Barbara Wood

Die Prophetin

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Ein Erdrutsch in den Hügeln von Los Angeles legt eine Höhle frei – mit uralten Wandmalereien mystischer Sonnenmotive. Die junge Archäologin Erica Tyler entdeckt dort die Mumie einer Indianerin und setzt alles daran, ihr Geheimnis zu entschlüsseln. Aber sie muß um diese Ausgrabung kämpfen: gegen die Grundstückseigentümer der Gegend, gegen New Age-Fanatiker und Kunsträuber und gegen ihren alten Widersacher Jared Black, der die Rechte der Indianer Südkaliforniens vertritt und verlangt, daß die Schätze der Höhle ihren Nachkommen übergeben werden. Erica findet uralten Indianerschmuck, alte spanische Münzen, ein Blechkruzifix – was verbirgt sich dahinter? Und warum spürt Erica hier die Präsenz einer langen Ahnenreihe von Frauen – sie, die doch selbst ohne Eltern aufgewachsen und von Heim zu Heim weitergereicht worden ist? Langsam enthüllt sich die Vergangenheit…
ISBN: 3-8105-2322-4 Original: The Prophetess Verlag: Wolfgang Krüger Verlag Erscheinungsjahr: 1995

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Buch Golf von Akkaba, 1999: Die junge Archäologin Catherine Alexander entdeckt Schriftrollen aus der Zeit des frühen Christentums. Naher Osten, ca. 50 n. Chr.: Sabina diktiert ihre Lebensgeschichte. Sie trägt die Lehren des »Gerechten« zu den entferntesten Provinzen des Imperiums, ist Zeugin der ersten Gründungen von Glaubensgemeinschaften der Urchristen – und erzählt von einer ausgeprägt weiblichen Führung der frühen Kirche. Kalifornien, 1999: Catherine hat die Schriftrollen nach Amerika gebracht, um sie zu übersetzen – ständig auf der Flucht vor Verfolgern, die auch vor einem Mord nicht zurückschrecken, um die Rollen in ihren Besitz zu bringen. Vatikan, 1999: Die »Kongregation für Glaubensdoktrin« – früher »Inquisition« genannt – hat von den Schriftrollen und ihrer Brisanz für die Kirche erfahren. Sie läßt Catherine observieren. Santa Fe, 1999: Computermilliardär Miles Havers sammelt rare Kultobjekte. Der Wunsch, sie zu besitzen, steigt mit dem Grad ihrer »Heiligkeit«. Um die Schriftrollen für seine Sammlung zu bekommen, hat er zwei Killer auf Catherine angesetzt. Vermont, 1999: Catherine hat mit ihrem neuen Beschützer, dem Priester Michael Garibaldi, die Schriftrollen übersetzt. Doch ihr fehlt die letzte, die entscheidende Rolle, in der Sabina über den Schlüssel zum Ewigen Leben und die Wiederkunft Christi berichtet. Und sie muß mit einer großen menschlichen Enttäuschung zurechtkommen. Pater Garibaldi verdient das Vertrauen und die zärtlichen Gefühle, die sie ihm entgegenbringt, nicht. Petersplatz, 1999: Auf der ganzen Welt steigt das

»Jahrtausendfieber«. Die Presse hat Auszüge aus den Schriftrollen erhalten und publiziert. Alle stürzen sich auf die Aussagen des »Gerechten« und seine Prophezeiungen vom Ewigen Leben und der Wiederkunft Christi. Catherine sucht weiter nach der fehlenden Rolle und trifft erneut auf Pater Garibaldi, der seiner Mission entsagt hat. Aus der anfänglichen Freundschaft wird Liebe… Und Catherine findet die letzte Schriftrolle.

Autor Barbara Wood wurde 1947 in England geboren. Ihr Vater ist polnischer Abstammung und mußte 1940 nach England emigrieren. Dort heiratete er eine Engländerin. Im Jahre 1954 wanderte die Familie in die USA aus. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, daß Barbara Wood sich noch immer stark dem europäischen Kulturkreis und seiner Erzähltradition verbunden fühlt. Ihre Romane fußen auf europäischer Kolonialgeschichte (Kenia, Ägypten, Australien) und der damit verbundenen, oft blutig verlaufenen Auseinandersetzung mit den ursprünglichen Bewohnern dieser Länder. Die Recherchearbeit für diese Romanthemen nimmt Barbara Wood stets mit ihrem Mann George »vor Ort« vor – sie bereist die Schauplätze, bevor sie zu schreiben beginnt. Ihr zweiter großer Themenkreis, der des Heilens und der Medizin, ergibt sich aus dem Beruf, den sie ausübte, bevor sie Schriftstellerin wurde: Sie arbeitete 10 Jahre als OP-Schwester in Kalifornien. Barbara Woods Gesamtwerk liegt im Wolfgang Krüger Verlag und im Fischer Taschenbuch Verlag in deutscher Sprache vor: 14 Romane, die in Deutschland zu Bestsellern wurden.

Für Carlos

»Die Nacht neigt sich dem Ende zu, der Tag ist nahe. Werft ab die Taten der Finsternis und legt an die Rüstung des Lichts.« Aus den Stundengebeten »Ein Kind wird mit dem Glauben geboren.« Kathryn Lindskoog Information kennt keine Grenzen. Universales Hacker-Credo

PROLOG

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In der Wüste Sinai
Der Magus riß der jungen Frau das purpurrote Gewand von den Schultern. Sie saß nackt und gefesselt im silbernen Mondlicht auf dem schweißbedeckten Pferd. Seinem Gefolge verschlug es den Atem. Die Männer bestaunten schweigend die Schönheit der Frau. Sie glich den Statuen auf dem Markt, denn sie schien ebenso weiß, kühl und vollkommen zu sein. Aber keine Statue hatte wie sie so lange schwarze Haare, die ihr über den Rücken und die entblößten Brüste fielen. Auch das leichte Zittern ließ keinen Zweifel daran aufkommen, daß diese Frau aus Fleisch und Blut war. Die Fesseln an Händen und Füßen nahmen ihr nichts von ihrer Würde. Einige der Männer wurden unruhig, senkten verlegen die Köpfe. Der Magus, Herr und Gebieter über die Seelen im Reich, ließ sich von dem Stolz und der Würde seiner Gefangenen nicht beeindrucken. Er hatte mit allen Mitteln versucht, sie zum Sprechen zu bringen. In der Stadt hatte er ihr gedroht, sie bis an ihr Lebensende einzusperren und hungern zu lassen. Er hatte alles versucht, nur ihre Schönheit hatte er nicht angetastet, denn damit hätte er den Kaiser erzürnt. Doch jetzt befanden sie sich nicht mehr in der Stadt. Er hatte die junge Frau hierher an diese einsame Stelle in der Wüste entführt, um ihr das Geheimnis doch noch zu entreißen. An diesem gespenstischen Ort waren nur Schlangen und Skorpione Zeugen seiner Tat, und der Wüstensand würde jeden Hinweis auf sein Verbrechen unter sich begraben. Die sechs Reiter waren lange und schnell geritten. Sie hatten die Stadt unbemerkt bei Sonnenuntergang verlassen und waren durch die vom
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Mond beschienene Einöde galoppiert, als seien Dämonen hinter ihnen her. Die Legionen des Kaisers waren weit entfernt, und niemand folgte ihnen. Erst als sie die Stelle an der verlassenen Küste erreichten, wo bizarre Felsen in den kalt funkelnden Sternenhimmel ragten, hielten sie an. Der Magus wußte: Hier hausten nur die Geister und Dämonen der Finsternis. Er hatte in den alten Schriftrollen von dem tiefen Brunnen gelesen, aus dem nach der Überlieferung das Volk Israel während der vierzigjährigen Wanderschaft einst Trinkwasser geschöpft hatte. Der Brunnen war längst versiegt. Nur ein dunkles, tiefes Loch war geblieben. Auf dem siebten Pferd saß die Gefangene. Die zierliche Stute hatte nach dem langen Ritt blutige Nüstern. Als die Männer den Weidenkorb losbanden und die gefesselte Frau aus dem Sattel hoben, wieherte das Pferd und brach tot zusammen. Die Männer befestigten den Korb an einem langen Seil, und einer von ihnen murmelte ein Gebet, während sie ihn langsam in die Tiefe ließen. Als der Korb mit einem dumpfen Geräusch den Boden des Brunnens erreichte, führten sie die Frau an den Brunnenrand, wo der Magus stand und sie mit seinen Blicken durchbohrte. »Ich frage dich noch einmal«, sagte er drohend und stieß mit dem Stab seiner Macht dreimal auf den Boden. »Wo ist die siebte Schriftrolle?« Die Gefangene gab wieder keine Antwort. Wie in den vergangenen Wochen blieb sie stumm, als habe sie seine Worte nicht gehört. Und diesmal glaubte er, in ihren grünen Augen ein herausforderndes Funkeln zu sehen. Der Magus zitterte wie die Gefangene, aber nicht vor Kälte, sondern vor kaum unterdrückter Wut. Er war der letzte in der langen Reihe der Magi und wußte sehr wohl, daß die Tage seiner Macht gezählt
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waren. Die Klarheit des Wissens um das Unsichtbare, das alles Leben hier auf Erden lenkt, entzog sich ihm immer mehr. Wie sollte er der zuverlässige Ratgeber des Volkes und des Kaisers sein, wenn er die Zauberkräfte seiner Vorfahren nicht mehr besaß, denen die Götter die Macht des Wissens um das Unsichtbare geschenkt hatten? In der siebten Schriftrolle, das hatte der Magus nach dem Lesen der anderen sechs erfahren, stand die Offenbarung des neuen Glaubens. Die siebte Schriftrolle würde ihm den Weg zu den Unsterblichen weisen. Dann wäre seine Macht nicht zu erschüttern, denn dann wäre er es, der das Schicksal lenkte. Wenn er mit Hilfe dieser Frau die siebte Rolle fand, dann konnte er Wunder wirken, Tote zum Leben erwecken und Kranke heilen. Er würde das Ende der Welt aufhalten und als der wahre Herrscher neben dem Kaiser gelten. Den Schlüssel zu allem, wonach er strebte, besaß diese junge Frau. Nur mit dem geheimen Wissen der siebten Schriftrolle würden sich die Worte der Verheißung an ihm erfüllen. Dann erhielte er das ewige Leben als Lohn für seine lange Suche. Die Gefangene kannte das Versteck, aber sie schwieg. Wenn er die Rolle nicht fand, würde er in Ungnade fallen, in Vergessenheit versinken, und alle seine Bemühungen und die seiner Vorgänger wären gescheitert. Er würde den Mächten der Finsternis verfallen, denen er sich geweiht hatte, um das Geheimnis der unsichtbaren Welten zu enträtseln. Der Magus hatte sich davon überzeugt, daß seine Gefangene schwach und hilflos war. Sie konnte die Macht, die die Worte des Lichts dem Eingeweihten verliehen, nicht nutzen. Im Grunde war ihr Martyrium sinnlos. Aber ihr beharrliches Schweigen war für ihn so endgültig wie der Tod. Er glaubte sich fast am Ziel seiner Wünsche und konnte doch an ihrer Entschlossenheit nichts
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ändern. Sie verachtete ihn, weil er mit den Menschen spielte, als seien sie nichts als Puppen. Sie mißtraute ihm, denn er war korrupt und intrigant. Er hatte keine Achtung vor dem Leben, tötete jeden, der ihm mißfiel. Der Magus war ein Sklave des Todes. Sie aber diente dem Licht. »So sei es!« Er hob die Hand und befahl den Männern mit einer knappen Geste, ihr frevelhaftes Werk zu tun. Sie packten die junge Frau mit brutalen, gefühllosen Händen. Aus ihren Blicken sprachen Lüsternheit und Gier, als sie ihr ein Seil über den Oberkörper streiften und unter Armen und Brüsten festzogen, um sie langsam in den Brunnen hinablassen zu können. »Du wirst nicht verletzt werden und schnell sterben!« rief der Magus mit kalter Stimme. »Du sollst lange in deinem dunklen Gefängnis am Leben bleiben. Du wirst bald jeden Stein, jede Spalte und alles Grauen der Dunkelheit kennen. Wenn die Sonne hoch am Himmel steht, wird die Luft zum Verdursten trocken sein, und in den kalten Nächten wird der Frost dich erstarren lassen. Deine Qualen werden mit jeder Stunde wachsen, bis sie über jedes erträgliche Maß hinausgehen. Deine Einsamkeit wird größer und erschreckender sein als der Tod. Du wirst schreien, aber niemand wird dich hören. Und am Ende wird dein Körper die Beute blutgieriger Wesen werden.« Er machte einen Schritt auf sie zu und hob den Stab seines Amtes, vor dem in früheren Zeiten das ganze Volk in Ehrfurcht zu Boden gesunken war, dem sich jetzt aber nur noch die wenigen Männer und Frauen seiner Gefolgschaft hier und in der Stadt beugten. »Ich frage dich zum letzten Mal«, flüsterte er, »wo ist die siebte Schriftrolle? Wenn du es mir sagst, schenke ich dir die Freiheit.« Sie gab keine Antwort.
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»Sag mir wenigstens das eine: Hast du die Rolle mit eigenen Augen gesehen?« Zum ersten Mal, seit er die Frau in seine Gewalt gebracht hatte, öffnete sie den Mund. Es klang fast wie ein Seufzen, als sie antwortete. »Ja…« Der Magus zuckte wie unter einem Peitschenhieb zusammen. Er glaubte an die Unsterblichkeit, an das ewige Leben, wie es Osiris geschenkt worden war. Der Leib des Gottes war in Stücke gerissen und über ganz Ägypten verteilt worden. Aber Isis hatte alle Teile gefunden, den zerstückelten Körper wieder zusammengefügt und ihm den Atem des Lebens eingehaucht. Auf diese Weise hatte sie den Geliebten wieder zum Leben erweckt. In ohnmächtigem Zorn ballte der Magus die Faust und hob sie zum Himmel. »Wenn ich das Geheimnis nicht kennen darf, dann soll es den Sterblichen auf der Erde bis in alle Ewigkeit verborgen bleiben!« Seine Männer hoben die Frau hoch und ließen sie Stück für Stück in den Brunnen hinab. Die rauhen Steine schürften die makellose zarte Haut, und Blut floß über ihren Rücken. Als ihre Schönheit in der Schwärze des Brunnenschachts verschwand, schlug der Magus mit dem goldenen Stab auf den kalten Stein und rief: »Bei der Macht, die dieser Stab mir verleiht, den mir mein Vater übergab, so wie ihm die Macht von seinem Vater anvertraut wurde und allen, die vor ihm kamen, bis zurück in die Zeit, als die Unsterblichen noch auf der Erde wandelten, verfluche ich diese Frau und die sechs Schriftrollen des neuen Glaubens, die ich hier mit ihr begraben lasse, damit das Geheimnis des Lebens auf immer den Menschen verborgen bleibe. Kein Sterblicher soll sie lesen und das Rätsel der Unsterblichen lösen. Wer diesen Brunnen findet, sei verflucht!« Ein Reiter erschien unter den zerklüfteten Klippen. Er
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zügelte sein Pferd weit genug vom Lager der Männer entfernt, daß niemand ihn hörte. Dann saß er ab, schlich sich unbemerkt näher und schnitt mit dem Dolch den Schlafenden so schnell die Kehlen durch, daß keinem der fünf Männer Zeit blieb, einen letzten Schrei auszustoßen. Als dies gelungen war, drang er in das Zelt des Magus ein, denn er hoffte, dort seine Geliebte zu finden. Aber sie war nicht da. Er fesselte den Magus und hielt ihm den Dolch an die Kehle. Der Alte wehrte sich nicht. Er sah den jungen Mann nur wissend und in sein Schicksal ergeben an. »Du wirst sie nicht finden, und du kannst sie nicht retten.« Aus Zorn und in ohnmächtiger Verzweiflung stieß der junge Mann dem Magus den Dolch ins Herz. Das rote Blut tränkte das seidene Kissen. Er verließ das Lager und machte sich auf die Suche nach seiner Geliebten. Er ritt am felsigen Ufer entlang und folgte den ausgetrockneten Wasserläufen. Er hob den Kopf und blickte hinauf zu den Sternen, als suche er sie auch dort. Dann hörte er plötzlich einen erstickten Laut in der stillen Nacht. Er irrte durch die Dunkelheit. Schließlich fand er das tote Pferd und in der Nähe das purpurrote Gewand. Und er entdeckte den Brunnen. Er lauschte. Er rief ihren Namen. Er hörte ein Stöhnen. Der junge Mann wendete seinen Hengst, galoppierte zum Lager zurück und holte ein Seil. Als er den Brunnen wieder erreicht hatte, schlang er ein Ende des Seils um einen Felsen und kletterte in die Tiefe. Sein Fuß stieß gegen etwas Weiches, und er wich seitlich aus, bis er den Boden spürte. Dann tastete er in der Dunkelheit nach seiner Geliebten. Er fand sie, und als er feststellte, daß sie nackt war, sank er neben ihr nieder und flüsterte: »Hab keine Angst, Liebste. Wir sind in Sicherheit.
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dir zu versprechen. Seine Hilfe kam zu spät. das ihr gehört hatte. gibt mir die Kraft.« Er wartete. Noch vor kurzem hatte sie gestöhnt. Gib mir deine Hand. flüsterte er. »Warum gibst du mir keine Antwort?« Er legte den Kopf auf ihre Brust. der sich von deinem unterscheidet. Mein Glaube. Er hatte seine Zeit damit vergeudet. das Seil baumelte außer Reichweite über ihm. daß dein Tod nicht umsonst gewesen ist. »Du sollst nicht vergebens gestorben sein. Ihr Herz schlug nicht mehr.« 14 . Er fiel auf den Boden. tiefen Brunnen und stieg hoch zum Himmel auf. Als er wieder in den Brunnen stieg. Der Magus ist tot. Ihr Körper war noch warm. denn ich kann dich nicht sehen. Sein Klageruf hallte dumpf in dem dunklen. Seine Tränen wärmten ihr die Haare. »Die Götter sind Zeugen meines Schwurs. aber jetzt war sie tot. die Männer und den Magus zu töten. hielt er einen Augenblick an. Kurz entschlossen durchtrennte er mit dem Dolch das Seil. während sie hier einsam und verlassen in dem Brunnen lag und starb. Wir werden wieder Zusammensein und uns ewig lieben. Er breitete das Gewand über die inzwischen erkaltete Leiche. Schluchzend kletterte er aus dem Brunnen und holte das reich bestickte purpurrote Gewand.Deine Peiniger sind tot. Geliebte«. aber alles blieb still. bevor er den Boden erreichte. Das gelobe ich dir. legte sich neben sie und nahm sie in die Arme.

DER ERSTE TAG 15 .

die an der östlichen Küste der Sinaihalbinsel 16 . flatterten erschrocken auf und flogen über das blaue Wasser des Golfs. Ich werde mit unserem Nachbarn ein ernstes Wort reden. Hier sollte ein Hotelkomplex entstehen. daß die Stützbalken halten.« Während Catherine über den Sand eilte. Sie fluchte leise. einer der vielen luxuriösen. 14. Die Baustelle befand sich ohnehin zu nahe an ihrer Grabungsstelle.Dienstag. daß bereits Planierraupen heranfuhren. Und als sie die Staubwolke sah. Vögel. zu: »Seht euch die Gräben an! Vergewissert euch. Beim Anblick der riesigen Baumaschinen lief ihr ein Schauer über den Rücken. sah sie. Dezember 1999 Scharm el Scheich. Catherine Alexander kam stolpernd aus ihrem Zelt. um das gesprengte Gestein abzuräumen. Golf von Akkaba Die Explosion erschütterte das Land im weiten Umkreis und zerriß die morgendliche Stille. Dr. die verschlafen aus den Zelten krochen. Zum Schutz vor den Strahlen der aufgehenden Sonne legte sie eine Hand über die Augen und blickte auf die etwa zweihundert Meter von ihrem Lager entfernte Baustelle. hätte sie vor Empörung beinahe laut aufgeschrien. sie rechtzeitig vor einer Sprengung zu informieren. Sie zog schnell die Stiefel an und rief den Männern ihrer Mannschaft. und das Dynamit konnte die vorsichtig ausgehobenen Gräben mit einem Schlag vernichten. Staubwolken stiegen in die Luft. klimatisierten Tummelplätze für reiche Touristen. Warum das Dynamit? Man hatte ihr versprochen. Geröll prallte an die zerklüfteten Felsen. die in den Dattelpalmen saßen.

der man die Grabungserlaubnis nur mit Vorbehalten erteilt hatte. Sie drehte sich um und sah im gleißenden 17 . bis ihre Ausgrabungen abgeschlossen sein würden. Catherine wußte. man sehe sich gezwungen. meine Arbeit ohne solche verdammten Störungen durchzuführen… »Hungerford! Wo sind Sie?« Catherine näherte sich dem Container. So weit man sehen konnte. daß Catherine gelogen hatte. Das Ministerium in Kairo saß ihr im Nacken und zeigte ein auffällig großes Interesse an der Ausgrabung. nicht zu sprengen!« Die Gefährdung der Grabungen erschwerte ihr das Leben zusätzlich. das Projekt fallenzulassen und die Geldmittel zu streichen. Und im Augenblick hatte Catherine bereits mit genug Widrigkeiten zu kämpfen. Das hatte sie versucht den Bürokraten in Kairo zu erklären. »Sie hatten mir versprochen.gebaut wurden. daß ich den Brunnen bald finden werde! Man muß mir nur die Möglichkeit geben. Aber in Kairo hörte niemand auf eine Frau und erst recht nicht auf eine. Früher oder später würden sie hinter die eigentliche Absicht kommen und wissen. »Hungerford!« rief Catherine schon von weitem. als sie sich den Wohncontainern der Bauleitung näherte. wenn bei den Ausgrabungen nicht in Kürze positive Ergebnisse vorliegen würden. als sie sich vergeblich darum bemühte. an der Archäologen graben konnten. bald würde es hier keine Stelle mehr geben. einen Baustopp für das neue Hotel zu erwirken. Plötzlich hörte sie in ihrem Rücken Stimmengewirr. der als Planungsbüro diente. Ich weiß. Zu allem Überfluß hatte ihr die Stiftung in der letzten Woche mitgeteilt. Aber ich bin doch fast am Ziel. dachte Catherine. während sie von Container zu Container lief und an die Blechtüren klopfte. ragten an der sanft geschwungenen Küste Hotels und Hochhäuser wie weiße Monolithe in den blauen Himmel und verwandelten die karge Landschaft in ein zweites Miami.

sprang über Steine. Sie beobachtete verblüfft. Frau Doktor«. Sie kannte diese Art Aufregung. So war es auch bei den Grabungen in Israel und im Libanon gewesen. Die Männer verstummten und sahen gespannt zu. Wie immer lief ihm der Schweiß über das rote Gesicht. »Warum die Aufregung?« murmelte Hungerford kopfschüttelnd. Einer hielt etwas in der Hand. sondern Papyrus. wo das Dynamit gezündet worden war. Catherine hielt den Atem an. das wie das Stück einer alten vergilbten Zeitung aussah. wenn etwas wirklich Wertvolles und Einmaliges gefunden worden war. Leute?« Die Araber begannen alle auf einmal zu reden. daß Hungerfords arabische Arbeiter zu der Stelle rannten. Es war kein Papier. daß ihr die Arbeit unterbrechen könnt?« Der dicke Texaner nahm den leuchtend gelben Schutzhelm vom Kopf und fuhr sich mit der Hand durch die rötlichen Haare. Sie erreichte die Gruppe in dem Augenblick.Sonnenlicht. wich Felsbrocken aus und stolperte über Geröll. Plötzlich rannte auch sie los. »Guten Morgen. »Darf ich?« Catherine nahm dem Araber den Fund aus der Hand. was ist los. Offenbar hatte einer der Arbeiter etwas gefunden. als sich Hungerford einen Weg durch die Menge bahnte. »Was soll das? Wer hat euch gesagt. Sie zog eine Lupe aus der Tasche ihrer Khakibluse und 18 . als er Catherine sah. als sie das Papier aufmerksam betrachtete. wie die Männer aufgeregt gestikulierend in der sich langsam auflösenden Staubwolke auf einen Felsen zuströmten. begrüßte sie Hungerford. »Also.

und er murmelte sichtlich beeindruckt: »Das heißt tatsächlich Jesus?« »Ja. Dann fügte sie erklärend hinzu: »In den Felsenhöhlen hier lebte einst eine große Zahl Asketen und Propheten. Sie betrachtete den Fund nachdenklich. wovon jeder Archäologe träumt? Nein. und das hier ist. Frau Doktor?« »Nein. Die untere Hälfte des Papyrus fehlte. Hungerford verzog spöttisch die Lippen. murmelte sie ausweichend und schob sich eine Strähne des kastanienbraunen Haars aus der Stirn. »Sie werden doch nicht fluchen. Er lachte plötzlich laut. das steht hier.betrachtete das Fragment. es wäre einfach zu schön. Bin ich vielleicht auf das gestoßen. Die Sonne brannte bereits 19 .« Hungerfords Blick richtete sich auf die Wüstenlandschaft zu ihrer Linken. Ihr Herz schlug plötzlich schneller. und es klang spöttisch. als er fragte: »Ist das vielleicht ein ›JesusFragment‹?« Catherine kannte seine unverschämte Art. Sehen Sie? Hier steht auf griechisch ›Jesus‹.« Catherine deutete auf den Riß. Sie deutete auf das Wort ›Iesous‹. wie Sie sehen. »›Jesus‹…!« flüsterte sie plötzlich. Der Papyrus hatte eine honiggelbe Farbe und war mit schwarzen Schriftzeichen bedeckt. Das war in der Tat ein sehr altes Dokument. Sie sah sofort. um wahr zu sein… »Vermutlich stammt es von einem Einsiedler aus dem vierten Jahrhundert«.« Hungerford kniff die Augen zusammen. zu wunderbar. und am Ende des römischen Reiches war Griechisch unter den Gelehrten weit verbreitet. und gab ihm keine Antwort. sich über ihre Arbeit lustig zu machen. nur ein Fragment. daß es sich nicht um neugriechische Buchstaben handelte.

« Sie sah ihn nicht an. »Das hängt von seinem Alter ab. Es klang wie zischender Dampf. Leute!« Die Männer durchsuchten die nähere Umgebung. und der Papyrus ist an einigen Stellen bereits brüchig. Die beiden Amerikaner und die wartenden Araber glaubten. »Also gut!« Hungerford setzte den Schutzhelm wieder auf. Außerdem wäre es hilfreich. »Ist es etwas wert?« Catherine hob die Schultern. Vermutlich hatte sie der Wind aus einem Touristenhotel hergetragen. »Und davon. woher es kommt. Aber es war nur die Titelseite der International Times von vor zwei Tagen. Der ständige Wind am Golf schien plötzlich stärker zu werden.unbarmherzig auf die zerklüfteten hohen Felsen.« »Können Sie es lesen?« »Dazu muß ich in mein Zelt. wo sich bereits viele Menschen zu Tag. Die Buchstaben sind verblaßt. Das Geröll bestand in erster Linie aus Kalkstein und Schiefer. Fünf ägyptische Pfund für den Mann. Über ihren Köpfen kreiste ein Falke und stieß einen schrillen Schrei aus. ein merkwürdiges Pfeifen zu hören. Plötzlich fand einer der Arbeiter etwas unter einem Stein. was auf dem Papyrus steht. »Wir werden sehen. um es mir genauer anzusehen. wenn wir den Rest finden würden. der mehr von dieser Art Papyrus findet. Yallah. Alle stürzten sich darauf. Catherine sah die Schlagzeile: ›JAHRTAUSEND-FIEBER!‹ Darunter stand fett gedruckt: ›Das Ende? Weltuntergang in zwanzig Tagen!?‹ Ein Photo zeigte den Petersdom in Rom.« Sie deutete noch einmal auf den gezackten unteren Rand.und Nachtwachen versammelten 20 . Catherine lief ein Schauer über den Rücken. Hungerford räusperte sich und blickte wieder auf das Fragment.

und wieder lief ihr ein Schauer über den Rücken. Sie mußte das brüchige Papyrus vor weiteren Schäden bewahren und es so schnell wie möglich übersetzen. und wieder fiel ihr Blick auf das Wort: ›Jesus‹. daß es ebenfalls sehr alt war. brummte er. wie Hungerford leichtsinnig laut gesagt hatte. »Und nun?« Catherine wollte mit dem Fragment so schnell wie möglich zu ihrem Zelt. Wenn sich die Nachricht von einem ›JesusFragment‹. Hungerford und sie durften die Männer nicht mehr aus den Augen lassen. »Wir dürfen unter keinen Umständen etwas von dem Fund verlauten lassen. In weniger als drei Wochen würde das Jahr 1999 enden und das Jahr 2000 beginnen. wußte sie. Die Araber fanden zwischen den Steinen Stücke eines Hanfseils und Stoffreste.und darauf warteten. bevor die ägyptischen Behörden einschreiten konnten. daß die Glocken das neue Jahrtausend einläuteten. Dann wären alle Artefakte verschwunden. Als sich Catherine das brüchige Gewebe ansah. Sie wissen es! Catherines Nerven waren zum Zerreißen gespannt. sagte sie mit belegter Stimme. verbreitete. Die Augen der Araber waren auf sie gerichtet. Sie betrachtete noch einmal das Fragment. Was haben wir gefunden? »Wir müssen den Platz freiräumen«. Was wird dort stehen außer dem Namen Jesus? »Dr. »Verstehe…«. würde bald jeder Beduine im Umkreis von fünfzig Meilen am Ort der Sprengung erscheinen und sein Zelt aufschlagen. Catherine hatte auch das schon erlebt.« Hungerford sah sie erstaunt an und nickte dann langsam. Alexander!« 21 .

»Tut mir leid. Der schäbige Betonklotz stammte noch aus den fünfziger Jahren und war ein Treffpunkt für Ausländer. daß man nicht hin und wieder Zeit hat. bestand das ›Amüsieren‹ in dem Versuch. wir haben einen Monat Arbeit verloren!« Catherine warf einen wütenden Blick auf Hungerford. hatte er gefragt: ›Was macht eine so hübsche Frau wie Sie ganz allein in der Wüste?‹ Catherine hatte ihm höflich erklärt. sie zu einem Drink im nahe gelegenen Hotel Isis einzuladen. aber der Fortschritt läßt sich nicht aufhalten. Als er vor zwei Monaten mit seiner Mannschaft und dem gesamten Maschinenpark hier erschienen war. gerufen hatte. ihr Aufseher. Frau Doktor. Als er sie erreichte. aber sie ging Hungerford immer aus dem Weg. der verlegen lächelte. sie sei zum Arbeiten hier. und der dicke 22 . aber er antwortete: ›Wir sind alle hier. um zu arbeiten. Sie wissen ganz genau.« Catherine mochte Hungerford nicht.Sie drehte sich um und sah. Auch Catherine erholte sich nach der Tagesarbeit hin und wieder mit einigen ihrer Leute in der verräucherten Bar des Hotels. Hungerford hatte anzüglich gelacht und ungerührt erwidert: ›Ach. Die Vergangenheit darf der Zukunft nicht im Wege stehen.‹ Catherine erklärte. was ich meine! Eine so hübsche Frau wie Sie braucht einen Mann. meldete er in dem klaren Englisch.« »Das bedeutet. das er während des Studiums in London gelernt hatte: »Einige Wände sind beschädigt und sechs Gräben eingestürzt. die nicht so viel Geld hatten wie die Gäste der Luxushotels. die hier arbeiteten oder wohnten. Sein aufdringliches Lachen gefiel ihr nicht. daß sie mit ihrem Ausgrabungsstab und fünfzehn Arbeitern wohl kaum ›allein‹ sei. Das heißt doch nicht. Sie hatte ihn von Anfang an abstoßend gefunden. und Touristen aus dem Nahen Osten. daß Samir. sich zu amüsieren…‹ Wie sich herausstellte.

»Also«. Der Texaner ließ sich jedoch keine Gelegenheit entgehen. nach der Prophetin Mirjam. Hatte das überraschend aufgetauchte Dokument etwas mit ihrer Suche nach der Prophetin Mirjam zu tun? Als sie nachdenklich den Kopf hob. sondern nach seiner Schwester suchte. Er stellte ihr Fragen.Bauch über der riesigen Silberschnalle seines breiten Ledergürtels wurde auch nicht dadurch anziehender. sie in ein Gespräch über die Ausgrabung zu verwickeln. als die Israeliten vor mehr als dreitausend Jahren hier entlang 23 . Unwillkürlich betastete sie vorsichtig das bräunlichgelbe Blatt.‹ Sie konnte sich die Reaktionen gut vorstellen. brennenden Müllhalde – die Nase. ihm den wahren Grund für ihre Grabung anzuvertrauen. wenn man die Wahrheit erfahren würde. was alle wußten: ›Wir suchen nach Moses. Sie spürte die rauhe Oberfläche an der Fingerspitze und blickte ehrfurchtsvoll auf die mit großer Sorgfalt geschriebenen Buchstaben. als sei der Bauch etwas Besonderes. Sie atmete tief die zeitlose. das nur er zu bieten habe. traf der scharfe Wind ihr Gesicht. das hat etwas mit Ihrer Arbeit hier zu tun?« Catherine hatte zweifellos das brüchige Stück einer Schriftrolle aus dem Altertum gefunden. »Glauben Sie. sagte Hungerford jetzt grinsend und deutete mit einem vom Nikotin verfärbten Finger auf das Fragment. Aus Vorsicht hatte sie sogar den Behörden in Kairo nur gesagt. daß sie nämlich nicht nach Moses. daß er ihn ständig stolz mit beiden Händen umfaßte. salzige Luft des Golfs ein und rümpfte über die Gerüche des Fortschritts – Dieselabgase und der Rauch einer nicht allzuweit entfernten. Wonach mochte die Luft gerochen haben. wie: ›Sie suchen also nach den Tafeln mit den Zehn Geboten?‹ Catherine gab ihm jedesmal ausweichende Antworten und hütete sich davor.

in den drückend heißen Sommermonaten Leute zu finden. senkte sie schnell den Kopf und stellte fest. und Mirjam die Kühnheit besaß. erklärte sie mit Nachdruck und drehte sich um. 24 . die durch Hungerfords Sprengung in Mitleidenschaft gezogen worden waren. Auch das machte ihr Sorgen. und sein vulgäres Lachen hallte von den Felsen wider. sie sollen weitersuchen. Das neue Jahr würde kein gewöhnliches Jahr sein. die oberen Knöpfe der Bluse zuzuknöpfen. den alle mit größter Begeisterung tranken. In diesem Winter hatte Catherine eine gute Mannschaft. Da sie Hungerfords Blick noch immer auf sich gerichtet sah. »Ich muß mir das Fragment genauer ansehen«. Das lag zum Teil an dem kühlen Wetter. als sich Schleier und Umhänge der Israeliten im Wind blähten. Es war der Beginn eines neuen Jahrzehnts. in die Gegenwart zurückzukehren.« »Na klar!« trompetete Hungerford. die Gräben zu sichern. Leider würden die meisten Weihnachten nach Hause fahren. schwarzen Kaffee bereit. die bereit waren. bei einer Grabung mitzuarbeiten. eines neuen Jahrhunderts und sogar eines neuen Jahrtausends. daß sie in der Eile nach der überraschenden Sprengung vergessen hatte. dem Anführer der Juden. füllte der Koch Körbchen mit einheimischem Fladenbrot. Unter dem Sonnendach. Es war sehr viel schwieriger. die Stirn zu bieten und ihn zu fragen: ›Hat der Herr nur durch Moses gesprochen?‹ Catherine zwang sich. Als Catherine das Lager erreichte. und nur einige hatten ihre Rückkehr zugesagt. ihrem ›Eßzimmer‹. hatte ihr GrabungsTeam aus amerikanischen Studenten und Freiwilligen bereits damit begonnen. ihrem Bruder. »Sagen Sie Ihren Leuten.gezogen waren? Wie war das Leben unter diesem Himmel gewesen. zerteilte den Ziegenkäse und stellte die unterschiedlichen Becher für den starken.

um es genauer zu untersuchen. Bisher war sie stets wieder verschwunden. Ein Blick in den Spiegel zeigte ihr in der nüchternen Klarheit des hellen Morgens. Aber zuerst ging sie zum Waschbecken und kühlte sich das Gesicht ab. die sie im Nacken mit einer Spange zusammenhielt.Catherine fürchtete nicht zu Unrecht. ein Erbe ihrer Mutter. daß sie an einem Wendepunkt in ihrem Leben stand. ›Du wirst nicht jünger‹. Immerhin waren die langen kastanienbraunen Haare. noch nicht von grauen Fäden durchzogen. blieb die Falte deutlich sichtbar. Catherine lächelte. Genau das konnte sie sich aber nicht leisten. 25 . mein lieber Julius…‹ ›Sie brauchen einen Mann‹. daß sie gezwungen sein würde. fand auch Catherine schön. ›Du auch nicht. obwohl sie vermutlich sehr viel jünger als sechsunddreißig aussah. Trotz der anstrengenden Jahre unter der heißen Sonne bei Ausgrabungen in Israel und Ägypten war es ihr bis jetzt irgendwie gelungen. denn sie spürte mehr denn je. Aber jetzt stellte sie seufzend fest. hörte sie eine spöttische Stimme flüstern. daß sie müde und erschöpft aussah. Die Falte war entstanden. hatte Hungerford gesagt. Sie trat in das Zelt und legte das Fragment vorsichtig auf die Arbeitsplatte. Wie konnte Julius behaupten. sie sei schön? Catherine fand ihr Gesicht in keiner Weise außergewöhnlich. dem Schicksal aller Archäologen zu entgehen. die Ausgrabung vorübergehend abzubrechen. Doch obwohl Catherine das Gesicht jetzt bewußt entspannte. ständig unter Sonnenbrand zu leiden und ein Gesicht voller Falten und Krähenfüße zu haben. Die großen grünen Augen. daß ein neues Zeichen des Alters hinzugekommen war: eine senkrechte Falte zwischen den Augen. weil sie bei ihrer konzentrierten Arbeit immer unbewußt die Augenbrauen zusammenzog.

um das Morgenlicht hereinzulassen. Julius fehlte ihr… Catherine schaffte genügend Platz auf dem überfüllten Arbeitstisch. Du weißt. hatte schwarze Haare. In der Mittagspause lernten sie sich kennen. geheimnisvolle dunkle Augen. einen gepflegten Bart und. besonders bei Frauen. Dann öffnete sie eine Klappe am Zeltdach. als befinde er sich plötzlich in ihrem Zelt. Leider befand er sich neuntausend Meilen entfernt am anderen Ende der Welt. Dr. meine Religion anzunehmen. Die Sonnenstrahlen fielen auf ein Photo.‹ Catherine würde sich niemals zu seinem Glauben bekehren. Catherine hatte dort ein Thesenpapier vorgestellt mit dem Titel: ›Bestimmung der Herkunft von Ton bei Keramik der Bronzezeit mit Hilfe der optischen Emissionsspektroskopie. und die gegenseitige Anziehung war augenblicklich spürbar. daß ich von dir nicht verlange. selbst wenn er das verlangen sollte. Er hielt einen Vortrag über das auffällig häufige Vorkommen von Unterarmbrüchen bei ägyptischen Skeletten. Das ist nicht der Grund. Er sah wirklich gut aus. Cathy?‹ hörte sie ihn wieder fragen. Er vertrat die Auffassung. um einen Schlag abzuwehren. Sie hatte 26 .Catherine hatte einen Mann. als der Arm zur Selbstverteidigung gehoben wurde. Julius Voss war vor zwei Jahren auf einer Archäologen-Tagung in Oakland in ihr Leben getreten. ›Warum willst du mich nicht heiraten? Es kann doch nicht daran liegen. Es war wirklich so etwas wie Liebe auf den ersten Blick gewesen. ›Warum. daß diese Brüche entstanden waren. als unterhalte er sich gerade mit ihr. daß du keine Jüdin bist.‹ Julius war Mediziner und hatte sich auf Krankheiten im Altertum spezialisiert. wie sie fand. das sie mit Klebeband über dem Arbeitstisch befestigt hatte: Julius lächelte sie an.

sondern seine Frömmigkeit. daß sie Julius nicht heiraten konnte. Aber das war bedeutsam genug. in einem Sturm vom Kurs abgekommen 27 . Catherine liebte Julius. Chr. Nicht die Tatsache. bereitete ihr Unbehagen. dann erfaßte sie eine unbestimmte. Aber es gab andere Gründe dafür.ihm bereits gesagt. Aber jedesmal. und es handelte sich um die englische Übersetzung der Erinnerungen von Ihn Hassan. auch wenn sie ihn noch so sehr liebte. dessen Schiff im Jahr 976 n. dann konnte sie frei und ungezwungen mit ihm reden. einem Araber aus dem zehnten Jahrhundert. Der Katholizismus ihrer Kindheit und Jugend reichte. wo Mirjam und ihr Bruder den Kampf um die Macht geführt hatten? Catherine überlegte einen Augenblick und nahm dann ein Buch aus dem Regal. daß er Jude war. um ein Leben lang genug von Religionen zu haben. für ihn dasein und ihm zuhören. Es stammte aus dem Jahr 1764. Das Problem ließ sich nicht so leicht in Worte fassen: Julius war Jude. doch das Wort ›Jesus‹ fand sie nur an einer Stelle. daß sie keine Religion brauchte. wenn es um Religion ging – und das würde nicht ausbleiben. Catherine schob mit einem leisen Seufzen den Gedanken an Julius beiseite und konzentrierte sich auf das Fragment. die Stelle in der Wüste. wenn sie in seine große orthodoxe Familie einheiratete -. wo sich die Oase befand. Wenn sie sich über wissenschaftliche Themen oder über gemeinsame Interessen unterhielten. auf den sie schon so lange gehofft hatte? Würde sie möglicherweise erfahren. nach der sie hier auf der Sinaihalbinsel suchte? Gab das Jesus-Fragment vielleicht den entscheidenden Hinweis. namenlose Angst. Sie überflog die griechischen Buchstaben. genauer gesagt ein gläubiger Jude. Bestand möglicherweise eine Verbindung zwischen diesem christlichen Dokument und der Prophetin des Alten Testaments.

denn Ihn Hassan hatte geschrieben: ›Ich verbrachte meine einsamen Tage an einem Ort. Moses. würdevolle und heldenhafte Männer.‹ Höhepunkt war DeMilles Klassiker Die Zehn Gebote aus dem Jahr 1954. unbestimmte Suche schließlich ein Ziel gefunden. die mit den technischen Spezialeffekten von Star Trek und Krieg der Sterne aufgewachsen waren.war. Alle Filme verherrlichten die Helden der Bibel: Samson. wie Aldebaran über meiner Heimat aufging‹) sowie unter Berücksichtigung der Legenden und Gebräuche der Beduinen dieser Gegend zu dem Schluß. kicherten und sich langweilten – allerdings gab es Beifall. dem Bir Mary am…‹ Der Mirjam-Brunnen. Catherines Suche hatte genaugenommen an einem ganz bestimmten Tag begonnen. wurde Catherine sehr nachdenklich. Als Vierzehnjährige zeigte man in der von Nonnen geleiteten katholischen Schule während der Karwoche eine Reihe von Filmen für die achte und neunte Klasse zum Thema: ›Bibelfilme der vierziger und fünfziger Jahre. Sie sah ihre Vermutungen bestätigt. Auf der Leinwand zeigte man gute. Mit dieser Erkenntnis hatte Catherines lebenslange. als Moses das Rote Meer teilte -. Unter den Frauen gab es 28 . Der Mann konnte sich an eine nur ungenau bezeichnete Küste retten. Beim ersten Lesen war Catherine die Stelle aufgefallen: ›… im Lande Sina gestrandet…‹ Damals dachte sie: Spricht er von der Sinaihalbinsel? Sie verglich die unklaren Hinweise aus der Geschichte des Arabers mit Stellen im Alten Testament und kam unter Einbeziehung von Astronomie und der Navigation mit Hilfe von Sternen (Ihn Hassan berichtete: ›Ich sah. Salomon. wo die ansässigen Beduinen ihre Herden tränken. Während die meisten ihrer Mitschüler. wo jetzt die Ferienhotels Touristen aus aller Welt anlockten. daß der Araber an dieser Küste gestrandet war.

Catherine fand. Als sich Catherine vor fünf Jahren zum ersten Mal um eine Grabungsgenehmigung in dieser Gegend bemüht hatte. die Schwester von Moses. daß Mirjam. Sie tolerierten in ihren Reihen kaum Frauen und waren unter keinen Umständen bereit. Sie führte zahllose Gespräche. sie beabsichtige. Sie glaubte felsenfest. In keinem Film gab es eine richtige Heldin. erklärte sie den Beamten im Ministerium in Kairo. daß die Frauen wenig mehr waren als Statistinnen zur Verherrlichung der Männer. daß es auch in biblischen Zeiten Heldinnen gab – hatte sich bereits in ihrer Jugend eine wahre Besessenheit entwickelt. Beweise für ihre Theorie zu finden. Die zähen Verhandlungen zogen sich über Monate hin. nach dem Mirjam-Brunnen zu suchen. von ihren grundsätzlichen Erkenntnissen abzurücken. in dem man Schätze wie das Grab des Tutench-Amun und die Schriftrollen vom Toten Meer gefunden hatte. in der Wüste finden. daß der Wüstensand. Wenn man in der Bibel keine Heldinnen fand.dagegen nur zwei Typen: Die böse Verführerin und die geduldig leidende Jungfrau. Selbst ältere Frauen und Mütter wirkten in den Filmen irgendwie jungfräulich und blaß. und hoffe damit. die schließlich zu ihrer Berufswahl führte: biblische Archäologie. eine Anführerin der Israeliten gewesen sei und daß sich die Geschwister die Führerschaft als gleichberechtigte Partner geteilt hätten. zahlte hohe 29 . daß die von Männern beherrschte Archäologie und Bibelwissenschaft mit ihren anerkannten und scheinbar unumstößlichen Theorien von der alten Garde wie eine uneinnehmbare Bastion verteidigt wurden. die nur darauf warteten. dann wollte Catherine sie an Ort und Stelle. ausgegraben zu werden. weit mehr Geheimnisse barg. Aus dieser einfachen Beobachtung – Catherine war überzeugt davon. Sie mußte jedoch bald feststellen.

las sie nicht die Stellen. Sie führte mich zu einem Brunnen und forderte mich auf. Deshalb hatte Catherine den Rückzug angetreten und eine andere Strategie entwickelt. daß Dokumente spurlos verschwanden. sagte der Engel zu mir. um den Moses-Brunnen zu suchen. Auf den Brunnen sollte ich einen Anker aus Schilf stellen. Ein Jahr darauf erschien sie wieder in Kairo und stellte den Antrag auf eine Grabungserlaubnis. kein wirklicher Anker! Sofort fiel ihr ein. daß der Anker in frühchristlicher Zeit eine symbolische Bedeutung besessen hatte und erst später vom Kreuz verdrängt worden war. Als Catherine jetzt Ibn Hassans Buch aufschlug.‹ Catherine blickte nachdenklich auf die Worte: ›Anker aus Schilf‹. Der Anker war das Verbindungsglied zum Christentum. ›und vor mir stand eine wundersame junge Frau. 30 . und schließlich lehnte man ihr Gesuch ab. ›werde ich dir das Geheimnis des ewigen Lebens verraten. schrieb der Araber. zuerst mit weicher Erde und dann mit Steinen. Wozu einen Anker aus Schilf? Sie zuckte zusammen. Plötzlich wußte sie die Antwort. die sie jetzt jedoch nachdenklich noch einmal las. die ihr Anhaltspunkte für die Suche nach dem Weg der Juden bei ihrem Auszug aus Ägypten geliefert hatten. deren Schönheit und Glanz mich blendeten. Ibn Hassan‹. Catherine runzelte die Stirn. mußte erleben. wurde von einer Stelle zur anderen verwiesen.‹ ›Wenn du das für mich tust. der sie bislang weniger Aufmerksamkeit geschenkt hatte. ›Eines Nachts erwachte ich‹. Sie blätterte bis zu einer Passage. das sie suchte. Der Anker aus Schilf war ein Symbol. ihn zu füllen. Sie hatte ihnen bislang wenig Bedeutung beigemessen.Bestechungsgelder.

und der Erscheinung eines Engels. Ibn Hassan Abu Mohammed Omar Abbas Ali. und deshalb behauptete. denn der Engel hat mir das ewige Leben zum Geschenk gemacht‹. Eines Tages schlug die Gruppe ihr Lager an der Küste im Osten des Katharinenklosters auf. Aber sie war bei ihren Nachforschungen auf das Buch eines deutschen Ägyptologen von 1883 gestoßen. Die Zelte standen unter einem steilen Felsen in der Nähe eines Brunnens mit dem Namen Bir Umma – Brunnen der Mutter.Sie blätterte zurück zur ersten Seite von Ibn Hassans Erinnerungen und las mit wachsender Erregung: ›Und so erhielt ich den Schlüssel zum ewigen Leben. Zwei Worte stachen ihr ins Auge: ›Zoe aionios. Er beschrieb darin eine Expedition in die Wüste Sinai. Ich erzähle dies im hohen Alter von zweimal sechzig und neun Jahren bei bester Gesundheit und in dem festen Glauben. Aber jetzt… Sie blickte auf das Jesus-Fragment. wundersame Geschichten zu erzählen. einhundertneunundzwanzig Jahre alt zu sein. der es liebte. das sie nach vorsichtiger Schätzung um zweihundert nach Christus datierte. wurde gerettet. das Hungerfords Araber gefunden hatten. der einem Schiffbrüchigen sieben Jahrhunderte später das ›ewige Leben‹ verhieß? Wenn es diesen Zusammenhang gab. bisher keine Hinweise auf einen MirjamBrunnen gefunden.‹ Ewiges Leben. Ich konnte die einsame Küste verlassen und zu meiner Familie zurückkehren. daß ich nicht sterben werde. In der Nacht wurden die Teilnehmer der Expedition von seltsamen Träumen 31 . was hatte der Hinweis auf ›Jesus‹ mit dem Mirjam-Brunnen zu tun? Catherine hatte. Ich. Bestand ein Zusammenhang zwischen diesem Fragment. Catherine hatte diese Worte bisher als Prahlerei eines alten Mannes abgetan. abgesehen von Ibn Hassans Erinnerungen.

um einen Beweis für den Weg der Israeliten durch die Wüste zu finden und auch Hinweise auf die Prophetin Mirjam. um ihnen den Weg zu zeigen. Die Israeliten waren dem Feuer und Rauch des Vulkans gefolgt und an diesen Ort an der Ostküste. daß Professor Krügers Expedition das Lager an der Stelle aufgeschlagen hatte. Man nannte das Gebiet dort ›das Land Midian‹. Catherine war hierhergekommen. mit dem Traum der Frau des Ägyptologen und mit den Legenden 32 . Die Frau des Deutschen berichtete fast in denselben Worten wie Ibn Hassan von der Erscheinung einer überirdisch schönen jungen Frau. ob die Ähnlichkeit der Erscheinung ein Hinweis darauf war. um ihnen zu leuchten. Sie überlegte: Was hat das Fragment und die Worte ›ewiges Leben‹ mit Ibn Hassans ›Engel‹. So konnten sie Tag und Nacht unterwegs sein. Die Wolkensäule wich bei Tag nicht von der Spitze des Volkes. es gab auf der Sinaihalbinsel keine vulkanischen Gebirge. auf der anderen Seite des Golfs gelangt. bei Tag in einer Wolkensäule. Deshalb kam sie zu folgendem Schluß: Das Gebirge befand sich an der Westküste Arabiens. Die Frage lag nahe. Catherine entdeckte schließlich einen Anhaltspunkt im Alten Testament. hatte sie allerdings nicht gerechnet. in dem das Wort ›Jesus‹ vorkam. daß diese Bibelstelle sehr wohl einen aktiven Vulkan beschreiben mochte.heimgesucht.‹ Catherine erkannte nicht als erste. an der Ibn Hassan Schiffbruch erlitten hatte. dafür aber in Saudi-Arabien im Osten des Golfs von Akkaba. Sie wußte. Mit einem Papyrus-Fund. und die Feuersäule nicht bei Nacht. denn dort hatten sie die ›Wolkensäule‹ bei Tag und ›das Feuer‹ in der Nacht gesehen. der zu ihrem Entschluß führte. bei Nacht in einer Feuersäule. Exodus 13:21/22: ›Der Herr zog vor ihnen her. an dieser Stelle zu graben.

Auf der dritten Ebene hatten sie eine Kalksteinschicht erreicht und den Einstieg zu einem Tunnel gefunden. stellte sich erstaunlicherweise wieder ein. Vor Beginn der Ausgrabungen hatte sie das Gebiet mit den neuesten geologischen Meßinstrumenten untersucht und an dieser Stelle das Vorhandensein eines ungewöhnlichen unterirdischen Tunnels festgestellt. das wie ein Tunneleingang wirkte. die das Geröll durchsuchten. daß sie in der vergangenen Nacht ebenfalls einen seltsamen Traum gehabt hatte. in denen immer wieder von Geistwesen oder Geistern berichtet wird. In unmittelbarer Nähe der Sprengung waren die Arbeiter auf ein Loch gestoßen. Die Araber hatten etwas gefunden. wo sie 33 . Eine Erinnerung. die altgriechischen Worte zu übersetzen. sie sprang auf und rannte ohne eine Erklärung zu ihrem Grabungsplatz zurück. Catherine kniete im Sand und betrachtete die Öffnung. ›Du abscheuliches Mädchen! Das wirst du büßen…‹ Catherine schob die Erinnerung seufzend beiseite und griff nach der Lupe. Er fuhr pfeifend über den dunkelblauen Golf und mischte sich mit dem Lachen und Rufen von Hungerfords Arbeitern. Ihr Herz schlug schneller. Nein. Der morgendliche Wind nahm an Heftigkeit zu. Ein Jahr später war sie auf der zweiten Ebene noch immer nicht auf Hinweise für eine menschliche Besiedlung gestoßen. um sie zu quälen.der Beduinen zu tun. es war kein Traum gewesen. als es draußen plötzlich laut wurde. Sie wollte damit beginnen. die sie mit großer Entschlossenheit verdrängt hatte. Sie hatte ein Planquadrat mit einem Raster angefertigt und dann mit den Grabungen begonnen. Plötzlich erinnerte sie sich. Als Catherine jetzt in einem der Gräben stand. die an dieser Stelle den Menschen erscheinen? Catherine lauschte auf die Geräusche vor dem Zelt.

Die Sonne stand bereits hoch am Himmel. Sie bewegte sich langsam. Deshalb hatten sie ein Signal verabredet: Wenn Catherine einmal am Seil zog. die die Einheimischen auf dem schwarzen Markt für die Schriftrollen vom Toten Meer und den ›Nag Hammadi‹Schatz erzielt hatten. als Catherine in der Dunkelheit verschwand. fiel ihr auf. daß alle in der Nähe blieben und niemand zum nächsten Telefon rannte – die Preise. Der Gang war dunkel und eng. ein Auge auf seine Leute zu haben und dafür zu sorgen. Was mochte sich am Ende des Tunnels befinden? Es gab nur eine Möglichkeit. schob sich mit den Ellbogen durch den Gang vorwärts und hielt den Strahl der Taschenlampe auf die endlose Schwärze gerichtet. daß er in Richtung der Sprengung verlief. Das Gerücht von dem sensationellen Fund kursierte vielleicht schon auf der ganzen Halbinsel. das durch die Sprengung brüchig geworden sein mochte. 34 . bis eine wissenschaftliche Klärung vorlag. legte sich auf eine der Paletten auf Rädern.diesen Tunnel entdeckt hatten. der offenbar zu dem steilen Uferfelsen führte. waren nicht vergessen. das herauszufinden. kein Wort über den Fund verlauten zu lassen. Trotzdem machte sie sich Sorgen. die das Jesus-Fragment zutage gefördert hatte. Staub und kleine Steine lösten sich von den Wänden. waren drei Stunden vergangen. Catherine hatte Hungerford vor dem abenteuerlichen Einstieg noch einmal ermahnt. Catherine hatte ihre Gruppe angewiesen. Seit der Sprengung am frühen Morgen. würde man sie sofort herausholen. Catherine band sich das Seil um die Hüfte. Im Innern wartete sie einen Augenblick. Niemand kannte die Festigkeit des Gesteins. und machte sich mit einer Taschenlampe in der Hand auf den Weg. mit denen sie das Geröll aus den Gräben transportierten. Es war bestimmt nicht das Ende des unterirdischen Gangs.

Nach einer Weile kam sie jedoch zu dem Schluß. Ihrer Schätzung nach war sie etwa fünfzig Meter von der Öffnung entfernt. daß es sich um die Reste eines Korbes 35 . sondern ein natürlicher Gang. hielt sie den Atem an und rechnete fast damit. War ihr Traum eine Warnung gewesen? War dieser Ort verflucht? Der Gang war plötzlich versperrt. Der Gang war so niedrig. die Khakishorts gegen Jeans ausgetauscht zu haben. Möglicherweise war er durch ein Erdbeben entstanden oder von Wasser ausgehöhlt worden. was sich am Ende des Tunnels befand. hier seien Menschen lebend begraben worden. und sie wünschte zu spät. Ihre nackten Knie waren auf dem rauhen Kalksteinboden bald aufgeschürft. Vorsichtig untersuchte sie das Hindernis und stellte zu ihrem Erstaunen fest. Trotz aller Hindernisse und möglicher Gefahren ließ sie sich nicht beirren. Wasser für einen Brunnen? Trotz der Kühle trat Catherine der Schweiß auf die Stirn. das aus einer unterirdischen Quelle stammte. und wenn sie die Palette zum Stehen brachte. daß die Decke des Tunnels im nächsten Augenblick einstürzen werde. Vorsichtig rollte sie auf dem Wägelchen weiter. Catherine holte tief Luft. Trotzdem stieß sie immer wieder gegen den Fels. Der Gang wand sich jetzt durch festes Gestein. Sie durfte vor allem nicht die Nerven verlieren. entschlossen herauszufinden. Ibn Hassan und Krügers Frau hatten berichtet. Catherine liefen kalte Schauer über den Rücken. Neugierig musterte Catherine im Schein der Taschenlampe die relativ glatte Decke und die ebenso glatten Wände. wo Hungerford mit seinen Leuten stand und das Sicherungsseil abrollte.Immer wieder rieselte Sand auf sie herab. der Tunnel sei nicht das Werk von Menschen. daß sie die meiste Zeit flach auf dem Bauch liegen und den Kopf einziehen mußte.

»Wie schätzen Sie diesen Fund ein?« fragte Hungerford und grinste. Sie nahm die Korbreste zwischen die Arme und legte das Kinn darauf. die zum Teil noch von Steinen umgeben waren. Der Tunnel mündete plötzlich in einen kreisrunden Schacht. das sich offenbar durch die Sprengung gelöst und einen Teil des Schachts zum Einsturz gebracht hatte. wie sie für Bauten der Bronzezeit typisch waren. Dann rollte sie langsam weiter. Was. Wieder rieselte Sand auf ihren Kopf. Sie griff danach und zog daran. Plötzlich entdeckte sie etwas Weißes. Hoffentlich würde sie nicht in den Brunnen fallen. Sie sah Steine und loses Geröll. Als sich die Staubwolke gelegt hatte. Dort lag ein Schädel! Der Schädel eines Menschen. Der schwankende Lichtstrahl tanzte über die Steine. der senkrecht nach oben führte. Sie verlagerte vorsichtig das Gewicht und streckte den Kopf vor. Habe ich den Mirjam-Brunnen gefunden? Catherine richtete die Taschenlampe nach unten und blickte zitternd über den Rand. und dann sah sie es. Catherine kniff die Augen zusammen und wartete mit angehaltenem Atem. »Ich meine in Dollars und Cents. Der Boden war trocken. um besser in die Tiefe blicken zu können.handeln mußte. Der Korb löste sich mühelos aus dem Geröll. erwiderte Catherine und klopfte 36 . Der unterirdische Gang ging weiter. daß die Wände aus großen unbehauenen Feuersteinblöcken bestanden. Er hatte einen Durchmesser von etwa fünf bis sechs Metern und war über ihr verschlossen. würde zum Beispiel ein Museum für das Jesus-Fragment zahlen?« »Museen zahlen nicht«. meinen Sie. Catherine sah. richtete sie die Taschenlampe nach vorne.

Catherine war über und über mit Staub und Sand bedeckt. sagte Hungerford mit gerunzelter Stirn. »Vielleicht siebtes oder achtes Jahrhundert«. als sei der schlichte. das sie aus dem Tunnel mitgebracht hatte. »Ich glaube. »Und der Wert?« fragte Hungerford verdrießlich. Sie stand zwar wieder im hellen Sonnenlicht und atmete den frischen Meereswind. was ich gefunden habe. Alle hatten auf einen spektakulären Fund gehofft. Ihre kastanienbraunen Haare waren wie mit Puder bestäubt. waren die Erwartungen der Leute gestiegen. daß seine Träume von Geld und Ruhm wie eine Seifenblase geplatzt waren.« »Wie alt ist das Zeug?« fragte er und deutete auf das Bündel. »Je nachdem…«. »Die Webart des Leinens und die Verschnürung weisen auf eine nachbyzantinische Zeit hin.sich den Staub von der Bluse. In der vergangenen Stunde. Bis jetzt wissen wir nicht. ob das. »Aber freuen Sie sich nicht zu früh. antwortete Catherine. soviel Enttäuschung wie möglich in ihre Stimme zu legen. »es stammt nicht aus dem ersten Jahrhundert?« »Leider nein«. die sie in dem engen unterirdischen Gang und am Rand des tiefen Brunnens erfaßt hatte. Ich werde Professor 37 . daß die anderen ebenso enttäuscht waren wie Hungerford. während sie den unterirdischen Gang erkundet hatte.« »Das heißt also«. von denen ich Ihnen erzählt habe. »Die privaten Sammler zahlen…« Sie sah Hungerford an. während sich alle um sie drängten und neugierig den Fund anstarrten. überhaupt einen Wert hat. Erleichtert stellte sie fest. antwortete Catherine und versuchte. aber noch immer saß ihr die Angst im Nacken. sagte Catherine und wich seinem Blick aus. verrottete Korb dafür verantwortlich. der Korb gehörte einem der Einsiedler.

desto besser.Gottlieb in Jerusalem anrufen. als sie es sich in ihren kühnsten Träumen vorstellte. Dann konnte keine Rede mehr davon sein. »Nein! Wissenschaftliches Vorgehen verlangt. Wenn sich ihre Vermutungen bestätigten. Hatte Hungerford ihr geglaubt? Sie hoffte es. bis das Gelände von den Regierungsbeamten untersucht worden ist. sondern möglicherweise enthielt der Korb Schriftrollen. aber diesmal war ihr nichts anderes übriggeblieben. Wir können inzwischen die Tennisplätze planieren. Sie blieb einen Augenblick in der Mitte des Zelts stehen.« Der Texaner schob die Hände in die Hosentaschen und ging kopfschüttelnd davon. dann hatte Hungerford sie mit der Sprengung nicht zu einem Fund aus dem achten Jahrhundert geführt. Sonst wäre hier die Hölle los. und je schneller sie die zuständigen Experten in Kairo informierte. Catherine ging eilig zu ihrem Zelt. Catherine log nur ungern. zog den Reißverschluß der Zeltklappe zu und schaltete das Licht ein. die Ausgrabungen 38 . Ich werde meine Leute dort drüben einsetzen.« Catherine wich erschrocken zurück. Ihre Gedanken überschlugen sich. Sie durfte auf keinen Fall auch nur andeuten. Ich werde sofort Kairo benachrichtigen und die zuständige Behörde informieren. Er kann uns bestimmt schnell Gewißheit verschaffen. daß der Fund vermutlich eine weit größere Bedeutung hatte.« »Machen wir ihn auf. ja. daß ein Fund dieser Art in Gegenwart glaubwürdiger Zeugen geöffnet wird.« »Ja. um wieder ruhiger zu werden. Sie werden jemanden herschicken. die zweitausend Jahre alt waren. Inzwischen sollten Sie an dieser Stelle keinerlei Arbeiten durchführen. Dieser Fund gehörte ihr.

vorzeitig zu beenden! Die Stiftung würde ihr die Geldmittel so lange zur Verfügung stellen. ›Sabina. das sie noch immer nicht übersetzt hatte. wenn sie die Behörde ein paar Minuten später informierte. Ihr Magen knurrte und erinnerte sie daran. ob sie sich die Zeit nehmen sollte. es könne nichts schaden. griff nach der Lupe und begann zu lesen. legte das Fragment unter die helle Lampe. daß das Fragment eindeutig aus dem zweiten oder dritten Jahrhundert stammte. um die Arbeiten abzuschließen. würde natürlich sofort jemand kommen. des verehrten…‹ Catherine zog die Augenbrauen zusammen. Und sie würde auch alle gewünschten Arbeitskräfte bekommen. daß sie nicht gefrühstückt hatte. auf der Stelle zum Hotel zu fahren? Sie entschied. wie sie brauchte. bis das Gelände von den Beamten gesichert worden war. Sie überlegte kurz. hielt sie inne. Wie konnte sie das erreichen? Sie blickte auf das Jesus-Fragment. Aber Catherine brauchte sie hier auf der Stelle. Als Catherine den Zündschlüssel für den Landrover suchte. Eure Schwester. Doch Catherine interessierte sich im Augenblick nicht für Essen. unseres Herrn Jesus. Was 39 . grüßt Euch und segnet die Gemeinschaft des Gerechten. Die Bürokraten in Kairo konnten erfahrungsgemäß so schnell nichts in Bewegung setzen. Offenbar handelte es sich um den Anfang eines Briefes. Sie mußte auf der Stelle zum Hotel Isis fahren und die Abteilung für Altertümer informieren. im Haus der lieben Amelia. Ein Blick auf die Uhr erinnerte sie daran. das Alter des Fragments zu bestimmen. daß seit der Sprengung inzwischen mehr als vier Stunden vergangen waren. Sie würde keine Minute Ruhe haben. Das wußte jeder. Oder wäre es klüger. Wenn sie nach Kairo berichten konnte.

In der Frühkirche waren Diakonai (die. Prediger und Hüter des Sakraments. ›Lest diesen Brief im geheimen und in Furcht um Euer Leben!‹ Was um alles in der Welt hatte sie gefunden? Sie las noch einmal den Anfang: ›… der lieben Amelia. Eine Frau war eine ›Diakonissa – Diakonin‹. Es gab keinen Zweifel.bedeutete das nächste Wort: ›διάκονος – Diakonos‹? Diakon… Das konnte nicht sein. An dieser Stelle möchte ich Euch jedoch warnen: Lest diesen Brief im geheimen. daß nur meine Stimme zu Euch spricht. als ›Diakonos – Diakon‹. einer der Studenten lachte laut. während sie aufgeregt unter ihren Büchern suchte. in Sorge um Eure Sicherheit und in Furcht um Euer Leben. Aber zuerst sollt Ihr wissen. Wird heute übersetzt als‹Diakon›. deshalb ist eine genauere Übersetzung im 40 . des verehrten Diakon…‹ Durch die dünne Nylonwand ihres Zelts hörte Catherine die üblichen Geräusche im Lager. aus einem Kofferradio kamen die Nachrichten eines Senders in Jerusalem.‹ Catherine stieß die Luft aus. aber nur in Verbindung mit einem Mann. All das registrierte ihr Bewußtsein kaum. Als sie das entsprechende Werk gefunden hatte. suchte sie im Register und las: ›Diakonos (Strong’s Nummer: 1249-GSN) griechisch:‹Diener›. Samir rief nach einer Kelle. Catherine kannte die Anrede ›Diakonos -Diakon‹ aus anderen Schriften. schreibt meine Worte an Euch nieder. zu der ich auf höchst wundersame Weise gekommen bin. einer Frau. die Befehle des Königs ausführen) Täufer. liebe Schwestern. etwas so Erstaunliches berichten. Sie las den Satz noch einmal. eine gesegnete Frau. Perpetua. ›Ich möchte Euch. Sabina sprach von Amelia. daß meine Stimme beim Reden zittert. Kopfschüttelnd las sie weiter.

Kontext des Neuen Testaments‹Priester›. besteht denn wenigstens die Möglichkeit. dich wiederzusehen. Die ganze Familie ist zum ChanukkahFest hier. Cathy. als ›Priester‹ angeredet? Das konnte nicht sein! Catherine schlug ein Schriftbeispiel in dem Nachschlagewerk auf. griff nach der Lupe und verglich sorgfältig die Handschrift des Briefs mit den Buchstaben im Buch. Nur das hätte die Anrede ›Diakon‹ gerechtfertigt. du kommst über die Feiertage‹.‹ Als sie geschwiegen hatte. sie könne die Ausgrabungen nicht unterbrechen. Beide stimmten beinahe völlig miteinander überein. da hat dir Weihnachten sehr viel bedeutet. Außerdem sei Weihnachten für sie ein Tag wie jeder andere. Plötzlich erinnerte sie sich an das letzte Gespräch mit Julius. hatte er gesagt. Liebste‹. Sie hatte ihn vor einer Woche aus dem Hotel Isis angerufen. fragte er: ›Cathy. Kein Zweifel: Sabinas Brief an Amelia mußte im zweiten Jahrhundert geschrieben worden sein. ›Ich hoffe. Sie klappte das Buch zu und versuchte. War Amelia eine Priesterin? Eine Frau wurde in einem Brief. Damals bekleideten jedoch nach der übereinstimmenden Ansicht von Theologen und Bibelwissenschaftlern keine Frauen das Priesteramt. in dem das Wort ›Jesus‹ vorkam. daß nur wir beide Weihnachten zusammensein können? Du fehlst mir so. Seine Antwort und der Ton seiner Stimme gingen ihr nicht mehr aus dem Sinn.‹ Dann sagte er: ›Du kannst der 41 .‹ Catherine holte tief Luft. Danach werden sie abreisen. ›Meine Eltern freuen sich darauf. ›Es gab einmal eine Zeit. Aber sie hatte ihm erklärt. Ihr Blick fiel auf das Photo der Autorin auf der Rückseite. die erstaunlichen Schlußfolgerungen in ihrer Tragweite zu erfassen.

Was beim Tod meiner Mutter geschehen ist. Das Bild zeigte eine junge Frau mit lächelnden grünen Augen. was ich getan habe. das Ende des Briefes nach den Worten: ›in Sorge um Eure Sicherheit und in Furcht um Euer Leben‹ befand sich in dem Korb. Sie sah die 42 . Behutsam legte sie das Jesus-Fragment in eine verschließbare Kassette und schob sie zusammen mit dem Korb unter ihr Feldbett. als sie allein in einem Krankenhauszimmer lag und flüsterte: ›Sie hatten recht. Habe ich den Beweis gefunden.Kirche nicht ewig die Schuld an allem geben. das offenbar durch die Sprengung entstanden war.‹ Ihr Blick richtete sich nachdenklich auf das Photo. denn mir fehlten die Beweise. Sie hielt das ebenfalls abgerissene untere Ende ihres Fragments daran. ich hätte nicht tun dürfen. war ganz allein die Schuld der Kirche. Dr. als ihre Mutter kurz vor dem Ende alle ihre Erkenntnisse widerrufen hatte und die Kirche schließlich doch triumphierte… Verwirrt und innerlich aufgewühlt richtete Catherine ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Jesus-Fragment und das brisante Wort: ›Diakon‹. Nina Alexander hatte das Handbuch des Griechischen im Neuen Testament geschrieben. sondern sie hörte die tonlose Stimme ihrer Mutter am Ende ihres bewegten. streitbaren Lebens. Dahinter entdeckte sie das abgerissene Ende eines Papyrus. Die beiden Papyrus-Stücke paßten zusammen. Aber Catherine sah nicht die Augen. den meine Mutter gebraucht hätte? Sie blickte auf den Korb und auf das Loch im Geflecht. Cathy. aus denen eine wache Intelligenz sprach.‹ Sie hatte erwidert: ›O doch. Das bedeutete. Catherine zögerte nicht mehr. Wenn ich doch nur einen Beweis gehabt hätte…‹ Catherine wollte nicht mehr an den schmerzlichen Tag denken.

daß er es offenbar sehr eilig hatte. hörte sie einen Motor aufheulen. Als sie die Zeltklappe zurückschlug. steckte sie ein und blickte auf die Uhr. um hinauszugehen. Catherines Plan stand fest.Schlüssel für den Landrover neben dem Waschtisch. daß einer ihrer Leute zum Einkaufen nach Scharm el Scheich fahren wollte. 43 . daß Hungerford in seinem Jeep in Richtung der Hotels davonbrauste. der Fund und möglicherweise sogar ihre persönliche Sicherheit in großer Gefahr. Inzwischen sah die ganze Sache anders aus. die manchmal die ganze Nacht dauerten. verriet ihr die Staubwolke. danach Daniel in Mexiko und schließlich feststellen. Sie vermutete. ihr Zelt zu bewachen. wenn das geschah. mit welchem Flugzeug sie Ägypten so schnell wie möglich verlassen konnte. dann waren die Ausgrabung. Aber als sie sah. Die Abteilung für Altertümer in Kairo würde sie nicht anrufen. Er wird reden! In diesem Augenblick wußte Catherine. dann Julius aus dem Hotel Isis anrufen. und ging um das Zelt herum. Hoffentlich war Julius zu Hause und nicht im Institut bei einem seiner Tests. Zuerst würde sie Samir bitten. In Kalifornien war es kurz nach Mitternacht.

um den Platz wieder bespielbar zu machen. In den dreißig Jahren ihrer Ehe hatte es keinen einzigen Augenblick der Langeweile gegeben. kamen wieder ins Freie und liefen an dem privaten Golfplatz vorbei. Bei ihrem Mann mußte sie auf alles gefaßt sein. 44 .Santa Fe. komm schnell!« Miles Havers nahm die Hand seiner Frau und zog Erika aus dem Sessel. welche aufregende Überraschung Miles ihr zeigen wollte. »Du wirst staunen!« rief er so laut. hob erstaunt den Kopf. Sie hatte keine Ahnung. daß sich seine Stimme an der getäfelten Decke brach und von den weißen Wänden ihres beinahe tausend Quadratmeter großen Hauses aus Adobeziegeln widerhallte. Ein Chauffeur. Aber wie immer ließ sie sich sofort von seiner Begeisterung anstecken. wo Gärtner sorgfältig den frisch gefallenen Schnee entfernten. Erika lachte. Sie liefen über den riesigen Innenhof. Es konnte eine ungewöhnliche Wolkenformation oder ein neuer superschneller Mikrochip sein. der einen schokoladenbraunen Corvette ZR-1 auf Hochglanz polierte – einen von dreiundzwanzig alten Corvettes aus Havers’ Sammlung -. Dann eilten sie durch einen mit Buntglas gestalteten Bogengang. »Aber Miles! Ich bin doch gerade…« »Das mußt du sehen. New Mexico »Erika! Erika. beeil dich!« Er lief mit ihr nach draußen und durchquerte dabei eine verglaste Veranda mit alten spanischen Möbeln und sehr bequemen Rattansesseln. Er machte so große Schritte. Liebling! Schnell. wo in Vitrinen Kultobjekte aus dem Zum Pueblo standen. daß sie beinahe rennen mußte.

und Santa Fe galt als einer 45 . Sie dachte verzaubert: Sangre de Cristo – Blut Christi – wirklich ein seltsamer Name für ein Gebirge… Ein kalter Wind fuhr durch ihre kurzen aschblonden Haare. den man Stein für Stein.Havers’ Sandalen klatschten laut auf den SaltilloFliesen. und ein Schauer lief ihr über den Rücken. Erikas Blick richtete sich unwillkürlich nach Westen zu den Sangre de Christo-Bergen. als ihre Augen unwillkürlich in Richtung Golfplatz wanderten. Erika war wie er Anfang Fünfzig. Erika lebte inzwischen bereits zehn Jahre hier. wohin er sie führte – in das Tropenhaus. Fliese um Fliese aus Madrid hierhergebracht hatte. Als sie die verschlossene Tür erreichten. Schließlich wußte Erika. als sie ihrem Mann um den spanischen Brunnen aus dem fünfzehnten Jahrhundert folgte. gab Miles eine Geheimnummer ein. Die Jahrtausendwende stand bevor. Sie war eine zarte. die intensive Färbung beruhe auf der geringen Luftfeuchtigkeit. die so leichtfüßig ging. aber noch immer staunte sie über das unvergleichliche Blau des Himmels von New Mexico. die Miles um das sechzig Hektar große Anwesen hatte Stellung beziehen lassen. Sie sah niemanden dort. feingliedrige und vornehm wirkende Frau. denn der zweiundfünfzigjährige Miles Havers war ein begeisterter Jogger und trainierte zu jeder Tagund Nachtzeit seinen immer noch sportlichen Körper. Das war ein vertrautes Geräusch auf dem Anwesen. sie waren da – die Wachen. die an diesem kalten Dezembertag in weißen Schnee gehüllt waren. Man hatte ihr gesagt. in dessen Herzen sich ihr fünftausend Hektar großes Gelände befand. Es war eine Vorsichtsmaßnahme. aber sie wußte. denn in diesem Monat kamen ungewöhnlich viele Menschen nach Santa Fe. daß ihre Füße kaum den Boden zu berühren schienen. um das Schloß zu öffnen.

und viele bereiteten sich sogar auf den Weltuntergang vor.der heiligen Orte der Erde. Berühmtheiten des gesellschaftlichen und religiösen Lebens. Man rechnete mit Erdbeben. bei dem die Heerscharen des Himmels die Mächte der Hölle besiegen würden. Geschäftsfreunde. so hieß es. die er in der Steinwüste sechshundert Meter über dem Meeresboden geschaffen hatte. auf die Erika und ihre New Age-Freunde hofften. Miles führte Erika voll Stolz in seine Miniaturtropen. Über den Gerüchen von Erde. in denen Ableger und aus Samen gezogene Pflanzen wuchsen. feuchte Luft entgegen. das in weniger als drei Wochen beginnen würde. In sehnsüchtiger Erwartung auf eine spirituelle Offenbarung für die Welt und für sie persönlich hatte sie das letzte Jahr mit den Vorbereitungen für das ›Fest des Jahrhunderts‹ zugebracht. Das Tropenhaus war. Es wurden über tausend Gäste erwartet. Stars und gefeierte Künstler. gute Freunde. Präsidenten. eine Miniaturwelt. darunter Verwandte. Hollywood. bescheiden ausgedrückt. Nelken und Gardenien. Sie alle sollten zugegen sein und als Zeugen in der Casa Havers die große Konvergenz erleben. Die Bevölkerung der ganzen Welt sah mit Spannung dem neuen Jahr entgegen. Erika hingegen freute sich auf das neue Jahrtausend. Die Tür des Tropenhauses glitt geräuschlos zur Seite. Dünger und Moder lagen die betäubenden Düfte von Narzissen. riesigen Überschwemmungen. in anderen standen Gewächse bereits in voller Blüte oder waren mit Knospen 46 . schweren Naturkatastrophen. und Erika schlug heiße. sei inzwischen eine Geisterstadt. Sie gingen zwischen Beeten hindurch. da sich alle Stars aus Angst vor der großen Katastrophe in die sicheren Gebiete von Wyoming oder Montana und nach Manhattan zurückgezogen hatten.

hier in den Vereinigten Staaten gesunde Pflanzen unter künstlichen Bedingungen zu züchten! Das bedeutet. daß man mit wissenschaftlichen Methoden die barbarische Plünderung der Regenwälder aufhalten kann. Schließlich legte sie lächelnd die Arme um ihn und drückte ihn an sich. Er blieb stehen und flüsterte: »Da…«. Es war ein Abenteuer gewesen von dem Augenblick an. Erika. sagte er triumphierend. »Es war nicht einfach. aber sie hat es geschafft. In schattigen Grotten wuchsen üppige dunkelgrüne Farne und rankende Kletterpflanzen. um sein ›Kind‹ zu pflegen. »Man hat mir gesagt. das Krächzen von Papageien und das Geschnatter von Affen zu hören. Das bewunderte sie an Miles am meisten. wir können in Zukunft den Dschungel in Ruhe lassen. als fürchte er.« Erika wußte. Sie spürte seine Begeisterung in der schwülen Luft. diese besondere Orchidee zum Blühen zu bringen. Miles! Das ist unfaßlich…« »Zygopetalum Blauer See«. Er war ein guter. verständnisvoller Mensch. welche Mühe sich Miles gegeben hatte. die von geldgierigen und gewissenlosen Sammlern gefördert wird. Schließlich erreichten sie die Stelle. Als Erika die Blüte mit den mitternachtsblauen Blütenblättern und den schimmernden grünen Blättern sah. Es ist möglich. erklärte er mit bebender Stimme. 47 . »Und es ist mir doch gelungen! Das ist der Beweis. es sei nicht möglich«. Es hätte Erika nicht überrascht. für das zu kämpfen. der den Mut hatte. legte sie die Hand auf die Brust und hauchte: »Oh. wo Miles seine seltenen Orchideen züchtete. was er als richtig empfand.« Erika sah ihn an. als er die Knolle bei einem Züchter in Kalifornien gekauft hatte.übersät. während er sprach. Manchmal schlief er sogar hier im Gewächshaus. das empfindliche Gleichgewicht der Biosphäre zu stören.

Ganz Amerika liebte ihn. was alles zu Havers’ Elektronik-Imperium gehörte. und so liebte Erika ihren Mann. Er nutzte seinen Reichtum für die Lösung gesellschaftlicher Aufgaben. Miles war ein Held seiner Zeit. Niemand wußte genau. Deshalb unterstützte er die Bemühungen der USA. dessen rücksichtslose Ausrottung mancher Pflanzenarten Miles dazu veranlaßt hatte. daß einige Arten bereits ausgerottet worden waren. bei dem Sammler astronomische Summen für eine einzige Pflanze zahlten. Er hatte alarmierende Zahlen vorgelegt. Sein Feldzug richtete sich besonders gegen Taiwan. wo er vor einem Senatsausschuß ausgesagt und strengere Gesetze zum Import seltener Pflanzen gefordert hatte. das Land öffentlich anzuprangern. Taiwan die Mitgliedschaft in den Vereinten Nationen zu verweigern. Jogger und Drachenflieger – kaum in das Klischee eines 48 . Aber natürlich mußte niemand darüber aufgeklärt werden. aber seine besondere Leidenschaft galt der Rettung gefährdeter Pflanzen und Tiere. diesen superreichen Computer-König. Erst am Tag zuvor war er aus Washington zurückgekommen. Da sein kometenhafter Erfolg und sein Reichtum auf seiner Zeit als Hacker beruhte. und Time Magazine hatte ihn kürzlich als Erfinder von Internet bezeichnet. daß Miles Havers – Golfspieler. Wie auch immer. Miles hatte sich schon immer für die weltweite Erhaltung der Umwelt eingesetzt. die Dschungel ihrer natürlichen Flora so weit beraubten. Die Zeitschrift Forbes hatte den Nettowert seines Konzerns mit zehneinhalb Milliarden Dollar veranschlagt. karikierte man Miles oft als die ›Wühl-Maus‹. daß der illegale weltweite Handel mit Orchideen. Im Augenblick kämpfte er auf einer höheren und sehr viel einflußreicheren Ebene. sein Einfluß reichte inzwischen um die ganze Welt. die bewiesen.Gewiß.

Das Gespräch kommt aus Kairo.« Mit einem Blick auf Erika sagte er: »Entschuldige.« »Wer ist es?« »Der Anrufer wollte keinen Namen nennen. verbinden Sie.« Miles kniff die Augen zusammen. Miles Havers war in den Augen seiner Frau der Inbegriff von Klugheit und salopper männlicher Eleganz. Ich muß ohnehin noch einmal die Gästeliste für das Konzert durchgehen und den Maestro anrufen. in der sie als Hippies in einem VW-Bus durch die Vereinigten Staaten gefahren waren und in Woodstock nackt im Regen getanzt hatten. »Also gut. Erika fand immer.« Miles 49 . »Eine wundervolle Orchidee. Dann nahm er den Hörer des Wandapparats neben dem Eingang ab. Manchmal konnte sie es noch immer nicht glauben. wenn sie an die Zeit zurückdachte. aber es entsprach trotzdem der Wahrheit. daß sie und Miles es soweit gebracht hatten.« Miles begleitete sie zur Tür. Hast du etwas dagegen?« »Aber nein. und man sah ihm nicht an. sagte er: »Sprechen Sie. Dazu kamen die faszinierenden grauen Augen und sein unvergleichliches ansteckendes Lächeln. die sich automatisch hinter Erika schloß. und als sich der Teilnehmer am anderen Ende meldete. daß er dem Alter nach bereits den Höhepunkt seines Lebens überschritten hatte. Liebling.« Sie gab ihm einen Kuß auf die Wange. Sir.Computer-Freaks paßte. Gewiß. Havers trat zu einem Sprechgerät an der Wand. Der Piepser an seinem Gürtel meldete sich plötzlich. gab eine Geheimnummer ein. Seine blondbraunen Haare waren immer jungenhaft zerzaust. Es ist dringend. »Ja?« »Sie haben ein Telefongespräch. auch das war ein Klischee. Er war schlank und muskulös. daß er wie ein Filmstar aussah. aber ich muß das Gespräch annehmen. wenn ich zurückrufe.

sondern die Erwartung ist die Droge des Sammlers. Havers… Zygopetalum Blauer See… eine sehr seltene Art. Die Ausfuhr ist illegal. Dann endlich traf die kostbare Knolle von ›einem Züchter aus Santa Barbara‹ ein. Er hatte dieses besondere Gefühl längere Zeit nicht mehr erlebt. wenn es geschah. Nicht der Erwerb.‹ Miles hatte nach dem Telefonat tagelang nicht geschlafen. Die Transaktion wird sehr teuer werden. ›Ich habe eine Orchidee für Sie. und halten Sie mich auf dem laufenden.« 50 . gehörte das zu den unvergeßlichsten Augenblicken seines Lebens… Vor sechs Monaten hatte er einen Anruf aus Taiwan erhalten. ballte Miles unbewußt die freie Hand zur Faust. und seine Lippen wurden schmal. daß in dem Schriftstück das Wort ›Jesus‹ vorkommt? Sind noch andere Fragmente oder Schriftrollen gefunden worden?« Als er die Antwort hörte. »Ein Korb?« fragte er und sprach unwillkürlich leise. obwohl die mehrfach isolierten Scheiben des Tropenhauses keinen Laut nach außen dringen ließen. Mr. Wie vor sechs Monaten war seine Beutegier erwacht. aber jedesmal. »Und Sie sind sicher. Gefahren gehören zu meinem tollkühnen Spiel »Sind die Behörden bereits informiert? Ich verstehe… Was ist in dem Korb? Stellen Sie es fest. die man so gut wie nicht findet. In seiner privaten tropischen Welt blühte schimmernd eine atemberaubend schöne und seltene Orchidee. prickelnde Erregung erfaßte ihn. »Ein Fragment?« fragte er. und das Entfernen der Knolle riskant. Jetzt wurde er belohnt. Das Wichtigste dabei war: Sie blühte nur zu seinem persönlichen Vergnügen. Eine vertraute. dachte er.hörte einen Augenblick lang zu.

Zeke. wird ausgeschaltet. Begeben Sie sich nach Scharm el Scheich. ob der Korb etwas mit dem Jesus-Fragment zu tun hat und ob es Schriftrollen gibt. Haben Sie mich verstanden?« Seine Stimme klang kalt. Wenn das der Fall ist. Stellen Sie fest. sofort. dann möchte ich sie haben. aber jeder.« Miles gab ihm kurz die notwendigen Informationen und sagte dann: »Der Auftrag in Athen kann warten. Wie? Das überlasse ich Ihnen.« Es dauerte keine fünf Minuten. ich habe jeder gesagt. Gehen Sie von Anfang an unauffällig vor. daß ich ihn auf der Stelle sprechen muß. »Zeke ist in der Leitung. als er hinzufügte: »Hören Sie. Sagen Sie Zeke.« 51 . Sir. »Rufen Sie in Athen an. der sich Ihnen in den Weg stellt. bis das Telefon summte.Er beendete das Gespräch und wählte eine andere Nummer.

Vermutlich hatte Hungerford bereits am frühen Morgen mit einem einzigen Anruf dafür gesorgt. die ihre Tauchausrüstung zum privaten Anlegeplatz des Hotels trugen. Dr. Die vielen neuen Gäste in den Korbsesseln hinter den Kübelpalmen tarnten ihre wahren Absichten vermutlich mit der Lektüre arabischer und französischer Zeitungen. Catherine stemmte die Hände in die Hüften. Selbst die sportlichen Touristen. kamen ihr verdächtig vor. Ein Blick durch die Hotelhalle machte sie noch mißtrauischer. Catherine brauchte nicht viel Phantasie. »Pech«. wie die Nachricht von diesem Fund um den Erdball kreiste. Sein Lager befindet sich… Hallo? Hallo!« Sie starrte auf das stumme Telefon in ihrer Hand und stöhnte. sah sie Mr. Golf von Akkaba »Hallo? Senor?« rief Catherine in den Telefonhörer. murmelte sie. Vor ihr stand grinsend Hungerford und nahm ihr mit seiner Leibesfülle den Blick 52 . Die Verbindung wird ständig unterbrochen. Mylonas.Scharm el Scheich. kaute auf der Unterlippe und überlegte. Daniel in Mexiko zu erreichen. fragend an. Sie sah plötzlich in jeder Ecke Spitzel bei türkischem Kaffee. daß die Jagd der privaten Sammler auf den Fund begonnen hatte. »Nicht schon wieder!« Als Catherine zur Rezeption zurückkehrte.« Sie hatte drei Stunden lang vergeblich versucht. Daniel Stevenson zu erreichen. Frau Doktor?« Catherine fuhr herum. »Ich versuche immer noch. um sich vorzustellen. was sie als nächstes tun sollte. »Ich bekomme keine Verbindung. »Sie telefonieren. Zehn Stunden waren vergangen. seit die Sprengung das Jesus-Fragment zutage gefördert hatte. etwa wie Elektronen um ein Proton. den Besitzer des Hotel Isis.

freundlich zu bleiben. fügte sie schnell hinzu. »ist das. was wir gefunden haben. Außerdem hatte sie den Eindruck. Schließlich…«. er zweifle daran. »Ich warte auf den Rückruf… einer Zeitung«.« Ihr gefiel es überhaupt nicht. daß sie die Behörde in Kairo informiert hatte. Sie wurde den Eindruck nicht los. »Tut mir leid. Sie hatte sich die Lüge spontan einfallen lassen. in dem sich die letzten Strahlen der untergehenden Sonne spiegelten.auf die Hotelveranda und den türkisfarbenen Swimmingpool. aber genau das mache ich«. Die Behörde schickt die zuständigen Beamten. wie er gesagt hatte ›unser Fund‹. Dann zwinkerte er ihr zu. um unseren Fund zu feiern?« Catherine zwang sich. Catherine sah ihm nach und fragte sich. sie lächelte und sagte spitz. »Natürlich. wenn wir den Korb öffnen. »Ich habe Kairo informiert. erwiderte sie gereizt. Sie werden morgen früh hier sein. die er mit dem JesusFragment und dem Korb haben mochte. Frau Doktor!« Er drehte sich um und verschwand grinsend in der Bar. um alle möglichen Pläne. ob sein übliches anzügliches Gehabe diesmal von gewissen gefährlichen Untertönen begleitet gewesen war. Und wie wäre es mit einem Drink. »Sie werden es nicht glauben. Das ist im Augenblick nicht möglich.« Hungerfords blaßbraune Augen musterten sie fragend. »AI Ahram und die Gazette möchten Reporter und Photographen schicken. Eigentum des ägyptischen Volkes. die anwesend sein sollen. 53 . daß er die Sache mit den Zeitungen nicht glaubte.« Seine Augen richteten sich wieder stumm auf ihr Gesicht. im Keim zu ersticken. wo gerade eine Bauchtänzerin mit ihrer Darbietung begann. Dann lachte er laut: »Aber natürlich! Da steht uns offenbar ein richtiger Medienrummel bevor.

im Schulhof in eine Ecke getrieben. einen fragwürdigen Ruf zu haben. Ägypten zu verlassen? Die Beamten würden mehr als ungehalten darüber sein. daß Daniel stolz darauf war. das Fragment und den Korb aus Ägypten zu schaffen. Aber dazu brauchte sie Hilfe. Das war schon an dem Tag vor sechsundzwanzig Jahren nicht anders gewesen. mit dem sie bisher aus Schüchternheit nie gesprochen hatte. daß er etwas Unerhörtes tat. Julius nicht anzurufen. als sie ihn kennenlernte. Catherine wußte. vertrieb die Jungen mit seinen Fäusten 54 . sie würde sich nicht durch mögliche spätere Konsequenzen von ihrem Entschluß abbringen lassen. landete sie sogar in einem ägyptischen Gefängnis. wenn die Behörde in Kairo etwas von dem Fund erfuhr. und man konnte sich immer darauf verlassen. In dieser Lage gab es nur einen Menschen. Zuerst einmal mußte es ihr gelingen. Sie hatte Angst. Plötzlich tauchte ein magerer kleiner Junge aus ihrer Klasse auf. bevor es ihr gelungen war. Was würde geschehen. auf den sie sich hundertprozentig verlassen konnte… Auf der Fahrt vom Lager zum Hotel hatte Catherine beschlossen. Ihr Plan würde ihrem wissenschaftlichen Ruf schaden. Zweifellos würde man zu drastischen Maßnahmen greifen. Die Bande verhöhnte und verspottete sie.Kalter Schweiß stand ihr auf der Stirn. Sie mußte vorsichtig vorgehen und bei der riskanten Aktion auch an ihre Sicherheit denken. daß Catherine sie nicht informiert hatte. Eine Bande rauflustiger Jungen hatte sie. und wenn sie Pech hatte. Sie konnte Julius unmöglich in dieses Abenteuer hineinziehen. Er liebte das Risiko. ihr die Leitung der Grabungen entziehen und sie ägyptischen Archäologen übertragen… Wie auch immer. die ängstliche Zehnjährige. Sie wollte etwas Illegales und Unmoralisches tun. Deshalb blieb nur Daniel.

Sie mußte ihm die Information zukommen lassen. der nicht gelacht hat. Seit diesem Augenblick war Daniel für Catherine immer ein zuverlässiger Freund und sie seine Freundin geblieben. So viel Zeit hatte Catherine nicht. und er tröstete Catherine. denn er gehörte zu der quälenden Erinnerung. als ich mit dem Schild um den Hals auf dem Hocker stand… Catherine blickte auf ihre Uhr.und rettete sie wie ein edler Ritter. Der Held war Daniel Stevenson und wie Catherine ein Außenseiter in der Schule. du warst der einzige in der Klasse. Auch Daniel war in der letzten Nacht in ihrem Traum gewesen. Danno. weshalb Catherine aus der Kirche ausgetreten und eine Rückkehr zum Glauben für sie ausgeschlossen war. Sie tröstete ihn beim Tod seiner Mutter. In Mexiko war es kurz vor acht Uhr morgens. Dort wäre er die nächsten zehn Stunden nicht mehr erreichbar. Er würde das Lager bald verlassen und sich auf den Weg zu dem Maya-Grab machen. Sie kannte Daniels Arbeitsgewohnheiten. Nur Daniel verstand wirklich. Daniel hatte ihr in der finsteren Nacht vor ihrem dreiundzwanzigsten Geburtstag aus dem Abgrund geholfen. als sie ihre Eltern verlor. Aber wie? 55 .

Cathy hatte ihn in den langen einsamen Wochen mit ihren Briefen und Telefonaten moralisch unterstützt. Glückwunsch!‹ Daniel dämpfte das Licht der Laterne und erhöhte die Helligkeit auf seinem Bildschirm. Der Ton brach sich an den feuchten Wänden der Grabkammer. und lachte. daß die Vorfahren der Mayas Minoer gewesen seien. während er in der engen Grabkammer des Maya-Königs arbeitete und vom ohrenbetäubenden Lärm des Generators beinahe taub wurde. um das Bild besser und schärfer zu bekommen. daß er mit seinem Examen in Physik und einer hervorragenden Dissertation. daß die Vorfahren der Mayas Überlebende des verschwundenen Kontinents Atlantis waren. Endlich hatte er den Beweis erbracht. er hatte es geschafft. und seine Stimme hallte dumpf in dem Felsengrab.Mexiko »Da ist es!« rief Daniel. Schnell tippte er auf seiner Tastatur: ›Seht ihr es. Danny Boy!‹ Daniel betrachtete glücklich die übereinanderliegenden Bilder auf dem Monitor. Houston? Habt ihr das Bild?‹ Kurz darauf erschien auf dem Bildschirm des Laptops die Antwort: ›Wir sehen es. Kein Zweifel. Dann wurde es still. Er konnte nachweisen. Dann schrieb jemand aus dem Institut in Santa Barbara: ›Wer zuletzt lacht. Cathy hatte ihn daran erinnert. das Ergebnis jahrelanger Arbeit. 56 . Stevenson. Wenn doch Cathy diesen Augenblick seines Triumphs mit ihm hätte teilen können! Auf dem Bildschirm erschien ein lachendes ComicGesicht. Dr. Cathy… Sie als einzige hatte nicht gelacht. Er lächelte glücklich. die sich nach dem Untergang von Atlantis an die Küste von Yukatan retten konnten. lacht am besten. als er zum ersten Mal seine These aufstellte.

Seine Entschlossenheit. Er hatte mehrere Jahre mit der Suche zugebracht. daß es sich um das Grab eines bis dahin unbekannten MayaKönigs handelte. die aus einer früheren Zeit stammten als alle derzeit bekannten. Beispiele der Maya-Kunst zu finden. das lasse sich dadurch erklären. daß die Kunst von Chichen Itza und anderer Hochburgen der MayaKultur mehrere tausend Jahre nach der AtlantisKatastrophe entstanden sei. hatte Luftaufnahmen studiert und die Computer mit immer neuen Daten gefüttert. zeigte es schlanke. das Recht hatte. es müsse ihm gelingen. Nach zwei Jahren mühevoller Ausgrabungen stellte er fest. drahtige Gestalten mit schmalen Hüften und schulterlangen schwarzen Haaren. sagte sie immer wieder. sich gegen die Spötter zu wehren. den Beweis zu finden. wie man es noch nie zuvor gesehen hatte. aber mit Beweisen. führte ihn schließlich zu einem seltsamen Hügel im mexikanischen Dschungel. Aber Daniel erwiderte. die man in Bonampak fand. Und von Cathy hatte er gelernt. Anstelle der korpulenten Gestalten mit schlaffen Armen und dicken Bäuchen. Alle erklärten. Kunst und Kultur hätten sich in den dazwischenliegenden Jahrhunderten entsprechend entwickelt. die an Besessenheit grenzte. ›Mach dir nichts daraus. ›Stürze sie von ihrem hohen Sockel. Danno‹. so ernst genommen zu werden wie jeder andere Wissenschaftler auch. Allerdings 57 . Dann aber stieß er auf ein Fresko.‹ Die Herausforderung hatte in der Tat darin gelegen. es seien keine Ähnlichkeiten zwischen der Kunst der Ägäis und der des klassischen Mittelamerika nachzuweisen. Er kam deshalb zu dem Schluß. Dieses Ergebnis hatte ihm die widerwillige Anerkennung seiner Kollegen eingebracht.in der er die Genauigkeit der Datierung bronzezeitlicher Keramik mit Hilfe von Thermolumineszenz in Frage stellte.

daß auf 58 . Jetzt hatte er allerdings einen noch klareren Beweis gefunden. Dann legte Danno auf der dritten Wand der Grabkammer ein weiteres Fresko frei. sei der Beweis für seine Atlantis-Theorie. so erklärte Daniel. die Jahrhunderte später entstanden waren. daß sich diese Menschen unter Wasser befanden und ertranken. Es handelte sich um ein Wandbild. Einige gingen sogar soweit zu behaupten. die ein Kennzeichen der späteren MayaKunst waren. Deshalb verwies Daniel auf die Wandbilder von Bonampak. Es glich aztekischen Darstellungen. als Atlantis unterging – seine Kritiker ließen sich jedoch nicht überzeugen. das Schlangen zeigte: die Vorläufer der Gefiederten Schlange. Die Menschen auf dem Bild saßen zusammengekauert oder lagen auf dem Rücken.hatten sie bereits die flache Stirn und die langen Hinterköpfe. die bei den Tolteken. Unter den Kalkschichten einer zweiten Wand war Daniel auf etwas gestoßen. Das Fresko. die erst Jahrhunderte später auftauchten. aber die Spötter machten sich sofort wieder über ihn lustig. bei den Spiralen handle es sich um Darstellungen der Atmungsapparate vorzeitlicher Astronauten. Azteken und den Mayas als mächtiger Gott verehrt wurde. Die Archäologen deuteten solche gewundenen Bänder in der aztekischen Kunst als Symbole für Sprache oder Atem. Auf dem von Danno entdeckten Fresko hielten die Menschen Schlangen in beiden Händen – ein bekanntes Motiv der minoischen Kunst. könne man erklären. das selbst ihn verblüffte. Das neu entdeckte Wandbild zeigte die Geschichte der großen Katastrophe. das weder in Mexiko noch irgendwo in Mittel.oder Südamerika zu finden war. Daniel dagegen deutete sie als Hinweise darauf. Wie. bei der ihre Vorfahren ertrunken waren. Aus ihren Mündern stiegen seltsame Wirbel auf. so hatte er gefragt.

Ein durchdringender Pfeifton machte Daniel darauf aufmerksam. Weshalb sollte eine Gesellschaft im Dschungel Lebewesen und Pflanzen aus dem Meer darstellen? Aus einem einfachen Grund. Leute! Heute spendiere ich den Kaviar. Daniel hatte neben dem neu entdeckten Königsgrab sein Lager aufgeschlagen. Mit seinem alten IBM ThinkPad. Dann verglich er sorgfältig eines der Wandbilder mit ausgewählten minoischen Darstellungen. daß Daniel ständig Geldsorgen hatte. ›Mazel tow!‹ schrieben die Kollegen aus Santa Barbara.diesen Fresken des achten Jahrhunderts immer wieder das Thema Meeresleben auftauchte? Auf den Gewändern von Priestern und Herrschern sah man Langusten. einem Xircom PCMCIA V. Das erlaubte ihm sowohl den Zugriff auf eine Kunst-Datenbank als auch auf ein Kunst-RekonstruktionsProgramm. Daniel nahm die Helligkeit des Bildschirms zurück und antwortete seinen Freunden: ›Danke. Über eine Satellitenverbindung in Cozumel übertrug er die entdeckten Wandbilder in beide Institute. der Kopfschmuck erinnerte an Kraken. Bestimmte Punkte wie Nasen.‹ Er seufzte und lauschte auf den heftigen Regen draußen 59 . Sie stimmten beinahe völlig überein. erklärte Danno: Diese Bilder erzählten die Geschichte des Untergangs von Atlantis. Knie und Fingerspitzen wurden präzise übereinanderprojiziert und fehlende Stellen mit Hilfe des Rekonstruktions-Programms ergänzt.34-Modem und einem Funktelefon hatte er eine CyberspaceVerbindung zu Kollegen in Houston und Santa Barbara aufgebaut. daß die Batterie seines Laptop aufgeladen werden mußte. denn jedermann wußte. Flossen und Seetang. In der Info-Box des Monitors erschien die Frage: ›Wo bleibt der Champagner?‹ Houston fragte: ›Wo bleibt unser Geld?‹ Das war ein alter Witz.

daß sie einem anderen Mann gehörte.vor dem Grab. daß die beiden glücklich sein würden. Ihn würde sie bestimmt nicht heiraten. obwohl sie in Wirklichkeit eines der schönsten Mädchen der Schule gewesen war. Catherine hatte damals nichts davon geahnt. Sie umarmte ihn. es werde alles gut werden. aber sie traf ihn trotzdem bis ins Mark. Damals war er sechzehn. Wie schön wäre es. ›Julius möchte. Seine Freude schwand. Der unaufhörliche Regen ließ ihn an eine Szene aus einem Film denken. weil sie sich für häßlich hielt. Warum konnte sie jetzt nicht bei ihm sein? Er sah sich traurig in der modrigen Grabkammer um und dachte an den Tag. damit sie auch nach zwanzig Jahren nichts von seiner Liebe wußte. der ein Wendepunkt in seinem Leben gewesen war. Der Duft ihres Parfüms stieg ihm in die Nase. Aber Cathy hatte ihn gefunden. er spürte ihren schlanken Körper. das er an der Innenseite des Laptop-Deckels unter den Bildschirm geklebt hatte. das er heftig liebte. Es war eine alte Aufnahme von der Schulabschlußfeier. Andererseits konnte er den Gedanken nicht ertragen. Cathy lachte und hielt abwehrend die Hand vor das Objektiv der Kamera. und er fühlte sich plötzlich niedergeschlagen. Einerseits wollte er. hatte sie in ihrem letzten Brief geschrieben. wenn Cathy mit mir feiern könnte… Leider hatte er nur ihr Photo. Die Nachricht überraschte Daniel nicht. daß ich ihn heirate‹. denn er war sicher. und plötzlich wurde aus seiner besten Freundin ein Mädchen. daß sie Julius heiratete. drückte ihn an sich und flüsterte. Er hatte sich in der Waschküche verkrochen und schluchzte verzweifelt. Daniel machte sich keine Illusionen über ihre 60 . in dem Wasserfluten den Helden im Dschungel von der Welt abschnitten. und Daniel hatte alles getan. So hatte er ihr Bild bei der Arbeit immer vor Augen.

Beziehung. wenn sie zusammen waren. fiel ihm allerdings nichts ein. die ihn noch vor kurzem beflügelt hatte. Voss‹ finden. Soll sie diesen Julius heiraten und ihr Glück als ›Mrs. Das mußte sich Daniel jedesmal eingestehen. aber er wußte. 61 . was schlimmer gewesen wäre. mit einem Mel Gibson konnte er sich nicht vergleichen. Catherine würde für ihn nie romantische Gefühle entwickeln. Er war kleiner als Catherine. Er fand sich zwar nicht gerade häßlich. Es gibt Schlimmeres… Während Daniel auf den Monitor starrte und versuchte. etwas von der Begeisterung zurückzuholen. aber sie würden nie ein Paar werden können. Sie waren Freunde. vielleicht sogar Seelengefährten.

Scharm el Scheich. wenn sie keine Zeit hatte. die ich brauche. zuerst viel Kaffee. wie sie Daniel erreichen konnte… Sie hatte ihm einen Sommer lang geholfen. und Ramesch kann nur Briefe damit 62 . Aber Papadopoulos weiß nicht. Golf von Akkaba Plötzlich wußte Catherine. Mylonas. »ich möchte Sie um einen Gefallen bitten. sagte sie jetzt zu ihm. nach Scharm el Scheich zu fahren. danach Auswertung der Ergebnisse des Vortags und dann… Es war ihr wieder eingefallen! Daniel saß vor der Arbeit regelmäßig am Computer und informierte sich via Internet über das. tauschte Gedanken und Informationen mit einer Gruppe von Freunden aus und las seine E-Mail.« »Beim heiligen Andreas!« sagte er lachend und schüttelte den Kopf. weil Daniel dort ein verborgenes Grab vermutete. Gelegentlich trank sie sogar mit dem siebzigjährigen verwitweten Besitzer Tee. Mylonas«. und ich weiß es auch nicht. wie man einen Computer bedient. »Mr. ich kann für ein paar Minuten den Hotel-Computer benutzen? Ich bezahle Ihnen natürlich die Gebühren für die Zeit. um Post abzuholen. das Hotel zu modernisieren. »Vor vier Jahren hat mir Papadopoulos erklärt. In diesem Sommer gab es kaum Änderungen im Tagesablauf: Aufstehen vor Sonnenaufgang. Nach einem Jahr kannte sie jeder im Hotel Isis. Schnell ging Catherine zur Rezeption zurück. was in der Welt geschah. Hassan weiß es nicht. um einen Freund zu erreichen. und versorgte sich mit den nötigen Dingen. Sie erschien beinahe täglich. Glauben Sie. und hat aus Athen einen Computer kommen lassen. ein Gebiet in Chiapas zu kartographieren. es ist Zeit.

In den vergangenen fünf Monaten niemand. Mylonas und widmete sich einem Gast. Mylonas. der Geld umtauschen wollte. An der Wand hingen ein islamischer und ein westlicher Kalender. und sie blickte hinein. Neben mehreren altmodischen Telefonen mit Wählscheibe stand dort auch eine mechanische Schreibmaschine. Und heute? Plötzlich wollen alle an den Computer!« »Alle?« »Ja. Er sitzt gerade am Computer. Die Tür stand offen. »Vielleicht können Sie es im Sheraton oder im Hilton versuchen.schreiben. der heute am späten Nachmittag eingetroffen ist. in ein anderes Hotel zu fahren.« Aber Catherine hatte keine Zeit. Der Mann drehte ihr den Rücken zu und tippte auf der Tastatur. bevor er sein Zelt verließ. Die Sekretärin war nicht da. Ramesch. und am Deckenventilator baumelten klebrige Fliegenfänger.« Sie runzelte die Stirn. Der kleine Raum war vollgestopft mit ausrangierten Möbeln. sagte Mr. Frau Doktor. Sie mußte ihn erreichen. Daniel blieb nie länger als eine Stunde Online. Ich kann an den Fingern einer Hand abzählen. hatte 63 . Hungerford. Catherine überlegte nicht lange und ging zum Büro im hinteren Teil des Hotels. der Stellvertreter von Mr. der Computer ist im Augenblick nicht frei?« Er nickte und zuckte entschuldigend mit den Schultern. ihr amerikanischer Freund. Aber am Computer saß jemand. »Wer noch?« »Ein Gast.« »Wollen Sie damit sagen. wie viele Gäste diesen Computer benutzt haben. In Mexiko war es inzwischen halb neun. Er war groß. »Tut mir leid«. zum Beispiel Mr. ebenfalls nicht.

Aber dann fiel ihr auf.« »Wie lange?« »Ein paar Stunden. »Aber alle Anschlüsse sind besetzt. daß der Gast ein Geistlicher war. das Telefon in unserem Büro steht Ihnen zur Verfügung. Catherines Blick verweilte unwillkürlich auf der betont männlichen Gestalt. »Entschuldigen Sie…«. »Tut mir wirklich leid. Bitte. »Ich wollte Sie fragen. Catherine räusperte sich und blieb in der Tür stehen. Er hatte blaue Augen und eine sonnengebräunte Haut. sondern einen Priesterkragen hatte. einen Priester um einen Gefallen zu bitten. Während sie wartete. Sie räusperte sich noch einmal. Mylonas. Vielleicht haben Sie diesmal mehr Glück. ob…« Der Mann drehte sich um. ob der Computer frei ist…« »Ich habe gerade meine E-Mail abgeschickt und fürchte. Er trug ein schwarzes Hemd mit kurzen Ärmeln und Jeans. Sie war verwirrt. Mylonas und hängte auf.breite Schultern und eine fast militärische Haltung. »Ich wollte Sie fragen. Mr. damit ist dieser Computer eine Weile beschäftigt. er hat ein 300-Bits-pro-Sekunde-Modem!« erwiderte er und lachte. dann auf den Computer und schließlich auf den Priester. im Sheraton anzufragen. An der Rezeption bat sie Mr. Mylonas hatte nicht erwähnt. Sie wollte etwas sagen. ob ein Computer frei sei. Sosehr sie es auch gewollt hätte.« »Stunden? Warum dauert das so lange?« »Ich glaube. Catherine warf erst einen Blick auf die Uhr.« 64 . überlegte es sich aber anders und drehte sich wortlos um. sie brachte es einfach nicht über sich. Frau Doktor«. trommelte sie mit den Fingern nervös auf das Gästebuch und starrte in die Richtung des Büros. Er lächelte sie liebenswürdig an. sagte Mr. daß das schwarze Hemd kein normales Hemd war.

Daniel ihre Nachricht zu übermitteln und später mit dem Priester zu reden. Bestimmt kein sicheres Versteck. »Verflucht…«. Die Meldung wirkte jedoch eher wie Hohn: »Gesendet: 1200 Bytes voraussichtl. Ich habe keine andere Wahl. und sie warf einen Blick auf den Bildschirm. die um die halbe Welt gingen. wenn sie Danno nicht erreichte? Ich fliege noch heute nacht. »Bitte nimm endlich ab!« Sie warf wieder einen Blick auf die Uhr. Stevenson zu erreichen. und ging zurück in das Büro. ich versuche.Catherine vermutete. die Funkvermittlung in Cancun zu erreichen. Er ist… Hallo?« Die Verbindung wurde unterbrochen. ihr Zelt nicht aus den Augen zu lassen. Sendezeit: l Std. Catherine wußte jedoch. daß sie mit dem Anschluß hier mehr Glück haben würde als in einer Telefonzelle. murmelte sie ungeduldig. preßte den Hörer ans Ohr und lauschte auf die veralteten Telefontöne. Sie dachte an das Fragment und den Korb unter dem Feldbett. Aber was sollte sie tun. War er bereits unterwegs zum Grab? Durch die angelehnte Tür hörte sie plötzlich lauten Beifall aus der Bar und Hungerfords unverkennbares Lachen. dachte sie flüchtig daran. Warum ist er noch immer hier? Warum ist er nicht bei seinen Leuten? Sie dachte an Samir. ob der Computer vielleicht doch schon frei war. 65 .« Während sie noch einmal versuchte. Der Priester war nicht mehr da. Danno«. Sie hatte ihn gebeten. dachte sie. um zu sehen. das Senden der E-Mail zu unterbrechen. »Ja. 27 Min. Catherine wußte. »Na los. Dr. »Hallo?« rief sie in den Hörer. daß er sich nicht ständig in der Nähe des Zelts aufhalten konnte. sie durfte die Funde nicht länger allein lassen.

« Er setzte sich vor den Computer. »Ich muß unbedingt den Computer benutzen.« Er sah sie überrascht an. Hinter ihm befand sich die Hotelhalle. dann setzte sie sich.murmelte sie. dachte sie unwillkürlich und staunte über ihren Zynismus. Seine große Gestalt füllte den Raum. Catherine blickte ihm einen Augenblick nach. »Sie sind wohl kaum auf mich angewiesen. Eine wahrhaft gute Kulisse für einen Diener der spirituellen Welt. Durch die Glastüren sah sie in seinem Rücken den feurig-goldenen Sonnenuntergang. Warum löste dieser Mann so heftige Reaktionen bei ihr aus? Er betrat das Büro. Die ersten Anzeichen von Grau in den kurz geschnittenen dunkelbraunen Haaren verrieten. legte den Notizblock mit Daniels EMail-Adresse auf den Tisch und begann mit der Eingabe.« »Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?« »Ich möchte nicht gerne auf einen Priester angewiesen sein. Der Priester stand in der Tür. ohne sie noch einmal anzusehen. »Was ist los?« Sie drehte sich verblüfft um. sagte er knapp und verließ das Büro. daß er über vierzig sein mußte. tippte etwas auf der Tastatur und stand auf: »Er steht zu Ihrer Verfügung«. 66 . Sie legte auf und seufzte. Eigentlich wirkte er überhaupt nicht wie ein Priester. Aber sein muskulöser Körper wirkte jugendlich und sportlich. Er war etwa einen Meter fünfundachtzig groß. um jemanden zu erreichen. der plötzlich noch kleiner zu sein schien.

Ihm war nicht bewußt gewesen. Als er hungrig das heiße Burrito zu essen begann. Er hatte die Arbeit nicht unterbrechen wollen und war nicht wie üblich ins Lager zurückgegangen. »Wenn es wichtig ist. Aber ich glaube. Es klang dringend. wird er es schon noch einmal versuchen. schloß er die Augen.Mexiko Daniel hatte gerade seinen Net-Slogan eingegeben: ›Im Universum gibt es eine Quelle des Lebens. und der würzige Duft von Bohnen. »Wer auch immer es gewesen sein mag«. »He. Jemand wollte dich sprechen. »Phantastisch! Danny. erwiderte Daniel und schraubte den Deckel der Thermoskanne auf. »Die Funkverbindung ist wieder zusammengebrochen. und niemand kann lange ohne diese Quelle leben. das Unwetter…« »Mach dir keine Gedanken! Komm. Meine letzte Batterie ist am Ende«. Käse und Paprika stieg ihm in die Nase.« 67 . sieh dir das an!« Sein Assistent stellte das Frühstück ab und kauerte sich vor den Laptop. du hast es geschafft!« »Gerade noch rechtzeitig. »Wer wollte mich sprechen?« Der junge Mann reichte ihm eines der Päckchen. wie ausgehungert er nach der Nacht in diesem Grab war. Danny!« rief der junge Mann und ließ seinen nassen Poncho auf den Boden fallen. sagte er mit vollem Mund.‹ In diesem Augenblick kam einer der Studenten mit einer Thermoskanne und zwei in fettiges Pergamentpapier gewickelten Päckchen in die Grabkammer. »Weiß nicht…« Daniel schlug das fettige Papier beiseite. Sofort verbreitete sich in der Grabkammer der belebende Duft von Kaffee.

Der Bildschirm begann zu flackern. sagte sein Assistent.»Deine Batterie gibt gerade endgültig den Geist auf«. als eine Meldung erschien. 68 .

Sie entluden schnell das Boot. daß im Lager alle schliefen. seit sie den Korb in dem unterirdischen Gang gefunden hatte. Sie wollte ihn öffnen. Aber in dieser kalten Nacht blieb alles dunkel und still. Das erste in der langen Reihe der Touristenhotels hob sich schemenhaft vor dem Nachthimmel ab. Als sie das sandige Ufer erreichten. um ihr Ziel auszumachen und ihrem Auftraggeber einen ersten Bericht zu erstatten. 69 . Sie blieben abwartend stehen und lauschten auf Lebenszeichen. daß niemand sie gesehen hatte. Gott sei Dank hatte sie Daniel über Internet erreicht. Sie stellten den Außenbordmotor ab und sprangen schnell und lautlos ins flache Wasser. und die Männer konnten sicher sein. Aber es stand weit genug entfernt. der auf ihrem Arbeitstisch stand.Scharm el Scheich. Catherine seufzte und blickte unruhig auf den Korb. Sie hatten eine Stunde. Es klang. Ihr Auftrag verlangte. es davonzutragen. Golf von Akkaba Das schwarze Schlauchboot schoß über das Wasser und erreichte den Strand. Einer der beiden warf einen Blick auf die Uhr. Zwei Männer in schwarzen Tauchanzügen saßen in dem Boot. sobald sie sicher sein konnte. Der Nachtwind heulte um das Zelt. zogen sie das Boot hinter sich her aufs Trockene. daß sie unerkannt in das Land kamen. Trotzdem blieben sie wachsam und verloren keine Zeit. als versuchten die Dämonen der Wüste. Zwölf Stunden waren vergangen. Er hatte gerade noch ihre Nachricht erhalten. bevor der Mond über dem Golf aufging und sein fahles Licht auf das nächtliche Land warf.

der verehrte Priester… Catherine erschauerte. Seit der Fund ans Licht gekommen war. Er roch nach Erde und Moder. Woher? Ein besonders heftiger Windstoß traf das Zelt. ging zu dem Fliegenfenster und blickte über das dunkle Land.bevor die Batterie seines Computers völlig versagte. um ihre Herkunft zu bestimmen. Eine Stunde später rief er sie aus dem Dorf in der Nähe seines Lagers an. nutzte sie die Zeit. nicht größer als ein Picknickkorb. Das Gewebe. zerfiel. nachdem der Hanf dem Sonnenlicht ausgesetzt worden war. winzige Insekten und getrocknete Pflanzenteile von der Leinenumhüllung. Wie sollten ihre Nerven diese Spannung aushaken? Und sie hatte noch viel zu tun bis zu ihrer Flucht. Catherines Unruhe wuchs von Minute zu Minute. Catherine richtete sich auf und schloß kurz die Augen. das Äußere mit der Lupe zu untersuchen. mußte der Korb von einem anderen Ort hierher gebracht worden sein. in das er eingepackt war. Dabei schabte sie behutsam Sandkörner. Amelia. den Korb ungestört öffnen zu können. Gab es wirklich so etwas wie Dämonen? Der Korb war nicht groß. Da die Grabungen bisher keine Hinweise auf eine ständige menschliche Besiedlung dieser Gegend vor dem fünften Jahrhundert erbracht hatten. Sie stand auf. Aber Catherine glaubte fest daran. In der 70 . Ein Teil der Verschnürung hatte sich bereits in Staub aufgelöst. Er sagte nur drei wundervolle Worte: ›Ich bin unterwegs!‹ Aber bis zu seiner Ankunft würde fast ein ganzer Tag vergehen. daß sich der sorgfältig verpackte Inhalt noch in einem guten Zustand befand und nicht zerstört worden war. schienen seltsame Gewalten am Werk zu sein. Während sie darauf wartete.

Catherine war der Überzeugung. daß Moses und Mirjam ihr Volk hier entlang geführt hatten. Da manche Pflanzen in bestimmten Gebieten endemisch sind und in anderen nicht vorkommen.Ferne sah sie die Lichter von Hungerfords Lager. Der Pflanzenrest unter dem Mikroskop ließ sich nicht sofort zuordnen. was sie sah. bei Grabungen botanische Funde zu sammeln und zu bestimmen. legte einen Pflanzenrest auf den Objektträger und betrachtete ihn unter dem Mikroskop. daß sich einige ihrer Leute unterhielten. Leider hatte Catherine bisher jedoch nur Pflanzen gefunden. die im südlichen Sinai wuchsen. Inzwischen war der Mond aufgegangen. Er war noch immer im Hotel Isis gewesen. Sie blätterte in einem Buch über Paläobotanik. als sie sich auf den Rückweg gemacht hatte. die sie aussäten und anpflanzten. dabei gestört zu werden. Ist er vielleicht noch dort? Im Lager brannte in zwei Zelten noch Licht. Sie hörte. würden Spuren von Pflanzen des Niltals an alten israelitischen Tonwaren ihre Hypothese erhärten. 71 . mit den Abbildungen und Zeichnungen im Text. aber sie konnte nicht riskieren. Deshalb bestand ein Teil von Catherines Arbeit darin. Er warf sein silbernes Licht über die einsame Wüste. Sie setzte sich wieder an den Arbeitstisch. Als sie die Schärfe einstellte. erschien die senkrechte Falte zwischen ihren Augen. die am Strand entlanggingen. blickte immer wieder in das Mikroskop und verglich das. Catherine wollte den Korb so schnell wie möglich öffnen. daß die Juden beim Auszug aus Ägypten Sämereien und Stecklinge mitgenommen hatten. In einiger Entfernung von Catherines Lager beleuchtete er auch zwei Männer. wenn sie an einem Ort längere Zeit blieben.

Das bedeutete. die vor vielen Jahrhunderten hier in den Höhlen des Sinai gelebt hatten. Es war ein junger Ägypter. Die Blütenkrone war gut erhalten. die damit endete: ›… endemisch im zentralen Hochland der Negev‹. den Inhalt zu verpacken. Er lächelte sie an und fragte: »Sie Amerikaner?« Seine Zähne blitzen weiß. »Bakschisch!«. Sie waren noch nicht lange in Richtung der Hotels gegangen. streiften sie schnell die Tauchanzüge ab und kleideten sich wie Touristen in weite Leinenanzüge und geblümte Hawaiihemden. mit der der Korb verschnürt worden war. ebenso die Härchen am Stengel und am Blütenkelch. was immer sich in dem Korb befinden mochte. Ihre Vermutungen waren richtig. Das Jesus-Fragment stammte nicht von einem der Einsiedler. Catherine las die Beschreibung im Buch. und niemand konnte es mit ihnen in Zusammenhang bringen -. Ihre großen Nylontaschen sahen wie normales Reisegepäck aus. Israel… das ist mehr als zweihundert Meilen entfernt! Wieder blickte sie auf den geheimnisvollen Korb und spürte.Nachdem sie das Boot wieder ins Wasser geschoben hatten – sie brauchten es nicht mehr. wuchs nur im Negev und sonst nirgendwo auf der Welt. Vorsichtig und mißtrauisch blieben sie stehen. daß ihnen jemand entgegenkam. »Origanum ramonense…«. wie ihr Herz schneller schlug. als er hinzufügte: »Ahlan wa sahlan!« und die Hand ausstreckte. Aber weshalb hatte man damals soviel Sorgfalt darauf verwendet. die an der Schnur hing. Die winzige Pflanze. murmelte Catherine zufrieden. als sie sahen. und war mit dem Korb dann so weit 72 . kam ebenfalls von dort. denn die Form des winzigen Blättchens war eindeutig.

und meist bekam die begehrten Posten bei Ausgrabungen nur jemand. und er erklärte überglücklich. Vor dem Zelt räusperte sich jemand. Sein schneller Blick auf den Korb machte Catherine mißtrauisch. der Freunde oder Verwandte in der Behörde hatte. Frau Doktor«. daß sie nur darauf wartete. sah Catherine. Als sie nach Ägypten zurückkam. um nach dem MosesBrunnen zu suchen. Dann hörte sie eine vertraute Stimme: »Frau Doktor?« Es war Samir. Samir war Examenskandidat in Ägyptologie.‹ Catherine zuckte zusammen. wenn es um einen einmaligen Fund ging. um ihn hier zu begraben? Woher waren die Leute gekommen? Wer waren sie gewesen? Und der Schädel? Hatte man jemanden zusammen mit dem Korb begraben? Und wenn das so war.« Als er eintrat.« Ahnte er.gereist. hatte Samir promoviert. dafür sei er ihr ewig zu Dank verpflichtet. aus welchen Grund? ›Lest diesen Brief im geheimen. aber er suchte eine Stelle. Er war fleißig. den Korb ohne lästige Zeugen öffnen zu können? 73 . sagte er und fügte zu Catherines Überraschung hinzu: »Alle schlafen. Sie hatten sich bei Ausgrabungen an der Nordküste des Sinai getroffen. Kann ich ihm wirklich trauen? Sie kannte den netten jungen Ägypter seit fünf Jahren. daß er einen schnellen Blick auf den Korb warf. und Catherine stellte bald fest. Catherine hatte Samir als GrabungsAufseher eine solche Stelle verschafft. daß sie sich voll und ganz auf ihn verlassen konnte. »Kommen Sie herein. der ihn möglicherweise reich und berühmt machen würde? »Im Lager ist alles in Ordnung. Konnte sie sich auch dann noch auf ihn verlassen. Die Konkurrenz unter den Archäologen war groß. in Sorge um Eure Sicherheit und in furcht um Euer Lehen.

« 74 . An der Rezeption verlangte einer der beiden spät eingetroffenen Amerikaner ein Zimmer für die Nacht. Die Bauchtänzerin erreichte das Ende ihrer Vorstellung. Er sagte: »Wir sind am Ziel. Sie tanzte jetzt zwischen den Tischen der Gäste und ermunterte sie. Ihre Augen wurden groß vor Staunen. Sie durchtrennte vorsichtig die äußere Leinenumhüllung. In Wirklichkeit hieß sie Shirley Milewski und kam aus Bismarck. schloß sie den Reißverschluß des Zelteingangs und ging an den Arbeitstisch zurück. Vorher vergewisserte er sich jedoch. Sein Partner stand am Telefon neben dem Aufzug. weil er die Reisepässe nicht zur Hand hatte. Sand und kleine Steine wurden prasselnd gegen die Zeltbahnen getrieben. Catherine entfernte mit angehaltenem Atem die innerste Umhüllung. ihr Dollarscheine und ägyptische Pfundnoten in das hautenge Kostüm zu stecken.Nachdem er gegangen war. Der Wind pfiff und heulte um das Zelt. Mit Pinzette und Schere machte sie sich so behutsam und langsam an die Arbeit. entfernte die Verschnürung und schnitt präzise und ruhig wie ein Chirurg bei einer Operation durch die einzelnen Schichten. daß niemand ihn beobachtete oder mithörte. Der Mond stand inzwischen hoch am Himmel und tauchte das Lager in ein geheimnisvolles Licht. Als sich der gewünschte Teilnehmer meldete. sagte er schnell einen einzigen Satz. als sie schließlich den Inhalt sah. wie es ihre Aufregung zuließ. Sie brauchte nicht länger zu warten. Sie hieß Yasmina und wurde vom Hotel Isis als ›Rose des Ostens‹ angepriesen. North Dakota. Er bezahlte bar und rundete den Betrag großzügig nach oben ab.

Sie hatten auch präzise Landkarten der Küste des Golfs von Akkaba und Saudi-Arabiens mit sich. wie man unbemerkt in fremde Länder einreiste und sie ebenso unbemerkt wieder verließ. Dann verschlossen sie die Tür und gingen daran. dem Suezkanal und dem Roten Meer. wasserdichte Stablampen. Betäubungsgewehre mit einer Leistung bis zu 200.000 Volt und ein tragbarer GPSNavigator. Das Handwerkszeug ihres Metiers befand sich in den Reisetaschen – Nachtgläser russischer Herkunft. Die Amerikaner gaben dem Gepäckträger. Man hatte sie in dünnes Leinen gewickelt. die sie im Laufe der Jahre beim Umgang mit zerbrechlichen und seltenen Gegenständen gelernt hatte. ihr vorübergehendes Einsatzzentrum funktionsfähig zu machen. Klappmesser aus Edelstahl. ein gutes Trinkgeld. Jemand mußte viel Mühe auf sich genommen haben. ein Laser-Entfernungsmesser. Warum hatte man sie nicht einfach vernichtet? Warum waren sie mit so großem Aufwand begraben worden? Catherine nahm das erste Buch in die Hand.Catherine sah vor sich ›Bücher‹ aus Papyrus mit Ledereinbänden. mit dem sie überall auf der Erde ihre genaue Position bestimmen konnten. sowie LANDSAT-Photos vom südlichen Sinai. Trommelrevolver mit neunzehn Schuß und Laservisier und Kleinkalibergewehre mit Zielfernrohr hatten sie bereits am Strand in 75 . damit sie nicht entdeckt wurden. Die beiden Männer hatten jedoch weder Flugtickets noch Reisepässe. der sie zu ihrem Zimmer führte. Langsam schlug sie es auf. die hervorragend erhalten waren. Sie wußten. Sie tat es mit der Behutsamkeit und Vorsicht. verschnürt und in diesen Korb gepackt.

Der Junge war nicht stark und auch nicht schwer. Der Einsatz konnte beginnen. Zeke drehte sich nach seinem Partner um und sagte betont langsam: »Keine Zeugen…« Catherine drückte auf eine Taste ihres Diktiergerätes. Außerdem hatte es keine große Mühe gemacht. bis man den jungen Ägypter vermißte? Aber auch das war nicht weiter wichtig. Der Text befindet sich auf den rechten. die leicht überlappend aneinandergeklebt sind. den 76 . aber sie hatten am Ufer Tafeln gesehen. Aber so war ihnen keine andere Wahl geblieben. wäre der Junge vermutlich noch am Leben gewesen. trat auf den Balkon hinaus. Jedes Blatt ist beschrieben. »Das erste Buch«. Nach dem Ende der Bauchtanzvorstellung fuhren die Gäste laut hupend und mit quietschenden Reifen davon. damit die Leiche im Wasser versank. Wenn der böige Wind nicht plötzlich die Waffen unter Zekes Jackett enthüllt hätte. aus der sie gekommen waren. die in englisch. in die Richtung. »besteht aus typischen Papyrus-Seiten. Vor ihm lag das dunkle Wasser. der die Verbindung mit ihrem Auftraggeber hielt. Zeke überlegte. Zekes Augen wanderten den Strand entlang nach Norden. Es ist wie ein Akkordeon gefaltet und nicht an einer Seite gebunden. Geöffnet hat es die Standardlänge von zwanzig Seiten. Wie lange mochte es dauern. als ihn zu töten. Er warf einen prüfenden Blick hinunter zur Auffahrt. sprach sie auf Band. Zeke. arabisch und französisch vor Haien warnten. Sie brauchten nicht viele Steine.Schulterhalftern unter den Jacken verborgen. ob die Haie die Leiche des jungen Ägypters bereits gefunden hatten. Scharm el Scheich war unter Tauchern als eine der besten Stellen der Welt bekannt.

und sie hörte Ziegenglocken und hin und wieder das helle Meckern einer Ziege. das die Beduinen die Schreie der Verdammten nannten. Sie griff nach der Taschenlampe. Zuerst sah sie nur die Gräben und die Absperrungsseile. In den Zelten war alles still. »Fremde haben hier keinen Zutritt«. Ihre Leute schliefen. ich dachte. Sie lauschte mit angehaltenem Atem. Plötzlich hörte sie vor dem Zelt ein Geräusch. »He. Aber dann entdeckte sie eine Gestalt. es wäre nichts 77 . Die Wüste war in ein seltsam übernatürliches Licht getaucht. Sand wurde über die Steine gefegt. An den Rändern sind horizontal verlaufende Fasern erkennbar.ungeraden Seiten. Er hielt schützend die Arme vor die Augen. Sie richtete sich auf und lauschte. daß es der Priester aus dem Hotel Isis war. öffnete den Reißverschluß und blickte angestrengt in die stürmische Nacht. sah sie. »Entschuldigen Sie. Dann hörte sie ein anderes Geräusch – Schritte auf dem Geröll. Catherine holte eine große Lupe und rückte die Lampe näher an den Papyrus. Der Wind wurde zum Sturm und jagte mit einem gespenstischen Heulen über den Golf. Als sie ihm mit der Taschenlampe ins Gesicht leuchtete. sagte sie und senkte die Taschenlampe. Der Wind drehte. die im Wind schaukelten. verließ das Zelt und richtete den Lichtstrahl auf den Grabungsplatz.« Sie entfaltete behutsam den spröden Papyrus. »Hallo?« rief sie. »Wer ist da?« Sie ging zum Zelteingang. was machen Sie da?« rief sie und lief auf den Mann zu. Sie schob sich die langen Haare aus dem Gesicht und begann. die Worte des uralten Dokuments zu lesen.

Ich erinnere mich daran. »Ich verstehe. wie der Wind sein Hemd an den breiten muskulösen Rücken preßte.« Er nickte. daß Sie etwas Wertvolles gefunden haben. Wenn das meine Grabung wäre. Arbeiten Sie hier?« »Das ist meine Grabung. sagte er mit einer leichten Verbeugung und streckte ihr die Hand entgegen. würde ich auch alle Vorsichtsmaßnahmen ergreifen. Sie auch nicht. sind Sie nicht die Frau. daß hier eine Grabung durchgeführt wird. Alexander«. Catherine sah.« »Das wissen wir noch nicht genau«. »Im Hotel erzählt man. erwiderte sie und mußte mit der freien Hand ihre Haare festhalten. »Michael Garibaldi«. Die Nachricht verbreitete sich in Windeseile. »Ich warte auf einen Beamten der ägyptischen Regierung. ohne auf die Hand zu achten. damit sie ihr nicht ins Gesicht geweht wurden. erwiderte Catherine vorsichtig. sagte er. »Man hat mir im Hotel gesagt. Ich war neugierig. »Ja«. etwas über den Fund in der Nähe von Bir el Dam gelesen zu haben. »Was suchen Sie hier?« wiederholte sie ihre Frage. wie er wohl seine Muskeln trainierte.« Er blickte an ihr vorbei zu dem beleuchteten Zelt. »Sie sind bestimmt Dr.« Dann rief er gegen den Sturm: »Ach. Unwillkürlich überlegte sie. Wie ich sehe. die mir den Computer ausgespannt hat? Haben Sie Ihren Freund erreicht?« Der kalte Wind ließ Catherine frösteln. bevor ich mit den Ausgrabungen fortfahre. Sie trug nur eine Bluse und Shorts. Ist es nicht etwas spät für eine Besichtigung?« »Ich konnte nicht schlafen. Dann drehte er sich um und starrte auf die dunklen Gräben und die Geröllhaufen. Am nächsten Tag standen bereits 78 .Verbotenes. wenn ich mich etwas umsehe.

« Sie richtete die Taschenlampe auf den Boden und führte ihn wie eine Platzanweiserin im Kino von den Gräben weg zum Lager. fragte er: »Warum lassen Sie es mich so deutlich spüren. Und das gefiel ihr überhaupt nicht. »Ich habe als Kind gelernt.« Catherine blickte fasziniert auf seine blauen Augen. und innerhalb einer Woche waren alle Fundstücke verschwunden. meinen Urlaub zu verlängern. Aber als sich jetzt Michael Garibaldis blaue Augen auf sie richteten. unterbrach er sie lächelnd. während er ihr folgte. Diese Illusion hatte sie verloren. »Nennen Sie mich Mike. daß ein Priester einem Menschen in die Seele blicken könne und wisse. Eigentlich bin ich schon wieder auf der Rückreise. auf dem Gelände herumzulaufen. Für die Polizei ist die Wüste sehr.« Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: »Ich komme aus Chicago. daß man einen Priester mit seinem Titel ansprechen muß. falls Sie das interessiert. »Wir können deshalb Fremden nicht erlauben.« Als sie noch immer schwieg. einfach ›Mike‹ zu Ihnen zu sagen. sagte er leise. sehr groß. »Es besteht die Gefahr. als sie erkannte. ob man die Wahrheit sagte oder nicht. Sie dachte daran. wie sie als kleines Mädchen geglaubt hatte. überkam sie das seltsame Gefühl. daß Priester auch nur Menschen waren.überall Zelte. Ich finde es nicht richtig. um etwas von der Sinaihalbinsel zu sehen. »und habe beschlossen. daß das Erdreich nachgibt«. er könne ihr tatsächlich in die Seele blicken.« Aber Catherine ließ sich nicht erweichen. Es ist zu gefährlich. »Ich war gerade in Jerusalem«.« »Ach so…« 79 . daß Sie mich nicht mögen?« »Vater Garibaldi…« »Bitte«. sagte sie.

Mylonas sagte. er sei verletzt. Er mußte ein sportlicher Priester sein. »Tut mir leid. um mich zu bedanken.« Inzwischen hatten sie Catherines Zelt erreicht. Entweder war er oft in der Sonne oder er lachte viel. »Im Hotel haben Sie gesagt. der vor seinem Gesicht flatterte. 80 . die mit dem Katholizismus nicht vertraut sind. »Nun ja. und sie hatte das Gefühl. Leute. Vater Garibaldi. dann trägt er unter dem weißen Priesterkragen bestimmt ein blaues Arbeiterhemd. Aber Mr. Wenn er aus Chicago ist.« »Das war nicht persönlich gemeint. »Gute Nacht. um einen Nachtfalter zu verjagen. »Ja. daß Sie nicht auf die Gunst eines Priesters angewiesen sein möchten. Dann erwiderte er: »Und ich habe gelernt. Sie sah Fältchen um seine Augen. die Bemerkung hat mich neugierig gemacht. Haben Sie ihre E-Mail später noch senden können?« Er lächelte wieder. daß er auch muskulöse Arme hatte. daß man sich bedankt. Ich habe nach Ihnen Ausschau gehalten. sie vor Drogen und Kriminalität zu bewahren. ein paar Stunden später. ließ sich von ihnen ›Mike‹ nennen und versuchte.« Sie dachte an die Papyri. sagte sie. Sie seien in der Stadt. wenn jemand so freundlich ist. einem zum Beispiel einen Computer zu überlassen. und das Licht fiel auf ihn.« Catherine nickte. »Es ist spät«.« Er hob die Schultern. »Sie haben mir wirklich sehr geholfen. vielleicht traf auch beides zu.« »Darf ich Sie noch etwas fragen?« Er trat einen Schritt auf sie zu. die ungeschützt auf ihrem Arbeitstisch im Zelt lagen. dachte sie. haben manchmal…« »Ich bin katholisch aufgewachsen.Er schwieg. Ich habe zwölf Jahre lang eine katholische Schule besucht. Vermutlich spielte er mit den Jugendlichen im Ghetto von Chicago Basketball. sah sie. Als er die Hand hob.

Dann. und sie ärgerte sich.« Catherine sah ihm nach. daß sie den Fremden regelrecht haßte. Sie ärgerte sich darüber. Auch jetzt. ich wünsche Ihnen. Beim ersten Anblick im Büro des Hotels hatte sie als Frau auf einen gutaussehenden Mann reagiert. »Wenn Sie einmal nach Chicago kommen sollten…« Sie zog schnell die Hand zurück und murmelte verlegen: »Gute Nacht. in ihm nur einen Priester zu sehen wie in Vater 81 . Sie verstand die seltsame Faszination nicht. weil sie das Ganze zugelassen hatte. als er sich umdrehte. Sie würde Garibaldi nichts von Vater McKinney und dem Abend erzählen.« »Ach…« Er nickte. Warum? Immerhin hatte er ihr aus freien Stücken den Computer überlassen. daß er ein Priester war. reagierte sie auf seine Männlichkeit. nachdem sie wußte. bemerkte sie den Priesterkragen und fühlte sich irgendwie betrogen.Dann bin ich aus der Kirche ausgetreten. was Sie suchen. Plötzlich wurde ihr bewußt. an dem ihre Mutter gestorben war.« Er räusperte sich und erwiderte: »Dr. und ihre Blicke sich trafen. »Aber Sie waren einmal eine gläubige Katholikin?« »Ja. Es war ihr nicht möglich. Nach einer Weile konnte sie sich die Antwort eingestehen. hier finden werden. die er auf sie ausübte. die sie verblüffte und gleichzeitig erregte. daß Sie das. früher…« Das war schon lange her. Alexander. Er drückte sie fest. Sie holte tief Luft und dachte nach. Als sie den Kopf hob. Vater. »Gute Nacht…« Sie reichte ihm die Hand. empfand Catherine blitzartig eine Verbundenheit mit ihm.

sah sie flüchtig am Rande der Ausgrabung etwas Großes. Bei Sonnenuntergang hatte es noch nicht dort gestanden.McKinney oder Vater Ignatius. Irgendwie fand sie das beunruhigend. Mit Entsetzen stellte sie fest. Garibaldi hatte sich ihr vom ersten Augenblick an als Mann und erst in zweiter Linie als Priester präsentiert. daß es ein Beduinenzelt war. Als Catherine den Reißverschluß schließen wollte. Diese beiden waren für sie nie Männer gewesen. 82 . Unförmiges aufragen.

wie Erika mit den Enkelkindern beriet. »schalten Sie den Mann aus.« »Gut«. Der Tiger war seine Intuition. Das Raubtier in ihm knurrte jetzt hungrig. aber dann wurde er ernst und sagte ins Telefon: »Wenn Sie die Kontaktperson treffen. Niemand darf etwas von der Sache erfahren.« Der Tiger hob die Pranke… 83 . er witterte Gefahr und lauerte auf Beute. an welche Stellen die bunten Glaskugeln von den geduldigen Dienstboten an die riesige Douglasfichte gehängt werden sollten. »Hören Sie«. Mr. Ich wünsche kein Feilschen. an dem sich sein Leben von Grund auf verändert hatte. machen Sie kurzen Prozeß. Entweder Sie einigen sich oder Sie schalten den Mann aus. Der Tiger in ihm war sprungbereit. Miles hatte zugesehen. antwortete Miles und ging mit dem Funktelefon außer Hörweite der anderen. Die Familie war gerade dabei. Havers. ihre entzückende Enkeltochter in die Arme genommen und geantwortet: ›An Weihnachten wird der kleine Jesus in der Krippe liegen!‹ Miles lächelte noch immer. den Weihnachtsbaum zu schmücken. New Mexico »Wir sind am Ziel. auch wenn Sie sich mit ihm einigen sollten.« Aus Miles sprach der Tiger – die Bestie war vor vielen Jahren an einem Tag geboren worden.Santa Fe. Nehmen Sie die Ware an sich und verschwinden Sie innerhalb von vierundzwanzig Stunden wieder aus dem Land. Lassen Sie sich nicht auf irgendwelche Spielchen ein. sagte Miles ruhig in den Hörer. Die Kleinste kauerte vor der Krippe unter dem Baum und hatte plötzlich gerufen: ›Aber wo ist das Baby?‹ Erika hatte gelacht.

DER ZWEITE TAG 84 .

