch den Gang kam. als sei die Welt zum Stillstand gekommen. nahm das Geld aus der Kasse und rannte davon…« Garibaldi ließ den Kopf sinken. Er zitterte. Ich stehe untätig in dem Laden. das wirst du doch nicht machen! Damit ruinierst du dir das Leben. »Wie auch immer. sagte er schließlich tonlos.« »Das war nicht Ihre Schuld. Der Junkie sprang über die Theke. Sie waren erst sechzehn…« »Ich war sehr viel stärker als der Typ und habe dem alten Mann doch nicht geholfen.

als habe ihn ein Schlag getroffen. man kann die Gravur kaum lesen…« Catherine nahm die Uhr bewundernd in die Hand. Als ich 1984 schließlich das 405 . Vater Pulaski brummte: ›Also gut. sagte Garibaldi und gab ihr die Uhr.« Garibaldi sah Catherine an. Garibaldi ging im Zimmer auf und ab. »Sie stammte von seinem Lehrer. obwohl es ihm verboten worden war. ob ich nicht Priester werden sollte. berührte mit den Fingern die Glasscheibe und zuckte zurück. der sie. Ich erinnere mich. daß ich überlegte. erklärte er: ›Du bist zum Dienst des Herrn berufen worden.darauf mit einer Taschenuhr zurück. »Vater Pulaski war ein großer. wie sie sich in Catherines Vorstellung im letzten Jahrhundert über den runden Bäuchen wohlhabender Geschäftsmänner spannten. von seinem Lehrer bekommen hat. als er starb«. um mit ihm zu sprechen. Junge!‹ Ich fragte: ›Und was soll ich jetzt machen?‹ Da rief er mit Donnerstimme: ›Was für eine dumme Frage? Selbstverständlich folgst du dem Ruf!‹« Garibaldi blieb am Fenster stehen. die Messe muß jetzt auf Englisch gelesen werden! Man hätte wenigstens ein bißchen Latein beibehalten können! Wenigstens das Kyrie hätte man beibehalten sollen!‹ Keiner von uns brachte es übers Herz. Als ich ihm gestand. daß der Bischof kam. Es war eine alte Uhr an einer Kette von der Art. »Er hat sie mir an dem Tag geschenkt. daß das Kyrie der einzige griechische Teil der Messe war. Sie ist sehr alt. ihn daran zu erinnern. daß er sie regelmäßig hervorholte und aufzog. wie ich glaube. lauter. Dort entdeckte ich meine Begabung für Mathematik und mein Talent für den Umgang mit Computern. »Vater Pulaski veranstaltete eine Kollekte und schickte mich zur Schule. lärmender Pole. Nach einer Weile fuhr er fort: »Vater Pulaski war entschieden gegen die neue Messe und las bis zu seinem Tod die alte lateinische Messe. Catherine hatte bereits beobachtet.

was der Kirche gefährlich werden könnte. mit einem Richter. Ich weiß. Man hat sich einen unverfänglicheren Namen einfallen lassen: ›Die Kongregation für Glaubensdoktrin. sanfte Frau und sehr religiös. als wollte sie die Zukunft darin lesen. und diese Einrichtung ändert sich nicht dadurch.« »Ich weiß. Doch die Kirche sah in ihr eine Bedrohung. was sie wollte. war ich siebenundzwanzig und bereits seit sechs Jahren ein geweihter Priester.« »Seit 1965 heißt es nicht mehr Inquisition. dem Kommissar. Sie war eine liebenswerte. Catherine starrte auf ihre Handflächen. jemanden wegen seines Glaubens anzugreifen. wo Sie unterrichten?« Er gab keine Antwort. Vater Garibaldi? Warum sind Sie nicht in Ihrem Pfarrhaus oder an der Universität. Ich weiß. Ihre Aufgabe ist es. Dann sagte sie: »Ich habe Ihnen von meiner Mutter und von ihrer Arbeit erzählt.Examen in Computerwissenschaft ablegte. 406 . und einem Beisitzer. war. dann hoffte sie. Vater Garibaldi. Und weil sie an einem katholischen College unterrichtete. was die Kongregation tut. Der Mann aus dem Vatikan war ein Dominikaner und gehörte zum Offizium der Inquisition. »Warum sind Sie immer noch bei mir. alles zu untersuchen. machte die Kirche ihren Einfluß geltend. dem Assessor. den Glauben zu erhellen. daß man sie seit vierunddreißig Jahren anders nennt. daß diese Untersuchungen unter strenger Geheimhaltung durchgeführt werden. Das letzte.« Catherine legte die Uhr vorsichtig auf den Tisch. Schließlich schickte man jemanden aus Rom. sondern drehte sich um und blickte schweigend in die Dunkelheit. Wenn überhaupt. ich weiß über die Kongregation Bescheid: Wie das Tribunal eingesetzt wird.‹ Aber sie hieß sechshundert Jahre lang Inquisition. Anfangs widersetzte sie sich.« Sie ballte die Fäuste und fuhr dann mit schneidender Stimme fort: »Ja. Und ich weiß.

sie sei keine katholische Theologin mehr und verbot ihr. unseren Gemeindepfarrer. Und es war ihm nicht gelungen.daß sie jeden unter die Lupe nehmen. Man teilte ihr sogar mit.« »Was ist geschehen?« »Die Inquisition hat dem Papst empfohlen. etwas zu erreichen. Ich nehme an. empfand Vater McKinney das als eine persönliche Niederlage. die römisch-katholische Glaubenslehre zu unterrichten. Er hatte sie nicht überzeugen können. Am Anfang haben sie versucht. wir würden für unsere Sünden in der Hölle 407 . Die anderen Kinder in der Schule gaben meiner Mutter Schimpfnamen und sagten. Vater McKinney kam zu uns nach Hause und verlangte von meiner Mutter. Vater McKinney stand auf der Kanzel. »Vater McKinney genügte das nicht. ihre Argumente zu widerlegen. Es war schrecklich. Meine Mutter fügte sich. Aber sie verwickelte ihn immer in leidenschaftliche Diskussionen und erklärte. über Vater McKinney. Sie ist nie mehr zum Gottesdienst gegangen. Ich spürte jedesmal. als schließlich der Vertreter des Vatikan erschien. Er hatte das Gefühl. sprach in seiner Predigt über Ketzerei und blickte dabei auf meine Mutter. Catherine seufzte. Meine Mutter stand auf und verließ mit hoch erhobenem Kopf die Kirche. weiterhin zu schreiben oder zu veröffentlichen. Die ganze Gemeinde starrte uns an. von meiner Mutter gedemütigt worden zu sein. ihre Angriffe gegen die Kirche einzustellen. wie die Leute uns anstarrten. der eine Gefahr für die Einheit der Kirche darstellen könnte. die Kirche müsse sich im Einklang mit den Bedürfnissen ihrer Mitglieder entwickeln. meine Mutter ihrer Stellung zu entheben und ihr die Befähigung abzuerkennen. Ich werde den Sonntag nie vergessen… damals war ich zehn. Aber«. Danach besuchten nur noch mein Vater und ich die Sonntagsmesse.

daß es Ihr Vater war. Die fünfte Klasse kicherte und flüsterte. ein Stamm kämpfte gegen einen anderen. wie die Ärzte sagten. »mit Medikamenten und Bibeln. Aber ich weiß. Ich wußte nicht. Mein Vater und seine Begleiter gerieten in Gefangenschaft. das war später. Man hat sie als Spione hingerichtet – meinen Vater. Man zeigte immer wieder die Photos der Hingerichteten…« »Ich kann mich an den Fall erinnern. daß meine Mutter jeden Sonntagmorgen ihren eigenen Gottesdienst hielt. während sie neben dem Pult der Lehrerin auf einem Hocker stand. weil etwas Feuchtes an ihren Beinen hinunterlief. Sie blieb eine gläubige Katholikin. Meine Mutter starb ein paar Monate später – an Lungenentzündung.« »Man brachte seine Leiche zurück. als plötzlich ungebeten ein Bild vor ihr auftauchte.« Catherine schloß die Augen.« »Sind Sie deshalb aus der Kirche ausgetreten?« »Nein. nach dem Tod meines Vaters. sie ist an gebrochenem Herzen gestorben. der von der Spitze der Pyramide des Luxor Hotels wie ein Weg in eine andere Galaxis in den Himmel stieg. fuhr sie fort. einen Priester und drei Nonnen.« Catherine stand vom Sofa auf und trat neben Garibaldi ans Fenster. In den Nachrichten wurde darüber berichtet. Er bekam ein großes katholisches Begräbnis und wurde auf einem katholischen Friedhof begraben. Deshalb wurde sie schließlich exkommuniziert. die Sakramente zu empfangen. weigerte sich aber. Sie blickte mit zusammengekniffenen Augen auf den Laser-Lichtstrahl.büßen. »Die Leute wußten nicht. Meine 408 . Es kam in dem Land zu einem Umsturz. »Mein Vater fuhr in einer Friedensmission nach Afrika«. Ihr Gesicht glühte vor Scham.

Sie würde nicht im Schoß der katholischen Kirche sterben. an der Seite meines Vaters begraben zu werden. »Ich ging aus dem Zimmer. und ausgerechnet Vater McKinney kam. Kurz vor ihrem Tod erklärte sie sich nach all den Jahren der Abkehr von der Kirche dazu bereit…« Catherine holte tief Luft und stieß sie langsam wieder aus.« 409 . Ich ging ins Zimmer zurück. wenn meine Mutter beichtete und die Absolution erhielt. es sei ihr größter Wunsch. an mir vorbei. »Meine Mutter bat mich. Ich weiß nicht genau. meine Mutter wollte ungestört sein. »An dem Abend. Ich weiß noch. Aber das war nur möglich. Es war. ohne ein Wort zu sagen.Eltern hatten sich sehr geliebt. als sei das der Höhepunkt der vergangenen Auseinandersetzungen. lag etwas Gefährliches in seinen Augen. Aber Vater McKinney…« Catherine mußte sich zwingen. weiterzusprechen. Aber es war zu spät. und ohne meinen Vater gab es für meine Mutter keinen Grund mehr. einen anderen Priester zu finden. eine Art Triumph. da kam Vater McKinney mit hochrotem Kopf heraus und stürmte wütend. sie hatte keine Absolution und keine Sterbesakramente erhalten. Sie spürte Garibaldis Blick. als es ihr nach einer kurzen Pause gelang. Sie hingen aneinander. was dann geschah. aus denen nur einer als Sieger hervorgehen konnte. aber ich dachte. als sei er gekommen. einen Priester zu holen. als meine Mutter starb. Ich hätte es nicht tun sollen. Ich rief im Pfarramt an. sagte sie mir. Es dauerte nicht lange. Die Stimme klang tonlos. Meine Mutter wollte nur in Frieden sterben und neben meinem Vater begraben werden. Ich versuchte. Meine Mutter weinte. damit sie in alle Ewigkeit Zusammensein könnten. Ich wußte. weiterzuleben.« Catherine sah Vater Garibaldi an. um endgültig mit meiner Mutter abzurechnen. als er in das Krankenzimmer trat.

erwiderte Garibaldi. wir sind Seelen. »Du mußt nicht traurig sein«. Wenn Ihre Mutter allerdings Gott direkt um Vergebung gebeten hat«. hatte Nina geflüstert. wenn wir sterben?« »Wenn wir sterben. Sie hörte ihre letzten Worte. Sie verstand die Worte nicht genau. und das muß ich auch predigen. sondern auf dem städtischen Friedhof. »Vater Garibaldi. den sie liebte. was zwischen Ihrer Mutter und diesem Vater McKinney vorgefallen ist. nicht einmal in geweihter Erde. kehren wir zu Gott zurück.« War sie tatsächlich zu ihm gegangen? »Wohin ist meine Mutter nach ihrem Tod gegangen? Wo ist ihre Seele jetzt. hat die Kirche. In meinem Herzen kann ich nicht glauben.« Catherine sah ihre Mutter in dem einfachen Krankenhausbett vor sich. wie Garibaldi etwas murmelte. fügte er sanft hinzu »dann ist ihr verziehen worden.Sie hörte. Haben tun wir den Körper… vorübergehend. doch es klang wie ›Ora pro nobis. ohne von ihren Sünden losgesprochen zu sein? Was ist mit der Hölle?« »Als Priester glaube ich an die Strafen der Hölle. mit denen sie ihre Tochter tröstete. Sie hatte auf ewig mit dem Mann Zusammensein wollen. anstatt von ihr getröstet zu werden. wenn sie eine Seele hatte?« »Wir haben keine Seelen. meine Mutter in alle Ewigkeit zu verdammen?« »Diese Frage kann ich nicht beantworten«.« Catherine wandte den Kopf und sah ihn an. die sterben. »wenn ich nicht weiß. bitte für uns‹. »Meine Mutter wurde nicht neben meinem Vater begraben. hat ein einfacher Pfarrer das Recht.« »Und was geschieht.« »Was ist mit Menschen. daß der himmlische Vater uns geschaffen hat. »Ich gehe zu deinem Vater. damit er uns nach dem Erdenleben zu ewigen Qualen 410 .

« »Warum nicht?« »Weil ich keine gläubige Christin bin.« »Dann hilft es.« Catherine sah zu.« »Werden Sie für meine Mutter beten?« »Ja.verdammen kann. Das Problem ist. »Nicht nur Vater McKinney«.« Wie. sagte sie.« »Jeder wird mit der Sehnsucht nach dem verlorenen Himmel geboren. den Weg dorthin zurückzufinden. wie er austrank und die leere Flasche auf die Minibar stellte.« »Sie wollen also. daß wir dort bleiben. Ich wünschte. Wie? Garibaldi drehte sich um und ging zur Minibar. ich könnte so gläubig sein wie meine Mutter. »Meine Gebete würden nichts nützen. bis jemand für unsere Erlösung betet. ich möchte glauben. »Wie kommen Sie darauf. daß ich für Sie glaube?« Sie sah ihn wieder an. wenn die Hinterbliebenen für die Seelen der Toten beten?« »Ja.« »Und das Fegefeuer?« »Ich glaube an das Fegefeuer und daran. wollte sie fragen. »Ich fühle mich in der Nähe von gläubigen Menschen nicht wohl.« »Wollen Sie Julius deshalb nicht heiraten?« Sie zog die Augenbrauen hoch. daß Sie mich bei unserer ersten Begegnung abgelehnt haben. »Vater Garibaldi. »Vater McKinney ist also der Grund dafür. Aber auch Sie können beten. ich würde ihn nicht heiraten!« 411 .« Sie wandte sich von ihm ab und vom Anblick der verführerischen Stadt der Spieler.

weil mir das alles genommen worden ist. Wie kann da nur eine Religion richtig sein und alle anderen falsch?« »Ich glaube.« »Aber denken Sie an die Menschen. »Denken Sie an alle Religionen. »Vater Garibaldi«. Es ist eine wunderbare Religion. Ich liebe ihn. denen Sabina begegnet ist« erwiderte Catherine. Ich fühle mich bestraft.« Er lächelte. die sie unbedingt stellen wollte. welche Verschwendung das sei. ist der katholische Glaube der wahre Glaube?« »Ich glaube. Er hält sich an die Regeln und Gesetze seiner Religion. Mit einem solchen Mann könnte ich nicht zusammenleben. ja. obwohl sie sich beinahe davor fürchtete. Wie viele junge Mädchen in Vater Garibaldis Gemeinde waren wohl heimlich in ihn verliebt? »Vater Garibaldi. Vielleicht liegt es an etwas. fehlen mir der Weihrauch. die es in der Geschichte der Menschheit gegeben hat. Deshalb bin ich so wütend.« Sie sah Garibaldi an und mußte daran denken. »Hassen Sie den katholischen Glauben so sehr?« »O nein. begann sie »was hätten Sie am Sterbebett 412 . Er würde mich ständig an das erinnern. die Antwort darauf finden Sie nur in sich selbst.« »Julius ist ein sehr religiöser Mensch. was mir fehlt. das Sie gesagt haben.« Er sah sie an.« Es gab noch eine Frage.« »Sie können es zurückbekommen.»Ich weiß nicht. »Oder nicht gesagt haben. die Beichte und die Tröstungen. die Heiligen. Obwohl ich nicht länger gläubig bin.« »Nein. wie die Schüler der katholischen Schule beim Anblick einer hübschen Nonne oder eines gutaussehenden Priesters immer sagten. das kann ich nicht.

« Er ging mit großen Schritten zur Tür.« Catherine nickte. der gerade aus ihrer Suite gekommen war. Der 413 . Dann räusperte sie sich und sagte: »Wie auch immer. Warten Sie nicht auf mich. Er schien plötzlich unruhig zu werden. Auf dem Dach waren nur wenige Gäste. Catherine blickte auf die Tür und überlegte. Sie mußte ihn zur Rede stellen.« Damit verschwand er. jetzt wissen Sie. In der Beichte hatten Vater McKinneys persönliche Meinungsunterschiede mit Ihrer Mutter und die Aussagen in den umstrittenen Büchern nichts zu suchen. »Jede Form von Gewalt stößt mich ab. und sie dann losgesprochen. sagte er unvermittelt.« »Ist sie jetzt bei meinem Vater? Sind sie zusammen?« »Darauf kann ich Ihnen keine Antwort geben. Aber ich kann Ihnen versichern. Dort oben sei ein Garten mit Springbrunnen und Tempeln. daß Sie…« »Ich verstehe«. Seine Reaktion war unverständlich. unterbrach er sie. Ich bin immer noch entsetzt über die sinnlose Gewalt. wie er auf die Uhr blickte. der ihr sagte. »Ich würde lieber allein gehen. und sie sah. »Ich komme mit. Im Flur entdeckte sie einen Zimmerkellner. »Ich gehe an die frische Luft«. habe ihn nach dem Fahrstuhl zur Dachterrasse gefragt. Das überraschte sie. deshalb zog sie sich an und folgte ihm. der Mann. Es verwirrt mich. warum ich Pangamot ablehne. was gerade geschehen war. Doch Catherine hörte eine gewisse Härte in seiner Stimme.meiner Mutter getan?« »Ich hätte Ihre Mutter gefragt. daß Beten hilft. ob sie ihre Sünden bereut.« Sie sah ihn an. durch die mein Vater gestorben ist.

»Sie haben mich gefragt. Er läßt mich nicht mehr zur Ruhe kommen. daß Sie das abstößt.« Seine Worte kamen schnell. Ich werde Ihnen etwas sagen. wie ich mich fühle. aber dann kam er wieder. nicht einmal Vater Pulaski. Ich dachte. warum ich bei Ihnen bleibe und nicht zu meinen Aufgaben zurückkehre. Inzwischen kommen mir jedoch Zweifel. daß Catherine auf ihrem Weg zwischen den Farnen und Palmen unwillkürlich an Winter und Schnee dachte. Ohne etwas zu sagen. Ich habe wie besessen versucht zu verstehen. es ist mein Gewissen. »Können Sie sich vorstellen. sondern an meiner Berufung. mich in seinen Dienst zu rufen. Garibaldi stand am Geländer und blickte auf die Wüste. er habe mich in diesem Augenblick dorthin gestellt. das mich nach all den 414 . Ich bin gezwungen. wie sie darauf reagierte.Wüstenwind wehte so kalt und scharf.« Er schwieg. Selbst bei Tag verfolgt mich inzwischen das anklagende Gesicht des alten Mannes. stellte sie sich neben ihn. als fürchte er. Garibaldi brach das Schweigen. Deshalb wurde ich Priester. der Vorfall in dem Laden sei Gottes Art gewesen. was das zu bedeuten hat. den Vorfall immer neu zu erleben. aber nicht an meinem Glauben. Dann fuhr er fort: »Ich hatte den Alptraum jahrelang nicht mehr. »Ich glaubte lange Zeit. der Mut werde ihn verlassen. seit ich weiß. als wollte er warten. das ich noch keinem Menschen gesagt habe. die hinter der hell erleuchteten Stadt wie ein endloses drohendes Reich der Dunkelheit begann.« »Ist es Ihnen gelungen?« »Ich glaube. damit ich einen anderen Weg einschlagen würde. was ich tue? Daß Pangamot Ihnen Angst macht? Daß ich Ihnen Angst mache?« Unvermittelt sah er sie an. der mich zu ihm führt.

ob Sie ihn hätten retten können. um mein Gewissen zu erforschen und herauszufinden. mache ich mein Versagen an jenem Abend wieder gut. Ich habe die Gelübde abgelegt.« »Aber warum. Ich wollte herausfinden. daß ich an jenem Abend dem alten Mann nicht geholfen hatte. Ich bin nach Israel gegangen. die möglicherweise Gottes Botschaft erhellen können.« »Vater Garibaldi…« »Ich habe Ihnen gesagt. Ich bin aus egoistischen Motiven Priester geworden. Garibaldi in seinem kurzärmligen Hemd schien die Kälte überhaupt nicht zu spüren.Jahren wieder quält. was ich am Tag meiner Priesterweihe empfand? Ich will es Ihnen sagen. Ich hatte das Gefühl. »Darum geht es nicht! Wissen Sie. Vater Garibaldi? Sie wissen nicht. mir sei endlich verziehen worden. Ich befand mich auf einer persönlichen Pilgerreise. Ich empfand keine Freude oder religiösen Hochgefühle. Ich fühlte mich nur erleichtert. Das stimmt nicht. obwohl sie eine Jacke trug. um meine Seele zu retten. und deshalb bin ich ein Betrüger. Priester zu werden! Man wird Priester. ob ich geeignet sei. das ist kein Grund. weil man Gott dienen will. ob die Schriftrollen die Antwort auf meine Fragen enthalten. indem ich Gott diene. Und deshalb bin ich bei Ihnen geblieben. Ich kam in den Sinai und wurde in die Sache mit den neu entdeckten Schriftrollen hineingezogen. Aber das stimmt nicht! So einfach ist das nicht. Priester zu bleiben. Catherine legte schützend die Arme vor den Oberkörper. Aber du liebe Zeit. mir einzureden. weil man sich auf diese Weise vor seinen Schuldgefühlen verstecken kann! Ich versuchte. ich hätte in Israel Urlaub gemacht. Ihr war kalt.« Der Wind wurde noch heftiger. und nicht.« 415 .

aber Sie geben nicht auf. Vielleicht werde ich es nie können.« Er lachte leise.»Welche Antwort. »Sie wollen mir wirklich helfen? Sie hassen Priester. sagte sie. »Wir sind uns sehr ähnlich. Ja.« Er faßte sie plötzlich an den Schultern.« »Vater Garibaldi. und doch möchten Sie mir helfen?« Er blickte in den Himmel. und der Wind trug ihre Stimme hinaus in die Wüste. Gewalt zu verabscheuen. rief sie. »Ich habe deinen Vater rufen lassen. Sie zuckte unter der Berührung zusammen. Vater Garibaldi? Sollen die Schriftrollen Ihnen sagen. als er hinzufügte: »Beim Pangamot wären Sie eine ernstzunehmende Gegnerin. aber jeder kämpft in einer anderen Arena. »Du bist ein schmutziges kleines Ungeheuer«. Vielleicht 416 . noch nicht. Irgendwo dort draußen gibt es Männer. und er ließ sie wieder los. »Wenn es das nicht ist«.« »Es ist leicht zu kämpfen«. betrachtete lange die Sterne und sah sie dann wieder an. hatte Schwester Immaculata gesagt und Catherine vom Hocker gezerrt. Sie und ich.« Aber genau aus diesem Grund hatte sich ihr Konflikt bis ins Unerträgliche gesteigert. »Das Schwere ist…« »Ist was?« »Ich habe meinen Vater geliebt. daß Sie ein Widerspruch in sich selbst sind? Sie behaupten. Wir ringen mit Dämonen. wenn Sie allem Anschein nach keine Chancen haben zu gewinnen. »Wissen Sie.« Er ließ die Arme sinken und lächelte. bitte lassen Sie mich Ihnen helfen. »Was dann? Sagen Sie es mir!« »Ich kann es nicht sagen. Es klang beinahe anerkennend. ob Sie Priester bleiben oder nicht?« Er erwiderte nichts. und doch kämpfen Sie. die Sie töten wollen. ich habe ihn angebetet.

Ich habe sie für seinen Tod verantwortlich gemacht. Als er schwieg. verharrte sie noch einen Augenblick in seinen schützenden Armen. daß ich meine Worte bereute. daß sich mein Vater getrieben fühlte. ihre angebliche Sünde gutzumachen. Jedem war klar. um es 417 . dachte ich. »Was ist mit morgen?« »Ich fürchte. während sie mit den Tränen kämpfte und um die Beherrschung rang. weil sie sich ihrer Gefühle schämte. und beschloß. sagte sie mit belegter Stimme und drehte sich um. und flüsterte leise ein Gebet. »Wegen morgen…« Sie drehte sich um. und ich konnte ihr nicht mehr sagen. wir werden ausziehen müssen. bevor sie sich von ihm löste und ein paar Schritte zurücktrat. Ärgerlich wischte sie sich das Gesicht und murmelte verlegen: »Ach verdammt!« Garibaldi nahm sie wortlos in die Arme. Sie hatte plötzlich das Bedürfnis. das ist die Wahrheit. Ein paar Monate später starb meine Mutter. daß er die Friedensmissionen in alle Welt unternahm. sagte er. die eine Nonne und keine Sünderin ist. den kalten Wind zu spüren. bis morgen früh zu warten.« »Der Bruch meiner Mutter mit der Kirche hat dazu geführt. habe ich zu meiner Mutter schreckliche Dinge gesagt. Er hielt sie fest. fügte sie betont energisch hinzu. »Wir gehen besser nach unten«. Nichts davon war wirklich so gemeint. sie schliefen.« »Wie meinen Sie das?« »Als ich vom Fitneß-Zentrum zurückkam. »Ach. übrigens«.kann er dir etwas Achtung vor deiner Lehrerin einbleuen. wie du es bist. »Morgen wartet eine Menge Arbeit auf uns«. So wahr mir Gott helfe.« Catherine liefen die Tränen über die Wangen. Als er erschossen wurde.

sind wir völlig pleite. stand die Tür meines Schranks im Umkleideraum offen. daß ich sie wiederbekomme. Abgesehen von den zwanzig Dollar.« »Na gut«. und als ich herauskam. die Sie noch haben. aber man macht mir keine großen Hoffnungen. »Ich war nach dem Training im Dampfbad.« »Weg! Sie meinen gestohlen?« »Ich habe es der Hotelleitung gemeldet.Ihnen zu sagen. wie wir wieder zu Geld kommen.« 418 .« Er machte eine Pause. Es tut mir leid. »dann müssen wir uns etwas einfallen lassen. Meine Brieftasche ist weg. sagte sie.

als sich Erika neben ihm im Bett bewegte. Teddy 419 . der ihn im Moment am meisten interessierte. was auch nur entfernt mit den Sabina-Schriftrollen in Zusammenhang stand. daß Erika wieder schlief. die er mit der Suche nach allem beauftragt hatte. Das hatte er am Tag zuvor entschieden. »Hat Voss wieder Post bekommen?« Es war Teddy mühelos gelungen. Mr. hatte er keine guten Nachrichten erhalten. Von den drei Technikern bei Dianuba. warf Miles schnell einen Blick auf den Bildschirm. ob aus Kairo weitere Übersetzungen angekommen seien. Es war auch keine neue Datei ausgedruckt. Das Institut hatte zum Schutz der E-Mail zwar ein Verschlüsselungsprogramm installiert.Santa Fe. Er wollte sehen. »Da ist wirklich etwas Verrücktes…« Miles legte den Hörer auf und wollte aufstehen. Als er die unterirdische Computer-Zentrale betrat. Ihre aschblonden Haare auf den Kissen machten sie noch zerbrechlicher und zarter. New Mexico »Sie sollten herunterkommen. Die Schriftrollen waren für Erika bestimmt. »Was gibt es?« fragte er. Er vergewisserte sich. Havers«. ein Produkt von Dianuba. Der Korb für die E-Mail war leer. sagte Teddy. »Liebling…?« »Ich muß nur rasch etwas erledigen.« Er griff nach seinem Hausmantel aus kastanienbrauner Rohseide und zog ihn an. wo Teddy Yamaguchi allein vor den elektronischen Geräten im Wert von mehreren Millionen saß. Schlaf weiter. doch es handelte sich dabei um Keep Out. Für dich…. den Computercode des Freers Instituts zu knacken und die für Julius Voss bestimmte Post zu lesen.

‹ Eine vierte lautete: ›Sie hat die Schriftrollen und wird sie der ganzen Menschheit zum Geschenk machen.konnte sich einwählen. es geht ihr gut. Teddy gab sich keine Mühe. Alexander das Land verlassen habe als Voss eine weitere Nachricht desselben Inhalts. die Arme lagen eng am Körper. die Tastatur hatte er auf dem Schoß. keine E-Mail für Voss«. wirklich zu staunen. Seine Augen klebten geradezu am Bildschirm. diesmal aus Denver. daß ihr System geknackt worden war und jemand die Unterlagen las. Teddy hatte aber einen Grund. Sehen Sie sich das an. bei Voss diskret vorzugehen. Bis jetzt! »Nein. und die Finger trommelten flink auf den Tasten. Alexander feststellen zu können. als bilde ein Netz von Neuronen 420 . aber keine von Bedeutung. daß jeder jeden überwachte. sagte Teddy. Die erste Nachricht für Voss war am Abend zuvor eingegangen. Die dritte Nachricht kam wenige Minuten später aus Seattle. aber nicht verhindern. Seitdem waren ständig eigenartige Nachrichten eingegangen. ob Dr. Teddy warf niemals einen Blick auf die Tastatur. sobald sie mit der Übersetzung fertig ist. Es war eine Wiederholung der ersten beiden.‹ Teddy verfolgte die Nachrichten sofort zu den Absendern zurück. »Es ist etwas wirklich Seltsames. In diesem Spiel wußten inzwischen alle Beteiligten. Das machte nichts. allerdings mit dem Zusatz: ›Sie hat Daniel Stevenson nicht umgebracht. daß die Computer die Benutzer im Freers Institut darauf hinwiesen. ohne jedoch eine Verbindung zwischen ihnen und Dr.« Er saß in seiner gewohnten Haltung am Computer: Der Stuhl war zurückgekippt.‹ Teddy und Miles hatten noch darüber gerätselt und sich gefragt. ein knapper Satz von einem Computer in England: ›Catherine lebt. erhielt.

sehen Sie selbst. erwiderte Teddy.telebyte. »Warten Sie«. naja. Catherine Alexander läuft um ihr Leben. 421 . Als er sagte: »Ich habe mich in einen Kanal eingeschaltet. was in Cyberland im Augenblick alles vor sich ging. Francie! [Catbox] Willkommen. Gib das weiter. handelte es sich nur um den üblichen Schwachsinn. Internet-Unterhaltungen hatten die Kneipen ersetzt. um Leute kennenzulernen. Francie. »Sie haben über Baseball geredet«. [Mike] Hi. seinem Hirn und seinen Fingern. Dabei stopfte er sich seine Lieblingssnacks aus Tüten in den Mund und spülte sie mit Snapple. Nach dem üblichen MOTD und einigem Hin und Her erschien der Dialog: [Catbox] Was plant ihr denn alle so für Sylvester? [CelsiuS] Mike. Soweit er sehen konnte. Sie wird von Killern verfolgt. wenn er die Chat-Kanäle durchging und sich ein – und auswählte. daß Teddy von einem Internet Relay Kanal sprach. hinunter. »Was kümmert uns das?« fragte Havers irritiert. erklärte Teddy.« Havers blickte auf den Bildschirm. hallo. der Unterschied ist Zwei.com. dem Mode-Drink seiner Generation. der eigentlich ›Echtzeit-Chat‹ hieß. um zu sehen.und Dendronen eine unsichtbare Brücke zwischen dem Monitor. der Felines heißt«. Woher bist du? [Francie] Dr. wußte Havers. während der übrige Körper völlig passiv blieb. »Als plötzlich…. Die Gespräche waren genauso oberflächlich geblieben. in die man früher gegangen war. [SERVER] Francie! ~fjames@kendaeo. Teddy entspannte sich. Sie ist unschuldig.

und verschwinden wieder. sagen.« »Seit wann?« »Nach meiner Berechnung schon die ganze Nacht. ihr irgendwie zuvorzukommen. Jemand versucht. hier bin ich. Als ›Rächer‹. Bleib cool. «SERVER»Moondoggy!phil@atcom.co. Catherine Alexander umzubringen. Alexander unschuldig ist. «SERVER»Willkommen bei #Planeten [figgyg] Hi. Rächer! Hier hast du ein Coke.il. Sie hat die Schriftrollen und beschützt sie für uns alle vor den Killern. könnten wir ihre Adresse feststellen…«. *figgy2 gibt Rächer ein Coke. bereits in einem Kanal zu warten. als jage unsere kluge Dr. Leute wählen sich in eine Gruppe ein. »So geht es schon die ganze Zeit. als suche er etwas. [bOzO] figgy2. [MoonDoggy] Hallo. Alexander von einer Kneipe zur anderen. «SERVER»Einundvierzigplus. Wenn wir es schaffen.[SERVER] Francie hat sich verabschiedet. loggte er sich im IRC ein und sprang von einem Forum zum anderen. »Was soll das bedeuten?« fragte Havers. «SERVER»MoonDoggy hat sich verabschiedet. Für meine Dienste /msg Foxy [Cream] Weihnachtseinkäufe Ähhhhh!!!! 422 . beantworte meine Fragen. der Deckname aus seiner Zeit als Hacker. hallo. daß Dr. »Es sieht ganz so aus. sagte Miles nachdenklich. bevor sie sich einwählt. Und offenbar springt sie willkürlich in den Kanälen herum.« Miles zog einen Hocker heran und setzte sich an den nächsten Monitor.

ac. «SERVER»Maynard! ~rismith@alice.H. »Aber was sind das für Leute?« fragte Havers und klickte sich gerade rechtzeitig in #Geologie ein. Catherine Alexander hat Daniel Stevenson NICHT ermordet. Nein.brad. die er gleichzeitig beobachtete. «SERVER»Carlos hat sich verabschiedet. daß das Dr. Bist du F oder M? [Gollee] ToTo: mußte die Katze hereinlassen. Mr. Alexander in Ruhe lassen. Maynard.S. »Diese vielen Adressen… das sind verschiedene Leute!« Teddys Augen funkelten und blitzten.L. Er hatte seine Haltung verändert und saß inzwischen wie eine sprungbereite Katze vor zwei Bildschirmen. 423 . er sei direkt mit den Computern verdrahtet.D.us.C. [Cream] Hi.com. Teddy gab achselzuckend #Zippers ein.N.[ToTo] Größe sechs. Wovon haben wir geredet? [Maynard] Sag allen. die sich zu Catherine Alexanders Verteidigern gemacht hatten. sagte Teddy.G. die du kennst. hallo. Dr. Im nächsten Augenblick erschien auf dem Bildschirm: «SERVER»Carlos!mongo@dianuba. während er gebannt auf die Bildschirme starrte. Havers«. Alexander ist. hallo. und die Bullen werden sie NICHT fassen.I. «SERVER»Maynard hat sich verabschiedet. um zu sehen: [Carlos] Sagt den Bullen. »Ich glaube nicht. vielleicht acht. Man hatte den Eindruck. sie sollen Dr. Sie ist U. »Außerdem sind sie überall auf der Welt«. drückte die ENTER-Taste und wurde mit Hallo Mouse – seinem IRCNamen – begrüßt. glaube ich. fügte er hinzu und hüpfte ebenso schnell durch die Kanäle wie die Leute.U.

weil die Leute in allen möglichen Foren dieselbe Nachricht lasen. daß eine Welle zu einer gewaltigen Woge anschwoll. Carlos hatte sich gerade erst im letzten Kanal verabschiedet.edu. Gebt es weiter. sie hat niemandem irgendwelche Schriftrollen gestohlen. mouse. Teddy faßte sich mit beiden Händen an den Kopf.cac. den Kanal wechselten und sie weitergaben.psu. sorry. Das Summen der Klimaanlage und das blitzschnelle Klack Klack der Tasten von zwei Tastaturen unter Teddys Händen waren die einzigen Geräusche im Raum. [Troy] Hallo Figgy2.»Schon wieder Carlos!« rief Teddy. [LadyGray] Olé. und sie hat geheimes Wissen über das neue Jahrtausend. schob die Hände in die Taschen seines Hausmantels und blickte zu Teddy hinüber. Live-Diskussionen am Bildschirm 424 . Mouse. «SERVER»figgy2 hat sich verabschiedet. Teddy wechselte zu #German. auch er klickte von einem Kanal zum anderen und stellte staunend fest. auf denen die Informationen mit der Geschwindigkeit von Kamerablenden wechselten. Mann! «SERVER»Figgy2!ashame@ppp26. Catherine Alexander hat Daniel Stevenson nicht umgebracht. Wie geht’s? Ich bin in Spanien. Die unzähligen Gespräche. sie will in Ruhe gelassen werden. Er stand unvermittelt auf. [Figgy2]Sagt allen in Deutschland. »Unglaublich! Die Drähte glühen! Die kleine Alexander hat bald die ganze Welt auf ihrer Seite!« Havers sagte nichts. Hallo Maus. dessen Augen noch immer an den Monitoren hingen. Sorry. hallo. In seinen Augen spiegelte sich das Leuchten der beiden Bildschirme. Wo bist du? [CorVette] Jetzt haben wir fünf Länder.

diese Foren waren nur 425 . aber sie stellen sich auf ihre Seite. Und die Information verbreitet sich so schnell wie ein Virus. »Wo hat es angefangen?« fragte Havers stirnrunzelnd. doch Havers ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Die Menschen hatten sich eine neue Dimension erobert: Cyberspace. Der junge Mann mochte recht haben. in einem IRC-Forum. Räume ohne Wände -. Sehen Sie. Vor vierundzwanzig Stunden hatte Catherine Alexander noch als der Antichrist gegolten. einfach überall. Mann. denn er war nur einer der vielen Millionen. Teddy schüttelte den Kopf. daß ich nicht mithalten kann. im Augenblick gehört ihr das Internet!« Hatte Teddy seine Gedanken erraten? Miles lächelte kaum merklich. Es kann überall gewesen sein. die nur dank Online und ISDNVerbindungen möglich waren – Namen ohne Menschen. »Unmöglich. Mr. einer News-Gruppe. schienen jedoch nicht mehr von dieser Welt zu sein. Jeder greift die Meldung auf und wechselt so schnell den Kanal. Catherine Alexander war nicht nur im IRC. Im neuen Jahrtausend würde Cyberspace bereits zum Alltag gehören wie Wasser. gerade haben sich drei neue Leute zugeschaltet. Das ganze Internet scheint verseucht! Die Leute wissen nicht einmal. Worte ohne Stimmen. Havers. Miles stand einen Augenblick wie gebannt da und sah zu. Jetzt war sie plötzlich eine Heldin. Das ist mein Reich.und der ständige Fluß der Nachrichten über alle Entfernungen hinweg. Ich werde sie wie lästige Fliegen vernichten. Teddy hatte nicht den Überblick wie Miles. In Cyberspace werden alle von mir manipuliert. Erde und Luft. die mit und durch Cyberspace lebten. das herauszufinden. denen ich bereits auf anderen Kanälen begegnet bin. wer Catherine Alexander ist. Miles kannte die Psychologie des Internet. Ich bin der ungekrönte Herrscher dieser neuen Welt! Rebellen hat es schon immer gegeben.

und jeder redete über diese Frau. Cathy. die nichts anderes vom Leben zu erwarten hatten. »Lauf. Havers ging an der Reihe von Bildschirmen entlang zu einem. Havers hatte sich ausgerechnet. daß sie Lycos und InfoSeek bald ausgeschöpft haben und ihre Suche auf weniger bekannte Datenbanken ausdehnen würde. daß sogar ihr Photo in Form von Millionen Bytes um die Welt ging – Sie hatte die Frechheit besessen. NewsGruppen sprachen im Augenblick über sie. E-Mail flog auf dem ganzen Globus hin und her. bei jeder Unterhaltung im Web tauchte ihr Name auf. sich eine Sache zu eigen gemacht. von der sie nichts verstanden. ein 426 . Transmitter. als Server. lauf!« Das war der Schlachtruf der Verdammten. Er richtete das Angebot einer nicht existierenden PapyrusSammlung ein und setzte sie auf ›Fred’s Seite‹. auf dem eine Homepage mit dem Titel PAPYRUSSAMMLUNG LONGPORD zu sehen war. die Süchtigen der neuen Dimension.« Sie hatten diese Datenbank vor drei Tagen installiert.die Spitze eines sehr viel größeren Eisbergs. »Hat sich jemand hier gemeldet?« fragte er lauernd. Message-Übermittler zu sein. Catherine Alexander im LinkNet von Orange County ausfindig zu machen. »Nein. der Cyberspace-Öffentlichkeit zu erklären: »Ich werde die Schriftrollen der ganzen Menschheit zum Geschenk machen. die keiner kannte. von Island nach Neuseeland. von Johannesburg nach Deutschland. obwohl sie ›Cathy‹ nicht einmal kannten. niemand. nachdem es ihnen nicht gelungen war. Miles zweifelte nicht daran.« Deshalb hatten seine zahllosen Untertanen. die jemand wie Catherine Alexander noch für sich und ihr Leben beanspruchte. Vielleicht ahnten sie in dieser Nacht. daß ihnen die Freiheit genommen war.

Alexandria ist eine Stadt der Erfinder und ihrer Maschinen. was er tun mußte. wir hörten dampfgetriebene Nebelhörner. Und ich werde siegen. Alexandria ist auch das bedeutendste Zentrum der Welt für anatomische Forschungen. wenn er der Sieger sein wollte. brüllte der Tiger in ihm. der durch die IRC wie ein Weltmeister auf einer haushohen Flutwelle surfte. wir saßen in einem Theater. hier würde er die Antworten finden.Clearinghaus für alle möglichen Bereiche. Ich las den Brüdern und Schwestern aus dem 427 . die bereits früher hierhergekommen waren. Die Ärzte kommen aus den fernsten Gegenden des Reiches. wenn man eine Münze in einen Schlitz steckte. Ich kam in diese Stadt auf der Suche nach Herzen und Seelen. das im Augenblick bei Online-Amerika sehr beliebt war. denn anders als in Indien sind Autopsien hier erlaubt. Ich nahm an ihren wöchentlichen Zusammenkünften teil. und wir sahen ein Gerät. Philos und ich bewunderten mechanische Vögel. aber nun blieb ihm keine andere Wahl. Er hatte gehofft. Ich traf andere Anhänger des Weges. aus dem Süßigkeiten herauskamen. wurde Miles klar. um die Körper von Tieren und Menschen zu studieren. Philos wußte. die für die Worte des Gerechten offen waren. das sich drehte. Die kluge Archäologin hatte den Köder jedoch nicht geschluckt. Aber mehr als alles andere ist Alexandria eine Stadt der geistigen Freiheit und Aufgeklärtheit. Wir kamen nach Alexandria. dem größten Zentrum der Wissenschaft und Gelehrsamkeit. nicht soweit gehen zu müssen. Während er Teddy beobachtete. und wir hörten Lesungen der Briefe seiner Jünger und der Worte des Gerechten. die er suchte.

nachdem wir gestorben sind: »Wir schlafen ein Jahrtausend. was man mich gelehrt hatte. damit seien die tausend Jahre der Herrschaft des Gerechten auf Erden gemeint. Sie sprachen von Gott. daß der Gerechte uns gesagt habe. erklärte mir Priscilla. Doch sie sprachen vom Schöpfer. wie der Gerechte es getan hat. sagten sie als Erklärung. und ihre Symbole waren der Anker.« Ich traf Priscilla. die sagten. von denen ich noch nie etwas gehört hatte. und sie sprach davon. Ich traf die Jünger eines 428 . den Diakon der Gemeinde. der Fisch und das Kreuz. der Tod sei eine Illusion. In diesem Punkt herrschte keine Einigkeit. es handle sich um die tausendjährige Herrschaft Satans. »Und das hat er damit gemeint. Doch ihre Vorstellungen vom Kosmos unterschieden sich sehr von dem. während wieder andere erklärten. In der Gemeinde hörte ich auch zum ersten Mal von der Prophezeiung der tausend Jahre. was ›Wissende‹ bedeutet. Für sie war das Universum sehr viel vielschichtiger und größer. Trotzdem waren sie eine Gemeinschaft. wie ich sie aus Antiochia kannte. Man sagte. dann kommt das Jüngste Gericht. Andere behaupteten. Sie glaubten an Frieden und Vergebung. als sei er getrennt von Gott. und wir erwachen aus dem Schlaf und gelangen zu unserem Schöpfer«. Aber ich stellte fest. sie begrüßten sich mit dem Friedenskuß. und das Leben könne ewig dauern. daß die Gemeinschaft hier Glaubensvorstellungen vertrat. Sie verehrten auch die Unsterblichen. wenn wir nur glauben.Brief der Maria vor. der Gerechte als Sohn Gottes abstamme. Es gab sogar einige. Sie nannten sich Gnostiker. von denen. die tausend Jahre würden erst dann beginnen. und wir feierten gemeinsam das Liebesmahl. sie seien der Beginn eines neuen goldenen Zeitalters auf Erden. »Der Gerechte hat von vielen Wohnungen gesprochen«. wie sie glaubten.

die vor tausend Jahren dort eingeritzt worden waren. Sie gehen auf den Marktplatz und fragen die Vorübergehenden: »Suchst du nicht ein Licht. und fuhren nil-aufwärts. neue Anhänger ihres Glaubens zu gewinnen.« Die Buddhisten von Alexandria sind Missionare und versuchen. er wird wiederkehren. um ihr zu huldigen. du. In der alten Stadt Sais besuchten wir den Tempel der Göttin Isis. und der Gerechte sagt. und das bedeutet das Ende aller Dinge. den sie Buddha nennen. mein Wissen und mein Können bei der Geburtshilfe weiterzugeben und unbekannte Heilmethoden zu erläutern. daß der Gerechte auch in Indien gelehrt hat? Wir machten eine Reise. was war. An den Wänden des Tempels lasen wir die Worte.Mannes. In ihrer Sprache bedeutet das ›der Erleuchtete‹. bedeutet das. und es wird eine neue Schöpfung geben. »Ich bin alles. die ich in Indien gelernt hatte (in Alexandria hatte noch niemand davon gehört. er wird wiederkehren. der Himmelskönigin. Er sagte: »Sei dir selbst Zuflucht und halte an der Wahrheit als Licht fest. daß man bei Schlangenbissen die behandelte Wunde mit Klemmen verschließt. Dann wird Buddha auf die Erde zurückkommen. um Ägypten zu sehen. Er wird die Guten belohnen. die Bösen bestrafen. Er wurde von einer jungfräulichen Mutter namens Maja geboren. so fragte ich mich. die man damit erzielt). Ich bin der Anfang und das Ende. der du von Dunkelheit umgeben bist?« Sie glauben an ein Weltgericht.« Ich war damit beschäftigt. Wenn Buddha sagt. die Botschaft vom Weg des Gerechten zu verbreiten. 429 . und die Leute staunten über die Erfolge. was ist und was sein wird.

ich werde Alexandria vor allem deshalb nicht vergessen. die ihm den Weg zu der uralten Formel weisen würde. 430 .Philos sah sich in der Stadt um. Er sprach mit gelehrten Männern und verbrachte Wochen und Monate in der großen Bibliothek. er beriet sich mit Priestern und Priesterinnen. Aber. frommen Männern und weisen Frauen. mit Sehern und Seherinnen. eine Spur zu finden. weil ich in dieser Stadt endlich die Liebe kennenlernte. Er hoffte. die das ewige Leben schenkt. meine liebe Amelia.

DER ZEHNTE TAG 431 .

wird sich der Kellner die Zimmernummer merken…« Raphael griff nach der Schale mit den gesalzenen Nüssen. 23. und schon gewinnt er den Jackpot«. »Und ob ich ihn gefunden habe«. als er Raphael wie besprochen in der Mz’nos Taverne im Hotel Atlantis traf. Nevada »Jemand wie ich muß nur nach Las Vegas kommen. Beim Aufwachen am frühen Morgen war er nicht in seinem Zimmer gewesen. Raphael mußte sich vom Anblick der spärlich bekleideten Kellnerinnen losreißen.Donnerstag. hatte Zeke beschlossen. sich mit Zimmerkellnern und Zimmermädchen zu unterhalten.« Catherine machte sich Sorgen. Wenn der Pfarrer heute Frühstück bestellt. Zeke lächelte vielsagend. es gibt einen Pfarrer. die an diesem sonnigen Morgen den durstigen Gästen bereits die ersten Bloody Marys und Screwdrivers servierten. denn er sagte sich. erwiderte Zeke. Sie hatte das Hotel nach Garibaldi abgesucht. es könnte eine Frau sein. der immer Essen für zwei bestellt. Er meint. Möglicherweise war er im Casino. um das Geld ›zu beschaffen‹ das ihm am Abend 432 . Aber er hat die andere Person noch nie gesehen. »Ein Kellner vom Zimmer-Service sagt. steckte die anderen in die Jackentasche und sagte: »Schnappen wir sie uns. sagte Zeke. ohne ihn zu finden. Ich habe ihm ein gutes Trinkgeld gegeben. »Du hast also den Priester gefunden?« fragte er. Nachdem seine Erkundigungen an der Rezeption erfolglos geblieben waren. sie wüßten ohnehin am besten über die Gäste Bescheid. Dezember 1999 Las Vegas. schob sich eine in den Mund.

daß sie Dr. erkannt zu werden. Man sollte sie nicht verfolgen. An einem Zeitungskiosk fiel ihr Blick auf die Schlagzeile. der uns allen gehört. und die Polizei wußte noch nichts von ihren blonden kurzen Haaren. was mit den Schriftrollen vom Toten Meer geschehen ist. »LASST MICH IN RUHE!« stand da neben einem Photo von ihr. daß Catherine Alexander überall im Internet zum Thema Nummer eins geworden war. Catherine hatte sich lange gegen die Computertechnik gewehrt und ihren Widerstand erst aufgegeben. trotzdem fürchtete sie. Jetzt fühlte sie sich in der Welt von Cyberspace sicherer als in der wirklichen. der Artikel würde berichten. Inzwischen hatte sich die öffentliche Meinung um hundertachtzig Grad gedreht. Deshalb bezweifeln wir. der gesagt hatte: »Wir haben keine Anklage gegen sie erhoben. als die ganze Welt gegen sie zu sein schien. Aber das war an dem Abend gewesen. Am frühen Morgen war im Radio Kriminalkommissar Shapiro aus Santa Barbara zitiert worden. Catherine trug die große Sonnenbrille.« Dann äußerte sich ein Theologe: »Catherine Alexander hütet einen Schatz.zuvor im Umkleideraum gestohlen worden war. daß ein Computer ein höchst wirksames Instrument der Forschung sein konnte. Aber auch an den Spieltischen hatte sie ihn nicht entdeckt. die sie mit den Kleidern gekauft hatte. Wir wollen ihr nur einige Fragen stellen. sie sei von bewaffneten Männern verfolgt worden. Zeugen sagen aus. Sie wußte. als Danno sie schließlich davon überzeugte. Sie erweist der Menschheit einen Dienst. hatte Garibaldi gesagt. Beinahe fünfzig Jahre lang hat sie niemand zu sehen bekommen. Ihre Bitte um Weitergabe der Information hatte einen ungeheuren Erfolg gehabt. Denken Sie daran. Stevenson ermordet hat. Ich finde es bemerkenswert 433 . »Diese Fanatiker könnten Sie entführen oder Schlimmeres…«.

im Atlantis das Leben genießen… Catherine war gerade im Begriff weiterzugehen. während sie beide arbeiteten. Sie ist weder von der Polizei noch von der amerikanischen Regierung offiziell eines Verbrechens beschuldigt worden. wir sollten sie in Frieden lassen und beten.und sehr mutig. kurz gesagt. was sie angeblich gestohlen hat. wohin Garibaldi gegangen sein mochte. Ich finde. und kaufte die Kassette. daß sich in ihrer Suite ein Kassettenrecorder befand. die in einem spanischen Kloster aufgenommen worden waren. würde sie es tun. Sie wollten Unterhaltung. Es sollte eine Überraschung für Garibaldi werden. Freunde sehen. Alexander tut. Frühstück. von einem der Raumschiffe in die oberen Stockwerke befördert zu 434 .« Trotzdem blieb Catherine vorsichtig. die darauf warteten. Catherine fiel ein. was Dr. daß sie diese schwere Prüfung übersteht. Das ägyptische Kulturministerium kann nicht genau sagen. Während sie die Zeitungen am Kiosk überflog und überlegte. Und das fehlende Geld? Garibaldi konnte sich über den Kreditkarten-Service entweder Reiseschecks oder eine Ersatzkarte ausstellen lassen. Geld gewinnen.« Selbst Kardinal Lefevre im Vatikan schien seine Haltung geändert zu haben. Bevor sie sich zu den Hotelgästen stellte. Aber die Hotelgäste interessierten sich mehr für andere Dinge. »Ich weiß nicht. um ihre Spur zu verwischen. Dann mußten sie Las Vegas natürlich sofort verlassen. Sie freute sich über den Fund. als ihr Blick auf die ausgestellten Musik-Kassetten fiel. Wenn das nicht möglich war. behielt sie die Leute im Auge. Die Musik würde entspannend und beruhigend wirken. Darunter befand sich eine mit gregorianischen Chorälen. weshalb alle diese bedauernswerte Frau verfolgen.

als er plötzlich am anderen Ende der Halle auftauchte. Sie hatte danach unruhig geschlafen und im Traum den Priester gesehen. daß sie ihn beinahe nicht gesehen hätte. den immer noch Selbstvorwürfe quälten und der in seiner Verzweiflung versuchte. Es ist mir gelungen. Geld aufzutreiben – genug.« Als sie ihn fragend ansah. daß ich nicht lange weg sein würde. Sie überlegte.werden. Die Berührung durchzuckte Catherine wie ein Blitzstrahl und erinnerte sie an die Umarmung gestern nacht. die ihn verfolgten. »Catherine«. ob er möglicherweise in einem anderen Spielcasino sei. Sie hatte jedoch auch von seinen Küssen geträumt. um Geld auf zutreiben? Sie war so in Gedanken versunken. Catherine drängte sich durch die Leute. die einsteigen wollten lief quer durch die Halle und erreichte ihn atemlos vor der drei Stockwerke hohen Statue der Göttin Athene. sagte er erstaunt und griff nach ihrem Arm. Ich stand am Eingang des Spielcasinos und wäre beinahe hineingegangen.« Er legte ihr freundschaftlich den Arm um die Schulter. »Ich habe neue Batterien für den Laptop besorgt. um eine Weile damit auszukommen. Sie machte sich Sorgen. Aber dann 435 . Garibaldi sah sich um und sagte etwas leiser: »Ich habe gute Neuigkeiten. »Warum sind Sie nicht oben im Zimmer?« »Ich habe Sie gesucht. Wir müssen nicht ausziehen. Was mochte Garibaldi unternommen haben. fügte er schnell hinzu: »Keine Sorge.« »In meiner Nachricht stand doch. in der sich ein Videoladen befand. weil ich mir Sorgen mache. mit zwei blutigen Stöcken die Furien zu besiegen. hielt sie noch einmal nach Garibaldi Ausschau.« Er lächelte sie an.

daß ihre Bemerkung leicht spöttisch und beinahe kokett geklungen hatte. »Schon gut. »Bitte. »Wir fahren besser nach oben. hörte Catherine eine zynische Stimme. Ich weiß nicht. Schemenhaft sah sie in dem Vorraum neben Garibaldi eine Gestalt an der Tür. Catherine wollte sofort zur Stereoanlage. »Tut mir leid. Sie erstarrte. so war es nicht gemeint. Catherine merkte. Wenn die Leute mich anstarren. aber sie blieb erschrocken stehen. um die Kassette einzulegen.« »Was erwarten Sie in diesem Aufzug anderes?« Garibaldi trug die Soutane. einer der Portiers habe bei meinem Anblick merkwürdig reagiert. daß sie erwartet wurden. nahm ihren Arm und ging mit ihr zu den Raumschiffen.« »Und wie…?« »Das erkläre ich Ihnen später«. aber mein Partner möchte unbedingt persönlich mit Ihnen sprechen«. Und ganz besonders sehen sie nicht die Frau an meiner Seite. nicht den Mann.« Er lächelte. aber ich hatte das Gefühl. ich falle sogar in diesem verrückten Hotel auf. ob ich allmählich an Verfolgungswahn leide. denn sie hörte. Ich weiß. Den Weg kennen Sie ja. »Was…?« Das Licht ging plötzlich aus. ahnten sie nicht. heben Sie die Hände hoch und gehen Sie hinein.habe ich es doch nicht getan.« Als sie die Zahlenkombination für ihre Suite eingaben.« Garibaldi wich einen Schritt rückwärts und hob 436 . Trotzdem glaube ich. und entschuldigte sich sofort. sehen sie den Priester. daß es der beste Schutz für Sie ist. »Wir haben nicht viel Zeit. sagte er. wie hinter ihr die Tür der Suite mit einem lauten Knall ins Schloß fiel.

wo 437 . »Machen Sie die Zimmertür auf!« rief er Catherine zu. Garibaldi rettete sich auf die andere Seite des Tischs. Kaum war die Tür offen. wie die blonden lockigen Haare sich blutig färbten. Sein Kopf traf die Kante. Sagen Sie Ihrem frommen Leibwächter daß er die Schriftrollen bei mir abholen kann! Ich habe noch ein Wort eben mit ihm zu reden. wir müssen hier weg!« und griff nach ihrer Hand. Garibaldi dagegen hatte keine Waffe. Zeke war im Vorteil. riß er den Mann hoch und warf ihn in das Zimmer. ihm den Todesstoß versetzen zu können. Die beiden Männer umkreisten sich wie Raubtiere.scheinbar gehorsam die Hände. und die Lampe zerbrach mit einem lauten Knall an der gegenüberliegenden Wand.« Der Killer mit der Narbe stand mit der blauen Tasche im Zimmer. »Nein!« Es klang fast wie ein Schrei. Garibaldi stieß keuchend hervor: »Schnell. denn er kämpfte mit dem Messer. Ehe Garibaldi etwas erwidern konnte. Noch ehe er am Boden lag. hatte ihn Garibaldi bereits an den Haaren gepackt. ging das Licht wieder an. fügte sie tonlos hinzu. Sie gehorchte mechanisch wie eine Marionette. Zeke glaubte schon. Geschickt wich der Killer aus. und der Killer trieb ihn durch den Raum in eine Ecke. Aber dann schlug er dem Mann die Waffe aus der Hand. Catherine sah. und er blieb leblos liegen. »Richtig. Frau Doktor. als Garibaldi nach einer Tischlampe griff und sie nach ihm schleuderte. Aber sie riß sich los. verlor das Gleichgewicht und stürzte zur Seite. Er fiel mit einem dumpfen Schlag gegen den Tisch. ließ sich blitzschnell fallen und packte ihn an den Beinen. »Die Schriftrollen«. Der Mann schwankte.

daß Garibaldi ihm überlegen war. »Hier…«. »Nein!« Garibaldi hielt inne. flüsterte sie. Catherine glaubte. Zekes Hand blutete. »Laufen Sie!« rief Garibaldi noch einmal. Der Stock traf Zeke wie ein Pfeil. sah sie über den Raum hinweg für den Bruchteil einer Sekunde an. Wenn er feststellte. Sie hörte. Mit einem Fußtritt 438 . Aber im nächsten Augenblick stand Garibaldi wieder und hob den Stock zum tödlichen Schlag.Zekes Partner noch immer bewußtlos lag. Er sah ihr Flehen. Ohne sich umzudrehen. ihre Panik und verstand. Garibaldi sprang aus dem Stand über den Tisch. wie es wirklich geschehen war. wie es klirrend auf die Tischplatte fiel. Er hatte die blaue Tasche fallen lassen und richtete sich wütend auf. Von nebenan hörte sie einen wütenden Aufschrei. laufen Sie in mein Zimmer!« rief er Catherine zu und sprang auf den Tisch. ihre Verzweiflung. Als Zeke mit dem Messer nach ihm stieß. Sie wußte. Garibaldi riß geistesgegenwärtig den Stock hoch. griff er nach dem Stock. kniete vor Garibaldis Reisetasche. Catherine stand an der Tür. das Messer abzuwehren. Sie wußte später nicht mehr. aber es gelang Garibaldi. durchlief sie ein Schauer. Der Kampf würde nicht mehr lange dauern. Der Killer stürzte rücklings zu Boden und riß Garibaldi mit sich. Zeke hatte außer dem Messer noch eine Pistole. Dann ging alles sehr schnell. »Das wirst du mir büßen!« knurrte der Killer. In diesem Augenblick warf Zeke das Messer. was Garibaldi von ihr wollte. die Beine würden ihr den Dienst versagen. Garibaldi stand mit dem Rücken zu ihr. Als sie den lackierten Stock in die Hand nahm. »Los. den sie ihm reichte. trat er ihm mit voller Wucht gegen den Arm. würde er ihn kaltblütig erschießen und dann… Sie bewegte sich wie in Trance. Der Killer taumelte rückwärts und drehte sich einmal um sich selbst.

die Brutalität und Gewalt. ließen sie jetzt noch zittern. Garibaldi hatte nach dem Kampf nur flüchtig einen Blick auf die beiden Männer geworfen und gesagt: ›Sie werden keine schönen Träume haben. Als das Raumschiff in der Hotelhalle anhielt und sie aussteigen wollten. In das Raumschiff drängte sich eine Gruppe Engländer. ihre Frauen dagegen wirkten spröde und waren maskenhaft geschminkt. Sie dachte an die Killer. Sie staunte über das tröstliche Gefühl. Garibaldi sah sie besorgt an. wurde ihr übel. daß sie Garibaldi auf eine neue Art respektierte. drückte Catherine an sich und legte ihr den Arm um die Schulter. kann uns nichts mehr passieren…« Er griff nach der blauen Tasche. griff nach der blauen Tasche und nickte ihr zu.machte er Zeke bewußtlos. Das Blut. Wenn wir aus dem Hotel sind. wir haben es gleich geschafft. Sie umklammerte die blaue Tasche und versuchte. sich ihm vertrauensvoll überlassen zu können. »Kommen Sie.‹ Catherine biß die Zähne zusammen. In diesem Augenblick der Schwäche wußte Catherine. sind wir nicht mehr in Las Vegas. Die Engländer wollten zum Stierspringen. das laute Lachen und die anzüglichen Bemerkungen über Stiere und Frauen zu überhören. Die Männer waren selbstsicher und ausgelassen und benahmen sich beinahe kindisch. »Wir dürfen kein Aufsehen erregen«. Der Brechreiz ließ nach. Sie konnte sich nicht von der Stelle rühren. und wenn sie aufwachen. die bewußtlos im Zimmer lagen. Catherine schloß die Augen. der Attraktion am Vormittag in der riesigen Hotelhalle. ein Club auf Erlebnisreise. die sie bei dem Kampf erlebt hatte. Er ist mein 439 . flüsterte er. reichte ihr schließlich die Hand und zog sie vom Sitz.

