Barbara Wood

Die Prophetin

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Ein Erdrutsch in den Hügeln von Los Angeles legt eine Höhle frei – mit uralten Wandmalereien mystischer Sonnenmotive. Die junge Archäologin Erica Tyler entdeckt dort die Mumie einer Indianerin und setzt alles daran, ihr Geheimnis zu entschlüsseln. Aber sie muß um diese Ausgrabung kämpfen: gegen die Grundstückseigentümer der Gegend, gegen New Age-Fanatiker und Kunsträuber und gegen ihren alten Widersacher Jared Black, der die Rechte der Indianer Südkaliforniens vertritt und verlangt, daß die Schätze der Höhle ihren Nachkommen übergeben werden. Erica findet uralten Indianerschmuck, alte spanische Münzen, ein Blechkruzifix – was verbirgt sich dahinter? Und warum spürt Erica hier die Präsenz einer langen Ahnenreihe von Frauen – sie, die doch selbst ohne Eltern aufgewachsen und von Heim zu Heim weitergereicht worden ist? Langsam enthüllt sich die Vergangenheit…
ISBN: 3-8105-2322-4 Original: The Prophetess Verlag: Wolfgang Krüger Verlag Erscheinungsjahr: 1995

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Buch Golf von Akkaba, 1999: Die junge Archäologin Catherine Alexander entdeckt Schriftrollen aus der Zeit des frühen Christentums. Naher Osten, ca. 50 n. Chr.: Sabina diktiert ihre Lebensgeschichte. Sie trägt die Lehren des »Gerechten« zu den entferntesten Provinzen des Imperiums, ist Zeugin der ersten Gründungen von Glaubensgemeinschaften der Urchristen – und erzählt von einer ausgeprägt weiblichen Führung der frühen Kirche. Kalifornien, 1999: Catherine hat die Schriftrollen nach Amerika gebracht, um sie zu übersetzen – ständig auf der Flucht vor Verfolgern, die auch vor einem Mord nicht zurückschrecken, um die Rollen in ihren Besitz zu bringen. Vatikan, 1999: Die »Kongregation für Glaubensdoktrin« – früher »Inquisition« genannt – hat von den Schriftrollen und ihrer Brisanz für die Kirche erfahren. Sie läßt Catherine observieren. Santa Fe, 1999: Computermilliardär Miles Havers sammelt rare Kultobjekte. Der Wunsch, sie zu besitzen, steigt mit dem Grad ihrer »Heiligkeit«. Um die Schriftrollen für seine Sammlung zu bekommen, hat er zwei Killer auf Catherine angesetzt. Vermont, 1999: Catherine hat mit ihrem neuen Beschützer, dem Priester Michael Garibaldi, die Schriftrollen übersetzt. Doch ihr fehlt die letzte, die entscheidende Rolle, in der Sabina über den Schlüssel zum Ewigen Leben und die Wiederkunft Christi berichtet. Und sie muß mit einer großen menschlichen Enttäuschung zurechtkommen. Pater Garibaldi verdient das Vertrauen und die zärtlichen Gefühle, die sie ihm entgegenbringt, nicht. Petersplatz, 1999: Auf der ganzen Welt steigt das

»Jahrtausendfieber«. Die Presse hat Auszüge aus den Schriftrollen erhalten und publiziert. Alle stürzen sich auf die Aussagen des »Gerechten« und seine Prophezeiungen vom Ewigen Leben und der Wiederkunft Christi. Catherine sucht weiter nach der fehlenden Rolle und trifft erneut auf Pater Garibaldi, der seiner Mission entsagt hat. Aus der anfänglichen Freundschaft wird Liebe… Und Catherine findet die letzte Schriftrolle.

Autor Barbara Wood wurde 1947 in England geboren. Ihr Vater ist polnischer Abstammung und mußte 1940 nach England emigrieren. Dort heiratete er eine Engländerin. Im Jahre 1954 wanderte die Familie in die USA aus. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, daß Barbara Wood sich noch immer stark dem europäischen Kulturkreis und seiner Erzähltradition verbunden fühlt. Ihre Romane fußen auf europäischer Kolonialgeschichte (Kenia, Ägypten, Australien) und der damit verbundenen, oft blutig verlaufenen Auseinandersetzung mit den ursprünglichen Bewohnern dieser Länder. Die Recherchearbeit für diese Romanthemen nimmt Barbara Wood stets mit ihrem Mann George »vor Ort« vor – sie bereist die Schauplätze, bevor sie zu schreiben beginnt. Ihr zweiter großer Themenkreis, der des Heilens und der Medizin, ergibt sich aus dem Beruf, den sie ausübte, bevor sie Schriftstellerin wurde: Sie arbeitete 10 Jahre als OP-Schwester in Kalifornien. Barbara Woods Gesamtwerk liegt im Wolfgang Krüger Verlag und im Fischer Taschenbuch Verlag in deutscher Sprache vor: 14 Romane, die in Deutschland zu Bestsellern wurden.

Für Carlos

»Die Nacht neigt sich dem Ende zu, der Tag ist nahe. Werft ab die Taten der Finsternis und legt an die Rüstung des Lichts.« Aus den Stundengebeten »Ein Kind wird mit dem Glauben geboren.« Kathryn Lindskoog Information kennt keine Grenzen. Universales Hacker-Credo

PROLOG

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In der Wüste Sinai
Der Magus riß der jungen Frau das purpurrote Gewand von den Schultern. Sie saß nackt und gefesselt im silbernen Mondlicht auf dem schweißbedeckten Pferd. Seinem Gefolge verschlug es den Atem. Die Männer bestaunten schweigend die Schönheit der Frau. Sie glich den Statuen auf dem Markt, denn sie schien ebenso weiß, kühl und vollkommen zu sein. Aber keine Statue hatte wie sie so lange schwarze Haare, die ihr über den Rücken und die entblößten Brüste fielen. Auch das leichte Zittern ließ keinen Zweifel daran aufkommen, daß diese Frau aus Fleisch und Blut war. Die Fesseln an Händen und Füßen nahmen ihr nichts von ihrer Würde. Einige der Männer wurden unruhig, senkten verlegen die Köpfe. Der Magus, Herr und Gebieter über die Seelen im Reich, ließ sich von dem Stolz und der Würde seiner Gefangenen nicht beeindrucken. Er hatte mit allen Mitteln versucht, sie zum Sprechen zu bringen. In der Stadt hatte er ihr gedroht, sie bis an ihr Lebensende einzusperren und hungern zu lassen. Er hatte alles versucht, nur ihre Schönheit hatte er nicht angetastet, denn damit hätte er den Kaiser erzürnt. Doch jetzt befanden sie sich nicht mehr in der Stadt. Er hatte die junge Frau hierher an diese einsame Stelle in der Wüste entführt, um ihr das Geheimnis doch noch zu entreißen. An diesem gespenstischen Ort waren nur Schlangen und Skorpione Zeugen seiner Tat, und der Wüstensand würde jeden Hinweis auf sein Verbrechen unter sich begraben. Die sechs Reiter waren lange und schnell geritten. Sie hatten die Stadt unbemerkt bei Sonnenuntergang verlassen und waren durch die vom
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Mond beschienene Einöde galoppiert, als seien Dämonen hinter ihnen her. Die Legionen des Kaisers waren weit entfernt, und niemand folgte ihnen. Erst als sie die Stelle an der verlassenen Küste erreichten, wo bizarre Felsen in den kalt funkelnden Sternenhimmel ragten, hielten sie an. Der Magus wußte: Hier hausten nur die Geister und Dämonen der Finsternis. Er hatte in den alten Schriftrollen von dem tiefen Brunnen gelesen, aus dem nach der Überlieferung das Volk Israel während der vierzigjährigen Wanderschaft einst Trinkwasser geschöpft hatte. Der Brunnen war längst versiegt. Nur ein dunkles, tiefes Loch war geblieben. Auf dem siebten Pferd saß die Gefangene. Die zierliche Stute hatte nach dem langen Ritt blutige Nüstern. Als die Männer den Weidenkorb losbanden und die gefesselte Frau aus dem Sattel hoben, wieherte das Pferd und brach tot zusammen. Die Männer befestigten den Korb an einem langen Seil, und einer von ihnen murmelte ein Gebet, während sie ihn langsam in die Tiefe ließen. Als der Korb mit einem dumpfen Geräusch den Boden des Brunnens erreichte, führten sie die Frau an den Brunnenrand, wo der Magus stand und sie mit seinen Blicken durchbohrte. »Ich frage dich noch einmal«, sagte er drohend und stieß mit dem Stab seiner Macht dreimal auf den Boden. »Wo ist die siebte Schriftrolle?« Die Gefangene gab wieder keine Antwort. Wie in den vergangenen Wochen blieb sie stumm, als habe sie seine Worte nicht gehört. Und diesmal glaubte er, in ihren grünen Augen ein herausforderndes Funkeln zu sehen. Der Magus zitterte wie die Gefangene, aber nicht vor Kälte, sondern vor kaum unterdrückter Wut. Er war der letzte in der langen Reihe der Magi und wußte sehr wohl, daß die Tage seiner Macht gezählt
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waren. Die Klarheit des Wissens um das Unsichtbare, das alles Leben hier auf Erden lenkt, entzog sich ihm immer mehr. Wie sollte er der zuverlässige Ratgeber des Volkes und des Kaisers sein, wenn er die Zauberkräfte seiner Vorfahren nicht mehr besaß, denen die Götter die Macht des Wissens um das Unsichtbare geschenkt hatten? In der siebten Schriftrolle, das hatte der Magus nach dem Lesen der anderen sechs erfahren, stand die Offenbarung des neuen Glaubens. Die siebte Schriftrolle würde ihm den Weg zu den Unsterblichen weisen. Dann wäre seine Macht nicht zu erschüttern, denn dann wäre er es, der das Schicksal lenkte. Wenn er mit Hilfe dieser Frau die siebte Rolle fand, dann konnte er Wunder wirken, Tote zum Leben erwecken und Kranke heilen. Er würde das Ende der Welt aufhalten und als der wahre Herrscher neben dem Kaiser gelten. Den Schlüssel zu allem, wonach er strebte, besaß diese junge Frau. Nur mit dem geheimen Wissen der siebten Schriftrolle würden sich die Worte der Verheißung an ihm erfüllen. Dann erhielte er das ewige Leben als Lohn für seine lange Suche. Die Gefangene kannte das Versteck, aber sie schwieg. Wenn er die Rolle nicht fand, würde er in Ungnade fallen, in Vergessenheit versinken, und alle seine Bemühungen und die seiner Vorgänger wären gescheitert. Er würde den Mächten der Finsternis verfallen, denen er sich geweiht hatte, um das Geheimnis der unsichtbaren Welten zu enträtseln. Der Magus hatte sich davon überzeugt, daß seine Gefangene schwach und hilflos war. Sie konnte die Macht, die die Worte des Lichts dem Eingeweihten verliehen, nicht nutzen. Im Grunde war ihr Martyrium sinnlos. Aber ihr beharrliches Schweigen war für ihn so endgültig wie der Tod. Er glaubte sich fast am Ziel seiner Wünsche und konnte doch an ihrer Entschlossenheit nichts
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ändern. Sie verachtete ihn, weil er mit den Menschen spielte, als seien sie nichts als Puppen. Sie mißtraute ihm, denn er war korrupt und intrigant. Er hatte keine Achtung vor dem Leben, tötete jeden, der ihm mißfiel. Der Magus war ein Sklave des Todes. Sie aber diente dem Licht. »So sei es!« Er hob die Hand und befahl den Männern mit einer knappen Geste, ihr frevelhaftes Werk zu tun. Sie packten die junge Frau mit brutalen, gefühllosen Händen. Aus ihren Blicken sprachen Lüsternheit und Gier, als sie ihr ein Seil über den Oberkörper streiften und unter Armen und Brüsten festzogen, um sie langsam in den Brunnen hinablassen zu können. »Du wirst nicht verletzt werden und schnell sterben!« rief der Magus mit kalter Stimme. »Du sollst lange in deinem dunklen Gefängnis am Leben bleiben. Du wirst bald jeden Stein, jede Spalte und alles Grauen der Dunkelheit kennen. Wenn die Sonne hoch am Himmel steht, wird die Luft zum Verdursten trocken sein, und in den kalten Nächten wird der Frost dich erstarren lassen. Deine Qualen werden mit jeder Stunde wachsen, bis sie über jedes erträgliche Maß hinausgehen. Deine Einsamkeit wird größer und erschreckender sein als der Tod. Du wirst schreien, aber niemand wird dich hören. Und am Ende wird dein Körper die Beute blutgieriger Wesen werden.« Er machte einen Schritt auf sie zu und hob den Stab seines Amtes, vor dem in früheren Zeiten das ganze Volk in Ehrfurcht zu Boden gesunken war, dem sich jetzt aber nur noch die wenigen Männer und Frauen seiner Gefolgschaft hier und in der Stadt beugten. »Ich frage dich zum letzten Mal«, flüsterte er, »wo ist die siebte Schriftrolle? Wenn du es mir sagst, schenke ich dir die Freiheit.« Sie gab keine Antwort.
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»Sag mir wenigstens das eine: Hast du die Rolle mit eigenen Augen gesehen?« Zum ersten Mal, seit er die Frau in seine Gewalt gebracht hatte, öffnete sie den Mund. Es klang fast wie ein Seufzen, als sie antwortete. »Ja…« Der Magus zuckte wie unter einem Peitschenhieb zusammen. Er glaubte an die Unsterblichkeit, an das ewige Leben, wie es Osiris geschenkt worden war. Der Leib des Gottes war in Stücke gerissen und über ganz Ägypten verteilt worden. Aber Isis hatte alle Teile gefunden, den zerstückelten Körper wieder zusammengefügt und ihm den Atem des Lebens eingehaucht. Auf diese Weise hatte sie den Geliebten wieder zum Leben erweckt. In ohnmächtigem Zorn ballte der Magus die Faust und hob sie zum Himmel. »Wenn ich das Geheimnis nicht kennen darf, dann soll es den Sterblichen auf der Erde bis in alle Ewigkeit verborgen bleiben!« Seine Männer hoben die Frau hoch und ließen sie Stück für Stück in den Brunnen hinab. Die rauhen Steine schürften die makellose zarte Haut, und Blut floß über ihren Rücken. Als ihre Schönheit in der Schwärze des Brunnenschachts verschwand, schlug der Magus mit dem goldenen Stab auf den kalten Stein und rief: »Bei der Macht, die dieser Stab mir verleiht, den mir mein Vater übergab, so wie ihm die Macht von seinem Vater anvertraut wurde und allen, die vor ihm kamen, bis zurück in die Zeit, als die Unsterblichen noch auf der Erde wandelten, verfluche ich diese Frau und die sechs Schriftrollen des neuen Glaubens, die ich hier mit ihr begraben lasse, damit das Geheimnis des Lebens auf immer den Menschen verborgen bleibe. Kein Sterblicher soll sie lesen und das Rätsel der Unsterblichen lösen. Wer diesen Brunnen findet, sei verflucht!« Ein Reiter erschien unter den zerklüfteten Klippen. Er
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zügelte sein Pferd weit genug vom Lager der Männer entfernt, daß niemand ihn hörte. Dann saß er ab, schlich sich unbemerkt näher und schnitt mit dem Dolch den Schlafenden so schnell die Kehlen durch, daß keinem der fünf Männer Zeit blieb, einen letzten Schrei auszustoßen. Als dies gelungen war, drang er in das Zelt des Magus ein, denn er hoffte, dort seine Geliebte zu finden. Aber sie war nicht da. Er fesselte den Magus und hielt ihm den Dolch an die Kehle. Der Alte wehrte sich nicht. Er sah den jungen Mann nur wissend und in sein Schicksal ergeben an. »Du wirst sie nicht finden, und du kannst sie nicht retten.« Aus Zorn und in ohnmächtiger Verzweiflung stieß der junge Mann dem Magus den Dolch ins Herz. Das rote Blut tränkte das seidene Kissen. Er verließ das Lager und machte sich auf die Suche nach seiner Geliebten. Er ritt am felsigen Ufer entlang und folgte den ausgetrockneten Wasserläufen. Er hob den Kopf und blickte hinauf zu den Sternen, als suche er sie auch dort. Dann hörte er plötzlich einen erstickten Laut in der stillen Nacht. Er irrte durch die Dunkelheit. Schließlich fand er das tote Pferd und in der Nähe das purpurrote Gewand. Und er entdeckte den Brunnen. Er lauschte. Er rief ihren Namen. Er hörte ein Stöhnen. Der junge Mann wendete seinen Hengst, galoppierte zum Lager zurück und holte ein Seil. Als er den Brunnen wieder erreicht hatte, schlang er ein Ende des Seils um einen Felsen und kletterte in die Tiefe. Sein Fuß stieß gegen etwas Weiches, und er wich seitlich aus, bis er den Boden spürte. Dann tastete er in der Dunkelheit nach seiner Geliebten. Er fand sie, und als er feststellte, daß sie nackt war, sank er neben ihr nieder und flüsterte: »Hab keine Angst, Liebste. Wir sind in Sicherheit.
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Ihr Körper war noch warm.Deine Peiniger sind tot. das Seil baumelte außer Reichweite über ihm. aber alles blieb still.« 14 . Geliebte«.« Er wartete. hielt er einen Augenblick an. Er breitete das Gewand über die inzwischen erkaltete Leiche. Seine Tränen wärmten ihr die Haare. legte sich neben sie und nahm sie in die Arme. gibt mir die Kraft. Schluchzend kletterte er aus dem Brunnen und holte das reich bestickte purpurrote Gewand. »Warum gibst du mir keine Antwort?« Er legte den Kopf auf ihre Brust. Ihr Herz schlug nicht mehr. »Die Götter sind Zeugen meines Schwurs. Noch vor kurzem hatte sie gestöhnt. Der Magus ist tot. tiefen Brunnen und stieg hoch zum Himmel auf. daß dein Tod nicht umsonst gewesen ist. flüsterte er. denn ich kann dich nicht sehen. bevor er den Boden erreichte. »Du sollst nicht vergebens gestorben sein. Seine Hilfe kam zu spät. Gib mir deine Hand. während sie hier einsam und verlassen in dem Brunnen lag und starb. Kurz entschlossen durchtrennte er mit dem Dolch das Seil. der sich von deinem unterscheidet. dir zu versprechen. Er hatte seine Zeit damit vergeudet. Sein Klageruf hallte dumpf in dem dunklen. das ihr gehört hatte. aber jetzt war sie tot. Das gelobe ich dir. Mein Glaube. Wir werden wieder Zusammensein und uns ewig lieben. die Männer und den Magus zu töten. Er fiel auf den Boden. Als er wieder in den Brunnen stieg.

DER ERSTE TAG 15 .

Sie fluchte leise. Hier sollte ein Hotelkomplex entstehen. Und als sie die Staubwolke sah.Dienstag. einer der vielen luxuriösen.« Während Catherine über den Sand eilte. Warum das Dynamit? Man hatte ihr versprochen. daß bereits Planierraupen heranfuhren. Geröll prallte an die zerklüfteten Felsen. klimatisierten Tummelplätze für reiche Touristen. sah sie. Sie zog schnell die Stiefel an und rief den Männern ihrer Mannschaft. um das gesprengte Gestein abzuräumen. Beim Anblick der riesigen Baumaschinen lief ihr ein Schauer über den Rücken. und das Dynamit konnte die vorsichtig ausgehobenen Gräben mit einem Schlag vernichten. Zum Schutz vor den Strahlen der aufgehenden Sonne legte sie eine Hand über die Augen und blickte auf die etwa zweihundert Meter von ihrem Lager entfernte Baustelle. flatterten erschrocken auf und flogen über das blaue Wasser des Golfs. Staubwolken stiegen in die Luft. Dr. Die Baustelle befand sich ohnehin zu nahe an ihrer Grabungsstelle. die verschlafen aus den Zelten krochen. Catherine Alexander kam stolpernd aus ihrem Zelt. sie rechtzeitig vor einer Sprengung zu informieren. Golf von Akkaba Die Explosion erschütterte das Land im weiten Umkreis und zerriß die morgendliche Stille. Ich werde mit unserem Nachbarn ein ernstes Wort reden. Vögel. hätte sie vor Empörung beinahe laut aufgeschrien. 14. zu: »Seht euch die Gräben an! Vergewissert euch. die an der östlichen Küste der Sinaihalbinsel 16 . Dezember 1999 Scharm el Scheich. daß die Stützbalken halten. die in den Dattelpalmen saßen.

gebaut wurden. nicht zu sprengen!« Die Gefährdung der Grabungen erschwerte ihr das Leben zusätzlich. als sie sich vergeblich darum bemühte. an der Archäologen graben konnten. Catherine wußte. daß ich den Brunnen bald finden werde! Man muß mir nur die Möglichkeit geben. daß Catherine gelogen hatte. »Sie hatten mir versprochen. Früher oder später würden sie hinter die eigentliche Absicht kommen und wissen. während sie von Container zu Container lief und an die Blechtüren klopfte. bis ihre Ausgrabungen abgeschlossen sein würden. wenn bei den Ausgrabungen nicht in Kürze positive Ergebnisse vorliegen würden. meine Arbeit ohne solche verdammten Störungen durchzuführen… »Hungerford! Wo sind Sie?« Catherine näherte sich dem Container. dachte Catherine. Aber ich bin doch fast am Ziel. ragten an der sanft geschwungenen Küste Hotels und Hochhäuser wie weiße Monolithe in den blauen Himmel und verwandelten die karge Landschaft in ein zweites Miami. Das hatte sie versucht den Bürokraten in Kairo zu erklären. So weit man sehen konnte. einen Baustopp für das neue Hotel zu erwirken. der als Planungsbüro diente. Sie drehte sich um und sah im gleißenden 17 . der man die Grabungserlaubnis nur mit Vorbehalten erteilt hatte. Ich weiß. als sie sich den Wohncontainern der Bauleitung näherte. Das Ministerium in Kairo saß ihr im Nacken und zeigte ein auffällig großes Interesse an der Ausgrabung. das Projekt fallenzulassen und die Geldmittel zu streichen. man sehe sich gezwungen. Und im Augenblick hatte Catherine bereits mit genug Widrigkeiten zu kämpfen. bald würde es hier keine Stelle mehr geben. »Hungerford!« rief Catherine schon von weitem. Plötzlich hörte sie in ihrem Rücken Stimmengewirr. Zu allem Überfluß hatte ihr die Stiftung in der letzten Woche mitgeteilt. Aber in Kairo hörte niemand auf eine Frau und erst recht nicht auf eine.

wich Felsbrocken aus und stolperte über Geröll. So war es auch bei den Grabungen in Israel und im Libanon gewesen. daß Hungerfords arabische Arbeiter zu der Stelle rannten. Frau Doktor«. Sie kannte diese Art Aufregung. als er Catherine sah. Offenbar hatte einer der Arbeiter etwas gefunden. wie die Männer aufgeregt gestikulierend in der sich langsam auflösenden Staubwolke auf einen Felsen zuströmten. Die Männer verstummten und sahen gespannt zu. »Guten Morgen. Sie zog eine Lupe aus der Tasche ihrer Khakibluse und 18 . Sie beobachtete verblüfft. Es war kein Papier. daß ihr die Arbeit unterbrechen könnt?« Der dicke Texaner nahm den leuchtend gelben Schutzhelm vom Kopf und fuhr sich mit der Hand durch die rötlichen Haare. wo das Dynamit gezündet worden war. Catherine hielt den Atem an. »Was soll das? Wer hat euch gesagt. das wie das Stück einer alten vergilbten Zeitung aussah. »Also. »Warum die Aufregung?« murmelte Hungerford kopfschüttelnd. Wie immer lief ihm der Schweiß über das rote Gesicht. begrüßte sie Hungerford. »Darf ich?« Catherine nahm dem Araber den Fund aus der Hand. Einer hielt etwas in der Hand. sondern Papyrus. was ist los. als sich Hungerford einen Weg durch die Menge bahnte.Sonnenlicht. Sie erreichte die Gruppe in dem Augenblick. wenn etwas wirklich Wertvolles und Einmaliges gefunden worden war. als sie das Papier aufmerksam betrachtete. sprang über Steine. Plötzlich rannte auch sie los. Leute?« Die Araber begannen alle auf einmal zu reden.

wovon jeder Archäologe träumt? Nein. Sehen Sie? Hier steht auf griechisch ›Jesus‹. um wahr zu sein… »Vermutlich stammt es von einem Einsiedler aus dem vierten Jahrhundert«.« Catherine deutete auf den Riß. »›Jesus‹…!« flüsterte sie plötzlich. Die untere Hälfte des Papyrus fehlte. nur ein Fragment. Dann fügte sie erklärend hinzu: »In den Felsenhöhlen hier lebte einst eine große Zahl Asketen und Propheten. wie Sie sehen. als er fragte: »Ist das vielleicht ein ›JesusFragment‹?« Catherine kannte seine unverschämte Art. Ihr Herz schlug plötzlich schneller. Der Papyrus hatte eine honiggelbe Farbe und war mit schwarzen Schriftzeichen bedeckt. Sie sah sofort. daß es sich nicht um neugriechische Buchstaben handelte. Sie deutete auf das Wort ›Iesous‹. und es klang spöttisch. sich über ihre Arbeit lustig zu machen. Er lachte plötzlich laut.betrachtete das Fragment.« Hungerfords Blick richtete sich auf die Wüstenlandschaft zu ihrer Linken. das steht hier. Frau Doktor?« »Nein.« Hungerford kniff die Augen zusammen. Hungerford verzog spöttisch die Lippen. und das hier ist. es wäre einfach zu schön. Das war in der Tat ein sehr altes Dokument. »Sie werden doch nicht fluchen. zu wunderbar. Bin ich vielleicht auf das gestoßen. und am Ende des römischen Reiches war Griechisch unter den Gelehrten weit verbreitet. und er murmelte sichtlich beeindruckt: »Das heißt tatsächlich Jesus?« »Ja. murmelte sie ausweichend und schob sich eine Strähne des kastanienbraunen Haars aus der Stirn. Die Sonne brannte bereits 19 . Sie betrachtete den Fund nachdenklich. und gab ihm keine Antwort.

Plötzlich fand einer der Arbeiter etwas unter einem Stein. Das Geröll bestand in erster Linie aus Kalkstein und Schiefer. Hungerford räusperte sich und blickte wieder auf das Fragment. Es klang wie zischender Dampf.unbarmherzig auf die zerklüfteten hohen Felsen. Leute!« Die Männer durchsuchten die nähere Umgebung. Alle stürzten sich darauf. Der ständige Wind am Golf schien plötzlich stärker zu werden. Die Buchstaben sind verblaßt. »Ist es etwas wert?« Catherine hob die Schultern. wo sich bereits viele Menschen zu Tag. Außerdem wäre es hilfreich. was auf dem Papyrus steht. »Und davon. Vermutlich hatte sie der Wind aus einem Touristenhotel hergetragen.« »Können Sie es lesen?« »Dazu muß ich in mein Zelt. Catherine lief ein Schauer über den Rücken. um es mir genauer anzusehen. der mehr von dieser Art Papyrus findet. Die beiden Amerikaner und die wartenden Araber glaubten. Fünf ägyptische Pfund für den Mann.und Nachtwachen versammelten 20 . Yallah. Catherine sah die Schlagzeile: ›JAHRTAUSEND-FIEBER!‹ Darunter stand fett gedruckt: ›Das Ende? Weltuntergang in zwanzig Tagen!?‹ Ein Photo zeigte den Petersdom in Rom. »Das hängt von seinem Alter ab. Über ihren Köpfen kreiste ein Falke und stieß einen schrillen Schrei aus.« Sie sah ihn nicht an. wenn wir den Rest finden würden.« Sie deutete noch einmal auf den gezackten unteren Rand. und der Papyrus ist an einigen Stellen bereits brüchig. »Wir werden sehen. »Also gut!« Hungerford setzte den Schutzhelm wieder auf. ein merkwürdiges Pfeifen zu hören. Aber es war nur die Titelseite der International Times von vor zwei Tagen. woher es kommt.

»Und nun?« Catherine wollte mit dem Fragment so schnell wie möglich zu ihrem Zelt. verbreitete. daß die Glocken das neue Jahrtausend einläuteten. bevor die ägyptischen Behörden einschreiten konnten. Sie wissen es! Catherines Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Sie betrachtete noch einmal das Fragment. Wenn sich die Nachricht von einem ›JesusFragment‹. daß es ebenfalls sehr alt war. Hungerford und sie durften die Männer nicht mehr aus den Augen lassen. brummte er. Die Augen der Araber waren auf sie gerichtet. wußte sie. würde bald jeder Beduine im Umkreis von fünfzig Meilen am Ort der Sprengung erscheinen und sein Zelt aufschlagen. Alexander!« 21 . sagte sie mit belegter Stimme. Sie mußte das brüchige Papyrus vor weiteren Schäden bewahren und es so schnell wie möglich übersetzen. Dann wären alle Artefakte verschwunden. und wieder lief ihr ein Schauer über den Rücken. Was haben wir gefunden? »Wir müssen den Platz freiräumen«. Die Araber fanden zwischen den Steinen Stücke eines Hanfseils und Stoffreste. Catherine hatte auch das schon erlebt. »Verstehe…«.« Hungerford sah sie erstaunt an und nickte dann langsam. »Wir dürfen unter keinen Umständen etwas von dem Fund verlauten lassen. In weniger als drei Wochen würde das Jahr 1999 enden und das Jahr 2000 beginnen.und darauf warteten. wie Hungerford leichtsinnig laut gesagt hatte. Was wird dort stehen außer dem Namen Jesus? »Dr. Als sich Catherine das brüchige Gewebe ansah. und wieder fiel ihr Blick auf das Wort: ›Jesus‹.

sich zu amüsieren…‹ Wie sich herausstellte. daß Samir. um zu arbeiten. und der dicke 22 . Das heißt doch nicht. Frau Doktor.« »Das bedeutet.Sie drehte sich um und sah.‹ Catherine erklärte. Sie wissen ganz genau. der verlegen lächelte. was ich meine! Eine so hübsche Frau wie Sie braucht einen Mann. sie zu einem Drink im nahe gelegenen Hotel Isis einzuladen. die hier arbeiteten oder wohnten. Hungerford hatte anzüglich gelacht und ungerührt erwidert: ›Ach. bestand das ›Amüsieren‹ in dem Versuch. daß man nicht hin und wieder Zeit hat. wir haben einen Monat Arbeit verloren!« Catherine warf einen wütenden Blick auf Hungerford. aber der Fortschritt läßt sich nicht aufhalten. aber sie ging Hungerford immer aus dem Weg. ihr Aufseher. Als er vor zwei Monaten mit seiner Mannschaft und dem gesamten Maschinenpark hier erschienen war. Auch Catherine erholte sich nach der Tagesarbeit hin und wieder mit einigen ihrer Leute in der verräucherten Bar des Hotels. meldete er in dem klaren Englisch. aber er antwortete: ›Wir sind alle hier. hatte er gefragt: ›Was macht eine so hübsche Frau wie Sie ganz allein in der Wüste?‹ Catherine hatte ihm höflich erklärt. Als er sie erreichte. sie sei zum Arbeiten hier. Sie hatte ihn von Anfang an abstoßend gefunden. Sein aufdringliches Lachen gefiel ihr nicht. und Touristen aus dem Nahen Osten. die nicht so viel Geld hatten wie die Gäste der Luxushotels. »Tut mir leid. Der schäbige Betonklotz stammte noch aus den fünfziger Jahren und war ein Treffpunkt für Ausländer.« Catherine mochte Hungerford nicht. das er während des Studiums in London gelernt hatte: »Einige Wände sind beschädigt und sechs Gräben eingestürzt. daß sie mit ihrem Ausgrabungsstab und fünfzehn Arbeitern wohl kaum ›allein‹ sei. gerufen hatte. Die Vergangenheit darf der Zukunft nicht im Wege stehen.

Der Texaner ließ sich jedoch keine Gelegenheit entgehen. Unwillkürlich betastete sie vorsichtig das bräunlichgelbe Blatt. als die Israeliten vor mehr als dreitausend Jahren hier entlang 23 . Wonach mochte die Luft gerochen haben.‹ Sie konnte sich die Reaktionen gut vorstellen. »Glauben Sie. als sei der Bauch etwas Besonderes. sie in ein Gespräch über die Ausgrabung zu verwickeln. daß sie nämlich nicht nach Moses. das nur er zu bieten habe. daß er ihn ständig stolz mit beiden Händen umfaßte. »Also«. was alle wußten: ›Wir suchen nach Moses. ihm den wahren Grund für ihre Grabung anzuvertrauen.Bauch über der riesigen Silberschnalle seines breiten Ledergürtels wurde auch nicht dadurch anziehender. nach der Prophetin Mirjam. das hat etwas mit Ihrer Arbeit hier zu tun?« Catherine hatte zweifellos das brüchige Stück einer Schriftrolle aus dem Altertum gefunden. sondern nach seiner Schwester suchte. Hatte das überraschend aufgetauchte Dokument etwas mit ihrer Suche nach der Prophetin Mirjam zu tun? Als sie nachdenklich den Kopf hob. wenn man die Wahrheit erfahren würde. salzige Luft des Golfs ein und rümpfte über die Gerüche des Fortschritts – Dieselabgase und der Rauch einer nicht allzuweit entfernten. Aus Vorsicht hatte sie sogar den Behörden in Kairo nur gesagt. brennenden Müllhalde – die Nase. Er stellte ihr Fragen. Sie spürte die rauhe Oberfläche an der Fingerspitze und blickte ehrfurchtsvoll auf die mit großer Sorgfalt geschriebenen Buchstaben. Sie atmete tief die zeitlose. traf der scharfe Wind ihr Gesicht. wie: ›Sie suchen also nach den Tafeln mit den Zehn Geboten?‹ Catherine gab ihm jedesmal ausweichende Antworten und hütete sich davor. sagte Hungerford jetzt grinsend und deutete mit einem vom Nikotin verfärbten Finger auf das Fragment.

dem Anführer der Juden. schwarzen Kaffee bereit. bei einer Grabung mitzuarbeiten. sie sollen weitersuchen.gezogen waren? Wie war das Leben unter diesem Himmel gewesen. ihrem ›Eßzimmer‹. den alle mit größter Begeisterung tranken. und sein vulgäres Lachen hallte von den Felsen wider. hatte ihr GrabungsTeam aus amerikanischen Studenten und Freiwilligen bereits damit begonnen. und Mirjam die Kühnheit besaß. die Stirn zu bieten und ihn zu fragen: ›Hat der Herr nur durch Moses gesprochen?‹ Catherine zwang sich. daß sie in der Eile nach der überraschenden Sprengung vergessen hatte. Das lag zum Teil an dem kühlen Wetter. In diesem Winter hatte Catherine eine gute Mannschaft. Unter dem Sonnendach. Es war sehr viel schwieriger. »Ich muß mir das Fragment genauer ansehen«. Es war der Beginn eines neuen Jahrzehnts. Auch das machte ihr Sorgen. die durch Hungerfords Sprengung in Mitleidenschaft gezogen worden waren.« »Na klar!« trompetete Hungerford. Leider würden die meisten Weihnachten nach Hause fahren. eines neuen Jahrhunderts und sogar eines neuen Jahrtausends. Da sie Hungerfords Blick noch immer auf sich gerichtet sah. in den drückend heißen Sommermonaten Leute zu finden. die Gräben zu sichern. »Sagen Sie Ihren Leuten. 24 . die oberen Knöpfe der Bluse zuzuknöpfen. Das neue Jahr würde kein gewöhnliches Jahr sein. als sich Schleier und Umhänge der Israeliten im Wind blähten. in die Gegenwart zurückzukehren. Als Catherine das Lager erreichte. füllte der Koch Körbchen mit einheimischem Fladenbrot. und nur einige hatten ihre Rückkehr zugesagt. zerteilte den Ziegenkäse und stellte die unterschiedlichen Becher für den starken. die bereit waren. erklärte sie mit Nachdruck und drehte sich um. ihrem Bruder. senkte sie schnell den Kopf und stellte fest.

Catherine lächelte. Ein Blick in den Spiegel zeigte ihr in der nüchternen Klarheit des hellen Morgens. Wie konnte Julius behaupten. noch nicht von grauen Fäden durchzogen. dem Schicksal aller Archäologen zu entgehen. daß sie müde und erschöpft aussah. hatte Hungerford gesagt. Bisher war sie stets wieder verschwunden. daß sie gezwungen sein würde. ›Du wirst nicht jünger‹. blieb die Falte deutlich sichtbar. daß sie an einem Wendepunkt in ihrem Leben stand. um es genauer zu untersuchen. obwohl sie vermutlich sehr viel jünger als sechsunddreißig aussah. 25 . Sie trat in das Zelt und legte das Fragment vorsichtig auf die Arbeitsplatte. Immerhin waren die langen kastanienbraunen Haare. Genau das konnte sie sich aber nicht leisten. fand auch Catherine schön. sie sei schön? Catherine fand ihr Gesicht in keiner Weise außergewöhnlich. Trotz der anstrengenden Jahre unter der heißen Sonne bei Ausgrabungen in Israel und Ägypten war es ihr bis jetzt irgendwie gelungen. ›Du auch nicht. denn sie spürte mehr denn je. Die großen grünen Augen. Aber jetzt stellte sie seufzend fest. weil sie bei ihrer konzentrierten Arbeit immer unbewußt die Augenbrauen zusammenzog.Catherine fürchtete nicht zu Unrecht. Doch obwohl Catherine das Gesicht jetzt bewußt entspannte. daß ein neues Zeichen des Alters hinzugekommen war: eine senkrechte Falte zwischen den Augen. Die Falte war entstanden. mein lieber Julius…‹ ›Sie brauchen einen Mann‹. hörte sie eine spöttische Stimme flüstern. Aber zuerst ging sie zum Waschbecken und kühlte sich das Gesicht ab. die Ausgrabung vorübergehend abzubrechen. ein Erbe ihrer Mutter. ständig unter Sonnenbrand zu leiden und ein Gesicht voller Falten und Krähenfüße zu haben. die sie im Nacken mit einer Spange zusammenhielt.

hatte schwarze Haare. Julius fehlte ihr… Catherine schaffte genügend Platz auf dem überfüllten Arbeitstisch. Er sah wirklich gut aus. daß ich von dir nicht verlange. Er vertrat die Auffassung. um einen Schlag abzuwehren. Leider befand er sich neuntausend Meilen entfernt am anderen Ende der Welt. meine Religion anzunehmen. Dr. geheimnisvolle dunkle Augen.‹ Julius war Mediziner und hatte sich auf Krankheiten im Altertum spezialisiert.Catherine hatte einen Mann. Es war wirklich so etwas wie Liebe auf den ersten Blick gewesen. Dann öffnete sie eine Klappe am Zeltdach. das sie mit Klebeband über dem Arbeitstisch befestigt hatte: Julius lächelte sie an. ›Warum. Catherine hatte dort ein Thesenpapier vorgestellt mit dem Titel: ›Bestimmung der Herkunft von Ton bei Keramik der Bronzezeit mit Hilfe der optischen Emissionsspektroskopie. In der Mittagspause lernten sie sich kennen. Er hielt einen Vortrag über das auffällig häufige Vorkommen von Unterarmbrüchen bei ägyptischen Skeletten. ›Warum willst du mich nicht heiraten? Es kann doch nicht daran liegen. Sie hatte 26 . Du weißt. selbst wenn er das verlangen sollte.‹ Catherine würde sich niemals zu seinem Glauben bekehren. daß du keine Jüdin bist. Cathy?‹ hörte sie ihn wieder fragen. als der Arm zur Selbstverteidigung gehoben wurde. Die Sonnenstrahlen fielen auf ein Photo. wie sie fand. Julius Voss war vor zwei Jahren auf einer Archäologen-Tagung in Oakland in ihr Leben getreten. als unterhalte er sich gerade mit ihr. um das Morgenlicht hereinzulassen. Das ist nicht der Grund. daß diese Brüche entstanden waren. einen gepflegten Bart und. besonders bei Frauen. als befinde er sich plötzlich in ihrem Zelt. und die gegenseitige Anziehung war augenblicklich spürbar.

namenlose Angst. daß er Jude war. auch wenn sie ihn noch so sehr liebte. um ein Leben lang genug von Religionen zu haben. dann konnte sie frei und ungezwungen mit ihm reden. Der Katholizismus ihrer Kindheit und Jugend reichte. Chr. Catherine schob mit einem leisen Seufzen den Gedanken an Julius beiseite und konzentrierte sich auf das Fragment. wo sich die Oase befand. Aber jedesmal. Das Problem ließ sich nicht so leicht in Worte fassen: Julius war Jude. wenn es um Religion ging – und das würde nicht ausbleiben. in einem Sturm vom Kurs abgekommen 27 . Aber es gab andere Gründe dafür. genauer gesagt ein gläubiger Jude. für ihn dasein und ihm zuhören. daß sie keine Religion brauchte. Wenn sie sich über wissenschaftliche Themen oder über gemeinsame Interessen unterhielten. und es handelte sich um die englische Übersetzung der Erinnerungen von Ihn Hassan. wenn sie in seine große orthodoxe Familie einheiratete -. bereitete ihr Unbehagen. doch das Wort ›Jesus‹ fand sie nur an einer Stelle. Sie überflog die griechischen Buchstaben. Nicht die Tatsache. einem Araber aus dem zehnten Jahrhundert. die Stelle in der Wüste. sondern seine Frömmigkeit. Catherine liebte Julius. Bestand möglicherweise eine Verbindung zwischen diesem christlichen Dokument und der Prophetin des Alten Testaments. Es stammte aus dem Jahr 1764. daß sie Julius nicht heiraten konnte. Aber das war bedeutsam genug. nach der sie hier auf der Sinaihalbinsel suchte? Gab das Jesus-Fragment vielleicht den entscheidenden Hinweis. dann erfaßte sie eine unbestimmte. auf den sie schon so lange gehofft hatte? Würde sie möglicherweise erfahren. dessen Schiff im Jahr 976 n. wo Mirjam und ihr Bruder den Kampf um die Macht geführt hatten? Catherine überlegte einen Augenblick und nahm dann ein Buch aus dem Regal.ihm bereits gesagt.

Catherines Suche hatte genaugenommen an einem ganz bestimmten Tag begonnen. wurde Catherine sehr nachdenklich. unbestimmte Suche schließlich ein Ziel gefunden. Moses. wie Aldebaran über meiner Heimat aufging‹) sowie unter Berücksichtigung der Legenden und Gebräuche der Beduinen dieser Gegend zu dem Schluß. Sie sah ihre Vermutungen bestätigt. Mit dieser Erkenntnis hatte Catherines lebenslange. Salomon. wo die ansässigen Beduinen ihre Herden tränken. Als Vierzehnjährige zeigte man in der von Nonnen geleiteten katholischen Schule während der Karwoche eine Reihe von Filmen für die achte und neunte Klasse zum Thema: ›Bibelfilme der vierziger und fünfziger Jahre. dem Bir Mary am…‹ Der Mirjam-Brunnen. würdevolle und heldenhafte Männer.war. kicherten und sich langweilten – allerdings gab es Beifall. Alle Filme verherrlichten die Helden der Bibel: Samson. Unter den Frauen gab es 28 . die mit den technischen Spezialeffekten von Star Trek und Krieg der Sterne aufgewachsen waren. denn Ihn Hassan hatte geschrieben: ›Ich verbrachte meine einsamen Tage an einem Ort. Während die meisten ihrer Mitschüler. Der Mann konnte sich an eine nur ungenau bezeichnete Küste retten. daß der Araber an dieser Küste gestrandet war. als Moses das Rote Meer teilte -.‹ Höhepunkt war DeMilles Klassiker Die Zehn Gebote aus dem Jahr 1954. Beim ersten Lesen war Catherine die Stelle aufgefallen: ›… im Lande Sina gestrandet…‹ Damals dachte sie: Spricht er von der Sinaihalbinsel? Sie verglich die unklaren Hinweise aus der Geschichte des Arabers mit Stellen im Alten Testament und kam unter Einbeziehung von Astronomie und der Navigation mit Hilfe von Sternen (Ihn Hassan berichtete: ›Ich sah. Auf der Leinwand zeigte man gute. wo jetzt die Ferienhotels Touristen aus aller Welt anlockten.

Aus dieser einfachen Beobachtung – Catherine war überzeugt davon. ausgegraben zu werden. Sie tolerierten in ihren Reihen kaum Frauen und waren unter keinen Umständen bereit. in dem man Schätze wie das Grab des Tutench-Amun und die Schriftrollen vom Toten Meer gefunden hatte. von ihren grundsätzlichen Erkenntnissen abzurücken. daß die Frauen wenig mehr waren als Statistinnen zur Verherrlichung der Männer. und hoffe damit. Catherine fand. daß die von Männern beherrschte Archäologie und Bibelwissenschaft mit ihren anerkannten und scheinbar unumstößlichen Theorien von der alten Garde wie eine uneinnehmbare Bastion verteidigt wurden. zahlte hohe 29 . dann wollte Catherine sie an Ort und Stelle. weit mehr Geheimnisse barg. daß Mirjam. eine Anführerin der Israeliten gewesen sei und daß sich die Geschwister die Führerschaft als gleichberechtigte Partner geteilt hätten. Beweise für ihre Theorie zu finden. Sie glaubte felsenfest. Als sich Catherine vor fünf Jahren zum ersten Mal um eine Grabungsgenehmigung in dieser Gegend bemüht hatte. sie beabsichtige. die nur darauf warteten. Sie führte zahllose Gespräche. Selbst ältere Frauen und Mütter wirkten in den Filmen irgendwie jungfräulich und blaß. Wenn man in der Bibel keine Heldinnen fand.dagegen nur zwei Typen: Die böse Verführerin und die geduldig leidende Jungfrau. die Schwester von Moses. In keinem Film gab es eine richtige Heldin. die schließlich zu ihrer Berufswahl führte: biblische Archäologie. erklärte sie den Beamten im Ministerium in Kairo. in der Wüste finden. Sie mußte jedoch bald feststellen. nach dem Mirjam-Brunnen zu suchen. daß der Wüstensand. Die zähen Verhandlungen zogen sich über Monate hin. daß es auch in biblischen Zeiten Heldinnen gab – hatte sich bereits in ihrer Jugend eine wahre Besessenheit entwickelt.

Catherine runzelte die Stirn. Ibn Hassan‹. Deshalb hatte Catherine den Rückzug angetreten und eine andere Strategie entwickelt.‹ ›Wenn du das für mich tust. ›werde ich dir das Geheimnis des ewigen Lebens verraten. mußte erleben. wurde von einer Stelle zur anderen verwiesen. 30 . das sie suchte. Sie hatte ihnen bislang wenig Bedeutung beigemessen. kein wirklicher Anker! Sofort fiel ihr ein. Wozu einen Anker aus Schilf? Sie zuckte zusammen. zuerst mit weicher Erde und dann mit Steinen.Bestechungsgelder. Plötzlich wußte sie die Antwort. Der Anker aus Schilf war ein Symbol. die ihr Anhaltspunkte für die Suche nach dem Weg der Juden bei ihrem Auszug aus Ägypten geliefert hatten. ›und vor mir stand eine wundersame junge Frau. daß der Anker in frühchristlicher Zeit eine symbolische Bedeutung besessen hatte und erst später vom Kreuz verdrängt worden war. Sie führte mich zu einem Brunnen und forderte mich auf. Der Anker war das Verbindungsglied zum Christentum. schrieb der Araber. Als Catherine jetzt Ibn Hassans Buch aufschlug.‹ Catherine blickte nachdenklich auf die Worte: ›Anker aus Schilf‹. der sie bislang weniger Aufmerksamkeit geschenkt hatte. um den Moses-Brunnen zu suchen. las sie nicht die Stellen. ›Eines Nachts erwachte ich‹. Sie blätterte bis zu einer Passage. daß Dokumente spurlos verschwanden. sagte der Engel zu mir. die sie jetzt jedoch nachdenklich noch einmal las. und schließlich lehnte man ihr Gesuch ab. deren Schönheit und Glanz mich blendeten. ihn zu füllen. Auf den Brunnen sollte ich einen Anker aus Schilf stellen. Ein Jahr darauf erschien sie wieder in Kairo und stellte den Antrag auf eine Grabungserlaubnis.

Ibn Hassan Abu Mohammed Omar Abbas Ali. einhundertneunundzwanzig Jahre alt zu sein. Catherine hatte diese Worte bisher als Prahlerei eines alten Mannes abgetan. bisher keine Hinweise auf einen MirjamBrunnen gefunden. Er beschrieb darin eine Expedition in die Wüste Sinai. der es liebte. Ich erzähle dies im hohen Alter von zweimal sechzig und neun Jahren bei bester Gesundheit und in dem festen Glauben. das sie nach vorsichtiger Schätzung um zweihundert nach Christus datierte.‹ Ewiges Leben. wundersame Geschichten zu erzählen. das Hungerfords Araber gefunden hatten. abgesehen von Ibn Hassans Erinnerungen. Aber jetzt… Sie blickte auf das Jesus-Fragment. In der Nacht wurden die Teilnehmer der Expedition von seltsamen Träumen 31 . Aber sie war bei ihren Nachforschungen auf das Buch eines deutschen Ägyptologen von 1883 gestoßen. und deshalb behauptete. Ich. der einem Schiffbrüchigen sieben Jahrhunderte später das ›ewige Leben‹ verhieß? Wenn es diesen Zusammenhang gab. daß ich nicht sterben werde. Ich konnte die einsame Küste verlassen und zu meiner Familie zurückkehren. Die Zelte standen unter einem steilen Felsen in der Nähe eines Brunnens mit dem Namen Bir Umma – Brunnen der Mutter.Sie blätterte zurück zur ersten Seite von Ibn Hassans Erinnerungen und las mit wachsender Erregung: ›Und so erhielt ich den Schlüssel zum ewigen Leben. und der Erscheinung eines Engels. Eines Tages schlug die Gruppe ihr Lager an der Küste im Osten des Katharinenklosters auf. Bestand ein Zusammenhang zwischen diesem Fragment. denn der Engel hat mir das ewige Leben zum Geschenk gemacht‹. wurde gerettet. was hatte der Hinweis auf ›Jesus‹ mit dem Mirjam-Brunnen zu tun? Catherine hatte. Zwei Worte stachen ihr ins Auge: ›Zoe aionios.

heimgesucht. um ihnen zu leuchten. der zu ihrem Entschluß führte. Die Israeliten waren dem Feuer und Rauch des Vulkans gefolgt und an diesen Ort an der Ostküste. Die Frau des Deutschen berichtete fast in denselben Worten wie Ibn Hassan von der Erscheinung einer überirdisch schönen jungen Frau. Man nannte das Gebiet dort ›das Land Midian‹. Catherine war hierhergekommen. Die Frage lag nahe. Mit einem Papyrus-Fund. Sie wußte. um einen Beweis für den Weg der Israeliten durch die Wüste zu finden und auch Hinweise auf die Prophetin Mirjam. ob die Ähnlichkeit der Erscheinung ein Hinweis darauf war. bei Nacht in einer Feuersäule. bei Tag in einer Wolkensäule. Deshalb kam sie zu folgendem Schluß: Das Gebirge befand sich an der Westküste Arabiens. denn dort hatten sie die ›Wolkensäule‹ bei Tag und ›das Feuer‹ in der Nacht gesehen. Sie überlegte: Was hat das Fragment und die Worte ›ewiges Leben‹ mit Ibn Hassans ›Engel‹. in dem das Wort ›Jesus‹ vorkam. Catherine entdeckte schließlich einen Anhaltspunkt im Alten Testament. hatte sie allerdings nicht gerechnet. an dieser Stelle zu graben. Exodus 13:21/22: ›Der Herr zog vor ihnen her. und die Feuersäule nicht bei Nacht. Die Wolkensäule wich bei Tag nicht von der Spitze des Volkes. So konnten sie Tag und Nacht unterwegs sein. es gab auf der Sinaihalbinsel keine vulkanischen Gebirge. daß Professor Krügers Expedition das Lager an der Stelle aufgeschlagen hatte. um ihnen den Weg zu zeigen. mit dem Traum der Frau des Ägyptologen und mit den Legenden 32 . an der Ibn Hassan Schiffbruch erlitten hatte. dafür aber in Saudi-Arabien im Osten des Golfs von Akkaba. auf der anderen Seite des Golfs gelangt. daß diese Bibelstelle sehr wohl einen aktiven Vulkan beschreiben mochte.‹ Catherine erkannte nicht als erste.

Sie hatte ein Planquadrat mit einem Raster angefertigt und dann mit den Grabungen begonnen. in denen immer wieder von Geistwesen oder Geistern berichtet wird. Sie wollte damit beginnen. Auf der dritten Ebene hatten sie eine Kalksteinschicht erreicht und den Einstieg zu einem Tunnel gefunden. In unmittelbarer Nähe der Sprengung waren die Arbeiter auf ein Loch gestoßen. das wie ein Tunneleingang wirkte. Plötzlich erinnerte sie sich. es war kein Traum gewesen. daß sie in der vergangenen Nacht ebenfalls einen seltsamen Traum gehabt hatte. als es draußen plötzlich laut wurde. Nein. Vor Beginn der Ausgrabungen hatte sie das Gebiet mit den neuesten geologischen Meßinstrumenten untersucht und an dieser Stelle das Vorhandensein eines ungewöhnlichen unterirdischen Tunnels festgestellt. Er fuhr pfeifend über den dunkelblauen Golf und mischte sich mit dem Lachen und Rufen von Hungerfords Arbeitern. ›Du abscheuliches Mädchen! Das wirst du büßen…‹ Catherine schob die Erinnerung seufzend beiseite und griff nach der Lupe. die das Geröll durchsuchten. Die Araber hatten etwas gefunden. um sie zu quälen. Ihr Herz schlug schneller. Eine Erinnerung. Der morgendliche Wind nahm an Heftigkeit zu. Ein Jahr später war sie auf der zweiten Ebene noch immer nicht auf Hinweise für eine menschliche Besiedlung gestoßen. die altgriechischen Worte zu übersetzen. Als Catherine jetzt in einem der Gräben stand. die sie mit großer Entschlossenheit verdrängt hatte. stellte sich erstaunlicherweise wieder ein. wo sie 33 . Catherine kniete im Sand und betrachtete die Öffnung. sie sprang auf und rannte ohne eine Erklärung zu ihrem Grabungsplatz zurück.der Beduinen zu tun. die an dieser Stelle den Menschen erscheinen? Catherine lauschte auf die Geräusche vor dem Zelt.

die die Einheimischen auf dem schwarzen Markt für die Schriftrollen vom Toten Meer und den ›Nag Hammadi‹Schatz erzielt hatten. der offenbar zu dem steilen Uferfelsen führte. daß er in Richtung der Sprengung verlief. schob sich mit den Ellbogen durch den Gang vorwärts und hielt den Strahl der Taschenlampe auf die endlose Schwärze gerichtet. Sie bewegte sich langsam. fiel ihr auf. Catherine band sich das Seil um die Hüfte. die das Jesus-Fragment zutage gefördert hatte. bis eine wissenschaftliche Klärung vorlag.diesen Tunnel entdeckt hatten. Was mochte sich am Ende des Tunnels befinden? Es gab nur eine Möglichkeit. Seit der Sprengung am frühen Morgen. legte sich auf eine der Paletten auf Rädern. Catherine hatte Hungerford vor dem abenteuerlichen Einstieg noch einmal ermahnt. Die Sonne stand bereits hoch am Himmel. mit denen sie das Geröll aus den Gräben transportierten. Staub und kleine Steine lösten sich von den Wänden. Es war bestimmt nicht das Ende des unterirdischen Gangs. Niemand kannte die Festigkeit des Gesteins. Im Innern wartete sie einen Augenblick. ein Auge auf seine Leute zu haben und dafür zu sorgen. das herauszufinden. 34 . waren nicht vergessen. das durch die Sprengung brüchig geworden sein mochte. Deshalb hatten sie ein Signal verabredet: Wenn Catherine einmal am Seil zog. daß alle in der Nähe blieben und niemand zum nächsten Telefon rannte – die Preise. würde man sie sofort herausholen. kein Wort über den Fund verlauten zu lassen. Catherine hatte ihre Gruppe angewiesen. waren drei Stunden vergangen. und machte sich mit einer Taschenlampe in der Hand auf den Weg. Der Gang war dunkel und eng. Trotzdem machte sie sich Sorgen. als Catherine in der Dunkelheit verschwand. Das Gerücht von dem sensationellen Fund kursierte vielleicht schon auf der ganzen Halbinsel.

Der Gang war so niedrig. daß die Decke des Tunnels im nächsten Augenblick einstürzen werde. Sie durfte vor allem nicht die Nerven verlieren. Catherine holte tief Luft. daß sie die meiste Zeit flach auf dem Bauch liegen und den Kopf einziehen mußte.Immer wieder rieselte Sand auf sie herab. War ihr Traum eine Warnung gewesen? War dieser Ort verflucht? Der Gang war plötzlich versperrt. Der Gang wand sich jetzt durch festes Gestein. Ihrer Schätzung nach war sie etwa fünfzig Meter von der Öffnung entfernt. hielt sie den Atem an und rechnete fast damit. und sie wünschte zu spät. der Tunnel sei nicht das Werk von Menschen. Neugierig musterte Catherine im Schein der Taschenlampe die relativ glatte Decke und die ebenso glatten Wände. Trotz aller Hindernisse und möglicher Gefahren ließ sie sich nicht beirren. Trotzdem stieß sie immer wieder gegen den Fels. die Khakishorts gegen Jeans ausgetauscht zu haben. Vorsichtig untersuchte sie das Hindernis und stellte zu ihrem Erstaunen fest. daß es sich um die Reste eines Korbes 35 . Nach einer Weile kam sie jedoch zu dem Schluß. wo Hungerford mit seinen Leuten stand und das Sicherungsseil abrollte. das aus einer unterirdischen Quelle stammte. Wasser für einen Brunnen? Trotz der Kühle trat Catherine der Schweiß auf die Stirn. was sich am Ende des Tunnels befand. Ihre nackten Knie waren auf dem rauhen Kalksteinboden bald aufgeschürft. Vorsichtig rollte sie auf dem Wägelchen weiter. Catherine liefen kalte Schauer über den Rücken. Möglicherweise war er durch ein Erdbeben entstanden oder von Wasser ausgehöhlt worden. entschlossen herauszufinden. Ibn Hassan und Krügers Frau hatten berichtet. und wenn sie die Palette zum Stehen brachte. hier seien Menschen lebend begraben worden. sondern ein natürlicher Gang.

Wieder rieselte Sand auf ihren Kopf. Der Korb löste sich mühelos aus dem Geröll. der senkrecht nach oben führte. »Ich meine in Dollars und Cents. Plötzlich entdeckte sie etwas Weißes. Hoffentlich würde sie nicht in den Brunnen fallen. und dann sah sie es. Dort lag ein Schädel! Der Schädel eines Menschen. wie sie für Bauten der Bronzezeit typisch waren. Was. meinen Sie. Der Boden war trocken. Sie griff danach und zog daran. Catherine kniff die Augen zusammen und wartete mit angehaltenem Atem. erwiderte Catherine und klopfte 36 . Der schwankende Lichtstrahl tanzte über die Steine.handeln mußte. Als sich die Staubwolke gelegt hatte. »Wie schätzen Sie diesen Fund ein?« fragte Hungerford und grinste. Sie verlagerte vorsichtig das Gewicht und streckte den Kopf vor. würde zum Beispiel ein Museum für das Jesus-Fragment zahlen?« »Museen zahlen nicht«. richtete sie die Taschenlampe nach vorne. die zum Teil noch von Steinen umgeben waren. daß die Wände aus großen unbehauenen Feuersteinblöcken bestanden. Dann rollte sie langsam weiter. Catherine sah. das sich offenbar durch die Sprengung gelöst und einen Teil des Schachts zum Einsturz gebracht hatte. Er hatte einen Durchmesser von etwa fünf bis sechs Metern und war über ihr verschlossen. Der unterirdische Gang ging weiter. Habe ich den Mirjam-Brunnen gefunden? Catherine richtete die Taschenlampe nach unten und blickte zitternd über den Rand. Der Tunnel mündete plötzlich in einen kreisrunden Schacht. Sie nahm die Korbreste zwischen die Arme und legte das Kinn darauf. Sie sah Steine und loses Geröll. um besser in die Tiefe blicken zu können.

« »Das heißt also«. was ich gefunden habe. »Und der Wert?« fragte Hungerford verdrießlich. sagte Hungerford mit gerunzelter Stirn. soviel Enttäuschung wie möglich in ihre Stimme zu legen. »Ich glaube.sich den Staub von der Bluse. verrottete Korb dafür verantwortlich. Catherine war über und über mit Staub und Sand bedeckt. Ich werde Professor 37 . daß die anderen ebenso enttäuscht waren wie Hungerford. »Die Webart des Leinens und die Verschnürung weisen auf eine nachbyzantinische Zeit hin. waren die Erwartungen der Leute gestiegen.« »Wie alt ist das Zeug?« fragte er und deutete auf das Bündel. das sie aus dem Tunnel mitgebracht hatte. »Aber freuen Sie sich nicht zu früh. der Korb gehörte einem der Einsiedler. während sich alle um sie drängten und neugierig den Fund anstarrten. überhaupt einen Wert hat. Sie stand zwar wieder im hellen Sonnenlicht und atmete den frischen Meereswind. von denen ich Ihnen erzählt habe. »Vielleicht siebtes oder achtes Jahrhundert«. die sie in dem engen unterirdischen Gang und am Rand des tiefen Brunnens erfaßt hatte. Alle hatten auf einen spektakulären Fund gehofft. »Je nachdem…«. antwortete Catherine und versuchte. daß seine Träume von Geld und Ruhm wie eine Seifenblase geplatzt waren. »es stammt nicht aus dem ersten Jahrhundert?« »Leider nein«. In der vergangenen Stunde. Bis jetzt wissen wir nicht. Ihre kastanienbraunen Haare waren wie mit Puder bestäubt. »Die privaten Sammler zahlen…« Sie sah Hungerford an. sagte Catherine und wich seinem Blick aus. aber noch immer saß ihr die Angst im Nacken. Erleichtert stellte sie fest. antwortete Catherine. ob das. als sei der schlichte. während sie den unterirdischen Gang erkundet hatte.

« Der Texaner schob die Hände in die Hosentaschen und ging kopfschüttelnd davon.« »Machen wir ihn auf. Wenn sich ihre Vermutungen bestätigten. Inzwischen sollten Sie an dieser Stelle keinerlei Arbeiten durchführen. daß ein Fund dieser Art in Gegenwart glaubwürdiger Zeugen geöffnet wird.« »Ja. Er kann uns bestimmt schnell Gewißheit verschaffen. Ich werde sofort Kairo benachrichtigen und die zuständige Behörde informieren. als sie es sich in ihren kühnsten Träumen vorstellte. um wieder ruhiger zu werden. bis das Gelände von den Regierungsbeamten untersucht worden ist. Sonst wäre hier die Hölle los. desto besser.« Catherine wich erschrocken zurück. Catherine log nur ungern. Sie blieb einen Augenblick in der Mitte des Zelts stehen. die zweitausend Jahre alt waren. Wir können inzwischen die Tennisplätze planieren. und je schneller sie die zuständigen Experten in Kairo informierte. Sie durfte auf keinen Fall auch nur andeuten. ja. Hatte Hungerford ihr geglaubt? Sie hoffte es. daß der Fund vermutlich eine weit größere Bedeutung hatte. Sie werden jemanden herschicken. Catherine ging eilig zu ihrem Zelt. die Ausgrabungen 38 . dann hatte Hungerford sie mit der Sprengung nicht zu einem Fund aus dem achten Jahrhundert geführt. Ich werde meine Leute dort drüben einsetzen. sondern möglicherweise enthielt der Korb Schriftrollen.Gottlieb in Jerusalem anrufen. Dieser Fund gehörte ihr. »Nein! Wissenschaftliches Vorgehen verlangt. Dann konnte keine Rede mehr davon sein. aber diesmal war ihr nichts anderes übriggeblieben. Ihre Gedanken überschlugen sich. zog den Reißverschluß der Zeltklappe zu und schaltete das Licht ein.

Sie mußte auf der Stelle zum Hotel Isis fahren und die Abteilung für Altertümer informieren. wenn sie die Behörde ein paar Minuten später informierte.vorzeitig zu beenden! Die Stiftung würde ihr die Geldmittel so lange zur Verfügung stellen. Ein Blick auf die Uhr erinnerte sie daran. Wenn sie nach Kairo berichten konnte. um die Arbeiten abzuschließen. wie sie brauchte. Eure Schwester. Wie konnte sie das erreichen? Sie blickte auf das Jesus-Fragment. griff nach der Lupe und begann zu lesen. Sie überlegte kurz. unseres Herrn Jesus. Und sie würde auch alle gewünschten Arbeitskräfte bekommen. Die Bürokraten in Kairo konnten erfahrungsgemäß so schnell nichts in Bewegung setzen. des verehrten…‹ Catherine zog die Augenbrauen zusammen. das sie noch immer nicht übersetzt hatte. das Alter des Fragments zu bestimmen. auf der Stelle zum Hotel zu fahren? Sie entschied. Als Catherine den Zündschlüssel für den Landrover suchte. ob sie sich die Zeit nehmen sollte. Offenbar handelte es sich um den Anfang eines Briefes. Aber Catherine brauchte sie hier auf der Stelle. hielt sie inne. ›Sabina. daß seit der Sprengung inzwischen mehr als vier Stunden vergangen waren. würde natürlich sofort jemand kommen. Ihr Magen knurrte und erinnerte sie daran. es könne nichts schaden. Doch Catherine interessierte sich im Augenblick nicht für Essen. im Haus der lieben Amelia. bis das Gelände von den Beamten gesichert worden war. grüßt Euch und segnet die Gemeinschaft des Gerechten. Das wußte jeder. Was 39 . daß sie nicht gefrühstückt hatte. Oder wäre es klüger. legte das Fragment unter die helle Lampe. Sie würde keine Minute Ruhe haben. daß das Fragment eindeutig aus dem zweiten oder dritten Jahrhundert stammte.

schreibt meine Worte an Euch nieder. Samir rief nach einer Kelle. daß nur meine Stimme zu Euch spricht. All das registrierte ihr Bewußtsein kaum.‹ Catherine stieß die Luft aus. Sabina sprach von Amelia. Kopfschüttelnd las sie weiter. Perpetua. Eine Frau war eine ›Diakonissa – Diakonin‹. suchte sie im Register und las: ›Diakonos (Strong’s Nummer: 1249-GSN) griechisch:‹Diener›. Wird heute übersetzt als‹Diakon›. An dieser Stelle möchte ich Euch jedoch warnen: Lest diesen Brief im geheimen. Prediger und Hüter des Sakraments. die Befehle des Königs ausführen) Täufer. In der Frühkirche waren Diakonai (die. aus einem Kofferradio kamen die Nachrichten eines Senders in Jerusalem. Es gab keinen Zweifel. deshalb ist eine genauere Übersetzung im 40 . ›Lest diesen Brief im geheimen und in Furcht um Euer Leben!‹ Was um alles in der Welt hatte sie gefunden? Sie las noch einmal den Anfang: ›… der lieben Amelia. Sie las den Satz noch einmal. liebe Schwestern. eine gesegnete Frau.bedeutete das nächste Wort: ›διάκονος – Diakonos‹? Diakon… Das konnte nicht sein. Catherine kannte die Anrede ›Diakonos -Diakon‹ aus anderen Schriften. ›Ich möchte Euch. zu der ich auf höchst wundersame Weise gekommen bin. in Sorge um Eure Sicherheit und in Furcht um Euer Leben. einer der Studenten lachte laut. aber nur in Verbindung mit einem Mann. einer Frau. Als sie das entsprechende Werk gefunden hatte. als ›Diakonos – Diakon‹. Aber zuerst sollt Ihr wissen. des verehrten Diakon…‹ Durch die dünne Nylonwand ihres Zelts hörte Catherine die üblichen Geräusche im Lager. etwas so Erstaunliches berichten. daß meine Stimme beim Reden zittert. während sie aufgeregt unter ihren Büchern suchte.

da hat dir Weihnachten sehr viel bedeutet. hatte er gesagt.‹ Als sie geschwiegen hatte. Danach werden sie abreisen. als ›Priester‹ angeredet? Das konnte nicht sein! Catherine schlug ein Schriftbeispiel in dem Nachschlagewerk auf.‹ Dann sagte er: ›Du kannst der 41 . Sie hatte ihn vor einer Woche aus dem Hotel Isis angerufen. Damals bekleideten jedoch nach der übereinstimmenden Ansicht von Theologen und Bibelwissenschaftlern keine Frauen das Priesteramt.‹ Catherine holte tief Luft. du kommst über die Feiertage‹. Liebste‹. besteht denn wenigstens die Möglichkeit. Ihr Blick fiel auf das Photo der Autorin auf der Rückseite. fragte er: ›Cathy. ›Ich hoffe. Außerdem sei Weihnachten für sie ein Tag wie jeder andere. Kein Zweifel: Sabinas Brief an Amelia mußte im zweiten Jahrhundert geschrieben worden sein. War Amelia eine Priesterin? Eine Frau wurde in einem Brief. Die ganze Familie ist zum ChanukkahFest hier. in dem das Wort ›Jesus‹ vorkam.Kontext des Neuen Testaments‹Priester›. Seine Antwort und der Ton seiner Stimme gingen ihr nicht mehr aus dem Sinn. ›Meine Eltern freuen sich darauf. die erstaunlichen Schlußfolgerungen in ihrer Tragweite zu erfassen. Sie klappte das Buch zu und versuchte. ›Es gab einmal eine Zeit. Beide stimmten beinahe völlig miteinander überein. dich wiederzusehen. Nur das hätte die Anrede ›Diakon‹ gerechtfertigt. griff nach der Lupe und verglich sorgfältig die Handschrift des Briefs mit den Buchstaben im Buch. sie könne die Ausgrabungen nicht unterbrechen. Plötzlich erinnerte sie sich an das letzte Gespräch mit Julius. daß nur wir beide Weihnachten zusammensein können? Du fehlst mir so. Aber sie hatte ihm erklärt. Cathy.

Cathy. aus denen eine wache Intelligenz sprach. Was beim Tod meiner Mutter geschehen ist. Aber Catherine sah nicht die Augen. Dr. als ihre Mutter kurz vor dem Ende alle ihre Erkenntnisse widerrufen hatte und die Kirche schließlich doch triumphierte… Verwirrt und innerlich aufgewühlt richtete Catherine ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Jesus-Fragment und das brisante Wort: ›Diakon‹. Nina Alexander hatte das Handbuch des Griechischen im Neuen Testament geschrieben. den meine Mutter gebraucht hätte? Sie blickte auf den Korb und auf das Loch im Geflecht. Behutsam legte sie das Jesus-Fragment in eine verschließbare Kassette und schob sie zusammen mit dem Korb unter ihr Feldbett. streitbaren Lebens. Habe ich den Beweis gefunden.Kirche nicht ewig die Schuld an allem geben. Sie hielt das ebenfalls abgerissene untere Ende ihres Fragments daran. Die beiden Papyrus-Stücke paßten zusammen.‹ Ihr Blick richtete sich nachdenklich auf das Photo. sondern sie hörte die tonlose Stimme ihrer Mutter am Ende ihres bewegten. Sie sah die 42 . Das Bild zeigte eine junge Frau mit lächelnden grünen Augen. war ganz allein die Schuld der Kirche. das Ende des Briefes nach den Worten: ›in Sorge um Eure Sicherheit und in Furcht um Euer Leben‹ befand sich in dem Korb. Wenn ich doch nur einen Beweis gehabt hätte…‹ Catherine wollte nicht mehr an den schmerzlichen Tag denken. als sie allein in einem Krankenhauszimmer lag und flüsterte: ›Sie hatten recht.‹ Sie hatte erwidert: ›O doch. ich hätte nicht tun dürfen. Dahinter entdeckte sie das abgerissene Ende eines Papyrus. Das bedeutete. was ich getan habe. das offenbar durch die Sprengung entstanden war. denn mir fehlten die Beweise. Catherine zögerte nicht mehr.

die manchmal die ganze Nacht dauerten. 43 . daß er es offenbar sehr eilig hatte. Zuerst würde sie Samir bitten. Catherines Plan stand fest. wenn das geschah. danach Daniel in Mexiko und schließlich feststellen. Sie vermutete. und ging um das Zelt herum. Als sie die Zeltklappe zurückschlug. hörte sie einen Motor aufheulen. In Kalifornien war es kurz nach Mitternacht. Hoffentlich war Julius zu Hause und nicht im Institut bei einem seiner Tests. Aber als sie sah. Die Abteilung für Altertümer in Kairo würde sie nicht anrufen. ihr Zelt zu bewachen. daß Hungerford in seinem Jeep in Richtung der Hotels davonbrauste. Er wird reden! In diesem Augenblick wußte Catherine. der Fund und möglicherweise sogar ihre persönliche Sicherheit in großer Gefahr. daß einer ihrer Leute zum Einkaufen nach Scharm el Scheich fahren wollte. Inzwischen sah die ganze Sache anders aus. verriet ihr die Staubwolke. dann Julius aus dem Hotel Isis anrufen. mit welchem Flugzeug sie Ägypten so schnell wie möglich verlassen konnte.Schlüssel für den Landrover neben dem Waschtisch. um hinauszugehen. steckte sie ein und blickte auf die Uhr. dann waren die Ausgrabung.

Liebling! Schnell. daß sich seine Stimme an der getäfelten Decke brach und von den weißen Wänden ihres beinahe tausend Quadratmeter großen Hauses aus Adobeziegeln widerhallte. Aber wie immer ließ sie sich sofort von seiner Begeisterung anstecken. Dann eilten sie durch einen mit Buntglas gestalteten Bogengang. daß sie beinahe rennen mußte. beeil dich!« Er lief mit ihr nach draußen und durchquerte dabei eine verglaste Veranda mit alten spanischen Möbeln und sehr bequemen Rattansesseln. hob erstaunt den Kopf. In den dreißig Jahren ihrer Ehe hatte es keinen einzigen Augenblick der Langeweile gegeben. »Du wirst staunen!« rief er so laut.Santa Fe. New Mexico »Erika! Erika. wo in Vitrinen Kultobjekte aus dem Zum Pueblo standen. Ein Chauffeur. Sie hatte keine Ahnung. Erika lachte. welche aufregende Überraschung Miles ihr zeigen wollte. »Aber Miles! Ich bin doch gerade…« »Das mußt du sehen. Er machte so große Schritte. kamen wieder ins Freie und liefen an dem privaten Golfplatz vorbei. Es konnte eine ungewöhnliche Wolkenformation oder ein neuer superschneller Mikrochip sein. Bei ihrem Mann mußte sie auf alles gefaßt sein. 44 . wo Gärtner sorgfältig den frisch gefallenen Schnee entfernten. komm schnell!« Miles Havers nahm die Hand seiner Frau und zog Erika aus dem Sessel. Sie liefen über den riesigen Innenhof. der einen schokoladenbraunen Corvette ZR-1 auf Hochglanz polierte – einen von dreiundzwanzig alten Corvettes aus Havers’ Sammlung -. um den Platz wieder bespielbar zu machen.

Erika war wie er Anfang Fünfzig. Das war ein vertrautes Geräusch auf dem Anwesen. wohin er sie führte – in das Tropenhaus. sie waren da – die Wachen. und Santa Fe galt als einer 45 . als sie ihrem Mann um den spanischen Brunnen aus dem fünfzehnten Jahrhundert folgte. aber sie wußte. und ein Schauer lief ihr über den Rücken. feingliedrige und vornehm wirkende Frau. Sie sah niemanden dort. Man hatte ihr gesagt. denn in diesem Monat kamen ungewöhnlich viele Menschen nach Santa Fe. als ihre Augen unwillkürlich in Richtung Golfplatz wanderten. Sie dachte verzaubert: Sangre de Cristo – Blut Christi – wirklich ein seltsamer Name für ein Gebirge… Ein kalter Wind fuhr durch ihre kurzen aschblonden Haare. aber noch immer staunte sie über das unvergleichliche Blau des Himmels von New Mexico. Erikas Blick richtete sich unwillkürlich nach Westen zu den Sangre de Christo-Bergen. Sie war eine zarte. in dessen Herzen sich ihr fünftausend Hektar großes Gelände befand. die intensive Färbung beruhe auf der geringen Luftfeuchtigkeit. denn der zweiundfünfzigjährige Miles Havers war ein begeisterter Jogger und trainierte zu jeder Tagund Nachtzeit seinen immer noch sportlichen Körper. Erika lebte inzwischen bereits zehn Jahre hier. die an diesem kalten Dezembertag in weißen Schnee gehüllt waren.Havers’ Sandalen klatschten laut auf den SaltilloFliesen. den man Stein für Stein. die so leichtfüßig ging. Es war eine Vorsichtsmaßnahme. daß ihre Füße kaum den Boden zu berühren schienen. gab Miles eine Geheimnummer ein. die Miles um das sechzig Hektar große Anwesen hatte Stellung beziehen lassen. Als sie die verschlossene Tür erreichten. Schließlich wußte Erika. um das Schloß zu öffnen. Fliese um Fliese aus Madrid hierhergebracht hatte. Die Jahrtausendwende stand bevor.

Sie alle sollten zugegen sein und als Zeugen in der Casa Havers die große Konvergenz erleben. auf die Erika und ihre New Age-Freunde hofften. das in weniger als drei Wochen beginnen würde. in anderen standen Gewächse bereits in voller Blüte oder waren mit Knospen 46 . so hieß es. Hollywood. Das Tropenhaus war. bescheiden ausgedrückt. sei inzwischen eine Geisterstadt. Man rechnete mit Erdbeben. riesigen Überschwemmungen. Es wurden über tausend Gäste erwartet.der heiligen Orte der Erde. Miles führte Erika voll Stolz in seine Miniaturtropen. und Erika schlug heiße. gute Freunde. Präsidenten. In sehnsüchtiger Erwartung auf eine spirituelle Offenbarung für die Welt und für sie persönlich hatte sie das letzte Jahr mit den Vorbereitungen für das ›Fest des Jahrhunderts‹ zugebracht. darunter Verwandte. und viele bereiteten sich sogar auf den Weltuntergang vor. Dünger und Moder lagen die betäubenden Düfte von Narzissen. Die Tür des Tropenhauses glitt geräuschlos zur Seite. da sich alle Stars aus Angst vor der großen Katastrophe in die sicheren Gebiete von Wyoming oder Montana und nach Manhattan zurückgezogen hatten. schweren Naturkatastrophen. eine Miniaturwelt. Sie gingen zwischen Beeten hindurch. die er in der Steinwüste sechshundert Meter über dem Meeresboden geschaffen hatte. feuchte Luft entgegen. in denen Ableger und aus Samen gezogene Pflanzen wuchsen. Geschäftsfreunde. Die Bevölkerung der ganzen Welt sah mit Spannung dem neuen Jahr entgegen. Nelken und Gardenien. Über den Gerüchen von Erde. bei dem die Heerscharen des Himmels die Mächte der Hölle besiegen würden. Berühmtheiten des gesellschaftlichen und religiösen Lebens. Stars und gefeierte Künstler. Erika hingegen freute sich auf das neue Jahrtausend.

Er blieb stehen und flüsterte: »Da…«. was er als richtig empfand. wir können in Zukunft den Dschungel in Ruhe lassen. Manchmal schlief er sogar hier im Gewächshaus. Schließlich legte sie lächelnd die Arme um ihn und drückte ihn an sich.« Erika wußte. Als Erika die Blüte mit den mitternachtsblauen Blütenblättern und den schimmernden grünen Blättern sah. »Und es ist mir doch gelungen! Das ist der Beweis. verständnisvoller Mensch. Miles! Das ist unfaßlich…« »Zygopetalum Blauer See«. das Krächzen von Papageien und das Geschnatter von Affen zu hören. Es war ein Abenteuer gewesen von dem Augenblick an. um sein ›Kind‹ zu pflegen. während er sprach. Das bewunderte sie an Miles am meisten. Es ist möglich.« Erika sah ihn an. der den Mut hatte. sagte er triumphierend. welche Mühe sich Miles gegeben hatte. als fürchte er. aber sie hat es geschafft. Schließlich erreichten sie die Stelle. In schattigen Grotten wuchsen üppige dunkelgrüne Farne und rankende Kletterpflanzen. die von geldgierigen und gewissenlosen Sammlern gefördert wird. Er war ein guter. Es hätte Erika nicht überrascht. Sie spürte seine Begeisterung in der schwülen Luft. »Man hat mir gesagt.übersät. erklärte er mit bebender Stimme. daß man mit wissenschaftlichen Methoden die barbarische Plünderung der Regenwälder aufhalten kann. hier in den Vereinigten Staaten gesunde Pflanzen unter künstlichen Bedingungen zu züchten! Das bedeutet. diese besondere Orchidee zum Blühen zu bringen. »Es war nicht einfach. Erika. wo Miles seine seltenen Orchideen züchtete. es sei nicht möglich«. als er die Knolle bei einem Züchter in Kalifornien gekauft hatte. das empfindliche Gleichgewicht der Biosphäre zu stören. legte sie die Hand auf die Brust und hauchte: »Oh. für das zu kämpfen. 47 .

das Land öffentlich anzuprangern. Erst am Tag zuvor war er aus Washington zurückgekommen. und Time Magazine hatte ihn kürzlich als Erfinder von Internet bezeichnet. Miles hatte sich schon immer für die weltweite Erhaltung der Umwelt eingesetzt. bei dem Sammler astronomische Summen für eine einzige Pflanze zahlten. Niemand wußte genau. Die Zeitschrift Forbes hatte den Nettowert seines Konzerns mit zehneinhalb Milliarden Dollar veranschlagt. daß Miles Havers – Golfspieler. diesen superreichen Computer-König. dessen rücksichtslose Ausrottung mancher Pflanzenarten Miles dazu veranlaßt hatte. Jogger und Drachenflieger – kaum in das Klischee eines 48 .Gewiß. daß der illegale weltweite Handel mit Orchideen. Im Augenblick kämpfte er auf einer höheren und sehr viel einflußreicheren Ebene. Er hatte alarmierende Zahlen vorgelegt. Er nutzte seinen Reichtum für die Lösung gesellschaftlicher Aufgaben. daß einige Arten bereits ausgerottet worden waren. Wie auch immer. karikierte man Miles oft als die ›Wühl-Maus‹. was alles zu Havers’ Elektronik-Imperium gehörte. Miles war ein Held seiner Zeit. die Dschungel ihrer natürlichen Flora so weit beraubten. wo er vor einem Senatsausschuß ausgesagt und strengere Gesetze zum Import seltener Pflanzen gefordert hatte. sein Einfluß reichte inzwischen um die ganze Welt. Da sein kometenhafter Erfolg und sein Reichtum auf seiner Zeit als Hacker beruhte. Sein Feldzug richtete sich besonders gegen Taiwan. Ganz Amerika liebte ihn. Taiwan die Mitgliedschaft in den Vereinten Nationen zu verweigern. Aber natürlich mußte niemand darüber aufgeklärt werden. und so liebte Erika ihren Mann. Deshalb unterstützte er die Bemühungen der USA. aber seine besondere Leidenschaft galt der Rettung gefährdeter Pflanzen und Tiere. die bewiesen.

Seine blondbraunen Haare waren immer jungenhaft zerzaust. auch das war ein Klischee. Sir. Havers trat zu einem Sprechgerät an der Wand. und als sich der Teilnehmer am anderen Ende meldete. Hast du etwas dagegen?« »Aber nein. gab eine Geheimnummer ein. Erika fand immer.« »Wer ist es?« »Der Anrufer wollte keinen Namen nennen. verbinden Sie. Gewiß.« Mit einem Blick auf Erika sagte er: »Entschuldige.« Sie gab ihm einen Kuß auf die Wange. daß er dem Alter nach bereits den Höhepunkt seines Lebens überschritten hatte. und man sah ihm nicht an. Miles Havers war in den Augen seiner Frau der Inbegriff von Klugheit und salopper männlicher Eleganz. Ich muß ohnehin noch einmal die Gästeliste für das Konzert durchgehen und den Maestro anrufen. Liebling. »Ja?« »Sie haben ein Telefongespräch. Der Piepser an seinem Gürtel meldete sich plötzlich. aber ich muß das Gespräch annehmen. Manchmal konnte sie es noch immer nicht glauben.« Miles begleitete sie zur Tür. die sich automatisch hinter Erika schloß. Das Gespräch kommt aus Kairo. aber es entsprach trotzdem der Wahrheit.« Miles kniff die Augen zusammen.Computer-Freaks paßte. sagte er: »Sprechen Sie. wenn ich zurückrufe. Es ist dringend. daß er wie ein Filmstar aussah.« Miles 49 . Er war schlank und muskulös. »Also gut. wenn sie an die Zeit zurückdachte. Dazu kamen die faszinierenden grauen Augen und sein unvergleichliches ansteckendes Lächeln. Dann nahm er den Hörer des Wandapparats neben dem Eingang ab. daß sie und Miles es soweit gebracht hatten. »Eine wundervolle Orchidee. in der sie als Hippies in einem VW-Bus durch die Vereinigten Staaten gefahren waren und in Woodstock nackt im Regen getanzt hatten.

wenn es geschah. »Und Sie sind sicher. Er hatte dieses besondere Gefühl längere Zeit nicht mehr erlebt. Eine vertraute. Gefahren gehören zu meinem tollkühnen Spiel »Sind die Behörden bereits informiert? Ich verstehe… Was ist in dem Korb? Stellen Sie es fest.‹ Miles hatte nach dem Telefonat tagelang nicht geschlafen. »Ein Korb?« fragte er und sprach unwillkürlich leise. »Ein Fragment?« fragte er. obwohl die mehrfach isolierten Scheiben des Tropenhauses keinen Laut nach außen dringen ließen. Die Transaktion wird sehr teuer werden. Das Wichtigste dabei war: Sie blühte nur zu seinem persönlichen Vergnügen. und halten Sie mich auf dem laufenden. und seine Lippen wurden schmal. ballte Miles unbewußt die freie Hand zur Faust. dachte er. daß in dem Schriftstück das Wort ›Jesus‹ vorkommt? Sind noch andere Fragmente oder Schriftrollen gefunden worden?« Als er die Antwort hörte. und das Entfernen der Knolle riskant. Havers… Zygopetalum Blauer See… eine sehr seltene Art. aber jedesmal. Dann endlich traf die kostbare Knolle von ›einem Züchter aus Santa Barbara‹ ein. Wie vor sechs Monaten war seine Beutegier erwacht. Nicht der Erwerb. gehörte das zu den unvergeßlichsten Augenblicken seines Lebens… Vor sechs Monaten hatte er einen Anruf aus Taiwan erhalten.« 50 . Mr. die man so gut wie nicht findet. sondern die Erwartung ist die Droge des Sammlers. In seiner privaten tropischen Welt blühte schimmernd eine atemberaubend schöne und seltene Orchidee. Die Ausfuhr ist illegal.hörte einen Augenblick lang zu. Jetzt wurde er belohnt. prickelnde Erregung erfaßte ihn. ›Ich habe eine Orchidee für Sie.

bis das Telefon summte. Sagen Sie Zeke. Sir. Stellen Sie fest. Wenn das der Fall ist. aber jeder. der sich Ihnen in den Weg stellt. Wie? Das überlasse ich Ihnen. »Zeke ist in der Leitung.Er beendete das Gespräch und wählte eine andere Nummer. daß ich ihn auf der Stelle sprechen muß.« 51 .« Miles gab ihm kurz die notwendigen Informationen und sagte dann: »Der Auftrag in Athen kann warten. dann möchte ich sie haben. wird ausgeschaltet. ob der Korb etwas mit dem Jesus-Fragment zu tun hat und ob es Schriftrollen gibt. Gehen Sie von Anfang an unauffällig vor. sofort. Begeben Sie sich nach Scharm el Scheich. »Rufen Sie in Athen an. Zeke. ich habe jeder gesagt.« Es dauerte keine fünf Minuten. Haben Sie mich verstanden?« Seine Stimme klang kalt. als er hinzufügte: »Hören Sie.

Selbst die sportlichen Touristen. Daniel in Mexiko zu erreichen. kaute auf der Unterlippe und überlegte. Catherine brauchte nicht viel Phantasie. Golf von Akkaba »Hallo? Senor?« rief Catherine in den Telefonhörer. »Sie telefonieren. Sein Lager befindet sich… Hallo? Hallo!« Sie starrte auf das stumme Telefon in ihrer Hand und stöhnte. sah sie Mr. Dr. Die vielen neuen Gäste in den Korbsesseln hinter den Kübelpalmen tarnten ihre wahren Absichten vermutlich mit der Lektüre arabischer und französischer Zeitungen. daß die Jagd der privaten Sammler auf den Fund begonnen hatte.Scharm el Scheich. die ihre Tauchausrüstung zum privaten Anlegeplatz des Hotels trugen. Catherine stemmte die Hände in die Hüften. fragend an. kamen ihr verdächtig vor. Daniel Stevenson zu erreichen. Vermutlich hatte Hungerford bereits am frühen Morgen mit einem einzigen Anruf dafür gesorgt. Frau Doktor?« Catherine fuhr herum. murmelte sie. wie die Nachricht von diesem Fund um den Erdball kreiste.« Sie hatte drei Stunden lang vergeblich versucht. Zehn Stunden waren vergangen. den Besitzer des Hotel Isis. Sie sah plötzlich in jeder Ecke Spitzel bei türkischem Kaffee. um sich vorzustellen. »Pech«. seit die Sprengung das Jesus-Fragment zutage gefördert hatte. was sie als nächstes tun sollte. Ein Blick durch die Hotelhalle machte sie noch mißtrauischer. Vor ihr stand grinsend Hungerford und nahm ihr mit seiner Leibesfülle den Blick 52 . »Ich bekomme keine Verbindung. Mylonas. »Nicht schon wieder!« Als Catherine zur Rezeption zurückkehrte. »Ich versuche immer noch. etwa wie Elektronen um ein Proton. Die Verbindung wird ständig unterbrochen.

« Ihr gefiel es überhaupt nicht.« Seine Augen richteten sich wieder stumm auf ihr Gesicht. Eigentum des ägyptischen Volkes. Die Behörde schickt die zuständigen Beamten. ob sein übliches anzügliches Gehabe diesmal von gewissen gefährlichen Untertönen begleitet gewesen war. »Sie werden es nicht glauben. Dann lachte er laut: »Aber natürlich! Da steht uns offenbar ein richtiger Medienrummel bevor. daß er die Sache mit den Zeitungen nicht glaubte. »Ich habe Kairo informiert.« Hungerfords blaßbraune Augen musterten sie fragend. was wir gefunden haben. wie er gesagt hatte ›unser Fund‹. Sie hatte sich die Lüge spontan einfallen lassen. »Ich warte auf den Rückruf… einer Zeitung«. »Natürlich. »Tut mir leid. 53 . Schließlich…«. in dem sich die letzten Strahlen der untergehenden Sonne spiegelten. Und wie wäre es mit einem Drink. daß sie die Behörde in Kairo informiert hatte. »ist das. im Keim zu ersticken. er zweifle daran. wo gerade eine Bauchtänzerin mit ihrer Darbietung begann. um alle möglichen Pläne.auf die Hotelveranda und den türkisfarbenen Swimmingpool. Das ist im Augenblick nicht möglich. freundlich zu bleiben. Dann zwinkerte er ihr zu. um unseren Fund zu feiern?« Catherine zwang sich. die er mit dem JesusFragment und dem Korb haben mochte. erwiderte sie gereizt. Catherine sah ihm nach und fragte sich. die anwesend sein sollen. Sie wurde den Eindruck nicht los. fügte sie schnell hinzu. aber genau das mache ich«. wenn wir den Korb öffnen. sie lächelte und sagte spitz. Sie werden morgen früh hier sein. Frau Doktor!« Er drehte sich um und verschwand grinsend in der Bar. Außerdem hatte sie den Eindruck. »AI Ahram und die Gazette möchten Reporter und Photographen schicken.

und man konnte sich immer darauf verlassen. landete sie sogar in einem ägyptischen Gefängnis. Plötzlich tauchte ein magerer kleiner Junge aus ihrer Klasse auf.Kalter Schweiß stand ihr auf der Stirn. Sie mußte vorsichtig vorgehen und bei der riskanten Aktion auch an ihre Sicherheit denken. Sie konnte Julius unmöglich in dieses Abenteuer hineinziehen. bevor es ihr gelungen war. die ängstliche Zehnjährige. Deshalb blieb nur Daniel. Catherine wußte. Zweifellos würde man zu drastischen Maßnahmen greifen. sie würde sich nicht durch mögliche spätere Konsequenzen von ihrem Entschluß abbringen lassen. daß Daniel stolz darauf war. daß Catherine sie nicht informiert hatte. Sie hatte Angst. ihr die Leitung der Grabungen entziehen und sie ägyptischen Archäologen übertragen… Wie auch immer. Er liebte das Risiko. Die Bande verhöhnte und verspottete sie. und wenn sie Pech hatte. wenn die Behörde in Kairo etwas von dem Fund erfuhr. als sie ihn kennenlernte. Eine Bande rauflustiger Jungen hatte sie. mit dem sie bisher aus Schüchternheit nie gesprochen hatte. Das war schon an dem Tag vor sechsundzwanzig Jahren nicht anders gewesen. vertrieb die Jungen mit seinen Fäusten 54 . Ägypten zu verlassen? Die Beamten würden mehr als ungehalten darüber sein. daß er etwas Unerhörtes tat. Aber dazu brauchte sie Hilfe. auf den sie sich hundertprozentig verlassen konnte… Auf der Fahrt vom Lager zum Hotel hatte Catherine beschlossen. Julius nicht anzurufen. einen fragwürdigen Ruf zu haben. im Schulhof in eine Ecke getrieben. Ihr Plan würde ihrem wissenschaftlichen Ruf schaden. Was würde geschehen. Sie wollte etwas Illegales und Unmoralisches tun. In dieser Lage gab es nur einen Menschen. Zuerst einmal mußte es ihr gelingen. das Fragment und den Korb aus Ägypten zu schaffen.

Danno. Sie mußte ihm die Information zukommen lassen. Er würde das Lager bald verlassen und sich auf den Weg zu dem Maya-Grab machen. In Mexiko war es kurz vor acht Uhr morgens. Dort wäre er die nächsten zehn Stunden nicht mehr erreichbar. Der Held war Daniel Stevenson und wie Catherine ein Außenseiter in der Schule. weshalb Catherine aus der Kirche ausgetreten und eine Rückkehr zum Glauben für sie ausgeschlossen war. als ich mit dem Schild um den Hals auf dem Hocker stand… Catherine blickte auf ihre Uhr. Nur Daniel verstand wirklich. du warst der einzige in der Klasse. Auch Daniel war in der letzten Nacht in ihrem Traum gewesen. Daniel hatte ihr in der finsteren Nacht vor ihrem dreiundzwanzigsten Geburtstag aus dem Abgrund geholfen. Sie kannte Daniels Arbeitsgewohnheiten. Sie tröstete ihn beim Tod seiner Mutter. Aber wie? 55 . und er tröstete Catherine. der nicht gelacht hat. Seit diesem Augenblick war Daniel für Catherine immer ein zuverlässiger Freund und sie seine Freundin geblieben. als sie ihre Eltern verlor.und rettete sie wie ein edler Ritter. So viel Zeit hatte Catherine nicht. denn er gehörte zu der quälenden Erinnerung.

Dann wurde es still. lacht am besten. Stevenson. Er lächelte glücklich. Der Ton brach sich an den feuchten Wänden der Grabkammer. und lachte. er hatte es geschafft. 56 . daß die Vorfahren der Mayas Überlebende des verschwundenen Kontinents Atlantis waren. Dr. Glückwunsch!‹ Daniel dämpfte das Licht der Laterne und erhöhte die Helligkeit auf seinem Bildschirm. Er konnte nachweisen. während er in der engen Grabkammer des Maya-Königs arbeitete und vom ohrenbetäubenden Lärm des Generators beinahe taub wurde. Danny Boy!‹ Daniel betrachtete glücklich die übereinanderliegenden Bilder auf dem Monitor. Cathy hatte ihn in den langen einsamen Wochen mit ihren Briefen und Telefonaten moralisch unterstützt. Dann schrieb jemand aus dem Institut in Santa Barbara: ›Wer zuletzt lacht. Schnell tippte er auf seiner Tastatur: ›Seht ihr es. und seine Stimme hallte dumpf in dem Felsengrab. Cathy… Sie als einzige hatte nicht gelacht. daß die Vorfahren der Mayas Minoer gewesen seien. um das Bild besser und schärfer zu bekommen. die sich nach dem Untergang von Atlantis an die Küste von Yukatan retten konnten. Endlich hatte er den Beweis erbracht. Houston? Habt ihr das Bild?‹ Kurz darauf erschien auf dem Bildschirm des Laptops die Antwort: ›Wir sehen es. Wenn doch Cathy diesen Augenblick seines Triumphs mit ihm hätte teilen können! Auf dem Bildschirm erschien ein lachendes ComicGesicht. das Ergebnis jahrelanger Arbeit. daß er mit seinem Examen in Physik und einer hervorragenden Dissertation. als er zum ersten Mal seine These aufstellte. Cathy hatte ihn daran erinnert. Kein Zweifel.Mexiko »Da ist es!« rief Daniel.

daß die Kunst von Chichen Itza und anderer Hochburgen der MayaKultur mehrere tausend Jahre nach der AtlantisKatastrophe entstanden sei. Er hatte mehrere Jahre mit der Suche zugebracht. die aus einer früheren Zeit stammten als alle derzeit bekannten. Seine Entschlossenheit. Und von Cathy hatte er gelernt. sagte sie immer wieder. es seien keine Ähnlichkeiten zwischen der Kunst der Ägäis und der des klassischen Mittelamerika nachzuweisen. das Recht hatte. wie man es noch nie zuvor gesehen hatte. führte ihn schließlich zu einem seltsamen Hügel im mexikanischen Dschungel.in der er die Genauigkeit der Datierung bronzezeitlicher Keramik mit Hilfe von Thermolumineszenz in Frage stellte. Allerdings 57 . daß es sich um das Grab eines bis dahin unbekannten MayaKönigs handelte. das lasse sich dadurch erklären. Beispiele der Maya-Kunst zu finden. hatte Luftaufnahmen studiert und die Computer mit immer neuen Daten gefüttert. Kunst und Kultur hätten sich in den dazwischenliegenden Jahrhunderten entsprechend entwickelt. Dann aber stieß er auf ein Fresko. ›Mach dir nichts daraus. den Beweis zu finden. Anstelle der korpulenten Gestalten mit schlaffen Armen und dicken Bäuchen. Alle erklärten. Aber Daniel erwiderte. so ernst genommen zu werden wie jeder andere Wissenschaftler auch. aber mit Beweisen. die an Besessenheit grenzte. Danno‹. drahtige Gestalten mit schmalen Hüften und schulterlangen schwarzen Haaren. Er kam deshalb zu dem Schluß. Dieses Ergebnis hatte ihm die widerwillige Anerkennung seiner Kollegen eingebracht. ›Stürze sie von ihrem hohen Sockel. Nach zwei Jahren mühevoller Ausgrabungen stellte er fest. sich gegen die Spötter zu wehren. die man in Bonampak fand. es müsse ihm gelingen. zeigte es schlanke.‹ Die Herausforderung hatte in der Tat darin gelegen.

Die Menschen auf dem Bild saßen zusammengekauert oder lagen auf dem Rücken. Das Fresko. als Atlantis unterging – seine Kritiker ließen sich jedoch nicht überzeugen. Einige gingen sogar soweit zu behaupten. aber die Spötter machten sich sofort wieder über ihn lustig. bei der ihre Vorfahren ertrunken waren. Unter den Kalkschichten einer zweiten Wand war Daniel auf etwas gestoßen. das Schlangen zeigte: die Vorläufer der Gefiederten Schlange. daß sich diese Menschen unter Wasser befanden und ertranken. Aus ihren Mündern stiegen seltsame Wirbel auf.hatten sie bereits die flache Stirn und die langen Hinterköpfe. sei der Beweis für seine Atlantis-Theorie. Die Archäologen deuteten solche gewundenen Bänder in der aztekischen Kunst als Symbole für Sprache oder Atem. Daniel dagegen deutete sie als Hinweise darauf. Wie. die erst Jahrhunderte später auftauchten. Dann legte Danno auf der dritten Wand der Grabkammer ein weiteres Fresko frei. Deshalb verwies Daniel auf die Wandbilder von Bonampak. daß auf 58 . könne man erklären. das weder in Mexiko noch irgendwo in Mittel. das selbst ihn verblüffte. so erklärte Daniel. bei den Spiralen handle es sich um Darstellungen der Atmungsapparate vorzeitlicher Astronauten. die Jahrhunderte später entstanden waren. Auf dem von Danno entdeckten Fresko hielten die Menschen Schlangen in beiden Händen – ein bekanntes Motiv der minoischen Kunst. Es handelte sich um ein Wandbild. die bei den Tolteken.oder Südamerika zu finden war. die ein Kennzeichen der späteren MayaKunst waren. Azteken und den Mayas als mächtiger Gott verehrt wurde. so hatte er gefragt. Jetzt hatte er allerdings einen noch klareren Beweis gefunden. Das neu entdeckte Wandbild zeigte die Geschichte der großen Katastrophe. Es glich aztekischen Darstellungen.

Sie stimmten beinahe völlig überein. daß die Batterie seines Laptop aufgeladen werden mußte. erklärte Danno: Diese Bilder erzählten die Geschichte des Untergangs von Atlantis. ›Mazel tow!‹ schrieben die Kollegen aus Santa Barbara. der Kopfschmuck erinnerte an Kraken. daß Daniel ständig Geldsorgen hatte. Das erlaubte ihm sowohl den Zugriff auf eine Kunst-Datenbank als auch auf ein Kunst-RekonstruktionsProgramm. Knie und Fingerspitzen wurden präzise übereinanderprojiziert und fehlende Stellen mit Hilfe des Rekonstruktions-Programms ergänzt.diesen Fresken des achten Jahrhunderts immer wieder das Thema Meeresleben auftauchte? Auf den Gewändern von Priestern und Herrschern sah man Langusten. einem Xircom PCMCIA V. Flossen und Seetang. In der Info-Box des Monitors erschien die Frage: ›Wo bleibt der Champagner?‹ Houston fragte: ›Wo bleibt unser Geld?‹ Das war ein alter Witz. Daniel hatte neben dem neu entdeckten Königsgrab sein Lager aufgeschlagen. Ein durchdringender Pfeifton machte Daniel darauf aufmerksam.34-Modem und einem Funktelefon hatte er eine CyberspaceVerbindung zu Kollegen in Houston und Santa Barbara aufgebaut. Weshalb sollte eine Gesellschaft im Dschungel Lebewesen und Pflanzen aus dem Meer darstellen? Aus einem einfachen Grund. Über eine Satellitenverbindung in Cozumel übertrug er die entdeckten Wandbilder in beide Institute.‹ Er seufzte und lauschte auf den heftigen Regen draußen 59 . Bestimmte Punkte wie Nasen. denn jedermann wußte. Dann verglich er sorgfältig eines der Wandbilder mit ausgewählten minoischen Darstellungen. Mit seinem alten IBM ThinkPad. Leute! Heute spendiere ich den Kaviar. Daniel nahm die Helligkeit des Bildschirms zurück und antwortete seinen Freunden: ›Danke.

damit sie auch nach zwanzig Jahren nichts von seiner Liebe wußte. das er an der Innenseite des Laptop-Deckels unter den Bildschirm geklebt hatte. Sie umarmte ihn. Ihn würde sie bestimmt nicht heiraten. es werde alles gut werden. Catherine hatte damals nichts davon geahnt. er spürte ihren schlanken Körper. daß sie einem anderen Mann gehörte. Aber Cathy hatte ihn gefunden. Der Duft ihres Parfüms stieg ihm in die Nase. drückte ihn an sich und flüsterte. denn er war sicher. So hatte er ihr Bild bei der Arbeit immer vor Augen. der ein Wendepunkt in seinem Leben gewesen war. Damals war er sechzehn. daß die beiden glücklich sein würden. Der unaufhörliche Regen ließ ihn an eine Szene aus einem Film denken. aber sie traf ihn trotzdem bis ins Mark. Einerseits wollte er. Die Nachricht überraschte Daniel nicht. daß ich ihn heirate‹. und Daniel hatte alles getan. in dem Wasserfluten den Helden im Dschungel von der Welt abschnitten. Warum konnte sie jetzt nicht bei ihm sein? Er sah sich traurig in der modrigen Grabkammer um und dachte an den Tag. obwohl sie in Wirklichkeit eines der schönsten Mädchen der Schule gewesen war. Wie schön wäre es. und er fühlte sich plötzlich niedergeschlagen.vor dem Grab. wenn Cathy mit mir feiern könnte… Leider hatte er nur ihr Photo. und plötzlich wurde aus seiner besten Freundin ein Mädchen. ›Julius möchte. daß sie Julius heiratete. weil sie sich für häßlich hielt. Cathy lachte und hielt abwehrend die Hand vor das Objektiv der Kamera. Andererseits konnte er den Gedanken nicht ertragen. Es war eine alte Aufnahme von der Schulabschlußfeier. Seine Freude schwand. Daniel machte sich keine Illusionen über ihre 60 . das er heftig liebte. hatte sie in ihrem letzten Brief geschrieben. Er hatte sich in der Waschküche verkrochen und schluchzte verzweifelt.

Voss‹ finden. etwas von der Begeisterung zurückzuholen. die ihn noch vor kurzem beflügelt hatte. aber sie würden nie ein Paar werden können. Das mußte sich Daniel jedesmal eingestehen. was schlimmer gewesen wäre. fiel ihm allerdings nichts ein.Beziehung. Er fand sich zwar nicht gerade häßlich. vielleicht sogar Seelengefährten. aber er wußte. wenn sie zusammen waren. Soll sie diesen Julius heiraten und ihr Glück als ›Mrs. Sie waren Freunde. Er war kleiner als Catherine. Catherine würde für ihn nie romantische Gefühle entwickeln. 61 . mit einem Mel Gibson konnte er sich nicht vergleichen. Es gibt Schlimmeres… Während Daniel auf den Monitor starrte und versuchte.

In diesem Sommer gab es kaum Änderungen im Tagesablauf: Aufstehen vor Sonnenaufgang. Aber Papadopoulos weiß nicht. und hat aus Athen einen Computer kommen lassen. um einen Freund zu erreichen. Sie erschien beinahe täglich. danach Auswertung der Ergebnisse des Vortags und dann… Es war ihr wieder eingefallen! Daniel saß vor der Arbeit regelmäßig am Computer und informierte sich via Internet über das.Scharm el Scheich. Hassan weiß es nicht. um Post abzuholen. »ich möchte Sie um einen Gefallen bitten. »Vor vier Jahren hat mir Papadopoulos erklärt. ein Gebiet in Chiapas zu kartographieren. Gelegentlich trank sie sogar mit dem siebzigjährigen verwitweten Besitzer Tee. und versorgte sich mit den nötigen Dingen. Nach einem Jahr kannte sie jeder im Hotel Isis. die ich brauche. weil Daniel dort ein verborgenes Grab vermutete. tauschte Gedanken und Informationen mit einer Gruppe von Freunden aus und las seine E-Mail. und Ramesch kann nur Briefe damit 62 . und ich weiß es auch nicht. nach Scharm el Scheich zu fahren. zuerst viel Kaffee. es ist Zeit. sagte sie jetzt zu ihm. Mylonas. wie sie Daniel erreichen konnte… Sie hatte ihm einen Sommer lang geholfen. Glauben Sie. »Mr. ich kann für ein paar Minuten den Hotel-Computer benutzen? Ich bezahle Ihnen natürlich die Gebühren für die Zeit. wie man einen Computer bedient. Mylonas«. Golf von Akkaba Plötzlich wußte Catherine. Schnell ging Catherine zur Rezeption zurück. wenn sie keine Zeit hatte.« »Beim heiligen Andreas!« sagte er lachend und schüttelte den Kopf. das Hotel zu modernisieren. was in der Welt geschah.

»Tut mir leid«. Ramesch. Frau Doktor. Und heute? Plötzlich wollen alle an den Computer!« »Alle?« »Ja. Catherine überlegte nicht lange und ging zum Büro im hinteren Teil des Hotels. Mylonas und widmete sich einem Gast. der Computer ist im Augenblick nicht frei?« Er nickte und zuckte entschuldigend mit den Schultern. Die Tür stand offen.schreiben. und sie blickte hinein. zum Beispiel Mr. wie viele Gäste diesen Computer benutzt haben. Mylonas. An der Wand hingen ein islamischer und ein westlicher Kalender. ebenfalls nicht. Sie mußte ihn erreichen. »Wer noch?« »Ein Gast. hatte 63 . Ich kann an den Fingern einer Hand abzählen. bevor er sein Zelt verließ. In Mexiko war es inzwischen halb neun. in ein anderes Hotel zu fahren. »Vielleicht können Sie es im Sheraton oder im Hilton versuchen. Hungerford.« Aber Catherine hatte keine Zeit. Aber am Computer saß jemand. der Geld umtauschen wollte. Er war groß. Daniel blieb nie länger als eine Stunde Online. sagte Mr. In den vergangenen fünf Monaten niemand. und am Deckenventilator baumelten klebrige Fliegenfänger. Die Sekretärin war nicht da. der heute am späten Nachmittag eingetroffen ist. ihr amerikanischer Freund.« Sie runzelte die Stirn. Er sitzt gerade am Computer. Der Mann drehte ihr den Rücken zu und tippte auf der Tastatur. der Stellvertreter von Mr. Der kleine Raum war vollgestopft mit ausrangierten Möbeln.« »Wollen Sie damit sagen. Neben mehreren altmodischen Telefonen mit Wählscheibe stand dort auch eine mechanische Schreibmaschine.

sagte Mr. damit ist dieser Computer eine Weile beschäftigt. »Entschuldigen Sie…«. Sosehr sie es auch gewollt hätte. Mr. ob ein Computer frei sei.« »Wie lange?« »Ein paar Stunden.breite Schultern und eine fast militärische Haltung. einen Priester um einen Gefallen zu bitten. An der Rezeption bat sie Mr. sondern einen Priesterkragen hatte. Er trug ein schwarzes Hemd mit kurzen Ärmeln und Jeans. Mylonas und hängte auf. Aber dann fiel ihr auf. »Aber alle Anschlüsse sind besetzt. ob der Computer frei ist…« »Ich habe gerade meine E-Mail abgeschickt und fürchte. Frau Doktor«. Sie wollte etwas sagen. Während sie wartete. trommelte sie mit den Fingern nervös auf das Gästebuch und starrte in die Richtung des Büros.« 64 . daß der Gast ein Geistlicher war. Sie räusperte sich noch einmal. Mylonas.« »Stunden? Warum dauert das so lange?« »Ich glaube. »Ich wollte Sie fragen. das Telefon in unserem Büro steht Ihnen zur Verfügung. Catherine warf erst einen Blick auf die Uhr. Sie war verwirrt. dann auf den Computer und schließlich auf den Priester. Catherines Blick verweilte unwillkürlich auf der betont männlichen Gestalt. Er hatte blaue Augen und eine sonnengebräunte Haut. im Sheraton anzufragen. »Ich wollte Sie fragen. Mylonas hatte nicht erwähnt. er hat ein 300-Bits-pro-Sekunde-Modem!« erwiderte er und lachte. Bitte. »Tut mir wirklich leid. ob…« Der Mann drehte sich um. Catherine räusperte sich und blieb in der Tür stehen. sie brachte es einfach nicht über sich. Er lächelte sie liebenswürdig an. überlegte es sich aber anders und drehte sich wortlos um. Vielleicht haben Sie diesmal mehr Glück. daß das schwarze Hemd kein normales Hemd war.

Sendezeit: l Std. daß er sich nicht ständig in der Nähe des Zelts aufhalten konnte. Daniel ihre Nachricht zu übermitteln und später mit dem Priester zu reden. um zu sehen. ob der Computer vielleicht doch schon frei war.Catherine vermutete. Er ist… Hallo?« Die Verbindung wurde unterbrochen. Die Meldung wirkte jedoch eher wie Hohn: »Gesendet: 1200 Bytes voraussichtl. 27 Min. preßte den Hörer ans Ohr und lauschte auf die veralteten Telefontöne. »Ja. Sie dachte an das Fragment und den Korb unter dem Feldbett. Sie hatte ihn gebeten. und ging zurück in das Büro. Danno«. »Bitte nimm endlich ab!« Sie warf wieder einen Blick auf die Uhr. Warum ist er noch immer hier? Warum ist er nicht bei seinen Leuten? Sie dachte an Samir. Stevenson zu erreichen. murmelte sie ungeduldig. »Verflucht…«. »Na los. Catherine wußte. Dr. sie durfte die Funde nicht länger allein lassen. War er bereits unterwegs zum Grab? Durch die angelehnte Tür hörte sie plötzlich lauten Beifall aus der Bar und Hungerfords unverkennbares Lachen. die um die halbe Welt gingen. »Hallo?« rief sie in den Hörer. dachte sie flüchtig daran. Aber was sollte sie tun. das Senden der E-Mail zu unterbrechen.« Während sie noch einmal versuchte. wenn sie Danno nicht erreichte? Ich fliege noch heute nacht. daß sie mit dem Anschluß hier mehr Glück haben würde als in einer Telefonzelle. Catherine wußte jedoch. Bestimmt kein sicheres Versteck. die Funkvermittlung in Cancun zu erreichen. Ich habe keine andere Wahl. dachte sie. und sie warf einen Blick auf den Bildschirm. Der Priester war nicht mehr da. 65 . ich versuche. ihr Zelt nicht aus den Augen zu lassen.

Catherine blickte ihm einen Augenblick nach. legte den Notizblock mit Daniels EMail-Adresse auf den Tisch und begann mit der Eingabe. Aber sein muskulöser Körper wirkte jugendlich und sportlich. sagte er knapp und verließ das Büro. Hinter ihm befand sich die Hotelhalle. Eine wahrhaft gute Kulisse für einen Diener der spirituellen Welt. dachte sie unwillkürlich und staunte über ihren Zynismus. daß er über vierzig sein mußte. Der Priester stand in der Tür. »Sie sind wohl kaum auf mich angewiesen. 66 . Warum löste dieser Mann so heftige Reaktionen bei ihr aus? Er betrat das Büro. dann setzte sie sich. ohne sie noch einmal anzusehen. Er war etwa einen Meter fünfundachtzig groß. Durch die Glastüren sah sie in seinem Rücken den feurig-goldenen Sonnenuntergang.« »Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?« »Ich möchte nicht gerne auf einen Priester angewiesen sein.« Er setzte sich vor den Computer. Seine große Gestalt füllte den Raum. der plötzlich noch kleiner zu sein schien. Die ersten Anzeichen von Grau in den kurz geschnittenen dunkelbraunen Haaren verrieten.murmelte sie. um jemanden zu erreichen. tippte etwas auf der Tastatur und stand auf: »Er steht zu Ihrer Verfügung«. »Ich muß unbedingt den Computer benutzen.« Er sah sie überrascht an. Sie legte auf und seufzte. »Was ist los?« Sie drehte sich verblüfft um. Eigentlich wirkte er überhaupt nicht wie ein Priester.

‹ In diesem Augenblick kam einer der Studenten mit einer Thermoskanne und zwei in fettiges Pergamentpapier gewickelten Päckchen in die Grabkammer. »Die Funkverbindung ist wieder zusammengebrochen. Meine letzte Batterie ist am Ende«. sieh dir das an!« Sein Assistent stellte das Frühstück ab und kauerte sich vor den Laptop. »Phantastisch! Danny. das Unwetter…« »Mach dir keine Gedanken! Komm. Es klang dringend. Käse und Paprika stieg ihm in die Nase. und der würzige Duft von Bohnen. Ihm war nicht bewußt gewesen. »Wer auch immer es gewesen sein mag«. sagte er mit vollem Mund. du hast es geschafft!« »Gerade noch rechtzeitig. »Wer wollte mich sprechen?« Der junge Mann reichte ihm eines der Päckchen. Als er hungrig das heiße Burrito zu essen begann. schloß er die Augen. wie ausgehungert er nach der Nacht in diesem Grab war. Sofort verbreitete sich in der Grabkammer der belebende Duft von Kaffee. Jemand wollte dich sprechen. »He. Er hatte die Arbeit nicht unterbrechen wollen und war nicht wie üblich ins Lager zurückgegangen.Mexiko Daniel hatte gerade seinen Net-Slogan eingegeben: ›Im Universum gibt es eine Quelle des Lebens. »Weiß nicht…« Daniel schlug das fettige Papier beiseite.« 67 . und niemand kann lange ohne diese Quelle leben. Danny!« rief der junge Mann und ließ seinen nassen Poncho auf den Boden fallen. wird er es schon noch einmal versuchen. »Wenn es wichtig ist. Aber ich glaube. erwiderte Daniel und schraubte den Deckel der Thermoskanne auf.

»Deine Batterie gibt gerade endgültig den Geist auf«. sagte sein Assistent. Der Bildschirm begann zu flackern. 68 . als eine Meldung erschien.

Zwei Männer in schwarzen Tauchanzügen saßen in dem Boot. Der Nachtwind heulte um das Zelt. Es klang. Einer der beiden warf einen Blick auf die Uhr. es davonzutragen. Sie wollte ihn öffnen. Gott sei Dank hatte sie Daniel über Internet erreicht. Sie hatten eine Stunde. Ihr Auftrag verlangte. Sie blieben abwartend stehen und lauschten auf Lebenszeichen. Trotzdem blieben sie wachsam und verloren keine Zeit. Aber es stand weit genug entfernt. Golf von Akkaba Das schwarze Schlauchboot schoß über das Wasser und erreichte den Strand. der auf ihrem Arbeitstisch stand. Er hatte gerade noch ihre Nachricht erhalten. Zwölf Stunden waren vergangen. seit sie den Korb in dem unterirdischen Gang gefunden hatte. Das erste in der langen Reihe der Touristenhotels hob sich schemenhaft vor dem Nachthimmel ab.Scharm el Scheich. sobald sie sicher sein konnte. um ihr Ziel auszumachen und ihrem Auftraggeber einen ersten Bericht zu erstatten. Als sie das sandige Ufer erreichten. daß im Lager alle schliefen. zogen sie das Boot hinter sich her aufs Trockene. als versuchten die Dämonen der Wüste. Aber in dieser kalten Nacht blieb alles dunkel und still. bevor der Mond über dem Golf aufging und sein fahles Licht auf das nächtliche Land warf. und die Männer konnten sicher sein. daß niemand sie gesehen hatte. 69 . Sie stellten den Außenbordmotor ab und sprangen schnell und lautlos ins flache Wasser. daß sie unerkannt in das Land kamen. Catherine seufzte und blickte unruhig auf den Korb. Sie entluden schnell das Boot.

der verehrte Priester… Catherine erschauerte. Während sie darauf wartete. Dabei schabte sie behutsam Sandkörner. Er roch nach Erde und Moder. Gab es wirklich so etwas wie Dämonen? Der Korb war nicht groß.bevor die Batterie seines Computers völlig versagte. Sie stand auf. Ein Teil der Verschnürung hatte sich bereits in Staub aufgelöst. in das er eingepackt war. mußte der Korb von einem anderen Ort hierher gebracht worden sein. Aber Catherine glaubte fest daran. nicht größer als ein Picknickkorb. Catherines Unruhe wuchs von Minute zu Minute. nutzte sie die Zeit. winzige Insekten und getrocknete Pflanzenteile von der Leinenumhüllung. nachdem der Hanf dem Sonnenlicht ausgesetzt worden war. Seit der Fund ans Licht gekommen war. den Korb ungestört öffnen zu können. Eine Stunde später rief er sie aus dem Dorf in der Nähe seines Lagers an. schienen seltsame Gewalten am Werk zu sein. Amelia. das Äußere mit der Lupe zu untersuchen. Catherine richtete sich auf und schloß kurz die Augen. ging zu dem Fliegenfenster und blickte über das dunkle Land. zerfiel. daß sich der sorgfältig verpackte Inhalt noch in einem guten Zustand befand und nicht zerstört worden war. Das Gewebe. Wie sollten ihre Nerven diese Spannung aushaken? Und sie hatte noch viel zu tun bis zu ihrer Flucht. Er sagte nur drei wundervolle Worte: ›Ich bin unterwegs!‹ Aber bis zu seiner Ankunft würde fast ein ganzer Tag vergehen. Woher? Ein besonders heftiger Windstoß traf das Zelt. In der 70 . um ihre Herkunft zu bestimmen. Da die Grabungen bisher keine Hinweise auf eine ständige menschliche Besiedlung dieser Gegend vor dem fünften Jahrhundert erbracht hatten.

aber sie konnte nicht riskieren. Er warf sein silbernes Licht über die einsame Wüste. 71 .Ferne sah sie die Lichter von Hungerfords Lager. die im südlichen Sinai wuchsen. daß die Juden beim Auszug aus Ägypten Sämereien und Stecklinge mitgenommen hatten. bei Grabungen botanische Funde zu sammeln und zu bestimmen. Als sie die Schärfe einstellte. daß Moses und Mirjam ihr Volk hier entlang geführt hatten. die am Strand entlanggingen. Leider hatte Catherine bisher jedoch nur Pflanzen gefunden. Sie setzte sich wieder an den Arbeitstisch. Ist er vielleicht noch dort? Im Lager brannte in zwei Zelten noch Licht. dabei gestört zu werden. Da manche Pflanzen in bestimmten Gebieten endemisch sind und in anderen nicht vorkommen. wenn sie an einem Ort längere Zeit blieben. Der Pflanzenrest unter dem Mikroskop ließ sich nicht sofort zuordnen. Er war noch immer im Hotel Isis gewesen. die sie aussäten und anpflanzten. Deshalb bestand ein Teil von Catherines Arbeit darin. daß sich einige ihrer Leute unterhielten. legte einen Pflanzenrest auf den Objektträger und betrachtete ihn unter dem Mikroskop. Catherine wollte den Korb so schnell wie möglich öffnen. Catherine war der Überzeugung. mit den Abbildungen und Zeichnungen im Text. würden Spuren von Pflanzen des Niltals an alten israelitischen Tonwaren ihre Hypothese erhärten. Sie blätterte in einem Buch über Paläobotanik. Sie hörte. erschien die senkrechte Falte zwischen ihren Augen. als sie sich auf den Rückweg gemacht hatte. blickte immer wieder in das Mikroskop und verglich das. Inzwischen war der Mond aufgegangen. In einiger Entfernung von Catherines Lager beleuchtete er auch zwei Männer. was sie sah.

Das Jesus-Fragment stammte nicht von einem der Einsiedler. Sie waren noch nicht lange in Richtung der Hotels gegangen. als sie sahen.Nachdem sie das Boot wieder ins Wasser geschoben hatten – sie brauchten es nicht mehr. daß ihnen jemand entgegenkam. die an der Schnur hing. die vor vielen Jahrhunderten hier in den Höhlen des Sinai gelebt hatten. mit der der Korb verschnürt worden war. murmelte Catherine zufrieden. »Bakschisch!«. Die winzige Pflanze. wie ihr Herz schneller schlug. Ihre Vermutungen waren richtig. Ihre großen Nylontaschen sahen wie normales Reisegepäck aus. Vorsichtig und mißtrauisch blieben sie stehen. wuchs nur im Negev und sonst nirgendwo auf der Welt. Er lächelte sie an und fragte: »Sie Amerikaner?« Seine Zähne blitzen weiß. Catherine las die Beschreibung im Buch. und niemand konnte es mit ihnen in Zusammenhang bringen -. Aber weshalb hatte man damals soviel Sorgfalt darauf verwendet. Es war ein junger Ägypter. den Inhalt zu verpacken. Das bedeutete. Die Blütenkrone war gut erhalten. und war mit dem Korb dann so weit 72 . denn die Form des winzigen Blättchens war eindeutig. kam ebenfalls von dort. Israel… das ist mehr als zweihundert Meilen entfernt! Wieder blickte sie auf den geheimnisvollen Korb und spürte. ebenso die Härchen am Stengel und am Blütenkelch. streiften sie schnell die Tauchanzüge ab und kleideten sich wie Touristen in weite Leinenanzüge und geblümte Hawaiihemden. »Origanum ramonense…«. die damit endete: ›… endemisch im zentralen Hochland der Negev‹. was immer sich in dem Korb befinden mochte. als er hinzufügte: »Ahlan wa sahlan!« und die Hand ausstreckte.

daß er einen schnellen Blick auf den Korb warf. Catherine hatte Samir als GrabungsAufseher eine solche Stelle verschafft.gereist. der Freunde oder Verwandte in der Behörde hatte. Vor dem Zelt räusperte sich jemand. aber er suchte eine Stelle. um ihn hier zu begraben? Woher waren die Leute gekommen? Wer waren sie gewesen? Und der Schädel? Hatte man jemanden zusammen mit dem Korb begraben? Und wenn das so war. um nach dem MosesBrunnen zu suchen. »Kommen Sie herein. daß sie nur darauf wartete.‹ Catherine zuckte zusammen. den Korb ohne lästige Zeugen öffnen zu können? 73 . Die Konkurrenz unter den Archäologen war groß. sah Catherine. Als sie nach Ägypten zurückkam. Samir war Examenskandidat in Ägyptologie. und er erklärte überglücklich.« Ahnte er. wenn es um einen einmaligen Fund ging. und meist bekam die begehrten Posten bei Ausgrabungen nur jemand. aus welchen Grund? ›Lest diesen Brief im geheimen. Konnte sie sich auch dann noch auf ihn verlassen. der ihn möglicherweise reich und berühmt machen würde? »Im Lager ist alles in Ordnung. Kann ich ihm wirklich trauen? Sie kannte den netten jungen Ägypter seit fünf Jahren. und Catherine stellte bald fest. Er war fleißig. Frau Doktor«. sagte er und fügte zu Catherines Überraschung hinzu: »Alle schlafen.« Als er eintrat. in Sorge um Eure Sicherheit und in furcht um Euer Lehen. daß sie sich voll und ganz auf ihn verlassen konnte. hatte Samir promoviert. Sein schneller Blick auf den Korb machte Catherine mißtrauisch. Dann hörte sie eine vertraute Stimme: »Frau Doktor?« Es war Samir. dafür sei er ihr ewig zu Dank verpflichtet. Sie hatten sich bei Ausgrabungen an der Nordküste des Sinai getroffen.

Sie tanzte jetzt zwischen den Tischen der Gäste und ermunterte sie. weil er die Reisepässe nicht zur Hand hatte. wie es ihre Aufregung zuließ. Sie durchtrennte vorsichtig die äußere Leinenumhüllung.Nachdem er gegangen war. Sie hieß Yasmina und wurde vom Hotel Isis als ›Rose des Ostens‹ angepriesen. Als sich der gewünschte Teilnehmer meldete. schloß sie den Reißverschluß des Zelteingangs und ging an den Arbeitstisch zurück. sagte er schnell einen einzigen Satz. als sie schließlich den Inhalt sah. Sein Partner stand am Telefon neben dem Aufzug. Ihre Augen wurden groß vor Staunen. An der Rezeption verlangte einer der beiden spät eingetroffenen Amerikaner ein Zimmer für die Nacht. In Wirklichkeit hieß sie Shirley Milewski und kam aus Bismarck.« 74 . Vorher vergewisserte er sich jedoch. Mit Pinzette und Schere machte sie sich so behutsam und langsam an die Arbeit. Er bezahlte bar und rundete den Betrag großzügig nach oben ab. Sand und kleine Steine wurden prasselnd gegen die Zeltbahnen getrieben. Catherine entfernte mit angehaltenem Atem die innerste Umhüllung. Der Wind pfiff und heulte um das Zelt. Sie brauchte nicht länger zu warten. Die Bauchtänzerin erreichte das Ende ihrer Vorstellung. Er sagte: »Wir sind am Ziel. daß niemand ihn beobachtete oder mithörte. Der Mond stand inzwischen hoch am Himmel und tauchte das Lager in ein geheimnisvolles Licht. ihr Dollarscheine und ägyptische Pfundnoten in das hautenge Kostüm zu stecken. entfernte die Verschnürung und schnitt präzise und ruhig wie ein Chirurg bei einer Operation durch die einzelnen Schichten. North Dakota.

Jemand mußte viel Mühe auf sich genommen haben. wasserdichte Stablampen. Sie wußten. Klappmesser aus Edelstahl. die hervorragend erhalten waren. sowie LANDSAT-Photos vom südlichen Sinai. Das Handwerkszeug ihres Metiers befand sich in den Reisetaschen – Nachtgläser russischer Herkunft. dem Suezkanal und dem Roten Meer. ihr vorübergehendes Einsatzzentrum funktionsfähig zu machen. ein gutes Trinkgeld. Sie tat es mit der Behutsamkeit und Vorsicht. damit sie nicht entdeckt wurden. verschnürt und in diesen Korb gepackt. mit dem sie überall auf der Erde ihre genaue Position bestimmen konnten. ein Laser-Entfernungsmesser. Man hatte sie in dünnes Leinen gewickelt.000 Volt und ein tragbarer GPSNavigator. der sie zu ihrem Zimmer führte. wie man unbemerkt in fremde Länder einreiste und sie ebenso unbemerkt wieder verließ. Die beiden Männer hatten jedoch weder Flugtickets noch Reisepässe.Catherine sah vor sich ›Bücher‹ aus Papyrus mit Ledereinbänden. Langsam schlug sie es auf. Trommelrevolver mit neunzehn Schuß und Laservisier und Kleinkalibergewehre mit Zielfernrohr hatten sie bereits am Strand in 75 . Dann verschlossen sie die Tür und gingen daran. die sie im Laufe der Jahre beim Umgang mit zerbrechlichen und seltenen Gegenständen gelernt hatte. Warum hatte man sie nicht einfach vernichtet? Warum waren sie mit so großem Aufwand begraben worden? Catherine nahm das erste Buch in die Hand. Betäubungsgewehre mit einer Leistung bis zu 200. Sie hatten auch präzise Landkarten der Küste des Golfs von Akkaba und Saudi-Arabiens mit sich. Die Amerikaner gaben dem Gepäckträger.

Schulterhalftern unter den Jacken verborgen. der die Verbindung mit ihrem Auftraggeber hielt. Es ist wie ein Akkordeon gefaltet und nicht an einer Seite gebunden. Der Junge war nicht stark und auch nicht schwer. in die Richtung. aus der sie gekommen waren. sprach sie auf Band. den 76 . wäre der Junge vermutlich noch am Leben gewesen. Zeke drehte sich nach seinem Partner um und sagte betont langsam: »Keine Zeugen…« Catherine drückte auf eine Taste ihres Diktiergerätes. Vor ihm lag das dunkle Wasser. Nach dem Ende der Bauchtanzvorstellung fuhren die Gäste laut hupend und mit quietschenden Reifen davon. aber sie hatten am Ufer Tafeln gesehen. Wenn der böige Wind nicht plötzlich die Waffen unter Zekes Jackett enthüllt hätte. trat auf den Balkon hinaus. Er warf einen prüfenden Blick hinunter zur Auffahrt. die leicht überlappend aneinandergeklebt sind. damit die Leiche im Wasser versank. Scharm el Scheich war unter Tauchern als eine der besten Stellen der Welt bekannt. die in englisch. Zeke überlegte. ob die Haie die Leiche des jungen Ägypters bereits gefunden hatten. Jedes Blatt ist beschrieben. Zeke. Der Text befindet sich auf den rechten. Der Einsatz konnte beginnen. Aber so war ihnen keine andere Wahl geblieben. »besteht aus typischen Papyrus-Seiten. Zekes Augen wanderten den Strand entlang nach Norden. Wie lange mochte es dauern. als ihn zu töten. bis man den jungen Ägypter vermißte? Aber auch das war nicht weiter wichtig. Geöffnet hat es die Standardlänge von zwanzig Seiten. »Das erste Buch«. arabisch und französisch vor Haien warnten. Sie brauchten nicht viele Steine. Außerdem hatte es keine große Mühe gemacht.

Der Wind drehte. Sie griff nach der Taschenlampe. sah sie. Er hielt schützend die Arme vor die Augen. Als sie ihm mit der Taschenlampe ins Gesicht leuchtete. Zuerst sah sie nur die Gräben und die Absperrungsseile. »Entschuldigen Sie. »Wer ist da?« Sie ging zum Zelteingang. »Fremde haben hier keinen Zutritt«. Sand wurde über die Steine gefegt. öffnete den Reißverschluß und blickte angestrengt in die stürmische Nacht. Catherine holte eine große Lupe und rückte die Lampe näher an den Papyrus. verließ das Zelt und richtete den Lichtstrahl auf den Grabungsplatz. Sie schob sich die langen Haare aus dem Gesicht und begann. »He.« Sie entfaltete behutsam den spröden Papyrus. die im Wind schaukelten. Plötzlich hörte sie vor dem Zelt ein Geräusch. die Worte des uralten Dokuments zu lesen. In den Zelten war alles still. Der Wind wurde zum Sturm und jagte mit einem gespenstischen Heulen über den Golf. das die Beduinen die Schreie der Verdammten nannten. Sie lauschte mit angehaltenem Atem. Aber dann entdeckte sie eine Gestalt. Die Wüste war in ein seltsam übernatürliches Licht getaucht. Ihre Leute schliefen.ungeraden Seiten. und sie hörte Ziegenglocken und hin und wieder das helle Meckern einer Ziege. Sie richtete sich auf und lauschte. Dann hörte sie ein anderes Geräusch – Schritte auf dem Geröll. »Hallo?« rief sie. daß es der Priester aus dem Hotel Isis war. ich dachte. An den Rändern sind horizontal verlaufende Fasern erkennbar. was machen Sie da?« rief sie und lief auf den Mann zu. es wäre nichts 77 . sagte sie und senkte die Taschenlampe.

Unwillkürlich überlegte sie. Wie ich sehe.« Er nickte. »Sie sind bestimmt Dr. bevor ich mit den Ausgrabungen fortfahre. Sie trug nur eine Bluse und Shorts. »Ja«. Am nächsten Tag standen bereits 78 . »Was suchen Sie hier?« wiederholte sie ihre Frage. etwas über den Fund in der Nähe von Bir el Dam gelesen zu haben. sagte er mit einer leichten Verbeugung und streckte ihr die Hand entgegen. erwiderte Catherine vorsichtig. würde ich auch alle Vorsichtsmaßnahmen ergreifen. Dann drehte er sich um und starrte auf die dunklen Gräben und die Geröllhaufen. Wenn das meine Grabung wäre.« »Das wissen wir noch nicht genau«. Catherine sah. wie er wohl seine Muskeln trainierte. ohne auf die Hand zu achten. sagte er. wie der Wind sein Hemd an den breiten muskulösen Rücken preßte. Ich war neugierig. »Ich warte auf einen Beamten der ägyptischen Regierung. wenn ich mich etwas umsehe. erwiderte sie und mußte mit der freien Hand ihre Haare festhalten. Alexander«. »Im Hotel erzählt man. Die Nachricht verbreitete sich in Windeseile. »Michael Garibaldi«. Ist es nicht etwas spät für eine Besichtigung?« »Ich konnte nicht schlafen. »Ich verstehe. Arbeiten Sie hier?« »Das ist meine Grabung. sind Sie nicht die Frau. daß hier eine Grabung durchgeführt wird. die mir den Computer ausgespannt hat? Haben Sie Ihren Freund erreicht?« Der kalte Wind ließ Catherine frösteln. Ich erinnere mich daran. daß Sie etwas Wertvolles gefunden haben. »Man hat mir im Hotel gesagt.Verbotenes.« Er blickte an ihr vorbei zu dem beleuchteten Zelt. damit sie ihr nicht ins Gesicht geweht wurden. Sie auch nicht.« Dann rief er gegen den Sturm: »Ach.

»Nennen Sie mich Mike. daß das Erdreich nachgibt«.« Sie richtete die Taschenlampe auf den Boden und führte ihn wie eine Platzanweiserin im Kino von den Gräben weg zum Lager.« Aber Catherine ließ sich nicht erweichen. Aber als sich jetzt Michael Garibaldis blaue Augen auf sie richteten. als sie erkannte.« Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: »Ich komme aus Chicago.« »Ach so…« 79 . Eigentlich bin ich schon wieder auf der Rückreise. daß Sie mich nicht mögen?« »Vater Garibaldi…« »Bitte«. daß ein Priester einem Menschen in die Seele blicken könne und wisse. und innerhalb einer Woche waren alle Fundstücke verschwunden.« Catherine blickte fasziniert auf seine blauen Augen. »Ich habe als Kind gelernt. ob man die Wahrheit sagte oder nicht.« Als sie noch immer schwieg. auf dem Gelände herumzulaufen. »Ich war gerade in Jerusalem«. Ich finde es nicht richtig. daß Priester auch nur Menschen waren. Sie dachte daran. sagte er leise. Für die Polizei ist die Wüste sehr. um etwas von der Sinaihalbinsel zu sehen. fragte er: »Warum lassen Sie es mich so deutlich spüren. meinen Urlaub zu verlängern. »Es besteht die Gefahr. »und habe beschlossen. falls Sie das interessiert. Und das gefiel ihr überhaupt nicht. überkam sie das seltsame Gefühl. Diese Illusion hatte sie verloren. daß man einen Priester mit seinem Titel ansprechen muß. Es ist zu gefährlich. sehr groß. »Wir können deshalb Fremden nicht erlauben. während er ihr folgte. unterbrach er sie lächelnd. er könne ihr tatsächlich in die Seele blicken. einfach ›Mike‹ zu Ihnen zu sagen.überall Zelte. wie sie als kleines Mädchen geglaubt hatte. sagte sie.

Er mußte ein sportlicher Priester sein. Sie sah Fältchen um seine Augen. um einen Nachtfalter zu verjagen. um mich zu bedanken. daß Sie nicht auf die Gunst eines Priesters angewiesen sein möchten. Vermutlich spielte er mit den Jugendlichen im Ghetto von Chicago Basketball. »Tut mir leid. vielleicht traf auch beides zu. Dann erwiderte er: »Und ich habe gelernt. Haben Sie ihre E-Mail später noch senden können?« Er lächelte wieder.« Sie dachte an die Papyri. und das Licht fiel auf ihn.« Catherine nickte. ließ sich von ihnen ›Mike‹ nennen und versuchte. 80 . »Im Hotel haben Sie gesagt. »Es ist spät«. Wenn er aus Chicago ist. »Ja.Er schwieg.« Er hob die Schultern. Leute. »Sie haben mir wirklich sehr geholfen. Mylonas sagte.« »Darf ich Sie noch etwas fragen?« Er trat einen Schritt auf sie zu. Sie seien in der Stadt. dann trägt er unter dem weißen Priesterkragen bestimmt ein blaues Arbeiterhemd. wenn jemand so freundlich ist. Ich habe nach Ihnen Ausschau gehalten. ein paar Stunden später. sagte sie. daß er auch muskulöse Arme hatte. sah sie. Vater Garibaldi. die Bemerkung hat mich neugierig gemacht. die ungeschützt auf ihrem Arbeitstisch im Zelt lagen. sie vor Drogen und Kriminalität zu bewahren. »Nun ja. daß man sich bedankt. Entweder war er oft in der Sonne oder er lachte viel. und sie hatte das Gefühl. Als er die Hand hob. die mit dem Katholizismus nicht vertraut sind. haben manchmal…« »Ich bin katholisch aufgewachsen. »Gute Nacht.« Inzwischen hatten sie Catherines Zelt erreicht. einem zum Beispiel einen Computer zu überlassen. er sei verletzt.« »Das war nicht persönlich gemeint. Aber Mr. dachte sie. der vor seinem Gesicht flatterte. Ich habe zwölf Jahre lang eine katholische Schule besucht.

empfand Catherine blitzartig eine Verbundenheit mit ihm. reagierte sie auf seine Männlichkeit. und sie ärgerte sich. Auch jetzt. als er sich umdrehte. »Aber Sie waren einmal eine gläubige Katholikin?« »Ja. daß Sie das. Sie holte tief Luft und dachte nach. nachdem sie wußte. daß sie den Fremden regelrecht haßte. Plötzlich wurde ihr bewußt. weil sie das Ganze zugelassen hatte. Vater. Sie ärgerte sich darüber. bemerkte sie den Priesterkragen und fühlte sich irgendwie betrogen. »Gute Nacht…« Sie reichte ihm die Hand. Sie verstand die seltsame Faszination nicht. hier finden werden.« Er räusperte sich und erwiderte: »Dr. Sie würde Garibaldi nichts von Vater McKinney und dem Abend erzählen. die er auf sie ausübte. an dem ihre Mutter gestorben war.Dann bin ich aus der Kirche ausgetreten. Nach einer Weile konnte sie sich die Antwort eingestehen. Als sie den Kopf hob. die sie verblüffte und gleichzeitig erregte. in ihm nur einen Priester zu sehen wie in Vater 81 . Dann. ich wünsche Ihnen.« Catherine sah ihm nach.« »Ach…« Er nickte. und ihre Blicke sich trafen. Alexander. früher…« Das war schon lange her. Er drückte sie fest. was Sie suchen. Es war ihr nicht möglich. daß er ein Priester war. Beim ersten Anblick im Büro des Hotels hatte sie als Frau auf einen gutaussehenden Mann reagiert. »Wenn Sie einmal nach Chicago kommen sollten…« Sie zog schnell die Hand zurück und murmelte verlegen: »Gute Nacht. Warum? Immerhin hatte er ihr aus freien Stücken den Computer überlassen.

Bei Sonnenuntergang hatte es noch nicht dort gestanden. Irgendwie fand sie das beunruhigend. 82 .McKinney oder Vater Ignatius. Mit Entsetzen stellte sie fest. Garibaldi hatte sich ihr vom ersten Augenblick an als Mann und erst in zweiter Linie als Priester präsentiert. Unförmiges aufragen. sah sie flüchtig am Rande der Ausgrabung etwas Großes. Als Catherine den Reißverschluß schließen wollte. daß es ein Beduinenzelt war. Diese beiden waren für sie nie Männer gewesen.

den Weihnachtsbaum zu schmücken. New Mexico »Wir sind am Ziel. Entweder Sie einigen sich oder Sie schalten den Mann aus. Mr. sagte Miles ruhig in den Hörer. an welche Stellen die bunten Glaskugeln von den geduldigen Dienstboten an die riesige Douglasfichte gehängt werden sollten. auch wenn Sie sich mit ihm einigen sollten. er witterte Gefahr und lauerte auf Beute. Havers. »Hören Sie«. Der Tiger war seine Intuition. Lassen Sie sich nicht auf irgendwelche Spielchen ein. wie Erika mit den Enkelkindern beriet.Santa Fe.« Aus Miles sprach der Tiger – die Bestie war vor vielen Jahren an einem Tag geboren worden.« Der Tiger hob die Pranke… 83 . Das Raubtier in ihm knurrte jetzt hungrig.« »Gut«. Nehmen Sie die Ware an sich und verschwinden Sie innerhalb von vierundzwanzig Stunden wieder aus dem Land. an dem sich sein Leben von Grund auf verändert hatte. aber dann wurde er ernst und sagte ins Telefon: »Wenn Sie die Kontaktperson treffen. »schalten Sie den Mann aus. Niemand darf etwas von der Sache erfahren. Die Kleinste kauerte vor der Krippe unter dem Baum und hatte plötzlich gerufen: ›Aber wo ist das Baby?‹ Erika hatte gelacht. Die Familie war gerade dabei. ihre entzückende Enkeltochter in die Arme genommen und geantwortet: ›An Weihnachten wird der kleine Jesus in der Krippe liegen!‹ Miles lächelte noch immer. machen Sie kurzen Prozeß. Ich wünsche kein Feilschen. antwortete Miles und ging mit dem Funktelefon außer Hörweite der anderen. Miles hatte zugesehen. Der Tiger in ihm war sprungbereit.

DER ZWEITE TAG 84 .

