Barbara Wood

Die Prophetin

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Ein Erdrutsch in den Hügeln von Los Angeles legt eine Höhle frei – mit uralten Wandmalereien mystischer Sonnenmotive. Die junge Archäologin Erica Tyler entdeckt dort die Mumie einer Indianerin und setzt alles daran, ihr Geheimnis zu entschlüsseln. Aber sie muß um diese Ausgrabung kämpfen: gegen die Grundstückseigentümer der Gegend, gegen New Age-Fanatiker und Kunsträuber und gegen ihren alten Widersacher Jared Black, der die Rechte der Indianer Südkaliforniens vertritt und verlangt, daß die Schätze der Höhle ihren Nachkommen übergeben werden. Erica findet uralten Indianerschmuck, alte spanische Münzen, ein Blechkruzifix – was verbirgt sich dahinter? Und warum spürt Erica hier die Präsenz einer langen Ahnenreihe von Frauen – sie, die doch selbst ohne Eltern aufgewachsen und von Heim zu Heim weitergereicht worden ist? Langsam enthüllt sich die Vergangenheit…
ISBN: 3-8105-2322-4 Original: The Prophetess Verlag: Wolfgang Krüger Verlag Erscheinungsjahr: 1995

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Buch Golf von Akkaba, 1999: Die junge Archäologin Catherine Alexander entdeckt Schriftrollen aus der Zeit des frühen Christentums. Naher Osten, ca. 50 n. Chr.: Sabina diktiert ihre Lebensgeschichte. Sie trägt die Lehren des »Gerechten« zu den entferntesten Provinzen des Imperiums, ist Zeugin der ersten Gründungen von Glaubensgemeinschaften der Urchristen – und erzählt von einer ausgeprägt weiblichen Führung der frühen Kirche. Kalifornien, 1999: Catherine hat die Schriftrollen nach Amerika gebracht, um sie zu übersetzen – ständig auf der Flucht vor Verfolgern, die auch vor einem Mord nicht zurückschrecken, um die Rollen in ihren Besitz zu bringen. Vatikan, 1999: Die »Kongregation für Glaubensdoktrin« – früher »Inquisition« genannt – hat von den Schriftrollen und ihrer Brisanz für die Kirche erfahren. Sie läßt Catherine observieren. Santa Fe, 1999: Computermilliardär Miles Havers sammelt rare Kultobjekte. Der Wunsch, sie zu besitzen, steigt mit dem Grad ihrer »Heiligkeit«. Um die Schriftrollen für seine Sammlung zu bekommen, hat er zwei Killer auf Catherine angesetzt. Vermont, 1999: Catherine hat mit ihrem neuen Beschützer, dem Priester Michael Garibaldi, die Schriftrollen übersetzt. Doch ihr fehlt die letzte, die entscheidende Rolle, in der Sabina über den Schlüssel zum Ewigen Leben und die Wiederkunft Christi berichtet. Und sie muß mit einer großen menschlichen Enttäuschung zurechtkommen. Pater Garibaldi verdient das Vertrauen und die zärtlichen Gefühle, die sie ihm entgegenbringt, nicht. Petersplatz, 1999: Auf der ganzen Welt steigt das

»Jahrtausendfieber«. Die Presse hat Auszüge aus den Schriftrollen erhalten und publiziert. Alle stürzen sich auf die Aussagen des »Gerechten« und seine Prophezeiungen vom Ewigen Leben und der Wiederkunft Christi. Catherine sucht weiter nach der fehlenden Rolle und trifft erneut auf Pater Garibaldi, der seiner Mission entsagt hat. Aus der anfänglichen Freundschaft wird Liebe… Und Catherine findet die letzte Schriftrolle.

Autor Barbara Wood wurde 1947 in England geboren. Ihr Vater ist polnischer Abstammung und mußte 1940 nach England emigrieren. Dort heiratete er eine Engländerin. Im Jahre 1954 wanderte die Familie in die USA aus. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, daß Barbara Wood sich noch immer stark dem europäischen Kulturkreis und seiner Erzähltradition verbunden fühlt. Ihre Romane fußen auf europäischer Kolonialgeschichte (Kenia, Ägypten, Australien) und der damit verbundenen, oft blutig verlaufenen Auseinandersetzung mit den ursprünglichen Bewohnern dieser Länder. Die Recherchearbeit für diese Romanthemen nimmt Barbara Wood stets mit ihrem Mann George »vor Ort« vor – sie bereist die Schauplätze, bevor sie zu schreiben beginnt. Ihr zweiter großer Themenkreis, der des Heilens und der Medizin, ergibt sich aus dem Beruf, den sie ausübte, bevor sie Schriftstellerin wurde: Sie arbeitete 10 Jahre als OP-Schwester in Kalifornien. Barbara Woods Gesamtwerk liegt im Wolfgang Krüger Verlag und im Fischer Taschenbuch Verlag in deutscher Sprache vor: 14 Romane, die in Deutschland zu Bestsellern wurden.

Für Carlos

»Die Nacht neigt sich dem Ende zu, der Tag ist nahe. Werft ab die Taten der Finsternis und legt an die Rüstung des Lichts.« Aus den Stundengebeten »Ein Kind wird mit dem Glauben geboren.« Kathryn Lindskoog Information kennt keine Grenzen. Universales Hacker-Credo

PROLOG

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In der Wüste Sinai
Der Magus riß der jungen Frau das purpurrote Gewand von den Schultern. Sie saß nackt und gefesselt im silbernen Mondlicht auf dem schweißbedeckten Pferd. Seinem Gefolge verschlug es den Atem. Die Männer bestaunten schweigend die Schönheit der Frau. Sie glich den Statuen auf dem Markt, denn sie schien ebenso weiß, kühl und vollkommen zu sein. Aber keine Statue hatte wie sie so lange schwarze Haare, die ihr über den Rücken und die entblößten Brüste fielen. Auch das leichte Zittern ließ keinen Zweifel daran aufkommen, daß diese Frau aus Fleisch und Blut war. Die Fesseln an Händen und Füßen nahmen ihr nichts von ihrer Würde. Einige der Männer wurden unruhig, senkten verlegen die Köpfe. Der Magus, Herr und Gebieter über die Seelen im Reich, ließ sich von dem Stolz und der Würde seiner Gefangenen nicht beeindrucken. Er hatte mit allen Mitteln versucht, sie zum Sprechen zu bringen. In der Stadt hatte er ihr gedroht, sie bis an ihr Lebensende einzusperren und hungern zu lassen. Er hatte alles versucht, nur ihre Schönheit hatte er nicht angetastet, denn damit hätte er den Kaiser erzürnt. Doch jetzt befanden sie sich nicht mehr in der Stadt. Er hatte die junge Frau hierher an diese einsame Stelle in der Wüste entführt, um ihr das Geheimnis doch noch zu entreißen. An diesem gespenstischen Ort waren nur Schlangen und Skorpione Zeugen seiner Tat, und der Wüstensand würde jeden Hinweis auf sein Verbrechen unter sich begraben. Die sechs Reiter waren lange und schnell geritten. Sie hatten die Stadt unbemerkt bei Sonnenuntergang verlassen und waren durch die vom
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Mond beschienene Einöde galoppiert, als seien Dämonen hinter ihnen her. Die Legionen des Kaisers waren weit entfernt, und niemand folgte ihnen. Erst als sie die Stelle an der verlassenen Küste erreichten, wo bizarre Felsen in den kalt funkelnden Sternenhimmel ragten, hielten sie an. Der Magus wußte: Hier hausten nur die Geister und Dämonen der Finsternis. Er hatte in den alten Schriftrollen von dem tiefen Brunnen gelesen, aus dem nach der Überlieferung das Volk Israel während der vierzigjährigen Wanderschaft einst Trinkwasser geschöpft hatte. Der Brunnen war längst versiegt. Nur ein dunkles, tiefes Loch war geblieben. Auf dem siebten Pferd saß die Gefangene. Die zierliche Stute hatte nach dem langen Ritt blutige Nüstern. Als die Männer den Weidenkorb losbanden und die gefesselte Frau aus dem Sattel hoben, wieherte das Pferd und brach tot zusammen. Die Männer befestigten den Korb an einem langen Seil, und einer von ihnen murmelte ein Gebet, während sie ihn langsam in die Tiefe ließen. Als der Korb mit einem dumpfen Geräusch den Boden des Brunnens erreichte, führten sie die Frau an den Brunnenrand, wo der Magus stand und sie mit seinen Blicken durchbohrte. »Ich frage dich noch einmal«, sagte er drohend und stieß mit dem Stab seiner Macht dreimal auf den Boden. »Wo ist die siebte Schriftrolle?« Die Gefangene gab wieder keine Antwort. Wie in den vergangenen Wochen blieb sie stumm, als habe sie seine Worte nicht gehört. Und diesmal glaubte er, in ihren grünen Augen ein herausforderndes Funkeln zu sehen. Der Magus zitterte wie die Gefangene, aber nicht vor Kälte, sondern vor kaum unterdrückter Wut. Er war der letzte in der langen Reihe der Magi und wußte sehr wohl, daß die Tage seiner Macht gezählt
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waren. Die Klarheit des Wissens um das Unsichtbare, das alles Leben hier auf Erden lenkt, entzog sich ihm immer mehr. Wie sollte er der zuverlässige Ratgeber des Volkes und des Kaisers sein, wenn er die Zauberkräfte seiner Vorfahren nicht mehr besaß, denen die Götter die Macht des Wissens um das Unsichtbare geschenkt hatten? In der siebten Schriftrolle, das hatte der Magus nach dem Lesen der anderen sechs erfahren, stand die Offenbarung des neuen Glaubens. Die siebte Schriftrolle würde ihm den Weg zu den Unsterblichen weisen. Dann wäre seine Macht nicht zu erschüttern, denn dann wäre er es, der das Schicksal lenkte. Wenn er mit Hilfe dieser Frau die siebte Rolle fand, dann konnte er Wunder wirken, Tote zum Leben erwecken und Kranke heilen. Er würde das Ende der Welt aufhalten und als der wahre Herrscher neben dem Kaiser gelten. Den Schlüssel zu allem, wonach er strebte, besaß diese junge Frau. Nur mit dem geheimen Wissen der siebten Schriftrolle würden sich die Worte der Verheißung an ihm erfüllen. Dann erhielte er das ewige Leben als Lohn für seine lange Suche. Die Gefangene kannte das Versteck, aber sie schwieg. Wenn er die Rolle nicht fand, würde er in Ungnade fallen, in Vergessenheit versinken, und alle seine Bemühungen und die seiner Vorgänger wären gescheitert. Er würde den Mächten der Finsternis verfallen, denen er sich geweiht hatte, um das Geheimnis der unsichtbaren Welten zu enträtseln. Der Magus hatte sich davon überzeugt, daß seine Gefangene schwach und hilflos war. Sie konnte die Macht, die die Worte des Lichts dem Eingeweihten verliehen, nicht nutzen. Im Grunde war ihr Martyrium sinnlos. Aber ihr beharrliches Schweigen war für ihn so endgültig wie der Tod. Er glaubte sich fast am Ziel seiner Wünsche und konnte doch an ihrer Entschlossenheit nichts
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ändern. Sie verachtete ihn, weil er mit den Menschen spielte, als seien sie nichts als Puppen. Sie mißtraute ihm, denn er war korrupt und intrigant. Er hatte keine Achtung vor dem Leben, tötete jeden, der ihm mißfiel. Der Magus war ein Sklave des Todes. Sie aber diente dem Licht. »So sei es!« Er hob die Hand und befahl den Männern mit einer knappen Geste, ihr frevelhaftes Werk zu tun. Sie packten die junge Frau mit brutalen, gefühllosen Händen. Aus ihren Blicken sprachen Lüsternheit und Gier, als sie ihr ein Seil über den Oberkörper streiften und unter Armen und Brüsten festzogen, um sie langsam in den Brunnen hinablassen zu können. »Du wirst nicht verletzt werden und schnell sterben!« rief der Magus mit kalter Stimme. »Du sollst lange in deinem dunklen Gefängnis am Leben bleiben. Du wirst bald jeden Stein, jede Spalte und alles Grauen der Dunkelheit kennen. Wenn die Sonne hoch am Himmel steht, wird die Luft zum Verdursten trocken sein, und in den kalten Nächten wird der Frost dich erstarren lassen. Deine Qualen werden mit jeder Stunde wachsen, bis sie über jedes erträgliche Maß hinausgehen. Deine Einsamkeit wird größer und erschreckender sein als der Tod. Du wirst schreien, aber niemand wird dich hören. Und am Ende wird dein Körper die Beute blutgieriger Wesen werden.« Er machte einen Schritt auf sie zu und hob den Stab seines Amtes, vor dem in früheren Zeiten das ganze Volk in Ehrfurcht zu Boden gesunken war, dem sich jetzt aber nur noch die wenigen Männer und Frauen seiner Gefolgschaft hier und in der Stadt beugten. »Ich frage dich zum letzten Mal«, flüsterte er, »wo ist die siebte Schriftrolle? Wenn du es mir sagst, schenke ich dir die Freiheit.« Sie gab keine Antwort.
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»Sag mir wenigstens das eine: Hast du die Rolle mit eigenen Augen gesehen?« Zum ersten Mal, seit er die Frau in seine Gewalt gebracht hatte, öffnete sie den Mund. Es klang fast wie ein Seufzen, als sie antwortete. »Ja…« Der Magus zuckte wie unter einem Peitschenhieb zusammen. Er glaubte an die Unsterblichkeit, an das ewige Leben, wie es Osiris geschenkt worden war. Der Leib des Gottes war in Stücke gerissen und über ganz Ägypten verteilt worden. Aber Isis hatte alle Teile gefunden, den zerstückelten Körper wieder zusammengefügt und ihm den Atem des Lebens eingehaucht. Auf diese Weise hatte sie den Geliebten wieder zum Leben erweckt. In ohnmächtigem Zorn ballte der Magus die Faust und hob sie zum Himmel. »Wenn ich das Geheimnis nicht kennen darf, dann soll es den Sterblichen auf der Erde bis in alle Ewigkeit verborgen bleiben!« Seine Männer hoben die Frau hoch und ließen sie Stück für Stück in den Brunnen hinab. Die rauhen Steine schürften die makellose zarte Haut, und Blut floß über ihren Rücken. Als ihre Schönheit in der Schwärze des Brunnenschachts verschwand, schlug der Magus mit dem goldenen Stab auf den kalten Stein und rief: »Bei der Macht, die dieser Stab mir verleiht, den mir mein Vater übergab, so wie ihm die Macht von seinem Vater anvertraut wurde und allen, die vor ihm kamen, bis zurück in die Zeit, als die Unsterblichen noch auf der Erde wandelten, verfluche ich diese Frau und die sechs Schriftrollen des neuen Glaubens, die ich hier mit ihr begraben lasse, damit das Geheimnis des Lebens auf immer den Menschen verborgen bleibe. Kein Sterblicher soll sie lesen und das Rätsel der Unsterblichen lösen. Wer diesen Brunnen findet, sei verflucht!« Ein Reiter erschien unter den zerklüfteten Klippen. Er
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zügelte sein Pferd weit genug vom Lager der Männer entfernt, daß niemand ihn hörte. Dann saß er ab, schlich sich unbemerkt näher und schnitt mit dem Dolch den Schlafenden so schnell die Kehlen durch, daß keinem der fünf Männer Zeit blieb, einen letzten Schrei auszustoßen. Als dies gelungen war, drang er in das Zelt des Magus ein, denn er hoffte, dort seine Geliebte zu finden. Aber sie war nicht da. Er fesselte den Magus und hielt ihm den Dolch an die Kehle. Der Alte wehrte sich nicht. Er sah den jungen Mann nur wissend und in sein Schicksal ergeben an. »Du wirst sie nicht finden, und du kannst sie nicht retten.« Aus Zorn und in ohnmächtiger Verzweiflung stieß der junge Mann dem Magus den Dolch ins Herz. Das rote Blut tränkte das seidene Kissen. Er verließ das Lager und machte sich auf die Suche nach seiner Geliebten. Er ritt am felsigen Ufer entlang und folgte den ausgetrockneten Wasserläufen. Er hob den Kopf und blickte hinauf zu den Sternen, als suche er sie auch dort. Dann hörte er plötzlich einen erstickten Laut in der stillen Nacht. Er irrte durch die Dunkelheit. Schließlich fand er das tote Pferd und in der Nähe das purpurrote Gewand. Und er entdeckte den Brunnen. Er lauschte. Er rief ihren Namen. Er hörte ein Stöhnen. Der junge Mann wendete seinen Hengst, galoppierte zum Lager zurück und holte ein Seil. Als er den Brunnen wieder erreicht hatte, schlang er ein Ende des Seils um einen Felsen und kletterte in die Tiefe. Sein Fuß stieß gegen etwas Weiches, und er wich seitlich aus, bis er den Boden spürte. Dann tastete er in der Dunkelheit nach seiner Geliebten. Er fand sie, und als er feststellte, daß sie nackt war, sank er neben ihr nieder und flüsterte: »Hab keine Angst, Liebste. Wir sind in Sicherheit.
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Schluchzend kletterte er aus dem Brunnen und holte das reich bestickte purpurrote Gewand. flüsterte er. die Männer und den Magus zu töten. tiefen Brunnen und stieg hoch zum Himmel auf. »Du sollst nicht vergebens gestorben sein. Sein Klageruf hallte dumpf in dem dunklen. Das gelobe ich dir. Wir werden wieder Zusammensein und uns ewig lieben. Ihr Herz schlug nicht mehr. hielt er einen Augenblick an.« 14 . dir zu versprechen. denn ich kann dich nicht sehen. Mein Glaube. legte sich neben sie und nahm sie in die Arme.Deine Peiniger sind tot. Kurz entschlossen durchtrennte er mit dem Dolch das Seil. Er breitete das Gewand über die inzwischen erkaltete Leiche. Als er wieder in den Brunnen stieg. Noch vor kurzem hatte sie gestöhnt. Gib mir deine Hand. Der Magus ist tot. während sie hier einsam und verlassen in dem Brunnen lag und starb. Seine Tränen wärmten ihr die Haare. Geliebte«. »Warum gibst du mir keine Antwort?« Er legte den Kopf auf ihre Brust. daß dein Tod nicht umsonst gewesen ist. gibt mir die Kraft. Ihr Körper war noch warm. der sich von deinem unterscheidet. aber jetzt war sie tot. Seine Hilfe kam zu spät. das ihr gehört hatte. bevor er den Boden erreichte. Er fiel auf den Boden. »Die Götter sind Zeugen meines Schwurs. aber alles blieb still. Er hatte seine Zeit damit vergeudet. das Seil baumelte außer Reichweite über ihm.« Er wartete.

DER ERSTE TAG 15 .

um das gesprengte Gestein abzuräumen. sah sie. 14. hätte sie vor Empörung beinahe laut aufgeschrien. Dezember 1999 Scharm el Scheich. zu: »Seht euch die Gräben an! Vergewissert euch. und das Dynamit konnte die vorsichtig ausgehobenen Gräben mit einem Schlag vernichten. Und als sie die Staubwolke sah. Die Baustelle befand sich ohnehin zu nahe an ihrer Grabungsstelle. sie rechtzeitig vor einer Sprengung zu informieren. Hier sollte ein Hotelkomplex entstehen. Warum das Dynamit? Man hatte ihr versprochen. daß bereits Planierraupen heranfuhren. Dr. Catherine Alexander kam stolpernd aus ihrem Zelt. Beim Anblick der riesigen Baumaschinen lief ihr ein Schauer über den Rücken. flatterten erschrocken auf und flogen über das blaue Wasser des Golfs. daß die Stützbalken halten. die an der östlichen Küste der Sinaihalbinsel 16 .Dienstag. Staubwolken stiegen in die Luft. Geröll prallte an die zerklüfteten Felsen. klimatisierten Tummelplätze für reiche Touristen. die in den Dattelpalmen saßen. Vögel. Sie zog schnell die Stiefel an und rief den Männern ihrer Mannschaft. Sie fluchte leise. Ich werde mit unserem Nachbarn ein ernstes Wort reden.« Während Catherine über den Sand eilte. die verschlafen aus den Zelten krochen. Zum Schutz vor den Strahlen der aufgehenden Sonne legte sie eine Hand über die Augen und blickte auf die etwa zweihundert Meter von ihrem Lager entfernte Baustelle. einer der vielen luxuriösen. Golf von Akkaba Die Explosion erschütterte das Land im weiten Umkreis und zerriß die morgendliche Stille.

bald würde es hier keine Stelle mehr geben. Zu allem Überfluß hatte ihr die Stiftung in der letzten Woche mitgeteilt. Sie drehte sich um und sah im gleißenden 17 . Früher oder später würden sie hinter die eigentliche Absicht kommen und wissen. Aber ich bin doch fast am Ziel. Catherine wußte. an der Archäologen graben konnten. Plötzlich hörte sie in ihrem Rücken Stimmengewirr. man sehe sich gezwungen. Das Ministerium in Kairo saß ihr im Nacken und zeigte ein auffällig großes Interesse an der Ausgrabung. Und im Augenblick hatte Catherine bereits mit genug Widrigkeiten zu kämpfen. daß ich den Brunnen bald finden werde! Man muß mir nur die Möglichkeit geben. nicht zu sprengen!« Die Gefährdung der Grabungen erschwerte ihr das Leben zusätzlich. der als Planungsbüro diente.gebaut wurden. meine Arbeit ohne solche verdammten Störungen durchzuführen… »Hungerford! Wo sind Sie?« Catherine näherte sich dem Container. bis ihre Ausgrabungen abgeschlossen sein würden. dachte Catherine. »Hungerford!« rief Catherine schon von weitem. So weit man sehen konnte. ragten an der sanft geschwungenen Küste Hotels und Hochhäuser wie weiße Monolithe in den blauen Himmel und verwandelten die karge Landschaft in ein zweites Miami. daß Catherine gelogen hatte. der man die Grabungserlaubnis nur mit Vorbehalten erteilt hatte. Ich weiß. einen Baustopp für das neue Hotel zu erwirken. das Projekt fallenzulassen und die Geldmittel zu streichen. während sie von Container zu Container lief und an die Blechtüren klopfte. »Sie hatten mir versprochen. als sie sich den Wohncontainern der Bauleitung näherte. Aber in Kairo hörte niemand auf eine Frau und erst recht nicht auf eine. Das hatte sie versucht den Bürokraten in Kairo zu erklären. wenn bei den Ausgrabungen nicht in Kürze positive Ergebnisse vorliegen würden. als sie sich vergeblich darum bemühte.