Er läßt mich nicht im Stich! »Wohin gehen wir?« fragte sie leise. doch das Geschrei und Gejohle der Zuschauer zerrte trotzdem an ihren Nerven. »Ich habe mir gestern das Hotel etwas genauer angesehen und einen Seitenausgang entdeckt.« Catherine nickte. Wann wird die Flucht zu Ende sein? Catherine drehte sich unruhig um und erstarrte. Ihr Herz schlug laut. fügte er beruhigend hinzu: »Es ist besser so. Der Wettkampf zwischen der Frau und dem Tier begann… Catherine war froh. Setzen Sie sich. »Warten Sie hier. blieb jedoch unentschlossen stehen. er mußte warten. Garibaldi deutete auf einen Sessel.« Da Catherine sich ängstlich an ihn drückte. Hier sah sie wenigstens nichts von dem aufreizenden Spektakel.Beschützer. als er sie an der Rezeption vorbeiführte. Sie können mich von hier sehen. fragte sie erschrocken: »Wo ist der Laptop?« »In meiner Reisetasche.« Sie hatten eine verspiegelte Pendeltür erreicht. sie atmete flach. Ihre Hände waren naß vom Schweiß. es kann einige Zeit dauern. Am liebsten wäre sie aufgesprungen und einfach davongerannt. Als er sich umdrehte und gehen wollte. aber keine Angst. Catherine setzte sich in den weich gepolsterten Sessel und versuchte. Der 440 . An der Rezeption ist immer viel los. Die Unruhe wuchs. Es gelang ihr nicht. Nehmen Sie die blaue Tasche. sich zu entspannen. daß Garibaldi sie an das entfernte Ende der Empfangshalle geführt hatte. bis ich die Rechnung bezahlt habe.« Garibaldi hatte recht. Endlich war Garibaldi an der Reihe. Fanfaren und dumpfe Trommelwirbel kündigten den Stier an. Die Menge verstummte.

Als sich die schwere Eisentür des Aufzugs langsam schloß. Sie befand sich in einem breiten. grün gekachelten Tunnel. Auch wenn sie den Aufzug blockierte. und sie zuckte wie unter einem Schlag zusammen. Plötzlich war sie hellwach. Der Aufzug fuhr nach unten. Der Fahrstuhl blieb mit einem Ruck stehen. Er verfolgte sie. Catherine wagte nicht. Am Ende sah sie einen Lastenaufzug mit dem Hinweis: ›Nur für Angestellte!‹ Daneben befand sich hinter einer Glastür eine Treppe. aber sie war wie gelähmt und rührte sich nicht von der Stelle. die verletzte Hand in der Hosentasche. gab es für ihn immer noch die Treppe. Schließlich ging er in Richtung Rezeption. daß jemand den Aufzug nach oben holen wollte – der Killer! Sie saß in der Falle. drehte sich sein Kopf in ihre Richtung. Catherine blieb atemlos vor dem Aufzug stehen und drehte sich um. sah sie den Killer.Killer mit der Narbe trat aus einem Raumschiff. Ihre Hand berührte den Bronzegriff der verspiegelten Pendeltür. Als sich die Aufzugstür jedoch wieder schloß. In regelmäßigen Abständen brannten blauweiße 441 . sich zu bewegen. Er blieb stehen und blickte sich suchend in der Halle um. Catherine hatte das Gefühl zu fallen und klammerte sich an einen Haltegriff. Der Killer war nicht zu sehen. Catherine war mit einem Satz im Aufzug und drückte auf den Knopf. Für den Bruchteil einer Sekunde sah Catherine seine kalten Augen auf sich gerichtet. Auf der Leuchtanzeige sah sie. Als sei sie mit ihm durch unsichtbare Fäden verbunden. Ihr blieb nicht viel Zeit. Catherine nahm die blaue Tasche über die Schulter und verließ den Aufzug. Schnell ging sie durch die Tür und befand sich in einem Gang. Hatte er sie vielleicht doch nicht bemerkt? Sie mußte Garibaldi warnen! Die Pendeltür bewegte sich. die Tür glitt zur Seite. und sie sprang in Panik auf. drückte sie schnell den roten Knopf mit der Aufschrift: ›STOP‹.

Sie war nicht mehr allein. als plötzlich Neonlichter aufflammten. als sie vermutet hatte. der zur Insel führte. Sie lief los. wo sie war. Ihre Schritte hallten dumpf in der seltsam unnatürlichen Stille Ihr Keuchen klang überlaut. Wo befand sie sich. Der Killer würde sie einholen und hier unten leichtes Spiel mit ihr haben. In den Boden war ein Gleis eingelassen. 442 . Der Gang wurde eng und bot nur Platz für die Schienen. blieb dann aber wie angewurzelt stehen.Deckenlampen. dessen ›Untergang‹ zweimal täglich den Hotelgästen vorgeführt wurde. ließ sie zusammenzucken. Sie konnte sich nicht weiter vorwagen. Ihre Angst nahm zu. Ein bedrohliches Brummen oder Summen lag in der Luft. die ins Schloß fiel. Die Kurve schien kein Ende zu nehmen. Die grünen Fliesen wirkten im blauen Licht kalt und lebensfeindlich. und wohin führte der Gang? Sie blieb verwirrt stehen. Vielleicht gab es dahinter einen Aufzug. Der Tunnel machte eine leichte Kurve. der sie wieder nach oben bringen würde. An der Seite sah sie ein Schienenfahrzeug mit einem kleinen Kran. Catherine rannte weiter. Garibaldi hatte ihr erzählt. Catherine rannte weiter. Hinter der Biegung war alles dunkel. zu Atlantis. Auf einer Tafel neben einer grünen und roten Ampel stand: ›ACHTUNG SCHLEUSE! BETRETEN VERBOTEN! LEBENSGEFAHR!‹ Catherine wußte jetzt. Der Gang war sehr viel länger. Zurück konnte sie nicht. aber heftiges Seitenstechen zwang sie schließlich stehenzubleiben. Der Killer schien sich seiner Sache sicher und trieb sie vor sich her. daß sich unter dem Hotel und dem See ein Tunnel befand. Sollte sie vielleicht doch umkehren? Der dumpfe Knall einer Eisentür.

Die Beine versagten ihr den Dienst. wie die Schleuse den Tunnel verschloß. Sie sank auf die Knie. Falls der Killer sie nicht fand und umbrachte. So schrecklich die Dunkelheit auch war. Der Beton war feucht und glitschig. Catherine mußte gegen ihre aufsteigende Panik ankämpfen. Trotzdem mußte sie weiter. Sobald ihr Atem wieder etwas ruhiger ging. in die Stellung ›A‹. Der Killer würde nicht lange zögern und das Schleusentor wieder öffnen. würde sie ertrinken. kamen ihr die Tränen. und eine Warnlampe begann zu blinken. Sie stand gut sichtbar im Licht. den Killer umzubringen? In ihrer Verzweiflung wollte Catherine durch das offene Schleusentor in die Dunkelheit fliehen. Sie schob den Hebel. Warum habe ich Garibaldi daran gehindert. Sie trat durch das Tor und sah mit angehaltenem Atem zu. sie bot ihr im Augenblick den einzigen Schutz. Von der Decke tropfte Wasser. Er konnte sie einfach erschießen. Nur das kalte Eisen der Schienen war trocken. Sollte sie aufgeben? Mit der Insel würden auch die Schriftrollen untergehen und 443 . Die Ampel wechselte auf Rot. Catherine hörte hinter sich das Hallen von Schritten. und sie lehnte sich mit unterdrücktem Schluchzen an die Wand. der sich leicht bewegte. Dann stand sie in völliger Dunkelheit. Er durfte sie auf keinen Fall direkt hinter der Schleuse einholen. betastete sie den Boden. stieß sie gegen die Wand. Er würde die Schriftrollen bekommen. Als Catherine zum dritten Mal auf dem glitschigen Boden ausrutschte und beinahe stürzte. wenn der Tunnel geflutet wurde und Atlantis wieder einmal im Wasser versank. Als sie sich aufrichtete und vorsichtig einen Schritt zur Seite machte und dann noch einen. als sie unter der Ampel einen großen Hebel mit der Aufschrift: ›Lichtschranke‹ bemerkte.Havers hatte gewonnen.

Der Gang endete in einem Schacht. Am anderen Ende der Insel erhob sich ein niedriger Hügel. Tempeln. Ohne zu zögern kletterte sie hinauf. Das Sonnenlicht war so grell. Sie biß die Zähne zusammen und kletterte weiter. und sie fiel der Länge nach auf den Boden. dessen Gipfel in diesem Augenblick auseinanderbrach und sich in einen feuerspeienden Vulkan verwandelte. er würde sie nicht im Stich lassen. Aber die frische Luft war wie eine Erlösung. Dabei war ihr die blaue Tasche im Weg. Sie konnte sich nicht orientieren und wußte nur: Am Ende versank Atlantis in den Fluten. Sie stand im Freien. Sie stand auf und rannte weiter. Ein dumpfes Grollen ließ sie zusammenzucken. der senkrecht nach oben führte Catherine entdeckte jedoch Eisensprossen.Sabinas Geheimnis… Garibaldi! Sie konzentrierte sich auf ihn und wurde ruhiger. daß sie aus der Halle fliehen mußte. Statuen und den gespenstischen Fassaden unwirklicher Häuser. Erschrocken sah sie sich um. Sie holte tief Luft und empfand wieder etwas Zuversicht. Sie wußte. Als sie sich aufrichtete. Instinktiv hielt sie schützend die freie Hand vor den Kopf. Als sie sie auf den Rücken schieben wollte. Bestimmt war ihm nicht entgangen. Sie befand sich in einer Stadt mit bizarren Säulen. Es muß einen Ausweg geben! Catherine stieß einen durchdringenden Schrei aus und stürzte ins Leere. 444 . daß sie die Augen schließen mußte. Die Wand hörte plötzlich auf. Entschlossen eilte sie weiter. hätte sie fast das Gleichgewicht verloren. Aber hier auf der Insel schien alles anders zu sein. sah sie in einiger Entfernung schwaches Tageslicht. Atlantis… Catherine hatte das Spektakel bereits mehrmals vom Hotelzimmer aus gesehen.

mit der das Schauspiel des Untergangs eingeleitet wurde. Sie wußte. stiegen Fontänen aus unsichtbaren Kratern auf. Eine Fassade stürzte ein. Aus den Lautsprechern des Hotels hallte die ›Atlantis-Symphonie‹ herüber. Sie näherte sich dem großen weißen Tempel in der Mitte der Insel. Als sie den Killer mit der Narbe in der Nähe des Schachts entdeckte. Sie mußte einen davon erreichen. Der Mann wich im letzten Moment aus.Unschlüssig stand sie neben dem Schacht. Der Killer! Die Phantomstadt hatte keine richtigen Straßen und Plätze. die Säule würde erst gegen Ende des Schauspiels auf die Stufen stürzen. fing die Erde an zu beben. Sie war nur eine große Kulisse mit Winden und mechanischen Greifarmen. bevor der Killer sie fand und die Insel im See versank. Schreie. Wenn Atlantis auseinanderbrach. Als sie jedoch in dem dunklen Loch das Licht einer Taschenlampe sah. lief sie los. Die Fontänen! Catherine erinnerte sich. Verblüfft drehte sich Catherine 445 . Da begann das Wasser die Insel zu überfluten. Aber auch die hohe Säule vor dem Tempel mit der vergoldeten Statue einer Göttin schwankte. Sie rannte weiter. Am Fuß der breiten Marmortreppe bleib sie atemlos stehen und drehte sich um. Der Kopf einer Statue zersprang auf dem Boden. Wie von Furien gejagt rannte. Vorsicht! Sie schien den Schuß und das Einschlagen der Kugel vor sich gleichzeitig wahrzunehmen. Am liebsten wäre sie wieder hinuntergestiegen. die wie ein gigantisches Uhrwerk langsam in Bewegung gerieten. stolperte und kletterte Catherine über die seltsamsten Hindernisse. Explosionen und Sturmgeräusche untermalten das Inferno. Sie rannte seitlich am Tempel vorbei und den Hang an der anderen Seite hinunter. Catherine kniff die Augen zusammen. Es gab also noch mehr Schächte auf der Insel.

und ein Funkenregen ging auf die Insel nieder. »Schnell! Kommen Sie!« Er zog sie mit sich. »Schnell weg hier!« Eine Hand legte sich auf Catherines Schulter. »Er kann bestimmt schwimmen. Noch bevor sie den Tunnel erreicht hatten. der nicht aus den Lautsprechern kam. Wer hat gerufen? Dann hörte sie einen Schrei. blinkte bereits die gelbe Warnleuchte. Garibaldi folgte ihr hustend in die Dunkelheit. Der Killer. heulte schrill eine Sirene. aber es war Garibaldi. Dampf und Rauchwolken wirbelten durch die Luft.« 446 . Er packte sie am Arm und zog sie weiter. Es waren die Scheinwerfer eines Schienenfahrzeugs. lag unter einem umgestürzten Plastikbaum. Garibaldi half Catherine auf den Beifahrersitz und fuhr los. und wenn nicht. künstliche Lava strömte den Hügel herab. muß er es lernen. Als sie sich der Schleuse näherten. Hinter ihnen schloß sich fast lautlos das schwere Schleusentor. »Was ist mit dem Mann?« fragte Catherine. Vor einem Springbrunnen befand sich der nächste Schacht. Nicht lange und über ihnen würde Atlantis versinken. Garibaldi nahm die blaue Tasche und half ihr beim Einstieg. Im dunklen Gang brannte Licht. der auf sie geschossen hatte.um. Sie zuckte erschrocken zusammen.

daß manche dieser Sammlungen so klein waren. Während er die Einträge studiert hatte. während er etwas anderes suchte. Im reproduzierten Text sprang ihm sofort der Name Sabina Fabiana ins Auge. weil er hoffte. 447 . um ihm zu verraten. XII. Er hatte sich stets an strenge Prinzipien gehalten. Handschriften und Briefe gewesen. Kalifornien Julius traute seinen Augen nicht. Er hatte es gefunden. daß er schließlich einen Weg gefunden hatte. Sabina Fabianas Schicksal. vor hundert Jahren erschienenes Werk. sie in die weltweiten Datenbanken aufzunehmen. Er fragte sich.Malibu. doch es reichte aus. Das Ende der Geschichte. Er war zufällig darauf gestoßen. Julius wußte. die sich in Privatsammlungen befanden. war ihm eine lateinische Handschrift aus dem Mittelalter mit dem Hinweis: ›Thomas von Monmouth zugeschrieben. Er war sicher. daß Catherine nichts von der Existenz dieses Pergaments wußte. Doch anstatt erleichtert zu sein. auf die Titel alter Papyri zu stoßen. Schriftrollen. daß es sich nicht gelohnt hatte. Sie konnte es nicht über Internet ausfindig machen. Zur damaligen Zeit war es vermutlich der umfassendste Katalog alter Dokumente. Es war ein dickes. Er blickte ehrfürchtig auf die Buchseite mit dem Dokument. Er hatte das alte Buch von Rabbi Goldman ausgeliehen. was alle wissen wollten. Kodizes. war er plötzlich beunruhigt. Jahrhundert‹ aufgefallen. ob er ihr überhaupt etwas von der Handschrift sagen sollte. Sein der Wissenschaft verpflichtetes Gewissen lag im Widerstreit mit seiner Liebe. Sein Latein war schlecht. Catherine zu helfen. Hier auf dieser Seite stand.

daß Catherine anrufen würde. nahm der geduldige alte Gelehrte ein verstaubtes Buch mit brüchigen Seiten aus dem Regal. was sie tat. Nach dem Pfeifton meldete sich eine Frauenstimme: »Herr Dr. den Stecker zu ziehen. Erst. Er dachte kurz daran. Aber ebensowenig wollte er Catherine im Stich lassen. Es wunderte ihn nicht. Seine Versuche. das mit Sabina und den Schriftrollen in Zusammenhang stand. wenig gegessen und war wie von bösen Geistern gejagt von einem Computer zum anderen gefahren – zuerst zu Rabbi Goldman.und die wollte er nicht aufgeben. Es bestand immer die Möglichkeit. waren alle gescheitert. wie sich sein Anrufbeantworter in der Küche einschaltete. Er billigte nicht. ob wir ein Live-Interview mit Ihnen in unsere Sendung einplanen dürfen…« Julius ging in die Küche und schaltete das Gerät ab. Voss. Das Telefon klingelte zweimal. drückte es Julius in die 448 . Wir wüßten gerne. als er in der Glastür des Mikrowellenherds sein Spiegelbild sah. daß er erschöpft aussah. und er hatte sich den Kopf darüber zerbrochen. danach zur Öffentlichen Bibliothek. hier spricht Camilla Williams von der Nachrichtensendung Augenzeugen. wenn er sie unterstützte. Fabiana oder etwas. aber über die dunklen Ringe unter den Augen und das leichenblasse Gesicht staunte er doch. widersprach das allen seinen Grundsätzen. im Internet einen Hinweis auf Fabianus. in das Archäologische Institut der Universität und von dort zurück zu Rabbi Goldman -. tat es aber doch nicht. und er hörte. Er wollte gerade ins Wohnzimmer und zu dem beunruhigenden Dokument zurückgehen. wie er Catherine helfen könnte. als er Rabbi Goldman die ganze Sache erzählt hatte. Er hatte in den letzten vierundzwanzig Stunden kaum geschlafen. indem er ihr von diesem Dokument berichtete.

Kurz danach waren sie vor fünf verrückten Motorradfahrern geflohen. sein Blick fiel auf die bequeme Zedernholzsitzgruppe. »Ja. die Töpfe mit den roten und rosa Geranien und auf den getrockneten Seestern. Catherine… Er hatte der Polizei schließlich sagen müssen. Nein. Sein Blick glitt über den perlmuttfarbenen Pazifik. Hinter diesem Horizont. Die Terrasse lag im Schatten. wo tiefe Wolken hingen und einzelne Sonnenstrahlen dazwischen das Wasser küßten. der sich am fernen Horizont verlor. Damals hatten sie sich zum zweiten Mal geliebt – am Strand unter den Sternen.Hand und sagte lächelnd: »Es ist vielleicht nicht so schnell wie ein Computer aber dafür stürzt der Text nie ab. was er wußte. den er und Catherine eines Nachts im Sand gefunden hatten. wie sie in die Vereinigten Staaten gebracht wurden. Dann hätte er am liebsten geweint. dachte er bitter. gleichzeitig aber auch. Er fühlte sich innerlich zerrissen. Dr. und trat hinaus in die frische Meeresluft. ich weiß nicht genau. Alexander ist im Besitz von Schriftrollen.« Julius fuhr sich nervös mit den Fingern durch die dichten schwarzen Haare. war es so. so fragte er sich. war die Trennungslinie zwischen dem Gewissen eines Mannes und seiner Liebe zu einer Frau? Mußte das eine das andere ausschließen? In diesem Fall. nicht zu lügen. ging zur Glasschiebetür. die auf die verwitterte Holzterrasse führte. ich weiß nichts über die genaue Fundstelle. 449 . Er lächelte bei diesem Gedanken. Catherine zu schützen. Wo. die dicht am Wasser ein Rennen fuhren. auf der anderen Seite der großen runden Erde lag Hawaii mit dem Halekulani Hotel. Nein.« Er hatte Halbwahrheiten zu Protokoll gegeben und versucht. wo er und Catherine sich ihre Liebe gestanden hatten.

die er einen Tag und eine Nacht lang getragen hatte. Das Telefon im Haus klingelte wieder. hatte ihn der Computer mit einem Warnsignal darauf aufmerksam gemacht. die er für falsch hielt. vielleicht sogar Monate. daß seine Haut krebsrot wurde. es sei Catherine. Catherine werde anrufen. Catherine hatte recht gehabt. die ihm versicherten. weil er hoffte. und die Gefahr für sie wuchs. 450 . obwohl er wußte. Er fühlte sich anschließend immer noch so zerschlagen wie zuvor.Wenn es nur möglich wäre. dauerte ihre Suche Wochen. noch einmal neu zu beginnen in einer Zeit der Unschuld und in dem Wissen. unterstützte er sie in einer Sache. Doch es war nur wieder ein Sensationsreporter. Wütend auf sich und auf seine Hilflosigkeit ging Julius ins Haus zurück und zog die Sachen aus. Dann duschte er und stellte das Wasser so heiß. Wenn er Catherine etwas von dem Manuskript des Thomas von Monmouth sagte. die Uhr zurückzudrehen. nachdem sie gehört hatte. Sie hatte ihn sehr aufgeregt angerufen. Wenn er ihr nichts sagte. sagte seine Mutter. was in den Nachrichten über Catherine berichtet wurde. daß sein Kodierungsprogramm geknackt war und seine Post gelesen wurde. es zu vermeiden. und er lauschte. der Julius Geld für seine Geschichte anbot. Als die E-MailNachrichten von fremden Menschen auf der ganzen Welt eingegangen waren. daß sie es nicht wagen konnte. Doch das Duschen half nicht. Julius hoffte. was kommen würde. du trägst eine schwere Last«. »Julius. Beim Anziehen dachte er an das Telefongespräch mit seiner Mutter an diesem Morgen. die Tage und Monate ungeschehen zu machen. Catherine gehe es gut. und der Möglichkeit.

und an die hebräische Inschrift über der Lade: »Wisse. daß er es oberflächlich tat und mit seinen Gedanken bereits bei dem bevorstehenden Tag war. Während 451 . die symbolisierte. als hätte er gut gegessen und tief geschlafen. daß das Licht der Thora nie erlöschen werde. Er ging ins Wohnzimmer. dich zu führen. Er wußte jetzt. Gib dich in Gottes Hand. Zwar verrichtete Julius regelmäßig das Morgengebet. der sagte: »Baal Schem-Tow hat uns gesagt: ›Er ist überall dort zu finden. doch er wußte sehr wohl. was er zu tun hatte. bewußtes Gebet nehmen.»Trag sie nicht allein. wo man ihn einläßt‹«.« Plötzlich dachte Julius an die tröstliche Atmosphäre der Synagoge.« Er dachte: Ich werde zur Synagoge gehen und beten. Bitte ihn. an die brennende Lampe. legte Julius die Autoschlüssel wieder beiseite. Der Himmel über Malibu war strahlend blau. Julius fühlte sich so erfrischt. blickte auf die Wiedergabe der mit Malereien verzierten Handschrift in Rabbi Goldmans Katalog und sah seinen Weg deutlich vor sich. zog die oberste Schublade der Kommode im Schlafzimmer auf und holte den Tallit und die Tefillin heraus – den Gebetsschal und die Gebetsriemen. In der Küche wählte er die Nummer der Redaktion von Augenzeugen und fragte nach Camilla Williams. Als er nach langer tiefer Versunkenheit den Blick vom Gebetbuch hob. an die Lade mit den Thora-Rollen. vor wem du stehst. An diesem Morgen würde er sich die Zeit für ein richtiges. Doch als er im Geist die Stimme seines längst verstorbenen Vaters hörte. Sein Geist war klar. alle Verwirrung und Unsicherheit schienen verschwunden. daß die Sonne den Kampf gegen die Wolken gewonnen hatte. sah er.

von der die Legende berichtet. hieß es in der Handschrift. »Sie hinterließ sechs Schriftrollen über Alchimie und Zauberei«.er auf die Verbindung wartete.« 452 . bevor sie ihre Geschichte zu Ende erzählen konnte. daß sie gestorben war. sowie die Tatsache. ist nichts bekannt. wanderte sein Blick zurück ins Wohnzimmer und zu dem bemerkenswerten Buch. das eine Darstellung der letzten Tage der Sabina Fabiana enthielt – die Umstände und den Ort ihres Todes. »Über die siebte. denn sie wurde nie geschrieben.

Garibaldi seine Reisetasche und den Laptop -. der Las Vegas verließ. Ein Schauer lief ihr über den Rücken. sagte der Taxifahrer. Bei ihrer Flucht aus Las Vegas hatten sie nur ihre persönlichen Dinge mitgenommen – Catherine die blaue Sporttasche. Tagsüber. D. »Alles in Ordnung?« flüsterte er. und die Kerzen am Weihnachtsbaum auf dem Rasen vor dem Weißen Haus brennen. so sagte man ihnen. jetzt am Abend war die Luft schneidend kalt. »Ich weiß. D.C. die zum ersten Mal hier sind.Washington. Sie nahmen den nächsten Flug. die gekauften Kleidungsstücke hatten sie zurückgelassen. Wie sich herausstellte. Das kostet nichts extra«. »Aber ich nehme bei Besuchern. Catherine nahm kaum etwas von den berühmten Bauwerken und Denkmälern wahr. Sie nickte. Nach der Ankunft hatten sie sich auf dem Flughafen 453 . schloß die Augen und dachte sofort wieder an den Kampf und die Flucht aus dem Hotel Atlantis. Die Maschine brachte sie nach Washington. besonders in der Weihnachtszeit. C. seien es gerade null Grad gewesen. Dann sind alle Denkmäler angestrahlt. fügte er freundlich hinzu. am liebsten diesen Weg. Bei ihrer Ankunft auf dem Flughafen hatten sie festgestellt. Sie blickte auf Garibaldis Hand hinunter. daß es minus 5 Grad waren und das Thermometer weiter fiel. Sie waren um Haaresbreite mit dem Leben davongekommen. hatte Garibaldi Reiseschecks besorgt. als das Taxi langsam durch die verstopften Straßen rollte. der ihre Hand hielt. die in der kalten Dezembernacht im Lichterglanz strahlten. die ihre Hand umschlossen. Sie war sich nur der Wärme der Finger bewußt. Sie haben mich nicht darum gebeten«.

Als er darauf verzichtete. sagte sie leise mit einem Blick auf den Laptop 454 . Ohne sein Pangamot wären sie beide nicht mehr am Leben. Schals. Eine halbe Stunde später trafen sie sich wieder: Catherine mit Einkaufstüten. »was glauben Sie? Was wird an Silvester geschehen? Kommt der Weltuntergang oder eine schreckliche Katastrophe?« Er lachte leise. ihm wirklich zu vertrauen… »Wir müssen so schnell wie möglich wieder ins Internet«. fuhr er fort und blickte fragend in den Rückspiegel. geisterhafter Finger in den Himmel ragte. »Also«. »Übernachtung und Frühstück«. daß er die tödliche Kraft. wirklich unter Kontrolle hatte. in denen sich Daunenjacken. es wird wahrscheinlich schneien«. Handschuhe und Strickmützen befanden. Garibaldi hätte seine beiden Gegner im Handumdrehen töten können. und Garibaldi mit der Nachricht daß er etwas für sie gefunden hatte. das wie ein anklagender.« Catherine wußte. Seitdem fiel es ihr sehr viel leichter.getrennt. ›separate Zimmer‹ bedeutete. in denen sich auch ein friedfertiger Mann blitzschnell in einen Kämpfer verwandeln mußte. die er kultivierte. Er hatte ihr bewiesen. Garibaldi ging zum Zimmernachweis-Schalter. sagte er. als sie Garibaldi aus seinem Alptraum geweckt und er sie in die Arme genommen hatte. »Zwei separate Zimmer. um eine Unterkunft zu finden. »Im Radio sagen sie. berichtete der Taxifahrer. Catherine sah Garibaldi nachdenklich an. Catherine machte sich auf die Suche nach einem Geschäft für Winterkleidung. daß es im Leben Situationen gab. Er hätte den Killer mit dem lackierten Stock umgebracht. stellte er unter Beweis. als sie am Washington-Denkmal vorbeifuhren. wenn sie ihn nicht daran gehindert hätte. es bestand keine Gefahr einer Wiederholung der Episode der Nacht im Atlantis.

Catherine schloß die Augen.und schob die Erinnerung beiseite. Der Killer muß mich in Santa Barbara wiedererkannt haben.« »Aber sie hat Ihnen so viel bedeutet…« »Ich gestehe. für alle Fälle. Ich war ebenfalls dort.« 455 . die Geld brauchen. »Ihr Freund Daniel hatte Ihnen gesagt. daß der Mann von Havers unter den Schaulustigen stand. War das alles nur ein böser Traum. ich habe etwas voreilig gehandelt. »Verstehen Sie. Seitdem verfolgt er uns. Die Kunden sind natürlich vor allem Spieler. wir brauchten das Geld. wenn ich meine Soutane trage. das rund um die Uhr geöffnet ist.« »Wo haben Sie Ihre Uhr?« Er räusperte sich und blickte stumm aus dem Wagenfenster. als sie am Jefferson-Denkmal vorbeifuhren. murmelte Garibaldi kaum hörbar.« Er zögerte. nicht wahr?« »Bei unserer Ankunft im Atlantis habe ich in der Halle das Firmenschild eines Antiquitätengeschäfts gesehen.« Er seufzte und schüttelte den Kopf.« Sie sah ihn an. aus dem sie nicht erwachen konnte? »Es ist alles meine Schuld«. Aber ich war in Panik und dachte. Außerdem glaube ich. Statt dessen habe ich eine klar sichtbare Spur hinterlassen. als Sie beide das Lager im Sinai verlassen haben. es wäre ein Schutz für Sie. daß die katholische Kirche unbegrenzten Kredit hat. Er nickte und drückte ihre Hand. »Woher haben Sie eigentlich das ganze Geld?« Er lachte verlegen. »Sie scheinen zu vergessen. daß Vater Pulaski nichts dagegen gehabt hätte. »Sie haben Vater Pulaskis Uhr verkauft. habe ich die Uhr verkauft. An dem Abend. als man mir die Brieftasche gestohlen hat. »Ich dachte.

Auf der Suche nach Garibaldi war sie ebenfalls in dem Antiquitätengeschäft gewesen. wie einem Jungen vor Mitgefühl die Tränen über die Wangen laufen. Catherine Alexander. Sie spürt etwas Nasses an ihren Beinen. daß Danno sie ebenfalls verstanden hätte. die Sache ist ihnen peinlich. Aber sie wußte. als er vor einem Reihenhaus im Föderationsstil anhielt. Das Gästehaus befand sich in der N Street. wie er ihrer Meinung nach wert war. Der Junge ist Danno. denn Catherine weiß. Dann hört das Gelächter auf. die anderen wissen. Sie sieht. »Eine sehr gute Gegend«. daß sie sich schämt. und er wird sie später vor ein paar Raufbolden beschützen. »Hier. wo an einem Eckhaus teure Wagen und Limousinen vorfuhren. Die anderen Kinder fangen an zu kichern und zu lachen. in dieser Gegend wohnt die Prominenz«. steht auf dem Hocker und macht in die Hose. den Garibaldi vom Zimmernachweis am Flughafen 456 . sagte der Fahrer beruhigend. daß die Kirche Ihnen unbegrenzten Kredit einräumt?« Er lachte. ein paar Kreuzungen von der Georgetown-Universität entfernt. denen Damen in Abendkleidern und Herren im Frack entstiegen. wo das Jaguar-Amulett gehangen hatte. In dem Prospekt. Der Besitzer hatte ihr für den Maya-Anhänger nicht annähernd soviel bezahlt. Sie steht während des Unterrichts auf einem Hocker vor der Klasse.« Catherine legte verstohlen die Hand an ihre Brust.Sie nickte und sagte dann lächelnd: »Haben Sie vielleicht daran gezweifelt. »Sie sind wirklich mit Komplimenten nicht sparsam. fügte er hinzu. Die Stille ist schlimmer als das Gelächter. Die Kinder verstummen. Das war immer so gewesen… Danno… Wieder stellten sich die Erinnerungen ungerufen ein. »Dort wird die eigentliche Politik gemacht!« Er deutete zum Ende der Straße. die Neue.

Catherines im ersten. daß ich ein Priester bin. Selbst die Frau beim Zimmernachweis weiß nicht. »Es ist 457 . sagte er leise zu Catherine. fuhr sie fort und bat Catherine und Garibaldi. Im Erdgeschoß befanden sich ein elegantes Eßzimmer. Im obersten Stock konnten bis zu acht Gäste wohnen. länger hier zu bleiben. Catherine blickte auf den weiß lackierten Holzzaun. werden sie uns hier verlieren. Garibaldis Zimmer lag im zweiten Stock. Darauf habe ich diesmal geachtet.« Auf dem Flug von Las Vegas nach Washington hatte Garibaldi den Priesterkragen abgenommen. daß sie plötzlich den Wunsch hatte.und Lesezimmer und ein geräumiges Wohnzimmer. die sie an der Tür begrüßte. treten Sie ein«. »Treten Sie ein. stand. das Gästehaus gehöre zwei verwitweten Schwestern. die das Rot des Backsteinmauerwerks gliederten. welchen Flug wir genommen haben. sagte eine freundliche Frau. »Auch wenn sie herausfinden. als der Fahrer ausstieg und ihre Sachen aus dem Kofferraum nahm. der vom Flughafen angerufen hat«. den gepflegten Vorgarten. Im ersten Stockwerk gab es drei Zimmer mit Bädern. ein ruhiges Spiel. Es sah alles so einladend und wohnlich aus. Sie sind der Herr. die schindelgedeckten Dachgauben und die schönen weißen Rahmen von Fenstern und Türen. Alle diese Räume standen den Gästen zur Verfügung.mitgebracht hatte. »Ich nehme an. das zu einer Wohnung umgebaut worden war. ihr ins Wohnzimmer zu folgen. »Hierher können sie unsere Spur nicht verfolgen«. Im offenen Kamin brannte ein Feuer. Das Haus stammte aus dem Jahr 1790 und hatte eine interessante Geschichte. Die Flammen vervielfältigten sich als Spiegelbilder im glänzenden Schmuck des Weihnachtsbaums. die sich ein Bad am Ende des Flurs teilten. Sie lebten im Untergeschoß.

daß man nur ihre Augen sah. als sie die Treppe hinaufstieg. Sie wird darüber hinwegkommen müssen. »Ich hoffe. aber…« »Eigentlich. »Ja?« »Ich habe etwas Dringendes für meinen Monsignore zu 458 . »Sie hat vor kurzem einen sehr guten Freund verloren…« »Ach. »Also.« »Natürlich«. darf ich Ihnen einen Sherry anbieten? Die meisten Gäste sind ausgegangen. »Lucy wird Sie hinaufbringen. O’Toole. Ihrer Schwester fehlt nichts. O’Toole. überlege ich…« Sie sah ihn mit großen erwartungsvollen Augen an. »Ich nehme beim Fliegen den Kragen immer ab«. Garibaldi. würde ich gern gleich auf mein Zimmer gehen«. »Natürlich!« erwiderte Mrs.« Er sah Catherine nach.« Als Mrs. ich verstehe. In meinem Haus bekommt jeder Gast zur Begrüßung einen Sherry!« Sie wandte sich an Garibaldi.wirklich sehr kalt heute abend! Bitte geben Sie mir Ihre Jacken. wie schrecklich. Vater Garibaldi. Ich bin Mrs. »Sonst kann ich mich im Flugzeug nicht entspannen. sagte er und zog die schwarze Jacke aus. Warum setzen Sie sich nicht ans Feuer. sagte Garibaldi und lächelte verlegen. erwiderte sie. Mr.« »Wenn es möglich ist. Sie hielt sich den leuchtend roten Schal vor das Gesicht und hatte die passende Strickmütze so tief in die Stirn gezogen. sagte Catherine. O’Toole. Mrs. strahlten ihre Augen. und…« »Genaugenommen«. die Catherine am Flughafen für ihn gekauft hatte. und ich komme in ein paar Minuten mit einem Glas Sherry nach. »Bin ich Vater Garibaldi. O’Toole das schwarze Priesterhemd und das kleine Goldkreuz sah. Ja. Wir werden Sie nicht belästigen.

sagte Garibaldi. ich habe ganz bestimmt keinen. solange sie wollen.« Garibaldi folgte ihr ins Nebenzimmer. fügte sie schnell hinzu: »Warten Sie. und kann über nichts anderes als Computer reden. hier neben dem Fernseher ist er.« Ihr Lächeln gefror. daß Sie ihn benutzen. Ich bin sicher. wenn er zu Besuch kommt. »Wissen Sie.« »Computer?« sagte sie. Bitte kommen Sie mit. wissen Sie. Es war ein Spielcomputer für Kinder. Benutzen Sie ihn. worauf sie deutete. den ich mir kurz ausleihen könnte. Mein Enkel benutzt einen Computer. ob Sie möglicherweise einen Computer haben. und leider ist mit meiner Festplatte etwas nicht in Ordnung.« »Oh.erledigen. An der Wand sah er ein Klavier. er hätte nichts dagegen. Im Augenblick ist er nicht da. wo vor einem Fernseher drei Sessel standen.« »Vielen Dank«.« Als sie sein enttäuschtes Gesicht sah. 459 . Dann sah er. »Wie bitte?« Er hielt den Laptop hoch. Er ist in diesem Alter. »Wo stellt er ihn immer hin? Ach ja. Vielleicht ist ja auch unter Ihren Gästen jemand mit einem Computer. »Wollen wir mal sehen…« Sie drehte sich langsam um. aber er hat den Computer hier gelassen. Und meine Gäste… Ich weiß nicht.« »Ich überlege. Vater. »Mein Computer muß repariert werden. Niemand hat etwas von einem Computer gesagt.

Las Vegas. sagte er. »Ich habe sie gefunden«. »Die Frau am Schalter von Delta sagt.« »Wohin?« »Zum Besuch beim Präsidenten«. ein Priester hat zwei Tickets gekauft. 460 . erwiderte Raphael und grinste. stieg ein und steckte seinen falschen FBI-Ausweis in die Jackentasche. Nevada Raphael kam zurück zum Wagen. in dem Zeke vor dem Flughafengebäude auf ihn wartete.

DER ELFTE TAG 461 .

aber meist saß ich nur an den Betten der Sterbenden und versuchte. Philos ahnte nicht. am Herd und bei der Familie. was ich gelernt hatte. Philos war den ganzen Tag bei den Männern in der Stadt. er war der Meinung. um die ich mich hätte kümmern müssen. daß es Menschen gibt. Er kam abends nach Hause und erzählte mir. verschwand nach kurzer Zeit unter irgendeinem Vorwand in seinem Arbeitszimmer und schloß die Tür. Ich sah. Ich weiß. hörte er mir nicht zu. im Handel oder in einem Beruf betätigen. Und so kam es. die täglichen Ereignisse einer Frau seien für ihn nicht wichtig. die Kranken und Sterbenden zu pflegen. daß ich regelmäßig in das Hospital im Isistempel ging und den Schwestern half. die den Tod in Würde und Ruhe erwarten. wie er den Tag verbracht und was er gelernt hatte. Dezember 1999 Die Liebe kam auf völlig unerwartete Weise. daß sich Frauen in Geschäften. auf welch unterschiedliche Weise die Menschen sterben. Ich konnte etwas medizinischen Beistand leisten. Ebensowenig wußte er. konnte ich mir meinen Traum erfüllen und die Botschaft des Gerechten verbreiten. ihm von meinem Tag zu erzählen und davon. und daß andere unruhig werden und Angst bekommen. Da ich keine Familie hatte. ihnen den Weg in die nächste Welt zu erleichtern. Als Grieche hielt Philos nichts davon. daß ich beobachten konnte. 24. was ich während meiner Freundschaft mit Satvinder gelernt hatte.Freitag. Doch wenn ich anfing. Der Platz einer Frau sei im Haus. und da mein Ehemann nur selten zu Hause war. sagte er. Für manche Menschen ist der Tod wie ein 462 .

»Wir werden dort einen neuen Körper bekommen«. daß nur jenen. sagten die anderen.langer Schlaf. die sich ohne jeden Glauben auf den Weg in das Jenseits vorbereiten mußten. aber wir sterben auf unterschiedliche Weise und jeder zu einem anderen Zeitpunkt in seinem Leben. Doch es gab andere. und wieder andere haben viele Fragen. Viele behaupten. Wenn ich an den Betten der Menschen mit einem starken Glauben saß und bei anderen. wie die Kranken die Augen schlossen und ihren letzten Atemzug taten. ich bin am Ende aller Dinge. Ich habe es nie beobachtet. die diese Botschaft annahmen. Alle anderen werden zugrunde gehen. Anhänger anderer Religionen glaubten. ein Leben nach dem Tode bestimmt ist. das da ist. wo meine Ahnen sind«. aber ich habe sie nie gesehen. sagten die einen. Ich hielt Ausschau nach der davonfliegenden Seele. andere fürchten sich nach dem Übergang in die Geisterwelt vor schrecklichen Foltern und großen Qualen. Ich erlebte oft. sprach ich zu ihnen von der Botschaft des Gerechten. das gesehen zu haben. die nichts davon hören wollten. die Seele verlasse den Körper durch die Nase in Gestalt eines Vogels. der zu uns gesagt hat: »Ich bin vor der Zeit von allem. als Wind über die Welt zu wehen oder auf alle Ewigkeit in dunkle Höhlen 463 . Die Ägypter glauben. Während der Wochen und Monate im Isistempel wurde ich Zeugin einer universellen Wahrheit: Wir sterben alle. und ich lebe. Ich halte die Schlüssel des Todes und des Lebens in meiner Hand. sondern glaubt. Manche waren davon überzeugt. starben in Frieden. daß sie sich auf die Reise an einen neuen Ort begaben. fürchtet euch nicht. »Mein Geist wird dorthin gehen. die da sind und kommen. Doch der Weg lehrt. die der Botschaft des Gerechten folgen. Ich habe den Tod erlitten und das Leben gefunden.« Jene.

Aber meine Verzweiflung wuchs. Eines Abends brachte man einen Verletzten zu uns. Als ich das hörte. faßte ich mir ein Herz und sagte. Er zog sich in sein Arbeitszimmer zurück. daß er das Bein verlieren werde. Philos säuberte und verband die Wunde. Er wollte den Mann in einen künstlichen Schlaf versetzen und den Pfeil dann mit einem Skalpell herausschneiden. schloß die Tür und arbeitete bis spät in die Nacht. vor dem Wundbrand und der Möglichkeit. und er zurückschnellte. denn ihn trieb der Wunsch. weil wir. Ich zog einen starken Zweig nach unten. So kam es. der Pfeil könne nicht herausgezogen werden. Ich hörte ihnen zu und lernte etwas über die vielen Vorstellungen vom Leben nach dem Tod. Aber er war mit seiner Alchimie beschäftigt und mit der Suche nach einem Elixier. über die andere spotteten. daß er nicht länger mein Mann war. Als ich den Ast losließ. er habe überhaupt nichts gespürt. Wir brachten den Verletzten auf meine Anweisung in den Garten zu einem Baum. in dessen Bein eine Pfeilspitze steckte. zog er den Pfeil mit sich. das ewiges Leben schenkt. An diesem Abend kam Philos in mein Zimmer – denn wir hatten damals getrennte Schlafzimmer – und fragte mich. Ich wollte mit Philos darüber sprechen. daß der Mann staunend erklärte. und der Mann ging davon. Es ging so schnell. in dessen Haus ich lebte. 464 . die Anhänger des Gerechten. Philos warnte den Verletzten aber vor der Infektionsgefahr. Philos untersuchte ihn und erklärte. sondern ein Fremder. die Wahrheit der alten Überlieferungen zu beweisen. niemals alle rechtzeitig mit seiner Botschaft erreichen können. Er las und führte Experimente durch.hinabzusteigen. befestigte eine Schnur daran und verknotete das andere Ende am Pfeilschaft. es gebe eine andere Möglichkeit. Er würde sein Bein nicht verlieren.

wo ich diese Methode gelernt hätte. Obwohl ich eine Anhängerin des Gerechten war. wo die Priesterinnen unseren Sohn segneten und noch einmal tauften. bei mir. das es jemals unter den Menschen gegeben hat. Wir haben jetzt ein Kind. Der Tag kam. nach dem Dichter. Ich erzählte ihm von Satvinder. (Perpetua schreibt: »Sabina lacht. die wir in Indien gesehen und erlebt hatten. 465 . das Kind unserer Liebe. immer auch noch an die Macht des Hermes und seiner Worte. an das wir denken müssen. liebten wir uns mit unseren Körpern und den Herzen. Wir erzählten uns gegenseitig von den wunderbaren Dingen. Und er war das schönste Kind. Aber es sollte nicht sein. Als ich hörte. wir hätten nichts zu befürchten. glaubte ich. in Britannien aufgerichtet worden waren. und sie taufte ihn. Und so schifften wir uns nach Britannien ein. Unser Sohn wurde neun Monate später geboren. und ich würde endlich meine Heimat wiedersehen. er werde vielleicht zurück nach Antiochia versetzt werden. wie viele andere der Gemeinde. Er sagte. Können wir Cornelius Severus nicht verlassen und nach Hause reisen?« Doch Philos hatte von riesigen Steinen gehört. Als der Morgen graute. Ich sagte zu Philos: »Britannien ist nahe der Rheingrenze. Ich hoffte. denn wir stünden unter dem Schutz des römischen Adlers. als die Menschen unter den Unsterblichen lebten. an dem Cornelius Severus einen neuen Auftrag erhielt. Ich behielt Pindar. Wir blieben die ganze Nacht wach und redeten zum ersten Mal in unserer Ehe wirklich miteinander. daß Britannien unser Ziel war. bekam ich Angst. Danach trugen wir ihn in den Tempel des Hermes Logos. Ich brachte ihn zum Diakon der Gemeinde. die während des Goldenen Zeitalters.«) Wir nannten ihn Pindar.

um die Fernsehnachrichten zu sehen. Sie sagen auch. Der Sprecher fuhr fort: »Das FBI verfolgte die Spur des Teilnehmers bis zu diesem abgelegenen Haus auf der Bainbridge-Insel. Das FBI wurde heute morgen auf eine falsche Fährte gelockt. Dr. der heute morgen auf den Monitoren der Beamten erschien. Catherine Alexander. Alexander habe sich auf einem Kanal im Internet zu Wort gemeldet.Santa Fe. »Die untergetauchte Dr. wäre heute beinahe vom FBI festgenommen worden. Es stellte sich allerdings heraus. Und wenn die Bullen mich nicht in Ruhe lassen. die Internet überwachen. »Wie das FBI den Aufenthaltsort der Verdächtigen ausfindig gemacht hat.« Der Kollege der Sprecherin fügte lachend hinzu. daß es sich nicht um die flüchtige Archäologin handelte. Die Sprecherin verriet durch ihr Lächeln. nach der die Polizei bisher ergebnislos fahndet. New Mexico »Jahrtausendtollheit und der Wahnsinn im Internet!« Erika unterbrach das Einpacken der Weihnachtsgeschenke. ist eine Wiedergabe des Textes. Was Sie im Augenblick auf Ihrem Bildschirm sehen. wollen wir kurz für alle jene erklären. WERDE ICH DIE SCHRIFTROLLEN VERBRENNEN!»»» Es folgten Aufnahmen eines Hauses am See. wann Jesus zurückkommen wird.« «@CaAlex »Die Schriftrollen sagen den Weltuntergang voraus. bei denen das Computer-Zeitalter noch nicht begonnen hat. als die Behörde erfuhr. daß eine heitere Meldung folgen würde. das zwischen hohen Bäumen stand. Die 466 . sondern um eine Hausfrau aus Seattle.

Aber wie verpackt man den Titel eines Lords? Sie hatte Miles zum letzten Weihnachtsfest des Jahrtausends ein ganz besonderes. in der sie manchmal nicht genug Geld für einen halben Liter Milch besaß.000 Dollar verkauft worden war.« Die Sprecherin wurde wieder eingeblendet. Gastwirtin Barbara Young. daß in England ungefähr zwanzigtausend Adelstitel zum Verkauf standen. Als sie jetzt nach dem richtigen Papier für die polierte Schatulle aus Wurzelholz suchte – das wertvolle Dokument war erst an diesem Morgen aus London eingetroffen -. Dafür brauchte sie ganz besonderes Papier. Weitere Nachrichten zum Thema Jahrtausendwende…« Erika stellte den Ton ab und griff nach dem Geschenk für Miles. hatte das Recht. wußte Erika. erklärte. hob sie den Kopf und blickte hinaus auf die schneebedeckten Sangre de Cristo-Berge. erwähnte er. Wer einen solchen Titel kaufte. ein einmaliges Geschenk machen wollen.computerbegeisterte Besitzerin. sich zum Beispiel Lord oder Lady of the Manor zu nennen. Obwohl bereits das sehr reizvoll klang. 467 . daß es einmal eine Zeit gegeben hatte. »Die Beamten des FBI fanden das nicht sehr lustig. daß er diesen Titel gern selbst gehabt hätte. wie unbekümmert sie inzwischen mit Geld umging. Erika hatte sich das gemerkt und auf eine Gelegenheit gehofft. hatte sie sich nach Einzelheiten erkundigt. Es gab nur einen. den sie haben wollte. Tatsächlich stand der Titel in diesem Jahr wieder zum Verkauf. Erika dachte daran. daß der Titel des Lords von Stratford-upon-Avon für die Rekordsumme von 228. Als Miles 1990 erfahren hatte. ihn zu erwerben. Als sie las. nicht zu vergessen. daß sie sich für Miles nicht mit einem beliebigen Titel zufriedengeben konnte. sie habe sich nur einen Spaß erlaubt. Es war schwer.