Daniel war zwar kleiner als Cathy. Dezember 1999 Scharm el Scheich. Er war von oben bis unten mit Staub bedeckt. die Haare waren schweißverklebt. Golf von Akkaba Allmächtiger. dachte Danno. Cathy hat etwas gefunden! Dann sah er sie. flüsterte ihm Catherine erleichtert ins Ohr. 15. Als sie jetzt in dem offenen Wagen über die Ebene fuhren. »Gott sei Dank. Was ist denn hier los? Sie hatte ihm am Telefon nicht gesagt. aber sie trug Sandalen und er Nikes mit dicken Gummisohlen. stand Daniel auf und hielt sich am Rollbügel fest. daß sie ihn brauchte. Samir. hatte wenig erzählt. »Du wirkst auch nicht gerade taufrisch…« Da hatte sie bestimmt recht.« Sie fuhr ihm lachend durch die blonden Haare. Touristen und Arabern. Er drückte sie fest an sich. Um die Ausgrabung lag ein Ring von Zelten. als sich der Landrover Catherines Ausgrabung näherte. der ihn am Flughafen von Scharm el Scheich erwartete. »Danno!« Sie rannte ihm entgegen. Er war glücklich. Bussen. wie sie vor ihr Zelt trat und eine Hand schützend über die Augen hob. Eseln. weshalb er unbedingt kommen sollte. so glücklich wie in seinen Träumen. du siehst ziemlich mitgenommen aus.Mittwoch. Als Danno sie schließlich zögernd losließ und aufmerksam betrachtete. Wagen. daß du da bist…«. »Ich bin da!« rief er und winkte. Er sprang vom Wagen und umarmte sie. murmelte er betroffen: »Du meine Güte. und das T-Shirt mit dem Aufdruck ›Die Erfolge von Archäologen liegen in Trümmern‹ war fleckig und 85 .

aber wie du siehst. Ein anderer Arbeitstisch war geheimnisvoll mit einem Laken verhüllt. Kellen und Eimer.« »Der Zirkus da draußen läßt auf Gold schließen.« Sie legte den Finger an die Lippen.zerknittert. weiß bereits alle Welt. Kameras. Dann bemerkte er den offenen Koffer auf dem Feldbett.« Ihre Augen leuchteten. In seinen Träumen eroberte er sie nie so verschwitzt und wenig attraktiv. »Meine Leute sind wie üblich bei der Arbeit.« Catherine nahm ihn bei der Hand. sie sind sehr alt…« Sie schwieg beunruhigt und hielt den Atem an. »Laß deine Sachen im Wagen! Komm schnell in mein Zelt. Bücher. Danno! Wir haben Schriftrollen gefunden. Schnur und Pflöcke. Landkarten und Skizzen. ein Mikroskop. Chemikalien… Wie bei Cathy üblich.« »Was ist denn los?« 86 . schloß sie die Zeltklappe. Als sie im Zelt standen. Pickel.« »Den Mirjam-Brunnen?« »Etwas viel Wichtigeres. lag alles kreuz und quer durcheinander. daß wir etwas gefunden haben. auf dem Flaschen und Gläser standen. mein Gott. »Was ist los?« fragte er verwundert. schloß sorgfältig wieder die Klappe und ging zum Arbeitstisch. aber sie bedeutete ihm zu schweigen. als sie leise sagte: »Wertvoller als Gold. »Willst du verreisen?« Sie reichte ihm das Glas und antwortete leise: »Ich bin eigentlich nicht mehr da. Dann ging sie zur Fensterklappe und blickte hinaus. »Ich dachte. Meßstäbe. Sie füllte zwei Gläser mit Mineralwasser. ich hätte draußen etwas gehört. Daniel sah sich im Zelt um: Schaufeln. Er wollte etwas sagen. und sie sind alt. Ich habe nur noch auf dich gewartet. Pinsel in allen Größen.

Noch lassen sich die Neugierigen davon zurückhalten…« Catherine nahm sich nicht die Zeit.« Zeke stand auf dem Balkon seines Hotelzimmers. daß unter ihm Wetten um die ›Ware‹ ausgehandelt wurden. daß die Archäologen in der Nähe etwas gefunden hatten.»Setz dich. das bereits im Schatten lag. ihre Sachen sorgfältig zu packen. war das nur eine willkommene Gelegenheit. daß ich den Korb geöffnet habe«. Es klopfte an der Zimmertür. Du hast die Absperrungen und Warntafeln um den Grabungsplatz gesehen. Spekulationen und Gerüchte heizten die Stimmung an. Er wußte bereits. »Ich 87 . die vergangen waren. Von der Restaurant-Terrasse unter ihm drang erregtes Stimmengewirr herauf. Du wirst nicht glauben. die er für seinen Auftraggeber hier abholen sollte. sagte sie. seit Hungerford sie mit der Sprengung aus dem Schlaf gerissen hatte. die eigenen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. bis es bekannt wird. Während Catherine die letzten Dinge in den Koffer packte. Über den jungen Ägypter sprach bis jetzt niemand. »Niemand weiß. »Aber es ist nur eine Frage der Zeit. Der Anbieter war da. was ich dir jetzt zeige. informierte sie Daniel flüsternd über die Ereignisse der sechsunddreißig Stunden. Auch ihnen hatte man zugeflüstert. Er war noch nicht als vermißt gemeldet worden. während die Sonne gerade hinter dem Sinaigebirge verschwand. daß es noch ein paar Tote geben würde. Zeke rechnete damit. Zeke machte sich keine Gedanken darüber. Wenn es Konkurrenz gab. bis sein Auftrag erfüllt war. Danno. Er blickte auf Jas Wasser.

Das erste ›Buch‹ war entfaltet. beschriebene Seiten zu falten 88 . »Warum sprichst du immer von ›Schriftrollen‹?« »Sieh dir die Enden an. Ich hoffe. daß jemand von der Behörde unterwegs hierher ist. Daniel beugte sich ehrfürchtig über das Blatt. paßten die beiden Teile nahtlos aneinander.« »Cathy. Es sieht aus. Hungerford hat geplaudert.vermute. aber dann möchte ich nicht mehr hier sein. ich verstehe dich nicht…« Sie richtete sich auf und ging zu der verhüllten Arbeitsplatte. Als Daniel an den Tisch trat. Ich denke. nicht vollständige Seite des vermutlich ›ersten Buchs‹ gelegt hatte. Der Beamte wird vermutlich noch heute abend eintreffen. ich kann verschwinden. Später hat man offenbar die Holzstäbe entfernt und die einzelnen Schriftrollen wie ein Akkordeon zu einem ›Buch‹ gefaltet. Man hat angefangen. es wird auch heute abend genug Ablenkung geben. bevor jemand nach mir sucht. Mr. wurde die Schriftrolle um das zweite Jahrhundert allmählich durch den Kodex ersetzt. während alle beim Abendessen sind. Wie nicht anders zu erwarten. Sie hatte eine Glasplatte über die wieder vollständige Seite gelegt. Vorsichtig nahm sie das Laken ab und sagte: »Hier!« Catherine hatte die Schriftrollen ordentlich nebeneinandergelegt.« »Warum mußt du dich wie ein Dieb davonstehlen?« »Ich brauche Zeit und muß Ägypten verlassen haben. Mylonas vom Hotel Isis hat mir ausrichten lassen.« »Wenn ich mich recht erinnere. als seien sie an runden Holzstäben befestigt gewesen. Bei den Einheimischen ist abends immer irgendein Fest. wie sie das Jesus-Fragment an die erste. erklärte ihm Catherine.

die ich gelb markiert habe. »War noch etwas in dem Korb?« »Nein…« »Hast du das alles schon übersetzt?« »Nur die erste Seite. der über einen Meter lang und dicht mit schwarzen Buchstaben beschrieben war. und es sind keine einzelnen Blätter. »Und was meinst du?« »Um sie leichter transportieren zu können«. antwortete Catherine. »Schriftrollen sind empfindlich und nicht so einfach zu verbergen. Ich habe mich gefragt: Warum hat man die Holzstäbe entfernt und die Schriftrollen gefaltet?« Er sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an.« »Willst du damit sagen.« Daniel blickte wie gebannt auf den entfalteten Papyrus. die Besitzer dieser Schriftrollen wurden verfolgt?« »Möglicherweise. ich 89 . wie man sie vermutlich lesen muß. »habe ich noch nicht aufgeklappt. Die anderen fünf«. Siehst du. aber in diesem Fall sind die Seiten nicht seitlich befestigt.« »Und?« Sie reichte ihm den Notizblock. Trotzdem sehen sie für uns wie Bücher aus. Er sah die ersten Worte: ›Von Sabina…‹ »Lies die Stelle. »Ich muß gestehen. ich habe die Schriftrollen so nebeneinandergelegt. sie deutete auf die gefalteten Papyri.« Hungerford musterte die beiden Fremden und ließ sich in den angebotenen Sessel fallen. Das erste Buch beginnt wie ein Brief und scheint die Geschichte einer Frau zu erzählen.und am Rand zu befestigen…« »Ja. Ein flaches Buch dagegen kann man ohne weiteres unter einem weiten Gewand verstecken.

Leibwächter oder Abenteurer. der sich als 90 . Es war ein Händler für ›private Altertümer‹ wie Ramesch es ausgedrückt hatte. zwar hübsch sein mochte. Vor allem nicht mit zwei Landsleuten. aber nicht lügen konnte. sagte er jetzt. aber er sprach von ›einem Papyrus-Fragment. ohne jedoch allzuviel zu sagen.« Nachdem Dr. kam Hungerford zu dem Schluß. hatte er sich sofort in seinen Wagen gesetzt und war zurück zum Hotel gefahren. Gentlemen«. daß sie. Mylonas unter vier Augen unterhalten und dabei den Namen eines Mannes in Kairo erfahren. dachte er schon beim Betreten des Zimmers. Der Händler versprach. ein ›Sammler‹ interessiere sich für das Fragment. »Wenn mich nicht alles täuscht. machen Sie das Geschäft doch für einen anderen. Er unterließ es natürlich. sich wieder bei ihm zu melden. um den Mann in Kairo über den neuesten Stand der Dinge zu informieren. nur der andere. Hungerford hatte den Händler auf der Stelle angerufen. Nachdem die Archäologin mit einem geheimnisvollen Korb aus dem unterirdischen Gang zurückgekommen war.hätte nicht so schnell mit einer Antwort gerechnet. Im Hotel Isis hatte er sich mit dem Stellvertreter von Mr. »Sie wollen die Sammler sein?« Er grinste. damit er den Mann auf die richtige Spur setzte. als man ihm ein paar Stunden später aus dem Hotel die Nachricht überbrachte. die Archäologin zu erwähnen. »Also. Hungerford war angenehm überrascht. daß die beiden nicht das große Geld hatten. in dem Jesus erwähnt wird‹.« Hungerford hatte sofort erkannt. Der eine Mann blieb stumm. Alexander mit dem Jesus-Fragment in ihrem Zelt verschwunden war.

»Ich habe nichts dagegen! Nennen Sie die Summe. bestand aber fast nur aus Muskeln und hatte kurz geschnittene weißblonde Haare. Daniel kniff die Augen zusammen und nickte. »Das ist ein Grund. daß dieser Typ schon mehr als einmal um sein Leben gekämpft hatte.‹ Er sah Catherine erstaunt an. Er war nicht groß. liebe Amelia. Was bietet Ihr Boß?« Daniel las leise: ›… ich weiß um das Ende aller Dinge und um die Wiederkunft des Gerechten. Es war nicht schwer zu erraten. weshalb ich keinem Menschen etwas davon gesagt habe.« Sie deutete auf eine Zeile des Fragments. die vom Haaransatz über die rechte Augenbraue.« Hungerford zuckte die Schultern. redete. »Unser Auftraggeber möchte anonym bleiben. Sie spricht eindeutig vom ›Jüngsten Gericht‹…« »Überzeuge dich selbst. und daß wir nach all 91 . »Bist du sicher. Gentlemen. Offenbar waren seine Gegner bis jetzt immer die Schwächeren gewesen.« »Was steht noch in dem Brief?« Catherine übersetzte direkt vom Original: »Bevor ich meine Geschichte erzähle. ausdruckslose graue Augen und eine Narbe auf der einen Gesichtshälfte.›Zeke‹ vorgestellt hatte. in der steht. Dann murmelte er: »Wenn bekannt wird. erinnere ich Dich an meine Warnung. daß eine JesusSchriftrolle gefunden wurde. wann genau der Weltuntergang…« Er verstummte. das rechte Auge und den rechten Mundwinkel bis zum Kinn reichte. daß das richtig übersetzt ist? Ich meine… das ist nicht zu fassen. Zeke lächelte. Perpetua hat mir von den großen Leiden unserer Schwestern berichtet.

dann nimm diese Bücher mit zu König…« Daniel sah sie an. daß Schwestern unserer Gemeinschaft meinetwegen verfolgt werden. Wenn das. Ich habe keinen Hinweis darauf. sie sollten die Absperrung nicht übertreten. Er blieb stehen und drehte sich um. sie meint damit die Frühchristen?« Catherine ging zu ihrem Koffer und schloß energisch den Deckel. es fehlt ein Buch. aber ich glaube. »Glaubst du.« »Wie kommst du darauf?« Catherine ging zum Arbeitstisch zurück. was ich Dir mitzuteilen habe. »Sie waren alle in dem Korb. Dann zog sie ihre Reisetasche unter dem Feldbett hervor.‹« »König Tymbos! Wer ist das?« »Keine Ahnung. »Die ›Gemeinschaft‹«. Durch eine der Zeltklappen drangen von draußen Stimmen herein. »Das werde ich wissen. Jemand rief den Neugierigen zu. damit sie in Sicherheit sind. wenn ich alle Schriftrollen übersetzt habe.den Jahren der Gleichberechtigung mit den Männern in unserer Gemeinschaft jetzt zu Schweigen und Absonderung verurteilt worden sind. Ich möchte unter keinen Umständen. »Warum schweigst du?« »Der Text endet hier auf dieser Seite. Aber 92 . sagte er.« Daniel fuhr sich mit der Hand durch die Haare und ging nachdenklich auf und ab. bei den Männern Empörung auslöst und sie Dich deshalb bestrafen wollen.« Sie hielt die Lupe über die zweite Spalte und las weiter: »›… Tymbos. daß noch andere Bücher mit ihnen vergraben worden sind.« »Was für Schriftrollen sind das? Unbekannte Evangelien?« »Ich weiß nicht.

etwas damit zu tun?« »Wenn ja. »Ich habe eine Papyrus-Probe in die Schweiz geschickt. »Aber ich glaube. daß die Geschichte weitergeht. Er wird nichts verlauten lassen. dann wurde jemand in den Brunnen geworfen oder ist hineingefallen.« »Hans Schüller?« Sie nickte. erwiderte er. Dieses Wort hier hat seinen Ursprung in dem Wort ›phobos‹. »Lies das…« »Mein Altgriechisch ist nicht sehr gut«.« »Und?« »Nach einem ersten Überblick kann ich sagen zweites Jahrhundert. Aber ich habe die Zeit genutzt und die Handschrift analysiert.sieh dir die letzte Seite von Buch sechs an… hier!« Sie deutete auf die letzte Zeile der letzten Seite. Der Satz ist nicht zu Ende. Das weist darauf hin.« Catherine nahm ihre Jacke vom Haken und legte sie auf den Koffer. damit man dort so schnell wie möglich eine genaue Altersbestimmung mit der Radiokarbonmethode vornimmt. »Ich kann ihm vertrauen. da steht: ›… und ich hatte Angst…‹« »Das stimmt nicht ganz. den du gesehen hast. Es fehlt ein Wort. und eine etwas genauere Übersetzung wäre demnach: ›Ich fürchtete mich vor…‹« »›Vor…‹?« »Sie fürchtete sich vor etwas. Es müßte also mindestens noch eine Seite oder eine siebte Schriftrolle geben.« »Jemand?« »Vielleicht war es eine Frau…« Von weitem hörte man den Ruf des Muezzin von einem 93 .« »Hat der Schädel.

der Priester. Es roch bereits nach Lammbraten und Kaffee. das griechische Wort für Diakonin ist Diakonissa. sieh dir die Seite. Warum hast du die Behörde in Kairo nicht über den Fund informiert? Und warum willst du abreisen?« »Danno. Hier.« »›Amelia. Aber hier steht Diakonos. Im Gegensatz zu den Eltern anderer Kinder hatte Catherines Mutter niemals Anstoß daran genommen. Kapitel sechzehn. an der eine Frau mit dem männlichen Titel erwähnt wird – Römer.« »Ein Schreibfehler?« »Das glaube ich nicht. und die Pflichten der Diakonin beschränkten sich darauf. die Anrede. daß er zu den wenigen Stipendiaten der Schule gehörte. daß eine Frau ein so hohes Amt bekleidete.« »Du vergißt. stand am Altar. sie war eine Diakonin. Wir haben nur dieses eine Beispiel. Später wurde eine weibliche Form geprägt. verehrte Diakonos…‹« Daniel runzelte die Stirn. Paulus spricht von Phöbe als Diakonos. Cathy. daß die Schriftrollen aus dem ersten Jahrhundert stammen…« Daniel nickte ernst.« »Wenn du beweisen kannst. »Nun ja. in meiner Übersetzung noch einmal an. daß er auf der ›falschen Seite‹ der Stadt 94 . weshalb Catherine nicht die Behörde in Kairo informieren wollte… Der Grund war ihre Mutter. daß es Zeit zum Abendessen war. Das ist nicht ungewöhnlich. die du gerade gelesen hast. »Trotzdem verstehe ich dich nicht.Minarett: »Allahu akbar…« Der Gebetsruf zum Sonnenuntergang bedeutete auch. denn der Diakon. Daniel hatte Dr. denn er wußte plötzlich. die Kranken und Alten zu pflegen. Nina Alexander gut gekannt und sehr gemocht. Es gibt nur eine einzige Stelle in der Bibel.

Berühmt wurde sie jedoch durch ein Buch. Sie war immer freundlich zu ihm gewesen. sondern Maria Magdalena müsse die Nachfolgerin Jesu gewesen sein. Darin behauptete sie. so argumentierte Nina. daß die Theorie deiner Mutter richtig ist?« Catherine antwortete ebenso leise: »Die Kritiker meiner 95 . Catherines Mutter war Paläographin gewesen. Alle vier Evangelien berichteten. und er war in ihrem Haus stets willkommen. im Krankenhaus gewesen und hatte mit eigenen Augen gesehen. daß die Autorität des Papstes. »die Schriftrollen könnten den Beweis dafür liefern. das sie unter dem Titel Maria Magdalena. Beim Tod seiner Mutter war er neunzehn. die auf der apostolischen Nachfolge beruhte und ihren Anfang damit nahm. Mit dem Neuen Testament als Quelle und als Beweis war Dr. und Nina Alexander stand neben ihm am Grab und tröstete ihn. »Du glaubst also«. der sich aus Angst um sein Leben versteckt hatte. Daniel war in der Nacht. Alexander zu dem Schluß gekommen. Und alles nur deshalb.wohnte und nicht wußte. eine weithin anerkannte Expertin auf dem Gebiet der Datierung von Handschriften. als Nina Alexander starb. daß angeblich der heilige Petrus den auferstandenen Jesus als erster gesehen hatte. wer sein Vater war. woran sie glaubte. fragte Daniel jetzt leise. weil sie für das eingetreten war. nicht Petrus. Dieses Buch hatte Catherines Mutter die erbitterte Feindschaft der Kirche eingebracht. Und in zwei Evangelien hieß es. daß sie eine gebrochene Frau war. die erste der Apostel veröffentlichte. nicht zu rechtfertigen sei. daß der auferstandene Jesus zuerst Maria Magdalena erschienen war und nicht Petrus. daß Frauen als erste das leere Grab gefunden hatten.

Weißt du. vielleicht sogar auf Maria Magdalena?« Danno lachte leise. Wenn die Behörden sie in die Hände bekommen. daß Nostradamus das Ende des Papsttums und des Katholizismus für das Jahr 1999 vorausgesagt hat? Nicht auszudenken. Wir warten. Was aber. Danno lachte leise. »Dann wäre der Anspruch des katholischen Klerus auf das Priesteramt und das Papsttum nicht mehr zu halten. in dem er über die Auferstehung spricht. Danno. daß du die Bücher wegbringen willst. »Wenn sie Hinweise auf Frauen am Grab enthielten. wenn diese Schriftrollen früher geschrieben wurden als die Briefe des Paulus?« Catherine legte die Bücher vorsichtig aufeinander.Mutter haben darauf hingewiesen. daß die Briefe des Paulus an die Korinther mindestens zwanzig Jahre vor dem Auftauchen der Evangelien in schriftlicher Form entstanden sind. wäre. daß im ersten Brief des Paulus an die Korinther. werden wir sie nie wiedersehen!« »Nur mit diesen Schriftrollen kann ich vielleicht die Ehre und den Ruf meiner Mutter wiederherstellen. Cathy. bis draußen alle mit dem Abendessen beschäftigt sind. daß Petrus nicht der rechtmäßige Nachfolger von Jesus war und der Machtanspruch der Päpste auf einem Irrtum beruht!« Catherine wußte. »Kein Wunder. daß deine Mutter recht hatte. und deshalb besitzt sein Werk wegen der zeitlichen Nähe zu den Ereignissen größere Autorität. ja nicht einmal das leere Grab. »Was für eine Frage!« »Ich muß noch ein paar Dinge vorbereiten. das ist eine heiße Sache. ein solcher Beweis konnte die katholische Kirche in ihren Grundfesten erschüttern. Danno. wirst du mir helfen?« Er lächelte. Maria Magdalena nicht erwähnt wird und auch keine andere Frau. und 96 . Wir wissen. wenn diese Schriftrollen beweisen.

die Essener kannten auch das Geheimnis des ewigen Lebens. in die Sekte aufgenommen zu werden. bestätigte sie und nickte. Vielleicht haben sie sich deshalb so hermetisch gegen alle abgeschirmt. Warum? Die Antwort steht ebenfalls hier: ›Zoe aionios‹ – das ewige Leben.brechen dann auf. daß jemand die Gemeinschaft verließ. »Ja…«. murmelte er.« »Das meine ich nicht.« Catherine legte die Bücher behutsam übereinander. die Initiation dauerte eine Ewigkeit und war grausam. und wollten nicht zulassen. »Hier steht: ›Jesus‹«. dann galten die Essener als Heiler. der geringste Verstoß gegen eine der Regeln wurde hart bestraft. Diese mystischen Heiler galten als Hüter vieler uralter Geheimnisse. Richtig? Was wäre.« Daniel blickte noch einmal auf die erste Seite der ersten Schriftrolle. Das Wort ›Essene‹ stammt von dem griechischen ›Essenoi‹ – Heiler. »Später wird Jesus in dem Text ›der Gerechte‹ genannt. wenn ihre Geheimnisse nicht mit ihnen untergegangen sind? Vielleicht konnten sie die wichtige letzte Schriftrolle 97 . »Ja. Wenn ich mich nicht irre. manchmal sogar mit dem Tod. die nicht zu ihnen gehörten.« Er hob die Hand und zählte an den Fingern ab: »Es war schwierig. das steht hier…« Catherine blickte durch die Zeltklappe.« »Wird in den Schriften vom Toten Meer nicht auch von einem Gerechten gesprochen?« Sie sah ihn an und schüttelte den Kopf. als Rom zuerst Jerusalem zerstörte und dann Massada. »Das hier ist kein Werk der Essener. Sie sah. Man glaubt. Denk an die Regeln ihrer Sekte. daß ihre Leute sich um das Lagerfeuer eines Beduinen versammelt hatten. daß die Sekte verfolgt wurde. »Worauf willst du hinaus?« »Angenommen.

Angenommen. wollte der Texaner antworten. sagte Zeke. in der steht. sehr alte Schriftrollen. Hungerford«.« Ich habe etwas. um mehr über den Fund zu erfahren. »Cathy. »Viele Wissenschaftler behaupten.retten. seine Botschaft vom ewigen Leben bezog sich nicht auf das Leben nach dem Tod. »müssen wir wissen. Könnte das nicht ein Beweis dafür sein. Auf dem Weg zu diesem Treffen im Hotel Isis hatte er beschlossen. sondern auf das Leben hier auf der Erde. Mr. wann das Ende der Welt kommen wird. wer Tymbos war und in welcher Stadt er als König geherrscht hat. wie sie sagte. dann sind wir vielleicht in der Lage. wenn wir herausfinden. Ihr Boß wird das haben wollen. »Ich sage nur soviel. und er hörte. daß Jesus ein Essener war und deshalb im Neuen Testament als Heiler auftritt.‹ »Warum könnte der Gerechte nicht Jesus sein?« fuhr Daniel immer erregter fort. die Archäologin zu besuchen. daß er das Mittel zum ewigen Leben kannte?« Daniel setzte sich auf das Feldbett und stützte den Kopf in die Hände. Alexander war mit einem Besucher in ihrem Zelt gewesen. Aber Dr. auf ein ewiges Leben in Fleisch und Blut! Jesus hat Tote zum Leben erweckt. was ich 98 . sie habe Schriftrollen gefunden. Das Glück war auf seiner Seite. das wertvoller ist als die Kronjuwelen von England. was Sie anzubieten haben. die siebte Schriftrolle zu finden und können das Geheimnis des ewigen Lebens enträtseln!« »Bevor wir über Geld sprechen. Möglicherweise enthält sie das Geheimnis des ewigen Lebens…« Catherine dachte unwillkürlich an die Worte des Ibn Hassan: ›… dann werde ich dir das Geheimnis des ewigen Lebens verraten.

»Danno…« Sie legte ihm die Hand auf den Arm. »Fertig«. Er freute sich mit ihr über den sensationellen Fund. eine ganze Woche lang nicht mehr schlafen zu können!« Bei seinem Anruf aus Chiapas hatte er nichts von seiner Entdeckung erwähnt. flüsterte Daniel. reden wir jetzt über die Summe. Du bist um die halbe Welt geflogen und mußt völlig erschöpft sein.anbiete. Daniel hob sie auf und 99 . sie beide ganz allein. Für ihn war es in diesem besonderen Augenblick das Schönste gewesen. fiel die International Times vom Vortag aus der Tasche. Es war nicht der richtige Zeitpunkt. Du brauchst dringend Schlaf…« »Im Augenblick habe ich den Eindruck. noch bevor Sie sagen können: ›Hier ist das Geld. konnte er ihr alles von sich erzählen. und Sie werden den Schatz vor sich sehen. »So. denn er wollte Cathy alles beim Wiedersehen erzählen. nach den Wandmalereien in dem Königsgrab. und das genügte. ihr von seinen Erfolgen zu berichten. ihr seine Liebe zu gestehen… Als Catherine nach der Jacke griff. von Catherine zu hören: ›Du mußt unbedingt kommen!‹ Aber die Lage im Sinai war keineswegs zum Feiern geeignet. Vielleicht würde er dann sogar den Mut aufbringen. Ich sollte das nicht von dir verlangen. Catherine zögerte. Sie verstummten und lauschten auf die Musik der Beduinen. »Es tut mir leid.« Er zwinkerte.‹« »Fertig?« fragte Catherine und nahm die Reisetasche vom Bett. in Kalifornien. die zusammen mit dem Rauch von brennendem Kamelmist und süßlichen Haschischwolken in den dunklen Himmel stieg. Cathy brauchte seine Hilfe. aber ich habe mich noch nicht einmal nach deinem Projekt erkundigt. Sie würden feiern. Später.

wenn wir die Schriftrollen übersetzen. um in den Südpazifik zu fliegen. die in Erwartung der bevorstehenden Jahrtausendwende überall auf der Welt begangen wurden – Feste auf der Queen Elizabeth II und auf dem Eiffelturm. Schwarze Messen in den Höhlen von Karlsbad und in Machu Picchu.« Sie griff nach ihrem Koffer. Dann merken meine Leute. »Mr. Ich meine. wich aber sofort wieder zurück. »Was ist?« fragte Daniel. »Cathy«. »Stell dir vor. wenn uns die fehlende siebte Schriftrolle wirklich das genaue Datum und die Zeit des Weltuntergangs verrät?« »Das werden wir alles wissen. daß sie gerade jetzt gefunden wurden… zwei Wochen vor Anbruch des neuen Jahrtausends? Und was ist. Sie werden uns sehen!« »Na und?« »Er wird sich mit uns unterhalten wollen. die Sonne war untergegangen. »Gehen wir?« Catherine warf einen vorsichtigen Blick aus dem Zelt. was geschieht. Hungerford«.sah auf der ersten Seite den Bericht über die Verrücktheiten und Exzesse. wo die internationale Zeitgrenze zwischen zwei Inseln verlief. »ich möchte Ihnen ein paar Informationen über 100 .« »Und was jetzt?« fragte Daniel. Zeke trat in den Lichtkreis der schwachen Stehlampe und verließ ihn sofort wieder. fuhr Daniel fort. Besonders Kluge hatten Flugzeuge gechartert. »Wieder dieser Priester! Er unterhält sich mit einem meiner Leute. ist es wirklich nur ein Zufall. daß ich abreisen will. so daß sie das neue Jahr gleich zweimal feiern konnten. wenn diese Schriftrollen das endgültige Aus für die katholische Kirche als Institution bedeuten. und sie stehen ausgerechnet in der Nähe des Landrovers. und im Zimmer wurde es dunkel.

Das Netz sorgt dafür. »Ich bin nicht sicher…« Zeke trat so nahe an ihn heran. Es gibt ein Gesetz. sagte Zeke freundlich. die Zekes Gesicht durchschnitt. Deshalb beschränkt er sich mittlerweile auf eine Reihe ausgewählter Familien. Mr. »Also werde ich mich deutlicher ausdrücken«. Und nachdem die Grabungen beendet sind. daß Sammler. Wenn in Jerusalem das Gerücht kursiert. Sie lassen im Keller Ausgrabungen durchführen.den illegalen Handel mit Altertümern und Antiquitäten geben. »Der illegale Handel mit Schriftrollen wurde für viele Händler zu riskant. die viel Geld in alte Papyri investiert hatten. wird es wieder abgerissen. wird manchmal sogar ein neues Haus darauf gebaut. Können Sie mir folgen?« Hungerford runzelte verwirrt die Stirn. Danach muß jedes Stück. Hinweise und Geschichten über mögliche Funde von Schriftrollen und Papyrusfragmenten erfahren. daß Hungerford die weißen Pünktchen um die Narbe sah. Als dieses Gesetz verabschiedet wurde. das an diesem Platz steht. Ich will Ihnen ein Beispiel nennen. das aus einem Land geschmuggelt wird.« 101 . ihre Sammlungen nicht mehr öffentlich machen konnten. dessen Einhaltung von der UNESCO überwacht wird. Hungerford. trat es rückwirkend in Kraft. daß an einer bestimmten Stelle ein Fund vermutet wird. Wenn das Grundstück unbebaut ist. Hungerford. daß sie im Handumdrehen alle Gerüchte. Das führte zum Beispiel dazu. das Sie in Staunen versetzen würde. von denen die Behörden nie etwas erfahren. dann kaufen die interessierten Sammler das Haus. Mr. Diese Familien besitzen ein unglaublich wirkungsvolles Nachrichtennetz. an seinen Ursprungsort zurückgebracht werden. und der illegale Handel mit diesen Dingen spielt sich seitdem nur noch unter Ausschluß der Öffentlichkeit ab. Dies wiederum löste einen interessanten Preisanstieg aus.

Sagen Sie uns alles. »Na ja. Ihre Mitspieler.»Ich verstehe immer noch nicht…« »Ich versuche. Hungerford. Mr. was Sie wissen. wir haben den weiten Weg nicht gemacht. Ihnen klarzumachen. daß ein Jesus-Fragment und ein Korb mit Schriftrollen gefunden worden ist.« Hungerford trat der Schweiß auf die Stirn. und ich kann Ihnen versichern. ich habe nicht im Traum…« »Sie haben einen bestimmten Händler in Kairo angerufen und ihm gesagt. »Mr. als Sie sich vermutlich vorstellen können. als wollte er sich am Bein kratzen. Hungerford. daß Sie sich auf ein Spiel mit hohen Einsätzen eingelassen haben. Mr. aber als er sich wieder aufrichtete. sind Ihre Gegner. sah Hungerford ein Stilett in seiner Hand blitzen. Hungerford. aus dem das Fragment vermutlich stammt. Es geht dabei um sehr viel mehr. und zwar schnell.« 102 . sie sind nicht dumm.« Zeke bückte sich. um Zeit zu verlieren.

wo sich die ganze Familie versammelt hatte – ihre drei erwachsenen Töchter mit Kindern und Ehemännern. Sie waren gekommen. New Age versprach einen geistigen Neuanfang. eine Leere. Erika konzentrierte sich wieder auf ihn. während Kojote in den heiligen Rauch blickte. als Miles seinen ganzen Ehrgeiz daransetzte. die 103 . nach einer geistigen Nahrung. In letzter Zeit hatte sie jedoch eine seltsame Leere verspürt.Santa Fe. Sie beschäftigte sich mit New Age. Dampfwolken stiegen in den blauen Himmel von New Mexico. sich in der neuen Computerwelt einen Namen zu machen und Erika ihre drei Kinder großzog. hatte ihren Glauben jedoch während der Hippie-Zeit in den sechziger und siebziger Jahren aufgegeben und sich den östlichen Philosophien und Religionen zugewandt. Was mochte er in dem Rauch sehen. Da der Schamane keine Antwort gab. richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf das Geschehen am Pool. Der Wasserdampf über dem Pool war sehr viel dichter als die dünne Rauchfahne. schien jeder Gedanke an Religion aus ihrem Leben verschwunden zu sein. Später. Der Pool war geheizt. Die Sehnsucht in Erika dagegen schien nach dem Wissen der Alten zu verlangen. der um seinen Kopf wirbelte? Erika war protestantisch erzogen. New Mexico »Was sehen Sie?« fragte Erika Havers besorgt. zu der sich viele ihrer Freunde hingezogen fühlten. einer Bewegung. um mit ihnen Weihnachten und Silvester zu feiern. Der Schamane blickte in die Zukunft. die von dem Holz des Mesquitestrauchs aufstieg. das in der heiligen Schale glühte. die auf den Verlust von etwas Lebenswichtigem hinzuweisen schien.

Der Rauch ist leer. um in der Sonne zu leben. weil das Ende der Welt bevorstand. nicht im Rauch. die mütterliche Schöpferin der Welt.die Prüfungen der Zeit überstanden hatte. »Was sehen Sie?« flüsterte Erika noch einmal. Dabei streiften seine langen weißen Haare das dunkle Lederhemd. ›Soyal erscheint zur Wintersonnenwende. »Nein. Mrs. Das Ende der Welt ist wirklich nahe. ›Er ist Soyal. Die Polizei sprach von Diebstahl. Er hatte ihr auch die Geschichte von der Entstehung der Menschen erzählt. In seinem Dorf sagte man. Von ihm hatte Erika etwas über Latiku. die Sonnenwend-Kachina‹. Er blickte in das Wesen der Dinge. Eines Tages begegnete sie dem Schamanen in einer Ausstellung indianischer Kunst. die so hell waren. aber der Schamane erklärte. als die Ahnen. weil die Kachina des Pueblo Acoma verschwunden war. hatte Kojote gesagt. die Sonne habe die Pigmente aus seinen Augen gebleicht. Die Gesetze der Weißen zwangen seinem Volk seit mehr als hundert Jahren christliche und bürgerliche Namen auf. der KachinaGeist sei aus eigenem Entschluß in die Erde zurückgekehrt. Er glaubte an den Weltuntergang. Das machte ihn zum geistigen und politischen Führer seines Dorfes. Aber er sah nicht das Äußere. sich den Weg an die Oberfläche gebahnt hatten. Sein Stammesname war jedoch Kojote. Diesmal schüttelte Kojote langsam den Kopf. daß sie fast farblos wirkten. Havers. »Das sehen Sie im Rauch?« Seine Augen. und so hieß er Luke Pifieda. verweilte nicht bei den Farben und Formen. die in den unterirdischen Regionen hausten. In seiner Obhut befanden sich die heiligen Kachinas. richteten sich auf die zierliche Frau mit den aschblonden Haaren. »Es ist sehr schlimm.« Sie sah ihn ängstlich an.« Erika verstand ihn. Er war Pueblo-Indianer und das Haupt der Antilopensippe. erfahren. um den 104 .

als sie sah. daß Soyal nicht mehr da war. daß der Butler auf der Terrasse erschien und neben Miles trat. der nach dem Wettschwimmen mit seinen Schwiegersöhnen zufrieden aus dem Wasser stieg. damit sie aus der Geist-Welt auf die Erde zurückkehren können. Das ist sehr. Er hatte natürlich nicht nur gewonnen. sehr schlimm«. daß sich in der jugendlichen Erscheinung sein Reichtum. Schließlich besaß er den Körper eines zwanzig Jahre jüngeren Mannes und arbeitete täglich daran. sondern wahrscheinlich auch seinen eigenen Rekord gebrochen. Deshalb können auch die anderen Kachinas nicht aus den Kivas kommen und mein Volk segnen. die ihm sein Trainer gereicht hatte. Er kommt als der erste aus der Kiva und geht durch das Dorf. Ihm gefiel die Vorstellung. und er hatte festgestellt. um die Ankunft der Kachinas zur bevorstehenden Wintersonnenwende vorzubereiten. Erika wollte eine Frage stellen. seine Figur zu erhalten. sagte der Schamane. »Zum ersten Mal in der Geschichte meiner Sippe wird Soyal nicht erscheinen. Steht der Weltuntergang wirklich bevor? Der Anruf kam aus dem Sinai.‹ Kojote war in die Kiva gegangen. Erikas Blick richtete sich wieder auf den heiligen Rauch. Kurz darauf folgte er dem alten Butler ins Haus. und seine Stimme klang wie das Rascheln gefallener Blätter. Er betrachtete sich gern und kannte keine falsche Bescheidenheit. sein Geschmack und sein Verstand ebenso spiegelten wie in seiner vorbildlichen Familie und seinem unvergleichlichen Anwesen. Während Miles zuhörte. hinter dem Pokale und Siegestrophäen standen. Damit bereitet er den anderen Kachinas den Weg. betrachtete er sein Spiegelbild in dem Glas. Lachend hielt er die Stoppuhr hoch.Beginn der Kachina-Zeit anzukündigen. 105 .

in dem seine Schätze hinter Glas geschützt bei elektronisch gesteuerter gleichbleibender Temperatur und Luftfeuchtigkeit auf ihn warteten. was Sie finden können. war er nicht in der Stimmung. Stellen Sie zusammen. Von hier aus konnte er nicht nur das 106 . ihre Bekannten. indirekt beleuchtet und gegen Störungen der Außenwelt schalldicht isoliert. zu der nur er Zugang hatte. Havers?« »Teddy. Ich brauche die Informationen schnell!« Mit einem Knopfdruck schaltete er wieder zu Zeke zurück. Zu solchen Dingen ist kaum jemand aus ihrer Branche bereit. »Nach meiner Meinung kann man mit dieser Archäologin kein Geschäft machen. wo sie wohnt. Er hatte sogar Sensoren einbauen lassen. In einem besonderen Raum befand sich eine kleine Schaltzentrale. um später irgendwelche Aussagen machen zu können. zu seiner Familie zurückzukehren. Die Frau heißt Dr. »Ja. daß Dr. Catherine Alexander. und ein ausgeklügeltes Sicherheitssystem. Nachdem Zeke Bericht erstattet hatte. so fand Miles. Deshalb beschloß er. befahl er ihm zu warten und wählte eine andere Nummer. sollte man den Erfolg auch ansehen. beschaffen Sie sich schnellstens die Schriftrollen und sorgen Sie dafür. Der Teilnehmer meldete sich sofort. Ich möchte wissen.Einem erfolgreichen Mann. Dort befand sich unter anderem ein Museum. Mr. Freunde… alles.« Nachdem Miles aufgelegt hatte. wer ihre Kollegen sind. Das Untergeschoß war ganz in den beruhigenden Pastelltönen der Wüste gehalten. die vor Erdbeben warnten. hinunter in sein persönliches unterirdisches Reich zu gehen. Vergessen Sie Hungerford. besorgen Sie mir alles über eine Archäologin. Alexander nicht in der Nähe ist.

Die Menschen schienen das Unsichtbare sehr viel höher einzuschätzen als das Sichtbare. nicht einmal Erika. gleichgültig wie alt. jetzt offenstanden. aber inzwischen schienen sie den Großteil seiner Sammlung auszumachen. daß die Augen des Gesichts auf dem Tuch. Die aus Pappelholz 107 . Statuen. denn mit diesem Wahn ließen sich riesige Gewinne machen – vor allem deshalb. die mit der Jahrtausendwende erwartet wurden. Viele Menschen schworen. um die Menschenmassen unter Kontrolle zu bringen. weil es ein religiöser Wahn war. und die Besucherzahlen brachen alle Rekorde. das Gesicht Jesu auf dem Tor einer Garage. Das Grabtuch von Turin wurde in diesem Jahr öffentlich gezeigt. In England mußte das Militär eingreifen. Sie war übrigens nicht die einzige. die Tränen vergossen. Miles mußte in diesem Zusammenhang an Erika denken. wußte von diesem Stück. Die Medien berichteten Tag für Tag über religiöse Wahnvorstellungen und unerklärbare religiöse Phänomene – MarienErscheinungen. wie selten oder wie kostbar. wenn es von religiöser Bedeutung war. die in letzter Zeit auf spirituellem Gebiet nach Antworten suchte. die mit Zelten und Wohnwagen nach Stonehenge pilgerten. Im Grunde hatte sich Miles nicht von Anfang an mit religiösen Gegenständen beschäftigt. die bislang geschlossen waren. um dort den Katastrophen zu entgehen. sondern das Anwesen und seine Produktionsstätten auf der ganzen Welt überwachen. in dem sein neuester Zugang aufbewahrt wurde.Museum. Miles ging zielstrebig durch das langgestreckte Museum zu einem Kabinett an der Stirnseite. Und Miles war besonders stolz darauf. Niemand. und das gefiel Miles. Die ganze Welt schien im Fieber zu liegen. daß ein Stück. Er hatte festgestellt. einen unschätzbaren Wert erhielt.

108 . Miles betrachtete die Gestalt voller Ehrfurcht. Es war die Sonnenwend-Kachina. Man sagte. diese Statuette sei die kostbarste und heiligste aller Pueblo-Kachinas. In der linken Hand trug sie eine Adlerfeder. Soyal gehörte jetzt ihm.geschnitzte Statuette war sechzig Zentimeter groß und gespenstisch weiß bemalt. und aus dem geisterhaften Kopf ragte ein weißer Federbusch.

Der Mann schrie auf die Frau ein. vielleicht auch ein paar Touristen. seine Schwester habe Schande über die Familie gebracht. der eine Beduinin mit sich zerrte. Alexander. daß nicht doch jemand aus irgendeinem Grund das Zimmer früher betrat. »Er sagt. Im Licht der Scheinwerfer sahen sie am Rand der Ausgrabungen eine aufgeregte Menschenmenge. die von den Hotels herübergekommen waren und das Spektakel eher unbeteiligt beobachteten. Zeke entdeckte einen westlich gekleideten Ägypter.Scharm el Scheich. die sich heftig gegen 109 . Zeke gab keine Antwort. Das waren vermutlich Leute aus dem Lager von Dr.« Zeke musterte die Frau. Die beiden Amerikaner sprangen aus dem Wagen und mischten sich unter die lärmenden Ägypter. johlten oder auch drohend schimpften. Zeke versuchte. während die Umstehenden lachten. sondern hielt den Leihwagen in der Nähe des Lagers an. Im Hotel hatte er das Schild ›Bitte nicht stören‹ an die Zimmertür gehängt. sich einen Weg durch die Menschen zur anderen Seite zu bahnen. »Der Mann ist ihr Bruder«. die wie üblich von Kopf bis Fuß schwarz verhüllt war. wo sich das Lager der Archäologin befand. Aber das Schild war keine Garantie dafür. Er fluchte leise. erwiderte der Angesprochene. Golf von Akkaba »Was soll denn das bedeuten?« fragte Zekes Partner. aber er kam nicht weit. Diese Verzögerung gefiel ihm nicht. Vielleicht hatte man den Toten schon gefunden… »Was ist denn hier los?« fragte er einen Zuschauer. um sicherzustellen. daß die Putzfrauen Hungerfords Leiche erst am nächsten Morgen in der Badewanne entdeckten. Zeke sah nur wenige Weiße in der Menge. der Amerikaner zu sein schien.

bis die beiden Amerikaner ihren Leihwagen erreicht hatten. Plötzlich drängte sich ein Weißer durch die Menge und erhob laut Einspruch gegen die brutale Behandlung der Frau. daß die Frau schwanger war. die der schwangeren Frau und ihrem wütenden Bruder folgten. Zeke ging eilig durch das Lager und erreichte das Zelt der Archäologin. schien es ein Priester zu sein. »Das geht Sie nichts an!« rief der Bruder der Frau. Zeke fragte sich. sich aus dem Griff des Mannes zu befreien. In dem Zelt brannte Licht. Sein Partner war beinahe gleichzeitig zur Stelle. während die anderen noch lauter schrien. Ein Blick beruhigte ihn. 110 . Schließlich gelang es Zeke. Nach seiner Kleidung zu urteilen. daß sie Nikes trug. wie der Ägypter die ›Beduinin‹ in einen Landrover zerrte und in einer Staubwolke davonraste. Ein Teil der Leute stimmte ihm zu. Sie sahen. Das schwarze Gewand bauschte sich um ihren Leib und verhüllte alles. Als es ihr schließlich gelang. verschwanden ihre Hände in den Jacken und umfaßten die Griffe ihrer Waffen. und Zeke sah. Er wußte aber. Alexander unter den Zuschauern war. Als sie mühsam wieder aufstand. Zeke startete den Motor und verfolgte die ›Geschwister‹ mit Vollgas. Es dauerte nicht lange. verrutschte das schwarze Gewand. Die Menge bewegte sich langsam weiter und entfernte sich vom Lager. Plötzlich stürzte die Frau zu Boden.ihren Bruder wehrte. Im Schein der wenigen Lampen konnte er nicht alle Gesichter sehen. »Komm mit!« Die beiden liefen los. sah Zeke. »He!« rief Zeke und stieß seinen Partner an. wo sich ihr Zelt befand. Ohne ein Wort zu wechseln. Die Umstehenden johlten. an den Menschen vorbeizukommen. Zeke vergewisserte sich noch einmal. daß die Menge nur Augen für die Familientragödie hatte. ob vielleicht auch Dr. bis auf die Augen.

Sogar Miles. Es handelte sich um eine Software. W. die dem Benutzer zum Bearbeiten von Filmen die raffiniertesten Spezialeffekte der Filmtechnologie zur Verfügung stellte. Die Leinwand wurde dunkel.‹ Dann küßte er sie leidenschaftlich. Als die Lichter in seinem privaten Filmtheater mit den dreißig dunkelroten Polstersesseln angingen. blickte ihr tief in die Augen und sagte: ›Uns bleibt immer noch Paris. Sie wurden reproduziert und ins Net eingespeist. am Weihnachtsmorgen ihr Gesicht zu sehen. Er konnte es kaum erwarten. lächelte Miles zufrieden. die Digitalisierungsrechte berühmter Kunstwerke zu kaufen. Dianuba Technologies sicherte sich die Rechte an Literatur und Filmen. C. Er digitalisierte sie in den alten Streifen und konnte die Stars durch Manipulation winziger Informations-Pixel in neuen Filmen ›einsetzen‹. und der rote Samtvorhang schloß sich geräuschlos. Miles spezialisierte sich auf die großen Filmstars der Vergangenheit und erwarb die Exklusivrechte an Rudolpho Valentino. damit jeder über das World Wide Web Zugriff hatte. staunte über das Erreichte. der an diesem Projekt beinahe ein Jahr gearbeitet hatte. New Mexico Humphrey Bogart nahm Erika Havers in die Arme. und Erika ahnte nichts. deren Copyright verjährt war. als sein Konzern damit begonnen hatte. Jeder würde künftig in der Lage sein. Der Film war das Ergebnis seiner neuesten technischen Errungenschaft.Santa Fe. Es funktionierte besser als erwartet. Sie würde begeistert sein. Fields und zahllosen anderen. mit einem PC und einer normalen Videokamera 111 . und produzierte sie als brandneue CD-ROMs. Die Idee dazu stammte aus der Zeit.

Eine ihrer Ideen. Erika hatte gesagt: ›All diese aggressiven Computerspiele werden für Männer gemacht. über die sie vor vier Jahren eher beiläufig gesprochen hatte. veralteten Modem und keinem Penny 112 . der uns gefällt. Warum gibt es eigentlich keine Computerspiele für Frauen? Ich denke da an Liebesgeschichten. selbst mitspielen könnten? Ich würde mich so gern einmal als Elsa in Casablanca sehen!‹ Erikas Vorschläge fielen bei ihrem Mann immer auf fruchtbaren Boden. wenn wir in jedem Film. ein interaktives Computerspiel auf CD-ROM. wäre er vermutlich immer noch ein ausgeflippter Hacker mit einem ausrangierten. Erika hatte ihm den Anstoß zu diesem Projekt gegeben. fit und gesund zu bleiben. daran gab es für Miles keinen Zweifel. mit dem eine Frau dem Mann ihrer Träume begegnen konnte.‹ Inzwischen gab es unzählige Imitationen. Die Luft war kalt und klar. Auch Erika achtete darauf. hatte die Welle ausgelöst und war mittlerweile ein Klassiker. daß Miles mit seiner Gesellschaft zum weltweit führenden Software-Hersteller geworden war. Ohne Erika. Wieder einmal rief ihm der Anblick dieser bezaubernden Frau ins Bewußtsein. Er blickte auf die schneebedeckten Berge und den dunkelblauen Himmel. sagte sie anschließend zu Miles: ›Wäre es nicht schön. Er sah Erika auf dem Tennisplatz. Miles verließ das Kino und ging durch einen der verglasten Innenhöfe. Sie spielte mit ihren Töchtern ein Doppel. ideal zum Joggen. war sogar dafür verantwortlich. was für ein glücklicher Mann er war. Aus der Entfernung wirkte sie ebenso jung und temperamentvoll wie ihre Kinder. die die fächerartig angeordneten Flügel des großen Anwesens miteinander verbanden. aber Butterfly.einen Film mit einem berühmten Star als Partner zu produzieren. Als sie Forrest Gump gesehen hatten.

das war unmöglich! Der Schamane kam nur wegen Erika ins Haus. Mit solchen Gedanken durfte er sich nicht belasten.in der Tasche gewesen. aber er mißtraute dem alten Indianer. ihr den Mond in Silberpapier verpackt zu überreichen. daß sich seine wertvolle SonnenwendKachina in dem unterirdischen Museum befand? Aber wie sollte der Alte das herausgefunden haben? Nein. ließ er die Familie hinter sich und zog sich in sein abgeschirmtes Büro zurück – ein runder Turm an der Ostseite des Anwesens. Als Miles den Fahrstuhl erreicht hatte. Ahnte er womöglich. wo er mit den Bergen auf einer Höhe zu sein schien. Als sich Miles gerade umdrehen wollte. zog sich Miles zum Entspannen und Nachdenken zurück. Luke Pineda legte großen Wert darauf. er war noch immer in sie verliebt. Das heißt. er liebte sie nicht nur. Sollte sie ihn bitten. Hierher. Es hatte indirekte Beleuchtung und einen weichen dunkelblauen Seidenteppich. Miles blickte noch einmal zu seiner Frau hinüber. an den höchsten Punkt im ganzen Haus. Miles wußte. sah er aus dem Augenwinkel den Schamanen am Rand des Tennisplatzes. Zwei Dinge beschäftigten ihn an diesem 113 . ihr den Mond zu schenken. Sein Büro unterschied sich damit von dem für Santa Fe typischen. Inzwischen schien er hier im Haus zu wohnen. spanisch beeinflußten Stil. Selbst nach all den vielen Jahre liebte er sie. Das Turmzimmer unter den Zinnen hatte Fenster nach allen Himmelsrichtungen und war in den Tönen Goldgelb und Burgunderrot gehalten und sparsam mit wenigen Designermöbeln eingerichtet. würde es ihm irgendwie gelingen. Wenn ich diese Frau verlieren sollte… Er schüttelte unwillig den Kopf. daß Erika ihn zum Bleiben aufgefordert hatte. ›Kojote‹ genannt zu werden.

Natürlich gefiel das der Konkurrenz und der Regierung nicht. den Kauf dieses Unternehmens zu verhindern. genau zwei Wochen vor der Jahreswende: Zekes Auftrag auf dem Sinai und die Aktennotiz seines Anwalts zu dem geplanten Kauf des letzten Software-Herstellers in Privatbesitz für eine Milliarde Dollar. Er genehmigte sich einen Drink. dachte Miles und drückte auf einen Knopf. und ein weltweiter. Wann immer er sich etwas in den Kopf setzte. wurde die Sache bekannt. Lautlos öffnete sich die Tür der Bar. Sein bester und erfahrenster Berater machte ihn darauf aufmerksam. bittersüßen Geschmack in seiner Kehle. Miles lächelte spöttisch. Bald. nachdem sich die Tagebücher in seinem Besitz befanden. Ein vertrauenswürdiger Vermittler hatte für Miles ein Geheimabkommen mit den Russen eingefädelt.Dezembermorgen. Damals waren viele Schätze wieder aufgetaucht. Und er besaß beides. Wissenschaftler. Er erinnerte sich an eine herbe Niederlage. Forscher und 114 . führte er die betreffende Sache auch zum Erfolg. die seit dem Zweiten Weltkrieg als verloren gegolten hatten. Vor dem Justizministerium hatte er keine Angst. Miles hatte von den Tagebüchern kurz nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erfahren. Er leerte sein Glas. daß am Ende nur Erfolg und Macht zählten. Auch diesmal würde er schließlich der Sieger sein. Nichts würde ihn daran hindern. empörter Aufschrei war die Folge. die absolute Kontrolle über die Software-Industrie zu erreichen. daß das Justizministerium beabsichtige. Sollen sie es doch versuchen. Die Kopernikus-Tagebücher. und sein Lächeln verschwand. aber das lag nicht an dem scharfen. denn er wußte. Er erwarb die Tagebücher des polnischen Astronomen aus dem sechzehnten Jahrhundert zum stattlichen Preis von dreißig Millionen Dollar für seine Privatsammlung.

aber er mußte an seinen Ruf denken.« Es war eine dicke Akte. Die Tagebücher befanden sich mittlerweile als Leihgabe in der Universität von Warschau. Er legte einen Aktenordner auf die große schwarze Granitplatte des kreisrunden Schreibtischs. die Tagebücher der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. hatte Miles das Interesse daran verloren. sah er. Ein Lichtsignal machte ihn darauf aufmerksam. es sei von Anfang an seine Absicht gewesen. der ihm bis zur Hüfte reichte. Das Justizministerium warf ihm vor. Praktisch waren sie noch sein Eigentum. Havers. kam herein. und die Tür öffnete sich. Ein schlanker Asiate mit zwei Ringen in einem Ohr und schwarzen Haaren. Seine Gedanken richteten sich auf die Aktennotiz. wie um sich von dem unangenehmen Geschmack seiner Erinnerungen zu befreien. Er drückte einen Knopf. daß Teddy Yamaguchi beachtlich viele Informationen zusammengetragen hatte. Mr. Miles wollte nicht auf die Tagebücher verzichten. und als Miles darin blätterte. daß jemand vor der Tür stand. darunter sogar Unterlagen des FBI. Er füllte ein Glas mit Wasser und trank es langsam. dieses einzigartige Dokument der Vergangenheit sei Eigentum der ganzen Menschheit. auf der nichts außer einer leuchtendgelben Orchidee stand.Bürger erhoben Einspruch und erklärten. aber er würde es natürlich leugnen. aber nachdem sie in so viele andere Hände gelangt und der Öffentlichkeit zugänglich waren. den Software-Markt zu monopolisieren. die Sie angefordert haben. »Hier sind die Unterlagen. Der junge Mann hatte sein Examen zwar in 115 . Das entsprach der Wahrheit. Deshalb ließ er erklären. die er zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte.

In der Spalte ›Freunde‹ stand Daniel Stevenson an erster Stelle. »Was wollen Sie damit sagen: Sie ist geflohen…«. es gebe kein einziges Byte Information auf der ganzen Welt. die Verfolgung abzubrechen. dem Datum ihrer ersten Kommunion. Ich vermute. aber die eigentliche Leidenschaft des Achtundzwanzigjährigen waren Computer. aber er hatte keine guten Nachrichten. als sich die Tür hinter dem jungen Mann geschlossen hatte. Miles Havers hatte manchmal den Eindruck.Biochemie gemacht und war ein meisterhafter Segler. man wird dafür sorgen. dem Namen der Ärztin. Die Alexander ist eine schöne Frau. die ihre Mutter bei der Entbindung erhalten hatte. daß wir etwas von den Schriftrollen wissen. die Berichte der Nonnen aus ihrer Zeit in der katholischen Schule. Catherine Alexander – angefangen bei dem Krankenhaus. 116 . Eine Jugendliebe? überlegte Miles. das Teddy nicht beschaffen konnte. dachte Miles. Er hörte die Antwort und nickte. und Angaben über die Narkose. Miles entließ Teddy und griff erst nach dem Hörer. in dem sie geboren worden war. die sie zur Welt gebracht.« Miles blickte auf das Photo in der Akte. Es folgten Catherines Jugendjahre mit Kinderkrankheiten. aber sie ist nicht mein Typ. das sich Teddy über UPI hatte einspielen lassen. Zeke war am Apparat. Mein Händler in Kairo hat mir versichert. wohin ihre arabischen Freunde sie bringen. »Es war richtig. daß er außer mir niemanden von Hungerfords Anruf informiert hat. Ganz gleich. Sein Telefon läutete. daß Sie das Versteck nicht finden werden. Wir wollen natürlich nicht in Erscheinung treten. diese Alexander ahnt nicht. wenn es nicht unbedingt notwendig ist. Die Akte enthielt alle Informationen über Dr. Das verschafft uns einen Vorteil. fragte Miles.

daß Dr. Aber was? Was konnte eine Frau wie sie dazu bringen. ohne jemanden einzuweihen. an denen sie eintreffen 117 . Ich möchte. Die katholische Kirche hatte ihre Bücher zensiert und ihr verboten. Alexander verschwunden war. wie sie jemandem gesagt hat. keine Verwandten und nur wenige gute Freunde hatte. daß sie etwas aus dem Lager geschmuggelt hat. Vermutlich befindet sie sich bereits auf dem Rückflug in die USA. sagte Zeke. Zeke berichtete. Vielleicht lag das an ihrem Blick. dachte Miles. wenn sie Scharm el Scheich in Verkleidung verlassen hat. der jeden Außenstehenden davor zu warnen schien. was sie in diese Außenseiterrolle gebracht haben mochte. ihre Karriere aufs Spiel zu setzen? Was konnte so wichtig sein. Aha.Das leicht gereckte Kinn verriet einen starken Willen. möglicherweise sogar eine Verhaftung durch die ägyptischen Behörden und einen Aufenthalt im Gefängnis? »Hungerford hat uns berichtet. »ich werde Ihnen die Unterlagen über Dr. aber keine Schriftrollen. Als der Mann feststellte. daß sie eine Einzelgängerin war. Dr. kann das nur bedeuten. weiterhin ihre Theorie über Maria Magdalena zu veröffentlichen. Miles überlegte. Außerdem lag in ihren Augen etwas Herausforderndes. sagte er. Miles entdeckte in dem Ordner einen Vermerk über ihre Mutter. daß ein Beamter der ägyptischen Behörde am Grabungsort erschienen sei. die Schriftrollen seien sehr alt…«. habe er ein Papyrus-Fragment und einen Korb beschlagnahmt. Alexander faxen. er habe gehört. Nina Alexander. daß Sie alle Flughäfen überwachen lassen. ihr zu nahe zu treten. Sie war auch nicht verheiratet. daß sie eine weltweite Verurteilung ihrer wissenschaftlichen Kollegen in Kauf nahm. Maria Magdalena… »Zeke«. Beim Überfliegen der Daten des FBI hatte Miles gesehen.

« Miles ließ sich von seinem elektronisch gesteuerten Massagesessel um fünfundvierzig Grad drehen und blickte aus dem Fenster. aber Sie müssen diese Frau unbedingt finden. Vielleicht ist er außer Landes. Stellen Sie außerdem fest. im Augenblick befindet. Er sah. Mir ist es gleich. Er ist ebenfalls Archäologe.« 118 . Zeke. ein gewisser Daniel Stevenson. und er lächelte bei dem fröhlichen Anblick zufrieden. Aber das nächste Mal dürfen Sie die Frau auf keinen Fall entkommen lassen.kann. wo sich ihr Freund. daß Erika mit den Kindern vom Tennisplatz zurückkam. Dann ließ er sich wieder zum Schreibtisch zurückdrehen und sagte gefährlich ruhig in den Hörer: »Wir werden sie finden. wie Sie es anstellen.

DER DRITTE TAG 119 .

Es schneite. Man hatte Catherines Gepäck wie üblich mit Röntgenstrahlen nach Waffen untersucht.Donnerstag. Wenn sie den Zoll hinter sich hatte. Sie ließen allerdings nicht jedes Gepäckstück öffnen. Kennedy-Airport. Der Flughafen von Kairo glich einem Irrenhaus. was Dezember in New York bedeutete. Sie war nicht auf Schnee vorbereitet. Catherine zögerte und ließ die Beamten nicht aus dem Auge. Dezember 1999 John F. daß die amerikanischen Zollbeamten die Koffer der Einreisenden durchsuchten. um zur Jahrtausendwende zu den Pyramiden zu pilgern. Mit Unbehagen stellte sie fest. aber sie hatte vergessen. Die Schriftrollen befanden sich jetzt in ihrem Besitz. war es geschafft. und einige Reisende konnten unbehelligt passieren. der etwas großzügiger war als seine Kollegen. Der Winter auf dem Sinai konnte zwar kalt sein. da Menschen aus aller Welt in das Land strömten. aber sie mußte weder den Koffer noch die Reisetasche öffnen. Der Abflug aus Ägypten hatte sich einfacher erwiesen als erwartet. Fast alle Sicherheitskräfte waren deshalb auf die Einreisenden konzentriert. New York Catherine musterte unauffällig die Zollbeamten. Die anderen Fluggäste schoben sich ungeduldig an Catherine vorbei. Sie hoffte. 120 . 16. die Abreisenden dagegen durften ohne größere Formalitäten das Land verlassen. Seufzend warf sie einen Blick durch die großen Fensterscheiben auf den dunklen Abend. denn sie wollten die mühsame Zollabfertigung nach dem langen Flug so schnell wie möglich hinter sich bringen. und sich in diese Schlange stellen. einen zu finden.

Als ihnen im Lager der Priester den Weg versperrte. Warum waren die Beamten bei der Abfertigung des Gepäcks so gewissenhaft? Suchten sie etwas Bestimmtes? Hatte man Angst vor Terroristen? Ihr Flug kam schließlich aus dem Nahen Osten… Bis jetzt war alles glattgegangen. obwohl sie erst dann am Ziel war. von dort nach Amman. Es war seine Idee gewesen. Nein. Samir spielte den erzürnten ›Bruder‹. bezweifelte sie. Wie hoch ist eigentlich die Strafe für das illegale Einführen von Grabungsfunden. 121 . daß Weihnachten bevorstand. ihren Schatz gut genug getarnt zu haben. aber als sie sah. Ihr Herz begann zu klopfen. Sie war bestimmt vierundzwanzig Stunden unterwegs gewesen. Catherine fühlte sich zerschlagen. wenn sie den Zoll passiert hatte… Der Beamte vor ihr ließ eine vierköpfige Familie nicht nur die Koffer öffnen. hatte sie Samir zu Hilfe gerufen. zu diesem Zöllner würde sie bestimmt nicht gehen. aufgeregte Besucher mit Weihnachtsgeschenken und weinenden Kindern – hörte sie aus den Lautsprechern die süßlichen Klänge von ›Stille Nacht…‹ Sie hatte bei all den Aufregungen der letzten Tage völlig vergessen. Die Familientragödie hatte tatsächlich für die notwendige Ablenkung gesorgt. und schließlich der Direktflug nach New York.Über das Stimmengewirr der zahllosen Menschen hinweg – gereizte Touristen. die Bedauernswerten mußten auch alle Geschenke auspacken. fragte sie sich plötzlich besorgt. als sie endlich wieder auf amerikanischem Boden stand. Jordanien. wie ein Beamter sogar das Futter eines Koffers auftrennte. Es war eine mühsame Reise gewesen: Zuerst mit einer kleinen DC-3 von Scharm el Scheich nach Kairo. Daniel als ›schwangere Beduinin‹ zu verkleiden. Catherine hatte die Schriftrollen gut versteckt. Immerhin atmete sie auf.

hatte Daniel wenigstens die Photos. Während Catherine auf Daniels Ankunft aus Mexiko wartete. Samir wollte dem hilfsbereiten Mr. alle Spuren sorgfältig zu verwischen. hatte Catherine das Jesus-Fragment zurückgelassen. Sie hatten verabredet.Catherine hatte Samir jedoch nicht die Wahrheit erzählt. wie sie es bei Ausgrabungen immer tat. Noch einmal musterte sie die Zollbeamten und versuchte. intuitiv herauszufinden. Daniel nahm das Photomaterial in sein Handgepäck. Sie wollten unter keinen Umständen Ägypten gemeinsam verlassen. daß die überstürzte Abreise auf Außenstehende möglichst normal wirkte. denn falls Catherine oder den Schriftrollen etwas zustoßen sollte. den sie mit Steinen gefüllt und wieder in das Leinengewebe eingepackt hatte. Sie hoffte. und auch den Korb. Samir zeigte größtes Verständnis und fuhr mit Daniel anschließend nach Kairo. Catherine sei wegen einer dringenden Familienangelegenheit abgereist. hatte sie die Schriftrollen photographiert und die Filme an Ort und Stelle entwickelt. welcher sie ohne Gepäckkontrolle abfertigen würde. Ein älterer rothaariger Mann schien zu Frauen etwas freundlicher zu sein… 122 . Es war eine Vorsichtsmaßnahme. sondern eine Geschichte von einem eifersüchtigen Liebhaber erfunden. Mylonas im Hotel Isis ausrichten. Bei der Durchsuchung ihres Zelts würde man genau das finden. daß Daniel dort einen anderen Flug nahm. denn bei diesem Abenteuer mußten sie auf alles gefaßt seih. der sich an ihr und Daniel rächen wolle. was alle Zeugen gesehen hatten – einen Korb und ein Papyrus-Fragment. Der freundliche alte Herr würde alle Post an ihre Adresse in den USA weiterleiten. Jetzt galt es. Um die Beamten aus Kairo zu täuschen.

in Handschellen abgeführt zu werden. für die Schwachen einzutreten. Das war damals. Die Schlangen vor den Zollbeamten wurden kürzer. kein Priester zu werden. Sie hatte Angst. Sein Vorgehen hatte sie wider Willen beeindruckt. Um sich abzulenken. Ihr Bild würde in den Zeitungen erscheinen. aber dann änderte er seine Pläne ohne eine Erklärung von einem Tag auf den anderen. um die arme »mißhandelte Frau« vor dem Zorn ihres »Bruders« zu schützen. hatte sich zum Wortführer der Zuschauer gemacht. Bei dem Handgemenge wäre Daniels Verkleidung beinahe entdeckt worden. an Daniel. Es gehörte Mut dazu. dachte sie an Garibaldi.Catherine erinnerte sich mit leichtem Schaudern an den einen entsetzlichen Augenblick auf der Flucht. Sie verabschiedeten die Reisenden nicht mehr mit ›Frohe Weihnachten‹ aber das Gepäck untersuchten sie noch immer. Er verriet ihr auch später nie den Grund für seine Tränen. Irgendwie erinnerte sie der Priester in seiner Art. alles sei verloren. Garibaldi. Daniel hatte früher einmal Priester werden wollen. sich in einen Familienstreit von Arabern einzumischen! Das hätte böse Folgen für ihn haben können. Seine Kollegen rechts und links wirkten müde. und man würde sie auf das schärfste dafür verurteilen. Catherine entschied sich schließlich für den Rothaarigen und stellte sich mit ihren beiden Gepäckstücken an. er habe beschlossen. daß sie einen der obersten Grundsätze der Wissenschaft und ihres 123 . Sie schob den Koffer und die Reisetasche mit den Knien vorwärts und näherte sich langsam dem Zollbeamten. Catherines Nerven waren inzwischen bis zum Zerreißen gespannt. Es war bereits alles in die Wege geleitet. Kurz darauf erklärte er. als sie ihn weinend in der Waschküche entdeckt und ihn getröstet hatte. der Priester. als sie glaubte.

Aber sie waren ihr auf der ganzen Reise gegenwärtig gewesen. Krankheiten bei ägyptischen Mumien. und sie mußte immer wieder an die geheimnisvollen Worte denken. den Koffer zu schließen. Als der Mann die Photos der Skelette und Schädel sah – für ihn Bilder aus einem Horrorfilm -. Catherine 124 . die sie für ihre Arbeit benutzte – vor allem Bücher. obwohl ihr das Herz bis zum Hals schlug. Pottery Of The Late Bronze Age – und bedeutete ihr mit einer knappen Geste. Sie versuchte. Ohne Zögern öffnete sie den Koffer und die große Reisetasche. nach außen die Ruhe zu bewahren. Dort wartete die Freiheit… »Bitte öffnen Sie den Koffer!« Catherine bekam einen trockenen Mund. Amelia… Diakonos… Jesus… das Ende der Welt… War Sabina Jesus persönlich begegnet? Hatte sie von ihm etwas erfahren. den sie auf dem Flug aufgegeben hatte. In der Reisetasche befanden sich ihre persönlichen Dinge und schmutzige Wäsche. Catherines Hoffnungen stiegen. warf noch einen flüchtigen Blick auf ein anderes – Handbook Of Feld Archaeology. das weder im Neuen Testament noch im Alten stand? War Sabina die Prophetin. Catherine nahm schnell eines heraus. Der Beamte blickte fragend auf die Bücher. gab er ihr das Buch schnell zurück. deren Worte das ganze Christentum grundlegend verändern würden? Der Zollbeamte ließ das ältere Ehepaar vor Catherine durchgehen.Berufs mißachtet hatte. Sie reichte es dem Beamten und schlug es hilfsbereit auf. Darunter auch die Schriftrollen. Sie blickte sehnsüchtig auf den Ausgang hinter dem Zoll. ohne die Koffer zu überprüfen. im Koffer die wesentlichen Dinge. Sie hatte das Buch in Kairo gefunden und für Julius gekauft. Die Schriftrollen befanden sich im Koffer.

Beim Einpacken vor der Flucht entschloß sie sich. Hinter der Zollabfertigung wankte sie zur nächsten Damentoilette und klammerte sich an ein Waschbecken. Gesicht und Hände zu waschen. Bei diesem Anblick hatte der Zollbeamte darauf verzichtet. Unter dem Buch mit den Skeletten lag ein Buch mit dem Titel Die Leiche im Moor. Die Anspannung war zu groß gewesen. hörte sie über die Lautsprecher eine Meldung. Aber als sie an die Glastüren kam. Jedenfalls war so sichergestellt. Der Umschlag paßte genau. aber ihre Strategie hatte sich als erfolgreich erwiesen.schloß schnell Tasche und Koffer und eilte weiter. es sei ein Buch mit vergilbten Seiten. Genau das hatte Catherine gehofft. Der Autor des Buches war Julius Voss. Sie hatte jedoch noch keine Zeit gehabt. Der Boden unter ihren Füßen schien leicht zu schwanken. Catherine nahm sich Zeit. Sie entfernte alle Seiten eines alten botanischen Handbuchs und legte die sechs Papyri zwischen die Buchdeckel. Bei flüchtigem Hinsehen konnte man glauben. »Achtung! Achtung! Wir bitten um Ihre Aufmerksamkeit! Infolge des Schneesturms werden alle Flüge vorübergehend eingestellt. hinter denen die überfüllten Zubringerbusse die Reisenden durch die verschneite Nacht zu den anderen Terminals brachten. Es war seine neueste Veröffentlichung. daß die Schriftrollen die lange Reise unversehrt überstehen und auch bei einer Zollkontrolle nicht weiter auffallen würden. um den Anschlußflug nach Los Angeles zu erreichen. Auf dem Umschlag sah man einen Totenschädel. noch mehr von ihrem Gepäck zu sehen. das Buch zu lesen. der den Betrachter anzugrinsen schien. den Umschlag als Tarnung für die Schriftrollen zu benutzen. die er Catherine stolz nach Ägypten geschickt hatte. Weitere Informationen erteilt Ihnen Ihre zuständige Fluggesellschaft. bevor sie den Gepäckwagen durch die Tür schob.« 125 .

Santa Fé. Vor zwei Stunden ist sie angekommen. 126 . Dann wählte er eine andere Nummer. Alexander muß also entweder im Flughafen warten oder sie verbringt die Nacht in einem der Flughafenhotels. »Sie hat Kairo in Richtung Amman verlassen und ist von dort nach New York geflogen. das bedeutete Mitternacht an der Ostküste. New Mexico »Ich habe sie gefunden. Dr. Es war neun Uhr abends. Mr.« Miles blickte auf die Uhr. »Ist sie bereits auf dem Weg nach Kalifornien?« »Wegen eines Schneesturms sind alle Flüge storniert worden. Havers!« Miles stellte den Lautsprecher des Sprechgeräts sofort lauter.« Miles nickte stumm und beendete mit einem Knopfdruck das Gespräch. »Wo ist sie?« Teddy Yamaguchi hatte sich aus dem großen ComputerZentrum des Anwesens gemeldet. das sich neben dem unterirdischen Museum befand.

DER VIERTE TAG 127 .

mit ihm allein hier in seinem Strandhaus zu bleiben.« Julius hielt das Diktiergerät an. Aus Anlaß der Jahrtausendwende wurde auch in Malibu überall gefeiert. auf dem sich wie immer die Arbeit häufte. sie war gern am Strand. sobald der Schneesturm vorüber war. und es gab für sie nichts Schöneres. Er verließ seinen Platz am Schreibtisch. Er konnte sich einfach nicht konzentrieren. aber es gab schließlich noch Weihnachten und Silvester. Dezember 1999 Malibu. konnte er nur noch daran denken. und trat zur Glastür. daß er sie wiedersehen würde. 17. Julius liebte Regen. Er wußte. Es erschien ihm wie ein Wunder. Das wäre ihm 128 .Freitag. Kalifornien »Der Gesichtsausdruck läßt darauf schließen. als in der Brandung zu schwimmen. und es fanden alle möglichen Veranstaltungen statt. Wieder einmal jagte ein Sturm über Malibu hinweg. Das Chanukkah-Fest war zwar vorüber. Dahinter wogte das stürmische graue Meer. Die Beschaffenheit des Körpers macht jedoch eine genaue Bestimmung der Todesursache nicht möglich. daß er den Tod nicht kommen sah. aber um Catherines willen wäre ihm Sonnenschein im Augenblick lieber gewesen. Draußen peitschte der Regen auf die Terrasse. Es half alles nichts. Vielleicht würde Catherine aber vorziehen. daß sie sich bereits in New York befand und nach Kalifornien kommen wollte. daß sie es sich anders überlegt hatte und über die Feiertage doch nach Kalifornien zurückkam. Seit Catherines Anruf am späten Abend und der überraschenden Nachricht.

»Ich kann dich nicht heiraten. so hatte er sich vorgenommen. Er sehnte sich nach dem stillen Leben eines Wissenschaftlers. Julius würde nicht aufgeben. Warum hatte sie ihre Grabungsarbeiten von einem Tag auf den anderen unterbrochen? Ihn wunderte auch. weil das der Familientradition entsprach. aber bald festgestellt. »Es gibt einfach zu viel…« Dann war die Verbindung abgerissen.am liebsten… Und doch verstand er ihren plötzlichen Entschluß nicht. ihn zu heiraten? Bei ihrem Telefongespräch vor einer Woche schien dieses Thema bereits entschieden zu sein. Er nutzte sein medizinisches Wissen und machte die 129 . daß sie doch beschlossen hatte. daß ihm die Berufung fehlte und er nicht die Gabe besaß. Nach dem Examen hatte er eine Praxis eröffnet. Die Lösung lag auf der Hand. Julius«. Vielleicht wollte sie ihn überraschen. daß sie erst aus New York angerufen hatte und nicht schon aus Ägypten. Er wußte einfach. Was hatte sie ihm noch sagen wollen? Wie auch immer. sie habe wundervolle Neuigkeiten. Diesmal. und er hatte sich bereits an der Universität mit Ägyptologie und Paläontologie beschäftigt. Sie hatte am Telefon glücklich und aufgeregt geklungen und nur gesagt. Er hatte sogar schon die Eheringe gekauft. Nach einem Jahr mußte er sich eingestehen. daß er nicht wirklich glücklich war. Julius hatte Medizin studiert. würde seine Ehe besser laufen. Durfte er sich Hoffnungen machen. ebenso sein Großvater und sein Urgroßvater. seine Patienten zu heilen. Ihn hatte schon immer das Altertum interessiert. Ganz anders als die Beziehung mit Rachel. hatte sie über das Knacken und Rauschen in der Leitung aus dem Sinai hinweg gesagt. daß sie füreinander geschaffen waren. Sein Vater war Arzt gewesen.

Diese Frau verstand sehr gut. Wenn sich die hohen Wellen am Strand brachen. Er blickte auf die Uhr. daß er jemals eine Frau finden werde. Alle waren glücklich. bei der Eheschließung sei sie in dem Glauben gewesen. Sie erklärte. Manchmal glaubte Julius zu träumen – wie jetzt. Hin und wieder nahm er sie sogar zu archäologischen Ausgrabungen mit. einen Arzt zu heiraten. Es hatte den Anschein. Hier gab es noch viel wissenschaftliches Neuland. die beruflich ähnliche Ziele wie er verfolgte. Außerdem war sie sehr attraktiv. Rachel reichte danach die Scheidung ein. die seine außergewöhnlichen Interessen teilen konnte und damit einverstanden wäre. Cathy wollte es ihm natürlich persönlich sagen. um seinen Heiratsantrag doch anzunehmen. Nur das kann der Grund für die überraschende Heimreise sein. Die Erforschung von Krankheiten des Altertums war eine neue Sparte. der viermal soviel verdiente wie Julius. mehrere tausend Jahre alte Skelette zu erforschen. als wollte der Wind die kleinen Häuser entlang der Küste davonfegen. Er zweifelte sogar daran. spürte Julius. daß man über einen Knochenfund oder beim Anblick eines versteinerten Blatts in Begeisterung geraten konnte. er werde nie wieder heiraten. Nach der Scheidung von Rachel dachte Julius. und 130 . Der Sturm ließ nicht nach. dachte er. sie sei gekommen. sein Eheversprechen gebrochen Rachel war inzwischen mit einem Schönheitschirurgen verheiratet. Julius traf sich mit seinen beiden heranwachsenden Kindern an den Wochenenden und in den Ferien. Dann lernte er Catherine kennen. Julius habe mit seinem Entschluß. daß er ganze Nächte im Institut verbrachte oder sich längere Zeit bei Ausgrabungen im Ausland aufhielt.Paläopathologie zu seinem Spezialgebiet. wie sein Haus vibrierte. als er sich vorstellte.

hatte sie ihm am Abend zuvor gesagt. Er hatte vor nicht langer Zeit selbst 131 . ›Ich bin auf der Zehn-Uhr-Maschine gebucht.dann konnten sie gemeinsam feiern. dann konnte sie seinetwegen auch wieder Katholikin werden. ich müßte um halb eins in Los Angeles eintreffen. Sie hätte eigentlich längst dasein müssen. daß der Flugverkehr am frühen Morgen wieder aufgenommen werden kann‹. das bedeutet. um nach ihr Ausschau zu halten. Auch er hatte Neuigkeiten für sie. Wo bleibt sie nur? ›Man hofft. Julius wußte. Er hatte die Hoffnung. Wenn es nicht das Judentum war. Ein Blick zum Kaminsims. War die Straße blockiert? Oder wartete sie noch immer in New York auf einen Flug? Nein. Julius drehte dem Sturm den Rücken zu und ging ins Wohnzimmer. Es mußte ihm nur noch gelingen. Julius. Langsam fügte sich alles bestens. daß sie einmal eine gläubige Katholikin gewesen war. Ich nehme mir einen Leihwagen und fahre direkt zu dir. Dann war sein Glück vollkommen. daß wir beide in diesem Sturm auf der Straße sind. Es ergibt keinen Sinn. Der Champagner lag bereits im Kühlschrank. Catherine zum Judentum zu bekehren. Sie mußte nur noch kommen.‹ Inzwischen war es beinahe drei Uhr nachmittags. daß sie durch ihn den Glauben an Gott wiederfinden würde. machte ihn unruhig. Du mußt aber nicht zum Flughafen kommen. dann hätte sie inzwischen bestimmt wieder angerufen… Er konnte seiner Aufregung kaum noch Herr werden und ging zur Haustür. Im Radio hatte man vor Schlammlawinen auf der Küstenstraße gewarnt. Der Zeitpunkt ihrer Rückkehr war gut gewählt. wo die Uhr stand.

blickte sie auf das bescheidene kleine Strandhaus. daß es über eine Million Dollar wert war. Julius war neben Danno schließlich der einzige Mensch. Außerdem wollte sie seine Reaktion sehen. 132 . Sie zweifelte nicht daran. als sie ihn aus New York angerufen hatte. Während sie auf eine Lücke im dichten Gegenverkehr wartete. der sich in ihre Gefühle hineinversetzen und ihre Zielsetzungen teilen konnte. daß er ihre Freude teilen würde. wenn sie ihm die alten Papyri zeigte. Julius hatte sie bereits gesehen. würde sich vieles in seinem und auch in ihrem Leben ändern… Catherine erreichte endlich das verwitterte Holzhaus am Strand. Jetzt würde die Stunde der Wahrheit kommen. Wie die meisten Häuser in dieser Gegend von Malibu wirkte es unauffällig und schlicht. Als sie sich dem Haus näherte und der laute Verkehr hinter ihr zurückblieb. Wenn sie erst verheiratet waren und mehr Zeit miteinander verbrachten. sah sie. Aber die Sache mit den Schriftrollen mußte sie ihm persönlich sagen. und ihr war nicht ganz wohl bei dem Gedanken. Endlich war die Straße einen Augenblick lang frei. der zur Auffahrt führte. Bei dem Gedanken an Julius. Julius nichts von den sich überstürzenden Ereignissen zu sagen. Sie wollte nicht in ihre Eigentumswohnung in Santa Monica zurückkehren. freute sie sich. sondern hierbleiben und in aller Ruhe die Schriftrollen übersetzen. Die Geranien auf der Terrasse waren im strömenden Regen kaum zu sehen.einen geistigen Durchbruch erlebt und wollte seine spirituellen Erfahrungen mit ihr teilen. der sicher schon auf sie wartete. daß die Haustür offenstand. Es war ihr schwergefallen. Sie bog schnell in den schmalen Weg ein. Niemand ahnte.

Das Feuer im Kamin brennt. Sie erinnerten sich an Catherine. daß er wirklich vor ihr stand. »Gott sei Dank. Für seinen langen leidenschaftlichen Kuß gab es keinen Sturm und keine Wolken. Er war kein Sportler. aber Catherine fand ihn unwiderstehlich. Es waren Radius und Ulna. denn auch sie spielte stets mit den beiden und streichelte sie. Julius war ein angenehmer und unaufdringlicher Mann. die Julius beide sehr verwöhnte. Catherine fühlte sich in seiner Nähe geborgen. 133 . Dazu trugen auch der lässige Pullover mit den alten Lederflecken an den Ellbogen. Ich trage deine Sachen hinein. du hast es geschafft!« Er hielt ihr die Wagentür auf und schloß sie in die Arme. erschienen zwei gutgenährte Katzen und strichen ihr schnurrend um die Beine. Julius Voss war der Leiter des angesehenen Freers Instituts in West Los Angeles und sah unbestreitbar sehr gut aus. Julius war zweiundvierzig Jahre alt.« Als Catherine das gemütliche Wohnzimmer betrat. Dr. es ist so schön. stillen Menschen. und er trug einen kurz geschnittenen Bart. die bequemen Mokassins und die immer griffbereite Meerschaumpfeife bei. »Wir werden uns noch erkälten!« rief Catherine schließlich und rang nach Luft. als er ins Zimmer trat und die Tür schloß. Er gehörte zu den ruhigen. in dem sich das erste Grau zeigte. »Ach Julius. Vor zehn Wochen hatten sie sich zum letzten Mal gesehen. wieder bei dir zu sein!« rief sie. Seine pechschwarzen Haare reichten ihm bis in den Nacken. die innere Kraft ausstrahlen.»Catherine!« rief er und lief ihr durch den strömenden Regen entgegen. Sie musterte ihn lange und aufmerksam und konnte kaum glauben. »Komm schnell ins Haus. eine Schildpattkatze und eine Mankatze.

Sie stand in der Küche. Daniel in Santa Barbara zu erreichen. »Nein.« Er nahm ihr die Jacke ab und brachte sie hinaus. breitete er die Arme aus. »Du bist bestimmt müde«. forschenden Augen aufgefallen. sagte er. und auch deshalb liebte sie ihn. Julius fragte: »Alles in Ordnung?« Sie runzelte die Stirn. War ihm vielleicht etwas zugestoßen? Catherine ging zurück ins Wohnzimmer. und die beiden Katzen rieben schnurrend die Köpfe an ihren Beinen. Daniel werde vor ihr zu Hause sein.« 134 . Julius hatte Holz nachgelegt. Da der Schneesturm ihre Ankunft verzögert hatte. dachte sie. Erschöpfung und Müdigkeit schienen für alle Zeiten aus ihrem Leben verschwunden zu sein. Schon bei der ersten Begegnung waren Catherine seine dunklen. sie drückte sich an ihn und legte den Kopf an seine Schulter. Aber bis jetzt hatte er sich nicht gemeldet. Daniel müßte längst zu Hause sein. wenn auch mit einer anderen Maschine. Als er zurückkam. sie war überhaupt nicht müde. Schließlich löste sie sich von ihm. umarmte sie zärtlich und strich ihr über die Haare. küßte ihn zärtlich auf den Mund und sagte: »Ich muß jemanden anrufen. ohne sich etwas beweisen zu müssen. Sie lauschte auf den Regen und das leise Knistern des Feuers.« In New York und auch nach der Ankunft in Los Angeles hatte Catherine mehrmals vergeblich versucht. Ein Klavierkonzert von Mozart sorgte für Atmosphäre. »Setz dich ans Feuer«. während sie Daniels Nummer wählte. Die Schriftrollen warteten und versprachen die Enthüllung uralter Geheimnisse und aufsehenerregender Erkenntnisse. und die knisternden Flammen schlugen hoch. Er meldete sich nicht. murmelte er. Nein. »Du mußt dich erst einmal aufwärmen.Er lebte im Einklang mit sich selbst. Er hatte Ägypten gleichzeitig mit ihr verlassen. Catherine ließ ihn nicht los.

lagen alle noch auf einem Tisch. und nach den Wochen in der Wüste empfand sie die lange entbehrte Umgebung als wahren Luxus. Aber es gelang ihr nicht. nun erzähl mir alles und laß mich nicht länger im unklaren. Selbst das bunte Geschenkpapier hatte Julius noch nicht weggeräumt. Plötzlich erfaßte sie eine unbestimmte Unruhe. aber die vertraute Menorah und die Dreidel. Sie wußte nur. Julius schien in seinem Haus ganz bewußt ein Gegengewicht zu seinem Beruf zu schaffen. schlagartig überschattet 135 . den Grund dafür zu finden. ein Geschenk seines Großvaters. Ihr Blick fiel auf einen neuen Gebetsschal mit Fransen. daß die Freude. »Das ist ein Cabernet Sauvignon.« Sie erzählte ihm von den Ereignissen an dem schicksalhaften Morgen.Er reichte ihr ein Glas Wein und bot ihr den großen bequemen Sessel vor dem Kamin an. wieder bei Julius zu sein. überall hingen Familienphotos. dachte Catherine und lächelte. Das Chanukkah-Fest war seit sechs Tagen vorüber. Julius hatte viele Pflanzen und ein Aquarium mit tropischen Fischen. Es war vertraut und schön. ohne jedoch die Schriftrollen zu erwähnen. Dabei sah sie sich im Wohnzimmer um. Die Anzeichen eines geordneten Lebens. Sie trank einen Schluck Wein und versuchte. der ihn Tag für Tag mit Krankheit und Tod konfrontierte. die Julius seit seiner Kindheit besaß. Über dem Kamin hing ein in Holz geschnitzter Spruch: ›Mortui Vivos Docent – Die Toten lehren die Lebenden.‹ Aber dann sah sie noch etwas. Spielzeug für die Katzen lag auf dem Boden. sowie das Buch der Makkabäer in Hebräisch und Englisch. So. Den habe ich für einen besonderen Anlaß aufgehoben. Hast du den Mirjam-Brunnen gefunden?« »Ja… vielleicht.

fügte er schnell hinzu: »Ich kenne deine Einwände. Er sah sie gespannt an und fragte: »Was sagst du dazu?« Noch ehe sie antworten konnte. Die Arbeiten müssen nicht im Institut erledigt werden. daß du auch Neuigkeiten hast. damit wir endlich heiraten können. »es ist mir gelungen. der sehr gut ist. Aber keine Angst. du kannst deine Grabungen in Scharm el Scheich fortführen. das man dir angeboten hat?« Er schob umständlich mit dem Schürhaken ein brennendes Stück Holz zurück. »Das weiß ich. die es dir erlaubt hierzubleiben. Darauf war ich nicht vorbereitet. Aber mit dieser Stelle mußt du in Zukunft nicht immer bei Ausgrabungen sein. Geht es um das neue Projekt. Unser Paläograph hat gekündigt. Catherine drängte das Gefühl zurück und sagte: »Julius. Nun. du hast gestern am Telefon angedeutet.« »Julius«. Du wirst hier in Kalifornien leben und kannst mit mir zusammen etwas aufbauen. Du kannst dir Photokopien der Manuskripte mit in den Sinai nehmen und dort in aller Ruhe daran arbeiten. wie lange ich über eine Lösung nachgedacht habe. das zu weit nach vorne gerollt war. Die züngelnden Flammen spiegelten sich in seinen dunklen Augen.« Er lachte. Dann legte er den Schürhaken beiseite und setzte sich ihr gegenüber. »Catherine«.war. was sagst du dazu?« »Das ist natürlich ein verführerisches Angebot…« »Du kannst dir nicht vorstellen. »Das ist wirklich eine Überraschung. und wir brauchen unbedingt jemanden.« 136 . Wir können unser Leben gemeinsam nach unseren Wünschen gestalten. dir im Institut eine Stelle zu verschaffen.« Es war heraus. flüsterte sie. begann er mit belegter Stimme. Die Stelle ist großzügig dotiert und sicher.

« Sie stand auf und ging zur Glastür. wenn wir uns trennen.Catherine stellte das Glas ab. Jedesmal. Julius. »Die Stelle im Institut klingt wirklich interessant. die nach der Sprengung herabgefallen sind. Du kannst mit mir zurückfahren. Sie blickten sich stumm an und wußten. erwiderte sie leise.« »Catherine. 137 .« »Und was ist mit dem Heiraten?« Sie drehte sich um. ich habe nicht die Absicht hierzubleiben. Ich kann nicht einfach von heute auf morgen abreisen. datieren und identifizieren müssen. was sie beide seit zwei Jahren bewegte. Ich glaube. erwiderte sie und setzte sich in den Sessel. Dicke schwarze Wolken jagten über den Himmel. »Aber Julius. Ich habe auf dem Boden des Brunnens einen Schädel entdeckt. aber ich muß mich auf meine Arbeit in Scharm el Scheich konzentrieren. Vergiß nicht. ich weiß wirklich nicht. Sie sahen so bedrohlich aus. daß schließlich ausgesprochen worden war. Damit hätten wir endlich eine Möglichkeit.« »Wir müssen uns nicht gleich wieder trennen«. wie lange eine intensive Beziehung die Entfernung von über achttausend Meilen überleben kann. ich bin der Leiter des Instituts. das weißt du. »Ich liebe dich. ich habe vielleicht wirklich den Brunnen der Prophetin gefunden. der Rest des Skeletts ist unter den Steinen begraben. gemeinsam bei einer Ausgrabung zu arbeiten und wären nicht getrennt. Aber ich bin noch nicht zu einer Ehe bereit.« »Und ich kann nicht bleiben«.« Er schüttelte den Kopf. »Ich habe dir noch nicht alles erzählt. Ich kann nicht beides zugleich machen. Man wird das Skelett ausgraben. als wollten sie ganz Malibu verschlingen. »Catherine. Es wurde still im Zimmer. wird der Abschied schwerer.

»Du hast immer gesagt. ›etwas zu tun‹!« rief sie empört und erschreckte damit eine der Katzen. Ich möchte. du willst ein Buch schreiben.« Er griff nach seiner Pfeife und drehte sie in den Händen. du weißt genau. muß ich Antworten finden. und wenn sie kam.Catherines Sachen hingen zwar im Schlafzimmerschrank von Julius. aber sie wohnte nicht hier. Natürlich kam sie auch wegen Julius.« »Es geht mir nicht darum. das kann ich nicht. die auf ihrem Schoß lag. hast du auf Jahre hinaus etwas zu tun. Warum fängst du nicht damit an?« »Ich habe meine Felduntersuchungen noch nicht abgeschlossen. in dem du deine Theorien über die Prophetinnen im Alten Testament darlegst. Bevor ich heirate. Glaubst du wirklich. Ich bin noch auf der Suche. »Du hast vierzehn Jahre lang nach der Prophetin Mirjam gesucht. »Im Institut kannst du Antworten auf deine Fragen finden. Wir haben zahllose nicht übersetzte und undatierte Manuskripte und Dokumente.« »Julius. ob ich so weitermachen kann. dann ging es darum. Vorträge zu halten oder Gelder für die nächste Ausgrabung genehmigt zu bekommen. Wenn du dich an diese Arbeit machst. Aber sie blieb nie lange und reiste bald wieder ab. daß ein Archäologe ein ganzes Leben lang etwas suchen kann und es vielleicht nie finden 138 . Sie hielt sich nie lange in den USA auf.« »Natürlich.« Er sah sie an. Ich möchte. Catherine. daß wir endgültig zusammenfinden und eine Familie gründen. Julius starrte in die Flammen und sagte dann tonlos: »Ich weiß nicht. und ihre Toilettentasche stand in seinem Bad. daß wir Wurzeln schlagen. daß du sie jemals finden wirst?« »Julius.

« »Julius. Das sagt mir mein Gefühl. Ich weiß jedenfalls nur das eine: Ich kann jetzt nicht aufhören. Wenn ich dort draußen in der Einsamkeit bin…« Sie hoffte. was ich tue? Oder denkst du. und ich möchte es ins Gedächtnis der Menschen unserer Zeit zurückrufen. und sah ihn mit leuchtenden Augen an. Vielleicht wird jemand nach mir kommen und meine Arbeit zu Ende führen.wird. Männer haben die Heilige Schrift stets zu ihrem Zweck benutzt. aber ich habe dort manchmal den Eindruck. das werde ich. Aber mit seinen Untersuchungen schafft er die Grundlage für den Nachfolger. Julius. Es muß Teil unseres Bewußtseins werden. daß Frauen in den Tagen der Patriarchen und Könige Macht besaßen. Aber ich weiß aus den Schriften des Altertums. Priesterinnen und weise Frauen. wie ich es dir erklären soll.« Er schüttelte den Kopf. Julius. fuhr sie ruhig fort: »Glaubst du an das. ihn durch ihre Begeisterung mitreißen zu können. Vielleicht kann man 139 . ich jage Hirngespinsten nach? Meine Suche nach der Prophetin Mirjam ist kein Wahn. sondern noch immer gegenwärtig ist. die sie einst besessen haben. Ich suche nach einer Möglichkeit. den Frauen das natürliche Selbstbewußtsein und die Aufgaben zurückzugeben. »Wie kannst du dir deiner Sache nur so sicher sein? Glaubst du wirklich. Catherine. Noch immer stützen sie ihre Autorität auf die Bibel und legitimieren damit ihre Herrschaft über die Frauen. »Ich weiß nicht. daß die Vergangenheit nicht vorüber. Sie waren Prophetinnen. All das ist im Laufe der Geschichte verlorengegangen.« »Das weiß ich. den Beweis in der Wüste zu finden?« »O ja. Julius!« Als er nichts erwiderte.

140 . was in meinen Kräften stand. daß du die Hinweise auf das Wirken der Frauen finden wirst. jetzt noch nicht. wenn ich in einem Graben stand. aber ich liebe auch meine Arbeit.« Catherine stand auf und ging ins Schlafzimmer. Gerade in letzter Zeit. Nur aus den alten Schriften wissen wir.« »Ich bewundere deine Entschlossenheit«. nach denen du suchst. eines Tages wirst du innehalten. sagte er. »Deine Theorie ist in Ordnung. Ich bezweifle allerdings.« »Aber du wirst kein Zuhause haben. Julius? Ich werde sagen. zurückblicken und sagen…« »Was werde ich sagen. die mir garantiert keine Lösungen bringen?« »Also gut.« Er legte die Pfeife auf den Tisch. den Beweis zu finden. schwanden alle Zweifel. »Auch deshalb liebe ich dich. daß ich alles getan habe. daß wir uns frühestens im Februar wiedersehen würden.« »Du meinst also. Catherine. und ich wußte. Wieviel schwieriger ist es erst. daß ich kurz davor stehe. daß Moses wirklich gelebt hat.« Sie lächelte traurig. Sie öffnete ihren Koffer und kam mit dem Buch über Paläobotanik zurück. Wir haben nicht einmal greifbare Hinweise auf die Männer. Cathy. eines Tages. du willst dein Leben lang in aller Welt deinen Fragen nachjagen. etwas über Frauen zu finden. aber ich spüre sie. Als sie seinen erstaunten Blick sah. Aber du kannst mir glauben.sie nicht sehen. Julius. ich sollte aufgeben? Ich sollte wie du im Institut arbeiten und mich mit Manuskripten beschäftigen. Möchtest du denn keine Familie?« »Doch. Ich kann sie nicht aufgeben. den Sand durchsiebte und auf den entscheidenden Hinweis hoffte.« »Warum bist du dann überhaupt gekommen? Warum die plötzliche Rückkehr? Du hattest mir bereits gesagt. »Ich liebe dich.

denn die Beamten hätten sie sofort an sich genommen. Dann fragte er fassungslos: »Hast du sie einfach mitgenommen? Du hast sie bei deinen Ausgrabungen entdeckt und aus dem Land geschmuggelt. Mit angehaltenem Atem entfaltete Julius die erste ›Seite‹ des ersten Buchs und betrachtete mit großen Augen das brüchige bräunlichgelbe Papyrus. »Aber im Flughafenhotel konnte ich mich vor Erschöpfung nicht mehr auf den Beinen halten. sondern mir nur den Umschlag ausgeliehen. »Ich hatte gehofft. es würde jeden. daß ich dachte. »Was meinst du?« Er starrte stumm auf die Schriftrollen. Jetzt bin ich Gott sei Dank hier und würde mich am liebsten auf der Stelle an die Arbeit machen. ich habe dein Buch nicht mißbraucht. die Gischt schäumte. das Buch aufzuschlagen. Er hörte sprachlos zu. der Sturm peitschte mit unverminderter Kraft gegen die Glastür. Man hielt sie unter Verschluß. »Mein Gott! Woher hast du das?« Sie berichtete ihm schnell von dem Fund im unterirdischen Gang. sagte Catherine. Julius sah sie staunend an. schon mehr übersetzt zu haben«.« Sie sah ihn erwartungsvoll an. was mit den Schriftrollen vom Toten Meer geschehen ist und den Nag Hammadi-Evangelien. und sie wurden von einer Handvoll 141 .« Catherine nahm die gefalteten Papyri zwischen den Buchdeckeln heraus und legte sie behutsam auf den Tisch. »Zollbeamte? Ich verstehe dich nicht. Die Strategie hat sich bewährt!« Er runzelte die Stirn. Die Flammen im Kamin verwandelten sich in rote Glut. vor allem neugierige Zollbeamte davon abhalten. ohne die Behörden von dem Fund in Kenntnis zu setzen?« »Es blieb mir keine andere Wahl. und die bleigrauen Wellen brachen sich donnernd am Ufer. Du weißt doch.sagte sie: »Keine Angst. Das Bild des Mannes im Moor ist so abschreckend.

die das Priesteramt bekleidete. »Hier. »Aber es war notwendig. um die Schriftrollen vom Toten Meer der Wissenschaft 142 . »Ich verstehe deine Begeisterung. Julius! Wenn ich die Texte der Behörde übergebe. Erst danach hat man die Schriftrollen vom Toten Meer Wissenschaftlern auf der ganzen Welt zugänglich gemacht. sieh dir dieses Wort an. Er hielt nichts von Risiken oder davon.« »Was ist so Besonderes daran?« Sie zeigte ihm ihre Übersetzung des Fragments. Trotzdem hatte sie auf eine andere Reaktion gehofft. Wir wissen. Aber war es klug. Julius – Diakonos. daß sich das mit meinem Fund wiederholt. was alles notwendig war. Heute ist das die Aufgabe der Priester. werde ich sie nie wiedersehen. daß Julius durch und durch Wissenschaftler war. eine Theorie zu veröffentlichen. die Schriftrollen zu stehlen und sie aus Ägypten zu schmuggeln?« Catherine wußte. Ich konnte nicht zulassen. sagte er nachdenklich.« »Wer durfte die Ecole Biblique in Jerusalem betreten? Erinnere dich daran. erwiderte sie. es war nicht klug«. Er beachtete stets die Vorschriften.« »Das ist eine Behauptung. vertraute nur auf die erprobten Wege und verwarf zweifelhafte Methoden prinzipiell. »Nein. bevor alle Fakten geklärt waren.Wissenschaftler eifersüchtig bewacht. Julius! Die Tragweite dieses Fundes ist deshalb nicht abzuschätzen!« »Nun gut«. Amelia wird als Diakonos bezeichnet. bis sich von allen Seiten Protest erhob. daß die Diakone beim Abendmahl den Gläubigen Brot und Wein reichten.« »Eine Frau als Priester?« »Eine Frau in der frühchristlichen Kirche.

Danach werde ich die Texte den zuständigen Stellen übergeben und meine Übersetzung veröffentlichen. vierzig Jahre darauf zu warten.zugänglich zu machen? Ich habe keine Zeit. die Schriftrollen zu sehen.« Catherine schüttelte den Kopf. Du willst deine These mit Material erhärten. wie eifersüchtig die verschiedenen Fraktionen ihre Theorien verteidigen und wie gefährlich ihre Angriffe sind. Du könntest sofort die Öffentlichkeit über deinen Fund informieren und an alle Wissenschaftler appellieren. Man wird dich auslachen oder als Verrückte abstempeln. daß ich diese Bücher übersetzen darf. Du machst dich überstürzt an eine Übersetzung.« »Mit einem Unterschied. du willst sie übersetzen und deine Ergebnisse veröffentlichen. bis ich sie übersetzt habe. das wäre noch das Harmloseste!« Er stand auf und setzte sich 143 . Wer wird auf dich hören. was die Wissenschaftler an der Ecole getan haben. Ich werde sie nicht vierzig Jahre lang verstecken. diese Schriftrollen allen anderen vorzuenthalten. Ich werde sie nur so lange behalten. daß man dich von allen Seiten angreifen wird. wie empfindlich die Bibel-Wissenschaftler sind. Du bist entschlossen.« »Gut. wie die Texte in deinen Besitz gelangt sind. Auch sie wollten niemandem erlauben. Niemand weiß. Man würde dich rückhaltlos unterstützen. das auf fragwürdige Weise gefunden wurde. aber bis jetzt hast du weder deinen Fund noch deine Arbeitsmethoden veröffentlicht. »Darauf kann ich es nicht ankommen lassen. Catherine? Ich kann dir jetzt schon sagen. das wäre in diesem Fall anders.« »Catherine. Wir beide wissen. In deiner Mutter hast du ein gutes Beispiel.« »Du tust also genau dasselbe. Und sie hat sich streng im Rahmen des Neuen Testaments bewegt! Du hast etwas gefunden.

Noch ist Zeit dazu. und ich glaube auch zu wissen.« »Und du?« fragte sie leise. Du kannst erklären. Du kannst sagen.neben sie auf die Sessellehne. sagte er ernst. daß du Grund zu der Annahme hattest. um diese wertvollen Texte zu schützen. Man wird dich im wahrsten Sinne des Wortes kreuzigen. du hast sie aus Ägypten herausgebracht.« »Ich habe auch Angst. Aber auf diese Weise kannst du den Ruf deiner Mutter nicht wiederherstellen. wofür du so schwer gearbeitet hast. solange ich noch die Möglichkeit dazu habe? Wie kann ich in dem Bewußtsein weiterleben. und du wirst keine Freunde mehr haben. ich habe Angst. Du bekommst keine Grabungsgenehmigung mehr. Catherine. Das weißt du. »Du stellst deine Integrität in Frage. und kein wissenschaftlicher Verlag wird deine Arbeiten veröffentlichen. man werde sie stehlen oder vernichten. »Ich werde immer an deiner Seite stehen. »Catherine. daß du als Archäologin Selbstmord begehst«. daß ich nicht alles 144 . »Das bedeutet. Wie willst du nach einem Skandal deiner Mutter helfen?« Er schüttelte den Kopf und seufzte. Julius. Catherine. Man wird dich als Wissenschaftlerin nicht mehr achten. wenn ich jetzt nicht Fakten schaffe. Dann holte er tief Luft und sagte ruhig und mit fester Stimme: »Deshalb bitte ich dich.« Er griff nach ihren Händen. »Ich verstehe gut. Man wird dir Charakterlosigkeit vorwerfen. Du wirst alles verlieren. Du verlierst deine Glaubwürdigkeit.« Sie schüttelte den Kopf. Und ich muß gestehen. übergib die Schriften dem ägyptischen Konsulat in San Francisco. hör auf mich. Niemand wird etwas mit dir zu tun haben wollen. Noch kannst du dich retten. Wie soll ich weiterleben. was dieser Fund für dich bedeutet. warum du das alles auf dich nimmst. aber ich muß es tun. Trotzdem muß ich dir die Augen öffnen.

In dir ist eine Bitterkeit. lag in seiner Stimme eine gewisse Schärfe. indem du deinen eigenen guten Namen aufs Spiel setzt?« »Wenn nötig. ja. Vater McKinney war katholischer Priester.« »Deren Loyalität in erster Linie der Kirche gehört. die Catherine an ihm nicht kannte. Wenn du sie nicht überwindest«. Sie kann sich nicht mehr verteidigen.« 145 . die dich zerstört. sagte Julius eindringlich. Dafür war nur ein einziger Mann verantwortlich. an die Folgen deines Vorhabens zu denken. bevor er sich umdrehte. die weit in der Vergangenheit liegen? Catherine.« Sie zog ihre Hände zurück. um einer Beduinenfrau zu helfen. aber meine Mutter ist tot.« Er stand auf und trat an die Glastür. Dort blieb er eine Weile schweigend mit dem Rücken zu ihr stehen. sagte er leise.getan habe. ich bitte dich. Wäre Vater McKinney ebenso mutig gewesen? »Catherine«. »Vielleicht ist das deine Meinung. der sich durch die Menge gekämpft hatte. Mir bleibt später noch die Möglichkeit einer Rechtfertigung. daß alle Priester gleich sind?« Unwillkürlich mußte Catherine an Garibaldi denken. Obwohl er äußerlich so ruhig wie immer wirkte. um die Anschuldigungen zu entkräften. die Sache mit deiner Mutter geht nicht auf das Konto der Kirche. Jeder Priester ist ein Instrument der Kirche.« »Du willst also sagen.« »Priester sind auch nur Menschen. Ich sehe es anders. »du läßt dein Leben von der Vergangenheit bestimmen.« »Ist das nicht eine Art persönlicher Rachefeldzug? Willst du die Kirche angreifen wegen Dingen. »kann sie uns beide vernichten. »Catherine. die man gegen meine Mutter erhoben hat?« »Das willst du tun.

wir müssen miteinander reden. und die Polizei muß sich nicht darum kümmern.« »Natürlich liebe ich dich!« Es klang wie ein Aufschrei. Aber wenn sie jüngeren Datums sind. muß ich dir sagen. In der Gegend hinter Bel Air hat man Reste eines Skeletts gefunden.« »Julius. Catherine. es stammt von einer alten indianischen Begräbnisstätte. du würdest mich unterstützen. »Ich muß noch einmal ins Institut. dann fallen sie in den Bereich der Archäologie.« »Dieses Risiko muß ich eingehen. müssen polizeiliche Nachforschungen angestellt werden. Wenn ich deinem wahnwitzigen Plan zustimme. Die Kommune hat uns gebeten. ich verstehe sehr gut. mich zu lieben.»Ich suche nur nach Antworten…« »Wirklich? Willst du etwas finden oder willst du etwas zerstören?« »Julius. Wir vermuten. dann mußt du das im Rahmen einer wissenschaftlich anerkannten Vorgehensweise tun. dann unterstütze ich dich nicht. etwas Falsches zu tun. dich zu ruinieren. Ich würde nur dazu beitragen. »Gerade weil ich dich liebe. weshalb du es tun willst.« »Julius…« Er suchte nach seinen Wagenschlüsseln.« Er sah sie kopfschüttelnd an und warf dann einen Blick auf die Uhr. eine Altersbestimmung vorzunehmen. ich dachte. daß du im Begriff bist. Glaub mir. Aber wenn du deine Mutter rechtfertigen möchtest. drehte sich dann aber langsam um und sagte seufzend: »Catherine.« Er ging zur Tür. sonst wird man dich mundtot machen. Du behauptest. was erwartest du von mir?« 146 . »Wenn die Knochen älter als hundert Jahre sind.

stritten sie miteinander. Julius. In seiner Ernüchterung wollte er nur so schnell wie möglich weg. In der Ferne donnerte es. daß es bereits vier Uhr nachmittags war. 147 . Alle seine Hoffnungen hatten sich zerschlagen. den eingeschlagenen Weg weiterzugehen. »Gibt es für dich immer nur Regeln und Vorschriften? Hast du nie etwas getan. dir diese Dummheit auszureden?« »Davon spreche ich nicht. aber mein Herz befiehlt mir. daß mein Vorgehen falsch ist. das Universum gerate plötzlich aus dem Gleichgewicht.« Er wich ihrem Blick aus und öffnete die Tür. Anstatt ihr Wiedersehen zu feiern. Ich glaube. »Ich hätte die Tests schon heute morgen durchführen sollen. Ich werde im Moonshadow einen Tisch für uns reservieren. ich habe kein gutes Gefühl dabei.« »Niemand weiß etwas von dem Fund. Die Konfrontation schmerzte. Nichts anders tue ich jetzt.Sie stand auf und ging zu ihm. Es ist illegal und unmoralisch. Alles schien auf den Kopf gestellt. das Haus. Das Wiedersehen mit Julius hätte nicht so verlaufen dürfen. Ich war wirklich sehr vorsichtig. nichts war mehr wie zuvor. Catherine stand wie gelähmt im Zimmer und glaubte. aber ich wollte hier sein. Er konnte ihr nicht zustimmen. du bringst dich und uns in eine sehr gefährliche Lage.« Sie sah ihm nach. nahm er alle Wärme und Geborgenheit mit sich. nur weil es dein Herz wollte?« »Natürlich. Sie holte tief Luft und sah. Ich weiß. daß du recht hast. Mein Verstand sagt mir. Wer sonst würde versuchen. Du hörst mir nicht zu. die Welt. Als er aus der Garage in den strömenden Regen fuhr. »Catherine. Bestimmt bin ich noch vor acht zurück.« Er schüttelte den Kopf. um dich zu begrüßen.

« Nach einigem Suchen fand sie eine große blaue Sporttasche. sagte sie und dachte fieberhaft nach. du hast recht… ich habe uns alle in Gefahr gebracht. sagte sie.Wie benommen ging sie in die Küche und wählte noch einmal Daniels Nummer. wir sind in großen Schwierigkeiten. Und ich glaube zu wissen. den er ebenfalls nie benutzte. ich bin sicher. Catherine wollte schon aus dem Haus eilen. Sie 148 . dann überwachen sie mein Haus. Geh nicht ans Telefon und laß keinen Menschen in die Wohnung. Stell dir vor. Sie packte die Schriftrollen und die notwendigsten Dinge in die Tasche. wir sind nicht die einzigen. »Ich komme zu dir. wer hinter uns her ist. Diesmal meldete er sich. ging aber noch einmal in die Küche zurück und hinterließ eine Nachricht für Julius. »Catherine! Gott sei Dank. so schnell ich kann. die Julius vor einem Jahr zusammen mit einem Jogginganzug gekauft hatte. Ich komme mit den Photos zu dir…« »Nein. Ich komme. warte«. Danno!« »Du irrst dich. Ich kann auf keinen Fall nach Hause. »Ich glaube.« »Das ist unmöglich! Wir haben die Schriftrollen unbemerkt aus dem Land geschafft. daß du anrufst! Ich bin vor ein paar Minuten hier angekommen. flüsterte sie und schloß die Augen. bleib in deiner Wohnung«. ich habe jemanden vor dem Zelt gehört…« »O Gott. nur das nicht…«. »Danno. Kannst du so schnell wie möglich herkommen?« »Was ist denn los?« »Jemand verfolgt uns.« »Wie bitte?« »Cathy. die etwas von dem Fund wissen. Julius. denn wenn uns jemand verfolgt.

auf dem ein Text aus dem Deuteronomium. stand. unerklärliche Gefühl. Plötzlich wußte sie. was der Grund dafür war.schrieb. Als sie mit dem Rücken zum Regen die Haustür hinter sich zuzog. daß Julius eine Mezuzah am verwitterten Holz des Türrahmens befestigt hatte – eine kleine Rolle mit einem Pergament. Catherine fuhr auf der nassen Straße in Richtung Norden. sie sei ein paar Tage unterwegs und werde sich bald bei ihm melden. Sie schloß mit den Worten: »Ich liebe dich…« und legte das Blatt Papier gut sichtbar auf den Küchentisch. sah sie. dem fünften Buch Mose. Auch das war neu. und wieder überkam sie das seltsame. wie der Gebetsschal im Wohnzimmer. Ich beneide ihn. 149 . das sie beim Anblick der religiösen Dinge im Haus von Julius gehabt hatte.

Dort kann 150 . ›Jemand ist hinter uns her. Im Hotel Isis hatte sie noch vor zwei Tagen in jedem der Gäste einen Spion gesehen.« Bevor Daniel die Tür hinter ihr schloß. wäre es mir aufgefallen. daß wir verfolgt werden?« »Einen Moment. als über alle möglichen Verdächtigen nachzudenken.‹ Wer kann das sein? dachte Catherine und klingelte.« »Bestimmt nicht. daß dir niemand gefolgt ist. War ihr Verdacht doch nicht unbegründet gewesen? Am Guckloch erschien ein Auge.Santa Barbara. die normalerweise eineinhalb Stunden dauerte. »Cathy! Gott sei Dank! Komm schnell herein. zog den Regenmantel aus und nahm die Plastikhaube vom Kopf. ›Wir sind in großen Schwierigkeiten‹ hatte Daniel gesagt. als sie die Treppe hinauf in den dritten Stock zu Daniels Wohnung lief. Kalifornien Catherine nahm zwei Stufen auf einmal. schob den Vorhang etwas zur Seite und blickte auf die Straße. warf er noch einen Blick ins Treppenhaus und vergewisserte sich. dann wurde die Wohnungstür geöffnet. »Woher weißt du überhaupt. hatte an diesem stürmischen Tag beinahe vier Stunden in Anspruch genommen. Die Fahrt von Malibu nach Santa Barbara. daß ihm in der Zwischenzeit nichts zugestoßen war. Wenn jemand das Haus von Julius überwacht hätte. »Ich muß sicher sein. »Wer ist hinter uns her?« fragte sie.« Er ging zum Fenster. daß ihr niemand gefolgt war. Sie hoffte inständig. Die ägyptischen Behörden? Hungerford? Sie hatte auf der zermürbenden Fahrt nichts anderes getan.

daß sie nur aus Neugier hinter dir her sind. Zwei Seiten eines Buches. Viertes Jahrhundert.). »Es gibt keinen Zweifel«. ja. griechisch. Hinw.« »Sag nur. »Ich habe die Information auf meine Festplatte geladen und sie für dich ausgedruckt.: Lukas. N. Nichts deutete auf den langen Flug hin. antwortete er. »Ich kann mir nicht vorstellen. Ich werde dir zeigen. weite und bequeme Sachen. Daniel litt erstaunlicherweise nie unter der Zeitverschiebung.T. habe ich mich in das Internet eingeloggt. 16:5-13. Kein Wagen ist hinter mir vom Highway abgefahren. »Versteh ich nicht… Was ist das für eine Stelle aus Lukas?« 151 . Ich wollte nachsehen. der an Kreuzungen mit mir abgebogen wäre. »Besteht da ein Zusammenhang?« »Eine Reise nach Britannien…«.niemand parken. daß jemand die Schriftrollen haben will?« Er ließ den Vorhang fallen. Wie immer trug Daniel zerknitterte. bist du sicher. daß mir niemand gefolgt ist. Er wirkte ausgeschlafen und völlig munter. Außerdem habe ich mich ständig davon überzeugt. auf dem sein Laptop stand. Jh. Auf der Rückseite einer LiviusSchrift. Bericht einer Reise nach Britannien. ohne gesehen zu werden.‹ Daniel fuhr sich mit den Fingern durch die langen blonden Haare.:‹Mein Mann und mein Kind› lassen darauf schließen. Oben auf der Liste steht das British Museum. die deinen ähnlich sind.« Er ging zu einem kleinen Tisch. murmelte sie. du hast etwas gefunden!« »Ich glaube.« Catherine las den Ausdruck: ›?245 (4. in der ersten Person. und im Rückspiegel war niemand zu sehen. woher ich das weiß. Viel ist es nicht. daß eine Frau den Text geschrieben hat. sagte er und reichte ihr ein Blatt Papier. Hier…«. Danno. Hinw. ob es vielleicht andere Schriftrollen gibt. »Sobald ich hier war. drehte sich um und sah sie an.

die Hungerford umgebracht haben. Es war nichts zu finden. Kapitel sechzehn. flüsterte Catherine. er wußte etwas von den Schriftrollen. den Spuren muß ich unbedingt nachgehen. In dem Bericht heißt es auch. Danno. Die verantwortliche Archäologin. »daß Sabinas Text wie die Evangelien und die Briefe der Apostel immer wieder kopiert wurden. und das gefunden. Er hat offenbar versucht. »Das sagt mir. Man braucht nicht viel Phantasie. daß Zeugen 152 . die den ägyptischen Behörden Rätsel aufgab. »Es wäre möglich«. Ausschnitte aus den Büchern des Neuen Testaments sind über die ganze Welt verstreut. daß wir in großen Schwierigkeiten sind. den Fund auf dem Schwarzen Markt anzubieten. jetzt hinter dir her sind. Ich habe im Web nach Nachrichten aus dem Sinai gesucht.»Ich habe nachgeschlagen. Cathy. Und unter dem Stichwort ›Papyrus‹ gibt es im Web über tausend Eintragungen!« »Aber was ist mit den Leuten.« Catherine las die Meldung über eine Ausgrabung in der Nähe von Scharm el Scheich. und in einem nahe gelegenen Hotel sei ein amerikanischer Ingenieur ermordet worden. das Gleichnis vom reichen Mann. Vermutlich handelt es sich dabei jedoch nur um Fragmente. sei verschwunden. um zu dem Schluß zu kommen. sagte sie nachdenklich. Daniel räusperte sich. »Hungerford…«. sagte Daniel und reichte ihr einen anderen Ausdruck. während ich auf dich gewartet habe. die mich verfolgen…« »Hier«. Vielleicht finden wir auf diese Weise Teile der siebten Schriftrolle!« »Das habe ich schon versucht. »Ich glaube.« Catherine betrachtete den Ausdruck in ihrer Hand. Es könnte durchaus Kopien von Sabinas Brief und ihrer Geschichte geben. einfach nur so. daß die Leute. so meldete man.

Die Straße unten war menschenleer. daß du weißt. das möglicherweise zu einem frühchristlichen Evangelium gehört. wie er nervös die Brille abnahm und die Gläser an seinem T-Shirt blank rieb. Er setzte sie wieder auf und sagte: »Während mich Samir als ›Beduinenfrau‹ zu dem Landrover geschleppt hat. und in der schwarzen Nässe leuchteten nur die elektrischen Kerzen einer Lichterkette an einem Hauseingang. Sie hatte ein flaues Gefühl im Magen – Hungerford war ermordet worden. Das durfte nicht wahr sein. Catherine fuhr erschrocken zusammen.« Catherine sah. Das Gesicht ging mir nicht mehr aus dem Kopf. sagte sie tonlos und verließ den Platz am Fenster. antwortete Daniel und schloß den Laptop. fiel es mir wieder ein…« Ein Schrei hallte durch die Luft.berichten. Es kam mir irgendwie bekannt vor. »Zeit zu verschwinden. du hast am Telefon gesagt. ist mir in der Menge ein Gesicht aufgefallen.« Catherine rieb sich die Stirn. Ich habe ein ungutes Gefühl. Catherine schüttelte den Kopf. »Du hast recht«. Die Sache ist also eindeutig bekannt. wir sollten nicht hierbleiben. Es war ein Amerikaner. der Ingenieur habe ein Jesus-Fragment gefunden. Zuerst Julius und jetzt… »Danno.« Daniel holte eine riesige Leinentasche mit dem Aufdruck USS Enterprise und packte Mappen und Ordner hinein. wer es ist. Wo hatte ich diesen Amerikaner schon einmal gesehen? Als ich hier am PC saß und meinen Tagebucheintrag machte. »Ich glaube. »Ein Freund von mir hat in Washington ein Ferienhaus am 153 . Draußen im Gang hörte man laute Schritte. Es regnete noch immer.« Catherine ging zum Fenster und blickte durch einen Spalt im Vorhang hinaus. »Was war das?« »Meine Nachbarn! Sie streiten sich ständig«.

Er hat mir schon oft angeboten. Du darfst mich nicht begleiten.« »Danno. sagte Catherine. sagte Catherine und griff nach der blauen Tasche. erwiderte er ruhig. »Das kann nicht wahr sein.« »›Daniel‹…?« Er lachte. widersprach er energisch. werden sie dich in Ruhe lassen.« »Das ist bereits geschehen. als du es für möglich 154 .« »Daniel«. Du wirst die Schriftrollen übersetzen. Du hast mich zum letzten Mal ›Daniel‹ genannt. Wenn ich nicht mehr da bin. Danno!« Er schüttelte lachend den Kopf und schob Bücher und Wechselplatten in die Tasche. »Im Haus meines Freundes werde ich den Kontakt zum Institut in Houston wiederaufnehmen. »Kommt überhaupt nicht in Frage«. eine Weile dort zu wohnen. Cathy«.« »Ich werde mich allein auf den Weg machen. »es ist mein Ernst. Jeder in meiner Begleitung ist in Gefahr. »Wir bleiben zusammen. »Sie sind hinter mir her.Meer. jetzt suchen sie mich. »Was packst du da alles ein?« »Ich werde meine Unterlagen über das Maya-Grab nicht zurücklassen«. und ich kann meine Arbeit an den Wandbildern fortsetzen. Die Mörder sind hinter den Schriftrollen her. als du mich in der Grundschule beim Nasenbohren ertappt hattest.« Sie legte ihm die Hand auf den Arm. Ich möchte dich nicht in diese Sache hineinziehen. Ich werde dein Leben nicht aufs Spiel setzen. erwiderte er und legte zum Abschluß ein paar Tüten Knabbergebäck und eine Dose Limonade obendrauf. Danno«. »Ich bin tiefer hineinverwickelt. Das heißt. der Mord an Hungerford ist kein Zufall. Catherine stemmte die Hände in die Hüften.

Cathy! Man kann überall auf der Welt suchen.« Er schüttelte den Kopf. Du mußt feststellen.« Da sie schwieg. »Die Photos.« »Während ich auf dich aufpasse. gehen wir.« »Ich lege sie in meine Tasche.« »Sollte ich sie nicht vielleicht bei mir behalten. um die Texte zu übersetzen. Dann ist die Gefahr vorüber. Deshalb werde ich allein eine Weile untertauchen. ohne sein Versteck zu verlassen. sagte er und griff nach einem dicken Umschlag. »Also gut. fügte er lachend hinzu: »Das Internet. Außerdem brauchst du mich. und ich werde dich nicht allein lassen. wer dieser König war. wo sich die siebte Schriftrolle befindet.« »Danno…« »Es bleibt dabei. Cathy. »Dummkopf!« murmelte sie und gab ihm einen Kuß auf die Wange. »Tut mir leid. in diesem Fall das Haus meines Freundes. Vielleicht wirst du dann erfahren.« »Danno. Vergiß nicht.« Als sie ihn fragend ansah. ich brauche nur etwas Zeit… genug Zeit. Cathy? Du darfst mich jetzt nicht ausklammern. ich bin dein Freund. fügte er schnell hinzu: »Ich frage dich: Wann haben wir einmal nicht zusammengehalten und uns gegenseitig geholfen. Danach werde ich die Schriftrollen jedem geben. der sie haben möchte.« »Warte«.hältst.« Sie lächelte.« »Nein. keiner darf dich finden! Also flüchten wir in ein sicheres Versteck und überlassen das Reisen den elektronischen Fingern. falls den Schriftrollen etwas zustößt?« »Was soll den Schriftrollen schon zustoßen? Ich habe sie 155 .

aus der Klasse zerrte und dabei schimpfte: ›Du bist ein freches und schamloses Mädchen! Du wirst für deine Frechheit büßen!‹ Catherine legte sich den Regenmantel über die Schultern und sagte: »Ich muß mich bei Schüller melden und ihm sagen.« Daniel öffnete die Schreibtischschublade und nahm etwas heraus.hier bei mir«. was du von Waffen hältst.« »Du wirst die Pistole auf keinen Fall mitnehmen.« Sie runzelte die Stirn. »Aber er weiß nicht. Ich weiß.« »Hast du Julius etwas davon gesagt?« »Ja«. daß ich hier bin. daß du sie siehst. Den Grund dafür kannte er auch. dürfte alles klar sein. »Wenn niemand weiß.« »Gut. »Leider in unserer Zeit eine Notwendigkeit.« »Cathy…« »Danno. wo ich bin. Es gibt doch jemanden – Hans Schüller am Radiologischen Institut in Zürich.« »Oh. das ist mein Ernst. Keine Waffen!« Seufzend legte er die Pistole wieder in die Schreibtischschublade. die er aus dem Schreibtisch genommen hatte. Ich habe ihm eine Papyrusprobe für eine genaue Datierung geschickt. »Ich werde sie nicht mehr aus den Augen lassen. Er würde Schwester Immaculata nie vergessen. etwas habe ich vergessen. antwortete sie und ließ den Kopf hängen. »Was hast du da?« Er blickte auf die Pistole. wo wir sind. ich hole noch meinen Poncho. dann können wir 156 .« »Ich wußte nicht. Er wußte. die Catherine an der Hand packte. erwiderte Catherine und hängte sich die blaue Tasche über die Schulter. daß du eine Pistole hast!« »Ich wollte nicht. daß Catherine alle Arten von Gewalt verabscheute.

157 . die Brille war verbogen. Die beiden Männer wichen zurück. An der Wohnungstür stolperte sie über den Laptop. Schwarzweiß-Photos verteilten sich auf dem Teppich. sagte sie und ging bereits in sein Schlafzimmer. Catherine nahm den Poncho vom Bügel. Sie starrte auf Daniels Gesicht – sein erstaunter Ausdruck wirkte wie erstarrt.los. verlagerte die schwere Nylontasche von der rechten Schulter auf die linke und rief in Richtung Flur: »Was hast du gesagt…?« Aber Daniel war nicht an der Wohnungstür. Er stand auf der anderen Seite des Wohnzimmers mit dem Rücken zu den Lautsprechern der Stereoanlage. den Daniel dort abgestellt hatte. das Daniels Kopf umgab. Der Umschlag fiel Daniel aus der Hand. die eine Einkaufstüte trug. der eine machte einen Schritt auf sie zu. es sei doch besser. Wie in Zeitlupe sank Daniel leblos zu Boden. Die beiden Männer waren ihr dicht auf den Fersen. in den blauen Augen unter den blonden Wimpern war das Licht erloschen. die Photos in die Einkaufstasche zu seinem MayaMaterial zu legen. Seine Schuhspitze wurde rot vom Blut. Sie griff blindlings danach und stürmte ins Treppenhaus. daß uns niemand erwartet. ein blitzendes Messer und plötzlich hellrotes Blut. Catherine sah alles gleichzeitig: Den Mann mit dem weißblonden Haar und der roten Narbe im Gesicht. Daniels Entsetzen. wie Daniel rief. Im Gang stieß Catherine mit einer Hausbewohnerin zusammen.« Als sie den Kleiderschrank öffnete und nach dem Poncho suchte hörte sie. Dann rannte sie los. »Du überprüfst das Treppenhaus und vergewisserst dich. Zwei Männer hielten ihn fest.« »Ich hole den Poncho«. die beiden Männer blickten auf Catherine.

Wieder hallte ein Schuß durch die Nacht. Es war Garibaldi. Eine tiefe Stimme befahl ihr. »Haben Sie sich ver…«. »O nein!« keuchte sie. Garibaldi dicht hinter ihr. während sie blitzschnell weiter die Treppe hinunterrannte. »Was ist denn…« »Laufen Sie!« Sie rannten durch den Regen. Catherine rannte weiter. Sie bogen um die nächste Straßenecke und erreichten Catherines Leihwagen. daß Farbe und Putz von der Wand regneten. Ihre Füße berührten kaum noch die Stufen. Und dann… Ein ohrenbetäubender Knall. griff Garibaldi nach Catherine und zog sie geistesgegenwärtig vom Gehweg. ein tiefgekühlter Truthahn und ein Weihnachtsstern auf den Boden fielen. Die Reifen waren aufgeschlitzt. Ihre Verfolger hatten den Hauseingang erreicht… In diesem Augenblick stieß Catherine mit jemandem zusammen. Orangen. Hinter sich hörte sie Schritte. und der Laptop fiel auf den Asphalt. stehenzubleiben. Sie stürzte. Catherine schob sich die Haare aus dem Gesicht und sah ihn fassungslos an. Kugeln schlugen in den Wagen. Als die beiden Männer mit schußbereiten Waffen an der Straßenecke auftauchten. Sie rannten geduckt über den nassen Rasen und in einen engen Durchgang zwischen 158 . »Laufen Sie!« schrie Catherine und hob den Laptop auf. Sie blickte nach oben und sah. Als sie die Haustür erreichte und keuchend in die Nacht stürmte. Sie lief den regennassen Gehweg entlang und warf ängstlich einen Blick über die Schulter zurück. »Geben Sie mir Ihre Hand!« rief der Mann und zog sie wieder hoch. wollte er fragen. während Dosen. Catherine voraus.»He!« rief die Frau empört. fiel ein zweiter Schuß.

rief Garibaldi.« 159 . »Sie holen auf!« stieß sie atemlos hervor. Frau Doktor«. Catherine klammerte sich am Armaturenbrett fest und schloß die Augen. Garibaldi rief etwas. Alles um sie herum schien zu verschwimmen – Häuser. Garibaldi bog um die nächste Ecke und gab Vollgas. daß sie sich in einer Sackgasse befanden. das Herz werde ihr zerspringen. Es dauerte nicht lange. Sie rang nach Luft und glaubte. Der blaue Mustang raste durch die verlassene Straße. Hinter ihnen leuchteten die Scheinwerfer ihrer Verfolger. Lichter. Sie hörten weitere Schüsse. Catherine riß die Augen auf und sah mit Entsetzen. »Wenn Sie noch beten können. heulte in der Nähe ein anderer Motor auf. Der Mustang schien vom Boden abzuheben. packte sie am Arm und zog sie weiter. Catherine kauerte sich noch immer keuchend in den Sitz. »dann sollten Sie es jetzt tun. »Auch das noch…«. hörte sie Garibaldi stöhnen. bis hinter ihnen Scheinwerfer auftauchten. Sie erreichten die Straße an der Rückseite der Häuser. Als er mit quietschenden Reifen anfuhr. der dort geparkt war und rief: »Steigen Sie ein!« Catherine fiel auf den Sitz. Garibaldi riß die Beifahrertür eines blauen Mustangs auf.zwei Mietshäusern. Garibaldi ließ den Motor an. Catherine glitt auf dem glitschigen Beton aus und fiel gegen eine Hauswand. Ampeln.

die alle Rekorde brach. Vielleicht sollte er seine Augen untersuchen lassen. Unsinn! Der Himmel war der Himmel. wie an jedem anderen Tag auch. das Ende der Welt stehe bevor. Seine Eminenz machte den Menschen dort unten keinen Vorwurf. Sie hatten Angst. hatte er diese Farbe noch nie gesehen. Woher mochte das kommen? Er richtete den Blick auf den Petersplatz.Der Vatikan. War seine seltsame Farbe ein Zeichen kommenden Unheils? Er schüttelte den Kopf. daß die Sinne nicht mehr so zuverlässig waren wie früher. die bereits überforderten Sicherheitskräfte des Vatikans vor nahezu unlösbare Probleme stellte. und er durfte seine Zeit nicht damit 160 . wo eine Menschenmenge. Rom Kardinal Lefevre wurde das Gefühl nicht los. scheinen wahrhaftig keine gewöhnlichen Wolken zu sein. Gab es einen besseren Ort. als den. Er gab sich einen Ruck. Es war Winter. Mit siebzig mußte man sich damit abfinden. daß der Himmel an diesem Vormittag eine sehr ungewöhnliche Farbe hatte. dachte der Kardinal verwirrt. Man befürchtete das Schlimmste und hatte die Städtische Polizei um Hilfe gebeten. Alle behaupteten. Die Arbeit wartete. Natürlich gab es auch in Rom graue Himmel. Aber das. um die Heerscharen der Hölle zu erwarten. Wenn er es sich recht überlegte. Es war Regen vorhergesagt. Die Italiener der Vergangenheit und der Gegenwart mußten sich mit ihrem Anteil an Stürmen und Überschwemmungen abfinden. wo der heilige Petrus den Märtyrertod erlitten hatte? Lefevres Augen richteten sich wieder auf den Himmel.

Die große 161 . Eure Eminenz. Fuchs auf. Während Ihrer Audienz bei Seiner Heiligkeit traf diese Nachricht für Sie ein. Eminenz?« »Machen Sie Dr. »Ja. daß er über die Farbe des Himmels nachdachte… Als er sich an seinen Schreibtisch setzte. Diesmal blickte er auf die Stadt. Sagen Sie ihm. Eure Eminenz. Er leitet das Archäologische Institut der Universität von Rom. wo sich die Akten stapelten. um die Menschenmassen unter Kontrolle zu halten.« Lefevre brach das Siegel und zog ein Blatt Papier aus dem Umschlag. und man würde über kurz oder lang militärische Unterstützung brauchen.« Als der junge Mann gegangen war. schob es in die Tasche seiner roten Soutane und sagte: »Bitte nehmen Sie unverzüglich Kontakt zu Dr. Im vergangenen Jahr hatte sich Rom auf zusätzliche zehn Millionen Besucher vorbereitet. daß ich ihn in einer äußerst dringenden Angelegenheit sofort sprechen muß. die an den Feierlichkeiten zum zweitausendsten Geburtstag Christi teilnehmen würden. In der ganzen Stadt gab es kein einziges freies Zimmer mehr. Den Berichten nach war diese Zahl inzwischen weit überschritten. Und…?« »Ja. trat Kardinal Lefevre wieder ans Fenster. »Unglaublich!« »Eminenz?« Der Kardinal faltete das Blatt schnell zusammen. »Ich bitte die Störung zu entschuldigen. Beim Lesen der Mitteilung hoben sich seine buschigen weißen Augenbrauen.« Die Augen des Priesters wurden eine Spur größer. Fuchs darauf aufmerksam. daß die Angelegenheit streng geheim ist.vergeuden. erschien ein junger Priester in langer schwarzer Soutane in dem Büro.

bekreuzigte sich Kardinal Lefevre und blickte unwillkürlich wieder besorgt zum grauen Himmel hinauf. die er gerade erhalten hatte. sondern auf der ganzen Welt alle Gläubigen bewegte. die nicht nur in Rom.Frage. 162 . war: Würde mit Beginn des Jahres 2000 eine apokalyptische Katastrophe über die Menschheit hereinbrechen? Beim Gedanken an die beunruhigende Nachricht.

Mr. Ist das klar?« »Ja. Havers. Havers. erklärte Zeke. und der Regen prasselte auf die Windschutzscheibe.Santa Barbara. Vielleicht spricht er auch nicht von mir. waren ihre Stimmen laut und deutlich zu hören. sie säßen in der Falle. »Wir glaubten schon. aber Zeke und seinem Partner entging der Zorn ihres Auftraggebers nicht. was geschehen ist«. »Ich möchte. auch sein Bild auf dem Monitor wirkte gelassen. während die Stimmen von Catherine Alexander und Daniel Stevenson in dem schwarzen Pontiac zu hören waren. Kalifornien »Was sagen Sie. daß Sie die Frau finden und mir diese Schriftrollen beschaffen. Zeke? Sie sind Ihnen entkommen!« Die Stimme von Miles Havers aus dem Lautsprecher klang zwar wie immer beherrscht und ruhig.« »Spielen Sie noch einmal das Band ab. auf dem Sie das Gespräch aufgezeichnet haben. Wenn sich die beiden Archäologen in der Wohnung bewegten. unterbrach ihn Miles.« Zeke hielt den Kassettenrecorder dicht an das Funkgerät und vermied es. als der Wagen in eine Sackgasse einbog«. »Aber in diesem Augenblick tauchte ein Streifenwagen auf und…« »Mir ist völlig gleichgültig. Als das Tonband abgelaufen war. Mr. fragte Miles: »Wie hat er Sie erkannt. auf das flimmernde Bild seines Auftraggebers zu blicken. Zeke?« »Ich weiß nicht. zum Beispiel ein katholischer Priester…« 163 . Es waren noch andere Amerikaner in der Menge. Sie saßen in ihrem Wagen. Zeke hatte überall in Stevensons Wohnung Wanzen verteilt.

Sie sollten alles aufnehmen. konnte Zeke seinen Zorn nur mühsam unterdrücken. Daraufhin hatte Miles jemanden beauftragt. Alles hätte anders sein können. sein Telefon anzuzapfen und die Wohnung abzuhören. Den Männern von Havers war es in New York nicht gelungen. Aber die Frau war ihnen entkommen. Es gefiel ihm nicht. ihre Wohnung in Santa Monica zu überwachen. Wir müssen so schnell wie möglich sein Tagebuch haben. Sobald sie gehört hatten. Schuld daran waren die Anweisungen.« »Was ist mit den Photos. daß sich die Schriftrollen in 164 . als komme sie gerade von ihrer AerobicStunde. nahm ein Photo heraus und legte es in den tragbaren Scanner. der auf dem Armaturenbrett lag. Das hatten sie getan.« »Ja. wie die Archäologin mit der blauen Tasche über der Schulter das Haus betrat. Sir. Alexander sagte: »Ich habe sie hier bei mir«. Sie hatten den Auftrag. Während das Bild gesendet wurde. »Stevenson spricht vielleicht nicht von Ihnen. aber wir dürfen kein Risiko eingehen. Kennedy-Flughafen aufzuspüren. daß sich die Schriftrollen dort befanden.»Ein Priester!« Miles lachte höhnisch. wenn er bei einem Auftrag versagte. und mit dem Eingreifen warten. Als Zeke sah. Catherine Alexander am John F. bis sie den sicheren Beweis hatten. was gesprochen wurde. Außerdem setzte er Zeke und seinen Partner auf Daniel Stevenson an. waren Zeke und sein Partner in die Wohnung eingedrungen und hatten Stevenson ausgeschaltet. die Stevenson erwähnt? Haben Sie die Aufnahmen?« Zeke griff nach dem blutbefleckten großen blauen Umschlag. wußte er instinktiv. wie Dr.

sie aufzuheben. Vielleicht war es ein Fremder. »Gut«. daß ihr jemand helfen würde. Wir haben allerdings das Kennzeichen des Fluchtautos. als wir die Wanzen verteilt haben. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung haben wir kein Tagebuch gefunden. Haben Sie alle?« »Nein. Wir hatten ihren Wagen fahruntauglich gemacht. Mr.« Miles schwieg bedrohlich lange. Aber er hatte seine Anweisungen und mußte sich daran halten.« »Was ist das für ein Mann. dann sagte er: »Ich 165 . die sie bei sich trug. Wir hatten keine Zeit. aber nicht damit gerechnet. Havers. Wir mußten die Frau verfolgen. so schwor er sich stumm. das Stevenson erwähnt?« »Wir wissen es nicht. »Es sind höchstwahrscheinlich Aufnahmen der Schriftrollen. daß sie mit den Schriftrollen geflohen ist?« »Sie befanden sich in einer blauen Tasche.« »Sie sind sicher. sagte Miles.der Tasche befanden. Er und diese Alexander müssen die Schriftrollen und die Photos im Reisegepäck gehabt haben. mit dem sie geflohen ist?« wollte Miles wissen. Ein paar Photos sind aus dem Umschlag gefallen. Er hätte die Frau und die ›Ware‹ auf der Stelle gehabt. Das nächste Mal.« »Wo ist das Tagebuch. vermutlich eine Sicherheitsmaßnahme für den Fall. würde er auf die Anweisungen pfeifen und sich auf seinen Instinkt verlassen. daß den Originalen etwas zustoßen sollte.« »Haben Sie die Wohnung von Stevenson durchsucht?« »Am Vormittag. »Wir haben ihn nur undeutlich gesehen und wissen nicht. Es befand sich nichts Wertvolles dort. ob sie ihn kannte.

»In zwei Stunden werden meine Leute in Santa Barbara sein. Mr. Beschaffen Sie die Schriftrollen und Stevensons Tagebuch.« »Noch etwas. nie geboren worden zu sein. daß er die zulässige Höchstgeschwindigkeit nicht überschritt. Zeke! Diesmal darf sie Ihnen nicht entkommen.schicke jemanden. Fahren Sie zum Flughafen in Santa Barbara und warten Sie auf meinen Privatjet. Mr.« »Sorgen Sie dafür. daß Sie ständig über Funk erreichbar sind. dann würde sie sich wünschen. Der Jet ist startbereit«. Sie könnte morgen schon Hunderte von Meilen entfernt sein. »Was hat das eigentlich alles zu bedeuten?« fragte Garibaldi und achtete darauf. Sobald wir diese Alexander aufgespürt haben. der die Photos abholt. sagte Miles.« »Ja. Danach suchen Sie sich ein Hotel. darf niemand den Eintrag lesen.« »Oder sie ist nicht weit gekommen. Havers. Havers. weil immer mehr Leute noch spät abends Weihnachtseinkäufe machten.« Der letzte Befehl war unnötig. Zeke hatte sich bereits geschworen: Wenn er Catherine Alexander das nächste Mal sah. es wird ihr nicht gelingen. Der Verkehr nahm zu. Wo immer sie auch sein mag. Wenn er Sie erkannt hat. Die 166 . Sie fuhren auf der Hauptstraße durch Santa Barbara. Sir.« »Entschuldigen Sie.« »Ja. sich lange zu verstecken. »Was für Männer waren das? Warum haben sie geschossen?« Catherine blickte immer wieder unruhig zurück. bis Catherine Alexander gefunden ist. werden Sie die Verfolgung aufnehmen. Sie dürfen auf keinen Fall die Gegend verlassen.