Es war kein Papier. wich Felsbrocken aus und stolperte über Geröll. »Guten Morgen. Wie immer lief ihm der Schweiß über das rote Gesicht. das wie das Stück einer alten vergilbten Zeitung aussah. Die Männer verstummten und sahen gespannt zu. Einer hielt etwas in der Hand. daß ihr die Arbeit unterbrechen könnt?« Der dicke Texaner nahm den leuchtend gelben Schutzhelm vom Kopf und fuhr sich mit der Hand durch die rötlichen Haare.Sonnenlicht. »Warum die Aufregung?« murmelte Hungerford kopfschüttelnd. daß Hungerfords arabische Arbeiter zu der Stelle rannten. Catherine hielt den Atem an. begrüßte sie Hungerford. Sie zog eine Lupe aus der Tasche ihrer Khakibluse und 18 . »Darf ich?« Catherine nahm dem Araber den Fund aus der Hand. sondern Papyrus. wie die Männer aufgeregt gestikulierend in der sich langsam auflösenden Staubwolke auf einen Felsen zuströmten. »Was soll das? Wer hat euch gesagt. Sie beobachtete verblüfft. Frau Doktor«. wo das Dynamit gezündet worden war. sprang über Steine. Plötzlich rannte auch sie los. Sie erreichte die Gruppe in dem Augenblick. als sie das Papier aufmerksam betrachtete. Sie kannte diese Art Aufregung. Offenbar hatte einer der Arbeiter etwas gefunden. wenn etwas wirklich Wertvolles und Einmaliges gefunden worden war. Leute?« Die Araber begannen alle auf einmal zu reden. was ist los. als er Catherine sah. »Also. So war es auch bei den Grabungen in Israel und im Libanon gewesen. als sich Hungerford einen Weg durch die Menge bahnte.

es wäre einfach zu schön. Er lachte plötzlich laut. Sehen Sie? Hier steht auf griechisch ›Jesus‹. das steht hier. nur ein Fragment. Bin ich vielleicht auf das gestoßen. zu wunderbar. Der Papyrus hatte eine honiggelbe Farbe und war mit schwarzen Schriftzeichen bedeckt.« Catherine deutete auf den Riß. Die Sonne brannte bereits 19 . und am Ende des römischen Reiches war Griechisch unter den Gelehrten weit verbreitet. Das war in der Tat ein sehr altes Dokument. daß es sich nicht um neugriechische Buchstaben handelte.betrachtete das Fragment. Die untere Hälfte des Papyrus fehlte. »›Jesus‹…!« flüsterte sie plötzlich. und das hier ist. murmelte sie ausweichend und schob sich eine Strähne des kastanienbraunen Haars aus der Stirn. sich über ihre Arbeit lustig zu machen. und er murmelte sichtlich beeindruckt: »Das heißt tatsächlich Jesus?« »Ja. »Sie werden doch nicht fluchen. Ihr Herz schlug plötzlich schneller. Sie deutete auf das Wort ›Iesous‹. als er fragte: »Ist das vielleicht ein ›JesusFragment‹?« Catherine kannte seine unverschämte Art. Sie sah sofort. Frau Doktor?« »Nein. wie Sie sehen.« Hungerfords Blick richtete sich auf die Wüstenlandschaft zu ihrer Linken. Dann fügte sie erklärend hinzu: »In den Felsenhöhlen hier lebte einst eine große Zahl Asketen und Propheten.« Hungerford kniff die Augen zusammen. und es klang spöttisch. wovon jeder Archäologe träumt? Nein. und gab ihm keine Antwort. Sie betrachtete den Fund nachdenklich. Hungerford verzog spöttisch die Lippen. um wahr zu sein… »Vermutlich stammt es von einem Einsiedler aus dem vierten Jahrhundert«.

Die Buchstaben sind verblaßt.« Sie deutete noch einmal auf den gezackten unteren Rand. Über ihren Köpfen kreiste ein Falke und stieß einen schrillen Schrei aus. Alle stürzten sich darauf. Leute!« Die Männer durchsuchten die nähere Umgebung. was auf dem Papyrus steht. »Das hängt von seinem Alter ab. Der ständige Wind am Golf schien plötzlich stärker zu werden. wo sich bereits viele Menschen zu Tag. »Und davon. Das Geröll bestand in erster Linie aus Kalkstein und Schiefer. wenn wir den Rest finden würden. Es klang wie zischender Dampf.und Nachtwachen versammelten 20 . und der Papyrus ist an einigen Stellen bereits brüchig. Yallah. Catherine lief ein Schauer über den Rücken.« »Können Sie es lesen?« »Dazu muß ich in mein Zelt. »Ist es etwas wert?« Catherine hob die Schultern. Fünf ägyptische Pfund für den Mann. Außerdem wäre es hilfreich. Hungerford räusperte sich und blickte wieder auf das Fragment. der mehr von dieser Art Papyrus findet. Catherine sah die Schlagzeile: ›JAHRTAUSEND-FIEBER!‹ Darunter stand fett gedruckt: ›Das Ende? Weltuntergang in zwanzig Tagen!?‹ Ein Photo zeigte den Petersdom in Rom. um es mir genauer anzusehen. »Also gut!« Hungerford setzte den Schutzhelm wieder auf. ein merkwürdiges Pfeifen zu hören. Vermutlich hatte sie der Wind aus einem Touristenhotel hergetragen. Die beiden Amerikaner und die wartenden Araber glaubten. Aber es war nur die Titelseite der International Times von vor zwei Tagen.unbarmherzig auf die zerklüfteten hohen Felsen.« Sie sah ihn nicht an. »Wir werden sehen. woher es kommt. Plötzlich fand einer der Arbeiter etwas unter einem Stein.

Die Augen der Araber waren auf sie gerichtet. würde bald jeder Beduine im Umkreis von fünfzig Meilen am Ort der Sprengung erscheinen und sein Zelt aufschlagen. »Verstehe…«. Die Araber fanden zwischen den Steinen Stücke eines Hanfseils und Stoffreste.« Hungerford sah sie erstaunt an und nickte dann langsam. Catherine hatte auch das schon erlebt.und darauf warteten. Als sich Catherine das brüchige Gewebe ansah. Sie betrachtete noch einmal das Fragment. und wieder lief ihr ein Schauer über den Rücken. Sie wissen es! Catherines Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Hungerford und sie durften die Männer nicht mehr aus den Augen lassen. In weniger als drei Wochen würde das Jahr 1999 enden und das Jahr 2000 beginnen. brummte er. Wenn sich die Nachricht von einem ›JesusFragment‹. Dann wären alle Artefakte verschwunden. und wieder fiel ihr Blick auf das Wort: ›Jesus‹. »Und nun?« Catherine wollte mit dem Fragment so schnell wie möglich zu ihrem Zelt. Was wird dort stehen außer dem Namen Jesus? »Dr. sagte sie mit belegter Stimme. wußte sie. verbreitete. daß die Glocken das neue Jahrtausend einläuteten. Alexander!« 21 . Sie mußte das brüchige Papyrus vor weiteren Schäden bewahren und es so schnell wie möglich übersetzen. wie Hungerford leichtsinnig laut gesagt hatte. Was haben wir gefunden? »Wir müssen den Platz freiräumen«. bevor die ägyptischen Behörden einschreiten konnten. »Wir dürfen unter keinen Umständen etwas von dem Fund verlauten lassen. daß es ebenfalls sehr alt war.

Sie drehte sich um und sah. Als er sie erreichte. Der schäbige Betonklotz stammte noch aus den fünfziger Jahren und war ein Treffpunkt für Ausländer. was ich meine! Eine so hübsche Frau wie Sie braucht einen Mann.« Catherine mochte Hungerford nicht. sie zu einem Drink im nahe gelegenen Hotel Isis einzuladen. Frau Doktor. die nicht so viel Geld hatten wie die Gäste der Luxushotels. aber sie ging Hungerford immer aus dem Weg. und Touristen aus dem Nahen Osten. aber der Fortschritt läßt sich nicht aufhalten. meldete er in dem klaren Englisch. hatte er gefragt: ›Was macht eine so hübsche Frau wie Sie ganz allein in der Wüste?‹ Catherine hatte ihm höflich erklärt. der verlegen lächelte. Auch Catherine erholte sich nach der Tagesarbeit hin und wieder mit einigen ihrer Leute in der verräucherten Bar des Hotels. Als er vor zwei Monaten mit seiner Mannschaft und dem gesamten Maschinenpark hier erschienen war. daß Samir. wir haben einen Monat Arbeit verloren!« Catherine warf einen wütenden Blick auf Hungerford. daß sie mit ihrem Ausgrabungsstab und fünfzehn Arbeitern wohl kaum ›allein‹ sei. Das heißt doch nicht. Hungerford hatte anzüglich gelacht und ungerührt erwidert: ›Ach. Sie wissen ganz genau. aber er antwortete: ›Wir sind alle hier. die hier arbeiteten oder wohnten. Sein aufdringliches Lachen gefiel ihr nicht. daß man nicht hin und wieder Zeit hat. und der dicke 22 . sie sei zum Arbeiten hier. »Tut mir leid. das er während des Studiums in London gelernt hatte: »Einige Wände sind beschädigt und sechs Gräben eingestürzt. Die Vergangenheit darf der Zukunft nicht im Wege stehen. gerufen hatte.‹ Catherine erklärte. bestand das ›Amüsieren‹ in dem Versuch. um zu arbeiten.« »Das bedeutet. sich zu amüsieren…‹ Wie sich herausstellte. ihr Aufseher. Sie hatte ihn von Anfang an abstoßend gefunden.

Aus Vorsicht hatte sie sogar den Behörden in Kairo nur gesagt. was alle wußten: ›Wir suchen nach Moses. nach der Prophetin Mirjam. Sie spürte die rauhe Oberfläche an der Fingerspitze und blickte ehrfurchtsvoll auf die mit großer Sorgfalt geschriebenen Buchstaben. Wonach mochte die Luft gerochen haben. ihm den wahren Grund für ihre Grabung anzuvertrauen.‹ Sie konnte sich die Reaktionen gut vorstellen. brennenden Müllhalde – die Nase. salzige Luft des Golfs ein und rümpfte über die Gerüche des Fortschritts – Dieselabgase und der Rauch einer nicht allzuweit entfernten. Er stellte ihr Fragen. sondern nach seiner Schwester suchte. sagte Hungerford jetzt grinsend und deutete mit einem vom Nikotin verfärbten Finger auf das Fragment.Bauch über der riesigen Silberschnalle seines breiten Ledergürtels wurde auch nicht dadurch anziehender. das hat etwas mit Ihrer Arbeit hier zu tun?« Catherine hatte zweifellos das brüchige Stück einer Schriftrolle aus dem Altertum gefunden. daß sie nämlich nicht nach Moses. daß er ihn ständig stolz mit beiden Händen umfaßte. traf der scharfe Wind ihr Gesicht. wie: ›Sie suchen also nach den Tafeln mit den Zehn Geboten?‹ Catherine gab ihm jedesmal ausweichende Antworten und hütete sich davor. »Glauben Sie. als die Israeliten vor mehr als dreitausend Jahren hier entlang 23 . »Also«. sie in ein Gespräch über die Ausgrabung zu verwickeln. wenn man die Wahrheit erfahren würde. Unwillkürlich betastete sie vorsichtig das bräunlichgelbe Blatt. als sei der Bauch etwas Besonderes. Hatte das überraschend aufgetauchte Dokument etwas mit ihrer Suche nach der Prophetin Mirjam zu tun? Als sie nachdenklich den Kopf hob. das nur er zu bieten habe. Der Texaner ließ sich jedoch keine Gelegenheit entgehen. Sie atmete tief die zeitlose.

senkte sie schnell den Kopf und stellte fest. eines neuen Jahrhunderts und sogar eines neuen Jahrtausends. ihrem Bruder. erklärte sie mit Nachdruck und drehte sich um.gezogen waren? Wie war das Leben unter diesem Himmel gewesen. die bereit waren. den alle mit größter Begeisterung tranken. Das lag zum Teil an dem kühlen Wetter. und nur einige hatten ihre Rückkehr zugesagt. in den drückend heißen Sommermonaten Leute zu finden. und Mirjam die Kühnheit besaß. Das neue Jahr würde kein gewöhnliches Jahr sein. Auch das machte ihr Sorgen. füllte der Koch Körbchen mit einheimischem Fladenbrot. Es war sehr viel schwieriger. und sein vulgäres Lachen hallte von den Felsen wider. die Gräben zu sichern. Da sie Hungerfords Blick noch immer auf sich gerichtet sah. ihrem ›Eßzimmer‹. die oberen Knöpfe der Bluse zuzuknöpfen. die durch Hungerfords Sprengung in Mitleidenschaft gezogen worden waren. »Sagen Sie Ihren Leuten. »Ich muß mir das Fragment genauer ansehen«. schwarzen Kaffee bereit. In diesem Winter hatte Catherine eine gute Mannschaft. Leider würden die meisten Weihnachten nach Hause fahren. bei einer Grabung mitzuarbeiten. Als Catherine das Lager erreichte. Es war der Beginn eines neuen Jahrzehnts. zerteilte den Ziegenkäse und stellte die unterschiedlichen Becher für den starken. als sich Schleier und Umhänge der Israeliten im Wind blähten. daß sie in der Eile nach der überraschenden Sprengung vergessen hatte. 24 . in die Gegenwart zurückzukehren.« »Na klar!« trompetete Hungerford. Unter dem Sonnendach. sie sollen weitersuchen. die Stirn zu bieten und ihn zu fragen: ›Hat der Herr nur durch Moses gesprochen?‹ Catherine zwang sich. dem Anführer der Juden. hatte ihr GrabungsTeam aus amerikanischen Studenten und Freiwilligen bereits damit begonnen.

›Du wirst nicht jünger‹. sie sei schön? Catherine fand ihr Gesicht in keiner Weise außergewöhnlich. blieb die Falte deutlich sichtbar. Immerhin waren die langen kastanienbraunen Haare. daß sie müde und erschöpft aussah. daß sie gezwungen sein würde. Die Falte war entstanden. Bisher war sie stets wieder verschwunden. daß ein neues Zeichen des Alters hinzugekommen war: eine senkrechte Falte zwischen den Augen. die sie im Nacken mit einer Spange zusammenhielt. mein lieber Julius…‹ ›Sie brauchen einen Mann‹. fand auch Catherine schön. hörte sie eine spöttische Stimme flüstern. dem Schicksal aller Archäologen zu entgehen. ›Du auch nicht. Wie konnte Julius behaupten. Aber jetzt stellte sie seufzend fest. um es genauer zu untersuchen. Trotz der anstrengenden Jahre unter der heißen Sonne bei Ausgrabungen in Israel und Ägypten war es ihr bis jetzt irgendwie gelungen. 25 . ein Erbe ihrer Mutter. Ein Blick in den Spiegel zeigte ihr in der nüchternen Klarheit des hellen Morgens. die Ausgrabung vorübergehend abzubrechen. denn sie spürte mehr denn je. Die großen grünen Augen. noch nicht von grauen Fäden durchzogen. weil sie bei ihrer konzentrierten Arbeit immer unbewußt die Augenbrauen zusammenzog. obwohl sie vermutlich sehr viel jünger als sechsunddreißig aussah. ständig unter Sonnenbrand zu leiden und ein Gesicht voller Falten und Krähenfüße zu haben. hatte Hungerford gesagt. Genau das konnte sie sich aber nicht leisten. Sie trat in das Zelt und legte das Fragment vorsichtig auf die Arbeitsplatte. Catherine lächelte. daß sie an einem Wendepunkt in ihrem Leben stand.Catherine fürchtete nicht zu Unrecht. Doch obwohl Catherine das Gesicht jetzt bewußt entspannte. Aber zuerst ging sie zum Waschbecken und kühlte sich das Gesicht ab.

um das Morgenlicht hereinzulassen. Er vertrat die Auffassung. Er sah wirklich gut aus. daß du keine Jüdin bist. In der Mittagspause lernten sie sich kennen. als befinde er sich plötzlich in ihrem Zelt. Er hielt einen Vortrag über das auffällig häufige Vorkommen von Unterarmbrüchen bei ägyptischen Skeletten. Leider befand er sich neuntausend Meilen entfernt am anderen Ende der Welt. besonders bei Frauen. Sie hatte 26 . und die gegenseitige Anziehung war augenblicklich spürbar. als der Arm zur Selbstverteidigung gehoben wurde. geheimnisvolle dunkle Augen. Catherine hatte dort ein Thesenpapier vorgestellt mit dem Titel: ›Bestimmung der Herkunft von Ton bei Keramik der Bronzezeit mit Hilfe der optischen Emissionsspektroskopie. daß ich von dir nicht verlange. ›Warum willst du mich nicht heiraten? Es kann doch nicht daran liegen. Julius fehlte ihr… Catherine schaffte genügend Platz auf dem überfüllten Arbeitstisch. Dr. Cathy?‹ hörte sie ihn wieder fragen. Es war wirklich so etwas wie Liebe auf den ersten Blick gewesen.‹ Catherine würde sich niemals zu seinem Glauben bekehren. meine Religion anzunehmen. als unterhalte er sich gerade mit ihr. um einen Schlag abzuwehren. Die Sonnenstrahlen fielen auf ein Photo. wie sie fand. Dann öffnete sie eine Klappe am Zeltdach. ›Warum. Das ist nicht der Grund. daß diese Brüche entstanden waren. Julius Voss war vor zwei Jahren auf einer Archäologen-Tagung in Oakland in ihr Leben getreten. selbst wenn er das verlangen sollte. einen gepflegten Bart und.Catherine hatte einen Mann. das sie mit Klebeband über dem Arbeitstisch befestigt hatte: Julius lächelte sie an. Du weißt. hatte schwarze Haare.‹ Julius war Mediziner und hatte sich auf Krankheiten im Altertum spezialisiert.

doch das Wort ›Jesus‹ fand sie nur an einer Stelle. genauer gesagt ein gläubiger Jude. die Stelle in der Wüste. nach der sie hier auf der Sinaihalbinsel suchte? Gab das Jesus-Fragment vielleicht den entscheidenden Hinweis. Es stammte aus dem Jahr 1764. daß sie Julius nicht heiraten konnte. in einem Sturm vom Kurs abgekommen 27 . Das Problem ließ sich nicht so leicht in Worte fassen: Julius war Jude. dann erfaßte sie eine unbestimmte. Aber das war bedeutsam genug. und es handelte sich um die englische Übersetzung der Erinnerungen von Ihn Hassan. dessen Schiff im Jahr 976 n. auch wenn sie ihn noch so sehr liebte. Catherine liebte Julius. Aber jedesmal. bereitete ihr Unbehagen. um ein Leben lang genug von Religionen zu haben. Catherine schob mit einem leisen Seufzen den Gedanken an Julius beiseite und konzentrierte sich auf das Fragment. namenlose Angst. Aber es gab andere Gründe dafür. Nicht die Tatsache. Der Katholizismus ihrer Kindheit und Jugend reichte. wo sich die Oase befand. dann konnte sie frei und ungezwungen mit ihm reden. Wenn sie sich über wissenschaftliche Themen oder über gemeinsame Interessen unterhielten. Sie überflog die griechischen Buchstaben. für ihn dasein und ihm zuhören. auf den sie schon so lange gehofft hatte? Würde sie möglicherweise erfahren. Chr. wenn sie in seine große orthodoxe Familie einheiratete -. wenn es um Religion ging – und das würde nicht ausbleiben.ihm bereits gesagt. daß sie keine Religion brauchte. daß er Jude war. einem Araber aus dem zehnten Jahrhundert. Bestand möglicherweise eine Verbindung zwischen diesem christlichen Dokument und der Prophetin des Alten Testaments. sondern seine Frömmigkeit. wo Mirjam und ihr Bruder den Kampf um die Macht geführt hatten? Catherine überlegte einen Augenblick und nahm dann ein Buch aus dem Regal.

würdevolle und heldenhafte Männer. Der Mann konnte sich an eine nur ungenau bezeichnete Küste retten. wurde Catherine sehr nachdenklich. Während die meisten ihrer Mitschüler. wo jetzt die Ferienhotels Touristen aus aller Welt anlockten. Sie sah ihre Vermutungen bestätigt. kicherten und sich langweilten – allerdings gab es Beifall. wo die ansässigen Beduinen ihre Herden tränken. wie Aldebaran über meiner Heimat aufging‹) sowie unter Berücksichtigung der Legenden und Gebräuche der Beduinen dieser Gegend zu dem Schluß. unbestimmte Suche schließlich ein Ziel gefunden. Moses. Alle Filme verherrlichten die Helden der Bibel: Samson. daß der Araber an dieser Küste gestrandet war. denn Ihn Hassan hatte geschrieben: ›Ich verbrachte meine einsamen Tage an einem Ort. Auf der Leinwand zeigte man gute. dem Bir Mary am…‹ Der Mirjam-Brunnen. als Moses das Rote Meer teilte -. Salomon.‹ Höhepunkt war DeMilles Klassiker Die Zehn Gebote aus dem Jahr 1954.war. Beim ersten Lesen war Catherine die Stelle aufgefallen: ›… im Lande Sina gestrandet…‹ Damals dachte sie: Spricht er von der Sinaihalbinsel? Sie verglich die unklaren Hinweise aus der Geschichte des Arabers mit Stellen im Alten Testament und kam unter Einbeziehung von Astronomie und der Navigation mit Hilfe von Sternen (Ihn Hassan berichtete: ›Ich sah. Unter den Frauen gab es 28 . Mit dieser Erkenntnis hatte Catherines lebenslange. Catherines Suche hatte genaugenommen an einem ganz bestimmten Tag begonnen. Als Vierzehnjährige zeigte man in der von Nonnen geleiteten katholischen Schule während der Karwoche eine Reihe von Filmen für die achte und neunte Klasse zum Thema: ›Bibelfilme der vierziger und fünfziger Jahre. die mit den technischen Spezialeffekten von Star Trek und Krieg der Sterne aufgewachsen waren.