Eseln. Bussen. als sich der Landrover Catherines Ausgrabung näherte. stand Daniel auf und hielt sich am Rollbügel fest.« Sie fuhr ihm lachend durch die blonden Haare. du siehst ziemlich mitgenommen aus. daß sie ihn brauchte. »Gott sei Dank. »Du wirkst auch nicht gerade taufrisch…« Da hatte sie bestimmt recht. »Ich bin da!« rief er und winkte. Er war von oben bis unten mit Staub bedeckt. flüsterte ihm Catherine erleichtert ins Ohr. Daniel war zwar kleiner als Cathy. Als Danno sie schließlich zögernd losließ und aufmerksam betrachtete. die Haare waren schweißverklebt. 15. »Danno!« Sie rannte ihm entgegen. Golf von Akkaba Allmächtiger. Als sie jetzt in dem offenen Wagen über die Ebene fuhren. der ihn am Flughafen von Scharm el Scheich erwartete. Cathy hat etwas gefunden! Dann sah er sie. Wagen. Dezember 1999 Scharm el Scheich. daß du da bist…«. Um die Ausgrabung lag ein Ring von Zelten. Touristen und Arabern. hatte wenig erzählt. so glücklich wie in seinen Träumen. Er war glücklich. murmelte er betroffen: »Du meine Güte. Samir. wie sie vor ihr Zelt trat und eine Hand schützend über die Augen hob. aber sie trug Sandalen und er Nikes mit dicken Gummisohlen. dachte Danno. weshalb er unbedingt kommen sollte. Was ist denn hier los? Sie hatte ihm am Telefon nicht gesagt. und das T-Shirt mit dem Aufdruck ›Die Erfolge von Archäologen liegen in Trümmern‹ war fleckig und 85 . Er drückte sie fest an sich.Mittwoch. Er sprang vom Wagen und umarmte sie.

ich hätte draußen etwas gehört.« Catherine nahm ihn bei der Hand.« Sie legte den Finger an die Lippen.« »Der Zirkus da draußen läßt auf Gold schließen. mein Gott. Landkarten und Skizzen. »Laß deine Sachen im Wagen! Komm schnell in mein Zelt.zerknittert. »Was ist los?« fragte er verwundert. Kameras. Er wollte etwas sagen. Danno! Wir haben Schriftrollen gefunden. aber wie du siehst. Kellen und Eimer.« »Den Mirjam-Brunnen?« »Etwas viel Wichtigeres. In seinen Träumen eroberte er sie nie so verschwitzt und wenig attraktiv. schloß sie die Zeltklappe. lag alles kreuz und quer durcheinander. auf dem Flaschen und Gläser standen. Sie füllte zwei Gläser mit Mineralwasser. aber sie bedeutete ihm zu schweigen.« »Was ist denn los?« 86 . schloß sorgfältig wieder die Klappe und ging zum Arbeitstisch. »Willst du verreisen?« Sie reichte ihm das Glas und antwortete leise: »Ich bin eigentlich nicht mehr da. und sie sind alt. Chemikalien… Wie bei Cathy üblich. Als sie im Zelt standen.« Ihre Augen leuchteten. »Meine Leute sind wie üblich bei der Arbeit. Ich habe nur noch auf dich gewartet. sie sind sehr alt…« Sie schwieg beunruhigt und hielt den Atem an. Dann bemerkte er den offenen Koffer auf dem Feldbett. Pickel. Dann ging sie zur Fensterklappe und blickte hinaus. als sie leise sagte: »Wertvoller als Gold. daß wir etwas gefunden haben. Meßstäbe. ein Mikroskop. Schnur und Pflöcke. Bücher. Pinsel in allen Größen. Daniel sah sich im Zelt um: Schaufeln. Ein anderer Arbeitstisch war geheimnisvoll mit einem Laken verhüllt. »Ich dachte. weiß bereits alle Welt.

bis es bekannt wird. die vergangen waren. daß die Archäologen in der Nähe etwas gefunden hatten. war das nur eine willkommene Gelegenheit.« Zeke stand auf dem Balkon seines Hotelzimmers. Wenn es Konkurrenz gab. das bereits im Schatten lag. Von der Restaurant-Terrasse unter ihm drang erregtes Stimmengewirr herauf. Du wirst nicht glauben. Er blickte auf Jas Wasser. Zeke rechnete damit. Über den jungen Ägypter sprach bis jetzt niemand. »Niemand weiß. Zeke machte sich keine Gedanken darüber. Auch ihnen hatte man zugeflüstert. was ich dir jetzt zeige. Noch lassen sich die Neugierigen davon zurückhalten…« Catherine nahm sich nicht die Zeit. ihre Sachen sorgfältig zu packen.»Setz dich. Spekulationen und Gerüchte heizten die Stimmung an. Während Catherine die letzten Dinge in den Koffer packte. »Aber es ist nur eine Frage der Zeit. daß es noch ein paar Tote geben würde. Er wußte bereits. Er war noch nicht als vermißt gemeldet worden. Es klopfte an der Zimmertür. während die Sonne gerade hinter dem Sinaigebirge verschwand. daß unter ihm Wetten um die ›Ware‹ ausgehandelt wurden. Du hast die Absperrungen und Warntafeln um den Grabungsplatz gesehen. informierte sie Daniel flüsternd über die Ereignisse der sechsunddreißig Stunden. »Ich 87 . die eigenen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. die er für seinen Auftraggeber hier abholen sollte. bis sein Auftrag erfüllt war. sagte sie. Danno. Der Anbieter war da. seit Hungerford sie mit der Sprengung aus dem Schlaf gerissen hatte. daß ich den Korb geöffnet habe«.

« »Wenn ich mich recht erinnere. Der Beamte wird vermutlich noch heute abend eintreffen. Sie hatte eine Glasplatte über die wieder vollständige Seite gelegt. Hungerford hat geplaudert. es wird auch heute abend genug Ablenkung geben. Wie nicht anders zu erwarten. nicht vollständige Seite des vermutlich ›ersten Buchs‹ gelegt hatte. beschriebene Seiten zu falten 88 . als seien sie an runden Holzstäben befestigt gewesen. Ich hoffe. Es sieht aus. wie sie das Jesus-Fragment an die erste. Bei den Einheimischen ist abends immer irgendein Fest. ich kann verschwinden. Als Daniel an den Tisch trat. bevor jemand nach mir sucht. paßten die beiden Teile nahtlos aneinander.« »Warum mußt du dich wie ein Dieb davonstehlen?« »Ich brauche Zeit und muß Ägypten verlassen haben. Daniel beugte sich ehrfürchtig über das Blatt. Ich denke. Später hat man offenbar die Holzstäbe entfernt und die einzelnen Schriftrollen wie ein Akkordeon zu einem ›Buch‹ gefaltet. Mr.vermute.« »Cathy. wurde die Schriftrolle um das zweite Jahrhundert allmählich durch den Kodex ersetzt. Das erste ›Buch‹ war entfaltet. Mylonas vom Hotel Isis hat mir ausrichten lassen. »Warum sprichst du immer von ›Schriftrollen‹?« »Sieh dir die Enden an. daß jemand von der Behörde unterwegs hierher ist. während alle beim Abendessen sind. Man hat angefangen. Vorsichtig nahm sie das Laken ab und sagte: »Hier!« Catherine hatte die Schriftrollen ordentlich nebeneinandergelegt. erklärte ihm Catherine. ich verstehe dich nicht…« Sie richtete sich auf und ging zu der verhüllten Arbeitsplatte. aber dann möchte ich nicht mehr hier sein.

und am Rand zu befestigen…« »Ja. Die anderen fünf«. die ich gelb markiert habe. ich habe die Schriftrollen so nebeneinandergelegt.« »Und?« Sie reichte ihm den Notizblock. Ich habe mich gefragt: Warum hat man die Holzstäbe entfernt und die Schriftrollen gefaltet?« Er sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an. aber in diesem Fall sind die Seiten nicht seitlich befestigt. »War noch etwas in dem Korb?« »Nein…« »Hast du das alles schon übersetzt?« »Nur die erste Seite. Das erste Buch beginnt wie ein Brief und scheint die Geschichte einer Frau zu erzählen. Ein flaches Buch dagegen kann man ohne weiteres unter einem weiten Gewand verstecken. Siehst du. »Schriftrollen sind empfindlich und nicht so einfach zu verbergen. »Und was meinst du?« »Um sie leichter transportieren zu können«. und es sind keine einzelnen Blätter.« »Willst du damit sagen.« Hungerford musterte die beiden Fremden und ließ sich in den angebotenen Sessel fallen. Er sah die ersten Worte: ›Von Sabina…‹ »Lies die Stelle. wie man sie vermutlich lesen muß. Trotzdem sehen sie für uns wie Bücher aus. ich 89 .« Daniel blickte wie gebannt auf den entfalteten Papyrus. »habe ich noch nicht aufgeklappt. antwortete Catherine. die Besitzer dieser Schriftrollen wurden verfolgt?« »Möglicherweise. der über einen Meter lang und dicht mit schwarzen Buchstaben beschrieben war. »Ich muß gestehen. sie deutete auf die gefalteten Papyri.

Der Händler versprach. machen Sie das Geschäft doch für einen anderen.« Hungerford hatte sofort erkannt. Mylonas unter vier Augen unterhalten und dabei den Namen eines Mannes in Kairo erfahren. »Sie wollen die Sammler sein?« Er grinste. Hungerford war angenehm überrascht. nur der andere.hätte nicht so schnell mit einer Antwort gerechnet. in dem Jesus erwähnt wird‹. Vor allem nicht mit zwei Landsleuten. sich wieder bei ihm zu melden. sagte er jetzt. die Archäologin zu erwähnen. Leibwächter oder Abenteurer. um den Mann in Kairo über den neuesten Stand der Dinge zu informieren. Er unterließ es natürlich. Es war ein Händler für ›private Altertümer‹ wie Ramesch es ausgedrückt hatte. kam Hungerford zu dem Schluß. Der eine Mann blieb stumm. der sich als 90 . damit er den Mann auf die richtige Spur setzte. daß sie. Gentlemen«. hatte er sich sofort in seinen Wagen gesetzt und war zurück zum Hotel gefahren. aber nicht lügen konnte. als man ihm ein paar Stunden später aus dem Hotel die Nachricht überbrachte. ein ›Sammler‹ interessiere sich für das Fragment. zwar hübsch sein mochte. Im Hotel Isis hatte er sich mit dem Stellvertreter von Mr. daß die beiden nicht das große Geld hatten. aber er sprach von ›einem Papyrus-Fragment.« Nachdem Dr. Alexander mit dem Jesus-Fragment in ihrem Zelt verschwunden war. Hungerford hatte den Händler auf der Stelle angerufen. ohne jedoch allzuviel zu sagen. dachte er schon beim Betreten des Zimmers. Nachdem die Archäologin mit einem geheimnisvollen Korb aus dem unterirdischen Gang zurückgekommen war. »Also. »Wenn mich nicht alles täuscht.

»Ich habe nichts dagegen! Nennen Sie die Summe. Dann murmelte er: »Wenn bekannt wird. Es war nicht schwer zu erraten. Gentlemen. Was bietet Ihr Boß?« Daniel las leise: ›… ich weiß um das Ende aller Dinge und um die Wiederkunft des Gerechten. und daß wir nach all 91 . Er war nicht groß. »Bist du sicher. erinnere ich Dich an meine Warnung. Daniel kniff die Augen zusammen und nickte. das rechte Auge und den rechten Mundwinkel bis zum Kinn reichte. Zeke lächelte. »Unser Auftraggeber möchte anonym bleiben. daß dieser Typ schon mehr als einmal um sein Leben gekämpft hatte. ausdruckslose graue Augen und eine Narbe auf der einen Gesichtshälfte.« »Was steht noch in dem Brief?« Catherine übersetzte direkt vom Original: »Bevor ich meine Geschichte erzähle. liebe Amelia. »Das ist ein Grund. Offenbar waren seine Gegner bis jetzt immer die Schwächeren gewesen.‹ Er sah Catherine erstaunt an. daß eine JesusSchriftrolle gefunden wurde. weshalb ich keinem Menschen etwas davon gesagt habe. wann genau der Weltuntergang…« Er verstummte. die vom Haaransatz über die rechte Augenbraue. redete.« Hungerford zuckte die Schultern. bestand aber fast nur aus Muskeln und hatte kurz geschnittene weißblonde Haare. in der steht.›Zeke‹ vorgestellt hatte. daß das richtig übersetzt ist? Ich meine… das ist nicht zu fassen. Perpetua hat mir von den großen Leiden unserer Schwestern berichtet. Sie spricht eindeutig vom ›Jüngsten Gericht‹…« »Überzeuge dich selbst.« Sie deutete auf eine Zeile des Fragments.

« »Wie kommst du darauf?« Catherine ging zum Arbeitstisch zurück. »Sie waren alle in dem Korb.‹« »König Tymbos! Wer ist das?« »Keine Ahnung.« Daniel fuhr sich mit der Hand durch die Haare und ging nachdenklich auf und ab. Aber 92 . damit sie in Sicherheit sind. Ich möchte unter keinen Umständen.« Sie hielt die Lupe über die zweite Spalte und las weiter: »›… Tymbos. dann nimm diese Bücher mit zu König…« Daniel sah sie an. Dann zog sie ihre Reisetasche unter dem Feldbett hervor. »Warum schweigst du?« »Der Text endet hier auf dieser Seite. sagte er. es fehlt ein Buch. wenn ich alle Schriftrollen übersetzt habe. sie meint damit die Frühchristen?« Catherine ging zu ihrem Koffer und schloß energisch den Deckel. daß Schwestern unserer Gemeinschaft meinetwegen verfolgt werden. Ich habe keinen Hinweis darauf. Jemand rief den Neugierigen zu.« »Was für Schriftrollen sind das? Unbekannte Evangelien?« »Ich weiß nicht. daß noch andere Bücher mit ihnen vergraben worden sind. was ich Dir mitzuteilen habe. »Glaubst du.den Jahren der Gleichberechtigung mit den Männern in unserer Gemeinschaft jetzt zu Schweigen und Absonderung verurteilt worden sind. bei den Männern Empörung auslöst und sie Dich deshalb bestrafen wollen. Wenn das. Durch eine der Zeltklappen drangen von draußen Stimmen herein. Er blieb stehen und drehte sich um. »Die ›Gemeinschaft‹«. »Das werde ich wissen. sie sollten die Absperrung nicht übertreten. aber ich glaube.

sieh dir die letzte Seite von Buch sechs an… hier!« Sie deutete auf die letzte Zeile der letzten Seite. und eine etwas genauere Übersetzung wäre demnach: ›Ich fürchtete mich vor…‹« »›Vor…‹?« »Sie fürchtete sich vor etwas. daß die Geschichte weitergeht.« »Hat der Schädel.« »Hans Schüller?« Sie nickte.« Catherine nahm ihre Jacke vom Haken und legte sie auf den Koffer. Das weist darauf hin. Der Satz ist nicht zu Ende. »Ich kann ihm vertrauen. damit man dort so schnell wie möglich eine genaue Altersbestimmung mit der Radiokarbonmethode vornimmt. den du gesehen hast. Aber ich habe die Zeit genutzt und die Handschrift analysiert. dann wurde jemand in den Brunnen geworfen oder ist hineingefallen. da steht: ›… und ich hatte Angst…‹« »Das stimmt nicht ganz. Es fehlt ein Wort. »Ich habe eine Papyrus-Probe in die Schweiz geschickt. erwiderte er. Dieses Wort hier hat seinen Ursprung in dem Wort ›phobos‹. Er wird nichts verlauten lassen.« »Und?« »Nach einem ersten Überblick kann ich sagen zweites Jahrhundert. Es müßte also mindestens noch eine Seite oder eine siebte Schriftrolle geben. »Aber ich glaube. etwas damit zu tun?« »Wenn ja.« »Jemand?« »Vielleicht war es eine Frau…« Von weitem hörte man den Ruf des Muezzin von einem 93 . »Lies das…« »Mein Altgriechisch ist nicht sehr gut«.

daß es Zeit zum Abendessen war.« »›Amelia. denn er wußte plötzlich. daß er zu den wenigen Stipendiaten der Schule gehörte. sie war eine Diakonin. stand am Altar. Es roch bereits nach Lammbraten und Kaffee.« »Ein Schreibfehler?« »Das glaube ich nicht. die du gerade gelesen hast. Cathy. Das ist nicht ungewöhnlich. weshalb Catherine nicht die Behörde in Kairo informieren wollte… Der Grund war ihre Mutter. verehrte Diakonos…‹« Daniel runzelte die Stirn. daß eine Frau ein so hohes Amt bekleidete.Minarett: »Allahu akbar…« Der Gebetsruf zum Sonnenuntergang bedeutete auch. Wir haben nur dieses eine Beispiel. die Anrede. das griechische Wort für Diakonin ist Diakonissa. Es gibt nur eine einzige Stelle in der Bibel. Daniel hatte Dr. sieh dir die Seite. und die Pflichten der Diakonin beschränkten sich darauf. daß er auf der ›falschen Seite‹ der Stadt 94 .« »Wenn du beweisen kannst. daß die Schriftrollen aus dem ersten Jahrhundert stammen…« Daniel nickte ernst. Warum hast du die Behörde in Kairo nicht über den Fund informiert? Und warum willst du abreisen?« »Danno. Kapitel sechzehn.« »Du vergißt. Im Gegensatz zu den Eltern anderer Kinder hatte Catherines Mutter niemals Anstoß daran genommen. Hier. der Priester. denn der Diakon. Aber hier steht Diakonos. an der eine Frau mit dem männlichen Titel erwähnt wird – Römer. die Kranken und Alten zu pflegen. »Trotzdem verstehe ich dich nicht. »Nun ja. in meiner Übersetzung noch einmal an. Nina Alexander gut gekannt und sehr gemocht. Paulus spricht von Phöbe als Diakonos. Später wurde eine weibliche Form geprägt.

als Nina Alexander starb. sondern Maria Magdalena müsse die Nachfolgerin Jesu gewesen sein. im Krankenhaus gewesen und hatte mit eigenen Augen gesehen. daß Frauen als erste das leere Grab gefunden hatten. Und alles nur deshalb. eine weithin anerkannte Expertin auf dem Gebiet der Datierung von Handschriften. die auf der apostolischen Nachfolge beruhte und ihren Anfang damit nahm. »Du glaubst also«. Sie war immer freundlich zu ihm gewesen. Alle vier Evangelien berichteten. »die Schriftrollen könnten den Beweis dafür liefern. daß sie eine gebrochene Frau war. weil sie für das eingetreten war. nicht zu rechtfertigen sei. Daniel war in der Nacht. daß die Theorie deiner Mutter richtig ist?« Catherine antwortete ebenso leise: »Die Kritiker meiner 95 . wer sein Vater war. Darin behauptete sie. Beim Tod seiner Mutter war er neunzehn. und er war in ihrem Haus stets willkommen. fragte Daniel jetzt leise. Und in zwei Evangelien hieß es. Alexander zu dem Schluß gekommen. Berühmt wurde sie jedoch durch ein Buch. daß angeblich der heilige Petrus den auferstandenen Jesus als erster gesehen hatte. nicht Petrus. der sich aus Angst um sein Leben versteckt hatte. daß die Autorität des Papstes. daß der auferstandene Jesus zuerst Maria Magdalena erschienen war und nicht Petrus. woran sie glaubte. und Nina Alexander stand neben ihm am Grab und tröstete ihn. die erste der Apostel veröffentlichte. Catherines Mutter war Paläographin gewesen. Dieses Buch hatte Catherines Mutter die erbitterte Feindschaft der Kirche eingebracht. das sie unter dem Titel Maria Magdalena. Mit dem Neuen Testament als Quelle und als Beweis war Dr.wohnte und nicht wußte. so argumentierte Nina.

Wir wissen. daß im ersten Brief des Paulus an die Korinther. ein solcher Beweis konnte die katholische Kirche in ihren Grundfesten erschüttern. daß die Briefe des Paulus an die Korinther mindestens zwanzig Jahre vor dem Auftauchen der Evangelien in schriftlicher Form entstanden sind. Danno. bis draußen alle mit dem Abendessen beschäftigt sind. Maria Magdalena nicht erwähnt wird und auch keine andere Frau. wäre. Danno lachte leise. daß du die Bücher wegbringen willst. wenn diese Schriftrollen beweisen.Mutter haben darauf hingewiesen. »Kein Wunder. daß Petrus nicht der rechtmäßige Nachfolger von Jesus war und der Machtanspruch der Päpste auf einem Irrtum beruht!« Catherine wußte. in dem er über die Auferstehung spricht. Wir warten. daß Nostradamus das Ende des Papsttums und des Katholizismus für das Jahr 1999 vorausgesagt hat? Nicht auszudenken. Weißt du. daß deine Mutter recht hatte. ja nicht einmal das leere Grab. »Was für eine Frage!« »Ich muß noch ein paar Dinge vorbereiten. »Wenn sie Hinweise auf Frauen am Grab enthielten. Wenn die Behörden sie in die Hände bekommen. Was aber. und 96 . wenn diese Schriftrollen früher geschrieben wurden als die Briefe des Paulus?« Catherine legte die Bücher vorsichtig aufeinander. das ist eine heiße Sache. Cathy. »Dann wäre der Anspruch des katholischen Klerus auf das Priesteramt und das Papsttum nicht mehr zu halten. wirst du mir helfen?« Er lächelte. werden wir sie nie wiedersehen!« »Nur mit diesen Schriftrollen kann ich vielleicht die Ehre und den Ruf meiner Mutter wiederherstellen. vielleicht sogar auf Maria Magdalena?« Danno lachte leise. und deshalb besitzt sein Werk wegen der zeitlichen Nähe zu den Ereignissen größere Autorität. Danno.

der geringste Verstoß gegen eine der Regeln wurde hart bestraft. und wollten nicht zulassen.« Catherine legte die Bücher behutsam übereinander. Richtig? Was wäre.« »Das meine ich nicht. Denk an die Regeln ihrer Sekte.« »Wird in den Schriften vom Toten Meer nicht auch von einem Gerechten gesprochen?« Sie sah ihn an und schüttelte den Kopf. »Später wird Jesus in dem Text ›der Gerechte‹ genannt.brechen dann auf. in die Sekte aufgenommen zu werden. »Worauf willst du hinaus?« »Angenommen. daß jemand die Gemeinschaft verließ. die Initiation dauerte eine Ewigkeit und war grausam. »Hier steht: ›Jesus‹«.« Daniel blickte noch einmal auf die erste Seite der ersten Schriftrolle. die Essener kannten auch das Geheimnis des ewigen Lebens. die nicht zu ihnen gehörten. Diese mystischen Heiler galten als Hüter vieler uralter Geheimnisse. als Rom zuerst Jerusalem zerstörte und dann Massada. »Ja…«. Vielleicht haben sie sich deshalb so hermetisch gegen alle abgeschirmt. daß ihre Leute sich um das Lagerfeuer eines Beduinen versammelt hatten. das steht hier…« Catherine blickte durch die Zeltklappe. daß die Sekte verfolgt wurde. wenn ihre Geheimnisse nicht mit ihnen untergegangen sind? Vielleicht konnten sie die wichtige letzte Schriftrolle 97 . »Ja. murmelte er. Das Wort ›Essene‹ stammt von dem griechischen ›Essenoi‹ – Heiler. Sie sah. »Das hier ist kein Werk der Essener. Wenn ich mich nicht irre. Man glaubt. Warum? Die Antwort steht ebenfalls hier: ›Zoe aionios‹ – das ewige Leben. bestätigte sie und nickte. dann galten die Essener als Heiler. manchmal sogar mit dem Tod.« Er hob die Hand und zählte an den Fingern ab: »Es war schwierig.

die Archäologin zu besuchen. Ihr Boß wird das haben wollen. auf ein ewiges Leben in Fleisch und Blut! Jesus hat Tote zum Leben erweckt. dann sind wir vielleicht in der Lage. wollte der Texaner antworten. Möglicherweise enthält sie das Geheimnis des ewigen Lebens…« Catherine dachte unwillkürlich an die Worte des Ibn Hassan: ›… dann werde ich dir das Geheimnis des ewigen Lebens verraten. was ich 98 . Könnte das nicht ein Beweis dafür sein. sondern auf das Leben hier auf der Erde. Alexander war mit einem Besucher in ihrem Zelt gewesen.retten. in der steht. Das Glück war auf seiner Seite. »Viele Wissenschaftler behaupten. Mr. wann das Ende der Welt kommen wird. sie habe Schriftrollen gefunden. sehr alte Schriftrollen. »Ich sage nur soviel. daß er das Mittel zum ewigen Leben kannte?« Daniel setzte sich auf das Feldbett und stützte den Kopf in die Hände. und er hörte. die siebte Schriftrolle zu finden und können das Geheimnis des ewigen Lebens enträtseln!« »Bevor wir über Geld sprechen. sagte Zeke. »Cathy. wer Tymbos war und in welcher Stadt er als König geherrscht hat. seine Botschaft vom ewigen Leben bezog sich nicht auf das Leben nach dem Tod.« Ich habe etwas. Hungerford«. Aber Dr. Angenommen. um mehr über den Fund zu erfahren. Auf dem Weg zu diesem Treffen im Hotel Isis hatte er beschlossen. das wertvoller ist als die Kronjuwelen von England. daß Jesus ein Essener war und deshalb im Neuen Testament als Heiler auftritt. »müssen wir wissen. was Sie anzubieten haben. wenn wir herausfinden.‹ »Warum könnte der Gerechte nicht Jesus sein?« fuhr Daniel immer erregter fort. wie sie sagte.

konnte er ihr alles von sich erzählen. Sie verstummten und lauschten auf die Musik der Beduinen. nach den Wandmalereien in dem Königsgrab. Du bist um die halbe Welt geflogen und mußt völlig erschöpft sein. Cathy brauchte seine Hilfe. die zusammen mit dem Rauch von brennendem Kamelmist und süßlichen Haschischwolken in den dunklen Himmel stieg.anbiete. denn er wollte Cathy alles beim Wiedersehen erzählen. noch bevor Sie sagen können: ›Hier ist das Geld. »Danno…« Sie legte ihm die Hand auf den Arm. und Sie werden den Schatz vor sich sehen. Für ihn war es in diesem besonderen Augenblick das Schönste gewesen. Daniel hob sie auf und 99 . aber ich habe mich noch nicht einmal nach deinem Projekt erkundigt. sie beide ganz allein. Es war nicht der richtige Zeitpunkt. »Es tut mir leid. von Catherine zu hören: ›Du mußt unbedingt kommen!‹ Aber die Lage im Sinai war keineswegs zum Feiern geeignet. ihr seine Liebe zu gestehen… Als Catherine nach der Jacke griff. Er freute sich mit ihr über den sensationellen Fund. Später. Sie würden feiern. fiel die International Times vom Vortag aus der Tasche. in Kalifornien. und das genügte. »So. reden wir jetzt über die Summe. eine ganze Woche lang nicht mehr schlafen zu können!« Bei seinem Anruf aus Chiapas hatte er nichts von seiner Entdeckung erwähnt. flüsterte Daniel. Vielleicht würde er dann sogar den Mut aufbringen.« Er zwinkerte. Catherine zögerte. Du brauchst dringend Schlaf…« »Im Augenblick habe ich den Eindruck.‹« »Fertig?« fragte Catherine und nahm die Reisetasche vom Bett. »Fertig«. ihr von seinen Erfolgen zu berichten. Ich sollte das nicht von dir verlangen.

Dann merken meine Leute. fuhr Daniel fort. daß ich abreisen will. »Cathy«. wenn diese Schriftrollen das endgültige Aus für die katholische Kirche als Institution bedeuten. die in Erwartung der bevorstehenden Jahrtausendwende überall auf der Welt begangen wurden – Feste auf der Queen Elizabeth II und auf dem Eiffelturm. so daß sie das neue Jahr gleich zweimal feiern konnten.« Sie griff nach ihrem Koffer. und im Zimmer wurde es dunkel. wenn wir die Schriftrollen übersetzen. daß sie gerade jetzt gefunden wurden… zwei Wochen vor Anbruch des neuen Jahrtausends? Und was ist.« »Und was jetzt?« fragte Daniel. Schwarze Messen in den Höhlen von Karlsbad und in Machu Picchu. was geschieht. um in den Südpazifik zu fliegen. wenn uns die fehlende siebte Schriftrolle wirklich das genaue Datum und die Zeit des Weltuntergangs verrät?« »Das werden wir alles wissen. »Stell dir vor. Ich meine. und sie stehen ausgerechnet in der Nähe des Landrovers. ist es wirklich nur ein Zufall. Hungerford«. wich aber sofort wieder zurück. Besonders Kluge hatten Flugzeuge gechartert. Sie werden uns sehen!« »Na und?« »Er wird sich mit uns unterhalten wollen. »Gehen wir?« Catherine warf einen vorsichtigen Blick aus dem Zelt. die Sonne war untergegangen. »Wieder dieser Priester! Er unterhält sich mit einem meiner Leute.sah auf der ersten Seite den Bericht über die Verrücktheiten und Exzesse. wo die internationale Zeitgrenze zwischen zwei Inseln verlief. »ich möchte Ihnen ein paar Informationen über 100 . »Mr. »Was ist?« fragte Daniel. Zeke trat in den Lichtkreis der schwachen Stehlampe und verließ ihn sofort wieder.

Als dieses Gesetz verabschiedet wurde. und der illegale Handel mit diesen Dingen spielt sich seitdem nur noch unter Ausschluß der Öffentlichkeit ab. Deshalb beschränkt er sich mittlerweile auf eine Reihe ausgewählter Familien. daß Sammler. Wenn das Grundstück unbebaut ist. von denen die Behörden nie etwas erfahren. Hungerford. das Sie in Staunen versetzen würde. Mr.den illegalen Handel mit Altertümern und Antiquitäten geben. daß sie im Handumdrehen alle Gerüchte. »Also werde ich mich deutlicher ausdrücken«. Und nachdem die Grabungen beendet sind. »Ich bin nicht sicher…« Zeke trat so nahe an ihn heran. die viel Geld in alte Papyri investiert hatten. Es gibt ein Gesetz. dessen Einhaltung von der UNESCO überwacht wird. das an diesem Platz steht. Diese Familien besitzen ein unglaublich wirkungsvolles Nachrichtennetz. Das Netz sorgt dafür. die Zekes Gesicht durchschnitt. Sie lassen im Keller Ausgrabungen durchführen. Das führte zum Beispiel dazu. daß Hungerford die weißen Pünktchen um die Narbe sah. Hungerford. Ich will Ihnen ein Beispiel nennen. das aus einem Land geschmuggelt wird. trat es rückwirkend in Kraft. sagte Zeke freundlich. Können Sie mir folgen?« Hungerford runzelte verwirrt die Stirn. Danach muß jedes Stück. Mr. Wenn in Jerusalem das Gerücht kursiert. an seinen Ursprungsort zurückgebracht werden. Hinweise und Geschichten über mögliche Funde von Schriftrollen und Papyrusfragmenten erfahren.« 101 . daß an einer bestimmten Stelle ein Fund vermutet wird. dann kaufen die interessierten Sammler das Haus. wird es wieder abgerissen. »Der illegale Handel mit Schriftrollen wurde für viele Händler zu riskant. wird manchmal sogar ein neues Haus darauf gebaut. ihre Sammlungen nicht mehr öffentlich machen konnten. Dies wiederum löste einen interessanten Preisanstieg aus.

Sagen Sie uns alles.»Ich verstehe immer noch nicht…« »Ich versuche. aus dem das Fragment vermutlich stammt. Ihre Mitspieler.« Zeke bückte sich. als Sie sich vermutlich vorstellen können. ich habe nicht im Traum…« »Sie haben einen bestimmten Händler in Kairo angerufen und ihm gesagt. Hungerford. und ich kann Ihnen versichern. Ihnen klarzumachen. Hungerford. sah Hungerford ein Stilett in seiner Hand blitzen. und zwar schnell. Mr.« Hungerford trat der Schweiß auf die Stirn. aber als er sich wieder aufrichtete. Es geht dabei um sehr viel mehr. was Sie wissen. sie sind nicht dumm. wir haben den weiten Weg nicht gemacht. Hungerford. »Na ja. »Mr. daß ein Jesus-Fragment und ein Korb mit Schriftrollen gefunden worden ist. um Zeit zu verlieren. sind Ihre Gegner. Mr. als wollte er sich am Bein kratzen.« 102 . daß Sie sich auf ein Spiel mit hohen Einsätzen eingelassen haben.

wo sich die ganze Familie versammelt hatte – ihre drei erwachsenen Töchter mit Kindern und Ehemännern. Der Schamane blickte in die Zukunft. Sie waren gekommen. Der Pool war geheizt. Da der Schamane keine Antwort gab. Später. sich in der neuen Computerwelt einen Namen zu machen und Erika ihre drei Kinder großzog.Santa Fe. einer Bewegung. die von dem Holz des Mesquitestrauchs aufstieg. das in der heiligen Schale glühte. Sie beschäftigte sich mit New Age. während Kojote in den heiligen Rauch blickte. hatte ihren Glauben jedoch während der Hippie-Zeit in den sechziger und siebziger Jahren aufgegeben und sich den östlichen Philosophien und Religionen zugewandt. Die Sehnsucht in Erika dagegen schien nach dem Wissen der Alten zu verlangen. nach einer geistigen Nahrung. New Mexico »Was sehen Sie?« fragte Erika Havers besorgt. die auf den Verlust von etwas Lebenswichtigem hinzuweisen schien. New Age versprach einen geistigen Neuanfang. um mit ihnen Weihnachten und Silvester zu feiern. die 103 . der um seinen Kopf wirbelte? Erika war protestantisch erzogen. Was mochte er in dem Rauch sehen. Der Wasserdampf über dem Pool war sehr viel dichter als die dünne Rauchfahne. Dampfwolken stiegen in den blauen Himmel von New Mexico. richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf das Geschehen am Pool. zu der sich viele ihrer Freunde hingezogen fühlten. eine Leere. In letzter Zeit hatte sie jedoch eine seltsame Leere verspürt. schien jeder Gedanke an Religion aus ihrem Leben verschwunden zu sein. Erika konzentrierte sich wieder auf ihn. als Miles seinen ganzen Ehrgeiz daransetzte.

»Es ist sehr schlimm. der KachinaGeist sei aus eigenem Entschluß in die Erde zurückgekehrt. Havers. Er war Pueblo-Indianer und das Haupt der Antilopensippe. sich den Weg an die Oberfläche gebahnt hatten. verweilte nicht bei den Farben und Formen. Mrs. In seiner Obhut befanden sich die heiligen Kachinas. Er glaubte an den Weltuntergang. Das Ende der Welt ist wirklich nahe. die in den unterirdischen Regionen hausten. die Sonne habe die Pigmente aus seinen Augen gebleicht. Die Polizei sprach von Diebstahl. »Das sehen Sie im Rauch?« Seine Augen. Er blickte in das Wesen der Dinge. Von ihm hatte Erika etwas über Latiku. richteten sich auf die zierliche Frau mit den aschblonden Haaren. und so hieß er Luke Pifieda. nicht im Rauch. Sein Stammesname war jedoch Kojote. »Nein. hatte Kojote gesagt. um den 104 . Die Gesetze der Weißen zwangen seinem Volk seit mehr als hundert Jahren christliche und bürgerliche Namen auf. aber der Schamane erklärte. Dabei streiften seine langen weißen Haare das dunkle Lederhemd.« Erika verstand ihn. ›Er ist Soyal. erfahren. Eines Tages begegnete sie dem Schamanen in einer Ausstellung indianischer Kunst. weil das Ende der Welt bevorstand. die so hell waren. um in der Sonne zu leben. Das machte ihn zum geistigen und politischen Führer seines Dorfes. In seinem Dorf sagte man. Diesmal schüttelte Kojote langsam den Kopf.« Sie sah ihn ängstlich an. Aber er sah nicht das Äußere. Der Rauch ist leer. ›Soyal erscheint zur Wintersonnenwende. weil die Kachina des Pueblo Acoma verschwunden war.die Prüfungen der Zeit überstanden hatte. die Sonnenwend-Kachina‹. »Was sehen Sie?« flüsterte Erika noch einmal. Er hatte ihr auch die Geschichte von der Entstehung der Menschen erzählt. daß sie fast farblos wirkten. die mütterliche Schöpferin der Welt. als die Ahnen.

sondern wahrscheinlich auch seinen eigenen Rekord gebrochen. Lachend hielt er die Stoppuhr hoch. sein Geschmack und sein Verstand ebenso spiegelten wie in seiner vorbildlichen Familie und seinem unvergleichlichen Anwesen. Er hatte natürlich nicht nur gewonnen. betrachtete er sein Spiegelbild in dem Glas. Das ist sehr. Kurz darauf folgte er dem alten Butler ins Haus. daß Soyal nicht mehr da war. Er kommt als der erste aus der Kiva und geht durch das Dorf. und seine Stimme klang wie das Rascheln gefallener Blätter. Steht der Weltuntergang wirklich bevor? Der Anruf kam aus dem Sinai. hinter dem Pokale und Siegestrophäen standen. Deshalb können auch die anderen Kachinas nicht aus den Kivas kommen und mein Volk segnen.Beginn der Kachina-Zeit anzukündigen. damit sie aus der Geist-Welt auf die Erde zurückkehren können. sagte der Schamane. die ihm sein Trainer gereicht hatte. Erika wollte eine Frage stellen. daß der Butler auf der Terrasse erschien und neben Miles trat. 105 . sehr schlimm«. Er betrachtete sich gern und kannte keine falsche Bescheidenheit. und er hatte festgestellt. Damit bereitet er den anderen Kachinas den Weg. »Zum ersten Mal in der Geschichte meiner Sippe wird Soyal nicht erscheinen. daß sich in der jugendlichen Erscheinung sein Reichtum. seine Figur zu erhalten. als sie sah. Ihm gefiel die Vorstellung. Während Miles zuhörte.‹ Kojote war in die Kiva gegangen. Erikas Blick richtete sich wieder auf den heiligen Rauch. um die Ankunft der Kachinas zur bevorstehenden Wintersonnenwende vorzubereiten. Schließlich besaß er den Körper eines zwanzig Jahre jüngeren Mannes und arbeitete täglich daran. der nach dem Wettschwimmen mit seinen Schwiegersöhnen zufrieden aus dem Wasser stieg.

zu der nur er Zugang hatte. Stellen Sie zusammen. beschaffen Sie sich schnellstens die Schriftrollen und sorgen Sie dafür. besorgen Sie mir alles über eine Archäologin. Nachdem Zeke Bericht erstattet hatte. befahl er ihm zu warten und wählte eine andere Nummer. war er nicht in der Stimmung. die vor Erdbeben warnten. Zu solchen Dingen ist kaum jemand aus ihrer Branche bereit. und ein ausgeklügeltes Sicherheitssystem. wo sie wohnt. so fand Miles. Freunde… alles. Dort befand sich unter anderem ein Museum. zu seiner Familie zurückzukehren. wer ihre Kollegen sind. Catherine Alexander. was Sie finden können. in dem seine Schätze hinter Glas geschützt bei elektronisch gesteuerter gleichbleibender Temperatur und Luftfeuchtigkeit auf ihn warteten. sollte man den Erfolg auch ansehen. Ich möchte wissen. Alexander nicht in der Nähe ist. um später irgendwelche Aussagen machen zu können. Vergessen Sie Hungerford. Das Untergeschoß war ganz in den beruhigenden Pastelltönen der Wüste gehalten. Havers?« »Teddy. Deshalb beschloß er. Er hatte sogar Sensoren einbauen lassen. Ich brauche die Informationen schnell!« Mit einem Knopfdruck schaltete er wieder zu Zeke zurück. Der Teilnehmer meldete sich sofort. In einem besonderen Raum befand sich eine kleine Schaltzentrale. Von hier aus konnte er nicht nur das 106 . Mr.« Nachdem Miles aufgelegt hatte. Die Frau heißt Dr. »Ja.Einem erfolgreichen Mann. »Nach meiner Meinung kann man mit dieser Archäologin kein Geschäft machen. indirekt beleuchtet und gegen Störungen der Außenwelt schalldicht isoliert. daß Dr. hinunter in sein persönliches unterirdisches Reich zu gehen. ihre Bekannten.

um die Menschenmassen unter Kontrolle zu bringen. die bislang geschlossen waren. In England mußte das Militär eingreifen. Die ganze Welt schien im Fieber zu liegen. Die Medien berichteten Tag für Tag über religiöse Wahnvorstellungen und unerklärbare religiöse Phänomene – MarienErscheinungen. Sie war übrigens nicht die einzige. die mit Zelten und Wohnwagen nach Stonehenge pilgerten. Und Miles war besonders stolz darauf. Niemand. Miles ging zielstrebig durch das langgestreckte Museum zu einem Kabinett an der Stirnseite. daß ein Stück. die mit der Jahrtausendwende erwartet wurden. wußte von diesem Stück. gleichgültig wie alt. denn mit diesem Wahn ließen sich riesige Gewinne machen – vor allem deshalb. Statuen. Viele Menschen schworen. wie selten oder wie kostbar. aber inzwischen schienen sie den Großteil seiner Sammlung auszumachen. nicht einmal Erika.Museum. das Gesicht Jesu auf dem Tor einer Garage. Miles mußte in diesem Zusammenhang an Erika denken. wenn es von religiöser Bedeutung war. die in letzter Zeit auf spirituellem Gebiet nach Antworten suchte. sondern das Anwesen und seine Produktionsstätten auf der ganzen Welt überwachen. einen unschätzbaren Wert erhielt. Im Grunde hatte sich Miles nicht von Anfang an mit religiösen Gegenständen beschäftigt. und das gefiel Miles. jetzt offenstanden. daß die Augen des Gesichts auf dem Tuch. die Tränen vergossen. Die Menschen schienen das Unsichtbare sehr viel höher einzuschätzen als das Sichtbare. um dort den Katastrophen zu entgehen. Die aus Pappelholz 107 . und die Besucherzahlen brachen alle Rekorde. Das Grabtuch von Turin wurde in diesem Jahr öffentlich gezeigt. in dem sein neuester Zugang aufbewahrt wurde. Er hatte festgestellt. weil es ein religiöser Wahn war.

und aus dem geisterhaften Kopf ragte ein weißer Federbusch. In der linken Hand trug sie eine Adlerfeder. diese Statuette sei die kostbarste und heiligste aller Pueblo-Kachinas. 108 . Es war die Sonnenwend-Kachina. Miles betrachtete die Gestalt voller Ehrfurcht. Man sagte. Soyal gehörte jetzt ihm.geschnitzte Statuette war sechzig Zentimeter groß und gespenstisch weiß bemalt.

vielleicht auch ein paar Touristen. johlten oder auch drohend schimpften. Zeke sah nur wenige Weiße in der Menge. die sich heftig gegen 109 . die von den Hotels herübergekommen waren und das Spektakel eher unbeteiligt beobachteten. der Amerikaner zu sein schien. sondern hielt den Leihwagen in der Nähe des Lagers an. der eine Beduinin mit sich zerrte. daß die Putzfrauen Hungerfords Leiche erst am nächsten Morgen in der Badewanne entdeckten. Im Hotel hatte er das Schild ›Bitte nicht stören‹ an die Zimmertür gehängt. Alexander. Aber das Schild war keine Garantie dafür. Der Mann schrie auf die Frau ein. »Er sagt. die wie üblich von Kopf bis Fuß schwarz verhüllt war. daß nicht doch jemand aus irgendeinem Grund das Zimmer früher betrat. erwiderte der Angesprochene. Vielleicht hatte man den Toten schon gefunden… »Was ist denn hier los?« fragte er einen Zuschauer. seine Schwester habe Schande über die Familie gebracht. Golf von Akkaba »Was soll denn das bedeuten?« fragte Zekes Partner. »Der Mann ist ihr Bruder«. während die Umstehenden lachten. Das waren vermutlich Leute aus dem Lager von Dr. Zeke entdeckte einen westlich gekleideten Ägypter. Im Licht der Scheinwerfer sahen sie am Rand der Ausgrabungen eine aufgeregte Menschenmenge. Zeke gab keine Antwort. um sicherzustellen.« Zeke musterte die Frau. Diese Verzögerung gefiel ihm nicht. Zeke versuchte. Er fluchte leise. sich einen Weg durch die Menschen zur anderen Seite zu bahnen.Scharm el Scheich. aber er kam nicht weit. Die beiden Amerikaner sprangen aus dem Wagen und mischten sich unter die lärmenden Ägypter. wo sich das Lager der Archäologin befand.

Er wußte aber. daß die Frau schwanger war. Schließlich gelang es Zeke. bis die beiden Amerikaner ihren Leihwagen erreicht hatten. Das schwarze Gewand bauschte sich um ihren Leib und verhüllte alles. Ein Blick beruhigte ihn. Zeke startete den Motor und verfolgte die ›Geschwister‹ mit Vollgas. Zeke vergewisserte sich noch einmal. Plötzlich drängte sich ein Weißer durch die Menge und erhob laut Einspruch gegen die brutale Behandlung der Frau. Plötzlich stürzte die Frau zu Boden. Im Schein der wenigen Lampen konnte er nicht alle Gesichter sehen. Sie sahen. während die anderen noch lauter schrien. ob vielleicht auch Dr. wo sich ihr Zelt befand. sich aus dem Griff des Mannes zu befreien. »Das geht Sie nichts an!« rief der Bruder der Frau. die der schwangeren Frau und ihrem wütenden Bruder folgten. Die Menge bewegte sich langsam weiter und entfernte sich vom Lager. Sein Partner war beinahe gleichzeitig zur Stelle. verschwanden ihre Hände in den Jacken und umfaßten die Griffe ihrer Waffen. Nach seiner Kleidung zu urteilen. an den Menschen vorbeizukommen. Ohne ein Wort zu wechseln. Alexander unter den Zuschauern war. verrutschte das schwarze Gewand. »Komm mit!« Die beiden liefen los.ihren Bruder wehrte. »He!« rief Zeke und stieß seinen Partner an. bis auf die Augen. Als sie mühsam wieder aufstand. Als es ihr schließlich gelang. daß die Menge nur Augen für die Familientragödie hatte. In dem Zelt brannte Licht. Zeke ging eilig durch das Lager und erreichte das Zelt der Archäologin. 110 . sah Zeke. schien es ein Priester zu sein. Ein Teil der Leute stimmte ihm zu. daß sie Nikes trug. wie der Ägypter die ›Beduinin‹ in einen Landrover zerrte und in einer Staubwolke davonraste. Zeke fragte sich. und Zeke sah. Die Umstehenden johlten. Es dauerte nicht lange.

Miles spezialisierte sich auf die großen Filmstars der Vergangenheit und erwarb die Exklusivrechte an Rudolpho Valentino. Er digitalisierte sie in den alten Streifen und konnte die Stars durch Manipulation winziger Informations-Pixel in neuen Filmen ›einsetzen‹. der an diesem Projekt beinahe ein Jahr gearbeitet hatte. Der Film war das Ergebnis seiner neuesten technischen Errungenschaft. und produzierte sie als brandneue CD-ROMs. C. Jeder würde künftig in der Lage sein. Es funktionierte besser als erwartet. Sie wurden reproduziert und ins Net eingespeist.Santa Fe. damit jeder über das World Wide Web Zugriff hatte. und Erika ahnte nichts.‹ Dann küßte er sie leidenschaftlich. lächelte Miles zufrieden. Als die Lichter in seinem privaten Filmtheater mit den dreißig dunkelroten Polstersesseln angingen. Die Leinwand wurde dunkel. Die Idee dazu stammte aus der Zeit. Dianuba Technologies sicherte sich die Rechte an Literatur und Filmen. W. als sein Konzern damit begonnen hatte. mit einem PC und einer normalen Videokamera 111 . New Mexico Humphrey Bogart nahm Erika Havers in die Arme. deren Copyright verjährt war. die dem Benutzer zum Bearbeiten von Filmen die raffiniertesten Spezialeffekte der Filmtechnologie zur Verfügung stellte. Sie würde begeistert sein. Fields und zahllosen anderen. Sogar Miles. Es handelte sich um eine Software. am Weihnachtsmorgen ihr Gesicht zu sehen. blickte ihr tief in die Augen und sagte: ›Uns bleibt immer noch Paris. staunte über das Erreichte. Er konnte es kaum erwarten. und der rote Samtvorhang schloß sich geräuschlos. die Digitalisierungsrechte berühmter Kunstwerke zu kaufen.

fit und gesund zu bleiben. daß Miles mit seiner Gesellschaft zum weltweit führenden Software-Hersteller geworden war. Miles verließ das Kino und ging durch einen der verglasten Innenhöfe. aber Butterfly. Er blickte auf die schneebedeckten Berge und den dunkelblauen Himmel. mit dem eine Frau dem Mann ihrer Träume begegnen konnte. der uns gefällt. Ohne Erika. was für ein glücklicher Mann er war. Erika hatte gesagt: ›All diese aggressiven Computerspiele werden für Männer gemacht. Sie spielte mit ihren Töchtern ein Doppel. Warum gibt es eigentlich keine Computerspiele für Frauen? Ich denke da an Liebesgeschichten. über die sie vor vier Jahren eher beiläufig gesprochen hatte. Auch Erika achtete darauf. die die fächerartig angeordneten Flügel des großen Anwesens miteinander verbanden.‹ Inzwischen gab es unzählige Imitationen. war sogar dafür verantwortlich. selbst mitspielen könnten? Ich würde mich so gern einmal als Elsa in Casablanca sehen!‹ Erikas Vorschläge fielen bei ihrem Mann immer auf fruchtbaren Boden. veralteten Modem und keinem Penny 112 .einen Film mit einem berühmten Star als Partner zu produzieren. Erika hatte ihm den Anstoß zu diesem Projekt gegeben. sagte sie anschließend zu Miles: ›Wäre es nicht schön. Die Luft war kalt und klar. ein interaktives Computerspiel auf CD-ROM. Aus der Entfernung wirkte sie ebenso jung und temperamentvoll wie ihre Kinder. Wieder einmal rief ihm der Anblick dieser bezaubernden Frau ins Bewußtsein. Als sie Forrest Gump gesehen hatten. daran gab es für Miles keinen Zweifel. Eine ihrer Ideen. ideal zum Joggen. wenn wir in jedem Film. wäre er vermutlich immer noch ein ausgeflippter Hacker mit einem ausrangierten. Er sah Erika auf dem Tennisplatz. hatte die Welle ausgelöst und war mittlerweile ein Klassiker.

spanisch beeinflußten Stil. Inzwischen schien er hier im Haus zu wohnen. Miles wußte. Wenn ich diese Frau verlieren sollte… Er schüttelte unwillig den Kopf. das war unmöglich! Der Schamane kam nur wegen Erika ins Haus. Das heißt. er war noch immer in sie verliebt. Zwei Dinge beschäftigten ihn an diesem 113 . er liebte sie nicht nur. Selbst nach all den vielen Jahre liebte er sie. an den höchsten Punkt im ganzen Haus. Als Miles den Fahrstuhl erreicht hatte. Als sich Miles gerade umdrehen wollte. Ahnte er womöglich. ›Kojote‹ genannt zu werden. ihr den Mond zu schenken. Hierher. Das Turmzimmer unter den Zinnen hatte Fenster nach allen Himmelsrichtungen und war in den Tönen Goldgelb und Burgunderrot gehalten und sparsam mit wenigen Designermöbeln eingerichtet. daß sich seine wertvolle SonnenwendKachina in dem unterirdischen Museum befand? Aber wie sollte der Alte das herausgefunden haben? Nein. Miles blickte noch einmal zu seiner Frau hinüber. würde es ihm irgendwie gelingen.in der Tasche gewesen. ließ er die Familie hinter sich und zog sich in sein abgeschirmtes Büro zurück – ein runder Turm an der Ostseite des Anwesens. sah er aus dem Augenwinkel den Schamanen am Rand des Tennisplatzes. aber er mißtraute dem alten Indianer. Sein Büro unterschied sich damit von dem für Santa Fe typischen. daß Erika ihn zum Bleiben aufgefordert hatte. Luke Pineda legte großen Wert darauf. zog sich Miles zum Entspannen und Nachdenken zurück. Mit solchen Gedanken durfte er sich nicht belasten. Es hatte indirekte Beleuchtung und einen weichen dunkelblauen Seidenteppich. Sollte sie ihn bitten. ihr den Mond in Silberpapier verpackt zu überreichen. wo er mit den Bergen auf einer Höhe zu sein schien.

dachte Miles und drückte auf einen Knopf. Ein vertrauenswürdiger Vermittler hatte für Miles ein Geheimabkommen mit den Russen eingefädelt. denn er wußte.Dezembermorgen. und ein weltweiter. Nichts würde ihn daran hindern. aber das lag nicht an dem scharfen. Bald. Wann immer er sich etwas in den Kopf setzte. nachdem sich die Tagebücher in seinem Besitz befanden. und sein Lächeln verschwand. den Kauf dieses Unternehmens zu verhindern. genau zwei Wochen vor der Jahreswende: Zekes Auftrag auf dem Sinai und die Aktennotiz seines Anwalts zu dem geplanten Kauf des letzten Software-Herstellers in Privatbesitz für eine Milliarde Dollar. empörter Aufschrei war die Folge. daß am Ende nur Erfolg und Macht zählten. Er leerte sein Glas. Sollen sie es doch versuchen. Die Kopernikus-Tagebücher. Er erwarb die Tagebücher des polnischen Astronomen aus dem sechzehnten Jahrhundert zum stattlichen Preis von dreißig Millionen Dollar für seine Privatsammlung. Miles hatte von den Tagebüchern kurz nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erfahren. Vor dem Justizministerium hatte er keine Angst. Er erinnerte sich an eine herbe Niederlage. Wissenschaftler. die seit dem Zweiten Weltkrieg als verloren gegolten hatten. Sein bester und erfahrenster Berater machte ihn darauf aufmerksam. Auch diesmal würde er schließlich der Sieger sein. Miles lächelte spöttisch. Er genehmigte sich einen Drink. die absolute Kontrolle über die Software-Industrie zu erreichen. wurde die Sache bekannt. daß das Justizministerium beabsichtige. Damals waren viele Schätze wieder aufgetaucht. führte er die betreffende Sache auch zum Erfolg. Forscher und 114 . Lautlos öffnete sich die Tür der Bar. Natürlich gefiel das der Konkurrenz und der Regierung nicht. bittersüßen Geschmack in seiner Kehle. Und er besaß beides.

dieses einzigartige Dokument der Vergangenheit sei Eigentum der ganzen Menschheit. Seine Gedanken richteten sich auf die Aktennotiz. sah er. hatte Miles das Interesse daran verloren. daß jemand vor der Tür stand. wie um sich von dem unangenehmen Geschmack seiner Erinnerungen zu befreien. Praktisch waren sie noch sein Eigentum. Er füllte ein Glas mit Wasser und trank es langsam. daß Teddy Yamaguchi beachtlich viele Informationen zusammengetragen hatte. Die Tagebücher befanden sich mittlerweile als Leihgabe in der Universität von Warschau. Havers. den Software-Markt zu monopolisieren.Bürger erhoben Einspruch und erklärten. Ein Lichtsignal machte ihn darauf aufmerksam. darunter sogar Unterlagen des FBI. und die Tür öffnete sich. auf der nichts außer einer leuchtendgelben Orchidee stand. Deshalb ließ er erklären. die Tagebücher der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Er legte einen Aktenordner auf die große schwarze Granitplatte des kreisrunden Schreibtischs. Das entsprach der Wahrheit. aber er würde es natürlich leugnen. und als Miles darin blätterte. die er zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte. Er drückte einen Knopf. es sei von Anfang an seine Absicht gewesen. Miles wollte nicht auf die Tagebücher verzichten. Mr. der ihm bis zur Hüfte reichte. Der junge Mann hatte sein Examen zwar in 115 . aber er mußte an seinen Ruf denken.« Es war eine dicke Akte. aber nachdem sie in so viele andere Hände gelangt und der Öffentlichkeit zugänglich waren. kam herein. Ein schlanker Asiate mit zwei Ringen in einem Ohr und schwarzen Haaren. »Hier sind die Unterlagen. Das Justizministerium warf ihm vor. die Sie angefordert haben.

das Teddy nicht beschaffen konnte. dachte Miles. Eine Jugendliebe? überlegte Miles. daß wir etwas von den Schriftrollen wissen. »Was wollen Sie damit sagen: Sie ist geflohen…«.« Miles blickte auf das Photo in der Akte. Catherine Alexander – angefangen bei dem Krankenhaus. die ihre Mutter bei der Entbindung erhalten hatte. Es folgten Catherines Jugendjahre mit Kinderkrankheiten. Zeke war am Apparat. Die Akte enthielt alle Informationen über Dr. Wir wollen natürlich nicht in Erscheinung treten. In der Spalte ›Freunde‹ stand Daniel Stevenson an erster Stelle. wenn es nicht unbedingt notwendig ist. Sein Telefon läutete. die Berichte der Nonnen aus ihrer Zeit in der katholischen Schule. Das verschafft uns einen Vorteil. daß Sie das Versteck nicht finden werden. man wird dafür sorgen. Miles Havers hatte manchmal den Eindruck. »Es war richtig. die sie zur Welt gebracht. dem Datum ihrer ersten Kommunion. 116 . diese Alexander ahnt nicht. aber sie ist nicht mein Typ. in dem sie geboren worden war. wohin ihre arabischen Freunde sie bringen. und Angaben über die Narkose. Ich vermute. Mein Händler in Kairo hat mir versichert. fragte Miles. die Verfolgung abzubrechen.Biochemie gemacht und war ein meisterhafter Segler. aber er hatte keine guten Nachrichten. es gebe kein einziges Byte Information auf der ganzen Welt. Die Alexander ist eine schöne Frau. aber die eigentliche Leidenschaft des Achtundzwanzigjährigen waren Computer. Miles entließ Teddy und griff erst nach dem Hörer. daß er außer mir niemanden von Hungerfords Anruf informiert hat. dem Namen der Ärztin. das sich Teddy über UPI hatte einspielen lassen. als sich die Tür hinter dem jungen Mann geschlossen hatte. Er hörte die Antwort und nickte. Ganz gleich.

Als der Mann feststellte. Außerdem lag in ihren Augen etwas Herausforderndes. dachte Miles. ihre Karriere aufs Spiel zu setzen? Was konnte so wichtig sein. Miles entdeckte in dem Ordner einen Vermerk über ihre Mutter. was sie in diese Außenseiterrolle gebracht haben mochte. Die katholische Kirche hatte ihre Bücher zensiert und ihr verboten. Vielleicht lag das an ihrem Blick. »ich werde Ihnen die Unterlagen über Dr. sagte Zeke. Beim Überfliegen der Daten des FBI hatte Miles gesehen. Ich möchte. habe er ein Papyrus-Fragment und einen Korb beschlagnahmt. möglicherweise sogar eine Verhaftung durch die ägyptischen Behörden und einen Aufenthalt im Gefängnis? »Hungerford hat uns berichtet. keine Verwandten und nur wenige gute Freunde hatte. Nina Alexander. daß Dr. wie sie jemandem gesagt hat. ihr zu nahe zu treten. er habe gehört. Maria Magdalena… »Zeke«. daß sie etwas aus dem Lager geschmuggelt hat. Alexander faxen. kann das nur bedeuten. sagte er.Das leicht gereckte Kinn verriet einen starken Willen. daß sie eine weltweite Verurteilung ihrer wissenschaftlichen Kollegen in Kauf nahm. an denen sie eintreffen 117 . Aha. weiterhin ihre Theorie über Maria Magdalena zu veröffentlichen. Sie war auch nicht verheiratet. Vermutlich befindet sie sich bereits auf dem Rückflug in die USA. daß sie eine Einzelgängerin war. Dr. Alexander verschwunden war. wenn sie Scharm el Scheich in Verkleidung verlassen hat. Aber was? Was konnte eine Frau wie sie dazu bringen. daß ein Beamter der ägyptischen Behörde am Grabungsort erschienen sei. Zeke berichtete. die Schriftrollen seien sehr alt…«. daß Sie alle Flughäfen überwachen lassen. aber keine Schriftrollen. Miles überlegte. der jeden Außenstehenden davor zu warnen schien. ohne jemanden einzuweihen.

aber Sie müssen diese Frau unbedingt finden. ein gewisser Daniel Stevenson. Er sah. Aber das nächste Mal dürfen Sie die Frau auf keinen Fall entkommen lassen. Vielleicht ist er außer Landes.« Miles ließ sich von seinem elektronisch gesteuerten Massagesessel um fünfundvierzig Grad drehen und blickte aus dem Fenster. wie Sie es anstellen. Er ist ebenfalls Archäologe. und er lächelte bei dem fröhlichen Anblick zufrieden. Dann ließ er sich wieder zum Schreibtisch zurückdrehen und sagte gefährlich ruhig in den Hörer: »Wir werden sie finden. Zeke. daß Erika mit den Kindern vom Tennisplatz zurückkam. wo sich ihr Freund. im Augenblick befindet. Mir ist es gleich.kann.« 118 . Stellen Sie außerdem fest.

DER DRITTE TAG 119 .

Fast alle Sicherheitskräfte waren deshalb auf die Einreisenden konzentriert. Seufzend warf sie einen Blick durch die großen Fensterscheiben auf den dunklen Abend. um zur Jahrtausendwende zu den Pyramiden zu pilgern. Sie war nicht auf Schnee vorbereitet. Der Abflug aus Ägypten hatte sich einfacher erwiesen als erwartet. was Dezember in New York bedeutete. aber sie hatte vergessen. Man hatte Catherines Gepäck wie üblich mit Röntgenstrahlen nach Waffen untersucht. Es schneite. aber sie mußte weder den Koffer noch die Reisetasche öffnen. Mit Unbehagen stellte sie fest. Catherine zögerte und ließ die Beamten nicht aus dem Auge. Der Flughafen von Kairo glich einem Irrenhaus. Der Winter auf dem Sinai konnte zwar kalt sein. und sich in diese Schlange stellen. der etwas großzügiger war als seine Kollegen. war es geschafft. Wenn sie den Zoll hinter sich hatte. 16. denn sie wollten die mühsame Zollabfertigung nach dem langen Flug so schnell wie möglich hinter sich bringen. die Abreisenden dagegen durften ohne größere Formalitäten das Land verlassen. Dezember 1999 John F. Kennedy-Airport. einen zu finden. Die anderen Fluggäste schoben sich ungeduldig an Catherine vorbei. da Menschen aus aller Welt in das Land strömten.Donnerstag. 120 . Die Schriftrollen befanden sich jetzt in ihrem Besitz. daß die amerikanischen Zollbeamten die Koffer der Einreisenden durchsuchten. und einige Reisende konnten unbehelligt passieren. New York Catherine musterte unauffällig die Zollbeamten. Sie hoffte. Sie ließen allerdings nicht jedes Gepäckstück öffnen.

hatte sie Samir zu Hilfe gerufen. Nein. und schließlich der Direktflug nach New York. Catherine fühlte sich zerschlagen. obwohl sie erst dann am Ziel war. Es war seine Idee gewesen. ihren Schatz gut genug getarnt zu haben. die Bedauernswerten mußten auch alle Geschenke auspacken. Warum waren die Beamten bei der Abfertigung des Gepäcks so gewissenhaft? Suchten sie etwas Bestimmtes? Hatte man Angst vor Terroristen? Ihr Flug kam schließlich aus dem Nahen Osten… Bis jetzt war alles glattgegangen. Die Familientragödie hatte tatsächlich für die notwendige Ablenkung gesorgt. Daniel als ›schwangere Beduinin‹ zu verkleiden. Als ihnen im Lager der Priester den Weg versperrte. Samir spielte den erzürnten ›Bruder‹. Immerhin atmete sie auf. Sie war bestimmt vierundzwanzig Stunden unterwegs gewesen. Es war eine mühsame Reise gewesen: Zuerst mit einer kleinen DC-3 von Scharm el Scheich nach Kairo. 121 .Über das Stimmengewirr der zahllosen Menschen hinweg – gereizte Touristen. Ihr Herz begann zu klopfen. fragte sie sich plötzlich besorgt. aber als sie sah. wenn sie den Zoll passiert hatte… Der Beamte vor ihr ließ eine vierköpfige Familie nicht nur die Koffer öffnen. wie ein Beamter sogar das Futter eines Koffers auftrennte. aufgeregte Besucher mit Weihnachtsgeschenken und weinenden Kindern – hörte sie aus den Lautsprechern die süßlichen Klänge von ›Stille Nacht…‹ Sie hatte bei all den Aufregungen der letzten Tage völlig vergessen. von dort nach Amman. Wie hoch ist eigentlich die Strafe für das illegale Einführen von Grabungsfunden. daß Weihnachten bevorstand. zu diesem Zöllner würde sie bestimmt nicht gehen. bezweifelte sie. Jordanien. Catherine hatte die Schriftrollen gut versteckt. als sie endlich wieder auf amerikanischem Boden stand.

Daniel nahm das Photomaterial in sein Handgepäck. Es war eine Vorsichtsmaßnahme. denn bei diesem Abenteuer mußten sie auf alles gefaßt seih. intuitiv herauszufinden. daß die überstürzte Abreise auf Außenstehende möglichst normal wirkte. Um die Beamten aus Kairo zu täuschen. der sich an ihr und Daniel rächen wolle. Bei der Durchsuchung ihres Zelts würde man genau das finden. Jetzt galt es. Noch einmal musterte sie die Zollbeamten und versuchte. daß Daniel dort einen anderen Flug nahm. alle Spuren sorgfältig zu verwischen. denn falls Catherine oder den Schriftrollen etwas zustoßen sollte. Ein älterer rothaariger Mann schien zu Frauen etwas freundlicher zu sein… 122 . Samir wollte dem hilfsbereiten Mr. den sie mit Steinen gefüllt und wieder in das Leinengewebe eingepackt hatte. Samir zeigte größtes Verständnis und fuhr mit Daniel anschließend nach Kairo. welcher sie ohne Gepäckkontrolle abfertigen würde. was alle Zeugen gesehen hatten – einen Korb und ein Papyrus-Fragment. Sie hatten verabredet. und auch den Korb. hatte Catherine das Jesus-Fragment zurückgelassen. sondern eine Geschichte von einem eifersüchtigen Liebhaber erfunden. Der freundliche alte Herr würde alle Post an ihre Adresse in den USA weiterleiten. Sie wollten unter keinen Umständen Ägypten gemeinsam verlassen.Catherine hatte Samir jedoch nicht die Wahrheit erzählt. Sie hoffte. hatte Daniel wenigstens die Photos. Während Catherine auf Daniels Ankunft aus Mexiko wartete. hatte sie die Schriftrollen photographiert und die Filme an Ort und Stelle entwickelt. wie sie es bei Ausgrabungen immer tat. Mylonas im Hotel Isis ausrichten. Catherine sei wegen einer dringenden Familienangelegenheit abgereist.

Die Schlangen vor den Zollbeamten wurden kürzer. Irgendwie erinnerte sie der Priester in seiner Art. als sie ihn weinend in der Waschküche entdeckt und ihn getröstet hatte. Catherine entschied sich schließlich für den Rothaarigen und stellte sich mit ihren beiden Gepäckstücken an. und man würde sie auf das schärfste dafür verurteilen. Sie hatte Angst. daß sie einen der obersten Grundsätze der Wissenschaft und ihres 123 . Das war damals. Es war bereits alles in die Wege geleitet. der Priester. Ihr Bild würde in den Zeitungen erscheinen. alles sei verloren. Sein Vorgehen hatte sie wider Willen beeindruckt. in Handschellen abgeführt zu werden. sich in einen Familienstreit von Arabern einzumischen! Das hätte böse Folgen für ihn haben können. Garibaldi.Catherine erinnerte sich mit leichtem Schaudern an den einen entsetzlichen Augenblick auf der Flucht. an Daniel. Seine Kollegen rechts und links wirkten müde. Um sich abzulenken. für die Schwachen einzutreten. Bei dem Handgemenge wäre Daniels Verkleidung beinahe entdeckt worden. Kurz darauf erklärte er. um die arme »mißhandelte Frau« vor dem Zorn ihres »Bruders« zu schützen. Sie schob den Koffer und die Reisetasche mit den Knien vorwärts und näherte sich langsam dem Zollbeamten. Sie verabschiedeten die Reisenden nicht mehr mit ›Frohe Weihnachten‹ aber das Gepäck untersuchten sie noch immer. kein Priester zu werden. aber dann änderte er seine Pläne ohne eine Erklärung von einem Tag auf den anderen. Er verriet ihr auch später nie den Grund für seine Tränen. Daniel hatte früher einmal Priester werden wollen. als sie glaubte. er habe beschlossen. Es gehörte Mut dazu. dachte sie an Garibaldi. Catherines Nerven waren inzwischen bis zum Zerreißen gespannt. hatte sich zum Wortführer der Zuschauer gemacht.

nach außen die Ruhe zu bewahren. warf noch einen flüchtigen Blick auf ein anderes – Handbook Of Feld Archaeology. Sie hatte das Buch in Kairo gefunden und für Julius gekauft. Ohne Zögern öffnete sie den Koffer und die große Reisetasche. Catherine nahm schnell eines heraus. den Koffer zu schließen. Darunter auch die Schriftrollen. ohne die Koffer zu überprüfen. Catherine 124 . das weder im Neuen Testament noch im Alten stand? War Sabina die Prophetin. Amelia… Diakonos… Jesus… das Ende der Welt… War Sabina Jesus persönlich begegnet? Hatte sie von ihm etwas erfahren. Sie reichte es dem Beamten und schlug es hilfsbereit auf. Der Beamte blickte fragend auf die Bücher. und sie mußte immer wieder an die geheimnisvollen Worte denken. im Koffer die wesentlichen Dinge. die sie für ihre Arbeit benutzte – vor allem Bücher. Sie blickte sehnsüchtig auf den Ausgang hinter dem Zoll. Krankheiten bei ägyptischen Mumien. Als der Mann die Photos der Skelette und Schädel sah – für ihn Bilder aus einem Horrorfilm -. deren Worte das ganze Christentum grundlegend verändern würden? Der Zollbeamte ließ das ältere Ehepaar vor Catherine durchgehen. obwohl ihr das Herz bis zum Hals schlug. Die Schriftrollen befanden sich im Koffer. Sie versuchte. gab er ihr das Buch schnell zurück. In der Reisetasche befanden sich ihre persönlichen Dinge und schmutzige Wäsche.Berufs mißachtet hatte. Catherines Hoffnungen stiegen. Pottery Of The Late Bronze Age – und bedeutete ihr mit einer knappen Geste. den sie auf dem Flug aufgegeben hatte. Dort wartete die Freiheit… »Bitte öffnen Sie den Koffer!« Catherine bekam einen trockenen Mund. Aber sie waren ihr auf der ganzen Reise gegenwärtig gewesen.

Bei flüchtigem Hinsehen konnte man glauben. Hinter der Zollabfertigung wankte sie zur nächsten Damentoilette und klammerte sich an ein Waschbecken. Der Autor des Buches war Julius Voss. bevor sie den Gepäckwagen durch die Tür schob. Sie hatte jedoch noch keine Zeit gehabt. Catherine nahm sich Zeit. Auf dem Umschlag sah man einen Totenschädel. aber ihre Strategie hatte sich als erfolgreich erwiesen.schloß schnell Tasche und Koffer und eilte weiter. Gesicht und Hände zu waschen.« 125 . Der Umschlag paßte genau. »Achtung! Achtung! Wir bitten um Ihre Aufmerksamkeit! Infolge des Schneesturms werden alle Flüge vorübergehend eingestellt. um den Anschlußflug nach Los Angeles zu erreichen. hinter denen die überfüllten Zubringerbusse die Reisenden durch die verschneite Nacht zu den anderen Terminals brachten. daß die Schriftrollen die lange Reise unversehrt überstehen und auch bei einer Zollkontrolle nicht weiter auffallen würden. das Buch zu lesen. Es war seine neueste Veröffentlichung. Genau das hatte Catherine gehofft. Weitere Informationen erteilt Ihnen Ihre zuständige Fluggesellschaft. Jedenfalls war so sichergestellt. Bei diesem Anblick hatte der Zollbeamte darauf verzichtet. Sie entfernte alle Seiten eines alten botanischen Handbuchs und legte die sechs Papyri zwischen die Buchdeckel. den Umschlag als Tarnung für die Schriftrollen zu benutzen. Die Anspannung war zu groß gewesen. es sei ein Buch mit vergilbten Seiten. Aber als sie an die Glastüren kam. Unter dem Buch mit den Skeletten lag ein Buch mit dem Titel Die Leiche im Moor. hörte sie über die Lautsprecher eine Meldung. noch mehr von ihrem Gepäck zu sehen. der den Betrachter anzugrinsen schien. Beim Einpacken vor der Flucht entschloß sie sich. die er Catherine stolz nach Ägypten geschickt hatte. Der Boden unter ihren Füßen schien leicht zu schwanken.

Santa Fé. Vor zwei Stunden ist sie angekommen. das sich neben dem unterirdischen Museum befand.« Miles nickte stumm und beendete mit einem Knopfdruck das Gespräch. 126 . »Ist sie bereits auf dem Weg nach Kalifornien?« »Wegen eines Schneesturms sind alle Flüge storniert worden. Havers!« Miles stellte den Lautsprecher des Sprechgeräts sofort lauter. Alexander muß also entweder im Flughafen warten oder sie verbringt die Nacht in einem der Flughafenhotels. Mr. Es war neun Uhr abends. New Mexico »Ich habe sie gefunden.« Miles blickte auf die Uhr. »Sie hat Kairo in Richtung Amman verlassen und ist von dort nach New York geflogen. »Wo ist sie?« Teddy Yamaguchi hatte sich aus dem großen ComputerZentrum des Anwesens gemeldet. Dr. Dann wählte er eine andere Nummer. das bedeutete Mitternacht an der Ostküste.

DER VIERTE TAG 127 .

« Julius hielt das Diktiergerät an. Die Beschaffenheit des Körpers macht jedoch eine genaue Bestimmung der Todesursache nicht möglich. Draußen peitschte der Regen auf die Terrasse. Es erschien ihm wie ein Wunder. Kalifornien »Der Gesichtsausdruck läßt darauf schließen. Aus Anlaß der Jahrtausendwende wurde auch in Malibu überall gefeiert. Er konnte sich einfach nicht konzentrieren. und es fanden alle möglichen Veranstaltungen statt. daß er sie wiedersehen würde. Dezember 1999 Malibu. Seit Catherines Anruf am späten Abend und der überraschenden Nachricht. Julius liebte Regen. als in der Brandung zu schwimmen. Das Chanukkah-Fest war zwar vorüber. und trat zur Glastür. aber um Catherines willen wäre ihm Sonnenschein im Augenblick lieber gewesen. mit ihm allein hier in seinem Strandhaus zu bleiben. Er wußte. Das wäre ihm 128 . und es gab für sie nichts Schöneres.Freitag. Es half alles nichts. daß sie es sich anders überlegt hatte und über die Feiertage doch nach Kalifornien zurückkam. daß er den Tod nicht kommen sah. Vielleicht würde Catherine aber vorziehen. konnte er nur noch daran denken. aber es gab schließlich noch Weihnachten und Silvester. sobald der Schneesturm vorüber war. Er verließ seinen Platz am Schreibtisch. 17. auf dem sich wie immer die Arbeit häufte. Dahinter wogte das stürmische graue Meer. daß sie sich bereits in New York befand und nach Kalifornien kommen wollte. Wieder einmal jagte ein Sturm über Malibu hinweg. sie war gern am Strand.

seine Patienten zu heilen. ebenso sein Großvater und sein Urgroßvater. und er hatte sich bereits an der Universität mit Ägyptologie und Paläontologie beschäftigt. Ganz anders als die Beziehung mit Rachel. weil das der Familientradition entsprach. Er nutzte sein medizinisches Wissen und machte die 129 . Durfte er sich Hoffnungen machen. Diesmal. sie habe wundervolle Neuigkeiten. Warum hatte sie ihre Grabungsarbeiten von einem Tag auf den anderen unterbrochen? Ihn wunderte auch. würde seine Ehe besser laufen. »Ich kann dich nicht heiraten. Er sehnte sich nach dem stillen Leben eines Wissenschaftlers. daß sie doch beschlossen hatte. hatte sie über das Knacken und Rauschen in der Leitung aus dem Sinai hinweg gesagt. Er wußte einfach. Nach dem Examen hatte er eine Praxis eröffnet. daß sie füreinander geschaffen waren. ihn zu heiraten? Bei ihrem Telefongespräch vor einer Woche schien dieses Thema bereits entschieden zu sein. Vielleicht wollte sie ihn überraschen. Die Lösung lag auf der Hand. so hatte er sich vorgenommen. Nach einem Jahr mußte er sich eingestehen. Ihn hatte schon immer das Altertum interessiert. Er hatte sogar schon die Eheringe gekauft.am liebsten… Und doch verstand er ihren plötzlichen Entschluß nicht. Julius würde nicht aufgeben. Julius«. daß ihm die Berufung fehlte und er nicht die Gabe besaß. aber bald festgestellt. Sein Vater war Arzt gewesen. »Es gibt einfach zu viel…« Dann war die Verbindung abgerissen. daß er nicht wirklich glücklich war. Julius hatte Medizin studiert. daß sie erst aus New York angerufen hatte und nicht schon aus Ägypten. Sie hatte am Telefon glücklich und aufgeregt geklungen und nur gesagt. Was hatte sie ihm noch sagen wollen? Wie auch immer.

Er zweifelte sogar daran. Hin und wieder nahm er sie sogar zu archäologischen Ausgrabungen mit. Wenn sich die hohen Wellen am Strand brachen. sein Eheversprechen gebrochen Rachel war inzwischen mit einem Schönheitschirurgen verheiratet.Paläopathologie zu seinem Spezialgebiet. Er blickte auf die Uhr. mehrere tausend Jahre alte Skelette zu erforschen. daß er ganze Nächte im Institut verbrachte oder sich längere Zeit bei Ausgrabungen im Ausland aufhielt. als wollte der Wind die kleinen Häuser entlang der Küste davonfegen. Julius traf sich mit seinen beiden heranwachsenden Kindern an den Wochenenden und in den Ferien. Manchmal glaubte Julius zu träumen – wie jetzt. die beruflich ähnliche Ziele wie er verfolgte. Nur das kann der Grund für die überraschende Heimreise sein. Der Sturm ließ nicht nach. Nach der Scheidung von Rachel dachte Julius. Alle waren glücklich. wie sein Haus vibrierte. er werde nie wieder heiraten. Hier gab es noch viel wissenschaftliches Neuland. Cathy wollte es ihm natürlich persönlich sagen. Sie erklärte. Diese Frau verstand sehr gut. Julius habe mit seinem Entschluß. um seinen Heiratsantrag doch anzunehmen. bei der Eheschließung sei sie in dem Glauben gewesen. daß man über einen Knochenfund oder beim Anblick eines versteinerten Blatts in Begeisterung geraten konnte. als er sich vorstellte. Rachel reichte danach die Scheidung ein. die seine außergewöhnlichen Interessen teilen konnte und damit einverstanden wäre. daß er jemals eine Frau finden werde. der viermal soviel verdiente wie Julius. dachte er. Die Erforschung von Krankheiten des Altertums war eine neue Sparte. Es hatte den Anschein. und 130 . Dann lernte er Catherine kennen. spürte Julius. einen Arzt zu heiraten. sie sei gekommen. Außerdem war sie sehr attraktiv.

um nach ihr Ausschau zu halten. daß sie durch ihn den Glauben an Gott wiederfinden würde. dann konnte sie seinetwegen auch wieder Katholikin werden. Wenn es nicht das Judentum war. Er hatte vor nicht langer Zeit selbst 131 . War die Straße blockiert? Oder wartete sie noch immer in New York auf einen Flug? Nein. hatte sie ihm am Abend zuvor gesagt. Julius wußte. das bedeutet. Es mußte ihm nur noch gelingen. Im Radio hatte man vor Schlammlawinen auf der Küstenstraße gewarnt. Du mußt aber nicht zum Flughafen kommen. daß wir beide in diesem Sturm auf der Straße sind. Langsam fügte sich alles bestens. Wo bleibt sie nur? ›Man hofft. machte ihn unruhig. Der Champagner lag bereits im Kühlschrank.dann konnten sie gemeinsam feiern. Sie hätte eigentlich längst dasein müssen. Der Zeitpunkt ihrer Rückkehr war gut gewählt. Ich nehme mir einen Leihwagen und fahre direkt zu dir. Julius drehte dem Sturm den Rücken zu und ging ins Wohnzimmer. wo die Uhr stand. Sie mußte nur noch kommen. Catherine zum Judentum zu bekehren. daß sie einmal eine gläubige Katholikin gewesen war. Auch er hatte Neuigkeiten für sie. dann hätte sie inzwischen bestimmt wieder angerufen… Er konnte seiner Aufregung kaum noch Herr werden und ging zur Haustür. daß der Flugverkehr am frühen Morgen wieder aufgenommen werden kann‹. Es ergibt keinen Sinn.‹ Inzwischen war es beinahe drei Uhr nachmittags. ›Ich bin auf der Zehn-Uhr-Maschine gebucht. Dann war sein Glück vollkommen. Julius. Er hatte die Hoffnung. ich müßte um halb eins in Los Angeles eintreffen. Ein Blick zum Kaminsims.

sah sie. daß die Haustür offenstand. blickte sie auf das bescheidene kleine Strandhaus. und ihr war nicht ganz wohl bei dem Gedanken. Jetzt würde die Stunde der Wahrheit kommen. der zur Auffahrt führte. sondern hierbleiben und in aller Ruhe die Schriftrollen übersetzen. der sich in ihre Gefühle hineinversetzen und ihre Zielsetzungen teilen konnte. freute sie sich. der sicher schon auf sie wartete. Sie zweifelte nicht daran. Die Geranien auf der Terrasse waren im strömenden Regen kaum zu sehen. Julius hatte sie bereits gesehen. als sie ihn aus New York angerufen hatte. 132 . wenn sie ihm die alten Papyri zeigte. daß er ihre Freude teilen würde. Sie bog schnell in den schmalen Weg ein. Bei dem Gedanken an Julius. Julius nichts von den sich überstürzenden Ereignissen zu sagen. Als sie sich dem Haus näherte und der laute Verkehr hinter ihr zurückblieb. Aber die Sache mit den Schriftrollen mußte sie ihm persönlich sagen. Es war ihr schwergefallen. Während sie auf eine Lücke im dichten Gegenverkehr wartete. Wie die meisten Häuser in dieser Gegend von Malibu wirkte es unauffällig und schlicht.einen geistigen Durchbruch erlebt und wollte seine spirituellen Erfahrungen mit ihr teilen. Sie wollte nicht in ihre Eigentumswohnung in Santa Monica zurückkehren. Niemand ahnte. Wenn sie erst verheiratet waren und mehr Zeit miteinander verbrachten. Julius war neben Danno schließlich der einzige Mensch. Endlich war die Straße einen Augenblick lang frei. würde sich vieles in seinem und auch in ihrem Leben ändern… Catherine erreichte endlich das verwitterte Holzhaus am Strand. daß es über eine Million Dollar wert war. Außerdem wollte sie seine Reaktion sehen.

Seine pechschwarzen Haare reichten ihm bis in den Nacken. »Ach Julius. Julius Voss war der Leiter des angesehenen Freers Instituts in West Los Angeles und sah unbestreitbar sehr gut aus. und er trug einen kurz geschnittenen Bart. Julius war ein angenehmer und unaufdringlicher Mann. die innere Kraft ausstrahlen. die Julius beide sehr verwöhnte.« Als Catherine das gemütliche Wohnzimmer betrat. Sie musterte ihn lange und aufmerksam und konnte kaum glauben. Julius war zweiundvierzig Jahre alt. Catherine fühlte sich in seiner Nähe geborgen. Das Feuer im Kamin brennt. Vor zehn Wochen hatten sie sich zum letzten Mal gesehen. Er gehörte zu den ruhigen. es ist so schön. in dem sich das erste Grau zeigte. »Wir werden uns noch erkälten!« rief Catherine schließlich und rang nach Luft. Für seinen langen leidenschaftlichen Kuß gab es keinen Sturm und keine Wolken. du hast es geschafft!« Er hielt ihr die Wagentür auf und schloß sie in die Arme. erschienen zwei gutgenährte Katzen und strichen ihr schnurrend um die Beine. »Gott sei Dank. stillen Menschen. Sie erinnerten sich an Catherine. Ich trage deine Sachen hinein. aber Catherine fand ihn unwiderstehlich. daß er wirklich vor ihr stand.»Catherine!« rief er und lief ihr durch den strömenden Regen entgegen. eine Schildpattkatze und eine Mankatze. »Komm schnell ins Haus. Dazu trugen auch der lässige Pullover mit den alten Lederflecken an den Ellbogen. wieder bei dir zu sein!« rief sie. Es waren Radius und Ulna. denn auch sie spielte stets mit den beiden und streichelte sie. die bequemen Mokassins und die immer griffbereite Meerschaumpfeife bei. 133 . als er ins Zimmer trat und die Tür schloß. Dr. Er war kein Sportler.

während sie Daniels Nummer wählte. Da der Schneesturm ihre Ankunft verzögert hatte. sie war überhaupt nicht müde. Julius fragte: »Alles in Ordnung?« Sie runzelte die Stirn. »Du bist bestimmt müde«. Ein Klavierkonzert von Mozart sorgte für Atmosphäre. ohne sich etwas beweisen zu müssen. »Nein. sie drückte sich an ihn und legte den Kopf an seine Schulter. »Setz dich ans Feuer«. Sie lauschte auf den Regen und das leise Knistern des Feuers. Julius hatte Holz nachgelegt.« Er nahm ihr die Jacke ab und brachte sie hinaus. Als er zurückkam. sagte er. umarmte sie zärtlich und strich ihr über die Haare. wenn auch mit einer anderen Maschine. und auch deshalb liebte sie ihn. Er hatte Ägypten gleichzeitig mit ihr verlassen. Daniel werde vor ihr zu Hause sein. Daniel müßte längst zu Hause sein. Daniel in Santa Barbara zu erreichen.« 134 . und die knisternden Flammen schlugen hoch. Nein. murmelte er. breitete er die Arme aus.« In New York und auch nach der Ankunft in Los Angeles hatte Catherine mehrmals vergeblich versucht. Schließlich löste sie sich von ihm. Schon bei der ersten Begegnung waren Catherine seine dunklen. und die beiden Katzen rieben schnurrend die Köpfe an ihren Beinen. »Du mußt dich erst einmal aufwärmen. Die Schriftrollen warteten und versprachen die Enthüllung uralter Geheimnisse und aufsehenerregender Erkenntnisse. forschenden Augen aufgefallen. Catherine ließ ihn nicht los. Sie stand in der Küche. Er meldete sich nicht. küßte ihn zärtlich auf den Mund und sagte: »Ich muß jemanden anrufen.Er lebte im Einklang mit sich selbst. Erschöpfung und Müdigkeit schienen für alle Zeiten aus ihrem Leben verschwunden zu sein. Aber bis jetzt hatte er sich nicht gemeldet. dachte sie. War ihm vielleicht etwas zugestoßen? Catherine ging zurück ins Wohnzimmer.

daß die Freude. Sie trank einen Schluck Wein und versuchte. ohne jedoch die Schriftrollen zu erwähnen.« Sie erzählte ihm von den Ereignissen an dem schicksalhaften Morgen. Dabei sah sie sich im Wohnzimmer um. überall hingen Familienphotos.Er reichte ihr ein Glas Wein und bot ihr den großen bequemen Sessel vor dem Kamin an. und nach den Wochen in der Wüste empfand sie die lange entbehrte Umgebung als wahren Luxus. »Das ist ein Cabernet Sauvignon. aber die vertraute Menorah und die Dreidel. Sie wußte nur. Über dem Kamin hing ein in Holz geschnitzter Spruch: ›Mortui Vivos Docent – Die Toten lehren die Lebenden. Julius hatte viele Pflanzen und ein Aquarium mit tropischen Fischen. Plötzlich erfaßte sie eine unbestimmte Unruhe. nun erzähl mir alles und laß mich nicht länger im unklaren. der ihn Tag für Tag mit Krankheit und Tod konfrontierte.‹ Aber dann sah sie noch etwas. Spielzeug für die Katzen lag auf dem Boden. wieder bei Julius zu sein. Das Chanukkah-Fest war seit sechs Tagen vorüber. Aber es gelang ihr nicht. Es war vertraut und schön. Julius schien in seinem Haus ganz bewußt ein Gegengewicht zu seinem Beruf zu schaffen. So. dachte Catherine und lächelte. sowie das Buch der Makkabäer in Hebräisch und Englisch. Ihr Blick fiel auf einen neuen Gebetsschal mit Fransen. schlagartig überschattet 135 . die Julius seit seiner Kindheit besaß. Hast du den Mirjam-Brunnen gefunden?« »Ja… vielleicht. Selbst das bunte Geschenkpapier hatte Julius noch nicht weggeräumt. Den habe ich für einen besonderen Anlaß aufgehoben. Die Anzeichen eines geordneten Lebens. den Grund dafür zu finden. ein Geschenk seines Großvaters. lagen alle noch auf einem Tisch.

»Catherine«. du hast gestern am Telefon angedeutet. Du kannst dir Photokopien der Manuskripte mit in den Sinai nehmen und dort in aller Ruhe daran arbeiten. »es ist mir gelungen. Darauf war ich nicht vorbereitet. Aber mit dieser Stelle mußt du in Zukunft nicht immer bei Ausgrabungen sein.« Er lachte. Er sah sie gespannt an und fragte: »Was sagst du dazu?« Noch ehe sie antworten konnte. fügte er schnell hinzu: »Ich kenne deine Einwände. Die Stelle ist großzügig dotiert und sicher. Die Arbeiten müssen nicht im Institut erledigt werden. wie lange ich über eine Lösung nachgedacht habe. daß du auch Neuigkeiten hast.war. dir im Institut eine Stelle zu verschaffen.« »Julius«. Du wirst hier in Kalifornien leben und kannst mit mir zusammen etwas aufbauen. Die züngelnden Flammen spiegelten sich in seinen dunklen Augen. flüsterte sie. »Das weiß ich.« Es war heraus. Geht es um das neue Projekt. Aber keine Angst. die es dir erlaubt hierzubleiben. Nun. damit wir endlich heiraten können. das man dir angeboten hat?« Er schob umständlich mit dem Schürhaken ein brennendes Stück Holz zurück. und wir brauchen unbedingt jemanden. Dann legte er den Schürhaken beiseite und setzte sich ihr gegenüber. begann er mit belegter Stimme. was sagst du dazu?« »Das ist natürlich ein verführerisches Angebot…« »Du kannst dir nicht vorstellen. das zu weit nach vorne gerollt war. Catherine drängte das Gefühl zurück und sagte: »Julius. du kannst deine Grabungen in Scharm el Scheich fortführen.« 136 . Wir können unser Leben gemeinsam nach unseren Wünschen gestalten. der sehr gut ist. »Das ist wirklich eine Überraschung. Unser Paläograph hat gekündigt.

Ich kann nicht einfach von heute auf morgen abreisen.« Sie stand auf und ging zur Glastür. »Catherine. wird der Abschied schwerer. ich weiß wirklich nicht. Ich glaube.« »Und was ist mit dem Heiraten?« Sie drehte sich um. der Rest des Skeletts ist unter den Steinen begraben. ich habe vielleicht wirklich den Brunnen der Prophetin gefunden. Es wurde still im Zimmer. erwiderte sie und setzte sich in den Sessel. was sie beide seit zwei Jahren bewegte. »Aber Julius. Vergiß nicht. 137 . Ich kann nicht beides zugleich machen. »Ich habe dir noch nicht alles erzählt. wenn wir uns trennen. Dicke schwarze Wolken jagten über den Himmel. ich habe nicht die Absicht hierzubleiben. datieren und identifizieren müssen. Sie sahen so bedrohlich aus. erwiderte sie leise. Jedesmal. gemeinsam bei einer Ausgrabung zu arbeiten und wären nicht getrennt. die nach der Sprengung herabgefallen sind. wie lange eine intensive Beziehung die Entfernung von über achttausend Meilen überleben kann. ich bin der Leiter des Instituts. Du kannst mit mir zurückfahren. Damit hätten wir endlich eine Möglichkeit.« Er schüttelte den Kopf. Julius. »Ich liebe dich. aber ich muß mich auf meine Arbeit in Scharm el Scheich konzentrieren. »Die Stelle im Institut klingt wirklich interessant.« »Catherine. Sie blickten sich stumm an und wußten.« »Wir müssen uns nicht gleich wieder trennen«. daß schließlich ausgesprochen worden war. Aber ich bin noch nicht zu einer Ehe bereit.« »Und ich kann nicht bleiben«. als wollten sie ganz Malibu verschlingen.Catherine stellte das Glas ab. Man wird das Skelett ausgraben. Ich habe auf dem Boden des Brunnens einen Schädel entdeckt. das weißt du.

in dem du deine Theorien über die Prophetinnen im Alten Testament darlegst. daß wir Wurzeln schlagen. Julius starrte in die Flammen und sagte dann tonlos: »Ich weiß nicht. »Im Institut kannst du Antworten auf deine Fragen finden. ›etwas zu tun‹!« rief sie empört und erschreckte damit eine der Katzen. das kann ich nicht. Bevor ich heirate. hast du auf Jahre hinaus etwas zu tun. du willst ein Buch schreiben.« Er griff nach seiner Pfeife und drehte sie in den Händen. du weißt genau. die auf ihrem Schoß lag. und wenn sie kam. »Du hast immer gesagt. Ich bin noch auf der Suche. Aber sie blieb nie lange und reiste bald wieder ab. daß ein Archäologe ein ganzes Leben lang etwas suchen kann und es vielleicht nie finden 138 . Catherine. Sie hielt sich nie lange in den USA auf.Catherines Sachen hingen zwar im Schlafzimmerschrank von Julius. Ich möchte.« »Natürlich.« »Es geht mir nicht darum. Glaubst du wirklich. muß ich Antworten finden.« Er sah sie an. ob ich so weitermachen kann. »Du hast vierzehn Jahre lang nach der Prophetin Mirjam gesucht. und ihre Toilettentasche stand in seinem Bad. Vorträge zu halten oder Gelder für die nächste Ausgrabung genehmigt zu bekommen.« »Julius. dann ging es darum. Natürlich kam sie auch wegen Julius. Warum fängst du nicht damit an?« »Ich habe meine Felduntersuchungen noch nicht abgeschlossen. aber sie wohnte nicht hier. Wenn du dich an diese Arbeit machst. Ich möchte. Wir haben zahllose nicht übersetzte und undatierte Manuskripte und Dokumente. daß du sie jemals finden wirst?« »Julius. daß wir endgültig zusammenfinden und eine Familie gründen.

daß die Vergangenheit nicht vorüber. wie ich es dir erklären soll. und sah ihn mit leuchtenden Augen an. ihn durch ihre Begeisterung mitreißen zu können. Wenn ich dort draußen in der Einsamkeit bin…« Sie hoffte. die sie einst besessen haben. Julius. Vielleicht wird jemand nach mir kommen und meine Arbeit zu Ende führen. Noch immer stützen sie ihre Autorität auf die Bibel und legitimieren damit ihre Herrschaft über die Frauen. Catherine. Julius!« Als er nichts erwiderte.« »Das weiß ich. den Beweis in der Wüste zu finden?« »O ja.« Er schüttelte den Kopf.« »Julius. Sie waren Prophetinnen. aber ich habe dort manchmal den Eindruck. den Frauen das natürliche Selbstbewußtsein und die Aufgaben zurückzugeben. Ich weiß jedenfalls nur das eine: Ich kann jetzt nicht aufhören. das werde ich.wird. sondern noch immer gegenwärtig ist. Männer haben die Heilige Schrift stets zu ihrem Zweck benutzt. fuhr sie ruhig fort: »Glaubst du an das. Priesterinnen und weise Frauen. All das ist im Laufe der Geschichte verlorengegangen. ich jage Hirngespinsten nach? Meine Suche nach der Prophetin Mirjam ist kein Wahn. Vielleicht kann man 139 . Ich suche nach einer Möglichkeit. daß Frauen in den Tagen der Patriarchen und Könige Macht besaßen. was ich tue? Oder denkst du. Aber mit seinen Untersuchungen schafft er die Grundlage für den Nachfolger. »Ich weiß nicht. Julius. Das sagt mir mein Gefühl. Es muß Teil unseres Bewußtseins werden. Aber ich weiß aus den Schriften des Altertums. »Wie kannst du dir deiner Sache nur so sicher sein? Glaubst du wirklich. und ich möchte es ins Gedächtnis der Menschen unserer Zeit zurückrufen.

« »Du meinst also. zurückblicken und sagen…« »Was werde ich sagen. Catherine. was in meinen Kräften stand.« Er legte die Pfeife auf den Tisch. Wieviel schwieriger ist es erst.« »Ich bewundere deine Entschlossenheit«. daß ich alles getan habe. Als sie seinen erstaunten Blick sah. Nur aus den alten Schriften wissen wir. Sie öffnete ihren Koffer und kam mit dem Buch über Paläobotanik zurück. Möchtest du denn keine Familie?« »Doch. die mir garantiert keine Lösungen bringen?« »Also gut. jetzt noch nicht. sagte er. daß wir uns frühestens im Februar wiedersehen würden.« »Aber du wirst kein Zuhause haben. aber ich liebe auch meine Arbeit. aber ich spüre sie. Wir haben nicht einmal greifbare Hinweise auf die Männer. daß Moses wirklich gelebt hat. daß du die Hinweise auf das Wirken der Frauen finden wirst. wenn ich in einem Graben stand. ich sollte aufgeben? Ich sollte wie du im Institut arbeiten und mich mit Manuskripten beschäftigen. Aber du kannst mir glauben. »Deine Theorie ist in Ordnung. Julius. »Auch deshalb liebe ich dich. Ich bezweifle allerdings. Gerade in letzter Zeit. etwas über Frauen zu finden. den Sand durchsiebte und auf den entscheidenden Hinweis hoffte.« »Warum bist du dann überhaupt gekommen? Warum die plötzliche Rückkehr? Du hattest mir bereits gesagt. und ich wußte. eines Tages wirst du innehalten. 140 . Julius? Ich werde sagen.« Catherine stand auf und ging ins Schlafzimmer.sie nicht sehen. den Beweis zu finden. du willst dein Leben lang in aller Welt deinen Fragen nachjagen. daß ich kurz davor stehe. schwanden alle Zweifel. eines Tages. Ich kann sie nicht aufgeben. nach denen du suchst. Cathy.« Sie lächelte traurig. »Ich liebe dich.

Man hielt sie unter Verschluß. denn die Beamten hätten sie sofort an sich genommen. sondern mir nur den Umschlag ausgeliehen. schon mehr übersetzt zu haben«.« Catherine nahm die gefalteten Papyri zwischen den Buchdeckeln heraus und legte sie behutsam auf den Tisch. Du weißt doch. ich habe dein Buch nicht mißbraucht. Mit angehaltenem Atem entfaltete Julius die erste ›Seite‹ des ersten Buchs und betrachtete mit großen Augen das brüchige bräunlichgelbe Papyrus. Die Strategie hat sich bewährt!« Er runzelte die Stirn. Julius sah sie staunend an. und die bleigrauen Wellen brachen sich donnernd am Ufer. »Ich hatte gehofft. sagte Catherine. »Was meinst du?« Er starrte stumm auf die Schriftrollen. »Mein Gott! Woher hast du das?« Sie berichtete ihm schnell von dem Fund im unterirdischen Gang. der Sturm peitschte mit unverminderter Kraft gegen die Glastür. »Zollbeamte? Ich verstehe dich nicht. und sie wurden von einer Handvoll 141 . es würde jeden. ohne die Behörden von dem Fund in Kenntnis zu setzen?« »Es blieb mir keine andere Wahl. »Aber im Flughafenhotel konnte ich mich vor Erschöpfung nicht mehr auf den Beinen halten. vor allem neugierige Zollbeamte davon abhalten. daß ich dachte. Dann fragte er fassungslos: »Hast du sie einfach mitgenommen? Du hast sie bei deinen Ausgrabungen entdeckt und aus dem Land geschmuggelt. Das Bild des Mannes im Moor ist so abschreckend. Er hörte sprachlos zu. die Gischt schäumte.sagte sie: »Keine Angst. das Buch aufzuschlagen. was mit den Schriftrollen vom Toten Meer geschehen ist und den Nag Hammadi-Evangelien.« Sie sah ihn erwartungsvoll an. Jetzt bin ich Gott sei Dank hier und würde mich am liebsten auf der Stelle an die Arbeit machen. Die Flammen im Kamin verwandelten sich in rote Glut.

bis sich von allen Seiten Protest erhob. Julius – Diakonos. erwiderte sie. Er beachtete stets die Vorschriften. um die Schriftrollen vom Toten Meer der Wissenschaft 142 . Heute ist das die Aufgabe der Priester. eine Theorie zu veröffentlichen.Wissenschaftler eifersüchtig bewacht. daß sich das mit meinem Fund wiederholt. »Aber es war notwendig. bevor alle Fakten geklärt waren. Julius! Die Tragweite dieses Fundes ist deshalb nicht abzuschätzen!« »Nun gut«. »Ich verstehe deine Begeisterung. Er hielt nichts von Risiken oder davon.« »Wer durfte die Ecole Biblique in Jerusalem betreten? Erinnere dich daran. daß die Diakone beim Abendmahl den Gläubigen Brot und Wein reichten. Erst danach hat man die Schriftrollen vom Toten Meer Wissenschaftlern auf der ganzen Welt zugänglich gemacht.« »Eine Frau als Priester?« »Eine Frau in der frühchristlichen Kirche. Wir wissen.« »Das ist eine Behauptung. Aber war es klug.« »Was ist so Besonderes daran?« Sie zeigte ihm ihre Übersetzung des Fragments. Julius! Wenn ich die Texte der Behörde übergebe. »Nein. daß Julius durch und durch Wissenschaftler war. was alles notwendig war. Ich konnte nicht zulassen. »Hier. Trotzdem hatte sie auf eine andere Reaktion gehofft. werde ich sie nie wiedersehen. die das Priesteramt bekleidete. es war nicht klug«. vertraute nur auf die erprobten Wege und verwarf zweifelhafte Methoden prinzipiell. sieh dir dieses Wort an. die Schriftrollen zu stehlen und sie aus Ägypten zu schmuggeln?« Catherine wußte. sagte er nachdenklich. Amelia wird als Diakonos bezeichnet.

Du machst dich überstürzt an eine Übersetzung. Ich werde sie nicht vierzig Jahre lang verstecken. wie eifersüchtig die verschiedenen Fraktionen ihre Theorien verteidigen und wie gefährlich ihre Angriffe sind. diese Schriftrollen allen anderen vorzuenthalten. das wäre noch das Harmloseste!« Er stand auf und setzte sich 143 . du willst sie übersetzen und deine Ergebnisse veröffentlichen. Ich werde sie nur so lange behalten.« Catherine schüttelte den Kopf. Man würde dich rückhaltlos unterstützen. Auch sie wollten niemandem erlauben. daß ich diese Bücher übersetzen darf. Man wird dich auslachen oder als Verrückte abstempeln. Catherine? Ich kann dir jetzt schon sagen. Wir beide wissen. daß man dich von allen Seiten angreifen wird. In deiner Mutter hast du ein gutes Beispiel.« »Mit einem Unterschied. Niemand weiß. Du willst deine These mit Material erhärten. Wer wird auf dich hören. das auf fragwürdige Weise gefunden wurde. die Schriftrollen zu sehen. was die Wissenschaftler an der Ecole getan haben. wie empfindlich die Bibel-Wissenschaftler sind.zugänglich zu machen? Ich habe keine Zeit. aber bis jetzt hast du weder deinen Fund noch deine Arbeitsmethoden veröffentlicht. Danach werde ich die Texte den zuständigen Stellen übergeben und meine Übersetzung veröffentlichen. Und sie hat sich streng im Rahmen des Neuen Testaments bewegt! Du hast etwas gefunden. bis ich sie übersetzt habe. das wäre in diesem Fall anders. Du könntest sofort die Öffentlichkeit über deinen Fund informieren und an alle Wissenschaftler appellieren. vierzig Jahre darauf zu warten. »Darauf kann ich es nicht ankommen lassen. wie die Texte in deinen Besitz gelangt sind.« »Du tust also genau dasselbe.« »Gut.« »Catherine. Du bist entschlossen.

Wie soll ich weiterleben. um diese wertvollen Texte zu schützen. Noch ist Zeit dazu. aber ich muß es tun. Man wird dir Charakterlosigkeit vorwerfen. daß ich nicht alles 144 . Das weißt du. solange ich noch die Möglichkeit dazu habe? Wie kann ich in dem Bewußtsein weiterleben.« Er griff nach ihren Händen. warum du das alles auf dich nimmst. Und ich muß gestehen. Man wird dich als Wissenschaftlerin nicht mehr achten. »Ich verstehe gut. Catherine. sagte er ernst. daß du Grund zu der Annahme hattest.« »Ich habe auch Angst. Niemand wird etwas mit dir zu tun haben wollen. und du wirst keine Freunde mehr haben. »Catherine.« »Und du?« fragte sie leise. Aber auf diese Weise kannst du den Ruf deiner Mutter nicht wiederherstellen. Julius. »Das bedeutet.neben sie auf die Sessellehne. Dann holte er tief Luft und sagte ruhig und mit fester Stimme: »Deshalb bitte ich dich. und ich glaube auch zu wissen. Du bekommst keine Grabungsgenehmigung mehr. Trotzdem muß ich dir die Augen öffnen. Du wirst alles verlieren. »Ich werde immer an deiner Seite stehen. Du kannst erklären. Wie willst du nach einem Skandal deiner Mutter helfen?« Er schüttelte den Kopf und seufzte. man werde sie stehlen oder vernichten. übergib die Schriften dem ägyptischen Konsulat in San Francisco. daß du als Archäologin Selbstmord begehst«. was dieser Fund für dich bedeutet. Du verlierst deine Glaubwürdigkeit. »Du stellst deine Integrität in Frage. hör auf mich. Noch kannst du dich retten. ich habe Angst. und kein wissenschaftlicher Verlag wird deine Arbeiten veröffentlichen. Man wird dich im wahrsten Sinne des Wortes kreuzigen. Catherine. Du kannst sagen. wofür du so schwer gearbeitet hast.« Sie schüttelte den Kopf. wenn ich jetzt nicht Fakten schaffe. du hast sie aus Ägypten herausgebracht.

aber meine Mutter ist tot. der sich durch die Menge gekämpft hatte. sagte er leise. die Catherine an ihm nicht kannte. die man gegen meine Mutter erhoben hat?« »Das willst du tun.« Sie zog ihre Hände zurück. daß alle Priester gleich sind?« Unwillkürlich mußte Catherine an Garibaldi denken. sagte Julius eindringlich. Dafür war nur ein einziger Mann verantwortlich. bevor er sich umdrehte. Sie kann sich nicht mehr verteidigen. »Vielleicht ist das deine Meinung. die dich zerstört. um einer Beduinenfrau zu helfen.« Er stand auf und trat an die Glastür. »kann sie uns beide vernichten. Obwohl er äußerlich so ruhig wie immer wirkte.getan habe. an die Folgen deines Vorhabens zu denken. ich bitte dich. Mir bleibt später noch die Möglichkeit einer Rechtfertigung. ja. um die Anschuldigungen zu entkräften.« »Priester sind auch nur Menschen. Vater McKinney war katholischer Priester. die weit in der Vergangenheit liegen? Catherine. Ich sehe es anders. Wäre Vater McKinney ebenso mutig gewesen? »Catherine«. »Catherine. Dort blieb er eine Weile schweigend mit dem Rücken zu ihr stehen. die Sache mit deiner Mutter geht nicht auf das Konto der Kirche. Wenn du sie nicht überwindest«. Jeder Priester ist ein Instrument der Kirche. indem du deinen eigenen guten Namen aufs Spiel setzt?« »Wenn nötig. In dir ist eine Bitterkeit. »du läßt dein Leben von der Vergangenheit bestimmen. lag in seiner Stimme eine gewisse Schärfe.« »Ist das nicht eine Art persönlicher Rachefeldzug? Willst du die Kirche angreifen wegen Dingen.« »Deren Loyalität in erster Linie der Kirche gehört.« »Du willst also sagen.« 145 .

dann fallen sie in den Bereich der Archäologie. Die Kommune hat uns gebeten. es stammt von einer alten indianischen Begräbnisstätte. eine Altersbestimmung vorzunehmen. »Ich muß noch einmal ins Institut. In der Gegend hinter Bel Air hat man Reste eines Skeletts gefunden. »Gerade weil ich dich liebe. Wir vermuten. du würdest mich unterstützen. drehte sich dann aber langsam um und sagte seufzend: »Catherine. was erwartest du von mir?« 146 . Aber wenn du deine Mutter rechtfertigen möchtest. Du behauptest. muß ich dir sagen. ich dachte. Glaub mir. Ich würde nur dazu beitragen.« »Julius. ich verstehe sehr gut.« »Natürlich liebe ich dich!« Es klang wie ein Aufschrei.»Ich suche nur nach Antworten…« »Wirklich? Willst du etwas finden oder willst du etwas zerstören?« »Julius. Aber wenn sie jüngeren Datums sind. dann unterstütze ich dich nicht. wir müssen miteinander reden. weshalb du es tun willst.« »Julius…« Er suchte nach seinen Wagenschlüsseln. »Wenn die Knochen älter als hundert Jahre sind.« »Dieses Risiko muß ich eingehen. etwas Falsches zu tun.« Er sah sie kopfschüttelnd an und warf dann einen Blick auf die Uhr. Catherine. sonst wird man dich mundtot machen. und die Polizei muß sich nicht darum kümmern. mich zu lieben. müssen polizeiliche Nachforschungen angestellt werden.« Er ging zur Tür. Wenn ich deinem wahnwitzigen Plan zustimme. daß du im Begriff bist. dann mußt du das im Rahmen einer wissenschaftlich anerkannten Vorgehensweise tun. dich zu ruinieren.

daß du recht hast. In seiner Ernüchterung wollte er nur so schnell wie möglich weg. das Universum gerate plötzlich aus dem Gleichgewicht. Mein Verstand sagt mir.« Er schüttelte den Kopf. den eingeschlagenen Weg weiterzugehen.« Sie sah ihm nach. Catherine stand wie gelähmt im Zimmer und glaubte. nahm er alle Wärme und Geborgenheit mit sich. das Haus. dir diese Dummheit auszureden?« »Davon spreche ich nicht. Das Wiedersehen mit Julius hätte nicht so verlaufen dürfen. Die Konfrontation schmerzte. Wer sonst würde versuchen.« Er wich ihrem Blick aus und öffnete die Tür. Anstatt ihr Wiedersehen zu feiern. Ich weiß. aber mein Herz befiehlt mir. nichts war mehr wie zuvor. Bestimmt bin ich noch vor acht zurück. Er konnte ihr nicht zustimmen. um dich zu begrüßen.« »Niemand weiß etwas von dem Fund. aber ich wollte hier sein. ich habe kein gutes Gefühl dabei. Als er aus der Garage in den strömenden Regen fuhr. Ich war wirklich sehr vorsichtig. Du hörst mir nicht zu. stritten sie miteinander. du bringst dich und uns in eine sehr gefährliche Lage.Sie stand auf und ging zu ihm. »Gibt es für dich immer nur Regeln und Vorschriften? Hast du nie etwas getan. Alle seine Hoffnungen hatten sich zerschlagen. In der Ferne donnerte es. »Ich hätte die Tests schon heute morgen durchführen sollen. Nichts anders tue ich jetzt. daß mein Vorgehen falsch ist. nur weil es dein Herz wollte?« »Natürlich. Ich glaube. daß es bereits vier Uhr nachmittags war. Alles schien auf den Kopf gestellt. 147 . die Welt. Julius. »Catherine. Es ist illegal und unmoralisch. Ich werde im Moonshadow einen Tisch für uns reservieren. Sie holte tief Luft und sah.

Geh nicht ans Telefon und laß keinen Menschen in die Wohnung. denn wenn uns jemand verfolgt.Wie benommen ging sie in die Küche und wählte noch einmal Daniels Nummer. Ich kann auf keinen Fall nach Hause. ich habe jemanden vor dem Zelt gehört…« »O Gott. Stell dir vor. sagte sie. flüsterte sie und schloß die Augen. Und ich glaube zu wissen. Kannst du so schnell wie möglich herkommen?« »Was ist denn los?« »Jemand verfolgt uns. warte«. bleib in deiner Wohnung«. die Julius vor einem Jahr zusammen mit einem Jogginganzug gekauft hatte. Ich komme mit den Photos zu dir…« »Nein. Ich komme. »Ich glaube. Diesmal meldete er sich. du hast recht… ich habe uns alle in Gefahr gebracht. wer hinter uns her ist. wir sind in großen Schwierigkeiten. »Ich komme zu dir. Sie 148 . dann überwachen sie mein Haus. Julius. nur das nicht…«. die etwas von dem Fund wissen. Sie packte die Schriftrollen und die notwendigsten Dinge in die Tasche. sagte sie und dachte fieberhaft nach. wir sind nicht die einzigen. Danno!« »Du irrst dich. Catherine wollte schon aus dem Haus eilen. ging aber noch einmal in die Küche zurück und hinterließ eine Nachricht für Julius.« Nach einigem Suchen fand sie eine große blaue Sporttasche. so schnell ich kann. daß du anrufst! Ich bin vor ein paar Minuten hier angekommen.« »Das ist unmöglich! Wir haben die Schriftrollen unbemerkt aus dem Land geschafft. ich bin sicher. »Catherine! Gott sei Dank. »Danno. den er ebenfalls nie benutzte.« »Wie bitte?« »Cathy.

Auch das war neu. das sie beim Anblick der religiösen Dinge im Haus von Julius gehabt hatte. wie der Gebetsschal im Wohnzimmer.schrieb. daß Julius eine Mezuzah am verwitterten Holz des Türrahmens befestigt hatte – eine kleine Rolle mit einem Pergament. Als sie mit dem Rücken zum Regen die Haustür hinter sich zuzog. Sie schloß mit den Worten: »Ich liebe dich…« und legte das Blatt Papier gut sichtbar auf den Küchentisch. Ich beneide ihn. dem fünften Buch Mose. sah sie. sie sei ein paar Tage unterwegs und werde sich bald bei ihm melden. 149 . was der Grund dafür war. stand. und wieder überkam sie das seltsame. Plötzlich wußte sie. Catherine fuhr auf der nassen Straße in Richtung Norden. auf dem ein Text aus dem Deuteronomium. unerklärliche Gefühl.

‹ Wer kann das sein? dachte Catherine und klingelte. schob den Vorhang etwas zur Seite und blickte auf die Straße. daß wir verfolgt werden?« »Einen Moment. die normalerweise eineinhalb Stunden dauerte. Im Hotel Isis hatte sie noch vor zwei Tagen in jedem der Gäste einen Spion gesehen. daß ihr niemand gefolgt war. Sie hoffte inständig. Kalifornien Catherine nahm zwei Stufen auf einmal. hatte an diesem stürmischen Tag beinahe vier Stunden in Anspruch genommen. »Woher weißt du überhaupt.« »Bestimmt nicht. als sie die Treppe hinauf in den dritten Stock zu Daniels Wohnung lief. Die ägyptischen Behörden? Hungerford? Sie hatte auf der zermürbenden Fahrt nichts anderes getan. daß dir niemand gefolgt ist. zog den Regenmantel aus und nahm die Plastikhaube vom Kopf. »Ich muß sicher sein. daß ihm in der Zwischenzeit nichts zugestoßen war. als über alle möglichen Verdächtigen nachzudenken.« Er ging zum Fenster. wäre es mir aufgefallen. »Cathy! Gott sei Dank! Komm schnell herein. Dort kann 150 . warf er noch einen Blick ins Treppenhaus und vergewisserte sich. War ihr Verdacht doch nicht unbegründet gewesen? Am Guckloch erschien ein Auge.« Bevor Daniel die Tür hinter ihr schloß. dann wurde die Wohnungstür geöffnet. »Wer ist hinter uns her?« fragte sie. Die Fahrt von Malibu nach Santa Barbara.Santa Barbara. ›Wir sind in großen Schwierigkeiten‹ hatte Daniel gesagt. Wenn jemand das Haus von Julius überwacht hätte. ›Jemand ist hinter uns her.

16:5-13. ohne gesehen zu werden. Viertes Jahrhundert.:‹Mein Mann und mein Kind› lassen darauf schließen. auf dem sein Laptop stand. ob es vielleicht andere Schriftrollen gibt. »Versteh ich nicht… Was ist das für eine Stelle aus Lukas?« 151 . daß jemand die Schriftrollen haben will?« Er ließ den Vorhang fallen. Ich werde dir zeigen. du hast etwas gefunden!« »Ich glaube. ja. Hinw. Danno. Oben auf der Liste steht das British Museum. Nichts deutete auf den langen Flug hin. bist du sicher. Er wirkte ausgeschlafen und völlig munter.« Catherine las den Ausdruck: ›?245 (4. weite und bequeme Sachen. drehte sich um und sah sie an.niemand parken.). habe ich mich in das Internet eingeloggt. Außerdem habe ich mich ständig davon überzeugt. Jh. daß eine Frau den Text geschrieben hat.« »Sag nur.‹ Daniel fuhr sich mit den Fingern durch die langen blonden Haare. Hier…«. woher ich das weiß. Ich wollte nachsehen. »Besteht da ein Zusammenhang?« »Eine Reise nach Britannien…«. in der ersten Person. »Sobald ich hier war. die deinen ähnlich sind. griechisch. Kein Wagen ist hinter mir vom Highway abgefahren. daß sie nur aus Neugier hinter dir her sind. Daniel litt erstaunlicherweise nie unter der Zeitverschiebung. Viel ist es nicht. »Ich kann mir nicht vorstellen. Bericht einer Reise nach Britannien. Wie immer trug Daniel zerknitterte. der an Kreuzungen mit mir abgebogen wäre. Zwei Seiten eines Buches. sagte er und reichte ihr ein Blatt Papier. »Es gibt keinen Zweifel«.: Lukas. N. und im Rückspiegel war niemand zu sehen.« Er ging zu einem kleinen Tisch. daß mir niemand gefolgt ist. murmelte sie. Auf der Rückseite einer LiviusSchrift. »Ich habe die Information auf meine Festplatte geladen und sie für dich ausgedruckt.T. Hinw. antwortete er.

und in einem nahe gelegenen Hotel sei ein amerikanischer Ingenieur ermordet worden. den Fund auf dem Schwarzen Markt anzubieten. Danno. flüsterte Catherine. »Hungerford…«. die den ägyptischen Behörden Rätsel aufgab. Und unter dem Stichwort ›Papyrus‹ gibt es im Web über tausend Eintragungen!« »Aber was ist mit den Leuten. sagte sie nachdenklich. Cathy. die Hungerford umgebracht haben. »Es wäre möglich«. sagte Daniel und reichte ihr einen anderen Ausdruck. »Das sagt mir.« Catherine betrachtete den Ausdruck in ihrer Hand.« Catherine las die Meldung über eine Ausgrabung in der Nähe von Scharm el Scheich. so meldete man. daß Zeugen 152 . die mich verfolgen…« »Hier«.»Ich habe nachgeschlagen. Es war nichts zu finden. und das gefunden. »Ich glaube. Daniel räusperte sich. In dem Bericht heißt es auch. Ich habe im Web nach Nachrichten aus dem Sinai gesucht. »daß Sabinas Text wie die Evangelien und die Briefe der Apostel immer wieder kopiert wurden. daß die Leute. Vermutlich handelt es sich dabei jedoch nur um Fragmente. Kapitel sechzehn. Die verantwortliche Archäologin. den Spuren muß ich unbedingt nachgehen. um zu dem Schluß zu kommen. das Gleichnis vom reichen Mann. Er hat offenbar versucht. sei verschwunden. jetzt hinter dir her sind. Es könnte durchaus Kopien von Sabinas Brief und ihrer Geschichte geben. daß wir in großen Schwierigkeiten sind. Vielleicht finden wir auf diese Weise Teile der siebten Schriftrolle!« »Das habe ich schon versucht. während ich auf dich gewartet habe. einfach nur so. Ausschnitte aus den Büchern des Neuen Testaments sind über die ganze Welt verstreut. Man braucht nicht viel Phantasie. er wußte etwas von den Schriftrollen.

Es kam mir irgendwie bekannt vor. Es regnete noch immer. Catherine fuhr erschrocken zusammen. Sie hatte ein flaues Gefühl im Magen – Hungerford war ermordet worden. Zuerst Julius und jetzt… »Danno.« Catherine ging zum Fenster und blickte durch einen Spalt im Vorhang hinaus. ist mir in der Menge ein Gesicht aufgefallen. Er setzte sie wieder auf und sagte: »Während mich Samir als ›Beduinenfrau‹ zu dem Landrover geschleppt hat. Das Gesicht ging mir nicht mehr aus dem Kopf. wir sollten nicht hierbleiben. »Zeit zu verschwinden. Das durfte nicht wahr sein.berichten. Wo hatte ich diesen Amerikaner schon einmal gesehen? Als ich hier am PC saß und meinen Tagebucheintrag machte. Es war ein Amerikaner. »Ein Freund von mir hat in Washington ein Ferienhaus am 153 . Ich habe ein ungutes Gefühl. wie er nervös die Brille abnahm und die Gläser an seinem T-Shirt blank rieb. Catherine schüttelte den Kopf. Draußen im Gang hörte man laute Schritte. »Was war das?« »Meine Nachbarn! Sie streiten sich ständig«. »Ich glaube.« Daniel holte eine riesige Leinentasche mit dem Aufdruck USS Enterprise und packte Mappen und Ordner hinein.« Catherine sah. Die Straße unten war menschenleer. fiel es mir wieder ein…« Ein Schrei hallte durch die Luft. Die Sache ist also eindeutig bekannt. der Ingenieur habe ein Jesus-Fragment gefunden. daß du weißt. und in der schwarzen Nässe leuchteten nur die elektrischen Kerzen einer Lichterkette an einem Hauseingang. wer es ist. antwortete Daniel und schloß den Laptop. sagte sie tonlos und verließ den Platz am Fenster. du hast am Telefon gesagt. »Du hast recht«.« Catherine rieb sich die Stirn. das möglicherweise zu einem frühchristlichen Evangelium gehört.

als du mich in der Grundschule beim Nasenbohren ertappt hattest.« »Das ist bereits geschehen. und ich kann meine Arbeit an den Wandbildern fortsetzen. Jeder in meiner Begleitung ist in Gefahr. erwiderte er ruhig. Du darfst mich nicht begleiten. Ich möchte dich nicht in diese Sache hineinziehen. Danno!« Er schüttelte lachend den Kopf und schob Bücher und Wechselplatten in die Tasche. Er hat mir schon oft angeboten. Du wirst die Schriftrollen übersetzen. Cathy«. Catherine stemmte die Hände in die Hüften. Ich werde dein Leben nicht aufs Spiel setzen.« »Ich werde mich allein auf den Weg machen.« »Danno. »Im Haus meines Freundes werde ich den Kontakt zum Institut in Houston wiederaufnehmen. sagte Catherine. Das heißt. »Sie sind hinter mir her. sagte Catherine und griff nach der blauen Tasche. Du hast mich zum letzten Mal ›Daniel‹ genannt. »Kommt überhaupt nicht in Frage«.« »›Daniel‹…?« Er lachte. »Was packst du da alles ein?« »Ich werde meine Unterlagen über das Maya-Grab nicht zurücklassen«. jetzt suchen sie mich. als du es für möglich 154 . erwiderte er und legte zum Abschluß ein paar Tüten Knabbergebäck und eine Dose Limonade obendrauf. widersprach er energisch. Die Mörder sind hinter den Schriftrollen her. eine Weile dort zu wohnen.« Sie legte ihm die Hand auf den Arm. werden sie dich in Ruhe lassen. »Das kann nicht wahr sein. »Wir bleiben zusammen.« »Daniel«. Wenn ich nicht mehr da bin.Meer. »es ist mein Ernst. Danno«. der Mord an Hungerford ist kein Zufall. »Ich bin tiefer hineinverwickelt.

« »Danno…« »Es bleibt dabei. um die Texte zu übersetzen. Vergiß nicht. gehen wir. sagte er und griff nach einem dicken Umschlag. ohne sein Versteck zu verlassen. Außerdem brauchst du mich.« »Danno. »Tut mir leid. keiner darf dich finden! Also flüchten wir in ein sicheres Versteck und überlassen das Reisen den elektronischen Fingern.« »Sollte ich sie nicht vielleicht bei mir behalten.« Er schüttelte den Kopf. »Dummkopf!« murmelte sie und gab ihm einen Kuß auf die Wange. Vielleicht wirst du dann erfahren.« »Nein. »Die Photos. Cathy? Du darfst mich jetzt nicht ausklammern. Deshalb werde ich allein eine Weile untertauchen. ich brauche nur etwas Zeit… genug Zeit. Dann ist die Gefahr vorüber.hältst. »Also gut. falls den Schriftrollen etwas zustößt?« »Was soll den Schriftrollen schon zustoßen? Ich habe sie 155 . Cathy! Man kann überall auf der Welt suchen. Danach werde ich die Schriftrollen jedem geben.« »Während ich auf dich aufpasse. der sie haben möchte.« »Ich lege sie in meine Tasche. und ich werde dich nicht allein lassen. Cathy. in diesem Fall das Haus meines Freundes. fügte er lachend hinzu: »Das Internet.« Sie lächelte. fügte er schnell hinzu: »Ich frage dich: Wann haben wir einmal nicht zusammengehalten und uns gegenseitig geholfen.« Als sie ihn fragend ansah. ich bin dein Freund. Du mußt feststellen.« »Warte«. wo sich die siebte Schriftrolle befindet. wer dieser König war.« Da sie schwieg.

daß du eine Pistole hast!« »Ich wollte nicht. das ist mein Ernst. »Ich werde sie nicht mehr aus den Augen lassen. Ich weiß. die er aus dem Schreibtisch genommen hatte. wo ich bin. Es gibt doch jemanden – Hans Schüller am Radiologischen Institut in Zürich. ich hole noch meinen Poncho. daß ich hier bin. die Catherine an der Hand packte. Den Grund dafür kannte er auch. »Was hast du da?« Er blickte auf die Pistole.« »Ich wußte nicht.hier bei mir«. »Leider in unserer Zeit eine Notwendigkeit. erwiderte Catherine und hängte sich die blaue Tasche über die Schulter. Ich habe ihm eine Papyrusprobe für eine genaue Datierung geschickt.« »Hast du Julius etwas davon gesagt?« »Ja«.« »Oh. dürfte alles klar sein. was du von Waffen hältst.« »Du wirst die Pistole auf keinen Fall mitnehmen. Er wußte.« »Cathy…« »Danno. daß Catherine alle Arten von Gewalt verabscheute. Er würde Schwester Immaculata nie vergessen. daß du sie siehst. antwortete sie und ließ den Kopf hängen.« »Gut. aus der Klasse zerrte und dabei schimpfte: ›Du bist ein freches und schamloses Mädchen! Du wirst für deine Frechheit büßen!‹ Catherine legte sich den Regenmantel über die Schultern und sagte: »Ich muß mich bei Schüller melden und ihm sagen. Keine Waffen!« Seufzend legte er die Pistole wieder in die Schreibtischschublade.« Sie runzelte die Stirn. »Wenn niemand weiß. wo wir sind. dann können wir 156 .« Daniel öffnete die Schreibtischschublade und nahm etwas heraus. etwas habe ich vergessen. »Aber er weiß nicht.

das Daniels Kopf umgab. 157 .« »Ich hole den Poncho«. Zwei Männer hielten ihn fest. die Photos in die Einkaufstasche zu seinem MayaMaterial zu legen. Er stand auf der anderen Seite des Wohnzimmers mit dem Rücken zu den Lautsprechern der Stereoanlage. die eine Einkaufstüte trug. Die beiden Männer wichen zurück. der eine machte einen Schritt auf sie zu. ein blitzendes Messer und plötzlich hellrotes Blut. die Brille war verbogen.los. in den blauen Augen unter den blonden Wimpern war das Licht erloschen. Schwarzweiß-Photos verteilten sich auf dem Teppich. Sie starrte auf Daniels Gesicht – sein erstaunter Ausdruck wirkte wie erstarrt. Seine Schuhspitze wurde rot vom Blut. An der Wohnungstür stolperte sie über den Laptop. Dann rannte sie los. die beiden Männer blickten auf Catherine. daß uns niemand erwartet. Daniels Entsetzen. den Daniel dort abgestellt hatte. Catherine sah alles gleichzeitig: Den Mann mit dem weißblonden Haar und der roten Narbe im Gesicht. Im Gang stieß Catherine mit einer Hausbewohnerin zusammen.« Als sie den Kleiderschrank öffnete und nach dem Poncho suchte hörte sie. Die beiden Männer waren ihr dicht auf den Fersen. Sie griff blindlings danach und stürmte ins Treppenhaus. verlagerte die schwere Nylontasche von der rechten Schulter auf die linke und rief in Richtung Flur: »Was hast du gesagt…?« Aber Daniel war nicht an der Wohnungstür. es sei doch besser. wie Daniel rief. sagte sie und ging bereits in sein Schlafzimmer. Catherine nahm den Poncho vom Bügel. Der Umschlag fiel Daniel aus der Hand. Wie in Zeitlupe sank Daniel leblos zu Boden. »Du überprüfst das Treppenhaus und vergewisserst dich.

Und dann… Ein ohrenbetäubender Knall. Garibaldi dicht hinter ihr. Sie bogen um die nächste Straßenecke und erreichten Catherines Leihwagen. Orangen. Als sie die Haustür erreichte und keuchend in die Nacht stürmte. Sie lief den regennassen Gehweg entlang und warf ängstlich einen Blick über die Schulter zurück. daß Farbe und Putz von der Wand regneten. griff Garibaldi nach Catherine und zog sie geistesgegenwärtig vom Gehweg. »O nein!« keuchte sie. ein tiefgekühlter Truthahn und ein Weihnachtsstern auf den Boden fielen. Es war Garibaldi. »Was ist denn…« »Laufen Sie!« Sie rannten durch den Regen. und der Laptop fiel auf den Asphalt. »Geben Sie mir Ihre Hand!« rief der Mann und zog sie wieder hoch. fiel ein zweiter Schuß.»He!« rief die Frau empört. Ihre Verfolger hatten den Hauseingang erreicht… In diesem Augenblick stieß Catherine mit jemandem zusammen. Hinter sich hörte sie Schritte. Catherine schob sich die Haare aus dem Gesicht und sah ihn fassungslos an. Die Reifen waren aufgeschlitzt. Kugeln schlugen in den Wagen. Als die beiden Männer mit schußbereiten Waffen an der Straßenecke auftauchten. Sie blickte nach oben und sah. Catherine rannte weiter. stehenzubleiben. Ihre Füße berührten kaum noch die Stufen. Sie rannten geduckt über den nassen Rasen und in einen engen Durchgang zwischen 158 . »Haben Sie sich ver…«. Eine tiefe Stimme befahl ihr. Catherine voraus. während sie blitzschnell weiter die Treppe hinunterrannte. »Laufen Sie!« schrie Catherine und hob den Laptop auf. während Dosen. Sie stürzte. Wieder hallte ein Schuß durch die Nacht. wollte er fragen.

Sie erreichten die Straße an der Rückseite der Häuser. Garibaldi riß die Beifahrertür eines blauen Mustangs auf. Garibaldi rief etwas. »Sie holen auf!« stieß sie atemlos hervor. Es dauerte nicht lange. packte sie am Arm und zog sie weiter.« 159 . rief Garibaldi. Catherine klammerte sich am Armaturenbrett fest und schloß die Augen. Der blaue Mustang raste durch die verlassene Straße. bis hinter ihnen Scheinwerfer auftauchten. »dann sollten Sie es jetzt tun. »Auch das noch…«.zwei Mietshäusern. daß sie sich in einer Sackgasse befanden. Catherine kauerte sich noch immer keuchend in den Sitz. Sie hörten weitere Schüsse. das Herz werde ihr zerspringen. Garibaldi ließ den Motor an. hörte sie Garibaldi stöhnen. Alles um sie herum schien zu verschwimmen – Häuser. Garibaldi bog um die nächste Ecke und gab Vollgas. Hinter ihnen leuchteten die Scheinwerfer ihrer Verfolger. der dort geparkt war und rief: »Steigen Sie ein!« Catherine fiel auf den Sitz. heulte in der Nähe ein anderer Motor auf. Lichter. Sie rang nach Luft und glaubte. Der Mustang schien vom Boden abzuheben. Catherine glitt auf dem glitschigen Beton aus und fiel gegen eine Hauswand. Als er mit quietschenden Reifen anfuhr. Ampeln. Catherine riß die Augen auf und sah mit Entsetzen. Frau Doktor«. »Wenn Sie noch beten können.

wie an jedem anderen Tag auch. Seine Eminenz machte den Menschen dort unten keinen Vorwurf. Vielleicht sollte er seine Augen untersuchen lassen. die bereits überforderten Sicherheitskräfte des Vatikans vor nahezu unlösbare Probleme stellte. Gab es einen besseren Ort.Der Vatikan. die alle Rekorde brach. um die Heerscharen der Hölle zu erwarten. daß der Himmel an diesem Vormittag eine sehr ungewöhnliche Farbe hatte. daß die Sinne nicht mehr so zuverlässig waren wie früher. wo eine Menschenmenge. Es war Winter. Alle behaupteten. Natürlich gab es auch in Rom graue Himmel. als den. War seine seltsame Farbe ein Zeichen kommenden Unheils? Er schüttelte den Kopf. dachte der Kardinal verwirrt. Sie hatten Angst. das Ende der Welt stehe bevor. Unsinn! Der Himmel war der Himmel. und er durfte seine Zeit nicht damit 160 . Rom Kardinal Lefevre wurde das Gefühl nicht los. Aber das. Er gab sich einen Ruck. wo der heilige Petrus den Märtyrertod erlitten hatte? Lefevres Augen richteten sich wieder auf den Himmel. Mit siebzig mußte man sich damit abfinden. hatte er diese Farbe noch nie gesehen. Wenn er es sich recht überlegte. Die Italiener der Vergangenheit und der Gegenwart mußten sich mit ihrem Anteil an Stürmen und Überschwemmungen abfinden. Es war Regen vorhergesagt. Die Arbeit wartete. scheinen wahrhaftig keine gewöhnlichen Wolken zu sein. Woher mochte das kommen? Er richtete den Blick auf den Petersplatz. Man befürchtete das Schlimmste und hatte die Städtische Polizei um Hilfe gebeten.

Diesmal blickte er auf die Stadt. Im vergangenen Jahr hatte sich Rom auf zusätzliche zehn Millionen Besucher vorbereitet. um die Menschenmassen unter Kontrolle zu halten. Sagen Sie ihm.vergeuden. trat Kardinal Lefevre wieder ans Fenster. und man würde über kurz oder lang militärische Unterstützung brauchen. »Ich bitte die Störung zu entschuldigen. Und…?« »Ja. Eminenz?« »Machen Sie Dr. Die große 161 . Eure Eminenz. Er leitet das Archäologische Institut der Universität von Rom. »Ja. die an den Feierlichkeiten zum zweitausendsten Geburtstag Christi teilnehmen würden. wo sich die Akten stapelten. Beim Lesen der Mitteilung hoben sich seine buschigen weißen Augenbrauen. daß er über die Farbe des Himmels nachdachte… Als er sich an seinen Schreibtisch setzte.« Lefevre brach das Siegel und zog ein Blatt Papier aus dem Umschlag.« Als der junge Mann gegangen war. Eure Eminenz.« Die Augen des Priesters wurden eine Spur größer. Während Ihrer Audienz bei Seiner Heiligkeit traf diese Nachricht für Sie ein. In der ganzen Stadt gab es kein einziges freies Zimmer mehr. Den Berichten nach war diese Zahl inzwischen weit überschritten. »Unglaublich!« »Eminenz?« Der Kardinal faltete das Blatt schnell zusammen. Fuchs auf. daß ich ihn in einer äußerst dringenden Angelegenheit sofort sprechen muß. Fuchs darauf aufmerksam. daß die Angelegenheit streng geheim ist. schob es in die Tasche seiner roten Soutane und sagte: »Bitte nehmen Sie unverzüglich Kontakt zu Dr. erschien ein junger Priester in langer schwarzer Soutane in dem Büro.

162 . sondern auf der ganzen Welt alle Gläubigen bewegte. bekreuzigte sich Kardinal Lefevre und blickte unwillkürlich wieder besorgt zum grauen Himmel hinauf. war: Würde mit Beginn des Jahres 2000 eine apokalyptische Katastrophe über die Menschheit hereinbrechen? Beim Gedanken an die beunruhigende Nachricht.Frage. die nicht nur in Rom. die er gerade erhalten hatte.

Santa Barbara. und der Regen prasselte auf die Windschutzscheibe. Als das Tonband abgelaufen war. Ist das klar?« »Ja.« »Spielen Sie noch einmal das Band ab. unterbrach ihn Miles. Havers. auf dem Sie das Gespräch aufgezeichnet haben. Zeke hatte überall in Stevensons Wohnung Wanzen verteilt. Zeke?« »Ich weiß nicht. »Aber in diesem Augenblick tauchte ein Streifenwagen auf und…« »Mir ist völlig gleichgültig. als der Wagen in eine Sackgasse einbog«. zum Beispiel ein katholischer Priester…« 163 . Mr. »Ich möchte. waren ihre Stimmen laut und deutlich zu hören. aber Zeke und seinem Partner entging der Zorn ihres Auftraggebers nicht. Zeke? Sie sind Ihnen entkommen!« Die Stimme von Miles Havers aus dem Lautsprecher klang zwar wie immer beherrscht und ruhig. auch sein Bild auf dem Monitor wirkte gelassen. auf das flimmernde Bild seines Auftraggebers zu blicken. Sie saßen in ihrem Wagen. »Wir glaubten schon. Mr. was geschehen ist«. Wenn sich die beiden Archäologen in der Wohnung bewegten. sie säßen in der Falle. Es waren noch andere Amerikaner in der Menge. Vielleicht spricht er auch nicht von mir. fragte Miles: »Wie hat er Sie erkannt. Havers. während die Stimmen von Catherine Alexander und Daniel Stevenson in dem schwarzen Pontiac zu hören waren.« Zeke hielt den Kassettenrecorder dicht an das Funkgerät und vermied es. erklärte Zeke. daß Sie die Frau finden und mir diese Schriftrollen beschaffen. Kalifornien »Was sagen Sie.

« »Was ist mit den Photos. konnte Zeke seinen Zorn nur mühsam unterdrücken. Während das Bild gesendet wurde. der auf dem Armaturenbrett lag. »Stevenson spricht vielleicht nicht von Ihnen. Außerdem setzte er Zeke und seinen Partner auf Daniel Stevenson an. Sobald sie gehört hatten. und mit dem Eingreifen warten. wie Dr. daß sich die Schriftrollen in 164 . waren Zeke und sein Partner in die Wohnung eingedrungen und hatten Stevenson ausgeschaltet. sein Telefon anzuzapfen und die Wohnung abzuhören. Es gefiel ihm nicht. Sir. bis sie den sicheren Beweis hatten. Das hatten sie getan. was gesprochen wurde. Daraufhin hatte Miles jemanden beauftragt. Wir müssen so schnell wie möglich sein Tagebuch haben. Sie sollten alles aufnehmen. Alexander sagte: »Ich habe sie hier bei mir«. die Stevenson erwähnt? Haben Sie die Aufnahmen?« Zeke griff nach dem blutbefleckten großen blauen Umschlag. Kennedy-Flughafen aufzuspüren. als komme sie gerade von ihrer AerobicStunde. wenn er bei einem Auftrag versagte. Schuld daran waren die Anweisungen.« »Ja. Catherine Alexander am John F.»Ein Priester!« Miles lachte höhnisch. daß sich die Schriftrollen dort befanden. Als Zeke sah. Den Männern von Havers war es in New York nicht gelungen. Alles hätte anders sein können. Sie hatten den Auftrag. wie die Archäologin mit der blauen Tasche über der Schulter das Haus betrat. ihre Wohnung in Santa Monica zu überwachen. Aber die Frau war ihnen entkommen. nahm ein Photo heraus und legte es in den tragbaren Scanner. aber wir dürfen kein Risiko eingehen. wußte er instinktiv.

Vielleicht war es ein Fremder.« »Was ist das für ein Mann. dann sagte er: »Ich 165 . die sie bei sich trug. so schwor er sich stumm.« »Haben Sie die Wohnung von Stevenson durchsucht?« »Am Vormittag. Wir hatten keine Zeit. sagte Miles. das Stevenson erwähnt?« »Wir wissen es nicht.« Miles schwieg bedrohlich lange. aber nicht damit gerechnet. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung haben wir kein Tagebuch gefunden. würde er auf die Anweisungen pfeifen und sich auf seinen Instinkt verlassen.« »Sie sind sicher. »Es sind höchstwahrscheinlich Aufnahmen der Schriftrollen. ob sie ihn kannte. daß den Originalen etwas zustoßen sollte. Wir hatten ihren Wagen fahruntauglich gemacht. Haben Sie alle?« »Nein. daß sie mit den Schriftrollen geflohen ist?« »Sie befanden sich in einer blauen Tasche. Wir mußten die Frau verfolgen. Wir haben allerdings das Kennzeichen des Fluchtautos. Er hätte die Frau und die ›Ware‹ auf der Stelle gehabt. Aber er hatte seine Anweisungen und mußte sich daran halten. Havers.der Tasche befanden. als wir die Wanzen verteilt haben. mit dem sie geflohen ist?« wollte Miles wissen. »Gut«. Das nächste Mal. Mr. Ein paar Photos sind aus dem Umschlag gefallen. sie aufzuheben. Es befand sich nichts Wertvolles dort. daß ihr jemand helfen würde. vermutlich eine Sicherheitsmaßnahme für den Fall. »Wir haben ihn nur undeutlich gesehen und wissen nicht.« »Wo ist das Tagebuch. Er und diese Alexander müssen die Schriftrollen und die Photos im Reisegepäck gehabt haben.

schicke jemanden. sich lange zu verstecken. Havers. Havers.« »Ja. nie geboren worden zu sein. Zeke! Diesmal darf sie Ihnen nicht entkommen. Wo immer sie auch sein mag. weil immer mehr Leute noch spät abends Weihnachtseinkäufe machten. Sobald wir diese Alexander aufgespürt haben. Danach suchen Sie sich ein Hotel. Sir.« Der letzte Befehl war unnötig. daß Sie ständig über Funk erreichbar sind. dann würde sie sich wünschen. daß er die zulässige Höchstgeschwindigkeit nicht überschritt.« »Ja. Die 166 . darf niemand den Eintrag lesen. »Was hat das eigentlich alles zu bedeuten?« fragte Garibaldi und achtete darauf. Sie könnte morgen schon Hunderte von Meilen entfernt sein. Sie dürfen auf keinen Fall die Gegend verlassen.« »Noch etwas. »Was für Männer waren das? Warum haben sie geschossen?« Catherine blickte immer wieder unruhig zurück. Wenn er Sie erkannt hat. sagte Miles. »In zwei Stunden werden meine Leute in Santa Barbara sein. Sie fuhren auf der Hauptstraße durch Santa Barbara.« »Sorgen Sie dafür. werden Sie die Verfolgung aufnehmen. Beschaffen Sie die Schriftrollen und Stevensons Tagebuch. Der Jet ist startbereit«. bis Catherine Alexander gefunden ist. Zeke hatte sich bereits geschworen: Wenn er Catherine Alexander das nächste Mal sah. Mr. Der Verkehr nahm zu. der die Photos abholt. Fahren Sie zum Flughafen in Santa Barbara und warten Sie auf meinen Privatjet.« »Entschuldigen Sie.« »Oder sie ist nicht weit gekommen. Mr. es wird ihr nicht gelingen.