« Mit einem prüfenden Blick auf Catherine fragte er: »Was ist mit Ihnen?« »Also gut. murmelte sie. als sie vor einem Kaufhaus anhalten mußten.« »Gehen wir nicht zur Polizei?« »Nein! Auf keinen Fall gehen wir zur Polizei. dann können wir in Ruhe überlegen. Verfolgten die Killer sie noch? »Fahren Sie weiter«.« Er schwieg und flüsterte dann: »Gott sei seiner Seele gnädig. »Was sind das für Männer gewesen?« Catherine verschränkte die Arme und schloß die Augen.« Sie schüttelte stumm den Kopf. »Wohin? Ich kenne mich hier nicht aus. »Sie haben meinen Freund umgebracht.« »Warum nicht?« fragte Garibaldi. Danno. antwortete sie tonlos und begann zu zittern. und ich muß etwas tun. es ist zu gefährlich.« »Ich finde. »Diese Kerle sind brutale Killer!« Sie preßte die Lippen zusammen und schloß die Augen. »Wer waren diese Männer?« »Sie haben Danno ermordet«. »Das weiß ich nicht!« stieß sie zitternd hervor. Wir haben sie abgeschüttelt. was zu tun ist. Wir sollten erst etwas Abstand zwischen uns und sie bringen.« Sie drehte sich um und starrte durch die regennasse Windschutzscheibe.Scheinwerfer der Autos erinnerten an eine weiße Lichterkette. fahren Sie einfach weiter. »Sagen Sie mir. »Aber sie… sie haben auf uns geschossen. »Das… das werden sie büßen! Fahren Sie zurück. zurückzufahren. aber sie können jeden Augenblick wieder 167 . was los ist!« begann Garibaldi noch einmal. Er ließ den Rückspiegel nicht aus den Augen und musterte die nachfolgenden Wagen.

Schnell setzte sie sich hinter das Steuer. Sie drehte sich um. »Sie brauchen einen Arzt!« »Nein. »Fahren Sie nach Norden. Alexander. »Diese Kerle 168 .« Sie näherten sich dem Yachthafen. Jetzt sah sie deutlich das Blut an Garibaldis Arm. »Sie sind verletzt!« »Es ist nur ein Streifschuß…« Aber Catherine sah. Ich weiß es nicht. als Catherine schon aus dem Wagen sprang und. Catherine biß sich auf die Unterlippe. In welche Richtung.« »Nein. Ein Camarro mußte bremsen. »In welche Richtung soll ich fahren?« fragte Garibaldi.auftauchen. bitte?« In welche Richtung. Ich werde mich ans Steuer setzen. daß er nur mit einer Hand lenkte. Catherine fiel plötzlich auf. »Fahren Sie auf die Standspur und halten Sie an. widersprach er. fahren Sie weiter«. ohne auf die vorbeirasenden Autos und den strömenden Regen zu achten. Die Finger waren blutig. »Dr.« Der Mustang stand noch nicht richtig. daß er unnatürlich blaß war und daß Schweißtropfen auf seiner Stirn standen. Garibaldi zuckte entschuldigend mit der Schulter. zur Fahrerseite lief. Die Scheinwerfer hinter ihnen verschwammen im Regen. »Was haben Sie?« Er umfaßte mit der rechten Hand den linken Arm. Die bunten Lichter der Schiffe spiegelten sich im schwarzen Wasser.« Garibaldi mußte die Fahrbahn wechseln. es ist nichts…« »Halten Sie an. wir halten den Verkehr auf. und ein Cadillac hupte laut. Der Mustang fädelte sich nicht besonders rücksichtsvoll in den fließenden Verkehr ein. sagte sie gequält. Danno liegt in einer Blutlache… »Nach rechts«.

das diese Männer wollten. »Sagen Sie mir endlich«. »Ich kann nicht…« Sie umklammerte das Steuer fester.« Catherine reihte sich in den Verkehr ein und starrte geradeaus. Der zweite Wagen verlangsamte ebenfalls das Tempo.« »Warum nicht?« Sie sah ihn an. In letzter Sekunde bog Catherine bei der Ausfahrt San Marcos Road ab und erntete dafür prompt ärgerliches Hupen.« Er musterte sie einen Augenblick und sagte dann: »In der Sackgasse haben Sie die Polizisten im Streifenwagen nicht um Hilfe gebeten. Warum nicht?« Sie nahm den Fuß vom Gaspedal.sind vielleicht noch hinter uns. Der erste Wagen setzte sofort zum Überholen an.« Sie fuhren eine Weile am sturmgepeitschten Meer entlang. Die Scheibenwischer bewältigten den Regen kaum. Im Rückspiegel sah sie. begann Garibaldi noch einmal. sagte sie und zog ein Taschentuch aus ihrer Jacke. Wie die Schüsse beweisen. »was für Männer das waren. und sie biß sich auf die Lippen. »Wie kommen Sie eigentlich hierher… 169 . »Drücken Sie das auf die Wunde. »Hier«. brauste vorbei und verschwand in der Regennacht. Sie durfte nicht weinen. »Ich kann nicht zur Polizei gehen.« »Warum haben sie Ihren Freund umgebracht?« Die Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie mußte die Ruhe bewahren und nachdenken. »Ich habe etwas. meinen sie es ernst.« »Haben sie es bekommen?« »Nein. daß ihr zwei Wagen folgten. dann erreichten sie den Highway 154. Ich möchte ihnen nicht noch einmal begegnen.« »Ich habe sie noch nie im Leben gesehen.

»Wie geht es Ihnen?« »Ich weiß nicht… ich bin… Daniel…« Sie begann wieder zu zittern. Im Regen sah sie Kiefern und felsige Canyons. daß der Wagen hinter ihnen in eine kleine Straße abgebogen war. ob ihnen jemand folgte. Jetzt würden sie schnell feststellen. Die Straße wurde enger und wand sich in Kurven nach oben. »He!« rief er und griff schnell ans Lenkrad. Catherine zwang sich. nicht an das zu denken. Stagecoach Road. Garibaldi drückte eine Hand auf die Wunde und stöhnte manchmal leise. Sie fuhren schweigend weiter. Im Rückspiegel hatte sie gesehen.« »Zuerst bringen wir noch ein paar Meilen zwischen uns und die Männer. Wieso standen Sie plötzlich vor Daniels Apartmenthaus?« »Ich habe Sie gesucht…« Er verzog das Gesicht.« Er seufzte und sah sie an. Sie fuhren in die Berge. »Wir müssen uns so schnell wie möglich die Wunde ansehen. was mit Daniel geschehen war – das viele Blut. Auf großen Tafeln warb ein Weingut für den Besuch seiner Kellerei. Der Verkehr ließ sichtbar nach. Seitdem blieb hinter ihnen alles dunkel. und nach zwanzig Meilen würden sie 170 . »Nehmen Sie den beiden nicht die Arbeit ab. Rancho San Marcos. und beinahe hätte sie die Kontrolle über den Wagen verloren. der hier wohnte. Also schien es sich um jemanden gehandelt zu haben.Ich meine nach Santa Barbara. Ihre Zähne schlugen aufeinander. die zerbrochene Brille… Halb unbewußt nahm sie die Hinweisschilder am Straßenrand wahr: Chumash Painted Caves State Historical Park.« Catherine biß die Zähne zusammen und starrte auf die Straße. Eindeutig hatte er Schmerzen.

Die ›Zimmer frei‹-Tafel war abgeschaltet. Sie rannte durch den Regen. »Ich sehe keinen Wagen. »Nein«. Die Armaturenbeleuchtung ließ sein Gesicht grünlich schimmern. »Haben Sie eine Ahnung?« »Ich kenne mich in dieser Gegend nicht aus. antwortete sie. »Wissen Sie eigentlich. Er schien aber nicht mehr so blaß zu sein. Es war inzwischen beinahe elf Uhr abends. sagte Catherine und sprang aus dem Wagen. ohne die Benzinanzeige aus dem Auge zu lassen. »Wir müssen wohl oder übel bald anhalten. Garibaldi bemerkte es ebenfalls. da kommen Lichter.Anderson’s Pea Soup Restaurant erreichen. wohin wir fahren?« fragte Garibaldi schließlich.« »Ein Motel! Vielleicht können wir dort einen Kanister Benzin kaufen. daß das Benzin zur Neige ging.« »Was ist das vor uns? Ich glaube. Vor den Zimmern standen keine Wagen. ob es hier überhaupt Tankstellen gibt. »Da vorn links ist 171 . »Was steht dort?« »›Zur Zeit geschlossen!‹« Langsam fuhr sie durch den Regen weiter. Sie sah ihn von der Seite an.« Aber als Catherine den Wagen verlangsamte und in den unbeleuchteten Parkplatz einbog.« Catherine warf einen Blick auf die Digitaluhr. kam aber schnell zurück. dann sind sie bestimmt geschlossen. sahen sie nur dunkle Fenster und ein Büro mit Notbeleuchtung.« »Ich weiß nicht.« Er drehte sich leise stöhnend um und blickte auf die dunkle Straße hinter ihnen. »An der Bürotür hängt ein Schild«. Dann sah sie zu ihrem Entsetzen. und wenn. Wir haben sie bestimmt abgehängt.

Ich erkundigte mich bei ihm. Sie dort zu finden. Ich 172 . Mr. Sie seien wegen dringender Familienangelegenheiten abgereist. für Sie sei neben Briefen ein Päckchen gekommen. »Ich wette. Er sagte. Mr. Beim Näherkommen sahen sie enttäuscht das rote Leuchtschild ›Kein Zimmer frei‹.« »Wie sind Sie auf die Idee gekommen.« »Als der Beamte weg war. Mylonas war immer sehr freundlich zu mir. Er erklärte. Das Blut an seinem Arm war inzwischen verkrustet. Mylonas hat Sie energisch verteidigt. Er machte sich Gedanken.« Catherine biß sich auf die Lippen. Aber ich habe Sie in Ihrer Wohnung in Santa Monica nicht angetroffen. Mylonas. Aber der Beamte deutete an. bot ich ihm an. Eine Wertsendung kann unter Umständen spurlos verschwinden. Mylonas wollte das Päckchen nicht zurückschicken.ein Motel!« rief Garibaldi. Mr. war völlig durcheinander. wir werden die Nacht mit Norman Bates verbringen…« Er lächelte. und er sagte in Kalifornien. Da ich ohnehin über Los Angeles zurückfliegen wollte. das Päckchen mitzunehmen und es Ihnen zu bringen. Das Motel war ebenfalls geschlossen. Ein ägyptischer Beamter hat Sie gesucht. Er hatte keine Ahnung. Sie hätten etwas gestohlen. daß Sie etwas Falsches getan hätten. »Im Hotel Isis herrschte gestern morgen große Aufregung. um die Post abzuholen. Der Beamte schien der Meinung zu sein. »Dieser Regen und dann kein Motel«. Sein Stellvertreter hatte es angenommen. ich könnte in Santa Barbara sein?« »Ich hatte nicht damit gerechnet. »Mr. daß Sie nicht mehr da waren. daß er Schmerzen hatte. »Warum haben Sie mich gesucht?« fragte sie. aber Catherine sah. denn er traut den Postbeamten in Scharm el Scheich nicht. sagte Garibaldi. denn es war eine Wertsendung. zog er mich ins Vertrauen. wo Sie wohnen. der Besitzer.

»Sie können uns erst morgen früh Benzin verkaufen.wollte das Päckchen dem Absender geben. Ich parke den Wagen unter den Bäumen. das ist unser Zimmer. Schaffen Sie es bis zum Eingang?« Sie liefen durch den Regen. als sei ein Teil von ihr in Daniels Wohnung zurückgeblieben. Später würde noch genug Zeit sein.« »Das Päckchen ist von Daniel?« »Ja. Wenn die Killer uns suchen. was geschehen war »Die Wunde 173 . mit denen für die Kinofilme der Woche geworben wurde. »Bleiben Sie hier«. Vor den dunklen Türen standen nur wenige Wagen. Garibaldi nahm das Taschentuch vom Arm und wickelte den Hemdsärmel hoch. obwohl ich in Chicago lebe!« Catherine zwang sich. Kurze Zeit später kam sie zurück. und Catherine schloß schnell die Tür auf. über alles nachzudenken. Pedregosa Street. achtete sie kaum auf die häßliche in Braun und Orange gehaltene Einrichtung und den abgetretenen gelblichen Teppichboden. »Nummer fünfzehn… am Ende. sagte sie zu Garibaldi und ging in das Büro. Während sie das Licht anmachte und den Thermostat der Klimaanlage regulierte. Catherine war völlig gefühllos. Ich habe ein Zimmer genommen. »Ich bin noch nie angeschossen worden. Dr. Santa… He! Lichter!« »Das sieht nach einem Motel aus!« Catherine fuhr erleichtert von der Straße ab und hielt vor dem hell erleuchteten Gebäude an. Daniel Stevenson. Der Besitzer hat die Schlüssel für die Pumpen bei sich. werden sie den Wagen nicht sehen.« Sie fuhr zur Rückseite des Motels. ihn anzusehen. Sie sah auch nicht die bunten Bilder auf dem Fernseher.

»Schließen Sie hinter mir ab. keine Kugel…« Sie legte die blaue Tasche auf das Bett am Fenster: »Setzen Sie sich. »Warum haben Sie nicht aufgemacht?« fragte sie und legte die Vollkornkekse. muskulösen Oberkörper sah. wie die Sicherheitskette zurückgeschoben wurde.« Mit der blauen Tasche über der Schulter rannte sie durch den Regen zum Büro. »Woher haben Sie den?« fragte er und setzte sich neben 174 . Sie blickte auf das Nummerschild der Tür: ›15‹. Als sie seinen nackten. Er hatte ein Handtuch um die Wunde gewickelt. und die Tür ging auf. Sie trat ein paar Schritte zurück und sah Licht durch den Vorhang. »Ich war im Bad und habe Wasser laufen lassen und das Klopfen nicht gehört. Sie trat ein und schloß wieder ab. Nach kurzem Überlegen nahm sie das blutige Taschentuch und wickelte es sich um die Hand.« Er hatte das Hemd ausgezogen und den Stehkragen abgeknöpft. »Tut mir leid«.muß behandelt werden«. Wenn er ein Unterhemd trug. dann hatte er auch das ausgezogen. Auf dem Rückweg kaufte sie an einem Automaten noch etwas zu knabbern und zu trinken. Dann klopfte sie leise an der Tür Nummer fünfzehn und rief: »Vater Garibaldi. richtete sie den Blick schnell auf den verletzten Arm. aber es ist nicht weiter schlimm. Endlich hörte sie. Sie klopfte noch einmal. antwortete er.« »War es wirklich nur ein Streifschuß oder steckt eine Kugel im Arm?« »Nein.« Nichts rührte sich.« Dann öffnete sie den Verbandskasten. ich bin es. Immer noch keine Antwort. Kartoffelchips. Machen Sie auf. sagte sie. »Ist es schlimm?« »Die Wunde schmerzt. Feigenrollen und Cola-Dosen auf den Tisch vor dem Fenster.

das hätte nicht geschehen dürfen! Niemand hat es verdient. brach ihr Widerstand zusammen. noch nicht… Catherine desinfizierte schweigend die Wunde und verband sie sorgfältig mit einer Mullbinde. 175 .sie. »Entschuldigen Sie. und mich dabei geschnitten. Sie begann zu schluchzen. Sie nickte stumm. ich…« Sie lief ins Bad und ließ sich kaltes Wasser über Gesicht und Hände laufen. wenn Sie nicht zur Polizei gehen…« Sie schüttelte nur stumm den Kopf. so zu sterben! Das Messer… das Blut… O Gott!« Sie sprang auf. hätte sie am liebsten geantwortet.« Ich muß mich auf etwas konzentrieren.« »Wollen Sie das wirklich tun? Ich kann ins Bad gehen und die Wunde selbst verbinden. Verzweifelt schlug sie die Hände vor das Gesicht. sonst fange ich an zu denken. Sie wußte nicht. »Das mit dem Mord. sagte Garibaldi tröstend. »Ist ja schon gut«. was sie tun sollte. »Geht es Ihnen wieder besser?« fragte er. Ich muß mich beschäftigen. Und ich möchte nicht denken. und dann… »Vater Garibaldi. Garibaldi fragte: »Was wollen Sie jetzt tun? Ich meine. hatte Garibaldi ein frisches Hemd angezogen – ein schwarzes Hemd mit kurzen Ärmeln. Ihre Welt schien in Stücke gebrochen zu sein – zuerst der Streit mit Julius. ich hätte meinen Kofferschlüssel verlegt und versucht. Als sie ins Zimmer zurückkam. warum sind Schußwaffen erlaubt? Warum sind sie nicht grundsätzlich verboten? Warum bringen sich Menschen gegenseitig um? Warum… warum gibt es soviel Gewalt auf der Welt?« Als sie seinen teilnahmsvollen Blick sah. den Koffer mit einem Messer zu öffnen. »Ich habe der Frau im Büro gesagt. Den weißen Priesterkragen sah sie nicht. Sie hat mir den Verbandskasten verkauft.

Als ich es entdeckte.Keine Gefühle. erwiderte sie tonlos und starrte auf das Päckchen. Aber im Laufe der Jahre sind einzelne Funde wieder aufgetaucht. Dieses kleine Kunstwerk habe ich in einem Laden in Cozumel entdeckt und wußte sofort. aber Catherine sah an den Briefmarken und dem Poststempel. Eine kleine Schachtel kam zum Vorschein. murmelte sie und legte es auf den Schoß. »Es ist von Danno«. »Das hat mir Mr. konnte ich kaum glauben. Mais als Opfergabe auf den Altar einer Erdgöttin. »Wissen Sie. ich habe immer noch Urlaub. Mylonas für Sie gegeben«. sagte er und reichte ihr das Päckchen. die meiner Meinung nach die Königin ist. wie genau die Jade mit der Farbe Deiner Augen übereinstimmt. dann hätte ich Ihrem Freund vielleicht das Leben retten können. war es leer.« »Oder Sie wären ebenfalls tot«. denn es ist bestimmt schon vor Jahrhunderten ausgeraubt worden. aufgegeben worden war. eine der eher friedlichen Gottheiten im MayaPantheon! Nun ja. und ich war noch nie in Kalifornien. sagte sie sich vor. »Wäre ich doch nur etwas früher gekommen. denn auf einer der Fresken legt eine Frau. Mit Tränen in den Augen las sie: ›Hallo. Frohe Weihnachten 176 . Das bist du Danno schuldig. auf dem Wandbild trägt sie jedenfalls genau das. das aus dem Grab stammt. Darauf lag ein Brief. Cathy! Das soll eine Überraschung für Dich sein! In Deinen Händen hältst Du etwas. was ich Dir schicke. Vorsichtig entfernte sie das braune Packpapier. Du mußt die Sache zu Ende führen. daß es aus ‹meinem› Grab stammt. Ich fand es interessant. Das ist kein Witz! Als ich das Grab entdeckte. daß das Päckchen in Cozumel. Mexiko. Behalte die Nerven. Daniel hatte als Absender seine Adresse in Kalifornien angegeben. nach Santa Barbara zu fahren…« Er seufzte.

»Was ist?« 177 . »Dazu ist mein Zorn zu groß. Er trug ein T-Shirt und sagte lachend: ›Mach mir nichts vor. In Gedanken sah sie Daniel. und plötzlich war alles voll Blut… Catherine vergrub ihr Gesicht in den Händen. Der Mann riß ihm den Kopf zurück. er weiß. Sie nahm ihn heraus. erwiderte sie tonlos. Sie hob das Band über den Kopf und legte es um den Hals.« Sie stand auf und stellte Daniels Laptop auf den Tisch. was Karaoke ist.« Sie klappte den Deckel auf und holte tief Luft. »Aber ich danke Ihnen. Der Anhänger reichte bis zu ihren Brüsten. das Messer blitzte. Dort werden wir sehen. »Was haben Sie vor?« »Daniel hat gesagt.« Sie holte tief Luft und fand ihre Fassung wieder. Sein Tagebuch ist in dem Computer. Das wünscht Dir Danno. Er hat es in sein Tagebuch geschrieben. »Möchten Sie. Cathy. ohne zu bemerken. daß ich mit Ihnen bete?« »Nein«. wer diese Männer sind. daß Garibaldi den Blick nicht von ihr wandte.und ein glückliches neues Jahrtausend. Sie betrachtete ihn lange und lauschte dabei auf den Regen. daß Sie mir das gebracht haben. Sie spürte eine sanfte Berührung an den Schultern.« »Und dann?« »Dann werde ich die Polizei benachrichtigen. wer mich verfolgt. Es tut mir leid. Ich weiß.‹ Sie öffnete die kleine Schachtel und fand in Watte gebettet einen Jadeanhänger. Daniels Augen wurden starr vor Entsetzen.‹ Ein anderes Bild drängte sich ihr auf. daß Sie deshalb beinahe erschossen worden sind. Es war ein Jaguar an einem Lederband. Vater Garibaldi.

« Plötzlich wurde der Raum von grellem Scheinwerferlicht 178 . sagte sie zu Garibaldi.« Kein Erfolg. Garibaldi schüttelte den Kopf und murmelte: »Es kann eine Ewigkeit dauern. bis wir das richtige Paßwort finden. Catherine fand den Ein/Aus-Schalter und startete den Computer. »Es gibt ein paar Begriffe. »Versuchen Sie es mit ›Nonnenschule‹«. die viele Leute verwenden«. »Ein Photo von mir auf Dannos Laptop! Wieso?« Garibaldi betrachtete das Photo. »Wie wäre es mit ›Phönix‹?« Catherine schüttelte den Kopf und stand auf.« »Ich kenne Daniels Paßwort nicht. Asimov – ohne Erfolg. um die Dateien öffnen zu können. die mit Daniels Interessen zusammenhingen – Spock. »Versuchen Sie Ihr Glück«. wollte etwas sagen. erhielt aber jedesmal dieselbe Meldung: UNGÜLTIGES PAßWORT: BITTE RICHTIGES PAßWORT EINGEBEN! »Wo hat er studiert?« »In Berkeley. flüsterte sie verwundert.»Das bin ich«. Er setzte sich vor den Laptop und tippte ein Wort nach dem anderen ein.« »Dann lassen Sie sich etwas einfallen. Klingon. »Versuchen Sie es mit ›Blitz‹. Kein Erfolg. unterließ es aber.« Sie versuchte es mit einigen Worten. sagte Garibaldi. Dann sah er die Meldung auf dem Monitor: BITTE PAßWORT EINGEBEN »Sie müssen sein Paßwort kennen. »O nein!« »Was gibt es?« fragte er. sagte Catherine.« Garibaldi tippte ›Stanford‹.

erhellt. Garibaldi sprang auf, und Catherine wich bis an die Wand zurück. Die Lichter wanderten weiter, und Garibaldi schob den Vorhang etwas zur Seite. Ein weißer Lieferwagen fuhr auf den Parkplatz vor dem Nebenzimmer. Garibaldi zog den Vorhang wieder zu. »Falscher Alarm.« Sein Blick fiel auf das Photo neben dem Bildschirm von Daniels Laptop. »Probieren Sie es mit Ihrem Namen«, sagte er. »Warum?« »Warum nicht?« Sie setzte sich und tippte ›Catherine‹. Als wieder die Falschmeldung kam, versuchte sie es mit ›Alexander‹.
UNGÜLTIGES PAßWORT: BITTE RICHTIGES PAßWORT EINGEBEN!

»Was nun?« murmelte sie und starrte auf den Monitor. »Ich werde etwas versuchen.« Garibaldi nahm den Laptop aus der schwarzen Ledertasche und teilte ihn auf den Tisch. Dann suchte er nach den seitlichen Entriegelungen und nahm die Tastatur ab. Jetzt konnte man in das Innere des Gerätes blicken. »Manchmal«, murmelte er, »kann man das Paßwort umgehen, indem man nur…« Er betrachtete sich die Festplatte, die Steckkarten und die anderen elektronischen Komponenten, dann richtete sich seine Aufmerksamkeit auf die grüne Platine mit den Transistoren und Schaltkreisen. »Aha! Da haben wir es. Ich brauche ein Stück Metall. Haben Sie zufällig eine Haarnadel?« Sie fuhr sich mit der Hand durch die langen Haare. »Leider nein.« »Vielleicht eine Büroklammer?« Catherine durchsuchte die Seitentaschen und Fächer der
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Laptop-Tragetasche und fand eine Ersatzbatterie, das sichtlich vielgelesene Exemplar Hawksbill Station von Robert Silverberg, eine leere Kaugummipackung, einen Markierstift, einen Notizblock und – »Hier!« Während Garibaldi die Büroklammer aufbog, deutete er auf die Platine. »Sehen Sie, dort steht ›J-A23/‹! Das ist eine Kurzschlußbrücke. Wenn es mir gelingt, diese beiden Stellen miteinander zu verbinden…« Catherine sah mit angehaltenem Atem zu, wie er den Kupferdraht der Büroklammer so legte, daß er zwei dicht nebeneinander liegende Kontakte verband und ihn dann auf den Krallen festdrückte. Sofort erschien auf dem Bildschirm eine andere Meldung. »Was bewirkt die Büroklammer?« fragte Catherine, während er die Tastatur wieder einsetzte und sicherte. »Ich habe das Paßwort zurückgesetzt.« Auf dem Monitor stand jetzt:
IHRE SETUP INFORMATION HAT SICH GEÄNDERT. DRÜCKEN SIE »F2« UM SETUP ZU LADEN.

»Haben wir jetzt etwa Zugriff auf das System?« fragte Catherine. »Mal sehen«, erwiderte er und drückte die Taste ›F2‹. Auf dem Bildschirm erschien in der ersten Zeile:
SPHINXBIOS SETUP.

Garibaldi klickte auf den Menüpunkt ›Datenschutz‹ und murmelte vor sich hin: »Damit wirklich alle Paßwörter außer Kraft gesetzt sind.« Auf dem Bildschirm erschien die Meldung: BENUTZER-PAßWORT: DEAKTIVIERT! BENUTZER-PAßWORT: [EINGEBEN] PAßWORT BEI START: [DEAKTIVIERT] DISKETTE ZUGANG: [BENUTZER]
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PESTPLATTE BOOT SECTOR: [NORMAL] AUTOM. VIRUSPRÜFUNG: [DEAKTIVIERT] »Okay, Michael«, sagte er. »Speichern und dann ›Exit‹.« Er drückte ›Enter‹, und im nächsten Moment erschien das ›C-Prompt‹ links oben auf dem Monitor. »O je«, sagte Catherine. »Ich fürchte, Daniel hat seine Software nie auf den neuesten Stand gebracht. Ich weiß jedenfalls nicht, wie DOS funktioniert.« »Es ist schon eine Weile her, daß ich mit DOS-Befehlen gearbeitet habe«, sagte Garibaldi. Er tippte SCI und drückte ›Enter‹. FALSCHER BEFEHL Catherine sagte: »Daniel hat bestimmt nie Scimitar benutzt. Er lehnte Dianuba Technologies prinzipiell ab und wollte nichts mit ihrer Software zu tun haben.« »Gut, dann versuchen wir es damit«, Garibaldi tippte ›WIN‹, und sofort erschien das ›WINDOWS‹-Logo. Damit konnten sie alle Dateien auf dem Laptop öffnen. »Na also!« rief Garibaldi und schob Catherine die Tastatur hin. Sie betrachtete aufmerksam die Logos. »Jetzt muß ich nur noch herausfinden, wo Daniel sein Tagebuch abgespeichert hat.« Als sie CAPTAINS LOG sah, rief sie: »Das muß es sein!« Mit einem Doppelklick aktivierte sie den Eintrag. Auf dem Bildschirm erschien die Meldung: Szfdatbg unm Czmhdk Rsdudmrnm »Da stimmt etwas nicht!« »Es sieht nach einem Code aus«, meinte Garibaldi. »Wie kann man so etwas dechiffrieren?«
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»Die gebräuchlichste Methode ist das Ersetzen jedes einzelnen Buchstabens.« »So?« fragte Catherine, tippte das Alphabet und dann darunter: abcdefghijklmnopqrstuvwxyz egjmlakbroctwzvndpuyfshqix »Genauso. Das Wort ›Katze‹ zum Beispiel«, sagte Garibaldi, »sieht in diesem Fall dann so aus: ›Oeuxl‹.« »Wundervoll. Dann müssen wir nur eine Million Kombinationen des Alphabets ausprobieren, um den Schlüssel für den richtigen Code zu finden!« Sie trommelte nervös auf den Tisch. »Hier steht irgendwo der Name von Daniels Mörder. Ich muß ihn finden!« »Vielleicht sollten wir es wie bei den Geheimschriften machen die man in Rätselbüchern findet. Wir suchen nach Wortkombinationen wie ›es‹, ›und‹, ›das‹ usw.« Catherine runzelte die Stirn. »Ich kann mir nicht vorstellen, daß sich Danno die Mühe gemacht hat, einen komplizierten Schlüssel zu erfinden. Schließlich weiß man, daß jeder Code, auch der komplizierteste, geknackt werden kann. Ich meine, er hat das nur gemacht, um zu verhindern, daß Neugierige, die zufällig seinen Laptop in die Hände bekommen, sein Tagebuch lesen.« »Vielleicht sollten wir jeden Buchstaben durch eine Nummer ersetzen.« »Auch das ist viel zu kompliziert. Danno hat sicher nur einen Code benutzt, der sich leicht tippen und später ebenso leicht entschlüsseln läßt. Warten Sie…« Sie begann zu tippen. »Was haben Sie vor?« »Zuerst muß man denken wie Danno. Mein Freund Daniel Stevenson war ein Science-Fiction-Fan. Sein Lieblingsfilm ist…«, sie verbesserte sich, »war… Kubriks
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Odyssee 2001. Wissen Sie noch? HAL hieß der Computer. Der Name war von IBM abgeleitet, wobei die Buchstaben im Alphabet jeweils um eins nach vorne verschoben waren…« Sie begann langsam zu tippen. »Passen Sie auf:« »Tagebuch von Daniel Stevenson« »Ein Schuß ins Schwarze!« rief Garibaldi. »Gut, wonach suchen wir jetzt?« Catherine ließ den Text auf dem Bildschirm abrollen und überflog die Tagebucheintragungen. Dabei sagte sie zu Garibaldi: »An dem Abend, als wir den Sinai verließen, waren im Lager viele Menschen. Danno sagte mir, er habe ein bekanntes Gesicht gesehen… einen Amerikaner.« Garibaldi erwiderte: »Ich war zum Beispiel auch dort.« »Hier… das muß es sein.« Sie brachte den Cursor vor einen Buchstaben und tippte: D-E h-i m-n (Leertaste) L-M z-a m-n m-n usw. Als sie fertig war, stand dort: »Ein Mann mit einer häßlichen Narbe im Gesicht und kurz geschnittenen weißen Haaren. Ich weiß genau, daß ich ihn schon einmal gesehen habe. Aber wo? Natürlich, da steht er direkt vor meinen Augen! Ich blickte in den vergangenen zwei Jahren beinahe jeden Tag auf diesen häßlichen Kerl. Er arbeitet für…« »Mein Gott«, flüsterte Catherine. »Wer ist es?« Sie schob den Computer etwas zur Seite, damit er den Monitor sehen konnte: ›Lhkdr Gzudqr‹, stand dort. Garibaldi kniff die Augen zusammen und murmelte: »Miles Havers… das Computer-Genie?«

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Santa Fé, New Mexico
Teddy Yamaguchi wußte, daß viele Leute dachten, er sei lebendig begraben. Die Leute irrten sich. Computer waren sein Leben, und es gab auf der ganzen Welt keinen anderen Ort, an dem er in diesem Augenblick hätte sein wollen. Er befand sich im modernsten Kommunikationszentrum, das sich nur jemand wie Miles Havers, der reichste Mann der USA, leisten konnte. Teddy, der mit achtundzwanzig gerade das College absolviert hatte, wurde für seine Arbeit fürstlich entlohnt. Er wohnte wie in einem Luxushotel mietfrei in einem nach seinen Wünschen eingerichteten Bungalow auf dem riesigen Anwesen. Es machte ihm nichts aus, daß er sich vierundzwanzig Stunden am Tag dienstbereit halten mußte. Der Job für Miles Havers war die Erfüllung all seiner Träume, denn Teddy konnte auch in seiner Freizeit die Anlagen im Kommunikationszentrum uneingeschränkt benutzen. Manchmal bekam er wirklich schwierige Aufgaben, deren Lösung eine echte Herausforderung darstellte, aber in dieser Nacht war alles einfach. Sein Boß hatte gesagt: »Finden Sie Dr. Catherine Alexander.« So etwas war kaum mehr als Routine. Teddy trug wie immer eine schwarze Nylonhose und ein weißes T-Shirt. Die hoch rasierten dichten schwarzen Haare krönten wie ein Helmbusch seinen schmalen Kopf, und in den beiden goldenen Ohrringen brach sich hin und wieder das Licht der Wand mit den Großbildschirmen, die ihm Informationen aus aller Welt einspielten. Es sah aus, als käme Teddy gerade aus einer Star-sound-Disco und nicht aus seiner verkabelten Hacker-Schüssel, dem futuristischen Schlafzimmer, wo er sich gerade einen alten
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Filmklassiker angesehen hatte, als Havers ihn rief. Teddy setzte sich vor den 4000 210 Mhz 4-Gig HDD-Computer mit einem 128.000-bps-Modem – für ihn schon ein Oldtimer mit nostalgischem Wert. Diese Anlage würde nach der Jagd auf die Archäologin gegen ein neues, schnelleres und sehr viel komfortableres Modell ausgetauscht werden. Er wartete auf Signale von Catherine Alexanders Kreditkarten-Konto, dem Bankkonto, den Telefonkarten und Benzinkarten. Auch ihre Nummer der Sozialversicherung ließ er überwachen. Er hatte selbstverständlich auch die Nummern ihrer Bibliothekenausweise eingegeben – im Grunde alles, was irgendwo in einem Computersystem auftauchen konnte. Als unschlagbarer Hacker hatte Teddy die Systeme, in denen Catherine Alexanders Kreditkarten geführt wurden, fest im Griff. Außerdem überprüfte er das Nummernschild des Leihwagens, in dem sie geflohen war, und durchsuchte ihre persönlichen Daten nach Hinweisen, wohin sie gefahren sein mochte. Mit all diesen Informationen, die rund um die Uhr aktiviert waren, würde er sie ganz bestimmt aufspüren. Teddy mußte unwillkürlich lachen. Es war wie in Pulse, seinem Lieblingscomputerspiel: ›Suche die Frau, den Schatz und das goldene Symbol und finde den Ausgang des Labyrinths, bevor dich Gordon überfällt und ausschaltet‹. Niemand hatte bis jetzt die Rekordzeit unterboten, mit der Teddy in Pulse das Ziel erreichte. Ebensowenig würde es einem anderen gelingen, Catherine Alexander auf Anhieb zu finden. Er griff nach ein paar Snacks in der Schale neben ihm – Schokoladen-Popcorn und Gummibärchen mit einem Überzug aus braunem Zucker und Kaffee -, kaute langsam und hatte das Gefühl, mit Vollgas über die digitalen Datenautobahnen zu jagen. Man
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stelle sich das vor! Für diesen unvergleichlichen Spaß wurde er auch noch bezahlt… Manchmal konnte Teddy sein Glück nicht fassen. Bald, nachdem er 1995 sein Studium an der Stanford University begonnen hatte, wurde er verhaftet und angeklagt. Man warf ihm vor, über das Internet kommerzielle Software im Wert von mehreren Millionen Dollar verschoben zu haben. Diese Software war von Dianuba Technologies, der Gesellschaft von Miles Havers, gestohlen worden. Man sprach von dem größten aufgedeckten Einzelfall von Software-Piraterie. Aber die Anklage wurde von einem Richter niedergeschlagen, der entschied, der Student habe keine kriminelle Handlung begangen. Der CopyrightSchutz für Software bezog sich nicht ausdrücklich auf Teddys angebliches Vergehen, denn er hatte eindeutig keine finanziellen Vorteile aus seinen Manipulationen gezogen. Da die Staatsanwaltschaft jedoch glaubte, ihn irgendwie bestrafen zu müssen, warf man ihm Mißbrauch von Telefonanlagen vor. Als auch das nicht zu dem erwünschten Erfolg führte, meldete sich unerwartet Miles Havers zu Wort. Er überraschte die Öffentlichkeit, indem er dem jungen Mann großzügig alles verzieh und erklärte: ›Wir haben alle einmal gegen das System rebelliert. Es ist kein Geheimnis, daß ich in meiner Jugend im ComputerBereich auch illegale Dinge ausprobiert habe. Die Gesetze sind bis heute nicht klar und eindeutig‹. Mit dieser Äußerung war er schlagartig zum Liebling aller Computer-Freaks geworden. Das Millionenspiel mit den Medien, mit der Staatsanwaltschaft und den Gerichten hatte jedoch einen Hintergrund, von dem die Öffentlichkeit nie etwas erfahren würde. Teddy hatte über Internet das neueste Computer-Spiel verbreitet, das Dianuba Technologies
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damals gerade produzierte. Teddy hatte es gestohlen und illegal kopiert, noch bevor es auf den Markt kam. Darin lag die besondere Bedeutung, denn die Medien sprachen von dem neuen Spiel, das alle Konkurrenzprodukte überflügeln werde. Das Publikum fieberte dem Hit entgegen. Kein Wunder, daß mindestens zwei Millionen Anwender das Spiel kostenlos kopierten, weil Teddy, der Held der Hacker, auf seine Weise dem Kommerz zuvorkam und seinen Erfolg mit allen teilte, die wie er dachten. Auf diese Weise brachte er Havers um mehrere Millionen Dollar Gewinn. Die anderen SoftwareHersteller verurteilten Miles Havers, weil er Teddy Yamaguchi verzieh und auf diese Weise den ›Piraten‹ auch noch in Schutz nahm. Aber Havers schrieb nicht lange Verluste. Als ein halbes Jahr später die zweite Version des Spiels angeboten wurde, setzte es sich sofort an die Spitze und überflügelte selbst Erfolge wie Myst oder Doom. Finanzexperten errechneten, daß Havers damit nicht nur die früheren Verluste wettgemacht hatte, sondern mittlerweile mehr Gewinn erzielte, als wenn die ursprüngliche Version über legale Kanäle auf den Markt gekommen wäre. Teddy hatte noch einen Grund mehr, sich darüber zu freuen, denn das Justizministerium hatte sich an der Nase herumführen lassen. Niemand ahnte etwas davon, aber Miles Havers hatte die Sache von Anfang an so geplant. Er hatte mit Teddy Yamaguchi ein Abkommen getroffen. Dazu gehörte es, die Ursprungsversion zu ›stehlen‹. Als Havers mit ihm über diese unglaubliche Sache verhandelte, war Teddy mißtrauisch gewesen. Aber als Super-Hacker, der er tatsächlich war, begriff er sehr schnell, worauf Havers hinauswollte. Dianuba Technologies hätte das Spiel auch kostenlos im Internet
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anbieten können, wie andere Gesellschaften es mit ihren Produkten taten. Ständig waren ›Vorläufer‹ von Computerspielen im Netz, um Spieler zu werben. Man muß die Leute nur süchtig machen, hieß es in der Software-Industrie, und der Rubel rollt. Miles Havers, ein Kenner der menschlichen Natur, hatte diese Philosophie noch verfeinert. Er sagte sich, gestohlene Software sei wie der verbotene Apfel im Paradies die süßeste aller Früchte. Sein beispielloser Erfolg führte dazu, daß er inzwischen im Kreis seiner Manager laut darüber nachdachte, ob man das manipulierte ›Stehlen‹ von Software als MarketingStrategie nicht routinemäßig einsetzen sollte. Man sprach von Shareware oder Crackware – ein Suchtmittel, das so wirksam zu sein schien wie Crack, aber zehnmal höhere Gewinne brachte. Havers bot dem jungen Asiaten noch vor dem College-Abschluß an, nach Santa Fe zu kommen und für ihn zu arbeiten. Teddy zögerte nicht lange, und seit er zu Havers’ Team gehörte, stiegen die Gewinne der Gesellschaft jährlich in Millionenhöhe. Nein, das war kein schlechtes Leben, besonders wenn Teddy an die Aktienbeteiligungen dachte, die zu seinem monatlichen Einkommen hinzukamen. In fünf Jahren würde er seine Millionen abheben, auf Maui oder auf Hawaii einen Laden für Angler aufmachen und nie mehr einen Computer anrühren. Teddy warf einen Blick auf das Bildtelefon, wo er über Standleitung mit Havers verbunden war. Sein Boß befand sich im Tropenhaus. Er saß vor einer Grotte mit seltenen und schwierig zu ziehenden Pflanzen an einem künstlichen Felsenteich mit einem Wasserfall. Wie alles bei Havers war auch diese ›Landschaft‹ vollkommen. Teddys Kommunikationszentrum wurde von Computern, Bildschirmen, Druckern und der aufwendigen und komplizierten Elektronik beherrscht. Hier gab es
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keine Pflanzen, nur ein Riesenfenster mit einem atemberaubenden Blick auf die Sangre de Cristo-Berge und eine verschneite Wüste. Teddy vergaß manchmal, daß dieser Blick nur eine Projektion war, denn das Computerzentrum befand sich in einem unterirdischen Betonbunker. Havers ist ein kluger Kopf, dachte Teddy bewundernd und nahm sich noch eine reichliche Handvoll von seiner Zucker-Koffein-Nahrung. Havers lebte nach dem Motto: ›Computer bedeuten Macht. Die Kontrolle über Computer bedeutet die absolute Macht.‹ Und Havers besaß zweifellos Macht. 85% aller Computer der Welt arbeiteten mit seiner Software. 1995 hatte er seinen größten Coup gelandet, als er ein neues Betriebssystem auf den Markt brachte, das den Zugang zum Internet für alle Anwender leichtmachte. Die großen Konkurrenten wie AOL und Prodigy wollten das verhindern, aber das Justizministerium lenkte schließlich ein, und Dianuba konnte mit seinem neuen Produkt auf den Markt. Man schätzte, daß inzwischen 70% aller Online-Anwender mit Hilfe von Havers’ PC-Software Scimitar auf Internet zugreifen konnten. Teddy richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die Bildschirme und schob den Gedanken an die großen Erfolge von Havers beiseite. Er dachte auch nicht weiter über die Gründe für das Interesse von Havers an Catherine Alexander nach. Er interessierte sich nur für die Jagd durch die Computersysteme. Kaffee und Zucker taten ihre Wirkung. Teddy war hellwach und holte alle Daten von Dr. Alexander auf den Bildschirm: Ihre Vorlesungen, ihre Konferenzen, ihre Veröffentlichungen und die Telefonnummern der Organisationen, mit denen sie etwas zu tun hatte – Teddy betrachtete aufmerksam die lange Liste ihrer Aktivitäten während der vergangenen fünf Jahre. Irgendwo unter diesen Daten befand sich der goldene Schlüssel zu
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ihrem Versteck. Er würde sie in dem Labyrinth finden, bevor die Zeit für das ›Spiel‹ abgelaufen war. Miles saß in seinem Tropenhaus inmitten von Farnen und Kletterpflanzen, die er besonders liebte. Hier, am Wasserfall, konnte ihn niemand stören. Noch einmal hörte er sich in aller Ruhe das Gespräch zwischen Catherine Alexander und Daniel Stevenson an. Er achtete besonders auf die Erwähnung des Tagebuchs und die Absicht, die Verbindung zum Institut in Houston wiederaufzunehmen. Dabei blickte er auf die handschriftlichen Notizen seines Telefonats mit Zeke. »Sie hatte bei der Flucht einen Koffer, eine blaue Tasche über der Schulter und eine schwarze Tragetasche.« Eine schwarze Tragetasche. Miles trommelte mit den Fingern auf die Steinbank. War es die Tragetasche eines Computers? Vielleicht handelte es sich bei dem Tagebuch überhaupt nicht um ein ›Buch‹, vielleicht benutzte dieser Stevenson einen Computer für seine Tagebucheintragungen, vielleicht hatte Catherine Alexander diesen Computer mitgenommen, als sie aus der Wohnung ihres ermordeten Freundes floh… Miles wurde in seinen Überlegungen durch das Leuchtsignal seines Telefons unterbrochen. Teddy meldete sich. »Mr. Havers, ich habe einen Namen. Der Mann wohnt in Malibu und ist Leiter des Freers Instituts. Er heißt ›Dr. Julius Voss‹. Ich glaube, er ist mit der Alexander liiert.« Ihr Liebhaber, dachte Miles und lächelte. Das war eigentlich zu einfach. Er trennte die Verbindung und wählte eine Nummer mit der Vorwahl von Beverly Hills, West Los Angeles und Malibu. Als sich der Teilnehmer meldete, sagte er: »Hier spricht Havers. Ich habe einen Auftrag für Sie. Die Sache ist dringend und muß sofort erledigt werden.«
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Santa Ynes-Berge, Kalifornien
»Ich muß Julius anrufen!« »Einen Augenblick«, sagte Garibaldi. »Ich begreife das nicht. Wie konnte Ihr Freund Daniel den Mann mit der Narbe im Gesicht mit Miles Havers in Verbindung bringen?« »Das weiß ich auch nicht«, antwortete Catherine. »Aber Danno hat sich das bestimmt nicht ausgedacht.« Sie blickte auf den Laptop-Monitor und las noch einmal die betreffende Stelle im Tagebuch: ›Natürlich, da steht er direkt vor meinen Augen!‹ Plötzlich fiel es ihr ein! Danno meinte damit das alte vergilbte Zeitungsphoto an seinem Kühlschrank. Es stammte noch aus der Zeit, als Havers die Kopernikus-Tagebücher von den Russen gekauft hatte. Das war 1997 gewesen. Catherine kannte das Photo gut, denn sie hatte es jedesmal gesehen, wenn sie bei Danno in der Wohnung war – ein UPI-Photo des gutaussehenden und reichen Miles Havers neben einem lächelnden Russen im Vordergrund, und im Halbkreis hinter ihnen dicht gedrängt andere Herren im Anzug. Unter dem Bild stand: ›Computer-Mogul Miles Havers erwirbt Tagebücher aus dem fünfzehnten Jahrhundert‹ Neben diesem Bild klebte an Dannos Kühlschrank ein anderes mit der Unterschrift: ›Miles Havers verspricht, daß die Kopernikus-Tagebücher der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.‹ Danno hatte zu den Stimmen gehört, die Protest dagegen erhoben, daß die Kopernikus-Tagebücher in einer Privatsammlung verschwanden. Die Zeitungsausschnitte schmückten seinen Kühlschrank als Erinnerung an einen der wenigen Siege in seinem Leben. Auf beiden Photos befand sich im Hintergrund ein Mann
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daß er für die Rettung der Regenwälder eintritt! Er ist immer einer der Wortführer. wenn es darum geht. Vielleicht erfährt er. daß er mich umbringen will…« Catherine stand auf. daß es mir gutgeht. die Umwelt zu schützen und vom Aussterben bedrohte Pflanzenarten zu retten. er ist hinter dem her. Ich kann das alles immer noch nicht so recht glauben. Das bedeutet allerdings…«. 192 . Ich meine.mit kurz geschnittenen Haaren und einer Narbe im Gesicht. daß er für Miles Havers arbeitet. der Danno umgebracht hat«.« »Sie meinen also. In der Öffentlichkeit ist er nicht nur geachtet. Niemand würde mir glauben! Havers ist der reichste Mann der USA.« »Das weiß ich alles«. aber Garibaldi unterbrach sie: »Warten Sie. und bestimmt greift er auch zu fragwürdigen Taktiken. »Aber Miles Havers ist auch als Sammler der teuersten und seltensten Objekte bekannt. Catherine stützte den Kopf in beide Hände. dann macht er sich bestimmt Sorgen um mich. sagte Catherine ungeduldig.« »Wieso das?« »Ich kenne zwei Photos von ihm mit Havers. Wenn ich behaupte. »Ich muß Julius benachrichtigen und ihn wissen lassen. »Ich habe den Mann deutlich gesehen. sagte sie. um seine Ziele zu erreichen. was Sie haben. Nun gut. man weiß doch. »Und ich weiß jetzt mit Sicherheit. Havers ist ein gerissener Geschäftsmann.« Catherine setzte sich auf das Bett und nahm den Telefonhörer ab. »ich kann nicht zur Polizei gehen. Aber Moral Das klingt nicht nach ihm. Denken Sie an seinen Feldzug gegen die taiwanesischen Importeure von Orchideen. Denken Sie nur an die Kopernikus-Tagebücher. daß Danno tot ist. sondern wird wie ein Idol verehrt.

die Danno bei sich hatte. dann wird er mir mit Sicherheit das abjagen wollen. daß Havers zwei Killer damit beauftragt hat. daß ich mit Danno befreundet war. Der Mörder von Dr. ihn zu überzeugen.« Als sie Garibaldis skeptisches Gesicht sah. Wenn Havers diese Photos sieht. »Es ist mir gleichgültig. Natürlich ist Miles Havers nicht hinter mir her. Aber es besteht für Sie wirklich kein Grund mehr. gab sie den Versuch auf. Sie würden gehen. daß Julius mein Freund ist. Tränen liefen ihr über die Wangen. daß den Killern die Photos in die Hände gefallen sind. hierzubleiben. daß Julius Ihr 193 . Ich leide unter Wahnvorstellungen. Nehmen Sie den Wagen. Stevenson wird bald herausfinden. daß Sie mir Dannos Päckchen gebracht haben. Danno die Kehle durchzuschneiden. Und wenn Havers weiß. Vater Garibaldi. Mir wäre es lieber. daß Sie sich das alles einbilden. macht mir wirklich Angst. aber es ließ sich nicht vermeiden. Ich weiß. Es ist nur schwer zu glauben. und genießen Sie die letzten Tage Ihres Urlaubs. Deshalb lächelte er entschuldigend und nickte: »Sie haben recht.um es seiner Privatsammlung einzuverleiben?« »Die Vorstellung.« »Ich habe nicht behauptet. Garibaldi senkte betroffen den Kopf. was ich habe. Ich muß so schnell wie möglich weg. Und Sie müssen wirklich nichts mit all dem Wahnsinn zu tun haben. und zwar allein!« »Wirklich? Bei diesem Wetter und ohne einen Wagen?« Seine Worte hatten nicht ironisch klingen sollen. ob Sie mir glauben oder nicht. weshalb mein Freund Danno sonst so brutal ermordet worden ist?« rief sie erstickt.« Sie wischte sich mit dem Handrücken die Tränen ab und sagte traurig: »Nochmals vielen Dank. dann wird er auch bald herausfinden. Ich komme allein zurecht. »Vergessen Sie alles.« »Können Sie mir verraten.

sagte sie. Julius hat ihre Mumie untersucht. Sie müssen nicht zurückrufen. Ich wollte Ihnen nur sagen. Meritites‹?« »Eine ägyptische Königin. sah Garibaldi sie verblüfft an. wo ich bin oder was ich über Danno weiß«. Ich werde Sie von unterwegs anrufen.« »Ich werde ihm nicht sagen. die vor viertausend Jahren vermutlich an einem Gallenblasenleiden gestorben ist. »Je weniger Julius von all dem weiß. Es gab damals eine Art Skandal… Konkurrenzneid im Institut. Meritites. Wie soll er wissen. daß sein Telefon abgehört worden war und daß man seine Aufzeichnungen ohne sein Wissen photokopiert hatte.Freund ist. sagte sie. Sein Bericht wurde von einem anderen Wissenschaftler veröffentlicht. »›Mrs.« Als Catherine auflegte. hoffentlich ist ihm nichts passiert! Catherine verstellte ihre Stimme und sagte: »Dr. es geht Ihnen gut. hier spricht Mrs.« »Sie haben ihn nicht vor Havers gewarnt. Hatte er ihre Nachricht gefunden und war allein ausgegangen? O mein Gott. Ich hoffe…«. bevor Julius seine 194 . desto besser für ihn.« Danno ist meinetwegen umgebracht worden. während sie mit zitternden Händen wählte. Wenn Julius etwas zustoßen sollte… Aber Julius war nicht zu Hause. Sein Anrufbeantworter meldete sich. sie holte Luft und sagte dann: »Ich hoffe. Sie sollten ihn anrufen. Voss. Julius stellte später fest. daß es mir gesundheitlich ausgezeichnet geht. daß Sie es sind?« »Er weiß es. »Sie haben nicht mit Ihrer normalen Stimme gesprochen.« »Doch«. Sie haben mir im vergangenen Jahr die Gallenblase entfernt. denn ich verreise und mache einen lange überfälligen Urlaub.

als sie ihm im Hotel Isis begegnet war. Ich würde zumindest gerne wissen. werden sie wieder schießen. wenn Sie es nicht wissen«. und das gefiel Catherine überhaupt nicht. »Was wollen Sie wissen?« fragte sie schließlich. »Also gut. 195 . »Bitte. Sie seufzte. Es erinnerte sie an schwüle Nachmittage im dunklen Beichtstuhl. schüttelte den Kopf und lächelte dann.« »Nehmen Sie den Wagen«. »Dr. daß sein Telefon wieder einmal abgehört wird. Draußen näherten sich Scheinwerfer. daß es ein Lkw war. den Sie mir nicht nennen wollen. Unwillkürlich hielt sie die Luft an. sagte sie und drehte sich um. Wenn die beiden Männer uns finden. sagte sie schließlich leise. fliegen Sie nach Chicago zurück. weshalb ich plötzlich als Zielscheibe diene. Alexander«. Er sah sie erwartungsvoll an. er war ebenfalls aufgestanden und kam näher. »Es ist besser für Sie. Das schwarze Hemd und die Jeans erinnerten sie an ihre erste Reaktion. Vergessen Sie mich und alles was geschehen ist. »man hat mich angeschossen. Das kalte Glas beschlug unter ihrem Atem. Er war groß und hatte breite Schultern. Sie sah ihn hinter sich. während sie nervös darauf gewartet hatte. Aber dann sah sie.« Garibaldi schwieg.« »Tut mir leid.« »Ich verstehe.Ergebnisse bekanntgeben konnte. daß die Klappe hinter dem Sprechgitter zur Seite geschoben wurde. was Havers so unbedingt haben möchte?« Catherine stand auf. und zwar aus einem Grund. ging zum Fenster und öffnete den Vorhang einen Spalt. das kann ich nicht. Julius wird sich bestimmt an den Fall erinnern und wissen. »Wollen Sie mir nicht sagen. der auf dem Parkplatz wendete und in der entgegengesetzten Richtung weiterfuhr.« In seiner Hartnäckigkeit glich er irgendwie Danno.

sagte er ernst. das war Danno. »Und dafür setzen Sie Ihr Leben aufs Spiel?« »Ja. Catherine griff nach der blauen Tasche. ging damit zum Tisch.« Etwas zuckte in seinem Gesicht. der Entdeckung des unterirdischen Gangs.« Seine Augen hingen an den sechs Büchern.« Garibaldi las schweigend die Übersetzung. den sie gefunden hatte. über die ich im 196 . Ihr Eingreifen hätte uns beinahe verraten. Kurz darauf blickte Garibaldi ungläubig auf sechs zusammengefaltete alte Papyri. obwohl ich etwas vermute. Der Sturm nahm an Heftigkeit zu.« »Und was?« Sie suchte in der Tasche und nahm einen Notizblock heraus. Catherine sah auf der Digitaluhr des Radioweckers neben dem Bett. »Aus persönlichen Gründen. »Hier ist das. und schließlich von der Flucht mit den Schriftrollen aus Ägypten. und in der Ferne donnerte es. was ich Ihnen jetzt zeigen werde.« »Warum? Was steht in diesen Texten?« »Ich weiß es noch nicht genau. die Sie beschützen wollten. Sie berichtete ihm kurz von der Sprengung und dem ersten Fragment. »Die Beduinenfrau. von dem Korb. keinem Menschen etwas von dem zu sagen. Ich nenne es ›Sabinas Brief‹. schob den Laptop zur Seite und öffnete den Reißverschluß. Das Licht begann zu zucken.Aber Sie müssen mir versprechen. daß Mitternacht gerade vorüber war. was ich bisher übersetzt habe. War es Zorn oder vielleicht nur Mißtrauen? »Ich gebe Ihnen mein Wort«.

deren Lebensdaten bekannt sind. und die Welt würde nie etwas davon erfahren. einer historischen Gestalt. etwa den Namen eines Kaisers oder eines Herrschers.« »Wie können Sie feststellen. warum ich keine Zeit verlieren darf?« Garibaldi berührte mit dem 197 . Wenn Sabina zum Beispiel sagen würde. diese Sabina. damit könnte sie Jesus meinen.« »Dann ist das hier…«. spricht von dem ›Gerechten‹. Sabina. Verstehen Sie jetzt. sagte er ehrfürchtig.Augenblick nicht sprechen möchte«. die Perpetua die Geschichte diktiert. der eine genaue Datierung ermöglicht.« »Zweites Jahrhundert? Sind Sie sicher?« »Die Geschichte. die in den Büchern erzählt wird. dann wäre sie eine Zeitgenossin von Jesus. Er würde sie in seiner Sammlung verschwinden lassen. stammt der Brief aus dem zweiten Jahrhundert. Möglicherweise erstes Jahrhundert. Aber nach dem Griechisch zu urteilen. spricht von Jesus!« Er sah Catherine an. »In welchem Jahr wurde dieser Brief geschrieben?« »Ich habe eine Papyrusprobe in ein Institut in der Schweiz geschickt. »Schon möglich. sagte sie leise. Deshalb darf Havers die Schriftrollen nicht bekommen. »ein Bericht über das Leben unseres Herrn?« Sie nickte. Und genau das muß ich herausfinden. in dem Text auf einen Anhaltspunkt zu stoßen. daß sie während der Herrschaft des Augustus geboren wurde. in welcher Zeit sich die Geschichte ereignet hat?« »Ich hoffe. damit man dort eine genaue Datierung vornimmt. »kann ich diese Schriftrollen nicht der Polizei übergeben und auch nicht riskieren. ist vielleicht älter. daß sie Havers in die Hände fallen. denn sonst werden wir es nie erfahren. Ich glaube.« »Diese Frau.

im zweiten Jahrhundert. »Sabina sagt in ihrem Brief. sagte sie und griff nach dem gelben Notizblock und einem Kugelschreiber. »Dann mache ich mich wohl besser an die Arbeit«. »Haben Sie eine Vorstellung. die Danno hatte. Es fehlt ein Buch. den entweder wir gewinnen oder Miles Havers. Diese Informationen befinden sich wahrscheinlich in der siebten Schriftrolle. das alles ist inzwischen ein Wettlauf mit der Zeit.« »Wir werden beide arbeiten«. dann weiß er bald genug.« »Die Wiederkehr Jesu Christi«. Wenn Havers sie inzwischen übersetzen läßt. Haben Sie den Namen schon einmal gehört?« Er schüttelte den Kopf. die Texte ›König Tymbos‹ zu übergeben. wie seine Augen leuchteten. und Catherine sah.Zeigefinger behutsam das erste Buch. nahm einen Stuhl und setzte sich an den Computer. murmelte er. eine 198 . um die siebte Schriftrolle zu finden!« »Einen Augenblick! Es gibt eine siebte Schriftrolle?« »Diese sechs erzählen nicht die ganze Geschichte.« Catherine berichtete von der Stelle. »Verstehen Sie. »Während Sie übersetzen. werde ich versuchen. Deshalb hat man damals. wo sich das siebte Buch befinden könnte?« »Sabina rät Amelia. sagte Garibaldi. daß sie den genauen Zeitpunkt der Wiederkehr Christi erfahren hat. »Warum dürfen Sie keine Zeit verlieren?« »Wegen der Photos. »›Wir‹?« fragte sie. die sich auf den Weltuntergang und das Jüngste Gericht bezog. die siebte Rolle aus Sicherheitsgründen an einem anderen Ort versteckt.

was Sie tun können.« Er drehte sich um und klickte auf ›TCP Manager‹ Als das Trumpet Winsock-Logo auf dem Bildschirm erschien. »Ich bin froh über alles. daß Ihr Freund ein Login Script benutzt hat und daß das Modem funktioniert. aber Catherine unterbrach ihn: »Das müssen Sie nicht. denn Ihr Freund hat Online gearbeitet. ich kann besser mit einem Computer umgehen. »Soll ich nicht?« Ein Donnerschlag ließ das Motel erbeben. wenn wir uns die Arbeit teilen. »Ich danke Ihnen«. er werde ihr helfen.« »Danno hat viel über Internet gemacht. der Computer hat ein Modem. konnte sich alles ändern – auch ihr eigenes Leben. Ich nehme an. aber wir können doppelt soviel erreichen. wie man mit dem Web arbeitet. und Catherine hielt den Atem an. 199 . Mit ihm konnte sie nicht mehr rechnen.Verbindung zum Internet herzustellen. Mein Altgriechisch ist nicht mehr das beste.« Er sah sie an. Je nachdem. Catherine erschrak. Hatte das Modem die Flucht unbeschädigt überstanden? Kurz darauf hörten sie das beruhigende Wählgeräusch.« Garibaldi klickte im Menü auf ›Wählen‹. Ich weiß. murmelte er: »Hoffen wir. Das Schicksal hatte einen Priester als ihren Begleiter ausgewählt.« »Daran zweifle ich nicht. was Sabina in den Texten sagte. Sie dachte an Danno und an den reichen und mächtigen Havers. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. Sie blickte mit bleichem Gesicht auf Sabinas Geschichte und dachte plötzlich an ihre Mutter. auch wenn sie gehofft hatte. Sie hörte die Warnung von Julius noch einmal.« Garibaldi startete den Computer. sagte sie zu Garibaldi.

»Das bedeutet. »Danno hat kein Login Script benutzt«. Sie runzelte die Stirn und fragte: »Was ist das?« Garibaldi sah. wir brauchen wieder ein Paßwort. CA POP Darunter stand das Wort ›Login‹. »Sie praktizieren einen Kampfsport?« Er nickte.« »Wie bitte?« »Pangamot. Plötzlich entdeckte sie etwas. Sie wies auf die Stöcke und fragte: »Sind sie echt?« Er nickte. 200 . schwarz lackierte Bambusstäbe geschnallt waren. und nun besaß dieser Priester Kampfstöcke als Waffe. »Das sind PangamotStöcke.Dann erschien die Meldung: Willkommen bei OmegaNets Santa Barbara. das ihr bisher nicht aufgefallen war. »Sie kämpfen damit?« Ein Schauer lief ihr über den Rücken. denn der Server in Santa Barbara verlangt ein Paßwort. Zuerst stellte sie fest. sagte Catherine. und hinter dem Doppelpunkt blinkte der Cursor. daß sie auf seine schwarze Reisetasche deutete.« »Man kämpft mit Stöcken?« »Manchmal…« Catherine sah ihn staunend an. auf die zwei fingerdicke. Diesmal können wir uns nicht mit einer Überbrückung helfen. daß Danno eine Pistole hatte. Sie verstand die Welt nicht mehr. Nachdenklich wanderte ihr Blick durch das Zimmer. Was schlagen Sie vor?« Catherine überlegte einen Augenblick. Ihr Blick fiel auf seine muskulösen Arme. und plötzlich verstand sie sein sportliches Aussehen. Ein philippinischer Kampfsport.

15. Juni 1979‹. sagte Garibaldi. Daniel machte sich stets Notizen. Dabei sagte er zufrieden: »Bitte anschnallen. Garibaldi tippte die beiden Namen ein. Manchmal hatte er sogar die eigene Telefonnummer vergessen. Wohin würde er seinen Anwendernamen und das Paßwort geschrieben haben? Spontan griff sie nach dem Photo an der Innenseite des Laptops und löste es vorsichtig ab. Sie drehte es um und las: ›Cathy Schulentlassung.« Sie konzentrierte sich und dachte nach. Darunter stand mit einem anderen Stift geschrieben: ›dstevens. Wir sind auf der Datenautobahn…« 201 . »das Paßwort. Alexander«. während Catherine auf den Bildschirm blickte. Klaattu.»Dr. Es erschien die Meldung: PPP Script completed PPP aktiviert »Wir haben es geschafft!« rief Garibaldi und klickte auf das Symbol für ›Mosaic NetScape‹.

daß bereits ein einziger Laut die Ruhe zerstört hätte wie ein Stein. Er hatte die ganze Nacht nicht geschlafen. waren aber sehr viel besser erhalten. Wer sind diese Leute? Er rieb sich die Augen. Die Berge wirkten vor dem blaßblauen Himmel wie ein Scherenschnitt. Sie erinnerten an die Schriftrollen vom Toten Meer. Miles betrachtete die Photos auf der schwarzen Granitplatte seines Schreibtischs. »Sabina Amelia… König. Er mußte die Schriftrollen bekommen. Jetzt trat er mit einem halb unterdrückten Gähnen an ein Fenster und öffnete die Vorhänge. hatte er Teddy Yamaguchi ins Bett geschickt. wie war sein Name…« Miles hielt das Band an. die vor einer Stunde aus Santa Barbara eingetroffen waren. Alles schien so still und regungslos. New Mexico »Perpetua«. der Glas zerbricht. Die Jagdlust war vor vier Tagen durch einen Telefonanruf aus Kairo erwacht. Je mehr er über den Papyrus-Fund dieser Catherine Alexander erfuhr. Über der Wüste brach der Morgen an. Als es immer später geworden war. In seinem Inneren knurrte der Tiger. hörte man Daniel Stevenson auf dem Band. Aber der Anblick schenkte Miles keinen Frieden. desto größer wurde seine Gier. Auch er verließ das Tropenhaus und zog sich in sein Büro im Turm zurück.Santa Fe. Ihr Wert? Es kam darauf an. Stammten sie aus dem Frühchristentum? Handelte es sich um ein bisher unbekanntes Evangelium? Hungerford hatte Zeke 202 .

damit die Wissenschaftler und alle Interessenten sie in Augenschein nehmen konnten. von der Stevenson auf dem Band sprach? Warum war sie so wichtig? Überhaupt. warum veranlaßten die anderen sechs ›Bücher‹ eine Archäologin wie Dr. in dem Fragment. die er in ihr vermutete. Er mußte unbedingt herausfinden. Buchstabe für Buchstabe übersetzte er die drei Worte: Amelia. Das sagte ihm seine Intuition.gegenüber behauptet. Dieser Gedanke ließ ihn erschauern. Perpetua. stehe der Name ›Jesus‹. Vermutlich würde sie die Papyri einem Museum oder einer Universität übergeben. sogar ihr Leben aufs Spiel zu setzen? Miles beugte sich über den Schreibtisch und betrachtete eines der Bilder genauer. Die Kopernikus-Tagebücher waren jahrzehntelang in 203 . das nach der Sprengung entdeckt worden war. Vornamen… Frauennamen? Im Gegensatz zu vielen der in den Qumran-Höhlen gefundenen Schriftrollen handelte es sich hier nicht um das Inventar des Tempelschatzes oder um Bücher des Alten Testaments oder um die Gesetze eines Geheimbundes. Hungerford hatte Zeke berichtet. Einige Worte schienen öfter vorzukommen als andere – Λήελία. Dr. daß Catherine Alexander das ›Jesus-Fragment‹ als eine Art Brief identifiziert habe. Er konnte kein Griechisch. was es war! Und eines wußte er mit Sicherheit: Es blieb ihm nicht viel Zeit. Alexander wollte die Schriftrollen übersetzen und den Inhalt aller Welt zugänglich machen. Σαβινα. Was war das für eine siebte Schriftrolle. Handelte es sich um Briefe der Frühchristen? Bestimmt war da noch etwas. Sabina. dann konnte er sich ihren Plan bereits gut vorstellen. Wenn diese Archäologin die Idealistin war. aber er kannte in etwa das griechische Alphabet. Alexander ihren Ruf. Περπετνα.

einem Archiv verschollen gewesen. begutachten oder untersuchen konnten. desto stärker wurde seine Besitzgier. keine Kreditkarte zu 204 . Aber wie sollte er sie finden? Teddy Yamaguchi hatte seine elektronischen Überwacher aufgestellt. Etwas. von der das Fluchtauto stammte. Genau das machte sie für Miles so begehrenswert. wenn sie schlau genug war. so etwas löste in ihm das Verlangen aus. das alle kannten. Deshalb kannten sie bereits die Leihwagenfirma. Was würde geschehen. Im Augenblick erfüllten die geheimnisvollen sechs Schriftrollen aus dem Sinai alle diese Kriterien. Alexander hatte ihrem Freund Stevenson gesagt. Dr. die niemand zu Gesicht bekam. je älter und – wie offenbar auch in diesem Fall – je heiliger etwas war. Aber etwas wie die eine Orchidee. Etwas Verkäufliches wollte er nicht. besaß für ihn keinen Wert. Miles erschien nicht auf Auktionen. je fragiler. dann würden sie für Miles verloren sein. Alexander sie für ihn entwerten konnte. interessierte sich nicht für die Kataloge von Christie’s oder Sotheby’s. die niemand kaufen konnte oder von deren Vorhandensein kaum jemand etwas ahnte. verschwendete er keine Zeit damit. Sein Entschluß stand fest: Er mußte die Schriftrollen haben. und diese Schriftrollen vom Sinai hatten in beinahe zweitausend Jahren nur zwei Menschen gesehen. Je seltener. es zu besitzen. Wenn andere diese Dinge kaufen. mit dem sich zahllose andere befassen konnten. Aber wenn diese idealistische Archäologin sie der Öffentlichkeit zugänglich machte. die SonnenwendKachina hatte sich in der Obhut weniger ausgewählter Priester befunden. sie werde sich wie ein Kaninchen in einem Bau verstecken und die Schriftrollen übersetzen. bevor Dr.

»und da ist die Sache mit Kojote. Sanford darüber sprechen?« »Nein. und du warst nicht da«. ich wollte dich nicht beunruhigen. denn er hatte es oft mit anderen Zeitzonen zu tun. daß alles in Ordnung war. Trotzdem vergewisserte sich Erika immer. sagte sie. Welchen? Was hatte er übersehen? Der Summer der Bürotür riß ihn aus seinen Gedanken. ich glaube. Ihr sonnengebräuntes Gesicht wirkte verschlafen. als er sie an der Tür begrüßte. daß er hier ist! Er wird mich morgen zu einem heiligen Platz auf der Cloud Mesa 205 . trug sie offen über der Schulter. als sie den Schamanen erwähnte. sie zu finden.« Miles erledigte seine Geschäfte auf der ganzen Welt und rund um die Uhr. Das machte sie noch attraktiver und begehrenswerter. »Ich habe wieder einmal unruhig geschlafen«. Auf dem Monitor der Überwachungsanlage sah er seine Frau im Fahrstuhl. »Schlaflosigkeit? Möchtest du nicht vielleicht doch mit Dr.benutzen? Er ballte die rechte Hand zur Faust. Erika trug einen pfirsischfarbenen Seidenmantel über einem weißen Spitzennachthemd.« Miles runzelte die Stirn. sie zögerte einen Augenblick. es liegt einfach daran. Und…«. Er nahm sie in die Arme und küßte sie liebevoll. so stellte Miles fest. Die aschblonden Haare. »Ich bin aufgewacht. daß die Kinder über die Feiertage hier sind. Es mußte noch einen anderen Weg geben. »Soll ich ihn auffordern zu gehen?« »O nein! Ich möchte. mein Schatz. sagte sie. »Entschuldige.

Was hatte Stevenson gesagt. Verstehst du.« Er küßte sie noch einmal. dann mußt du dein sicheres Versteck nicht verlassen‹ Unvermittelt hörte er Erikas Worte wie ein Echo: ›Die 206 . Nervös trommelte er mit dem Finger auf den Granit. »Das klingt schön. Ihm fiel auf.« Nachdem Erika den Turm verlassen hatte.« »Da ist nichts. daß ein ganzer Satz fehlte. die Zeke aus Stevensons Wohnung mitgenommen hatte. Es gab sogar Lücken. zumindest nichts für das menschliche Auge. dann kann man dort die unsichtbaren Wege der Götter und Ahnen sehen. ging Miles zum Schreibtisch zurück. Auf einer Aufnahme entdeckte er. Wie sollte er das Kaninchen finden. daß nicht alle Textstellen gut lesbar waren.« »Ich wußte nicht.« »›Die unsichtbaren Wege der Götter‹«. wenn man weiß. wiederholte Miles und lächelte.führen. das sich in seinem Bau in Sicherheit gebracht hatte? Wie sollte er Catherine Alexander aus ihrem Versteck locken? Miles betrachtete die Abzüge in aller Ruhe. Aber Kojote sagt. daß sich dort oben überhaupt etwas befindet. wo noch immer die Photos lagen. »Ich komme bald nach. als er den P245-Papyrus im Britischen Museum fand? Catherine Alexander brauche Kopien ähnlicher Schriftrollen. um ihre Übersetzung zu vereinfachen… Wie hatte Stevenson das ausgedrückt: ›Überlaß das Suchen den elektronischen Fingern. wo sich vermutlich der Papyrus aufgelöst hatte. das ist etwas Ähnliches wie die Traumpfade der Aborigines in Australien. wie man sehen muß.

207 . Dort würde man sie früher oder später entdecken. denn im Internet war er. auf richtigen Straßen zu fahren. Cyberspace! Dort würde er sie zur Strecke bringen. der unangefochtene Herrscher. Miles drückte auf seinem Handsprechgerät eine Nummer und weckte Teddy Yamaguchi. sagte Miles. es gibt Arbeit«. Der Gedanke. ›Die unsichtbaren Wege‹ unserer Zeit sind die Datenautobahnen! »Teddy. denen sie auf der Suche nach Kopien folgen konnte. Catherine Alexander würde nicht wagen. daß das Kaninchen durch sein Reich rannte. Miles Havers.unsichtbaren Wege der Götter…‹ Miles richtete sich auf. Aber es gab andere Wege. versetzte ihm einen Adrenalinstoß. Das ist es! Der Tiger duckte sich zum Sprung. und alle Müdigkeit war schlagartig verschwunden.

DER FÜNFTE TAG 208 .

Sie tastete danach. seufzte und umfaßte den Kopf mit beiden Händen… Danno! Sie stand auf und ging zu ihrem Gepäck. daß es ein kleiner Jadeanhänger war – ein Jaguar an einem Lederriemen. Sie blickte zum anderen Bett. Sie erinnerte sich nicht daran. Dann wußte sie es. Sie lag auch nicht in ihrem Feldbett. Plötzlich fiel es ihr wieder ein: Die Killer hatten Danno ermordet… ihre Flucht durch den Regen mit Garibaldi. aber zerdrückt. er werde sich ins Internet einloggen. Regen… Regen im Sinai? Sie stellte fest. Langsam setzte sie sich auf. Catherine setzte sich auf. Irgendwann mußte sie Garibaldi ins Bett getragen haben. 18. hielt es vor die Augen und sah. Kalifornien Catherine wachte auf und versuchte.Samstag. Er hatte ihr die Sandalen ausgezogen und sie mit der Decke zugedeckt. wo sie war. Die Decke war nicht zurückgeschlagen. Auf dem Tisch vor dem Fenster stand Dannos geöffneter Laptop. Die Tür zum Bad war geschlossen. daß sie nicht wie üblich ein übergroßes T-Shirt anstelle eines Schlafanzugs trug. Als erstes vergewisserte sie sich. Garibaldi hatte gesagt. daß die Schriftrollen 209 . das sie zuerst nicht einordnen konnte. wartete auf den Ruf des Muezzin vom hohen Minarett in der Ferne. Licht drang durch den Türspalt. Sie spürte etwas Kaltes. aber sie hörte etwas. Sie lauschte auf die vertrauten Lagergeräusche. Offenbar hatte er sich nicht zugedeckt. Hartes an ihrem Hals. Sie hörte das Wasser der Dusche. im Sessel eingeschlafen zu sein. sich daran zu erinnern. Dezember 1999 Santa Ynes-Berge.

möchte ich jetzt duschen und dann so schnell wie möglich von hier weg. Sie sah eine Stola. Havers ließ inzwischen bestimmt alle Anrufe 210 . Alles schien so. Sie blickte noch einmal zum Bad. die offenbar Weihwasser enthielt.« Er betrachtete sie aufmerksam und fragte: »Wie geht es Ihnen?« »Mein inneres Uhrwerk ist überdreht.« Catherine bürstete ihre langen kastanienbraunen Haare. Garibaldi hätte die sechs Bücher an sich nehmen und davonfahren können. denn sie wollte kein Risiko eingehen. eine kleine Flasche Öl. öffnete sie die Tasche und warf einen Blick hinein. »Ist Pangamot etwas Ähnliches wie Karate?« »Es ist auch ein Kampfsport. »Entschuldigen Sie«. eine andere. Sie unterdrückte den Wunsch. daß die Stöcke an der Wand lehnten. Kann ich ihm vertrauen? Sie sah seine schwarze Reisetasche.« Sie zuckte zusammen. Julius anzurufen. sagte Catherine. aber ich mußte mich vergewissern. »Ich wollte nicht neugierig sein. Garibaldi stand in der Badezimmertür. Er trug eine schwarze Baumwollhose und ein schwarzes T-Shirt mit dem Aufdruck ›Dong Meyong Pangamot‹. Sie lagen unversehrt zwischen den Einbanddeckeln des paläobotanischen Handbuchs.« Sie blickte auf sein T-Shirt und sah dann. und meine Wut kennt keine Grenzen.noch da waren.« »Ich verstehe. ein Buch – Die Stundengebete – und den neuen Roman von Tony Hillerman. die vom Duschen noch feucht waren. Wenn Sie nichts dagegen haben. Aber das hatte er nicht getan. während sie schlief. »Ich bin wirklich ein Priester. Da die Dusche noch lief. wie sie es in der Nacht zurückgelassen hatte. daß Sie die Wahrheit gesagt haben.

ging Catherine schnell unter die Dusche und überließ ihm das 211 . Sie würde nie vergessen. daß ihm vor dem Tod ein Priester die Letzte Ölung geben würde. Ein katholischer Priester. sich von ihm trösten lassen.« Er brachte außer Kaffee und belegten Brötchen auch eine Zeitung.abhören. den Schock von Dannos Tod zu überwinden. betete und beichtete. ich habe schon getankt. Daniel war damals ein gläubiger Katholik gewesen. der ihr Trost bringen sollte. Er war am Abend nach der Beerdigung ihrer Mutter zu ihr gekommen. Das war jedoch nicht der Grund dafür. »Die Tankstelle ist offen. Ihr wurde klar. Sie dachte an Garibaldi. ›Das ist keine Lösung‹. hatte Daniel gesagt. Er würde ihr beistehen und helfen. daß sie weder mit Julius noch mit einem anderen Menschen Kontakt aufnehmen durfte. Sie wollte sich in seinen Armen ausweinen. als sie sich mit Schlaftabletten das Leben nehmen wollte. Sie wußte. der im Augenblick nicht im Zimmer war. Aber sie sehnte sich verzweifelt nach Julius. wie die Kirche ihre Mutter verfolgt und noch im Sterben gequält und bestraft hatte. Er ging zur Kirche. Daran hatte sich bis heute nichts geändert. obwohl die Last auf ihrer Seele unerträglich schien. Er hatte sie vor diesem unsinnigen Schritt zurückhalten können. Wieder einmal erinnerte sie sich an Dannos Worte vor dreizehn Jahren. für ihn war es von großer Bedeutung. und der Regen hat nachgelassen. Ein Priester hätte Daniel seelischen Trost schenken können… Sie hörte Schritte auf dem Kies. daß sie augenblicklich erstarrte… Nachdem Garibaldi aus dem Bad gekommen war. Aber an jenem Abend hatte sie ihren Glauben verloren. aber genau das nicht konnte. bis die Arbeit getan war. und im nächsten Augenblick kam Garibaldi ins Zimmer.

war er nicht mehr da. mit der sichtbaren Autorität seiner kirchlichen Macht ihre Mutter beeinflussen und einschüchtern zu wollen. Nach Aussagen von Zeugen wurde eine Frau gesehen. dem Priester und der Kirche und natürlich auch Gott! »Weshalb tragen Sie das?« Er reichte ihr die Zeitung. Die Polizei hat bisher noch keine Einzelheiten bekanntgegeben. sondern eine lange. letzte Spalte. daß mich die beiden Killer in der Dunkelheit und bei dem Regen nur undeutlich sehen konnten. Catherine hatte ihm vorgeworfen. Als sie kurze Zeit später das Bad verließ. daß Ihnen ein Mann bei der Flucht geholfen hat«. aber man vermutet ein Verbrechen. Sie werden bestimmt nicht wissen. daß ich Priester bin. Vater McKinney war in der Soutane im Krankenhaus erschienen. stellte die Kaffeebecher auf den Tisch und legte die noch warmen Brötchen daneben.Zimmer zum Ankleiden. sagte Garibaldi. Auf dem Tisch lag eine Notiz. die aus dem Haus floh…‹ »Es wird nicht erwähnt. »Ich vermute. Seite drei. Die Leute werden 212 .« Sie sah die Meldung: ›Der Archäologe Dr. er werde sich nach Benzin erkundigen und Frühstück besorgen. Er trug nicht mehr die schwarze Baumwollhose und das Pangamot T-Shirt. Ich bin auch der Meinung. »Deshalb. schwarze zugeknöpfte Soutane. Wenn ich die Soutane trage. Daniel Stevenson wurde gestern abend in seiner Wohnung in Santa Barbara tot aufgefunden. die Polizei weiß nichts von mir. Blitzartig stellte sich bei diesem Anblick die Erinnerung an den Abend vor dem Tod ihrer Mutter ein. eine schwarze Schärpe um die Hüfte und ein kleines goldenes Kruzifix an einer Goldkette um den Hals. Deshalb war sie auf sein Aussehen nicht vorbereitet. gewinnen wir vermutlich etwas Zeit. Was hatte sie ihm an jenem Abend nicht alles vorgeworfen – ihm.

dachte sie verzweifelt. sagte Garibaldi leise.« »Und dann?« 213 . Auf den Photos ist im Hintergrund ein Mann zu sehen. man wird mir die Schriftrollen abnehmen. »Während Sie schliefen. Sie kämpfte mit den Tränen. werden sie es nicht glauben. »Wir sollten so schnell wie möglich hier weg.« »Wird man sich in Ihrer Gemeinde nicht Gedanken machen? Werden Sie nicht erwartet?« »Ich habe noch ein paar Tage Urlaub. Wenn ich mich anonym melde und sage. als sie hinzufügte: »Sie glauben nicht.« Catherine ließ die Zeitung sinken. Danno. Ich kann der Polizei nicht sagen. »Wir sollten so schnell wie möglich losfahren«. und dann war dein Tod völlig sinnlos. unter welchen Umständen du gestorben bist. daß Miles Havers hinter dem Mord steckt. Verzeih mir.einen Priester sehen und der Frau in seiner Begleitung weniger Aufmerksamkeit schenken. habe ich im Internet nach Zeitungsphotos von Havers gesucht.« »Sie irren sich.« »Sie glauben mir wirklich?« Er nickte. wird man mich verhaften. auf den Ihre Beschreibung des Killers paßt. »Sind Sie fertig?« Catherine sah den großen Mann in der schwarzen Soutane an und fragte: »Warum bleiben Sie bei mir?« Eine gewisse Bitterkeit lag in ihrer Stimme.« Er verschloß die Reisetasche. der Ihren Freund ermordet hat. jetzt glaube ich Ihnen. daß Miles Havers hinter mir her ist. Noch nie im Leben hatte sich Catherine so hilflos gefühlt. Wenn ich mich als Zeugin bei der Polizei melde.

Glauben Sie an ein Leben nach 214 .« »Er ist nicht allein. Abgesehen von ein paar verschlafenen Gästen und einem Lkw-Fahrer. Garibaldi hatte bereits die Rechnung bezahlt.»Dann werde ich mir etwas einfallen lassen.« Sie sahen sich zuerst vorsichtig auf dem Parkplatz um. Daniel ist in Gottes Hand. Sein Glaube führt ihn zu Gott. Daniel war nach Ihren eigenen Worten ein gläubiger Katholik. Was bedeutet das für seine Seele?« »Entscheidend ist der Entwicklungsstand seiner Seele im Augenblick des Todes. daß ihr die Tränen über die Wangen liefen.« »Er ist ohne die Letzte Ölung gestorben.« Sie wischte sich die Tränen vom Gesicht. Danno. flüsterte sie. Sie stiegen ungesehen in den Wagen. Sie hielt die Zeitung in den Händen und dachte an die kleine. lag kalt und starr in einer Leichenhalle. unauffällige Meldung auf Seite drei. Er hatte nicht einmal mehr Gelegenheit. Er dürfte nicht so allein sein. »Wenn ich das nur glauben könnte…« »Hören Sie. »Ich habe an Danno gedacht. Deshalb mußte Catherine nicht noch einmal in das Büro. Sie hörte Garibaldis Stimme: »Ist alles in Ordnung?« Catherine stellte fest. der Einzelgänger. Als Garibaldi den Motor anließ. der den Luftdruck der Reifen überprüfte. war an diesem grauen Morgen wenig los. »Entschuldigen Sie«. Das sollte auch Sie trösten. der sich von nichts entmutigen ließ. fragte er Catherine: »In welche Richtung fahren wir?« Aber sie hörte seine Frage nicht. mir etwas von seinen neuesten Erkenntnissen über die Maya-Wandbilder zu erzählen… Eine Hand legte sich auf ihren Arm.

daß sie die Augen schloß. Vorsichtig schlug sie das paläobotanische Handbuch auf 215 . damit Sie die Schriftrollen übersetzen und ich wieder eine Online-Verbindung bekomme. sagte sie entschlossen. wo es Sicherheit und Wärme für sie gab. was nach dem Tod mit uns geschieht.« »Also. nach Norden. als verschließe sie ihm ihre Gedanken. die Danno ermordet haben«. als er zu gewinnen hofft. wo Santa Barbara und Malibu lagen und wo Julius lebte – dorthin. sagte er: »Wir sollten losfahren. Heute bin ich nicht so sicher. murmelte Catherine. Ich hoffe. da habe ich nicht daran gezweifelt. daß uns das Internet auf eine heiße Spur zur siebten Schriftrolle führt. in welche Richtung fahren wir?« »Nach Norden«. »Es gab einmal eine Zeit. »werden nicht ungeschoren davonkommen. Manchmal glaube ich. denn er handelt sich damit mehr ein. an dem wir bleiben können.dem Tod?« »Ich… ich weiß nicht«. hat er einen Fehler gemacht. ob sie noch etwas sagen würde. muß schrecklich und beängstigend sein. Sie drehte sich um und blickte in Richtung Süden. aber als er feststellte.« »Haben Sie Angst vor dem Tod?« Sie ließ den Kopf sinken und flüsterte kaum hörbar: »Ja…« Er wartete geduldig. In welche Richtung fahren wir?« Catherine hob den Kopf und starrte durch die Windschutzscheibe in den grauen Tag. griff Catherine in die blaue Tasche und holte die sechs Bücher in dem dicken Umschlag heraus. Wir müssen einen Platz finden. »Die Killer.« Während Garibaldi den Mustang zur Auffahrt des Highway fuhr. sagte sie mit kaum unterdrücktem Zorn. Als Miles Havers beschlossen hat. »Gut. den Kampf mit mir aufzunehmen.

was auch ich werden sollte. und ihr sollt wissen. liebe Amelia. Euch gilt mein Friedenskuß. die uns voneinander trennen. Meine Familie kannte sie nicht. Doch an allen Orten. bewegt uns alle die eine Frage: Was geschieht mit uns. ich greife vor. das unter diesem Dach zur Welt kommen werde. Zuerst sende ich Dir und meinen Schwestern auf dem Weg des Gerechten meine Grüße. In den acht Jahrzehnten meines Lebens begegnete ich Königen und Bauern. Dann begann sie zu lesen… Seltsame Vorzeichen ereigneten sich in der Nacht meiner Geburt. ehe das Schicksal eingriff und den Weg meines Lebens für immer veränderte. den Hoffenden und Verzweifelten habe ich eine weltumspannende Wahrheit gelernt. Es gehe um das Schicksal des Kindes. Meine Mutter erzählte mir später von einer Wahrsagerin. ich brachte Kinder zur Welt und spendete Sterbenden Trost. den Gebildeten und Ungebildeten. wenn wir sterben? 216 . die in unserem Haus erschien. Aber verzeih mir. Trotz der unendlich vielen Unterschiede. Ich habe die Kunst des Heuens gelernt. aber die Frau sagte.und entfaltete die erste vergilbte Papyrus-Seite. Ich verstand die ganze Tragweite der Prophezeiung erst viele Jahre später. in den Städten und Dörfern. bei weisen Männern und Frauen. Ich bin bis an die entferntesten Grenzen des Reichs gereist und habe die erstaunlichsten und auch schrecklichsten Dinge erlebt. daß meine Mutter ein Diakon war. Staatsmännern und Dieben. bei den Unwissenden und Schlechten. sie habe eine wichtige Nachricht von den Priesterinnen der Hekate. Das Schicksal hielt Wundersames für mich bereit.

und wir sangen das Lied: Leben. Die Ewigkeit schenkt uns den Segen. rette uns mit deiner Kraft! Gott mache uns zu geistigen Wesen.Liebe Schwestern. Meine Mutter glaubte an die Kraft von Amuletten. bei den Begegnungen auf den Marktplätzen und in den Karawansereien der Welt habe ich schließlich die Antwort gefunden. Sein Erscheinen am Horizont wurde von den drei Sternen im Gürtel des Orion angekündigt. denn das bedeutete. trage ich es über meinem 217 . Wenn er dann aufging. Nur bei Dir finden wir Frieden… Mein Vater gehörte zu den Anhängern des Mithras. Ich wurde in Antiochia. An diesem heiligen Tag blickten wir am frühen Morgen auf die Stelle am Horizont. muß ich die Geschichte am Anfang beginnen. als einzige Tochter einer reichen und angesehenen Familie geboren. liebe Schwestern. In jeder Woche nahm er am Tag der Sonne an geheimen Ritualen im Tempel teil. Er stand sogar über Isis. Jedes Jahr feierte meine Familie mit den anderen Bürgern von Antiochia die Wiedergeburt des Hermes. die man die ›Drei Könige‹ nannte. zu der die Drei Könige wiesen. der Himmelskönigin. Aber bevor ich mein Wissen mit euch teile. denn dort würde der Stern erscheinen. in Syrien. Wir gingen zum Fluß und hielten am nächtlichen Himmel Ausschau nach dem Stern Sirius. war der Jubel groß. unterwegs auf fernen Straßen. Sie legte mir am Tag meiner Geburt das Hermeskreuz um den Hals. Hermes war wiedergeboren. In ihrer Jugend war meine Mutter in die Mysterien des Hermes Logos eingeweiht worden. Liebe Amelia. in den vielen Jahren. ich frage mich. und bis auf den heutigen Tag. ob Mithras immer noch diese Macht besitzt. Mithras war damals ein mächtiger Gott in Antiochia.

der als Toter mein Leben überschattete. Doch trotz ihres Glaubens war meine Mutter keine glückliche Frau.‹ Als ich älter wurde. Hermes sprach das Wort. sie gaben ihm durch ein Rohr. Es gehörte zu unserem wöchentlichen Ritual. von seinem toten Sohn zu sprechen. verstand ich sie besser. Ich deutete mit dem Finger auf die Erde und sagte: ›Da ist er. und die Welt wurde erschaffen.Herzen. die Tanten und Nichten begleiteten meine Mutter dorthin. der als kleines Kind starb. Die Frauen meiner Familie sprachen mit meinem verstorbenen Bruder und berichteten ihm von den Ereignissen in der Familie. wo er sich befand. Trotz des wöchentlichen Rituals schien meine Mutter mehr zu wollen. So war das. Sie brachten ihm manchmal sogar Spielzeug. das in seinen Sarg führte. so wie alle Angehörigen durch ähnliche Röhren ihren Toten Wein geben. Ich hatte einen Bruder. Mutter! Er schläft in der Erde. Milch und Honig. und alle seine Anhänger sind glücklich. Meine Großmutter. Sie suchte nach ihm im Reich der Toten. denn der Gott ist das sichtbar gewordene Wort. Die Frauen sprachen zu ihm. rief seinen Namen und wollte wissen. An seinem Grab fand dann ein rituelles Mahl statt. Sie suchte 218 . Die Erinnerung an meinen Bruder stand immer zwischen mir und meinen Eltern. Ich wuchs in einem stillen Haus heran. Sie glaubte wie alle Anhänger des Hermes Logos an die Magie des Wortes. Sie saß an seinem Grab. zum Totenfeld zu gehen und das Grab meines Bruders zu pflegen. Als Dreijähriger erkrankte er am Fieber und überlebte es nicht. Er ist ein verständnisvoller Gott. Meine Eltern waren untröstlich. Ich hatte einen Bruder. Mein Vater brachte es später nie über sich.

nicht den kleinen Jungen. sondern seine Seele. Er hatte 219 . in der Wüste von Judäa. daß meine Eltern wie Fremde zueinander waren. es sei das Fieber. obwohl ich nichts von dem verstand. damit auch die Fremden unter den Zuhörern den Mann verstanden. es sei noch nicht überwunden und verbreite Tag für Tag sein tödliches Gift. die ihn im Laufe der Jahre immer abweisender und schweigsamer machte. und ich blieb bei ihr. das meinen Bruder getötet hatte. denn sie gaben sich gegenseitig die Schuld am Tod meines Bruders. machten wir uns auf eine lange Reise. und mein Vater sagte. Dort. ich höre noch den Klang seiner Stimme und sehe den Kreis der Zuhörer. Mein Vater ging nicht mit uns zu dem Grab. und ein anderer übersetzte seine Worte ins Griechische. was er sagte. Jener Tag an dem Ufer das Salzmeeres liegt zwar schon viele Jahre zurück. Selbst heute kann ich mich an kein einziges Wort erinnern. Ich glaubte. Er sprach nie über den verlorenen Sohn. Er sprach in seiner Sprache. das Meersalz habe seinen Rücken geheilt. Eine Art seelische Krankheit lastete über unserem Haus. mein Vater errichtete eine kalte und stumme Fassade. Wir kehrten nach Antiochia zurück. Mein Vater entfernte sich von der Versammlung und ging zu den Bädern und Ärzten. Als ich acht wurde. Der Arzt meines Vaters riet dazu. Meine Mutter hüllte sich in ihre Trauer wie in einen Mantel. Aber meine Mutter wollte dem Mann zuhören. Es kam so weit. aber ich kann mich noch deutlich an das Gesicht des Mannes in der Wüste erinnern. die ihm Fragen stellten und ihn ›Rabbi‹ nannten. Manchmal dachte ich. denn er konnte ein schweres Rückenleiden meines Vaters nicht kurieren und empfahl ihm das berühmte Heilwasser des Salzmeeres. hörten wir einen Mann predigen.

Auf die Plätze kamen viele Prediger. wo Kamele und Schweine. die sich dort eingefunden hatten. Eine Gruppe Menschen stand in der Mitte. sogar der Kaiser in Rom werde als lebender Gott verehrt. Jedes Viertel hatte seinen eigenen Tempel. In der Stadt gab es die Anhänger der unterschiedlichsten Religionen. wo jeder einen Gott oder einen Glauben verkaufe. Später konnte sie nie sagen. in jeder Straße gab es einen Schrein. und ein Mann redete zu ihnen.nie wieder Schmerzen. Man sagte uns. Mein Vater nannte das den ›Marktplatz der Religionen‹. Man sah dort die Boten des Hermes und die Anhänger von Zoroaster. Damals. die zu den Menschen sprachen. sagte sie: ›Heute nehmen wir einen anderen Weg. herrschte große Unruhe unter den Menschen. weshalb sie den anderen Weg 220 . Der Mann. war ein Fremder. Nachdem wir die Hauptstraße erreicht hatten. Dieser Tag veränderte meine Mutter von Grund auf. Es war eine Zeit der Unsicherheit. Man trieb Handel mit dem Segen der Götter und schacherte mit der Hoffnung auf die Gunst der Unsterblichen. Als ich sechzehn war. daß jeder durch Verzeihen das Tor aufstoße und so zum Weg des Lichts finde. besuchte meine Mutter auf unserem wöchentlichen Weg durch die Stadt zum Grab meines Bruders wie immer den Astrologen. aber an diesem Tag blieben wir stehen und hörten zu. Der Mann sprach von Vergebung und davon. in der viele in ihrer Verzweiflung und Angst Antworten auf spirituelle Fragen suchten. liebe Schwestern. an jeder Kreuzung stand die Statue eines Gottes. die durch das EpiphaniaViertel zur Stadtmitte führte. und wir gelangten an einen Platz. der zu den wenigen sprach. Sklaven und Esel verkauft wurden.‹ Es dauerte nicht lange. Normalerweise ging meine Mutter an solchen Versammlungen achtlos vorüber.

Von da an strahlte aus ihr ein neues Licht.‹ Er sagte: ›Wir müssen verzeihen‹. Und der Mann sagte: ›Wir sind nicht tot. Man fragte ihn: ›Was ist das für ein Königreich‹ und er antwortete: ›Das Königreich des Himmels. und man fragte ihn: ›Welchem Gott?‹ Er antwortete: ›Es gibt nur einen Gott. Aber anschließend gingen wir nach Hause zurück.gewählt oder weshalb sie dem Mann zugehört hatte. Sie wurde wieder glücklich und jung. Soll das heißen. aber die anderen hörten schweigend zu. die wir nicht verstanden. das in uns allen ist. sie verzieh meinem Vater und warf ihm nicht länger vor. und man fragte ihn: ›Warum sollen wir verzeihen?‹ Er antwortete: ›Nur so könnt ihr euch retten. das Leben nach dem Tod sei in uns. die so viele Jahre im Herzen meiner Mutter lag.‹ Man fragte ihn: ›Was ist das für ein Himmel?‹ und er antwortete: ›Dorthin werdet ihr gehen. Der Mann auf dem Platz hatte über viele Dinge gesprochen. unnahbaren und lieblosen Mann geworden war. Wir stehen im Augenblick der Geburt auf der Schwelle des Todes.‹ Einige machten sich über ihn lustig und riefen: ›Du sagst. Die Worte des Predigers schienen die Saat der Bitterkeit abgetötet zu haben. aber wir werden sterben. nachdem ihr gestorben seid.‹ Man fragte ihn: ›Wie gelangen wir in dieses Königreich‹ und er erinnerte sie daran. daß er zu einem kalten. jeder möge dem Nächsten in 221 .‹ Man fragte ihn: ›Sprichst du vom Leben nach dem Tod?‹ und er antwortete: ›Ja. Er sagte: »Rache steht nur Gott zu«.‹ Der Mann sprach dann von einem Königreich. wird zu einem Wanderer auf dem Weg. wir sind bereits tot?‹ Die einen lachten. Wer diesen Glauben annimmt.

was der Mann uns sagte. denn damals war das Leben im ganzen Reich von vielen Gefahren bedroht. und sie hatten Angst. Die Menschen in den Städten waren unzufrieden. Wir fragten unseren Gast: ›Wann wird das Ende der Welt kommen? Heute? Morgen? Noch zu unseren Lebzeiten‹. wenn man vergibt‹ und er antwortete: ›Man findet die Einsicht. wie sich meine Mutter veränderte. Durch Verzeihen und Einsicht werdet ihr Freiheit und Frieden finden. was unsere Herzen beschwerte. von dem er so oft sprach. der Mann war. und schließlich luden wir den Mann ein. wird geschehen. den wir in der Wüste Judäas gehört hatten. Wir stellten Fragen über alles. an den Grenzen brachen Seuchen aus. denn ich sah. war jedoch dies: ›Der Gerechte hat den Tod überwunden‹ Der Mann blieb als Gast in unserem Haus und lehrte uns das Wissen des Gerechten. Klopfet an und euch wird aufgetan. Jeder verriegelte nachts die Tore.‹ Ich stellte fest. in unser Haus zu kommen. und ihr werdet finden. Alles ist Teil eines größeren Ganzen. daß dies der Wahrheit entsprach.seinem Herzen vergeben.‹ Das Wichtigste. so wie er es bei seinem Lehrer gelernt hatte. denn nichts geschieht zufällig. denn im Reich gab es viele Kriege. und keiner schenkte 222 . und mir wurde bewußt. jemand in der Menge fragte: ›Was geschieht. daß der Gerechte. Danach gingen wir jeden Tag zu diesem Platz. Was geschehen soll. unsere Freunde und Nachbarn. Und er ermahnte uns: ›Der Gerechte sagt: Suchet. und wir lauschten seinen Worten. Wir versammelten unsere Dienstboten und Sklaven. Er heilte die Kranken und half den Bekümmerten. Und mit dem Frieden kommt das Licht. und in den Kolonien rebellierten die Stämme gegen ihre Herren.

Meine Mutter übertrug immer mehr Mitgliedern die Diakonswürde. Sabina. Ich verspreche euch. Perpetua sagt mir. daß man damals. und bald mußten die Versammlungen im Freien stattfinden. die zusammengefügt die klare Antwort geben. ich spreche bewußt von einem ›Rätsel‹ und meine damit das große Mysterium. Von Perpetua erfahre ich. Mein Vater ließ sich jedoch nicht zum Weg des Gerechten bekehren. daß sich das inzwischen wegen der Verfolgungen geändert hat. denn sie wollten die Botschaft hören. Wir konnten uns ungehindert treffen. aber ich werde müde. Wer wie meine Mutter die wöchentliche Lesung der Botschaft übernahm und das Liebesmahl vorbereitete. die dem Weg des Gerechten folgten. denn der Gerechte ist Gottes Sohn. Wir müssen die Botschaft so weit wie möglich verbreiten. Amelia. Erst Jahre später fand ich in meinem Leben die Lösung für einen anderen Teil des Rätsels… Ja.‹ Meine Mutter sagte zu mir: ›Das ist der richtige Glaube. damit viele den Weg finden. erhielt die Würde eines Diakons.‹ Und so entstand eine Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern. als die Männer 223 . Die Versammlungen fanden in unserem Haus statt. das wir Tod nennen. damit sie ebenfalls Versammlungen abhalten konnten. denn wir alle haben die Teile in uns. einem jeden werden die Zeichen offenbart werden. Auf diese Weise wuchs die Gemeinschaft weiter und zählte immer mehr Mitglieder. Die Zahl unserer Mitglieder wuchs. Die Menschen kamen aus allen Teilen der Stadt.dem anderen Vertrauen. Unser Gast antwortete: ›Ihr werdet das Ende an den Zeichen erkennen. Aber damals wurden wir nicht angegriffen. In Alexandria hörte ich zum ersten Mal von dem neuen Zeitalter… Ich bitte Dich um Verständnis.

Ich befürchtete. daß sie ewig leben wird. wie und wann der Gerechte zurückkehren wird. Aber wie durch ein Wunder hat sie sich wieder erholt. daß mir offenbart worden ist. sie werde sterben. Sabina wurde von den Erinnerungen so überwältigt.mich fanden und in das Kastell brachten.‹ 224 . (Perpetua schreibt: ›Liebe Amelia. ich sei tot. Ich weiß auch. Ich weiß um das Ende aller Dinge und um die Wiederkunft des Gerechten. ich überbringe euch die gute Nachricht. sitzt im Bett und sagt. daß sie nicht weitersprechen konnte. daß sich meine Mutter in ihrer Vorstellung vom Tod geirrt hat. Meine Schwestern. geglaubt hat. Vielleicht war ich tot. Sie möchte den Bericht in ein paar Tagen fortsetzen.

ja rechnete fast damit. daß die Frau Catherine war. nach ihrem Streit ins Institut gegangen zu sein. vergaß sie ihre Haare und machte sich nicht die Mühe. sie zu frisieren oder mit einer Spange zusammenzuhalten. Er hätte bei ihr bleiben müssen. wenn sie sehr konzentriert arbeitete. Sie wollte ihm offenbar mitteilen. weil er hoffte. sie sei dort. wo sie sich befand – auch er nicht. Aber Daniel hatte sich nicht gemeldet. und als er die Nachricht fand: ›Ich muß für ein paar Tage weg!‹ hatte er bei Daniel Stevenson angerufen. daß sie in Sicherheit war und sich verstecken würde. Doch dann fiel ihm auf.Santa Monica. jemand habe sich einen Scherz mit ihm erlaubt. Deshalb fuhr Julius zu ihrer Wohnung in der Fifth Street in Santa Monica. Kalifornien Die Mitteilung auf dem Anrufbeantworter war so eigenartig. 225 . Er hörte sich das Band mehrmals an. Warum diese Vorsicht? Warum ›Meritites‹ und die verstellte Stimme? Vor allem. Bei seiner Rückkehr war das Haus leer gewesen. deren Mumie er vor einem Jahr untersucht hatte. die mit verstellter Stimme sprach. Niemand sollte wissen. daß Julius zuerst dachte. Er schloß die Wohnungstür mit seinem Schlüssel auf und hoffte. Versunken in die Übersetzung würden ihr die langen kastanienbraunen Haare über die Schultern fallen – immer. daß es ihr gutgehe? Jetzt machte er sich noch größere Vorwürfe. bis ihm schließlich dämmerte. daß sich die geheimnisvolle Anruferin unter dem Namen ›Meritites‹ meldete – der Name der Königin. warum die Betonung darauf. sie über die Schriftrollen gebeugt zu finden.

Wo immer sie sein mochte. eher kastanienrot. sie befand sich in Sicherheit. »Cathy«. »Nein. spürte Cathys zarte Haut und roch den Duft von Kokosnußsonnenöl und frisch gewaschenen Haaren. noch immer die Brandung vor der Terrasse hören zu können.Aber Catherine war nicht in der Wohnung. langen kastanienbraunen Haare hatten ihn sofort um den Verstand gebracht. das Bett war unbenutzt. nicht rot. Wir werden zusammen eine Lösung finden. und die Frau war bereits auf der Treppe. Er sah das Mondlicht. Komm zurück.« Der Zusammenstoß war so überraschend gewesen. Sie hatten damals zusammen an einer Konferenz teilgenommen und im Halekulani Hotel zum ersten Mal miteinander geschlafen. Trotzdem konnte die Nachbarin die 226 . bitte ruf mich an. daß Catherine unabhängig war und für sich sorgen konnte. Das fand er sexy und sehr herausfordernd.« Er tröstete sich damit. Cathy trug sie am liebsten offen. sagte die Zeugin zu dem Porträtzeichner auf der Polizeiwache. Die Fremde rannte aus Dr. Ihre dichten. das ist schon besser. Im Schlafzimmer sah er auf der Kommode ein gerahmtes Photo von ihnen beiden am Strand von Honolulu. das auf das Bett schien. Julius schloß die Augen. dann lagen alle Lebensmittel auf dem Boden. Ja. Hätte ich dich doch nicht allein gelassen. »wo immer du auch sein magst. die ihre Nachbarin in die Wohnung brachte. flüsterte er. bis sie die Schriftrollen übersetzt hatte… »Lange rotbraune Haare«. und auf dem Eßtisch lagen ein Stapel Post und Zeitungen. Er glaubte. Stevensons Wohnung. Ihre Tollkühnheit würde ein Geheimnis bleiben. Die Kaffeekanne stand im Küchenschrank.

Raubüberfälle und betrunkene Autofahrer ließen den Beamten keine ruhige Minute. Jetzt bestätigte sie dem Zeichner. wer sie war. mit wem sie davongefahren ist?« »Richtig. und Sie wissen nicht. Der Inspektor konnte sich nicht den Luxus erlauben. gestohlene Fahrzeuge. Stevenson nur sehr selten da. Die Nachbarin schüttelte den Kopf. mit dem die Frau dann geflohen ist?« »Glauben Sie. weil ich meine Lebensmittel aufsammeln mußte. Die Polizeistation glich an diesem Dezembermorgen. junger Mann?« »Sie wissen also nicht. so eine Art Indiana Jones. diesem Fall so nachzugehen. Wissen Sie. das Bild sehe ihr wirklich sehr ähnlich. unterbrach der Inspektor sie ungeduldig und stand auf. einem Irrenhaus – Einbrüche. »Haben Sie eine Ahnung. eine Woche vor Weihnachten. Kann ich jetzt gehen?« 227 . Außerdem waren sie unterbesetzt. Er war ständig unterwegs bei Ausgrabungen. die die Frau verfolgt haben?« »Ich habe sie nicht richtig gesehen. Außerdem war Dr. Er mußte unbedingt noch die Beweisstücke ins Institut bringen. »In diesem Haus ist jeder mit sich beschäftigt. wer diese Frau gewesen sein könnte?« fragte der Inspektor. wie er es eigentlich für richtig gehalten hätte.« »Und die beiden bewaffneten Männer. »Haben Sie den Mann gesehen. Der tiefgefrorene Truthahn ist durch den Gang gerollt und wäre beinahe…« »Draußen hat ein Mann auf die fliehende Frau gewartet«.Fliehende genau beschreiben. ich kann durch Hauswände blicken. der auf dem Schreibtisch saß und Kaugummi kaute.

Jedenfalls hatte er keinen großen Beitrag zur Wissenschaft geleistet. sagte der Inspektor gereizt und nickte seinem Vorgesetzten zu. der mit 228 . ob aus dem Mord an dem Archäologen vielleicht eine Geschichte zu machen sei. der verrückte Sachen geglaubt hatte. Vielleicht war sie auch nur temperamentvoll. etwa. daß Stevenson ein Einzelgänger und Idealist gewesen war. heilige Nacht‹. Darunter mischten sich aus dem Radio die süßlichen Töne von ›Stille Nacht. dachte Maloney gelangweilt. und es entstand ein ohrenbetäubender Lärm. »Ist etwas gestohlen worden?« fragte Maloney den Kaugummi kauenden Inspektor und folgte ihm durch die Wache mit den klingelnden Telefonen. Ein Spinner.»Sind Sie sicher. um herauszufinden. klappernden Schreibmaschinen und lauten Druckern. Auf dem Bild hatte sie eine senkrechte Falte zwischen den Augenbrauen. daß es auf dem Mars Pyramiden gab. Alle schienen plötzlich gleichzeitig zu reden. um auf so seltsame Weise ermordet zu werden. In diesem Augenblick erschien ein anderer Mann in der Wache. daß der Porträtist eine hübsche Frau mit großen Augen und sinnlichen Lippen gezeichnet hatte. daß dieses Bild ihr gleicht?« Die Nachbarin warf noch einmal einen Blick auf das fertige Porträt. keine ersichtliche Ordnung. So ein Typ. Trotzdem schien dieser Stevenson wichtig genug zu sein. »Stevensons Wohnung war das reinste Chaos – nichts aufgeräumt. der ihn zu sich in sein Büro winkte. Wer mochte diese schöne Unbekannte sein? Der Chefredakteur hatte Maloney auf die Wache geschickt. Bislang hatte Maloney jedoch nur erfahren. »Uns ist nichts aufgefallen«. blickte ihr über die Schulter und fand. ein Science Fiction-Fan. als mache sie sich viele Gedanken oder sei oft zornig.

»Mein lieber Baloney. 17. Frage: Warum dringen zwei Männer in die Wohnung eines 229 . Maloney ließ die Tür von Schapiros Vorgesetztem nicht aus dem Auge. Er überzeugte sich schnell. auf Hochtouren zu laufen. haben Sie nichts Besseres zu tun. Dann blickte er auf den Schreibtisch. Er drehte sich um und schlenderte durch den Raum in Richtung Ausgang. als mir hier Fragen zu stellen?« Maloney hatte nichts dagegen. drehte sich um und steckte die Hände in die Hosentaschen. weil gerade vier ›Weihnachtsmänner‹ in Handschellen hereingebracht wurden. wer die Mörder sind?« fragte Maloney. Er mußte noch einmal stehenbleiben. Sein Blick fiel auf den Schreibtisch des Inspektors. »Ich möchte nur ein paar…« Aber der Inspektor ging weiter und verschwand im Büro seines Vorgesetzten. Was zum Teufel ist das? Maloney runzelte die Stirn. wie man sie für die Aufbewahrung von Beweisen benutzt. schob sich rückwärts unauffällig an den Schreibtisch heran und zog geschickt das Photo aus dem Umschlag. Schapiro. er werde wohl am besten in aller Ruhe frühstücken gehen.sechsunddreißig noch immer nicht erwachsen ist. So etwas hatte er schon einmal gesehen. Verblüfft sah er genauer hin. Aber wo? Sein Gehirn begann. 12. daß niemand auf ihn achtete. Wie soll da jemand sagen. Maloney blieb stehen und dachte. und er sah einen Stapel Umschläge. Auf den Umschlägen stand: Stevenson. Seine Spitznamen für sie waren noch weniger schmeichelhaft. Aus einem der Umschläge ragte in einer Plastikhülle ein glänzendes Photo. daß ihn die Beamten ›Baloney‹ nannten. 99. Inspekt. ob etwas fehlt?« »Gibt es Spuren? Weiß man schon.

schneiden ihm die Kehle durch. jagen einer Frau hinterher und schießen sogar auf sie? Antwort: Das sind sehr schwere Geschütze für einen harmlosen Diebstahl. war. und plötzlich ist die Sache nicht länger langweilig. Maloney hatte etwas gegen Großstädte. hatte ihm sein Chefredakteur einmal gesagt. ›dann sieht man sich in den Großstädten um. 230 . was du über dieses verschlafene Nest schreiben willst?‹ Die aufregendste Geschichte. Deshalb suchte er immer nach einem besonderen Aspekt. als habe man zwei Teile gefunden. Der Inspektor kam erfreulicherweise noch immer nicht zurück. Ihm gefiel Santa Barbara. was willst du in Santa Barbara? Kannst du mir erklären. gezackte Linie. Maloney kniff die Augen zusammen und musterte aufmerksam das Photo. Wenn die Wirklichkeit langweilig war.unbedeutenden Archäologen ein. Also. In der unteren Hälfte entdeckte er eine weiße. wo wirklich etwas passiert. stelle sie in einen neuen Zusammenhang. dann mußte man eben etwas daraus machen. Papyrus-Schriftrollen? Noch einmal: Zwei Killer. zusammengefügt und dann photographiert. daß die Bewohner von Santa Barbara ihre Rasen während der großen Trockenheit 1993 grün gefärbt hatten. eine fliehende Frau. Was für ein Dokument ist das? Noch interessanter war die Frage: Wo befindet es sich? ›Wenn man wirklich etwas erfahren will‹. Es sah aus. an die sich Maloney erinnern konnte. Maloney beugte sich über das Photo. Schriftrollen. Man nehme eine ganz gewöhnliche Geschichte. Auf den ersten Blick schien es sich bei dem Papyrus um ein Einzelblatt zu handeln. ein ermordeter Archäologe. Es sah wie ein Papyrus mit altertümlichen Schriftzeichen aus.

Maloney lief ein Schauer über den Rücken. gefunden am 14. Nach einem schnellen Blick durch 231 . Scharm el Scheich. 99. Golf von Akkaba‹. wird in der Hölle brennen!« Drei Polizisten stürzten sich auf ihn. warfen sie ihn zu Boden. die vom Schauplatz des Verbrechens flieht. Maloney blickte noch einmal auf das Photo. Frage: Durch welchen Zusammenhang kann ich Interesse für das Photo wecken? Steckt hinter dem Mord vielleicht eine Affäre? Ein Verbrechen aus Leidenschaft? War die Mafia dabei im Spiel? Plötzlich tönte eine Stimme durch den Lärm: »Warum wollt ihr nicht auf mich hören? Ich bin der Erlöser!« Der Mann war hager und wirkte verwahrlost. Ein JesusFragment! Seine Gedanken überschlugen sich. hatte lange strähnige Haare und Augen wie Charles Manson.Das Porträt der geflohenen Frau zum Beispiel würde ungefähr eine Woche lang in den U-Bahnhöfen ausgehängt werden und dann verschwinden. und als er sich wehrte. »Das Ende der Welt ist nahe!« rief er. ein geheimnisvolles Jesus-Fragment und eine schöne Frau. 12. Maloney hätte am liebsten laut gejubelt. Er mußte nicht lange darüber nachdenken. »Nur durch mich werdet ihr gerettet werden. Schriftrollen… Hatte dieser Stevenson vielleicht einen sensationellen Fund gemacht? Schnell drehte er das Photo um und sah auf der Rückseite den Vermerk: ›Jesus-Fragment. Blitzschnell rekapitulierte er: Ein ermordeter Archäologe. was er als nächstes zu tun hatte. Wer nicht an mich glaubt.

die Wachstube verschwand das Photo in der Tasche seines Regenmantels. fröhliche Weihnachten. der ihn ansah. Maloney hatte seine Geschichte! 232 . Kurz darauf verließ er lächelnd die Polizeiwache und wünschte jedem.

wir sollten einen Rückzieher machen. was wir heute sind. beweglich zu halten und zu konditionieren.« Miles beendete sein Übungsprogramm in dem privaten Fitneß-Raum neben seinem Büro. Zwölf elektronisch gesteuerte Trainingsmaschinen zum Preis von jeweils siebentausend Dollar waren von Experten darauf abgestimmt worden. Mike Torrez.« Miles hatte die außerplanmäßige Konferenz in der Hauptverwaltung seines Konzerns angesetzt.Albuquerque. Die Behörde hatte an diesem Tag offiziell Einspruch dagegen erhoben. New Mexico »Es gibt große Schwierigkeiten«. Er verließ seinen Platz am Bauchmuskelstimulator und begrüßte die Anwesenden – die Führungskräfte seines 233 . Aber Miles lachte. Dadurch. machte sich Sorgen. »Das kann einen Prozeß zur Folge haben«. sagte Torrez. den Wettbewerb verzerren und früher oder später von den Verbrauchern überhöhte Preise fordern. so erklärte man. »Ich glaube. um die Vorwürfe des Kartellamtes zu diskutieren. daß Dianuba einen weiteren großen Software-Hersteller übernahm. erklärte er mit ernster Miene. Das Übungsprogramm gehörte zum Tagesablauf von Miles. würde Miles Havers den Markt beherrschen. jeden Teil des Körpers zu kräftigen. der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende des Konzerns und Mitglied des aus drei Personen bestehenden Präsidiums von Dianuba. »Was soll bei einer solchen Untersuchung herauskommen? Warum die Leichenbittermiene? Wir sind nicht durch Ängstlichkeit das geworden. In seinem Haus befand sich genau der gleiche Fitneß-Raum.

bedeutete das. Zufrieden mit dem ermutigenden Anblick. das Unternehmen blühte. Ein leerer Parkplatz war ein Indikator für schlechte Geschäfte.und Entwicklungszentrum‹. das gefällt mir nicht. Hier befand sich auch das Dianuba ›Forschungs. aber auch am Sonntag würde kein Platz frei sein. Das Kartellamt wirft mir maßlose Gewinnabsichten vor. »daß für mich die Interessen und Wünsche der Anwender immer an erster Stelle stehen. drehte er sich um und ging zur Saft-Bar. Offen gesagt.Konzerns und den Leiter der Rechtsabteilung. Miles sah auch den großen Parkplatz für die Mitarbeiter. Von seiner Chefetage im dreiundzwanzigsten Stock hatte er einen guten Blick auf die dreißig Gebäude. Der Parkplatz führte Miles jederzeit anschaulich den Erfolg seines Unternehmens vor Augen. meine Herren!« Miles trat ans Fenster und blickte hinaus. Die Dianuba-Aktie war am Vortag um 234 . »Sie alle wissen«. wählte frisch gepreßten Granatapfelsaft und setzte sich an die Tastatur des Computerterminals. sagte er und trocknete sich den Schweiß von Gesicht und Hals. die auf der Bartheke lag. Ein Prozeß ist kostenlose Werbung.und Feiertagen besetzt war. Er tippte eine Nummernkombination. die Behörde bei ihren Untersuchungen rückhaltlos unterstützen und unsere Interessen klar und deutlich vor aller Welt vertreten. und auf dem Monitor erschien der neueste Börsenüberblick. Aus der Vogelperspektive wirkten die grünen Rasenflächen so makellos gepflegt wie in einem Fußballstadion. die Produktion war ausgelastet. Wir werden vor Gericht die Vorwürfe in aller Schärfe zurückweisen. in denen zwölftausendneunhundert Angestellte arbeiteten. wie wir das immer tun. Wenn der Betriebsparkplatz an Sonn. An diesem Samstag war er natürlich voll besetzt.

aber sein innerer Tiger knurrte ungeduldig. Miles lächelte. Mike. Wir werden auch diesmal siegen. aber er wußte aus langer Erfahrung. Sein Mann hatte allerdings nichts Wichtiges zu sagen. Julius Voss. vor anderen zu verbergen.000 Aktien war um einhundertachtundfünfzig Millionen Dollar reicher. das auch ihn erfüllte. Er gab sich keine Mühe. Er wirkte zuversichtlich und schien alles völlig unter Kontrolle zu haben. ›Fuhr zur Arbeit ins Institut. hatte Miles befohlen. Miles mit seinen 79. ›Früher oder später wird die Alexander sich bei ihm melden… entweder sie sich bei ihm oder er sich bei ihr. trat neben Torrez und legte seinem Vize freundschaftlich die Hand auf die Schulter. Miles war attraktiv und zog überall die 235 . Das bedeutete. wann es klüger war zu schweigen. In seinen Geschäftsbereich fiel die weltweite Vermarktung der Dianuba-Produkte. Er stand nur eine Stufe unter dem Aufsichtsratsvorsitzenden und Konzerngründer und war nur Miles persönlich Rechenschaft schuldig. Dann möchte ich wissen. Kurz vor Beginn der Konferenz hatte er einen Anruf aus Malibu erhalten.000. aß dort mit einem Kollegen zu Mittag…‹ ›Lassen Sie ihn nicht aus den Augen‹. einen ersten Bericht über die vierundzwanzigstündige Überwachung von Dr. daß er mit seinem Aussehen zufrieden war. Miles ging weiter und redete dabei zu den Herren am Konferenztisch.zwei Dollar gestiegen. worum es geht und wo sie sich befindet‹ Miles sprach zuversichtliche Worte und flößte der Führungsspitze dasselbe Vertrauen ein. »Alles wird reibungslos verlaufen. Schließlich erreichte er wieder die Bar und betrachtete sich im Spiegel.« Torrez gab keine Antwort.

Auch Zeke machte er bittere Vorwürfe. Für einen cleveren Hacker war das ein Kinderspiel. Wenn Catherine Alexander mit Stevensons Laptop im Internet auf Online ging. Daniel Stevensons Internet Server zu lokalisieren. Er hätte sie im Sinai nicht entkommen lassen dürfen. Teddy hatte in der Tat gute Nachrichten.« Es war Teddy Yamaguchi. Miles freute sich über die Bewunderung. Selbstverständlich erschien sein Name regelmäßig ganz oben auf der Liste der ›am besten gekleideten Männer‹. obwohl es nicht Teddys Schuld war. daß sie die Frau noch nicht gefunden hatten. die ihm alle bei seinem Anblick zollten. Sie haben ein Gespräch auf Ihrem persönlichen Apparat. »Ich muß jetzt nur noch das Internet überwachen und nach jemandem Ausschau halten. Im stillen verwünschte er Teddy Yamaguchi. daß ein anderer von den Schriftrollen erfuhr und sich auf die Jagd danach machte. Warum sollte er sich nicht selbst im Spiegel betrachten dürfen? Sogar der Schweiß auf der Stirn nach den Übungen unterstrich seine ausgezeichnete körperliche Verfassung. hatte Miles sie wieder einmal mit seiner ansteckenden Kraft und seiner visionären Begeisterung überzeugt. sagte Miles. Jeder weitere Tag vergrößerte die Wahrscheinlichkeit. Seit dem Fund des Jesus-Fragments waren fünf Tage vergangen. Havers. Miles warf einen unruhigen Blick auf den Kalender.Blicke auf sich. Als die Herren eine Stunde später das Büro verließen. er besaß Stevensons elektronische Adresse. »Mr. der Stevensons IP-Adresse benutzt. und noch wichtiger. Es war ihm gelungen. Seine Sekretärin meldete sich. würde 236 . »Ich möchte von Ihnen nur eine gute Nachricht hören«. wie Teddy das anstellen würde.« Miles wußte.

Teddy die Verbindung sehen und OmegaNet. was sie im Netz suchte.« 237 . sagte Teddy zuversichtlich. Stevensons Zugangsvermittler. er selbst sei diese Alexander. wo sich die Alexander in diesem Augenblick befand. »Wenn sie sich das nächste Mal ins Netz wagt. Mr. Gleichzeitig konnte er die Verbindung überprüfen und herausfinden. »dann haben wir sie. Havers«. Dann würde Teddy auf seinem Bildschirm sehen. täuschen. der glaubte.

Vielleicht finden wir irgendwo einen Hinweis auf die Familie. die christliche Kirche zu prägen. Ihr Vater war offenbar ein geachteter Einwohner der Stadt. Würde er mich auch dann noch unterstützen. denen man das Priesteramt übertrug. Sie und Garibaldi fuhren auf dem Highway 99. um uns ins Internet einzuwählen«. als sie an dem vermutlich hundertsten geschlossenen Obststand am Straßenrand vorbeikamen. das Symbol der männlichen Macht. Sie blickte ihn verstohlen von der Seite an. sagte Catherine. in der er zu den Menschen gesprochen hat. die sich die katholische Kirche angemaßt hatte. was mehr Licht auf die Rolle der Frauen werfen würde. Aber auf dieser Strecke würde man sie nicht vermuten. Sie wußte. Dort hat man zum ersten Mal die Anhänger der neuen Lehre als ›Christen‹ bezeichnet. der heilige Paulus ist. wenn er wüßte. die dazu beigetragen hatten.« »Stellen Sie sich vor«.Sacramento. daß der Prediger. Catherine fragte sich. »Sabina ist dort geboren worden. Antiochia war die erste Stadt. Garibaldi dachte in den Begriffen der Männer. daß ich den Beweis dafür suche. fügte sie hinzu.« Catherine erwiderte nichts. Kalifornien »Wir werden Daniels Zugangsverbindung benutzen. »es stellt sich heraus. Die Straße war älter und langsamer als die Interstate 5. von dem Sabina spricht. Catherine hatte ihm noch nichts von ihrer Hoffnung gesagt. Er trug immer noch die schwarze Soutane. was Garibaldi zu Frauen sagen würde. weil ein vollbeladener Lkw mit stinkendem Dieselqualm die Luft verpestete. sagte Garibaldi und setzte zum Überholen an. daß die Männer 238 . in den Schriftrollen etwas zu finden. »Zuerst sollten wir Informationen über Antiochia suchen«.

um zu tanken und Essen zu kaufen. Catherine hatte lange in dem ersten Buch gelesen. was sie bisher gelesen hatte. Sie waren seit beinahe zehn Stunden unterwegs. die Versammlungen im Haus von Sabinas Familie abzuhalten. Dann wollte Catherine nach einem heißen Bad und einer vernünftigen Mahlzeit mit der Übersetzung der Schriftrollen fortfahren. Sie hielten ständig Ausschau nach Fahrzeugen. bis sie ein Motel gefunden hatten. außerdem mußte sie vorsichtig sein. Das Lesen während der Fahrt war einfach zu mühsam. In Fresno wechselten sie vorsichtshalber den Leihwagen. aber sie mußte sich gedulden. als Catherine ihm berichtete. sondern einen roten Ford Escort. Immer wieder kreisten ihre Gedanken um den einen Satz: »… daß mir offenbart worden ist. wechselten sich beim Fahren ab und machten nur Pausen.« Sie war neugierig. Es war spät am Nachmittag. ›Vielleicht ist er der Mann. der eine Datierung der Bücher ermöglichte? Würde es wirklich so einfach sein? ›Der heilige Paulus war 40 n. Würde sie im Text einen Hinweis finden.und Sklavenmarkt zu den Menschen reden hört und den sie später einladen. die sie möglicherweise verfolgten. sagte Garibaldi.nicht das Recht haben. damit der empfindliche Papyrus keinen Schaden nahm. wie Sabinas Geschichte weiterging. Aber schließlich hatte sie es aufgegeben. wie und wann der Gerechte zurückkehren wird. sich als Stellvertreter Christi zum Papst wählen zu lassen? Catherine massierte sich den Nacken. Ein so wertvolles Dokument hätte sie normalerweise nur unter Institutsbedingungen angefaßt. den Sabina mit ihrer Mutter auf dem Vieh. als sie bei grauem Himmel das Weinanbaugebiet um Sacramento erreichten. Jetzt fuhren sie nicht mehr den blauen Mustang. Bei den wöchentlichen Lesungen der 239 . in Antiochia‹. Chr.

schließlich war er Priester. Trotzdem 240 . Catherine wußte. Vielleicht wird es nicht so einfach sein. Es liegt an der Soutane. Wie hätte sie eine so dramatische Flucht voraussehen können? Die Bluse konnte sie im Waschbecken waschen. Kleider zum Wechseln mitzunehmen. anderes jedoch nicht. Wenn sie am Steuer saß. Sie hatte während der langen Fahrt immer wieder darüber nachgedacht. das Rätsel der Schriftrollen zu lösen. flüsterte er lautlos seine Gebete. zwei T-Shirts und Khaki-Shorts. sie allein zu lassen und nach Chicago zurückzukehren. sie erinnert mich ständig an Vater McKinney und an Mutters Tod. auch ein Einkaufszentrum zu finden. aber die Wollhose mußte in die Reinigung. das Buch mit den Stundengebeten. die bei diesem Wetter nicht warm genug waren. hoffte sie. Sie brauchte etwas zum Anziehen. hatte Garibaldi einige Male sein Brevier. daß einiges an die Worte von Jesus erinnerte. und zu seinen Pflichten gehörte das ›ständige Gebet‹. weil ihr Nacken und die Schultern immer noch schmerzten.Botschaft und dem Liebesmahl handelt es sich vielleicht um das Evangelium und die Kommunion. Aber Catherine beschäftigten nicht nur das Kleiderproblem und die Schriftrollen. aufgeschlagen und darin gelesen. Während sie an Artischockenfeldern und Kleewiesen vorüberfuhren. daß sie ihm deshalb keinen Vorwurf machen durfte. Sie hatte nur einen Bademantel. und ihr Unbehagen wuchs von Stunde zu Stunde. dachte Catherine. Seine Anwesenheit machte ihr zu schaffen. Nach dem Telefonat mit Danno hatte sie sich nicht die Zeit genommen. dachte Catherine und stöhnte leise. wie sie Garibaldi dazu bringen könnte. Trotzdem verstehe ich nicht alles…‹ Damit wollte Garibaldi sagen. Während sie in der einsetzenden Dämmerung nach einem Motel Ausschau hielt.

Glaubt auch er. die in Richtung Big Sur unterwegs waren. wenn die sündigen Städte wie Sodom und Gomorrha in Flammen aufgehen. was geschieht. Würden sie 241 . Im Autoradio hatten sie gehört. daß die 99 nicht zu den Routen gehörte. daß der Weltuntergang nahe ist? Die Wiederkehr Jesu… War Sabina wirklich dieses Wissen offenbart worden? Wußte sie. wenn wir sterben? ›Und alle die Jahre und Wege… haben mich zu der Antwort geführt‹. Die Menschen verließen ihre Häuser und Wohnungen und fuhren zu den Stellen. waren jedoch ebenfalls unterwegs. Was erwartet Garibaldi von der Jahrtausendwende? dachte Catherine plötzlich. wo sie glaubten. von Erdbeben oder Naturkatastrophen vernichtet werden würden. Catherine lief ein Schauer über den Rücken. Andere. daß zu gewissen Orten der Welt ganze Völkerwanderungen unterwegs waren. daß Jesus inmitten der himmlischen Heerscharen wieder auf die Erde kommen wird? Glaubt er an das Jüngste Gericht und daran. auf denen sich die Menschen zur Jahrtausendwende drängten. Offenbar hatten die kleinen Motels entlang des Highway geschlossen. um den endlosen Wagenkolonnen zu entgehen.fühlte sie sich jedesmal erleichtert. die nicht an die Apokalypse und die düsteren Prophezeiungen glaubten. »Schon wieder ein geschlossenes Motel!« sagte Garibaldi plötzlich. Deshalb hatten sie die Küste verlassen und fuhren ins Landesinnere von Kalifornien. wenn er das Brevier schließlich zuklappte und in die Reisetasche legte. Sie wollten mit Ritualen oder aufwendigen Festen das neue Jahrtausend beginnen. in Sicherheit zu sein. weil ihre Besitzer wußten.

Sie ließen die Weinberge und die reizvolle Landschaft hinter sich und erreichten die dicht besiedelte Gegend um Stockton. und Garibaldis Wunde machte ihm zu schaffen. verschwand Garibaldi mit seiner Tasche im Bad und kam in Jeans und einem Sweatshirt mit dem verblaßten Aufdruck ›Loyola University‹ wieder zurück. daß es auch in diesem Motel nur noch ein Zimmer gab. »Ein Arzt müßte die Wunde behandeln. durch Kieswege miteinander verbundenen Bungalows bestand. bei einem Dew Drop Inn. sondern auch Kopfschmerzen. Catherine betrachtete sich seinen Arm. sich zu orientieren. aber die Wunde sah entzündet aus. Als sie endlich wieder ein grünes Schild mit ›Zimmer frei‹ erreichten. Er hatte auch den Verband von der Wunde entfernt. Als sie in dem Zimmer waren und die Tür abgeschlossen hatten. und er 242 . Beim dritten Versuch. beschlossen Catherine und Garibaldi. Catherine hatte nicht nur einen steifen Rücken. Garibaldi fuhr seufzend auf den Highway zurück. Sie sollten schnellstens nach Chicago fahren«.« Sie legte ihm einen neuen Verband an. Die lange Fahrt setzte ihnen beiden zu. Der Streifschuß war verkrustet. stellte sich heraus. aber sie sahen nur die roten ›Kein Zimmer frei‹-Leuchttafeln der Motels. Es war nur noch ein einziges Zimmer zu haben. Inzwischen war eine sternenlose Nacht angebrochen. Deutete das auf eine Infektion hin? »Ich bin der Meinung. das sehr sauber aussah und aus kleinen. Neonlichter halfen ihnen. den letzten freien Einzimmer-Bungalow zu nehmen. und die Suche ging weiter. sagte sie. aber sie kam kurz darauf wieder zum Wagen zurück. Catherine ging in das Büro.und Garibaldi das Mysterium aller Mysterien entdecken? »Zimmer frei!« rief er plötzlich und fuhr auf den Parkplatz eines größeren Motels.

in Ihrer Pfarrei wird man sich fragen. »Ich habe keine Angehörigen«. Selbstmorde. »ich habe nicht weit von hier ein Restaurant gesehen.« »Vater Garibaldi. Und was ist überhaupt mit Ihren Angehörigen?« Er drehte ihr den Rücken zu und griff nach dem Laptop. Schließen Sie hinter mir ab und lassen Sie niemanden herein. der einfach ein Gebet sprach. exzessive Parties. er griff nach den Wagenschlüsseln. Sie staunte über die sichtliche Spannung. Er hatte sich über die gefalteten Hände gebeugt und den Kopf auf die Arme gelegt. Was hat ihn letzte Nacht so sehr beschäftigt. »Haben Sie etwas über Daniel Stevenson gebracht?« fragte Garibaldi und stellte die weißen Kartons auf den Tisch. wo Sie sind. Sie blickte in seine klaren blauen Augen. daß er am Fenster betete. In den Nachrichten war nichts über Daniel zu erfahren. wie sie mitten in der Nacht aufgewacht war und gesehen hatte.rollte den Hemdsärmel darüber. die ihre Bemerkung ausgelöst hatte. Es war mehr die Geste eines Flehenden gewesen als die eines Priesters. noch nie 243 . die wieder offen und freundlich und nicht mehr so verschlossen und dunkel wirkten wie noch kurz zuvor. »Sollen wir uns eine Pizza bringen lassen und sofort mit der Arbeit anfangen?« fragte er. und erinnerte sich daran. »Der Arm ist in Ordnung. trug Catherine ihren Bademantel. Jetzt saß sie vor dem Fernseher und suchte einen Sender mit Nachrichten. alle Berichte kreisten um die bevorstehende Jahrtausendwende – wachsende Hysterie. Sie hatte geduscht und ihre Sachen im Waschbecken gewaschen. murmelte er. als er leidenschaftlich betete? »Vergessen Sie die Pizza«.« Als er zurückkam.

bekam sie Hunger. waren aus den Nachrichten schon lange nicht mehr wegzudenken. Sie sind Priester und wollen bestimmt bei Ihrer Gemeinde sein. »Ich hatte mir schon Sorgen gemacht. »Sie waren lange weg«. »Wie soll das alles enden?« Die qualvolle Hilflosigkeit machte sich in ihren Worten Luft. »Wann wird das Kämpfen und Töten endlich aufhören?« Sie schaltete den Fernsehapparat aus. Am liebsten hätte sie sich längst auf die Suche von Dannos Mördern gemacht.« »Ich war noch kurz in der katholische Kirche im Ort. Aber im Augenblick mußte sie sich in ihr Schicksal fügen. »Vater Garibaldi«. »In dieser Welt scheint es nur noch Terror und sinnlose Gewalt zu geben«. der apokalyptische Weltuntergang werde ein Kampf zwischen ihnen und der Polizei sein. Sie kämpfte schon den ganzen Tag gegen ihre ohnmächtige Wut an. daß sie unbedingt etwas zum Anziehen brauchte. die seit 1995. sagte sie. Terror-Anschläge und ein Wettlauf des FBI mit Massenvernichtungsdrohungen. nach der Bombenexplosion in Oklahoma. »Die Welt scheint wirklich am Rande des Wahnsinns zu stehen«. Bedrohlicher klangen Meldungen von paramilitärischen Gruppen. Frühlingsrollen und die anderen verführerisch duftenden Gerichte sah.dagewesene Großzügigkeit und Spenden. »Sie sollten nach Chicago zurückkehren. zog den Gürtel des Bademantels enger und dachte wieder daran. sagte Garibaldi und schüttelte den Kopf. die offenbar glaubten. antwortete sie bitter.« Garibaldi suchte in der Tragetüte nach den Eßstäbchen und Servietten. sagte Catherine. denn er hatte ihr das richtige Stichwort gegeben. Als sie den Reis. die Shrimps. die Regierung und die Geheimdienste in Atem hielten. Ein Priester gehört in eine Kirche…« 244 .

daß Jesus seine Botschaft in den drei Jahren vor der Kreuzigung im Jahr 32 oder 33 unserer Zeitrechnung verkündet hat. daß sie Amelia ihre Geschichte als Achtzigjährige erzählt.« »So etwas ist schließlich meine Aufgabe«. »Und Sie glauben. erwiderte er und lächelte sie an. geboren sein. wir sollten vor allem versuchen. Im Text steht. daß die Handschrift aus dem zweiten Jahrhundert stammt?« »Eindeutig.»Deshalb bin ich nicht dorthin gegangen«. Meine Mutter hat viele Jahre damit zugebracht. erwiderte er und reichte ihr die Soja-Sauce. »Danke. Dreimal mußte er den Laptop starten. »Man sagt. Eine Messe für Daniel… Sie zog einen Stuhl heran und setzte sich neben ihn. daß Sie das für Danno getan haben. so ist ein guter Paläograph in der Lage. zum Beispiel die Unabhängigkeitserklärung im Vergleich zu einem Brief von Charles Dickens. sagte sie leise. Pinselstriche. sagte er: »Ich denke. die Schwärzung von Tinte und die Form der Buchstaben zu katalogisieren. »Danke«. Wenn Sabina ihn als Zehnjährige in der Nähe des Toten Meeres hat predigen hören. die Schriftrollen zu datieren. dann muß sie um 20 n. Chr.« »Am Anfang des zweiten Jahrhunderts. Das wäre demnach im Jahr 100 n.« Michael nickte nachdenklich. Tränen traten ihr in die Augen. Chr. »Ich habe den Priester gebeten.« Catherine konnte nicht so schnell essen wie er und saß noch über den reichlichen Portionen. Während sich Garibaldi um den Computer bemühte. für Daniel eine Messe zu lesen.« Catherine sah ihn sprachlos an. Handschriften des Altertums 245 . So wie wir eine Handschrift aus dem achtzehnten von einer aus dem neunzehnten Jahrhundert unterscheiden können.

murmelte Garibaldi. wo sich die Schriftrollen befanden. mich zu finden. »Tut mir leid. »Vater Garibaldi. wer hinter dem Mord steckt! Vater Garibaldi. weshalb das alte DOS vom Markt verschwunden ist«. sind Sie in großer Gefahr.« Garibaldi ließ den Monitor des Computers nicht aus den Augen.« 246 . er hätte herausgefunden.« Garibaldi tippte auf der Tastatur. Das bedeutet. ich wünschte wirklich. während er ungerührt auf der Tastatur Befehle eingab. sie wußten bereits. sagte sie. Die beiden Männer waren nicht in Dannos Wohnung. daß ich erfahren habe. was dort gesprochen wurde?« »So muß es gewesen sein. Ganz zum Schluß hatte ich Danno gesagt. »Auch ich bin inzwischen völlig auf die Maus angewiesen. Das wiederum konnten sie nur durch Abhören herausgefunden haben. Danno hat gesagt. Sie würden auf mich hören«.« Er sah sie an und lächelte entwaffnend. um sich mit uns zu unterhalten. sondern sind in die Wohnung eingedrungen und haben Danno blitzschnell ermordet. »Sie meinen.« Sie lehnte sich zurück und seufzte.genau zu identifizieren und zu datieren. dieser Havers ist entschlossen. Miles Havers weiß. wer hinter mir her ist. während Catherine noch einen Schluck grünen Tee aus dem Plastikbecher trank. aber so einfach werden Sie mich nicht los. und man hat alles mitgehört. Das bedeutet. die Wohnung wurde überwacht. Sie haben keine Fragen gestellt. Verstehen Sie mich?« »Ich verstehe jetzt. Ich habe es mir immer wieder überlegt. »Ihr Leben ist in Gefahr. daß ich die Schriftrollen in der blauen Tasche bei mir habe. Wenn Sie nicht nach Chicago zurückkehren. Zwei Minuten später sind diese Männer aufgetaucht. »Aber mir macht etwas anderes große Sorgen.

Auf dem Highway hatten alle ein Ziel… »So.600 COMPRESSION IP BUFFERS = 32 Auf dem Menü aktivierte sie die ›Anwahl‹-Option und klickte auf ›Login‹. die Dieselmotoren der Lkws dröhnten laut wie Panzer. Sie lauschte unwillkürlich auf die Geräusche der Straße. »Wollen Sie nicht noch etwas essen?« Sie deutete auf zwei Portionen Reis und einen gemischten Salat.»Vater Garibaldi. allein kann ich mich leichter verstecken. »Schließen Sie das Programm. Autos rasten vorbei. sagte sie nach kurzem Schweigen. »Halt!« rief er. Auf dem Bildschirm erschien: USERNAME Sie tippte: dstevens. hin und wieder hämmerten die Bässe eines Autoradios durch die Nacht. Das Trumpet WinsockFenster wurde geöffnet: INTERNAL SLIP DRIVER COM1 BAUD RATE = 57. Dann kam die Aufforderung: PASSWORD Aber als sie zu tippen begann: Maat….« Er gab keine Antwort und tippte weiter. klickte Catherine zweimal auf den TCP-Manager. Er nickte und griff nach seinen Eßstäbchen. und auf dem Bildschirm erschien die Homepage. ich bin satt«. klickte zweimal auf das OmegaNet-Logo. warf Garibaldi plötzlich die Eßstäbchen auf den Tisch und hielt ihr Handgelenk fest. schnell!« 247 . Während Garibaldi geschickt mit den Stäbchen die Reste der Portionen aß.« »Warum?« »Schließen Sie es. Catherine stellte sich vor die Tastatur.

aber morgen früh werden wir als erstes eine neue Zugangsberechtigung kaufen. »Wir sitzen nicht in der Falle. Mein Fehler hätte uns das Leben kosten können. was wir tun. die Verbindung bis hierher zum Motel zurückzuverfolgen!« Catherine schlug mit der Faust auf den Tisch.« Garibaldi nickte. Ich bin müde und kann nicht mehr klar denken. »Daran habe ich überhaupt nicht gedacht. Wir müssen uns alles. dann auf ›Anwahl‹ und klickte auf ›Bye. Natürlich! Jemand wie Havers hat natürlich Hacker. »Havers hat in Daniel Stevensons Wohnung eine Mithöranlage installieren lassen und vermutlich auch sein Telefon angezapft. in dem Daniels Identifikation erscheint.« Catherine schloß den Deckel des Laptop und blickte auf den gelben MicrosoftAufkleber. sagen Sie. Ich sitze in der Falle!« »Immer mit der Ruhe«.Sie klickte auf ›Exit‹.« »Ja. »Wo ist nur mein Verstand geblieben!« rief er kopfschüttelnd. »Kaum zu glauben. flüsterte sie. ganz genau überlegen. »Jetzt ist es zu spät. Er legte sich in Jeans und T-Shirt auf das 248 . und…?« »Würde er nicht auch Daniels Computer in sein Überwachungssystem einbeziehen?« »O mein Gott…«.« Er warf einen Blick auf die Uhr. »Dann sollten wir uns ausruhen. erwiderte Garibaldi. ist er in der Lage. wenn wir ihm einen Schritt voraus sind. In dem Augenblick. und wir müssen schnell sein. Daniel hatte ihn mit einem Schnurrbart versehen und einem fehlenden Zahn. die wie Spinnen das OmegaNet überwachen und nur darauf warten.‹ Auf dem Bildschirm erschien die Meldung: NO CARRIER »Was soll das?« fragte sie verblüfft. aber wir können ihm entwischen. daß ich Online gehe.

dann wußte er im nächsten Moment. ob ›Mike‹ rechtzeitig zum Weihnachtsfest wieder zurück sein werde. Sein inzwischen schon vertrautes Gesicht lag im Dunkel. Michael Garibaldi schlief jetzt. Sie würde heimlich verschwinden und den ersten Bus nehmen. ehe er überhaupt ahnte. mit denen er Basketball spielte.eine Bett. von welcher Telefonnummer sie sich in das Net eingewählt hatte. Catherine hatte den Schreck über ihre Nachlässigkeit noch nicht überwunden. Die Goldkette an seinem Hals glänzte. auch wenn sie es nicht gern tat. Wenn sie das Paßwort eingab. nahm den Notizblock heraus. Ja. Wahrscheinlich fragten die Kinder im Ghetto. Bevor sie mit der Arbeit begann. Das kleine Kreuz hob und senkte sich langsam und regelmäßig mit seinen Atemzügen. bereits ungeduldig. ›Ich habe keine Angehörigen‹. Da er sie offenbar nicht freiwillig allein ließ. Vor dem Essen hatte er sich schnell bekreuzigt. mußte sie ihn verlassen. Catherine dachte an die Wunde an seinem Arm. Sie wußte in diesem Augenblick. Garibaldi hatte recht. Havers ließ das Internet überwachen. Sie legte die Kissen im zweiten Bett aufeinander und schaltete die Leselampe ein. hatte er gesagt. Beim Anlegen des neuen Verbands hatte sie die harten Muskeln gespürt. er war Priester. was sie zu tun hatte. Morgen war Sonntag. Catherine seufzte stumm. ihre vielbenutzte Ausgabe von Strongs Griechisch im Neuen Testament und die gefalteten Papyri. daß sie nicht mehr da 249 . Beinahe wäre alles zu Ende gewesen. und er fühlte sich für sie verantwortlich. In Jeans wirkte er keineswegs so autoritär und bedrohlich wie in der schwarzen Soutane. aber er hatte sie gerettet. schob einen Arm unter den Kopf und den anderen über die Brust. der sie von hier wegbrachte. Catherine öffnete die blaue Tasche. Er würde bestimmt in die Kirche gehen. blickte sie noch einmal auf Garibaldi.