Wenn man in der Bibel keine Heldinnen fand. Sie mußte jedoch bald feststellen. Sie tolerierten in ihren Reihen kaum Frauen und waren unter keinen Umständen bereit. Beweise für ihre Theorie zu finden. die nur darauf warteten. Als sich Catherine vor fünf Jahren zum ersten Mal um eine Grabungsgenehmigung in dieser Gegend bemüht hatte. Sie führte zahllose Gespräche. die schließlich zu ihrer Berufswahl führte: biblische Archäologie. nach dem Mirjam-Brunnen zu suchen. In keinem Film gab es eine richtige Heldin. daß Mirjam. weit mehr Geheimnisse barg. dann wollte Catherine sie an Ort und Stelle. Sie glaubte felsenfest. zahlte hohe 29 . Catherine fand. daß es auch in biblischen Zeiten Heldinnen gab – hatte sich bereits in ihrer Jugend eine wahre Besessenheit entwickelt. daß die Frauen wenig mehr waren als Statistinnen zur Verherrlichung der Männer. Aus dieser einfachen Beobachtung – Catherine war überzeugt davon. sie beabsichtige. Selbst ältere Frauen und Mütter wirkten in den Filmen irgendwie jungfräulich und blaß. in der Wüste finden. in dem man Schätze wie das Grab des Tutench-Amun und die Schriftrollen vom Toten Meer gefunden hatte. die Schwester von Moses. von ihren grundsätzlichen Erkenntnissen abzurücken. Die zähen Verhandlungen zogen sich über Monate hin. ausgegraben zu werden. daß der Wüstensand. und hoffe damit. eine Anführerin der Israeliten gewesen sei und daß sich die Geschwister die Führerschaft als gleichberechtigte Partner geteilt hätten. daß die von Männern beherrschte Archäologie und Bibelwissenschaft mit ihren anerkannten und scheinbar unumstößlichen Theorien von der alten Garde wie eine uneinnehmbare Bastion verteidigt wurden. erklärte sie den Beamten im Ministerium in Kairo.dagegen nur zwei Typen: Die böse Verführerin und die geduldig leidende Jungfrau.

kein wirklicher Anker! Sofort fiel ihr ein. die ihr Anhaltspunkte für die Suche nach dem Weg der Juden bei ihrem Auszug aus Ägypten geliefert hatten. Auf den Brunnen sollte ich einen Anker aus Schilf stellen. Der Anker aus Schilf war ein Symbol.‹ Catherine blickte nachdenklich auf die Worte: ›Anker aus Schilf‹. ›Eines Nachts erwachte ich‹. Ein Jahr darauf erschien sie wieder in Kairo und stellte den Antrag auf eine Grabungserlaubnis. mußte erleben. und schließlich lehnte man ihr Gesuch ab. Der Anker war das Verbindungsglied zum Christentum. wurde von einer Stelle zur anderen verwiesen. ›werde ich dir das Geheimnis des ewigen Lebens verraten. Sie führte mich zu einem Brunnen und forderte mich auf. las sie nicht die Stellen. ›und vor mir stand eine wundersame junge Frau. sagte der Engel zu mir. zuerst mit weicher Erde und dann mit Steinen. Sie hatte ihnen bislang wenig Bedeutung beigemessen.‹ ›Wenn du das für mich tust. deren Schönheit und Glanz mich blendeten. das sie suchte. Plötzlich wußte sie die Antwort. schrieb der Araber. Deshalb hatte Catherine den Rückzug angetreten und eine andere Strategie entwickelt. der sie bislang weniger Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Catherine runzelte die Stirn. Sie blätterte bis zu einer Passage.Bestechungsgelder. ihn zu füllen. Als Catherine jetzt Ibn Hassans Buch aufschlug. daß Dokumente spurlos verschwanden. Ibn Hassan‹. die sie jetzt jedoch nachdenklich noch einmal las. Wozu einen Anker aus Schilf? Sie zuckte zusammen. um den Moses-Brunnen zu suchen. daß der Anker in frühchristlicher Zeit eine symbolische Bedeutung besessen hatte und erst später vom Kreuz verdrängt worden war. 30 .

In der Nacht wurden die Teilnehmer der Expedition von seltsamen Träumen 31 . wurde gerettet. und deshalb behauptete. Zwei Worte stachen ihr ins Auge: ›Zoe aionios. der es liebte. wundersame Geschichten zu erzählen. was hatte der Hinweis auf ›Jesus‹ mit dem Mirjam-Brunnen zu tun? Catherine hatte. denn der Engel hat mir das ewige Leben zum Geschenk gemacht‹. das sie nach vorsichtiger Schätzung um zweihundert nach Christus datierte. abgesehen von Ibn Hassans Erinnerungen. Ich. Ich erzähle dies im hohen Alter von zweimal sechzig und neun Jahren bei bester Gesundheit und in dem festen Glauben.‹ Ewiges Leben. Aber sie war bei ihren Nachforschungen auf das Buch eines deutschen Ägyptologen von 1883 gestoßen. Aber jetzt… Sie blickte auf das Jesus-Fragment. einhundertneunundzwanzig Jahre alt zu sein. Ich konnte die einsame Küste verlassen und zu meiner Familie zurückkehren. der einem Schiffbrüchigen sieben Jahrhunderte später das ›ewige Leben‹ verhieß? Wenn es diesen Zusammenhang gab. Bestand ein Zusammenhang zwischen diesem Fragment. Eines Tages schlug die Gruppe ihr Lager an der Küste im Osten des Katharinenklosters auf. bisher keine Hinweise auf einen MirjamBrunnen gefunden.Sie blätterte zurück zur ersten Seite von Ibn Hassans Erinnerungen und las mit wachsender Erregung: ›Und so erhielt ich den Schlüssel zum ewigen Leben. Die Zelte standen unter einem steilen Felsen in der Nähe eines Brunnens mit dem Namen Bir Umma – Brunnen der Mutter. das Hungerfords Araber gefunden hatten. daß ich nicht sterben werde. Er beschrieb darin eine Expedition in die Wüste Sinai. Ibn Hassan Abu Mohammed Omar Abbas Ali. Catherine hatte diese Worte bisher als Prahlerei eines alten Mannes abgetan. und der Erscheinung eines Engels.

an dieser Stelle zu graben. Die Israeliten waren dem Feuer und Rauch des Vulkans gefolgt und an diesen Ort an der Ostküste. Catherine war hierhergekommen. denn dort hatten sie die ›Wolkensäule‹ bei Tag und ›das Feuer‹ in der Nacht gesehen. Sie überlegte: Was hat das Fragment und die Worte ›ewiges Leben‹ mit Ibn Hassans ›Engel‹.‹ Catherine erkannte nicht als erste. der zu ihrem Entschluß führte. hatte sie allerdings nicht gerechnet. Mit einem Papyrus-Fund. an der Ibn Hassan Schiffbruch erlitten hatte. bei Nacht in einer Feuersäule. und die Feuersäule nicht bei Nacht.heimgesucht. Catherine entdeckte schließlich einen Anhaltspunkt im Alten Testament. Sie wußte. Deshalb kam sie zu folgendem Schluß: Das Gebirge befand sich an der Westküste Arabiens. um einen Beweis für den Weg der Israeliten durch die Wüste zu finden und auch Hinweise auf die Prophetin Mirjam. Die Frage lag nahe. Exodus 13:21/22: ›Der Herr zog vor ihnen her. ob die Ähnlichkeit der Erscheinung ein Hinweis darauf war. Man nannte das Gebiet dort ›das Land Midian‹. um ihnen den Weg zu zeigen. bei Tag in einer Wolkensäule. es gab auf der Sinaihalbinsel keine vulkanischen Gebirge. dafür aber in Saudi-Arabien im Osten des Golfs von Akkaba. daß diese Bibelstelle sehr wohl einen aktiven Vulkan beschreiben mochte. in dem das Wort ›Jesus‹ vorkam. mit dem Traum der Frau des Ägyptologen und mit den Legenden 32 . Die Frau des Deutschen berichtete fast in denselben Worten wie Ibn Hassan von der Erscheinung einer überirdisch schönen jungen Frau. daß Professor Krügers Expedition das Lager an der Stelle aufgeschlagen hatte. auf der anderen Seite des Golfs gelangt. Die Wolkensäule wich bei Tag nicht von der Spitze des Volkes. um ihnen zu leuchten. So konnten sie Tag und Nacht unterwegs sein.

Die Araber hatten etwas gefunden. sie sprang auf und rannte ohne eine Erklärung zu ihrem Grabungsplatz zurück. Ihr Herz schlug schneller. Als Catherine jetzt in einem der Gräben stand. in denen immer wieder von Geistwesen oder Geistern berichtet wird. In unmittelbarer Nähe der Sprengung waren die Arbeiter auf ein Loch gestoßen. die altgriechischen Worte zu übersetzen. Plötzlich erinnerte sie sich. als es draußen plötzlich laut wurde. die an dieser Stelle den Menschen erscheinen? Catherine lauschte auf die Geräusche vor dem Zelt. daß sie in der vergangenen Nacht ebenfalls einen seltsamen Traum gehabt hatte. die sie mit großer Entschlossenheit verdrängt hatte. Eine Erinnerung. stellte sich erstaunlicherweise wieder ein. die das Geröll durchsuchten. wo sie 33 . Er fuhr pfeifend über den dunkelblauen Golf und mischte sich mit dem Lachen und Rufen von Hungerfords Arbeitern. Nein. um sie zu quälen. Catherine kniete im Sand und betrachtete die Öffnung. das wie ein Tunneleingang wirkte. Ein Jahr später war sie auf der zweiten Ebene noch immer nicht auf Hinweise für eine menschliche Besiedlung gestoßen. Sie hatte ein Planquadrat mit einem Raster angefertigt und dann mit den Grabungen begonnen. Vor Beginn der Ausgrabungen hatte sie das Gebiet mit den neuesten geologischen Meßinstrumenten untersucht und an dieser Stelle das Vorhandensein eines ungewöhnlichen unterirdischen Tunnels festgestellt. Der morgendliche Wind nahm an Heftigkeit zu.der Beduinen zu tun. ›Du abscheuliches Mädchen! Das wirst du büßen…‹ Catherine schob die Erinnerung seufzend beiseite und griff nach der Lupe. es war kein Traum gewesen. Auf der dritten Ebene hatten sie eine Kalksteinschicht erreicht und den Einstieg zu einem Tunnel gefunden. Sie wollte damit beginnen.

Catherine hatte Hungerford vor dem abenteuerlichen Einstieg noch einmal ermahnt. die die Einheimischen auf dem schwarzen Markt für die Schriftrollen vom Toten Meer und den ›Nag Hammadi‹Schatz erzielt hatten. Es war bestimmt nicht das Ende des unterirdischen Gangs. und machte sich mit einer Taschenlampe in der Hand auf den Weg. mit denen sie das Geröll aus den Gräben transportierten. legte sich auf eine der Paletten auf Rädern. das herauszufinden.diesen Tunnel entdeckt hatten. bis eine wissenschaftliche Klärung vorlag. Sie bewegte sich langsam. würde man sie sofort herausholen. 34 . Niemand kannte die Festigkeit des Gesteins. Das Gerücht von dem sensationellen Fund kursierte vielleicht schon auf der ganzen Halbinsel. daß er in Richtung der Sprengung verlief. die das Jesus-Fragment zutage gefördert hatte. Im Innern wartete sie einen Augenblick. Trotzdem machte sie sich Sorgen. der offenbar zu dem steilen Uferfelsen führte. Catherine hatte ihre Gruppe angewiesen. waren drei Stunden vergangen. das durch die Sprengung brüchig geworden sein mochte. Der Gang war dunkel und eng. Staub und kleine Steine lösten sich von den Wänden. ein Auge auf seine Leute zu haben und dafür zu sorgen. Die Sonne stand bereits hoch am Himmel. kein Wort über den Fund verlauten zu lassen. daß alle in der Nähe blieben und niemand zum nächsten Telefon rannte – die Preise. Deshalb hatten sie ein Signal verabredet: Wenn Catherine einmal am Seil zog. Was mochte sich am Ende des Tunnels befinden? Es gab nur eine Möglichkeit. waren nicht vergessen. als Catherine in der Dunkelheit verschwand. fiel ihr auf. Catherine band sich das Seil um die Hüfte. Seit der Sprengung am frühen Morgen. schob sich mit den Ellbogen durch den Gang vorwärts und hielt den Strahl der Taschenlampe auf die endlose Schwärze gerichtet.

Vorsichtig untersuchte sie das Hindernis und stellte zu ihrem Erstaunen fest. entschlossen herauszufinden. War ihr Traum eine Warnung gewesen? War dieser Ort verflucht? Der Gang war plötzlich versperrt. Sie durfte vor allem nicht die Nerven verlieren. Ihre nackten Knie waren auf dem rauhen Kalksteinboden bald aufgeschürft. daß es sich um die Reste eines Korbes 35 . Trotz aller Hindernisse und möglicher Gefahren ließ sie sich nicht beirren. was sich am Ende des Tunnels befand. der Tunnel sei nicht das Werk von Menschen. wo Hungerford mit seinen Leuten stand und das Sicherungsseil abrollte.Immer wieder rieselte Sand auf sie herab. Der Gang war so niedrig. Catherine holte tief Luft. und wenn sie die Palette zum Stehen brachte. Trotzdem stieß sie immer wieder gegen den Fels. Möglicherweise war er durch ein Erdbeben entstanden oder von Wasser ausgehöhlt worden. Neugierig musterte Catherine im Schein der Taschenlampe die relativ glatte Decke und die ebenso glatten Wände. Ihrer Schätzung nach war sie etwa fünfzig Meter von der Öffnung entfernt. Wasser für einen Brunnen? Trotz der Kühle trat Catherine der Schweiß auf die Stirn. hielt sie den Atem an und rechnete fast damit. Nach einer Weile kam sie jedoch zu dem Schluß. und sie wünschte zu spät. Catherine liefen kalte Schauer über den Rücken. Ibn Hassan und Krügers Frau hatten berichtet. daß die Decke des Tunnels im nächsten Augenblick einstürzen werde. das aus einer unterirdischen Quelle stammte. die Khakishorts gegen Jeans ausgetauscht zu haben. daß sie die meiste Zeit flach auf dem Bauch liegen und den Kopf einziehen mußte. sondern ein natürlicher Gang. hier seien Menschen lebend begraben worden. Vorsichtig rollte sie auf dem Wägelchen weiter. Der Gang wand sich jetzt durch festes Gestein.

würde zum Beispiel ein Museum für das Jesus-Fragment zahlen?« »Museen zahlen nicht«. Dort lag ein Schädel! Der Schädel eines Menschen. Er hatte einen Durchmesser von etwa fünf bis sechs Metern und war über ihr verschlossen. »Ich meine in Dollars und Cents. Hoffentlich würde sie nicht in den Brunnen fallen. Als sich die Staubwolke gelegt hatte. Der unterirdische Gang ging weiter. Sie nahm die Korbreste zwischen die Arme und legte das Kinn darauf. die zum Teil noch von Steinen umgeben waren. daß die Wände aus großen unbehauenen Feuersteinblöcken bestanden. und dann sah sie es. das sich offenbar durch die Sprengung gelöst und einen Teil des Schachts zum Einsturz gebracht hatte. Der Boden war trocken. Der schwankende Lichtstrahl tanzte über die Steine. meinen Sie. Sie griff danach und zog daran. Der Korb löste sich mühelos aus dem Geröll. der senkrecht nach oben führte. Dann rollte sie langsam weiter. Der Tunnel mündete plötzlich in einen kreisrunden Schacht. wie sie für Bauten der Bronzezeit typisch waren. Catherine kniff die Augen zusammen und wartete mit angehaltenem Atem.handeln mußte. erwiderte Catherine und klopfte 36 . richtete sie die Taschenlampe nach vorne. Was. Wieder rieselte Sand auf ihren Kopf. Plötzlich entdeckte sie etwas Weißes. »Wie schätzen Sie diesen Fund ein?« fragte Hungerford und grinste. um besser in die Tiefe blicken zu können. Sie sah Steine und loses Geröll. Catherine sah. Habe ich den Mirjam-Brunnen gefunden? Catherine richtete die Taschenlampe nach unten und blickte zitternd über den Rand. Sie verlagerte vorsichtig das Gewicht und streckte den Kopf vor.

»es stammt nicht aus dem ersten Jahrhundert?« »Leider nein«.« »Wie alt ist das Zeug?« fragte er und deutete auf das Bündel. die sie in dem engen unterirdischen Gang und am Rand des tiefen Brunnens erfaßt hatte. antwortete Catherine und versuchte. was ich gefunden habe. »Je nachdem…«. als sei der schlichte. »Die privaten Sammler zahlen…« Sie sah Hungerford an. sagte Catherine und wich seinem Blick aus. »Und der Wert?« fragte Hungerford verdrießlich. »Vielleicht siebtes oder achtes Jahrhundert«. soviel Enttäuschung wie möglich in ihre Stimme zu legen. »Aber freuen Sie sich nicht zu früh. Ich werde Professor 37 . das sie aus dem Tunnel mitgebracht hatte. der Korb gehörte einem der Einsiedler. Ihre kastanienbraunen Haare waren wie mit Puder bestäubt. Catherine war über und über mit Staub und Sand bedeckt.sich den Staub von der Bluse. überhaupt einen Wert hat. aber noch immer saß ihr die Angst im Nacken. »Die Webart des Leinens und die Verschnürung weisen auf eine nachbyzantinische Zeit hin. von denen ich Ihnen erzählt habe. ob das. Erleichtert stellte sie fest. daß seine Träume von Geld und Ruhm wie eine Seifenblase geplatzt waren. sagte Hungerford mit gerunzelter Stirn. während sie den unterirdischen Gang erkundet hatte. verrottete Korb dafür verantwortlich. antwortete Catherine.« »Das heißt also«. Sie stand zwar wieder im hellen Sonnenlicht und atmete den frischen Meereswind. In der vergangenen Stunde. daß die anderen ebenso enttäuscht waren wie Hungerford. waren die Erwartungen der Leute gestiegen. »Ich glaube. Alle hatten auf einen spektakulären Fund gehofft. während sich alle um sie drängten und neugierig den Fund anstarrten. Bis jetzt wissen wir nicht.

Wir können inzwischen die Tennisplätze planieren. Dann konnte keine Rede mehr davon sein. als sie es sich in ihren kühnsten Träumen vorstellte. Sie werden jemanden herschicken. Wenn sich ihre Vermutungen bestätigten. Ich werde sofort Kairo benachrichtigen und die zuständige Behörde informieren. und je schneller sie die zuständigen Experten in Kairo informierte. die Ausgrabungen 38 .« Der Texaner schob die Hände in die Hosentaschen und ging kopfschüttelnd davon.« »Machen wir ihn auf. Sie blieb einen Augenblick in der Mitte des Zelts stehen. Sonst wäre hier die Hölle los. sondern möglicherweise enthielt der Korb Schriftrollen. daß ein Fund dieser Art in Gegenwart glaubwürdiger Zeugen geöffnet wird. »Nein! Wissenschaftliches Vorgehen verlangt. Catherine log nur ungern.« »Ja. Er kann uns bestimmt schnell Gewißheit verschaffen. daß der Fund vermutlich eine weit größere Bedeutung hatte. die zweitausend Jahre alt waren. desto besser. Catherine ging eilig zu ihrem Zelt. Ich werde meine Leute dort drüben einsetzen.« Catherine wich erschrocken zurück. Hatte Hungerford ihr geglaubt? Sie hoffte es. Inzwischen sollten Sie an dieser Stelle keinerlei Arbeiten durchführen. ja. bis das Gelände von den Regierungsbeamten untersucht worden ist. Dieser Fund gehörte ihr.Gottlieb in Jerusalem anrufen. Sie durfte auf keinen Fall auch nur andeuten. zog den Reißverschluß der Zeltklappe zu und schaltete das Licht ein. aber diesmal war ihr nichts anderes übriggeblieben. Ihre Gedanken überschlugen sich. dann hatte Hungerford sie mit der Sprengung nicht zu einem Fund aus dem achten Jahrhundert geführt. um wieder ruhiger zu werden.