Das war die eigentliche Ursache ihrer Unzufriedenheit in letzter Zeit. in all diesem Reichtum. der du von Dunkelheit umgeben bist? Suchst du nicht den Weg nach Hause?‹« In letzter Zeit überraschte er sie häufig mit solchen Zitaten. anderes nicht. und plötzlich erfaßte sie eine überwältigende Sehnsucht nach einem einfacheren Leben. Vor dem Krieg… Nun war es heraus. die Zeit vor vielen Jahren. Damals. klang biblisch. vermutete jedoch. Erika erkannte. Plötzlich begriff Erika etwas. als sei ein Schleier von ihren Augen gezogen worden. die so klar und überwältigend war. Erika wußte nicht. daß sie aus einem Werk stammten. blickte sie auf die vielen Geschenke. daß ihr der Atem stockte und das Geschenkpapier ihren Händen entglitt. wo er sie fand. auf diese Weise ihre Neugier zu wecken. Während ihr der Satz immer wieder durch den Kopf ging. aber wahre Erkenntnis. die ein anschaulicher Beweis ihres Reichtums waren. Manches. »Ich suche tatsächlich den Weg nach Hause«. Und wo war ihr Zuhause? Nicht hier. Ich suche den Weg nach Hause. das er ihr zu Weihnachten schenken wollte. erstaunt über diese schlichte.Ihre Finger strichen über das goldgehämmerte Geschenkpapier in ihren Händen. als Miles noch nicht den Durchbruch geschafft hatte… Sie erinnerte sich an die Worte von Miles. flüsterte sie. Wo dann? Zu Hause ist die Vergangenheit. ich suche das Licht. du. die sie wie eine Offenbarung empfand. was er zitierte. doch es gefiel ihr alles. bevor… Bevor? Erika hatte noch eine Offenbarung. daß sie den Keim dieser Erkenntnis 468 . Es würde Miles ähnlich sehen. Ja. Er hatte heute morgen beim gemeinsamen Frühstück den Satz aus einem Buch zitiert: »›Suchst du nicht ein Licht.

Aber sie hatte geahnt. Er sprach nicht über seine Kriegserlebnisse. den sie 1968 einen Tag vor seiner Abfahrt nach Vietnam geheiratet hatte. Die Erlebnisse in Vietnam hatten Miles anders geschädigt. in denen Erika es nicht hatte wahrhaben wollen. Zum ersten Mal seit dem Ende des Krieges stellte sie sich wieder die Frage: Was hat ihn so verändert? »In Vietnam gibt es keine Tiger. und mit einem eigenartigen Optimismus. in denen sie ihre Kinder großgezogen hatte und die Ehefrau des inzwischen beinahe legendären Miles Havers gewesen war. aus denen er schreiend aufwachte. der zurückgekommen war. daß Miles sich in Vietnam auf beunruhigende Weise verändert hatte – er war fröhlich zurückgekommen. keine Selbsthilfegruppen. zwang sie sich. der sie irgendwie verwirrte. Sie hatte es sich nur nie eingestehen wollen. er litt nicht unter Depressionen oder an Schuldgefühlen. wie andere Ehefrauen es von ihren Männern berichteten. Mann!« Perez. Unteroffizier Manuel Perez. nach dreißig Jahren. war ein anderer Mann als der. Erika wußte. Miles war mit einem seltsamen neuen Ehrgeiz zurückgekommen. Aber nun. Er brauchte keine psychologische Beratung. Miles hatte nach dem Krieg wie ein kleines Kind geschlafen. Es hatte keine Alpträume gegeben. daß es in ihrem Fall irgendwie anders war. daß dieser Krieg das Leben Tausender zerstört hatte. den sie vorher nie an ihm bemerkt hatte. er habe die Kraft des Tigers in sich. Der Mann. widersprach seinem 469 . Er war ohne einen Kratzer zurückgekommen.schon lange in sich getragen hatte – genaugenommen seit drei Jahrzehnten. Er lächelte nur und sagte. der Tatsache ins Auge zu sehen.

Die Männer der kleinen Kampfeinheit ahnten zwei schreckliche Dinge. hatte noch nie in seinem ganzen Leben einen solchen Hunger gehabt. Gefreiter Miles Havers. hockten die Männer in einem stinkenden Zelt und fragten sich. Befanden sie sich überhaupt noch auf südvietnamesischem Gebiet? Zweitens.« Daran mußte er seine Männer nicht erinnern. Doch es gab etwas Schlimmeres als den Hunger. bunt zusammengewürfelten Trupps her zu. und das machte ihnen noch mehr angst. ihr Oberst war offensichtlich verrückt geworden.Vorgesetzten. so erkannte er. daß sie sich wahrscheinlich bereits hoffnungslos verirrt hatten. Es war Sommer 1968. Jungs!« rief er ihnen von der Spitze des desolaten. Perez mochte tollkühn sein. Während die Sintflut das Land in einen Sumpf zu verwandeln schien. aber ein Selbstmörder war er nicht. Jetzt gab es keine Verpflegung mehr. Sie mußten weiter. Es hatte tagelang nicht aufgehört zu regnen. überließ er sich sexuellen Phantasien. schlugen das Zelt ab und waren jetzt. veränderte die Prioritäten eines Menschen. »die gelben Teufel sind in der Gegend. zwanzig Jahre alt. Aber er tat das nicht in Hörweite des Oberst. und seine Phantasien kreisten um das Essen. völlig ausgehungert. wo sie genug zu essen hatten. Der Hunger. Vor zwei Tagen hatten sie die letzten Essensrationen aufgebraucht. Sie waren sich der Allgegenwart der Vietkong so sehr bewußt. »Hört mal her. als sie im Gänsemarsch durch den dampfenden Dschungel marschierten. Sie haben es auf uns abgesehen. in welche neue Hölle sie diesmal geraten waren. Im Basislager. Sie hatten seit langem weder ein Dorf noch ein Reisfeld gesehen. daß ihre Nerven unter der Anspannung zu 470 . Erstens: Sie waren so weit von ihrem Regiment entfernt.

was von ihnen übriggeblieben war. Alle lauschten auf das metallische Klicken von Patronen. was der große Sün Tse gesagt hat: ›Was dich nicht umbringt. »Der 471 . Miles glaubte. Der Oberst hatte danebengestanden und eingehend das Blut des Majors an seiner Hose betrachtet. Jungs«. Aber weshalb hatte der Oberst dabei den Hörer in der Hand gehalten? Sag es nicht! Der Oberst hatte den Hörer in der Hand. weil er das Funkgerät absichtlich zerstört hat. um Himmels willen? Damit er auf seine verrückte Tigerjagd gehen kann. die in die Kammer einer AK-4 gedrückt wurden. die überall auf den Dschungelpfaden in getarnten Fallgruben steckten. der den Major und den Leutnant abgeholt hatte – oder das. »Tiger jagen allein. Dabei hatte er gelächelt und gesagt: »Ich werde den Tiger finden…« Deshalb konnte Miles nicht aufhören. an das Funkgerät zu denken. Der Oberst hackte sich einen Weg durch das dichte Unterholz und rief fröhlich: »Denkt immer daran. es sei im Schlamm begraben worden. Selbst das Sonnenlicht auf ihren Gesichtern schien sie wie Sandpapier wundzuscheuern. als sie der sintflutartige Regen überraschte.zerreißen drohten. Aber noch schlimmer war die Bedrohung durch PimgiPflöcke – angespitzte grüne Bambusrohre. das stehe irgendwie in einem Zusammenhang mit dem Hubschrauber. Der Oberst hatte ihnen gesagt. Sie machten das Gehen zu einer ganz neuen Herausforderung. Aber wieso. sagte der Oberst und zog einen aufgeweichten Zigarrenstummel aus der Tasche seines Tarnanzugs. macht dich stärker‹« Der Oberst hatte sich verändert. denn das wäre das Signal gewesen. mit einem Kugelhagel von 350 Geschossen in der Minute den Dschungel in einen Fleischwolf zu verwandeln.

Der Tiger bewegt sich geduckt und mit erhobenem Kopf sehr langsam und vorsichtig. verkriecht er sich in das Unterholz und wartet auf den richtigen Augenblick. Die Leute in der Gegend 472 . sagte der Oberst grinsend. und.« Der Trupp überquerte unter den üblichen Vorsichtsmaßnahmen einen kleinen Bach.Tiger legt auf der Suche nach Beute bis zu zwölf Meilen zurück und verläßt sich mehr auf seine Augen als auf den Geruchssinn.« Er steckte die angerauchte Zigarre in den Mund und sprach zwischen den Zähnen weiter. Dabei setzt er die Pfoten behutsam auf und verharrt immer wieder regungslos. wenn von dem Opfer nur noch Haut und Knochen übrig sind. Und er hört erst auf. erschöpften Männer hinter ihm hertrotteten. erreicht er sie mit wenigen Sätzen. Sobald er die Beute erspäht. ein Tiger springt niemals hoch in die Luft oder macht zu große Sätze. Dabei beginnt er immer«. Jungs. »Die eigentliche Jagd ist sehr eindrucksvoll. »hinten. während seine ausgehungerten. und sie hat einen Dorfbewohner getötet. um ihre Jungen zu schützen. ist ein Menschenfresser. denkt immer daran. nämlich Hirsch und Wildschwein.« Er lachte zufrieden. Beim Reißen der Beute befinden sich seine Hinterbeine fest auf der Erde. Offenbar fand sie mehr Geschmack an Menschenfleisch als an ihrer üblichen Beute. Dann schleppt der Tiger sie ins dichte Unterholz und frißt sie über einen Zeitraum von mehreren Tagen auf. den wir suchen. Inzwischen hat sie dreizehn Menschen getötet und gefressen. Jungs. Ein Tiger greift von der Seite oder von hinten an. ohne auf ihn zu hören. Wenn er die Beute anfällt. Es ist eine Tigerin. »Der Tiger. Jungs. um sie anzuspringen. Der Oberst fuhr in seinem Vortrag fort: »Die Beute wird am Hals gepackt und umgeworfen.

In der Mitte der Pupillen befand sich ein beängstigender schwarzer Fleck. hab ich einen Hunger. Nur der Oberst besaß noch einen. es ist eine Brigade. Wenn er sich umdrehte und seine Männer ansah.« »›Patrouille‹. aber sie waren alle zu nervös. Es war sonderbar. ihren Kompaß zu verlieren. Wohin zum Teufel führte er sie? »Sperrt eure Augen und Ohren auf. Ich meine. der einzige Schwarze des Trupps.« Goldstein brachte eine Schachtel Camel zum Vorschein und reichte sie herum. und er blickte hin und wieder darauf. und grinste. Jungs«. was zum Teufel suchen wir hier überhaupt?« »Wir jagen einen Tiger«. daß er und alle anderen es geschafft hatten. erwiderte der Oberst. Perez sagte leise: »Der Oberst hat wirklich eine Macke. die bis zu den Zähnen mit sowjetischen Panzern und Artillerie bewaffnet ist. Mit den Augen des Oberst stimmte etwas nicht. »Ich habe gehört. Plötzlich war ihm der Oberst unheimlicher als die Vietkong oder die ganze nordvietnamesische Armee. sagte Jackson. um die Zigaretten anzuzünden.« Miles überprüfte zum hundertsten Mal das Magazin seines automatischen Revolvers und schob ihn wieder in 473 . der ihn gehört hatte.« Perez schloß auf und murmelte Miles zu: »Wenn du mich fragst. der Oberst hat nicht mehr alle Tassen im Schrank. »In der Gegend ist eine Vietkong-Patrouille gemeldet worden. ohne den Männern irgendwelche Erklärungen zu geben. Mann. sagte er. Eine Brigade der nordvietnamesischen Armee. was für ein Scheiß«. Miles mußte immer wieder an die Kompasse denken. weil sie vierzehn Seelen gestohlen hat. O Gott. der immer größer zu werden schien.nennen sie Seelendiebin. überlief es Miles jedesmal eiskalt.

»Jetzt«. »jetzt habe ich aber wirklich Angst.das Halfter zurück. die inzwischen als Bar diente. und weil es die Kugeln horizontal streute.« »Sir. im Regenwald und in der Wüste. Feldwebel«. Er hatte keine eigene 474 . wenn wir wirklich einen Tiger finden?« Der Oberst hörte die Frage. »warum wir diesen Tiger jagen?« Der Oberst blieb wie angewurzelt stehen. Vietkong sind in der Gegend. »Was ist. glauben Sie nicht…« »Panthera tigris!« rief der Oberst fröhlich. »Ein großer Tiger. Unteroffizier Perez.« Er lachte leise. Sir«. tötete man damit sehr schnell und wirkungsvoll.« Auch Miles hatte Angst. »Hier ist ein Tiger. Man findet ihn im Schnee und im Bambus. »He. zum ersten Mal in diesem absurden Alptraum von einem Krieg. wo es ihm paßt. ein Selbstladegewehr. haben sie mir versichert. Er lebt überall. drehte sich um und warf einen erstaunten Blick auf seine Männer. Ich habe im Ponderosa davon gehört.« Er drehte sich wieder um und marschierte weiter. mein Junge. Es ist mit Sicherheit unsere Menschenfresserin. flüsterte der junge Smart. »Den Tigern gehört die Welt. »Man sollte glauben. sagte Perez. Seine andere Waffe hing über der linken Schulter und schien mit jedem Schritt schwerer zu werden. der achtzehn war. obwohl er ein paar Schritte vor ihnen ging. Es flößte Miles eine ungeheure Angst ein. aber wie ein Zwölfjähriger aussah.« Das Ponderosa war eine ehemalige französische Villa im Hauptquartier in Saigon. murmelte der junge Smart mit klappernden Zähnen. das liegt auf der Hand. Sie haben es auf uns abgesehen. Es war ein 3er Ithaka.« »Darf ich fragen. »Die größte Spezies der Katzenfamilie.

Er wollte in die USA und zu Erika zurück. was sie dachten. mein Junge. »habe ich die Erlaubnis. dessen jungenhaftes Kinn große Pickel zierten. sagte der Oberst.« Die Augen der Männer in den hageren. Es stellte sich heraus. folgten sie dem Beispiel des Oberst. Der Saft ist das Wichtige daran. bevor die Nacht zu Ende ist. »sollen wir uns vielleicht von jetzt ab wie Pferde von Gras ernähren?« Perez zog nachdenklich die Stirn in Falten und blickte in die ängstlichen Gesichter der anderen. Er blieb stehen und pflückte dunkelgrüne Blätter von einem großen Strauch. aber mit einer gewissen Schärfe. die daraufhin in tausend Stücke zerrissen wurden. hätten sie alle am liebsten gefragt. die an Coffein erinnerte. »Sir«. die Männer auf die Suche nach etwas Eßbarem zu schicken?« »Das ist nicht nötig. kauten herzhaft auf 475 .« »He. daß die Blätter nicht schlecht schmeckten – ähnlich wie Spinat. Er wußte. wieder lebend aus dem Gemetzel herauszukommen. um euch Appetit zu machen«. sagte Perez. Es kam immer häufiger vor. sagte Perez. Sie rollten Splittergranaten in die Zelte von Offizieren. Er verteilte die Blätter wie Hostien und ermahnte die Männer: »Ihr müßt gut kauen. Da ihre Mägen knurrten. Ihr werdet schlemmen. verdreckten Gesichtern wurden groß. Jetzt richtete sich sein ganzer Ehrgeiz jedoch darauf. daß sich Mannschaften von ihren Vorgesetzten ›trennten‹. machte er bereits Liegestützen in einer Kaserne. flüsterte Smart. Schlemmen? Was?.Meinung über das Töten. Als er sich überlegte. »Hier ist eine kleine Vorspeise. der mit ungewöhnlich roten Blüten übersät war. »Bleibt cool«. Unteroffizier«. ob er seinen Einberufungsbescheid verbrennen und nach Kanada flüchten sollte.

fuhr der Oberst fort. rissen sie immer mehr Blätter von dem Strauch und stopften sie sich gierig in den Mund.« Goldstein begann zu summen. Es war nur ein abgestorbener Baum. spitze einziehbare Krallen. als wanderten sie über die Brüste einer Frau. »sind sehr muskulös. Sie hörten Vogelrufe. der sich auf der anderen Seite der Welt in die Bucht von San Francisco wälzte. um die Hebelwirkung der mächtigen Kiefer zu verstärken. Er hätte schwören können. Die feuchte Erde schien unter ihren Stiefeln sanft zu seufzen. Ihre geschwungenen Dächer strahlten golden. er höre. um noch mehr Blätter zu pflücken. und an den Pfoten hat er lange. erklärte der Oberst. Unsere Tigerin ist eine starke Mutter. 476 . seufzte Jackson. daß seine Ohren überempfindlich wurden. »Die Vorderbeine und Schultern eines Tigers«. »Wahnsinn. und einmal. schwor Miles. Der junge Smart seufzte: »Waaauuuu…« Perez hielt sich eine Hand vor die Nase und schnupperte am Handgelenk. Der Schädel ist kurz.den Blättern herum und schluckten sie hinunter. Überall schienen Smaragde zu hängen. Die Luft verfestigte sich und wurde zu Seide. Bald leuchtete der Dschungel in neuen Farben. als die Sonnenstrahlen im Dschungel verblaßten. wie sich die Blüte einer Orchidee entfaltete. »Tiger jagen nachts«. Miles spähte durch die dicken Lianen und Schlingpflanzen und sah in einiger Entfernung eine leuchtend rote Pagode aus dem Dunst aufsteigen. Er lächelte glücklich. schön…«. daß er den Nebel hörte. Miles stellte fest. die wie das Lachen kleiner Mädchen klangen. Er schloß die Augen und öffnete sie wieder. als sie anhielten. Die Pagode verschwand. Von plötzlichem Heißhunger gepackt.

Miles schmatzte in Erwartung der salzigen. »ist der indochinesische Tiger. daß Smart ihn anrempelte. Das Licht des gerade aufgegangenen Mondes trieb seine Spiele mit den Naturgesetzen: Formen veränderten sich. Er ist dunkler gefärbt als der indische und heller als der südchinesische Tiger. mandelförmigen Augen in die Richtung der Männer. Ist sie nicht schön?« Die Männer spähten durch das Laub. »Was ihr da seht. murmelte Goldstein. Ihr Fell wirkte im fahlen Mondlicht wie Schnee. »Großer Gott«. Aber irgend etwas bewegte sich im Gras. auf der das Gras wie Perlmutt schimmerte. hauchte der junge Smart. die zwischen den Farnen stand. gebutterten Popcorns. durch den in dramatischen schwarzen Streifen die Erde zu sehen war. Sie hörten es – weiche Pfoten auf dem modrigen Boden. um auf eine Lichtung zu spähen. Es war eine altmodische Maschine auf einem Karren mit großen Rädern und einem Aufbau.Miles blieb stehen und betrachtete eine große glänzende Popcorn-Maschine. Sie leckte sich mit einer überraschend 477 . »Da ist sie!« sagte der Oberst mit gedämpfter Stimme und blieb so unvermittelt stehen. Die Bestie drehte den Kopf und blickte mit schräg geschnittenen. Doch die Maschine löste sich auf und wurde wieder zu einem gewöhnlichen Steinhaufen. Auch Miles sah nichts außer einer dunklen Lichtung. »Ich sehe keinen Tiger«. dehnten sich aus und nahmen die ursprüngliche Größe wieder an. Jungs«. Es war eine schöne schlanke Tigerin mit elegant geformten Hinterbeinen. der wie ein Zirkuszelt aussah. Sie war so schön. dachte Miles. daß es den Männern den Atem verschlug. Im letzten Jahrhundert wurde er nahezu ausgerottet. Wieso wittert sie uns nicht. »Da ist sie!« Wahrhaftig tauchte die Bestie auf der Lichtung auf. fuhr er flüsternd fort und teilte Elefantenohr-Blätter.

verrieb eine Handvoll klebriges Blut auf seiner weißen Haut. Dann spürte er. als wittere sie Gefahr. sagte er triumphierend und ging daran. daß das Herz der Tigerin noch schlug. Sie stopften sich voll mit dem Tigergeist und prahlten damit. die Seele der Seelendiebin zu essen und vielleicht sogar die Seelen der Menschen. Die Männer bemalten sich mit roten Streifen und lachten wie Kinder unter dem Rasensprenger an einem heißen Sommertag. und er stürzte sich ebenfalls auf das rohe Fleisch. Das warme Blut tropfte. der weiße Bauch blitzte auf. Der Oberst rannte auf die Lichtung. schob er energisch einen Gedanken 478 .rosafarbenen Zunge die Lippen. Er hätte schwören können. Dann war der Oberst auf den Knien. Als Miles näher kam. die sie gefressen hatte. griff mit beiden Händen in den offenen Leib und begann. und flüchtig wirkten sie beinahe wie die einer Frau. die schwarzrote Leber. Därme. warf er einen Blick auf das Gesicht der Tigerin. die Innereien herauszuholen – Nieren. Der Tiger stieß ein fürchterliches Gebrüll aus. Er hielt etwas Gelbes in den Fäusten. und als er sie zurückzog. Perez tauchte als erster die Arme in den offenen Leib. schoß und traf die sechshundert Pfund schwere Raubkatze mitten in die Brust. als er rief: »Greift zu. wie sein Magen knurrte. Sie sank mit einem lauten Gurgeln ins Gras. Er öffnete das Tier mit einem Schnitt von der Kehle bis zu den Lenden. Jungs!« Die ausgehungerten Männer zögerten nicht. es zu verschlingen. Ihre Augen standen offen. Magen. zückte das Messer. Miles zog das Hemd aus. als er es in zwei Teile schnitt und Jackson eine Portion zuwarf. »Bries«. Plötzlich erstarrte sie jedoch. Der Oberst richtete sich furchtlos auf. waren sie bis zu den Ellbogen rot. Während er auf dem festen Herzmuskel kaute.

der ihn verfolgte.« »Aber was? Da war doch nichts. sondern Kreaturen. Unteroffizier Perez. Miles? Es war doch ein Tiger? Wir haben doch einen Tiger gegessen?« 479 . wie jemand sagte: »Mein Gott.« »Ich habe etwas gesehen…« Jahre später hatte Miles aus heiterem Himmel einen Anruf erhalten. die nur noch die nackte Lust am Überleben kannten. Doch Miles hatte nicht vergessen. Goldstein und Jackson behaupteten später. Sie war noch nicht tot. wie sie die Lichtung verlassen hatten. rief mitten in der Nacht an und sagte: »Ich habe nachgeschlagen. was haben die Kerle denn gemacht? Es sieht aus. und später wußte keiner von ihnen. In Vietnam gibt es keine Tiger! He. daß sie an Bord des Rettungshubschraubers gekommen waren. Der Gedanke verschwand. Sie hörten den Hubschrauber nicht kommen. Smart. sie waren keine denkenden Männer mehr. und er gehört hatte. Sie haben etwas gegessen. der inzwischen als Anwalt in West Virginia lebte. Es war ein unangenehmer. sie könnten sich nur daran erinnern. häßlicher Gedanke.beiseite. und dabei sind sie nicht einmal verwundet…« »Sieh dir ihre Gesichter an. im Militärkrankenhaus von Saigon aufgewacht zu sein. als der Oberst sie aufgeschlitzt hat. als hätten sie in Blut gebadet. Perez.

dem handgenähten Quilt. 480 . ob jemand etwas entdeckt hatte. um an einen Computer heranzukommen. Wann würde sich das ändern? Mrs. »Sind Sie sich der Ironie bewußt?« fragte Garibaldi. an die Hawksbill-Gruppe gewandt hatte. während ihnen der kalte Wind ins Gesicht blies. Hinter ihr lagen elf fast schlaflose Nächte. um nach einer möglicherweise existierenden Kopie der Texte oder nach der siebten Schriftrolle zu suchen. Aber die Bibliotheken sind geschlossen. weil heute Heiligabend ist. nach Informationen über Tymbos zu suchen.Washington. Vor elf Tagen hatte Hungerford mit der Sprengung das JesusFragment ans Tageslicht gebracht. Catherines Zimmer mit einem Himmelbett. D. Omelett mit Käse. »Welcher Ironie?« Catherines Stimme drang gedämpft durch den dicken Wollschal. Sie waren gezwungen. »Wir sind hier in einer Stadt«. Seit sie den Killern in Las Vegas so knapp entkommen waren. frischen Blumen und der englischen Seife im Badezimmer gefiel ihr gut. »wo alle Bibliotheken ihren Benutzern Zugang zum Internet anbieten. erwiderte Garibaldi. Garibaldi hatte an diesem Morgen mit ihr gefrühstückt: selbstgemachtes Gebäck. seit sich Catherine mit der Bitte.C. saß ihr die Angst im Nacken. frisches Obst und starker Kaffee.« Catherine warf verstohlen einen Blick über die Schulter zurück. Drei Tage waren vergangen. der beinahe ihr ganzes Gesicht bedeckte. Sie wollte herausfinden. Hier ist der ideale Ort. das sichere Haus zu verlassen. O’Toole war sehr entgegenkommend und ließ Catherine die Mahlzeiten auf ihr Zimmer bringen. als sie durch die ruhige Straße gingen.

die neueste interaktive Romanze auf CD-ROM.Wenn sie nur nicht weiter fliehen müßten und sich hier eine Weile ausruhen könnten… Sie bogen um die Ecke auf die Wisconsin Avenue. Kein Wunder also. murmelte Garibaldi.« Über dem Aufgang zur Dianuba-Software-Abteilung hing ein Transparent. »Ich verstehe das nicht«. Vor ihnen stand Miles Havers! Dann sah sie zu ihrer Beruhigung. betraten das Geschäft. Ein weihnachtlich dekorierter Computerladen. Niemand wollte zurückbleiben. daß die Leute in langen Schlangen geduldig vor den Kassen standen. und Garibaldi rief: »Da!« »Wie bitte?« Sie blickte über die Straße und wußte sofort. Sein Konzern beherrschte den Markt. Die Frauen kauften ›Butterfly 33‹. und Catherine bekam einen Riesenschreck. denn jeder kaufte sich mit seinen Produkten die Fahrkarte in das neue Jahrtausend. Auf der Suche nach den Vorführ-Computern stießen sie überall auf den Pappmann ›Havers‹. Computerspiele und Software-Pakete von Dianuba Technologies waren die großen Hits. was er meinte. Er ist für sie eine Mischung aus Superman und Weihnachtsmann. Dort stand. Drinnen drängten sich die Käufer. während sie sich einen Weg durch die Menge bahnten. daß beim Kauf jedes 481 . »Die Leute verehren diesen Verbrecher wie einen Helden. Er war zweifellos ein Idol und verkörperte die Zukunft. auf dem stand: TESTEN SIE UNSERE NEUESTE SOFTWARE FÜR INTERNET KOSTENLOS Sie liefen über die Straße. und im Schaufenster hing ein Plakat. daß es sich nur um einen lebensgroßen Aufsteller aus Pappe handelte.

Sie suchten in den Foren nach Angeboten auf den ›Schwarzen Brettern‹ und brachten die Drähte zu den Nachrichten der Welt zum Glühen. was ihr angeboten wurde. das heißt. während sie arbeitete. der man ansah. kämpften in virtuellen Welten und entdeckten den Spaß. an Live-Diskussionen teilzunehmen. Auf dieses Symbol klicken. klickten sich durch die Angebote im Web. Erleichtert sah sie den Eintrag: #hawksbill. gemeinnützigen Regenwald-Stiftung von Miles Havers zugute komme. aus Anchorage. eroberte sich Catherine geistesgegenwärtig die Tastatur. die Gruppe war Online. Und das Besondere: Brauchen Sie eine große Datei. Ein Verkäufer redete auf eine Frau ein. Die Vorführ-Computer waren von Neugierigen umlagert. »Dieses Feature ist kostenlos in das Dianuba-Sicherungsprogramm KeepOut installiert. daß sie absolut nichts von all dem verstand. »So werden Massen manipuliert!« stieß Catherine wütend hervor. Auf dem Computer war die sehr schnelle Scimitar Software installiert.beliebigen Artikels ein bestimmter Anteil des Preises der privaten. Mit einem Mausklick war sie im IRC. Das bedeutete. in Ihrem Fall werden die komprimierten Daten nach dem File Transfer eingelesen und für Sie auf den Bildschirm gebracht…« Die junge Frau nickte unsicher.und Entpackungsprogramm. sagen wir. Alaska? Kein Problem. Vor allem Jugendliche standen an den Tastaturen. dann sind Sie im Ver. und der Verkäufer legte ihr strahlend das ›Komplettpaket für die Verbindung zum Daten-Highway‹ in den Einkaufswagen. Garibaldi warf einen Blick auf den ›Superpreis‹: dreihundert Dollar! Als endlich ein Computer frei wurde. Garibaldi hielt Wache. 482 .

»Nun beeilt euch schon«.« »Verzeihung«. »Wacht endlich auf!« sagte sie etwas lauter. Ich zeige Ihnen. Aber ein anderer des gut trainierten Verkäuferteams wurde auf sie aufmerksam. Sie starrte auf den leeren Bildschirm mit ihrem Namen – @janet – und hoffte. wie…« Catherine bekam einen eindrucksvollen Hustenanfall. Sie war versucht. »Seht ihr mich denn nicht? Ich bin es. Jetzt mußte sie warten. Der junge Mann wich zurück und verschwand in der Menge. »Was kann ich Ihnen über die neue Scimitar 483 . und auf der rechten Bildschirmhälfte erschien: #janet i. sagte der junge Mann und deutete auf den Bildschirm »Wenn Sie nichts dagegen haben. wagte es aber nicht. Aber dann hätte sie keiner aus der Hawksbill-Gruppe gefunden.Natürlich würden sie staunen. hörte sie eine Stimme hinter sich. »Scheint nicht viel loszusein«. war es möglich. begrüßte er sie höflich. daß einer der Hawksbill-Leute ihn entdeckte und Kontakt aufnahm. das Sicherste wäre gewesen. Sie sah zu Garibaldi hinüber. Deshalb tippte sie: /join #janet. Catherine blickte in ein lächelndes Gesicht. sich einzuwählen. der mit seinen Fragen einen Verkäufer ablenkte. Janet. würde ich gerne die Software ausprobieren. flüsterte sie. einen unsichtbaren Kanal zu schaffen. »Guten Tag«. Wenn Havers die Sache mit ›Hawksbill‹ herausgefunden hatte. Sie können mir ja dabei zusehen. daß er sich einen Namen aus dem Roman zugelegt hatte und nur auf ihr Auftauchen wartete. Catherine wußte. daß sich Catherine über IRC meldete. Der Verkäufer hatte sie erreicht. drückte die Eingabetaste. Sie seufzte und blickte auf den Bildschirm. Aber der Verkäufer würde sie nicht mehr lange in Ruhe lassen.

faßte den Verkäufer am Arm und sagte: »Entschuldigung.demon. auf IRC wird im Augenblick nicht viel los sein. die Weihnachtsgeschenke auszupacken. hätte Catherine am liebsten Mütze und Schal beiseite gelegt.« Nachdem sie weg waren. daß hinter ihr andere Leute unruhig auf eine Freifahrt durch das Internet warteten. wo nur ihr Name stand und darauf wartete.edu. Er drängte sich durch die Umstehenden. sagte der Verkäufer und war froh. »Selbstverständlich. Aber sie durfte nicht riskieren.co.« Er griff nach der Tastatur und wollte etwas eingeben.uk. «SERVER»Jean-Luc! fmason@ouray. wissen Sie. »Ja natürlich«. die erkältete Kundin verlassen zu können. hallo. daß sich jemand meldete. Wie lange stand sie schon hier? Sie spürte. »Außerdem sind viele dieser Kanäle in Europa. könnten Sie mir etwas über die nahtlose Integration von FTP in die WorkPlace-Shell von OS/2 sagen?« Catherine senkte den Kopf und hustete in ihren Schal. Bitte kommen Sie mit. Und so konzentrierte sie sich auf den Bildschirm. »Was soll ich Ihnen zeigen? Haben Sie vielleicht Probleme mit UNIX? Ich werde Ihnen zeigen. Sie blickte auf die Uhr. hallo.Software erzählen? Eine Frage: Sind Sie bereits mit Internet vertraut?« Er blickte auf den Monitor. Die Leute machen alle Weihnachtseinkäufe!« fügte er eine Spur herablassend hinzu. wie es geht. Dort ist es bereits Abend und Zeit. ihr Gesicht zu zeigen. 484 . Er war lauter als der erste. und Garibaldi hörte sie.cudenver. Mit diesem verblüffenden neuen…« Catherine bekam wieder einen Hustenanfall. «SERVER»Sugar!~kharvey@scgrad. »Ach. Der leere Bildschirm mußte sie irgendwann ungeduldig oder argwöhnisch machen.

[sugar] Janet: hast du das mit der Frau aus Seattle gehört.Catherine hätte vor Erleichterung beinahe laut gejubelt. hallo. sie wäre du? 485 . nicht Hawksbill. [DOGbert] Ich will nicht sterben. Leute!!! «SERVER»Maynard! ~rismith@ alice. hallo. Du bist sehr hübsch.Telnet. «SERVER» Benhur! ~George@Sebakal. daß ihr mich entdeckt habt. wir haben auf dich gewartet.brad. [BENHUR] Janet: Fröhliche Weihnachten [sugar] Was sagen die Schriftrollen??? Geht die Welt an Sylvester unter? Soll ich mich mit Prankie verabreden oder einfach zu Hause bleiben und sterben? Hahahaha «SERVER»Trilogy! Atomba@ix-orl-22. du kannst nicht mehr hierher kommen. Catherine wollte sich gerade erkundigen. [Jean-Luc] Janet. Das FBI überwacht die IRC Kanäle.DialUp.vetcom. wir haben dein Bild in den Zeitungen gesehen. hallo.Polaris. [Sugar] Hi!:))) «Janet »Großartig.us. [Jean-Luc] Janet. [Carlos] Wir glauben dir. Man hatte sie entdeckt! «Janet »Hi.ac. [SpaCeman] Aber nicht uns.com. Der nächste Hustenanfall vertrieb jedoch auch ihn.ix. als wieder ein Kunde kam und sich hinter sie stellte. die behauptet hat. [BENHUR] Noch nicht. ob jemand Tymbos gefunden habe. Hoffentlich schnappen sie dich nicht. [Jean-Luc] Janet. hallo. «SERVER»Carlos!mongo@dianuba.

Sie wußte nicht. [Jean-Luc] Wirst du jemals zu uns zurückkommen? Catherine blickte auf den Monitor und las die Worte und Gesten von Menschen. Dann tippte sie: «Janet »An alle: Es ist besser. Catherine blickte enttäuscht auf den Bildschirm. damit sie nicht so schnell agieren. Sie werden es wieder für einen Witz halten. Alexander wirklich selbst einen Kanal einrichtet. «SERVER»TrilogY hat sich verabschiedet. ihr geht. Seid ihr das gewesen? [TrilogY] Wir dachten. ob 486 . TrilogY auch ich… auch ich wünsche dir Glück. Es ist hier nicht sicher.:( [BENHUR] Überall…. [DOGbert] viel Glück! * DOGbert umarmt Janet. -) Nach einem schnellen Blick über die Schulter tippte Catherine: »Habt ihr Tymbos gefunden?« [Jean-Luc] Kein Tymbos. die sie nie getroffen hatte und vermutlich auch nie treffen würde. das würde die Polizei und alle von deiner Spur abbringen ):-p [Jean-Luc] Wir geben falschen Alarm.[SpaCeman] Und das FBI hat sie aufgespürt:))) «Janet »Ja. [TrilogY] leider nein!!!! [sugar] Wir haben es versucht. Wir schaffen andere Kanäle. [sugar] paß auf dich auf :-) sugar küßt Janet (((umarmt sie))) «SERVER»sugar hat abgeschaltet. «SERVER»Dogbert hat sich verabschiedet. falls Dr.

Auf dem Bildschirm standen nur noch zwei Namen:«@Janet und Jean-Luc. Danke für eure Hilfe. Waren sie zwanzig oder siebzig? Lebten sie in den Vereinigten Staaten? «Janet »Jean-Luc: wahrscheinlich nicht. «SERVER»Maynard hat sich verabschiedet. bevor eine Antwort kam: [Jean-Luc] Vielleicht treffen wir uns im neuen Jahrtausend… /leave DISCONNECT SERVER NO CARRIER 487 .›sugar‹ eine Frau war oder ›spaCeman‹ ein Mann. * Janet umarmt euch alle. [Jean-Luc] Janet… «Janet»Ja? Es dauerte eine Weile. «SERVER»Carlos hat sich verabschiedet. «SERVER»Benhur hat sich verabschiedet. «SERVER»Spaceman hat sich verabschiedet.

Rom Kardinal Lefevre sah die Schlagzeile: »FRAU BERÜHRT PHOTO EINER ALTEN SCHRIFTROLLE UND IST VOM KREBS GEHEILT!« Die Tatsache. die Kirche gehe nicht mit der Zeit? Der Vatikan hatte in den neunziger Jahren sehr umsichtig den Schritt in das Computer-Zeitalter gemacht und würde auch im nächsten Jahrtausend auf 488 . Wer wollte da behaupten. daß es nicht der Aufmacher der New York Times oder der italienischen Oggi war. Kardinal Lefevre erinnerte sich an den denkwürdigen Augenblick vor vier Jahren. sondern nur die Schlagzeile eines amerikanischen Sensationsblattes. Diese Schlagzeile machte nur deutlich. es hatte auch hier Veränderungen gegeben: Nun standen Computer im Archiv. nickte er dem diensthabenden Priester zu.Der Vatikan. als zwanzigtausend Seiten Handschriften plötzlich in den Cyberspace entlassen wurden und auf diese Weise Menschen auf der ganzen Welt mit einem Klicken der Maus Bilder aus mittelalterlichen Miniaturen und illuminierten Handschriften auf ihren Bildschirm rufen konnten. Auf dem Weg zu der Tür. und es ging eine Flut von Telegrammen aus aller Welt ein. Die Telefone im Vatikan standen keinen Augenblick mehr still. deren geprägte Bronzeplakette die Aufschrift Archivio Secreto Vaticano trug. wie weit der Wahn der Verblendung um sich gegriffen hatte. in denen die Heilkräfte des sogenannten Jesus-Fragments bestätigt wurden. O ja. Der Vatikan war 1995 an das Internet gegangen. der hinter einem Schreibtisch an einem Computer saß. nahm ihr in den Augen des Kardinals nichts von der Wirkung.

Man hatte auf diesem Weg nur ein paar besorgen können.seine Weise die Massen in aller Welt beeinflussen. Natürlich waren es nicht alle Photos. A. Daneben gab es Anmerkungen in Tinte: das Datum des 17. nicht nur zu hohen Beamten. einem Mann. Das Geheimarchiv war natürlich Wissenschaftlern und Studenten zugänglich. eine Aktennummer und die Initialen eines Polizeibeamten. sondern bis hinunter zu Angehörigen der Polizeibehörde von Santa Barbara. sondern schlicht ›privat‹. Theologen im Fachbereich Archäologie waren davon nicht 489 . Lefevre wußte. Eigentum der Kirche. ›Geheim‹ bedeutete in diesem Fall nicht versteckt und ganz sicher nicht verboten. das sich in aller Klarheit mit den Aufgaben und Pflichten von Theologen beschäftigte. Sie waren auf der Rückseite mit Bleistift datiert – 15. – Catherine Alexander‹ versehen. Kurz zuvor hatte ihm ein Kurier einen Umschlag mit Photos überbracht. Doch sie genügten. in dem ein kleiner Teil der fünfundvierzig laufenden Regalkilometer Archivmaterial aufbewahrt wurde. numeriert und mit den Initialen ›C. Dezember 1999. Dort lagerten in Gewölben mit dicken Mauern Tausende nicht erfaßter und katalogisierter Schriften. daß die Menschen den Namen der Bibliothek falsch deuteten. die inoffiziell aktiv geworden waren. der tatsächlich geheim war. Es hatte Tage gedauert. An diesem kalten Nachmittag des vierundzwanzigsten Dezember verließ Kardinal Lefevre jedoch den öffentlichen Teil der Bibliothek und verschwand im hinteren Bereich. Der Kardinal betrat einen der großen Räume.12. daß Catherine Alexander auf dem Sinai etwas gefunden hatte. auf deren Loyalität die Kirche zählen konnte. 99 -. die Verbindung herzustellen. um Seine Eminenz davon zu überzeugen. das nicht ignoriert werden durfte – nicht von Kardinal Lefevre. auf den der Entwurf eines Dokuments zurückging.

Wenn es jedermann erlaubt gewesen wäre. Der Kardinal hatte im Namen der Inquisition oder der Kongregation für Glaubensdoktrin. das Wort Gottes nach eigenem Gutdünken auszulegen. wurde allein dem Lehramt der Kirche übertragen. in diesem Dokument unmißverständlich klargestellt. eine authentische Interpretation des Wortes Gottes zu geben. Das stand völlig im Einklang mit der 1990 erschienenen. die von der offiziellen Kirchenlehre abwichen. Man mußte Grenzen ziehen. Auch Dr. Alexander hatte in einem Brief heftig gegen die Gleichsetzung von Dissens mit Sünde protestiert. überarbeiteten Version des Katechismus.ausgenommen. und sie aus ihrer 490 . Aber was stellen diese Leute sich eigentlich vor. eine Sünde begingen. Der Aufschrei von Bibelwissenschaftlern und Historikern beim Erscheinen des neuen Katechismus war zu erwarten gewesen. der feststellt: »Die Aufgabe. von zornigen jungen Frauen. daß Theologen. daß die Fundamente der katholischen Kirche nicht von dissidierenden Theologen unterhöhlt wurden.« In diesen Bereich gehörten auch Dokumente aus dem Altertum. fragte Kardinal Lefevre in ein stummes Selbstgespräch vertieft. bei denen es sich möglicherweise um christliche Texte handelte. dachte er mit gerunzelter Stirn. wie diese Institution jetzt so schön hieß. Vor allem nicht. Das Büro des Kardinals in der Kongregation führte einen täglichen Kampf darum. die widerrechtlich wertvolles Kircheneigentum an sich nehmen – falls es sich bei den Schriftrollen tatsächlich um christliche Dokumente handelt. hätte das ein allgemeines Chaos und den Zerfall der kirchlichen Macht bedeutet. Leitlinien festlegen und Strukturen vorgeben. um sie zu übersetzen. während er mit einem Spezialschlüssel die Tür des nächsten Gewölbes aufschloß.

falls man sie verfolgen würde. Hatte der Verfasser des Briefs Sabinas Text gelesen und eine Kopie angefertigt? 491 . bei dem Dokument handle es sich möglicherweise um das Fragment eines verlorengegangenen Evangeliums.« Paläographie und die Radiokarbon-Untersuchung führten zu einer Datierung des Fragments zwischen 100 und 150 nach Christus. da Dir die genaue Stunde der Wiederkehr des Gerechten und der Tag des Endes aller Dinge gesagt worden ist. fragte sich der Kardinal. »Nun. Wir werden niemals sterben. und es deshalb in seine Archive aufgenommen. hatte der Vatikan vermutet. der vor siebenundzwanzig Jahren Dr.voreingenommenen Sicht für alle Welt zu interpretieren! Seine Eminenz kannte Catherine Alexander. und ein Schauer lief ihm über den Rücken. Der Beauftragte des Vatikans. das man 1932 bei Ausgrabungen in Nordafrika in einer Ruine entdeckt. Ein Wort auf dem ersten Photo hatte seine Aufmerksamkeit erregt und ihn schließlich hinunter in dieses Gewölbe. in die tiefsten Regionen des Geheimarchivs geführt: Tymbos. ihre Irrlehren weiter zu verbreiten. dachte er und griff nach einer Stahlkassette. Er nahm ein Papyrusfragment aus der Kassette. Da ›der Gerechte‹ in der Bibel ein Titel des Messias war. Nina Alexander untersagt hatte. Es handelte sich offenbar um einen Brief. Es war der Name des Königs. Denn das Geschenk des ewigen Lebens ist Dein. Gehört das Fragment zu den Schriftrollen der Sabina. Wie die Mutter so die Tochter. war von Kardinal Lefevre nach Kalifornien geschickt worden. wie der Gerechte prophezeit hat. kann Dein Herz Frieden finden. der im Griechisch des römischen Reiches geschrieben war. dem die Diakonin die Schriftrollen übergeben sollte. und das der Sand Algeriens beinahe zweitausend Jahre unzerstört bewahrt hatte.

War die siebte Schriftrolle in Timgad versteckt worden? Lag sie vielleicht immer noch dort und wartete im Sand Nordafrikas darauf. Ließ die Ähnlichkeit der Namen auf einen Zusammenhang schließen? Im Internet kursierten Gerüchte.Oder stammte er von der Hand der Diakonin Amelia. sie sei auf der Suche nach einer siebten. überlegte der Kardinal. Alexander sei nicht im Besitz aller Schriftrollen der Sabina. entdeckt zu werden? 492 . vielleicht sogar der Perpetua? Das Fragment war in der Nähe der alten Stadt Timgad gefunden worden. Dr. ›Timgad‹ – ›Tymbos‹. Man sagte.

« Er wartete auf Catherines Antwort. Vielleicht kannte er uns schon vom Sinai. Hier können wir weg«. ihm war das im Augenblick gleichgültig. »Keiner hat einen Priester gesehen. erwiderte Zeke und ließ den Wagen an. sagte er. »die Kirche ist nur drei Straßen weiter.« »Er hat uns in Las Vegas genau gesehen. Der Gedanke daran. wohin würdest du an Heiligabend gehen?« »Ich werde nicht lange wegbleiben«.Washington. Havers dieser Auftrag kosten würde.« »Das heißt«. sagte Raphael. Hitze. »Das bringt nichts. was Mr. als er in den Mietwagen stieg. D. Kälte. die letzte Nacht gearbeitet haben. sagte Garibaldi. sind heute wieder da. was jetzt? »Raphael«. und sein Blick fiel auf die Reihe wartender Taxis vor der Ankunftshalle für Inlandflüge. »Kein Glück?« fragte Zeke.C. »wenn du Priester wärst. »ihr Begleiter reist neuerdings in Zivil. Ja. Sie saß mit neuen Gummihandschuhen über eine Schriftrolle gebeugt und entfaltete sehr behutsam das erste Blatt der fünften Schriftrolle. Zeke hatte die Heizung nicht eingeschaltet. Raphael hatte nichts dagegen.« Raphael schloß die blauen Augen. 493 . hielt ihn warm. Wir haben jeden Fahrer zweimal gefragt. Und alle. er wolle hellwach bleiben und einen klaren Kopf behalten. schüttelte den Lockenkopf und murmelte: »… und was jetzt?« Zeke trommelte mit den behandschuhten Fingern auf das Steuerrad. Er sagte. obwohl die Temperatur um den Gefrierpunkt lag.

« Er runzelte die Stirn und zog die Lederhandschuhe an. Havers«. Ich dachte. In einer anderen Nachrichtendung hieß es: »Der Milliardär Miles Havers. ich könnte Sie überzeugen…« Er sprach den Satz nicht zu Ende. wie bekannt geworden ist. »Was ist los?« »Ist das nicht Miles Havers?« fragte er und deutete auf den Fernsehapparat. fünfzig Millionen Dollar würden sie dazu bringen. »Ich wollte. den Mrs. Aber das kann ich nicht. entspringt meiner Sorge.« »Was soll das nun wieder?« sagte Garibaldi kopfschüttelnd. »Ich weiß. »heißt das.»Es bleiben noch zwei«. es gibt diese Schriftrollen tatsächlich? Können Sie das bestätigen?« »Ja. daß ich mit Ihnen gehe.« Catherine richtete sich auf und sah ihn an. Der Versuch. »Mr. Sie möchten. »Aber ich kann Ihnen versichern. Catherine ließ ihn mit abgeschaltetem Ton laufen. das ist er!« sagte sie und schaltete schnell den Ton ein. weil ihr Vater Garibaldis Schwester leid tat. Aber Dr. »Wie wir die siebte Rolle finden sollen. Sie gehören der ganzen Menschheit und nicht einer Person. wissen wir so wenig wie am Anfang. Alexander hat mein Angebot bisher abgelehnt. sie von Dr. Havers stellte sich vor seinem Haus in Santa Fe der Presse. fragte der Reporter. sie könnte die Schriftrollen vernichten. etwas davon nach außen dringen zu lassen. »Ich weiß nicht. »Ja. O’Toole heraufgebracht hatte. das kann ich. 494 . Alexander und ich in Verhandlungen über den Erwerb der Schriftrollen stehen«. sagte er in seiner gewohnt liebenswürdigen Art und lächelte gewinnend. daß Dr. Alexander zu kaufen. sagte sie. es lag nicht in meiner Absicht.« »Das glaube ich einfach nicht!« sagte Garibaldi. Catherine wechselte den Sender. die Schriftrollen mit der Welt zu teilen.

und ich werde weiter an der Übersetzung der Schriftrollen arbeiten. murmelte Garibaldi. nämlich die flüchtige Dr. Catherine Alexander. die Schriftrollen stammen von der Sinai-Halbinsel. sie seien zweifelsfrei christlichen Ursprungs und illegal in die Vereinigten Staaten gelangt. Er möchte vermutlich.« »Kann ich Sie wirklich nicht überreden. die diese Schriftrollen verkaufe.« »Aber warum?« »Er glaubt vielleicht. um die Jesus-Schriftrollen für die Summe von fünfzig Millionen Dollar zu erwerben…« »Das ist einfach verrückt«. »Da täuscht er sich. der angeblich aus der unmittelbaren Umgebung von Miles Havers kam.« »Den Tip muß Havers selbst inszeniert haben«. die sie entdeckt habe. »… erst bestätigt nach einem anonymen Hinweis an die New York Times. er könnte Sie zwingen. »Sie gehen jetzt besser. Er hat erklärt. daß er zur Zeit in privaten Verhandlungen mit Dr. Die Person. und Catherine schaltete den Fernseher aus. Also hat er sich die ganze Sache ausgedacht. gab heute bekannt. In einer Stunde fängt die Mitternachtsmesse an. Catherine Alexander steht. Ich bleibe unauffindbar und schweige. würde Havers alles leugnen. mit mir zu gehen?« 495 . sagte Garibaldi.« Sie sah Garibaldi an.Besitzer von Dianuba Technologies. sei identisch mit der. daß Sie seiner Darstellung öffentlich widersprechen.« Die Nachrichtensendung wurde durch Werbung unterbrochen. »Warum macht er das? Was hat er davon?« Catherine schüttelte verwirrt den Kopf und schaltete mit der Fernbedienung auf einen Sender in Baltimore. etwas zu unternehmen. »Wenn der Informant nicht in seinem Auftrag an die Öffentlichkeit gegangen wäre.

« »Lassen Sie ihn sich von mir zeigen. Als sie und Garibaldi sich der Kirche näherten. erwiderte sie. In der Kirche spielte die Orgel ›Stille Nacht. Manche wirkten ernst und feierlich. erwiderte er ruhig. »Ich muß mit der Arbeit daran anfangen. sagte sie: »Vater Garibaldi. »Ich sehe keinen. Kinder drängten sich um die hell erleuchtete Krippe. die 496 . Ich kann nicht einfach zurück. »Es gibt immer einen Weg zurück. So viele gläubige Menschen. Catherine beobachtete die Menschen.« »Weshalb nicht?« »In der Nacht. sternenlosen Himmel stützten. als meine Mutter starb. dachte Catherine und blickte auf die gotischen Kirchtürme. heilige Nacht‹. bekam Catherine Herzklopfen. Noch immer fuhren Wagen vor und verstopften die enge Straße. andere winkten fröhlich Freunden oder Bekannten zu. die den dunklen.« Sie blickte auf seine ausgestreckte Hand.« »Natürlich können Sie das«.»Der fünfte Papyrus ist in einem schlechteren Zustand als die anderen«.« Sie schüttelte den Kopf.« Doch Garibaldi blieb. Als sie seinen Blick auf sich gerichtet spürte. Trotzdem strömte eine große Menschenmenge durch das offene Kirchenportal. Trotz der Kälte begann sie zu schwitzen und hatte plötzlich das Bedürfnis. Es war eine bitterkalte Nacht. alte Männer und Frauen gingen langsam an ihren Stöcken. habe ich die Kirche und Gott verflucht. und es wehte ein schneidender Wind. und das Licht schien wie flüssiges Gold hinter den offenen Türen zu schimmern. ich kann wirklich nicht mitkommen. die in den Lichtschein traten.

Sie können nicht meinetwegen zur Kirche gehen. wie blaß sie war. Zwischen den von Rauhreif bedeckten Sträuchern stand eine Bank. wenn ich ein verirrtes Schaf zur Herde zurückführen könnte? Catherine. ich würde beschließen. »Als kleines Mädchen habe ich gestottert«. Priester zu bleiben.« Nach einer kurzen Pause sagte er: »Was ist an der Treppe geschehen? Sie sind plötzlich leichenblaß geworden. sagte sie leise.« Er sah.« »Es gibt nichts. Garibaldi sah sie fragend an.« »Sie haben also geglaubt. »Erinnert? Woran?« Catherine zog die Handschuhe aus und überließ ihre feuchten Hände der kalten Luft. »Warum sind Sie mitgekommen?« fragte Garibaldi und sah sie prüfend an. ich kann nicht. Vater Garibaldi. »Worüber?« »Daß Sie den Priesterrock ausziehen werden. werden Sie in Zukunft nur noch mehr Schuldgefühle wegen der Sache haben. wovor Sie sich fürchten müßten. Am Fuß der Treppe blieb sie leichenblaß stehen. Catherine setzte sich völlig erschöpft dorthin. Das müssen Sie Ihretwegen tun. »Wenn ich nervös war 497 . hob das Gesicht in den kalten Wind und schloß die Augen. und ging mit ihr in den kleinen Park an der Seite der Kirche. flüsterte sie. Da sie keine Antwort gab. erwiderte sie. die Sie jetzt schon belastet. nahm den Schal ab.« »Warum machen Sie sich deshalb Sorgen?« »Weil das keine Lösung ist.Daunenjacke auszuziehen. »Ich kann nicht. Wenn Sie das tun.« »Vater Garibaldi.« »Ich habe mich erinnert«. sagte er: »Sie haben es für mich getan. nicht wahr?« »Ich mache mir Sorgen«.

Nach einer Weile konnte ich nicht mehr. Meine Mutter hatte die Schulleitung davon in Kenntnis gesetzt. Ich versuchte zu antworten und erwiderte: ›VV-Vasco dd-da GG-Gama. ›VV-Vasco dd-da GG-Gama‹. bis ich etwas Respekt gelernt hätte. Das machte die Sache für mich noch schlimmer. »Im Unterricht wurden die großen Entdecker behandelt. man hat vergessen. Sie wollte von mir etwas über Vasco da Gama wissen. mir an den Beinen hinunterzulaufen. auf dem ›Sünderin‹ stand. Also versuchte ich. aber als Zehnjährige in der katholischen Schule hatte ich das Problem noch. Es 498 . Plötzlich aber wurden sie still. Ich fing an zu weinen. die Schwester könnte mich aufrufen. Sie zerrte mich vom Hocker. Dann merkte ich. und der Unterricht ging weiter. Ich nehme an.« Sie schüttelte bei der Erinnerung den Kopf. Schwester Immaculata warf mir vor. und ich hatte entsetzliche Angst. ich würde mich über sie lustig machen. aber sie brachte den Namen kaum über die Lippen. Sie erklärte.oder mich fürchtete. konnte ich nicht mehr richtig sprechen. und es fing an. etwas zu sagen. es Schwester Immaculata zu sagen. aber ich hatte schreckliche Angst. Zur Strafe mußte ich mich vor der Klasse auf einen Hocker stellen. das alles absichtlich getan zu haben. schimpfte mich aus und schleppte mich in das Zimmer der Oberin.« Catherine fuhr sich mit den Fingern durch die kurzen. Schwester Immaculata glaubte. weißblonden Haare.‹ Die Klasse brüllte vor Lachen. Die Kinder kicherten und flüsterten miteinander. Die anderen Kinder hörten nicht mehr auf zu lachen. Natürlich geschah das Unglück gleich am ersten Tag. Ihre Worte klangen schmerzlich. Sie hängte mir ein Schild um den Hals. es zu halten. daß ich zur Toilette mußte.« Catherine schlug die Hände vor das Gesicht. »Natürlich tat sie es. die leider ebenfalls stotterte. Das hat sich gegeben. stotterte sie. ich müsse dort stehenbleiben.