« Er schwieg und flüsterte dann: »Gott sei seiner Seele gnädig. »Das weiß ich nicht!« stieß sie zitternd hervor. als sie vor einem Kaufhaus anhalten mußten. zurückzufahren. was los ist!« begann Garibaldi noch einmal. »Wohin? Ich kenne mich hier nicht aus.« »Warum nicht?« fragte Garibaldi. und ich muß etwas tun. murmelte sie. Wir haben sie abgeschüttelt.« Sie schüttelte stumm den Kopf. dann können wir in Ruhe überlegen.« Mit einem prüfenden Blick auf Catherine fragte er: »Was ist mit Ihnen?« »Also gut. was zu tun ist. »Diese Kerle sind brutale Killer!« Sie preßte die Lippen zusammen und schloß die Augen. es ist zu gefährlich. fahren Sie einfach weiter.Scheinwerfer der Autos erinnerten an eine weiße Lichterkette. Wir sollten erst etwas Abstand zwischen uns und sie bringen.« »Gehen wir nicht zur Polizei?« »Nein! Auf keinen Fall gehen wir zur Polizei.« Sie drehte sich um und starrte durch die regennasse Windschutzscheibe. antwortete sie tonlos und begann zu zittern. aber sie können jeden Augenblick wieder 167 . Er ließ den Rückspiegel nicht aus den Augen und musterte die nachfolgenden Wagen. »Sie haben meinen Freund umgebracht. »Das… das werden sie büßen! Fahren Sie zurück. Verfolgten die Killer sie noch? »Fahren Sie weiter«. »Was sind das für Männer gewesen?« Catherine verschränkte die Arme und schloß die Augen. »Sagen Sie mir. Danno. »Aber sie… sie haben auf uns geschossen. »Wer waren diese Männer?« »Sie haben Danno ermordet«.« »Ich finde.

Der Mustang fädelte sich nicht besonders rücksichtsvoll in den fließenden Verkehr ein. fahren Sie weiter«. und ein Cadillac hupte laut. zur Fahrerseite lief.« Garibaldi mußte die Fahrbahn wechseln. »Was haben Sie?« Er umfaßte mit der rechten Hand den linken Arm. daß er nur mit einer Hand lenkte. wir halten den Verkehr auf. sagte sie gequält. Ich werde mich ans Steuer setzen.auftauchen.« Sie näherten sich dem Yachthafen. als Catherine schon aus dem Wagen sprang und. Die bunten Lichter der Schiffe spiegelten sich im schwarzen Wasser. »Dr. Alexander.« Der Mustang stand noch nicht richtig. Die Finger waren blutig. »Sie sind verletzt!« »Es ist nur ein Streifschuß…« Aber Catherine sah. Garibaldi zuckte entschuldigend mit der Schulter. Catherine biß sich auf die Unterlippe. widersprach er. es ist nichts…« »Halten Sie an. Ich weiß es nicht. bitte?« In welche Richtung. Die Scheinwerfer hinter ihnen verschwammen im Regen. »Diese Kerle 168 .« »Nein. Catherine fiel plötzlich auf. In welche Richtung. »Fahren Sie auf die Standspur und halten Sie an. »In welche Richtung soll ich fahren?« fragte Garibaldi. daß er unnatürlich blaß war und daß Schweißtropfen auf seiner Stirn standen. Schnell setzte sie sich hinter das Steuer. »Fahren Sie nach Norden. Ein Camarro mußte bremsen. Sie drehte sich um. Jetzt sah sie deutlich das Blut an Garibaldis Arm. ohne auf die vorbeirasenden Autos und den strömenden Regen zu achten. Danno liegt in einer Blutlache… »Nach rechts«. »Sie brauchen einen Arzt!« »Nein.

« »Ich habe sie noch nie im Leben gesehen.« Er musterte sie einen Augenblick und sagte dann: »In der Sackgasse haben Sie die Polizisten im Streifenwagen nicht um Hilfe gebeten. Der erste Wagen setzte sofort zum Überholen an. dann erreichten sie den Highway 154. begann Garibaldi noch einmal. Sie mußte die Ruhe bewahren und nachdenken. meinen sie es ernst. Warum nicht?« Sie nahm den Fuß vom Gaspedal. Im Rückspiegel sah sie. »Hier«. brauste vorbei und verschwand in der Regennacht. daß ihr zwei Wagen folgten. Die Scheibenwischer bewältigten den Regen kaum. Sie durfte nicht weinen.« »Warum nicht?« Sie sah ihn an. »Ich habe etwas. »Ich kann nicht zur Polizei gehen.« »Warum haben sie Ihren Freund umgebracht?« Die Tränen stiegen ihr in die Augen. Ich möchte ihnen nicht noch einmal begegnen. »Ich kann nicht…« Sie umklammerte das Steuer fester.« »Haben sie es bekommen?« »Nein. »Drücken Sie das auf die Wunde. In letzter Sekunde bog Catherine bei der Ausfahrt San Marcos Road ab und erntete dafür prompt ärgerliches Hupen.sind vielleicht noch hinter uns. »Wie kommen Sie eigentlich hierher… 169 . Wie die Schüsse beweisen. »was für Männer das waren.« Catherine reihte sich in den Verkehr ein und starrte geradeaus. und sie biß sich auf die Lippen.« Sie fuhren eine Weile am sturmgepeitschten Meer entlang. sagte sie und zog ein Taschentuch aus ihrer Jacke. Der zweite Wagen verlangsamte ebenfalls das Tempo. das diese Männer wollten. »Sagen Sie mir endlich«.

Wieso standen Sie plötzlich vor Daniels Apartmenthaus?« »Ich habe Sie gesucht…« Er verzog das Gesicht. Garibaldi drückte eine Hand auf die Wunde und stöhnte manchmal leise. der hier wohnte. Jetzt würden sie schnell feststellen. Also schien es sich um jemanden gehandelt zu haben. die zerbrochene Brille… Halb unbewußt nahm sie die Hinweisschilder am Straßenrand wahr: Chumash Painted Caves State Historical Park. Eindeutig hatte er Schmerzen. Im Rückspiegel hatte sie gesehen.« Er seufzte und sah sie an. ob ihnen jemand folgte. Stagecoach Road. »Wie geht es Ihnen?« »Ich weiß nicht… ich bin… Daniel…« Sie begann wieder zu zittern.« »Zuerst bringen wir noch ein paar Meilen zwischen uns und die Männer. Seitdem blieb hinter ihnen alles dunkel. »He!« rief er und griff schnell ans Lenkrad. und nach zwanzig Meilen würden sie 170 . nicht an das zu denken. Im Regen sah sie Kiefern und felsige Canyons. »Nehmen Sie den beiden nicht die Arbeit ab.« Catherine biß die Zähne zusammen und starrte auf die Straße. »Wir müssen uns so schnell wie möglich die Wunde ansehen. Sie fuhren schweigend weiter. Auf großen Tafeln warb ein Weingut für den Besuch seiner Kellerei. Die Straße wurde enger und wand sich in Kurven nach oben. Der Verkehr ließ sichtbar nach. Sie fuhren in die Berge. Catherine zwang sich. Rancho San Marcos. Ihre Zähne schlugen aufeinander. und beinahe hätte sie die Kontrolle über den Wagen verloren.Ich meine nach Santa Barbara. daß der Wagen hinter ihnen in eine kleine Straße abgebogen war. was mit Daniel geschehen war – das viele Blut.

ohne die Benzinanzeige aus dem Auge zu lassen. sagte Catherine und sprang aus dem Wagen. Sie rannte durch den Regen. daß das Benzin zur Neige ging. »Da vorn links ist 171 .« »Was ist das vor uns? Ich glaube. Sie sah ihn von der Seite an. »An der Bürotür hängt ein Schild«. antwortete sie. »Ich sehe keinen Wagen. Garibaldi bemerkte es ebenfalls. Die ›Zimmer frei‹-Tafel war abgeschaltet. ob es hier überhaupt Tankstellen gibt.« Catherine warf einen Blick auf die Digitaluhr. Vor den Zimmern standen keine Wagen. kam aber schnell zurück. da kommen Lichter. »Haben Sie eine Ahnung?« »Ich kenne mich in dieser Gegend nicht aus. sahen sie nur dunkle Fenster und ein Büro mit Notbeleuchtung. und wenn.« »Ein Motel! Vielleicht können wir dort einen Kanister Benzin kaufen. dann sind sie bestimmt geschlossen.« »Ich weiß nicht. »Wissen Sie eigentlich. Es war inzwischen beinahe elf Uhr abends.« Er drehte sich leise stöhnend um und blickte auf die dunkle Straße hinter ihnen. Wir haben sie bestimmt abgehängt. Dann sah sie zu ihrem Entsetzen. »Wir müssen wohl oder übel bald anhalten. wohin wir fahren?« fragte Garibaldi schließlich.Anderson’s Pea Soup Restaurant erreichen.« Aber als Catherine den Wagen verlangsamte und in den unbeleuchteten Parkplatz einbog. Die Armaturenbeleuchtung ließ sein Gesicht grünlich schimmern. Er schien aber nicht mehr so blaß zu sein. »Was steht dort?« »›Zur Zeit geschlossen!‹« Langsam fuhr sie durch den Regen weiter. »Nein«.

Mylonas hat Sie energisch verteidigt. Mylonas wollte das Päckchen nicht zurückschicken.« »Wie sind Sie auf die Idee gekommen.ein Motel!« rief Garibaldi. und er sagte in Kalifornien. wo Sie wohnen. für Sie sei neben Briefen ein Päckchen gekommen. Mylonas. Eine Wertsendung kann unter Umständen spurlos verschwinden. Der Beamte schien der Meinung zu sein. daß Sie etwas Falsches getan hätten. denn er traut den Postbeamten in Scharm el Scheich nicht. der Besitzer.« Catherine biß sich auf die Lippen. »Im Hotel Isis herrschte gestern morgen große Aufregung. war völlig durcheinander. denn es war eine Wertsendung. »Dieser Regen und dann kein Motel«. Sie hätten etwas gestohlen. Aber der Beamte deutete an. Mr. daß er Schmerzen hatte. Sein Stellvertreter hatte es angenommen. um die Post abzuholen. Aber ich habe Sie in Ihrer Wohnung in Santa Monica nicht angetroffen. Sie seien wegen dringender Familienangelegenheiten abgereist. aber Catherine sah. Ich erkundigte mich bei ihm. Ein ägyptischer Beamter hat Sie gesucht. Da ich ohnehin über Los Angeles zurückfliegen wollte. wir werden die Nacht mit Norman Bates verbringen…« Er lächelte. ich könnte in Santa Barbara sein?« »Ich hatte nicht damit gerechnet. Mr. Er hatte keine Ahnung. »Mr. Mylonas war immer sehr freundlich zu mir. daß Sie nicht mehr da waren. »Warum haben Sie mich gesucht?« fragte sie. Das Motel war ebenfalls geschlossen. Er erklärte. Er sagte. Das Blut an seinem Arm war inzwischen verkrustet. Ich 172 . zog er mich ins Vertrauen. das Päckchen mitzunehmen und es Ihnen zu bringen. sagte Garibaldi. bot ich ihm an. Er machte sich Gedanken.« »Als der Beamte weg war. »Ich wette. Mr. Sie dort zu finden. Beim Näherkommen sahen sie enttäuscht das rote Leuchtschild ›Kein Zimmer frei‹.

»Ich bin noch nie angeschossen worden.« Sie fuhr zur Rückseite des Motels.« »Das Päckchen ist von Daniel?« »Ja. Garibaldi nahm das Taschentuch vom Arm und wickelte den Hemdsärmel hoch. Später würde noch genug Zeit sein. Santa… He! Lichter!« »Das sieht nach einem Motel aus!« Catherine fuhr erleichtert von der Straße ab und hielt vor dem hell erleuchteten Gebäude an. was geschehen war »Die Wunde 173 . Ich habe ein Zimmer genommen.wollte das Päckchen dem Absender geben. Schaffen Sie es bis zum Eingang?« Sie liefen durch den Regen. Kurze Zeit später kam sie zurück. Pedregosa Street. Catherine war völlig gefühllos. »Bleiben Sie hier«. mit denen für die Kinofilme der Woche geworben wurde. »Sie können uns erst morgen früh Benzin verkaufen. Während sie das Licht anmachte und den Thermostat der Klimaanlage regulierte. das ist unser Zimmer. Sie sah auch nicht die bunten Bilder auf dem Fernseher. obwohl ich in Chicago lebe!« Catherine zwang sich. ihn anzusehen. achtete sie kaum auf die häßliche in Braun und Orange gehaltene Einrichtung und den abgetretenen gelblichen Teppichboden. sagte sie zu Garibaldi und ging in das Büro. Daniel Stevenson. Ich parke den Wagen unter den Bäumen. Der Besitzer hat die Schlüssel für die Pumpen bei sich. und Catherine schloß schnell die Tür auf. »Nummer fünfzehn… am Ende. als sei ein Teil von ihr in Daniels Wohnung zurückgeblieben. Wenn die Killer uns suchen. werden sie den Wagen nicht sehen. Vor den dunklen Türen standen nur wenige Wagen. Dr. über alles nachzudenken.

Endlich hörte sie. »Ist es schlimm?« »Die Wunde schmerzt. Dann klopfte sie leise an der Tür Nummer fünfzehn und rief: »Vater Garibaldi.« Dann öffnete sie den Verbandskasten. Nach kurzem Überlegen nahm sie das blutige Taschentuch und wickelte es sich um die Hand. Sie trat ein und schloß wieder ab. »Warum haben Sie nicht aufgemacht?« fragte sie und legte die Vollkornkekse. richtete sie den Blick schnell auf den verletzten Arm. Immer noch keine Antwort.« Mit der blauen Tasche über der Schulter rannte sie durch den Regen zum Büro.muß behandelt werden«. Feigenrollen und Cola-Dosen auf den Tisch vor dem Fenster. Sie blickte auf das Nummerschild der Tür: ›15‹. Wenn er ein Unterhemd trug. Sie klopfte noch einmal. und die Tür ging auf. Machen Sie auf.« »War es wirklich nur ein Streifschuß oder steckt eine Kugel im Arm?« »Nein. Kartoffelchips. »Ich war im Bad und habe Wasser laufen lassen und das Klopfen nicht gehört. Auf dem Rückweg kaufte sie an einem Automaten noch etwas zu knabbern und zu trinken. »Woher haben Sie den?« fragte er und setzte sich neben 174 . Sie trat ein paar Schritte zurück und sah Licht durch den Vorhang. aber es ist nicht weiter schlimm. antwortete er.« Er hatte das Hemd ausgezogen und den Stehkragen abgeknöpft.« Nichts rührte sich. muskulösen Oberkörper sah. sagte sie. ich bin es. dann hatte er auch das ausgezogen. »Schließen Sie hinter mir ab. Als sie seinen nackten. keine Kugel…« Sie legte die blaue Tasche auf das Bett am Fenster: »Setzen Sie sich. »Tut mir leid«. Er hatte ein Handtuch um die Wunde gewickelt. wie die Sicherheitskette zurückgeschoben wurde.

und dann… »Vater Garibaldi. ich hätte meinen Kofferschlüssel verlegt und versucht. Den weißen Priesterkragen sah sie nicht. wenn Sie nicht zur Polizei gehen…« Sie schüttelte nur stumm den Kopf.sie.« »Wollen Sie das wirklich tun? Ich kann ins Bad gehen und die Wunde selbst verbinden. »Ich habe der Frau im Büro gesagt. und mich dabei geschnitten. Und ich möchte nicht denken. das hätte nicht geschehen dürfen! Niemand hat es verdient. warum sind Schußwaffen erlaubt? Warum sind sie nicht grundsätzlich verboten? Warum bringen sich Menschen gegenseitig um? Warum… warum gibt es soviel Gewalt auf der Welt?« Als sie seinen teilnahmsvollen Blick sah. »Das mit dem Mord. »Ist ja schon gut«. Ihre Welt schien in Stücke gebrochen zu sein – zuerst der Streit mit Julius.« Ich muß mich auf etwas konzentrieren. »Geht es Ihnen wieder besser?« fragte er. noch nicht… Catherine desinfizierte schweigend die Wunde und verband sie sorgfältig mit einer Mullbinde. »Entschuldigen Sie. brach ihr Widerstand zusammen. 175 . was sie tun sollte. Garibaldi fragte: »Was wollen Sie jetzt tun? Ich meine. Verzweifelt schlug sie die Hände vor das Gesicht. Sie wußte nicht. Ich muß mich beschäftigen. so zu sterben! Das Messer… das Blut… O Gott!« Sie sprang auf. sonst fange ich an zu denken. ich…« Sie lief ins Bad und ließ sich kaltes Wasser über Gesicht und Hände laufen. Sie nickte stumm. sagte Garibaldi tröstend. Sie hat mir den Verbandskasten verkauft. den Koffer mit einem Messer zu öffnen. hätte sie am liebsten geantwortet. Als sie ins Zimmer zurückkam. hatte Garibaldi ein frisches Hemd angezogen – ein schwarzes Hemd mit kurzen Ärmeln. Sie begann zu schluchzen.

daß es aus ‹meinem› Grab stammt. murmelte sie und legte es auf den Schoß. ich habe immer noch Urlaub. »Wissen Sie. aufgegeben worden war. »Das hat mir Mr. daß das Päckchen in Cozumel. wie genau die Jade mit der Farbe Deiner Augen übereinstimmt. aber Catherine sah an den Briefmarken und dem Poststempel. Aber im Laufe der Jahre sind einzelne Funde wieder aufgetaucht. Als ich es entdeckte. die meiner Meinung nach die Königin ist. war es leer. konnte ich kaum glauben. Das ist kein Witz! Als ich das Grab entdeckte. und ich war noch nie in Kalifornien. Mais als Opfergabe auf den Altar einer Erdgöttin. sagte er und reichte ihr das Päckchen. nach Santa Barbara zu fahren…« Er seufzte. Mexiko. Daniel hatte als Absender seine Adresse in Kalifornien angegeben. das aus dem Grab stammt. Das bist du Danno schuldig. dann hätte ich Ihrem Freund vielleicht das Leben retten können. denn es ist bestimmt schon vor Jahrhunderten ausgeraubt worden. Frohe Weihnachten 176 . Darauf lag ein Brief. was ich Dir schicke.Keine Gefühle.« »Oder Sie wären ebenfalls tot«. »Wäre ich doch nur etwas früher gekommen. sagte sie sich vor. Du mußt die Sache zu Ende führen. Dieses kleine Kunstwerk habe ich in einem Laden in Cozumel entdeckt und wußte sofort. Behalte die Nerven. Cathy! Das soll eine Überraschung für Dich sein! In Deinen Händen hältst Du etwas. »Es ist von Danno«. auf dem Wandbild trägt sie jedenfalls genau das. Eine kleine Schachtel kam zum Vorschein. Vorsichtig entfernte sie das braune Packpapier. denn auf einer der Fresken legt eine Frau. Ich fand es interessant. Mylonas für Sie gegeben«. Mit Tränen in den Augen las sie: ›Hallo. erwiderte sie tonlos und starrte auf das Päckchen. eine der eher friedlichen Gottheiten im MayaPantheon! Nun ja.

das Messer blitzte. Dort werden wir sehen.« »Und dann?« »Dann werde ich die Polizei benachrichtigen.« Sie holte tief Luft und fand ihre Fassung wieder. daß Sie deshalb beinahe erschossen worden sind.‹ Ein anderes Bild drängte sich ihr auf. Sein Tagebuch ist in dem Computer.und ein glückliches neues Jahrtausend. erwiderte sie tonlos. Er hat es in sein Tagebuch geschrieben. und plötzlich war alles voll Blut… Catherine vergrub ihr Gesicht in den Händen. Vater Garibaldi. »Aber ich danke Ihnen. Cathy. »Was ist?« 177 . Der Mann riß ihm den Kopf zurück.‹ Sie öffnete die kleine Schachtel und fand in Watte gebettet einen Jadeanhänger. Der Anhänger reichte bis zu ihren Brüsten. daß Sie mir das gebracht haben. »Dazu ist mein Zorn zu groß. Daniels Augen wurden starr vor Entsetzen.« Sie klappte den Deckel auf und holte tief Luft. Sie betrachtete ihn lange und lauschte dabei auf den Regen. In Gedanken sah sie Daniel. Sie hob das Band über den Kopf und legte es um den Hals. Es tut mir leid. Sie spürte eine sanfte Berührung an den Schultern. Das wünscht Dir Danno. wer mich verfolgt. daß ich mit Ihnen bete?« »Nein«. »Möchten Sie. ohne zu bemerken. Er trug ein T-Shirt und sagte lachend: ›Mach mir nichts vor. Ich weiß. Es war ein Jaguar an einem Lederband. »Was haben Sie vor?« »Daniel hat gesagt. Sie nahm ihn heraus. was Karaoke ist.« Sie stand auf und stellte Daniels Laptop auf den Tisch. er weiß. wer diese Männer sind. daß Garibaldi den Blick nicht von ihr wandte.

»Ein Photo von mir auf Dannos Laptop! Wieso?« Garibaldi betrachtete das Photo. die viele Leute verwenden«. erhielt aber jedesmal dieselbe Meldung: UNGÜLTIGES PAßWORT: BITTE RICHTIGES PAßWORT EINGEBEN! »Wo hat er studiert?« »In Berkeley.« »Ich kenne Daniels Paßwort nicht. Kein Erfolg. unterließ es aber. Klingon.»Das bin ich«. »Es gibt ein paar Begriffe.« Kein Erfolg. Asimov – ohne Erfolg. Garibaldi schüttelte den Kopf und murmelte: »Es kann eine Ewigkeit dauern. »Wie wäre es mit ›Phönix‹?« Catherine schüttelte den Kopf und stand auf. Catherine fand den Ein/Aus-Schalter und startete den Computer.« »Dann lassen Sie sich etwas einfallen. sagte Garibaldi. um die Dateien öffnen zu können.« Plötzlich wurde der Raum von grellem Scheinwerferlicht 178 . wollte etwas sagen.« Garibaldi tippte ›Stanford‹. die mit Daniels Interessen zusammenhingen – Spock. »O nein!« »Was gibt es?« fragte er. »Versuchen Sie es mit ›Nonnenschule‹«. Dann sah er die Meldung auf dem Monitor: BITTE PAßWORT EINGEBEN »Sie müssen sein Paßwort kennen. »Versuchen Sie es mit ›Blitz‹. flüsterte sie verwundert. bis wir das richtige Paßwort finden. »Versuchen Sie Ihr Glück«. Er setzte sich vor den Laptop und tippte ein Wort nach dem anderen ein. sagte Catherine. sagte sie zu Garibaldi.« Sie versuchte es mit einigen Worten.

erhellt. Garibaldi sprang auf, und Catherine wich bis an die Wand zurück. Die Lichter wanderten weiter, und Garibaldi schob den Vorhang etwas zur Seite. Ein weißer Lieferwagen fuhr auf den Parkplatz vor dem Nebenzimmer. Garibaldi zog den Vorhang wieder zu. »Falscher Alarm.« Sein Blick fiel auf das Photo neben dem Bildschirm von Daniels Laptop. »Probieren Sie es mit Ihrem Namen«, sagte er. »Warum?« »Warum nicht?« Sie setzte sich und tippte ›Catherine‹. Als wieder die Falschmeldung kam, versuchte sie es mit ›Alexander‹.
UNGÜLTIGES PAßWORT: BITTE RICHTIGES PAßWORT EINGEBEN!

»Was nun?« murmelte sie und starrte auf den Monitor. »Ich werde etwas versuchen.« Garibaldi nahm den Laptop aus der schwarzen Ledertasche und teilte ihn auf den Tisch. Dann suchte er nach den seitlichen Entriegelungen und nahm die Tastatur ab. Jetzt konnte man in das Innere des Gerätes blicken. »Manchmal«, murmelte er, »kann man das Paßwort umgehen, indem man nur…« Er betrachtete sich die Festplatte, die Steckkarten und die anderen elektronischen Komponenten, dann richtete sich seine Aufmerksamkeit auf die grüne Platine mit den Transistoren und Schaltkreisen. »Aha! Da haben wir es. Ich brauche ein Stück Metall. Haben Sie zufällig eine Haarnadel?« Sie fuhr sich mit der Hand durch die langen Haare. »Leider nein.« »Vielleicht eine Büroklammer?« Catherine durchsuchte die Seitentaschen und Fächer der
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Laptop-Tragetasche und fand eine Ersatzbatterie, das sichtlich vielgelesene Exemplar Hawksbill Station von Robert Silverberg, eine leere Kaugummipackung, einen Markierstift, einen Notizblock und – »Hier!« Während Garibaldi die Büroklammer aufbog, deutete er auf die Platine. »Sehen Sie, dort steht ›J-A23/‹! Das ist eine Kurzschlußbrücke. Wenn es mir gelingt, diese beiden Stellen miteinander zu verbinden…« Catherine sah mit angehaltenem Atem zu, wie er den Kupferdraht der Büroklammer so legte, daß er zwei dicht nebeneinander liegende Kontakte verband und ihn dann auf den Krallen festdrückte. Sofort erschien auf dem Bildschirm eine andere Meldung. »Was bewirkt die Büroklammer?« fragte Catherine, während er die Tastatur wieder einsetzte und sicherte. »Ich habe das Paßwort zurückgesetzt.« Auf dem Monitor stand jetzt:
IHRE SETUP INFORMATION HAT SICH GEÄNDERT. DRÜCKEN SIE »F2« UM SETUP ZU LADEN.

»Haben wir jetzt etwa Zugriff auf das System?« fragte Catherine. »Mal sehen«, erwiderte er und drückte die Taste ›F2‹. Auf dem Bildschirm erschien in der ersten Zeile:
SPHINXBIOS SETUP.

Garibaldi klickte auf den Menüpunkt ›Datenschutz‹ und murmelte vor sich hin: »Damit wirklich alle Paßwörter außer Kraft gesetzt sind.« Auf dem Bildschirm erschien die Meldung: BENUTZER-PAßWORT: DEAKTIVIERT! BENUTZER-PAßWORT: [EINGEBEN] PAßWORT BEI START: [DEAKTIVIERT] DISKETTE ZUGANG: [BENUTZER]
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PESTPLATTE BOOT SECTOR: [NORMAL] AUTOM. VIRUSPRÜFUNG: [DEAKTIVIERT] »Okay, Michael«, sagte er. »Speichern und dann ›Exit‹.« Er drückte ›Enter‹, und im nächsten Moment erschien das ›C-Prompt‹ links oben auf dem Monitor. »O je«, sagte Catherine. »Ich fürchte, Daniel hat seine Software nie auf den neuesten Stand gebracht. Ich weiß jedenfalls nicht, wie DOS funktioniert.« »Es ist schon eine Weile her, daß ich mit DOS-Befehlen gearbeitet habe«, sagte Garibaldi. Er tippte SCI und drückte ›Enter‹. FALSCHER BEFEHL Catherine sagte: »Daniel hat bestimmt nie Scimitar benutzt. Er lehnte Dianuba Technologies prinzipiell ab und wollte nichts mit ihrer Software zu tun haben.« »Gut, dann versuchen wir es damit«, Garibaldi tippte ›WIN‹, und sofort erschien das ›WINDOWS‹-Logo. Damit konnten sie alle Dateien auf dem Laptop öffnen. »Na also!« rief Garibaldi und schob Catherine die Tastatur hin. Sie betrachtete aufmerksam die Logos. »Jetzt muß ich nur noch herausfinden, wo Daniel sein Tagebuch abgespeichert hat.« Als sie CAPTAINS LOG sah, rief sie: »Das muß es sein!« Mit einem Doppelklick aktivierte sie den Eintrag. Auf dem Bildschirm erschien die Meldung: Szfdatbg unm Czmhdk Rsdudmrnm »Da stimmt etwas nicht!« »Es sieht nach einem Code aus«, meinte Garibaldi. »Wie kann man so etwas dechiffrieren?«
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»Die gebräuchlichste Methode ist das Ersetzen jedes einzelnen Buchstabens.« »So?« fragte Catherine, tippte das Alphabet und dann darunter: abcdefghijklmnopqrstuvwxyz egjmlakbroctwzvndpuyfshqix »Genauso. Das Wort ›Katze‹ zum Beispiel«, sagte Garibaldi, »sieht in diesem Fall dann so aus: ›Oeuxl‹.« »Wundervoll. Dann müssen wir nur eine Million Kombinationen des Alphabets ausprobieren, um den Schlüssel für den richtigen Code zu finden!« Sie trommelte nervös auf den Tisch. »Hier steht irgendwo der Name von Daniels Mörder. Ich muß ihn finden!« »Vielleicht sollten wir es wie bei den Geheimschriften machen die man in Rätselbüchern findet. Wir suchen nach Wortkombinationen wie ›es‹, ›und‹, ›das‹ usw.« Catherine runzelte die Stirn. »Ich kann mir nicht vorstellen, daß sich Danno die Mühe gemacht hat, einen komplizierten Schlüssel zu erfinden. Schließlich weiß man, daß jeder Code, auch der komplizierteste, geknackt werden kann. Ich meine, er hat das nur gemacht, um zu verhindern, daß Neugierige, die zufällig seinen Laptop in die Hände bekommen, sein Tagebuch lesen.« »Vielleicht sollten wir jeden Buchstaben durch eine Nummer ersetzen.« »Auch das ist viel zu kompliziert. Danno hat sicher nur einen Code benutzt, der sich leicht tippen und später ebenso leicht entschlüsseln läßt. Warten Sie…« Sie begann zu tippen. »Was haben Sie vor?« »Zuerst muß man denken wie Danno. Mein Freund Daniel Stevenson war ein Science-Fiction-Fan. Sein Lieblingsfilm ist…«, sie verbesserte sich, »war… Kubriks
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Odyssee 2001. Wissen Sie noch? HAL hieß der Computer. Der Name war von IBM abgeleitet, wobei die Buchstaben im Alphabet jeweils um eins nach vorne verschoben waren…« Sie begann langsam zu tippen. »Passen Sie auf:« »Tagebuch von Daniel Stevenson« »Ein Schuß ins Schwarze!« rief Garibaldi. »Gut, wonach suchen wir jetzt?« Catherine ließ den Text auf dem Bildschirm abrollen und überflog die Tagebucheintragungen. Dabei sagte sie zu Garibaldi: »An dem Abend, als wir den Sinai verließen, waren im Lager viele Menschen. Danno sagte mir, er habe ein bekanntes Gesicht gesehen… einen Amerikaner.« Garibaldi erwiderte: »Ich war zum Beispiel auch dort.« »Hier… das muß es sein.« Sie brachte den Cursor vor einen Buchstaben und tippte: D-E h-i m-n (Leertaste) L-M z-a m-n m-n usw. Als sie fertig war, stand dort: »Ein Mann mit einer häßlichen Narbe im Gesicht und kurz geschnittenen weißen Haaren. Ich weiß genau, daß ich ihn schon einmal gesehen habe. Aber wo? Natürlich, da steht er direkt vor meinen Augen! Ich blickte in den vergangenen zwei Jahren beinahe jeden Tag auf diesen häßlichen Kerl. Er arbeitet für…« »Mein Gott«, flüsterte Catherine. »Wer ist es?« Sie schob den Computer etwas zur Seite, damit er den Monitor sehen konnte: ›Lhkdr Gzudqr‹, stand dort. Garibaldi kniff die Augen zusammen und murmelte: »Miles Havers… das Computer-Genie?«

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Santa Fé, New Mexico
Teddy Yamaguchi wußte, daß viele Leute dachten, er sei lebendig begraben. Die Leute irrten sich. Computer waren sein Leben, und es gab auf der ganzen Welt keinen anderen Ort, an dem er in diesem Augenblick hätte sein wollen. Er befand sich im modernsten Kommunikationszentrum, das sich nur jemand wie Miles Havers, der reichste Mann der USA, leisten konnte. Teddy, der mit achtundzwanzig gerade das College absolviert hatte, wurde für seine Arbeit fürstlich entlohnt. Er wohnte wie in einem Luxushotel mietfrei in einem nach seinen Wünschen eingerichteten Bungalow auf dem riesigen Anwesen. Es machte ihm nichts aus, daß er sich vierundzwanzig Stunden am Tag dienstbereit halten mußte. Der Job für Miles Havers war die Erfüllung all seiner Träume, denn Teddy konnte auch in seiner Freizeit die Anlagen im Kommunikationszentrum uneingeschränkt benutzen. Manchmal bekam er wirklich schwierige Aufgaben, deren Lösung eine echte Herausforderung darstellte, aber in dieser Nacht war alles einfach. Sein Boß hatte gesagt: »Finden Sie Dr. Catherine Alexander.« So etwas war kaum mehr als Routine. Teddy trug wie immer eine schwarze Nylonhose und ein weißes T-Shirt. Die hoch rasierten dichten schwarzen Haare krönten wie ein Helmbusch seinen schmalen Kopf, und in den beiden goldenen Ohrringen brach sich hin und wieder das Licht der Wand mit den Großbildschirmen, die ihm Informationen aus aller Welt einspielten. Es sah aus, als käme Teddy gerade aus einer Star-sound-Disco und nicht aus seiner verkabelten Hacker-Schüssel, dem futuristischen Schlafzimmer, wo er sich gerade einen alten
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Filmklassiker angesehen hatte, als Havers ihn rief. Teddy setzte sich vor den 4000 210 Mhz 4-Gig HDD-Computer mit einem 128.000-bps-Modem – für ihn schon ein Oldtimer mit nostalgischem Wert. Diese Anlage würde nach der Jagd auf die Archäologin gegen ein neues, schnelleres und sehr viel komfortableres Modell ausgetauscht werden. Er wartete auf Signale von Catherine Alexanders Kreditkarten-Konto, dem Bankkonto, den Telefonkarten und Benzinkarten. Auch ihre Nummer der Sozialversicherung ließ er überwachen. Er hatte selbstverständlich auch die Nummern ihrer Bibliothekenausweise eingegeben – im Grunde alles, was irgendwo in einem Computersystem auftauchen konnte. Als unschlagbarer Hacker hatte Teddy die Systeme, in denen Catherine Alexanders Kreditkarten geführt wurden, fest im Griff. Außerdem überprüfte er das Nummernschild des Leihwagens, in dem sie geflohen war, und durchsuchte ihre persönlichen Daten nach Hinweisen, wohin sie gefahren sein mochte. Mit all diesen Informationen, die rund um die Uhr aktiviert waren, würde er sie ganz bestimmt aufspüren. Teddy mußte unwillkürlich lachen. Es war wie in Pulse, seinem Lieblingscomputerspiel: ›Suche die Frau, den Schatz und das goldene Symbol und finde den Ausgang des Labyrinths, bevor dich Gordon überfällt und ausschaltet‹. Niemand hatte bis jetzt die Rekordzeit unterboten, mit der Teddy in Pulse das Ziel erreichte. Ebensowenig würde es einem anderen gelingen, Catherine Alexander auf Anhieb zu finden. Er griff nach ein paar Snacks in der Schale neben ihm – Schokoladen-Popcorn und Gummibärchen mit einem Überzug aus braunem Zucker und Kaffee -, kaute langsam und hatte das Gefühl, mit Vollgas über die digitalen Datenautobahnen zu jagen. Man
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stelle sich das vor! Für diesen unvergleichlichen Spaß wurde er auch noch bezahlt… Manchmal konnte Teddy sein Glück nicht fassen. Bald, nachdem er 1995 sein Studium an der Stanford University begonnen hatte, wurde er verhaftet und angeklagt. Man warf ihm vor, über das Internet kommerzielle Software im Wert von mehreren Millionen Dollar verschoben zu haben. Diese Software war von Dianuba Technologies, der Gesellschaft von Miles Havers, gestohlen worden. Man sprach von dem größten aufgedeckten Einzelfall von Software-Piraterie. Aber die Anklage wurde von einem Richter niedergeschlagen, der entschied, der Student habe keine kriminelle Handlung begangen. Der CopyrightSchutz für Software bezog sich nicht ausdrücklich auf Teddys angebliches Vergehen, denn er hatte eindeutig keine finanziellen Vorteile aus seinen Manipulationen gezogen. Da die Staatsanwaltschaft jedoch glaubte, ihn irgendwie bestrafen zu müssen, warf man ihm Mißbrauch von Telefonanlagen vor. Als auch das nicht zu dem erwünschten Erfolg führte, meldete sich unerwartet Miles Havers zu Wort. Er überraschte die Öffentlichkeit, indem er dem jungen Mann großzügig alles verzieh und erklärte: ›Wir haben alle einmal gegen das System rebelliert. Es ist kein Geheimnis, daß ich in meiner Jugend im ComputerBereich auch illegale Dinge ausprobiert habe. Die Gesetze sind bis heute nicht klar und eindeutig‹. Mit dieser Äußerung war er schlagartig zum Liebling aller Computer-Freaks geworden. Das Millionenspiel mit den Medien, mit der Staatsanwaltschaft und den Gerichten hatte jedoch einen Hintergrund, von dem die Öffentlichkeit nie etwas erfahren würde. Teddy hatte über Internet das neueste Computer-Spiel verbreitet, das Dianuba Technologies
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damals gerade produzierte. Teddy hatte es gestohlen und illegal kopiert, noch bevor es auf den Markt kam. Darin lag die besondere Bedeutung, denn die Medien sprachen von dem neuen Spiel, das alle Konkurrenzprodukte überflügeln werde. Das Publikum fieberte dem Hit entgegen. Kein Wunder, daß mindestens zwei Millionen Anwender das Spiel kostenlos kopierten, weil Teddy, der Held der Hacker, auf seine Weise dem Kommerz zuvorkam und seinen Erfolg mit allen teilte, die wie er dachten. Auf diese Weise brachte er Havers um mehrere Millionen Dollar Gewinn. Die anderen SoftwareHersteller verurteilten Miles Havers, weil er Teddy Yamaguchi verzieh und auf diese Weise den ›Piraten‹ auch noch in Schutz nahm. Aber Havers schrieb nicht lange Verluste. Als ein halbes Jahr später die zweite Version des Spiels angeboten wurde, setzte es sich sofort an die Spitze und überflügelte selbst Erfolge wie Myst oder Doom. Finanzexperten errechneten, daß Havers damit nicht nur die früheren Verluste wettgemacht hatte, sondern mittlerweile mehr Gewinn erzielte, als wenn die ursprüngliche Version über legale Kanäle auf den Markt gekommen wäre. Teddy hatte noch einen Grund mehr, sich darüber zu freuen, denn das Justizministerium hatte sich an der Nase herumführen lassen. Niemand ahnte etwas davon, aber Miles Havers hatte die Sache von Anfang an so geplant. Er hatte mit Teddy Yamaguchi ein Abkommen getroffen. Dazu gehörte es, die Ursprungsversion zu ›stehlen‹. Als Havers mit ihm über diese unglaubliche Sache verhandelte, war Teddy mißtrauisch gewesen. Aber als Super-Hacker, der er tatsächlich war, begriff er sehr schnell, worauf Havers hinauswollte. Dianuba Technologies hätte das Spiel auch kostenlos im Internet
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anbieten können, wie andere Gesellschaften es mit ihren Produkten taten. Ständig waren ›Vorläufer‹ von Computerspielen im Netz, um Spieler zu werben. Man muß die Leute nur süchtig machen, hieß es in der Software-Industrie, und der Rubel rollt. Miles Havers, ein Kenner der menschlichen Natur, hatte diese Philosophie noch verfeinert. Er sagte sich, gestohlene Software sei wie der verbotene Apfel im Paradies die süßeste aller Früchte. Sein beispielloser Erfolg führte dazu, daß er inzwischen im Kreis seiner Manager laut darüber nachdachte, ob man das manipulierte ›Stehlen‹ von Software als MarketingStrategie nicht routinemäßig einsetzen sollte. Man sprach von Shareware oder Crackware – ein Suchtmittel, das so wirksam zu sein schien wie Crack, aber zehnmal höhere Gewinne brachte. Havers bot dem jungen Asiaten noch vor dem College-Abschluß an, nach Santa Fe zu kommen und für ihn zu arbeiten. Teddy zögerte nicht lange, und seit er zu Havers’ Team gehörte, stiegen die Gewinne der Gesellschaft jährlich in Millionenhöhe. Nein, das war kein schlechtes Leben, besonders wenn Teddy an die Aktienbeteiligungen dachte, die zu seinem monatlichen Einkommen hinzukamen. In fünf Jahren würde er seine Millionen abheben, auf Maui oder auf Hawaii einen Laden für Angler aufmachen und nie mehr einen Computer anrühren. Teddy warf einen Blick auf das Bildtelefon, wo er über Standleitung mit Havers verbunden war. Sein Boß befand sich im Tropenhaus. Er saß vor einer Grotte mit seltenen und schwierig zu ziehenden Pflanzen an einem künstlichen Felsenteich mit einem Wasserfall. Wie alles bei Havers war auch diese ›Landschaft‹ vollkommen. Teddys Kommunikationszentrum wurde von Computern, Bildschirmen, Druckern und der aufwendigen und komplizierten Elektronik beherrscht. Hier gab es
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keine Pflanzen, nur ein Riesenfenster mit einem atemberaubenden Blick auf die Sangre de Cristo-Berge und eine verschneite Wüste. Teddy vergaß manchmal, daß dieser Blick nur eine Projektion war, denn das Computerzentrum befand sich in einem unterirdischen Betonbunker. Havers ist ein kluger Kopf, dachte Teddy bewundernd und nahm sich noch eine reichliche Handvoll von seiner Zucker-Koffein-Nahrung. Havers lebte nach dem Motto: ›Computer bedeuten Macht. Die Kontrolle über Computer bedeutet die absolute Macht.‹ Und Havers besaß zweifellos Macht. 85% aller Computer der Welt arbeiteten mit seiner Software. 1995 hatte er seinen größten Coup gelandet, als er ein neues Betriebssystem auf den Markt brachte, das den Zugang zum Internet für alle Anwender leichtmachte. Die großen Konkurrenten wie AOL und Prodigy wollten das verhindern, aber das Justizministerium lenkte schließlich ein, und Dianuba konnte mit seinem neuen Produkt auf den Markt. Man schätzte, daß inzwischen 70% aller Online-Anwender mit Hilfe von Havers’ PC-Software Scimitar auf Internet zugreifen konnten. Teddy richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die Bildschirme und schob den Gedanken an die großen Erfolge von Havers beiseite. Er dachte auch nicht weiter über die Gründe für das Interesse von Havers an Catherine Alexander nach. Er interessierte sich nur für die Jagd durch die Computersysteme. Kaffee und Zucker taten ihre Wirkung. Teddy war hellwach und holte alle Daten von Dr. Alexander auf den Bildschirm: Ihre Vorlesungen, ihre Konferenzen, ihre Veröffentlichungen und die Telefonnummern der Organisationen, mit denen sie etwas zu tun hatte – Teddy betrachtete aufmerksam die lange Liste ihrer Aktivitäten während der vergangenen fünf Jahre. Irgendwo unter diesen Daten befand sich der goldene Schlüssel zu
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ihrem Versteck. Er würde sie in dem Labyrinth finden, bevor die Zeit für das ›Spiel‹ abgelaufen war. Miles saß in seinem Tropenhaus inmitten von Farnen und Kletterpflanzen, die er besonders liebte. Hier, am Wasserfall, konnte ihn niemand stören. Noch einmal hörte er sich in aller Ruhe das Gespräch zwischen Catherine Alexander und Daniel Stevenson an. Er achtete besonders auf die Erwähnung des Tagebuchs und die Absicht, die Verbindung zum Institut in Houston wiederaufzunehmen. Dabei blickte er auf die handschriftlichen Notizen seines Telefonats mit Zeke. »Sie hatte bei der Flucht einen Koffer, eine blaue Tasche über der Schulter und eine schwarze Tragetasche.« Eine schwarze Tragetasche. Miles trommelte mit den Fingern auf die Steinbank. War es die Tragetasche eines Computers? Vielleicht handelte es sich bei dem Tagebuch überhaupt nicht um ein ›Buch‹, vielleicht benutzte dieser Stevenson einen Computer für seine Tagebucheintragungen, vielleicht hatte Catherine Alexander diesen Computer mitgenommen, als sie aus der Wohnung ihres ermordeten Freundes floh… Miles wurde in seinen Überlegungen durch das Leuchtsignal seines Telefons unterbrochen. Teddy meldete sich. »Mr. Havers, ich habe einen Namen. Der Mann wohnt in Malibu und ist Leiter des Freers Instituts. Er heißt ›Dr. Julius Voss‹. Ich glaube, er ist mit der Alexander liiert.« Ihr Liebhaber, dachte Miles und lächelte. Das war eigentlich zu einfach. Er trennte die Verbindung und wählte eine Nummer mit der Vorwahl von Beverly Hills, West Los Angeles und Malibu. Als sich der Teilnehmer meldete, sagte er: »Hier spricht Havers. Ich habe einen Auftrag für Sie. Die Sache ist dringend und muß sofort erledigt werden.«
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Santa Ynes-Berge, Kalifornien
»Ich muß Julius anrufen!« »Einen Augenblick«, sagte Garibaldi. »Ich begreife das nicht. Wie konnte Ihr Freund Daniel den Mann mit der Narbe im Gesicht mit Miles Havers in Verbindung bringen?« »Das weiß ich auch nicht«, antwortete Catherine. »Aber Danno hat sich das bestimmt nicht ausgedacht.« Sie blickte auf den Laptop-Monitor und las noch einmal die betreffende Stelle im Tagebuch: ›Natürlich, da steht er direkt vor meinen Augen!‹ Plötzlich fiel es ihr ein! Danno meinte damit das alte vergilbte Zeitungsphoto an seinem Kühlschrank. Es stammte noch aus der Zeit, als Havers die Kopernikus-Tagebücher von den Russen gekauft hatte. Das war 1997 gewesen. Catherine kannte das Photo gut, denn sie hatte es jedesmal gesehen, wenn sie bei Danno in der Wohnung war – ein UPI-Photo des gutaussehenden und reichen Miles Havers neben einem lächelnden Russen im Vordergrund, und im Halbkreis hinter ihnen dicht gedrängt andere Herren im Anzug. Unter dem Bild stand: ›Computer-Mogul Miles Havers erwirbt Tagebücher aus dem fünfzehnten Jahrhundert‹ Neben diesem Bild klebte an Dannos Kühlschrank ein anderes mit der Unterschrift: ›Miles Havers verspricht, daß die Kopernikus-Tagebücher der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.‹ Danno hatte zu den Stimmen gehört, die Protest dagegen erhoben, daß die Kopernikus-Tagebücher in einer Privatsammlung verschwanden. Die Zeitungsausschnitte schmückten seinen Kühlschrank als Erinnerung an einen der wenigen Siege in seinem Leben. Auf beiden Photos befand sich im Hintergrund ein Mann
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Niemand würde mir glauben! Havers ist der reichste Mann der USA.« »Wieso das?« »Ich kenne zwei Photos von ihm mit Havers. die Umwelt zu schützen und vom Aussterben bedrohte Pflanzenarten zu retten. Nun gut. Vielleicht erfährt er. daß er für die Rettung der Regenwälder eintritt! Er ist immer einer der Wortführer.« Catherine setzte sich auf das Bett und nahm den Telefonhörer ab. daß es mir gutgeht. »ich kann nicht zur Polizei gehen. er ist hinter dem her. daß er für Miles Havers arbeitet. Denken Sie an seinen Feldzug gegen die taiwanesischen Importeure von Orchideen. dann macht er sich bestimmt Sorgen um mich. »Ich muß Julius benachrichtigen und ihn wissen lassen. »Aber Miles Havers ist auch als Sammler der teuersten und seltensten Objekte bekannt. 192 . Catherine stützte den Kopf in beide Hände. und bestimmt greift er auch zu fragwürdigen Taktiken. In der Öffentlichkeit ist er nicht nur geachtet.« »Sie meinen also. aber Garibaldi unterbrach sie: »Warten Sie. sondern wird wie ein Idol verehrt. was Sie haben. wenn es darum geht. daß er mich umbringen will…« Catherine stand auf. der Danno umgebracht hat«. Denken Sie nur an die Kopernikus-Tagebücher. Aber Moral Das klingt nicht nach ihm. Ich meine. sagte sie. Das bedeutet allerdings…«. Havers ist ein gerissener Geschäftsmann. Ich kann das alles immer noch nicht so recht glauben. sagte Catherine ungeduldig.« »Das weiß ich alles«. daß Danno tot ist. um seine Ziele zu erreichen. Wenn ich behaupte. »Und ich weiß jetzt mit Sicherheit. »Ich habe den Mann deutlich gesehen. man weiß doch.mit kurz geschnittenen Haaren und einer Narbe im Gesicht.

gab sie den Versuch auf. Und Sie müssen wirklich nichts mit all dem Wahnsinn zu tun haben. aber es ließ sich nicht vermeiden. Stevenson wird bald herausfinden. Deshalb lächelte er entschuldigend und nickte: »Sie haben recht. Ich weiß. Mir wäre es lieber. Sie würden gehen. »Es ist mir gleichgültig. macht mir wirklich Angst. daß Julius Ihr 193 . daß den Killern die Photos in die Hände gefallen sind. Und wenn Havers weiß. daß ich mit Danno befreundet war. daß Sie sich das alles einbilden. Ich komme allein zurecht. Der Mörder von Dr. hierzubleiben. Wenn Havers diese Photos sieht. daß Havers zwei Killer damit beauftragt hat. daß Julius mein Freund ist. ihn zu überzeugen. Tränen liefen ihr über die Wangen. und zwar allein!« »Wirklich? Bei diesem Wetter und ohne einen Wagen?« Seine Worte hatten nicht ironisch klingen sollen.« Als sie Garibaldis skeptisches Gesicht sah. die Danno bei sich hatte. Nehmen Sie den Wagen.« Sie wischte sich mit dem Handrücken die Tränen ab und sagte traurig: »Nochmals vielen Dank.« »Ich habe nicht behauptet. Aber es besteht für Sie wirklich kein Grund mehr.« »Können Sie mir verraten. »Vergessen Sie alles. daß Sie mir Dannos Päckchen gebracht haben. Danno die Kehle durchzuschneiden. Ich leide unter Wahnvorstellungen.um es seiner Privatsammlung einzuverleiben?« »Die Vorstellung. dann wird er auch bald herausfinden. und genießen Sie die letzten Tage Ihres Urlaubs. Natürlich ist Miles Havers nicht hinter mir her. Garibaldi senkte betroffen den Kopf. ob Sie mir glauben oder nicht. weshalb mein Freund Danno sonst so brutal ermordet worden ist?« rief sie erstickt. Ich muß so schnell wie möglich weg. was ich habe. dann wird er mir mit Sicherheit das abjagen wollen. Es ist nur schwer zu glauben. Vater Garibaldi.

« Danno ist meinetwegen umgebracht worden. »›Mrs. Meritites. daß sein Telefon abgehört worden war und daß man seine Aufzeichnungen ohne sein Wissen photokopiert hatte. Ich wollte Ihnen nur sagen. die vor viertausend Jahren vermutlich an einem Gallenblasenleiden gestorben ist.« »Ich werde ihm nicht sagen.Freund ist. Sein Bericht wurde von einem anderen Wissenschaftler veröffentlicht. Sie haben mir im vergangenen Jahr die Gallenblase entfernt. Hatte er ihre Nachricht gefunden und war allein ausgegangen? O mein Gott. Ich werde Sie von unterwegs anrufen. es geht Ihnen gut. desto besser für ihn.« Als Catherine auflegte. Wie soll er wissen. bevor Julius seine 194 . Voss. Julius hat ihre Mumie untersucht. daß es mir gesundheitlich ausgezeichnet geht.« »Doch«. hoffentlich ist ihm nichts passiert! Catherine verstellte ihre Stimme und sagte: »Dr. sah Garibaldi sie verblüfft an. Sein Anrufbeantworter meldete sich. daß Sie es sind?« »Er weiß es. während sie mit zitternden Händen wählte. Sie müssen nicht zurückrufen. Sie sollten ihn anrufen. Wenn Julius etwas zustoßen sollte… Aber Julius war nicht zu Hause. wo ich bin oder was ich über Danno weiß«. Meritites‹?« »Eine ägyptische Königin. sie holte Luft und sagte dann: »Ich hoffe.« »Sie haben ihn nicht vor Havers gewarnt. Julius stellte später fest. sagte sie. »Sie haben nicht mit Ihrer normalen Stimme gesprochen. hier spricht Mrs. sagte sie. Es gab damals eine Art Skandal… Konkurrenzneid im Institut. Ich hoffe…«. denn ich verreise und mache einen lange überfälligen Urlaub. »Je weniger Julius von all dem weiß.

»Es ist besser für Sie.« Garibaldi schwieg. »Also gut. ging zum Fenster und öffnete den Vorhang einen Spalt. während sie nervös darauf gewartet hatte. der auf dem Parkplatz wendete und in der entgegengesetzten Richtung weiterfuhr. daß sein Telefon wieder einmal abgehört wird. »Was wollen Sie wissen?« fragte sie schließlich. daß es ein Lkw war. Aber dann sah sie. »Dr. Das kalte Glas beschlug unter ihrem Atem. und zwar aus einem Grund. werden sie wieder schießen. Er sah sie erwartungsvoll an. Draußen näherten sich Scheinwerfer. das kann ich nicht. sagte sie schließlich leise. Unwillkürlich hielt sie die Luft an. Wenn die beiden Männer uns finden. Julius wird sich bestimmt an den Fall erinnern und wissen. weshalb ich plötzlich als Zielscheibe diene. Sie sah ihn hinter sich. und das gefiel Catherine überhaupt nicht. daß die Klappe hinter dem Sprechgitter zur Seite geschoben wurde. was Havers so unbedingt haben möchte?« Catherine stand auf. er war ebenfalls aufgestanden und kam näher. Er war groß und hatte breite Schultern. wenn Sie es nicht wissen«. Alexander«. fliegen Sie nach Chicago zurück. sagte sie und drehte sich um. Sie seufzte. Vergessen Sie mich und alles was geschehen ist. schüttelte den Kopf und lächelte dann. »Wollen Sie mir nicht sagen.Ergebnisse bekanntgeben konnte. Es erinnerte sie an schwüle Nachmittage im dunklen Beichtstuhl. »man hat mich angeschossen.« In seiner Hartnäckigkeit glich er irgendwie Danno. Ich würde zumindest gerne wissen. den Sie mir nicht nennen wollen. Das schwarze Hemd und die Jeans erinnerten sie an ihre erste Reaktion. 195 .« »Tut mir leid. als sie ihm im Hotel Isis begegnet war. »Bitte.« »Ich verstehe.« »Nehmen Sie den Wagen«.

und in der Ferne donnerte es. Der Sturm nahm an Heftigkeit zu. das war Danno. über die ich im 196 .Aber Sie müssen mir versprechen. keinem Menschen etwas von dem zu sagen. Catherine sah auf der Digitaluhr des Radioweckers neben dem Bett.« »Und was?« Sie suchte in der Tasche und nahm einen Notizblock heraus. die Sie beschützen wollten. ging damit zum Tisch. den sie gefunden hatte. Kurz darauf blickte Garibaldi ungläubig auf sechs zusammengefaltete alte Papyri. War es Zorn oder vielleicht nur Mißtrauen? »Ich gebe Ihnen mein Wort«. »Aus persönlichen Gründen. »Die Beduinenfrau. »Hier ist das. Ihr Eingreifen hätte uns beinahe verraten. Catherine griff nach der blauen Tasche.« Garibaldi las schweigend die Übersetzung.« Etwas zuckte in seinem Gesicht. sagte er ernst. schob den Laptop zur Seite und öffnete den Reißverschluß. »Und dafür setzen Sie Ihr Leben aufs Spiel?« »Ja. und schließlich von der Flucht mit den Schriftrollen aus Ägypten. Ich nenne es ›Sabinas Brief‹. daß Mitternacht gerade vorüber war. was ich Ihnen jetzt zeigen werde. was ich bisher übersetzt habe. Sie berichtete ihm kurz von der Sprengung und dem ersten Fragment. Das Licht begann zu zucken.« »Warum? Was steht in diesen Texten?« »Ich weiß es noch nicht genau.« Seine Augen hingen an den sechs Büchern. der Entdeckung des unterirdischen Gangs. obwohl ich etwas vermute. von dem Korb.

« »Zweites Jahrhundert? Sind Sie sicher?« »Die Geschichte. spricht von Jesus!« Er sah Catherine an.« »Wie können Sie feststellen. »kann ich diese Schriftrollen nicht der Polizei übergeben und auch nicht riskieren. daß sie Havers in die Hände fallen. sagte sie leise. Aber nach dem Griechisch zu urteilen. Wenn Sabina zum Beispiel sagen würde. »ein Bericht über das Leben unseres Herrn?« Sie nickte. die in den Büchern erzählt wird. Er würde sie in seiner Sammlung verschwinden lassen. die Perpetua die Geschichte diktiert. in welcher Zeit sich die Geschichte ereignet hat?« »Ich hoffe. ist vielleicht älter.« »Diese Frau. daß sie während der Herrschaft des Augustus geboren wurde. etwa den Namen eines Kaisers oder eines Herrschers. diese Sabina. Sabina.« »Dann ist das hier…«. Möglicherweise erstes Jahrhundert. spricht von dem ›Gerechten‹. dann wäre sie eine Zeitgenossin von Jesus. Verstehen Sie jetzt. stammt der Brief aus dem zweiten Jahrhundert. »In welchem Jahr wurde dieser Brief geschrieben?« »Ich habe eine Papyrusprobe in ein Institut in der Schweiz geschickt. Deshalb darf Havers die Schriftrollen nicht bekommen. denn sonst werden wir es nie erfahren. und die Welt würde nie etwas davon erfahren. in dem Text auf einen Anhaltspunkt zu stoßen. damit man dort eine genaue Datierung vornimmt. Ich glaube. einer historischen Gestalt. »Schon möglich. Und genau das muß ich herausfinden. sagte er ehrfürchtig. damit könnte sie Jesus meinen. deren Lebensdaten bekannt sind. warum ich keine Zeit verlieren darf?« Garibaldi berührte mit dem 197 .Augenblick nicht sprechen möchte«. der eine genaue Datierung ermöglicht.

die Danno hatte. »Warum dürfen Sie keine Zeit verlieren?« »Wegen der Photos.« Catherine berichtete von der Stelle. das alles ist inzwischen ein Wettlauf mit der Zeit. Diese Informationen befinden sich wahrscheinlich in der siebten Schriftrolle. um die siebte Schriftrolle zu finden!« »Einen Augenblick! Es gibt eine siebte Schriftrolle?« »Diese sechs erzählen nicht die ganze Geschichte. werde ich versuchen.« »Die Wiederkehr Jesu Christi«. eine 198 . »Verstehen Sie. die siebte Rolle aus Sicherheitsgründen an einem anderen Ort versteckt. »Sabina sagt in ihrem Brief. murmelte er. wie seine Augen leuchteten. Deshalb hat man damals.Zeigefinger behutsam das erste Buch. daß sie den genauen Zeitpunkt der Wiederkehr Christi erfahren hat. im zweiten Jahrhundert. wo sich das siebte Buch befinden könnte?« »Sabina rät Amelia. die sich auf den Weltuntergang und das Jüngste Gericht bezog. dann weiß er bald genug.« »Wir werden beide arbeiten«. »Haben Sie eine Vorstellung. Es fehlt ein Buch. sagte sie und griff nach dem gelben Notizblock und einem Kugelschreiber. Haben Sie den Namen schon einmal gehört?« Er schüttelte den Kopf. »Dann mache ich mich wohl besser an die Arbeit«. den entweder wir gewinnen oder Miles Havers. »Während Sie übersetzen. »›Wir‹?« fragte sie. sagte Garibaldi. nahm einen Stuhl und setzte sich an den Computer. und Catherine sah. Wenn Havers sie inzwischen übersetzen läßt. die Texte ›König Tymbos‹ zu übergeben.

Sie hörte die Warnung von Julius noch einmal. Ich nehme an. daß Ihr Freund ein Login Script benutzt hat und daß das Modem funktioniert. was Sie tun können. Mit ihm konnte sie nicht mehr rechnen. auch wenn sie gehofft hatte. Ich weiß. Catherine erschrak.« Garibaldi klickte im Menü auf ›Wählen‹. 199 . denn Ihr Freund hat Online gearbeitet.Verbindung zum Internet herzustellen. was Sabina in den Texten sagte. ich kann besser mit einem Computer umgehen. Sie dachte an Danno und an den reichen und mächtigen Havers. aber wir können doppelt soviel erreichen.« Er drehte sich um und klickte auf ›TCP Manager‹ Als das Trumpet Winsock-Logo auf dem Bildschirm erschien.« Garibaldi startete den Computer. sagte sie zu Garibaldi.« »Danno hat viel über Internet gemacht. »Ich danke Ihnen«. Je nachdem.« »Daran zweifle ich nicht. Sie blickte mit bleichem Gesicht auf Sabinas Geschichte und dachte plötzlich an ihre Mutter. aber Catherine unterbrach ihn: »Das müssen Sie nicht. »Soll ich nicht?« Ein Donnerschlag ließ das Motel erbeben. und Catherine hielt den Atem an. Hatte das Modem die Flucht unbeschädigt überstanden? Kurz darauf hörten sie das beruhigende Wählgeräusch. er werde ihr helfen.« Er sah sie an. »Ich bin froh über alles. wenn wir uns die Arbeit teilen. murmelte er: »Hoffen wir. Mein Altgriechisch ist nicht mehr das beste. konnte sich alles ändern – auch ihr eigenes Leben. der Computer hat ein Modem. Das Schicksal hatte einen Priester als ihren Begleiter ausgewählt. wie man mit dem Web arbeitet. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken.

»Das sind PangamotStöcke. Plötzlich entdeckte sie etwas. und nun besaß dieser Priester Kampfstöcke als Waffe. Sie verstand die Welt nicht mehr. »Das bedeutet. und hinter dem Doppelpunkt blinkte der Cursor. Diesmal können wir uns nicht mit einer Überbrückung helfen. sagte Catherine.Dann erschien die Meldung: Willkommen bei OmegaNets Santa Barbara. auf die zwei fingerdicke. wir brauchen wieder ein Paßwort. Ein philippinischer Kampfsport. Zuerst stellte sie fest. schwarz lackierte Bambusstäbe geschnallt waren. Was schlagen Sie vor?« Catherine überlegte einen Augenblick. CA POP Darunter stand das Wort ›Login‹. denn der Server in Santa Barbara verlangt ein Paßwort.« »Wie bitte?« »Pangamot. Nachdenklich wanderte ihr Blick durch das Zimmer. »Sie kämpfen damit?« Ein Schauer lief ihr über den Rücken. Ihr Blick fiel auf seine muskulösen Arme. daß sie auf seine schwarze Reisetasche deutete. »Sie praktizieren einen Kampfsport?« Er nickte. 200 . und plötzlich verstand sie sein sportliches Aussehen. das ihr bisher nicht aufgefallen war.« »Man kämpft mit Stöcken?« »Manchmal…« Catherine sah ihn staunend an. daß Danno eine Pistole hatte. Sie runzelte die Stirn und fragte: »Was ist das?« Garibaldi sah. »Danno hat kein Login Script benutzt«. Sie wies auf die Stöcke und fragte: »Sind sie echt?« Er nickte.

»Dr. Dabei sagte er zufrieden: »Bitte anschnallen.« Sie konzentrierte sich und dachte nach. Alexander«. Garibaldi tippte die beiden Namen ein. Sie drehte es um und las: ›Cathy Schulentlassung. Klaattu. 15. Es erschien die Meldung: PPP Script completed PPP aktiviert »Wir haben es geschafft!« rief Garibaldi und klickte auf das Symbol für ›Mosaic NetScape‹. »das Paßwort. Wir sind auf der Datenautobahn…« 201 . Daniel machte sich stets Notizen. sagte Garibaldi. Darunter stand mit einem anderen Stift geschrieben: ›dstevens. Manchmal hatte er sogar die eigene Telefonnummer vergessen. Wohin würde er seinen Anwendernamen und das Paßwort geschrieben haben? Spontan griff sie nach dem Photo an der Innenseite des Laptops und löste es vorsichtig ab. Juni 1979‹. während Catherine auf den Bildschirm blickte.

Auch er verließ das Tropenhaus und zog sich in sein Büro im Turm zurück. Sie erinnerten an die Schriftrollen vom Toten Meer.Santa Fe. Die Berge wirkten vor dem blaßblauen Himmel wie ein Scherenschnitt. Über der Wüste brach der Morgen an. Als es immer später geworden war. In seinem Inneren knurrte der Tiger. »Sabina Amelia… König. Je mehr er über den Papyrus-Fund dieser Catherine Alexander erfuhr. der Glas zerbricht. New Mexico »Perpetua«. Alles schien so still und regungslos. die vor einer Stunde aus Santa Barbara eingetroffen waren. Er hatte die ganze Nacht nicht geschlafen. Aber der Anblick schenkte Miles keinen Frieden. Wer sind diese Leute? Er rieb sich die Augen. wie war sein Name…« Miles hielt das Band an. Jetzt trat er mit einem halb unterdrückten Gähnen an ein Fenster und öffnete die Vorhänge. Miles betrachtete die Photos auf der schwarzen Granitplatte seines Schreibtischs. waren aber sehr viel besser erhalten. Die Jagdlust war vor vier Tagen durch einen Telefonanruf aus Kairo erwacht. hörte man Daniel Stevenson auf dem Band. daß bereits ein einziger Laut die Ruhe zerstört hätte wie ein Stein. Ihr Wert? Es kam darauf an. hatte er Teddy Yamaguchi ins Bett geschickt. Stammten sie aus dem Frühchristentum? Handelte es sich um ein bisher unbekanntes Evangelium? Hungerford hatte Zeke 202 . Er mußte die Schriftrollen bekommen. desto größer wurde seine Gier.

Περπετνα. daß Catherine Alexander das ›Jesus-Fragment‹ als eine Art Brief identifiziert habe. Σαβινα. Dieser Gedanke ließ ihn erschauern. in dem Fragment. Einige Worte schienen öfter vorzukommen als andere – Λήελία. von der Stevenson auf dem Band sprach? Warum war sie so wichtig? Überhaupt. Das sagte ihm seine Intuition. Die Kopernikus-Tagebücher waren jahrzehntelang in 203 . Er konnte kein Griechisch. Alexander wollte die Schriftrollen übersetzen und den Inhalt aller Welt zugänglich machen. Er mußte unbedingt herausfinden. Vermutlich würde sie die Papyri einem Museum oder einer Universität übergeben. Alexander ihren Ruf. die er in ihr vermutete. Hungerford hatte Zeke berichtet. dann konnte er sich ihren Plan bereits gut vorstellen. stehe der Name ›Jesus‹. das nach der Sprengung entdeckt worden war. aber er kannte in etwa das griechische Alphabet. Sabina. Handelte es sich um Briefe der Frühchristen? Bestimmt war da noch etwas. sogar ihr Leben aufs Spiel zu setzen? Miles beugte sich über den Schreibtisch und betrachtete eines der Bilder genauer. Wenn diese Archäologin die Idealistin war. Buchstabe für Buchstabe übersetzte er die drei Worte: Amelia. Perpetua. Vornamen… Frauennamen? Im Gegensatz zu vielen der in den Qumran-Höhlen gefundenen Schriftrollen handelte es sich hier nicht um das Inventar des Tempelschatzes oder um Bücher des Alten Testaments oder um die Gesetze eines Geheimbundes. was es war! Und eines wußte er mit Sicherheit: Es blieb ihm nicht viel Zeit. warum veranlaßten die anderen sechs ›Bücher‹ eine Archäologin wie Dr. damit die Wissenschaftler und alle Interessenten sie in Augenschein nehmen konnten.gegenüber behauptet. Was war das für eine siebte Schriftrolle. Dr.

dann würden sie für Miles verloren sein. interessierte sich nicht für die Kataloge von Christie’s oder Sotheby’s. Was würde geschehen. sie werde sich wie ein Kaninchen in einem Bau verstecken und die Schriftrollen übersetzen. Etwas. Sein Entschluß stand fest: Er mußte die Schriftrollen haben. keine Kreditkarte zu 204 . verschwendete er keine Zeit damit. es zu besitzen. Aber etwas wie die eine Orchidee. desto stärker wurde seine Besitzgier. das alle kannten. Etwas Verkäufliches wollte er nicht. Alexander sie für ihn entwerten konnte. die SonnenwendKachina hatte sich in der Obhut weniger ausgewählter Priester befunden. bevor Dr. und diese Schriftrollen vom Sinai hatten in beinahe zweitausend Jahren nur zwei Menschen gesehen.einem Archiv verschollen gewesen. begutachten oder untersuchen konnten. so etwas löste in ihm das Verlangen aus. von der das Fluchtauto stammte. Miles erschien nicht auf Auktionen. Aber wenn diese idealistische Archäologin sie der Öffentlichkeit zugänglich machte. Je seltener. besaß für ihn keinen Wert. Genau das machte sie für Miles so begehrenswert. Wenn andere diese Dinge kaufen. mit dem sich zahllose andere befassen konnten. je älter und – wie offenbar auch in diesem Fall – je heiliger etwas war. Aber wie sollte er sie finden? Teddy Yamaguchi hatte seine elektronischen Überwacher aufgestellt. Dr. die niemand kaufen konnte oder von deren Vorhandensein kaum jemand etwas ahnte. Alexander hatte ihrem Freund Stevenson gesagt. wenn sie schlau genug war. Im Augenblick erfüllten die geheimnisvollen sechs Schriftrollen aus dem Sinai alle diese Kriterien. die niemand zu Gesicht bekam. je fragiler. Deshalb kannten sie bereits die Leihwagenfirma.

Ihr sonnengebräuntes Gesicht wirkte verschlafen. trug sie offen über der Schulter. »Schlaflosigkeit? Möchtest du nicht vielleicht doch mit Dr. Und…«. sagte sie. »Entschuldige.benutzen? Er ballte die rechte Hand zur Faust. Erika trug einen pfirsischfarbenen Seidenmantel über einem weißen Spitzennachthemd. sie zu finden. es liegt einfach daran. als er sie an der Tür begrüßte. Welchen? Was hatte er übersehen? Der Summer der Bürotür riß ihn aus seinen Gedanken. »Ich bin aufgewacht. Es mußte noch einen anderen Weg geben. »Ich habe wieder einmal unruhig geschlafen«. Sanford darüber sprechen?« »Nein. mein Schatz. so stellte Miles fest. Trotzdem vergewisserte sich Erika immer. »und da ist die Sache mit Kojote. als sie den Schamanen erwähnte. ich wollte dich nicht beunruhigen. denn er hatte es oft mit anderen Zeitzonen zu tun. Das machte sie noch attraktiver und begehrenswerter. sie zögerte einen Augenblick. ich glaube. daß alles in Ordnung war. daß die Kinder über die Feiertage hier sind. Auf dem Monitor der Überwachungsanlage sah er seine Frau im Fahrstuhl. und du warst nicht da«. sagte sie. daß er hier ist! Er wird mich morgen zu einem heiligen Platz auf der Cloud Mesa 205 . Er nahm sie in die Arme und küßte sie liebevoll. »Soll ich ihn auffordern zu gehen?« »O nein! Ich möchte.« Miles runzelte die Stirn.« Miles erledigte seine Geschäfte auf der ganzen Welt und rund um die Uhr. Die aschblonden Haare.

führen.« »Da ist nichts. dann mußt du dein sicheres Versteck nicht verlassen‹ Unvermittelt hörte er Erikas Worte wie ein Echo: ›Die 206 . dann kann man dort die unsichtbaren Wege der Götter und Ahnen sehen. wo sich vermutlich der Papyrus aufgelöst hatte. Ihm fiel auf. daß sich dort oben überhaupt etwas befindet.« Er küßte sie noch einmal. Was hatte Stevenson gesagt. »Das klingt schön. Aber Kojote sagt. wenn man weiß.« »Ich wußte nicht. daß ein ganzer Satz fehlte. Nervös trommelte er mit dem Finger auf den Granit. das sich in seinem Bau in Sicherheit gebracht hatte? Wie sollte er Catherine Alexander aus ihrem Versteck locken? Miles betrachtete die Abzüge in aller Ruhe. zumindest nichts für das menschliche Auge. Wie sollte er das Kaninchen finden. die Zeke aus Stevensons Wohnung mitgenommen hatte. Es gab sogar Lücken. daß nicht alle Textstellen gut lesbar waren. das ist etwas Ähnliches wie die Traumpfade der Aborigines in Australien.« »›Die unsichtbaren Wege der Götter‹«. ging Miles zum Schreibtisch zurück. wie man sehen muß. wiederholte Miles und lächelte. Verstehst du.« Nachdem Erika den Turm verlassen hatte. »Ich komme bald nach. um ihre Übersetzung zu vereinfachen… Wie hatte Stevenson das ausgedrückt: ›Überlaß das Suchen den elektronischen Fingern. Auf einer Aufnahme entdeckte er. als er den P245-Papyrus im Britischen Museum fand? Catherine Alexander brauche Kopien ähnlicher Schriftrollen. wo noch immer die Photos lagen.

denn im Internet war er. ›Die unsichtbaren Wege‹ unserer Zeit sind die Datenautobahnen! »Teddy. auf richtigen Straßen zu fahren. Cyberspace! Dort würde er sie zur Strecke bringen. 207 . Miles drückte auf seinem Handsprechgerät eine Nummer und weckte Teddy Yamaguchi. Der Gedanke. Miles Havers. es gibt Arbeit«. versetzte ihm einen Adrenalinstoß. und alle Müdigkeit war schlagartig verschwunden. der unangefochtene Herrscher. daß das Kaninchen durch sein Reich rannte. denen sie auf der Suche nach Kopien folgen konnte. sagte Miles. Dort würde man sie früher oder später entdecken. Aber es gab andere Wege. Catherine Alexander würde nicht wagen.unsichtbaren Wege der Götter…‹ Miles richtete sich auf. Das ist es! Der Tiger duckte sich zum Sprung.

DER FÜNFTE TAG 208 .

seufzte und umfaßte den Kopf mit beiden Händen… Danno! Sie stand auf und ging zu ihrem Gepäck. Offenbar hatte er sich nicht zugedeckt. daß die Schriftrollen 209 . hielt es vor die Augen und sah. Sie spürte etwas Kaltes. 18. Sie tastete danach. Sie hörte das Wasser der Dusche. Als erstes vergewisserte sie sich. Regen… Regen im Sinai? Sie stellte fest. Hartes an ihrem Hals. Sie erinnerte sich nicht daran.Samstag. wo sie war. Sie blickte zum anderen Bett. Auf dem Tisch vor dem Fenster stand Dannos geöffneter Laptop. Dann wußte sie es. Plötzlich fiel es ihr wieder ein: Die Killer hatten Danno ermordet… ihre Flucht durch den Regen mit Garibaldi. Catherine setzte sich auf. Licht drang durch den Türspalt. Garibaldi hatte gesagt. Die Decke war nicht zurückgeschlagen. Die Tür zum Bad war geschlossen. daß es ein kleiner Jadeanhänger war – ein Jaguar an einem Lederriemen. Dezember 1999 Santa Ynes-Berge. wartete auf den Ruf des Muezzin vom hohen Minarett in der Ferne. sich daran zu erinnern. Er hatte ihr die Sandalen ausgezogen und sie mit der Decke zugedeckt. Kalifornien Catherine wachte auf und versuchte. daß sie nicht wie üblich ein übergroßes T-Shirt anstelle eines Schlafanzugs trug. er werde sich ins Internet einloggen. das sie zuerst nicht einordnen konnte. im Sessel eingeschlafen zu sein. aber sie hörte etwas. aber zerdrückt. Irgendwann mußte sie Garibaldi ins Bett getragen haben. Langsam setzte sie sich auf. Sie lauschte auf die vertrauten Lagergeräusche. Sie lag auch nicht in ihrem Feldbett.

denn sie wollte kein Risiko eingehen. sagte Catherine. Wenn Sie nichts dagegen haben. Sie sah eine Stola. Kann ich ihm vertrauen? Sie sah seine schwarze Reisetasche. möchte ich jetzt duschen und dann so schnell wie möglich von hier weg. Sie lagen unversehrt zwischen den Einbanddeckeln des paläobotanischen Handbuchs.« Sie blickte auf sein T-Shirt und sah dann.« Catherine bürstete ihre langen kastanienbraunen Haare. Garibaldi stand in der Badezimmertür. »Ich bin wirklich ein Priester. daß Sie die Wahrheit gesagt haben. »Ist Pangamot etwas Ähnliches wie Karate?« »Es ist auch ein Kampfsport.« Er betrachtete sie aufmerksam und fragte: »Wie geht es Ihnen?« »Mein inneres Uhrwerk ist überdreht. Havers ließ inzwischen bestimmt alle Anrufe 210 . daß die Stöcke an der Wand lehnten. wie sie es in der Nacht zurückgelassen hatte. Julius anzurufen. ein Buch – Die Stundengebete – und den neuen Roman von Tony Hillerman. aber ich mußte mich vergewissern. öffnete sie die Tasche und warf einen Blick hinein. Aber das hatte er nicht getan. Er trug eine schwarze Baumwollhose und ein schwarzes T-Shirt mit dem Aufdruck ›Dong Meyong Pangamot‹.« »Ich verstehe.noch da waren. »Entschuldigen Sie«. und meine Wut kennt keine Grenzen. »Ich wollte nicht neugierig sein. die vom Duschen noch feucht waren. eine andere. Da die Dusche noch lief. Garibaldi hätte die sechs Bücher an sich nehmen und davonfahren können.« Sie zuckte zusammen. Alles schien so. Sie blickte noch einmal zum Bad. während sie schlief. die offenbar Weihwasser enthielt. Sie unterdrückte den Wunsch. eine kleine Flasche Öl.

Sie dachte an Garibaldi. Das war jedoch nicht der Grund dafür. der im Augenblick nicht im Zimmer war. Sie wußte. ging Catherine schnell unter die Dusche und überließ ihm das 211 . Ihr wurde klar. Daran hatte sich bis heute nichts geändert. Aber sie sehnte sich verzweifelt nach Julius. ich habe schon getankt. obwohl die Last auf ihrer Seele unerträglich schien. für ihn war es von großer Bedeutung. Ein katholischer Priester. als sie sich mit Schlaftabletten das Leben nehmen wollte. Er ging zur Kirche. Sie wollte sich in seinen Armen ausweinen. Wieder einmal erinnerte sie sich an Dannos Worte vor dreizehn Jahren. Er war am Abend nach der Beerdigung ihrer Mutter zu ihr gekommen. hatte Daniel gesagt. Daniel war damals ein gläubiger Katholik gewesen. den Schock von Dannos Tod zu überwinden. bis die Arbeit getan war. Er hatte sie vor diesem unsinnigen Schritt zurückhalten können. betete und beichtete. ›Das ist keine Lösung‹. Er würde ihr beistehen und helfen. daß sie weder mit Julius noch mit einem anderen Menschen Kontakt aufnehmen durfte. der ihr Trost bringen sollte. »Die Tankstelle ist offen. und der Regen hat nachgelassen. aber genau das nicht konnte. Sie würde nie vergessen. wie die Kirche ihre Mutter verfolgt und noch im Sterben gequält und bestraft hatte. daß sie augenblicklich erstarrte… Nachdem Garibaldi aus dem Bad gekommen war.abhören. sich von ihm trösten lassen. Aber an jenem Abend hatte sie ihren Glauben verloren. Ein Priester hätte Daniel seelischen Trost schenken können… Sie hörte Schritte auf dem Kies.« Er brachte außer Kaffee und belegten Brötchen auch eine Zeitung. und im nächsten Augenblick kam Garibaldi ins Zimmer. daß ihm vor dem Tod ein Priester die Letzte Ölung geben würde.

Die Polizei hat bisher noch keine Einzelheiten bekanntgegeben. mit der sichtbaren Autorität seiner kirchlichen Macht ihre Mutter beeinflussen und einschüchtern zu wollen. Wenn ich die Soutane trage. die Polizei weiß nichts von mir. Als sie kurze Zeit später das Bad verließ. war er nicht mehr da. gewinnen wir vermutlich etwas Zeit.« Sie sah die Meldung: ›Der Archäologe Dr. Deshalb war sie auf sein Aussehen nicht vorbereitet. stellte die Kaffeebecher auf den Tisch und legte die noch warmen Brötchen daneben. die aus dem Haus floh…‹ »Es wird nicht erwähnt. letzte Spalte. eine schwarze Schärpe um die Hüfte und ein kleines goldenes Kruzifix an einer Goldkette um den Hals. Auf dem Tisch lag eine Notiz. »Deshalb. daß mich die beiden Killer in der Dunkelheit und bei dem Regen nur undeutlich sehen konnten. Er trug nicht mehr die schwarze Baumwollhose und das Pangamot T-Shirt. sagte Garibaldi. Nach Aussagen von Zeugen wurde eine Frau gesehen. schwarze zugeknöpfte Soutane.Zimmer zum Ankleiden. Die Leute werden 212 . aber man vermutet ein Verbrechen. Catherine hatte ihm vorgeworfen. Seite drei. dem Priester und der Kirche und natürlich auch Gott! »Weshalb tragen Sie das?« Er reichte ihr die Zeitung. Was hatte sie ihm an jenem Abend nicht alles vorgeworfen – ihm. »Ich vermute. Ich bin auch der Meinung. Sie werden bestimmt nicht wissen. daß ich Priester bin. Vater McKinney war in der Soutane im Krankenhaus erschienen. Blitzartig stellte sich bei diesem Anblick die Erinnerung an den Abend vor dem Tod ihrer Mutter ein. er werde sich nach Benzin erkundigen und Frühstück besorgen. sondern eine lange. daß Ihnen ein Mann bei der Flucht geholfen hat«. Daniel Stevenson wurde gestern abend in seiner Wohnung in Santa Barbara tot aufgefunden.

daß Miles Havers hinter dem Mord steckt.« »Und dann?« 213 . dachte sie verzweifelt. unter welchen Umständen du gestorben bist. auf den Ihre Beschreibung des Killers paßt. daß Miles Havers hinter mir her ist. »Wir sollten so schnell wie möglich losfahren«. Auf den Photos ist im Hintergrund ein Mann zu sehen. Sie kämpfte mit den Tränen.einen Priester sehen und der Frau in seiner Begleitung weniger Aufmerksamkeit schenken.« »Sie glauben mir wirklich?« Er nickte.« »Wird man sich in Ihrer Gemeinde nicht Gedanken machen? Werden Sie nicht erwartet?« »Ich habe noch ein paar Tage Urlaub. jetzt glaube ich Ihnen. man wird mir die Schriftrollen abnehmen. wird man mich verhaften. »Wir sollten so schnell wie möglich hier weg. als sie hinzufügte: »Sie glauben nicht. der Ihren Freund ermordet hat.« »Sie irren sich. Verzeih mir. sagte Garibaldi leise. »Sind Sie fertig?« Catherine sah den großen Mann in der schwarzen Soutane an und fragte: »Warum bleiben Sie bei mir?« Eine gewisse Bitterkeit lag in ihrer Stimme. »Während Sie schliefen. habe ich im Internet nach Zeitungsphotos von Havers gesucht. Ich kann der Polizei nicht sagen. und dann war dein Tod völlig sinnlos.« Er verschloß die Reisetasche. werden sie es nicht glauben. Noch nie im Leben hatte sich Catherine so hilflos gefühlt.« Catherine ließ die Zeitung sinken. Wenn ich mich als Zeugin bei der Polizei melde. Wenn ich mich anonym melde und sage. Danno.

« Sie sahen sich zuerst vorsichtig auf dem Parkplatz um. flüsterte sie. Er hatte nicht einmal mehr Gelegenheit. Sie stiegen ungesehen in den Wagen. Danno. der sich von nichts entmutigen ließ. Glauben Sie an ein Leben nach 214 .« Sie wischte sich die Tränen vom Gesicht. daß ihr die Tränen über die Wangen liefen. Daniel ist in Gottes Hand.« »Er ist nicht allein. »Ich habe an Danno gedacht. Sie hielt die Zeitung in den Händen und dachte an die kleine. unauffällige Meldung auf Seite drei. der den Luftdruck der Reifen überprüfte. Sein Glaube führt ihn zu Gott. Abgesehen von ein paar verschlafenen Gästen und einem Lkw-Fahrer. Garibaldi hatte bereits die Rechnung bezahlt. der Einzelgänger. »Entschuldigen Sie«. Daniel war nach Ihren eigenen Worten ein gläubiger Katholik. Was bedeutet das für seine Seele?« »Entscheidend ist der Entwicklungsstand seiner Seele im Augenblick des Todes. Deshalb mußte Catherine nicht noch einmal in das Büro. Sie hörte Garibaldis Stimme: »Ist alles in Ordnung?« Catherine stellte fest.»Dann werde ich mir etwas einfallen lassen. fragte er Catherine: »In welche Richtung fahren wir?« Aber sie hörte seine Frage nicht. mir etwas von seinen neuesten Erkenntnissen über die Maya-Wandbilder zu erzählen… Eine Hand legte sich auf ihren Arm. Er dürfte nicht so allein sein.« »Er ist ohne die Letzte Ölung gestorben. Das sollte auch Sie trösten. »Wenn ich das nur glauben könnte…« »Hören Sie. war an diesem grauen Morgen wenig los. lag kalt und starr in einer Leichenhalle. Als Garibaldi den Motor anließ.

murmelte Catherine. In welche Richtung fahren wir?« Catherine hob den Kopf und starrte durch die Windschutzscheibe in den grauen Tag. aber als er feststellte. sagte sie mit kaum unterdrücktem Zorn. Als Miles Havers beschlossen hat. »Gut. denn er handelt sich damit mehr ein. »werden nicht ungeschoren davonkommen. sagte sie entschlossen. nach Norden. Vorsichtig schlug sie das paläobotanische Handbuch auf 215 . Sie drehte sich um und blickte in Richtung Süden. Ich hoffe. Heute bin ich nicht so sicher. damit Sie die Schriftrollen übersetzen und ich wieder eine Online-Verbindung bekomme. die Danno ermordet haben«. sagte er: »Wir sollten losfahren.« Während Garibaldi den Mustang zur Auffahrt des Highway fuhr. an dem wir bleiben können.« »Also. Manchmal glaube ich. wo es Sicherheit und Wärme für sie gab. »Es gab einmal eine Zeit.« »Haben Sie Angst vor dem Tod?« Sie ließ den Kopf sinken und flüsterte kaum hörbar: »Ja…« Er wartete geduldig.dem Tod?« »Ich… ich weiß nicht«. wo Santa Barbara und Malibu lagen und wo Julius lebte – dorthin. in welche Richtung fahren wir?« »Nach Norden«. als er zu gewinnen hofft. »Die Killer. daß uns das Internet auf eine heiße Spur zur siebten Schriftrolle führt. daß sie die Augen schloß. was nach dem Tod mit uns geschieht. hat er einen Fehler gemacht. Wir müssen einen Platz finden. ob sie noch etwas sagen würde. da habe ich nicht daran gezweifelt. den Kampf mit mir aufzunehmen. griff Catherine in die blaue Tasche und holte die sechs Bücher in dem dicken Umschlag heraus. muß schrecklich und beängstigend sein. als verschließe sie ihm ihre Gedanken.

Dann begann sie zu lesen… Seltsame Vorzeichen ereigneten sich in der Nacht meiner Geburt. in den Städten und Dörfern. Trotz der unendlich vielen Unterschiede. bei weisen Männern und Frauen. Zuerst sende ich Dir und meinen Schwestern auf dem Weg des Gerechten meine Grüße. aber die Frau sagte. Meine Mutter erzählte mir später von einer Wahrsagerin. liebe Amelia. was auch ich werden sollte. Aber verzeih mir. bei den Unwissenden und Schlechten. den Hoffenden und Verzweifelten habe ich eine weltumspannende Wahrheit gelernt. sie habe eine wichtige Nachricht von den Priesterinnen der Hekate. Meine Familie kannte sie nicht. daß meine Mutter ein Diakon war. Ich bin bis an die entferntesten Grenzen des Reichs gereist und habe die erstaunlichsten und auch schrecklichsten Dinge erlebt. Ich habe die Kunst des Heuens gelernt. Euch gilt mein Friedenskuß. und ihr sollt wissen. die in unserem Haus erschien. Doch an allen Orten. bewegt uns alle die eine Frage: Was geschieht mit uns. Ich verstand die ganze Tragweite der Prophezeiung erst viele Jahre später. Staatsmännern und Dieben. ich greife vor. das unter diesem Dach zur Welt kommen werde. Es gehe um das Schicksal des Kindes. wenn wir sterben? 216 .und entfaltete die erste vergilbte Papyrus-Seite. ich brachte Kinder zur Welt und spendete Sterbenden Trost. Das Schicksal hielt Wundersames für mich bereit. ehe das Schicksal eingriff und den Weg meines Lebens für immer veränderte. die uns voneinander trennen. den Gebildeten und Ungebildeten. In den acht Jahrzehnten meines Lebens begegnete ich Königen und Bauern.

der Himmelskönigin. bei den Begegnungen auf den Marktplätzen und in den Karawansereien der Welt habe ich schließlich die Antwort gefunden. unterwegs auf fernen Straßen. Sein Erscheinen am Horizont wurde von den drei Sternen im Gürtel des Orion angekündigt. Liebe Amelia. In jeder Woche nahm er am Tag der Sonne an geheimen Ritualen im Tempel teil. Sie legte mir am Tag meiner Geburt das Hermeskreuz um den Hals. trage ich es über meinem 217 . Mithras war damals ein mächtiger Gott in Antiochia. muß ich die Geschichte am Anfang beginnen. in den vielen Jahren. Wenn er dann aufging. ob Mithras immer noch diese Macht besitzt. in Syrien. Er stand sogar über Isis. In ihrer Jugend war meine Mutter in die Mysterien des Hermes Logos eingeweiht worden. Nur bei Dir finden wir Frieden… Mein Vater gehörte zu den Anhängern des Mithras. Jedes Jahr feierte meine Familie mit den anderen Bürgern von Antiochia die Wiedergeburt des Hermes. war der Jubel groß. und wir sangen das Lied: Leben. liebe Schwestern. rette uns mit deiner Kraft! Gott mache uns zu geistigen Wesen. Ich wurde in Antiochia. An diesem heiligen Tag blickten wir am frühen Morgen auf die Stelle am Horizont. ich frage mich. Aber bevor ich mein Wissen mit euch teile. denn das bedeutete. denn dort würde der Stern erscheinen. Hermes war wiedergeboren.Liebe Schwestern. die man die ›Drei Könige‹ nannte. zu der die Drei Könige wiesen. als einzige Tochter einer reichen und angesehenen Familie geboren. Wir gingen zum Fluß und hielten am nächtlichen Himmel Ausschau nach dem Stern Sirius. und bis auf den heutigen Tag. Die Ewigkeit schenkt uns den Segen. Meine Mutter glaubte an die Kraft von Amuletten.

Trotz des wöchentlichen Rituals schien meine Mutter mehr zu wollen. Ich wuchs in einem stillen Haus heran. Ich deutete mit dem Finger auf die Erde und sagte: ›Da ist er. Hermes sprach das Wort. die Tanten und Nichten begleiteten meine Mutter dorthin. Ich hatte einen Bruder. Doch trotz ihres Glaubens war meine Mutter keine glückliche Frau. An seinem Grab fand dann ein rituelles Mahl statt. Sie glaubte wie alle Anhänger des Hermes Logos an die Magie des Wortes.‹ Als ich älter wurde. und die Welt wurde erschaffen. Sie suchte nach ihm im Reich der Toten. verstand ich sie besser. wo er sich befand. Meine Eltern waren untröstlich. Ich hatte einen Bruder. sie gaben ihm durch ein Rohr. Mutter! Er schläft in der Erde. Die Erinnerung an meinen Bruder stand immer zwischen mir und meinen Eltern. der als kleines Kind starb. von seinem toten Sohn zu sprechen. Er ist ein verständnisvoller Gott. das in seinen Sarg führte. Milch und Honig. So war das. so wie alle Angehörigen durch ähnliche Röhren ihren Toten Wein geben. und alle seine Anhänger sind glücklich. der als Toter mein Leben überschattete.Herzen. Die Frauen meiner Familie sprachen mit meinem verstorbenen Bruder und berichteten ihm von den Ereignissen in der Familie. Die Frauen sprachen zu ihm. zum Totenfeld zu gehen und das Grab meines Bruders zu pflegen. Sie saß an seinem Grab. Es gehörte zu unserem wöchentlichen Ritual. Meine Großmutter. Mein Vater brachte es später nie über sich. Als Dreijähriger erkrankte er am Fieber und überlebte es nicht. Sie brachten ihm manchmal sogar Spielzeug. rief seinen Namen und wollte wissen. Sie suchte 218 . denn der Gott ist das sichtbar gewordene Wort.

Meine Mutter hüllte sich in ihre Trauer wie in einen Mantel. Der Arzt meines Vaters riet dazu. Er sprach in seiner Sprache. Mein Vater entfernte sich von der Versammlung und ging zu den Bädern und Ärzten.nicht den kleinen Jungen. daß meine Eltern wie Fremde zueinander waren. und ein anderer übersetzte seine Worte ins Griechische. Manchmal dachte ich. Jener Tag an dem Ufer das Salzmeeres liegt zwar schon viele Jahre zurück. Aber meine Mutter wollte dem Mann zuhören. Als ich acht wurde. Eine Art seelische Krankheit lastete über unserem Haus. die ihn im Laufe der Jahre immer abweisender und schweigsamer machte. Ich glaubte. und ich blieb bei ihr. das Meersalz habe seinen Rücken geheilt. Er hatte 219 . Mein Vater ging nicht mit uns zu dem Grab. denn sie gaben sich gegenseitig die Schuld am Tod meines Bruders. Dort. denn er konnte ein schweres Rückenleiden meines Vaters nicht kurieren und empfahl ihm das berühmte Heilwasser des Salzmeeres. in der Wüste von Judäa. mein Vater errichtete eine kalte und stumme Fassade. es sei noch nicht überwunden und verbreite Tag für Tag sein tödliches Gift. machten wir uns auf eine lange Reise. die ihm Fragen stellten und ihn ›Rabbi‹ nannten. Er sprach nie über den verlorenen Sohn. das meinen Bruder getötet hatte. Wir kehrten nach Antiochia zurück. aber ich kann mich noch deutlich an das Gesicht des Mannes in der Wüste erinnern. und mein Vater sagte. ich höre noch den Klang seiner Stimme und sehe den Kreis der Zuhörer. Selbst heute kann ich mich an kein einziges Wort erinnern. damit auch die Fremden unter den Zuhörern den Mann verstanden. obwohl ich nichts von dem verstand. hörten wir einen Mann predigen. sondern seine Seele. es sei das Fieber. Es kam so weit. was er sagte.

Später konnte sie nie sagen. Man trieb Handel mit dem Segen der Götter und schacherte mit der Hoffnung auf die Gunst der Unsterblichen. in jeder Straße gab es einen Schrein. sogar der Kaiser in Rom werde als lebender Gott verehrt. weshalb sie den anderen Weg 220 . Eine Gruppe Menschen stand in der Mitte. Es war eine Zeit der Unsicherheit. Mein Vater nannte das den ›Marktplatz der Religionen‹. Als ich sechzehn war. Dieser Tag veränderte meine Mutter von Grund auf. und ein Mann redete zu ihnen. Jedes Viertel hatte seinen eigenen Tempel. aber an diesem Tag blieben wir stehen und hörten zu. wo Kamele und Schweine. sagte sie: ›Heute nehmen wir einen anderen Weg. Nachdem wir die Hauptstraße erreicht hatten. daß jeder durch Verzeihen das Tor aufstoße und so zum Weg des Lichts finde. Sklaven und Esel verkauft wurden. an jeder Kreuzung stand die Statue eines Gottes. war ein Fremder. Der Mann. die sich dort eingefunden hatten. in der viele in ihrer Verzweiflung und Angst Antworten auf spirituelle Fragen suchten. herrschte große Unruhe unter den Menschen.‹ Es dauerte nicht lange. Man sah dort die Boten des Hermes und die Anhänger von Zoroaster. wo jeder einen Gott oder einen Glauben verkaufe. Damals.nie wieder Schmerzen. Man sagte uns. liebe Schwestern. Normalerweise ging meine Mutter an solchen Versammlungen achtlos vorüber. besuchte meine Mutter auf unserem wöchentlichen Weg durch die Stadt zum Grab meines Bruders wie immer den Astrologen. und wir gelangten an einen Platz. die zu den Menschen sprachen. die durch das EpiphaniaViertel zur Stadtmitte führte. der zu den wenigen sprach. Auf die Plätze kamen viele Prediger. Der Mann sprach von Vergebung und davon. In der Stadt gab es die Anhänger der unterschiedlichsten Religionen.

wir sind bereits tot?‹ Die einen lachten. die wir nicht verstanden. Wir stehen im Augenblick der Geburt auf der Schwelle des Todes. Von da an strahlte aus ihr ein neues Licht.gewählt oder weshalb sie dem Mann zugehört hatte.‹ Er sagte: ›Wir müssen verzeihen‹. nachdem ihr gestorben seid. Und der Mann sagte: ›Wir sind nicht tot. Der Mann auf dem Platz hatte über viele Dinge gesprochen. unnahbaren und lieblosen Mann geworden war. Aber anschließend gingen wir nach Hause zurück. die so viele Jahre im Herzen meiner Mutter lag. das Leben nach dem Tod sei in uns. Sie wurde wieder glücklich und jung.‹ Man fragte ihn: ›Was ist das für ein Himmel?‹ und er antwortete: ›Dorthin werdet ihr gehen. sie verzieh meinem Vater und warf ihm nicht länger vor. Die Worte des Predigers schienen die Saat der Bitterkeit abgetötet zu haben. aber die anderen hörten schweigend zu. jeder möge dem Nächsten in 221 . und man fragte ihn: ›Warum sollen wir verzeihen?‹ Er antwortete: ›Nur so könnt ihr euch retten. wird zu einem Wanderer auf dem Weg. das in uns allen ist. aber wir werden sterben. Man fragte ihn: ›Was ist das für ein Königreich‹ und er antwortete: ›Das Königreich des Himmels.‹ Der Mann sprach dann von einem Königreich. Er sagte: »Rache steht nur Gott zu«. und man fragte ihn: ›Welchem Gott?‹ Er antwortete: ›Es gibt nur einen Gott. daß er zu einem kalten.‹ Man fragte ihn: ›Sprichst du vom Leben nach dem Tod?‹ und er antwortete: ›Ja. Wer diesen Glauben annimmt. Soll das heißen.‹ Einige machten sich über ihn lustig und riefen: ›Du sagst.‹ Man fragte ihn: ›Wie gelangen wir in dieses Königreich‹ und er erinnerte sie daran.

daß dies der Wahrheit entsprach. wie sich meine Mutter veränderte. Wir fragten unseren Gast: ›Wann wird das Ende der Welt kommen? Heute? Morgen? Noch zu unseren Lebzeiten‹. denn im Reich gab es viele Kriege. und schließlich luden wir den Mann ein. und wir lauschten seinen Worten. und in den Kolonien rebellierten die Stämme gegen ihre Herren. war jedoch dies: ›Der Gerechte hat den Tod überwunden‹ Der Mann blieb als Gast in unserem Haus und lehrte uns das Wissen des Gerechten. Was geschehen soll. Die Menschen in den Städten waren unzufrieden. was der Mann uns sagte. denn ich sah. denn damals war das Leben im ganzen Reich von vielen Gefahren bedroht. von dem er so oft sprach.‹ Ich stellte fest. Er heilte die Kranken und half den Bekümmerten. und ihr werdet finden. Durch Verzeihen und Einsicht werdet ihr Freiheit und Frieden finden. Jeder verriegelte nachts die Tore. den wir in der Wüste Judäas gehört hatten. unsere Freunde und Nachbarn. in unser Haus zu kommen. und sie hatten Angst. so wie er es bei seinem Lehrer gelernt hatte. und mir wurde bewußt. an den Grenzen brachen Seuchen aus.seinem Herzen vergeben. und keiner schenkte 222 .‹ Das Wichtigste. was unsere Herzen beschwerte. wird geschehen. wenn man vergibt‹ und er antwortete: ›Man findet die Einsicht. daß der Gerechte. Wir stellten Fragen über alles. der Mann war. Und er ermahnte uns: ›Der Gerechte sagt: Suchet. Alles ist Teil eines größeren Ganzen. Wir versammelten unsere Dienstboten und Sklaven. denn nichts geschieht zufällig. Und mit dem Frieden kommt das Licht. Klopfet an und euch wird aufgetan. Danach gingen wir jeden Tag zu diesem Platz. jemand in der Menge fragte: ›Was geschieht.

aber ich werde müde. Erst Jahre später fand ich in meinem Leben die Lösung für einen anderen Teil des Rätsels… Ja. Perpetua sagt mir. Unser Gast antwortete: ›Ihr werdet das Ende an den Zeichen erkennen. Amelia. Meine Mutter übertrug immer mehr Mitgliedern die Diakonswürde. einem jeden werden die Zeichen offenbart werden. denn wir alle haben die Teile in uns. In Alexandria hörte ich zum ersten Mal von dem neuen Zeitalter… Ich bitte Dich um Verständnis. denn sie wollten die Botschaft hören. Auf diese Weise wuchs die Gemeinschaft weiter und zählte immer mehr Mitglieder. Sabina. Die Menschen kamen aus allen Teilen der Stadt. die zusammengefügt die klare Antwort geben. Wir müssen die Botschaft so weit wie möglich verbreiten. Die Zahl unserer Mitglieder wuchs. ich spreche bewußt von einem ›Rätsel‹ und meine damit das große Mysterium. Die Versammlungen fanden in unserem Haus statt. Wir konnten uns ungehindert treffen.‹ Und so entstand eine Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern. Ich verspreche euch. damit sie ebenfalls Versammlungen abhalten konnten. erhielt die Würde eines Diakons. daß sich das inzwischen wegen der Verfolgungen geändert hat. Aber damals wurden wir nicht angegriffen. daß man damals.‹ Meine Mutter sagte zu mir: ›Das ist der richtige Glaube. Von Perpetua erfahre ich. Mein Vater ließ sich jedoch nicht zum Weg des Gerechten bekehren. als die Männer 223 . und bald mußten die Versammlungen im Freien stattfinden. Wer wie meine Mutter die wöchentliche Lesung der Botschaft übernahm und das Liebesmahl vorbereitete. die dem Weg des Gerechten folgten.dem anderen Vertrauen. damit viele den Weg finden. denn der Gerechte ist Gottes Sohn. das wir Tod nennen.

daß sie nicht weitersprechen konnte. Sie möchte den Bericht in ein paar Tagen fortsetzen. geglaubt hat. Sabina wurde von den Erinnerungen so überwältigt. Ich weiß auch. Ich weiß um das Ende aller Dinge und um die Wiederkunft des Gerechten. sie werde sterben. Meine Schwestern. wie und wann der Gerechte zurückkehren wird.‹ 224 . Vielleicht war ich tot. Aber wie durch ein Wunder hat sie sich wieder erholt. Ich befürchtete. daß sie ewig leben wird. ich sei tot. ich überbringe euch die gute Nachricht.mich fanden und in das Kastell brachten. daß sich meine Mutter in ihrer Vorstellung vom Tod geirrt hat. daß mir offenbart worden ist. sitzt im Bett und sagt. (Perpetua schreibt: ›Liebe Amelia.

weil er hoffte. Warum diese Vorsicht? Warum ›Meritites‹ und die verstellte Stimme? Vor allem. Er hörte sich das Band mehrmals an. daß sich die geheimnisvolle Anruferin unter dem Namen ›Meritites‹ meldete – der Name der Königin. Er hätte bei ihr bleiben müssen. nach ihrem Streit ins Institut gegangen zu sein. und als er die Nachricht fand: ›Ich muß für ein paar Tage weg!‹ hatte er bei Daniel Stevenson angerufen. daß sie in Sicherheit war und sich verstecken würde. Er schloß die Wohnungstür mit seinem Schlüssel auf und hoffte.Santa Monica. daß Julius zuerst dachte. deren Mumie er vor einem Jahr untersucht hatte. Versunken in die Übersetzung würden ihr die langen kastanienbraunen Haare über die Schultern fallen – immer. Niemand sollte wissen. Kalifornien Die Mitteilung auf dem Anrufbeantworter war so eigenartig. Aber Daniel hatte sich nicht gemeldet. sie zu frisieren oder mit einer Spange zusammenzuhalten. 225 . Doch dann fiel ihm auf. sie über die Schriftrollen gebeugt zu finden. daß es ihr gutgehe? Jetzt machte er sich noch größere Vorwürfe. Deshalb fuhr Julius zu ihrer Wohnung in der Fifth Street in Santa Monica. warum die Betonung darauf. bis ihm schließlich dämmerte. daß die Frau Catherine war. Sie wollte ihm offenbar mitteilen. jemand habe sich einen Scherz mit ihm erlaubt. sie sei dort. Bei seiner Rückkehr war das Haus leer gewesen. wo sie sich befand – auch er nicht. die mit verstellter Stimme sprach. vergaß sie ihre Haare und machte sich nicht die Mühe. ja rechnete fast damit. wenn sie sehr konzentriert arbeitete.

Ja.« Der Zusammenstoß war so überraschend gewesen.« Er tröstete sich damit. und auf dem Eßtisch lagen ein Stapel Post und Zeitungen. nicht rot. Wir werden zusammen eine Lösung finden. Hätte ich dich doch nicht allein gelassen. flüsterte er.Aber Catherine war nicht in der Wohnung. Sie hatten damals zusammen an einer Konferenz teilgenommen und im Halekulani Hotel zum ersten Mal miteinander geschlafen. Ihre dichten. »wo immer du auch sein magst. Das fand er sexy und sehr herausfordernd. Wo immer sie sein mochte. bitte ruf mich an. Im Schlafzimmer sah er auf der Kommode ein gerahmtes Photo von ihnen beiden am Strand von Honolulu. dann lagen alle Lebensmittel auf dem Boden. das ist schon besser. Die Fremde rannte aus Dr. Julius schloß die Augen. Er sah das Mondlicht. spürte Cathys zarte Haut und roch den Duft von Kokosnußsonnenöl und frisch gewaschenen Haaren. daß Catherine unabhängig war und für sich sorgen konnte. Die Kaffeekanne stand im Küchenschrank. das auf das Bett schien. Ihre Tollkühnheit würde ein Geheimnis bleiben. die ihre Nachbarin in die Wohnung brachte. »Nein. »Cathy«. das Bett war unbenutzt. langen kastanienbraunen Haare hatten ihn sofort um den Verstand gebracht. und die Frau war bereits auf der Treppe. Trotzdem konnte die Nachbarin die 226 . noch immer die Brandung vor der Terrasse hören zu können. sagte die Zeugin zu dem Porträtzeichner auf der Polizeiwache. Stevensons Wohnung. Er glaubte. sie befand sich in Sicherheit. eher kastanienrot. Cathy trug sie am liebsten offen. Komm zurück. bis sie die Schriftrollen übersetzt hatte… »Lange rotbraune Haare«.

wer sie war. Jetzt bestätigte sie dem Zeichner. wie er es eigentlich für richtig gehalten hätte. »In diesem Haus ist jeder mit sich beschäftigt. »Haben Sie eine Ahnung. Der Inspektor konnte sich nicht den Luxus erlauben. wer diese Frau gewesen sein könnte?« fragte der Inspektor. eine Woche vor Weihnachten.« »Und die beiden bewaffneten Männer. diesem Fall so nachzugehen. Die Polizeistation glich an diesem Dezembermorgen. Kann ich jetzt gehen?« 227 . Der tiefgefrorene Truthahn ist durch den Gang gerollt und wäre beinahe…« »Draußen hat ein Mann auf die fliehende Frau gewartet«. unterbrach der Inspektor sie ungeduldig und stand auf. Raubüberfälle und betrunkene Autofahrer ließen den Beamten keine ruhige Minute. das Bild sehe ihr wirklich sehr ähnlich. Stevenson nur sehr selten da. »Haben Sie den Mann gesehen. und Sie wissen nicht. gestohlene Fahrzeuge. mit wem sie davongefahren ist?« »Richtig. Er war ständig unterwegs bei Ausgrabungen. Er mußte unbedingt noch die Beweisstücke ins Institut bringen. die die Frau verfolgt haben?« »Ich habe sie nicht richtig gesehen. einem Irrenhaus – Einbrüche. Wissen Sie. Die Nachbarin schüttelte den Kopf. so eine Art Indiana Jones. der auf dem Schreibtisch saß und Kaugummi kaute. weil ich meine Lebensmittel aufsammeln mußte. junger Mann?« »Sie wissen also nicht. Außerdem war Dr. ich kann durch Hauswände blicken.Fliehende genau beschreiben. mit dem die Frau dann geflohen ist?« »Glauben Sie. Außerdem waren sie unterbesetzt.

Jedenfalls hatte er keinen großen Beitrag zur Wissenschaft geleistet. und es entstand ein ohrenbetäubender Lärm. Ein Spinner. heilige Nacht‹. So ein Typ. Trotzdem schien dieser Stevenson wichtig genug zu sein. daß Stevenson ein Einzelgänger und Idealist gewesen war. als mache sie sich viele Gedanken oder sei oft zornig. um auf so seltsame Weise ermordet zu werden. blickte ihr über die Schulter und fand. um herauszufinden. »Uns ist nichts aufgefallen«. etwa. sagte der Inspektor gereizt und nickte seinem Vorgesetzten zu. Bislang hatte Maloney jedoch nur erfahren. »Ist etwas gestohlen worden?« fragte Maloney den Kaugummi kauenden Inspektor und folgte ihm durch die Wache mit den klingelnden Telefonen. Darunter mischten sich aus dem Radio die süßlichen Töne von ›Stille Nacht. der verrückte Sachen geglaubt hatte. ob aus dem Mord an dem Archäologen vielleicht eine Geschichte zu machen sei. daß es auf dem Mars Pyramiden gab. der ihn zu sich in sein Büro winkte. Wer mochte diese schöne Unbekannte sein? Der Chefredakteur hatte Maloney auf die Wache geschickt. klappernden Schreibmaschinen und lauten Druckern. Alle schienen plötzlich gleichzeitig zu reden. »Stevensons Wohnung war das reinste Chaos – nichts aufgeräumt. dachte Maloney gelangweilt. der mit 228 . keine ersichtliche Ordnung. ein Science Fiction-Fan. daß dieses Bild ihr gleicht?« Die Nachbarin warf noch einmal einen Blick auf das fertige Porträt. In diesem Augenblick erschien ein anderer Mann in der Wache. Vielleicht war sie auch nur temperamentvoll. daß der Porträtist eine hübsche Frau mit großen Augen und sinnlichen Lippen gezeichnet hatte. Auf dem Bild hatte sie eine senkrechte Falte zwischen den Augenbrauen.»Sind Sie sicher.

Maloney blieb stehen und dachte. und er sah einen Stapel Umschläge. Schapiro. daß ihn die Beamten ›Baloney‹ nannten. auf Hochtouren zu laufen. Verblüfft sah er genauer hin. haben Sie nichts Besseres zu tun. Er drehte sich um und schlenderte durch den Raum in Richtung Ausgang. 99. Sein Blick fiel auf den Schreibtisch des Inspektors. Inspekt. Maloney ließ die Tür von Schapiros Vorgesetztem nicht aus dem Auge. drehte sich um und steckte die Hände in die Hosentaschen. Auf den Umschlägen stand: Stevenson. Frage: Warum dringen zwei Männer in die Wohnung eines 229 . schob sich rückwärts unauffällig an den Schreibtisch heran und zog geschickt das Photo aus dem Umschlag. »Mein lieber Baloney. Seine Spitznamen für sie waren noch weniger schmeichelhaft. Aber wo? Sein Gehirn begann. Wie soll da jemand sagen. Er überzeugte sich schnell. »Ich möchte nur ein paar…« Aber der Inspektor ging weiter und verschwand im Büro seines Vorgesetzten. Er mußte noch einmal stehenbleiben. wer die Mörder sind?« fragte Maloney. daß niemand auf ihn achtete. Aus einem der Umschläge ragte in einer Plastikhülle ein glänzendes Photo. 12. ob etwas fehlt?« »Gibt es Spuren? Weiß man schon. Dann blickte er auf den Schreibtisch.sechsunddreißig noch immer nicht erwachsen ist. So etwas hatte er schon einmal gesehen. weil gerade vier ›Weihnachtsmänner‹ in Handschellen hereingebracht wurden. Was zum Teufel ist das? Maloney runzelte die Stirn. 17. wie man sie für die Aufbewahrung von Beweisen benutzt. er werde wohl am besten in aller Ruhe frühstücken gehen. als mir hier Fragen zu stellen?« Maloney hatte nichts dagegen.

wo wirklich etwas passiert. Was für ein Dokument ist das? Noch interessanter war die Frage: Wo befindet es sich? ›Wenn man wirklich etwas erfahren will‹. Schriftrollen. hatte ihm sein Chefredakteur einmal gesagt. eine fliehende Frau. Man nehme eine ganz gewöhnliche Geschichte. In der unteren Hälfte entdeckte er eine weiße. ›dann sieht man sich in den Großstädten um. gezackte Linie. 230 . was du über dieses verschlafene Nest schreiben willst?‹ Die aufregendste Geschichte. Deshalb suchte er immer nach einem besonderen Aspekt. dann mußte man eben etwas daraus machen. war. Papyrus-Schriftrollen? Noch einmal: Zwei Killer. Es sah wie ein Papyrus mit altertümlichen Schriftzeichen aus. Es sah aus.unbedeutenden Archäologen ein. Maloney hatte etwas gegen Großstädte. jagen einer Frau hinterher und schießen sogar auf sie? Antwort: Das sind sehr schwere Geschütze für einen harmlosen Diebstahl. Maloney beugte sich über das Photo. Auf den ersten Blick schien es sich bei dem Papyrus um ein Einzelblatt zu handeln. ein ermordeter Archäologe. stelle sie in einen neuen Zusammenhang. an die sich Maloney erinnern konnte. daß die Bewohner von Santa Barbara ihre Rasen während der großen Trockenheit 1993 grün gefärbt hatten. zusammengefügt und dann photographiert. Also. schneiden ihm die Kehle durch. Der Inspektor kam erfreulicherweise noch immer nicht zurück. als habe man zwei Teile gefunden. Maloney kniff die Augen zusammen und musterte aufmerksam das Photo. was willst du in Santa Barbara? Kannst du mir erklären. Ihm gefiel Santa Barbara. Wenn die Wirklichkeit langweilig war. und plötzlich ist die Sache nicht länger langweilig.

Er mußte nicht lange darüber nachdenken. gefunden am 14. »Nur durch mich werdet ihr gerettet werden. Maloney hätte am liebsten laut gejubelt. und als er sich wehrte. Ein JesusFragment! Seine Gedanken überschlugen sich. was er als nächstes zu tun hatte. 99. die vom Schauplatz des Verbrechens flieht.Das Porträt der geflohenen Frau zum Beispiel würde ungefähr eine Woche lang in den U-Bahnhöfen ausgehängt werden und dann verschwinden. Maloney lief ein Schauer über den Rücken. ein geheimnisvolles Jesus-Fragment und eine schöne Frau. hatte lange strähnige Haare und Augen wie Charles Manson. Wer nicht an mich glaubt. »Das Ende der Welt ist nahe!« rief er. Maloney blickte noch einmal auf das Photo. 12. Frage: Durch welchen Zusammenhang kann ich Interesse für das Photo wecken? Steckt hinter dem Mord vielleicht eine Affäre? Ein Verbrechen aus Leidenschaft? War die Mafia dabei im Spiel? Plötzlich tönte eine Stimme durch den Lärm: »Warum wollt ihr nicht auf mich hören? Ich bin der Erlöser!« Der Mann war hager und wirkte verwahrlost. warfen sie ihn zu Boden. Scharm el Scheich. wird in der Hölle brennen!« Drei Polizisten stürzten sich auf ihn. Schriftrollen… Hatte dieser Stevenson vielleicht einen sensationellen Fund gemacht? Schnell drehte er das Photo um und sah auf der Rückseite den Vermerk: ›Jesus-Fragment. Blitzschnell rekapitulierte er: Ein ermordeter Archäologe. Golf von Akkaba‹. Nach einem schnellen Blick durch 231 .

Maloney hatte seine Geschichte! 232 . Kurz darauf verließ er lächelnd die Polizeiwache und wünschte jedem. fröhliche Weihnachten. der ihn ansah.die Wachstube verschwand das Photo in der Tasche seines Regenmantels.

New Mexico »Es gibt große Schwierigkeiten«. »Ich glaube. der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende des Konzerns und Mitglied des aus drei Personen bestehenden Präsidiums von Dianuba. Aber Miles lachte. wir sollten einen Rückzieher machen. Mike Torrez. erklärte er mit ernster Miene. Die Behörde hatte an diesem Tag offiziell Einspruch dagegen erhoben. In seinem Haus befand sich genau der gleiche Fitneß-Raum. jeden Teil des Körpers zu kräftigen. daß Dianuba einen weiteren großen Software-Hersteller übernahm.« Miles beendete sein Übungsprogramm in dem privaten Fitneß-Raum neben seinem Büro. den Wettbewerb verzerren und früher oder später von den Verbrauchern überhöhte Preise fordern. Dadurch. Er verließ seinen Platz am Bauchmuskelstimulator und begrüßte die Anwesenden – die Führungskräfte seines 233 . Zwölf elektronisch gesteuerte Trainingsmaschinen zum Preis von jeweils siebentausend Dollar waren von Experten darauf abgestimmt worden.Albuquerque. Das Übungsprogramm gehörte zum Tagesablauf von Miles. würde Miles Havers den Markt beherrschen. »Was soll bei einer solchen Untersuchung herauskommen? Warum die Leichenbittermiene? Wir sind nicht durch Ängstlichkeit das geworden. was wir heute sind. so erklärte man. sagte Torrez. »Das kann einen Prozeß zur Folge haben«.« Miles hatte die außerplanmäßige Konferenz in der Hauptverwaltung seines Konzerns angesetzt. um die Vorwürfe des Kartellamtes zu diskutieren. beweglich zu halten und zu konditionieren. machte sich Sorgen.

und Entwicklungszentrum‹. das gefällt mir nicht. wie wir das immer tun. Offen gesagt. Er tippte eine Nummernkombination. drehte er sich um und ging zur Saft-Bar. meine Herren!« Miles trat ans Fenster und blickte hinaus.und Feiertagen besetzt war. sagte er und trocknete sich den Schweiß von Gesicht und Hals.Konzerns und den Leiter der Rechtsabteilung. Aus der Vogelperspektive wirkten die grünen Rasenflächen so makellos gepflegt wie in einem Fußballstadion. Zufrieden mit dem ermutigenden Anblick. Das Kartellamt wirft mir maßlose Gewinnabsichten vor. Wenn der Betriebsparkplatz an Sonn. Wir werden vor Gericht die Vorwürfe in aller Schärfe zurückweisen. Ein Prozeß ist kostenlose Werbung. Von seiner Chefetage im dreiundzwanzigsten Stock hatte er einen guten Blick auf die dreißig Gebäude. Ein leerer Parkplatz war ein Indikator für schlechte Geschäfte. die auf der Bartheke lag. die Behörde bei ihren Untersuchungen rückhaltlos unterstützen und unsere Interessen klar und deutlich vor aller Welt vertreten. »Sie alle wissen«. »daß für mich die Interessen und Wünsche der Anwender immer an erster Stelle stehen. Die Dianuba-Aktie war am Vortag um 234 . Miles sah auch den großen Parkplatz für die Mitarbeiter. Der Parkplatz führte Miles jederzeit anschaulich den Erfolg seines Unternehmens vor Augen. Hier befand sich auch das Dianuba ›Forschungs. die Produktion war ausgelastet. und auf dem Monitor erschien der neueste Börsenüberblick. aber auch am Sonntag würde kein Platz frei sein. wählte frisch gepreßten Granatapfelsaft und setzte sich an die Tastatur des Computerterminals. bedeutete das. An diesem Samstag war er natürlich voll besetzt. in denen zwölftausendneunhundert Angestellte arbeiteten. das Unternehmen blühte.

Er gab sich keine Mühe. Miles lächelte.zwei Dollar gestiegen. wann es klüger war zu schweigen. Sein Mann hatte allerdings nichts Wichtiges zu sagen. aber sein innerer Tiger knurrte ungeduldig. Das bedeutete. ›Fuhr zur Arbeit ins Institut. aß dort mit einem Kollegen zu Mittag…‹ ›Lassen Sie ihn nicht aus den Augen‹. einen ersten Bericht über die vierundzwanzigstündige Überwachung von Dr. ›Früher oder später wird die Alexander sich bei ihm melden… entweder sie sich bei ihm oder er sich bei ihr. Miles war attraktiv und zog überall die 235 . Julius Voss.« Torrez gab keine Antwort. Miles mit seinen 79. Er wirkte zuversichtlich und schien alles völlig unter Kontrolle zu haben. das auch ihn erfüllte. aber er wußte aus langer Erfahrung. worum es geht und wo sie sich befindet‹ Miles sprach zuversichtliche Worte und flößte der Führungsspitze dasselbe Vertrauen ein. Schließlich erreichte er wieder die Bar und betrachtete sich im Spiegel. Er stand nur eine Stufe unter dem Aufsichtsratsvorsitzenden und Konzerngründer und war nur Miles persönlich Rechenschaft schuldig. vor anderen zu verbergen. Mike. hatte Miles befohlen. daß er mit seinem Aussehen zufrieden war.000 Aktien war um einhundertachtundfünfzig Millionen Dollar reicher. Kurz vor Beginn der Konferenz hatte er einen Anruf aus Malibu erhalten. In seinen Geschäftsbereich fiel die weltweite Vermarktung der Dianuba-Produkte. Wir werden auch diesmal siegen. trat neben Torrez und legte seinem Vize freundschaftlich die Hand auf die Schulter. Dann möchte ich wissen. Miles ging weiter und redete dabei zu den Herren am Konferenztisch.000. »Alles wird reibungslos verlaufen.

Blicke auf sich. »Ich möchte von Ihnen nur eine gute Nachricht hören«. der Stevensons IP-Adresse benutzt. die ihm alle bei seinem Anblick zollten.« Miles wußte. daß ein anderer von den Schriftrollen erfuhr und sich auf die Jagd danach machte. und noch wichtiger. er besaß Stevensons elektronische Adresse. Teddy hatte in der Tat gute Nachrichten. »Mr. obwohl es nicht Teddys Schuld war. Seine Sekretärin meldete sich. Daniel Stevensons Internet Server zu lokalisieren. Jeder weitere Tag vergrößerte die Wahrscheinlichkeit. Sie haben ein Gespräch auf Ihrem persönlichen Apparat. Miles freute sich über die Bewunderung. daß sie die Frau noch nicht gefunden hatten. »Ich muß jetzt nur noch das Internet überwachen und nach jemandem Ausschau halten. sagte Miles. würde 236 . hatte Miles sie wieder einmal mit seiner ansteckenden Kraft und seiner visionären Begeisterung überzeugt. wie Teddy das anstellen würde. Er hätte sie im Sinai nicht entkommen lassen dürfen. Auch Zeke machte er bittere Vorwürfe. Im stillen verwünschte er Teddy Yamaguchi. Warum sollte er sich nicht selbst im Spiegel betrachten dürfen? Sogar der Schweiß auf der Stirn nach den Übungen unterstrich seine ausgezeichnete körperliche Verfassung. Miles warf einen unruhigen Blick auf den Kalender. Havers.« Es war Teddy Yamaguchi. Für einen cleveren Hacker war das ein Kinderspiel. Wenn Catherine Alexander mit Stevensons Laptop im Internet auf Online ging. Selbstverständlich erschien sein Name regelmäßig ganz oben auf der Liste der ›am besten gekleideten Männer‹. Seit dem Fund des Jesus-Fragments waren fünf Tage vergangen. Als die Herren eine Stunde später das Büro verließen. Es war ihm gelungen.

»Wenn sie sich das nächste Mal ins Netz wagt. täuschen. »dann haben wir sie. Gleichzeitig konnte er die Verbindung überprüfen und herausfinden. der glaubte. er selbst sei diese Alexander. was sie im Netz suchte. sagte Teddy zuversichtlich. Havers«. wo sich die Alexander in diesem Augenblick befand.Teddy die Verbindung sehen und OmegaNet. Mr.« 237 . Dann würde Teddy auf seinem Bildschirm sehen. Stevensons Zugangsvermittler.

als sie an dem vermutlich hundertsten geschlossenen Obststand am Straßenrand vorbeikamen. von dem Sabina spricht. Antiochia war die erste Stadt. Sie und Garibaldi fuhren auf dem Highway 99. weil ein vollbeladener Lkw mit stinkendem Dieselqualm die Luft verpestete. daß die Männer 238 . denen man das Priesteramt übertrug. Aber auf dieser Strecke würde man sie nicht vermuten. »es stellt sich heraus. sagte Garibaldi und setzte zum Überholen an. Dort hat man zum ersten Mal die Anhänger der neuen Lehre als ›Christen‹ bezeichnet. die christliche Kirche zu prägen. daß ich den Beweis dafür suche. Würde er mich auch dann noch unterstützen. was Garibaldi zu Frauen sagen würde. wenn er wüßte. um uns ins Internet einzuwählen«. fügte sie hinzu. Catherine fragte sich. Garibaldi dachte in den Begriffen der Männer. in der er zu den Menschen gesprochen hat. Catherine hatte ihm noch nichts von ihrer Hoffnung gesagt. Ihr Vater war offenbar ein geachteter Einwohner der Stadt. Sie blickte ihn verstohlen von der Seite an. Vielleicht finden wir irgendwo einen Hinweis auf die Familie. Kalifornien »Wir werden Daniels Zugangsverbindung benutzen. in den Schriftrollen etwas zu finden. Sie wußte. die dazu beigetragen hatten. die sich die katholische Kirche angemaßt hatte.« Catherine erwiderte nichts. »Zuerst sollten wir Informationen über Antiochia suchen«.Sacramento. »Sabina ist dort geboren worden. Er trug immer noch die schwarze Soutane. sagte Catherine. Die Straße war älter und langsamer als die Interstate 5. der heilige Paulus ist. was mehr Licht auf die Rolle der Frauen werfen würde.« »Stellen Sie sich vor«. daß der Prediger. das Symbol der männlichen Macht.

den Sabina mit ihrer Mutter auf dem Vieh. Catherine hatte lange in dem ersten Buch gelesen. Würde sie im Text einen Hinweis finden. ›Vielleicht ist er der Mann. Sie hielten ständig Ausschau nach Fahrzeugen.nicht das Recht haben. aber sie mußte sich gedulden. bis sie ein Motel gefunden hatten. der eine Datierung der Bücher ermöglichte? Würde es wirklich so einfach sein? ›Der heilige Paulus war 40 n. die Versammlungen im Haus von Sabinas Familie abzuhalten. was sie bisher gelesen hatte. in Antiochia‹. als sie bei grauem Himmel das Weinanbaugebiet um Sacramento erreichten. um zu tanken und Essen zu kaufen.und Sklavenmarkt zu den Menschen reden hört und den sie später einladen. wie Sabinas Geschichte weiterging. Bei den wöchentlichen Lesungen der 239 . sich als Stellvertreter Christi zum Papst wählen zu lassen? Catherine massierte sich den Nacken. Es war spät am Nachmittag. wie und wann der Gerechte zurückkehren wird. damit der empfindliche Papyrus keinen Schaden nahm. außerdem mußte sie vorsichtig sein. sagte Garibaldi. Dann wollte Catherine nach einem heißen Bad und einer vernünftigen Mahlzeit mit der Übersetzung der Schriftrollen fortfahren. sondern einen roten Ford Escort. wechselten sich beim Fahren ab und machten nur Pausen. Aber schließlich hatte sie es aufgegeben. Sie waren seit beinahe zehn Stunden unterwegs. die sie möglicherweise verfolgten. Ein so wertvolles Dokument hätte sie normalerweise nur unter Institutsbedingungen angefaßt. In Fresno wechselten sie vorsichtshalber den Leihwagen. Immer wieder kreisten ihre Gedanken um den einen Satz: »… daß mir offenbart worden ist. Jetzt fuhren sie nicht mehr den blauen Mustang. als Catherine ihm berichtete. Chr.« Sie war neugierig. Das Lesen während der Fahrt war einfach zu mühsam.

dachte Catherine. Kleider zum Wechseln mitzunehmen. das Rätsel der Schriftrollen zu lösen. sie allein zu lassen und nach Chicago zurückzukehren. anderes jedoch nicht. auch ein Einkaufszentrum zu finden. Catherine wußte. Aber Catherine beschäftigten nicht nur das Kleiderproblem und die Schriftrollen. sie erinnert mich ständig an Vater McKinney und an Mutters Tod. zwei T-Shirts und Khaki-Shorts. hoffte sie. Während sie in der einsetzenden Dämmerung nach einem Motel Ausschau hielt. Sie brauchte etwas zum Anziehen. Sie hatte nur einen Bademantel. Wie hätte sie eine so dramatische Flucht voraussehen können? Die Bluse konnte sie im Waschbecken waschen. dachte Catherine und stöhnte leise. aufgeschlagen und darin gelesen. und zu seinen Pflichten gehörte das ›ständige Gebet‹. hatte Garibaldi einige Male sein Brevier. schließlich war er Priester. Wenn sie am Steuer saß.Botschaft und dem Liebesmahl handelt es sich vielleicht um das Evangelium und die Kommunion. aber die Wollhose mußte in die Reinigung. daß einiges an die Worte von Jesus erinnerte. Während sie an Artischockenfeldern und Kleewiesen vorüberfuhren. weil ihr Nacken und die Schultern immer noch schmerzten. wie sie Garibaldi dazu bringen könnte. Sie hatte während der langen Fahrt immer wieder darüber nachgedacht. flüsterte er lautlos seine Gebete. Nach dem Telefonat mit Danno hatte sie sich nicht die Zeit genommen. und ihr Unbehagen wuchs von Stunde zu Stunde. Trotzdem 240 . Es liegt an der Soutane. Seine Anwesenheit machte ihr zu schaffen. Trotzdem verstehe ich nicht alles…‹ Damit wollte Garibaldi sagen. Vielleicht wird es nicht so einfach sein. daß sie ihm deshalb keinen Vorwurf machen durfte. die bei diesem Wetter nicht warm genug waren. das Buch mit den Stundengebeten.

wenn wir sterben? ›Und alle die Jahre und Wege… haben mich zu der Antwort geführt‹. Sie wollten mit Ritualen oder aufwendigen Festen das neue Jahrtausend beginnen.fühlte sie sich jedesmal erleichtert. auf denen sich die Menschen zur Jahrtausendwende drängten. Würden sie 241 . um den endlosen Wagenkolonnen zu entgehen. Was erwartet Garibaldi von der Jahrtausendwende? dachte Catherine plötzlich. von Erdbeben oder Naturkatastrophen vernichtet werden würden. Deshalb hatten sie die Küste verlassen und fuhren ins Landesinnere von Kalifornien. Andere. daß Jesus inmitten der himmlischen Heerscharen wieder auf die Erde kommen wird? Glaubt er an das Jüngste Gericht und daran. Catherine lief ein Schauer über den Rücken. »Schon wieder ein geschlossenes Motel!« sagte Garibaldi plötzlich. daß die 99 nicht zu den Routen gehörte. die nicht an die Apokalypse und die düsteren Prophezeiungen glaubten. die in Richtung Big Sur unterwegs waren. Glaubt auch er. daß zu gewissen Orten der Welt ganze Völkerwanderungen unterwegs waren. wo sie glaubten. wenn er das Brevier schließlich zuklappte und in die Reisetasche legte. Im Autoradio hatten sie gehört. daß der Weltuntergang nahe ist? Die Wiederkehr Jesu… War Sabina wirklich dieses Wissen offenbart worden? Wußte sie. waren jedoch ebenfalls unterwegs. was geschieht. Die Menschen verließen ihre Häuser und Wohnungen und fuhren zu den Stellen. in Sicherheit zu sein. Offenbar hatten die kleinen Motels entlang des Highway geschlossen. weil ihre Besitzer wußten. wenn die sündigen Städte wie Sodom und Gomorrha in Flammen aufgehen.

sondern auch Kopfschmerzen. Der Streifschuß war verkrustet. aber sie sahen nur die roten ›Kein Zimmer frei‹-Leuchttafeln der Motels. und die Suche ging weiter. Er hatte auch den Verband von der Wunde entfernt. beschlossen Catherine und Garibaldi. sagte sie. Catherine betrachtete sich seinen Arm. Deutete das auf eine Infektion hin? »Ich bin der Meinung. Die lange Fahrt setzte ihnen beiden zu. Catherine hatte nicht nur einen steifen Rücken. Catherine ging in das Büro. durch Kieswege miteinander verbundenen Bungalows bestand. das sehr sauber aussah und aus kleinen. Sie ließen die Weinberge und die reizvolle Landschaft hinter sich und erreichten die dicht besiedelte Gegend um Stockton. Sie sollten schnellstens nach Chicago fahren«. Neonlichter halfen ihnen. Inzwischen war eine sternenlose Nacht angebrochen. sich zu orientieren. bei einem Dew Drop Inn. Als sie in dem Zimmer waren und die Tür abgeschlossen hatten. daß es auch in diesem Motel nur noch ein Zimmer gab. stellte sich heraus.und Garibaldi das Mysterium aller Mysterien entdecken? »Zimmer frei!« rief er plötzlich und fuhr auf den Parkplatz eines größeren Motels. Beim dritten Versuch. aber sie kam kurz darauf wieder zum Wagen zurück. den letzten freien Einzimmer-Bungalow zu nehmen. »Ein Arzt müßte die Wunde behandeln. Als sie endlich wieder ein grünes Schild mit ›Zimmer frei‹ erreichten. Garibaldi fuhr seufzend auf den Highway zurück.« Sie legte ihm einen neuen Verband an. aber die Wunde sah entzündet aus. Es war nur noch ein einziges Zimmer zu haben. und er 242 . und Garibaldis Wunde machte ihm zu schaffen. verschwand Garibaldi mit seiner Tasche im Bad und kam in Jeans und einem Sweatshirt mit dem verblaßten Aufdruck ›Loyola University‹ wieder zurück.

in Ihrer Pfarrei wird man sich fragen. Jetzt saß sie vor dem Fernseher und suchte einen Sender mit Nachrichten. die wieder offen und freundlich und nicht mehr so verschlossen und dunkel wirkten wie noch kurz zuvor. Es war mehr die Geste eines Flehenden gewesen als die eines Priesters. In den Nachrichten war nichts über Daniel zu erfahren. wo Sie sind. Schließen Sie hinter mir ab und lassen Sie niemanden herein. Er hatte sich über die gefalteten Hände gebeugt und den Kopf auf die Arme gelegt. Und was ist überhaupt mit Ihren Angehörigen?« Er drehte ihr den Rücken zu und griff nach dem Laptop. murmelte er.rollte den Hemdsärmel darüber. »Haben Sie etwas über Daniel Stevenson gebracht?« fragte Garibaldi und stellte die weißen Kartons auf den Tisch. die ihre Bemerkung ausgelöst hatte. »ich habe nicht weit von hier ein Restaurant gesehen. »Sollen wir uns eine Pizza bringen lassen und sofort mit der Arbeit anfangen?« fragte er. »Ich habe keine Angehörigen«. daß er am Fenster betete. Selbstmorde. »Der Arm ist in Ordnung. er griff nach den Wagenschlüsseln. der einfach ein Gebet sprach. und erinnerte sich daran. trug Catherine ihren Bademantel.« Als er zurückkam. noch nie 243 .« »Vater Garibaldi. Sie hatte geduscht und ihre Sachen im Waschbecken gewaschen. Was hat ihn letzte Nacht so sehr beschäftigt. Sie staunte über die sichtliche Spannung. wie sie mitten in der Nacht aufgewacht war und gesehen hatte. alle Berichte kreisten um die bevorstehende Jahrtausendwende – wachsende Hysterie. als er leidenschaftlich betete? »Vergessen Sie die Pizza«. exzessive Parties. Sie blickte in seine klaren blauen Augen.

sagte Garibaldi und schüttelte den Kopf. die seit 1995.dagewesene Großzügigkeit und Spenden. »Sie waren lange weg«. Als sie den Reis. waren aus den Nachrichten schon lange nicht mehr wegzudenken.« Garibaldi suchte in der Tragetüte nach den Eßstäbchen und Servietten. die offenbar glaubten. sagte sie. Ein Priester gehört in eine Kirche…« 244 . Sie sind Priester und wollen bestimmt bei Ihrer Gemeinde sein. Bedrohlicher klangen Meldungen von paramilitärischen Gruppen. zog den Gürtel des Bademantels enger und dachte wieder daran. Sie kämpfte schon den ganzen Tag gegen ihre ohnmächtige Wut an. Aber im Augenblick mußte sie sich in ihr Schicksal fügen. die Regierung und die Geheimdienste in Atem hielten. »Ich hatte mir schon Sorgen gemacht. Terror-Anschläge und ein Wettlauf des FBI mit Massenvernichtungsdrohungen. die Shrimps.« »Ich war noch kurz in der katholische Kirche im Ort. der apokalyptische Weltuntergang werde ein Kampf zwischen ihnen und der Polizei sein. »Die Welt scheint wirklich am Rande des Wahnsinns zu stehen«. »In dieser Welt scheint es nur noch Terror und sinnlose Gewalt zu geben«. nach der Bombenexplosion in Oklahoma. »Sie sollten nach Chicago zurückkehren. bekam sie Hunger. Frühlingsrollen und die anderen verführerisch duftenden Gerichte sah. »Wann wird das Kämpfen und Töten endlich aufhören?« Sie schaltete den Fernsehapparat aus. denn er hatte ihr das richtige Stichwort gegeben. sagte Catherine. antwortete sie bitter. daß sie unbedingt etwas zum Anziehen brauchte. »Vater Garibaldi«. Am liebsten hätte sie sich längst auf die Suche von Dannos Mördern gemacht. »Wie soll das alles enden?« Die qualvolle Hilflosigkeit machte sich in ihren Worten Luft.

geboren sein. für Daniel eine Messe zu lesen. Meine Mutter hat viele Jahre damit zugebracht. Pinselstriche. daß Sie das für Danno getan haben.»Deshalb bin ich nicht dorthin gegangen«. daß Jesus seine Botschaft in den drei Jahren vor der Kreuzigung im Jahr 32 oder 33 unserer Zeitrechnung verkündet hat. Chr.« Catherine konnte nicht so schnell essen wie er und saß noch über den reichlichen Portionen. die Schwärzung von Tinte und die Form der Buchstaben zu katalogisieren. daß sie Amelia ihre Geschichte als Achtzigjährige erzählt. erwiderte er und lächelte sie an.« »So etwas ist schließlich meine Aufgabe«. zum Beispiel die Unabhängigkeitserklärung im Vergleich zu einem Brief von Charles Dickens. wir sollten vor allem versuchen. daß die Handschrift aus dem zweiten Jahrhundert stammt?« »Eindeutig. Im Text steht. Tränen traten ihr in die Augen. »Danke«. Während sich Garibaldi um den Computer bemühte. erwiderte er und reichte ihr die Soja-Sauce. So wie wir eine Handschrift aus dem achtzehnten von einer aus dem neunzehnten Jahrhundert unterscheiden können. Chr. die Schriftrollen zu datieren. Handschriften des Altertums 245 . Das wäre demnach im Jahr 100 n.« Catherine sah ihn sprachlos an. »Und Sie glauben. Wenn Sabina ihn als Zehnjährige in der Nähe des Toten Meeres hat predigen hören. »Man sagt. Eine Messe für Daniel… Sie zog einen Stuhl heran und setzte sich neben ihn. »Ich habe den Priester gebeten. Dreimal mußte er den Laptop starten. sagte sie leise. dann muß sie um 20 n. sagte er: »Ich denke. »Danke.« Michael nickte nachdenklich. so ist ein guter Paläograph in der Lage.« »Am Anfang des zweiten Jahrhunderts.

die Wohnung wurde überwacht. wer hinter dem Mord steckt! Vater Garibaldi.genau zu identifizieren und zu datieren. Das bedeutet. daß ich die Schriftrollen in der blauen Tasche bei mir habe. sie wußten bereits. Die beiden Männer waren nicht in Dannos Wohnung. Sie haben keine Fragen gestellt. sondern sind in die Wohnung eingedrungen und haben Danno blitzschnell ermordet. und man hat alles mitgehört. Wenn Sie nicht nach Chicago zurückkehren. was dort gesprochen wurde?« »So muß es gewesen sein. aber so einfach werden Sie mich nicht los. »Tut mir leid. weshalb das alte DOS vom Markt verschwunden ist«.« Garibaldi ließ den Monitor des Computers nicht aus den Augen. sind Sie in großer Gefahr. Ganz zum Schluß hatte ich Danno gesagt. murmelte Garibaldi. Miles Havers weiß. daß ich erfahren habe. während Catherine noch einen Schluck grünen Tee aus dem Plastikbecher trank. »Auch ich bin inzwischen völlig auf die Maus angewiesen. wer hinter mir her ist.« 246 . er hätte herausgefunden. »Ihr Leben ist in Gefahr. Das wiederum konnten sie nur durch Abhören herausgefunden haben. Sie würden auf mich hören«.« Er sah sie an und lächelte entwaffnend. sagte sie. mich zu finden. dieser Havers ist entschlossen. Ich habe es mir immer wieder überlegt. wo sich die Schriftrollen befanden. während er ungerührt auf der Tastatur Befehle eingab. um sich mit uns zu unterhalten. Danno hat gesagt. »Vater Garibaldi.« Garibaldi tippte auf der Tastatur. Das bedeutet. Verstehen Sie mich?« »Ich verstehe jetzt.« Sie lehnte sich zurück und seufzte. ich wünschte wirklich. Zwei Minuten später sind diese Männer aufgetaucht. »Sie meinen. »Aber mir macht etwas anderes große Sorgen.

warf Garibaldi plötzlich die Eßstäbchen auf den Tisch und hielt ihr Handgelenk fest. Auf dem Bildschirm erschien: USERNAME Sie tippte: dstevens. Catherine stellte sich vor die Tastatur. und auf dem Bildschirm erschien die Homepage. »Wollen Sie nicht noch etwas essen?« Sie deutete auf zwei Portionen Reis und einen gemischten Salat.« Er gab keine Antwort und tippte weiter. Sie lauschte unwillkürlich auf die Geräusche der Straße. Das Trumpet WinsockFenster wurde geöffnet: INTERNAL SLIP DRIVER COM1 BAUD RATE = 57. »Halt!« rief er. klickte zweimal auf das OmegaNet-Logo. Autos rasten vorbei. Dann kam die Aufforderung: PASSWORD Aber als sie zu tippen begann: Maat…. Während Garibaldi geschickt mit den Stäbchen die Reste der Portionen aß. hin und wieder hämmerten die Bässe eines Autoradios durch die Nacht.»Vater Garibaldi. allein kann ich mich leichter verstecken. Er nickte und griff nach seinen Eßstäbchen.600 COMPRESSION IP BUFFERS = 32 Auf dem Menü aktivierte sie die ›Anwahl‹-Option und klickte auf ›Login‹. klickte Catherine zweimal auf den TCP-Manager. ich bin satt«. Auf dem Highway hatten alle ein Ziel… »So. »Schließen Sie das Programm. schnell!« 247 .« »Warum?« »Schließen Sie es. sagte sie nach kurzem Schweigen. die Dieselmotoren der Lkws dröhnten laut wie Panzer.

und wir müssen schnell sein. Natürlich! Jemand wie Havers hat natürlich Hacker.‹ Auf dem Bildschirm erschien die Meldung: NO CARRIER »Was soll das?« fragte sie verblüfft. »Havers hat in Daniel Stevensons Wohnung eine Mithöranlage installieren lassen und vermutlich auch sein Telefon angezapft. die Verbindung bis hierher zum Motel zurückzuverfolgen!« Catherine schlug mit der Faust auf den Tisch. erwiderte Garibaldi. In dem Augenblick. »Dann sollten wir uns ausruhen. »Daran habe ich überhaupt nicht gedacht. »Jetzt ist es zu spät. Ich sitze in der Falle!« »Immer mit der Ruhe«. aber morgen früh werden wir als erstes eine neue Zugangsberechtigung kaufen.« Catherine schloß den Deckel des Laptop und blickte auf den gelben MicrosoftAufkleber. wenn wir ihm einen Schritt voraus sind. ganz genau überlegen. »Wo ist nur mein Verstand geblieben!« rief er kopfschüttelnd. Ich bin müde und kann nicht mehr klar denken. aber wir können ihm entwischen.« »Ja. Wir müssen uns alles. daß ich Online gehe. Mein Fehler hätte uns das Leben kosten können.« Er warf einen Blick auf die Uhr. »Wir sitzen nicht in der Falle. »Kaum zu glauben. und…?« »Würde er nicht auch Daniels Computer in sein Überwachungssystem einbeziehen?« »O mein Gott…«. sagen Sie. in dem Daniels Identifikation erscheint. Daniel hatte ihn mit einem Schnurrbart versehen und einem fehlenden Zahn. die wie Spinnen das OmegaNet überwachen und nur darauf warten. dann auf ›Anwahl‹ und klickte auf ›Bye.Sie klickte auf ›Exit‹.« Garibaldi nickte. ist er in der Lage. flüsterte sie. was wir tun. Er legte sich in Jeans und T-Shirt auf das 248 .