Meine Mutter war Hebamme. das jemand ausgesetzt hatte. Sie ging zum Tempel der Juno. Dort fand sie ein Kind. Sie ließ die arme Frau niesen und flößte ihr Brechmittel ein. griff aus Unwissenheit zu grausamen Methoden. während sie schlief. wo man unerwünschte Neugeborene auf die Tempelstufen legte. die ein Kind bekam. Es war tot. Meine Mutter wickelte das Baby in ein Tuch und eilte damit in die Stadt. sah sie überglücklich ›ihr‹ Kind. Wir brachten das Kind zur Welt. die sie betreute. und die alte Hebamme. Als meine Mutter eintraf. und tauschte es gegen das tote Kind aus. und sie sprachen lange und leise miteinander. Eines Nachts wurden wir zu einer Frau gerufen. Aber Mitgefühl und Verständnis waren damals dringend notwendig. Mein Vater zog sich mit ihm in sein Arbeitszimmer zurück. Sie kehrte mit dem lebenden Baby zurück und legte es der jungen Mutter an die Brust. war die junge Frau in einen erschöpften Schlaf gefallen. Ihr Können hatte sie von ihrer Mutter gelernt. Bevor meine Mutter eine Anhängerin des Weges wurde. und ich lernte es von ihr in dem Sommer. Sie lag bereits seit einem Tag und einer Nacht in den Wehen.war. um die Geburt vielleicht auf diese Weise einzuleiten. daß vor dem Ende der Welt eine lange und schwere Zeit der Verwirrung kommen werde. hätte sie niemals so etwas aus Mitleid getan. Als die Frau erwachte. Am nächsten Tag verbreitete sich in Antiochia die Nachricht von einer großen Niederlage der 250 . Eines Abends erschien ein Mann mit einer Botschaft aus Rom in unserem Haus. denn viele Zeichen wiesen darauf hin. als ich sechzehn wurde.

von den Schwierigkeiten im Reich abzulenken. und wir waren entsetzt. Ein bekannter Heiler wurde gerufen. Man drohte den ungehorsamen Kindern mit den grausamen Barbaren und erzählte ihnen. Und ich glaubte diese Geschichten. Wir sollten nie erfahren. Als sich am Ende der Woche die Gemeinde zur Lesung der Botschaft und zum Liebesmahl in unserem Haus versammelte. Während der Heiler versuchte. war eine angenehme Erscheinung. daß der endlose Krieg gegen Germanien wenig mit dem Schutz der Reichsgrenze zu tun habe. Ich hörte sie reden. daß der Kaiser meinen Vater in das Rheinland schicken wollte. bat meine Mutter die Anwesenden um ihre Gebete und Segenswünsche. die Wilden am Rhein äßen kleine Kinder bei lebendigem Leib. der meinen Vater untersuchte. ausgeraubt und zusammengeschlagen. Er stellte fest. denn eines Abends in den Kalenden des Mai wurde er vor dem Haus überfallen. beteten wir für ihn. daß ihm ein Schlag auf den Kopf das Bewußtsein geraubt hatte. Ich hörte. Sie opferte der Göttin und betete. Meine Mutter gab dem Mann die Erlaubnis. In den nächsten Tagen kamen Freunde meines Vaters in unser Haus. Er hatte schöne Augen und ein scharf 251 . Meine Mutter ging jeden Tag zum Tempel der Vesta. so hieß der Mann. Philos. Schon als kleines Kind hatte ich viele schreckliche Geschichten über die Wilden im kalten Norden gehört. ob mein Vater wirklich in das Rheinland hätte ziehen müssen.kaiserlichen Truppen in Germanien. Alle waren der Ansicht. den Schädel meines Vaters zu öffnen. das Leben meines Vaters zu retten. sondern dem Kaiser nur dazu diene. Vermutlich würde er nicht mehr aus der Ohnmacht erwachen.

Er gehörte zu den Stoikern. aber Philos glaubte. Sein Aufenthalt in Antiochia war nur eine Etappe auf seiner Suche. wenn er nur die Suche danach nicht aufgab. tröstete er mich mit den Worten: ›Seine Zeit war gekommen. in allen Kulturen und bei allen Völkern. Was die Natur auseinandergebrochen hat. stehe unter dem Motto ›cito tuto jucunde‹ – schnell. in Legenden und Mythen werde von diesem Wundertrank gesprochen. Sein eigentlicher Traum war es. was in seinen Kräften stand -. daß am Tag des Weltuntergangs ein Meer die Erde verschlingen wird. Fieber. er habe von einer wundersamen Medizin der Götter gehört. denn er war ein sehr guter Heiler. Aber er sagte auch. sicher. Aber in den Tagen und Nächten. Diese Medizin vertreibe sogar den Tod.geschnittenes Gesicht. Sein Leben. Das Verbrechen an meinem Vater kommentierte er mit den Worten: ›Schlangen beißen keine Schlangen. den Tod zu besiegen. sagte er. er werde das Wundermittel wiederfinden. Angst. Philos stammte aus Griechenland. Unfruchtbarkeit. sein Wissen und seine Tatkraft. Die Zusammensetzung sei vor langer. In allen Städten und Dörfern. die glauben. denn er hatte getan. langer Zeit in Vergessenheit geraten. behutsam. Als mein Vater starb – niemand gab Philos die Schuld daran. Doch einem Menschen widerfährt das größte Unheil durch seine Mitmenschen‹ Philos wollte nicht nur Krankheiten heilen. so erklärte er. dieser Tag sei noch fern und werde nicht zu unseren Lebzeiten kommen. Impotenz. faszinierte mich am meisten. wird wieder zu einer einzigen Masse zusammengefügt. was er sagte. und wir werden im Chaos versinken. Der 252 . Er hielt sich wirklich an sein Motto. Mich beeindruckten seine Ruhe. Er erzählte mir. in denen er meinen Vater behandelte. Er war zehn Jahre älter als ich. die alles heile – Schmerz.

denn meine Mutter sagte immer. Ich wollte ihn unter allen Umständen dazu überreden. daß ich Antiochia und meine Mutter verlassen mußte. Der Gerechte hatte uns gelehrt. Auch mich bekümmerte das. Als ich die tiefe Verzweiflung meiner Mutter sah. weil sie die Botschaft des Gerechten nicht kannten. Und was war mit denen. nachdem seine Aufgabe auf Erden erfüllt ist. und bat ihn. um aller Welt die Botschaft zu bringen. in dem er wohnte. mich mitzunehmen. unser Glaube sei der einzige Weg. Ich war damals achtzehn.‹ Meine Mutter ließ sich von diesen Worten nicht trösten. aber nicht über seinen Tod. daß wir nur durch den Glauben an seine Botschaft den Tod überwinden könnten. Es war das vierte Jahr der Herrschaft des Kaisers… 253 . mein Vater sei viel zu früh gestorben. wenn ein Mensch stirbt. wußte ich. Aber eine Frau kann nicht allein durch die Welt reisen. Am Vorabend der Abreise von Philos ging ich zu ihm in sein Zimmer in dem Gasthaus. denn sie fand. die die Botschaft des Gerechten nie hörten? Wie konnten sie den Weg finden? Damals begriff ich plötzlich den Sinn meines Lebens.größte Segen der Natur ist es. sondern weil er nicht zum Glauben an den Weg des Gerechten gefunden hatte. die ihren Sohn und ihren Mann verloren hatte. um den Tod zu besiegen. Sie war verzweifelt. denn auch sie sah im Tod nur einen natürlichen Schritt auf der Seelenwanderung. die beide ins Nichts sanken.

DER SECHSTE TAG 254 .

hatte sie sich telefonisch nach den Abfahrtszeiten der Busse erkundigt. murmelte sie 255 . um die Schriftrollen in aller Ruhe zu übersetzen… Vor den Zeitungsständern am Straßenrand blieb Catherine plötzlich wie angewurzelt stehen. daß Garibaldi ihr die Wagentür aufhielt. zahlte mit ihrer Kreditkarte. ohne daß er etwas davon ahnte. Sie wollte nichts anderes. Sie seien in der Kirche…«. Unter ihrem Porträt entdeckte sie ein Photo des Jesus-Fragments. nahm den Laptop in der Tragetasche in die eine Hand und faßte mit der anderen kurz an den Jade-Jaguar. Garibaldi war wie erwartet zur Kirche gefahren. Neben ihr hielt mit quietschenden Bremsen ein Wagen. Dezember 1999 Sacramento. was sie tun mußte. ihn könne dasselbe Schicksal ereilen wie Danno. Und sie fürchtete. Kalifornien Catherine sah schon von weitem. sprang sie ohne Zögern hinein. In Kürze würde sie unterwegs nach Seattle sein. aber als sie sah. »Ich dachte. daß am frühen Sonntagmorgen nur wenige Fahrgäste am Busbahnhof warteten. Catherine schlich sich nur ungern heimlich davon. Sie ließ den Taxifahrer direkt gegenüber dem Busbahnhof halten. Der Anhänger ließ sie an Danno denken und erinnerte sie daran. Sie fuhr zusammen. bevor sie die Straße überquerte. 19. als ein paar Tage ungestört sein. aber es blieb ihr keine andere Wahl. hängte sich die blaue Tasche über die Schulter. Sie sah auf der Titelseite der Sonntagszeitung ihr Gesicht. Während er im Bad unter der Dusche stand. Garibaldi wollte sie nicht ihrem Schicksal überlassen.Sonntag.

sie ist weg. und manchmal reagiere ich unüberlegt.« Er deutete auf das Buch. sagte er: »Tut mir leid. Aber als ich auf dem Tisch die Abfahrtszeiten der Busse sah. wenn wir uns trennen.« Er seufzte laut. Dann fliege ich nach Chicago. und als er anhielt. daß ihr Herz heftig schlug. Verzeihen Sie mir. »Ich dachte. Dezember. aber ich glaube. Als sie wieder in ihrem Motelzimmer standen. war ich empört und…« 256 . es ist für uns beide das beste. »Ich hatte mein Brevier vergessen und mußte zurück ins Motel.« »Du meine Güte! Zuerst dachte ich. ich würde einfach sagen: ›Also gut. gehe ich. Vielen Dank für Ihre Hilfe. A. das auf der Ablage neben dem Lenkrad lag. wenn ich die Sache allein zu Ende bringe. Da ich Sie nicht davon überzeugen kann. und ein gefaltetes Blatt Papier fiel heraus. Vater Garibaldi. ohne mich von Ihnen zu verabschieden. Das Porträt auf dem Titelblatt der Zeitung sah ihr sehr ähnlich. griff sie nach dem Brevier und reichte es ihm mit den Worten: »Seite einundfünfzig. »Sie waren nicht mehr da. mich allein weiterfahren zu lassen. Ihnen sei etwas zugestoßen. es sei das beste für uns beide. »Haben Sie wirklich geglaubt. ich bin in großen Schwierigkeiten. Bitte machen Sie mir keine Vorwürfe.‹ Er legte das Blatt zurück in das Buch und räusperte sich. ›Verzeihen Sie mir.« Er bog in den Parkplatz des Motels ein.« Er schlug das Buch auf. der Laptop… alles!« »Tut mir leid«.‹« »Vater Garibaldi. 19. Sie hatte nicht viel geschrieben. Ich bin auch nur ein Mensch. ich hätte Ihnen keine Vorwürfe machen dürfen. und mit Ihnen waren alle Ihre Dinge verschwunden… die blaue Tasche. sagte sie und spürte.mit hochrotem Kopf. C.

»Ist das die Kopie einer Schriftrolle?« »Es ist das Photo. und ich habe über hundert Aufnahmen gemacht! Die beiden Killer haben bestimmt die meisten mitgenommen.»Vater Garibaldi«. Hier steht. sagte Catherine und deutete auf den Text: ›Haben Sie diese Frau gesehen? Jeder. ich habe zum ersten Mal im Leben richtig Angst. Das ist ein Hinweis darauf. der Hinweise über ihre Identität und ihren Aufenthaltsort geben kann. sich bei der Polizei von Santa Barbara unter der Telefonnummer 1-805-897-2300 (Inspektor Shapiro) 257 .« »Die Polizei weiß noch nicht. und er ist ein Milliardär. wird gebeten. »Aber Miles Havers wird nicht in Zusammenhang mit dem Mord gesucht. Ich habe das Fragment nicht behalten. sondern in meinem Zelt im Sinai zurückgelassen. aber doch nicht alle. daß die Polizei mich in Verbindung mit Dannos Ermordung sucht. unterbrach sie ihn. wer ich bin«. bei Dannos Leiche seien ›ein paar‹ Photographien gefunden worden.« Er deutete auf das Photo des Papyrus. das ich gemacht habe. daß Havers nicht alle Photos hat. Sehen Sie sich das Bild an. als ich das Fragment und die erste Seite der ersten Rolle zusammenfügte – Sabinas Brief. Das ist immerhin ein gewisser Vorteil!« Garibaldi legte die Zeitung auf den Tisch und griff nach seiner Reisetasche.« Sie reichte ihm die Zeitung. »Ich bin wirklich in großen Schwierigkeiten. Man hätte mich im Bus erkannt und verhaftet! Mein Gott. Er blickte verblüfft auf das Porträt. das Jesus-Fragment und auf die Schlagzeile: ›VERRÄT DAS JESUS-FRAGMENT DAS GENAUE DATUM DES JÜNGSTEN GERICHTS?‹ »In dem Artikel steht.

Hier steht.« Catherine dachte an Hans Schüller im Institut für Radiologie in Zürich.« Aber als sie begann. Wenn sie eine Rufnummernidentifikation haben. er stammt von ›Associated Press‹. legte sie plötzlich wieder auf.« Garibaldi öffnete die Zimmertür einen Spalt und blickte 258 . Möglicherweise würde er sogar die Polizei benachrichtigen. Aber jetzt waren ihr die Hände gebunden. Sie hatte ihn anrufen wollen. »Was haben Sie vor?« »Ich habe Danno nicht umgebracht. von wo ich anrufe. Catherine setzte sich auf das Bett und griff nach dem Telefon.« »Und das bedeutet«. erwiderte Garibaldi. Garibaldi ging ins Bad. Catherine griff wieder nach der Zeitung.zu melden. ob es ihm bereits möglich gewesen war. Wenn er den Artikel las. Vielleicht erscheint er sogar überall auf der Welt. Auch jede andere Polizeidienststelle nimmt Informationen entgegen‹ »Es ist nur eine Frage der Zeit. ihr zu helfen. die Papyrusprobe vom Sinai zu datieren. sagte Catherine. die Nummer zu wählen. »Ich kann überhaupt nicht telefonieren. »Der Artikel wurde nicht von einem Journalisten in Sacramento geschrieben. legte seine restlichen Dinge in die Reisetasche und zog den Reißverschluß zu. Ich bin keine Mörderin. Ich werde bei der Zeitung hier in Sacramento anrufen und es ihnen sagen. »dieser Artikel mit den beiden Bildern wird von den Zeitungen im ganzen Land übernommen. Sie dachte an Julius und seufzte. er kommt von einer Nachrichtenagentur. murmelte sie. um seine Toilettentasche zu holen. bis einer meiner Bekannten oder Kollegen das Bild sieht«. um zu erfahren. wissen sie. würde er sich vermutlich weigern. das heißt. »Ich kann die Redaktion nicht anrufen«.

« Sie eilten zum Wagen. füllte einen Reisescheck aus und legte ihn unter den Lampenfuß. sagte er: »Wir haben einen Vorteil. Sie heute morgen gesehen zu haben…« »Und die Zimmerrechnung?« Garibaldi stellte die schwarze Reisetasche auf den Tisch. Weder Havers noch die Polizei wissen. Wenn ich die Soutane trage. Wenn die Frau im Büro des Motels die Zeitung liest und sich daran erinnert. nahm seine Brieftasche heraus. gewinnen wir Zeit. um uns in Sicherheit zu bringen. daß der Mann in Ihrer Begleitung ein Priester ist. Als sie wieder auf der Straße waren. und Garibaldi fuhr vorsichtig vom Parkplatz.hinaus. »Auch das wäre erledigt. »Wir müssen hier weg.« 259 . Fahren wir.

Er betrachtete das Bild nachdenklich. als Dr. der Priester war allein. Kalifornien »Ein Priester?« wiederholte Zeke. Das Büro lag direkt hinter der Ausfahrt am Highway 99 zwischen einem Restaurant und einer Tankstelle. »War diese Frau bei ihm?« fragte er und zeigte dem Mann ihr Photo. der versucht hatte. ein katholischer Priester? Sind Sie sicher?« »Aber ja«. beteuerte der Mann. Das Nummernschild 260 . Wollen Sie behaupten. Nein. dann rief er: »He! Das ist doch die Frau in der Zeitung.Fresno. Ich habe niemanden in seiner Begleitung gesehen.« »Können Sie ihn etwas näher beschreiben?« »Ein großer Mann. daß ein Priester bei uns einen Wagen leiht. »Der Mann trug eines dieser langen schwarzen Gewänder. erwiderte der Angestellte in dem Leihwagenbüro. er trug eine Sultane. »Ich kann Ihnen versichern. wirkte sportlich und hatte kurz geschnittene Haare. Das klang sehr nach dem Priester. »Sie meinen. Alexander das Lager im Sinai verließ.« Zeke erinnerte sich. es kommt nicht oft vor. daß ein Priester mit einer Mörderin durch Kalifornien flieht?« Zeke starrte ausdruckslos durch die große Glasscheibe. »Sie meinen eine Soutane?« »Auf jeden Fall war es ein Priester«. Wie heißen die noch? Sultanen… ja. vor der sich der Parkplatz der Leihwagenfirma befand. als er mit seinem Partner vom Highway abgefahren war. Er hatte den blauen Mustang gesehen.« Zeke kniff die Augen zusammen. die Beduinenfrau zu beschützen.

»Wissen Sie zufällig.« Zeke lächelte. »Diese Frau stiehlt geheime Schriftrollen und flieht mit einem Priester! Weiß das die Polizei schon… ich meine.« »Man stelle sich das vor!« sagte der Mann kopfschüttelnd. Es galt zu überlegen. antwortete der Mann und deutete auf den Kartenständer auf der Theke. daß das Unternehmen Niederlassungen in ganz Kalifornien hatte. »Da haben Sie recht. Alexander aus Santa Barbara geflohen war. Der einzige Haken bei der Sache war gewesen. wie weit es bis Sacramento ist. die er dem Mann gab. »Eine der am meisten gekauften – Gold Country. »Warum?« 261 . Dann hat er gefragt. daß sie das Fluchtfahrzeug gegen einen anderen Wagen austauschen würden. Zeke lächelte. Außerdem vermutete er. Und so war er mit seinem Partner hierhergekommen. Nachdem Zeke die Zulassungsnummer überprüft hatte. »Können Sie mir noch etwas sagen?« »Nein. sie zu finden. war es nicht allzu schwer gewesen. von welcher Leihwagenfirma der Mustang stammte. mit dem Dr. wie viele Meilen die Alexander mit ihrem Begleiter an einem Tag hatte zurücklegen können. erwiderte Zeke. Er hat eine Straßenkarte gekauft«. Er war mit sich zufrieden.bestätigte seinen Verdacht. in welche Richtung der Priester gefahren ist?« »Nach Norden. die Sache mit dem Priester?« »Ich glaube nicht«. Schließlich ist der Mann ein Priester und fällt jedem auf. aber es dürfte Ihnen nicht schwerfallen. Es war der Wagen.« Zeke griff in die Hosentasche und zog ein Bündel Dollarscheine heraus. Die Spur dieser Alexander hatte ins Nichts geführt. aber jetzt war er ihr wieder auf den Fersen. herauszufinden.

Er wollte seinem Auftraggeber berichten. als er in den schwarzen Pontiac stieg. Sie fuhren auf die 99 in Richtung Norden. 262 . und der Tag ist noch nicht zu Ende!« Er zählte das Geld und sagte dann: »Erlauben Sie mir eine persönliche Frage… die Narbe in Ihrem Gesicht… woher stammt die? Waren Sie in Vietnam?« »Nach Sacramento«. und schließlich legte er den Hörer auf.»Warum? Können Sie sich vorstellen. daß sie die Spur der Archäologin wiedergefunden hatten und daß sie mit einem Priester auf der Flucht war. sagte Zeke zu seinem Partner. Miles Havers diese neue Information vorzuenthalten. Aber etwas ließ ihn zögern. als ich heute verdienen kann. bevor er sie gefunden hatte. Er lag jetzt mit durchschnittener Kehle hinter der Theke und starrte mit leeren Augen an die Decke. Zeke fand es plötzlich besser. Zeke wollte nicht. und er griff nach dem Autotelefon. Aus demselben Grund hatte er auch den Mann in der Leihwagenfirma zum Schweigen gebracht. was eine Zeitung wie der National Enquirer zum Beispiel für eine solche Geschichte zahlen würde? Ich habe von Ihnen schon mehr bekommen. daß Havers oder die Polizei oder übereifrige Journalisten Catherine Alexander aufspürten. Das Kaninchen gehörte ihm.

legte er Wert darauf. der nicht mißbraucht oder entweiht werden durfte. als es die Natur bereits getan hatte. Er war ein Tempel Gottes. Außer der eigenartigen Nachricht von ›Mrs. die Totenmaske oder eine Statue oder eine Darstellung der Toten vor Augen zu haben. daß Julius zögerte. Jedesmal. »Die Zeitung liegt in Ihrem Büro. es zu zerstören. Als er freundlich nickte. Voss«. sich auf seine Arbeit zu konzentrieren. sagte die Assistentin und lächelte ihn an. der einmal gelebt hatte und die gleiche Behutsamkeit und Achtung verdiente wie jemand. Die Schönheit dieser Königin beruhte nicht mehr auf ihrem Gesicht aus Haut und Knochen. die wie Julius den Sabbat am Vortag gefeiert hatte. Er machte sich Sorgen.Freers Institut. einer Adventistin. denn er hatte eine Totenmaske vor sich. und der Körper eines anderen verlangte von ihm Ehrerbietung. seit Catherine ihn verlassen hatte. Zwei Tage waren vergangen. um nicht zu vergessen. die das Gesicht bedeckte. der gerade erst gestorben war. Trotzdem fiel es ihm ungewöhnlich schwer. Dr. Julius mußte sich daran erinnern. der gerechte Richter…« An diesem ruhigen Sonntagmorgen war Julius allein im Institut – abgesehen von einer Technischen Assistentin. wenn er eine Autopsie an einer Mumie vornahm. fügte sie hinzu: »Ich habe Ihnen auch Kaffee und ein 263 . Meritites‹ auf dem Anrufbeantworter hatte er nichts von ihr gehört. West Los Angeles Das Gesicht war so schön. daß sein Skalpell sie nicht mehr entstellen würde. daß vor ihm auf dem Seziertisch ein Mensch lag. Für Julius war das Leben etwas Heiliges. Bei jedem Schnitt in die brüchige Mumie betete er stumm: »Baruch Dajan haEmet – Gesegnet bist DU.

Tracy war zwanzig. Er schloß das Fenster und sah dabei sein Spiegelbild im Glas. rief er ihr nach. und das Hörnchen rollte über den Fußboden. die ihre Ausgrabung finanzierte…? Der Becher mit Kaffee fiel ihm plötzlich aus der Hand. unterbrach Julius die Arbeit an der Mumie. eine Zeugin hatte gesehen. Tracy«. Er seufzte und drehte dem Fenster den Rücken zu. und Julius hatte den Eindruck. ›JESUS-FRAGMENT GEFUNDEN!‹ Unter der Schlagzeile befand sich das Photo eines Papyrus mit einem griechischen Text. Auch Catherine hatte ihm einmal gesagt. Daniel anzurufen. ein Wissenschaftler mit dichten lockigen Haaren sei irgendwie sexy. Unverständlicherweise schien die junge Technische Assistentin seine schwarzen Haare und den Bart attraktiv zu finden. Graue Dunstschleier tanzten über den Wellen. daß sie ihn anhimmelte. seinen Augen nicht trauen zu können. Er überflog schnell den Artikel. »Bitte sagen Sie den Leuten vom Wachdienst. Vielleicht sollte er noch einmal versuchen. erwiderte er.Hörnchen gebracht. daß ich noch hier bin«. »In der letzten Woche haben sie mich eingeschlossen!« Als Tracys Schritte in dem langen Gang verhallten. Ich bin den Rest des Tages nicht mehr da. wie eine Frau aus der Wohnung des Archäologen rannte. Durch die offenen Fenster drang frische salzige Meeresluft herein. Daneben… Julius glaubte. Daniel Stevenson war ermordet worden. Oder sollte er sich bei der Stiftung nach ihr erkundigen. Ich muß Weihnachtseinkäufe machen!« »Danke. Er streifte die Gummihandschuhe ab und ging in sein Büro. Es würde Nebel geben. Aber offenbar reichte das Catherine nicht. ›Kennen Sie diese Frau?‹ stand unter Catherines Porträt. um ihn zu heiraten. um zu hören. Julius 264 . ob er etwas von Catherine wußte.

ohne den weißen Wagen zu bemerken. Nach Aussagen von Zeugen gelang es der Frau. Eine falsche Verbindung. Cathy. 265 . Die Telefonnummer des Instituts unterschied sich nur in der letzten Zahl vom Kinocenter in der Pico Street. warum bin ich nicht bei dir geblieben? Warum war ich nur so überheblich und anmaßend? Der Mord war in Santa Barbara geschehen. er mußte auf der Stelle zur Polizei gehen. dem scharfen Intellekt und den funkelnden grünen Augen. Das Bild zeigte eindeutig sie. stand in dem Artikel. Kurz darauf klingelte es wieder.sank auf den Stuhl. Der Polizeizeichner hatte nichts von ihrem Wesen wiedergegeben. denn er bekam plötzlich weiche Knie. Was für ein Mann war das? Hatte er Daniel ermordet? Hatte er Catherine entführt? War ihr Leben in Gefahr? War sie womöglich bereits tot? Mein Gott. Inzwischen konnte Catherine überall sein. was er wußte. Fassungslos las er den Artikel noch einmal Wort für Wort und hörte dabei nicht. Er mußte den Beamten erklären. Aber das war vor zwei Tagen. Catherine zu finden. Catherine! Aber der Anrufer wollte nur die Anfangszeiten der Kinos wissen. daß sein Telefon klingelte. Julius legte auf und starrte auf das Porträt. mit einem Mann in einem Auto zu fliehen. Er hatte keine andere Wahl. Aber so sah sie aus. warum habe ich das alles nicht verhindert? Das Telefon hörte auf zu klingeln. Cathy. Sie ist mit einem unbekannten Mann davongefahren… Julius sprang auf. und ihnen über die Hintergründe alles sagen. Julius blickte wie gebannt auf den Apparat. der am Straßenrand stand und ihm folgte. wer diese Frau war. Er mußte der Polizei helfen. Fünf Minuten später fuhr er vom Parkplatz.

die Kirche vor Häretikern und Teufelsanbetern zu schützen. das Porträt einer Frau und die Photographie des JesusFragments mit dem beunruhigenden Inhalt waren der Anlaß für die außerplanmäßige und dringende Audienz beim Papst. Aber die Schlagzeile. unbekannte Wege beschritt und sich im Labyrinth seiner Innenwelt verirrte. dem Strom seiner Gedanken Einhalt zu gebieten. die sich dort drängten. Wenn man will. wo die Wachen nur mit Mühe die Menschen unter Kontrolle halten konnten. Man hat uns beschimpft. kann man den Namen als Domini Cane lesen. Er überließ sich abstrakten Erörterungen oder Erinnerungen. war der Zeitungsartikel vergessen. Auch von hier hatte man einen Blick auf den Petersplatz. So heißen wir nach dem Ordensgründer. das stimmt. das wurde ihm plötzlich bewußt. während er vor dem Arbeitszimmer des Papstes im apostolischen Palast auf und ab ging. Rom Die Wachhunde Gottes… ja. verselbständigten sich seine Gedanken immer öfter. anstatt sich auf die Alltagspflichten zu konzentrieren. Die Angelegenheit mit dem geheimnisvollen 266 . Wir haben doch nur versucht. dem heiligen Dominic. Während er sich den unberechenbaren Windungen seiner Gedanken überließ. In letzter Zeit. Aber warum haßt man uns so? Pierre Lefevre führte stumme Selbstgespräche. Ein Wortspiel mit dem Namen unseres Ordens – Dominikaner.Der Vatikan. und das heißt: die Wachhunde Gottes. Der Kardinal fühlte sich angegriffen und rechtfertigte sich stumm. So nennt man uns. anstatt uns Beifall zu zollen… Lefevre zwang sich.

die um eine Audienz nachgesucht hatten.Fund auf der Sinaihalbinsel. und die Schwester in Weiß arbeitete im Gesundheitsdienst des Vatikans. Die hagere Gestalt warf lange Schatten auf die alten Möbel und kostbaren Gemälde. das wußte Lefevre. daß man ihm seine Sorgen ansah. saßen auf den mit rotem Brokat bezogenen Sesseln oder gingen unruhig auf und ab. Der alte Kardinal richtete sich auf. Er 267 . die ebenfalls darauf warteten. Die Besucher waren fast ausschließlich Männer. der sich angeregt mit dem Präfekten der Heiligen Kongregation für katholische Erziehung unterhielt. Hin und wieder erschien auch eine Delegation. um eine Bittschrift zu übergeben. Auch Besucher in dunklen Anzügen. Er wollte auf jeden Fall verhindern. aber Seine Heiligkeit machte den Frauen niemals falsche Hoffnungen. kamen mit Sorgen zu seiner Heiligkeit. der nachdenklich eine alte römische Büste betrachtete und ein Manuskript unter dem Arm trug. Er war mit seinen fünfundsiebzig Jahren noch immer groß und im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte. Der Mönch in der braunen Kutte. dem Präfekten des päpstlichen Haushalts. Kardinal Lefevre nahm seinen Gang durch das Vorzimmer wieder auf. Freundlich lächelnd sah er die anderen an. nahm eine unvorhergesehene und gefährliche Wendung. kam zweifellos von der Libreria Editrice Vaticana. Die Nonne in der grauen Tracht. Unter dem Caravaggio stand Vater Bailey vom Vatikansender. Aber alle Anwesenden. kam wegen ihrer Missionsstation in Angola. der ihn in Alarmbereitschaft versetzt hatte. Frauen die Priesterweihe zu gestatten. den Papst zu sehen. in der man Seiner Heiligkeit nahelegte. den die Jesuiten betrieben. dem Verlag des Vatikans. Kardinal Lefevre nickte Bischof Monduzzi zu. katholische Laien aus verschiedenen Ländern. Nur wenige Frauen baten um eine Audienz beim Papst.

268 . Der Kardinal richtete sich noch einmal energisch auf und konzentrierte sich ganz auf seine Aufgabe. Papa… Es wäre schön.war schon immer einen Kopf größer als seine Mitmenschen gewesen. weil sie die Kirche verteidigten. Die Zeichen deuten auf Gefahr. sagte der junge Mann und führte ihn zur Tür. Hatte er die geliebten Eltern tatsächlich vor einem halben Jahrhundert beerdigt? »Eminenz?« Lefevre kniff die Augen zusammen und sah den jungen Priester an. um sich von nostalgischen Erinnerungen ablenken zu lassen. »Seine Heiligkeit lassen bitten«. Lautlos fiel die Tür hinter ihm zu. daß… Unmöglich! Die Zeit verging wie im Flug. der ihn offenbar angesprochen hatte. Die Angelegenheit war zu wichtig. Wachhunde Gottes! So hatte man vor einigen hundert Jahren die Dominikaner bezeichnet. Es ist wieder soweit. Papa wiederzusehen. ›Du bist für Paraden wie geschaffen!‹ pflegte sein Vater im Scherz zu sagen. Ein langer Weg schien ihn von den Tagen der Kindheit in dem kleinen Dorf in der Provence zu trennen. Die Kirche muß geschützt werden. Wie viele Jahre war es eigentlich her. Möglicherweise steht uns der letzte und entscheidende Kampf bevor. Lefevre lächelte bei der Erinnerung.

Goshen. Kalifornien »Ich hoffe. wo 269 . Manche schienen bereits bei der leisesten Berührung zu reißen. damit sie die Rolle glatt ausbreiten konnte. Garibaldi hatte ihr den Tisch überlassen. eine starke Lupe und Pinzetten. wie heißt er? Catherine kamen vor Enttäuschung beinahe die Tränen. wird er damit bald das Konto Ihrer Zugangsgenehmigung finden. Sie hatte diese notwendigen Dinge bei einem kurzen Einkauf in einem billigen Einkaufscenter am Stadtrand erstanden. Sie konnte nur hoffen. Der erste war von Anfang bis Ende übersetzt und lag in der Pappschachtel. Die Faltstellen der zweiten Schriftrolle erwiesen sich jedoch als weniger haltbar als die der ersten. um die winzigen abgelösten Fragmente behutsam wie ein Puzzle zusammenfügen zu können. sagte Garibaldi und tippte auf der Tastatur des Laptop eine Telefonnummer. Wenn Havers die Nummer Ihrer Kreditkarte hat. An dieser Stelle war ein Stück Papyrus abgebrochen und für immer verloren. »müssen wir schnell sein. daß es klappt«. Der Laptop stand auf einem Stuhl. »Sobald wir uns ins Netz eingewählt haben«. Aber Catherine hätte eine bessere Beleuchtung gebraucht. Catherine fehlten in diesem Augenblick ein richtiger Arbeitsplatz und die notwendigen Instrumente. und er saß auf dem Bett. in der ihre neuen Jeans und die Bluse verpackt gewesen waren. Aber um zu erfahren. ›Das war im vierten Jahr der Herrschaft des Kaisers…‹ Verdammt. Catherine saß am Tisch und entfaltete behutsam den zweiten Papyrus. daß Sabina diesen römischen Kaiser noch einmal erwähnte. sagte Garibaldi und blickte auf den Monitor.

… Während Catherine mit angehaltenem Atem den spröden Papyrus auseinanderfaltete und immer wieder verzweifelt feststellte. waren für ihre Zwecke nicht geeignet. Schließlich fanden sie in einer kleinen Stadt am Fuß der Sierras ein geeignetes Motel.« Sie befanden sich nicht in Orange County. Hatten die Behörden die Arbeiten unterbunden? Wurde womöglich in der Nähe wieder gesprengt? War Hungerford ersetzt worden und der Hotelneubau ging zielstrebig voran? Oder hatten ägyptische Archäologen damit begonnen. muß er das Zugangssystem knacken. Mirjam. Nachdem sie Sacramento verlassen hatten. Sie hatten es zuerst mit Garibaldis Karte versucht. Ein Internet-Konto konnte man nur mit einer Kreditkarte eröffnen. Catherine mußte lächeln. den Brunnen freizulegen und das Skelett zu bergen? »Ich habe noch keinen Zugang«. Deshalb habe ich einen Server in Orange County gewählt.Sie sich aufhalten. waren sie nach Süden gefahren. dachte sie an ihre Ausgrabung. aber festgestellt. Das wird ihn auf die falsche Spur setzen. Die ersten. denn ›Goshen‹ lag nach den Worten der Bibel an dem Weg. murmelte Garibaldi. LinkNet lehnte die Karte ab. an denen sie vorüberkamen. wie er die Nummer erneut anwählen ließ. die Prophetin. der mit der Vorwahl ›9‹ eine Verbindung herstellte. Deshalb 270 . auf dem Mirjam und Moses ihr Volk aus Ägypten herausgeführt hatten. Beim Sonnenuntergang hielten sie Ausschau nach einem Motel. daß die Ränder abbrachen und sich manche Bruchstücke sofort in Staub auflösten. denn sie hatten Telefonanlagen. Aus Vorsicht wählten sie kleine Landstraßen. Die Stadt hieß ›Goshen Junction‹. Für das LaptopModem benötigten sie jedoch einen direkten Anschluß. daß er sein Limit überschritten hatte. die durch Farmland führten. und Catherine hörte.

Ich hoffe. Dabei trug er wie immer seine Soutane. murmelte sie. Zwischen Catherines Fingern zerbröckelte wieder ein winziges Papyrusstückchen. um am nächsten Tag ab zwölf Uhr mittags den Zugang zu bekommen. das steht nicht nur auf dem Papier!« Er hatte sich um verschiedene Server bemüht. Garibaldi hob den Kopf. »Dabei werben sie damit. ja selbst im Einkaufszentrum hatten sie sich die Zeitungen angesehen – die lokalen. die Los Angeles Times und sogar die San Diego Union.benutzten sie Catherines Karte. »Noch immer nicht«. Der Wettlauf hatte eine neue Dimension angenommen. Garibaldi regelte den Ton herunter. sagte er kopfschüttelnd und ließ das Modem neu wählen. daß LinkNet in Orange County die Verbindung freischaltete. während er darauf wartete. »Verdammt…«. wie zum Beispiel LinkNet. Catherine blieb im Auto sitzen. In allen Ausgaben entdeckten sie Catherines Porträt. daß der Zugang innerhalb von zwei Stunden nach dem Kauf aktiviert wird. sei es um zu tanken oder um etwas zu essen. In der Praxis schien das allerdings nicht immer zu funktionieren. das außer Sichtweite stand. um die Nachrichten zu sehen. Im Motel hatten sie sofort den Fernseher eingeschaltet. Ab jetzt mußten sie schneller als ihr Verfolger sein. auch wenn sie wußten. die Sacramento Bee. Nur wenige. Garibaldi hatte an der Rezeption die Formalitäten erledigt. daß Havers jeden Vorgang auf dem Kreditkartenkonto ›sah‹. nutzten die Ungeduld vieler Anwender und boten einen schnellen Zugang. aber auch die Fresno Bee. und man mußte vor fünf Uhr nachmittags kaufen. Die meisten boten ihren Service nicht an Sonntagen an. Bei jedem Aufenthalt. »Ist alles in Ordnung?« »Für die Schriftrollen ist diese Flucht eine Katastrophe! 271 .

daß er Priester war. Ich hoffe nur. die er ebenfalls bei ihrem Einkauf erstanden hatte. aber in Jeans und Hemd wurde er auf einmal nur ein Mann. »Versuchen Sie es noch einmal«. Das brachte sie wie schon mehrmals innerlich aus dem Gleichgewicht. Er trug ein neues Leinenhemd und neue Jeans. daß ich bisher nur ein einziges Mal vor einer ähnlichen Herausforderung stand. sagte sie schnell und deutete auf den Computer. Mit der Soutane hatte sie wenigstens dieses Problem nicht. Sie blickte zu ihm auf. wenn es nicht funktioniert?« »Wir werden uns etwas einfallen lassen. wenn sie zu Staub zerfallen!« Er stand hinter ihr und lächelte. wenn ich sie bis zum nächsten Morgen dort schmoren lassen würde. Die Soutane erinnerte sie ständig – leider auf bedrohliche Weise – daran. noch dazu ein gutaussehender Mann. Ich muß allerdings gestehen. Während sie auf das Wählgeräusch des Modems lauschten.Man muß sie unbedingt an einen sicheren Ort bringen. Ich mußte die Zahlenkombination des Schlosses herausfinden. fragte er aufrichtig besorgt: »Wie geht es Ihnen wirklich?« Catherine rieb sich die Augen. als sich nämlich Schwester Agnes versehentlich in die Kammer mit den Sportgeräten eingeschlossen hatte.« Da sie schwieg. es ist nicht meine Schuld. fragte Catherine: »Und was ist. Er setzte sich auf das Bett und tippte die Telefonnummer. und plötzlich stieg ihr der Duft seines Rasierwassers in die Nase. wo sie unter Glas liegen und die Luftfeuchtigkeit ständig überwacht wird. »Ich bin einfach übermüdet. Ich müßte unbedingt ein paar Stunden 272 . während Vater Murphy neben mir stand und mir zehn Dollar versprach.

hörte Catherine vom Parkplatz ›O du Fröhliche…‹ »Kaum zu glauben«. verzichtete er auf eine Erklärung.« Garibaldi stand auf und fragte: »Wollen Sie es wirklich tun?« Mit einem Blick auf die Zeitung und ihrem Bild auf dem Titelblatt erwiderte sie: »Mir bleibt keine andere Wahl. ich wollte mir die Haare schon lange kürzer schneiden lassen. mit der Übersetzung später weiterzumachen.« »Soll ich sie nur kürzen?« »Sagen wir bis zum Nacken. sagte er und nahm ihr die Schere aus der Hand. als Catherine auf dem Stuhl saß.« Sie beschloß. und da Catherine ihm keine weiteren Fragen stellte.« »Welche?« Er zögerte und sagte dann: »Pangamot…« Garibaldi schwieg. »Kurz.« Als er die erste Haarsträhne abschnitt. Sie hatte eine Schere in der Hand und sagte: »Wir sollten das so schnell wie möglich hinter uns bringen. ist das Ergebnis bestimmt eine Katastrophe. »Kurz geschnittene Haare sind gerade nicht Mode. Die Haare waren klatschnaß. aber nicht so kurz wie Ihre Haare.« »Ich schneide Haare immer nur mit Hilfe einer Suppenschüssel«. »Wie kurz soll es werden?« fragte er. aber bei mir hat das praktische Gründe. und ging ins Bad.schlafen. nicht auf die Haare zu 273 .« »Verstehe…« Er lachte. murmelte sie und zwang sich. Nachdenklich blickte er auf die langen kastanienbraunen Haare und fragte: »Soll ich sie wirklich abschneiden?« »Keine Angst. Kurz darauf erschien sie mit einem Handtuch um die Schultern. Werden Sie mir helfen? Wenn ich es selbst mache.

wäre ich nicht mehr dort gewesen. Es war ihr noch nie aufgefallen. Und die Hochzeit… mein Gott. aber ihn hatte sie verloren. Nichts von all dem wäre geschehen. die Sie brauchen.« »Mit etwas Glück und Ausdauer«. um die Haare gleichmäßig schneiden zu können. ihm ein Weihnachtsgeschenk zu kaufen. Gibt es wirklich so wenige Menschen. Gab es für ihn Freunde? Hatte ein Priester überhaupt Freunde. die mir nahestehen? Garibaldi hatte gesagt. »Waren Sie einmal während der Weihnachtszeit in Jerusalem? Selbst eine Ratte bekäme 274 . im Internet. daß ich die Grabungen unterbreche. »In fünf Tagen ist Weihnachten. Und Freunde? Julius war ein Freund und Danno. er habe keine Familie. Ich möchte wenigstens mit ihm reden. »Wann wollen Sie heiraten?« »Wir sind nicht offiziell verlobt. »finden wir alle Antworten. Wieder landete eine Strähne im Papierkorb. Wenn ich auf ihn gehört hätte.« »Julius ist Ihr Verlobter?« Schnipp. daß Haareschneiden etwas so Intimes sein konnte.« Familie und Freunde… Ich habe keine Familie. nicht einmal entfernte Verwandte. sagte Garibaldi und bewegte sich etwas zur Seite. die im Papierkorb landeten. ich würde ihn so gerne anrufen. seine Hände. als Hungerford die Sprengung anordnete. wirkliche Freunde? »Sie waren in Israel«. »Ich hatte nicht einmal Zeit. und Danno würde noch leben. sagte sie leise und spürte immer deutlicher seine Nähe. als Sie es jetzt für möglich halten. Schnipp. »Warum sind Sie vor Weihnachten abgereist?« Er lachte.« Sie legte die Hand auf den Jadeanhänger.achten. Julius wollte. um mit ihm die Feiertage zu verbringen. Dann sind Sie schneller wieder bei Ihrer Familie und Ihren Freunden.

« »Natürlich nicht. ich bin Priester. wenn wir zugeben würden. und zuckte bei jedem zufälligen Kontakt mit ihrer Haut zusammen. daß sie in biblischen Zeiten gleichberechtigt waren?« Das Gefühl der Intimität wurde noch stärker. Ich glaube. Das Buch Numeri. denn darum hatte sie ihn 275 . Ich habe fünf Stunden gebraucht. Sie spürte seinen Atem im Nacken. aber meine Theorie ist bei den Bibelforschern nicht sehr beliebt. Und dieses Jahr war alles noch schlimmer.« Er nickte. sich mit ihrer Rolle abzufinden. »Die Weite der Wüste… Was haben Sie eigentlich im Sinai gesucht? Der Besitzer des Hotels Isis sagte etwas vom Zug der Israeliten durch die Wüste. Kapitel zwölf. Wie sollten wir die Frauen davon überzeugen.« »Dann sind Sie also in die Weite des Sinai geflohen?« Er schwieg und hörte auf zu schneiden. daß auch er solche Empfindungen hatte. Seine Nähe schien von ihr Besitz zu ergreifen. nur ihre Haare zu berühren.« Sie fragte überrascht: »Sie kennen die Geschichte?« »Nun ja. um auch nur die halbe Länge der Via Dolorosa zurückzulegen. Ein Blick in den Papierkorb ließ sie schaudern. Ich kenne die Worte der Bibel: ›Hat etwa der Herr nur durch Moses gesprochen? Hat er nicht auch durch uns gesprochen?‹« »Richtig. Mirjam war zusammen mit Moses eine Anführerin der Israeliten. aber sie konnte ihm keinen Vorwurf machen. Er schnitt wirklich sehr viel Haar ab. »Ja«. »Die Prophetin.dort Platzangst. Sie spürte seine Berührung nicht nur am Kopf und im Nacken. Sie wußte. Er bemühte sich auffällig darum. Es gab im Hotel kein einziges freies Zimmer mehr. erwiderte er nachdenklich und schnitt weiter.« »Ich suche Mirjam.

daß sie vor Verlegenheit rot wurde. Er hob die Augenbrauen. »So. »Ein Pony? Sind Sie sicher?« Der Einfall überraschte sie selbst. »Fertig!« verkündete er schließlich. und das rief bei ihr ein seltsames Gefühl von Nacktheit hervor.« 276 . Seine Knie berührten ihre Beine. Der Nacken lag völlig frei. bitte. Der neue Haarschnitt schien sie beunruhigend verwundbar zu machen. Catherine trat vor den Spiegel. Der Gürtel seiner Jeans war direkt vor ihrem Gesicht. man soll achtundvierzig Stunden vor dem Färben einen Allergietest machen. Plötzlich wußte sie. Er tat es schnell und mit sichtlichem Unbehagen. Sie waren sehr kurz.« »Dazu habe ich keine Zeit. weshalb sie ihn aufgefordert hatte. denn die Idee war ihr spontan gekommen. und Catherine spürte. Er hielt inne.« Als Garibaldi vor ihr stand.« Sie wollte aus der Tragetasche die Tönung holen. Sie schloß die Augen und überließ sich dem Gefühl seiner Hand über den Lidern. »Ist es so in Ordnung?« fragte er schließlich und trat einen Schritt zurück. Sie trug die Haare immer lang. holte Catherine tief Luft. um sein Werk zu begutachten. aber Garibaldi kam ihr zuvor und reichte ihr die Packung ›Ultra Weißblonde »Hier steht. die Haare nach vorne kämmte und eine Hand über ihre Augen hielt. kämmte die Haare noch einmal nach vorne und löste eine Strähne hinter dem linken Ohr. »Wie wäre es mit einem Pony?« fragte sie schließlich. »Ja. Catherine betastete die Haare. und es klang erleichtert. Es war wie eine flüchtige Liebkosung. ihr einen Pony zu schneiden. jetzt kommt der nächste Schritt. Schließlich wollte sie dem Zeitungsporträt so wenig ähnlich sehen wie möglich.gebeten.

daß Garibaldi sie nicht nur auf der Verstandesebene beeinflußte. und massierte sie dann in die Haare. Sie ging ins Zimmer und setzte sich an den Computer. Sie mußte sich in diesem Augenblick eingestehen. Als die Meldung: BENUTZER 277 . ob Blondinen wirklich mehr Spaß im Leben haben. daß ihre Wangen immer noch glühten. In der Gebrauchsanweisung stand. Außerdem gibt mir das endlich einmal die Möglichkeit herauszufinden. die er im Gepäck hatte. Im Spiegel sah sie hinter sich die lackierten Stöcke.« Er nickte und ging zur Tür.Er sah sie kopfschüttelnd an. Als sie die Plastikhandschuhe anzog. Der Geruch von Ammoniak verbreitete sich im Bad. »Wollen Sie das wirklich tun?« »Ich muß mein Aussehen drastisch verändern. zum Haarefärben brauche ich Ihre Hilfe nicht.« Catherine verschwand im Bad. tippte die Zahlenfolge. Der Gedanke an seinen Körper in ihrer Nähe. um die Flüssigkeiten zu mischen. das Geräusch der Schere und das Gefühl seiner Kraft stellte sich wieder ein. Im Spiegel sah sie verblüfft. Wer ist er wirklich? Was für eine Vergangenheit hat er? Aus welcher Familie kommt er? Warum ist er Priester geworden? Als die Flüssigkeit auf dem Kopf gleichmäßig verteilt war. daß das Gel fünfundvierzig Minuten einwirken mußte. und ihre Augen begannen zu brennen. zog sie eine Plastikhaube über die Haare. Sie nahm die Verschlußkappe der Flasche ab und füllte das Farbgel in die Flasche mit dem Entwickler. und das Modem wählte. erinnerte sie sich an das Gefühl von Garibaldis Fingern in ihrem Nacken. Aber keine Angst. Sie schüttelte die Flasche. »Dann gehe ich inzwischen eine Abendzeitung kaufen.

das sie sich ausgedacht hatten. das Paßwort. Es ist ein Kampf um 278 . »Was suche ich als erstes? Antiochia?« Ihr Blick fiel auf die lackierten Stöcke. der Zugang war noch nicht aktiviert. Sie klickte auf ›Search Large Data Base‹. Sie wählte einen kürzlich im Soldier of Fortune erschienenen Artikel und las: ›Für den Pangamot-Kämpfer ist Selbstverteidigung passiv. Der Cursor blinkte auf: SUCHBEGRIFF. Das Konto war schon seit über zwei Stunden eröffnet. Inzwischen hätte der Zugang freigeschaltet sein müssen. Dann kam ein neues Geräusch.erschien. »Okay«. Kurz darauf erschien die Meldung: UNGÜLTIGES PASSWORT. Es klang wie das Öffnen einer rostigen Tür – der Computer machte seinen ›Handshake‹. tippte sie ›Phantom‹. Das Such-Menü erschien. Bei welcher Datenbank sollte sie die Suche beginnen? Bei Lycos. Sie lachte und flüsterte: »Wir haben die Zugangsberechtigung!« Sie klickte auf ›NetScape‹ und danach auf ›NetSearch‹. Wie hieß dieser Kampfsport? Pangamot! Sie tippte das Wort und drückte dann auf Eingabe. Carnegie-Mellon Universität. Das bedeutete. Pangamot ist aggressiv. beschloß sie. UNGÜLTIGES PASSWORT. murmelte Catherine. hörte das Modem wählen und den Signalton… Sie wartete mit angehaltenem Atem. Lycos meldete ihr neunundzwanzig Einträge. Catherine ließ das Modem noch einmal wählen und gab das Paßwort ein. Was mochte der Grund für die Verzögerung sein? Sie tippte noch einmal die Zahlenfolge.

‹ Ein Textverweis öffnete ihr die Netz-Seite über den philippinischen Kampfsport.Leben oder Tod. daß die Tür aufging und Garibaldi wieder zurück war. »Ich hätte die Frage nicht stellen sollen. Der Sieger erhält als Preis keine Siegestrophäe. »Nein. aber wie unter einem Zwang fragte sie: »Warum lassen Sie sich die Haare so kurz schneiden? Sagen Sie es mir!« »Zu den Techniken beim Pangamot gehört es. Plötzlich stand er hinter ihr und sagte: »Sie hätten mich fragen können.« »Nein. Sie hörte nicht. Sie setzen auf Gewalt. Es gibt keine Regeln.« Er deutete auf den Bildschirm. den Gegner bei den Haaren zu packen und ihn…« Sie starrte auf den Boden. wie Garibaldi sie benutzte. hatte sie sagen wollen. Dort befanden sich Zeichnungen von Kampfstellungen mit den gleichen lackierten Stöcken.« Sie sah ihn an. daß Sie die Gewalt Ihres Gegners unter Kontrolle halten?« Er schüttelte den Kopf. was Sie wissen wollen. Widerwillig. sondern nur sein Leben. Pangamot sei eine Art Selbstverteidigung. Sie wurden eindeutig als todbringende Waffe eingesetzt.« »Warum sind Sie so schockiert?« »Ich hasse Gewalt in jeder Form.« Catherine sah ihn nicht an. Ich kann 279 . »Ich hätte alles beantwortet. meine eigene. »Sie haben gesagt.« Ihr wurde plötzlich kalt. ich übe Kontrolle über die Gewalt aus. »Wollen Sie damit sagen.« »Es ist ein aggressiver Kampfsport. und…« »Und?« Und Sie sind Priester.« »Das habe ich nicht gesagt.

Als er nichts erwiderte. wann sie geschrieben wurden.« Catherine blickte stumm auf die langen. Sabina sagt. sagte sie.nicht gutheißen. »Wir müssen herausfinden. »Ich werde die Suche beginnen. Womit soll ich anfangen?« Sie überlegte. stand sie auf und murmelte: »Tut mir leid. »Hier. Diakon. die Nachricht von der Niederlage der römischen Legionen in Germanien löste großen Schrecken aus…« Ihr Blick fiel auf die Schlagzeile der Abendzeitung. ich möchte wirklich nicht mehr darüber reden. drehte sich um. Er musterte sie.« Er stellte die Stöcke an die Wand. »Suchen Sie nach ›König Tymbos‹. wenn Sie sie in die Hand nehmen. Ich muß ins Bad und die Haare ausspülen. der Weg. Er streckte sie aus. 280 . Vielleicht können Sie Ihre Angst besser überwinden. dachte sie. sagte sie und sah ihm direkt in die Augen. ›PROPHEZEIT DAS JESUS-FRAGMENT DEN WELTUNTERGANG?‹ Und Catherine dachte: Das siebte Buch. der Gerechte… Was war das Wichtigste. daß ein Priester einen Kampfsport ausübt. »Ich habe keine Angst vor dem Bambus«. Das müssen wir als erstes finden… »Tymbos«. das sie über die Papyri wissen mußte? Ihr Alter. nehmen Sie die Stöcke…« »Nein. löste die Riemen seiner Reisetasche und nahm die lackierten Stöcke in die Hand.« »Es sind nur zwei lackierte Bambusstöcke. glänzenden Stöcke.« Garibaldi tippte ›König Tymbos‹ und klickte auf: SUCHE BEGINNT.

Wer hat sich diesmal gemeldet?« »Das Städtische Leichenschauhaus! Ich finde das wirklich nicht komisch. Wie es aussieht. Sie überquerte den Innenhof und eilte durch die verglasten Bögen. ich muß mich verwählt haben«. Erika Havers murmelte: »Entschuldigung. es gab keine Möglichkeit. wo riesige Kakteen in großen Töpfen im kalten Mondlicht standen. Schließlich habe ich die Sache überprüft und mit einer deiner Nummern meine Nummer angewählt. und legte auf. Sie blickte kopfschüttelnd auf das Telefon. die Computersysteme von Miles Havers zu knacken. Sie fand Miles im Tropenhaus bei seinen Orchideen.Santa Fe.« Miles legte die Gartenschere auf den Stein. und die Gespräche wurden wie auch diesmal nur zu einer anderen Nummer 281 . mein Schatz. bevor sich eine Männerstimme mit ›Städtisches Leichenschauhaus‹ meldete. Jeder neue Hacker versuchte früher oder später. sagte sie anklagend.« »Aber sollte man nicht denken. Damit konnte er sich einen Namen machen. dem Spiel ein Ende zu setzen. Meist war alles völlig harmlos. daß diese infantilen Leute inzwischen genug davon haben. haben uns diese Hacker wieder einmal aufs Korn genommen. daß so etwas in Zukunft unterbleibt?« »Leider scheint das der Preis zu sein. den ich zu zahlen habe. kannst du nicht dafür sorgen. uns so zu ärgern?« Miles wußte. »Tut mir leid. New Mexico Das Telefon klingelte achtmal. Miles. dann drehte sie sich um und verließ den Raum. »Den ganzen Tag über habe ich auf meiner Nummer keinen einzigen Anruf bekommen. »Schon wieder«.

daß ich am Werk war. Liebling. Miles. erwiderte Teddy kopfschüttelnd. Sie haben ein richtiges Mickey-MausSicherheitsprogramm. Es fehlt sogar ein Schutzschild. erwiderte er lächelnd.« »Gewiß. Erika hatte dafür kein Verständnis und klagte: »Inzwischen werden meine Anrufe jede Woche mindestens einmal einfach weitergeleitet…« »Also gut. »Wissen wir etwas über den Leihwagen?« fragte Miles.« Miles blickte mit zusammengekniffenen Augen auf die Liste der Namen und Zulassungsnummern auf dem Bildschirm. »Und?« »Zuerst habe ich die Zulassungsnummer für den Wagen nicht gefunden. übrigens. Liebling«.« »Mach dir nichts daraus. als in das System dieser Leihwagenkette zu kommen. Sie kommen nicht zur Silvesterparty. Sie ahnen nicht einmal. Also habe ich nach der Marke und dem 282 . um sie vierundzwanzig Stunden später noch einmal zu erleben. Senator Fowler und seine Frau haben abgesagt. Wir haben trotzdem mehr als tausend Gäste. »Es ist nichts einfacher. begleitete sie ins Haus bis zum Fahrstuhl und fuhr auf der Stelle hinunter in den Kommunikationsbunker. denn sie wollen die Jahrtausendwende mit ihren Kindern auf Fidschi feiern und über die Datumsgrenze nach Tonga fliegen.umgeleitet. »Ich werde mich darum kümmern. wo Teddy Yamaguchi vor der Bildschirmwand saß. nur darf mein Telefon nicht immer wieder gestört sein.« Miles nickte. Ich habe nur einen Paßwortsucher eingesetzt und im Handumdrehen alles überspielt. was ich brauche. »So etwas habe ich noch nicht erlebt…«.« »Ach.

« »Ist der Wagen da?« »Er ist da. daß wir die Kreditkarten-Nummer haben wollen. wo die Fax-Bildschirme standen und Geschäftsnachrichten aus aller Welt eingingen. Es ging inzwischen nicht nur um die Schriftrollen.« »Soll das heißen. Er hat sie nicht nur gelöscht.Modell suchen lassen. Dr. ließ Miles 283 . »Wer die Nummer gelöscht hat. Er mußte diese Frau finden. Catherine Alexander. Miles bezweifelte. dessen Nummer außer einem einzigen Mann niemand kannte. »Dieser ›Jemand‹ wußte.« Miles starrte verärgert auf den Bildschirm. Miles ging zu der Wand. Dort stand der Name seines Mörders… Sein Blick wanderte die Reihe der Bildschirme entlang bis zum Ende. Aber sein Interesse galt im Augenblick nur einem Faxgerät. Alexander hatte Stevensons Computer mit dem Tagebuch. Warum dauerte alles so lange? Nachdem Zeke die Photos der Schriftrollen aus Santa Barbara geschickt hatte. zu ihrer Wohnung zurückzukehren. wußte genau. jemand ist uns zuvorgekommen und hat die Daten absichtlich unlesbar gemacht?« Teddy gab dem Drehhocker einen Schubs und sah seinen Boß an. Die Videokamera überwachte die Wohnung von Dr. was er damit bezwecken wollte.« Miles hob die Augenbrauen. sondern die Daten zerstört. daß die Archäologin so töricht sein würde. aber die Kreditkarten-Nummer des Kunden ist gelöscht worden. »Kann man sie zurückholen?« Teddy schüttelte den Kopf. Doch dieser Monitor blieb leer und stumm. Aber er ging auf Nummer Sicher und ließ alle erdenklichen Stellen überwachen. wo das Videobild einer Straße zu sehen war.

Alexander glaubte. Er würde für eine grundlegende Änderung sorgen. Auf der ersten Seite der Zeitung hatte er die allererste Seite der Schriftrollen gesehen. die Miles begierig las. Während Miles untätig auf ein Fax wartete. Verblüfft sagte er: »Sie hat ihre Kreditkarte noch einmal benutzt? Ich kann nicht glauben. bis zu dem abrupten Ende: ›… nimm sie mit zu König‹ Miles hatte sofort seine Photos nach der Fortsetzung überprüft. »Wir haben wieder etwas!« Miles ging sofort zu ihm zurück und blickte auf den Bildschirm. daß sie so dumm ist. wie alle anderen. sie befand sich ihm gegenüber auch noch in anderer Hinsicht im Vorteil. daß er auch die zweite Seite nicht besaß. Das war vor sechsunddreißig Stunden gewesen.« Teddy tippte wie rasend auf der Tastatur und murmelte: »Vielleicht ist sie nicht so dumm. sie sofort zu übersetzen. Die Zeitung hatte sogar eine Übersetzung abgedruckt. dieser König sei im Besitz der siebten Schriftrolle. Wie hieß der König? Die Archäologin kannte nicht nur den Namen. die Zeke und sein Partner bedauerlicherweise in Stevensons Wohnung zurückgelassen hatten. »Mr. konnte sie den Originaltext nach Hinweisen auf das Versteck der siebten Schriftrolle durchsuchen. Die ersten übersetzten Seiten hätten inzwischen längst hier eingetroffen sein müssen. Sie würde natürlich nach ihm suchen. Havers!« rief Teddy plötzlich. 284 .sie reproduzieren und mit der Anweisung nach Ägypten fliegen. Miles war sehr unzufrieden mit der augenblicklichen Lage. Nimm sie mit zu König… Jetzt verstand Miles die Frage von Daniel Stevenson: »Wie heißt der König noch?« Dr. Sie mußte bei der Polizei liegen. die Zeke zurückgelassen hatte. Mit Entsetzen dachte er an den Morgen dieses Tages. Es stellte sich jedoch heraus.

Also los. Es wird gleich auf dem Bildschirm angezeigt werden. Alexander mit ihrer Karte eine Zugangsberechtigung gekauft. Zucker und Koffein verschafften ihm einen Adrenalinstoß. Es war soweit! Die Archäologin hatte sich ins Internet eingewählt. verfolgen Sie die Spur. Havers.« Teddy schob sich lachend eine Handvoll seiner Lieblingssnacks in den Mund.«. sagte Miles.« »Bin schon dabei.Diesmal hat Dr.« »Welche hat sie?« »Einen Augenblick. Das Spiel lief auf vollen Touren. Mr. »LinkNet…«. Ich wette. 285 . »Orange County. der ihn in die richtige Hacker-Laune versetzte. sie ist nicht in Orange County.

Das Anagramm ›Ichthus‹ entstand aus den ersten Buchstaben des Satzes: Iesous Christos Theou Uios Soter – Jesus Christus. sagte Garibaldi. wir haben Zeit für einen weiteren Suchbegriff. wie zum Beispiel ›Ichthus‹. dann sollten wir uns besser wieder aus dem Internet verabschieden. Perpetua. Ich wünsche Ihnen diesmal mehr Glück. Sabina. stimmte ihm Catherine zu. etwas über sie zu finden. der Weg.Goshen. Kalifornien »Tut mir leid. Garibaldi bekam große Augen. »Daran gibt es keinen Zweifel. »Sie sehen so anders aus. Auf diese Weise war eines der ersten Symbole des christlichen Glaubens entstanden. als sie ihm das Wort zeigte. Könnte es ein Anagramm sein? Die frühen Christen hatten eine ausgeprägte Vorliebe für solche Spielereien.« Catherine ging in Gedanken die Liste ihrer Stichwörter durch: Amelia.« »Möglich«. Oben auf der zweiten Seite stand: ›TYMBOS.« »Genau das wollte ich. dann drehte sie sich um und holte die Pappschachtel mit der ersten Schriftrolle.‹ »Stimmt«. wenn nicht sogar unmöglich. Wissen Sie. es gibt keinen ›Tymbos‹«. daß die Schreibweise richtig ist?« Catherine kam aus dem Bad und bürstete sich die kurz geschnittenen und gebleichten Haare. Sie dürfen es noch einmal probieren. Benutzte Sabina eine ähnliche Verschlüsselungstechnik? Garibaldi blickte auf die digitale Zeitanzeige des Monitors. der Gerechte… Ohne die Familiennamen der Frauen war es schwer.« Sie blickte auf den Monitor. ›Der 286 . Sind Sie sicher. murmelte Garibaldi. »Es gibt weder einen König noch sonst jemanden mit diesem Namen. Sohn Gottes. Retter – und ergab das lateinische Wort für ›Fisch‹. »Ich glaube.

wie er sagte. daß die Befehle Roms befolgt wurden. Man nannte diese Zeit das Goldene Zeitalter. Aber er war noch mehr. wenn man nur danach forschte. Sein Leben war eine einzige Suche. langer Zeit von Riesen bewohnt war. Sie trat wieder an den Tisch. um die Grenzposten zu kontrollieren und sich davon zu überzeugen. Lycos würde ihr bei diesen Begriffen unzählige Verweise anbieten. daß die Welt vor langer.Weg‹ und ›der Gerechte‹ waren zu allgemein. Ich habe erwähnt. der bis zu den entferntesten Grenzen des Reichs reiste. wo die zweite Schriftrolle bereits teilweise entfaltet lag. und las die erste Zeile: ›Philos war Arzt. Damals lebten die Menschen sehr. das ewiges Leben schenkt. wo steht. Hinweise darauf zeigte er mir in den Schriften von Platon. die Menschen das Geheimnis des langen Lebens gelernt hatten. daß Adam. der nach den geheimnisvollen Mysterien von Leben und Tod suchte. von denen. Um auf der Suche nach diesem Geheimnis durch die Welt reisen zu können. Der kaiserliche Gesandte war ein Römer und hieß Cornelius Severus… 287 . Allerdings geriet dieses Geheimnis vor sehr langer Zeit wieder in Vergessenheit. Er war ein Alchimist. Er war ein Alchimist. Philos war Arzt. daß Philos ein Stoiker war. so behauptete er. man konnte es wiederfinden. doch er glaubte auch an die Unsterblichen. Seth und Methusalem beinahe tausend Jahre gelebt haben. Aber er war noch mehr. Er war bei den großen Zauberern und Eingeweihten von Persien gewesen. Philos wollte das uralte Mittel finden. Er sagte mir. schloß er sich dem Gefolge des kaiserlichen Gesandten an. Aber. sehr lange. Sokrates und auch in den Schriften der Juden. der nach den geheimnisvollen Mysterien von Leben und Tod suchte…‹ Wie ich bereits gesagt habe.

Sie können Suchwünsche in normaler Sprache oder als Suchbegriffe und Sätze eingeben./home/internet-search.html SEARCH ENGINES INFOSEEK SEARCH InfoSeek ist ein umfassendes und genaues WWWSuchprogramm. Sie können auch besondere Such-Operatoren einsetzen: EINGEBEN: Cornelius Severus SUCHE BEGINNT SUCH-TEXT http://www2.com/Titel?qt=Cornelius+Severus INFOSEEK SUCHERGEBNIS: SIE SUCHEN: Cornelius Severus Keine WWW-Einträge unter Ihrem Suchbegriff.http://home.mcom.infoseek. File »Exit Dialer«Bye PPP DEAKTIVIERT NO CARRIER 288 .

bevor wir sie festnageln können?« »Es sieht so aus. sich auf ein Spielfeld zu wagen. Dr. müßte er die überfällige Übersetzung haben. Havers?« 289 . wonach sie sucht. ist sie jetzt schon nicht mehr Online. sich ins Internet einwählen und wieder verabschieden. »Es würde helfen. Sie hat die Zugangsberechtigung bei LinkNet damit bezahlt.Santa Fe.« »Soll das heißen. sie kann sich einwählen und verabschieden. Dazu.« Miles blickte ungeduldig auf die Uhr. Sie hat bei Internet ihre Adresse in Santa Monica angegeben. mit mir Katze und Maus spielen zu können«. daß wir ihr Kartenkonto überwachen. wenn wir wüßten. »wird sie eine Überraschung erleben. Wenn sie sich eingewählt hat. Das heißt. daß sie nicht mehr ans Internet geht.« »Sie kann also immer neue Zugangsberechtigungen kaufen. Mr. sie vermutet. weil wir keine Möglichkeit haben. Teddy schüttelte den Kopf. sagte er drohend. Alexander hat ihre Kreditkarte nur für diesen einen Vorgang benutzt. New Mexico »Und?« fragte Miles. Diese Frau hat den großen Fehler begangen. während sie die Suche laufen läßt. während wir zu spät sehen. Ich möchte wetten. Vielleicht wären wir dann schneller und könnten sie fassen. Warum kam das Fax nicht an? »Wenn sie glaubt. was sie gemacht hat?« Teddy nickte.« »Was haben Sie vor. »Die Zugangsberechtigung wurde vor fünf Stunden erteilt. so dachte er gereizt. das ich erfunden habe. den Einsatz der Karte zurückzuverfolgen.

« 290 . Teddy.»Wir locken sie in eine Falle. als sie es für möglich hält. Diese Falle wird unsere kluge kleine Archäologin nicht vermuten und sich deshalb schneller darin fangen.

»Ich darf Ihnen den Namen nicht nennen«.Sacramento. Männer reagierten wohlwollend auf die Narbe. vielleicht sogar aufreizend. schickte er seinen jungenhaften Partner hinein. Meist fanden jüngere die Narbe faszinierend. die gestern abend hier ein Zimmer gemietet hat«. vermutlich weil die Narbe etwas Gefährliches andeutete. sagte die Frau jetzt. Zeke wußte schon seit langem. Kalifornien »Haben Sie diese Frau gesehen?« Die Frau an der Rezeption im Dew Drop Motel blickte auf das Photo. Zeke habe ein männliches Ritual bestanden. unter welchem Namen sie sich eingetragen hat?« Diesmal stellte nicht Zeke die Fragen. Raphael mit der Hornbrille und dem Lockenkopf wirkte harmlos wie ein Chorknabe. Ältere Frauen dagegen reagierten abweisend. Die Frau ahnte bestimmt nicht. die durch Augenbraue. Wange und Lippen schnitt. »Können Sie mir vielleicht sagen. Sie schienen zu glauben. antwortete sie. daß sein entstelltes Gesicht bei Männern und Frauen unterschiedliche Reaktionen auslöste. daß Raphael bereits zwölf Morde auf dem Gewissen hatte. »Sieht fast wie eine Frau aus. was sie beeindruckte und ihm ihre unbewußte Anerkennung verschaffte. legte den Kopf schief und sah sie mit seinen feuchten Hundeaugen bittend an. sondern sein Partner Raphael. aber er lächelte charmant. Frauen dagegen waren unberechenbar in ihren Reaktionen. Als Zeke vor dem Büro des Motels angehalten und durch das Fenster eine grauhaarige Frau an der Rezeption gesehen hatte. denn er wußte. 291 .

Das mußte sie sein! »War sie in Begleitung?« fragte er. und sie hätten tausend Leute gebraucht. Das war der Priester.« Als er sich umdrehen wollte. »Läßt du unseren Boß wissen. Wenn die Menschen nicht den Weltuntergang gefürchtet hätten. Vielleicht hat sie die beiden noch gesehen…« Fünf Minuten später stieg Raphael zufrieden in den Wagen. Miss Smith hat sich also nicht einfach davongeschlichen. in welche Richtung die beiden gefahren sind?« »Tut mir leid. Zeke würde sich über die Ironie des Schicksals freuen.Sie schob ihm das Gästebuch über die Theke. ausgestellt und unterschrieben von ›Michael Garibaldi‹. aber beide Betten waren benutzt. Jane Smith. sagte die Frau: »Warten Sie! Ich werde Lucinda fragen…« Sie wählte bereits eine Nummer. dann wären alle Motels und Hotels in Kalifornien geöffnet gewesen. Er überflog die Einträge. Die Putzkolonne hat beim Saubermachen einen Reisescheck unter der Tischlampe gefunden. »Wissen Sie zufällig. Raphael hätte beinahe laut gelacht. um nach der Frau in Begleitung eines Priesters zu suchen.« »Einen Reisescheck?« Sie zeigte ihm den Scheck – American Express. »Wer ist Lucinda?« »Sie hat das Zimmer saubergemacht. »Angeblich nicht. Die Jahrtausendwende half ihnen bei der Suche. daß wir der Dame auf der Spur sind?« Zeke erwiderte abschätzig: »Sollen seine teuren Computer sie doch finden!« 292 .

Er wußte. was die linke tut. Die gewonnene Information war für den Hacker eigentlich zweitrangig. Auch er hielt sich an Regeln und Moralgesetze. Die rechte Hand darf nicht wissen. die Miles bei Dianuba Technologies 293 . und Miles brauchte ihn. aber niemand darf dabei körperlich Schaden nehmen. der zuviel über ihn wußte. war die Herausforderung. daß Teddy sich am liebsten als eine Art Ritter sah. Aber heute hatte er es vorgezogen. daß Teddy etwas davon erfuhr. Deshalb achtete Miles darauf. Teddy Yamaguchi war der Beste auf seinem Gebiet. allein im Kommunikationszentrum zu bleiben. Miles wußte das. Er durfte nicht riskieren. Miles hielt sich an dieses Motto. Aus diesem Grund ahnte Teddy auch nichts von den drei Computerfachleuten. Das Faszinierende an der Jagd nach Informationen. so fand er. New Mexico Teddys T-Shirt hatte den vielsagenden Aufdruck: ›Informationen wollen frei sein‹.Santa Fe. Diesmal hatte es Teddy mit dem Verstand eines wirklichen Menschen zu tun und nicht nur mit einer Kodierung. Miles rechnete jeden Augenblick mit dem Eintreffen wichtiger Informationen. daß es einen Menschen gab. Das war das Meisterstück. daß Teddy nichts von Zeke erfuhr oder von dem Zusammenhang mit dem Mord an Daniel Stevenson. Deshalb hatte er Teddy den Abend freigegeben. Aber für Teddy galt auch das Motto der Hacker: Man darf alles tun. und die Jagd auf einen Menschen anstelle einer Spielfigur war noch besser – eine Archäologin floh mit alten Schriftrollen. sich unbemerkt an sie heranzupirschen. Damit verhinderte er.

Miles stand vor dem Problem. Außerdem wollte ich einen Mann besuchen. und die nur darauf warteten. daß es auch als Aphrodisiakum wirkte. mich nach Hause zu begleiten. Ich nahm einen Krug Wein mit. daß es noch nichts zu suchen gab. mich zu heiraten. ›Ich brachte Philos durch eine List dazu. Ohne eine Übersetzung konnte Miles die Suche auch ganz aufgeben. aber jeder wußte. in den ich das Haschisch geschüttet hatte. Während die Alexander auf der Flucht war. Am Abend ging ich zu dem Gasthaus. und ich wollte unter allen Umständen mit ihm reisen. unabhängig voneinander für ihn zu suchen. Das war ein kühner und waghalsiger Schritt. und es war undenkbar. mit dem man einen Blutsturz behandelte. die sie bei Geburten verwendete. Philos empfing mich freundlich. Ich fand darunter auch zerstoßenes Haschisch. der nicht verwandt mit mir war. Mitternacht war bereits vorüber. bot er an. als auf dem Monitor endlich die ersehnte Meldung erschien und gleichzeitig der Drucker zu laufen begann. Das Fax kam aus Kairo. denn ich war die unverheiratete Tochter einer angesehenen Familie.eingesetzt hatte. Miles griff erregt nach der ersten Seite. Als ich 294 . daß ich abends ohne Begleitung das Haus verließ. mich zu heiraten…‹ Ich brachte Philos durch eine List dazu. Damit stiegen ihre Chancen. Aber Philos würde Antiochia am nächsten Tag verlassen. übersetzte sie die Schriftrollen. aber er forderte mich auf. Er überlegte gerade. die siebte Rolle zu finden. Das Fax hätte schon vor Stunden eingehen müssen. ob er sich telefonisch nach dem Grund der Verzögerung erkundigen sollte. Meine Mutter hatte einen Vorrat an Kräutern und Heilmitteln. Da ich das ablehnte. nach Hause zu gehen.

denn seine Braut stammte aus der vornehmen Sippe des Fabianus. es sei seine Absicht gewesen. Und so heiratete ich Philos. In diesem uralten Land weilen die Ahnen noch unter den Lebenden.auch das ablehnte. für die Hochzeit. ein Land der Götter und Geister. sagte er: ›Wenn ich von deinem Wein trinke. Philos erzählte mir später. Ich erfuhr. daß das Haschisch keine Wirkung auf Philos haben konnte. Ich wußte damals nicht. ein Fluß gilt als heilig. den glückverheißendsten aller Monate. Er habe das seit der ersten Begegnung gewollt. und Philos erschien am nächsten Morgen in unserem Haus und hielt bei meiner Mutter um meine Hand an. Ich verließ das Gasthaus. Er trank nur einen einzigen Schluck. Ich dachte. mich zu heiraten. sollte mit ihm die Welt kennenlernen. wie ich es versprochen hatte. Ich trug den flammendroten Brautschleier und sprach das uralte Ehegelöbnis: ›Ubi tu Gaius. liebe Amelia. Philos trug mich in der Hochzeitsnacht über die Schwelle des Zimmers. Wir wählten den Juni. daß sich Männer und Frauen die Ohrläppchen durchstechen lassen als Schutz gegen den unheilvollen Einfluß gefährlicher Sterne und böser Geister. Es war deshalb nicht wichtig. das neue Leben mit uns beginnen konnten. denn ich hatte die Stengel und nicht die Blätter zerstoßen und in den Wein gemischt. der Dämonen und überirdischen Wesen. ego Gaia‹. Dort befragt man vor jeder wichtigen Entscheidung die Sterne. Für Philos war ich eine gute Partie. Und ich? Ich. und Kühe werden nicht geschlachtet. wirst du dann gehen?‹ Ich stimmte zu. damit keine bösen Geister. die sich an meine Sandalen klammern mochten. daß ich ihn nicht liebte… Unser erstes Reiseziel war Indien. der Trank habe seine Wirkung getan. 295 .

Die Menschen im Osten kannten dieses Mittel damals noch nicht. Man gewinnt den ›Honig‹ aus einer Art Schilfrohr. die vor langer. Ich erzählte allen. Der ›Honig‹ ist körnig und wird nur zum Süßen von Medizin verwandt. Man braucht dazu die Rinde von Weiden. Wir schätzten uns glücklich. Und ich wußte. der Gerechte würde wiederkommen. daß man eine Möglichkeit gefunden hatte. die Welt ändern zu können. die Wolle tragen. lernten wir neue Menschen kennen. Überall lag eine erwartungsvolle Hoffnung in der Luft. daß ich ihn manchmal verwirrte. Ich liebte Philos zwar nicht. Die Tempel wurden besser gepflegt als je zuvor. In Arabien erfuhren wir auch.Stellt Euch vor. liebe Schwestern. sagten die Menschen. damals zu leben. Eine neue Ordnung wird kommen. an dessen Namen sich 296 . so gut ich es konnte. In meiner jugendlichen Begeisterung und Unschuld glaubte ich. ›Honig‹ anzubauen. obwohl ich glaube. Auf dem Weg nach Indien mußten wir Arabien durchqueren. Dafür gab er ihnen das Geheimrezept der Hekate. ein uraltes Mittel gegen Kopfschmerzen. Entzündungen und Gliederschmerzen. und auf den Altären der Götter häuften sich die Opfergaben. denn alle sahen die Zeichen. Wohin wir auch kamen. Dort stellten wir fest. langer Zeit ein Kaiser errichten ließ. Wir reisten entlang einer Straße mit sehr alten Türmen. daß es in Persien Bäume gibt. das so groß wird wie ein Mann. wie er es versprochen hatte. Auf der Suche nach dem Wundermittel tauschte Philos sein Wissen mit Ärzten aus. aber er war ein gütiger und geduldiger Lehrer. Fieber. denn wir waren in einer besonderen Zeit geboren worden. Das Reich wird zerfallen. von seiner Botschaft des Friedens. Er lernte neue und wirkungsvolle Heilmittel kennen. was für ein Abenteuer das für uns war! Ich war jung und wollte unbedingt die Botschaft des Gerechten verbreiten.

Bei schweren Blutungen. Der Knochen stammte aus Europa.niemand mehr erinnert. Ich erzählte ihnen von dem Gerechten und der Botschaft. Philos diente auf den Reisen treu Cornelius Severus und seinen Offizieren. Auf diese Weise erreichte eine Botschaft das nächste Königreich in wenigen Tagen. Philos war ein behutsamer und geduldiger Ehemann. und ich begann mich zu fragen. Als Allheilmittel gab Philos den Kranken die zerstoßenen Zähne von Haien in Wein zu trinken. ob ich je die glühende Liebe kennenlernen würde. Ich war jung. von der Catull in seinen Gedichten spricht. bei Asthma und Husten mischte er mit verblüffendem Erfolg einen Trunk aus der Ephedrapflanze. Er war fast zwei Beinlängen lang. sprach ich mit den Frauen in ihren Zelten und an den Lagerfeuern. aber es fehlte die Leidenschaft. anstelle von Wochen. die er den Menschen gebracht hatte. Früher stand auf jedem Turm ein Mann Wache. aber alle sagten. der ein Feuer unterhielt. In den vielen Wochen und Monaten der Reise zum Indus. 297 . er stamme von einem Menschen. Die einfachen Legionäre hatten ihren eigenen Militärarzt. und ich sehnte mich nach Liebe. und Philos das Wundermittel gegen den Tod suchte. Er sagte mir. suchte Philos nach Hinweisen auf die Riesen der Vergangenheit. Der Führer unserer Karawane erzählte. Überall. wo römische Soldaten beim Ausheben der Fundamente für eine Brücke einen versteinerten Oberschenkelknochen gefunden hatten. während Cornelius Severus im Namen des Kaisers Recht sprach. Der Kaiser ließ Botschaften durch Leuchtsignale von Turm zu Turm übermitteln. daß die Türme in Sichtweite voneinander stehen. daß er einmal einen ihrer Knochen gesehen hatte. wohin wir kamen.

DER SIEBTE TAG 298 .

Darunter stand ihr Name: ›Dr. daß sie es gerade noch ertragen konnte. sondern ein Photo neueren Datums. Catherine Alexander aus Santa Monica. Garibaldi klopfte an die Tür. Alexander. Kalifornien.« Wieder sah sie ihr Bild auf der ersten Seite. wir müssen sofort hier weg!« Garibaldi schlug die Tür zu. Eine Motelangestellte hat ebenfalls die Polizei angerufen. Kalifornien »Frau Doktor? Frau Doktor!« Catherine hörte ihn nicht. »Dr.Montag. Catherine trocknete sich hastig ab. Aber diesmal war es nicht das Porträt des Polizeizeichners. zog die Jeans und das T-Shirt an und eilte mit nassen Haaren aus dem Bad. »Kollegen von Ihnen haben die Polizei benachrichtigt. Sie suchte ihre Socken und stellte verblüfft fest. Das Wasser war so heiß. 299 . wer Sie sind«. Diebstahl und Schmuggel von nationalen Kulturgütern gesucht‹ Catherine glaubte. als sie Ihr Bild in der Zeitung sahen. erwiderte er und zeigte ihr eine Zeitung. der Boden unter ihren Füßen werde sich auftun und sie verschlingen. daß Garibaldi ihre Sachen bereits gepackt und neben seine Reisetasche gestellt hatte. 20. Diese Frau wird in Verbindung mit zwei Morden. denn sie hatte die Dusche voll aufgedreht. Seine laute Stimme in dem kleinen Bad ließ sie zusammenschrecken. »Man weiß jetzt. Dezember 1999 Goshen. »Was ist denn los?« fragte sie und griff nach ihren Schuhen. und dann spürte sie einen kalten Luftzug. und der Luftzug hörte auf.

Wir können es noch heute nacht über die Grenze schaffen…« Aber sie schüttelte den Kopf. daß ich die Leute weiter von Ihnen ablenken kann.« Er trug die Soutane.« Benommen überflog Catherine den Artikel: ›Es besteht Grund zur Annahme. der gleichzeitig mit Ihnen im vorigen Motel war. der etwas über sie wußte. »Wenn ich nach Mexiko fliehen würde.« »Was ist dort?« »Die Wüste«.« Er hatte dem Taxifahrer gesagt. Sie wurde zuletzt in einem roten Ford gesehen und fuhr in Richtung Süden. sagte er. antwortete Catherine. »Ich nehme das Gepäck. Wir fahren nach Südosten. »Von mir wissen sie immer noch nichts«. nach ihr gefragt: die Stiftung. Mr. daß Dr. 300 . Offenbar hatte man jeden. sagte Garibaldi an der Tür. »Aber wir können nicht mehr mit dem Wagen fahren«. Catherine erwartete. sogar die amerikanische Einreisebehörde. wäre das wie ein Eingeständnis meiner Schuld. Alexander am Samstagabend unter dem Namen Jane Smith in einem Motel in Sacramento abgestiegen ist. »Man bringt Sie nicht mit dem Priester in Zusammenhang. Mylonas im Hotel Isis. sagte er mit einem Blick auf den Parkplatz. »Das Taxi ist da«. daß der Mann ihn nicht hörte: »Wir sind etwa dreihundert Meilen von Mexiko entfernt. und ein Sonnenstrahl fiel in das abgedunkelte Zimmer. Auf der Fahrt flüsterte er so leise. Samir. Aber sein Name tauchte nicht auf.‹ Es war ein langer Artikel. daß auch Julius erwähnt werden würde. »Deshalb lasse ich ein Taxi kommen. Ich hoffe.Garibaldi öffnete die Tür einen Spalt. daß sie zum GreyhoundBusbahnhof wollten.

»Sie sagen. Bis gestern abend hatte Catherine noch die Möglichkeit gehabt. beschloß er. daß sich die Papyri in ihrem Besitz befanden. genau das getan zu haben? Wo befindet sie sich jetzt? Welcher Zusammenhang besteht zu dem Mord an Daniel Stevenson?« Julius stand vom Schreibtisch auf und rieb sich die Schläfen. Alexander unter dem Verdacht steht. Nach längerem Überlegen war er dann doch nicht ausgestiegen. denn auf der Titelseite befand sich Catherines Bild. selbst alle Anschuldigungen zurückzuweisen. seit er vor der Polizeiwache im Auto gesessen hatte und eine Aussage über Catherine machen wollte. daß die Einfuhr von fremden Kulturgütern in dieses Land ein Vergehen ist? Haben Sie vergessen. Der neblige Morgen brachte in Form der Los Angeles Times ein böses Erwachen. 301 . daß diese Frau Catherine Alexander ist?« hätte man ihn gefragt. Als sich Julius nach dem stummen Selbstgespräch schließlich entschieden hatte und vom Parkplatz der Polizeiwache gefahren war. Es quälte ihn. daß sie bei Ausgrabungen in Ägypten gefundene Schriftrollen ins Land geschmuggelt hat?« Er hätte Catherine an den Pranger gestellt. daß Frau Dr. Voss. Bis gestern abend hatte die Polizei Catherines Identität noch nicht gekannt und weder etwas von ihrer Beziehung zu Daniel gewußt noch davon. Das imaginäre Verhör wollte ihm nicht aus dem Kopf. die Polizei werde von ihm nichts erfahren. ein richtiges Photo von ihr mit Namensangabe.West Los Angeles »Dr. Aber das war gestern abend gewesen. ist Ihnen bewußt. »Und Sie wissen mit Sicherheit.

Hatten Daniels Mörder die anderen Photos an sich genommen? Wer immer sie auch sein mochten. Dort hieß es. Der Mann. Die anderen sechs Rollen enthielten vermutlich Hinweise darauf. Ich muß die siebte Schriftrolle finden. wurde nicht erwähnt. Er erinnerte sich noch gut an die Entschlossenheit in ihren Augen. sie werde sich die Schriftrollen nicht abnehmen lassen. Natürlich würde sie so lange untertauchen. Julius vermutete. Aber von Catherine wußte er. Aber was? Dann kam ihm ein Gedanke. war Catherines Leben in Gefahr. Er wollte etwas für sie tun. Seine Hilflosigkeit empfand er wie eine Folter. als er las. Sie befand sich auf der Flucht. daß sie jede Seite der Bücher photographiert hatte. als sie erklärt hatte. wie eigensinnig Cathy sein konnte. sie wollten die Schriftrollen unbedingt in ihren Besitz bringen und schreckten selbst vor einem Mord nicht zurück.Julius war jedoch erleichtert. bis sie die Übersetzung abgeschlossen hatte. Er warf die Zeitung auf den Schreibtisch und schob die Hände in die Hosentaschen. Und wie sollte das geschehen? Bestimmt suchte Catherine bereits danach. mit dem Catherine angeblich aus Daniels Wohnung geflohen war. wo der ›Schatz‹ vergraben war. sie würden wieder töten. daß sie noch lebte. die Polizei habe neunzehn Photos der Schriftrollen gefunden. Das bedeutete. Julius griff nach der Zeitung und las den Artikel noch einmal. Julius wußte. Auf Grund der Berichte in den Zeitungen über den sensationellen Fund in Ägypten würden sich natürlich alle möglichen Leute an dieser verrückten Schatzsuche beteiligen. und das waren mehr als hundert Bilder. um die siebte Schriftrolle zu bekommen. sie war nicht entführt worden. Solange die Suche danach weiterging. Die Photos und die Originale 302 .

Natürlich wäre es einfach. Plötzlich fielen ihm wieder ihre Worte ein: ›Sabina rät Amelia. die Kataloge der Archive nach Schriftrollen zu durchsuchen und zu überprüfen. ob er die Namen in griechischen Texten dieser Zeit fand. den er im Originaltext gelesen hatte. daß Catherine nicht viel Zeit blieb.halfen den anderen. die siebte Schriftrolle einem König zu geben. das Versteck aufzuspüren. um das Blut besser zirkulieren zu lassen. Alle hatten die Zeitung gelesen. Julius dagegen stand mit leeren Händen da. Allerdings würde selbst ein Computer für diese Art Suche viel Zeit brauchen. so wie er sie auf dem Sofatisch in seinem Haus gesehen hatte. als beginne ein ganz normaler Arbeitstag. Catherine entfaltete einen Papyrus und beugte sich über den Text. Wohin sollte er gehen? Er konnte unmöglich so tun. falls man sie verfolgen würde…‹ Julius rieb sich die Stirn und den Nacken. seine Erinnerung werde sich bei ruhiger Konzentration lückenloser einstellen. Dabei achtete er auf die Namen: Amelia. Wessen Name? Es war nicht der Name des Königs… Er griff nach der Zeitung und las noch einmal die Übersetzung. Julius fürchtete. Er hoffte. Wenn er sich doch nur an den Namen erinnern könnte. Er ging unruhig in seinem Büro auf und ab und rief sich den regnerischen Nachmittag ins Gedächtnis. Er schloß die Augen und stellte sich die alten Bücher vor. Das wäre wenigstens ein Anfang… Julius ging zur Tür seines Büros und wollte sie öffnen. der an manchen Stellen kaum lesbar. Inzwischen trafen die Mitarbeiter des Instituts ein. Jeder von 303 . Perpetua. Ihm war ein Name aufgefallen. als Catherine unerwartet aus Ägypten zurückgekommen war und ihm die alten Papyri gezeigt hatte. an anderen jedoch wieder verblüffend deutlich war. Sabina. Aber er blieb unsicher stehen.

Er drehte sich um und ging zu der Bücherwand gegenüber. startete den Computer und dachte dabei an die verfügbaren Suchprogramme: Lycos. InfoSeek. Er hatte nicht die Zeit. daß Julius und Catherine verlobt waren. alle diese Bücher durchzusehen. den die Untersuchung der Königin ausgelöst hatte. Er hätte nicht ins Institut kommen dürfen. als ein 304 . Natürlich hatte Cathy deshalb den Namen der Mumie gewählt. um alles in der Welt? Julius verfluchte im stillen die Lage. Wer war ›Fabianus‹? fragte er sich und überflog die Titel der Bücher. und das wäre noch schlimmer. OmniSearch… Mrs. aber peinlichem Schweigen rechnen. Das war der Name! ›Fabianus‹. Man brauchte nicht viel Phantasie.ihnen wußte. Die Weihnachtsbeleuchtung auf dem Wilshire Boulevard brannte schon am frühen Morgen. Seufzend trat er ans Fenster und blickte hinaus. Er setzte sich an den Schreibtisch. Meritites… Er kniff die Augen zusammen und nickte. um Catherine zu helfen. Möglicherweise mußte er auch mit höflichem. dem man die siebte Rolle anvertraut hatte… Julius schüttelte den Kopf. Der Nebel täuschte offenbar die Sensoren… Fabianus… Julius holte tief Luft. War es Sabinas Vater oder ein Mann. Normalerweise schaltete sich die Beleuchtung erst bei Einbruch der Dunkelheit ein. und er sollte schnellstens etwas unternehmen. den sie geheiratet hatte? Vielleicht war er der König. in die er geraten war. als sie ihm auf dem Anrufbeantworter die seltsame Nachricht hinterließ. Der Name sollte ihn an die Intrigen im vergangenen Jahr erinnern und an den Konkurrenzkampf. Aber was. um sich das Gerede und die Fragen vorzustellen.

zog sein Jackett an und verließ entschlossen das Büro. er sei den ganzen Tag nicht im Institut und auch zu Hause nicht zu erreichen. daß es nur eine Frage der Zeit war. Er seufzte und dachte gereizt: Wie soll ich ohne Computer nach der siebten Schriftrolle suchen? Die Zeitung auf dem Schreibtisch erinnerte ihn daran. jemand überwache sein Telefon und seinen Computer? Wer würde so etwas tun und aus welchem Grund? Verwirrt blickte er auf den blinkenden Cursor und schaltete den PC wieder aus. die Kameras. die Journalisten und die Polizeibeamten… 305 . Und dazu würde man ihn mit direkten Fragen zwingen. Dann trat er in den grauen Morgen hinaus. bis die Journalisten oder die Polizei bei ihren Nachforschungen auch auf ihn stoßen würden. Wie konnte er das zumindest so lange hinauszögern. Aber er wollte zum jetzigen Zeitpunkt unter keinen Umständen eine Aussage machen. Weshalb glaubte Catherine. bis er Zeit gehabt hatte. Es roch nach Regen. Er wollte nicht lügen. Er hatte sich gerade entschieden. salzige Meeresluft schlug ihm entgegen. als er die Übertragungswagen der Fernsehsender sah. Die feuchte.Kollege das Telefon von Julius angezapft hatte! Er runzelte die Stirn. zum Strandhaus zu fahren. alles noch einmal in Ruhe durchzudenken? Er stand auf. Eilig ging er durch die langen Gänge und hinterließ am Empfang die Nachricht.

Bisher hatte er allerdings nur drei Schriftrollen ausfindig gemacht. denn der Text der Schriftrollen war bestimmt wie die Evangelien immer wieder abgeschrieben worden. Jeder Tag brachte diese Alexander ihrem Ziel näher. Da Catherine Alexander die Photos klugerweise numeriert hatte. Die Polizei besaß offenbar neunzehn Photos. Miles hätte seinen Anwalt damit beauftragen können. enthielten die Texte. die Transaktion durchzuführen. die ihm nicht zur Verfügung standen. der zweite im British Museum. Aber Zeit hatte er nicht. es müsse irgendwo auf der Welt Kopien der anderen achtzehn Seiten geben. Miles war zu dem Schluß gekommen. wäre es natürlich kein Problem gewesen. so vermutete Miles. Also brauchte er nur in Archiven und Bibliotheken zu suchen. Der Flug hatte etwas über sechs Stunden gedauert. Ein dritter Papyrus 306 . Eines davon war in den Zeitungen abgebildet worden. daß er die meisten besaß. kaum entzifferbare Fragmente. um einem anderen die Verantwortung dafür zu überlassen. Leider. Er warf einen Blick auf die Uhr. die kein Licht auf das Leben von Sabina Fabiana warfen. Aber die Schriftrollen waren ihm zu wichtig. Wenn die Zeit nicht so gedrängt hätte. Eigentlich hätte er nicht persönlich fliegen müssen. die bei der Polizei in Santa Barbara lagen. als sein Jet die Reiseflughöhe verließ. die siebte Rolle zu finden. wußte Miles. wichtige Informationen. sich mit Hilfe der richtigen Leute auch die Photos zu beschaffen.Über dem Pazifik Miles spürte den Druck in den Ohren. Es handelte sich dabei um kleine. Ein Papyrus befand sich im Archiv der Duke University. Die Polizei hatte nur einen Bruchteil. Miles mußte deshalb andere Wege einschlagen.

daß alles nach Plan verlief.befand sich im Privatbesitz eines gewissen Aki Matsumoto. Die mehr als tausend Menschen aus aller Welt kamen. um dafür zu sorgen. und die Vorbereitungen für die große Silvesterfeier waren in vollem Gang. Der Pilot ließ ihn damit wissen. Aber das ganze Fest wäre für ihn bedeutungslos. daß sie sich im Landeanflug befanden. denn er ließ Erika nur ungern allein zurück. Das gelbe Leuchtsignal der Sprechanlage neben seinem Sitz blinkte mehrmals. Den Hinweis auf dieses Fabiana-Fragment fand Miles in der Zeitschrift Archaeology. den Debütantinnenball und das FilmFestival von Cannes. Er brauchte Beute. Gewiß. die Oscarverleihung. daß er im neuen Jahrtausend alle seine Ziele erreicht hatte. Die Entscheidung zu diesem Flug nach Hawaii war ihm nicht leichtgefallen. in dem die Inseln wie wahllos verstreute Edelsteine leuchteten. das Dokument befinde sich in einem ausgezeichneten Zustand. um ihm in der Casa Havers zu huldigen. Miles sah unter sich das dunkelblaue Meer. eines reichen japanischen Geschäftsmannes. Miles wollte seine Gäste in dem Bewußtsein begrüßen. im Tropenhaus 307 . wenn es nicht zum Höhepunkt seiner Ambitionen werden würde. Das Haus füllte sich bereits mit Gästen. Miles lächelte. Niemand ahnte den eigentlichen Grund für die Jahrtausendfeier. Er hatte wie immer seine eigenen Absichten. Das Fest sollte alles übertreffen. Es stammte aus dem sechsten Jahrhundert und war die Kopie eines Papyrus aus dem zweiten Jahrhundert. die berichtete. in diesem Augenblick hätte er Erika zur Seite stehen müssen. sein Computerzentrum Zepter und Schwert. Der Tiger in Miles war hungrig. der Konzern war der Thron. Miles wollte dieses Dokument haben. denn in seiner Vorstellung war das Anwesen sein Palast.

Er würde auf seine Weise Herrscher der Welt sein. denn er hatte den Zugriff auf alle Informationen. Er trug immer schlecht sitzende Anzüge. daß sich dort die Schriftrollen befanden. sammelte er das Wertvollste. Das neue Jahrtausend würde ihm unbegrenzte Macht bringen. seinen Weitblick. Miles war aus diesem Grund auch nicht mit dem Firmenjet mit dem Logo des Konzerns an 308 .hütete er die Perlen. Der Jet landete. und im unterirdischen Museum. würde als einziger wissen. dann konnte er an Silvester triumphieren. Matsumoto seinerseits ahnte nicht. die er in der Elektronikbranche verdiente. die Medien und alle Menschen spekulieren. seiner Schatzkammer. Miles. Kurz darauf meldete er. Bei solchen Geschäften wahrte Miles stets seine Anonymität. er. wer ihn hierher gebeten hatte. rollte zum Ende des Flughafens. Mochten die Regierungen. Das Wissen bestimmte seine Entscheidungen. wo Privatflugzeuge und die Maschinen der kleinen Frachtfluglinien abgefertigt wurden. Wenn er die Gäste mit dem Wissen begrüßte. was darin stand. Dieser Triumph würde das Fest zu seiner persönlichen Siegesfeier machen. und erreichte die Parkposition. Miles blickte aus dem Fenster und sah einen glänzenden schwarzen Mercedes mit geschlossenen getönten Scheiben. Sein Anwalt hatte die Begegnung mit Matsumoto vorbereitet. seine Überzeugungskraft. Der Flugbegleiter öffnete die Kabinentür und ließ die feuchte Brise in das Flugzeug. Der unsichtbare Fahrgast auf dem Rücksitz war. Es war der Schlüssel für seine Stärke. wie Miles wußte. Aki Matsumoto – ein reicher Mann mit blasser Haut und traurigen Augen. die nichts von den vielen Millionen verrieten. die zum Tagesgespräch geworden waren. weil alle sich davon Aufschlüsse über die Vergangenheit und die Zukunft erhofften. was Menschen geschaffen hatten. daß die Kontaktperson eingetroffen sei.

Während die Übergabe an der Limousine schweigend stattfand. Miles reichte wie abgesprochen dem Flugbegleiter einen Briefumschlag. suchte Miles in dem Dokument bereits nach den wichtigen Worten. das bestätigte. daß sich in dem Umschlag Aktphotos von Aki Matsumotos vierzehnjähriger Tochter befanden. näherte sich der Limousine und überreichte dem Chauffeur den Umschlag. Sabina. Perpetua. wo der Text mitten im Satz abbrach. die er inzwischen gelernt hatte zu erkennen – Amelia. Miles hatte Aki Matsumoto vergeblich eine großzügige Summe für das Fabiana-Dokument angeboten. sondern mit seiner weißen Privatmaschine. Chr. stammte. den er sofort ins Flugzeug brachte. die in dem ersten Umschlag gewesen waren. wie er vermutete. Er sah. Der Flugbegleiter verließ das Flugzeug. Philos… Er entdeckte keinen der Namen. Der Mann ahnte nicht. wie der Chauffeur das Wagenfenster öffnete und den Umschlag entgegennahm. der die Negative der Photos enthielt. Nach einem kurzen prüfenden Blick reichte er dem Flugbegleiter einen zweiten versiegelten Umschlag. die Matsumoto. daß das Pergament aus dem Jahr 586 n. Kurz darauf wurde dem Flugbegleiter im Austausch ein anderer Umschlag herausgereicht.der Seite gekommen. Miles saß noch in dem bequemen taubengrauen Ledersitz und zog aus dem steifen Umschlag das Dokument und das Echtheitszertifikat. Deshalb griff er jetzt zu einer anderen Art Währung. die keine Identifikationsmerkmale trug. für sein Angebot zugänglicher machen würde. Das Wort ›Fabiana‹ dagegen stand deutlich lesbar unten auf der ersten Seite. Mit großer Behutsamkeit legte er den brüchigen Papyrus auf den 309 .

Beim Anblick des ZehnDollar-Preisschilds lächelte Miles. Das Blatt hatte sich gewendet. Der Mercedes rollte davon. Er fand wieder Gefallen an der Jagd nach den Schriftrollen. als der Pilot Miles meldete. Niemals kam er von einer Reise ohne ein Geschenk für Erika zurück. wenn er wieder zu Hause sei. waren eindeutig wieder besser. und der Flugbegleiter kam zurück an Bord. was der Mann für ihn gekauft hatte. die siebte Rolle vor ihr zu finden. daß sie abflugbereit seien. Damit hatte Miles sie dort. daß sie jetzt praktisch eine Gefangene war. wo er sie haben wollte – ihr blieb nur noch das Internet für ihre Suche. dann betrachtete er. werde eine besser lesbare Photokopie folgen. Miles schnallte sich zum Start an. in dem die Maschinen gewartet wurden. beschloß Miles. sich draußen etwas Bewegung zu gönnen. denn sie konnte kaum etwas tun. Er gab dem Mann hundert Dollar mit den entsprechenden Anweisungen und ging in die Maschine zurück. um für ihn etwas zu besorgen. Da die Maschine noch aufgetankt wurde. und die Zeitungen sorgten dafür. Seine Chancen. Die beiden Jungs hatten sich das Taschengeld verdient. Die Polizei hatte Catherine Alexander identifiziert. Als Miles zwei junge Einheimische in der Nähe des Hangars sah. ohne Gefahr zu laufen.Scanner und faxte den Text mit dem handschriftlichen Zusatz nach Kairo. 310 . denn sie waren zu dem Souvenirladen in der Abflughalle des Flughafens gerannt. Er blickte in die Tropensonne und freute sich über die gelungene Transaktion. winkte er den Flugbegleiter zu sich. Miles hob das Muschelhalsband ans Fenster und freute sich. daß man sie erkannte. Der Flugbegleiter erschien genau in dem Augenblick.

Er ergab keinen Sinn. Kalifornien ›Ich begegnete Satvinder auf einem Fischzug…‹ Catherine zog die Augenbrauen zusammen. Λγρα… eindeutig: αγρα. Dann las sie den Satz. Havers hat zwar nicht alle Photos. aber die meisten. veränderte langsam den Abstand der Lupe zur Papyrusseite und hielt den Blick auf das fragliche Wort gerichtet. wenn Sie demnächst mit Messern nach mir werfen.Mojave-Wüste. Das sind die Nerven. daß durch die Hitze der Glühbirne ihr Haar heiß zu werden begann. »Du meine Güte. »He!« rief Garibaldi und zog schnell den Kopf ein. KJV: Fischfang‹ Catherine blickte wieder auf den Papyrus. noch einmal. »So war es nicht gemeint. den sie gerade übersetzt hatte. Zwischen dem ›y‹ und dem ›p‹ befand sich ein winziges ›0‹. so daß der Kugelschreiber ihn nicht traf. richtete die Lampe auf das Papyrus und betrachtete sich genau das letzte Wort. Sie schlug in Strangs Griechisch im Neuen Testament das Wort #0061-GSN nach: ›agra – ein (Fisch)Zug. Sie griff nach der Lupe. Ich sitze über dem brüchigen Papyrus und kann nur langsam und 311 . »Sagen Sie es rechtzeitig. erstaunt den Kopf hob. Der Zeitdruck ist unerträglich. wie kann man nur so dumm sein! Sabina begegnet Satvinder natürlich auf dem ›Markt‹ und nicht auf einem ›Fischzug‹!« Sie griff nach dem Kugelschreiber und warf ihn quer durch das Zimmer. daß Garibaldi.« Sie lachte. der am Computer saß. »›Agora‹« rief sie erleichtert so laut. Dann sah sie es. zog die Lampe so nahe heran.

erwiderte er und trat ans Fenster. der sich ihm als nützlich erweist.vorsichtig an einem kaum lesbaren Text arbeiten. die er vergrößern. Auf der endlosen Busfahrt nach der überstürzten Abreise aus Goshen hielt Catherine Ausschau nach allem. Indianerhöhlen. aber das Konto ist noch nicht aktiviert. Havers hat die wichtigen Hinweise bereits gefunden. Vermutlich läßt er mehrere Leute gleichzeitig übersetzen.« Sie befanden sich inzwischen mitten in der Wüste in einem Motel. noch einmal Online zu gehen. Edwards Air Force Base – Landeplatz der US Space-Shuttle. Stellen Sie sich vor. Wir haben zwar von dem neuen Service Provider die Zugangsberechtigung. man ist uns auf der Spur?« »Ich weiß es nicht«.« Sie warf einen Blick auf den Bildschirm. Das bedeutet. Er dagegen hat Reproduktionen. um es schnell und unerkannt wieder zu verlassen!« Garibaldi stand auf und streckte sich. »Glauben Sie. »Ja. in dem König Tymbos regierte. Auf dem Nachttisch zwischen den beiden Betten lagen für die Besucher Hinweise auf die Sehenswürdigkeiten der Umgebung: die Geisterstadt Calico. nach denen ich noch suche. er ist bereits auf dem Weg zu dem Platz. vervielfältigen und jedem geben kann. Death Valley: der tiefste Punkt der westlichen Hemisphäre. »Es ist bestimmt riskant. oder ein paar fangen von rückwärts an. Aber außer Plakaten mit Klapperschlangen und Hinweisschildern auf Indianergräber und Dinosaurierskelette war es wirklich 312 . ich wie eine Schnecke übersetze und Sie sich wie ein Dieb ins Internet schleichen. Vielleicht kennt er schon die Stadt oder das Land. während wir hier wie Gefangene sitzen. was es auf der Straße an Lebenszeichen zu sehen gab. das aus einer Reihe rosa verputzter Bungalows bestand. wir haben Probleme. wo die siebte Schriftrolle liegt.

um ins Freie blicken zu können. daß ihnen jemand am Busbahnhof von Goshen oder in Mojave besondere Beachtung geschenkt hatte. denn er glaubte nicht. daß uns wesentliche Informationen vorenthalten bleiben. dann wäre es schon möglich.wenig.« Garibaldis prüfender Blick aus dem Fenster war nur Routine. »Es wäre eine große Hilfe. kann man es später trotzdem wieder zurückholen.« »Es wäre auch nicht schlecht«. »Die Lücken im Papyrus sorgen natürlich dafür. sagte Garibaldi und schob den Vorhang etwas beiseite. Sie fuhr sich mit den Fingern durch die kurzen weißblonden Haare. wie Catherine den Bungalow betrat. Löscht man etwas auf der Festplatte. Nero hätte sie verfolgen können. »Angenommen. und Claudius natürlich am besten. dann wüßten wir. »Wenn Sabina doch nur den Namen des Kaisers noch einmal erwähnen würde«. aber Vespasian. dann fehlt es eben. Aber die Suche nach ›Philos‹ ergab unzählige Verweise auf Worte mit der Silbe ›philos‹. seufzte Catherine. wenn wir wüßten. »wenn wir wenigstens einen der Familiennamen dieser Frauen kennen würden. Caligula wäre noch besser. Trotzdem mußten sie wachsam sein.« »Leider ist Papyrus keine Festplatte. im Auftrag welches römischen Kaisers Cornelius Severus durch das Reich reiste. Auch der Mann an der Rezeption des Motels hatte vermutlich nicht gesehen.« Die Suche im Netz hatte viele Hinweise auf ›Amelias‹ und sogar auf ein paar ›Perpetuas‹ gebracht. sie hat Philos zur Zeit des Kaisers Augustus geheiratet. Aber wenn es Kaiser Tiberius war. daß sie vor Jesus lebte und daß diese Schriftrollen nicht von Augenzeugen stammen. das wäre zu spät.« 313 . wenn es nicht mit anderen Informationen überschrieben ist. Catherine wandte sich seufzend wieder dem ausgebreiteten Dokument zu. Aber fehlendes Papier? Wenn es fehlt.

Vermutlich gehört es dem Mann an der Rezeption. »Ich liebe Katzen«.« »Sie scheinen sich mit Katzen auszukennen«. wen haben wir denn hier?« rief er und nahm das Kätzchen hoch. während er es sanft streichelte. setzte sich wieder an den Computer und tippte die Zugangsnummer ein.« »Hören Sie…«. »Woher kommst du denn?« »Vermutlich hat sie keinen Besitzer«. Catherine riß sich von dem Anblick los und schaltete den Fernseher ein. »Das klingt nach einer Katze. Er schüttelte den Kopf. und das Kätzchen sieht gesund aus. »Ich bin für Claudius. Catherine staunte über seine Behutsamkeit. Eine Blondine mit professionellem Lächeln und sanfter Stimme las die Meldungen des Tages. wie wohl sich das Tier bei Garibaldi zu fühlen schien. Er öffnete die Plastikbecher mit der Kaffeesahne und gab dem Kätzchen auf einem Plastikdeckel die Milch zu trinken.« Catherine sagte lachend: »Sie will etwas trinken. erwiderte er. sagte Catherine und hob die Hand.« Er öffnete die Tür. Sie suchte auf den Kanälen nach einem Sender in Los Angeles. Schließlich fand sie einen. sagte Catherine und staunte.« Er setzte das Kätzchen vorsichtig auf den Tisch. »Ja.»Also!« sagte Garibaldi und verließ das Fenster. »Was ist das für ein Geräusch?« Garibaldi lauschte. wo noch die Reste ihres mexikanischen Essens lagen. »Das Fell ist sauber. sagte Catherine und sah verblüfft. Außerdem hat es keine Angst. Es schnurrte und schmiegte sich an seine Brust und leckte an seinem kleinen Finger. wie das winzige flauschige Tier zutraulich in Garibaldis großen Händen verschwand. und ein schwarzweißes Kätzchen sprang herein. ›… die Einreisebehörde hat heute 314 . »Wir hatten immer viele Katzen zu Hause. die es gierig aufleckte.

also am 16. Sie reiste über den John F. was sie gefunden hat. daß Dr. daß Dr. Als man ihn nach dem Mörder von Daniel Stevenson fragte. Bislang ist gegen die Archäologin jedoch nicht offiziell Anklage erhoben worden. Alexander. Nach Auskunft der Zollbeamten weiß man nicht. Stevenson am Tag seiner Ermordung aus Ägypten in die Vereinigten Staaten eingereist ist.‹ Verblüfft sah Catherine. Wir wissen nicht. das im Zelt zurückgeblieben war und sich mittlerweile in den Händen der ägyptischen Behörden befand. Catherine Alexander vor vier Tagen. das Catherine von dem Jesus-Fragment gemacht hatte. Wir haben seit dem ersten Dezember nichts mehr von ihr gehört. wie die Schriftrollen vom Sinai in die USA gekommen sind. Alexander am Fundort entfernt wurde. daß er sich zwei 315 . daß dieses Fragment nur Teil von mehreren Schriftrollen ist.‹ Garibaldi setzte sich neben Catherine auf das Bett.bestätigt. Dezember. sagte der Inspektor: ›Wir haben die Information erhalten. wo sie sich befindet. Wir haben Grund zu der Annahme. in die USA zurückgekehrt ist. daß die untere Hälfte der Seite von Dr. Wir wissen nichts darüber. Wir können weder den Fund von Schriftrollen bestätigen noch dementieren. Man zeigte das Photo. Alexander befragt. Kulturminister Achmed Sayed erklärte als Sprecher der ägyptischen Regierung: ›Die gezackte Linie hier deutet darauf hin. Kennedy-Flughafen ein. Alexanders Grabungen im Sinai im vergangenen Jahr finanziert. und anschließend das Original. und wir haben zuverlässige Hinweise darauf.‹ Danach wurde Inspektor Shapiro von der Polizei in Santa Barbara nach Hinweisen auf den Aufenthaltsort von Dr. ›Wir haben Dr. daß als nächstes die Leiterin der Stiftung eine offizielle Erklärung verlas. Man braucht dazu die Aussage von Dr. aber der Beamte lehnte jede Stellungnahme ab.

die. Die Stimme der Nachrichtensprecherin war wieder zu hören. »Julius hat mich gewarnt.« Sie stand auf und lief unruhig im Zimmer auf und ab. Daniel Stevenson.‹ ›Inspektor Shapiro‹. »es tut mir so leid. Julius Voss behauptet. Ein großer.« Die Sendung ging mit einem Live-Bericht aus dem Vatikan weiter.‹ »Ich habe Danno nicht ermordet«. der eine an dem amerikanischen Ingenieur J. nicht zu wissen. Julius stand vor dem Haupteingang inmitten von Reportern. nicht zu wissen. Er hat mir gesagt. Außerdem behauptet er.‹ »Julius…«. mein eigenmächtiges Vorgehen würde uns alle in Gefahr bringen. murmelte Catherine und schüttelte den Kopf. die sie angeblich aus Ägypten geschmuggelt hat. wie er sich zornig und empört vor den Journalisten in das Institutsgebäude rettete. was in den Schriftrollen steht. um die Schriftrollen in ihren Besitz zu bringen. Catherine Alexander stehen. in Zusammenhang mit den verschwundenen Schriftrollen und der untergetauchten Dr. Er erklärte laut und deutlich. wo sich seine Verlobte aufhält. kein Kommentar. daß es zwischen den beiden Archäologen zu Meinungsverschiedenheiten über den Fund gekommen ist und daß Catherine Alexander ihren Kollegen Dr. Untersuchungsbeamte in Ägypten und in den USA glauben. daß die beiden Morde. Können Sie dazu etwas sagen. nach Südkalifornien geflohen ist. J. wie man vermutet. ›es wurde der Verdacht geäußert. fragte der Reporter. Hungerford und der andere an dem Archäologen Dr. »Ich wünschte… Nein!« Auf dem Bildschirm erschien das Freers Institut in West Los Angeles. ›Dr.Tage vorher auf der Sinaihalbinsel aufgehalten hat. Stevenson ermordet hat. Herr Inspektor?‹ ›Tut mir leid. Deshalb haben wir uns zum ersten Mal gestritten. der als Kardinal Lefevre 316 . daß er sich nicht äußern werde. seufzte Catherine. würdevoller Mann. als sie sah.

»Wie kommen Sie darauf?« »Weil man im Vatikan vielleicht nicht zu Unrecht glaubt.‹ »Das würde den Herren im Vatikan gefallen!« rief Catherine. erwiderte auf die Frage des Reporters. Sie wurde 1920 geboren und hat in den vierziger Jahren studiert. was mit der Kirche zu tun hat. »Meine Mutter war Paläographin und Bibelforscherin und vertrat einige sehr unbeliebte Theorien. das ist alles!« Garibaldi sah sie überrascht an. ihre Flucht abzubrechen und die Schriftrollen den zuständigen Behörden zu übergeben. Damals war es für eine Frau unmöglich. Deshalb kam sie mit meinem Vater nach Kalifornien. ihren Platz zu räumen. daß ich die Führungsspitze der Kirche mit einem sehr viel älteren Rechtsanspruch konfrontieren werde. ob der Vatikan Interesse an den sogenannten ›SinaiSchriftrollen‹ habe: ›Wir sind stets an allem interessiert. an den führenden Universitäten einen Studienplatz zu bekommen. dann können sie möglicherweise Licht auf die frühen Jahre des Christentums werfen. als ich gerade zwei Jahre alt war. Sie haben natürlich Angst. bewarb sich meine Mutter um einen Lehrauftrag in Yale und wurde abgewiesen. erwiderte Catherine und streichelte das Kätzchen.vorgestellt wurde. Ich möchte deshalb die junge Frau auffordern.« »Wie bitte?« »Das hat meine Mutter immer gesagt«. wo sie beide am katholischen 317 . Sie mußte sich mit einem privaten FrauenCollege begnügen. Wenn es diese Schriftrollen wirklich gibt und wenn sie echt sind. 1965. der sie zwingen könnte. weil man keine Frau im Kollegium haben wollte. das zufrieden schnurrte. »Ich soll wie die sündige Maria Magdalena als Büßerin zu ihnen gehen.

»Sie zweifeln also an den Worten der Bibel?« »Meine Mutter glaubte an das Wort. Sie schlug ›Deuteronomium.« Ein Wagen näherte sich langsam dem Motel. Ihre Bücher und Artikel lösten stets heftige Kontroversen aus. daß Gott wie eine Frau in den Wehen liegt. die Männer. und die Ankömmlinge trugen ihre Sachen hinein.« Das Kätzchen war eingeschlafen. du vergaßest den Gott. Die Tür wurde aufgeschlossen. Garibaldi hob die Augenbrauen.‹ Vater Garibaldi. »Meine Mutter lehrte nicht nur Theologie«. 32/18‹ auf: »›An den Fels. Aber nein. Als er einen schwarzen Ford sah. und auf dem Rücksitz entdeckte er außerdem ein Kind. »Ihre eigentliche Aufgabe sah sie in der Forschung und dem Veröffentlichen ihrer Arbeiten.« Catherine zog die Schublade des Nachttischs auf und nahm die Gideon-Bibel heraus. die diese Stelle übersetzt haben. hielt er unwillkürlich die Luft an. sondern ›Partnerin‹ bedeutet. nicht ganz 318 . fanden die Vorstellung. »Meine Mutter war zum Beispiel nicht mit der Interpretation einverstanden. Ich glaube. dachtest du nicht mehr. erzählte sie. es waren ein Mann und eine Frau. daß das hebräische Wort in der Genesis nicht ›Gehilfin‹. teilte den Vorhang einen Spalt und blickte vorsichtig hinaus. ließ den Vorhang wieder fallen und nickte Catherine zu.« Sie hörten. der dich geschaffen hat. und Catherine lächelte über das zufriedene kleine Wollknäuel mit den winzigen Pfötchen. wie der Wagen vor dem Nachbar-Bungalow hielt. Er atmete erleichtert auf. aber sie mißtraute den Übersetzungen. Garibaldi ging zum Fenster. Sie wies darauf hin.College in Pasadena unterrichten konnten. daß Eva als Gehilfin Adams geschaffen worden war. der dich gezeugt hat. das ursprüngliche hebräische Wort für Beschaffen ›hat‹ bedeutet ›in den Wehen liegen‹. in dem zwei Männer saßen.

als Meßdiener am Altar zu stehen. ich war eine überzeugte Katholikin und hatte den sehnlichen Wunsch. erwiderte 319 . daß ich auf der katholischen Schule zu hören bekam. daß die von Männern stammenden Übersetzungen aus späterer Zeit der wachsenden männlichen Dominanz in der Kirche Rechnung getragen haben. Aber nur die Jungen durften das. Ich wollte es nicht glauben und lief weinend nach Hause. Phoebe war auch ein ›Diakonos‹.« »Nun ja. daß unsere katholische Kirche die Frauen nicht schlecht behandelt. daß die Priesterweihe ein Sakrament sei und daß Mädchen nicht zu Priestern geweiht werden können. Ich hätte so etwas nie getan. Vater Garibaldi. daß die Katholiken die Mutter Gottes verehren. Meiner Meinung nach ist es offensichtlich.« »Die Verehrung von Maria und die Behandlung von Frauen sind zwei ganz verschiedene Dinge. daß einige hinter dem Rücken des Priesters den Abendmahlwein tranken und andere wenig fromme Späße trieben. obwohl ich wußte. »Paulus wurde als ›Diakonos‹ bezeichnet. Aber meine Mutter erklärte mir. So wurde die ursprüngliche Bedeutung durch Interpretation verändert. »Ähnliche Beispiele finden sich auch im Neuen Testament«.richtig. fuhr Catherine fort. Vergessen Sie nicht. als Mädchen könne ich nicht alle sieben Sakramente empfangen. räumte Garibaldi ein. das hier als ›Diakon‹ übersetzt wird.« Garibaldi sagte nichts.« »Könnte sein«. aber in den meisten Übersetzungen wird sie zu einer ›Gehilfin‹. aber er nickte nachdenklich. das ist…« »Vater Garibaldi. Ich weiß noch sehr gut. »aber ich bin der Ansicht. aber als Mädchen durfte ich ja keine Meßdienerin sein!« »Ich habe diese Vorschriften nicht gemacht«.

Wenn es um das katholische Dogma geht. daß ich von einem alten Rechtsanspruch gesprochen habe? Ich will etwas deutlicher werden. erschien er als erstes einer Frau. In den sechziger Jahren konzentrierte sich meine Mutter bei ihren Untersuchungen auf das Neue Testament. ich stehe auf Ihrer Seite. Da brach die Hölle los. Alles. während sich die Apostel aus Angst um ihr Leben versteckten. »Bei der Kreuzigung umstanden nur Frauen das Kreuz.« 320 . Frauen hielten die Totenwache. die Forschungen meiner Mutter weiterhin zu ignorieren.« Garibaldi nickte. »Bitte lassen Sie mich wiederholen. Die Theologen fanden nichts dabei. 1970 veröffentlichte sie einen Artikel mit der Frage: ›War Maria Magdalena die Frau von Jesus?‹ Ihre Gedanken riefen ein paar Wellen hervor.« »Sie haben es also nie gelesen.« »Das können Sie nicht. aber noch keinen Sturm.Garibaldi. veröffentlichte sie eine wissenschaftliche Arbeit mit dem Titel: Maria Magdalena. was Sie gesagt haben.« »Das sehe ich nicht so. Ich frage Sie: Warum haben die Männer später alles an sich gerissen?« Garibaldi hob die Hände.« »Im Gegenteil. dann befinden wir uns in unterschiedlichen Lagern. Dann. Ich habe mich zum Beispiel auch nie gegen die Priesterweihe von Frauen ausgesprochen. Als Jesus auferstanden war. »Ich kenne das Buch. die erste der Apostel. Es stand auf dem Index. 1973. ich habe es sehr aufmerksam gelesen. Vater Garibaldi! Frauen nahmen den Gekreuzigten ab und sorgten für ein würdiges Begräbnis. klingt für mich nicht bedrohlich.« »Erinnern Sie sich.

« »Der Grund für die Aufregung liegt auf der Hand«. an keiner Stelle im Neuen Testament steht. läßt sich mehrere Jahrhunderte zurückverfolgen. denn meine Mutter gab Magdalena eine traditionell weibliche Rolle. erregte die Gemüter nicht sonderlich. daß Maria Magdalena eine Prostituierte war. Das wurde nicht hingenommen. daß Maria Magdalena bis ins Mittelalter viele Anhänger hatte. Auf Maria Magdalena trafen diese Kriterien zu. Man entriß ihr den wahren Status. als erwarte sie. Sie hatte gewagt. sagte Catherine. denn sie sah mit eigenen Augen das leere Grab und als erste den wiederauferstandenen Christus. »In den früheren Arbeiten hatte sich meine Mutter mit Frauen und ihren Rollen als Frau beschäftigt. »Gut. daß Maria Magdalena die Frau von Jesus gewesen sei. Aber dadurch. Sie überbrachte den anderen die Nachricht von der Auferstehung. »Damals war ich im Priesterseminar und mußte noch viel über Gehorsam lernen. »Richtig. Auch der Gedanke. die Botschaft zu verkünden. daß der Betreffende ein ›Augenzeuge‹ war und den Auftrag erhielt.« Er seufzte. So wissen wir zum Beispiel.« »Die Tempelritter zum Beispiel«. daß dort eine Meldung erscheinen werde. die Maria Magdalena zur Prostituierten macht. Sie haben mich überzeugt. Damals kämpften viele unterschiedliche Kräfte um die Macht in der Kirche. »Vater Garibaldi. sagte Garibaldi und nickte.« Garibaldi wiegte zweifelnd den Kopf.« Catherine blickte auf den Laptop. Catherine fuhr fort: »Das ursprüngliche griechische Wort ›Apostel‹ bedeutet. daß der Klerus Maria Magdalena zur Prostituierten machte. Die Interpretation. einer Frau die Aufgabe eines Mannes zuzuweisen.Er lächelte. der erste Apostel zu sein. nahm er ihr alle Würde und Macht. Aber was hat das 321 . Mit dem ›Apostelbuch‹ überschritt sie jedoch die Grenze des Erlaubten.

Er ist ihr als erstem Menschen erschienen. was für eine Wirkung diese Schriftrollen heute auf die Gläubigen in aller Welt haben werden.‹« Catherine holte tief Luft und sah Garibaldi 322 . können Sie sich vorstellen.mit dem alten Rechtsanspruch und einer Abdankung des Papstes zu tun?« »Geduld! Ich wiederhole: Maria Magdalena hat als erste den auferstandenen Jesus gesehen. was geschieht. als richtige Priesterinnen.« »Später hat allerdings Petrus Anspruch auf die Nachfolge Christi erhoben und sich an die Spitze der neuen Kirche gestellt. das wäre nicht anders. gehört das Haus in Wirklichkeit mir. der den auferstandenen Jesus gesehen habe. er sei der erste gewesen. Streiten Sie das ab?« »Nein. Ihre päpstliche Autorität basiert auf der Behauptung von Petrus. Er tat das mit der Begründung. gewirkt haben? Dann wissen Sie. und sie wußte als erste. als wenn jemand an die Haustür klopfen und sagen würde: ›Können Sie mir die Besitzurkunde für Ihr Haus zeigen?‹ Der Betreffende sieht sich die Urkunde an und zeigt dem ›Besitzer‹ eine Urkunde älteren Datums: ›Wie Sie sehen. daß Maria Magdalena die Nachfolgerin von Jesus war. die beweisen. aber Sie müssen ausziehen. daß Frauen unter den Frühchristen als ›Diakone‹. Meine Mutter sagte. Es tut mir leid. Zweitausend Jahre lang haben Männer die Nachfolge Petri als Oberhaupt der katholischen Kirche angetreten. daß er wirklich von den Toten auferstanden war. Ich habe einen älteren Anspruch darauf. Schriftrollen. Aber in Wirklichkeit war diese Autorität gestohlen! Vater Garibaldi. die älter sind als der Paulus-Brief an die Korinther? Und wenn in diesen Schriftrollen außerdem dokumentiert wird. wenn Schriftrollen gefunden werden.

als erwarte sie seinen Widerspruch. werden erst nach vielen Jahren entschieden. wenn man Ihnen befiehlt. Ich werde mir Gehör verschaffen. und mich wird man nicht zum Schweigen bringen. Aber die Menschheit hat das Recht. Da er nichts sagte. oder es hätte einen Kampf um die Berechtigung zu ihrer Übersetzung gegeben. warum Sie die Schriftrollen um keinen Preis aus der Hand geben wollen. fragte sie: »Vater Garibaldi. was werden Sie tun. ein Zeitungsphoto ihres Vaters. wenn der Vatikan erfährt. Aber ich bin der Meinung. Manchmal muß man ein Gesetz übertreten. Hätte ich diese Texte nicht an mich genommen. das Werk Ihrer Mutter zu beenden. Wenn Sabina uns eine wichtige Botschaft übermitteln will. dann hat die Welt ein Recht. Ich habe archäologische Funde aus Ägypten gestohlen und illegal ins Land gebracht. wären sie vielleicht in einem Archiv verschwunden wie damals die Schriftrollen vom Toten Meer. mich den Behörden auszuliefern oder mir die Schriftrollen 323 . daß Kardinal Lefevre und alle im Vatikan vor den Schriftrollen Angst haben. »Deshalb glaube ich. um das Richtige tun zu können.durchdringend an. Schließlich sagte Garibaldi: »Ich verstehe jetzt. Sabinas Worte jetzt zu hören. die vor den Internationalen Gerichtshof kommen. der neben anderen vor Soldaten auf den Knien lag. Fälle. »Meine Mutter brachte man zum Schweigen. daß Sie mir helfen? Was werden Sie tun. Dieses Bild war seinerzeit in den Tageszeitungen um die ganze Welt gegangen. das verantworten zu können. ich habe mich in diesem Fall über die Gesetze hinweggesetzt. Ja.« Ein Bild drängte sich ihr plötzlich auf. Man hörte nur den Wüstenwind pfeifen. sie zu hören.« Catherine schwieg.« Lange Zeit blieb es still im Zimmer. Sie sehen es als Ihre Aufgabe an.

»Und glauben Sie?« »Ja. traue ich nicht. Kardinal Lefevre. und es würden Schriftrollen gefunden. die Menschen klammern sich an die Kirche. Alexander. mit der Sie über die katholische Kirche sprechen?« »Das ist eine lange Geschichte. erwiderte er.« »Glauben Sie noch an Gott?« »Wie viele Menschen verwechseln ein Lippenbekenntnis mit ›Glauben‹. ich bin der Meinung. den man um eine Stellungnahme gebeten hat.« »Sie haben meine Frage nicht beantwortet.« »O doch. die es im Klerus gibt. Wenn Sie an seiner Stelle wären. weil sie auf Wunder 324 .« »Dr. daß Sabinas Geschichte in den Archiven des Vatikans verschwindet und niemand etwas davon erfährt?« »Sie können nicht voraussagen. daß dies der Fall sein wird.« »Dann gehören Sie zu den wenigen Ausnahmen.« »Wissen Sie. die Maria Magdalenas Anspruch auf die rechtmäßige Nachfolge Jesu erhärten. Vater Garibaldi?« »Ich kann nur für mich sprechen«. Würden Sie zulassen. dann würde ich das tun. was ist der Grund für die Bitterkeit. genau das befürchte ich. würden Sie dann zulassen. daß diese Schriftrollen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden?« »Wenn die Schriftrollen die Worte und Wünsche unseres Herrn Jesus Christus wiedergeben.wegzunehmen?« »Ich bin der Kirche zu uneingeschränktem Gehorsam verpflichtet.

um sie vor der ganzen Klasse zu demütigen. Als sich ihre Finger darum schlossen. das Schwester Immaculata ihr um den Hals gehängt hatte. sagte Catherine plötzlich. ich trage es noch heute über meinem Herzen. denn er war eine Art Verbindung zu Daniel. Der Wüstenhimmel war mit Sternen übersät. Cathy‹. hatte ihr Danno sehr viel später einmal gesagt. ich sollte mich der Polizei stellen«. ›Sünderin stand dort. obwohl sie in den vergangenen Stunden und Tagen auch überraschende Verwirrung darin gesehen hatte. trotz allem weiterzumachen.« »Was ist daran so falsch?« Sie blickte in seine klaren blauen Augen. fielen ihr Sabinas Worte wieder ein: ›Meine Mutter glaubte an die Kraft eines Amuletts.‹ Vielleicht. Er hatte nie aufgegeben. in der Jade Dannos Entschlossenheit zu spüren. als Catherine wissen wollte. Die Wüste ist rein. Es waren die Augen eines widersprüchlichen Mannes. der darüber hinaus einen gefährlichen Kampfsport betrieb. dachte Catherine.hoffen. Sie griff nach dem Jadeanhänger an ihrem Hals. So war es auch im Sinai. was Sie mir gerade erzählt haben?« Catherine trat an das Fenster und zog den Vorhang zurück. Das Hermes-Kreuz wurde mir am Tag meiner Geburt um den Hals gelegt. aus denen so viel Ruhe und Seelenfrieden sprachen. was auf dem Schild stand. Er schien sie auch jetzt anzuspornen. hat ein Amulett wirklich eine besondere Kraft… Sie glaubte. »Ich glaube. dachte Catherine. »Wie bitte? Nach allem. Sünderin… Keinem der Kinder war die 325 . nichts steht zwischen den Menschen und dem Himmel. liebe Perpetua. und.

Er trug Jeans und ein kariertes Hemd. Sie sah Samir und Mr. »Ich fürchte. Mylonas. Aber dabei entsprach seine Haltung nicht einem friedlichen Priester. je länger ich auf der Flucht bin. Er ist Wissenschaftler und ein friedfertiger Mann. fragte der Reporter. Sie mußte unwillkürlich daran denken. Schnell schaltete sie den Ton ein. desto mehr Menschen werden darunter zu leiden haben… zum Beispiel Julius. Eine erste Untersuchung des Skeletts läßt darauf schließen. der ägyptische Kulturminister. Deshalb sind Haare und Stoff noch erhalten. ›Der Boden hier ist salzhaltig. ›daß man die Frau lebend begraben hat?‹ ›Es sieht so aus. »Sie legen den Brunnen frei!« ›Bisher haben wir die Überreste eines Skeletts gefunden‹ sagte Achmed Sayed. es handelt sich um eine Frau. Neben dem Laptop lag das Brevier. »Der Brunnen!« rief sie. Jemand deutete auf einen Tunnel. daß die Frau lebend in den Brunnen hinabgelassen wurde. Garibaldi schien mit Dämonen zu ringen. Das goldene Kreuz hing um seinen Hals.‹ 326 . in dem er in regelmäßigen Abständen las.eigentliche Bedeutung dieses Wortes bewußt gewesen. Wir sind der Meinung. wie Garibaldi mitten in der Nacht auf den Knien gelegen und gebetet hatte. Man hatte ihr die Hände mit Lederriemen gefesselt‹ ›Wollen Sie damit sagen‹. und das Klima ist trocken. Jetzt ist auch sein Leben in Gefahr. Die Kamera schwenkte über Beduinenzelte und dicht gedrängte Menschen hinter einer Absperrung. Sind es die Dämonen in den Pangamot-Stöcken? Sie zog den Vorhang zu und verließ das Fenster. Und…« Sie brach plötzlich ab. die von Soldaten bewacht wurde. denn im Fernsehen zeigte man ihren Grabungsplatz in der Wüste. Catherine spürte Garibaldis Augen auf sich gerichtet. der in glücklicher Harmonie zu seinem Gott sprach. Auf dem Stundenbuch sah sie den Rosenkranz.

den Sabina in Indien kennengelernt hat. Wir haben die Fasern untersuchen lassen.« »Ich habe es mir anders überlegt«. die Dr. ›Wir werden vermutlich mehr wissen. das nehmen wir an. das aus Schnecken gewonnen wird. die wir auch auf dem Skelett festgestellt haben. ob wir uns ins Internet einloggen können. hörte sie Garibaldi murmeln. in diesem Brunnen gefunden wurden?‹ ›Ja. später mit Steinen gefüllt wurde. »Bitte überprüfen Sie. den Dr. Eine neue Spur. Sie wollten sich der Polizei stellen. ist mit rötlichbraunen Fasern bedeckt.« ›Herr Minister.»Lebend begraben…«. Das ist jemand. Alexander hier gefunden hat.« »Aber…« 327 . daß die Schriftrollen. ›Vielleicht finden wir unter den Steinen den Rest des Skeletts und Hinweise auf die Schriftrollen. und der. »Es gibt einen neuen Namen. »Dona nobis pacem. Alexander hier gefunden hat. was Dr. wenn der Brunnen völlig freigelegt ist‹. Der Korb. sagte Garibaldi. erwiderte sie wie in Trance.« »Ich dachte. sagte Minister Sayed. »Wir müssen uns an die Arbeit machen«. Sie waren ursprünglich purpurrot und sind mit Murexid gefärbt. Catherines Herz schlug schneller. die man lebend begraben hatte! War es Amelia.‹ »Du meine Güte«. Es war das kaiserliche Purpur des römischen Reiches‹. sagte sie. Eine Frau. Alexander gestohlen hat. Perpetua oder vielleicht sogar Sabina? »Eine christliche Märtyrerin«. nach dem wir suchen müssen – Satvinder. wiederholte Garibaldi und bekreuzigte sich. »Was um alles in der Welt haben Sie gefunden?« Catherine griff nach der blauen Tasche und holte den Notizblock heraus. beziehungsweise Anhaltspunkte für das. glauben Sie.

FTPERROR KÖNNEN NICHT MIT FTP SERVER VERBINDEN. der hinter ihr stand und mit der Maus klickte. sagte Catherine ungeduldig und klickte auf ÖFFNEN und tippte dann: ›http://sipparorinst.uchicago. SORRY! ALLE LEITUNGEN (75) SIND BESETZT. ALLE LEITUNGEN BESETZT 328 . »Ein Inhaltsverzeichnis aller Arbeiten über archäologische Quellen im Nahen Osten. »Wir sind Online!« rief er. BITTE SPÄTER VERSUCHEN. sagte Garibaldi. Man zeigte die Skelettknochen mit den Lederfesseln in Großaufnahme. und er überließ ihr seinen Platz an der Tastatur. Garibaldi nickte und ließ das Computermodem die neue Nummer wählen. Die Verbindung kam diesmal zustande.edu/oi/DEpr/RA/ABZU. die auf Internet verfügbar sind.html‹ »Was ist das?« fragte Garibaldi. »Darf ich?« fragte sie. KEIN WAIS-ZUGANG KONFIGURIERT! »Wir machen etwas falsch«. »Was haben Sie vor?« »Ich möchte etwas Neues probieren.edu/papyrus/‹ und klickte ›ENTER‹.de KEIN ZUGANG UNTER DIESER NUMMER »Versuchen Sie es mit dem WAIS-Verzeichnis«. Catherine suchte im Notizbuch nach einer Nummer und tippte dann: ftp.Sie deutete stumm auf den Fernsehapparat.« Sie tippte und blickte gespannt auf den Monitor. Auch diese Nummer ist besetzt!« Catherine tippte: ›http://odyssey.duke.uni-stuttgart.lib. Ach du meine Güte.

Garibaldi runzelte die Stirn.« Sie klickte. »Dann wollen wir die Jahre 100 v.« »Versuchen Sie es noch einmal«. und überflog sie. daß sich jeder. murmelte er. »Die Medien sorgen dafür.« Catherine hörte ihn nicht. im Internet über ›Schriftrollen‹ informiert. die heute abend Informationen über alte Schriftrollen suchen«.« Sie sah ihn verzweifelt an.»Wir sind offenbar nicht die einzigen. der einen Computer und ein Modem besitzt. es gibt eine Möglichkeit. »Sie sind der Computerexperte. Wir können uns nicht leisten. sagte Garibaldi. im Internet zu bleiben«. Havers darf uns nicht finden. Wie in einem Alptraum. Wir suchen die griechischen. Man hat die Texte in Unterverzeichnissen aufgelistet. aus dem es kein Entrinnen gab.edu/papyrology/home.umich. und Catherine tippte: ›http://www. so lange Online zu bleiben. die neben dem Bett auf dem Fußboden lagen. in einem tiefen 329 .« Sie klickte auf ein Symbol. Chr. glaubte sie. bis 300 n. Chr. Garibaldi pfiff leise: »Das sind ganz schön viele Papyri…« Sie klickte auf die blau unterlegte Überschrift: INSTITUTIONEN ›SPEZIALSAMMLUNGEN‹ »Es sind nicht so überwältigend viele. Was sollen wir tun?« Er griff nach einer der Werbebroschüren. »Das wird trotzdem eine Weile dauern. »Ich glaube.html‹ Papyrologie Home Page »Geschafft!« rief Catherine und ließ sich das Inhaltsverzeichnis anzeigen. riet Garibaldi. wie es aussieht. »Aber es ist riskant.