Aber Catherine brauchte sie hier auf der Stelle. um die Arbeiten abzuschließen. unseres Herrn Jesus. Als Catherine den Zündschlüssel für den Landrover suchte. daß sie nicht gefrühstückt hatte. wie sie brauchte. Was 39 . würde natürlich sofort jemand kommen. auf der Stelle zum Hotel zu fahren? Sie entschied. Offenbar handelte es sich um den Anfang eines Briefes. wenn sie die Behörde ein paar Minuten später informierte. ›Sabina. das Alter des Fragments zu bestimmen. Oder wäre es klüger. legte das Fragment unter die helle Lampe. daß seit der Sprengung inzwischen mehr als vier Stunden vergangen waren. Sie überlegte kurz. Wie konnte sie das erreichen? Sie blickte auf das Jesus-Fragment. Das wußte jeder. griff nach der Lupe und begann zu lesen.vorzeitig zu beenden! Die Stiftung würde ihr die Geldmittel so lange zur Verfügung stellen. Und sie würde auch alle gewünschten Arbeitskräfte bekommen. grüßt Euch und segnet die Gemeinschaft des Gerechten. Wenn sie nach Kairo berichten konnte. hielt sie inne. Ein Blick auf die Uhr erinnerte sie daran. daß das Fragment eindeutig aus dem zweiten oder dritten Jahrhundert stammte. im Haus der lieben Amelia. des verehrten…‹ Catherine zog die Augenbrauen zusammen. Die Bürokraten in Kairo konnten erfahrungsgemäß so schnell nichts in Bewegung setzen. das sie noch immer nicht übersetzt hatte. es könne nichts schaden. ob sie sich die Zeit nehmen sollte. Sie würde keine Minute Ruhe haben. Ihr Magen knurrte und erinnerte sie daran. Eure Schwester. bis das Gelände von den Beamten gesichert worden war. Sie mußte auf der Stelle zum Hotel Isis fahren und die Abteilung für Altertümer informieren. Doch Catherine interessierte sich im Augenblick nicht für Essen.

Als sie das entsprechende Werk gefunden hatte. deshalb ist eine genauere Übersetzung im 40 . einer der Studenten lachte laut. Sabina sprach von Amelia. in Sorge um Eure Sicherheit und in Furcht um Euer Leben. ›Ich möchte Euch. liebe Schwestern. die Befehle des Königs ausführen) Täufer. daß meine Stimme beim Reden zittert. In der Frühkirche waren Diakonai (die. ›Lest diesen Brief im geheimen und in Furcht um Euer Leben!‹ Was um alles in der Welt hatte sie gefunden? Sie las noch einmal den Anfang: ›… der lieben Amelia. All das registrierte ihr Bewußtsein kaum. Aber zuerst sollt Ihr wissen. Prediger und Hüter des Sakraments. schreibt meine Worte an Euch nieder. während sie aufgeregt unter ihren Büchern suchte. Wird heute übersetzt als‹Diakon›. Sie las den Satz noch einmal.‹ Catherine stieß die Luft aus. als ›Diakonos – Diakon‹. aus einem Kofferradio kamen die Nachrichten eines Senders in Jerusalem. Samir rief nach einer Kelle. aber nur in Verbindung mit einem Mann. etwas so Erstaunliches berichten. des verehrten Diakon…‹ Durch die dünne Nylonwand ihres Zelts hörte Catherine die üblichen Geräusche im Lager. Catherine kannte die Anrede ›Diakonos -Diakon‹ aus anderen Schriften.bedeutete das nächste Wort: ›διάκονος – Diakonos‹? Diakon… Das konnte nicht sein. Kopfschüttelnd las sie weiter. An dieser Stelle möchte ich Euch jedoch warnen: Lest diesen Brief im geheimen. suchte sie im Register und las: ›Diakonos (Strong’s Nummer: 1249-GSN) griechisch:‹Diener›. Eine Frau war eine ›Diakonissa – Diakonin‹. eine gesegnete Frau. Es gab keinen Zweifel. Perpetua. zu der ich auf höchst wundersame Weise gekommen bin. daß nur meine Stimme zu Euch spricht. einer Frau.

die erstaunlichen Schlußfolgerungen in ihrer Tragweite zu erfassen. besteht denn wenigstens die Möglichkeit. fragte er: ›Cathy. Plötzlich erinnerte sie sich an das letzte Gespräch mit Julius. daß nur wir beide Weihnachten zusammensein können? Du fehlst mir so. Sie klappte das Buch zu und versuchte. Seine Antwort und der Ton seiner Stimme gingen ihr nicht mehr aus dem Sinn. Danach werden sie abreisen. da hat dir Weihnachten sehr viel bedeutet. Ihr Blick fiel auf das Photo der Autorin auf der Rückseite.‹ Catherine holte tief Luft. Aber sie hatte ihm erklärt. du kommst über die Feiertage‹. Liebste‹. Kein Zweifel: Sabinas Brief an Amelia mußte im zweiten Jahrhundert geschrieben worden sein. griff nach der Lupe und verglich sorgfältig die Handschrift des Briefs mit den Buchstaben im Buch. Cathy. hatte er gesagt. in dem das Wort ›Jesus‹ vorkam. als ›Priester‹ angeredet? Das konnte nicht sein! Catherine schlug ein Schriftbeispiel in dem Nachschlagewerk auf. ›Meine Eltern freuen sich darauf. ›Ich hoffe. Außerdem sei Weihnachten für sie ein Tag wie jeder andere.‹ Dann sagte er: ›Du kannst der 41 .‹ Als sie geschwiegen hatte. dich wiederzusehen. Sie hatte ihn vor einer Woche aus dem Hotel Isis angerufen. ›Es gab einmal eine Zeit. War Amelia eine Priesterin? Eine Frau wurde in einem Brief. Damals bekleideten jedoch nach der übereinstimmenden Ansicht von Theologen und Bibelwissenschaftlern keine Frauen das Priesteramt.Kontext des Neuen Testaments‹Priester›. Beide stimmten beinahe völlig miteinander überein. Die ganze Familie ist zum ChanukkahFest hier. Nur das hätte die Anrede ›Diakon‹ gerechtfertigt. sie könne die Ausgrabungen nicht unterbrechen.

Habe ich den Beweis gefunden. Behutsam legte sie das Jesus-Fragment in eine verschließbare Kassette und schob sie zusammen mit dem Korb unter ihr Feldbett. Nina Alexander hatte das Handbuch des Griechischen im Neuen Testament geschrieben. Sie sah die 42 . ich hätte nicht tun dürfen. Cathy. sondern sie hörte die tonlose Stimme ihrer Mutter am Ende ihres bewegten. den meine Mutter gebraucht hätte? Sie blickte auf den Korb und auf das Loch im Geflecht. Sie hielt das ebenfalls abgerissene untere Ende ihres Fragments daran. das offenbar durch die Sprengung entstanden war. aus denen eine wache Intelligenz sprach. Das bedeutete.‹ Sie hatte erwidert: ›O doch. denn mir fehlten die Beweise. was ich getan habe. Dahinter entdeckte sie das abgerissene Ende eines Papyrus. als ihre Mutter kurz vor dem Ende alle ihre Erkenntnisse widerrufen hatte und die Kirche schließlich doch triumphierte… Verwirrt und innerlich aufgewühlt richtete Catherine ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Jesus-Fragment und das brisante Wort: ›Diakon‹. Aber Catherine sah nicht die Augen. war ganz allein die Schuld der Kirche. Catherine zögerte nicht mehr. Dr.‹ Ihr Blick richtete sich nachdenklich auf das Photo. als sie allein in einem Krankenhauszimmer lag und flüsterte: ›Sie hatten recht.Kirche nicht ewig die Schuld an allem geben. streitbaren Lebens. Die beiden Papyrus-Stücke paßten zusammen. Wenn ich doch nur einen Beweis gehabt hätte…‹ Catherine wollte nicht mehr an den schmerzlichen Tag denken. das Ende des Briefes nach den Worten: ›in Sorge um Eure Sicherheit und in Furcht um Euer Leben‹ befand sich in dem Korb. Was beim Tod meiner Mutter geschehen ist. Das Bild zeigte eine junge Frau mit lächelnden grünen Augen.

wenn das geschah. um hinauszugehen. der Fund und möglicherweise sogar ihre persönliche Sicherheit in großer Gefahr. daß Hungerford in seinem Jeep in Richtung der Hotels davonbrauste. Als sie die Zeltklappe zurückschlug. Sie vermutete. daß er es offenbar sehr eilig hatte. verriet ihr die Staubwolke. mit welchem Flugzeug sie Ägypten so schnell wie möglich verlassen konnte. Hoffentlich war Julius zu Hause und nicht im Institut bei einem seiner Tests. Er wird reden! In diesem Augenblick wußte Catherine. dann waren die Ausgrabung. danach Daniel in Mexiko und schließlich feststellen. Zuerst würde sie Samir bitten. 43 . steckte sie ein und blickte auf die Uhr. die manchmal die ganze Nacht dauerten. ihr Zelt zu bewachen. dann Julius aus dem Hotel Isis anrufen. Aber als sie sah. Catherines Plan stand fest. In Kalifornien war es kurz nach Mitternacht. Inzwischen sah die ganze Sache anders aus. daß einer ihrer Leute zum Einkaufen nach Scharm el Scheich fahren wollte. und ging um das Zelt herum. hörte sie einen Motor aufheulen.Schlüssel für den Landrover neben dem Waschtisch. Die Abteilung für Altertümer in Kairo würde sie nicht anrufen.

der einen schokoladenbraunen Corvette ZR-1 auf Hochglanz polierte – einen von dreiundzwanzig alten Corvettes aus Havers’ Sammlung -. In den dreißig Jahren ihrer Ehe hatte es keinen einzigen Augenblick der Langeweile gegeben. Es konnte eine ungewöhnliche Wolkenformation oder ein neuer superschneller Mikrochip sein. kamen wieder ins Freie und liefen an dem privaten Golfplatz vorbei. Sie liefen über den riesigen Innenhof. beeil dich!« Er lief mit ihr nach draußen und durchquerte dabei eine verglaste Veranda mit alten spanischen Möbeln und sehr bequemen Rattansesseln. Dann eilten sie durch einen mit Buntglas gestalteten Bogengang. Er machte so große Schritte. New Mexico »Erika! Erika. hob erstaunt den Kopf. Sie hatte keine Ahnung. daß sie beinahe rennen mußte. um den Platz wieder bespielbar zu machen. daß sich seine Stimme an der getäfelten Decke brach und von den weißen Wänden ihres beinahe tausend Quadratmeter großen Hauses aus Adobeziegeln widerhallte. wo Gärtner sorgfältig den frisch gefallenen Schnee entfernten. welche aufregende Überraschung Miles ihr zeigen wollte. »Du wirst staunen!« rief er so laut. 44 . Erika lachte. Bei ihrem Mann mußte sie auf alles gefaßt sein. Ein Chauffeur. komm schnell!« Miles Havers nahm die Hand seiner Frau und zog Erika aus dem Sessel.Santa Fe. wo in Vitrinen Kultobjekte aus dem Zum Pueblo standen. Aber wie immer ließ sie sich sofort von seiner Begeisterung anstecken. Liebling! Schnell. »Aber Miles! Ich bin doch gerade…« »Das mußt du sehen.

Fliese um Fliese aus Madrid hierhergebracht hatte. die so leichtfüßig ging. Die Jahrtausendwende stand bevor. die intensive Färbung beruhe auf der geringen Luftfeuchtigkeit. um das Schloß zu öffnen. feingliedrige und vornehm wirkende Frau. gab Miles eine Geheimnummer ein. in dessen Herzen sich ihr fünftausend Hektar großes Gelände befand. Erikas Blick richtete sich unwillkürlich nach Westen zu den Sangre de Christo-Bergen. Als sie die verschlossene Tür erreichten. denn der zweiundfünfzigjährige Miles Havers war ein begeisterter Jogger und trainierte zu jeder Tagund Nachtzeit seinen immer noch sportlichen Körper. denn in diesem Monat kamen ungewöhnlich viele Menschen nach Santa Fe. und Santa Fe galt als einer 45 . sie waren da – die Wachen.Havers’ Sandalen klatschten laut auf den SaltilloFliesen. daß ihre Füße kaum den Boden zu berühren schienen. als ihre Augen unwillkürlich in Richtung Golfplatz wanderten. Sie war eine zarte. Es war eine Vorsichtsmaßnahme. aber noch immer staunte sie über das unvergleichliche Blau des Himmels von New Mexico. Das war ein vertrautes Geräusch auf dem Anwesen. aber sie wußte. Man hatte ihr gesagt. die an diesem kalten Dezembertag in weißen Schnee gehüllt waren. und ein Schauer lief ihr über den Rücken. wohin er sie führte – in das Tropenhaus. Sie sah niemanden dort. als sie ihrem Mann um den spanischen Brunnen aus dem fünfzehnten Jahrhundert folgte. Erika war wie er Anfang Fünfzig. Schließlich wußte Erika. Sie dachte verzaubert: Sangre de Cristo – Blut Christi – wirklich ein seltsamer Name für ein Gebirge… Ein kalter Wind fuhr durch ihre kurzen aschblonden Haare. Erika lebte inzwischen bereits zehn Jahre hier. die Miles um das sechzig Hektar große Anwesen hatte Stellung beziehen lassen. den man Stein für Stein.

da sich alle Stars aus Angst vor der großen Katastrophe in die sicheren Gebiete von Wyoming oder Montana und nach Manhattan zurückgezogen hatten. Berühmtheiten des gesellschaftlichen und religiösen Lebens. Es wurden über tausend Gäste erwartet. Das Tropenhaus war. Über den Gerüchen von Erde. schweren Naturkatastrophen. gute Freunde. Sie alle sollten zugegen sein und als Zeugen in der Casa Havers die große Konvergenz erleben. darunter Verwandte. die er in der Steinwüste sechshundert Meter über dem Meeresboden geschaffen hatte. Nelken und Gardenien. eine Miniaturwelt. bescheiden ausgedrückt.der heiligen Orte der Erde. Sie gingen zwischen Beeten hindurch. Die Bevölkerung der ganzen Welt sah mit Spannung dem neuen Jahr entgegen. so hieß es. Dünger und Moder lagen die betäubenden Düfte von Narzissen. in denen Ableger und aus Samen gezogene Pflanzen wuchsen. riesigen Überschwemmungen. Die Tür des Tropenhauses glitt geräuschlos zur Seite. feuchte Luft entgegen. sei inzwischen eine Geisterstadt. in anderen standen Gewächse bereits in voller Blüte oder waren mit Knospen 46 . Präsidenten. Man rechnete mit Erdbeben. Hollywood. Geschäftsfreunde. Stars und gefeierte Künstler. das in weniger als drei Wochen beginnen würde. Erika hingegen freute sich auf das neue Jahrtausend. auf die Erika und ihre New Age-Freunde hofften. und Erika schlug heiße. Miles führte Erika voll Stolz in seine Miniaturtropen. und viele bereiteten sich sogar auf den Weltuntergang vor. bei dem die Heerscharen des Himmels die Mächte der Hölle besiegen würden. In sehnsüchtiger Erwartung auf eine spirituelle Offenbarung für die Welt und für sie persönlich hatte sie das letzte Jahr mit den Vorbereitungen für das ›Fest des Jahrhunderts‹ zugebracht.

Es ist möglich. legte sie die Hand auf die Brust und hauchte: »Oh. In schattigen Grotten wuchsen üppige dunkelgrüne Farne und rankende Kletterpflanzen. verständnisvoller Mensch. als fürchte er. Manchmal schlief er sogar hier im Gewächshaus. der den Mut hatte. erklärte er mit bebender Stimme. Das bewunderte sie an Miles am meisten. Sie spürte seine Begeisterung in der schwülen Luft.« Erika sah ihn an. was er als richtig empfand. daß man mit wissenschaftlichen Methoden die barbarische Plünderung der Regenwälder aufhalten kann. während er sprach. diese besondere Orchidee zum Blühen zu bringen. Er blieb stehen und flüsterte: »Da…«. »Es war nicht einfach. Erika.« Erika wußte. Es hätte Erika nicht überrascht. wo Miles seine seltenen Orchideen züchtete. Er war ein guter. hier in den Vereinigten Staaten gesunde Pflanzen unter künstlichen Bedingungen zu züchten! Das bedeutet. das Krächzen von Papageien und das Geschnatter von Affen zu hören.übersät. Als Erika die Blüte mit den mitternachtsblauen Blütenblättern und den schimmernden grünen Blättern sah. Es war ein Abenteuer gewesen von dem Augenblick an. es sei nicht möglich«. aber sie hat es geschafft. 47 . sagte er triumphierend. »Und es ist mir doch gelungen! Das ist der Beweis. für das zu kämpfen. »Man hat mir gesagt. welche Mühe sich Miles gegeben hatte. um sein ›Kind‹ zu pflegen. als er die Knolle bei einem Züchter in Kalifornien gekauft hatte. Schließlich legte sie lächelnd die Arme um ihn und drückte ihn an sich. wir können in Zukunft den Dschungel in Ruhe lassen. die von geldgierigen und gewissenlosen Sammlern gefördert wird. Miles! Das ist unfaßlich…« »Zygopetalum Blauer See«. das empfindliche Gleichgewicht der Biosphäre zu stören. Schließlich erreichten sie die Stelle.

Sein Feldzug richtete sich besonders gegen Taiwan. daß einige Arten bereits ausgerottet worden waren. das Land öffentlich anzuprangern. Aber natürlich mußte niemand darüber aufgeklärt werden. Jogger und Drachenflieger – kaum in das Klischee eines 48 . Ganz Amerika liebte ihn. Miles hatte sich schon immer für die weltweite Erhaltung der Umwelt eingesetzt. Er hatte alarmierende Zahlen vorgelegt. Wie auch immer. bei dem Sammler astronomische Summen für eine einzige Pflanze zahlten. und Time Magazine hatte ihn kürzlich als Erfinder von Internet bezeichnet. dessen rücksichtslose Ausrottung mancher Pflanzenarten Miles dazu veranlaßt hatte. Im Augenblick kämpfte er auf einer höheren und sehr viel einflußreicheren Ebene. Erst am Tag zuvor war er aus Washington zurückgekommen. Die Zeitschrift Forbes hatte den Nettowert seines Konzerns mit zehneinhalb Milliarden Dollar veranschlagt. Miles war ein Held seiner Zeit. Deshalb unterstützte er die Bemühungen der USA. Er nutzte seinen Reichtum für die Lösung gesellschaftlicher Aufgaben. Taiwan die Mitgliedschaft in den Vereinten Nationen zu verweigern. aber seine besondere Leidenschaft galt der Rettung gefährdeter Pflanzen und Tiere. sein Einfluß reichte inzwischen um die ganze Welt. und so liebte Erika ihren Mann. die Dschungel ihrer natürlichen Flora so weit beraubten. diesen superreichen Computer-König. daß der illegale weltweite Handel mit Orchideen.Gewiß. Niemand wußte genau. wo er vor einem Senatsausschuß ausgesagt und strengere Gesetze zum Import seltener Pflanzen gefordert hatte. Da sein kometenhafter Erfolg und sein Reichtum auf seiner Zeit als Hacker beruhte. was alles zu Havers’ Elektronik-Imperium gehörte. daß Miles Havers – Golfspieler. karikierte man Miles oft als die ›Wühl-Maus‹. die bewiesen.

Sir. »Also gut. aber es entsprach trotzdem der Wahrheit. auch das war ein Klischee. Ich muß ohnehin noch einmal die Gästeliste für das Konzert durchgehen und den Maestro anrufen.« Mit einem Blick auf Erika sagte er: »Entschuldige.« Miles 49 . Liebling. daß er wie ein Filmstar aussah.« Miles begleitete sie zur Tür. »Ja?« »Sie haben ein Telefongespräch. Seine blondbraunen Haare waren immer jungenhaft zerzaust. aber ich muß das Gespräch annehmen. Gewiß. die sich automatisch hinter Erika schloß. daß sie und Miles es soweit gebracht hatten. wenn ich zurückrufe. Erika fand immer. Miles Havers war in den Augen seiner Frau der Inbegriff von Klugheit und salopper männlicher Eleganz.Computer-Freaks paßte.« Sie gab ihm einen Kuß auf die Wange. wenn sie an die Zeit zurückdachte. Manchmal konnte sie es noch immer nicht glauben. Havers trat zu einem Sprechgerät an der Wand. daß er dem Alter nach bereits den Höhepunkt seines Lebens überschritten hatte. Er war schlank und muskulös.« Miles kniff die Augen zusammen. Es ist dringend. Das Gespräch kommt aus Kairo. Dazu kamen die faszinierenden grauen Augen und sein unvergleichliches ansteckendes Lächeln. in der sie als Hippies in einem VW-Bus durch die Vereinigten Staaten gefahren waren und in Woodstock nackt im Regen getanzt hatten. gab eine Geheimnummer ein. Der Piepser an seinem Gürtel meldete sich plötzlich. und man sah ihm nicht an.« »Wer ist es?« »Der Anrufer wollte keinen Namen nennen. sagte er: »Sprechen Sie. Dann nahm er den Hörer des Wandapparats neben dem Eingang ab. Hast du etwas dagegen?« »Aber nein. und als sich der Teilnehmer am anderen Ende meldete. »Eine wundervolle Orchidee. verbinden Sie.