Sie legte die Kissen im zweiten Bett aufeinander und schaltete die Leselampe ein. ›Ich habe keine Angehörigen‹. Vor dem Essen hatte er sich schnell bekreuzigt. mit denen er Basketball spielte. Michael Garibaldi schlief jetzt. Wenn sie das Paßwort eingab. Er würde bestimmt in die Kirche gehen. daß sie nicht mehr da 249 . Bevor sie mit der Arbeit begann. mußte sie ihn verlassen. Beinahe wäre alles zu Ende gewesen. blickte sie noch einmal auf Garibaldi. ihre vielbenutzte Ausgabe von Strongs Griechisch im Neuen Testament und die gefalteten Papyri. bereits ungeduldig. Morgen war Sonntag. Sie würde heimlich verschwinden und den ersten Bus nehmen. ehe er überhaupt ahnte. Das kleine Kreuz hob und senkte sich langsam und regelmäßig mit seinen Atemzügen. der sie von hier wegbrachte. er war Priester. Ja. Catherine hatte den Schreck über ihre Nachlässigkeit noch nicht überwunden. hatte er gesagt. Havers ließ das Internet überwachen. Die Goldkette an seinem Hals glänzte. und er fühlte sich für sie verantwortlich. auch wenn sie es nicht gern tat.eine Bett. Wahrscheinlich fragten die Kinder im Ghetto. Sein inzwischen schon vertrautes Gesicht lag im Dunkel. von welcher Telefonnummer sie sich in das Net eingewählt hatte. Beim Anlegen des neuen Verbands hatte sie die harten Muskeln gespürt. dann wußte er im nächsten Moment. schob einen Arm unter den Kopf und den anderen über die Brust. Garibaldi hatte recht. was sie zu tun hatte. Sie wußte in diesem Augenblick. ob ›Mike‹ rechtzeitig zum Weihnachtsfest wieder zurück sein werde. Da er sie offenbar nicht freiwillig allein ließ. aber er hatte sie gerettet. Catherine öffnete die blaue Tasche. In Jeans wirkte er keineswegs so autoritär und bedrohlich wie in der schwarzen Soutane. Catherine dachte an die Wunde an seinem Arm. nahm den Notizblock heraus. Catherine seufzte stumm.

Sie ließ die arme Frau niesen und flößte ihr Brechmittel ein. und die alte Hebamme. und tauschte es gegen das tote Kind aus. als ich sechzehn wurde. Wir brachten das Kind zur Welt. und ich lernte es von ihr in dem Sommer. wo man unerwünschte Neugeborene auf die Tempelstufen legte. das jemand ausgesetzt hatte.war. hätte sie niemals so etwas aus Mitleid getan. Sie ging zum Tempel der Juno. war die junge Frau in einen erschöpften Schlaf gefallen. Eines Abends erschien ein Mann mit einer Botschaft aus Rom in unserem Haus. Bevor meine Mutter eine Anhängerin des Weges wurde. die sie betreute. daß vor dem Ende der Welt eine lange und schwere Zeit der Verwirrung kommen werde. denn viele Zeichen wiesen darauf hin. die ein Kind bekam. und sie sprachen lange und leise miteinander. während sie schlief. Es war tot. griff aus Unwissenheit zu grausamen Methoden. Eines Nachts wurden wir zu einer Frau gerufen. um die Geburt vielleicht auf diese Weise einzuleiten. Sie lag bereits seit einem Tag und einer Nacht in den Wehen. Als die Frau erwachte. Als meine Mutter eintraf. Meine Mutter war Hebamme. Mein Vater zog sich mit ihm in sein Arbeitszimmer zurück. Ihr Können hatte sie von ihrer Mutter gelernt. Dort fand sie ein Kind. Aber Mitgefühl und Verständnis waren damals dringend notwendig. Am nächsten Tag verbreitete sich in Antiochia die Nachricht von einer großen Niederlage der 250 . Sie kehrte mit dem lebenden Baby zurück und legte es der jungen Mutter an die Brust. Meine Mutter wickelte das Baby in ein Tuch und eilte damit in die Stadt. sah sie überglücklich ›ihr‹ Kind.

ausgeraubt und zusammengeschlagen. den Schädel meines Vaters zu öffnen. Als sich am Ende der Woche die Gemeinde zur Lesung der Botschaft und zum Liebesmahl in unserem Haus versammelte. Er stellte fest. bat meine Mutter die Anwesenden um ihre Gebete und Segenswünsche. der meinen Vater untersuchte.kaiserlichen Truppen in Germanien. die Wilden am Rhein äßen kleine Kinder bei lebendigem Leib. daß ihm ein Schlag auf den Kopf das Bewußtsein geraubt hatte. Er hatte schöne Augen und ein scharf 251 . Vermutlich würde er nicht mehr aus der Ohnmacht erwachen. Ich hörte. von den Schwierigkeiten im Reich abzulenken. Während der Heiler versuchte. Schon als kleines Kind hatte ich viele schreckliche Geschichten über die Wilden im kalten Norden gehört. Sie opferte der Göttin und betete. ob mein Vater wirklich in das Rheinland hätte ziehen müssen. Wir sollten nie erfahren. Meine Mutter gab dem Mann die Erlaubnis. und wir waren entsetzt. daß der endlose Krieg gegen Germanien wenig mit dem Schutz der Reichsgrenze zu tun habe. Ein bekannter Heiler wurde gerufen. das Leben meines Vaters zu retten. beteten wir für ihn. Alle waren der Ansicht. daß der Kaiser meinen Vater in das Rheinland schicken wollte. Und ich glaubte diese Geschichten. denn eines Abends in den Kalenden des Mai wurde er vor dem Haus überfallen. Man drohte den ungehorsamen Kindern mit den grausamen Barbaren und erzählte ihnen. Ich hörte sie reden. Meine Mutter ging jeden Tag zum Tempel der Vesta. so hieß der Mann. war eine angenehme Erscheinung. sondern dem Kaiser nur dazu diene. Philos. In den nächsten Tagen kamen Freunde meines Vaters in unser Haus.

daß am Tag des Weltuntergangs ein Meer die Erde verschlingen wird. Er war zehn Jahre älter als ich. langer Zeit in Vergessenheit geraten. sagte er. den Tod zu besiegen. stehe unter dem Motto ›cito tuto jucunde‹ – schnell. Was die Natur auseinandergebrochen hat. Angst. in denen er meinen Vater behandelte. und wir werden im Chaos versinken. Die Zusammensetzung sei vor langer. tröstete er mich mit den Worten: ›Seine Zeit war gekommen. denn er hatte getan. so erklärte er. In allen Städten und Dörfern. die glauben. Sein Leben.geschnittenes Gesicht. Aber in den Tagen und Nächten. sein Wissen und seine Tatkraft. wird wieder zu einer einzigen Masse zusammengefügt. in allen Kulturen und bei allen Völkern. Unfruchtbarkeit. Diese Medizin vertreibe sogar den Tod. sicher. dieser Tag sei noch fern und werde nicht zu unseren Lebzeiten kommen. Der 252 . denn er war ein sehr guter Heiler. Impotenz. er habe von einer wundersamen Medizin der Götter gehört. Aber er sagte auch. Sein Aufenthalt in Antiochia war nur eine Etappe auf seiner Suche. Das Verbrechen an meinem Vater kommentierte er mit den Worten: ›Schlangen beißen keine Schlangen. Als mein Vater starb – niemand gab Philos die Schuld daran. Philos stammte aus Griechenland. wenn er nur die Suche danach nicht aufgab. Er gehörte zu den Stoikern. faszinierte mich am meisten. Er hielt sich wirklich an sein Motto. die alles heile – Schmerz. er werde das Wundermittel wiederfinden. Doch einem Menschen widerfährt das größte Unheil durch seine Mitmenschen‹ Philos wollte nicht nur Krankheiten heilen. was in seinen Kräften stand -. behutsam. aber Philos glaubte. was er sagte. Sein eigentlicher Traum war es. Er erzählte mir. Mich beeindruckten seine Ruhe. Fieber. in Legenden und Mythen werde von diesem Wundertrank gesprochen.

Ich war damals achtzehn. daß ich Antiochia und meine Mutter verlassen mußte. unser Glaube sei der einzige Weg. Als ich die tiefe Verzweiflung meiner Mutter sah. in dem er wohnte. daß wir nur durch den Glauben an seine Botschaft den Tod überwinden könnten. die ihren Sohn und ihren Mann verloren hatte. sondern weil er nicht zum Glauben an den Weg des Gerechten gefunden hatte. aber nicht über seinen Tod. um aller Welt die Botschaft zu bringen. Sie war verzweifelt. wußte ich. Der Gerechte hatte uns gelehrt. Am Vorabend der Abreise von Philos ging ich zu ihm in sein Zimmer in dem Gasthaus.größte Segen der Natur ist es. denn auch sie sah im Tod nur einen natürlichen Schritt auf der Seelenwanderung. die die Botschaft des Gerechten nie hörten? Wie konnten sie den Weg finden? Damals begriff ich plötzlich den Sinn meines Lebens. Und was war mit denen.‹ Meine Mutter ließ sich von diesen Worten nicht trösten. mein Vater sei viel zu früh gestorben. denn meine Mutter sagte immer. Auch mich bekümmerte das. Es war das vierte Jahr der Herrschaft des Kaisers… 253 . um den Tod zu besiegen. Aber eine Frau kann nicht allein durch die Welt reisen. nachdem seine Aufgabe auf Erden erfüllt ist. wenn ein Mensch stirbt. denn sie fand. mich mitzunehmen. die beide ins Nichts sanken. weil sie die Botschaft des Gerechten nicht kannten. und bat ihn. Ich wollte ihn unter allen Umständen dazu überreden.

DER SECHSTE TAG 254 .

hatte sie sich telefonisch nach den Abfahrtszeiten der Busse erkundigt. Und sie fürchtete. Sie sah auf der Titelseite der Sonntagszeitung ihr Gesicht. Kalifornien Catherine sah schon von weitem. Der Anhänger ließ sie an Danno denken und erinnerte sie daran. daß am frühen Sonntagmorgen nur wenige Fahrgäste am Busbahnhof warteten. was sie tun mußte. Neben ihr hielt mit quietschenden Bremsen ein Wagen. nahm den Laptop in der Tragetasche in die eine Hand und faßte mit der anderen kurz an den Jade-Jaguar. als ein paar Tage ungestört sein.Sonntag. hängte sich die blaue Tasche über die Schulter. daß Garibaldi ihr die Wagentür aufhielt. aber es blieb ihr keine andere Wahl. Dezember 1999 Sacramento. 19. Garibaldi wollte sie nicht ihrem Schicksal überlassen. Garibaldi war wie erwartet zur Kirche gefahren. um die Schriftrollen in aller Ruhe zu übersetzen… Vor den Zeitungsständern am Straßenrand blieb Catherine plötzlich wie angewurzelt stehen. sprang sie ohne Zögern hinein. In Kürze würde sie unterwegs nach Seattle sein. zahlte mit ihrer Kreditkarte. Unter ihrem Porträt entdeckte sie ein Photo des Jesus-Fragments. Während er im Bad unter der Dusche stand. »Ich dachte. ohne daß er etwas davon ahnte. Sie seien in der Kirche…«. bevor sie die Straße überquerte. Sie fuhr zusammen. murmelte sie 255 . aber als sie sah. Catherine schlich sich nur ungern heimlich davon. ihn könne dasselbe Schicksal ereilen wie Danno. Sie ließ den Taxifahrer direkt gegenüber dem Busbahnhof halten. Sie wollte nichts anderes.

»Haben Sie wirklich geglaubt. und als er anhielt. Bitte machen Sie mir keine Vorwürfe. »Ich hatte mein Brevier vergessen und mußte zurück ins Motel. und ein gefaltetes Blatt Papier fiel heraus. sagte er: »Tut mir leid. Dann fliege ich nach Chicago. ›Verzeihen Sie mir. es ist für uns beide das beste.« »Du meine Güte! Zuerst dachte ich. Vielen Dank für Ihre Hilfe.« Er deutete auf das Buch. Aber als ich auf dem Tisch die Abfahrtszeiten der Busse sah. ich bin in großen Schwierigkeiten. »Sie waren nicht mehr da. Dezember. sie ist weg. war ich empört und…« 256 . Sie hatte nicht viel geschrieben. Ich bin auch nur ein Mensch. wenn ich die Sache allein zu Ende bringe. Da ich Sie nicht davon überzeugen kann. griff sie nach dem Brevier und reichte es ihm mit den Worten: »Seite einundfünfzig. es sei das beste für uns beide. der Laptop… alles!« »Tut mir leid«.« Er seufzte laut. Als sie wieder in ihrem Motelzimmer standen. Ihnen sei etwas zugestoßen. C. Verzeihen Sie mir.‹ Er legte das Blatt zurück in das Buch und räusperte sich. ohne mich von Ihnen zu verabschieden.« Er bog in den Parkplatz des Motels ein.« Er schlug das Buch auf. aber ich glaube. Vater Garibaldi. das auf der Ablage neben dem Lenkrad lag. und mit Ihnen waren alle Ihre Dinge verschwunden… die blaue Tasche. und manchmal reagiere ich unüberlegt. A. ich hätte Ihnen keine Vorwürfe machen dürfen. mich allein weiterfahren zu lassen. daß ihr Herz heftig schlug. sagte sie und spürte. 19. wenn wir uns trennen.‹« »Vater Garibaldi. ich würde einfach sagen: ›Also gut. Das Porträt auf dem Titelblatt der Zeitung sah ihr sehr ähnlich. gehe ich. »Ich dachte.mit hochrotem Kopf.

sondern in meinem Zelt im Sinai zurückgelassen. Das ist ein Hinweis darauf. daß Havers nicht alle Photos hat. das ich gemacht habe. und er ist ein Milliardär. unterbrach sie ihn. der Hinweise über ihre Identität und ihren Aufenthaltsort geben kann.»Vater Garibaldi«. »Ist das die Kopie einer Schriftrolle?« »Es ist das Photo. Hier steht. sich bei der Polizei von Santa Barbara unter der Telefonnummer 1-805-897-2300 (Inspektor Shapiro) 257 . Das ist immerhin ein gewisser Vorteil!« Garibaldi legte die Zeitung auf den Tisch und griff nach seiner Reisetasche.« »Die Polizei weiß noch nicht. wird gebeten. Er blickte verblüfft auf das Porträt. als ich das Fragment und die erste Seite der ersten Rolle zusammenfügte – Sabinas Brief. und ich habe über hundert Aufnahmen gemacht! Die beiden Killer haben bestimmt die meisten mitgenommen. Man hätte mich im Bus erkannt und verhaftet! Mein Gott. sagte Catherine und deutete auf den Text: ›Haben Sie diese Frau gesehen? Jeder. ich habe zum ersten Mal im Leben richtig Angst. bei Dannos Leiche seien ›ein paar‹ Photographien gefunden worden. Sehen Sie sich das Bild an. daß die Polizei mich in Verbindung mit Dannos Ermordung sucht. aber doch nicht alle.« Er deutete auf das Photo des Papyrus. Ich habe das Fragment nicht behalten. »Ich bin wirklich in großen Schwierigkeiten. wer ich bin«.« Sie reichte ihm die Zeitung. das Jesus-Fragment und auf die Schlagzeile: ›VERRÄT DAS JESUS-FRAGMENT DAS GENAUE DATUM DES JÜNGSTEN GERICHTS?‹ »In dem Artikel steht. »Aber Miles Havers wird nicht in Zusammenhang mit dem Mord gesucht.

Garibaldi ging ins Bad. Ich werde bei der Zeitung hier in Sacramento anrufen und es ihnen sagen. ob es ihm bereits möglich gewesen war. Auch jede andere Polizeidienststelle nimmt Informationen entgegen‹ »Es ist nur eine Frage der Zeit. bis einer meiner Bekannten oder Kollegen das Bild sieht«. ihr zu helfen. Catherine griff wieder nach der Zeitung. legte sie plötzlich wieder auf.zu melden.« Catherine dachte an Hans Schüller im Institut für Radiologie in Zürich. Ich bin keine Mörderin. die Papyrusprobe vom Sinai zu datieren. »Was haben Sie vor?« »Ich habe Danno nicht umgebracht. Wenn er den Artikel las. Vielleicht erscheint er sogar überall auf der Welt. würde er sich vermutlich weigern. sagte Catherine. er kommt von einer Nachrichtenagentur. Aber jetzt waren ihr die Hände gebunden. erwiderte Garibaldi. legte seine restlichen Dinge in die Reisetasche und zog den Reißverschluß zu. die Nummer zu wählen. von wo ich anrufe. Wenn sie eine Rufnummernidentifikation haben. um seine Toilettentasche zu holen. er stammt von ›Associated Press‹. Möglicherweise würde er sogar die Polizei benachrichtigen. Sie hatte ihn anrufen wollen. »Der Artikel wurde nicht von einem Journalisten in Sacramento geschrieben. wissen sie. Hier steht.« Aber als sie begann. »dieser Artikel mit den beiden Bildern wird von den Zeitungen im ganzen Land übernommen. um zu erfahren.« Garibaldi öffnete die Zimmertür einen Spalt und blickte 258 . murmelte sie.« »Und das bedeutet«. das heißt. »Ich kann überhaupt nicht telefonieren. Catherine setzte sich auf das Bett und griff nach dem Telefon. »Ich kann die Redaktion nicht anrufen«. Sie dachte an Julius und seufzte.

Fahren wir. gewinnen wir Zeit. und Garibaldi fuhr vorsichtig vom Parkplatz. Wenn ich die Soutane trage.« Sie eilten zum Wagen. Als sie wieder auf der Straße waren. Sie heute morgen gesehen zu haben…« »Und die Zimmerrechnung?« Garibaldi stellte die schwarze Reisetasche auf den Tisch. nahm seine Brieftasche heraus. füllte einen Reisescheck aus und legte ihn unter den Lampenfuß. Weder Havers noch die Polizei wissen. »Auch das wäre erledigt. Wenn die Frau im Büro des Motels die Zeitung liest und sich daran erinnert. um uns in Sicherheit zu bringen. daß der Mann in Ihrer Begleitung ein Priester ist. »Wir müssen hier weg.« 259 . sagte er: »Wir haben einen Vorteil.hinaus.

vor der sich der Parkplatz der Leihwagenfirma befand.« Zeke erinnerte sich. »Der Mann trug eines dieser langen schwarzen Gewänder. Er betrachtete das Bild nachdenklich. daß ein Priester mit einer Mörderin durch Kalifornien flieht?« Zeke starrte ausdruckslos durch die große Glasscheibe. beteuerte der Mann. Das klang sehr nach dem Priester. er trug eine Sultane. die Beduinenfrau zu beschützen. »War diese Frau bei ihm?« fragte er und zeigte dem Mann ihr Photo. »Sie meinen. Alexander das Lager im Sinai verließ. »Sie meinen eine Soutane?« »Auf jeden Fall war es ein Priester«. erwiderte der Angestellte in dem Leihwagenbüro. wirkte sportlich und hatte kurz geschnittene Haare.« »Können Sie ihn etwas näher beschreiben?« »Ein großer Mann. der Priester war allein. der versucht hatte. Kalifornien »Ein Priester?« wiederholte Zeke. »Ich kann Ihnen versichern. es kommt nicht oft vor. Nein. als Dr. Ich habe niemanden in seiner Begleitung gesehen. als er mit seinem Partner vom Highway abgefahren war. Wollen Sie behaupten.Fresno. daß ein Priester bei uns einen Wagen leiht. Das Nummernschild 260 . Wie heißen die noch? Sultanen… ja. Das Büro lag direkt hinter der Ausfahrt am Highway 99 zwischen einem Restaurant und einer Tankstelle. ein katholischer Priester? Sind Sie sicher?« »Aber ja«.« Zeke kniff die Augen zusammen. Er hatte den blauen Mustang gesehen. dann rief er: »He! Das ist doch die Frau in der Zeitung.

»Wissen Sie zufällig. »Da haben Sie recht.bestätigte seinen Verdacht. Und so war er mit seinem Partner hierhergekommen. Nachdem Zeke die Zulassungsnummer überprüft hatte. aber jetzt war er ihr wieder auf den Fersen.« Zeke lächelte. erwiderte Zeke. Die Spur dieser Alexander hatte ins Nichts geführt. daß sie das Fluchtfahrzeug gegen einen anderen Wagen austauschen würden. Dann hat er gefragt. herauszufinden. »Diese Frau stiehlt geheime Schriftrollen und flieht mit einem Priester! Weiß das die Polizei schon… ich meine. antwortete der Mann und deutete auf den Kartenständer auf der Theke. aber es dürfte Ihnen nicht schwerfallen. »Eine der am meisten gekauften – Gold Country. daß das Unternehmen Niederlassungen in ganz Kalifornien hatte. Außerdem vermutete er.« Zeke griff in die Hosentasche und zog ein Bündel Dollarscheine heraus. Der einzige Haken bei der Sache war gewesen. Es war der Wagen. wie weit es bis Sacramento ist. »Können Sie mir noch etwas sagen?« »Nein. die er dem Mann gab. von welcher Leihwagenfirma der Mustang stammte. in welche Richtung der Priester gefahren ist?« »Nach Norden. Es galt zu überlegen.« »Man stelle sich das vor!« sagte der Mann kopfschüttelnd. Er war mit sich zufrieden. sie zu finden. mit dem Dr. »Warum?« 261 . Alexander aus Santa Barbara geflohen war. Zeke lächelte. Er hat eine Straßenkarte gekauft«. die Sache mit dem Priester?« »Ich glaube nicht«. Schließlich ist der Mann ein Priester und fällt jedem auf. war es nicht allzu schwer gewesen. wie viele Meilen die Alexander mit ihrem Begleiter an einem Tag hatte zurücklegen können.

Miles Havers diese neue Information vorzuenthalten. Zeke fand es plötzlich besser. als er in den schwarzen Pontiac stieg. 262 . Sie fuhren auf die 99 in Richtung Norden. bevor er sie gefunden hatte. und er griff nach dem Autotelefon. und der Tag ist noch nicht zu Ende!« Er zählte das Geld und sagte dann: »Erlauben Sie mir eine persönliche Frage… die Narbe in Ihrem Gesicht… woher stammt die? Waren Sie in Vietnam?« »Nach Sacramento«. daß Havers oder die Polizei oder übereifrige Journalisten Catherine Alexander aufspürten. Er wollte seinem Auftraggeber berichten. Zeke wollte nicht. als ich heute verdienen kann. was eine Zeitung wie der National Enquirer zum Beispiel für eine solche Geschichte zahlen würde? Ich habe von Ihnen schon mehr bekommen.»Warum? Können Sie sich vorstellen. daß sie die Spur der Archäologin wiedergefunden hatten und daß sie mit einem Priester auf der Flucht war. Er lag jetzt mit durchschnittener Kehle hinter der Theke und starrte mit leeren Augen an die Decke. Aus demselben Grund hatte er auch den Mann in der Leihwagenfirma zum Schweigen gebracht. sagte Zeke zu seinem Partner. Das Kaninchen gehörte ihm. Aber etwas ließ ihn zögern. und schließlich legte er den Hörer auf.

Er war ein Tempel Gottes. Als er freundlich nickte. legte er Wert darauf. es zu zerstören. denn er hatte eine Totenmaske vor sich. und der Körper eines anderen verlangte von ihm Ehrerbietung. Außer der eigenartigen Nachricht von ›Mrs. Die Schönheit dieser Königin beruhte nicht mehr auf ihrem Gesicht aus Haut und Knochen. Für Julius war das Leben etwas Heiliges. der einmal gelebt hatte und die gleiche Behutsamkeit und Achtung verdiente wie jemand. wenn er eine Autopsie an einer Mumie vornahm. daß sein Skalpell sie nicht mehr entstellen würde. Julius mußte sich daran erinnern. »Die Zeitung liegt in Ihrem Büro. Dr. sagte die Assistentin und lächelte ihn an. Er machte sich Sorgen. Jedesmal. einer Adventistin. Trotzdem fiel es ihm ungewöhnlich schwer. die Totenmaske oder eine Statue oder eine Darstellung der Toten vor Augen zu haben. fügte sie hinzu: »Ich habe Ihnen auch Kaffee und ein 263 . der gerade erst gestorben war. daß Julius zögerte. Voss«. West Los Angeles Das Gesicht war so schön. sich auf seine Arbeit zu konzentrieren. der nicht mißbraucht oder entweiht werden durfte. die das Gesicht bedeckte. Zwei Tage waren vergangen. um nicht zu vergessen. als es die Natur bereits getan hatte. seit Catherine ihn verlassen hatte. der gerechte Richter…« An diesem ruhigen Sonntagmorgen war Julius allein im Institut – abgesehen von einer Technischen Assistentin.Freers Institut. die wie Julius den Sabbat am Vortag gefeiert hatte. daß vor ihm auf dem Seziertisch ein Mensch lag. Bei jedem Schnitt in die brüchige Mumie betete er stumm: »Baruch Dajan haEmet – Gesegnet bist DU. Meritites‹ auf dem Anrufbeantworter hatte er nichts von ihr gehört.

Unverständlicherweise schien die junge Technische Assistentin seine schwarzen Haare und den Bart attraktiv zu finden. ein Wissenschaftler mit dichten lockigen Haaren sei irgendwie sexy. Aber offenbar reichte das Catherine nicht. um zu hören. Ich muß Weihnachtseinkäufe machen!« »Danke. Tracy war zwanzig. rief er ihr nach. um ihn zu heiraten. ›JESUS-FRAGMENT GEFUNDEN!‹ Unter der Schlagzeile befand sich das Photo eines Papyrus mit einem griechischen Text. Er schloß das Fenster und sah dabei sein Spiegelbild im Glas. daß ich noch hier bin«. ›Kennen Sie diese Frau?‹ stand unter Catherines Porträt. Daniel anzurufen. Auch Catherine hatte ihm einmal gesagt. Er überflog schnell den Artikel. Daniel Stevenson war ermordet worden. Er streifte die Gummihandschuhe ab und ging in sein Büro. Durch die offenen Fenster drang frische salzige Meeresluft herein. unterbrach Julius die Arbeit an der Mumie. Tracy«. eine Zeugin hatte gesehen. »In der letzten Woche haben sie mich eingeschlossen!« Als Tracys Schritte in dem langen Gang verhallten. Daneben… Julius glaubte. Vielleicht sollte er noch einmal versuchen. die ihre Ausgrabung finanzierte…? Der Becher mit Kaffee fiel ihm plötzlich aus der Hand. seinen Augen nicht trauen zu können. Ich bin den Rest des Tages nicht mehr da. daß sie ihn anhimmelte. Er seufzte und drehte dem Fenster den Rücken zu. Es würde Nebel geben. Oder sollte er sich bei der Stiftung nach ihr erkundigen. »Bitte sagen Sie den Leuten vom Wachdienst. Julius 264 . erwiderte er.Hörnchen gebracht. wie eine Frau aus der Wohnung des Archäologen rannte. ob er etwas von Catherine wußte. und Julius hatte den Eindruck. Graue Dunstschleier tanzten über den Wellen. und das Hörnchen rollte über den Fußboden.

Eine falsche Verbindung. dem scharfen Intellekt und den funkelnden grünen Augen. mit einem Mann in einem Auto zu fliehen. Catherine! Aber der Anrufer wollte nur die Anfangszeiten der Kinos wissen. der am Straßenrand stand und ihm folgte. Aber so sah sie aus. Julius legte auf und starrte auf das Porträt. Sie ist mit einem unbekannten Mann davongefahren… Julius sprang auf. warum bin ich nicht bei dir geblieben? Warum war ich nur so überheblich und anmaßend? Der Mord war in Santa Barbara geschehen. ohne den weißen Wagen zu bemerken. Er mußte den Beamten erklären. Fünf Minuten später fuhr er vom Parkplatz. 265 . Er hatte keine andere Wahl. Kurz darauf klingelte es wieder. Aber das war vor zwei Tagen. Er mußte der Polizei helfen. er mußte auf der Stelle zur Polizei gehen. warum habe ich das alles nicht verhindert? Das Telefon hörte auf zu klingeln. Cathy. stand in dem Artikel.sank auf den Stuhl. wer diese Frau war. Catherine zu finden. Was für ein Mann war das? Hatte er Daniel ermordet? Hatte er Catherine entführt? War ihr Leben in Gefahr? War sie womöglich bereits tot? Mein Gott. Das Bild zeigte eindeutig sie. was er wußte. daß sein Telefon klingelte. Nach Aussagen von Zeugen gelang es der Frau. und ihnen über die Hintergründe alles sagen. Fassungslos las er den Artikel noch einmal Wort für Wort und hörte dabei nicht. Julius blickte wie gebannt auf den Apparat. Cathy. Der Polizeizeichner hatte nichts von ihrem Wesen wiedergegeben. Die Telefonnummer des Instituts unterschied sich nur in der letzten Zahl vom Kinocenter in der Pico Street. denn er bekam plötzlich weiche Knie. Inzwischen konnte Catherine überall sein.

Wir haben doch nur versucht. Auch von hier hatte man einen Blick auf den Petersplatz. Der Kardinal fühlte sich angegriffen und rechtfertigte sich stumm. das stimmt. Man hat uns beschimpft. So heißen wir nach dem Ordensgründer. dem heiligen Dominic. Aber warum haßt man uns so? Pierre Lefevre führte stumme Selbstgespräche. die Kirche vor Häretikern und Teufelsanbetern zu schützen. anstatt sich auf die Alltagspflichten zu konzentrieren. Rom Die Wachhunde Gottes… ja. Aber die Schlagzeile. die sich dort drängten. Er überließ sich abstrakten Erörterungen oder Erinnerungen. wo die Wachen nur mit Mühe die Menschen unter Kontrolle halten konnten. anstatt uns Beifall zu zollen… Lefevre zwang sich. unbekannte Wege beschritt und sich im Labyrinth seiner Innenwelt verirrte. und das heißt: die Wachhunde Gottes. Die Angelegenheit mit dem geheimnisvollen 266 . So nennt man uns. während er vor dem Arbeitszimmer des Papstes im apostolischen Palast auf und ab ging. war der Zeitungsartikel vergessen. das Porträt einer Frau und die Photographie des JesusFragments mit dem beunruhigenden Inhalt waren der Anlaß für die außerplanmäßige und dringende Audienz beim Papst. In letzter Zeit. kann man den Namen als Domini Cane lesen. Ein Wortspiel mit dem Namen unseres Ordens – Dominikaner. das wurde ihm plötzlich bewußt. Während er sich den unberechenbaren Windungen seiner Gedanken überließ. verselbständigten sich seine Gedanken immer öfter. Wenn man will. dem Strom seiner Gedanken Einhalt zu gebieten.Der Vatikan.

Der alte Kardinal richtete sich auf. der sich angeregt mit dem Präfekten der Heiligen Kongregation für katholische Erziehung unterhielt. Kardinal Lefevre nahm seinen Gang durch das Vorzimmer wieder auf. in der man Seiner Heiligkeit nahelegte. das wußte Lefevre. Er 267 . Die hagere Gestalt warf lange Schatten auf die alten Möbel und kostbaren Gemälde. Er wollte auf jeden Fall verhindern. Auch Besucher in dunklen Anzügen. katholische Laien aus verschiedenen Ländern. kamen mit Sorgen zu seiner Heiligkeit. saßen auf den mit rotem Brokat bezogenen Sesseln oder gingen unruhig auf und ab. Freundlich lächelnd sah er die anderen an. Er war mit seinen fünfundsiebzig Jahren noch immer groß und im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte. dem Verlag des Vatikans. der ihn in Alarmbereitschaft versetzt hatte. um eine Bittschrift zu übergeben. Hin und wieder erschien auch eine Delegation. den Papst zu sehen. den die Jesuiten betrieben. kam wegen ihrer Missionsstation in Angola. Kardinal Lefevre nickte Bischof Monduzzi zu. die ebenfalls darauf warteten. dem Präfekten des päpstlichen Haushalts. Frauen die Priesterweihe zu gestatten. kam zweifellos von der Libreria Editrice Vaticana. Aber alle Anwesenden. nahm eine unvorhergesehene und gefährliche Wendung. Unter dem Caravaggio stand Vater Bailey vom Vatikansender. Der Mönch in der braunen Kutte. und die Schwester in Weiß arbeitete im Gesundheitsdienst des Vatikans. die um eine Audienz nachgesucht hatten. daß man ihm seine Sorgen ansah. aber Seine Heiligkeit machte den Frauen niemals falsche Hoffnungen. Die Nonne in der grauen Tracht.Fund auf der Sinaihalbinsel. der nachdenklich eine alte römische Büste betrachtete und ein Manuskript unter dem Arm trug. Nur wenige Frauen baten um eine Audienz beim Papst. Die Besucher waren fast ausschließlich Männer.

Hatte er die geliebten Eltern tatsächlich vor einem halben Jahrhundert beerdigt? »Eminenz?« Lefevre kniff die Augen zusammen und sah den jungen Priester an. Lautlos fiel die Tür hinter ihm zu. Es ist wieder soweit. Ein langer Weg schien ihn von den Tagen der Kindheit in dem kleinen Dorf in der Provence zu trennen. Möglicherweise steht uns der letzte und entscheidende Kampf bevor. Die Zeichen deuten auf Gefahr. ›Du bist für Paraden wie geschaffen!‹ pflegte sein Vater im Scherz zu sagen. 268 . weil sie die Kirche verteidigten. sagte der junge Mann und führte ihn zur Tür. daß… Unmöglich! Die Zeit verging wie im Flug. Papa wiederzusehen. Die Angelegenheit war zu wichtig. Die Kirche muß geschützt werden. »Seine Heiligkeit lassen bitten«. Wachhunde Gottes! So hatte man vor einigen hundert Jahren die Dominikaner bezeichnet. Der Kardinal richtete sich noch einmal energisch auf und konzentrierte sich ganz auf seine Aufgabe. um sich von nostalgischen Erinnerungen ablenken zu lassen. Lefevre lächelte bei der Erinnerung. Papa… Es wäre schön. der ihn offenbar angesprochen hatte. Wie viele Jahre war es eigentlich her.war schon immer einen Kopf größer als seine Mitmenschen gewesen.

Goshen. Aber um zu erfahren. daß Sabina diesen römischen Kaiser noch einmal erwähnte. in der ihre neuen Jeans und die Bluse verpackt gewesen waren. Catherine fehlten in diesem Augenblick ein richtiger Arbeitsplatz und die notwendigen Instrumente. eine starke Lupe und Pinzetten. sagte Garibaldi und blickte auf den Monitor. und er saß auf dem Bett. Wenn Havers die Nummer Ihrer Kreditkarte hat. Die Faltstellen der zweiten Schriftrolle erwiesen sich jedoch als weniger haltbar als die der ersten. um die winzigen abgelösten Fragmente behutsam wie ein Puzzle zusammenfügen zu können. sagte Garibaldi und tippte auf der Tastatur des Laptop eine Telefonnummer. Kalifornien »Ich hoffe. »müssen wir schnell sein. wie heißt er? Catherine kamen vor Enttäuschung beinahe die Tränen. Aber Catherine hätte eine bessere Beleuchtung gebraucht. daß es klappt«. Garibaldi hatte ihr den Tisch überlassen. wo 269 . Sie konnte nur hoffen. Der Laptop stand auf einem Stuhl. An dieser Stelle war ein Stück Papyrus abgebrochen und für immer verloren. wird er damit bald das Konto Ihrer Zugangsgenehmigung finden. »Sobald wir uns ins Netz eingewählt haben«. ›Das war im vierten Jahr der Herrschaft des Kaisers…‹ Verdammt. Manche schienen bereits bei der leisesten Berührung zu reißen. Der erste war von Anfang bis Ende übersetzt und lag in der Pappschachtel. Sie hatte diese notwendigen Dinge bei einem kurzen Einkauf in einem billigen Einkaufscenter am Stadtrand erstanden. Catherine saß am Tisch und entfaltete behutsam den zweiten Papyrus. damit sie die Rolle glatt ausbreiten konnte.

waren für ihre Zwecke nicht geeignet. Hatten die Behörden die Arbeiten unterbunden? Wurde womöglich in der Nähe wieder gesprengt? War Hungerford ersetzt worden und der Hotelneubau ging zielstrebig voran? Oder hatten ägyptische Archäologen damit begonnen. den Brunnen freizulegen und das Skelett zu bergen? »Ich habe noch keinen Zugang«. der mit der Vorwahl ›9‹ eine Verbindung herstellte. Nachdem sie Sacramento verlassen hatten. Ein Internet-Konto konnte man nur mit einer Kreditkarte eröffnen. und Catherine hörte. muß er das Zugangssystem knacken. denn sie hatten Telefonanlagen. Catherine mußte lächeln. Beim Sonnenuntergang hielten sie Ausschau nach einem Motel.Sie sich aufhalten. Deshalb 270 . denn ›Goshen‹ lag nach den Worten der Bibel an dem Weg. an denen sie vorüberkamen. Sie hatten es zuerst mit Garibaldis Karte versucht. dachte sie an ihre Ausgrabung. Die ersten.« Sie befanden sich nicht in Orange County.… Während Catherine mit angehaltenem Atem den spröden Papyrus auseinanderfaltete und immer wieder verzweifelt feststellte. Deshalb habe ich einen Server in Orange County gewählt. Mirjam. daß er sein Limit überschritten hatte. Für das LaptopModem benötigten sie jedoch einen direkten Anschluß. auf dem Mirjam und Moses ihr Volk aus Ägypten herausgeführt hatten. LinkNet lehnte die Karte ab. wie er die Nummer erneut anwählen ließ. Aus Vorsicht wählten sie kleine Landstraßen. Die Stadt hieß ›Goshen Junction‹. die durch Farmland führten. daß die Ränder abbrachen und sich manche Bruchstücke sofort in Staub auflösten. die Prophetin. aber festgestellt. Das wird ihn auf die falsche Spur setzen. murmelte Garibaldi. waren sie nach Süden gefahren. Schließlich fanden sie in einer kleinen Stadt am Fuß der Sierras ein geeignetes Motel.

Im Motel hatten sie sofort den Fernseher eingeschaltet. Der Wettlauf hatte eine neue Dimension angenommen. die Los Angeles Times und sogar die San Diego Union. daß der Zugang innerhalb von zwei Stunden nach dem Kauf aktiviert wird. um am nächsten Tag ab zwölf Uhr mittags den Zugang zu bekommen. Garibaldi hatte an der Rezeption die Formalitäten erledigt. die Sacramento Bee. »Dabei werben sie damit. »Ist alles in Ordnung?« »Für die Schriftrollen ist diese Flucht eine Katastrophe! 271 . und man mußte vor fünf Uhr nachmittags kaufen. aber auch die Fresno Bee. Ich hoffe. Bei jedem Aufenthalt. Ab jetzt mußten sie schneller als ihr Verfolger sein. das außer Sichtweite stand. ja selbst im Einkaufszentrum hatten sie sich die Zeitungen angesehen – die lokalen. Garibaldi hob den Kopf. das steht nicht nur auf dem Papier!« Er hatte sich um verschiedene Server bemüht. sei es um zu tanken oder um etwas zu essen. Catherine blieb im Auto sitzen. Dabei trug er wie immer seine Soutane. Garibaldi regelte den Ton herunter. sagte er kopfschüttelnd und ließ das Modem neu wählen. auch wenn sie wußten. während er darauf wartete. In allen Ausgaben entdeckten sie Catherines Porträt. wie zum Beispiel LinkNet.benutzten sie Catherines Karte. Die meisten boten ihren Service nicht an Sonntagen an. »Verdammt…«. Zwischen Catherines Fingern zerbröckelte wieder ein winziges Papyrusstückchen. daß Havers jeden Vorgang auf dem Kreditkartenkonto ›sah‹. daß LinkNet in Orange County die Verbindung freischaltete. um die Nachrichten zu sehen. Nur wenige. murmelte sie. »Noch immer nicht«. In der Praxis schien das allerdings nicht immer zu funktionieren. nutzten die Ungeduld vieler Anwender und boten einen schnellen Zugang.

Mit der Soutane hatte sie wenigstens dieses Problem nicht. wenn sie zu Staub zerfallen!« Er stand hinter ihr und lächelte. Er setzte sich auf das Bett und tippte die Telefonnummer. »Versuchen Sie es noch einmal«. »Ich bin einfach übermüdet. fragte er aufrichtig besorgt: »Wie geht es Ihnen wirklich?« Catherine rieb sich die Augen. wenn ich sie bis zum nächsten Morgen dort schmoren lassen würde.« Da sie schwieg. Ich muß allerdings gestehen. Er trug ein neues Leinenhemd und neue Jeans. es ist nicht meine Schuld. Die Soutane erinnerte sie ständig – leider auf bedrohliche Weise – daran. Sie blickte zu ihm auf. Ich hoffe nur. daß er Priester war. die er ebenfalls bei ihrem Einkauf erstanden hatte. Ich müßte unbedingt ein paar Stunden 272 . sagte sie schnell und deutete auf den Computer. daß ich bisher nur ein einziges Mal vor einer ähnlichen Herausforderung stand. wenn es nicht funktioniert?« »Wir werden uns etwas einfallen lassen.Man muß sie unbedingt an einen sicheren Ort bringen. aber in Jeans und Hemd wurde er auf einmal nur ein Mann. wo sie unter Glas liegen und die Luftfeuchtigkeit ständig überwacht wird. und plötzlich stieg ihr der Duft seines Rasierwassers in die Nase. noch dazu ein gutaussehender Mann. als sich nämlich Schwester Agnes versehentlich in die Kammer mit den Sportgeräten eingeschlossen hatte. Das brachte sie wie schon mehrmals innerlich aus dem Gleichgewicht. Während sie auf das Wählgeräusch des Modems lauschten. Ich mußte die Zahlenkombination des Schlosses herausfinden. während Vater Murphy neben mir stand und mir zehn Dollar versprach. fragte Catherine: »Und was ist.

ich wollte mir die Haare schon lange kürzer schneiden lassen. Die Haare waren klatschnaß.« »Ich schneide Haare immer nur mit Hilfe einer Suppenschüssel«. murmelte sie und zwang sich.« »Verstehe…« Er lachte. Kurz darauf erschien sie mit einem Handtuch um die Schultern.« Sie beschloß. aber nicht so kurz wie Ihre Haare. mit der Übersetzung später weiterzumachen. und ging ins Bad. Sie hatte eine Schere in der Hand und sagte: »Wir sollten das so schnell wie möglich hinter uns bringen. »Wie kurz soll es werden?« fragte er. hörte Catherine vom Parkplatz ›O du Fröhliche…‹ »Kaum zu glauben«.« »Soll ich sie nur kürzen?« »Sagen wir bis zum Nacken. ist das Ergebnis bestimmt eine Katastrophe. sagte er und nahm ihr die Schere aus der Hand. Nachdenklich blickte er auf die langen kastanienbraunen Haare und fragte: »Soll ich sie wirklich abschneiden?« »Keine Angst.schlafen.« Als er die erste Haarsträhne abschnitt. aber bei mir hat das praktische Gründe. nicht auf die Haare zu 273 . »Kurz. als Catherine auf dem Stuhl saß. und da Catherine ihm keine weiteren Fragen stellte.« »Welche?« Er zögerte und sagte dann: »Pangamot…« Garibaldi schwieg. Werden Sie mir helfen? Wenn ich es selbst mache.« Garibaldi stand auf und fragte: »Wollen Sie es wirklich tun?« Mit einem Blick auf die Zeitung und ihrem Bild auf dem Titelblatt erwiderte sie: »Mir bleibt keine andere Wahl. »Kurz geschnittene Haare sind gerade nicht Mode. verzichtete er auf eine Erklärung.

»finden wir alle Antworten. um mit ihm die Feiertage zu verbringen. Und die Hochzeit… mein Gott.« Familie und Freunde… Ich habe keine Familie. Wieder landete eine Strähne im Papierkorb. um die Haare gleichmäßig schneiden zu können. Es war ihr noch nie aufgefallen. Ich möchte wenigstens mit ihm reden. die Sie brauchen. Wenn ich auf ihn gehört hätte. wirkliche Freunde? »Sie waren in Israel«. daß ich die Grabungen unterbreche. Und Freunde? Julius war ein Freund und Danno.« »Julius ist Ihr Verlobter?« Schnipp. aber ihn hatte sie verloren. als Hungerford die Sprengung anordnete. »In fünf Tagen ist Weihnachten. seine Hände. im Internet. »Warum sind Sie vor Weihnachten abgereist?« Er lachte. Julius wollte. ihm ein Weihnachtsgeschenk zu kaufen.achten. nicht einmal entfernte Verwandte. Gab es für ihn Freunde? Hatte ein Priester überhaupt Freunde. Schnipp. Nichts von all dem wäre geschehen. »Ich hatte nicht einmal Zeit. daß Haareschneiden etwas so Intimes sein konnte. er habe keine Familie. als Sie es jetzt für möglich halten. ich würde ihn so gerne anrufen. Dann sind Sie schneller wieder bei Ihrer Familie und Ihren Freunden. »Wann wollen Sie heiraten?« »Wir sind nicht offiziell verlobt. und Danno würde noch leben. wäre ich nicht mehr dort gewesen. sagte Garibaldi und bewegte sich etwas zur Seite. »Waren Sie einmal während der Weihnachtszeit in Jerusalem? Selbst eine Ratte bekäme 274 .« Sie legte die Hand auf den Jadeanhänger. sagte sie leise und spürte immer deutlicher seine Nähe. die mir nahestehen? Garibaldi hatte gesagt.« »Mit etwas Glück und Ausdauer«. die im Papierkorb landeten. Gibt es wirklich so wenige Menschen.

Ich glaube. erwiderte er nachdenklich und schnitt weiter.« »Ich suche Mirjam. Er schnitt wirklich sehr viel Haar ab. daß auch er solche Empfindungen hatte. aber meine Theorie ist bei den Bibelforschern nicht sehr beliebt. sich mit ihrer Rolle abzufinden. ich bin Priester.« Er nickte. »Ja«. Ein Blick in den Papierkorb ließ sie schaudern. aber sie konnte ihm keinen Vorwurf machen. Wie sollten wir die Frauen davon überzeugen. »Die Prophetin. um auch nur die halbe Länge der Via Dolorosa zurückzulegen. wenn wir zugeben würden. daß sie in biblischen Zeiten gleichberechtigt waren?« Das Gefühl der Intimität wurde noch stärker. Seine Nähe schien von ihr Besitz zu ergreifen. denn darum hatte sie ihn 275 . Ich kenne die Worte der Bibel: ›Hat etwa der Herr nur durch Moses gesprochen? Hat er nicht auch durch uns gesprochen?‹« »Richtig. Ich habe fünf Stunden gebraucht.dort Platzangst. Das Buch Numeri. nur ihre Haare zu berühren. Und dieses Jahr war alles noch schlimmer. »Die Weite der Wüste… Was haben Sie eigentlich im Sinai gesucht? Der Besitzer des Hotels Isis sagte etwas vom Zug der Israeliten durch die Wüste. Er bemühte sich auffällig darum. und zuckte bei jedem zufälligen Kontakt mit ihrer Haut zusammen. Es gab im Hotel kein einziges freies Zimmer mehr. Sie spürte seine Berührung nicht nur am Kopf und im Nacken. Kapitel zwölf.« »Dann sind Sie also in die Weite des Sinai geflohen?« Er schwieg und hörte auf zu schneiden. Sie wußte.« »Natürlich nicht.« Sie fragte überrascht: »Sie kennen die Geschichte?« »Nun ja. Sie spürte seinen Atem im Nacken. Mirjam war zusammen mit Moses eine Anführerin der Israeliten.

daß sie vor Verlegenheit rot wurde. Der Gürtel seiner Jeans war direkt vor ihrem Gesicht. und es klang erleichtert. Catherine betastete die Haare. weshalb sie ihn aufgefordert hatte. die Haare nach vorne kämmte und eine Hand über ihre Augen hielt. holte Catherine tief Luft. Seine Knie berührten ihre Beine. und das rief bei ihr ein seltsames Gefühl von Nacktheit hervor. Er hielt inne. Plötzlich wußte sie. bitte. Catherine trat vor den Spiegel. Sie schloß die Augen und überließ sich dem Gefühl seiner Hand über den Lidern. »Ein Pony? Sind Sie sicher?« Der Einfall überraschte sie selbst. Es war wie eine flüchtige Liebkosung. »Ja. »Wie wäre es mit einem Pony?« fragte sie schließlich. kämmte die Haare noch einmal nach vorne und löste eine Strähne hinter dem linken Ohr. und Catherine spürte.« Sie wollte aus der Tragetasche die Tönung holen. Der neue Haarschnitt schien sie beunruhigend verwundbar zu machen.gebeten.« 276 . jetzt kommt der nächste Schritt. denn die Idee war ihr spontan gekommen.« Als Garibaldi vor ihr stand. Sie trug die Haare immer lang. »Ist es so in Ordnung?« fragte er schließlich und trat einen Schritt zurück. ihr einen Pony zu schneiden. um sein Werk zu begutachten. Er tat es schnell und mit sichtlichem Unbehagen. »Fertig!« verkündete er schließlich.« »Dazu habe ich keine Zeit. Der Nacken lag völlig frei. man soll achtundvierzig Stunden vor dem Färben einen Allergietest machen. Schließlich wollte sie dem Zeitungsporträt so wenig ähnlich sehen wie möglich. aber Garibaldi kam ihr zuvor und reichte ihr die Packung ›Ultra Weißblonde »Hier steht. »So. Sie waren sehr kurz. Er hob die Augenbrauen.

zog sie eine Plastikhaube über die Haare. und ihre Augen begannen zu brennen. Sie schüttelte die Flasche. daß Garibaldi sie nicht nur auf der Verstandesebene beeinflußte. In der Gebrauchsanweisung stand. Der Geruch von Ammoniak verbreitete sich im Bad.« Er nickte und ging zur Tür. »Dann gehe ich inzwischen eine Abendzeitung kaufen. Sie nahm die Verschlußkappe der Flasche ab und füllte das Farbgel in die Flasche mit dem Entwickler. die er im Gepäck hatte. Wer ist er wirklich? Was für eine Vergangenheit hat er? Aus welcher Familie kommt er? Warum ist er Priester geworden? Als die Flüssigkeit auf dem Kopf gleichmäßig verteilt war. erinnerte sie sich an das Gefühl von Garibaldis Fingern in ihrem Nacken. und das Modem wählte. daß ihre Wangen immer noch glühten. das Geräusch der Schere und das Gefühl seiner Kraft stellte sich wieder ein. Aber keine Angst. Außerdem gibt mir das endlich einmal die Möglichkeit herauszufinden. daß das Gel fünfundvierzig Minuten einwirken mußte.Er sah sie kopfschüttelnd an. und massierte sie dann in die Haare. ob Blondinen wirklich mehr Spaß im Leben haben. zum Haarefärben brauche ich Ihre Hilfe nicht. Als die Meldung: BENUTZER 277 . »Wollen Sie das wirklich tun?« »Ich muß mein Aussehen drastisch verändern. tippte die Zahlenfolge. um die Flüssigkeiten zu mischen.« Catherine verschwand im Bad. Im Spiegel sah sie verblüfft. Der Gedanke an seinen Körper in ihrer Nähe. Als sie die Plastikhandschuhe anzog. Im Spiegel sah sie hinter sich die lackierten Stöcke. Sie mußte sich in diesem Augenblick eingestehen. Sie ging ins Zimmer und setzte sich an den Computer.

Der Cursor blinkte auf: SUCHBEGRIFF. Sie lachte und flüsterte: »Wir haben die Zugangsberechtigung!« Sie klickte auf ›NetScape‹ und danach auf ›NetSearch‹. Es ist ein Kampf um 278 . Kurz darauf erschien die Meldung: UNGÜLTIGES PASSWORT. Dann kam ein neues Geräusch. hörte das Modem wählen und den Signalton… Sie wartete mit angehaltenem Atem. Bei welcher Datenbank sollte sie die Suche beginnen? Bei Lycos. murmelte Catherine. beschloß sie. Pangamot ist aggressiv. tippte sie ›Phantom‹. »Okay«. Das Such-Menü erschien. Das bedeutete. das sie sich ausgedacht hatten. UNGÜLTIGES PASSWORT. Was mochte der Grund für die Verzögerung sein? Sie tippte noch einmal die Zahlenfolge. das Paßwort. »Was suche ich als erstes? Antiochia?« Ihr Blick fiel auf die lackierten Stöcke. Lycos meldete ihr neunundzwanzig Einträge. der Zugang war noch nicht aktiviert. Sie klickte auf ›Search Large Data Base‹. Es klang wie das Öffnen einer rostigen Tür – der Computer machte seinen ›Handshake‹. Wie hieß dieser Kampfsport? Pangamot! Sie tippte das Wort und drückte dann auf Eingabe.erschien. Carnegie-Mellon Universität. Catherine ließ das Modem noch einmal wählen und gab das Paßwort ein. Inzwischen hätte der Zugang freigeschaltet sein müssen. Sie wählte einen kürzlich im Soldier of Fortune erschienenen Artikel und las: ›Für den Pangamot-Kämpfer ist Selbstverteidigung passiv. Das Konto war schon seit über zwei Stunden eröffnet.

und…« »Und?« Und Sie sind Priester. daß die Tür aufging und Garibaldi wieder zurück war. hatte sie sagen wollen.« »Nein. Pangamot sei eine Art Selbstverteidigung.‹ Ein Textverweis öffnete ihr die Netz-Seite über den philippinischen Kampfsport.« Er deutete auf den Bildschirm. was Sie wissen wollen. Ich kann 279 . Dort befanden sich Zeichnungen von Kampfstellungen mit den gleichen lackierten Stöcken. Sie setzen auf Gewalt. »Wollen Sie damit sagen. aber wie unter einem Zwang fragte sie: »Warum lassen Sie sich die Haare so kurz schneiden? Sagen Sie es mir!« »Zu den Techniken beim Pangamot gehört es. meine eigene.« Sie sah ihn an. Sie wurden eindeutig als todbringende Waffe eingesetzt.« »Es ist ein aggressiver Kampfsport. »Ich hätte alles beantwortet. ich übe Kontrolle über die Gewalt aus. wie Garibaldi sie benutzte. Sie hörte nicht. Plötzlich stand er hinter ihr und sagte: »Sie hätten mich fragen können. »Ich hätte die Frage nicht stellen sollen. daß Sie die Gewalt Ihres Gegners unter Kontrolle halten?« Er schüttelte den Kopf. »Nein. Es gibt keine Regeln.« »Warum sind Sie so schockiert?« »Ich hasse Gewalt in jeder Form.Leben oder Tod. Der Sieger erhält als Preis keine Siegestrophäe. den Gegner bei den Haaren zu packen und ihn…« Sie starrte auf den Boden.« »Das habe ich nicht gesagt. »Sie haben gesagt.« Ihr wurde plötzlich kalt. Widerwillig. sondern nur sein Leben.« Catherine sah ihn nicht an.

Ich muß ins Bad und die Haare ausspülen. Womit soll ich anfangen?« Sie überlegte. sagte sie. »Wir müssen herausfinden. der Gerechte… Was war das Wichtigste. Vielleicht können Sie Ihre Angst besser überwinden.« »Es sind nur zwei lackierte Bambusstöcke. stand sie auf und murmelte: »Tut mir leid. löste die Riemen seiner Reisetasche und nahm die lackierten Stöcke in die Hand. dachte sie. 280 . Als er nichts erwiderte. die Nachricht von der Niederlage der römischen Legionen in Germanien löste großen Schrecken aus…« Ihr Blick fiel auf die Schlagzeile der Abendzeitung. Er streckte sie aus. ›PROPHEZEIT DAS JESUS-FRAGMENT DEN WELTUNTERGANG?‹ Und Catherine dachte: Das siebte Buch. daß ein Priester einen Kampfsport ausübt.« Garibaldi tippte ›König Tymbos‹ und klickte auf: SUCHE BEGINNT. sagte sie und sah ihm direkt in die Augen. Sabina sagt.« Er stellte die Stöcke an die Wand. Er musterte sie. wenn Sie sie in die Hand nehmen. »Ich habe keine Angst vor dem Bambus«. das sie über die Papyri wissen mußte? Ihr Alter. ich möchte wirklich nicht mehr darüber reden. glänzenden Stöcke. der Weg. Diakon. Das müssen wir als erstes finden… »Tymbos«. »Ich werde die Suche beginnen. drehte sich um.« Catherine blickte stumm auf die langen. »Hier. wann sie geschrieben wurden. »Suchen Sie nach ›König Tymbos‹. nehmen Sie die Stöcke…« »Nein.nicht gutheißen.

daß so etwas in Zukunft unterbleibt?« »Leider scheint das der Preis zu sein. Meist war alles völlig harmlos. »Schon wieder«. Sie fand Miles im Tropenhaus bei seinen Orchideen. Schließlich habe ich die Sache überprüft und mit einer deiner Nummern meine Nummer angewählt. Wer hat sich diesmal gemeldet?« »Das Städtische Leichenschauhaus! Ich finde das wirklich nicht komisch. dann drehte sie sich um und verließ den Raum. es gab keine Möglichkeit.« Miles legte die Gartenschere auf den Stein. den ich zu zahlen habe. Damit konnte er sich einen Namen machen. die Computersysteme von Miles Havers zu knacken. und legte auf.Santa Fe. dem Spiel ein Ende zu setzen. Sie überquerte den Innenhof und eilte durch die verglasten Bögen. »Tut mir leid. Miles.« »Aber sollte man nicht denken. mein Schatz. Wie es aussieht. daß diese infantilen Leute inzwischen genug davon haben. bevor sich eine Männerstimme mit ›Städtisches Leichenschauhaus‹ meldete. und die Gespräche wurden wie auch diesmal nur zu einer anderen Nummer 281 . wo riesige Kakteen in großen Töpfen im kalten Mondlicht standen. sagte sie anklagend. Jeder neue Hacker versuchte früher oder später. »Den ganzen Tag über habe ich auf meiner Nummer keinen einzigen Anruf bekommen. New Mexico Das Telefon klingelte achtmal. uns so zu ärgern?« Miles wußte. haben uns diese Hacker wieder einmal aufs Korn genommen. Sie blickte kopfschüttelnd auf das Telefon. ich muß mich verwählt haben«. Erika Havers murmelte: »Entschuldigung. kannst du nicht dafür sorgen.

Also habe ich nach der Marke und dem 282 . Miles. »Und?« »Zuerst habe ich die Zulassungsnummer für den Wagen nicht gefunden. Sie kommen nicht zur Silvesterparty. erwiderte Teddy kopfschüttelnd. »So etwas habe ich noch nicht erlebt…«. daß ich am Werk war. Es fehlt sogar ein Schutzschild. denn sie wollen die Jahrtausendwende mit ihren Kindern auf Fidschi feiern und über die Datumsgrenze nach Tonga fliegen. »Es ist nichts einfacher. begleitete sie ins Haus bis zum Fahrstuhl und fuhr auf der Stelle hinunter in den Kommunikationsbunker. Liebling.« »Mach dir nichts daraus. Senator Fowler und seine Frau haben abgesagt.« »Gewiß. als in das System dieser Leihwagenkette zu kommen. wo Teddy Yamaguchi vor der Bildschirmwand saß. Liebling«. was ich brauche.« »Ach. übrigens. Sie haben ein richtiges Mickey-MausSicherheitsprogramm.« Miles nickte. erwiderte er lächelnd.umgeleitet. um sie vierundzwanzig Stunden später noch einmal zu erleben. Erika hatte dafür kein Verständnis und klagte: »Inzwischen werden meine Anrufe jede Woche mindestens einmal einfach weitergeleitet…« »Also gut. »Wissen wir etwas über den Leihwagen?« fragte Miles. nur darf mein Telefon nicht immer wieder gestört sein.« Miles blickte mit zusammengekniffenen Augen auf die Liste der Namen und Zulassungsnummern auf dem Bildschirm. Wir haben trotzdem mehr als tausend Gäste. Sie ahnen nicht einmal. Ich habe nur einen Paßwortsucher eingesetzt und im Handumdrehen alles überspielt. »Ich werde mich darum kümmern.

Er hat sie nicht nur gelöscht. Es ging inzwischen nicht nur um die Schriftrollen. Warum dauerte alles so lange? Nachdem Zeke die Photos der Schriftrollen aus Santa Barbara geschickt hatte. ließ Miles 283 . Er mußte diese Frau finden. Alexander hatte Stevensons Computer mit dem Tagebuch. Aber sein Interesse galt im Augenblick nur einem Faxgerät. jemand ist uns zuvorgekommen und hat die Daten absichtlich unlesbar gemacht?« Teddy gab dem Drehhocker einen Schubs und sah seinen Boß an.« »Ist der Wagen da?« »Er ist da. dessen Nummer außer einem einzigen Mann niemand kannte. Dr. sondern die Daten zerstört. Doch dieser Monitor blieb leer und stumm. Miles bezweifelte. aber die Kreditkarten-Nummer des Kunden ist gelöscht worden. daß wir die Kreditkarten-Nummer haben wollen. wo die Fax-Bildschirme standen und Geschäftsnachrichten aus aller Welt eingingen.« »Soll das heißen. was er damit bezwecken wollte. Die Videokamera überwachte die Wohnung von Dr. wo das Videobild einer Straße zu sehen war. Dort stand der Name seines Mörders… Sein Blick wanderte die Reihe der Bildschirme entlang bis zum Ende.« Miles hob die Augenbrauen. Aber er ging auf Nummer Sicher und ließ alle erdenklichen Stellen überwachen.Modell suchen lassen. zu ihrer Wohnung zurückzukehren. »Wer die Nummer gelöscht hat. Miles ging zu der Wand. wußte genau. daß die Archäologin so töricht sein würde. »Kann man sie zurückholen?« Teddy schüttelte den Kopf.« Miles starrte verärgert auf den Bildschirm. Catherine Alexander. »Dieser ›Jemand‹ wußte.

die Zeke zurückgelassen hatte. daß sie so dumm ist. konnte sie den Originaltext nach Hinweisen auf das Versteck der siebten Schriftrolle durchsuchen. 284 . »Mr. sie sofort zu übersetzen. Die Zeitung hatte sogar eine Übersetzung abgedruckt. »Wir haben wieder etwas!« Miles ging sofort zu ihm zurück und blickte auf den Bildschirm. bis zu dem abrupten Ende: ›… nimm sie mit zu König‹ Miles hatte sofort seine Photos nach der Fortsetzung überprüft. die Zeke und sein Partner bedauerlicherweise in Stevensons Wohnung zurückgelassen hatten. wie alle anderen. dieser König sei im Besitz der siebten Schriftrolle. Sie würde natürlich nach ihm suchen.sie reproduzieren und mit der Anweisung nach Ägypten fliegen. Verblüfft sagte er: »Sie hat ihre Kreditkarte noch einmal benutzt? Ich kann nicht glauben. Das war vor sechsunddreißig Stunden gewesen. Mit Entsetzen dachte er an den Morgen dieses Tages. Havers!« rief Teddy plötzlich. Sie mußte bei der Polizei liegen. Auf der ersten Seite der Zeitung hatte er die allererste Seite der Schriftrollen gesehen. Er würde für eine grundlegende Änderung sorgen. Alexander glaubte. daß er auch die zweite Seite nicht besaß. Während Miles untätig auf ein Fax wartete. Miles war sehr unzufrieden mit der augenblicklichen Lage. Die ersten übersetzten Seiten hätten inzwischen längst hier eingetroffen sein müssen. die Miles begierig las. sie befand sich ihm gegenüber auch noch in anderer Hinsicht im Vorteil.« Teddy tippte wie rasend auf der Tastatur und murmelte: »Vielleicht ist sie nicht so dumm. Es stellte sich jedoch heraus. Wie hieß der König? Die Archäologin kannte nicht nur den Namen. Nimm sie mit zu König… Jetzt verstand Miles die Frage von Daniel Stevenson: »Wie heißt der König noch?« Dr.

«. sagte Miles.« »Welche hat sie?« »Einen Augenblick. Havers.« »Bin schon dabei. Mr. 285 .Diesmal hat Dr.« Teddy schob sich lachend eine Handvoll seiner Lieblingssnacks in den Mund. Alexander mit ihrer Karte eine Zugangsberechtigung gekauft. Zucker und Koffein verschafften ihm einen Adrenalinstoß. der ihn in die richtige Hacker-Laune versetzte. »Orange County. Es wird gleich auf dem Bildschirm angezeigt werden. Das Spiel lief auf vollen Touren. Also los. Es war soweit! Die Archäologin hatte sich ins Internet eingewählt. sie ist nicht in Orange County. Ich wette. verfolgen Sie die Spur. »LinkNet…«.

Kalifornien »Tut mir leid. der Weg. »Ich glaube.« Catherine ging in Gedanken die Liste ihrer Stichwörter durch: Amelia. Sie dürfen es noch einmal probieren. als sie ihm das Wort zeigte. daß die Schreibweise richtig ist?« Catherine kam aus dem Bad und bürstete sich die kurz geschnittenen und gebleichten Haare. Auf diese Weise war eines der ersten Symbole des christlichen Glaubens entstanden. ›Der 286 . Wissen Sie. sagte Garibaldi. dann sollten wir uns besser wieder aus dem Internet verabschieden. Perpetua.‹ »Stimmt«. wenn nicht sogar unmöglich. »Es gibt weder einen König noch sonst jemanden mit diesem Namen. der Gerechte… Ohne die Familiennamen der Frauen war es schwer.« Sie blickte auf den Monitor.« »Genau das wollte ich. »Daran gibt es keinen Zweifel. wie zum Beispiel ›Ichthus‹.« »Möglich«. Das Anagramm ›Ichthus‹ entstand aus den ersten Buchstaben des Satzes: Iesous Christos Theou Uios Soter – Jesus Christus. Sind Sie sicher. Sabina. Sohn Gottes.Goshen. Garibaldi bekam große Augen. Retter – und ergab das lateinische Wort für ›Fisch‹. murmelte Garibaldi. dann drehte sie sich um und holte die Pappschachtel mit der ersten Schriftrolle. Könnte es ein Anagramm sein? Die frühen Christen hatten eine ausgeprägte Vorliebe für solche Spielereien. Benutzte Sabina eine ähnliche Verschlüsselungstechnik? Garibaldi blickte auf die digitale Zeitanzeige des Monitors. wir haben Zeit für einen weiteren Suchbegriff. Oben auf der zweiten Seite stand: ›TYMBOS. es gibt keinen ›Tymbos‹«. »Sie sehen so anders aus. Ich wünsche Ihnen diesmal mehr Glück. etwas über sie zu finden. stimmte ihm Catherine zu.

wenn man nur danach forschte. Man nannte diese Zeit das Goldene Zeitalter. Hinweise darauf zeigte er mir in den Schriften von Platon. Damals lebten die Menschen sehr. langer Zeit von Riesen bewohnt war. Aber. Allerdings geriet dieses Geheimnis vor sehr langer Zeit wieder in Vergessenheit. um die Grenzposten zu kontrollieren und sich davon zu überzeugen. von denen. Sie trat wieder an den Tisch. Philos wollte das uralte Mittel finden. daß die Befehle Roms befolgt wurden. Philos war Arzt. Er war bei den großen Zauberern und Eingeweihten von Persien gewesen. sehr lange. Sein Leben war eine einzige Suche. Aber er war noch mehr. Sokrates und auch in den Schriften der Juden. das ewiges Leben schenkt. daß Adam. man konnte es wiederfinden. schloß er sich dem Gefolge des kaiserlichen Gesandten an. Um auf der Suche nach diesem Geheimnis durch die Welt reisen zu können. Lycos würde ihr bei diesen Begriffen unzählige Verweise anbieten. der nach den geheimnisvollen Mysterien von Leben und Tod suchte. doch er glaubte auch an die Unsterblichen. daß Philos ein Stoiker war. Aber er war noch mehr.Weg‹ und ›der Gerechte‹ waren zu allgemein. und las die erste Zeile: ›Philos war Arzt. Er war ein Alchimist. Der kaiserliche Gesandte war ein Römer und hieß Cornelius Severus… 287 . Ich habe erwähnt. wie er sagte. Seth und Methusalem beinahe tausend Jahre gelebt haben. daß die Welt vor langer. die Menschen das Geheimnis des langen Lebens gelernt hatten. wo steht. Er war ein Alchimist. wo die zweite Schriftrolle bereits teilweise entfaltet lag. Er sagte mir. der bis zu den entferntesten Grenzen des Reichs reiste. so behauptete er. der nach den geheimnisvollen Mysterien von Leben und Tod suchte…‹ Wie ich bereits gesagt habe.

Sie können auch besondere Such-Operatoren einsetzen: EINGEBEN: Cornelius Severus SUCHE BEGINNT SUCH-TEXT http://www2.infoseek.mcom.http://home.com/Titel?qt=Cornelius+Severus INFOSEEK SUCHERGEBNIS: SIE SUCHEN: Cornelius Severus Keine WWW-Einträge unter Ihrem Suchbegriff. Sie können Suchwünsche in normaler Sprache oder als Suchbegriffe und Sätze eingeben./home/internet-search.html SEARCH ENGINES INFOSEEK SEARCH InfoSeek ist ein umfassendes und genaues WWWSuchprogramm. File »Exit Dialer«Bye PPP DEAKTIVIERT NO CARRIER 288 .

Teddy schüttelte den Kopf. Warum kam das Fax nicht an? »Wenn sie glaubt. sagte er drohend. das ich erfunden habe. Wenn sie sich eingewählt hat. weil wir keine Möglichkeit haben. Mr. Sie hat bei Internet ihre Adresse in Santa Monica angegeben.« Miles blickte ungeduldig auf die Uhr. Das heißt. Diese Frau hat den großen Fehler begangen. müßte er die überfällige Übersetzung haben. Vielleicht wären wir dann schneller und könnten sie fassen. daß wir ihr Kartenkonto überwachen. sie vermutet.« »Sie kann also immer neue Zugangsberechtigungen kaufen. Ich möchte wetten. wenn wir wüßten.« »Was haben Sie vor. Sie hat die Zugangsberechtigung bei LinkNet damit bezahlt. sie kann sich einwählen und verabschieden. New Mexico »Und?« fragte Miles. Dazu. mit mir Katze und Maus spielen zu können«. was sie gemacht hat?« Teddy nickte. während wir zu spät sehen. wonach sie sucht.« »Soll das heißen. bevor wir sie festnageln können?« »Es sieht so aus.Santa Fe. »wird sie eine Überraschung erleben. daß sie nicht mehr ans Internet geht. Alexander hat ihre Kreditkarte nur für diesen einen Vorgang benutzt. »Die Zugangsberechtigung wurde vor fünf Stunden erteilt. sich ins Internet einwählen und wieder verabschieden. so dachte er gereizt. Havers?« 289 . ist sie jetzt schon nicht mehr Online. »Es würde helfen. während sie die Suche laufen läßt. den Einsatz der Karte zurückzuverfolgen. Dr. sich auf ein Spielfeld zu wagen.

»Wir locken sie in eine Falle. Teddy. Diese Falle wird unsere kluge kleine Archäologin nicht vermuten und sich deshalb schneller darin fangen. als sie es für möglich hält.« 290 .

schickte er seinen jungenhaften Partner hinein. legte den Kopf schief und sah sie mit seinen feuchten Hundeaugen bittend an. Wange und Lippen schnitt. sondern sein Partner Raphael. Frauen dagegen waren unberechenbar in ihren Reaktionen. Sie schienen zu glauben. die gestern abend hier ein Zimmer gemietet hat«. Zeke wußte schon seit langem. »Sieht fast wie eine Frau aus. 291 . aber er lächelte charmant. Zeke habe ein männliches Ritual bestanden. daß sein entstelltes Gesicht bei Männern und Frauen unterschiedliche Reaktionen auslöste. vermutlich weil die Narbe etwas Gefährliches andeutete. daß Raphael bereits zwölf Morde auf dem Gewissen hatte. Als Zeke vor dem Büro des Motels angehalten und durch das Fenster eine grauhaarige Frau an der Rezeption gesehen hatte. was sie beeindruckte und ihm ihre unbewußte Anerkennung verschaffte. Die Frau ahnte bestimmt nicht. Meist fanden jüngere die Narbe faszinierend.Sacramento. Raphael mit der Hornbrille und dem Lockenkopf wirkte harmlos wie ein Chorknabe. antwortete sie. sagte die Frau jetzt. Kalifornien »Haben Sie diese Frau gesehen?« Die Frau an der Rezeption im Dew Drop Motel blickte auf das Photo. vielleicht sogar aufreizend. »Können Sie mir vielleicht sagen. denn er wußte. die durch Augenbraue. »Ich darf Ihnen den Namen nicht nennen«. Männer reagierten wohlwollend auf die Narbe. unter welchem Namen sie sich eingetragen hat?« Diesmal stellte nicht Zeke die Fragen. Ältere Frauen dagegen reagierten abweisend.

»Wissen Sie zufällig. Vielleicht hat sie die beiden noch gesehen…« Fünf Minuten später stieg Raphael zufrieden in den Wagen. Das mußte sie sein! »War sie in Begleitung?« fragte er.« »Einen Reisescheck?« Sie zeigte ihm den Scheck – American Express. »Läßt du unseren Boß wissen. um nach der Frau in Begleitung eines Priesters zu suchen. Das war der Priester. Jane Smith. Er überflog die Einträge. dann wären alle Motels und Hotels in Kalifornien geöffnet gewesen. »Angeblich nicht. Miss Smith hat sich also nicht einfach davongeschlichen. aber beide Betten waren benutzt. daß wir der Dame auf der Spur sind?« Zeke erwiderte abschätzig: »Sollen seine teuren Computer sie doch finden!« 292 . in welche Richtung die beiden gefahren sind?« »Tut mir leid. Die Jahrtausendwende half ihnen bei der Suche. sagte die Frau: »Warten Sie! Ich werde Lucinda fragen…« Sie wählte bereits eine Nummer.Sie schob ihm das Gästebuch über die Theke. Raphael hätte beinahe laut gelacht. Die Putzkolonne hat beim Saubermachen einen Reisescheck unter der Tischlampe gefunden. ausgestellt und unterschrieben von ›Michael Garibaldi‹. Wenn die Menschen nicht den Weltuntergang gefürchtet hätten. »Wer ist Lucinda?« »Sie hat das Zimmer saubergemacht.« Als er sich umdrehen wollte. und sie hätten tausend Leute gebraucht. Zeke würde sich über die Ironie des Schicksals freuen.

Damit verhinderte er. Er wußte. Das Faszinierende an der Jagd nach Informationen. daß Teddy sich am liebsten als eine Art Ritter sah. Die gewonnene Information war für den Hacker eigentlich zweitrangig. daß es einen Menschen gab. sich unbemerkt an sie heranzupirschen. die Miles bei Dianuba Technologies 293 . und die Jagd auf einen Menschen anstelle einer Spielfigur war noch besser – eine Archäologin floh mit alten Schriftrollen. und Miles brauchte ihn. war die Herausforderung. Aber heute hatte er es vorgezogen. Er durfte nicht riskieren. Die rechte Hand darf nicht wissen.Santa Fe. Aus diesem Grund ahnte Teddy auch nichts von den drei Computerfachleuten. der zuviel über ihn wußte. Deshalb hatte er Teddy den Abend freigegeben. Miles rechnete jeden Augenblick mit dem Eintreffen wichtiger Informationen. Diesmal hatte es Teddy mit dem Verstand eines wirklichen Menschen zu tun und nicht nur mit einer Kodierung. allein im Kommunikationszentrum zu bleiben. Teddy Yamaguchi war der Beste auf seinem Gebiet. aber niemand darf dabei körperlich Schaden nehmen. Miles wußte das. Deshalb achtete Miles darauf. so fand er. daß Teddy etwas davon erfuhr. Das war das Meisterstück. was die linke tut. daß Teddy nichts von Zeke erfuhr oder von dem Zusammenhang mit dem Mord an Daniel Stevenson. Aber für Teddy galt auch das Motto der Hacker: Man darf alles tun. Miles hielt sich an dieses Motto. Auch er hielt sich an Regeln und Moralgesetze. New Mexico Teddys T-Shirt hatte den vielsagenden Aufdruck: ›Informationen wollen frei sein‹.

daß ich abends ohne Begleitung das Haus verließ. und es war undenkbar. nach Hause zu gehen. Ich fand darunter auch zerstoßenes Haschisch. übersetzte sie die Schriftrollen. Philos empfing mich freundlich. Meine Mutter hatte einen Vorrat an Kräutern und Heilmitteln. Außerdem wollte ich einen Mann besuchen. mich nach Hause zu begleiten. Miles griff erregt nach der ersten Seite. und ich wollte unter allen Umständen mit ihm reisen. Er überlegte gerade. aber er forderte mich auf. der nicht verwandt mit mir war. Aber Philos würde Antiochia am nächsten Tag verlassen. Das Fax hätte schon vor Stunden eingehen müssen. die sie bei Geburten verwendete. die siebte Rolle zu finden. als auf dem Monitor endlich die ersehnte Meldung erschien und gleichzeitig der Drucker zu laufen begann. Am Abend ging ich zu dem Gasthaus. mit dem man einen Blutsturz behandelte. Ohne eine Übersetzung konnte Miles die Suche auch ganz aufgeben. bot er an. daß es auch als Aphrodisiakum wirkte. ›Ich brachte Philos durch eine List dazu. Da ich das ablehnte. ob er sich telefonisch nach dem Grund der Verzögerung erkundigen sollte. Das Fax kam aus Kairo. mich zu heiraten…‹ Ich brachte Philos durch eine List dazu.eingesetzt hatte. Das war ein kühner und waghalsiger Schritt. unabhängig voneinander für ihn zu suchen. Miles stand vor dem Problem. denn ich war die unverheiratete Tochter einer angesehenen Familie. daß es noch nichts zu suchen gab. mich zu heiraten. Während die Alexander auf der Flucht war. Ich nahm einen Krug Wein mit. aber jeder wußte. Als ich 294 . Damit stiegen ihre Chancen. und die nur darauf warteten. Mitternacht war bereits vorüber. in den ich das Haschisch geschüttet hatte.

sollte mit ihm die Welt kennenlernen. Er trank nur einen einzigen Schluck. sagte er: ›Wenn ich von deinem Wein trinke. liebe Amelia. daß ich ihn nicht liebte… Unser erstes Reiseziel war Indien. Es war deshalb nicht wichtig. der Trank habe seine Wirkung getan. Er habe das seit der ersten Begegnung gewollt.auch das ablehnte. mich zu heiraten. Ich trug den flammendroten Brautschleier und sprach das uralte Ehegelöbnis: ›Ubi tu Gaius. daß das Haschisch keine Wirkung auf Philos haben konnte. daß sich Männer und Frauen die Ohrläppchen durchstechen lassen als Schutz gegen den unheilvollen Einfluß gefährlicher Sterne und böser Geister. Ich verließ das Gasthaus. ein Land der Götter und Geister. Ich erfuhr. das neue Leben mit uns beginnen konnten. Dort befragt man vor jeder wichtigen Entscheidung die Sterne. Ich wußte damals nicht. Ich dachte. Philos erzählte mir später. es sei seine Absicht gewesen. wie ich es versprochen hatte. für die Hochzeit. Für Philos war ich eine gute Partie. Wir wählten den Juni. denn seine Braut stammte aus der vornehmen Sippe des Fabianus. denn ich hatte die Stengel und nicht die Blätter zerstoßen und in den Wein gemischt. Und ich? Ich. ego Gaia‹. Philos trug mich in der Hochzeitsnacht über die Schwelle des Zimmers. wirst du dann gehen?‹ Ich stimmte zu. die sich an meine Sandalen klammern mochten. Und so heiratete ich Philos. ein Fluß gilt als heilig. damit keine bösen Geister. der Dämonen und überirdischen Wesen. In diesem uralten Land weilen die Ahnen noch unter den Lebenden. und Philos erschien am nächsten Morgen in unserem Haus und hielt bei meiner Mutter um meine Hand an. und Kühe werden nicht geschlachtet. 295 . den glückverheißendsten aller Monate.

Dafür gab er ihnen das Geheimrezept der Hekate. In meiner jugendlichen Begeisterung und Unschuld glaubte ich. der Gerechte würde wiederkommen. ein uraltes Mittel gegen Kopfschmerzen. aber er war ein gütiger und geduldiger Lehrer. Entzündungen und Gliederschmerzen. Ich erzählte allen. Eine neue Ordnung wird kommen. von seiner Botschaft des Friedens. wie er es versprochen hatte. Und ich wußte. Der ›Honig‹ ist körnig und wird nur zum Süßen von Medizin verwandt. das so groß wird wie ein Mann. obwohl ich glaube. denn wir waren in einer besonderen Zeit geboren worden. was für ein Abenteuer das für uns war! Ich war jung und wollte unbedingt die Botschaft des Gerechten verbreiten. die Welt ändern zu können. Man braucht dazu die Rinde von Weiden. Die Tempel wurden besser gepflegt als je zuvor. In Arabien erfuhren wir auch. denn alle sahen die Zeichen.Stellt Euch vor. daß man eine Möglichkeit gefunden hatte. Überall lag eine erwartungsvolle Hoffnung in der Luft. Man gewinnt den ›Honig‹ aus einer Art Schilfrohr. Auf der Suche nach dem Wundermittel tauschte Philos sein Wissen mit Ärzten aus. Fieber. liebe Schwestern. lernten wir neue Menschen kennen. Wir reisten entlang einer Straße mit sehr alten Türmen. Das Reich wird zerfallen. daß es in Persien Bäume gibt. damals zu leben. und auf den Altären der Götter häuften sich die Opfergaben. die vor langer. Er lernte neue und wirkungsvolle Heilmittel kennen. ›Honig‹ anzubauen. Wohin wir auch kamen. Die Menschen im Osten kannten dieses Mittel damals noch nicht. Auf dem Weg nach Indien mußten wir Arabien durchqueren. sagten die Menschen. Wir schätzten uns glücklich. an dessen Namen sich 296 . Ich liebte Philos zwar nicht. Dort stellten wir fest. langer Zeit ein Kaiser errichten ließ. die Wolle tragen. daß ich ihn manchmal verwirrte. so gut ich es konnte.

In den vielen Wochen und Monaten der Reise zum Indus. und ich sehnte mich nach Liebe. bei Asthma und Husten mischte er mit verblüffendem Erfolg einen Trunk aus der Ephedrapflanze. wohin wir kamen. anstelle von Wochen. Der Knochen stammte aus Europa. Überall. aber alle sagten. suchte Philos nach Hinweisen auf die Riesen der Vergangenheit. Der Kaiser ließ Botschaften durch Leuchtsignale von Turm zu Turm übermitteln. während Cornelius Severus im Namen des Kaisers Recht sprach. ob ich je die glühende Liebe kennenlernen würde. Philos war ein behutsamer und geduldiger Ehemann. 297 . Auf diese Weise erreichte eine Botschaft das nächste Königreich in wenigen Tagen. daß die Türme in Sichtweite voneinander stehen. Er war fast zwei Beinlängen lang. sprach ich mit den Frauen in ihren Zelten und an den Lagerfeuern. daß er einmal einen ihrer Knochen gesehen hatte. Früher stand auf jedem Turm ein Mann Wache. wo römische Soldaten beim Ausheben der Fundamente für eine Brücke einen versteinerten Oberschenkelknochen gefunden hatten. Als Allheilmittel gab Philos den Kranken die zerstoßenen Zähne von Haien in Wein zu trinken. der ein Feuer unterhielt. und ich begann mich zu fragen. Bei schweren Blutungen.niemand mehr erinnert. Ich war jung. Der Führer unserer Karawane erzählte. aber es fehlte die Leidenschaft. die er den Menschen gebracht hatte. er stamme von einem Menschen. Er sagte mir. Die einfachen Legionäre hatten ihren eigenen Militärarzt. Ich erzählte ihnen von dem Gerechten und der Botschaft. und Philos das Wundermittel gegen den Tod suchte. von der Catull in seinen Gedichten spricht. Philos diente auf den Reisen treu Cornelius Severus und seinen Offizieren.

DER SIEBTE TAG 298 .

Alexander. daß sie es gerade noch ertragen konnte.Montag. Catherine Alexander aus Santa Monica. sondern ein Photo neueren Datums. und dann spürte sie einen kalten Luftzug. Catherine trocknete sich hastig ab.« Wieder sah sie ihr Bild auf der ersten Seite. »Was ist denn los?« fragte sie und griff nach ihren Schuhen. »Kollegen von Ihnen haben die Polizei benachrichtigt. wir müssen sofort hier weg!« Garibaldi schlug die Tür zu. Eine Motelangestellte hat ebenfalls die Polizei angerufen. denn sie hatte die Dusche voll aufgedreht. 299 . Diebstahl und Schmuggel von nationalen Kulturgütern gesucht‹ Catherine glaubte. wer Sie sind«. Seine laute Stimme in dem kleinen Bad ließ sie zusammenschrecken. Darunter stand ihr Name: ›Dr. Sie suchte ihre Socken und stellte verblüfft fest. Kalifornien. und der Luftzug hörte auf. Das Wasser war so heiß. »Man weiß jetzt. erwiderte er und zeigte ihr eine Zeitung. Diese Frau wird in Verbindung mit zwei Morden. der Boden unter ihren Füßen werde sich auftun und sie verschlingen. Aber diesmal war es nicht das Porträt des Polizeizeichners. Dezember 1999 Goshen. zog die Jeans und das T-Shirt an und eilte mit nassen Haaren aus dem Bad. 20. daß Garibaldi ihre Sachen bereits gepackt und neben seine Reisetasche gestellt hatte. »Dr. als sie Ihr Bild in der Zeitung sahen. Kalifornien »Frau Doktor? Frau Doktor!« Catherine hörte ihn nicht. Garibaldi klopfte an die Tür.

Wir fahren nach Südosten. »Aber wir können nicht mehr mit dem Wagen fahren«. »Wenn ich nach Mexiko fliehen würde. Ich hoffe. Auf der Fahrt flüsterte er so leise.« Benommen überflog Catherine den Artikel: ›Es besteht Grund zur Annahme. »Man bringt Sie nicht mit dem Priester in Zusammenhang.‹ Es war ein langer Artikel. sagte er mit einem Blick auf den Parkplatz. daß der Mann ihn nicht hörte: »Wir sind etwa dreihundert Meilen von Mexiko entfernt. Offenbar hatte man jeden. daß ich die Leute weiter von Ihnen ablenken kann. sagte er. daß Dr. sagte Garibaldi an der Tür. daß sie zum GreyhoundBusbahnhof wollten. »Ich nehme das Gepäck.« Er trug die Soutane.« Er hatte dem Taxifahrer gesagt.« »Was ist dort?« »Die Wüste«. »Das Taxi ist da«. und ein Sonnenstrahl fiel in das abgedunkelte Zimmer. daß auch Julius erwähnt werden würde. Sie wurde zuletzt in einem roten Ford gesehen und fuhr in Richtung Süden. nach ihr gefragt: die Stiftung. der gleichzeitig mit Ihnen im vorigen Motel war. Mylonas im Hotel Isis. Alexander am Samstagabend unter dem Namen Jane Smith in einem Motel in Sacramento abgestiegen ist. Aber sein Name tauchte nicht auf. wäre das wie ein Eingeständnis meiner Schuld. »Deshalb lasse ich ein Taxi kommen. sogar die amerikanische Einreisebehörde. »Von mir wissen sie immer noch nichts«. 300 . Samir. Catherine erwartete. Mr. der etwas über sie wußte.Garibaldi öffnete die Tür einen Spalt. antwortete Catherine. Wir können es noch heute nacht über die Grenze schaffen…« Aber sie schüttelte den Kopf.

Bis gestern abend hatte die Polizei Catherines Identität noch nicht gekannt und weder etwas von ihrer Beziehung zu Daniel gewußt noch davon. die Polizei werde von ihm nichts erfahren. 301 . Es quälte ihn. daß sich die Papyri in ihrem Besitz befanden. Alexander unter dem Verdacht steht. selbst alle Anschuldigungen zurückzuweisen. ein richtiges Photo von ihr mit Namensangabe.West Los Angeles »Dr. daß diese Frau Catherine Alexander ist?« hätte man ihn gefragt. denn auf der Titelseite befand sich Catherines Bild. seit er vor der Polizeiwache im Auto gesessen hatte und eine Aussage über Catherine machen wollte. Der neblige Morgen brachte in Form der Los Angeles Times ein böses Erwachen. Das imaginäre Verhör wollte ihm nicht aus dem Kopf. daß sie bei Ausgrabungen in Ägypten gefundene Schriftrollen ins Land geschmuggelt hat?« Er hätte Catherine an den Pranger gestellt. »Und Sie wissen mit Sicherheit. Aber das war gestern abend gewesen. beschloß er. »Sie sagen. daß Frau Dr. daß die Einfuhr von fremden Kulturgütern in dieses Land ein Vergehen ist? Haben Sie vergessen. Nach längerem Überlegen war er dann doch nicht ausgestiegen. genau das getan zu haben? Wo befindet sie sich jetzt? Welcher Zusammenhang besteht zu dem Mord an Daniel Stevenson?« Julius stand vom Schreibtisch auf und rieb sich die Schläfen. ist Ihnen bewußt. Voss. Als sich Julius nach dem stummen Selbstgespräch schließlich entschieden hatte und vom Parkplatz der Polizeiwache gefahren war. Bis gestern abend hatte Catherine noch die Möglichkeit gehabt.

Er warf die Zeitung auf den Schreibtisch und schob die Hände in die Hosentaschen. Julius griff nach der Zeitung und las den Artikel noch einmal. Julius wußte. Hatten Daniels Mörder die anderen Photos an sich genommen? Wer immer sie auch sein mochten. daß sie noch lebte. Er wollte etwas für sie tun. als sie erklärt hatte. Der Mann. Die Photos und die Originale 302 . um die siebte Schriftrolle zu bekommen. als er las. wurde nicht erwähnt. Aber was? Dann kam ihm ein Gedanke. sie würden wieder töten. Solange die Suche danach weiterging. daß sie jede Seite der Bücher photographiert hatte. Ich muß die siebte Schriftrolle finden. Und wie sollte das geschehen? Bestimmt suchte Catherine bereits danach. Die anderen sechs Rollen enthielten vermutlich Hinweise darauf. und das waren mehr als hundert Bilder. Er erinnerte sich noch gut an die Entschlossenheit in ihren Augen. die Polizei habe neunzehn Photos der Schriftrollen gefunden. wo der ›Schatz‹ vergraben war.Julius war jedoch erleichtert. mit dem Catherine angeblich aus Daniels Wohnung geflohen war. Natürlich würde sie so lange untertauchen. Dort hieß es. Seine Hilflosigkeit empfand er wie eine Folter. sie war nicht entführt worden. Julius vermutete. sie wollten die Schriftrollen unbedingt in ihren Besitz bringen und schreckten selbst vor einem Mord nicht zurück. bis sie die Übersetzung abgeschlossen hatte. Sie befand sich auf der Flucht. Auf Grund der Berichte in den Zeitungen über den sensationellen Fund in Ägypten würden sich natürlich alle möglichen Leute an dieser verrückten Schatzsuche beteiligen. Aber von Catherine wußte er. wie eigensinnig Cathy sein konnte. sie werde sich die Schriftrollen nicht abnehmen lassen. Das bedeutete. war Catherines Leben in Gefahr.

Inzwischen trafen die Mitarbeiter des Instituts ein. Dabei achtete er auf die Namen: Amelia. daß Catherine nicht viel Zeit blieb. die Kataloge der Archive nach Schriftrollen zu durchsuchen und zu überprüfen. Jeder von 303 . Julius fürchtete. ob er die Namen in griechischen Texten dieser Zeit fand. Alle hatten die Zeitung gelesen. als Catherine unerwartet aus Ägypten zurückgekommen war und ihm die alten Papyri gezeigt hatte. Allerdings würde selbst ein Computer für diese Art Suche viel Zeit brauchen. Er ging unruhig in seinem Büro auf und ab und rief sich den regnerischen Nachmittag ins Gedächtnis. Er hoffte. die siebte Schriftrolle einem König zu geben. das Versteck aufzuspüren. so wie er sie auf dem Sofatisch in seinem Haus gesehen hatte. Plötzlich fielen ihm wieder ihre Worte ein: ›Sabina rät Amelia. Julius dagegen stand mit leeren Händen da. um das Blut besser zirkulieren zu lassen. an anderen jedoch wieder verblüffend deutlich war. Wessen Name? Es war nicht der Name des Königs… Er griff nach der Zeitung und las noch einmal die Übersetzung. falls man sie verfolgen würde…‹ Julius rieb sich die Stirn und den Nacken. Sabina. Perpetua. Ihm war ein Name aufgefallen. Natürlich wäre es einfach. seine Erinnerung werde sich bei ruhiger Konzentration lückenloser einstellen. Er schloß die Augen und stellte sich die alten Bücher vor. Wohin sollte er gehen? Er konnte unmöglich so tun. als beginne ein ganz normaler Arbeitstag. der an manchen Stellen kaum lesbar.halfen den anderen. den er im Originaltext gelesen hatte. Catherine entfaltete einen Papyrus und beugte sich über den Text. Das wäre wenigstens ein Anfang… Julius ging zur Tür seines Büros und wollte sie öffnen. Aber er blieb unsicher stehen. Wenn er sich doch nur an den Namen erinnern könnte.

Der Name sollte ihn an die Intrigen im vergangenen Jahr erinnern und an den Konkurrenzkampf. Die Weihnachtsbeleuchtung auf dem Wilshire Boulevard brannte schon am frühen Morgen. Aber was. Er drehte sich um und ging zu der Bücherwand gegenüber. um sich das Gerede und die Fragen vorzustellen. Möglicherweise mußte er auch mit höflichem. den sie geheiratet hatte? Vielleicht war er der König. Er hätte nicht ins Institut kommen dürfen. Der Nebel täuschte offenbar die Sensoren… Fabianus… Julius holte tief Luft. aber peinlichem Schweigen rechnen. daß Julius und Catherine verlobt waren. Er hatte nicht die Zeit. startete den Computer und dachte dabei an die verfügbaren Suchprogramme: Lycos. OmniSearch… Mrs. Natürlich hatte Cathy deshalb den Namen der Mumie gewählt. alle diese Bücher durchzusehen. Normalerweise schaltete sich die Beleuchtung erst bei Einbruch der Dunkelheit ein. Seufzend trat er ans Fenster und blickte hinaus. als ein 304 . Meritites… Er kniff die Augen zusammen und nickte. um alles in der Welt? Julius verfluchte im stillen die Lage. InfoSeek. War es Sabinas Vater oder ein Mann. Man brauchte nicht viel Phantasie. dem man die siebte Rolle anvertraut hatte… Julius schüttelte den Kopf. Wer war ›Fabianus‹? fragte er sich und überflog die Titel der Bücher. Das war der Name! ›Fabianus‹. als sie ihm auf dem Anrufbeantworter die seltsame Nachricht hinterließ. in die er geraten war. und er sollte schnellstens etwas unternehmen. um Catherine zu helfen. und das wäre noch schlimmer.ihnen wußte. Er setzte sich an den Schreibtisch. den die Untersuchung der Königin ausgelöst hatte.

Aber er wollte zum jetzigen Zeitpunkt unter keinen Umständen eine Aussage machen. die Journalisten und die Polizeibeamten… 305 . Dann trat er in den grauen Morgen hinaus. als er die Übertragungswagen der Fernsehsender sah. Er seufzte und dachte gereizt: Wie soll ich ohne Computer nach der siebten Schriftrolle suchen? Die Zeitung auf dem Schreibtisch erinnerte ihn daran. bis die Journalisten oder die Polizei bei ihren Nachforschungen auch auf ihn stoßen würden. Weshalb glaubte Catherine. Er wollte nicht lügen. Und dazu würde man ihn mit direkten Fragen zwingen. die Kameras. daß es nur eine Frage der Zeit war. Wie konnte er das zumindest so lange hinauszögern. Eilig ging er durch die langen Gänge und hinterließ am Empfang die Nachricht. er sei den ganzen Tag nicht im Institut und auch zu Hause nicht zu erreichen. salzige Meeresluft schlug ihm entgegen. Die feuchte.Kollege das Telefon von Julius angezapft hatte! Er runzelte die Stirn. zog sein Jackett an und verließ entschlossen das Büro. zum Strandhaus zu fahren. jemand überwache sein Telefon und seinen Computer? Wer würde so etwas tun und aus welchem Grund? Verwirrt blickte er auf den blinkenden Cursor und schaltete den PC wieder aus. Es roch nach Regen. alles noch einmal in Ruhe durchzudenken? Er stand auf. Er hatte sich gerade entschieden. bis er Zeit gehabt hatte.

wäre es natürlich kein Problem gewesen. wußte Miles. wichtige Informationen. Leider. denn der Text der Schriftrollen war bestimmt wie die Evangelien immer wieder abgeschrieben worden. Miles war zu dem Schluß gekommen. Aber die Schriftrollen waren ihm zu wichtig. Eigentlich hätte er nicht persönlich fliegen müssen. so vermutete Miles. sich mit Hilfe der richtigen Leute auch die Photos zu beschaffen. Aber Zeit hatte er nicht. um einem anderen die Verantwortung dafür zu überlassen. Bisher hatte er allerdings nur drei Schriftrollen ausfindig gemacht. daß er die meisten besaß. Jeder Tag brachte diese Alexander ihrem Ziel näher. die siebte Rolle zu finden. Miles hätte seinen Anwalt damit beauftragen können. die ihm nicht zur Verfügung standen. Ein dritter Papyrus 306 .Über dem Pazifik Miles spürte den Druck in den Ohren. Die Polizei hatte nur einen Bruchteil. Der Flug hatte etwas über sechs Stunden gedauert. Wenn die Zeit nicht so gedrängt hätte. Er warf einen Blick auf die Uhr. Die Polizei besaß offenbar neunzehn Photos. es müsse irgendwo auf der Welt Kopien der anderen achtzehn Seiten geben. Also brauchte er nur in Archiven und Bibliotheken zu suchen. Es handelte sich dabei um kleine. Miles mußte deshalb andere Wege einschlagen. die Transaktion durchzuführen. enthielten die Texte. der zweite im British Museum. Da Catherine Alexander die Photos klugerweise numeriert hatte. die bei der Polizei in Santa Barbara lagen. die kein Licht auf das Leben von Sabina Fabiana warfen. als sein Jet die Reiseflughöhe verließ. kaum entzifferbare Fragmente. Eines davon war in den Zeitungen abgebildet worden. Ein Papyrus befand sich im Archiv der Duke University.

Der Pilot ließ ihn damit wissen. die Oscarverleihung. denn in seiner Vorstellung war das Anwesen sein Palast. Miles wollte seine Gäste in dem Bewußtsein begrüßen. Er hatte wie immer seine eigenen Absichten. um dafür zu sorgen. daß er im neuen Jahrtausend alle seine Ziele erreicht hatte. daß alles nach Plan verlief. Gewiß. das Dokument befinde sich in einem ausgezeichneten Zustand. Die mehr als tausend Menschen aus aller Welt kamen. sein Computerzentrum Zepter und Schwert. Miles wollte dieses Dokument haben. Aber das ganze Fest wäre für ihn bedeutungslos. Es stammte aus dem sechsten Jahrhundert und war die Kopie eines Papyrus aus dem zweiten Jahrhundert. die berichtete. Den Hinweis auf dieses Fabiana-Fragment fand Miles in der Zeitschrift Archaeology. Er brauchte Beute. Miles lächelte. und die Vorbereitungen für die große Silvesterfeier waren in vollem Gang. der Konzern war der Thron. Die Entscheidung zu diesem Flug nach Hawaii war ihm nicht leichtgefallen. den Debütantinnenball und das FilmFestival von Cannes. in diesem Augenblick hätte er Erika zur Seite stehen müssen. wenn es nicht zum Höhepunkt seiner Ambitionen werden würde. Das Fest sollte alles übertreffen.befand sich im Privatbesitz eines gewissen Aki Matsumoto. Der Tiger in Miles war hungrig. Niemand ahnte den eigentlichen Grund für die Jahrtausendfeier. in dem die Inseln wie wahllos verstreute Edelsteine leuchteten. Das gelbe Leuchtsignal der Sprechanlage neben seinem Sitz blinkte mehrmals. daß sie sich im Landeanflug befanden. Miles sah unter sich das dunkelblaue Meer. Das Haus füllte sich bereits mit Gästen. eines reichen japanischen Geschäftsmannes. um ihm in der Casa Havers zu huldigen. im Tropenhaus 307 . denn er ließ Erika nur ungern allein zurück.

Es war der Schlüssel für seine Stärke. Dieser Triumph würde das Fest zu seiner persönlichen Siegesfeier machen. daß sich dort die Schriftrollen befanden. er. seine Überzeugungskraft. sammelte er das Wertvollste. die zum Tagesgespräch geworden waren. Das neue Jahrtausend würde ihm unbegrenzte Macht bringen. seiner Schatzkammer. Der Flugbegleiter öffnete die Kabinentür und ließ die feuchte Brise in das Flugzeug. die er in der Elektronikbranche verdiente. daß die Kontaktperson eingetroffen sei. Der unsichtbare Fahrgast auf dem Rücksitz war. was Menschen geschaffen hatten. Der Jet landete. Mochten die Regierungen. die nichts von den vielen Millionen verrieten. Kurz darauf meldete er. Er würde auf seine Weise Herrscher der Welt sein. Wenn er die Gäste mit dem Wissen begrüßte. Er trug immer schlecht sitzende Anzüge. Aki Matsumoto – ein reicher Mann mit blasser Haut und traurigen Augen. Miles war aus diesem Grund auch nicht mit dem Firmenjet mit dem Logo des Konzerns an 308 . wer ihn hierher gebeten hatte. wo Privatflugzeuge und die Maschinen der kleinen Frachtfluglinien abgefertigt wurden. dann konnte er an Silvester triumphieren. Miles blickte aus dem Fenster und sah einen glänzenden schwarzen Mercedes mit geschlossenen getönten Scheiben. rollte zum Ende des Flughafens.hütete er die Perlen. würde als einziger wissen. und im unterirdischen Museum. denn er hatte den Zugriff auf alle Informationen. was darin stand. Miles. Matsumoto seinerseits ahnte nicht. die Medien und alle Menschen spekulieren. Bei solchen Geschäften wahrte Miles stets seine Anonymität. weil alle sich davon Aufschlüsse über die Vergangenheit und die Zukunft erhofften. und erreichte die Parkposition. wie Miles wußte. seinen Weitblick. Das Wissen bestimmte seine Entscheidungen. Sein Anwalt hatte die Begegnung mit Matsumoto vorbereitet.

Miles saß noch in dem bequemen taubengrauen Ledersitz und zog aus dem steifen Umschlag das Dokument und das Echtheitszertifikat. sondern mit seiner weißen Privatmaschine. Perpetua. daß sich in dem Umschlag Aktphotos von Aki Matsumotos vierzehnjähriger Tochter befanden. Kurz darauf wurde dem Flugbegleiter im Austausch ein anderer Umschlag herausgereicht. Deshalb griff er jetzt zu einer anderen Art Währung. Philos… Er entdeckte keinen der Namen. der die Negative der Photos enthielt. stammte. Miles reichte wie abgesprochen dem Flugbegleiter einen Briefumschlag. Der Mann ahnte nicht. die in dem ersten Umschlag gewesen waren. näherte sich der Limousine und überreichte dem Chauffeur den Umschlag. suchte Miles in dem Dokument bereits nach den wichtigen Worten. das bestätigte. Sabina. Nach einem kurzen prüfenden Blick reichte er dem Flugbegleiter einen zweiten versiegelten Umschlag. wie der Chauffeur das Wagenfenster öffnete und den Umschlag entgegennahm. die er inzwischen gelernt hatte zu erkennen – Amelia. die Matsumoto. für sein Angebot zugänglicher machen würde. die keine Identifikationsmerkmale trug. wo der Text mitten im Satz abbrach. Der Flugbegleiter verließ das Flugzeug.der Seite gekommen. daß das Pergament aus dem Jahr 586 n. Mit großer Behutsamkeit legte er den brüchigen Papyrus auf den 309 . wie er vermutete. Das Wort ›Fabiana‹ dagegen stand deutlich lesbar unten auf der ersten Seite. Er sah. Während die Übergabe an der Limousine schweigend stattfand. den er sofort ins Flugzeug brachte. Miles hatte Aki Matsumoto vergeblich eine großzügige Summe für das Fabiana-Dokument angeboten. Chr.

ohne Gefahr zu laufen. wo er sie haben wollte – ihr blieb nur noch das Internet für ihre Suche. werde eine besser lesbare Photokopie folgen. Seine Chancen. Als Miles zwei junge Einheimische in der Nähe des Hangars sah. wenn er wieder zu Hause sei. Niemals kam er von einer Reise ohne ein Geschenk für Erika zurück. Er fand wieder Gefallen an der Jagd nach den Schriftrollen. Das Blatt hatte sich gewendet. um für ihn etwas zu besorgen. und die Zeitungen sorgten dafür. winkte er den Flugbegleiter zu sich. Damit hatte Miles sie dort. daß man sie erkannte. und der Flugbegleiter kam zurück an Bord. Miles hob das Muschelhalsband ans Fenster und freute sich. Der Mercedes rollte davon. als der Pilot Miles meldete. die siebte Rolle vor ihr zu finden. daß sie abflugbereit seien. was der Mann für ihn gekauft hatte. Miles schnallte sich zum Start an. dann betrachtete er. Er gab dem Mann hundert Dollar mit den entsprechenden Anweisungen und ging in die Maschine zurück. sich draußen etwas Bewegung zu gönnen. Die Polizei hatte Catherine Alexander identifiziert. Der Flugbegleiter erschien genau in dem Augenblick. beschloß Miles. in dem die Maschinen gewartet wurden. Beim Anblick des ZehnDollar-Preisschilds lächelte Miles. denn sie waren zu dem Souvenirladen in der Abflughalle des Flughafens gerannt. denn sie konnte kaum etwas tun. 310 . waren eindeutig wieder besser. daß sie jetzt praktisch eine Gefangene war. Da die Maschine noch aufgetankt wurde.Scanner und faxte den Text mit dem handschriftlichen Zusatz nach Kairo. Die beiden Jungs hatten sich das Taschengeld verdient. Er blickte in die Tropensonne und freute sich über die gelungene Transaktion.

Der Zeitdruck ist unerträglich. so daß der Kugelschreiber ihn nicht traf. Er ergab keinen Sinn. Sie griff nach der Lupe. daß Garibaldi.Mojave-Wüste. aber die meisten. wenn Sie demnächst mit Messern nach mir werfen. »Du meine Güte. erstaunt den Kopf hob. zog die Lampe so nahe heran. Ich sitze über dem brüchigen Papyrus und kann nur langsam und 311 . »Sagen Sie es rechtzeitig. Dann sah sie es. richtete die Lampe auf das Papyrus und betrachtete sich genau das letzte Wort. Sie schlug in Strangs Griechisch im Neuen Testament das Wort #0061-GSN nach: ›agra – ein (Fisch)Zug. KJV: Fischfang‹ Catherine blickte wieder auf den Papyrus. Dann las sie den Satz.« Sie lachte. »He!« rief Garibaldi und zog schnell den Kopf ein. »›Agora‹« rief sie erleichtert so laut. den sie gerade übersetzt hatte. veränderte langsam den Abstand der Lupe zur Papyrusseite und hielt den Blick auf das fragliche Wort gerichtet. daß durch die Hitze der Glühbirne ihr Haar heiß zu werden begann. noch einmal. wie kann man nur so dumm sein! Sabina begegnet Satvinder natürlich auf dem ›Markt‹ und nicht auf einem ›Fischzug‹!« Sie griff nach dem Kugelschreiber und warf ihn quer durch das Zimmer. Kalifornien ›Ich begegnete Satvinder auf einem Fischzug…‹ Catherine zog die Augenbrauen zusammen. der am Computer saß. »So war es nicht gemeint. Das sind die Nerven. Λγρα… eindeutig: αγρα. Havers hat zwar nicht alle Photos. Zwischen dem ›y‹ und dem ›p‹ befand sich ein winziges ›0‹.

Indianerhöhlen.« Sie warf einen Blick auf den Bildschirm. Auf dem Nachttisch zwischen den beiden Betten lagen für die Besucher Hinweise auf die Sehenswürdigkeiten der Umgebung: die Geisterstadt Calico. Stellen Sie sich vor. »Es ist bestimmt riskant. in dem König Tymbos regierte. nach denen ich noch suche. wir haben Probleme. was es auf der Straße an Lebenszeichen zu sehen gab. Das bedeutet. Vermutlich läßt er mehrere Leute gleichzeitig übersetzen. der sich ihm als nützlich erweist. noch einmal Online zu gehen. Havers hat die wichtigen Hinweise bereits gefunden. Er dagegen hat Reproduktionen. Death Valley: der tiefste Punkt der westlichen Hemisphäre.vorsichtig an einem kaum lesbaren Text arbeiten. die er vergrößern. Wir haben zwar von dem neuen Service Provider die Zugangsberechtigung. »Glauben Sie. Edwards Air Force Base – Landeplatz der US Space-Shuttle. um es schnell und unerkannt wieder zu verlassen!« Garibaldi stand auf und streckte sich. ich wie eine Schnecke übersetze und Sie sich wie ein Dieb ins Internet schleichen. Aber außer Plakaten mit Klapperschlangen und Hinweisschildern auf Indianergräber und Dinosaurierskelette war es wirklich 312 . während wir hier wie Gefangene sitzen. aber das Konto ist noch nicht aktiviert. vervielfältigen und jedem geben kann. »Ja. wo die siebte Schriftrolle liegt. Vielleicht kennt er schon die Stadt oder das Land. das aus einer Reihe rosa verputzter Bungalows bestand. er ist bereits auf dem Weg zu dem Platz. man ist uns auf der Spur?« »Ich weiß es nicht«. erwiderte er und trat ans Fenster. Auf der endlosen Busfahrt nach der überstürzten Abreise aus Goshen hielt Catherine Ausschau nach allem. oder ein paar fangen von rückwärts an.« Sie befanden sich inzwischen mitten in der Wüste in einem Motel.

»Angenommen. »Wenn Sabina doch nur den Namen des Kaisers noch einmal erwähnen würde«. seufzte Catherine. »Es wäre eine große Hilfe. um ins Freie blicken zu können. Catherine wandte sich seufzend wieder dem ausgebreiteten Dokument zu. das wäre zu spät. Löscht man etwas auf der Festplatte. denn er glaubte nicht.« Die Suche im Netz hatte viele Hinweise auf ›Amelias‹ und sogar auf ein paar ›Perpetuas‹ gebracht. Caligula wäre noch besser.« Garibaldis prüfender Blick aus dem Fenster war nur Routine. Aber fehlendes Papier? Wenn es fehlt. daß uns wesentliche Informationen vorenthalten bleiben. Sie fuhr sich mit den Fingern durch die kurzen weißblonden Haare. dann fehlt es eben. »Die Lücken im Papyrus sorgen natürlich dafür. wie Catherine den Bungalow betrat. wenn es nicht mit anderen Informationen überschrieben ist. im Auftrag welches römischen Kaisers Cornelius Severus durch das Reich reiste. sagte Garibaldi und schob den Vorhang etwas beiseite.« »Es wäre auch nicht schlecht«. Aber die Suche nach ›Philos‹ ergab unzählige Verweise auf Worte mit der Silbe ›philos‹.« 313 . Auch der Mann an der Rezeption des Motels hatte vermutlich nicht gesehen. dann wäre es schon möglich. wenn wir wüßten. Aber wenn es Kaiser Tiberius war. dann wüßten wir. aber Vespasian. daß ihnen jemand am Busbahnhof von Goshen oder in Mojave besondere Beachtung geschenkt hatte. und Claudius natürlich am besten. Trotzdem mußten sie wachsam sein. Nero hätte sie verfolgen können. kann man es später trotzdem wieder zurückholen.« »Leider ist Papyrus keine Festplatte. »wenn wir wenigstens einen der Familiennamen dieser Frauen kennen würden. sie hat Philos zur Zeit des Kaisers Augustus geheiratet.wenig. daß sie vor Jesus lebte und daß diese Schriftrollen nicht von Augenzeugen stammen.

»Das klingt nach einer Katze. »Ich liebe Katzen«. Eine Blondine mit professionellem Lächeln und sanfter Stimme las die Meldungen des Tages.« Er setzte das Kätzchen vorsichtig auf den Tisch. Catherine staunte über seine Behutsamkeit. wie wohl sich das Tier bei Garibaldi zu fühlen schien. Vermutlich gehört es dem Mann an der Rezeption. »Das Fell ist sauber. ›… die Einreisebehörde hat heute 314 . erwiderte er.« Catherine sagte lachend: »Sie will etwas trinken. Er schüttelte den Kopf.« »Sie scheinen sich mit Katzen auszukennen«. »Was ist das für ein Geräusch?« Garibaldi lauschte. »Wir hatten immer viele Katzen zu Hause. Es schnurrte und schmiegte sich an seine Brust und leckte an seinem kleinen Finger. »Ich bin für Claudius. »Ja. Catherine riß sich von dem Anblick los und schaltete den Fernseher ein. Außerdem hat es keine Angst. »Woher kommst du denn?« »Vermutlich hat sie keinen Besitzer«. und ein schwarzweißes Kätzchen sprang herein. setzte sich wieder an den Computer und tippte die Zugangsnummer ein. Er öffnete die Plastikbecher mit der Kaffeesahne und gab dem Kätzchen auf einem Plastikdeckel die Milch zu trinken. sagte Catherine und hob die Hand. sagte Catherine und sah verblüfft. wo noch die Reste ihres mexikanischen Essens lagen. wen haben wir denn hier?« rief er und nahm das Kätzchen hoch. und das Kätzchen sieht gesund aus.« Er öffnete die Tür. wie das winzige flauschige Tier zutraulich in Garibaldis großen Händen verschwand.»Also!« sagte Garibaldi und verließ das Fenster. Schließlich fand sie einen. während er es sanft streichelte.« »Hören Sie…«. sagte Catherine und staunte. Sie suchte auf den Kanälen nach einem Sender in Los Angeles. die es gierig aufleckte.

Bislang ist gegen die Archäologin jedoch nicht offiziell Anklage erhoben worden. Alexander am Fundort entfernt wurde. was sie gefunden hat. und anschließend das Original. in die USA zurückgekehrt ist.‹ Verblüfft sah Catherine. Man zeigte das Photo.‹ Danach wurde Inspektor Shapiro von der Polizei in Santa Barbara nach Hinweisen auf den Aufenthaltsort von Dr. das im Zelt zurückgeblieben war und sich mittlerweile in den Händen der ägyptischen Behörden befand. Wir wissen nichts darüber. und wir haben zuverlässige Hinweise darauf. Wir haben Grund zu der Annahme. Alexanders Grabungen im Sinai im vergangenen Jahr finanziert. das Catherine von dem Jesus-Fragment gemacht hatte. Kennedy-Flughafen ein. Man braucht dazu die Aussage von Dr. Catherine Alexander vor vier Tagen. daß Dr.bestätigt. daß als nächstes die Leiterin der Stiftung eine offizielle Erklärung verlas. Wir wissen nicht. wo sie sich befindet. Kulturminister Achmed Sayed erklärte als Sprecher der ägyptischen Regierung: ›Die gezackte Linie hier deutet darauf hin. daß er sich zwei 315 . ›Wir haben Dr.‹ Garibaldi setzte sich neben Catherine auf das Bett. Nach Auskunft der Zollbeamten weiß man nicht. Alexander. daß die untere Hälfte der Seite von Dr. Wir haben seit dem ersten Dezember nichts mehr von ihr gehört. sagte der Inspektor: ›Wir haben die Information erhalten. aber der Beamte lehnte jede Stellungnahme ab. Wir können weder den Fund von Schriftrollen bestätigen noch dementieren. also am 16. Dezember. daß dieses Fragment nur Teil von mehreren Schriftrollen ist. daß Dr. Sie reiste über den John F. Alexander befragt. Stevenson am Tag seiner Ermordung aus Ägypten in die Vereinigten Staaten eingereist ist. Als man ihn nach dem Mörder von Daniel Stevenson fragte. wie die Schriftrollen vom Sinai in die USA gekommen sind.

daß die beiden Morde. die.‹ ›Inspektor Shapiro‹.‹ »Julius…«. Stevenson ermordet hat. daß es zwischen den beiden Archäologen zu Meinungsverschiedenheiten über den Fund gekommen ist und daß Catherine Alexander ihren Kollegen Dr. nicht zu wissen. Herr Inspektor?‹ ›Tut mir leid. wo sich seine Verlobte aufhält. ›es wurde der Verdacht geäußert. wie er sich zornig und empört vor den Journalisten in das Institutsgebäude rettete. der als Kardinal Lefevre 316 . Daniel Stevenson. Können Sie dazu etwas sagen. nach Südkalifornien geflohen ist.« Sie stand auf und lief unruhig im Zimmer auf und ab. Ein großer. als sie sah. »Julius hat mich gewarnt. der eine an dem amerikanischen Ingenieur J. daß er sich nicht äußern werde.‹ »Ich habe Danno nicht ermordet«. Hungerford und der andere an dem Archäologen Dr. seufzte Catherine. fragte der Reporter. Untersuchungsbeamte in Ägypten und in den USA glauben. würdevoller Mann. Julius stand vor dem Haupteingang inmitten von Reportern. wie man vermutet. Er erklärte laut und deutlich. Julius Voss behauptet. Er hat mir gesagt. nicht zu wissen. J. was in den Schriftrollen steht. um die Schriftrollen in ihren Besitz zu bringen. »Ich wünschte… Nein!« Auf dem Bildschirm erschien das Freers Institut in West Los Angeles. Deshalb haben wir uns zum ersten Mal gestritten. »es tut mir so leid.Tage vorher auf der Sinaihalbinsel aufgehalten hat. in Zusammenhang mit den verschwundenen Schriftrollen und der untergetauchten Dr. kein Kommentar. Catherine Alexander stehen. ›Dr. Außerdem behauptet er. Die Stimme der Nachrichtensprecherin war wieder zu hören. murmelte Catherine und schüttelte den Kopf. die sie angeblich aus Ägypten geschmuggelt hat. mein eigenmächtiges Vorgehen würde uns alle in Gefahr bringen.« Die Sendung ging mit einem Live-Bericht aus dem Vatikan weiter.

Sie mußte sich mit einem privaten FrauenCollege begnügen. daß ich die Führungsspitze der Kirche mit einem sehr viel älteren Rechtsanspruch konfrontieren werde. Damals war es für eine Frau unmöglich. der sie zwingen könnte. ob der Vatikan Interesse an den sogenannten ›SinaiSchriftrollen‹ habe: ›Wir sind stets an allem interessiert. das ist alles!« Garibaldi sah sie überrascht an. dann können sie möglicherweise Licht auf die frühen Jahre des Christentums werfen. ihre Flucht abzubrechen und die Schriftrollen den zuständigen Behörden zu übergeben. Sie haben natürlich Angst. was mit der Kirche zu tun hat. bewarb sich meine Mutter um einen Lehrauftrag in Yale und wurde abgewiesen. als ich gerade zwei Jahre alt war. »Wie kommen Sie darauf?« »Weil man im Vatikan vielleicht nicht zu Unrecht glaubt. weil man keine Frau im Kollegium haben wollte. »Meine Mutter war Paläographin und Bibelforscherin und vertrat einige sehr unbeliebte Theorien.‹ »Das würde den Herren im Vatikan gefallen!« rief Catherine. das zufrieden schnurrte. wo sie beide am katholischen 317 . 1965. Sie wurde 1920 geboren und hat in den vierziger Jahren studiert. Deshalb kam sie mit meinem Vater nach Kalifornien. Ich möchte deshalb die junge Frau auffordern.vorgestellt wurde.« »Wie bitte?« »Das hat meine Mutter immer gesagt«. Wenn es diese Schriftrollen wirklich gibt und wenn sie echt sind. an den führenden Universitäten einen Studienplatz zu bekommen. »Ich soll wie die sündige Maria Magdalena als Büßerin zu ihnen gehen. erwiderte auf die Frage des Reporters. ihren Platz zu räumen. erwiderte Catherine und streichelte das Kätzchen.

daß Eva als Gehilfin Adams geschaffen worden war.« Sie hörten. Ihre Bücher und Artikel lösten stets heftige Kontroversen aus. Als er einen schwarzen Ford sah. daß das hebräische Wort in der Genesis nicht ›Gehilfin‹. Er atmete erleichtert auf. und die Ankömmlinge trugen ihre Sachen hinein. es waren ein Mann und eine Frau. ließ den Vorhang wieder fallen und nickte Catherine zu. »Meine Mutter lehrte nicht nur Theologie«. daß Gott wie eine Frau in den Wehen liegt.« Das Kätzchen war eingeschlafen. fanden die Vorstellung. die Männer. Die Tür wurde aufgeschlossen. Sie schlug ›Deuteronomium. hielt er unwillkürlich die Luft an.College in Pasadena unterrichten konnten.« Catherine zog die Schublade des Nachttischs auf und nahm die Gideon-Bibel heraus. sondern ›Partnerin‹ bedeutet. du vergaßest den Gott. aber sie mißtraute den Übersetzungen. Ich glaube. in dem zwei Männer saßen. 32/18‹ auf: »›An den Fels. Aber nein. Sie wies darauf hin. »Ihre eigentliche Aufgabe sah sie in der Forschung und dem Veröffentlichen ihrer Arbeiten. »Meine Mutter war zum Beispiel nicht mit der Interpretation einverstanden. »Sie zweifeln also an den Worten der Bibel?« »Meine Mutter glaubte an das Wort. erzählte sie. Garibaldi hob die Augenbrauen. nicht ganz 318 . der dich gezeugt hat. das ursprüngliche hebräische Wort für Beschaffen ›hat‹ bedeutet ›in den Wehen liegen‹. der dich geschaffen hat. Garibaldi ging zum Fenster. und auf dem Rücksitz entdeckte er außerdem ein Kind. teilte den Vorhang einen Spalt und blickte vorsichtig hinaus. dachtest du nicht mehr.‹ Vater Garibaldi. die diese Stelle übersetzt haben. wie der Wagen vor dem Nachbar-Bungalow hielt.« Ein Wagen näherte sich langsam dem Motel. und Catherine lächelte über das zufriedene kleine Wollknäuel mit den winzigen Pfötchen.

« »Die Verehrung von Maria und die Behandlung von Frauen sind zwei ganz verschiedene Dinge. »aber ich bin der Ansicht. Ich weiß noch sehr gut. daß die von Männern stammenden Übersetzungen aus späterer Zeit der wachsenden männlichen Dominanz in der Kirche Rechnung getragen haben. daß ich auf der katholischen Schule zu hören bekam. als Meßdiener am Altar zu stehen.« »Könnte sein«. obwohl ich wußte. »Ähnliche Beispiele finden sich auch im Neuen Testament«. aber er nickte nachdenklich. als Mädchen könne ich nicht alle sieben Sakramente empfangen. Meiner Meinung nach ist es offensichtlich. ich war eine überzeugte Katholikin und hatte den sehnlichen Wunsch. das ist…« »Vater Garibaldi. Aber meine Mutter erklärte mir. daß unsere katholische Kirche die Frauen nicht schlecht behandelt. daß einige hinter dem Rücken des Priesters den Abendmahlwein tranken und andere wenig fromme Späße trieben. räumte Garibaldi ein. So wurde die ursprüngliche Bedeutung durch Interpretation verändert. Ich hätte so etwas nie getan.« Garibaldi sagte nichts. das hier als ›Diakon‹ übersetzt wird. »Paulus wurde als ›Diakonos‹ bezeichnet.richtig. daß die Katholiken die Mutter Gottes verehren.« »Nun ja. Ich wollte es nicht glauben und lief weinend nach Hause. Aber nur die Jungen durften das. Vater Garibaldi. daß die Priesterweihe ein Sakrament sei und daß Mädchen nicht zu Priestern geweiht werden können. fuhr Catherine fort. Vergessen Sie nicht. aber in den meisten Übersetzungen wird sie zu einer ›Gehilfin‹. aber als Mädchen durfte ich ja keine Meßdienerin sein!« »Ich habe diese Vorschriften nicht gemacht«. erwiderte 319 . Phoebe war auch ein ›Diakonos‹.

« »Das können Sie nicht. dann befinden wir uns in unterschiedlichen Lagern. die erste der Apostel. aber noch keinen Sturm. was Sie gesagt haben. Frauen hielten die Totenwache. daß ich von einem alten Rechtsanspruch gesprochen habe? Ich will etwas deutlicher werden.Garibaldi. 1973. ich habe es sehr aufmerksam gelesen. Ich frage Sie: Warum haben die Männer später alles an sich gerissen?« Garibaldi hob die Hände. veröffentlichte sie eine wissenschaftliche Arbeit mit dem Titel: Maria Magdalena.« 320 . 1970 veröffentlichte sie einen Artikel mit der Frage: ›War Maria Magdalena die Frau von Jesus?‹ Ihre Gedanken riefen ein paar Wellen hervor.« »Sie haben es also nie gelesen. Alles. Vater Garibaldi! Frauen nahmen den Gekreuzigten ab und sorgten für ein würdiges Begräbnis. Da brach die Hölle los. Ich habe mich zum Beispiel auch nie gegen die Priesterweihe von Frauen ausgesprochen. »Bei der Kreuzigung umstanden nur Frauen das Kreuz. In den sechziger Jahren konzentrierte sich meine Mutter bei ihren Untersuchungen auf das Neue Testament. Es stand auf dem Index. Dann. klingt für mich nicht bedrohlich. Wenn es um das katholische Dogma geht.« »Das sehe ich nicht so. während sich die Apostel aus Angst um ihr Leben versteckten. »Ich kenne das Buch. die Forschungen meiner Mutter weiterhin zu ignorieren.« »Im Gegenteil. ich stehe auf Ihrer Seite. »Bitte lassen Sie mich wiederholen. Die Theologen fanden nichts dabei. erschien er als erstes einer Frau.« »Erinnern Sie sich.« Garibaldi nickte. Als Jesus auferstanden war.

daß Maria Magdalena eine Prostituierte war. die Maria Magdalena zur Prostituierten macht. an keiner Stelle im Neuen Testament steht. »Richtig. Sie haben mich überzeugt. nahm er ihr alle Würde und Macht. läßt sich mehrere Jahrhunderte zurückverfolgen. »Vater Garibaldi. »Damals war ich im Priesterseminar und mußte noch viel über Gehorsam lernen. Aber dadurch. Damals kämpften viele unterschiedliche Kräfte um die Macht in der Kirche. Catherine fuhr fort: »Das ursprüngliche griechische Wort ›Apostel‹ bedeutet. Die Interpretation. denn meine Mutter gab Magdalena eine traditionell weibliche Rolle. erregte die Gemüter nicht sonderlich. Auf Maria Magdalena trafen diese Kriterien zu. »Gut. Sie hatte gewagt. daß der Betreffende ein ›Augenzeuge‹ war und den Auftrag erhielt. Das wurde nicht hingenommen. der erste Apostel zu sein. die Botschaft zu verkünden. daß der Klerus Maria Magdalena zur Prostituierten machte. daß Maria Magdalena die Frau von Jesus gewesen sei. sagte Garibaldi und nickte. Aber was hat das 321 . Man entriß ihr den wahren Status. einer Frau die Aufgabe eines Mannes zuzuweisen. Mit dem ›Apostelbuch‹ überschritt sie jedoch die Grenze des Erlaubten.« »Der Grund für die Aufregung liegt auf der Hand«.« Garibaldi wiegte zweifelnd den Kopf. sagte Catherine. So wissen wir zum Beispiel. daß Maria Magdalena bis ins Mittelalter viele Anhänger hatte. »In den früheren Arbeiten hatte sich meine Mutter mit Frauen und ihren Rollen als Frau beschäftigt.« Catherine blickte auf den Laptop.« »Die Tempelritter zum Beispiel«.Er lächelte. als erwarte sie. Auch der Gedanke. denn sie sah mit eigenen Augen das leere Grab und als erste den wiederauferstandenen Christus. daß dort eine Meldung erscheinen werde. Sie überbrachte den anderen die Nachricht von der Auferstehung.« Er seufzte.

daß er wirklich von den Toten auferstanden war. Aber in Wirklichkeit war diese Autorität gestohlen! Vater Garibaldi. können Sie sich vorstellen. als richtige Priesterinnen. das wäre nicht anders. Zweitausend Jahre lang haben Männer die Nachfolge Petri als Oberhaupt der katholischen Kirche angetreten. was für eine Wirkung diese Schriftrollen heute auf die Gläubigen in aller Welt haben werden. und sie wußte als erste. gehört das Haus in Wirklichkeit mir. wenn Schriftrollen gefunden werden. der den auferstandenen Jesus gesehen habe. daß Frauen unter den Frühchristen als ›Diakone‹. Schriftrollen.‹« Catherine holte tief Luft und sah Garibaldi 322 . als wenn jemand an die Haustür klopfen und sagen würde: ›Können Sie mir die Besitzurkunde für Ihr Haus zeigen?‹ Der Betreffende sieht sich die Urkunde an und zeigt dem ›Besitzer‹ eine Urkunde älteren Datums: ›Wie Sie sehen. Ihre päpstliche Autorität basiert auf der Behauptung von Petrus. er sei der erste gewesen. die beweisen. Es tut mir leid. Ich habe einen älteren Anspruch darauf. aber Sie müssen ausziehen. gewirkt haben? Dann wissen Sie. Streiten Sie das ab?« »Nein. daß Maria Magdalena die Nachfolgerin von Jesus war. die älter sind als der Paulus-Brief an die Korinther? Und wenn in diesen Schriftrollen außerdem dokumentiert wird.« »Später hat allerdings Petrus Anspruch auf die Nachfolge Christi erhoben und sich an die Spitze der neuen Kirche gestellt. Er tat das mit der Begründung. was geschieht.mit dem alten Rechtsanspruch und einer Abdankung des Papstes zu tun?« »Geduld! Ich wiederhole: Maria Magdalena hat als erste den auferstandenen Jesus gesehen. Meine Mutter sagte. Er ist ihr als erstem Menschen erschienen.

ich habe mich in diesem Fall über die Gesetze hinweggesetzt. der neben anderen vor Soldaten auf den Knien lag. um das Richtige tun zu können. Dieses Bild war seinerzeit in den Tageszeitungen um die ganze Welt gegangen. fragte sie: »Vater Garibaldi. sie zu hören. Sie sehen es als Ihre Aufgabe an. als erwarte sie seinen Widerspruch. mich den Behörden auszuliefern oder mir die Schriftrollen 323 . dann hat die Welt ein Recht. die vor den Internationalen Gerichtshof kommen. das verantworten zu können. was werden Sie tun. Fälle. Hätte ich diese Texte nicht an mich genommen. Wenn Sabina uns eine wichtige Botschaft übermitteln will. Aber ich bin der Meinung. Da er nichts sagte. Man hörte nur den Wüstenwind pfeifen. warum Sie die Schriftrollen um keinen Preis aus der Hand geben wollen.« Catherine schwieg. wenn man Ihnen befiehlt. Sabinas Worte jetzt zu hören.« Lange Zeit blieb es still im Zimmer. und mich wird man nicht zum Schweigen bringen. Manchmal muß man ein Gesetz übertreten. das Werk Ihrer Mutter zu beenden. »Meine Mutter brachte man zum Schweigen. Ich habe archäologische Funde aus Ägypten gestohlen und illegal ins Land gebracht. »Deshalb glaube ich. ein Zeitungsphoto ihres Vaters. wären sie vielleicht in einem Archiv verschwunden wie damals die Schriftrollen vom Toten Meer. Aber die Menschheit hat das Recht. Schließlich sagte Garibaldi: »Ich verstehe jetzt. oder es hätte einen Kampf um die Berechtigung zu ihrer Übersetzung gegeben. daß Kardinal Lefevre und alle im Vatikan vor den Schriftrollen Angst haben. Ich werde mir Gehör verschaffen. wenn der Vatikan erfährt.durchdringend an. werden erst nach vielen Jahren entschieden.« Ein Bild drängte sich ihr plötzlich auf. daß Sie mir helfen? Was werden Sie tun. Ja.

daß dies der Fall sein wird. die Menschen klammern sich an die Kirche. Kardinal Lefevre. Alexander. genau das befürchte ich. würden Sie dann zulassen. die Maria Magdalenas Anspruch auf die rechtmäßige Nachfolge Jesu erhärten. was ist der Grund für die Bitterkeit. weil sie auf Wunder 324 . erwiderte er. den man um eine Stellungnahme gebeten hat.wegzunehmen?« »Ich bin der Kirche zu uneingeschränktem Gehorsam verpflichtet.« »Wissen Sie. mit der Sie über die katholische Kirche sprechen?« »Das ist eine lange Geschichte. daß diese Schriftrollen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden?« »Wenn die Schriftrollen die Worte und Wünsche unseres Herrn Jesus Christus wiedergeben.« »O doch. daß Sabinas Geschichte in den Archiven des Vatikans verschwindet und niemand etwas davon erfährt?« »Sie können nicht voraussagen. traue ich nicht. die es im Klerus gibt. Wenn Sie an seiner Stelle wären. Vater Garibaldi?« »Ich kann nur für mich sprechen«.« »Glauben Sie noch an Gott?« »Wie viele Menschen verwechseln ein Lippenbekenntnis mit ›Glauben‹. »Und glauben Sie?« »Ja. ich bin der Meinung. dann würde ich das tun.« »Dr. und es würden Schriftrollen gefunden.« »Sie haben meine Frage nicht beantwortet. Würden Sie zulassen.« »Dann gehören Sie zu den wenigen Ausnahmen.

was auf dem Schild stand. Die Wüste ist rein. fielen ihr Sabinas Worte wieder ein: ›Meine Mutter glaubte an die Kraft eines Amuletts. hatte ihr Danno sehr viel später einmal gesagt.hoffen. Es waren die Augen eines widersprüchlichen Mannes.‹ Vielleicht. ich trage es noch heute über meinem Herzen. Als sich ihre Finger darum schlossen. Der Wüstenhimmel war mit Sternen übersät. aus denen so viel Ruhe und Seelenfrieden sprachen. Das Hermes-Kreuz wurde mir am Tag meiner Geburt um den Hals gelegt. obwohl sie in den vergangenen Stunden und Tagen auch überraschende Verwirrung darin gesehen hatte. liebe Perpetua. das Schwester Immaculata ihr um den Hals gehängt hatte. So war es auch im Sinai. und. hat ein Amulett wirklich eine besondere Kraft… Sie glaubte. Sünderin… Keinem der Kinder war die 325 . trotz allem weiterzumachen. »Ich glaube. in der Jade Dannos Entschlossenheit zu spüren. was Sie mir gerade erzählt haben?« Catherine trat an das Fenster und zog den Vorhang zurück. ich sollte mich der Polizei stellen«. Er hatte nie aufgegeben. dachte Catherine. Er schien sie auch jetzt anzuspornen. der darüber hinaus einen gefährlichen Kampfsport betrieb.« »Was ist daran so falsch?« Sie blickte in seine klaren blauen Augen. Cathy‹. ›Sünderin stand dort. um sie vor der ganzen Klasse zu demütigen. denn er war eine Art Verbindung zu Daniel. Sie griff nach dem Jadeanhänger an ihrem Hals. »Wie bitte? Nach allem. als Catherine wissen wollte. sagte Catherine plötzlich. dachte Catherine. nichts steht zwischen den Menschen und dem Himmel.

Man hatte ihr die Hände mit Lederriemen gefesselt‹ ›Wollen Sie damit sagen‹. Deshalb sind Haare und Stoff noch erhalten. Aber dabei entsprach seine Haltung nicht einem friedlichen Priester. in dem er in regelmäßigen Abständen las.eigentliche Bedeutung dieses Wortes bewußt gewesen. Neben dem Laptop lag das Brevier. Sie sah Samir und Mr. Mylonas.‹ 326 . »Ich fürchte. Catherine spürte Garibaldis Augen auf sich gerichtet. Schnell schaltete sie den Ton ein. die von Soldaten bewacht wurde. Eine erste Untersuchung des Skeletts läßt darauf schließen. ›daß man die Frau lebend begraben hat?‹ ›Es sieht so aus. fragte der Reporter. und das Klima ist trocken. Sie mußte unwillkürlich daran denken. Sind es die Dämonen in den Pangamot-Stöcken? Sie zog den Vorhang zu und verließ das Fenster. es handelt sich um eine Frau. Jemand deutete auf einen Tunnel. Garibaldi schien mit Dämonen zu ringen. ›Der Boden hier ist salzhaltig. »Der Brunnen!« rief sie. Die Kamera schwenkte über Beduinenzelte und dicht gedrängte Menschen hinter einer Absperrung. der ägyptische Kulturminister. Er trug Jeans und ein kariertes Hemd. denn im Fernsehen zeigte man ihren Grabungsplatz in der Wüste. je länger ich auf der Flucht bin. »Sie legen den Brunnen frei!« ›Bisher haben wir die Überreste eines Skeletts gefunden‹ sagte Achmed Sayed. wie Garibaldi mitten in der Nacht auf den Knien gelegen und gebetet hatte. Wir sind der Meinung. Jetzt ist auch sein Leben in Gefahr. Und…« Sie brach plötzlich ab. Er ist Wissenschaftler und ein friedfertiger Mann. daß die Frau lebend in den Brunnen hinabgelassen wurde. Auf dem Stundenbuch sah sie den Rosenkranz. der in glücklicher Harmonie zu seinem Gott sprach. Das goldene Kreuz hing um seinen Hals. desto mehr Menschen werden darunter zu leiden haben… zum Beispiel Julius.

was Dr.« »Ich habe es mir anders überlegt«. das nehmen wir an. Der Korb. hörte sie Garibaldi murmeln. ob wir uns ins Internet einloggen können.»Lebend begraben…«. Alexander hier gefunden hat. den Sabina in Indien kennengelernt hat. »Dona nobis pacem.« »Ich dachte. Perpetua oder vielleicht sogar Sabina? »Eine christliche Märtyrerin«. Eine neue Spur. den Dr. ist mit rötlichbraunen Fasern bedeckt. Sie waren ursprünglich purpurrot und sind mit Murexid gefärbt. die Dr. ›Vielleicht finden wir unter den Steinen den Rest des Skeletts und Hinweise auf die Schriftrollen. Wir haben die Fasern untersuchen lassen. in diesem Brunnen gefunden wurden?‹ ›Ja. später mit Steinen gefüllt wurde. erwiderte sie wie in Trance. die man lebend begraben hatte! War es Amelia. sagte Garibaldi. »Bitte überprüfen Sie. die wir auch auf dem Skelett festgestellt haben. glauben Sie. sagte Minister Sayed. ›Wir werden vermutlich mehr wissen.‹ »Du meine Güte«. daß die Schriftrollen. nach dem wir suchen müssen – Satvinder. Das ist jemand. Es war das kaiserliche Purpur des römischen Reiches‹. wiederholte Garibaldi und bekreuzigte sich. »Wir müssen uns an die Arbeit machen«. und der. »Was um alles in der Welt haben Sie gefunden?« Catherine griff nach der blauen Tasche und holte den Notizblock heraus. das aus Schnecken gewonnen wird. sagte sie. Sie wollten sich der Polizei stellen.« »Aber…« 327 . wenn der Brunnen völlig freigelegt ist‹. Alexander hier gefunden hat. »Es gibt einen neuen Namen.« ›Herr Minister. beziehungsweise Anhaltspunkte für das. Eine Frau. Alexander gestohlen hat. Catherines Herz schlug schneller.

ALLE LEITUNGEN BESETZT 328 . Garibaldi nickte und ließ das Computermodem die neue Nummer wählen. die auf Internet verfügbar sind. »Wir sind Online!« rief er. SORRY! ALLE LEITUNGEN (75) SIND BESETZT. Auch diese Nummer ist besetzt!« Catherine tippte: ›http://odyssey. BITTE SPÄTER VERSUCHEN.duke.lib.uchicago. Die Verbindung kam diesmal zustande. FTPERROR KÖNNEN NICHT MIT FTP SERVER VERBINDEN. Man zeigte die Skelettknochen mit den Lederfesseln in Großaufnahme.de KEIN ZUGANG UNTER DIESER NUMMER »Versuchen Sie es mit dem WAIS-Verzeichnis«. »Was haben Sie vor?« »Ich möchte etwas Neues probieren.uni-stuttgart. der hinter ihr stand und mit der Maus klickte. KEIN WAIS-ZUGANG KONFIGURIERT! »Wir machen etwas falsch«. »Darf ich?« fragte sie.edu/papyrus/‹ und klickte ›ENTER‹. und er überließ ihr seinen Platz an der Tastatur.html‹ »Was ist das?« fragte Garibaldi.edu/oi/DEpr/RA/ABZU. sagte Catherine ungeduldig und klickte auf ÖFFNEN und tippte dann: ›http://sipparorinst.Sie deutete stumm auf den Fernsehapparat. »Ein Inhaltsverzeichnis aller Arbeiten über archäologische Quellen im Nahen Osten. Ach du meine Güte. sagte Garibaldi.« Sie tippte und blickte gespannt auf den Monitor. Catherine suchte im Notizbuch nach einer Nummer und tippte dann: ftp.

im Internet über ›Schriftrollen‹ informiert. glaubte sie.« Sie klickte. Havers darf uns nicht finden. Garibaldi pfiff leise: »Das sind ganz schön viele Papyri…« Sie klickte auf die blau unterlegte Überschrift: INSTITUTIONEN ›SPEZIALSAMMLUNGEN‹ »Es sind nicht so überwältigend viele. Chr. murmelte er. so lange Online zu bleiben. im Internet zu bleiben«.« Sie klickte auf ein Symbol. »Dann wollen wir die Jahre 100 v. es gibt eine Möglichkeit. daß sich jeder. »Ich glaube. in einem tiefen 329 . Wir suchen die griechischen.html‹ Papyrologie Home Page »Geschafft!« rief Catherine und ließ sich das Inhaltsverzeichnis anzeigen. »Aber es ist riskant.« »Versuchen Sie es noch einmal«. wie es aussieht. Man hat die Texte in Unterverzeichnissen aufgelistet. Was sollen wir tun?« Er griff nach einer der Werbebroschüren. die neben dem Bett auf dem Fußboden lagen.»Wir sind offenbar nicht die einzigen. sagte Garibaldi. die heute abend Informationen über alte Schriftrollen suchen«. aus dem es kein Entrinnen gab. Wir können uns nicht leisten. riet Garibaldi. Garibaldi runzelte die Stirn.« Catherine hörte ihn nicht. »Das wird trotzdem eine Weile dauern.umich. und Catherine tippte: ›http://www. Wie in einem Alptraum. Chr. »Sie sind der Computerexperte. »Die Medien sorgen dafür. und überflog sie.edu/papyrology/home.« Sie sah ihn verzweifelt an. bis 300 n. der einen Computer und ein Modem besitzt.

dachte sie und glaubte zu ersticken. Aber an den Bewegungen und an den Augen erkannte ich. Als ich mich nach dem Grund erkundigte. daß es sich um eine Frau handeln mußte. wie ich es von Philos kannte. ihrer Sprache. aber ich muß weitermachen… Ich begegnete Satvinder auf dem Markt in einer Stadt. ihre Mutter kurz vor deren Tod zu sehen. was in Sanskrit. ob ich das alles nur geträumt habe. den sie ›Vaidya‹ nannten. Sie beugte sich über die Wunde der Prostituierten und half der Frau so ruhig und gelassen. aber das hätte eine Weile gedauert. Die Scherben zerschnitten ihr die Fußsohle. Er will mir helfen. ob es eine Frau oder ein Mann war.schwarzen Brunnen zu liegen. Philos zu holen. Aber der Mann wollte die Frau nicht behandeln. soviel bedeutet wie: ›Er. und ein Heiler dürfe eine Sünderin nicht berühren. Man trug sie zu einem Heiler. Eine Frau war auf dem Markt auf einen zerbrochenen Krug getreten. Aus ihrem Gewand holte sie einen Beutel hervor. Sie war gefesselt und konnte sich nicht bewegen. Der Himmel war unendlich hoch über ihr. der weiß‹. Ich wußte zuerst nicht. daß ich mich heute nach so vielen Jahren frage. in dem sich drei kleine Krüge und ein in Leinen gewickelter Gegenstand befanden. Ich dachte daran. Dann glaubte sie. sagte man mir. Vor ihren Augen wurde alles rot… Danno sank blutend zu Boden. Sie konnte nicht fliehen. Julius. Die Frau 330 . die Frau sei eine Prostituierte. Jedenfalls lernte ich Satvinder unter den merkwürdigsten Umständen kennen. Die Menschen sahen ihr schweigend zu. die so seltsam und so voller Wunder war. In diesem Augenblick löste sich aus den Umstehenden eine in weiße Gewänder gehüllte Gestalt. Verzeih mir.