Verzeih mir. Sie war gefesselt und konnte sich nicht bewegen. daß es sich um eine Frau handeln mußte. Sie beugte sich über die Wunde der Prostituierten und half der Frau so ruhig und gelassen. wie ich es von Philos kannte. Jedenfalls lernte ich Satvinder unter den merkwürdigsten Umständen kennen. aber das hätte eine Weile gedauert. ihrer Sprache. Aber der Mann wollte die Frau nicht behandeln. Man trug sie zu einem Heiler. ihre Mutter kurz vor deren Tod zu sehen. und ein Heiler dürfe eine Sünderin nicht berühren. ob es eine Frau oder ein Mann war. in dem sich drei kleine Krüge und ein in Leinen gewickelter Gegenstand befanden. sagte man mir.schwarzen Brunnen zu liegen. dachte sie und glaubte zu ersticken. Philos zu holen. Julius. Die Menschen sahen ihr schweigend zu. Der Himmel war unendlich hoch über ihr. Dann glaubte sie. In diesem Augenblick löste sich aus den Umstehenden eine in weiße Gewänder gehüllte Gestalt. Eine Frau war auf dem Markt auf einen zerbrochenen Krug getreten. soviel bedeutet wie: ›Er. die so seltsam und so voller Wunder war. die Frau sei eine Prostituierte. Aus ihrem Gewand holte sie einen Beutel hervor. was in Sanskrit. Vor ihren Augen wurde alles rot… Danno sank blutend zu Boden. Er will mir helfen. der weiß‹. Ich wußte zuerst nicht. Als ich mich nach dem Grund erkundigte. Sie konnte nicht fliehen. aber ich muß weitermachen… Ich begegnete Satvinder auf dem Markt in einer Stadt. Die Scherben zerschnitten ihr die Fußsohle. Ich dachte daran. den sie ›Vaidya‹ nannten. Aber an den Bewegungen und an den Augen erkannte ich. Die Frau 330 . ob ich das alles nur geträumt habe. daß ich mich heute nach so vielen Jahren frage.

trennte die Frau die Köpfe der Ameisen vom Leib ab und erklärte der Prostituierten. Danach wickelte sie den Gegenstand aus dem Leinen. Mit dem Instrument entfernte sie die eingetretenen Tonsplitter. war sie wie ein Geist verschwunden. die unter rituellen Worten eine nach der anderen an die klaffende Fußwunde hielt. Die Umstehenden wichen ängstlich zurück. Dann könne man sie mühelos aus der Haut entfernen. dann murmelte sie etwas und schrieb geheimnisvolle Zeichen in die Luft. In dem zweiten Krug befand sich eine Salbe aus Myrrhe und Aloe. Die junge Prostituierte dankte der Frau und lächelte glücklich über soviel Anteilnahme. und ich sah. Noch ehe man Fragen an die weißgekleidete Frau richten konnte. und ich hörte. Die Ameisen packten mit den Greifzangen zu und verschlossen die Wunde wie Klammern. die Bisse dieser Ameisen seien gefährlich und schmerzhaft. Nachdem alle vier auf diese Weise den Schnitt geschlossen hatten. 331 . wie sie sagten.reinigte zuerst die Wunde mit einer Flüssigkeit aus einem der kleinen Krüge. Aber im dritten Krug war das Erstaunlichste von allem. Die Ameisen taten der Frau in Weiß jedoch nichts. wie die HinduHeiler sie oft benutzen. Die Umstehenden und auch ich staunten über die geschickte Behandlung der Wunde. die ich am Duft erkannte. daß es eine Pinzette aus einem Reiherschnabel war. sie müsse die Greifzangen so lange an der Wunde lassen. Die weißgekleidete Frau öffnete die Hand und ließ aus dem Krug vier große schwarze Ameisen kriechen. bis sie verheilt sei.

DER ACHTE TAG 332 .

Irgendwann wollte es jedoch das Schicksal. »weil ich meine Nase dorthin gesteckt habe. weil es in der Bar zu einer Rauferei kam. Woher kommt diese Narbe? Das sollte heißen: Was ist geschehen. ein Schwächling. daß Tim in einer Bar am Straßenrand des McKinley Highway in Alaska saß. Aber diesmal lief er nicht schnell genug. In der Ambulanz kam er wieder zu Bewußtsein.« Zeke sah der Kellnerin in dem hautengen Kleid nach und schnitt sich ein Stück von dem dicken blutigen Steak ab. Nevada »Wie sind Sie zu der Narbe gekommen?« Zeke sah die Kellnerin an. daß Sie so häßlich sind? Niemand wußte. die ihn mit dieser Mischung aus Faszination und Abscheu musterte. daß die Narbe Zeke erst zu dem gemacht hatte. Er hatte wie so oft zuviel getrunken und wollte sich aus dem Staub machen. die er inzwischen oft genug erlebt hatte. Er 333 . erwiderte er kalt lächelnd. Dezember 1999 Las Vegas.« Raphael lachte und biß hungrig in seinen RiesenHamburger. Vor dem Unfall war Zeke ganz einfach der hagere Tim Johnson gewesen. weshalb er überhaupt auf der Welt war oder was er mit seinem Leben anfangen sollte. wo sie nichts zu suchen hatte. wenn man dir diese Frage stellt. Er war schon immer ein Feigling gewesen. »Ich habe sie bekommen«. 21. was er heute war. Er wußte nicht.Dienstag. der in früher Jugend von zu Hause weglief und sich ziellos herumtrieb. gibt du eine andere Antwort. Mit vollem Mund sagte er: »Jedesmal.

Dann begann er. aber er merkte. der als notorischer Feigling von allen verlacht wurde. Bald hatte er 334 .wußte nicht mehr. Er bemerkte nur. seine Muskeln zu trainieren. Er erklärte. Da spürte Tim. Sie erschien stets mit einem Lächeln in der Tür. Nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus zog es ihn wieder in den Süden. nur ein Chirurg könne Tims Gesicht wieder menschliche Züge verleihen. rasierte und bleichte sie. eine Persönlichkeit zu werden. wer er war oder wer ihn zusammengeschlagen hatte. daß ihn eine Krankenschwester nach den Funkanweisungen eines Arztes verband. die dem neuen Gesicht entsprach. die ihn gepflegt hatte. wie etwas in ihm zu wachsen begann. Er dachte nicht daran. Er fand inzwischen Gefallen daran. das schon lange dort wartete. als würde ein Samenkorn. sich mit ihm anzulegen. als er in den Spiegel blickte. bis er feststellte. Tims Erinnerung stellte sich erst dann wieder richtig ein. Die Narbe schien Macht zu bedeuten. Es dauerte nicht lange. Er schnitt sich die jungenhaften. und schließlich erreichte er Kalifornien. Die Frauen wichen ihm entweder aus oder sie kamen zu ihm. sich operieren zu lassen. Wer war dieser Frankenstein? Das konnte unmöglich Tim Johnson sein. um sein gefährliches Aussehen durch einen entsprechenden Körper zu unterstreichen. daß die lange rote Narbe auf andere ebenso abschreckend wirkte – selbst auf die Krankenschwester. der seine Visite mit einem kleinen Flugzeug machte. Auf jeden Fall wagte niemand mehr. in den Bars die Reaktionen der Leute zu beobachten. Harte Burschen erwiesen ihm erstaunlicherweise so etwas wie Achtung. endlich keimen. Der Schock war groß. sondern beschloß. langen braunen Haare ab. Eine Woche später erschien der Arzt. daß sein Anblick ihr Angst einjagte.

war inzwischen hart und gefühllos. Zeke richtete seine Aufmerksamkeit auf das geschäftige Treiben auf der Straße hinter dem Fenster. Unsicherheit und verzweifelte Hoffnung. und er wußte. Vielleicht stand wirklich der 335 . Er wurde stark und schweigsam. Las Vegas. mit dem Raphael zur Welt gekommen war. aber diesmal verschwendete sie keinen Blick an Zeke. »Noch mehr Kaffee?« fragte die Kellnerin. Sie zog das Engelsgesicht von Raphael vor. wie sie mit Raphael flirtete. sondern sah nur Raphael an Zeke war das gleichgültig.genug Kraft. Wie konnten Frauen nur so dumm sein? Er. Aus Tim wurde Zeke. Irgendwann fiel ihm eine Ausgabe von Der Söldner in die Hand. Er hatte Zeke einmal gesagt. wie die Kellnerin den Mörder mit den unschuldigen blauen Augen und dem blonden Lockenkopf ahnungslos anlächelte. ›Raphael‹ war natürlich nicht sein richtiger Name. Zeke beobachtete. daß es die falsche Entscheidung war. welche Richtung er seinem Leben geben würde. Als Zeke sah. Und in diesem Monat schien sich Las Vegas selbst zu überbieten. dachte er. Sie wußte allerdings nicht. In den letzten Tagen von 1999 lag eine besondere Spannung in der Luft. ein Killer mit dem Namen eines Engels zu sein. Aber das war nichts im Vergleich zu dem völligen Mangel an Menschlichkeit. Die Kellnerin hatte es sich überlegt und ihre Entscheidung getroffen. Zeke. wo sie beide eine gefährliche Fracht bewachen mußten. Zeke hatte es bei ihrer Ankunft in der Stadt sofort gemerkt. den er in Südamerika kennengelernt hatte. um es mit allen aufzunehmen. Hier war alles und jeder verrückt und unberechenbar. die heißer ist als die Hölle. er habe beschlossen. schüttelte er sich beinahe. Die allgemeine Hektik verriet Angst. Er faszinierte oder schüchterte ein. Eine Stadt.

die nach Las Vegas gekommen waren. Vielleicht hofften sie auch auf eine Affäre mit einem der Showgirls oder sie wollten Sünden begehen. einer Spur mit Ausdauer zu folgen. Zeke hatte den Eindruck. daß die Polizei den roten Ford Escort im Motel in Goshen sichergestellt hatte. »Haltet euch einsatzbereit. in diesem Sodom der Neuzeit noch einmal richtig feiern wollten. Warum auch nicht? Entweder kam das Jüngste Gericht oder das eintönige Leben ging weiter wie bisher… »Also«. Wir sind bereits im Einsatz! Er hatte erfahren.Weltuntergang bevor. dachte Zeke und lächelte bitter. Die kleinen und großen Spieler schienen ihren letzten Einsatz zu wagen. hatte er das letzte Mal zu Zeke gesagt. »Wie wollen wir in dem Gewühl einen Priester finden. das möglicherweise nicht mehr kommen würde. Ihr Boß dachte zu kompliziert und nur in weltumspannenden Computer-Dimensionen. aber diesmal für ein Morgen. wie und ob das Leben im neuen Jahrtausend weitergehen würde. die Archäologin und der Priester könnten mit dem Bus weitergefahren sein. der sich wie eine Nadel im Heuhaufen der Sünde versteckt?« Zeke hatte Mr. Sie hofften wie immer auf den großen Gewinn. Havers noch immer nicht darüber informiert. die sie sich nur im Angesicht des nahen Endes zu erlauben wagten. »Wir werden sie mit unseren Computern finden«. dann müßt ihr sofort zur Stelle sein. sagte Raphael und wischte sich Fett und Ketchup vom Kinn. Diese Information brachte Zeke auf die Idee.« Einsatzbereit. daß sie eine heiße Spur verfolgten. daß alle. Er hielt nichts von der bewährten Methode. Niemand wußte. Wenn wir sie ausfindig gemacht haben. Mit 336 .

337 . finden sollte. Stierspringen war jedoch nicht das aufsehenerregendste Abenteuer im neuesten und teuersten Luxushotel von Las Vegas. bot das Hotel allerhand verrückte und seltsame Amüsements. sei die Wiederbelebung eines alten minoischen Sports: das sogenannte ›Stierspringen‹. Er glaubte.gefälschten FBI-Ausweisen erkundigten sich Zeke und Raphael im Busbahnhof und erfuhren. sie zu spüren. Waren die beiden in einem billigen oder in einem teuren Hotel abgestiegen? Die Menge schrie vor Entsetzen. wie man die beiden in der Spielhölle Las Vegas. so erklärte das Atlantis-Hotel stolz. Das bedeutete. auf seinen Rücken sprang und nach einem Salto hinter dem Tier mit beiden Füßen auf dem Boden landete. daß das zwanzig Stockwerk hohe Atlantis keine Fahrstühle hatte. Dann jubelten die Zuschauer. Das wußte Garibaldi bereits. wie es auf Kreta als sportliche Disziplin schon vor dreitausend Jahren ausgeübt wurde. die fast nur aus Hotels bestand. einer Stadt. als der Stier auf die halbnackte Frau zuraste. daß ein Priester zwei Fahrkarten nach Mojave gekauft hatte. als sie den Stier geschickt bei den Hörnern packte. Leider hatte im Busbahnhof von Las Vegas niemand einen Priester gesehen. daß der Priester und die Frau hier in der Stadt waren. Doch sie wurden alle von der Tatsache übertroffen. als er sich durch die Menschenmenge einen Weg zur Rezeption bahnte. Erbaut auf einer Insel mitten in einem See. Auch die Fragen im dortigen Busbahnhof erbrachten nützliche Antworten: Ein Priester in Begleitung einer Frau hatte Fahrkarten nach Las Vegas gekauft. Zeke und Raphael mußten sich wie Spürhunde auf die Suche machen. Es blieb die Frage. Das. Zeke zweifelte jedoch nicht daran.

Fresken. daß die Leute ihn anstarrten. Laserstrahlen und die trompe l’oeil-Architektur. Excalibur. das Luxor. auf denen die ›Mars-Raumschiffe‹ schwebten. die das Hotel bot. hatte Garibaldi in Mojave zu Catherine gesagt. Säulen und Statuen des ›Altertums‹ konkurrierten mit der superfuturistischen Architektur. »Niemand wird uns in der Menschenmenge finden. Er fiel auf. denn zu den großen Attraktionen gehörte der tägliche Untergang von ›Atlantis‹. »Nicht zu fassen!« rief Raphael. Als Garibaldi die Rezeption erreichte. In den Raumschiffen hatte man in der Tat den Eindruck zu ›fliegen‹. ›Mars rettet Atlantis‹. hatte ein Journalist bei der Einweihung treffend geschrieben. Touristen strömten in Scharen hierher.« Er hatte in ihrem Zimmer eine Werbebroschüre gefunden. die das Hotel mit seinen Attraktionen ausführlich beschrieb.Der Luxusbau stand gegenüber dem Beau Rivage am Las Vegas Boulevard. Das Atlantis war von Anfang an ein Riesenerfolg und ständig ausgebucht. Zeke und Raphael fuhren langsam den breiten Boulevard entlang und betrachteten die riesigen Hotels – das MGM Grand. daß er sie hier in einem der Mammutpaläste finden würde. Atlantis… Wie unwirkliche Visionen einer fremden Welt ragten die Bauten aus der Wüste unter Nevadas gleißender Sonne in den Himmel. hinter der die sehr zuverlässigen Schienen verschwanden. um die Wunder der Illusion zu bestaunen. »Im Atlantis sind wir sicher«. und schwerelose ›Raumschiffe‹ beförderten die Gäste zu den mehr als viertausend Zimmern. 338 . Die beiden Flüchtlinge suchten Schutz in der Menge. aber diese Illusion entstand durch Lichteffekte. Die Hotelhalle war das größte Atrium der Welt. stellte er jedoch fest. Zeke durchschaute die Absicht des Priesters und der Frau. Zeke wußte. denn ein Priester in Soutane war ein seltener Anblick im Atlantis von Las Vegas.

« Seine Jagdlust erwachte.»Schlösser! Sphinxe! Piratenschiffe! Wir sind auf einem fremden Stern gelandet. Er drehte dem Hoteleingang den Rücken zu. »Wo fangen wir an zu suchen?« »Das ist für Sie. »Anwendername und Paßwort sind nur Ihnen bekannt. sagte die Frau an der Rezeption und reichte Garibaldi die Internet-Zugangskarte. sie konnten die Kinder mit gutem Gewissen an den Monitoren im Zimmer zurücklassen. Der Gast zahlte nur eine geringe Gebühr für die Online-Verbindung. Du gehst ins MGM Grand. Vater«. An einem Kiosk. als ein schwarzer Pontiac langsam auf der Auffahrt vorbeirollte. das sich wie ein goldener Wasserfall durch die riesigen Glastüren ergoß. Eltern mit Kindern wußten das Angebot ebenfalls zu schätzen.« Zu den neuesten Dienstleistungen des Hotels gehörte die Internet-Zugangsberechtigung über das hoteleigene System. Garibaldi durchquerte noch einmal die Hotelhalle und ging durch das Sonnenlicht. der wie ein minoischer Sarkophag aussah.« 339 . Sie können sich jederzeit in das Net einloggen. während sie selbst an den Spieltischen ihr Glück versuchten. Zeke blickte auf die Uhr und sagte zu Raphael: »Hier fangen wir an. Geschäftsreisende nutzten den Service für Konferenzschaltungen und verwandelten ihre Suiten in virtuelle Büros. kaufte er eine Zeitung. und ich in Caesar’s Palace.

wann er Zeit zum Essen fand oder auch nur. winkte Julius dem Mann zu und fragte sich. Wenn ich das erledigt habe. wo ein weißer Honda am Bordstein stand. Rabbi Goldmann war schon so lange in der Synagoge. Er überquerte die Straße. »Ich werde bei Johnny’s etwas essen«. wo das ist? Fahren Sie die Pico Street entlang und biegen Sie rechts in den Sepulveda Boulevard in Richtung Culver City. während Julius Geschenke für seine Ex-Frau und die beiden Kinder und auch ein Geschenk für Catherine kaufte. damit Sie mich nicht aus den Augen verlieren. sagte er.« Julius wußte nicht.West Los Angeles. Der Mann wartete geduldig. wer dieser Mann war oder für wen er arbeitete. Danach werde ich im Santa Monica-Einkaufszentrum Weihnachtseinkäufe machen. daß auch die ältesten Mitglieder 340 . ob für die Polizei oder einen privaten Auftraggeber. ging er nicht geradewegs zu seinem Wagen. Aber der Mann folgte ihm schon seit zwei Tagen. Als er etwas später in seinem Wagen den Parkplatz verließ. als Julius eine Kleinigkeit aß. klopfte an das Wagenfenster und nickte dem überraschten Fahrer freundlich zu. Kalifornien Als Julius das Institut durch den Hinterausgang verließ. blieb ihm auch beim Einkaufsbummel auf den Fersen. um auf die Toilette zu gehen. »Wissen Sie. dem Mann zu zeigen. als der Mann das Fenster geöffnet hatte. folgte ihm der weiße Honda. besuche ich meinen Rabbi in der Synagoge in San Vincente. Als sie am späten Nachmittag die Synagoge erreicht hatten. Julius ärgerte sich über die ständige Überwachung und hatte beschlossen. Vielleicht war es auch ein Reporter. Ich werde langsam fahren. daß er sich seiner Anwesenheit sehr wohl bewußt war.

dich zu sehen. religiösen Handschriften und alten Dokumenten die Form eines Fragezeichens angenommen. wie alt er war.« »Was kann ich für dich tun?« »Ich wollte fragen.der Gemeinde sich an keinen anderen Rabbi erinnern konnten. Rabbi«. dessen überquellende Regale und Bücherschränke verrieten. »Vielen Dank. daß hier ein großer Liebhaber von Büchern lebte.« 341 . Rabbi Goldmann. aber sein Körper hatte nach so vielen Jahren der Beschäftigung mit Büchern. Er begrüßte Julius lächelnd und musterte ihn mit seinen klaren und lebhaften Augen. sagte Julius und sah sich suchend in dem abgedunkelten Haus des Rabbi um. »ob ich vielleicht Ihren Computer für etwa eine Stunde benutzen kann. Julius!« sagte er und schüttelte ihm die Hand. daß Sie mich ohne weitere Umstände empfangen. »Welch eine Freude. Niemand wußte.

ob Catherine Alexander noch am Leben ist! Erinnern wir uns. das es den Menschen ermöglicht. in zwei Worten. oder ob es diese Schriftrollen überhaupt gibt.Santa Fe. Genaugenommen wissen wir nicht einmal. daß die Schriftrollen das geheimnisvolle Rezept enthalten. Die Wiederkehr des Messias und das ewige Leben! Die Öffentlichkeit hatte sich auf diese beiden Begriffe in dem Fragment gestürzt: Parousia und Zoe aionios. John.‹ Er machte eine bedeutungsvolle Pause und übersetzte dann: ›Das bedeutet ewiges Leben. ewig zu leben? Viele unserer Zuschauer hoffen das. die allgemeine Hysterie wurde durch die Spekulation ausgelöst. das die Zeitungen veröffentlicht haben: Zoe aionios. erklärte der Gast in der Talkshow. daß man ewig leben wird‹. Was würden die Leute tun. Er saß in seinem Büro. All das hat seinen Ausgangspunkt in dem einen Satz. ›Also sagen Sie mir bitte. dachte Miles.‹ Der Experte räusperte sich und sagte mit dem ganzen Nachdruck seiner fachlichen Autorität: ›Bedauerlicherweise. New Mexico ›Man nennt es das Methusalem-Syndrom‹. wissen wir nicht. unterbrach ihn der Moderator mit einem professionellen Lächeln. besser gesagt. in den Schriftrollen werde das Geheimnis des ewigen Lebens offenbart. was in den Schriftrollen steht. ›Die Sehnsucht nach dem ewigen Leben oder die Illusion. ›Glauben Sie.‹ ›Aber beziehen sich diese Worte auf ein ewiges Leben hier auf Erden oder im Himmel nach dem Tod?‹ Miles schaltete den Fernseher aus und füllte ein Glas mit eisgekühltem Wasser. die in dem Fragment vorkommen. wenn sie erfahren 342 . Herr Doktor‹.

Dann lächelte er. Astrologen in Montana hatten das ›Neue Jerusalem‹ gesichtet. nach denen beobachtet worden sei. Die Sache sei streng geheim. denn eine Schar Kinder lief lachend und aufgeregt über den Hof. die von der Erde fliehen wollten. Astro-Futurologen behaupteten. Der erste Anruf am 343 . daß die Frau. hatte scheinbar die ganze Welt erfaßt. das Sternentor zum Himmel sei. Dieser ›Schwachsinn‹. in der Tat einen Alchimisten geheiratet hatte. es bewege sich auf die Erde zu und werde nach ihren Berechnungen am Neujahrstag die Reise durch den Weltraum hinter sich gebracht haben. um den Weihnachtsmann zu begrüßen. In England häuften sich Meldungen. die NASA habe ein Schwarzes Loch über dem Nordpol entdeckt. Was war nur mit ihm los? Schon beim Aufwachen war er schlechter Laune gewesen. und dann müssen sie wieder zurück in die Armut… Miles staunte über den plötzlichen Anflug von Zynismus und wandte sich vom Fenster ab. und daran hatte sich nichts geändert. weil es für alle. wie sein Vater sagen würde. Einmal im Jahr erleben sie die Wunderwelt des Reichtums. deren Geschichte in den Schriftrollen erzählt wird. wo einige seiner Gäste Golf spielten. Er trat an ein Fenster und blickte auf den grünen Rasen hinunter. nur um in den Besitz der Schriftrollen zu kommen. der tatsächlich nach dem Geheimnis des ewigen Lebens suchte? Die Menschen würden in ihrer Hysterie nicht vor Mord und Totschlag zurückschrecken. Sie versammelten sich vor dem Haus. Miles schüttelte unwillig den Kopf. wie sich die Megalithen in Stonehenge aus eigener Kraft bewegten.sollten. Alles drehte sich nur noch um das bevorstehende neue Jahrtausend. Der Weihnachtsmann gehörte zu Erikas Weihnachtsfeier für die Kinder der indianischen Mission. Sie behaupteten. Miles seufzte. der bald mit einem Schlitten und vielen Geschenken eintreffen sollte.

frühen Morgen hatte auch nicht gerade dazu beigetragen. Innerhalb weniger Monate würde sich jeder. die immer zu übertriebener Vorsicht rieten und ständig den Teufel an die Wand malten. aber es wollte ihm einfach nicht gelingen. daß die ›Fabiana‹ dieses Textes in keinem Zusammenhang mit ›Sabina Fabiana‹ stehe. ›Das ist es eben. die Digitalisierung ehemaliger Filmstars und ihren Mißbrauch für billigste Unterhaltung zu stoppen. erwies sich als nutzlos. Der Tiger in ihm wurde immer ungeduldiger und erinnerte ihn daran. Seine Berater. Dann kommt nichts. da der Justizminister persönlich dem Antrag zur Bildung eines Ausschusses zugestimmt hatte. Miles wußte. Wir werden geboren. damit zum Partner von Marilyn Monroe oder zur Partnerin von Gary Cooper machen können. Der Dreizehn-Stunden-Flug nach Hawaii und zurück war demnach umsonst gewesen. auf den Kauf der Software-Firma zu verzichten. den Markt zu monopolisieren. Das war ein Angriff auf die neue Software. die Anfang des nächsten Jahres auf den Markt kommen sollte. Zeit und Energie zu verschwenden. Außerdem geriet er inzwischen ins Kreuzfeuer der Filmindustrie. der einen Computer besaß. Keine Engel. er sollte seine Gedanken auf diese ernsten Probleme richten. daß ein Mann mit zweiundfünfzig keine Stunde zu verschwenden hatte. Wir sterben. 344 . untersuchen sollte. der Aki Matsumoto gehört hatte. Der Papyrus aus dem sechsten Jahrhundert. wir kämpfen um unser Überleben. ›Das ist es eben‹. seine Stimmung zu bessern. Man forderte ihn ultimativ auf. an die sich Miles aus seiner Kindheit erinnern konnte. Miles haßte es. Im Begleittext der Übersetzung aus Kairo hieß es. hatte sein Vater in einem der Gespräche zwischen Vater und Sohn erklärt. der den Konzern und seine Versuche. beschworen Miles noch einmal.

in diesem Jahr irgendwie verlogen und hilflos wirkte. die Indianerkinder glücklich zu machen. bevor die Würmer dich fressen‹ Miles glaubte seinem Vater. daß solche Hinweise auf eine innere Unsicherheit bei Erika nicht neu waren. daß Erikas Bemühen. alles sei in bester Ordnung. wenn er sich in der zweiten Hälfte des Lebens auf das Sterben und den Tod vorbereiten mußte? Auch Erika hatte sich verändert. Woher nur kamen die düsteren Gedanken? Lag es vielleicht wirklich an dem bevorstehenden neuen Jahrtausend mit all seinen Unwägbarkeiten. daß er die Fünfzig überschritten hatte? Machte sich jeder Mann Gedanken über sein Leben. Er überließ Erika die Familie und die Gäste. unverständlicher Ehrgeiz bei karitativen Projekten. Schweißtropfen standen ihm auf der Stirn. Dafür gab es schon seit langem Anzeichen – Unruhe. Also nutze deine Zeit hier auf der Erde. Die vergangene Woche zeigte das deutlich. Erika zeigte ihm wie 345 . oder lag es daran. dem Stunden und Tage wertvoller als Diamanten und Perlen gewesen waren. plötzliche Tränen.kein Paradies im Himmel. die Vorbereitungen für das Fest kurz alles. was mit seinem Privatleben zu tun hatte. Catherine Alexander und die Schriftrollen zu finden. daß er kaum darauf achtete. Er war so versessen. nach etwas Spirituellem. Er wollte sich in der Illusion wiegen. was in seinem Haus geschah. Und ihm wurde plötzlich klar. Der Tiger in ihm brüllte. Ihm war nicht entgangen. Schlaflosigkeit. Miles mußte sich in diesem Augenblick eingestehen. daß sie in letzter Zeit beinahe wie in Panik nach etwas Unbestimmtem suchte. Wie hatte er das alles nur übersehen können? Warum hatte er diese Hinweise nicht längst ernst genommen? Ich war zu sehr mit mir selbst beschäftigt – mit mir und meinen Zielen.

Es ist nur… die 346 . Entschlossen verließ er das Büro. Unzufriedenheit und Ängste zu äußern. daß ihm die Vorstellung irgendwie gefiel. Miles«. Wenn das geschah. Lohnte sich das alles? Es würde nicht mehr lange dauern. Zu seiner Überraschung fand er Erika in einem der verglasten Bogengänge. konnte er die Behauptung als Verfolgungswahn eines paranoiden. »Was hast du?« »Tut mir leid. Lohnt es sich eigentlich wirklich. erwiderte sie schluchzend. Selbst wenn der Computer mit dem Tagebuch in die falschen Hände geriet. offen mit ihm zu reden. geschweige denn. Und so wurde ihm auch Erika von Tag zu Tag fremder. Niemand war ehrlich zu ihm oder brachte genug Vertrauen auf. die Journalisten oder das FBI. sagte er bestürzt und trat neben sie. »Liebling«.jeder in seiner unmittelbaren Umgebung immer nur die heitere Fassade. mißverstandenen Archäologen abtun. Aber Miles tröstete sich. den Schriftrollen hinterherzujagen? In Stevensons Computer-Tagebuch stand ein sehr belastender Hinweis. Er begab sich jedoch nicht sofort in das unterirdische Kommunikationszentrum. »Ich wollte nicht. besaßen die Schriftrollen für Miles keinen Wert mehr. Sie stand vor einem Kaktus und drückte ein Taschentuch an die Augen. Das beantwortete allerdings nicht die eigentliche Frage: Sollte er Catherine Alexander vergessen? Sollte er die Jagd abbrechen und diese Frau ihrem Schicksal überlassen. bis die Polizei Catherine Alexander fand – die Polizei. daß du mich so siehst. sondern verließ den Fahrstuhl im Erdgeschoß. das sie ohnehin in den Untergang treiben würde? Miles mußte sich an diesem Morgen eingestehen. Von unten drang das Lachen und Singen der Kinder zu ihm herauf.

sagte er freundlich. Vermutlich ist er damit beschäftigt.« »Morgen ist die Wintersonnenwende. Was ist es?« Sie sah ihn mit großen. denn die Sonnen-Kachina ist verschwunden. als sie war. »Warum denn nicht?« »Kojote«. Aber das wird diesmal nicht geschehen. Miles?« fragte sie plötzlich. Es war einfach zuviel. an dem die Kachinas aus der Kiva kommen. Sie wirkte stets jünger. das machen sie so. Ich habe Angst. Ich habe ihn auch nicht gesehen und mache mir große Sorgen. daß sie eine Zukunft haben. Aber an diesem Tag entdeckte er verwundert Falten um Augen und Mund.« »Natürlich werden sie eine Zukunft haben«. »auf dir lastet noch etwas anderes. um meine Fassung wiederzufinden. »Liebste«. 347 .« »Angst! Wovor?« »Was geschieht mit uns.« »Hm. sagte er beruhigend und drückte sie zärtlich an sich. Miles fragte leicht gereizt: »Wo ist er eigentlich? Ich habe ihn lange nicht gesehen.« Miles trat einen Schritt zurück und sah Erika an.« Sie trocknete sich die Augen. »Kommt nach dem Leben einfach nichts? Werde ich dich oder die Kinder nie wiedersehen? Diesen Gedanken kann ich nicht ertragen. Ich glaube. Ich wollte allein sein. immer gepflegt und attraktiv.« »Um ihn mußt du dir keine Sorgen machen. wenn wir sterben. verzweifelten Augen an. aus einem anderen Pueblo eine Kachina zu besorgen.Kinder und alles. »Ich wünsche diesen Kindern so sehr. und wo ist Kojote?« »Ich weiß es nicht. flüsterte sie erstickt. »Ich habe Angst. damit die Kiva geöffnet werden kann. der Tag.

ich habe es vermutlich irgendwo gelesen. und sie sah wieder jung 348 . halt mich fest…« Er nahm sie in die Arme. kommen wir nach Schalimar. Plötzlich erinnerte er sich an einen Satz aus der Übersetzung der Schriftrollen. Wer konnte sich schon hinstellen und behaupten. daß Erika plötzlich strahlte.‹« Erika sah ihn überrascht an. wirklich etwas zu wissen? Auch wenn er Zugriff auf alle Informationen der Welt hatte. Hatte die allgemeine Hysterie der bevorstehenden Jahrtausendwende nun auch seine Frau erfaßt? Wonach suchte Erika? Warum nur die Angst? Warum schien jedermann plötzlich Antworten zu wollen. diese Fragen machten ihn hilflos.« »›Schalimar‹. denn ich wüßte.Miles. Sie alle wurden von denselben Ängsten gequält wie Erika. und das erfüllte ihn mit Empörung und Wut. in das Land der Seelen. die niemand geben konnte? Begriffen die Menschen nicht. wenn wir sterben. Ohne nachzudenken zitierte er: »›Satvinder glaubte. was sie hatten. das man auch den Garten der Liebe nennt. sogar die Falten und Fältchen schienen sich zu glätten. solange ihnen noch die Zeit dazu blieb? Miles dachte an die Berichte im Fernsehen und an die Interviews mit dem ›Mann auf der Straße‹. das Ende und was danach kommen würde Miles wußte darauf nichts zu sagen. daß das Dasein auf der Erde alles war. daß ich nie von dir und den Kindern getrennt sein werde!« Miles sah verblüfft. »Miles. das ist wundervoll! Wo hast du das gehört?« »Ich weiß nicht. Die Menschen dachten nur noch an den Tod. und daß sie das Beste daraus machen mußten. dann wäre ich glücklich. wie schön das klingt! Wenn ich nur daran glauben könnte. Die Tränen waren verschwunden. Seine Niedergeschlagenheit verwandelte sich in eine Mischung aus Verwirrung und Zorn.

die Jagd nach den Schriftrollen aufzugeben? Wenn nicht er. wenn sie die Geschenke auspacken. gehen wir zu den Kindern. Er würde dieser Archäologin die Schriftrollen abjagen. wer sonst auf der Welt sollte gegen den apokalyptischen Unsinn der Menschheit immun sein? Er nahm Erika am Arm und sagte fröhlich: »Komm. Er wollte ihr sagen: ›Es steht noch mehr dort. wo ich das gelesen habe. die Schriftrollen würden ein Geschenk für Erika sein. Aber von jetzt an ging es nicht darum. Wie konnte er nur so dumm sein und sich wie eine kranke Katze in eine Ecke verkriechen. sie in seinem Museum zu verstecken. 349 .« Die Unsicherheit. Er würde nie vergessen. war verschwunden. sehr viel mehr!‹ In diesem Augenblick setzte der Tiger wieder zum Sprung an. mit dem er sie glücklich machen konnte. Wir sollten dabeisein. Er hielt die Zügel wieder fest in der Hand. alte Wunden lecken. wie Erikas Augen plötzlich geleuchtet hatten… Ja.und bezaubernd aus. die ihn schon beim Aufwachen überfallen hatte. Miles spürte. wie ihn das Adrenalin aus den Tiefen seiner Zweifel riß. über die zweite Lebenshälfte nachdenken und sogar mit dem Gedanken spielen.

Radiergummi. Locher usw. Nevada »›Satvinder glaubte. 350 . Von dort hatte sie den eindrucksvollen Blick auf den See und die ›alten‹ Tempel. der am Fenster stand. und sagte lächelnd: »Ich habe hier vermutlich die genaueste Aufstellung aller Könige im ersten und zweiten Jahrhundert nach Christus. in das Land der Seelen. sein Durchhaltevermögen und seine Liebenswürdigkeit gehörten inzwischen wie selbstverständlich in ihr Leben. wie ich feststelle. sagte Catherine.Las Vegas. Armenien und Trakien. als er das Kätzchen gestreichelt und mit Milch gefüttert hatte… Er drehte sich um. die man in einem Büro braucht – Büroklammern. Er konnte auch zärtlich sein. wie am Abend zuvor in dem Motel. Das bedeutete zwei Schlafzimmer mit getrennten Bädern. Catherine arbeitete an dem Schreibtisch. als spüre er ihre Augen auf sich gerichtet. von Phraates bis Vardenes. eine Königin war. Notizblöcke. Der Anblick seiner breiten Schultern. wenn wir sterben. Aber unter ihnen ist kein einziger Tymbos zu finden!« »Ich habe einen neuen Suchbegriff«. Artivastes bis Romotacles. ein Fax und einen Drucker. kommen wir nach Schalimar. Michael saß mit dem Rücken zu ihr an der anderen Seite des Raums vor dem Laptop und suchte im Internet nach Papyri. Sie und Garibaldi hatten im Atlantis eine Suite für Geschäftsleute. zwei Modemanschlüsse. ein Büro mit zwei Schreibtischen. Es gibt sogar einen Morwan. die verläßliche Hilfsbereitschaft.‹« Garten der Liehe… Catherine hob den Kopf und dachte nach. der. das man auch den Garten der Liehe nennt. Die Könige von Parthien. zwei Telefonnummern und all die praktischen Dinge.

« Er klickte und tippte inzwischen schon geübt auf die einzelnen Menüpunkte. »Gut. »Fangen wir noch einmal an«. verehrte Frau Doktor«. Auf der Home Page stand: ›Global Hindu Electronic Network. Es gab auch Stichwörter wie: ›Der Gottesbeweis in Cyberspace‹ und ›Der Beichtstuhl‹.archives.« Sie nahm aus der Minibar eine Flasche kaltes Mineralwasser und füllte zwei Gläser. schüttelte den Kopf und seufzte. Neugierig blickte sie auf den Bildschirm. um sich in das richtige Programm einzuwählen. Sie erinnerte sich nicht daran. November 1999‹. und wieder erschien eine Liste mit tausend Einträgen. RELIGION Eine Liste mit über zweitausend Einträgen erschien. sponsored by Hindu Students Council. von ›Aristoteles‹ bis ›Zoroaster‹. den Sonnenuntergang bemerkt zu haben. Es war inzwischen dunkel geworden.Hindu archives‹. »Ihre Wahl?« Catherine überflog die Liste. sagte Garibaldi und öffnete YAHOO: RELIGION VIRTUAL LIBRARY. 351 . Vielleicht finden wir etwas darüber. »Also. Catherine trat neben ihn und stellte das Glas Wasser auf seinen Schreibtisch. Vielleicht bringt es uns weiter. suchen wir nach Schalimar.« »Wie das Parfüm?« Sie stand auf und massierte sich den Nacken. Garibaldi klickte auf ›Hinduismus‹ und dann wieder auf ›alt. »Es ist ein Land im Leben nach dem Tod.»Schalimar.hindu.‹ Garibaldi öffnete das Unterverzeichnis: ›alt. Es könnte möglicherweise ›Schalimar-Fragment‹ heißen. Vielleicht gibt es irgendwo eine Kopie dieses Kapitels. Es waren einfach viel zu viele Verweise. sagte Garibaldi.

daß man hier im Atlantis Dianuba Technologies Software und auch das schnelle neue Scimitar benutzt. würden wir etwas finden.« Vor dem Fernseher blieb sie zögernd stehen.622 Bytes. den Geburtsort eines Astronauten in Florida und ein Hotel in Las Vegas. erwiderte sie und ging langsam zu ihrem Arbeitsplatz zurück. »Aber es würde mir eine gewisse Befriedigung verschaffen. »Das geht am schnellsten und ist auch sehr umfassend. um nicht durch neue Meldungen abgelenkt zu werden. murmelte er und drehte sich um. Sie hatten bewußt den ganzen Tag keine Nachrichten gesehen. »Gut. Sie hatte das Gefühl.« Mit einem schiefen Lächeln fügte er hinzu: »Wissen Sie eigentlich. Noch dazu. »Dazu fehlt mir die Geduld«. Havers mit seiner eigenen Software zu schlagen. das Miles Havers für das Internet hat entwickeln lassen…« »Das wundert mich nicht«. meinte Garibaldi aufmunternd. murmelte Catherine. Nach fünf Minuten Suche deutete immer noch nichts auf eine alte Schriftrolle oder auf die Kopie einer solchen hin. suchen wir auf Lycos«. »Der Tag war nicht völlig umsonst«. sagte Garibaldi. und er rief: »Vierhundert Einträge!« Er ließ die Liste abrollen und fand unter ›Schalimar‹: Designer-Mode. wenn wir ungestört Online bleiben können. denn die Meldung auf dem Bildschirm lautete: empfangen: 3347 Bytes von 149. wo uns in diesem Hotel ein hochkarätiges System und eine sehr schnelle Software zur Verfügung stehen. die Schmerzen in Nacken und Schultern würden nie verschwinden. Das Laden der Datei würde ein paar Minuten in Anspruch nehmen. »Ich hatte wirklich geglaubt. Ihr fehlten Schlaf und ein normales Leben.« Es dauerte nicht lange. daß sie die Universität von Freiburg angewählt hatten.Die elektronische Adresse verriet. »Wir haben immerhin den mysteriösen 352 . »Tut mir leid«.

und griff zur Fernbedienung. um auf dem laufenden zu bleiben«. die niemand mehr aufhalten kann. Die Nachrichtensprecherin sagte gerade: ›… ein Sprecher des FBI erklärte heute. Wenn Sie die Schriftrollen in zwei oder drei Monaten gefunden hätten. Mit einem Blick auf die Uhr sagte Catherine: »Wir müssen uns wohl doch die Nachrichten ansehen.« Es folgte ein aufgezeichnetes Interview mit einem Theologen.›Hekatetrank‹ gefunden. Warum machen sie aus mir so eine große Sache? Es gibt doch wichtigere Dinge. ›Ich halte das Vorgehen dieser Frau für 353 . erwiderte Garibaldi. »Du meine Güte. über die sie berichten könnten!« »Es liegt am neuen Jahrtausend«. Dr. daß man damit rechnet. daß sie nur noch über diesen Fall berichten…?« ›Die ägyptische Regierung hat die Polizei in Santa Barbara offiziell aufgefordert. Catherine Alexander in Kürze festnehmen zu können. Aber ein Polizeisprecher erklärte.‹ »Der reinste Zirkus!« sagte Garibaldi. den Philos seinen Patienten verordnet hat!« Das Wunderheilmittel aus Weidenrinde war zweitausend Jahre später als ›Aspirin‹ bekannt. geschieht denn auf der Welt überhaupt nichts mehr.‹ Garibaldi griff sich an den Kopf. Der ägyptische Außenminister will gegen diese Entscheidung bei seinem Amtskollegen im Weißen Haus Protest einlegen. ihr die sichergestellten Photos der Schriftrollen zu übergeben. Sie hätten Informationen über die Zukunft. »Man glaubt. die Photos seien Beweismaterial in einem Mordfall und könnten nicht Dritten überlassen werden.« »Ich verstehe das nicht. »Der Fall beginnt zu einer Lawine zu werden. würde sich kein Mensch darum kümmern.

Aber es ist wirklich komisch. Alexander. »hat den Rosenkranz und die Heiligen gegen Kristalle und Engel ausgetauscht. ich spreche für alle von uns. Steve. Sie können nicht gewinnen. die unter dem Staub der Jahrhunderte begraben liegt. sagte Catherine und wechselte mit der Fernbedienung den Kanal. eine Religion abzulehnen.« Da keines der Fernsehprogramme ihr zusagte. daß sie sich über alle Gesetze hinwegsetzen kann?‹ Ein Professor aus Harvard gab folgende Erklärung ab: ›Ich wende mich persönlich an Sie.‹« Als Catherine ihn überrascht ansah. Steve. Ich denke. aber heute bin ich wie viele meiner Freunde ein Anhänger von New Age. fügte er lächelnd hinzu: »Das ist nicht von mir. Cochran. Bitte übergeben Sie die Schriftrollen einer wissenschaftlichen Institution oder einer kirchlichen Organisation. Dr. Wieso glaubt Catherine Alexander. Kurz gesagt. ›Dr.äußerst fragwürdig. daß im ganzen Land das Bewußtsein für spirituelle Fragen wächst?‹ ›Die Zeit der Materialisten geht zu Ende. schaltete sie auf Radioempfang. viele meinen. unsere Sterblichkeit ernstzunehmen.‹ Im Studio wurde ein weiterer Experte befragt. weil die Kirchen den Bedürfnissen unserer Zeit nicht mehr gerecht werden. wenn ich sage. Deshalb sind wir gezwungen. daß wir uns vom Glauben unserer Eltern losgesagt haben. ich war früher Katholik. Wir müssen uns fragen: Was kommt nach dem Tod?‹ ›Warum verzeichnen die traditionellen Kirchen dann nicht einen Zuwachs an Gläubigen?‹ ›Nun ja. Im Klassik-Sender endete gerade eine 354 . Ich habe es irgendwo einmal gelesen. Beenden Sie die törichte Flucht.‹ Garibaldi schüttelte den Kopf und murmelte: »›Eine Religion. der Katholizismus zum Beispiel sei einfach zu alt. nur weil sie alt ist!« »Dieser Mann«. können Sie uns die Gründe dafür nennen.

die Schriftrollen seien blasphemisch und ketzerisch. ›Das 355 . Pearson?‹ Garibaldi ging zu seinem Schreibtisch zurück und trank einen Schluck Wasser. Pearson. die paläographische Untersuchung datiert den Text in das erste oder zweite Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Wenn diese Schriftrollen von Frühchristen geschrieben wurden. dann können sie uns vielleicht Aufschluß über die Anfänge des Christentums geben. antwortete Dr.‹ Pearson erwiderte leise lachend: ›Nun ja. Dr. wie die ursprüngliche christliche Kirche aussah?‹ Catherine setzte sich auf einen Stuhl. ›Möglicherweise nicht‹. Das. Dr. könnte sehr befreiend wirken.‹ ›Wollen Sie damit andeuten. Pearson. ›Nun ja‹. ›Erstens. Was können Sie uns über das PapyrusFragment sagen. dann hörten sie den Sprecher: ›Wir haben heute Dr. Er ist der Gründer der historisch orientierten JesusGesellschaft. was uns dieser Text über die Anfänge unserer Kirchen sagen kann. Wir wissen auch. einige Vertreter der Kirchen haben erklärt. denn sie wollte sich das Gespräch anhören. Legenden und Märchen. daß der Text von einer Frau stammt und daß diese Frau sich sehr wahrscheinlich an die frühen Christen wendet… das Wort ‹Diakonos› läßt darauf schließen. sondern aufmerksam zur Kenntnis nehmen. die etablierten Kirchen sollten sich von den Schriftrollen nicht bedroht fühlen. erwiderte Dr. Pearson. Natürlich kommt in dem Text auch das Wort ‹Jesus› vor. denn er ist frei von den Geschichten.‹ ›Dr.Konzertübertragung. die im Laufe der vielen Jahrhunderte mit dem Christentum in Verbindung gebracht worden sind. Pearson. was wir dort erfahren. daß uns das Neue Testament nicht sagt. Raymond Pearson bei uns im Studio.

Das heißt. welche Veränderungen die Evangelien in all den vielen Jahren erfahren haben. Außerdem gibt es ein Fragment des Markus-Evangeliums aus dem Jahr 225.und MatthäusEvangelium vorliegen. Die ersten Ausschnitte. die Kreuzigung lag zu diesem Zeitpunkt bereits einhundertsiebzig Jahre zurück.‹ ›Sie sagen. Damit stellt sich natürlich die brisante Frage. wie immer Sie auch heißen mögen. stammen aus dem Jahr 200 n. Sie sind im Laufe der Zeit verlorengegangen. Wir dürfen nicht vergessen. und Dr. Sie können jetzt im Studio anrufen. so glaubt man.‹ ›Herr Doktor. daß es sich um einen griechischen Text handelte. aber er wurde hundert Jahre nach der Kreuzigung geschrieben. ›Liebe Zuhörer. Sie kennen die Nummer.‹ ›Wie können wir dann dem Neuen Testament überhaupt vertrauen?‹ ›Wir haben Kopien. stammt erst aus dem Jahr 225?‹ ›Richtig. Und hier ist bereits die erste. für 356 . das Markus-Evangelium wurde um das Jahr 65 geschrieben. Es ist in der Tat das älteste Textfragment des Neuen Testaments.Markus-Evangelium wurde um das Jahr 65 geschrieben. aber ein Fragment der ersten Kopie. Nach wissenschaftlicher Prüfung stellte man fest. das Matthäus – und Lukas-Evangelium. um eine Stelle aus dem Johannes-Evangelium. 1925 wurde zum Beispiel ein Papyrus-Fragment in der ägyptischen Wüste gefunden und an Archäologen in Kairo verkauft. und das Johannes-Evangelium um das Jahr 95. die wir haben. Pearson wird Ihre Fragen beantworten. etwa zwanzig Jahre später. Chr.‹ ›Danke!‹ sagte der Moderator. die uns aus dem Lukas. trotz intensiver Forschungen sind die Originalhandschriften der vier Evangelien nie gefunden worden. das wir besitzen.

die damals allgemein verbreitet waren. wollen Sie behaupten. Wenn die Schriftrollen. Gebeten und Vorstellungen von der Persönlichkeit Jesu und seiner Worte. Erst im vierten Jahrhundert setzte sich das mächtigste ‹Lager› durch. Diese Christen stellten zusammen. Petrus zum Beispiel bestand darauf. daß alle Männer. beschnitten wurden. Die Spannung im Raum stieg merklich. was der richtige Glaube sei. Die Evangelien sind die Worte Gottes. die sich zum christlichen Glauben bekehrten. Nächster Anruf. Aber wir kennen nicht die ursprünglichen Worte. und alle behaupteten.‹ Catherine spürte Garibaldi. das Neue Testament ist nicht das von Gott offenbarte Wort?‹ ›Verstehen Sie mich nicht falsch. die Dr. Paulus war anderer Meinung.‹ ›Dr. Die Frühchristen stritten darüber. Alexander aus Ägypten geschmuggelt hat. ›Wir wissen. Die Auseinandersetzungen um den richtigen Glauben dauerten noch zweihundert Jahre an. Regeln und so weiter. aber er schwieg. andere an die von Paulus. ›Das ist in Urkunden dokumentiert. dann werden 357 . und erklärten alle anderen für ketzerisch. den wahren Glauben zu vertreten. Einige Gruppen hielten sich an die Lehren von Petrus. aber sie taten es mit unterschiedlichen Ritualen. es kam nach dem Tod von Jesus zu einem Machtkampf‹ sagte Pearson. Es zirkulierten viele Evangelien und Briefe. Splittergruppen gründeten eigene Kirchen. Pearson. bitte. was sie das Neue Testament nannten. Erinnern wir uns. In den ersten hundert Jahren gab es im Römischen Reich eine große Zahl christlicher Sekten mit unterschiedlichen Glaubensvorstellungen. tatsächlich Berichte von Augenzeugen der Mission des Herrn hier auf Erden sind. Sie entschieden sich für nur vier Evangelien von den vielen.Ihre Worte werden Sie in der Hölle brennen…‹ ›Danke. der hinter ihr stand.

mit denen diese Frau auf der Flucht ist. um Dr. wie wir sie heute kennen. der Tag und die Stunde genannt werden. der auf die Erde gekommen ist.wir durch diese Texte vielleicht zum ersten Mal einen wirklichen Einblick in die Ursprünge des Christentums und seiner Intentionen vor den inneren Kämpfen und Auseinandersetzungen bekommen. Alexander etwas zu sagen. wenn sie bei uns anrufen. die meisten von Ihnen hören nur das Besetztzeichen. Sie erzählen eine Menge Lügen. warum unternehmen die zuständigen Stellen nichts. Alexander ist der Antichrist. Pearson. die Behörden tun alles. und er wird seine tausendjährige Herrschaft auf Erden gründen. ich weiß.‹ ›Ich habe Dr. um die guten Christen vom Weg der Erlösung abzubringen. Wie heißt Ihre Frage?‹ ›Zuerst einmal. das wissen wir.‹ ›Danke. Sie werden für Ihre Frevel büßen! Sie sind eine…‹ ›Leute!‹ rief der Moderator. Herr Professor. hier ist jemand aus San Francisco. Ich weiß. als würde die Öffentlichkeit klar und deutlich ihre Meinung kundtun! Liebe Zuhörer.‹ ›Jesus wird kommen. ›Das klingt ja. ich sei der Antichrist…« ›Danke. Dr. Und wenn Sie…‹ Catherine murmelte: »Der Antichrist! Er behauptet. bitte. die sich sehr von der unterscheidet. was in ihren Kräften steht. Der nächste Anrufer ist zugeschaltet. Alexander zu finden. damit wir uns auf den Tag und die Stunde der Wiederkehr des Messias vorbereiten können?‹ ›Ich bin sicher. Dr. um ihr die Schriftrollen abzunehmen. Unsere 358 . Vielleicht werden wir dann eine Kirche sehen. Das nächste Gespräch. denn das Jüngste Gericht steht uns bevor. wenn in diesen Schriftrollen. So. Meine Frage ist.

wenn man Sie erkennen sollte. daß sowohl Sie als auch die Schriftrollen das ›Böse‹ sind. »Warum beschimpfen sie mich? Warum sind alle gegen mich?« »Vermutlich deshalb. UniCom wäre das 359 . Sie müssen Ihre Nachricht an eine Stelle schicken. wo viele sie lesen. Ich werde die Nachricht dort an einem Schwarzen Brett deponieren und darum bitten. »Ich kann sie nicht WELL oder ECHO schicken«. Fanatiker werden möglicherweise versuchen. Das Jahrtausendfieber scheint den Menschen den Verstand zu rauben. sie weiterzuleiten. Aber lassen Sie sich nicht entmutigen. Sie in ihre Gewalt zu bekommen. »Das könnte gehen. weil Sie schweigen. aber wie? Sie können nicht telefonieren. daß einer die Nachricht weiterleitet.« Catherine setzte sich vor den Computer und dachte nach. Dann besteht die größte Wahrscheinlichkeit. Wie es aussieht. Es könnte für Sie gefährlich werden. »Dort muß man angemeldet sein.« Er überlegte und nickte dann. sagte sie.Damen in der Zentrale haben alle Hände voll zu tun. selbst wenn Sie sich stellen würden. Besorgt sah er Catherine an.« »Dann werde ich es über Internet versuchen. »Alles in Ordnung?« fragte er leise. wir beantworten so viele Anrufe wie möglich. Ja. mir gefällt das alles überhaupt nicht. Catherine stützte den Kopf in beide Hände. wer ist jetzt am Apparat?‹ ›Sagen Sie dem Weib…‹ Garibaldi griff nach der Fernbedienung und schaltete ab. Man würde Sie sofort aufspüren. Offenbar sind bereits zu viele Menschen davon überzeugt. Verstehen Sie.« »Dann muß ich allen die Wahrheit sagen! Sie müssen meine Beweggründe kennenlernen!« »Gut. könnte Ihnen nicht einmal die Polizei Schutz bieten. Man deutet Ihr Schweigen als ein Eingeständnis von Schuld.

Wenn Sie sich in diese Gespräche einwählen. und jemanden beauftragt. Ausgestoßene…« Plötzlich fiel ihr etwas ein.« »Er kann nicht alle Kanäle überwachen«.« »Havers hat vermutlich vorausgesehen. erwiderte Catherine.« »Sie können die Nachricht keiner Anwendergruppe zuleiten. Sobald Sie Ihre Nachricht senden. und sie begann zu tippen. daß Sie daran denken würden. ermittelt der Spion die Adresse der Zugangslizenz und weiß. »Es handelt von einer Gruppe Männer. Das gilt auch für Dianuba Network. Er suchte einen Maya-Tempel. besteht kaum die Chance. Sie griff danach. öffnete sie und holte die vergilbte Ausgabe von Hawksbill Station heraus. dachte Catherine und starrte trübsinnig auf Dannos Computertasche. daß man Ihnen glaubt. Garibaldi zog sich einen Stuhl heran und setzte sich neben sie. Danno war 360 . aber in den meisten sind nur drei oder vier Anwender gleichzeitig Online. murmelte sie.« Es muß einen Weg geben.« »Wie wäre es mit IRC? Im Internet Relay Chat gibt es viele sehr populäre Kanäle. daß Sie hier im Hotel sind. dort nach Ihnen Ausschau zu halten. Noch weniger wird man die Nachricht weiterleiten. »Was haben Sie vor?« »Ich habe mit Danno einen Sommer lang in Mexiko gearbeitet. denn durch den Einwahlknoten würden Sie mehr Menschen erreichen. aber auch dort muß man sich anmelden. »Das war sein Lieblingsbuch«. »Es gibt viele tausend IRC-Kanäle!« »Richtig. Das ist schade. die von ihrer Welt und ihrer Zeit abgeschnitten worden sind. denn sonst läßt sich wie beim Telefonieren der Absender ausfindig machen.beste. denn beinahe jeder hat das.

PERSISTENT ABUSERS OF THIS RULE WILL HAVE THEIR HOST BANNED FROM THIS SERVER. BOTS ARE ALLOWED ON THIS SERVER ONLY WITH SERVER OP APPRQ-VAL. 2.us.« »Was wollen Sie mitteilen. sagte Catherine. und sie bitten.« Auf dem Monitor erschien die Meldung: ›Ihr Host ist pasadena.us. daß ich unschuldig bin. das sind nicht viele«. das so weit und so schnell wie möglich zu verbreiten. »Vor zwei Jahren hatten sie zehn Mitglieder. daß sie die Nachricht verbreiten.regelmäßig morgens und abends eine Stunde im Internet.« Auf dem Monitor erschien die Meldung: MOTD: PAKE USER @HOST IS NOT ALLOWED ON THIS SERVER. 1500 unsichtbar auf 127 Servern.org‹ und drückte: ENTER. Ich glaube. Server created 7/23/96 um 16:43 PST. Ich werde ihnen sagen.‹ »Ich weiß.« Catherine tippte eilig weiter: ›pasadena. Aber auf die Loyalität der Mitglieder von Dannos Gruppe kann ich setzen. wenn Sie den Kanal finden?« »Ich werde ihnen sagen. »Wie groß ist die Gruppe?« Sie klickte auf das Symbol CONNECT. anonym in einem BBS hinterlasse. wer ich bin. hieß der Kanal ›Hawksbill‹.undernet.ca.000 Anwender. er benutzte Internet Relay Chat. »Wenn ich mich recht erinnere.org.« Sie klickte auf das Symbol IRC MANAGER. dann habe ich keine Garantie.ca. was ich sagen will.undernet. ABSOLUTELY NO 361 . »doch wenn ich das. wo es hundert Leute lesen.

daß der Kanal noch da ist«. Sofort erschien die Meldung: YOU HAVE JOINED HAWKSBILL In einem Kasten wurden die ›handles‹. Der vierte.« Aber Catherine erinnerte sich deutlich daran. Jean-Luc. »Kennen Sie die Leute?« fragte Garibaldi. hatte das @.CLONE BOTS ALLOWED. ein Hinweis darauf. »›Hawksbill‹!« Sie markierte #hawksbill und klickte zweimal. die Spitznamen der im Augenblick im Netz befindlichen Teilnehmer angezeigt: BENHUR. wenn er sich bei 362 .‹ Auf der rechten Seite des geteilten Bildschirms begannen Namen und Nummern zu erscheinen: #altair 4 #boyehat 7 #dogs 5 #doomsday 9 #england 12 #friendly 32 #german 6 #hawksbill 4 »Da ist er!« rief Garibaldi. »Nein. oocbert. murmelte Catherine und tippte: ›/list -min 4. wie sie im schwülen heißen Regenwald von Yucatan Danno über die Schulter geblickt hatte.Zeichen vor dem Namen. spaCeman. END OP/MOTD COMMAND »Hoffen wir. »Es gibt sie noch!« rief Catherine. daß er oder sie der Kanal-Operator war.

ist Hawksbill am Ende. beachtete das blinkende Symbol nicht und ließ sich den Dialog anzeigen. Er hieß ›Klaatu‹. [spaCeman] Ich sage euch. Seine Atlantis-Theorie und alle seine Beweise sind zu unbequem gewesen. »Sie sagen Ihnen.« Catherine wählte sich wieder in den Kanal. Hasenfuß! Du bist wirklich ein Hase. »Danno wußte nicht einmal. Es erschien die Meldung: IRC Kein Zutritt HAWKSBILLBOT »O je!« sagte Garibaldi. Über die seltsamen Namen hatte sie sich schon damals gewundert.wlu. und ein Piepton war zu hören.ca [@Jean-Luc] Hallo. [BENHUR] Eine Verschwörung? Quatsch! Da steckt etwas anderes dahinter. Sie sind eine Fremde.der morgendlichen Plauderstunde mit seinen Freunden unterhielt. »Versuchen Sie es noch einmal unter diesem Namen. wenn Sie im Kanal bleiben. »Wissen Sie etwas über diese Leute?« fragte Garibaldi und verfolgte kopfschüttelnd den Dialog im nicht lokalisierbaren Cyberspace. begann ein Symbol links oben am Bildschirm zu blinken. Jemand wollte ihn endgültig zum Schweigen bringen. Kaum hatte sie sich in den Kanal eingewählt. es ist eine Verschwörung. *SERVER* HASENFUß! johnjay@machl. Man wird Sie hinauswerfen. Lange nichts von Dir gehört:-)) [Hasenfuß] Habt Ihr die Meldungen in den Zeitungen gelesen? Wenn das alles stimmt.« Catherine verließ den Kanal und ließ sich in ›SERVER/CONNECTION‹ den Spitznamen von Daniel anzeigen. daß Sie sich nicht einwählen dürfen. ob es Männer oder Frauen 363 .

[spaCeman] Was soll das?!!! 364 . dieser Jean-Luc. dann können sie auch nicht ahnen. ich bin es. stöhnte Garibaldi. Du mußt dich verabschieden.« »Danno ist eine Ausnahme.« Kurz darauf erschien folgender Text: [@Jean-Luc] Klaatu: Sorry. Sie schlug die erste Seite auf und las den Anfang: ›Barrett war der ungekrönte König auf Hawksbill Station.sind. ich weiß. oder das FBI…« Catherine dachte nach. Mitexilanten. welchen er für ›seine‹ Gruppe hatte. dann griff sie wieder nach dem Roman Hawksbill Station. das hier ist ein privater Kanal. Er war der Gründer… er und noch ein Freund… ich glaube. Wenn Havers IRC überwachen läßt. Sie sind alle in der einen oder anderen Form Außenseiter und sprechen prinzipiell nicht über ihr Leben.‹ Catherine klickte auf: ›SERVER/CONNECTION‹. »Wir haben nicht viel Zeit. »Nicht schon wieder ein Paßwort-Problem«. Das ist eine der Regeln auf dem Hawksbill-Kanal. denn er hat den Kanal eingerichtet. Aber ich glaube. Sehen Sie. sie sprechen eindeutig über Dannos Tod. er hatte am meisten gelitten und er besaß die größten inneren Kraftreserven.« Sie klickte auf ›#hawksbill‹ und tippte: ›Barrett‹ Hallo. zu ihrer Gruppe gehört hat. Er war schon länger hier als alle anderen. über den soviel in den Medien berichtet wurde.« »Wenn sie die Identität der anderen nicht kennen. daß Daniel Stevenson. löschte ›Klaatu‹ und tippte einen neuen Spitznamen. Zu Garibaldi sagte sie: »Danno hat vermutlich nicht nur einen Kanal benutzt und in jeder Gruppe einen anderen Namen verwendet. Niemand bestritt das.

Wir haben Barrett verloooooooooren. daß Sie wirklich Daniels Freundin sind und nicht ein Schwindler. Wir trauern… *DOGbert trauert [Barrett]Ich brauche eure Hilfe. und 365 . [spaCeman] Du machst die Sache nur noch schlimmer. Sie braucht unbedingt eure Hilfe! [@Jean-Luc] BEWEISE!!!!!!! »Die glauben Ihnen nicht!« sagte Garibaldi und blickte unruhig auf die Uhr. Dr. »Sie müssen die Gruppe überzeugen. Catherine Alexander hat mich nicht ermordet.‹ [@Jean-Luc] Das kann nicht sein! * Hasenfuß ist empört *DOGbert sinkt beim Anblick eines Geistes in Ohnmacht. Sie ist unschuldig.« Catherine dachte einen Augenblick nach. Sie waren bereits fünfzehn Minuten im IRC. Ich brauche euch! *DOGbert kommt wieder zu Bewußtsein. [@Jean-Luc] Tote reden nicht! [DOGbert ] Das finde ich nicht komisch. Aber das muß schnell geschehen.[BENHUR] Barrett ist tot:-( [@Jean-Luc] Verlaß den Kanal! Catherine tippte: ›Ich bin Barrett. dann tippte sie: ›Im Universum gibt es eine Quelle des Lebens. Sie war meine beste Freundin. [spaCeman] Werft den Hochstapler raus! [@Jean-Luc] Du bist gewarnt! [Barrett] Wartet bitte. Du Schwachkopf! «Barrett»Catherine Alexander war meine Freundin.

die richtigen Namen preiszugeben. ist alles verloren.« Catherine sah Garibaldi verwirrt an und tippte: 366 .« »Hatte Daniel eine Freundin?« »Das hätte er mir gesagt. Die Gruppe vermeidet doch offensichtlich. Aber wenn sie mich auf die Probe stellen. wenn ich mit Ja antwortete und das ist falsch.niemand kann lange ohne diese Quelle leben.« »Seine Geliebte!« »Ich glaube. Garibaldi runzelte die Stirn. Verzweifelt murmelte sie: »Ich bin auf ihre Hilfe angewiesen. Als keine Antwort kam.« Catherine biß sich auf die Lippen. [spaCeman] Wer ist Catherine Alexander? [DOGbert] Warum sollen wir ihr helfen? [BENHUR] Tod allen Hochstaplern! [@Jean-Luc] Bist Du Janet? Catherine zuckte zusammen. Was dann?« Garibaldis Blick fiel auf das Photo von Catherine. »Janet war Barretts Geliebte. tippte sie: Barrett bittet euch. mir zu glauben.« [@ Jean-Luc] Ich wiederhole: Bist Du Janet? »Sie warten auf eine Antwort. das Daniel auf die Innenseite des Laptop geklebt hatte. »Wer ist nun wieder ›Janet‹?« »Keine Ahnung. »Hier«.‹ Sie drückte ›Enter‹ und wartete. Daniel hatte nie eine Janet erwähnt. Wenn sie mir nicht vertrauen. »Ich glaube. aber er hat von ›Janet‹ gesprochen. Daniel hat Sie geliebt. sagte er und deutete auf die Stelle. Daniel muß Sie erwähnt haben.« »Aber warum gerade ›Janet‹?« Er griff nach dem Roman und blätterte darin.

bist Du es wirklich??«:-) [DOGbert] Die Station ist nicht mehr das.co. und hör zu! [Maynard] Hallo Leute! Hat jemand in letzter Zeit 367 . Was soll das heißen.us *Trilogy schüttelt den Kopf und sagt: unmöglich. was sie einmal war. warum hat man Barrett umgebracht? [spaCeman] Der Mord ist ein Skandal! Was können wir für Dich tun. Janet? [Barrett] Der Grund: Ich besitze etwas.vetcom ist da. ich soll mich einwählen.ae. [Server] Maynard! ~rismith@alice. [BENHUR] Janet.brad. seit Barrett nicht mehr da ist. aber dann kamen die Sätze in schneller Folge: [@Jean-Luc] Barrett fehlt uns. ich bin Janet. Barrett ist doch tot!!!! [spaCeman] Sei still.[Barrett] Ja. [Server] Sugar! ~kharvey@scgrad.ix. Barrett ist wieder da? [Barrett] Ein Killer hat ihn umgebracht. Wer hat ihn umgebracht? Warum hat die Polizei den Mörder noch nicht gefaßt? [BENHUR] BRB [Server] BENHUR hat sich verabschiedet. [@Jean-Luc] Janet. [Sugar] BENHUR hat mich aufgestöbert und meint. Auf dem Bildschirm bewegte sich nichts.demon.uk ist auf diesem Kanal. [DOGbert] Wer hat ihn umgebracht? [Server] Trilogy! Atombak@ix-orl-22.

[Barrett] Benachrichtigt Dr.org.PolarisTel.edu [Sugar] Mayn-Man! Willkommen im Bett! [DOGbert] Keine Sexgespräche auf diesem Kanal! [Maynard] Entschuldigung… [@Jean-Luc] He Maynard. Sagt ihm. Sie braucht eure Hilfe. [Maynard] Unmöglich! [Sugar] möglich [@Jean-Luc] Barrett bist Du noch da? [Maynard] Ich habe es in der Zeitung gelesen. Der Killer ist hinter ihr her und will auch sie umbringen. Carlos. [Barrett] Catherine Alexander hat mich nicht umgebracht. Er hat sich gewehrt. Eine Frau hat ihn umgebracht. Catherine Alexander ist in Sicherheit und gesund. Julius Vossjlvoss@freers. [Carlos] Barrett war in Ordnung.Net grüßt die Runde. Sie ist unschuldig. die dann aus der Wohnung geflohen ist. [Server] Carlos!mmongo@dianuba.einen Orgasmus gehabt? [Server] Zipcode!zelinksi@ouray. [Carlos] Was gibt es? Benhur hat mich aus einer Gruppe rausgeholt. [@Jean-Luc] Es ist Barrett… [Sugar] Exilanten halten zusammen. daß 368 . Barrett ist wieder da! [Server] Benhur!~George@Sebakal. sag uns. Sie war Barretts beste Freundin und sie braucht die Hilfe seiner Freunde. was wir tun sollen. Meldet allen im Net.com ist auf diesem Kanal [Trilogy] He. Barrett.cudenver.DialUp.

daß einer von ihnen Astrophysiker ist.Dr. ob ›Tymbos‹ ein Code ist und was sich dahinter verbirgt. wer Barrett umgebracht hat. SAGT KEINEM ETWAS VON TYMBOS.« »Ich weiß von Danno. sie weiß NICHT. [(©Jean-Luc] Ein Anagramm? Was zum Beispiel? [Barrett]Ist jemand von euch katholisch? 369 . mich zu erinnern. Sein Mörder verfolgt Janet. daß diese Leute sehr geschickt sind. was sie antworten sollte. Catherine massierte sich den Nacken und überlegte. [Trilogy] Ist sie die Kleine mit den Schriftrollen? »Vorsicht. möglicherweise auch ein Anagramm. [Barrett]Eine Person. Ich glaube. Vielleicht findet er oder sie heraus. o. Alexander UNSCHULDIG ist. Sagt der Polizei. Aber ich werde einen anderen Namen benutzen. weil der Bösewicht mich überwacht. Alexander. eine Person oder ein Anagramm. um zu sehen. vielleicht ist das eine Falle!« rief Garibaldi. Dann tippte sie: [Barrett] Helft Dr. Sie muß Tymbos finden. ein Ort. »Wenn die Gruppe das Wort ›Tymbos‹ im Internet verbreitet.« [Sugar] Barrett: Was ist tymbos? [Trilogy] s. »War das klug?« fragte Garibaldi. Sie wird verfolgt. Ich melde mich wieder. ob ihr Tymbos gefunden habt. Es ist ein Ort. kommt Havers Ihnen möglicherweise auf die Spur. und sie muß beschützt werden.

ist ›Tymbos‹ griechisch oder lateinisch? [Barrett] Weiß nicht. wird sie es der Welt zum Geschenk machen. auch im Internet. Sie wird verfolgt.« Der Dialog schien zu Ende. der an ihn glaubt. Alexander die Schriftrollen? [@Jean-Luc] Sagen sie den Weltuntergang voraus. um sich klar darüber zu werden. Menschheit gehört. 370 . nicht zugrunde geht. hat Dr. Dann: [Carlos] Johannes 3:16 »›Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt. zitierte Garibaldi. Bitte sorgt für die Verbreitung dieser Botschaft im Namen der Quelle des Lebens im Universum. Catherine blickte gespannt auf den Bildschirm. »Vielleicht verständigen sie sich untereinander. Die Killer müssen gefunden werden. [Sugar] Barrett/Janet.Eine Weile bleibt der Bildschirm leer. »Sie schweigen«. bevor sie noch einmal morden. Auf dem Monitor erschien nichts Neues. Catherine tippte: ›ichthus‹ [Carlos] Iesous Christos. damit jeder. wie alle behaupten? [Carlos] die Wiederkehr von Jesus? [Barrett] Dr. das der ganzen. denn Tymbos kann mich vielleicht zur siebten Schriftrolle führen. Die Jagd muß aufhören. Aber ihre Worte blieben dort stehen. Wenn sie ihr Werk getan hat. daß er seinen einzigen Sohn hingab. Helft mir. flüsterte sie. Sie ist eine von uns. glaube aber griechisch. sondern das ewige Leben hat‹«. ob sie Ihnen trauen sollen. Alexander arbeitet an etwas. Ihr Leben ist in Gefahr. theou uios soter [Sugar] Barrett.

vergiftet zu werden. seinen Wein. daß es in Indien den Frauen verboten ist. und er starb.« Nach kurzem Zögern tippte Catherine ihre letzten Sätze: [Barrett] Ich kann mich auf diesem Kanal nicht mehr melden. seine Gewänder.»Das gefällt mir nicht«. in sein Blut. seine Girlanden. *Bitte glaubt mir* Haltet die Augen offen… Dann trennte sie die Verbindung: FILE »EXIT DIALER« BYE NO CARRIER Es wird erzählt. Beobachtet IRC. Satvinder hat mir diese Geschichte erzählt. sein Parfüm. wir können ihnen trauen. seinen Turban. Aber bei der Liebe war er nicht so vorsichtig. »Verlassen Sie den Kanal. sagte Catherine. sagte Garibaldi. sonst wird man mich vielleicht entdecken. Sie erzählte mir.« »Ich weiß nicht recht. 371 . das sich in ihren Körpersäften befand. Als Philos und ich Cornelius Severus zu einem Festmahl in den Palast begleiteten. Als der König sie eines Tages aufsuchte und sich mit ihr vereinte.« »Einen Moment noch«. Das nächste Mal begegneten wir uns unter anderen Vorzeichen. »Ich bin sicher. Aber ich werde euch in ein paar Tagen anwählen. seine Schminke. Satvinder war auch die weißgekleidete geheimnisvolle Frau auf dem Marktplatz. daß der vorige König befürchtete. Eine Konkubine gewöhnte sich langsam an ein tödliches Gift. Deshalb ließ er jeden Tag alles untersuchen – seine Speisen. drang das Gift. daß Satvinder die älteste Tochter des Königs war. stellte ich fest. Ich werde einen Kanal schaffen.

dann operiert man. zu dem das Wissen um das zyklische Weltdrama von Erschaffen. mir zu erklären. als sei sie ein Mann. Aber Satvinder besaß einen starken Willen. Zuerst werden Zaubersprüche gesprochen. Patient. daß am Indus die medizinische Behandlung auf vier Säulen ruht: Arzt. Sie ist die höchste Gottheit. die erschafft. die im Lotus des Herzens sitzt. Als ich Satvinder bat. was mit dem Kreislauf von Erschaffen. Erhalten und Zerstören. Aber als ich den König kennenlernte. und wenn das nicht hilft. Wenn sie nicht helfen. Ihr Name bedeutet kosmische Kraft. ihrem Vater sei nicht bekannt. und er erlaubte ihr. auf das wieder das Erschaffen folgt. Sie sagte.‹ Ich erzählte vom Gerechten und von seiner Botschaft. Von ihr lernte ich. eine der Wissenschaften zu studieren oder die Heilkünste auszuüben. Medikamente. Satvinder war eine Anhängerin der Göttin Shakti.Sanskrit zu lernen. Als ich wissen wollte. benutzt man Medikamente. gehört. das heißt ›Wissen des Lebens‹. Sie war die Lieblingstochter ihres Vaters. Satvinder sprach von ihrem Glauben. sie wollte es auch anwenden. Als ich sie fragte: ›Wer hin ich?‹ sagte sie: ›Du bist das Eine und das Viele!‹ Als ich fragte: ›Und Gott?‹ gab sie dieselbe Antwort. Eine Krankheit wird immer auf dreierlei Weise behandelt. die er uns am Salzmeer verkündet hatte. daß seine Tochter sich nicht an die ungerechten Gesetze der Männer hielt. antwortete sie: ›Sie ist die Mutter. Zerstören und Wiedererschaffen 372 . in der Verborgenheit des Palastes zu studieren und zu lernen. Satvinder praktizierte Ayurveda. wer Shakti sei. Satvinder gab sich mit dem Wissen allein nicht zufrieden. dachte ich. Pflege. daß sie ihre Heilkünste in der Stadt zum Nutzen der Kranken verkleidet praktizierte. er müsse wissen.

Wir waren fast alle gleichaltrig und blieben zusammen. bevor er in die Wüste von Judäa ging. aber die Frauen der anderen Offiziere begleiteten ihre Männer. Sie waren viele Monate unterwegs. wo ich ihn als Kind predigen hörte? Der Kummer. der gesagt hatte: ›Der Gerechte hat uns verheißen. damit sie das Licht sahen. und daß man den Menschen die Augen öffnen müsse. Ich erinnerte mich an den Prediger in Antiochia. Während wir am Indus waren. Sie reisten in den Osten bis zum Ganges und in den Süden bis zu den Tamilen. sagte sie. wenn Philos mit Cornelius Severus zurückkommen würde. Der eine war an Cornelius Severus gerichtet und 373 . daß der Weg der wahre Glaube sei. was ich tun sollte. Etwas in ihren Worten kam mir bekannt vor. Die Gemahlin von Cornelius Severus war mit den Kindern in Rom geblieben. aber unwissende Anhängerin der Göttin Shakti. Die Frauen gaben mir viele Ratschläge. denn ich glaubte noch immer. diese fromme. Aber ich wollte nicht nur ein Kind. aber sie hatten Kinder zu versorgen. Ich fand Freundinnen unter Satvinders Gefolge und auch bei den Frauen der römischen Offiziere. noch mehr sehnte ich mich nach Liebe. nicht in das ewige Königreich gelangen würde. daß wir alle viele Male geboren werden und sterben. der auf meiner Seele lastete. Auch sie sahen ihre Männer nicht. Ich war traurig. daß Satvinder. sah ich wenig von Philos. daß wir als Mensch mit Fleisch und Blut ins Leben zurückkehren? Hatte der Gerechte in Indien gelehrt. An meinem zwanzigsten Geburtstag trafen zwei Briefe ein. denn er begleitete Cornelius Severus. Ich hatte von Philos noch kein Kind. daß wir wiedergeboren werden…‹ Meinte er damit dasselbe wie Satvinder? Meinte er. blieb.gemeint sei. weil die Botschaft des Gerechten nicht in ihr Herz drang.

der Verehrte und der Verachtete. die ihn gekannt hatten. den sie an die Gemeinde in Antiochia gerichtet hatte. Die Mitglieder der Gemeinde fertigten Kopien dieses Briefes an und schickten sie an andere Orte. Findet das Leben durch den Glauben. Es war der Brief einer Frau aus Rom. des Meeres und jeder Quelle. daß mir mit der traurigen Nachricht vom Tod meiner Mutter neue Worte des Gerechten von denen überbracht wurden. Meine Großmutter teilte mir mit. Der zweite war für mich und kam von zu Hause. Mein Glaube wurde gefestigt. der soll kommen und das Wasser des Lebens trinken. Und ich bin auf alle Zeiten bei euch. daß meine Mutter in das Königreich des Gerechten eingegangen war. Ich bewege jedes Wesen. es ist ein Geschenk für alle. Zusammen mit dem Schreiben meiner Großmutter bekam ich ein bemerkenswertes Geschenk. Die Nachricht machte mich traurig. Ich bin der Gedanke. den Indus zu verlassen und weiterzureisen.‹ 374 . Auf diese Weise bekehrten sich viele zu unserem Glauben. denn ich hatte meine Mutter zwei lange Jahre nicht gesehen und gehofft. die es begehren. der Tod des Gerechten ist nur eine Täuschung. Die Macht Gottes rettet alle im Glauben. Wer da glaubt. vor der nächsten großen Reise einen Besuch in Antiochia machen zu können. und ich wußte. Und dies sind die Worte von Maria in dem Brief: ›Eure Schwester grüßt die Gemeinschaft in Antiochia mit dem Friedenskuß.enthielt Befehle. Verehrt den Schöpfer der Erde und des Himmels. Gesegnet sind die Worte des Gerechten. der gesagt hat: Ich bin die Stimme in allen. Wer durstig ist. Es tröstete mich. daß meine Mutter gestorben war. wo Gläubige sich wie bei uns in Antiochia versammelten. Vergeßt nicht die Worte Salomos. der gesagt hat. Ich bin der Erste und der Letzte. der wird das ewige Leben haben.

die uns Erfüllung schenkt. Das bedrückte Herz. daß ich mich in Philos verlieben würde und er sich in mich. das falsche Herz – sie alle werden den Tod finden. wird den Tod überwinden. die folgenden Worte Marias nahm ich mir am meisten zu Herzen: ›Der Weg ist Frieden und Vergeben. Sie schenkte mir ein Zaubermittel. Das Herz. das. Ohne Liebe kann der Glaube keine Berge versetzen. folgt dem Weg der Liebe. worauf sich der Glaube gründet. das sich der Liebe öffnet. wie sie sagte. daß Satvinder die Worte Marias lesen und das Licht sehen werde. meinen Leib fruchtbar machen werde. In dieser Gnade werden wir nicht vergehen und niemals sterben. Brüder und Schwestern. damit auch sie das ewige Leben fand. Wir umarmten uns als Schwestern auch wenn wir aus unterschiedlichen Welten kamen und einen unterschiedlichen Glauben hatten. Denn die Liebe ist das.‹ Ich schrieb den Brief ab und gab die Abschrift Satvinder. 375 . Beim Abschied betete ich. Ich hoffte.Liebe Perpetua. das Herz aus Stein. So finden wir eine Gnade. Wir verließen den Indus vor den jährlichen Regenfällen. Deshalb. Ich reiste mit einem stillen Gebet im Herzen ab.

DER NEUNTE TAG 376 .

hob die Arme und ließ den Kopf nach hinten sinken. zuckte zusammen. Als Catherine sah. dann stand sie mit steifen Gliedern auf.vaticano. Dann sah sie. 22. Dezember 1999 Las Vegas. »Alle Welt will dasselbe wie ich«. Aber ich habe kein Glück. Überrascht stellte sie fest. von denen viele nicht übersetzt oder katalogisiert sind. denn sie 377 . dort liegen Tausende von Manuskripten und Dokumenten.html. Der Tag war wie im Flug vergangen. Catherine. das sei eine gute Adresse für ein so ausgefallenes Thema.Mittwoch.‹ »Die Vatikanbibliothek?« fragte sie. Es ist ständig besetzt. erwiderte Garibaldi gereizt und wies ungeduldig auf den Monitor. wie sich das schwarze Priesterhemd über den Muskeln seines Oberkörpers spannte. »Was ist los?« fragte sie und reckte sich gähnend. Ich dachte. drehte sie sich schnell um. die in Sabinas Geschichte vertieft war. Ihr Nacken und die Schultern schmerzten. wen er zu erreichen versucht hatte: ›http://christusrex/archivo. Catherine setzte sich neben ihn und las auf dem Bildschirm die Meldung: ZUR ZEIT KEINE VERBINDUNG MÖGLICH. Nevada »Nicht schon wieder!« rief Garibaldi und schlug mit der Faust auf den Schreibtisch.« Er lehnte sich auf dem Stuhl zurück. »Ja. daß sich der Himmel vor dem Fenster bereits orange färbte. Sie hatte stundenlang über die Schriftrollen gebeugt gelesen und übersetzt.

erinnerte sie sich noch sehr gut. daß sie jetzt nicht aufgeben durfte. Garibaldi betrachtete Catherine aufmerksam. die letzten Sonnenstrahlen zu bewundern. Was macht er gerade? Was fühlt er? Was denkt er? »Wenn ich bei dieser verrückten Sache mitmache. Aber Catherine und Garibaldi wagten es nicht. Catherine. Könnte ich doch nur über das Internet herausfinden. daß Dannos Freunde mir helfen. sondern die Schriftrollen übersetzen mußte. Das ewige Leben. die den Fall auf ihre Weise aufgegriffen hatten. daß die Leute von Hawksbill ihn erreicht hatten. weil sie fürchteten. von dem Sabina spricht: Was bedeutet es Ihrer Meinung nach? Glauben Sie. wird dir das nicht helfen. die wie flüssiges Gold durch das Fenster fielen und dem Teppichboden einen schimmernden Glanz verliehen. ob meine Bitte dazu geführt hat. wenn er sie unterstützte. Schließlich war sie genau in die Schwierigkeiten geraten. Wenn ja. in seiner Meinung bestärkt.fand es unverfänglicher. sie zu verstehen. »Ich habe nachgedacht. half ihm ihre Nachricht vielleicht. Vermutlich fühlte er sich angesichts der Medien. daß Sabina oder Philos möglicherweise das 378 . die er an jenem verregneten Nachmittag vor fünf Tagen in Malibu zu ihr gesagt hatte. Sie wollte ihm klarmachen. Sie wollte an Julius denken und daran. Catherine hoffte jedoch. Havers konnte unmöglich die vielen tausend Teilnehmer in aller Welt überwachen. vor denen er sie gewarnt hatte. wie sehr sie ihn vermißte. »Warum machen Sie so ein besorgtes Gesicht?« fragte er schließlich. Havers könnte durch seine Wachhunde ihre IP-Adresse bis zum Hotel Atlantis zurückverfolgen.« An diese Worte. er werde ihr eher schaden. weil es anonym war – zumindest hofften sie es. sich in die Nachrichtendienste oder IRC-Kanäle einzuwählen. Im Web waren sie sicher.

Sabina war über achtzig und schien sich keine Sorgen über das Sterben gemacht zu haben. »falls diese Schriftrollen nun kein religiöses Dokument sind. Bei ihrer Botschaft handelt es sich um die Worte von Jesus. »Dann würde eine Welt entstehen. »In den 379 . »was sie sagt. sagte sie. sondern ein Buch über Metaphysik. Wie lange hatte er nach der Niederschrift seiner Erinnerungen noch gelebt? Und wenn er noch immer am Leben ist? Sie rieb sich den schmerzenden Nacken. »Vater Garibaldi«. murmelte sie schließlich frustriert. wer etwas davon erfährt. was Daniel über die Essener gesagt hatte. das zu glauben. denn sie beschäftigte sich in Gedanken bereits wieder mit Ihn Hassan. murmelte sie. aber nicht ganz. aber nicht ganz.« Catherine dachte an den hundertneunundzwanzigjährigen Ihn Hassan. der behauptet hatte. Was für ein verrückter Gedanke… »Ich komme mir vor wie ein Tier im Käfig«. sie spricht vom ewigen Leben nach dem Tod.« Doch Catherine überging seinen Einwand. »Ich weiß nicht«. denn alle werden die Formel für ein ewiges Leben haben wollen. in der niemand stirbt? Es fällt mir schwer. über Alchimie?« »Was dann?« »Dann müssen wir uns sehr genau überlegen. daß er ewig leben werde. klingt christlich.Mittel für ein unvorstellbar langes Leben gefunden haben?« »Ich glaube.« Catherine blickte auf den Text. Garibaldi sah sie an und lächelte. ob sie möglicherweise die geheime Formel für die Verlängerung des Erdenlebens entdeckt hatten.« Er zog die Augenbrauen hoch. Catherine erinnerte sich daran. »Wie können Sie so etwas sagen?« Er deutete auf den Bildschirm.

Ich habe vor kurzem der Duke University einen Besuch abgestattet und bin von dort nach Beijing gesaust. und solange der Vatikan besetzt ist. daß der Teilnehmer. den er anwählte.edu. Wäre es nicht denkbar. und sie sah. Gab es vielleicht irgendwo auf der Welt einen Maria MagdalenaBrief? Wie würde die Kirche reagieren.stutt. nicht @uni. die Gemeinde in Antiochia habe Abschriften angefertigt. dem Hinweis auf einem anderen Weg nachzugehen. Sind Sie mit dabei?« Er tippte bereits. »Da ist sie! Die Liste der Privatsammlungen. diese Maria habe den Gerechten gekannt. wenn sie davon erfuhr? »He!« sagte Michael. daß es sich bei der Maria im Text um Maria Magdalena handelt? Maria war damals zwar ein sehr verbreiteter Name gewesen. daß noch eine Kopie des Briefes existierte? Sabina berichtete. Sie überlegte: Was wäre. wenn sich herausstellen sollte. hieß. zurück zum Oriental Institute in Chicago.« Catherine beugte sich vor und fragte stirnrunzelnd: 380 . werde ich mich in der Universität Stuttgart umsehen. Da kann man wohl kaum von einem ›Käfig‹ sprechen. »Wohin wollen Sie diesmal?« »Beim Suchen in San Francisco habe ich einen Hinweis auf ein Verzeichnis privater Antiquitätensammlungen entdeckt. doch Sabina sagte.letzten Tagen sind wir auf diesen unsichtbaren Datenautobahnen viele tausend Meilen gereist. Es handelte sich allerdings nicht um eine Hypertext-Verbindung. Deshalb versuche ich. daß Garibaldi seine Suchbegriffe um ›Maria-Brief‹ erweitert hatte. doch Catherine fiel auf.« Catherines Blick fiel auf den Notizblock neben dem Computer. und Sabina selbst hatte ebenfalls eine gemacht.

›Altertum‹. Gewicht. die aus unerfindlichen Gründen das Photo eines häßlichen kleinen Hundes zeigte. Öffnen Sie die Datei. Wir wollen uns einmal ansehen. Soweit ich weiß. Es muß sich um kleine Sammlungen handeln.« !!!THIS LOCATION [URL] IS NOT RECOGNIZED: aki. Michael durchsuchte die Liste. der Nudel hieß. gibt es dort nur vier ägyptische Begräbnis-Papyri. »Den Namen habe ich auch schon einmal gehört.html CHECK LOCATION AND TRY AGAIN Catherine zog die Stirn in Falten. warten Sie!« Sie hatte den Eintrag: ›Aki Matsumoto. was er besitzt. er ist ein reicher japanischer Sammler. Catherine rief: »Halt. klick. ›Artefakte‹.com. sagte Michael und rollte im Text nach unten. »Von manchen habe ich noch nie etwas gehört! Sehen Sie. hier ist das Freers Institut aufgeführt. und Fred’s Seite erschien. Geburtsdatum.matsumoto. »Eigenartig.« 381 . privat‹ entdeckt. und Catherine überflog sie schnell. »Er bietet den Zugriff auf private Sammlungen!« sagte Catherine und blickte verblüfft auf das Photo eines jungen Mannes. Sie lasen die Angaben – Alter. klick. Eine neue Liste erschien. Michael klickte den Begriff an. ›Texte‹. »Sehen Sie«. Ich glaube. Beim Stichwort: ›Historisch‹ klickte er.»Fred’s Seite?« Michael klickte die farbig unterlegte HypertextVerbindung an. Zeitpunkt. an dem Nudel den ersten Haarball ausgespuckt hatte – und erreichten schließlich: Besitzer des Hundes. klick. der mit bewußt dümmlichem Gesichtausdruck einen aufgeblasenen Gummisaurier umarmte.san. und plötzlich erschien eine Web-Seite.« Garibaldi ließ die Liste langsam weiter abrollen.

danach auf ›Netsearch‹ und gab die elektronische Anschrift des Las Vegas Herald ein. Catherine überflog ihn. »Aki Matsumoto hat gestern morgen Selbstmord begangen!« »Das muß ein Zufall sein!« »Es sei denn.« Er griff nach der Zeitung. zu dem das 382 . tippte Aki Matsumoto und drückte die Eingabetaste. er hat Seppuku begangen. »Matsumoto… Den Namen habe ich irgendwo gelesen. Einen Augenblick später erschien ein Zeitungsartikel auf dem Bildschirm. bis der Cursor auf ›Langford‹ wies. In dem Artikel über Matsumoto heißt es.« »Aber weshalb sollte er dann Selbstmord begehen?« Garibaldi brach die Verbindung ab. Er klickte auf das ›Go‹-Symbol. Meine Intuition warnt mich. und suchte die EAdresse. Das Sonnenlicht verblaßte. die auf dem Schreibtisch lag. Ich habe ein ungutes Gefühl. Matsumoto war im Besitz eines Papyrus. »Warten Sie.»Moment mal!« sagte Michael. »Er ist tot!« »Selbstmord…« »Sehen Sie sich das Datum an!« Er blickte ungläubig auf den Text. und das Zimmer lag im Dämmerlicht. Garibaldi blickte fragend auf Catherine: »Und jetzt?« »Sehen wir uns noch einmal Fred’s Seite an. Als die Verbindung hergestellt war. klickte er auf ›Suchbegriff‹. Ist das nicht ein zeremonieller Selbstmord. der im Flur vorbeigeschoben wurde. Einen Augenblick lang saßen sie schweigend da und nahmen kaum das gedämpfte Klappern eines Servierwagens wahr. den jemand unter allen Umständen haben wollte. Er wollte gerade klicken. als Catherine ihm die Hand auf den Arm legte.« Er rollte den Trackball.

Clubsandwich. ja. aber sie war nicht hungrig. Vielleicht geht meine Phantasie mit mir durch.« Die Anzeige auf dem Bildschirm verschwand. Catherine blickte gedankenverloren auf die Reste ihres Mittagessens.« »Wieso?« »Ich bin ein geborener Spieler. wie Garibaldi seufzte.« »Ich weiß nicht recht«.Familienoberhaupt verpflichtet ist. Ich habe diese Schwäche 383 . Brechen wir ab. Sie saßen im Dunkeln und lauschten auf das leise Flüstern der Klimaanlage. Warum?« »Wenn er eine Schriftrolle besessen hat. was die Sammlung Langford enthält?« Sie starrte auf die leuchtenden Buchstaben.« »Wollen Sie nicht wenigstens sehen. das der Zimmerservice gebracht hatte – Spinatsalat. erwiderte er und lachte leise. die in der kalten Wüste für eine Raumtemperatur von 23 Grad sorgte. Sie können sich unter die Leute wagen. und sagte: »Warum gehen Sie nicht spazieren? Sie haben den ganzen Tag am Computer gesessen. Sie hörte.« »Irgend etwas stimmt nicht. »Brechen Sie bitte ab. weil die Ehre der Familie verletzt wurde?« »Ich glaube.« »Wir sollten die Verbindung so lange wie möglich halten. die Havers unbedingt haben und die Matsumoto aber nicht verkaufen wollte? Wenn also…« »Erpressung?« »Ich weiß nicht. Ich muß hierbleiben. »Für mich ist Las Vegas ein gefährlicher Ort. Mineralwasser. Sie hatten vor vielen Stunden das letzte Mal etwas gegessen. aber mir gefällt das alles nicht. Hier sind wir sicher.

war das untergegangene Atlantis mit Tempeln. als hätte sie sich verbrannt.nie völlig überwinden können. Während Catherine das apokalyptische Ereignis beobachtete nahm sie auch die Menschenmenge wahr. Bei Tag war das Spektakel weniger dramatisch als abends. »Ein Erdbeben!« Sie rannten zum Fenster und blickten hinaus. die sich um den See drängte und 384 . Sie sahen sich an. Auf einer der Inseln in dem 20 Hektar großen See. die auf seinem Arm lag. der das Hotel umgab. Catherine zog sie zurück. Andere Gebäude schienen nicht zu schwanken. sogar darauf. und keines stürzte ein. wenn die Tempel von Fackeln beleuchtet wurden und aus scheinbar vulkanischen Erdspalten die Flammen schlugen. Zunächst sahen sie nur die strahlenden Lichter von Las Vegas vor dem dunklen Himmel. Nußbaum von der Bäckerei an einem bestimmten Tag haben würde!« Er blickte auf Catherines Hand. spürten sie plötzlich. Wieder einmal. Und zweimal täglich. Catherine glaubte. »ich muß Ihnen etwas sagen. Plötzlich wußten sie. Dann schien das Zimmer zu schwanken. habe ich bei jeder Gelegenheit gewettet… auf Pferde. die Tempel und die Götter. Säulen und riesigen Götterstatuen nach den Vorstellungen eines Architekten wieder erstanden. versank Atlantis – die Insel. was es war: Atlantis versank. auf alle möglichen Dinge. und nun hörten sie auch ein leises drohendes Grollen. schreiende Menschen. »Was zum…?« rief Garibaldi und sprang auf.« Aber bevor er weitersprechen konnte. welche Farbe das Kleid von Mrs. »Catherine«. Das Beben wurde stärker. Es gab sogar Geräuscheffekte – herabfallende Steine. Als ich jung war. pünktlich auf die Minute. immer noch die glatte Haut und die Muskeln seines Unterarms zu spüren. wie die Sessel vibrierten. sagte er schnell.

als sei das ein Vorgeschmack dessen. Es ist nichts Wirkliches. »Ich glaube. barst und stürzte unter lautem Getöse zusammen.die Katastrophe bestaunte. bevor auch sie versank. Flammen loderten in den Himmel. Plötzlich war alles verschwunden: Atlantis. war untergegangen. und im glatten. und ihr Mund wurde trocken. haben diese Leute gejohlt und gelacht!« »Es ist doch nur eine Show. Catherine und Michael schwiegen. eine ganze Zivilisation. Ihr Verstand sagte ihr zwar. Meterhohe Flutwellen türmten sich auf und begruben Atlantis unter sich. geschehen würde. Dann sagte Catherine: »Wie kann man aus einer solchen Katastrophe Unterhaltung machen? Haben Sie die Zuschauer da unten gehört? Über das Schauspiel einer gewaltigen Zerstörung. daß es sich um Illusionen handelt.« »Und gegen eine Show darf man nichts einwenden? Wie oft müssen wir solche Dinge in dem Bewußtsein sehen. ich nehme ein heißes Bad. eine Säule. Winden und einem Computer. schwankte. Ihr Herz schlug schneller. als sei sie aus Granit. Dezember. die sehr realistisch mit den Schreien von Menschen in Todesangst unterlegt war. um meinen steifen Hals und die Schultern zu 385 . als wollten sie die Sterne verschlingen. der das Ganze steuerte. Doch der Realismus der Schau ängstigte sie plötzlich. was in der Nacht des 31. also in acht Tagen. bis auch sie ins Wasser stürzte und wie ein Baumstamm rollte. wie man sie von Disneyland und anderen Freizeitparks kannte – mit versteckten Mechanismen. Räderwerken. Die riesige Statue einer Göttin auf dem höchsten Punkt der Insel schwankte und drehte sich um die eigene Achse. die aussah. bevor uns echte Gewalt und Zerstörung völlig gleichgültig ist?« Sie drehte dem Fenster den Rücken zu. stillen Wasser des Sees blieb keine Spur von den Werken der Menschen zurück. daß es sich um eine Illusion handelte.

bis hin zu dem kleinen schwarzen Leberfleck hinter dem rechten Ohr. sich Julius vorzustellen – die sanften schwarzen Augen. Aber dann sagte er nur: »Ich werde feststellen. Bei sechs Swimmingpools müßte ich eigentlich ein paar Bahnen schwimmen können. Es war nicht nur die Angst vor Havers oder die Angst. die scharf geschnittenen semitischen Gesichtszüge.« Er verschwand in seinem Zimmer und schloß die Tür hinter sich. in allen Einzelheiten. Sie versuchte. Sie sah ihn ganz deutlich. wie die Insel langsam aus dem Wasser auftauchte und für den nächsten Untergang vorbereitet wurde. ob er darauf etwas erwidern solle. wie sich in ihr etwas Unbekanntes und Unwillkommenes ausbreitete.« Er sah sie an. die sich wie eine eiserne Klammer um ihr Herz legte. den traditionellen und maskulinen ›Männerduft‹. 386 . die ihr drohten. also über hundert Stunden ohne Unterbrechung in seiner Gesellschaft verbracht. Aber sein Bild stand ihr nicht so klar vor Augen wie das von Garibaldi. das Julius benutzte. ihre Gefühle zu erforschen und die seltsame Angst zu identifizieren. Es hatte etwas mit Garibaldi zu tun. dem ausrasierten Haaransatz im Nacken und den vereinzelten grauen Haaren an den Schläfen. Aber es gelang nicht richtig. Sie hatte nun fünf Tage und fünf Nächte. Catherine blickte wieder aus dem Fenster und sah zu. daß sie diesen Duft einmal erregend gefunden hatte. das sie mehr erschreckte als alle Gefahren. Garibaldi benutzte Old Spice. Dann versuchte sie. was das Fitneß-Zentrum des Hotels zu bieten hat. als überlege er.lockern. Sie fühlte. Sie wollte sich an den Duft des Rasierwassers erinnern. Sie schloß die Augen und sah ihn vor sich. die siebte Schriftrolle vielleicht nicht rechtzeitig zu finden. War das gleichbedeutend mit fünf Wochen. ihr fiel nur ein.

vielleicht sogar mit fünf Monaten in einer normalen Beziehung? Catherine staunte darüber, wie sehr sich ihr sein Äußeres eingeprägt hatte. Doch sie wußte immer noch kaum etwas über ihn – weder über seine Herkunft noch darüber, warum er Priester geworden war. In zwei Tagen war Weihnachten. Würde er nach Hause fahren wollen? Mußten Priester an Weihnachten nicht die Messe lesen? Sie hatte zwar anfangs versucht, Garibaldi loszuwerden, doch jetzt beunruhigte sie der Gedanke, möglicherweise ohne ihn weitermachen zu müssen. Sie hörte, wie er aus seinem Schlafzimmer kam, und sah sein Spiegelbild in der Fensterscheibe. Er blieb mitten im Zimmer stehen. In der einen Hand hielt er seine schwarze Tasche und in der anderen etwas, das sie nicht erkennen konnte. Obwohl er inzwischen nur noch das schwarze Hemd mit dem Priesterkragen trug, fiel es ihr immer schwerer, in ihm einen Priester zu sehen. »Vater Garibaldi«, sagte sie, ohne sich umzudrehen, »glauben Sie, die Hawksbill-Leute haben meine Nachricht weitergegeben?« »Wollen Sie den Computer starten, um es festzustellen?« Sie drehte sich um und sah ihn an. »Nein, ich möchte mich noch nicht bei Hawksbill melden. Wenn Havers herausgefunden hat, daß ich Kontakt zu diesen Leuten aufgenommen habe, und mich auf diesem Kanal erwartet, dann werde ich zum letzten Mal dort auftauchen können, und wir beide müssen weiter. Ich lasse ihnen ein paar Tage Zeit, bevor ich mich erkundige.« »Wer weiß«, sagte Garibaldi und lächelte, »vielleicht ist Jean-Luc der Chefarchivar der Kongreßbibliothek.« Catherine lachte. Ihre Blicke trafen sich über das Zimmer hinweg. Sie schwiegen beide. Er stand schon an der Tür zum Flur, als Catherine sagte:
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»Vater Garibaldi, in zwei Tagen ist Weihnachten. Wollen Sie nicht nach Hause fahren?« Erschrocken stellte sie fest, daß sich sein Gesicht verfinsterte und sich die Muskeln an seinem Hals spannten. Ihr fiel ein, daß er im Begriff gewesen war, ihr etwas zu sagen, als das ›Erdbeben‹ eingesetzt hatte. Er schüttelte stumm den Kopf, drehte sich abrupt um und ging hinaus. Während sich die Tür hinter ihm schloß, sah Catherine flüchtig, was er in der anderen Hand trug. Die philippinischen Kampfstöcke.

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Las Vegas, Nevada
»Ich bin dafür, daß wir es bei den billigeren Hotels versuchen«, sagte Raphael und spießte mit der Gabel ein paar Fettucini auf. »Bis jetzt haben sie immer billige Unterkünfte gehabt.« Er lachte mit vollem Mund. »Wahrscheinlich hast du recht«, stimmte ihm Zeke zu. Er stützte die Ellbogen auf den Tisch und starrte auf den Teller. Er hatte seine gegrillten Rippchen nicht angerührt. Er war zu angespannt, um etwas essen zu können. Sie hatten seit ihrer Ankunft in den großen Hotels diskret und für viel Geld Erkundigungen eingezogen. Nirgends war ein Priester zu finden gewesen. »Morgen früh«, sagte er, »nimmst du dir als erstes die eine Seite der Fremont Street vor und ich die andere.« Es blieb noch ein letztes Hotel, in dem sie sich erkundigen mußten, bevor sie für diesen Abend Schluß machen konnten. Es stand mitten, in einem See und war auch sonst ein Beispiel exzessiver Geschmacklosigkeit: das Atlantis. Catherine legte den Kugelschreiber beiseite. Es hatte keinen Sinn. Sie konnte sich nicht konzentrieren. Sie warf einen Blick auf die Uhr. Es war schon eine Weile her, seit sie den Untergang von Atlantis beobachtet hatten. Warum war Garibaldi noch nicht vom FitneßZentrum zurück? Sie stand vom Schreibtisch auf und ging im Zimmer hin und her. Ein Name beschäftigte sie, und sie versuchte vergeblich, ihn einer Person zuzuordnen. Auf dem anderen Schreibtisch stand der dunkle Laptop.
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Plötzlich hatte sie das dringende Bedürfnis, etwas zu tun. Sie setzte sich, startete den Computer, wählte die Zugangsnummer des Hotels für das Internet und gab den temporären Teilnehmernamen sowie das Paßwort ein. Bevor sie sich ins Web einklickte, zögerte sie, dachte nach und klickte aus einer plötzlichen Eingebung heraus auf NewsReader. Wünschen Sie die letzte Gruppenliste? Sie klickte auf ›a‹. DATEI WIRD GELADEN… Catherine wußte, daß sie sich ungefährdet bei den einzelnen Gruppen umsehen konnte, denn sie wollte sich nicht an den Diskussionen dort beteiligen, sondern nur die Nachrichten lesen. Als die Liste der Gruppen erschien, begann sie zu rollen, und hielt bei alt.bibel.prophez. an. Sie klickte, geriet in eine Diskussion über die Endzeit und klickte noch einmal. ORGANISATION: UNIVERSITY OF CAMBRIDGE, ENGLAND ZEILEN: 26 Nachricht-ID: 4pvrpd~50q@favor.csx.eain.ac.uk MNTP-Posting Host: usen.chu.cam.a-uk Thema: Endzeit »»»Die Apokryphen stützen Bibelprophezeiungen über die Letzten Tage. »»»Steve »»»Du irrst dich, Steve. Die Apocryphen sind nicht das Wort Gottes. Wo sind deine Beweise? »»»Ray »»»Sorry, daß es so lange dauert. Habe den Beweis für dich gesucht. Siehe P245 British Museum, P14 Broderick Archiv, Duke University u.a. Nach Aussage der Schriften nicht autorisierter Bücher steht uns das Paradies auf Erden bevor, Junge. »»»Steve

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Catherine holte die angegebenen Texte auf den Bildschirm, stellte jedoch fest, daß sie beide Quellen bereits kannte – sie enthielten nichts, was Licht auf Sabinas Schriftrollen geworfen hätte. Sie wechselte zur Hauptliste und suchte weiter, bis sie alt.archaeologie entdeckte. Sie klickte und sah sich die Einträge an. Plötzlich bekam sie große Augen. 199.911/30 Daniel Stevenson ›Atlantis‹ Sie klickte. Xref: newsomeganet.com sci.archaelogy 25. Nov. 1999 18:44:37 +0100, stan@moonbeam.vamp.co.aus schreibt: »»»Stevenson! Du hast deine absurden Theorien schon vor ein paar Monaten geschickt, und dir ist damals von uns gesagt worden, daß das alles unhaltbar ist. Warum verursachst du uns die Kosten, den ganzen Unsinn noch einmal einzufahren? »»»Atlanter-Mayas Catherine wurde zornig. Man griff Danno wie üblich an. So war es schon immer gewesen: Daniel, der Benachteiligte, Daniel, der die Rechte eines anderen verteidigte oder für eine unpopuläre Sache eintrat. Danno, der auf seinem Platz in ihrer Schulklasse saß und dem die Tränen über die Wangen liefen, weil sie neben dem Pult von Schwester Immaculata auf einem Hocker stand und vor Scham weinte, während alle anderen lachten und kicherten. Plötzlich hatte Catherine den unwiderstehlichen Drang, diesem aufgeblasenen Kerl in Australien am Schwarzen Brett ordentlich die Meinung zu sagen. Doch das durfte sie nicht tun, sonst wurde ihre IP-Adresse sichtbar, und jeder,
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der die Nachricht las, konnte selbst noch nach einiger Zeit herausfinden, daß sie sich in diesem Hotel befand. Sie schaltete den Laptop aus. Als der Bildschirm dunkel wurde, betrachtete sie noch einen Moment lang das Photo von ihr auf der Innenseite des Deckels. Wieso hatte Danno es dorthin geklebt? »Ich glaube, Daniel hat Sie geliebt«, hatte Garibaldi gesagt. Garibaldi… Ihre Unruhe schien etwas mit Garibaldi zu tun zu haben. Seit er gegangen war, beschäftigte sie sich beinahe ununterbrochen mit ihm. Catherines Nervosität wuchs, und sie schaltete den Fernseher ein, weil sie hoffte, eine tröstende menschliche Stimme zu hören. Statt dessen wurden die Spätnachrichten mit der Schlagzeile angekündigt, die für sie wie eine Ohrfeige war: ›Gestohlene Schriftrollen als ein Werk des Antichrist bezeichnet!‹ Catherine wechselte den Sender. Ein Interview mit einem bekannten Physiker kam auf den Schirm. »Wir erleben den Anfang vom Ende. Synchronizität ist real. Wie viele von uns bemerken immer häufiger scheinbare Zufälle? Das Bewußtsein erfaßt inzwischen besser die eigentlichen Zusammenhänge. Das wiederum ist ein Hinweis darauf, daß die Dinge in eine ganz bestimmte Richtung laufen. Die Fäden, die Bereiche, die Ebenen, die Strömungen des Universums beginnen seit einiger Zeit, miteinander in Berührung zu kommen, und das Ergebnis ist eine Koinzidenz. Die Ebenen und Strömungen und unsichtbaren Sphären werden sich von jetzt an immer öfter berühren, bis schließlich jeder Punkt des Universums mit dem anderen in Kontakt steht, und der Kosmos implodiert, das heißt, in sich zusammenbricht, und wie wir wissen, wieder in das Chaos vor der Ordnung zurückkehrt. Ich habe es mathematisch berechnet. Der Schlußpunkt wird genau um Mitternacht am 31. Dezember
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1999 erreicht sein.« Catherine schaltete den Fernseher aus und ging unruhig im Zimmer auf und ab. Auf dem Sofatisch sah sie das Brevier mit dem geprägten goldenen Chiro – das große P mit dem X über dem Abstrich, die ersten beiden Buchstaben des Wortes Christos – auf dem dunkelgrünen Ledereinband. In den vergangenen fünf Tagen hatte sie Garibaldi öfter dabei beobachtet, wenn er darin las. Manchmal bewegte er die Lippen und flüsterte stumm die rituellen Worte. Gegen ihren Willen war sie neugierig geworden. Waren es lateinische Texte? Handelte es sich um Gebete oder nur um Aussprüche, tröstende Worte oder vielleicht um Lieder? Catherine hatte das Brevier noch nie gelesen. In ihrer Jugendzeit hatte sie sich an das katholische Gesangbuch gehalten. Sie griff nach dem Brevier und schlug es auf. Es war, wie sie wußte, in Tage und Stunden gegliedert. Sie suchte das Abendgebet für den 22. Dezember. Gott ist Licht! Wenn wir mehr und mehr im Licht leben, herrscht Liebe zwischen uns. Ohne Liebe kann es auf der Welt keinen Frieden geben: Herr, befreie unsere Welt von Haß und Furcht. Herr, hilf den Männern und Frauen, Trost im Leid und Stärke in den Prüfungen zu finden. Gewähre ihnen beständige Liebe. Herr, nimm all die Toten in deine Obhut: Jene, die wir geliebt haben und auch jene, an die sich niemand erinnert. Catherine schloß die Augen.
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»Nimm all die Toten… jene, die wir geliebt haben…« Einen Augenblick lang empfand sie so etwas wie Frieden. Aber plötzlich fiel ihr ein Gespräch ein, das vor langer Zeit stattgefunden hatte. In der elften Klasse erklärte ihr ein Mitschüler, wie er sich das Leben nach dem Tode vorstelle. »Ich glaube, es ist genauso wie das Leben davor.« »Du meinst, bevor wir geboren wurden?« hatte Catherine ihn gefragt. »Erinnerst du dich an etwas aus dieser Zeit?« »Natürlich nicht.« »Na bitte.« Catherine dachte: Ist es das? Ein Nicht-Sein? Ist Danno dort im Nichts? Ist meine Mutter auch dort? Sie klappte das Buch zu und legte es auf den Tisch. Nimm alle Toten… Es war ein schönes Gebet, aber es war katholisch, und sie konnte das Gebet nicht von der Kirche trennen, in deren Kontext es entstanden war. Ihre Gedanken kehrten wieder zu Garibaldi zurück. Plötzlich wußte sie, was sie beunruhigte. »Bei sechs Swimmingpools«, hatte er gesagt, »sollte ich eigentlich ein paar Bahnen schwimmen können.« Aber er hatte die Pangamot-Stöcke mitgenommen! Catherine setzte sich wieder an den Laptop, startete, klickte auf Lycos, gab den Suchbegriff ›Pangamot‹ ein und gelangte über die Hypertext-Verbindung in das Web und zu dem Stichwort: ›Philippinischer Kampfsport.‹ Sie hatte die Homepage an jenem Abend aufgerufen, als Garibaldi ihr die Haare abschnitt. Als die Seite mit dem Symbol – ein Schwert und ein Rohrstock, die sich kreuzten – auf dem Bildschirm erschien, fragte sich Catherine, ob sie dort etwas finden würde, das ihr den Menschen Garibaldi
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vielleicht verständlicher machte. Beim ersten Mal hatte sie nur kurz die Einleitung überflogen. Nun sprang sie von Stichwort zu Stichwort, bis sie die Überschrift ›Häufig auftauchende Fragen‹ erreichte. Dort begann sie, nach Antworten zu suchen. Ein Swimmingpool befand sich im fünfzehnten Stock neben dem Fitneß-Zentrum. Aber Catherine sah Garibaldi nicht. Als ihr der Bademeister sagte, niemand habe sich unter der Nummer ihrer Suite im Fitneß-Zentrum eingetragen, bestätigte er nur Catherines Vermutung. Trotzdem warf sie einen Blick auf die Gewichtheber und die danebenliegende Laufhalle. Sie suchte Garibaldi in der Saftbar, im Boxring und erkundigte sich sogar bei den Masseuren nach ihm. Schließlich erreichte sie einen Gang, wo Anschlagtafeln auf Tanz-, Yoga- und AerobicUnterricht hinwiesen. In zwei Räumen sah Catherine Gruppen beim Üben, doch die anderen waren alle dunkel und leer. Als sie den Notausgang erreichte, wollte sie umkehren, doch plötzlich glaubte sie, etwas zu hören. Sie warf einen Blick in den letzten Raum am Ende des Gangs. Zuerst sah sie ihn nicht, denn es brannte kein Licht. Er war nur ein schwarzer Schatten in einer weiten Hose und einem T-Shirt. Er schien zu tanzen. Catherine blieb im Dunkeln stehen und sah zu. »Es ist ein allgemein verbreiteter Irrtum«, hatte Catherine auf dem Monitor gelesen, »daß sich der philippinische Kampfsport auf den Gebrauch von Stöcken beschränkt. Er erfordert daneben auch die Beherrschung von Kicken, Boxen und Ringen.« Garibaldi stand breitbeinig und mit leicht gebeugten Knien mitten im Raum und bewegte sich wie in Zeitlupe. Seine rechte Hand glitt geschmeidig vor dem Körper nach oben und nach unten. Catherine mußte an die eleganten Bewegungen einer Frau beim Nähen denken. Garibaldi
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hatte offenbar jeden Muskel, jede Sehne seines Körpers unter Kontrolle. Er bewegte sich sehr langsam, ausgewogen und harmonisch. »Im Vergleich zu anderen Kampfsportarten, etwa dem zirkulären, innerlich geführten und sanften Tai Chi ist Pangamot direkt, wahrnehmbar und hart.« Garibaldis Körperhaltung, federnd und mit etwas gebeugtem, vorgestelltem Bein, ließ Catherine aber trotzdem an Tai Chi denken, jedoch manche seiner Bewegungen endeten abrupt, als sei er gegen eine gläserne Wand gestoßen. Catherine vermutete, daß es sich dabei um das Abwehren von Angriffen eines unsichtbaren Gegners handelte. »Bei Wettkämpfen auf den Philippinen halten sich die teilnehmenden Kämpfer nicht zurück. Es ist deshalb nicht ungewöhnlich, daß jemand schwer verwundet oder sogar getötet wird.« Auf den verspiegelten Wänden verfielfältigte sich sein Spiegelbild. Catherine sah hundert Garibaldis aus jedem erdenklichen Blickwinkel. Zu ihrer Überraschung wirkte er immer anders: In einem Spiegel schien er beinahe zu lächeln, in einem anderen glaubte Catherine, einen gewissen Spott in seinem Gesicht zu erkennen. Doch im nächsten sah sie das Gesicht eines zornigen Mannes. Während sich seine Gestalt langsam im Schattentanz der todbringenden Bewegungen drehte, sah sie auch seine Erregung. Der Anblick stieß Catherine ab – und zog sie paradoxerweise gleichzeitig in seinen Bann. Sie konnte den Blick nicht von Garibaldis Körper wenden und dachte daran, wie er mit dieser absolut beherrschten Kraft im Bett sein würde. Direkt und hart… »Die zwölf Angriffsmethoden…«
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Wie konnte es ein Priester mit seinem Amt vereinbaren, sich in einer Kampfmethode zu üben, die nur das eine Ziel hatte, den Gegner zu töten? Wie konnte er es rechtfertigen, daß er Diener der Kirche und gleichzeitig ein gefährlicher Kämpfer war? »Manchmal werden die Rohre oder Stäbe aus Bambus auch als Todesstöcke bezeichnet…« Catherine fand es brutal und angsteinflößend, was sich vor ihren Augen abspielte, trotzdem hatte sie plötzlich den Wunsch, mitzumachen. Sie wollte hinter Garibaldi stehen, ihren Körper an seinen Körper drücken, ihre Arme neben seine Arme legen und sich mit ihm bewegen. Sie wollte spüren, wie diese gewalttätige, kontrollierte Energie von seinem Körper auf ihren überging und sich mit ihr vereinte. Der Gedanke, sie könnte das tatsächlich tun, könnte sich ihm spontan bei diesem Schattenkampf anschließen, könnte einem Drang nachgeben, der allem widersprach, woran sie glaubte, dieser Gedanke erschreckte sie mehr als alles andere. Garibaldi brachte einen Aspekt von ihr zum Vorschein, von dessen Vorhandensein sie bis zu diesem Augenblick nichts geahnt hatte und der ihrer Kontrolle entglitt. Schließlich kam er zum Ende, faltete die Hände unter dem Kinn und verneigte sich leicht vor seinem unsichtbaren Gegner. Dann stand er einen Augenblick bewegungslos da, bevor er nach den lackierten Stöcken griff und sie so schnell herumwirbelte, als bereite er sich darauf vor, eine Parade anzuführen. Er ging in Kampfstellung, setzte einen Fuß vor den anderen, spreizte die Beine und beugte die Knie. Die Stöcke glitten langsam in einer Folge komplizierter Bewegungen durch die Luft. Zuerst drehte er den rechten Stock hinter dem Kopf, während er den linken wie ein Schwert vor sich schwang; dann stieß der erste Stock nach vorne, der zweite hob sich, wurde zurückgezogen, legte sich schräg vor den anderen, und beide bildeten ein X in der Luft. Das alles
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wirkte wie ein Mechanismus, der von verborgenen Zahnrädern und Gewichten in Gang gehalten wurde – zuerst langsam, dann schneller und immer schneller, zorniger und kraftvoller, bis Catherine hörte, wie die Stöcke pfeifend durch die Luft sausten und sie in unblutige Scheiben schnitten. Garibaldi bedrängte seinen unsichtbaren Gegner mit den Stöcken. Sein Atem ging rauh und stoßweise, während er blitzschnelle, tödliche Schläge austeilte. Er sprang zur Seite, fing einen imaginären Hieb ab, sank auf ein Knie und schlug dem Feind mit beiden Stäben über die Beine. Dann sprang er auf, tänzelte wie ein Boxer auf den Fußballen, schlug hierhin, dorthin, steigerte das Tempo, wobei auch die Brutalität zunahm. Der Raum war erfüllt von seiner Kampfeswut, so daß Catherine den Atem anhielt und spürte, wie ihr Körper vor Spannung und Angst erstarrte. Er übt diesen aggressiven Kampfsport, er hält sich fit, um zu töten. Warum? Wen will er töten? Garibaldi schien einen Kampf gegen unsichtbare Mächte zu führen. Seine Übungen wirkten wie die Probe für ein persönliches Armageddon. Was gab ihm der Kampfsport, das ihm sein Katholizismus nicht geben konnte? Wenn Gebete nicht wirken, werden es die PangamotStöcke tun? Catherine wich von der Tür zurück und riß sich von einer Szene los, die sie früher einmal empört hätte, jetzt aber… Sie hatte sich auf die Suche nach Antworten gemacht und war dabei auf noch größere Rätsel gestoßen. Außerdem hatte sie etwas entdeckt, das sie in seiner Tragweite entsetzte. Ich hätte mich vor Abscheu abwenden sollen, statt dessen glühe ich vor sexueller Erregung.

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Der Schrei drang in ihr Unterbewußtsein. Catherine schreckte aus dem Schlaf auf und starrte verwirrt an die dunkle Zimmerdecke. Sie wußte nicht sofort, wo sie war. Dann warf sie einen Blick auf die Uhr neben dem Bett. Es war kurz nach Mitternacht. Sie hatte nur ein paar Minuten geschlafen. Sie lauschte in die Stille. Was hatte sie geweckt? Wieder ein Schrei. Ein gequälter Schrei. Sie setzte sich auf. War das Garibaldi? Catherine lag schon im Bett, als er vor etwa einer Stunde aus dem Trainingsraum zurückgekommen war. Sie hatte gehört, wie er leise in sein Zimmer ging und die Tür schloß. War jemand bei ihm? »Laß mich in Ruhe! Warum verfolgst du mich?« Catherine sprang aus dem Bett und lief durch das Wohnzimmer, das die beiden Schlafzimmer der Suite trennte. An Garibaldis Schlafzimmertür blieb sie stehen und lauschte. Er keuchte und stöhnte, als sei er krank. »Vater Garibaldi!« rief Catherine. »Fehlt Ihnen etwas?« Sie legte das Ohr an die Tür und glaubte, Schluchzen zu hören. »Vater?« Sie klopfte. »Vater Garibaldi?« Catherine öffnete die Tür einen Spalt und blickte ins Zimmer. Mondlicht fiel durch das Fenster. Die Bettdecken lagen auf dem Fußboden. Garibaldi hatte offenbar einen Alptraum. Schweiß stand auf seiner Stirn. Er warf den Kopf unruhig hin und her. Catherine sah sein gequältes Gesicht und trat ins Zimmer. »Vater Garibaldi?« Er hatte die Augen geschlossen und biß die Zähne so fest zusammen, daß die Adern an seinem Hals hervortraten. Er trug kein Hemd. Die Muskeln an Armen und Oberkörper waren verkrampft. Er schien wieder einmal mit unsichtbaren Dämonen zu ringen. Catherine trat an das Bett. Sie legte Garibaldi die Hand
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Instinktiv griff sie nach dem Jaguaranhänger und schloß die Finger darum. Er streckte die Arme nach ihr aus. Catherine hielt ihn fest.« Er holte tief Luft. flüsterte er. zog sie an sich und vergrub sein Gesicht an ihrem Hals. 400 .« »Nein«. »Sie haben geträumt«. Dann stützte er sich mit den Händen ab. bitte wachen Sie auf!« »O mein Gott!« Er schlug die Augen auf. murmelte er. sagte sie laut. und trocknete sie mit der Hand ab.auf die Schulter und schüttelte ihn sanft. »Ist alles in Ordnung?« fragte sie. »Sie haben mich von einem sehr dunklen Ort zurückgeholt«. Catherine blickte erstaunt in seine Augen. Catherine ging zurück in ihr Schlafzimmer und zog den Bademantel über. Es war nur ein Traum. »Vater Garibaldi. »Nein. »Möchten Sie darüber sprechen?« Er nickte. Wachen Sie auf. Er klammerte sich stumm einen langen Moment an sie. Vater Garibaldi. auf seinem nackten Oberkörper. das Garibaldi immer trug. sagte Catherine beruhigend. setzte sich auf und blinzelte benommen. überlief ihn ein Schauer. Sie sah das Goldkreuz. »Sie haben einen Alptraum. nicht…« Sie setzte sich auf den Bettrand. Dann atmete er etwas ruhiger und löste sich von ihr. »Es ist alles gut. Sie sah Angst darin und eine Verletzlichkeit. Ein Bild tauchte vor ihrem inneren Auge auf und verschwand sofort wieder. die sie erschreckte. bis er sie sah. Als er ausatmete. »Wachen Sie auf«. daß seine Wangen feucht waren. Sie träumen. wie sein Körper vor krampfartigem Schluchzen zuckte. Catherine sah. Sie spürte.

sagte er und räusperte sich. Warum machen sie es?« »Aus vielen Gründen«. Als ihre Blicke sich trafen. Sie stellte fest. Catherine blickte stumm auf seine Silhouette. Es dauerte nicht lange. die wie ein Scherenschnitt. daß Sie mich geweckt haben. daß ich Sie geweckt habe«. »Es war schlimm. platinfarbene Mondlicht ins Zimmer. Wieder glaubte sie. als habe sich sogar das Licht verändert. wie ihr auffiel. wie ein schwarzes Fenster im Sternenhimmel über der Wüste wirkte. Möchten Sie mir Ihren Traum erzählen?« Er ging zur Minibar und nahm eine kleine Flasche Mineralwasser heraus. schob die Vorhänge zurück und ließ das kalte. und er kam aus seinem Zimmer. daß er sich angezogen hatte. 401 .« »Haben Sie oft Alpträume?« Er trank lange und leerte beinahe die ganze Flasche. sondern zum Töten. Er sah sie an. erwiderte er leise. war die Spannung im Raum spürbar. »Ich hatte nicht geschlafen. Ich bin froh. Seine Hand hatte ihre Haare berührt. Ich habe Sie beobachtet. Er trug ein kariertes Hemd. als sie sich auf die glatten Muskeln seines Rückens legten. Catherine hatte den Eindruck. sogar Socken. bevor er sie absetzte und Luft holte. Dann trat er ans Fenster. seine Arme um ihren Hals zu spüren. Pangamot ist nicht zur Selbstverteidigung gedacht. und der Abdruck seiner Lippen auf ihrem Ohr schien noch zu brennen. Ihre Hände hatten gezittert. sagte sie: »Ich hatte mich auf die Suche nach Ihnen gemacht und Sie in einem der Übungsräume entdeckt. Jeans und. Da er nicht antwortete.Im Wohnzimmer schaltete sie die Lichter ein. »Es tut mir leid.

weshalb Sie es tun. Aber jetzt bin ich völlig verwirrt. wie ich Priester sein und eine Kampfmethode ausüben kann?« »Ja«.« Er kam vom Fenster zurück. was ich dadurch über mich weiß. ich würde Sie schlagen…« Er hob mit einem Ruck den Kopf. in dem Prügel die normale Form der Verständigung waren. von dem mir mein Verstand und mein Herz sagen. Mein Vater hat immer zuerst 402 . »Ich würde Ihnen nie in meinem ganzen Leben weh tun. bevor er schließlich antwortete: »Ich bin in einem Haus aufgewachsen.« »Sie wollen wissen. während er blicklos auf die Flasche in seinen Händen starrte. setzte sich in einen Sessel gegenüber dem Sofa. Bitte haben Sie keine Angst vor mir. um sich fit zu halten. warum mein Körper von etwas erregt wird. was ich über Sie herausgefunden habe. Ich konnte es akzeptieren. »Vielleicht hätte ich keine Angst. »Ich meine.« Sie hob in einer Geste der Hilflosigkeit die Hände. »Haben Sie die Kraft.»Haben Sie jemals… einen Menschen getötet?« »Mit Pangamot? Nein. In seinen Augen tanzten unruhige Schatten. Aber noch weniger gefällt mir. angenommen. Sie tun es als eine Art geistige Disziplin. unter Kontrolle?« fragte sie. daß es falsch ist. erwiderte sie. Garibaldi. Zuerst dachte ich. Pangamot sei wie Karate reine Selbstverteidigung. Ich sagte mir. wollte sie sagen. Das müssen Sie mir glauben. wenn ich verstehen würde. Und ich möchte verstehen. die Sie mit dem Trainieren in sich kultivieren. Er schien über seine nächsten Worte nachzudenken. es gefällt mir nicht.

Er war ein netter alter Mann. der Kirche in unserer Gegend einen Besuch abzustatten. 403 . aber diese Kraft macht mir Angst. Damals entdeckte ich…« »Was haben Sie entdeckt?« Er sah sie mit seinen klaren Augen an. aber dünn. ob er betrunken oder nüchtern war. ich weiß nicht mehr wie er hieß. Seine Frau war vor ein paar Jahren gestorben. Der Pfarrer hat nicht die Polizei gerufen. ich will die Spätnachrichten nicht verpassen. Vater Pulaski ging mit mir hinter die Kirche und hat mich windelweich geschlagen. Ich kann es nicht beschreiben. Er war ein riesiger Pole vom anderen Ende der Stadt. zog eine Pistole und wollte Geld. »Daß es in mir etwas gibt das ich ständig unter Kontrolle halten muß.geschlagen und später Fragen gestellt. und er sah wie ein Schwächling aus. sondern Vater Pulaski kommen lassen. Er war älter als ich.‹ In diesem Augenblick kam einer dieser Junkies herein.« »Hängt der Alptraum damit zusammen?« »In unserer Gegend gab es einen Laden. sagte er: ›Such dir was aus. Als Sechzehnjähriger war ich einmal noch spät in seinem Laden. Ich wurde danach mit meiner Brutalität zum Schrecken des ganzen Viertels. Dann meldete er mich im CVJM für einen Karatekurs an. Da ich nicht von der Stelle wich. Er gehörte einem alten Mann. Eines Abends habe ich mich mit ein paar Freunden betrunken. Er nannte mich immer Mickey. Der alte Mann stand hinter der Theke und sagte: ›He. gleichgültig. einen altmodischen kleinen Laden. der den Kindern immer Bonbons schenkte. Er ging an die Kasse. Mickey. daß ich im Laden war. Das hat mich hart und gefühllos gemacht. Er wußte nicht. Er stammte aus Europa und sprach mit einem starken Akzent. Er wollte gerade schließen. und wir beschlossen.

In diesem Augenblick schien plötzlich alles zu erstarren. Der Junkie sprang über die Theke. das wirst du doch nicht machen! Damit ruinierst du dir das Leben.« Garibaldi ging wortlos in sein Schlafzimmer und kam kurz 404 . »Wie auch immer. sagte er schließlich tonlos. Er wartete darauf. Ich stehe in dem Laden. Aber ich war wie gelähmt. danach bin ich regelrecht ausgeflippt.‹ Der alte Mann sah. nahm das Geld aus der Kasse und rannte davon…« Garibaldi ließ den Kopf sinken. in einer Kirche Graffitti zu sprühen. Er zitterte. daß ich hinter ihm stand. Ich stehe untätig in dem Laden. Eine Weile schien es keine Geräusche zu geben. Es dauerte eine Weile. Die Augen des alten Mannes richteten sich unverwandt auf mich. Sie trafen den alten Mann dreimal in die Brust. wie ich mit meinem Sechserpack Bier oder Coke oder was immer es war durch den Gang kam. als sei die Welt zum Stillstand gekommen.Junge. »erlebe ich im Traum immer wieder.« Garibaldi seufzte tief und stand auf. Dann hörte ich die Schüsse. bis er sich wieder unter Kontrolle hatte. Ich machte völlig verrückte Sachen. Ich habe es noch nicht einmal versucht…« »Er hatte eine Waffe. Ich stand einfach da. »Und das«. daß ich etwas tun würde. während dieser Junkie einem unschuldigen Mann das Leben nimmt. Sie waren erst sechzehn…« »Ich war sehr viel stärker als der Typ und habe dem alten Mann doch nicht geholfen. Der Junkie bemerkte mich nicht. Ich fand es zum Beispiel cool.« »Aber er wußte nicht.« »Das war nicht Ihre Schuld. denn ich befand mich hinter ihm.« »Und wie sind Sie Priester geworden?« »Vater Pulaski hat mich auf den Weg gebracht. Ich blieb stehen.

Ich erinnere mich. Als ich ihm gestand.« Garibaldi sah Catherine an. ob ich nicht Priester werden sollte. ihn daran zu erinnern. obwohl es ihm verboten worden war. sagte Garibaldi und gab ihr die Uhr. um mit ihm zu sprechen. als er starb«. Catherine hatte bereits beobachtet.darauf mit einer Taschenuhr zurück. lauter. daß er sie regelmäßig hervorholte und aufzog. daß ich überlegte. »Sie stammte von seinem Lehrer. »Er hat sie mir an dem Tag geschenkt. von seinem Lehrer bekommen hat. die Messe muß jetzt auf Englisch gelesen werden! Man hätte wenigstens ein bißchen Latein beibehalten können! Wenigstens das Kyrie hätte man beibehalten sollen!‹ Keiner von uns brachte es übers Herz. wie ich glaube. Sie ist sehr alt. »Vater Pulaski veranstaltete eine Kollekte und schickte mich zur Schule. als habe ihn ein Schlag getroffen. lärmender Pole. man kann die Gravur kaum lesen…« Catherine nahm die Uhr bewundernd in die Hand. Garibaldi ging im Zimmer auf und ab. wie sie sich in Catherines Vorstellung im letzten Jahrhundert über den runden Bäuchen wohlhabender Geschäftsmänner spannten. Es war eine alte Uhr an einer Kette von der Art. erklärte er: ›Du bist zum Dienst des Herrn berufen worden. Dort entdeckte ich meine Begabung für Mathematik und mein Talent für den Umgang mit Computern. Nach einer Weile fuhr er fort: »Vater Pulaski war entschieden gegen die neue Messe und las bis zu seinem Tod die alte lateinische Messe. berührte mit den Fingern die Glasscheibe und zuckte zurück. daß der Bischof kam. Als ich 1984 schließlich das 405 . Junge!‹ Ich fragte: ›Und was soll ich jetzt machen?‹ Da rief er mit Donnerstimme: ›Was für eine dumme Frage? Selbstverständlich folgst du dem Ruf!‹« Garibaldi blieb am Fenster stehen. der sie. daß das Kyrie der einzige griechische Teil der Messe war. »Vater Pulaski war ein großer. Vater Pulaski brummte: ›Also gut.

Ihre Aufgabe ist es.« Sie ballte die Fäuste und fuhr dann mit schneidender Stimme fort: »Ja. Schließlich schickte man jemanden aus Rom. daß man sie seit vierunddreißig Jahren anders nennt. Vater Garibaldi? Warum sind Sie nicht in Ihrem Pfarrhaus oder an der Universität. Das letzte. Catherine starrte auf ihre Handflächen. sondern drehte sich um und blickte schweigend in die Dunkelheit.« »Ich weiß. was sie wollte. daß diese Untersuchungen unter strenger Geheimhaltung durchgeführt werden. dann hoffte sie. Vater Garibaldi. den Glauben zu erhellen. Und ich weiß. und einem Beisitzer. Man hat sich einen unverfänglicheren Namen einfallen lassen: ›Die Kongregation für Glaubensdoktrin. Wenn überhaupt. was die Kongregation tut. dem Assessor. dem Kommissar. Anfangs widersetzte sie sich. Ich weiß. ich weiß über die Kongregation Bescheid: Wie das Tribunal eingesetzt wird. Doch die Kirche sah in ihr eine Bedrohung.« »Seit 1965 heißt es nicht mehr Inquisition. machte die Kirche ihren Einfluß geltend. Ich weiß.Examen in Computerwissenschaft ablegte. Und weil sie an einem katholischen College unterrichtete. jemanden wegen seines Glaubens anzugreifen. wo Sie unterrichten?« Er gab keine Antwort. mit einem Richter. sanfte Frau und sehr religiös. Dann sagte sie: »Ich habe Ihnen von meiner Mutter und von ihrer Arbeit erzählt. war ich siebenundzwanzig und bereits seit sechs Jahren ein geweihter Priester. 406 . Der Mann aus dem Vatikan war ein Dominikaner und gehörte zum Offizium der Inquisition. was der Kirche gefährlich werden könnte. und diese Einrichtung ändert sich nicht dadurch. alles zu untersuchen.‹ Aber sie hieß sechshundert Jahre lang Inquisition. als wollte sie die Zukunft darin lesen. »Warum sind Sie immer noch bei mir. Sie war eine liebenswerte.« Catherine legte die Uhr vorsichtig auf den Tisch. war.

wir würden für unsere Sünden in der Hölle 407 . Catherine seufzte. als schließlich der Vertreter des Vatikan erschien. Ich werde den Sonntag nie vergessen… damals war ich zehn. Meine Mutter fügte sich. ihre Argumente zu widerlegen. Die ganze Gemeinde starrte uns an. Am Anfang haben sie versucht. die Kirche müsse sich im Einklang mit den Bedürfnissen ihrer Mitglieder entwickeln. Es war schrecklich. wie die Leute uns anstarrten. weiterhin zu schreiben oder zu veröffentlichen. Vater McKinney stand auf der Kanzel. Er hatte das Gefühl. »Vater McKinney genügte das nicht. von meiner Mutter gedemütigt worden zu sein. etwas zu erreichen. Sie ist nie mehr zum Gottesdienst gegangen. Aber sie verwickelte ihn immer in leidenschaftliche Diskussionen und erklärte. Die anderen Kinder in der Schule gaben meiner Mutter Schimpfnamen und sagten. Danach besuchten nur noch mein Vater und ich die Sonntagsmesse. der eine Gefahr für die Einheit der Kirche darstellen könnte. Und es war ihm nicht gelungen. meine Mutter ihrer Stellung zu entheben und ihr die Befähigung abzuerkennen. unseren Gemeindepfarrer. sie sei keine katholische Theologin mehr und verbot ihr. ihre Angriffe gegen die Kirche einzustellen. Vater McKinney kam zu uns nach Hause und verlangte von meiner Mutter.« »Was ist geschehen?« »Die Inquisition hat dem Papst empfohlen. über Vater McKinney. empfand Vater McKinney das als eine persönliche Niederlage. Er hatte sie nicht überzeugen können.daß sie jeden unter die Lupe nehmen. Aber«. Ich nehme an. Man teilte ihr sogar mit. Meine Mutter stand auf und verließ mit hoch erhobenem Kopf die Kirche. die römisch-katholische Glaubenslehre zu unterrichten. Ich spürte jedesmal. sprach in seiner Predigt über Ketzerei und blickte dabei auf meine Mutter.

« Catherine stand vom Sofa auf und trat neben Garibaldi ans Fenster. Die fünfte Klasse kicherte und flüsterte. Es kam in dem Land zu einem Umsturz. Sie blickte mit zusammengekniffenen Augen auf den Laser-Lichtstrahl. Meine Mutter starb ein paar Monate später – an Lungenentzündung. »Mein Vater fuhr in einer Friedensmission nach Afrika«. Sie blieb eine gläubige Katholikin. die Sakramente zu empfangen. Deshalb wurde sie schließlich exkommuniziert. Meine 408 . nach dem Tod meines Vaters. Man zeigte immer wieder die Photos der Hingerichteten…« »Ich kann mich an den Fall erinnern. Er bekam ein großes katholisches Begräbnis und wurde auf einem katholischen Friedhof begraben. einen Priester und drei Nonnen. Mein Vater und seine Begleiter gerieten in Gefangenschaft. weil etwas Feuchtes an ihren Beinen hinunterlief.« »Man brachte seine Leiche zurück. »mit Medikamenten und Bibeln. fuhr sie fort. Ich wußte nicht. In den Nachrichten wurde darüber berichtet. ein Stamm kämpfte gegen einen anderen. als plötzlich ungebeten ein Bild vor ihr auftauchte.büßen. sie ist an gebrochenem Herzen gestorben. der von der Spitze der Pyramide des Luxor Hotels wie ein Weg in eine andere Galaxis in den Himmel stieg. daß meine Mutter jeden Sonntagmorgen ihren eigenen Gottesdienst hielt. Ihr Gesicht glühte vor Scham. daß es Ihr Vater war. »Die Leute wußten nicht. wie die Ärzte sagten. Man hat sie als Spione hingerichtet – meinen Vater. das war später. weigerte sich aber. Aber ich weiß.« Catherine schloß die Augen.« »Sind Sie deshalb aus der Kirche ausgetreten?« »Nein. während sie neben dem Pult der Lehrerin auf einem Hocker stand.

damit sie in alle Ewigkeit Zusammensein könnten. Kurz vor ihrem Tod erklärte sie sich nach all den Jahren der Abkehr von der Kirche dazu bereit…« Catherine holte tief Luft und stieß sie langsam wieder aus. Aber das war nur möglich. Sie würde nicht im Schoß der katholischen Kirche sterben. an mir vorbei. weiterzuleben. als sei das der Höhepunkt der vergangenen Auseinandersetzungen. was dann geschah. Es dauerte nicht lange. Ich weiß noch. ohne ein Wort zu sagen.« Catherine sah Vater Garibaldi an. aber ich dachte. als es ihr nach einer kurzen Pause gelang. Es war. Ich hätte es nicht tun sollen.Eltern hatten sich sehr geliebt. sagte sie mir. einen anderen Priester zu finden. um endgültig mit meiner Mutter abzurechnen. Die Stimme klang tonlos. und ausgerechnet Vater McKinney kam. als meine Mutter starb. »An dem Abend. Ich wußte. Meine Mutter wollte nur in Frieden sterben und neben meinem Vater begraben werden. und ohne meinen Vater gab es für meine Mutter keinen Grund mehr. »Meine Mutter bat mich.« 409 . es sei ihr größter Wunsch. da kam Vater McKinney mit hochrotem Kopf heraus und stürmte wütend. als sei er gekommen. als er in das Krankenzimmer trat. Ich versuchte. meine Mutter wollte ungestört sein. weiterzusprechen. Aber es war zu spät. sie hatte keine Absolution und keine Sterbesakramente erhalten. Ich ging ins Zimmer zurück. Aber Vater McKinney…« Catherine mußte sich zwingen. Ich weiß nicht genau. Sie hingen aneinander. Ich rief im Pfarramt an. wenn meine Mutter beichtete und die Absolution erhielt. einen Priester zu holen. lag etwas Gefährliches in seinen Augen. »Ich ging aus dem Zimmer. an der Seite meines Vaters begraben zu werden. aus denen nur einer als Sieger hervorgehen konnte. Meine Mutter weinte. Sie spürte Garibaldis Blick. eine Art Triumph.

erwiderte Garibaldi. wenn sie eine Seele hatte?« »Wir haben keine Seelen. bitte für uns‹. und das muß ich auch predigen.« »Und was geschieht. »Vater Garibaldi. fügte er sanft hinzu »dann ist ihr verziehen worden. anstatt von ihr getröstet zu werden. meine Mutter in alle Ewigkeit zu verdammen?« »Diese Frage kann ich nicht beantworten«. »Du mußt nicht traurig sein«. kehren wir zu Gott zurück. hat ein einfacher Pfarrer das Recht. »Meine Mutter wurde nicht neben meinem Vater begraben. Sie hörte ihre letzten Worte. Haben tun wir den Körper… vorübergehend.« War sie tatsächlich zu ihm gegangen? »Wohin ist meine Mutter nach ihrem Tod gegangen? Wo ist ihre Seele jetzt. hatte Nina geflüstert.« Catherine wandte den Kopf und sah ihn an. Sie hatte auf ewig mit dem Mann Zusammensein wollen. »Ich gehe zu deinem Vater. ohne von ihren Sünden losgesprochen zu sein? Was ist mit der Hölle?« »Als Priester glaube ich an die Strafen der Hölle. Wenn Ihre Mutter allerdings Gott direkt um Vergebung gebeten hat«. doch es klang wie ›Ora pro nobis.Sie hörte. was zwischen Ihrer Mutter und diesem Vater McKinney vorgefallen ist. den sie liebte.« Catherine sah ihre Mutter in dem einfachen Krankenhausbett vor sich. sondern auf dem städtischen Friedhof. damit er uns nach dem Erdenleben zu ewigen Qualen 410 .« »Was ist mit Menschen. wenn wir sterben?« »Wenn wir sterben. mit denen sie ihre Tochter tröstete. Sie verstand die Worte nicht genau. die sterben. »wenn ich nicht weiß. In meinem Herzen kann ich nicht glauben. wir sind Seelen. nicht einmal in geweihter Erde. hat die Kirche. wie Garibaldi etwas murmelte. daß der himmlische Vater uns geschaffen hat.

« Sie wandte sich von ihm ab und vom Anblick der verführerischen Stadt der Spieler. den Weg dorthin zurückzufinden. ich möchte glauben. daß Sie mich bei unserer ersten Begegnung abgelehnt haben. »Meine Gebete würden nichts nützen. wenn die Hinterbliebenen für die Seelen der Toten beten?« »Ja. »Vater McKinney ist also der Grund dafür.« »Werden Sie für meine Mutter beten?« »Ja. wollte sie fragen. sagte sie. Das Problem ist.« »Und das Fegefeuer?« »Ich glaube an das Fegefeuer und daran. »Wie kommen Sie darauf. »Vater Garibaldi. »Nicht nur Vater McKinney«. ich könnte so gläubig sein wie meine Mutter.« »Jeder wird mit der Sehnsucht nach dem verlorenen Himmel geboren.« Catherine sah zu.« Wie. ich würde ihn nicht heiraten!« 411 . daß wir dort bleiben. wie er austrank und die leere Flasche auf die Minibar stellte.« »Sie wollen also. Ich wünschte.« »Warum nicht?« »Weil ich keine gläubige Christin bin. »Ich fühle mich in der Nähe von gläubigen Menschen nicht wohl. Wie? Garibaldi drehte sich um und ging zur Minibar.« »Wollen Sie Julius deshalb nicht heiraten?« Sie zog die Augenbrauen hoch. daß ich für Sie glaube?« Sie sah ihn wieder an. Aber auch Sie können beten. bis jemand für unsere Erlösung betet.« »Dann hilft es.verdammen kann.