Wie vor sechs Monaten war seine Beutegier erwacht. gehörte das zu den unvergeßlichsten Augenblicken seines Lebens… Vor sechs Monaten hatte er einen Anruf aus Taiwan erhalten. ›Ich habe eine Orchidee für Sie.« 50 . daß in dem Schriftstück das Wort ›Jesus‹ vorkommt? Sind noch andere Fragmente oder Schriftrollen gefunden worden?« Als er die Antwort hörte. dachte er. obwohl die mehrfach isolierten Scheiben des Tropenhauses keinen Laut nach außen dringen ließen. Jetzt wurde er belohnt. Nicht der Erwerb. Das Wichtigste dabei war: Sie blühte nur zu seinem persönlichen Vergnügen. Die Transaktion wird sehr teuer werden. »Ein Fragment?« fragte er. wenn es geschah. sondern die Erwartung ist die Droge des Sammlers. und halten Sie mich auf dem laufenden. Die Ausfuhr ist illegal. und seine Lippen wurden schmal. Er hatte dieses besondere Gefühl längere Zeit nicht mehr erlebt. Havers… Zygopetalum Blauer See… eine sehr seltene Art. aber jedesmal. Eine vertraute. und das Entfernen der Knolle riskant. die man so gut wie nicht findet. Dann endlich traf die kostbare Knolle von ›einem Züchter aus Santa Barbara‹ ein. ballte Miles unbewußt die freie Hand zur Faust. In seiner privaten tropischen Welt blühte schimmernd eine atemberaubend schöne und seltene Orchidee. Gefahren gehören zu meinem tollkühnen Spiel »Sind die Behörden bereits informiert? Ich verstehe… Was ist in dem Korb? Stellen Sie es fest. Mr. »Ein Korb?« fragte er und sprach unwillkürlich leise. prickelnde Erregung erfaßte ihn.hörte einen Augenblick lang zu.‹ Miles hatte nach dem Telefonat tagelang nicht geschlafen. »Und Sie sind sicher.

Sir. Zeke. Begeben Sie sich nach Scharm el Scheich. Wie? Das überlasse ich Ihnen. »Zeke ist in der Leitung. Stellen Sie fest. Haben Sie mich verstanden?« Seine Stimme klang kalt. Wenn das der Fall ist. Sagen Sie Zeke.« Es dauerte keine fünf Minuten. Gehen Sie von Anfang an unauffällig vor. ich habe jeder gesagt.« Miles gab ihm kurz die notwendigen Informationen und sagte dann: »Der Auftrag in Athen kann warten. dann möchte ich sie haben. sofort. »Rufen Sie in Athen an. wird ausgeschaltet.« 51 . ob der Korb etwas mit dem Jesus-Fragment zu tun hat und ob es Schriftrollen gibt. bis das Telefon summte.Er beendete das Gespräch und wählte eine andere Nummer. daß ich ihn auf der Stelle sprechen muß. als er hinzufügte: »Hören Sie. aber jeder. der sich Ihnen in den Weg stellt.

Catherine stemmte die Hände in die Hüften. kamen ihr verdächtig vor. den Besitzer des Hotel Isis. sah sie Mr. wie die Nachricht von diesem Fund um den Erdball kreiste. Vermutlich hatte Hungerford bereits am frühen Morgen mit einem einzigen Anruf dafür gesorgt. Golf von Akkaba »Hallo? Senor?« rief Catherine in den Telefonhörer. Die vielen neuen Gäste in den Korbsesseln hinter den Kübelpalmen tarnten ihre wahren Absichten vermutlich mit der Lektüre arabischer und französischer Zeitungen. seit die Sprengung das Jesus-Fragment zutage gefördert hatte. Selbst die sportlichen Touristen. Daniel in Mexiko zu erreichen. Zehn Stunden waren vergangen. »Nicht schon wieder!« Als Catherine zur Rezeption zurückkehrte. Vor ihr stand grinsend Hungerford und nahm ihr mit seiner Leibesfülle den Blick 52 . Sein Lager befindet sich… Hallo? Hallo!« Sie starrte auf das stumme Telefon in ihrer Hand und stöhnte. kaute auf der Unterlippe und überlegte. um sich vorzustellen. murmelte sie. Daniel Stevenson zu erreichen. was sie als nächstes tun sollte. Mylonas. daß die Jagd der privaten Sammler auf den Fund begonnen hatte. »Sie telefonieren. Sie sah plötzlich in jeder Ecke Spitzel bei türkischem Kaffee. fragend an. »Ich versuche immer noch. Catherine brauchte nicht viel Phantasie.Scharm el Scheich. Dr. »Ich bekomme keine Verbindung. Ein Blick durch die Hotelhalle machte sie noch mißtrauischer. »Pech«. Frau Doktor?« Catherine fuhr herum.« Sie hatte drei Stunden lang vergeblich versucht. etwa wie Elektronen um ein Proton. die ihre Tauchausrüstung zum privaten Anlegeplatz des Hotels trugen. Die Verbindung wird ständig unterbrochen.

Außerdem hatte sie den Eindruck.« Seine Augen richteten sich wieder stumm auf ihr Gesicht. Frau Doktor!« Er drehte sich um und verschwand grinsend in der Bar. Sie hatte sich die Lüge spontan einfallen lassen. fügte sie schnell hinzu. die er mit dem JesusFragment und dem Korb haben mochte. »ist das. Sie wurde den Eindruck nicht los. »Ich warte auf den Rückruf… einer Zeitung«. Und wie wäre es mit einem Drink. »Tut mir leid. im Keim zu ersticken. ob sein übliches anzügliches Gehabe diesmal von gewissen gefährlichen Untertönen begleitet gewesen war. 53 . um alle möglichen Pläne. Das ist im Augenblick nicht möglich. Eigentum des ägyptischen Volkes. sie lächelte und sagte spitz. Schließlich…«. was wir gefunden haben. er zweifle daran. wo gerade eine Bauchtänzerin mit ihrer Darbietung begann.« Ihr gefiel es überhaupt nicht. in dem sich die letzten Strahlen der untergehenden Sonne spiegelten. wie er gesagt hatte ›unser Fund‹. die anwesend sein sollen. um unseren Fund zu feiern?« Catherine zwang sich. aber genau das mache ich«.auf die Hotelveranda und den türkisfarbenen Swimmingpool. freundlich zu bleiben. »Ich habe Kairo informiert. daß er die Sache mit den Zeitungen nicht glaubte. »Natürlich. daß sie die Behörde in Kairo informiert hatte. »AI Ahram und die Gazette möchten Reporter und Photographen schicken. Dann lachte er laut: »Aber natürlich! Da steht uns offenbar ein richtiger Medienrummel bevor. Die Behörde schickt die zuständigen Beamten.« Hungerfords blaßbraune Augen musterten sie fragend. erwiderte sie gereizt. Catherine sah ihm nach und fragte sich. wenn wir den Korb öffnen. »Sie werden es nicht glauben. Sie werden morgen früh hier sein. Dann zwinkerte er ihr zu.

Sie konnte Julius unmöglich in dieses Abenteuer hineinziehen. mit dem sie bisher aus Schüchternheit nie gesprochen hatte. Ägypten zu verlassen? Die Beamten würden mehr als ungehalten darüber sein. daß Daniel stolz darauf war. Sie mußte vorsichtig vorgehen und bei der riskanten Aktion auch an ihre Sicherheit denken. Was würde geschehen. Julius nicht anzurufen. Catherine wußte. Die Bande verhöhnte und verspottete sie. Das war schon an dem Tag vor sechsundzwanzig Jahren nicht anders gewesen. daß Catherine sie nicht informiert hatte. vertrieb die Jungen mit seinen Fäusten 54 . Er liebte das Risiko. Aber dazu brauchte sie Hilfe. das Fragment und den Korb aus Ägypten zu schaffen. als sie ihn kennenlernte. sie würde sich nicht durch mögliche spätere Konsequenzen von ihrem Entschluß abbringen lassen. Zuerst einmal mußte es ihr gelingen. und man konnte sich immer darauf verlassen. daß er etwas Unerhörtes tat. Deshalb blieb nur Daniel. Sie hatte Angst. Plötzlich tauchte ein magerer kleiner Junge aus ihrer Klasse auf. die ängstliche Zehnjährige. bevor es ihr gelungen war. im Schulhof in eine Ecke getrieben. Zweifellos würde man zu drastischen Maßnahmen greifen. und wenn sie Pech hatte.Kalter Schweiß stand ihr auf der Stirn. Eine Bande rauflustiger Jungen hatte sie. ihr die Leitung der Grabungen entziehen und sie ägyptischen Archäologen übertragen… Wie auch immer. wenn die Behörde in Kairo etwas von dem Fund erfuhr. Ihr Plan würde ihrem wissenschaftlichen Ruf schaden. einen fragwürdigen Ruf zu haben. auf den sie sich hundertprozentig verlassen konnte… Auf der Fahrt vom Lager zum Hotel hatte Catherine beschlossen. landete sie sogar in einem ägyptischen Gefängnis. In dieser Lage gab es nur einen Menschen. Sie wollte etwas Illegales und Unmoralisches tun.

der nicht gelacht hat. Danno. weshalb Catherine aus der Kirche ausgetreten und eine Rückkehr zum Glauben für sie ausgeschlossen war. als sie ihre Eltern verlor.und rettete sie wie ein edler Ritter. Sie mußte ihm die Information zukommen lassen. denn er gehörte zu der quälenden Erinnerung. Aber wie? 55 . Er würde das Lager bald verlassen und sich auf den Weg zu dem Maya-Grab machen. du warst der einzige in der Klasse. Sie kannte Daniels Arbeitsgewohnheiten. Nur Daniel verstand wirklich. So viel Zeit hatte Catherine nicht. Seit diesem Augenblick war Daniel für Catherine immer ein zuverlässiger Freund und sie seine Freundin geblieben. Dort wäre er die nächsten zehn Stunden nicht mehr erreichbar. Sie tröstete ihn beim Tod seiner Mutter. Der Held war Daniel Stevenson und wie Catherine ein Außenseiter in der Schule. und er tröstete Catherine. Auch Daniel war in der letzten Nacht in ihrem Traum gewesen. In Mexiko war es kurz vor acht Uhr morgens. als ich mit dem Schild um den Hals auf dem Hocker stand… Catherine blickte auf ihre Uhr. Daniel hatte ihr in der finsteren Nacht vor ihrem dreiundzwanzigsten Geburtstag aus dem Abgrund geholfen.

daß die Vorfahren der Mayas Überlebende des verschwundenen Kontinents Atlantis waren. Er konnte nachweisen. Dann schrieb jemand aus dem Institut in Santa Barbara: ›Wer zuletzt lacht. Endlich hatte er den Beweis erbracht. Kein Zweifel. Houston? Habt ihr das Bild?‹ Kurz darauf erschien auf dem Bildschirm des Laptops die Antwort: ›Wir sehen es. Der Ton brach sich an den feuchten Wänden der Grabkammer. Dr. während er in der engen Grabkammer des Maya-Königs arbeitete und vom ohrenbetäubenden Lärm des Generators beinahe taub wurde. und lachte. Er lächelte glücklich. Dann wurde es still. Cathy hatte ihn in den langen einsamen Wochen mit ihren Briefen und Telefonaten moralisch unterstützt. daß die Vorfahren der Mayas Minoer gewesen seien. daß er mit seinem Examen in Physik und einer hervorragenden Dissertation. die sich nach dem Untergang von Atlantis an die Küste von Yukatan retten konnten. Stevenson.Mexiko »Da ist es!« rief Daniel. Cathy… Sie als einzige hatte nicht gelacht. als er zum ersten Mal seine These aufstellte. Schnell tippte er auf seiner Tastatur: ›Seht ihr es. Danny Boy!‹ Daniel betrachtete glücklich die übereinanderliegenden Bilder auf dem Monitor. er hatte es geschafft. lacht am besten. Wenn doch Cathy diesen Augenblick seines Triumphs mit ihm hätte teilen können! Auf dem Bildschirm erschien ein lachendes ComicGesicht. Glückwunsch!‹ Daniel dämpfte das Licht der Laterne und erhöhte die Helligkeit auf seinem Bildschirm. Cathy hatte ihn daran erinnert. um das Bild besser und schärfer zu bekommen. und seine Stimme hallte dumpf in dem Felsengrab. 56 . das Ergebnis jahrelanger Arbeit.

sagte sie immer wieder. hatte Luftaufnahmen studiert und die Computer mit immer neuen Daten gefüttert. die an Besessenheit grenzte. Er hatte mehrere Jahre mit der Suche zugebracht. Beispiele der Maya-Kunst zu finden. das lasse sich dadurch erklären. die aus einer früheren Zeit stammten als alle derzeit bekannten. die man in Bonampak fand. Allerdings 57 . ›Stürze sie von ihrem hohen Sockel. Nach zwei Jahren mühevoller Ausgrabungen stellte er fest. führte ihn schließlich zu einem seltsamen Hügel im mexikanischen Dschungel. Dann aber stieß er auf ein Fresko. das Recht hatte. sich gegen die Spötter zu wehren. ›Mach dir nichts daraus. Er kam deshalb zu dem Schluß. Danno‹. Und von Cathy hatte er gelernt. wie man es noch nie zuvor gesehen hatte. Aber Daniel erwiderte. zeigte es schlanke. Anstelle der korpulenten Gestalten mit schlaffen Armen und dicken Bäuchen. so ernst genommen zu werden wie jeder andere Wissenschaftler auch. Kunst und Kultur hätten sich in den dazwischenliegenden Jahrhunderten entsprechend entwickelt. Dieses Ergebnis hatte ihm die widerwillige Anerkennung seiner Kollegen eingebracht. den Beweis zu finden. daß die Kunst von Chichen Itza und anderer Hochburgen der MayaKultur mehrere tausend Jahre nach der AtlantisKatastrophe entstanden sei. Alle erklärten. aber mit Beweisen. drahtige Gestalten mit schmalen Hüften und schulterlangen schwarzen Haaren. es seien keine Ähnlichkeiten zwischen der Kunst der Ägäis und der des klassischen Mittelamerika nachzuweisen.‹ Die Herausforderung hatte in der Tat darin gelegen. daß es sich um das Grab eines bis dahin unbekannten MayaKönigs handelte. Seine Entschlossenheit.in der er die Genauigkeit der Datierung bronzezeitlicher Keramik mit Hilfe von Thermolumineszenz in Frage stellte. es müsse ihm gelingen.

die erst Jahrhunderte später auftauchten. die Jahrhunderte später entstanden waren. Jetzt hatte er allerdings einen noch klareren Beweis gefunden. sei der Beweis für seine Atlantis-Theorie. Es handelte sich um ein Wandbild. daß auf 58 . Die Archäologen deuteten solche gewundenen Bänder in der aztekischen Kunst als Symbole für Sprache oder Atem. Einige gingen sogar soweit zu behaupten. bei der ihre Vorfahren ertrunken waren. Die Menschen auf dem Bild saßen zusammengekauert oder lagen auf dem Rücken. Wie. die bei den Tolteken. die ein Kennzeichen der späteren MayaKunst waren. Das Fresko. bei den Spiralen handle es sich um Darstellungen der Atmungsapparate vorzeitlicher Astronauten. Daniel dagegen deutete sie als Hinweise darauf. Auf dem von Danno entdeckten Fresko hielten die Menschen Schlangen in beiden Händen – ein bekanntes Motiv der minoischen Kunst. das selbst ihn verblüffte. so erklärte Daniel. das Schlangen zeigte: die Vorläufer der Gefiederten Schlange. Es glich aztekischen Darstellungen. als Atlantis unterging – seine Kritiker ließen sich jedoch nicht überzeugen.hatten sie bereits die flache Stirn und die langen Hinterköpfe. Aus ihren Mündern stiegen seltsame Wirbel auf. könne man erklären.oder Südamerika zu finden war. aber die Spötter machten sich sofort wieder über ihn lustig. daß sich diese Menschen unter Wasser befanden und ertranken. Deshalb verwies Daniel auf die Wandbilder von Bonampak. Azteken und den Mayas als mächtiger Gott verehrt wurde. das weder in Mexiko noch irgendwo in Mittel. Dann legte Danno auf der dritten Wand der Grabkammer ein weiteres Fresko frei. Das neu entdeckte Wandbild zeigte die Geschichte der großen Katastrophe. Unter den Kalkschichten einer zweiten Wand war Daniel auf etwas gestoßen. so hatte er gefragt.

denn jedermann wußte. Weshalb sollte eine Gesellschaft im Dschungel Lebewesen und Pflanzen aus dem Meer darstellen? Aus einem einfachen Grund. Über eine Satellitenverbindung in Cozumel übertrug er die entdeckten Wandbilder in beide Institute. Das erlaubte ihm sowohl den Zugriff auf eine Kunst-Datenbank als auch auf ein Kunst-RekonstruktionsProgramm. Bestimmte Punkte wie Nasen. Flossen und Seetang. In der Info-Box des Monitors erschien die Frage: ›Wo bleibt der Champagner?‹ Houston fragte: ›Wo bleibt unser Geld?‹ Das war ein alter Witz. der Kopfschmuck erinnerte an Kraken.‹ Er seufzte und lauschte auf den heftigen Regen draußen 59 . einem Xircom PCMCIA V. daß Daniel ständig Geldsorgen hatte. ›Mazel tow!‹ schrieben die Kollegen aus Santa Barbara. Daniel hatte neben dem neu entdeckten Königsgrab sein Lager aufgeschlagen. Dann verglich er sorgfältig eines der Wandbilder mit ausgewählten minoischen Darstellungen. Knie und Fingerspitzen wurden präzise übereinanderprojiziert und fehlende Stellen mit Hilfe des Rekonstruktions-Programms ergänzt. Sie stimmten beinahe völlig überein. Ein durchdringender Pfeifton machte Daniel darauf aufmerksam.34-Modem und einem Funktelefon hatte er eine CyberspaceVerbindung zu Kollegen in Houston und Santa Barbara aufgebaut. erklärte Danno: Diese Bilder erzählten die Geschichte des Untergangs von Atlantis. daß die Batterie seines Laptop aufgeladen werden mußte. Daniel nahm die Helligkeit des Bildschirms zurück und antwortete seinen Freunden: ›Danke.diesen Fresken des achten Jahrhunderts immer wieder das Thema Meeresleben auftauchte? Auf den Gewändern von Priestern und Herrschern sah man Langusten. Leute! Heute spendiere ich den Kaviar. Mit seinem alten IBM ThinkPad.

daß die beiden glücklich sein würden. Wie schön wäre es. Cathy lachte und hielt abwehrend die Hand vor das Objektiv der Kamera. So hatte er ihr Bild bei der Arbeit immer vor Augen. er spürte ihren schlanken Körper. in dem Wasserfluten den Helden im Dschungel von der Welt abschnitten. Damals war er sechzehn. Ihn würde sie bestimmt nicht heiraten. Catherine hatte damals nichts davon geahnt. und Daniel hatte alles getan. Aber Cathy hatte ihn gefunden. daß ich ihn heirate‹.vor dem Grab. und plötzlich wurde aus seiner besten Freundin ein Mädchen. Daniel machte sich keine Illusionen über ihre 60 . Warum konnte sie jetzt nicht bei ihm sein? Er sah sich traurig in der modrigen Grabkammer um und dachte an den Tag. Andererseits konnte er den Gedanken nicht ertragen. es werde alles gut werden. Seine Freude schwand. aber sie traf ihn trotzdem bis ins Mark. wenn Cathy mit mir feiern könnte… Leider hatte er nur ihr Photo. Es war eine alte Aufnahme von der Schulabschlußfeier. Die Nachricht überraschte Daniel nicht. Der Duft ihres Parfüms stieg ihm in die Nase. damit sie auch nach zwanzig Jahren nichts von seiner Liebe wußte. das er an der Innenseite des Laptop-Deckels unter den Bildschirm geklebt hatte. ›Julius möchte. und er fühlte sich plötzlich niedergeschlagen. hatte sie in ihrem letzten Brief geschrieben. drückte ihn an sich und flüsterte. obwohl sie in Wirklichkeit eines der schönsten Mädchen der Schule gewesen war. weil sie sich für häßlich hielt. Der unaufhörliche Regen ließ ihn an eine Szene aus einem Film denken. Sie umarmte ihn. Einerseits wollte er. daß sie Julius heiratete. das er heftig liebte. Er hatte sich in der Waschküche verkrochen und schluchzte verzweifelt. denn er war sicher. daß sie einem anderen Mann gehörte. der ein Wendepunkt in seinem Leben gewesen war.