Die weißgekleidete Frau öffnete die Hand und ließ aus dem Krug vier große schwarze Ameisen kriechen. wie sie sagten. Die junge Prostituierte dankte der Frau und lächelte glücklich über soviel Anteilnahme. die Bisse dieser Ameisen seien gefährlich und schmerzhaft. die ich am Duft erkannte. Danach wickelte sie den Gegenstand aus dem Leinen. daß es eine Pinzette aus einem Reiherschnabel war. Die Umstehenden wichen ängstlich zurück.reinigte zuerst die Wunde mit einer Flüssigkeit aus einem der kleinen Krüge. bis sie verheilt sei. Die Umstehenden und auch ich staunten über die geschickte Behandlung der Wunde. und ich sah. und ich hörte. die unter rituellen Worten eine nach der anderen an die klaffende Fußwunde hielt. Aber im dritten Krug war das Erstaunlichste von allem. Die Ameisen packten mit den Greifzangen zu und verschlossen die Wunde wie Klammern. Mit dem Instrument entfernte sie die eingetretenen Tonsplitter. Noch ehe man Fragen an die weißgekleidete Frau richten konnte. In dem zweiten Krug befand sich eine Salbe aus Myrrhe und Aloe. Dann könne man sie mühelos aus der Haut entfernen. sie müsse die Greifzangen so lange an der Wunde lassen. wie die HinduHeiler sie oft benutzen. 331 . war sie wie ein Geist verschwunden. Die Ameisen taten der Frau in Weiß jedoch nichts. dann murmelte sie etwas und schrieb geheimnisvolle Zeichen in die Luft. trennte die Frau die Köpfe der Ameisen vom Leib ab und erklärte der Prostituierten. Nachdem alle vier auf diese Weise den Schnitt geschlossen hatten.

DER ACHTE TAG 332 .

daß Sie so häßlich sind? Niemand wußte. wenn man dir diese Frage stellt. weil es in der Bar zu einer Rauferei kam. weshalb er überhaupt auf der Welt war oder was er mit seinem Leben anfangen sollte. »Ich habe sie bekommen«. Woher kommt diese Narbe? Das sollte heißen: Was ist geschehen. der in früher Jugend von zu Hause weglief und sich ziellos herumtrieb. Er hatte wie so oft zuviel getrunken und wollte sich aus dem Staub machen. Irgendwann wollte es jedoch das Schicksal. erwiderte er kalt lächelnd. Mit vollem Mund sagte er: »Jedesmal. ein Schwächling. »weil ich meine Nase dorthin gesteckt habe. 21. gibt du eine andere Antwort. Vor dem Unfall war Zeke ganz einfach der hagere Tim Johnson gewesen. daß Tim in einer Bar am Straßenrand des McKinley Highway in Alaska saß.« Raphael lachte und biß hungrig in seinen RiesenHamburger. Er war schon immer ein Feigling gewesen. Dezember 1999 Las Vegas. daß die Narbe Zeke erst zu dem gemacht hatte. Er wußte nicht.Dienstag. was er heute war. Nevada »Wie sind Sie zu der Narbe gekommen?« Zeke sah die Kellnerin an. In der Ambulanz kam er wieder zu Bewußtsein.« Zeke sah der Kellnerin in dem hautengen Kleid nach und schnitt sich ein Stück von dem dicken blutigen Steak ab. die er inzwischen oft genug erlebt hatte. Aber diesmal lief er nicht schnell genug. wo sie nichts zu suchen hatte. Er 333 . die ihn mit dieser Mischung aus Faszination und Abscheu musterte.

Bald hatte er 334 . Er schnitt sich die jungenhaften. sondern beschloß. Es dauerte nicht lange. sich operieren zu lassen. Der Schock war groß. die ihn gepflegt hatte. daß die lange rote Narbe auf andere ebenso abschreckend wirkte – selbst auf die Krankenschwester. nur ein Chirurg könne Tims Gesicht wieder menschliche Züge verleihen. rasierte und bleichte sie. wie etwas in ihm zu wachsen begann. Sie erschien stets mit einem Lächeln in der Tür. Die Frauen wichen ihm entweder aus oder sie kamen zu ihm. Er erklärte. Er dachte nicht daran. Harte Burschen erwiesen ihm erstaunlicherweise so etwas wie Achtung. eine Persönlichkeit zu werden. daß ihn eine Krankenschwester nach den Funkanweisungen eines Arztes verband. Nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus zog es ihn wieder in den Süden. Auf jeden Fall wagte niemand mehr. und schließlich erreichte er Kalifornien. Die Narbe schien Macht zu bedeuten. Wer war dieser Frankenstein? Das konnte unmöglich Tim Johnson sein. Eine Woche später erschien der Arzt. Er bemerkte nur. Tims Erinnerung stellte sich erst dann wieder richtig ein. der als notorischer Feigling von allen verlacht wurde. endlich keimen. die dem neuen Gesicht entsprach. aber er merkte. seine Muskeln zu trainieren.wußte nicht mehr. als er in den Spiegel blickte. sich mit ihm anzulegen. bis er feststellte. Da spürte Tim. das schon lange dort wartete. als würde ein Samenkorn. wer er war oder wer ihn zusammengeschlagen hatte. Er fand inzwischen Gefallen daran. daß sein Anblick ihr Angst einjagte. um sein gefährliches Aussehen durch einen entsprechenden Körper zu unterstreichen. der seine Visite mit einem kleinen Flugzeug machte. langen braunen Haare ab. in den Bars die Reaktionen der Leute zu beobachten. Dann begann er.

Zeke hatte es bei ihrer Ankunft in der Stadt sofort gemerkt. Vielleicht stand wirklich der 335 . mit dem Raphael zur Welt gekommen war. »Noch mehr Kaffee?« fragte die Kellnerin. um es mit allen aufzunehmen. wie sie mit Raphael flirtete. aber diesmal verschwendete sie keinen Blick an Zeke. Er hatte Zeke einmal gesagt. Unsicherheit und verzweifelte Hoffnung. Und in diesem Monat schien sich Las Vegas selbst zu überbieten. sondern sah nur Raphael an Zeke war das gleichgültig. den er in Südamerika kennengelernt hatte. dachte er. Eine Stadt. In den letzten Tagen von 1999 lag eine besondere Spannung in der Luft. und er wußte. Sie wußte allerdings nicht. Wie konnten Frauen nur so dumm sein? Er. ein Killer mit dem Namen eines Engels zu sein. wie die Kellnerin den Mörder mit den unschuldigen blauen Augen und dem blonden Lockenkopf ahnungslos anlächelte. daß es die falsche Entscheidung war. Zeke. Sie zog das Engelsgesicht von Raphael vor. Hier war alles und jeder verrückt und unberechenbar. Irgendwann fiel ihm eine Ausgabe von Der Söldner in die Hand. Er wurde stark und schweigsam. die heißer ist als die Hölle. schüttelte er sich beinahe. Er faszinierte oder schüchterte ein. Zeke richtete seine Aufmerksamkeit auf das geschäftige Treiben auf der Straße hinter dem Fenster. welche Richtung er seinem Leben geben würde. Las Vegas. Die Kellnerin hatte es sich überlegt und ihre Entscheidung getroffen. er habe beschlossen. Aus Tim wurde Zeke. ›Raphael‹ war natürlich nicht sein richtiger Name.genug Kraft. Als Zeke sah. Aber das war nichts im Vergleich zu dem völligen Mangel an Menschlichkeit. wo sie beide eine gefährliche Fracht bewachen mußten. Zeke beobachtete. Die allgemeine Hektik verriet Angst. war inzwischen hart und gefühllos.

Vielleicht hofften sie auch auf eine Affäre mit einem der Showgirls oder sie wollten Sünden begehen. Niemand wußte. Mit 336 .Weltuntergang bevor. »Wie wollen wir in dem Gewühl einen Priester finden. »Haltet euch einsatzbereit. »Wir werden sie mit unseren Computern finden«. aber diesmal für ein Morgen. die Archäologin und der Priester könnten mit dem Bus weitergefahren sein. Er hielt nichts von der bewährten Methode. die nach Las Vegas gekommen waren. hatte er das letzte Mal zu Zeke gesagt. Havers noch immer nicht darüber informiert. daß sie eine heiße Spur verfolgten. in diesem Sodom der Neuzeit noch einmal richtig feiern wollten. wie und ob das Leben im neuen Jahrtausend weitergehen würde. sagte Raphael und wischte sich Fett und Ketchup vom Kinn. Wir sind bereits im Einsatz! Er hatte erfahren. Zeke hatte den Eindruck. Warum auch nicht? Entweder kam das Jüngste Gericht oder das eintönige Leben ging weiter wie bisher… »Also«. dann müßt ihr sofort zur Stelle sein. dachte Zeke und lächelte bitter. daß alle. das möglicherweise nicht mehr kommen würde. daß die Polizei den roten Ford Escort im Motel in Goshen sichergestellt hatte. Ihr Boß dachte zu kompliziert und nur in weltumspannenden Computer-Dimensionen. Wenn wir sie ausfindig gemacht haben. Diese Information brachte Zeke auf die Idee. Die kleinen und großen Spieler schienen ihren letzten Einsatz zu wagen. der sich wie eine Nadel im Heuhaufen der Sünde versteckt?« Zeke hatte Mr. einer Spur mit Ausdauer zu folgen. Sie hofften wie immer auf den großen Gewinn.« Einsatzbereit. die sie sich nur im Angesicht des nahen Endes zu erlauben wagten.

Erbaut auf einer Insel mitten in einem See. bot das Hotel allerhand verrückte und seltsame Amüsements. daß das zwanzig Stockwerk hohe Atlantis keine Fahrstühle hatte. Das. Er glaubte. wie es auf Kreta als sportliche Disziplin schon vor dreitausend Jahren ausgeübt wurde. daß ein Priester zwei Fahrkarten nach Mojave gekauft hatte. Auch die Fragen im dortigen Busbahnhof erbrachten nützliche Antworten: Ein Priester in Begleitung einer Frau hatte Fahrkarten nach Las Vegas gekauft. als sie den Stier geschickt bei den Hörnern packte. Das bedeutete. wie man die beiden in der Spielhölle Las Vegas. Zeke zweifelte jedoch nicht daran. Leider hatte im Busbahnhof von Las Vegas niemand einen Priester gesehen. 337 . daß der Priester und die Frau hier in der Stadt waren. Waren die beiden in einem billigen oder in einem teuren Hotel abgestiegen? Die Menge schrie vor Entsetzen. als er sich durch die Menschenmenge einen Weg zur Rezeption bahnte. sie zu spüren. Das wußte Garibaldi bereits. Doch sie wurden alle von der Tatsache übertroffen. Dann jubelten die Zuschauer.gefälschten FBI-Ausweisen erkundigten sich Zeke und Raphael im Busbahnhof und erfuhren. Stierspringen war jedoch nicht das aufsehenerregendste Abenteuer im neuesten und teuersten Luxushotel von Las Vegas. als der Stier auf die halbnackte Frau zuraste. so erklärte das Atlantis-Hotel stolz. sei die Wiederbelebung eines alten minoischen Sports: das sogenannte ›Stierspringen‹. Es blieb die Frage. Zeke und Raphael mußten sich wie Spürhunde auf die Suche machen. finden sollte. die fast nur aus Hotels bestand. auf seinen Rücken sprang und nach einem Salto hinter dem Tier mit beiden Füßen auf dem Boden landete. einer Stadt.

um die Wunder der Illusion zu bestaunen. aber diese Illusion entstand durch Lichteffekte. denn zu den großen Attraktionen gehörte der tägliche Untergang von ›Atlantis‹. daß die Leute ihn anstarrten. In den Raumschiffen hatte man in der Tat den Eindruck zu ›fliegen‹. denn ein Priester in Soutane war ein seltener Anblick im Atlantis von Las Vegas. Die beiden Flüchtlinge suchten Schutz in der Menge. Zeke und Raphael fuhren langsam den breiten Boulevard entlang und betrachteten die riesigen Hotels – das MGM Grand. stellte er jedoch fest. Die Hotelhalle war das größte Atrium der Welt. »Niemand wird uns in der Menschenmenge finden. daß er sie hier in einem der Mammutpaläste finden würde. die das Hotel bot. das Luxor. hatte ein Journalist bei der Einweihung treffend geschrieben. Das Atlantis war von Anfang an ein Riesenerfolg und ständig ausgebucht. Touristen strömten in Scharen hierher.« Er hatte in ihrem Zimmer eine Werbebroschüre gefunden. »Nicht zu fassen!« rief Raphael. Atlantis… Wie unwirkliche Visionen einer fremden Welt ragten die Bauten aus der Wüste unter Nevadas gleißender Sonne in den Himmel. hinter der die sehr zuverlässigen Schienen verschwanden. auf denen die ›Mars-Raumschiffe‹ schwebten. die das Hotel mit seinen Attraktionen ausführlich beschrieb.Der Luxusbau stand gegenüber dem Beau Rivage am Las Vegas Boulevard. »Im Atlantis sind wir sicher«. Er fiel auf. Zeke wußte. 338 . Laserstrahlen und die trompe l’oeil-Architektur. Fresken. Excalibur. Zeke durchschaute die Absicht des Priesters und der Frau. und schwerelose ›Raumschiffe‹ beförderten die Gäste zu den mehr als viertausend Zimmern. Säulen und Statuen des ›Altertums‹ konkurrierten mit der superfuturistischen Architektur. Als Garibaldi die Rezeption erreichte. hatte Garibaldi in Mojave zu Catherine gesagt. ›Mars rettet Atlantis‹.

während sie selbst an den Spieltischen ihr Glück versuchten. Zeke blickte auf die Uhr und sagte zu Raphael: »Hier fangen wir an. kaufte er eine Zeitung. der wie ein minoischer Sarkophag aussah.»Schlösser! Sphinxe! Piratenschiffe! Wir sind auf einem fremden Stern gelandet. und ich in Caesar’s Palace. Der Gast zahlte nur eine geringe Gebühr für die Online-Verbindung. sagte die Frau an der Rezeption und reichte Garibaldi die Internet-Zugangskarte. Garibaldi durchquerte noch einmal die Hotelhalle und ging durch das Sonnenlicht. das sich wie ein goldener Wasserfall durch die riesigen Glastüren ergoß. Vater«. An einem Kiosk. Geschäftsreisende nutzten den Service für Konferenzschaltungen und verwandelten ihre Suiten in virtuelle Büros.« Seine Jagdlust erwachte. als ein schwarzer Pontiac langsam auf der Auffahrt vorbeirollte. »Anwendername und Paßwort sind nur Ihnen bekannt. »Wo fangen wir an zu suchen?« »Das ist für Sie.« Zu den neuesten Dienstleistungen des Hotels gehörte die Internet-Zugangsberechtigung über das hoteleigene System. Eltern mit Kindern wußten das Angebot ebenfalls zu schätzen. sie konnten die Kinder mit gutem Gewissen an den Monitoren im Zimmer zurücklassen. Er drehte dem Hoteleingang den Rücken zu. Sie können sich jederzeit in das Net einloggen.« 339 . Du gehst ins MGM Grand.

Wenn ich das erledigt habe. um auf die Toilette zu gehen. wann er Zeit zum Essen fand oder auch nur. besuche ich meinen Rabbi in der Synagoge in San Vincente. daß auch die ältesten Mitglieder 340 . Ich werde langsam fahren. während Julius Geschenke für seine Ex-Frau und die beiden Kinder und auch ein Geschenk für Catherine kaufte. als der Mann das Fenster geöffnet hatte. Als er etwas später in seinem Wagen den Parkplatz verließ. wo das ist? Fahren Sie die Pico Street entlang und biegen Sie rechts in den Sepulveda Boulevard in Richtung Culver City. dem Mann zu zeigen. Als sie am späten Nachmittag die Synagoge erreicht hatten. folgte ihm der weiße Honda. Danach werde ich im Santa Monica-Einkaufszentrum Weihnachtseinkäufe machen. sagte er. Rabbi Goldmann war schon so lange in der Synagoge. Kalifornien Als Julius das Institut durch den Hinterausgang verließ. wo ein weißer Honda am Bordstein stand.West Los Angeles. ging er nicht geradewegs zu seinem Wagen. wer dieser Mann war oder für wen er arbeitete.« Julius wußte nicht. klopfte an das Wagenfenster und nickte dem überraschten Fahrer freundlich zu. »Wissen Sie. winkte Julius dem Mann zu und fragte sich. Julius ärgerte sich über die ständige Überwachung und hatte beschlossen. Der Mann wartete geduldig. damit Sie mich nicht aus den Augen verlieren. blieb ihm auch beim Einkaufsbummel auf den Fersen. Vielleicht war es auch ein Reporter. Aber der Mann folgte ihm schon seit zwei Tagen. als Julius eine Kleinigkeit aß. »Ich werde bei Johnny’s etwas essen«. ob für die Polizei oder einen privaten Auftraggeber. daß er sich seiner Anwesenheit sehr wohl bewußt war. Er überquerte die Straße.

aber sein Körper hatte nach so vielen Jahren der Beschäftigung mit Büchern. »Welch eine Freude. Julius!« sagte er und schüttelte ihm die Hand. sagte Julius und sah sich suchend in dem abgedunkelten Haus des Rabbi um. Niemand wußte. religiösen Handschriften und alten Dokumenten die Form eines Fragezeichens angenommen. daß Sie mich ohne weitere Umstände empfangen. »Vielen Dank. daß hier ein großer Liebhaber von Büchern lebte.« 341 . Rabbi Goldmann. dessen überquellende Regale und Bücherschränke verrieten. wie alt er war. dich zu sehen. »ob ich vielleicht Ihren Computer für etwa eine Stunde benutzen kann. Er begrüßte Julius lächelnd und musterte ihn mit seinen klaren und lebhaften Augen.« »Was kann ich für dich tun?« »Ich wollte fragen. Rabbi«.der Gemeinde sich an keinen anderen Rabbi erinnern konnten.

erklärte der Gast in der Talkshow. daß man ewig leben wird‹. unterbrach ihn der Moderator mit einem professionellen Lächeln. ›Glauben Sie. Die Wiederkehr des Messias und das ewige Leben! Die Öffentlichkeit hatte sich auf diese beiden Begriffe in dem Fragment gestürzt: Parousia und Zoe aionios. daß die Schriftrollen das geheimnisvolle Rezept enthalten.Santa Fe.‹ Der Experte räusperte sich und sagte mit dem ganzen Nachdruck seiner fachlichen Autorität: ›Bedauerlicherweise. wenn sie erfahren 342 . Herr Doktor‹. All das hat seinen Ausgangspunkt in dem einen Satz.‹ Er machte eine bedeutungsvolle Pause und übersetzte dann: ›Das bedeutet ewiges Leben. in zwei Worten. besser gesagt. was in den Schriftrollen steht. die allgemeine Hysterie wurde durch die Spekulation ausgelöst. die in dem Fragment vorkommen.‹ ›Aber beziehen sich diese Worte auf ein ewiges Leben hier auf Erden oder im Himmel nach dem Tod?‹ Miles schaltete den Fernseher aus und füllte ein Glas mit eisgekühltem Wasser. oder ob es diese Schriftrollen überhaupt gibt. John. ›Die Sehnsucht nach dem ewigen Leben oder die Illusion. dachte Miles. das es den Menschen ermöglicht. ob Catherine Alexander noch am Leben ist! Erinnern wir uns. in den Schriftrollen werde das Geheimnis des ewigen Lebens offenbart. wissen wir nicht. ›Also sagen Sie mir bitte. Genaugenommen wissen wir nicht einmal. New Mexico ›Man nennt es das Methusalem-Syndrom‹. Er saß in seinem Büro. das die Zeitungen veröffentlicht haben: Zoe aionios. Was würden die Leute tun. ewig zu leben? Viele unserer Zuschauer hoffen das.

Er trat an ein Fenster und blickte auf den grünen Rasen hinunter. Der erste Anruf am 343 . der bald mit einem Schlitten und vielen Geschenken eintreffen sollte. weil es für alle. Dann lächelte er. der tatsächlich nach dem Geheimnis des ewigen Lebens suchte? Die Menschen würden in ihrer Hysterie nicht vor Mord und Totschlag zurückschrecken. die von der Erde fliehen wollten. nur um in den Besitz der Schriftrollen zu kommen. wie sich die Megalithen in Stonehenge aus eigener Kraft bewegten. nach denen beobachtet worden sei. Der Weihnachtsmann gehörte zu Erikas Weihnachtsfeier für die Kinder der indianischen Mission. wie sein Vater sagen würde. daß die Frau. Astro-Futurologen behaupteten. denn eine Schar Kinder lief lachend und aufgeregt über den Hof. die NASA habe ein Schwarzes Loch über dem Nordpol entdeckt. Die Sache sei streng geheim. Sie versammelten sich vor dem Haus. Miles seufzte. Sie behaupteten. Miles schüttelte unwillig den Kopf. Astrologen in Montana hatten das ›Neue Jerusalem‹ gesichtet. wo einige seiner Gäste Golf spielten. In England häuften sich Meldungen. Alles drehte sich nur noch um das bevorstehende neue Jahrtausend. und dann müssen sie wieder zurück in die Armut… Miles staunte über den plötzlichen Anflug von Zynismus und wandte sich vom Fenster ab. es bewege sich auf die Erde zu und werde nach ihren Berechnungen am Neujahrstag die Reise durch den Weltraum hinter sich gebracht haben. deren Geschichte in den Schriftrollen erzählt wird. hatte scheinbar die ganze Welt erfaßt. Einmal im Jahr erleben sie die Wunderwelt des Reichtums. in der Tat einen Alchimisten geheiratet hatte. und daran hatte sich nichts geändert. das Sternentor zum Himmel sei. Was war nur mit ihm los? Schon beim Aufwachen war er schlechter Laune gewesen.sollten. Dieser ›Schwachsinn‹. um den Weihnachtsmann zu begrüßen.

Im Begleittext der Übersetzung aus Kairo hieß es. daß ein Mann mit zweiundfünfzig keine Stunde zu verschwenden hatte. Miles wußte. an die sich Miles aus seiner Kindheit erinnern konnte. da der Justizminister persönlich dem Antrag zur Bildung eines Ausschusses zugestimmt hatte. daß die ›Fabiana‹ dieses Textes in keinem Zusammenhang mit ›Sabina Fabiana‹ stehe. hatte sein Vater in einem der Gespräche zwischen Vater und Sohn erklärt. untersuchen sollte. Der Dreizehn-Stunden-Flug nach Hawaii und zurück war demnach umsonst gewesen. ›Das ist es eben‹. seine Stimmung zu bessern. den Markt zu monopolisieren. die immer zu übertriebener Vorsicht rieten und ständig den Teufel an die Wand malten. wir kämpfen um unser Überleben. der einen Computer besaß. Miles haßte es. Wir werden geboren. ›Das ist es eben. beschworen Miles noch einmal. Dann kommt nichts. der den Konzern und seine Versuche. Das war ein Angriff auf die neue Software. Zeit und Energie zu verschwenden. auf den Kauf der Software-Firma zu verzichten. 344 . er sollte seine Gedanken auf diese ernsten Probleme richten. Man forderte ihn ultimativ auf. Der Tiger in ihm wurde immer ungeduldiger und erinnerte ihn daran. damit zum Partner von Marilyn Monroe oder zur Partnerin von Gary Cooper machen können. aber es wollte ihm einfach nicht gelingen. Außerdem geriet er inzwischen ins Kreuzfeuer der Filmindustrie. Der Papyrus aus dem sechsten Jahrhundert. Keine Engel. erwies sich als nutzlos. Seine Berater. die Anfang des nächsten Jahres auf den Markt kommen sollte. Innerhalb weniger Monate würde sich jeder. Wir sterben.frühen Morgen hatte auch nicht gerade dazu beigetragen. die Digitalisierung ehemaliger Filmstars und ihren Mißbrauch für billigste Unterhaltung zu stoppen. der Aki Matsumoto gehört hatte.

Wie hatte er das alles nur übersehen können? Warum hatte er diese Hinweise nicht längst ernst genommen? Ich war zu sehr mit mir selbst beschäftigt – mit mir und meinen Zielen. in diesem Jahr irgendwie verlogen und hilflos wirkte. oder lag es daran. Woher nur kamen die düsteren Gedanken? Lag es vielleicht wirklich an dem bevorstehenden neuen Jahrtausend mit all seinen Unwägbarkeiten. alles sei in bester Ordnung. Schlaflosigkeit. Er wollte sich in der Illusion wiegen. daß er kaum darauf achtete. Miles mußte sich in diesem Augenblick eingestehen. plötzliche Tränen. Und ihm wurde plötzlich klar. Der Tiger in ihm brüllte. dem Stunden und Tage wertvoller als Diamanten und Perlen gewesen waren. Also nutze deine Zeit hier auf der Erde. daß Erikas Bemühen. daß er die Fünfzig überschritten hatte? Machte sich jeder Mann Gedanken über sein Leben. daß solche Hinweise auf eine innere Unsicherheit bei Erika nicht neu waren. daß sie in letzter Zeit beinahe wie in Panik nach etwas Unbestimmtem suchte. nach etwas Spirituellem. Er war so versessen. die Vorbereitungen für das Fest kurz alles. Die vergangene Woche zeigte das deutlich. bevor die Würmer dich fressen‹ Miles glaubte seinem Vater. Dafür gab es schon seit langem Anzeichen – Unruhe. Catherine Alexander und die Schriftrollen zu finden. Er überließ Erika die Familie und die Gäste. unverständlicher Ehrgeiz bei karitativen Projekten. die Indianerkinder glücklich zu machen. was in seinem Haus geschah. Erika zeigte ihm wie 345 .kein Paradies im Himmel. was mit seinem Privatleben zu tun hatte. Schweißtropfen standen ihm auf der Stirn. wenn er sich in der zweiten Hälfte des Lebens auf das Sterben und den Tod vorbereiten mußte? Auch Erika hatte sich verändert. Ihm war nicht entgangen.

mißverstandenen Archäologen abtun. Lohnte sich das alles? Es würde nicht mehr lange dauern. Zu seiner Überraschung fand er Erika in einem der verglasten Bogengänge. die Journalisten oder das FBI. den Schriftrollen hinterherzujagen? In Stevensons Computer-Tagebuch stand ein sehr belastender Hinweis. Und so wurde ihm auch Erika von Tag zu Tag fremder. Er begab sich jedoch nicht sofort in das unterirdische Kommunikationszentrum. Aber Miles tröstete sich.jeder in seiner unmittelbaren Umgebung immer nur die heitere Fassade. Wenn das geschah. sondern verließ den Fahrstuhl im Erdgeschoß. Sie stand vor einem Kaktus und drückte ein Taschentuch an die Augen. daß ihm die Vorstellung irgendwie gefiel. konnte er die Behauptung als Verfolgungswahn eines paranoiden. Lohnt es sich eigentlich wirklich. besaßen die Schriftrollen für Miles keinen Wert mehr. offen mit ihm zu reden. »Was hast du?« »Tut mir leid. Unzufriedenheit und Ängste zu äußern. sagte er bestürzt und trat neben sie. Es ist nur… die 346 . bis die Polizei Catherine Alexander fand – die Polizei. geschweige denn. Selbst wenn der Computer mit dem Tagebuch in die falschen Hände geriet. »Ich wollte nicht. erwiderte sie schluchzend. Das beantwortete allerdings nicht die eigentliche Frage: Sollte er Catherine Alexander vergessen? Sollte er die Jagd abbrechen und diese Frau ihrem Schicksal überlassen. Entschlossen verließ er das Büro. »Liebling«. Miles«. Niemand war ehrlich zu ihm oder brachte genug Vertrauen auf. das sie ohnehin in den Untergang treiben würde? Miles mußte sich an diesem Morgen eingestehen. Von unten drang das Lachen und Singen der Kinder zu ihm herauf. daß du mich so siehst.

« »Um ihn mußt du dir keine Sorgen machen. aus einem anderen Pueblo eine Kachina zu besorgen. an dem die Kachinas aus der Kiva kommen. flüsterte sie erstickt. Es war einfach zuviel. immer gepflegt und attraktiv. sagte er beruhigend und drückte sie zärtlich an sich.« »Hm.Kinder und alles. Miles?« fragte sie plötzlich. Ich habe Angst.« Sie trocknete sich die Augen. »Ich wünsche diesen Kindern so sehr. 347 .« Miles trat einen Schritt zurück und sah Erika an. Sie wirkte stets jünger. Aber das wird diesmal nicht geschehen. Miles fragte leicht gereizt: »Wo ist er eigentlich? Ich habe ihn lange nicht gesehen. wenn wir sterben. verzweifelten Augen an. Ich habe ihn auch nicht gesehen und mache mir große Sorgen. »Warum denn nicht?« »Kojote«. »auf dir lastet noch etwas anderes. um meine Fassung wiederzufinden. »Liebste«. Ich glaube.« »Natürlich werden sie eine Zukunft haben«. Was ist es?« Sie sah ihn mit großen. »Ich habe Angst. Ich wollte allein sein. der Tag. als sie war. daß sie eine Zukunft haben. und wo ist Kojote?« »Ich weiß es nicht. das machen sie so.« »Morgen ist die Wintersonnenwende. damit die Kiva geöffnet werden kann. Vermutlich ist er damit beschäftigt. »Kommt nach dem Leben einfach nichts? Werde ich dich oder die Kinder nie wiedersehen? Diesen Gedanken kann ich nicht ertragen. sagte er freundlich. Aber an diesem Tag entdeckte er verwundert Falten um Augen und Mund. denn die Sonnen-Kachina ist verschwunden.« »Angst! Wovor?« »Was geschieht mit uns.

Plötzlich erinnerte er sich an einen Satz aus der Übersetzung der Schriftrollen. solange ihnen noch die Zeit dazu blieb? Miles dachte an die Berichte im Fernsehen und an die Interviews mit dem ›Mann auf der Straße‹. denn ich wüßte. daß ich nie von dir und den Kindern getrennt sein werde!« Miles sah verblüfft. Hatte die allgemeine Hysterie der bevorstehenden Jahrtausendwende nun auch seine Frau erfaßt? Wonach suchte Erika? Warum nur die Angst? Warum schien jedermann plötzlich Antworten zu wollen. Die Tränen waren verschwunden. Ohne nachzudenken zitierte er: »›Satvinder glaubte. Seine Niedergeschlagenheit verwandelte sich in eine Mischung aus Verwirrung und Zorn. die niemand geben konnte? Begriffen die Menschen nicht. wie schön das klingt! Wenn ich nur daran glauben könnte. diese Fragen machten ihn hilflos. in das Land der Seelen. und das erfüllte ihn mit Empörung und Wut. wenn wir sterben. was sie hatten.‹« Erika sah ihn überrascht an. ich habe es vermutlich irgendwo gelesen. kommen wir nach Schalimar. Wer konnte sich schon hinstellen und behaupten.« »›Schalimar‹. Sie alle wurden von denselben Ängsten gequält wie Erika.Miles. daß Erika plötzlich strahlte. daß das Dasein auf der Erde alles war. halt mich fest…« Er nahm sie in die Arme. das man auch den Garten der Liebe nennt. dann wäre ich glücklich. und daß sie das Beste daraus machen mußten. wirklich etwas zu wissen? Auch wenn er Zugriff auf alle Informationen der Welt hatte. Die Menschen dachten nur noch an den Tod. »Miles. das Ende und was danach kommen würde Miles wußte darauf nichts zu sagen. und sie sah wieder jung 348 . sogar die Falten und Fältchen schienen sich zu glätten. das ist wundervoll! Wo hast du das gehört?« »Ich weiß nicht.

gehen wir zu den Kindern. 349 .und bezaubernd aus. wo ich das gelesen habe. die Schriftrollen würden ein Geschenk für Erika sein. Wir sollten dabeisein. wenn sie die Geschenke auspacken. Er hielt die Zügel wieder fest in der Hand.« Die Unsicherheit. Er würde nie vergessen. alte Wunden lecken. wie ihn das Adrenalin aus den Tiefen seiner Zweifel riß. über die zweite Lebenshälfte nachdenken und sogar mit dem Gedanken spielen. wie Erikas Augen plötzlich geleuchtet hatten… Ja. Miles spürte. sehr viel mehr!‹ In diesem Augenblick setzte der Tiger wieder zum Sprung an. wer sonst auf der Welt sollte gegen den apokalyptischen Unsinn der Menschheit immun sein? Er nahm Erika am Arm und sagte fröhlich: »Komm. Er würde dieser Archäologin die Schriftrollen abjagen. Aber von jetzt an ging es nicht darum. die ihn schon beim Aufwachen überfallen hatte. die Jagd nach den Schriftrollen aufzugeben? Wenn nicht er. war verschwunden. mit dem er sie glücklich machen konnte. sie in seinem Museum zu verstecken. Wie konnte er nur so dumm sein und sich wie eine kranke Katze in eine Ecke verkriechen. Er wollte ihr sagen: ›Es steht noch mehr dort.

Es gibt sogar einen Morwan. von Phraates bis Vardenes. Aber unter ihnen ist kein einziger Tymbos zu finden!« »Ich habe einen neuen Suchbegriff«. und sagte lächelnd: »Ich habe hier vermutlich die genaueste Aufstellung aller Könige im ersten und zweiten Jahrhundert nach Christus. Sie und Garibaldi hatten im Atlantis eine Suite für Geschäftsleute. Er konnte auch zärtlich sein. Der Anblick seiner breiten Schultern. Radiergummi. sagte Catherine. Die Könige von Parthien. die verläßliche Hilfsbereitschaft. wie am Abend zuvor in dem Motel. 350 . wenn wir sterben. ein Büro mit zwei Schreibtischen.‹« Garten der Liehe… Catherine hob den Kopf und dachte nach. Michael saß mit dem Rücken zu ihr an der anderen Seite des Raums vor dem Laptop und suchte im Internet nach Papyri. zwei Telefonnummern und all die praktischen Dinge. Catherine arbeitete an dem Schreibtisch. Notizblöcke. wie ich feststelle. die man in einem Büro braucht – Büroklammern. sein Durchhaltevermögen und seine Liebenswürdigkeit gehörten inzwischen wie selbstverständlich in ihr Leben. Artivastes bis Romotacles. der. als spüre er ihre Augen auf sich gerichtet. Von dort hatte sie den eindrucksvollen Blick auf den See und die ›alten‹ Tempel. Nevada »›Satvinder glaubte. Armenien und Trakien. das man auch den Garten der Liehe nennt. kommen wir nach Schalimar.Las Vegas. der am Fenster stand. zwei Modemanschlüsse. ein Fax und einen Drucker. in das Land der Seelen. Locher usw. als er das Kätzchen gestreichelt und mit Milch gefüttert hatte… Er drehte sich um. eine Königin war. Das bedeutete zwei Schlafzimmer mit getrennten Bädern.

‹ Garibaldi öffnete das Unterverzeichnis: ›alt. 351 . den Sonnenuntergang bemerkt zu haben.Hindu archives‹. Vielleicht gibt es irgendwo eine Kopie dieses Kapitels. Vielleicht bringt es uns weiter. Neugierig blickte sie auf den Bildschirm. »Es ist ein Land im Leben nach dem Tod.« Sie nahm aus der Minibar eine Flasche kaltes Mineralwasser und füllte zwei Gläser. Auf der Home Page stand: ›Global Hindu Electronic Network. RELIGION Eine Liste mit über zweitausend Einträgen erschien. verehrte Frau Doktor«. von ›Aristoteles‹ bis ›Zoroaster‹. Catherine trat neben ihn und stellte das Glas Wasser auf seinen Schreibtisch.« »Wie das Parfüm?« Sie stand auf und massierte sich den Nacken. Es waren einfach viel zu viele Verweise.archives.»Schalimar. »Gut.hindu. Es könnte möglicherweise ›Schalimar-Fragment‹ heißen. sagte Garibaldi und öffnete YAHOO: RELIGION VIRTUAL LIBRARY. »Fangen wir noch einmal an«. schüttelte den Kopf und seufzte. Es gab auch Stichwörter wie: ›Der Gottesbeweis in Cyberspace‹ und ›Der Beichtstuhl‹. um sich in das richtige Programm einzuwählen. November 1999‹. Sie erinnerte sich nicht daran. »Ihre Wahl?« Catherine überflog die Liste. suchen wir nach Schalimar. und wieder erschien eine Liste mit tausend Einträgen. sagte Garibaldi.« Er klickte und tippte inzwischen schon geübt auf die einzelnen Menüpunkte. Es war inzwischen dunkel geworden. Vielleicht finden wir etwas darüber. Garibaldi klickte auf ›Hinduismus‹ und dann wieder auf ›alt. sponsored by Hindu Students Council. »Also.

Das Laden der Datei würde ein paar Minuten in Anspruch nehmen. erwiderte sie und ging langsam zu ihrem Arbeitsplatz zurück. »Der Tag war nicht völlig umsonst«. »Tut mir leid«. wo uns in diesem Hotel ein hochkarätiges System und eine sehr schnelle Software zur Verfügung stehen. Sie hatten bewußt den ganzen Tag keine Nachrichten gesehen. Noch dazu. wenn wir ungestört Online bleiben können.« Es dauerte nicht lange. den Geburtsort eines Astronauten in Florida und ein Hotel in Las Vegas. Sie hatte das Gefühl.622 Bytes. um nicht durch neue Meldungen abgelenkt zu werden. daß sie die Universität von Freiburg angewählt hatten. »Wir haben immerhin den mysteriösen 352 . suchen wir auf Lycos«.Die elektronische Adresse verriet. daß man hier im Atlantis Dianuba Technologies Software und auch das schnelle neue Scimitar benutzt.« Mit einem schiefen Lächeln fügte er hinzu: »Wissen Sie eigentlich. Havers mit seiner eigenen Software zu schlagen. das Miles Havers für das Internet hat entwickeln lassen…« »Das wundert mich nicht«. die Schmerzen in Nacken und Schultern würden nie verschwinden. und er rief: »Vierhundert Einträge!« Er ließ die Liste abrollen und fand unter ›Schalimar‹: Designer-Mode. »Ich hatte wirklich geglaubt. sagte Garibaldi. »Das geht am schnellsten und ist auch sehr umfassend. »Gut.« Vor dem Fernseher blieb sie zögernd stehen. meinte Garibaldi aufmunternd. denn die Meldung auf dem Bildschirm lautete: empfangen: 3347 Bytes von 149. murmelte er und drehte sich um. Ihr fehlten Schlaf und ein normales Leben. Nach fünf Minuten Suche deutete immer noch nichts auf eine alte Schriftrolle oder auf die Kopie einer solchen hin. murmelte Catherine. würden wir etwas finden. »Aber es würde mir eine gewisse Befriedigung verschaffen. »Dazu fehlt mir die Geduld«.

Der ägyptische Außenminister will gegen diese Entscheidung bei seinem Amtskollegen im Weißen Haus Protest einlegen. Catherine Alexander in Kürze festnehmen zu können. »Man glaubt. »Du meine Güte. um auf dem laufenden zu bleiben«. Sie hätten Informationen über die Zukunft.›Hekatetrank‹ gefunden.‹ »Der reinste Zirkus!« sagte Garibaldi. daß man damit rechnet.‹ Garibaldi griff sich an den Kopf. erwiderte Garibaldi. den Philos seinen Patienten verordnet hat!« Das Wunderheilmittel aus Weidenrinde war zweitausend Jahre später als ›Aspirin‹ bekannt. Aber ein Polizeisprecher erklärte. ›Ich halte das Vorgehen dieser Frau für 353 . ihr die sichergestellten Photos der Schriftrollen zu übergeben. daß sie nur noch über diesen Fall berichten…?« ›Die ägyptische Regierung hat die Polizei in Santa Barbara offiziell aufgefordert. »Der Fall beginnt zu einer Lawine zu werden. über die sie berichten könnten!« »Es liegt am neuen Jahrtausend«. Die Nachrichtensprecherin sagte gerade: ›… ein Sprecher des FBI erklärte heute.« »Ich verstehe das nicht. und griff zur Fernbedienung. die niemand mehr aufhalten kann. die Photos seien Beweismaterial in einem Mordfall und könnten nicht Dritten überlassen werden. Warum machen sie aus mir so eine große Sache? Es gibt doch wichtigere Dinge.« Es folgte ein aufgezeichnetes Interview mit einem Theologen. Mit einem Blick auf die Uhr sagte Catherine: »Wir müssen uns wohl doch die Nachrichten ansehen. würde sich kein Mensch darum kümmern. Dr. geschieht denn auf der Welt überhaupt nichts mehr. Wenn Sie die Schriftrollen in zwei oder drei Monaten gefunden hätten.

schaltete sie auf Radioempfang. Deshalb sind wir gezwungen. können Sie uns die Gründe dafür nennen. ich war früher Katholik. daß sie sich über alle Gesetze hinwegsetzen kann?‹ Ein Professor aus Harvard gab folgende Erklärung ab: ›Ich wende mich persönlich an Sie. Steve.‹ Garibaldi schüttelte den Kopf und murmelte: »›Eine Religion.« Da keines der Fernsehprogramme ihr zusagte. Aber es ist wirklich komisch. daß im ganzen Land das Bewußtsein für spirituelle Fragen wächst?‹ ›Die Zeit der Materialisten geht zu Ende. Dr. daß wir uns vom Glauben unserer Eltern losgesagt haben. Bitte übergeben Sie die Schriftrollen einer wissenschaftlichen Institution oder einer kirchlichen Organisation. viele meinen.äußerst fragwürdig. Steve. aber heute bin ich wie viele meiner Freunde ein Anhänger von New Age. Wir müssen uns fragen: Was kommt nach dem Tod?‹ ›Warum verzeichnen die traditionellen Kirchen dann nicht einen Zuwachs an Gläubigen?‹ ›Nun ja. Im Klassik-Sender endete gerade eine 354 . Kurz gesagt. wenn ich sage. Cochran. weil die Kirchen den Bedürfnissen unserer Zeit nicht mehr gerecht werden. Beenden Sie die törichte Flucht. die unter dem Staub der Jahrhunderte begraben liegt. sagte Catherine und wechselte mit der Fernbedienung den Kanal. »hat den Rosenkranz und die Heiligen gegen Kristalle und Engel ausgetauscht. Sie können nicht gewinnen.‹« Als Catherine ihn überrascht ansah. Ich denke. Alexander. unsere Sterblichkeit ernstzunehmen. ›Dr.‹ Im Studio wurde ein weiterer Experte befragt. fügte er lächelnd hinzu: »Das ist nicht von mir. ich spreche für alle von uns. Ich habe es irgendwo einmal gelesen. eine Religion abzulehnen. der Katholizismus zum Beispiel sei einfach zu alt. nur weil sie alt ist!« »Dieser Mann«. Wieso glaubt Catherine Alexander.

was wir dort erfahren. die Schriftrollen seien blasphemisch und ketzerisch. könnte sehr befreiend wirken. Was können Sie uns über das PapyrusFragment sagen. Natürlich kommt in dem Text auch das Wort ‹Jesus› vor. wie die ursprüngliche christliche Kirche aussah?‹ Catherine setzte sich auf einen Stuhl. Wir wissen auch.‹ Pearson erwiderte leise lachend: ›Nun ja. die etablierten Kirchen sollten sich von den Schriftrollen nicht bedroht fühlen. was uns dieser Text über die Anfänge unserer Kirchen sagen kann. antwortete Dr. einige Vertreter der Kirchen haben erklärt. Pearson. sondern aufmerksam zur Kenntnis nehmen. Legenden und Märchen. dann können sie uns vielleicht Aufschluß über die Anfänge des Christentums geben. denn er ist frei von den Geschichten. Wenn diese Schriftrollen von Frühchristen geschrieben wurden.Konzertübertragung. Pearson. Pearson?‹ Garibaldi ging zu seinem Schreibtisch zurück und trank einen Schluck Wasser. ›Möglicherweise nicht‹. ›Nun ja‹. Dr. die paläographische Untersuchung datiert den Text in das erste oder zweite Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Das. daß uns das Neue Testament nicht sagt. denn sie wollte sich das Gespräch anhören. ›Erstens. die im Laufe der vielen Jahrhunderte mit dem Christentum in Verbindung gebracht worden sind. Dr.‹ ›Wollen Sie damit andeuten. dann hörten sie den Sprecher: ›Wir haben heute Dr. Pearson. daß der Text von einer Frau stammt und daß diese Frau sich sehr wahrscheinlich an die frühen Christen wendet… das Wort ‹Diakonos› läßt darauf schließen. Pearson. ›Das 355 . Raymond Pearson bei uns im Studio. Er ist der Gründer der historisch orientierten JesusGesellschaft.‹ ›Dr. erwiderte Dr.

so glaubt man. ›Liebe Zuhörer.‹ ›Danke!‹ sagte der Moderator. Das heißt. um eine Stelle aus dem Johannes-Evangelium. Chr. Es ist in der Tat das älteste Textfragment des Neuen Testaments.‹ ›Sie sagen. Sie sind im Laufe der Zeit verlorengegangen.Markus-Evangelium wurde um das Jahr 65 geschrieben. stammt erst aus dem Jahr 225?‹ ›Richtig. aber ein Fragment der ersten Kopie. und das Johannes-Evangelium um das Jahr 95. 1925 wurde zum Beispiel ein Papyrus-Fragment in der ägyptischen Wüste gefunden und an Archäologen in Kairo verkauft.‹ ›Herr Doktor. Pearson wird Ihre Fragen beantworten. das Matthäus – und Lukas-Evangelium. das Markus-Evangelium wurde um das Jahr 65 geschrieben. Damit stellt sich natürlich die brisante Frage. Und hier ist bereits die erste. aber er wurde hundert Jahre nach der Kreuzigung geschrieben. die Kreuzigung lag zu diesem Zeitpunkt bereits einhundertsiebzig Jahre zurück. Die ersten Ausschnitte. die wir haben. trotz intensiver Forschungen sind die Originalhandschriften der vier Evangelien nie gefunden worden. Sie kennen die Nummer. Wir dürfen nicht vergessen. Sie können jetzt im Studio anrufen. für 356 . etwa zwanzig Jahre später. Außerdem gibt es ein Fragment des Markus-Evangeliums aus dem Jahr 225.und MatthäusEvangelium vorliegen. das wir besitzen.‹ ›Wie können wir dann dem Neuen Testament überhaupt vertrauen?‹ ›Wir haben Kopien. welche Veränderungen die Evangelien in all den vielen Jahren erfahren haben. Nach wissenschaftlicher Prüfung stellte man fest. wie immer Sie auch heißen mögen. daß es sich um einen griechischen Text handelte. die uns aus dem Lukas. und Dr. stammen aus dem Jahr 200 n.

aber er schwieg. was der richtige Glaube sei. Paulus war anderer Meinung. Die Auseinandersetzungen um den richtigen Glauben dauerten noch zweihundert Jahre an. beschnitten wurden. und alle behaupteten. daß alle Männer. es kam nach dem Tod von Jesus zu einem Machtkampf‹ sagte Pearson. was sie das Neue Testament nannten. Petrus zum Beispiel bestand darauf. den wahren Glauben zu vertreten. tatsächlich Berichte von Augenzeugen der Mission des Herrn hier auf Erden sind. Die Spannung im Raum stieg merklich. Gebeten und Vorstellungen von der Persönlichkeit Jesu und seiner Worte. das Neue Testament ist nicht das von Gott offenbarte Wort?‹ ›Verstehen Sie mich nicht falsch. Pearson. die damals allgemein verbreitet waren. Die Evangelien sind die Worte Gottes. aber sie taten es mit unterschiedlichen Ritualen. In den ersten hundert Jahren gab es im Römischen Reich eine große Zahl christlicher Sekten mit unterschiedlichen Glaubensvorstellungen. dann werden 357 . ›Das ist in Urkunden dokumentiert. der hinter ihr stand. Erst im vierten Jahrhundert setzte sich das mächtigste ‹Lager› durch. andere an die von Paulus. bitte. Erinnern wir uns. Wenn die Schriftrollen. die sich zum christlichen Glauben bekehrten. Die Frühchristen stritten darüber.‹ Catherine spürte Garibaldi. ›Wir wissen. Es zirkulierten viele Evangelien und Briefe.Ihre Worte werden Sie in der Hölle brennen…‹ ›Danke. Regeln und so weiter. die Dr. Diese Christen stellten zusammen. Nächster Anruf. Einige Gruppen hielten sich an die Lehren von Petrus. wollen Sie behaupten. Alexander aus Ägypten geschmuggelt hat. und erklärten alle anderen für ketzerisch.‹ ›Dr. Splittergruppen gründeten eigene Kirchen. Sie entschieden sich für nur vier Evangelien von den vielen. Aber wir kennen nicht die ursprünglichen Worte.

‹ ›Jesus wird kommen. die Behörden tun alles. um die guten Christen vom Weg der Erlösung abzubringen. um ihr die Schriftrollen abzunehmen.wir durch diese Texte vielleicht zum ersten Mal einen wirklichen Einblick in die Ursprünge des Christentums und seiner Intentionen vor den inneren Kämpfen und Auseinandersetzungen bekommen. Pearson. Herr Professor. mit denen diese Frau auf der Flucht ist. der Tag und die Stunde genannt werden. Ich weiß. der auf die Erde gekommen ist. wenn in diesen Schriftrollen. Dr. hier ist jemand aus San Francisco. Alexander etwas zu sagen. Sie werden für Ihre Frevel büßen! Sie sind eine…‹ ›Leute!‹ rief der Moderator. Alexander ist der Antichrist. als würde die Öffentlichkeit klar und deutlich ihre Meinung kundtun! Liebe Zuhörer. Dr. was in ihren Kräften steht. Vielleicht werden wir dann eine Kirche sehen. bitte. Unsere 358 . damit wir uns auf den Tag und die Stunde der Wiederkehr des Messias vorbereiten können?‹ ›Ich bin sicher. Alexander zu finden. denn das Jüngste Gericht steht uns bevor. und er wird seine tausendjährige Herrschaft auf Erden gründen. die sich sehr von der unterscheidet. wenn sie bei uns anrufen. Wie heißt Ihre Frage?‹ ›Zuerst einmal. um Dr. die meisten von Ihnen hören nur das Besetztzeichen. Sie erzählen eine Menge Lügen. das wissen wir. Meine Frage ist.‹ ›Danke. Der nächste Anrufer ist zugeschaltet. Und wenn Sie…‹ Catherine murmelte: »Der Antichrist! Er behauptet. wie wir sie heute kennen. ›Das klingt ja.‹ ›Ich habe Dr. ich sei der Antichrist…« ›Danke. warum unternehmen die zuständigen Stellen nichts. ich weiß. Das nächste Gespräch. So.

Sie in ihre Gewalt zu bekommen. Wie es aussieht. Ich werde die Nachricht dort an einem Schwarzen Brett deponieren und darum bitten. Catherine stützte den Kopf in beide Hände.Damen in der Zentrale haben alle Hände voll zu tun. sie weiterzuleiten. »Ich kann sie nicht WELL oder ECHO schicken«.« Catherine setzte sich vor den Computer und dachte nach. weil Sie schweigen.« Er überlegte und nickte dann.« »Dann werde ich es über Internet versuchen. daß sowohl Sie als auch die Schriftrollen das ›Böse‹ sind. Besorgt sah er Catherine an. Offenbar sind bereits zu viele Menschen davon überzeugt. Sie müssen Ihre Nachricht an eine Stelle schicken. wenn man Sie erkennen sollte. »Alles in Ordnung?« fragte er leise.« »Dann muß ich allen die Wahrheit sagen! Sie müssen meine Beweggründe kennenlernen!« »Gut. wo viele sie lesen. Dann besteht die größte Wahrscheinlichkeit. könnte Ihnen nicht einmal die Polizei Schutz bieten. selbst wenn Sie sich stellen würden. Aber lassen Sie sich nicht entmutigen. Das Jahrtausendfieber scheint den Menschen den Verstand zu rauben. aber wie? Sie können nicht telefonieren. UniCom wäre das 359 . Verstehen Sie. Man deutet Ihr Schweigen als ein Eingeständnis von Schuld. mir gefällt das alles überhaupt nicht. Man würde Sie sofort aufspüren. wer ist jetzt am Apparat?‹ ›Sagen Sie dem Weib…‹ Garibaldi griff nach der Fernbedienung und schaltete ab. daß einer die Nachricht weiterleitet. Fanatiker werden möglicherweise versuchen. Es könnte für Sie gefährlich werden. Ja. »Warum beschimpfen sie mich? Warum sind alle gegen mich?« »Vermutlich deshalb. wir beantworten so viele Anrufe wie möglich. »Dort muß man angemeldet sein. »Das könnte gehen. sagte sie.

Danno war 360 . aber in den meisten sind nur drei oder vier Anwender gleichzeitig Online. »Es gibt viele tausend IRC-Kanäle!« »Richtig. daß Sie daran denken würden. daß Sie hier im Hotel sind. »Es handelt von einer Gruppe Männer. denn durch den Einwahlknoten würden Sie mehr Menschen erreichen.« »Havers hat vermutlich vorausgesehen.« Es muß einen Weg geben.beste. besteht kaum die Chance. dachte Catherine und starrte trübsinnig auf Dannos Computertasche. »Was haben Sie vor?« »Ich habe mit Danno einen Sommer lang in Mexiko gearbeitet. und jemanden beauftragt. und sie begann zu tippen. Noch weniger wird man die Nachricht weiterleiten.« »Er kann nicht alle Kanäle überwachen«. »Das war sein Lieblingsbuch«. die von ihrer Welt und ihrer Zeit abgeschnitten worden sind. Das ist schade. denn beinahe jeder hat das. Wenn Sie sich in diese Gespräche einwählen. denn sonst läßt sich wie beim Telefonieren der Absender ausfindig machen. dort nach Ihnen Ausschau zu halten.« »Sie können die Nachricht keiner Anwendergruppe zuleiten.« »Wie wäre es mit IRC? Im Internet Relay Chat gibt es viele sehr populäre Kanäle. Ausgestoßene…« Plötzlich fiel ihr etwas ein. daß man Ihnen glaubt. öffnete sie und holte die vergilbte Ausgabe von Hawksbill Station heraus. murmelte sie. Garibaldi zog sich einen Stuhl heran und setzte sich neben sie. Er suchte einen Maya-Tempel. erwiderte Catherine. Sobald Sie Ihre Nachricht senden. Das gilt auch für Dianuba Network. ermittelt der Spion die Adresse der Zugangslizenz und weiß. Sie griff danach. aber auch dort muß man sich anmelden.

»Vor zwei Jahren hatten sie zehn Mitglieder. »Wenn ich mich recht erinnere. anonym in einem BBS hinterlasse. er benutzte Internet Relay Chat. PERSISTENT ABUSERS OF THIS RULE WILL HAVE THEIR HOST BANNED FROM THIS SERVER. daß ich unschuldig bin.org‹ und drückte: ENTER.us.us.« Auf dem Monitor erschien die Meldung: ›Ihr Host ist pasadena.‹ »Ich weiß. und sie bitten. Aber auf die Loyalität der Mitglieder von Dannos Gruppe kann ich setzen. ABSOLUTELY NO 361 .« Sie klickte auf das Symbol IRC MANAGER. das sind nicht viele«.« Catherine tippte eilig weiter: ›pasadena. »Wie groß ist die Gruppe?« Sie klickte auf das Symbol CONNECT.« Auf dem Monitor erschien die Meldung: MOTD: PAKE USER @HOST IS NOT ALLOWED ON THIS SERVER. wenn Sie den Kanal finden?« »Ich werde ihnen sagen. sagte Catherine.org. das so weit und so schnell wie möglich zu verbreiten.ca. »doch wenn ich das. dann habe ich keine Garantie. wer ich bin. BOTS ARE ALLOWED ON THIS SERVER ONLY WITH SERVER OP APPRQ-VAL. hieß der Kanal ›Hawksbill‹. wo es hundert Leute lesen.000 Anwender. Ich glaube. 1500 unsichtbar auf 127 Servern.undernet. Ich werde ihnen sagen.regelmäßig morgens und abends eine Stunde im Internet. 2. was ich sagen will.undernet. daß sie die Nachricht verbreiten. Server created 7/23/96 um 16:43 PST.« »Was wollen Sie mitteilen.ca.

« Aber Catherine erinnerte sich deutlich daran.CLONE BOTS ALLOWED. wie sie im schwülen heißen Regenwald von Yucatan Danno über die Schulter geblickt hatte. spaCeman. die Spitznamen der im Augenblick im Netz befindlichen Teilnehmer angezeigt: BENHUR. »›Hawksbill‹!« Sie markierte #hawksbill und klickte zweimal. ein Hinweis darauf. END OP/MOTD COMMAND »Hoffen wir. »Kennen Sie die Leute?« fragte Garibaldi. murmelte Catherine und tippte: ›/list -min 4. wenn er sich bei 362 . oocbert. »Es gibt sie noch!« rief Catherine. Jean-Luc.‹ Auf der rechten Seite des geteilten Bildschirms begannen Namen und Nummern zu erscheinen: #altair 4 #boyehat 7 #dogs 5 #doomsday 9 #england 12 #friendly 32 #german 6 #hawksbill 4 »Da ist er!« rief Garibaldi.Zeichen vor dem Namen. hatte das @. Sofort erschien die Meldung: YOU HAVE JOINED HAWKSBILL In einem Kasten wurden die ›handles‹. daß er oder sie der Kanal-Operator war. Der vierte. »Nein. daß der Kanal noch da ist«.

Er hieß ›Klaatu‹. ob es Männer oder Frauen 363 . Es erschien die Meldung: IRC Kein Zutritt HAWKSBILLBOT »O je!« sagte Garibaldi. es ist eine Verschwörung. ist Hawksbill am Ende.« Catherine wählte sich wieder in den Kanal.« Catherine verließ den Kanal und ließ sich in ›SERVER/CONNECTION‹ den Spitznamen von Daniel anzeigen.wlu. und ein Piepton war zu hören. Seine Atlantis-Theorie und alle seine Beweise sind zu unbequem gewesen. Lange nichts von Dir gehört:-)) [Hasenfuß] Habt Ihr die Meldungen in den Zeitungen gelesen? Wenn das alles stimmt. »Versuchen Sie es noch einmal unter diesem Namen. *SERVER* HASENFUß! johnjay@machl. Kaum hatte sie sich in den Kanal eingewählt. daß Sie sich nicht einwählen dürfen. [spaCeman] Ich sage euch. begann ein Symbol links oben am Bildschirm zu blinken. beachtete das blinkende Symbol nicht und ließ sich den Dialog anzeigen. Hasenfuß! Du bist wirklich ein Hase. wenn Sie im Kanal bleiben. Man wird Sie hinauswerfen.der morgendlichen Plauderstunde mit seinen Freunden unterhielt. »Danno wußte nicht einmal.ca [@Jean-Luc] Hallo. [BENHUR] Eine Verschwörung? Quatsch! Da steckt etwas anderes dahinter. Sie sind eine Fremde. Über die seltsamen Namen hatte sie sich schon damals gewundert. Jemand wollte ihn endgültig zum Schweigen bringen. »Wissen Sie etwas über diese Leute?« fragte Garibaldi und verfolgte kopfschüttelnd den Dialog im nicht lokalisierbaren Cyberspace. »Sie sagen Ihnen.

stöhnte Garibaldi.sind. ich bin es. dann können sie auch nicht ahnen. Wenn Havers IRC überwachen läßt. denn er hat den Kanal eingerichtet. ich weiß. Du mußt dich verabschieden. sie sprechen eindeutig über Dannos Tod. [spaCeman] Was soll das?!!! 364 . Mitexilanten. löschte ›Klaatu‹ und tippte einen neuen Spitznamen. Zu Garibaldi sagte sie: »Danno hat vermutlich nicht nur einen Kanal benutzt und in jeder Gruppe einen anderen Namen verwendet.« Kurz darauf erschien folgender Text: [@Jean-Luc] Klaatu: Sorry. Sehen Sie. Er war schon länger hier als alle anderen. welchen er für ›seine‹ Gruppe hatte. das hier ist ein privater Kanal. über den soviel in den Medien berichtet wurde. oder das FBI…« Catherine dachte nach. zu ihrer Gruppe gehört hat.« »Danno ist eine Ausnahme. dieser Jean-Luc. Aber ich glaube. »Wir haben nicht viel Zeit. dann griff sie wieder nach dem Roman Hawksbill Station. »Nicht schon wieder ein Paßwort-Problem«.« »Wenn sie die Identität der anderen nicht kennen. Das ist eine der Regeln auf dem Hawksbill-Kanal. Sie schlug die erste Seite auf und las den Anfang: ›Barrett war der ungekrönte König auf Hawksbill Station. Er war der Gründer… er und noch ein Freund… ich glaube. er hatte am meisten gelitten und er besaß die größten inneren Kraftreserven. Sie sind alle in der einen oder anderen Form Außenseiter und sprechen prinzipiell nicht über ihr Leben. daß Daniel Stevenson.« Sie klickte auf ›#hawksbill‹ und tippte: ›Barrett‹ Hallo. Niemand bestritt das.‹ Catherine klickte auf: ›SERVER/CONNECTION‹.

[BENHUR] Barrett ist tot:-( [@Jean-Luc] Verlaß den Kanal! Catherine tippte: ›Ich bin Barrett. Wir trauern… *DOGbert trauert [Barrett]Ich brauche eure Hilfe. Sie ist unschuldig. »Sie müssen die Gruppe überzeugen. Ich brauche euch! *DOGbert kommt wieder zu Bewußtsein. Wir haben Barrett verloooooooooren. Catherine Alexander hat mich nicht ermordet. [spaCeman] Du machst die Sache nur noch schlimmer. daß Sie wirklich Daniels Freundin sind und nicht ein Schwindler. [spaCeman] Werft den Hochstapler raus! [@Jean-Luc] Du bist gewarnt! [Barrett] Wartet bitte. und 365 . dann tippte sie: ›Im Universum gibt es eine Quelle des Lebens. Du Schwachkopf! «Barrett»Catherine Alexander war meine Freundin.« Catherine dachte einen Augenblick nach. [@Jean-Luc] Tote reden nicht! [DOGbert ] Das finde ich nicht komisch.‹ [@Jean-Luc] Das kann nicht sein! * Hasenfuß ist empört *DOGbert sinkt beim Anblick eines Geistes in Ohnmacht. Dr. Sie waren bereits fünfzehn Minuten im IRC. Aber das muß schnell geschehen. Sie braucht unbedingt eure Hilfe! [@Jean-Luc] BEWEISE!!!!!!! »Die glauben Ihnen nicht!« sagte Garibaldi und blickte unruhig auf die Uhr. Sie war meine beste Freundin.

ist alles verloren. »Janet war Barretts Geliebte. »Wer ist nun wieder ›Janet‹?« »Keine Ahnung. Daniel hatte nie eine Janet erwähnt. »Hier«. Garibaldi runzelte die Stirn. sagte er und deutete auf die Stelle. [spaCeman] Wer ist Catherine Alexander? [DOGbert] Warum sollen wir ihr helfen? [BENHUR] Tod allen Hochstaplern! [@Jean-Luc] Bist Du Janet? Catherine zuckte zusammen.« »Seine Geliebte!« »Ich glaube.niemand kann lange ohne diese Quelle leben. Verzweifelt murmelte sie: »Ich bin auf ihre Hilfe angewiesen. das Daniel auf die Innenseite des Laptop geklebt hatte. wenn ich mit Ja antwortete und das ist falsch. mir zu glauben.« [@ Jean-Luc] Ich wiederhole: Bist Du Janet? »Sie warten auf eine Antwort. Als keine Antwort kam.« Catherine sah Garibaldi verwirrt an und tippte: 366 . Daniel hat Sie geliebt. aber er hat von ›Janet‹ gesprochen.« »Aber warum gerade ›Janet‹?« Er griff nach dem Roman und blätterte darin. die richtigen Namen preiszugeben. Was dann?« Garibaldis Blick fiel auf das Photo von Catherine. Daniel muß Sie erwähnt haben. »Ich glaube.« »Hatte Daniel eine Freundin?« »Das hätte er mir gesagt.« Catherine biß sich auf die Lippen.‹ Sie drückte ›Enter‹ und wartete. Aber wenn sie mich auf die Probe stellen. tippte sie: Barrett bittet euch. Die Gruppe vermeidet doch offensichtlich. Wenn sie mir nicht vertrauen.

seit Barrett nicht mehr da ist.vetcom ist da. [Server] Sugar! ~kharvey@scgrad.demon.[Barrett] Ja. [Server] Maynard! ~rismith@alice. warum hat man Barrett umgebracht? [spaCeman] Der Mord ist ein Skandal! Was können wir für Dich tun.co.uk ist auf diesem Kanal.ae.ix. [DOGbert] Wer hat ihn umgebracht? [Server] Trilogy! Atombak@ix-orl-22.us *Trilogy schüttelt den Kopf und sagt: unmöglich. Janet? [Barrett] Der Grund: Ich besitze etwas. bist Du es wirklich??«:-) [DOGbert] Die Station ist nicht mehr das. und hör zu! [Maynard] Hallo Leute! Hat jemand in letzter Zeit 367 .brad. aber dann kamen die Sätze in schneller Folge: [@Jean-Luc] Barrett fehlt uns. ich bin Janet. Was soll das heißen. Barrett ist doch tot!!!! [spaCeman] Sei still. [@Jean-Luc] Janet. was sie einmal war. Wer hat ihn umgebracht? Warum hat die Polizei den Mörder noch nicht gefaßt? [BENHUR] BRB [Server] BENHUR hat sich verabschiedet. [BENHUR] Janet. [Sugar] BENHUR hat mich aufgestöbert und meint. Barrett ist wieder da? [Barrett] Ein Killer hat ihn umgebracht. Auf dem Bildschirm bewegte sich nichts. ich soll mich einwählen.

cudenver.DialUp. [Server] Carlos!mmongo@dianuba. Barrett. [Barrett] Catherine Alexander hat mich nicht umgebracht. Sie ist unschuldig. [@Jean-Luc] Es ist Barrett… [Sugar] Exilanten halten zusammen.Net grüßt die Runde. Meldet allen im Net.org. was wir tun sollen. Catherine Alexander ist in Sicherheit und gesund. Barrett ist wieder da! [Server] Benhur!~George@Sebakal. [Barrett] Benachrichtigt Dr. Carlos. sag uns. Sie braucht eure Hilfe.einen Orgasmus gehabt? [Server] Zipcode!zelinksi@ouray. Der Killer ist hinter ihr her und will auch sie umbringen. Eine Frau hat ihn umgebracht. [Carlos] Was gibt es? Benhur hat mich aus einer Gruppe rausgeholt. [Maynard] Unmöglich! [Sugar] möglich [@Jean-Luc] Barrett bist Du noch da? [Maynard] Ich habe es in der Zeitung gelesen.com ist auf diesem Kanal [Trilogy] He. die dann aus der Wohnung geflohen ist. Sie war Barretts beste Freundin und sie braucht die Hilfe seiner Freunde.edu [Sugar] Mayn-Man! Willkommen im Bett! [DOGbert] Keine Sexgespräche auf diesem Kanal! [Maynard] Entschuldigung… [@Jean-Luc] He Maynard. Sagt ihm. [Carlos] Barrett war in Ordnung. Julius Vossjlvoss@freers. daß 368 .PolarisTel. Er hat sich gewehrt.

»Wenn die Gruppe das Wort ›Tymbos‹ im Internet verbreitet. »War das klug?« fragte Garibaldi. Ich melde mich wieder. [(©Jean-Luc] Ein Anagramm? Was zum Beispiel? [Barrett]Ist jemand von euch katholisch? 369 . Dann tippte sie: [Barrett] Helft Dr. was sie antworten sollte. [Trilogy] Ist sie die Kleine mit den Schriftrollen? »Vorsicht. Ich glaube. eine Person oder ein Anagramm. Sie muß Tymbos finden.Dr. daß einer von ihnen Astrophysiker ist. o. mich zu erinnern. ob ihr Tymbos gefunden habt. Sie wird verfolgt. Vielleicht findet er oder sie heraus. vielleicht ist das eine Falle!« rief Garibaldi. daß diese Leute sehr geschickt sind. Aber ich werde einen anderen Namen benutzen. und sie muß beschützt werden. kommt Havers Ihnen möglicherweise auf die Spur. um zu sehen. Alexander. Sagt der Polizei. ein Ort.« [Sugar] Barrett: Was ist tymbos? [Trilogy] s. möglicherweise auch ein Anagramm. [Barrett]Eine Person. SAGT KEINEM ETWAS VON TYMBOS. sie weiß NICHT. weil der Bösewicht mich überwacht. wer Barrett umgebracht hat. Sein Mörder verfolgt Janet.« »Ich weiß von Danno. Catherine massierte sich den Nacken und überlegte. Es ist ein Ort. Alexander UNSCHULDIG ist. ob ›Tymbos‹ ein Code ist und was sich dahinter verbirgt.

auch im Internet. ob sie Ihnen trauen sollen. theou uios soter [Sugar] Barrett. Helft mir. »Sie schweigen«. 370 . glaube aber griechisch. zitierte Garibaldi. [Sugar] Barrett/Janet. bevor sie noch einmal morden. damit jeder.« Der Dialog schien zu Ende. wie alle behaupten? [Carlos] die Wiederkehr von Jesus? [Barrett] Dr. Bitte sorgt für die Verbreitung dieser Botschaft im Namen der Quelle des Lebens im Universum. Die Killer müssen gefunden werden. Auf dem Monitor erschien nichts Neues. Sie wird verfolgt.Eine Weile bleibt der Bildschirm leer. nicht zugrunde geht. Sie ist eine von uns. sondern das ewige Leben hat‹«. Ihr Leben ist in Gefahr. Catherine tippte: ›ichthus‹ [Carlos] Iesous Christos. ist ›Tymbos‹ griechisch oder lateinisch? [Barrett] Weiß nicht. wird sie es der Welt zum Geschenk machen. Alexander die Schriftrollen? [@Jean-Luc] Sagen sie den Weltuntergang voraus. das der ganzen. »Vielleicht verständigen sie sich untereinander. denn Tymbos kann mich vielleicht zur siebten Schriftrolle führen. Dann: [Carlos] Johannes 3:16 »›Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt. Menschheit gehört. Alexander arbeitet an etwas. Aber ihre Worte blieben dort stehen. Die Jagd muß aufhören. Catherine blickte gespannt auf den Bildschirm. um sich klar darüber zu werden. der an ihn glaubt. Wenn sie ihr Werk getan hat. hat Dr. flüsterte sie. daß er seinen einzigen Sohn hingab.

Aber bei der Liebe war er nicht so vorsichtig. seine Schminke.« »Ich weiß nicht recht. drang das Gift.« »Einen Moment noch«.»Das gefällt mir nicht«. wir können ihnen trauen. in sein Blut. seine Girlanden. »Verlassen Sie den Kanal. sagte Catherine. seine Gewänder. daß Satvinder die älteste Tochter des Königs war. Deshalb ließ er jeden Tag alles untersuchen – seine Speisen. *Bitte glaubt mir* Haltet die Augen offen… Dann trennte sie die Verbindung: FILE »EXIT DIALER« BYE NO CARRIER Es wird erzählt. sonst wird man mich vielleicht entdecken. vergiftet zu werden. Ich werde einen Kanal schaffen. stellte ich fest. Sie erzählte mir. Satvinder war auch die weißgekleidete geheimnisvolle Frau auf dem Marktplatz. Eine Konkubine gewöhnte sich langsam an ein tödliches Gift. sein Parfüm. Satvinder hat mir diese Geschichte erzählt. Beobachtet IRC. das sich in ihren Körpersäften befand. Als Philos und ich Cornelius Severus zu einem Festmahl in den Palast begleiteten. daß es in Indien den Frauen verboten ist. seinen Wein. Das nächste Mal begegneten wir uns unter anderen Vorzeichen. sagte Garibaldi. »Ich bin sicher. daß der vorige König befürchtete. Aber ich werde euch in ein paar Tagen anwählen.« Nach kurzem Zögern tippte Catherine ihre letzten Sätze: [Barrett] Ich kann mich auf diesem Kanal nicht mehr melden. und er starb. Als der König sie eines Tages aufsuchte und sich mit ihr vereinte. 371 . seinen Turban.

antwortete sie: ›Sie ist die Mutter. er müsse wissen. Wenn sie nicht helfen. Satvinder praktizierte Ayurveda. mir zu erklären. daß sie ihre Heilkünste in der Stadt zum Nutzen der Kranken verkleidet praktizierte. Zerstören und Wiedererschaffen 372 . und wenn das nicht hilft.Sanskrit zu lernen. wer Shakti sei. sie wollte es auch anwenden. Satvinder war eine Anhängerin der Göttin Shakti. Sie sagte. auf das wieder das Erschaffen folgt. Erhalten und Zerstören. Satvinder gab sich mit dem Wissen allein nicht zufrieden. Medikamente. als sei sie ein Mann. Satvinder sprach von ihrem Glauben. zu dem das Wissen um das zyklische Weltdrama von Erschaffen. Patient. Als ich Satvinder bat. das heißt ›Wissen des Lebens‹. und er erlaubte ihr. Aber als ich den König kennenlernte. dann operiert man. Zuerst werden Zaubersprüche gesprochen. Aber Satvinder besaß einen starken Willen. Von ihr lernte ich. gehört. Als ich wissen wollte. daß am Indus die medizinische Behandlung auf vier Säulen ruht: Arzt. Ihr Name bedeutet kosmische Kraft. die er uns am Salzmeer verkündet hatte. die im Lotus des Herzens sitzt. was mit dem Kreislauf von Erschaffen.‹ Ich erzählte vom Gerechten und von seiner Botschaft. Pflege. benutzt man Medikamente. ihrem Vater sei nicht bekannt. die erschafft. in der Verborgenheit des Palastes zu studieren und zu lernen. dachte ich. daß seine Tochter sich nicht an die ungerechten Gesetze der Männer hielt. Als ich sie fragte: ›Wer hin ich?‹ sagte sie: ›Du bist das Eine und das Viele!‹ Als ich fragte: ›Und Gott?‹ gab sie dieselbe Antwort. eine der Wissenschaften zu studieren oder die Heilkünste auszuüben. Sie ist die höchste Gottheit. Eine Krankheit wird immer auf dreierlei Weise behandelt. Sie war die Lieblingstochter ihres Vaters.

denn ich glaubte noch immer. damit sie das Licht sahen. Die Gemahlin von Cornelius Severus war mit den Kindern in Rom geblieben. Wir waren fast alle gleichaltrig und blieben zusammen. Ich fand Freundinnen unter Satvinders Gefolge und auch bei den Frauen der römischen Offiziere. aber die Frauen der anderen Offiziere begleiteten ihre Männer. daß der Weg der wahre Glaube sei. der gesagt hatte: ›Der Gerechte hat uns verheißen. daß wir alle viele Male geboren werden und sterben. sagte sie. weil die Botschaft des Gerechten nicht in ihr Herz drang. Ich hatte von Philos noch kein Kind. Sie waren viele Monate unterwegs. Während wir am Indus waren. Die Frauen gaben mir viele Ratschläge. wenn Philos mit Cornelius Severus zurückkommen würde. sah ich wenig von Philos. diese fromme. der auf meiner Seele lastete. daß Satvinder. denn er begleitete Cornelius Severus. Der eine war an Cornelius Severus gerichtet und 373 . Auch sie sahen ihre Männer nicht. und daß man den Menschen die Augen öffnen müsse. Ich war traurig. aber unwissende Anhängerin der Göttin Shakti.gemeint sei. Sie reisten in den Osten bis zum Ganges und in den Süden bis zu den Tamilen. daß wir als Mensch mit Fleisch und Blut ins Leben zurückkehren? Hatte der Gerechte in Indien gelehrt. was ich tun sollte. Etwas in ihren Worten kam mir bekannt vor. Aber ich wollte nicht nur ein Kind. wo ich ihn als Kind predigen hörte? Der Kummer. aber sie hatten Kinder zu versorgen. bevor er in die Wüste von Judäa ging. blieb. daß wir wiedergeboren werden…‹ Meinte er damit dasselbe wie Satvinder? Meinte er. Ich erinnerte mich an den Prediger in Antiochia. noch mehr sehnte ich mich nach Liebe. An meinem zwanzigsten Geburtstag trafen zwei Briefe ein. nicht in das ewige Königreich gelangen würde.

‹ 374 . Meine Großmutter teilte mir mit. daß meine Mutter in das Königreich des Gerechten eingegangen war. Mein Glaube wurde gefestigt. Gesegnet sind die Worte des Gerechten. vor der nächsten großen Reise einen Besuch in Antiochia machen zu können. des Meeres und jeder Quelle. Ich bin der Gedanke. Die Macht Gottes rettet alle im Glauben. den Indus zu verlassen und weiterzureisen. es ist ein Geschenk für alle. der Verehrte und der Verachtete. daß meine Mutter gestorben war. Auf diese Weise bekehrten sich viele zu unserem Glauben. Verehrt den Schöpfer der Erde und des Himmels. daß mir mit der traurigen Nachricht vom Tod meiner Mutter neue Worte des Gerechten von denen überbracht wurden. Wer da glaubt. Die Nachricht machte mich traurig. den sie an die Gemeinde in Antiochia gerichtet hatte. Wer durstig ist. Zusammen mit dem Schreiben meiner Großmutter bekam ich ein bemerkenswertes Geschenk. Ich bin der Erste und der Letzte. Und dies sind die Worte von Maria in dem Brief: ›Eure Schwester grüßt die Gemeinschaft in Antiochia mit dem Friedenskuß. Es war der Brief einer Frau aus Rom. Findet das Leben durch den Glauben. der soll kommen und das Wasser des Lebens trinken. der Tod des Gerechten ist nur eine Täuschung. Vergeßt nicht die Worte Salomos. der gesagt hat: Ich bin die Stimme in allen. der gesagt hat. Die Mitglieder der Gemeinde fertigten Kopien dieses Briefes an und schickten sie an andere Orte. die es begehren. Der zweite war für mich und kam von zu Hause.enthielt Befehle. Es tröstete mich. der wird das ewige Leben haben. und ich wußte. denn ich hatte meine Mutter zwei lange Jahre nicht gesehen und gehofft. Ich bewege jedes Wesen. Und ich bin auf alle Zeiten bei euch. die ihn gekannt hatten. wo Gläubige sich wie bei uns in Antiochia versammelten.

Das bedrückte Herz. Sie schenkte mir ein Zaubermittel. das. die uns Erfüllung schenkt. Ich hoffte. folgt dem Weg der Liebe. die folgenden Worte Marias nahm ich mir am meisten zu Herzen: ›Der Weg ist Frieden und Vergeben. Denn die Liebe ist das. Deshalb. das Herz aus Stein. Ich reiste mit einem stillen Gebet im Herzen ab. daß ich mich in Philos verlieben würde und er sich in mich. Brüder und Schwestern. daß Satvinder die Worte Marias lesen und das Licht sehen werde. Wir umarmten uns als Schwestern auch wenn wir aus unterschiedlichen Welten kamen und einen unterschiedlichen Glauben hatten. damit auch sie das ewige Leben fand.Liebe Perpetua. 375 . worauf sich der Glaube gründet.‹ Ich schrieb den Brief ab und gab die Abschrift Satvinder. wie sie sagte. So finden wir eine Gnade. Ohne Liebe kann der Glaube keine Berge versetzen. wird den Tod überwinden. das sich der Liebe öffnet. Das Herz. Wir verließen den Indus vor den jährlichen Regenfällen. meinen Leib fruchtbar machen werde. Beim Abschied betete ich. das falsche Herz – sie alle werden den Tod finden. In dieser Gnade werden wir nicht vergehen und niemals sterben.

DER NEUNTE TAG 376 .

vaticano. drehte sie sich schnell um. hob die Arme und ließ den Kopf nach hinten sinken. wie sich das schwarze Priesterhemd über den Muskeln seines Oberkörpers spannte. das sei eine gute Adresse für ein so ausgefallenes Thema. zuckte zusammen. »Ja. Als Catherine sah. Dann sah sie. Catherine setzte sich neben ihn und las auf dem Bildschirm die Meldung: ZUR ZEIT KEINE VERBINDUNG MÖGLICH. erwiderte Garibaldi gereizt und wies ungeduldig auf den Monitor. »Alle Welt will dasselbe wie ich«. Nevada »Nicht schon wieder!« rief Garibaldi und schlug mit der Faust auf den Schreibtisch.html. denn sie 377 . Catherine.Mittwoch. Überrascht stellte sie fest. Der Tag war wie im Flug vergangen.« Er lehnte sich auf dem Stuhl zurück. »Was ist los?« fragte sie und reckte sich gähnend. dort liegen Tausende von Manuskripten und Dokumenten. daß sich der Himmel vor dem Fenster bereits orange färbte. Ihr Nacken und die Schultern schmerzten. Es ist ständig besetzt. 22. Ich dachte.‹ »Die Vatikanbibliothek?« fragte sie. von denen viele nicht übersetzt oder katalogisiert sind. Dezember 1999 Las Vegas. wen er zu erreichen versucht hatte: ›http://christusrex/archivo. die in Sabinas Geschichte vertieft war. Sie hatte stundenlang über die Schriftrollen gebeugt gelesen und übersetzt. dann stand sie mit steifen Gliedern auf. Aber ich habe kein Glück.

die wie flüssiges Gold durch das Fenster fielen und dem Teppichboden einen schimmernden Glanz verliehen. Catherine. Wenn ja. weil es anonym war – zumindest hofften sie es. »Ich habe nachgedacht. ob meine Bitte dazu geführt hat. daß Dannos Freunde mir helfen. half ihm ihre Nachricht vielleicht. die letzten Sonnenstrahlen zu bewundern. daß sie jetzt nicht aufgeben durfte. daß die Leute von Hawksbill ihn erreicht hatten. wird dir das nicht helfen. die er an jenem verregneten Nachmittag vor fünf Tagen in Malibu zu ihr gesagt hatte. erinnerte sie sich noch sehr gut. daß Sabina oder Philos möglicherweise das 378 . wenn er sie unterstützte. Was macht er gerade? Was fühlt er? Was denkt er? »Wenn ich bei dieser verrückten Sache mitmache. er werde ihr eher schaden. Aber Catherine und Garibaldi wagten es nicht. vor denen er sie gewarnt hatte. Vermutlich fühlte er sich angesichts der Medien. Havers konnte unmöglich die vielen tausend Teilnehmer in aller Welt überwachen. »Warum machen Sie so ein besorgtes Gesicht?« fragte er schließlich. die den Fall auf ihre Weise aufgegriffen hatten. Catherine hoffte jedoch. Könnte ich doch nur über das Internet herausfinden. sich in die Nachrichtendienste oder IRC-Kanäle einzuwählen. in seiner Meinung bestärkt.« An diese Worte. Im Web waren sie sicher. Schließlich war sie genau in die Schwierigkeiten geraten. weil sie fürchteten. sondern die Schriftrollen übersetzen mußte. Havers könnte durch seine Wachhunde ihre IP-Adresse bis zum Hotel Atlantis zurückverfolgen. Sie wollte ihm klarmachen. von dem Sabina spricht: Was bedeutet es Ihrer Meinung nach? Glauben Sie. Sie wollte an Julius denken und daran. Garibaldi betrachtete Catherine aufmerksam. sie zu verstehen.fand es unverfänglicher. wie sehr sie ihn vermißte. Das ewige Leben.

»falls diese Schriftrollen nun kein religiöses Dokument sind. »In den 379 . Bei ihrer Botschaft handelt es sich um die Worte von Jesus. »Ich weiß nicht«. sondern ein Buch über Metaphysik. klingt christlich. Was für ein verrückter Gedanke… »Ich komme mir vor wie ein Tier im Käfig«. aber nicht ganz. »Vater Garibaldi«. aber nicht ganz.Mittel für ein unvorstellbar langes Leben gefunden haben?« »Ich glaube. ob sie möglicherweise die geheime Formel für die Verlängerung des Erdenlebens entdeckt hatten. murmelte sie schließlich frustriert. »Dann würde eine Welt entstehen. was Daniel über die Essener gesagt hatte. daß er ewig leben werde.« Doch Catherine überging seinen Einwand. sagte sie.« Catherine blickte auf den Text. sie spricht vom ewigen Leben nach dem Tod. das zu glauben. »Wie können Sie so etwas sagen?« Er deutete auf den Bildschirm. Garibaldi sah sie an und lächelte.« Er zog die Augenbrauen hoch. in der niemand stirbt? Es fällt mir schwer. Wie lange hatte er nach der Niederschrift seiner Erinnerungen noch gelebt? Und wenn er noch immer am Leben ist? Sie rieb sich den schmerzenden Nacken. über Alchimie?« »Was dann?« »Dann müssen wir uns sehr genau überlegen. denn sie beschäftigte sich in Gedanken bereits wieder mit Ihn Hassan. wer etwas davon erfährt. Sabina war über achtzig und schien sich keine Sorgen über das Sterben gemacht zu haben. der behauptet hatte. »was sie sagt. murmelte sie.« Catherine dachte an den hundertneunundzwanzigjährigen Ihn Hassan. Catherine erinnerte sich daran. denn alle werden die Formel für ein ewiges Leben haben wollen.

letzten Tagen sind wir auf diesen unsichtbaren Datenautobahnen viele tausend Meilen gereist. wenn sich herausstellen sollte. doch Catherine fiel auf. zurück zum Oriental Institute in Chicago. Ich habe vor kurzem der Duke University einen Besuch abgestattet und bin von dort nach Beijing gesaust. Sind Sie mit dabei?« Er tippte bereits. daß Garibaldi seine Suchbegriffe um ›Maria-Brief‹ erweitert hatte. diese Maria habe den Gerechten gekannt. Deshalb versuche ich. dem Hinweis auf einem anderen Weg nachzugehen. und Sabina selbst hatte ebenfalls eine gemacht. doch Sabina sagte. und sie sah. Es handelte sich allerdings nicht um eine Hypertext-Verbindung. hieß. Gab es vielleicht irgendwo auf der Welt einen Maria MagdalenaBrief? Wie würde die Kirche reagieren. daß noch eine Kopie des Briefes existierte? Sabina berichtete. »Da ist sie! Die Liste der Privatsammlungen. werde ich mich in der Universität Stuttgart umsehen.stutt. Sie überlegte: Was wäre. daß es sich bei der Maria im Text um Maria Magdalena handelt? Maria war damals zwar ein sehr verbreiteter Name gewesen. die Gemeinde in Antiochia habe Abschriften angefertigt. nicht @uni. Wäre es nicht denkbar. »Wohin wollen Sie diesmal?« »Beim Suchen in San Francisco habe ich einen Hinweis auf ein Verzeichnis privater Antiquitätensammlungen entdeckt. und solange der Vatikan besetzt ist.edu. den er anwählte. daß der Teilnehmer. Da kann man wohl kaum von einem ›Käfig‹ sprechen.« Catherine beugte sich vor und fragte stirnrunzelnd: 380 .« Catherines Blick fiel auf den Notizblock neben dem Computer. wenn sie davon erfuhr? »He!« sagte Michael.

Zeitpunkt. an dem Nudel den ersten Haarball ausgespuckt hatte – und erreichten schließlich: Besitzer des Hundes. warten Sie!« Sie hatte den Eintrag: ›Aki Matsumoto. Ich glaube. »Er bietet den Zugriff auf private Sammlungen!« sagte Catherine und blickte verblüfft auf das Photo eines jungen Mannes. ›Altertum‹. ›Artefakte‹. er ist ein reicher japanischer Sammler. »Den Namen habe ich auch schon einmal gehört.matsumoto. Öffnen Sie die Datei. die aus unerfindlichen Gründen das Photo eines häßlichen kleinen Hundes zeigte. und Catherine überflog sie schnell. Catherine rief: »Halt. Michael durchsuchte die Liste. »Eigenartig. Es muß sich um kleine Sammlungen handeln. Sie lasen die Angaben – Alter. Michael klickte den Begriff an. klick. klick. Gewicht. Geburtsdatum. und plötzlich erschien eine Web-Seite. was er besitzt. »Von manchen habe ich noch nie etwas gehört! Sehen Sie. »Sehen Sie«.« !!!THIS LOCATION [URL] IS NOT RECOGNIZED: aki. gibt es dort nur vier ägyptische Begräbnis-Papyri. Beim Stichwort: ›Historisch‹ klickte er. hier ist das Freers Institut aufgeführt. privat‹ entdeckt. sagte Michael und rollte im Text nach unten. der Nudel hieß. Wir wollen uns einmal ansehen. Eine neue Liste erschien.html CHECK LOCATION AND TRY AGAIN Catherine zog die Stirn in Falten. Soweit ich weiß.san.»Fred’s Seite?« Michael klickte die farbig unterlegte HypertextVerbindung an.« Garibaldi ließ die Liste langsam weiter abrollen.« 381 . klick.com. der mit bewußt dümmlichem Gesichtausdruck einen aufgeblasenen Gummisaurier umarmte. und Fred’s Seite erschien. ›Texte‹.

er hat Seppuku begangen. Als die Verbindung hergestellt war. klickte er auf ›Suchbegriff‹.« Er rollte den Trackball. als Catherine ihm die Hand auf den Arm legte. zu dem das 382 . tippte Aki Matsumoto und drückte die Eingabetaste. danach auf ›Netsearch‹ und gab die elektronische Anschrift des Las Vegas Herald ein.« Er griff nach der Zeitung. »Aki Matsumoto hat gestern morgen Selbstmord begangen!« »Das muß ein Zufall sein!« »Es sei denn. Garibaldi blickte fragend auf Catherine: »Und jetzt?« »Sehen wir uns noch einmal Fred’s Seite an. und suchte die EAdresse. der im Flur vorbeigeschoben wurde. Meine Intuition warnt mich. Catherine überflog ihn. Matsumoto war im Besitz eines Papyrus. »Er ist tot!« »Selbstmord…« »Sehen Sie sich das Datum an!« Er blickte ungläubig auf den Text. Ist das nicht ein zeremonieller Selbstmord. Er wollte gerade klicken. Einen Augenblick später erschien ein Zeitungsartikel auf dem Bildschirm. und das Zimmer lag im Dämmerlicht. Ich habe ein ungutes Gefühl. die auf dem Schreibtisch lag. Das Sonnenlicht verblaßte. »Warten Sie. Einen Augenblick lang saßen sie schweigend da und nahmen kaum das gedämpfte Klappern eines Servierwagens wahr. bis der Cursor auf ›Langford‹ wies. »Matsumoto… Den Namen habe ich irgendwo gelesen.»Moment mal!« sagte Michael. In dem Artikel über Matsumoto heißt es. Er klickte auf das ›Go‹-Symbol.« »Aber weshalb sollte er dann Selbstmord begehen?« Garibaldi brach die Verbindung ab. den jemand unter allen Umständen haben wollte.

und sagte: »Warum gehen Sie nicht spazieren? Sie haben den ganzen Tag am Computer gesessen. Ich habe diese Schwäche 383 . Catherine blickte gedankenverloren auf die Reste ihres Mittagessens. die Havers unbedingt haben und die Matsumoto aber nicht verkaufen wollte? Wenn also…« »Erpressung?« »Ich weiß nicht. Clubsandwich. was die Sammlung Langford enthält?« Sie starrte auf die leuchtenden Buchstaben.« »Wir sollten die Verbindung so lange wie möglich halten.« Die Anzeige auf dem Bildschirm verschwand. weil die Ehre der Familie verletzt wurde?« »Ich glaube.« »Wieso?« »Ich bin ein geborener Spieler. das der Zimmerservice gebracht hatte – Spinatsalat.Familienoberhaupt verpflichtet ist. Warum?« »Wenn er eine Schriftrolle besessen hat. Sie können sich unter die Leute wagen. Sie saßen im Dunkeln und lauschten auf das leise Flüstern der Klimaanlage. ja. die in der kalten Wüste für eine Raumtemperatur von 23 Grad sorgte. Vielleicht geht meine Phantasie mit mir durch. aber mir gefällt das alles nicht. Hier sind wir sicher. Ich muß hierbleiben. Sie hatten vor vielen Stunden das letzte Mal etwas gegessen. Sie hörte.« »Ich weiß nicht recht«. wie Garibaldi seufzte. »Für mich ist Las Vegas ein gefährlicher Ort. »Brechen Sie bitte ab. aber sie war nicht hungrig. erwiderte er und lachte leise. Mineralwasser.« »Wollen Sie nicht wenigstens sehen. Brechen wir ab.« »Irgend etwas stimmt nicht.

habe ich bei jeder Gelegenheit gewettet… auf Pferde. wie die Sessel vibrierten. der das Hotel umgab. was es war: Atlantis versank. Als ich jung war. Säulen und riesigen Götterstatuen nach den Vorstellungen eines Architekten wieder erstanden. und keines stürzte ein. die auf seinem Arm lag. spürten sie plötzlich. »ich muß Ihnen etwas sagen. als hätte sie sich verbrannt. Zunächst sahen sie nur die strahlenden Lichter von Las Vegas vor dem dunklen Himmel. und nun hörten sie auch ein leises drohendes Grollen. immer noch die glatte Haut und die Muskeln seines Unterarms zu spüren. wenn die Tempel von Fackeln beleuchtet wurden und aus scheinbar vulkanischen Erdspalten die Flammen schlugen. Es gab sogar Geräuscheffekte – herabfallende Steine. versank Atlantis – die Insel. war das untergegangene Atlantis mit Tempeln. sagte er schnell. »Catherine«. Das Beben wurde stärker. Während Catherine das apokalyptische Ereignis beobachtete nahm sie auch die Menschenmenge wahr. schreiende Menschen. welche Farbe das Kleid von Mrs. Sie sahen sich an. Catherine glaubte. Nußbaum von der Bäckerei an einem bestimmten Tag haben würde!« Er blickte auf Catherines Hand. die sich um den See drängte und 384 . auf alle möglichen Dinge. Dann schien das Zimmer zu schwanken. Andere Gebäude schienen nicht zu schwanken. Auf einer der Inseln in dem 20 Hektar großen See. Catherine zog sie zurück. die Tempel und die Götter.nie völlig überwinden können. Wieder einmal. »Ein Erdbeben!« Sie rannten zum Fenster und blickten hinaus. »Was zum…?« rief Garibaldi und sprang auf. sogar darauf.« Aber bevor er weitersprechen konnte. pünktlich auf die Minute. Bei Tag war das Spektakel weniger dramatisch als abends. Plötzlich wußten sie. Und zweimal täglich.

die aussah. daß es sich um Illusionen handelt. Ihr Verstand sagte ihr zwar. als wollten sie die Sterne verschlingen. eine Säule. und im glatten. Ihr Herz schlug schneller. stillen Wasser des Sees blieb keine Spur von den Werken der Menschen zurück. Plötzlich war alles verschwunden: Atlantis. und ihr Mund wurde trocken. war untergegangen. eine ganze Zivilisation. haben diese Leute gejohlt und gelacht!« »Es ist doch nur eine Show. was in der Nacht des 31. Es ist nichts Wirkliches. Flammen loderten in den Himmel. bevor auch sie versank. bevor uns echte Gewalt und Zerstörung völlig gleichgültig ist?« Sie drehte dem Fenster den Rücken zu. Dann sagte Catherine: »Wie kann man aus einer solchen Katastrophe Unterhaltung machen? Haben Sie die Zuschauer da unten gehört? Über das Schauspiel einer gewaltigen Zerstörung. »Ich glaube. Meterhohe Flutwellen türmten sich auf und begruben Atlantis unter sich. Die riesige Statue einer Göttin auf dem höchsten Punkt der Insel schwankte und drehte sich um die eigene Achse. bis auch sie ins Wasser stürzte und wie ein Baumstamm rollte. als sei das ein Vorgeschmack dessen.die Katastrophe bestaunte. Dezember. die sehr realistisch mit den Schreien von Menschen in Todesangst unterlegt war. daß es sich um eine Illusion handelte. wie man sie von Disneyland und anderen Freizeitparks kannte – mit versteckten Mechanismen. um meinen steifen Hals und die Schultern zu 385 .« »Und gegen eine Show darf man nichts einwenden? Wie oft müssen wir solche Dinge in dem Bewußtsein sehen. Catherine und Michael schwiegen. schwankte. ich nehme ein heißes Bad. also in acht Tagen. als sei sie aus Granit. Doch der Realismus der Schau ängstigte sie plötzlich. der das Ganze steuerte. Winden und einem Computer. barst und stürzte unter lautem Getöse zusammen. geschehen würde. Räderwerken.

Sie wollte sich an den Duft des Rasierwassers erinnern. die scharf geschnittenen semitischen Gesichtszüge. Es hatte etwas mit Garibaldi zu tun. daß sie diesen Duft einmal erregend gefunden hatte. das sie mehr erschreckte als alle Gefahren. Dann versuchte sie. Aber dann sagte er nur: »Ich werde feststellen. sich Julius vorzustellen – die sanften schwarzen Augen. Es war nicht nur die Angst vor Havers oder die Angst. Catherine blickte wieder aus dem Fenster und sah zu. also über hundert Stunden ohne Unterbrechung in seiner Gesellschaft verbracht. in allen Einzelheiten.« Er verschwand in seinem Zimmer und schloß die Tür hinter sich. Aber sein Bild stand ihr nicht so klar vor Augen wie das von Garibaldi. Sie hatte nun fünf Tage und fünf Nächte. ihre Gefühle zu erforschen und die seltsame Angst zu identifizieren. die sich wie eine eiserne Klammer um ihr Herz legte. Sie fühlte.« Er sah sie an. Sie versuchte. ihr fiel nur ein. wie sich in ihr etwas Unbekanntes und Unwillkommenes ausbreitete. als überlege er. das Julius benutzte. Garibaldi benutzte Old Spice. Sie sah ihn ganz deutlich. was das Fitneß-Zentrum des Hotels zu bieten hat. wie die Insel langsam aus dem Wasser auftauchte und für den nächsten Untergang vorbereitet wurde. den traditionellen und maskulinen ›Männerduft‹. ob er darauf etwas erwidern solle. die siebte Schriftrolle vielleicht nicht rechtzeitig zu finden. dem ausrasierten Haaransatz im Nacken und den vereinzelten grauen Haaren an den Schläfen. 386 .lockern. Aber es gelang nicht richtig. Bei sechs Swimmingpools müßte ich eigentlich ein paar Bahnen schwimmen können. die ihr drohten. War das gleichbedeutend mit fünf Wochen. bis hin zu dem kleinen schwarzen Leberfleck hinter dem rechten Ohr. Sie schloß die Augen und sah ihn vor sich.

vielleicht sogar mit fünf Monaten in einer normalen Beziehung? Catherine staunte darüber, wie sehr sich ihr sein Äußeres eingeprägt hatte. Doch sie wußte immer noch kaum etwas über ihn – weder über seine Herkunft noch darüber, warum er Priester geworden war. In zwei Tagen war Weihnachten. Würde er nach Hause fahren wollen? Mußten Priester an Weihnachten nicht die Messe lesen? Sie hatte zwar anfangs versucht, Garibaldi loszuwerden, doch jetzt beunruhigte sie der Gedanke, möglicherweise ohne ihn weitermachen zu müssen. Sie hörte, wie er aus seinem Schlafzimmer kam, und sah sein Spiegelbild in der Fensterscheibe. Er blieb mitten im Zimmer stehen. In der einen Hand hielt er seine schwarze Tasche und in der anderen etwas, das sie nicht erkennen konnte. Obwohl er inzwischen nur noch das schwarze Hemd mit dem Priesterkragen trug, fiel es ihr immer schwerer, in ihm einen Priester zu sehen. »Vater Garibaldi«, sagte sie, ohne sich umzudrehen, »glauben Sie, die Hawksbill-Leute haben meine Nachricht weitergegeben?« »Wollen Sie den Computer starten, um es festzustellen?« Sie drehte sich um und sah ihn an. »Nein, ich möchte mich noch nicht bei Hawksbill melden. Wenn Havers herausgefunden hat, daß ich Kontakt zu diesen Leuten aufgenommen habe, und mich auf diesem Kanal erwartet, dann werde ich zum letzten Mal dort auftauchen können, und wir beide müssen weiter. Ich lasse ihnen ein paar Tage Zeit, bevor ich mich erkundige.« »Wer weiß«, sagte Garibaldi und lächelte, »vielleicht ist Jean-Luc der Chefarchivar der Kongreßbibliothek.« Catherine lachte. Ihre Blicke trafen sich über das Zimmer hinweg. Sie schwiegen beide. Er stand schon an der Tür zum Flur, als Catherine sagte:
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»Vater Garibaldi, in zwei Tagen ist Weihnachten. Wollen Sie nicht nach Hause fahren?« Erschrocken stellte sie fest, daß sich sein Gesicht verfinsterte und sich die Muskeln an seinem Hals spannten. Ihr fiel ein, daß er im Begriff gewesen war, ihr etwas zu sagen, als das ›Erdbeben‹ eingesetzt hatte. Er schüttelte stumm den Kopf, drehte sich abrupt um und ging hinaus. Während sich die Tür hinter ihm schloß, sah Catherine flüchtig, was er in der anderen Hand trug. Die philippinischen Kampfstöcke.

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Las Vegas, Nevada
»Ich bin dafür, daß wir es bei den billigeren Hotels versuchen«, sagte Raphael und spießte mit der Gabel ein paar Fettucini auf. »Bis jetzt haben sie immer billige Unterkünfte gehabt.« Er lachte mit vollem Mund. »Wahrscheinlich hast du recht«, stimmte ihm Zeke zu. Er stützte die Ellbogen auf den Tisch und starrte auf den Teller. Er hatte seine gegrillten Rippchen nicht angerührt. Er war zu angespannt, um etwas essen zu können. Sie hatten seit ihrer Ankunft in den großen Hotels diskret und für viel Geld Erkundigungen eingezogen. Nirgends war ein Priester zu finden gewesen. »Morgen früh«, sagte er, »nimmst du dir als erstes die eine Seite der Fremont Street vor und ich die andere.« Es blieb noch ein letztes Hotel, in dem sie sich erkundigen mußten, bevor sie für diesen Abend Schluß machen konnten. Es stand mitten, in einem See und war auch sonst ein Beispiel exzessiver Geschmacklosigkeit: das Atlantis. Catherine legte den Kugelschreiber beiseite. Es hatte keinen Sinn. Sie konnte sich nicht konzentrieren. Sie warf einen Blick auf die Uhr. Es war schon eine Weile her, seit sie den Untergang von Atlantis beobachtet hatten. Warum war Garibaldi noch nicht vom FitneßZentrum zurück? Sie stand vom Schreibtisch auf und ging im Zimmer hin und her. Ein Name beschäftigte sie, und sie versuchte vergeblich, ihn einer Person zuzuordnen. Auf dem anderen Schreibtisch stand der dunkle Laptop.
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Plötzlich hatte sie das dringende Bedürfnis, etwas zu tun. Sie setzte sich, startete den Computer, wählte die Zugangsnummer des Hotels für das Internet und gab den temporären Teilnehmernamen sowie das Paßwort ein. Bevor sie sich ins Web einklickte, zögerte sie, dachte nach und klickte aus einer plötzlichen Eingebung heraus auf NewsReader. Wünschen Sie die letzte Gruppenliste? Sie klickte auf ›a‹. DATEI WIRD GELADEN… Catherine wußte, daß sie sich ungefährdet bei den einzelnen Gruppen umsehen konnte, denn sie wollte sich nicht an den Diskussionen dort beteiligen, sondern nur die Nachrichten lesen. Als die Liste der Gruppen erschien, begann sie zu rollen, und hielt bei alt.bibel.prophez. an. Sie klickte, geriet in eine Diskussion über die Endzeit und klickte noch einmal. ORGANISATION: UNIVERSITY OF CAMBRIDGE, ENGLAND ZEILEN: 26 Nachricht-ID: 4pvrpd~50q@favor.csx.eain.ac.uk MNTP-Posting Host: usen.chu.cam.a-uk Thema: Endzeit »»»Die Apokryphen stützen Bibelprophezeiungen über die Letzten Tage. »»»Steve »»»Du irrst dich, Steve. Die Apocryphen sind nicht das Wort Gottes. Wo sind deine Beweise? »»»Ray »»»Sorry, daß es so lange dauert. Habe den Beweis für dich gesucht. Siehe P245 British Museum, P14 Broderick Archiv, Duke University u.a. Nach Aussage der Schriften nicht autorisierter Bücher steht uns das Paradies auf Erden bevor, Junge. »»»Steve

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Catherine holte die angegebenen Texte auf den Bildschirm, stellte jedoch fest, daß sie beide Quellen bereits kannte – sie enthielten nichts, was Licht auf Sabinas Schriftrollen geworfen hätte. Sie wechselte zur Hauptliste und suchte weiter, bis sie alt.archaeologie entdeckte. Sie klickte und sah sich die Einträge an. Plötzlich bekam sie große Augen. 199.911/30 Daniel Stevenson ›Atlantis‹ Sie klickte. Xref: newsomeganet.com sci.archaelogy 25. Nov. 1999 18:44:37 +0100, stan@moonbeam.vamp.co.aus schreibt: »»»Stevenson! Du hast deine absurden Theorien schon vor ein paar Monaten geschickt, und dir ist damals von uns gesagt worden, daß das alles unhaltbar ist. Warum verursachst du uns die Kosten, den ganzen Unsinn noch einmal einzufahren? »»»Atlanter-Mayas Catherine wurde zornig. Man griff Danno wie üblich an. So war es schon immer gewesen: Daniel, der Benachteiligte, Daniel, der die Rechte eines anderen verteidigte oder für eine unpopuläre Sache eintrat. Danno, der auf seinem Platz in ihrer Schulklasse saß und dem die Tränen über die Wangen liefen, weil sie neben dem Pult von Schwester Immaculata auf einem Hocker stand und vor Scham weinte, während alle anderen lachten und kicherten. Plötzlich hatte Catherine den unwiderstehlichen Drang, diesem aufgeblasenen Kerl in Australien am Schwarzen Brett ordentlich die Meinung zu sagen. Doch das durfte sie nicht tun, sonst wurde ihre IP-Adresse sichtbar, und jeder,
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der die Nachricht las, konnte selbst noch nach einiger Zeit herausfinden, daß sie sich in diesem Hotel befand. Sie schaltete den Laptop aus. Als der Bildschirm dunkel wurde, betrachtete sie noch einen Moment lang das Photo von ihr auf der Innenseite des Deckels. Wieso hatte Danno es dorthin geklebt? »Ich glaube, Daniel hat Sie geliebt«, hatte Garibaldi gesagt. Garibaldi… Ihre Unruhe schien etwas mit Garibaldi zu tun zu haben. Seit er gegangen war, beschäftigte sie sich beinahe ununterbrochen mit ihm. Catherines Nervosität wuchs, und sie schaltete den Fernseher ein, weil sie hoffte, eine tröstende menschliche Stimme zu hören. Statt dessen wurden die Spätnachrichten mit der Schlagzeile angekündigt, die für sie wie eine Ohrfeige war: ›Gestohlene Schriftrollen als ein Werk des Antichrist bezeichnet!‹ Catherine wechselte den Sender. Ein Interview mit einem bekannten Physiker kam auf den Schirm. »Wir erleben den Anfang vom Ende. Synchronizität ist real. Wie viele von uns bemerken immer häufiger scheinbare Zufälle? Das Bewußtsein erfaßt inzwischen besser die eigentlichen Zusammenhänge. Das wiederum ist ein Hinweis darauf, daß die Dinge in eine ganz bestimmte Richtung laufen. Die Fäden, die Bereiche, die Ebenen, die Strömungen des Universums beginnen seit einiger Zeit, miteinander in Berührung zu kommen, und das Ergebnis ist eine Koinzidenz. Die Ebenen und Strömungen und unsichtbaren Sphären werden sich von jetzt an immer öfter berühren, bis schließlich jeder Punkt des Universums mit dem anderen in Kontakt steht, und der Kosmos implodiert, das heißt, in sich zusammenbricht, und wie wir wissen, wieder in das Chaos vor der Ordnung zurückkehrt. Ich habe es mathematisch berechnet. Der Schlußpunkt wird genau um Mitternacht am 31. Dezember
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1999 erreicht sein.« Catherine schaltete den Fernseher aus und ging unruhig im Zimmer auf und ab. Auf dem Sofatisch sah sie das Brevier mit dem geprägten goldenen Chiro – das große P mit dem X über dem Abstrich, die ersten beiden Buchstaben des Wortes Christos – auf dem dunkelgrünen Ledereinband. In den vergangenen fünf Tagen hatte sie Garibaldi öfter dabei beobachtet, wenn er darin las. Manchmal bewegte er die Lippen und flüsterte stumm die rituellen Worte. Gegen ihren Willen war sie neugierig geworden. Waren es lateinische Texte? Handelte es sich um Gebete oder nur um Aussprüche, tröstende Worte oder vielleicht um Lieder? Catherine hatte das Brevier noch nie gelesen. In ihrer Jugendzeit hatte sie sich an das katholische Gesangbuch gehalten. Sie griff nach dem Brevier und schlug es auf. Es war, wie sie wußte, in Tage und Stunden gegliedert. Sie suchte das Abendgebet für den 22. Dezember. Gott ist Licht! Wenn wir mehr und mehr im Licht leben, herrscht Liebe zwischen uns. Ohne Liebe kann es auf der Welt keinen Frieden geben: Herr, befreie unsere Welt von Haß und Furcht. Herr, hilf den Männern und Frauen, Trost im Leid und Stärke in den Prüfungen zu finden. Gewähre ihnen beständige Liebe. Herr, nimm all die Toten in deine Obhut: Jene, die wir geliebt haben und auch jene, an die sich niemand erinnert. Catherine schloß die Augen.
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»Nimm all die Toten… jene, die wir geliebt haben…« Einen Augenblick lang empfand sie so etwas wie Frieden. Aber plötzlich fiel ihr ein Gespräch ein, das vor langer Zeit stattgefunden hatte. In der elften Klasse erklärte ihr ein Mitschüler, wie er sich das Leben nach dem Tode vorstelle. »Ich glaube, es ist genauso wie das Leben davor.« »Du meinst, bevor wir geboren wurden?« hatte Catherine ihn gefragt. »Erinnerst du dich an etwas aus dieser Zeit?« »Natürlich nicht.« »Na bitte.« Catherine dachte: Ist es das? Ein Nicht-Sein? Ist Danno dort im Nichts? Ist meine Mutter auch dort? Sie klappte das Buch zu und legte es auf den Tisch. Nimm alle Toten… Es war ein schönes Gebet, aber es war katholisch, und sie konnte das Gebet nicht von der Kirche trennen, in deren Kontext es entstanden war. Ihre Gedanken kehrten wieder zu Garibaldi zurück. Plötzlich wußte sie, was sie beunruhigte. »Bei sechs Swimmingpools«, hatte er gesagt, »sollte ich eigentlich ein paar Bahnen schwimmen können.« Aber er hatte die Pangamot-Stöcke mitgenommen! Catherine setzte sich wieder an den Laptop, startete, klickte auf Lycos, gab den Suchbegriff ›Pangamot‹ ein und gelangte über die Hypertext-Verbindung in das Web und zu dem Stichwort: ›Philippinischer Kampfsport.‹ Sie hatte die Homepage an jenem Abend aufgerufen, als Garibaldi ihr die Haare abschnitt. Als die Seite mit dem Symbol – ein Schwert und ein Rohrstock, die sich kreuzten – auf dem Bildschirm erschien, fragte sich Catherine, ob sie dort etwas finden würde, das ihr den Menschen Garibaldi
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vielleicht verständlicher machte. Beim ersten Mal hatte sie nur kurz die Einleitung überflogen. Nun sprang sie von Stichwort zu Stichwort, bis sie die Überschrift ›Häufig auftauchende Fragen‹ erreichte. Dort begann sie, nach Antworten zu suchen. Ein Swimmingpool befand sich im fünfzehnten Stock neben dem Fitneß-Zentrum. Aber Catherine sah Garibaldi nicht. Als ihr der Bademeister sagte, niemand habe sich unter der Nummer ihrer Suite im Fitneß-Zentrum eingetragen, bestätigte er nur Catherines Vermutung. Trotzdem warf sie einen Blick auf die Gewichtheber und die danebenliegende Laufhalle. Sie suchte Garibaldi in der Saftbar, im Boxring und erkundigte sich sogar bei den Masseuren nach ihm. Schließlich erreichte sie einen Gang, wo Anschlagtafeln auf Tanz-, Yoga- und AerobicUnterricht hinwiesen. In zwei Räumen sah Catherine Gruppen beim Üben, doch die anderen waren alle dunkel und leer. Als sie den Notausgang erreichte, wollte sie umkehren, doch plötzlich glaubte sie, etwas zu hören. Sie warf einen Blick in den letzten Raum am Ende des Gangs. Zuerst sah sie ihn nicht, denn es brannte kein Licht. Er war nur ein schwarzer Schatten in einer weiten Hose und einem T-Shirt. Er schien zu tanzen. Catherine blieb im Dunkeln stehen und sah zu. »Es ist ein allgemein verbreiteter Irrtum«, hatte Catherine auf dem Monitor gelesen, »daß sich der philippinische Kampfsport auf den Gebrauch von Stöcken beschränkt. Er erfordert daneben auch die Beherrschung von Kicken, Boxen und Ringen.« Garibaldi stand breitbeinig und mit leicht gebeugten Knien mitten im Raum und bewegte sich wie in Zeitlupe. Seine rechte Hand glitt geschmeidig vor dem Körper nach oben und nach unten. Catherine mußte an die eleganten Bewegungen einer Frau beim Nähen denken. Garibaldi
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hatte offenbar jeden Muskel, jede Sehne seines Körpers unter Kontrolle. Er bewegte sich sehr langsam, ausgewogen und harmonisch. »Im Vergleich zu anderen Kampfsportarten, etwa dem zirkulären, innerlich geführten und sanften Tai Chi ist Pangamot direkt, wahrnehmbar und hart.« Garibaldis Körperhaltung, federnd und mit etwas gebeugtem, vorgestelltem Bein, ließ Catherine aber trotzdem an Tai Chi denken, jedoch manche seiner Bewegungen endeten abrupt, als sei er gegen eine gläserne Wand gestoßen. Catherine vermutete, daß es sich dabei um das Abwehren von Angriffen eines unsichtbaren Gegners handelte. »Bei Wettkämpfen auf den Philippinen halten sich die teilnehmenden Kämpfer nicht zurück. Es ist deshalb nicht ungewöhnlich, daß jemand schwer verwundet oder sogar getötet wird.« Auf den verspiegelten Wänden verfielfältigte sich sein Spiegelbild. Catherine sah hundert Garibaldis aus jedem erdenklichen Blickwinkel. Zu ihrer Überraschung wirkte er immer anders: In einem Spiegel schien er beinahe zu lächeln, in einem anderen glaubte Catherine, einen gewissen Spott in seinem Gesicht zu erkennen. Doch im nächsten sah sie das Gesicht eines zornigen Mannes. Während sich seine Gestalt langsam im Schattentanz der todbringenden Bewegungen drehte, sah sie auch seine Erregung. Der Anblick stieß Catherine ab – und zog sie paradoxerweise gleichzeitig in seinen Bann. Sie konnte den Blick nicht von Garibaldis Körper wenden und dachte daran, wie er mit dieser absolut beherrschten Kraft im Bett sein würde. Direkt und hart… »Die zwölf Angriffsmethoden…«
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Wie konnte es ein Priester mit seinem Amt vereinbaren, sich in einer Kampfmethode zu üben, die nur das eine Ziel hatte, den Gegner zu töten? Wie konnte er es rechtfertigen, daß er Diener der Kirche und gleichzeitig ein gefährlicher Kämpfer war? »Manchmal werden die Rohre oder Stäbe aus Bambus auch als Todesstöcke bezeichnet…« Catherine fand es brutal und angsteinflößend, was sich vor ihren Augen abspielte, trotzdem hatte sie plötzlich den Wunsch, mitzumachen. Sie wollte hinter Garibaldi stehen, ihren Körper an seinen Körper drücken, ihre Arme neben seine Arme legen und sich mit ihm bewegen. Sie wollte spüren, wie diese gewalttätige, kontrollierte Energie von seinem Körper auf ihren überging und sich mit ihr vereinte. Der Gedanke, sie könnte das tatsächlich tun, könnte sich ihm spontan bei diesem Schattenkampf anschließen, könnte einem Drang nachgeben, der allem widersprach, woran sie glaubte, dieser Gedanke erschreckte sie mehr als alles andere. Garibaldi brachte einen Aspekt von ihr zum Vorschein, von dessen Vorhandensein sie bis zu diesem Augenblick nichts geahnt hatte und der ihrer Kontrolle entglitt. Schließlich kam er zum Ende, faltete die Hände unter dem Kinn und verneigte sich leicht vor seinem unsichtbaren Gegner. Dann stand er einen Augenblick bewegungslos da, bevor er nach den lackierten Stöcken griff und sie so schnell herumwirbelte, als bereite er sich darauf vor, eine Parade anzuführen. Er ging in Kampfstellung, setzte einen Fuß vor den anderen, spreizte die Beine und beugte die Knie. Die Stöcke glitten langsam in einer Folge komplizierter Bewegungen durch die Luft. Zuerst drehte er den rechten Stock hinter dem Kopf, während er den linken wie ein Schwert vor sich schwang; dann stieß der erste Stock nach vorne, der zweite hob sich, wurde zurückgezogen, legte sich schräg vor den anderen, und beide bildeten ein X in der Luft. Das alles
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wirkte wie ein Mechanismus, der von verborgenen Zahnrädern und Gewichten in Gang gehalten wurde – zuerst langsam, dann schneller und immer schneller, zorniger und kraftvoller, bis Catherine hörte, wie die Stöcke pfeifend durch die Luft sausten und sie in unblutige Scheiben schnitten. Garibaldi bedrängte seinen unsichtbaren Gegner mit den Stöcken. Sein Atem ging rauh und stoßweise, während er blitzschnelle, tödliche Schläge austeilte. Er sprang zur Seite, fing einen imaginären Hieb ab, sank auf ein Knie und schlug dem Feind mit beiden Stäben über die Beine. Dann sprang er auf, tänzelte wie ein Boxer auf den Fußballen, schlug hierhin, dorthin, steigerte das Tempo, wobei auch die Brutalität zunahm. Der Raum war erfüllt von seiner Kampfeswut, so daß Catherine den Atem anhielt und spürte, wie ihr Körper vor Spannung und Angst erstarrte. Er übt diesen aggressiven Kampfsport, er hält sich fit, um zu töten. Warum? Wen will er töten? Garibaldi schien einen Kampf gegen unsichtbare Mächte zu führen. Seine Übungen wirkten wie die Probe für ein persönliches Armageddon. Was gab ihm der Kampfsport, das ihm sein Katholizismus nicht geben konnte? Wenn Gebete nicht wirken, werden es die PangamotStöcke tun? Catherine wich von der Tür zurück und riß sich von einer Szene los, die sie früher einmal empört hätte, jetzt aber… Sie hatte sich auf die Suche nach Antworten gemacht und war dabei auf noch größere Rätsel gestoßen. Außerdem hatte sie etwas entdeckt, das sie in seiner Tragweite entsetzte. Ich hätte mich vor Abscheu abwenden sollen, statt dessen glühe ich vor sexueller Erregung.

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Der Schrei drang in ihr Unterbewußtsein. Catherine schreckte aus dem Schlaf auf und starrte verwirrt an die dunkle Zimmerdecke. Sie wußte nicht sofort, wo sie war. Dann warf sie einen Blick auf die Uhr neben dem Bett. Es war kurz nach Mitternacht. Sie hatte nur ein paar Minuten geschlafen. Sie lauschte in die Stille. Was hatte sie geweckt? Wieder ein Schrei. Ein gequälter Schrei. Sie setzte sich auf. War das Garibaldi? Catherine lag schon im Bett, als er vor etwa einer Stunde aus dem Trainingsraum zurückgekommen war. Sie hatte gehört, wie er leise in sein Zimmer ging und die Tür schloß. War jemand bei ihm? »Laß mich in Ruhe! Warum verfolgst du mich?« Catherine sprang aus dem Bett und lief durch das Wohnzimmer, das die beiden Schlafzimmer der Suite trennte. An Garibaldis Schlafzimmertür blieb sie stehen und lauschte. Er keuchte und stöhnte, als sei er krank. »Vater Garibaldi!« rief Catherine. »Fehlt Ihnen etwas?« Sie legte das Ohr an die Tür und glaubte, Schluchzen zu hören. »Vater?« Sie klopfte. »Vater Garibaldi?« Catherine öffnete die Tür einen Spalt und blickte ins Zimmer. Mondlicht fiel durch das Fenster. Die Bettdecken lagen auf dem Fußboden. Garibaldi hatte offenbar einen Alptraum. Schweiß stand auf seiner Stirn. Er warf den Kopf unruhig hin und her. Catherine sah sein gequältes Gesicht und trat ins Zimmer. »Vater Garibaldi?« Er hatte die Augen geschlossen und biß die Zähne so fest zusammen, daß die Adern an seinem Hals hervortraten. Er trug kein Hemd. Die Muskeln an Armen und Oberkörper waren verkrampft. Er schien wieder einmal mit unsichtbaren Dämonen zu ringen. Catherine trat an das Bett. Sie legte Garibaldi die Hand
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Dann stützte er sich mit den Händen ab. überlief ihn ein Schauer. daß seine Wangen feucht waren. nicht…« Sie setzte sich auf den Bettrand. setzte sich auf und blinzelte benommen. sagte sie laut.« Er holte tief Luft. 400 . »Möchten Sie darüber sprechen?« Er nickte. Catherine ging zurück in ihr Schlafzimmer und zog den Bademantel über. »Sie haben einen Alptraum. Catherine hielt ihn fest. Er klammerte sich stumm einen langen Moment an sie. Sie träumen. Er streckte die Arme nach ihr aus. »Vater Garibaldi. und trocknete sie mit der Hand ab. wie sein Körper vor krampfartigem Schluchzen zuckte. Wachen Sie auf. bitte wachen Sie auf!« »O mein Gott!« Er schlug die Augen auf.auf die Schulter und schüttelte ihn sanft. zog sie an sich und vergrub sein Gesicht an ihrem Hals. auf seinem nackten Oberkörper. Instinktiv griff sie nach dem Jaguaranhänger und schloß die Finger darum. Catherine blickte erstaunt in seine Augen. »Sie haben mich von einem sehr dunklen Ort zurückgeholt«. Sie sah Angst darin und eine Verletzlichkeit. »Nein. das Garibaldi immer trug. die sie erschreckte. Sie spürte.« »Nein«. Ein Bild tauchte vor ihrem inneren Auge auf und verschwand sofort wieder. Sie sah das Goldkreuz. »Wachen Sie auf«. »Sie haben geträumt«. Dann atmete er etwas ruhiger und löste sich von ihr. Catherine sah. Vater Garibaldi. bis er sie sah. Als er ausatmete. Es war nur ein Traum. flüsterte er. sagte Catherine beruhigend. »Es ist alles gut. »Ist alles in Ordnung?« fragte sie. murmelte er.

Catherine blickte stumm auf seine Silhouette. als habe sich sogar das Licht verändert. daß Sie mich geweckt haben. sagte sie: »Ich hatte mich auf die Suche nach Ihnen gemacht und Sie in einem der Übungsräume entdeckt. Warum machen sie es?« »Aus vielen Gründen«. daß er sich angezogen hatte. 401 . Ich habe Sie beobachtet. sagte er und räusperte sich. daß ich Sie geweckt habe«. und der Abdruck seiner Lippen auf ihrem Ohr schien noch zu brennen. »Es war schlimm. Da er nicht antwortete. Wieder glaubte sie. Seine Hand hatte ihre Haare berührt. »Ich hatte nicht geschlafen. wie ein schwarzes Fenster im Sternenhimmel über der Wüste wirkte. Jeans und. Möchten Sie mir Ihren Traum erzählen?« Er ging zur Minibar und nahm eine kleine Flasche Mineralwasser heraus.Im Wohnzimmer schaltete sie die Lichter ein. Pangamot ist nicht zur Selbstverteidigung gedacht. »Es tut mir leid. und er kam aus seinem Zimmer. war die Spannung im Raum spürbar. seine Arme um ihren Hals zu spüren. Ich bin froh. als sie sich auf die glatten Muskeln seines Rückens legten. wie ihr auffiel. Als ihre Blicke sich trafen. erwiderte er leise. schob die Vorhänge zurück und ließ das kalte. Er trug ein kariertes Hemd. sogar Socken. Dann trat er ans Fenster. Sie stellte fest. Er sah sie an. Es dauerte nicht lange. Catherine hatte den Eindruck. platinfarbene Mondlicht ins Zimmer. die wie ein Scherenschnitt. sondern zum Töten. Ihre Hände hatten gezittert. bevor er sie absetzte und Luft holte.« »Haben Sie oft Alpträume?« Er trank lange und leerte beinahe die ganze Flasche.

Aber jetzt bin ich völlig verwirrt. »Vielleicht hätte ich keine Angst. »Ich würde Ihnen nie in meinem ganzen Leben weh tun. um sich fit zu halten. es gefällt mir nicht. Mein Vater hat immer zuerst 402 . Aber noch weniger gefällt mir. »Ich meine. wollte sie sagen. unter Kontrolle?« fragte sie. Ich konnte es akzeptieren. daß es falsch ist. angenommen.« »Sie wollen wissen. was ich dadurch über mich weiß. Das müssen Sie mir glauben. ich würde Sie schlagen…« Er hob mit einem Ruck den Kopf. von dem mir mein Verstand und mein Herz sagen. wenn ich verstehen würde. »Haben Sie die Kraft. Bitte haben Sie keine Angst vor mir. Sie tun es als eine Art geistige Disziplin. warum mein Körper von etwas erregt wird. Pangamot sei wie Karate reine Selbstverteidigung. Ich sagte mir. wie ich Priester sein und eine Kampfmethode ausüben kann?« »Ja«.»Haben Sie jemals… einen Menschen getötet?« »Mit Pangamot? Nein. in dem Prügel die normale Form der Verständigung waren. was ich über Sie herausgefunden habe. bevor er schließlich antwortete: »Ich bin in einem Haus aufgewachsen. erwiderte sie.« Sie hob in einer Geste der Hilflosigkeit die Hände. die Sie mit dem Trainieren in sich kultivieren. weshalb Sie es tun. Er schien über seine nächsten Worte nachzudenken. Garibaldi. während er blicklos auf die Flasche in seinen Händen starrte. Und ich möchte verstehen.« Er kam vom Fenster zurück. setzte sich in einen Sessel gegenüber dem Sofa. In seinen Augen tanzten unruhige Schatten. Zuerst dachte ich.

Der alte Mann stand hinter der Theke und sagte: ›He. Er ging an die Kasse. gleichgültig. Er war ein riesiger Pole vom anderen Ende der Stadt. Er war ein netter alter Mann. Damals entdeckte ich…« »Was haben Sie entdeckt?« Er sah sie mit seinen klaren Augen an. Vater Pulaski ging mit mir hinter die Kirche und hat mich windelweich geschlagen. ich will die Spätnachrichten nicht verpassen. Der Pfarrer hat nicht die Polizei gerufen. Er nannte mich immer Mickey. Ich kann es nicht beschreiben. Als Sechzehnjähriger war ich einmal noch spät in seinem Laden. Mickey.‹ In diesem Augenblick kam einer dieser Junkies herein. einen altmodischen kleinen Laden. der Kirche in unserer Gegend einen Besuch abzustatten. Er war älter als ich. und wir beschlossen.« »Hängt der Alptraum damit zusammen?« »In unserer Gegend gab es einen Laden. »Daß es in mir etwas gibt das ich ständig unter Kontrolle halten muß. Er wußte nicht. 403 . Das hat mich hart und gefühllos gemacht. aber dünn. Er wollte gerade schließen. Eines Abends habe ich mich mit ein paar Freunden betrunken. Da ich nicht von der Stelle wich. Er stammte aus Europa und sprach mit einem starken Akzent. Er gehörte einem alten Mann. der den Kindern immer Bonbons schenkte. Dann meldete er mich im CVJM für einen Karatekurs an. Seine Frau war vor ein paar Jahren gestorben. aber diese Kraft macht mir Angst. ich weiß nicht mehr wie er hieß. ob er betrunken oder nüchtern war. sagte er: ›Such dir was aus. Ich wurde danach mit meiner Brutalität zum Schrecken des ganzen Viertels. daß ich im Laden war.geschlagen und später Fragen gestellt. zog eine Pistole und wollte Geld. sondern Vater Pulaski kommen lassen. und er sah wie ein Schwächling aus.

als sei die Welt zum Stillstand gekommen. Er zitterte. Er wartete darauf. In diesem Augenblick schien plötzlich alles zu erstarren. wie ich mit meinem Sechserpack Bier oder Coke oder was immer es war durch den Gang kam. Ich stand einfach da. Aber ich war wie gelähmt. nahm das Geld aus der Kasse und rannte davon…« Garibaldi ließ den Kopf sinken. denn ich befand mich hinter ihm. Ich stehe untätig in dem Laden. Der Junkie bemerkte mich nicht. Ich stehe in dem Laden. Es dauerte eine Weile. das wirst du doch nicht machen! Damit ruinierst du dir das Leben. daß ich hinter ihm stand. Ich blieb stehen. Ich habe es noch nicht einmal versucht…« »Er hatte eine Waffe. »Wie auch immer. Die Augen des alten Mannes richteten sich unverwandt auf mich.« Garibaldi seufzte tief und stand auf. bis er sich wieder unter Kontrolle hatte. in einer Kirche Graffitti zu sprühen. sagte er schließlich tonlos. »erlebe ich im Traum immer wieder. Sie trafen den alten Mann dreimal in die Brust. »Und das«. Sie waren erst sechzehn…« »Ich war sehr viel stärker als der Typ und habe dem alten Mann doch nicht geholfen.Junge. Dann hörte ich die Schüsse.‹ Der alte Mann sah. Ich machte völlig verrückte Sachen.« »Das war nicht Ihre Schuld.« »Aber er wußte nicht. während dieser Junkie einem unschuldigen Mann das Leben nimmt.« »Und wie sind Sie Priester geworden?« »Vater Pulaski hat mich auf den Weg gebracht. daß ich etwas tun würde. danach bin ich regelrecht ausgeflippt.« Garibaldi ging wortlos in sein Schlafzimmer und kam kurz 404 . Eine Weile schien es keine Geräusche zu geben. Der Junkie sprang über die Theke. Ich fand es zum Beispiel cool.

Nach einer Weile fuhr er fort: »Vater Pulaski war entschieden gegen die neue Messe und las bis zu seinem Tod die alte lateinische Messe. man kann die Gravur kaum lesen…« Catherine nahm die Uhr bewundernd in die Hand. daß er sie regelmäßig hervorholte und aufzog. daß der Bischof kam. »Er hat sie mir an dem Tag geschenkt. daß das Kyrie der einzige griechische Teil der Messe war. Es war eine alte Uhr an einer Kette von der Art. wie sie sich in Catherines Vorstellung im letzten Jahrhundert über den runden Bäuchen wohlhabender Geschäftsmänner spannten.darauf mit einer Taschenuhr zurück. um mit ihm zu sprechen. »Sie stammte von seinem Lehrer. als er starb«. ob ich nicht Priester werden sollte. Als ich ihm gestand. von seinem Lehrer bekommen hat. Vater Pulaski brummte: ›Also gut. Junge!‹ Ich fragte: ›Und was soll ich jetzt machen?‹ Da rief er mit Donnerstimme: ›Was für eine dumme Frage? Selbstverständlich folgst du dem Ruf!‹« Garibaldi blieb am Fenster stehen. Als ich 1984 schließlich das 405 . die Messe muß jetzt auf Englisch gelesen werden! Man hätte wenigstens ein bißchen Latein beibehalten können! Wenigstens das Kyrie hätte man beibehalten sollen!‹ Keiner von uns brachte es übers Herz. lauter. Ich erinnere mich. Dort entdeckte ich meine Begabung für Mathematik und mein Talent für den Umgang mit Computern. »Vater Pulaski veranstaltete eine Kollekte und schickte mich zur Schule. obwohl es ihm verboten worden war. »Vater Pulaski war ein großer. erklärte er: ›Du bist zum Dienst des Herrn berufen worden. ihn daran zu erinnern. Catherine hatte bereits beobachtet. wie ich glaube. berührte mit den Fingern die Glasscheibe und zuckte zurück. sagte Garibaldi und gab ihr die Uhr. daß ich überlegte. lärmender Pole. Sie ist sehr alt. Garibaldi ging im Zimmer auf und ab. der sie.« Garibaldi sah Catherine an. als habe ihn ein Schlag getroffen.

mit einem Richter. Vater Garibaldi. was die Kongregation tut. dann hoffte sie. 406 . den Glauben zu erhellen. daß diese Untersuchungen unter strenger Geheimhaltung durchgeführt werden.« »Seit 1965 heißt es nicht mehr Inquisition. was sie wollte. Anfangs widersetzte sie sich. war.« Sie ballte die Fäuste und fuhr dann mit schneidender Stimme fort: »Ja. alles zu untersuchen. dem Assessor. ich weiß über die Kongregation Bescheid: Wie das Tribunal eingesetzt wird. Ich weiß. Doch die Kirche sah in ihr eine Bedrohung.« Catherine legte die Uhr vorsichtig auf den Tisch. machte die Kirche ihren Einfluß geltend. Und weil sie an einem katholischen College unterrichtete. dem Kommissar. Ihre Aufgabe ist es. Ich weiß. wo Sie unterrichten?« Er gab keine Antwort.« »Ich weiß. und einem Beisitzer. Das letzte. Sie war eine liebenswerte. Der Mann aus dem Vatikan war ein Dominikaner und gehörte zum Offizium der Inquisition.Examen in Computerwissenschaft ablegte. sondern drehte sich um und blickte schweigend in die Dunkelheit. Und ich weiß. »Warum sind Sie immer noch bei mir.‹ Aber sie hieß sechshundert Jahre lang Inquisition. war ich siebenundzwanzig und bereits seit sechs Jahren ein geweihter Priester. und diese Einrichtung ändert sich nicht dadurch. jemanden wegen seines Glaubens anzugreifen. daß man sie seit vierunddreißig Jahren anders nennt. Man hat sich einen unverfänglicheren Namen einfallen lassen: ›Die Kongregation für Glaubensdoktrin. Schließlich schickte man jemanden aus Rom. als wollte sie die Zukunft darin lesen. was der Kirche gefährlich werden könnte. Catherine starrte auf ihre Handflächen. Vater Garibaldi? Warum sind Sie nicht in Ihrem Pfarrhaus oder an der Universität. sanfte Frau und sehr religiös. Dann sagte sie: »Ich habe Ihnen von meiner Mutter und von ihrer Arbeit erzählt. Wenn überhaupt.

Meine Mutter stand auf und verließ mit hoch erhobenem Kopf die Kirche. Und es war ihm nicht gelungen. die römisch-katholische Glaubenslehre zu unterrichten. Am Anfang haben sie versucht. Ich nehme an. der eine Gefahr für die Einheit der Kirche darstellen könnte. sie sei keine katholische Theologin mehr und verbot ihr. Er hatte sie nicht überzeugen können. von meiner Mutter gedemütigt worden zu sein. Er hatte das Gefühl. meine Mutter ihrer Stellung zu entheben und ihr die Befähigung abzuerkennen. Die ganze Gemeinde starrte uns an. wir würden für unsere Sünden in der Hölle 407 . etwas zu erreichen. die Kirche müsse sich im Einklang mit den Bedürfnissen ihrer Mitglieder entwickeln. unseren Gemeindepfarrer. wie die Leute uns anstarrten. Meine Mutter fügte sich. Aber«.daß sie jeden unter die Lupe nehmen. Danach besuchten nur noch mein Vater und ich die Sonntagsmesse. Man teilte ihr sogar mit.« »Was ist geschehen?« »Die Inquisition hat dem Papst empfohlen. Ich spürte jedesmal. Sie ist nie mehr zum Gottesdienst gegangen. »Vater McKinney genügte das nicht. über Vater McKinney. Catherine seufzte. Die anderen Kinder in der Schule gaben meiner Mutter Schimpfnamen und sagten. ihre Angriffe gegen die Kirche einzustellen. Vater McKinney kam zu uns nach Hause und verlangte von meiner Mutter. Vater McKinney stand auf der Kanzel. weiterhin zu schreiben oder zu veröffentlichen. Aber sie verwickelte ihn immer in leidenschaftliche Diskussionen und erklärte. Es war schrecklich. sprach in seiner Predigt über Ketzerei und blickte dabei auf meine Mutter. Ich werde den Sonntag nie vergessen… damals war ich zehn. als schließlich der Vertreter des Vatikan erschien. empfand Vater McKinney das als eine persönliche Niederlage. ihre Argumente zu widerlegen.

das war später. Man zeigte immer wieder die Photos der Hingerichteten…« »Ich kann mich an den Fall erinnern. daß es Ihr Vater war. während sie neben dem Pult der Lehrerin auf einem Hocker stand. Aber ich weiß. daß meine Mutter jeden Sonntagmorgen ihren eigenen Gottesdienst hielt. Ich wußte nicht. Es kam in dem Land zu einem Umsturz. »Mein Vater fuhr in einer Friedensmission nach Afrika«.büßen. Ihr Gesicht glühte vor Scham. weil etwas Feuchtes an ihren Beinen hinunterlief. ein Stamm kämpfte gegen einen anderen. Meine Mutter starb ein paar Monate später – an Lungenentzündung. »Die Leute wußten nicht. weigerte sich aber. die Sakramente zu empfangen. »mit Medikamenten und Bibeln. fuhr sie fort. Mein Vater und seine Begleiter gerieten in Gefangenschaft. wie die Ärzte sagten. sie ist an gebrochenem Herzen gestorben.« Catherine schloß die Augen. als plötzlich ungebeten ein Bild vor ihr auftauchte. In den Nachrichten wurde darüber berichtet. Sie blickte mit zusammengekniffenen Augen auf den Laser-Lichtstrahl. nach dem Tod meines Vaters. Man hat sie als Spione hingerichtet – meinen Vater.« »Sind Sie deshalb aus der Kirche ausgetreten?« »Nein. Deshalb wurde sie schließlich exkommuniziert. Er bekam ein großes katholisches Begräbnis und wurde auf einem katholischen Friedhof begraben. einen Priester und drei Nonnen. Sie blieb eine gläubige Katholikin. Meine 408 .« Catherine stand vom Sofa auf und trat neben Garibaldi ans Fenster. der von der Spitze der Pyramide des Luxor Hotels wie ein Weg in eine andere Galaxis in den Himmel stieg. Die fünfte Klasse kicherte und flüsterte.« »Man brachte seine Leiche zurück.

eine Art Triumph. um endgültig mit meiner Mutter abzurechnen. Sie würde nicht im Schoß der katholischen Kirche sterben. aus denen nur einer als Sieger hervorgehen konnte. »An dem Abend. da kam Vater McKinney mit hochrotem Kopf heraus und stürmte wütend. Meine Mutter wollte nur in Frieden sterben und neben meinem Vater begraben werden. als es ihr nach einer kurzen Pause gelang. einen Priester zu holen. Ich ging ins Zimmer zurück. als sei das der Höhepunkt der vergangenen Auseinandersetzungen. Die Stimme klang tonlos. ohne ein Wort zu sagen.« 409 . Es dauerte nicht lange. damit sie in alle Ewigkeit Zusammensein könnten. »Ich ging aus dem Zimmer. Ich weiß nicht genau. einen anderen Priester zu finden. weiterzusprechen. und ohne meinen Vater gab es für meine Mutter keinen Grund mehr. Meine Mutter weinte. lag etwas Gefährliches in seinen Augen. was dann geschah. Aber es war zu spät. Ich weiß noch. Ich wußte. Kurz vor ihrem Tod erklärte sie sich nach all den Jahren der Abkehr von der Kirche dazu bereit…« Catherine holte tief Luft und stieß sie langsam wieder aus. es sei ihr größter Wunsch. Aber das war nur möglich. wenn meine Mutter beichtete und die Absolution erhielt. aber ich dachte. Sie spürte Garibaldis Blick. meine Mutter wollte ungestört sein.Eltern hatten sich sehr geliebt.« Catherine sah Vater Garibaldi an. und ausgerechnet Vater McKinney kam. Es war. sie hatte keine Absolution und keine Sterbesakramente erhalten. Ich hätte es nicht tun sollen. Ich rief im Pfarramt an. an der Seite meines Vaters begraben zu werden. Aber Vater McKinney…« Catherine mußte sich zwingen. weiterzuleben. »Meine Mutter bat mich. Ich versuchte. an mir vorbei. als sei er gekommen. als er in das Krankenzimmer trat. Sie hingen aneinander. sagte sie mir. als meine Mutter starb.

bitte für uns‹. Sie hörte ihre letzten Worte. anstatt von ihr getröstet zu werden. meine Mutter in alle Ewigkeit zu verdammen?« »Diese Frage kann ich nicht beantworten«. ohne von ihren Sünden losgesprochen zu sein? Was ist mit der Hölle?« »Als Priester glaube ich an die Strafen der Hölle. die sterben. den sie liebte. »Meine Mutter wurde nicht neben meinem Vater begraben. hat die Kirche. In meinem Herzen kann ich nicht glauben. »Vater Garibaldi. kehren wir zu Gott zurück. hatte Nina geflüstert. und das muß ich auch predigen.« »Was ist mit Menschen.« Catherine wandte den Kopf und sah ihn an. nicht einmal in geweihter Erde. wenn sie eine Seele hatte?« »Wir haben keine Seelen. »Ich gehe zu deinem Vater. fügte er sanft hinzu »dann ist ihr verziehen worden. damit er uns nach dem Erdenleben zu ewigen Qualen 410 . doch es klang wie ›Ora pro nobis. Wenn Ihre Mutter allerdings Gott direkt um Vergebung gebeten hat«.« War sie tatsächlich zu ihm gegangen? »Wohin ist meine Mutter nach ihrem Tod gegangen? Wo ist ihre Seele jetzt. Sie verstand die Worte nicht genau. Sie hatte auf ewig mit dem Mann Zusammensein wollen. hat ein einfacher Pfarrer das Recht. sondern auf dem städtischen Friedhof. daß der himmlische Vater uns geschaffen hat.« Catherine sah ihre Mutter in dem einfachen Krankenhausbett vor sich. »wenn ich nicht weiß. erwiderte Garibaldi. wir sind Seelen. was zwischen Ihrer Mutter und diesem Vater McKinney vorgefallen ist.Sie hörte.« »Und was geschieht. »Du mußt nicht traurig sein«. wie Garibaldi etwas murmelte. wenn wir sterben?« »Wenn wir sterben. Haben tun wir den Körper… vorübergehend. mit denen sie ihre Tochter tröstete.