Dann war die Schule aus. und er kam nicht. bis sie weitersprechen konnte. »Es wurde Mittag.« Catherine starrte blicklos vor sich hin. Ich habe Gott verflucht. er habe den Anruf vergessen. weil mein Vater Gott mehr liebte 499 . Die Zeit verging. die Schwestern verließen die Klassenräume. sagte sie. Er war nicht zum Vater geschaffen. aber mein Vater war zu Hause. in dem College. Ihre Stimme war kaum noch zu hören. Die Schulschwester fuhr mich schließlich nach Hause. Er hätte nie ein Kind haben sollen. Sind Sie deshalb böse auf ihn?« fragte Garibaldi. »Die Kirche bedeutete meinem Vater alles«. das heißt. weil meine Mutter ohne den Beistand eines Priesters sterben mußte. der hinter ihr stand. In der Kirche begann die Messe. Meine Mutter war auf einer Tagung. Mein Vater war da. Er verschwand sofort wieder in seinem Arbeitszimmer.dauerte eine Weile. und die Frau des Hausmeisters fing an. »Die Schulschwester kümmerte sich um mich. und damit war die Sache für ihn erledigt. was geschehen war. Er wollte nicht einmal wissen. Catherine drehte sich herum. den Fußboden zu putzen. Er versprach. wo er unterrichtete. Er sagte.« »Die Kirche bedeutete Ihrem Vater mehr als Sie. während die Oberin bei mir zu Hause anrief. ich habe Gott nicht wegen Vater McKinney verflucht oder deshalb. »Er war eine Art Mönch. Also saß ich mit dem ausgewaschenen Unterhöschen in einer Plastiktüte im Zimmer der Oberin und wartete auf meinen Vater. Nachmittags riefen sie meinen Vater noch einmal an und hinterließen eine Nachricht. Die Kinder gingen nach Hause. Vater Garibaldi. »Gott bedeutete ihm mehr als ich.« Catherine stand auf und betrachtete die dünne Eisschicht im Vogelbad. mich um die Mittagszeit abzuholen.

« Catherine blickte auf ihre Hände und sagte leise: »Man hat ihn beschuldigt. oder nicht? Ihm können Sie nicht vergeben. Er hat es nicht einmal geleugnet. daß er mich an jenem Tag nicht abgeholt hatte. welche Schimpfnamen sie für mich hatten. wollte ich den Sargdeckel abnehmen und von ihm eine Erklärung dafür verlangen. weil wir diese Sache nie bereinigt hatten. Ich wartete immer darauf. »Sie glauben. Er hat keinen Finger zu seiner Verteidigung gerührt. Sie können sich vorstellen. Wenn Danno nicht gewesen wäre…« »Haben Sie Ihrer Mutter nie etwas davon gesagt?« Catherine stand auf. war ich voller Zorn. Ich wollte unbedingt wissen. »Wie konnte ich? Sie betete meinen Vater an… und als er starb. und Catherine sprach etwas ruhiger weiter. um mit ihm darüber zu reden. und daran war meine Mutter schuld. Gott hätte er nicht mit einer nassen Unterhose im Zimmer der Oberin sitzenlassen!« Sie stieß die Luft aus.als mich. daß ich älter und reifer sein würde. ich hätte die Schriftrollen an mich genommen. weil sie trotz des Verbots Bücher schrieb. Aber dann kam er ums Leben. Als man mir am Flughafen seine Leiche übergab. um meinen Vater auf eine hinterlistige Art zu bestrafen?« »Auf ihn sind Sie doch böse. »Die Kinder in der Schule waren danach schrecklich zu mir. daß man ihm eine Kapuze über den Kopf zog und ihn hinrichtete. die Ihren Vater aus dem Haus und schließlich in den Tod getrieben hat?« Catherine sah ihn erschrocken an. die die Kirche angriffen und meinen Vater aus dem Haus trieben!« »Deshalb führen Sie die Arbeit Ihrer Mutter weiter – eine Arbeit. Er hat es hingenommen. ob er nicht gekommen 500 . ein Spion zu sein. Garibaldi schwieg.

»Deshalb kann ich nicht mit Ihnen in die Kirche gehen. Vater Garibaldi. Auf mich wartet noch Arbeit. 501 . Sie gehören dorthin. Ich hätte nicht mitkommen sollen. weil er hingerichtet worden ist?« »Wir hatten noch etwas ins reine zu bringen«. »Dem hat er sich entzogen. erwiderte sie. Vater Garibaldi. Aber gehen Sie nur hinein. Damit will ich nichts mehr zu tun haben. O’Toole und zur fünften Schriftrolle ging.war. weil ich ihm so wenig bedeutete. als sie die Straße zurück zum Haus von Mrs.« »Sie sind böse auf ihn.« Er sah ihr nach.« Catherine zog die Handschuhe wieder an. Es war seine Kirche und sein Gott.

DER ZWÖLFTE TAG 502 .

die Neugeborenen den Lebensodem von den Lippen stehlen. denn auch hier war die Erinnerung an Riesen lebendig. die im Norden leben. Er beschäftigte sich wie besessen mit den Legenden und dem reichen Schatz an Überlieferungen. denn alles hier war uns so fremd. so weit das Auge reicht. Und ich gründete eine kleine Gemeinde. Claudia war die Frau des Centurio.Samstag. daß es sie gegeben hatte. und erzählte von den sagenumwobenen Arimaspi. Man stellte ihm die Beweise dafür in Aussicht. daß sie sich in dieses seltsame. Sie sprach flüsternd von den Hyperboräern. Auf eine Lesung des 503 . die über ein wolkenverhangenes Reich auf dem Gipfel der Erde herrschen. Sie warnte mich vor ›dem kleinen Volk‹ und den Robbenfrauen und vor Katzen. daß auch ich den Wind. in denen Geister und Feen hausen. dem dieser Vorposten als Befehlshaber unterstand. Doch ich mußte mir bald eingestehen. den Regen und die Dunstschleier über den Tälern liebte. ob sie vielleicht schon zu lange nicht mehr in Rom gewesen war. Doch nach einer Weile stellte ich fest. und nichts ist erhabener als die uralten Eichenhaine. ermahnte mich Claudia. Wir trafen uns einmal in der Woche in meinem Haus. als wir unser Haus in Britannien bezogen. Ich fragte mich nach der ersten Begegnung. Ich widmete mich mit ganzer Hingabe der Erziehung von Pindar und freute mich über seine Entwicklung. Dezember 1999 »Hüte dich vor den Wesen. neblige Land verliebt hatte. die ihre Gestalt verändern«. vor den staunenden Blicken ausbreitet. das sich. 25. Philos spürte den Zauber dieses Landes ebenfalls. Ich war mit dunklen Vorahnungen gekommen. Nichts ist schöner als das wogende Grün.

die sie in ihrer Sprache ›die Allheilende‹ nennen. Ich bekehrte viele Menschen zum Weg. daß dies der wahre Glaube ist. denn sie glauben. Ich beobachtete nicht ohne Sorge. bevor wir seinem Auftrag folgten. auf der die Mistel wächst. Für die Druiden gibt es nichts Heiligeres als die Mistel. wie wir sie kennen. und sie verehren die Eiche. 504 . Die Druiden haben keine Tempel oder Heiligtümer. die einen uralten Himmelsgott namens Myrddin verehren. wie Claudia der Magie der Druiden verfiel.Marienbriefes folgte eine Ansprache über den Gerechten und seine Botschaft vom Frieden und dem Sieg über den Tod. Aber ich hielt unbeirrt an meinem Glauben fest. Ihre Rituale finden in der freien Natur statt. daß diese Pflanze jede Krankheit besiegen kann. gemeinsam das Brot zu brechen und den Wein zu trinken. und sie waren wie ich davon überzeugt. Ich traf Druiden.

Catherine stieg schon beim Aufwachen der Duft einer bratenden Gans in die Nase. »Miss Garibaldi? Hallo? Sind Sie wach. Catherine wußte. und Catherine trat wieder an den Tisch.« Das waren nicht ganz seine Worte gewesen. D. öffnete sie allerdings nicht. erwiderte Catherine. auf dem die fünfte Schriftrolle ausgebreitet lag. Mrs. Jetzt war er gerade in der dritten Weihnachtsmesse. ob Sie später zum Weihnachtsessen zu uns herunterkommen. »Ja«. »Vielen Dank für die Einladung. Ich bringe Ihnen einen Teller herauf. um zu feiern.« »Ich glaube nicht.Washington. wie viele Gedecke wir auflegen sollen. daß Garibaldi ein schlechtes Gewissen hatte. hatte er erklärt. »Ja. Ich muß wissen. ›Mrs. Mrs. während sie in ihrem Zimmer gefangen war. O’Toole?« »Ich wollte nur fragen. O’Toole wird es vielleicht verdächtig vorkommen.« »Schon gut. Catherine 505 . Im Haus waren die Vorbereitungen für das Festessen voll im Gang. aber ich glaube. daß er sich schon darauf freut. meine Liebe?« Catherine ging zur Tür. Der Zustand des Papyrus war besorgniserregend. wenn wir auf unseren Zimmern bleiben und ihre Einladung nicht annehmen‹. ich bin nicht in der richtigen Stimmung. O’Toole ging. meine Liebe. sagte sie durch die Tür. Mrs.C. O’Toole«. Wird Ihr Bruder mit uns essen?« Mein Bruder… Garibaldi war zur Mitternachtsmesse in der Kirche gewesen und zum ersten Morgengottesdienst. »Er hat mir heute morgen gesagt. weil er sich frei bewegen konnte.

in der Vergangenheit zu leben. Am Abend zuvor hatten die Leute Weihnachtslieder gesungen. und alle Häuser waren festlich beleuchtet gewesen. Bilder. Er sah eindrucksvoll aus mit dem schwarzen Hut. daß sie ihn zur Feier des Tages noch zu einem Sherry einluden. dem schwarzen Schal und dem langen schwarzen Mantel. und Szenen. Am Morgen hatte sie gehört. so glaubte sie allmählich. hatte sie keine Worte mehr auf dem Papyrus gesehen. Alle feierten Weihnachten mit einem Gang in die Kirche. Irgendwann im Laufe der Nacht. »Aber ich hielt unbeirrt an meinem Glauben fest. Sie entdeckte Garibaldi auf dem Gehweg. als Garibaldi in der Kirche war. So. daß er damals nicht zur Schule gekommen ist…« 506 . Mrs. Sie ging zum Fenster und blickte hinaus.blickte auf die Worte. Sabinas Leben zu führen und nicht ihr eigenes. daß Catherine eine Zeitlang das Gefühl hatte. Catherine hatte gehört. diesen Satz gelesen zu haben. Sie hatte am Abend mit dem Übersetzen angefangen. sondern sei nur noch eine Beobachterin. den er am Vortag in der Wisconsin Avenue gekauft hatte. die ich durch Fenster sehe. die ich durch Wände höre. Stimmen. wie sie sich auf den Stationen ihrer Flucht in der virtuellen Welt der Computer sicherer gefühlt hatte als in der Wirklichkeit. »Sie müssen Ihrem Vater verzeihen. O’Toole und ihre Schwester waren zusammen mit Garibaldi erst um halb zwei morgens von der Mitternachtsmesse zurückgekommen.« Catherine erinnerte sich kaum noch daran. wie andere Gäste das Haus verließen. wo keine Fenster sind… Catherine kam es vor. die so wirklichkeitsnah zu sein schienen. als nehme sie nicht mehr am Leben teil. mit Sabina in Britannien zu sein. sondern Bilder. Die Straße war ruhig. um zum Gottesdienst zu gehen. die sich in eine quälend vertraute Wirklichkeit verwandeln. die sie zuletzt gelesen hatte.

Warum vergeben Sie dem sechzehnjährigen Jungen nicht. Catherine ließ ihn ins Zimmer treten. Danach blieb nur noch eine Schriftrolle übrig. und fand schließlich die Mittagsnachrichten.« Das waren Garibaldis Worte auf dem Dach des Atlantis gewesen. war das Abenteuer zu Ende. auf denen die üblichen Weihnachtssendungen zu sehen waren. sagte er und zog den Mantel aus. O’Toole sei mit einer Kanne Tee zurückgekommen. »Schnell!« »Was…?« »Ich habe die Ankündigung zufällig unten im Vorbeigehen gesehen. »Sie und ich. Mrs. Sie hatte das Ende des fünften Buches beinahe erreicht. daß er einem alten Mann nicht das Leben gerettet hat? Wie lange wollen wir beide uns noch selbst bestrafen und mit der Last unserer Schuldgefühle leben? »Wir sind uns ähnlich. als sie sich zum ersten Mal im Hotel Isis begegnet waren. daß er mit seiner Anwesenheit einen Raum auszufüllen schien. Vor den Nachrichten kommt aber noch die Werbung. Erstaunlicherweise gewöhnte sie sich allmählich daran. Wenn Catherine auch diesen Text übersetzt hatte. staunte sie auch jetzt darüber.Und was ist mit Ihnen. »Was gibt es 507 . Sie und Garibaldi würden Abschied voneinander nehmen… Plötzlich klopfte jemand heftig an die Tür. und sie dachte. wenn auch in verschiedenen Arenen.« Catherine wandte sich vom Fenster ab und betrachtete den brüchigen Papyrus auf dem Tisch. »Schalten Sie den Fernseher ein«. Aber es war Garibaldi. Wieder einmal sah sie ihr Photo auf dem Bildschirm. wir sind beide Kämpfer. Wie an jenem Tag. Vater Garibaldi? wollte sie fragen.« Catherine wechselte die Kanäle. und wenn er keine eindeutigen Hinweise über den Verbleib der siebten Rolle enthielt.

« »Die Infrarot-Spektralanalyse enthüllte jedoch noch etwas anderes.diesmal?« fragte sie besorgt. »hat ältere Schriftzeichen sichtbar gemacht. die sogenannte Paläographie. weil das Material so teuer war. »… im Institut Technologique in Paris wurde eine Radiokarbon-Untersuchung durchgeführt. sagte Catherine. »Wie bitte? Gestohlen?« »Sie behaupten.« 508 . die Handschriftenanalyse bestätigt dieses Datum. Es handelt sich um eine Verkaufsrechnung aus der Regierungszeit des Kaisers Claudius…« »Das ist nichts Ungewöhnliches«. die gelöscht worden waren. »Laut Aussagen der Polizei ist damit der Beweis erbracht. was auf dem Fragment gelöscht worden ist: einen Stempel mit der Katalognummer eines Museums…« Auf dem Bildschirm erschien in Nahaufnahme ein blasser Kreis. die vor drei Jahren aus dem ägyptischen Museum gestohlen wurde…« Catherine sah Garibaldi ungläubig an. die Schriftrollen seien Fälschungen. fuhr die Sprecherin fort. »Die Infrarot-Analyse des Fragments«. »Man hat Papyrus häufig mehrmals verwendet. und gleichzeitig haben Paläographen in Deutschland und Großbritannien unabhängig voneinander eine Handschriftenanalyse.11. vorgenommen. 45‹ erkennen konnte. daß das Jesus-Fragment Teil einer Sammlung ist.« »Wunderbar!« flüsterte Catherine. zog die Handschuhe aus und stellte den Ton lauter. die jedoch mit Hilfe von Infrarotstrahlen lesbar sind. Die Datierung des Papyrus nach der Radiokarbon-Methode verweist ungefähr auf das Jahr einhundert unserer Zeitrechnung. Garibaldi nahm den Hut ab. Doch Garibaldi hob die Hand. in dem man gerade noch die Inschrift: ›Musee d’Antiquites 4.

Catherine Alexander. und die ägyptische Regierung entzog ihm die Lizenz für den Verkauf und den Export von Antiquitäten. Am bekanntesten ist sein sogenannter ›Brief des Pontius Pilatus‹. »Es ist nicht nur Papazian. seien sein Werk. fuhr die Sprecherin fort.»Das kann nicht sein!« Es folgte ein Filmausschnitt. der vor fünfzehn Jahren auf einer Auktion zehn Millionen Dollar erzielte. »In meinem Auftrag? Ich habe den Mann noch nie gesehen!« »Papazian«. »Warum sagt er.« »Aber was steckt hinter dieser Geschichte?« fragte Garibaldi. und die Sprecherin fuhr fort: »Nicholas Papazian legte gestern am späten Abend ein Geständnis ab. Ein unglücklich wirkender Mann stand vor einer Reihe Mikrophone. Nach seiner Darstellung handelte es sich um eine Auftragsarbeit für Dr. »hat bereits früher Handschriften gefälscht. Nach einem Geständnis wurde Papazian zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt.« »Ich habe von ihm gehört«. Seine ganze Sippe ist in diesem zwielichtigen Bereich tätig. Sie sind eine der bekanntesten Kontaktadressen der Welt für den illegalen Handel mit Altertümern. Er habe sie in einem Hinterzimmer seines Antiquitätengeschäfts in Kairo hergestellt. Sie hätten ihn bezahlt. sagte Catherine. damit er 509 . Die Schriftrollen vom Sinai. so sagt er. und in der unteren rechten Ecke des Bildschirms war ein Balken mit dem Hinweis: ›KAIRO NATIONAL TELEVISION. das die ganze Welt in Staunen versetzt.« Catherine sprang auf.‹ Der Mann sprach arabisch. Kurze Zeit später entdeckte man. Der Mann ist geradezu unanständig reich und verbirgt seine kriminellen Machenschaften hinter der Fassade neu erworbener Ehrbarkeit. daß es eine Fälschung war.

Der Korb saß fest in dem unterirdischen Gang. »Und riskieren.« »Dazu wäre eine Menge Geld nötig. die das Fragment untersucht haben. »und dann alle Experten. sagte Catherine. wie hat man die Leute dazu gebracht. Sie sind eindeutig zweitausend Jahre alt!« Im Fernsehen wurde gerade der Sprecher des ägyptischen Ministeriums interviewt.die Schriftrollen fälscht?« »Ich weiß es nicht. der so etwas inszenieren und finanzieren könnte…« »Havers…«. Wie hätte Papazian die Schriftrollen oder das Fragment dorthin bringen können? Ich habe die Pflanzenreste am Korb analysiert.« »Aber der Stempel des Museums«. Wieso gesteht dieser Papazian eine kriminelle Tat. Garibaldi ging nachdenklich im Zimmer auf und ab. bei so einem krummen Ding mitzuspielen?« Catherine kaute auf ihrer Unterlippe. wieder im Gefängnis zu landen?« Garibaldi schüttelte den Kopf. »Ein noch größeres Rätsel ist das Motiv dafür. sagte Garibaldi. »Er muß dahinterstecken. Wenn es eine abgekartete Sache ist. »Er würde ein paar Leute bestechen und nicht ins Gefängnis wandern. als Hungerfords Arbeiter das Fragment gefunden haben. Aber wie hat er es gemacht? Ich war dort. und ich kenne nur einen Mann. Und ich habe den Korb mit den Schriftrollen entdeckt.« Catherine lachte kurz und bitter. Glauben Sie mir. »… meine Regierung befindet sich deshalb in einer sehr peinlichen 510 . dieser Korb war nicht erst vor kurzem dorthin gebracht worden. wenn er sie nicht begangen hat?« »Für genug Geld würde er wahrscheinlich alles gestehen.

Sie betrachtete prüfend das in der rechten oberen Ecke eingeblendete Bild des Fragments und sagte: »Wenn ich das doch gedruckt sehen könnte…« »Kein Problem«. wird heute wahrscheinlich etwas darüber in den Morgenzeitungen stehen.« Dann kam ein Archäologe zu Wort. und es gibt Photos«. Die Samstagszeitung lag im Wohnzimmer. mit Steinen gefüllten Korb aus dem Zelt von Dr.Lage. falls die Grabung nicht bald Erfolge vorweisen würde. Ein Reporter fragte: »Wir haben gehört. Alexander entfernt habe. um mein 511 . und bisher liegen keine Beweise für die Existenz von Schriftrollen vor. Stimmt das?« »Dazu kann ich leider nichts sagen. murmelte Catherine und ging näher an das Fernsehgerät heran. Alexander in einem Brief gedroht hat. und alle sechs Gäste. die Weihnachten bei Mrs. hatten sie bereits gelesen. Was das Fragment betrifft. wurde gerade die Direktorin der Stiftung interviewt. sagte er mit hochgezogenen Augenbrauen. rief Garibaldi.« Garibaldi sah Catherine an. daß er persönlich das Fragment sowie den.« Garibaldi mußte nicht weit gehen. »Aber Photographien lassen sich nicht analysieren. »Es kursierten Gerüchte von Schriftrollen.« »Dann unterstellen sie…« »Daß ich die Schriftrollen gefälscht habe. so war ich zunächst von seiner Echtheit überzeugt…« »Merkwürdig«. Als Garibaldi in Catherines Zimmer zurückkam. daß die Stiftung Dr. »Ist das wahr?« Sie machte ein finsteres Gesicht. der in betont sachlichem. Ich bin gleich wieder da. wie sich herausstellte. »Wenn die Neuigkeit gestern abend in Ägypten bekannt geworden ist. zurückhaltendem Ton erklärte. O’Toole verbrachten. ihr die Mittel zu streichen. »Ja.

daß ein altes Dokument winzige Spuren von Anatas aufweist. eine Menge Leute haben sich große Hoffnungen gemacht.« Im Fernsehen erklärte gerade eine Wissenschaftlerin aus Denver: »Unserem Institut wurde ein winziger Teil des Fragments zur Verfügung gestellt.« »Dahinter muß Havers stecken«. wurde die Tinte mit einem Röntgenverfahren untersucht. die 512 . Der Artikel stand auf der ersten Seite. Das bedeutet. die sich weder das Fernsehen noch die Zeitungen entgehen lassen. der Fundstelle und dem Jesus-Fragment. wie die Menschen das ewige Leben finden können. Da es jedoch möglich ist. Darüber stand als Schlagzeile: ›FÄLSCHUNG!‹ »Warum steht das auf dem Titelblatt?« fragte Catherine kopfschüttelnd. daß sie eine ganze Menge Anatas aufweist. die Tinte stammt aus neuerer Zeit.Projekt weiterführen zu können.« »Ich nehme an. Wir haben Tintenpartikel abgelöst und sie unter dem Elektronenmikroskop analysiert.« Garibaldi warf einen Blick auf Catherine. Oder daß sie vielleicht das Geheimnis enthüllen. was unter dem Einfluß der Medien in den Köpfen der Menschen auf aller Welt für Erwartungen geweckt worden sind? Die Nachricht heute wird für viele wie eine eiskalte Dusche sein. sagte Garibaldi und gab ihr die Zeitung. Dazu gab es Photos von Catherine. Dabei hat sich gezeigt. also Titandioxyd enthält. daß die Tinte Anatas. »Es gibt doch auch noch andere Neuigkeiten auf der Welt. Wer weiß. Insofern ist das mit der angeblichen Fälschung eine Sensation. das erst in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts erfunden wurde. daß in den Schriftrollen ein Hinweis auf die Zeitenwende zu finden ist. von Nicholas Papazian. und dabei stellte sich heraus.

Dann bestätigen alle namhaften Experten und angesehenen Wissenschaftler. um mich zu verteidigen. wo die sogenannten Schriftrollen gefunden worden seien. »Machen Sie sich jetzt keine Vorwürfe. Was gewinnt Havers. Sie hatte Angst. Es tut mir schon leid. daß sie echt sind. »Kein Mensch wird mir glauben«. und daß ich aus meinem Versteck auftauche. sagte sie. daß es sich bei dem Dokument tatsächlich um eine Fälschung handelt. was dieser Schachzug bewirken soll. Trotzdem sind die Schriftrollen nicht gefälscht. Aber wir sind nicht einmal sicher. daß er die Handschrift gefälscht hat. erwiderte sie. »Er könnte bezeugen. die Behörde werde die Grabungen an der Stelle weiterführen. »Gott.fassungslos vor dem Bildschirm stand. Das hilft uns nicht weiter.« »Hat jemand die Schriftrollen außer Ihnen und Daniel gesehen?« »Julius«. Dann betrachtete Catherine die Abbildung des JesusFragments. daß sich Havers das Ganze ausgedacht hat. »Nicholas Papazian bekommt plötzlich ein schlechtes Gewissen und beschließt zu gestehen. Das Ministerium in Kairo forderte sie ultimativ zu einem Gespräch auf und erklärte. Aber ich werde ihn nicht in diesen Fall hineinziehen.« Sie überflog den Zeitungsartikel noch einmal. daß er mich reizt. und sie war verzweifelt. Wir müssen herausfinden. Sie war leichenblaß. was für ein Durcheinander habe ich angerichtet. Offenbar war der ägyptischen Regierung die Sache peinlich. »Vielleicht glaubt er. ich werde die Schriftrollen herausgeben. Vielleicht rechnet er auch damit. daß Sie…« Catherine schlug die Hände vor das Gesicht. falls er dahintersteckt?« Catherine sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an.« Garibaldi beugte sich über sie. sie übte harte Kritik an Catherine. Im Fernsehen beendete die Wissenschaftlerin 513 .

Er hat alles so eingefädelt.« »Natürlich hat er es geplant. Dafür entschuldige ich mich. Vergessen wir nicht. daß es sich bei dem Fragment um eine Fälschung handelt. und ich kann niemandem außer mir selbst einen Vorwurf machen.« »Deshalb«. überrascht mich die Nachricht nicht. Und jetzt wird mir kein Mensch auf der ganzen Welt mehr glauben. und auf dem Bildschirm erschien die Auffahrt eines Anwesens irgendwo in den Bergen. sie seien echt. die Schriftrollen könnten bestimmte Informationen religiöser Art enthalten.« 514 . »hat Havers gestern angekündigt. als sie den mysteriösen Korb geöffnet hat. daß er als Opfer dasteht und Sie als Betrügerin. und es gab vielen Menschen das Gefühl. denn Catherine Alexander hat mich wie alle anderen hinters Licht geführt! Darüber hinaus fühle ich mich persönlich verantwortlich für die Hoffnungen. »Ich kann nur sagen. Dadurch war von vornherein klar. Havers’ typisches Lächeln wich einem Ausdruck moralischer Besorgnis.« »Du Schwein!« Catherine ballte die Fäuste. daß man ihn heute interviewen würde. als er fortfuhr. der Betrug bringt mich in große Verlegenheit. er führe mit Ihnen geheime Verhandlungen über den Kauf der Schriftrollen. die in so vielen Menschen geweckt wurden. der zu seinem Haus führte. sagte Garibaldi. Miles Havers stand auf dem gepflasterten Weg.« »Ich muß zugeben«. Es war mein Fehler. Man muß schließlich den zweifelhaften Ruf dieser Archäologin in Betracht ziehen. es war meine Schwäche. »Offen gestanden. Mein Angebot von fünfzig Millionen Dollar ließ sich als eine gewisse Bestätigung der Echtheit der Schriftrollen deuten.des Instituts in Denver ihre Ausführungen. war niemand anwesend. sagte Garibaldi ernst. »der Mann ist gut.

daß ich unüberlegt handle und einen Fehler mache. sie würden eine bestimmte Botschaft enthalten. Darin lag die untere Hälfte des Jesus-Fragments. um Sie aus dem Versteck zu locken«. um sich zu verteidigen?« »Da haben wir es! Er pokert. fuhr Havers fort. was sagen Sie dazu?« Die schlanke. »Sehen Sie sich das an«. Plötzlich sagte sie: »Moment mal…« Sie ging mit der Zeitung zum Tisch und hielt sie unter das Licht. Miles hatte mir nicht einmal gesagt. sagte sie. sagte Garibaldi. Er hat sich das alles einfallen lassen. Garibaldi beugte sich darüber. Mir wäre nichts lieber. Wir hofften alle.»Bitte. Catherine hielt die Zeitung daneben. »Es ist eine große Enttäuschung. der als Schutz der gefalteten Schriftrollen gedient hatte. Havers.« Der Reporter mit dem Mikrophon wandte sich an die Frau neben Havers. »Was soll ich mir ansehen?« 515 . Und jetzt…« Sie schüttelte fassungslos den Kopf. ich werde mich über diese Verleumdungen so aufregen. Darauf wartet er jetzt. Sie schlug den Buchdeckel auf. als von Dr. »Er hofft. verstehen Sie mich nicht falsch«. um die Schriftrollen zu kaufen. Aber wir müssen uns fragen: Wo ist sie? Und warum geht sie nicht an die Öffentlichkeit. daß er heimlich verhandelt. Alexanders Unschuld überzeugt sein zu können. Sie betrachtete noch einmal aufmerksam die Abbildung des Fragments der Handschrift. »Mrs.« Catherine schaltete den Fernseher ab und griff nach der Zeitung. »ich erhebe keinerlei Anschuldigungen. »Was ist?« Catherine öffnete die blaue Tasche und nahm behutsam den Buchdeckel heraus. Ich hatte natürlich von dem sensationellen Fund gehört. aschblonde Frau antwortete: »Ich bin sprachlos.

Es sei denn. bis sie die 516 . daß der Papyrus vertauscht worden ist. das ich zurückgelassen habe.« »Sie meinen. Papazian hat vielleicht einen Beamten bestochen.« Er betrachtete beides. das ich im Zelt zurückgelassen habe. Achten Sie auf den unteren Rand. sagte Catherine. habe ich einem Freund in Zürich ein kleines Stück des Papyrus geschickt. im Auftrag von Havers?« »Ja…« »Es wird schwer sein. erklärte er. den Hungerfords Männer gefunden haben. ging an die Tasche und holte ihr Adreßbuch heraus. Papazian hat das Fragment kopiert. sagte sie und wies auf die Zeitung. damit er das Original durch die Fälschung ersetzt. Er heißt Hans Schüller und arbeitet in einem Institut.»Das Fragment in der Zeitung. nicht um den Papyrus. Vergleichen Sie ihn mit dem oberen Rand meines Papyrus. bewußt eine Fälschung hergestellt und dann behauptet. das Altersbestimmungen nach der Radiokarbonmethode durchführt. das zu beweisen.« »Nein?« »Die Wissenschaftler lügen nicht! Sie haben eine Fälschung begutachtet! Es handelt sich nicht um das Dokument. »ist nicht das Fragment. Möglicherweise ist der Regierung überhaupt nicht bewußt. sondern um eine Fälschung!« »Sie meinen. »Dieses Fragment«. »Sie passen nicht zusammen«. Aber wo ist dann das echte Fragment?« »Wer weiß? Der Austausch kann auf hoher Ebene veranlaßt worden sein – vielleicht hat auch mein Assistent Samir etwas damit zu tun. »Bevor ich vom Sinai abgereist bin. Sie melden sich zu Wort und kontern mit Ihrem Verdacht…« »Ich habe eine bessere Idee«.« Sie blätterte die Seiten durch. Sie hätten ihn dafür bezahlt.

sagte er sanft und legte ihr die Hände auf die Schultern. »Nur Daniel wußte davon«. »Es wird schon gutgehen. es ist unterwegs verlorengegangen. »Sie haben recht. O’Toole wäre sehr enttäuscht. Jeden Tag gibt es neue Sensationsmeldungen. sagte sie und ging zum Telefon. Ich weiß.« »Nein.« Ihr Gespräch mit Schüller fünf Minuten später war kurz.« »Haben Sie seine Privatnummer?« »Nein. ich kann mich auf ihn verlassen…« »Wollen Sie ihn anrufen?« »Ich versuche es im Institut. nichts zu sagen.Telefonnummer gefunden hatte. Das kommt vor. »So. und es könnte jemand Verdacht schöpfen. Ich bin sicher.« »Mrs.« Sie rieb sich den Nacken und lockerte Kopf und Schultern mit kreisenden Bewegungen. Hans«. »Ich habe Schüller gebeten.« »Es ist Weihnachten. Die Öffentlichkeit wird mit diesem Fall in Atem gehalten. sagte sie. »so muß es wohl sein. ich bleibe bei Ihnen.« »Aber wie kann er von Schüller gewußt haben?« »Ich muß in Daniels Wohnung etwas über ihn gesagt haben. Sie gehen jetzt hinunter zum Essen und feiern mit den anderen Weihnachten. »Ja.« Der Apparat am anderen Ende klingelte ein paarmal. Hier findet uns 517 . Wie bitte?« Sie sah Garibaldi an. »Wo ich bin?« Sie legte schnell auf. Wir müssen sehr vorsichtig sein. Die Männer von Havers haben damals in Santa Barbara alles abgehört. »Havers hat ihn gekauft. Warum nur schießen alle auf mich…?« »He«. dann legte sie auf. Plötzlich fühlte sie sich sehr müde. aber die bekomme ich bestimmt bei der Auskunft.

niemand. Und bald ist alles vorbei.« Und dann werden wir uns trennen. »Ich arbeite weiter an der Übersetzung. Je schneller wir zum Ende kommen, desto besser.« »Sind Sie sicher, daß alles in Ordnung ist?« »Keine Angst, Vater Garibaldi«, sagte sie. »Auch wenn ich noch so wütend bin, sind Miles Havers die Hände gebunden. Er kann nichts sagen, was mich dazu bringen würde, etwas Unüberlegtes zu tun.«

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Malibu, Kalifornien
Julius suchte eine Telefonzelle in einem kleinen Einkaufszentrum an der Küstenstraße. Als er einen freien Apparat fand, wählte er schnell und griff nach seinem Zettel. Er hatte sich aufgeschrieben, was er sagen wollte. Die Zeit war knapp. Es war ihm gelungen, den Mann im weißen Wagen abzuschütteln. Aber er wußte nicht, wie schnell der Aufpasser seine Spur wiederfinden und ihm hierher folgen würde. Während er darauf wartete, daß jemand am anderen Ende den Hörer abnahm, überlegte er, ob es möglich sei, einen Anruf aus einer öffentlichen Telefonzelle zu lokalisieren. Auf alle Fälle behielt er die Straße im Auge, und als sich schließlich eine Frauenstimme meldete, sagte er klar und deutlich: »Ich möchte eine Nachricht für eine Besucherin hinterlassen, die bald zu Ihnen kommen wird. Hören Sie? Ja gut, ich buchstabiere den Namen…« Beim Sprechen nahm er die Zeitung, die er sich unter den Arm geklemmt hatte, und legte sie auf die kleine Ablage unter dem Apparat. Selbst jetzt, Stunden, nachdem er die Schlagzeile gesehen hatte, empfand er noch den Schock. Eine Fälschung! Wie konnten die Schriftrollen gefälscht sein? Er hatte sie mit eigenen Augen gesehen und hätte schwören können, daß sie echt waren. Catherine kannte sich auf ihrem Spezialgebiet aus. Sie hätte Fälschungen erkannt. »Würden Sie es bitte wiederholen?« sagte er ins Telefon. Nachdem er sich vergewissert hatte, daß die Frau in der Zentrale am anderen Ende seine Nachricht richtig notiert hatte, legte Julius auf und blickte auf die Uhr. Camilla Williams von Augenzeugen hatte ihm zugesagt, daß das
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Interview am nächsten Tag gesendet werden würde – landesweit. Das war die einzige Bedingung gewesen, unter der er sich zu dem Gespräch bereit erklärt hatte. Morgen um diese Zeit, so beruhigte er sich, wird die ganze schreckliche Sache vorbei sein. Er konnte und wollte Catherine die unangenehme Wahrheit nicht vorenthalten, daß Sabina ihre Geschichte nie zu Ende geschrieben hatte und daß es keine siebte Schriftrolle gab. Julius mußte jetzt dafür sorgen, daß alle Spekulationen aufhörten. Wenn erst einmal das Interesse der Medien erloschen war, wenn sich alle Mißverständnisse aufgeklärt hatten, dann würden sie daran denken können, wieder ein normales Leben zu führen. Im Augenblick konnte er jedoch nichts anderes tun, als warten und darauf hoffen, daß Catherine in ihrem Versteck blieb und schwieg und daß sie nichts tun würde, was ihren Aufenthaltsort verriet.

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Washington, D.C.
Cornelius Severus ritt nach Chichester, um sich mit dem Führer der Britonen zu treffen, und wie immer begleitete ihn Philos… »Mit wem will er sich treffen?« fragte Catherine laut. Am liebsten hätte sie Sabina angeschrien: »Verrate mir den Namen des Führers der Britonen! War es Cunobelinus?« Denn in diesem Fall wäre Sabina während der Herrschaft des Claudius in Britannien gewesen, und das hätte eine sichere Datierung der Schriftrollen bedeutet. Catherine sank enttäuscht auf dem Stuhl zusammen und warf den Kugelschreiber auf den Tisch. Sabina berichtete ihre Geschichte eindeutig jemandem, der die zeitgenössischen Begleitumstände kannte. So, wie heute jemand sagen würde: »Damals, Ende der sechziger Jahre, haben wir gegen den Krieg protestiert«, ohne ausdrücklich vom Vietnam-Krieg zu sprechen, so bestand auch für Sabina kein Grund zu sagen, auf welchen Kaiser, welches Jahr seiner Regierung oder auf welchen Führer der Britonen sie sich bezog. Es war alles sehr frustrierend. Aber noch schlimmer war, daß sich Catherine bereits dem Ende der fünften Schriftrolle näherte. Und nach allem, was sie sehen konnte, war die sechste Rolle nicht sehr lang. Es blieben Sabina nicht mehr viele Möglichkeiten, durch einen eindeutigen Hinweis klarzustellen, in welcher Zeit sie gelebt hatte. Catherine stand vom Tisch auf, reckte sich und blickte aus dem Fenster. Es waren keine Sterne zu sehen. Der Wetterbericht hatte Schnee angekündigt. Sie warf einen Blick auf die Uhr. Es war elf Uhr abends. Im Haus von Mrs. O’Toole war es inzwischen still geworden. Alle
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schliefen nach einem langen Tag mit Sherry und Weihnachtsliedern, dem üppigen Abendessen mit gebratener Gans und vielen anderen Gängen. Mrs. O’Toole war so freundlich gewesen, Catherines Portionen auf einem Tablett heraufzubringen. Catherine hatte alles aufgegessen, nur das Dessert stand noch auf dem Nachttisch. Sie hatte Garibaldi noch einmal kurz gesehen. Auf dem Weg in sein Zimmer war er hereingekommen, um sich nach ihrem Wohlbefinden zu erkundigen. Leider war am nächsten Tag Sonntag, und der Computerladen würde ebenso geschlossen sein wie die Bibliotheken und alle anderen Einrichtungen, die Zugang zum Internet hätten bieten können. »Wir müssen bis Montag warten«, hatte er gesagt. Ja, am Montag würden sie einen sicheren Weg finden, sich wieder ins Netz einzuloggen und nach den neuen Namen zu suchen, die Catherine in Sabinas Bericht über ihre Jahre in Britannien gefunden hatte. Sie blickte noch einmal auf die Uhr und rechnete nach. In Kalifornien war es jetzt acht Uhr abends. Sie hätte gern Julius angerufen. Aber diesen Wunsch konnte sie sich nicht erfüllen. Catherine rechnete damit, daß das Abenteuer bald vorüber sein werde, wenn Sabina keine weiteren Hinweise auf den Verbleib der siebten Schriftrolle gab. Und so beschloß sie, die Spätnachrichten einzuschalten, um festzustellen, welche neuen Entwicklungen es gab. Es überraschte sie nicht, Miles Havers auf dem Bildschirm zu sehen. Er war der Star des Augenblicks, der Milliardär, der das unschuldige Opfer einer Betrügerin war. Doch als Catherine den Ton lauter stellte, war sie doch überrascht, was sie aus seinem Mund zu hören bekam. »… in bestimmten wissenschaftlichen Kreisen ist der
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Name Dr. Alexander natürlich bekannt. Ihre Mutter, Nina Alexander, wurde vom Vatikan wegen Verbreitung kirchenfeindlicher Lehren öffentlich getadelt. Und das nicht nur einmal…« Catherine sank in den Sessel und folgte fassungslos den beleidigenden Ausführungen von Havers. »… sondern mehrmals, bis sie ihren Lehrauftrag an einem katholischen College verlor. Sie werden sich vielleicht erinnern«, sagte er und lächelte der Moderatorin zu, mit der er offenbar ein langes Studiogespräch führte, »daß Nina Alexander behauptete, den Beweis dafür gefunden zu haben, daß Frauen und nicht Männer auf dem apostolischen Stuhl im Vatikan sitzen müßten.« Er lachte leise, und auch die Moderatorin lächelte über diese absurde Vorstellung. »Ein befreundeter Psychologe vertritt die Theorie, daß Catherine Alexander mit der Fälschung ihre Mutter rehabilitieren möchte. Ich glaube, eine Bestätigung dafür ist die Tatsache, daß sie das Wort Diakonos in den Text eingefügt hat, um zu beweisen, daß Frauen das Priesteramt ausüben sollten.« »Mein Gott«, flüsterte Catherine. »Er ist ja schlimmer als die Inquisition…« »Und natürlich«, fuhr Havers fort, »ist das Skelett, das angeblich zusammen mit den Schriftrollen gefunden wurde, ein weiterer Beweis dafür, daß Dr. Alexander die ganze Sache inszeniert hat.« Er lächelte triumphierend. »Ich meine, die Handgelenke waren mit Lederriemen gefesselt, und niemand zweifelt daran, daß es sich um das Skelett einer Frau handelt!« Er lachte. »Ich kann mir gut vorstellen, aus welchem Grund unsere Archäologin das alles getan hat. Die ganze Welt sollte glauben, es habe sich um eine Art Märtyrerin gehandelt. Aber soviel wissen wir über die Sitten und Gebräuche, um sagen zu können, daß es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um eine Frau
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handelt, die vor zweitausend Jahren ihren Mann betrogen hatte und zur Strafe in den Brunnen geworfen wurde.« Catherine umklammerte die Armlehnen des Sessels. Wie kann er so lügen’? Die Frau im Brunnen ist für ihren Glauben den Märtyrertod gestorben! »Mr. Havers«, unterbrach ihn die Moderatorin. Havers lächelte unwiderstehlich: »Bitte nennen Sie mich Miles.« »Miles, was halten Sie von der neuesten Entwicklung in dieser Angelegenheit? Nicholas Papazian in Kairo hat seine Aussage korrigiert.« Catherine runzelte die Stirn. War ihr seit den Mittagsnachrichten etwas entgangen? »Offen gestanden überrascht es mich nicht, daß eigentlich Daniel Stevenson den Weg für die Fälschung gebahnt hat. Schließlich haben wir es bei ihm mit einem Mann zu tun, der glaubte, die Azteken seien Nachfahren von Marsbewohnern gewesen!« Catherine schaltete schnell den Fernseher aus und starrte auf den dunklen Bildschirm. Sie spürte, wie sich der Schock allmählich in kochende Wut verwandelte. Danno! Er zieht auch noch Danno in den Schmutz! Genügte es diesem Schwein nicht, daß er ihn umgebracht hatte? Mußte er Danno in den Augen der Welt auch noch zu einem Narren und zu einem Dummkopf machen? Danno war nicht mehr am Leben, um sich zu verteidigen! Catherine traten in ohnmächtiger Wut die Tränen in die Augen. Sie ging in Richtung Tür. Das mußte sie Garibaldi sagen. Aber mitten im Zimmer blieb sie stehen. Garibaldi konnte nichts tun. Allerdings konnte und mußte sie etwas tun. Sie hatte Dannos Laptop und mußte Online gehen. Nur noch einmal, ein einziges Mal… Sie trocknete sich die Augen, überflog den Wirtschaftsteil der Zeitung und suchte nach Inseraten von
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Online-Diensten. Es gab eine eigene Rubrik für Internet. Dort fand sie Galaxy BBS in Baltimore, das den Zugang innerhalb einer Stunde anbot. Catherine gab dem Unternehmen die Nummer ihrer Kreditkarte. Wie versprochen war der Zugang eine Stunde später möglich. Als sie sich in den IRC befand, betete sie, daß #hawksbill offen sein werde. Aber wenn alle aus der Gruppe Weihnachten mit ihren Familien verbrachten, würde #hawksbill nicht einmal angezeigt sein. Sie konnte #janet wieder öffnen, doch die Wahrscheinlichkeit war gering, daß es jemand von #hawksbill bemerkte. Sie wußte, ihr Vorgehen war sehr riskant. Aber das kümmerte sie im Augenblick nicht. Dieses Schwein hatte Danno und ihre Mutter in den Schmutz gezogen. Sie würde sich rächen! Sie tippte llist, drückte die Eingabetaste und ballte die Fäuste. Bitte… bitte seid da… Da kam es: #hawksbill. Aber es war nur eine Person im Kanal: Jean Luc, der mit dem @ vor seinem Namen an diesem einsamen Weihnachtsabend auf Gesellschaft zu warten schien. Catherine meldete sich als Janet. [Jean-Luc] Fröhliche Weihnachten, Janet. «Janet»Fröhliche Weihnachten. [Jean-Luc] Du hättest nicht hier auftauchen sollen – zu gefährlich. «Janet »Hat sich heute schon jemand bei dir gemeldet? [Jean-Luc] Nein, die sind alle mit ihren Familien beschäftigt. «Janet»Bist du allein? Catherine wartete. «Janet »Jean Luc: Bist du allein? [Jean-Luc] Ja. «Janet»Wo bist du?
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[Jean-Luc] Das ist gegen die Regeln von Hawskbill. «Janet »Du weißt, wer ich bin. Ich muß wissen, wer du bist. Sie wartete wieder auf Antwort. [Jean-Luc] Einfach ein Freund… Ja, glaub mir, ich bin dein FREUND! «Janet »Bist du ein Mann oder eine Frau? Während Catherine wartete, lauschte sie auf das stille Haus und die ruhige Nacht draußen. Dicke Schneewolken hingen am Himmel und hüllten die Welt in Stille und Frieden. Sie hatte das Gefühl, Jean-Luc und sie seien die einzigen Menschen auf der Welt – gesichtslos, alterslos, geschlechtslos, unbelastet von Körpern und den Vorurteilen des Sehens und Hörens. Sie waren reine Gedanken, Elektronen, zwei entmaterialisierte Menschen, die sich in einem nichtexistenten Raum trafen. Sie wußte nicht einmal, von welchem Ort auf der Welt sich ›JeanLuc‹ meldete. Er oder sie konnte in China sein oder womöglich auf der anderen Straßenseite. Doch es war ein seltsam intimer Augenblick, und Catherine fühlte sich flüchtig enger mit Jean-Luc verbunden, als sie das je bei einem Menschen erlebt hatte. [Jean-Luc] Du hättest dich nicht melden sollen – zu gefährlich. «Janet»Ich mußte es – um Barrett zu verteidigen. Hast du ferngesehen? [Jean-Luc] Ja»:-[ «Janet»Barrett hat die Schriftrollen NICHT gefälscht. Dr. Alexander hat sie auch nicht gefälscht. *Die Schriftrollen sind echt* Und sie hat NICHT mit Miles Havers um fünfzig Millionen Dollar verhandelt. Er hat nie Kontakt zu ihr aufgenommen.
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[Jean-Luc] Ist Havers der Bösewicht? Sie starrte auf den Monitor. »Ist Havers der Bösewicht?« Das hieß im Klartext: Hat Havers Daniel umgebracht? «Janet»Havers beschuldigt Barrett, ein Fälscher zu sein, weil Daniel nicht mehr lebt, um sich verteidigen zu können. Das mußt du glauben. Du mußt es allen sagen. [Jean-Luc] Janet: Ist Havers der Bösewicht? Catherine zögerte. [Jean-Luc] Wiederhole: Ist er der Bösewicht und hinter Dr. Alexander her? «Janet »Darüber kann ich jetzt nicht sprechen. [Jean-Luc] Du hast unser Mitgefühl, aber Miles Havers ist ein mächtiger Mann. «Janet»Leider. Catherine beobachtete den Bildschirm. Der Cursor blinkte, und die Zeit verging. Sie war versucht, Jean-Lucs wahre Identität herauszufinden. Sie wußte, sie konnte es tun, indem sie einen Befehl eingab, der seine IP-Adresse verriet. Ein bißchen Detektivarbeit würde sie direkt zu ihm oder ihr führen. Catherine tippte /whois jean-luc/ und ließ die Hand über der Eingabetaste schweben. [Jean-Luc] Janet: Wir werden tun, was wir können. «SERVER»Jean-Luc hat sich verabschiedet.

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DER DREIZEHNTE TAG

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Sonntag, 26. Dezember 1999 Santa Fe, New Mexico
Irgend etwas weckte Erika auf. Zuerst wußte sie nicht, was es war. Sie lag im Bett, lauschte auf die Stille im Haus und versuchte, sich zurechtzufinden. Die Leuchtziffern ihres Weckers verrieten, daß es zwei Uhr morgens war. Sie wartete mit angehaltenem Atem. Dann drehte sie den Kopf auf dem Kissen und sah, daß Miles nicht im Bett lag. Wieder einmal… Wenn eine wichtige Transaktion bevorstand oder wenn er sich mit einem neuen Software-Code herumschlug, hatte er in den vergangenen Jahren immer wenig geschlafen. Erika hatte jedoch das Gefühl, daß sie in letzter Zeit öfter als üblich feststellen mußte, daß er nicht im Bett war. Sie dachte an die überraschende Presseerklärung zu den Schriftrollen, die er vor zwei Tagen abgegeben hatte. Erika war völlig ahnungslos gewesen. Sie hatte wirklich nichts davon gewußt, daß er die Schriftrollen kaufen wollte und mit der untergetauchten Dr. Alexander Geheimverhandlungen führte. Beamte des FBI waren bis in den späten Abend im Haus gewesen und hatten Miles befragt. Dann stellte sich heraus, daß es sich um Fälschungen handelte! Der arme Miles mußte öffentlich eingestehen, daß er getäuscht worden war. Das ist Miles, dachte Erika, als sie aufstand und den Morgenmantel überzog, er wollte die Schriftrollen für die Welt retten. Wahrscheinlich hatte er bereits ein Gebäude für sie geplant, wo die Öffentlichkeit sie hätte sehen und
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die Wissenschaftler sie hätten studieren können. Es mußte eine große Enttäuschung für ihn gewesen sein. Während sie durch das dunkle, schlafende Haus ging, dachte Erika: Er sollte jetzt nicht allein sein und sich über die Niederlage ärgern. Sie würde ihn trösten und dafür sorgen, daß er ins Bett zurückkam. »Wir haben sie!« rief Teddy. »Sie hat sich bei Galaxy BBS, einem lokalen Server in Baltimore, angemeldet. Sie bieten einen besonders schnellen Zugang zum Internet.« Havers kam herüber. Sie warteten schon ungeduldig, seit der Computer, der Catherine Alexanders Kreditkarte überwachte, sie vor ein paar Stunden durch einen Warnton darauf vorbereitet hatte, daß die Karte benutzt worden war. »Baltimore«, sagte Havers mit einem Blick auf den Bildschirm. Zeke hatte also recht gehabt. Als Zeke am Abend zuvor behauptete, daß die Spur von Dr. Alexander und ihrem Begleiter von Las Vegas zum Dulles-Flughafen in Washington führe, war Havers skeptisch gewesen. Warum um alles in der Welt sollte sie ausgerechnet dorthin geflogen sein? »Wie schnell können Sie Zugang zu dem System in Baltimore bekommen?« fragte er Teddy. »Hängt ganz davon ab. Ich muß ihre IP-Adresse ausfindig machen«, erwiderte Teddy, dessen Finger bereits über die Tastatur glitten. »Einen Merker anbringen, die Such-Software laden…« »Sehen Sie sich die Teilnehmer-Dateien an. Vielleicht hat sie die Telefonnummer angegeben, über die sie sich einwählt.« »Ja, das würde den Job sehr viel einfacher machen…
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He! Sehen Sie!« Miles blickte auf den Monitor. Galaxy BBS in Baltimore benutzte Scimitar-Software von Dianuba Technologies in der Version von 1998. »Sag ich’s doch!« Teddy stieß einen leisen Pfiff aus. Er hatte an der Entwicklung des Sicherheits-Codes für Scimitar mitgearbeitet. Ein Blick auf die Armbanduhr verriet Havers, daß es in Washington fünf Uhr morgens war. »Hängen Sie sich dran! Wenn wir Glück haben, meldet sie sich noch einmal, bevor die Verbindung wieder getrennt wird.« Teddy machte sich daran, das System von Galaxy BBS zu knacken. Miles ging außer Hörweite des jungen Mannes. Er zog das Telefon aus der Tasche des Morgenmantels und wählte eine Nummer. Er konnte ein zufriedenes Lächeln nicht unterdrücken. Sein Plan funktionierte. Miles hatte damit gerechnet, daß es Catherine Alexander nicht schweigend hinnehmen werde, daß der Name ihrer Mutter durch den Schmutz gezogen oder ihr Freund Daniel als Fälscher bezeichnet wurde. Er setzte darauf, daß sie reagieren werde wie vor ein paar Tagen, als die negative öffentliche Meinung sie dazu getrieben hatte, über Internet Hilfe zu suchen. Miles hatte sie mit seiner Strategie sozusagen ›gezwungen‹, sich noch einmal unüberlegt ins Netz einzuwählen. Die Mühe hatte sich gelohnt. Er hatte sich von Papazian eine Fälschung des Fragments herstellen und sie gegen das echte austauschen lassen. Miles wußte jetzt, dieses Mal war ihm das Kaninchen in die Falle gegangen. »Tut mir leid, Mr. Havers«, rief Teddy vom anderen Ende der langen Reihe von Monitoren, »Dr. Alexander hat keine Telefonnummer in Baltimore angegeben, sondern ihre eigene Nummer in Santa Monica. Dumm ist sie nicht…«
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Ja, dumm ist sie nicht, dachte Havers und nickte. Als sich Zeke meldete, ging er in die Nähe der Tür und drehte dem jungen Mann den Rücken zu, damit Teddy nicht hörte, was er sagte: »Sie sind in der Umgebung von Baltimore. Mir ist es gleich, wie Sie den Priester und diese Frau aus dem Weg räumen. Aber beschaffen Sie mir auf jeden Fall die Schriftrollen und vergessen Sie nicht den Computer. Ich brauche das Tagebuch von Stevenson.« Erika hatte gerade anklopfen wollen, obwohl die Tür einen Spalt offenstand. Sie wußte, wie wichtig Miles seine Privatsphäre war und daß er es nicht schätzte, wenn man überraschend bei ihm in einem Zimmer auftauchte. Aber anstatt anzuklopfen, wich sie langsam von der Tür zurück. Sie konnte nicht glauben, was sie gerade gehört hatte… ÜBERWACHUNG GALAXY BBS IP Adresse 204.16.78.101 »»Nbosc hat sich zugeschaltet, 8.02 Uhr »»MrySpncer hat sich zugeschaltet, 8.03 Uhr »»robertsoo? hat sich zugeschaltet, 8.05 Uhr »»Nbosc hat abgeschaltet, 8.07 Uhr »»LtChab hat sich zugeschaltet, 8.07 Uhr »»kharvey hat sich zugeschaltet, 8.10 Uhr Miles drehte den Kopf zur Seite und blickte auf die Uhr. In Baltimore war es inzwischen acht Uhr morgens. Catherine Alexander hatte sich immer noch nicht gemeldet.