« Er sah sie an. fehlen mir der Weihrauch. die sie unbedingt stellen wollte. »Denken Sie an alle Religionen. die Antwort darauf finden Sie nur in sich selbst. die Heiligen. was mir fehlt. Wie kann da nur eine Religion richtig sein und alle anderen falsch?« »Ich glaube. Vielleicht liegt es an etwas. wie die Schüler der katholischen Schule beim Anblick einer hübschen Nonne oder eines gutaussehenden Priesters immer sagten.« »Nein. Ich fühle mich bestraft. denen Sabina begegnet ist« erwiderte Catherine.« Sie sah Garibaldi an und mußte daran denken. welche Verschwendung das sei.« »Sie können es zurückbekommen. obwohl sie sich beinahe davor fürchtete. begann sie »was hätten Sie am Sterbebett 412 . Mit einem solchen Mann könnte ich nicht zusammenleben. Obwohl ich nicht länger gläubig bin.« »Julius ist ein sehr religiöser Mensch. das kann ich nicht. »Hassen Sie den katholischen Glauben so sehr?« »O nein. Er würde mich ständig an das erinnern.« Er lächelte. weil mir das alles genommen worden ist. ist der katholische Glaube der wahre Glaube?« »Ich glaube. die Beichte und die Tröstungen.« »Aber denken Sie an die Menschen. »Vater Garibaldi«.« Es gab noch eine Frage. die es in der Geschichte der Menschheit gegeben hat. Es ist eine wunderbare Religion. Ich liebe ihn.»Ich weiß nicht. »Oder nicht gesagt haben. ja. Wie viele junge Mädchen in Vater Garibaldis Gemeinde waren wohl heimlich in ihn verliebt? »Vater Garibaldi. Er hält sich an die Regeln und Gesetze seiner Religion. Deshalb bin ich so wütend. das Sie gesagt haben.

Er schien plötzlich unruhig zu werden. Catherine blickte auf die Tür und überlegte. Es verwirrt mich. Ich bin immer noch entsetzt über die sinnlose Gewalt. Das überraschte sie. »Ich würde lieber allein gehen.meiner Mutter getan?« »Ich hätte Ihre Mutter gefragt. Dann räusperte sie sich und sagte: »Wie auch immer. Sie mußte ihn zur Rede stellen. daß Beten hilft. unterbrach er sie. »Ich gehe an die frische Luft«. und sie dann losgesprochen. was gerade geschehen war. Dort oben sei ein Garten mit Springbrunnen und Tempeln. durch die mein Vater gestorben ist. »Jede Form von Gewalt stößt mich ab. warum ich Pangamot ablehne. Warten Sie nicht auf mich.« Damit verschwand er. Auf dem Dach waren nur wenige Gäste. habe ihn nach dem Fahrstuhl zur Dachterrasse gefragt. daß Sie…« »Ich verstehe«. der gerade aus ihrer Suite gekommen war. und sie sah.« »Ist sie jetzt bei meinem Vater? Sind sie zusammen?« »Darauf kann ich Ihnen keine Antwort geben. In der Beichte hatten Vater McKinneys persönliche Meinungsunterschiede mit Ihrer Mutter und die Aussagen in den umstrittenen Büchern nichts zu suchen.« Sie sah ihn an. wie er auf die Uhr blickte. »Ich komme mit. Seine Reaktion war unverständlich. Aber ich kann Ihnen versichern.« Er ging mit großen Schritten zur Tür. der ihr sagte. ob sie ihre Sünden bereut. jetzt wissen Sie. der Mann. Doch Catherine hörte eine gewisse Härte in seiner Stimme. sagte er unvermittelt. Im Flur entdeckte sie einen Zimmerkellner. Der 413 . deshalb zog sie sich an und folgte ihm.« Catherine nickte.

Dann fuhr er fort: »Ich hatte den Alptraum jahrelang nicht mehr. »Sie haben mich gefragt. Deshalb wurde ich Priester. daß Catherine auf ihrem Weg zwischen den Farnen und Palmen unwillkürlich an Winter und Schnee dachte. nicht einmal Vater Pulaski.« Seine Worte kamen schnell. als wollte er warten. mich in seinen Dienst zu rufen. Ich dachte. Garibaldi brach das Schweigen.Wüstenwind wehte so kalt und scharf. damit ich einen anderen Weg einschlagen würde. die hinter der hell erleuchteten Stadt wie ein endloses drohendes Reich der Dunkelheit begann. Ich bin gezwungen.« »Ist es Ihnen gelungen?« »Ich glaube.« Er schwieg. der mich zu ihm führt. wie ich mich fühle. stellte sie sich neben ihn. Inzwischen kommen mir jedoch Zweifel. er habe mich in diesem Augenblick dorthin gestellt. das mich nach all den 414 . Ich habe wie besessen versucht zu verstehen. Selbst bei Tag verfolgt mich inzwischen das anklagende Gesicht des alten Mannes. daß Sie das abstößt. Garibaldi stand am Geländer und blickte auf die Wüste. aber dann kam er wieder. warum ich bei Ihnen bleibe und nicht zu meinen Aufgaben zurückkehre. es ist mein Gewissen. was das zu bedeuten hat. »Können Sie sich vorstellen. das ich noch keinem Menschen gesagt habe. den Vorfall immer neu zu erleben. der Vorfall in dem Laden sei Gottes Art gewesen. was ich tue? Daß Pangamot Ihnen Angst macht? Daß ich Ihnen Angst mache?« Unvermittelt sah er sie an. sondern an meiner Berufung. Er läßt mich nicht mehr zur Ruhe kommen. als fürchte er. wie sie darauf reagierte. seit ich weiß. »Ich glaubte lange Zeit. Ohne etwas zu sagen. aber nicht an meinem Glauben. der Mut werde ihn verlassen. Ich werde Ihnen etwas sagen.

« »Vater Garibaldi…« »Ich habe Ihnen gesagt. Ich bin aus egoistischen Motiven Priester geworden.Jahren wieder quält.« 415 . Vater Garibaldi? Sie wissen nicht. Ich hatte das Gefühl. ich hätte in Israel Urlaub gemacht. Ihr war kalt. Ich bin nach Israel gegangen. obwohl sie eine Jacke trug. Catherine legte schützend die Arme vor den Oberkörper. ob ich geeignet sei. Ich empfand keine Freude oder religiösen Hochgefühle. Priester zu bleiben. Und deshalb bin ich bei Ihnen geblieben.« »Aber warum. Aber das stimmt nicht! So einfach ist das nicht. um mein Gewissen zu erforschen und herauszufinden. ob die Schriftrollen die Antwort auf meine Fragen enthalten. Garibaldi in seinem kurzärmligen Hemd schien die Kälte überhaupt nicht zu spüren. das ist kein Grund.« Der Wind wurde noch heftiger. weil man Gott dienen will. um meine Seele zu retten. weil man sich auf diese Weise vor seinen Schuldgefühlen verstecken kann! Ich versuchte. Ich befand mich auf einer persönlichen Pilgerreise. Ich habe die Gelübde abgelegt. mir sei endlich verziehen worden. die möglicherweise Gottes Botschaft erhellen können. »Darum geht es nicht! Wissen Sie. Ich kam in den Sinai und wurde in die Sache mit den neu entdeckten Schriftrollen hineingezogen. was ich am Tag meiner Priesterweihe empfand? Ich will es Ihnen sagen. Das stimmt nicht. daß ich an jenem Abend dem alten Mann nicht geholfen hatte. Priester zu werden! Man wird Priester. und nicht. ob Sie ihn hätten retten können. indem ich Gott diene. mache ich mein Versagen an jenem Abend wieder gut. Ich fühlte mich nur erleichtert. und deshalb bin ich ein Betrüger. Aber du liebe Zeit. mir einzureden. Ich wollte herausfinden.

»Du bist ein schmutziges kleines Ungeheuer«. »Ich habe deinen Vater rufen lassen.« »Es ist leicht zu kämpfen«. »Was dann? Sagen Sie es mir!« »Ich kann es nicht sagen. »Wissen Sie. und doch kämpfen Sie. und doch möchten Sie mir helfen?« Er blickte in den Himmel. Ja. und er ließ sie wieder los.« Er faßte sie plötzlich an den Schultern. sagte sie. aber jeder kämpft in einer anderen Arena. ich habe ihn angebetet. Es klang beinahe anerkennend. daß Sie ein Widerspruch in sich selbst sind? Sie behaupten. ob Sie Priester bleiben oder nicht?« Er erwiderte nichts. Gewalt zu verabscheuen. Wir ringen mit Dämonen. Sie und ich. wenn Sie allem Anschein nach keine Chancen haben zu gewinnen. rief sie. Vater Garibaldi? Sollen die Schriftrollen Ihnen sagen. und der Wind trug ihre Stimme hinaus in die Wüste. Vielleicht werde ich es nie können.« Aber genau aus diesem Grund hatte sich ihr Konflikt bis ins Unerträgliche gesteigert. aber Sie geben nicht auf. Sie zuckte unter der Berührung zusammen. »Wir sind uns sehr ähnlich.« »Vater Garibaldi. die Sie töten wollen. betrachtete lange die Sterne und sah sie dann wieder an. »Wenn es das nicht ist«. Irgendwo dort draußen gibt es Männer.« Er lachte leise.« Er ließ die Arme sinken und lächelte. als er hinzufügte: »Beim Pangamot wären Sie eine ernstzunehmende Gegnerin. bitte lassen Sie mich Ihnen helfen. noch nicht. »Das Schwere ist…« »Ist was?« »Ich habe meinen Vater geliebt. Vielleicht 416 . hatte Schwester Immaculata gesagt und Catherine vom Hocker gezerrt.»Welche Antwort. »Sie wollen mir wirklich helfen? Sie hassen Priester.

« Catherine liefen die Tränen über die Wangen. Als er schwieg. »Wegen morgen…« Sie drehte sich um. daß sich mein Vater getrieben fühlte. und ich konnte ihr nicht mehr sagen. wir werden ausziehen müssen. fügte sie betont energisch hinzu.kann er dir etwas Achtung vor deiner Lehrerin einbleuen. sagte sie mit belegter Stimme und drehte sich um. bevor sie sich von ihm löste und ein paar Schritte zurücktrat. Jedem war klar.« »Wie meinen Sie das?« »Als ich vom Fitneß-Zentrum zurückkam. verharrte sie noch einen Augenblick in seinen schützenden Armen. habe ich zu meiner Mutter schreckliche Dinge gesagt. ihre angebliche Sünde gutzumachen. und flüsterte leise ein Gebet. Ärgerlich wischte sie sich das Gesicht und murmelte verlegen: »Ach verdammt!« Garibaldi nahm sie wortlos in die Arme. den kalten Wind zu spüren. »Was ist mit morgen?« »Ich fürchte. um es 417 . Nichts davon war wirklich so gemeint.« »Der Bruch meiner Mutter mit der Kirche hat dazu geführt. So wahr mir Gott helfe. sagte er. übrigens«. die eine Nonne und keine Sünderin ist. daß ich meine Worte bereute. Sie hatte plötzlich das Bedürfnis. Ein paar Monate später starb meine Mutter. sie schliefen. bis morgen früh zu warten. »Morgen wartet eine Menge Arbeit auf uns«. »Ach. dachte ich. während sie mit den Tränen kämpfte und um die Beherrschung rang. und beschloß. »Wir gehen besser nach unten«. wie du es bist. das ist die Wahrheit. weil sie sich ihrer Gefühle schämte. daß er die Friedensmissionen in alle Welt unternahm. Ich habe sie für seinen Tod verantwortlich gemacht. Als er erschossen wurde. Er hielt sie fest.

« 418 . »Ich war nach dem Training im Dampfbad. aber man macht mir keine großen Hoffnungen. und als ich herauskam. sagte sie. »dann müssen wir uns etwas einfallen lassen. Meine Brieftasche ist weg. Abgesehen von den zwanzig Dollar.« »Na gut«.« »Weg! Sie meinen gestohlen?« »Ich habe es der Hotelleitung gemeldet.« Er machte eine Pause. Es tut mir leid. daß ich sie wiederbekomme. wie wir wieder zu Geld kommen. sind wir völlig pleite.Ihnen zu sagen. die Sie noch haben. stand die Tür meines Schranks im Umkleideraum offen.

sagte Teddy. Das Institut hatte zum Schutz der E-Mail zwar ein Verschlüsselungsprogramm installiert. Er vergewisserte sich. Für dich…. ob aus Kairo weitere Übersetzungen angekommen seien. was auch nur entfernt mit den Sabina-Schriftrollen in Zusammenhang stand. Es war auch keine neue Datei ausgedruckt. »Was gibt es?« fragte er. »Da ist wirklich etwas Verrücktes…« Miles legte den Hörer auf und wollte aufstehen. ein Produkt von Dianuba.« Er griff nach seinem Hausmantel aus kastanienbrauner Rohseide und zog ihn an. die er mit der Suche nach allem beauftragt hatte. wo Teddy Yamaguchi allein vor den elektronischen Geräten im Wert von mehreren Millionen saß. Der Korb für die E-Mail war leer. Ihre aschblonden Haare auf den Kissen machten sie noch zerbrechlicher und zarter. Das hatte er am Tag zuvor entschieden. hatte er keine guten Nachrichten erhalten. Havers«. New Mexico »Sie sollten herunterkommen. »Liebling…?« »Ich muß nur rasch etwas erledigen. Teddy 419 . den Computercode des Freers Instituts zu knacken und die für Julius Voss bestimmte Post zu lesen. warf Miles schnell einen Blick auf den Bildschirm. daß Erika wieder schlief. Als er die unterirdische Computer-Zentrale betrat. Die Schriftrollen waren für Erika bestimmt. der ihn im Moment am meisten interessierte.Santa Fe. doch es handelte sich dabei um Keep Out. Schlaf weiter. »Hat Voss wieder Post bekommen?« Es war Teddy mühelos gelungen. Er wollte sehen. Mr. als sich Erika neben ihm im Bett bewegte. Von den drei Technikern bei Dianuba.

‹ Teddy verfolgte die Nachrichten sofort zu den Absendern zurück. ohne jedoch eine Verbindung zwischen ihnen und Dr. In diesem Spiel wußten inzwischen alle Beteiligten. bei Voss diskret vorzugehen. es geht ihr gut. Sehen Sie sich das an. daß jeder jeden überwachte. Teddy gab sich keine Mühe. Seitdem waren ständig eigenartige Nachrichten eingegangen. Teddy hatte aber einen Grund. Die dritte Nachricht kam wenige Minuten später aus Seattle. aber keine von Bedeutung.konnte sich einwählen. die Arme lagen eng am Körper. allerdings mit dem Zusatz: ›Sie hat Daniel Stevenson nicht umgebracht. Die erste Nachricht für Voss war am Abend zuvor eingegangen. sagte Teddy. Teddy warf niemals einen Blick auf die Tastatur. die Tastatur hatte er auf dem Schoß. und die Finger trommelten flink auf den Tasten. daß ihr System geknackt worden war und jemand die Unterlagen las. erhielt. sobald sie mit der Übersetzung fertig ist. Es war eine Wiederholung der ersten beiden. Bis jetzt! »Nein. »Es ist etwas wirklich Seltsames. Alexander feststellen zu können. aber nicht verhindern. als bilde ein Netz von Neuronen 420 . Das machte nichts. keine E-Mail für Voss«. Seine Augen klebten geradezu am Bildschirm. wirklich zu staunen. ob Dr. daß die Computer die Benutzer im Freers Institut darauf hinwiesen.‹ Teddy und Miles hatten noch darüber gerätselt und sich gefragt.« Er saß in seiner gewohnten Haltung am Computer: Der Stuhl war zurückgekippt. Alexander das Land verlassen habe als Voss eine weitere Nachricht desselben Inhalts.‹ Eine vierte lautete: ›Sie hat die Schriftrollen und wird sie der ganzen Menschheit zum Geschenk machen. ein knapper Satz von einem Computer in England: ›Catherine lebt. diesmal aus Denver.

wenn er die Chat-Kanäle durchging und sich ein – und auswählte. Sie ist unschuldig. wußte Havers. der Felines heißt«. Soweit er sehen konnte. Dabei stopfte er sich seine Lieblingssnacks aus Tüten in den Mund und spülte sie mit Snapple. [SERVER] Francie! ~fjames@kendaeo. »Als plötzlich…. erklärte Teddy.« Havers blickte auf den Bildschirm. erwiderte Teddy. naja. handelte es sich nur um den üblichen Schwachsinn. »Was kümmert uns das?« fragte Havers irritiert. in die man früher gegangen war. Francie! [Catbox] Willkommen.und Dendronen eine unsichtbare Brücke zwischen dem Monitor. daß Teddy von einem Internet Relay Kanal sprach. Internet-Unterhaltungen hatten die Kneipen ersetzt. Nach dem üblichen MOTD und einigem Hin und Her erschien der Dialog: [Catbox] Was plant ihr denn alle so für Sylvester? [CelsiuS] Mike.com. sehen Sie selbst. hallo. Als er sagte: »Ich habe mich in einen Kanal eingeschaltet. was in Cyberland im Augenblick alles vor sich ging. Sie wird von Killern verfolgt. Gib das weiter. Catherine Alexander läuft um ihr Leben. um Leute kennenzulernen. der eigentlich ›Echtzeit-Chat‹ hieß. seinem Hirn und seinen Fingern. »Sie haben über Baseball geredet«. während der übrige Körper völlig passiv blieb. 421 . dem Mode-Drink seiner Generation. [Mike] Hi.telebyte. Die Gespräche waren genauso oberflächlich geblieben. hinunter. »Warten Sie«. Francie. Teddy entspannte sich. Woher bist du? [Francie] Dr. um zu sehen. der Unterschied ist Zwei.

der Deckname aus seiner Zeit als Hacker. ihr irgendwie zuvorzukommen. *figgy2 gibt Rächer ein Coke.[SERVER] Francie hat sich verabschiedet. sagte Miles nachdenklich. [bOzO] figgy2. »So geht es schon die ganze Zeit. Jemand versucht.« Miles zog einen Hocker heran und setzte sich an den nächsten Monitor. bereits in einem Kanal zu warten. [MoonDoggy] Hallo. Für meine Dienste /msg Foxy [Cream] Weihnachtseinkäufe Ähhhhh!!!! 422 . und verschwinden wieder. Und offenbar springt sie willkürlich in den Kanälen herum. als suche er etwas. als jage unsere kluge Dr. «SERVER»Moondoggy!phil@atcom. beantworte meine Fragen. sagen.« »Seit wann?« »Nach meiner Berechnung schon die ganze Nacht. bevor sie sich einwählt. Als ›Rächer‹. loggte er sich im IRC ein und sprang von einem Forum zum anderen. Catherine Alexander umzubringen. Wenn wir es schaffen. hier bin ich.il. »Es sieht ganz so aus. »Was soll das bedeuten?« fragte Havers. daß Dr. hallo. könnten wir ihre Adresse feststellen…«. Alexander unschuldig ist. Sie hat die Schriftrollen und beschützt sie für uns alle vor den Killern.co. «SERVER»MoonDoggy hat sich verabschiedet. Rächer! Hier hast du ein Coke. Bleib cool. Alexander von einer Kneipe zur anderen. «SERVER»Einundvierzigplus. Leute wählen sich in eine Gruppe ein. «SERVER»Willkommen bei #Planeten [figgyg] Hi.

»Außerdem sind sie überall auf der Welt«. Havers«. er sei direkt mit den Computern verdrahtet. [Cream] Hi. 423 .H. Alexander ist. Catherine Alexander hat Daniel Stevenson NICHT ermordet. Sie ist U. die du kennst. während er gebannt auf die Bildschirme starrte.us.brad.com. die sich zu Catherine Alexanders Verteidigern gemacht hatten. Wovon haben wir geredet? [Maynard] Sag allen. fügte er hinzu und hüpfte ebenso schnell durch die Kanäle wie die Leute. Dr. und die Bullen werden sie NICHT fassen. drückte die ENTER-Taste und wurde mit Hallo Mouse – seinem IRCNamen – begrüßt. »Aber was sind das für Leute?« fragte Havers und klickte sich gerade rechtzeitig in #Geologie ein.[ToTo] Größe sechs. glaube ich. Nein. Maynard. «SERVER»Maynard hat sich verabschiedet.N. »Diese vielen Adressen… das sind verschiedene Leute!« Teddys Augen funkelten und blitzten. Im nächsten Augenblick erschien auf dem Bildschirm: «SERVER»Carlos!mongo@dianuba.ac. vielleicht acht. Alexander in Ruhe lassen.D. sagte Teddy.I. Man hatte den Eindruck. hallo. »Ich glaube nicht. die er gleichzeitig beobachtete.L. «SERVER»Carlos hat sich verabschiedet. Teddy gab achselzuckend #Zippers ein.S.C. «SERVER»Maynard! ~rismith@alice. Mr.G. um zu sehen: [Carlos] Sagt den Bullen. hallo. Er hatte seine Haltung verändert und saß inzwischen wie eine sprungbereite Katze vor zwei Bildschirmen.U. daß das Dr. sie sollen Dr. Bist du F oder M? [Gollee] ToTo: mußte die Katze hereinlassen.

Mouse. sorry. auf denen die Informationen mit der Geschwindigkeit von Kamerablenden wechselten.psu. weil die Leute in allen möglichen Foren dieselbe Nachricht lasen. Mann! «SERVER»Figgy2!ashame@ppp26. auch er klickte von einem Kanal zum anderen und stellte staunend fest. Live-Diskussionen am Bildschirm 424 . Sorry. Hallo Maus. daß eine Welle zu einer gewaltigen Woge anschwoll. Die unzähligen Gespräche. [LadyGray] Olé. »Unglaublich! Die Drähte glühen! Die kleine Alexander hat bald die ganze Welt auf ihrer Seite!« Havers sagte nichts.edu. den Kanal wechselten und sie weitergaben. schob die Hände in die Taschen seines Hausmantels und blickte zu Teddy hinüber. sie hat niemandem irgendwelche Schriftrollen gestohlen. Teddy wechselte zu #German.cac. [Troy] Hallo Figgy2. «SERVER»figgy2 hat sich verabschiedet. sie will in Ruhe gelassen werden. Das Summen der Klimaanlage und das blitzschnelle Klack Klack der Tasten von zwei Tastaturen unter Teddys Händen waren die einzigen Geräusche im Raum.»Schon wieder Carlos!« rief Teddy. Gebt es weiter. Carlos hatte sich gerade erst im letzten Kanal verabschiedet. Catherine Alexander hat Daniel Stevenson nicht umgebracht. Wie geht’s? Ich bin in Spanien. mouse. Wo bist du? [CorVette] Jetzt haben wir fünf Länder. und sie hat geheimes Wissen über das neue Jahrtausend. [Figgy2]Sagt allen in Deutschland. In seinen Augen spiegelte sich das Leuchten der beiden Bildschirme. dessen Augen noch immer an den Monitoren hingen. Er stand unvermittelt auf. Teddy faßte sich mit beiden Händen an den Kopf. hallo.

Ich werde sie wie lästige Fliegen vernichten. Räume ohne Wände -. gerade haben sich drei neue Leute zugeschaltet. Erde und Luft. die mit und durch Cyberspace lebten. das herauszufinden. Und die Information verbreitet sich so schnell wie ein Virus. Havers. Der junge Mann mochte recht haben. Teddy hatte nicht den Überblick wie Miles. Im neuen Jahrtausend würde Cyberspace bereits zum Alltag gehören wie Wasser. im Augenblick gehört ihr das Internet!« Hatte Teddy seine Gedanken erraten? Miles lächelte kaum merklich. aber sie stellen sich auf ihre Seite. Miles kannte die Psychologie des Internet. Vor vierundzwanzig Stunden hatte Catherine Alexander noch als der Antichrist gegolten. Das ist mein Reich. daß ich nicht mithalten kann. wer Catherine Alexander ist. einer News-Gruppe. Catherine Alexander war nicht nur im IRC. Sehen Sie. Mann. »Unmöglich. diese Foren waren nur 425 . denen ich bereits auf anderen Kanälen begegnet bin. schienen jedoch nicht mehr von dieser Welt zu sein. Ich bin der ungekrönte Herrscher dieser neuen Welt! Rebellen hat es schon immer gegeben. Miles stand einen Augenblick wie gebannt da und sah zu. Jetzt war sie plötzlich eine Heldin. die nur dank Online und ISDNVerbindungen möglich waren – Namen ohne Menschen. in einem IRC-Forum. denn er war nur einer der vielen Millionen. Es kann überall gewesen sein. Die Menschen hatten sich eine neue Dimension erobert: Cyberspace. einfach überall. In Cyberspace werden alle von mir manipuliert. doch Havers ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Jeder greift die Meldung auf und wechselt so schnell den Kanal. Mr. »Wo hat es angefangen?« fragte Havers stirnrunzelnd. Worte ohne Stimmen. Das ganze Internet scheint verseucht! Die Leute wissen nicht einmal. Teddy schüttelte den Kopf.und der ständige Fluß der Nachrichten über alle Entfernungen hinweg.

Havers ging an der Reihe von Bildschirmen entlang zu einem. »Nein. der Cyberspace-Öffentlichkeit zu erklären: »Ich werde die Schriftrollen der ganzen Menschheit zum Geschenk machen. Message-Übermittler zu sein. die jemand wie Catherine Alexander noch für sich und ihr Leben beanspruchte. Miles zweifelte nicht daran. und jeder redete über diese Frau. sich eine Sache zu eigen gemacht. auf dem eine Homepage mit dem Titel PAPYRUSSAMMLUNG LONGPORD zu sehen war. ein 426 . die nichts anderes vom Leben zu erwarten hatten. Cathy. von Island nach Neuseeland. von der sie nichts verstanden. nachdem es ihnen nicht gelungen war. als Server. daß sie Lycos und InfoSeek bald ausgeschöpft haben und ihre Suche auf weniger bekannte Datenbanken ausdehnen würde. Transmitter. NewsGruppen sprachen im Augenblick über sie. die keiner kannte.die Spitze eines sehr viel größeren Eisbergs. »Lauf. daß ihnen die Freiheit genommen war. die Süchtigen der neuen Dimension.« Deshalb hatten seine zahllosen Untertanen. daß sogar ihr Photo in Form von Millionen Bytes um die Welt ging – Sie hatte die Frechheit besessen. Havers hatte sich ausgerechnet. von Johannesburg nach Deutschland.« Sie hatten diese Datenbank vor drei Tagen installiert. Catherine Alexander im LinkNet von Orange County ausfindig zu machen. Vielleicht ahnten sie in dieser Nacht. bei jeder Unterhaltung im Web tauchte ihr Name auf. lauf!« Das war der Schlachtruf der Verdammten. E-Mail flog auf dem ganzen Globus hin und her. niemand. Er richtete das Angebot einer nicht existierenden PapyrusSammlung ein und setzte sie auf ›Fred’s Seite‹. »Hat sich jemand hier gemeldet?« fragte er lauernd. obwohl sie ›Cathy‹ nicht einmal kannten.

Ich traf andere Anhänger des Weges. Und ich werde siegen. das sich drehte. Er hatte gehofft.Clearinghaus für alle möglichen Bereiche. Philos wußte. um die Körper von Tieren und Menschen zu studieren. was er tun mußte. wenn er der Sieger sein wollte. Ich las den Brüdern und Schwestern aus dem 427 . aber nun blieb ihm keine andere Wahl. die bereits früher hierhergekommen waren. dem größten Zentrum der Wissenschaft und Gelehrsamkeit. brüllte der Tiger in ihm. Die kluge Archäologin hatte den Köder jedoch nicht geschluckt. Die Ärzte kommen aus den fernsten Gegenden des Reiches. hier würde er die Antworten finden. Alexandria ist auch das bedeutendste Zentrum der Welt für anatomische Forschungen. wurde Miles klar. und wir sahen ein Gerät. Ich kam in diese Stadt auf der Suche nach Herzen und Seelen. Philos und ich bewunderten mechanische Vögel. wir hörten dampfgetriebene Nebelhörner. und wir hörten Lesungen der Briefe seiner Jünger und der Worte des Gerechten. der durch die IRC wie ein Weltmeister auf einer haushohen Flutwelle surfte. Aber mehr als alles andere ist Alexandria eine Stadt der geistigen Freiheit und Aufgeklärtheit. Wir kamen nach Alexandria. die er suchte. wir saßen in einem Theater. nicht soweit gehen zu müssen. Ich nahm an ihren wöchentlichen Zusammenkünften teil. Während er Teddy beobachtete. aus dem Süßigkeiten herauskamen. Alexandria ist eine Stadt der Erfinder und ihrer Maschinen. wenn man eine Münze in einen Schlitz steckte. denn anders als in Indien sind Autopsien hier erlaubt. das im Augenblick bei Online-Amerika sehr beliebt war. die für die Worte des Gerechten offen waren.

die tausend Jahre würden erst dann beginnen. erklärte mir Priscilla. was man mich gelehrt hatte. »Und das hat er damit gemeint. Ich traf die Jünger eines 428 . der Fisch und das Kreuz. wie der Gerechte es getan hat. Doch sie sprachen vom Schöpfer. was ›Wissende‹ bedeutet. In diesem Punkt herrschte keine Einigkeit. und wir feierten gemeinsam das Liebesmahl. und das Leben könne ewig dauern. Sie glaubten an Frieden und Vergebung. Doch ihre Vorstellungen vom Kosmos unterschieden sich sehr von dem. daß der Gerechte uns gesagt habe. von denen. der Tod sei eine Illusion. der Gerechte als Sohn Gottes abstamme. es handle sich um die tausendjährige Herrschaft Satans.Brief der Maria vor. dann kommt das Jüngste Gericht. wenn wir nur glauben. und sie sprach davon. wie sie glaubten. wie ich sie aus Antiochia kannte. Andere behaupteten. Es gab sogar einige. In der Gemeinde hörte ich auch zum ersten Mal von der Prophezeiung der tausend Jahre. sagten sie als Erklärung. Man sagte. daß die Gemeinschaft hier Glaubensvorstellungen vertrat. Sie nannten sich Gnostiker. Trotzdem waren sie eine Gemeinschaft. Sie verehrten auch die Unsterblichen. sie seien der Beginn eines neuen goldenen Zeitalters auf Erden. Aber ich stellte fest. und ihre Symbole waren der Anker.« Ich traf Priscilla. sie begrüßten sich mit dem Friedenskuß. damit seien die tausend Jahre der Herrschaft des Gerechten auf Erden gemeint. den Diakon der Gemeinde. »Der Gerechte hat von vielen Wohnungen gesprochen«. als sei er getrennt von Gott. Sie sprachen von Gott. und wir erwachen aus dem Schlaf und gelangen zu unserem Schöpfer«. von denen ich noch nie etwas gehört hatte. Für sie war das Universum sehr viel vielschichtiger und größer. die sagten. nachdem wir gestorben sind: »Wir schlafen ein Jahrtausend. während wieder andere erklärten.

und es wird eine neue Schöpfung geben. neue Anhänger ihres Glaubens zu gewinnen.« Ich war damit beschäftigt. Dann wird Buddha auf die Erde zurückkommen. der du von Dunkelheit umgeben bist?« Sie glauben an ein Weltgericht. und das bedeutet das Ende aller Dinge. die Bösen bestrafen. er wird wiederkehren.« Die Buddhisten von Alexandria sind Missionare und versuchen. die man damit erzielt). der Himmelskönigin. Er wurde von einer jungfräulichen Mutter namens Maja geboren. er wird wiederkehren. um Ägypten zu sehen. du. und die Leute staunten über die Erfolge. mein Wissen und mein Können bei der Geburtshilfe weiterzugeben und unbekannte Heilmethoden zu erläutern. Wenn Buddha sagt. die vor tausend Jahren dort eingeritzt worden waren. so fragte ich mich. den sie Buddha nennen. was ist und was sein wird.Mannes. und der Gerechte sagt. In ihrer Sprache bedeutet das ›der Erleuchtete‹. und fuhren nil-aufwärts. die Botschaft vom Weg des Gerechten zu verbreiten. »Ich bin alles. Er wird die Guten belohnen. die ich in Indien gelernt hatte (in Alexandria hatte noch niemand davon gehört. Sie gehen auf den Marktplatz und fragen die Vorübergehenden: »Suchst du nicht ein Licht. daß der Gerechte auch in Indien gelehrt hat? Wir machten eine Reise. 429 . Ich bin der Anfang und das Ende. Er sagte: »Sei dir selbst Zuflucht und halte an der Wahrheit als Licht fest. bedeutet das. An den Wänden des Tempels lasen wir die Worte. um ihr zu huldigen. daß man bei Schlangenbissen die behandelte Wunde mit Klemmen verschließt. In der alten Stadt Sais besuchten wir den Tempel der Göttin Isis. was war.

meine liebe Amelia. Aber. frommen Männern und weisen Frauen. Er hoffte. Er sprach mit gelehrten Männern und verbrachte Wochen und Monate in der großen Bibliothek. mit Sehern und Seherinnen. eine Spur zu finden. weil ich in dieser Stadt endlich die Liebe kennenlernte. ich werde Alexandria vor allem deshalb nicht vergessen. 430 .Philos sah sich in der Stadt um. die ihm den Weg zu der uralten Formel weisen würde. er beriet sich mit Priestern und Priesterinnen. die das ewige Leben schenkt.

DER ZEHNTE TAG 431 .

Nevada »Jemand wie ich muß nur nach Las Vegas kommen. erwiderte Zeke. hatte Zeke beschlossen. Wenn der Pfarrer heute Frühstück bestellt. Ich habe ihm ein gutes Trinkgeld gegeben. »Und ob ich ihn gefunden habe«. »Ein Kellner vom Zimmer-Service sagt. Nachdem seine Erkundigungen an der Rezeption erfolglos geblieben waren. »Du hast also den Priester gefunden?« fragte er. schob sich eine in den Mund. um das Geld ›zu beschaffen‹ das ihm am Abend 432 . Dezember 1999 Las Vegas. ohne ihn zu finden. Möglicherweise war er im Casino. Zeke lächelte vielsagend. als er Raphael wie besprochen in der Mz’nos Taverne im Hotel Atlantis traf. Raphael mußte sich vom Anblick der spärlich bekleideten Kellnerinnen losreißen. Aber er hat die andere Person noch nie gesehen. der immer Essen für zwei bestellt. und schon gewinnt er den Jackpot«. Er meint. wird sich der Kellner die Zimmernummer merken…« Raphael griff nach der Schale mit den gesalzenen Nüssen. steckte die anderen in die Jackentasche und sagte: »Schnappen wir sie uns.Donnerstag. es gibt einen Pfarrer. es könnte eine Frau sein. Beim Aufwachen am frühen Morgen war er nicht in seinem Zimmer gewesen. die an diesem sonnigen Morgen den durstigen Gästen bereits die ersten Bloody Marys und Screwdrivers servierten. Sie hatte das Hotel nach Garibaldi abgesucht. denn er sagte sich. sagte Zeke. sich mit Zimmerkellnern und Zimmermädchen zu unterhalten.« Catherine machte sich Sorgen. sie wüßten ohnehin am besten über die Gäste Bescheid. 23.

An einem Zeitungskiosk fiel ihr Blick auf die Schlagzeile. Deshalb bezweifeln wir. Wir wollen ihr nur einige Fragen stellen. Ihre Bitte um Weitergabe der Information hatte einen ungeheuren Erfolg gehabt. daß sie Dr.« Dann äußerte sich ein Theologe: »Catherine Alexander hütet einen Schatz. Jetzt fühlte sie sich in der Welt von Cyberspace sicherer als in der wirklichen. Denken Sie daran.zuvor im Umkleideraum gestohlen worden war. erkannt zu werden. als die ganze Welt gegen sie zu sein schien. was mit den Schriftrollen vom Toten Meer geschehen ist. der Artikel würde berichten. Ich finde es bemerkenswert 433 . Zeugen sagen aus. Catherine trug die große Sonnenbrille. die sie mit den Kleidern gekauft hatte. sie sei von bewaffneten Männern verfolgt worden. Beinahe fünfzig Jahre lang hat sie niemand zu sehen bekommen. Sie erweist der Menschheit einen Dienst. Stevenson ermordet hat. Man sollte sie nicht verfolgen. und die Polizei wußte noch nichts von ihren blonden kurzen Haaren. daß Catherine Alexander überall im Internet zum Thema Nummer eins geworden war. Aber das war an dem Abend gewesen. Sie wußte. daß ein Computer ein höchst wirksames Instrument der Forschung sein konnte. hatte Garibaldi gesagt. »Diese Fanatiker könnten Sie entführen oder Schlimmeres…«. Aber auch an den Spieltischen hatte sie ihn nicht entdeckt. der uns allen gehört. Am frühen Morgen war im Radio Kriminalkommissar Shapiro aus Santa Barbara zitiert worden. als Danno sie schließlich davon überzeugte. »LASST MICH IN RUHE!« stand da neben einem Photo von ihr. Inzwischen hatte sich die öffentliche Meinung um hundertachtzig Grad gedreht. der gesagt hatte: »Wir haben keine Anklage gegen sie erhoben. trotzdem fürchtete sie. Catherine hatte sich lange gegen die Computertechnik gewehrt und ihren Widerstand erst aufgegeben.

was Dr. Darunter befand sich eine mit gregorianischen Chorälen. Sie wollten Unterhaltung. kurz gesagt. Geld gewinnen. Aber die Hotelgäste interessierten sich mehr für andere Dinge.« Selbst Kardinal Lefevre im Vatikan schien seine Haltung geändert zu haben. im Atlantis das Leben genießen… Catherine war gerade im Begriff weiterzugehen. Sie freute sich über den Fund. »Ich weiß nicht. Frühstück. von einem der Raumschiffe in die oberen Stockwerke befördert zu 434 . weshalb alle diese bedauernswerte Frau verfolgen. Und das fehlende Geld? Garibaldi konnte sich über den Kreditkarten-Service entweder Reiseschecks oder eine Ersatzkarte ausstellen lassen. Wenn das nicht möglich war. die in einem spanischen Kloster aufgenommen worden waren. Bevor sie sich zu den Hotelgästen stellte. wohin Garibaldi gegangen sein mochte. was sie angeblich gestohlen hat. daß sich in ihrer Suite ein Kassettenrecorder befand.und sehr mutig. und kaufte die Kassette. Alexander tut. während sie beide arbeiteten. daß sie diese schwere Prüfung übersteht. behielt sie die Leute im Auge. Sie ist weder von der Polizei noch von der amerikanischen Regierung offiziell eines Verbrechens beschuldigt worden. Dann mußten sie Las Vegas natürlich sofort verlassen. Ich finde. Das ägyptische Kulturministerium kann nicht genau sagen. die darauf warteten. Es sollte eine Überraschung für Garibaldi werden. Die Musik würde entspannend und beruhigend wirken. Catherine fiel ein. wir sollten sie in Frieden lassen und beten. Während sie die Zeitungen am Kiosk überflog und überlegte. als ihr Blick auf die ausgestellten Musik-Kassetten fiel.« Trotzdem blieb Catherine vorsichtig. würde sie es tun. um ihre Spur zu verwischen. Freunde sehen.

ob er möglicherweise in einem anderen Spielcasino sei. den immer noch Selbstvorwürfe quälten und der in seiner Verzweiflung versuchte. um Geld auf zutreiben? Sie war so in Gedanken versunken. hielt sie noch einmal nach Garibaldi Ausschau. Catherine drängte sich durch die Leute.werden. Was mochte Garibaldi unternommen haben. Sie hatte jedoch auch von seinen Küssen geträumt. Garibaldi sah sich um und sagte etwas leiser: »Ich habe gute Neuigkeiten. daß ich nicht lange weg sein würde.« »In meiner Nachricht stand doch. daß sie ihn beinahe nicht gesehen hätte. in der sich ein Videoladen befand. »Catherine«. Sie überlegte.« Als sie ihn fragend ansah. weil ich mir Sorgen mache. als er plötzlich am anderen Ende der Halle auftauchte. Aber dann 435 . Geld aufzutreiben – genug. Sie machte sich Sorgen. Die Berührung durchzuckte Catherine wie ein Blitzstrahl und erinnerte sie an die Umarmung gestern nacht. »Ich habe neue Batterien für den Laptop besorgt.« Er legte ihr freundschaftlich den Arm um die Schulter. »Warum sind Sie nicht oben im Zimmer?« »Ich habe Sie gesucht. fügte er schnell hinzu: »Keine Sorge. die einsteigen wollten lief quer durch die Halle und erreichte ihn atemlos vor der drei Stockwerke hohen Statue der Göttin Athene. Wir müssen nicht ausziehen. Ich stand am Eingang des Spielcasinos und wäre beinahe hineingegangen. mit zwei blutigen Stöcken die Furien zu besiegen.« Er lächelte sie an. Es ist mir gelungen. sagte er erstaunt und griff nach ihrem Arm. um eine Weile damit auszukommen. Sie hatte danach unruhig geschlafen und im Traum den Priester gesehen. die ihn verfolgten.

Catherine merkte. sehen sie den Priester. Trotzdem glaube ich. »Wir fahren besser nach oben. nicht den Mann. Ich weiß nicht.« »Und wie…?« »Das erkläre ich Ihnen später«. Catherine wollte sofort zur Stereoanlage. so war es nicht gemeint. denn sie hörte. »Wir haben nicht viel Zeit. Schemenhaft sah sie in dem Vorraum neben Garibaldi eine Gestalt an der Tür. ob ich allmählich an Verfolgungswahn leide. daß sie erwartet wurden. »Bitte. wie hinter ihr die Tür der Suite mit einem lauten Knall ins Schloß fiel. Den Weg kennen Sie ja. aber sie blieb erschrocken stehen. sagte er. ich falle sogar in diesem verrückten Hotel auf. »Was…?« Das Licht ging plötzlich aus.habe ich es doch nicht getan. daß ihre Bemerkung leicht spöttisch und beinahe kokett geklungen hatte. und entschuldigte sich sofort. aber mein Partner möchte unbedingt persönlich mit Ihnen sprechen«. Ich weiß. »Schon gut. hörte Catherine eine zynische Stimme. aber ich hatte das Gefühl. Sie erstarrte.« »Was erwarten Sie in diesem Aufzug anderes?« Garibaldi trug die Soutane.« Als sie die Zahlenkombination für ihre Suite eingaben. »Tut mir leid. Und ganz besonders sehen sie nicht die Frau an meiner Seite.« Garibaldi wich einen Schritt rückwärts und hob 436 . ahnten sie nicht. einer der Portiers habe bei meinem Anblick merkwürdig reagiert. daß es der beste Schutz für Sie ist. Wenn die Leute mich anstarren. heben Sie die Hände hoch und gehen Sie hinein.« Er lächelte. um die Kassette einzulegen. nahm ihren Arm und ging mit ihr zu den Raumschiffen.

Noch ehe er am Boden lag. Sein Kopf traf die Kante. verlor das Gleichgewicht und stürzte zur Seite. Frau Doktor. riß er den Mann hoch und warf ihn in das Zimmer. Garibaldi stieß keuchend hervor: »Schnell. Garibaldi dagegen hatte keine Waffe. »Machen Sie die Zimmertür auf!« rief er Catherine zu. und der Killer trieb ihn durch den Raum in eine Ecke. Kaum war die Tür offen. Catherine sah.« Der Killer mit der Narbe stand mit der blauen Tasche im Zimmer. ihm den Todesstoß versetzen zu können. Geschickt wich der Killer aus. ließ sich blitzschnell fallen und packte ihn an den Beinen. Die beiden Männer umkreisten sich wie Raubtiere. Aber sie riß sich los. Sagen Sie Ihrem frommen Leibwächter daß er die Schriftrollen bei mir abholen kann! Ich habe noch ein Wort eben mit ihm zu reden. Garibaldi rettete sich auf die andere Seite des Tischs. Zeke war im Vorteil. wo 437 .scheinbar gehorsam die Hände. Ehe Garibaldi etwas erwidern konnte. und er blieb leblos liegen. Er fiel mit einem dumpfen Schlag gegen den Tisch. »Nein!« Es klang fast wie ein Schrei. Zeke glaubte schon. und die Lampe zerbrach mit einem lauten Knall an der gegenüberliegenden Wand. ging das Licht wieder an. fügte sie tonlos hinzu. »Die Schriftrollen«. Aber dann schlug er dem Mann die Waffe aus der Hand. wir müssen hier weg!« und griff nach ihrer Hand. »Richtig. hatte ihn Garibaldi bereits an den Haaren gepackt. wie die blonden lockigen Haare sich blutig färbten. denn er kämpfte mit dem Messer. Der Mann schwankte. Sie gehorchte mechanisch wie eine Marionette. als Garibaldi nach einer Tischlampe griff und sie nach ihm schleuderte.

was Garibaldi von ihr wollte. Als Zeke mit dem Messer nach ihm stieß. Mit einem Fußtritt 438 . Garibaldi riß geistesgegenwärtig den Stock hoch. ihre Panik und verstand. durchlief sie ein Schauer. Sie hörte. Sie wußte. daß Garibaldi ihm überlegen war. kniete vor Garibaldis Reisetasche. Catherine stand an der Tür. den sie ihm reichte. Der Killer stürzte rücklings zu Boden und riß Garibaldi mit sich. griff er nach dem Stock. Er hatte die blaue Tasche fallen lassen und richtete sich wütend auf. das Messer abzuwehren. Ohne sich umzudrehen. »Laufen Sie!« rief Garibaldi noch einmal. aber es gelang Garibaldi. würde er ihn kaltblütig erschießen und dann… Sie bewegte sich wie in Trance.Zekes Partner noch immer bewußtlos lag. Dann ging alles sehr schnell. Der Killer taumelte rückwärts und drehte sich einmal um sich selbst. flüsterte sie. In diesem Augenblick warf Zeke das Messer. Zeke hatte außer dem Messer noch eine Pistole. Von nebenan hörte sie einen wütenden Aufschrei. wie es klirrend auf die Tischplatte fiel. Sie wußte später nicht mehr. Er sah ihr Flehen. Garibaldi stand mit dem Rücken zu ihr. Aber im nächsten Augenblick stand Garibaldi wieder und hob den Stock zum tödlichen Schlag. »Nein!« Garibaldi hielt inne. die Beine würden ihr den Dienst versagen. »Los. ihre Verzweiflung. Catherine glaubte. Zekes Hand blutete. Der Stock traf Zeke wie ein Pfeil. Garibaldi sprang aus dem Stand über den Tisch. »Das wirst du mir büßen!« knurrte der Killer. laufen Sie in mein Zimmer!« rief er Catherine zu und sprang auf den Tisch. Als sie den lackierten Stock in die Hand nahm. sah sie über den Raum hinweg für den Bruchteil einer Sekunde an. Der Kampf würde nicht mehr lange dauern. Wenn er feststellte. trat er ihm mit voller Wucht gegen den Arm. »Hier…«. wie es wirklich geschehen war.

sich ihm vertrauensvoll überlassen zu können. flüsterte er. Als das Raumschiff in der Hotelhalle anhielt und sie aussteigen wollten. In das Raumschiff drängte sich eine Gruppe Engländer. Sie dachte an die Killer. sind wir nicht mehr in Las Vegas. Er ist mein 439 . drückte Catherine an sich und legte ihr den Arm um die Schulter. Catherine schloß die Augen. und wenn sie aufwachen. Die Engländer wollten zum Stierspringen. Der Brechreiz ließ nach. wir haben es gleich geschafft. »Kommen Sie. wurde ihr übel. »Wir dürfen kein Aufsehen erregen«. ließen sie jetzt noch zittern. Garibaldi hatte nach dem Kampf nur flüchtig einen Blick auf die beiden Männer geworfen und gesagt: ›Sie werden keine schönen Träume haben. Sie staunte über das tröstliche Gefühl. In diesem Augenblick der Schwäche wußte Catherine. der Attraktion am Vormittag in der riesigen Hotelhalle. daß sie Garibaldi auf eine neue Art respektierte. Garibaldi sah sie besorgt an. reichte ihr schließlich die Hand und zog sie vom Sitz. griff nach der blauen Tasche und nickte ihr zu. das laute Lachen und die anzüglichen Bemerkungen über Stiere und Frauen zu überhören. Wenn wir aus dem Hotel sind. Die Männer waren selbstsicher und ausgelassen und benahmen sich beinahe kindisch.‹ Catherine biß die Zähne zusammen. ein Club auf Erlebnisreise. die Brutalität und Gewalt. Das Blut.machte er Zeke bewußtlos. ihre Frauen dagegen wirkten spröde und waren maskenhaft geschminkt. die sie bei dem Kampf erlebt hatte. Sie konnte sich nicht von der Stelle rühren. Sie umklammerte die blaue Tasche und versuchte. kann uns nichts mehr passieren…« Er griff nach der blauen Tasche. die bewußtlos im Zimmer lagen.

»Ich habe mir gestern das Hotel etwas genauer angesehen und einen Seitenausgang entdeckt. blieb jedoch unentschlossen stehen. aber keine Angst. fragte sie erschrocken: »Wo ist der Laptop?« »In meiner Reisetasche. Der 440 . An der Rezeption ist immer viel los.« Sie hatten eine verspiegelte Pendeltür erreicht. doch das Geschrei und Gejohle der Zuschauer zerrte trotzdem an ihren Nerven. Ihr Herz schlug laut. Am liebsten wäre sie aufgesprungen und einfach davongerannt. daß Garibaldi sie an das entfernte Ende der Empfangshalle geführt hatte. Als er sich umdrehte und gehen wollte. Wann wird die Flucht zu Ende sein? Catherine drehte sich unruhig um und erstarrte. sie atmete flach. Sie können mich von hier sehen. fügte er beruhigend hinzu: »Es ist besser so. Nehmen Sie die blaue Tasche. Setzen Sie sich.« Garibaldi hatte recht. Garibaldi deutete auf einen Sessel. Endlich war Garibaldi an der Reihe. Ihre Hände waren naß vom Schweiß. bis ich die Rechnung bezahlt habe. als er sie an der Rezeption vorbeiführte.« Catherine nickte. Er läßt mich nicht im Stich! »Wohin gehen wir?« fragte sie leise. Catherine setzte sich in den weich gepolsterten Sessel und versuchte. Die Menge verstummte. sich zu entspannen. Fanfaren und dumpfe Trommelwirbel kündigten den Stier an. Der Wettkampf zwischen der Frau und dem Tier begann… Catherine war froh. Die Unruhe wuchs. es kann einige Zeit dauern.« Da Catherine sich ängstlich an ihn drückte. Hier sah sie wenigstens nichts von dem aufreizenden Spektakel.Beschützer. er mußte warten. »Warten Sie hier. Es gelang ihr nicht.

und sie sprang in Panik auf. Schließlich ging er in Richtung Rezeption. Auf der Leuchtanzeige sah sie. sich zu bewegen.Killer mit der Narbe trat aus einem Raumschiff. Als sei sie mit ihm durch unsichtbare Fäden verbunden. Als sich die Aufzugstür jedoch wieder schloß. Plötzlich war sie hellwach. Catherine wagte nicht. Catherine nahm die blaue Tasche über die Schulter und verließ den Aufzug. Ihre Hand berührte den Bronzegriff der verspiegelten Pendeltür. die verletzte Hand in der Hosentasche. In regelmäßigen Abständen brannten blauweiße 441 . Als sich die schwere Eisentür des Aufzugs langsam schloß. Er verfolgte sie. Sie befand sich in einem breiten. und sie zuckte wie unter einem Schlag zusammen. Er blieb stehen und blickte sich suchend in der Halle um. Catherine blieb atemlos vor dem Aufzug stehen und drehte sich um. daß jemand den Aufzug nach oben holen wollte – der Killer! Sie saß in der Falle. gab es für ihn immer noch die Treppe. Der Fahrstuhl blieb mit einem Ruck stehen. Auch wenn sie den Aufzug blockierte. Catherine hatte das Gefühl zu fallen und klammerte sich an einen Haltegriff. Schnell ging sie durch die Tür und befand sich in einem Gang. grün gekachelten Tunnel. sah sie den Killer. drehte sich sein Kopf in ihre Richtung. Für den Bruchteil einer Sekunde sah Catherine seine kalten Augen auf sich gerichtet. Der Killer war nicht zu sehen. Catherine war mit einem Satz im Aufzug und drückte auf den Knopf. Der Aufzug fuhr nach unten. Hatte er sie vielleicht doch nicht bemerkt? Sie mußte Garibaldi warnen! Die Pendeltür bewegte sich. aber sie war wie gelähmt und rührte sich nicht von der Stelle. drückte sie schnell den roten Knopf mit der Aufschrift: ›STOP‹. Ihr blieb nicht viel Zeit. die Tür glitt zur Seite. Am Ende sah sie einen Lastenaufzug mit dem Hinweis: ›Nur für Angestellte!‹ Daneben befand sich hinter einer Glastür eine Treppe.

Sie war nicht mehr allein. Catherine rannte weiter. als plötzlich Neonlichter aufflammten. Ihre Angst nahm zu. der sie wieder nach oben bringen würde. und wohin führte der Gang? Sie blieb verwirrt stehen. Garibaldi hatte ihr erzählt. Zurück konnte sie nicht. Wo befand sie sich. dessen ›Untergang‹ zweimal täglich den Hotelgästen vorgeführt wurde. Sie konnte sich nicht weiter vorwagen. Catherine rannte weiter. Der Tunnel machte eine leichte Kurve. der zur Insel führte. Ihre Schritte hallten dumpf in der seltsam unnatürlichen Stille Ihr Keuchen klang überlaut. Die grünen Fliesen wirkten im blauen Licht kalt und lebensfeindlich. An der Seite sah sie ein Schienenfahrzeug mit einem kleinen Kran. Auf einer Tafel neben einer grünen und roten Ampel stand: ›ACHTUNG SCHLEUSE! BETRETEN VERBOTEN! LEBENSGEFAHR!‹ Catherine wußte jetzt. Der Killer schien sich seiner Sache sicher und trieb sie vor sich her. zu Atlantis. wo sie war. Die Kurve schien kein Ende zu nehmen. als sie vermutet hatte. die ins Schloß fiel. ließ sie zusammenzucken.Deckenlampen. aber heftiges Seitenstechen zwang sie schließlich stehenzubleiben. Ein bedrohliches Brummen oder Summen lag in der Luft. In den Boden war ein Gleis eingelassen. Der Gang wurde eng und bot nur Platz für die Schienen. Vielleicht gab es dahinter einen Aufzug. Sie lief los. daß sich unter dem Hotel und dem See ein Tunnel befand. Der Killer würde sie einholen und hier unten leichtes Spiel mit ihr haben. Der Gang war sehr viel länger. 442 . Sollte sie vielleicht doch umkehren? Der dumpfe Knall einer Eisentür. Hinter der Biegung war alles dunkel. blieb dann aber wie angewurzelt stehen.

Der Killer würde nicht lange zögern und das Schleusentor wieder öffnen. Falls der Killer sie nicht fand und umbrachte. wie die Schleuse den Tunnel verschloß. Als sie sich aufrichtete und vorsichtig einen Schritt zur Seite machte und dann noch einen. Von der Decke tropfte Wasser. stieß sie gegen die Wand. der sich leicht bewegte. kamen ihr die Tränen. in die Stellung ›A‹. und eine Warnlampe begann zu blinken. Er würde die Schriftrollen bekommen. betastete sie den Boden. Trotzdem mußte sie weiter. Catherine hörte hinter sich das Hallen von Schritten. Nur das kalte Eisen der Schienen war trocken. Catherine mußte gegen ihre aufsteigende Panik ankämpfen. wenn der Tunnel geflutet wurde und Atlantis wieder einmal im Wasser versank. Sie sank auf die Knie. Sie stand gut sichtbar im Licht. Er durfte sie auf keinen Fall direkt hinter der Schleuse einholen. sie bot ihr im Augenblick den einzigen Schutz. Sollte sie aufgeben? Mit der Insel würden auch die Schriftrollen untergehen und 443 . Die Beine versagten ihr den Dienst. den Killer umzubringen? In ihrer Verzweiflung wollte Catherine durch das offene Schleusentor in die Dunkelheit fliehen. Sie trat durch das Tor und sah mit angehaltenem Atem zu. Sie schob den Hebel. Sobald ihr Atem wieder etwas ruhiger ging.Havers hatte gewonnen. Der Beton war feucht und glitschig. Er konnte sie einfach erschießen. als sie unter der Ampel einen großen Hebel mit der Aufschrift: ›Lichtschranke‹ bemerkte. Die Ampel wechselte auf Rot. würde sie ertrinken. und sie lehnte sich mit unterdrücktem Schluchzen an die Wand. Als Catherine zum dritten Mal auf dem glitschigen Boden ausrutschte und beinahe stürzte. So schrecklich die Dunkelheit auch war. Dann stand sie in völliger Dunkelheit. Warum habe ich Garibaldi daran gehindert.

Sie befand sich in einer Stadt mit bizarren Säulen. Es muß einen Ausweg geben! Catherine stieß einen durchdringenden Schrei aus und stürzte ins Leere. Aber hier auf der Insel schien alles anders zu sein. 444 . daß sie aus der Halle fliehen mußte. Statuen und den gespenstischen Fassaden unwirklicher Häuser. Als sie sie auf den Rücken schieben wollte. Tempeln. und sie fiel der Länge nach auf den Boden. der senkrecht nach oben führte Catherine entdeckte jedoch Eisensprossen. Der Gang endete in einem Schacht. Erschrocken sah sie sich um. Am anderen Ende der Insel erhob sich ein niedriger Hügel. Als sie sich aufrichtete. Sie holte tief Luft und empfand wieder etwas Zuversicht. Die Wand hörte plötzlich auf.Sabinas Geheimnis… Garibaldi! Sie konzentrierte sich auf ihn und wurde ruhiger. Sie stand im Freien. Aber die frische Luft war wie eine Erlösung. Sie wußte. Atlantis… Catherine hatte das Spektakel bereits mehrmals vom Hotelzimmer aus gesehen. er würde sie nicht im Stich lassen. hätte sie fast das Gleichgewicht verloren. dessen Gipfel in diesem Augenblick auseinanderbrach und sich in einen feuerspeienden Vulkan verwandelte. Instinktiv hielt sie schützend die freie Hand vor den Kopf. Ein dumpfes Grollen ließ sie zusammenzucken. Sie konnte sich nicht orientieren und wußte nur: Am Ende versank Atlantis in den Fluten. sah sie in einiger Entfernung schwaches Tageslicht. daß sie die Augen schließen mußte. Das Sonnenlicht war so grell. Bestimmt war ihm nicht entgangen. Dabei war ihr die blaue Tasche im Weg. Entschlossen eilte sie weiter. Ohne zu zögern kletterte sie hinauf. Sie biß die Zähne zusammen und kletterte weiter. Sie stand auf und rannte weiter.

Sie rannte seitlich am Tempel vorbei und den Hang an der anderen Seite hinunter. Eine Fassade stürzte ein. stolperte und kletterte Catherine über die seltsamsten Hindernisse. die wie ein gigantisches Uhrwerk langsam in Bewegung gerieten. Explosionen und Sturmgeräusche untermalten das Inferno. Es gab also noch mehr Schächte auf der Insel. Aus den Lautsprechern des Hotels hallte die ›Atlantis-Symphonie‹ herüber. Als sie jedoch in dem dunklen Loch das Licht einer Taschenlampe sah. Da begann das Wasser die Insel zu überfluten. Sie näherte sich dem großen weißen Tempel in der Mitte der Insel. Sie mußte einen davon erreichen. Schreie. Aber auch die hohe Säule vor dem Tempel mit der vergoldeten Statue einer Göttin schwankte. Der Kopf einer Statue zersprang auf dem Boden. mit der das Schauspiel des Untergangs eingeleitet wurde. Sie rannte weiter. Sie wußte.Unschlüssig stand sie neben dem Schacht. Am liebsten wäre sie wieder hinuntergestiegen. lief sie los. Der Mann wich im letzten Moment aus. Catherine kniff die Augen zusammen. die Säule würde erst gegen Ende des Schauspiels auf die Stufen stürzen. Als sie den Killer mit der Narbe in der Nähe des Schachts entdeckte. Wenn Atlantis auseinanderbrach. Sie war nur eine große Kulisse mit Winden und mechanischen Greifarmen. Am Fuß der breiten Marmortreppe bleib sie atemlos stehen und drehte sich um. stiegen Fontänen aus unsichtbaren Kratern auf. Verblüfft drehte sich Catherine 445 . bevor der Killer sie fand und die Insel im See versank. Die Fontänen! Catherine erinnerte sich. Vorsicht! Sie schien den Schuß und das Einschlagen der Kugel vor sich gleichzeitig wahrzunehmen. Der Killer! Die Phantomstadt hatte keine richtigen Straßen und Plätze. fing die Erde an zu beben. Wie von Furien gejagt rannte.

Vor einem Springbrunnen befand sich der nächste Schacht. lag unter einem umgestürzten Plastikbaum. heulte schrill eine Sirene. Wer hat gerufen? Dann hörte sie einen Schrei. Hinter ihnen schloß sich fast lautlos das schwere Schleusentor. »Schnell weg hier!« Eine Hand legte sich auf Catherines Schulter. der auf sie geschossen hatte. »Was ist mit dem Mann?« fragte Catherine. Der Killer. Er packte sie am Arm und zog sie weiter. Noch bevor sie den Tunnel erreicht hatten. Als sie sich der Schleuse näherten. blinkte bereits die gelbe Warnleuchte. der nicht aus den Lautsprechern kam.um. Garibaldi nahm die blaue Tasche und half ihr beim Einstieg. und ein Funkenregen ging auf die Insel nieder. Sie zuckte erschrocken zusammen. »Schnell! Kommen Sie!« Er zog sie mit sich. und wenn nicht. Im dunklen Gang brannte Licht. Garibaldi folgte ihr hustend in die Dunkelheit. muß er es lernen. Dampf und Rauchwolken wirbelten durch die Luft. Nicht lange und über ihnen würde Atlantis versinken. Es waren die Scheinwerfer eines Schienenfahrzeugs.« 446 . Garibaldi half Catherine auf den Beifahrersitz und fuhr los. künstliche Lava strömte den Hügel herab. aber es war Garibaldi. »Er kann bestimmt schwimmen.

Er hatte es gefunden. daß Catherine nichts von der Existenz dieses Pergaments wußte. während er etwas anderes suchte. Sein Latein war schlecht. Sie konnte es nicht über Internet ausfindig machen. war er plötzlich beunruhigt. Zur damaligen Zeit war es vermutlich der umfassendste Katalog alter Dokumente. Während er die Einträge studiert hatte. Sabina Fabianas Schicksal.Malibu. Schriftrollen. daß manche dieser Sammlungen so klein waren. weil er hoffte. was alle wissen wollten. Er blickte ehrfürchtig auf die Buchseite mit dem Dokument. die sich in Privatsammlungen befanden. Handschriften und Briefe gewesen. Er hatte das alte Buch von Rabbi Goldman ausgeliehen. XII. war ihm eine lateinische Handschrift aus dem Mittelalter mit dem Hinweis: ›Thomas von Monmouth zugeschrieben. Julius wußte. um ihm zu verraten. Sein der Wissenschaft verpflichtetes Gewissen lag im Widerstreit mit seiner Liebe. auf die Titel alter Papyri zu stoßen. Catherine zu helfen. Er hatte sich stets an strenge Prinzipien gehalten. Er war zufällig darauf gestoßen. Im reproduzierten Text sprang ihm sofort der Name Sabina Fabiana ins Auge. daß es sich nicht gelohnt hatte. Das Ende der Geschichte. daß er schließlich einen Weg gefunden hatte. ob er ihr überhaupt etwas von der Handschrift sagen sollte. Er fragte sich. Es war ein dickes. doch es reichte aus. Kodizes. Doch anstatt erleichtert zu sein. 447 . Kalifornien Julius traute seinen Augen nicht. sie in die weltweiten Datenbanken aufzunehmen. vor hundert Jahren erschienenes Werk. Jahrhundert‹ aufgefallen. Er war sicher. Hier auf dieser Seite stand.

indem er ihr von diesem Dokument berichtete. nahm der geduldige alte Gelehrte ein verstaubtes Buch mit brüchigen Seiten aus dem Regal. hier spricht Camilla Williams von der Nachrichtensendung Augenzeugen. ob wir ein Live-Interview mit Ihnen in unsere Sendung einplanen dürfen…« Julius ging in die Küche und schaltete das Gerät ab. daß er erschöpft aussah. als er Rabbi Goldman die ganze Sache erzählt hatte. aber über die dunklen Ringe unter den Augen und das leichenblasse Gesicht staunte er doch. Das Telefon klingelte zweimal. Nach dem Pfeifton meldete sich eine Frauenstimme: »Herr Dr. daß Catherine anrufen würde. das mit Sabina und den Schriftrollen in Zusammenhang stand.und die wollte er nicht aufgeben. im Internet einen Hinweis auf Fabianus. was sie tat. wie er Catherine helfen könnte. tat es aber doch nicht. Fabiana oder etwas. in das Archäologische Institut der Universität und von dort zurück zu Rabbi Goldman -. Voss. widersprach das allen seinen Grundsätzen. wenn er sie unterstützte. Erst. Er billigte nicht. und er hatte sich den Kopf darüber zerbrochen. waren alle gescheitert. Er hatte in den letzten vierundzwanzig Stunden kaum geschlafen. Aber ebensowenig wollte er Catherine im Stich lassen. Er dachte kurz daran. wenig gegessen und war wie von bösen Geistern gejagt von einem Computer zum anderen gefahren – zuerst zu Rabbi Goldman. Es bestand immer die Möglichkeit. Seine Versuche. Wir wüßten gerne. Es wunderte ihn nicht. drückte es Julius in die 448 . den Stecker zu ziehen. wie sich sein Anrufbeantworter in der Küche einschaltete. Er wollte gerade ins Wohnzimmer und zu dem beunruhigenden Dokument zurückgehen. als er in der Glastür des Mikrowellenherds sein Spiegelbild sah. danach zur Öffentlichen Bibliothek. und er hörte.

Er lächelte bei diesem Gedanken. Dr.« Julius fuhr sich nervös mit den Fingern durch die dichten schwarzen Haare. nicht zu lügen. Damals hatten sie sich zum zweiten Mal geliebt – am Strand unter den Sternen. ich weiß nicht genau. ging zur Glasschiebetür.« Er hatte Halbwahrheiten zu Protokoll gegeben und versucht. Die Terrasse lag im Schatten. 449 . Alexander ist im Besitz von Schriftrollen. was er wußte. Sein Blick glitt über den perlmuttfarbenen Pazifik. den er und Catherine eines Nachts im Sand gefunden hatten. wo er und Catherine sich ihre Liebe gestanden hatten. »Ja. Nein. ich weiß nichts über die genaue Fundstelle. die auf die verwitterte Holzterrasse führte. gleichzeitig aber auch. Dann hätte er am liebsten geweint. Hinter diesem Horizont. wo tiefe Wolken hingen und einzelne Sonnenstrahlen dazwischen das Wasser küßten. Er fühlte sich innerlich zerrissen. Kurz danach waren sie vor fünf verrückten Motorradfahrern geflohen. auf der anderen Seite der großen runden Erde lag Hawaii mit dem Halekulani Hotel. die dicht am Wasser ein Rennen fuhren.Hand und sagte lächelnd: »Es ist vielleicht nicht so schnell wie ein Computer aber dafür stürzt der Text nie ab. wie sie in die Vereinigten Staaten gebracht wurden. dachte er bitter. Catherine zu schützen. der sich am fernen Horizont verlor. die Töpfe mit den roten und rosa Geranien und auf den getrockneten Seestern. Catherine… Er hatte der Polizei schließlich sagen müssen. und trat hinaus in die frische Meeresluft. war es so. so fragte er sich. war die Trennungslinie zwischen dem Gewissen eines Mannes und seiner Liebe zu einer Frau? Mußte das eine das andere ausschließen? In diesem Fall. sein Blick fiel auf die bequeme Zedernholzsitzgruppe. Nein. Wo.

obwohl er wußte. es zu vermeiden. Doch es war nur wieder ein Sensationsreporter. 450 . du trägst eine schwere Last«. daß sein Kodierungsprogramm geknackt war und seine Post gelesen wurde. Als die E-MailNachrichten von fremden Menschen auf der ganzen Welt eingegangen waren. und die Gefahr für sie wuchs. unterstützte er sie in einer Sache. Doch das Duschen half nicht. es sei Catherine. Wenn er ihr nichts sagte. Julius hoffte. noch einmal neu zu beginnen in einer Zeit der Unschuld und in dem Wissen. die ihm versicherten. Dann duschte er und stellte das Wasser so heiß. vielleicht sogar Monate. was kommen würde. Er fühlte sich anschließend immer noch so zerschlagen wie zuvor. die Tage und Monate ungeschehen zu machen. Catherine werde anrufen. sagte seine Mutter. und er lauschte. die er für falsch hielt.Wenn es nur möglich wäre. Sie hatte ihn sehr aufgeregt angerufen. was in den Nachrichten über Catherine berichtet wurde. Wütend auf sich und auf seine Hilflosigkeit ging Julius ins Haus zurück und zog die Sachen aus. hatte ihn der Computer mit einem Warnsignal darauf aufmerksam gemacht. der Julius Geld für seine Geschichte anbot. Beim Anziehen dachte er an das Telefongespräch mit seiner Mutter an diesem Morgen. Catherine hatte recht gehabt. weil er hoffte. »Julius. nachdem sie gehört hatte. Das Telefon im Haus klingelte wieder. und der Möglichkeit. die er einen Tag und eine Nacht lang getragen hatte. daß seine Haut krebsrot wurde. die Uhr zurückzudrehen. Wenn er Catherine etwas von dem Manuskript des Thomas von Monmouth sagte. daß sie es nicht wagen konnte. dauerte ihre Suche Wochen. Catherine gehe es gut.

was er zu tun hatte.« Er dachte: Ich werde zur Synagoge gehen und beten. daß das Licht der Thora nie erlöschen werde. an die brennende Lampe. vor wem du stehst. In der Küche wählte er die Nummer der Redaktion von Augenzeugen und fragte nach Camilla Williams. als hätte er gut gegessen und tief geschlafen. Sein Geist war klar.»Trag sie nicht allein. An diesem Morgen würde er sich die Zeit für ein richtiges. zog die oberste Schublade der Kommode im Schlafzimmer auf und holte den Tallit und die Tefillin heraus – den Gebetsschal und die Gebetsriemen.« Plötzlich dachte Julius an die tröstliche Atmosphäre der Synagoge. daß die Sonne den Kampf gegen die Wolken gewonnen hatte. Gib dich in Gottes Hand. Bitte ihn. die symbolisierte. daß er es oberflächlich tat und mit seinen Gedanken bereits bei dem bevorstehenden Tag war. doch er wußte sehr wohl. dich zu führen. bewußtes Gebet nehmen. wo man ihn einläßt‹«. Der Himmel über Malibu war strahlend blau. blickte auf die Wiedergabe der mit Malereien verzierten Handschrift in Rabbi Goldmans Katalog und sah seinen Weg deutlich vor sich. Als er nach langer tiefer Versunkenheit den Blick vom Gebetbuch hob. Während 451 . Er wußte jetzt. an die Lade mit den Thora-Rollen. alle Verwirrung und Unsicherheit schienen verschwunden. legte Julius die Autoschlüssel wieder beiseite. Doch als er im Geist die Stimme seines längst verstorbenen Vaters hörte. sah er. Zwar verrichtete Julius regelmäßig das Morgengebet. Julius fühlte sich so erfrischt. Er ging ins Wohnzimmer. und an die hebräische Inschrift über der Lade: »Wisse. der sagte: »Baal Schem-Tow hat uns gesagt: ›Er ist überall dort zu finden.

« 452 . wanderte sein Blick zurück ins Wohnzimmer und zu dem bemerkenswerten Buch. denn sie wurde nie geschrieben. ist nichts bekannt.er auf die Verbindung wartete. »Sie hinterließ sechs Schriftrollen über Alchimie und Zauberei«. hieß es in der Handschrift. daß sie gestorben war. bevor sie ihre Geschichte zu Ende erzählen konnte. sowie die Tatsache. das eine Darstellung der letzten Tage der Sabina Fabiana enthielt – die Umstände und den Ort ihres Todes. von der die Legende berichtet. »Über die siebte.

die in der kalten Dezembernacht im Lichterglanz strahlten. Sie waren um Haaresbreite mit dem Leben davongekommen. D. »Ich weiß. besonders in der Weihnachtszeit. Wie sich herausstellte. Garibaldi seine Reisetasche und den Laptop -. so sagte man ihnen. die ihre Hand umschlossen. Die Maschine brachte sie nach Washington. am liebsten diesen Weg. als das Taxi langsam durch die verstopften Straßen rollte. D. Catherine nahm kaum etwas von den berühmten Bauwerken und Denkmälern wahr. Sie haben mich nicht darum gebeten«. hatte Garibaldi Reiseschecks besorgt. jetzt am Abend war die Luft schneidend kalt. der ihre Hand hielt. sagte der Taxifahrer. Dann sind alle Denkmäler angestrahlt. die gekauften Kleidungsstücke hatten sie zurückgelassen. fügte er freundlich hinzu. Das kostet nichts extra«. Sie blickte auf Garibaldis Hand hinunter. Bei ihrer Flucht aus Las Vegas hatten sie nur ihre persönlichen Dinge mitgenommen – Catherine die blaue Sporttasche. Nach der Ankunft hatten sie sich auf dem Flughafen 453 . seien es gerade null Grad gewesen. und die Kerzen am Weihnachtsbaum auf dem Rasen vor dem Weißen Haus brennen.C. Sie nickte. Bei ihrer Ankunft auf dem Flughafen hatten sie festgestellt. Sie war sich nur der Wärme der Finger bewußt. »Aber ich nehme bei Besuchern. daß es minus 5 Grad waren und das Thermometer weiter fiel. Sie nahmen den nächsten Flug. Ein Schauer lief ihr über den Rücken.Washington. »Alles in Ordnung?« flüsterte er. Tagsüber. die zum ersten Mal hier sind. der Las Vegas verließ. schloß die Augen und dachte sofort wieder an den Kampf und die Flucht aus dem Hotel Atlantis. C.

als sie am Washington-Denkmal vorbeifuhren. ihm wirklich zu vertrauen… »Wir müssen so schnell wie möglich wieder ins Internet«. Seitdem fiel es ihr sehr viel leichter. sagte sie leise mit einem Blick auf den Laptop 454 . als sie Garibaldi aus seinem Alptraum geweckt und er sie in die Arme genommen hatte.getrennt. in denen sich auch ein friedfertiger Mann blitzschnell in einen Kämpfer verwandeln mußte. wenn sie ihn nicht daran gehindert hätte. Catherine sah Garibaldi nachdenklich an. in denen sich Daunenjacken. um eine Unterkunft zu finden. »Zwei separate Zimmer. Er hatte ihr bewiesen. wirklich unter Kontrolle hatte. die er kultivierte. Handschuhe und Strickmützen befanden. daß er die tödliche Kraft. »Also«. Schals. »Im Radio sagen sie. Garibaldi ging zum Zimmernachweis-Schalter. Catherine machte sich auf die Suche nach einem Geschäft für Winterkleidung. geisterhafter Finger in den Himmel ragte. ›separate Zimmer‹ bedeutete. das wie ein anklagender. und Garibaldi mit der Nachricht daß er etwas für sie gefunden hatte. Eine halbe Stunde später trafen sie sich wieder: Catherine mit Einkaufstüten. Ohne sein Pangamot wären sie beide nicht mehr am Leben. »Übernachtung und Frühstück«. »was glauben Sie? Was wird an Silvester geschehen? Kommt der Weltuntergang oder eine schreckliche Katastrophe?« Er lachte leise. Garibaldi hätte seine beiden Gegner im Handumdrehen töten können. es wird wahrscheinlich schneien«. es bestand keine Gefahr einer Wiederholung der Episode der Nacht im Atlantis.« Catherine wußte. fuhr er fort und blickte fragend in den Rückspiegel. Als er darauf verzichtete. Er hätte den Killer mit dem lackierten Stock umgebracht. berichtete der Taxifahrer. stellte er unter Beweis. daß es im Leben Situationen gab. sagte er.

als man mir die Brieftasche gestohlen hat. Aber ich war in Panik und dachte. ich habe etwas voreilig gehandelt. daß Vater Pulaski nichts dagegen gehabt hätte.« »Wo haben Sie Ihre Uhr?« Er räusperte sich und blickte stumm aus dem Wagenfenster.und schob die Erinnerung beiseite. als sie am Jefferson-Denkmal vorbeifuhren. wenn ich meine Soutane trage.« Er seufzte und schüttelte den Kopf. es wäre ein Schutz für Sie. habe ich die Uhr verkauft. An dem Abend. als Sie beide das Lager im Sinai verlassen haben. das rund um die Uhr geöffnet ist. Statt dessen habe ich eine klar sichtbare Spur hinterlassen. »Ich dachte. War das alles nur ein böser Traum.« 455 . Die Kunden sind natürlich vor allem Spieler. Seitdem verfolgt er uns. die Geld brauchen. für alle Fälle. Catherine schloß die Augen.« Er zögerte. Der Killer muß mich in Santa Barbara wiedererkannt haben. aus dem sie nicht erwachen konnte? »Es ist alles meine Schuld«. murmelte Garibaldi kaum hörbar. wir brauchten das Geld. »Ihr Freund Daniel hatte Ihnen gesagt. Ich war ebenfalls dort. daß die katholische Kirche unbegrenzten Kredit hat. »Sie scheinen zu vergessen.« »Aber sie hat Ihnen so viel bedeutet…« »Ich gestehe. »Woher haben Sie eigentlich das ganze Geld?« Er lachte verlegen. »Verstehen Sie. Außerdem glaube ich.« Sie sah ihn an. daß der Mann von Havers unter den Schaulustigen stand. nicht wahr?« »Bei unserer Ankunft im Atlantis habe ich in der Halle das Firmenschild eines Antiquitätengeschäfts gesehen. »Sie haben Vater Pulaskis Uhr verkauft. Er nickte und drückte ihre Hand.

fügte er hinzu. denen Damen in Abendkleidern und Herren im Frack entstiegen.« Catherine legte verstohlen die Hand an ihre Brust. und er wird sie später vor ein paar Raufbolden beschützen. Das war immer so gewesen… Danno… Wieder stellten sich die Erinnerungen ungerufen ein. in dieser Gegend wohnt die Prominenz«. die Sache ist ihnen peinlich. Dann hört das Gelächter auf. Sie sieht. wie einem Jungen vor Mitgefühl die Tränen über die Wangen laufen. die Neue. wo an einem Eckhaus teure Wagen und Limousinen vorfuhren. sagte der Fahrer beruhigend. ein paar Kreuzungen von der Georgetown-Universität entfernt. In dem Prospekt. daß Danno sie ebenfalls verstanden hätte. Catherine Alexander. »Eine sehr gute Gegend«. als er vor einem Reihenhaus im Föderationsstil anhielt. Der Junge ist Danno. »Dort wird die eigentliche Politik gemacht!« Er deutete zum Ende der Straße.Sie nickte und sagte dann lächelnd: »Haben Sie vielleicht daran gezweifelt. denn Catherine weiß. »Hier. Der Besitzer hatte ihr für den Maya-Anhänger nicht annähernd soviel bezahlt. den Garibaldi vom Zimmernachweis am Flughafen 456 . Das Gästehaus befand sich in der N Street. Sie steht während des Unterrichts auf einem Hocker vor der Klasse. wie er ihrer Meinung nach wert war. steht auf dem Hocker und macht in die Hose. daß die Kirche Ihnen unbegrenzten Kredit einräumt?« Er lachte. Auf der Suche nach Garibaldi war sie ebenfalls in dem Antiquitätengeschäft gewesen. Die anderen Kinder fangen an zu kichern und zu lachen. Sie spürt etwas Nasses an ihren Beinen. wo das Jaguar-Amulett gehangen hatte. Aber sie wußte. Die Kinder verstummen. Die Stille ist schlimmer als das Gelächter. die anderen wissen. »Sie sind wirklich mit Komplimenten nicht sparsam. daß sie sich schämt.

»Ich nehme an. fuhr sie fort und bat Catherine und Garibaldi. die sie an der Tür begrüßte. »Auch wenn sie herausfinden. welchen Flug wir genommen haben. »Hierher können sie unsere Spur nicht verfolgen«. Die Flammen vervielfältigten sich als Spiegelbilder im glänzenden Schmuck des Weihnachtsbaums. daß sie plötzlich den Wunsch hatte.mitgebracht hatte. Im offenen Kamin brannte ein Feuer.und Lesezimmer und ein geräumiges Wohnzimmer. Alle diese Räume standen den Gästen zur Verfügung. länger hier zu bleiben. Selbst die Frau beim Zimmernachweis weiß nicht. »Es ist 457 . stand. Im Erdgeschoß befanden sich ein elegantes Eßzimmer. Sie sind der Herr. »Treten Sie ein. ein ruhiges Spiel. die sich ein Bad am Ende des Flurs teilten. der vom Flughafen angerufen hat«.« Auf dem Flug von Las Vegas nach Washington hatte Garibaldi den Priesterkragen abgenommen. Das Haus stammte aus dem Jahr 1790 und hatte eine interessante Geschichte. als der Fahrer ausstieg und ihre Sachen aus dem Kofferraum nahm. Im ersten Stockwerk gab es drei Zimmer mit Bädern. Garibaldis Zimmer lag im zweiten Stock. werden sie uns hier verlieren. das Gästehaus gehöre zwei verwitweten Schwestern. das zu einer Wohnung umgebaut worden war. den gepflegten Vorgarten. Sie lebten im Untergeschoß. sagte eine freundliche Frau. Darauf habe ich diesmal geachtet. ihr ins Wohnzimmer zu folgen. treten Sie ein«. Catherine blickte auf den weiß lackierten Holzzaun. daß ich ein Priester bin. Catherines im ersten. die das Rot des Backsteinmauerwerks gliederten. Im obersten Stock konnten bis zu acht Gäste wohnen. sagte er leise zu Catherine. die schindelgedeckten Dachgauben und die schönen weißen Rahmen von Fenstern und Türen. Es sah alles so einladend und wohnlich aus.

sagte er und zog die schwarze Jacke aus. daß man nur ihre Augen sah. Garibaldi. erwiderte sie. und ich komme in ein paar Minuten mit einem Glas Sherry nach. »Ich nehme beim Fliegen den Kragen immer ab«. Mr. O’Toole das schwarze Priesterhemd und das kleine Goldkreuz sah. Ich bin Mrs. Ihrer Schwester fehlt nichts. O’Toole. als sie die Treppe hinaufstieg. darf ich Ihnen einen Sherry anbieten? Die meisten Gäste sind ausgegangen. Ja. Wir werden Sie nicht belästigen.« »Natürlich«. Sie wird darüber hinwegkommen müssen. sagte Catherine. »Ja?« »Ich habe etwas Dringendes für meinen Monsignore zu 458 . und…« »Genaugenommen«. »Sie hat vor kurzem einen sehr guten Freund verloren…« »Ach.wirklich sehr kalt heute abend! Bitte geben Sie mir Ihre Jacken. sagte Garibaldi und lächelte verlegen.« Als Mrs. »Natürlich!« erwiderte Mrs. die Catherine am Flughafen für ihn gekauft hatte. O’Toole. wie schrecklich. »Sonst kann ich mich im Flugzeug nicht entspannen. strahlten ihre Augen. »Lucy wird Sie hinaufbringen. aber…« »Eigentlich. »Ich hoffe. O’Toole.« Er sah Catherine nach. Warum setzen Sie sich nicht ans Feuer. würde ich gern gleich auf mein Zimmer gehen«. »Also. Vater Garibaldi. »Bin ich Vater Garibaldi. überlege ich…« Sie sah ihn mit großen erwartungsvollen Augen an. Mrs.« »Wenn es möglich ist. Sie hielt sich den leuchtend roten Schal vor das Gesicht und hatte die passende Strickmütze so tief in die Stirn gezogen. In meinem Haus bekommt jeder Gast zur Begrüßung einen Sherry!« Sie wandte sich an Garibaldi. ich verstehe.

daß Sie ihn benutzen. An der Wand sah er ein Klavier. den ich mir kurz ausleihen könnte.« »Ich überlege. solange sie wollen. Mein Enkel benutzt einen Computer.« »Oh.« Als sie sein enttäuschtes Gesicht sah. Im Augenblick ist er nicht da. Vater. fügte sie schnell hinzu: »Warten Sie. und leider ist mit meiner Festplatte etwas nicht in Ordnung. ob Sie möglicherweise einen Computer haben.« »Vielen Dank«.« Ihr Lächeln gefror. »Wie bitte?« Er hielt den Laptop hoch. worauf sie deutete. Benutzen Sie ihn. »Mein Computer muß repariert werden. Dann sah er.« »Computer?« sagte sie. »Wissen Sie. »Wollen wir mal sehen…« Sie drehte sich langsam um. hier neben dem Fernseher ist er. Ich bin sicher. er hätte nichts dagegen. »Wo stellt er ihn immer hin? Ach ja. Er ist in diesem Alter. Vielleicht ist ja auch unter Ihren Gästen jemand mit einem Computer.erledigen. 459 . Es war ein Spielcomputer für Kinder.« Garibaldi folgte ihr ins Nebenzimmer. und kann über nichts anderes als Computer reden. Und meine Gäste… Ich weiß nicht. wissen Sie. wenn er zu Besuch kommt. wo vor einem Fernseher drei Sessel standen. sagte Garibaldi. ich habe ganz bestimmt keinen. aber er hat den Computer hier gelassen. Bitte kommen Sie mit. Niemand hat etwas von einem Computer gesagt.

erwiderte Raphael und grinste. »Die Frau am Schalter von Delta sagt.« »Wohin?« »Zum Besuch beim Präsidenten«. in dem Zeke vor dem Flughafengebäude auf ihn wartete. 460 . sagte er. ein Priester hat zwei Tickets gekauft.Las Vegas. stieg ein und steckte seinen falschen FBI-Ausweis in die Jackentasche. Nevada Raphael kam zurück zum Wagen. »Ich habe sie gefunden«.

DER ELFTE TAG 461 .

daß ich regelmäßig in das Hospital im Isistempel ging und den Schwestern half. was ich während meiner Freundschaft mit Satvinder gelernt hatte. Ich weiß. daß ich beobachten konnte.Freitag. die täglichen Ereignisse einer Frau seien für ihn nicht wichtig. ihm von meinem Tag zu erzählen und davon. am Herd und bei der Familie. um die ich mich hätte kümmern müssen. Ich sah. ihnen den Weg in die nächste Welt zu erleichtern. Philos ahnte nicht. Dezember 1999 Die Liebe kam auf völlig unerwartete Weise. hörte er mir nicht zu. die Kranken und Sterbenden zu pflegen. 24. Ich konnte etwas medizinischen Beistand leisten. wie er den Tag verbracht und was er gelernt hatte. Der Platz einer Frau sei im Haus. Da ich keine Familie hatte. sagte er. auf welch unterschiedliche Weise die Menschen sterben. Für manche Menschen ist der Tod wie ein 462 . Ebensowenig wußte er. daß sich Frauen in Geschäften. konnte ich mir meinen Traum erfüllen und die Botschaft des Gerechten verbreiten. verschwand nach kurzer Zeit unter irgendeinem Vorwand in seinem Arbeitszimmer und schloß die Tür. und daß andere unruhig werden und Angst bekommen. was ich gelernt hatte. Doch wenn ich anfing. Er kam abends nach Hause und erzählte mir. daß es Menschen gibt. Philos war den ganzen Tag bei den Männern in der Stadt. im Handel oder in einem Beruf betätigen. Und so kam es. er war der Meinung. Als Grieche hielt Philos nichts davon. die den Tod in Würde und Ruhe erwarten. und da mein Ehemann nur selten zu Hause war. aber meist saß ich nur an den Betten der Sterbenden und versuchte.

die der Botschaft des Gerechten folgen. Doch es gab andere. das gesehen zu haben. aber wir sterben auf unterschiedliche Weise und jeder zu einem anderen Zeitpunkt in seinem Leben. Wenn ich an den Betten der Menschen mit einem starken Glauben saß und bei anderen. wo meine Ahnen sind«. die nichts davon hören wollten. Alle anderen werden zugrunde gehen.langer Schlaf. und ich lebe. sagten die einen. die da sind und kommen. Ich halte die Schlüssel des Todes und des Lebens in meiner Hand. die sich ohne jeden Glauben auf den Weg in das Jenseits vorbereiten mußten.« Jene. als Wind über die Welt zu wehen oder auf alle Ewigkeit in dunkle Höhlen 463 . andere fürchten sich nach dem Übergang in die Geisterwelt vor schrecklichen Foltern und großen Qualen. wie die Kranken die Augen schlossen und ihren letzten Atemzug taten. daß sie sich auf die Reise an einen neuen Ort begaben. sagten die anderen. fürchtet euch nicht. sondern glaubt. Doch der Weg lehrt. starben in Frieden. Während der Wochen und Monate im Isistempel wurde ich Zeugin einer universellen Wahrheit: Wir sterben alle. der zu uns gesagt hat: »Ich bin vor der Zeit von allem. »Wir werden dort einen neuen Körper bekommen«. und wieder andere haben viele Fragen. sprach ich zu ihnen von der Botschaft des Gerechten. das da ist. ich bin am Ende aller Dinge. Manche waren davon überzeugt. daß nur jenen. Die Ägypter glauben. Viele behaupten. »Mein Geist wird dorthin gehen. ein Leben nach dem Tode bestimmt ist. Ich erlebte oft. die diese Botschaft annahmen. Ich hielt Ausschau nach der davonfliegenden Seele. Anhänger anderer Religionen glaubten. die Seele verlasse den Körper durch die Nase in Gestalt eines Vogels. aber ich habe sie nie gesehen. Ich habe den Tod erlitten und das Leben gefunden. Ich habe es nie beobachtet.

es gebe eine andere Möglichkeit. zog er den Pfeil mit sich. Philos warnte den Verletzten aber vor der Infektionsgefahr. Er zog sich in sein Arbeitszimmer zurück. sondern ein Fremder. Aber er war mit seiner Alchimie beschäftigt und mit der Suche nach einem Elixier. Ich wollte mit Philos darüber sprechen. An diesem Abend kam Philos in mein Zimmer – denn wir hatten damals getrennte Schlafzimmer – und fragte mich. niemals alle rechtzeitig mit seiner Botschaft erreichen können. in dessen Haus ich lebte. Als ich den Ast losließ. 464 . Ich zog einen starken Zweig nach unten. das ewiges Leben schenkt. Er las und führte Experimente durch. Wir brachten den Verletzten auf meine Anweisung in den Garten zu einem Baum. denn ihn trieb der Wunsch. Er wollte den Mann in einen künstlichen Schlaf versetzen und den Pfeil dann mit einem Skalpell herausschneiden. er habe überhaupt nichts gespürt. die Anhänger des Gerechten. der Pfeil könne nicht herausgezogen werden. Er würde sein Bein nicht verlieren. Philos säuberte und verband die Wunde. und der Mann ging davon. und er zurückschnellte. schloß die Tür und arbeitete bis spät in die Nacht. Ich hörte ihnen zu und lernte etwas über die vielen Vorstellungen vom Leben nach dem Tod. Als ich das hörte. faßte ich mir ein Herz und sagte.hinabzusteigen. über die andere spotteten. Eines Abends brachte man einen Verletzten zu uns. die Wahrheit der alten Überlieferungen zu beweisen. Es ging so schnell. befestigte eine Schnur daran und verknotete das andere Ende am Pfeilschaft. Aber meine Verzweiflung wuchs. in dessen Bein eine Pfeilspitze steckte. daß der Mann staunend erklärte. So kam es. weil wir. daß er das Bein verlieren werde. vor dem Wundbrand und der Möglichkeit. Philos untersuchte ihn und erklärte. daß er nicht länger mein Mann war.

die wir in Indien gesehen und erlebt hatten. wir hätten nichts zu befürchten. daß Britannien unser Ziel war. und ich würde endlich meine Heimat wiedersehen. Aber es sollte nicht sein. bekam ich Angst. bei mir. Ich erzählte ihm von Satvinder. Ich brachte ihn zum Diakon der Gemeinde. Als der Morgen graute. Wir blieben die ganze Nacht wach und redeten zum ersten Mal in unserer Ehe wirklich miteinander. Der Tag kam. Ich sagte zu Philos: »Britannien ist nahe der Rheingrenze. an das wir denken müssen. Können wir Cornelius Severus nicht verlassen und nach Hause reisen?« Doch Philos hatte von riesigen Steinen gehört. liebten wir uns mit unseren Körpern und den Herzen. nach dem Dichter. Unser Sohn wurde neun Monate später geboren. wo die Priesterinnen unseren Sohn segneten und noch einmal tauften. die während des Goldenen Zeitalters.wo ich diese Methode gelernt hätte. er werde vielleicht zurück nach Antiochia versetzt werden. Wir erzählten uns gegenseitig von den wunderbaren Dingen. und sie taufte ihn. (Perpetua schreibt: »Sabina lacht. Danach trugen wir ihn in den Tempel des Hermes Logos. denn wir stünden unter dem Schutz des römischen Adlers. 465 . Obwohl ich eine Anhängerin des Gerechten war. Und er war das schönste Kind. wie viele andere der Gemeinde. in Britannien aufgerichtet worden waren. Als ich hörte.«) Wir nannten ihn Pindar. Ich hoffte. als die Menschen unter den Unsterblichen lebten. Wir haben jetzt ein Kind. an dem Cornelius Severus einen neuen Auftrag erhielt. Er sagte. Ich behielt Pindar. das es jemals unter den Menschen gegeben hat. glaubte ich. das Kind unserer Liebe. Und so schifften wir uns nach Britannien ein. immer auch noch an die Macht des Hermes und seiner Worte.

Alexander habe sich auf einem Kanal im Internet zu Wort gemeldet. als die Behörde erfuhr. Das FBI wurde heute morgen auf eine falsche Fährte gelockt. um die Fernsehnachrichten zu sehen. WERDE ICH DIE SCHRIFTROLLEN VERBRENNEN!»»» Es folgten Aufnahmen eines Hauses am See. New Mexico »Jahrtausendtollheit und der Wahnsinn im Internet!« Erika unterbrach das Einpacken der Weihnachtsgeschenke. wäre heute beinahe vom FBI festgenommen worden.« Der Kollege der Sprecherin fügte lachend hinzu. Sie sagen auch. daß eine heitere Meldung folgen würde. Die Sprecherin verriet durch ihr Lächeln. Dr. wollen wir kurz für alle jene erklären. daß es sich nicht um die flüchtige Archäologin handelte. Was Sie im Augenblick auf Ihrem Bildschirm sehen. Die 466 . die Internet überwachen. wann Jesus zurückkommen wird. das zwischen hohen Bäumen stand. Es stellte sich allerdings heraus. »Wie das FBI den Aufenthaltsort der Verdächtigen ausfindig gemacht hat. ist eine Wiedergabe des Textes. sondern um eine Hausfrau aus Seattle. »Die untergetauchte Dr. Catherine Alexander. der heute morgen auf den Monitoren der Beamten erschien.Santa Fe. Und wenn die Bullen mich nicht in Ruhe lassen. nach der die Polizei bisher ergebnislos fahndet.« «@CaAlex »Die Schriftrollen sagen den Weltuntergang voraus. bei denen das Computer-Zeitalter noch nicht begonnen hat. Der Sprecher fuhr fort: »Das FBI verfolgte die Spur des Teilnehmers bis zu diesem abgelegenen Haus auf der Bainbridge-Insel.

Als sie jetzt nach dem richtigen Papier für die polierte Schatulle aus Wurzelholz suchte – das wertvolle Dokument war erst an diesem Morgen aus London eingetroffen -. daß der Titel des Lords von Stratford-upon-Avon für die Rekordsumme von 228. wußte Erika. daß er diesen Titel gern selbst gehabt hätte. Obwohl bereits das sehr reizvoll klang. 467 . erklärte. Als Miles 1990 erfahren hatte. in der sie manchmal nicht genug Geld für einen halben Liter Milch besaß. Dafür brauchte sie ganz besonderes Papier. Weitere Nachrichten zum Thema Jahrtausendwende…« Erika stellte den Ton ab und griff nach dem Geschenk für Miles. den sie haben wollte. sie habe sich nur einen Spaß erlaubt. daß sie sich für Miles nicht mit einem beliebigen Titel zufriedengeben konnte. daß in England ungefähr zwanzigtausend Adelstitel zum Verkauf standen. Gastwirtin Barbara Young. »Die Beamten des FBI fanden das nicht sehr lustig. wie unbekümmert sie inzwischen mit Geld umging.000 Dollar verkauft worden war. erwähnte er. ihn zu erwerben. nicht zu vergessen. daß es einmal eine Zeit gegeben hatte.computerbegeisterte Besitzerin. Wer einen solchen Titel kaufte. hatte das Recht. sich zum Beispiel Lord oder Lady of the Manor zu nennen. Es war schwer. Aber wie verpackt man den Titel eines Lords? Sie hatte Miles zum letzten Weihnachtsfest des Jahrtausends ein ganz besonderes.« Die Sprecherin wurde wieder eingeblendet. Erika hatte sich das gemerkt und auf eine Gelegenheit gehofft. hatte sie sich nach Einzelheiten erkundigt. ein einmaliges Geschenk machen wollen. Tatsächlich stand der Titel in diesem Jahr wieder zum Verkauf. hob sie den Kopf und blickte hinaus auf die schneebedeckten Sangre de Cristo-Berge. Es gab nur einen. Erika dachte daran. Als sie las.

anderes nicht. und plötzlich erfaßte sie eine überwältigende Sehnsucht nach einem einfacheren Leben. bevor… Bevor? Erika hatte noch eine Offenbarung. die so klar und überwältigend war. daß sie aus einem Werk stammten. Das war die eigentliche Ursache ihrer Unzufriedenheit in letzter Zeit. die sie wie eine Offenbarung empfand.Ihre Finger strichen über das goldgehämmerte Geschenkpapier in ihren Händen. blickte sie auf die vielen Geschenke. in all diesem Reichtum. Ich suche den Weg nach Hause. die Zeit vor vielen Jahren. das er ihr zu Weihnachten schenken wollte. Wo dann? Zu Hause ist die Vergangenheit. erstaunt über diese schlichte. die ein anschaulicher Beweis ihres Reichtums waren. Es würde Miles ähnlich sehen. der du von Dunkelheit umgeben bist? Suchst du nicht den Weg nach Hause?‹« In letzter Zeit überraschte er sie häufig mit solchen Zitaten. vermutete jedoch. daß sie den Keim dieser Erkenntnis 468 . doch es gefiel ihr alles. daß ihr der Atem stockte und das Geschenkpapier ihren Händen entglitt. Erika wußte nicht. was er zitierte. als sei ein Schleier von ihren Augen gezogen worden. Damals. Und wo war ihr Zuhause? Nicht hier. Plötzlich begriff Erika etwas. auf diese Weise ihre Neugier zu wecken. Erika erkannte. Vor dem Krieg… Nun war es heraus. ich suche das Licht. klang biblisch. Er hatte heute morgen beim gemeinsamen Frühstück den Satz aus einem Buch zitiert: »›Suchst du nicht ein Licht. als Miles noch nicht den Durchbruch geschafft hatte… Sie erinnerte sich an die Worte von Miles. aber wahre Erkenntnis. Ja. flüsterte sie. du. »Ich suche tatsächlich den Weg nach Hause«. wo er sie fand. Während ihr der Satz immer wieder durch den Kopf ging. Manches.

der sie irgendwie verwirrte. und mit einem eigenartigen Optimismus. war ein anderer Mann als der. Aber nun. zwang sie sich. aus denen er schreiend aufwachte. widersprach seinem 469 . den sie 1968 einen Tag vor seiner Abfahrt nach Vietnam geheiratet hatte. Miles hatte nach dem Krieg wie ein kleines Kind geschlafen. in denen Erika es nicht hatte wahrhaben wollen. Er war ohne einen Kratzer zurückgekommen. wie andere Ehefrauen es von ihren Männern berichteten. Miles war mit einem seltsamen neuen Ehrgeiz zurückgekommen. in denen sie ihre Kinder großgezogen hatte und die Ehefrau des inzwischen beinahe legendären Miles Havers gewesen war. daß Miles sich in Vietnam auf beunruhigende Weise verändert hatte – er war fröhlich zurückgekommen. Der Mann. der zurückgekommen war. daß es in ihrem Fall irgendwie anders war. Es hatte keine Alpträume gegeben. der Tatsache ins Auge zu sehen. daß dieser Krieg das Leben Tausender zerstört hatte. Aber sie hatte geahnt. Die Erlebnisse in Vietnam hatten Miles anders geschädigt. Unteroffizier Manuel Perez. Er sprach nicht über seine Kriegserlebnisse. Zum ersten Mal seit dem Ende des Krieges stellte sie sich wieder die Frage: Was hat ihn so verändert? »In Vietnam gibt es keine Tiger. nach dreißig Jahren. Sie hatte es sich nur nie eingestehen wollen. Er brauchte keine psychologische Beratung. Er lächelte nur und sagte. er habe die Kraft des Tigers in sich.schon lange in sich getragen hatte – genaugenommen seit drei Jahrzehnten. Erika wußte. Mann!« Perez. keine Selbsthilfegruppen. er litt nicht unter Depressionen oder an Schuldgefühlen. den sie vorher nie an ihm bemerkt hatte.

schlugen das Zelt ab und waren jetzt. Es war Sommer 1968. Befanden sie sich überhaupt noch auf südvietnamesischem Gebiet? Zweitens. Jetzt gab es keine Verpflegung mehr. aber ein Selbstmörder war er nicht. bunt zusammengewürfelten Trupps her zu. Jungs!« rief er ihnen von der Spitze des desolaten. Im Basislager. »die gelben Teufel sind in der Gegend. Aber er tat das nicht in Hörweite des Oberst. Während die Sintflut das Land in einen Sumpf zu verwandeln schien. ihr Oberst war offensichtlich verrückt geworden. Doch es gab etwas Schlimmeres als den Hunger. Gefreiter Miles Havers. Perez mochte tollkühn sein. Sie waren sich der Allgegenwart der Vietkong so sehr bewußt. Es hatte tagelang nicht aufgehört zu regnen.Vorgesetzten. als sie im Gänsemarsch durch den dampfenden Dschungel marschierten. veränderte die Prioritäten eines Menschen. Die Männer der kleinen Kampfeinheit ahnten zwei schreckliche Dinge.« Daran mußte er seine Männer nicht erinnern. Vor zwei Tagen hatten sie die letzten Essensrationen aufgebraucht. und seine Phantasien kreisten um das Essen. »Hört mal her. Erstens: Sie waren so weit von ihrem Regiment entfernt. überließ er sich sexuellen Phantasien. und das machte ihnen noch mehr angst. in welche neue Hölle sie diesmal geraten waren. daß ihre Nerven unter der Anspannung zu 470 . Sie mußten weiter. Sie hatten seit langem weder ein Dorf noch ein Reisfeld gesehen. völlig ausgehungert. zwanzig Jahre alt. wo sie genug zu essen hatten. Sie haben es auf uns abgesehen. daß sie sich wahrscheinlich bereits hoffnungslos verirrt hatten. Der Hunger. hockten die Männer in einem stinkenden Zelt und fragten sich. so erkannte er. hatte noch nie in seinem ganzen Leben einen solchen Hunger gehabt.

Alle lauschten auf das metallische Klicken von Patronen. Sie machten das Gehen zu einer ganz neuen Herausforderung. was von ihnen übriggeblieben war. Dabei hatte er gelächelt und gesagt: »Ich werde den Tiger finden…« Deshalb konnte Miles nicht aufhören. um Himmels willen? Damit er auf seine verrückte Tigerjagd gehen kann. mit einem Kugelhagel von 350 Geschossen in der Minute den Dschungel in einen Fleischwolf zu verwandeln. Der Oberst hackte sich einen Weg durch das dichte Unterholz und rief fröhlich: »Denkt immer daran. denn das wäre das Signal gewesen. Aber noch schlimmer war die Bedrohung durch PimgiPflöcke – angespitzte grüne Bambusrohre. Selbst das Sonnenlicht auf ihren Gesichtern schien sie wie Sandpapier wundzuscheuern. die überall auf den Dschungelpfaden in getarnten Fallgruben steckten. das stehe irgendwie in einem Zusammenhang mit dem Hubschrauber. »Der 471 . es sei im Schlamm begraben worden. an das Funkgerät zu denken. Aber weshalb hatte der Oberst dabei den Hörer in der Hand gehalten? Sag es nicht! Der Oberst hatte den Hörer in der Hand. »Tiger jagen allein. Der Oberst hatte ihnen gesagt. sagte der Oberst und zog einen aufgeweichten Zigarrenstummel aus der Tasche seines Tarnanzugs. der den Major und den Leutnant abgeholt hatte – oder das. als sie der sintflutartige Regen überraschte. Aber wieso. Miles glaubte.zerreißen drohten. Der Oberst hatte danebengestanden und eingehend das Blut des Majors an seiner Hose betrachtet. die in die Kammer einer AK-4 gedrückt wurden. Jungs«. macht dich stärker‹« Der Oberst hatte sich verändert. weil er das Funkgerät absichtlich zerstört hat. was der große Sün Tse gesagt hat: ›Was dich nicht umbringt.

Der Tiger bewegt sich geduckt und mit erhobenem Kopf sehr langsam und vorsichtig. um sie anzuspringen. Sobald er die Beute erspäht.« Er steckte die angerauchte Zigarre in den Mund und sprach zwischen den Zähnen weiter. sagte der Oberst grinsend. Ein Tiger greift von der Seite oder von hinten an.« Er lachte zufrieden. »Der Tiger. Jungs. erschöpften Männer hinter ihm hertrotteten. und. Der Oberst fuhr in seinem Vortrag fort: »Die Beute wird am Hals gepackt und umgeworfen. den wir suchen. nämlich Hirsch und Wildschwein.« Der Trupp überquerte unter den üblichen Vorsichtsmaßnahmen einen kleinen Bach. Dabei beginnt er immer«.Tiger legt auf der Suche nach Beute bis zu zwölf Meilen zurück und verläßt sich mehr auf seine Augen als auf den Geruchssinn. verkriecht er sich in das Unterholz und wartet auf den richtigen Augenblick. Die Leute in der Gegend 472 . ein Tiger springt niemals hoch in die Luft oder macht zu große Sätze. Inzwischen hat sie dreizehn Menschen getötet und gefressen. wenn von dem Opfer nur noch Haut und Knochen übrig sind. Dann schleppt der Tiger sie ins dichte Unterholz und frißt sie über einen Zeitraum von mehreren Tagen auf. Wenn er die Beute anfällt. Jungs. »Die eigentliche Jagd ist sehr eindrucksvoll. ist ein Menschenfresser. denkt immer daran. Jungs. Dabei setzt er die Pfoten behutsam auf und verharrt immer wieder regungslos. ohne auf ihn zu hören. während seine ausgehungerten. »hinten. und sie hat einen Dorfbewohner getötet. Beim Reißen der Beute befinden sich seine Hinterbeine fest auf der Erde. Offenbar fand sie mehr Geschmack an Menschenfleisch als an ihrer üblichen Beute. Es ist eine Tigerin. um ihre Jungen zu schützen. erreicht er sie mit wenigen Sätzen. Und er hört erst auf.

nennen sie Seelendiebin. »Ich habe gehört. Miles mußte immer wieder an die Kompasse denken. Eine Brigade der nordvietnamesischen Armee. ohne den Männern irgendwelche Erklärungen zu geben. Wohin zum Teufel führte er sie? »Sperrt eure Augen und Ohren auf. der ihn gehört hatte.« Perez schloß auf und murmelte Miles zu: »Wenn du mich fragst. Mann. Es war sonderbar. der einzige Schwarze des Trupps. sagte er. Perez sagte leise: »Der Oberst hat wirklich eine Macke. Ich meine. überlief es Miles jedesmal eiskalt. »In der Gegend ist eine Vietkong-Patrouille gemeldet worden. was für ein Scheiß«. Nur der Oberst besaß noch einen. die bis zu den Zähnen mit sowjetischen Panzern und Artillerie bewaffnet ist. aber sie waren alle zu nervös. Mit den Augen des Oberst stimmte etwas nicht. um die Zigaretten anzuzünden. es ist eine Brigade. Wenn er sich umdrehte und seine Männer ansah. erwiderte der Oberst. der immer größer zu werden schien. ihren Kompaß zu verlieren.« »›Patrouille‹. Plötzlich war ihm der Oberst unheimlicher als die Vietkong oder die ganze nordvietnamesische Armee. hab ich einen Hunger. daß er und alle anderen es geschafft hatten. weil sie vierzehn Seelen gestohlen hat. was zum Teufel suchen wir hier überhaupt?« »Wir jagen einen Tiger«. sagte Jackson. und er blickte hin und wieder darauf. Jungs«. In der Mitte der Pupillen befand sich ein beängstigender schwarzer Fleck. der Oberst hat nicht mehr alle Tassen im Schrank.« Goldstein brachte eine Schachtel Camel zum Vorschein und reichte sie herum.« Miles überprüfte zum hundertsten Mal das Magazin seines automatischen Revolvers und schob ihn wieder in 473 . und grinste. O Gott.

obwohl er ein paar Schritte vor ihnen ging. Es ist mit Sicherheit unsere Menschenfresserin. »Die größte Spezies der Katzenfamilie.« Auch Miles hatte Angst. Es war ein 3er Ithaka.« »Sir. »Ein großer Tiger. Seine andere Waffe hing über der linken Schulter und schien mit jedem Schritt schwerer zu werden.« Er drehte sich wieder um und marschierte weiter. »Hier ist ein Tiger. aber wie ein Zwölfjähriger aussah. tötete man damit sehr schnell und wirkungsvoll. Feldwebel«. haben sie mir versichert. »jetzt habe ich aber wirklich Angst. Ich habe im Ponderosa davon gehört. die inzwischen als Bar diente. der achtzehn war. und weil es die Kugeln horizontal streute. drehte sich um und warf einen erstaunten Blick auf seine Männer. das liegt auf der Hand.« »Darf ich fragen. Er lebt überall. mein Junge. Sie haben es auf uns abgesehen. »warum wir diesen Tiger jagen?« Der Oberst blieb wie angewurzelt stehen. »Den Tigern gehört die Welt. zum ersten Mal in diesem absurden Alptraum von einem Krieg. Unteroffizier Perez. glauben Sie nicht…« »Panthera tigris!« rief der Oberst fröhlich. Man findet ihn im Schnee und im Bambus. »Jetzt«. murmelte der junge Smart mit klappernden Zähnen. »He. Es flößte Miles eine ungeheure Angst ein.« Er lachte leise. ein Selbstladegewehr. sagte Perez. »Man sollte glauben. Vietkong sind in der Gegend. wo es ihm paßt. Er hatte keine eigene 474 . im Regenwald und in der Wüste.das Halfter zurück. wenn wir wirklich einen Tiger finden?« Der Oberst hörte die Frage.« Das Ponderosa war eine ehemalige französische Villa im Hauptquartier in Saigon. flüsterte der junge Smart. Sir«. »Was ist.

aber mit einer gewissen Schärfe. die an Coffein erinnerte. Unteroffizier«. Es kam immer häufiger vor.Meinung über das Töten. Jetzt richtete sich sein ganzer Ehrgeiz jedoch darauf. Er wollte in die USA und zu Erika zurück. »Hier ist eine kleine Vorspeise. folgten sie dem Beispiel des Oberst. Als er sich überlegte. mein Junge. um euch Appetit zu machen«.« »He. Er blieb stehen und pflückte dunkelgrüne Blätter von einem großen Strauch. Es stellte sich heraus. sagte Perez. Er verteilte die Blätter wie Hostien und ermahnte die Männer: »Ihr müßt gut kauen. dessen jungenhaftes Kinn große Pickel zierten. flüsterte Smart. wieder lebend aus dem Gemetzel herauszukommen.« Die Augen der Männer in den hageren. machte er bereits Liegestützen in einer Kaserne. Ihr werdet schlemmen. »Sir«. Sie rollten Splittergranaten in die Zelte von Offizieren. was sie dachten. verdreckten Gesichtern wurden groß. sagte der Oberst. Da ihre Mägen knurrten. Schlemmen? Was?. sagte Perez. daß sich Mannschaften von ihren Vorgesetzten ›trennten‹. die daraufhin in tausend Stücke zerrissen wurden. »habe ich die Erlaubnis. kauten herzhaft auf 475 . daß die Blätter nicht schlecht schmeckten – ähnlich wie Spinat. der mit ungewöhnlich roten Blüten übersät war. Er wußte. »sollen wir uns vielleicht von jetzt ab wie Pferde von Gras ernähren?« Perez zog nachdenklich die Stirn in Falten und blickte in die ängstlichen Gesichter der anderen. Der Saft ist das Wichtige daran. hätten sie alle am liebsten gefragt. die Männer auf die Suche nach etwas Eßbarem zu schicken?« »Das ist nicht nötig. ob er seinen Einberufungsbescheid verbrennen und nach Kanada flüchten sollte. »Bleibt cool«. bevor die Nacht zu Ende ist.

Der junge Smart seufzte: »Waaauuuu…« Perez hielt sich eine Hand vor die Nase und schnupperte am Handgelenk. um noch mehr Blätter zu pflücken. »sind sehr muskulös. er höre. Die Pagode verschwand. Unsere Tigerin ist eine starke Mutter. Die feuchte Erde schien unter ihren Stiefeln sanft zu seufzen. als wanderten sie über die Brüste einer Frau. Sie hörten Vogelrufe. schwor Miles. Ihre geschwungenen Dächer strahlten golden. die wie das Lachen kleiner Mädchen klangen. um die Hebelwirkung der mächtigen Kiefer zu verstärken. daß er den Nebel hörte. und einmal. erklärte der Oberst. als sie anhielten. Der Schädel ist kurz. »Wahnsinn. Überall schienen Smaragde zu hängen. der sich auf der anderen Seite der Welt in die Bucht von San Francisco wälzte. 476 . Miles spähte durch die dicken Lianen und Schlingpflanzen und sah in einiger Entfernung eine leuchtend rote Pagode aus dem Dunst aufsteigen. Miles stellte fest. Er schloß die Augen und öffnete sie wieder.« Goldstein begann zu summen. fuhr der Oberst fort. Es war nur ein abgestorbener Baum. Er lächelte glücklich. rissen sie immer mehr Blätter von dem Strauch und stopften sie sich gierig in den Mund. schön…«.den Blättern herum und schluckten sie hinunter. als die Sonnenstrahlen im Dschungel verblaßten. spitze einziehbare Krallen. seufzte Jackson. und an den Pfoten hat er lange. Die Luft verfestigte sich und wurde zu Seide. Von plötzlichem Heißhunger gepackt. daß seine Ohren überempfindlich wurden. »Die Vorderbeine und Schultern eines Tigers«. Bald leuchtete der Dschungel in neuen Farben. Er hätte schwören können. wie sich die Blüte einer Orchidee entfaltete. »Tiger jagen nachts«.

um auf eine Lichtung zu spähen. Im letzten Jahrhundert wurde er nahezu ausgerottet. mandelförmigen Augen in die Richtung der Männer. Er ist dunkler gefärbt als der indische und heller als der südchinesische Tiger. »Was ihr da seht. gebutterten Popcorns. »Ich sehe keinen Tiger«. murmelte Goldstein. auf der das Gras wie Perlmutt schimmerte. Das Licht des gerade aufgegangenen Mondes trieb seine Spiele mit den Naturgesetzen: Formen veränderten sich.Miles blieb stehen und betrachtete eine große glänzende Popcorn-Maschine. daß Smart ihn anrempelte. dehnten sich aus und nahmen die ursprüngliche Größe wieder an. Miles schmatzte in Erwartung der salzigen. daß es den Männern den Atem verschlug. Wieso wittert sie uns nicht. »Großer Gott«. Ihr Fell wirkte im fahlen Mondlicht wie Schnee. Die Bestie drehte den Kopf und blickte mit schräg geschnittenen. Jungs«. Aber irgend etwas bewegte sich im Gras. hauchte der junge Smart. Sie war so schön. Sie hörten es – weiche Pfoten auf dem modrigen Boden. dachte Miles. fuhr er flüsternd fort und teilte Elefantenohr-Blätter. die zwischen den Farnen stand. »Da ist sie!« Wahrhaftig tauchte die Bestie auf der Lichtung auf. Es war eine schöne schlanke Tigerin mit elegant geformten Hinterbeinen. Ist sie nicht schön?« Die Männer spähten durch das Laub. Es war eine altmodische Maschine auf einem Karren mit großen Rädern und einem Aufbau. der wie ein Zirkuszelt aussah. »ist der indochinesische Tiger. durch den in dramatischen schwarzen Streifen die Erde zu sehen war. »Da ist sie!« sagte der Oberst mit gedämpfter Stimme und blieb so unvermittelt stehen. Auch Miles sah nichts außer einer dunklen Lichtung. Sie leckte sich mit einer überraschend 477 . Doch die Maschine löste sich auf und wurde wieder zu einem gewöhnlichen Steinhaufen.

Jungs!« Die ausgehungerten Männer zögerten nicht. und als er sie zurückzog. Plötzlich erstarrte sie jedoch. griff mit beiden Händen in den offenen Leib und begann. die Innereien herauszuholen – Nieren. Das warme Blut tropfte. die schwarzrote Leber. Dann war der Oberst auf den Knien. Ihre Augen standen offen. Die Männer bemalten sich mit roten Streifen und lachten wie Kinder unter dem Rasensprenger an einem heißen Sommertag. Als Miles näher kam. schoß und traf die sechshundert Pfund schwere Raubkatze mitten in die Brust. und flüchtig wirkten sie beinahe wie die einer Frau. Sie sank mit einem lauten Gurgeln ins Gras. als er es in zwei Teile schnitt und Jackson eine Portion zuwarf. Er hielt etwas Gelbes in den Fäusten.rosafarbenen Zunge die Lippen. zückte das Messer. Der Oberst rannte auf die Lichtung. Magen. und er stürzte sich ebenfalls auf das rohe Fleisch. wie sein Magen knurrte. Der Tiger stieß ein fürchterliches Gebrüll aus. Er öffnete das Tier mit einem Schnitt von der Kehle bis zu den Lenden. als wittere sie Gefahr. schob er energisch einen Gedanken 478 . »Bries«. als er rief: »Greift zu. Er hätte schwören können. Sie stopften sich voll mit dem Tigergeist und prahlten damit. Perez tauchte als erster die Arme in den offenen Leib. daß das Herz der Tigerin noch schlug. Dann spürte er. waren sie bis zu den Ellbogen rot. es zu verschlingen. die sie gefressen hatte. verrieb eine Handvoll klebriges Blut auf seiner weißen Haut. sagte er triumphierend und ging daran. die Seele der Seelendiebin zu essen und vielleicht sogar die Seelen der Menschen. der weiße Bauch blitzte auf. Miles zog das Hemd aus. warf er einen Blick auf das Gesicht der Tigerin. Der Oberst richtete sich furchtlos auf. Während er auf dem festen Herzmuskel kaute. Därme.

Es war ein unangenehmer. Miles? Es war doch ein Tiger? Wir haben doch einen Tiger gegessen?« 479 . In Vietnam gibt es keine Tiger! He. Sie hörten den Hubschrauber nicht kommen. als der Oberst sie aufgeschlitzt hat. häßlicher Gedanke. rief mitten in der Nacht an und sagte: »Ich habe nachgeschlagen. wie sie die Lichtung verlassen hatten. was haben die Kerle denn gemacht? Es sieht aus. Smart. sie waren keine denkenden Männer mehr. als hätten sie in Blut gebadet. Perez. Unteroffizier Perez. wie jemand sagte: »Mein Gott. der ihn verfolgte. der inzwischen als Anwalt in West Virginia lebte. daß sie an Bord des Rettungshubschraubers gekommen waren. Sie haben etwas gegessen. Goldstein und Jackson behaupteten später. und später wußte keiner von ihnen. Der Gedanke verschwand. und dabei sind sie nicht einmal verwundet…« »Sieh dir ihre Gesichter an. sie könnten sich nur daran erinnern. im Militärkrankenhaus von Saigon aufgewacht zu sein.« »Aber was? Da war doch nichts. die nur noch die nackte Lust am Überleben kannten. sondern Kreaturen. Sie war noch nicht tot.« »Ich habe etwas gesehen…« Jahre später hatte Miles aus heiterem Himmel einen Anruf erhalten. Doch Miles hatte nicht vergessen. und er gehört hatte.beiseite.

als sie durch die ruhige Straße gingen. frisches Obst und starker Kaffee. ob jemand etwas entdeckt hatte. D. Hinter ihr lagen elf fast schlaflose Nächte. um an einen Computer heranzukommen. O’Toole war sehr entgegenkommend und ließ Catherine die Mahlzeiten auf ihr Zimmer bringen. »Welcher Ironie?« Catherines Stimme drang gedämpft durch den dicken Wollschal. seit sich Catherine mit der Bitte. Aber die Bibliotheken sind geschlossen. an die Hawksbill-Gruppe gewandt hatte. Vor elf Tagen hatte Hungerford mit der Sprengung das JesusFragment ans Tageslicht gebracht.Washington. das sichere Haus zu verlassen. nach Informationen über Tymbos zu suchen. Drei Tage waren vergangen. »Sind Sie sich der Ironie bewußt?« fragte Garibaldi.C. Sie wollte herausfinden. 480 . Seit sie den Killern in Las Vegas so knapp entkommen waren. Catherines Zimmer mit einem Himmelbett. der beinahe ihr ganzes Gesicht bedeckte. »Wir sind hier in einer Stadt«. um nach einer möglicherweise existierenden Kopie der Texte oder nach der siebten Schriftrolle zu suchen. Wann würde sich das ändern? Mrs. saß ihr die Angst im Nacken. dem handgenähten Quilt. Hier ist der ideale Ort. »wo alle Bibliotheken ihren Benutzern Zugang zum Internet anbieten. Omelett mit Käse.« Catherine warf verstohlen einen Blick über die Schulter zurück. erwiderte Garibaldi. weil heute Heiligabend ist. Garibaldi hatte an diesem Morgen mit ihr gefrühstückt: selbstgemachtes Gebäck. während ihnen der kalte Wind ins Gesicht blies. frischen Blumen und der englischen Seife im Badezimmer gefiel ihr gut. Sie waren gezwungen.

und im Schaufenster hing ein Plakat. murmelte Garibaldi. was er meinte. »Ich verstehe das nicht«. Die Frauen kauften ›Butterfly 33‹. Computerspiele und Software-Pakete von Dianuba Technologies waren die großen Hits. daß die Leute in langen Schlangen geduldig vor den Kassen standen. Sein Konzern beherrschte den Markt. auf dem stand: TESTEN SIE UNSERE NEUESTE SOFTWARE FÜR INTERNET KOSTENLOS Sie liefen über die Straße. und Catherine bekam einen Riesenschreck. Drinnen drängten sich die Käufer. Er war zweifellos ein Idol und verkörperte die Zukunft. betraten das Geschäft. Er ist für sie eine Mischung aus Superman und Weihnachtsmann. Ein weihnachtlich dekorierter Computerladen. denn jeder kaufte sich mit seinen Produkten die Fahrkarte in das neue Jahrtausend. Kein Wunder also. und Garibaldi rief: »Da!« »Wie bitte?« Sie blickte über die Straße und wußte sofort.« Über dem Aufgang zur Dianuba-Software-Abteilung hing ein Transparent. die neueste interaktive Romanze auf CD-ROM. während sie sich einen Weg durch die Menge bahnten. daß beim Kauf jedes 481 . Niemand wollte zurückbleiben. daß es sich nur um einen lebensgroßen Aufsteller aus Pappe handelte. Auf der Suche nach den Vorführ-Computern stießen sie überall auf den Pappmann ›Havers‹. »Die Leute verehren diesen Verbrecher wie einen Helden. Vor ihnen stand Miles Havers! Dann sah sie zu ihrer Beruhigung.Wenn sie nur nicht weiter fliehen müßten und sich hier eine Weile ausruhen könnten… Sie bogen um die Ecke auf die Wisconsin Avenue. Dort stand.

Garibaldi warf einen Blick auf den ›Superpreis‹: dreihundert Dollar! Als endlich ein Computer frei wurde. Und das Besondere: Brauchen Sie eine große Datei. in Ihrem Fall werden die komprimierten Daten nach dem File Transfer eingelesen und für Sie auf den Bildschirm gebracht…« Die junge Frau nickte unsicher. gemeinnützigen Regenwald-Stiftung von Miles Havers zugute komme.beliebigen Artikels ein bestimmter Anteil des Preises der privaten. kämpften in virtuellen Welten und entdeckten den Spaß.und Entpackungsprogramm. Garibaldi hielt Wache. die Gruppe war Online. und der Verkäufer legte ihr strahlend das ›Komplettpaket für die Verbindung zum Daten-Highway‹ in den Einkaufswagen. Sie suchten in den Foren nach Angeboten auf den ›Schwarzen Brettern‹ und brachten die Drähte zu den Nachrichten der Welt zum Glühen. an Live-Diskussionen teilzunehmen. Das bedeutete. daß sie absolut nichts von all dem verstand. »So werden Massen manipuliert!« stieß Catherine wütend hervor. aus Anchorage. Die Vorführ-Computer waren von Neugierigen umlagert. Alaska? Kein Problem. 482 . was ihr angeboten wurde. das heißt. der man ansah. Ein Verkäufer redete auf eine Frau ein. Vor allem Jugendliche standen an den Tastaturen. Auf dem Computer war die sehr schnelle Scimitar Software installiert. sagen wir. Auf dieses Symbol klicken. dann sind Sie im Ver. eroberte sich Catherine geistesgegenwärtig die Tastatur. »Dieses Feature ist kostenlos in das Dianuba-Sicherungsprogramm KeepOut installiert. Erleichtert sah sie den Eintrag: #hawksbill. Mit einem Mausklick war sie im IRC. während sie arbeitete. klickten sich durch die Angebote im Web.

Der junge Mann wich zurück und verschwand in der Menge. Sie können mir ja dabei zusehen. Jetzt mußte sie warten. Sie sah zu Garibaldi hinüber. hörte sie eine Stimme hinter sich. »Scheint nicht viel loszusein«. Der Verkäufer hatte sie erreicht.« »Verzeihung«. daß er sich einen Namen aus dem Roman zugelegt hatte und nur auf ihr Auftauchen wartete. war es möglich. daß einer der Hawksbill-Leute ihn entdeckte und Kontakt aufnahm. sagte der junge Mann und deutete auf den Bildschirm »Wenn Sie nichts dagegen haben. Ich zeige Ihnen. Catherine blickte in ein lächelndes Gesicht. flüsterte sie. Catherine wußte. »Nun beeilt euch schon«. Sie war versucht. wagte es aber nicht. sich einzuwählen. »Seht ihr mich denn nicht? Ich bin es. »Was kann ich Ihnen über die neue Scimitar 483 . Deshalb tippte sie: /join #janet. einen unsichtbaren Kanal zu schaffen. »Guten Tag«. wie…« Catherine bekam einen eindrucksvollen Hustenanfall. würde ich gerne die Software ausprobieren. Janet. der mit seinen Fragen einen Verkäufer ablenkte. und auf der rechten Bildschirmhälfte erschien: #janet i. begrüßte er sie höflich. Wenn Havers die Sache mit ›Hawksbill‹ herausgefunden hatte. Aber dann hätte sie keiner aus der Hawksbill-Gruppe gefunden. Sie seufzte und blickte auf den Bildschirm. drückte die Eingabetaste. Sie starrte auf den leeren Bildschirm mit ihrem Namen – @janet – und hoffte. das Sicherste wäre gewesen.Natürlich würden sie staunen. »Wacht endlich auf!« sagte sie etwas lauter. daß sich Catherine über IRC meldete. Aber der Verkäufer würde sie nicht mehr lange in Ruhe lassen. Aber ein anderer des gut trainierten Verkäuferteams wurde auf sie aufmerksam.

wissen Sie. Bitte kommen Sie mit. Und so konzentrierte sie sich auf den Bildschirm. Die Leute machen alle Weihnachtseinkäufe!« fügte er eine Spur herablassend hinzu.cudenver. sagte der Verkäufer und war froh.co. »Außerdem sind viele dieser Kanäle in Europa. »Selbstverständlich. daß hinter ihr andere Leute unruhig auf eine Freifahrt durch das Internet warteten. die erkältete Kundin verlassen zu können.uk.edu. Dort ist es bereits Abend und Zeit. und Garibaldi hörte sie. Er drängte sich durch die Umstehenden. Der leere Bildschirm mußte sie irgendwann ungeduldig oder argwöhnisch machen. «SERVER»Sugar!~kharvey@scgrad.Software erzählen? Eine Frage: Sind Sie bereits mit Internet vertraut?« Er blickte auf den Monitor. ihr Gesicht zu zeigen. »Ach. «SERVER»Jean-Luc! fmason@ouray. Mit diesem verblüffenden neuen…« Catherine bekam wieder einen Hustenanfall. wo nur ihr Name stand und darauf wartete. könnten Sie mir etwas über die nahtlose Integration von FTP in die WorkPlace-Shell von OS/2 sagen?« Catherine senkte den Kopf und hustete in ihren Schal.demon. faßte den Verkäufer am Arm und sagte: »Entschuldigung. »Ja natürlich«. 484 . hallo. »Was soll ich Ihnen zeigen? Haben Sie vielleicht Probleme mit UNIX? Ich werde Ihnen zeigen. Aber sie durfte nicht riskieren. die Weihnachtsgeschenke auszupacken. Er war lauter als der erste. hätte Catherine am liebsten Mütze und Schal beiseite gelegt. Sie blickte auf die Uhr. daß sich jemand meldete. auf IRC wird im Augenblick nicht viel los sein.« Er griff nach der Tastatur und wollte etwas eingeben.« Nachdem sie weg waren. hallo. wie es geht. Wie lange stand sie schon hier? Sie spürte.

DialUp. Catherine wollte sich gerade erkundigen. [sugar] Janet: hast du das mit der Frau aus Seattle gehört.vetcom. [DOGbert] Ich will nicht sterben. du kannst nicht mehr hierher kommen. hallo. [SpaCeman] Aber nicht uns. [Sugar] Hi!:))) «Janet »Großartig. Leute!!! «SERVER»Maynard! ~rismith@ alice. die behauptet hat. «SERVER» Benhur! ~George@Sebakal. als wieder ein Kunde kam und sich hinter sie stellte. wir haben dein Bild in den Zeitungen gesehen. [BENHUR] Janet: Fröhliche Weihnachten [sugar] Was sagen die Schriftrollen??? Geht die Welt an Sylvester unter? Soll ich mich mit Prankie verabreden oder einfach zu Hause bleiben und sterben? Hahahaha «SERVER»Trilogy! Atomba@ix-orl-22. Das FBI überwacht die IRC Kanäle. [Jean-Luc] Janet. [BENHUR] Noch nicht.brad.us.Catherine hätte vor Erleichterung beinahe laut gejubelt.ix. nicht Hawksbill. [Jean-Luc] Janet. «SERVER»Carlos!mongo@dianuba. wir haben auf dich gewartet. ob jemand Tymbos gefunden habe.Polaris. hallo. Der nächste Hustenanfall vertrieb jedoch auch ihn. [Carlos] Wir glauben dir.com. Man hatte sie entdeckt! «Janet »Hi. hallo.ac. Hoffentlich schnappen sie dich nicht. [Jean-Luc] Janet. hallo.Telnet. daß ihr mich entdeckt habt. Du bist sehr hübsch. sie wäre du? 485 .

die sie nie getroffen hatte und vermutlich auch nie treffen würde. Alexander wirklich selbst einen Kanal einrichtet. -) Nach einem schnellen Blick über die Schulter tippte Catherine: »Habt ihr Tymbos gefunden?« [Jean-Luc] Kein Tymbos. [TrilogY] leider nein!!!! [sugar] Wir haben es versucht. [DOGbert] viel Glück! * DOGbert umarmt Janet. Dann tippte sie: «Janet »An alle: Es ist besser. das würde die Polizei und alle von deiner Spur abbringen ):-p [Jean-Luc] Wir geben falschen Alarm. damit sie nicht so schnell agieren. Es ist hier nicht sicher. Seid ihr das gewesen? [TrilogY] Wir dachten. Sie werden es wieder für einen Witz halten.[SpaCeman] Und das FBI hat sie aufgespürt:))) «Janet »Ja. TrilogY auch ich… auch ich wünsche dir Glück.:( [BENHUR] Überall…. [Jean-Luc] Wirst du jemals zu uns zurückkommen? Catherine blickte auf den Monitor und las die Worte und Gesten von Menschen. ob 486 . Wir schaffen andere Kanäle. ihr geht. Catherine blickte enttäuscht auf den Bildschirm. «SERVER»Dogbert hat sich verabschiedet. «SERVER»TrilogY hat sich verabschiedet. Sie wußte nicht. [sugar] paß auf dich auf :-) sugar küßt Janet (((umarmt sie))) «SERVER»sugar hat abgeschaltet. falls Dr.

«SERVER»Benhur hat sich verabschiedet. «SERVER»Maynard hat sich verabschiedet. Waren sie zwanzig oder siebzig? Lebten sie in den Vereinigten Staaten? «Janet »Jean-Luc: wahrscheinlich nicht. «SERVER»Carlos hat sich verabschiedet. * Janet umarmt euch alle. Danke für eure Hilfe. Auf dem Bildschirm standen nur noch zwei Namen:«@Janet und Jean-Luc. «SERVER»Spaceman hat sich verabschiedet.›sugar‹ eine Frau war oder ›spaCeman‹ ein Mann. [Jean-Luc] Janet… «Janet»Ja? Es dauerte eine Weile. bevor eine Antwort kam: [Jean-Luc] Vielleicht treffen wir uns im neuen Jahrtausend… /leave DISCONNECT SERVER NO CARRIER 487 .

daß es nicht der Aufmacher der New York Times oder der italienischen Oggi war. Der Vatikan war 1995 an das Internet gegangen. und es ging eine Flut von Telegrammen aus aller Welt ein. Rom Kardinal Lefevre sah die Schlagzeile: »FRAU BERÜHRT PHOTO EINER ALTEN SCHRIFTROLLE UND IST VOM KREBS GEHEILT!« Die Tatsache. Die Telefone im Vatikan standen keinen Augenblick mehr still. Kardinal Lefevre erinnerte sich an den denkwürdigen Augenblick vor vier Jahren. nickte er dem diensthabenden Priester zu. der hinter einem Schreibtisch an einem Computer saß. O ja. Auf dem Weg zu der Tür. in denen die Heilkräfte des sogenannten Jesus-Fragments bestätigt wurden. Diese Schlagzeile machte nur deutlich. sondern nur die Schlagzeile eines amerikanischen Sensationsblattes. es hatte auch hier Veränderungen gegeben: Nun standen Computer im Archiv. als zwanzigtausend Seiten Handschriften plötzlich in den Cyberspace entlassen wurden und auf diese Weise Menschen auf der ganzen Welt mit einem Klicken der Maus Bilder aus mittelalterlichen Miniaturen und illuminierten Handschriften auf ihren Bildschirm rufen konnten. Wer wollte da behaupten. wie weit der Wahn der Verblendung um sich gegriffen hatte. deren geprägte Bronzeplakette die Aufschrift Archivio Secreto Vaticano trug. die Kirche gehe nicht mit der Zeit? Der Vatikan hatte in den neunziger Jahren sehr umsichtig den Schritt in das Computer-Zeitalter gemacht und würde auch im nächsten Jahrtausend auf 488 . nahm ihr in den Augen des Kardinals nichts von der Wirkung.Der Vatikan.

Sie waren auf der Rückseite mit Bleistift datiert – 15. Natürlich waren es nicht alle Photos. 99 -.seine Weise die Massen in aller Welt beeinflussen. daß Catherine Alexander auf dem Sinai etwas gefunden hatte. numeriert und mit den Initialen ›C. Man hatte auf diesem Weg nur ein paar besorgen können. der tatsächlich geheim war. um Seine Eminenz davon zu überzeugen. Theologen im Fachbereich Archäologie waren davon nicht 489 . in dem ein kleiner Teil der fünfundvierzig laufenden Regalkilometer Archivmaterial aufbewahrt wurde. auf deren Loyalität die Kirche zählen konnte. das nicht ignoriert werden durfte – nicht von Kardinal Lefevre. – Catherine Alexander‹ versehen. Dort lagerten in Gewölben mit dicken Mauern Tausende nicht erfaßter und katalogisierter Schriften. die inoffiziell aktiv geworden waren. Dezember 1999. Der Kardinal betrat einen der großen Räume. Doch sie genügten. ›Geheim‹ bedeutete in diesem Fall nicht versteckt und ganz sicher nicht verboten. Lefevre wußte. Kurz zuvor hatte ihm ein Kurier einen Umschlag mit Photos überbracht. Es hatte Tage gedauert. daß die Menschen den Namen der Bibliothek falsch deuteten. sondern schlicht ›privat‹. das sich in aller Klarheit mit den Aufgaben und Pflichten von Theologen beschäftigte. auf den der Entwurf eines Dokuments zurückging. sondern bis hinunter zu Angehörigen der Polizeibehörde von Santa Barbara.12. die Verbindung herzustellen. Eigentum der Kirche. nicht nur zu hohen Beamten. A. Das Geheimarchiv war natürlich Wissenschaftlern und Studenten zugänglich. einem Mann. Daneben gab es Anmerkungen in Tinte: das Datum des 17. eine Aktennummer und die Initialen eines Polizeibeamten. An diesem kalten Nachmittag des vierundzwanzigsten Dezember verließ Kardinal Lefevre jedoch den öffentlichen Teil der Bibliothek und verschwand im hinteren Bereich.

fragte Kardinal Lefevre in ein stummes Selbstgespräch vertieft. eine authentische Interpretation des Wortes Gottes zu geben. Auch Dr. um sie zu übersetzen. die widerrechtlich wertvolles Kircheneigentum an sich nehmen – falls es sich bei den Schriftrollen tatsächlich um christliche Dokumente handelt. dachte er mit gerunzelter Stirn. Der Aufschrei von Bibelwissenschaftlern und Historikern beim Erscheinen des neuen Katechismus war zu erwarten gewesen. die von der offiziellen Kirchenlehre abwichen. Vor allem nicht. wie diese Institution jetzt so schön hieß. Leitlinien festlegen und Strukturen vorgeben. von zornigen jungen Frauen. Aber was stellen diese Leute sich eigentlich vor. das Wort Gottes nach eigenem Gutdünken auszulegen.« In diesen Bereich gehörten auch Dokumente aus dem Altertum. Das Büro des Kardinals in der Kongregation führte einen täglichen Kampf darum. Der Kardinal hatte im Namen der Inquisition oder der Kongregation für Glaubensdoktrin. daß Theologen.ausgenommen. wurde allein dem Lehramt der Kirche übertragen. eine Sünde begingen. der feststellt: »Die Aufgabe. Alexander hatte in einem Brief heftig gegen die Gleichsetzung von Dissens mit Sünde protestiert. hätte das ein allgemeines Chaos und den Zerfall der kirchlichen Macht bedeutet. Man mußte Grenzen ziehen. überarbeiteten Version des Katechismus. und sie aus ihrer 490 . in diesem Dokument unmißverständlich klargestellt. daß die Fundamente der katholischen Kirche nicht von dissidierenden Theologen unterhöhlt wurden. während er mit einem Spezialschlüssel die Tür des nächsten Gewölbes aufschloß. bei denen es sich möglicherweise um christliche Texte handelte. Wenn es jedermann erlaubt gewesen wäre. Das stand völlig im Einklang mit der 1990 erschienenen.

Der Beauftragte des Vatikans. dem die Diakonin die Schriftrollen übergeben sollte. Er nahm ein Papyrusfragment aus der Kassette. wie der Gerechte prophezeit hat.« Paläographie und die Radiokarbon-Untersuchung führten zu einer Datierung des Fragments zwischen 100 und 150 nach Christus. kann Dein Herz Frieden finden.voreingenommenen Sicht für alle Welt zu interpretieren! Seine Eminenz kannte Catherine Alexander. bei dem Dokument handle es sich möglicherweise um das Fragment eines verlorengegangenen Evangeliums. und das der Sand Algeriens beinahe zweitausend Jahre unzerstört bewahrt hatte. und ein Schauer lief ihm über den Rücken. Denn das Geschenk des ewigen Lebens ist Dein. Gehört das Fragment zu den Schriftrollen der Sabina. Nina Alexander untersagt hatte. war von Kardinal Lefevre nach Kalifornien geschickt worden. Da ›der Gerechte‹ in der Bibel ein Titel des Messias war. Es war der Name des Königs. Hatte der Verfasser des Briefs Sabinas Text gelesen und eine Kopie angefertigt? 491 . falls man sie verfolgen würde. Es handelte sich offenbar um einen Brief. Wir werden niemals sterben. Wie die Mutter so die Tochter. ihre Irrlehren weiter zu verbreiten. dachte er und griff nach einer Stahlkassette. da Dir die genaue Stunde der Wiederkehr des Gerechten und der Tag des Endes aller Dinge gesagt worden ist. der vor siebenundzwanzig Jahren Dr. Ein Wort auf dem ersten Photo hatte seine Aufmerksamkeit erregt und ihn schließlich hinunter in dieses Gewölbe. das man 1932 bei Ausgrabungen in Nordafrika in einer Ruine entdeckt. fragte sich der Kardinal. »Nun. hatte der Vatikan vermutet. und es deshalb in seine Archive aufgenommen. der im Griechisch des römischen Reiches geschrieben war. in die tiefsten Regionen des Geheimarchivs geführt: Tymbos.

War die siebte Schriftrolle in Timgad versteckt worden? Lag sie vielleicht immer noch dort und wartete im Sand Nordafrikas darauf. sie sei auf der Suche nach einer siebten. entdeckt zu werden? 492 . vielleicht sogar der Perpetua? Das Fragment war in der Nähe der alten Stadt Timgad gefunden worden.Oder stammte er von der Hand der Diakonin Amelia. Alexander sei nicht im Besitz aller Schriftrollen der Sabina. ›Timgad‹ – ›Tymbos‹. Ließ die Ähnlichkeit der Namen auf einen Zusammenhang schließen? Im Internet kursierten Gerüchte. Dr. überlegte der Kardinal. Man sagte.

»Das bringt nichts. sagte Raphael. 493 . »wenn du Priester wärst.« Er wartete auf Catherines Antwort. Sie saß mit neuen Gummihandschuhen über eine Schriftrolle gebeugt und entfaltete sehr behutsam das erste Blatt der fünften Schriftrolle. Hitze. »Kein Glück?« fragte Zeke. sagte er. und sein Blick fiel auf die Reihe wartender Taxis vor der Ankunftshalle für Inlandflüge.« »Er hat uns in Las Vegas genau gesehen. »die Kirche ist nur drei Straßen weiter. Vielleicht kannte er uns schon vom Sinai. als er in den Mietwagen stieg. Ja.Washington. schüttelte den Lockenkopf und murmelte: »… und was jetzt?« Zeke trommelte mit den behandschuhten Fingern auf das Steuerrad. Zeke hatte die Heizung nicht eingeschaltet.« »Das heißt«. D.« Raphael schloß die blauen Augen. Wir haben jeden Fahrer zweimal gefragt. ihm war das im Augenblick gleichgültig. Kälte. er wolle hellwach bleiben und einen klaren Kopf behalten. wohin würdest du an Heiligabend gehen?« »Ich werde nicht lange wegbleiben«. Hier können wir weg«. obwohl die Temperatur um den Gefrierpunkt lag. was jetzt? »Raphael«. Und alle. die letzte Nacht gearbeitet haben. hielt ihn warm. Er sagte. sind heute wieder da. Havers dieser Auftrag kosten würde. sagte Garibaldi. was Mr. Raphael hatte nichts dagegen. erwiderte Zeke und ließ den Wagen an. Der Gedanke daran. »Keiner hat einen Priester gesehen.C. »ihr Begleiter reist neuerdings in Zivil.