»Meine Gebete würden nichts nützen. Aber auch Sie können beten.« Sie wandte sich von ihm ab und vom Anblick der verführerischen Stadt der Spieler. ich möchte glauben. wie er austrank und die leere Flasche auf die Minibar stellte. »Vater McKinney ist also der Grund dafür.« »Warum nicht?« »Weil ich keine gläubige Christin bin. bis jemand für unsere Erlösung betet.« Wie. den Weg dorthin zurückzufinden. ich könnte so gläubig sein wie meine Mutter. Wie? Garibaldi drehte sich um und ging zur Minibar. »Ich fühle mich in der Nähe von gläubigen Menschen nicht wohl. Das Problem ist.verdammen kann. wenn die Hinterbliebenen für die Seelen der Toten beten?« »Ja. sagte sie.« »Und das Fegefeuer?« »Ich glaube an das Fegefeuer und daran. Ich wünschte.« »Dann hilft es.« »Werden Sie für meine Mutter beten?« »Ja. »Nicht nur Vater McKinney«. daß wir dort bleiben. ich würde ihn nicht heiraten!« 411 . »Vater Garibaldi.« »Jeder wird mit der Sehnsucht nach dem verlorenen Himmel geboren. daß ich für Sie glaube?« Sie sah ihn wieder an. wollte sie fragen.« Catherine sah zu. »Wie kommen Sie darauf.« »Wollen Sie Julius deshalb nicht heiraten?« Sie zog die Augenbrauen hoch.« »Sie wollen also. daß Sie mich bei unserer ersten Begegnung abgelehnt haben.

»Vater Garibaldi«. denen Sabina begegnet ist« erwiderte Catherine. die Beichte und die Tröstungen. wie die Schüler der katholischen Schule beim Anblick einer hübschen Nonne oder eines gutaussehenden Priesters immer sagten. »Oder nicht gesagt haben. Ich liebe ihn.»Ich weiß nicht.« Er lächelte. Deshalb bin ich so wütend. welche Verschwendung das sei. Obwohl ich nicht länger gläubig bin. fehlen mir der Weihrauch. Wie viele junge Mädchen in Vater Garibaldis Gemeinde waren wohl heimlich in ihn verliebt? »Vater Garibaldi. Vielleicht liegt es an etwas. die es in der Geschichte der Menschheit gegeben hat.« »Nein. Er würde mich ständig an das erinnern. Wie kann da nur eine Religion richtig sein und alle anderen falsch?« »Ich glaube.« Sie sah Garibaldi an und mußte daran denken. begann sie »was hätten Sie am Sterbebett 412 .« Er sah sie an. die Heiligen. das Sie gesagt haben. was mir fehlt. Ich fühle mich bestraft. Er hält sich an die Regeln und Gesetze seiner Religion.« »Julius ist ein sehr religiöser Mensch. die sie unbedingt stellen wollte. ja. weil mir das alles genommen worden ist. Mit einem solchen Mann könnte ich nicht zusammenleben.« »Aber denken Sie an die Menschen. Es ist eine wunderbare Religion.« »Sie können es zurückbekommen. »Hassen Sie den katholischen Glauben so sehr?« »O nein.« Es gab noch eine Frage. »Denken Sie an alle Religionen. die Antwort darauf finden Sie nur in sich selbst. ist der katholische Glaube der wahre Glaube?« »Ich glaube. das kann ich nicht. obwohl sie sich beinahe davor fürchtete.

« Er ging mit großen Schritten zur Tür. Im Flur entdeckte sie einen Zimmerkellner.« Damit verschwand er.« Sie sah ihn an.meiner Mutter getan?« »Ich hätte Ihre Mutter gefragt. Er schien plötzlich unruhig zu werden. ob sie ihre Sünden bereut. der gerade aus ihrer Suite gekommen war. und sie dann losgesprochen. deshalb zog sie sich an und folgte ihm. Catherine blickte auf die Tür und überlegte. »Ich komme mit. »Ich gehe an die frische Luft«. Warten Sie nicht auf mich. wie er auf die Uhr blickte. der ihr sagte.« Catherine nickte. In der Beichte hatten Vater McKinneys persönliche Meinungsunterschiede mit Ihrer Mutter und die Aussagen in den umstrittenen Büchern nichts zu suchen. Der 413 . der Mann. Dann räusperte sie sich und sagte: »Wie auch immer. Aber ich kann Ihnen versichern. was gerade geschehen war. Ich bin immer noch entsetzt über die sinnlose Gewalt. Sie mußte ihn zur Rede stellen. Es verwirrt mich. sagte er unvermittelt. Seine Reaktion war unverständlich. habe ihn nach dem Fahrstuhl zur Dachterrasse gefragt. Auf dem Dach waren nur wenige Gäste. und sie sah. daß Beten hilft. Das überraschte sie. Doch Catherine hörte eine gewisse Härte in seiner Stimme. »Ich würde lieber allein gehen. jetzt wissen Sie. warum ich Pangamot ablehne. Dort oben sei ein Garten mit Springbrunnen und Tempeln. unterbrach er sie. »Jede Form von Gewalt stößt mich ab. daß Sie…« »Ich verstehe«.« »Ist sie jetzt bei meinem Vater? Sind sie zusammen?« »Darauf kann ich Ihnen keine Antwort geben. durch die mein Vater gestorben ist.

« Er schwieg. als wollte er warten. als fürchte er. Ich habe wie besessen versucht zu verstehen. seit ich weiß. er habe mich in diesem Augenblick dorthin gestellt. Inzwischen kommen mir jedoch Zweifel. der Vorfall in dem Laden sei Gottes Art gewesen. stellte sie sich neben ihn. was ich tue? Daß Pangamot Ihnen Angst macht? Daß ich Ihnen Angst mache?« Unvermittelt sah er sie an. sondern an meiner Berufung. Ich bin gezwungen. Er läßt mich nicht mehr zur Ruhe kommen. Ohne etwas zu sagen. mich in seinen Dienst zu rufen. der mich zu ihm führt. wie sie darauf reagierte. »Können Sie sich vorstellen. daß Catherine auf ihrem Weg zwischen den Farnen und Palmen unwillkürlich an Winter und Schnee dachte. nicht einmal Vater Pulaski. Garibaldi brach das Schweigen. aber nicht an meinem Glauben. Dann fuhr er fort: »Ich hatte den Alptraum jahrelang nicht mehr. den Vorfall immer neu zu erleben. »Sie haben mich gefragt.Wüstenwind wehte so kalt und scharf. warum ich bei Ihnen bleibe und nicht zu meinen Aufgaben zurückkehre. daß Sie das abstößt. aber dann kam er wieder. Deshalb wurde ich Priester. Ich werde Ihnen etwas sagen.« Seine Worte kamen schnell. Selbst bei Tag verfolgt mich inzwischen das anklagende Gesicht des alten Mannes. was das zu bedeuten hat. wie ich mich fühle. damit ich einen anderen Weg einschlagen würde. Garibaldi stand am Geländer und blickte auf die Wüste. die hinter der hell erleuchteten Stadt wie ein endloses drohendes Reich der Dunkelheit begann. »Ich glaubte lange Zeit.« »Ist es Ihnen gelungen?« »Ich glaube. der Mut werde ihn verlassen. das ich noch keinem Menschen gesagt habe. Ich dachte. das mich nach all den 414 . es ist mein Gewissen.

Aber du liebe Zeit. und nicht. Garibaldi in seinem kurzärmligen Hemd schien die Kälte überhaupt nicht zu spüren. und deshalb bin ich ein Betrüger.Jahren wieder quält. indem ich Gott diene. Catherine legte schützend die Arme vor den Oberkörper. weil man sich auf diese Weise vor seinen Schuldgefühlen verstecken kann! Ich versuchte. obwohl sie eine Jacke trug. Ich fühlte mich nur erleichtert.« »Vater Garibaldi…« »Ich habe Ihnen gesagt. mache ich mein Versagen an jenem Abend wieder gut. mir einzureden. Ich hatte das Gefühl. mir sei endlich verziehen worden. ich hätte in Israel Urlaub gemacht. Ich kam in den Sinai und wurde in die Sache mit den neu entdeckten Schriftrollen hineingezogen. Vater Garibaldi? Sie wissen nicht. Ich wollte herausfinden. Ich empfand keine Freude oder religiösen Hochgefühle. ob ich geeignet sei. ob Sie ihn hätten retten können. um mein Gewissen zu erforschen und herauszufinden. Ich bin nach Israel gegangen. Priester zu werden! Man wird Priester. weil man Gott dienen will. was ich am Tag meiner Priesterweihe empfand? Ich will es Ihnen sagen. Ich befand mich auf einer persönlichen Pilgerreise. Das stimmt nicht. die möglicherweise Gottes Botschaft erhellen können. Ich bin aus egoistischen Motiven Priester geworden. Und deshalb bin ich bei Ihnen geblieben. um meine Seele zu retten. ob die Schriftrollen die Antwort auf meine Fragen enthalten. daß ich an jenem Abend dem alten Mann nicht geholfen hatte. Aber das stimmt nicht! So einfach ist das nicht. das ist kein Grund.« Der Wind wurde noch heftiger.« »Aber warum. Ich habe die Gelübde abgelegt. »Darum geht es nicht! Wissen Sie. Priester zu bleiben.« 415 . Ihr war kalt.

Vielleicht 416 . »Sie wollen mir wirklich helfen? Sie hassen Priester. die Sie töten wollen.« Er faßte sie plötzlich an den Schultern. als er hinzufügte: »Beim Pangamot wären Sie eine ernstzunehmende Gegnerin. Ja. Wir ringen mit Dämonen. und er ließ sie wieder los. Gewalt zu verabscheuen. ob Sie Priester bleiben oder nicht?« Er erwiderte nichts. »Ich habe deinen Vater rufen lassen. noch nicht. »Wir sind uns sehr ähnlich.« Aber genau aus diesem Grund hatte sich ihr Konflikt bis ins Unerträgliche gesteigert.« Er ließ die Arme sinken und lächelte. »Wenn es das nicht ist«. aber jeder kämpft in einer anderen Arena. betrachtete lange die Sterne und sah sie dann wieder an. Vater Garibaldi? Sollen die Schriftrollen Ihnen sagen. sagte sie. »Wissen Sie. Vielleicht werde ich es nie können. daß Sie ein Widerspruch in sich selbst sind? Sie behaupten. »Das Schwere ist…« »Ist was?« »Ich habe meinen Vater geliebt. rief sie. Sie und ich.« Er lachte leise. bitte lassen Sie mich Ihnen helfen.« »Vater Garibaldi.« »Es ist leicht zu kämpfen«. und doch kämpfen Sie. Sie zuckte unter der Berührung zusammen. wenn Sie allem Anschein nach keine Chancen haben zu gewinnen. aber Sie geben nicht auf. »Du bist ein schmutziges kleines Ungeheuer«. Es klang beinahe anerkennend. und doch möchten Sie mir helfen?« Er blickte in den Himmel. hatte Schwester Immaculata gesagt und Catherine vom Hocker gezerrt. ich habe ihn angebetet. Irgendwo dort draußen gibt es Männer. »Was dann? Sagen Sie es mir!« »Ich kann es nicht sagen.»Welche Antwort. und der Wind trug ihre Stimme hinaus in die Wüste.

bevor sie sich von ihm löste und ein paar Schritte zurücktrat.kann er dir etwas Achtung vor deiner Lehrerin einbleuen. Als er erschossen wurde. dachte ich. daß er die Friedensmissionen in alle Welt unternahm. Nichts davon war wirklich so gemeint. und ich konnte ihr nicht mehr sagen. daß ich meine Worte bereute. sagte er. die eine Nonne und keine Sünderin ist.« Catherine liefen die Tränen über die Wangen. wir werden ausziehen müssen. »Wegen morgen…« Sie drehte sich um. ihre angebliche Sünde gutzumachen. bis morgen früh zu warten. Als er schwieg. fügte sie betont energisch hinzu. Jedem war klar. »Ach. wie du es bist. »Was ist mit morgen?« »Ich fürchte.« »Wie meinen Sie das?« »Als ich vom Fitneß-Zentrum zurückkam. und flüsterte leise ein Gebet. weil sie sich ihrer Gefühle schämte. verharrte sie noch einen Augenblick in seinen schützenden Armen. und beschloß. daß sich mein Vater getrieben fühlte. habe ich zu meiner Mutter schreckliche Dinge gesagt. während sie mit den Tränen kämpfte und um die Beherrschung rang. So wahr mir Gott helfe. das ist die Wahrheit. Ärgerlich wischte sie sich das Gesicht und murmelte verlegen: »Ach verdammt!« Garibaldi nahm sie wortlos in die Arme. Sie hatte plötzlich das Bedürfnis. den kalten Wind zu spüren. Er hielt sie fest. Ein paar Monate später starb meine Mutter. »Morgen wartet eine Menge Arbeit auf uns«. übrigens«. sagte sie mit belegter Stimme und drehte sich um. »Wir gehen besser nach unten«. um es 417 . sie schliefen. Ich habe sie für seinen Tod verantwortlich gemacht.« »Der Bruch meiner Mutter mit der Kirche hat dazu geführt.

die Sie noch haben.« »Na gut«.Ihnen zu sagen. daß ich sie wiederbekomme. stand die Tür meines Schranks im Umkleideraum offen.« Er machte eine Pause. Abgesehen von den zwanzig Dollar. Meine Brieftasche ist weg. sind wir völlig pleite.« 418 . »Ich war nach dem Training im Dampfbad. sagte sie. Es tut mir leid. wie wir wieder zu Geld kommen. »dann müssen wir uns etwas einfallen lassen.« »Weg! Sie meinen gestohlen?« »Ich habe es der Hotelleitung gemeldet. aber man macht mir keine großen Hoffnungen. und als ich herauskam.

Teddy 419 . hatte er keine guten Nachrichten erhalten. daß Erika wieder schlief. die er mit der Suche nach allem beauftragt hatte. Das hatte er am Tag zuvor entschieden. den Computercode des Freers Instituts zu knacken und die für Julius Voss bestimmte Post zu lesen. ob aus Kairo weitere Übersetzungen angekommen seien. »Liebling…?« »Ich muß nur rasch etwas erledigen. warf Miles schnell einen Blick auf den Bildschirm. »Da ist wirklich etwas Verrücktes…« Miles legte den Hörer auf und wollte aufstehen. wo Teddy Yamaguchi allein vor den elektronischen Geräten im Wert von mehreren Millionen saß. Havers«. Das Institut hatte zum Schutz der E-Mail zwar ein Verschlüsselungsprogramm installiert. Mr. Der Korb für die E-Mail war leer. Schlaf weiter. Er vergewisserte sich. Von den drei Technikern bei Dianuba. Ihre aschblonden Haare auf den Kissen machten sie noch zerbrechlicher und zarter. New Mexico »Sie sollten herunterkommen. Die Schriftrollen waren für Erika bestimmt. als sich Erika neben ihm im Bett bewegte. Als er die unterirdische Computer-Zentrale betrat. »Hat Voss wieder Post bekommen?« Es war Teddy mühelos gelungen. Er wollte sehen. Für dich…. sagte Teddy. ein Produkt von Dianuba. was auch nur entfernt mit den Sabina-Schriftrollen in Zusammenhang stand.« Er griff nach seinem Hausmantel aus kastanienbrauner Rohseide und zog ihn an.Santa Fe. doch es handelte sich dabei um Keep Out. »Was gibt es?« fragte er. Es war auch keine neue Datei ausgedruckt. der ihn im Moment am meisten interessierte.

die Arme lagen eng am Körper.‹ Teddy verfolgte die Nachrichten sofort zu den Absendern zurück. Das machte nichts. bei Voss diskret vorzugehen. daß jeder jeden überwachte. keine E-Mail für Voss«. Seine Augen klebten geradezu am Bildschirm.‹ Eine vierte lautete: ›Sie hat die Schriftrollen und wird sie der ganzen Menschheit zum Geschenk machen. sagte Teddy. aber nicht verhindern. als bilde ein Netz von Neuronen 420 . Alexander feststellen zu können. sobald sie mit der Übersetzung fertig ist. erhielt. Seitdem waren ständig eigenartige Nachrichten eingegangen. Es war eine Wiederholung der ersten beiden. Alexander das Land verlassen habe als Voss eine weitere Nachricht desselben Inhalts. Die dritte Nachricht kam wenige Minuten später aus Seattle. und die Finger trommelten flink auf den Tasten. ein knapper Satz von einem Computer in England: ›Catherine lebt. daß ihr System geknackt worden war und jemand die Unterlagen las. Teddy hatte aber einen Grund. daß die Computer die Benutzer im Freers Institut darauf hinwiesen. In diesem Spiel wußten inzwischen alle Beteiligten.‹ Teddy und Miles hatten noch darüber gerätselt und sich gefragt.konnte sich einwählen. »Es ist etwas wirklich Seltsames. diesmal aus Denver. ob Dr. die Tastatur hatte er auf dem Schoß. Teddy warf niemals einen Blick auf die Tastatur. ohne jedoch eine Verbindung zwischen ihnen und Dr. Die erste Nachricht für Voss war am Abend zuvor eingegangen. Bis jetzt! »Nein.« Er saß in seiner gewohnten Haltung am Computer: Der Stuhl war zurückgekippt. es geht ihr gut. Teddy gab sich keine Mühe. Sehen Sie sich das an. aber keine von Bedeutung. allerdings mit dem Zusatz: ›Sie hat Daniel Stevenson nicht umgebracht. wirklich zu staunen.

erklärte Teddy. »Warten Sie«. [SERVER] Francie! ~fjames@kendaeo. Francie. Gib das weiter. seinem Hirn und seinen Fingern. der eigentlich ›Echtzeit-Chat‹ hieß. »Sie haben über Baseball geredet«. Soweit er sehen konnte. dem Mode-Drink seiner Generation. »Als plötzlich…. 421 . was in Cyberland im Augenblick alles vor sich ging. während der übrige Körper völlig passiv blieb. Sie ist unschuldig.« Havers blickte auf den Bildschirm. Als er sagte: »Ich habe mich in einen Kanal eingeschaltet. Woher bist du? [Francie] Dr. Catherine Alexander läuft um ihr Leben. hinunter. um Leute kennenzulernen.und Dendronen eine unsichtbare Brücke zwischen dem Monitor. Dabei stopfte er sich seine Lieblingssnacks aus Tüten in den Mund und spülte sie mit Snapple.com. Nach dem üblichen MOTD und einigem Hin und Her erschien der Dialog: [Catbox] Was plant ihr denn alle so für Sylvester? [CelsiuS] Mike. in die man früher gegangen war. [Mike] Hi. sehen Sie selbst. hallo. wenn er die Chat-Kanäle durchging und sich ein – und auswählte. handelte es sich nur um den üblichen Schwachsinn. Francie! [Catbox] Willkommen. um zu sehen. der Unterschied ist Zwei. »Was kümmert uns das?« fragte Havers irritiert. wußte Havers. daß Teddy von einem Internet Relay Kanal sprach. Sie wird von Killern verfolgt. Teddy entspannte sich. erwiderte Teddy. Die Gespräche waren genauso oberflächlich geblieben.telebyte. Internet-Unterhaltungen hatten die Kneipen ersetzt. der Felines heißt«. naja.

als jage unsere kluge Dr. daß Dr. Alexander von einer Kneipe zur anderen. beantworte meine Fragen. [bOzO] figgy2. Rächer! Hier hast du ein Coke. *figgy2 gibt Rächer ein Coke. Bleib cool. »Was soll das bedeuten?« fragte Havers. hallo. «SERVER»Einundvierzigplus.[SERVER] Francie hat sich verabschiedet. könnten wir ihre Adresse feststellen…«. loggte er sich im IRC ein und sprang von einem Forum zum anderen. Catherine Alexander umzubringen. Jemand versucht. Alexander unschuldig ist. bevor sie sich einwählt.il. sagen. «SERVER»MoonDoggy hat sich verabschiedet.« »Seit wann?« »Nach meiner Berechnung schon die ganze Nacht. hier bin ich. als suche er etwas.« Miles zog einen Hocker heran und setzte sich an den nächsten Monitor. Leute wählen sich in eine Gruppe ein. »Es sieht ganz so aus. bereits in einem Kanal zu warten. Sie hat die Schriftrollen und beschützt sie für uns alle vor den Killern. Für meine Dienste /msg Foxy [Cream] Weihnachtseinkäufe Ähhhhh!!!! 422 . und verschwinden wieder. Und offenbar springt sie willkürlich in den Kanälen herum.co. der Deckname aus seiner Zeit als Hacker. Als ›Rächer‹. »So geht es schon die ganze Zeit. [MoonDoggy] Hallo. «SERVER»Moondoggy!phil@atcom. sagte Miles nachdenklich. Wenn wir es schaffen. «SERVER»Willkommen bei #Planeten [figgyg] Hi. ihr irgendwie zuvorzukommen.

»Aber was sind das für Leute?« fragte Havers und klickte sich gerade rechtzeitig in #Geologie ein.ac. die sich zu Catherine Alexanders Verteidigern gemacht hatten. vielleicht acht. Mr. er sei direkt mit den Computern verdrahtet.S. Alexander in Ruhe lassen. Im nächsten Augenblick erschien auf dem Bildschirm: «SERVER»Carlos!mongo@dianuba. um zu sehen: [Carlos] Sagt den Bullen. Maynard.G. hallo.brad. während er gebannt auf die Bildschirme starrte.U. Catherine Alexander hat Daniel Stevenson NICHT ermordet. und die Bullen werden sie NICHT fassen. drückte die ENTER-Taste und wurde mit Hallo Mouse – seinem IRCNamen – begrüßt. sagte Teddy. Er hatte seine Haltung verändert und saß inzwischen wie eine sprungbereite Katze vor zwei Bildschirmen.H. glaube ich. «SERVER»Maynard! ~rismith@alice.N. Wovon haben wir geredet? [Maynard] Sag allen. »Außerdem sind sie überall auf der Welt«. Nein. Teddy gab achselzuckend #Zippers ein. Dr. daß das Dr.C. »Diese vielen Adressen… das sind verschiedene Leute!« Teddys Augen funkelten und blitzten. die du kennst. «SERVER»Maynard hat sich verabschiedet. 423 . Bist du F oder M? [Gollee] ToTo: mußte die Katze hereinlassen. hallo.L.com.D. Man hatte den Eindruck. «SERVER»Carlos hat sich verabschiedet. die er gleichzeitig beobachtete. Alexander ist. fügte er hinzu und hüpfte ebenso schnell durch die Kanäle wie die Leute. Sie ist U. »Ich glaube nicht. sie sollen Dr. Havers«.I.[ToTo] Größe sechs. [Cream] Hi.us.

«SERVER»figgy2 hat sich verabschiedet. weil die Leute in allen möglichen Foren dieselbe Nachricht lasen. Mann! «SERVER»Figgy2!ashame@ppp26. Carlos hatte sich gerade erst im letzten Kanal verabschiedet. [Troy] Hallo Figgy2. dessen Augen noch immer an den Monitoren hingen. Gebt es weiter. Er stand unvermittelt auf. sorry. In seinen Augen spiegelte sich das Leuchten der beiden Bildschirme. daß eine Welle zu einer gewaltigen Woge anschwoll. Wo bist du? [CorVette] Jetzt haben wir fünf Länder. [Figgy2]Sagt allen in Deutschland. Teddy faßte sich mit beiden Händen an den Kopf. Hallo Maus. und sie hat geheimes Wissen über das neue Jahrtausend. sie will in Ruhe gelassen werden.»Schon wieder Carlos!« rief Teddy. mouse. auch er klickte von einem Kanal zum anderen und stellte staunend fest. Teddy wechselte zu #German. hallo. Die unzähligen Gespräche. Das Summen der Klimaanlage und das blitzschnelle Klack Klack der Tasten von zwei Tastaturen unter Teddys Händen waren die einzigen Geräusche im Raum. Live-Diskussionen am Bildschirm 424 . den Kanal wechselten und sie weitergaben.edu. Sorry. [LadyGray] Olé. Catherine Alexander hat Daniel Stevenson nicht umgebracht.cac. auf denen die Informationen mit der Geschwindigkeit von Kamerablenden wechselten. »Unglaublich! Die Drähte glühen! Die kleine Alexander hat bald die ganze Welt auf ihrer Seite!« Havers sagte nichts. schob die Hände in die Taschen seines Hausmantels und blickte zu Teddy hinüber. Wie geht’s? Ich bin in Spanien. sie hat niemandem irgendwelche Schriftrollen gestohlen. Mouse.psu.

und der ständige Fluß der Nachrichten über alle Entfernungen hinweg. Erde und Luft. Mann. Und die Information verbreitet sich so schnell wie ein Virus. »Wo hat es angefangen?« fragte Havers stirnrunzelnd. denn er war nur einer der vielen Millionen. Vor vierundzwanzig Stunden hatte Catherine Alexander noch als der Antichrist gegolten. einer News-Gruppe. Havers. Ich werde sie wie lästige Fliegen vernichten. Teddy hatte nicht den Überblick wie Miles. Mr. Im neuen Jahrtausend würde Cyberspace bereits zum Alltag gehören wie Wasser. diese Foren waren nur 425 . Die Menschen hatten sich eine neue Dimension erobert: Cyberspace. Das ist mein Reich. einfach überall. schienen jedoch nicht mehr von dieser Welt zu sein. In Cyberspace werden alle von mir manipuliert. Ich bin der ungekrönte Herrscher dieser neuen Welt! Rebellen hat es schon immer gegeben. das herauszufinden. im Augenblick gehört ihr das Internet!« Hatte Teddy seine Gedanken erraten? Miles lächelte kaum merklich. die nur dank Online und ISDNVerbindungen möglich waren – Namen ohne Menschen. Jeder greift die Meldung auf und wechselt so schnell den Kanal. Sehen Sie. »Unmöglich. Das ganze Internet scheint verseucht! Die Leute wissen nicht einmal. Jetzt war sie plötzlich eine Heldin. gerade haben sich drei neue Leute zugeschaltet. Miles stand einen Augenblick wie gebannt da und sah zu. Catherine Alexander war nicht nur im IRC. in einem IRC-Forum. Der junge Mann mochte recht haben. die mit und durch Cyberspace lebten. wer Catherine Alexander ist. denen ich bereits auf anderen Kanälen begegnet bin. Worte ohne Stimmen. Teddy schüttelte den Kopf. Es kann überall gewesen sein. Miles kannte die Psychologie des Internet. daß ich nicht mithalten kann. Räume ohne Wände -. doch Havers ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. aber sie stellen sich auf ihre Seite.

E-Mail flog auf dem ganzen Globus hin und her. Er richtete das Angebot einer nicht existierenden PapyrusSammlung ein und setzte sie auf ›Fred’s Seite‹. »Lauf. die nichts anderes vom Leben zu erwarten hatten. von Johannesburg nach Deutschland. Vielleicht ahnten sie in dieser Nacht. nachdem es ihnen nicht gelungen war. NewsGruppen sprachen im Augenblick über sie. Catherine Alexander im LinkNet von Orange County ausfindig zu machen. bei jeder Unterhaltung im Web tauchte ihr Name auf.« Deshalb hatten seine zahllosen Untertanen. daß sogar ihr Photo in Form von Millionen Bytes um die Welt ging – Sie hatte die Frechheit besessen.« Sie hatten diese Datenbank vor drei Tagen installiert. die jemand wie Catherine Alexander noch für sich und ihr Leben beanspruchte. von der sie nichts verstanden. daß sie Lycos und InfoSeek bald ausgeschöpft haben und ihre Suche auf weniger bekannte Datenbanken ausdehnen würde. als Server. »Hat sich jemand hier gemeldet?« fragte er lauernd. Transmitter. auf dem eine Homepage mit dem Titel PAPYRUSSAMMLUNG LONGPORD zu sehen war. Miles zweifelte nicht daran. von Island nach Neuseeland. lauf!« Das war der Schlachtruf der Verdammten. die keiner kannte. »Nein. Cathy. der Cyberspace-Öffentlichkeit zu erklären: »Ich werde die Schriftrollen der ganzen Menschheit zum Geschenk machen. ein 426 . sich eine Sache zu eigen gemacht. obwohl sie ›Cathy‹ nicht einmal kannten. Havers hatte sich ausgerechnet. niemand. und jeder redete über diese Frau. Havers ging an der Reihe von Bildschirmen entlang zu einem. die Süchtigen der neuen Dimension. Message-Übermittler zu sein. daß ihnen die Freiheit genommen war.die Spitze eines sehr viel größeren Eisbergs.

Die kluge Archäologin hatte den Köder jedoch nicht geschluckt. aus dem Süßigkeiten herauskamen. das im Augenblick bei Online-Amerika sehr beliebt war. Philos und ich bewunderten mechanische Vögel. dem größten Zentrum der Wissenschaft und Gelehrsamkeit. hier würde er die Antworten finden. Alexandria ist eine Stadt der Erfinder und ihrer Maschinen. Er hatte gehofft. Während er Teddy beobachtete.Clearinghaus für alle möglichen Bereiche. Wir kamen nach Alexandria. Ich las den Brüdern und Schwestern aus dem 427 . Philos wußte. was er tun mußte. das sich drehte. Alexandria ist auch das bedeutendste Zentrum der Welt für anatomische Forschungen. Ich kam in diese Stadt auf der Suche nach Herzen und Seelen. und wir hörten Lesungen der Briefe seiner Jünger und der Worte des Gerechten. die bereits früher hierhergekommen waren. die er suchte. Ich traf andere Anhänger des Weges. wurde Miles klar. Und ich werde siegen. wenn er der Sieger sein wollte. Ich nahm an ihren wöchentlichen Zusammenkünften teil. nicht soweit gehen zu müssen. Aber mehr als alles andere ist Alexandria eine Stadt der geistigen Freiheit und Aufgeklärtheit. wir saßen in einem Theater. brüllte der Tiger in ihm. der durch die IRC wie ein Weltmeister auf einer haushohen Flutwelle surfte. Die Ärzte kommen aus den fernsten Gegenden des Reiches. aber nun blieb ihm keine andere Wahl. wir hörten dampfgetriebene Nebelhörner. die für die Worte des Gerechten offen waren. und wir sahen ein Gerät. denn anders als in Indien sind Autopsien hier erlaubt. um die Körper von Tieren und Menschen zu studieren. wenn man eine Münze in einen Schlitz steckte.

sie seien der Beginn eines neuen goldenen Zeitalters auf Erden. der Tod sei eine Illusion. dann kommt das Jüngste Gericht. wenn wir nur glauben. es handle sich um die tausendjährige Herrschaft Satans. was ›Wissende‹ bedeutet. damit seien die tausend Jahre der Herrschaft des Gerechten auf Erden gemeint. während wieder andere erklärten. sagten sie als Erklärung. der Gerechte als Sohn Gottes abstamme. In diesem Punkt herrschte keine Einigkeit. und sie sprach davon. Es gab sogar einige. erklärte mir Priscilla. Sie verehrten auch die Unsterblichen. als sei er getrennt von Gott. Sie sprachen von Gott. und das Leben könne ewig dauern. Man sagte. daß die Gemeinschaft hier Glaubensvorstellungen vertrat. den Diakon der Gemeinde. von denen ich noch nie etwas gehört hatte.Brief der Maria vor. der Fisch und das Kreuz. und ihre Symbole waren der Anker. wie der Gerechte es getan hat. Trotzdem waren sie eine Gemeinschaft. In der Gemeinde hörte ich auch zum ersten Mal von der Prophezeiung der tausend Jahre. und wir erwachen aus dem Schlaf und gelangen zu unserem Schöpfer«. Sie nannten sich Gnostiker. nachdem wir gestorben sind: »Wir schlafen ein Jahrtausend. Doch ihre Vorstellungen vom Kosmos unterschieden sich sehr von dem. was man mich gelehrt hatte. die sagten. Andere behaupteten. »Der Gerechte hat von vielen Wohnungen gesprochen«. »Und das hat er damit gemeint. von denen.« Ich traf Priscilla. Sie glaubten an Frieden und Vergebung. wie ich sie aus Antiochia kannte. Ich traf die Jünger eines 428 . wie sie glaubten. die tausend Jahre würden erst dann beginnen. Aber ich stellte fest. Doch sie sprachen vom Schöpfer. Für sie war das Universum sehr viel vielschichtiger und größer. daß der Gerechte uns gesagt habe. und wir feierten gemeinsam das Liebesmahl. sie begrüßten sich mit dem Friedenskuß.

« Die Buddhisten von Alexandria sind Missionare und versuchen. die vor tausend Jahren dort eingeritzt worden waren. daß der Gerechte auch in Indien gelehrt hat? Wir machten eine Reise. Er sagte: »Sei dir selbst Zuflucht und halte an der Wahrheit als Licht fest. Er wird die Guten belohnen. er wird wiederkehren. und die Leute staunten über die Erfolge. mein Wissen und mein Können bei der Geburtshilfe weiterzugeben und unbekannte Heilmethoden zu erläutern. In ihrer Sprache bedeutet das ›der Erleuchtete‹. Wenn Buddha sagt. die Botschaft vom Weg des Gerechten zu verbreiten. Dann wird Buddha auf die Erde zurückkommen. »Ich bin alles. 429 . der du von Dunkelheit umgeben bist?« Sie glauben an ein Weltgericht. um ihr zu huldigen. neue Anhänger ihres Glaubens zu gewinnen. Sie gehen auf den Marktplatz und fragen die Vorübergehenden: »Suchst du nicht ein Licht. bedeutet das.« Ich war damit beschäftigt. An den Wänden des Tempels lasen wir die Worte. und der Gerechte sagt. und das bedeutet das Ende aller Dinge. den sie Buddha nennen. und fuhren nil-aufwärts. daß man bei Schlangenbissen die behandelte Wunde mit Klemmen verschließt. du. so fragte ich mich.Mannes. um Ägypten zu sehen. In der alten Stadt Sais besuchten wir den Tempel der Göttin Isis. Er wurde von einer jungfräulichen Mutter namens Maja geboren. er wird wiederkehren. die man damit erzielt). Ich bin der Anfang und das Ende. die ich in Indien gelernt hatte (in Alexandria hatte noch niemand davon gehört. und es wird eine neue Schöpfung geben. was war. die Bösen bestrafen. was ist und was sein wird. der Himmelskönigin.

meine liebe Amelia. mit Sehern und Seherinnen. 430 . Er sprach mit gelehrten Männern und verbrachte Wochen und Monate in der großen Bibliothek. Er hoffte. ich werde Alexandria vor allem deshalb nicht vergessen. die ihm den Weg zu der uralten Formel weisen würde. frommen Männern und weisen Frauen. die das ewige Leben schenkt. weil ich in dieser Stadt endlich die Liebe kennenlernte.Philos sah sich in der Stadt um. er beriet sich mit Priestern und Priesterinnen. Aber. eine Spur zu finden.

DER ZEHNTE TAG 431 .

Dezember 1999 Las Vegas. und schon gewinnt er den Jackpot«. 23. sich mit Zimmerkellnern und Zimmermädchen zu unterhalten. Ich habe ihm ein gutes Trinkgeld gegeben. erwiderte Zeke. »Ein Kellner vom Zimmer-Service sagt. als er Raphael wie besprochen in der Mz’nos Taverne im Hotel Atlantis traf. Nevada »Jemand wie ich muß nur nach Las Vegas kommen. Raphael mußte sich vom Anblick der spärlich bekleideten Kellnerinnen losreißen.Donnerstag.« Catherine machte sich Sorgen. wird sich der Kellner die Zimmernummer merken…« Raphael griff nach der Schale mit den gesalzenen Nüssen. denn er sagte sich. »Du hast also den Priester gefunden?« fragte er. Beim Aufwachen am frühen Morgen war er nicht in seinem Zimmer gewesen. Sie hatte das Hotel nach Garibaldi abgesucht. Zeke lächelte vielsagend. Nachdem seine Erkundigungen an der Rezeption erfolglos geblieben waren. ohne ihn zu finden. Er meint. »Und ob ich ihn gefunden habe«. sie wüßten ohnehin am besten über die Gäste Bescheid. es könnte eine Frau sein. sagte Zeke. es gibt einen Pfarrer. hatte Zeke beschlossen. Aber er hat die andere Person noch nie gesehen. Möglicherweise war er im Casino. schob sich eine in den Mund. steckte die anderen in die Jackentasche und sagte: »Schnappen wir sie uns. die an diesem sonnigen Morgen den durstigen Gästen bereits die ersten Bloody Marys und Screwdrivers servierten. der immer Essen für zwei bestellt. Wenn der Pfarrer heute Frühstück bestellt. um das Geld ›zu beschaffen‹ das ihm am Abend 432 .

Sie erweist der Menschheit einen Dienst. Aber das war an dem Abend gewesen. als Danno sie schließlich davon überzeugte. Zeugen sagen aus. Sie wußte. als die ganze Welt gegen sie zu sein schien. Deshalb bezweifeln wir. daß ein Computer ein höchst wirksames Instrument der Forschung sein konnte. Ich finde es bemerkenswert 433 . »Diese Fanatiker könnten Sie entführen oder Schlimmeres…«. Beinahe fünfzig Jahre lang hat sie niemand zu sehen bekommen. daß sie Dr. der uns allen gehört. erkannt zu werden. Wir wollen ihr nur einige Fragen stellen. was mit den Schriftrollen vom Toten Meer geschehen ist. Am frühen Morgen war im Radio Kriminalkommissar Shapiro aus Santa Barbara zitiert worden. Stevenson ermordet hat. die sie mit den Kleidern gekauft hatte. Man sollte sie nicht verfolgen. Denken Sie daran. Ihre Bitte um Weitergabe der Information hatte einen ungeheuren Erfolg gehabt. daß Catherine Alexander überall im Internet zum Thema Nummer eins geworden war.zuvor im Umkleideraum gestohlen worden war. der gesagt hatte: »Wir haben keine Anklage gegen sie erhoben. sie sei von bewaffneten Männern verfolgt worden. und die Polizei wußte noch nichts von ihren blonden kurzen Haaren. der Artikel würde berichten. trotzdem fürchtete sie. Jetzt fühlte sie sich in der Welt von Cyberspace sicherer als in der wirklichen. Catherine trug die große Sonnenbrille. Catherine hatte sich lange gegen die Computertechnik gewehrt und ihren Widerstand erst aufgegeben. An einem Zeitungskiosk fiel ihr Blick auf die Schlagzeile. hatte Garibaldi gesagt. Inzwischen hatte sich die öffentliche Meinung um hundertachtzig Grad gedreht. »LASST MICH IN RUHE!« stand da neben einem Photo von ihr.« Dann äußerte sich ein Theologe: »Catherine Alexander hütet einen Schatz. Aber auch an den Spieltischen hatte sie ihn nicht entdeckt.

Bevor sie sich zu den Hotelgästen stellte. Catherine fiel ein.« Trotzdem blieb Catherine vorsichtig. im Atlantis das Leben genießen… Catherine war gerade im Begriff weiterzugehen. Wenn das nicht möglich war. die darauf warteten. die in einem spanischen Kloster aufgenommen worden waren. Darunter befand sich eine mit gregorianischen Chorälen. Freunde sehen. was sie angeblich gestohlen hat. daß sich in ihrer Suite ein Kassettenrecorder befand. Dann mußten sie Las Vegas natürlich sofort verlassen. wir sollten sie in Frieden lassen und beten. Sie freute sich über den Fund. während sie beide arbeiteten. Das ägyptische Kulturministerium kann nicht genau sagen. Sie ist weder von der Polizei noch von der amerikanischen Regierung offiziell eines Verbrechens beschuldigt worden. Alexander tut. Frühstück. Sie wollten Unterhaltung. Es sollte eine Überraschung für Garibaldi werden. Geld gewinnen. und kaufte die Kassette. um ihre Spur zu verwischen.« Selbst Kardinal Lefevre im Vatikan schien seine Haltung geändert zu haben. »Ich weiß nicht. kurz gesagt. Aber die Hotelgäste interessierten sich mehr für andere Dinge. behielt sie die Leute im Auge. Während sie die Zeitungen am Kiosk überflog und überlegte. wohin Garibaldi gegangen sein mochte. daß sie diese schwere Prüfung übersteht. als ihr Blick auf die ausgestellten Musik-Kassetten fiel. Die Musik würde entspannend und beruhigend wirken. weshalb alle diese bedauernswerte Frau verfolgen.und sehr mutig. von einem der Raumschiffe in die oberen Stockwerke befördert zu 434 . was Dr. Und das fehlende Geld? Garibaldi konnte sich über den Kreditkarten-Service entweder Reiseschecks oder eine Ersatzkarte ausstellen lassen. würde sie es tun. Ich finde.

werden. sagte er erstaunt und griff nach ihrem Arm.« »In meiner Nachricht stand doch. Was mochte Garibaldi unternommen haben. um eine Weile damit auszukommen.« Als sie ihn fragend ansah. als er plötzlich am anderen Ende der Halle auftauchte. Catherine drängte sich durch die Leute. die einsteigen wollten lief quer durch die Halle und erreichte ihn atemlos vor der drei Stockwerke hohen Statue der Göttin Athene. ob er möglicherweise in einem anderen Spielcasino sei. Es ist mir gelungen. Sie überlegte. »Catherine«. »Ich habe neue Batterien für den Laptop besorgt. hielt sie noch einmal nach Garibaldi Ausschau. weil ich mir Sorgen mache. den immer noch Selbstvorwürfe quälten und der in seiner Verzweiflung versuchte. Ich stand am Eingang des Spielcasinos und wäre beinahe hineingegangen. fügte er schnell hinzu: »Keine Sorge. Aber dann 435 . Wir müssen nicht ausziehen. Sie hatte jedoch auch von seinen Küssen geträumt. daß ich nicht lange weg sein würde. mit zwei blutigen Stöcken die Furien zu besiegen. in der sich ein Videoladen befand. daß sie ihn beinahe nicht gesehen hätte.« Er legte ihr freundschaftlich den Arm um die Schulter. Die Berührung durchzuckte Catherine wie ein Blitzstrahl und erinnerte sie an die Umarmung gestern nacht. Geld aufzutreiben – genug. Sie hatte danach unruhig geschlafen und im Traum den Priester gesehen. Sie machte sich Sorgen. um Geld auf zutreiben? Sie war so in Gedanken versunken. »Warum sind Sie nicht oben im Zimmer?« »Ich habe Sie gesucht. Garibaldi sah sich um und sagte etwas leiser: »Ich habe gute Neuigkeiten. die ihn verfolgten.« Er lächelte sie an.

« »Und wie…?« »Das erkläre ich Ihnen später«. »Schon gut.habe ich es doch nicht getan. denn sie hörte. nahm ihren Arm und ging mit ihr zu den Raumschiffen.« »Was erwarten Sie in diesem Aufzug anderes?« Garibaldi trug die Soutane. »Bitte.« Als sie die Zahlenkombination für ihre Suite eingaben. Ich weiß. »Wir haben nicht viel Zeit. hörte Catherine eine zynische Stimme. daß ihre Bemerkung leicht spöttisch und beinahe kokett geklungen hatte. Ich weiß nicht. Und ganz besonders sehen sie nicht die Frau an meiner Seite. aber ich hatte das Gefühl. ahnten sie nicht. nicht den Mann. aber mein Partner möchte unbedingt persönlich mit Ihnen sprechen«. so war es nicht gemeint. sehen sie den Priester. aber sie blieb erschrocken stehen. Catherine wollte sofort zur Stereoanlage. Sie erstarrte.« Er lächelte. daß sie erwartet wurden. Catherine merkte. heben Sie die Hände hoch und gehen Sie hinein. um die Kassette einzulegen. »Was…?« Das Licht ging plötzlich aus. sagte er. wie hinter ihr die Tür der Suite mit einem lauten Knall ins Schloß fiel. Wenn die Leute mich anstarren. »Tut mir leid. »Wir fahren besser nach oben. und entschuldigte sich sofort. Den Weg kennen Sie ja. ob ich allmählich an Verfolgungswahn leide. Trotzdem glaube ich. ich falle sogar in diesem verrückten Hotel auf.« Garibaldi wich einen Schritt rückwärts und hob 436 . daß es der beste Schutz für Sie ist. einer der Portiers habe bei meinem Anblick merkwürdig reagiert. Schemenhaft sah sie in dem Vorraum neben Garibaldi eine Gestalt an der Tür.

Sagen Sie Ihrem frommen Leibwächter daß er die Schriftrollen bei mir abholen kann! Ich habe noch ein Wort eben mit ihm zu reden. wo 437 .scheinbar gehorsam die Hände. Geschickt wich der Killer aus. und er blieb leblos liegen. Frau Doktor. hatte ihn Garibaldi bereits an den Haaren gepackt. Garibaldi rettete sich auf die andere Seite des Tischs. fügte sie tonlos hinzu. Garibaldi dagegen hatte keine Waffe. riß er den Mann hoch und warf ihn in das Zimmer. »Nein!« Es klang fast wie ein Schrei. als Garibaldi nach einer Tischlampe griff und sie nach ihm schleuderte. Der Mann schwankte. Zeke glaubte schon. Ehe Garibaldi etwas erwidern konnte. und die Lampe zerbrach mit einem lauten Knall an der gegenüberliegenden Wand. Er fiel mit einem dumpfen Schlag gegen den Tisch. Noch ehe er am Boden lag. wir müssen hier weg!« und griff nach ihrer Hand. ging das Licht wieder an. und der Killer trieb ihn durch den Raum in eine Ecke. wie die blonden lockigen Haare sich blutig färbten. »Machen Sie die Zimmertür auf!« rief er Catherine zu. ihm den Todesstoß versetzen zu können. Die beiden Männer umkreisten sich wie Raubtiere. Sie gehorchte mechanisch wie eine Marionette.« Der Killer mit der Narbe stand mit der blauen Tasche im Zimmer. Aber dann schlug er dem Mann die Waffe aus der Hand. Sein Kopf traf die Kante. »Richtig. verlor das Gleichgewicht und stürzte zur Seite. Aber sie riß sich los. »Die Schriftrollen«. denn er kämpfte mit dem Messer. Catherine sah. Zeke war im Vorteil. Kaum war die Tür offen. Garibaldi stieß keuchend hervor: »Schnell. ließ sich blitzschnell fallen und packte ihn an den Beinen.

Garibaldi sprang aus dem Stand über den Tisch. »Hier…«. Als Zeke mit dem Messer nach ihm stieß. wie es wirklich geschehen war. Garibaldi stand mit dem Rücken zu ihr. Der Killer taumelte rückwärts und drehte sich einmal um sich selbst. aber es gelang Garibaldi. Als sie den lackierten Stock in die Hand nahm. Er sah ihr Flehen. Dann ging alles sehr schnell. Aber im nächsten Augenblick stand Garibaldi wieder und hob den Stock zum tödlichen Schlag. das Messer abzuwehren. Catherine stand an der Tür. was Garibaldi von ihr wollte. Sie wußte später nicht mehr. die Beine würden ihr den Dienst versagen. In diesem Augenblick warf Zeke das Messer. Er hatte die blaue Tasche fallen lassen und richtete sich wütend auf. Zeke hatte außer dem Messer noch eine Pistole. Sie hörte. sah sie über den Raum hinweg für den Bruchteil einer Sekunde an. »Nein!« Garibaldi hielt inne. Catherine glaubte. ihre Panik und verstand. griff er nach dem Stock. ihre Verzweiflung. »Los. laufen Sie in mein Zimmer!« rief er Catherine zu und sprang auf den Tisch. Mit einem Fußtritt 438 . Wenn er feststellte. Garibaldi riß geistesgegenwärtig den Stock hoch. durchlief sie ein Schauer. Der Kampf würde nicht mehr lange dauern. trat er ihm mit voller Wucht gegen den Arm. Sie wußte. »Laufen Sie!« rief Garibaldi noch einmal.Zekes Partner noch immer bewußtlos lag. Der Stock traf Zeke wie ein Pfeil. Zekes Hand blutete. »Das wirst du mir büßen!« knurrte der Killer. flüsterte sie. kniete vor Garibaldis Reisetasche. Ohne sich umzudrehen. daß Garibaldi ihm überlegen war. würde er ihn kaltblütig erschießen und dann… Sie bewegte sich wie in Trance. Der Killer stürzte rücklings zu Boden und riß Garibaldi mit sich. wie es klirrend auf die Tischplatte fiel. Von nebenan hörte sie einen wütenden Aufschrei. den sie ihm reichte.

das laute Lachen und die anzüglichen Bemerkungen über Stiere und Frauen zu überhören. die Brutalität und Gewalt. Catherine schloß die Augen. drückte Catherine an sich und legte ihr den Arm um die Schulter. Sie umklammerte die blaue Tasche und versuchte. Sie staunte über das tröstliche Gefühl. der Attraktion am Vormittag in der riesigen Hotelhalle. Als das Raumschiff in der Hotelhalle anhielt und sie aussteigen wollten. griff nach der blauen Tasche und nickte ihr zu. ihre Frauen dagegen wirkten spröde und waren maskenhaft geschminkt. Wenn wir aus dem Hotel sind. Garibaldi hatte nach dem Kampf nur flüchtig einen Blick auf die beiden Männer geworfen und gesagt: ›Sie werden keine schönen Träume haben.machte er Zeke bewußtlos. reichte ihr schließlich die Hand und zog sie vom Sitz. flüsterte er. ließen sie jetzt noch zittern. wir haben es gleich geschafft. In diesem Augenblick der Schwäche wußte Catherine. Garibaldi sah sie besorgt an. Die Männer waren selbstsicher und ausgelassen und benahmen sich beinahe kindisch. Sie dachte an die Killer. Das Blut. Er ist mein 439 . kann uns nichts mehr passieren…« Er griff nach der blauen Tasche. wurde ihr übel. sind wir nicht mehr in Las Vegas. ein Club auf Erlebnisreise. die sie bei dem Kampf erlebt hatte. »Wir dürfen kein Aufsehen erregen«. In das Raumschiff drängte sich eine Gruppe Engländer. Der Brechreiz ließ nach. daß sie Garibaldi auf eine neue Art respektierte.‹ Catherine biß die Zähne zusammen. sich ihm vertrauensvoll überlassen zu können. und wenn sie aufwachen. Sie konnte sich nicht von der Stelle rühren. Die Engländer wollten zum Stierspringen. die bewußtlos im Zimmer lagen. »Kommen Sie.

blieb jedoch unentschlossen stehen. sich zu entspannen. Fanfaren und dumpfe Trommelwirbel kündigten den Stier an.« Garibaldi hatte recht. fügte er beruhigend hinzu: »Es ist besser so.« Sie hatten eine verspiegelte Pendeltür erreicht. Sie können mich von hier sehen. sie atmete flach. Garibaldi deutete auf einen Sessel. Wann wird die Flucht zu Ende sein? Catherine drehte sich unruhig um und erstarrte. bis ich die Rechnung bezahlt habe. Ihr Herz schlug laut. Setzen Sie sich. Am liebsten wäre sie aufgesprungen und einfach davongerannt.Beschützer. Endlich war Garibaldi an der Reihe. Nehmen Sie die blaue Tasche. »Ich habe mir gestern das Hotel etwas genauer angesehen und einen Seitenausgang entdeckt. Die Menge verstummte. daß Garibaldi sie an das entfernte Ende der Empfangshalle geführt hatte. als er sie an der Rezeption vorbeiführte. fragte sie erschrocken: »Wo ist der Laptop?« »In meiner Reisetasche.« Da Catherine sich ängstlich an ihn drückte. er mußte warten. Catherine setzte sich in den weich gepolsterten Sessel und versuchte.« Catherine nickte. Der Wettkampf zwischen der Frau und dem Tier begann… Catherine war froh. Die Unruhe wuchs. Der 440 . Ihre Hände waren naß vom Schweiß. Als er sich umdrehte und gehen wollte. Er läßt mich nicht im Stich! »Wohin gehen wir?« fragte sie leise. An der Rezeption ist immer viel los. Es gelang ihr nicht. Hier sah sie wenigstens nichts von dem aufreizenden Spektakel. aber keine Angst. es kann einige Zeit dauern. doch das Geschrei und Gejohle der Zuschauer zerrte trotzdem an ihren Nerven. »Warten Sie hier.

Der Aufzug fuhr nach unten. Als sich die schwere Eisentür des Aufzugs langsam schloß. grün gekachelten Tunnel. Catherine war mit einem Satz im Aufzug und drückte auf den Knopf. daß jemand den Aufzug nach oben holen wollte – der Killer! Sie saß in der Falle. In regelmäßigen Abständen brannten blauweiße 441 . Catherine wagte nicht. Ihre Hand berührte den Bronzegriff der verspiegelten Pendeltür. die verletzte Hand in der Hosentasche. Er blieb stehen und blickte sich suchend in der Halle um. Catherine nahm die blaue Tasche über die Schulter und verließ den Aufzug. drehte sich sein Kopf in ihre Richtung. Als sich die Aufzugstür jedoch wieder schloß. Ihr blieb nicht viel Zeit.Killer mit der Narbe trat aus einem Raumschiff. und sie sprang in Panik auf. Plötzlich war sie hellwach. Auf der Leuchtanzeige sah sie. Catherine blieb atemlos vor dem Aufzug stehen und drehte sich um. sich zu bewegen. Er verfolgte sie. Auch wenn sie den Aufzug blockierte. Am Ende sah sie einen Lastenaufzug mit dem Hinweis: ›Nur für Angestellte!‹ Daneben befand sich hinter einer Glastür eine Treppe. drückte sie schnell den roten Knopf mit der Aufschrift: ›STOP‹. Sie befand sich in einem breiten. sah sie den Killer. Schnell ging sie durch die Tür und befand sich in einem Gang. gab es für ihn immer noch die Treppe. die Tür glitt zur Seite. Als sei sie mit ihm durch unsichtbare Fäden verbunden. aber sie war wie gelähmt und rührte sich nicht von der Stelle. Hatte er sie vielleicht doch nicht bemerkt? Sie mußte Garibaldi warnen! Die Pendeltür bewegte sich. Schließlich ging er in Richtung Rezeption. und sie zuckte wie unter einem Schlag zusammen. Der Fahrstuhl blieb mit einem Ruck stehen. Der Killer war nicht zu sehen. Catherine hatte das Gefühl zu fallen und klammerte sich an einen Haltegriff. Für den Bruchteil einer Sekunde sah Catherine seine kalten Augen auf sich gerichtet.

Garibaldi hatte ihr erzählt. Catherine rannte weiter. Ihre Schritte hallten dumpf in der seltsam unnatürlichen Stille Ihr Keuchen klang überlaut. Auf einer Tafel neben einer grünen und roten Ampel stand: ›ACHTUNG SCHLEUSE! BETRETEN VERBOTEN! LEBENSGEFAHR!‹ Catherine wußte jetzt. dessen ›Untergang‹ zweimal täglich den Hotelgästen vorgeführt wurde. Zurück konnte sie nicht. An der Seite sah sie ein Schienenfahrzeug mit einem kleinen Kran. daß sich unter dem Hotel und dem See ein Tunnel befand. die ins Schloß fiel. Ein bedrohliches Brummen oder Summen lag in der Luft. Sie lief los. der zur Insel führte. Der Gang war sehr viel länger. und wohin führte der Gang? Sie blieb verwirrt stehen. Sie war nicht mehr allein. Ihre Angst nahm zu. als plötzlich Neonlichter aufflammten. Sollte sie vielleicht doch umkehren? Der dumpfe Knall einer Eisentür. aber heftiges Seitenstechen zwang sie schließlich stehenzubleiben.Deckenlampen. Catherine rannte weiter. 442 . ließ sie zusammenzucken. In den Boden war ein Gleis eingelassen. als sie vermutet hatte. Wo befand sie sich. zu Atlantis. Sie konnte sich nicht weiter vorwagen. blieb dann aber wie angewurzelt stehen. Der Killer würde sie einholen und hier unten leichtes Spiel mit ihr haben. Der Killer schien sich seiner Sache sicher und trieb sie vor sich her. wo sie war. Der Gang wurde eng und bot nur Platz für die Schienen. Hinter der Biegung war alles dunkel. Vielleicht gab es dahinter einen Aufzug. Die grünen Fliesen wirkten im blauen Licht kalt und lebensfeindlich. Die Kurve schien kein Ende zu nehmen. Der Tunnel machte eine leichte Kurve. der sie wieder nach oben bringen würde.

betastete sie den Boden. Von der Decke tropfte Wasser. kamen ihr die Tränen. sie bot ihr im Augenblick den einzigen Schutz. Sie schob den Hebel. Die Ampel wechselte auf Rot. Sie sank auf die Knie. Catherine mußte gegen ihre aufsteigende Panik ankämpfen. stieß sie gegen die Wand. wie die Schleuse den Tunnel verschloß. in die Stellung ›A‹. Falls der Killer sie nicht fand und umbrachte. Der Beton war feucht und glitschig.Havers hatte gewonnen. Als Catherine zum dritten Mal auf dem glitschigen Boden ausrutschte und beinahe stürzte. Nur das kalte Eisen der Schienen war trocken. Catherine hörte hinter sich das Hallen von Schritten. Er konnte sie einfach erschießen. als sie unter der Ampel einen großen Hebel mit der Aufschrift: ›Lichtschranke‹ bemerkte. So schrecklich die Dunkelheit auch war. Dann stand sie in völliger Dunkelheit. Warum habe ich Garibaldi daran gehindert. Sie stand gut sichtbar im Licht. Er durfte sie auf keinen Fall direkt hinter der Schleuse einholen. und sie lehnte sich mit unterdrücktem Schluchzen an die Wand. Er würde die Schriftrollen bekommen. den Killer umzubringen? In ihrer Verzweiflung wollte Catherine durch das offene Schleusentor in die Dunkelheit fliehen. Sobald ihr Atem wieder etwas ruhiger ging. Als sie sich aufrichtete und vorsichtig einen Schritt zur Seite machte und dann noch einen. Der Killer würde nicht lange zögern und das Schleusentor wieder öffnen. Sollte sie aufgeben? Mit der Insel würden auch die Schriftrollen untergehen und 443 . würde sie ertrinken. der sich leicht bewegte. und eine Warnlampe begann zu blinken. Die Beine versagten ihr den Dienst. wenn der Tunnel geflutet wurde und Atlantis wieder einmal im Wasser versank. Trotzdem mußte sie weiter. Sie trat durch das Tor und sah mit angehaltenem Atem zu.

Es muß einen Ausweg geben! Catherine stieß einen durchdringenden Schrei aus und stürzte ins Leere. Als sie sich aufrichtete. Als sie sie auf den Rücken schieben wollte. Sie befand sich in einer Stadt mit bizarren Säulen. der senkrecht nach oben führte Catherine entdeckte jedoch Eisensprossen. Sie holte tief Luft und empfand wieder etwas Zuversicht. Ein dumpfes Grollen ließ sie zusammenzucken. Das Sonnenlicht war so grell. Ohne zu zögern kletterte sie hinauf. Entschlossen eilte sie weiter. Statuen und den gespenstischen Fassaden unwirklicher Häuser. Der Gang endete in einem Schacht. Sie konnte sich nicht orientieren und wußte nur: Am Ende versank Atlantis in den Fluten. Aber hier auf der Insel schien alles anders zu sein. Sie wußte. hätte sie fast das Gleichgewicht verloren. Tempeln. Die Wand hörte plötzlich auf. Erschrocken sah sie sich um. Dabei war ihr die blaue Tasche im Weg. Aber die frische Luft war wie eine Erlösung.Sabinas Geheimnis… Garibaldi! Sie konzentrierte sich auf ihn und wurde ruhiger. daß sie die Augen schließen mußte. daß sie aus der Halle fliehen mußte. und sie fiel der Länge nach auf den Boden. dessen Gipfel in diesem Augenblick auseinanderbrach und sich in einen feuerspeienden Vulkan verwandelte. Am anderen Ende der Insel erhob sich ein niedriger Hügel. Sie biß die Zähne zusammen und kletterte weiter. Bestimmt war ihm nicht entgangen. sah sie in einiger Entfernung schwaches Tageslicht. 444 . Sie stand im Freien. Sie stand auf und rannte weiter. Instinktiv hielt sie schützend die freie Hand vor den Kopf. Atlantis… Catherine hatte das Spektakel bereits mehrmals vom Hotelzimmer aus gesehen. er würde sie nicht im Stich lassen.

Am liebsten wäre sie wieder hinuntergestiegen. Explosionen und Sturmgeräusche untermalten das Inferno. Der Killer! Die Phantomstadt hatte keine richtigen Straßen und Plätze. Sie war nur eine große Kulisse mit Winden und mechanischen Greifarmen. Der Kopf einer Statue zersprang auf dem Boden. die wie ein gigantisches Uhrwerk langsam in Bewegung gerieten. Sie mußte einen davon erreichen. Der Mann wich im letzten Moment aus.Unschlüssig stand sie neben dem Schacht. Catherine kniff die Augen zusammen. die Säule würde erst gegen Ende des Schauspiels auf die Stufen stürzen. Am Fuß der breiten Marmortreppe bleib sie atemlos stehen und drehte sich um. Als sie jedoch in dem dunklen Loch das Licht einer Taschenlampe sah. Aus den Lautsprechern des Hotels hallte die ›Atlantis-Symphonie‹ herüber. bevor der Killer sie fand und die Insel im See versank. mit der das Schauspiel des Untergangs eingeleitet wurde. Da begann das Wasser die Insel zu überfluten. stolperte und kletterte Catherine über die seltsamsten Hindernisse. Sie näherte sich dem großen weißen Tempel in der Mitte der Insel. Die Fontänen! Catherine erinnerte sich. Sie rannte seitlich am Tempel vorbei und den Hang an der anderen Seite hinunter. Verblüfft drehte sich Catherine 445 . lief sie los. Schreie. Wie von Furien gejagt rannte. fing die Erde an zu beben. Sie rannte weiter. Vorsicht! Sie schien den Schuß und das Einschlagen der Kugel vor sich gleichzeitig wahrzunehmen. stiegen Fontänen aus unsichtbaren Kratern auf. Als sie den Killer mit der Narbe in der Nähe des Schachts entdeckte. Sie wußte. Eine Fassade stürzte ein. Wenn Atlantis auseinanderbrach. Aber auch die hohe Säule vor dem Tempel mit der vergoldeten Statue einer Göttin schwankte. Es gab also noch mehr Schächte auf der Insel.

Garibaldi nahm die blaue Tasche und half ihr beim Einstieg. »Schnell weg hier!« Eine Hand legte sich auf Catherines Schulter. aber es war Garibaldi. Hinter ihnen schloß sich fast lautlos das schwere Schleusentor. Wer hat gerufen? Dann hörte sie einen Schrei. »Schnell! Kommen Sie!« Er zog sie mit sich.« 446 . Im dunklen Gang brannte Licht. »Er kann bestimmt schwimmen. Garibaldi half Catherine auf den Beifahrersitz und fuhr los. blinkte bereits die gelbe Warnleuchte. Noch bevor sie den Tunnel erreicht hatten. Vor einem Springbrunnen befand sich der nächste Schacht. Es waren die Scheinwerfer eines Schienenfahrzeugs. Garibaldi folgte ihr hustend in die Dunkelheit. Als sie sich der Schleuse näherten. Sie zuckte erschrocken zusammen. muß er es lernen. und ein Funkenregen ging auf die Insel nieder. der nicht aus den Lautsprechern kam. und wenn nicht. »Was ist mit dem Mann?« fragte Catherine. lag unter einem umgestürzten Plastikbaum. Der Killer. der auf sie geschossen hatte. heulte schrill eine Sirene. Er packte sie am Arm und zog sie weiter. Nicht lange und über ihnen würde Atlantis versinken.um. künstliche Lava strömte den Hügel herab. Dampf und Rauchwolken wirbelten durch die Luft.

vor hundert Jahren erschienenes Werk. Er hatte sich stets an strenge Prinzipien gehalten. weil er hoffte. Er hatte das alte Buch von Rabbi Goldman ausgeliehen. während er etwas anderes suchte. Jahrhundert‹ aufgefallen. daß Catherine nichts von der Existenz dieses Pergaments wußte. 447 . ob er ihr überhaupt etwas von der Handschrift sagen sollte. Sein der Wissenschaft verpflichtetes Gewissen lag im Widerstreit mit seiner Liebe. Catherine zu helfen. daß es sich nicht gelohnt hatte. Im reproduzierten Text sprang ihm sofort der Name Sabina Fabiana ins Auge. Julius wußte. Er fragte sich. Während er die Einträge studiert hatte. Er blickte ehrfürchtig auf die Buchseite mit dem Dokument. doch es reichte aus.Malibu. Sabina Fabianas Schicksal. sie in die weltweiten Datenbanken aufzunehmen. was alle wissen wollten. Handschriften und Briefe gewesen. Sie konnte es nicht über Internet ausfindig machen. war ihm eine lateinische Handschrift aus dem Mittelalter mit dem Hinweis: ›Thomas von Monmouth zugeschrieben. Doch anstatt erleichtert zu sein. Kodizes. auf die Titel alter Papyri zu stoßen. daß manche dieser Sammlungen so klein waren. daß er schließlich einen Weg gefunden hatte. Das Ende der Geschichte. XII. Kalifornien Julius traute seinen Augen nicht. Sein Latein war schlecht. Schriftrollen. die sich in Privatsammlungen befanden. Hier auf dieser Seite stand. Er hatte es gefunden. Er war sicher. Es war ein dickes. war er plötzlich beunruhigt. um ihm zu verraten. Zur damaligen Zeit war es vermutlich der umfassendste Katalog alter Dokumente. Er war zufällig darauf gestoßen.

als er in der Glastür des Mikrowellenherds sein Spiegelbild sah. indem er ihr von diesem Dokument berichtete. Er wollte gerade ins Wohnzimmer und zu dem beunruhigenden Dokument zurückgehen. aber über die dunklen Ringe unter den Augen und das leichenblasse Gesicht staunte er doch. wie er Catherine helfen könnte. danach zur Öffentlichen Bibliothek. waren alle gescheitert. drückte es Julius in die 448 . hier spricht Camilla Williams von der Nachrichtensendung Augenzeugen. daß Catherine anrufen würde. das mit Sabina und den Schriftrollen in Zusammenhang stand. wenig gegessen und war wie von bösen Geistern gejagt von einem Computer zum anderen gefahren – zuerst zu Rabbi Goldman. Es wunderte ihn nicht. Er billigte nicht. nahm der geduldige alte Gelehrte ein verstaubtes Buch mit brüchigen Seiten aus dem Regal. widersprach das allen seinen Grundsätzen. was sie tat. wenn er sie unterstützte.und die wollte er nicht aufgeben. daß er erschöpft aussah. Er hatte in den letzten vierundzwanzig Stunden kaum geschlafen. Aber ebensowenig wollte er Catherine im Stich lassen. Wir wüßten gerne. tat es aber doch nicht. Nach dem Pfeifton meldete sich eine Frauenstimme: »Herr Dr. Voss. Es bestand immer die Möglichkeit. und er hatte sich den Kopf darüber zerbrochen. in das Archäologische Institut der Universität und von dort zurück zu Rabbi Goldman -. und er hörte. Das Telefon klingelte zweimal. Fabiana oder etwas. im Internet einen Hinweis auf Fabianus. den Stecker zu ziehen. Er dachte kurz daran. Erst. Seine Versuche. als er Rabbi Goldman die ganze Sache erzählt hatte. ob wir ein Live-Interview mit Ihnen in unsere Sendung einplanen dürfen…« Julius ging in die Küche und schaltete das Gerät ab. wie sich sein Anrufbeantworter in der Küche einschaltete.

und trat hinaus in die frische Meeresluft. »Ja. Catherine zu schützen.« Julius fuhr sich nervös mit den Fingern durch die dichten schwarzen Haare. der sich am fernen Horizont verlor. Wo. Er fühlte sich innerlich zerrissen. Er lächelte bei diesem Gedanken. Dr. Nein. dachte er bitter. wie sie in die Vereinigten Staaten gebracht wurden. nicht zu lügen. ich weiß nichts über die genaue Fundstelle.« Er hatte Halbwahrheiten zu Protokoll gegeben und versucht. gleichzeitig aber auch. die Töpfe mit den roten und rosa Geranien und auf den getrockneten Seestern. die auf die verwitterte Holzterrasse führte. wo tiefe Wolken hingen und einzelne Sonnenstrahlen dazwischen das Wasser küßten. auf der anderen Seite der großen runden Erde lag Hawaii mit dem Halekulani Hotel. ging zur Glasschiebetür. Alexander ist im Besitz von Schriftrollen. Dann hätte er am liebsten geweint. Sein Blick glitt über den perlmuttfarbenen Pazifik. Catherine… Er hatte der Polizei schließlich sagen müssen. wo er und Catherine sich ihre Liebe gestanden hatten. was er wußte. Nein. so fragte er sich. Hinter diesem Horizont.Hand und sagte lächelnd: »Es ist vielleicht nicht so schnell wie ein Computer aber dafür stürzt der Text nie ab. den er und Catherine eines Nachts im Sand gefunden hatten. war es so. Kurz danach waren sie vor fünf verrückten Motorradfahrern geflohen. 449 . Die Terrasse lag im Schatten. ich weiß nicht genau. war die Trennungslinie zwischen dem Gewissen eines Mannes und seiner Liebe zu einer Frau? Mußte das eine das andere ausschließen? In diesem Fall. Damals hatten sie sich zum zweiten Mal geliebt – am Strand unter den Sternen. die dicht am Wasser ein Rennen fuhren. sein Blick fiel auf die bequeme Zedernholzsitzgruppe.

daß sein Kodierungsprogramm geknackt war und seine Post gelesen wurde. und der Möglichkeit. »Julius. Wütend auf sich und auf seine Hilflosigkeit ging Julius ins Haus zurück und zog die Sachen aus. noch einmal neu zu beginnen in einer Zeit der Unschuld und in dem Wissen. vielleicht sogar Monate. es sei Catherine. was kommen würde.Wenn es nur möglich wäre. der Julius Geld für seine Geschichte anbot. die Uhr zurückzudrehen. und er lauschte. die ihm versicherten. Beim Anziehen dachte er an das Telefongespräch mit seiner Mutter an diesem Morgen. daß seine Haut krebsrot wurde. Julius hoffte. Er fühlte sich anschließend immer noch so zerschlagen wie zuvor. die er für falsch hielt. es zu vermeiden. du trägst eine schwere Last«. dauerte ihre Suche Wochen. daß sie es nicht wagen konnte. Sie hatte ihn sehr aufgeregt angerufen. Catherine werde anrufen. Dann duschte er und stellte das Wasser so heiß. Doch das Duschen half nicht. nachdem sie gehört hatte. Catherine gehe es gut. die Tage und Monate ungeschehen zu machen. Das Telefon im Haus klingelte wieder. weil er hoffte. Wenn er ihr nichts sagte. sagte seine Mutter. Doch es war nur wieder ein Sensationsreporter. was in den Nachrichten über Catherine berichtet wurde. und die Gefahr für sie wuchs. Catherine hatte recht gehabt. hatte ihn der Computer mit einem Warnsignal darauf aufmerksam gemacht. Als die E-MailNachrichten von fremden Menschen auf der ganzen Welt eingegangen waren. obwohl er wußte. Wenn er Catherine etwas von dem Manuskript des Thomas von Monmouth sagte. die er einen Tag und eine Nacht lang getragen hatte. 450 . unterstützte er sie in einer Sache.

Julius fühlte sich so erfrischt. legte Julius die Autoschlüssel wieder beiseite. Als er nach langer tiefer Versunkenheit den Blick vom Gebetbuch hob. als hätte er gut gegessen und tief geschlafen. und an die hebräische Inschrift über der Lade: »Wisse. blickte auf die Wiedergabe der mit Malereien verzierten Handschrift in Rabbi Goldmans Katalog und sah seinen Weg deutlich vor sich. die symbolisierte. daß die Sonne den Kampf gegen die Wolken gewonnen hatte. sah er. Zwar verrichtete Julius regelmäßig das Morgengebet.»Trag sie nicht allein. daß das Licht der Thora nie erlöschen werde. bewußtes Gebet nehmen. daß er es oberflächlich tat und mit seinen Gedanken bereits bei dem bevorstehenden Tag war. zog die oberste Schublade der Kommode im Schlafzimmer auf und holte den Tallit und die Tefillin heraus – den Gebetsschal und die Gebetsriemen. was er zu tun hatte. wo man ihn einläßt‹«. In der Küche wählte er die Nummer der Redaktion von Augenzeugen und fragte nach Camilla Williams. Er wußte jetzt. Gib dich in Gottes Hand.« Er dachte: Ich werde zur Synagoge gehen und beten. Der Himmel über Malibu war strahlend blau. an die Lade mit den Thora-Rollen. der sagte: »Baal Schem-Tow hat uns gesagt: ›Er ist überall dort zu finden. Er ging ins Wohnzimmer. doch er wußte sehr wohl. vor wem du stehst.« Plötzlich dachte Julius an die tröstliche Atmosphäre der Synagoge. Bitte ihn. an die brennende Lampe. Doch als er im Geist die Stimme seines längst verstorbenen Vaters hörte. Während 451 . Sein Geist war klar. An diesem Morgen würde er sich die Zeit für ein richtiges. dich zu führen. alle Verwirrung und Unsicherheit schienen verschwunden.

bevor sie ihre Geschichte zu Ende erzählen konnte. das eine Darstellung der letzten Tage der Sabina Fabiana enthielt – die Umstände und den Ort ihres Todes.er auf die Verbindung wartete. hieß es in der Handschrift. »Über die siebte. denn sie wurde nie geschrieben. ist nichts bekannt. daß sie gestorben war. wanderte sein Blick zurück ins Wohnzimmer und zu dem bemerkenswerten Buch. sowie die Tatsache. von der die Legende berichtet.« 452 . »Sie hinterließ sechs Schriftrollen über Alchimie und Zauberei«.

Sie nahmen den nächsten Flug. die in der kalten Dezembernacht im Lichterglanz strahlten. die ihre Hand umschlossen. so sagte man ihnen. Tagsüber. Sie waren um Haaresbreite mit dem Leben davongekommen. Das kostet nichts extra«. die zum ersten Mal hier sind. Ein Schauer lief ihr über den Rücken. fügte er freundlich hinzu. D. D. C. der Las Vegas verließ. am liebsten diesen Weg. »Alles in Ordnung?« flüsterte er. Catherine nahm kaum etwas von den berühmten Bauwerken und Denkmälern wahr. Nach der Ankunft hatten sie sich auf dem Flughafen 453 . Wie sich herausstellte. hatte Garibaldi Reiseschecks besorgt. Bei ihrer Ankunft auf dem Flughafen hatten sie festgestellt. seien es gerade null Grad gewesen. Die Maschine brachte sie nach Washington. besonders in der Weihnachtszeit. die gekauften Kleidungsstücke hatten sie zurückgelassen. als das Taxi langsam durch die verstopften Straßen rollte. und die Kerzen am Weihnachtsbaum auf dem Rasen vor dem Weißen Haus brennen. Sie blickte auf Garibaldis Hand hinunter. »Aber ich nehme bei Besuchern.C. jetzt am Abend war die Luft schneidend kalt. Sie war sich nur der Wärme der Finger bewußt. Dann sind alle Denkmäler angestrahlt. »Ich weiß. sagte der Taxifahrer. Sie nickte. der ihre Hand hielt. Garibaldi seine Reisetasche und den Laptop -. Bei ihrer Flucht aus Las Vegas hatten sie nur ihre persönlichen Dinge mitgenommen – Catherine die blaue Sporttasche. Sie haben mich nicht darum gebeten«. daß es minus 5 Grad waren und das Thermometer weiter fiel.Washington. schloß die Augen und dachte sofort wieder an den Kampf und die Flucht aus dem Hotel Atlantis.

daß er die tödliche Kraft. und Garibaldi mit der Nachricht daß er etwas für sie gefunden hatte. Er hatte ihr bewiesen. es bestand keine Gefahr einer Wiederholung der Episode der Nacht im Atlantis. in denen sich auch ein friedfertiger Mann blitzschnell in einen Kämpfer verwandeln mußte. es wird wahrscheinlich schneien«. Catherine machte sich auf die Suche nach einem Geschäft für Winterkleidung.getrennt. Garibaldi hätte seine beiden Gegner im Handumdrehen töten können. Schals. Seitdem fiel es ihr sehr viel leichter. als sie Garibaldi aus seinem Alptraum geweckt und er sie in die Arme genommen hatte. stellte er unter Beweis. sagte er. ›separate Zimmer‹ bedeutete. die er kultivierte. geisterhafter Finger in den Himmel ragte. berichtete der Taxifahrer. ihm wirklich zu vertrauen… »Wir müssen so schnell wie möglich wieder ins Internet«. sagte sie leise mit einem Blick auf den Laptop 454 . Er hätte den Killer mit dem lackierten Stock umgebracht. fuhr er fort und blickte fragend in den Rückspiegel. um eine Unterkunft zu finden. Ohne sein Pangamot wären sie beide nicht mehr am Leben. Als er darauf verzichtete. »Also«. als sie am Washington-Denkmal vorbeifuhren. Catherine sah Garibaldi nachdenklich an. »Im Radio sagen sie. daß es im Leben Situationen gab. wenn sie ihn nicht daran gehindert hätte. »Zwei separate Zimmer. »Übernachtung und Frühstück«. Handschuhe und Strickmützen befanden. Garibaldi ging zum Zimmernachweis-Schalter.« Catherine wußte. das wie ein anklagender. in denen sich Daunenjacken. wirklich unter Kontrolle hatte. »was glauben Sie? Was wird an Silvester geschehen? Kommt der Weltuntergang oder eine schreckliche Katastrophe?« Er lachte leise. Eine halbe Stunde später trafen sie sich wieder: Catherine mit Einkaufstüten.

« Er seufzte und schüttelte den Kopf. »Ihr Freund Daniel hatte Ihnen gesagt. Ich war ebenfalls dort. »Sie haben Vater Pulaskis Uhr verkauft. für alle Fälle. »Verstehen Sie. daß der Mann von Havers unter den Schaulustigen stand. daß Vater Pulaski nichts dagegen gehabt hätte. als Sie beide das Lager im Sinai verlassen haben. das rund um die Uhr geöffnet ist.« »Wo haben Sie Ihre Uhr?« Er räusperte sich und blickte stumm aus dem Wagenfenster. War das alles nur ein böser Traum. es wäre ein Schutz für Sie.« Sie sah ihn an. Er nickte und drückte ihre Hand. Der Killer muß mich in Santa Barbara wiedererkannt haben. »Sie scheinen zu vergessen. wir brauchten das Geld.« Er zögerte. Statt dessen habe ich eine klar sichtbare Spur hinterlassen. Seitdem verfolgt er uns. habe ich die Uhr verkauft. nicht wahr?« »Bei unserer Ankunft im Atlantis habe ich in der Halle das Firmenschild eines Antiquitätengeschäfts gesehen. wenn ich meine Soutane trage.« 455 . aus dem sie nicht erwachen konnte? »Es ist alles meine Schuld«. daß die katholische Kirche unbegrenzten Kredit hat. die Geld brauchen.und schob die Erinnerung beiseite. Außerdem glaube ich.« »Aber sie hat Ihnen so viel bedeutet…« »Ich gestehe. murmelte Garibaldi kaum hörbar. ich habe etwas voreilig gehandelt. Catherine schloß die Augen. als man mir die Brieftasche gestohlen hat. als sie am Jefferson-Denkmal vorbeifuhren. Die Kunden sind natürlich vor allem Spieler. Aber ich war in Panik und dachte. »Ich dachte. »Woher haben Sie eigentlich das ganze Geld?« Er lachte verlegen. An dem Abend.

Der Besitzer hatte ihr für den Maya-Anhänger nicht annähernd soviel bezahlt. wie einem Jungen vor Mitgefühl die Tränen über die Wangen laufen. Catherine Alexander. wie er ihrer Meinung nach wert war.Sie nickte und sagte dann lächelnd: »Haben Sie vielleicht daran gezweifelt. steht auf dem Hocker und macht in die Hose. »Eine sehr gute Gegend«. »Dort wird die eigentliche Politik gemacht!« Er deutete zum Ende der Straße. die Sache ist ihnen peinlich. wo an einem Eckhaus teure Wagen und Limousinen vorfuhren. denn Catherine weiß. Sie spürt etwas Nasses an ihren Beinen. als er vor einem Reihenhaus im Föderationsstil anhielt. Der Junge ist Danno. »Hier. Dann hört das Gelächter auf. In dem Prospekt. Die Kinder verstummen. daß die Kirche Ihnen unbegrenzten Kredit einräumt?« Er lachte. Sie sieht. Die Stille ist schlimmer als das Gelächter. fügte er hinzu. wo das Jaguar-Amulett gehangen hatte. Das Gästehaus befand sich in der N Street. Aber sie wußte. »Sie sind wirklich mit Komplimenten nicht sparsam. Auf der Suche nach Garibaldi war sie ebenfalls in dem Antiquitätengeschäft gewesen. und er wird sie später vor ein paar Raufbolden beschützen. die anderen wissen. Die anderen Kinder fangen an zu kichern und zu lachen. ein paar Kreuzungen von der Georgetown-Universität entfernt. daß Danno sie ebenfalls verstanden hätte. sagte der Fahrer beruhigend.« Catherine legte verstohlen die Hand an ihre Brust. den Garibaldi vom Zimmernachweis am Flughafen 456 . daß sie sich schämt. in dieser Gegend wohnt die Prominenz«. denen Damen in Abendkleidern und Herren im Frack entstiegen. die Neue. Sie steht während des Unterrichts auf einem Hocker vor der Klasse. Das war immer so gewesen… Danno… Wieder stellten sich die Erinnerungen ungerufen ein.

welchen Flug wir genommen haben. die schindelgedeckten Dachgauben und die schönen weißen Rahmen von Fenstern und Türen. der vom Flughafen angerufen hat«. Im offenen Kamin brannte ein Feuer. daß ich ein Priester bin. die sie an der Tür begrüßte. das Gästehaus gehöre zwei verwitweten Schwestern. den gepflegten Vorgarten. Das Haus stammte aus dem Jahr 1790 und hatte eine interessante Geschichte. Selbst die Frau beim Zimmernachweis weiß nicht.mitgebracht hatte. fuhr sie fort und bat Catherine und Garibaldi. Garibaldis Zimmer lag im zweiten Stock. ihr ins Wohnzimmer zu folgen. »Treten Sie ein. »Hierher können sie unsere Spur nicht verfolgen«. länger hier zu bleiben. sagte eine freundliche Frau. Catherines im ersten. Alle diese Räume standen den Gästen zur Verfügung. treten Sie ein«. ein ruhiges Spiel. Sie sind der Herr. »Es ist 457 . »Auch wenn sie herausfinden.« Auf dem Flug von Las Vegas nach Washington hatte Garibaldi den Priesterkragen abgenommen. Im Erdgeschoß befanden sich ein elegantes Eßzimmer. als der Fahrer ausstieg und ihre Sachen aus dem Kofferraum nahm. Im ersten Stockwerk gab es drei Zimmer mit Bädern. Im obersten Stock konnten bis zu acht Gäste wohnen. stand. sagte er leise zu Catherine. Die Flammen vervielfältigten sich als Spiegelbilder im glänzenden Schmuck des Weihnachtsbaums. die das Rot des Backsteinmauerwerks gliederten. das zu einer Wohnung umgebaut worden war. Es sah alles so einladend und wohnlich aus. »Ich nehme an. daß sie plötzlich den Wunsch hatte.und Lesezimmer und ein geräumiges Wohnzimmer. Darauf habe ich diesmal geachtet. Sie lebten im Untergeschoß. werden sie uns hier verlieren. Catherine blickte auf den weiß lackierten Holzzaun. die sich ein Bad am Ende des Flurs teilten.

erwiderte sie. und ich komme in ein paar Minuten mit einem Glas Sherry nach. würde ich gern gleich auf mein Zimmer gehen«. und…« »Genaugenommen«. Vater Garibaldi.« Er sah Catherine nach. »Bin ich Vater Garibaldi. »Lucy wird Sie hinaufbringen. überlege ich…« Sie sah ihn mit großen erwartungsvollen Augen an. »Natürlich!« erwiderte Mrs. Garibaldi. O’Toole. O’Toole. daß man nur ihre Augen sah. Mrs. Sie wird darüber hinwegkommen müssen.« »Natürlich«. die Catherine am Flughafen für ihn gekauft hatte. Ja. »Sonst kann ich mich im Flugzeug nicht entspannen. ich verstehe. als sie die Treppe hinaufstieg. »Also. Warum setzen Sie sich nicht ans Feuer. wie schrecklich. »Sie hat vor kurzem einen sehr guten Freund verloren…« »Ach.« Als Mrs. Ich bin Mrs.wirklich sehr kalt heute abend! Bitte geben Sie mir Ihre Jacken. Ihrer Schwester fehlt nichts. Wir werden Sie nicht belästigen. strahlten ihre Augen. O’Toole. aber…« »Eigentlich. sagte er und zog die schwarze Jacke aus. sagte Garibaldi und lächelte verlegen. »Ich hoffe. »Ich nehme beim Fliegen den Kragen immer ab«. Sie hielt sich den leuchtend roten Schal vor das Gesicht und hatte die passende Strickmütze so tief in die Stirn gezogen. O’Toole das schwarze Priesterhemd und das kleine Goldkreuz sah. Mr. »Ja?« »Ich habe etwas Dringendes für meinen Monsignore zu 458 . darf ich Ihnen einen Sherry anbieten? Die meisten Gäste sind ausgegangen. sagte Catherine.« »Wenn es möglich ist. In meinem Haus bekommt jeder Gast zur Begrüßung einen Sherry!« Sie wandte sich an Garibaldi.

»Wie bitte?« Er hielt den Laptop hoch. Niemand hat etwas von einem Computer gesagt. ob Sie möglicherweise einen Computer haben. 459 . hier neben dem Fernseher ist er. Es war ein Spielcomputer für Kinder. Er ist in diesem Alter. wenn er zu Besuch kommt. er hätte nichts dagegen. den ich mir kurz ausleihen könnte. Mein Enkel benutzt einen Computer. wo vor einem Fernseher drei Sessel standen.« Ihr Lächeln gefror. Ich bin sicher. Im Augenblick ist er nicht da. solange sie wollen.erledigen. Bitte kommen Sie mit. Und meine Gäste… Ich weiß nicht. sagte Garibaldi. An der Wand sah er ein Klavier. ich habe ganz bestimmt keinen.« »Vielen Dank«. »Mein Computer muß repariert werden. und leider ist mit meiner Festplatte etwas nicht in Ordnung. Vielleicht ist ja auch unter Ihren Gästen jemand mit einem Computer. Dann sah er. »Wollen wir mal sehen…« Sie drehte sich langsam um.« »Oh. worauf sie deutete. fügte sie schnell hinzu: »Warten Sie. und kann über nichts anderes als Computer reden. wissen Sie. Vater. »Wo stellt er ihn immer hin? Ach ja.« »Ich überlege. aber er hat den Computer hier gelassen. Benutzen Sie ihn.« »Computer?« sagte sie. »Wissen Sie.« Als sie sein enttäuschtes Gesicht sah.« Garibaldi folgte ihr ins Nebenzimmer. daß Sie ihn benutzen.

»Die Frau am Schalter von Delta sagt. sagte er.Las Vegas. 460 . Nevada Raphael kam zurück zum Wagen.« »Wohin?« »Zum Besuch beim Präsidenten«. ein Priester hat zwei Tickets gekauft. erwiderte Raphael und grinste. stieg ein und steckte seinen falschen FBI-Ausweis in die Jackentasche. »Ich habe sie gefunden«. in dem Zeke vor dem Flughafengebäude auf ihn wartete.

DER ELFTE TAG 461 .

daß ich beobachten konnte. die Kranken und Sterbenden zu pflegen. Dezember 1999 Die Liebe kam auf völlig unerwartete Weise. Ich sah. Er kam abends nach Hause und erzählte mir. Und so kam es. die den Tod in Würde und Ruhe erwarten. am Herd und bei der Familie. Ich konnte etwas medizinischen Beistand leisten. aber meist saß ich nur an den Betten der Sterbenden und versuchte. Da ich keine Familie hatte. er war der Meinung. auf welch unterschiedliche Weise die Menschen sterben. und da mein Ehemann nur selten zu Hause war. sagte er. was ich während meiner Freundschaft mit Satvinder gelernt hatte. und daß andere unruhig werden und Angst bekommen. Doch wenn ich anfing. Philos ahnte nicht. daß ich regelmäßig in das Hospital im Isistempel ging und den Schwestern half. Für manche Menschen ist der Tod wie ein 462 . die täglichen Ereignisse einer Frau seien für ihn nicht wichtig. Als Grieche hielt Philos nichts davon. 24. im Handel oder in einem Beruf betätigen. um die ich mich hätte kümmern müssen. Der Platz einer Frau sei im Haus. verschwand nach kurzer Zeit unter irgendeinem Vorwand in seinem Arbeitszimmer und schloß die Tür. Philos war den ganzen Tag bei den Männern in der Stadt. wie er den Tag verbracht und was er gelernt hatte. daß es Menschen gibt. konnte ich mir meinen Traum erfüllen und die Botschaft des Gerechten verbreiten. Ebensowenig wußte er. daß sich Frauen in Geschäften. Ich weiß. hörte er mir nicht zu.Freitag. was ich gelernt hatte. ihm von meinem Tag zu erzählen und davon. ihnen den Weg in die nächste Welt zu erleichtern.

Viele behaupten. die Seele verlasse den Körper durch die Nase in Gestalt eines Vogels. ich bin am Ende aller Dinge. die der Botschaft des Gerechten folgen. Doch es gab andere. Wenn ich an den Betten der Menschen mit einem starken Glauben saß und bei anderen. Ich erlebte oft. wie die Kranken die Augen schlossen und ihren letzten Atemzug taten. die nichts davon hören wollten. Alle anderen werden zugrunde gehen. der zu uns gesagt hat: »Ich bin vor der Zeit von allem. sondern glaubt. Ich habe den Tod erlitten und das Leben gefunden. Anhänger anderer Religionen glaubten. aber wir sterben auf unterschiedliche Weise und jeder zu einem anderen Zeitpunkt in seinem Leben. Manche waren davon überzeugt. das gesehen zu haben. Ich hielt Ausschau nach der davonfliegenden Seele. die sich ohne jeden Glauben auf den Weg in das Jenseits vorbereiten mußten. und wieder andere haben viele Fragen.« Jene. sagten die anderen. andere fürchten sich nach dem Übergang in die Geisterwelt vor schrecklichen Foltern und großen Qualen. Die Ägypter glauben. wo meine Ahnen sind«. sprach ich zu ihnen von der Botschaft des Gerechten. »Wir werden dort einen neuen Körper bekommen«. daß sie sich auf die Reise an einen neuen Ort begaben. als Wind über die Welt zu wehen oder auf alle Ewigkeit in dunkle Höhlen 463 . die da sind und kommen. ein Leben nach dem Tode bestimmt ist. fürchtet euch nicht. die diese Botschaft annahmen. »Mein Geist wird dorthin gehen. Ich habe es nie beobachtet. Während der Wochen und Monate im Isistempel wurde ich Zeugin einer universellen Wahrheit: Wir sterben alle. Ich halte die Schlüssel des Todes und des Lebens in meiner Hand. aber ich habe sie nie gesehen. Doch der Weg lehrt. das da ist. starben in Frieden. daß nur jenen. und ich lebe. sagten die einen.langer Schlaf.

daß er das Bein verlieren werde. Aber er war mit seiner Alchimie beschäftigt und mit der Suche nach einem Elixier. er habe überhaupt nichts gespürt. zog er den Pfeil mit sich. Philos säuberte und verband die Wunde. Als ich das hörte. Er las und führte Experimente durch. Eines Abends brachte man einen Verletzten zu uns. und der Mann ging davon. Ich zog einen starken Zweig nach unten. die Wahrheit der alten Überlieferungen zu beweisen. und er zurückschnellte. Es ging so schnell. 464 . An diesem Abend kam Philos in mein Zimmer – denn wir hatten damals getrennte Schlafzimmer – und fragte mich. die Anhänger des Gerechten.hinabzusteigen. befestigte eine Schnur daran und verknotete das andere Ende am Pfeilschaft. Er zog sich in sein Arbeitszimmer zurück. vor dem Wundbrand und der Möglichkeit. niemals alle rechtzeitig mit seiner Botschaft erreichen können. Philos untersuchte ihn und erklärte. faßte ich mir ein Herz und sagte. schloß die Tür und arbeitete bis spät in die Nacht. Philos warnte den Verletzten aber vor der Infektionsgefahr. Als ich den Ast losließ. Aber meine Verzweiflung wuchs. Er würde sein Bein nicht verlieren. weil wir. daß der Mann staunend erklärte. Ich hörte ihnen zu und lernte etwas über die vielen Vorstellungen vom Leben nach dem Tod. das ewiges Leben schenkt. in dessen Bein eine Pfeilspitze steckte. über die andere spotteten. in dessen Haus ich lebte. der Pfeil könne nicht herausgezogen werden. Wir brachten den Verletzten auf meine Anweisung in den Garten zu einem Baum. daß er nicht länger mein Mann war. So kam es. denn ihn trieb der Wunsch. sondern ein Fremder. Er wollte den Mann in einen künstlichen Schlaf versetzen und den Pfeil dann mit einem Skalpell herausschneiden. Ich wollte mit Philos darüber sprechen. es gebe eine andere Möglichkeit.

und sie taufte ihn. immer auch noch an die Macht des Hermes und seiner Worte. in Britannien aufgerichtet worden waren. daß Britannien unser Ziel war. denn wir stünden unter dem Schutz des römischen Adlers. Ich brachte ihn zum Diakon der Gemeinde. das es jemals unter den Menschen gegeben hat. Als der Morgen graute. nach dem Dichter. glaubte ich. Als ich hörte. an das wir denken müssen. bekam ich Angst. 465 . Unser Sohn wurde neun Monate später geboren. Obwohl ich eine Anhängerin des Gerechten war. Wir erzählten uns gegenseitig von den wunderbaren Dingen. wo die Priesterinnen unseren Sohn segneten und noch einmal tauften. liebten wir uns mit unseren Körpern und den Herzen. Ich behielt Pindar. wie viele andere der Gemeinde. das Kind unserer Liebe.«) Wir nannten ihn Pindar. Wir haben jetzt ein Kind. als die Menschen unter den Unsterblichen lebten. die wir in Indien gesehen und erlebt hatten.wo ich diese Methode gelernt hätte. Ich sagte zu Philos: »Britannien ist nahe der Rheingrenze. Können wir Cornelius Severus nicht verlassen und nach Hause reisen?« Doch Philos hatte von riesigen Steinen gehört. Und er war das schönste Kind. Ich hoffte. die während des Goldenen Zeitalters. Wir blieben die ganze Nacht wach und redeten zum ersten Mal in unserer Ehe wirklich miteinander. Er sagte. Ich erzählte ihm von Satvinder. an dem Cornelius Severus einen neuen Auftrag erhielt. Aber es sollte nicht sein. er werde vielleicht zurück nach Antiochia versetzt werden. bei mir. wir hätten nichts zu befürchten. (Perpetua schreibt: »Sabina lacht. und ich würde endlich meine Heimat wiedersehen. Danach trugen wir ihn in den Tempel des Hermes Logos. Und so schifften wir uns nach Britannien ein. Der Tag kam.

das zwischen hohen Bäumen stand. wann Jesus zurückkommen wird. Catherine Alexander. Und wenn die Bullen mich nicht in Ruhe lassen. bei denen das Computer-Zeitalter noch nicht begonnen hat. Dr. WERDE ICH DIE SCHRIFTROLLEN VERBRENNEN!»»» Es folgten Aufnahmen eines Hauses am See. ist eine Wiedergabe des Textes. New Mexico »Jahrtausendtollheit und der Wahnsinn im Internet!« Erika unterbrach das Einpacken der Weihnachtsgeschenke.« «@CaAlex »Die Schriftrollen sagen den Weltuntergang voraus. wollen wir kurz für alle jene erklären. »Wie das FBI den Aufenthaltsort der Verdächtigen ausfindig gemacht hat. Das FBI wurde heute morgen auf eine falsche Fährte gelockt. Sie sagen auch. um die Fernsehnachrichten zu sehen.« Der Kollege der Sprecherin fügte lachend hinzu. der heute morgen auf den Monitoren der Beamten erschien. Alexander habe sich auf einem Kanal im Internet zu Wort gemeldet. Was Sie im Augenblick auf Ihrem Bildschirm sehen. wäre heute beinahe vom FBI festgenommen worden. Die 466 . »Die untergetauchte Dr. daß es sich nicht um die flüchtige Archäologin handelte. Es stellte sich allerdings heraus. nach der die Polizei bisher ergebnislos fahndet. als die Behörde erfuhr.Santa Fe. Die Sprecherin verriet durch ihr Lächeln. Der Sprecher fuhr fort: »Das FBI verfolgte die Spur des Teilnehmers bis zu diesem abgelegenen Haus auf der Bainbridge-Insel. sondern um eine Hausfrau aus Seattle. daß eine heitere Meldung folgen würde. die Internet überwachen.

wie unbekümmert sie inzwischen mit Geld umging. erwähnte er. wußte Erika.000 Dollar verkauft worden war. daß der Titel des Lords von Stratford-upon-Avon für die Rekordsumme von 228. Als sie las. hob sie den Kopf und blickte hinaus auf die schneebedeckten Sangre de Cristo-Berge. Als Miles 1990 erfahren hatte. »Die Beamten des FBI fanden das nicht sehr lustig. Es war schwer. hatte das Recht. ihn zu erwerben. erklärte. Gastwirtin Barbara Young.computerbegeisterte Besitzerin. Wer einen solchen Titel kaufte.« Die Sprecherin wurde wieder eingeblendet. ein einmaliges Geschenk machen wollen. daß sie sich für Miles nicht mit einem beliebigen Titel zufriedengeben konnte. Erika hatte sich das gemerkt und auf eine Gelegenheit gehofft. Als sie jetzt nach dem richtigen Papier für die polierte Schatulle aus Wurzelholz suchte – das wertvolle Dokument war erst an diesem Morgen aus London eingetroffen -. Tatsächlich stand der Titel in diesem Jahr wieder zum Verkauf. daß es einmal eine Zeit gegeben hatte. Aber wie verpackt man den Titel eines Lords? Sie hatte Miles zum letzten Weihnachtsfest des Jahrtausends ein ganz besonderes. 467 . hatte sie sich nach Einzelheiten erkundigt. Obwohl bereits das sehr reizvoll klang. Es gab nur einen. nicht zu vergessen. Weitere Nachrichten zum Thema Jahrtausendwende…« Erika stellte den Ton ab und griff nach dem Geschenk für Miles. Erika dachte daran. sich zum Beispiel Lord oder Lady of the Manor zu nennen. daß in England ungefähr zwanzigtausend Adelstitel zum Verkauf standen. Dafür brauchte sie ganz besonderes Papier. daß er diesen Titel gern selbst gehabt hätte. sie habe sich nur einen Spaß erlaubt. den sie haben wollte. in der sie manchmal nicht genug Geld für einen halben Liter Milch besaß.

Erika wußte nicht. Ich suche den Weg nach Hause. vermutete jedoch. Das war die eigentliche Ursache ihrer Unzufriedenheit in letzter Zeit. auf diese Weise ihre Neugier zu wecken. aber wahre Erkenntnis. was er zitierte. Wo dann? Zu Hause ist die Vergangenheit. die sie wie eine Offenbarung empfand. in all diesem Reichtum. Plötzlich begriff Erika etwas. und plötzlich erfaßte sie eine überwältigende Sehnsucht nach einem einfacheren Leben. Er hatte heute morgen beim gemeinsamen Frühstück den Satz aus einem Buch zitiert: »›Suchst du nicht ein Licht. die ein anschaulicher Beweis ihres Reichtums waren. Ja. daß ihr der Atem stockte und das Geschenkpapier ihren Händen entglitt. Damals. blickte sie auf die vielen Geschenke. der du von Dunkelheit umgeben bist? Suchst du nicht den Weg nach Hause?‹« In letzter Zeit überraschte er sie häufig mit solchen Zitaten. die so klar und überwältigend war. Und wo war ihr Zuhause? Nicht hier. als sei ein Schleier von ihren Augen gezogen worden. »Ich suche tatsächlich den Weg nach Hause«. flüsterte sie. du. ich suche das Licht. Während ihr der Satz immer wieder durch den Kopf ging. das er ihr zu Weihnachten schenken wollte. erstaunt über diese schlichte. Es würde Miles ähnlich sehen. anderes nicht. daß sie aus einem Werk stammten. als Miles noch nicht den Durchbruch geschafft hatte… Sie erinnerte sich an die Worte von Miles. doch es gefiel ihr alles. Erika erkannte. wo er sie fand.Ihre Finger strichen über das goldgehämmerte Geschenkpapier in ihren Händen. die Zeit vor vielen Jahren. bevor… Bevor? Erika hatte noch eine Offenbarung. daß sie den Keim dieser Erkenntnis 468 . Vor dem Krieg… Nun war es heraus. klang biblisch. Manches.

zwang sie sich. Sie hatte es sich nur nie eingestehen wollen. Der Mann. Die Erlebnisse in Vietnam hatten Miles anders geschädigt. in denen Erika es nicht hatte wahrhaben wollen. Erika wußte. er litt nicht unter Depressionen oder an Schuldgefühlen. daß Miles sich in Vietnam auf beunruhigende Weise verändert hatte – er war fröhlich zurückgekommen. Aber sie hatte geahnt. wie andere Ehefrauen es von ihren Männern berichteten. der sie irgendwie verwirrte. Er war ohne einen Kratzer zurückgekommen. den sie 1968 einen Tag vor seiner Abfahrt nach Vietnam geheiratet hatte. der zurückgekommen war. in denen sie ihre Kinder großgezogen hatte und die Ehefrau des inzwischen beinahe legendären Miles Havers gewesen war. und mit einem eigenartigen Optimismus. Miles hatte nach dem Krieg wie ein kleines Kind geschlafen. keine Selbsthilfegruppen. Es hatte keine Alpträume gegeben. den sie vorher nie an ihm bemerkt hatte. der Tatsache ins Auge zu sehen. Er lächelte nur und sagte. daß es in ihrem Fall irgendwie anders war. war ein anderer Mann als der. daß dieser Krieg das Leben Tausender zerstört hatte. Zum ersten Mal seit dem Ende des Krieges stellte sie sich wieder die Frage: Was hat ihn so verändert? »In Vietnam gibt es keine Tiger. Er sprach nicht über seine Kriegserlebnisse. widersprach seinem 469 . Aber nun. nach dreißig Jahren. Mann!« Perez. aus denen er schreiend aufwachte.schon lange in sich getragen hatte – genaugenommen seit drei Jahrzehnten. er habe die Kraft des Tigers in sich. Er brauchte keine psychologische Beratung. Miles war mit einem seltsamen neuen Ehrgeiz zurückgekommen. Unteroffizier Manuel Perez.

Sie waren sich der Allgegenwart der Vietkong so sehr bewußt. Im Basislager. völlig ausgehungert. schlugen das Zelt ab und waren jetzt.« Daran mußte er seine Männer nicht erinnern. »die gelben Teufel sind in der Gegend. Sie hatten seit langem weder ein Dorf noch ein Reisfeld gesehen. in welche neue Hölle sie diesmal geraten waren. so erkannte er. Gefreiter Miles Havers. Erstens: Sie waren so weit von ihrem Regiment entfernt. veränderte die Prioritäten eines Menschen. Aber er tat das nicht in Hörweite des Oberst. hatte noch nie in seinem ganzen Leben einen solchen Hunger gehabt. Jungs!« rief er ihnen von der Spitze des desolaten. daß ihre Nerven unter der Anspannung zu 470 . Es war Sommer 1968. Befanden sie sich überhaupt noch auf südvietnamesischem Gebiet? Zweitens. hockten die Männer in einem stinkenden Zelt und fragten sich. zwanzig Jahre alt. überließ er sich sexuellen Phantasien. Jetzt gab es keine Verpflegung mehr. und das machte ihnen noch mehr angst. »Hört mal her. ihr Oberst war offensichtlich verrückt geworden. bunt zusammengewürfelten Trupps her zu. Perez mochte tollkühn sein. als sie im Gänsemarsch durch den dampfenden Dschungel marschierten. wo sie genug zu essen hatten. Vor zwei Tagen hatten sie die letzten Essensrationen aufgebraucht. daß sie sich wahrscheinlich bereits hoffnungslos verirrt hatten. Sie haben es auf uns abgesehen. und seine Phantasien kreisten um das Essen. Die Männer der kleinen Kampfeinheit ahnten zwei schreckliche Dinge. Sie mußten weiter. Der Hunger. Es hatte tagelang nicht aufgehört zu regnen.Vorgesetzten. Doch es gab etwas Schlimmeres als den Hunger. Während die Sintflut das Land in einen Sumpf zu verwandeln schien. aber ein Selbstmörder war er nicht.

weil er das Funkgerät absichtlich zerstört hat. Jungs«. sagte der Oberst und zog einen aufgeweichten Zigarrenstummel aus der Tasche seines Tarnanzugs. macht dich stärker‹« Der Oberst hatte sich verändert. um Himmels willen? Damit er auf seine verrückte Tigerjagd gehen kann. Selbst das Sonnenlicht auf ihren Gesichtern schien sie wie Sandpapier wundzuscheuern. Aber noch schlimmer war die Bedrohung durch PimgiPflöcke – angespitzte grüne Bambusrohre. Dabei hatte er gelächelt und gesagt: »Ich werde den Tiger finden…« Deshalb konnte Miles nicht aufhören. die überall auf den Dschungelpfaden in getarnten Fallgruben steckten. Miles glaubte.zerreißen drohten. »Der 471 . »Tiger jagen allein. an das Funkgerät zu denken. Aber wieso. Aber weshalb hatte der Oberst dabei den Hörer in der Hand gehalten? Sag es nicht! Der Oberst hatte den Hörer in der Hand. Der Oberst hatte ihnen gesagt. Der Oberst hatte danebengestanden und eingehend das Blut des Majors an seiner Hose betrachtet. Sie machten das Gehen zu einer ganz neuen Herausforderung. was der große Sün Tse gesagt hat: ›Was dich nicht umbringt. die in die Kammer einer AK-4 gedrückt wurden. denn das wäre das Signal gewesen. der den Major und den Leutnant abgeholt hatte – oder das. Der Oberst hackte sich einen Weg durch das dichte Unterholz und rief fröhlich: »Denkt immer daran. als sie der sintflutartige Regen überraschte. Alle lauschten auf das metallische Klicken von Patronen. das stehe irgendwie in einem Zusammenhang mit dem Hubschrauber. was von ihnen übriggeblieben war. mit einem Kugelhagel von 350 Geschossen in der Minute den Dschungel in einen Fleischwolf zu verwandeln. es sei im Schlamm begraben worden.

verkriecht er sich in das Unterholz und wartet auf den richtigen Augenblick. ohne auf ihn zu hören. denkt immer daran. Jungs. wenn von dem Opfer nur noch Haut und Knochen übrig sind. den wir suchen. Der Tiger bewegt sich geduckt und mit erhobenem Kopf sehr langsam und vorsichtig. Offenbar fand sie mehr Geschmack an Menschenfleisch als an ihrer üblichen Beute. und sie hat einen Dorfbewohner getötet. Dann schleppt der Tiger sie ins dichte Unterholz und frißt sie über einen Zeitraum von mehreren Tagen auf. während seine ausgehungerten. Die Leute in der Gegend 472 . sagte der Oberst grinsend. nämlich Hirsch und Wildschwein. um sie anzuspringen. Wenn er die Beute anfällt. »Der Tiger.« Er steckte die angerauchte Zigarre in den Mund und sprach zwischen den Zähnen weiter. Und er hört erst auf. Beim Reißen der Beute befinden sich seine Hinterbeine fest auf der Erde.« Er lachte zufrieden. Sobald er die Beute erspäht. und. Dabei beginnt er immer«. Es ist eine Tigerin. erreicht er sie mit wenigen Sätzen. Jungs. Inzwischen hat sie dreizehn Menschen getötet und gefressen. ist ein Menschenfresser. ein Tiger springt niemals hoch in die Luft oder macht zu große Sätze. Der Oberst fuhr in seinem Vortrag fort: »Die Beute wird am Hals gepackt und umgeworfen. »hinten. Jungs. »Die eigentliche Jagd ist sehr eindrucksvoll. Ein Tiger greift von der Seite oder von hinten an. Dabei setzt er die Pfoten behutsam auf und verharrt immer wieder regungslos.Tiger legt auf der Suche nach Beute bis zu zwölf Meilen zurück und verläßt sich mehr auf seine Augen als auf den Geruchssinn. erschöpften Männer hinter ihm hertrotteten. um ihre Jungen zu schützen.« Der Trupp überquerte unter den üblichen Vorsichtsmaßnahmen einen kleinen Bach.

« Goldstein brachte eine Schachtel Camel zum Vorschein und reichte sie herum. Mit den Augen des Oberst stimmte etwas nicht. überlief es Miles jedesmal eiskalt. Es war sonderbar. Ich meine.« Perez schloß auf und murmelte Miles zu: »Wenn du mich fragst.nennen sie Seelendiebin. O Gott.« »›Patrouille‹. erwiderte der Oberst. und er blickte hin und wieder darauf. der Oberst hat nicht mehr alle Tassen im Schrank. »Ich habe gehört. Plötzlich war ihm der Oberst unheimlicher als die Vietkong oder die ganze nordvietnamesische Armee. sagte er. Wenn er sich umdrehte und seine Männer ansah. was für ein Scheiß«. Wohin zum Teufel führte er sie? »Sperrt eure Augen und Ohren auf. Eine Brigade der nordvietnamesischen Armee. der immer größer zu werden schien. ihren Kompaß zu verlieren. Nur der Oberst besaß noch einen. es ist eine Brigade. daß er und alle anderen es geschafft hatten. weil sie vierzehn Seelen gestohlen hat. ohne den Männern irgendwelche Erklärungen zu geben. Perez sagte leise: »Der Oberst hat wirklich eine Macke. um die Zigaretten anzuzünden.« Miles überprüfte zum hundertsten Mal das Magazin seines automatischen Revolvers und schob ihn wieder in 473 . Miles mußte immer wieder an die Kompasse denken. und grinste. der ihn gehört hatte. Jungs«. Mann. »In der Gegend ist eine Vietkong-Patrouille gemeldet worden. die bis zu den Zähnen mit sowjetischen Panzern und Artillerie bewaffnet ist. was zum Teufel suchen wir hier überhaupt?« »Wir jagen einen Tiger«. hab ich einen Hunger. sagte Jackson. aber sie waren alle zu nervös. In der Mitte der Pupillen befand sich ein beängstigender schwarzer Fleck. der einzige Schwarze des Trupps.

»Hier ist ein Tiger. drehte sich um und warf einen erstaunten Blick auf seine Männer. Sir«. »warum wir diesen Tiger jagen?« Der Oberst blieb wie angewurzelt stehen. »jetzt habe ich aber wirklich Angst.das Halfter zurück. zum ersten Mal in diesem absurden Alptraum von einem Krieg. Er lebt überall. sagte Perez. im Regenwald und in der Wüste. mein Junge. und weil es die Kugeln horizontal streute. das liegt auf der Hand. Es war ein 3er Ithaka. Er hatte keine eigene 474 . wo es ihm paßt. »Den Tigern gehört die Welt. Es flößte Miles eine ungeheure Angst ein. »Jetzt«.« Auch Miles hatte Angst. der achtzehn war. die inzwischen als Bar diente. murmelte der junge Smart mit klappernden Zähnen.« »Sir. Seine andere Waffe hing über der linken Schulter und schien mit jedem Schritt schwerer zu werden. Feldwebel«.« Das Ponderosa war eine ehemalige französische Villa im Hauptquartier in Saigon. haben sie mir versichert. Man findet ihn im Schnee und im Bambus. obwohl er ein paar Schritte vor ihnen ging. Unteroffizier Perez. tötete man damit sehr schnell und wirkungsvoll.« Er lachte leise. »Man sollte glauben. glauben Sie nicht…« »Panthera tigris!« rief der Oberst fröhlich.« Er drehte sich wieder um und marschierte weiter. »Was ist. Vietkong sind in der Gegend. aber wie ein Zwölfjähriger aussah. flüsterte der junge Smart. wenn wir wirklich einen Tiger finden?« Der Oberst hörte die Frage. »Die größte Spezies der Katzenfamilie. Ich habe im Ponderosa davon gehört. »He.« »Darf ich fragen. ein Selbstladegewehr. Es ist mit Sicherheit unsere Menschenfresserin. Sie haben es auf uns abgesehen. »Ein großer Tiger.

machte er bereits Liegestützen in einer Kaserne. Der Saft ist das Wichtige daran. Unteroffizier«. Jetzt richtete sich sein ganzer Ehrgeiz jedoch darauf.« »He. sagte der Oberst. um euch Appetit zu machen«. dessen jungenhaftes Kinn große Pickel zierten. »sollen wir uns vielleicht von jetzt ab wie Pferde von Gras ernähren?« Perez zog nachdenklich die Stirn in Falten und blickte in die ängstlichen Gesichter der anderen. sagte Perez. mein Junge. die Männer auf die Suche nach etwas Eßbarem zu schicken?« »Das ist nicht nötig. Er wußte. bevor die Nacht zu Ende ist. »Hier ist eine kleine Vorspeise. daß sich Mannschaften von ihren Vorgesetzten ›trennten‹. »habe ich die Erlaubnis. Er wollte in die USA und zu Erika zurück. wieder lebend aus dem Gemetzel herauszukommen. Er verteilte die Blätter wie Hostien und ermahnte die Männer: »Ihr müßt gut kauen. kauten herzhaft auf 475 . daß die Blätter nicht schlecht schmeckten – ähnlich wie Spinat. die daraufhin in tausend Stücke zerrissen wurden.« Die Augen der Männer in den hageren. »Bleibt cool«. Es kam immer häufiger vor. hätten sie alle am liebsten gefragt. flüsterte Smart. aber mit einer gewissen Schärfe. Es stellte sich heraus. Da ihre Mägen knurrten. ob er seinen Einberufungsbescheid verbrennen und nach Kanada flüchten sollte. die an Coffein erinnerte. »Sir«. der mit ungewöhnlich roten Blüten übersät war. Sie rollten Splittergranaten in die Zelte von Offizieren. Als er sich überlegte. sagte Perez. verdreckten Gesichtern wurden groß. Er blieb stehen und pflückte dunkelgrüne Blätter von einem großen Strauch.Meinung über das Töten. Ihr werdet schlemmen. was sie dachten. Schlemmen? Was?. folgten sie dem Beispiel des Oberst.

spitze einziehbare Krallen. und einmal. Die Luft verfestigte sich und wurde zu Seide. um noch mehr Blätter zu pflücken. »Tiger jagen nachts«. und an den Pfoten hat er lange. »sind sehr muskulös. fuhr der Oberst fort. schwor Miles. daß er den Nebel hörte. die wie das Lachen kleiner Mädchen klangen. Miles spähte durch die dicken Lianen und Schlingpflanzen und sah in einiger Entfernung eine leuchtend rote Pagode aus dem Dunst aufsteigen. als wanderten sie über die Brüste einer Frau. 476 . Von plötzlichem Heißhunger gepackt. als die Sonnenstrahlen im Dschungel verblaßten. »Wahnsinn. Unsere Tigerin ist eine starke Mutter. Der junge Smart seufzte: »Waaauuuu…« Perez hielt sich eine Hand vor die Nase und schnupperte am Handgelenk.den Blättern herum und schluckten sie hinunter. der sich auf der anderen Seite der Welt in die Bucht von San Francisco wälzte. seufzte Jackson. Er hätte schwören können. Der Schädel ist kurz. Sie hörten Vogelrufe. Überall schienen Smaragde zu hängen. daß seine Ohren überempfindlich wurden. als sie anhielten. Miles stellte fest. Bald leuchtete der Dschungel in neuen Farben. erklärte der Oberst. schön…«. Die Pagode verschwand. rissen sie immer mehr Blätter von dem Strauch und stopften sie sich gierig in den Mund. Es war nur ein abgestorbener Baum. um die Hebelwirkung der mächtigen Kiefer zu verstärken.« Goldstein begann zu summen. Ihre geschwungenen Dächer strahlten golden. wie sich die Blüte einer Orchidee entfaltete. Er schloß die Augen und öffnete sie wieder. Er lächelte glücklich. »Die Vorderbeine und Schultern eines Tigers«. er höre. Die feuchte Erde schien unter ihren Stiefeln sanft zu seufzen.

daß Smart ihn anrempelte. Sie leckte sich mit einer überraschend 477 . Miles schmatzte in Erwartung der salzigen. Er ist dunkler gefärbt als der indische und heller als der südchinesische Tiger. Jungs«. Es war eine schöne schlanke Tigerin mit elegant geformten Hinterbeinen. fuhr er flüsternd fort und teilte Elefantenohr-Blätter. die zwischen den Farnen stand. »Da ist sie!« sagte der Oberst mit gedämpfter Stimme und blieb so unvermittelt stehen. auf der das Gras wie Perlmutt schimmerte. durch den in dramatischen schwarzen Streifen die Erde zu sehen war. dehnten sich aus und nahmen die ursprüngliche Größe wieder an. um auf eine Lichtung zu spähen. der wie ein Zirkuszelt aussah. hauchte der junge Smart. »Großer Gott«. Die Bestie drehte den Kopf und blickte mit schräg geschnittenen.Miles blieb stehen und betrachtete eine große glänzende Popcorn-Maschine. Sie war so schön. Im letzten Jahrhundert wurde er nahezu ausgerottet. daß es den Männern den Atem verschlug. Doch die Maschine löste sich auf und wurde wieder zu einem gewöhnlichen Steinhaufen. murmelte Goldstein. Ist sie nicht schön?« Die Männer spähten durch das Laub. »Ich sehe keinen Tiger«. Wieso wittert sie uns nicht. »Was ihr da seht. gebutterten Popcorns. Sie hörten es – weiche Pfoten auf dem modrigen Boden. »Da ist sie!« Wahrhaftig tauchte die Bestie auf der Lichtung auf. Es war eine altmodische Maschine auf einem Karren mit großen Rädern und einem Aufbau. Ihr Fell wirkte im fahlen Mondlicht wie Schnee. Das Licht des gerade aufgegangenen Mondes trieb seine Spiele mit den Naturgesetzen: Formen veränderten sich. mandelförmigen Augen in die Richtung der Männer. Aber irgend etwas bewegte sich im Gras. »ist der indochinesische Tiger. dachte Miles. Auch Miles sah nichts außer einer dunklen Lichtung.

Er hätte schwören können. waren sie bis zu den Ellbogen rot. Während er auf dem festen Herzmuskel kaute. verrieb eine Handvoll klebriges Blut auf seiner weißen Haut. Sie sank mit einem lauten Gurgeln ins Gras. Perez tauchte als erster die Arme in den offenen Leib. es zu verschlingen. Ihre Augen standen offen. daß das Herz der Tigerin noch schlug. als er rief: »Greift zu. Er hielt etwas Gelbes in den Fäusten. Miles zog das Hemd aus. warf er einen Blick auf das Gesicht der Tigerin. Die Männer bemalten sich mit roten Streifen und lachten wie Kinder unter dem Rasensprenger an einem heißen Sommertag. die schwarzrote Leber.rosafarbenen Zunge die Lippen. als wittere sie Gefahr. »Bries«. und als er sie zurückzog. Der Oberst richtete sich furchtlos auf. der weiße Bauch blitzte auf. Magen. sagte er triumphierend und ging daran. die sie gefressen hatte. Der Oberst rannte auf die Lichtung. Dann spürte er. die Seele der Seelendiebin zu essen und vielleicht sogar die Seelen der Menschen. und er stürzte sich ebenfalls auf das rohe Fleisch. Därme. Als Miles näher kam. zückte das Messer. Jungs!« Die ausgehungerten Männer zögerten nicht. als er es in zwei Teile schnitt und Jackson eine Portion zuwarf. Der Tiger stieß ein fürchterliches Gebrüll aus. Plötzlich erstarrte sie jedoch. wie sein Magen knurrte. griff mit beiden Händen in den offenen Leib und begann. schoß und traf die sechshundert Pfund schwere Raubkatze mitten in die Brust. Dann war der Oberst auf den Knien. und flüchtig wirkten sie beinahe wie die einer Frau. Das warme Blut tropfte. schob er energisch einen Gedanken 478 . Er öffnete das Tier mit einem Schnitt von der Kehle bis zu den Lenden. die Innereien herauszuholen – Nieren. Sie stopften sich voll mit dem Tigergeist und prahlten damit.

als hätten sie in Blut gebadet. die nur noch die nackte Lust am Überleben kannten. Sie war noch nicht tot. der ihn verfolgte. wie jemand sagte: »Mein Gott. Smart. Sie hörten den Hubschrauber nicht kommen. und dabei sind sie nicht einmal verwundet…« »Sieh dir ihre Gesichter an. als der Oberst sie aufgeschlitzt hat. und später wußte keiner von ihnen. der inzwischen als Anwalt in West Virginia lebte.« »Aber was? Da war doch nichts. wie sie die Lichtung verlassen hatten. sie könnten sich nur daran erinnern.« »Ich habe etwas gesehen…« Jahre später hatte Miles aus heiterem Himmel einen Anruf erhalten. daß sie an Bord des Rettungshubschraubers gekommen waren. In Vietnam gibt es keine Tiger! He. Es war ein unangenehmer. Sie haben etwas gegessen. häßlicher Gedanke. im Militärkrankenhaus von Saigon aufgewacht zu sein. und er gehört hatte. Goldstein und Jackson behaupteten später. rief mitten in der Nacht an und sagte: »Ich habe nachgeschlagen. Der Gedanke verschwand. Miles? Es war doch ein Tiger? Wir haben doch einen Tiger gegessen?« 479 . was haben die Kerle denn gemacht? Es sieht aus. Perez. sie waren keine denkenden Männer mehr. Doch Miles hatte nicht vergessen. Unteroffizier Perez. sondern Kreaturen.beiseite.

Hinter ihr lagen elf fast schlaflose Nächte. Vor elf Tagen hatte Hungerford mit der Sprengung das JesusFragment ans Tageslicht gebracht. frisches Obst und starker Kaffee. »Welcher Ironie?« Catherines Stimme drang gedämpft durch den dicken Wollschal. saß ihr die Angst im Nacken. ob jemand etwas entdeckt hatte. »Sind Sie sich der Ironie bewußt?« fragte Garibaldi. um an einen Computer heranzukommen. Seit sie den Killern in Las Vegas so knapp entkommen waren. nach Informationen über Tymbos zu suchen. Garibaldi hatte an diesem Morgen mit ihr gefrühstückt: selbstgemachtes Gebäck. seit sich Catherine mit der Bitte. weil heute Heiligabend ist. während ihnen der kalte Wind ins Gesicht blies. Sie waren gezwungen. Catherines Zimmer mit einem Himmelbett. O’Toole war sehr entgegenkommend und ließ Catherine die Mahlzeiten auf ihr Zimmer bringen. Drei Tage waren vergangen. dem handgenähten Quilt. an die Hawksbill-Gruppe gewandt hatte. das sichere Haus zu verlassen.« Catherine warf verstohlen einen Blick über die Schulter zurück. Omelett mit Käse. Hier ist der ideale Ort. »wo alle Bibliotheken ihren Benutzern Zugang zum Internet anbieten. Wann würde sich das ändern? Mrs. erwiderte Garibaldi.C. D. als sie durch die ruhige Straße gingen. Sie wollte herausfinden. Aber die Bibliotheken sind geschlossen. um nach einer möglicherweise existierenden Kopie der Texte oder nach der siebten Schriftrolle zu suchen. 480 .Washington. der beinahe ihr ganzes Gesicht bedeckte. »Wir sind hier in einer Stadt«. frischen Blumen und der englischen Seife im Badezimmer gefiel ihr gut.

Kein Wunder also. daß beim Kauf jedes 481 . »Ich verstehe das nicht«. auf dem stand: TESTEN SIE UNSERE NEUESTE SOFTWARE FÜR INTERNET KOSTENLOS Sie liefen über die Straße. Er ist für sie eine Mischung aus Superman und Weihnachtsmann. was er meinte. während sie sich einen Weg durch die Menge bahnten. die neueste interaktive Romanze auf CD-ROM. denn jeder kaufte sich mit seinen Produkten die Fahrkarte in das neue Jahrtausend. Drinnen drängten sich die Käufer. betraten das Geschäft. Niemand wollte zurückbleiben.Wenn sie nur nicht weiter fliehen müßten und sich hier eine Weile ausruhen könnten… Sie bogen um die Ecke auf die Wisconsin Avenue. und Catherine bekam einen Riesenschreck. »Die Leute verehren diesen Verbrecher wie einen Helden. daß es sich nur um einen lebensgroßen Aufsteller aus Pappe handelte.« Über dem Aufgang zur Dianuba-Software-Abteilung hing ein Transparent. Er war zweifellos ein Idol und verkörperte die Zukunft. daß die Leute in langen Schlangen geduldig vor den Kassen standen. Dort stand. murmelte Garibaldi. und Garibaldi rief: »Da!« »Wie bitte?« Sie blickte über die Straße und wußte sofort. Ein weihnachtlich dekorierter Computerladen. Vor ihnen stand Miles Havers! Dann sah sie zu ihrer Beruhigung. Sein Konzern beherrschte den Markt. Die Frauen kauften ›Butterfly 33‹. und im Schaufenster hing ein Plakat. Auf der Suche nach den Vorführ-Computern stießen sie überall auf den Pappmann ›Havers‹. Computerspiele und Software-Pakete von Dianuba Technologies waren die großen Hits.

aus Anchorage. Das bedeutete. Sie suchten in den Foren nach Angeboten auf den ›Schwarzen Brettern‹ und brachten die Drähte zu den Nachrichten der Welt zum Glühen. 482 . sagen wir. die Gruppe war Online. Erleichtert sah sie den Eintrag: #hawksbill. klickten sich durch die Angebote im Web. eroberte sich Catherine geistesgegenwärtig die Tastatur. was ihr angeboten wurde. der man ansah. Vor allem Jugendliche standen an den Tastaturen. das heißt. Mit einem Mausklick war sie im IRC. Garibaldi warf einen Blick auf den ›Superpreis‹: dreihundert Dollar! Als endlich ein Computer frei wurde. Alaska? Kein Problem. »So werden Massen manipuliert!« stieß Catherine wütend hervor. Die Vorführ-Computer waren von Neugierigen umlagert.beliebigen Artikels ein bestimmter Anteil des Preises der privaten. gemeinnützigen Regenwald-Stiftung von Miles Havers zugute komme. Ein Verkäufer redete auf eine Frau ein. und der Verkäufer legte ihr strahlend das ›Komplettpaket für die Verbindung zum Daten-Highway‹ in den Einkaufswagen. dann sind Sie im Ver. Auf dieses Symbol klicken. in Ihrem Fall werden die komprimierten Daten nach dem File Transfer eingelesen und für Sie auf den Bildschirm gebracht…« Die junge Frau nickte unsicher. »Dieses Feature ist kostenlos in das Dianuba-Sicherungsprogramm KeepOut installiert. Und das Besondere: Brauchen Sie eine große Datei. Auf dem Computer war die sehr schnelle Scimitar Software installiert. an Live-Diskussionen teilzunehmen. kämpften in virtuellen Welten und entdeckten den Spaß. Garibaldi hielt Wache. während sie arbeitete.und Entpackungsprogramm. daß sie absolut nichts von all dem verstand.

Ich zeige Ihnen. Catherine wußte. »Nun beeilt euch schon«. Aber der Verkäufer würde sie nicht mehr lange in Ruhe lassen. der mit seinen Fragen einen Verkäufer ablenkte. »Guten Tag«.Natürlich würden sie staunen. flüsterte sie. Jetzt mußte sie warten. sagte der junge Mann und deutete auf den Bildschirm »Wenn Sie nichts dagegen haben. daß er sich einen Namen aus dem Roman zugelegt hatte und nur auf ihr Auftauchen wartete. daß sich Catherine über IRC meldete. sich einzuwählen. »Wacht endlich auf!« sagte sie etwas lauter. einen unsichtbaren Kanal zu schaffen. wagte es aber nicht. wie…« Catherine bekam einen eindrucksvollen Hustenanfall. »Seht ihr mich denn nicht? Ich bin es. Sie starrte auf den leeren Bildschirm mit ihrem Namen – @janet – und hoffte. Wenn Havers die Sache mit ›Hawksbill‹ herausgefunden hatte. das Sicherste wäre gewesen. daß einer der Hawksbill-Leute ihn entdeckte und Kontakt aufnahm. hörte sie eine Stimme hinter sich. begrüßte er sie höflich. und auf der rechten Bildschirmhälfte erschien: #janet i. Sie seufzte und blickte auf den Bildschirm. Aber dann hätte sie keiner aus der Hawksbill-Gruppe gefunden. würde ich gerne die Software ausprobieren. Sie können mir ja dabei zusehen. Der Verkäufer hatte sie erreicht. »Scheint nicht viel loszusein«. Der junge Mann wich zurück und verschwand in der Menge. war es möglich.« »Verzeihung«. drückte die Eingabetaste. Sie sah zu Garibaldi hinüber. Aber ein anderer des gut trainierten Verkäuferteams wurde auf sie aufmerksam. Janet. »Was kann ich Ihnen über die neue Scimitar 483 . Sie war versucht. Deshalb tippte sie: /join #janet. Catherine blickte in ein lächelndes Gesicht.

könnten Sie mir etwas über die nahtlose Integration von FTP in die WorkPlace-Shell von OS/2 sagen?« Catherine senkte den Kopf und hustete in ihren Schal. daß sich jemand meldete.edu. Wie lange stand sie schon hier? Sie spürte. hallo. wie es geht. wo nur ihr Name stand und darauf wartete. »Ja natürlich«. Er war lauter als der erste. «SERVER»Sugar!~kharvey@scgrad. Und so konzentrierte sie sich auf den Bildschirm. sagte der Verkäufer und war froh. »Was soll ich Ihnen zeigen? Haben Sie vielleicht Probleme mit UNIX? Ich werde Ihnen zeigen. »Ach. «SERVER»Jean-Luc! fmason@ouray. hätte Catherine am liebsten Mütze und Schal beiseite gelegt. auf IRC wird im Augenblick nicht viel los sein. die erkältete Kundin verlassen zu können. und Garibaldi hörte sie. Aber sie durfte nicht riskieren. die Weihnachtsgeschenke auszupacken. 484 . Die Leute machen alle Weihnachtseinkäufe!« fügte er eine Spur herablassend hinzu. Der leere Bildschirm mußte sie irgendwann ungeduldig oder argwöhnisch machen. Er drängte sich durch die Umstehenden. wissen Sie. hallo. »Selbstverständlich. ihr Gesicht zu zeigen. Bitte kommen Sie mit. faßte den Verkäufer am Arm und sagte: »Entschuldigung. daß hinter ihr andere Leute unruhig auf eine Freifahrt durch das Internet warteten. Dort ist es bereits Abend und Zeit. Sie blickte auf die Uhr.« Er griff nach der Tastatur und wollte etwas eingeben. Mit diesem verblüffenden neuen…« Catherine bekam wieder einen Hustenanfall.co.uk.« Nachdem sie weg waren.cudenver. »Außerdem sind viele dieser Kanäle in Europa.demon.Software erzählen? Eine Frage: Sind Sie bereits mit Internet vertraut?« Er blickte auf den Monitor.

us. wir haben dein Bild in den Zeitungen gesehen. daß ihr mich entdeckt habt. Du bist sehr hübsch.com. als wieder ein Kunde kam und sich hinter sie stellte.Polaris. [SpaCeman] Aber nicht uns. hallo. [DOGbert] Ich will nicht sterben. Man hatte sie entdeckt! «Janet »Hi. «SERVER» Benhur! ~George@Sebakal. [Jean-Luc] Janet. [Jean-Luc] Janet. die behauptet hat.ac. [Sugar] Hi!:))) «Janet »Großartig. Das FBI überwacht die IRC Kanäle. [BENHUR] Noch nicht.Catherine hätte vor Erleichterung beinahe laut gejubelt. hallo.ix. Der nächste Hustenanfall vertrieb jedoch auch ihn. nicht Hawksbill. hallo. du kannst nicht mehr hierher kommen. hallo. wir haben auf dich gewartet. [BENHUR] Janet: Fröhliche Weihnachten [sugar] Was sagen die Schriftrollen??? Geht die Welt an Sylvester unter? Soll ich mich mit Prankie verabreden oder einfach zu Hause bleiben und sterben? Hahahaha «SERVER»Trilogy! Atomba@ix-orl-22.Telnet. [sugar] Janet: hast du das mit der Frau aus Seattle gehört. Hoffentlich schnappen sie dich nicht. [Jean-Luc] Janet. Catherine wollte sich gerade erkundigen. ob jemand Tymbos gefunden habe. [Carlos] Wir glauben dir.vetcom.brad. sie wäre du? 485 .DialUp. «SERVER»Carlos!mongo@dianuba. Leute!!! «SERVER»Maynard! ~rismith@ alice.

«SERVER»TrilogY hat sich verabschiedet.[SpaCeman] Und das FBI hat sie aufgespürt:))) «Janet »Ja. [TrilogY] leider nein!!!! [sugar] Wir haben es versucht. Sie werden es wieder für einen Witz halten. Seid ihr das gewesen? [TrilogY] Wir dachten. damit sie nicht so schnell agieren. falls Dr. Wir schaffen andere Kanäle. -) Nach einem schnellen Blick über die Schulter tippte Catherine: »Habt ihr Tymbos gefunden?« [Jean-Luc] Kein Tymbos. Es ist hier nicht sicher. [DOGbert] viel Glück! * DOGbert umarmt Janet. Alexander wirklich selbst einen Kanal einrichtet. Sie wußte nicht. ob 486 . [sugar] paß auf dich auf :-) sugar küßt Janet (((umarmt sie))) «SERVER»sugar hat abgeschaltet. das würde die Polizei und alle von deiner Spur abbringen ):-p [Jean-Luc] Wir geben falschen Alarm.:( [BENHUR] Überall…. [Jean-Luc] Wirst du jemals zu uns zurückkommen? Catherine blickte auf den Monitor und las die Worte und Gesten von Menschen. ihr geht. Catherine blickte enttäuscht auf den Bildschirm. Dann tippte sie: «Janet »An alle: Es ist besser. die sie nie getroffen hatte und vermutlich auch nie treffen würde. «SERVER»Dogbert hat sich verabschiedet. TrilogY auch ich… auch ich wünsche dir Glück.

bevor eine Antwort kam: [Jean-Luc] Vielleicht treffen wir uns im neuen Jahrtausend… /leave DISCONNECT SERVER NO CARRIER 487 . «SERVER»Maynard hat sich verabschiedet.›sugar‹ eine Frau war oder ›spaCeman‹ ein Mann. «SERVER»Benhur hat sich verabschiedet. Waren sie zwanzig oder siebzig? Lebten sie in den Vereinigten Staaten? «Janet »Jean-Luc: wahrscheinlich nicht. Auf dem Bildschirm standen nur noch zwei Namen:«@Janet und Jean-Luc. * Janet umarmt euch alle. «SERVER»Spaceman hat sich verabschiedet. «SERVER»Carlos hat sich verabschiedet. [Jean-Luc] Janet… «Janet»Ja? Es dauerte eine Weile. Danke für eure Hilfe.

in denen die Heilkräfte des sogenannten Jesus-Fragments bestätigt wurden. deren geprägte Bronzeplakette die Aufschrift Archivio Secreto Vaticano trug. Kardinal Lefevre erinnerte sich an den denkwürdigen Augenblick vor vier Jahren. nickte er dem diensthabenden Priester zu. Der Vatikan war 1995 an das Internet gegangen. als zwanzigtausend Seiten Handschriften plötzlich in den Cyberspace entlassen wurden und auf diese Weise Menschen auf der ganzen Welt mit einem Klicken der Maus Bilder aus mittelalterlichen Miniaturen und illuminierten Handschriften auf ihren Bildschirm rufen konnten. die Kirche gehe nicht mit der Zeit? Der Vatikan hatte in den neunziger Jahren sehr umsichtig den Schritt in das Computer-Zeitalter gemacht und würde auch im nächsten Jahrtausend auf 488 . Die Telefone im Vatikan standen keinen Augenblick mehr still. daß es nicht der Aufmacher der New York Times oder der italienischen Oggi war. Auf dem Weg zu der Tür. wie weit der Wahn der Verblendung um sich gegriffen hatte. es hatte auch hier Veränderungen gegeben: Nun standen Computer im Archiv. O ja. und es ging eine Flut von Telegrammen aus aller Welt ein. sondern nur die Schlagzeile eines amerikanischen Sensationsblattes. Diese Schlagzeile machte nur deutlich. Wer wollte da behaupten. der hinter einem Schreibtisch an einem Computer saß. nahm ihr in den Augen des Kardinals nichts von der Wirkung. Rom Kardinal Lefevre sah die Schlagzeile: »FRAU BERÜHRT PHOTO EINER ALTEN SCHRIFTROLLE UND IST VOM KREBS GEHEILT!« Die Tatsache.Der Vatikan.

Sie waren auf der Rückseite mit Bleistift datiert – 15. Eigentum der Kirche. auf den der Entwurf eines Dokuments zurückging. daß Catherine Alexander auf dem Sinai etwas gefunden hatte. A. Theologen im Fachbereich Archäologie waren davon nicht 489 . daß die Menschen den Namen der Bibliothek falsch deuteten. 99 -. Der Kardinal betrat einen der großen Räume. die inoffiziell aktiv geworden waren. der tatsächlich geheim war. das sich in aller Klarheit mit den Aufgaben und Pflichten von Theologen beschäftigte. einem Mann. Dort lagerten in Gewölben mit dicken Mauern Tausende nicht erfaßter und katalogisierter Schriften. in dem ein kleiner Teil der fünfundvierzig laufenden Regalkilometer Archivmaterial aufbewahrt wurde. das nicht ignoriert werden durfte – nicht von Kardinal Lefevre. Kurz zuvor hatte ihm ein Kurier einen Umschlag mit Photos überbracht. Man hatte auf diesem Weg nur ein paar besorgen können. Lefevre wußte. Dezember 1999. auf deren Loyalität die Kirche zählen konnte. ›Geheim‹ bedeutete in diesem Fall nicht versteckt und ganz sicher nicht verboten. sondern schlicht ›privat‹. Natürlich waren es nicht alle Photos. Daneben gab es Anmerkungen in Tinte: das Datum des 17. Doch sie genügten. um Seine Eminenz davon zu überzeugen.12. sondern bis hinunter zu Angehörigen der Polizeibehörde von Santa Barbara. numeriert und mit den Initialen ›C. Es hatte Tage gedauert. An diesem kalten Nachmittag des vierundzwanzigsten Dezember verließ Kardinal Lefevre jedoch den öffentlichen Teil der Bibliothek und verschwand im hinteren Bereich.seine Weise die Massen in aller Welt beeinflussen. die Verbindung herzustellen. Das Geheimarchiv war natürlich Wissenschaftlern und Studenten zugänglich. nicht nur zu hohen Beamten. – Catherine Alexander‹ versehen. eine Aktennummer und die Initialen eines Polizeibeamten.

Alexander hatte in einem Brief heftig gegen die Gleichsetzung von Dissens mit Sünde protestiert. eine Sünde begingen. wie diese Institution jetzt so schön hieß. Vor allem nicht. Auch Dr. und sie aus ihrer 490 . daß Theologen. Das stand völlig im Einklang mit der 1990 erschienenen. das Wort Gottes nach eigenem Gutdünken auszulegen. Der Kardinal hatte im Namen der Inquisition oder der Kongregation für Glaubensdoktrin.ausgenommen. Aber was stellen diese Leute sich eigentlich vor. Man mußte Grenzen ziehen. fragte Kardinal Lefevre in ein stummes Selbstgespräch vertieft. die von der offiziellen Kirchenlehre abwichen. überarbeiteten Version des Katechismus. die widerrechtlich wertvolles Kircheneigentum an sich nehmen – falls es sich bei den Schriftrollen tatsächlich um christliche Dokumente handelt. von zornigen jungen Frauen. Wenn es jedermann erlaubt gewesen wäre. bei denen es sich möglicherweise um christliche Texte handelte. dachte er mit gerunzelter Stirn. Das Büro des Kardinals in der Kongregation führte einen täglichen Kampf darum. wurde allein dem Lehramt der Kirche übertragen. hätte das ein allgemeines Chaos und den Zerfall der kirchlichen Macht bedeutet.« In diesen Bereich gehörten auch Dokumente aus dem Altertum. während er mit einem Spezialschlüssel die Tür des nächsten Gewölbes aufschloß. eine authentische Interpretation des Wortes Gottes zu geben. Der Aufschrei von Bibelwissenschaftlern und Historikern beim Erscheinen des neuen Katechismus war zu erwarten gewesen. in diesem Dokument unmißverständlich klargestellt. daß die Fundamente der katholischen Kirche nicht von dissidierenden Theologen unterhöhlt wurden. Leitlinien festlegen und Strukturen vorgeben. um sie zu übersetzen. der feststellt: »Die Aufgabe.

der vor siebenundzwanzig Jahren Dr. Ein Wort auf dem ersten Photo hatte seine Aufmerksamkeit erregt und ihn schließlich hinunter in dieses Gewölbe. und das der Sand Algeriens beinahe zweitausend Jahre unzerstört bewahrt hatte. und es deshalb in seine Archive aufgenommen. Wie die Mutter so die Tochter. Denn das Geschenk des ewigen Lebens ist Dein. kann Dein Herz Frieden finden. fragte sich der Kardinal. bei dem Dokument handle es sich möglicherweise um das Fragment eines verlorengegangenen Evangeliums. Der Beauftragte des Vatikans. der im Griechisch des römischen Reiches geschrieben war. Nina Alexander untersagt hatte. in die tiefsten Regionen des Geheimarchivs geführt: Tymbos. Wir werden niemals sterben. war von Kardinal Lefevre nach Kalifornien geschickt worden. das man 1932 bei Ausgrabungen in Nordafrika in einer Ruine entdeckt. dachte er und griff nach einer Stahlkassette. Da ›der Gerechte‹ in der Bibel ein Titel des Messias war. Es handelte sich offenbar um einen Brief. Es war der Name des Königs. dem die Diakonin die Schriftrollen übergeben sollte. Gehört das Fragment zu den Schriftrollen der Sabina. ihre Irrlehren weiter zu verbreiten.voreingenommenen Sicht für alle Welt zu interpretieren! Seine Eminenz kannte Catherine Alexander. Er nahm ein Papyrusfragment aus der Kassette.« Paläographie und die Radiokarbon-Untersuchung führten zu einer Datierung des Fragments zwischen 100 und 150 nach Christus. falls man sie verfolgen würde. wie der Gerechte prophezeit hat. »Nun. hatte der Vatikan vermutet. und ein Schauer lief ihm über den Rücken. da Dir die genaue Stunde der Wiederkehr des Gerechten und der Tag des Endes aller Dinge gesagt worden ist. Hatte der Verfasser des Briefs Sabinas Text gelesen und eine Kopie angefertigt? 491 .

entdeckt zu werden? 492 . sie sei auf der Suche nach einer siebten. ›Timgad‹ – ›Tymbos‹.Oder stammte er von der Hand der Diakonin Amelia. überlegte der Kardinal. Man sagte. Dr. vielleicht sogar der Perpetua? Das Fragment war in der Nähe der alten Stadt Timgad gefunden worden. Alexander sei nicht im Besitz aller Schriftrollen der Sabina. War die siebte Schriftrolle in Timgad versteckt worden? Lag sie vielleicht immer noch dort und wartete im Sand Nordafrikas darauf. Ließ die Ähnlichkeit der Namen auf einen Zusammenhang schließen? Im Internet kursierten Gerüchte.

was Mr.« Er wartete auf Catherines Antwort. Er sagte. Vielleicht kannte er uns schon vom Sinai.« »Das heißt«. sind heute wieder da. »ihr Begleiter reist neuerdings in Zivil. Havers dieser Auftrag kosten würde. sagte Garibaldi. sagte er. er wolle hellwach bleiben und einen klaren Kopf behalten.« Raphael schloß die blauen Augen. D.« »Er hat uns in Las Vegas genau gesehen. 493 . und sein Blick fiel auf die Reihe wartender Taxis vor der Ankunftshalle für Inlandflüge. Wir haben jeden Fahrer zweimal gefragt. Hier können wir weg«. die letzte Nacht gearbeitet haben. Kälte. Raphael hatte nichts dagegen. Sie saß mit neuen Gummihandschuhen über eine Schriftrolle gebeugt und entfaltete sehr behutsam das erste Blatt der fünften Schriftrolle. als er in den Mietwagen stieg. »Das bringt nichts. »wenn du Priester wärst. erwiderte Zeke und ließ den Wagen an. Und alle. Hitze. was jetzt? »Raphael«. wohin würdest du an Heiligabend gehen?« »Ich werde nicht lange wegbleiben«. »Keiner hat einen Priester gesehen. »Kein Glück?« fragte Zeke. schüttelte den Lockenkopf und murmelte: »… und was jetzt?« Zeke trommelte mit den behandschuhten Fingern auf das Steuerrad. obwohl die Temperatur um den Gefrierpunkt lag. Zeke hatte die Heizung nicht eingeschaltet. Der Gedanke daran. hielt ihn warm. ihm war das im Augenblick gleichgültig. Ja.C. sagte Raphael.Washington. »die Kirche ist nur drei Straßen weiter.