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Washington, D.C.
»Wie können Leute nur so leben?« sagte Raphael, der versuchte, sich die Hände an seinem Kaffeebecher zu wärmen. »Immer auf der Flucht…« Er und Zeke saßen in ihrem Wagen und warteten gespannt darauf, daß sich Havers meldete. Es war ein eiskalter Morgen, und sie tranken Kaffee aus Styroporbechern. Zeke haßte es, sich eine Niederlage eingestehen zu müssen. Aber als sie einen Tag lang in Washington gesucht und weder Dr. Alexander noch den Priester gefunden hatten – es erwies sich als unmöglich, alle Kirchen zu überwachen -, meldete er sich schließlich bei Havers und schilderte ihm die Lage. Jetzt mußte Zeke widerwillig die Computer bewundern. Sie hatten geschafft, was ihm trotz aller Anstrengungen nicht gelungen war. Er starrte wie gebannt auf das Autotelefon, als könnte er es dadurch zwingen zu klingeln, und murmelte: »Nun komm schon, Mädchen, schalt noch einmal deinen Computer ein…« Catherine hörte es in der Ferne donnern. Ein Gewitter über dem Meer. Soll ich den Sklaven befehlen, die Fensterläden vorzulegen? Philos! Ich muß Philos warnen… »Catherine! Machen Sie auf, ich bin es.« Sie fuhr hoch und schlug die Augen auf. Wo bin ich? Es klopfte. Das war kein Donner. Vor der Tür stand jemand. Philos? »Catherine? Sind Sie wach?« Garibaldi… Catherine ging unsicher zur Tür und öffnete sie einen
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Spalt. »Was ist…?« »Schalten Sie den Fernseher ein. Schnell!« »Was gibt es?« Sie ließ Garibaldi eintreten und war plötzlich hellwach. Dann eilte sie ins Bad und zog sich schnell den Bademantel über. »Es ist Dr. Voss.« Garibaldi wählte den Nachrichtensender. »Er hat ein Interview gegeben. Vor der Werbung haben sie das Interview angekündigt. Es wird in den Nachrichten gesendet!« Catherine glaubte, ihren Augen nicht zu trauen, als Julius auf dem Bildschirm erschien. Er saß in seinem Büro im Freers Institut. Am unteren Bildschirmrand war ein Schriftbalken eingeblendet: »Das Interview wurde um 7.08 Ortszeit in L.A. aufgezeichnet.« Catherine blickte auf den Wecker neben ihrem Bett. Hier an der Ostküste war es beinahe elf Uhr. Wie konnte sie so lange geschlafen haben? »Dr. Voss, weshalb haben Sie sich schließlich doch zu diesem Interview bereit erklärt? Bislang hatten Sie es abgelehnt, sich zu äußern.« Julius wirkte erschöpft. Er hatte dunkle Ringe unter den Augen, aber in dem eher konservativen Jackett sah er wie immer gepflegt aus. »Ich habe nicht viel zu sagen, sondern möchte Dr. Alexander bitten, ihr Vorgehen zu überdenken. Sie ist eine ausgezeichnete Wissenschaftlerin. Ich brauche sie hier dringend. Ich kann das Meritites-Projekt nicht allein durchführen. Wir haben immer gut zusammengearbeitet. Catherine, erinnerst du dich noch an das erste Mal?« »Meritites«, sagte Garibaldi. »Ist das nicht die Mumie, an der er letztes Jahr gearbeitet hat? Was meint er mit ›das erste Mal‹? Haben Sie beide schon früher zusammengearbeitet?«
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»Nein. Er versucht, mir etwas zu sagen. Warten Sie…« Catherine griff zum Telefon und ließ sich von der Auskunft die Nummer des Halekulani Hotels in Honolulu geben. Dann rief sie dort an und erkundigte sich, ob jemand eine Nachricht für Mrs. Meritites hinterlassen habe. Sie legte die Hand über den Hörer. »›Das erste Mal…‹ Ich glaube nicht, daß er damit unsere Zusammenarbeit meint. Ja? Hier spricht Mrs. Meritites. Haben Sie eine Nachricht für mich?« Sie wartete. »Ja? Lesen Sie bitte vor.« Catherine notierte etwas und legte auf. »Ich glaube, Julius hat mir verraten, wo die siebte Schriftrolle ist. Hier«, sagte sie und gab Garibaldi das Blatt. »Thomas von Monmouth?« sagte er. »Wer ist das?« Sie setzte sich an den Computer. »Ich lasse Julius nur wissen, daß ich die Nachricht bekommen habe.« »Catherine, nicht den Computer…« »Vater Garibaldi, haben Sie denn keine Augen im Kopf? Ich hatte keine Ahnung, daß ihn das alles so mitnehmen würde. Er sieht schrecklich aus. Ich muß ihn wissen lassen, daß ich seine Nachricht bekommen habe und daß es mir gutgeht. Keine Sorge. Das geht ganz schnell.« Sie startete den Computer, klickte zweimal auf das ›Galaxy‹-Symbol, rollte zu ›Dialer‹ und klickte auf ›Login.‹

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Santa Fe, New Mexico
Miles Havers blickte unverwandt auf den Monitor mit der Meldung: ÜBERWACHUNG GALAXY BBS IP Adresse 204.16.78.101 »george hat sich zugeschaltet, 8.15 Uhr »MrySpncer hat abgeschaltet, 8.16 Uhr »joe hat sich zugeschaltet, 8.16 Uhr Plötzlich zuckte es um seine Mundwinkel. »Piep! Piep! Piep! Piep! Miles richtete sich langsam auf. Die Namen rollten nicht länger, aber auf dem Bildschirm erschien die Meldung: **ANSCHLUSS-SUCHE BEGINNT** Lächelnd griff er nach seinem Telefon. Catherine Alexander hatte gerade ihre Zugangsnummer bei Galaxy BBS gewählt.

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Washington, D.C.
Das Autotelefon blinkte, und Zeke nahm sofort ab. »Ja«, sagte er in den Hörer. Er hörte zu, antwortete: »Jawohl, Mr. Havers«, und legte auf. »Sie benutzt ihren Computer«, sagte er zu Raphael. »Sie suchen gerade den Telefonanschluß.« »Brav, Baby«, erwiderte Raphael und rieb sich die Hände. »Ich beeile mich«, sagte Catherine noch einmal. »Julius soll nur wissen, daß… Was ist das?« Am unteren Rand des Bildschirms blinkte die Meldung: *E-MAIL EINGANG* »Jemand hat Ihnen eine Nachricht geschickt«, sagte Garibaldi. »Das ist unmöglich. O Gott, das bedeutet doch nicht etwa…« Sie klickte zuerst auf das Datei-Menü und dann auf ›Briefkasten‹. * Geben Sie das Paßwort ein für* joe@mail.galaxy.com Catherine tippte Batman, das im Kästchen als ****** erschien, und klickte auf die Eingabetaste. ANALYSIERE ADRESSE VON MAIL:GALAXY:GOM LOGGING INTO POP SERVER

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Santa Fe, New Mexico
Miles Havers trommelte mit den Fingerspitzen nervös auf die Schreibtischplatte, ohne den Blick vom Bildschirm zu nehmen. Er war nicht länger im Kommunikationszentrum, sondern saß in seinem burgunderroten Büro an einem Computer, zu dem sich nicht einmal Teddy Yamaguchi Zugang verschaffen konnte. *ANSCHLUSS-SUCHE LÄUFT* Miles hatte die Software zur Überwachung von Galaxy BBS selbst geschrieben und installiert. Das Suchprogramm war durch den Alarmton, den Catherines IP-Adresse ausgelöst hatte, aktiviert worden und verfolgte die Nummer zu ihrem Ausgangspunkt zurück. »Also dann«, sagte er, als auf dem Bildschirm ein Stadtplan von Washington, D.C. erschien. Er beobachtete die blauen Linien, die sekundenschnell Punkte miteinander verbanden – Signale, die wie Blitze über den Stadtplan zuckten. Havers griff nach dem Telefon in seiner Tasche und wählte. Als sich Zeke meldete, sagte er: »In einer Minute habe ich die Adresse«, und sah zu, wie die Linien von einem Punkt zum anderen hüpften. Miles lachte leise, denn er hörte, daß Zeke bereits den Wagen anließ, ohne das Telefon vom Ohr zu nehmen.

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Washington, D.C.
Auf Catherines Monitor blinkte die Meldung *E-MAIL EINGANG* von neuem. Sie klickte auf ›Briefkasten‹ und dann auf ›Neueingang‹. Garibaldi beugte sich über ihre Schulter, um besser zu sehen. »Woher kommt die Nachricht?« fragte er. Catherine erwiderte leicht verwirrt: »Der Absender wird als ›Freund‹ identifiziert.« Nach einem Doppelklick flüsterte sie: »Mein Gott!«
Return-Pfad: freund@dianuba.com Datum: Sonntag, 26. Dez. 1999,6:15:47 Von: freund@dianuba.com An: joe@galaxy.com Betr: EILT

Er hat Sie gefunden. »Hier ist die Adresse«, hörte Zeke seinen Auftraggeber sagen. »N Street 142 in Georgetown. Aber laßt sie diesmal unter keinen Umständen entkommen.« »Nein, Mr. Havers«, sagte Zeke, der bereits mit quietschenden Reifen losfuhr. »Wo ist sie?« fragte Raphael. »Nicht weit von hier.« Raphael ging daran, den Schalldämpfer an der Pistole anzubringen, und Zeke dachte sehr zufrieden: Der Computer hat es vielleicht geschafft, diese Alexander zu finden. Aber kein Computer der Welt kann sie auf die altbewährte Weise ausschalten, so, wie wir das gleich tun werden…

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DER VIERZEHNTE TAG

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Eine andere Geschichte erzählt.Montag. daß die Riesen sie in alter Zeit vom fernen Afrika hierher auf diese Ebene gebracht hätten. um sich mit dem Führer der Britonen zu treffen. diese Steine seien vom Himmel gefallen und hätten einen Kreis gebildet. Damit würde ich Philos helfen. Die Macht der ›Himmels‹Steine ist unvorstellbar groß. Es heißt. daß jeder einzelne der Steine besondere übernatürliche Kräfte besitzt. Dezember 1999 Cornelius Severus ritt nach Chichester. daß sie an den geheimen Ritualen der Druiden teilnahm. Möglicherweise hatten die Druiden das Rätsel der Steine gelöst. Alle glauben. und wie immer begleitete ihn Philos. denn vielleicht gab er einen Hinweis auf die Riesen. 27. 541 . jede Krankheit zu heilen. Während ihrer Abwesenheit gestand mir Claudia. Man nennt sie Myrddins Steine und sagt. Ich hatte Geschichten von einer heiligen Stätte auf der Ebene im Süden gehört. die Frau des Centurio. sie bergen ein Geheimnis und besitzen die Kraft. Ich wollte den ›Ring der Kraft‹ sehen. die Unsterblichkeit und immerwährende Jugend.

Der Fahrer stieg aus und verschwand im Haus – es war der Killer mit dem Narbengesicht. Erst gegen 542 . O’Tooles Haus beobachtete. Niemand. Irgendwann im Laufe der Nacht hatte er schützend den Arm um sie gelegt. das gerade völlig renoviert wurde. Sie war froh. öffnete Catherine die Augen. Catherine packte die blaue Tasche mit den Schriftrollen. und ihren Blicken bot sich eine verzauberte und märchenhafte Winterlandschaft.Greensville. O’Tooles Gästehaus zu fliehen. noch rechtzeitig aus Mrs. Es war ihnen gelungen. Garibaldi ließ sich die Rechnung geben. Catherine richtete sich auf und betrachtete das näherkommende Bahnhofsgebäude von Greensville. Aus Vorsicht fuhren sie weder zum Flughafen noch zum Bahnhof. obwohl es in dem Abteil nichts mehr zu befürchten gab. in Washington Stiefel zu kaufen. Sogar auf dem Bahnsteig lag Schnee. daß Garibaldi und sie daran gedacht hatten. Garibaldi nahm den Laptop und seine schwarze Reisetasche. Im Schutz einer immergrünen Hecke warteten sie auf ein Taxi und sahen. Vermont Als der Zug vor der Einfahrt in den Bahnhof langsamer wurde. konnte ihre Flucht bemerken. Ein überdachter Gang führte zum Nebenhaus. Sie hatten die Computernachricht – ›Er hat Sie gefunden!‹ – gelesen und das Haus wenig später durch den rückwärtigen Ausgang verlassen. daß ein Wagen vor dem Gästehaus anhielt. der Mrs. sondern ließen sich von dem Taxifahrer wie zwei neugierige Touristen die Stadt zeigen. Sie war mit dem Kopf an Garibaldis Schulter eingeschlafen.

sie aus ihrem Versteck zu locken. Alles hier war still und menschenleer. und das andere. Meritites gemeldet hatte. daß Dr. die den Schriftrollen ihren Wert zurückgaben und sie wieder für seine Privatsammlung interessant machten. kein Mensch achtete auf sie. und Catherine kaufte eine Zeitung. Also bestehe durchaus die Möglichkeit.Abend wagten sie sich in den Bahnhof und nahmen den Zug nach Vermont. Jetzt hatten sie ihr Ziel erreicht und stapften erleichtert hinaus in die frostige Morgenluft. Er hatte diese Runde für sich verbuchen können. Der Vorwurf der Fälschung hatte nur dazu dienen sollen. Auf dem Titelblatt stand: ›GEFÄLSCHT ODER ECHT?‹ Darunter befanden sich nebeneinander zwei Photos des Jesus-Fragments: das Original. »Fragen Sie nach Thomas von Monmouth. daß Havers auch diese Wendung vorausgesehen hatte. Alexanders Schriftrollen echt seien. hatte die Frau an der Zentrale des Halekulani Hotels gesagt. daß es sich wahrscheinlich nicht um zwei Teile desselben Dokuments handelte. Der Schnee knirschte unter ihren Schritten. Noch einmal wird er mich nicht 543 . ob Havers sie auch hier ausfindig machen werde. Catherine fragte sich. nachdem sich Catherine als Mrs. Alexanders Zelt entfernt hatte.« Garibaldi machte sich auf die Suche nach einer Fahrgelegenheit. »Fahren Sie zum Kloster in Greensville in Vermont«. das am Tag zuvor veröffentlicht worden war und das der ägyptische Archäologe angeblich persönlich aus Dr. das seit dem Tag nach Daniels Tod immer wieder in den Zeitungen erschien. da ein Vergleich der beiden Photos ergeben habe. In dem Artikel wurde berichtet. Niemand folgte ihnen. Catherine zweifelte keinen Augenblick daran. daß sich unter den Experten Zweifel an der behaupteten Fälschung regten.

Würden sie auch ein viertes Mal Glück haben? »Das muß man erleben. von wem die Computernachricht gekommen war. sagte Garibaldi. Der Mann aus Greensville hatte sie abgesetzt und gesagt. um es zu glauben«. die Gäste aufnahmen – allerdings nur Frauen. Es gab einfache Unterkünfte. wenn auch nur dank der Hilfe des geheimnisvollen ›Freundes‹. Ohne den anonymen Hinweis wären sie und Garibaldi den Killern nicht entkommen. »Wirklich nette Leute hier in Vermont. Catherine hatte keine Ahnung. es getan zu haben. als sie auf ihrem Weg zum Kloster durch den Schnee stapften.« Garibaldi lächelte scheinbar unbeschwert. als er zurückkam. Sie wußte. und niemand war ihnen gefolgt. War es Jean-Luc gewesen? Vor zwei Tagen hätte sie beinahe ›/whois Jean-Luc‹ eingegeben.« Catherine sah ihn erstaunt an und warf dann einen Blick zur Straße zurück. Das Kloster lag in den Bergen inmitten großer Wälder. »Ich bin solche Winter nicht mehr gewöhnt. Wieder einmal hatten sie überlebt. »Ein Mann. Die Straße war völlig leer.überlisten. Es gehörte Benediktinerinnen. Aber sie hatte auf ihre Art diesem Mann oder der Frau auf der langen Fahrt nach Vermont gedankt. wohnt in der Nähe des Klosters. sagte Garibaldi. Er war über Weihnachten in Washington und hat seinen Wagen am Bahnhof abgestellt.« Doch Catherine sah die Anspannung in seinen Augen. der auch hier ausgestiegen ist. »Wir haben Glück«. bis zum Kloster sei es nur noch ein kurzer Weg. und die 544 . Jetzt wünschte sie. wie der Mann aus Greensville gesagt hatte. was er dachte: Sie waren zum dritten Mal um ihr Leben gelaufen. Er will uns mitnehmen.

»Die Kapelle ist alt«. die auf der anderen Seite durch eine Klappe verschlossen war.Besucherinnen nahmen die Mahlzeiten entweder allein oder mit den Nonnen ein. Catherine richtete den Blick auf die steinernen Türmchen und Giebel. hatte der Mann ungefragt erklärt. beendet hatten. zog er am Klingelzug. Catherine hatte natürlich darauf verzichten müssen. Es war Mittag. Sie mußten warten. Ein Telefongespräch hätte ihre Verfolger mit Sicherheit auch hierher in diese Einsamkeit geführt. Sie fragte sich. »Der Altar steht so. Seitlich der Pforte gab es eine Glocke. ihr Gesang ist so klar und rein. als sei er nicht von dieser Welt!« Catherine hörte jetzt das Singen. die grau und streng über die Mauer ragten. das vierte kanonische Stundengebet. während sie über die verlassene Landstraße fuhren. Die altmodische Glocke schwang hin und her und läutete hell und laut. Die Nonnen versammelten sich achtmal am Tag zum Gebet. Ja. an der die Leute aus der Umgebung teilnehmen konnten. Um zehn Uhr morgens wurde eine lateinische Messe gelesen. Sie sitzen hinter einem Eisengitter getrennt von der Gemeinde. Und ich kann Ihnen versichern. Nach kurzem Warten erschien ein Gesicht hinter dem 545 . doch weder ein Name noch ein Schild verriet. wie Julius ihn entdeckt hatte und welche Informationen er angeblich besaß. Als der Gesang schließlich verstummte. wie die Stimmen von Engeln… Catherine und Garibaldi erreichten kurz darauf das massive Holztor. das über eine hohe Steinmauer durch die Bäume zu ihnen drang. In Augenhöhe befand sich eine kleine vergitterte Öffnung. bis die Nonnen die Sext. daß die Nonnen ein Schiff für sich allein haben. daß es sich um ein Kloster handelte. wer Thomas von Monmouth war. Julius anzurufen und ihn nach Einzelheiten zu fragen. Garibaldi blickte auf die Uhr.

ihr Alter zu erraten. und es roch nach Zitronenöl. sagte sie. die Augen blickten hell und klar die zwei Besucher an. Heutzutage heißt wohl niemand mehr Thomas von Monmouth. fügte Catherine hinzu. Sie ist in einem hervorragenden Zustand und wunderbar illuminiert. »Priester selbstverständlich willkommen sind. dessen Perlen an ihrer Hüfte leise klackten. es könnte sich um ein Dokument oder um eine Handschrift handeln. obwohl…«. Seit Jahren hat niemand mehr darum gebeten. sie sehen zu 546 . verrieten. erwiderte die Äbtissin und lächelte. erwiderte Garibaldi. und die Hände verschwanden in den langen weiten Ärmeln der schwarzen Ordenstracht. Einen Augenblick später kam eine andere herein. Wir nehmen niemals Männer auf. Sie stellte sich als Mutter Elisabeth vor. »Die Leute verbringen Weihnachten bei ihren Familien. Ihr Gesicht hatte kaum Falten. »Was kann ich für Sie tun?« »Wir suchen jemanden«. und eine alte. »Um diese Jahreszeit haben wir sehr selten Gäste«. aber in gewisser Weise wirkte sie alterslos. gebückte Nonne öffnete die Pforte. um Thomas zu sehen! Wir sind sehr stolz auf unsere Handschrift.« Sie war eine ältere Frau. Dort war es so still wie in einer Kirche. und der Schlüsselbund sowie ein großer hölzerner Rosenkranz. »Wir vermuten. Die Stimme schien einer jungen Frau zu gehören. gepflasterten Weg und ein paar Steinstufen in einen Empfangsraum. Auch das erschwerte es. »Sie kommen also. sie sah Garibaldi lächelnd an. daß sie die Äbtissin des Klosters war. Man sah unter der Haube nichts von den Haaren. »Oder etwas«.Gitter. fand Catherine. Sie ging mit schnellen Schritten stumm vor den Besuchern her und führte sie über einen vereisten. Die Nonne verschwand durch eine Tür unter einem gotischen Bogen. oder?« »Bestimmt nicht«.

»Bitte«. wenn sich das auf König Arthur beziehen würde?« Sie ging zur Tür. wie das mit Legenden ist. »sehen Sie es sich an.« Catherine übersetzte den Text und las ihn dabei laut vor: »›… an den Kalenden des Juni. und als die Stunde gekommen war. Im Laufe der vielen Generationen werden manche Tatsachen verdreht und mit Erfundenem vermischt. sagte sie und nickte. überfielen die Römer die Stanhengues oder den Ring der Kraft. sie Ihnen zu zeigen. nahm eine große Ledermappe heraus. aber gut erhaltenes Blatt Pergament. Bitte folgen Sie mir. »König Arthur?« »So interpretieren wir es auch«. »Uther?« Er sah die Äbtissin fragend an. murmelte Garibaldi. Die Mappe enthielt ein vergilbtes. 547 . Ein maschinengeschriebener Hinweis auf einem beigelegten Blatt Papier verriet. sagte sie. König Uther gefangenzunehmen…‹« Sie bewegte den Zeigefinger unter dem lateinischen Text entlang: »›… dux bellorum…‹« »Dux bellorum… Anführer der Krieger«. legte sie auf den Tisch und öffnete sie.« Sie gingen durch stille Gänge. daß es sich um ein Werk des Thomas von Monmouth aus dem zwölften Jahrhundert handelte. Die Tinte war noch dunkel. und die Farben der Malereien und der Inkunabeln hatten nichts von ihrer Leuchtkraft und Lebendigkeit eingebüßt. und erreichten schließlich die große Bibliothek mit einem gemütlichen Feuer im Kamin. »Sie wissen ja. Aber wäre es nicht wunderbar. Offenbar handelte es sich um die Seite eines Buches. in der Hoffnung. »Ich lasse Sie beide allein.dürfen. wo Statuen von Heiligen mit traurigen Augen unergründlich ins Leere blickten. Es wird mir eine Freude sein. Die Äbtissin schloß ein Kabinett auf.

»aber die Geschichte ist im Laufe der Jahrhunderte mit Sicherheit verändert worden. und er stellte zu seinem großen Leidwesen fest. »wir haben leider nur sechs Bücher. »Sabina war nicht mit Cornelius Severus verheiratet.« »Nein«. sagte Garibaldi. sagte Catherine. 548 . »›Über das siebte Buch. daß Sabina in Stonehenge war. die sich dort versammelt hatten. fuhr Catherine mit der Übersetzung fort: »›… den Anführer der Britonen. um an einem Druidenritual teilzunehmen. die später mit der Priesterin Valeria am heiligen Ort begraben wurden‹« »Wie bitte? Das kann nicht sein«.« »Könnte das Begrabenwerden etwas mit dem Brunnen auf dem Sinai zu tun haben? Handelt es sich bei dem Skelett um Valeria?« »Vielleicht…« »Wie geht es weiter?« Catherine las die letzte Zeile. es waren mehr als fünfhundert. Und. Die Frau des römischen Kommandanten Cornelius Severus befand sich unter ihnen. Wir sind stolz auf unsere Bibliothek. Es gab ein schreckliches Gemetzel an jenem Tag im Ring der Steine. und sie stürzten sich auf die Druiden. Und…« Sie seufzte. was Sie brauchen.« »Wer ist Valeria?« »Vielleicht eine Druidenpriesterin. Wir wissen. darunter auch Kinder und Frauen. »benutzen Sie alles. sie wies freundlich auf den Raum. die ohne sein Wissen an dem Ritual der Druiden teilnahm.damit Sie die Handschrift in Ruhe lesen können. Die Römer schnitten allen die Kehle durch. Thomas schreibt beinahe tausend Jahre nach dem Ereignis. daß er durch den Angriff seine eigene Frau verloren hatte. Vater«. Sie hieß Sabina Fabiana und hinterließ sechs Bücher über Zauberei und Alchimie.« Nachdem die Äbtissin gegangen war.

sagte sie nachdenklich.‹« Sie sah Garibaldi nachdenklich an. »Ich muß immer noch eine Schriftrolle übersetzen. was in der sechsten Rolle stand.« »Viele Legenden sind nichts als Märchen. Sabina ist in Stonehenge getötet worden?« »Ich weiß nicht«. Garibaldi ging zum Nachmittagsgebet der Nonnen in die Kapelle. war über achtzig gewesen. in einem Punkt falsch.von dem die Legende berichtet. Befand sich darin vielleicht eine Beschreibung des Druidenrituals? Hatte Perpetua in einer römischen Garnison in Britannien gelebt und Sabina nach dem Überfall gepflegt? Hatte sie erleben müssen. die Nacht im Kloster zu verbringen. Garibaldi sah sie an und sagte ruhig: »Wo sollen wir als nächstes suchen? Wohin gehen wir von hier aus?« Das hing ganz davon ab. es stimmt. glauben Sie wirklich.« »Catherine. Woher weiß er. wie wir gerade festgestellt haben. und da am Himmel dunkle Schneewolken hingen. und das. Sie ging langsam auf Kieswegen entlang. ist reine Erfindung. Catherine machte auf dem großen Gelände einen Spaziergang. Es gab keine Fahrgelegenheit zum Bahnhof. daß das siebte Buch nie geschrieben worden ist? Wenn in der Legende davon gesprochen wird. »Glauben Sie. muß es existiert haben. die diese Rollen diktiert hatte. daß das sechste ›Buch‹ sehr kurz war. daß Sabina trotzdem an ihren Wunden gestorben war? Aber die Sabina. denn es wurde nie geschrieben. bot ihnen die Äbtissin an. wovon sie berichten. von denen der Schnee gefegt worden war. die Sabina in Britannien war höchstens dreißig. ist nichts bekannt.« Doch Catherine wußte bereits. und betrachtete 549 . daß die siebte Schriftrolle nur eine Legende ist?« »Der Bericht des Thomas von Monmouth ist. Also könnte er auch darin irren.

die man vor zweihundert Jahren im gotischen Stil errichtet hatte. wo im Frühling und Sommer Ahornsirup von Bäumen des Klosters und schöne. Es schien sie nicht einmal zu kümmern. daß Garibaldi bei ihnen war. Der Himmel über dem Wald wurde allmählich dunkel. Die Töne stiegen in die Winterluft und klangen von weitem so zart und schwerelos. nichts Gedrucktes. daß es im Kloster keine Zeitschriften oder Zeitungen gab. Ansonsten erlaubten die Schwestern der Welt weder mit Nachrichten noch auf eine andere Weise hinter ihre hohen Mauern vorzudringen. von den Nonnen angefertigte Stickarbeiten verkauft wurden. Catherine warf einen Blick durch das Schaufenster in den geschlossenen kleinen Laden. Catherine sah zum ersten Mal alle Bewohnerinnen des Klosters beisammen. dachte sie und erinnerte sich wehmütig an ihre Jugend. Es waren erstaunlich wenige und meist ältere Nonnen in der Tracht einer vergangenen Zeit. daß in vier Tagen ein neues Jahrtausend anbrechen sollte. hörte sie die Nonnen bei der Andacht in der alten Kapelle und stellte sich vor. und die Nacht hüllte die Erde in eine schwarze Decke. Im Büro der Äbtissin stand ein kleines Radio. Als Catherine zum Hauptgebäude zurückging. Sie sah keine Bücher. Sie hörte das Singen aus der Kapelle. der für sehr viel mehr Menschen gebaut worden war. Die Äbtissin hatte gesagt.sich die gemauerten Gebäude und kleinen Häuser. das aber nur in Notfällen oder für den Wetterbericht eingeschaltet wurde. Die Äbtissin hatte zweifellos noch nie etwas von Catherine Alexander oder den Schriftrollen vom Sinai gehört. daß man tatsächlich an einen Chor der Engel hätte glauben können. Das Kloster besaß nicht einmal ein Fernsehgerät. Das Abendessen gab es in einem Speisesaal. die 550 . Es muß die Vesper sein.

ein leises Klopfen mit den Fingerknöcheln war die Bitte um den Wasserkrug. die sie im Speisesaal gesehen hatte. Danach wollte sie anfangen. die vor vielen Jahrhunderten festgelegt worden waren. Sie nahm nicht an der Komplet. gelesen zu haben. Sie und Garibaldi hatten der Äbtissin nichts über den wahren Grund ihres Besuchs gesagt. als sie vor vielen Jahren alles aufgaben. noch immer den Gesang der Nonnen zu hören.diszipliniert die Ordensregeln und Rituale befolgten. fragte sich Catherine. die sechste Schriftrolle zu lesen. dem Tagesschlußgebet. versuchte sie so unauffällig wie möglich die Nonnen zu beobachten. das sechste ›Buch‹ zu öffnen und zum genauen Studium unter einer Lampe auszubreiten. was Sabina in Stonehenge widerfahren war. Dabei stellte sie sich die alten Frauen vor. engelhaften Stimmen 551 . daß jemand sie dabei überraschte. Sie würde sich viel Zeit dazu nehmen. daß das Durchschnittsalter von Ordensschwestern bei fünfundsechzig Jahren lag. Catherine saß am Kamin und glaubte. die Gesichter den reinen. Was geht in ihren Köpfen wohl vor. Die Mahlzeit verlief in tiefem Schweigen. die ihr scheu zulächelten. um herauszufinden. das sie hinter sich gelassen hatten. sondern zog sich in die Bibliothek zurück. teil. und bis jetzt hatte sich auch niemand danach erkundigt. Mit einer Geste wurde um Salz gebeten. Hatten sie noch Gedanken oder Interesse für die Welt jenseits der Klostermauern? Dachten sie manchmal an das Leben. Während Catherine die herzhafte Suppe und das einfache Graubrot aß. und versuchte. um Gott zu dienen? Bedauerte vielleicht eine von ihnen diese Entscheidung? Catherine erinnerte sich. Doch der Papyrus befand sich in einem schlechten Zustand. um noch einmal die Handschrift des Thomas von Monmouth zu betrachten. Vor allem wollte sie nicht.

Trotzdem lebten die Nonnen für ihren Glauben – mehr brauchten sie nicht. Sie schienen von der Welt vergessen zu sein. sondern tanzender Schnee. Vater hat immer gesagt. zu einem richtigen Weihnachten gehört Schnee. wie die Mystiker der unterschiedlichsten Religionen der Welt bewiesen hatten. Die Nonnen hatten sich bereits in ihre Zellen zurückgezogen. Catherine konnte sich vorstellen. Manche landeten auf den rautenförmigen Fensterscheiben und schmolzen dort. weichen Flocken schwebten durch die Luft und sanken durch die stille Nacht. dachte Catherine lächelnd. Die kleine Gruppe hielt kompromißlos an den Prinzipien des Glaubens fest. Catherine zuckte zusammen. Die Nonnen verbrachten ihr ganzes Leben in klösterlicher Stille. und Catherine wurde klar. Sie würden mitten in der Nacht geweckt werden und sich in der Kapelle zur Matin versammeln. als sie draußen im Gang die Äbtissin und Vater Garibaldi hörte. um sich auf der kalten Erde niederzulassen. daß es keine Novizinnen gab. die. als seien Herz und Geist in dem Gesang zu höchster Vollkommenheit vereint. ohne zu sehen. zu der Ekstase führen konnte. Die zarten.zuzuordnen. daß die Nonnen ihr Leben genau dieser Art Vollkommenheit weihten. Doch ihre Stimmen – es war. »Die Gästezimmer stehen immer bereit«. durch die das irdische Dasein überwunden werden kann. die nach dem Tod dieser gläubigen Schwestern die Tradition weiterführen würden. in die Nacht geblickt hatte. und schob das sechste ›Buch‹ wieder in die blaue Nylontasche. Kein Wunder. die anderswo dem Fortschritt und der Verweltlichung zum Opfer gefallen waren. Schnee. Ein Spitzenvorhang bewegte sich vor dem Fenster. daß sie. Ihre Stimmen kündeten von der Reinheit des Glaubens. um sich mit dem Göttlichen zu vereinen. sagte die 552 . Aber was sich vor ihren Augen bewegte. Es war schon spät. waren nicht Spitzen.

als sie vor Catherines Zimmer standen. der Laptop und Garibaldis schwarze Reisetasche. »Aber im Augenblick sind Sie beide die einzigen Gäste. murmelte Garibaldi und stellte ihre Sachen ab. haben Sie gesagt.Äbtissin. wieso?« »In Las Vegas waren Sie auch noch nicht. erwiderte sie. die Wasserleitungen sind nicht eingefroren. Wir frühstücken bei Tagesanbruch. »an dem Abend. Sie 553 . und wir werden sie finden. und Sie kennen sich in Washington nicht aus. als Daniel ermordet wurde und wir aus Santa Barbara geflohen sind. Sabina kann nicht in Stonehenge gestorben sein. Sie scheinen viel unterwegs zu sein.« »Das stimmt.« »Vater Garibaldi«. Sie seien noch nie zuvor in Kalifornien gewesen. schlafen Sie gut. und sah ihn prüfend an.« »Was wollen Sie damit sagen?« »Sie haben einen Reisepaß. Ich lasse Ihnen für alle Fälle von einer Schwester heißes Wasser bringen. »zu unserem Gebet und beim Frühstück. fügte sie hinzu und sah Catherine freundlich an. eine Kreditkarte und Reiseschecks. während sie Catherine und Garibaldi durch einen zugigen Gang führte. wo zu Füßen von Heiligenstatuen kleine Votivkerzen flackerten. Er rieb sich die kalten Hände und schüttelte sich. gleich nach der Prim. die sie auf der Flucht immer bei sich hatten – die blaue Tasche. machen Sie sich keine Sorgen wegen des alten Thomas von Monmouth. »Und Schnee! Wie können die Leute hier auch nur einen einzigen Winter überleben?« Er machte eine kurze Pause und sagte dann: »Catherine. Sie sind willkommen«.« »Gefrorene Wasserleitungen«. Es muß eine siebte Schriftrolle geben. Es waren die wenigen Dinge. Ich hoffe. Gute Nacht. ohne auf seine Worte zu achten.

»Ich bin 1981 von dort weggegangen. nein!« »Catherine…« Sie wich einen Schritt zurück. sagte er.« »Sie kommen vom Vatikan.« »Ich verstehe nicht. Sie leben in Chicago und sind an dieses Wetter nicht gewöhnt?« Er erwiderte kaum hörbar: »Nein. Sagen Sie mir. »Vater Garibaldi.« »Lassen Sie es mich erklären.« »Catherine. heute auf dem Weg zum Kloster haben Sie eine Bemerkung über den Schnee gemacht und gerade eben eine über gefrorene Wasserleitungen und den Winter im allgemeinen. lassen Sie uns in Ihr Zimmer gehen und darüber reden. Sie sind doch Priester. Jetzt leben Sie nicht mehr dort?« Nach einer weiteren Pause.« »Aber Sie kommen aus Chicago?« Nach einer Pause sagte er.« »Wo sind Sie dann gewesen?« Sie verstummte plötzlich.« »Seit wann nicht mehr?« »Seit achtzehn Jahren«. und ihre Augen wurden groß.« »Achtzehn Jahre!. aber in den Vereinigten Staaten kommen Sie offenbar nicht viel herum. ich bin Priester.« 554 . »O mein Gott«. antwortete er tonlos: »Nein. Aber warum haben Sie mir gesagt… Vater Garibaldi.sind nach Israel und Ägypten gefahren. flüsterte sie. das bin ich nicht. daß ich mich täusche. nicht wahr?« Er wirkte plötzlich sehr niedergeschlagen. »O mein Gott. Stimmt das?« Er nickte langsam. »Vater Garibaldi. es kann nicht sein. »Ja. »Ich bin dort aufgewachsen.

»Ich kann nicht glauben. die ich Ihnen anvertraut habe! Mit keinem 555 . »Rühren Sie mich nicht an. sagte er und streckte die Hand nach ihr aus.« »Sie Schwein!« Catherine holte aus und schlug ihm ins Gesicht.»Sagen Sie es mir! Kommen Sie vom Vatikan?« Er setzte an.« Sie spürte. lassen Sie es mich erklären«. dachte einen Augenblick nach und sagte dann: »Ja. Ich hätte mich auf meine Intuition verlassen sollen.« »Nein. »Die vielen Lügen… und ich habe sie alle geglaubt.« »Bitte. nicht wahr? Und die erste Pflicht eines Priesters ist Gehorsam gegenüber seiner Kirche.« »Nein…« Sie kämpfte mit den Tränen. war ich gleich mißtrauisch. Sie hielt sich krampfhaft an der Türklinke fest. es war kein Zufall. die Dinge. um etwas zu erwidern. daß sie die Arme um ihren Oberkörper schlingen mußte. »Vater Garibaldi. wie der Boden unter ihren Füßen nachgab.« Sie begann zu zittern. murmelte Catherine. Sie zitterte so heftig. denn Sie hatten Ihre Anweisungen. »Aber warum? Ich meine…« Sie sank gegen die Tür. Mein Gott. wer ich bin?« »Ja. »Als ich Sie das erste Mal am Computer im Büro des Hotels gesehen habe… da wußten Sie bereits. »Sie haben nur niemals die Wahrheit gesagt! Aber das ist natürlich keine Sünde. oder?« »Catherine…« »Antworten Sie mir. war das doch Zufall. Als ich Sie zum ersten Mal gesehen habe. Sie wich zurück. als wir uns im Hotel Isis getroffen haben. daß ich darauf hereingefallen bin«.« »Ich habe nie gelogen.

bitte. Das ist richtig. Sie seien der einzige Mensch. Und Sie arbeiten für diese Leute!« »Die Kongregation hat mich geschickt. Garibaldi warf einen Blick in die Richtung.« Sie beachtete ihn nicht.« »Catherine. »Catherine. gehen wir in Ihr Zimmer und unterhalten wir uns dort. »Es gibt einen Grund dafür. auf den ich mich verlassen kann. Als die ganze Welt gegen mich war. das ist nicht wichtig. »Wer hat Sie geschickt?« »Wer?« »Im Vatikan. »Wer?« »Ich finde.« Sie preßte die Lippen aufeinander und sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an. daß wenigstens ein Mensch zu mir hielt.Menschen habe ich bis jetzt darüber gesprochen. Ich dachte. Und jetzt habe ich nicht einmal mehr Sie!« Ihre Stimme hallte durch den Gang. ich hatte Angst. die auch meine Mutter vernichtet haben. ich habe nicht direkt mit der Kongregation…« »Mit der Inquisition. Vater Garibaldi. Reden Sie nicht länger darum herum! Die neue Bezeichnung ändert nichts an den Aufgaben und dem Vorgehen. wo die Äbtissin verschwunden war. Wer hat Sie geschickt?« »Das ist nicht…« »Sagen Sie es mir. und das aus gutem Grund. nicht wahr? Warum sagen Sie es mir nicht?« Sie schloß die Augen und flüsterte: »Ich weiß es natürlich. daß Sie es mir nicht sagen wollen.« In ihren Augen standen Tränen. für jene Leute. Sie arbeiten für die Inquisition. 556 . Ich habe Ihnen mein Innerstes offenbart! Ja. wußte ich.

der Kontakt zu Havers aufnahm. »Ich weiß es nicht. Catherine. sich zu beherrschen. Wahrscheinlich hat dieser Mann danach oder auch davor Kardinal Lefevre informiert. daß Sie wütend…« »Was sollten Sie tun? Mir die Schriftrollen abnehmen? Oder mich durch schöne Reden gesprächig machen. die der Vatikan haben wollte?« »Ursprünglich«. Sie haben in den Unterlagen nachgesehen und festgestellt. Das ist alles. daß die Beduinen Papyri zum Anzünden ihrer Lagerfeuer benutzt haben.Eigentlich sollte ein anderer Priester fahren. »hatte man mich nur geschickt. »Ich mache Ihnen keinen Vorwurf. aber er wurde krank. Ich war nur zufällig zum falschen Zeitpunkt am richtigen Ort. den veralteten Katalog der Vatikanbibliothek zu computerisieren. daß ich meinen Urlaub in Israel verbrachte. Der Vatikan überprüft jede Nachricht über das Auftauchen von Schriftrollen. erwiderte er ruhig. bis Sie mir alle Informationen entlockt hatten. er hat sich an jemanden in Kairo gewandt. den man beauftragt hatte. Sobald meine Vorgesetzten hörten…« »Wie haben sie es erfahren?« Er strich sich mit der Hand über die Haare.« »Und deshalb soll ich glücklich und zufrieden sein?« rief sie. Vielleicht hat man den Vatikan informiert. obwohl es ihn sichtlich Mühe kostete. als Hungerford sein Geschäft machen wollte. Ich bin nicht Torquemada. Ich bin kein Inquisitor. weil er 557 . Ich bin nur ein Computerfachmann. Ich bin kein Spion. Die Araber verkaufen Funde an private Sammler. Es ist auch schon vorgekommen. besonders in dieser Gegend. Ich glaube. Catherine. um den Gerüchten von einem möglicherweise christlichen Jesus-Fragment nachzugehen. Ich konnte in wenigen Stunden im Sinai sein.

Catherine. Ein paarmal war ich nahe daran. »Weil ich bei Ihnen bleiben wollte«. »Und was wollte der Kardinal erreichen? Sollte ich Sie zur siebten Schriftrolle führen?« »Nein. und begann wieder zu zittern. Ich sollte dafür sorgen. es zu tun. weil man es Ihnen befohlen hat?« fragte sie mit Tränen in den Augen. Ihnen aber nichts von den wahren Gründen zu sagen.« »Nein. die sie für klar und ehrlich gehalten hatte. aber dann waren Sie plötzlich verschwunden. was geschehen war. hat man mich gefragt. Aber in der ersten Nacht habe ich Kardinal Lefevre angerufen und ihm berichtet. ich sollte nach Rom zurückkehren. Vater Garibaldi«. die Angebote in die Höhe treiben zu können.« »Sie haben also Daniels Weihnachtsgeschenk zum Vorwand genommen…« »Ich bin Ihnen nachgereist. Ich hatte ein persönliches Interesse daran. »es war nicht Ihre Idee. und ich mußte das verneinen. ich wollte Ihnen alles sagen. Und… glauben Sie mir. und es lag nicht in meiner Absicht. man hat es mir befohlen. Sie blickte in seine Augen. sagte sie bitter. es war nicht meine Idee. daß Ihnen nichts zustößt. das für Sie angekommen war. Catherine. ob Sie gläubige Katholikin seien. meinen Auftrag vor Ihnen geheimzuhalten. Ein anderer sollte geschickt werden.« »Und deshalb hat man Sie beauftragt zu spionieren.« Sie sah Garibaldi an. bei Ihnen zu bleiben. »Sie sind also die ganze Zeit bei mir geblieben. was in den Schriftrollen steht.« 558 .hoffte. Er hat mir aufgetragen. Ich kenne die Einzelheiten nicht. das habe ich Ihnen gesagt. aber Sie haben es getan. sagte er leise. Der Hoteldirektor erzählte mir von dem Päckchen. Als ich mich am ersten Abend aus dem Hotel Isis in Rom meldete. weil ich wissen wollte.« »Nein.

Ich sollte lediglich Bericht erstatten.« »Sie hätten mir oft genug die Schriftrollen wegnehmen können. daß Frauen in frühchristlicher Zeit das Priesteramt ausgeübt haben?« »Catherine. daß es sich um christliche Texte handelt? Was dann?« »Ich weiß es nicht. Die Kirche würde sie vernichten. Aber offiziell hat der Vatikan nichts mit der Sache zu tun. Das ist eine Frage der Diplomatie und der Rücksichtnahme auf Empfindlichkeiten.« »Das ist eine Behauptung.« »Wann hat man uns geholfen?« »Zum Beispiel mit Reiseschecks. Das Ganze wurde sehr heikel. wo es möglich war. als sich die ägyptische Regierung direkt an das Weiße Haus wandte. Der Vatikan mußte neutral erscheinen. während ich schlief.Ihre Augen wurden groß.« »Und wenn wir Beweise dafür finden.« »Warum hat der allmächtige Vatikan uns nicht geholfen. die Kirche wird sich über Beweise freuen. Vater Garibaldi. was dann mit den Schriftrollen geschehen würde. Warum haben Sie es nicht getan?« »Weil wir keinen Beweis für den christlichen Ursprung der Schriftrollen hatten. daß es sich um christliche Dokumente handelt. wir wissen bis jetzt nicht einmal mit absoluter Sicherheit. Wenn dieser Text nicht christlicher Herkunft ist. hat die Kirche kein Anrecht darauf.« »Sie wissen. als wir Hilfe brauchten?« »Man hat uns geholfen. 559 . »Sie waren mein Leibwächter?« »Ja. Außerdem sind die sechs ›Bücher‹ nach geltendem Recht Eigentum des ägyptischen Staates.« »Glauben Sie. Mir war klargeworden.

Zum Beispiel die kleine Katze in Mojave.‹ Ich fand das komisch. »also hat man abgewartet.« »Ja«. Aber man hat dafür gesorgt. Ihnen zu helfen und Ihre Nachforschungen zu unterstützen.daß man uns durch den Leihwagen auf die Spur kommen konnte. Also habe ich Kardinal Lefevre informiert. und deshalb hatte ich danach keine mehr. daß ich in Las Vegas Reiseschecks bekam. um alle Rechnungen und auch die ServerGebühren zu bezahlen. flüsterte er. wieso haben Sie die Informationen nicht weitergegeben und die Leute in Rom für uns suchen lassen? Sie hätten Tymbos wahrscheinlich gefunden. Sie haben gesagt: ›Wir sind für unsere Katzen berühmt. Sie hatten der ägyptischen Regierung etwas gestohlen. daß die Unterlagen im Computer der Verleihfirma gelöscht wurden. Und ich war 560 . und ich durfte die Dreckarbeit machen. sagte er ruhig. sagte sie bitter. »Die ganze Zeit.« »Auch damit durfte der Vatikan nichts direkt zu tun haben. all diese Augenblicke.« »Wenn der Vatikan uns geholfen hat. Es wäre für den Vatikan nicht klug gewesen. Er hat veranlaßt. Rom ist natürlich für seine Katzen berühmt!« »Es tut mir leid«. weil ich noch nie gehört hatte. in denen wir uns nahe waren… Und Sie haben nie daran gedacht. »Jetzt verstehe ich auch einige andere Dinge. daß Chicago für seine Katzen berühmt sein sollte. Leider wurde damit auch meine Kreditkarte ungültig. all die Nächte. mir die Wahrheit zu sagen?« »Ich habe jede Minute daran gedacht. Vater Garibaldi. die wir zusammen verbracht haben. Catherine kämpfte immer noch mit den Tränen.« »Einiges davon habe ich übernommen«.

« Als er ihr den Computer gab. Es klopfte leise. sagte Catherine und trocknete sich mit 561 . benutzt und betrogen. wiederholte er und sah sie traurig an. Geben Sie ihn mir. sagte sie. Alexander.« »Haben Sie eine Vorstellung. »Julius! Du hast mir so gefehlt!« schluchzte sie und hielt ihn fest. Als sie Julius im Gang stehen sah. Ich bin sicher. und Catherine blickte auf die Uhr. ich möchte bei Ihnen bleiben. Ich hatte keine andere Wahl. nachdem ich die siebte Schriftrolle gefunden hatte? Sie mir wegnehmen?« Er schüttelte den Kopf.wirklich oft nahe daran. seit sie Garibaldi die Tür vor der Nase zugeschlagen hatte – dreißig Minuten.« »Was sollten Sie tun. es zu tun. Noch schlimmer. als zu schweigen. Aber es war die Äbtissin. wohin Sie gehen – vielleicht zurück zu Ihrer Gemeinde in Chicago. Sie haben einen Besucher. ich fühle mich verraten!« »Es tut mir leid«. »Geben Sie mir den Computer. als sei ich mißhandelt worden. in denen sie versucht hatte.« »Catherine. dort vermißt man Sie. Es war eine halbe Stunde her. »Er gehört mir. nicht zu weinen und trotz der maßlosen Enttäuschung ihr Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Ich werde Sie jedenfalls nicht vermissen. »Bitte lassen Sie mich in Ruhe«. sagte sie: »Sie werden nicht bei mir bleiben.« Sie streckte die Hand aus. warf sie sich weinend in seine Arme.« Catherine öffnete die Tür. ging in ihr Zimmer und schloß die Tür.« Sie drehte sich um. wie mir im Augenblick zumute ist? Ich komme mir vor. Es ist mir egal. Aber ich durfte es nicht. »Nur Bericht darüber erstatten. »Mutter Oberin«. »Garibaldi… die Inquisition und…« Die Äbtissin räusperte sich diskret. »Dr.

»das ist mein Verlobter.dem Handrücken die Tränen. Julius. »Es war ein Alptraum. Wie hast du sie eigentlich gefunden?« Er erzählte es ihr. Voss kann das Zimmer am anderen Ende haben«. sagte Julius lächelnd: »Ich glaube. Sie werden ebenfalls ein Zimmer brauchen…« Catherine nickte. Dr. dich zu sehen!« Er starrte sie an.« Er legte den Arm schützend um sie und drückte sie an sich. erwiderte die Äbtissin. »Ich nehme an. daß du hier bist.« Die Äbtissin musterte ihn ruhig. aber ich bin so froh. ich habe die Handschrift des Thomas von Monmouth gelesen. Da sieht man es wieder.« »Vater Garibaldi ist an diesem Ende des Gangs. »Wenn es nicht zu große Mühe macht. in einem Kloster schickt sich das nicht. »Julius. Jetzt würde sie die Kraft haben weiterzumachen. und sie lachte. Voss. Wenn ich die Bilder von dir in den Zeitungen und im Fernsehen gesehen habe… ich dachte. und am Ende ist das Wissen eines Gelehrten wie Rabbi Goldman 562 . Dr. Die Technik hat ihre Grenzen. »Findest du es so schrecklich?« »Nein… anders!« Sie küßten sich lange. und als sie sich voneinander lösten. Catherine zog Julius in ihr Zimmer und schloß die Tür. Catherine.« Jetzt würde alles gut werden. »Ich habe meine ganze Hoffnung auf das Internet gesetzt. ich würde verrückt werden. »Du hast keine Vorstellung.« »Wir bleiben nicht hier. »Wie siehst du denn aus?« Er berührte die kurzen weißblonden Haare. wie glücklich ich bin.

daß Sabina in Britannien gestorben ist. niemand wird uns finden. »Wir fliegen nach Kalifornien zurück. damit ich meine Suche fortführen könnte.« »Catherine. »Ich wünschte. zumindest so lange nicht. »ich habe dir geholfen. aber er wußte. Aber hier sind wir sicher. wie Catherine in den vergangenen zwei Wochen gelebt haben mußte. daß du deine Suche abbrichst. »Dieser letzte Abend bei mir zu Hause….« Er sah sich in dem einfachen Zimmer um.« »Ich verlange nicht. du hättest mich hierher geschickt.« 563 . Auf dem Tisch entdeckte er sein Buch Die Leiche im Moor.« »Aber… ich dachte.« Er seufzte und schüttelte den Kopf beim Gedanken daran. sagte er und faßte sie an den Schultern. bis wir wissen. Der Computer lag auf dem Bett. Es hat keinen Sinn.« »Wir können nicht weg. daß ich auf deiner Seite stehe.« Er lächelte sie an. seine blaue Tasche stand auf dem Boden. daß es sich in Wirklichkeit um die Schriftrollen handelte. wir bleiben nicht hier«. wohin Sabina uns als nächstes führt. Hör zu«. und nicht. wir könnten sofort gehen. Ich werde vielleicht ein paar Tage für die letzte Schriftrolle brauchen. und seine Stimme wurde weich. Ich muß sehr selbstgerecht und überheblich geklungen haben. es tut mir wirklich leid. und daß es keine siebte Schriftrolle gibt. weiter danach zu suchen. »Nach Kalifornien? Warum sollte ich nach Kalifornien fliegen?« »Weil Thomas schreibt. Julius.« Sie sah ihn verständnislos an. »Aber wahrscheinlich ist es besser.zuverlässiger. sagte er mit gerunzelter Stirn. Thomas von Monmouth kann sich geirrt haben. wenn wir bis morgen früh bleiben. damit ich sie abbreche. um dir zu zeigen.

« »Also gut«. die Anschuldigungen gegen dich fallenzulassen. und sie sind zu einer Lösung bereit. Das wird natürlich in Kairo und unter der Aufsicht ihrer Leute geschehen müssen. Du solltest mit eigenen Augen sehen. dann kann es zu spät sein. »wenn du an das Vorhandensein eines siebten Buchs glauben willst. Aber du kannst nach Hause kommen.« »Julius. Dann kannst du weiterhin an den Schriftrollen arbeiten.« »Es ist die einzige Möglichkeit für sie. »Was meinst du damit?« »Du weißt.« »In Ordnung gebracht?« Sie sah ihn verwundert an. von den Killern 564 . du hast nur wie der gewissenhafte Mann gesprochen. die siebte Schriftrolle zu finden?« »Du wirst Hilfe bekommen. Andere Experten werden die Rollen analysieren. den ich liebe. daß ich die Leute im Ministerium in Kairo kenne. die Angst.»Nein. Aber dort bist du in Sicherheit. die Vorwürfe zurückzuziehen. Vielleicht ist es Zeit. werde ich nicht mit dir streiten.« »Das weiß ich erst. wenn ich mit der Übersetzung der sechs Bücher fertig bin. du mußt dich nicht mehr verstecken.« »Und wie hilft mir das. die es ihnen ermöglicht.« Andere Experten? Hilfe? Sie setzte sich an den Tisch und dachte nach. Ich habe alles in Ordnung gebracht. niemand wird versuchen. Ich habe die Lage mit ihnen besprochen. Hilfe anzunehmen. sagte er lächelnd. dir etwas zu tun.« »Ich habe dich noch aus einem zweiten Grund auf die Handschrift hingewiesen. daß es keine siebte Schriftrolle gibt. Dann hat das Fliehen und das Versteckspielen ein Ende.

« Sie seufzte. »Warum?« »Man hat erklärt. »Wird man mir erlauben weiterzumachen?« »Tut mir leid. »Was ist mit meiner Grabung?« fragte sie. Ich will wissen. Ich habe ihre Gesetze übertreten.« »Eine neue Grabung?« »Der Brunnen. was uns verrät -« Er schüttelte den Kopf.« Sie sah ihn verständnislos an. Julius.« 565 . ob es weitere Schriftrollen gibt oder etwas anderes. »Vielleicht werde ich es tun. Ich muß mich nicht ständig fragen. ihn aufzufüllen und zu versiegeln.« Er zögerte einen Augenblick und fügte dann hinzu: »Zumindest so lange. der Brunnen sei einsturzgefährdet und Anweisung gegeben. »Das wird nicht möglich sein. das ist unmöglich.« »Warum?« »Man hat deine Erlaubnis gesperrt.überrascht zu werden. Und ich will feststellen. wem ich vertrauen kann.« »Aber unter einer Bedingung.« »Welcher?« »Daß man mir eine neue Grabung genehmigt.« »Warum nicht? Wenn ich den Ägyptern die Schriftrollen gebe…« »Der Brunnen wird zugeschüttet. wer darin begraben liegt.« »Wirst du es tun? Wirst du die Schriftrollen der ägyptischen Regierung übergeben?« »Ich werde es mir überlegen«. sagte sie nach kurzem Nachdenken.« »Gut. »Das kann ich ihnen nicht verübeln. bis alle Vorwürfe gegen dich entkräftet sind. Dann kann ich ungestört über Internet recherchieren.

es sei nicht von historischer Bedeutung. als man sie lebend in einen Brunnen hinabließ. Julius«. die mit den Schriftrollen begraben worden ist… lebendig begraben worden ist. die Frau kann eine frühchristliche Priesterin gewesen sein! Es könnten Dinge von ungeheurem historischen Wert mit ihr dort unten im Brunnen liegen. nach der siebten Schriftrolle zu suchen! Ich tue es nicht nur für meine Mutter und für Daniel. Wenn ich die Schriftrollen den Ägyptern überlasse oder dem Vatikan oder der Harvard University oder irgend jemandem sonst. dann gibt es jetzt keinen Zweifel mehr. sondern auch für diese bedauernswerte Frau.« Der Vatikan. wich sie vor ihm zurück. die man in 566 . das ist Unsinn.»Nein!« rief sie entsetzt. »Es ist kein Unsinn.« »Nicht von historische Bedeutung? Julius. ob ich weitermache. Ihre Hände und Gelenke waren gefesselt. »Ich bin froh. das dürfen sie nicht tun!« »Catherine. »Catherine…« Als er neben sie trat. Die ägyptische Regierung wird unter Druck gesetzt. man hat den freiliegenden Teil des Skeletts untersucht und erklärt. Sie wollen die ganze Sache vertuschen. und man wird nie mehr etwas von ihnen hören. Dann wird diese arme Frau umsonst den Märtyrertod gestorben sein! Begreifst du das nicht. Julius. »Ich weiß. daß du mir das alles gesagt hast. was hier gespielt wird.« Sie schüttelte den Kopf. Sie schütten das Skelett der Frau zu. sagte sie mit gepreßter Stimme. »Wenn ich auch nur einen Augenblick unsicher gewesen sein sollte. Garibaldi… »Catherine. »Nein. Julius?!« Er sah sie erschrocken an.« Catherine kniff die Augen zusammen. drehte sich abrupt um und trat ans Fenster. was ich dir vorausgesagt habe. dann verschwinden sie in einem Archiv. Es ist genau das. Es ist meine Pflicht.