»Ja. es lag nicht in meiner Absicht. Alexander zu kaufen. etwas davon nach außen dringen zu lassen.« Catherine richtete sich auf und sah ihn an. Alexander hat mein Angebot bisher abgelehnt. Havers«. 494 . Catherine wechselte den Sender. ich könnte Sie überzeugen…« Er sprach den Satz nicht zu Ende. sagte sie. Aber Dr. es gibt diese Schriftrollen tatsächlich? Können Sie das bestätigen?« »Ja. Alexander und ich in Verhandlungen über den Erwerb der Schriftrollen stehen«. Der Versuch. fünfzig Millionen Dollar würden sie dazu bringen. »Ich wollte. wie bekannt geworden ist.« Er runzelte die Stirn und zog die Lederhandschuhe an. das kann ich. sie von Dr. den Mrs. das ist er!« sagte sie und schaltete schnell den Ton ein. Havers stellte sich vor seinem Haus in Santa Fe der Presse. Catherine ließ ihn mit abgeschaltetem Ton laufen. »Mr. sie könnte die Schriftrollen vernichten. entspringt meiner Sorge. »Ich weiß nicht. fragte der Reporter. daß ich mit Ihnen gehe. Sie gehören der ganzen Menschheit und nicht einer Person. »Was ist los?« »Ist das nicht Miles Havers?« fragte er und deutete auf den Fernsehapparat. weil ihr Vater Garibaldis Schwester leid tat. »Ich weiß. die Schriftrollen mit der Welt zu teilen. »Aber ich kann Ihnen versichern. »heißt das.« »Was soll das nun wieder?« sagte Garibaldi kopfschüttelnd. daß Dr. sagte er in seiner gewohnt liebenswürdigen Art und lächelte gewinnend. wissen wir so wenig wie am Anfang. O’Toole heraufgebracht hatte. Aber das kann ich nicht. Ich dachte. »Wie wir die siebte Rolle finden sollen. Sie möchten. In einer anderen Nachrichtendung hieß es: »Der Milliardär Miles Havers.« »Das glaube ich einfach nicht!« sagte Garibaldi.»Es bleiben noch zwei«.

sei identisch mit der.« »Aber warum?« »Er glaubt vielleicht. »Sie gehen jetzt besser. die sie entdeckt habe. daß er zur Zeit in privaten Verhandlungen mit Dr. daß Sie seiner Darstellung öffentlich widersprechen.« Sie sah Garibaldi an. sie seien zweifelsfrei christlichen Ursprungs und illegal in die Vereinigten Staaten gelangt. Ich bleibe unauffindbar und schweige. und Catherine schaltete den Fernseher aus.Besitzer von Dianuba Technologies.« »Kann ich Sie wirklich nicht überreden. mit mir zu gehen?« 495 . würde Havers alles leugnen. »Da täuscht er sich. gab heute bekannt. »Wenn der Informant nicht in seinem Auftrag an die Öffentlichkeit gegangen wäre. sagte Garibaldi. um die Jesus-Schriftrollen für die Summe von fünfzig Millionen Dollar zu erwerben…« »Das ist einfach verrückt«. der angeblich aus der unmittelbaren Umgebung von Miles Havers kam. In einer Stunde fängt die Mitternachtsmesse an.« Die Nachrichtensendung wurde durch Werbung unterbrochen. und ich werde weiter an der Übersetzung der Schriftrollen arbeiten. die Schriftrollen stammen von der Sinai-Halbinsel. die diese Schriftrollen verkaufe. Er hat erklärt. Er möchte vermutlich. »… erst bestätigt nach einem anonymen Hinweis an die New York Times. murmelte Garibaldi. Die Person. etwas zu unternehmen.« »Den Tip muß Havers selbst inszeniert haben«. Catherine Alexander steht. nämlich die flüchtige Dr. Catherine Alexander. Also hat er sich die ganze Sache ausgedacht. »Warum macht er das? Was hat er davon?« Catherine schüttelte verwirrt den Kopf und schaltete mit der Fernbedienung auf einen Sender in Baltimore. er könnte Sie zwingen.

« Sie blickte auf seine ausgestreckte Hand. Trotzdem strömte eine große Menschenmenge durch das offene Kirchenportal. Ich kann nicht einfach zurück. heilige Nacht‹. Noch immer fuhren Wagen vor und verstopften die enge Straße. erwiderte er ruhig. ich kann wirklich nicht mitkommen. Catherine beobachtete die Menschen.« »Lassen Sie ihn sich von mir zeigen. Manche wirkten ernst und feierlich. die 496 . sagte sie: »Vater Garibaldi. So viele gläubige Menschen. »Ich sehe keinen. habe ich die Kirche und Gott verflucht. und das Licht schien wie flüssiges Gold hinter den offenen Türen zu schimmern. bekam Catherine Herzklopfen. andere winkten fröhlich Freunden oder Bekannten zu. In der Kirche spielte die Orgel ›Stille Nacht. die in den Lichtschein traten.« Sie schüttelte den Kopf. Als sie seinen Blick auf sich gerichtet spürte. erwiderte sie.« Doch Garibaldi blieb.« »Natürlich können Sie das«. die den dunklen. sternenlosen Himmel stützten. und es wehte ein schneidender Wind. »Es gibt immer einen Weg zurück. »Ich muß mit der Arbeit daran anfangen. Trotz der Kälte begann sie zu schwitzen und hatte plötzlich das Bedürfnis. als meine Mutter starb. Es war eine bitterkalte Nacht.« »Weshalb nicht?« »In der Nacht. Kinder drängten sich um die hell erleuchtete Krippe. Als sie und Garibaldi sich der Kirche näherten. dachte Catherine und blickte auf die gotischen Kirchtürme.»Der fünfte Papyrus ist in einem schlechteren Zustand als die anderen«. alte Männer und Frauen gingen langsam an ihren Stöcken.

wie blaß sie war. »Warum sind Sie mitgekommen?« fragte Garibaldi und sah sie prüfend an.Daunenjacke auszuziehen. wovor Sie sich fürchten müßten.« »Ich habe mich erinnert«. »Wenn ich nervös war 497 .« »Es gibt nichts. Da sie keine Antwort gab. »Als kleines Mädchen habe ich gestottert«. werden Sie in Zukunft nur noch mehr Schuldgefühle wegen der Sache haben. flüsterte sie. Wenn Sie das tun.« Nach einer kurzen Pause sagte er: »Was ist an der Treppe geschehen? Sie sind plötzlich leichenblaß geworden. »Erinnert? Woran?« Catherine zog die Handschuhe aus und überließ ihre feuchten Hände der kalten Luft. »Ich kann nicht.« »Warum machen Sie sich deshalb Sorgen?« »Weil das keine Lösung ist. nicht wahr?« »Ich mache mir Sorgen«. sagte er: »Sie haben es für mich getan. erwiderte sie.« »Vater Garibaldi. ich würde beschließen. Zwischen den von Rauhreif bedeckten Sträuchern stand eine Bank. die Sie jetzt schon belastet. Catherine setzte sich völlig erschöpft dorthin. »Worüber?« »Daß Sie den Priesterrock ausziehen werden. und ging mit ihr in den kleinen Park an der Seite der Kirche. Am Fuß der Treppe blieb sie leichenblaß stehen. nahm den Schal ab. sagte sie leise. Vater Garibaldi. Garibaldi sah sie fragend an. Priester zu bleiben.« »Sie haben also geglaubt. ich kann nicht.« Er sah. Sie können nicht meinetwegen zur Kirche gehen. wenn ich ein verirrtes Schaf zur Herde zurückführen könnte? Catherine. Das müssen Sie Ihretwegen tun. hob das Gesicht in den kalten Wind und schloß die Augen.

man hat vergessen. es Schwester Immaculata zu sagen. Sie wollte von mir etwas über Vasco da Gama wissen.oder mich fürchtete. Die anderen Kinder hörten nicht mehr auf zu lachen. Die Kinder kicherten und flüsterten miteinander. Plötzlich aber wurden sie still. Das machte die Sache für mich noch schlimmer. stotterte sie.« Catherine schlug die Hände vor das Gesicht. aber als Zehnjährige in der katholischen Schule hatte ich das Problem noch. es zu halten. schimpfte mich aus und schleppte mich in das Zimmer der Oberin. Also versuchte ich. und ich hatte entsetzliche Angst. und der Unterricht ging weiter. mir an den Beinen hinunterzulaufen. ›VV-Vasco dd-da GG-Gama‹.« Catherine fuhr sich mit den Fingern durch die kurzen. etwas zu sagen. daß ich zur Toilette mußte. Ich nehme an. Sie erklärte. bis ich etwas Respekt gelernt hätte. Sie zerrte mich vom Hocker. das alles absichtlich getan zu haben. Das hat sich gegeben. aber ich hatte schreckliche Angst. aber sie brachte den Namen kaum über die Lippen. auf dem ›Sünderin‹ stand. konnte ich nicht mehr richtig sprechen.« Sie schüttelte bei der Erinnerung den Kopf. Ich fing an zu weinen.‹ Die Klasse brüllte vor Lachen. »Natürlich tat sie es. die leider ebenfalls stotterte. Nach einer Weile konnte ich nicht mehr. Meine Mutter hatte die Schulleitung davon in Kenntnis gesetzt. ich müsse dort stehenbleiben. Dann merkte ich. Ihre Worte klangen schmerzlich. die Schwester könnte mich aufrufen. Es 498 . Zur Strafe mußte ich mich vor der Klasse auf einen Hocker stellen. Schwester Immaculata glaubte. »Im Unterricht wurden die großen Entdecker behandelt. Schwester Immaculata warf mir vor. Ich versuchte zu antworten und erwiderte: ›VV-Vasco dd-da GG-Gama. und es fing an. Natürlich geschah das Unglück gleich am ersten Tag. Sie hängte mir ein Schild um den Hals. ich würde mich über sie lustig machen. weißblonden Haare.

»Gott bedeutete ihm mehr als ich. die Schwestern verließen die Klassenräume. Ich habe Gott verflucht. während die Oberin bei mir zu Hause anrief. Die Kinder gingen nach Hause.« Catherine stand auf und betrachtete die dünne Eisschicht im Vogelbad. weil mein Vater Gott mehr liebte 499 . weil meine Mutter ohne den Beistand eines Priesters sterben mußte. ich habe Gott nicht wegen Vater McKinney verflucht oder deshalb. Vater Garibaldi.dauerte eine Weile. Er hätte nie ein Kind haben sollen. er habe den Anruf vergessen. was geschehen war. Er verschwand sofort wieder in seinem Arbeitszimmer. mich um die Mittagszeit abzuholen. Nachmittags riefen sie meinen Vater noch einmal an und hinterließen eine Nachricht. In der Kirche begann die Messe. und damit war die Sache für ihn erledigt. Sind Sie deshalb böse auf ihn?« fragte Garibaldi. und er kam nicht. und die Frau des Hausmeisters fing an. das heißt. aber mein Vater war zu Hause.« »Die Kirche bedeutete Ihrem Vater mehr als Sie. Catherine drehte sich herum. Er versprach. Mein Vater war da. Also saß ich mit dem ausgewaschenen Unterhöschen in einer Plastiktüte im Zimmer der Oberin und wartete auf meinen Vater. »Er war eine Art Mönch. »Die Kirche bedeutete meinem Vater alles«. der hinter ihr stand. Er wollte nicht einmal wissen. Er war nicht zum Vater geschaffen. Die Zeit verging.« Catherine starrte blicklos vor sich hin. »Die Schulschwester kümmerte sich um mich. den Fußboden zu putzen. »Es wurde Mittag. Dann war die Schule aus. sagte sie. Er sagte. in dem College. bis sie weitersprechen konnte. Ihre Stimme war kaum noch zu hören. wo er unterrichtete. Meine Mutter war auf einer Tagung. Die Schulschwester fuhr mich schließlich nach Hause.

»Die Kinder in der Schule waren danach schrecklich zu mir. um meinen Vater auf eine hinterlistige Art zu bestrafen?« »Auf ihn sind Sie doch böse.« Catherine blickte auf ihre Hände und sagte leise: »Man hat ihn beschuldigt. »Wie konnte ich? Sie betete meinen Vater an… und als er starb. daß ich älter und reifer sein würde. »Sie glauben. und daran war meine Mutter schuld. weil sie trotz des Verbots Bücher schrieb. Er hat keinen Finger zu seiner Verteidigung gerührt. ob er nicht gekommen 500 . welche Schimpfnamen sie für mich hatten. daß man ihm eine Kapuze über den Kopf zog und ihn hinrichtete. Er hat es hingenommen. ich hätte die Schriftrollen an mich genommen. wollte ich den Sargdeckel abnehmen und von ihm eine Erklärung dafür verlangen.als mich. und Catherine sprach etwas ruhiger weiter. Gott hätte er nicht mit einer nassen Unterhose im Zimmer der Oberin sitzenlassen!« Sie stieß die Luft aus. oder nicht? Ihm können Sie nicht vergeben. Er hat es nicht einmal geleugnet. Wenn Danno nicht gewesen wäre…« »Haben Sie Ihrer Mutter nie etwas davon gesagt?« Catherine stand auf. Ich wollte unbedingt wissen. Als man mir am Flughafen seine Leiche übergab. war ich voller Zorn. die die Kirche angriffen und meinen Vater aus dem Haus trieben!« »Deshalb führen Sie die Arbeit Ihrer Mutter weiter – eine Arbeit. Sie können sich vorstellen. ein Spion zu sein. Garibaldi schwieg. die Ihren Vater aus dem Haus und schließlich in den Tod getrieben hat?« Catherine sah ihn erschrocken an. Aber dann kam er ums Leben. daß er mich an jenem Tag nicht abgeholt hatte. Ich wartete immer darauf. um mit ihm darüber zu reden. weil wir diese Sache nie bereinigt hatten.

Auf mich wartet noch Arbeit.war. Aber gehen Sie nur hinein. »Dem hat er sich entzogen. Ich hätte nicht mitkommen sollen. als sie die Straße zurück zum Haus von Mrs. weil er hingerichtet worden ist?« »Wir hatten noch etwas ins reine zu bringen«. Damit will ich nichts mehr zu tun haben. »Deshalb kann ich nicht mit Ihnen in die Kirche gehen.« »Sie sind böse auf ihn. Vater Garibaldi.« Catherine zog die Handschuhe wieder an. O’Toole und zur fünften Schriftrolle ging. erwiderte sie. 501 . Es war seine Kirche und sein Gott. Vater Garibaldi. weil ich ihm so wenig bedeutete. Sie gehören dorthin.« Er sah ihr nach.

DER ZWÖLFTE TAG 502 .

Nichts ist schöner als das wogende Grün. Claudia war die Frau des Centurio. dem dieser Vorposten als Befehlshaber unterstand. als wir unser Haus in Britannien bezogen. die ihre Gestalt verändern«. vor den staunenden Blicken ausbreitet. das sich. so weit das Auge reicht. die Neugeborenen den Lebensodem von den Lippen stehlen. und nichts ist erhabener als die uralten Eichenhaine. denn alles hier war uns so fremd. ob sie vielleicht schon zu lange nicht mehr in Rom gewesen war. Sie sprach flüsternd von den Hyperboräern. Ich widmete mich mit ganzer Hingabe der Erziehung von Pindar und freute mich über seine Entwicklung. 25. Philos spürte den Zauber dieses Landes ebenfalls. daß sie sich in dieses seltsame. daß auch ich den Wind. denn auch hier war die Erinnerung an Riesen lebendig. Doch ich mußte mir bald eingestehen. in denen Geister und Feen hausen. und erzählte von den sagenumwobenen Arimaspi. Ich fragte mich nach der ersten Begegnung. Dezember 1999 »Hüte dich vor den Wesen.Samstag. neblige Land verliebt hatte. die im Norden leben. Man stellte ihm die Beweise dafür in Aussicht. Sie warnte mich vor ›dem kleinen Volk‹ und den Robbenfrauen und vor Katzen. daß es sie gegeben hatte. die über ein wolkenverhangenes Reich auf dem Gipfel der Erde herrschen. Und ich gründete eine kleine Gemeinde. den Regen und die Dunstschleier über den Tälern liebte. Wir trafen uns einmal in der Woche in meinem Haus. Ich war mit dunklen Vorahnungen gekommen. Auf eine Lesung des 503 . Doch nach einer Weile stellte ich fest. ermahnte mich Claudia. Er beschäftigte sich wie besessen mit den Legenden und dem reichen Schatz an Überlieferungen.

die einen uralten Himmelsgott namens Myrddin verehren. und sie verehren die Eiche. die sie in ihrer Sprache ›die Allheilende‹ nennen. wie wir sie kennen. Ihre Rituale finden in der freien Natur statt. auf der die Mistel wächst. Ich bekehrte viele Menschen zum Weg. daß dies der wahre Glaube ist. 504 . wie Claudia der Magie der Druiden verfiel. bevor wir seinem Auftrag folgten. Ich traf Druiden. Ich beobachtete nicht ohne Sorge. daß diese Pflanze jede Krankheit besiegen kann. Die Druiden haben keine Tempel oder Heiligtümer. Aber ich hielt unbeirrt an meinem Glauben fest. denn sie glauben.Marienbriefes folgte eine Ansprache über den Gerechten und seine Botschaft vom Frieden und dem Sieg über den Tod. gemeinsam das Brot zu brechen und den Wein zu trinken. und sie waren wie ich davon überzeugt. Für die Druiden gibt es nichts Heiligeres als die Mistel.

wenn wir auf unseren Zimmern bleiben und ihre Einladung nicht annehmen‹. ob Sie später zum Weihnachtsessen zu uns herunterkommen.« »Ich glaube nicht. wie viele Gedecke wir auflegen sollen.Washington. Wird Ihr Bruder mit uns essen?« Mein Bruder… Garibaldi war zur Mitternachtsmesse in der Kirche gewesen und zum ersten Morgengottesdienst. daß er sich schon darauf freut. »Miss Garibaldi? Hallo? Sind Sie wach. auf dem die fünfte Schriftrolle ausgebreitet lag. O’Toole ging. hatte er erklärt. aber ich glaube. ›Mrs. Mrs. Mrs.« Das waren nicht ganz seine Worte gewesen. O’Toole wird es vielleicht verdächtig vorkommen. »Er hat mir heute morgen gesagt. meine Liebe. öffnete sie allerdings nicht. Ich muß wissen. O’Toole«. erwiderte Catherine. Catherine 505 . während sie in ihrem Zimmer gefangen war.C. »Ja. Ich bringe Ihnen einen Teller herauf. Catherine wußte. »Vielen Dank für die Einladung. »Ja«. meine Liebe?« Catherine ging zur Tür. weil er sich frei bewegen konnte. Mrs. Catherine stieg schon beim Aufwachen der Duft einer bratenden Gans in die Nase. und Catherine trat wieder an den Tisch.« »Schon gut. O’Toole?« »Ich wollte nur fragen. Jetzt war er gerade in der dritten Weihnachtsmesse. ich bin nicht in der richtigen Stimmung. sagte sie durch die Tür. Der Zustand des Papyrus war besorgniserregend. Im Haus waren die Vorbereitungen für das Festessen voll im Gang. um zu feiern. daß Garibaldi ein schlechtes Gewissen hatte. D.

Am Morgen hatte sie gehört. die sie zuletzt gelesen hatte. in der Vergangenheit zu leben. Sabinas Leben zu führen und nicht ihr eigenes.blickte auf die Worte. So. die ich durch Wände höre. den er am Vortag in der Wisconsin Avenue gekauft hatte. Stimmen. Catherine hatte gehört. und alle Häuser waren festlich beleuchtet gewesen. wo keine Fenster sind… Catherine kam es vor. Alle feierten Weihnachten mit einem Gang in die Kirche. sondern sei nur noch eine Beobachterin. daß er damals nicht zur Schule gekommen ist…« 506 . sondern Bilder. Am Abend zuvor hatten die Leute Weihnachtslieder gesungen. als Garibaldi in der Kirche war. diesen Satz gelesen zu haben. daß sie ihn zur Feier des Tages noch zu einem Sherry einluden. mit Sabina in Britannien zu sein. Mrs. und Szenen. O’Toole und ihre Schwester waren zusammen mit Garibaldi erst um halb zwei morgens von der Mitternachtsmesse zurückgekommen. Er sah eindrucksvoll aus mit dem schwarzen Hut. die so wirklichkeitsnah zu sein schienen. Sie entdeckte Garibaldi auf dem Gehweg. um zum Gottesdienst zu gehen. daß Catherine eine Zeitlang das Gefühl hatte. wie sie sich auf den Stationen ihrer Flucht in der virtuellen Welt der Computer sicherer gefühlt hatte als in der Wirklichkeit. so glaubte sie allmählich.« Catherine erinnerte sich kaum noch daran. Bilder. Sie hatte am Abend mit dem Übersetzen angefangen. Irgendwann im Laufe der Nacht. dem schwarzen Schal und dem langen schwarzen Mantel. Die Straße war ruhig. »Sie müssen Ihrem Vater verzeihen. Sie ging zum Fenster und blickte hinaus. wie andere Gäste das Haus verließen. hatte sie keine Worte mehr auf dem Papyrus gesehen. »Aber ich hielt unbeirrt an meinem Glauben fest. die ich durch Fenster sehe. als nehme sie nicht mehr am Leben teil. die sich in eine quälend vertraute Wirklichkeit verwandeln.

O’Toole sei mit einer Kanne Tee zurückgekommen. und fand schließlich die Mittagsnachrichten. Wieder einmal sah sie ihr Photo auf dem Bildschirm. Vater Garibaldi? wollte sie fragen.« Catherine wechselte die Kanäle. staunte sie auch jetzt darüber. als sie sich zum ersten Mal im Hotel Isis begegnet waren. Wie an jenem Tag. Mrs.« Das waren Garibaldis Worte auf dem Dach des Atlantis gewesen. Erstaunlicherweise gewöhnte sie sich allmählich daran. Sie hatte das Ende des fünften Buches beinahe erreicht. wenn auch in verschiedenen Arenen. Sie und Garibaldi würden Abschied voneinander nehmen… Plötzlich klopfte jemand heftig an die Tür. Catherine ließ ihn ins Zimmer treten. Aber es war Garibaldi. Vor den Nachrichten kommt aber noch die Werbung. daß er einem alten Mann nicht das Leben gerettet hat? Wie lange wollen wir beide uns noch selbst bestrafen und mit der Last unserer Schuldgefühle leben? »Wir sind uns ähnlich. sagte er und zog den Mantel aus. Warum vergeben Sie dem sechzehnjährigen Jungen nicht. Wenn Catherine auch diesen Text übersetzt hatte. und wenn er keine eindeutigen Hinweise über den Verbleib der siebten Rolle enthielt. auf denen die üblichen Weihnachtssendungen zu sehen waren. daß er mit seiner Anwesenheit einen Raum auszufüllen schien. »Was gibt es 507 . »Sie und ich. »Schalten Sie den Fernseher ein«. Danach blieb nur noch eine Schriftrolle übrig. »Schnell!« »Was…?« »Ich habe die Ankündigung zufällig unten im Vorbeigehen gesehen.« Catherine wandte sich vom Fenster ab und betrachtete den brüchigen Papyrus auf dem Tisch. war das Abenteuer zu Ende. wir sind beide Kämpfer.Und was ist mit Ihnen. und sie dachte.

»… im Institut Technologique in Paris wurde eine Radiokarbon-Untersuchung durchgeführt. die sogenannte Paläographie. die Schriftrollen seien Fälschungen. »Man hat Papyrus häufig mehrmals verwendet. die gelöscht worden waren. zog die Handschuhe aus und stellte den Ton lauter. in dem man gerade noch die Inschrift: ›Musee d’Antiquites 4. Es handelt sich um eine Verkaufsrechnung aus der Regierungszeit des Kaisers Claudius…« »Das ist nichts Ungewöhnliches«. weil das Material so teuer war.diesmal?« fragte sie besorgt. vorgenommen.11. Doch Garibaldi hob die Hand. sagte Catherine. 45‹ erkennen konnte. »hat ältere Schriftzeichen sichtbar gemacht. Garibaldi nahm den Hut ab.« »Wunderbar!« flüsterte Catherine. die Handschriftenanalyse bestätigt dieses Datum. fuhr die Sprecherin fort. Die Datierung des Papyrus nach der Radiokarbon-Methode verweist ungefähr auf das Jahr einhundert unserer Zeitrechnung. die vor drei Jahren aus dem ägyptischen Museum gestohlen wurde…« Catherine sah Garibaldi ungläubig an.« 508 . daß das Jesus-Fragment Teil einer Sammlung ist. »Die Infrarot-Analyse des Fragments«.« »Die Infrarot-Spektralanalyse enthüllte jedoch noch etwas anderes. was auf dem Fragment gelöscht worden ist: einen Stempel mit der Katalognummer eines Museums…« Auf dem Bildschirm erschien in Nahaufnahme ein blasser Kreis. »Wie bitte? Gestohlen?« »Sie behaupten. »Laut Aussagen der Polizei ist damit der Beweis erbracht. die jedoch mit Hilfe von Infrarotstrahlen lesbar sind. und gleichzeitig haben Paläographen in Deutschland und Großbritannien unabhängig voneinander eine Handschriftenanalyse.

Nach seiner Darstellung handelte es sich um eine Auftragsarbeit für Dr. Er habe sie in einem Hinterzimmer seines Antiquitätengeschäfts in Kairo hergestellt. »hat bereits früher Handschriften gefälscht. seien sein Werk. daß es eine Fälschung war. damit er 509 . das die ganze Welt in Staunen versetzt. »Es ist nicht nur Papazian.« »Aber was steckt hinter dieser Geschichte?« fragte Garibaldi.« »Ich habe von ihm gehört«. Catherine Alexander. der vor fünfzehn Jahren auf einer Auktion zehn Millionen Dollar erzielte. Ein unglücklich wirkender Mann stand vor einer Reihe Mikrophone. Der Mann ist geradezu unanständig reich und verbirgt seine kriminellen Machenschaften hinter der Fassade neu erworbener Ehrbarkeit. Die Schriftrollen vom Sinai. so sagt er. Nach einem Geständnis wurde Papazian zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Am bekanntesten ist sein sogenannter ›Brief des Pontius Pilatus‹.‹ Der Mann sprach arabisch. fuhr die Sprecherin fort. »In meinem Auftrag? Ich habe den Mann noch nie gesehen!« »Papazian«. und in der unteren rechten Ecke des Bildschirms war ein Balken mit dem Hinweis: ›KAIRO NATIONAL TELEVISION.»Das kann nicht sein!« Es folgte ein Filmausschnitt. Kurze Zeit später entdeckte man.« Catherine sprang auf. und die Sprecherin fuhr fort: »Nicholas Papazian legte gestern am späten Abend ein Geständnis ab. und die ägyptische Regierung entzog ihm die Lizenz für den Verkauf und den Export von Antiquitäten. Seine ganze Sippe ist in diesem zwielichtigen Bereich tätig. sagte Catherine. Sie hätten ihn bezahlt. »Warum sagt er. Sie sind eine der bekanntesten Kontaktadressen der Welt für den illegalen Handel mit Altertümern.

dieser Korb war nicht erst vor kurzem dorthin gebracht worden. bei so einem krummen Ding mitzuspielen?« Catherine kaute auf ihrer Unterlippe. Wenn es eine abgekartete Sache ist.« »Dazu wäre eine Menge Geld nötig. »Ein noch größeres Rätsel ist das Motiv dafür. sagte Catherine. wenn er sie nicht begangen hat?« »Für genug Geld würde er wahrscheinlich alles gestehen. die das Fragment untersucht haben. der so etwas inszenieren und finanzieren könnte…« »Havers…«.« Catherine lachte kurz und bitter. Und ich habe den Korb mit den Schriftrollen entdeckt. und ich kenne nur einen Mann. »und dann alle Experten. Wieso gesteht dieser Papazian eine kriminelle Tat. sagte Garibaldi. »Er muß dahinterstecken.« »Aber der Stempel des Museums«. Garibaldi ging nachdenklich im Zimmer auf und ab. Glauben Sie mir. als Hungerfords Arbeiter das Fragment gefunden haben. »… meine Regierung befindet sich deshalb in einer sehr peinlichen 510 .die Schriftrollen fälscht?« »Ich weiß es nicht. wie hat man die Leute dazu gebracht. Wie hätte Papazian die Schriftrollen oder das Fragment dorthin bringen können? Ich habe die Pflanzenreste am Korb analysiert. »Und riskieren. Der Korb saß fest in dem unterirdischen Gang. Aber wie hat er es gemacht? Ich war dort. »Er würde ein paar Leute bestechen und nicht ins Gefängnis wandern. wieder im Gefängnis zu landen?« Garibaldi schüttelte den Kopf. Sie sind eindeutig zweitausend Jahre alt!« Im Fernsehen wurde gerade der Sprecher des ägyptischen Ministeriums interviewt.

murmelte Catherine und ging näher an das Fernsehgerät heran. daß die Stiftung Dr. Was das Fragment betrifft. ihr die Mittel zu streichen. so war ich zunächst von seiner Echtheit überzeugt…« »Merkwürdig«. Ein Reporter fragte: »Wir haben gehört. sagte er mit hochgezogenen Augenbrauen. zurückhaltendem Ton erklärte. Alexander entfernt habe. »Es kursierten Gerüchte von Schriftrollen. Die Samstagszeitung lag im Wohnzimmer.« Dann kam ein Archäologe zu Wort. wie sich herausstellte. O’Toole verbrachten. und bisher liegen keine Beweise für die Existenz von Schriftrollen vor.Lage. um mein 511 . »Ja. rief Garibaldi.« »Dann unterstellen sie…« »Daß ich die Schriftrollen gefälscht habe. daß er persönlich das Fragment sowie den. und alle sechs Gäste. falls die Grabung nicht bald Erfolge vorweisen würde. Ich bin gleich wieder da. Sie betrachtete prüfend das in der rechten oberen Ecke eingeblendete Bild des Fragments und sagte: »Wenn ich das doch gedruckt sehen könnte…« »Kein Problem«. »Aber Photographien lassen sich nicht analysieren. der in betont sachlichem. wurde gerade die Direktorin der Stiftung interviewt.« Garibaldi sah Catherine an. »Wenn die Neuigkeit gestern abend in Ägypten bekannt geworden ist. wird heute wahrscheinlich etwas darüber in den Morgenzeitungen stehen. Alexander in einem Brief gedroht hat. »Ist das wahr?« Sie machte ein finsteres Gesicht. Als Garibaldi in Catherines Zimmer zurückkam.« Garibaldi mußte nicht weit gehen. Stimmt das?« »Dazu kann ich leider nichts sagen. die Weihnachten bei Mrs. und es gibt Photos«. hatten sie bereits gelesen. mit Steinen gefüllten Korb aus dem Zelt von Dr.

von Nicholas Papazian. daß sie eine ganze Menge Anatas aufweist. die Tinte stammt aus neuerer Zeit. der Fundstelle und dem Jesus-Fragment. Der Artikel stand auf der ersten Seite. Das bedeutet.« Garibaldi warf einen Blick auf Catherine. Da es jedoch möglich ist. Insofern ist das mit der angeblichen Fälschung eine Sensation. Wer weiß. was unter dem Einfluß der Medien in den Köpfen der Menschen auf aller Welt für Erwartungen geweckt worden sind? Die Nachricht heute wird für viele wie eine eiskalte Dusche sein. wurde die Tinte mit einem Röntgenverfahren untersucht. »Es gibt doch auch noch andere Neuigkeiten auf der Welt. Dabei hat sich gezeigt. die sich weder das Fernsehen noch die Zeitungen entgehen lassen. daß ein altes Dokument winzige Spuren von Anatas aufweist. die 512 .« Im Fernsehen erklärte gerade eine Wissenschaftlerin aus Denver: »Unserem Institut wurde ein winziger Teil des Fragments zur Verfügung gestellt. daß in den Schriftrollen ein Hinweis auf die Zeitenwende zu finden ist. Darüber stand als Schlagzeile: ›FÄLSCHUNG!‹ »Warum steht das auf dem Titelblatt?« fragte Catherine kopfschüttelnd.« »Ich nehme an.Projekt weiterführen zu können. also Titandioxyd enthält.« »Dahinter muß Havers stecken«. Oder daß sie vielleicht das Geheimnis enthüllen. daß die Tinte Anatas. das erst in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts erfunden wurde. wie die Menschen das ewige Leben finden können. Wir haben Tintenpartikel abgelöst und sie unter dem Elektronenmikroskop analysiert. sagte Garibaldi und gab ihr die Zeitung. und dabei stellte sich heraus. eine Menge Leute haben sich große Hoffnungen gemacht. Dazu gab es Photos von Catherine.

was dieser Schachzug bewirken soll. wo die sogenannten Schriftrollen gefunden worden seien. Dann betrachtete Catherine die Abbildung des JesusFragments. »Vielleicht glaubt er. Das hilft uns nicht weiter.« »Hat jemand die Schriftrollen außer Ihnen und Daniel gesehen?« »Julius«. ich werde die Schriftrollen herausgeben. daß es sich bei dem Dokument tatsächlich um eine Fälschung handelt. Offenbar war der ägyptischen Regierung die Sache peinlich. »Nicholas Papazian bekommt plötzlich ein schlechtes Gewissen und beschließt zu gestehen. »Gott.« Garibaldi beugte sich über sie. sie übte harte Kritik an Catherine. Was gewinnt Havers. Im Fernsehen beendete die Wissenschaftlerin 513 . erwiderte sie. um mich zu verteidigen. Sie war leichenblaß. »Kein Mensch wird mir glauben«. Wir müssen herausfinden. Aber ich werde ihn nicht in diesen Fall hineinziehen. und sie war verzweifelt. Es tut mir schon leid. was für ein Durcheinander habe ich angerichtet. sagte sie. daß sie echt sind. »Er könnte bezeugen. Das Ministerium in Kairo forderte sie ultimativ zu einem Gespräch auf und erklärte. Trotzdem sind die Schriftrollen nicht gefälscht. falls er dahintersteckt?« Catherine sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Aber wir sind nicht einmal sicher. die Behörde werde die Grabungen an der Stelle weiterführen. daß sich Havers das Ganze ausgedacht hat.fassungslos vor dem Bildschirm stand.« Sie überflog den Zeitungsartikel noch einmal. daß Sie…« Catherine schlug die Hände vor das Gesicht. daß er mich reizt. Vielleicht rechnet er auch damit. »Machen Sie sich jetzt keine Vorwürfe. und daß ich aus meinem Versteck auftauche. Sie hatte Angst. Dann bestätigen alle namhaften Experten und angesehenen Wissenschaftler. daß er die Handschrift gefälscht hat.

Vergessen wir nicht. Havers’ typisches Lächeln wich einem Ausdruck moralischer Besorgnis. daß es sich bei dem Fragment um eine Fälschung handelt. daß er als Opfer dasteht und Sie als Betrügerin. »Ich kann nur sagen.« »Natürlich hat er es geplant. Und jetzt wird mir kein Mensch auf der ganzen Welt mehr glauben. der zu seinem Haus führte. Dadurch war von vornherein klar.« »Du Schwein!« Catherine ballte die Fäuste. Er hat alles so eingefädelt. sie seien echt. als sie den mysteriösen Korb geöffnet hat. Man muß schließlich den zweifelhaften Ruf dieser Archäologin in Betracht ziehen. und ich kann niemandem außer mir selbst einen Vorwurf machen.des Instituts in Denver ihre Ausführungen.« 514 . die Schriftrollen könnten bestimmte Informationen religiöser Art enthalten. Es war mein Fehler. denn Catherine Alexander hat mich wie alle anderen hinters Licht geführt! Darüber hinaus fühle ich mich persönlich verantwortlich für die Hoffnungen. überrascht mich die Nachricht nicht. als er fortfuhr. »hat Havers gestern angekündigt. sagte Garibaldi ernst. er führe mit Ihnen geheime Verhandlungen über den Kauf der Schriftrollen. war niemand anwesend. »der Mann ist gut. der Betrug bringt mich in große Verlegenheit.« »Deshalb«. Miles Havers stand auf dem gepflasterten Weg. die in so vielen Menschen geweckt wurden. und auf dem Bildschirm erschien die Auffahrt eines Anwesens irgendwo in den Bergen. Mein Angebot von fünfzig Millionen Dollar ließ sich als eine gewisse Bestätigung der Echtheit der Schriftrollen deuten. daß man ihn heute interviewen würde. »Offen gestanden. sagte Garibaldi. Dafür entschuldige ich mich. es war meine Schwäche.« »Ich muß zugeben«. und es gab vielen Menschen das Gefühl.

was sagen Sie dazu?« Die schlanke. sagte Garibaldi. daß ich unüberlegt handle und einen Fehler mache. »Sehen Sie sich das an«. Sie schlug den Buchdeckel auf. »Mrs. sagte sie. um die Schriftrollen zu kaufen. Aber wir müssen uns fragen: Wo ist sie? Und warum geht sie nicht an die Öffentlichkeit. ich werde mich über diese Verleumdungen so aufregen. aschblonde Frau antwortete: »Ich bin sprachlos. »ich erhebe keinerlei Anschuldigungen. um sich zu verteidigen?« »Da haben wir es! Er pokert.»Bitte. sie würden eine bestimmte Botschaft enthalten.« Der Reporter mit dem Mikrophon wandte sich an die Frau neben Havers. Sie betrachtete noch einmal aufmerksam die Abbildung des Fragments der Handschrift. verstehen Sie mich nicht falsch«. Er hat sich das alles einfallen lassen. »Was ist?« Catherine öffnete die blaue Tasche und nahm behutsam den Buchdeckel heraus. »Was soll ich mir ansehen?« 515 . Und jetzt…« Sie schüttelte fassungslos den Kopf. der als Schutz der gefalteten Schriftrollen gedient hatte. Wir hofften alle. um Sie aus dem Versteck zu locken«. Darauf wartet er jetzt. daß er heimlich verhandelt. fuhr Havers fort. »Es ist eine große Enttäuschung. Catherine hielt die Zeitung daneben. Mir wäre nichts lieber. Ich hatte natürlich von dem sensationellen Fund gehört. Darin lag die untere Hälfte des Jesus-Fragments. Alexanders Unschuld überzeugt sein zu können. Garibaldi beugte sich darüber.« Catherine schaltete den Fernseher ab und griff nach der Zeitung. »Er hofft. Havers. als von Dr. Plötzlich sagte sie: »Moment mal…« Sie ging mit der Zeitung zum Tisch und hielt sie unter das Licht. Miles hatte mir nicht einmal gesagt.

« Sie blätterte die Seiten durch. im Auftrag von Havers?« »Ja…« »Es wird schwer sein. damit er das Original durch die Fälschung ersetzt. »ist nicht das Fragment. Vergleichen Sie ihn mit dem oberen Rand meines Papyrus. Achten Sie auf den unteren Rand. den Hungerfords Männer gefunden haben. Aber wo ist dann das echte Fragment?« »Wer weiß? Der Austausch kann auf hoher Ebene veranlaßt worden sein – vielleicht hat auch mein Assistent Samir etwas damit zu tun. Sie hätten ihn dafür bezahlt. Papazian hat vielleicht einen Beamten bestochen. Er heißt Hans Schüller und arbeitet in einem Institut. »Dieses Fragment«. das zu beweisen. erklärte er. sagte Catherine. »Sie passen nicht zusammen«. Papazian hat das Fragment kopiert.« »Nein?« »Die Wissenschaftler lügen nicht! Sie haben eine Fälschung begutachtet! Es handelt sich nicht um das Dokument.« Er betrachtete beides. bis sie die 516 . Sie melden sich zu Wort und kontern mit Ihrem Verdacht…« »Ich habe eine bessere Idee«. Es sei denn. nicht um den Papyrus. das ich zurückgelassen habe. ging an die Tasche und holte ihr Adreßbuch heraus.»Das Fragment in der Zeitung.« »Sie meinen. das Altersbestimmungen nach der Radiokarbonmethode durchführt. daß der Papyrus vertauscht worden ist. sondern um eine Fälschung!« »Sie meinen. das ich im Zelt zurückgelassen habe. sagte sie und wies auf die Zeitung. bewußt eine Fälschung hergestellt und dann behauptet. Möglicherweise ist der Regierung überhaupt nicht bewußt. »Bevor ich vom Sinai abgereist bin. habe ich einem Freund in Zürich ein kleines Stück des Papyrus geschickt.

aber die bekomme ich bestimmt bei der Auskunft. »Havers hat ihn gekauft.« »Mrs. ich bleibe bei Ihnen. Ich bin sicher. »Ich habe Schüller gebeten.« »Nein. »Sie haben recht.« »Es ist Weihnachten.« Ihr Gespräch mit Schüller fünf Minuten später war kurz. nichts zu sagen. »So.« »Aber wie kann er von Schüller gewußt haben?« »Ich muß in Daniels Wohnung etwas über ihn gesagt haben. Wie bitte?« Sie sah Garibaldi an. Wir müssen sehr vorsichtig sein. Ich weiß. dann legte sie auf.Telefonnummer gefunden hatte. Hans«. sagte sie.« »Haben Sie seine Privatnummer?« »Nein. O’Toole wäre sehr enttäuscht. »so muß es wohl sein. Hier findet uns 517 . Die Öffentlichkeit wird mit diesem Fall in Atem gehalten. Die Männer von Havers haben damals in Santa Barbara alles abgehört. »Wo ich bin?« Sie legte schnell auf.« Sie rieb sich den Nacken und lockerte Kopf und Schultern mit kreisenden Bewegungen. sagte sie und ging zum Telefon. »Ja. und es könnte jemand Verdacht schöpfen. Plötzlich fühlte sie sich sehr müde.« Der Apparat am anderen Ende klingelte ein paarmal. Jeden Tag gibt es neue Sensationsmeldungen. »Es wird schon gutgehen. Sie gehen jetzt hinunter zum Essen und feiern mit den anderen Weihnachten. sagte er sanft und legte ihr die Hände auf die Schultern. »Nur Daniel wußte davon«. ich kann mich auf ihn verlassen…« »Wollen Sie ihn anrufen?« »Ich versuche es im Institut. Das kommt vor. Warum nur schießen alle auf mich…?« »He«. es ist unterwegs verlorengegangen.

niemand. Und bald ist alles vorbei.« Und dann werden wir uns trennen. »Ich arbeite weiter an der Übersetzung. Je schneller wir zum Ende kommen, desto besser.« »Sind Sie sicher, daß alles in Ordnung ist?« »Keine Angst, Vater Garibaldi«, sagte sie. »Auch wenn ich noch so wütend bin, sind Miles Havers die Hände gebunden. Er kann nichts sagen, was mich dazu bringen würde, etwas Unüberlegtes zu tun.«

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Malibu, Kalifornien
Julius suchte eine Telefonzelle in einem kleinen Einkaufszentrum an der Küstenstraße. Als er einen freien Apparat fand, wählte er schnell und griff nach seinem Zettel. Er hatte sich aufgeschrieben, was er sagen wollte. Die Zeit war knapp. Es war ihm gelungen, den Mann im weißen Wagen abzuschütteln. Aber er wußte nicht, wie schnell der Aufpasser seine Spur wiederfinden und ihm hierher folgen würde. Während er darauf wartete, daß jemand am anderen Ende den Hörer abnahm, überlegte er, ob es möglich sei, einen Anruf aus einer öffentlichen Telefonzelle zu lokalisieren. Auf alle Fälle behielt er die Straße im Auge, und als sich schließlich eine Frauenstimme meldete, sagte er klar und deutlich: »Ich möchte eine Nachricht für eine Besucherin hinterlassen, die bald zu Ihnen kommen wird. Hören Sie? Ja gut, ich buchstabiere den Namen…« Beim Sprechen nahm er die Zeitung, die er sich unter den Arm geklemmt hatte, und legte sie auf die kleine Ablage unter dem Apparat. Selbst jetzt, Stunden, nachdem er die Schlagzeile gesehen hatte, empfand er noch den Schock. Eine Fälschung! Wie konnten die Schriftrollen gefälscht sein? Er hatte sie mit eigenen Augen gesehen und hätte schwören können, daß sie echt waren. Catherine kannte sich auf ihrem Spezialgebiet aus. Sie hätte Fälschungen erkannt. »Würden Sie es bitte wiederholen?« sagte er ins Telefon. Nachdem er sich vergewissert hatte, daß die Frau in der Zentrale am anderen Ende seine Nachricht richtig notiert hatte, legte Julius auf und blickte auf die Uhr. Camilla Williams von Augenzeugen hatte ihm zugesagt, daß das
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Interview am nächsten Tag gesendet werden würde – landesweit. Das war die einzige Bedingung gewesen, unter der er sich zu dem Gespräch bereit erklärt hatte. Morgen um diese Zeit, so beruhigte er sich, wird die ganze schreckliche Sache vorbei sein. Er konnte und wollte Catherine die unangenehme Wahrheit nicht vorenthalten, daß Sabina ihre Geschichte nie zu Ende geschrieben hatte und daß es keine siebte Schriftrolle gab. Julius mußte jetzt dafür sorgen, daß alle Spekulationen aufhörten. Wenn erst einmal das Interesse der Medien erloschen war, wenn sich alle Mißverständnisse aufgeklärt hatten, dann würden sie daran denken können, wieder ein normales Leben zu führen. Im Augenblick konnte er jedoch nichts anderes tun, als warten und darauf hoffen, daß Catherine in ihrem Versteck blieb und schwieg und daß sie nichts tun würde, was ihren Aufenthaltsort verriet.

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Washington, D.C.
Cornelius Severus ritt nach Chichester, um sich mit dem Führer der Britonen zu treffen, und wie immer begleitete ihn Philos… »Mit wem will er sich treffen?« fragte Catherine laut. Am liebsten hätte sie Sabina angeschrien: »Verrate mir den Namen des Führers der Britonen! War es Cunobelinus?« Denn in diesem Fall wäre Sabina während der Herrschaft des Claudius in Britannien gewesen, und das hätte eine sichere Datierung der Schriftrollen bedeutet. Catherine sank enttäuscht auf dem Stuhl zusammen und warf den Kugelschreiber auf den Tisch. Sabina berichtete ihre Geschichte eindeutig jemandem, der die zeitgenössischen Begleitumstände kannte. So, wie heute jemand sagen würde: »Damals, Ende der sechziger Jahre, haben wir gegen den Krieg protestiert«, ohne ausdrücklich vom Vietnam-Krieg zu sprechen, so bestand auch für Sabina kein Grund zu sagen, auf welchen Kaiser, welches Jahr seiner Regierung oder auf welchen Führer der Britonen sie sich bezog. Es war alles sehr frustrierend. Aber noch schlimmer war, daß sich Catherine bereits dem Ende der fünften Schriftrolle näherte. Und nach allem, was sie sehen konnte, war die sechste Rolle nicht sehr lang. Es blieben Sabina nicht mehr viele Möglichkeiten, durch einen eindeutigen Hinweis klarzustellen, in welcher Zeit sie gelebt hatte. Catherine stand vom Tisch auf, reckte sich und blickte aus dem Fenster. Es waren keine Sterne zu sehen. Der Wetterbericht hatte Schnee angekündigt. Sie warf einen Blick auf die Uhr. Es war elf Uhr abends. Im Haus von Mrs. O’Toole war es inzwischen still geworden. Alle
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schliefen nach einem langen Tag mit Sherry und Weihnachtsliedern, dem üppigen Abendessen mit gebratener Gans und vielen anderen Gängen. Mrs. O’Toole war so freundlich gewesen, Catherines Portionen auf einem Tablett heraufzubringen. Catherine hatte alles aufgegessen, nur das Dessert stand noch auf dem Nachttisch. Sie hatte Garibaldi noch einmal kurz gesehen. Auf dem Weg in sein Zimmer war er hereingekommen, um sich nach ihrem Wohlbefinden zu erkundigen. Leider war am nächsten Tag Sonntag, und der Computerladen würde ebenso geschlossen sein wie die Bibliotheken und alle anderen Einrichtungen, die Zugang zum Internet hätten bieten können. »Wir müssen bis Montag warten«, hatte er gesagt. Ja, am Montag würden sie einen sicheren Weg finden, sich wieder ins Netz einzuloggen und nach den neuen Namen zu suchen, die Catherine in Sabinas Bericht über ihre Jahre in Britannien gefunden hatte. Sie blickte noch einmal auf die Uhr und rechnete nach. In Kalifornien war es jetzt acht Uhr abends. Sie hätte gern Julius angerufen. Aber diesen Wunsch konnte sie sich nicht erfüllen. Catherine rechnete damit, daß das Abenteuer bald vorüber sein werde, wenn Sabina keine weiteren Hinweise auf den Verbleib der siebten Schriftrolle gab. Und so beschloß sie, die Spätnachrichten einzuschalten, um festzustellen, welche neuen Entwicklungen es gab. Es überraschte sie nicht, Miles Havers auf dem Bildschirm zu sehen. Er war der Star des Augenblicks, der Milliardär, der das unschuldige Opfer einer Betrügerin war. Doch als Catherine den Ton lauter stellte, war sie doch überrascht, was sie aus seinem Mund zu hören bekam. »… in bestimmten wissenschaftlichen Kreisen ist der
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Name Dr. Alexander natürlich bekannt. Ihre Mutter, Nina Alexander, wurde vom Vatikan wegen Verbreitung kirchenfeindlicher Lehren öffentlich getadelt. Und das nicht nur einmal…« Catherine sank in den Sessel und folgte fassungslos den beleidigenden Ausführungen von Havers. »… sondern mehrmals, bis sie ihren Lehrauftrag an einem katholischen College verlor. Sie werden sich vielleicht erinnern«, sagte er und lächelte der Moderatorin zu, mit der er offenbar ein langes Studiogespräch führte, »daß Nina Alexander behauptete, den Beweis dafür gefunden zu haben, daß Frauen und nicht Männer auf dem apostolischen Stuhl im Vatikan sitzen müßten.« Er lachte leise, und auch die Moderatorin lächelte über diese absurde Vorstellung. »Ein befreundeter Psychologe vertritt die Theorie, daß Catherine Alexander mit der Fälschung ihre Mutter rehabilitieren möchte. Ich glaube, eine Bestätigung dafür ist die Tatsache, daß sie das Wort Diakonos in den Text eingefügt hat, um zu beweisen, daß Frauen das Priesteramt ausüben sollten.« »Mein Gott«, flüsterte Catherine. »Er ist ja schlimmer als die Inquisition…« »Und natürlich«, fuhr Havers fort, »ist das Skelett, das angeblich zusammen mit den Schriftrollen gefunden wurde, ein weiterer Beweis dafür, daß Dr. Alexander die ganze Sache inszeniert hat.« Er lächelte triumphierend. »Ich meine, die Handgelenke waren mit Lederriemen gefesselt, und niemand zweifelt daran, daß es sich um das Skelett einer Frau handelt!« Er lachte. »Ich kann mir gut vorstellen, aus welchem Grund unsere Archäologin das alles getan hat. Die ganze Welt sollte glauben, es habe sich um eine Art Märtyrerin gehandelt. Aber soviel wissen wir über die Sitten und Gebräuche, um sagen zu können, daß es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um eine Frau
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handelt, die vor zweitausend Jahren ihren Mann betrogen hatte und zur Strafe in den Brunnen geworfen wurde.« Catherine umklammerte die Armlehnen des Sessels. Wie kann er so lügen’? Die Frau im Brunnen ist für ihren Glauben den Märtyrertod gestorben! »Mr. Havers«, unterbrach ihn die Moderatorin. Havers lächelte unwiderstehlich: »Bitte nennen Sie mich Miles.« »Miles, was halten Sie von der neuesten Entwicklung in dieser Angelegenheit? Nicholas Papazian in Kairo hat seine Aussage korrigiert.« Catherine runzelte die Stirn. War ihr seit den Mittagsnachrichten etwas entgangen? »Offen gestanden überrascht es mich nicht, daß eigentlich Daniel Stevenson den Weg für die Fälschung gebahnt hat. Schließlich haben wir es bei ihm mit einem Mann zu tun, der glaubte, die Azteken seien Nachfahren von Marsbewohnern gewesen!« Catherine schaltete schnell den Fernseher aus und starrte auf den dunklen Bildschirm. Sie spürte, wie sich der Schock allmählich in kochende Wut verwandelte. Danno! Er zieht auch noch Danno in den Schmutz! Genügte es diesem Schwein nicht, daß er ihn umgebracht hatte? Mußte er Danno in den Augen der Welt auch noch zu einem Narren und zu einem Dummkopf machen? Danno war nicht mehr am Leben, um sich zu verteidigen! Catherine traten in ohnmächtiger Wut die Tränen in die Augen. Sie ging in Richtung Tür. Das mußte sie Garibaldi sagen. Aber mitten im Zimmer blieb sie stehen. Garibaldi konnte nichts tun. Allerdings konnte und mußte sie etwas tun. Sie hatte Dannos Laptop und mußte Online gehen. Nur noch einmal, ein einziges Mal… Sie trocknete sich die Augen, überflog den Wirtschaftsteil der Zeitung und suchte nach Inseraten von
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Online-Diensten. Es gab eine eigene Rubrik für Internet. Dort fand sie Galaxy BBS in Baltimore, das den Zugang innerhalb einer Stunde anbot. Catherine gab dem Unternehmen die Nummer ihrer Kreditkarte. Wie versprochen war der Zugang eine Stunde später möglich. Als sie sich in den IRC befand, betete sie, daß #hawksbill offen sein werde. Aber wenn alle aus der Gruppe Weihnachten mit ihren Familien verbrachten, würde #hawksbill nicht einmal angezeigt sein. Sie konnte #janet wieder öffnen, doch die Wahrscheinlichkeit war gering, daß es jemand von #hawksbill bemerkte. Sie wußte, ihr Vorgehen war sehr riskant. Aber das kümmerte sie im Augenblick nicht. Dieses Schwein hatte Danno und ihre Mutter in den Schmutz gezogen. Sie würde sich rächen! Sie tippte llist, drückte die Eingabetaste und ballte die Fäuste. Bitte… bitte seid da… Da kam es: #hawksbill. Aber es war nur eine Person im Kanal: Jean Luc, der mit dem @ vor seinem Namen an diesem einsamen Weihnachtsabend auf Gesellschaft zu warten schien. Catherine meldete sich als Janet. [Jean-Luc] Fröhliche Weihnachten, Janet. «Janet»Fröhliche Weihnachten. [Jean-Luc] Du hättest nicht hier auftauchen sollen – zu gefährlich. «Janet »Hat sich heute schon jemand bei dir gemeldet? [Jean-Luc] Nein, die sind alle mit ihren Familien beschäftigt. «Janet»Bist du allein? Catherine wartete. «Janet »Jean Luc: Bist du allein? [Jean-Luc] Ja. «Janet»Wo bist du?
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[Jean-Luc] Das ist gegen die Regeln von Hawskbill. «Janet »Du weißt, wer ich bin. Ich muß wissen, wer du bist. Sie wartete wieder auf Antwort. [Jean-Luc] Einfach ein Freund… Ja, glaub mir, ich bin dein FREUND! «Janet »Bist du ein Mann oder eine Frau? Während Catherine wartete, lauschte sie auf das stille Haus und die ruhige Nacht draußen. Dicke Schneewolken hingen am Himmel und hüllten die Welt in Stille und Frieden. Sie hatte das Gefühl, Jean-Luc und sie seien die einzigen Menschen auf der Welt – gesichtslos, alterslos, geschlechtslos, unbelastet von Körpern und den Vorurteilen des Sehens und Hörens. Sie waren reine Gedanken, Elektronen, zwei entmaterialisierte Menschen, die sich in einem nichtexistenten Raum trafen. Sie wußte nicht einmal, von welchem Ort auf der Welt sich ›JeanLuc‹ meldete. Er oder sie konnte in China sein oder womöglich auf der anderen Straßenseite. Doch es war ein seltsam intimer Augenblick, und Catherine fühlte sich flüchtig enger mit Jean-Luc verbunden, als sie das je bei einem Menschen erlebt hatte. [Jean-Luc] Du hättest dich nicht melden sollen – zu gefährlich. «Janet»Ich mußte es – um Barrett zu verteidigen. Hast du ferngesehen? [Jean-Luc] Ja»:-[ «Janet»Barrett hat die Schriftrollen NICHT gefälscht. Dr. Alexander hat sie auch nicht gefälscht. *Die Schriftrollen sind echt* Und sie hat NICHT mit Miles Havers um fünfzig Millionen Dollar verhandelt. Er hat nie Kontakt zu ihr aufgenommen.
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[Jean-Luc] Ist Havers der Bösewicht? Sie starrte auf den Monitor. »Ist Havers der Bösewicht?« Das hieß im Klartext: Hat Havers Daniel umgebracht? «Janet»Havers beschuldigt Barrett, ein Fälscher zu sein, weil Daniel nicht mehr lebt, um sich verteidigen zu können. Das mußt du glauben. Du mußt es allen sagen. [Jean-Luc] Janet: Ist Havers der Bösewicht? Catherine zögerte. [Jean-Luc] Wiederhole: Ist er der Bösewicht und hinter Dr. Alexander her? «Janet »Darüber kann ich jetzt nicht sprechen. [Jean-Luc] Du hast unser Mitgefühl, aber Miles Havers ist ein mächtiger Mann. «Janet»Leider. Catherine beobachtete den Bildschirm. Der Cursor blinkte, und die Zeit verging. Sie war versucht, Jean-Lucs wahre Identität herauszufinden. Sie wußte, sie konnte es tun, indem sie einen Befehl eingab, der seine IP-Adresse verriet. Ein bißchen Detektivarbeit würde sie direkt zu ihm oder ihr führen. Catherine tippte /whois jean-luc/ und ließ die Hand über der Eingabetaste schweben. [Jean-Luc] Janet: Wir werden tun, was wir können. «SERVER»Jean-Luc hat sich verabschiedet.

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DER DREIZEHNTE TAG

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Sonntag, 26. Dezember 1999 Santa Fe, New Mexico
Irgend etwas weckte Erika auf. Zuerst wußte sie nicht, was es war. Sie lag im Bett, lauschte auf die Stille im Haus und versuchte, sich zurechtzufinden. Die Leuchtziffern ihres Weckers verrieten, daß es zwei Uhr morgens war. Sie wartete mit angehaltenem Atem. Dann drehte sie den Kopf auf dem Kissen und sah, daß Miles nicht im Bett lag. Wieder einmal… Wenn eine wichtige Transaktion bevorstand oder wenn er sich mit einem neuen Software-Code herumschlug, hatte er in den vergangenen Jahren immer wenig geschlafen. Erika hatte jedoch das Gefühl, daß sie in letzter Zeit öfter als üblich feststellen mußte, daß er nicht im Bett war. Sie dachte an die überraschende Presseerklärung zu den Schriftrollen, die er vor zwei Tagen abgegeben hatte. Erika war völlig ahnungslos gewesen. Sie hatte wirklich nichts davon gewußt, daß er die Schriftrollen kaufen wollte und mit der untergetauchten Dr. Alexander Geheimverhandlungen führte. Beamte des FBI waren bis in den späten Abend im Haus gewesen und hatten Miles befragt. Dann stellte sich heraus, daß es sich um Fälschungen handelte! Der arme Miles mußte öffentlich eingestehen, daß er getäuscht worden war. Das ist Miles, dachte Erika, als sie aufstand und den Morgenmantel überzog, er wollte die Schriftrollen für die Welt retten. Wahrscheinlich hatte er bereits ein Gebäude für sie geplant, wo die Öffentlichkeit sie hätte sehen und
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die Wissenschaftler sie hätten studieren können. Es mußte eine große Enttäuschung für ihn gewesen sein. Während sie durch das dunkle, schlafende Haus ging, dachte Erika: Er sollte jetzt nicht allein sein und sich über die Niederlage ärgern. Sie würde ihn trösten und dafür sorgen, daß er ins Bett zurückkam. »Wir haben sie!« rief Teddy. »Sie hat sich bei Galaxy BBS, einem lokalen Server in Baltimore, angemeldet. Sie bieten einen besonders schnellen Zugang zum Internet.« Havers kam herüber. Sie warteten schon ungeduldig, seit der Computer, der Catherine Alexanders Kreditkarte überwachte, sie vor ein paar Stunden durch einen Warnton darauf vorbereitet hatte, daß die Karte benutzt worden war. »Baltimore«, sagte Havers mit einem Blick auf den Bildschirm. Zeke hatte also recht gehabt. Als Zeke am Abend zuvor behauptete, daß die Spur von Dr. Alexander und ihrem Begleiter von Las Vegas zum Dulles-Flughafen in Washington führe, war Havers skeptisch gewesen. Warum um alles in der Welt sollte sie ausgerechnet dorthin geflogen sein? »Wie schnell können Sie Zugang zu dem System in Baltimore bekommen?« fragte er Teddy. »Hängt ganz davon ab. Ich muß ihre IP-Adresse ausfindig machen«, erwiderte Teddy, dessen Finger bereits über die Tastatur glitten. »Einen Merker anbringen, die Such-Software laden…« »Sehen Sie sich die Teilnehmer-Dateien an. Vielleicht hat sie die Telefonnummer angegeben, über die sie sich einwählt.« »Ja, das würde den Job sehr viel einfacher machen…
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He! Sehen Sie!« Miles blickte auf den Monitor. Galaxy BBS in Baltimore benutzte Scimitar-Software von Dianuba Technologies in der Version von 1998. »Sag ich’s doch!« Teddy stieß einen leisen Pfiff aus. Er hatte an der Entwicklung des Sicherheits-Codes für Scimitar mitgearbeitet. Ein Blick auf die Armbanduhr verriet Havers, daß es in Washington fünf Uhr morgens war. »Hängen Sie sich dran! Wenn wir Glück haben, meldet sie sich noch einmal, bevor die Verbindung wieder getrennt wird.« Teddy machte sich daran, das System von Galaxy BBS zu knacken. Miles ging außer Hörweite des jungen Mannes. Er zog das Telefon aus der Tasche des Morgenmantels und wählte eine Nummer. Er konnte ein zufriedenes Lächeln nicht unterdrücken. Sein Plan funktionierte. Miles hatte damit gerechnet, daß es Catherine Alexander nicht schweigend hinnehmen werde, daß der Name ihrer Mutter durch den Schmutz gezogen oder ihr Freund Daniel als Fälscher bezeichnet wurde. Er setzte darauf, daß sie reagieren werde wie vor ein paar Tagen, als die negative öffentliche Meinung sie dazu getrieben hatte, über Internet Hilfe zu suchen. Miles hatte sie mit seiner Strategie sozusagen ›gezwungen‹, sich noch einmal unüberlegt ins Netz einzuwählen. Die Mühe hatte sich gelohnt. Er hatte sich von Papazian eine Fälschung des Fragments herstellen und sie gegen das echte austauschen lassen. Miles wußte jetzt, dieses Mal war ihm das Kaninchen in die Falle gegangen. »Tut mir leid, Mr. Havers«, rief Teddy vom anderen Ende der langen Reihe von Monitoren, »Dr. Alexander hat keine Telefonnummer in Baltimore angegeben, sondern ihre eigene Nummer in Santa Monica. Dumm ist sie nicht…«
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Ja, dumm ist sie nicht, dachte Havers und nickte. Als sich Zeke meldete, ging er in die Nähe der Tür und drehte dem jungen Mann den Rücken zu, damit Teddy nicht hörte, was er sagte: »Sie sind in der Umgebung von Baltimore. Mir ist es gleich, wie Sie den Priester und diese Frau aus dem Weg räumen. Aber beschaffen Sie mir auf jeden Fall die Schriftrollen und vergessen Sie nicht den Computer. Ich brauche das Tagebuch von Stevenson.« Erika hatte gerade anklopfen wollen, obwohl die Tür einen Spalt offenstand. Sie wußte, wie wichtig Miles seine Privatsphäre war und daß er es nicht schätzte, wenn man überraschend bei ihm in einem Zimmer auftauchte. Aber anstatt anzuklopfen, wich sie langsam von der Tür zurück. Sie konnte nicht glauben, was sie gerade gehört hatte… ÜBERWACHUNG GALAXY BBS IP Adresse 204.16.78.101 »»Nbosc hat sich zugeschaltet, 8.02 Uhr »»MrySpncer hat sich zugeschaltet, 8.03 Uhr »»robertsoo? hat sich zugeschaltet, 8.05 Uhr »»Nbosc hat abgeschaltet, 8.07 Uhr »»LtChab hat sich zugeschaltet, 8.07 Uhr »»kharvey hat sich zugeschaltet, 8.10 Uhr Miles drehte den Kopf zur Seite und blickte auf die Uhr. In Baltimore war es inzwischen acht Uhr morgens. Catherine Alexander hatte sich immer noch nicht gemeldet.

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Washington, D.C.
»Wie können Leute nur so leben?« sagte Raphael, der versuchte, sich die Hände an seinem Kaffeebecher zu wärmen. »Immer auf der Flucht…« Er und Zeke saßen in ihrem Wagen und warteten gespannt darauf, daß sich Havers meldete. Es war ein eiskalter Morgen, und sie tranken Kaffee aus Styroporbechern. Zeke haßte es, sich eine Niederlage eingestehen zu müssen. Aber als sie einen Tag lang in Washington gesucht und weder Dr. Alexander noch den Priester gefunden hatten – es erwies sich als unmöglich, alle Kirchen zu überwachen -, meldete er sich schließlich bei Havers und schilderte ihm die Lage. Jetzt mußte Zeke widerwillig die Computer bewundern. Sie hatten geschafft, was ihm trotz aller Anstrengungen nicht gelungen war. Er starrte wie gebannt auf das Autotelefon, als könnte er es dadurch zwingen zu klingeln, und murmelte: »Nun komm schon, Mädchen, schalt noch einmal deinen Computer ein…« Catherine hörte es in der Ferne donnern. Ein Gewitter über dem Meer. Soll ich den Sklaven befehlen, die Fensterläden vorzulegen? Philos! Ich muß Philos warnen… »Catherine! Machen Sie auf, ich bin es.« Sie fuhr hoch und schlug die Augen auf. Wo bin ich? Es klopfte. Das war kein Donner. Vor der Tür stand jemand. Philos? »Catherine? Sind Sie wach?« Garibaldi… Catherine ging unsicher zur Tür und öffnete sie einen
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Spalt. »Was ist…?« »Schalten Sie den Fernseher ein. Schnell!« »Was gibt es?« Sie ließ Garibaldi eintreten und war plötzlich hellwach. Dann eilte sie ins Bad und zog sich schnell den Bademantel über. »Es ist Dr. Voss.« Garibaldi wählte den Nachrichtensender. »Er hat ein Interview gegeben. Vor der Werbung haben sie das Interview angekündigt. Es wird in den Nachrichten gesendet!« Catherine glaubte, ihren Augen nicht zu trauen, als Julius auf dem Bildschirm erschien. Er saß in seinem Büro im Freers Institut. Am unteren Bildschirmrand war ein Schriftbalken eingeblendet: »Das Interview wurde um 7.08 Ortszeit in L.A. aufgezeichnet.« Catherine blickte auf den Wecker neben ihrem Bett. Hier an der Ostküste war es beinahe elf Uhr. Wie konnte sie so lange geschlafen haben? »Dr. Voss, weshalb haben Sie sich schließlich doch zu diesem Interview bereit erklärt? Bislang hatten Sie es abgelehnt, sich zu äußern.« Julius wirkte erschöpft. Er hatte dunkle Ringe unter den Augen, aber in dem eher konservativen Jackett sah er wie immer gepflegt aus. »Ich habe nicht viel zu sagen, sondern möchte Dr. Alexander bitten, ihr Vorgehen zu überdenken. Sie ist eine ausgezeichnete Wissenschaftlerin. Ich brauche sie hier dringend. Ich kann das Meritites-Projekt nicht allein durchführen. Wir haben immer gut zusammengearbeitet. Catherine, erinnerst du dich noch an das erste Mal?« »Meritites«, sagte Garibaldi. »Ist das nicht die Mumie, an der er letztes Jahr gearbeitet hat? Was meint er mit ›das erste Mal‹? Haben Sie beide schon früher zusammengearbeitet?«
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»Nein. Er versucht, mir etwas zu sagen. Warten Sie…« Catherine griff zum Telefon und ließ sich von der Auskunft die Nummer des Halekulani Hotels in Honolulu geben. Dann rief sie dort an und erkundigte sich, ob jemand eine Nachricht für Mrs. Meritites hinterlassen habe. Sie legte die Hand über den Hörer. »›Das erste Mal…‹ Ich glaube nicht, daß er damit unsere Zusammenarbeit meint. Ja? Hier spricht Mrs. Meritites. Haben Sie eine Nachricht für mich?« Sie wartete. »Ja? Lesen Sie bitte vor.« Catherine notierte etwas und legte auf. »Ich glaube, Julius hat mir verraten, wo die siebte Schriftrolle ist. Hier«, sagte sie und gab Garibaldi das Blatt. »Thomas von Monmouth?« sagte er. »Wer ist das?« Sie setzte sich an den Computer. »Ich lasse Julius nur wissen, daß ich die Nachricht bekommen habe.« »Catherine, nicht den Computer…« »Vater Garibaldi, haben Sie denn keine Augen im Kopf? Ich hatte keine Ahnung, daß ihn das alles so mitnehmen würde. Er sieht schrecklich aus. Ich muß ihn wissen lassen, daß ich seine Nachricht bekommen habe und daß es mir gutgeht. Keine Sorge. Das geht ganz schnell.« Sie startete den Computer, klickte zweimal auf das ›Galaxy‹-Symbol, rollte zu ›Dialer‹ und klickte auf ›Login.‹

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Santa Fe, New Mexico
Miles Havers blickte unverwandt auf den Monitor mit der Meldung: ÜBERWACHUNG GALAXY BBS IP Adresse 204.16.78.101 »george hat sich zugeschaltet, 8.15 Uhr »MrySpncer hat abgeschaltet, 8.16 Uhr »joe hat sich zugeschaltet, 8.16 Uhr Plötzlich zuckte es um seine Mundwinkel. »Piep! Piep! Piep! Piep! Miles richtete sich langsam auf. Die Namen rollten nicht länger, aber auf dem Bildschirm erschien die Meldung: **ANSCHLUSS-SUCHE BEGINNT** Lächelnd griff er nach seinem Telefon. Catherine Alexander hatte gerade ihre Zugangsnummer bei Galaxy BBS gewählt.

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Washington, D.C.
Das Autotelefon blinkte, und Zeke nahm sofort ab. »Ja«, sagte er in den Hörer. Er hörte zu, antwortete: »Jawohl, Mr. Havers«, und legte auf. »Sie benutzt ihren Computer«, sagte er zu Raphael. »Sie suchen gerade den Telefonanschluß.« »Brav, Baby«, erwiderte Raphael und rieb sich die Hände. »Ich beeile mich«, sagte Catherine noch einmal. »Julius soll nur wissen, daß… Was ist das?« Am unteren Rand des Bildschirms blinkte die Meldung: *E-MAIL EINGANG* »Jemand hat Ihnen eine Nachricht geschickt«, sagte Garibaldi. »Das ist unmöglich. O Gott, das bedeutet doch nicht etwa…« Sie klickte zuerst auf das Datei-Menü und dann auf ›Briefkasten‹. * Geben Sie das Paßwort ein für* joe@mail.galaxy.com Catherine tippte Batman, das im Kästchen als ****** erschien, und klickte auf die Eingabetaste. ANALYSIERE ADRESSE VON MAIL:GALAXY:GOM LOGGING INTO POP SERVER

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Santa Fe, New Mexico
Miles Havers trommelte mit den Fingerspitzen nervös auf die Schreibtischplatte, ohne den Blick vom Bildschirm zu nehmen. Er war nicht länger im Kommunikationszentrum, sondern saß in seinem burgunderroten Büro an einem Computer, zu dem sich nicht einmal Teddy Yamaguchi Zugang verschaffen konnte. *ANSCHLUSS-SUCHE LÄUFT* Miles hatte die Software zur Überwachung von Galaxy BBS selbst geschrieben und installiert. Das Suchprogramm war durch den Alarmton, den Catherines IP-Adresse ausgelöst hatte, aktiviert worden und verfolgte die Nummer zu ihrem Ausgangspunkt zurück. »Also dann«, sagte er, als auf dem Bildschirm ein Stadtplan von Washington, D.C. erschien. Er beobachtete die blauen Linien, die sekundenschnell Punkte miteinander verbanden – Signale, die wie Blitze über den Stadtplan zuckten. Havers griff nach dem Telefon in seiner Tasche und wählte. Als sich Zeke meldete, sagte er: »In einer Minute habe ich die Adresse«, und sah zu, wie die Linien von einem Punkt zum anderen hüpften. Miles lachte leise, denn er hörte, daß Zeke bereits den Wagen anließ, ohne das Telefon vom Ohr zu nehmen.

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Washington, D.C.
Auf Catherines Monitor blinkte die Meldung *E-MAIL EINGANG* von neuem. Sie klickte auf ›Briefkasten‹ und dann auf ›Neueingang‹. Garibaldi beugte sich über ihre Schulter, um besser zu sehen. »Woher kommt die Nachricht?« fragte er. Catherine erwiderte leicht verwirrt: »Der Absender wird als ›Freund‹ identifiziert.« Nach einem Doppelklick flüsterte sie: »Mein Gott!«
Return-Pfad: freund@dianuba.com Datum: Sonntag, 26. Dez. 1999,6:15:47 Von: freund@dianuba.com An: joe@galaxy.com Betr: EILT

Er hat Sie gefunden. »Hier ist die Adresse«, hörte Zeke seinen Auftraggeber sagen. »N Street 142 in Georgetown. Aber laßt sie diesmal unter keinen Umständen entkommen.« »Nein, Mr. Havers«, sagte Zeke, der bereits mit quietschenden Reifen losfuhr. »Wo ist sie?« fragte Raphael. »Nicht weit von hier.« Raphael ging daran, den Schalldämpfer an der Pistole anzubringen, und Zeke dachte sehr zufrieden: Der Computer hat es vielleicht geschafft, diese Alexander zu finden. Aber kein Computer der Welt kann sie auf die altbewährte Weise ausschalten, so, wie wir das gleich tun werden…

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DER VIERZEHNTE TAG

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Während ihrer Abwesenheit gestand mir Claudia. Ich wollte den ›Ring der Kraft‹ sehen. daß sie an den geheimen Ritualen der Druiden teilnahm. Möglicherweise hatten die Druiden das Rätsel der Steine gelöst.Montag. Man nennt sie Myrddins Steine und sagt. die Frau des Centurio. die Unsterblichkeit und immerwährende Jugend. Alle glauben. und wie immer begleitete ihn Philos. diese Steine seien vom Himmel gefallen und hätten einen Kreis gebildet. 541 . daß jeder einzelne der Steine besondere übernatürliche Kräfte besitzt. um sich mit dem Führer der Britonen zu treffen. Ich hatte Geschichten von einer heiligen Stätte auf der Ebene im Süden gehört. 27. Dezember 1999 Cornelius Severus ritt nach Chichester. Eine andere Geschichte erzählt. denn vielleicht gab er einen Hinweis auf die Riesen. Damit würde ich Philos helfen. Es heißt. Die Macht der ›Himmels‹Steine ist unvorstellbar groß. daß die Riesen sie in alter Zeit vom fernen Afrika hierher auf diese Ebene gebracht hätten. sie bergen ein Geheimnis und besitzen die Kraft. jede Krankheit zu heilen.

das gerade völlig renoviert wurde. noch rechtzeitig aus Mrs. Erst gegen 542 . öffnete Catherine die Augen. Catherine richtete sich auf und betrachtete das näherkommende Bahnhofsgebäude von Greensville. Garibaldi nahm den Laptop und seine schwarze Reisetasche. Irgendwann im Laufe der Nacht hatte er schützend den Arm um sie gelegt. Catherine packte die blaue Tasche mit den Schriftrollen. der Mrs. daß Garibaldi und sie daran gedacht hatten. Es war ihnen gelungen. und ihren Blicken bot sich eine verzauberte und märchenhafte Winterlandschaft. daß ein Wagen vor dem Gästehaus anhielt. in Washington Stiefel zu kaufen. O’Tooles Gästehaus zu fliehen. Aus Vorsicht fuhren sie weder zum Flughafen noch zum Bahnhof. Garibaldi ließ sich die Rechnung geben. sondern ließen sich von dem Taxifahrer wie zwei neugierige Touristen die Stadt zeigen. obwohl es in dem Abteil nichts mehr zu befürchten gab. Ein überdachter Gang führte zum Nebenhaus. O’Tooles Haus beobachtete. Sie war mit dem Kopf an Garibaldis Schulter eingeschlafen. Sie war froh. Im Schutz einer immergrünen Hecke warteten sie auf ein Taxi und sahen. Sogar auf dem Bahnsteig lag Schnee. konnte ihre Flucht bemerken.Greensville. Der Fahrer stieg aus und verschwand im Haus – es war der Killer mit dem Narbengesicht. Sie hatten die Computernachricht – ›Er hat Sie gefunden!‹ – gelesen und das Haus wenig später durch den rückwärtigen Ausgang verlassen. Vermont Als der Zug vor der Einfahrt in den Bahnhof langsamer wurde. Niemand.

Alexanders Zelt entfernt hatte. kein Mensch achtete auf sie. die den Schriftrollen ihren Wert zurückgaben und sie wieder für seine Privatsammlung interessant machten. sie aus ihrem Versteck zu locken.« Garibaldi machte sich auf die Suche nach einer Fahrgelegenheit. In dem Artikel wurde berichtet. hatte die Frau an der Zentrale des Halekulani Hotels gesagt. das am Tag zuvor veröffentlicht worden war und das der ägyptische Archäologe angeblich persönlich aus Dr. Catherine zweifelte keinen Augenblick daran. Noch einmal wird er mich nicht 543 . daß sich unter den Experten Zweifel an der behaupteten Fälschung regten. Also bestehe durchaus die Möglichkeit. das seit dem Tag nach Daniels Tod immer wieder in den Zeitungen erschien. Niemand folgte ihnen. Der Vorwurf der Fälschung hatte nur dazu dienen sollen. ob Havers sie auch hier ausfindig machen werde. nachdem sich Catherine als Mrs. Auf dem Titelblatt stand: ›GEFÄLSCHT ODER ECHT?‹ Darunter befanden sich nebeneinander zwei Photos des Jesus-Fragments: das Original. Meritites gemeldet hatte. Er hatte diese Runde für sich verbuchen können. Jetzt hatten sie ihr Ziel erreicht und stapften erleichtert hinaus in die frostige Morgenluft. daß Dr. »Fragen Sie nach Thomas von Monmouth. »Fahren Sie zum Kloster in Greensville in Vermont«. daß es sich wahrscheinlich nicht um zwei Teile desselben Dokuments handelte. Alexanders Schriftrollen echt seien. daß Havers auch diese Wendung vorausgesehen hatte. und das andere. und Catherine kaufte eine Zeitung. Der Schnee knirschte unter ihren Schritten. Catherine fragte sich. Alles hier war still und menschenleer.Abend wagten sie sich in den Bahnhof und nahmen den Zug nach Vermont. da ein Vergleich der beiden Photos ergeben habe.

die Gäste aufnahmen – allerdings nur Frauen. »Ich bin solche Winter nicht mehr gewöhnt. Es gab einfache Unterkünfte. als sie auf ihrem Weg zum Kloster durch den Schnee stapften. es getan zu haben. was er dachte: Sie waren zum dritten Mal um ihr Leben gelaufen. Es gehörte Benediktinerinnen. sagte Garibaldi. als er zurückkam. der auch hier ausgestiegen ist. Aber sie hatte auf ihre Art diesem Mann oder der Frau auf der langen Fahrt nach Vermont gedankt. von wem die Computernachricht gekommen war. wie der Mann aus Greensville gesagt hatte. War es Jean-Luc gewesen? Vor zwei Tagen hätte sie beinahe ›/whois Jean-Luc‹ eingegeben. wohnt in der Nähe des Klosters.« Catherine sah ihn erstaunt an und warf dann einen Blick zur Straße zurück. Würden sie auch ein viertes Mal Glück haben? »Das muß man erleben. Catherine hatte keine Ahnung. um es zu glauben«. Der Mann aus Greensville hatte sie abgesetzt und gesagt. sagte Garibaldi.überlisten.« Garibaldi lächelte scheinbar unbeschwert. »Ein Mann. bis zum Kloster sei es nur noch ein kurzer Weg. Er will uns mitnehmen. Sie wußte. Die Straße war völlig leer.« Doch Catherine sah die Anspannung in seinen Augen. Jetzt wünschte sie. »Wir haben Glück«. wenn auch nur dank der Hilfe des geheimnisvollen ›Freundes‹. Er war über Weihnachten in Washington und hat seinen Wagen am Bahnhof abgestellt. Wieder einmal hatten sie überlebt. und niemand war ihnen gefolgt. Ohne den anonymen Hinweis wären sie und Garibaldi den Killern nicht entkommen. Das Kloster lag in den Bergen inmitten großer Wälder. und die 544 . »Wirklich nette Leute hier in Vermont.

Sie fragte sich. die grau und streng über die Mauer ragten. Catherine hatte natürlich darauf verzichten müssen. Und ich kann Ihnen versichern. Julius anzurufen und ihn nach Einzelheiten zu fragen. die auf der anderen Seite durch eine Klappe verschlossen war. »Die Kapelle ist alt«. »Der Altar steht so. wer Thomas von Monmouth war. Sie mußten warten. beendet hatten. Es war Mittag. das über eine hohe Steinmauer durch die Bäume zu ihnen drang. zog er am Klingelzug. Seitlich der Pforte gab es eine Glocke. doch weder ein Name noch ein Schild verriet. an der die Leute aus der Umgebung teilnehmen konnten. Ja. Catherine richtete den Blick auf die steinernen Türmchen und Giebel. wie Julius ihn entdeckt hatte und welche Informationen er angeblich besaß. Sie sitzen hinter einem Eisengitter getrennt von der Gemeinde. ihr Gesang ist so klar und rein. als sei er nicht von dieser Welt!« Catherine hörte jetzt das Singen. Die altmodische Glocke schwang hin und her und läutete hell und laut. daß die Nonnen ein Schiff für sich allein haben. das vierte kanonische Stundengebet. bis die Nonnen die Sext. daß es sich um ein Kloster handelte. Als der Gesang schließlich verstummte. Garibaldi blickte auf die Uhr. Um zehn Uhr morgens wurde eine lateinische Messe gelesen. Nach kurzem Warten erschien ein Gesicht hinter dem 545 . wie die Stimmen von Engeln… Catherine und Garibaldi erreichten kurz darauf das massive Holztor. Ein Telefongespräch hätte ihre Verfolger mit Sicherheit auch hierher in diese Einsamkeit geführt. hatte der Mann ungefragt erklärt. In Augenhöhe befand sich eine kleine vergitterte Öffnung. Die Nonnen versammelten sich achtmal am Tag zum Gebet. während sie über die verlassene Landstraße fuhren.Besucherinnen nahmen die Mahlzeiten entweder allein oder mit den Nonnen ein.

und es roch nach Zitronenöl. verrieten. »Was kann ich für Sie tun?« »Wir suchen jemanden«. Ihr Gesicht hatte kaum Falten. »Oder etwas«. die Augen blickten hell und klar die zwei Besucher an. sie sehen zu 546 . »Sie kommen also. Wir nehmen niemals Männer auf. und der Schlüsselbund sowie ein großer hölzerner Rosenkranz. Auch das erschwerte es.Gitter. obwohl…«. Sie ging mit schnellen Schritten stumm vor den Besuchern her und führte sie über einen vereisten. oder?« »Bestimmt nicht«. Einen Augenblick später kam eine andere herein. erwiderte Garibaldi. es könnte sich um ein Dokument oder um eine Handschrift handeln. erwiderte die Äbtissin und lächelte.« Sie war eine ältere Frau. Seit Jahren hat niemand mehr darum gebeten. »Priester selbstverständlich willkommen sind. Heutzutage heißt wohl niemand mehr Thomas von Monmouth. daß sie die Äbtissin des Klosters war. »Wir vermuten. gepflasterten Weg und ein paar Steinstufen in einen Empfangsraum. dessen Perlen an ihrer Hüfte leise klackten. Die Nonne verschwand durch eine Tür unter einem gotischen Bogen. Die Stimme schien einer jungen Frau zu gehören. und die Hände verschwanden in den langen weiten Ärmeln der schwarzen Ordenstracht. sie sah Garibaldi lächelnd an. »Um diese Jahreszeit haben wir sehr selten Gäste«. gebückte Nonne öffnete die Pforte. Man sah unter der Haube nichts von den Haaren. um Thomas zu sehen! Wir sind sehr stolz auf unsere Handschrift. fand Catherine. sagte sie. und eine alte. Dort war es so still wie in einer Kirche. »Die Leute verbringen Weihnachten bei ihren Familien. ihr Alter zu erraten. Sie stellte sich als Mutter Elisabeth vor. fügte Catherine hinzu. Sie ist in einem hervorragenden Zustand und wunderbar illuminiert. aber in gewisser Weise wirkte sie alterslos.

Bitte folgen Sie mir.« Sie gingen durch stille Gänge. »König Arthur?« »So interpretieren wir es auch«. Die Mappe enthielt ein vergilbtes. wie das mit Legenden ist. in der Hoffnung. Aber wäre es nicht wunderbar. »sehen Sie es sich an. »Bitte«.« Catherine übersetzte den Text und las ihn dabei laut vor: »›… an den Kalenden des Juni. und die Farben der Malereien und der Inkunabeln hatten nichts von ihrer Leuchtkraft und Lebendigkeit eingebüßt. sagte sie und nickte. Offenbar handelte es sich um die Seite eines Buches. König Uther gefangenzunehmen…‹« Sie bewegte den Zeigefinger unter dem lateinischen Text entlang: »›… dux bellorum…‹« »Dux bellorum… Anführer der Krieger«. Die Äbtissin schloß ein Kabinett auf. Die Tinte war noch dunkel. 547 . überfielen die Römer die Stanhengues oder den Ring der Kraft. sie Ihnen zu zeigen.dürfen. wenn sich das auf König Arthur beziehen würde?« Sie ging zur Tür. aber gut erhaltenes Blatt Pergament. »Ich lasse Sie beide allein. »Sie wissen ja. daß es sich um ein Werk des Thomas von Monmouth aus dem zwölften Jahrhundert handelte. legte sie auf den Tisch und öffnete sie. Ein maschinengeschriebener Hinweis auf einem beigelegten Blatt Papier verriet. und als die Stunde gekommen war. Es wird mir eine Freude sein. »Uther?« Er sah die Äbtissin fragend an. wo Statuen von Heiligen mit traurigen Augen unergründlich ins Leere blickten. sagte sie. und erreichten schließlich die große Bibliothek mit einem gemütlichen Feuer im Kamin. Im Laufe der vielen Generationen werden manche Tatsachen verdreht und mit Erfundenem vermischt. murmelte Garibaldi. nahm eine große Ledermappe heraus.

« Nachdem die Äbtissin gegangen war. darunter auch Kinder und Frauen. Wir sind stolz auf unsere Bibliothek. sagte Catherine. sagte Garibaldi. Wir wissen. »aber die Geschichte ist im Laufe der Jahrhunderte mit Sicherheit verändert worden. um an einem Druidenritual teilzunehmen. die sich dort versammelt hatten. Thomas schreibt beinahe tausend Jahre nach dem Ereignis. Und. Und…« Sie seufzte.« »Nein«.damit Sie die Handschrift in Ruhe lesen können. »wir haben leider nur sechs Bücher. »benutzen Sie alles. die später mit der Priesterin Valeria am heiligen Ort begraben wurden‹« »Wie bitte? Das kann nicht sein«. es waren mehr als fünfhundert. Die Römer schnitten allen die Kehle durch. die ohne sein Wissen an dem Ritual der Druiden teilnahm. Es gab ein schreckliches Gemetzel an jenem Tag im Ring der Steine.« »Könnte das Begrabenwerden etwas mit dem Brunnen auf dem Sinai zu tun haben? Handelt es sich bei dem Skelett um Valeria?« »Vielleicht…« »Wie geht es weiter?« Catherine las die letzte Zeile. und sie stürzten sich auf die Druiden. »›Über das siebte Buch. Vater«. Sie hieß Sabina Fabiana und hinterließ sechs Bücher über Zauberei und Alchimie. sie wies freundlich auf den Raum. daß er durch den Angriff seine eigene Frau verloren hatte. Die Frau des römischen Kommandanten Cornelius Severus befand sich unter ihnen. fuhr Catherine mit der Übersetzung fort: »›… den Anführer der Britonen. 548 . daß Sabina in Stonehenge war. was Sie brauchen. und er stellte zu seinem großen Leidwesen fest. »Sabina war nicht mit Cornelius Severus verheiratet.« »Wer ist Valeria?« »Vielleicht eine Druidenpriesterin.

ist reine Erfindung. Garibaldi sah sie an und sagte ruhig: »Wo sollen wir als nächstes suchen? Wohin gehen wir von hier aus?« Das hing ganz davon ab. Sabina ist in Stonehenge getötet worden?« »Ich weiß nicht«.« »Catherine. wie wir gerade festgestellt haben. muß es existiert haben. Befand sich darin vielleicht eine Beschreibung des Druidenrituals? Hatte Perpetua in einer römischen Garnison in Britannien gelebt und Sabina nach dem Überfall gepflegt? Hatte sie erleben müssen. sagte sie nachdenklich.« Doch Catherine wußte bereits. denn es wurde nie geschrieben. bot ihnen die Äbtissin an. ist nichts bekannt. was in der sechsten Rolle stand. und das. Woher weiß er. in einem Punkt falsch. glauben Sie wirklich. Garibaldi ging zum Nachmittagsgebet der Nonnen in die Kapelle. daß das siebte Buch nie geschrieben worden ist? Wenn in der Legende davon gesprochen wird. daß das sechste ›Buch‹ sehr kurz war. »Ich muß immer noch eine Schriftrolle übersetzen. von denen der Schnee gefegt worden war. Es gab keine Fahrgelegenheit zum Bahnhof. wovon sie berichten. war über achtzig gewesen. Catherine machte auf dem großen Gelände einen Spaziergang. Sie ging langsam auf Kieswegen entlang. daß Sabina trotzdem an ihren Wunden gestorben war? Aber die Sabina. es stimmt. und da am Himmel dunkle Schneewolken hingen.« »Viele Legenden sind nichts als Märchen. Also könnte er auch darin irren. die Nacht im Kloster zu verbringen.‹« Sie sah Garibaldi nachdenklich an. die diese Rollen diktiert hatte. »Glauben Sie.von dem die Legende berichtet. und betrachtete 549 . die Sabina in Britannien war höchstens dreißig. daß die siebte Schriftrolle nur eine Legende ist?« »Der Bericht des Thomas von Monmouth ist.

daß es im Kloster keine Zeitschriften oder Zeitungen gab. von den Nonnen angefertigte Stickarbeiten verkauft wurden. daß Garibaldi bei ihnen war. die 550 . Catherine warf einen Blick durch das Schaufenster in den geschlossenen kleinen Laden. dachte sie und erinnerte sich wehmütig an ihre Jugend. Die Töne stiegen in die Winterluft und klangen von weitem so zart und schwerelos. Sie sah keine Bücher. das aber nur in Notfällen oder für den Wetterbericht eingeschaltet wurde. Das Abendessen gab es in einem Speisesaal. Der Himmel über dem Wald wurde allmählich dunkel. Die Äbtissin hatte gesagt. Es muß die Vesper sein. hörte sie die Nonnen bei der Andacht in der alten Kapelle und stellte sich vor. Im Büro der Äbtissin stand ein kleines Radio. Sie hörte das Singen aus der Kapelle. Es schien sie nicht einmal zu kümmern. Es waren erstaunlich wenige und meist ältere Nonnen in der Tracht einer vergangenen Zeit. Die Äbtissin hatte zweifellos noch nie etwas von Catherine Alexander oder den Schriftrollen vom Sinai gehört. Catherine sah zum ersten Mal alle Bewohnerinnen des Klosters beisammen. und die Nacht hüllte die Erde in eine schwarze Decke. die man vor zweihundert Jahren im gotischen Stil errichtet hatte. Ansonsten erlaubten die Schwestern der Welt weder mit Nachrichten noch auf eine andere Weise hinter ihre hohen Mauern vorzudringen. daß in vier Tagen ein neues Jahrtausend anbrechen sollte. wo im Frühling und Sommer Ahornsirup von Bäumen des Klosters und schöne. Als Catherine zum Hauptgebäude zurückging. daß man tatsächlich an einen Chor der Engel hätte glauben können. der für sehr viel mehr Menschen gebaut worden war. Das Kloster besaß nicht einmal ein Fernsehgerät.sich die gemauerten Gebäude und kleinen Häuser. nichts Gedrucktes.

Die Mahlzeit verlief in tiefem Schweigen. Sie und Garibaldi hatten der Äbtissin nichts über den wahren Grund ihres Besuchs gesagt. und versuchte. Vor allem wollte sie nicht. Danach wollte sie anfangen. teil. noch immer den Gesang der Nonnen zu hören. was Sabina in Stonehenge widerfahren war. die sechste Schriftrolle zu lesen. fragte sich Catherine. um noch einmal die Handschrift des Thomas von Monmouth zu betrachten. Während Catherine die herzhafte Suppe und das einfache Graubrot aß. die sie im Speisesaal gesehen hatte. Was geht in ihren Köpfen wohl vor. Mit einer Geste wurde um Salz gebeten. daß jemand sie dabei überraschte. Hatten sie noch Gedanken oder Interesse für die Welt jenseits der Klostermauern? Dachten sie manchmal an das Leben. Sie würde sich viel Zeit dazu nehmen. gelesen zu haben. Sie nahm nicht an der Komplet. das sie hinter sich gelassen hatten. ein leises Klopfen mit den Fingerknöcheln war die Bitte um den Wasserkrug. versuchte sie so unauffällig wie möglich die Nonnen zu beobachten. um herauszufinden. dem Tagesschlußgebet. Doch der Papyrus befand sich in einem schlechten Zustand. engelhaften Stimmen 551 . Dabei stellte sie sich die alten Frauen vor. und bis jetzt hatte sich auch niemand danach erkundigt. als sie vor vielen Jahren alles aufgaben. das sechste ›Buch‹ zu öffnen und zum genauen Studium unter einer Lampe auszubreiten. sondern zog sich in die Bibliothek zurück. die Gesichter den reinen. die vor vielen Jahrhunderten festgelegt worden waren.diszipliniert die Ordensregeln und Rituale befolgten. daß das Durchschnittsalter von Ordensschwestern bei fünfundsechzig Jahren lag. um Gott zu dienen? Bedauerte vielleicht eine von ihnen diese Entscheidung? Catherine erinnerte sich. Catherine saß am Kamin und glaubte. die ihr scheu zulächelten.

Catherine konnte sich vorstellen. und Catherine wurde klar. Die kleine Gruppe hielt kompromißlos an den Prinzipien des Glaubens fest. sondern tanzender Schnee. um sich auf der kalten Erde niederzulassen. daß die Nonnen ihr Leben genau dieser Art Vollkommenheit weihten. Es war schon spät. weichen Flocken schwebten durch die Luft und sanken durch die stille Nacht. Trotzdem lebten die Nonnen für ihren Glauben – mehr brauchten sie nicht. die nach dem Tod dieser gläubigen Schwestern die Tradition weiterführen würden. Aber was sich vor ihren Augen bewegte. durch die das irdische Dasein überwunden werden kann. ohne zu sehen. Ihre Stimmen kündeten von der Reinheit des Glaubens. Die zarten. als seien Herz und Geist in dem Gesang zu höchster Vollkommenheit vereint. die anderswo dem Fortschritt und der Verweltlichung zum Opfer gefallen waren. die. Sie würden mitten in der Nacht geweckt werden und sich in der Kapelle zur Matin versammeln. Die Nonnen verbrachten ihr ganzes Leben in klösterlicher Stille. Die Nonnen hatten sich bereits in ihre Zellen zurückgezogen. Kein Wunder. dachte Catherine lächelnd. daß sie. als sie draußen im Gang die Äbtissin und Vater Garibaldi hörte. Manche landeten auf den rautenförmigen Fensterscheiben und schmolzen dort. Ein Spitzenvorhang bewegte sich vor dem Fenster. in die Nacht geblickt hatte. sagte die 552 . Doch ihre Stimmen – es war. Schnee. Sie schienen von der Welt vergessen zu sein. wie die Mystiker der unterschiedlichsten Religionen der Welt bewiesen hatten. daß es keine Novizinnen gab. Catherine zuckte zusammen. und schob das sechste ›Buch‹ wieder in die blaue Nylontasche.zuzuordnen. Vater hat immer gesagt. um sich mit dem Göttlichen zu vereinen. »Die Gästezimmer stehen immer bereit«. zu der Ekstase führen konnte. zu einem richtigen Weihnachten gehört Schnee. waren nicht Spitzen.

der Laptop und Garibaldis schwarze Reisetasche. »Aber im Augenblick sind Sie beide die einzigen Gäste. die Wasserleitungen sind nicht eingefroren.« »Vater Garibaldi«. und wir werden sie finden.« »Gefrorene Wasserleitungen«.« »Das stimmt. die sie auf der Flucht immer bei sich hatten – die blaue Tasche. Es waren die wenigen Dinge. und sah ihn prüfend an. schlafen Sie gut. machen Sie sich keine Sorgen wegen des alten Thomas von Monmouth. ohne auf seine Worte zu achten. »Und Schnee! Wie können die Leute hier auch nur einen einzigen Winter überleben?« Er machte eine kurze Pause und sagte dann: »Catherine. Sie 553 . Ich lasse Ihnen für alle Fälle von einer Schwester heißes Wasser bringen.« »Was wollen Sie damit sagen?« »Sie haben einen Reisepaß. Sabina kann nicht in Stonehenge gestorben sein. »zu unserem Gebet und beim Frühstück. gleich nach der Prim. Es muß eine siebte Schriftrolle geben. murmelte Garibaldi und stellte ihre Sachen ab. Wir frühstücken bei Tagesanbruch.Äbtissin. als sie vor Catherines Zimmer standen. fügte sie hinzu und sah Catherine freundlich an. während sie Catherine und Garibaldi durch einen zugigen Gang führte. »an dem Abend. haben Sie gesagt. und Sie kennen sich in Washington nicht aus. wieso?« »In Las Vegas waren Sie auch noch nicht. Er rieb sich die kalten Hände und schüttelte sich. erwiderte sie. eine Kreditkarte und Reiseschecks. wo zu Füßen von Heiligenstatuen kleine Votivkerzen flackerten. Sie sind willkommen«. Gute Nacht. Sie scheinen viel unterwegs zu sein. Ich hoffe. Sie seien noch nie zuvor in Kalifornien gewesen. als Daniel ermordet wurde und wir aus Santa Barbara geflohen sind.

« »Achtzehn Jahre!. Stimmt das?« Er nickte langsam.« »Catherine. »Vater Garibaldi. »Ja. das bin ich nicht.« »Seit wann nicht mehr?« »Seit achtzehn Jahren«.« »Ich verstehe nicht. antwortete er tonlos: »Nein.« »Sie kommen vom Vatikan. »O mein Gott«. »O mein Gott. heute auf dem Weg zum Kloster haben Sie eine Bemerkung über den Schnee gemacht und gerade eben eine über gefrorene Wasserleitungen und den Winter im allgemeinen. Jetzt leben Sie nicht mehr dort?« Nach einer weiteren Pause. nicht wahr?« Er wirkte plötzlich sehr niedergeschlagen. »Vater Garibaldi.« »Wo sind Sie dann gewesen?« Sie verstummte plötzlich. nein!« »Catherine…« Sie wich einen Schritt zurück. aber in den Vereinigten Staaten kommen Sie offenbar nicht viel herum.« 554 . es kann nicht sein. daß ich mich täusche. und ihre Augen wurden groß. Sie leben in Chicago und sind an dieses Wetter nicht gewöhnt?« Er erwiderte kaum hörbar: »Nein. lassen Sie uns in Ihr Zimmer gehen und darüber reden. »Ich bin dort aufgewachsen.« »Lassen Sie es mich erklären. Sagen Sie mir. »Ich bin 1981 von dort weggegangen.sind nach Israel und Ägypten gefahren. ich bin Priester. Sie sind doch Priester.« »Aber Sie kommen aus Chicago?« Nach einer Pause sagte er. sagte er. flüsterte sie. Aber warum haben Sie mir gesagt… Vater Garibaldi.

denn Sie hatten Ihre Anweisungen. nicht wahr? Und die erste Pflicht eines Priesters ist Gehorsam gegenüber seiner Kirche. die ich Ihnen anvertraut habe! Mit keinem 555 . »Aber warum? Ich meine…« Sie sank gegen die Tür. wie der Boden unter ihren Füßen nachgab. Sie wich zurück.« Sie spürte.« »Nein…« Sie kämpfte mit den Tränen. »Als ich Sie das erste Mal am Computer im Büro des Hotels gesehen habe… da wußten Sie bereits. Sie hielt sich krampfhaft an der Türklinke fest. »Ich kann nicht glauben. wer ich bin?« »Ja. sagte er und streckte die Hand nach ihr aus. um etwas zu erwidern. »Vater Garibaldi. »Rühren Sie mich nicht an. »Sie haben nur niemals die Wahrheit gesagt! Aber das ist natürlich keine Sünde. oder?« »Catherine…« »Antworten Sie mir. Als ich Sie zum ersten Mal gesehen habe.« »Ich habe nie gelogen.« »Sie Schwein!« Catherine holte aus und schlug ihm ins Gesicht. Ich hätte mich auf meine Intuition verlassen sollen. war das doch Zufall. lassen Sie es mich erklären«. war ich gleich mißtrauisch. es war kein Zufall. dachte einen Augenblick nach und sagte dann: »Ja.»Sagen Sie es mir! Kommen Sie vom Vatikan?« Er setzte an. die Dinge. Mein Gott.« »Bitte. daß ich darauf hereingefallen bin«. als wir uns im Hotel Isis getroffen haben.« »Nein. »Die vielen Lügen… und ich habe sie alle geglaubt.« Sie begann zu zittern. daß sie die Arme um ihren Oberkörper schlingen mußte. Sie zitterte so heftig. murmelte Catherine.

auf den ich mich verlassen kann. Ich habe Ihnen mein Innerstes offenbart! Ja. daß Sie es mir nicht sagen wollen. »Catherine. die auch meine Mutter vernichtet haben. das ist nicht wichtig. »Es gibt einen Grund dafür. gehen wir in Ihr Zimmer und unterhalten wir uns dort. ich habe nicht direkt mit der Kongregation…« »Mit der Inquisition. wußte ich. wo die Äbtissin verschwunden war. »Wer?« »Ich finde. Sie seien der einzige Mensch. Als die ganze Welt gegen mich war.« Sie preßte die Lippen aufeinander und sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an. Ich dachte. Garibaldi warf einen Blick in die Richtung. Und jetzt habe ich nicht einmal mehr Sie!« Ihre Stimme hallte durch den Gang. daß wenigstens ein Mensch zu mir hielt. Das ist richtig. für jene Leute. Reden Sie nicht länger darum herum! Die neue Bezeichnung ändert nichts an den Aufgaben und dem Vorgehen. »Wer hat Sie geschickt?« »Wer?« »Im Vatikan. Sie arbeiten für die Inquisition.« »Catherine. Vater Garibaldi. Wer hat Sie geschickt?« »Das ist nicht…« »Sagen Sie es mir.« In ihren Augen standen Tränen. ich hatte Angst.Menschen habe ich bis jetzt darüber gesprochen.« Sie beachtete ihn nicht. nicht wahr? Warum sagen Sie es mir nicht?« Sie schloß die Augen und flüsterte: »Ich weiß es natürlich. und das aus gutem Grund. bitte. Und Sie arbeiten für diese Leute!« »Die Kongregation hat mich geschickt. 556 .

»Ich mache Ihnen keinen Vorwurf. Ich bin kein Inquisitor. Sie haben in den Unterlagen nachgesehen und festgestellt. obwohl es ihn sichtlich Mühe kostete. Wahrscheinlich hat dieser Mann danach oder auch davor Kardinal Lefevre informiert. Vielleicht hat man den Vatikan informiert. Catherine. »Ich weiß es nicht. Das ist alles. den veralteten Katalog der Vatikanbibliothek zu computerisieren. sich zu beherrschen. Catherine. die der Vatikan haben wollte?« »Ursprünglich«. daß Sie wütend…« »Was sollten Sie tun? Mir die Schriftrollen abnehmen? Oder mich durch schöne Reden gesprächig machen. Es ist auch schon vorgekommen. Sobald meine Vorgesetzten hörten…« »Wie haben sie es erfahren?« Er strich sich mit der Hand über die Haare. Ich bin nur ein Computerfachmann. erwiderte er ruhig. daß ich meinen Urlaub in Israel verbrachte. Ich bin kein Spion. den man beauftragt hatte. aber er wurde krank. Ich glaube.Eigentlich sollte ein anderer Priester fahren. bis Sie mir alle Informationen entlockt hatten. Der Vatikan überprüft jede Nachricht über das Auftauchen von Schriftrollen. er hat sich an jemanden in Kairo gewandt. weil er 557 . als Hungerford sein Geschäft machen wollte. Ich war nur zufällig zum falschen Zeitpunkt am richtigen Ort. Ich bin nicht Torquemada. »hatte man mich nur geschickt. besonders in dieser Gegend. Die Araber verkaufen Funde an private Sammler. Ich konnte in wenigen Stunden im Sinai sein. der Kontakt zu Havers aufnahm. daß die Beduinen Papyri zum Anzünden ihrer Lagerfeuer benutzt haben. um den Gerüchten von einem möglicherweise christlichen Jesus-Fragment nachzugehen.« »Und deshalb soll ich glücklich und zufrieden sein?« rief sie.

« »Und deshalb hat man Sie beauftragt zu spionieren. es war nicht meine Idee.hoffte. und es lag nicht in meiner Absicht. aber dann waren Sie plötzlich verschwunden. ob Sie gläubige Katholikin seien. »Sie sind also die ganze Zeit bei mir geblieben. weil man es Ihnen befohlen hat?« fragte sie mit Tränen in den Augen. Ihnen aber nichts von den wahren Gründen zu sagen. die sie für klar und ehrlich gehalten hatte. Catherine.« Sie sah Garibaldi an. »Und was wollte der Kardinal erreichen? Sollte ich Sie zur siebten Schriftrolle führen?« »Nein. Ein paarmal war ich nahe daran. Er hat mir aufgetragen.« 558 . sagte er leise. Ich sollte dafür sorgen. »Weil ich bei Ihnen bleiben wollte«. Der Hoteldirektor erzählte mir von dem Päckchen. die Angebote in die Höhe treiben zu können. weil ich wissen wollte.« »Sie haben also Daniels Weihnachtsgeschenk zum Vorwand genommen…« »Ich bin Ihnen nachgereist. hat man mich gefragt. Ein anderer sollte geschickt werden. Als ich mich am ersten Abend aus dem Hotel Isis in Rom meldete. es zu tun. bei Ihnen zu bleiben. Catherine. und begann wieder zu zittern. Vater Garibaldi«. Ich hatte ein persönliches Interesse daran. man hat es mir befohlen. das habe ich Ihnen gesagt.« »Nein. ich wollte Ihnen alles sagen. aber Sie haben es getan. Aber in der ersten Nacht habe ich Kardinal Lefevre angerufen und ihm berichtet. sagte sie bitter. und ich mußte das verneinen. daß Ihnen nichts zustößt.« »Nein. Und… glauben Sie mir. »es war nicht Ihre Idee. was in den Schriftrollen steht. Sie blickte in seine Augen. was geschehen war. Ich kenne die Einzelheiten nicht. ich sollte nach Rom zurückkehren. meinen Auftrag vor Ihnen geheimzuhalten. das für Sie angekommen war.

daß es sich um christliche Texte handelt? Was dann?« »Ich weiß es nicht. die Kirche wird sich über Beweise freuen. Wenn dieser Text nicht christlicher Herkunft ist. »Sie waren mein Leibwächter?« »Ja. Außerdem sind die sechs ›Bücher‹ nach geltendem Recht Eigentum des ägyptischen Staates. als wir Hilfe brauchten?« »Man hat uns geholfen.« »Und wenn wir Beweise dafür finden.« »Glauben Sie.« »Warum hat der allmächtige Vatikan uns nicht geholfen.« »Sie wissen. wir wissen bis jetzt nicht einmal mit absoluter Sicherheit. Vater Garibaldi.« »Wann hat man uns geholfen?« »Zum Beispiel mit Reiseschecks. während ich schlief.Ihre Augen wurden groß. daß Frauen in frühchristlicher Zeit das Priesteramt ausgeübt haben?« »Catherine. Mir war klargeworden. als sich die ägyptische Regierung direkt an das Weiße Haus wandte. Die Kirche würde sie vernichten. Das Ganze wurde sehr heikel.« »Sie hätten mir oft genug die Schriftrollen wegnehmen können. Der Vatikan mußte neutral erscheinen. was dann mit den Schriftrollen geschehen würde. hat die Kirche kein Anrecht darauf. Das ist eine Frage der Diplomatie und der Rücksichtnahme auf Empfindlichkeiten. daß es sich um christliche Dokumente handelt.« »Das ist eine Behauptung. Ich sollte lediglich Bericht erstatten. Warum haben Sie es nicht getan?« »Weil wir keinen Beweis für den christlichen Ursprung der Schriftrollen hatten. wo es möglich war. Aber offiziell hat der Vatikan nichts mit der Sache zu tun. 559 .

sagte sie bitter.« »Auch damit durfte der Vatikan nichts direkt zu tun haben.« »Ja«. Leider wurde damit auch meine Kreditkarte ungültig. Vater Garibaldi.‹ Ich fand das komisch. Sie haben gesagt: ›Wir sind für unsere Katzen berühmt. Aber man hat dafür gesorgt. Rom ist natürlich für seine Katzen berühmt!« »Es tut mir leid«. und ich durfte die Dreckarbeit machen. in denen wir uns nahe waren… Und Sie haben nie daran gedacht. daß ich in Las Vegas Reiseschecks bekam. mir die Wahrheit zu sagen?« »Ich habe jede Minute daran gedacht.daß man uns durch den Leihwagen auf die Spur kommen konnte. Zum Beispiel die kleine Katze in Mojave. und deshalb hatte ich danach keine mehr. die wir zusammen verbracht haben. Also habe ich Kardinal Lefevre informiert. all die Nächte. Catherine kämpfte immer noch mit den Tränen. flüsterte er. sagte er ruhig. Und ich war 560 . um alle Rechnungen und auch die ServerGebühren zu bezahlen. Sie hatten der ägyptischen Regierung etwas gestohlen. Ihnen zu helfen und Ihre Nachforschungen zu unterstützen. »Jetzt verstehe ich auch einige andere Dinge. »Die ganze Zeit. weil ich noch nie gehört hatte.« »Einiges davon habe ich übernommen«. wieso haben Sie die Informationen nicht weitergegeben und die Leute in Rom für uns suchen lassen? Sie hätten Tymbos wahrscheinlich gefunden. all diese Augenblicke.« »Wenn der Vatikan uns geholfen hat. Es wäre für den Vatikan nicht klug gewesen. daß die Unterlagen im Computer der Verleihfirma gelöscht wurden. daß Chicago für seine Katzen berühmt sein sollte. »also hat man abgewartet. Er hat veranlaßt.

« Catherine öffnete die Tür.« »Haben Sie eine Vorstellung. dort vermißt man Sie. Ich bin sicher. Noch schlimmer. ich möchte bei Ihnen bleiben. als sei ich mißhandelt worden. »Geben Sie mir den Computer. Als sie Julius im Gang stehen sah. wohin Sie gehen – vielleicht zurück zu Ihrer Gemeinde in Chicago. in denen sie versucht hatte. »Bitte lassen Sie mich in Ruhe«.« Sie streckte die Hand aus. Ich hatte keine andere Wahl. Alexander. seit sie Garibaldi die Tür vor der Nase zugeschlagen hatte – dreißig Minuten. ich fühle mich verraten!« »Es tut mir leid«. Ich werde Sie jedenfalls nicht vermissen. sagte sie. »Julius! Du hast mir so gefehlt!« schluchzte sie und hielt ihn fest. Aber es war die Äbtissin. »Nur Bericht darüber erstatten. Aber ich durfte es nicht. Es klopfte leise. wie mir im Augenblick zumute ist? Ich komme mir vor. warf sie sich weinend in seine Arme.« Sie drehte sich um. sagte sie: »Sie werden nicht bei mir bleiben. sagte Catherine und trocknete sich mit 561 . ging in ihr Zimmer und schloß die Tür. »Garibaldi… die Inquisition und…« Die Äbtissin räusperte sich diskret. und Catherine blickte auf die Uhr. Es ist mir egal. wiederholte er und sah sie traurig an.« »Catherine. »Dr. Geben Sie ihn mir. als zu schweigen. nachdem ich die siebte Schriftrolle gefunden hatte? Sie mir wegnehmen?« Er schüttelte den Kopf. »Mutter Oberin«. Es war eine halbe Stunde her. es zu tun. »Er gehört mir. Sie haben einen Besucher.« »Was sollten Sie tun. nicht zu weinen und trotz der maßlosen Enttäuschung ihr Ziel nicht aus den Augen zu verlieren.« Als er ihr den Computer gab.wirklich oft nahe daran. benutzt und betrogen.

Wenn ich die Bilder von dir in den Zeitungen und im Fernsehen gesehen habe… ich dachte. erwiderte die Äbtissin. Da sieht man es wieder. Wie hast du sie eigentlich gefunden?« Er erzählte es ihr. »Wenn es nicht zu große Mühe macht. »das ist mein Verlobter. ich habe die Handschrift des Thomas von Monmouth gelesen. Die Technik hat ihre Grenzen. Catherine.« Die Äbtissin musterte ihn ruhig. dich zu sehen!« Er starrte sie an.« »Vater Garibaldi ist an diesem Ende des Gangs. »Findest du es so schrecklich?« »Nein… anders!« Sie küßten sich lange. wie glücklich ich bin. »Ich habe meine ganze Hoffnung auf das Internet gesetzt. ich würde verrückt werden. und als sie sich voneinander lösten. in einem Kloster schickt sich das nicht. Jetzt würde sie die Kraft haben weiterzumachen. Sie werden ebenfalls ein Zimmer brauchen…« Catherine nickte.« Jetzt würde alles gut werden.dem Handrücken die Tränen. »Julius. Catherine zog Julius in ihr Zimmer und schloß die Tür. Dr. sagte Julius lächelnd: »Ich glaube. und am Ende ist das Wissen eines Gelehrten wie Rabbi Goldman 562 . Voss. Julius. Voss kann das Zimmer am anderen Ende haben«. daß du hier bist.« Er legte den Arm schützend um sie und drückte sie an sich. und sie lachte. »Du hast keine Vorstellung.« »Wir bleiben nicht hier. Dr. »Ich nehme an. »Es war ein Alptraum. »Wie siehst du denn aus?« Er berührte die kurzen weißblonden Haare. aber ich bin so froh.

und daß es keine siebte Schriftrolle gibt.zuverlässiger. niemand wird uns finden. aber er wußte. »Nach Kalifornien? Warum sollte ich nach Kalifornien fliegen?« »Weil Thomas schreibt. wohin Sabina uns als nächstes führt. bis wir wissen. Auf dem Tisch entdeckte er sein Buch Die Leiche im Moor. Julius. Ich muß sehr selbstgerecht und überheblich geklungen haben. wenn wir bis morgen früh bleiben. und seine Stimme wurde weich. »ich habe dir geholfen.« Er sah sich in dem einfachen Zimmer um. Der Computer lag auf dem Bett. daß ich auf deiner Seite stehe. es tut mir wirklich leid. Aber hier sind wir sicher. Hör zu«.« 563 .« »Aber… ich dachte. daß es sich in Wirklichkeit um die Schriftrollen handelte.« Er lächelte sie an. Ich werde vielleicht ein paar Tage für die letzte Schriftrolle brauchen. damit ich sie abbreche.« Er seufzte und schüttelte den Kopf beim Gedanken daran. du hättest mich hierher geschickt.« Sie sah ihn verständnislos an.« »Wir können nicht weg. »Aber wahrscheinlich ist es besser. sagte er und faßte sie an den Schultern. wir bleiben nicht hier«. sagte er mit gerunzelter Stirn. daß du deine Suche abbrichst.« »Catherine. um dir zu zeigen. damit ich meine Suche fortführen könnte. seine blaue Tasche stand auf dem Boden. wie Catherine in den vergangenen zwei Wochen gelebt haben mußte.« »Ich verlange nicht. weiter danach zu suchen. »Dieser letzte Abend bei mir zu Hause…. »Wir fliegen nach Kalifornien zurück. Thomas von Monmouth kann sich geirrt haben. daß Sabina in Britannien gestorben ist. wir könnten sofort gehen. zumindest so lange nicht. Es hat keinen Sinn. »Ich wünschte. und nicht.

Das wird natürlich in Kairo und unter der Aufsicht ihrer Leute geschehen müssen. die es ihnen ermöglicht. Vielleicht ist es Zeit. sagte er lächelnd. die Vorwürfe zurückzuziehen. du mußt dich nicht mehr verstecken. daß ich die Leute im Ministerium in Kairo kenne.« »Julius. Dann hat das Fliehen und das Versteckspielen ein Ende. Du solltest mit eigenen Augen sehen. »Was meinst du damit?« »Du weißt. Dann kannst du weiterhin an den Schriftrollen arbeiten. dir etwas zu tun. Aber du kannst nach Hause kommen. wenn ich mit der Übersetzung der sechs Bücher fertig bin.« »In Ordnung gebracht?« Sie sah ihn verwundert an.»Nein. Aber dort bist du in Sicherheit.« »Ich habe dich noch aus einem zweiten Grund auf die Handschrift hingewiesen. die Anschuldigungen gegen dich fallenzulassen. werde ich nicht mit dir streiten. niemand wird versuchen. »wenn du an das Vorhandensein eines siebten Buchs glauben willst. die Angst. Ich habe die Lage mit ihnen besprochen. den ich liebe.« »Und wie hilft mir das. dann kann es zu spät sein.« Andere Experten? Hilfe? Sie setzte sich an den Tisch und dachte nach.« »Es ist die einzige Möglichkeit für sie. Hilfe anzunehmen. die siebte Schriftrolle zu finden?« »Du wirst Hilfe bekommen. von den Killern 564 . du hast nur wie der gewissenhafte Mann gesprochen. daß es keine siebte Schriftrolle gibt. Ich habe alles in Ordnung gebracht. und sie sind zu einer Lösung bereit.« »Also gut«. Andere Experten werden die Rollen analysieren.« »Das weiß ich erst.

Ich habe ihre Gesetze übertreten.« Sie seufzte. bis alle Vorwürfe gegen dich entkräftet sind. ob es weitere Schriftrollen gibt oder etwas anderes. Ich muß mich nicht ständig fragen.überrascht zu werden. »Was ist mit meiner Grabung?« fragte sie. das ist unmöglich.« »Wirst du es tun? Wirst du die Schriftrollen der ägyptischen Regierung übergeben?« »Ich werde es mir überlegen«.« »Gut.« »Welcher?« »Daß man mir eine neue Grabung genehmigt. sagte sie nach kurzem Nachdenken. »Vielleicht werde ich es tun. wer darin begraben liegt. Und ich will feststellen. was uns verrät -« Er schüttelte den Kopf.« Er zögerte einen Augenblick und fügte dann hinzu: »Zumindest so lange. »Warum?« »Man hat erklärt.« »Eine neue Grabung?« »Der Brunnen.« »Warum nicht? Wenn ich den Ägyptern die Schriftrollen gebe…« »Der Brunnen wird zugeschüttet.« Sie sah ihn verständnislos an. »Wird man mir erlauben weiterzumachen?« »Tut mir leid. »Das kann ich ihnen nicht verübeln. »Das wird nicht möglich sein. wem ich vertrauen kann.« »Warum?« »Man hat deine Erlaubnis gesperrt. Dann kann ich ungestört über Internet recherchieren.« 565 . der Brunnen sei einsturzgefährdet und Anweisung gegeben. ihn aufzufüllen und zu versiegeln. Ich will wissen. Julius.« »Aber unter einer Bedingung.

man hat den freiliegenden Teil des Skeletts untersucht und erklärt.« »Nicht von historische Bedeutung? Julius. das ist Unsinn. Ihre Hände und Gelenke waren gefesselt. Sie wollen die ganze Sache vertuschen. Julius. sagte sie mit gepreßter Stimme. Garibaldi… »Catherine. Es ist meine Pflicht. Julius«. ob ich weitermache. Wenn ich die Schriftrollen den Ägyptern überlasse oder dem Vatikan oder der Harvard University oder irgend jemandem sonst. die mit den Schriftrollen begraben worden ist… lebendig begraben worden ist. und man wird nie mehr etwas von ihnen hören. Die ägyptische Regierung wird unter Druck gesetzt.« Der Vatikan. es sei nicht von historischer Bedeutung. die Frau kann eine frühchristliche Priesterin gewesen sein! Es könnten Dinge von ungeheurem historischen Wert mit ihr dort unten im Brunnen liegen. Es ist genau das. dann verschwinden sie in einem Archiv. drehte sich abrupt um und trat ans Fenster. »Ich weiß. nach der siebten Schriftrolle zu suchen! Ich tue es nicht nur für meine Mutter und für Daniel. sondern auch für diese bedauernswerte Frau. »Es ist kein Unsinn. »Ich bin froh. daß du mir das alles gesagt hast. »Catherine…« Als er neben sie trat. wich sie vor ihm zurück. das dürfen sie nicht tun!« »Catherine. Dann wird diese arme Frau umsonst den Märtyrertod gestorben sein! Begreifst du das nicht.« Catherine kniff die Augen zusammen.»Nein!« rief sie entsetzt. Sie schütten das Skelett der Frau zu. »Nein. »Wenn ich auch nur einen Augenblick unsicher gewesen sein sollte. was hier gespielt wird. dann gibt es jetzt keinen Zweifel mehr. als man sie lebend in einen Brunnen hinabließ. was ich dir vorausgesagt habe.« Sie schüttelte den Kopf. Julius?!« Er sah sie erschrocken an. die man in 566 .

bitte. Aber ich kann nicht aufgeben.« Sie hielt ihm die Tür auf. Perpetua und Amelia und für jeden.den Brunnen gestoßen hat. Julius. wenn du es so haben willst. Ich werde nie wieder in deinem Leben auftauchen. Jetzt nicht!« »Catherine. Julius wurde blaß. Sie schob jeden Gedanken an Julius und an Garibaldi beiseite und atmete bewußt langsam und tief. Geh zurück in dein sicheres Institut. zu deinen Regeln und deinen moralischen Grundsätzen und laß mich in Ruhe. Ja. Aber wenn ich jetzt aus diesem Zimmer gehe. 567 . dann ist es für immer. »Gut. tu es nicht. die letzte Rolle zu lesen. das verspreche ich dir. schloß sie hinter ihm ab. der die Botschaft der Schriftrollen hören will. alle Welt gegen mich aufzubringen. ich habe Regeln und Gesetze gebrochen. und als er hinausging.« »Flieg nach Kalifornien. und wahrscheinlich habe ich auch dich verloren.« Am liebsten hätte sie hinzugefügt: Und nimm Garibaldi gleich mit. Ich habe es geschafft. Dann setzte sie sich an den Tisch und bereitete sich darauf vor. Ich tue es für Sabina.

DER FÜNFZEHNTE TAG 568 .

weil er hoffte. daß der alte Schamane. aber seine Familie und die Polizei hatten bisher vergeblich nach ihm gesucht. stellte sie den Motor ab und blickte sich suchend um. Sie wußte intuitiv. Es hatte sie gerührt und beeindruckt. Als er vor ungefähr einer Woche Erika zur Cloud Mesa gebracht hatte. Aber als sie nun auf dem schmalen steilen Weg. wie es eigentlich nur in Filmen zu sehen war. Auf der Hochebene angekommen. Dezember 1999 Santa Fe. daß Kojote da draußen sein würde. New Mexico Der Tag brach über der Wüste an und schenkte der kalten schlafenden Welt sein goldenes Licht. um zu beten. Und tatsächlich entdeckte sie 569 . einer weißen Amerikanerin ein solches Geheimnis anvertraute. Sie hatte keinen Beweis. daß Kojote hierher gekommen war. verriet er ihr. den Sonnwend-Kachina damit zur Rückkehr aus der Unterwelt zu bewegen. Aber der östliche Horizont strahlte in majestätischem Glanz. immer weiter nach oben fuhr und die Ebene immer weiter unter ihr zurückblieb. fragte sie sich. Im Westen war der Himmel noch nachtblau. der dicht an der rauhen Felswand entlangführte. ob hinter diesem unerwarteten Vertrauensbeweis vielleicht doch eine Absicht gestanden hatte. der Häuptling der Sippe. Sie hielt auf dem holprigen Weg das Steuer des Landrover fest umklammert. 28.Dienstag. daß kaum jemand diesen geheimen Platz kannte. Erika achtete nicht auf die Schönheit der Natur. und noch leuchteten dort ein paar Sterne.

Aber er betete nicht.den Schamanen: Er saß mit dem Gesicht nach Osten und gekreuzten Beinen auf einem Felsvorsprung am Rand der Mesa. sondern wehten im Wind. 570 . Sein Körper war mit Lehm bestrichen. Seine langen weißen Haare waren nicht geflochten. er war tot.

sagte er mit tiefer Stimme. ich komme ja schon. Schwester«. Einer der Männer hielt ihr etwas vor das Gesicht. »Benedicte«. Es ist gegen unsere Regeln…« »Wir haben Grund zu der Annahme. daß sich Schwester Gabriele nicht einmal die Zeit genommen hatte. Geduld. die im hohen Schnee standen. dem mußten die Höllenhunde auf den Fersen sein. und deshalb zitterte sie jetzt vor Kälte unter dem schwarzen Habit. In der ganzen Geschichte des Klosters hatte die Glocke der Pforte bestimmt noch nie so stürmisch geläutet. »FBI. worum es geht.« Wer immer da draußen stand. als sie in den verschneiten Hof hinauseilte.« 571 . »Wir würden gern die Äbtissin sprechen. Die Welt lag noch im Halbdunkel. Wir müssen in das Kloster. »Bitte öffnen Sie. Sie schob die Holzklappe vor der vergitterten Öffnung zurück und spähte hinaus. aber Sie müssen mir schon sagen. Der Mann hieß Strickland. Eisige Morgenluft schlug ihr ins Gesicht. »Geduld. Vermont Schwester Gabriele lief so schnell es ihre beinahe achtzig Jahre erlaubten und schüttelte verständnislos den Kopf. Schwester. der polizeilich gesucht wird. und sie konnte nur mit Mühe die Gestalten von drei oder vier Männern erkennen. den Umhang über die Schultern zu legen.« »Es tut mir leid. Der Besucher läutete so stürmisch.« Schwester Gabriele sah einen Polizei-Ausweis. »Worum handelt es sich?« fragte sie. daß sich jemand bei Ihnen aufhält. murmelte sie.Kloster Greensville.

Mehr als einer von Ihnen würde die Ruhe des Klosters stören. dann sagte die Äbtissin. Würden Sie bitte das Tor öffnen?« Die beiden Frauen flüsterten kurz miteinander. 572 . »Schwester«. »Wen suchen Sie?« Der Mann vor dem Tor hielt ein Photo hoch. Sie suchen jemanden. Dann bekreuzigte sie sich und fragte: »Was hat sie getan?« »Sie wird im Zusammenhang mit zwei Morden gesucht…« »Morde!« Die beiden Nonnen bekreuzigten sich. sagte sie. »Was gibt es. »es ist sehr kalt hier draußen. »Haben Sie diese Frau gesehen?« Die Äbtissin blickte lange und prüfend auf das Bild. Alexander nur ein paar Fragen stellen. schob den schweren Riegel zurück und öffnete die Pforte. daß der Schnee hinter ihr unter eiligen Schritten knirschte. Mr. und wir wollen Dr. sagte der Beamte. Wir sind nicht gekommen.»Gütiger Himmel!« Schwester Gabriele hörte. »Verzeihen Sie.« Strickland bedeutete seinen Kollegen mit einer knappen Bewegung zurückzubleiben. »Nun gut«. »Aber bitte nur Sie. das sie im Dämmerlicht kaum sah.« Die Äbtissin räusperte sich und nahm den Platz hinter dem Gitter ein. Schwester Gabriele? Wer hat geläutet?« »Es ist die Polizei.« Nach erneutem Geflüster lief Schwester Gabriele eilig über den Hof zurück. und dann die Stimme der Äbtissin. der Strickland hieß. »Möglicherweise sind es auch drei. um sie zu verhaften. Normalerweise haben Männer hier keinen Zutritt. Außerdem hat sie Eigentum einer fremden Regierung entwendet. sagte die Äbtissin. »Haben Sie einen Durchsuchungsbefehl?« Die Männer vor der Pforte wurden ungeduldig. mein Herr«. Strickland.

Er duftete schwach nach Kaffee und Zigarettenrauch. ich meine im Badezimmer sein?« »Alle Zimmer haben in den fünfziger Jahren eigene 573 . Mr. und zu uns dringen auch sonst keine Nachrichten von draußen. Er war ein korpulenter Mann Mitte Fünfzig mit einem geröteten Gesicht und einem Ausdruck geduldigen Leidens. klopfte leise und rief: »Frau Dr. als er ihr zum Hauptgebäude folgte. sagte er. Alexander? Sind Sie wach? Sie haben einen Besucher. daß ich die FBI-Dienststelle in Montpelier anrufe. Wir suchen diese Frau schon seit zwei Wochen. »Gibt es noch einen Ausgang?« »Nein. Schwester«. Mr.« Sie traten in die warme Vorhalle.« »Wir hören hier kein Radio. Sie streckte die Hand aus.»Es tut mir wirklich leid. »Das steht Ihnen frei. als sei er schon zu lange in seinem Beruf. »Sie haben doch sicher nichts dagegen.« »Könnte sie auf der Toilette.« Sie lauschten auf eine Antwort. Strickland.« Er gab ihr den Ausweis. Alexander? Sind Sie da?« Strickland sah sich um.« Er seufzte. Vor Catherines Tür blieb sie stehen. »Darf ich bitte Ihren Dienstausweis sehen?« »Selbstverständlich. Strickland. Sie müssen in den Nachrichten davon gehört haben. und die Äbtissin musterte den Beamten. Die Äbtissin klopfte etwas energischer.« Fünf Minuten später führte die Äbtissin ihn durch den Gang des Gästeflügels. »Es ist mir unangenehm. Voss am Abend zuvor Zimmer bezogen hatten. »Frau Dr. um Ihre Identität zu überprüfen. aber ich habe meine Befehle. Catherine und Dr. Sie zu stören. wo Vater Garibaldi.

ist alles in Ordnung mit Ihnen?« »Schließen Sie auf«.« Strickland blickte hinaus in den verschneiten Wald. hätten wir sie gesehen. das zerknitterte Bettzeug wies darauf hin. der kalte Wind blies herein. sagte sie.« Er blickte über die Schulter zurück. Wir finden sie. »Und das ist der einzige Zugang?« »Wenn Dr.Bäder bekommen. »Es sieht ganz so aus. das ist alles. daß jemand darin geschlafen hatte. »Ja«. Das Fenster stand offen. Auf einem Stuhl lagen Kleider und Toilettenartikel. was sie bei sich hatte?« Die Äbtissin seufzte und warf einen Blick auf die Sachen. sagte Strickland und ging durch das kleine Zimmer. »Ihre Kleider sind noch hier. »Frau Dr.« Er musterte die Äbtissin mit zusammengekniffenen Augen. sogar ihre Schuhe«. »Frau Dr. Auf dem kleinen Tisch sahen sie einen Laptop mit dunklem Bildschirm. als hätte sie jemand gewarnt. »Sie wird nicht weit kommen. Alexander weggegangen wäre.« Es gab ein schreckliches Gemetzel im Ring der Steine. »Ist das alles. Alexander. Auf dem Boden unter dem Tisch entdeckten sie eine blaue Tasche. »Ich glaube. sagte Strickland und fügte mit einem Blick auf die Äbtissin hinzu: »Bitte…« Die Äbtissin griff nach dem Schlüsselbund an ihrer Hüfte und schloß die Tür auf. Wir wollten 574 . Alexander muß diesen Weg benutzt haben. Sie wird da draußen erfrieren!« »Sie hatte es offenbar eilig«. Dabei war es eine friedliche Versammlung. sagte er.« Die Äbtissin klopfte noch einmal. Die Äbtissin trat zum Fenster und blickte hinaus.

und das Knarren der Planken. und das war mir ein gewisser Trost. Deshalb waren wir bei Reisen durch kriegerisches Gebiet oder unter gefährlichen Umständen nie zusammen. damit wir nicht möglicherweise alle drei gleichzeitig ums Leben kommen würden. und wir hätten alle das Leben verloren. Philos auf einem anderen und unser Sohn mit seiner Amme auf einem dritten. Danach hielt ich mich von den Druiden fern. Viele starben an diesem Tag. denn einige von uns waren Römer. Ich las ihn jeden Tag meinen Mitreisenden vor.nur der besonderen geistigen Kraft dieses Platzes unsere Ehrerbietung erweisen und das Wunder der Sommersonnenwende erleben. Aber sie gehörte zu jenen. die uns angriffen. wenn nicht Cornelius Severus rechtzeitig mit seiner Legion eingetroffen wäre. Es waren Britonen. Ich trug das Kreuz des Hermes auf der Brust. Meine Freundin Claudia fand durch einen britonischen Speer den Tod. Als wir Britannien verließen und uns auf die Reise über die Nordsee in das Land der Germanen begaben. wenn auch nur Frauen und Kinder. wie sie auch genannt wird. an den Rhein versetzt. Und so befand ich mich auf einem der sechs Schiffe des Cornelius Severus. Und dann. die inzwischen dem Weg des Gerechten folgten. Amelia. die ebenfalls mit Angst der Zukunft entgegensahen. wenn die Sonne direkt auf dem Altar aufgeht. Tagelang hörten wir nur die Geräusche der Segel und der Ruder. die ins Wasser tauchten. vor dem ich mich schon so lange gefürchtet hatte: Cornelius Severus wurde in die Kolonie Agrippina oder ›Colonia‹. Philos war ein vorsichtiger Mann. Wir hielten Ausschau nach 575 . Alles war ruhig. Das bedeutete: Wir mußten zu den wilden Barbaren. erfüllte Furcht mein Herz. und ich suchte Trost und Hoffnung in den Worten des Marienbriefes. dann kam schließlich der Tag.

Die Böen kamen von allen Seiten. die Masten splitterten. während die Seeleute Wasser schöpften und alles taten. und ein tobender Wind aus Süden trieb uns vom Kurs ab. Der Kapitän kannte die tückischen Untiefen in dieser Gegend. Tiere und alles Gepäck wurden über Bord geworfen. Wir hörten bebend das laute Wiehern der Pferde. daß die Fluten über uns zusammenschlugen. die Küste Galliens überfallen und friedliche Siedlungen plündern. Wir sahen plötzlich. wie er das Unheil verhindern sollte. Vorräte. die in die Wogen stürzten. die Wogen schlugen höher. so daß wir schließlich keines der anderen fünf mehr sahen. die dieses Meer im Norden heimsuchen. aber er wußte nicht. Hohe Flammen schlugen daraus 576 . Nun war das Schiff zwar leichter. brach der Sturm über uns herein. Lasten. Viele lagen auf den Knien und beteten. Das Gefolge von Cornelius Severus war nicht mit dem Meer vertraut. aber plötzlich tauchte eines wieder auf. Vor uns tauchten schließlich Inseln mit zerklüfteten Klippen auf. wie Männer über Bord gespült wurden. Noch ehe wir uns richtig vorbereiten konnten. Wir sahen. Statt dessen überfiel uns ein sehr viel mächtigerer Feind. Bald trafen Meer und Himmel in einem gewaltigen Mahlstrom zusammen. immer höher und nahmen den Männern am Steuer jede Sicht. Die Leute an Bord gerieten in Panik und waren der Schiffsbesatzung nur im Weg.Seeräubern. Doch wir begegneten keinem feindlichen Schiff. um zu verhindern. und wir wurden auf dem Deck hin und her geworfen. doch der Laderaum stand unter Wasser. Unsere Schwesterschiffe hatten wir schon lange aus den Augen verloren. wie sich am Horizont riesige dunkle Wolken zusammenballten. Das Schiff war zu schwer. Der Sturm jagte unsere schwachen Schiffe über das wogende Meer und zerstreute sie in alle Richtungen. die Segel zerrissen.

wie sich ein riesiger Wellenberg vor uns auftürmte und die Wassermassen über uns zusammenbrachen.empor. um uns alle in das nasse Grab zu reißen. Die Wogen schleuderten es gegen ein Riff. Es trieb hilflos auf dem tobenden Meer. Ich sah. 577 . galt mein letzter Gedanke meinem Sohn und meinem Mann. Sie hatte von einem ›Berg aus Wasser‹ gesprochen und gesagt: ›Wenn sich das Meer in den Himmel erhebt…‹ Als das Schiff sank. Philos war auf diesem Schiff gewesen. Dann trieb die böse Macht des Verderbens unser Schiff auf die felsige Landspitze zu. In diesem Augenblick der Verzweiflung erinnerte ich mich an die Prophezeiung der Hekate-Priesterin in der Nacht meiner Geburt. es brach auseinander und ging mit der Besatzung und allen Reisenden unter.

DER SECHZEHNTE TAG 578 .

Es war. Ich suchte nach Mitteln und Wegen. Aber ich sah weder Rauch noch ein Feuer. Aber ich bekam zu essen und lebte warm und trocken im Haus einer Frau. war ich völlig entkräftet und hatte hohes Fieber. denn sie hatten die Alpträume meiner Kindheit bevölkert. Sie brauchten Monate. Dezember 1999 Ich weiß nicht. wie es kam. und so mußte ich. lag ich auf einem felsigen Strand. und fragte mich. Als der Schnee schmolz. fand aber keine anderen Überlebenden. als sei alles in mir zusammen mit meinem Mann und meinem Sohn gestorben. Als die Sippe mich fand. Ich blickte über die Inseln. eine Außenseiterin. Aber als ich aufwachte. wie viele meiner Mitreisenden sich in der gleichen Lage befinden mochten. und meine Erinnerung kehrte zurück. mit der niemand sprach. als gesät und gepflanzt wurde und die Männer auf die Jagd gingen. Ich hätte vor diesen Barbaren aus dem Norden entsetzliche Angst haben sollen. mit denen ich gereist war. 29. Ich sah tote Pferde. Auf den Steinen lagen die Leichen von Menschen.Mittwoch. zu den Römern 579 . um mich gesundzupflegen. um ein Feuer zu entzünden und so ein Signal zu geben. kam ich allmählich wieder zu Kräften. Schweine und Hunde. daß ich keine Angst empfand. und ich hielt Ausschau nach Rauchsignalen von den fernen Inseln. dann wurde es Winter. im Lager bleiben. Ich bat darum. Aber der Schock hatte mich so betäubt. die verstreut vor dieser Küste liegen. Die Sippe verläßt ihr Winterlager nie. die sich über meine Gesellschaft zu freuen schien. Ich suchte das schreckliche Ufer zwei Tage und eine Nacht lang ab. und über mir schien schwach die Sonne. daß ich überlebte oder wie ich ans Ufer gelangte.

der zu ihnen kam. von denen ich gehört hatte? Die Frau. Waren das wirklich die Barbaren. die sie besonders verehren. Die Männer suchen oft ihren Rat und befolgen ihn auch. hieß Freida. und daß feindliche Stämme das Gebiet zwischen uns und der römischen Grenze durchzogen. So blieb ich für mich. Sie war die weise Frau der Sippe. Bei seiner Abreise ließ der Gast ebenfalls Geschenke zurück. Ich stellte fest. Sie reden und lachen. Alles wurde bereitwillig geteilt: der Herd. pflanzen Korn und ziehen ihre Kinder groß. Besitz – und der Gast wurde mit wilden Früchten. so wie ich einst Satvinders Sprache gelernt hatte. Allmählich lernte ich Freidas Sprache. viele haben rotgoldene Haare und wilde blaue Augen. und sie lauschen den Geistern der Winde. frischem Wildbret und Sauermilch bewirtet. daß ihnen die Gastfreundschaft heilig war: Es galt als ein Verbrechen. den 580 . die mir meine Amme als Kind erzählt hatte. und Freida lehrte mich die Sitten und Bräuche ihres Volkes. Aber sie gaben mir durch Gesten und mit in die Erde geritzten Zeichnungen zu verstehen. und an die Berichte über die schreckliche Grausamkeit der Barbaren. Die Gottheit. denn diese freundlichen Menschen entsprachen nicht ganz den Ungeheuern meiner Vorstellung. Sie sind zwar groß. Also konnte ich nur bleiben und abwarten. die mich gesundpflegte. die Tür zu weisen. Nahrung. aber es sind ruhige Menschen. jemandem. Aber ich war auch neugierig.gebracht zu werden. und man ließ mich auch nicht allein ziehen. daß wir uns weit entfernt von allen römischen Vorposten befanden. Die Germanen schreiben den Frauen prophetische Kräfte zu. Ich mußte immer wieder an die Geschichten denken. ist Odin. Die Sippe wollte ihre Sicherheit nicht meinetwegen gefährden.

wie man Blutungen nach der Geburt mit einem Aufguß von Misteln stillt. sondern die Nächte des zunehmenden und abnehmenden Mondes. Und so verehre man bei den Völkern im Norden die Mistel. erzählte sie mir die Geschichte von Baldur. Freida zeigte mir. als alle Pflanzen und Tiere. denn sie besitzen keine. Sie bringen Glück und sind aus dem Alltag herausgehoben. Er war ein mächtiger Gott. alle Metalle und Krankheiten Frigga. Aber es gibt keine Bildnisse von ihm. Baldur niemals zu schaden. Sie zählen bei ihrem Kalender nicht die Tage. Fieber senken und Schmerzen lindern konnten. weil zu der Zeit. Vollmondnächte und Neumondnächte gelten als heilig. Das geschah. ihr Volk ehre im Namen der Gottheit das. weil sie einen Gott zu Fall bringen konnte. Ich zeigte Freida und den anderen Frauen. Freida sagte mir. Als ich ihr sagte. der Großen Göttin. Es vergingen Monate und schließlich ein zweites Jahr. der aus der Mistel gefertigt war. Sie sagte. den Gesichtern der Götter menschliche Züge zu geben. daß die Britonen die Mistel verehren. Ich sah im Geist eine römische Trireme mit der 581 . Ich stand jeden Tag am Ufer und blickte sehnsüchtig über das Meer. dem ein Pfeil zum Verhängnis wurde. was nur mit den Augen des Glaubens sichtbar sei. sagte Freida. die bescheidene Mistel wegen ihres unauffälligen Aussehens übergangen wurde. So erwarb ich mir allmählich Achtung und die Anerkennung der Sippe. den Philos ›Belladonna‹ genannt hatte. Statt dessen weihen sie den Göttern heilige Haine und besondere Plätze. wie sie mit Hilfe von Blättern und Wurzeln des schwarzen Nachtschattens.die Römer Merkur nennen. Die Tage sind alle gleich. Ich suchte vergeblich die Statuen ihrer Götter. schwören mußten. es stehe den Menschen nicht zu.