Alexander und ich in Verhandlungen über den Erwerb der Schriftrollen stehen«. das kann ich. Sie möchten. »Ich weiß. Havers«. die Schriftrollen mit der Welt zu teilen. Catherine ließ ihn mit abgeschaltetem Ton laufen. 494 . fragte der Reporter. entspringt meiner Sorge. das ist er!« sagte sie und schaltete schnell den Ton ein. Alexander zu kaufen.»Es bleiben noch zwei«. ich könnte Sie überzeugen…« Er sprach den Satz nicht zu Ende. weil ihr Vater Garibaldis Schwester leid tat.« Catherine richtete sich auf und sah ihn an. etwas davon nach außen dringen zu lassen. daß Dr. es lag nicht in meiner Absicht. Aber das kann ich nicht. »Ja. Sie gehören der ganzen Menschheit und nicht einer Person. »Mr. »Was ist los?« »Ist das nicht Miles Havers?« fragte er und deutete auf den Fernsehapparat. Catherine wechselte den Sender.« »Was soll das nun wieder?« sagte Garibaldi kopfschüttelnd. fünfzig Millionen Dollar würden sie dazu bringen. »Wie wir die siebte Rolle finden sollen. Havers stellte sich vor seinem Haus in Santa Fe der Presse. es gibt diese Schriftrollen tatsächlich? Können Sie das bestätigen?« »Ja.« Er runzelte die Stirn und zog die Lederhandschuhe an. Ich dachte. O’Toole heraufgebracht hatte. Alexander hat mein Angebot bisher abgelehnt. wissen wir so wenig wie am Anfang. Der Versuch. »Ich weiß nicht. sie könnte die Schriftrollen vernichten. »heißt das. sagte er in seiner gewohnt liebenswürdigen Art und lächelte gewinnend. Aber Dr. In einer anderen Nachrichtendung hieß es: »Der Milliardär Miles Havers. »Aber ich kann Ihnen versichern. »Ich wollte. wie bekannt geworden ist.« »Das glaube ich einfach nicht!« sagte Garibaldi. sie von Dr. sagte sie. daß ich mit Ihnen gehe. den Mrs.

er könnte Sie zwingen. Er hat erklärt.« »Den Tip muß Havers selbst inszeniert haben«. sagte Garibaldi. mit mir zu gehen?« 495 . und ich werde weiter an der Übersetzung der Schriftrollen arbeiten. Catherine Alexander.« »Aber warum?« »Er glaubt vielleicht. sie seien zweifelsfrei christlichen Ursprungs und illegal in die Vereinigten Staaten gelangt.« »Kann ich Sie wirklich nicht überreden. »Da täuscht er sich.« Die Nachrichtensendung wurde durch Werbung unterbrochen. der angeblich aus der unmittelbaren Umgebung von Miles Havers kam. nämlich die flüchtige Dr. gab heute bekannt. Also hat er sich die ganze Sache ausgedacht. und Catherine schaltete den Fernseher aus. daß Sie seiner Darstellung öffentlich widersprechen. »… erst bestätigt nach einem anonymen Hinweis an die New York Times. »Sie gehen jetzt besser. die diese Schriftrollen verkaufe. sei identisch mit der. »Warum macht er das? Was hat er davon?« Catherine schüttelte verwirrt den Kopf und schaltete mit der Fernbedienung auf einen Sender in Baltimore. um die Jesus-Schriftrollen für die Summe von fünfzig Millionen Dollar zu erwerben…« »Das ist einfach verrückt«. Catherine Alexander steht. etwas zu unternehmen. Er möchte vermutlich. daß er zur Zeit in privaten Verhandlungen mit Dr. die Schriftrollen stammen von der Sinai-Halbinsel. Ich bleibe unauffindbar und schweige. würde Havers alles leugnen. In einer Stunde fängt die Mitternachtsmesse an. Die Person. »Wenn der Informant nicht in seinem Auftrag an die Öffentlichkeit gegangen wäre. die sie entdeckt habe. murmelte Garibaldi.Besitzer von Dianuba Technologies.« Sie sah Garibaldi an.

»Ich sehe keinen.« Doch Garibaldi blieb. Trotz der Kälte begann sie zu schwitzen und hatte plötzlich das Bedürfnis. die den dunklen. die 496 .»Der fünfte Papyrus ist in einem schlechteren Zustand als die anderen«. »Ich muß mit der Arbeit daran anfangen. Manche wirkten ernst und feierlich. Als sie seinen Blick auf sich gerichtet spürte. »Es gibt immer einen Weg zurück. Es war eine bitterkalte Nacht. und es wehte ein schneidender Wind.« Sie schüttelte den Kopf. Als sie und Garibaldi sich der Kirche näherten. habe ich die Kirche und Gott verflucht. sagte sie: »Vater Garibaldi. So viele gläubige Menschen. In der Kirche spielte die Orgel ›Stille Nacht. heilige Nacht‹. dachte Catherine und blickte auf die gotischen Kirchtürme. erwiderte sie. Ich kann nicht einfach zurück. und das Licht schien wie flüssiges Gold hinter den offenen Türen zu schimmern. Kinder drängten sich um die hell erleuchtete Krippe.« »Weshalb nicht?« »In der Nacht. Noch immer fuhren Wagen vor und verstopften die enge Straße.« »Lassen Sie ihn sich von mir zeigen.« »Natürlich können Sie das«. die in den Lichtschein traten.« Sie blickte auf seine ausgestreckte Hand. sternenlosen Himmel stützten. Trotzdem strömte eine große Menschenmenge durch das offene Kirchenportal. andere winkten fröhlich Freunden oder Bekannten zu. alte Männer und Frauen gingen langsam an ihren Stöcken. bekam Catherine Herzklopfen. erwiderte er ruhig. ich kann wirklich nicht mitkommen. als meine Mutter starb. Catherine beobachtete die Menschen.

Wenn Sie das tun. Das müssen Sie Ihretwegen tun. Catherine setzte sich völlig erschöpft dorthin. wovor Sie sich fürchten müßten. nahm den Schal ab. hob das Gesicht in den kalten Wind und schloß die Augen. Garibaldi sah sie fragend an. »Warum sind Sie mitgekommen?« fragte Garibaldi und sah sie prüfend an.« »Ich habe mich erinnert«. »Erinnert? Woran?« Catherine zog die Handschuhe aus und überließ ihre feuchten Hände der kalten Luft. die Sie jetzt schon belastet.« »Es gibt nichts. Vater Garibaldi. Zwischen den von Rauhreif bedeckten Sträuchern stand eine Bank. »Ich kann nicht. »Als kleines Mädchen habe ich gestottert«.« Nach einer kurzen Pause sagte er: »Was ist an der Treppe geschehen? Sie sind plötzlich leichenblaß geworden.« »Sie haben also geglaubt.« »Warum machen Sie sich deshalb Sorgen?« »Weil das keine Lösung ist. wenn ich ein verirrtes Schaf zur Herde zurückführen könnte? Catherine. Sie können nicht meinetwegen zur Kirche gehen. »Worüber?« »Daß Sie den Priesterrock ausziehen werden. ich kann nicht. Da sie keine Antwort gab. erwiderte sie.« Er sah. Am Fuß der Treppe blieb sie leichenblaß stehen. sagte er: »Sie haben es für mich getan. und ging mit ihr in den kleinen Park an der Seite der Kirche.Daunenjacke auszuziehen. flüsterte sie.« »Vater Garibaldi. Priester zu bleiben. ich würde beschließen. wie blaß sie war. nicht wahr?« »Ich mache mir Sorgen«. sagte sie leise. »Wenn ich nervös war 497 . werden Sie in Zukunft nur noch mehr Schuldgefühle wegen der Sache haben.

mir an den Beinen hinunterzulaufen. Dann merkte ich. Das machte die Sache für mich noch schlimmer. und ich hatte entsetzliche Angst. Die Kinder kicherten und flüsterten miteinander. aber ich hatte schreckliche Angst. die leider ebenfalls stotterte. stotterte sie. Sie wollte von mir etwas über Vasco da Gama wissen. Sie zerrte mich vom Hocker. Schwester Immaculata warf mir vor. es zu halten. konnte ich nicht mehr richtig sprechen. Ich nehme an. Ich fing an zu weinen.‹ Die Klasse brüllte vor Lachen. »Im Unterricht wurden die großen Entdecker behandelt. Sie erklärte. Ihre Worte klangen schmerzlich. Ich versuchte zu antworten und erwiderte: ›VV-Vasco dd-da GG-Gama. Das hat sich gegeben. bis ich etwas Respekt gelernt hätte. ich würde mich über sie lustig machen. Plötzlich aber wurden sie still. man hat vergessen. ich müsse dort stehenbleiben. Natürlich geschah das Unglück gleich am ersten Tag. Es 498 . und der Unterricht ging weiter. ›VV-Vasco dd-da GG-Gama‹. »Natürlich tat sie es. Zur Strafe mußte ich mich vor der Klasse auf einen Hocker stellen. Schwester Immaculata glaubte. Die anderen Kinder hörten nicht mehr auf zu lachen. Sie hängte mir ein Schild um den Hals. schimpfte mich aus und schleppte mich in das Zimmer der Oberin. etwas zu sagen.« Sie schüttelte bei der Erinnerung den Kopf. und es fing an. auf dem ›Sünderin‹ stand. aber sie brachte den Namen kaum über die Lippen. Nach einer Weile konnte ich nicht mehr. daß ich zur Toilette mußte. Meine Mutter hatte die Schulleitung davon in Kenntnis gesetzt. Also versuchte ich. die Schwester könnte mich aufrufen. das alles absichtlich getan zu haben. weißblonden Haare.« Catherine schlug die Hände vor das Gesicht. aber als Zehnjährige in der katholischen Schule hatte ich das Problem noch.« Catherine fuhr sich mit den Fingern durch die kurzen.oder mich fürchtete. es Schwester Immaculata zu sagen.

Er war nicht zum Vater geschaffen. und die Frau des Hausmeisters fing an. Er sagte. Sind Sie deshalb böse auf ihn?« fragte Garibaldi. Die Kinder gingen nach Hause. Er hätte nie ein Kind haben sollen. »Gott bedeutete ihm mehr als ich. das heißt. was geschehen war. aber mein Vater war zu Hause. Meine Mutter war auf einer Tagung. »Es wurde Mittag. weil mein Vater Gott mehr liebte 499 . ich habe Gott nicht wegen Vater McKinney verflucht oder deshalb.dauerte eine Weile. und er kam nicht. Ihre Stimme war kaum noch zu hören.« Catherine stand auf und betrachtete die dünne Eisschicht im Vogelbad. »Er war eine Art Mönch.« Catherine starrte blicklos vor sich hin. sagte sie. der hinter ihr stand. Mein Vater war da. mich um die Mittagszeit abzuholen. Er verschwand sofort wieder in seinem Arbeitszimmer. und damit war die Sache für ihn erledigt. Ich habe Gott verflucht. Catherine drehte sich herum. in dem College. Die Zeit verging. »Die Kirche bedeutete meinem Vater alles«. Die Schulschwester fuhr mich schließlich nach Hause. weil meine Mutter ohne den Beistand eines Priesters sterben mußte.« »Die Kirche bedeutete Ihrem Vater mehr als Sie. »Die Schulschwester kümmerte sich um mich. Dann war die Schule aus. die Schwestern verließen die Klassenräume. In der Kirche begann die Messe. wo er unterrichtete. Nachmittags riefen sie meinen Vater noch einmal an und hinterließen eine Nachricht. er habe den Anruf vergessen. während die Oberin bei mir zu Hause anrief. den Fußboden zu putzen. Also saß ich mit dem ausgewaschenen Unterhöschen in einer Plastiktüte im Zimmer der Oberin und wartete auf meinen Vater. Er wollte nicht einmal wissen. bis sie weitersprechen konnte. Er versprach. Vater Garibaldi.

»Sie glauben. oder nicht? Ihm können Sie nicht vergeben. Ich wollte unbedingt wissen. Garibaldi schwieg. war ich voller Zorn. und daran war meine Mutter schuld.als mich. daß ich älter und reifer sein würde. Gott hätte er nicht mit einer nassen Unterhose im Zimmer der Oberin sitzenlassen!« Sie stieß die Luft aus. Sie können sich vorstellen. Als man mir am Flughafen seine Leiche übergab. die Ihren Vater aus dem Haus und schließlich in den Tod getrieben hat?« Catherine sah ihn erschrocken an. Er hat keinen Finger zu seiner Verteidigung gerührt. Er hat es nicht einmal geleugnet. Ich wartete immer darauf. ich hätte die Schriftrollen an mich genommen. weil sie trotz des Verbots Bücher schrieb.« Catherine blickte auf ihre Hände und sagte leise: »Man hat ihn beschuldigt. daß er mich an jenem Tag nicht abgeholt hatte. Er hat es hingenommen. die die Kirche angriffen und meinen Vater aus dem Haus trieben!« »Deshalb führen Sie die Arbeit Ihrer Mutter weiter – eine Arbeit. welche Schimpfnamen sie für mich hatten. ob er nicht gekommen 500 . »Die Kinder in der Schule waren danach schrecklich zu mir. wollte ich den Sargdeckel abnehmen und von ihm eine Erklärung dafür verlangen. daß man ihm eine Kapuze über den Kopf zog und ihn hinrichtete. um meinen Vater auf eine hinterlistige Art zu bestrafen?« »Auf ihn sind Sie doch böse. um mit ihm darüber zu reden. ein Spion zu sein. Aber dann kam er ums Leben. Wenn Danno nicht gewesen wäre…« »Haben Sie Ihrer Mutter nie etwas davon gesagt?« Catherine stand auf. und Catherine sprach etwas ruhiger weiter. »Wie konnte ich? Sie betete meinen Vater an… und als er starb. weil wir diese Sache nie bereinigt hatten.

O’Toole und zur fünften Schriftrolle ging. Aber gehen Sie nur hinein.« Catherine zog die Handschuhe wieder an. als sie die Straße zurück zum Haus von Mrs.war. »Dem hat er sich entzogen. Vater Garibaldi. Auf mich wartet noch Arbeit. weil ich ihm so wenig bedeutete.« »Sie sind böse auf ihn. Es war seine Kirche und sein Gott. erwiderte sie. Damit will ich nichts mehr zu tun haben. »Deshalb kann ich nicht mit Ihnen in die Kirche gehen. weil er hingerichtet worden ist?« »Wir hatten noch etwas ins reine zu bringen«.« Er sah ihr nach. 501 . Sie gehören dorthin. Ich hätte nicht mitkommen sollen. Vater Garibaldi.

DER ZWÖLFTE TAG 502 .

Samstag. dem dieser Vorposten als Befehlshaber unterstand. ob sie vielleicht schon zu lange nicht mehr in Rom gewesen war. Ich war mit dunklen Vorahnungen gekommen. und erzählte von den sagenumwobenen Arimaspi. so weit das Auge reicht. daß sie sich in dieses seltsame. Auf eine Lesung des 503 . vor den staunenden Blicken ausbreitet. Wir trafen uns einmal in der Woche in meinem Haus. das sich. daß auch ich den Wind. daß es sie gegeben hatte. Doch ich mußte mir bald eingestehen. Sie warnte mich vor ›dem kleinen Volk‹ und den Robbenfrauen und vor Katzen. und nichts ist erhabener als die uralten Eichenhaine. Er beschäftigte sich wie besessen mit den Legenden und dem reichen Schatz an Überlieferungen. Nichts ist schöner als das wogende Grün. die Neugeborenen den Lebensodem von den Lippen stehlen. Man stellte ihm die Beweise dafür in Aussicht. in denen Geister und Feen hausen. den Regen und die Dunstschleier über den Tälern liebte. ermahnte mich Claudia. Ich widmete mich mit ganzer Hingabe der Erziehung von Pindar und freute mich über seine Entwicklung. Doch nach einer Weile stellte ich fest. die im Norden leben. als wir unser Haus in Britannien bezogen. Und ich gründete eine kleine Gemeinde. die ihre Gestalt verändern«. die über ein wolkenverhangenes Reich auf dem Gipfel der Erde herrschen. Sie sprach flüsternd von den Hyperboräern. denn auch hier war die Erinnerung an Riesen lebendig. Philos spürte den Zauber dieses Landes ebenfalls. denn alles hier war uns so fremd. 25. Ich fragte mich nach der ersten Begegnung. Claudia war die Frau des Centurio. Dezember 1999 »Hüte dich vor den Wesen. neblige Land verliebt hatte.

und sie verehren die Eiche. auf der die Mistel wächst. wie Claudia der Magie der Druiden verfiel. Für die Druiden gibt es nichts Heiligeres als die Mistel. die einen uralten Himmelsgott namens Myrddin verehren. daß dies der wahre Glaube ist. Ich traf Druiden. und sie waren wie ich davon überzeugt. 504 . daß diese Pflanze jede Krankheit besiegen kann. Aber ich hielt unbeirrt an meinem Glauben fest. die sie in ihrer Sprache ›die Allheilende‹ nennen.Marienbriefes folgte eine Ansprache über den Gerechten und seine Botschaft vom Frieden und dem Sieg über den Tod. Ich beobachtete nicht ohne Sorge. Ihre Rituale finden in der freien Natur statt. Ich bekehrte viele Menschen zum Weg. bevor wir seinem Auftrag folgten. wie wir sie kennen. Die Druiden haben keine Tempel oder Heiligtümer. gemeinsam das Brot zu brechen und den Wein zu trinken. denn sie glauben.

meine Liebe?« Catherine ging zur Tür. ›Mrs. und Catherine trat wieder an den Tisch. Ich bringe Ihnen einen Teller herauf. O’Toole wird es vielleicht verdächtig vorkommen. Wird Ihr Bruder mit uns essen?« Mein Bruder… Garibaldi war zur Mitternachtsmesse in der Kirche gewesen und zum ersten Morgengottesdienst. Catherine 505 . O’Toole ging. erwiderte Catherine. »Vielen Dank für die Einladung.C. sagte sie durch die Tür. Mrs. daß er sich schon darauf freut. wenn wir auf unseren Zimmern bleiben und ihre Einladung nicht annehmen‹.Washington. Der Zustand des Papyrus war besorgniserregend. meine Liebe. wie viele Gedecke wir auflegen sollen. um zu feiern. »Er hat mir heute morgen gesagt. daß Garibaldi ein schlechtes Gewissen hatte. ich bin nicht in der richtigen Stimmung. auf dem die fünfte Schriftrolle ausgebreitet lag. während sie in ihrem Zimmer gefangen war. Im Haus waren die Vorbereitungen für das Festessen voll im Gang. ob Sie später zum Weihnachtsessen zu uns herunterkommen.« »Ich glaube nicht. Catherine stieg schon beim Aufwachen der Duft einer bratenden Gans in die Nase. Jetzt war er gerade in der dritten Weihnachtsmesse. Catherine wußte. D.« Das waren nicht ganz seine Worte gewesen. hatte er erklärt. »Ja.« »Schon gut. aber ich glaube. »Miss Garibaldi? Hallo? Sind Sie wach. O’Toole?« »Ich wollte nur fragen. Mrs. Mrs. Ich muß wissen. weil er sich frei bewegen konnte. öffnete sie allerdings nicht. »Ja«. O’Toole«.

hatte sie keine Worte mehr auf dem Papyrus gesehen. den er am Vortag in der Wisconsin Avenue gekauft hatte. die sich in eine quälend vertraute Wirklichkeit verwandeln. Alle feierten Weihnachten mit einem Gang in die Kirche. »Aber ich hielt unbeirrt an meinem Glauben fest. so glaubte sie allmählich. wie sie sich auf den Stationen ihrer Flucht in der virtuellen Welt der Computer sicherer gefühlt hatte als in der Wirklichkeit. Stimmen. die sie zuletzt gelesen hatte.« Catherine erinnerte sich kaum noch daran. Bilder. als Garibaldi in der Kirche war. diesen Satz gelesen zu haben. »Sie müssen Ihrem Vater verzeihen. die ich durch Wände höre. Sabinas Leben zu führen und nicht ihr eigenes. um zum Gottesdienst zu gehen. So. daß sie ihn zur Feier des Tages noch zu einem Sherry einluden. als nehme sie nicht mehr am Leben teil. Die Straße war ruhig. die ich durch Fenster sehe. und alle Häuser waren festlich beleuchtet gewesen. sondern Bilder. Sie ging zum Fenster und blickte hinaus. in der Vergangenheit zu leben. sondern sei nur noch eine Beobachterin. die so wirklichkeitsnah zu sein schienen. Er sah eindrucksvoll aus mit dem schwarzen Hut. und Szenen. wie andere Gäste das Haus verließen. dem schwarzen Schal und dem langen schwarzen Mantel. mit Sabina in Britannien zu sein. Irgendwann im Laufe der Nacht. Am Morgen hatte sie gehört. Sie entdeckte Garibaldi auf dem Gehweg. O’Toole und ihre Schwester waren zusammen mit Garibaldi erst um halb zwei morgens von der Mitternachtsmesse zurückgekommen. daß er damals nicht zur Schule gekommen ist…« 506 .blickte auf die Worte. wo keine Fenster sind… Catherine kam es vor. Am Abend zuvor hatten die Leute Weihnachtslieder gesungen. daß Catherine eine Zeitlang das Gefühl hatte. Sie hatte am Abend mit dem Übersetzen angefangen. Catherine hatte gehört. Mrs.

« Catherine wandte sich vom Fenster ab und betrachtete den brüchigen Papyrus auf dem Tisch. Mrs. O’Toole sei mit einer Kanne Tee zurückgekommen. Wie an jenem Tag. Catherine ließ ihn ins Zimmer treten. Vater Garibaldi? wollte sie fragen. Aber es war Garibaldi.« Catherine wechselte die Kanäle. wenn auch in verschiedenen Arenen. Sie hatte das Ende des fünften Buches beinahe erreicht. als sie sich zum ersten Mal im Hotel Isis begegnet waren. »Sie und ich. Warum vergeben Sie dem sechzehnjährigen Jungen nicht. war das Abenteuer zu Ende. Erstaunlicherweise gewöhnte sie sich allmählich daran. Wieder einmal sah sie ihr Photo auf dem Bildschirm. Vor den Nachrichten kommt aber noch die Werbung.« Das waren Garibaldis Worte auf dem Dach des Atlantis gewesen. und fand schließlich die Mittagsnachrichten. wir sind beide Kämpfer. Wenn Catherine auch diesen Text übersetzt hatte. »Schalten Sie den Fernseher ein«. Danach blieb nur noch eine Schriftrolle übrig. auf denen die üblichen Weihnachtssendungen zu sehen waren. Sie und Garibaldi würden Abschied voneinander nehmen… Plötzlich klopfte jemand heftig an die Tür. und wenn er keine eindeutigen Hinweise über den Verbleib der siebten Rolle enthielt. »Was gibt es 507 . daß er mit seiner Anwesenheit einen Raum auszufüllen schien. daß er einem alten Mann nicht das Leben gerettet hat? Wie lange wollen wir beide uns noch selbst bestrafen und mit der Last unserer Schuldgefühle leben? »Wir sind uns ähnlich. und sie dachte. »Schnell!« »Was…?« »Ich habe die Ankündigung zufällig unten im Vorbeigehen gesehen. staunte sie auch jetzt darüber.Und was ist mit Ihnen. sagte er und zog den Mantel aus.

die sogenannte Paläographie. Doch Garibaldi hob die Hand. die vor drei Jahren aus dem ägyptischen Museum gestohlen wurde…« Catherine sah Garibaldi ungläubig an. die Schriftrollen seien Fälschungen. die Handschriftenanalyse bestätigt dieses Datum. vorgenommen. zog die Handschuhe aus und stellte den Ton lauter. die jedoch mit Hilfe von Infrarotstrahlen lesbar sind. »Laut Aussagen der Polizei ist damit der Beweis erbracht. und gleichzeitig haben Paläographen in Deutschland und Großbritannien unabhängig voneinander eine Handschriftenanalyse. »Die Infrarot-Analyse des Fragments«.« »Die Infrarot-Spektralanalyse enthüllte jedoch noch etwas anderes. weil das Material so teuer war. sagte Catherine. fuhr die Sprecherin fort. »… im Institut Technologique in Paris wurde eine Radiokarbon-Untersuchung durchgeführt. »Man hat Papyrus häufig mehrmals verwendet. Garibaldi nahm den Hut ab.diesmal?« fragte sie besorgt.11. in dem man gerade noch die Inschrift: ›Musee d’Antiquites 4.« »Wunderbar!« flüsterte Catherine. Die Datierung des Papyrus nach der Radiokarbon-Methode verweist ungefähr auf das Jahr einhundert unserer Zeitrechnung.« 508 . daß das Jesus-Fragment Teil einer Sammlung ist. was auf dem Fragment gelöscht worden ist: einen Stempel mit der Katalognummer eines Museums…« Auf dem Bildschirm erschien in Nahaufnahme ein blasser Kreis. »hat ältere Schriftzeichen sichtbar gemacht. Es handelt sich um eine Verkaufsrechnung aus der Regierungszeit des Kaisers Claudius…« »Das ist nichts Ungewöhnliches«. 45‹ erkennen konnte. die gelöscht worden waren. »Wie bitte? Gestohlen?« »Sie behaupten.

und die ägyptische Regierung entzog ihm die Lizenz für den Verkauf und den Export von Antiquitäten. Nach seiner Darstellung handelte es sich um eine Auftragsarbeit für Dr. Catherine Alexander. das die ganze Welt in Staunen versetzt. und die Sprecherin fuhr fort: »Nicholas Papazian legte gestern am späten Abend ein Geständnis ab.»Das kann nicht sein!« Es folgte ein Filmausschnitt.‹ Der Mann sprach arabisch. Sie sind eine der bekanntesten Kontaktadressen der Welt für den illegalen Handel mit Altertümern. »Es ist nicht nur Papazian. Am bekanntesten ist sein sogenannter ›Brief des Pontius Pilatus‹. Sie hätten ihn bezahlt. Ein unglücklich wirkender Mann stand vor einer Reihe Mikrophone. und in der unteren rechten Ecke des Bildschirms war ein Balken mit dem Hinweis: ›KAIRO NATIONAL TELEVISION. »Warum sagt er. Er habe sie in einem Hinterzimmer seines Antiquitätengeschäfts in Kairo hergestellt. sagte Catherine. Die Schriftrollen vom Sinai. der vor fünfzehn Jahren auf einer Auktion zehn Millionen Dollar erzielte.« »Aber was steckt hinter dieser Geschichte?« fragte Garibaldi. »hat bereits früher Handschriften gefälscht. Der Mann ist geradezu unanständig reich und verbirgt seine kriminellen Machenschaften hinter der Fassade neu erworbener Ehrbarkeit. Nach einem Geständnis wurde Papazian zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. fuhr die Sprecherin fort. damit er 509 . Kurze Zeit später entdeckte man. »In meinem Auftrag? Ich habe den Mann noch nie gesehen!« »Papazian«.« Catherine sprang auf. Seine ganze Sippe ist in diesem zwielichtigen Bereich tätig.« »Ich habe von ihm gehört«. so sagt er. daß es eine Fälschung war. seien sein Werk.

wenn er sie nicht begangen hat?« »Für genug Geld würde er wahrscheinlich alles gestehen. »Er würde ein paar Leute bestechen und nicht ins Gefängnis wandern. Und ich habe den Korb mit den Schriftrollen entdeckt. »… meine Regierung befindet sich deshalb in einer sehr peinlichen 510 .« »Dazu wäre eine Menge Geld nötig. der so etwas inszenieren und finanzieren könnte…« »Havers…«. dieser Korb war nicht erst vor kurzem dorthin gebracht worden. sagte Catherine.die Schriftrollen fälscht?« »Ich weiß es nicht. bei so einem krummen Ding mitzuspielen?« Catherine kaute auf ihrer Unterlippe. Der Korb saß fest in dem unterirdischen Gang. »und dann alle Experten. Garibaldi ging nachdenklich im Zimmer auf und ab. wieder im Gefängnis zu landen?« Garibaldi schüttelte den Kopf. Wieso gesteht dieser Papazian eine kriminelle Tat. Wenn es eine abgekartete Sache ist. wie hat man die Leute dazu gebracht. »Er muß dahinterstecken. die das Fragment untersucht haben. und ich kenne nur einen Mann. Wie hätte Papazian die Schriftrollen oder das Fragment dorthin bringen können? Ich habe die Pflanzenreste am Korb analysiert. »Und riskieren.« Catherine lachte kurz und bitter. als Hungerfords Arbeiter das Fragment gefunden haben. Sie sind eindeutig zweitausend Jahre alt!« Im Fernsehen wurde gerade der Sprecher des ägyptischen Ministeriums interviewt. sagte Garibaldi. Glauben Sie mir. Aber wie hat er es gemacht? Ich war dort.« »Aber der Stempel des Museums«. »Ein noch größeres Rätsel ist das Motiv dafür.

und bisher liegen keine Beweise für die Existenz von Schriftrollen vor.Lage. wurde gerade die Direktorin der Stiftung interviewt.« Garibaldi mußte nicht weit gehen. Ich bin gleich wieder da. Was das Fragment betrifft. daß er persönlich das Fragment sowie den. »Es kursierten Gerüchte von Schriftrollen. die Weihnachten bei Mrs. falls die Grabung nicht bald Erfolge vorweisen würde. O’Toole verbrachten. und alle sechs Gäste. hatten sie bereits gelesen.« Dann kam ein Archäologe zu Wort. wie sich herausstellte. mit Steinen gefüllten Korb aus dem Zelt von Dr. ihr die Mittel zu streichen. so war ich zunächst von seiner Echtheit überzeugt…« »Merkwürdig«. »Ist das wahr?« Sie machte ein finsteres Gesicht. Ein Reporter fragte: »Wir haben gehört.« Garibaldi sah Catherine an. zurückhaltendem Ton erklärte. wird heute wahrscheinlich etwas darüber in den Morgenzeitungen stehen. murmelte Catherine und ging näher an das Fernsehgerät heran. um mein 511 . sagte er mit hochgezogenen Augenbrauen.« »Dann unterstellen sie…« »Daß ich die Schriftrollen gefälscht habe. Stimmt das?« »Dazu kann ich leider nichts sagen. »Wenn die Neuigkeit gestern abend in Ägypten bekannt geworden ist. Alexander entfernt habe. »Ja. und es gibt Photos«. daß die Stiftung Dr. der in betont sachlichem. Die Samstagszeitung lag im Wohnzimmer. Als Garibaldi in Catherines Zimmer zurückkam. »Aber Photographien lassen sich nicht analysieren. Sie betrachtete prüfend das in der rechten oberen Ecke eingeblendete Bild des Fragments und sagte: »Wenn ich das doch gedruckt sehen könnte…« »Kein Problem«. rief Garibaldi. Alexander in einem Brief gedroht hat.

wie die Menschen das ewige Leben finden können. Dazu gab es Photos von Catherine. und dabei stellte sich heraus.Projekt weiterführen zu können. von Nicholas Papazian. Der Artikel stand auf der ersten Seite. daß sie eine ganze Menge Anatas aufweist. Das bedeutet. Darüber stand als Schlagzeile: ›FÄLSCHUNG!‹ »Warum steht das auf dem Titelblatt?« fragte Catherine kopfschüttelnd. was unter dem Einfluß der Medien in den Köpfen der Menschen auf aller Welt für Erwartungen geweckt worden sind? Die Nachricht heute wird für viele wie eine eiskalte Dusche sein. eine Menge Leute haben sich große Hoffnungen gemacht. Wer weiß.« Garibaldi warf einen Blick auf Catherine.« »Dahinter muß Havers stecken«. also Titandioxyd enthält. Wir haben Tintenpartikel abgelöst und sie unter dem Elektronenmikroskop analysiert. »Es gibt doch auch noch andere Neuigkeiten auf der Welt. die 512 . daß die Tinte Anatas. die Tinte stammt aus neuerer Zeit. sagte Garibaldi und gab ihr die Zeitung. daß in den Schriftrollen ein Hinweis auf die Zeitenwende zu finden ist. Da es jedoch möglich ist. wurde die Tinte mit einem Röntgenverfahren untersucht.« »Ich nehme an. der Fundstelle und dem Jesus-Fragment. die sich weder das Fernsehen noch die Zeitungen entgehen lassen. Dabei hat sich gezeigt. das erst in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts erfunden wurde. daß ein altes Dokument winzige Spuren von Anatas aufweist.« Im Fernsehen erklärte gerade eine Wissenschaftlerin aus Denver: »Unserem Institut wurde ein winziger Teil des Fragments zur Verfügung gestellt. Insofern ist das mit der angeblichen Fälschung eine Sensation. Oder daß sie vielleicht das Geheimnis enthüllen.

Offenbar war der ägyptischen Regierung die Sache peinlich. »Machen Sie sich jetzt keine Vorwürfe. erwiderte sie. sie übte harte Kritik an Catherine. Aber ich werde ihn nicht in diesen Fall hineinziehen. und daß ich aus meinem Versteck auftauche. falls er dahintersteckt?« Catherine sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an. daß es sich bei dem Dokument tatsächlich um eine Fälschung handelt. um mich zu verteidigen. Sie war leichenblaß. Trotzdem sind die Schriftrollen nicht gefälscht.fassungslos vor dem Bildschirm stand. Sie hatte Angst. daß sich Havers das Ganze ausgedacht hat. wo die sogenannten Schriftrollen gefunden worden seien. Das hilft uns nicht weiter. daß Sie…« Catherine schlug die Hände vor das Gesicht. ich werde die Schriftrollen herausgeben. Dann bestätigen alle namhaften Experten und angesehenen Wissenschaftler. »Gott. und sie war verzweifelt. was dieser Schachzug bewirken soll. »Nicholas Papazian bekommt plötzlich ein schlechtes Gewissen und beschließt zu gestehen. daß er mich reizt.« Garibaldi beugte sich über sie. Es tut mir schon leid. sagte sie. »Er könnte bezeugen.« »Hat jemand die Schriftrollen außer Ihnen und Daniel gesehen?« »Julius«.« Sie überflog den Zeitungsartikel noch einmal. daß er die Handschrift gefälscht hat. Aber wir sind nicht einmal sicher. Vielleicht rechnet er auch damit. »Vielleicht glaubt er. daß sie echt sind. Was gewinnt Havers. die Behörde werde die Grabungen an der Stelle weiterführen. Im Fernsehen beendete die Wissenschaftlerin 513 . Das Ministerium in Kairo forderte sie ultimativ zu einem Gespräch auf und erklärte. »Kein Mensch wird mir glauben«. Dann betrachtete Catherine die Abbildung des JesusFragments. was für ein Durcheinander habe ich angerichtet. Wir müssen herausfinden.

daß er als Opfer dasteht und Sie als Betrügerin. sagte Garibaldi. »hat Havers gestern angekündigt.« 514 .des Instituts in Denver ihre Ausführungen. Und jetzt wird mir kein Mensch auf der ganzen Welt mehr glauben.« »Deshalb«. und es gab vielen Menschen das Gefühl. daß man ihn heute interviewen würde.« »Natürlich hat er es geplant. und ich kann niemandem außer mir selbst einen Vorwurf machen. als sie den mysteriösen Korb geöffnet hat. »der Mann ist gut. der zu seinem Haus führte. daß es sich bei dem Fragment um eine Fälschung handelt. es war meine Schwäche.« »Du Schwein!« Catherine ballte die Fäuste. die in so vielen Menschen geweckt wurden. sie seien echt. Es war mein Fehler. als er fortfuhr. die Schriftrollen könnten bestimmte Informationen religiöser Art enthalten. »Offen gestanden. Dadurch war von vornherein klar. Mein Angebot von fünfzig Millionen Dollar ließ sich als eine gewisse Bestätigung der Echtheit der Schriftrollen deuten. Miles Havers stand auf dem gepflasterten Weg. denn Catherine Alexander hat mich wie alle anderen hinters Licht geführt! Darüber hinaus fühle ich mich persönlich verantwortlich für die Hoffnungen. sagte Garibaldi ernst. der Betrug bringt mich in große Verlegenheit. überrascht mich die Nachricht nicht. Er hat alles so eingefädelt. »Ich kann nur sagen. Havers’ typisches Lächeln wich einem Ausdruck moralischer Besorgnis. war niemand anwesend. er führe mit Ihnen geheime Verhandlungen über den Kauf der Schriftrollen. Man muß schließlich den zweifelhaften Ruf dieser Archäologin in Betracht ziehen. Dafür entschuldige ich mich.« »Ich muß zugeben«. und auf dem Bildschirm erschien die Auffahrt eines Anwesens irgendwo in den Bergen. Vergessen wir nicht.

Garibaldi beugte sich darüber. Darauf wartet er jetzt. was sagen Sie dazu?« Die schlanke. »Sehen Sie sich das an«. »Was ist?« Catherine öffnete die blaue Tasche und nahm behutsam den Buchdeckel heraus. Wir hofften alle.« Catherine schaltete den Fernseher ab und griff nach der Zeitung. daß er heimlich verhandelt. daß ich unüberlegt handle und einen Fehler mache. »Er hofft. Darin lag die untere Hälfte des Jesus-Fragments. Miles hatte mir nicht einmal gesagt. Plötzlich sagte sie: »Moment mal…« Sie ging mit der Zeitung zum Tisch und hielt sie unter das Licht. Catherine hielt die Zeitung daneben. Und jetzt…« Sie schüttelte fassungslos den Kopf. Alexanders Unschuld überzeugt sein zu können. als von Dr. Aber wir müssen uns fragen: Wo ist sie? Und warum geht sie nicht an die Öffentlichkeit. verstehen Sie mich nicht falsch«. aschblonde Frau antwortete: »Ich bin sprachlos. sagte Garibaldi. sagte sie. Ich hatte natürlich von dem sensationellen Fund gehört. Sie schlug den Buchdeckel auf. ich werde mich über diese Verleumdungen so aufregen. um Sie aus dem Versteck zu locken«. »Was soll ich mir ansehen?« 515 . der als Schutz der gefalteten Schriftrollen gedient hatte.»Bitte. um sich zu verteidigen?« »Da haben wir es! Er pokert. sie würden eine bestimmte Botschaft enthalten. Er hat sich das alles einfallen lassen. »Es ist eine große Enttäuschung. Mir wäre nichts lieber. fuhr Havers fort. »Mrs. Sie betrachtete noch einmal aufmerksam die Abbildung des Fragments der Handschrift. »ich erhebe keinerlei Anschuldigungen.« Der Reporter mit dem Mikrophon wandte sich an die Frau neben Havers. Havers. um die Schriftrollen zu kaufen.

Es sei denn. habe ich einem Freund in Zürich ein kleines Stück des Papyrus geschickt. Vergleichen Sie ihn mit dem oberen Rand meines Papyrus.« Sie blätterte die Seiten durch. Möglicherweise ist der Regierung überhaupt nicht bewußt. im Auftrag von Havers?« »Ja…« »Es wird schwer sein. damit er das Original durch die Fälschung ersetzt.« »Nein?« »Die Wissenschaftler lügen nicht! Sie haben eine Fälschung begutachtet! Es handelt sich nicht um das Dokument.»Das Fragment in der Zeitung. »Bevor ich vom Sinai abgereist bin.« »Sie meinen. sondern um eine Fälschung!« »Sie meinen. das ich zurückgelassen habe. »Dieses Fragment«. das ich im Zelt zurückgelassen habe. Sie melden sich zu Wort und kontern mit Ihrem Verdacht…« »Ich habe eine bessere Idee«. Sie hätten ihn dafür bezahlt. »Sie passen nicht zusammen«. den Hungerfords Männer gefunden haben. sagte Catherine. das zu beweisen. bewußt eine Fälschung hergestellt und dann behauptet. Papazian hat das Fragment kopiert. daß der Papyrus vertauscht worden ist.« Er betrachtete beides. Aber wo ist dann das echte Fragment?« »Wer weiß? Der Austausch kann auf hoher Ebene veranlaßt worden sein – vielleicht hat auch mein Assistent Samir etwas damit zu tun. Er heißt Hans Schüller und arbeitet in einem Institut. bis sie die 516 . Papazian hat vielleicht einen Beamten bestochen. erklärte er. »ist nicht das Fragment. das Altersbestimmungen nach der Radiokarbonmethode durchführt. nicht um den Papyrus. sagte sie und wies auf die Zeitung. ging an die Tasche und holte ihr Adreßbuch heraus. Achten Sie auf den unteren Rand.

Die Öffentlichkeit wird mit diesem Fall in Atem gehalten. ich kann mich auf ihn verlassen…« »Wollen Sie ihn anrufen?« »Ich versuche es im Institut. sagte er sanft und legte ihr die Hände auf die Schultern. Ich weiß. O’Toole wäre sehr enttäuscht. Sie gehen jetzt hinunter zum Essen und feiern mit den anderen Weihnachten.« »Es ist Weihnachten.« Der Apparat am anderen Ende klingelte ein paarmal.« »Aber wie kann er von Schüller gewußt haben?« »Ich muß in Daniels Wohnung etwas über ihn gesagt haben. »Sie haben recht. Warum nur schießen alle auf mich…?« »He«. »Es wird schon gutgehen. »Ja. ich bleibe bei Ihnen. sagte sie und ging zum Telefon.« Sie rieb sich den Nacken und lockerte Kopf und Schultern mit kreisenden Bewegungen. »Nur Daniel wußte davon«. »Wo ich bin?« Sie legte schnell auf. und es könnte jemand Verdacht schöpfen. Plötzlich fühlte sie sich sehr müde. Wir müssen sehr vorsichtig sein. Hans«. »Ich habe Schüller gebeten.« »Nein. Jeden Tag gibt es neue Sensationsmeldungen. Hier findet uns 517 . dann legte sie auf. »So. nichts zu sagen. »so muß es wohl sein. sagte sie.« »Mrs. Das kommt vor. aber die bekomme ich bestimmt bei der Auskunft. Die Männer von Havers haben damals in Santa Barbara alles abgehört. es ist unterwegs verlorengegangen. »Havers hat ihn gekauft.« »Haben Sie seine Privatnummer?« »Nein.« Ihr Gespräch mit Schüller fünf Minuten später war kurz. Ich bin sicher.Telefonnummer gefunden hatte. Wie bitte?« Sie sah Garibaldi an.

niemand. Und bald ist alles vorbei.« Und dann werden wir uns trennen. »Ich arbeite weiter an der Übersetzung. Je schneller wir zum Ende kommen, desto besser.« »Sind Sie sicher, daß alles in Ordnung ist?« »Keine Angst, Vater Garibaldi«, sagte sie. »Auch wenn ich noch so wütend bin, sind Miles Havers die Hände gebunden. Er kann nichts sagen, was mich dazu bringen würde, etwas Unüberlegtes zu tun.«

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Malibu, Kalifornien
Julius suchte eine Telefonzelle in einem kleinen Einkaufszentrum an der Küstenstraße. Als er einen freien Apparat fand, wählte er schnell und griff nach seinem Zettel. Er hatte sich aufgeschrieben, was er sagen wollte. Die Zeit war knapp. Es war ihm gelungen, den Mann im weißen Wagen abzuschütteln. Aber er wußte nicht, wie schnell der Aufpasser seine Spur wiederfinden und ihm hierher folgen würde. Während er darauf wartete, daß jemand am anderen Ende den Hörer abnahm, überlegte er, ob es möglich sei, einen Anruf aus einer öffentlichen Telefonzelle zu lokalisieren. Auf alle Fälle behielt er die Straße im Auge, und als sich schließlich eine Frauenstimme meldete, sagte er klar und deutlich: »Ich möchte eine Nachricht für eine Besucherin hinterlassen, die bald zu Ihnen kommen wird. Hören Sie? Ja gut, ich buchstabiere den Namen…« Beim Sprechen nahm er die Zeitung, die er sich unter den Arm geklemmt hatte, und legte sie auf die kleine Ablage unter dem Apparat. Selbst jetzt, Stunden, nachdem er die Schlagzeile gesehen hatte, empfand er noch den Schock. Eine Fälschung! Wie konnten die Schriftrollen gefälscht sein? Er hatte sie mit eigenen Augen gesehen und hätte schwören können, daß sie echt waren. Catherine kannte sich auf ihrem Spezialgebiet aus. Sie hätte Fälschungen erkannt. »Würden Sie es bitte wiederholen?« sagte er ins Telefon. Nachdem er sich vergewissert hatte, daß die Frau in der Zentrale am anderen Ende seine Nachricht richtig notiert hatte, legte Julius auf und blickte auf die Uhr. Camilla Williams von Augenzeugen hatte ihm zugesagt, daß das
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Interview am nächsten Tag gesendet werden würde – landesweit. Das war die einzige Bedingung gewesen, unter der er sich zu dem Gespräch bereit erklärt hatte. Morgen um diese Zeit, so beruhigte er sich, wird die ganze schreckliche Sache vorbei sein. Er konnte und wollte Catherine die unangenehme Wahrheit nicht vorenthalten, daß Sabina ihre Geschichte nie zu Ende geschrieben hatte und daß es keine siebte Schriftrolle gab. Julius mußte jetzt dafür sorgen, daß alle Spekulationen aufhörten. Wenn erst einmal das Interesse der Medien erloschen war, wenn sich alle Mißverständnisse aufgeklärt hatten, dann würden sie daran denken können, wieder ein normales Leben zu führen. Im Augenblick konnte er jedoch nichts anderes tun, als warten und darauf hoffen, daß Catherine in ihrem Versteck blieb und schwieg und daß sie nichts tun würde, was ihren Aufenthaltsort verriet.

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Washington, D.C.
Cornelius Severus ritt nach Chichester, um sich mit dem Führer der Britonen zu treffen, und wie immer begleitete ihn Philos… »Mit wem will er sich treffen?« fragte Catherine laut. Am liebsten hätte sie Sabina angeschrien: »Verrate mir den Namen des Führers der Britonen! War es Cunobelinus?« Denn in diesem Fall wäre Sabina während der Herrschaft des Claudius in Britannien gewesen, und das hätte eine sichere Datierung der Schriftrollen bedeutet. Catherine sank enttäuscht auf dem Stuhl zusammen und warf den Kugelschreiber auf den Tisch. Sabina berichtete ihre Geschichte eindeutig jemandem, der die zeitgenössischen Begleitumstände kannte. So, wie heute jemand sagen würde: »Damals, Ende der sechziger Jahre, haben wir gegen den Krieg protestiert«, ohne ausdrücklich vom Vietnam-Krieg zu sprechen, so bestand auch für Sabina kein Grund zu sagen, auf welchen Kaiser, welches Jahr seiner Regierung oder auf welchen Führer der Britonen sie sich bezog. Es war alles sehr frustrierend. Aber noch schlimmer war, daß sich Catherine bereits dem Ende der fünften Schriftrolle näherte. Und nach allem, was sie sehen konnte, war die sechste Rolle nicht sehr lang. Es blieben Sabina nicht mehr viele Möglichkeiten, durch einen eindeutigen Hinweis klarzustellen, in welcher Zeit sie gelebt hatte. Catherine stand vom Tisch auf, reckte sich und blickte aus dem Fenster. Es waren keine Sterne zu sehen. Der Wetterbericht hatte Schnee angekündigt. Sie warf einen Blick auf die Uhr. Es war elf Uhr abends. Im Haus von Mrs. O’Toole war es inzwischen still geworden. Alle
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schliefen nach einem langen Tag mit Sherry und Weihnachtsliedern, dem üppigen Abendessen mit gebratener Gans und vielen anderen Gängen. Mrs. O’Toole war so freundlich gewesen, Catherines Portionen auf einem Tablett heraufzubringen. Catherine hatte alles aufgegessen, nur das Dessert stand noch auf dem Nachttisch. Sie hatte Garibaldi noch einmal kurz gesehen. Auf dem Weg in sein Zimmer war er hereingekommen, um sich nach ihrem Wohlbefinden zu erkundigen. Leider war am nächsten Tag Sonntag, und der Computerladen würde ebenso geschlossen sein wie die Bibliotheken und alle anderen Einrichtungen, die Zugang zum Internet hätten bieten können. »Wir müssen bis Montag warten«, hatte er gesagt. Ja, am Montag würden sie einen sicheren Weg finden, sich wieder ins Netz einzuloggen und nach den neuen Namen zu suchen, die Catherine in Sabinas Bericht über ihre Jahre in Britannien gefunden hatte. Sie blickte noch einmal auf die Uhr und rechnete nach. In Kalifornien war es jetzt acht Uhr abends. Sie hätte gern Julius angerufen. Aber diesen Wunsch konnte sie sich nicht erfüllen. Catherine rechnete damit, daß das Abenteuer bald vorüber sein werde, wenn Sabina keine weiteren Hinweise auf den Verbleib der siebten Schriftrolle gab. Und so beschloß sie, die Spätnachrichten einzuschalten, um festzustellen, welche neuen Entwicklungen es gab. Es überraschte sie nicht, Miles Havers auf dem Bildschirm zu sehen. Er war der Star des Augenblicks, der Milliardär, der das unschuldige Opfer einer Betrügerin war. Doch als Catherine den Ton lauter stellte, war sie doch überrascht, was sie aus seinem Mund zu hören bekam. »… in bestimmten wissenschaftlichen Kreisen ist der
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Name Dr. Alexander natürlich bekannt. Ihre Mutter, Nina Alexander, wurde vom Vatikan wegen Verbreitung kirchenfeindlicher Lehren öffentlich getadelt. Und das nicht nur einmal…« Catherine sank in den Sessel und folgte fassungslos den beleidigenden Ausführungen von Havers. »… sondern mehrmals, bis sie ihren Lehrauftrag an einem katholischen College verlor. Sie werden sich vielleicht erinnern«, sagte er und lächelte der Moderatorin zu, mit der er offenbar ein langes Studiogespräch führte, »daß Nina Alexander behauptete, den Beweis dafür gefunden zu haben, daß Frauen und nicht Männer auf dem apostolischen Stuhl im Vatikan sitzen müßten.« Er lachte leise, und auch die Moderatorin lächelte über diese absurde Vorstellung. »Ein befreundeter Psychologe vertritt die Theorie, daß Catherine Alexander mit der Fälschung ihre Mutter rehabilitieren möchte. Ich glaube, eine Bestätigung dafür ist die Tatsache, daß sie das Wort Diakonos in den Text eingefügt hat, um zu beweisen, daß Frauen das Priesteramt ausüben sollten.« »Mein Gott«, flüsterte Catherine. »Er ist ja schlimmer als die Inquisition…« »Und natürlich«, fuhr Havers fort, »ist das Skelett, das angeblich zusammen mit den Schriftrollen gefunden wurde, ein weiterer Beweis dafür, daß Dr. Alexander die ganze Sache inszeniert hat.« Er lächelte triumphierend. »Ich meine, die Handgelenke waren mit Lederriemen gefesselt, und niemand zweifelt daran, daß es sich um das Skelett einer Frau handelt!« Er lachte. »Ich kann mir gut vorstellen, aus welchem Grund unsere Archäologin das alles getan hat. Die ganze Welt sollte glauben, es habe sich um eine Art Märtyrerin gehandelt. Aber soviel wissen wir über die Sitten und Gebräuche, um sagen zu können, daß es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um eine Frau
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handelt, die vor zweitausend Jahren ihren Mann betrogen hatte und zur Strafe in den Brunnen geworfen wurde.« Catherine umklammerte die Armlehnen des Sessels. Wie kann er so lügen’? Die Frau im Brunnen ist für ihren Glauben den Märtyrertod gestorben! »Mr. Havers«, unterbrach ihn die Moderatorin. Havers lächelte unwiderstehlich: »Bitte nennen Sie mich Miles.« »Miles, was halten Sie von der neuesten Entwicklung in dieser Angelegenheit? Nicholas Papazian in Kairo hat seine Aussage korrigiert.« Catherine runzelte die Stirn. War ihr seit den Mittagsnachrichten etwas entgangen? »Offen gestanden überrascht es mich nicht, daß eigentlich Daniel Stevenson den Weg für die Fälschung gebahnt hat. Schließlich haben wir es bei ihm mit einem Mann zu tun, der glaubte, die Azteken seien Nachfahren von Marsbewohnern gewesen!« Catherine schaltete schnell den Fernseher aus und starrte auf den dunklen Bildschirm. Sie spürte, wie sich der Schock allmählich in kochende Wut verwandelte. Danno! Er zieht auch noch Danno in den Schmutz! Genügte es diesem Schwein nicht, daß er ihn umgebracht hatte? Mußte er Danno in den Augen der Welt auch noch zu einem Narren und zu einem Dummkopf machen? Danno war nicht mehr am Leben, um sich zu verteidigen! Catherine traten in ohnmächtiger Wut die Tränen in die Augen. Sie ging in Richtung Tür. Das mußte sie Garibaldi sagen. Aber mitten im Zimmer blieb sie stehen. Garibaldi konnte nichts tun. Allerdings konnte und mußte sie etwas tun. Sie hatte Dannos Laptop und mußte Online gehen. Nur noch einmal, ein einziges Mal… Sie trocknete sich die Augen, überflog den Wirtschaftsteil der Zeitung und suchte nach Inseraten von
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Online-Diensten. Es gab eine eigene Rubrik für Internet. Dort fand sie Galaxy BBS in Baltimore, das den Zugang innerhalb einer Stunde anbot. Catherine gab dem Unternehmen die Nummer ihrer Kreditkarte. Wie versprochen war der Zugang eine Stunde später möglich. Als sie sich in den IRC befand, betete sie, daß #hawksbill offen sein werde. Aber wenn alle aus der Gruppe Weihnachten mit ihren Familien verbrachten, würde #hawksbill nicht einmal angezeigt sein. Sie konnte #janet wieder öffnen, doch die Wahrscheinlichkeit war gering, daß es jemand von #hawksbill bemerkte. Sie wußte, ihr Vorgehen war sehr riskant. Aber das kümmerte sie im Augenblick nicht. Dieses Schwein hatte Danno und ihre Mutter in den Schmutz gezogen. Sie würde sich rächen! Sie tippte llist, drückte die Eingabetaste und ballte die Fäuste. Bitte… bitte seid da… Da kam es: #hawksbill. Aber es war nur eine Person im Kanal: Jean Luc, der mit dem @ vor seinem Namen an diesem einsamen Weihnachtsabend auf Gesellschaft zu warten schien. Catherine meldete sich als Janet. [Jean-Luc] Fröhliche Weihnachten, Janet. «Janet»Fröhliche Weihnachten. [Jean-Luc] Du hättest nicht hier auftauchen sollen – zu gefährlich. «Janet »Hat sich heute schon jemand bei dir gemeldet? [Jean-Luc] Nein, die sind alle mit ihren Familien beschäftigt. «Janet»Bist du allein? Catherine wartete. «Janet »Jean Luc: Bist du allein? [Jean-Luc] Ja. «Janet»Wo bist du?
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[Jean-Luc] Das ist gegen die Regeln von Hawskbill. «Janet »Du weißt, wer ich bin. Ich muß wissen, wer du bist. Sie wartete wieder auf Antwort. [Jean-Luc] Einfach ein Freund… Ja, glaub mir, ich bin dein FREUND! «Janet »Bist du ein Mann oder eine Frau? Während Catherine wartete, lauschte sie auf das stille Haus und die ruhige Nacht draußen. Dicke Schneewolken hingen am Himmel und hüllten die Welt in Stille und Frieden. Sie hatte das Gefühl, Jean-Luc und sie seien die einzigen Menschen auf der Welt – gesichtslos, alterslos, geschlechtslos, unbelastet von Körpern und den Vorurteilen des Sehens und Hörens. Sie waren reine Gedanken, Elektronen, zwei entmaterialisierte Menschen, die sich in einem nichtexistenten Raum trafen. Sie wußte nicht einmal, von welchem Ort auf der Welt sich ›JeanLuc‹ meldete. Er oder sie konnte in China sein oder womöglich auf der anderen Straßenseite. Doch es war ein seltsam intimer Augenblick, und Catherine fühlte sich flüchtig enger mit Jean-Luc verbunden, als sie das je bei einem Menschen erlebt hatte. [Jean-Luc] Du hättest dich nicht melden sollen – zu gefährlich. «Janet»Ich mußte es – um Barrett zu verteidigen. Hast du ferngesehen? [Jean-Luc] Ja»:-[ «Janet»Barrett hat die Schriftrollen NICHT gefälscht. Dr. Alexander hat sie auch nicht gefälscht. *Die Schriftrollen sind echt* Und sie hat NICHT mit Miles Havers um fünfzig Millionen Dollar verhandelt. Er hat nie Kontakt zu ihr aufgenommen.
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[Jean-Luc] Ist Havers der Bösewicht? Sie starrte auf den Monitor. »Ist Havers der Bösewicht?« Das hieß im Klartext: Hat Havers Daniel umgebracht? «Janet»Havers beschuldigt Barrett, ein Fälscher zu sein, weil Daniel nicht mehr lebt, um sich verteidigen zu können. Das mußt du glauben. Du mußt es allen sagen. [Jean-Luc] Janet: Ist Havers der Bösewicht? Catherine zögerte. [Jean-Luc] Wiederhole: Ist er der Bösewicht und hinter Dr. Alexander her? «Janet »Darüber kann ich jetzt nicht sprechen. [Jean-Luc] Du hast unser Mitgefühl, aber Miles Havers ist ein mächtiger Mann. «Janet»Leider. Catherine beobachtete den Bildschirm. Der Cursor blinkte, und die Zeit verging. Sie war versucht, Jean-Lucs wahre Identität herauszufinden. Sie wußte, sie konnte es tun, indem sie einen Befehl eingab, der seine IP-Adresse verriet. Ein bißchen Detektivarbeit würde sie direkt zu ihm oder ihr führen. Catherine tippte /whois jean-luc/ und ließ die Hand über der Eingabetaste schweben. [Jean-Luc] Janet: Wir werden tun, was wir können. «SERVER»Jean-Luc hat sich verabschiedet.

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DER DREIZEHNTE TAG

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Sonntag, 26. Dezember 1999 Santa Fe, New Mexico
Irgend etwas weckte Erika auf. Zuerst wußte sie nicht, was es war. Sie lag im Bett, lauschte auf die Stille im Haus und versuchte, sich zurechtzufinden. Die Leuchtziffern ihres Weckers verrieten, daß es zwei Uhr morgens war. Sie wartete mit angehaltenem Atem. Dann drehte sie den Kopf auf dem Kissen und sah, daß Miles nicht im Bett lag. Wieder einmal… Wenn eine wichtige Transaktion bevorstand oder wenn er sich mit einem neuen Software-Code herumschlug, hatte er in den vergangenen Jahren immer wenig geschlafen. Erika hatte jedoch das Gefühl, daß sie in letzter Zeit öfter als üblich feststellen mußte, daß er nicht im Bett war. Sie dachte an die überraschende Presseerklärung zu den Schriftrollen, die er vor zwei Tagen abgegeben hatte. Erika war völlig ahnungslos gewesen. Sie hatte wirklich nichts davon gewußt, daß er die Schriftrollen kaufen wollte und mit der untergetauchten Dr. Alexander Geheimverhandlungen führte. Beamte des FBI waren bis in den späten Abend im Haus gewesen und hatten Miles befragt. Dann stellte sich heraus, daß es sich um Fälschungen handelte! Der arme Miles mußte öffentlich eingestehen, daß er getäuscht worden war. Das ist Miles, dachte Erika, als sie aufstand und den Morgenmantel überzog, er wollte die Schriftrollen für die Welt retten. Wahrscheinlich hatte er bereits ein Gebäude für sie geplant, wo die Öffentlichkeit sie hätte sehen und
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die Wissenschaftler sie hätten studieren können. Es mußte eine große Enttäuschung für ihn gewesen sein. Während sie durch das dunkle, schlafende Haus ging, dachte Erika: Er sollte jetzt nicht allein sein und sich über die Niederlage ärgern. Sie würde ihn trösten und dafür sorgen, daß er ins Bett zurückkam. »Wir haben sie!« rief Teddy. »Sie hat sich bei Galaxy BBS, einem lokalen Server in Baltimore, angemeldet. Sie bieten einen besonders schnellen Zugang zum Internet.« Havers kam herüber. Sie warteten schon ungeduldig, seit der Computer, der Catherine Alexanders Kreditkarte überwachte, sie vor ein paar Stunden durch einen Warnton darauf vorbereitet hatte, daß die Karte benutzt worden war. »Baltimore«, sagte Havers mit einem Blick auf den Bildschirm. Zeke hatte also recht gehabt. Als Zeke am Abend zuvor behauptete, daß die Spur von Dr. Alexander und ihrem Begleiter von Las Vegas zum Dulles-Flughafen in Washington führe, war Havers skeptisch gewesen. Warum um alles in der Welt sollte sie ausgerechnet dorthin geflogen sein? »Wie schnell können Sie Zugang zu dem System in Baltimore bekommen?« fragte er Teddy. »Hängt ganz davon ab. Ich muß ihre IP-Adresse ausfindig machen«, erwiderte Teddy, dessen Finger bereits über die Tastatur glitten. »Einen Merker anbringen, die Such-Software laden…« »Sehen Sie sich die Teilnehmer-Dateien an. Vielleicht hat sie die Telefonnummer angegeben, über die sie sich einwählt.« »Ja, das würde den Job sehr viel einfacher machen…
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He! Sehen Sie!« Miles blickte auf den Monitor. Galaxy BBS in Baltimore benutzte Scimitar-Software von Dianuba Technologies in der Version von 1998. »Sag ich’s doch!« Teddy stieß einen leisen Pfiff aus. Er hatte an der Entwicklung des Sicherheits-Codes für Scimitar mitgearbeitet. Ein Blick auf die Armbanduhr verriet Havers, daß es in Washington fünf Uhr morgens war. »Hängen Sie sich dran! Wenn wir Glück haben, meldet sie sich noch einmal, bevor die Verbindung wieder getrennt wird.« Teddy machte sich daran, das System von Galaxy BBS zu knacken. Miles ging außer Hörweite des jungen Mannes. Er zog das Telefon aus der Tasche des Morgenmantels und wählte eine Nummer. Er konnte ein zufriedenes Lächeln nicht unterdrücken. Sein Plan funktionierte. Miles hatte damit gerechnet, daß es Catherine Alexander nicht schweigend hinnehmen werde, daß der Name ihrer Mutter durch den Schmutz gezogen oder ihr Freund Daniel als Fälscher bezeichnet wurde. Er setzte darauf, daß sie reagieren werde wie vor ein paar Tagen, als die negative öffentliche Meinung sie dazu getrieben hatte, über Internet Hilfe zu suchen. Miles hatte sie mit seiner Strategie sozusagen ›gezwungen‹, sich noch einmal unüberlegt ins Netz einzuwählen. Die Mühe hatte sich gelohnt. Er hatte sich von Papazian eine Fälschung des Fragments herstellen und sie gegen das echte austauschen lassen. Miles wußte jetzt, dieses Mal war ihm das Kaninchen in die Falle gegangen. »Tut mir leid, Mr. Havers«, rief Teddy vom anderen Ende der langen Reihe von Monitoren, »Dr. Alexander hat keine Telefonnummer in Baltimore angegeben, sondern ihre eigene Nummer in Santa Monica. Dumm ist sie nicht…«
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Ja, dumm ist sie nicht, dachte Havers und nickte. Als sich Zeke meldete, ging er in die Nähe der Tür und drehte dem jungen Mann den Rücken zu, damit Teddy nicht hörte, was er sagte: »Sie sind in der Umgebung von Baltimore. Mir ist es gleich, wie Sie den Priester und diese Frau aus dem Weg räumen. Aber beschaffen Sie mir auf jeden Fall die Schriftrollen und vergessen Sie nicht den Computer. Ich brauche das Tagebuch von Stevenson.« Erika hatte gerade anklopfen wollen, obwohl die Tür einen Spalt offenstand. Sie wußte, wie wichtig Miles seine Privatsphäre war und daß er es nicht schätzte, wenn man überraschend bei ihm in einem Zimmer auftauchte. Aber anstatt anzuklopfen, wich sie langsam von der Tür zurück. Sie konnte nicht glauben, was sie gerade gehört hatte… ÜBERWACHUNG GALAXY BBS IP Adresse 204.16.78.101 »»Nbosc hat sich zugeschaltet, 8.02 Uhr »»MrySpncer hat sich zugeschaltet, 8.03 Uhr »»robertsoo? hat sich zugeschaltet, 8.05 Uhr »»Nbosc hat abgeschaltet, 8.07 Uhr »»LtChab hat sich zugeschaltet, 8.07 Uhr »»kharvey hat sich zugeschaltet, 8.10 Uhr Miles drehte den Kopf zur Seite und blickte auf die Uhr. In Baltimore war es inzwischen acht Uhr morgens. Catherine Alexander hatte sich immer noch nicht gemeldet.

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Washington, D.C.
»Wie können Leute nur so leben?« sagte Raphael, der versuchte, sich die Hände an seinem Kaffeebecher zu wärmen. »Immer auf der Flucht…« Er und Zeke saßen in ihrem Wagen und warteten gespannt darauf, daß sich Havers meldete. Es war ein eiskalter Morgen, und sie tranken Kaffee aus Styroporbechern. Zeke haßte es, sich eine Niederlage eingestehen zu müssen. Aber als sie einen Tag lang in Washington gesucht und weder Dr. Alexander noch den Priester gefunden hatten – es erwies sich als unmöglich, alle Kirchen zu überwachen -, meldete er sich schließlich bei Havers und schilderte ihm die Lage. Jetzt mußte Zeke widerwillig die Computer bewundern. Sie hatten geschafft, was ihm trotz aller Anstrengungen nicht gelungen war. Er starrte wie gebannt auf das Autotelefon, als könnte er es dadurch zwingen zu klingeln, und murmelte: »Nun komm schon, Mädchen, schalt noch einmal deinen Computer ein…« Catherine hörte es in der Ferne donnern. Ein Gewitter über dem Meer. Soll ich den Sklaven befehlen, die Fensterläden vorzulegen? Philos! Ich muß Philos warnen… »Catherine! Machen Sie auf, ich bin es.« Sie fuhr hoch und schlug die Augen auf. Wo bin ich? Es klopfte. Das war kein Donner. Vor der Tür stand jemand. Philos? »Catherine? Sind Sie wach?« Garibaldi… Catherine ging unsicher zur Tür und öffnete sie einen
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Spalt. »Was ist…?« »Schalten Sie den Fernseher ein. Schnell!« »Was gibt es?« Sie ließ Garibaldi eintreten und war plötzlich hellwach. Dann eilte sie ins Bad und zog sich schnell den Bademantel über. »Es ist Dr. Voss.« Garibaldi wählte den Nachrichtensender. »Er hat ein Interview gegeben. Vor der Werbung haben sie das Interview angekündigt. Es wird in den Nachrichten gesendet!« Catherine glaubte, ihren Augen nicht zu trauen, als Julius auf dem Bildschirm erschien. Er saß in seinem Büro im Freers Institut. Am unteren Bildschirmrand war ein Schriftbalken eingeblendet: »Das Interview wurde um 7.08 Ortszeit in L.A. aufgezeichnet.« Catherine blickte auf den Wecker neben ihrem Bett. Hier an der Ostküste war es beinahe elf Uhr. Wie konnte sie so lange geschlafen haben? »Dr. Voss, weshalb haben Sie sich schließlich doch zu diesem Interview bereit erklärt? Bislang hatten Sie es abgelehnt, sich zu äußern.« Julius wirkte erschöpft. Er hatte dunkle Ringe unter den Augen, aber in dem eher konservativen Jackett sah er wie immer gepflegt aus. »Ich habe nicht viel zu sagen, sondern möchte Dr. Alexander bitten, ihr Vorgehen zu überdenken. Sie ist eine ausgezeichnete Wissenschaftlerin. Ich brauche sie hier dringend. Ich kann das Meritites-Projekt nicht allein durchführen. Wir haben immer gut zusammengearbeitet. Catherine, erinnerst du dich noch an das erste Mal?« »Meritites«, sagte Garibaldi. »Ist das nicht die Mumie, an der er letztes Jahr gearbeitet hat? Was meint er mit ›das erste Mal‹? Haben Sie beide schon früher zusammengearbeitet?«
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»Nein. Er versucht, mir etwas zu sagen. Warten Sie…« Catherine griff zum Telefon und ließ sich von der Auskunft die Nummer des Halekulani Hotels in Honolulu geben. Dann rief sie dort an und erkundigte sich, ob jemand eine Nachricht für Mrs. Meritites hinterlassen habe. Sie legte die Hand über den Hörer. »›Das erste Mal…‹ Ich glaube nicht, daß er damit unsere Zusammenarbeit meint. Ja? Hier spricht Mrs. Meritites. Haben Sie eine Nachricht für mich?« Sie wartete. »Ja? Lesen Sie bitte vor.« Catherine notierte etwas und legte auf. »Ich glaube, Julius hat mir verraten, wo die siebte Schriftrolle ist. Hier«, sagte sie und gab Garibaldi das Blatt. »Thomas von Monmouth?« sagte er. »Wer ist das?« Sie setzte sich an den Computer. »Ich lasse Julius nur wissen, daß ich die Nachricht bekommen habe.« »Catherine, nicht den Computer…« »Vater Garibaldi, haben Sie denn keine Augen im Kopf? Ich hatte keine Ahnung, daß ihn das alles so mitnehmen würde. Er sieht schrecklich aus. Ich muß ihn wissen lassen, daß ich seine Nachricht bekommen habe und daß es mir gutgeht. Keine Sorge. Das geht ganz schnell.« Sie startete den Computer, klickte zweimal auf das ›Galaxy‹-Symbol, rollte zu ›Dialer‹ und klickte auf ›Login.‹

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Santa Fe, New Mexico
Miles Havers blickte unverwandt auf den Monitor mit der Meldung: ÜBERWACHUNG GALAXY BBS IP Adresse 204.16.78.101 »george hat sich zugeschaltet, 8.15 Uhr »MrySpncer hat abgeschaltet, 8.16 Uhr »joe hat sich zugeschaltet, 8.16 Uhr Plötzlich zuckte es um seine Mundwinkel. »Piep! Piep! Piep! Piep! Miles richtete sich langsam auf. Die Namen rollten nicht länger, aber auf dem Bildschirm erschien die Meldung: **ANSCHLUSS-SUCHE BEGINNT** Lächelnd griff er nach seinem Telefon. Catherine Alexander hatte gerade ihre Zugangsnummer bei Galaxy BBS gewählt.

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Washington, D.C.
Das Autotelefon blinkte, und Zeke nahm sofort ab. »Ja«, sagte er in den Hörer. Er hörte zu, antwortete: »Jawohl, Mr. Havers«, und legte auf. »Sie benutzt ihren Computer«, sagte er zu Raphael. »Sie suchen gerade den Telefonanschluß.« »Brav, Baby«, erwiderte Raphael und rieb sich die Hände. »Ich beeile mich«, sagte Catherine noch einmal. »Julius soll nur wissen, daß… Was ist das?« Am unteren Rand des Bildschirms blinkte die Meldung: *E-MAIL EINGANG* »Jemand hat Ihnen eine Nachricht geschickt«, sagte Garibaldi. »Das ist unmöglich. O Gott, das bedeutet doch nicht etwa…« Sie klickte zuerst auf das Datei-Menü und dann auf ›Briefkasten‹. * Geben Sie das Paßwort ein für* joe@mail.galaxy.com Catherine tippte Batman, das im Kästchen als ****** erschien, und klickte auf die Eingabetaste. ANALYSIERE ADRESSE VON MAIL:GALAXY:GOM LOGGING INTO POP SERVER

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Santa Fe, New Mexico
Miles Havers trommelte mit den Fingerspitzen nervös auf die Schreibtischplatte, ohne den Blick vom Bildschirm zu nehmen. Er war nicht länger im Kommunikationszentrum, sondern saß in seinem burgunderroten Büro an einem Computer, zu dem sich nicht einmal Teddy Yamaguchi Zugang verschaffen konnte. *ANSCHLUSS-SUCHE LÄUFT* Miles hatte die Software zur Überwachung von Galaxy BBS selbst geschrieben und installiert. Das Suchprogramm war durch den Alarmton, den Catherines IP-Adresse ausgelöst hatte, aktiviert worden und verfolgte die Nummer zu ihrem Ausgangspunkt zurück. »Also dann«, sagte er, als auf dem Bildschirm ein Stadtplan von Washington, D.C. erschien. Er beobachtete die blauen Linien, die sekundenschnell Punkte miteinander verbanden – Signale, die wie Blitze über den Stadtplan zuckten. Havers griff nach dem Telefon in seiner Tasche und wählte. Als sich Zeke meldete, sagte er: »In einer Minute habe ich die Adresse«, und sah zu, wie die Linien von einem Punkt zum anderen hüpften. Miles lachte leise, denn er hörte, daß Zeke bereits den Wagen anließ, ohne das Telefon vom Ohr zu nehmen.

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Washington, D.C.
Auf Catherines Monitor blinkte die Meldung *E-MAIL EINGANG* von neuem. Sie klickte auf ›Briefkasten‹ und dann auf ›Neueingang‹. Garibaldi beugte sich über ihre Schulter, um besser zu sehen. »Woher kommt die Nachricht?« fragte er. Catherine erwiderte leicht verwirrt: »Der Absender wird als ›Freund‹ identifiziert.« Nach einem Doppelklick flüsterte sie: »Mein Gott!«
Return-Pfad: freund@dianuba.com Datum: Sonntag, 26. Dez. 1999,6:15:47 Von: freund@dianuba.com An: joe@galaxy.com Betr: EILT

Er hat Sie gefunden. »Hier ist die Adresse«, hörte Zeke seinen Auftraggeber sagen. »N Street 142 in Georgetown. Aber laßt sie diesmal unter keinen Umständen entkommen.« »Nein, Mr. Havers«, sagte Zeke, der bereits mit quietschenden Reifen losfuhr. »Wo ist sie?« fragte Raphael. »Nicht weit von hier.« Raphael ging daran, den Schalldämpfer an der Pistole anzubringen, und Zeke dachte sehr zufrieden: Der Computer hat es vielleicht geschafft, diese Alexander zu finden. Aber kein Computer der Welt kann sie auf die altbewährte Weise ausschalten, so, wie wir das gleich tun werden…

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DER VIERZEHNTE TAG

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sie bergen ein Geheimnis und besitzen die Kraft. Dezember 1999 Cornelius Severus ritt nach Chichester. Alle glauben. die Frau des Centurio. daß die Riesen sie in alter Zeit vom fernen Afrika hierher auf diese Ebene gebracht hätten. Damit würde ich Philos helfen. denn vielleicht gab er einen Hinweis auf die Riesen. Man nennt sie Myrddins Steine und sagt. daß sie an den geheimen Ritualen der Druiden teilnahm. Während ihrer Abwesenheit gestand mir Claudia. Ich hatte Geschichten von einer heiligen Stätte auf der Ebene im Süden gehört. 541 . Möglicherweise hatten die Druiden das Rätsel der Steine gelöst. Es heißt. die Unsterblichkeit und immerwährende Jugend. daß jeder einzelne der Steine besondere übernatürliche Kräfte besitzt. Ich wollte den ›Ring der Kraft‹ sehen. Eine andere Geschichte erzählt. diese Steine seien vom Himmel gefallen und hätten einen Kreis gebildet. Die Macht der ›Himmels‹Steine ist unvorstellbar groß. jede Krankheit zu heilen. um sich mit dem Führer der Britonen zu treffen. 27.Montag. und wie immer begleitete ihn Philos.

daß ein Wagen vor dem Gästehaus anhielt. Sogar auf dem Bahnsteig lag Schnee. Garibaldi nahm den Laptop und seine schwarze Reisetasche. O’Tooles Gästehaus zu fliehen. Vermont Als der Zug vor der Einfahrt in den Bahnhof langsamer wurde. Im Schutz einer immergrünen Hecke warteten sie auf ein Taxi und sahen.Greensville. Der Fahrer stieg aus und verschwand im Haus – es war der Killer mit dem Narbengesicht. konnte ihre Flucht bemerken. in Washington Stiefel zu kaufen. noch rechtzeitig aus Mrs. O’Tooles Haus beobachtete. obwohl es in dem Abteil nichts mehr zu befürchten gab. Sie war mit dem Kopf an Garibaldis Schulter eingeschlafen. Sie hatten die Computernachricht – ›Er hat Sie gefunden!‹ – gelesen und das Haus wenig später durch den rückwärtigen Ausgang verlassen. Ein überdachter Gang führte zum Nebenhaus. sondern ließen sich von dem Taxifahrer wie zwei neugierige Touristen die Stadt zeigen. und ihren Blicken bot sich eine verzauberte und märchenhafte Winterlandschaft. Irgendwann im Laufe der Nacht hatte er schützend den Arm um sie gelegt. Erst gegen 542 . der Mrs. Garibaldi ließ sich die Rechnung geben. Es war ihnen gelungen. das gerade völlig renoviert wurde. Sie war froh. öffnete Catherine die Augen. Catherine packte die blaue Tasche mit den Schriftrollen. Aus Vorsicht fuhren sie weder zum Flughafen noch zum Bahnhof. daß Garibaldi und sie daran gedacht hatten. Niemand. Catherine richtete sich auf und betrachtete das näherkommende Bahnhofsgebäude von Greensville.

Alexanders Schriftrollen echt seien. Alexanders Zelt entfernt hatte. das am Tag zuvor veröffentlicht worden war und das der ägyptische Archäologe angeblich persönlich aus Dr. »Fahren Sie zum Kloster in Greensville in Vermont«. daß sich unter den Experten Zweifel an der behaupteten Fälschung regten. sie aus ihrem Versteck zu locken. Alles hier war still und menschenleer. daß es sich wahrscheinlich nicht um zwei Teile desselben Dokuments handelte. die den Schriftrollen ihren Wert zurückgaben und sie wieder für seine Privatsammlung interessant machten.« Garibaldi machte sich auf die Suche nach einer Fahrgelegenheit. In dem Artikel wurde berichtet. und das andere. und Catherine kaufte eine Zeitung. Niemand folgte ihnen. Meritites gemeldet hatte. Er hatte diese Runde für sich verbuchen können. Jetzt hatten sie ihr Ziel erreicht und stapften erleichtert hinaus in die frostige Morgenluft. Catherine zweifelte keinen Augenblick daran. Der Vorwurf der Fälschung hatte nur dazu dienen sollen. nachdem sich Catherine als Mrs. Der Schnee knirschte unter ihren Schritten. da ein Vergleich der beiden Photos ergeben habe. Also bestehe durchaus die Möglichkeit. kein Mensch achtete auf sie. hatte die Frau an der Zentrale des Halekulani Hotels gesagt. ob Havers sie auch hier ausfindig machen werde. daß Havers auch diese Wendung vorausgesehen hatte. daß Dr. »Fragen Sie nach Thomas von Monmouth.Abend wagten sie sich in den Bahnhof und nahmen den Zug nach Vermont. das seit dem Tag nach Daniels Tod immer wieder in den Zeitungen erschien. Noch einmal wird er mich nicht 543 . Auf dem Titelblatt stand: ›GEFÄLSCHT ODER ECHT?‹ Darunter befanden sich nebeneinander zwei Photos des Jesus-Fragments: das Original. Catherine fragte sich.

um es zu glauben«. Der Mann aus Greensville hatte sie abgesetzt und gesagt. »Ein Mann. Sie wußte. Die Straße war völlig leer.« Doch Catherine sah die Anspannung in seinen Augen. »Wir haben Glück«. Das Kloster lag in den Bergen inmitten großer Wälder. Würden sie auch ein viertes Mal Glück haben? »Das muß man erleben. es getan zu haben. Es gab einfache Unterkünfte. sagte Garibaldi. als sie auf ihrem Weg zum Kloster durch den Schnee stapften. wenn auch nur dank der Hilfe des geheimnisvollen ›Freundes‹. »Wirklich nette Leute hier in Vermont. Er will uns mitnehmen.überlisten. Ohne den anonymen Hinweis wären sie und Garibaldi den Killern nicht entkommen.« Catherine sah ihn erstaunt an und warf dann einen Blick zur Straße zurück. »Ich bin solche Winter nicht mehr gewöhnt. Wieder einmal hatten sie überlebt. was er dachte: Sie waren zum dritten Mal um ihr Leben gelaufen. wie der Mann aus Greensville gesagt hatte. wohnt in der Nähe des Klosters. Catherine hatte keine Ahnung.« Garibaldi lächelte scheinbar unbeschwert. und die 544 . sagte Garibaldi. die Gäste aufnahmen – allerdings nur Frauen. War es Jean-Luc gewesen? Vor zwei Tagen hätte sie beinahe ›/whois Jean-Luc‹ eingegeben. und niemand war ihnen gefolgt. Jetzt wünschte sie. bis zum Kloster sei es nur noch ein kurzer Weg. Aber sie hatte auf ihre Art diesem Mann oder der Frau auf der langen Fahrt nach Vermont gedankt. Es gehörte Benediktinerinnen. der auch hier ausgestiegen ist. Er war über Weihnachten in Washington und hat seinen Wagen am Bahnhof abgestellt. als er zurückkam. von wem die Computernachricht gekommen war.

hatte der Mann ungefragt erklärt. an der die Leute aus der Umgebung teilnehmen konnten. In Augenhöhe befand sich eine kleine vergitterte Öffnung. Garibaldi blickte auf die Uhr. ihr Gesang ist so klar und rein. Ein Telefongespräch hätte ihre Verfolger mit Sicherheit auch hierher in diese Einsamkeit geführt. Die Nonnen versammelten sich achtmal am Tag zum Gebet.Besucherinnen nahmen die Mahlzeiten entweder allein oder mit den Nonnen ein. Die altmodische Glocke schwang hin und her und läutete hell und laut. bis die Nonnen die Sext. die auf der anderen Seite durch eine Klappe verschlossen war. als sei er nicht von dieser Welt!« Catherine hörte jetzt das Singen. doch weder ein Name noch ein Schild verriet. wie Julius ihn entdeckt hatte und welche Informationen er angeblich besaß. Sie fragte sich. Und ich kann Ihnen versichern. wer Thomas von Monmouth war. Catherine hatte natürlich darauf verzichten müssen. »Die Kapelle ist alt«. Es war Mittag. zog er am Klingelzug. Sie mußten warten. während sie über die verlassene Landstraße fuhren. das vierte kanonische Stundengebet. beendet hatten. Sie sitzen hinter einem Eisengitter getrennt von der Gemeinde. die grau und streng über die Mauer ragten. Als der Gesang schließlich verstummte. »Der Altar steht so. das über eine hohe Steinmauer durch die Bäume zu ihnen drang. wie die Stimmen von Engeln… Catherine und Garibaldi erreichten kurz darauf das massive Holztor. Seitlich der Pforte gab es eine Glocke. Um zehn Uhr morgens wurde eine lateinische Messe gelesen. Nach kurzem Warten erschien ein Gesicht hinter dem 545 . daß es sich um ein Kloster handelte. Catherine richtete den Blick auf die steinernen Türmchen und Giebel. Ja. daß die Nonnen ein Schiff für sich allein haben. Julius anzurufen und ihn nach Einzelheiten zu fragen.

es könnte sich um ein Dokument oder um eine Handschrift handeln. »Oder etwas«. Sie stellte sich als Mutter Elisabeth vor.Gitter.« Sie war eine ältere Frau. Die Nonne verschwand durch eine Tür unter einem gotischen Bogen. oder?« »Bestimmt nicht«. aber in gewisser Weise wirkte sie alterslos. Heutzutage heißt wohl niemand mehr Thomas von Monmouth. Die Stimme schien einer jungen Frau zu gehören. »Um diese Jahreszeit haben wir sehr selten Gäste«. »Was kann ich für Sie tun?« »Wir suchen jemanden«. die Augen blickten hell und klar die zwei Besucher an. Seit Jahren hat niemand mehr darum gebeten. ihr Alter zu erraten. und eine alte. »Priester selbstverständlich willkommen sind. Sie ging mit schnellen Schritten stumm vor den Besuchern her und führte sie über einen vereisten. fand Catherine. und der Schlüsselbund sowie ein großer hölzerner Rosenkranz. gepflasterten Weg und ein paar Steinstufen in einen Empfangsraum. dessen Perlen an ihrer Hüfte leise klackten. Man sah unter der Haube nichts von den Haaren. Wir nehmen niemals Männer auf. sagte sie. daß sie die Äbtissin des Klosters war. »Sie kommen also. »Die Leute verbringen Weihnachten bei ihren Familien. Einen Augenblick später kam eine andere herein. fügte Catherine hinzu. obwohl…«. gebückte Nonne öffnete die Pforte. erwiderte Garibaldi. um Thomas zu sehen! Wir sind sehr stolz auf unsere Handschrift. sie sah Garibaldi lächelnd an. »Wir vermuten. Ihr Gesicht hatte kaum Falten. Dort war es so still wie in einer Kirche. sie sehen zu 546 . verrieten. Auch das erschwerte es. und die Hände verschwanden in den langen weiten Ärmeln der schwarzen Ordenstracht. erwiderte die Äbtissin und lächelte. Sie ist in einem hervorragenden Zustand und wunderbar illuminiert. und es roch nach Zitronenöl.

wo Statuen von Heiligen mit traurigen Augen unergründlich ins Leere blickten.« Sie gingen durch stille Gänge. Die Mappe enthielt ein vergilbtes. Bitte folgen Sie mir. »König Arthur?« »So interpretieren wir es auch«. und erreichten schließlich die große Bibliothek mit einem gemütlichen Feuer im Kamin. und die Farben der Malereien und der Inkunabeln hatten nichts von ihrer Leuchtkraft und Lebendigkeit eingebüßt. in der Hoffnung. murmelte Garibaldi. Aber wäre es nicht wunderbar. »Ich lasse Sie beide allein. Die Tinte war noch dunkel. Offenbar handelte es sich um die Seite eines Buches. »Bitte«. sie Ihnen zu zeigen. Ein maschinengeschriebener Hinweis auf einem beigelegten Blatt Papier verriet. legte sie auf den Tisch und öffnete sie. aber gut erhaltenes Blatt Pergament. überfielen die Römer die Stanhengues oder den Ring der Kraft. »sehen Sie es sich an.dürfen. wie das mit Legenden ist. König Uther gefangenzunehmen…‹« Sie bewegte den Zeigefinger unter dem lateinischen Text entlang: »›… dux bellorum…‹« »Dux bellorum… Anführer der Krieger«. und als die Stunde gekommen war. 547 . Es wird mir eine Freude sein. sagte sie und nickte. Im Laufe der vielen Generationen werden manche Tatsachen verdreht und mit Erfundenem vermischt. wenn sich das auf König Arthur beziehen würde?« Sie ging zur Tür. nahm eine große Ledermappe heraus. sagte sie.« Catherine übersetzte den Text und las ihn dabei laut vor: »›… an den Kalenden des Juni. daß es sich um ein Werk des Thomas von Monmouth aus dem zwölften Jahrhundert handelte. Die Äbtissin schloß ein Kabinett auf. »Uther?« Er sah die Äbtissin fragend an. »Sie wissen ja.

darunter auch Kinder und Frauen. sagte Catherine.damit Sie die Handschrift in Ruhe lesen können. fuhr Catherine mit der Übersetzung fort: »›… den Anführer der Britonen. daß er durch den Angriff seine eigene Frau verloren hatte. Vater«. Und. um an einem Druidenritual teilzunehmen. Wir wissen. die ohne sein Wissen an dem Ritual der Druiden teilnahm.« »Nein«. Und…« Sie seufzte. und sie stürzten sich auf die Druiden. 548 . »›Über das siebte Buch. es waren mehr als fünfhundert. »benutzen Sie alles.« »Wer ist Valeria?« »Vielleicht eine Druidenpriesterin. sie wies freundlich auf den Raum.« »Könnte das Begrabenwerden etwas mit dem Brunnen auf dem Sinai zu tun haben? Handelt es sich bei dem Skelett um Valeria?« »Vielleicht…« »Wie geht es weiter?« Catherine las die letzte Zeile. die später mit der Priesterin Valeria am heiligen Ort begraben wurden‹« »Wie bitte? Das kann nicht sein«. »wir haben leider nur sechs Bücher. »aber die Geschichte ist im Laufe der Jahrhunderte mit Sicherheit verändert worden. Die Römer schnitten allen die Kehle durch. Die Frau des römischen Kommandanten Cornelius Severus befand sich unter ihnen. Thomas schreibt beinahe tausend Jahre nach dem Ereignis.« Nachdem die Äbtissin gegangen war. sagte Garibaldi. und er stellte zu seinem großen Leidwesen fest. daß Sabina in Stonehenge war. Sie hieß Sabina Fabiana und hinterließ sechs Bücher über Zauberei und Alchimie. was Sie brauchen. Wir sind stolz auf unsere Bibliothek. »Sabina war nicht mit Cornelius Severus verheiratet. Es gab ein schreckliches Gemetzel an jenem Tag im Ring der Steine. die sich dort versammelt hatten.

« Doch Catherine wußte bereits. daß Sabina trotzdem an ihren Wunden gestorben war? Aber die Sabina. ist reine Erfindung. daß das siebte Buch nie geschrieben worden ist? Wenn in der Legende davon gesprochen wird. ist nichts bekannt. Garibaldi sah sie an und sagte ruhig: »Wo sollen wir als nächstes suchen? Wohin gehen wir von hier aus?« Das hing ganz davon ab. wovon sie berichten. in einem Punkt falsch. wie wir gerade festgestellt haben. denn es wurde nie geschrieben. Sie ging langsam auf Kieswegen entlang. Woher weiß er. die Sabina in Britannien war höchstens dreißig. muß es existiert haben. »Ich muß immer noch eine Schriftrolle übersetzen. und das. was in der sechsten Rolle stand.« »Catherine.« »Viele Legenden sind nichts als Märchen. die Nacht im Kloster zu verbringen. war über achtzig gewesen. »Glauben Sie. Sabina ist in Stonehenge getötet worden?« »Ich weiß nicht«. Catherine machte auf dem großen Gelände einen Spaziergang. und betrachtete 549 . es stimmt. glauben Sie wirklich. Garibaldi ging zum Nachmittagsgebet der Nonnen in die Kapelle. von denen der Schnee gefegt worden war. Befand sich darin vielleicht eine Beschreibung des Druidenrituals? Hatte Perpetua in einer römischen Garnison in Britannien gelebt und Sabina nach dem Überfall gepflegt? Hatte sie erleben müssen. bot ihnen die Äbtissin an. sagte sie nachdenklich. daß das sechste ›Buch‹ sehr kurz war. daß die siebte Schriftrolle nur eine Legende ist?« »Der Bericht des Thomas von Monmouth ist. und da am Himmel dunkle Schneewolken hingen. Es gab keine Fahrgelegenheit zum Bahnhof.von dem die Legende berichtet.‹« Sie sah Garibaldi nachdenklich an. Also könnte er auch darin irren. die diese Rollen diktiert hatte.

dachte sie und erinnerte sich wehmütig an ihre Jugend. und die Nacht hüllte die Erde in eine schwarze Decke. daß in vier Tagen ein neues Jahrtausend anbrechen sollte. Die Äbtissin hatte zweifellos noch nie etwas von Catherine Alexander oder den Schriftrollen vom Sinai gehört. daß es im Kloster keine Zeitschriften oder Zeitungen gab. das aber nur in Notfällen oder für den Wetterbericht eingeschaltet wurde. Sie sah keine Bücher. von den Nonnen angefertigte Stickarbeiten verkauft wurden. Das Abendessen gab es in einem Speisesaal. Es waren erstaunlich wenige und meist ältere Nonnen in der Tracht einer vergangenen Zeit. Als Catherine zum Hauptgebäude zurückging.sich die gemauerten Gebäude und kleinen Häuser. Sie hörte das Singen aus der Kapelle. hörte sie die Nonnen bei der Andacht in der alten Kapelle und stellte sich vor. Die Töne stiegen in die Winterluft und klangen von weitem so zart und schwerelos. Es muß die Vesper sein. Es schien sie nicht einmal zu kümmern. Im Büro der Äbtissin stand ein kleines Radio. Das Kloster besaß nicht einmal ein Fernsehgerät. Ansonsten erlaubten die Schwestern der Welt weder mit Nachrichten noch auf eine andere Weise hinter ihre hohen Mauern vorzudringen. daß man tatsächlich an einen Chor der Engel hätte glauben können. die 550 . Der Himmel über dem Wald wurde allmählich dunkel. wo im Frühling und Sommer Ahornsirup von Bäumen des Klosters und schöne. daß Garibaldi bei ihnen war. nichts Gedrucktes. Catherine sah zum ersten Mal alle Bewohnerinnen des Klosters beisammen. die man vor zweihundert Jahren im gotischen Stil errichtet hatte. Catherine warf einen Blick durch das Schaufenster in den geschlossenen kleinen Laden. der für sehr viel mehr Menschen gebaut worden war. Die Äbtissin hatte gesagt.

um Gott zu dienen? Bedauerte vielleicht eine von ihnen diese Entscheidung? Catherine erinnerte sich. Während Catherine die herzhafte Suppe und das einfache Graubrot aß. teil. ein leises Klopfen mit den Fingerknöcheln war die Bitte um den Wasserkrug. daß das Durchschnittsalter von Ordensschwestern bei fünfundsechzig Jahren lag. Sie würde sich viel Zeit dazu nehmen. Catherine saß am Kamin und glaubte. um herauszufinden. versuchte sie so unauffällig wie möglich die Nonnen zu beobachten. Hatten sie noch Gedanken oder Interesse für die Welt jenseits der Klostermauern? Dachten sie manchmal an das Leben. Vor allem wollte sie nicht. Dabei stellte sie sich die alten Frauen vor. als sie vor vielen Jahren alles aufgaben. um noch einmal die Handschrift des Thomas von Monmouth zu betrachten. und versuchte. was Sabina in Stonehenge widerfahren war. Doch der Papyrus befand sich in einem schlechten Zustand. gelesen zu haben. Danach wollte sie anfangen. Sie nahm nicht an der Komplet. Mit einer Geste wurde um Salz gebeten. Was geht in ihren Köpfen wohl vor. Die Mahlzeit verlief in tiefem Schweigen. das sie hinter sich gelassen hatten.diszipliniert die Ordensregeln und Rituale befolgten. dem Tagesschlußgebet. daß jemand sie dabei überraschte. die sie im Speisesaal gesehen hatte. die Gesichter den reinen. das sechste ›Buch‹ zu öffnen und zum genauen Studium unter einer Lampe auszubreiten. noch immer den Gesang der Nonnen zu hören. fragte sich Catherine. und bis jetzt hatte sich auch niemand danach erkundigt. die ihr scheu zulächelten. engelhaften Stimmen 551 . die vor vielen Jahrhunderten festgelegt worden waren. sondern zog sich in die Bibliothek zurück. die sechste Schriftrolle zu lesen. Sie und Garibaldi hatten der Äbtissin nichts über den wahren Grund ihres Besuchs gesagt.

ohne zu sehen. die nach dem Tod dieser gläubigen Schwestern die Tradition weiterführen würden. die. als sie draußen im Gang die Äbtissin und Vater Garibaldi hörte. sagte die 552 . daß die Nonnen ihr Leben genau dieser Art Vollkommenheit weihten. als seien Herz und Geist in dem Gesang zu höchster Vollkommenheit vereint. Die zarten. weichen Flocken schwebten durch die Luft und sanken durch die stille Nacht. zu einem richtigen Weihnachten gehört Schnee. sondern tanzender Schnee. daß es keine Novizinnen gab. Die Nonnen verbrachten ihr ganzes Leben in klösterlicher Stille. zu der Ekstase führen konnte. Die Nonnen hatten sich bereits in ihre Zellen zurückgezogen. Ein Spitzenvorhang bewegte sich vor dem Fenster. Ihre Stimmen kündeten von der Reinheit des Glaubens. Aber was sich vor ihren Augen bewegte. »Die Gästezimmer stehen immer bereit«. und Catherine wurde klar. daß sie. durch die das irdische Dasein überwunden werden kann. Sie schienen von der Welt vergessen zu sein. Catherine zuckte zusammen. die anderswo dem Fortschritt und der Verweltlichung zum Opfer gefallen waren. Sie würden mitten in der Nacht geweckt werden und sich in der Kapelle zur Matin versammeln. in die Nacht geblickt hatte. Doch ihre Stimmen – es war. um sich auf der kalten Erde niederzulassen. Die kleine Gruppe hielt kompromißlos an den Prinzipien des Glaubens fest. Trotzdem lebten die Nonnen für ihren Glauben – mehr brauchten sie nicht. Manche landeten auf den rautenförmigen Fensterscheiben und schmolzen dort. Vater hat immer gesagt. und schob das sechste ›Buch‹ wieder in die blaue Nylontasche. um sich mit dem Göttlichen zu vereinen. dachte Catherine lächelnd. Catherine konnte sich vorstellen. Schnee. wie die Mystiker der unterschiedlichsten Religionen der Welt bewiesen hatten. Kein Wunder.zuzuordnen. Es war schon spät. waren nicht Spitzen.

Wir frühstücken bei Tagesanbruch. Sabina kann nicht in Stonehenge gestorben sein. ohne auf seine Worte zu achten.« »Was wollen Sie damit sagen?« »Sie haben einen Reisepaß. Er rieb sich die kalten Hände und schüttelte sich. fügte sie hinzu und sah Catherine freundlich an. wieso?« »In Las Vegas waren Sie auch noch nicht. und sah ihn prüfend an. als Daniel ermordet wurde und wir aus Santa Barbara geflohen sind. »Aber im Augenblick sind Sie beide die einzigen Gäste. schlafen Sie gut.Äbtissin. Sie sind willkommen«.« »Das stimmt. während sie Catherine und Garibaldi durch einen zugigen Gang führte. murmelte Garibaldi und stellte ihre Sachen ab. Sie scheinen viel unterwegs zu sein. haben Sie gesagt. gleich nach der Prim.« »Gefrorene Wasserleitungen«. »zu unserem Gebet und beim Frühstück. erwiderte sie. und wir werden sie finden. wo zu Füßen von Heiligenstatuen kleine Votivkerzen flackerten. Es muß eine siebte Schriftrolle geben. Ich lasse Ihnen für alle Fälle von einer Schwester heißes Wasser bringen. Ich hoffe. eine Kreditkarte und Reiseschecks. Gute Nacht. als sie vor Catherines Zimmer standen. die sie auf der Flucht immer bei sich hatten – die blaue Tasche. »Und Schnee! Wie können die Leute hier auch nur einen einzigen Winter überleben?« Er machte eine kurze Pause und sagte dann: »Catherine. die Wasserleitungen sind nicht eingefroren. machen Sie sich keine Sorgen wegen des alten Thomas von Monmouth. Sie 553 .« »Vater Garibaldi«. Sie seien noch nie zuvor in Kalifornien gewesen. und Sie kennen sich in Washington nicht aus. der Laptop und Garibaldis schwarze Reisetasche. »an dem Abend. Es waren die wenigen Dinge.

nicht wahr?« Er wirkte plötzlich sehr niedergeschlagen. »Vater Garibaldi. das bin ich nicht. daß ich mich täusche. ich bin Priester.« 554 . »O mein Gott«. »Ja. Sie leben in Chicago und sind an dieses Wetter nicht gewöhnt?« Er erwiderte kaum hörbar: »Nein. aber in den Vereinigten Staaten kommen Sie offenbar nicht viel herum. antwortete er tonlos: »Nein. Stimmt das?« Er nickte langsam.« »Wo sind Sie dann gewesen?« Sie verstummte plötzlich. Sagen Sie mir. »Ich bin 1981 von dort weggegangen. »Vater Garibaldi. und ihre Augen wurden groß.« »Seit wann nicht mehr?« »Seit achtzehn Jahren«.sind nach Israel und Ägypten gefahren. nein!« »Catherine…« Sie wich einen Schritt zurück.« »Catherine. lassen Sie uns in Ihr Zimmer gehen und darüber reden. sagte er. »O mein Gott. »Ich bin dort aufgewachsen.« »Sie kommen vom Vatikan.« »Aber Sie kommen aus Chicago?« Nach einer Pause sagte er. Sie sind doch Priester. heute auf dem Weg zum Kloster haben Sie eine Bemerkung über den Schnee gemacht und gerade eben eine über gefrorene Wasserleitungen und den Winter im allgemeinen.« »Lassen Sie es mich erklären. flüsterte sie.« »Achtzehn Jahre!.« »Ich verstehe nicht. Aber warum haben Sie mir gesagt… Vater Garibaldi. Jetzt leben Sie nicht mehr dort?« Nach einer weiteren Pause. es kann nicht sein.

als wir uns im Hotel Isis getroffen haben. »Sie haben nur niemals die Wahrheit gesagt! Aber das ist natürlich keine Sünde. oder?« »Catherine…« »Antworten Sie mir. wie der Boden unter ihren Füßen nachgab.« »Nein…« Sie kämpfte mit den Tränen. Mein Gott. Sie wich zurück. »Aber warum? Ich meine…« Sie sank gegen die Tür.« »Ich habe nie gelogen. dachte einen Augenblick nach und sagte dann: »Ja. »Als ich Sie das erste Mal am Computer im Büro des Hotels gesehen habe… da wußten Sie bereits. Als ich Sie zum ersten Mal gesehen habe.« Sie spürte. die Dinge. wer ich bin?« »Ja. »Rühren Sie mich nicht an. nicht wahr? Und die erste Pflicht eines Priesters ist Gehorsam gegenüber seiner Kirche. daß ich darauf hereingefallen bin«. »Ich kann nicht glauben. Sie zitterte so heftig. murmelte Catherine.« Sie begann zu zittern. sagte er und streckte die Hand nach ihr aus.« »Nein. lassen Sie es mich erklären«.»Sagen Sie es mir! Kommen Sie vom Vatikan?« Er setzte an. Sie hielt sich krampfhaft an der Türklinke fest. Ich hätte mich auf meine Intuition verlassen sollen. um etwas zu erwidern. denn Sie hatten Ihre Anweisungen. daß sie die Arme um ihren Oberkörper schlingen mußte. »Die vielen Lügen… und ich habe sie alle geglaubt.« »Sie Schwein!« Catherine holte aus und schlug ihm ins Gesicht. war ich gleich mißtrauisch. war das doch Zufall. »Vater Garibaldi.« »Bitte. es war kein Zufall. die ich Ihnen anvertraut habe! Mit keinem 555 .

»Wer?« »Ich finde. Ich dachte. Wer hat Sie geschickt?« »Das ist nicht…« »Sagen Sie es mir. Und jetzt habe ich nicht einmal mehr Sie!« Ihre Stimme hallte durch den Gang. Als die ganze Welt gegen mich war. und das aus gutem Grund. »Es gibt einen Grund dafür. nicht wahr? Warum sagen Sie es mir nicht?« Sie schloß die Augen und flüsterte: »Ich weiß es natürlich. Sie arbeiten für die Inquisition. daß wenigstens ein Mensch zu mir hielt.« Sie preßte die Lippen aufeinander und sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an. Garibaldi warf einen Blick in die Richtung.« In ihren Augen standen Tränen. die auch meine Mutter vernichtet haben. Sie seien der einzige Mensch.« »Catherine. auf den ich mich verlassen kann. bitte.Menschen habe ich bis jetzt darüber gesprochen. Und Sie arbeiten für diese Leute!« »Die Kongregation hat mich geschickt. für jene Leute. 556 . wo die Äbtissin verschwunden war. gehen wir in Ihr Zimmer und unterhalten wir uns dort. Reden Sie nicht länger darum herum! Die neue Bezeichnung ändert nichts an den Aufgaben und dem Vorgehen. daß Sie es mir nicht sagen wollen. »Wer hat Sie geschickt?« »Wer?« »Im Vatikan. das ist nicht wichtig. ich habe nicht direkt mit der Kongregation…« »Mit der Inquisition.« Sie beachtete ihn nicht. ich hatte Angst. Vater Garibaldi. wußte ich. Ich habe Ihnen mein Innerstes offenbart! Ja. »Catherine. Das ist richtig.

»hatte man mich nur geschickt. Es ist auch schon vorgekommen.Eigentlich sollte ein anderer Priester fahren. den man beauftragt hatte.« »Und deshalb soll ich glücklich und zufrieden sein?« rief sie. er hat sich an jemanden in Kairo gewandt. daß Sie wütend…« »Was sollten Sie tun? Mir die Schriftrollen abnehmen? Oder mich durch schöne Reden gesprächig machen. daß ich meinen Urlaub in Israel verbrachte. als Hungerford sein Geschäft machen wollte. Ich konnte in wenigen Stunden im Sinai sein. bis Sie mir alle Informationen entlockt hatten. um den Gerüchten von einem möglicherweise christlichen Jesus-Fragment nachzugehen. Der Vatikan überprüft jede Nachricht über das Auftauchen von Schriftrollen. aber er wurde krank. Ich glaube. Ich bin kein Spion. Sie haben in den Unterlagen nachgesehen und festgestellt. die der Vatikan haben wollte?« »Ursprünglich«. daß die Beduinen Papyri zum Anzünden ihrer Lagerfeuer benutzt haben. erwiderte er ruhig. »Ich mache Ihnen keinen Vorwurf. Sobald meine Vorgesetzten hörten…« »Wie haben sie es erfahren?« Er strich sich mit der Hand über die Haare. Ich bin nur ein Computerfachmann. Wahrscheinlich hat dieser Mann danach oder auch davor Kardinal Lefevre informiert. Catherine. besonders in dieser Gegend. Catherine. den veralteten Katalog der Vatikanbibliothek zu computerisieren. sich zu beherrschen. »Ich weiß es nicht. weil er 557 . Ich bin kein Inquisitor. der Kontakt zu Havers aufnahm. Die Araber verkaufen Funde an private Sammler. Vielleicht hat man den Vatikan informiert. obwohl es ihn sichtlich Mühe kostete. Ich bin nicht Torquemada. Das ist alles. Ich war nur zufällig zum falschen Zeitpunkt am richtigen Ort.

« 558 . Er hat mir aufgetragen. und ich mußte das verneinen. »Weil ich bei Ihnen bleiben wollte«. bei Ihnen zu bleiben. und begann wieder zu zittern. Aber in der ersten Nacht habe ich Kardinal Lefevre angerufen und ihm berichtet. Ein paarmal war ich nahe daran. man hat es mir befohlen. hat man mich gefragt. Und… glauben Sie mir.« »Sie haben also Daniels Weihnachtsgeschenk zum Vorwand genommen…« »Ich bin Ihnen nachgereist. die Angebote in die Höhe treiben zu können. sagte sie bitter. Ein anderer sollte geschickt werden. aber Sie haben es getan.« Sie sah Garibaldi an. Ihnen aber nichts von den wahren Gründen zu sagen.« »Und deshalb hat man Sie beauftragt zu spionieren. ich sollte nach Rom zurückkehren. Als ich mich am ersten Abend aus dem Hotel Isis in Rom meldete. Sie blickte in seine Augen. Ich hatte ein persönliches Interesse daran. Catherine. »Und was wollte der Kardinal erreichen? Sollte ich Sie zur siebten Schriftrolle führen?« »Nein. Catherine. Vater Garibaldi«.hoffte.« »Nein. Ich kenne die Einzelheiten nicht. »Sie sind also die ganze Zeit bei mir geblieben. was geschehen war. das für Sie angekommen war. und es lag nicht in meiner Absicht. sagte er leise. das habe ich Ihnen gesagt. Ich sollte dafür sorgen. es zu tun. daß Ihnen nichts zustößt. ob Sie gläubige Katholikin seien. was in den Schriftrollen steht. Der Hoteldirektor erzählte mir von dem Päckchen. die sie für klar und ehrlich gehalten hatte.« »Nein. meinen Auftrag vor Ihnen geheimzuhalten. ich wollte Ihnen alles sagen. es war nicht meine Idee. weil ich wissen wollte. »es war nicht Ihre Idee. weil man es Ihnen befohlen hat?« fragte sie mit Tränen in den Augen. aber dann waren Sie plötzlich verschwunden.

« »Das ist eine Behauptung. als wir Hilfe brauchten?« »Man hat uns geholfen. wir wissen bis jetzt nicht einmal mit absoluter Sicherheit.« »Und wenn wir Beweise dafür finden. 559 . Ich sollte lediglich Bericht erstatten. Aber offiziell hat der Vatikan nichts mit der Sache zu tun. daß Frauen in frühchristlicher Zeit das Priesteramt ausgeübt haben?« »Catherine. wo es möglich war.« »Wann hat man uns geholfen?« »Zum Beispiel mit Reiseschecks. »Sie waren mein Leibwächter?« »Ja. Das ist eine Frage der Diplomatie und der Rücksichtnahme auf Empfindlichkeiten. Mir war klargeworden. Das Ganze wurde sehr heikel. während ich schlief. Die Kirche würde sie vernichten. Warum haben Sie es nicht getan?« »Weil wir keinen Beweis für den christlichen Ursprung der Schriftrollen hatten. als sich die ägyptische Regierung direkt an das Weiße Haus wandte.« »Glauben Sie. Außerdem sind die sechs ›Bücher‹ nach geltendem Recht Eigentum des ägyptischen Staates. was dann mit den Schriftrollen geschehen würde.« »Warum hat der allmächtige Vatikan uns nicht geholfen.« »Sie hätten mir oft genug die Schriftrollen wegnehmen können. Vater Garibaldi. hat die Kirche kein Anrecht darauf.Ihre Augen wurden groß. daß es sich um christliche Texte handelt? Was dann?« »Ich weiß es nicht. Wenn dieser Text nicht christlicher Herkunft ist.« »Sie wissen. die Kirche wird sich über Beweise freuen. daß es sich um christliche Dokumente handelt. Der Vatikan mußte neutral erscheinen.

Vater Garibaldi. sagte er ruhig. und deshalb hatte ich danach keine mehr. »also hat man abgewartet. in denen wir uns nahe waren… Und Sie haben nie daran gedacht. »Die ganze Zeit. Catherine kämpfte immer noch mit den Tränen. flüsterte er. weil ich noch nie gehört hatte.« »Auch damit durfte der Vatikan nichts direkt zu tun haben.« »Wenn der Vatikan uns geholfen hat. wieso haben Sie die Informationen nicht weitergegeben und die Leute in Rom für uns suchen lassen? Sie hätten Tymbos wahrscheinlich gefunden. Aber man hat dafür gesorgt.« »Einiges davon habe ich übernommen«. Also habe ich Kardinal Lefevre informiert. Leider wurde damit auch meine Kreditkarte ungültig. um alle Rechnungen und auch die ServerGebühren zu bezahlen. Zum Beispiel die kleine Katze in Mojave. die wir zusammen verbracht haben. all die Nächte. sagte sie bitter. Sie haben gesagt: ›Wir sind für unsere Katzen berühmt. all diese Augenblicke. daß Chicago für seine Katzen berühmt sein sollte. Er hat veranlaßt. Und ich war 560 . Sie hatten der ägyptischen Regierung etwas gestohlen.daß man uns durch den Leihwagen auf die Spur kommen konnte. daß ich in Las Vegas Reiseschecks bekam. mir die Wahrheit zu sagen?« »Ich habe jede Minute daran gedacht. Rom ist natürlich für seine Katzen berühmt!« »Es tut mir leid«. und ich durfte die Dreckarbeit machen. Es wäre für den Vatikan nicht klug gewesen.‹ Ich fand das komisch.« »Ja«. Ihnen zu helfen und Ihre Nachforschungen zu unterstützen. daß die Unterlagen im Computer der Verleihfirma gelöscht wurden. »Jetzt verstehe ich auch einige andere Dinge.

»Bitte lassen Sie mich in Ruhe«.« Sie drehte sich um. ich möchte bei Ihnen bleiben. Es war eine halbe Stunde her. und Catherine blickte auf die Uhr. »Julius! Du hast mir so gefehlt!« schluchzte sie und hielt ihn fest. »Er gehört mir. sagte Catherine und trocknete sich mit 561 . Noch schlimmer. Alexander. Als sie Julius im Gang stehen sah. warf sie sich weinend in seine Arme. Ich hatte keine andere Wahl.wirklich oft nahe daran. als zu schweigen. Aber es war die Äbtissin. benutzt und betrogen.« Sie streckte die Hand aus.« Als er ihr den Computer gab. als sei ich mißhandelt worden. »Mutter Oberin«. Aber ich durfte es nicht. nachdem ich die siebte Schriftrolle gefunden hatte? Sie mir wegnehmen?« Er schüttelte den Kopf. sagte sie: »Sie werden nicht bei mir bleiben. Es ist mir egal. es zu tun.« Catherine öffnete die Tür.« »Catherine. sagte sie. Sie haben einen Besucher. dort vermißt man Sie. ging in ihr Zimmer und schloß die Tür. wie mir im Augenblick zumute ist? Ich komme mir vor. wohin Sie gehen – vielleicht zurück zu Ihrer Gemeinde in Chicago.« »Haben Sie eine Vorstellung. Ich bin sicher. »Nur Bericht darüber erstatten. »Garibaldi… die Inquisition und…« Die Äbtissin räusperte sich diskret. nicht zu weinen und trotz der maßlosen Enttäuschung ihr Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. wiederholte er und sah sie traurig an. Ich werde Sie jedenfalls nicht vermissen. ich fühle mich verraten!« »Es tut mir leid«. »Dr.« »Was sollten Sie tun. Geben Sie ihn mir. Es klopfte leise. in denen sie versucht hatte. »Geben Sie mir den Computer. seit sie Garibaldi die Tür vor der Nase zugeschlagen hatte – dreißig Minuten.

Catherine zog Julius in ihr Zimmer und schloß die Tür. Jetzt würde sie die Kraft haben weiterzumachen. und am Ende ist das Wissen eines Gelehrten wie Rabbi Goldman 562 . Da sieht man es wieder. »Wie siehst du denn aus?« Er berührte die kurzen weißblonden Haare. Julius. Dr. aber ich bin so froh. »Ich nehme an. ich habe die Handschrift des Thomas von Monmouth gelesen. erwiderte die Äbtissin. Voss. »Es war ein Alptraum. und als sie sich voneinander lösten. »Wenn es nicht zu große Mühe macht.« Jetzt würde alles gut werden.« »Vater Garibaldi ist an diesem Ende des Gangs. daß du hier bist. Wenn ich die Bilder von dir in den Zeitungen und im Fernsehen gesehen habe… ich dachte. Wie hast du sie eigentlich gefunden?« Er erzählte es ihr. Die Technik hat ihre Grenzen.« Er legte den Arm schützend um sie und drückte sie an sich. »Findest du es so schrecklich?« »Nein… anders!« Sie küßten sich lange. »Julius. »Ich habe meine ganze Hoffnung auf das Internet gesetzt. Voss kann das Zimmer am anderen Ende haben«.« »Wir bleiben nicht hier. »Du hast keine Vorstellung. dich zu sehen!« Er starrte sie an. sagte Julius lächelnd: »Ich glaube. »das ist mein Verlobter. Catherine.dem Handrücken die Tränen. Sie werden ebenfalls ein Zimmer brauchen…« Catherine nickte. Dr.« Die Äbtissin musterte ihn ruhig. wie glücklich ich bin. ich würde verrückt werden. und sie lachte. in einem Kloster schickt sich das nicht.

« »Ich verlange nicht. wenn wir bis morgen früh bleiben. sagte er mit gerunzelter Stirn.« 563 . Auf dem Tisch entdeckte er sein Buch Die Leiche im Moor. Julius.zuverlässiger. Es hat keinen Sinn. wir bleiben nicht hier«. damit ich meine Suche fortführen könnte. und daß es keine siebte Schriftrolle gibt. Aber hier sind wir sicher. und seine Stimme wurde weich. »Dieser letzte Abend bei mir zu Hause…. daß es sich in Wirklichkeit um die Schriftrollen handelte. um dir zu zeigen. »Aber wahrscheinlich ist es besser. aber er wußte.« Sie sah ihn verständnislos an. und nicht. Thomas von Monmouth kann sich geirrt haben. wohin Sabina uns als nächstes führt. Der Computer lag auf dem Bett.« »Wir können nicht weg.« »Catherine. es tut mir wirklich leid.« »Aber… ich dachte. Ich werde vielleicht ein paar Tage für die letzte Schriftrolle brauchen. bis wir wissen. »Nach Kalifornien? Warum sollte ich nach Kalifornien fliegen?« »Weil Thomas schreibt. du hättest mich hierher geschickt. »Ich wünschte. zumindest so lange nicht. seine blaue Tasche stand auf dem Boden. niemand wird uns finden. daß du deine Suche abbrichst.« Er seufzte und schüttelte den Kopf beim Gedanken daran.« Er sah sich in dem einfachen Zimmer um. daß ich auf deiner Seite stehe.« Er lächelte sie an. »ich habe dir geholfen. daß Sabina in Britannien gestorben ist. weiter danach zu suchen. sagte er und faßte sie an den Schultern. »Wir fliegen nach Kalifornien zurück. wir könnten sofort gehen. Hör zu«. damit ich sie abbreche. wie Catherine in den vergangenen zwei Wochen gelebt haben mußte. Ich muß sehr selbstgerecht und überheblich geklungen haben.

dir etwas zu tun. dann kann es zu spät sein.»Nein.« »Es ist die einzige Möglichkeit für sie. die es ihnen ermöglicht. wenn ich mit der Übersetzung der sechs Bücher fertig bin. Andere Experten werden die Rollen analysieren. Dann hat das Fliehen und das Versteckspielen ein Ende.« »Ich habe dich noch aus einem zweiten Grund auf die Handschrift hingewiesen. die Vorwürfe zurückzuziehen. Du solltest mit eigenen Augen sehen.« »Also gut«. Das wird natürlich in Kairo und unter der Aufsicht ihrer Leute geschehen müssen. daß es keine siebte Schriftrolle gibt.« »Das weiß ich erst. Ich habe die Lage mit ihnen besprochen. Aber dort bist du in Sicherheit. du mußt dich nicht mehr verstecken. die siebte Schriftrolle zu finden?« »Du wirst Hilfe bekommen.« »Julius. werde ich nicht mit dir streiten. Dann kannst du weiterhin an den Schriftrollen arbeiten. Vielleicht ist es Zeit. Ich habe alles in Ordnung gebracht. die Anschuldigungen gegen dich fallenzulassen. du hast nur wie der gewissenhafte Mann gesprochen. Hilfe anzunehmen. »wenn du an das Vorhandensein eines siebten Buchs glauben willst.« »Und wie hilft mir das. den ich liebe. die Angst. sagte er lächelnd.« Andere Experten? Hilfe? Sie setzte sich an den Tisch und dachte nach. Aber du kannst nach Hause kommen. von den Killern 564 .« »In Ordnung gebracht?« Sie sah ihn verwundert an. und sie sind zu einer Lösung bereit. »Was meinst du damit?« »Du weißt. daß ich die Leute im Ministerium in Kairo kenne. niemand wird versuchen.

Julius.« 565 . sagte sie nach kurzem Nachdenken. »Warum?« »Man hat erklärt. wer darin begraben liegt. das ist unmöglich.überrascht zu werden.« Er zögerte einen Augenblick und fügte dann hinzu: »Zumindest so lange. Und ich will feststellen.« »Eine neue Grabung?« »Der Brunnen. bis alle Vorwürfe gegen dich entkräftet sind.« Sie seufzte. Ich muß mich nicht ständig fragen.« »Warum nicht? Wenn ich den Ägyptern die Schriftrollen gebe…« »Der Brunnen wird zugeschüttet.« »Wirst du es tun? Wirst du die Schriftrollen der ägyptischen Regierung übergeben?« »Ich werde es mir überlegen«. »Wird man mir erlauben weiterzumachen?« »Tut mir leid.« Sie sah ihn verständnislos an. wem ich vertrauen kann. »Vielleicht werde ich es tun.« »Aber unter einer Bedingung.« »Gut.« »Warum?« »Man hat deine Erlaubnis gesperrt. »Das wird nicht möglich sein. »Was ist mit meiner Grabung?« fragte sie. was uns verrät -« Er schüttelte den Kopf. Dann kann ich ungestört über Internet recherchieren. ob es weitere Schriftrollen gibt oder etwas anderes. Ich will wissen. »Das kann ich ihnen nicht verübeln.« »Welcher?« »Daß man mir eine neue Grabung genehmigt. ihn aufzufüllen und zu versiegeln. Ich habe ihre Gesetze übertreten. der Brunnen sei einsturzgefährdet und Anweisung gegeben.

« Catherine kniff die Augen zusammen. sagte sie mit gepreßter Stimme.« Sie schüttelte den Kopf. man hat den freiliegenden Teil des Skeletts untersucht und erklärt. Julius«. die Frau kann eine frühchristliche Priesterin gewesen sein! Es könnten Dinge von ungeheurem historischen Wert mit ihr dort unten im Brunnen liegen.« Der Vatikan. nach der siebten Schriftrolle zu suchen! Ich tue es nicht nur für meine Mutter und für Daniel. »Ich weiß. Die ägyptische Regierung wird unter Druck gesetzt. Sie schütten das Skelett der Frau zu. drehte sich abrupt um und trat ans Fenster. was hier gespielt wird. ob ich weitermache. Es ist genau das. Wenn ich die Schriftrollen den Ägyptern überlasse oder dem Vatikan oder der Harvard University oder irgend jemandem sonst. die man in 566 . sondern auch für diese bedauernswerte Frau. als man sie lebend in einen Brunnen hinabließ. das ist Unsinn. »Nein. »Wenn ich auch nur einen Augenblick unsicher gewesen sein sollte. wich sie vor ihm zurück. »Ich bin froh. die mit den Schriftrollen begraben worden ist… lebendig begraben worden ist. Garibaldi… »Catherine. das dürfen sie nicht tun!« »Catherine. daß du mir das alles gesagt hast. dann gibt es jetzt keinen Zweifel mehr. was ich dir vorausgesagt habe. es sei nicht von historischer Bedeutung. Ihre Hände und Gelenke waren gefesselt. und man wird nie mehr etwas von ihnen hören. Julius. Es ist meine Pflicht. Sie wollen die ganze Sache vertuschen.»Nein!« rief sie entsetzt. dann verschwinden sie in einem Archiv.« »Nicht von historische Bedeutung? Julius. »Es ist kein Unsinn. Dann wird diese arme Frau umsonst den Märtyrertod gestorben sein! Begreifst du das nicht. Julius?!« Er sah sie erschrocken an. »Catherine…« Als er neben sie trat.

Ich werde nie wieder in deinem Leben auftauchen. tu es nicht. Aber ich kann nicht aufgeben. »Gut. bitte. und als er hinausging.den Brunnen gestoßen hat. ich habe Regeln und Gesetze gebrochen. zu deinen Regeln und deinen moralischen Grundsätzen und laß mich in Ruhe. 567 . alle Welt gegen mich aufzubringen. Sie schob jeden Gedanken an Julius und an Garibaldi beiseite und atmete bewußt langsam und tief. Julius. Ich tue es für Sabina. Dann setzte sie sich an den Tisch und bereitete sich darauf vor. das verspreche ich dir. Ich habe es geschafft. Ja.« Sie hielt ihm die Tür auf. schloß sie hinter ihm ab. und wahrscheinlich habe ich auch dich verloren. Perpetua und Amelia und für jeden. Geh zurück in dein sicheres Institut. der die Botschaft der Schriftrollen hören will. Julius wurde blaß. wenn du es so haben willst. Jetzt nicht!« »Catherine.« Am liebsten hätte sie hinzugefügt: Und nimm Garibaldi gleich mit. Aber wenn ich jetzt aus diesem Zimmer gehe. die letzte Rolle zu lesen. dann ist es für immer.« »Flieg nach Kalifornien.

DER FÜNFZEHNTE TAG 568 .

ob hinter diesem unerwarteten Vertrauensbeweis vielleicht doch eine Absicht gestanden hatte. Sie hielt auf dem holprigen Weg das Steuer des Landrover fest umklammert. den Sonnwend-Kachina damit zur Rückkehr aus der Unterwelt zu bewegen. immer weiter nach oben fuhr und die Ebene immer weiter unter ihr zurückblieb. aber seine Familie und die Polizei hatten bisher vergeblich nach ihm gesucht. Aber als sie nun auf dem schmalen steilen Weg. stellte sie den Motor ab und blickte sich suchend um. wie es eigentlich nur in Filmen zu sehen war. der dicht an der rauhen Felswand entlangführte. daß kaum jemand diesen geheimen Platz kannte. New Mexico Der Tag brach über der Wüste an und schenkte der kalten schlafenden Welt sein goldenes Licht. und noch leuchteten dort ein paar Sterne. verriet er ihr. um zu beten. 28. daß Kojote hierher gekommen war. Im Westen war der Himmel noch nachtblau. fragte sie sich. Und tatsächlich entdeckte sie 569 . Als er vor ungefähr einer Woche Erika zur Cloud Mesa gebracht hatte.Dienstag. einer weißen Amerikanerin ein solches Geheimnis anvertraute. Dezember 1999 Santa Fe. daß Kojote da draußen sein würde. Sie hatte keinen Beweis. der Häuptling der Sippe. weil er hoffte. Aber der östliche Horizont strahlte in majestätischem Glanz. daß der alte Schamane. Es hatte sie gerührt und beeindruckt. Sie wußte intuitiv. Auf der Hochebene angekommen. Erika achtete nicht auf die Schönheit der Natur.

er war tot. sondern wehten im Wind.den Schamanen: Er saß mit dem Gesicht nach Osten und gekreuzten Beinen auf einem Felsvorsprung am Rand der Mesa. Sein Körper war mit Lehm bestrichen. 570 . Seine langen weißen Haare waren nicht geflochten. Aber er betete nicht.

Eisige Morgenluft schlug ihr ins Gesicht. der polizeilich gesucht wird. Es ist gegen unsere Regeln…« »Wir haben Grund zu der Annahme. und sie konnte nur mit Mühe die Gestalten von drei oder vier Männern erkennen. daß sich jemand bei Ihnen aufhält. Einer der Männer hielt ihr etwas vor das Gesicht. worum es geht. Vermont Schwester Gabriele lief so schnell es ihre beinahe achtzig Jahre erlaubten und schüttelte verständnislos den Kopf.« »Es tut mir leid. aber Sie müssen mir schon sagen. »Worum handelt es sich?« fragte sie.« 571 . Sie schob die Holzklappe vor der vergitterten Öffnung zurück und spähte hinaus. die im hohen Schnee standen. Der Mann hieß Strickland. »Wir würden gern die Äbtissin sprechen. »Benedicte«. sagte er mit tiefer Stimme. den Umhang über die Schultern zu legen. Schwester«. In der ganzen Geschichte des Klosters hatte die Glocke der Pforte bestimmt noch nie so stürmisch geläutet. Der Besucher läutete so stürmisch. »Bitte öffnen Sie. Geduld.« Wer immer da draußen stand. dem mußten die Höllenhunde auf den Fersen sein. als sie in den verschneiten Hof hinauseilte.Kloster Greensville. und deshalb zitterte sie jetzt vor Kälte unter dem schwarzen Habit. Wir müssen in das Kloster. daß sich Schwester Gabriele nicht einmal die Zeit genommen hatte. »FBI. ich komme ja schon.« Schwester Gabriele sah einen Polizei-Ausweis. Schwester. murmelte sie. »Geduld. Die Welt lag noch im Halbdunkel.

das sie im Dämmerlicht kaum sah. Dann bekreuzigte sie sich und fragte: »Was hat sie getan?« »Sie wird im Zusammenhang mit zwei Morden gesucht…« »Morde!« Die beiden Nonnen bekreuzigten sich. Alexander nur ein paar Fragen stellen. Wir sind nicht gekommen. »Haben Sie diese Frau gesehen?« Die Äbtissin blickte lange und prüfend auf das Bild. schob den schweren Riegel zurück und öffnete die Pforte. sagte die Äbtissin. mein Herr«.« Strickland bedeutete seinen Kollegen mit einer knappen Bewegung zurückzubleiben.»Gütiger Himmel!« Schwester Gabriele hörte. Würden Sie bitte das Tor öffnen?« Die beiden Frauen flüsterten kurz miteinander. und dann die Stimme der Äbtissin. Strickland. sagte der Beamte. »Wen suchen Sie?« Der Mann vor dem Tor hielt ein Photo hoch. Außerdem hat sie Eigentum einer fremden Regierung entwendet.« Nach erneutem Geflüster lief Schwester Gabriele eilig über den Hof zurück. um sie zu verhaften. dann sagte die Äbtissin. Schwester Gabriele? Wer hat geläutet?« »Es ist die Polizei.« Die Äbtissin räusperte sich und nahm den Platz hinter dem Gitter ein. »Haben Sie einen Durchsuchungsbefehl?« Die Männer vor der Pforte wurden ungeduldig. »Möglicherweise sind es auch drei. »Schwester«. Sie suchen jemanden. sagte sie. 572 . »Was gibt es. »es ist sehr kalt hier draußen. und wir wollen Dr. »Aber bitte nur Sie. »Nun gut«. der Strickland hieß. Mr. daß der Schnee hinter ihr unter eiligen Schritten knirschte. »Verzeihen Sie. Normalerweise haben Männer hier keinen Zutritt. Mehr als einer von Ihnen würde die Ruhe des Klosters stören.

Strickland. Sie zu stören.« Sie lauschten auf eine Antwort. ich meine im Badezimmer sein?« »Alle Zimmer haben in den fünfziger Jahren eigene 573 . Alexander? Sind Sie da?« Strickland sah sich um. und die Äbtissin musterte den Beamten. Er war ein korpulenter Mann Mitte Fünfzig mit einem geröteten Gesicht und einem Ausdruck geduldigen Leidens. Er duftete schwach nach Kaffee und Zigarettenrauch.« »Wir hören hier kein Radio. Sie streckte die Hand aus. »Gibt es noch einen Ausgang?« »Nein. »Das steht Ihnen frei. »Frau Dr. aber ich habe meine Befehle. wo Vater Garibaldi. klopfte leise und rief: »Frau Dr. und zu uns dringen auch sonst keine Nachrichten von draußen. Schwester«.« »Könnte sie auf der Toilette.« Er seufzte.« Fünf Minuten später führte die Äbtissin ihn durch den Gang des Gästeflügels. »Darf ich bitte Ihren Dienstausweis sehen?« »Selbstverständlich. Sie müssen in den Nachrichten davon gehört haben. Vor Catherines Tür blieb sie stehen. Strickland. Mr. Alexander? Sind Sie wach? Sie haben einen Besucher. Voss am Abend zuvor Zimmer bezogen hatten. als sei er schon zu lange in seinem Beruf. Mr. sagte er. als er ihr zum Hauptgebäude folgte. Die Äbtissin klopfte etwas energischer.»Es tut mir wirklich leid.« Er gab ihr den Ausweis. daß ich die FBI-Dienststelle in Montpelier anrufe. »Es ist mir unangenehm. Wir suchen diese Frau schon seit zwei Wochen. um Ihre Identität zu überprüfen. Catherine und Dr.« Sie traten in die warme Vorhalle. »Sie haben doch sicher nichts dagegen.

Auf dem kleinen Tisch sahen sie einen Laptop mit dunklem Bildschirm. als hätte sie jemand gewarnt. was sie bei sich hatte?« Die Äbtissin seufzte und warf einen Blick auf die Sachen. hätten wir sie gesehen.« Er musterte die Äbtissin mit zusammengekniffenen Augen. Auf einem Stuhl lagen Kleider und Toilettenartikel. »Und das ist der einzige Zugang?« »Wenn Dr. Das Fenster stand offen. das zerknitterte Bettzeug wies darauf hin. das ist alles. der kalte Wind blies herein. sagte er. Alexander. sagte sie. Wir finden sie. »Frau Dr. »Frau Dr. daß jemand darin geschlafen hatte. Alexander muß diesen Weg benutzt haben. »Ich glaube. ist alles in Ordnung mit Ihnen?« »Schließen Sie auf«. »Sie wird nicht weit kommen. »Es sieht ganz so aus. Sie wird da draußen erfrieren!« »Sie hatte es offenbar eilig«. sogar ihre Schuhe«. sagte Strickland und ging durch das kleine Zimmer. Die Äbtissin trat zum Fenster und blickte hinaus. Alexander weggegangen wäre.« Die Äbtissin klopfte noch einmal. Dabei war es eine friedliche Versammlung. »Ihre Kleider sind noch hier.« Es gab ein schreckliches Gemetzel im Ring der Steine. Wir wollten 574 . sagte Strickland und fügte mit einem Blick auf die Äbtissin hinzu: »Bitte…« Die Äbtissin griff nach dem Schlüsselbund an ihrer Hüfte und schloß die Tür auf. »Ja«.Bäder bekommen.« Strickland blickte hinaus in den verschneiten Wald.« Er blickte über die Schulter zurück. Auf dem Boden unter dem Tisch entdeckten sie eine blaue Tasche. »Ist das alles.

wenn die Sonne direkt auf dem Altar aufgeht. und ich suchte Trost und Hoffnung in den Worten des Marienbriefes. Viele starben an diesem Tag. Das bedeutete: Wir mußten zu den wilden Barbaren. Als wir Britannien verließen und uns auf die Reise über die Nordsee in das Land der Germanen begaben. denn einige von uns waren Römer. Meine Freundin Claudia fand durch einen britonischen Speer den Tod. und das war mir ein gewisser Trost. Und dann. die ebenfalls mit Angst der Zukunft entgegensahen. und wir hätten alle das Leben verloren. Wir hielten Ausschau nach 575 . Deshalb waren wir bei Reisen durch kriegerisches Gebiet oder unter gefährlichen Umständen nie zusammen. wenn nicht Cornelius Severus rechtzeitig mit seiner Legion eingetroffen wäre. Aber sie gehörte zu jenen. Ich las ihn jeden Tag meinen Mitreisenden vor. wenn auch nur Frauen und Kinder. dann kam schließlich der Tag. Ich trug das Kreuz des Hermes auf der Brust. wie sie auch genannt wird. die uns angriffen. Und so befand ich mich auf einem der sechs Schiffe des Cornelius Severus.nur der besonderen geistigen Kraft dieses Platzes unsere Ehrerbietung erweisen und das Wunder der Sommersonnenwende erleben. Alles war ruhig. Danach hielt ich mich von den Druiden fern. die inzwischen dem Weg des Gerechten folgten. vor dem ich mich schon so lange gefürchtet hatte: Cornelius Severus wurde in die Kolonie Agrippina oder ›Colonia‹. Philos auf einem anderen und unser Sohn mit seiner Amme auf einem dritten. die ins Wasser tauchten. Amelia. an den Rhein versetzt. Tagelang hörten wir nur die Geräusche der Segel und der Ruder. damit wir nicht möglicherweise alle drei gleichzeitig ums Leben kommen würden. Philos war ein vorsichtiger Mann. erfüllte Furcht mein Herz. und das Knarren der Planken. Es waren Britonen.

Wir hörten bebend das laute Wiehern der Pferde. Vorräte. Die Böen kamen von allen Seiten. brach der Sturm über uns herein. daß die Fluten über uns zusammenschlugen. Doch wir begegneten keinem feindlichen Schiff. während die Seeleute Wasser schöpften und alles taten. Das Gefolge von Cornelius Severus war nicht mit dem Meer vertraut. Nun war das Schiff zwar leichter. Lasten. die in die Wogen stürzten. die Segel zerrissen. immer höher und nahmen den Männern am Steuer jede Sicht. Der Sturm jagte unsere schwachen Schiffe über das wogende Meer und zerstreute sie in alle Richtungen. Bald trafen Meer und Himmel in einem gewaltigen Mahlstrom zusammen. Wir sahen plötzlich. und wir wurden auf dem Deck hin und her geworfen. Noch ehe wir uns richtig vorbereiten konnten. aber plötzlich tauchte eines wieder auf. Der Kapitän kannte die tückischen Untiefen in dieser Gegend. Wir sahen. die dieses Meer im Norden heimsuchen. die Küste Galliens überfallen und friedliche Siedlungen plündern. Hohe Flammen schlugen daraus 576 . wie Männer über Bord gespült wurden. aber er wußte nicht. Tiere und alles Gepäck wurden über Bord geworfen. so daß wir schließlich keines der anderen fünf mehr sahen. Die Leute an Bord gerieten in Panik und waren der Schiffsbesatzung nur im Weg. doch der Laderaum stand unter Wasser. wie er das Unheil verhindern sollte. die Wogen schlugen höher. wie sich am Horizont riesige dunkle Wolken zusammenballten. Viele lagen auf den Knien und beteten. Unsere Schwesterschiffe hatten wir schon lange aus den Augen verloren. und ein tobender Wind aus Süden trieb uns vom Kurs ab. um zu verhindern. Vor uns tauchten schließlich Inseln mit zerklüfteten Klippen auf.Seeräubern. Das Schiff war zu schwer. die Masten splitterten. Statt dessen überfiel uns ein sehr viel mächtigerer Feind.

wie sich ein riesiger Wellenberg vor uns auftürmte und die Wassermassen über uns zusammenbrachen. In diesem Augenblick der Verzweiflung erinnerte ich mich an die Prophezeiung der Hekate-Priesterin in der Nacht meiner Geburt. es brach auseinander und ging mit der Besatzung und allen Reisenden unter. um uns alle in das nasse Grab zu reißen. Es trieb hilflos auf dem tobenden Meer. Dann trieb die böse Macht des Verderbens unser Schiff auf die felsige Landspitze zu. Die Wogen schleuderten es gegen ein Riff. Ich sah.empor. 577 . galt mein letzter Gedanke meinem Sohn und meinem Mann. Philos war auf diesem Schiff gewesen. Sie hatte von einem ›Berg aus Wasser‹ gesprochen und gesagt: ›Wenn sich das Meer in den Himmel erhebt…‹ Als das Schiff sank.

DER SECHZEHNTE TAG 578 .

wie viele meiner Mitreisenden sich in der gleichen Lage befinden mochten. und so mußte ich. um ein Feuer zu entzünden und so ein Signal zu geben. zu den Römern 579 . eine Außenseiterin. Als die Sippe mich fand. Aber ich bekam zu essen und lebte warm und trocken im Haus einer Frau. kam ich allmählich wieder zu Kräften. Dezember 1999 Ich weiß nicht. 29. die verstreut vor dieser Küste liegen. daß ich überlebte oder wie ich ans Ufer gelangte. mit denen ich gereist war. um mich gesundzupflegen. die sich über meine Gesellschaft zu freuen schien. Ich blickte über die Inseln. Aber der Schock hatte mich so betäubt. mit der niemand sprach. Schweine und Hunde. im Lager bleiben. und ich hielt Ausschau nach Rauchsignalen von den fernen Inseln. war ich völlig entkräftet und hatte hohes Fieber. Es war. als gesät und gepflanzt wurde und die Männer auf die Jagd gingen. lag ich auf einem felsigen Strand. als sei alles in mir zusammen mit meinem Mann und meinem Sohn gestorben. denn sie hatten die Alpträume meiner Kindheit bevölkert. Aber ich sah weder Rauch noch ein Feuer. dann wurde es Winter. Ich bat darum. Ich sah tote Pferde. Ich suchte das schreckliche Ufer zwei Tage und eine Nacht lang ab. Aber als ich aufwachte. und meine Erinnerung kehrte zurück. daß ich keine Angst empfand. Die Sippe verläßt ihr Winterlager nie. wie es kam. und fragte mich.Mittwoch. Sie brauchten Monate. Ich hätte vor diesen Barbaren aus dem Norden entsetzliche Angst haben sollen. fand aber keine anderen Überlebenden. Als der Schnee schmolz. und über mir schien schwach die Sonne. Ich suchte nach Mitteln und Wegen. Auf den Steinen lagen die Leichen von Menschen.

die mich gesundpflegte. Nahrung. den 580 . Waren das wirklich die Barbaren. viele haben rotgoldene Haare und wilde blaue Augen. denn diese freundlichen Menschen entsprachen nicht ganz den Ungeheuern meiner Vorstellung. die mir meine Amme als Kind erzählt hatte. daß ihnen die Gastfreundschaft heilig war: Es galt als ein Verbrechen. die sie besonders verehren. so wie ich einst Satvinders Sprache gelernt hatte. hieß Freida. Sie war die weise Frau der Sippe. Also konnte ich nur bleiben und abwarten. frischem Wildbret und Sauermilch bewirtet. und daß feindliche Stämme das Gebiet zwischen uns und der römischen Grenze durchzogen. Die Sippe wollte ihre Sicherheit nicht meinetwegen gefährden. Ich mußte immer wieder an die Geschichten denken. und Freida lehrte mich die Sitten und Bräuche ihres Volkes. Die Männer suchen oft ihren Rat und befolgen ihn auch. daß wir uns weit entfernt von allen römischen Vorposten befanden.gebracht zu werden. Bei seiner Abreise ließ der Gast ebenfalls Geschenke zurück. ist Odin. Aber sie gaben mir durch Gesten und mit in die Erde geritzten Zeichnungen zu verstehen. der zu ihnen kam. von denen ich gehört hatte? Die Frau. Alles wurde bereitwillig geteilt: der Herd. und man ließ mich auch nicht allein ziehen. Sie sind zwar groß. Allmählich lernte ich Freidas Sprache. und sie lauschen den Geistern der Winde. aber es sind ruhige Menschen. Sie reden und lachen. die Tür zu weisen. Ich stellte fest. So blieb ich für mich. Die Gottheit. und an die Berichte über die schreckliche Grausamkeit der Barbaren. jemandem. pflanzen Korn und ziehen ihre Kinder groß. Aber ich war auch neugierig. Besitz – und der Gast wurde mit wilden Früchten. Die Germanen schreiben den Frauen prophetische Kräfte zu.

schwören mußten. Fieber senken und Schmerzen lindern konnten. Und so verehre man bei den Völkern im Norden die Mistel. denn sie besitzen keine. Es vergingen Monate und schließlich ein zweites Jahr. weil sie einen Gott zu Fall bringen konnte.die Römer Merkur nennen. wie man Blutungen nach der Geburt mit einem Aufguß von Misteln stillt. den Gesichtern der Götter menschliche Züge zu geben. den Philos ›Belladonna‹ genannt hatte. ihr Volk ehre im Namen der Gottheit das. So erwarb ich mir allmählich Achtung und die Anerkennung der Sippe. sondern die Nächte des zunehmenden und abnehmenden Mondes. Als ich ihr sagte. Ich suchte vergeblich die Statuen ihrer Götter. Er war ein mächtiger Gott. Ich sah im Geist eine römische Trireme mit der 581 . erzählte sie mir die Geschichte von Baldur. der aus der Mistel gefertigt war. wie sie mit Hilfe von Blättern und Wurzeln des schwarzen Nachtschattens. sagte Freida. Freida sagte mir. Das geschah. die bescheidene Mistel wegen ihres unauffälligen Aussehens übergangen wurde. Statt dessen weihen sie den Göttern heilige Haine und besondere Plätze. Sie sagte. der Großen Göttin. alle Metalle und Krankheiten Frigga. Ich stand jeden Tag am Ufer und blickte sehnsüchtig über das Meer. Aber es gibt keine Bildnisse von ihm. Vollmondnächte und Neumondnächte gelten als heilig. als alle Pflanzen und Tiere. Ich zeigte Freida und den anderen Frauen. Sie zählen bei ihrem Kalender nicht die Tage. dem ein Pfeil zum Verhängnis wurde. Freida zeigte mir. es stehe den Menschen nicht zu. was nur mit den Augen des Glaubens sichtbar sei. Sie bringen Glück und sind aus dem Alltag herausgehoben. weil zu der Zeit. daß die Britonen die Mistel verehren. Baldur niemals zu schaden. Die Tage sind alle gleich.

und so zog ich aus dem Wissen Trost. meine 582 . ich würde nie mehr etwas anderes als Schmerz und Leid fühlen. der einzige Mensch auf dem Schiff. Ich hörte eine vertraute Stimme. daran zu denken. Als die Zeit verging. Philos war tot. ob zu Hause alle glaubten. Meine Trauer war so greifbar. das Dorf zu verlassen. fragte ich mich. und machten es unmöglich. daß wenigstens mein Sohn in das Reich des Gerechten eingegangen war. Das bedeutete. erkundigte ich mich. Rückblickend. Ich mußte daran denken. daß Philos gestorben war. Lange Zeit ließen mich mein Leid und mein Schmerz nicht los. überlebt hatte. und ich blieb bei der Sippe. Die feindlichen Stämme in der Umgebung hinderten mich daran. Aber sie konnten mir nie etwas darüber sagen. Doch die Jahreszeiten kamen und gingen. ob sie gehört hätten. was für einen schrecklichen Tod er erlitten haben mußte. weil viele Germanen römische Speere trugen. der an den Weg des Gerechten glaubte. als sei sie ein Teil von mir. daß mich jemand von Freidas Leuten zur Grenze brachte. Der Beweis dafür schien zu sein. und ich dachte. auch ich sei tot. Pindar hatte ich gelehrt. also war ich Witwe. Doch ich konnte nicht aufhören. daß die Römer eine Frau suchten. Und Pindar konnte den Sturm mit Sicherheit nicht überlebt haben. Ich war inzwischen überzeugt. ohne zum Weg gefunden zu haben. mein Glaube habe mich gerettet.Flagge des Cornelius Severus auftauchen. Wenn Besucher in das Dorf kamen. abends Gebete an den Gerechten zu sprechen. Und allmählich setzte eine Art Heilung ein. ich war auch kinderlos. die mich rief. denn ich wurde ständig an Rom erinnert. Ich sah Philos an Deck und Pindar an der Hand seiner Amme. das wußte ich. Mein Heimweh wuchs. daß ich. daß es mir erschien.