Ich habe es geschafft. Perpetua und Amelia und für jeden. tu es nicht. »Gut. Geh zurück in dein sicheres Institut. Aber wenn ich jetzt aus diesem Zimmer gehe. Jetzt nicht!« »Catherine.« »Flieg nach Kalifornien. und wahrscheinlich habe ich auch dich verloren. dann ist es für immer. alle Welt gegen mich aufzubringen. Julius. schloß sie hinter ihm ab. wenn du es so haben willst. Ja. bitte. Sie schob jeden Gedanken an Julius und an Garibaldi beiseite und atmete bewußt langsam und tief. ich habe Regeln und Gesetze gebrochen. die letzte Rolle zu lesen.« Am liebsten hätte sie hinzugefügt: Und nimm Garibaldi gleich mit. Ich werde nie wieder in deinem Leben auftauchen. das verspreche ich dir. zu deinen Regeln und deinen moralischen Grundsätzen und laß mich in Ruhe. Dann setzte sie sich an den Tisch und bereitete sich darauf vor.« Sie hielt ihm die Tür auf. Ich tue es für Sabina. Julius wurde blaß.den Brunnen gestoßen hat. Aber ich kann nicht aufgeben. der die Botschaft der Schriftrollen hören will. 567 . und als er hinausging.

DER FÜNFZEHNTE TAG 568 .

verriet er ihr. aber seine Familie und die Polizei hatten bisher vergeblich nach ihm gesucht. den Sonnwend-Kachina damit zur Rückkehr aus der Unterwelt zu bewegen. stellte sie den Motor ab und blickte sich suchend um. um zu beten. daß Kojote hierher gekommen war. Erika achtete nicht auf die Schönheit der Natur. Aber als sie nun auf dem schmalen steilen Weg. fragte sie sich. Und tatsächlich entdeckte sie 569 . und noch leuchteten dort ein paar Sterne.Dienstag. Sie hatte keinen Beweis. daß kaum jemand diesen geheimen Platz kannte. 28. Auf der Hochebene angekommen. daß Kojote da draußen sein würde. Als er vor ungefähr einer Woche Erika zur Cloud Mesa gebracht hatte. Im Westen war der Himmel noch nachtblau. Aber der östliche Horizont strahlte in majestätischem Glanz. wie es eigentlich nur in Filmen zu sehen war. Es hatte sie gerührt und beeindruckt. der Häuptling der Sippe. weil er hoffte. daß der alte Schamane. ob hinter diesem unerwarteten Vertrauensbeweis vielleicht doch eine Absicht gestanden hatte. der dicht an der rauhen Felswand entlangführte. Sie hielt auf dem holprigen Weg das Steuer des Landrover fest umklammert. Dezember 1999 Santa Fe. Sie wußte intuitiv. New Mexico Der Tag brach über der Wüste an und schenkte der kalten schlafenden Welt sein goldenes Licht. einer weißen Amerikanerin ein solches Geheimnis anvertraute. immer weiter nach oben fuhr und die Ebene immer weiter unter ihr zurückblieb.

er war tot.den Schamanen: Er saß mit dem Gesicht nach Osten und gekreuzten Beinen auf einem Felsvorsprung am Rand der Mesa. sondern wehten im Wind. Sein Körper war mit Lehm bestrichen. Seine langen weißen Haare waren nicht geflochten. 570 . Aber er betete nicht.

Der Mann hieß Strickland. Einer der Männer hielt ihr etwas vor das Gesicht.« »Es tut mir leid.« 571 . »Wir würden gern die Äbtissin sprechen. daß sich Schwester Gabriele nicht einmal die Zeit genommen hatte. Vermont Schwester Gabriele lief so schnell es ihre beinahe achtzig Jahre erlaubten und schüttelte verständnislos den Kopf. »Worum handelt es sich?« fragte sie. den Umhang über die Schultern zu legen. und sie konnte nur mit Mühe die Gestalten von drei oder vier Männern erkennen. In der ganzen Geschichte des Klosters hatte die Glocke der Pforte bestimmt noch nie so stürmisch geläutet. Der Besucher läutete so stürmisch. worum es geht. Die Welt lag noch im Halbdunkel. murmelte sie. die im hohen Schnee standen. Schwester«. Es ist gegen unsere Regeln…« »Wir haben Grund zu der Annahme. »FBI. und deshalb zitterte sie jetzt vor Kälte unter dem schwarzen Habit. als sie in den verschneiten Hof hinauseilte. Schwester.« Wer immer da draußen stand. »Geduld. Geduld. daß sich jemand bei Ihnen aufhält. »Benedicte«.Kloster Greensville. aber Sie müssen mir schon sagen. Sie schob die Holzklappe vor der vergitterten Öffnung zurück und spähte hinaus. ich komme ja schon. »Bitte öffnen Sie. dem mußten die Höllenhunde auf den Fersen sein. Wir müssen in das Kloster.« Schwester Gabriele sah einen Polizei-Ausweis. sagte er mit tiefer Stimme. der polizeilich gesucht wird. Eisige Morgenluft schlug ihr ins Gesicht.

Alexander nur ein paar Fragen stellen. Dann bekreuzigte sie sich und fragte: »Was hat sie getan?« »Sie wird im Zusammenhang mit zwei Morden gesucht…« »Morde!« Die beiden Nonnen bekreuzigten sich. und dann die Stimme der Äbtissin. »Aber bitte nur Sie. Strickland. mein Herr«. dann sagte die Äbtissin. Mehr als einer von Ihnen würde die Ruhe des Klosters stören. 572 . Mr. »Möglicherweise sind es auch drei. »Nun gut«. sagte sie. Schwester Gabriele? Wer hat geläutet?« »Es ist die Polizei. Sie suchen jemanden. Außerdem hat sie Eigentum einer fremden Regierung entwendet.« Nach erneutem Geflüster lief Schwester Gabriele eilig über den Hof zurück. »Verzeihen Sie. Normalerweise haben Männer hier keinen Zutritt. »Haben Sie diese Frau gesehen?« Die Äbtissin blickte lange und prüfend auf das Bild. »Was gibt es.« Die Äbtissin räusperte sich und nahm den Platz hinter dem Gitter ein. der Strickland hieß. sagte der Beamte. schob den schweren Riegel zurück und öffnete die Pforte. »Haben Sie einen Durchsuchungsbefehl?« Die Männer vor der Pforte wurden ungeduldig. »es ist sehr kalt hier draußen. »Wen suchen Sie?« Der Mann vor dem Tor hielt ein Photo hoch. Würden Sie bitte das Tor öffnen?« Die beiden Frauen flüsterten kurz miteinander. sagte die Äbtissin. daß der Schnee hinter ihr unter eiligen Schritten knirschte. um sie zu verhaften. Wir sind nicht gekommen. das sie im Dämmerlicht kaum sah.»Gütiger Himmel!« Schwester Gabriele hörte. und wir wollen Dr. »Schwester«.« Strickland bedeutete seinen Kollegen mit einer knappen Bewegung zurückzubleiben.

« Er gab ihr den Ausweis. Sie müssen in den Nachrichten davon gehört haben. Alexander? Sind Sie wach? Sie haben einen Besucher. und die Äbtissin musterte den Beamten. Die Äbtissin klopfte etwas energischer. als er ihr zum Hauptgebäude folgte. wo Vater Garibaldi. Strickland. »Darf ich bitte Ihren Dienstausweis sehen?« »Selbstverständlich. »Es ist mir unangenehm. »Gibt es noch einen Ausgang?« »Nein. »Das steht Ihnen frei.« Fünf Minuten später führte die Äbtissin ihn durch den Gang des Gästeflügels. daß ich die FBI-Dienststelle in Montpelier anrufe. Sie zu stören. sagte er. Er war ein korpulenter Mann Mitte Fünfzig mit einem geröteten Gesicht und einem Ausdruck geduldigen Leidens. um Ihre Identität zu überprüfen. und zu uns dringen auch sonst keine Nachrichten von draußen. Alexander? Sind Sie da?« Strickland sah sich um. Strickland. Mr. Voss am Abend zuvor Zimmer bezogen hatten. Wir suchen diese Frau schon seit zwei Wochen. Catherine und Dr. Schwester«. Er duftete schwach nach Kaffee und Zigarettenrauch. Mr. aber ich habe meine Befehle.»Es tut mir wirklich leid. Vor Catherines Tür blieb sie stehen. ich meine im Badezimmer sein?« »Alle Zimmer haben in den fünfziger Jahren eigene 573 .« Sie traten in die warme Vorhalle.« »Könnte sie auf der Toilette.« Sie lauschten auf eine Antwort. klopfte leise und rief: »Frau Dr. als sei er schon zu lange in seinem Beruf. »Frau Dr. Sie streckte die Hand aus.« Er seufzte.« »Wir hören hier kein Radio. »Sie haben doch sicher nichts dagegen.

sogar ihre Schuhe«. Die Äbtissin trat zum Fenster und blickte hinaus.« Er blickte über die Schulter zurück. Das Fenster stand offen. »Frau Dr. »Ihre Kleider sind noch hier. sagte er.« Er musterte die Äbtissin mit zusammengekniffenen Augen. »Ist das alles. »Ja«. daß jemand darin geschlafen hatte. was sie bei sich hatte?« Die Äbtissin seufzte und warf einen Blick auf die Sachen.« Strickland blickte hinaus in den verschneiten Wald. hätten wir sie gesehen. ist alles in Ordnung mit Ihnen?« »Schließen Sie auf«. »Ich glaube. Auf einem Stuhl lagen Kleider und Toilettenartikel.« Es gab ein schreckliches Gemetzel im Ring der Steine. als hätte sie jemand gewarnt. »Frau Dr. sagte sie. Alexander weggegangen wäre. Alexander. Wir finden sie. Auf dem Boden unter dem Tisch entdeckten sie eine blaue Tasche. Wir wollten 574 . »Es sieht ganz so aus. Alexander muß diesen Weg benutzt haben. Auf dem kleinen Tisch sahen sie einen Laptop mit dunklem Bildschirm.« Die Äbtissin klopfte noch einmal. das ist alles. sagte Strickland und ging durch das kleine Zimmer. Sie wird da draußen erfrieren!« »Sie hatte es offenbar eilig«. der kalte Wind blies herein. das zerknitterte Bettzeug wies darauf hin. Dabei war es eine friedliche Versammlung.Bäder bekommen. sagte Strickland und fügte mit einem Blick auf die Äbtissin hinzu: »Bitte…« Die Äbtissin griff nach dem Schlüsselbund an ihrer Hüfte und schloß die Tür auf. »Sie wird nicht weit kommen. »Und das ist der einzige Zugang?« »Wenn Dr.

und wir hätten alle das Leben verloren. die ins Wasser tauchten. die inzwischen dem Weg des Gerechten folgten. Ich las ihn jeden Tag meinen Mitreisenden vor. wenn auch nur Frauen und Kinder. an den Rhein versetzt. Deshalb waren wir bei Reisen durch kriegerisches Gebiet oder unter gefährlichen Umständen nie zusammen. wenn nicht Cornelius Severus rechtzeitig mit seiner Legion eingetroffen wäre. Meine Freundin Claudia fand durch einen britonischen Speer den Tod. erfüllte Furcht mein Herz. und ich suchte Trost und Hoffnung in den Worten des Marienbriefes. Danach hielt ich mich von den Druiden fern. Als wir Britannien verließen und uns auf die Reise über die Nordsee in das Land der Germanen begaben. Viele starben an diesem Tag. Philos auf einem anderen und unser Sohn mit seiner Amme auf einem dritten. Und dann. Tagelang hörten wir nur die Geräusche der Segel und der Ruder. Wir hielten Ausschau nach 575 .nur der besonderen geistigen Kraft dieses Platzes unsere Ehrerbietung erweisen und das Wunder der Sommersonnenwende erleben. Und so befand ich mich auf einem der sechs Schiffe des Cornelius Severus. dann kam schließlich der Tag. und das Knarren der Planken. die uns angriffen. wie sie auch genannt wird. Alles war ruhig. die ebenfalls mit Angst der Zukunft entgegensahen. und das war mir ein gewisser Trost. vor dem ich mich schon so lange gefürchtet hatte: Cornelius Severus wurde in die Kolonie Agrippina oder ›Colonia‹. damit wir nicht möglicherweise alle drei gleichzeitig ums Leben kommen würden. Es waren Britonen. Aber sie gehörte zu jenen. Das bedeutete: Wir mußten zu den wilden Barbaren. Philos war ein vorsichtiger Mann. denn einige von uns waren Römer. wenn die Sonne direkt auf dem Altar aufgeht. Ich trug das Kreuz des Hermes auf der Brust. Amelia.

Vor uns tauchten schließlich Inseln mit zerklüfteten Klippen auf. Doch wir begegneten keinem feindlichen Schiff. Tiere und alles Gepäck wurden über Bord geworfen. Lasten. Das Gefolge von Cornelius Severus war nicht mit dem Meer vertraut. die dieses Meer im Norden heimsuchen. und ein tobender Wind aus Süden trieb uns vom Kurs ab. Wir sahen plötzlich. um zu verhindern. immer höher und nahmen den Männern am Steuer jede Sicht. wie Männer über Bord gespült wurden. die Segel zerrissen. Der Sturm jagte unsere schwachen Schiffe über das wogende Meer und zerstreute sie in alle Richtungen. Hohe Flammen schlugen daraus 576 . Das Schiff war zu schwer. Statt dessen überfiel uns ein sehr viel mächtigerer Feind. die Küste Galliens überfallen und friedliche Siedlungen plündern. Viele lagen auf den Knien und beteten. Wir hörten bebend das laute Wiehern der Pferde. wie sich am Horizont riesige dunkle Wolken zusammenballten. Unsere Schwesterschiffe hatten wir schon lange aus den Augen verloren. während die Seeleute Wasser schöpften und alles taten. wie er das Unheil verhindern sollte. brach der Sturm über uns herein. Die Böen kamen von allen Seiten. Bald trafen Meer und Himmel in einem gewaltigen Mahlstrom zusammen. Wir sahen. doch der Laderaum stand unter Wasser.Seeräubern. Die Leute an Bord gerieten in Panik und waren der Schiffsbesatzung nur im Weg. die Masten splitterten. Nun war das Schiff zwar leichter. aber plötzlich tauchte eines wieder auf. Der Kapitän kannte die tückischen Untiefen in dieser Gegend. daß die Fluten über uns zusammenschlugen. die Wogen schlugen höher. so daß wir schließlich keines der anderen fünf mehr sahen. und wir wurden auf dem Deck hin und her geworfen. Noch ehe wir uns richtig vorbereiten konnten. die in die Wogen stürzten. Vorräte. aber er wußte nicht.

In diesem Augenblick der Verzweiflung erinnerte ich mich an die Prophezeiung der Hekate-Priesterin in der Nacht meiner Geburt. galt mein letzter Gedanke meinem Sohn und meinem Mann. Es trieb hilflos auf dem tobenden Meer. Ich sah. 577 . Philos war auf diesem Schiff gewesen. es brach auseinander und ging mit der Besatzung und allen Reisenden unter. Dann trieb die böse Macht des Verderbens unser Schiff auf die felsige Landspitze zu. um uns alle in das nasse Grab zu reißen. Sie hatte von einem ›Berg aus Wasser‹ gesprochen und gesagt: ›Wenn sich das Meer in den Himmel erhebt…‹ Als das Schiff sank. wie sich ein riesiger Wellenberg vor uns auftürmte und die Wassermassen über uns zusammenbrachen.empor. Die Wogen schleuderten es gegen ein Riff.

DER SECHZEHNTE TAG 578 .

Ich suchte nach Mitteln und Wegen. mit der niemand sprach. lag ich auf einem felsigen Strand. daß ich keine Angst empfand. die sich über meine Gesellschaft zu freuen schien.Mittwoch. Ich suchte das schreckliche Ufer zwei Tage und eine Nacht lang ab. eine Außenseiterin. und meine Erinnerung kehrte zurück. und über mir schien schwach die Sonne. Aber ich sah weder Rauch noch ein Feuer. 29. wie viele meiner Mitreisenden sich in der gleichen Lage befinden mochten. und fragte mich. Ich hätte vor diesen Barbaren aus dem Norden entsetzliche Angst haben sollen. die verstreut vor dieser Küste liegen. Aber als ich aufwachte. Auf den Steinen lagen die Leichen von Menschen. Ich blickte über die Inseln. Dezember 1999 Ich weiß nicht. Es war. um mich gesundzupflegen. Aber ich bekam zu essen und lebte warm und trocken im Haus einer Frau. Sie brauchten Monate. Als die Sippe mich fand. Schweine und Hunde. Ich bat darum. Die Sippe verläßt ihr Winterlager nie. wie es kam. Als der Schnee schmolz. um ein Feuer zu entzünden und so ein Signal zu geben. zu den Römern 579 . als sei alles in mir zusammen mit meinem Mann und meinem Sohn gestorben. mit denen ich gereist war. Aber der Schock hatte mich so betäubt. daß ich überlebte oder wie ich ans Ufer gelangte. war ich völlig entkräftet und hatte hohes Fieber. Ich sah tote Pferde. kam ich allmählich wieder zu Kräften. denn sie hatten die Alpträume meiner Kindheit bevölkert. und ich hielt Ausschau nach Rauchsignalen von den fernen Inseln. dann wurde es Winter. und so mußte ich. fand aber keine anderen Überlebenden. als gesät und gepflanzt wurde und die Männer auf die Jagd gingen. im Lager bleiben.

von denen ich gehört hatte? Die Frau. Ich mußte immer wieder an die Geschichten denken. ist Odin. Ich stellte fest. denn diese freundlichen Menschen entsprachen nicht ganz den Ungeheuern meiner Vorstellung.gebracht zu werden. Die Männer suchen oft ihren Rat und befolgen ihn auch. so wie ich einst Satvinders Sprache gelernt hatte. und Freida lehrte mich die Sitten und Bräuche ihres Volkes. der zu ihnen kam. So blieb ich für mich. Bei seiner Abreise ließ der Gast ebenfalls Geschenke zurück. aber es sind ruhige Menschen. und daß feindliche Stämme das Gebiet zwischen uns und der römischen Grenze durchzogen. Sie war die weise Frau der Sippe. viele haben rotgoldene Haare und wilde blaue Augen. daß ihnen die Gastfreundschaft heilig war: Es galt als ein Verbrechen. die sie besonders verehren. die mich gesundpflegte. die Tür zu weisen. Aber ich war auch neugierig. und sie lauschen den Geistern der Winde. jemandem. Sie sind zwar groß. und man ließ mich auch nicht allein ziehen. den 580 . daß wir uns weit entfernt von allen römischen Vorposten befanden. Also konnte ich nur bleiben und abwarten. Besitz – und der Gast wurde mit wilden Früchten. pflanzen Korn und ziehen ihre Kinder groß. die mir meine Amme als Kind erzählt hatte. hieß Freida. Allmählich lernte ich Freidas Sprache. frischem Wildbret und Sauermilch bewirtet. Waren das wirklich die Barbaren. und an die Berichte über die schreckliche Grausamkeit der Barbaren. Nahrung. Sie reden und lachen. Aber sie gaben mir durch Gesten und mit in die Erde geritzten Zeichnungen zu verstehen. Die Sippe wollte ihre Sicherheit nicht meinetwegen gefährden. Die Germanen schreiben den Frauen prophetische Kräfte zu. Die Gottheit. Alles wurde bereitwillig geteilt: der Herd.

die Römer Merkur nennen. daß die Britonen die Mistel verehren. Es vergingen Monate und schließlich ein zweites Jahr. Sie bringen Glück und sind aus dem Alltag herausgehoben. Ich stand jeden Tag am Ufer und blickte sehnsüchtig über das Meer. der Großen Göttin. den Gesichtern der Götter menschliche Züge zu geben. Aber es gibt keine Bildnisse von ihm. Freida zeigte mir. ihr Volk ehre im Namen der Gottheit das. was nur mit den Augen des Glaubens sichtbar sei. der aus der Mistel gefertigt war. es stehe den Menschen nicht zu. Als ich ihr sagte. wie man Blutungen nach der Geburt mit einem Aufguß von Misteln stillt. Baldur niemals zu schaden. weil sie einen Gott zu Fall bringen konnte. Fieber senken und Schmerzen lindern konnten. Vollmondnächte und Neumondnächte gelten als heilig. Freida sagte mir. Ich suchte vergeblich die Statuen ihrer Götter. wie sie mit Hilfe von Blättern und Wurzeln des schwarzen Nachtschattens. den Philos ›Belladonna‹ genannt hatte. erzählte sie mir die Geschichte von Baldur. denn sie besitzen keine. alle Metalle und Krankheiten Frigga. Die Tage sind alle gleich. So erwarb ich mir allmählich Achtung und die Anerkennung der Sippe. dem ein Pfeil zum Verhängnis wurde. Und so verehre man bei den Völkern im Norden die Mistel. Ich sah im Geist eine römische Trireme mit der 581 . weil zu der Zeit. schwören mußten. Statt dessen weihen sie den Göttern heilige Haine und besondere Plätze. Sie sagte. die bescheidene Mistel wegen ihres unauffälligen Aussehens übergangen wurde. Er war ein mächtiger Gott. als alle Pflanzen und Tiere. Das geschah. sondern die Nächte des zunehmenden und abnehmenden Mondes. Sie zählen bei ihrem Kalender nicht die Tage. Ich zeigte Freida und den anderen Frauen. sagte Freida.

das Dorf zu verlassen. weil viele Germanen römische Speere trugen. Meine Trauer war so greifbar. überlebt hatte. ich würde nie mehr etwas anderes als Schmerz und Leid fühlen. denn ich wurde ständig an Rom erinnert. Philos war tot. Und Pindar konnte den Sturm mit Sicherheit nicht überlebt haben. Und allmählich setzte eine Art Heilung ein. Mein Heimweh wuchs. Wenn Besucher in das Dorf kamen. ob sie gehört hätten. Das bedeutete. daß Philos gestorben war. mein Glaube habe mich gerettet. ohne zum Weg gefunden zu haben. und so zog ich aus dem Wissen Trost. Ich mußte daran denken. Ich hörte eine vertraute Stimme. und machten es unmöglich. auch ich sei tot. also war ich Witwe. daß wenigstens mein Sohn in das Reich des Gerechten eingegangen war. daß es mir erschien. ich war auch kinderlos. abends Gebete an den Gerechten zu sprechen. Doch die Jahreszeiten kamen und gingen. und ich blieb bei der Sippe. daran zu denken. ob zu Hause alle glaubten. erkundigte ich mich. der einzige Mensch auf dem Schiff. daß die Römer eine Frau suchten. Pindar hatte ich gelehrt. der an den Weg des Gerechten glaubte. Ich sah Philos an Deck und Pindar an der Hand seiner Amme. die mich rief. meine 582 . Lange Zeit ließen mich mein Leid und mein Schmerz nicht los. daß mich jemand von Freidas Leuten zur Grenze brachte. Der Beweis dafür schien zu sein.Flagge des Cornelius Severus auftauchen. Rückblickend. fragte ich mich. das wußte ich. Die feindlichen Stämme in der Umgebung hinderten mich daran. Aber sie konnten mir nie etwas darüber sagen. was für einen schrecklichen Tod er erlitten haben mußte. daß ich. Ich war inzwischen überzeugt. Doch ich konnte nicht aufhören. als sei sie ein Teil von mir. Als die Zeit verging. und ich dachte.

leben ewig«. erkenne ich die Anmaßung dieser Vorstellung. doch ich wußte. Ich zeigte es der Sippe und erklärte. Wie Satvinder. sagte ich ihnen. so hatte auch Freidas Volk eine eigene Art. sie 583 . und von ihr lernte ich. was er gesagt hatte. Freida war auch die Erzählerin der Sippe. Ich blieb meinem Glauben in diesem barbarischen Land treu. daß sie alle fromme Menschen waren. Ich berichtete von seinen Wundern.liebe Amelia. »Wir. eine Verkörperung des Höchsten ist. den nur ich überlebt hatte. Aber ich war jung und mußte noch vieles lernen. indem ich andere am Glauben teilhaben ließ. Das gelang mir. und von seinen Gleichnissen. bei ihren Ritualen in den heiligen Hainen anwesend zu sein. Ich erkannte zwar. wie Claudia und die Druiden. Allerdings versuchten sie auch nicht. so wie ich ihn von Antiochia nach Indien und von Alexandria nach Britannien mit mir genommen hatte. die wir an den Weg glauben. daß Frieden und Vergebung die Heimkehr in sein Reich möglich machen werde. wie man eine Geschichte ausspinnt. daß Hermes. daß der Glaube an den Gerechten. Sie hörten mir zwar zu. aber in Wirklichkeit hörten sie mich nicht. Und ich erzählte von dem Sturm auf dem Meer und dem Schiffbruch. Aber ich hatte immer noch das Hermes-Kreuz. der jedes Jahr stirbt und wiedergeboren wird. von dem. Ich sprach zu ihnen von dem Gerechten. Leider war der Brief der Maria mit dem Schiff untergegangen. mich zu ihrem Glauben zu bekehren. den Göttern nahezukommen und die Ehrfurcht vor dem Unsichtbaren zu bezeugen. die die Zuhörer viele Nächte lang in Bann hält. wie die Buddhisten in Alexandria. obwohl mir gestattet wurde. Ich lehrte sie. von den Heilungen und dem größten Wunder von allen: Er hatte den Tod überwunden. und daß sein Wort das Universum geschaffen hat.

Es erreichten uns Nachrichten von heftigen Kämpfen zwischen den Stämmen im Westen. Die Feinde der Sippe. das Schicksal habe mich zu ihnen geführt. wo die anderen Stammesangehörigen zurückgeblieben waren. war es mir bestimmt. weil die Botschaft gerade hier gebraucht werde. nachdem die Streitigkeiten sie von der Sippe getrennt und eine Wiedervereinigung lange unmöglich gemacht hatten. Freida war wieder mit ihrem Sohn zusammen. So ging ich daran. zu dem mich Freida führte. Freida warf die heiligen Runenstäbe auf ein weißes Tuch und deutete die Zeichen. seien besiegt. Sigmund zu treffen – meinen schönen. tapferen. Endlich. so hieß es. Freidas Sippe zu bekehren. Und dort. So erreichten wir schließlich den Wald. so erklärte sie. in den dunklen Wäldern. In diesem Wald gab es einen heiligen Platz. die ihr Volk verehrte. wo die Germanen von den Römern Land zurückgewonnen hatten. und gründete in der barbarischen Wildnis im Norden eine Gemeinde.waren irregeleitet. um mir die uralten Steine zu zeigen. Und ich sagte mir. gottgleichen Sigmund… 584 . konnten wir näher zur Grenze ziehen.

Dieser germanische Krieger hatte Cäsars Legionen in einer Schlacht besiegt. Nun stand sie unter dem dunkelgrauen Himmel und blickte über die sanft gewellten und dicht bewaldeten Hügel des Teutoburger Waldes. sechsundfünfzig Meter hohe Statue. Deutschland »Und dort. Der Text der Inschrift war lateinisch und deutsch und lautete: ›Im Kriege nicht besiegt‹ Außer ihr befand sich niemand am Denkmal. Unter ihr lag ein zugefrorener See. 585 . Catherine war die beinahe vier Kilometer vom nahe gelegenen Detmold hierher zu Fuß gegangen. Vor ihr auf einer Säule stand ein gottgleicher Mann mit langen Haaren und einem wilden Bart. den die Römer unter dem Namen Arminius gekannt hatten. in den dunklen Wäldern.Detmold. einen Lederumhang und auf dem Kopf einen geflügelten Helm. Mit einer Hand stützte er sich auf seinen Schild. daß es sich um Hermann handelte. auf den Weg zu achten. gottgleichen Sigmund…« Catherine blickte auf die gewaltige. Er sagte. mit der anderen hob er das Schwert hoch in die Luft wie einer der Helden von Wagner. Ist das Sigmund? dachte Catherine. war es mir bestimmt. Schilder mit der Aufschrift: Vorsicht! Glatteis! ermahnten die Besucher. Der Mann am Bahnhof hatte sie erstaunt angesehen. Sigmund zu treffen – meinen schönen. als sie sich nach dem Hermannsdenkmal erkundigte. die den Lauf der Geschichte veränderte. Er trug ein kurzes Gewand. Die Inschrift in einer gewölbten Nische am Fuß der Statue verriet. tapferen.

Sie hörte ein Schweigen. vielleicht lieber in den Detmolder Hof zu gehen. Nackte schwarze Strichfiguren ragten aus einer weißen Decke. Die ehrwürdige Mutter gab ihr einen Habit und den eigenen Reisepaß. Catherine hatte ihre 586 . das sich von allem unterschied. weil es keine siebte Schriftrolle gäbe. Die Äbtissin kannte nicht die ganze Geschichte. daß Sabina nicht in Britannien gestorben war. Den Rest sah sie in seinen Augen: Und vor allen keine Nonne im schwarzen Habit mit einer weißen Haube. Catherine sprach noch am selben Abend mit der Äbtissin über ihren Plan. Auf der Erde lag hoher Schnee. an dessen Bäumen allerdings keine Blätter hingen. was sie jemals gehört hatte. Es war ein dichter Wald. Nachdem Julius sie im Kloster gebeten hatte. wo Sabina mit Freida gewesen war und wo sie Sigmund getroffen hatte. wo Sabina von dem Aufbruch nach Germanien berichtete. mit ihm nach Kalifornien zurückzufahren. sie vor dem tückischen Glatteis gewarnt und ihr geraten. Er hatte ihr den Führer gegeben.nur wenige Amerikaner fragten jemals danach und mitten im Winter schon gar nicht. der den Ästen und Zweigen. Da Catherine der älteren Frau überhaupt nicht ähnlich sah und auch nicht annähernd in ihrem Alter war. mußte sie sich nach ihrer Ankunft in Frankfurt bei der Paßkontrolle auf ein großes Taschentuch und einen verschlafenen deutschen Beamten verlassen. den sie erst vor kurzem für eine Reise nach Rom hatte verlängern lassen. Doch Catherine war in den Hermannswald gegangen. hatte Catherine das erste Blatt der sechsten Schriftrolle gelesen. Außer Catherines Fußabdrücken gab es keine Spuren im Schnee. daß die Geschichte weiterging. wo es warm sei. Da wußte sie. den Picknick-Bänken und Tischen weiße Hauben aufsetzte.

was sie sagte oder tat. 587 . in ihrer Obhut zurück und nahm nur das sechste Buch mit. und man fand das nicht von Bedeutung – auch Julius nicht. bei sich trug. Die kluge ältere Frau hörte Catherine ruhig zu und nickte: Ja. Ihr Blick glitt über die dunklen Wälder. Zum zweiten Mal hatte sie das Gefühl. das sie jetzt sicher verpackt in einer schwarzen Tasche. Sie atmete tief die kalte Luft ein. Hier hat sie sich verliebt. Catherine ließ die ersten fünf Schriftrollen. dachte Catherine. damit sie ihre Suche aufgab. sie wolle helfen. Er hielt ihr Vorgehen für falsch. verraten zu werden. Sie wußte. das Skelett sei nicht von historischer Bedeutung«. Catherine stapfte durch den Schnee. und hier wurde ihr Glaube auf die Probe gestellt. Vor zweitausend Jahren ist Sabina über diese Hügel gegangen und hat diese Luft geatmet. Dabei brauchte sie nicht viele Worte zu machen. Liebe und Glaube… Catherine beobachtete einen großen Raubvogel. wie Nonnen sie benutzen. Garibaldi hatte nichts von ihrem Plan erfahren. der am grauen Himmel still seine Kreise zog. Catherine war tief enttäuscht gewesen. der sie nur deshalb in das Kloster geschickt hatte. Eine Frau war wegen der Schriftrollen lebendig begraben worden. versteckt zwischen den Buchdeckeln. Am Saum ihres schwarzen Rocks hingen kleine Eisklümpchen. und sie versuchte sich die friedlichen germanischen Dörfer vorzustellen. »Man sagt. Sie dachte an Julius. würde etwas an seiner Meinung ändern.Schwierigkeiten nur angedeutet und sie um Hilfe gebeten. wo sich die Familien um das Feuer versammelt und den Geschichten ihres Volkes gelauscht hatten. nichts. hatte er berichtet.

hatte er entweder geschwiegen oder vage Antworten gegeben. Garibaldi… Der Schmerz über seine Täuschung war immer noch unerträglich. Das konnte sie ihm nie vergeben. Fehden beigelegt und Sippenbande 588 . während sie zusah. die falschen Schlüsse zu ziehen. Ein Pfeil wies geradeaus. trafen sich die Sippen des Stammes zu einer großen Versammlung bei den heiligen Steinen nahe dem Platz ihres großen Sieges über die Römer. sich über den gefrorenen See breitete und die Welt in eine unwirkliche Stille hüllte. Versprechen erfüllt. wurden Bekanntschaften erneuert. wenn die Sonne an einem bestimmten Punkt zwischen den Steinen aufging. daß er sie nie direkt belegen hatte. Auf ihre Frage. so hatte Sabina geschrieben. hatte er mit einer Gegenfrage reagiert. wurde Recht gesprochen. wie Bodennebel die Täler füllte.Der Himmel wurde dunkler. Dort schlugen sie Lager auf und feierten die Sommersonnenwende. wie überfüllt Jerusalem an Weihnachten ist?« Er hatte nicht gelogen. Catherine spürte den scharfen Wind nicht. der durch ihre Nonnentracht drang. aber er hatte sie auch nicht daran gehindert. die in einem bizarren Tanz erstarrt waren. bis sie ein Schild erreichte: Externsteine. Als sie sich den gespenstischen. Sabinas Worte fielen ihr wieder ein. im Sommer. Wann immer sie Chicago oder seine Gemeinde erwähnte. »Wissen Sie. mußte sie an Menschen denken. mußte sie sich eingestehen. der am Waldrand entlangführte. Catherine zog den Umgang enger um sich und folgte dem verschneiten Weg. Hier. warum er vor Weihnachten aus Israel abgereist sei. Alle sieben Jahre. hochaufragenden gezackten Steinen näherte. Wenn sie auf ihre Gespräche in den vergangenen beiden Wochen zurückblickte.

und ihr Umhang flatterte. Man tauschte Geschenke aus und stiftete Ehen. weil sie zu den Göttern gegangen waren. Frauen und Kinder zum Festmahl zusammen und lauschten den Geschichten. Inzwischen wurde es dunkel. nicht hier…. dachte sie. und sie fror. und neue Kinder wurden mit Freuden begrüßt und in den Sippenverbund aufgenommen. erwies den Ahnen die gebührende Ehre. Der Stamm erinnerte sich an alle. Endlich sollte sie erfahren. Der Wind wurde stärker. Nein. die fehlten. Hier ist es nicht. das sie nach Detmold zurückbrachte – und zurück zu der sechsten Schriftrolle.gefestigt. die Freida und die anderen weisen Frauen erzählten. Abend für Abend setzten sich Krieger. was ich suche. 589 . Catherine entdeckte im heidnischen Stein ein eingemeißeltes christliches Basrelief. Sie ging in das nahe gelegene Holzhausen und nahm dort ein Taxi. wohin Sabina sie als nächstes führen würde.

Wie auch immer. Einer hatte ihm sofort Meldung erstattet. seine Verlobte nach Hause zurückzubringen. Miles wußte. Etwas Gutes war bei der Dreitausend-Meilen-Reise von Dr. Warum sollte er noch vorsichtig sein? Vielleicht war er sogar in der Hoffnung zum Kloster gefahren.Santa Fe. Ohne Geld hätte Miles diesen Dr. und die Kamera überwachte den Gang für den Fall. daß 590 . Die Tür war gegen das Personal und andere unerwünschte Störenfriede gesichert. einem Beamten des FBI ein Angebot zu machen. New Mexico Als Miles den Laptop von Daniel Stevenson aufklappte. überprüfte er zunächst die Dateien im DesktopVerzeichnis. es sei doch sehr viel besser. Strickland hatte sich nach dem fragwürdigen Geschäft abgesetzt und war inzwischen auf dem Weg nach Brasilien. Voss nicht von so vielen Männern überwachen lassen können. er hatte sich geirrt. Er öffnete ein paar und stellte fest. Voss war vermutlich so leichtsinnig gewesen. Sonst wäre er nämlich niemals in der Lage gewesen. Reichtum brachte auch andere angenehme Dinge mit sich. seine Spur werde nur bis zu dem Kloster führen. reich als arm zu sein. als Voss einen schweren Fehler beging und ein Flugticket nach Montpelier. das der Mann einfach nicht ablehnen konnte. weil er glaubte. kaufte und am Zielort einen Leihwagen bestellte. Voss allerdings herausgekommen: Havers hatte endlich Stevensons Computer. dachte er. und als der Bildschirm hell wurde. Nun saß Miles in seinem Turm. und dort sei alles vorüber. Miles startete den Computer. Vermont. daß Erika zufällig vorbeikommen sollte.

sie sei bereits ausgezogen. Miles starrte auf den Bildschirm und überlegte. Er klickte und las: »Er hat Sie gefunden!« Havers runzelte die Stirn. Zeke hatte gemeldet. als er das E-Mail-Symbol sah.« Er hielt inne. »sehen wir uns an. eingegangen. als wir sie unhöflicherweise stören wollten. und er mußte Stevenson widerwillig bewundern. das Verzeichnis zu öffnen. und auf dem Tisch lagen ein Bleistift und ein Notizblock mit ein paar Aufzeichnungen. sie sei nicht in dem angegebenen Haus in der N Street in Washington zu finden. was geschehen war: Jemand hatte die beiden gewarnt! 591 . als sie ihn gefunden hatten. Überrascht stellte er fest. Er hatte angenommen. Die Nachricht war drei Tage alt und morgens. O’Toole habe ihm gesagt. die von anderen Orten gesendet wurden. kurz nachdem er Catherine durch Galaxy BBS ausfindig gemacht hatte. mit Grafiken überlagern können. Eine Mrs. Zur Software gehörte Virtual Imaging.Stevenson den Laptop hauptsächlich für seine Forschungen benutzt hatte. nicht ans Netz zu gehen. und beschloß aus Neugier. daß dieser interessante Mann zu seinen Gegnern gehört hatte. der Computer sei an eine Steckdose angeschlossen gewesen. Zu schade. Catherine Alexander hatte eindeutig am Computer gesessen. Strickland hatte gesagt. Vielleicht war er doch kein Verrückter gewesen. »Also gut«. die Alexander sei vorsichtig genug gewesen. Plötzlich wurde ihm klar. Miles entdeckte Maya-Fresken über minoischen Darstellungen. Daneben stand eine halbleere Tasse Kaffee. daß sich im Briefkasten eine Nachricht befand. Miles blickte nachdenklich auf den vielbenutzten Computer. bevor sie zu Bett gegangen war. Damit hatte Stevenson Videoaufnahmen. woran unsere Archäologin gearbeitet hat. murmelte Miles.

Im Unterverzeichnis TMBX52 entdeckte er eine gelöschte Datei:?YMBOS.48 Uhr. Mit einem Klicken auf ›Undelete‹ und C:\»kam er in das Hauptverzeichnis und überprüfte durch schnelles Öffnen und Schließen die Unterverzeichnisse auf gelöschte Dateien. löscht die wichtigste Datei und klettert rechtzeitig aus dem Fenster. Zeit: 6. 1999. sagte Teddy.EXE gelöscht am: 28. Das Dianuba Network hatte zwar zehn Millionen Benutzer. Havers«. die Angaben zu ›Freund‹ zu finden. »Teddy…« »Ich bin schon dabei. Etwa um diese Zeit hatte Strickland mit seinen Kollegen das Kloster erreicht. Mr. Sie springt aus dem Bett. Der Trottel hatte die Warnung sogar über das Dianuba Network geschickt. Havers stellte sich die Szene vor: Eine Nonne warnt Catherine Alexander. schaltet den Computer ein. die Stevenson zur Veröffentlichung weitergeleitet hatte. Er griff nach dem Haustelefon.com‹ – schnaubte er. Diesmal suchte er nach einem Utilities-Programm. ein solches Programm zu laden und dabei möglicherweise Dateien zu löschen. »Schlaues Mädchen«. bevor die Äbtissin und Strickland das Zimmer betreten. Er doppelklickte auf ›PCTools‹ und stellte erleichtert fest. daß es sich hauptsächlich um Korrespondenz und Artikel handelte. Alle Dateien waren mindestens mehrere Wochen alt. daß Stevenson ein UndeleteProgramm installiert hatte. Miles hätte nicht riskieren wollen. »Aber nicht 592 . Dez. Miles wandte sich wieder dem Computer zu und sah sich die DesktopSymbole noch einmal an. murmelte Miles und klickte auf die Datei. es würde weniger als fünf Minuten dauern. Aber Miles suchte eine Datei.Als er die elektronische Adresse sah – ›freund@dianuba. aber Miles wußte. Er stellte fest. die an einem bestimmten Datum und zu einem bestimmten Zeitpunkt gelöscht worden war.

248 ZUSTAND: gut GESCHÜTZT DURCH DOS DER ERSTE BUCHSTABE DES DATEINAMENS WURDE ÜBER DOS GELÖSCHT: BITTE GEBEN SIE DEN NEUEN ERSTEN BUCHSTABEN EIN:?YMBOS:EXE Miles hatte keine Ahnung.EXE WIEDERHERGESTELLT: Er hatte die gelöschte Datei.00 GELÖSCHT AM: 28/12/1999 06. und Miles hielt einen Ausdruck in der Hand. Offenbar handelte es sich um eine Arbeitsunterlage. die täglich bei der Übersetzungsarbeit aufgerufen worden war. ein Puzzle zu lösen. Es sah aus. Dianuba…‹ 593 .48 ERSTER CLUSTER: 30. Zwei Minuten später war sie geladen. was ›Tymbos‹ war. als habe die Archäologin versucht. Notizen zu ordnen und griechische Buchstaben in einer unendlichen Vielzahl von Folgen aneinanderzureihen. um neue Informationen hinzuzufügen. hatte sie versucht herauszufinden. Er konnte wenig damit anfangen.schlau genug. Wie es schien. UniCom. was ›?ymbos‹ bedeutete. Nichts von all dem ergab einen Sinn. Es gab Anmerkungen: ›Nicht gefunden über Lycos. Infoseek. WebCrawler.800 Bytes PFAD: D:\TMBX52 ERSTELLT AM: 21/12/1999 00.‹ Auf dem Bildschirm war jetzt zu lesen: BYMBOS. Er studierte die nächsten Seiten. Deshalb gab er den Buchstaben ›B‹ ein und klickte auf ›OK.« Ein neues Kästchen erschien auf dem Bildschirm: DATEINAME:?YMBOS:EXE DATEI GRÖSSE: 94.

so daß man die Datei später wiederherstellen 594 . Ein Volltreffer. um wahr zu sein…« Er wandte sich stirnrunzelnd noch einmal dem Computer zu und legte im Textverarbeitungsprogramm eine neue Datei mit dem Namen Havers an. Im Desktop klickte er auf ›Datei-Manager‹. Dann speicherte er sie auf der Festplatte im Unterverzeichnis TMBX52 ab. die Daten blieben jedoch auf der Festplatte erhalten.Schließlich erreichte er das Ende: ›Tymbos. ein mystisches Land. Ein neues Menü erschien mit den Optionen: NORMAL DELETE WIPE DELETE DOD WIPE DELETE Havers kannte diese Funktionen: Normal Delete bedeutete Löschen im DOS. Liegt Tymbos in Afrika?‹ Miles griff schnell nach dem Telefon. Das ist beinahe zu schön. Das Jesus-Fragment endete mit den Worten: ›… bringe es zu König…‹ Das war also der König! Er las die letzte Notiz: ›Saba war der alte Name Äthiopiens. Dabei wurde die Datei gelöscht. klickte zuerst auf ›Datei‹ und dann auf ›Löschen‹. »Beinahe zu schön. betrachtete die Liste der Unterverzeichnisse. öffnete es unter havers. fand TMBX52. Es würde nicht schwer sein herauszufinden.‹ Miles starrte auf die letzten Worte: König von Tymbos. um wahr zu sein! Seine Hand schwebte über dem Telefon.exe. dachte Miles hocherfreut. Anstatt König Tymbos sollte es heißen König von Tymbos. ob in den letzten Tagen irgendwelche Amerikaner in Addis Abeba angekommen waren. um Teddy anzurufen. das angeblich an der Handelsstraße nach Saba liegt.

Stevensons Software hatte die DODFunktion. Sie war immer noch im Besitz der Schriftrollen und des belastenden Tagebuchs. Alexander hatte möglicherweise die Uhrzeit des Computers geändert. wenn sie die Flucht in letzter Minute vorgetäuscht und den Computer ›zufällig‹ zurückgelassen hatte. Plötzlich wurde ihm klar. wenn es überhaupt ein ›Tymbos‹ gab. und die Datei ließ sich nicht mehr herstellen. Weshalb? Havers überlegte angestrengt. daß das überhaupt nichts zu bedeuten hatte. in Afrika läge. Er wurde wütend auf sich. Wenn sie also die Zeit geändert und die Datei normal gelöscht hatte. Miles war sicher. Also konnte sie die Datei jederzeit gelöscht haben – vermutlich lange vor Ankunft des FBI. Strickland hatte die Äbtissin und Vater 595 . Wie konnte er auf einen so durchsichtigen Trick hereinfallen? Er nahm sich die Dateien noch einmal vor.konnte.48 Uhr. daß ›Tymbos‹. die Datei gelöscht und die Zeit wieder zurückgestellt. Natürlich erst. und er wußte nicht. ließ das nur eine Deutung zu: Sie wollte. so daß es absolut unmöglich wurde. wo er sie suchen sollte. Bei Wipe Delete wurden die Daten mit Nullen überschrieben. Und DOD – Department of Defence – überschrieb die gelöschte Datei gleich dreifach. so daß die Daten nicht verlorengingen. daß er die Datei fand! Er sollte glauben. Er suchte das Tagebuch. Sie hatte ihm also wieder ein Schnippchen geschlagen. nachdem die Daten auf einer Diskette gesichert waren. das Stevenson erwähnt hatte. doch aus irgendeinem Grund hatte Catherine Alexander sich für Normal Delete entschieden. die Daten noch einmal herzustellen. daß Catherine Alexander diese eine Datei über DOD gelöscht hatte. Es war nicht zu finden. Er blickte noch einmal auf das Datum und die Zeit der gelöschten Tymbos-Datei – 6. und das den Namen seines Mörders enthielt.

Der Papyrus befand sich in einem schlechten Zustand. Als er im Kommunikationszentrum ankam.‹ 596 . Catherine Alexander mußte es nach dem Aufnehmen so großer Textmengen eilig gehabt haben. wohin die Alexander verschwunden war. Miles beachtete diesen Nachsatz nicht. der mit einer kurzen Notiz mehr Geld verlangte. Beide behaupteten. Plötzlich gab der Bildschirm ein Signal. und die Aufnahme war unscharf. Miles sah. nicht zu wissen. Seite 12 von insgesamt 13 Seiten. das Miles von der sechsten Schriftrolle besaß. Auf der Rückseite des Photos stand der Hinweis: ›Sechste Rolle. nutzlos. Er ging mit großen Schritten in seinem Büro auf und ab und überlegte. das ihn auf eine Nachricht aufmerksam machte. Wenn der Text von Papazian diesmal keine Hinweise enthielt. und der war. was als nächstes zu unternehmen sei. die über einen bestimmten Computer im Untergeschoß einging. war die Übertragung gerade beendet. wie Miles nun wußte. die Zeit war beinahe abgelaufen. hatte Catherine Alexander den Wettlauf gewonnen. Das bedeutete.‹ Es war die vorletzte Seite von Sabinas Geschichte. und war etwas nachlässig geworden. daß es sich um die letzte Übersetzung von Papazian in Kairo handelte.Garibaldi befragt. Die Übersetzung war nach dem einzigen Photo angefertigt worden. Es gab keinerlei Anhaltspunkte außer dem Laptop. Deshalb hatte Papazian beim Übersetzen auch länger gebraucht. An zwei Wörtern in der Mitte der Seite blieb sein Blick hängen. Havers überflog das Blatt. zum Ende zu kommen. Er konnte sein Glück kaum fassen: ›Aquae Grani.

Es gab sogar ein Bild. 597 . klickte auf ›Suche‹.Was war das? Eine Stadt? Vielleicht war Catherine Alexander dorthin gefahren. »Wer sagt es denn…«. Er ging zurück an den Computer in seinem Büro. tippte Aquae Grani und drückte ›Enter‹. fuhr die in der Scimitar Software enthaltene Enzyklopädie ein. murmelte er einen Augenblick später lächelnd.

DER SIEBZEHNTE TAG 598 .

daß ich bei der Sippe blieb. gerettet zu werden. Da ich festgestellt hatte. daß sich die Frau das Heldentum ihres Mannes zu eigen macht. das die Römer seinem Volk entrissen hatten. Doch da seine Mutter es wünschte. liebe Amelia? Einerseits hoffte ich immer noch. Aber da ich keine Jungfrau sei. Der Schild und das Schwert. Nach alter Tradition erhält sie ein Pferd und Zaumzeug. sondern der Ehemann. so sagte Freida. stimmte er zu. daß Sigmund kaum jemals im Dorf war. Aber ich hatte nicht die Absicht. ich sei noch jung und im gebärfähigen Alter. Mein Überleben hing davon ab. müsse ich heiraten. und 599 . 30. Eines Tages kam sie zu mir und sagte. Er hatte mich bisher kaum zur Kenntnis genommen. Sie hatte ihren Sohn Sigmund gefragt. stimmte ich der Heirat zu. Eine unverheiratete Frau im gebärfähigen Alter konnte Probleme unter den Männern schaffen. daß sie die harte Arbeit und die Gefahren des Mannes teilt. Kinder zu bekommen. denn er war verwitwet und kinderlos. so sagte sie. einen Schild und ein Schwert. Bei den Germanen bringt nicht die Braut die Mitgift in die Ehe. Um bei ihnen zu leben. Dezember 1999 Freida war die Matriarchin der Sippe. Andererseits hatte Freida recht. ob er mich nehmen würde. gehen nach dem Tode der Frau in den Besitz ihrer Töchter und danach ihrer Enkeltöchter über.Donnerstag. denn seine Gedanken kreisten um die Vereinigung der Stämme und die Wiedereroberung des Landes. denn ich brauche einen Beschützer. Wie sollte ich darauf reagieren. Diese Dinge symbolisieren. und erinnern sie daran. werde mich kein Mann haben wollen.

Er konnte die Krieger mit seinen Taten und Worten begeistern. Der Stamm war vom Land seiner Vorfahren vertrieben worden und lebte in der Rolle des heimatlosen Bittstellers auf fremdem Boden. Er sagte: »So. indem er sie in der Kunst unterwies. Sigmund war der Anführer. um den römischen Statthalter zu treffen und ihm die Bitte des Stammes um Siedlungsland zu unterbreiten. aber wir werden einen Platz finden.wie es aussah. wie der Himmel den Göttern gehört. um den Frieden zu sichern. die anderen Stämme für einen neuen Kampf gegen die Römer um sich zu scharen. tapfer 600 . An unserem Hochzeitstag gab es ein großes Festmahl. bei dem viel getrunken wurde. Sie kämpften im Wald. so gehört die Erde den Menschen. liehe Schwestern. Der Statthalter. bot Sigmund einen Handel an. um zu sterben!« Er kam zu uns zurück und begann. Möge mir diese grauenhafte Erfahrung ein zweites Mal erspart bleiben. Sigmund ließ sich nicht bestechen. Er hielt mitreißende Reden. so bekamen wir zu hören. In der Hochzeitsnacht wartete ich jedoch vergebens in dem eigens für uns errichteten Holzhaus auf meinen Bräutigam. den Gegner einzuschüchtern. Ich hatte noch nie einen Krieg erlebt. Unbewohntes Land kann und wird von uns besiedelt werden!« Er wagte sich durch gefährliches Gebiet. zu erschrecken und in Panik zu versetzen. Fortan lebte ich wieder bei Freida und sah Sigmund nur selten. niemandem sonst. Ich beobachtete ihn bei Ratsversammlungen. und es war schrecklich anzusehen. Er gab dem römischen Statthalter stolz zur Antwort: »Wir haben vielleicht keinen Platz zum Leben. Er versprach nur Sigmund Land. denn am Rande der Schlacht warteten die Frauen und Mütter und spornten ihre Männer an. Sigmund auch nicht. Sigmund machte seinen Kriegern Mut.

weil es den Römern gelang. Aber sie wurden nicht von ihren Frauen in den Kampf begleitet und nicht von ihren Kindern daran erinnert. Speere und Pfeile schienen wirkungslos an ihm abzuprallen. wie in den Tagen 601 . die um ihre Heimat und um ihre Familienehre in die Schlacht zogen. daß Sigmund sie hörte. Ich war inzwischen drei Jahre bei ihnen. Sie hatten mir das Leben gerettet und mich aufgenommen. liebe Amelia. Der Kampf nahm eine gefährliche Wendung für seine Männer. spürte ich eine seltsame Veränderung in meinem Herzen. wofür sie kämpften. Freidas Stamm würde siegen. Er überragte die kleinen Römer um Kopf. Es waren bezahlte Soldaten. Unsere Krieger faßten neuen Mut und stellten sich zum Sterben entschlossen den römischen Legionen. und doch wünschte ich plötzlich. Als ich die Tapferkeit von Sigmund und seinen Kriegern sah. Ihre Rufe und die Schreie der Kinder erinnerten die Männer daran. sie in ein Sumpfgebiet zu treiben.und Schulterlänge. Und so siegten die Germanen wieder. Meine verzweifelten Schreie waren laut genug. den eisernen Muskeln und dem Mut eines Gottes bot in der Schlacht einen unvergeßlichen Anblick. welches Schicksal sie nach einer verlorenen Schlacht erwartete: Vergewaltigung und die Sklaverei in Rom. Da rissen sich die Frauen die Kleider vom Leib. um ihre Männer und Söhne daran zu erinnern. als sei er unverwundbar. keine Männer. Die Soldaten Roms schlugen sich tapfer. Sie kämpften gegen die Römer.zu bleiben. Auch ich beteiligte mich an den Klagen und den ohrenbetäubenden Kampfrufen. daß mit dem Sieg oder der Niederlage das Schicksal aller auf dem Spiel stand. und sie griffen noch erbitterter und kühner die römischen Legionäre an. Sigmund mit seinen langen rotgoldenen Haaren.

und überließ mich völlig Sigmund und seiner Welt. Wundbrände zu verhindern.des Arminius. Als ich einige Wochen später spürte. den ich aber immer abgelehnt hatte. Nachdem die Römer in die Flucht geschlagen waren. Die verwundeten Männer kamen zu ihren Frauen und Müttern. wie man bessere Verbände anlegt. als der Stamm sie kannte. wurde ich eine Germanin. Ich zeigte den Frauen. Diesmal war Sigmund der große Held. ihn und seine Sippe zum Weg des Gerechten zu bekehren. Fortan sah ich in Sigmund und seiner Familie auch meine. Erfreute sich über meine Tapferkeit am Rande der Schlacht und war stolz über meine besonderen Fähigkeiten. den Verletzten zu helfen und Wunden schneller und schmerzlos zu heilen. In dieser Nacht liebten wir uns zum ersten Mal. liebe Schwestern. wie es als seine Frau mein Recht war. wie man Wunden mit einem Dorn und Faden vernäht. Ich aber lernte von ihnen. Und so. wie sich neues Leben in mir regte. um ihnen ein ehrenhaftes Begräbnis zu geben. den sie mir gegeben. da wußte ich. eilten die Frauen auf das Schlachtfeld und trugen die Toten davon. und die Männer verbergen nicht schamhaft ihre Verletzungen. Mit Hilfe von Kräutern gelang es mir auch. Ich nahm den neuen Namen an. Ihr habt die gleichen falschen Vorstellungen und Vorurteile. wie ich sie vor langer Zeit 602 . und so konnte ich viele vor Schmerzen und Fieber bewahren und bleibenden Verstümmelungen vorbeugen. Die Frauen schrecken beim Anblick von Blut nicht zurück. Seid bitte nicht entsetzt. zeigten ihnen die Wunden und ließen sich von ihnen behandeln. Viele von euch sind Frauen römischer Offiziere. Im stillen erneuerte ich jedoch den Schwur. daß mein Leben in der zivilisierten Welt zu Ende gegangen war und ein neues begann. Natürlich behandelte ich auch Sigmunds Verletzungen.

dachte ich an meinen Sohn Pindar. denn er hatte nie die unsterblichen Riesen gefunden oder der Menschheit das Wissen um das ewige Leben zurückgeben können. und das Wasser die Leiden linderte. daß er. die man ›Aquae Grani‹ nennt. dunkelhaarige Römer schien mir jetzt ein Fremder zu sein. liebe Perpetua. um die Bäder im Westen aufzusuchen. glücklich und ein Anhänger des Gerechten war. Wenn er doch nur den Sturm überlebt hätte! Wenn er doch nur mit mir in den Wäldern gewesen wäre. Ich betete. Ich wollte nicht mit ihm sprechen. Ich hatte ihm nichts zu sagen. Als ich viele Jahre nach dieser Schlacht das erste Mal in die Nähe eines Römers kam. Ja. Als wir in den Quellen von Aquae Grani badeten.hatte. denn dort. überquerten wir während eines kurzen Friedens den Rhein. denn ich war kleiner als meine germanische Sippe und hatte dunkle Haare. Dann dachte ich an Philos und wurde traurig. falls er noch lebte. Der Römer sah mich seltsam an. die das Leben in den Wäldern nach sich zog. fand ich endlich die Antworten auf alle meine Fragen… 603 . es ist die Wahrheit: Ich lebte bei den Barbaren und wurde eine von ihnen. Doch dieser zierliche.