Das mußte sich Daniel jedesmal eingestehen. 61 .Beziehung. Er war kleiner als Catherine. aber er wußte. was schlimmer gewesen wäre. Es gibt Schlimmeres… Während Daniel auf den Monitor starrte und versuchte. wenn sie zusammen waren. mit einem Mel Gibson konnte er sich nicht vergleichen. Soll sie diesen Julius heiraten und ihr Glück als ›Mrs. Catherine würde für ihn nie romantische Gefühle entwickeln. Sie waren Freunde. etwas von der Begeisterung zurückzuholen. fiel ihm allerdings nichts ein. Er fand sich zwar nicht gerade häßlich. Voss‹ finden. die ihn noch vor kurzem beflügelt hatte. vielleicht sogar Seelengefährten. aber sie würden nie ein Paar werden können.

wie sie Daniel erreichen konnte… Sie hatte ihm einen Sommer lang geholfen. sagte sie jetzt zu ihm. »Vor vier Jahren hat mir Papadopoulos erklärt. um einen Freund zu erreichen. Nach einem Jahr kannte sie jeder im Hotel Isis. ich kann für ein paar Minuten den Hotel-Computer benutzen? Ich bezahle Ihnen natürlich die Gebühren für die Zeit. wie man einen Computer bedient. Mylonas«. Sie erschien beinahe täglich. In diesem Sommer gab es kaum Änderungen im Tagesablauf: Aufstehen vor Sonnenaufgang. Golf von Akkaba Plötzlich wußte Catherine. Schnell ging Catherine zur Rezeption zurück. Gelegentlich trank sie sogar mit dem siebzigjährigen verwitweten Besitzer Tee.Scharm el Scheich. Hassan weiß es nicht. um Post abzuholen. ein Gebiet in Chiapas zu kartographieren. wenn sie keine Zeit hatte. es ist Zeit. und Ramesch kann nur Briefe damit 62 . und ich weiß es auch nicht. die ich brauche. nach Scharm el Scheich zu fahren. zuerst viel Kaffee. das Hotel zu modernisieren. was in der Welt geschah. und versorgte sich mit den nötigen Dingen. »Mr. tauschte Gedanken und Informationen mit einer Gruppe von Freunden aus und las seine E-Mail. Mylonas. »ich möchte Sie um einen Gefallen bitten. und hat aus Athen einen Computer kommen lassen. Aber Papadopoulos weiß nicht. Glauben Sie. danach Auswertung der Ergebnisse des Vortags und dann… Es war ihr wieder eingefallen! Daniel saß vor der Arbeit regelmäßig am Computer und informierte sich via Internet über das.« »Beim heiligen Andreas!« sagte er lachend und schüttelte den Kopf. weil Daniel dort ein verborgenes Grab vermutete.

wie viele Gäste diesen Computer benutzt haben. der Geld umtauschen wollte. Catherine überlegte nicht lange und ging zum Büro im hinteren Teil des Hotels. Er war groß. der heute am späten Nachmittag eingetroffen ist.schreiben. Die Tür stand offen. ebenfalls nicht. Frau Doktor. Mylonas und widmete sich einem Gast. In Mexiko war es inzwischen halb neun. »Vielleicht können Sie es im Sheraton oder im Hilton versuchen. Hungerford. »Tut mir leid«. Sie mußte ihn erreichen. Der kleine Raum war vollgestopft mit ausrangierten Möbeln. An der Wand hingen ein islamischer und ein westlicher Kalender. sagte Mr.« Sie runzelte die Stirn. Er sitzt gerade am Computer. hatte 63 . der Stellvertreter von Mr. Neben mehreren altmodischen Telefonen mit Wählscheibe stand dort auch eine mechanische Schreibmaschine. Und heute? Plötzlich wollen alle an den Computer!« »Alle?« »Ja. und am Deckenventilator baumelten klebrige Fliegenfänger. Ich kann an den Fingern einer Hand abzählen. Ramesch. Der Mann drehte ihr den Rücken zu und tippte auf der Tastatur. Die Sekretärin war nicht da. bevor er sein Zelt verließ.« »Wollen Sie damit sagen. Aber am Computer saß jemand. zum Beispiel Mr. der Computer ist im Augenblick nicht frei?« Er nickte und zuckte entschuldigend mit den Schultern. in ein anderes Hotel zu fahren.« Aber Catherine hatte keine Zeit. »Wer noch?« »Ein Gast. Mylonas. Daniel blieb nie länger als eine Stunde Online. In den vergangenen fünf Monaten niemand. ihr amerikanischer Freund. und sie blickte hinein.

damit ist dieser Computer eine Weile beschäftigt. Sie war verwirrt. einen Priester um einen Gefallen zu bitten. Mr. An der Rezeption bat sie Mr. Catherine warf erst einen Blick auf die Uhr. Er hatte blaue Augen und eine sonnengebräunte Haut. er hat ein 300-Bits-pro-Sekunde-Modem!« erwiderte er und lachte. Vielleicht haben Sie diesmal mehr Glück. Aber dann fiel ihr auf. überlegte es sich aber anders und drehte sich wortlos um.breite Schultern und eine fast militärische Haltung. »Ich wollte Sie fragen. daß das schwarze Hemd kein normales Hemd war.« »Wie lange?« »Ein paar Stunden. Er trug ein schwarzes Hemd mit kurzen Ärmeln und Jeans.« 64 . »Entschuldigen Sie…«. »Tut mir wirklich leid. sondern einen Priesterkragen hatte. Sie räusperte sich noch einmal. Catherines Blick verweilte unwillkürlich auf der betont männlichen Gestalt. im Sheraton anzufragen. Catherine räusperte sich und blieb in der Tür stehen.« »Stunden? Warum dauert das so lange?« »Ich glaube. »Ich wollte Sie fragen. ob ein Computer frei sei. Sosehr sie es auch gewollt hätte. dann auf den Computer und schließlich auf den Priester. Er lächelte sie liebenswürdig an. ob der Computer frei ist…« »Ich habe gerade meine E-Mail abgeschickt und fürchte. Während sie wartete. daß der Gast ein Geistlicher war. »Aber alle Anschlüsse sind besetzt. sie brachte es einfach nicht über sich. Sie wollte etwas sagen. Bitte. sagte Mr. Mylonas. trommelte sie mit den Fingern nervös auf das Gästebuch und starrte in die Richtung des Büros. ob…« Der Mann drehte sich um. Mylonas und hängte auf. Mylonas hatte nicht erwähnt. Frau Doktor«. das Telefon in unserem Büro steht Ihnen zur Verfügung.

murmelte sie ungeduldig. sie durfte die Funde nicht länger allein lassen. Warum ist er noch immer hier? Warum ist er nicht bei seinen Leuten? Sie dachte an Samir. Dr. ihr Zelt nicht aus den Augen zu lassen. dachte sie flüchtig daran. ob der Computer vielleicht doch schon frei war. Daniel ihre Nachricht zu übermitteln und später mit dem Priester zu reden. »Bitte nimm endlich ab!« Sie warf wieder einen Blick auf die Uhr. preßte den Hörer ans Ohr und lauschte auf die veralteten Telefontöne. daß sie mit dem Anschluß hier mehr Glück haben würde als in einer Telefonzelle. 65 . Sendezeit: l Std. Ich habe keine andere Wahl. Catherine wußte. Die Meldung wirkte jedoch eher wie Hohn: »Gesendet: 1200 Bytes voraussichtl. Stevenson zu erreichen. 27 Min. »Verflucht…«.Catherine vermutete. und ging zurück in das Büro. Sie dachte an das Fragment und den Korb unter dem Feldbett. ich versuche. die Funkvermittlung in Cancun zu erreichen. die um die halbe Welt gingen. »Ja. »Na los. dachte sie. Aber was sollte sie tun. wenn sie Danno nicht erreichte? Ich fliege noch heute nacht. Bestimmt kein sicheres Versteck. um zu sehen.« Während sie noch einmal versuchte. Catherine wußte jedoch. Der Priester war nicht mehr da. das Senden der E-Mail zu unterbrechen. War er bereits unterwegs zum Grab? Durch die angelehnte Tür hörte sie plötzlich lauten Beifall aus der Bar und Hungerfords unverkennbares Lachen. Sie hatte ihn gebeten. Er ist… Hallo?« Die Verbindung wurde unterbrochen. »Hallo?« rief sie in den Hörer. Danno«. daß er sich nicht ständig in der Nähe des Zelts aufhalten konnte. und sie warf einen Blick auf den Bildschirm.

Aber sein muskulöser Körper wirkte jugendlich und sportlich.« Er sah sie überrascht an. der plötzlich noch kleiner zu sein schien. legte den Notizblock mit Daniels EMail-Adresse auf den Tisch und begann mit der Eingabe. Eigentlich wirkte er überhaupt nicht wie ein Priester. Sie legte auf und seufzte. dann setzte sie sich. 66 . ohne sie noch einmal anzusehen. um jemanden zu erreichen.« »Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?« »Ich möchte nicht gerne auf einen Priester angewiesen sein. Durch die Glastüren sah sie in seinem Rücken den feurig-goldenen Sonnenuntergang.« Er setzte sich vor den Computer. Catherine blickte ihm einen Augenblick nach. sagte er knapp und verließ das Büro. daß er über vierzig sein mußte. Eine wahrhaft gute Kulisse für einen Diener der spirituellen Welt. »Was ist los?« Sie drehte sich verblüfft um. »Sie sind wohl kaum auf mich angewiesen. Warum löste dieser Mann so heftige Reaktionen bei ihr aus? Er betrat das Büro. »Ich muß unbedingt den Computer benutzen. tippte etwas auf der Tastatur und stand auf: »Er steht zu Ihrer Verfügung«. Der Priester stand in der Tür.murmelte sie. dachte sie unwillkürlich und staunte über ihren Zynismus. Seine große Gestalt füllte den Raum. Die ersten Anzeichen von Grau in den kurz geschnittenen dunkelbraunen Haaren verrieten. Er war etwa einen Meter fünfundachtzig groß. Hinter ihm befand sich die Hotelhalle.

Er hatte die Arbeit nicht unterbrechen wollen und war nicht wie üblich ins Lager zurückgegangen. Jemand wollte dich sprechen. Käse und Paprika stieg ihm in die Nase. »Wer auch immer es gewesen sein mag«. du hast es geschafft!« »Gerade noch rechtzeitig.‹ In diesem Augenblick kam einer der Studenten mit einer Thermoskanne und zwei in fettiges Pergamentpapier gewickelten Päckchen in die Grabkammer. schloß er die Augen. Danny!« rief der junge Mann und ließ seinen nassen Poncho auf den Boden fallen. »Wer wollte mich sprechen?« Der junge Mann reichte ihm eines der Päckchen. und niemand kann lange ohne diese Quelle leben. sagte er mit vollem Mund. »Wenn es wichtig ist. sieh dir das an!« Sein Assistent stellte das Frühstück ab und kauerte sich vor den Laptop. »He. Meine letzte Batterie ist am Ende«. wie ausgehungert er nach der Nacht in diesem Grab war.« 67 . und der würzige Duft von Bohnen. Ihm war nicht bewußt gewesen. Als er hungrig das heiße Burrito zu essen begann. »Phantastisch! Danny. Aber ich glaube. Sofort verbreitete sich in der Grabkammer der belebende Duft von Kaffee. »Die Funkverbindung ist wieder zusammengebrochen.Mexiko Daniel hatte gerade seinen Net-Slogan eingegeben: ›Im Universum gibt es eine Quelle des Lebens. wird er es schon noch einmal versuchen. erwiderte Daniel und schraubte den Deckel der Thermoskanne auf. »Weiß nicht…« Daniel schlug das fettige Papier beiseite. Es klang dringend. das Unwetter…« »Mach dir keine Gedanken! Komm.

sagte sein Assistent. als eine Meldung erschien. Der Bildschirm begann zu flackern.»Deine Batterie gibt gerade endgültig den Geist auf«. 68 .

zogen sie das Boot hinter sich her aufs Trockene. als versuchten die Dämonen der Wüste. Sie blieben abwartend stehen und lauschten auf Lebenszeichen. Der Nachtwind heulte um das Zelt. Er hatte gerade noch ihre Nachricht erhalten. 69 . Zwölf Stunden waren vergangen. Einer der beiden warf einen Blick auf die Uhr. Gott sei Dank hatte sie Daniel über Internet erreicht. bevor der Mond über dem Golf aufging und sein fahles Licht auf das nächtliche Land warf. daß sie unerkannt in das Land kamen. daß im Lager alle schliefen. es davonzutragen. Trotzdem blieben sie wachsam und verloren keine Zeit. Das erste in der langen Reihe der Touristenhotels hob sich schemenhaft vor dem Nachthimmel ab.Scharm el Scheich. Sie hatten eine Stunde. der auf ihrem Arbeitstisch stand. und die Männer konnten sicher sein. Ihr Auftrag verlangte. um ihr Ziel auszumachen und ihrem Auftraggeber einen ersten Bericht zu erstatten. sobald sie sicher sein konnte. Catherine seufzte und blickte unruhig auf den Korb. Golf von Akkaba Das schwarze Schlauchboot schoß über das Wasser und erreichte den Strand. Sie wollte ihn öffnen. Als sie das sandige Ufer erreichten. daß niemand sie gesehen hatte. Zwei Männer in schwarzen Tauchanzügen saßen in dem Boot. seit sie den Korb in dem unterirdischen Gang gefunden hatte. Aber in dieser kalten Nacht blieb alles dunkel und still. Sie entluden schnell das Boot. Es klang. Aber es stand weit genug entfernt. Sie stellten den Außenbordmotor ab und sprangen schnell und lautlos ins flache Wasser.

Amelia. Das Gewebe. In der 70 . mußte der Korb von einem anderen Ort hierher gebracht worden sein. schienen seltsame Gewalten am Werk zu sein. nicht größer als ein Picknickkorb. den Korb ungestört öffnen zu können. Da die Grabungen bisher keine Hinweise auf eine ständige menschliche Besiedlung dieser Gegend vor dem fünften Jahrhundert erbracht hatten. Er sagte nur drei wundervolle Worte: ›Ich bin unterwegs!‹ Aber bis zu seiner Ankunft würde fast ein ganzer Tag vergehen. Dabei schabte sie behutsam Sandkörner. Während sie darauf wartete. um ihre Herkunft zu bestimmen. Ein Teil der Verschnürung hatte sich bereits in Staub aufgelöst. ging zu dem Fliegenfenster und blickte über das dunkle Land. der verehrte Priester… Catherine erschauerte. zerfiel. das Äußere mit der Lupe zu untersuchen. in das er eingepackt war. Eine Stunde später rief er sie aus dem Dorf in der Nähe seines Lagers an. nutzte sie die Zeit. Er roch nach Erde und Moder. Catherine richtete sich auf und schloß kurz die Augen. Gab es wirklich so etwas wie Dämonen? Der Korb war nicht groß. Woher? Ein besonders heftiger Windstoß traf das Zelt. daß sich der sorgfältig verpackte Inhalt noch in einem guten Zustand befand und nicht zerstört worden war. nachdem der Hanf dem Sonnenlicht ausgesetzt worden war. Aber Catherine glaubte fest daran. Wie sollten ihre Nerven diese Spannung aushaken? Und sie hatte noch viel zu tun bis zu ihrer Flucht. winzige Insekten und getrocknete Pflanzenteile von der Leinenumhüllung.bevor die Batterie seines Computers völlig versagte. Seit der Fund ans Licht gekommen war. Sie stand auf. Catherines Unruhe wuchs von Minute zu Minute.

legte einen Pflanzenrest auf den Objektträger und betrachtete ihn unter dem Mikroskop. wenn sie an einem Ort längere Zeit blieben. aber sie konnte nicht riskieren. daß sich einige ihrer Leute unterhielten. Er warf sein silbernes Licht über die einsame Wüste. die sie aussäten und anpflanzten. Deshalb bestand ein Teil von Catherines Arbeit darin. würden Spuren von Pflanzen des Niltals an alten israelitischen Tonwaren ihre Hypothese erhärten. dabei gestört zu werden. die im südlichen Sinai wuchsen. Catherine wollte den Korb so schnell wie möglich öffnen. mit den Abbildungen und Zeichnungen im Text.Ferne sah sie die Lichter von Hungerfords Lager. bei Grabungen botanische Funde zu sammeln und zu bestimmen. die am Strand entlanggingen. daß die Juden beim Auszug aus Ägypten Sämereien und Stecklinge mitgenommen hatten. was sie sah. Ist er vielleicht noch dort? Im Lager brannte in zwei Zelten noch Licht. erschien die senkrechte Falte zwischen ihren Augen. Als sie die Schärfe einstellte. Sie setzte sich wieder an den Arbeitstisch. Der Pflanzenrest unter dem Mikroskop ließ sich nicht sofort zuordnen. 71 . blickte immer wieder in das Mikroskop und verglich das. Leider hatte Catherine bisher jedoch nur Pflanzen gefunden. Sie hörte. Er war noch immer im Hotel Isis gewesen. Inzwischen war der Mond aufgegangen. daß Moses und Mirjam ihr Volk hier entlang geführt hatten. Sie blätterte in einem Buch über Paläobotanik. Catherine war der Überzeugung. Da manche Pflanzen in bestimmten Gebieten endemisch sind und in anderen nicht vorkommen. als sie sich auf den Rückweg gemacht hatte. In einiger Entfernung von Catherines Lager beleuchtete er auch zwei Männer.

»Bakschisch!«. Vorsichtig und mißtrauisch blieben sie stehen. murmelte Catherine zufrieden.Nachdem sie das Boot wieder ins Wasser geschoben hatten – sie brauchten es nicht mehr. die vor vielen Jahrhunderten hier in den Höhlen des Sinai gelebt hatten. wie ihr Herz schneller schlug. was immer sich in dem Korb befinden mochte. streiften sie schnell die Tauchanzüge ab und kleideten sich wie Touristen in weite Leinenanzüge und geblümte Hawaiihemden. Israel… das ist mehr als zweihundert Meilen entfernt! Wieder blickte sie auf den geheimnisvollen Korb und spürte. »Origanum ramonense…«. Aber weshalb hatte man damals soviel Sorgfalt darauf verwendet. denn die Form des winzigen Blättchens war eindeutig. und war mit dem Korb dann so weit 72 . Catherine las die Beschreibung im Buch. als sie sahen. Sie waren noch nicht lange in Richtung der Hotels gegangen. die damit endete: ›… endemisch im zentralen Hochland der Negev‹. als er hinzufügte: »Ahlan wa sahlan!« und die Hand ausstreckte. Ihre Vermutungen waren richtig. daß ihnen jemand entgegenkam. Das bedeutete. Die winzige Pflanze. kam ebenfalls von dort. Ihre großen Nylontaschen sahen wie normales Reisegepäck aus. wuchs nur im Negev und sonst nirgendwo auf der Welt. Er lächelte sie an und fragte: »Sie Amerikaner?« Seine Zähne blitzen weiß. Es war ein junger Ägypter. die an der Schnur hing. und niemand konnte es mit ihnen in Zusammenhang bringen -. mit der der Korb verschnürt worden war. ebenso die Härchen am Stengel und am Blütenkelch. den Inhalt zu verpacken. Das Jesus-Fragment stammte nicht von einem der Einsiedler. Die Blütenkrone war gut erhalten.

Samir war Examenskandidat in Ägyptologie. daß sie sich voll und ganz auf ihn verlassen konnte.gereist. Als sie nach Ägypten zurückkam. dafür sei er ihr ewig zu Dank verpflichtet. Catherine hatte Samir als GrabungsAufseher eine solche Stelle verschafft. in Sorge um Eure Sicherheit und in furcht um Euer Lehen. Frau Doktor«. aber er suchte eine Stelle.« Als er eintrat. Er war fleißig.‹ Catherine zuckte zusammen. wenn es um einen einmaligen Fund ging. den Korb ohne lästige Zeugen öffnen zu können? 73 . »Kommen Sie herein. Konnte sie sich auch dann noch auf ihn verlassen. daß sie nur darauf wartete. und Catherine stellte bald fest. aus welchen Grund? ›Lest diesen Brief im geheimen. Sein schneller Blick auf den Korb machte Catherine mißtrauisch. Die Konkurrenz unter den Archäologen war groß. Vor dem Zelt räusperte sich jemand. um ihn hier zu begraben? Woher waren die Leute gekommen? Wer waren sie gewesen? Und der Schädel? Hatte man jemanden zusammen mit dem Korb begraben? Und wenn das so war. daß er einen schnellen Blick auf den Korb warf. hatte Samir promoviert. sagte er und fügte zu Catherines Überraschung hinzu: »Alle schlafen. um nach dem MosesBrunnen zu suchen. Dann hörte sie eine vertraute Stimme: »Frau Doktor?« Es war Samir. und meist bekam die begehrten Posten bei Ausgrabungen nur jemand.« Ahnte er. der ihn möglicherweise reich und berühmt machen würde? »Im Lager ist alles in Ordnung. Sie hatten sich bei Ausgrabungen an der Nordküste des Sinai getroffen. Kann ich ihm wirklich trauen? Sie kannte den netten jungen Ägypter seit fünf Jahren. sah Catherine. der Freunde oder Verwandte in der Behörde hatte. und er erklärte überglücklich.

Sand und kleine Steine wurden prasselnd gegen die Zeltbahnen getrieben. Ihre Augen wurden groß vor Staunen. Vorher vergewisserte er sich jedoch. Er sagte: »Wir sind am Ziel. Der Wind pfiff und heulte um das Zelt. Sie tanzte jetzt zwischen den Tischen der Gäste und ermunterte sie. Er bezahlte bar und rundete den Betrag großzügig nach oben ab. entfernte die Verschnürung und schnitt präzise und ruhig wie ein Chirurg bei einer Operation durch die einzelnen Schichten. Sein Partner stand am Telefon neben dem Aufzug. schloß sie den Reißverschluß des Zelteingangs und ging an den Arbeitstisch zurück. ihr Dollarscheine und ägyptische Pfundnoten in das hautenge Kostüm zu stecken. Als sich der gewünschte Teilnehmer meldete. Mit Pinzette und Schere machte sie sich so behutsam und langsam an die Arbeit. Catherine entfernte mit angehaltenem Atem die innerste Umhüllung. North Dakota.Nachdem er gegangen war. daß niemand ihn beobachtete oder mithörte.« 74 . als sie schließlich den Inhalt sah. Sie brauchte nicht länger zu warten. In Wirklichkeit hieß sie Shirley Milewski und kam aus Bismarck. wie es ihre Aufregung zuließ. Sie hieß Yasmina und wurde vom Hotel Isis als ›Rose des Ostens‹ angepriesen. Die Bauchtänzerin erreichte das Ende ihrer Vorstellung. Der Mond stand inzwischen hoch am Himmel und tauchte das Lager in ein geheimnisvolles Licht. Sie durchtrennte vorsichtig die äußere Leinenumhüllung. sagte er schnell einen einzigen Satz. An der Rezeption verlangte einer der beiden spät eingetroffenen Amerikaner ein Zimmer für die Nacht. weil er die Reisepässe nicht zur Hand hatte.

die hervorragend erhalten waren. wasserdichte Stablampen. Klappmesser aus Edelstahl. Die Amerikaner gaben dem Gepäckträger. damit sie nicht entdeckt wurden. Warum hatte man sie nicht einfach vernichtet? Warum waren sie mit so großem Aufwand begraben worden? Catherine nahm das erste Buch in die Hand. Sie hatten auch präzise Landkarten der Küste des Golfs von Akkaba und Saudi-Arabiens mit sich. der sie zu ihrem Zimmer führte.000 Volt und ein tragbarer GPSNavigator. Sie wußten. sowie LANDSAT-Photos vom südlichen Sinai. ihr vorübergehendes Einsatzzentrum funktionsfähig zu machen. Langsam schlug sie es auf. mit dem sie überall auf der Erde ihre genaue Position bestimmen konnten. Trommelrevolver mit neunzehn Schuß und Laservisier und Kleinkalibergewehre mit Zielfernrohr hatten sie bereits am Strand in 75 . wie man unbemerkt in fremde Länder einreiste und sie ebenso unbemerkt wieder verließ. Man hatte sie in dünnes Leinen gewickelt. Betäubungsgewehre mit einer Leistung bis zu 200. die sie im Laufe der Jahre beim Umgang mit zerbrechlichen und seltenen Gegenständen gelernt hatte. ein gutes Trinkgeld. dem Suezkanal und dem Roten Meer. verschnürt und in diesen Korb gepackt. Die beiden Männer hatten jedoch weder Flugtickets noch Reisepässe. Das Handwerkszeug ihres Metiers befand sich in den Reisetaschen – Nachtgläser russischer Herkunft.Catherine sah vor sich ›Bücher‹ aus Papyrus mit Ledereinbänden. Dann verschlossen sie die Tür und gingen daran. ein Laser-Entfernungsmesser. Sie tat es mit der Behutsamkeit und Vorsicht. Jemand mußte viel Mühe auf sich genommen haben.