Ich erkannte zwar. Ich blieb meinem Glauben in diesem barbarischen Land treu. sie 583 . die wir an den Weg glauben. was er gesagt hatte. »Wir. indem ich andere am Glauben teilhaben ließ. wie die Buddhisten in Alexandria. wie man eine Geschichte ausspinnt. den nur ich überlebt hatte. Leider war der Brief der Maria mit dem Schiff untergegangen. Ich berichtete von seinen Wundern.liebe Amelia. Aber ich hatte immer noch das Hermes-Kreuz. Allerdings versuchten sie auch nicht. und von ihr lernte ich. doch ich wußte. Ich zeigte es der Sippe und erklärte. wie Claudia und die Druiden. von den Heilungen und dem größten Wunder von allen: Er hatte den Tod überwunden. Und ich erzählte von dem Sturm auf dem Meer und dem Schiffbruch. der jedes Jahr stirbt und wiedergeboren wird. Sie hörten mir zwar zu. eine Verkörperung des Höchsten ist. Ich sprach zu ihnen von dem Gerechten. den Göttern nahezukommen und die Ehrfurcht vor dem Unsichtbaren zu bezeugen. sagte ich ihnen. Freida war auch die Erzählerin der Sippe. obwohl mir gestattet wurde. daß Frieden und Vergebung die Heimkehr in sein Reich möglich machen werde. aber in Wirklichkeit hörten sie mich nicht. und daß sein Wort das Universum geschaffen hat. Wie Satvinder. erkenne ich die Anmaßung dieser Vorstellung. Das gelang mir. daß sie alle fromme Menschen waren. mich zu ihrem Glauben zu bekehren. so hatte auch Freidas Volk eine eigene Art. Aber ich war jung und mußte noch vieles lernen. bei ihren Ritualen in den heiligen Hainen anwesend zu sein. von dem. leben ewig«. Ich lehrte sie. so wie ich ihn von Antiochia nach Indien und von Alexandria nach Britannien mit mir genommen hatte. daß der Glaube an den Gerechten. daß Hermes. die die Zuhörer viele Nächte lang in Bann hält. und von seinen Gleichnissen.

Und ich sagte mir.waren irregeleitet. und gründete in der barbarischen Wildnis im Norden eine Gemeinde. nachdem die Streitigkeiten sie von der Sippe getrennt und eine Wiedervereinigung lange unmöglich gemacht hatten. gottgleichen Sigmund… 584 . Freida warf die heiligen Runenstäbe auf ein weißes Tuch und deutete die Zeichen. um mir die uralten Steine zu zeigen. So ging ich daran. Endlich. wo die anderen Stammesangehörigen zurückgeblieben waren. war es mir bestimmt. das Schicksal habe mich zu ihnen geführt. So erreichten wir schließlich den Wald. so erklärte sie. Freidas Sippe zu bekehren. die ihr Volk verehrte. so hieß es. wo die Germanen von den Römern Land zurückgewonnen hatten. seien besiegt. konnten wir näher zur Grenze ziehen. In diesem Wald gab es einen heiligen Platz. weil die Botschaft gerade hier gebraucht werde. tapferen. Und dort. in den dunklen Wäldern. Die Feinde der Sippe. Sigmund zu treffen – meinen schönen. zu dem mich Freida führte. Es erreichten uns Nachrichten von heftigen Kämpfen zwischen den Stämmen im Westen. Freida war wieder mit ihrem Sohn zusammen.

Die Inschrift in einer gewölbten Nische am Fuß der Statue verriet. Er trug ein kurzes Gewand. als sie sich nach dem Hermannsdenkmal erkundigte. Der Text der Inschrift war lateinisch und deutsch und lautete: ›Im Kriege nicht besiegt‹ Außer ihr befand sich niemand am Denkmal. 585 . Er sagte. Der Mann am Bahnhof hatte sie erstaunt angesehen. Vor ihr auf einer Säule stand ein gottgleicher Mann mit langen Haaren und einem wilden Bart. Sigmund zu treffen – meinen schönen. in den dunklen Wäldern. Nun stand sie unter dem dunkelgrauen Himmel und blickte über die sanft gewellten und dicht bewaldeten Hügel des Teutoburger Waldes. auf den Weg zu achten. Dieser germanische Krieger hatte Cäsars Legionen in einer Schlacht besiegt. Catherine war die beinahe vier Kilometer vom nahe gelegenen Detmold hierher zu Fuß gegangen. war es mir bestimmt. Ist das Sigmund? dachte Catherine. sechsundfünfzig Meter hohe Statue. Schilder mit der Aufschrift: Vorsicht! Glatteis! ermahnten die Besucher. Unter ihr lag ein zugefrorener See. gottgleichen Sigmund…« Catherine blickte auf die gewaltige. mit der anderen hob er das Schwert hoch in die Luft wie einer der Helden von Wagner. die den Lauf der Geschichte veränderte.Detmold. daß es sich um Hermann handelte. einen Lederumhang und auf dem Kopf einen geflügelten Helm. Mit einer Hand stützte er sich auf seinen Schild. Deutschland »Und dort. tapferen. den die Römer unter dem Namen Arminius gekannt hatten.

Sie hörte ein Schweigen. wo es warm sei. Da Catherine der älteren Frau überhaupt nicht ähnlich sah und auch nicht annähernd in ihrem Alter war. Auf der Erde lag hoher Schnee. Nachdem Julius sie im Kloster gebeten hatte. Den Rest sah sie in seinen Augen: Und vor allen keine Nonne im schwarzen Habit mit einer weißen Haube. Es war ein dichter Wald. den sie erst vor kurzem für eine Reise nach Rom hatte verlängern lassen. Die Äbtissin kannte nicht die ganze Geschichte. daß die Geschichte weiterging. das sich von allem unterschied.nur wenige Amerikaner fragten jemals danach und mitten im Winter schon gar nicht. Doch Catherine war in den Hermannswald gegangen. was sie jemals gehört hatte. mußte sie sich nach ihrer Ankunft in Frankfurt bei der Paßkontrolle auf ein großes Taschentuch und einen verschlafenen deutschen Beamten verlassen. sie vor dem tückischen Glatteis gewarnt und ihr geraten. mit ihm nach Kalifornien zurückzufahren. Catherine sprach noch am selben Abend mit der Äbtissin über ihren Plan. wo Sabina von dem Aufbruch nach Germanien berichtete. Nackte schwarze Strichfiguren ragten aus einer weißen Decke. Die ehrwürdige Mutter gab ihr einen Habit und den eigenen Reisepaß. der den Ästen und Zweigen. daß Sabina nicht in Britannien gestorben war. wo Sabina mit Freida gewesen war und wo sie Sigmund getroffen hatte. an dessen Bäumen allerdings keine Blätter hingen. Da wußte sie. hatte Catherine das erste Blatt der sechsten Schriftrolle gelesen. den Picknick-Bänken und Tischen weiße Hauben aufsetzte. weil es keine siebte Schriftrolle gäbe. Er hatte ihr den Führer gegeben. vielleicht lieber in den Detmolder Hof zu gehen. Außer Catherines Fußabdrücken gab es keine Spuren im Schnee. Catherine hatte ihre 586 .

Zum zweiten Mal hatte sie das Gefühl. nichts. Dabei brauchte sie nicht viele Worte zu machen.Schwierigkeiten nur angedeutet und sie um Hilfe gebeten. »Man sagt. wie Nonnen sie benutzen. und man fand das nicht von Bedeutung – auch Julius nicht. in ihrer Obhut zurück und nahm nur das sechste Buch mit. Eine Frau war wegen der Schriftrollen lebendig begraben worden. Catherine ließ die ersten fünf Schriftrollen. der sie nur deshalb in das Kloster geschickt hatte. sie wolle helfen. versteckt zwischen den Buchdeckeln. Er hielt ihr Vorgehen für falsch. das Skelett sei nicht von historischer Bedeutung«. was sie sagte oder tat. Vor zweitausend Jahren ist Sabina über diese Hügel gegangen und hat diese Luft geatmet. Catherine stapfte durch den Schnee. Am Saum ihres schwarzen Rocks hingen kleine Eisklümpchen. bei sich trug. Sie atmete tief die kalte Luft ein. Sie dachte an Julius. damit sie ihre Suche aufgab. Liebe und Glaube… Catherine beobachtete einen großen Raubvogel. Catherine war tief enttäuscht gewesen. würde etwas an seiner Meinung ändern. Garibaldi hatte nichts von ihrem Plan erfahren. und sie versuchte sich die friedlichen germanischen Dörfer vorzustellen. dachte Catherine. hatte er berichtet. Die kluge ältere Frau hörte Catherine ruhig zu und nickte: Ja. verraten zu werden. Sie wußte. der am grauen Himmel still seine Kreise zog. Hier hat sie sich verliebt. 587 . das sie jetzt sicher verpackt in einer schwarzen Tasche. wo sich die Familien um das Feuer versammelt und den Geschichten ihres Volkes gelauscht hatten. und hier wurde ihr Glaube auf die Probe gestellt. Ihr Blick glitt über die dunklen Wälder.

der durch ihre Nonnentracht drang. bis sie ein Schild erreichte: Externsteine. Wenn sie auf ihre Gespräche in den vergangenen beiden Wochen zurückblickte. mußte sie an Menschen denken. im Sommer. die falschen Schlüsse zu ziehen.Der Himmel wurde dunkler. wurde Recht gesprochen. Garibaldi… Der Schmerz über seine Täuschung war immer noch unerträglich. Dort schlugen sie Lager auf und feierten die Sommersonnenwende. Alle sieben Jahre. wenn die Sonne an einem bestimmten Punkt zwischen den Steinen aufging. der am Waldrand entlangführte. Das konnte sie ihm nie vergeben. die in einem bizarren Tanz erstarrt waren. hatte er mit einer Gegenfrage reagiert. Hier. Fehden beigelegt und Sippenbande 588 . wie überfüllt Jerusalem an Weihnachten ist?« Er hatte nicht gelogen. Catherine spürte den scharfen Wind nicht. so hatte Sabina geschrieben. während sie zusah. Catherine zog den Umgang enger um sich und folgte dem verschneiten Weg. hatte er entweder geschwiegen oder vage Antworten gegeben. hochaufragenden gezackten Steinen näherte. aber er hatte sie auch nicht daran gehindert. »Wissen Sie. trafen sich die Sippen des Stammes zu einer großen Versammlung bei den heiligen Steinen nahe dem Platz ihres großen Sieges über die Römer. Ein Pfeil wies geradeaus. wie Bodennebel die Täler füllte. warum er vor Weihnachten aus Israel abgereist sei. Sabinas Worte fielen ihr wieder ein. Auf ihre Frage. Als sie sich den gespenstischen. mußte sie sich eingestehen. daß er sie nie direkt belegen hatte. sich über den gefrorenen See breitete und die Welt in eine unwirkliche Stille hüllte. Wann immer sie Chicago oder seine Gemeinde erwähnte. Versprechen erfüllt. wurden Bekanntschaften erneuert.

Catherine entdeckte im heidnischen Stein ein eingemeißeltes christliches Basrelief. die fehlten. Der Wind wurde stärker. Hier ist es nicht. Der Stamm erinnerte sich an alle.gefestigt. was ich suche. Man tauschte Geschenke aus und stiftete Ehen. Nein. und sie fror. und ihr Umhang flatterte. Sie ging in das nahe gelegene Holzhausen und nahm dort ein Taxi. Endlich sollte sie erfahren. weil sie zu den Göttern gegangen waren. wohin Sabina sie als nächstes führen würde. Inzwischen wurde es dunkel. nicht hier…. das sie nach Detmold zurückbrachte – und zurück zu der sechsten Schriftrolle. erwies den Ahnen die gebührende Ehre. die Freida und die anderen weisen Frauen erzählten. Frauen und Kinder zum Festmahl zusammen und lauschten den Geschichten. dachte sie. und neue Kinder wurden mit Freuden begrüßt und in den Sippenverbund aufgenommen. Abend für Abend setzten sich Krieger. 589 .

und als der Bildschirm hell wurde. Miles startete den Computer.Santa Fe. und die Kamera überwachte den Gang für den Fall. Strickland hatte sich nach dem fragwürdigen Geschäft abgesetzt und war inzwischen auf dem Weg nach Brasilien. Warum sollte er noch vorsichtig sein? Vielleicht war er sogar in der Hoffnung zum Kloster gefahren. seine Spur werde nur bis zu dem Kloster führen. New Mexico Als Miles den Laptop von Daniel Stevenson aufklappte. Die Tür war gegen das Personal und andere unerwünschte Störenfriede gesichert. als Voss einen schweren Fehler beging und ein Flugticket nach Montpelier. Voss war vermutlich so leichtsinnig gewesen. weil er glaubte. Sonst wäre er nämlich niemals in der Lage gewesen. einem Beamten des FBI ein Angebot zu machen. es sei doch sehr viel besser. daß 590 . Wie auch immer. Miles wußte. und dort sei alles vorüber. kaufte und am Zielort einen Leihwagen bestellte. überprüfte er zunächst die Dateien im DesktopVerzeichnis. daß Erika zufällig vorbeikommen sollte. Einer hatte ihm sofort Meldung erstattet. das der Mann einfach nicht ablehnen konnte. Voss nicht von so vielen Männern überwachen lassen können. Er öffnete ein paar und stellte fest. dachte er. Nun saß Miles in seinem Turm. Vermont. er hatte sich geirrt. Reichtum brachte auch andere angenehme Dinge mit sich. seine Verlobte nach Hause zurückzubringen. Etwas Gutes war bei der Dreitausend-Meilen-Reise von Dr. reich als arm zu sein. Voss allerdings herausgekommen: Havers hatte endlich Stevensons Computer. Ohne Geld hätte Miles diesen Dr.

murmelte Miles. Er klickte und las: »Er hat Sie gefunden!« Havers runzelte die Stirn. »Also gut«. nicht ans Netz zu gehen. mit Grafiken überlagern können. Miles starrte auf den Bildschirm und überlegte. daß dieser interessante Mann zu seinen Gegnern gehört hatte.« Er hielt inne. Eine Mrs. eingegangen. als wir sie unhöflicherweise stören wollten. Damit hatte Stevenson Videoaufnahmen. als er das E-Mail-Symbol sah. Daneben stand eine halbleere Tasse Kaffee. was geschehen war: Jemand hatte die beiden gewarnt! 591 . Miles entdeckte Maya-Fresken über minoischen Darstellungen. Überrascht stellte er fest. Zur Software gehörte Virtual Imaging.Stevenson den Laptop hauptsächlich für seine Forschungen benutzt hatte. daß sich im Briefkasten eine Nachricht befand. als sie ihn gefunden hatten. der Computer sei an eine Steckdose angeschlossen gewesen. und beschloß aus Neugier. und er mußte Stevenson widerwillig bewundern. das Verzeichnis zu öffnen. Vielleicht war er doch kein Verrückter gewesen. Zu schade. »sehen wir uns an. Zeke hatte gemeldet. bevor sie zu Bett gegangen war. kurz nachdem er Catherine durch Galaxy BBS ausfindig gemacht hatte. sie sei bereits ausgezogen. Er hatte angenommen. Die Nachricht war drei Tage alt und morgens. Miles blickte nachdenklich auf den vielbenutzten Computer. Strickland hatte gesagt. O’Toole habe ihm gesagt. Plötzlich wurde ihm klar. woran unsere Archäologin gearbeitet hat. Catherine Alexander hatte eindeutig am Computer gesessen. und auf dem Tisch lagen ein Bleistift und ein Notizblock mit ein paar Aufzeichnungen. sie sei nicht in dem angegebenen Haus in der N Street in Washington zu finden. die Alexander sei vorsichtig genug gewesen. die von anderen Orten gesendet wurden.

schaltet den Computer ein. Er griff nach dem Haustelefon.Als er die elektronische Adresse sah – ›freund@dianuba. Mr. Im Unterverzeichnis TMBX52 entdeckte er eine gelöschte Datei:?YMBOS. sagte Teddy. murmelte Miles und klickte auf die Datei. Aber Miles suchte eine Datei. »Schlaues Mädchen«. die Stevenson zur Veröffentlichung weitergeleitet hatte. Diesmal suchte er nach einem Utilities-Programm. es würde weniger als fünf Minuten dauern. 1999. Sie springt aus dem Bett. Miles wandte sich wieder dem Computer zu und sah sich die DesktopSymbole noch einmal an. daß es sich hauptsächlich um Korrespondenz und Artikel handelte. Das Dianuba Network hatte zwar zehn Millionen Benutzer.EXE gelöscht am: 28. Etwa um diese Zeit hatte Strickland mit seinen Kollegen das Kloster erreicht. löscht die wichtigste Datei und klettert rechtzeitig aus dem Fenster. die an einem bestimmten Datum und zu einem bestimmten Zeitpunkt gelöscht worden war. bevor die Äbtissin und Strickland das Zimmer betreten.48 Uhr. daß Stevenson ein UndeleteProgramm installiert hatte. ein solches Programm zu laden und dabei möglicherweise Dateien zu löschen. Havers«. Mit einem Klicken auf ›Undelete‹ und C:\»kam er in das Hauptverzeichnis und überprüfte durch schnelles Öffnen und Schließen die Unterverzeichnisse auf gelöschte Dateien. Miles hätte nicht riskieren wollen. Er doppelklickte auf ›PCTools‹ und stellte erleichtert fest.com‹ – schnaubte er. »Teddy…« »Ich bin schon dabei. Havers stellte sich die Szene vor: Eine Nonne warnt Catherine Alexander. Der Trottel hatte die Warnung sogar über das Dianuba Network geschickt. die Angaben zu ›Freund‹ zu finden. Dez. Zeit: 6. »Aber nicht 592 . Er stellte fest. Alle Dateien waren mindestens mehrere Wochen alt. aber Miles wußte.

Zwei Minuten später war sie geladen.« Ein neues Kästchen erschien auf dem Bildschirm: DATEINAME:?YMBOS:EXE DATEI GRÖSSE: 94. was ›?ymbos‹ bedeutete. Deshalb gab er den Buchstaben ›B‹ ein und klickte auf ›OK. Notizen zu ordnen und griechische Buchstaben in einer unendlichen Vielzahl von Folgen aneinanderzureihen. WebCrawler. Wie es schien. Dianuba…‹ 593 . UniCom. Es sah aus.EXE WIEDERHERGESTELLT: Er hatte die gelöschte Datei. hatte sie versucht herauszufinden. was ›Tymbos‹ war. die täglich bei der Übersetzungsarbeit aufgerufen worden war.48 ERSTER CLUSTER: 30. um neue Informationen hinzuzufügen.‹ Auf dem Bildschirm war jetzt zu lesen: BYMBOS. Er studierte die nächsten Seiten.00 GELÖSCHT AM: 28/12/1999 06.248 ZUSTAND: gut GESCHÜTZT DURCH DOS DER ERSTE BUCHSTABE DES DATEINAMENS WURDE ÜBER DOS GELÖSCHT: BITTE GEBEN SIE DEN NEUEN ERSTEN BUCHSTABEN EIN:?YMBOS:EXE Miles hatte keine Ahnung. Er konnte wenig damit anfangen. und Miles hielt einen Ausdruck in der Hand. Es gab Anmerkungen: ›Nicht gefunden über Lycos. Offenbar handelte es sich um eine Arbeitsunterlage.800 Bytes PFAD: D:\TMBX52 ERSTELLT AM: 21/12/1999 00. Nichts von all dem ergab einen Sinn.schlau genug. Infoseek. als habe die Archäologin versucht. ein Puzzle zu lösen.

Das ist beinahe zu schön. so daß man die Datei später wiederherstellen 594 .Schließlich erreichte er das Ende: ›Tymbos. um Teddy anzurufen. Dabei wurde die Datei gelöscht. Anstatt König Tymbos sollte es heißen König von Tymbos. Im Desktop klickte er auf ›Datei-Manager‹. Dann speicherte er sie auf der Festplatte im Unterverzeichnis TMBX52 ab. um wahr zu sein…« Er wandte sich stirnrunzelnd noch einmal dem Computer zu und legte im Textverarbeitungsprogramm eine neue Datei mit dem Namen Havers an.‹ Miles starrte auf die letzten Worte: König von Tymbos. »Beinahe zu schön. ob in den letzten Tagen irgendwelche Amerikaner in Addis Abeba angekommen waren. das angeblich an der Handelsstraße nach Saba liegt. fand TMBX52. betrachtete die Liste der Unterverzeichnisse. Es würde nicht schwer sein herauszufinden. öffnete es unter havers. klickte zuerst auf ›Datei‹ und dann auf ›Löschen‹.exe. die Daten blieben jedoch auf der Festplatte erhalten. ein mystisches Land. um wahr zu sein! Seine Hand schwebte über dem Telefon. dachte Miles hocherfreut. Das Jesus-Fragment endete mit den Worten: ›… bringe es zu König…‹ Das war also der König! Er las die letzte Notiz: ›Saba war der alte Name Äthiopiens. Ein Volltreffer. Ein neues Menü erschien mit den Optionen: NORMAL DELETE WIPE DELETE DOD WIPE DELETE Havers kannte diese Funktionen: Normal Delete bedeutete Löschen im DOS. Liegt Tymbos in Afrika?‹ Miles griff schnell nach dem Telefon.

doch aus irgendeinem Grund hatte Catherine Alexander sich für Normal Delete entschieden. wenn es überhaupt ein ›Tymbos‹ gab. wenn sie die Flucht in letzter Minute vorgetäuscht und den Computer ›zufällig‹ zurückgelassen hatte. Miles war sicher. Stevensons Software hatte die DODFunktion. Also konnte sie die Datei jederzeit gelöscht haben – vermutlich lange vor Ankunft des FBI. so daß es absolut unmöglich wurde. Bei Wipe Delete wurden die Daten mit Nullen überschrieben. Er suchte das Tagebuch. Wenn sie also die Zeit geändert und die Datei normal gelöscht hatte. Und DOD – Department of Defence – überschrieb die gelöschte Datei gleich dreifach. und er wußte nicht. daß Catherine Alexander diese eine Datei über DOD gelöscht hatte. daß ›Tymbos‹. wo er sie suchen sollte. nachdem die Daten auf einer Diskette gesichert waren. Wie konnte er auf einen so durchsichtigen Trick hereinfallen? Er nahm sich die Dateien noch einmal vor. Alexander hatte möglicherweise die Uhrzeit des Computers geändert. Plötzlich wurde ihm klar. Sie war immer noch im Besitz der Schriftrollen und des belastenden Tagebuchs.48 Uhr. Strickland hatte die Äbtissin und Vater 595 . daß er die Datei fand! Er sollte glauben. Natürlich erst. Es war nicht zu finden.konnte. das Stevenson erwähnt hatte. ließ das nur eine Deutung zu: Sie wollte. Weshalb? Havers überlegte angestrengt. Er blickte noch einmal auf das Datum und die Zeit der gelöschten Tymbos-Datei – 6. in Afrika läge. die Daten noch einmal herzustellen. Er wurde wütend auf sich. und die Datei ließ sich nicht mehr herstellen. so daß die Daten nicht verlorengingen. daß das überhaupt nichts zu bedeuten hatte. und das den Namen seines Mörders enthielt. die Datei gelöscht und die Zeit wieder zurückgestellt. Sie hatte ihm also wieder ein Schnippchen geschlagen.

und der war. nutzlos. das ihn auf eine Nachricht aufmerksam machte. Als er im Kommunikationszentrum ankam. Catherine Alexander mußte es nach dem Aufnehmen so großer Textmengen eilig gehabt haben. Er konnte sein Glück kaum fassen: ›Aquae Grani. Es gab keinerlei Anhaltspunkte außer dem Laptop. Havers überflog das Blatt. Der Papyrus befand sich in einem schlechten Zustand. und war etwas nachlässig geworden. war die Übertragung gerade beendet. hatte Catherine Alexander den Wettlauf gewonnen. wohin die Alexander verschwunden war. Die Übersetzung war nach dem einzigen Photo angefertigt worden. Wenn der Text von Papazian diesmal keine Hinweise enthielt. daß es sich um die letzte Übersetzung von Papazian in Kairo handelte. zum Ende zu kommen. die Zeit war beinahe abgelaufen.‹ Es war die vorletzte Seite von Sabinas Geschichte. Das bedeutete. Miles beachtete diesen Nachsatz nicht. was als nächstes zu unternehmen sei. Deshalb hatte Papazian beim Übersetzen auch länger gebraucht. der mit einer kurzen Notiz mehr Geld verlangte. Seite 12 von insgesamt 13 Seiten. Beide behaupteten.Garibaldi befragt. An zwei Wörtern in der Mitte der Seite blieb sein Blick hängen. Plötzlich gab der Bildschirm ein Signal. Er ging mit großen Schritten in seinem Büro auf und ab und überlegte. die über einen bestimmten Computer im Untergeschoß einging.‹ 596 . nicht zu wissen. Miles sah. und die Aufnahme war unscharf. Auf der Rückseite des Photos stand der Hinweis: ›Sechste Rolle. das Miles von der sechsten Schriftrolle besaß. wie Miles nun wußte.

tippte Aquae Grani und drückte ›Enter‹.Was war das? Eine Stadt? Vielleicht war Catherine Alexander dorthin gefahren. klickte auf ›Suche‹. fuhr die in der Scimitar Software enthaltene Enzyklopädie ein. »Wer sagt es denn…«. murmelte er einen Augenblick später lächelnd. 597 . Er ging zurück an den Computer in seinem Büro. Es gab sogar ein Bild.

DER SIEBZEHNTE TAG 598 .

gerettet zu werden. Eines Tages kam sie zu mir und sagte. daß sie die harte Arbeit und die Gefahren des Mannes teilt. denn ich brauche einen Beschützer. liebe Amelia? Einerseits hoffte ich immer noch. Diese Dinge symbolisieren. Da ich festgestellt hatte. stimmte er zu. daß ich bei der Sippe blieb. stimmte ich der Heirat zu. sondern der Ehemann. werde mich kein Mann haben wollen. so sagte sie. Dezember 1999 Freida war die Matriarchin der Sippe. gehen nach dem Tode der Frau in den Besitz ihrer Töchter und danach ihrer Enkeltöchter über. Mein Überleben hing davon ab. Der Schild und das Schwert. und erinnern sie daran. Kinder zu bekommen. Andererseits hatte Freida recht. denn seine Gedanken kreisten um die Vereinigung der Stämme und die Wiedereroberung des Landes. Sie hatte ihren Sohn Sigmund gefragt. Um bei ihnen zu leben. daß sich die Frau das Heldentum ihres Mannes zu eigen macht. so sagte Freida. Doch da seine Mutter es wünschte.Donnerstag. ob er mich nehmen würde. Eine unverheiratete Frau im gebärfähigen Alter konnte Probleme unter den Männern schaffen. daß Sigmund kaum jemals im Dorf war. das die Römer seinem Volk entrissen hatten. Aber da ich keine Jungfrau sei. Wie sollte ich darauf reagieren. Aber ich hatte nicht die Absicht. und 599 . müsse ich heiraten. ich sei noch jung und im gebärfähigen Alter. einen Schild und ein Schwert. Nach alter Tradition erhält sie ein Pferd und Zaumzeug. Bei den Germanen bringt nicht die Braut die Mitgift in die Ehe. Er hatte mich bisher kaum zur Kenntnis genommen. 30. denn er war verwitwet und kinderlos.

wie der Himmel den Göttern gehört. Unbewohntes Land kann und wird von uns besiedelt werden!« Er wagte sich durch gefährliches Gebiet. Sigmund machte seinen Kriegern Mut. Ich beobachtete ihn bei Ratsversammlungen. Er konnte die Krieger mit seinen Taten und Worten begeistern. Er hielt mitreißende Reden. Der Stamm war vom Land seiner Vorfahren vertrieben worden und lebte in der Rolle des heimatlosen Bittstellers auf fremdem Boden. Er gab dem römischen Statthalter stolz zur Antwort: »Wir haben vielleicht keinen Platz zum Leben. In der Hochzeitsnacht wartete ich jedoch vergebens in dem eigens für uns errichteten Holzhaus auf meinen Bräutigam. so gehört die Erde den Menschen. Sigmund ließ sich nicht bestechen. tapfer 600 . und es war schrecklich anzusehen. Ich hatte noch nie einen Krieg erlebt. die anderen Stämme für einen neuen Kampf gegen die Römer um sich zu scharen. Er versprach nur Sigmund Land. Sigmund war der Anführer. bei dem viel getrunken wurde. niemandem sonst. Er sagte: »So. um zu sterben!« Er kam zu uns zurück und begann. bot Sigmund einen Handel an. den Gegner einzuschüchtern.wie es aussah. Sigmund auch nicht. liehe Schwestern. Fortan lebte ich wieder bei Freida und sah Sigmund nur selten. um den römischen Statthalter zu treffen und ihm die Bitte des Stammes um Siedlungsland zu unterbreiten. Sie kämpften im Wald. aber wir werden einen Platz finden. denn am Rande der Schlacht warteten die Frauen und Mütter und spornten ihre Männer an. indem er sie in der Kunst unterwies. um den Frieden zu sichern. Möge mir diese grauenhafte Erfahrung ein zweites Mal erspart bleiben. An unserem Hochzeitstag gab es ein großes Festmahl. so bekamen wir zu hören. zu erschrecken und in Panik zu versetzen. Der Statthalter.

Und so siegten die Germanen wieder. daß mit dem Sieg oder der Niederlage das Schicksal aller auf dem Spiel stand. spürte ich eine seltsame Veränderung in meinem Herzen. Ihre Rufe und die Schreie der Kinder erinnerten die Männer daran. Da rissen sich die Frauen die Kleider vom Leib. Sigmund mit seinen langen rotgoldenen Haaren.und Schulterlänge. weil es den Römern gelang. Er überragte die kleinen Römer um Kopf. Der Kampf nahm eine gefährliche Wendung für seine Männer. und sie griffen noch erbitterter und kühner die römischen Legionäre an. wie in den Tagen 601 . welches Schicksal sie nach einer verlorenen Schlacht erwartete: Vergewaltigung und die Sklaverei in Rom. Es waren bezahlte Soldaten. Unsere Krieger faßten neuen Mut und stellten sich zum Sterben entschlossen den römischen Legionen. daß Sigmund sie hörte. Als ich die Tapferkeit von Sigmund und seinen Kriegern sah. Ich war inzwischen drei Jahre bei ihnen. Speere und Pfeile schienen wirkungslos an ihm abzuprallen. um ihre Männer und Söhne daran zu erinnern. liebe Amelia. Sie kämpften gegen die Römer. Meine verzweifelten Schreie waren laut genug. und doch wünschte ich plötzlich. Die Soldaten Roms schlugen sich tapfer. sie in ein Sumpfgebiet zu treiben. Aber sie wurden nicht von ihren Frauen in den Kampf begleitet und nicht von ihren Kindern daran erinnert.zu bleiben. als sei er unverwundbar. Sie hatten mir das Leben gerettet und mich aufgenommen. den eisernen Muskeln und dem Mut eines Gottes bot in der Schlacht einen unvergeßlichen Anblick. wofür sie kämpften. Auch ich beteiligte mich an den Klagen und den ohrenbetäubenden Kampfrufen. keine Männer. Freidas Stamm würde siegen. die um ihre Heimat und um ihre Familienehre in die Schlacht zogen.

Ich zeigte den Frauen. Fortan sah ich in Sigmund und seiner Familie auch meine. und so konnte ich viele vor Schmerzen und Fieber bewahren und bleibenden Verstümmelungen vorbeugen. und überließ mich völlig Sigmund und seiner Welt. Viele von euch sind Frauen römischer Offiziere. Nachdem die Römer in die Flucht geschlagen waren. Seid bitte nicht entsetzt. den Verletzten zu helfen und Wunden schneller und schmerzlos zu heilen. wie sich neues Leben in mir regte. eilten die Frauen auf das Schlachtfeld und trugen die Toten davon. wurde ich eine Germanin. da wußte ich. wie man Wunden mit einem Dorn und Faden vernäht. wie man bessere Verbände anlegt. Ich aber lernte von ihnen. Die verwundeten Männer kamen zu ihren Frauen und Müttern. Ihr habt die gleichen falschen Vorstellungen und Vorurteile. Mit Hilfe von Kräutern gelang es mir auch. liebe Schwestern. den ich aber immer abgelehnt hatte. wie ich sie vor langer Zeit 602 . Ich nahm den neuen Namen an. und die Männer verbergen nicht schamhaft ihre Verletzungen. zeigten ihnen die Wunden und ließen sich von ihnen behandeln.des Arminius. Erfreute sich über meine Tapferkeit am Rande der Schlacht und war stolz über meine besonderen Fähigkeiten. Und so. Diesmal war Sigmund der große Held. In dieser Nacht liebten wir uns zum ersten Mal. Die Frauen schrecken beim Anblick von Blut nicht zurück. Wundbrände zu verhindern. um ihnen ein ehrenhaftes Begräbnis zu geben. als der Stamm sie kannte. Natürlich behandelte ich auch Sigmunds Verletzungen. Im stillen erneuerte ich jedoch den Schwur. Als ich einige Wochen später spürte. wie es als seine Frau mein Recht war. ihn und seine Sippe zum Weg des Gerechten zu bekehren. den sie mir gegeben. daß mein Leben in der zivilisierten Welt zu Ende gegangen war und ein neues begann.

die man ›Aquae Grani‹ nennt. und das Wasser die Leiden linderte. dachte ich an meinen Sohn Pindar. es ist die Wahrheit: Ich lebte bei den Barbaren und wurde eine von ihnen. Als wir in den Quellen von Aquae Grani badeten. um die Bäder im Westen aufzusuchen.hatte. Wenn er doch nur den Sturm überlebt hätte! Wenn er doch nur mit mir in den Wäldern gewesen wäre. falls er noch lebte. denn ich war kleiner als meine germanische Sippe und hatte dunkle Haare. daß er. liebe Perpetua. die das Leben in den Wäldern nach sich zog. Ich wollte nicht mit ihm sprechen. dunkelhaarige Römer schien mir jetzt ein Fremder zu sein. Ich hatte ihm nichts zu sagen. Ja. fand ich endlich die Antworten auf alle meine Fragen… 603 . Dann dachte ich an Philos und wurde traurig. Ich betete. glücklich und ein Anhänger des Gerechten war. denn er hatte nie die unsterblichen Riesen gefunden oder der Menschheit das Wissen um das ewige Leben zurückgeben können. Der Römer sah mich seltsam an. Als ich viele Jahre nach dieser Schlacht das erste Mal in die Nähe eines Römers kam. denn dort. überquerten wir während eines kurzen Friedens den Rhein. Doch dieser zierliche.

die zu dem mächtigen Portal führten.« Und so war Catherine nach ihrem Besuch im Teutoburger Wald in die westlichste Stadt Deutschlands an der Grenze zu Belgien gefahren. Sie dachte an die Kirche in Washington. Sie blickte auf die gotischen Türme. Catherine fühlte sich gegen ihren Willen getrieben. das Aix-laChapelle Karls des Großen. damit sie nicht entfliehen konnte. Der Dezemberwind jagte durch die Häuserzeilen. die in den grauen Winterhimmel ragten. daß auch die Luft alt war. als hätten sich die Steine Schicht um Schicht um ein Stück Zeit aufgetürmt und es umschlossen. In der Mitte der Stadt befand sich ein majestätischer Dom.Aachen. Es war ein altes. »Römische Bäder im Westen? Das muß Aachen sein. Abgesehen von elektrischem Strom war die moderne Zeit bestimmt niemals in diesen sakralen Raum vorgedrungen. Catherine stand auf dem Kopfsteinpflaster einer Straße. und betrachtete staunend die eigenartige karolingische Kuppel und die Buntglasfenster. wo zahllose Kerzen brannten. die vor zwölfhundert Jahren gebaut worden war. in die sie mit 604 . als habe er es eilig. zeitloses und einem wahrhaft erhabenen Gott geweihtes Monument. war eine moderne Großstadt mit einem mittelalterlichen Kern. über die Straße zu gehen und die Stufen hinaufzusteigen. würdiges. Aachen. die mehr als fünf Stockwerke hoch zu sein schienen. Die Römer waren vor zweitausend Jahren dort. Als sie zögernd am Eingang des Doms stand und in das halbdunkle Innere blickte. stellte sie fröstelnd fest. Deutschland »›Aquae Grani‹?« hatte der Mann an der Rezeption im Detmolder Hof gesagt. irgendwohin zu kommen.

überkam sie eine so überwältigende. das wußte sie. Sabina und Sigmund vielleicht hier in dieser geweihten Erde begraben? Doch der Dom war Jahrhunderte später gebaut worden. Catherine fürchtete sich unbestimmt vor dem. In der Mitte der Kuppel hing an einer langen Kette ein mächtiger vergoldeter Kupferleuchter. Sabina berichtete von einer anderen Zeit. das Hoffen und das Vertrauen des Glaubens von zwölf Jahrhunderten wie ein Echo widerhallten. Aber ihre Beine hatten plötzlich einen eigenen Willen und trugen sie über die Schwelle. wie der Atem der alten und der neuen Zeit sie erfaßte und tiefer und tiefer in die Kathedrale zog. die auf kunstvoll gearbeiteten Säulen standen. was sie vielleicht nicht finden würde. Jetzt. 605 . Nun stand sie in diesem Dom. und vor dem. das Flehen. Vor dreizehn Jahren hatte sie geschworen. Ist Sabina hier an dieser Stelle gewesen? Hat Freidas Sippe hier.Garibaldi zur Mitternachtsmesse hatte gehen wollen. würde sie nicht umkehren. kindliche Ehrfurcht. was sie hier vielleicht finden. an dieser Stelle. die wiederum auf anderen Säulen und Bögen ruhten und sich zu einer gewölbten Decke hinauf in eine himmlische Höhe schwangen. Catherine ging zum Oktagon. daß ihr der Atem stockte. nie mehr eine katholische Kirche zu betreten. spürte. wo Heilige und Apostel in erhabener Größe über einen goldenen Untergrund schritten. wo jetzt der Dom steht. in der noch immer die Gebete. Mit klopfendem Herzen trat sie durch das hohe Portal. und als sie nach oben blickte. Über ihn neigten sich wie ehrfürchtige Betrachter endlose steinerne Bögen. ihr Lager aufgeschlagen? Liegen Freida. An den Stufen war sie wieder umgekehrt.

während er darauf wartete. sich mit der Kraft ihrer Vernunft davor in Sicherheit zu bringen. Empfindungen und Erinnerungen auf sie ein. Sie war ein hilfloses leeres Gefäß. das nach Vollendung strebt. erinnerte jedoch auch an einen anderen Sieg. Hier ruht Karl der Große. Dreiundzwanzig Jahre gläubigen Katholikentums schlugen wie eine Flutwelle über ihr zusammen. Der große Kaiser gehörte fast schon in das Reich der Legende. dachte Catherine voll Ehrfurcht. die Pein und der Kummer ergossen. die der Dom so lange in sich aufbewahrt hatte. Der Dom war eine Manifestation des Triumphs nicht nur über Feinde. die zu dem unvergleichlichen Zauber des Augenblicks beitrugen. sondern über alles Irdische. bevor es ihr gelang. Von einem der gotischen Stützpfeiler blickte eine Madonna mit soviel Verständnis und Erbarmen auf die Menschen herab. Catherine stand wie gelähmt an der Säule. daß Catherine von ihren Gefühlen überwältigt wurde. und er führte sein Volk aus den Wirren der Kriege und Glaubenskämpfe in eine neue Zeit. die Passion. Es war weit schlimmer als das versinkende Atlantis. Sie lehnte sich haltsuchend an einen Pfeiler. Alles stürmte in einem Kaleidoskop der Bilder. Der Dom zu Aachen. Ihr plötzlich überwaches Bewußtsein nahm noch andere Einzelheiten wahr. Ihre ganze innere Not brach sich plötzlich Bahn. daß jemand hereinkommen und all das in sich 606 . denn vor der Katastrophe in ihrem Inneren gab es kein Entrinnen. Sein Leben und Werk hatten das Land geeint.Catherine war wie gebannt. in das sich der Glaube. aber er war auch eine historisch greifbare Gestalt. Durch die hohen bunten Glasfenster fielen Regenbogenfarben in den Chor und tauchten den goldenen Schrein in ein überirdisches Licht. das Grab des fränkischen Kaisers.

aufnehmen werde. Du bist nur deinem Gewissen gefolgt. Und ich bin nicht einmal bei dir geblieben. die Hostie im Mund und das naive Vertrauen darauf. um die Woge der Nostalgie und der emotionalen Schwäche zurückzudrängen. wie der Neigungswinkel eines Pinselstrichs Handschriften um Jahrhunderte voneinander trennte. Du bist meinetwegen ermordet worden. der staunend auf seine Tochter blickte und sagte: »Wir hatten nicht mehr geglaubt. rief ihr Herz den Marmorwänden und stummen Statuen zu. Sie rief sich die vielen Argumente und die berechtigten Anklagen ins Gedächtnis. drängten sich auf – Catherine saß an einem großen Schreibtisch und beobachtete ihre Mutter bei der Arbeit. Ich habe darin einen Verrat an mir gesehen. Catherine spürte. daß du noch so spät in unser Leben gekommen bist. wie der harte Panzer. und es ist ein Segen. sich gegen den Ansturm zu wehren. Es tut mir so leid. Sie sah ihren Vater. der so lange ihr Herz umschlossen hatte. Ich habe mich geirrt. daß diese heilige Handlung sie mit allen Katholiken auf der ganzen Welt und über alle Zeiten hinweg mit Jesus verband. dem inneren Sturm nicht länger standhalten konnte. Catherine 607 . die ihr geduldig zeigte. Auch Erinnerungen. abgelegte Hülle von ihr ab. um deiner Seele beim Antritt ihrer letzten Reise zu helfen. Catherine brach unter dieser Last beinahe zusammen. daß wir Kinder haben könnten. Du bist ein Segen Gottes. Es war meine Schuld. Julius! rief sie stumm. Ihr Bewußtsein versuchte.« Der Strom riß nicht ab. Danno. Er zersprang und fiel wie eine alte. die nichts mit der Kirche zu tun hatten. Du hast getan. was du für richtig hältst. Aber die Erinnerungen kamen in immer neuen Wellen – das leichte und befreite Gefühl nach der Beichte.

Er kam auf sie zu und hob die Hände in einer Geste der Kapitulation. Sie wußte in ihrem Herzen. daß er sie gefunden hatte. daß es tatsächlich Garibaldi war. Garibaldi. für das Produkt ihres aus den Fugen geratenen Bewußtseins. er hatte sich selbst zu dieser Reise entschlossen. die sie in Detmold gekauft hatte. »Keine Angst«. selbst wenn er jetzt nicht wie ein Priester gekleidet war. sobald ich ihn im Krankenhaus sah. Sie war sicher.glaubte zu ersticken. wo Sie sind. Auch Catherine trug nicht mehr das lange schwarze Gewand einer Nonne. Als sie plötzlich über den weiten Raum hinweg eine Gestalt mit einem traurigen Gesicht sah. dem man die Wahrheit anvertrauen konnte. Zitternd richtete sie sich auf und schlug die Hände vor das Gesicht. ich hätte Vater McKinney wegschicken sollen. Ich hätte auf einem anderen Priester bestehen müssen. Er war nicht auf Befehl des Vatikans hier. und sie wußte. Mutter. Er war ein Priester. Sie hielt ihn für eine Erscheinung. Doch dann trat er aus dem Schatten eines Pfeilers. daß die Äbtissin ihm seine Fragen wahrheitsgemäß beantwortet hatte. 608 .« Das hatte sie auch nicht erwartet. so wie etwas in Catherine sie auf Sabinas Spuren hierher in diesen Dom geführt hatte. sondern die unauffälligen Sachen. Es überraschte sie nicht. Sie löste sich entschlossen von dem Stein und den Erinnerungen. sondern weil ihn etwas in seinem Innern dazu trieb. Sie klammerte sich an den kalten Stein. sagte er leise. traute sie ihren Augen nicht. »ich habe niemandem gesagt. Sie kämpfte sich verzweifelt durch die Fluten ihrer Gefühle.

»Ich habe sogar eine Datei angelegt.« Sie senkte den Kopf. »FBI…?« murmelte sie. Mit etwas Glück sind seine Killer auf dem Weg nach Äthiopien…« 609 . als wage er nicht. Jedenfalls standen im Morgengrauen vier Männer vor der Pforte. als die Beamten des FBI kamen. wenn er einen der Beamten bestochen hätte. Hatte er es gesehen? War Garibaldi Zeuge ihres Augenblicks seelischer Ekstase gewesen? »Ich dachte. Sie gingen langsam durch den Dom.« Catherine zwang sich zu reden und beobachtete sich dabei wie eine Zuschauerin aus großer Höhe. die Stille mit profanen Worten zu stören. dann ist er eine Weile zufrieden.« Er legte ihr den Arm um die Schulter. Catherine wehrte sich nicht dagegen. daß Sie den Computer zurückgelassen haben…« »Ich war schon lange weg.Sie trafen sich unter einem Steinbogen mitten in dem langen hohen Gang. als seien Sie im Nachthemd aus dem Fenster gestiegen. antwortete Garibaldi und blickte sie besorgt an. »Es würde mich nicht überraschen. und es so aussah. Garibaldi flüsterte unwillkürlich. »Sie haben uns vielleicht einen Schreck eingejagt. In diesem Augenblick war sie für seinen Schutz und seine Kraft dankbar. er werde sie finden und sich auf eine falsche Fährte locken lassen. Es dauerte eine Weile. »Wie hat das FBI den Weg zum Kloster gefunden?« »Wahrscheinlich durch einen Hinweis von Havers«. »Von der Äbtissin habe ich erfahren. weil ich hoffte. um durch den Schnee zu fliehen. auf die Erde und in die Wirklichkeit zurückkehren.« Catherine konnte ihm nicht sofort antworten. Sie suchte noch immer ihre von Gefühlen zerrissene Seele in den dunklen Höhen der Kuppel. bevor die Beamten gekommen sind. wenn Havers der Computer in die Hände fällt. bis es ihr schließlich gelang.

als sei ich aus dem Kloster geflohen. beschloß ich. wütend und enttäuscht. daß es nicht lange dauern würde. »Es war vor allem diese Nachricht. Das hätte ich nicht tun sollen. »Ach du liebe Zeit…« »Was ist?« »Die Nachricht. Daran habe ich nicht gedacht! Ich habe sie nicht gelöscht! Havers kann jetzt denjenigen ausfindig machen. nicht nur…« Ein Schauer lief ihr über den Rücken. ein spirituelles Erlebnis? Catherine spürte die Nachwirkungen noch immer und bemühte sich darum.« Catherine zuckte zusammen. sagte sie leise. es würde tiefgreifende Folgen haben. Was immer unter der Kuppel mit ihr geschehen war. Ich habe in meinem Zimmer alles so hingelegt. Catherine?« Er schüttelte den Kopf. Als ich den Anfang der sechsten Rolle las und feststellte.« »Das lag nicht an Ihnen – nun ja. der sie geschickt hat!« 610 . Du meine Güte.»Sie sind also mitten in der Nacht geflohen. keine Zeit zu verlieren. Er hat mit seiner Warnung viel riskiert. Aber ich war entsetzt. »Mir war klar. Garibaldi zuzuhören und ihm vernünftige Antworten zu geben. daß es aussah.« »Ich nehme es Ihnen nicht übel. daß Sabina nach Germanien gegangen war. Sollte sie es eine Epiphanie nennen. daß Sie mitten in der Nacht bei Eis und Schnee vor mir aus dem Kloster geflohen sind. die wir in Washington über E-Mail bekommen hatten«. und ich entschuldige mich. Es tut mir leid. daß ich Sie geschlagen habe.« »Wir müssen demjenigen. für immer dankbar sein. Vater Garibaldi. der die Nachricht geschickt hat. Dann fragte er schuldbewußt: »Meinetwegen?« Sie sah ihn an. Sie waren meinetwegen so in Panik. »Es tut mir leid. bis Havers uns wieder auf der Spur war.

wer immer es gewesen ist. »Ich habe ihr nur gesagt. der ›Freund‹ mußte für die Zugangsberechtigung eine Kreditkarte benutzt haben. daß ich mich in Gefahr befinde…« »Ich nehme an. Voss ist sehr früh am nächsten Morgen abgereist.»Ich bin sicher. Er wird anonym im Internet gewesen sein. Wir haben nicht miteinander gesprochen. Wohin. Ihre nächsten Worte klangen deshalb etwas unsicher.« 611 . Sie erzählte mir auch. daß Sie in der Klosterbibliothek herausgefunden haben. es hat einen Streit gegeben. Ich nehme an. Sie sieht die Menschen mit anderen Augen. Aber der Absender ließ sich ausfindig machen. fuhr er fort: »Die Äbtissin hat mir gesagt. wie sie Ihnen bei der Flucht geholfen hat. daß die Äbtissin Sie persönlich im Wagen der Schwestern zum Bahnhof gebracht hat. Ich meine. »Ich hoffe nur. daß er vorsichtig sein muß.« Catherine hätte das nur zu gerne geglaubt. sie hat Sie offenbar wirklich ins Herz geschlossen. mehr brauchte sie nicht zu wissen. Als Catherine sich nicht äußerte. das weiß ich nicht. wenn sich der Betreffende nicht unter einem falschen Namen und mit falscher Adresse gemeldet hatte. Catherine…« Seine Stimme klang bewundernd und beinahe zärtlich. es ist inzwischen nicht noch jemand meinetwegen umgebracht worden…« Sie näherten sich dem Portal. wo der große germanische Held lebte. er wußte. Wie auch immer. Das tröstete und beunruhigte sie gleichermaßen. haben Sie Julius im Kloster gesehen?« »Dr. Er schien wütend zu sein. Ich hätte es nie für möglich gehalten. der die Römer besiegt hat.« Garibaldi schwieg. Catherine blieb stehen und fragte: »Vater Garibaldi.

Sie wollte erklären. Ihr fiel auf. dachte sie. Hier müssen Sie sich der Vergangenheit stellen. was sich 612 . wollte sie sagen. die Sie verfolgt. Deshalb fragte sie schnell: »Wie kommen Sie eigentlich hierher?« »Ich war in Detmold. nach dem er sich sehnt. daß eine amerikanische Nonne am Hermannsdenkmal war und sich anschließend nach ›Aquae Grani‹. so als sei sie bloßgelegt. denn es macht ihn empfänglicher für das andere. Dieses Blau paßt gut zu ihm. die in den Ecken lauerten. Vielleicht wurde deshalb in diesem sakralen Raum auch die eigene Seele deutlicher erkennbar. Pangamot kann Ihnen hier nicht helfen.« Er lächelte. Catherine konnte die verborgenen Leidenschaften sehen. Sie wollte es ihm sagen. »Es war einfach zu erfahren. »Warum sind Sie hier im Dom?« fragte er ernst. erkundigt hat. die Vater Garibaldi ständig unter Kontrolle halten mußte. Seine Augen schienen die melancholischen Schatten in sich aufzunehmen. Der Gegensatz zwischen dem Erhabenen und dem einzelnen.« »Aber woher wußten Sie. scheinbar hilflosen Menschen wurde hier besonders deutlich.« Er verstummte und betrachtete sie prüfend. daß Sie mich hier im Dom finden würden?« »Das wußte ich nicht. den römischen Bädern. Vielleicht kam jeder in diesem gewaltigen Gotteshaus seinem eigentlichen Wesen näher. daß das Blau seiner Augen hier im geheimnisvollen Dämmerlicht des sakralen Raums sehr viel dunkler zu sein schien. Ich bin meinetwegen hergekommen. wo die steinernen Bögen des Oktagons und das Kirchenschiff aufeinandertrafen. Es ist ein schwermütiges Blau.Catherine wurde verlegen und wollte das Thema wechseln.

warum ich hierhergekommen bin. um mich davon zu überzeugen.vor wenigen Augenblicken ereignet hatte. dachte sie erleichtert. »In Hinblick auf Sabina. daß ein Mensch wie ich. noch nicht. »Ich weiß nicht. unmöglich dem Göttlichen begegnen kann. als spüre er ihren Widerstand. wo ich als nächstes suchen soll. »Haben Sie hier in Aachen etwas gefunden?« fragte er beiläufig. als überlege er. Bitte. was geschehen war.« »Sind Sie mit der sechsten Rolle fertig?« »Ich habe noch eine Seite zu übersetzen. Als ihr Garibaldi leicht mit dem Finger über die Wange fuhr.« Er schien ihre Antwort abzuwägen. fühle ich mich vielleicht gezwungen. daß er eine Träne abgewischt hatte. Er wäre ein guter Psychologe. meine ich«.« Sie spürte seine Hand am Ellbogen. Sie schüttelte den Kopf. begann sie. und ich werde dir einen Katholiken fürs Leben geben. Sie konnte nicht darüber sprechen. der keinen Glauben mehr hat. Worte zu finden. vielleicht…«. um zu erklären. Dann sagte er: »Das verstehe ich.« Catherine hatte das Gefühl. stellte sie fest. ob er sich damit zufriedengeben oder widersprechen sollte. alles zu leugnen. »Ich weiß nicht. frag mich nicht danach! Wenn ich jetzt darüber reden muß. fügte er hinzu. Dann schüttelte sie den Kopf. »Wollen wir sie zusammen lesen?« 613 .« Wer hatte das gesagt? Ignatius von Loyola? »Ich dachte. daß er es tatsächlich verstand und daß sie nicht versuchen mußte. Hatte sich ihre katholische Erziehung wieder zu Wort gemeldet? War das alles nichts Übernatürliches oder Himmlisches gewesen. sondern nur eine unwillkürliche Reaktion? »Gib mir ein Kind bis zum Alter von sieben Jahren.

Ich eile durch die Zeit. Es gab keinen Autoverkehr in der Innenstadt. Waren das ihre letzten gemeinsamen Stunden? Nach der sechsten Schriftrolle gab es nichts. dachte sie. Es ist fünf Jahrzehnte her. Vom Fenster konnte Catherine die engen Straßen mit dem alten Kopfsteinpflaster sehen. Garibaldi würde in den Vatikan zurückkehren. was sie noch zusammenhielt. liebe Amelia. und Garibaldi hörte zu. an den Anfang des Christentums. Deshalb bin ich abgeschnitten von dem. Während sie bereits im Fahrstuhl nach oben fuhr. Wenn Catherine nicht auf die Jeans und die Windjacken achtete. daß ich Sigmund ein Kind gebar. Das Hotel lag in der Stadtmitte am mittelalterlichen Stadttor.Als Catherine am Morgen nach der Bahnfahrt von Detmold in Aachen angekommen war. durch einen Zeitsprung zurück ins Mittelalter versetzt zu sein. Danach bekam ich noch acht weitere Söhne und Töchter. vielen Ernten auf ihrer Lieblingswiese. wo sich die Häuser aus dem dreizehnten Jahrhundert aneinanderzulehnen schienen. Dorthin ging sie mit Garibaldi. konnte sie sich vorstellen. und sie… Wohin? Wohin werde ich danach gehen? Catherine las laut die letzten Seiten der Schriftrolle vor. und ich nahm ihren Platz an der Spitze der 614 . hatte sie ein Zimmer im gutbürgerlichen Wilferterhof genommen. Wir begruben Freida vor vielen. ließ er sich an der Rezeption ebenfalls ein Zimmer geben. Endlich konnte sie daran denken. Nur hin und wieder fuhr jemand auf dem Fahrrad vorbei. Garibaldi klopfte an und kam herein. und ich erlebte die Geburt von sechsundzwanzig Enkelkindern und sieben Urenkeln. was mich in der Gegenwart gehalten hat… Aber nun wollte sie noch weiter zurück. die letzten Seiten von Sabinas Geschichte zu übersetzen.

liebe Schwestern. Es war ein Überraschungsangriff. unsere Söhne und Töchter. An dem Tag. zum Zeichen seiner Mannbarkeit den ersten Schild und Speer erhielt. Nur etwas bedauerte ich. Ich erzählte sie abends an den Feuern zusammen mit der Geschichte meines Lebens. Sie wurde in einem einzigen Augenblick ausgelöscht. als Ingomar. denn Freida hatte mir die Geschichten ihres Volkes als Erbe hinterlassen. Ich lebte viele Jahre in Freidas Sippe. mein ältester Sohn. nämlich seine Botschaft zu verbreiten. aber ich führte niemanden zum Licht. Die Absicht. und ich starb 615 . Ich kämpfte nicht an ihrer Seite. Unsere Männer kämpften tapfer. doch die Angreifer waren in der Überzahl. So lange ist es jedenfalls her. und ob er sich an seine Mutter und unsere Jahre in Alexandria und Britannien erinnern konnte. Jetzt sind sie alle gegangen. die ich durch die Wälder gezogen bin.Sippe ein. von der alle sagten. ob er am Leben sei. Wie lange bin ich jetzt schon hier bei meiner Gastgeberin Perpetua? Um das zu beantworten. mit der ich vor langer Zeit Antiochia verlassen hatte. daß die Feinde aus dem Norden kommen würden. muß ich die Zeit hinzuzählen. sie sei wie ein Märchen. daß sie alle getötet wurden. Ich floh in den Wald. Wir hatten keine Ahnung. ob er die Toga erhalten habe. meinen Sohn von Philos. trug keine Früchte. Ich blieb nicht bei meiner Familie. ob es ein Monat oder ein Jahr war – vielleicht auch sehr viel länger. die ganze Sippe. Wir waren nicht darauf vorbereitet. dachte ich an Pindar. Ich fragte mich. meine Familie zum Weg des Gerechten zu bekehren. In dieser Hinsicht habe ich versagt. In all den Jahren war es mir nie gelungen. Sigmund. Ich weiß aber selbst nicht. Und ich sprach zu ihnen über die Botschaft des Gerechten.

daß Sie die siebte Schriftrolle auch noch übersetzen können. »Im Dom«. Antworten auf seine Fragen zu bekommen. sagte sie. wozu Sie verpflichtet sind. und sie sah den Konflikt. konnte den Mann nicht unterdrücken. »Das ist alles. die sie dort entdeckt hatte. der er war. sagte sie leise.« 616 .« »Schon gut«. Der Priester. wie sich seine Pupillen weiteten.nicht mit ihnen. »Ich hätte Ihnen so sehr gewünscht.« Sie sah die Enttäuschung in Garibaldis Gesicht.« Er nahm ihre Hand und drückte sie an seine Lippen. Ich fürchtete mich vor… »Ich fürchtete mich vor…« Catherine verstummte. Sie müssen dem Sechzehnjährigen. Ich weiß. »habe ich meinem Vater endlich vergeben. flüsterte sie. »Das ist es«.« Er ließ den Kopf sinken und fügte hinzu: »Es tut mir wirklich leid. Die Stille des Winters breitete sich nach ihren Worten im Zimmer aus. der Sie einmal waren. Seine Leidenschaft trieb ein böses Spiel mit ihm. Ich versteckte mich wie ein Kind. »Schade…«. was wir von Sabinas Geschichte haben. daß ich Sie getäuscht habe. Schließlich hob sie den Blick von dem Papyrus. Sie wußte. er hatte gehofft. Ich mußte es tun. Sie ging zu ihm und legte ihm die Hand auf den Arm. der er sein wollte. in dem er lebte. Sie haben getan. Sie spürte seinen warmen Atem auf ihrer Handfläche. daß er einen sinnlosen Mord nicht verhindert hat. Sie sah. »Schade…« Er seufzte. Und das müssen Sie ebenfalls. um die dunkleren Ströme zu erforschen. Sie hatten recht. »Ich bin Ihnen nicht mehr böse. verzeihen. sagte sie schließlich. Catherine blickte in seine blauen Augen und tauchte in ihre Tiefen.

Und in seinen Augen stand Abscheu. Ich meine. Nicht von dem Junkie. weil Sie das für eine ehrliche Lösung halten? Sie wollen sich beweisen. sagte Garibaldi aufgewühlt. von wem er sprach. Ich haßte ihn. wenn Sie Ihr Priestertum aufgeben. um die Sie gebetet haben. »Er stand da wie ein stummes Tier und flehte mich mit den Augen an.« Er sah sie wieder an. »Was soll ich ihm vergeben? Daß er die Wahrheit gesehen hat? Ich war ein Feigling. daß Sie kein Feigling sind.« Seine Stimme stieg zu der Balkendecke empor und hallte dort lautlos wider. Und als ich mich nicht von der Stelle rührte. sah er mich mit so tiefer Verachtung an. »Er ist es! Auf ihn bin ich böse. Dann wurde es still. Das haben Sie mir gesagt.« »Sie glauben nicht an Gott. Vielleicht ist das die zweite Chance.« »Nein. Ich muß nicht mir selbst verzeihen! Verstehen Sie das nicht? Ich bin nicht das Problem. Es ist eine Prüfung. Catherine flüsterte: »Vergeben Sie ihm.« »Sie wollen kein Priester mehr sein. ich hasse ihn immer noch. weil er wußte. »Er stand einfach da«. aber ich glaube an die Macht der Vergebung. Als die Kugeln den alten Mann in die Brust trafen. Ich versuche seit dieser Zeit. veränderte sich sein Ausdruck. Und Gott helfe mir.»Ach Catherine…« Er seufzte und wandte sich ab. weil er mich mit seinen Augen anklagte. haben Sie diese Prüfung nicht bestanden. die zu ihm zurückfinden. Vater Garibaldi…« »Vergeben?« rief er. »Das ist es nicht.« Catherine wußte. 617 . daß ich ein Feigling bin. meine Feigheit wiedergutzumachen. Gott vergibt allen. Er sah. Ich haßte ihn. daß ich ihn haßte. der den Mord begangen hatte. daß ich ein Feigling war. etwas zu unternehmen. und ich muß ihm verzeihen. sondern von dem alten Mann hinter der Ladentheke.

daß Sie Priester bleiben müssen. »Sie würden für mich kämpfen?« »Ja…« Plötzlich küßte er sie auf den Mund. Vergeben Sie dem alten Mann. blondes Haar.« Sie lächelte. Sie haben zur Kirche zurückgefunden? Sind Sie wieder Katholikin?« »Nun ja. Sie klammerten sich aneinander. während er sie an sich drückte und dabei wie ein Ertrinkender festhielt. wieder getrennt zu werden. zog die Ärmel nach unten und ließ es zu Boden 618 . Es genügt nicht. Aber Sie sind ein gläubiger Mensch!« »Ich zweifle jedoch daran. ich glaube nicht an Gott.« »Das heißt. Catherine schlang die Arme um seinen Hals. als hätten sie Angst. Catherine knöpfte sein Hemd auf und schob es über die Schultern. Gott zu dienen. Wenn wir vergeben. und wir sehen wieder klar.« »Ich soll dem alten Mann vergeben. einfach zu vergeben. nein…« »Sehen Sie? So einfach ist das nicht. Damit sind wir wieder am Ausgangspunkt des Problems.« Er faßte sie an den Schultern. wie Sie Ihrem Vater vergeben haben?« »Ja.Sabina hatte recht. daß ich würdig bin. Wir können Unsicherheit und alle Verwirrungen überwinden.« »Vater Garibaldi. »Diesmal kämpfen wir in derselben Arena gegen denselben Gegner. und Sie werden erkennen. ist das wie eine Befreiung. Der Kuß wurde leidenschaftlicher.« »Nein. Vater Garibaldi. Er legte die Hand auf ihren Nacken und fuhr mit den Fingern durch ihr kurzes.

Catherine erwachte und blickte an die Zimmerdecke. Er küßte sie zärtlich. jede Wimper und jede Pore. die der Streifschuß hinterlassen hatte. Sie waren Tausende von Meilen. Der Himmel vor dem Fenster war dunkel. »Nein. Sie wußten. der friedlich neben ihr lag und schlief. langsame und schmerzlich zarte Kuß eines Mannes. Er verschlang sie mit den Augen. Dann sah sie Michael an. daß der Morgen bald anbrechen 619 . wo die Kirchtürme einer längst vergangenen Zeit. der eine Ewigkeit auf diesen Augenblick gewartet hat.fallen. Zitternd legte sie die Hand auf seinen Oberkörper und überließ sich dem Gefühl seiner glatten Muskeln. Als sie die noch nicht ganz verheilte Wunde an seinem linken Arm berührte. in der die Menschen noch so fromm und gläubig wie Kinder waren. kein Innehalten. Er küßte sie noch einmal. als er sie auf die Daunendecke legte. dachte sie an den Tag in Santa Barbara. Seine Fingerspitzen glitten zärtlich über ihr Gesicht. Sie suchten Antworten und fanden sie schließlich im anderen. doch ein Hauch von Blässe verriet. in einem anderen Leben gewesen zu sein. Beide wollten nur im Hier und Jetzt bleiben. Ihr Herz klopfte wie rasend. daß sie nicht mehr dieselben wie damals waren. um an die Folgen zu denken. Es gab kein Fragen und kein Überlegen ob. über Jahrhunderte hinweg aus dem Sinai an diesen Ort gekommen. Das alles schien in einer anderen Welt. daß alles zu schnell ging. um das Leben in seiner schönsten und intensivsten Weise zu erleben. atmete jede Rundung und Linie.« Sie küßte die Wunde. als alles angefangen hatte. nun aber fürchtete. Er trug Catherine zum Bett. »Tut es noch weh?« flüsterte sie. doch ihre beiden Körper bewegten sich langsam. Es war der lange. die er an ihrem Körper sah. vor ihrem Fenster aufragten und den Mond und die Sterne verdeckten.

Die Nacht mit ihm war so schön und so außergewöhnlich gewesen. Ihr Blick wanderte wieder zur Decke. der verriet. wo sich die siebte Schriftrolle befand. Das alles gehörte von jetzt ab zu ihnen. und ihr fiel ein eigenartiger bräunlicher Fleck im Gips auf. diese Nacht. daß irgendwann einmal ein Wasserrohr undicht gewesen sein mußte.würde. Der Traum: Tymbos! Sie wußte schlagartig. Aachen und der Dom würden ihnen immer bleiben. sie wußte. 620 . Sie berührte Michaels Gesicht. daß ihr Herz plötzlich heftig klopfte. Was danach auch kommen mochte. und ihr traten Tränen in die Augen. Der Traum! Catherine stockte der Atem. Langsam bekam sie einen klaren Kopf und erinnerte sich… Es hatte etwas… mit… Sie spürte.

DER LETZTE TAG 621 .

sagte sie. »Hallo«. ohne den Mantel auszuziehen. jede Minute der letzten beiden Wochen mit dir ist für mich von Bedeutung. gemustertes Baumwollhemd und neue Jeans – keine Soutane. sagte sie.« »Bitte. sag das nicht. »Vielleicht. Deutschland Als Catherine ins Zimmer trat. 31.« Er nahm ihr Gesicht zwischen seine Hände. »Ich liebe dich. »Ich war nicht sicher. Catherine.« Er lachte leise. bitte glaub mir. »Warum? Wegen heute nacht?« »Wie fühlst du dich?« »Wie ich mich fühle?« Er kam zu ihr. Er lächelte.« »Du wirst mich als die Verführerin in Erinnerung behalten. »Weißt du eigentlich. »Hallo. dich hier zu finden«. verließ Michael seinen Platz am Fenster und sah sie aufmerksam an. daß ich Gott weniger liebe.« »Aber du wirst jahrelang Buße tun müssen. dann hilft mir die Liebe zu dir.« Er stand dicht vor ihr und lächelte. die an deinem Sündenfall schuld ist. keinen Priesterkragen. Doch seine Augen blickten ernst. Sie blieb stehen. »Aber wie ist es mit dir? Bedauerst du es?« »O nein…«. »Catherine. Dezember 1999 Aachen. flüsterte sie.Freitag. und hielt ein kleines Päckchen in der Hand.« »Warum nicht? Das bedeutet doch nicht. Er trug ein hellblaues. Wenn überhaupt.« Die leuchtenden Strahlen der Morgensonne streiften seine Schultern. daß du anderen immer Dinge in den Mund 622 . meine Liebe zu ihm zu stärken.

« »Heute ist Silvester«. dort würde ich finden. Irgend etwas daran hat mich seit dem ersten Lesen nicht mehr losgelassen. daß du kein Priester mehr sein möchtest?« »Wenn ich mich dazu entschließe. Besonderes und Schönes. Letzte Nacht war letzte Nacht – etwas Kostbares. ich weiß.legst?« »Ich weiß. Aber sie wußte. er werde sie küssen.« »Laß mich dich einfach nur ansehen«. dann hast du mir geholfen. die lange zurückliegen. Sie wünschte sich sehnlichst.« »Was hast du gesucht?« Sie öffnete die Tasche. mich der Tatsache zu stellen. »habe ich den Text der Handschrift des Thomas von Monmouth kopiert. sagte sie. Und ich dachte. sagte sie leise und betrachtete seine Lippen. um Frieden zu finden. und nahm den gelben Notizblock heraus. »Nun ja.« Er verschränkte die Arme. Wenn überhaupt. auf dem ihre Übersetzung der Schriftrollen stand. zog den Mantel aus und fuhr fort: »Mir ist gestern vor dem Dom eine katholische Buchhandlung aufgefallen. daß es für mich nur einen Weg gibt. ich nenne die Dinge immer beim Namen. »Michael. dieser Tag mußte anders sein. sind dafür Ereignisse verantwortlich. was wir brauchen. Ich muß dem alten Mann vergeben. habe ich…« »Hast du was…?« »Habe ich dich soweit gebracht. sagte sie. wo die siebte Schriftrolle ist«. »Michael. natürlich die Fehler…« 623 . flüsterte er und streichelte sie mit den Augen. fürchtete sich aber auch davor. Sie legte das Päckchen auf das Bett. »Bevor ich aus dem Kloster geflohen bin«. die sie von der Äbtissin hatte.

›Tymbos‹ ist das griechische Wort für 624 . Und das beschäftigt mich schon die ganze Zeit. »Das ergibt immer noch keinen Sinn. »Auch das stimmt. Jetzt zu den anderen Tatsachen. Jetzt hier – ›Valeria‹. Heute nacht ist es mir klargeworden. die später zusammen mit der Priesterin Valeria am heiligen Ort begraben wurden. Und das ist mir im Schlaf aufgegangen. wo das Licht darauf fiel. daß die Fakten alle stimmen. Nehmen wir als erstes das Wort ›Priesterin‹ und ersetzen es durch ›Diakonin‹.« »Sechs Bücher über Alchimie und Zauberei«. das ist unsere Sabina.»Sind es wirklich Fehler? Denk darüber nach. denn wenn du ein fehlendes Teil in das Puzzle einfügst. daß sie in Stonehenge war. ›König‹ Tymbos zu finden! Damit haben wir uns das Leben unnötig schwergemacht. Michael. »Sagen wir. Die Lösung des Rätsels lag die ganze Zeit auf der Hand. wird alles klar.« »Nicht von einer Person. fuhr Catherine fort.« Catherine wies auf den Satz: »Sie hinterließ sechs Bücher über Alchimie und Zauberei. Michael. Wir wissen.« »Und was ist das?« »Tymbos«.« Sie lachte glücklich und rief: »Michael. Sie war nicht mit Cornelius Severus verheiratet. Wenn man den Text analysiert.« Sie strich das Wort durch und schrieb das neue darüber. »Aber von Tymbos ist hier überhaupt nicht die Rede. sagte sie und sah ihn triumphierend an. Sie sind nur in einen falschen Zusammenhang gestellt. Sieh dir das an. soviel ist richtig.« Sie schlug den Notizblock auf und legte ihn auf den Tisch am Fenster. stellt man fest. aber sie gehörte zu seinem Gefolge.« »Es ergibt Sinn. Wir haben uns zu große Mühe gegeben.

»hat.« Er blätterte. ergänzte Catherine. nahm das Päckchen. Michael runzelte die Stirn.« »Welcher heilige Ort soll das sein? Hast du eine Idee?« »Was wäre für dich der heilige Ort schlechthin gewesen. aber…« Sie ging zum Bett. las er laut vor. wie das bei den Christen dieser Zeit üblich war. wickelte es aus und reichte Michael ein Buch. Es war eine kühne Vermutung. »Schlag Seite 32 auf. das Wort ›König‹ hinzugefügt. bis sie einen ganzen neuen Satz hatte. wenn du vor zweitausend Jahren als Christ gelebt hättest?« »Ich kann mir nur drei vorstellen. Lies weiter. nicht an einem heiligen Ort. »Sie ist also mit der siebten Schriftrolle an einem heiligen Ort begraben worden…« »Nein. »Sabina hinterließ sechs Bücher über Alchimie und Zauberei. »›starb etwa 142 nach Christus. die später die Diakonin Valeria mit ins Grab nahm.« »Ich auch«. aber trotzdem sehe ich immer noch nicht…« »Am Ende der Seite. um das Ganze zu einem Rätsel zu machen. »Das Datum paßt. Er blickte auf den Titel: Frühchristliche Märtyrer. ›… bringe es zu König Tymbos. »und deshalb habe ich beschlossen. sondern am heiligen Ort. ›»Valeria‹«.‹« Er sah Catherine an. in die Buchhandlung am Dom zu gehen.« »Und Perpetua«. bringe es in das Königreich…‹« »›… in das Königreich Gottes‹«.›Grab‹!« »Grab?« »Paß auf! Wenn wir ›mit… begraben‹ durch das ›Grab‹ ersetzen…« Catherine strich hastig Wörter durch und ersetzte sie durch andere. sagte Michael verblüfft. sagte sie. Michael.« 625 .

Sie war demnach Amelia Valeria!« »Und wurde offenbar als Valeria bekannt.‹«. damit haben wir die siebte Schriftrolle gefunden!« 626 . denn diesen Namen benutzte Perpetua! Deshalb haben wir sie auch trotz all unserer Bemühungen nirgends entdeckt.« »Zumindest kennt die Kirchengeschichte sie unter diesem Namen! Wir haben sie als Amelia kennengelernt. Michael.Zwei lateinische Wörter fielen ihm ins Auge: »Amelius Valerius.« »›Tochter des Amelius Valerius. »Sie war die Tochter des Amelius Valerius. las Michael.

seiner neuen Ära. aber trotzdem fühlte er deutlich den schicksalhaften Morgen des letzten Tages in diesem Jahrtausend. geschweige denn die Gäste konnten ihn stören. Und so war es von ihm gewollt. Sie ›zauberten‹ Fernsehbilder auf riesige Projektionsflächen. Die meisten Gäste waren für das große Silvesterereignis bereits eingetroffen. Miles hätte schwören können. Niemand. Silvester 1999 stand für den Beginn eines neuen Zeitalters. Aus den Metropolen der Kontinente. die Spannungen. Deshalb hatte Miles alles vorbereitet. während er am Telefon auf eine verschlüsselte Nachricht wartete. sondern nacheinander sechsmal erleben würden. die seine kostbare Sammlung umgaben. nicht einmal das Personal. noch öfter jedoch die Intrigen durch die meterdicken Betonwände spürte. würden 627 . dem sichersten Platz auf seinem riesigen Anwesen. Die Auserwählten sollten diesen Tag nie vergessen. damit seine Gäste den Jahreswechsel nicht nur einmal.Santa Fe. Das ›Wunder‹ vollbrachten Laserprojektoren. Hier unten sah er das Sonnenlicht nicht. Den Anfang machte Sydney in Australien. die Hoffnungen und Ängste der über tausend Menschen. Das Leben mit Erika hatte ihn sensibel gemacht für die Schwingungen des Unsichtbaren. Er empfing wie ein hochempfindlicher Radarschirm die Energie der Gäste. daß er das fröhliche Treiben und das Spiel mit belanglosen Worten. New Mexico Miles befand sich in seinem Museum im Untergeschoß. die vierundzwanzig Stunden lang beim Fest zur Zeitenwende die Stille der Casa Havers störten. die Santa Fe auf dem Weg in das neue Jahr und Jahrtausend zeitlich voraus waren.

war durch seinen Weitblick.« Er trommelte mit den Fingerspitzen nervös auf die Sessellehne und blickte auf die Notiz. Miles Havers. der Tag und Nacht die Erde umkreiste.Direktübertragungen der Silvesterereignisse gesendet werden – aus Sydney. Moskau. der kleine Hacker. Die mythische Welt der Kirchen und Religionen. die Archäologin zu warnen und wieder in die Anonymität 628 . Nicht existierende Telefonnummer. die Teddy ihm geschickt hatte: Suche nach freund@dianuba. Dieser historische Augenblick würde ihm die Erfüllung seiner Träume bringen. durch sein Können und seine Durchsetzungsfähigkeit zum weltweit größten Drahtzieher geworden. Washington D. Und er. Wie steht es? Gut. Alle Fäden liefen bei ihm zusammen. um zu leben. mußte der neuen Macht elektronisch manipulierter Fakten weichen. Ströme von Champagner würden fließen. und die Musik sollte von den Sangre de Cristo-Bergen widerhallen. um einzuloggen. Das neue Zeitalter brach an. ich kann Sie hören. Wirtschaft. Das war gerade lange genug gewesen. Bombay. Rom und New York. Sie stürzten Konzerne und Regierungen oder bestätigten ihre Ziele. Es war eine gute Zeit. falsche Kreditkartennummer.G. ich bleibe am Apparat. und die Computer auf der ganzen Welt verteilten Informationen.com Name: Joe Smith Adresse: 1600 Pennsylvania Ave. die über Jahrtausende hinweg das Bewußtsein der Menschen geprägt hatten. Kultur und Politik unterwarfen sich fortan dem Datenstrom. und kaum jemand ahnte etwas davon. »Hallo?« sagte er in den Hörer. ›Freund‹ hatte den Anschluß nur eine Stunde. »Ja. Wissen und Geld.

629 .« Der Tiger richtete sich zu seiner ganzen Größe auf.30 Uhr Frankfurt/M. Die Frau darf Sie nicht sehen. Wirklich sehr gerissen. Aber seien Sie auf jeden Fall dort. wußte er. Und daß er/sie für diesen Coup das Dianuba-Network benutzt hatte. Das andere… ich meine. »Ich habe eine Standleitung zu Ihnen geschaltet. das überlasse ich Ihnen. war eindeutig ein elektronischer Seitenhieb auf Miles Havers.« »Wohin?« fragte er. wenn sie die siebte Rolle holt. Die Beute war ihm sicher. wie Sie die Frau hinterher aus dem Weg räumen. Beschaffen Sie mir das Dokument. Als er die Antwort hörte. »Was haben Sie herausgefunden?« Er notierte auf den Notizblock: »Catherine Alexander… Abflug 19. »Hallo? Ja?« sagte er in den Hörer. anstelle von AOL oder Microsoft.zu verschwinden. ehe der Betrug mit der Kreditkarte entdeckt wurde. wo sich die siebte Schriftrolle befand. daß die kluge Frau Doktor doch noch herausgefunden hatte. Bleiben Sie ihr auf der Spur.

Die Gesichter der Menschen schienen zu leuchten wie auf einem riesigen Gemälde von George de la Tour. Der Countdown für Mitternacht hatte begonnen. Die einen weinten. auf dem der Papst. sagte Michael. hat er sich bereit erklärt. von dem er gesprochen hatte. »Er ist mein Freund«.Der Vatikan. Als Priester gelang es Michael. Catherine sah im Vorbeieilen in den Gesichtern von Männern und Frauen. Die Autos standen Stoßstange an Stoßstange. andere lachten. ihnen den Weg durch die Menge zu bahnen. war mit ihm in Chicago auf dem Priesterseminar gewesen und arbeitete im archäologischen Büro des Vatikan. die Hupen machten einen Höllenlärm. als sie am Petersplatz aus dem Taxi sprangen. und sie suchten sich eilig einen Weg durch den Stau. Sie staunten über die riesige Menschenmenge. »Er hat die Informationen über die geheimnisvollen Schriftrollen aus dem Sinai in den Medien verfolgt. Alle Augen richteten sich wie gebannt auf den Balkon. Er hatte sich auf dem Rhein-Main-Flughafen umgezogen. der 630 . Michael trug wieder die Soutane. uns zu helfen…« Er nahm Catherines Hand. die sich auf dem Petersplatz drängte. und die Scheinwerfer verbreiteten ein grelles Licht. und als ich ihm von uns erzählte. Der Freund. Jungen und Alten das gesamte Spektrum menschlicher Gefühle. Rom Dreiundzwanzig Uhr. aber viele hatten besorgte oder versteinerte Gesichter. die Fahrer schrien. Laternen. Taschenlampen. Beinahe jeder hielt irgendeine Art Licht in der Hand – Kerzen.

wie Michael es erlebt hatte. Es klang entschuldigend. »Für einen Katholiken«. Er führte sie durch einen Hof. »Vater Sebastian hätte eigentlich auf den Sinai gehen und die Berichte über das Jesus-Fragment prüfen sollen. daß es den Anschein hatte. Aber mit der dicken Brille wirkte er älter. die siebte Schriftrolle ebenfalls. Sie wurden mehrmals von der römischen Polizei und von der Schweizergarde angehalten. Sie eilten unter einem anderen Bogen hindurch. kleine.Nachfolger auf dem Stuhl Petri. doch nach ein paar erklärenden Worten von Michael ließ man sie weitergehen. und eine Spur wehmütig. er wollte nicht gehört werden. sagte der Priester. Ich meine die Stelle. daß Vater Sebastian etwas über vierzig war. Nachdem sie im Büro standen und die Tür hinter sich geschlossen hatten.« »Aber ich hatte die Grippe«. als bedaure er. wie Catherine fand. Catherine vermutete. als habe er sein Leben über Büchern verbracht. hatte helle Haut. Er war schlank. auf dem stand: UFFICIO SCAVI – Dienststelle für Ausgrabungen.« Das Grab der Amelia Valeria befand sich hier und. ein Abenteuer verpaßt zu haben. erscheinen würde. fast zarte Hände und reichte Catherine kaum bis zu den Schultern. wo Petrus begraben wurde. kamen um eine Ecke und gingen dann durch eine Tür mit einem Schild. der dank hölzerner Barrikaden und den Doppelreihen der Gardisten menschenleer war. stellte Michael seinen alten Freund Catherine vor. »kann es nur einen einzigen heiligen Ort geben. wie sie hofften. Er hielt sich leicht gebeugt. Er sprach so leise. Sie trafen Vater Sebastian am Arco delle Campane auf der linken Seite des Doms. Catherine konnte sich 631 . hatte Catherine in Aachen gesagt.

Catherine überlegte. wie Catherine auffiel. erklärte Vater Sebastian. wieviel Michael ihm wohl gesagt hatte. sie mußten sich beeilen. auf denen sich Korrespondenz. Tonscherben und Bruchstücke von Statuen türmten. und seine Stimme klang aufgeregt. Außer einem Blutfleck am weißen Kragen unterschied ihn nichts von den zahllosen Klerikern. Zeke ging eilig zwischen den Schreibtischen hindurch. öffnete sie leise 632 . schlich sich ein Vierter leise und ungesehen in das UFFICIO SCAVI. der offenbar in einer der vielen Dienststellen des Vatikan beschäftigt war. blieb an der anderen Tür stehen. in dem eine Treppe nach unten führte. bestand keine Möglichkeit mehr. Catherine wußte. Wenn die Grotten dem Publikum zugänglich waren. die überall im Dom und auf dem Petersplatz zu sehen waren. Als die Tür des Büros hinter ihnen ins Schloß fiel und ihre Schritte auf der Eisentreppe verhallten. Ja. wenn wir durch die Kirche gingen«. Sie blickte auf die Uhr. Akten. Sie verließen das Büro durch eine Seitentür. Dahinter befand sich ein enger Korridor. wenn Michaels Vorgesetzte davon erfuhren. »Um Mitternacht werden die Tore für eine dreißig Tage dauernde Ausstellung der Gebeine des heiligen Petrus geöffnet. »Wir müssen uns beeilen«. wie die vergangenen beiden Wochen ausgesehen hätten. Amelias Sarkophag zu öffnen. Notizen und. war die siebte Schriftrolle auf immer verloren. Es war ein weißhaariger Mann in einer schwarzen Soutane. sagte Vater Sebastian und brachte einen Schlüsselbund zum Vorschein. Die halbe Menschheit wird hinunter in die Grotten kommen!« Er führte sie an Schreibtischen vorbei.nicht vorstellen. »Man würde uns sehen. wenn er anstelle von Michael auf den Sinai gefahren wäre. Genau das aber mußten sie tun.

Die heiligen Grotten bestanden genaugenommen aus einem Gewölbe unter dem Petersdom. die vor der Krypta von Papst Clemens standen. als er berichtete: »Die Archäologen machten erstaunliche Entdeckungen! So fanden sie auch die Gebeine des heiligen Märtyrers. Er hatte noch nie zuvor einen Priester ermordet. Ich spreche natürlich vom heiligen Petrus«. Vater Sebastian suchte unter seinen Schlüsseln den passenden für eine unbeschriftete Tür in der reich verzierten Wand.« Er führte sie an kleinen Kirchenbänken vorbei. 633 . Königin Christina von Schweden und James II. unter anderem auch Hadrian IV. Ein deutscher Kaiser aus dem zehnten Jahrhundert war hier begraben. Als man mit den Arbeiten für eine Erweiterung der Grabkapelle von Pius XL begann. während Sebastian erklärte: »Die römische Nekropole wurde 1939 entdeckt. Ihre eiligen Schritte hallten auf dem Marmorboden. Er hatte Raphael absichtlich in der Menge verloren. Man stellte fest. der an dieser Stelle.und erreichte den Korridor. an bescheidenen Altären und geschmückten Sarkophagen. fügte er in einem ehrfürchtigen Ton hinzu. Schließlich erreichten sie eine prächtige Kapelle mit einem blau und gold ausgemalten Giebel und mehreren Gebetbänken. mit dem Kopf nach unten gekreuzigt worden ist. stießen die Arbeiter auf eine Mauer. das in kleine Kapellen unterteilt war. Darin befanden sich die Krypten von Päpsten und Herrschern. Seine Hände zitterten etwas. und zog Archäologen hinzu. von England. die eigentlich nicht vorhanden sein sollte. daß diese Mauer eintausendsechshundert Jahre alt war. der einzige englische Papst. im Circus des Caligula. Alle seine Sinne waren geschärft und hellwach. Er war allein.

die vor fast zweitausend Jahren für ihren Glauben zur Märtyrerin geworden war. berichtete er weiter. Sie konnte sich gut vorstellen.Catherine lief ein Schauer über den Rücken.« Und dann würde sein Killer mit der häßlichen Narbe… Energisch vertrieb sie diese absurden Vorstellungen und dachte an den riesigen Schwarm von Menschen in und um den Petersdom. Auch wenn sie nichts sah. Männer der Kirche hatten über die vielen Jahrhunderte hinweg mit allen Mitteln nach der Weltherrschaft gestrebt. die den Vatikan mit dem Papst an der Spitze weit stärker als ein Erdbeben erschüttern würden. den sie gekommen waren. und fragte sich beunruhigt. Ängstlich blickte sie den dunklen Weg zurück. Würde eine Frau. Frauen waren bis heute Randfiguren auf der kirchenpolitischen Bühne geblieben. nach alter 634 . daß er sich an dieser Stelle befand. »aber wir wissen. diese Kirche an der Jahrtausendwende mit der Wahrheit konfrontieren? Vater Sebastian fand den Schlüssel und drehte ihn im Schloß. die auf der ganzen Welt Menschen zu ihren Werkzeugen gemacht und ihre Glaubensbereitschaft enttäuscht und mißbraucht hatte. Wußte einer von ihnen. »Den Circus gibt es natürlich nicht mehr«. Die siebte Rolle konnte den Untergang dieser skrupellosen und doktrinären Macht einläuten. Die Archäologen haben Beweise dafür entdeckt. wie Havers vielleicht sogar selbst hinter einer Säule hervortrat und mit seinem weltweit bekannten Lächeln sagte: »Jetzt können Sie mir die Schriftrollen geben. Wie auch immer. die Angst ließ sich nicht abschütteln. ob Havers oder einer seiner Killer ihnen möglicherweise hierher gefolgt war und irgendwo in den Schatten lauerte. daß sie und Michael sich hier unten befanden? Die siebte Schriftrolle konnte Geheimnisse enthüllen und Beweise bringen.

die wie Häuser aussahen. zur Zeit des Kaisers Konstantin. Deshalb errichtete er eine Reihe von Stützmauern und füllte die Zwischenräume auf. Als man die Gebeine entdeckte…« Catherine kannte die Geschichte. Fenster und manchmal sogar Treppen. daß der Leichnam des Heiligen Petrus von seinen Anhängern heimlich hier begraben wurde. Sie hatten Türen. Deshalb erschien es auch ihr glaubwürdig. skeptisch zu sein. um den Platz zu vergrößern. bitte. Auf diese Weise begrub Konstantin diese alte Totenstadt. hob die Soutane und ging mit eingeschalteter Taschenlampe voraus. Schwellen.« Catherine sah sich erstaunt um. Peter. »Die Überlieferung sagt. eine große Basilika zu bauen«. passen Sie hier auf!« warnte er. Vor eintausendsiebenhundert Jahren hätten wir an dieser Stelle in den Himmel geblickt. »war der vatikanische Hügel sehr viel kleiner als heute. Als Archäologin hatte Catherine gelernt. denn sie gingen wie durch eine richtige Straße. Sie kannte jedoch die geradezu besessene Beschäftigung der Christen mit Reliquien. Dreihundert Jahre später. Der Kaiser ließ hier seine neue Basilika errichten. fuhr Vater Sebastian fort und führte sie in die Dunkelheit. die zu Dächern hinaufführten. Auch ihre Eltern hatten die Ansicht vertreten. daß es sich bei dem Skelett unter dem Hauptaltar tatsächlich um Petrus handelte. die nach Staub und Zerfall roch. die in die Fundamente der Kirche 635 . sagte er mit gedämpfter Stimme und richtete die Taschenlampe an die Decke.Überlieferung…. Sehen Sie«. »das ist die Unterseite des Fußbodens von St. Sie kamen an Höfen und Brunnen vorbei und an den Fassaden riesiger römischer Mausoleen. »Als Konstantin im vierten Jahrhundert beschloß. stand das ursprüngliche Heiligtum noch. daß die Gebeine des Apostels unter dem Petersdom ruhten.

war so tief und beängstigend. und an Fresken vorbeikamen. die besser im Dunkel der Erde blieben. und jeder 636 . die idyllische Landschaften oder stille Plätze zeigten.darüber eingebettet waren. denn das würde seine Fundamente schwächen. Plötzlich überkam sie das beängstigende Gefühl.« Vater Sebastians Stimme klang körperlos und leise. Vater Sebastian sprach flüsternd weiter. die mächtige Kirche mit ihrem lastenden Gewicht auf den Schultern zu spüren. Aber man kann sie nicht ausgraben. Die Dunkelheit. Als sie durch die engen Straßen gingen. eine Vase mit Blumen. »Die Totenstadt erstreckt sich in ganzer Länge unter dem Petersdom. einen Schwarm Vögel – Erinnerungen an Menschen. Ihr Herz pochte. Das Atmen fiel ihr immer schwerer. dieser Wächter der Toten wußte um alle Tragödien. in den persönlichen Bereich von Menschen einzudringen. die wie eine wirkliche Stadt aussehen sollte. Der Strahl seiner Taschenlampe fiel flüchtig auf einen springenden Delphin. die längst tot und dem Bewußtsein der Lebenden entschwunden waren. ohne einen wachsamen und erfahrenen Führer wie Vater Sebastian könnte man sich hier unten in der von Menschen geschaffenen Welt der Toten verirren und niemals gefunden werden. und Vater Sebastian verstummte. Catherine zweifelte nicht daran. Sie gingen an den geisterhaften ›Häusern‹ vorbei. die sie umgab. von denen Gassen abzweigten. daß Catherine nach Michaels Hand griff und dicht bei ihm blieb. Flüche und Frevel oder ahnte Geheimnisse. Catherine spähte durch Fenster und Türen mit dem eigenartigen Gefühl. Aber es war alles Illusion – eine Totenstadt.« Catherine glaubte. die nirgendwohin führten. »Alle Gräber wurden bereits vor vielen Jahren geöffnet und ihr Inhalt entfernt. »Es gibt noch sehr viel mehr Gräber«. fühlte sich Catherine wie in einem Labyrinth.

und 637 . »Das hier ist ein Beispiel für den Übergang«. Catherine blickte auf das Gesicht. daß Sabina in den Hermestempel gegangen war. Viele der hier begrabenen Christen hatten Spuren ihrer alten Religionen in dem neuen Glauben hinterlassen. daß man zum Beispiel Eigenschaften der Isis auf Maria übertragen hatte. Catherine wußte. in denen die Toten und nicht nur ihre Asche beigesetzt wurden. Außerdem gibt es dort christliche Symbole. Vater Sebastian richtete den Strahl der Taschenlampe in ein Columbarium mit zahlreichen Nischen für Begräbnisurnen. aus dem zweiten und dritten Jahrhundert. obwohl sie zu den Anhängern des Gerechten gehörte. und sie dachte daran. zur Gottesmutter und zur Himmelskönigin. Die Gräber schienen kein Ende zu nehmen. Je weiter man sich vom Grab des heiligen Petrus entfernt. Er beleuchtete die gewölbte Decke mit einem goldenen Mosaik.Schritt schien sie tiefer in das Totenreich hineinzuziehen.« Er trat in ein Grabmal. Weihnachten ersetzte die römischen Saturnalien im Dezember. die zu Stella Maris wurde. und auf die Krone aus Sonnenstrahlen. Sonnenstrahlen gingen von seinem Kopf aus. »Man kann auf diesem Weg den allmählichen Übergang vom Heidentum zum Christentum erkennen. und die beiden folgten ihm. besondere Aspekte der alten Götter. obwohl Überschneidungen oft eine klare Trennung kaum möglich machen. die für sie von Bedeutung waren. erklärte der Pater. In der Nähe des heiligen Petrus befinden sich Gräber aus späterer Zeit. desto mehr Urnen und Hinweise auf die alten Götter findet man. das erkennbar Jesus gehörte. das Christus als Apollo im Sonnenwagen darstellte. und der Sonntag ging auf den Mithraskult zurück.

Tacitus hatte vor zweitausend Jahren vermutlich zu Recht den neuen Glauben als ›eine Religion der Frauen und Sklaven‹ bezeichnet. Plötzlich fiel Catherine ein Satz aus der Bibel ein: »Am Jüngsten Tag werden die Toten von den Gräbern auferstehen…« Sie spürte ein Kribbeln im Nacken. Die Dunkelheit riß nur flüchtig auf. »Ach.Catherine fiel auf. Während sie an mehr und immer mehr Frauengräbern vorbeigingen – darunter sogar dem einer anderen Amelia mit dem Familiennamen Gorgoni. Es ist auch egal. Michael sah sie an. schon gut. wenn der Schein von Vater Sebastians Taschenlampe die Schatten traf. Auch der heilige Petrus würde auferstehen und… »Was war das?« fragte sie plötzlich. Ich weiß nicht. fragte sich Catherine im stillen: Wann haben die Männer eigentlich die Macht übernommen? Sie stiegen noch tiefer unter die Basilika hinunter. als sie sich gegen ihren Willen vorstellte. dann immer lauter wie eine anschwellende Woge. daß es sich in der Mehrzahl um Begräbnisstätten von Frauen zu handeln schien. »Was hast du?« »Ich dachte…« Sie legte die Hand kurz auf die Augen. die Menschen mit ihren Lichtern auf dem Petersplatz vor sich zu sehen. Catherine glaubte. Der Gesang mußte seinen Anfang irgendwo in der Menge genommen haben und von einem auf den anderen übergesprungen sein. und dann hörten sie das Singen – zuerst leise. 638 . Die Luft wurde immer muffiger und modriger.« Sie bogen in eine andere Straße ein. und schloß sich sofort wieder hinter den Eindringlingen wie ein undurchsichtiger schwarzer Vorhang. Sein Gesicht war im schwachen Schein der Taschenlampe kaum zu sehen. wie sich um Mitternacht die Deckel der Steinsarkophage heben würden und die Toten ihre Gräber verließen.

Es gehört sogar zu unseren besonders schönen Gräbern. das Symbol der Seelenrettung. das war dieser Frau zu verdanken. »In diesen Nischen«.deren Stimmen zum sternenübersäten Himmel aufstiegen: »Ave Mari-ia…« Es mußte bald Mitternacht sein. »hier haben wir es!« Es war ein richtiges Gebäude mit zwei Stockwerken. von dorischen Säulen getragenen Ziergiebel. der Strahl der Taschenlampe beschrieb einen Bogen. Unter der 639 . Eine besonders schön gestaltete Nische enthielt das Bild der schaumgeborenen Venus. Die Innenwände waren mit weißem Gips verputzt. Demnach war das einmal ein heidnisches Grabmal. Außen war es rot angestrichen. »befanden sich Urnen.« Der Lichtstrahl kreiste und beleuchtete ein wundervolles Fresko. das eine Familienszene zeigte. mit zarten Blüten. Besorgt fragte sie: »Vater Sebastian. und es hatte einen prunkvollen. und wir glauben. das in einer der Straßen des alten Rom hätte stehen können.« »A-ave. sagte Vater Sebastian leise und ließ den Lichtstrahl über die Wände gleiten. Darin befanden sich muschelförmige. daß das Grab der Amelia Valeria hier ist?« »O ja. Lange konnten sie nicht mehr hier unten bleiben. Efeuranken und Vögeln ausgemalte Nischen. zu deren Füßen sich Delphine aus Stuck in plastisch geformten Wellen tummelten. wo erstaunliche Beispiele römischer Kunst ans Licht traten. Im Grab herrschte die Atmosphäre eines eleganten Wohnzimmers. Irgendwann wurde die Familie jedoch zum Christentum bekehrt. ave-e dominus…« »Und hier«. Im Zentrum befand sich eine Orante – die Darstellung der Verstorbenen in Gebetshaltung. sind Sie sicher.

wie es die damalige Mode den adligen Frauen des römischen Reiches vorschrieb.Gestalt stand ein Name: ›Amelia Valeria. »Nein. Sie trat näher und legte die Hände auf den fein behauenen Marmor. Wenn sich die siebte Schriftrolle hier befand. dann mußte sie eine für die damalige Zeit gefährliche Botschaft enthalten. dachte Catherine. Eine christliche Priesterin… War die siebte Rolle mit ihr begraben worden? Und würde sie den Beweis dafür enthalten. Eine Frau. Nur heidnische Gräber wurden geöffnet. befinden sich in Museen. Ihre Verfolgung konnte nur eines bedeuten.« »Hat man ihn geöffnet?« fragte Catherine flüsternd.« Vater Sebastian wies auf den Sarkophag. wenn sie verfolgt wurde. die natürlich die Asche von Heiden enthielten. Ihr Haar war kunstvoll in mehreren Lagen aufgesteckt.« Catherine las die in den Sarkophagdeckel eingemeißelten Worte: »Dormit in pace anima dukis Amelia – Ruhe in Frieden. Amelia mit der zarten Seele.« Sie blickte auf Michael. die an der Spitze der frühchristlichen Kirche stand. Ihre Feinde bekämpften die Wahrheit dessen. »Wir glauben. daß Amelia als erstes Mitglied der Familie nicht verbrannt wurde. Sein Gesicht verriet deutlich die innere Spannung. um das Fresko genau zu betrachten. daß es sich um ein christliches Grab handelt. Amelia sollte sie nur dann mit ins Grab nehmen. Amelia mußte eine schöne Frau gewesen sein.‹ Die Menge über ihnen sang: »Benedictus tu in mulieribus…« Catherine trat näher. was in der Rolle 640 . daß die Nachfolge Jesu rechtmäßig Frauen und nicht Männern zustand? »Das hier zeigt uns. Alle Urnen. Die Diakonin war in weiße Gewänder gekleidet. hatte die Arme ausgestreckt und richtete den Blick zum Himmel.

Er schüttelte den Kopf und flüsterte: »Nein. wie wir den Sarkophag öffnen können. als eine hagere Gestalt auftauchte – ein Kardinal in einem schwarzen Talar mit rotem Besatz. Er betrat das Steuerzentrum der Überwachungsanlage.geschrieben stand. stand Zeke und beobachtete das Geschehen aus sicherer Entfernung. Jubel und Geschrei. denn jetzt ging es ums Ganze! »Sancta Maria.« Hinter ihnen.« Plötzlich war das Mausoleum in blendend helles Licht getaucht. den Symbolen der Priesterwürde. Catherine sah Michael fragend an. Zehn Zeitzonen weiter zog sich sein Auftraggeber von dem Fest aller Feste aus dem EuropaZelt zurück und eilte hinunter in sein Museum. und sie hörten Klatschen. einer breiten roten Seidenschärpe und einem roten Käppchen auf den schütteren Haaren. Die gepanzerte Schleuse schloß sich geräuschlos hinter ihm. Catherine stieß einen Schrei aus. »Was ist das?« fragte Catherine. Würden sie bald ihr Amt verlieren oder es mit Frauen teilen müssen? »Also gut«. Auf seiner Brust funkelte an einer langen Kette ein schweres Goldkreuz. ich habe nicht…« 641 . Seine Heiligkeit ist gerade auf den Balkon hinausgetreten. ora pro nobis…« Das Singen verstummte. Catherine musterte ihre beiden Begleiter in den schwarzen Soutanen. ein paar ›Straßen‹ weiter. »sehen wir nach. Er griff nach dem Handy und meldete sich wie verabredet. roten Knöpfen. sagte Michael. Diesmal hatte er dafür gesorgt. Michael hob den Kopf. im Schatten des Grabmals der Julia Mater. Er setzte sich vor die Wand mit den Schaltrelais und nahm den Anruf aus Rom entgegen. einer anderen Christin. daß Zeke keinen Schritt ohne seine Anweisungen machen würde. »Ich glaube.

»Ich kann mich noch gut daran erinnern«. »Dr.« Ehrwürden Callahan wirkte abweisend und verärgert. daß Sie hierherkommen würden. doch Catherine wußte. die vor fünfhundert Jahren zum Schutz des Papstes aufgestellt worden war. die ihn begleiteten. Das hier ist Ehrwürden Callahan. bitte glauben Sie mir. erwiderte sie. Er starrte mit zusammengekniffenen Augen auf Vater Sebastian. Gaspatronen und automatische Waffen bei sich. Alexander«. Ein Anruf. »habe ich seit ein paar Tagen überhaupt nichts mehr von Vater Garibaldi gehört. daß sie einen Eid abgelegt hatten. sagte Kardinal Lefevre. Wamsen. ein Tip. und seine Stimme hallte in dem unterirdischen Grab. wie Sie sagen würden. wenn ich Ihnen versichere. das Rätsel zu lösen. »Und wie ist es Ihnen gelungen. sie gehörten zur Cohors Helvetica. daß wir Ihre Freunde sind«.« »Sie sind selbst darauf gekommen?« fragte Catherine.»Nein. wenn ich fragen darf?« »Die Lösung des Rätsels kann ich mir nicht zugute halten. Alexander. »Vater Garibaldi hat mich nicht davon in Kenntnis gesetzt. In ihren Uniformen mit Piken und Hauberken. »Ihren Namen unter einem Brief an meine Mutter gelesen 642 . daß diese jungen Männer gut ausgebildet waren. sagte der Kardinal. hat mich darauf aufmerksam gemacht. er warf Michael einen strengen Blick zu. vom Ufficio Scavi. Sie trugen Sprühdosen mit Tränengas. den Halskrausen. »Wollen Sie uns daran hindern?« fragte Catherine herausfordernd. Sie musterte die vier jungen Männer. Catherine wußte auch. gestreiften Hosen und den KonquistadorHelmen wirkten sie eher wie Statisten auf einer Opernbühne. Um genau zu sein…«. Dr. der Schweizergarde. den Papst notfalls unter Einsatz des eigenen Lebens zu beschützen.

Und«. ja.« »Es gehört der ganzen Welt.« »Eine bedauerliche Episode. Und ich werde dafür sorgen. daß die Welt liest. Wir ›verstecken‹ Schriftrollen nicht. Doktor Alexander. Wenn Sie mit mir irgendwann einmal darüber in meinem Büro sprechen möchten…« »Sie werden die Schriftrolle aus dem Sarkophag der Amelia an sich nehmen. Wir haben uns nicht verschworen. fügte er seufzend hinzu. was in dieser Rolle geschrieben steht. werden wir sie den Wissenschaftlern zugänglich machen und ihren Inhalt veröffentlichen. Wenn sich die siebte Rolle hier befindet. Wir sind keine Unmenschen. »wir sind nicht Ihre Feinde.« 643 .zu haben. nicht wahr?« »Wenn es sich um ein christliches Dokument handelt. der Welt die Wahrheit vorzuenthalten. wie Sie glauben. Ich hatte es wirklich nicht soweit kommen lassen wollen.« »Das ist auch unser Wunsch. denn dann gehört es der Kirche.

Miles hatte von Zuckerbäckern aus Salzburg den Eiffelturm. Aber überall in den großen weißen Zelten. während der Papst in Rom die Menge segnete. Im Augenblick bereiteten sich die Gäste von Erika und Miles Havers darauf vor. an ihrer Seite stehen. Die Alte Welt feierte die Jahrtausendwende. sich bei seinem Butler nach ihm zu erkundigen. Aber Erika suchte ihren Mann schon seit geraumer Zeit. Miles sollte in diesem Augenblick. das Brandenburger Tor und den Petersdom ›nachbauen‹ lassen. Dieses Kunstwerk aus Zucker wollte er an der Seite von Erika mit einem Feuerwerk den Gästen im Europa-Zelt präsentieren. 644 . New Mexico Die Gäste auf dem großen Anwesen feierten in der späten Nachmittagsonne und drängten sich in den Festzelten um die üppigen Büfetts mit den erlesensten Delikatessen und Spezialitäten aus der ganzen Welt. Jedes Zelt war einem Kontinent gewidmet. so war es besprochen. Es war dort bald Mitternacht. Wohin war Miles verschwunden? Sie beauftragte einen der vielen burgunderrot und weiß gekleideten Diener. In Rom richteten sich alle Augen auf Seine Heiligkeit den Papst. Big Ben.Santa Fe. ja sogar im Freien konnte man auf den Projektionswänden das Geschehen in aller Welt verfolgen. den Veranden und Salons. mit den Menschen auf dem Petersplatz das neue Jahrtausend zu beginnen.

ihr Mann sei in seinem Museum. New Mexico Auf den Projektionswänden sahen und hörten die Gäste den Chor der vor dem Petersdom versammelten Gläubigen. wenn auf dem Petersdom in Rom die Kirchenglocken zu läuten begannen? 645 . hörte Erika. wie hinter ihr die Gäste fröhlich wiederholten: ›Zehn!‹ Für sie war es die dritte Jahrtausendwende seit dem Mittag. Santa Fe.Der Vatikan. Sie verließ eilig das große weiße Zelt. Rom Die Gruppe in der Gruft hörte. Während sich die Fahrstuhltüren schlossen. die wie aus einem Mund ›Dieci!‹ riefen. sagte Michael. »Aber wir werden den Sarkophag öffnen. ›Dieci!‹ »Vergeben Sie mir. Eminenz«. Was würde geschehen.« Er blickte mit gerunzelter Stirn auf die vier Gardisten. wenn im fernen Europa. die Minuten bis Mitternacht zu zählen. Der Butler hatte Erika ausrichten lassen. wie die Menge oben auf dem Platz im donnernden Chor begann. Es lag etwas Besonderes in der Luft. aber die Spannung stieg.

Sie blickte in das kaum erkennbare Auge der Überwachungskamera und rief leise: »Miles? Bist du hier?« Der Vatikan. Zwei Gardisten legten die Hellebarden ab und näherten sich dem Sarkophag. 646 .Der Vatikan. Rom ›Otto!‹ Michael und Vater Sebastian traten seitlich an den Sarkophag und begannen mit Hilfe der beiden Gardisten. den Deckel von seinem Platz zu schieben. Rom ›Nove!‹ Kardinal Lefevre machte eine Handbewegung. New Mexico ›Neun!‹ Erika stand etwas außer Atem vor dem Museum im Untergeschoß. Santa Fe. Kardinal Lefevre und Ehrwürden Callahan sprachen leise ein Gebet für die Tote.

blickte sie fragend in den langen großen Raum. Rom ›Sette!‹ »Okay«. Aber die Zeit drängte. Sie konnte nicht warten. »Miles. Normalerweise überließ sie das immer Miles. Sie konnte die täglich wechselnde Zahlenkombination mit ihrem Namen aufrufen. »Miles?« 647 . obwohl er ihr als einzigem Menschen einen besonderen ›Schlüssel‹ anvertraut hatte. New Mexico ›Sieben!‹ Erika eilte beunruhigt durch das Museum. New Mexico ›Acht!‹ Erika hatte den Code eingegeben. wenn ich es sage. bis er sie auf dem Überwachungsbildschirm sah. Als die Tür geräuschlos zur Seite glitt. »alle zusammen.Santa Fe. Liebling?« Der Vatikan.« Santa Fe. dessen Schätze sanft von der indirekten Beleuchtung angestrahlt wurden. sagte Michael.

Es war neu. Rom ›Cinque!‹ Catherine blickte auf Michaels breiten Rücken. New Mexico ›Sechs!‹ Erika beachtete die Schätze nicht. während er gegen den Deckel des Sarkophags drückte. Ihre Unruhe trieb sie vorwärts. Der Vatikan. Aber dann blieb sie verblüfft stehen. Santa Fe. An der Rückwand stand ein Kabinett. daß sich der Deckel bewegte. der vor fast zweitausend Jahren geschlossen und versiegelt worden war.Der Vatikan. Mit angehaltenem Atem wartete sie darauf. Sie kannte die Sammlung. die ihr Mann im Laufe der Jahre zusammengetragen hatte. Rom ›Sei!‹ Der Deckel des Sarkophags rührte sich nicht von der Stelle. dessen Muskeln sich vor Anstrengung spannten. Sie hatte es nie zuvor gesehen. 648 .

sagte Michael stöhnend und wischte sich den Schweiß von der Stirn. was für Miles wertvoll genug war. um es seiner Sammlung hinzuzufügen. Sie überlegte.Santa Fe. Rom ›Quattro!‹ »Also«. Trotzdem. aber diesmal mit ganzer Kraft!« 649 . ihre Unruhe wurde sie nicht los. Erika lächelte unsicher. Der Vatikan. Warum hat er mir nichts davon gesagt? Soll es eine Überraschung für mich sein? War er deshalb in diesem Augenblick hier unten im Museum und nicht bei den Gästen? Miles war ein hervorragender Stratege. New Mexico ›Fünf!‹ Erika trat neugierig näher. Bestimmt befand sich in dem Kabinett ein Neuzugang. Vermutlich hatte er sie auf diese Weise geschickt hierher gelockt. »Noch einmal.

Sie stand vor dem neuen Kabinett. Der Vatikan. Zögernd streckte sie die Hand aus. die Tür zu öffnen. New Mexico ›Vier!‹ Erika sah sich suchend um. Sie ergriff den kleinen Elfenbeinknopf und begann. Er sprang auf und rannte los. New Mexico ›Drei!‹ Der Überwachungsbildschirm blinkte. 650 .Santa Fe. Santa Fe. Beobachtete er sie? Sollte sie den Schrank öffnen? Wartete er darauf? Dieser Mann! Er denkt sich immer wieder etwas Neues aus… Erika wollte keine Spielverderberin sein. Miles ließ den Hörer sinken und beendete abrupt das Gespräch. Rom ›Tre!‹ Der Deckel glitt mit einem lauten Knirschen endlich einen Fingerbreit zur Seite. Er sah Erika mit dem Rücken zur Videokamera in seinem Museum. Das Kabinett war nicht verschlossen. Miles war nicht zu sehen. und ein Warnton setzte ein.

Dann sank sie lautlos zu Boden. der breit genug war. New Mexico ›Zwei!‹ »Erika!« rief Miles außer Atem. »Nein…« Der Vatikan. ›Buon Anno!‹ Santa Fe. Rom ›Due!‹ Der Deckel des Sarkophags glitt etwas weiter zur Seite. Santa Fe. um mit der Taschenlampe in das Innere zu leuchten. dann noch etwas. New Mexico ›Eins!‹ Erika stand erstarrt vor dem Sonnenwend-Kachina. ›Gutes Neues Jahr!‹ 651 .Der Vatikan. bis schließlich ein Spalt entstand. Er blieb wie angewurzelt stehen. Rom ›Uno!‹ Catherine blickte in den Sarkophag der Amelia. Aber es war zu spät.

»Dann müssen wir also noch einmal dreihundertfünfundsechzig Tage warten.Der Vatikan. erst dann ist auch das alte Jahrtausend wirklich zu Ende. »Erst wenn das Jahr zweitausend vorbei ist. keine Engel und kein Erdbeben. 652 . um alle zu verschlingen. Kardinal Lefevre seufzte erleichtert auf. Die neun Menschen in der Gruft hoben erschrocken die Köpfe.« »Wir haben das Jahrtausend noch nicht hinter uns«. Dann plötzlich – das dumpfe weithin hallende Geschrei und Getöse verstummte. Alles blieb still. Doktor Alexander«.« Er trat an den Sarkophag und blickte hinein. »In der Tat. die Decke. sagte er und nickte.« Sie mochte diesen Mann nicht.« Herausfordernd fügte sie hinzu: »Habe ich recht?« Er sah sie mit einem rätselhaften Lächeln an. Keine Posaunen. Der Himmel öffnete sich nicht. Dann hörten sie den Jubel und die Freudenrufe aus den Kehlen der mehr als Hunderttausend. bevor wir wissen. die ganze Basilika einstürzen werde. ob das prophezeite neue Zeitalter angebrochen ist. Sie lauschten angstvoll und rechneten fast damit. Nur ein kurzer Augenblick des Schweigens entstand. als die Welt den Atem anhielt. Er war bestimmt nicht zu unterschätzen. und die Erde tat sich nicht auf. »Offenbar werden wir bei dieser Jahrtausendwende doch nicht zu Zeugen der Apokalypse. erwiderte Catherine und fügte gegen ihren Willen hinzu: »Eminenz. Nichts geschah. Rom Über ihnen dröhnte die Erde. daß die Mauern des Mausoleums.

In seinem Versteck.« Er seufzte. das in tiefer Dunkelheit lag. er brauchte keine weiteren Anweisungen mehr. Es gab keinen Grund dafür. kein Skelett. Sie warf noch einmal einen Blick in den Sarkophag. »… das Grab ist vor langer Zeit ausgeräumt worden. Vielleicht hat man es schon damals geöffnet. »Ich vermute…«. »Nehmen Sie die Schriftrolle an sich. bevor jemand wußte. sagte der Kardinal in einem Ton. was geschah. Er hatte nicht gewollt. »Die ganze Mühe war vergebens. »Ora pro nobis!« flüsterte Kardinal Lefevre und bekreuzigte sich. ob in dem Seufzen Erleichterung oder Enttäuschung lag. Langsam löste Zeke das Kleinkalibergewehr und nahm es aus dem Halfter. und Catherine wußte wieder nicht. daß es so endete. Er würde saubere Arbeit leisten. Sie betrachtete aufmerksam die Nischen. den Catherine nicht deuten konnte – war er enttäuscht oder triumphierte er insgeheim? -.« Das waren die letzten Worte von Havers gewesen. Er entsicherte und verließ lautlos das Grabmal der Julia Mater. schob Zeke das Handy in die Tasche. Darin war niemals ein Mensch begraben worden. als Konstantin befahl. die Nekropole zuzuschütten. Nun gut. Alles würde vorüber sein. daß ausgerechnet er bei diesem mehr als zweifelhaften Geschäft leer ausgehen sollte. Er wirkte unbenutzt. überlasse ich Ihnen. Sonst bekommen Sie keinen Penny. Wie Sie die Frau hinterher aus dem Weg räumen.« Catherine sah sich in dem hell erleuchteten Grab um. Die Verbindung war plötzlich unterbrochen. nicht einmal Asche. Aber wo war Amelia? 653 . die Ecken und selbst die Fresken – nirgends konnte eine Schriftrolle versteckt sein. denn es lag nichts in Amelia Valerias Sarkophag – keine Schriftrolle.

der mit der Wendung der Dinge zufrieden war. wie Zeke die Alexander auf eigene Faust verfolgt hatte. Und alles andere einfach vergessen? 654 .Kardinal Lefevre wandte sich an Michael. Nun war sein Vertrag erfüllt. Zeke war wie immer gezwungen gewesen. ein Zug der Trauernden. Eminenz. sich den Forderungen von Havers zu beugen. Das würde sie büßen.« »Jawohl. weiter vorgehen sollte. Er sah sie entschuldigend und voll tiefem Bedauern an. Er würde sich nach dieser Demütigung und der schlechten Behandlung jedoch endgültig von Miles Havers verabschieden. Michael griff verstohlen nach Catherines Hand. ohne ihm die Entscheidung zu überlassen. daß für Catherine Alexander alles so schnell vorbeisein sollte. ohne ihm Bericht zu erstatten. sahen sie weder ihn noch sein Lächeln. als sei der Petersdom schließlich doch noch über ihnen zusammengestürzt. Es kam ihr vor. Havers hatte bereits durchblicken lassen. wie er. Ihre Schatten bewegten sich an den Wänden wie eine Begräbnisprozession aus alter Zeit. Sie drückte seine Hand. wollte sie zu ihm sagen. Zeke. sonst wäre er für seine Arbeit nicht bezahlt worden. wohin er sich wieder zurückgezogen hatte. »Ein gutes Neues Jahr«. Aber nichts war gut. Es gab keine Schriftrolle. »Ich muß jetzt zu Seiner Heiligkeit. Sie hatte ihm eine Niederlage nach der anderen zugefügt. Er hatte nicht gewollt. Zeke war der einzige. Er wollte es ihr heimzahlen. daß es ihm nicht gefiel. Zeke konnte nach Hause gehen und sein Geld abholen. Wir sprechen uns in den nächsten Tagen. Vater Garibaldi.« Sie verließen das Grab und gingen durch die Straßen der Toten. Als sie an Zekes Versteck im Grabmal der Julia Mater vorübergingen.

das zu tun. wozu andere sich zu fein waren. Er würde töten. das gab es bei ihm nicht! Er würde sich rächen. Dann mußte er nicht mit einem Handy am Ohr auf den Befehl warten. 655 . aber auf seine Art.Nein. die er bestimmte. aber an einem Ort und zu einer Zeit.

DAS NEUE JAHRTAUSEND 656 .

lange schlafen und dann Anfang Dezember 1999 aufwachen und feststellen. Januar 2000 Santa Monica. weiter ging das Zählwerk nicht. Catherine hatte weder für Zeitungen und Post noch für die Anrufe das geringste Interesse. Der Anrufbeantworter hatte 99 Anrufe registriert. Sobald sie wieder einen klaren Kopf hatte. Kalifornien Catherine hatte ein seltsames Gefühl. Sie wußte nicht. daß sie Havers nicht mehr fürchten mußte. Nur der Stapel Zeitungen und die Post auf dem Eßtisch erwarteten sie. eine fremde Wohnung zu betreten. was grausamer gewesen war: die siebte Rolle nicht gefunden zu haben oder die Trennung von Michael. als lebe hier niemand. Sie war in den vergangenen Jahren oft von hier abgereist und manchmal erst nach Monaten wiedergekommen. Sie wollte nur schlafen. daß sie schlecht geträumt hatte. Catherine war als ›Schwester Elisabeth aus dem Kloster Greensville‹ in die Vereinigten Staaten zurückgekehrt. Sie vermutete. Der wöchentliche Reinigungsdienst hatte die Wohnung saubergehalten. doch diesmal hatte sie zum ersten Mal bei ihrer Rückkehr das Gefühl.Samstag. nachdem die Jahrtausendwende schon ein alter Hut war und der Vatikan 657 . »Was wirst du jetzt tun?« hatte er gefragt. doch die Atmosphäre war so steril. 1. Andere Nachrichten beherrschten die Schlagzeilen. wollte sie nach Santa Barbara fahren und zur Polizei gehen. Beim Abschied auf dem Flughafen in Rom hatte sie die Hilflosigkeit in seinen Augen gesehen.

offiziell verkündet hatte. Oder sollte sie die Schriftrollen einfach behalten und für den Rest ihres Lebens nach der siebten suchen? Wäre es klüger. Catherine fühlte sich innerlich leer. Das tiefgreifende Erlebnis im Dom von Aachen war nur noch eine blasse Erinnerung. Eine Möglichkeit wäre. als sei in den vergangenen drei Wochen Tag für Tag etwas von ihr aufgezehrt worden. er sei an den Schriftrollen nicht interessiert. es seien keine christlichen Dokumente und deshalb ohne Wert für die Kirche. hatte er geantwortet. Catherine hatte das abgelehnt. ihren angeschlagenen Ruf zu retten… »Und was wirst du tun?« hatte Catherine nach dem letzten Aufruf ihres Flugs Michael gefragt. was mit den Texten geschehen sollte. 658 . Sie versicherte ihm jedoch. sie ihm zu übergeben. Im Augenblick wußte sie jedoch nicht. Die sechs Schriftrollen aus dem Sinai hatte ihr bis jetzt niemand nehmen können. bis sie nur noch eine leere Hülle war. um seinen Glauben zu erforschen und über seine Berufung nachzudenken. Nach dieser Klarstellung zog er sich aus der ganzen Sache zurück. Kardinal Lefevre hatte Catherine aufgefordert. was geschehen ist… ich weiß es nicht«. Er war vorübergehend von allen Pflichten suspendiert und wurde nach Montreal in ein Zisterzienserkloster geschickt. Sabinas unvollständige Geschichte zu veröffentlichen. sie der ägyptischen Regierung zurückzugeben? Dann konnte es ihr vielleicht gelingen. daß Sabinas Geschichte nichts anderes erzählte als das abenteuerliche Leben einer Frau. »Nach dem. Nach den großen Hoffnungen hatte sich herausgestellt.

woher es stammte oder weshalb man es ihr geschickt hatte. mit aller Bitterkeit wieder ein. Neugierig öffnete sie es und hielt ein dünnes. daß es wirklich keine siebte Schriftrolle gab. schmerzte immer noch. italienisches Buch in der Hand. Sie mußte ihm fairerweise gestehen. Bleib gefühllos. Die Wunde. beschäftige dich mit dem Alltäglichen… Ganz oben auf dem Stapel entdeckte sie ein kleines Päckchen. aber sie sah amerikanische Briefmarken. Sie stellte das Gepäck ab und warf einen Blick auf den Stapel Post. werde ich nie mehr in dein Leben treten«). wenn sie bei einer Ausgrabung war? Die Ausgrabung… »Ich habe mit der ägyptischen Regierung deine Rückkehr vereinbart«.Ich sollte Julius anrufen und ihm sagen. Sie hatte sich sogar selbst die Schuld gegeben.« 659 . sieh dir die Rechnungen an. hatte Julius gesagt. Lies die Weihnachtskarten. Es war in braunes Packpapier gewickelt. trug keinen Absender. die er ihr mit seinen letzten Worten im Kloster zugefügt hatte (»Wenn ich jetzt aus diesem Zimmer gehe. Warum schickten ihr die Leute eigentlich Weihnachtskarten.« Es war 1953 im Verlag des Vatikan erschienen: »Libreria Editrice Vaticana. Nur nicht daran denken. betrachte dir den Jahresbericht der Hausverwaltung. Catherine schüttelte unwillig den Kopf. daß ich wieder zu Hause bin. Weder ein Brief noch eine Karte oder eine Widmung verrieten. Aber hier in Santa Monica stellte sich das Gefühl. Im Aachener Dom hatte sie ihm alles verziehen. Ihr Blick fiel auf den Titel: »Sacre Grotte Y Scavi Sotto San Pietro – Die heiligen Grotten und die Ausgrabungen unter St. allein gelassen worden zu sein. Aber sie konnte noch nicht mit ihm sprechen. Peter.

Er war auf den Briefmarken kaum erkennbar. Die SchwarzweißAbbildungen weckten schmerzliche Erinnerungen. Wo hatte sie diesen Namen schon einmal gehört? »Jetzt bin ich Mutter Elisabeth. und ihre Gedanken überschlugen sich. aber bevor ich in den Orden eintrat… 1966 war ich…«. Sie blickte auf das Gesicht der sechsundvierzig Jahre jüngeren Äbtissin. um die sieben Personen besser sehen zu können. Solange! Sie rief die Auskunft an. Dann las sie die Namen. Catherine griff zum Telefon.‹ Catherine runzelte die Stirn. Gegen Ende befand sich eine Gruppenaufnahme der Archäologen. die damals als Archäologin an den Ausgrabungen unter dem Petersdom teilgenommen hatte. Sie schlug das Buch wieder auf. ›Vermont‹ konnte sie mit Mühe entziffern und dann das Datum. hörte sie eine Stimme. Kein einziges Gesicht kam ihr bekannt vor. Das Päckchen war vor einer Woche abgeschickt worden. Bis auf… ›Gertrude Majors. obwohl die Ausgrabungen in der Nekropole beim Entstehen der Aufnahmen noch nicht so weit fortgeschritten gewesen waren wie am Ende des Jahrtausends. Warum hatte man ihr das Buch geschickt? Von wem kam es? Ihr Blick fiel wieder auf das Packpapier. und drei Minuten später wählte 660 .Catherine blätterte verwundert darin. Catherine trat ans Fenster. an dem sie aus dem Kloster geflohen war. Wie war noch der Name des Klosters in der Nähe von Montreal? St…. St. »Mein Gott«. Catherine überlegte. Genau an dem Tag. Dann sah sie den Poststempel. die Orante der Amelia Valeria. Auch sie sagten ihr nichts. flüsterte Catherine. blätterte es noch einmal durch und betrachtete aufmerksam die Abbildungen: Christus als Apollo.

wo sie sich befindet!« 661 .« Es dauerte eine Ewigkeit. »Ich würde gern Vater Michael Garibaldi sprechen.sie die Nummer in Kanada. »es gibt die siebte Schriftrolle doch! Und diesmal weiß ich ganz sicher. sagte sie aufgeregt. »Michael«. Es ist dringend. bis er an den Apparat kam.

ihre Seelenqual… Miles beschloß.« 662 . daß er die Kachina sofort an die Sippe von Kojote zurückgab und alle davon überzeugte. Er hatte die Situation – und seine Ehe – nur noch dadurch retten können. Während er Zekes Nummer wählte.Santa Fe. lief es ihm immer noch eiskalt über den Rücken. das wiedergutzumachen. daß diese Alexander früher oder später einen Fehler begehen würde.« Er hatte gewußt. für den Rest seines Lebens alles zu versuchen. als sie nach mitteleuropäischer Zeit genau um Mitternacht das Kabinett geöffnet hatte und dann ohnmächtig geworden war. blickte Miles hinunter auf den Tennisplatz. Bei dem Gedanken an den Ausdruck auf ihrem Gesicht an Silvester. wo Erika scheinbar sorglos wie immer spielte. New Mexico Miles legte den Hörer auf und sagte leise zu sich selbst: »Der Sieg gehört dem Geduldigen. daß er bei ihrem Kauf nicht gewußt habe. der verwundete Blick ihrer großen Augen. und Havers sagte nur ein Wort: »Vermont. Das hätte sie wissen müssen. Zeke nahm ab. Erikas Gesichtsausdruck. Er ließ ihr Telefon immer noch abhören und ihre Wohnung immer noch überwachen. daß es sich um ein so bedeutsames Heiligtum handelte.

etwas aus den Scavi an mich zu nehmen. Die beiden hatten sich am Flughafen von Montpelier getroffen und waren mit einem Leihwagen zum Kloster gefahren.« Catherine erinnerte sich an ihren unwiderstehlichen Drang. sagte die Äbtissin. habe ich Ihnen nichts von der siebten Schriftrolle gesagt. wenn ich sie nicht an mich nahm. das wird seltsam klingen. »ich war Archäologin und habe bei der Ausgrabung der Nekropole unter dem Petersdom mitgewirkt. ob ich es tun sollte. Die Strahlen der Januarsonne fielen durch die bleigefaßten Fensterscheiben.Kloster Greensville. Als Sie hier waren. Ich hatte noch nie etwas gestohlen und erst recht nicht bei einer Ausgrabung. die ihm aufgetragen hatte. ich bin sicher. »nachdem Sie das Buch gesehen hatten. Ich fühlte mich beinahe als ihre Hüterin. daß Sie zurückkommen würden«. Vermont »Ja«. Diese Art Plünderung habe ich immer mißbilligt. »Ich wußte. Vater Garibaldi. Und dann dachte sie an Ihn Hassans ›schöne Frau in Weiß‹. die in einer Nische stand.« »Sollte?« »Vergeben Sie mir. Mich ließ der Gedanke nicht los. die Schriftrollen aus Ägypten zu schmuggeln und in Sicherheit zu bringen. sagte sie jetzt. Es schien fast. Als ich die Schriftrolle in einer Urne entdeckte. konnte ich nicht anders. Doch ich geriet unter einen unerklärlichen Einfluß. den Brunnen zu verschließen. Die Äbtissin hatte sie ohne die geringste Überraschung begrüßt. als wache 663 .« Catherine und Michael saßen im Büro der Äbtissin. Aber ich hatte nicht die Absicht. daß die Rolle beschädigt oder von einem skrupellosen Sammler gestohlen werden würde. weil ich nicht sicher war.

Am Ende bin ich jedoch hier im Kloster geblieben. erwiderte Catherine. den ersten Teil zu finden. Ich habe zwanzig Jahre nach etwas gesucht. warum Amelia nicht in ihrem Sarkophag begraben wurde?« Die Äbtissin schloß die Augen. sondern auch Asche«. »Die Urne enthielt nicht nur die Rolle. Als ich hierherkam und sie las.« Catherine und Michael wechselten einen erstaunten Blick. »wurden sie von der Obrigkeit dazu gezwungen.« »Als ich die Schriftrolle nach Hause gebracht und übersetzt hatte«. auf ein unbekanntes Evangelium gestoßen zu sein. fragte Catherine.« 664 .Sabinas Geist über die Schriftrollen. »glaubte ich. obwohl man einen christlichen Sarkophag hatte anfertigen lassen?« »Vielleicht«. daß sie Fehler enthielt. Ich dachte. »Ehrwürdige Mutter«. Ich wußte es damals nicht. Ich war wie besessen von dem Gedanken. das mich zu den anderen Rollen führen würde. bekreuzigte sich und murmelte: »Gott möge mir verzeihen. »Ich hatte keine Ahnung. antwortete die Äbtissin. wurde mir klar. »wissen Sie. Das bestärkte mich nur in meinem Entschluß herauszufinden. »Ich habe die Asche wie Abfall weggeworfen. Sie befand sich im Klosterarchiv. fuhr die Äbtissin fort. Das war eine Sünde. und dabei stieß ich auf die Handschrift des Thomas von Monmouth. es handelt sich um die Asche einer Heidin. wer die Verfasserin ›meiner‹ Schriftrolle war.« Michael fragte verwundert: »Die Angehörigen ließen Amelia verbrennen.« Sie blickte aus dem Fenster und lächelte wehmütig. daß es sich bei dem Text um insgesamt sieben Schriftrollen handelt. Vermutlich gab es damals bereits Christenverfolgungen. Sie sah ihre Besucher traurig an.

nachdem Sie mit Dr. war ich bereits älter und hatte gelernt. wurde mir klar.« Sie wandte sich an Catherine. Also habe ich ihr das kleine Büchlein geschickt.« »Ist sie hier?« fragte Catherine. daß ich Ihnen helfen mußte. Beinahe hätte ich Ihnen sogar von der siebten Rolle erzählt. daß ich Sie durch mein Schweigen belogen habe. Mir blieb nur die Möglichkeit. mich zu führen. daß Sie im Besitz von Sabinas Geschichte waren. Mir war klargeworden. Als Buße trat ich in den Orden ein. Ich fand es völlig in Ordnung. alle Religionen zu achten. »Mich quälte das schlechte Gewissen. Später wurde ich Äbtissin des Klosters. Ich mußte Gott bitten. Sie seien in Gefahr und müßten fliehen. Ich hatte keine Nachrichten gehört und wußte nicht. »Es tut mir leid. bestätigte die Äbtissin. Alexander hierherkamen.« »Das war eigentlich gut so«. die Überreste von Heiden respektlos zu behandeln. »Als die Beamten hier aufgetaucht sind.« »Ja«. Voss gesprochen hatten. um mit Dr. einer Christin. sagte Michael nachdenklich. »Denn sonst hätte das FBI alles beschlagnahmt. auf meine innere Stimme zu hören. »Als Sie in jener Nacht.« Sie sah Michael an. Aber als ich auf die Handschrift von Thomas stieß.Sie wurde unruhig und stand auf. gab es für mich keinen Zweifel daran. nicht die richtige Achtung entgegengebracht. was ich zu tun hatte. Deshalb fühlte ich mich doppelt schuldig. aber irgend etwas hielt mich davon ab. In jungen Jahren war ich sehr fromm und bildete mir viel auf meine Religion ein. war ich überrascht. Ich habe der Asche dieser Frau. Alexander zu sprechen. zu mir kamen und sagten. Ich mußte beten. Vater. daß ich irrtümlich die Asche einer Christin entfernt hatte. »Ist die siebte Rolle 665 . Als Sie und Dr.

»Machen wir. und plötzlich waren die Wälder nicht mehr freundlich. »Das müssen Sie selbst entscheiden.« »Ehrwürdige Mutter«. Catherine und Michael sahen erstaunt etwas. auf den heißen. schimpfte Raphael. dampfenden Dschungel. »Ich bin froh. hatte Raphael gesagt.« Er lachte. »Ja. die 666 . wann immer Sie wollen. Ganz unten auf der letzten Seite befanden sich die Unterschriften von Sabina und Perpetua.« »Das ist vielleicht eine Kälte«. »erzählt sie das Ende von Sabinas Geschichte?« Die Äbtissin lächelte.« Zeke erwiderte nichts. als sie durch den verschneiten Wald hinter dem Kloster stapften. und die siebte Schriftrolle begann mit den Worten: »diesem dunklen. das sie nicht erwartet hatten.und wieder rauskommen«. sagte Catherine. Ich hatte zwar den größten Teil meines Lebens in den Wäldern verbracht. »Ich hasse Schnee.« … diesem dunklen. doch ich war immer mit meiner Familie zusammen dort gewesen. Ich freue mich schon auf Borneo. Sie können sie lesen. als sie in Greensville ankamen.hier?« »Ja. Die sechste Rolle hatte mitten in dem Satz geendet. daß wir schnell rein. die den alten Nonnen einen zweifelhaften Schutz gewährten. wenn dieser Auftrag endlich erledigt ist. »Ich fürchtete mich vor…«. Er konzentrierte sich auf die steinernen Türme vor ihnen und auf die hohen Mauern. schrecklichen Reich. Die Bilder des Gemetzels standen mir noch lebendig vor Augen. schrecklichen Reich. Jetzt war ich allein und lief um mein Leben. Die Geister und Gespenster.« Der Papyrus war noch eine Rolle mit Stäben an beiden Enden.

Ich legte mich in den Schnee und betete. sondern Sabina. Ich dachte an die Abende am Feuer.« 667 . Nach einer Weile spürte ich etwas in meiner Nähe. Ich erzählte ihm von meiner Verzweiflung. und er sagte: »Vertraue auf deinen Glauben. Als ich dem Tod nahe war. richtete ich ein Gebet an den Gerechten. Schlimmer als das war jedoch meine Verzweiflung darüber. daß es sich um einen Holzfäller handelte. Grauen und Verzweiflung erfüllten mein Herz. Schließlich konnte ich nicht mehr weiter. Er hob mich aus dem Schnee empor. ohne etwas vom ewigen Leben zu wissen. ich sie aber nicht zum rechten Glauben bekehrt hatte. Als er mich beim Namen rief – nicht meinem germanischen. Ich weinte so bitterlich um den Verlust ihrer Seelen. denn mein geliebter Sigmund und unsere Kinder waren gestorben. da fragte ich mich erstaunt. Aber ich fragte mich. wer er wohl sei. denn es war ein Fremder. den ich vor so vielen Jahren am Salzmeer gesehen hatte. wo sein Haus stehen mochte. der durch die Bäume auf mich zukam. wenn ich meiner Familie vom Weg des Gerechten erzählt hatte. die das Volk meines Mannes verehrte. weil meine Familie für immer verloren war. daß meine Familie tot war. Die herabhängenden Zweige zerkratzten mir die Arme und das Gesicht. An seiner Kleidung und der Axt erkannte ich.darin wohnten. Verfolgt von dieser schrecklichen Seelenqual rannte ich immer tiefer in den Wald. daß die Tränen auf meinen Wangen zu Eis erstarrten. meine Augen füllten sich mit Licht. doch ich empfand sie als gefährlich und hatte schreckliche Angst. daß die wilden Tiere meine Leiche verschonen würden. und ich wußte sofort. Ich schlug die Augen auf und sah einen Mann. Und ich würde sie nie mehr wiedersehen. und ich kannte die Menschen in diesem Wald. waren zwar die Götter. daß er der Gerechte war.

dann hat er die ewige Freude seines eigenen Glaubens gefunden. Die Erde war fruchtbar. daß ich möglicherweise tot war oder am Rand des Todes stand. sie leben alle und jeder seinem Glauben gemäß: Satvinder in Schalimar. daß alle meine Freunde. Sie waren glücklich. um der Welt diese Botschaft zu bringen. Sie waren in unserem Dorf. denn das. und ich hatte eine Vision. nicht länger auf dieser Erde weilt. Dann hat man meinen Puls gefühlt und gesehen. glaubt nur. was der Prediger auf dem Marktplatz in Antiochia vor vielen Jahren gemeint hatte. wird einem widerfahrene« In diesem Augenblick wußte ich. Aber mir wurde gestattet. Ich sah Sigmund und die ganze Familie. noch einmal zurückzukommen. mein Vater mit seinen Brüdern bei Mithras. denn an das freie Leben in den schützenden Wäldern hatten sie geglaubt. als er sagte: »Der Gerechte hat uns gelehrt: ›Fürchtet euch nicht. Wie leicht und mit welcher Freude kommt mir 668 . Meister?« Und er sagte: »Das Haus meines Vaters hat viele Wohnungen. Und wenn mein geliebter Erstgeborener. Philos in den elysischen Gefilden. nicht für immer tot waren. Sie waren nicht tot. Nun verstand ich. daß mich ein Erkundungstrupp gefunden und in die Garnison gebracht hat. Ich glaube. alle Menschen. mein Pindar. ohne sich dem Weg anzuschließen. Die Feuer brannten. Ich wußte. und die Sonne schien warm.« Er legte mir die Hand auf die Augen. Meine lieben Schwestern. und der weiße Schnee färbte sich nicht rot von ihrem Blut. die mich auf meiner Reise durch das Leben begleitet hatten. sondern leben. Man dachte.Ich fragte: »Was soll ich glauben. Perpetua sagt. und in den Bechern schäumte der Met. was man geglaubt hat. daß ich atmete. und meine Mutter in einer der vielen Wohnungen des Gerechten. ich sei tot. am Spieß briet das Wildbret. Und jeder gehe seinen Weg. sie waren dort für die Ewigkeit.

Wir werden nicht allein geboren. und der Gerechte ist gekommen. Der Weg ist das Licht. Wir waren im Dunkel. um uns das Licht zu zeigen. seine Töchter und Söhne. sondern für jeden in einem anderen. sie ist kein universales Ereignis. und das Reich ist in uns. 669 . Und das Versprechen erfüllt er. Und er wird sagen. dessen Zeitpunkt unser eigener wahrer Glaube bestimmt. das Griechisch meiner Jugend über die Lippen! In dieser Sprache. Die Wiederkehr findet nicht an einem bestimmten Tag oder zu einer bestimmten Stunde statt. daß wir alle die Kinder Gottes.nach all den Jahren. liebe Amelia. daß mich der Gerechte vor dem Tod in den Wäldern gerettet hat. Und er hat mir noch etwas gesagt. anderen erscheint er als ein Prophet oder als der Gott. Der Gerechte kommt zu jedem von uns auf eine andere Art zurück. damit ich Dir die Botschaft verkünden kann: Wir sind alle Töchter und Söhne Gottes. Wir werden aus dem ewigen Leben geboren und kehren zum ewigen Leben zurück. und wir müssen nicht allein sterben – nicht. vielleicht auch einfach als ein Zeichen am Himmel. der Sprache der Gemeinde und des Weges. Er ist zu mir zurückgekehrt. Der Gerechte hat uns vor langer Zeit gesagt. Es ist ein persönliches Erlebnis. sind. so wird es für uns sein. in einem persönlichen Augenblick. solange wir vorbereitet sind und glauben. sage ich Dir. sondern ein persönliches. in denen ich Sigmunds Sprache gesprochen habe. er werde wiederkehren. Das Ende der Welt kommt nicht in einem apokalyptischen Ereignis. Wieder anderen mag er als einer der Ahnen erscheinen oder als Engel. wie er zu uns allen zurückkehrt. Wie immer wir uns dieses Reich vorstellen. weil er keine menschliche Gestalt annimmt. Manche werden ihn vielleicht nicht erkennen. damit wir es finden und daran glauben. den sie kennen.

« Zeke sah seinen Partner mit blassen. als einen Ameisenhaufen zu zerstören. Sie betrachteten prüfend die Mauer und das Tor. Wirklich komisch. was nun?« fragte Raphael. die Nonnen waren in der Kapelle und würden sie nicht stören. Die alten Nonnen würden beim ersten Anzeichen von Gefahr die Flucht ergreifen. »Havers hat mir dein Geld gegeben. daß wir von hier auf dem schnellsten Weg nach 670 . verstand sie. daß jeder Dummkopf es mit einem Stück Draht öffnen konnte. Und die Frau konnte sich nicht verteidigen. wenn der Job erledigt ist. was er gemeint hatte. wäre uns viel Arbeit erspart geblieben. denen Sabina begegnet ist«. »Also. ausdruckslosen Augen an. Havers möchte. daß die letzte Schriftrolle schon die ganze Zeit hier ist. Sie hörten Gesang. »Übrigens«. und dachte dabei an die Frage. »Havers hat dir mein Geld gegeben?« »Du warst nicht da. Er sah mit einem Blick. die ganze Sache würde nicht schwieriger sein. dachte Raphael. Er und Zeke zweifelten nicht daran. Das bedeutete. die sie Michael im Hotel Atlantis gestellt hatte: »Ist der Katholizismus der einzige wahre Glaube?« »Für mich ist er es«. Hätten wir das von Anfang an gewußt. hatte er geantwortet. Du sollst es bekommen. Mr. um ihn nicht zu beschädigen. die letzte Seite zu lesen. daß nur eine einzige richtig ist und alle anderen falsch?« Und Michael hatte geantwortet: »Ich glaube. sagte er und beugte sich über das alte Schloß im Tor.Catherine entrollte behutsam den brüchigen Papyrus weiter. die Antwort darauf können Sie nur in sich selbst finden