« Und so war Catherine nach ihrem Besuch im Teutoburger Wald in die westlichste Stadt Deutschlands an der Grenze zu Belgien gefahren. Der Dezemberwind jagte durch die Häuserzeilen. würdiges. als habe er es eilig.Aachen. Als sie zögernd am Eingang des Doms stand und in das halbdunkle Innere blickte. Catherine fühlte sich gegen ihren Willen getrieben. wo zahllose Kerzen brannten. Sie blickte auf die gotischen Türme. In der Mitte der Stadt befand sich ein majestätischer Dom. Catherine stand auf dem Kopfsteinpflaster einer Straße. zeitloses und einem wahrhaft erhabenen Gott geweihtes Monument. damit sie nicht entfliehen konnte. daß auch die Luft alt war. über die Straße zu gehen und die Stufen hinaufzusteigen. war eine moderne Großstadt mit einem mittelalterlichen Kern. Abgesehen von elektrischem Strom war die moderne Zeit bestimmt niemals in diesen sakralen Raum vorgedrungen. in die sie mit 604 . als hätten sich die Steine Schicht um Schicht um ein Stück Zeit aufgetürmt und es umschlossen. die vor zwölfhundert Jahren gebaut worden war. stellte sie fröstelnd fest. und betrachtete staunend die eigenartige karolingische Kuppel und die Buntglasfenster. Die Römer waren vor zweitausend Jahren dort. Deutschland »›Aquae Grani‹?« hatte der Mann an der Rezeption im Detmolder Hof gesagt. irgendwohin zu kommen. die mehr als fünf Stockwerke hoch zu sein schienen. »Römische Bäder im Westen? Das muß Aachen sein. das Aix-laChapelle Karls des Großen. Es war ein altes. Aachen. die in den grauen Winterhimmel ragten. die zu dem mächtigen Portal führten. Sie dachte an die Kirche in Washington.

Mit klopfendem Herzen trat sie durch das hohe Portal. spürte. überkam sie eine so überwältigende. an dieser Stelle. Vor dreizehn Jahren hatte sie geschworen. daß ihr der Atem stockte. ihr Lager aufgeschlagen? Liegen Freida. Catherine fürchtete sich unbestimmt vor dem. Aber ihre Beine hatten plötzlich einen eigenen Willen und trugen sie über die Schwelle. das Flehen. und vor dem. wie der Atem der alten und der neuen Zeit sie erfaßte und tiefer und tiefer in die Kathedrale zog. 605 . würde sie nicht umkehren. wo jetzt der Dom steht. was sie hier vielleicht finden. wo Heilige und Apostel in erhabener Größe über einen goldenen Untergrund schritten. Sabina berichtete von einer anderen Zeit. und als sie nach oben blickte. An den Stufen war sie wieder umgekehrt. Catherine ging zum Oktagon. das wußte sie. Nun stand sie in diesem Dom. die wiederum auf anderen Säulen und Bögen ruhten und sich zu einer gewölbten Decke hinauf in eine himmlische Höhe schwangen. in der noch immer die Gebete. Sabina und Sigmund vielleicht hier in dieser geweihten Erde begraben? Doch der Dom war Jahrhunderte später gebaut worden. Über ihn neigten sich wie ehrfürchtige Betrachter endlose steinerne Bögen. Jetzt. das Hoffen und das Vertrauen des Glaubens von zwölf Jahrhunderten wie ein Echo widerhallten. was sie vielleicht nicht finden würde. In der Mitte der Kuppel hing an einer langen Kette ein mächtiger vergoldeter Kupferleuchter. Ist Sabina hier an dieser Stelle gewesen? Hat Freidas Sippe hier. nie mehr eine katholische Kirche zu betreten. die auf kunstvoll gearbeiteten Säulen standen. kindliche Ehrfurcht.Garibaldi zur Mitternachtsmesse hatte gehen wollen.

in das sich der Glaube. aber er war auch eine historisch greifbare Gestalt.Catherine war wie gebannt. sich mit der Kraft ihrer Vernunft davor in Sicherheit zu bringen. Sie lehnte sich haltsuchend an einen Pfeiler. Der Dom war eine Manifestation des Triumphs nicht nur über Feinde. Dreiundzwanzig Jahre gläubigen Katholikentums schlugen wie eine Flutwelle über ihr zusammen. denn vor der Katastrophe in ihrem Inneren gab es kein Entrinnen. die Passion. Ihre ganze innere Not brach sich plötzlich Bahn. Alles stürmte in einem Kaleidoskop der Bilder. daß jemand hereinkommen und all das in sich 606 . die der Dom so lange in sich aufbewahrt hatte. Es war weit schlimmer als das versinkende Atlantis. bevor es ihr gelang. Von einem der gotischen Stützpfeiler blickte eine Madonna mit soviel Verständnis und Erbarmen auf die Menschen herab. während er darauf wartete. dachte Catherine voll Ehrfurcht. das Grab des fränkischen Kaisers. Durch die hohen bunten Glasfenster fielen Regenbogenfarben in den Chor und tauchten den goldenen Schrein in ein überirdisches Licht. Ihr plötzlich überwaches Bewußtsein nahm noch andere Einzelheiten wahr. Hier ruht Karl der Große. Empfindungen und Erinnerungen auf sie ein. und er führte sein Volk aus den Wirren der Kriege und Glaubenskämpfe in eine neue Zeit. erinnerte jedoch auch an einen anderen Sieg. Der Dom zu Aachen. Catherine stand wie gelähmt an der Säule. die Pein und der Kummer ergossen. Der große Kaiser gehörte fast schon in das Reich der Legende. das nach Vollendung strebt. sondern über alles Irdische. Sein Leben und Werk hatten das Land geeint. Sie war ein hilfloses leeres Gefäß. daß Catherine von ihren Gefühlen überwältigt wurde. die zu dem unvergleichlichen Zauber des Augenblicks beitrugen.

der staunend auf seine Tochter blickte und sagte: »Wir hatten nicht mehr geglaubt. die Hostie im Mund und das naive Vertrauen darauf. was du für richtig hältst. Du bist nur deinem Gewissen gefolgt. Es tut mir so leid. Du bist meinetwegen ermordet worden. um die Woge der Nostalgie und der emotionalen Schwäche zurückzudrängen. Sie rief sich die vielen Argumente und die berechtigten Anklagen ins Gedächtnis. und es ist ein Segen. wie der Neigungswinkel eines Pinselstrichs Handschriften um Jahrhunderte voneinander trennte. Ihr Bewußtsein versuchte. Auch Erinnerungen.« Der Strom riß nicht ab. Catherine spürte. sich gegen den Ansturm zu wehren. die nichts mit der Kirche zu tun hatten. Danno. Sie sah ihren Vater. drängten sich auf – Catherine saß an einem großen Schreibtisch und beobachtete ihre Mutter bei der Arbeit. die ihr geduldig zeigte.aufnehmen werde. daß du noch so spät in unser Leben gekommen bist. der so lange ihr Herz umschlossen hatte. rief ihr Herz den Marmorwänden und stummen Statuen zu. Er zersprang und fiel wie eine alte. Catherine brach unter dieser Last beinahe zusammen. daß wir Kinder haben könnten. Ich habe darin einen Verrat an mir gesehen. Julius! rief sie stumm. um deiner Seele beim Antritt ihrer letzten Reise zu helfen. Aber die Erinnerungen kamen in immer neuen Wellen – das leichte und befreite Gefühl nach der Beichte. Es war meine Schuld. Du hast getan. Und ich bin nicht einmal bei dir geblieben. wie der harte Panzer. Ich habe mich geirrt. Catherine 607 . Du bist ein Segen Gottes. daß diese heilige Handlung sie mit allen Katholiken auf der ganzen Welt und über alle Zeiten hinweg mit Jesus verband. dem inneren Sturm nicht länger standhalten konnte. abgelegte Hülle von ihr ab.

608 . selbst wenn er jetzt nicht wie ein Priester gekleidet war. daß es tatsächlich Garibaldi war. für das Produkt ihres aus den Fugen geratenen Bewußtseins. Mutter. daß er sie gefunden hatte. die sie in Detmold gekauft hatte. Es überraschte sie nicht. ich hätte Vater McKinney wegschicken sollen. Als sie plötzlich über den weiten Raum hinweg eine Gestalt mit einem traurigen Gesicht sah. Doch dann trat er aus dem Schatten eines Pfeilers. Er war ein Priester. sondern die unauffälligen Sachen. Sie wußte in ihrem Herzen. Sie löste sich entschlossen von dem Stein und den Erinnerungen. Ich hätte auf einem anderen Priester bestehen müssen. Sie kämpfte sich verzweifelt durch die Fluten ihrer Gefühle. Er kam auf sie zu und hob die Hände in einer Geste der Kapitulation. Sie war sicher. und sie wußte. sagte er leise. er hatte sich selbst zu dieser Reise entschlossen. traute sie ihren Augen nicht. so wie etwas in Catherine sie auf Sabinas Spuren hierher in diesen Dom geführt hatte. Zitternd richtete sie sich auf und schlug die Hände vor das Gesicht. dem man die Wahrheit anvertrauen konnte. sobald ich ihn im Krankenhaus sah. wo Sie sind. Auch Catherine trug nicht mehr das lange schwarze Gewand einer Nonne. Sie hielt ihn für eine Erscheinung. sondern weil ihn etwas in seinem Innern dazu trieb. Sie klammerte sich an den kalten Stein.glaubte zu ersticken. daß die Äbtissin ihm seine Fragen wahrheitsgemäß beantwortet hatte. Garibaldi. Er war nicht auf Befehl des Vatikans hier. »Keine Angst«. »ich habe niemandem gesagt.« Das hatte sie auch nicht erwartet.

bis es ihr schließlich gelang.« Catherine konnte ihm nicht sofort antworten.« Sie senkte den Kopf. »Von der Äbtissin habe ich erfahren. daß Sie den Computer zurückgelassen haben…« »Ich war schon lange weg. In diesem Augenblick war sie für seinen Schutz und seine Kraft dankbar. und es so aussah. »Sie haben uns vielleicht einen Schreck eingejagt. wenn Havers der Computer in die Hände fällt. als die Beamten des FBI kamen. um durch den Schnee zu fliehen. Es dauerte eine Weile.« Er legte ihr den Arm um die Schulter. dann ist er eine Weile zufrieden. wenn er einen der Beamten bestochen hätte. als wage er nicht. Mit etwas Glück sind seine Killer auf dem Weg nach Äthiopien…« 609 . als seien Sie im Nachthemd aus dem Fenster gestiegen. die Stille mit profanen Worten zu stören. »Es würde mich nicht überraschen. Garibaldi flüsterte unwillkürlich.« Catherine zwang sich zu reden und beobachtete sich dabei wie eine Zuschauerin aus großer Höhe. Sie gingen langsam durch den Dom. »Ich habe sogar eine Datei angelegt. weil ich hoffte. Catherine wehrte sich nicht dagegen. Sie suchte noch immer ihre von Gefühlen zerrissene Seele in den dunklen Höhen der Kuppel. Jedenfalls standen im Morgengrauen vier Männer vor der Pforte. antwortete Garibaldi und blickte sie besorgt an. er werde sie finden und sich auf eine falsche Fährte locken lassen. bevor die Beamten gekommen sind. Hatte er es gesehen? War Garibaldi Zeuge ihres Augenblicks seelischer Ekstase gewesen? »Ich dachte. »Wie hat das FBI den Weg zum Kloster gefunden?« »Wahrscheinlich durch einen Hinweis von Havers«. »FBI…?« murmelte sie. auf die Erde und in die Wirklichkeit zurückkehren.Sie trafen sich unter einem Steinbogen mitten in dem langen hohen Gang.

für immer dankbar sein. daß ich Sie geschlagen habe. ein spirituelles Erlebnis? Catherine spürte die Nachwirkungen noch immer und bemühte sich darum. daß Sabina nach Germanien gegangen war. der sie geschickt hat!« 610 . »Ach du liebe Zeit…« »Was ist?« »Die Nachricht. Sie waren meinetwegen so in Panik. Es tut mir leid. Dann fragte er schuldbewußt: »Meinetwegen?« Sie sah ihn an.« »Das lag nicht an Ihnen – nun ja. Du meine Güte. sagte sie leise. nicht nur…« Ein Schauer lief ihr über den Rücken.« »Wir müssen demjenigen. es würde tiefgreifende Folgen haben. »Es war vor allem diese Nachricht. als sei ich aus dem Kloster geflohen. daß Sie mitten in der Nacht bei Eis und Schnee vor mir aus dem Kloster geflohen sind. Sollte sie es eine Epiphanie nennen. bis Havers uns wieder auf der Spur war. Catherine?« Er schüttelte den Kopf.« Catherine zuckte zusammen. Das hätte ich nicht tun sollen. und ich entschuldige mich. die wir in Washington über E-Mail bekommen hatten«. Vater Garibaldi.« »Ich nehme es Ihnen nicht übel. Daran habe ich nicht gedacht! Ich habe sie nicht gelöscht! Havers kann jetzt denjenigen ausfindig machen. Er hat mit seiner Warnung viel riskiert. »Mir war klar. keine Zeit zu verlieren. Als ich den Anfang der sechsten Rolle las und feststellte. daß es nicht lange dauern würde. Was immer unter der Kuppel mit ihr geschehen war. Aber ich war entsetzt. wütend und enttäuscht. Garibaldi zuzuhören und ihm vernünftige Antworten zu geben. beschloß ich. der die Nachricht geschickt hat. daß es aussah.»Sie sind also mitten in der Nacht geflohen. »Es tut mir leid. Ich habe in meinem Zimmer alles so hingelegt.

Wir haben nicht miteinander gesprochen. Ich meine. Das tröstete und beunruhigte sie gleichermaßen. Wie auch immer. das weiß ich nicht. Als Catherine sich nicht äußerte. es ist inzwischen nicht noch jemand meinetwegen umgebracht worden…« Sie näherten sich dem Portal. wer immer es gewesen ist.« Catherine hätte das nur zu gerne geglaubt. wo der große germanische Held lebte.»Ich bin sicher. Ich hätte es nie für möglich gehalten. Sie erzählte mir auch. sie hat Sie offenbar wirklich ins Herz geschlossen. Wohin. haben Sie Julius im Kloster gesehen?« »Dr. fuhr er fort: »Die Äbtissin hat mir gesagt. »Ich habe ihr nur gesagt. wie sie Ihnen bei der Flucht geholfen hat. Er schien wütend zu sein. Ihre nächsten Worte klangen deshalb etwas unsicher. Voss ist sehr früh am nächsten Morgen abgereist.« 611 .« Garibaldi schwieg. wenn sich der Betreffende nicht unter einem falschen Namen und mit falscher Adresse gemeldet hatte. daß die Äbtissin Sie persönlich im Wagen der Schwestern zum Bahnhof gebracht hat. Catherine…« Seine Stimme klang bewundernd und beinahe zärtlich. er wußte. »Ich hoffe nur. Catherine blieb stehen und fragte: »Vater Garibaldi. es hat einen Streit gegeben. daß er vorsichtig sein muß. Er wird anonym im Internet gewesen sein. Sie sieht die Menschen mit anderen Augen. Aber der Absender ließ sich ausfindig machen. Ich nehme an. der ›Freund‹ mußte für die Zugangsberechtigung eine Kreditkarte benutzt haben. daß ich mich in Gefahr befinde…« »Ich nehme an. daß Sie in der Klosterbibliothek herausgefunden haben. mehr brauchte sie nicht zu wissen. der die Römer besiegt hat.

daß Sie mich hier im Dom finden würden?« »Das wußte ich nicht. Ihr fiel auf. die Vater Garibaldi ständig unter Kontrolle halten mußte. daß eine amerikanische Nonne am Hermannsdenkmal war und sich anschließend nach ›Aquae Grani‹. »Warum sind Sie hier im Dom?« fragte er ernst.« Er lächelte. Seine Augen schienen die melancholischen Schatten in sich aufzunehmen. Ich bin meinetwegen hergekommen. nach dem er sich sehnt. Hier müssen Sie sich der Vergangenheit stellen. Catherine konnte die verborgenen Leidenschaften sehen.« Er verstummte und betrachtete sie prüfend. »Es war einfach zu erfahren. daß das Blau seiner Augen hier im geheimnisvollen Dämmerlicht des sakralen Raums sehr viel dunkler zu sein schien. Der Gegensatz zwischen dem Erhabenen und dem einzelnen. so als sei sie bloßgelegt. denn es macht ihn empfänglicher für das andere. erkundigt hat. Vielleicht kam jeder in diesem gewaltigen Gotteshaus seinem eigentlichen Wesen näher. dachte sie. den römischen Bädern. Sie wollte erklären. Pangamot kann Ihnen hier nicht helfen. was sich 612 . Es ist ein schwermütiges Blau. Deshalb fragte sie schnell: »Wie kommen Sie eigentlich hierher?« »Ich war in Detmold. scheinbar hilflosen Menschen wurde hier besonders deutlich. die in den Ecken lauerten. wollte sie sagen. die Sie verfolgt. Dieses Blau paßt gut zu ihm.Catherine wurde verlegen und wollte das Thema wechseln.« »Aber woher wußten Sie. Sie wollte es ihm sagen. Vielleicht wurde deshalb in diesem sakralen Raum auch die eigene Seele deutlicher erkennbar. wo die steinernen Bögen des Oktagons und das Kirchenschiff aufeinandertrafen.

und ich werde dir einen Katholiken fürs Leben geben. Hatte sich ihre katholische Erziehung wieder zu Wort gemeldet? War das alles nichts Übernatürliches oder Himmlisches gewesen. Worte zu finden. fühle ich mich vielleicht gezwungen. als spüre er ihren Widerstand. begann sie. daß ein Mensch wie ich.« »Sind Sie mit der sechsten Rolle fertig?« »Ich habe noch eine Seite zu übersetzen. Dann sagte er: »Das verstehe ich. daß er eine Träne abgewischt hatte. noch nicht. ob er sich damit zufriedengeben oder widersprechen sollte. was geschehen war. dachte sie erleichtert.« Sie spürte seine Hand am Ellbogen. wo ich als nächstes suchen soll.« Catherine hatte das Gefühl. »Haben Sie hier in Aachen etwas gefunden?« fragte er beiläufig. Er wäre ein guter Psychologe. unmöglich dem Göttlichen begegnen kann.vor wenigen Augenblicken ereignet hatte. frag mich nicht danach! Wenn ich jetzt darüber reden muß. sondern nur eine unwillkürliche Reaktion? »Gib mir ein Kind bis zum Alter von sieben Jahren. »Wollen wir sie zusammen lesen?« 613 . daß er es tatsächlich verstand und daß sie nicht versuchen mußte. vielleicht…«. »Ich weiß nicht. Bitte. um mich davon zu überzeugen. meine ich«. alles zu leugnen. warum ich hierhergekommen bin. Sie konnte nicht darüber sprechen. Dann schüttelte sie den Kopf.« Er schien ihre Antwort abzuwägen. »In Hinblick auf Sabina.« Wer hatte das gesagt? Ignatius von Loyola? »Ich dachte. als überlege er. der keinen Glauben mehr hat. um zu erklären. stellte sie fest. Sie schüttelte den Kopf. Als ihr Garibaldi leicht mit dem Finger über die Wange fuhr. »Ich weiß nicht. fügte er hinzu.

konnte sie sich vorstellen. was mich in der Gegenwart gehalten hat… Aber nun wollte sie noch weiter zurück. wo sich die Häuser aus dem dreizehnten Jahrhundert aneinanderzulehnen schienen. Nur hin und wieder fuhr jemand auf dem Fahrrad vorbei. was sie noch zusammenhielt. daß ich Sigmund ein Kind gebar. Endlich konnte sie daran denken. und sie… Wohin? Wohin werde ich danach gehen? Catherine las laut die letzten Seiten der Schriftrolle vor. und ich erlebte die Geburt von sechsundzwanzig Enkelkindern und sieben Urenkeln. dachte sie. Waren das ihre letzten gemeinsamen Stunden? Nach der sechsten Schriftrolle gab es nichts. Wir begruben Freida vor vielen. Es ist fünf Jahrzehnte her. Vom Fenster konnte Catherine die engen Straßen mit dem alten Kopfsteinpflaster sehen. Dorthin ging sie mit Garibaldi.Als Catherine am Morgen nach der Bahnfahrt von Detmold in Aachen angekommen war. vielen Ernten auf ihrer Lieblingswiese. hatte sie ein Zimmer im gutbürgerlichen Wilferterhof genommen. Danach bekam ich noch acht weitere Söhne und Töchter. an den Anfang des Christentums. die letzten Seiten von Sabinas Geschichte zu übersetzen. Ich eile durch die Zeit. und ich nahm ihren Platz an der Spitze der 614 . und Garibaldi hörte zu. ließ er sich an der Rezeption ebenfalls ein Zimmer geben. Deshalb bin ich abgeschnitten von dem. liebe Amelia. Garibaldi würde in den Vatikan zurückkehren. Während sie bereits im Fahrstuhl nach oben fuhr. Garibaldi klopfte an und kam herein. Das Hotel lag in der Stadtmitte am mittelalterlichen Stadttor. Wenn Catherine nicht auf die Jeans und die Windjacken achtete. Es gab keinen Autoverkehr in der Innenstadt. durch einen Zeitsprung zurück ins Mittelalter versetzt zu sein.

daß die Feinde aus dem Norden kommen würden. An dem Tag. Ich fragte mich. In all den Jahren war es mir nie gelungen. Sigmund. liebe Schwestern. ob er die Toga erhalten habe. Jetzt sind sie alle gegangen. Wie lange bin ich jetzt schon hier bei meiner Gastgeberin Perpetua? Um das zu beantworten. Wir waren nicht darauf vorbereitet. mit der ich vor langer Zeit Antiochia verlassen hatte. Wir hatten keine Ahnung. doch die Angreifer waren in der Überzahl. sie sei wie ein Märchen. Nur etwas bedauerte ich. von der alle sagten. Ich weiß aber selbst nicht. ob es ein Monat oder ein Jahr war – vielleicht auch sehr viel länger. Ich blieb nicht bei meiner Familie. Sie wurde in einem einzigen Augenblick ausgelöscht. die ganze Sippe. daß sie alle getötet wurden. Ich lebte viele Jahre in Freidas Sippe. nämlich seine Botschaft zu verbreiten. In dieser Hinsicht habe ich versagt. Die Absicht. meine Familie zum Weg des Gerechten zu bekehren. muß ich die Zeit hinzuzählen. mein ältester Sohn. Es war ein Überraschungsangriff. meinen Sohn von Philos. die ich durch die Wälder gezogen bin. Ich floh in den Wald. ob er am Leben sei. und ich starb 615 . Ich kämpfte nicht an ihrer Seite. trug keine Früchte.Sippe ein. So lange ist es jedenfalls her. aber ich führte niemanden zum Licht. zum Zeichen seiner Mannbarkeit den ersten Schild und Speer erhielt. denn Freida hatte mir die Geschichten ihres Volkes als Erbe hinterlassen. und ob er sich an seine Mutter und unsere Jahre in Alexandria und Britannien erinnern konnte. Ich erzählte sie abends an den Feuern zusammen mit der Geschichte meines Lebens. Unsere Männer kämpften tapfer. unsere Söhne und Töchter. als Ingomar. dachte ich an Pindar. Und ich sprach zu ihnen über die Botschaft des Gerechten.

Ich fürchtete mich vor… »Ich fürchtete mich vor…« Catherine verstummte. der er war. »Das ist es«. Ich versteckte mich wie ein Kind. Schließlich hob sie den Blick von dem Papyrus. »habe ich meinem Vater endlich vergeben. flüsterte sie. der Sie einmal waren. »Ich hätte Ihnen so sehr gewünscht.nicht mit ihnen. Die Stille des Winters breitete sich nach ihren Worten im Zimmer aus. Sie haben getan. Antworten auf seine Fragen zu bekommen. in dem er lebte. Sie müssen dem Sechzehnjährigen. konnte den Mann nicht unterdrücken. und sie sah den Konflikt. daß Sie die siebte Schriftrolle auch noch übersetzen können. verzeihen. wie sich seine Pupillen weiteten. sagte sie. Der Priester. »Schade…« Er seufzte. sagte sie schließlich. Ich weiß.« 616 . Sie sah. Seine Leidenschaft trieb ein böses Spiel mit ihm. Und das müssen Sie ebenfalls. Catherine blickte in seine blauen Augen und tauchte in ihre Tiefen. sagte sie leise. »Im Dom«. »Das ist alles. »Ich bin Ihnen nicht mehr böse. daß ich Sie getäuscht habe. was wir von Sabinas Geschichte haben. »Schade…«. der er sein wollte. Sie spürte seinen warmen Atem auf ihrer Handfläche.« »Schon gut«. daß er einen sinnlosen Mord nicht verhindert hat. um die dunkleren Ströme zu erforschen. Sie hatten recht. die sie dort entdeckt hatte.« Sie sah die Enttäuschung in Garibaldis Gesicht. Sie wußte. Ich mußte es tun.« Er nahm ihre Hand und drückte sie an seine Lippen. wozu Sie verpflichtet sind. er hatte gehofft.« Er ließ den Kopf sinken und fügte hinzu: »Es tut mir wirklich leid. Sie ging zu ihm und legte ihm die Hand auf den Arm.

haben Sie diese Prüfung nicht bestanden. Vater Garibaldi…« »Vergeben?« rief er. Und als ich mich nicht von der Stelle rührte. Ich haßte ihn. der den Mord begangen hatte. Ich muß nicht mir selbst verzeihen! Verstehen Sie das nicht? Ich bin nicht das Problem. »Er ist es! Auf ihn bin ich böse. Er sah. Dann wurde es still. sondern von dem alten Mann hinter der Ladentheke. von wem er sprach.»Ach Catherine…« Er seufzte und wandte sich ab. daß ich ein Feigling bin. sah er mich mit so tiefer Verachtung an. Nicht von dem Junkie.« »Sie wollen kein Priester mehr sein. Das haben Sie mir gesagt. »Er stand da wie ein stummes Tier und flehte mich mit den Augen an. sagte Garibaldi aufgewühlt. Als die Kugeln den alten Mann in die Brust trafen.« Seine Stimme stieg zu der Balkendecke empor und hallte dort lautlos wider. veränderte sich sein Ausdruck. »Er stand einfach da«. Gott vergibt allen. wenn Sie Ihr Priestertum aufgeben. ich hasse ihn immer noch. weil Sie das für eine ehrliche Lösung halten? Sie wollen sich beweisen. daß Sie kein Feigling sind. aber ich glaube an die Macht der Vergebung. die zu ihm zurückfinden. daß ich ihn haßte. weil er mich mit seinen Augen anklagte. »Was soll ich ihm vergeben? Daß er die Wahrheit gesehen hat? Ich war ein Feigling. Catherine flüsterte: »Vergeben Sie ihm. um die Sie gebetet haben. Es ist eine Prüfung. »Das ist es nicht. Ich haßte ihn. Ich versuche seit dieser Zeit. Vielleicht ist das die zweite Chance.« Catherine wußte. Und in seinen Augen stand Abscheu. etwas zu unternehmen. weil er wußte.« Er sah sie wieder an. meine Feigheit wiedergutzumachen. und ich muß ihm verzeihen. Ich meine. 617 .« »Sie glauben nicht an Gott. daß ich ein Feigling war. Und Gott helfe mir.« »Nein.

« »Nein.« »Vater Garibaldi. »Sie würden für mich kämpfen?« »Ja…« Plötzlich küßte er sie auf den Mund. ist das wie eine Befreiung. Der Kuß wurde leidenschaftlicher. Catherine schlang die Arme um seinen Hals. als hätten sie Angst. wieder getrennt zu werden. Er legte die Hand auf ihren Nacken und fuhr mit den Fingern durch ihr kurzes. Vater Garibaldi. Catherine knöpfte sein Hemd auf und schob es über die Schultern. Aber Sie sind ein gläubiger Mensch!« »Ich zweifle jedoch daran. Wenn wir vergeben.« Sie lächelte. daß Sie Priester bleiben müssen. wie Sie Ihrem Vater vergeben haben?« »Ja. Wir können Unsicherheit und alle Verwirrungen überwinden. und wir sehen wieder klar. einfach zu vergeben.« »Ich soll dem alten Mann vergeben. Vergeben Sie dem alten Mann. Es genügt nicht. während er sie an sich drückte und dabei wie ein Ertrinkender festhielt. zog die Ärmel nach unten und ließ es zu Boden 618 . Sie haben zur Kirche zurückgefunden? Sind Sie wieder Katholikin?« »Nun ja. Gott zu dienen.Sabina hatte recht.« Er faßte sie an den Schultern. daß ich würdig bin. Sie klammerten sich aneinander. ich glaube nicht an Gott. blondes Haar. Damit sind wir wieder am Ausgangspunkt des Problems.« »Das heißt. »Diesmal kämpfen wir in derselben Arena gegen denselben Gegner. nein…« »Sehen Sie? So einfach ist das nicht. und Sie werden erkennen.

jede Wimper und jede Pore. der eine Ewigkeit auf diesen Augenblick gewartet hat. Ihr Herz klopfte wie rasend. doch ein Hauch von Blässe verriet. dachte sie an den Tag in Santa Barbara. der friedlich neben ihr lag und schlief.fallen. daß der Morgen bald anbrechen 619 . atmete jede Rundung und Linie. als er sie auf die Daunendecke legte. Er verschlang sie mit den Augen. Es war der lange. Sie waren Tausende von Meilen. die der Streifschuß hinterlassen hatte. Zitternd legte sie die Hand auf seinen Oberkörper und überließ sich dem Gefühl seiner glatten Muskeln. Es gab kein Fragen und kein Überlegen ob. über Jahrhunderte hinweg aus dem Sinai an diesen Ort gekommen. Catherine erwachte und blickte an die Zimmerdecke. als alles angefangen hatte. nun aber fürchtete. in einem anderen Leben gewesen zu sein. vor ihrem Fenster aufragten und den Mond und die Sterne verdeckten. Dann sah sie Michael an. Er küßte sie noch einmal. um an die Folgen zu denken. doch ihre beiden Körper bewegten sich langsam. »Nein. in der die Menschen noch so fromm und gläubig wie Kinder waren. Sie wußten. Seine Fingerspitzen glitten zärtlich über ihr Gesicht. kein Innehalten. Der Himmel vor dem Fenster war dunkel. »Tut es noch weh?« flüsterte sie.« Sie küßte die Wunde. Beide wollten nur im Hier und Jetzt bleiben. daß sie nicht mehr dieselben wie damals waren. die er an ihrem Körper sah. wo die Kirchtürme einer längst vergangenen Zeit. um das Leben in seiner schönsten und intensivsten Weise zu erleben. Sie suchten Antworten und fanden sie schließlich im anderen. Er küßte sie zärtlich. Er trug Catherine zum Bett. Das alles schien in einer anderen Welt. Als sie die noch nicht ganz verheilte Wunde an seinem linken Arm berührte. daß alles zu schnell ging. langsame und schmerzlich zarte Kuß eines Mannes.

daß ihr Herz plötzlich heftig klopfte. Sie berührte Michaels Gesicht. Was danach auch kommen mochte. und ihr traten Tränen in die Augen. der verriet. wo sich die siebte Schriftrolle befand. Ihr Blick wanderte wieder zur Decke. Der Traum! Catherine stockte der Atem. sie wußte. Der Traum: Tymbos! Sie wußte schlagartig. Die Nacht mit ihm war so schön und so außergewöhnlich gewesen. Aachen und der Dom würden ihnen immer bleiben. daß irgendwann einmal ein Wasserrohr undicht gewesen sein mußte.würde. und ihr fiel ein eigenartiger bräunlicher Fleck im Gips auf. Langsam bekam sie einen klaren Kopf und erinnerte sich… Es hatte etwas… mit… Sie spürte. Das alles gehörte von jetzt ab zu ihnen. 620 . diese Nacht.

DER LETZTE TAG 621 .

»Catherine.« »Du wirst mich als die Verführerin in Erinnerung behalten. sagte sie. daß du anderen immer Dinge in den Mund 622 . flüsterte sie. die an deinem Sündenfall schuld ist.« Er stand dicht vor ihr und lächelte. daß ich Gott weniger liebe. »Hallo. Er lächelte. keinen Priesterkragen. Wenn überhaupt.« Er lachte leise. dich hier zu finden«. ohne den Mantel auszuziehen. jede Minute der letzten beiden Wochen mit dir ist für mich von Bedeutung.« »Warum nicht? Das bedeutet doch nicht. »Ich war nicht sicher. Catherine. »Ich liebe dich. und hielt ein kleines Päckchen in der Hand.« Die leuchtenden Strahlen der Morgensonne streiften seine Schultern. 31. Sie blieb stehen. »Hallo«.« »Aber du wirst jahrelang Buße tun müssen.Freitag. gemustertes Baumwollhemd und neue Jeans – keine Soutane. Deutschland Als Catherine ins Zimmer trat.« »Bitte. Doch seine Augen blickten ernst. verließ Michael seinen Platz am Fenster und sah sie aufmerksam an. »Weißt du eigentlich. Er trug ein hellblaues. »Aber wie ist es mit dir? Bedauerst du es?« »O nein…«. meine Liebe zu ihm zu stärken.« Er nahm ihr Gesicht zwischen seine Hände. dann hilft mir die Liebe zu dir. sagte sie. »Warum? Wegen heute nacht?« »Wie fühlst du dich?« »Wie ich mich fühle?« Er kam zu ihr. sag das nicht. Dezember 1999 Aachen. bitte glaub mir. »Vielleicht.

« »Laß mich dich einfach nur ansehen«. »habe ich den Text der Handschrift des Thomas von Monmouth kopiert.legst?« »Ich weiß.« »Was hast du gesucht?« Sie öffnete die Tasche. dann hast du mir geholfen. flüsterte er und streichelte sie mit den Augen. Und ich dachte. Sie wünschte sich sehnlichst. wo die siebte Schriftrolle ist«. mich der Tatsache zu stellen. ich weiß. sagte sie. fürchtete sich aber auch davor. »Michael. auf dem ihre Übersetzung der Schriftrollen stand. die sie von der Äbtissin hatte. sind dafür Ereignisse verantwortlich. ich nenne die Dinge immer beim Namen.« Er verschränkte die Arme. natürlich die Fehler…« 623 . »Michael.« »Heute ist Silvester«. Sie legte das Päckchen auf das Bett. Besonderes und Schönes. dort würde ich finden. um Frieden zu finden. daß es für mich nur einen Weg gibt. »Nun ja. Ich muß dem alten Mann vergeben. er werde sie küssen. daß du kein Priester mehr sein möchtest?« »Wenn ich mich dazu entschließe. zog den Mantel aus und fuhr fort: »Mir ist gestern vor dem Dom eine katholische Buchhandlung aufgefallen. und nahm den gelben Notizblock heraus. habe ich…« »Hast du was…?« »Habe ich dich soweit gebracht. was wir brauchen. »Bevor ich aus dem Kloster geflohen bin«. dieser Tag mußte anders sein. sagte sie leise und betrachtete seine Lippen. Letzte Nacht war letzte Nacht – etwas Kostbares. Irgend etwas daran hat mich seit dem ersten Lesen nicht mehr losgelassen. Wenn überhaupt. die lange zurückliegen. sagte sie. Aber sie wußte.

aber sie gehörte zu seinem Gefolge.»Sind es wirklich Fehler? Denk darüber nach. Und das beschäftigt mich schon die ganze Zeit. daß sie in Stonehenge war. Michael. Wir wissen.« »Es ergibt Sinn. fuhr Catherine fort.« Sie strich das Wort durch und schrieb das neue darüber. das ist unsere Sabina. Jetzt hier – ›Valeria‹. stellt man fest. Michael. Wenn man den Text analysiert. daß die Fakten alle stimmen.« »Und was ist das?« »Tymbos«.« Sie lachte glücklich und rief: »Michael. Heute nacht ist es mir klargeworden. Und das ist mir im Schlaf aufgegangen. ›König‹ Tymbos zu finden! Damit haben wir uns das Leben unnötig schwergemacht. Nehmen wir als erstes das Wort ›Priesterin‹ und ersetzen es durch ›Diakonin‹. Sie sind nur in einen falschen Zusammenhang gestellt.« »Nicht von einer Person. ›Tymbos‹ ist das griechische Wort für 624 . Sie war nicht mit Cornelius Severus verheiratet.« »Sechs Bücher über Alchimie und Zauberei«. Sieh dir das an. Die Lösung des Rätsels lag die ganze Zeit auf der Hand. die später zusammen mit der Priesterin Valeria am heiligen Ort begraben wurden.« Catherine wies auf den Satz: »Sie hinterließ sechs Bücher über Alchimie und Zauberei. soviel ist richtig. »Das ergibt immer noch keinen Sinn. Jetzt zu den anderen Tatsachen. wird alles klar. sagte sie und sah ihn triumphierend an. Wir haben uns zu große Mühe gegeben. wo das Licht darauf fiel. »Auch das stimmt. »Aber von Tymbos ist hier überhaupt nicht die Rede. denn wenn du ein fehlendes Teil in das Puzzle einfügst. »Sagen wir.« Sie schlug den Notizblock auf und legte ihn auf den Tisch am Fenster.

wenn du vor zweitausend Jahren als Christ gelebt hättest?« »Ich kann mir nur drei vorstellen. Michael runzelte die Stirn. das Wort ›König‹ hinzugefügt. ›»Valeria‹«.« »Ich auch«. Es war eine kühne Vermutung.‹« Er sah Catherine an. sondern am heiligen Ort. sagte Michael verblüfft. »Sabina hinterließ sechs Bücher über Alchimie und Zauberei. Lies weiter. aber trotzdem sehe ich immer noch nicht…« »Am Ende der Seite. aber…« Sie ging zum Bett. bis sie einen ganzen neuen Satz hatte.« 625 . bringe es in das Königreich…‹« »›… in das Königreich Gottes‹«. sagte sie. las er laut vor. »Schlag Seite 32 auf. nicht an einem heiligen Ort. »Das Datum paßt.« »Und Perpetua«. »Sie ist also mit der siebten Schriftrolle an einem heiligen Ort begraben worden…« »Nein.›Grab‹!« »Grab?« »Paß auf! Wenn wir ›mit… begraben‹ durch das ›Grab‹ ersetzen…« Catherine strich hastig Wörter durch und ersetzte sie durch andere. »und deshalb habe ich beschlossen. wie das bei den Christen dieser Zeit üblich war. Michael. ergänzte Catherine. »hat. die später die Diakonin Valeria mit ins Grab nahm. um das Ganze zu einem Rätsel zu machen. in die Buchhandlung am Dom zu gehen.« Er blätterte. Er blickte auf den Titel: Frühchristliche Märtyrer. ›… bringe es zu König Tymbos.« »Welcher heilige Ort soll das sein? Hast du eine Idee?« »Was wäre für dich der heilige Ort schlechthin gewesen. »›starb etwa 142 nach Christus. nahm das Päckchen. wickelte es aus und reichte Michael ein Buch.

damit haben wir die siebte Schriftrolle gefunden!« 626 .‹«.« »›Tochter des Amelius Valerius.Zwei lateinische Wörter fielen ihm ins Auge: »Amelius Valerius.« »Zumindest kennt die Kirchengeschichte sie unter diesem Namen! Wir haben sie als Amelia kennengelernt. »Sie war die Tochter des Amelius Valerius. Sie war demnach Amelia Valeria!« »Und wurde offenbar als Valeria bekannt. denn diesen Namen benutzte Perpetua! Deshalb haben wir sie auch trotz all unserer Bemühungen nirgends entdeckt. Michael. las Michael.

die Hoffnungen und Ängste der über tausend Menschen. dem sichersten Platz auf seinem riesigen Anwesen. Silvester 1999 stand für den Beginn eines neuen Zeitalters. Sie ›zauberten‹ Fernsehbilder auf riesige Projektionsflächen. Die meisten Gäste waren für das große Silvesterereignis bereits eingetroffen. die Spannungen. würden 627 . während er am Telefon auf eine verschlüsselte Nachricht wartete. Niemand. die Santa Fe auf dem Weg in das neue Jahr und Jahrtausend zeitlich voraus waren. Er empfing wie ein hochempfindlicher Radarschirm die Energie der Gäste. Das Leben mit Erika hatte ihn sensibel gemacht für die Schwingungen des Unsichtbaren. Hier unten sah er das Sonnenlicht nicht. Aus den Metropolen der Kontinente. Und so war es von ihm gewollt. New Mexico Miles befand sich in seinem Museum im Untergeschoß. die seine kostbare Sammlung umgaben. daß er das fröhliche Treiben und das Spiel mit belanglosen Worten. Den Anfang machte Sydney in Australien. damit seine Gäste den Jahreswechsel nicht nur einmal. seiner neuen Ära. aber trotzdem fühlte er deutlich den schicksalhaften Morgen des letzten Tages in diesem Jahrtausend. noch öfter jedoch die Intrigen durch die meterdicken Betonwände spürte. nicht einmal das Personal. sondern nacheinander sechsmal erleben würden.Santa Fe. Die Auserwählten sollten diesen Tag nie vergessen. Das ›Wunder‹ vollbrachten Laserprojektoren. Miles hätte schwören können. Deshalb hatte Miles alles vorbereitet. die vierundzwanzig Stunden lang beim Fest zur Zeitenwende die Stille der Casa Havers störten. geschweige denn die Gäste konnten ihn stören.

›Freund‹ hatte den Anschluß nur eine Stunde.« Er trommelte mit den Fingerspitzen nervös auf die Sessellehne und blickte auf die Notiz.com Name: Joe Smith Adresse: 1600 Pennsylvania Ave. ich bleibe am Apparat. die über Jahrtausende hinweg das Bewußtsein der Menschen geprägt hatten. Washington D. Kultur und Politik unterwarfen sich fortan dem Datenstrom. Miles Havers. falsche Kreditkartennummer. durch sein Können und seine Durchsetzungsfähigkeit zum weltweit größten Drahtzieher geworden. Dieser historische Augenblick würde ihm die Erfüllung seiner Träume bringen. Moskau. Alle Fäden liefen bei ihm zusammen. Wie steht es? Gut. um einzuloggen. und die Musik sollte von den Sangre de Cristo-Bergen widerhallen. Es war eine gute Zeit. und kaum jemand ahnte etwas davon. »Hallo?« sagte er in den Hörer. Wissen und Geld. Die mythische Welt der Kirchen und Religionen. um zu leben. Sie stürzten Konzerne und Regierungen oder bestätigten ihre Ziele. die Teddy ihm geschickt hatte: Suche nach freund@dianuba. der Tag und Nacht die Erde umkreiste. mußte der neuen Macht elektronisch manipulierter Fakten weichen. ich kann Sie hören. Und er. die Archäologin zu warnen und wieder in die Anonymität 628 . war durch seinen Weitblick. Ströme von Champagner würden fließen. Wirtschaft. und die Computer auf der ganzen Welt verteilten Informationen. der kleine Hacker. Bombay. »Ja. Das neue Zeitalter brach an.G.Direktübertragungen der Silvesterereignisse gesendet werden – aus Sydney. Das war gerade lange genug gewesen. Nicht existierende Telefonnummer. Rom und New York.

Die Beute war ihm sicher. anstelle von AOL oder Microsoft.zu verschwinden. war eindeutig ein elektronischer Seitenhieb auf Miles Havers. ehe der Betrug mit der Kreditkarte entdeckt wurde.30 Uhr Frankfurt/M. 629 . wenn sie die siebte Rolle holt. Und daß er/sie für diesen Coup das Dianuba-Network benutzt hatte. wie Sie die Frau hinterher aus dem Weg räumen. Beschaffen Sie mir das Dokument. »Hallo? Ja?« sagte er in den Hörer. »Ich habe eine Standleitung zu Ihnen geschaltet. Aber seien Sie auf jeden Fall dort. daß die kluge Frau Doktor doch noch herausgefunden hatte. Als er die Antwort hörte. »Was haben Sie herausgefunden?« Er notierte auf den Notizblock: »Catherine Alexander… Abflug 19. Bleiben Sie ihr auf der Spur. Wirklich sehr gerissen. wo sich die siebte Schriftrolle befand.« »Wohin?« fragte er.« Der Tiger richtete sich zu seiner ganzen Größe auf. Die Frau darf Sie nicht sehen. wußte er. Das andere… ich meine. das überlasse ich Ihnen.

aber viele hatten besorgte oder versteinerte Gesichter. Die einen weinten. sagte Michael. als sie am Petersplatz aus dem Taxi sprangen.Der Vatikan. Alle Augen richteten sich wie gebannt auf den Balkon. von dem er gesprochen hatte. und als ich ihm von uns erzählte. Rom Dreiundzwanzig Uhr. und die Scheinwerfer verbreiteten ein grelles Licht. Catherine sah im Vorbeieilen in den Gesichtern von Männern und Frauen. auf dem der Papst. Laternen. der 630 . Die Gesichter der Menschen schienen zu leuchten wie auf einem riesigen Gemälde von George de la Tour. und sie suchten sich eilig einen Weg durch den Stau. war mit ihm in Chicago auf dem Priesterseminar gewesen und arbeitete im archäologischen Büro des Vatikan. Taschenlampen. die Fahrer schrien. Michael trug wieder die Soutane. die sich auf dem Petersplatz drängte. Er hatte sich auf dem Rhein-Main-Flughafen umgezogen. hat er sich bereit erklärt. Die Autos standen Stoßstange an Stoßstange. ihnen den Weg durch die Menge zu bahnen. Sie staunten über die riesige Menschenmenge. Der Freund. uns zu helfen…« Er nahm Catherines Hand. Jungen und Alten das gesamte Spektrum menschlicher Gefühle. die Hupen machten einen Höllenlärm. Der Countdown für Mitternacht hatte begonnen. andere lachten. Als Priester gelang es Michael. »Er ist mein Freund«. Beinahe jeder hielt irgendeine Art Licht in der Hand – Kerzen. »Er hat die Informationen über die geheimnisvollen Schriftrollen aus dem Sinai in den Medien verfolgt.

der dank hölzerner Barrikaden und den Doppelreihen der Gardisten menschenleer war. hatte Catherine in Aachen gesagt. Aber mit der dicken Brille wirkte er älter.Nachfolger auf dem Stuhl Petri. daß Vater Sebastian etwas über vierzig war. wie sie hofften.« »Aber ich hatte die Grippe«. »Vater Sebastian hätte eigentlich auf den Sinai gehen und die Berichte über das Jesus-Fragment prüfen sollen. Er führte sie durch einen Hof. kleine. wie Catherine fand. er wollte nicht gehört werden. daß es den Anschein hatte. Ich meine die Stelle. Catherine konnte sich 631 . doch nach ein paar erklärenden Worten von Michael ließ man sie weitergehen. sagte der Priester. wo Petrus begraben wurde. Sie trafen Vater Sebastian am Arco delle Campane auf der linken Seite des Doms. die siebte Schriftrolle ebenfalls. Er sprach so leise. Es klang entschuldigend. »Für einen Katholiken«. Sie wurden mehrmals von der römischen Polizei und von der Schweizergarde angehalten. erscheinen würde. als habe er sein Leben über Büchern verbracht. »kann es nur einen einzigen heiligen Ort geben. wie Michael es erlebt hatte. stellte Michael seinen alten Freund Catherine vor. fast zarte Hände und reichte Catherine kaum bis zu den Schultern. auf dem stand: UFFICIO SCAVI – Dienststelle für Ausgrabungen. Er war schlank. hatte helle Haut. Nachdem sie im Büro standen und die Tür hinter sich geschlossen hatten. Catherine vermutete. Sie eilten unter einem anderen Bogen hindurch. und eine Spur wehmütig. kamen um eine Ecke und gingen dann durch eine Tür mit einem Schild. Er hielt sich leicht gebeugt. als bedaure er. ein Abenteuer verpaßt zu haben.« Das Grab der Amelia Valeria befand sich hier und.

Zeke ging eilig zwischen den Schreibtischen hindurch. Catherine überlegte. war die siebte Schriftrolle auf immer verloren. der offenbar in einer der vielen Dienststellen des Vatikan beschäftigt war.nicht vorstellen. schlich sich ein Vierter leise und ungesehen in das UFFICIO SCAVI. »Wir müssen uns beeilen«. auf denen sich Korrespondenz. Catherine wußte. Die halbe Menschheit wird hinunter in die Grotten kommen!« Er führte sie an Schreibtischen vorbei. wie die vergangenen beiden Wochen ausgesehen hätten. Tonscherben und Bruchstücke von Statuen türmten. öffnete sie leise 632 . und seine Stimme klang aufgeregt. wenn Michaels Vorgesetzte davon erfuhren. Es war ein weißhaariger Mann in einer schwarzen Soutane. Außer einem Blutfleck am weißen Kragen unterschied ihn nichts von den zahllosen Klerikern. in dem eine Treppe nach unten führte. wenn er anstelle von Michael auf den Sinai gefahren wäre. sagte Vater Sebastian und brachte einen Schlüsselbund zum Vorschein. Sie verließen das Büro durch eine Seitentür. die überall im Dom und auf dem Petersplatz zu sehen waren. Ja. Dahinter befand sich ein enger Korridor. Amelias Sarkophag zu öffnen. wieviel Michael ihm wohl gesagt hatte. Als die Tür des Büros hinter ihnen ins Schloß fiel und ihre Schritte auf der Eisentreppe verhallten. Akten. Wenn die Grotten dem Publikum zugänglich waren. Genau das aber mußten sie tun. wenn wir durch die Kirche gingen«. »Um Mitternacht werden die Tore für eine dreißig Tage dauernde Ausstellung der Gebeine des heiligen Petrus geöffnet. Sie blickte auf die Uhr. sie mußten sich beeilen. »Man würde uns sehen. Notizen und. erklärte Vater Sebastian. bestand keine Möglichkeit mehr. blieb an der anderen Tür stehen. wie Catherine auffiel.

« Er führte sie an kleinen Kirchenbänken vorbei. an bescheidenen Altären und geschmückten Sarkophagen. Ihre eiligen Schritte hallten auf dem Marmorboden. die vor der Krypta von Papst Clemens standen. Ein deutscher Kaiser aus dem zehnten Jahrhundert war hier begraben. das in kleine Kapellen unterteilt war.und erreichte den Korridor. der an dieser Stelle. der einzige englische Papst. Er war allein. Königin Christina von Schweden und James II. Die heiligen Grotten bestanden genaugenommen aus einem Gewölbe unter dem Petersdom. im Circus des Caligula. 633 . und zog Archäologen hinzu. von England. Schließlich erreichten sie eine prächtige Kapelle mit einem blau und gold ausgemalten Giebel und mehreren Gebetbänken. Ich spreche natürlich vom heiligen Petrus«. Als man mit den Arbeiten für eine Erweiterung der Grabkapelle von Pius XL begann. Darin befanden sich die Krypten von Päpsten und Herrschern. Vater Sebastian suchte unter seinen Schlüsseln den passenden für eine unbeschriftete Tür in der reich verzierten Wand. mit dem Kopf nach unten gekreuzigt worden ist. als er berichtete: »Die Archäologen machten erstaunliche Entdeckungen! So fanden sie auch die Gebeine des heiligen Märtyrers. stießen die Arbeiter auf eine Mauer. Seine Hände zitterten etwas. Er hatte noch nie zuvor einen Priester ermordet. Alle seine Sinne waren geschärft und hellwach. unter anderem auch Hadrian IV. Er hatte Raphael absichtlich in der Menge verloren. die eigentlich nicht vorhanden sein sollte. daß diese Mauer eintausendsechshundert Jahre alt war. während Sebastian erklärte: »Die römische Nekropole wurde 1939 entdeckt. Man stellte fest. fügte er in einem ehrfürchtigen Ton hinzu.

« Und dann würde sein Killer mit der häßlichen Narbe… Energisch vertrieb sie diese absurden Vorstellungen und dachte an den riesigen Schwarm von Menschen in und um den Petersdom. den sie gekommen waren. »Den Circus gibt es natürlich nicht mehr«. wie Havers vielleicht sogar selbst hinter einer Säule hervortrat und mit seinem weltweit bekannten Lächeln sagte: »Jetzt können Sie mir die Schriftrollen geben. die auf der ganzen Welt Menschen zu ihren Werkzeugen gemacht und ihre Glaubensbereitschaft enttäuscht und mißbraucht hatte. Auch wenn sie nichts sah. die Angst ließ sich nicht abschütteln. diese Kirche an der Jahrtausendwende mit der Wahrheit konfrontieren? Vater Sebastian fand den Schlüssel und drehte ihn im Schloß. daß er sich an dieser Stelle befand. Wußte einer von ihnen. Würde eine Frau. »aber wir wissen. Ängstlich blickte sie den dunklen Weg zurück. und fragte sich beunruhigt. Frauen waren bis heute Randfiguren auf der kirchenpolitischen Bühne geblieben. nach alter 634 . berichtete er weiter. Männer der Kirche hatten über die vielen Jahrhunderte hinweg mit allen Mitteln nach der Weltherrschaft gestrebt. die den Vatikan mit dem Papst an der Spitze weit stärker als ein Erdbeben erschüttern würden. Wie auch immer. Die Archäologen haben Beweise dafür entdeckt. daß sie und Michael sich hier unten befanden? Die siebte Schriftrolle konnte Geheimnisse enthüllen und Beweise bringen. die vor fast zweitausend Jahren für ihren Glauben zur Märtyrerin geworden war. Die siebte Rolle konnte den Untergang dieser skrupellosen und doktrinären Macht einläuten. ob Havers oder einer seiner Killer ihnen möglicherweise hierher gefolgt war und irgendwo in den Schatten lauerte. Sie konnte sich gut vorstellen.Catherine lief ein Schauer über den Rücken.