Die feindlichen Stämme in der Umgebung hinderten mich daran. abends Gebete an den Gerechten zu sprechen. daß wenigstens mein Sohn in das Reich des Gerechten eingegangen war. überlebt hatte. weil viele Germanen römische Speere trugen. daß es mir erschien. daß die Römer eine Frau suchten. was für einen schrecklichen Tod er erlitten haben mußte. Ich sah Philos an Deck und Pindar an der Hand seiner Amme. Aber sie konnten mir nie etwas darüber sagen. Rückblickend. Wenn Besucher in das Dorf kamen. Doch ich konnte nicht aufhören. Ich hörte eine vertraute Stimme. daß Philos gestorben war. auch ich sei tot.Flagge des Cornelius Severus auftauchen. erkundigte ich mich. Der Beweis dafür schien zu sein. ich würde nie mehr etwas anderes als Schmerz und Leid fühlen. ich war auch kinderlos. Lange Zeit ließen mich mein Leid und mein Schmerz nicht los. also war ich Witwe. mein Glaube habe mich gerettet. meine 582 . und ich dachte. der einzige Mensch auf dem Schiff. der an den Weg des Gerechten glaubte. Mein Heimweh wuchs. Philos war tot. daran zu denken. daß mich jemand von Freidas Leuten zur Grenze brachte. die mich rief. Ich war inzwischen überzeugt. Doch die Jahreszeiten kamen und gingen. als sei sie ein Teil von mir. Ich mußte daran denken. ob sie gehört hätten. das Dorf zu verlassen. Und Pindar konnte den Sturm mit Sicherheit nicht überlebt haben. Und allmählich setzte eine Art Heilung ein. und so zog ich aus dem Wissen Trost. Das bedeutete. Meine Trauer war so greifbar. ohne zum Weg gefunden zu haben. und machten es unmöglich. das wußte ich. fragte ich mich. daß ich. denn ich wurde ständig an Rom erinnert. Pindar hatte ich gelehrt. und ich blieb bei der Sippe. Als die Zeit verging. ob zu Hause alle glaubten.

erkenne ich die Anmaßung dieser Vorstellung. was er gesagt hatte. wie Claudia und die Druiden. leben ewig«. den nur ich überlebt hatte. den Göttern nahezukommen und die Ehrfurcht vor dem Unsichtbaren zu bezeugen. wie man eine Geschichte ausspinnt. sie 583 . Sie hörten mir zwar zu. Ich erkannte zwar. von dem. die wir an den Weg glauben. bei ihren Ritualen in den heiligen Hainen anwesend zu sein.liebe Amelia. daß sie alle fromme Menschen waren. Das gelang mir. mich zu ihrem Glauben zu bekehren. Wie Satvinder. von den Heilungen und dem größten Wunder von allen: Er hatte den Tod überwunden. Freida war auch die Erzählerin der Sippe. und daß sein Wort das Universum geschaffen hat. »Wir. so hatte auch Freidas Volk eine eigene Art. daß der Glaube an den Gerechten. Und ich erzählte von dem Sturm auf dem Meer und dem Schiffbruch. und von ihr lernte ich. eine Verkörperung des Höchsten ist. und von seinen Gleichnissen. doch ich wußte. so wie ich ihn von Antiochia nach Indien und von Alexandria nach Britannien mit mir genommen hatte. wie die Buddhisten in Alexandria. die die Zuhörer viele Nächte lang in Bann hält. der jedes Jahr stirbt und wiedergeboren wird. Ich sprach zu ihnen von dem Gerechten. Aber ich war jung und mußte noch vieles lernen. Leider war der Brief der Maria mit dem Schiff untergegangen. Ich blieb meinem Glauben in diesem barbarischen Land treu. Allerdings versuchten sie auch nicht. Ich zeigte es der Sippe und erklärte. Aber ich hatte immer noch das Hermes-Kreuz. Ich lehrte sie. daß Frieden und Vergebung die Heimkehr in sein Reich möglich machen werde. sagte ich ihnen. indem ich andere am Glauben teilhaben ließ. daß Hermes. Ich berichtete von seinen Wundern. aber in Wirklichkeit hörten sie mich nicht. obwohl mir gestattet wurde.

Freida warf die heiligen Runenstäbe auf ein weißes Tuch und deutete die Zeichen. So erreichten wir schließlich den Wald. Es erreichten uns Nachrichten von heftigen Kämpfen zwischen den Stämmen im Westen. Sigmund zu treffen – meinen schönen. in den dunklen Wäldern.waren irregeleitet. Und dort. Freida war wieder mit ihrem Sohn zusammen. weil die Botschaft gerade hier gebraucht werde. so erklärte sie. war es mir bestimmt. zu dem mich Freida führte. seien besiegt. wo die anderen Stammesangehörigen zurückgeblieben waren. um mir die uralten Steine zu zeigen. Freidas Sippe zu bekehren. tapferen. konnten wir näher zur Grenze ziehen. die ihr Volk verehrte. das Schicksal habe mich zu ihnen geführt. und gründete in der barbarischen Wildnis im Norden eine Gemeinde. Die Feinde der Sippe. so hieß es. Und ich sagte mir. wo die Germanen von den Römern Land zurückgewonnen hatten. In diesem Wald gab es einen heiligen Platz. nachdem die Streitigkeiten sie von der Sippe getrennt und eine Wiedervereinigung lange unmöglich gemacht hatten. Endlich. So ging ich daran. gottgleichen Sigmund… 584 .

Nun stand sie unter dem dunkelgrauen Himmel und blickte über die sanft gewellten und dicht bewaldeten Hügel des Teutoburger Waldes. Schilder mit der Aufschrift: Vorsicht! Glatteis! ermahnten die Besucher.Detmold. tapferen. einen Lederumhang und auf dem Kopf einen geflügelten Helm. Ist das Sigmund? dachte Catherine. Catherine war die beinahe vier Kilometer vom nahe gelegenen Detmold hierher zu Fuß gegangen. gottgleichen Sigmund…« Catherine blickte auf die gewaltige. als sie sich nach dem Hermannsdenkmal erkundigte. 585 . Er trug ein kurzes Gewand. Der Text der Inschrift war lateinisch und deutsch und lautete: ›Im Kriege nicht besiegt‹ Außer ihr befand sich niemand am Denkmal. Unter ihr lag ein zugefrorener See. Deutschland »Und dort. Mit einer Hand stützte er sich auf seinen Schild. Dieser germanische Krieger hatte Cäsars Legionen in einer Schlacht besiegt. Sigmund zu treffen – meinen schönen. sechsundfünfzig Meter hohe Statue. Die Inschrift in einer gewölbten Nische am Fuß der Statue verriet. Er sagte. war es mir bestimmt. die den Lauf der Geschichte veränderte. Der Mann am Bahnhof hatte sie erstaunt angesehen. in den dunklen Wäldern. daß es sich um Hermann handelte. auf den Weg zu achten. Vor ihr auf einer Säule stand ein gottgleicher Mann mit langen Haaren und einem wilden Bart. den die Römer unter dem Namen Arminius gekannt hatten. mit der anderen hob er das Schwert hoch in die Luft wie einer der Helden von Wagner.

den Picknick-Bänken und Tischen weiße Hauben aufsetzte. weil es keine siebte Schriftrolle gäbe. Nackte schwarze Strichfiguren ragten aus einer weißen Decke. wo es warm sei. wo Sabina von dem Aufbruch nach Germanien berichtete. Doch Catherine war in den Hermannswald gegangen. mit ihm nach Kalifornien zurückzufahren. Die ehrwürdige Mutter gab ihr einen Habit und den eigenen Reisepaß. Catherine sprach noch am selben Abend mit der Äbtissin über ihren Plan. das sich von allem unterschied. daß Sabina nicht in Britannien gestorben war. Er hatte ihr den Führer gegeben. Die Äbtissin kannte nicht die ganze Geschichte. wo Sabina mit Freida gewesen war und wo sie Sigmund getroffen hatte. mußte sie sich nach ihrer Ankunft in Frankfurt bei der Paßkontrolle auf ein großes Taschentuch und einen verschlafenen deutschen Beamten verlassen. vielleicht lieber in den Detmolder Hof zu gehen. Außer Catherines Fußabdrücken gab es keine Spuren im Schnee. Da Catherine der älteren Frau überhaupt nicht ähnlich sah und auch nicht annähernd in ihrem Alter war. was sie jemals gehört hatte. Nachdem Julius sie im Kloster gebeten hatte. Sie hörte ein Schweigen. der den Ästen und Zweigen. Es war ein dichter Wald.nur wenige Amerikaner fragten jemals danach und mitten im Winter schon gar nicht. an dessen Bäumen allerdings keine Blätter hingen. Auf der Erde lag hoher Schnee. den sie erst vor kurzem für eine Reise nach Rom hatte verlängern lassen. Catherine hatte ihre 586 . daß die Geschichte weiterging. sie vor dem tückischen Glatteis gewarnt und ihr geraten. Den Rest sah sie in seinen Augen: Und vor allen keine Nonne im schwarzen Habit mit einer weißen Haube. Da wußte sie. hatte Catherine das erste Blatt der sechsten Schriftrolle gelesen.

und man fand das nicht von Bedeutung – auch Julius nicht. Eine Frau war wegen der Schriftrollen lebendig begraben worden. und hier wurde ihr Glaube auf die Probe gestellt. damit sie ihre Suche aufgab. und sie versuchte sich die friedlichen germanischen Dörfer vorzustellen. das sie jetzt sicher verpackt in einer schwarzen Tasche. 587 . Sie wußte. Vor zweitausend Jahren ist Sabina über diese Hügel gegangen und hat diese Luft geatmet. Garibaldi hatte nichts von ihrem Plan erfahren. Catherine stapfte durch den Schnee. Ihr Blick glitt über die dunklen Wälder. der am grauen Himmel still seine Kreise zog. Hier hat sie sich verliebt. was sie sagte oder tat. der sie nur deshalb in das Kloster geschickt hatte. Sie dachte an Julius. würde etwas an seiner Meinung ändern. »Man sagt. das Skelett sei nicht von historischer Bedeutung«. Er hielt ihr Vorgehen für falsch. Zum zweiten Mal hatte sie das Gefühl. verraten zu werden. Die kluge ältere Frau hörte Catherine ruhig zu und nickte: Ja. wo sich die Familien um das Feuer versammelt und den Geschichten ihres Volkes gelauscht hatten. dachte Catherine. wie Nonnen sie benutzen. versteckt zwischen den Buchdeckeln. Dabei brauchte sie nicht viele Worte zu machen. Catherine war tief enttäuscht gewesen. Sie atmete tief die kalte Luft ein.Schwierigkeiten nur angedeutet und sie um Hilfe gebeten. bei sich trug. nichts. Liebe und Glaube… Catherine beobachtete einen großen Raubvogel. sie wolle helfen. in ihrer Obhut zurück und nahm nur das sechste Buch mit. hatte er berichtet. Catherine ließ die ersten fünf Schriftrollen. Am Saum ihres schwarzen Rocks hingen kleine Eisklümpchen.

Alle sieben Jahre. Als sie sich den gespenstischen. wurden Bekanntschaften erneuert. wie überfüllt Jerusalem an Weihnachten ist?« Er hatte nicht gelogen. Catherine zog den Umgang enger um sich und folgte dem verschneiten Weg. wie Bodennebel die Täler füllte. Ein Pfeil wies geradeaus. Fehden beigelegt und Sippenbande 588 . trafen sich die Sippen des Stammes zu einer großen Versammlung bei den heiligen Steinen nahe dem Platz ihres großen Sieges über die Römer. wurde Recht gesprochen. der durch ihre Nonnentracht drang. Garibaldi… Der Schmerz über seine Täuschung war immer noch unerträglich. Das konnte sie ihm nie vergeben. Dort schlugen sie Lager auf und feierten die Sommersonnenwende. Auf ihre Frage. hochaufragenden gezackten Steinen näherte. warum er vor Weihnachten aus Israel abgereist sei. Wann immer sie Chicago oder seine Gemeinde erwähnte. die falschen Schlüsse zu ziehen.Der Himmel wurde dunkler. während sie zusah. aber er hatte sie auch nicht daran gehindert. bis sie ein Schild erreichte: Externsteine. daß er sie nie direkt belegen hatte. »Wissen Sie. mußte sie an Menschen denken. Sabinas Worte fielen ihr wieder ein. Versprechen erfüllt. Catherine spürte den scharfen Wind nicht. im Sommer. wenn die Sonne an einem bestimmten Punkt zwischen den Steinen aufging. die in einem bizarren Tanz erstarrt waren. mußte sie sich eingestehen. Hier. sich über den gefrorenen See breitete und die Welt in eine unwirkliche Stille hüllte. der am Waldrand entlangführte. hatte er entweder geschwiegen oder vage Antworten gegeben. hatte er mit einer Gegenfrage reagiert. so hatte Sabina geschrieben. Wenn sie auf ihre Gespräche in den vergangenen beiden Wochen zurückblickte.

die fehlten. Frauen und Kinder zum Festmahl zusammen und lauschten den Geschichten. die Freida und die anderen weisen Frauen erzählten. Abend für Abend setzten sich Krieger. Endlich sollte sie erfahren. Inzwischen wurde es dunkel. und ihr Umhang flatterte. Man tauschte Geschenke aus und stiftete Ehen. und neue Kinder wurden mit Freuden begrüßt und in den Sippenverbund aufgenommen. Catherine entdeckte im heidnischen Stein ein eingemeißeltes christliches Basrelief. Sie ging in das nahe gelegene Holzhausen und nahm dort ein Taxi. nicht hier…. 589 . Der Wind wurde stärker. das sie nach Detmold zurückbrachte – und zurück zu der sechsten Schriftrolle. und sie fror. wohin Sabina sie als nächstes führen würde. weil sie zu den Göttern gegangen waren. Nein. dachte sie.gefestigt. erwies den Ahnen die gebührende Ehre. Hier ist es nicht. was ich suche. Der Stamm erinnerte sich an alle.

Ohne Geld hätte Miles diesen Dr. Warum sollte er noch vorsichtig sein? Vielleicht war er sogar in der Hoffnung zum Kloster gefahren. Wie auch immer. er hatte sich geirrt. überprüfte er zunächst die Dateien im DesktopVerzeichnis. Nun saß Miles in seinem Turm. kaufte und am Zielort einen Leihwagen bestellte. einem Beamten des FBI ein Angebot zu machen. Miles wußte. Vermont. Er öffnete ein paar und stellte fest. Sonst wäre er nämlich niemals in der Lage gewesen. und dort sei alles vorüber. als Voss einen schweren Fehler beging und ein Flugticket nach Montpelier. Die Tür war gegen das Personal und andere unerwünschte Störenfriede gesichert. Voss allerdings herausgekommen: Havers hatte endlich Stevensons Computer. dachte er. weil er glaubte. Voss nicht von so vielen Männern überwachen lassen können. das der Mann einfach nicht ablehnen konnte. und als der Bildschirm hell wurde. es sei doch sehr viel besser. Strickland hatte sich nach dem fragwürdigen Geschäft abgesetzt und war inzwischen auf dem Weg nach Brasilien. seine Spur werde nur bis zu dem Kloster führen. Miles startete den Computer. und die Kamera überwachte den Gang für den Fall. seine Verlobte nach Hause zurückzubringen. daß 590 . Voss war vermutlich so leichtsinnig gewesen. Reichtum brachte auch andere angenehme Dinge mit sich. daß Erika zufällig vorbeikommen sollte.Santa Fe. Einer hatte ihm sofort Meldung erstattet. Etwas Gutes war bei der Dreitausend-Meilen-Reise von Dr. reich als arm zu sein. New Mexico Als Miles den Laptop von Daniel Stevenson aufklappte.

« Er hielt inne. sie sei nicht in dem angegebenen Haus in der N Street in Washington zu finden. und beschloß aus Neugier. Daneben stand eine halbleere Tasse Kaffee. was geschehen war: Jemand hatte die beiden gewarnt! 591 . murmelte Miles. woran unsere Archäologin gearbeitet hat. Miles starrte auf den Bildschirm und überlegte. mit Grafiken überlagern können. Zu schade. das Verzeichnis zu öffnen. Überrascht stellte er fest. Eine Mrs. Damit hatte Stevenson Videoaufnahmen. die Alexander sei vorsichtig genug gewesen. als er das E-Mail-Symbol sah. Miles blickte nachdenklich auf den vielbenutzten Computer. nicht ans Netz zu gehen. als sie ihn gefunden hatten. Miles entdeckte Maya-Fresken über minoischen Darstellungen. daß dieser interessante Mann zu seinen Gegnern gehört hatte. O’Toole habe ihm gesagt. daß sich im Briefkasten eine Nachricht befand. Er klickte und las: »Er hat Sie gefunden!« Havers runzelte die Stirn. und er mußte Stevenson widerwillig bewundern. Er hatte angenommen. der Computer sei an eine Steckdose angeschlossen gewesen. »Also gut«. Die Nachricht war drei Tage alt und morgens. kurz nachdem er Catherine durch Galaxy BBS ausfindig gemacht hatte. und auf dem Tisch lagen ein Bleistift und ein Notizblock mit ein paar Aufzeichnungen. die von anderen Orten gesendet wurden. Strickland hatte gesagt. Zeke hatte gemeldet. Plötzlich wurde ihm klar. bevor sie zu Bett gegangen war. sie sei bereits ausgezogen. Catherine Alexander hatte eindeutig am Computer gesessen. eingegangen. Zur Software gehörte Virtual Imaging. als wir sie unhöflicherweise stören wollten. Vielleicht war er doch kein Verrückter gewesen.Stevenson den Laptop hauptsächlich für seine Forschungen benutzt hatte. »sehen wir uns an.

daß Stevenson ein UndeleteProgramm installiert hatte. daß es sich hauptsächlich um Korrespondenz und Artikel handelte. Er stellte fest. Mr. die an einem bestimmten Datum und zu einem bestimmten Zeitpunkt gelöscht worden war. die Stevenson zur Veröffentlichung weitergeleitet hatte. löscht die wichtigste Datei und klettert rechtzeitig aus dem Fenster. Aber Miles suchte eine Datei. Diesmal suchte er nach einem Utilities-Programm. schaltet den Computer ein. Er griff nach dem Haustelefon. es würde weniger als fünf Minuten dauern.EXE gelöscht am: 28.Als er die elektronische Adresse sah – ›freund@dianuba. Mit einem Klicken auf ›Undelete‹ und C:\»kam er in das Hauptverzeichnis und überprüfte durch schnelles Öffnen und Schließen die Unterverzeichnisse auf gelöschte Dateien.com‹ – schnaubte er. Im Unterverzeichnis TMBX52 entdeckte er eine gelöschte Datei:?YMBOS. die Angaben zu ›Freund‹ zu finden. bevor die Äbtissin und Strickland das Zimmer betreten. Zeit: 6. Das Dianuba Network hatte zwar zehn Millionen Benutzer. Havers«. ein solches Programm zu laden und dabei möglicherweise Dateien zu löschen. »Aber nicht 592 . aber Miles wußte. Der Trottel hatte die Warnung sogar über das Dianuba Network geschickt. Havers stellte sich die Szene vor: Eine Nonne warnt Catherine Alexander. murmelte Miles und klickte auf die Datei. »Schlaues Mädchen«. Sie springt aus dem Bett. Miles hätte nicht riskieren wollen.48 Uhr. Miles wandte sich wieder dem Computer zu und sah sich die DesktopSymbole noch einmal an. Er doppelklickte auf ›PCTools‹ und stellte erleichtert fest. Alle Dateien waren mindestens mehrere Wochen alt. sagte Teddy. »Teddy…« »Ich bin schon dabei. Etwa um diese Zeit hatte Strickland mit seinen Kollegen das Kloster erreicht. 1999. Dez.

‹ Auf dem Bildschirm war jetzt zu lesen: BYMBOS. Er studierte die nächsten Seiten.00 GELÖSCHT AM: 28/12/1999 06. um neue Informationen hinzuzufügen. UniCom. Er konnte wenig damit anfangen.48 ERSTER CLUSTER: 30.« Ein neues Kästchen erschien auf dem Bildschirm: DATEINAME:?YMBOS:EXE DATEI GRÖSSE: 94. die täglich bei der Übersetzungsarbeit aufgerufen worden war. und Miles hielt einen Ausdruck in der Hand. Dianuba…‹ 593 . Nichts von all dem ergab einen Sinn. Wie es schien. hatte sie versucht herauszufinden. Notizen zu ordnen und griechische Buchstaben in einer unendlichen Vielzahl von Folgen aneinanderzureihen.EXE WIEDERHERGESTELLT: Er hatte die gelöschte Datei. ein Puzzle zu lösen. Es sah aus. Offenbar handelte es sich um eine Arbeitsunterlage. Es gab Anmerkungen: ›Nicht gefunden über Lycos. WebCrawler.248 ZUSTAND: gut GESCHÜTZT DURCH DOS DER ERSTE BUCHSTABE DES DATEINAMENS WURDE ÜBER DOS GELÖSCHT: BITTE GEBEN SIE DEN NEUEN ERSTEN BUCHSTABEN EIN:?YMBOS:EXE Miles hatte keine Ahnung. als habe die Archäologin versucht. was ›Tymbos‹ war. was ›?ymbos‹ bedeutete. Deshalb gab er den Buchstaben ›B‹ ein und klickte auf ›OK.800 Bytes PFAD: D:\TMBX52 ERSTELLT AM: 21/12/1999 00. Infoseek. Zwei Minuten später war sie geladen.schlau genug.

Ein neues Menü erschien mit den Optionen: NORMAL DELETE WIPE DELETE DOD WIPE DELETE Havers kannte diese Funktionen: Normal Delete bedeutete Löschen im DOS.‹ Miles starrte auf die letzten Worte: König von Tymbos. das angeblich an der Handelsstraße nach Saba liegt. Anstatt König Tymbos sollte es heißen König von Tymbos. Dabei wurde die Datei gelöscht. um wahr zu sein…« Er wandte sich stirnrunzelnd noch einmal dem Computer zu und legte im Textverarbeitungsprogramm eine neue Datei mit dem Namen Havers an. Liegt Tymbos in Afrika?‹ Miles griff schnell nach dem Telefon. betrachtete die Liste der Unterverzeichnisse. Das Jesus-Fragment endete mit den Worten: ›… bringe es zu König…‹ Das war also der König! Er las die letzte Notiz: ›Saba war der alte Name Äthiopiens.Schließlich erreichte er das Ende: ›Tymbos. die Daten blieben jedoch auf der Festplatte erhalten. »Beinahe zu schön. Das ist beinahe zu schön. dachte Miles hocherfreut. Es würde nicht schwer sein herauszufinden. Ein Volltreffer. fand TMBX52.exe. um wahr zu sein! Seine Hand schwebte über dem Telefon. ob in den letzten Tagen irgendwelche Amerikaner in Addis Abeba angekommen waren. öffnete es unter havers. ein mystisches Land. Im Desktop klickte er auf ›Datei-Manager‹. Dann speicherte er sie auf der Festplatte im Unterverzeichnis TMBX52 ab. um Teddy anzurufen. so daß man die Datei später wiederherstellen 594 . klickte zuerst auf ›Datei‹ und dann auf ›Löschen‹.

Miles war sicher. Also konnte sie die Datei jederzeit gelöscht haben – vermutlich lange vor Ankunft des FBI. ließ das nur eine Deutung zu: Sie wollte. in Afrika läge. Sie war immer noch im Besitz der Schriftrollen und des belastenden Tagebuchs. und er wußte nicht. nachdem die Daten auf einer Diskette gesichert waren. doch aus irgendeinem Grund hatte Catherine Alexander sich für Normal Delete entschieden. die Daten noch einmal herzustellen. Weshalb? Havers überlegte angestrengt. daß Catherine Alexander diese eine Datei über DOD gelöscht hatte.48 Uhr. daß das überhaupt nichts zu bedeuten hatte. Natürlich erst. Wie konnte er auf einen so durchsichtigen Trick hereinfallen? Er nahm sich die Dateien noch einmal vor. Und DOD – Department of Defence – überschrieb die gelöschte Datei gleich dreifach. die Datei gelöscht und die Zeit wieder zurückgestellt. das Stevenson erwähnt hatte. so daß die Daten nicht verlorengingen.konnte. Wenn sie also die Zeit geändert und die Datei normal gelöscht hatte. und das den Namen seines Mörders enthielt. Es war nicht zu finden. wo er sie suchen sollte. Plötzlich wurde ihm klar. wenn es überhaupt ein ›Tymbos‹ gab. und die Datei ließ sich nicht mehr herstellen. Alexander hatte möglicherweise die Uhrzeit des Computers geändert. daß ›Tymbos‹. Bei Wipe Delete wurden die Daten mit Nullen überschrieben. daß er die Datei fand! Er sollte glauben. Er wurde wütend auf sich. wenn sie die Flucht in letzter Minute vorgetäuscht und den Computer ›zufällig‹ zurückgelassen hatte. Er suchte das Tagebuch. Strickland hatte die Äbtissin und Vater 595 . so daß es absolut unmöglich wurde. Er blickte noch einmal auf das Datum und die Zeit der gelöschten Tymbos-Datei – 6. Sie hatte ihm also wieder ein Schnippchen geschlagen. Stevensons Software hatte die DODFunktion.

Das bedeutete. Miles sah. Er konnte sein Glück kaum fassen: ›Aquae Grani. die über einen bestimmten Computer im Untergeschoß einging.Garibaldi befragt. der mit einer kurzen Notiz mehr Geld verlangte. Miles beachtete diesen Nachsatz nicht. und der war. Plötzlich gab der Bildschirm ein Signal. war die Übertragung gerade beendet.‹ 596 . Der Papyrus befand sich in einem schlechten Zustand.‹ Es war die vorletzte Seite von Sabinas Geschichte. hatte Catherine Alexander den Wettlauf gewonnen. Es gab keinerlei Anhaltspunkte außer dem Laptop. An zwei Wörtern in der Mitte der Seite blieb sein Blick hängen. Auf der Rückseite des Photos stand der Hinweis: ›Sechste Rolle. wohin die Alexander verschwunden war. Er ging mit großen Schritten in seinem Büro auf und ab und überlegte. daß es sich um die letzte Übersetzung von Papazian in Kairo handelte. wie Miles nun wußte. Wenn der Text von Papazian diesmal keine Hinweise enthielt. Catherine Alexander mußte es nach dem Aufnehmen so großer Textmengen eilig gehabt haben. und die Aufnahme war unscharf. Die Übersetzung war nach dem einzigen Photo angefertigt worden. die Zeit war beinahe abgelaufen. Beide behaupteten. was als nächstes zu unternehmen sei. das Miles von der sechsten Schriftrolle besaß. nicht zu wissen. und war etwas nachlässig geworden. Als er im Kommunikationszentrum ankam. Havers überflog das Blatt. zum Ende zu kommen. nutzlos. Seite 12 von insgesamt 13 Seiten. Deshalb hatte Papazian beim Übersetzen auch länger gebraucht. das ihn auf eine Nachricht aufmerksam machte.

Es gab sogar ein Bild.Was war das? Eine Stadt? Vielleicht war Catherine Alexander dorthin gefahren. fuhr die in der Scimitar Software enthaltene Enzyklopädie ein. klickte auf ›Suche‹. tippte Aquae Grani und drückte ›Enter‹. Er ging zurück an den Computer in seinem Büro. 597 . murmelte er einen Augenblick später lächelnd. »Wer sagt es denn…«.

DER SIEBZEHNTE TAG 598 .

liebe Amelia? Einerseits hoffte ich immer noch. Aber da ich keine Jungfrau sei. Da ich festgestellt hatte. Mein Überleben hing davon ab. Aber ich hatte nicht die Absicht. daß sich die Frau das Heldentum ihres Mannes zu eigen macht. 30. und 599 . sondern der Ehemann. Diese Dinge symbolisieren. Bei den Germanen bringt nicht die Braut die Mitgift in die Ehe. denn er war verwitwet und kinderlos. daß sie die harte Arbeit und die Gefahren des Mannes teilt. ich sei noch jung und im gebärfähigen Alter. gehen nach dem Tode der Frau in den Besitz ihrer Töchter und danach ihrer Enkeltöchter über. stimmte ich der Heirat zu. Nach alter Tradition erhält sie ein Pferd und Zaumzeug. das die Römer seinem Volk entrissen hatten. so sagte Freida. Dezember 1999 Freida war die Matriarchin der Sippe. müsse ich heiraten. Der Schild und das Schwert. Um bei ihnen zu leben. Wie sollte ich darauf reagieren. Eines Tages kam sie zu mir und sagte. stimmte er zu. Andererseits hatte Freida recht. werde mich kein Mann haben wollen. denn seine Gedanken kreisten um die Vereinigung der Stämme und die Wiedereroberung des Landes. Eine unverheiratete Frau im gebärfähigen Alter konnte Probleme unter den Männern schaffen. daß ich bei der Sippe blieb. Kinder zu bekommen. denn ich brauche einen Beschützer. gerettet zu werden. Er hatte mich bisher kaum zur Kenntnis genommen. einen Schild und ein Schwert. so sagte sie.Donnerstag. daß Sigmund kaum jemals im Dorf war. Doch da seine Mutter es wünschte. ob er mich nehmen würde. Sie hatte ihren Sohn Sigmund gefragt. und erinnern sie daran.

In der Hochzeitsnacht wartete ich jedoch vergebens in dem eigens für uns errichteten Holzhaus auf meinen Bräutigam. Er hielt mitreißende Reden. Unbewohntes Land kann und wird von uns besiedelt werden!« Er wagte sich durch gefährliches Gebiet. bei dem viel getrunken wurde. bot Sigmund einen Handel an. die anderen Stämme für einen neuen Kampf gegen die Römer um sich zu scharen. Er sagte: »So. Fortan lebte ich wieder bei Freida und sah Sigmund nur selten. An unserem Hochzeitstag gab es ein großes Festmahl. Sigmund war der Anführer. um den Frieden zu sichern. um zu sterben!« Er kam zu uns zurück und begann. den Gegner einzuschüchtern. Möge mir diese grauenhafte Erfahrung ein zweites Mal erspart bleiben. Der Stamm war vom Land seiner Vorfahren vertrieben worden und lebte in der Rolle des heimatlosen Bittstellers auf fremdem Boden. Sigmund ließ sich nicht bestechen. Der Statthalter. um den römischen Statthalter zu treffen und ihm die Bitte des Stammes um Siedlungsland zu unterbreiten. so gehört die Erde den Menschen. indem er sie in der Kunst unterwies.wie es aussah. Sigmund machte seinen Kriegern Mut. denn am Rande der Schlacht warteten die Frauen und Mütter und spornten ihre Männer an. Er versprach nur Sigmund Land. Ich beobachtete ihn bei Ratsversammlungen. niemandem sonst. Er gab dem römischen Statthalter stolz zur Antwort: »Wir haben vielleicht keinen Platz zum Leben. Sie kämpften im Wald. so bekamen wir zu hören. Ich hatte noch nie einen Krieg erlebt. wie der Himmel den Göttern gehört. Sigmund auch nicht. und es war schrecklich anzusehen. tapfer 600 . aber wir werden einen Platz finden. Er konnte die Krieger mit seinen Taten und Worten begeistern. liehe Schwestern. zu erschrecken und in Panik zu versetzen.

weil es den Römern gelang. Speere und Pfeile schienen wirkungslos an ihm abzuprallen. den eisernen Muskeln und dem Mut eines Gottes bot in der Schlacht einen unvergeßlichen Anblick. Meine verzweifelten Schreie waren laut genug. Da rissen sich die Frauen die Kleider vom Leib. und sie griffen noch erbitterter und kühner die römischen Legionäre an. Auch ich beteiligte mich an den Klagen und den ohrenbetäubenden Kampfrufen. daß mit dem Sieg oder der Niederlage das Schicksal aller auf dem Spiel stand. Als ich die Tapferkeit von Sigmund und seinen Kriegern sah. keine Männer. Freidas Stamm würde siegen. welches Schicksal sie nach einer verlorenen Schlacht erwartete: Vergewaltigung und die Sklaverei in Rom. um ihre Männer und Söhne daran zu erinnern. die um ihre Heimat und um ihre Familienehre in die Schlacht zogen. Ihre Rufe und die Schreie der Kinder erinnerten die Männer daran. Sigmund mit seinen langen rotgoldenen Haaren. Ich war inzwischen drei Jahre bei ihnen. spürte ich eine seltsame Veränderung in meinem Herzen. wie in den Tagen 601 . und doch wünschte ich plötzlich. Es waren bezahlte Soldaten.und Schulterlänge. Die Soldaten Roms schlugen sich tapfer.zu bleiben. Unsere Krieger faßten neuen Mut und stellten sich zum Sterben entschlossen den römischen Legionen. daß Sigmund sie hörte. sie in ein Sumpfgebiet zu treiben. Der Kampf nahm eine gefährliche Wendung für seine Männer. Aber sie wurden nicht von ihren Frauen in den Kampf begleitet und nicht von ihren Kindern daran erinnert. Sie hatten mir das Leben gerettet und mich aufgenommen. als sei er unverwundbar. liebe Amelia. Sie kämpften gegen die Römer. Er überragte die kleinen Römer um Kopf. Und so siegten die Germanen wieder. wofür sie kämpften.

da wußte ich. den Verletzten zu helfen und Wunden schneller und schmerzlos zu heilen. Im stillen erneuerte ich jedoch den Schwur. liebe Schwestern. wie man Wunden mit einem Dorn und Faden vernäht. Und so. als der Stamm sie kannte. Als ich einige Wochen später spürte. Die Frauen schrecken beim Anblick von Blut nicht zurück. Viele von euch sind Frauen römischer Offiziere. Nachdem die Römer in die Flucht geschlagen waren. Diesmal war Sigmund der große Held. Natürlich behandelte ich auch Sigmunds Verletzungen. um ihnen ein ehrenhaftes Begräbnis zu geben. ihn und seine Sippe zum Weg des Gerechten zu bekehren. In dieser Nacht liebten wir uns zum ersten Mal. den ich aber immer abgelehnt hatte. Wundbrände zu verhindern. Erfreute sich über meine Tapferkeit am Rande der Schlacht und war stolz über meine besonderen Fähigkeiten. Mit Hilfe von Kräutern gelang es mir auch. Ihr habt die gleichen falschen Vorstellungen und Vorurteile. wurde ich eine Germanin. wie sich neues Leben in mir regte. wie es als seine Frau mein Recht war. Die verwundeten Männer kamen zu ihren Frauen und Müttern. den sie mir gegeben.des Arminius. Ich aber lernte von ihnen. wie man bessere Verbände anlegt. zeigten ihnen die Wunden und ließen sich von ihnen behandeln. eilten die Frauen auf das Schlachtfeld und trugen die Toten davon. und so konnte ich viele vor Schmerzen und Fieber bewahren und bleibenden Verstümmelungen vorbeugen. wie ich sie vor langer Zeit 602 . Ich nahm den neuen Namen an. Seid bitte nicht entsetzt. und die Männer verbergen nicht schamhaft ihre Verletzungen. daß mein Leben in der zivilisierten Welt zu Ende gegangen war und ein neues begann. Ich zeigte den Frauen. und überließ mich völlig Sigmund und seiner Welt. Fortan sah ich in Sigmund und seiner Familie auch meine.

Wenn er doch nur den Sturm überlebt hätte! Wenn er doch nur mit mir in den Wäldern gewesen wäre. Ich betete. Der Römer sah mich seltsam an. Ja.hatte. Ich wollte nicht mit ihm sprechen. liebe Perpetua. dachte ich an meinen Sohn Pindar. die man ›Aquae Grani‹ nennt. um die Bäder im Westen aufzusuchen. überquerten wir während eines kurzen Friedens den Rhein. glücklich und ein Anhänger des Gerechten war. es ist die Wahrheit: Ich lebte bei den Barbaren und wurde eine von ihnen. denn dort. die das Leben in den Wäldern nach sich zog. Doch dieser zierliche. und das Wasser die Leiden linderte. Ich hatte ihm nichts zu sagen. dunkelhaarige Römer schien mir jetzt ein Fremder zu sein. daß er. falls er noch lebte. Als ich viele Jahre nach dieser Schlacht das erste Mal in die Nähe eines Römers kam. Als wir in den Quellen von Aquae Grani badeten. denn ich war kleiner als meine germanische Sippe und hatte dunkle Haare. fand ich endlich die Antworten auf alle meine Fragen… 603 . denn er hatte nie die unsterblichen Riesen gefunden oder der Menschheit das Wissen um das ewige Leben zurückgeben können. Dann dachte ich an Philos und wurde traurig.

irgendwohin zu kommen. Abgesehen von elektrischem Strom war die moderne Zeit bestimmt niemals in diesen sakralen Raum vorgedrungen. Die Römer waren vor zweitausend Jahren dort. die in den grauen Winterhimmel ragten. die vor zwölfhundert Jahren gebaut worden war. als habe er es eilig. Als sie zögernd am Eingang des Doms stand und in das halbdunkle Innere blickte. war eine moderne Großstadt mit einem mittelalterlichen Kern. Catherine fühlte sich gegen ihren Willen getrieben. Deutschland »›Aquae Grani‹?« hatte der Mann an der Rezeption im Detmolder Hof gesagt. das Aix-laChapelle Karls des Großen. die zu dem mächtigen Portal führten.Aachen. die mehr als fünf Stockwerke hoch zu sein schienen. in die sie mit 604 . Sie dachte an die Kirche in Washington. Aachen. daß auch die Luft alt war. zeitloses und einem wahrhaft erhabenen Gott geweihtes Monument.« Und so war Catherine nach ihrem Besuch im Teutoburger Wald in die westlichste Stadt Deutschlands an der Grenze zu Belgien gefahren. Der Dezemberwind jagte durch die Häuserzeilen. stellte sie fröstelnd fest. Catherine stand auf dem Kopfsteinpflaster einer Straße. In der Mitte der Stadt befand sich ein majestätischer Dom. Sie blickte auf die gotischen Türme. und betrachtete staunend die eigenartige karolingische Kuppel und die Buntglasfenster. wo zahllose Kerzen brannten. als hätten sich die Steine Schicht um Schicht um ein Stück Zeit aufgetürmt und es umschlossen. würdiges. »Römische Bäder im Westen? Das muß Aachen sein. über die Straße zu gehen und die Stufen hinaufzusteigen. Es war ein altes. damit sie nicht entfliehen konnte.

das Flehen. die wiederum auf anderen Säulen und Bögen ruhten und sich zu einer gewölbten Decke hinauf in eine himmlische Höhe schwangen. Catherine ging zum Oktagon. 605 . überkam sie eine so überwältigende. Nun stand sie in diesem Dom. daß ihr der Atem stockte. was sie vielleicht nicht finden würde. was sie hier vielleicht finden. an dieser Stelle. und vor dem. Aber ihre Beine hatten plötzlich einen eigenen Willen und trugen sie über die Schwelle. und als sie nach oben blickte. Mit klopfendem Herzen trat sie durch das hohe Portal. Sabina berichtete von einer anderen Zeit. ihr Lager aufgeschlagen? Liegen Freida. nie mehr eine katholische Kirche zu betreten. Sabina und Sigmund vielleicht hier in dieser geweihten Erde begraben? Doch der Dom war Jahrhunderte später gebaut worden. die auf kunstvoll gearbeiteten Säulen standen. An den Stufen war sie wieder umgekehrt.Garibaldi zur Mitternachtsmesse hatte gehen wollen. wo Heilige und Apostel in erhabener Größe über einen goldenen Untergrund schritten. kindliche Ehrfurcht. Jetzt. Ist Sabina hier an dieser Stelle gewesen? Hat Freidas Sippe hier. spürte. in der noch immer die Gebete. Vor dreizehn Jahren hatte sie geschworen. würde sie nicht umkehren. Catherine fürchtete sich unbestimmt vor dem. In der Mitte der Kuppel hing an einer langen Kette ein mächtiger vergoldeter Kupferleuchter. das Hoffen und das Vertrauen des Glaubens von zwölf Jahrhunderten wie ein Echo widerhallten. wo jetzt der Dom steht. Über ihn neigten sich wie ehrfürchtige Betrachter endlose steinerne Bögen. wie der Atem der alten und der neuen Zeit sie erfaßte und tiefer und tiefer in die Kathedrale zog. das wußte sie.

das nach Vollendung strebt. Sie lehnte sich haltsuchend an einen Pfeiler.Catherine war wie gebannt. dachte Catherine voll Ehrfurcht. erinnerte jedoch auch an einen anderen Sieg. die Pein und der Kummer ergossen. Sein Leben und Werk hatten das Land geeint. die Passion. und er führte sein Volk aus den Wirren der Kriege und Glaubenskämpfe in eine neue Zeit. Es war weit schlimmer als das versinkende Atlantis. denn vor der Katastrophe in ihrem Inneren gab es kein Entrinnen. Durch die hohen bunten Glasfenster fielen Regenbogenfarben in den Chor und tauchten den goldenen Schrein in ein überirdisches Licht. Dreiundzwanzig Jahre gläubigen Katholikentums schlugen wie eine Flutwelle über ihr zusammen. sich mit der Kraft ihrer Vernunft davor in Sicherheit zu bringen. in das sich der Glaube. Alles stürmte in einem Kaleidoskop der Bilder. Der große Kaiser gehörte fast schon in das Reich der Legende. Empfindungen und Erinnerungen auf sie ein. aber er war auch eine historisch greifbare Gestalt. daß Catherine von ihren Gefühlen überwältigt wurde. daß jemand hereinkommen und all das in sich 606 . Der Dom zu Aachen. Ihre ganze innere Not brach sich plötzlich Bahn. die zu dem unvergleichlichen Zauber des Augenblicks beitrugen. während er darauf wartete. bevor es ihr gelang. Der Dom war eine Manifestation des Triumphs nicht nur über Feinde. das Grab des fränkischen Kaisers. sondern über alles Irdische. Von einem der gotischen Stützpfeiler blickte eine Madonna mit soviel Verständnis und Erbarmen auf die Menschen herab. Catherine stand wie gelähmt an der Säule. die der Dom so lange in sich aufbewahrt hatte. Hier ruht Karl der Große. Sie war ein hilfloses leeres Gefäß. Ihr plötzlich überwaches Bewußtsein nahm noch andere Einzelheiten wahr.

« Der Strom riß nicht ab. Julius! rief sie stumm.aufnehmen werde. dem inneren Sturm nicht länger standhalten konnte. daß wir Kinder haben könnten. Ich habe darin einen Verrat an mir gesehen. Sie rief sich die vielen Argumente und die berechtigten Anklagen ins Gedächtnis. Ihr Bewußtsein versuchte. Es tut mir so leid. der staunend auf seine Tochter blickte und sagte: »Wir hatten nicht mehr geglaubt. Es war meine Schuld. und es ist ein Segen. Auch Erinnerungen. um die Woge der Nostalgie und der emotionalen Schwäche zurückzudrängen. rief ihr Herz den Marmorwänden und stummen Statuen zu. was du für richtig hältst. die ihr geduldig zeigte. Catherine spürte. um deiner Seele beim Antritt ihrer letzten Reise zu helfen. Catherine brach unter dieser Last beinahe zusammen. abgelegte Hülle von ihr ab. daß du noch so spät in unser Leben gekommen bist. der so lange ihr Herz umschlossen hatte. Du bist nur deinem Gewissen gefolgt. daß diese heilige Handlung sie mit allen Katholiken auf der ganzen Welt und über alle Zeiten hinweg mit Jesus verband. Aber die Erinnerungen kamen in immer neuen Wellen – das leichte und befreite Gefühl nach der Beichte. Und ich bin nicht einmal bei dir geblieben. Sie sah ihren Vater. Du hast getan. Du bist meinetwegen ermordet worden. Du bist ein Segen Gottes. Catherine 607 . Danno. Er zersprang und fiel wie eine alte. die nichts mit der Kirche zu tun hatten. wie der harte Panzer. Ich habe mich geirrt. die Hostie im Mund und das naive Vertrauen darauf. sich gegen den Ansturm zu wehren. wie der Neigungswinkel eines Pinselstrichs Handschriften um Jahrhunderte voneinander trennte. drängten sich auf – Catherine saß an einem großen Schreibtisch und beobachtete ihre Mutter bei der Arbeit.

Auch Catherine trug nicht mehr das lange schwarze Gewand einer Nonne. die sie in Detmold gekauft hatte.glaubte zu ersticken. Mutter. Zitternd richtete sie sich auf und schlug die Hände vor das Gesicht. ich hätte Vater McKinney wegschicken sollen. für das Produkt ihres aus den Fugen geratenen Bewußtseins. Sie löste sich entschlossen von dem Stein und den Erinnerungen. dem man die Wahrheit anvertrauen konnte. daß er sie gefunden hatte. so wie etwas in Catherine sie auf Sabinas Spuren hierher in diesen Dom geführt hatte. selbst wenn er jetzt nicht wie ein Priester gekleidet war. und sie wußte. Doch dann trat er aus dem Schatten eines Pfeilers. Sie war sicher. »Keine Angst«. er hatte sich selbst zu dieser Reise entschlossen. Sie hielt ihn für eine Erscheinung. Sie klammerte sich an den kalten Stein. Sie kämpfte sich verzweifelt durch die Fluten ihrer Gefühle. Garibaldi. Er war nicht auf Befehl des Vatikans hier. Ich hätte auf einem anderen Priester bestehen müssen.« Das hatte sie auch nicht erwartet. Er kam auf sie zu und hob die Hände in einer Geste der Kapitulation. daß es tatsächlich Garibaldi war. wo Sie sind. sondern weil ihn etwas in seinem Innern dazu trieb. »ich habe niemandem gesagt. 608 . sondern die unauffälligen Sachen. traute sie ihren Augen nicht. sagte er leise. Sie wußte in ihrem Herzen. sobald ich ihn im Krankenhaus sah. daß die Äbtissin ihm seine Fragen wahrheitsgemäß beantwortet hatte. Als sie plötzlich über den weiten Raum hinweg eine Gestalt mit einem traurigen Gesicht sah. Er war ein Priester. Es überraschte sie nicht.

als seien Sie im Nachthemd aus dem Fenster gestiegen.« Catherine konnte ihm nicht sofort antworten.Sie trafen sich unter einem Steinbogen mitten in dem langen hohen Gang. daß Sie den Computer zurückgelassen haben…« »Ich war schon lange weg. »Wie hat das FBI den Weg zum Kloster gefunden?« »Wahrscheinlich durch einen Hinweis von Havers«. dann ist er eine Weile zufrieden. Sie gingen langsam durch den Dom. und es so aussah. als wage er nicht. »Es würde mich nicht überraschen. als die Beamten des FBI kamen. die Stille mit profanen Worten zu stören. Mit etwas Glück sind seine Killer auf dem Weg nach Äthiopien…« 609 . antwortete Garibaldi und blickte sie besorgt an. »Von der Äbtissin habe ich erfahren.« Catherine zwang sich zu reden und beobachtete sich dabei wie eine Zuschauerin aus großer Höhe. weil ich hoffte. wenn er einen der Beamten bestochen hätte. »Ich habe sogar eine Datei angelegt. Catherine wehrte sich nicht dagegen. »FBI…?« murmelte sie. Hatte er es gesehen? War Garibaldi Zeuge ihres Augenblicks seelischer Ekstase gewesen? »Ich dachte. Sie suchte noch immer ihre von Gefühlen zerrissene Seele in den dunklen Höhen der Kuppel. auf die Erde und in die Wirklichkeit zurückkehren.« Er legte ihr den Arm um die Schulter. bevor die Beamten gekommen sind. Jedenfalls standen im Morgengrauen vier Männer vor der Pforte. er werde sie finden und sich auf eine falsche Fährte locken lassen. bis es ihr schließlich gelang. um durch den Schnee zu fliehen. Es dauerte eine Weile. In diesem Augenblick war sie für seinen Schutz und seine Kraft dankbar. Garibaldi flüsterte unwillkürlich.« Sie senkte den Kopf. »Sie haben uns vielleicht einen Schreck eingejagt. wenn Havers der Computer in die Hände fällt.

daß es aussah. Aber ich war entsetzt. »Ach du liebe Zeit…« »Was ist?« »Die Nachricht.« »Wir müssen demjenigen. die wir in Washington über E-Mail bekommen hatten«. bis Havers uns wieder auf der Spur war.« »Das lag nicht an Ihnen – nun ja. wütend und enttäuscht. es würde tiefgreifende Folgen haben. »Es tut mir leid. ein spirituelles Erlebnis? Catherine spürte die Nachwirkungen noch immer und bemühte sich darum. Sie waren meinetwegen so in Panik.»Sie sind also mitten in der Nacht geflohen. und ich entschuldige mich. daß ich Sie geschlagen habe. sagte sie leise. Daran habe ich nicht gedacht! Ich habe sie nicht gelöscht! Havers kann jetzt denjenigen ausfindig machen. »Es war vor allem diese Nachricht.« Catherine zuckte zusammen. nicht nur…« Ein Schauer lief ihr über den Rücken.« »Ich nehme es Ihnen nicht übel. der sie geschickt hat!« 610 . Garibaldi zuzuhören und ihm vernünftige Antworten zu geben. keine Zeit zu verlieren. der die Nachricht geschickt hat. Was immer unter der Kuppel mit ihr geschehen war. Catherine?« Er schüttelte den Kopf. Es tut mir leid. für immer dankbar sein. Dann fragte er schuldbewußt: »Meinetwegen?« Sie sah ihn an. Vater Garibaldi. »Mir war klar. Ich habe in meinem Zimmer alles so hingelegt. Als ich den Anfang der sechsten Rolle las und feststellte. daß Sabina nach Germanien gegangen war. daß es nicht lange dauern würde. beschloß ich. daß Sie mitten in der Nacht bei Eis und Schnee vor mir aus dem Kloster geflohen sind. Du meine Güte. als sei ich aus dem Kloster geflohen. Er hat mit seiner Warnung viel riskiert. Sollte sie es eine Epiphanie nennen. Das hätte ich nicht tun sollen.

wie sie Ihnen bei der Flucht geholfen hat. Er schien wütend zu sein. es hat einen Streit gegeben. Wie auch immer. Ich nehme an. haben Sie Julius im Kloster gesehen?« »Dr. der die Römer besiegt hat. Als Catherine sich nicht äußerte. Sie sieht die Menschen mit anderen Augen. Ihre nächsten Worte klangen deshalb etwas unsicher. Sie erzählte mir auch. mehr brauchte sie nicht zu wissen. es ist inzwischen nicht noch jemand meinetwegen umgebracht worden…« Sie näherten sich dem Portal. Aber der Absender ließ sich ausfindig machen.« 611 . der ›Freund‹ mußte für die Zugangsberechtigung eine Kreditkarte benutzt haben. Ich meine.« Catherine hätte das nur zu gerne geglaubt. Er wird anonym im Internet gewesen sein. Das tröstete und beunruhigte sie gleichermaßen. sie hat Sie offenbar wirklich ins Herz geschlossen. daß er vorsichtig sein muß. »Ich habe ihr nur gesagt. wer immer es gewesen ist. Catherine…« Seine Stimme klang bewundernd und beinahe zärtlich. wenn sich der Betreffende nicht unter einem falschen Namen und mit falscher Adresse gemeldet hatte. Catherine blieb stehen und fragte: »Vater Garibaldi. wo der große germanische Held lebte. Wir haben nicht miteinander gesprochen. Voss ist sehr früh am nächsten Morgen abgereist. Ich hätte es nie für möglich gehalten. daß ich mich in Gefahr befinde…« »Ich nehme an. Wohin. »Ich hoffe nur. er wußte. das weiß ich nicht. daß die Äbtissin Sie persönlich im Wagen der Schwestern zum Bahnhof gebracht hat.« Garibaldi schwieg. fuhr er fort: »Die Äbtissin hat mir gesagt. daß Sie in der Klosterbibliothek herausgefunden haben.»Ich bin sicher.

Catherine konnte die verborgenen Leidenschaften sehen. Ihr fiel auf. Vielleicht wurde deshalb in diesem sakralen Raum auch die eigene Seele deutlicher erkennbar. scheinbar hilflosen Menschen wurde hier besonders deutlich. den römischen Bädern. Deshalb fragte sie schnell: »Wie kommen Sie eigentlich hierher?« »Ich war in Detmold. dachte sie. Dieses Blau paßt gut zu ihm. denn es macht ihn empfänglicher für das andere. was sich 612 .« Er lächelte. »Es war einfach zu erfahren. so als sei sie bloßgelegt. wo die steinernen Bögen des Oktagons und das Kirchenschiff aufeinandertrafen.« Er verstummte und betrachtete sie prüfend. wollte sie sagen. daß eine amerikanische Nonne am Hermannsdenkmal war und sich anschließend nach ›Aquae Grani‹. Seine Augen schienen die melancholischen Schatten in sich aufzunehmen. Der Gegensatz zwischen dem Erhabenen und dem einzelnen. Sie wollte erklären. Pangamot kann Ihnen hier nicht helfen.« »Aber woher wußten Sie. Ich bin meinetwegen hergekommen. Hier müssen Sie sich der Vergangenheit stellen. Es ist ein schwermütiges Blau. die Vater Garibaldi ständig unter Kontrolle halten mußte. die Sie verfolgt. Sie wollte es ihm sagen. erkundigt hat. daß das Blau seiner Augen hier im geheimnisvollen Dämmerlicht des sakralen Raums sehr viel dunkler zu sein schien. Vielleicht kam jeder in diesem gewaltigen Gotteshaus seinem eigentlichen Wesen näher. die in den Ecken lauerten. nach dem er sich sehnt. daß Sie mich hier im Dom finden würden?« »Das wußte ich nicht. »Warum sind Sie hier im Dom?« fragte er ernst.Catherine wurde verlegen und wollte das Thema wechseln.

ob er sich damit zufriedengeben oder widersprechen sollte. begann sie. wo ich als nächstes suchen soll. daß er es tatsächlich verstand und daß sie nicht versuchen mußte. Sie schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht. daß ein Mensch wie ich. meine ich«. um mich davon zu überzeugen. warum ich hierhergekommen bin. unmöglich dem Göttlichen begegnen kann.« »Sind Sie mit der sechsten Rolle fertig?« »Ich habe noch eine Seite zu übersetzen. Hatte sich ihre katholische Erziehung wieder zu Wort gemeldet? War das alles nichts Übernatürliches oder Himmlisches gewesen. dachte sie erleichtert. und ich werde dir einen Katholiken fürs Leben geben. »In Hinblick auf Sabina. frag mich nicht danach! Wenn ich jetzt darüber reden muß. Er wäre ein guter Psychologe.« Er schien ihre Antwort abzuwägen.« Wer hatte das gesagt? Ignatius von Loyola? »Ich dachte. was geschehen war. sondern nur eine unwillkürliche Reaktion? »Gib mir ein Kind bis zum Alter von sieben Jahren. um zu erklären. alles zu leugnen. vielleicht…«. noch nicht. fügte er hinzu. Dann sagte er: »Das verstehe ich. »Ich weiß nicht. stellte sie fest. »Haben Sie hier in Aachen etwas gefunden?« fragte er beiläufig.« Sie spürte seine Hand am Ellbogen. Dann schüttelte sie den Kopf.« Catherine hatte das Gefühl. Worte zu finden.vor wenigen Augenblicken ereignet hatte. »Wollen wir sie zusammen lesen?« 613 . als überlege er. Bitte. fühle ich mich vielleicht gezwungen. Als ihr Garibaldi leicht mit dem Finger über die Wange fuhr. der keinen Glauben mehr hat. als spüre er ihren Widerstand. Sie konnte nicht darüber sprechen. daß er eine Träne abgewischt hatte.

Ich eile durch die Zeit. Es gab keinen Autoverkehr in der Innenstadt. Deshalb bin ich abgeschnitten von dem. Endlich konnte sie daran denken.Als Catherine am Morgen nach der Bahnfahrt von Detmold in Aachen angekommen war. dachte sie. konnte sie sich vorstellen. Wir begruben Freida vor vielen. und Garibaldi hörte zu. vielen Ernten auf ihrer Lieblingswiese. Dorthin ging sie mit Garibaldi. Während sie bereits im Fahrstuhl nach oben fuhr. und ich erlebte die Geburt von sechsundzwanzig Enkelkindern und sieben Urenkeln. daß ich Sigmund ein Kind gebar. Waren das ihre letzten gemeinsamen Stunden? Nach der sechsten Schriftrolle gab es nichts. Wenn Catherine nicht auf die Jeans und die Windjacken achtete. Das Hotel lag in der Stadtmitte am mittelalterlichen Stadttor. Vom Fenster konnte Catherine die engen Straßen mit dem alten Kopfsteinpflaster sehen. Es ist fünf Jahrzehnte her. Nur hin und wieder fuhr jemand auf dem Fahrrad vorbei. was mich in der Gegenwart gehalten hat… Aber nun wollte sie noch weiter zurück. was sie noch zusammenhielt. Garibaldi würde in den Vatikan zurückkehren. Garibaldi klopfte an und kam herein. durch einen Zeitsprung zurück ins Mittelalter versetzt zu sein. und sie… Wohin? Wohin werde ich danach gehen? Catherine las laut die letzten Seiten der Schriftrolle vor. wo sich die Häuser aus dem dreizehnten Jahrhundert aneinanderzulehnen schienen. Danach bekam ich noch acht weitere Söhne und Töchter. hatte sie ein Zimmer im gutbürgerlichen Wilferterhof genommen. liebe Amelia. ließ er sich an der Rezeption ebenfalls ein Zimmer geben. an den Anfang des Christentums. und ich nahm ihren Platz an der Spitze der 614 . die letzten Seiten von Sabinas Geschichte zu übersetzen.

Sippe ein. In dieser Hinsicht habe ich versagt. Wie lange bin ich jetzt schon hier bei meiner Gastgeberin Perpetua? Um das zu beantworten. Ich kämpfte nicht an ihrer Seite. trug keine Früchte. Ich fragte mich. die ich durch die Wälder gezogen bin. meine Familie zum Weg des Gerechten zu bekehren. Sigmund. ob es ein Monat oder ein Jahr war – vielleicht auch sehr viel länger. Die Absicht. meinen Sohn von Philos. Wir hatten keine Ahnung. Ich weiß aber selbst nicht. muß ich die Zeit hinzuzählen. von der alle sagten. Ich blieb nicht bei meiner Familie. unsere Söhne und Töchter. nämlich seine Botschaft zu verbreiten. aber ich führte niemanden zum Licht. mein ältester Sohn. Jetzt sind sie alle gegangen. die ganze Sippe. Ich floh in den Wald. liebe Schwestern. ob er am Leben sei. und ob er sich an seine Mutter und unsere Jahre in Alexandria und Britannien erinnern konnte. daß die Feinde aus dem Norden kommen würden. dachte ich an Pindar. und ich starb 615 . Und ich sprach zu ihnen über die Botschaft des Gerechten. Sie wurde in einem einzigen Augenblick ausgelöscht. mit der ich vor langer Zeit Antiochia verlassen hatte. Es war ein Überraschungsangriff. denn Freida hatte mir die Geschichten ihres Volkes als Erbe hinterlassen. An dem Tag. So lange ist es jedenfalls her. Unsere Männer kämpften tapfer. zum Zeichen seiner Mannbarkeit den ersten Schild und Speer erhielt. ob er die Toga erhalten habe. In all den Jahren war es mir nie gelungen. Ich erzählte sie abends an den Feuern zusammen mit der Geschichte meines Lebens. Ich lebte viele Jahre in Freidas Sippe. sie sei wie ein Märchen. daß sie alle getötet wurden. als Ingomar. Wir waren nicht darauf vorbereitet. Nur etwas bedauerte ich. doch die Angreifer waren in der Überzahl.

was wir von Sabinas Geschichte haben. und sie sah den Konflikt. daß er einen sinnlosen Mord nicht verhindert hat. »Im Dom«. »Das ist es«. Ich fürchtete mich vor… »Ich fürchtete mich vor…« Catherine verstummte.« 616 .« Er ließ den Kopf sinken und fügte hinzu: »Es tut mir wirklich leid. »Das ist alles. flüsterte sie. »Ich bin Ihnen nicht mehr böse. daß ich Sie getäuscht habe. der Sie einmal waren. der er sein wollte.« »Schon gut«.« Er nahm ihre Hand und drückte sie an seine Lippen. der er war. Die Stille des Winters breitete sich nach ihren Worten im Zimmer aus. Seine Leidenschaft trieb ein böses Spiel mit ihm. Sie haben getan. in dem er lebte. Der Priester. »Schade…« Er seufzte. Und das müssen Sie ebenfalls. »Ich hätte Ihnen so sehr gewünscht. Antworten auf seine Fragen zu bekommen. »Schade…«. die sie dort entdeckt hatte. er hatte gehofft. Sie spürte seinen warmen Atem auf ihrer Handfläche. wie sich seine Pupillen weiteten.nicht mit ihnen. um die dunkleren Ströme zu erforschen. sagte sie leise. Schließlich hob sie den Blick von dem Papyrus. sagte sie schließlich.« Sie sah die Enttäuschung in Garibaldis Gesicht. wozu Sie verpflichtet sind. Ich versteckte mich wie ein Kind. Ich weiß. Sie hatten recht. konnte den Mann nicht unterdrücken. Sie müssen dem Sechzehnjährigen. Sie ging zu ihm und legte ihm die Hand auf den Arm. Sie sah. Sie wußte. »habe ich meinem Vater endlich vergeben. Catherine blickte in seine blauen Augen und tauchte in ihre Tiefen. Ich mußte es tun. daß Sie die siebte Schriftrolle auch noch übersetzen können. sagte sie. verzeihen.

»Ach Catherine…« Er seufzte und wandte sich ab. Dann wurde es still.« »Sie wollen kein Priester mehr sein. daß ich ein Feigling war. Das haben Sie mir gesagt. Und Gott helfe mir. veränderte sich sein Ausdruck. Ich versuche seit dieser Zeit. sagte Garibaldi aufgewühlt. die zu ihm zurückfinden. Er sah. etwas zu unternehmen. aber ich glaube an die Macht der Vergebung. Ich muß nicht mir selbst verzeihen! Verstehen Sie das nicht? Ich bin nicht das Problem. und ich muß ihm verzeihen. Als die Kugeln den alten Mann in die Brust trafen. »Er stand da wie ein stummes Tier und flehte mich mit den Augen an. Ich meine. meine Feigheit wiedergutzumachen. Vielleicht ist das die zweite Chance. daß ich ihn haßte. 617 . Ich haßte ihn. Gott vergibt allen. wenn Sie Ihr Priestertum aufgeben. Catherine flüsterte: »Vergeben Sie ihm. »Was soll ich ihm vergeben? Daß er die Wahrheit gesehen hat? Ich war ein Feigling.« Catherine wußte. Ich haßte ihn. sondern von dem alten Mann hinter der Ladentheke.« Er sah sie wieder an. Nicht von dem Junkie. der den Mord begangen hatte. ich hasse ihn immer noch. Und als ich mich nicht von der Stelle rührte. daß Sie kein Feigling sind.« »Sie glauben nicht an Gott. daß ich ein Feigling bin. weil er mich mit seinen Augen anklagte. »Er stand einfach da«. »Er ist es! Auf ihn bin ich böse.« Seine Stimme stieg zu der Balkendecke empor und hallte dort lautlos wider. weil Sie das für eine ehrliche Lösung halten? Sie wollen sich beweisen. haben Sie diese Prüfung nicht bestanden. Vater Garibaldi…« »Vergeben?« rief er. Und in seinen Augen stand Abscheu. weil er wußte. sah er mich mit so tiefer Verachtung an. Es ist eine Prüfung.« »Nein. von wem er sprach. um die Sie gebetet haben. »Das ist es nicht.

« »Ich soll dem alten Mann vergeben. Gott zu dienen. blondes Haar.« »Das heißt. einfach zu vergeben.« »Vater Garibaldi. Damit sind wir wieder am Ausgangspunkt des Problems. Wir können Unsicherheit und alle Verwirrungen überwinden. wieder getrennt zu werden. wie Sie Ihrem Vater vergeben haben?« »Ja. Sie haben zur Kirche zurückgefunden? Sind Sie wieder Katholikin?« »Nun ja. »Diesmal kämpfen wir in derselben Arena gegen denselben Gegner. während er sie an sich drückte und dabei wie ein Ertrinkender festhielt.Sabina hatte recht. Aber Sie sind ein gläubiger Mensch!« »Ich zweifle jedoch daran. Catherine schlang die Arme um seinen Hals. Der Kuß wurde leidenschaftlicher. Er legte die Hand auf ihren Nacken und fuhr mit den Fingern durch ihr kurzes. daß ich würdig bin. und wir sehen wieder klar. Wenn wir vergeben. und Sie werden erkennen.« »Nein. nein…« »Sehen Sie? So einfach ist das nicht. »Sie würden für mich kämpfen?« »Ja…« Plötzlich küßte er sie auf den Mund. Sie klammerten sich aneinander. als hätten sie Angst. daß Sie Priester bleiben müssen. Vergeben Sie dem alten Mann. zog die Ärmel nach unten und ließ es zu Boden 618 . Catherine knöpfte sein Hemd auf und schob es über die Schultern.« Sie lächelte. Vater Garibaldi.« Er faßte sie an den Schultern. ich glaube nicht an Gott. Es genügt nicht. ist das wie eine Befreiung.

doch ein Hauch von Blässe verriet. atmete jede Rundung und Linie. in einem anderen Leben gewesen zu sein. der friedlich neben ihr lag und schlief. die der Streifschuß hinterlassen hatte. daß alles zu schnell ging. Beide wollten nur im Hier und Jetzt bleiben. über Jahrhunderte hinweg aus dem Sinai an diesen Ort gekommen. dachte sie an den Tag in Santa Barbara. Er küßte sie noch einmal. kein Innehalten. Sie wußten.« Sie küßte die Wunde. Es war der lange. Ihr Herz klopfte wie rasend. Es gab kein Fragen und kein Überlegen ob. Seine Fingerspitzen glitten zärtlich über ihr Gesicht. daß der Morgen bald anbrechen 619 . Er verschlang sie mit den Augen. daß sie nicht mehr dieselben wie damals waren. Catherine erwachte und blickte an die Zimmerdecke. langsame und schmerzlich zarte Kuß eines Mannes. Dann sah sie Michael an. Der Himmel vor dem Fenster war dunkel. um an die Folgen zu denken. wo die Kirchtürme einer längst vergangenen Zeit. Er trug Catherine zum Bett. »Nein. um das Leben in seiner schönsten und intensivsten Weise zu erleben. vor ihrem Fenster aufragten und den Mond und die Sterne verdeckten.fallen. als alles angefangen hatte. als er sie auf die Daunendecke legte. der eine Ewigkeit auf diesen Augenblick gewartet hat. jede Wimper und jede Pore. Als sie die noch nicht ganz verheilte Wunde an seinem linken Arm berührte. Er küßte sie zärtlich. doch ihre beiden Körper bewegten sich langsam. die er an ihrem Körper sah. »Tut es noch weh?« flüsterte sie. Zitternd legte sie die Hand auf seinen Oberkörper und überließ sich dem Gefühl seiner glatten Muskeln. Sie waren Tausende von Meilen. nun aber fürchtete. Das alles schien in einer anderen Welt. Sie suchten Antworten und fanden sie schließlich im anderen. in der die Menschen noch so fromm und gläubig wie Kinder waren.

diese Nacht. Ihr Blick wanderte wieder zur Decke. Das alles gehörte von jetzt ab zu ihnen. Der Traum! Catherine stockte der Atem. Aachen und der Dom würden ihnen immer bleiben. Der Traum: Tymbos! Sie wußte schlagartig. Sie berührte Michaels Gesicht. wo sich die siebte Schriftrolle befand. der verriet. daß ihr Herz plötzlich heftig klopfte. und ihr fiel ein eigenartiger bräunlicher Fleck im Gips auf. 620 . Die Nacht mit ihm war so schön und so außergewöhnlich gewesen. Was danach auch kommen mochte.würde. Langsam bekam sie einen klaren Kopf und erinnerte sich… Es hatte etwas… mit… Sie spürte. sie wußte. und ihr traten Tränen in die Augen. daß irgendwann einmal ein Wasserrohr undicht gewesen sein mußte.

DER LETZTE TAG 621 .

die an deinem Sündenfall schuld ist.« Die leuchtenden Strahlen der Morgensonne streiften seine Schultern. »Ich liebe dich. »Hallo. Dezember 1999 Aachen. »Aber wie ist es mit dir? Bedauerst du es?« »O nein…«. bitte glaub mir. ohne den Mantel auszuziehen. dich hier zu finden«. Doch seine Augen blickten ernst.« »Bitte. flüsterte sie.« »Warum nicht? Das bedeutet doch nicht. Sie blieb stehen. daß ich Gott weniger liebe. verließ Michael seinen Platz am Fenster und sah sie aufmerksam an. daß du anderen immer Dinge in den Mund 622 . Er trug ein hellblaues. »Vielleicht.Freitag. »Weißt du eigentlich. »Warum? Wegen heute nacht?« »Wie fühlst du dich?« »Wie ich mich fühle?« Er kam zu ihr. sag das nicht.« Er nahm ihr Gesicht zwischen seine Hände. Wenn überhaupt.« Er lachte leise. »Catherine. und hielt ein kleines Päckchen in der Hand. gemustertes Baumwollhemd und neue Jeans – keine Soutane. »Hallo«. sagte sie. meine Liebe zu ihm zu stärken. jede Minute der letzten beiden Wochen mit dir ist für mich von Bedeutung. dann hilft mir die Liebe zu dir. sagte sie. Er lächelte. Deutschland Als Catherine ins Zimmer trat. 31. »Ich war nicht sicher.« »Du wirst mich als die Verführerin in Erinnerung behalten. Catherine. keinen Priesterkragen.« »Aber du wirst jahrelang Buße tun müssen.« Er stand dicht vor ihr und lächelte.

natürlich die Fehler…« 623 .legst?« »Ich weiß.« »Was hast du gesucht?« Sie öffnete die Tasche. sagte sie. dann hast du mir geholfen. sagte sie leise und betrachtete seine Lippen. dieser Tag mußte anders sein. Irgend etwas daran hat mich seit dem ersten Lesen nicht mehr losgelassen. um Frieden zu finden. und nahm den gelben Notizblock heraus. dort würde ich finden. was wir brauchen. daß es für mich nur einen Weg gibt. Sie wünschte sich sehnlichst. »Michael. »habe ich den Text der Handschrift des Thomas von Monmouth kopiert. sind dafür Ereignisse verantwortlich. »Michael. sagte sie. »Nun ja. Wenn überhaupt. mich der Tatsache zu stellen. auf dem ihre Übersetzung der Schriftrollen stand. »Bevor ich aus dem Kloster geflohen bin«. Letzte Nacht war letzte Nacht – etwas Kostbares. Sie legte das Päckchen auf das Bett. fürchtete sich aber auch davor. zog den Mantel aus und fuhr fort: »Mir ist gestern vor dem Dom eine katholische Buchhandlung aufgefallen. Aber sie wußte. Und ich dachte. die lange zurückliegen. flüsterte er und streichelte sie mit den Augen. ich nenne die Dinge immer beim Namen. wo die siebte Schriftrolle ist«. habe ich…« »Hast du was…?« »Habe ich dich soweit gebracht. Ich muß dem alten Mann vergeben. die sie von der Äbtissin hatte.« »Laß mich dich einfach nur ansehen«.« Er verschränkte die Arme. Besonderes und Schönes. ich weiß. er werde sie küssen. daß du kein Priester mehr sein möchtest?« »Wenn ich mich dazu entschließe.« »Heute ist Silvester«.

»Auch das stimmt.« Catherine wies auf den Satz: »Sie hinterließ sechs Bücher über Alchimie und Zauberei.« Sie strich das Wort durch und schrieb das neue darüber. aber sie gehörte zu seinem Gefolge. fuhr Catherine fort. »Sagen wir.»Sind es wirklich Fehler? Denk darüber nach. stellt man fest.« »Nicht von einer Person. Heute nacht ist es mir klargeworden. das ist unsere Sabina. Sie sind nur in einen falschen Zusammenhang gestellt. denn wenn du ein fehlendes Teil in das Puzzle einfügst. Die Lösung des Rätsels lag die ganze Zeit auf der Hand. Sie war nicht mit Cornelius Severus verheiratet. »Aber von Tymbos ist hier überhaupt nicht die Rede.« Sie lachte glücklich und rief: »Michael. die später zusammen mit der Priesterin Valeria am heiligen Ort begraben wurden.« Sie schlug den Notizblock auf und legte ihn auf den Tisch am Fenster. Nehmen wir als erstes das Wort ›Priesterin‹ und ersetzen es durch ›Diakonin‹. Michael. daß die Fakten alle stimmen. daß sie in Stonehenge war. Wenn man den Text analysiert. Wir wissen. sagte sie und sah ihn triumphierend an. Jetzt zu den anderen Tatsachen. wo das Licht darauf fiel. Sieh dir das an. ›Tymbos‹ ist das griechische Wort für 624 . Michael.« »Es ergibt Sinn.« »Und was ist das?« »Tymbos«. ›König‹ Tymbos zu finden! Damit haben wir uns das Leben unnötig schwergemacht. Jetzt hier – ›Valeria‹.« »Sechs Bücher über Alchimie und Zauberei«. Wir haben uns zu große Mühe gegeben. Und das ist mir im Schlaf aufgegangen. wird alles klar. »Das ergibt immer noch keinen Sinn. soviel ist richtig. Und das beschäftigt mich schon die ganze Zeit.

las er laut vor. aber trotzdem sehe ich immer noch nicht…« »Am Ende der Seite. »Sabina hinterließ sechs Bücher über Alchimie und Zauberei. Michael runzelte die Stirn. wie das bei den Christen dieser Zeit üblich war. ›»Valeria‹«. wenn du vor zweitausend Jahren als Christ gelebt hättest?« »Ich kann mir nur drei vorstellen. nicht an einem heiligen Ort. sagte Michael verblüfft. die später die Diakonin Valeria mit ins Grab nahm. sagte sie. »hat. ›… bringe es zu König Tymbos. »Schlag Seite 32 auf. das Wort ›König‹ hinzugefügt. Es war eine kühne Vermutung. Lies weiter. wickelte es aus und reichte Michael ein Buch.›Grab‹!« »Grab?« »Paß auf! Wenn wir ›mit… begraben‹ durch das ›Grab‹ ersetzen…« Catherine strich hastig Wörter durch und ersetzte sie durch andere. »Sie ist also mit der siebten Schriftrolle an einem heiligen Ort begraben worden…« »Nein.« Er blätterte. bringe es in das Königreich…‹« »›… in das Königreich Gottes‹«.« »Ich auch«.« 625 . um das Ganze zu einem Rätsel zu machen. »›starb etwa 142 nach Christus.« »Und Perpetua«. sondern am heiligen Ort.« »Welcher heilige Ort soll das sein? Hast du eine Idee?« »Was wäre für dich der heilige Ort schlechthin gewesen. »und deshalb habe ich beschlossen. ergänzte Catherine. »Das Datum paßt. Er blickte auf den Titel: Frühchristliche Märtyrer. bis sie einen ganzen neuen Satz hatte. aber…« Sie ging zum Bett. Michael.‹« Er sah Catherine an. nahm das Päckchen. in die Buchhandlung am Dom zu gehen.

« »Zumindest kennt die Kirchengeschichte sie unter diesem Namen! Wir haben sie als Amelia kennengelernt.« »›Tochter des Amelius Valerius. »Sie war die Tochter des Amelius Valerius. Sie war demnach Amelia Valeria!« »Und wurde offenbar als Valeria bekannt. denn diesen Namen benutzte Perpetua! Deshalb haben wir sie auch trotz all unserer Bemühungen nirgends entdeckt.‹«. damit haben wir die siebte Schriftrolle gefunden!« 626 . Michael.Zwei lateinische Wörter fielen ihm ins Auge: »Amelius Valerius. las Michael.

die seine kostbare Sammlung umgaben. Sie ›zauberten‹ Fernsehbilder auf riesige Projektionsflächen. Und so war es von ihm gewollt. Die meisten Gäste waren für das große Silvesterereignis bereits eingetroffen. aber trotzdem fühlte er deutlich den schicksalhaften Morgen des letzten Tages in diesem Jahrtausend. Den Anfang machte Sydney in Australien. die Spannungen. Miles hätte schwören können. noch öfter jedoch die Intrigen durch die meterdicken Betonwände spürte. damit seine Gäste den Jahreswechsel nicht nur einmal. New Mexico Miles befand sich in seinem Museum im Untergeschoß. dem sichersten Platz auf seinem riesigen Anwesen. sondern nacheinander sechsmal erleben würden. während er am Telefon auf eine verschlüsselte Nachricht wartete. Deshalb hatte Miles alles vorbereitet.Santa Fe. Das ›Wunder‹ vollbrachten Laserprojektoren. Hier unten sah er das Sonnenlicht nicht. die Hoffnungen und Ängste der über tausend Menschen. daß er das fröhliche Treiben und das Spiel mit belanglosen Worten. die Santa Fe auf dem Weg in das neue Jahr und Jahrtausend zeitlich voraus waren. geschweige denn die Gäste konnten ihn stören. die vierundzwanzig Stunden lang beim Fest zur Zeitenwende die Stille der Casa Havers störten. Silvester 1999 stand für den Beginn eines neuen Zeitalters. Das Leben mit Erika hatte ihn sensibel gemacht für die Schwingungen des Unsichtbaren. Er empfing wie ein hochempfindlicher Radarschirm die Energie der Gäste. nicht einmal das Personal. würden 627 . seiner neuen Ära. Niemand. Die Auserwählten sollten diesen Tag nie vergessen. Aus den Metropolen der Kontinente.

Dieser historische Augenblick würde ihm die Erfüllung seiner Träume bringen. Miles Havers. Alle Fäden liefen bei ihm zusammen. ich kann Sie hören. Es war eine gute Zeit. um einzuloggen. um zu leben.com Name: Joe Smith Adresse: 1600 Pennsylvania Ave. ich bleibe am Apparat. die Teddy ihm geschickt hatte: Suche nach freund@dianuba. Wissen und Geld. Rom und New York. Wirtschaft. der kleine Hacker. Nicht existierende Telefonnummer. war durch seinen Weitblick. Sie stürzten Konzerne und Regierungen oder bestätigten ihre Ziele. Und er. Wie steht es? Gut. durch sein Können und seine Durchsetzungsfähigkeit zum weltweit größten Drahtzieher geworden. Bombay. die Archäologin zu warnen und wieder in die Anonymität 628 . Kultur und Politik unterwarfen sich fortan dem Datenstrom. »Ja. Ströme von Champagner würden fließen. falsche Kreditkartennummer. Das war gerade lange genug gewesen.Direktübertragungen der Silvesterereignisse gesendet werden – aus Sydney. Das neue Zeitalter brach an. mußte der neuen Macht elektronisch manipulierter Fakten weichen. ›Freund‹ hatte den Anschluß nur eine Stunde. die über Jahrtausende hinweg das Bewußtsein der Menschen geprägt hatten. und kaum jemand ahnte etwas davon. und die Musik sollte von den Sangre de Cristo-Bergen widerhallen. »Hallo?« sagte er in den Hörer. und die Computer auf der ganzen Welt verteilten Informationen. der Tag und Nacht die Erde umkreiste. Moskau. Die mythische Welt der Kirchen und Religionen. Washington D.G.« Er trommelte mit den Fingerspitzen nervös auf die Sessellehne und blickte auf die Notiz.

629 . Als er die Antwort hörte. wußte er.30 Uhr Frankfurt/M. Und daß er/sie für diesen Coup das Dianuba-Network benutzt hatte. wo sich die siebte Schriftrolle befand. ehe der Betrug mit der Kreditkarte entdeckt wurde. Das andere… ich meine.zu verschwinden. daß die kluge Frau Doktor doch noch herausgefunden hatte. Beschaffen Sie mir das Dokument. Die Beute war ihm sicher. Bleiben Sie ihr auf der Spur. war eindeutig ein elektronischer Seitenhieb auf Miles Havers. Wirklich sehr gerissen. wie Sie die Frau hinterher aus dem Weg räumen. wenn sie die siebte Rolle holt. anstelle von AOL oder Microsoft. Aber seien Sie auf jeden Fall dort.« »Wohin?« fragte er. das überlasse ich Ihnen.« Der Tiger richtete sich zu seiner ganzen Größe auf. »Hallo? Ja?« sagte er in den Hörer. Die Frau darf Sie nicht sehen. »Was haben Sie herausgefunden?« Er notierte auf den Notizblock: »Catherine Alexander… Abflug 19. »Ich habe eine Standleitung zu Ihnen geschaltet.

Rom Dreiundzwanzig Uhr. Der Countdown für Mitternacht hatte begonnen. Als Priester gelang es Michael. Beinahe jeder hielt irgendeine Art Licht in der Hand – Kerzen. Sie staunten über die riesige Menschenmenge. die Hupen machten einen Höllenlärm. Er hatte sich auf dem Rhein-Main-Flughafen umgezogen. als sie am Petersplatz aus dem Taxi sprangen. aber viele hatten besorgte oder versteinerte Gesichter. andere lachten. Michael trug wieder die Soutane. ihnen den Weg durch die Menge zu bahnen. Catherine sah im Vorbeieilen in den Gesichtern von Männern und Frauen. und als ich ihm von uns erzählte. hat er sich bereit erklärt. der 630 . »Er hat die Informationen über die geheimnisvollen Schriftrollen aus dem Sinai in den Medien verfolgt. uns zu helfen…« Er nahm Catherines Hand. sagte Michael. Die Autos standen Stoßstange an Stoßstange. Der Freund. Jungen und Alten das gesamte Spektrum menschlicher Gefühle. »Er ist mein Freund«.Der Vatikan. Alle Augen richteten sich wie gebannt auf den Balkon. Taschenlampen. Die Gesichter der Menschen schienen zu leuchten wie auf einem riesigen Gemälde von George de la Tour. war mit ihm in Chicago auf dem Priesterseminar gewesen und arbeitete im archäologischen Büro des Vatikan. die Fahrer schrien. Laternen. von dem er gesprochen hatte. und die Scheinwerfer verbreiteten ein grelles Licht. die sich auf dem Petersplatz drängte. und sie suchten sich eilig einen Weg durch den Stau. auf dem der Papst. Die einen weinten.

Sie eilten unter einem anderen Bogen hindurch. fast zarte Hände und reichte Catherine kaum bis zu den Schultern. wie sie hofften. Er sprach so leise. Sie trafen Vater Sebastian am Arco delle Campane auf der linken Seite des Doms. Er hielt sich leicht gebeugt. auf dem stand: UFFICIO SCAVI – Dienststelle für Ausgrabungen. er wollte nicht gehört werden. erscheinen würde. als habe er sein Leben über Büchern verbracht. Catherine konnte sich 631 . Es klang entschuldigend. und eine Spur wehmütig. Sie wurden mehrmals von der römischen Polizei und von der Schweizergarde angehalten. stellte Michael seinen alten Freund Catherine vor. hatte Catherine in Aachen gesagt. wie Catherine fand. kleine.« Das Grab der Amelia Valeria befand sich hier und. kamen um eine Ecke und gingen dann durch eine Tür mit einem Schild. wie Michael es erlebt hatte. als bedaure er. der dank hölzerner Barrikaden und den Doppelreihen der Gardisten menschenleer war. wo Petrus begraben wurde. »Für einen Katholiken«.Nachfolger auf dem Stuhl Petri. ein Abenteuer verpaßt zu haben. daß Vater Sebastian etwas über vierzig war. »Vater Sebastian hätte eigentlich auf den Sinai gehen und die Berichte über das Jesus-Fragment prüfen sollen. Er war schlank. »kann es nur einen einzigen heiligen Ort geben. Aber mit der dicken Brille wirkte er älter. doch nach ein paar erklärenden Worten von Michael ließ man sie weitergehen. sagte der Priester. hatte helle Haut. Catherine vermutete. Nachdem sie im Büro standen und die Tür hinter sich geschlossen hatten. Er führte sie durch einen Hof.« »Aber ich hatte die Grippe«. Ich meine die Stelle. die siebte Schriftrolle ebenfalls. daß es den Anschein hatte.

Catherine überlegte. »Um Mitternacht werden die Tore für eine dreißig Tage dauernde Ausstellung der Gebeine des heiligen Petrus geöffnet. Ja. die überall im Dom und auf dem Petersplatz zu sehen waren. auf denen sich Korrespondenz. Dahinter befand sich ein enger Korridor. der offenbar in einer der vielen Dienststellen des Vatikan beschäftigt war. erklärte Vater Sebastian. Zeke ging eilig zwischen den Schreibtischen hindurch. öffnete sie leise 632 . in dem eine Treppe nach unten führte.nicht vorstellen. sie mußten sich beeilen. Sie blickte auf die Uhr. Als die Tür des Büros hinter ihnen ins Schloß fiel und ihre Schritte auf der Eisentreppe verhallten. Es war ein weißhaariger Mann in einer schwarzen Soutane. Genau das aber mußten sie tun. wenn er anstelle von Michael auf den Sinai gefahren wäre. wie Catherine auffiel. bestand keine Möglichkeit mehr. »Wir müssen uns beeilen«. wieviel Michael ihm wohl gesagt hatte. »Man würde uns sehen. Catherine wußte. Außer einem Blutfleck am weißen Kragen unterschied ihn nichts von den zahllosen Klerikern. wenn Michaels Vorgesetzte davon erfuhren. schlich sich ein Vierter leise und ungesehen in das UFFICIO SCAVI. und seine Stimme klang aufgeregt. Notizen und. Sie verließen das Büro durch eine Seitentür. sagte Vater Sebastian und brachte einen Schlüsselbund zum Vorschein. Die halbe Menschheit wird hinunter in die Grotten kommen!« Er führte sie an Schreibtischen vorbei. blieb an der anderen Tür stehen. war die siebte Schriftrolle auf immer verloren. Tonscherben und Bruchstücke von Statuen türmten. wenn wir durch die Kirche gingen«. wie die vergangenen beiden Wochen ausgesehen hätten. Amelias Sarkophag zu öffnen. Akten. Wenn die Grotten dem Publikum zugänglich waren.

Alle seine Sinne waren geschärft und hellwach. 633 . Als man mit den Arbeiten für eine Erweiterung der Grabkapelle von Pius XL begann. stießen die Arbeiter auf eine Mauer. an bescheidenen Altären und geschmückten Sarkophagen. unter anderem auch Hadrian IV. Die heiligen Grotten bestanden genaugenommen aus einem Gewölbe unter dem Petersdom. Seine Hände zitterten etwas. daß diese Mauer eintausendsechshundert Jahre alt war. der einzige englische Papst. Schließlich erreichten sie eine prächtige Kapelle mit einem blau und gold ausgemalten Giebel und mehreren Gebetbänken. als er berichtete: »Die Archäologen machten erstaunliche Entdeckungen! So fanden sie auch die Gebeine des heiligen Märtyrers. Königin Christina von Schweden und James II. Vater Sebastian suchte unter seinen Schlüsseln den passenden für eine unbeschriftete Tür in der reich verzierten Wand. das in kleine Kapellen unterteilt war. Man stellte fest. Ein deutscher Kaiser aus dem zehnten Jahrhundert war hier begraben. die vor der Krypta von Papst Clemens standen. Ihre eiligen Schritte hallten auf dem Marmorboden. von England. der an dieser Stelle. während Sebastian erklärte: »Die römische Nekropole wurde 1939 entdeckt. mit dem Kopf nach unten gekreuzigt worden ist.« Er führte sie an kleinen Kirchenbänken vorbei. Er war allein. fügte er in einem ehrfürchtigen Ton hinzu. die eigentlich nicht vorhanden sein sollte. Ich spreche natürlich vom heiligen Petrus«. im Circus des Caligula. Er hatte noch nie zuvor einen Priester ermordet. Darin befanden sich die Krypten von Päpsten und Herrschern. Er hatte Raphael absichtlich in der Menge verloren.und erreichte den Korridor. und zog Archäologen hinzu.

wie Havers vielleicht sogar selbst hinter einer Säule hervortrat und mit seinem weltweit bekannten Lächeln sagte: »Jetzt können Sie mir die Schriftrollen geben. die vor fast zweitausend Jahren für ihren Glauben zur Märtyrerin geworden war. und fragte sich beunruhigt. nach alter 634 . die den Vatikan mit dem Papst an der Spitze weit stärker als ein Erdbeben erschüttern würden. den sie gekommen waren. Frauen waren bis heute Randfiguren auf der kirchenpolitischen Bühne geblieben. »aber wir wissen. ob Havers oder einer seiner Killer ihnen möglicherweise hierher gefolgt war und irgendwo in den Schatten lauerte. Wußte einer von ihnen. Ängstlich blickte sie den dunklen Weg zurück. Auch wenn sie nichts sah. daß sie und Michael sich hier unten befanden? Die siebte Schriftrolle konnte Geheimnisse enthüllen und Beweise bringen. Würde eine Frau. daß er sich an dieser Stelle befand. berichtete er weiter. Die siebte Rolle konnte den Untergang dieser skrupellosen und doktrinären Macht einläuten. die Angst ließ sich nicht abschütteln. Wie auch immer.« Und dann würde sein Killer mit der häßlichen Narbe… Energisch vertrieb sie diese absurden Vorstellungen und dachte an den riesigen Schwarm von Menschen in und um den Petersdom. »Den Circus gibt es natürlich nicht mehr«. diese Kirche an der Jahrtausendwende mit der Wahrheit konfrontieren? Vater Sebastian fand den Schlüssel und drehte ihn im Schloß. Sie konnte sich gut vorstellen. Die Archäologen haben Beweise dafür entdeckt.Catherine lief ein Schauer über den Rücken. die auf der ganzen Welt Menschen zu ihren Werkzeugen gemacht und ihre Glaubensbereitschaft enttäuscht und mißbraucht hatte. Männer der Kirche hatten über die vielen Jahrhunderte hinweg mit allen Mitteln nach der Weltherrschaft gestrebt.

die in die Fundamente der Kirche 635 . Peter. hob die Soutane und ging mit eingeschalteter Taschenlampe voraus. skeptisch zu sein.Überlieferung…. daß der Leichnam des Heiligen Petrus von seinen Anhängern heimlich hier begraben wurde. Fenster und manchmal sogar Treppen. Deshalb erschien es auch ihr glaubwürdig. daß die Gebeine des Apostels unter dem Petersdom ruhten. um den Platz zu vergrößern. bitte. Als Archäologin hatte Catherine gelernt. Deshalb errichtete er eine Reihe von Stützmauern und füllte die Zwischenräume auf. Der Kaiser ließ hier seine neue Basilika errichten. »Die Überlieferung sagt. Sie kannte jedoch die geradezu besessene Beschäftigung der Christen mit Reliquien. »Als Konstantin im vierten Jahrhundert beschloß. »war der vatikanische Hügel sehr viel kleiner als heute. passen Sie hier auf!« warnte er. die wie Häuser aussahen. Auf diese Weise begrub Konstantin diese alte Totenstadt. fuhr Vater Sebastian fort und führte sie in die Dunkelheit. Dreihundert Jahre später.« Catherine sah sich erstaunt um. die zu Dächern hinaufführten. Auch ihre Eltern hatten die Ansicht vertreten. stand das ursprüngliche Heiligtum noch. die nach Staub und Zerfall roch. daß es sich bei dem Skelett unter dem Hauptaltar tatsächlich um Petrus handelte. denn sie gingen wie durch eine richtige Straße. eine große Basilika zu bauen«. sagte er mit gedämpfter Stimme und richtete die Taschenlampe an die Decke. zur Zeit des Kaisers Konstantin. Sie kamen an Höfen und Brunnen vorbei und an den Fassaden riesiger römischer Mausoleen. Als man die Gebeine entdeckte…« Catherine kannte die Geschichte. Sehen Sie«. Sie hatten Türen. Schwellen. »das ist die Unterseite des Fußbodens von St. Vor eintausendsiebenhundert Jahren hätten wir an dieser Stelle in den Himmel geblickt.

darüber eingebettet waren. dieser Wächter der Toten wußte um alle Tragödien. Aber es war alles Illusion – eine Totenstadt. eine Vase mit Blumen. »Alle Gräber wurden bereits vor vielen Jahren geöffnet und ihr Inhalt entfernt. Als sie durch die engen Straßen gingen. Ihr Herz pochte.« Catherine glaubte. Die Dunkelheit. »Es gibt noch sehr viel mehr Gräber«. von denen Gassen abzweigten. Plötzlich überkam sie das beängstigende Gefühl. war so tief und beängstigend. und Vater Sebastian verstummte. einen Schwarm Vögel – Erinnerungen an Menschen. Vater Sebastian sprach flüsternd weiter. Catherine spähte durch Fenster und Türen mit dem eigenartigen Gefühl. die sie umgab. die wie eine wirkliche Stadt aussehen sollte. und jeder 636 . die mächtige Kirche mit ihrem lastenden Gewicht auf den Schultern zu spüren. »Die Totenstadt erstreckt sich in ganzer Länge unter dem Petersdom. daß Catherine nach Michaels Hand griff und dicht bei ihm blieb. ohne einen wachsamen und erfahrenen Führer wie Vater Sebastian könnte man sich hier unten in der von Menschen geschaffenen Welt der Toten verirren und niemals gefunden werden. Der Strahl seiner Taschenlampe fiel flüchtig auf einen springenden Delphin.« Vater Sebastians Stimme klang körperlos und leise. denn das würde seine Fundamente schwächen. fühlte sich Catherine wie in einem Labyrinth. die besser im Dunkel der Erde blieben. die idyllische Landschaften oder stille Plätze zeigten. Das Atmen fiel ihr immer schwerer. in den persönlichen Bereich von Menschen einzudringen. Sie gingen an den geisterhaften ›Häusern‹ vorbei. Aber man kann sie nicht ausgraben. Catherine zweifelte nicht daran. und an Fresken vorbeikamen. die längst tot und dem Bewußtsein der Lebenden entschwunden waren. Flüche und Frevel oder ahnte Geheimnisse. die nirgendwohin führten.

die zu Stella Maris wurde. obwohl sie zu den Anhängern des Gerechten gehörte. In der Nähe des heiligen Petrus befinden sich Gräber aus späterer Zeit.« Er trat in ein Grabmal. Vater Sebastian richtete den Strahl der Taschenlampe in ein Columbarium mit zahlreichen Nischen für Begräbnisurnen. und auf die Krone aus Sonnenstrahlen. Viele der hier begrabenen Christen hatten Spuren ihrer alten Religionen in dem neuen Glauben hinterlassen. und die beiden folgten ihm. Catherine wußte. erklärte der Pater. desto mehr Urnen und Hinweise auf die alten Götter findet man. das Christus als Apollo im Sonnenwagen darstellte. Weihnachten ersetzte die römischen Saturnalien im Dezember. Die Gräber schienen kein Ende zu nehmen. Sonnenstrahlen gingen von seinem Kopf aus. die für sie von Bedeutung waren. obwohl Überschneidungen oft eine klare Trennung kaum möglich machen. aus dem zweiten und dritten Jahrhundert. »Das hier ist ein Beispiel für den Übergang«. in denen die Toten und nicht nur ihre Asche beigesetzt wurden. und der Sonntag ging auf den Mithraskult zurück. Außerdem gibt es dort christliche Symbole. daß man zum Beispiel Eigenschaften der Isis auf Maria übertragen hatte.Schritt schien sie tiefer in das Totenreich hineinzuziehen. »Man kann auf diesem Weg den allmählichen Übergang vom Heidentum zum Christentum erkennen. und 637 . Er beleuchtete die gewölbte Decke mit einem goldenen Mosaik. besondere Aspekte der alten Götter. das erkennbar Jesus gehörte. zur Gottesmutter und zur Himmelskönigin. daß Sabina in den Hermestempel gegangen war. Je weiter man sich vom Grab des heiligen Petrus entfernt. Catherine blickte auf das Gesicht. und sie dachte daran.

und schloß sich sofort wieder hinter den Eindringlingen wie ein undurchsichtiger schwarzer Vorhang. wie sich um Mitternacht die Deckel der Steinsarkophage heben würden und die Toten ihre Gräber verließen. Catherine glaubte. Während sie an mehr und immer mehr Frauengräbern vorbeigingen – darunter sogar dem einer anderen Amelia mit dem Familiennamen Gorgoni. fragte sich Catherine im stillen: Wann haben die Männer eigentlich die Macht übernommen? Sie stiegen noch tiefer unter die Basilika hinunter. Es ist auch egal. Sein Gesicht war im schwachen Schein der Taschenlampe kaum zu sehen. die Menschen mit ihren Lichtern auf dem Petersplatz vor sich zu sehen. Michael sah sie an. Die Dunkelheit riß nur flüchtig auf. daß es sich in der Mehrzahl um Begräbnisstätten von Frauen zu handeln schien. »Was hast du?« »Ich dachte…« Sie legte die Hand kurz auf die Augen. und dann hörten sie das Singen – zuerst leise. dann immer lauter wie eine anschwellende Woge. wenn der Schein von Vater Sebastians Taschenlampe die Schatten traf. als sie sich gegen ihren Willen vorstellte.« Sie bogen in eine andere Straße ein. Der Gesang mußte seinen Anfang irgendwo in der Menge genommen haben und von einem auf den anderen übergesprungen sein. Die Luft wurde immer muffiger und modriger. Tacitus hatte vor zweitausend Jahren vermutlich zu Recht den neuen Glauben als ›eine Religion der Frauen und Sklaven‹ bezeichnet. »Ach.Catherine fiel auf. Plötzlich fiel Catherine ein Satz aus der Bibel ein: »Am Jüngsten Tag werden die Toten von den Gräbern auferstehen…« Sie spürte ein Kribbeln im Nacken. Ich weiß nicht. Auch der heilige Petrus würde auferstehen und… »Was war das?« fragte sie plötzlich. schon gut. 638 .

von dorischen Säulen getragenen Ziergiebel. Im Zentrum befand sich eine Orante – die Darstellung der Verstorbenen in Gebetshaltung. Lange konnten sie nicht mehr hier unten bleiben. sagte Vater Sebastian leise und ließ den Lichtstrahl über die Wände gleiten.« Der Lichtstrahl kreiste und beleuchtete ein wundervolles Fresko. das war dieser Frau zu verdanken. und es hatte einen prunkvollen. Unter der 639 . das eine Familienszene zeigte. mit zarten Blüten. Es gehört sogar zu unseren besonders schönen Gräbern.deren Stimmen zum sternenübersäten Himmel aufstiegen: »Ave Mari-ia…« Es mußte bald Mitternacht sein. Im Grab herrschte die Atmosphäre eines eleganten Wohnzimmers. Eine besonders schön gestaltete Nische enthielt das Bild der schaumgeborenen Venus.« »A-ave. Efeuranken und Vögeln ausgemalte Nischen. der Strahl der Taschenlampe beschrieb einen Bogen. »befanden sich Urnen. Außen war es rot angestrichen. zu deren Füßen sich Delphine aus Stuck in plastisch geformten Wellen tummelten. das Symbol der Seelenrettung. daß das Grab der Amelia Valeria hier ist?« »O ja. Irgendwann wurde die Familie jedoch zum Christentum bekehrt. wo erstaunliche Beispiele römischer Kunst ans Licht traten. das in einer der Straßen des alten Rom hätte stehen können. Die Innenwände waren mit weißem Gips verputzt. sind Sie sicher. Besorgt fragte sie: »Vater Sebastian. ave-e dominus…« »Und hier«. Darin befanden sich muschelförmige. und wir glauben. »hier haben wir es!« Es war ein richtiges Gebäude mit zwei Stockwerken. »In diesen Nischen«. Demnach war das einmal ein heidnisches Grabmal.

dachte Catherine. Amelia mit der zarten Seele. Ihre Feinde bekämpften die Wahrheit dessen. um das Fresko genau zu betrachten. wenn sie verfolgt wurde.« Catherine las die in den Sarkophagdeckel eingemeißelten Worte: »Dormit in pace anima dukis Amelia – Ruhe in Frieden. Eine Frau.Gestalt stand ein Name: ›Amelia Valeria. Amelia sollte sie nur dann mit ins Grab nehmen. dann mußte sie eine für die damalige Zeit gefährliche Botschaft enthalten. Sein Gesicht verriet deutlich die innere Spannung. Amelia mußte eine schöne Frau gewesen sein. Nur heidnische Gräber wurden geöffnet.« Vater Sebastian wies auf den Sarkophag. die natürlich die Asche von Heiden enthielten. Alle Urnen. daß die Nachfolge Jesu rechtmäßig Frauen und nicht Männern zustand? »Das hier zeigt uns. wie es die damalige Mode den adligen Frauen des römischen Reiches vorschrieb. die an der Spitze der frühchristlichen Kirche stand. »Wir glauben. Ihr Haar war kunstvoll in mehreren Lagen aufgesteckt. Ihre Verfolgung konnte nur eines bedeuten.‹ Die Menge über ihnen sang: »Benedictus tu in mulieribus…« Catherine trat näher. hatte die Arme ausgestreckt und richtete den Blick zum Himmel. »Nein. Wenn sich die siebte Schriftrolle hier befand.« »Hat man ihn geöffnet?« fragte Catherine flüsternd. daß Amelia als erstes Mitglied der Familie nicht verbrannt wurde. Die Diakonin war in weiße Gewänder gekleidet. befinden sich in Museen. Sie trat näher und legte die Hände auf den fein behauenen Marmor. Eine christliche Priesterin… War die siebte Rolle mit ihr begraben worden? Und würde sie den Beweis dafür enthalten.« Sie blickte auf Michael. was in der Rolle 640 . daß es sich um ein christliches Grab handelt.

roten Knöpfen. Diesmal hatte er dafür gesorgt. denn jetzt ging es ums Ganze! »Sancta Maria.« Plötzlich war das Mausoleum in blendend helles Licht getaucht. den Symbolen der Priesterwürde. ich habe nicht…« 641 . als eine hagere Gestalt auftauchte – ein Kardinal in einem schwarzen Talar mit rotem Besatz.geschrieben stand. Würden sie bald ihr Amt verlieren oder es mit Frauen teilen müssen? »Also gut«.« Hinter ihnen. Er schüttelte den Kopf und flüsterte: »Nein. ora pro nobis…« Das Singen verstummte. »Ich glaube. »sehen wir nach. einer anderen Christin. Er betrat das Steuerzentrum der Überwachungsanlage. sagte Michael. Catherine musterte ihre beiden Begleiter in den schwarzen Soutanen. Catherine sah Michael fragend an. Er setzte sich vor die Wand mit den Schaltrelais und nahm den Anruf aus Rom entgegen. Seine Heiligkeit ist gerade auf den Balkon hinausgetreten. Zehn Zeitzonen weiter zog sich sein Auftraggeber von dem Fest aller Feste aus dem EuropaZelt zurück und eilte hinunter in sein Museum. wie wir den Sarkophag öffnen können. im Schatten des Grabmals der Julia Mater. einer breiten roten Seidenschärpe und einem roten Käppchen auf den schütteren Haaren. stand Zeke und beobachtete das Geschehen aus sicherer Entfernung. daß Zeke keinen Schritt ohne seine Anweisungen machen würde. Catherine stieß einen Schrei aus. Jubel und Geschrei. ein paar ›Straßen‹ weiter. Die gepanzerte Schleuse schloß sich geräuschlos hinter ihm. »Was ist das?« fragte Catherine. Michael hob den Kopf. Er griff nach dem Handy und meldete sich wie verabredet. und sie hörten Klatschen. Auf seiner Brust funkelte an einer langen Kette ein schweres Goldkreuz.

daß Sie hierherkommen würden. »Ich kann mich noch gut daran erinnern«. und seine Stimme hallte in dem unterirdischen Grab. »Wollen Sie uns daran hindern?« fragte Catherine herausfordernd. der Schweizergarde. »Und wie ist es Ihnen gelungen. sie gehörten zur Cohors Helvetica. Catherine wußte auch. den Papst notfalls unter Einsatz des eigenen Lebens zu beschützen. »habe ich seit ein paar Tagen überhaupt nichts mehr von Vater Garibaldi gehört. Das hier ist Ehrwürden Callahan. erwiderte sie.« Ehrwürden Callahan wirkte abweisend und verärgert. sagte der Kardinal. hat mich darauf aufmerksam gemacht. Gaspatronen und automatische Waffen bei sich. wie Sie sagen würden. er warf Michael einen strengen Blick zu. sagte Kardinal Lefevre. Alexander. »Vater Garibaldi hat mich nicht davon in Kenntnis gesetzt. bitte glauben Sie mir. wenn ich Ihnen versichere. In ihren Uniformen mit Piken und Hauberken. vom Ufficio Scavi. wenn ich fragen darf?« »Die Lösung des Rätsels kann ich mir nicht zugute halten. »Ihren Namen unter einem Brief an meine Mutter gelesen 642 . die ihn begleiteten. daß sie einen Eid abgelegt hatten. Alexander«. die vor fünfhundert Jahren zum Schutz des Papstes aufgestellt worden war. Wamsen. Sie trugen Sprühdosen mit Tränengas.»Nein.« »Sie sind selbst darauf gekommen?« fragte Catherine. den Halskrausen. »Dr. Um genau zu sein…«. gestreiften Hosen und den KonquistadorHelmen wirkten sie eher wie Statisten auf einer Opernbühne. Ein Anruf. ein Tip. Dr. Sie musterte die vier jungen Männer. daß diese jungen Männer gut ausgebildet waren. daß wir Ihre Freunde sind«. Er starrte mit zusammengekniffenen Augen auf Vater Sebastian. das Rätsel zu lösen. doch Catherine wußte.

« »Eine bedauerliche Episode. ja. Wir sind keine Unmenschen. Wir ›verstecken‹ Schriftrollen nicht. wie Sie glauben. was in dieser Rolle geschrieben steht. Und«.zu haben. Ich hatte es wirklich nicht soweit kommen lassen wollen. »wir sind nicht Ihre Feinde.« »Das ist auch unser Wunsch. werden wir sie den Wissenschaftlern zugänglich machen und ihren Inhalt veröffentlichen. der Welt die Wahrheit vorzuenthalten.« 643 . nicht wahr?« »Wenn es sich um ein christliches Dokument handelt. Wenn Sie mit mir irgendwann einmal darüber in meinem Büro sprechen möchten…« »Sie werden die Schriftrolle aus dem Sarkophag der Amelia an sich nehmen. daß die Welt liest. Doktor Alexander. denn dann gehört es der Kirche. Und ich werde dafür sorgen.« »Es gehört der ganzen Welt. Wir haben uns nicht verschworen. fügte er seufzend hinzu. Wenn sich die siebte Rolle hier befindet.

mit den Menschen auf dem Petersplatz das neue Jahrtausend zu beginnen. Miles hatte von Zuckerbäckern aus Salzburg den Eiffelturm. an ihrer Seite stehen. Wohin war Miles verschwunden? Sie beauftragte einen der vielen burgunderrot und weiß gekleideten Diener. während der Papst in Rom die Menge segnete. Es war dort bald Mitternacht. sich bei seinem Butler nach ihm zu erkundigen.Santa Fe. Miles sollte in diesem Augenblick. Im Augenblick bereiteten sich die Gäste von Erika und Miles Havers darauf vor. den Veranden und Salons. Die Alte Welt feierte die Jahrtausendwende. ja sogar im Freien konnte man auf den Projektionswänden das Geschehen in aller Welt verfolgen. das Brandenburger Tor und den Petersdom ›nachbauen‹ lassen. so war es besprochen. Aber überall in den großen weißen Zelten. 644 . Big Ben. Dieses Kunstwerk aus Zucker wollte er an der Seite von Erika mit einem Feuerwerk den Gästen im Europa-Zelt präsentieren. In Rom richteten sich alle Augen auf Seine Heiligkeit den Papst. Aber Erika suchte ihren Mann schon seit geraumer Zeit. Jedes Zelt war einem Kontinent gewidmet. New Mexico Die Gäste auf dem großen Anwesen feierten in der späten Nachmittagsonne und drängten sich in den Festzelten um die üppigen Büfetts mit den erlesensten Delikatessen und Spezialitäten aus der ganzen Welt.

Während sich die Fahrstuhltüren schlossen.Der Vatikan. Santa Fe. wenn auf dem Petersdom in Rom die Kirchenglocken zu läuten begannen? 645 . Rom Die Gruppe in der Gruft hörte. Es lag etwas Besonderes in der Luft. ihr Mann sei in seinem Museum. wie die Menge oben auf dem Platz im donnernden Chor begann. Eminenz«. New Mexico Auf den Projektionswänden sahen und hörten die Gäste den Chor der vor dem Petersdom versammelten Gläubigen. Der Butler hatte Erika ausrichten lassen.« Er blickte mit gerunzelter Stirn auf die vier Gardisten. die Minuten bis Mitternacht zu zählen. Was würde geschehen. Sie verließ eilig das große weiße Zelt. die wie aus einem Mund ›Dieci!‹ riefen. hörte Erika. wenn im fernen Europa. sagte Michael. wie hinter ihr die Gäste fröhlich wiederholten: ›Zehn!‹ Für sie war es die dritte Jahrtausendwende seit dem Mittag. »Aber wir werden den Sarkophag öffnen. ›Dieci!‹ »Vergeben Sie mir. aber die Spannung stieg.

646 . New Mexico ›Neun!‹ Erika stand etwas außer Atem vor dem Museum im Untergeschoß.Der Vatikan. Kardinal Lefevre und Ehrwürden Callahan sprachen leise ein Gebet für die Tote. Sie blickte in das kaum erkennbare Auge der Überwachungskamera und rief leise: »Miles? Bist du hier?« Der Vatikan. Zwei Gardisten legten die Hellebarden ab und näherten sich dem Sarkophag. Santa Fe. den Deckel von seinem Platz zu schieben. Rom ›Otto!‹ Michael und Vater Sebastian traten seitlich an den Sarkophag und begannen mit Hilfe der beiden Gardisten. Rom ›Nove!‹ Kardinal Lefevre machte eine Handbewegung.

dessen Schätze sanft von der indirekten Beleuchtung angestrahlt wurden. Sie konnte die täglich wechselnde Zahlenkombination mit ihrem Namen aufrufen.Santa Fe. bis er sie auf dem Überwachungsbildschirm sah. Normalerweise überließ sie das immer Miles. New Mexico ›Acht!‹ Erika hatte den Code eingegeben. »alle zusammen. sagte Michael. »Miles.« Santa Fe. Rom ›Sette!‹ »Okay«. »Miles?« 647 . blickte sie fragend in den langen großen Raum. Sie konnte nicht warten. Als die Tür geräuschlos zur Seite glitt. Aber die Zeit drängte. Liebling?« Der Vatikan. New Mexico ›Sieben!‹ Erika eilte beunruhigt durch das Museum. wenn ich es sage. obwohl er ihr als einzigem Menschen einen besonderen ›Schlüssel‹ anvertraut hatte.

die ihr Mann im Laufe der Jahre zusammengetragen hatte. während er gegen den Deckel des Sarkophags drückte. daß sich der Deckel bewegte. Santa Fe. Der Vatikan.Der Vatikan. Aber dann blieb sie verblüfft stehen. New Mexico ›Sechs!‹ Erika beachtete die Schätze nicht. Rom ›Cinque!‹ Catherine blickte auf Michaels breiten Rücken. Es war neu. Sie hatte es nie zuvor gesehen. der vor fast zweitausend Jahren geschlossen und versiegelt worden war. Sie kannte die Sammlung. dessen Muskeln sich vor Anstrengung spannten. Mit angehaltenem Atem wartete sie darauf. 648 . Ihre Unruhe trieb sie vorwärts. An der Rückwand stand ein Kabinett. Rom ›Sei!‹ Der Deckel des Sarkophags rührte sich nicht von der Stelle.

Vermutlich hatte er sie auf diese Weise geschickt hierher gelockt. um es seiner Sammlung hinzuzufügen. New Mexico ›Fünf!‹ Erika trat neugierig näher. was für Miles wertvoll genug war. Bestimmt befand sich in dem Kabinett ein Neuzugang. sagte Michael stöhnend und wischte sich den Schweiß von der Stirn. aber diesmal mit ganzer Kraft!« 649 .Santa Fe. ihre Unruhe wurde sie nicht los. Trotzdem. Warum hat er mir nichts davon gesagt? Soll es eine Überraschung für mich sein? War er deshalb in diesem Augenblick hier unten im Museum und nicht bei den Gästen? Miles war ein hervorragender Stratege. Erika lächelte unsicher. Rom ›Quattro!‹ »Also«. Der Vatikan. Sie überlegte. »Noch einmal.

Miles war nicht zu sehen. New Mexico ›Drei!‹ Der Überwachungsbildschirm blinkte. Der Vatikan. Sie ergriff den kleinen Elfenbeinknopf und begann. Miles ließ den Hörer sinken und beendete abrupt das Gespräch. Beobachtete er sie? Sollte sie den Schrank öffnen? Wartete er darauf? Dieser Mann! Er denkt sich immer wieder etwas Neues aus… Erika wollte keine Spielverderberin sein. Er sah Erika mit dem Rücken zur Videokamera in seinem Museum. New Mexico ›Vier!‹ Erika sah sich suchend um. Rom ›Tre!‹ Der Deckel glitt mit einem lauten Knirschen endlich einen Fingerbreit zur Seite. Sie stand vor dem neuen Kabinett.Santa Fe. 650 . und ein Warnton setzte ein. Santa Fe. Zögernd streckte sie die Hand aus. die Tür zu öffnen. Er sprang auf und rannte los. Das Kabinett war nicht verschlossen.

Rom ›Uno!‹ Catherine blickte in den Sarkophag der Amelia. Aber es war zu spät. New Mexico ›Zwei!‹ »Erika!« rief Miles außer Atem.Der Vatikan. Rom ›Due!‹ Der Deckel des Sarkophags glitt etwas weiter zur Seite. Dann sank sie lautlos zu Boden. New Mexico ›Eins!‹ Erika stand erstarrt vor dem Sonnenwend-Kachina. Santa Fe. um mit der Taschenlampe in das Innere zu leuchten. bis schließlich ein Spalt entstand. Er blieb wie angewurzelt stehen. ›Gutes Neues Jahr!‹ 651 . »Nein…« Der Vatikan. ›Buon Anno!‹ Santa Fe. der breit genug war. dann noch etwas.

Nichts geschah. »In der Tat. Rom Über ihnen dröhnte die Erde. »Dann müssen wir also noch einmal dreihundertfünfundsechzig Tage warten. Keine Posaunen. »Offenbar werden wir bei dieser Jahrtausendwende doch nicht zu Zeugen der Apokalypse. sagte er und nickte. die Decke. daß die Mauern des Mausoleums. erst dann ist auch das alte Jahrtausend wirklich zu Ende.Der Vatikan. 652 . Nur ein kurzer Augenblick des Schweigens entstand. Doktor Alexander«. Kardinal Lefevre seufzte erleichtert auf. »Erst wenn das Jahr zweitausend vorbei ist. Die neun Menschen in der Gruft hoben erschrocken die Köpfe. Sie lauschten angstvoll und rechneten fast damit. Der Himmel öffnete sich nicht. bevor wir wissen. Dann hörten sie den Jubel und die Freudenrufe aus den Kehlen der mehr als Hunderttausend. erwiderte Catherine und fügte gegen ihren Willen hinzu: »Eminenz.« Herausfordernd fügte sie hinzu: »Habe ich recht?« Er sah sie mit einem rätselhaften Lächeln an.« Sie mochte diesen Mann nicht. und die Erde tat sich nicht auf.« Er trat an den Sarkophag und blickte hinein. ob das prophezeite neue Zeitalter angebrochen ist. Alles blieb still. um alle zu verschlingen. Dann plötzlich – das dumpfe weithin hallende Geschrei und Getöse verstummte. als die Welt den Atem anhielt.« »Wir haben das Jahrtausend noch nicht hinter uns«. keine Engel und kein Erdbeben. die ganze Basilika einstürzen werde. Er war bestimmt nicht zu unterschätzen.

»Ich vermute…«. kein Skelett. Langsam löste Zeke das Kleinkalibergewehr und nahm es aus dem Halfter.« Das waren die letzten Worte von Havers gewesen. als Konstantin befahl. das in tiefer Dunkelheit lag. Sonst bekommen Sie keinen Penny.In seinem Versteck. was geschah. schob Zeke das Handy in die Tasche. Er wirkte unbenutzt. nicht einmal Asche. bevor jemand wußte. er brauchte keine weiteren Anweisungen mehr. »Nehmen Sie die Schriftrolle an sich. Wie Sie die Frau hinterher aus dem Weg räumen. Sie betrachtete aufmerksam die Nischen. denn es lag nichts in Amelia Valerias Sarkophag – keine Schriftrolle.« Catherine sah sich in dem hell erleuchteten Grab um. Er würde saubere Arbeit leisten. Nun gut. den Catherine nicht deuten konnte – war er enttäuscht oder triumphierte er insgeheim? -. Aber wo war Amelia? 653 . und Catherine wußte wieder nicht. Sie warf noch einmal einen Blick in den Sarkophag. »… das Grab ist vor langer Zeit ausgeräumt worden. Vielleicht hat man es schon damals geöffnet. die Nekropole zuzuschütten. ob in dem Seufzen Erleichterung oder Enttäuschung lag. Er hatte nicht gewollt. sagte der Kardinal in einem Ton. Die Verbindung war plötzlich unterbrochen.« Er seufzte. überlasse ich Ihnen. die Ecken und selbst die Fresken – nirgends konnte eine Schriftrolle versteckt sein. daß ausgerechnet er bei diesem mehr als zweifelhaften Geschäft leer ausgehen sollte. Alles würde vorüber sein. daß es so endete. »Ora pro nobis!« flüsterte Kardinal Lefevre und bekreuzigte sich. Es gab keinen Grund dafür. Darin war niemals ein Mensch begraben worden. Er entsicherte und verließ lautlos das Grabmal der Julia Mater. »Die ganze Mühe war vergebens.

Er würde sich nach dieser Demütigung und der schlechten Behandlung jedoch endgültig von Miles Havers verabschieden. Sie hatte ihm eine Niederlage nach der anderen zugefügt. Aber nichts war gut. Wir sprechen uns in den nächsten Tagen. als sei der Petersdom schließlich doch noch über ihnen zusammengestürzt. sich den Forderungen von Havers zu beugen. weiter vorgehen sollte. ein Zug der Trauernden. ohne ihm die Entscheidung zu überlassen. wie er. Er sah sie entschuldigend und voll tiefem Bedauern an.« »Jawohl. Er hatte nicht gewollt. wie Zeke die Alexander auf eigene Faust verfolgt hatte. Ihre Schatten bewegten sich an den Wänden wie eine Begräbnisprozession aus alter Zeit. ohne ihm Bericht zu erstatten. Zeke konnte nach Hause gehen und sein Geld abholen. Havers hatte bereits durchblicken lassen. Das würde sie büßen. Und alles andere einfach vergessen? 654 .« Sie verließen das Grab und gingen durch die Straßen der Toten. Es gab keine Schriftrolle. daß es ihm nicht gefiel. sonst wäre er für seine Arbeit nicht bezahlt worden. Michael griff verstohlen nach Catherines Hand. »Ein gutes Neues Jahr«. Sie drückte seine Hand. »Ich muß jetzt zu Seiner Heiligkeit.Kardinal Lefevre wandte sich an Michael. Er wollte es ihr heimzahlen. Zeke. Eminenz. der mit der Wendung der Dinge zufrieden war. daß für Catherine Alexander alles so schnell vorbeisein sollte. sahen sie weder ihn noch sein Lächeln. Als sie an Zekes Versteck im Grabmal der Julia Mater vorübergingen. Zeke war wie immer gezwungen gewesen. Vater Garibaldi. Nun war sein Vertrag erfüllt. Zeke war der einzige. Es kam ihr vor. wohin er sich wieder zurückgezogen hatte. wollte sie zu ihm sagen.

aber an einem Ort und zu einer Zeit. Dann mußte er nicht mit einem Handy am Ohr auf den Befehl warten. die er bestimmte. Er würde töten. das gab es bei ihm nicht! Er würde sich rächen. wozu andere sich zu fein waren.Nein. das zu tun. aber auf seine Art. 655 .

DAS NEUE JAHRTAUSEND 656 .

weiter ging das Zählwerk nicht. nachdem die Jahrtausendwende schon ein alter Hut war und der Vatikan 657 . was grausamer gewesen war: die siebte Rolle nicht gefunden zu haben oder die Trennung von Michael. Sie war in den vergangenen Jahren oft von hier abgereist und manchmal erst nach Monaten wiedergekommen. als lebe hier niemand. wollte sie nach Santa Barbara fahren und zur Polizei gehen. lange schlafen und dann Anfang Dezember 1999 aufwachen und feststellen. doch die Atmosphäre war so steril. Sobald sie wieder einen klaren Kopf hatte. daß sie schlecht geträumt hatte. 1. Sie vermutete. Der wöchentliche Reinigungsdienst hatte die Wohnung saubergehalten. Andere Nachrichten beherrschten die Schlagzeilen. Sie wollte nur schlafen. daß sie Havers nicht mehr fürchten mußte. Nur der Stapel Zeitungen und die Post auf dem Eßtisch erwarteten sie. Beim Abschied auf dem Flughafen in Rom hatte sie die Hilflosigkeit in seinen Augen gesehen.Samstag. doch diesmal hatte sie zum ersten Mal bei ihrer Rückkehr das Gefühl. eine fremde Wohnung zu betreten. Sie wußte nicht. Januar 2000 Santa Monica. Der Anrufbeantworter hatte 99 Anrufe registriert. Kalifornien Catherine hatte ein seltsames Gefühl. Catherine hatte weder für Zeitungen und Post noch für die Anrufe das geringste Interesse. »Was wirst du jetzt tun?« hatte er gefragt. Catherine war als ›Schwester Elisabeth aus dem Kloster Greensville‹ in die Vereinigten Staaten zurückgekehrt.

daß Sabinas Geschichte nichts anderes erzählte als das abenteuerliche Leben einer Frau. »Nach dem. Das tiefgreifende Erlebnis im Dom von Aachen war nur noch eine blasse Erinnerung. er sei an den Schriftrollen nicht interessiert. Er war vorübergehend von allen Pflichten suspendiert und wurde nach Montreal in ein Zisterzienserkloster geschickt. es seien keine christlichen Dokumente und deshalb ohne Wert für die Kirche. 658 . Catherine fühlte sich innerlich leer. Oder sollte sie die Schriftrollen einfach behalten und für den Rest ihres Lebens nach der siebten suchen? Wäre es klüger. was geschehen ist… ich weiß es nicht«. als sei in den vergangenen drei Wochen Tag für Tag etwas von ihr aufgezehrt worden. sie ihm zu übergeben. hatte er geantwortet. Nach dieser Klarstellung zog er sich aus der ganzen Sache zurück. Sie versicherte ihm jedoch. sie der ägyptischen Regierung zurückzugeben? Dann konnte es ihr vielleicht gelingen. Die sechs Schriftrollen aus dem Sinai hatte ihr bis jetzt niemand nehmen können. ihren angeschlagenen Ruf zu retten… »Und was wirst du tun?« hatte Catherine nach dem letzten Aufruf ihres Flugs Michael gefragt.offiziell verkündet hatte. bis sie nur noch eine leere Hülle war. Nach den großen Hoffnungen hatte sich herausgestellt. Sabinas unvollständige Geschichte zu veröffentlichen. Catherine hatte das abgelehnt. Eine Möglichkeit wäre. Im Augenblick wußte sie jedoch nicht. um seinen Glauben zu erforschen und über seine Berufung nachzudenken. was mit den Texten geschehen sollte. Kardinal Lefevre hatte Catherine aufgefordert.

Sie stellte das Gepäck ab und warf einen Blick auf den Stapel Post. woher es stammte oder weshalb man es ihr geschickt hatte. allein gelassen worden zu sein. daß ich wieder zu Hause bin. sieh dir die Rechnungen an. Warum schickten ihr die Leute eigentlich Weihnachtskarten. schmerzte immer noch.« Es war 1953 im Verlag des Vatikan erschienen: »Libreria Editrice Vaticana. Ihr Blick fiel auf den Titel: »Sacre Grotte Y Scavi Sotto San Pietro – Die heiligen Grotten und die Ausgrabungen unter St. die er ihr mit seinen letzten Worten im Kloster zugefügt hatte (»Wenn ich jetzt aus diesem Zimmer gehe. Peter. Aber hier in Santa Monica stellte sich das Gefühl. aber sie sah amerikanische Briefmarken. betrachte dir den Jahresbericht der Hausverwaltung. Sie mußte ihm fairerweise gestehen. Im Aachener Dom hatte sie ihm alles verziehen. Die Wunde. Lies die Weihnachtskarten.Ich sollte Julius anrufen und ihm sagen. werde ich nie mehr in dein Leben treten«). Weder ein Brief noch eine Karte oder eine Widmung verrieten. hatte Julius gesagt. daß es wirklich keine siebte Schriftrolle gab. wenn sie bei einer Ausgrabung war? Die Ausgrabung… »Ich habe mit der ägyptischen Regierung deine Rückkehr vereinbart«. Catherine schüttelte unwillig den Kopf. Bleib gefühllos. Neugierig öffnete sie es und hielt ein dünnes. Es war in braunes Packpapier gewickelt. mit aller Bitterkeit wieder ein. Nur nicht daran denken. italienisches Buch in der Hand. Sie hatte sich sogar selbst die Schuld gegeben. Aber sie konnte noch nicht mit ihm sprechen. beschäftige dich mit dem Alltäglichen… Ganz oben auf dem Stapel entdeckte sie ein kleines Päckchen. trug keinen Absender.« 659 .

‹ Catherine runzelte die Stirn. um die sieben Personen besser sehen zu können. die Orante der Amelia Valeria. und ihre Gedanken überschlugen sich. Dann las sie die Namen. Das Päckchen war vor einer Woche abgeschickt worden. Catherine überlegte. und drei Minuten später wählte 660 . obwohl die Ausgrabungen in der Nekropole beim Entstehen der Aufnahmen noch nicht so weit fortgeschritten gewesen waren wie am Ende des Jahrtausends. aber bevor ich in den Orden eintrat… 1966 war ich…«. flüsterte Catherine. Solange! Sie rief die Auskunft an. Die SchwarzweißAbbildungen weckten schmerzliche Erinnerungen. St. ›Vermont‹ konnte sie mit Mühe entziffern und dann das Datum. Kein einziges Gesicht kam ihr bekannt vor. Auch sie sagten ihr nichts. die damals als Archäologin an den Ausgrabungen unter dem Petersdom teilgenommen hatte. »Mein Gott«. Sie blickte auf das Gesicht der sechsundvierzig Jahre jüngeren Äbtissin. Dann sah sie den Poststempel. Gegen Ende befand sich eine Gruppenaufnahme der Archäologen. Wie war noch der Name des Klosters in der Nähe von Montreal? St…. Catherine trat ans Fenster. blätterte es noch einmal durch und betrachtete aufmerksam die Abbildungen: Christus als Apollo.Catherine blätterte verwundert darin. Sie schlug das Buch wieder auf. an dem sie aus dem Kloster geflohen war. Warum hatte man ihr das Buch geschickt? Von wem kam es? Ihr Blick fiel wieder auf das Packpapier. Er war auf den Briefmarken kaum erkennbar. Catherine griff zum Telefon. Genau an dem Tag. Bis auf… ›Gertrude Majors. Wo hatte sie diesen Namen schon einmal gehört? »Jetzt bin ich Mutter Elisabeth. hörte sie eine Stimme.

sagte sie aufgeregt. wo sie sich befindet!« 661 . »Ich würde gern Vater Michael Garibaldi sprechen.« Es dauerte eine Ewigkeit.sie die Nummer in Kanada. bis er an den Apparat kam. Es ist dringend. »es gibt die siebte Schriftrolle doch! Und diesmal weiß ich ganz sicher. »Michael«.

Während er Zekes Nummer wählte. New Mexico Miles legte den Hörer auf und sagte leise zu sich selbst: »Der Sieg gehört dem Geduldigen. ihre Seelenqual… Miles beschloß. Er hatte die Situation – und seine Ehe – nur noch dadurch retten können. Er ließ ihr Telefon immer noch abhören und ihre Wohnung immer noch überwachen. wo Erika scheinbar sorglos wie immer spielte. daß es sich um ein so bedeutsames Heiligtum handelte. als sie nach mitteleuropäischer Zeit genau um Mitternacht das Kabinett geöffnet hatte und dann ohnmächtig geworden war. blickte Miles hinunter auf den Tennisplatz.Santa Fe. Das hätte sie wissen müssen. Zeke nahm ab. für den Rest seines Lebens alles zu versuchen. das wiedergutzumachen. Erikas Gesichtsausdruck. daß er die Kachina sofort an die Sippe von Kojote zurückgab und alle davon überzeugte. Bei dem Gedanken an den Ausdruck auf ihrem Gesicht an Silvester. der verwundete Blick ihrer großen Augen. daß diese Alexander früher oder später einen Fehler begehen würde. und Havers sagte nur ein Wort: »Vermont.« Er hatte gewußt. daß er bei ihrem Kauf nicht gewußt habe.« 662 . lief es ihm immer noch eiskalt über den Rücken.

die Schriftrollen aus Ägypten zu schmuggeln und in Sicherheit zu bringen. Die Äbtissin hatte sie ohne die geringste Überraschung begrüßt. ob ich es tun sollte. Als Sie hier waren. sagte die Äbtissin. daß die Rolle beschädigt oder von einem skrupellosen Sammler gestohlen werden würde. Doch ich geriet unter einen unerklärlichen Einfluß. Und dann dachte sie an Ihn Hassans ›schöne Frau in Weiß‹. konnte ich nicht anders.« »Sollte?« »Vergeben Sie mir. »nachdem Sie das Buch gesehen hatten. sagte sie jetzt. Die beiden hatten sich am Flughafen von Montpelier getroffen und waren mit einem Leihwagen zum Kloster gefahren. Vater Garibaldi. Es schien fast. Diese Art Plünderung habe ich immer mißbilligt. Die Strahlen der Januarsonne fielen durch die bleigefaßten Fensterscheiben. habe ich Ihnen nichts von der siebten Schriftrolle gesagt.Kloster Greensville. »ich war Archäologin und habe bei der Ausgrabung der Nekropole unter dem Petersdom mitgewirkt. etwas aus den Scavi an mich zu nehmen. Mich ließ der Gedanke nicht los. das wird seltsam klingen.« Catherine und Michael saßen im Büro der Äbtissin. weil ich nicht sicher war. wenn ich sie nicht an mich nahm.« Catherine erinnerte sich an ihren unwiderstehlichen Drang. den Brunnen zu verschließen. ich bin sicher. Aber ich hatte nicht die Absicht. Ich fühlte mich beinahe als ihre Hüterin. die ihm aufgetragen hatte. Ich hatte noch nie etwas gestohlen und erst recht nicht bei einer Ausgrabung. daß Sie zurückkommen würden«. »Ich wußte. Als ich die Schriftrolle in einer Urne entdeckte. Vermont »Ja«. als wache 663 . die in einer Nische stand.

Ich dachte. erwiderte Catherine. Ich war wie besessen von dem Gedanken.« Catherine und Michael wechselten einen erstaunten Blick. sondern auch Asche«. fragte Catherine. Ich wußte es damals nicht. es handelt sich um die Asche einer Heidin. Als ich hierherkam und sie las.« Sie blickte aus dem Fenster und lächelte wehmütig. Sie befand sich im Klosterarchiv. auf ein unbekanntes Evangelium gestoßen zu sein. daß sie Fehler enthielt. den ersten Teil zu finden.« 664 . obwohl man einen christlichen Sarkophag hatte anfertigen lassen?« »Vielleicht«. Vermutlich gab es damals bereits Christenverfolgungen. und dabei stieß ich auf die Handschrift des Thomas von Monmouth. Das bestärkte mich nur in meinem Entschluß herauszufinden.« »Als ich die Schriftrolle nach Hause gebracht und übersetzt hatte«. »Ehrwürdige Mutter«. warum Amelia nicht in ihrem Sarkophag begraben wurde?« Die Äbtissin schloß die Augen. »wurden sie von der Obrigkeit dazu gezwungen. »glaubte ich. Sie sah ihre Besucher traurig an.Sabinas Geist über die Schriftrollen. wurde mir klar. Am Ende bin ich jedoch hier im Kloster geblieben. Ich habe zwanzig Jahre nach etwas gesucht. das mich zu den anderen Rollen führen würde. wer die Verfasserin ›meiner‹ Schriftrolle war. »Ich habe die Asche wie Abfall weggeworfen. »Ich hatte keine Ahnung. Das war eine Sünde.« Michael fragte verwundert: »Die Angehörigen ließen Amelia verbrennen. »wissen Sie. »Die Urne enthielt nicht nur die Rolle. fuhr die Äbtissin fort. antwortete die Äbtissin. bekreuzigte sich und murmelte: »Gott möge mir verzeihen. daß es sich bei dem Text um insgesamt sieben Schriftrollen handelt.

sagte Michael nachdenklich. daß ich Ihnen helfen mußte. »Mich quälte das schlechte Gewissen. Deshalb fühlte ich mich doppelt schuldig. alle Religionen zu achten.Sie wurde unruhig und stand auf. »Als Sie in jener Nacht. mich zu führen. Alexander zu sprechen. Alexander hierherkamen. daß Sie im Besitz von Sabinas Geschichte waren. Voss gesprochen hatten. gab es für mich keinen Zweifel daran.« »Ist sie hier?« fragte Catherine. Ich habe der Asche dieser Frau. zu mir kamen und sagten. Vater. Mir blieb nur die Möglichkeit. Später wurde ich Äbtissin des Klosters. daß ich Sie durch mein Schweigen belogen habe. »Als die Beamten hier aufgetaucht sind.« »Das war eigentlich gut so«. daß ich irrtümlich die Asche einer Christin entfernt hatte. Mir war klargeworden. um mit Dr. bestätigte die Äbtissin.« Sie wandte sich an Catherine. Als Sie und Dr. was ich zu tun hatte. einer Christin. Sie seien in Gefahr und müßten fliehen. war ich überrascht. die Überreste von Heiden respektlos zu behandeln. Aber als ich auf die Handschrift von Thomas stieß. war ich bereits älter und hatte gelernt. auf meine innere Stimme zu hören. Ich mußte beten. Ich mußte Gott bitten. »Es tut mir leid. »Denn sonst hätte das FBI alles beschlagnahmt. aber irgend etwas hielt mich davon ab. Also habe ich ihr das kleine Büchlein geschickt.« Sie sah Michael an. Ich fand es völlig in Ordnung. In jungen Jahren war ich sehr fromm und bildete mir viel auf meine Religion ein.« »Ja«. Ich hatte keine Nachrichten gehört und wußte nicht. Beinahe hätte ich Ihnen sogar von der siebten Rolle erzählt. nicht die richtige Achtung entgegengebracht. »Ist die siebte Rolle 665 . Als Buße trat ich in den Orden ein. nachdem Sie mit Dr. wurde mir klar.

« »Das ist vielleicht eine Kälte«. als sie durch den verschneiten Wald hinter dem Kloster stapften. »Ich fürchtete mich vor…«. »Machen wir. Die Bilder des Gemetzels standen mir noch lebendig vor Augen.« Zeke erwiderte nichts. Jetzt war ich allein und lief um mein Leben. wenn dieser Auftrag endlich erledigt ist.hier?« »Ja. schimpfte Raphael. die 666 . das sie nicht erwartet hatten. daß wir schnell rein. schrecklichen Reich. Die Geister und Gespenster. Catherine und Michael sahen erstaunt etwas. und die siebte Schriftrolle begann mit den Worten: »diesem dunklen. Sie können sie lesen.und wieder rauskommen«. Er konzentrierte sich auf die steinernen Türme vor ihnen und auf die hohen Mauern. und plötzlich waren die Wälder nicht mehr freundlich. doch ich war immer mit meiner Familie zusammen dort gewesen. schrecklichen Reich. Die sechste Rolle hatte mitten in dem Satz geendet.« »Ehrwürdige Mutter«. dampfenden Dschungel. wann immer Sie wollen. Ich hatte zwar den größten Teil meines Lebens in den Wäldern verbracht. »Ich bin froh.« Der Papyrus war noch eine Rolle mit Stäben an beiden Enden. Ganz unten auf der letzten Seite befanden sich die Unterschriften von Sabina und Perpetua. sagte Catherine. »Ich hasse Schnee. auf den heißen. hatte Raphael gesagt. Ich freue mich schon auf Borneo. die den alten Nonnen einen zweifelhaften Schutz gewährten. »erzählt sie das Ende von Sabinas Geschichte?« Die Äbtissin lächelte. »Das müssen Sie selbst entscheiden. »Ja.« … diesem dunklen. als sie in Greensville ankamen.« Er lachte.

Grauen und Verzweiflung erfüllten mein Herz. Er hob mich aus dem Schnee empor. ohne etwas vom ewigen Leben zu wissen. daß die Tränen auf meinen Wangen zu Eis erstarrten. Ich schlug die Augen auf und sah einen Mann. Die herabhängenden Zweige zerkratzten mir die Arme und das Gesicht. richtete ich ein Gebet an den Gerechten. weil meine Familie für immer verloren war. Und ich würde sie nie mehr wiedersehen. Ich legte mich in den Schnee und betete. daß es sich um einen Holzfäller handelte. Als er mich beim Namen rief – nicht meinem germanischen. den ich vor so vielen Jahren am Salzmeer gesehen hatte. denn es war ein Fremder. und ich kannte die Menschen in diesem Wald. daß die wilden Tiere meine Leiche verschonen würden. Nach einer Weile spürte ich etwas in meiner Nähe. und ich wußte sofort. Schließlich konnte ich nicht mehr weiter. daß er der Gerechte war. wer er wohl sei. doch ich empfand sie als gefährlich und hatte schreckliche Angst. Ich weinte so bitterlich um den Verlust ihrer Seelen. Schlimmer als das war jedoch meine Verzweiflung darüber. daß meine Familie tot war. Ich dachte an die Abende am Feuer. meine Augen füllten sich mit Licht. Als ich dem Tod nahe war. die das Volk meines Mannes verehrte. An seiner Kleidung und der Axt erkannte ich. wenn ich meiner Familie vom Weg des Gerechten erzählt hatte.« 667 . da fragte ich mich erstaunt. der durch die Bäume auf mich zukam. waren zwar die Götter. Verfolgt von dieser schrecklichen Seelenqual rannte ich immer tiefer in den Wald. Ich erzählte ihm von meiner Verzweiflung. Aber ich fragte mich. ich sie aber nicht zum rechten Glauben bekehrt hatte. denn mein geliebter Sigmund und unsere Kinder waren gestorben. sondern Sabina.darin wohnten. wo sein Haus stehen mochte. und er sagte: »Vertraue auf deinen Glauben.

daß mich ein Erkundungstrupp gefunden und in die Garnison gebracht hat. und in den Bechern schäumte der Met. Die Erde war fruchtbar. die mich auf meiner Reise durch das Leben begleitet hatten. Nun verstand ich. am Spieß briet das Wildbret. daß ich atmete. daß ich möglicherweise tot war oder am Rand des Todes stand. Meister?« Und er sagte: »Das Haus meines Vaters hat viele Wohnungen. sie leben alle und jeder seinem Glauben gemäß: Satvinder in Schalimar. ich sei tot. und ich hatte eine Vision. mein Vater mit seinen Brüdern bei Mithras. Sie waren in unserem Dorf.« Er legte mir die Hand auf die Augen. nicht für immer tot waren. Und jeder gehe seinen Weg. Die Feuer brannten. was man geglaubt hat. ohne sich dem Weg anzuschließen. denn an das freie Leben in den schützenden Wäldern hatten sie geglaubt. Ich wußte. Philos in den elysischen Gefilden. und der weiße Schnee färbte sich nicht rot von ihrem Blut.Ich fragte: »Was soll ich glauben. Aber mir wurde gestattet. und die Sonne schien warm. Meine lieben Schwestern. Dann hat man meinen Puls gefühlt und gesehen. was der Prediger auf dem Marktplatz in Antiochia vor vielen Jahren gemeint hatte. Man dachte. alle Menschen. Perpetua sagt. und meine Mutter in einer der vielen Wohnungen des Gerechten. Ich sah Sigmund und die ganze Familie. um der Welt diese Botschaft zu bringen. daß alle meine Freunde. glaubt nur. denn das. nicht länger auf dieser Erde weilt. Wie leicht und mit welcher Freude kommt mir 668 . sondern leben. Ich glaube. noch einmal zurückzukommen. Und wenn mein geliebter Erstgeborener. wird einem widerfahrene« In diesem Augenblick wußte ich. Sie waren glücklich. als er sagte: »Der Gerechte hat uns gelehrt: ›Fürchtet euch nicht. dann hat er die ewige Freude seines eigenen Glaubens gefunden. mein Pindar. sie waren dort für die Ewigkeit. Sie waren nicht tot.

in einem persönlichen Augenblick. liebe Amelia. und der Gerechte ist gekommen. vielleicht auch einfach als ein Zeichen am Himmel. daß mich der Gerechte vor dem Tod in den Wäldern gerettet hat. er werde wiederkehren. 669 . Wie immer wir uns dieses Reich vorstellen. anderen erscheint er als ein Prophet oder als der Gott. sage ich Dir. Die Wiederkehr findet nicht an einem bestimmten Tag oder zu einer bestimmten Stunde statt. Und er wird sagen. sondern für jeden in einem anderen. das Griechisch meiner Jugend über die Lippen! In dieser Sprache. der Sprache der Gemeinde und des Weges. Das Ende der Welt kommt nicht in einem apokalyptischen Ereignis. wie er zu uns allen zurückkehrt. den sie kennen. seine Töchter und Söhne. Der Gerechte kommt zu jedem von uns auf eine andere Art zurück. Wir waren im Dunkel. in denen ich Sigmunds Sprache gesprochen habe. Der Gerechte hat uns vor langer Zeit gesagt. damit wir es finden und daran glauben.nach all den Jahren. weil er keine menschliche Gestalt annimmt. und wir müssen nicht allein sterben – nicht. Wir werden aus dem ewigen Leben geboren und kehren zum ewigen Leben zurück. Es ist ein persönliches Erlebnis. Der Weg ist das Licht. um uns das Licht zu zeigen. Wir werden nicht allein geboren. Er ist zu mir zurückgekehrt. so wird es für uns sein. dessen Zeitpunkt unser eigener wahrer Glaube bestimmt. Wieder anderen mag er als einer der Ahnen erscheinen oder als Engel. Und das Versprechen erfüllt er. und das Reich ist in uns. Manche werden ihn vielleicht nicht erkennen. Und er hat mir noch etwas gesagt. sondern ein persönliches. damit ich Dir die Botschaft verkünden kann: Wir sind alle Töchter und Söhne Gottes. daß wir alle die Kinder Gottes. sind. sie ist kein universales Ereignis. solange wir vorbereitet sind und glauben.

ausdruckslosen Augen an. daß wir von hier auf dem schnellsten Weg nach 670 . was nun?« fragte Raphael. Das bedeutete. Sie betrachteten prüfend die Mauer und das Tor. »Alle diese Menschen. die ganze Sache würde nicht schwieriger sein. »Havers hat dir mein Geld gegeben?« »Du warst nicht da. Wirklich komisch. »alle die unterschiedlichen Glaubensvorstellungen… Ist es möglich. als der Geldbote kam. daß die letzte Schriftrolle schon die ganze Zeit hier ist. Mr. hatte sie gefragt. daß jeder Dummkopf es mit einem Stück Draht öffnen konnte.« Zeke sah seinen Partner mit blassen. die sie Michael im Hotel Atlantis gestellt hatte: »Ist der Katholizismus der einzige wahre Glaube?« »Für mich ist er es«. wenn der Job erledigt ist. »Also. daß nur eine einzige richtig ist und alle anderen falsch?« Und Michael hatte geantwortet: »Ich glaube. Die alten Nonnen würden beim ersten Anzeichen von Gefahr die Flucht ergreifen. die Nonnen waren in der Kapelle und würden sie nicht stören. Du sollst es bekommen. verstand sie. hatte er geantwortet. »Havers hat mir dein Geld gegeben. was er gemeint hatte. dachte Raphael. »Übrigens«. Hätten wir das von Anfang an gewußt. Er und Zeke zweifelten nicht daran.Catherine entrollte behutsam den brüchigen Papyrus weiter. die letzte Seite zu lesen. denen Sabina begegnet ist«. Havers möchte. sagte er und beugte sich über das alte Schloß im Tor. Er sah mit einem Blick. und dachte dabei an die Frage. als einen Ameisenhaufen zu zerstören. die Antwort darauf können Sie nur in sich selbst finden. wäre uns viel Arbeit erspart geblieben. um ihn nicht zu beschädigen. Und die Frau konnte sich nicht verteidigen.« Als Catherine jetzt begann. Sie hörten Gesang.

« Zum ersten Mal im Leben hatte sich Raphael so etwas wie Gefühle erlaubt. »Stell dir vor«. Glaubst du an die Hölle? Wenn ja. daß du