Der Einsatz konnte beginnen. Wenn der böige Wind nicht plötzlich die Waffen unter Zekes Jackett enthüllt hätte. Zeke überlegte. der die Verbindung mit ihrem Auftraggeber hielt. »Das erste Buch«. den 76 . Scharm el Scheich war unter Tauchern als eine der besten Stellen der Welt bekannt. Vor ihm lag das dunkle Wasser. Außerdem hatte es keine große Mühe gemacht. Aber so war ihnen keine andere Wahl geblieben. aus der sie gekommen waren.Schulterhalftern unter den Jacken verborgen. Geöffnet hat es die Standardlänge von zwanzig Seiten. bis man den jungen Ägypter vermißte? Aber auch das war nicht weiter wichtig. Der Junge war nicht stark und auch nicht schwer. Es ist wie ein Akkordeon gefaltet und nicht an einer Seite gebunden. in die Richtung. Sie brauchten nicht viele Steine. die leicht überlappend aneinandergeklebt sind. Er warf einen prüfenden Blick hinunter zur Auffahrt. wäre der Junge vermutlich noch am Leben gewesen. Zekes Augen wanderten den Strand entlang nach Norden. ob die Haie die Leiche des jungen Ägypters bereits gefunden hatten. Wie lange mochte es dauern. damit die Leiche im Wasser versank. Zeke. die in englisch. arabisch und französisch vor Haien warnten. sprach sie auf Band. Zeke drehte sich nach seinem Partner um und sagte betont langsam: »Keine Zeugen…« Catherine drückte auf eine Taste ihres Diktiergerätes. trat auf den Balkon hinaus. Nach dem Ende der Bauchtanzvorstellung fuhren die Gäste laut hupend und mit quietschenden Reifen davon. als ihn zu töten. Der Text befindet sich auf den rechten. Jedes Blatt ist beschrieben. »besteht aus typischen Papyrus-Seiten. aber sie hatten am Ufer Tafeln gesehen.

Sand wurde über die Steine gefegt. »Hallo?« rief sie. Plötzlich hörte sie vor dem Zelt ein Geräusch. Sie richtete sich auf und lauschte. Zuerst sah sie nur die Gräben und die Absperrungsseile. Er hielt schützend die Arme vor die Augen. öffnete den Reißverschluß und blickte angestrengt in die stürmische Nacht. es wäre nichts 77 . »Wer ist da?« Sie ging zum Zelteingang. und sie hörte Ziegenglocken und hin und wieder das helle Meckern einer Ziege. Ihre Leute schliefen. »He. was machen Sie da?« rief sie und lief auf den Mann zu. Sie lauschte mit angehaltenem Atem. Catherine holte eine große Lupe und rückte die Lampe näher an den Papyrus. die im Wind schaukelten. In den Zelten war alles still. An den Rändern sind horizontal verlaufende Fasern erkennbar. die Worte des uralten Dokuments zu lesen. Aber dann entdeckte sie eine Gestalt. Der Wind drehte. Sie griff nach der Taschenlampe. sah sie. das die Beduinen die Schreie der Verdammten nannten. Der Wind wurde zum Sturm und jagte mit einem gespenstischen Heulen über den Golf. Dann hörte sie ein anderes Geräusch – Schritte auf dem Geröll. Als sie ihm mit der Taschenlampe ins Gesicht leuchtete.« Sie entfaltete behutsam den spröden Papyrus. »Entschuldigen Sie. Die Wüste war in ein seltsam übernatürliches Licht getaucht. ich dachte. daß es der Priester aus dem Hotel Isis war. »Fremde haben hier keinen Zutritt«.ungeraden Seiten. sagte sie und senkte die Taschenlampe. verließ das Zelt und richtete den Lichtstrahl auf den Grabungsplatz. Sie schob sich die langen Haare aus dem Gesicht und begann.

Ich war neugierig. wie der Wind sein Hemd an den breiten muskulösen Rücken preßte. daß Sie etwas Wertvolles gefunden haben.« Dann rief er gegen den Sturm: »Ach. wie er wohl seine Muskeln trainierte. Sie auch nicht. Dann drehte er sich um und starrte auf die dunklen Gräben und die Geröllhaufen. »Ja«. »Man hat mir im Hotel gesagt. erwiderte Catherine vorsichtig. die mir den Computer ausgespannt hat? Haben Sie Ihren Freund erreicht?« Der kalte Wind ließ Catherine frösteln. »Ich verstehe. etwas über den Fund in der Nähe von Bir el Dam gelesen zu haben. ohne auf die Hand zu achten. »Was suchen Sie hier?« wiederholte sie ihre Frage. Die Nachricht verbreitete sich in Windeseile.« Er nickte. »Im Hotel erzählt man.Verbotenes. damit sie ihr nicht ins Gesicht geweht wurden. »Sie sind bestimmt Dr. »Ich warte auf einen Beamten der ägyptischen Regierung. erwiderte sie und mußte mit der freien Hand ihre Haare festhalten. Arbeiten Sie hier?« »Das ist meine Grabung. sagte er mit einer leichten Verbeugung und streckte ihr die Hand entgegen. wenn ich mich etwas umsehe. Ich erinnere mich daran. Wenn das meine Grabung wäre. sind Sie nicht die Frau. Wie ich sehe. »Michael Garibaldi«. daß hier eine Grabung durchgeführt wird. Am nächsten Tag standen bereits 78 . Catherine sah. bevor ich mit den Ausgrabungen fortfahre. Ist es nicht etwas spät für eine Besichtigung?« »Ich konnte nicht schlafen. Unwillkürlich überlegte sie.« Er blickte an ihr vorbei zu dem beleuchteten Zelt. Alexander«. sagte er. Sie trug nur eine Bluse und Shorts.« »Das wissen wir noch nicht genau«. würde ich auch alle Vorsichtsmaßnahmen ergreifen.

Ich finde es nicht richtig. Eigentlich bin ich schon wieder auf der Rückreise. »Ich habe als Kind gelernt.« »Ach so…« 79 . »Ich war gerade in Jerusalem«.überall Zelte.« Sie richtete die Taschenlampe auf den Boden und führte ihn wie eine Platzanweiserin im Kino von den Gräben weg zum Lager. einfach ›Mike‹ zu Ihnen zu sagen. daß ein Priester einem Menschen in die Seele blicken könne und wisse. ob man die Wahrheit sagte oder nicht. daß das Erdreich nachgibt«. um etwas von der Sinaihalbinsel zu sehen. meinen Urlaub zu verlängern.« Catherine blickte fasziniert auf seine blauen Augen. »und habe beschlossen.« Aber Catherine ließ sich nicht erweichen. fragte er: »Warum lassen Sie es mich so deutlich spüren. überkam sie das seltsame Gefühl. unterbrach er sie lächelnd. sagte er leise. daß man einen Priester mit seinem Titel ansprechen muß. Es ist zu gefährlich. »Es besteht die Gefahr. Und das gefiel ihr überhaupt nicht. »Wir können deshalb Fremden nicht erlauben. daß Sie mich nicht mögen?« »Vater Garibaldi…« »Bitte«. als sie erkannte. sagte sie. Diese Illusion hatte sie verloren. sehr groß. Sie dachte daran. daß Priester auch nur Menschen waren. »Nennen Sie mich Mike.« Als sie noch immer schwieg. Für die Polizei ist die Wüste sehr.« Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: »Ich komme aus Chicago. während er ihr folgte. wie sie als kleines Mädchen geglaubt hatte. falls Sie das interessiert. Aber als sich jetzt Michael Garibaldis blaue Augen auf sie richteten. auf dem Gelände herumzulaufen. er könne ihr tatsächlich in die Seele blicken. und innerhalb einer Woche waren alle Fundstücke verschwunden.

Aber Mr. Vermutlich spielte er mit den Jugendlichen im Ghetto von Chicago Basketball. ließ sich von ihnen ›Mike‹ nennen und versuchte. »Ja. Ich habe nach Ihnen Ausschau gehalten. 80 .« Inzwischen hatten sie Catherines Zelt erreicht. Als er die Hand hob. der vor seinem Gesicht flatterte. »Sie haben mir wirklich sehr geholfen. dann trägt er unter dem weißen Priesterkragen bestimmt ein blaues Arbeiterhemd. Entweder war er oft in der Sonne oder er lachte viel.« Catherine nickte. und das Licht fiel auf ihn. und sie hatte das Gefühl. Haben Sie ihre E-Mail später noch senden können?« Er lächelte wieder. vielleicht traf auch beides zu. »Es ist spät«. sagte sie. ein paar Stunden später. einem zum Beispiel einen Computer zu überlassen.« »Das war nicht persönlich gemeint.« »Darf ich Sie noch etwas fragen?« Er trat einen Schritt auf sie zu. Sie seien in der Stadt. haben manchmal…« »Ich bin katholisch aufgewachsen. die Bemerkung hat mich neugierig gemacht. daß er auch muskulöse Arme hatte. »Nun ja. die ungeschützt auf ihrem Arbeitstisch im Zelt lagen. Wenn er aus Chicago ist.Er schwieg. daß man sich bedankt. Leute. Er mußte ein sportlicher Priester sein. sie vor Drogen und Kriminalität zu bewahren. Mylonas sagte. »Tut mir leid. er sei verletzt. wenn jemand so freundlich ist. um einen Nachtfalter zu verjagen. Ich habe zwölf Jahre lang eine katholische Schule besucht.« Er hob die Schultern. »Gute Nacht. sah sie. um mich zu bedanken. daß Sie nicht auf die Gunst eines Priesters angewiesen sein möchten. die mit dem Katholizismus nicht vertraut sind.« Sie dachte an die Papyri. dachte sie. Dann erwiderte er: »Und ich habe gelernt. »Im Hotel haben Sie gesagt. Sie sah Fältchen um seine Augen. Vater Garibaldi.

Dann. empfand Catherine blitzartig eine Verbundenheit mit ihm. Als sie den Kopf hob. Plötzlich wurde ihr bewußt.Dann bin ich aus der Kirche ausgetreten. Nach einer Weile konnte sie sich die Antwort eingestehen. nachdem sie wußte. ich wünsche Ihnen. Vater. »Wenn Sie einmal nach Chicago kommen sollten…« Sie zog schnell die Hand zurück und murmelte verlegen: »Gute Nacht. daß Sie das. Sie ärgerte sich darüber. Alexander. was Sie suchen. früher…« Das war schon lange her. Warum? Immerhin hatte er ihr aus freien Stücken den Computer überlassen.« Catherine sah ihm nach. Beim ersten Anblick im Büro des Hotels hatte sie als Frau auf einen gutaussehenden Mann reagiert.« Er räusperte sich und erwiderte: »Dr. die sie verblüffte und gleichzeitig erregte. und ihre Blicke sich trafen. daß sie den Fremden regelrecht haßte. reagierte sie auf seine Männlichkeit. an dem ihre Mutter gestorben war. Es war ihr nicht möglich. »Gute Nacht…« Sie reichte ihm die Hand. Sie holte tief Luft und dachte nach. weil sie das Ganze zugelassen hatte. daß er ein Priester war. als er sich umdrehte. und sie ärgerte sich. Auch jetzt. Sie verstand die seltsame Faszination nicht. Er drückte sie fest. bemerkte sie den Priesterkragen und fühlte sich irgendwie betrogen. »Aber Sie waren einmal eine gläubige Katholikin?« »Ja. in ihm nur einen Priester zu sehen wie in Vater 81 . Sie würde Garibaldi nichts von Vater McKinney und dem Abend erzählen. hier finden werden. die er auf sie ausübte.« »Ach…« Er nickte.

sah sie flüchtig am Rande der Ausgrabung etwas Großes. 82 . Bei Sonnenuntergang hatte es noch nicht dort gestanden. Irgendwie fand sie das beunruhigend. Mit Entsetzen stellte sie fest. Diese beiden waren für sie nie Männer gewesen. Als Catherine den Reißverschluß schließen wollte. Garibaldi hatte sich ihr vom ersten Augenblick an als Mann und erst in zweiter Linie als Priester präsentiert.McKinney oder Vater Ignatius. daß es ein Beduinenzelt war. Unförmiges aufragen.

Die Familie war gerade dabei. Nehmen Sie die Ware an sich und verschwinden Sie innerhalb von vierundzwanzig Stunden wieder aus dem Land. ihre entzückende Enkeltochter in die Arme genommen und geantwortet: ›An Weihnachten wird der kleine Jesus in der Krippe liegen!‹ Miles lächelte noch immer. Die Kleinste kauerte vor der Krippe unter dem Baum und hatte plötzlich gerufen: ›Aber wo ist das Baby?‹ Erika hatte gelacht. an welche Stellen die bunten Glaskugeln von den geduldigen Dienstboten an die riesige Douglasfichte gehängt werden sollten. er witterte Gefahr und lauerte auf Beute. Der Tiger in ihm war sprungbereit. »Hören Sie«. Miles hatte zugesehen. auch wenn Sie sich mit ihm einigen sollten. Ich wünsche kein Feilschen. Entweder Sie einigen sich oder Sie schalten den Mann aus. antwortete Miles und ging mit dem Funktelefon außer Hörweite der anderen. Havers. machen Sie kurzen Prozeß.« Der Tiger hob die Pranke… 83 . Der Tiger war seine Intuition. Mr.Santa Fe. Das Raubtier in ihm knurrte jetzt hungrig. »schalten Sie den Mann aus. wie Erika mit den Enkelkindern beriet. Niemand darf etwas von der Sache erfahren. New Mexico »Wir sind am Ziel. sagte Miles ruhig in den Hörer. Lassen Sie sich nicht auf irgendwelche Spielchen ein.« »Gut«. den Weihnachtsbaum zu schmücken. aber dann wurde er ernst und sagte ins Telefon: »Wenn Sie die Kontaktperson treffen. an dem sich sein Leben von Grund auf verändert hatte.« Aus Miles sprach der Tiger – die Bestie war vor vielen Jahren an einem Tag geboren worden.

DER ZWEITE TAG 84 .

Wagen. Golf von Akkaba Allmächtiger. »Du wirkst auch nicht gerade taufrisch…« Da hatte sie bestimmt recht. Samir. 15. stand Daniel auf und hielt sich am Rollbügel fest. als sich der Landrover Catherines Ausgrabung näherte. der ihn am Flughafen von Scharm el Scheich erwartete. hatte wenig erzählt. daß sie ihn brauchte. aber sie trug Sandalen und er Nikes mit dicken Gummisohlen. daß du da bist…«. Als Danno sie schließlich zögernd losließ und aufmerksam betrachtete. so glücklich wie in seinen Träumen. Bussen. Als sie jetzt in dem offenen Wagen über die Ebene fuhren.Mittwoch. Um die Ausgrabung lag ein Ring von Zelten. Eseln. Daniel war zwar kleiner als Cathy. Touristen und Arabern. wie sie vor ihr Zelt trat und eine Hand schützend über die Augen hob. Was ist denn hier los? Sie hatte ihm am Telefon nicht gesagt. die Haare waren schweißverklebt. Dezember 1999 Scharm el Scheich. »Gott sei Dank. Cathy hat etwas gefunden! Dann sah er sie. Er drückte sie fest an sich.« Sie fuhr ihm lachend durch die blonden Haare. flüsterte ihm Catherine erleichtert ins Ohr. »Danno!« Sie rannte ihm entgegen. Er war glücklich. weshalb er unbedingt kommen sollte. murmelte er betroffen: »Du meine Güte. »Ich bin da!« rief er und winkte. du siehst ziemlich mitgenommen aus. dachte Danno. Er sprang vom Wagen und umarmte sie. Er war von oben bis unten mit Staub bedeckt. und das T-Shirt mit dem Aufdruck ›Die Erfolge von Archäologen liegen in Trümmern‹ war fleckig und 85 .

aber wie du siehst. Danno! Wir haben Schriftrollen gefunden. Als sie im Zelt standen. sie sind sehr alt…« Sie schwieg beunruhigt und hielt den Atem an. auf dem Flaschen und Gläser standen.« Ihre Augen leuchteten.« »Was ist denn los?« 86 . ein Mikroskop. als sie leise sagte: »Wertvoller als Gold.« Catherine nahm ihn bei der Hand. Dann ging sie zur Fensterklappe und blickte hinaus. Pinsel in allen Größen. Meßstäbe. Bücher. Daniel sah sich im Zelt um: Schaufeln. weiß bereits alle Welt. Ein anderer Arbeitstisch war geheimnisvoll mit einem Laken verhüllt. In seinen Träumen eroberte er sie nie so verschwitzt und wenig attraktiv. »Willst du verreisen?« Sie reichte ihm das Glas und antwortete leise: »Ich bin eigentlich nicht mehr da. mein Gott.« »Den Mirjam-Brunnen?« »Etwas viel Wichtigeres. Landkarten und Skizzen. Ich habe nur noch auf dich gewartet. »Ich dachte.« »Der Zirkus da draußen läßt auf Gold schließen. Er wollte etwas sagen. Kameras. Pickel. Kellen und Eimer. Dann bemerkte er den offenen Koffer auf dem Feldbett. lag alles kreuz und quer durcheinander.zerknittert. »Laß deine Sachen im Wagen! Komm schnell in mein Zelt. »Meine Leute sind wie üblich bei der Arbeit. Schnur und Pflöcke.« Sie legte den Finger an die Lippen. aber sie bedeutete ihm zu schweigen. schloß sie die Zeltklappe. und sie sind alt. schloß sorgfältig wieder die Klappe und ging zum Arbeitstisch. daß wir etwas gefunden haben. Sie füllte zwei Gläser mit Mineralwasser. »Was ist los?« fragte er verwundert. ich hätte draußen etwas gehört. Chemikalien… Wie bei Cathy üblich.

»Aber es ist nur eine Frage der Zeit. Über den jungen Ägypter sprach bis jetzt niemand. das bereits im Schatten lag. Es klopfte an der Zimmertür. die vergangen waren.« Zeke stand auf dem Balkon seines Hotelzimmers. Er blickte auf Jas Wasser. informierte sie Daniel flüsternd über die Ereignisse der sechsunddreißig Stunden. Zeke machte sich keine Gedanken darüber. bis sein Auftrag erfüllt war. Danno. Du hast die Absperrungen und Warntafeln um den Grabungsplatz gesehen. »Niemand weiß. ihre Sachen sorgfältig zu packen. daß ich den Korb geöffnet habe«. seit Hungerford sie mit der Sprengung aus dem Schlaf gerissen hatte. Auch ihnen hatte man zugeflüstert. sagte sie. die er für seinen Auftraggeber hier abholen sollte. Spekulationen und Gerüchte heizten die Stimmung an. was ich dir jetzt zeige. Zeke rechnete damit. während die Sonne gerade hinter dem Sinaigebirge verschwand. Du wirst nicht glauben. Der Anbieter war da. »Ich 87 . Von der Restaurant-Terrasse unter ihm drang erregtes Stimmengewirr herauf. Er war noch nicht als vermißt gemeldet worden.»Setz dich. bis es bekannt wird. daß unter ihm Wetten um die ›Ware‹ ausgehandelt wurden. war das nur eine willkommene Gelegenheit. die eigenen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Wenn es Konkurrenz gab. Noch lassen sich die Neugierigen davon zurückhalten…« Catherine nahm sich nicht die Zeit. daß es noch ein paar Tote geben würde. Während Catherine die letzten Dinge in den Koffer packte. daß die Archäologen in der Nähe etwas gefunden hatten. Er wußte bereits.