Als man die Gebeine entdeckte…« Catherine kannte die Geschichte. Fenster und manchmal sogar Treppen.Überlieferung…. eine große Basilika zu bauen«. »das ist die Unterseite des Fußbodens von St. skeptisch zu sein. »war der vatikanische Hügel sehr viel kleiner als heute. Sie hatten Türen. Peter. sagte er mit gedämpfter Stimme und richtete die Taschenlampe an die Decke. Deshalb errichtete er eine Reihe von Stützmauern und füllte die Zwischenräume auf. »Die Überlieferung sagt. die zu Dächern hinaufführten. die wie Häuser aussahen. fuhr Vater Sebastian fort und führte sie in die Dunkelheit. stand das ursprüngliche Heiligtum noch. Sie kamen an Höfen und Brunnen vorbei und an den Fassaden riesiger römischer Mausoleen. denn sie gingen wie durch eine richtige Straße. die nach Staub und Zerfall roch.« Catherine sah sich erstaunt um. Vor eintausendsiebenhundert Jahren hätten wir an dieser Stelle in den Himmel geblickt. hob die Soutane und ging mit eingeschalteter Taschenlampe voraus. Der Kaiser ließ hier seine neue Basilika errichten. Schwellen. »Als Konstantin im vierten Jahrhundert beschloß. Als Archäologin hatte Catherine gelernt. bitte. zur Zeit des Kaisers Konstantin. daß es sich bei dem Skelett unter dem Hauptaltar tatsächlich um Petrus handelte. Sie kannte jedoch die geradezu besessene Beschäftigung der Christen mit Reliquien. Sehen Sie«. passen Sie hier auf!« warnte er. Auf diese Weise begrub Konstantin diese alte Totenstadt. Auch ihre Eltern hatten die Ansicht vertreten. die in die Fundamente der Kirche 635 . Dreihundert Jahre später. Deshalb erschien es auch ihr glaubwürdig. daß die Gebeine des Apostels unter dem Petersdom ruhten. daß der Leichnam des Heiligen Petrus von seinen Anhängern heimlich hier begraben wurde. um den Platz zu vergrößern.

Der Strahl seiner Taschenlampe fiel flüchtig auf einen springenden Delphin. die sie umgab. einen Schwarm Vögel – Erinnerungen an Menschen. Als sie durch die engen Straßen gingen. die mächtige Kirche mit ihrem lastenden Gewicht auf den Schultern zu spüren. Die Dunkelheit. ohne einen wachsamen und erfahrenen Führer wie Vater Sebastian könnte man sich hier unten in der von Menschen geschaffenen Welt der Toten verirren und niemals gefunden werden.« Vater Sebastians Stimme klang körperlos und leise. die nirgendwohin führten. eine Vase mit Blumen. in den persönlichen Bereich von Menschen einzudringen. Flüche und Frevel oder ahnte Geheimnisse. »Es gibt noch sehr viel mehr Gräber«. von denen Gassen abzweigten. die längst tot und dem Bewußtsein der Lebenden entschwunden waren. die idyllische Landschaften oder stille Plätze zeigten. Sie gingen an den geisterhaften ›Häusern‹ vorbei. war so tief und beängstigend. Catherine spähte durch Fenster und Türen mit dem eigenartigen Gefühl. die besser im Dunkel der Erde blieben. Catherine zweifelte nicht daran. denn das würde seine Fundamente schwächen. Das Atmen fiel ihr immer schwerer. Vater Sebastian sprach flüsternd weiter. dieser Wächter der Toten wußte um alle Tragödien. und Vater Sebastian verstummte. und an Fresken vorbeikamen. »Die Totenstadt erstreckt sich in ganzer Länge unter dem Petersdom. Aber man kann sie nicht ausgraben. Plötzlich überkam sie das beängstigende Gefühl. Ihr Herz pochte. fühlte sich Catherine wie in einem Labyrinth.« Catherine glaubte.darüber eingebettet waren. die wie eine wirkliche Stadt aussehen sollte. und jeder 636 . daß Catherine nach Michaels Hand griff und dicht bei ihm blieb. Aber es war alles Illusion – eine Totenstadt. »Alle Gräber wurden bereits vor vielen Jahren geöffnet und ihr Inhalt entfernt.

daß man zum Beispiel Eigenschaften der Isis auf Maria übertragen hatte.Schritt schien sie tiefer in das Totenreich hineinzuziehen. Außerdem gibt es dort christliche Symbole. das Christus als Apollo im Sonnenwagen darstellte. und sie dachte daran. und die beiden folgten ihm. besondere Aspekte der alten Götter. desto mehr Urnen und Hinweise auf die alten Götter findet man. »Das hier ist ein Beispiel für den Übergang«. in denen die Toten und nicht nur ihre Asche beigesetzt wurden. Sonnenstrahlen gingen von seinem Kopf aus. In der Nähe des heiligen Petrus befinden sich Gräber aus späterer Zeit. Viele der hier begrabenen Christen hatten Spuren ihrer alten Religionen in dem neuen Glauben hinterlassen. Er beleuchtete die gewölbte Decke mit einem goldenen Mosaik. die für sie von Bedeutung waren. Vater Sebastian richtete den Strahl der Taschenlampe in ein Columbarium mit zahlreichen Nischen für Begräbnisurnen. Je weiter man sich vom Grab des heiligen Petrus entfernt. daß Sabina in den Hermestempel gegangen war. das erkennbar Jesus gehörte. Catherine blickte auf das Gesicht. Weihnachten ersetzte die römischen Saturnalien im Dezember. und 637 . die zu Stella Maris wurde. und der Sonntag ging auf den Mithraskult zurück. zur Gottesmutter und zur Himmelskönigin. obwohl sie zu den Anhängern des Gerechten gehörte. »Man kann auf diesem Weg den allmählichen Übergang vom Heidentum zum Christentum erkennen. Die Gräber schienen kein Ende zu nehmen. aus dem zweiten und dritten Jahrhundert. und auf die Krone aus Sonnenstrahlen. Catherine wußte. obwohl Überschneidungen oft eine klare Trennung kaum möglich machen. erklärte der Pater.« Er trat in ein Grabmal.

die Menschen mit ihren Lichtern auf dem Petersplatz vor sich zu sehen. Sein Gesicht war im schwachen Schein der Taschenlampe kaum zu sehen. und dann hörten sie das Singen – zuerst leise. daß es sich in der Mehrzahl um Begräbnisstätten von Frauen zu handeln schien. schon gut. als sie sich gegen ihren Willen vorstellte. wie sich um Mitternacht die Deckel der Steinsarkophage heben würden und die Toten ihre Gräber verließen. »Was hast du?« »Ich dachte…« Sie legte die Hand kurz auf die Augen. dann immer lauter wie eine anschwellende Woge. fragte sich Catherine im stillen: Wann haben die Männer eigentlich die Macht übernommen? Sie stiegen noch tiefer unter die Basilika hinunter. Auch der heilige Petrus würde auferstehen und… »Was war das?« fragte sie plötzlich. Michael sah sie an. Der Gesang mußte seinen Anfang irgendwo in der Menge genommen haben und von einem auf den anderen übergesprungen sein. Die Luft wurde immer muffiger und modriger. 638 . Tacitus hatte vor zweitausend Jahren vermutlich zu Recht den neuen Glauben als ›eine Religion der Frauen und Sklaven‹ bezeichnet. und schloß sich sofort wieder hinter den Eindringlingen wie ein undurchsichtiger schwarzer Vorhang.Catherine fiel auf. Plötzlich fiel Catherine ein Satz aus der Bibel ein: »Am Jüngsten Tag werden die Toten von den Gräbern auferstehen…« Sie spürte ein Kribbeln im Nacken. Es ist auch egal. Catherine glaubte. »Ach. Ich weiß nicht. wenn der Schein von Vater Sebastians Taschenlampe die Schatten traf. Die Dunkelheit riß nur flüchtig auf. Während sie an mehr und immer mehr Frauengräbern vorbeigingen – darunter sogar dem einer anderen Amelia mit dem Familiennamen Gorgoni.« Sie bogen in eine andere Straße ein.

Demnach war das einmal ein heidnisches Grabmal. der Strahl der Taschenlampe beschrieb einen Bogen. Im Grab herrschte die Atmosphäre eines eleganten Wohnzimmers.« Der Lichtstrahl kreiste und beleuchtete ein wundervolles Fresko. daß das Grab der Amelia Valeria hier ist?« »O ja. Die Innenwände waren mit weißem Gips verputzt. und wir glauben. und es hatte einen prunkvollen.« »A-ave. Unter der 639 . »In diesen Nischen«. Lange konnten sie nicht mehr hier unten bleiben. ave-e dominus…« »Und hier«. Besorgt fragte sie: »Vater Sebastian. »hier haben wir es!« Es war ein richtiges Gebäude mit zwei Stockwerken. mit zarten Blüten. sind Sie sicher. Eine besonders schön gestaltete Nische enthielt das Bild der schaumgeborenen Venus. das Symbol der Seelenrettung. von dorischen Säulen getragenen Ziergiebel. Darin befanden sich muschelförmige.deren Stimmen zum sternenübersäten Himmel aufstiegen: »Ave Mari-ia…« Es mußte bald Mitternacht sein. das eine Familienszene zeigte. Irgendwann wurde die Familie jedoch zum Christentum bekehrt. wo erstaunliche Beispiele römischer Kunst ans Licht traten. Außen war es rot angestrichen. das war dieser Frau zu verdanken. Es gehört sogar zu unseren besonders schönen Gräbern. Efeuranken und Vögeln ausgemalte Nischen. zu deren Füßen sich Delphine aus Stuck in plastisch geformten Wellen tummelten. sagte Vater Sebastian leise und ließ den Lichtstrahl über die Wände gleiten. »befanden sich Urnen. Im Zentrum befand sich eine Orante – die Darstellung der Verstorbenen in Gebetshaltung. das in einer der Straßen des alten Rom hätte stehen können.

daß Amelia als erstes Mitglied der Familie nicht verbrannt wurde. die an der Spitze der frühchristlichen Kirche stand. dachte Catherine. »Nein. hatte die Arme ausgestreckt und richtete den Blick zum Himmel. was in der Rolle 640 . Sein Gesicht verriet deutlich die innere Spannung. Ihre Verfolgung konnte nur eines bedeuten. befinden sich in Museen. Eine christliche Priesterin… War die siebte Rolle mit ihr begraben worden? Und würde sie den Beweis dafür enthalten. Sie trat näher und legte die Hände auf den fein behauenen Marmor.‹ Die Menge über ihnen sang: »Benedictus tu in mulieribus…« Catherine trat näher.« Vater Sebastian wies auf den Sarkophag. Eine Frau. dann mußte sie eine für die damalige Zeit gefährliche Botschaft enthalten.« Catherine las die in den Sarkophagdeckel eingemeißelten Worte: »Dormit in pace anima dukis Amelia – Ruhe in Frieden. Ihr Haar war kunstvoll in mehreren Lagen aufgesteckt. »Wir glauben. Amelia mit der zarten Seele. Amelia mußte eine schöne Frau gewesen sein. Nur heidnische Gräber wurden geöffnet. Amelia sollte sie nur dann mit ins Grab nehmen.Gestalt stand ein Name: ›Amelia Valeria. um das Fresko genau zu betrachten. daß die Nachfolge Jesu rechtmäßig Frauen und nicht Männern zustand? »Das hier zeigt uns.« »Hat man ihn geöffnet?« fragte Catherine flüsternd. wie es die damalige Mode den adligen Frauen des römischen Reiches vorschrieb. daß es sich um ein christliches Grab handelt. wenn sie verfolgt wurde. Wenn sich die siebte Schriftrolle hier befand. Die Diakonin war in weiße Gewänder gekleidet.« Sie blickte auf Michael. die natürlich die Asche von Heiden enthielten. Alle Urnen. Ihre Feinde bekämpften die Wahrheit dessen.

»Ich glaube. Jubel und Geschrei. denn jetzt ging es ums Ganze! »Sancta Maria. wie wir den Sarkophag öffnen können. Er schüttelte den Kopf und flüsterte: »Nein. Diesmal hatte er dafür gesorgt. Catherine sah Michael fragend an. als eine hagere Gestalt auftauchte – ein Kardinal in einem schwarzen Talar mit rotem Besatz. Catherine stieß einen Schrei aus. Die gepanzerte Schleuse schloß sich geräuschlos hinter ihm. ein paar ›Straßen‹ weiter. Er griff nach dem Handy und meldete sich wie verabredet. Er betrat das Steuerzentrum der Überwachungsanlage. Michael hob den Kopf. Auf seiner Brust funkelte an einer langen Kette ein schweres Goldkreuz. Catherine musterte ihre beiden Begleiter in den schwarzen Soutanen. daß Zeke keinen Schritt ohne seine Anweisungen machen würde. Würden sie bald ihr Amt verlieren oder es mit Frauen teilen müssen? »Also gut«. »sehen wir nach. einer breiten roten Seidenschärpe und einem roten Käppchen auf den schütteren Haaren. Er setzte sich vor die Wand mit den Schaltrelais und nahm den Anruf aus Rom entgegen. sagte Michael. einer anderen Christin. ich habe nicht…« 641 . und sie hörten Klatschen.« Plötzlich war das Mausoleum in blendend helles Licht getaucht. »Was ist das?« fragte Catherine. den Symbolen der Priesterwürde. stand Zeke und beobachtete das Geschehen aus sicherer Entfernung. ora pro nobis…« Das Singen verstummte. roten Knöpfen. Zehn Zeitzonen weiter zog sich sein Auftraggeber von dem Fest aller Feste aus dem EuropaZelt zurück und eilte hinunter in sein Museum.« Hinter ihnen.geschrieben stand. im Schatten des Grabmals der Julia Mater. Seine Heiligkeit ist gerade auf den Balkon hinausgetreten.

daß diese jungen Männer gut ausgebildet waren. »Und wie ist es Ihnen gelungen. bitte glauben Sie mir.« »Sie sind selbst darauf gekommen?« fragte Catherine. Das hier ist Ehrwürden Callahan. erwiderte sie. sagte der Kardinal. das Rätsel zu lösen. hat mich darauf aufmerksam gemacht. Sie trugen Sprühdosen mit Tränengas. den Halskrausen. wenn ich Ihnen versichere. Um genau zu sein…«. sie gehörten zur Cohors Helvetica. die ihn begleiteten. Gaspatronen und automatische Waffen bei sich. ein Tip. »habe ich seit ein paar Tagen überhaupt nichts mehr von Vater Garibaldi gehört. Dr. daß wir Ihre Freunde sind«. »Vater Garibaldi hat mich nicht davon in Kenntnis gesetzt. Er starrte mit zusammengekniffenen Augen auf Vater Sebastian. die vor fünfhundert Jahren zum Schutz des Papstes aufgestellt worden war. »Wollen Sie uns daran hindern?« fragte Catherine herausfordernd. er warf Michael einen strengen Blick zu. den Papst notfalls unter Einsatz des eigenen Lebens zu beschützen. In ihren Uniformen mit Piken und Hauberken. sagte Kardinal Lefevre. daß Sie hierherkommen würden.»Nein. Alexander«. und seine Stimme hallte in dem unterirdischen Grab. Sie musterte die vier jungen Männer. doch Catherine wußte. »Dr. »Ich kann mich noch gut daran erinnern«. der Schweizergarde. »Ihren Namen unter einem Brief an meine Mutter gelesen 642 . vom Ufficio Scavi. Alexander. gestreiften Hosen und den KonquistadorHelmen wirkten sie eher wie Statisten auf einer Opernbühne. wenn ich fragen darf?« »Die Lösung des Rätsels kann ich mir nicht zugute halten. Ein Anruf. wie Sie sagen würden. Catherine wußte auch.« Ehrwürden Callahan wirkte abweisend und verärgert. Wamsen. daß sie einen Eid abgelegt hatten.

daß die Welt liest. wie Sie glauben. der Welt die Wahrheit vorzuenthalten. Doktor Alexander.zu haben.« »Das ist auch unser Wunsch. Und«. Wenn Sie mit mir irgendwann einmal darüber in meinem Büro sprechen möchten…« »Sie werden die Schriftrolle aus dem Sarkophag der Amelia an sich nehmen. Wir haben uns nicht verschworen. Wenn sich die siebte Rolle hier befindet.« »Es gehört der ganzen Welt. denn dann gehört es der Kirche.« 643 . ja. »wir sind nicht Ihre Feinde. was in dieser Rolle geschrieben steht. nicht wahr?« »Wenn es sich um ein christliches Dokument handelt. Ich hatte es wirklich nicht soweit kommen lassen wollen. Und ich werde dafür sorgen. fügte er seufzend hinzu. Wir ›verstecken‹ Schriftrollen nicht.« »Eine bedauerliche Episode. werden wir sie den Wissenschaftlern zugänglich machen und ihren Inhalt veröffentlichen. Wir sind keine Unmenschen.

Jedes Zelt war einem Kontinent gewidmet. Die Alte Welt feierte die Jahrtausendwende.Santa Fe. 644 . das Brandenburger Tor und den Petersdom ›nachbauen‹ lassen. Wohin war Miles verschwunden? Sie beauftragte einen der vielen burgunderrot und weiß gekleideten Diener. während der Papst in Rom die Menge segnete. so war es besprochen. mit den Menschen auf dem Petersplatz das neue Jahrtausend zu beginnen. Miles hatte von Zuckerbäckern aus Salzburg den Eiffelturm. Dieses Kunstwerk aus Zucker wollte er an der Seite von Erika mit einem Feuerwerk den Gästen im Europa-Zelt präsentieren. Big Ben. Aber Erika suchte ihren Mann schon seit geraumer Zeit. Es war dort bald Mitternacht. Aber überall in den großen weißen Zelten. den Veranden und Salons. an ihrer Seite stehen. sich bei seinem Butler nach ihm zu erkundigen. Im Augenblick bereiteten sich die Gäste von Erika und Miles Havers darauf vor. In Rom richteten sich alle Augen auf Seine Heiligkeit den Papst. Miles sollte in diesem Augenblick. New Mexico Die Gäste auf dem großen Anwesen feierten in der späten Nachmittagsonne und drängten sich in den Festzelten um die üppigen Büfetts mit den erlesensten Delikatessen und Spezialitäten aus der ganzen Welt. ja sogar im Freien konnte man auf den Projektionswänden das Geschehen in aller Welt verfolgen.

Rom Die Gruppe in der Gruft hörte. die wie aus einem Mund ›Dieci!‹ riefen. wie hinter ihr die Gäste fröhlich wiederholten: ›Zehn!‹ Für sie war es die dritte Jahrtausendwende seit dem Mittag. Der Butler hatte Erika ausrichten lassen. wenn im fernen Europa. Was würde geschehen. sagte Michael. wenn auf dem Petersdom in Rom die Kirchenglocken zu läuten begannen? 645 . wie die Menge oben auf dem Platz im donnernden Chor begann. aber die Spannung stieg. Während sich die Fahrstuhltüren schlossen. Sie verließ eilig das große weiße Zelt. »Aber wir werden den Sarkophag öffnen. hörte Erika.Der Vatikan.« Er blickte mit gerunzelter Stirn auf die vier Gardisten. New Mexico Auf den Projektionswänden sahen und hörten die Gäste den Chor der vor dem Petersdom versammelten Gläubigen. Santa Fe. ihr Mann sei in seinem Museum. ›Dieci!‹ »Vergeben Sie mir. Eminenz«. die Minuten bis Mitternacht zu zählen. Es lag etwas Besonderes in der Luft.

den Deckel von seinem Platz zu schieben. Santa Fe. Sie blickte in das kaum erkennbare Auge der Überwachungskamera und rief leise: »Miles? Bist du hier?« Der Vatikan. 646 . Zwei Gardisten legten die Hellebarden ab und näherten sich dem Sarkophag. Rom ›Nove!‹ Kardinal Lefevre machte eine Handbewegung. New Mexico ›Neun!‹ Erika stand etwas außer Atem vor dem Museum im Untergeschoß. Rom ›Otto!‹ Michael und Vater Sebastian traten seitlich an den Sarkophag und begannen mit Hilfe der beiden Gardisten.Der Vatikan. Kardinal Lefevre und Ehrwürden Callahan sprachen leise ein Gebet für die Tote.

dessen Schätze sanft von der indirekten Beleuchtung angestrahlt wurden. New Mexico ›Acht!‹ Erika hatte den Code eingegeben. wenn ich es sage. »alle zusammen. »Miles?« 647 . Aber die Zeit drängte. »Miles. New Mexico ›Sieben!‹ Erika eilte beunruhigt durch das Museum. obwohl er ihr als einzigem Menschen einen besonderen ›Schlüssel‹ anvertraut hatte.Santa Fe. bis er sie auf dem Überwachungsbildschirm sah. Liebling?« Der Vatikan. blickte sie fragend in den langen großen Raum. sagte Michael.« Santa Fe. Normalerweise überließ sie das immer Miles. Sie konnte nicht warten. Sie konnte die täglich wechselnde Zahlenkombination mit ihrem Namen aufrufen. Als die Tür geräuschlos zur Seite glitt. Rom ›Sette!‹ »Okay«.

Mit angehaltenem Atem wartete sie darauf. daß sich der Deckel bewegte. Der Vatikan. Rom ›Cinque!‹ Catherine blickte auf Michaels breiten Rücken. Ihre Unruhe trieb sie vorwärts. Es war neu. die ihr Mann im Laufe der Jahre zusammengetragen hatte. Sie hatte es nie zuvor gesehen. Santa Fe. dessen Muskeln sich vor Anstrengung spannten. der vor fast zweitausend Jahren geschlossen und versiegelt worden war. 648 . New Mexico ›Sechs!‹ Erika beachtete die Schätze nicht. Rom ›Sei!‹ Der Deckel des Sarkophags rührte sich nicht von der Stelle. An der Rückwand stand ein Kabinett.Der Vatikan. Aber dann blieb sie verblüfft stehen. während er gegen den Deckel des Sarkophags drückte. Sie kannte die Sammlung.

ihre Unruhe wurde sie nicht los. New Mexico ›Fünf!‹ Erika trat neugierig näher. »Noch einmal. Trotzdem. aber diesmal mit ganzer Kraft!« 649 .Santa Fe. sagte Michael stöhnend und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Erika lächelte unsicher. Der Vatikan. Rom ›Quattro!‹ »Also«. Bestimmt befand sich in dem Kabinett ein Neuzugang. Sie überlegte. Warum hat er mir nichts davon gesagt? Soll es eine Überraschung für mich sein? War er deshalb in diesem Augenblick hier unten im Museum und nicht bei den Gästen? Miles war ein hervorragender Stratege. was für Miles wertvoll genug war. Vermutlich hatte er sie auf diese Weise geschickt hierher gelockt. um es seiner Sammlung hinzuzufügen.

Santa Fe. und ein Warnton setzte ein. Miles ließ den Hörer sinken und beendete abrupt das Gespräch. New Mexico ›Drei!‹ Der Überwachungsbildschirm blinkte. Sie ergriff den kleinen Elfenbeinknopf und begann. Er sah Erika mit dem Rücken zur Videokamera in seinem Museum. Der Vatikan. 650 . New Mexico ›Vier!‹ Erika sah sich suchend um. Beobachtete er sie? Sollte sie den Schrank öffnen? Wartete er darauf? Dieser Mann! Er denkt sich immer wieder etwas Neues aus… Erika wollte keine Spielverderberin sein. Rom ›Tre!‹ Der Deckel glitt mit einem lauten Knirschen endlich einen Fingerbreit zur Seite. Miles war nicht zu sehen. Das Kabinett war nicht verschlossen. die Tür zu öffnen. Sie stand vor dem neuen Kabinett. Er sprang auf und rannte los. Zögernd streckte sie die Hand aus. Santa Fe.

Aber es war zu spät. der breit genug war. Santa Fe. New Mexico ›Zwei!‹ »Erika!« rief Miles außer Atem. Er blieb wie angewurzelt stehen. Rom ›Uno!‹ Catherine blickte in den Sarkophag der Amelia. ›Gutes Neues Jahr!‹ 651 . New Mexico ›Eins!‹ Erika stand erstarrt vor dem Sonnenwend-Kachina. Rom ›Due!‹ Der Deckel des Sarkophags glitt etwas weiter zur Seite. um mit der Taschenlampe in das Innere zu leuchten. Dann sank sie lautlos zu Boden.Der Vatikan. bis schließlich ein Spalt entstand. dann noch etwas. ›Buon Anno!‹ Santa Fe. »Nein…« Der Vatikan.

« »Wir haben das Jahrtausend noch nicht hinter uns«.« Sie mochte diesen Mann nicht. »In der Tat.Der Vatikan. Alles blieb still. Rom Über ihnen dröhnte die Erde. Doktor Alexander«. und die Erde tat sich nicht auf. die Decke. erst dann ist auch das alte Jahrtausend wirklich zu Ende.« Er trat an den Sarkophag und blickte hinein. erwiderte Catherine und fügte gegen ihren Willen hinzu: »Eminenz. Dann hörten sie den Jubel und die Freudenrufe aus den Kehlen der mehr als Hunderttausend. Der Himmel öffnete sich nicht. als die Welt den Atem anhielt. die ganze Basilika einstürzen werde. um alle zu verschlingen. Keine Posaunen. Kardinal Lefevre seufzte erleichtert auf. daß die Mauern des Mausoleums. Er war bestimmt nicht zu unterschätzen. 652 . keine Engel und kein Erdbeben. »Dann müssen wir also noch einmal dreihundertfünfundsechzig Tage warten. bevor wir wissen. Nur ein kurzer Augenblick des Schweigens entstand. Dann plötzlich – das dumpfe weithin hallende Geschrei und Getöse verstummte. sagte er und nickte. Sie lauschten angstvoll und rechneten fast damit. ob das prophezeite neue Zeitalter angebrochen ist. Die neun Menschen in der Gruft hoben erschrocken die Köpfe. »Erst wenn das Jahr zweitausend vorbei ist. Nichts geschah.« Herausfordernd fügte sie hinzu: »Habe ich recht?« Er sah sie mit einem rätselhaften Lächeln an. »Offenbar werden wir bei dieser Jahrtausendwende doch nicht zu Zeugen der Apokalypse.

Er wirkte unbenutzt. bevor jemand wußte. »Die ganze Mühe war vergebens. was geschah. schob Zeke das Handy in die Tasche. Er würde saubere Arbeit leisten. überlasse ich Ihnen.« Catherine sah sich in dem hell erleuchteten Grab um. daß es so endete. die Ecken und selbst die Fresken – nirgends konnte eine Schriftrolle versteckt sein. Er hatte nicht gewollt. Wie Sie die Frau hinterher aus dem Weg räumen. Vielleicht hat man es schon damals geöffnet. Nun gut. ob in dem Seufzen Erleichterung oder Enttäuschung lag.« Das waren die letzten Worte von Havers gewesen. daß ausgerechnet er bei diesem mehr als zweifelhaften Geschäft leer ausgehen sollte. Sonst bekommen Sie keinen Penny. »Nehmen Sie die Schriftrolle an sich.« Er seufzte. Alles würde vorüber sein. er brauchte keine weiteren Anweisungen mehr. als Konstantin befahl. Langsam löste Zeke das Kleinkalibergewehr und nahm es aus dem Halfter.In seinem Versteck. Die Verbindung war plötzlich unterbrochen. kein Skelett. »Ora pro nobis!« flüsterte Kardinal Lefevre und bekreuzigte sich. »… das Grab ist vor langer Zeit ausgeräumt worden. das in tiefer Dunkelheit lag. »Ich vermute…«. denn es lag nichts in Amelia Valerias Sarkophag – keine Schriftrolle. die Nekropole zuzuschütten. Er entsicherte und verließ lautlos das Grabmal der Julia Mater. Sie warf noch einmal einen Blick in den Sarkophag. den Catherine nicht deuten konnte – war er enttäuscht oder triumphierte er insgeheim? -. sagte der Kardinal in einem Ton. Aber wo war Amelia? 653 . nicht einmal Asche. Darin war niemals ein Mensch begraben worden. Sie betrachtete aufmerksam die Nischen. Es gab keinen Grund dafür. und Catherine wußte wieder nicht.

Sie hatte ihm eine Niederlage nach der anderen zugefügt. ein Zug der Trauernden. Er wollte es ihr heimzahlen. Eminenz. Es kam ihr vor. ohne ihm die Entscheidung zu überlassen.« »Jawohl. sich den Forderungen von Havers zu beugen. Und alles andere einfach vergessen? 654 . sonst wäre er für seine Arbeit nicht bezahlt worden. daß es ihm nicht gefiel. Sie drückte seine Hand.« Sie verließen das Grab und gingen durch die Straßen der Toten. Vater Garibaldi. Wir sprechen uns in den nächsten Tagen. Zeke war wie immer gezwungen gewesen.Kardinal Lefevre wandte sich an Michael. Er würde sich nach dieser Demütigung und der schlechten Behandlung jedoch endgültig von Miles Havers verabschieden. Zeke war der einzige. wohin er sich wieder zurückgezogen hatte. Havers hatte bereits durchblicken lassen. wie er. weiter vorgehen sollte. »Ein gutes Neues Jahr«. wie Zeke die Alexander auf eigene Faust verfolgt hatte. Zeke konnte nach Hause gehen und sein Geld abholen. der mit der Wendung der Dinge zufrieden war. Nun war sein Vertrag erfüllt. ohne ihm Bericht zu erstatten. Es gab keine Schriftrolle. Michael griff verstohlen nach Catherines Hand. Als sie an Zekes Versteck im Grabmal der Julia Mater vorübergingen. Zeke. Aber nichts war gut. »Ich muß jetzt zu Seiner Heiligkeit. sahen sie weder ihn noch sein Lächeln. daß für Catherine Alexander alles so schnell vorbeisein sollte. als sei der Petersdom schließlich doch noch über ihnen zusammengestürzt. Ihre Schatten bewegten sich an den Wänden wie eine Begräbnisprozession aus alter Zeit. Er sah sie entschuldigend und voll tiefem Bedauern an. Er hatte nicht gewollt. Das würde sie büßen. wollte sie zu ihm sagen.

Er würde töten. das gab es bei ihm nicht! Er würde sich rächen.Nein. aber auf seine Art. 655 . die er bestimmte. das zu tun. wozu andere sich zu fein waren. Dann mußte er nicht mit einem Handy am Ohr auf den Befehl warten. aber an einem Ort und zu einer Zeit.

DAS NEUE JAHRTAUSEND 656 .

Andere Nachrichten beherrschten die Schlagzeilen. lange schlafen und dann Anfang Dezember 1999 aufwachen und feststellen. doch diesmal hatte sie zum ersten Mal bei ihrer Rückkehr das Gefühl. Sie vermutete. Januar 2000 Santa Monica. Kalifornien Catherine hatte ein seltsames Gefühl. daß sie schlecht geträumt hatte. nachdem die Jahrtausendwende schon ein alter Hut war und der Vatikan 657 . Sie wußte nicht. Sobald sie wieder einen klaren Kopf hatte. Sie war in den vergangenen Jahren oft von hier abgereist und manchmal erst nach Monaten wiedergekommen. Sie wollte nur schlafen. eine fremde Wohnung zu betreten. Beim Abschied auf dem Flughafen in Rom hatte sie die Hilflosigkeit in seinen Augen gesehen. was grausamer gewesen war: die siebte Rolle nicht gefunden zu haben oder die Trennung von Michael. doch die Atmosphäre war so steril. Nur der Stapel Zeitungen und die Post auf dem Eßtisch erwarteten sie. daß sie Havers nicht mehr fürchten mußte. Catherine hatte weder für Zeitungen und Post noch für die Anrufe das geringste Interesse. »Was wirst du jetzt tun?« hatte er gefragt. 1. als lebe hier niemand. Der Anrufbeantworter hatte 99 Anrufe registriert. Der wöchentliche Reinigungsdienst hatte die Wohnung saubergehalten. wollte sie nach Santa Barbara fahren und zur Polizei gehen. Catherine war als ›Schwester Elisabeth aus dem Kloster Greensville‹ in die Vereinigten Staaten zurückgekehrt.Samstag. weiter ging das Zählwerk nicht.

Sabinas unvollständige Geschichte zu veröffentlichen. »Nach dem. es seien keine christlichen Dokumente und deshalb ohne Wert für die Kirche. Eine Möglichkeit wäre. was mit den Texten geschehen sollte. hatte er geantwortet. bis sie nur noch eine leere Hülle war. Catherine hatte das abgelehnt. als sei in den vergangenen drei Wochen Tag für Tag etwas von ihr aufgezehrt worden. daß Sabinas Geschichte nichts anderes erzählte als das abenteuerliche Leben einer Frau. Sie versicherte ihm jedoch. Im Augenblick wußte sie jedoch nicht. Catherine fühlte sich innerlich leer. 658 . Nach den großen Hoffnungen hatte sich herausgestellt. er sei an den Schriftrollen nicht interessiert. um seinen Glauben zu erforschen und über seine Berufung nachzudenken. Oder sollte sie die Schriftrollen einfach behalten und für den Rest ihres Lebens nach der siebten suchen? Wäre es klüger. Nach dieser Klarstellung zog er sich aus der ganzen Sache zurück. was geschehen ist… ich weiß es nicht«. Die sechs Schriftrollen aus dem Sinai hatte ihr bis jetzt niemand nehmen können. sie der ägyptischen Regierung zurückzugeben? Dann konnte es ihr vielleicht gelingen. ihren angeschlagenen Ruf zu retten… »Und was wirst du tun?« hatte Catherine nach dem letzten Aufruf ihres Flugs Michael gefragt.offiziell verkündet hatte. Das tiefgreifende Erlebnis im Dom von Aachen war nur noch eine blasse Erinnerung. Er war vorübergehend von allen Pflichten suspendiert und wurde nach Montreal in ein Zisterzienserkloster geschickt. sie ihm zu übergeben. Kardinal Lefevre hatte Catherine aufgefordert.

werde ich nie mehr in dein Leben treten«). wenn sie bei einer Ausgrabung war? Die Ausgrabung… »Ich habe mit der ägyptischen Regierung deine Rückkehr vereinbart«. schmerzte immer noch.« 659 . Sie hatte sich sogar selbst die Schuld gegeben. Die Wunde. trug keinen Absender. Sie mußte ihm fairerweise gestehen. Neugierig öffnete sie es und hielt ein dünnes. sieh dir die Rechnungen an. Aber hier in Santa Monica stellte sich das Gefühl. betrachte dir den Jahresbericht der Hausverwaltung. Sie stellte das Gepäck ab und warf einen Blick auf den Stapel Post. aber sie sah amerikanische Briefmarken. woher es stammte oder weshalb man es ihr geschickt hatte. daß es wirklich keine siebte Schriftrolle gab.Ich sollte Julius anrufen und ihm sagen. die er ihr mit seinen letzten Worten im Kloster zugefügt hatte (»Wenn ich jetzt aus diesem Zimmer gehe. Peter. Catherine schüttelte unwillig den Kopf. italienisches Buch in der Hand. Lies die Weihnachtskarten. hatte Julius gesagt. Bleib gefühllos. Ihr Blick fiel auf den Titel: »Sacre Grotte Y Scavi Sotto San Pietro – Die heiligen Grotten und die Ausgrabungen unter St. allein gelassen worden zu sein. Warum schickten ihr die Leute eigentlich Weihnachtskarten. Nur nicht daran denken. daß ich wieder zu Hause bin.« Es war 1953 im Verlag des Vatikan erschienen: »Libreria Editrice Vaticana. Es war in braunes Packpapier gewickelt. beschäftige dich mit dem Alltäglichen… Ganz oben auf dem Stapel entdeckte sie ein kleines Päckchen. Im Aachener Dom hatte sie ihm alles verziehen. Aber sie konnte noch nicht mit ihm sprechen. Weder ein Brief noch eine Karte oder eine Widmung verrieten. mit aller Bitterkeit wieder ein.

Die SchwarzweißAbbildungen weckten schmerzliche Erinnerungen. an dem sie aus dem Kloster geflohen war. obwohl die Ausgrabungen in der Nekropole beim Entstehen der Aufnahmen noch nicht so weit fortgeschritten gewesen waren wie am Ende des Jahrtausends. Genau an dem Tag. Wo hatte sie diesen Namen schon einmal gehört? »Jetzt bin ich Mutter Elisabeth. Das Päckchen war vor einer Woche abgeschickt worden. Gegen Ende befand sich eine Gruppenaufnahme der Archäologen. Warum hatte man ihr das Buch geschickt? Von wem kam es? Ihr Blick fiel wieder auf das Packpapier. Auch sie sagten ihr nichts. hörte sie eine Stimme. Solange! Sie rief die Auskunft an. Bis auf… ›Gertrude Majors. St. ›Vermont‹ konnte sie mit Mühe entziffern und dann das Datum. »Mein Gott«. Er war auf den Briefmarken kaum erkennbar. Dann sah sie den Poststempel. Sie blickte auf das Gesicht der sechsundvierzig Jahre jüngeren Äbtissin. Sie schlug das Buch wieder auf. flüsterte Catherine. um die sieben Personen besser sehen zu können. Wie war noch der Name des Klosters in der Nähe von Montreal? St…. aber bevor ich in den Orden eintrat… 1966 war ich…«. Catherine überlegte. Catherine griff zum Telefon. Dann las sie die Namen. blätterte es noch einmal durch und betrachtete aufmerksam die Abbildungen: Christus als Apollo. Catherine trat ans Fenster. die damals als Archäologin an den Ausgrabungen unter dem Petersdom teilgenommen hatte.Catherine blätterte verwundert darin. und ihre Gedanken überschlugen sich. und drei Minuten später wählte 660 .‹ Catherine runzelte die Stirn. die Orante der Amelia Valeria. Kein einziges Gesicht kam ihr bekannt vor.

sagte sie aufgeregt. »Ich würde gern Vater Michael Garibaldi sprechen. »es gibt die siebte Schriftrolle doch! Und diesmal weiß ich ganz sicher.sie die Nummer in Kanada. bis er an den Apparat kam. wo sie sich befindet!« 661 .« Es dauerte eine Ewigkeit. Es ist dringend. »Michael«.

Zeke nahm ab. Während er Zekes Nummer wählte. Bei dem Gedanken an den Ausdruck auf ihrem Gesicht an Silvester. Er ließ ihr Telefon immer noch abhören und ihre Wohnung immer noch überwachen. und Havers sagte nur ein Wort: »Vermont. daß er bei ihrem Kauf nicht gewußt habe. daß es sich um ein so bedeutsames Heiligtum handelte. Das hätte sie wissen müssen.« Er hatte gewußt. Erikas Gesichtsausdruck. für den Rest seines Lebens alles zu versuchen. ihre Seelenqual… Miles beschloß. daß er die Kachina sofort an die Sippe von Kojote zurückgab und alle davon überzeugte. als sie nach mitteleuropäischer Zeit genau um Mitternacht das Kabinett geöffnet hatte und dann ohnmächtig geworden war. wo Erika scheinbar sorglos wie immer spielte. lief es ihm immer noch eiskalt über den Rücken. Er hatte die Situation – und seine Ehe – nur noch dadurch retten können. der verwundete Blick ihrer großen Augen. daß diese Alexander früher oder später einen Fehler begehen würde. New Mexico Miles legte den Hörer auf und sagte leise zu sich selbst: »Der Sieg gehört dem Geduldigen.Santa Fe. blickte Miles hinunter auf den Tennisplatz. das wiedergutzumachen.« 662 .

sagte die Äbtissin. Die Äbtissin hatte sie ohne die geringste Überraschung begrüßt. als wache 663 . die Schriftrollen aus Ägypten zu schmuggeln und in Sicherheit zu bringen. Als ich die Schriftrolle in einer Urne entdeckte. Vermont »Ja«. Die beiden hatten sich am Flughafen von Montpelier getroffen und waren mit einem Leihwagen zum Kloster gefahren. »Ich wußte. Ich hatte noch nie etwas gestohlen und erst recht nicht bei einer Ausgrabung. habe ich Ihnen nichts von der siebten Schriftrolle gesagt.« Catherine und Michael saßen im Büro der Äbtissin. Mich ließ der Gedanke nicht los. etwas aus den Scavi an mich zu nehmen. weil ich nicht sicher war. Die Strahlen der Januarsonne fielen durch die bleigefaßten Fensterscheiben. die ihm aufgetragen hatte. »ich war Archäologin und habe bei der Ausgrabung der Nekropole unter dem Petersdom mitgewirkt. sagte sie jetzt. Es schien fast. »nachdem Sie das Buch gesehen hatten.« Catherine erinnerte sich an ihren unwiderstehlichen Drang. Diese Art Plünderung habe ich immer mißbilligt. daß Sie zurückkommen würden«. das wird seltsam klingen. ob ich es tun sollte. wenn ich sie nicht an mich nahm. Doch ich geriet unter einen unerklärlichen Einfluß. die in einer Nische stand. Als Sie hier waren. daß die Rolle beschädigt oder von einem skrupellosen Sammler gestohlen werden würde. den Brunnen zu verschließen. Und dann dachte sie an Ihn Hassans ›schöne Frau in Weiß‹. konnte ich nicht anders. ich bin sicher.Kloster Greensville. Vater Garibaldi. Ich fühlte mich beinahe als ihre Hüterin. Aber ich hatte nicht die Absicht.« »Sollte?« »Vergeben Sie mir.

warum Amelia nicht in ihrem Sarkophag begraben wurde?« Die Äbtissin schloß die Augen. »Ehrwürdige Mutter«. Sie befand sich im Klosterarchiv. wer die Verfasserin ›meiner‹ Schriftrolle war. »wissen Sie. es handelt sich um die Asche einer Heidin.Sabinas Geist über die Schriftrollen. Vermutlich gab es damals bereits Christenverfolgungen.« Catherine und Michael wechselten einen erstaunten Blick. Ich habe zwanzig Jahre nach etwas gesucht. bekreuzigte sich und murmelte: »Gott möge mir verzeihen. erwiderte Catherine. das mich zu den anderen Rollen führen würde. »Ich habe die Asche wie Abfall weggeworfen. »Ich hatte keine Ahnung. wurde mir klar. daß es sich bei dem Text um insgesamt sieben Schriftrollen handelt. »glaubte ich. fuhr die Äbtissin fort. fragte Catherine. auf ein unbekanntes Evangelium gestoßen zu sein. Das bestärkte mich nur in meinem Entschluß herauszufinden. »wurden sie von der Obrigkeit dazu gezwungen. obwohl man einen christlichen Sarkophag hatte anfertigen lassen?« »Vielleicht«.« Michael fragte verwundert: »Die Angehörigen ließen Amelia verbrennen. Ich dachte. Ich wußte es damals nicht. antwortete die Äbtissin. »Die Urne enthielt nicht nur die Rolle. den ersten Teil zu finden. Das war eine Sünde. Als ich hierherkam und sie las. Sie sah ihre Besucher traurig an. und dabei stieß ich auf die Handschrift des Thomas von Monmouth.« »Als ich die Schriftrolle nach Hause gebracht und übersetzt hatte«. sondern auch Asche«. daß sie Fehler enthielt. Ich war wie besessen von dem Gedanken. Am Ende bin ich jedoch hier im Kloster geblieben.« Sie blickte aus dem Fenster und lächelte wehmütig.« 664 .

Ich habe der Asche dieser Frau.« »Ja«. Beinahe hätte ich Ihnen sogar von der siebten Rolle erzählt. daß ich Ihnen helfen mußte.« Sie sah Michael an. alle Religionen zu achten. Ich mußte beten. daß ich Sie durch mein Schweigen belogen habe. Aber als ich auf die Handschrift von Thomas stieß. zu mir kamen und sagten. aber irgend etwas hielt mich davon ab. Alexander hierherkamen. Voss gesprochen hatten. nicht die richtige Achtung entgegengebracht. Mir blieb nur die Möglichkeit. In jungen Jahren war ich sehr fromm und bildete mir viel auf meine Religion ein. Ich fand es völlig in Ordnung. um mit Dr.Sie wurde unruhig und stand auf. bestätigte die Äbtissin. was ich zu tun hatte. »Ist die siebte Rolle 665 . Später wurde ich Äbtissin des Klosters. »Denn sonst hätte das FBI alles beschlagnahmt. auf meine innere Stimme zu hören. die Überreste von Heiden respektlos zu behandeln. Deshalb fühlte ich mich doppelt schuldig. Als Buße trat ich in den Orden ein. einer Christin. daß ich irrtümlich die Asche einer Christin entfernt hatte. Vater. Ich mußte Gott bitten. war ich bereits älter und hatte gelernt. »Als die Beamten hier aufgetaucht sind. »Es tut mir leid. Also habe ich ihr das kleine Büchlein geschickt. nachdem Sie mit Dr. mich zu führen. Als Sie und Dr. »Mich quälte das schlechte Gewissen. Ich hatte keine Nachrichten gehört und wußte nicht. daß Sie im Besitz von Sabinas Geschichte waren. Alexander zu sprechen. wurde mir klar. »Als Sie in jener Nacht. sagte Michael nachdenklich.« Sie wandte sich an Catherine. war ich überrascht. gab es für mich keinen Zweifel daran.« »Ist sie hier?« fragte Catherine. Sie seien in Gefahr und müßten fliehen.« »Das war eigentlich gut so«. Mir war klargeworden.

schimpfte Raphael. Ganz unten auf der letzten Seite befanden sich die Unterschriften von Sabina und Perpetua. hatte Raphael gesagt.« »Das ist vielleicht eine Kälte«. »erzählt sie das Ende von Sabinas Geschichte?« Die Äbtissin lächelte. Die sechste Rolle hatte mitten in dem Satz geendet.« Zeke erwiderte nichts. Sie können sie lesen. doch ich war immer mit meiner Familie zusammen dort gewesen.und wieder rauskommen«. Jetzt war ich allein und lief um mein Leben.« »Ehrwürdige Mutter«. das sie nicht erwartet hatten.« Der Papyrus war noch eine Rolle mit Stäben an beiden Enden. schrecklichen Reich. Ich hatte zwar den größten Teil meines Lebens in den Wäldern verbracht. und plötzlich waren die Wälder nicht mehr freundlich.« Er lachte. die den alten Nonnen einen zweifelhaften Schutz gewährten. wenn dieser Auftrag endlich erledigt ist. die 666 . »Machen wir. Er konzentrierte sich auf die steinernen Türme vor ihnen und auf die hohen Mauern. schrecklichen Reich.hier?« »Ja. Catherine und Michael sahen erstaunt etwas.« … diesem dunklen. als sie durch den verschneiten Wald hinter dem Kloster stapften. Die Geister und Gespenster. Ich freue mich schon auf Borneo. »Ich hasse Schnee. »Ich fürchtete mich vor…«. wann immer Sie wollen. als sie in Greensville ankamen. Die Bilder des Gemetzels standen mir noch lebendig vor Augen. »Ich bin froh. »Ja. auf den heißen. dampfenden Dschungel. daß wir schnell rein. und die siebte Schriftrolle begann mit den Worten: »diesem dunklen. »Das müssen Sie selbst entscheiden. sagte Catherine.

Die herabhängenden Zweige zerkratzten mir die Arme und das Gesicht. Verfolgt von dieser schrecklichen Seelenqual rannte ich immer tiefer in den Wald. und er sagte: »Vertraue auf deinen Glauben. daß die Tränen auf meinen Wangen zu Eis erstarrten. denn es war ein Fremder. und ich wußte sofort. da fragte ich mich erstaunt. daß meine Familie tot war. der durch die Bäume auf mich zukam. Ich legte mich in den Schnee und betete. Schlimmer als das war jedoch meine Verzweiflung darüber. daß es sich um einen Holzfäller handelte. Ich erzählte ihm von meiner Verzweiflung. An seiner Kleidung und der Axt erkannte ich. wenn ich meiner Familie vom Weg des Gerechten erzählt hatte. Als ich dem Tod nahe war. Ich weinte so bitterlich um den Verlust ihrer Seelen. Aber ich fragte mich. sondern Sabina. Ich schlug die Augen auf und sah einen Mann. daß die wilden Tiere meine Leiche verschonen würden. doch ich empfand sie als gefährlich und hatte schreckliche Angst. Er hob mich aus dem Schnee empor. und ich kannte die Menschen in diesem Wald.« 667 . den ich vor so vielen Jahren am Salzmeer gesehen hatte. denn mein geliebter Sigmund und unsere Kinder waren gestorben. waren zwar die Götter. Ich dachte an die Abende am Feuer. Nach einer Weile spürte ich etwas in meiner Nähe. Grauen und Verzweiflung erfüllten mein Herz. wer er wohl sei. Und ich würde sie nie mehr wiedersehen. Schließlich konnte ich nicht mehr weiter. wo sein Haus stehen mochte. weil meine Familie für immer verloren war. richtete ich ein Gebet an den Gerechten.darin wohnten. ohne etwas vom ewigen Leben zu wissen. meine Augen füllten sich mit Licht. die das Volk meines Mannes verehrte. Als er mich beim Namen rief – nicht meinem germanischen. daß er der Gerechte war. ich sie aber nicht zum rechten Glauben bekehrt hatte.

glaubt nur. um der Welt diese Botschaft zu bringen. die mich auf meiner Reise durch das Leben begleitet hatten. ich sei tot. und die Sonne schien warm. alle Menschen. was man geglaubt hat. als er sagte: »Der Gerechte hat uns gelehrt: ›Fürchtet euch nicht. Perpetua sagt.Ich fragte: »Was soll ich glauben. daß mich ein Erkundungstrupp gefunden und in die Garnison gebracht hat. Ich wußte. was der Prediger auf dem Marktplatz in Antiochia vor vielen Jahren gemeint hatte. Ich sah Sigmund und die ganze Familie. und der weiße Schnee färbte sich nicht rot von ihrem Blut. Nun verstand ich. und in den Bechern schäumte der Met. Und wenn mein geliebter Erstgeborener. Man dachte. Die Feuer brannten. denn das. mein Pindar. Meine lieben Schwestern. Meister?« Und er sagte: »Das Haus meines Vaters hat viele Wohnungen. am Spieß briet das Wildbret. Aber mir wurde gestattet. noch einmal zurückzukommen. Sie waren in unserem Dorf. dann hat er die ewige Freude seines eigenen Glaubens gefunden. sie leben alle und jeder seinem Glauben gemäß: Satvinder in Schalimar. Die Erde war fruchtbar. sie waren dort für die Ewigkeit. nicht für immer tot waren. und ich hatte eine Vision. mein Vater mit seinen Brüdern bei Mithras. Philos in den elysischen Gefilden. Wie leicht und mit welcher Freude kommt mir 668 . Sie waren glücklich. ohne sich dem Weg anzuschließen. daß alle meine Freunde. wird einem widerfahrene« In diesem Augenblick wußte ich. nicht länger auf dieser Erde weilt. sondern leben. Ich glaube. Dann hat man meinen Puls gefühlt und gesehen. und meine Mutter in einer der vielen Wohnungen des Gerechten. daß ich atmete. denn an das freie Leben in den schützenden Wäldern hatten sie geglaubt.« Er legte mir die Hand auf die Augen. Sie waren nicht tot. daß ich möglicherweise tot war oder am Rand des Todes stand. Und jeder gehe seinen Weg.

dessen Zeitpunkt unser eigener wahrer Glaube bestimmt. sind. den sie kennen. Und er wird sagen. in einem persönlichen Augenblick. Der Gerechte hat uns vor langer Zeit gesagt. vielleicht auch einfach als ein Zeichen am Himmel. Wieder anderen mag er als einer der Ahnen erscheinen oder als Engel. so wird es für uns sein. weil er keine menschliche Gestalt annimmt. der Sprache der Gemeinde und des Weges. Es ist ein persönliches Erlebnis. daß mich der Gerechte vor dem Tod in den Wäldern gerettet hat. Wir werden nicht allein geboren. sondern ein persönliches. Wir waren im Dunkel. daß wir alle die Kinder Gottes. anderen erscheint er als ein Prophet oder als der Gott. seine Töchter und Söhne. Wir werden aus dem ewigen Leben geboren und kehren zum ewigen Leben zurück. in denen ich Sigmunds Sprache gesprochen habe. Das Ende der Welt kommt nicht in einem apokalyptischen Ereignis. solange wir vorbereitet sind und glauben. Er ist zu mir zurückgekehrt. um uns das Licht zu zeigen.nach all den Jahren. Und das Versprechen erfüllt er. Manche werden ihn vielleicht nicht erkennen. Der Gerechte kommt zu jedem von uns auf eine andere Art zurück. und der Gerechte ist gekommen. Wie immer wir uns dieses Reich vorstellen. und das Reich ist in uns. damit ich Dir die Botschaft verkünden kann: Wir sind alle Töchter und Söhne Gottes. Und er hat mir noch etwas gesagt. Der Weg ist das Licht. wie er zu uns allen zurückkehrt. er werde wiederkehren. sie ist kein universales Ereignis. und wir müssen nicht allein sterben – nicht. das Griechisch meiner Jugend über die Lippen! In dieser Sprache. 669 . liebe Amelia. sondern für jeden in einem anderen. damit wir es finden und daran glauben. Die Wiederkehr findet nicht an einem bestimmten Tag oder zu einer bestimmten Stunde statt. sage ich Dir.

die Nonnen waren in der Kapelle und würden sie nicht stören. was er gemeint hatte. die ganze Sache würde nicht schwieriger sein.« Zeke sah seinen Partner mit blassen. und dachte dabei an die Frage. wäre uns viel Arbeit erspart geblieben. daß die letzte Schriftrolle schon die ganze Zeit hier ist. Sie hörten Gesang. Mr. die sie Michael im Hotel Atlantis gestellt hatte: »Ist der Katholizismus der einzige wahre Glaube?« »Für mich ist er es«. daß nur eine einzige richtig ist und alle anderen falsch?« Und Michael hatte geantwortet: »Ich glaube. »Übrigens«. wenn der Job erledigt ist. Er und Zeke zweifelten nicht daran. Hätten wir das von Anfang an gewußt. Das bedeutete.Catherine entrollte behutsam den brüchigen Papyrus weiter. Und die Frau konnte sich nicht verteidigen. ausdruckslosen Augen an. »Alle diese Menschen. »Also. Die alten Nonnen würden beim ersten Anzeichen von Gefahr die Flucht ergreifen. Du sollst es bekommen. »Havers hat dir mein Geld gegeben?« »Du warst nicht da. was nun?« fragte Raphael. dachte Raphael. um ihn nicht zu beschädigen. als einen Ameisenhaufen zu zerstören. denen Sabina begegnet ist«. Er sah mit einem Blick. als der Geldbote kam. daß jeder Dummkopf es mit einem Stück Draht öffnen konnte. Sie betrachteten prüfend die Mauer und das Tor.« Als Catherine jetzt begann. hatte er geantwortet. hatte sie gefragt. daß wir von hier auf dem schnellsten Weg nach 670 . Wirklich komisch. die letzte Seite zu lesen. »Havers hat mir dein Geld gegeben. »alle die unterschiedlichen Glaubensvorstellungen… Ist es möglich. Havers möchte. die Antwort darauf können Sie nur in sich selbst finden. sagte er und beugte sich über das alte Schloß im Tor. verstand sie.

Du wirst bald vor deinem Richter stehen.« Zeke zog das Stilett aus der Scheide am Bein. murmelte Raphael. Du hast ihn zum Beispiel über die Alexander nicht auf dem laufenden gehalten. Also Junge. Er wollte nur. daß sein Partner noch lebte. während ich das Schloß aufmache. Raphael zog einen großen Umschlag aus der Innentasche seines dicken Mantels. Zeke beugte sich vor und drehte die Spitze der Klinge im Schlo