Wie nicht anders zu erwarten. erklärte ihm Catherine. wurde die Schriftrolle um das zweite Jahrhundert allmählich durch den Kodex ersetzt. ich verstehe dich nicht…« Sie richtete sich auf und ging zu der verhüllten Arbeitsplatte.« »Cathy. Es sieht aus. wie sie das Jesus-Fragment an die erste. Ich hoffe. Bei den Einheimischen ist abends immer irgendein Fest. Das erste ›Buch‹ war entfaltet.vermute.« »Warum mußt du dich wie ein Dieb davonstehlen?« »Ich brauche Zeit und muß Ägypten verlassen haben. paßten die beiden Teile nahtlos aneinander. ich kann verschwinden. »Warum sprichst du immer von ›Schriftrollen‹?« »Sieh dir die Enden an. Sie hatte eine Glasplatte über die wieder vollständige Seite gelegt. Später hat man offenbar die Holzstäbe entfernt und die einzelnen Schriftrollen wie ein Akkordeon zu einem ›Buch‹ gefaltet. nicht vollständige Seite des vermutlich ›ersten Buchs‹ gelegt hatte. Als Daniel an den Tisch trat. als seien sie an runden Holzstäben befestigt gewesen. Hungerford hat geplaudert. daß jemand von der Behörde unterwegs hierher ist. während alle beim Abendessen sind. aber dann möchte ich nicht mehr hier sein. bevor jemand nach mir sucht. Vorsichtig nahm sie das Laken ab und sagte: »Hier!« Catherine hatte die Schriftrollen ordentlich nebeneinandergelegt. Mr. es wird auch heute abend genug Ablenkung geben.« »Wenn ich mich recht erinnere. Mylonas vom Hotel Isis hat mir ausrichten lassen. Daniel beugte sich ehrfürchtig über das Blatt. Der Beamte wird vermutlich noch heute abend eintreffen. Ich denke. beschriebene Seiten zu falten 88 . Man hat angefangen.

Er sah die ersten Worte: ›Von Sabina…‹ »Lies die Stelle. und es sind keine einzelnen Blätter.« »Und?« Sie reichte ihm den Notizblock. Ein flaches Buch dagegen kann man ohne weiteres unter einem weiten Gewand verstecken. antwortete Catherine.« Daniel blickte wie gebannt auf den entfalteten Papyrus. Ich habe mich gefragt: Warum hat man die Holzstäbe entfernt und die Schriftrollen gefaltet?« Er sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an. Das erste Buch beginnt wie ein Brief und scheint die Geschichte einer Frau zu erzählen. »Und was meinst du?« »Um sie leichter transportieren zu können«. aber in diesem Fall sind die Seiten nicht seitlich befestigt. »Ich muß gestehen. »War noch etwas in dem Korb?« »Nein…« »Hast du das alles schon übersetzt?« »Nur die erste Seite. der über einen Meter lang und dicht mit schwarzen Buchstaben beschrieben war. wie man sie vermutlich lesen muß. die Besitzer dieser Schriftrollen wurden verfolgt?« »Möglicherweise.« Hungerford musterte die beiden Fremden und ließ sich in den angebotenen Sessel fallen. »habe ich noch nicht aufgeklappt. Siehst du.« »Willst du damit sagen. sie deutete auf die gefalteten Papyri. »Schriftrollen sind empfindlich und nicht so einfach zu verbergen. ich 89 . ich habe die Schriftrollen so nebeneinandergelegt. die ich gelb markiert habe. Trotzdem sehen sie für uns wie Bücher aus. Die anderen fünf«.und am Rand zu befestigen…« »Ja.

der sich als 90 . Im Hotel Isis hatte er sich mit dem Stellvertreter von Mr. Der eine Mann blieb stumm. Der Händler versprach. damit er den Mann auf die richtige Spur setzte. Alexander mit dem Jesus-Fragment in ihrem Zelt verschwunden war. »Also.« Nachdem Dr. Nachdem die Archäologin mit einem geheimnisvollen Korb aus dem unterirdischen Gang zurückgekommen war. um den Mann in Kairo über den neuesten Stand der Dinge zu informieren. Hungerford hatte den Händler auf der Stelle angerufen. Er unterließ es natürlich. nur der andere. »Wenn mich nicht alles täuscht. als man ihm ein paar Stunden später aus dem Hotel die Nachricht überbrachte. Gentlemen«. aber nicht lügen konnte. kam Hungerford zu dem Schluß. in dem Jesus erwähnt wird‹. ohne jedoch allzuviel zu sagen. Mylonas unter vier Augen unterhalten und dabei den Namen eines Mannes in Kairo erfahren. aber er sprach von ›einem Papyrus-Fragment. Leibwächter oder Abenteurer. hatte er sich sofort in seinen Wagen gesetzt und war zurück zum Hotel gefahren. daß sie. daß die beiden nicht das große Geld hatten. dachte er schon beim Betreten des Zimmers.hätte nicht so schnell mit einer Antwort gerechnet. die Archäologin zu erwähnen.« Hungerford hatte sofort erkannt. sagte er jetzt. sich wieder bei ihm zu melden. Hungerford war angenehm überrascht. Es war ein Händler für ›private Altertümer‹ wie Ramesch es ausgedrückt hatte. ein ›Sammler‹ interessiere sich für das Fragment. Vor allem nicht mit zwei Landsleuten. »Sie wollen die Sammler sein?« Er grinste. zwar hübsch sein mochte. machen Sie das Geschäft doch für einen anderen.

Sie spricht eindeutig vom ›Jüngsten Gericht‹…« »Überzeuge dich selbst. daß eine JesusSchriftrolle gefunden wurde. »Unser Auftraggeber möchte anonym bleiben. Es war nicht schwer zu erraten. Daniel kniff die Augen zusammen und nickte. redete. wann genau der Weltuntergang…« Er verstummte. Zeke lächelte.« Sie deutete auf eine Zeile des Fragments. »Ich habe nichts dagegen! Nennen Sie die Summe.« »Was steht noch in dem Brief?« Catherine übersetzte direkt vom Original: »Bevor ich meine Geschichte erzähle. ausdruckslose graue Augen und eine Narbe auf der einen Gesichtshälfte. Was bietet Ihr Boß?« Daniel las leise: ›… ich weiß um das Ende aller Dinge und um die Wiederkunft des Gerechten. daß das richtig übersetzt ist? Ich meine… das ist nicht zu fassen.‹ Er sah Catherine erstaunt an. das rechte Auge und den rechten Mundwinkel bis zum Kinn reichte. weshalb ich keinem Menschen etwas davon gesagt habe. bestand aber fast nur aus Muskeln und hatte kurz geschnittene weißblonde Haare. Gentlemen. Perpetua hat mir von den großen Leiden unserer Schwestern berichtet.« Hungerford zuckte die Schultern. Er war nicht groß.›Zeke‹ vorgestellt hatte. liebe Amelia. Dann murmelte er: »Wenn bekannt wird. Offenbar waren seine Gegner bis jetzt immer die Schwächeren gewesen. erinnere ich Dich an meine Warnung. »Das ist ein Grund. und daß wir nach all 91 . in der steht. daß dieser Typ schon mehr als einmal um sein Leben gekämpft hatte. die vom Haaransatz über die rechte Augenbraue. »Bist du sicher.

Ich habe keinen Hinweis darauf. Wenn das. Dann zog sie ihre Reisetasche unter dem Feldbett hervor. damit sie in Sicherheit sind. sagte er. »Glaubst du. was ich Dir mitzuteilen habe. »Sie waren alle in dem Korb. Jemand rief den Neugierigen zu.« »Wie kommst du darauf?« Catherine ging zum Arbeitstisch zurück. »Die ›Gemeinschaft‹«. dann nimm diese Bücher mit zu König…« Daniel sah sie an.« Sie hielt die Lupe über die zweite Spalte und las weiter: »›… Tymbos. »Das werde ich wissen. Aber 92 . daß noch andere Bücher mit ihnen vergraben worden sind. daß Schwestern unserer Gemeinschaft meinetwegen verfolgt werden. Er blieb stehen und drehte sich um.« »Was für Schriftrollen sind das? Unbekannte Evangelien?« »Ich weiß nicht.den Jahren der Gleichberechtigung mit den Männern in unserer Gemeinschaft jetzt zu Schweigen und Absonderung verurteilt worden sind.« Daniel fuhr sich mit der Hand durch die Haare und ging nachdenklich auf und ab. bei den Männern Empörung auslöst und sie Dich deshalb bestrafen wollen. es fehlt ein Buch. Durch eine der Zeltklappen drangen von draußen Stimmen herein. sie meint damit die Frühchristen?« Catherine ging zu ihrem Koffer und schloß energisch den Deckel. aber ich glaube. sie sollten die Absperrung nicht übertreten. Ich möchte unter keinen Umständen. »Warum schweigst du?« »Der Text endet hier auf dieser Seite.‹« »König Tymbos! Wer ist das?« »Keine Ahnung. wenn ich alle Schriftrollen übersetzt habe.

etwas damit zu tun?« »Wenn ja. »Lies das…« »Mein Altgriechisch ist nicht sehr gut«.« »Und?« »Nach einem ersten Überblick kann ich sagen zweites Jahrhundert. »Ich habe eine Papyrus-Probe in die Schweiz geschickt.« Catherine nahm ihre Jacke vom Haken und legte sie auf den Koffer. erwiderte er. Der Satz ist nicht zu Ende. damit man dort so schnell wie möglich eine genaue Altersbestimmung mit der Radiokarbonmethode vornimmt. »Aber ich glaube.« »Hans Schüller?« Sie nickte. »Ich kann ihm vertrauen. dann wurde jemand in den Brunnen geworfen oder ist hineingefallen. Es fehlt ein Wort. Das weist darauf hin. Aber ich habe die Zeit genutzt und die Handschrift analysiert.« »Jemand?« »Vielleicht war es eine Frau…« Von weitem hörte man den Ruf des Muezzin von einem 93 . da steht: ›… und ich hatte Angst…‹« »Das stimmt nicht ganz. daß die Geschichte weitergeht.sieh dir die letzte Seite von Buch sechs an… hier!« Sie deutete auf die letzte Zeile der letzten Seite. Es müßte also mindestens noch eine Seite oder eine siebte Schriftrolle geben. den du gesehen hast.« »Hat der Schädel. und eine etwas genauere Übersetzung wäre demnach: ›Ich fürchtete mich vor…‹« »›Vor…‹?« »Sie fürchtete sich vor etwas. Dieses Wort hier hat seinen Ursprung in dem Wort ›phobos‹. Er wird nichts verlauten lassen.

sie war eine Diakonin. Später wurde eine weibliche Form geprägt. denn er wußte plötzlich. und die Pflichten der Diakonin beschränkten sich darauf. die Kranken und Alten zu pflegen. Hier. daß die Schriftrollen aus dem ersten Jahrhundert stammen…« Daniel nickte ernst. in meiner Übersetzung noch einmal an. verehrte Diakonos…‹« Daniel runzelte die Stirn. Nina Alexander gut gekannt und sehr gemocht. der Priester.« »›Amelia. daß er auf der ›falschen Seite‹ der Stadt 94 . Das ist nicht ungewöhnlich.« »Du vergißt. daß es Zeit zum Abendessen war. Daniel hatte Dr. sieh dir die Seite.« »Ein Schreibfehler?« »Das glaube ich nicht. Wir haben nur dieses eine Beispiel. die du gerade gelesen hast. »Trotzdem verstehe ich dich nicht. Im Gegensatz zu den Eltern anderer Kinder hatte Catherines Mutter niemals Anstoß daran genommen.Minarett: »Allahu akbar…« Der Gebetsruf zum Sonnenuntergang bedeutete auch. denn der Diakon. Es roch bereits nach Lammbraten und Kaffee. die Anrede. »Nun ja. Warum hast du die Behörde in Kairo nicht über den Fund informiert? Und warum willst du abreisen?« »Danno. weshalb Catherine nicht die Behörde in Kairo informieren wollte… Der Grund war ihre Mutter. Kapitel sechzehn. das griechische Wort für Diakonin ist Diakonissa. an der eine Frau mit dem männlichen Titel erwähnt wird – Römer.« »Wenn du beweisen kannst. Aber hier steht Diakonos. Es gibt nur eine einzige Stelle in der Bibel. Cathy. Paulus spricht von Phöbe als Diakonos. daß er zu den wenigen Stipendiaten der Schule gehörte. daß eine Frau ein so hohes Amt bekleidete. stand am Altar.

Dieses Buch hatte Catherines Mutter die erbitterte Feindschaft der Kirche eingebracht. daß Frauen als erste das leere Grab gefunden hatten. im Krankenhaus gewesen und hatte mit eigenen Augen gesehen. der sich aus Angst um sein Leben versteckt hatte. Und alles nur deshalb. Alle vier Evangelien berichteten. woran sie glaubte. Daniel war in der Nacht. sondern Maria Magdalena müsse die Nachfolgerin Jesu gewesen sein. die auf der apostolischen Nachfolge beruhte und ihren Anfang damit nahm. als Nina Alexander starb. nicht zu rechtfertigen sei. Catherines Mutter war Paläographin gewesen. fragte Daniel jetzt leise. das sie unter dem Titel Maria Magdalena. weil sie für das eingetreten war. und er war in ihrem Haus stets willkommen. daß sie eine gebrochene Frau war. Mit dem Neuen Testament als Quelle und als Beweis war Dr. »Du glaubst also«. eine weithin anerkannte Expertin auf dem Gebiet der Datierung von Handschriften. daß angeblich der heilige Petrus den auferstandenen Jesus als erster gesehen hatte. daß die Theorie deiner Mutter richtig ist?« Catherine antwortete ebenso leise: »Die Kritiker meiner 95 . »die Schriftrollen könnten den Beweis dafür liefern. Sie war immer freundlich zu ihm gewesen. daß die Autorität des Papstes. daß der auferstandene Jesus zuerst Maria Magdalena erschienen war und nicht Petrus. Darin behauptete sie. Und in zwei Evangelien hieß es. Beim Tod seiner Mutter war er neunzehn. Berühmt wurde sie jedoch durch ein Buch. so argumentierte Nina. nicht Petrus. wer sein Vater war. die erste der Apostel veröffentlichte. Alexander zu dem Schluß gekommen.wohnte und nicht wußte. und Nina Alexander stand neben ihm am Grab und tröstete ihn.

»Was für eine Frage!« »Ich muß noch ein paar Dinge vorbereiten. Cathy.Mutter haben darauf hingewiesen. wirst du mir helfen?« Er lächelte. bis draußen alle mit dem Abendessen beschäftigt sind. Danno lachte leise. daß deine Mutter recht hatte. Weißt du. Danno. daß du die Bücher wegbringen willst. daß Petrus nicht der rechtmäßige Nachfolger von Jesus war und der Machtanspruch der Päpste auf einem Irrtum beruht!« Catherine wußte. Danno. ein solcher Beweis konnte die katholische Kirche in ihren Grundfesten erschüttern. »Wenn sie Hinweise auf Frauen am Grab enthielten. werden wir sie nie wiedersehen!« »Nur mit diesen Schriftrollen kann ich vielleicht die Ehre und den Ruf meiner Mutter wiederherstellen. Wir warten. wäre. und 96 . »Dann wäre der Anspruch des katholischen Klerus auf das Priesteramt und das Papsttum nicht mehr zu halten. Wenn die Behörden sie in die Hände bekommen. und deshalb besitzt sein Werk wegen der zeitlichen Nähe zu den Ereignissen größere Autorität. »Kein Wunder. Was aber. wenn diese Schriftrollen beweisen. wenn diese Schriftrollen früher geschrieben wurden als die Briefe des Paulus?« Catherine legte die Bücher vorsichtig aufeinander. daß im ersten Brief des Paulus an die Korinther. Maria Magdalena nicht erwähnt wird und auch keine andere Frau. vielleicht sogar auf Maria Magdalena?« Danno lachte leise. das ist eine heiße Sache. ja nicht einmal das leere Grab. Wir wissen. in dem er über die Auferstehung spricht. daß die Briefe des Paulus an die Korinther mindestens zwanzig Jahre vor dem Auftauchen der Evangelien in schriftlicher Form entstanden sind. daß Nostradamus das Ende des Papsttums und des Katholizismus für das Jahr 1999 vorausgesagt hat? Nicht auszudenken.

»Hier steht: ›Jesus‹«.« Catherine legte die Bücher behutsam übereinander. Diese mystischen Heiler galten als Hüter vieler uralter Geheimnisse. als Rom zuerst Jerusalem zerstörte und dann Massada. Vielleicht haben sie sich deshalb so hermetisch gegen alle abgeschirmt. daß jemand die Gemeinschaft verließ. daß ihre Leute sich um das Lagerfeuer eines Beduinen versammelt hatten. Warum? Die Antwort steht ebenfalls hier: ›Zoe aionios‹ – das ewige Leben. daß die Sekte verfolgt wurde. wenn ihre Geheimnisse nicht mit ihnen untergegangen sind? Vielleicht konnten sie die wichtige letzte Schriftrolle 97 . Wenn ich mich nicht irre. Richtig? Was wäre. und wollten nicht zulassen. das steht hier…« Catherine blickte durch die Zeltklappe. die Initiation dauerte eine Ewigkeit und war grausam. »Worauf willst du hinaus?« »Angenommen. bestätigte sie und nickte. die Essener kannten auch das Geheimnis des ewigen Lebens. »Das hier ist kein Werk der Essener. dann galten die Essener als Heiler. murmelte er. Das Wort ›Essene‹ stammt von dem griechischen ›Essenoi‹ – Heiler. »Ja. in die Sekte aufgenommen zu werden.« »Das meine ich nicht.brechen dann auf. Sie sah.« »Wird in den Schriften vom Toten Meer nicht auch von einem Gerechten gesprochen?« Sie sah ihn an und schüttelte den Kopf.« Er hob die Hand und zählte an den Fingern ab: »Es war schwierig. Denk an die Regeln ihrer Sekte. die nicht zu ihnen gehörten. manchmal sogar mit dem Tod. der geringste Verstoß gegen eine der Regeln wurde hart bestraft.« Daniel blickte noch einmal auf die erste Seite der ersten Schriftrolle. Man glaubt. »Später wird Jesus in dem Text ›der Gerechte‹ genannt. »Ja…«.

daß er das Mittel zum ewigen Leben kannte?« Daniel setzte sich auf das Feldbett und stützte den Kopf in die Hände. Angenommen. Ihr Boß wird das haben wollen. sie habe Schriftrollen gefunden. wer Tymbos war und in welcher Stadt er als König geherrscht hat. »müssen wir wissen. daß Jesus ein Essener war und deshalb im Neuen Testament als Heiler auftritt. Möglicherweise enthält sie das Geheimnis des ewigen Lebens…« Catherine dachte unwillkürlich an die Worte des Ibn Hassan: ›… dann werde ich dir das Geheimnis des ewigen Lebens verraten. dann sind wir vielleicht in der Lage. »Viele Wissenschaftler behaupten. das wertvoller ist als die Kronjuwelen von England. was ich 98 . wollte der Texaner antworten. in der steht.retten. »Ich sage nur soviel. »Cathy. sehr alte Schriftrollen. auf ein ewiges Leben in Fleisch und Blut! Jesus hat Tote zum Leben erweckt. Aber Dr. Alexander war mit einem Besucher in ihrem Zelt gewesen. Auf dem Weg zu diesem Treffen im Hotel Isis hatte er beschlossen. die siebte Schriftrolle zu finden und können das Geheimnis des ewigen Lebens enträtseln!« »Bevor wir über Geld sprechen.« Ich habe etwas. Hungerford«. was Sie anzubieten haben. und er hörte. um mehr über den Fund zu erfahren. sagte Zeke. wie sie sagte.‹ »Warum könnte der Gerechte nicht Jesus sein?« fuhr Daniel immer erregter fort. wann das Ende der Welt kommen wird. sondern auf das Leben hier auf der Erde. wenn wir herausfinden. seine Botschaft vom ewigen Leben bezog sich nicht auf das Leben nach dem Tod. Mr. Das Glück war auf seiner Seite. Könnte das nicht ein Beweis dafür sein. die Archäologin zu besuchen.

« Er zwinkerte. nach den Wandmalereien in dem Königsgrab. fiel die International Times vom Vortag aus der Tasche. Vielleicht würde er dann sogar den Mut aufbringen. sie beide ganz allein. Für ihn war es in diesem besonderen Augenblick das Schönste gewesen. noch bevor Sie sagen können: ›Hier ist das Geld. Später. die zusammen mit dem Rauch von brennendem Kamelmist und süßlichen Haschischwolken in den dunklen Himmel stieg. Cathy brauchte seine Hilfe. und das genügte. Sie verstummten und lauschten auf die Musik der Beduinen. ihr von seinen Erfolgen zu berichten. flüsterte Daniel.anbiete. Es war nicht der richtige Zeitpunkt. »Danno…« Sie legte ihm die Hand auf den Arm. von Catherine zu hören: ›Du mußt unbedingt kommen!‹ Aber die Lage im Sinai war keineswegs zum Feiern geeignet. »So. und Sie werden den Schatz vor sich sehen. in Kalifornien. Daniel hob sie auf und 99 . reden wir jetzt über die Summe. Er freute sich mit ihr über den sensationellen Fund. konnte er ihr alles von sich erzählen. aber ich habe mich noch nicht einmal nach deinem Projekt erkundigt.‹« »Fertig?« fragte Catherine und nahm die Reisetasche vom Bett. Du bist um die halbe Welt geflogen und mußt völlig erschöpft sein. ihr seine Liebe zu gestehen… Als Catherine nach der Jacke griff. Ich sollte das nicht von dir verlangen. denn er wollte Cathy alles beim Wiedersehen erzählen. Sie würden feiern. Catherine zögerte. »Es tut mir leid. »Fertig«. eine ganze Woche lang nicht mehr schlafen zu können!« Bei seinem Anruf aus Chiapas hatte er nichts von seiner Entdeckung erwähnt. Du brauchst dringend Schlaf…« »Im Augenblick habe ich den Eindruck.

so daß sie das neue Jahr gleich zweimal feiern konnten. was geschieht. »Cathy«. Ich meine. wenn uns die fehlende siebte Schriftrolle wirklich das genaue Datum und die Zeit des Weltuntergangs verrät?« »Das werden wir alles wissen.sah auf der ersten Seite den Bericht über die Verrücktheiten und Exzesse. und sie stehen ausgerechnet in der Nähe des Landrovers. wenn wir die Schriftrollen übersetzen. wo die internationale Zeitgrenze zwischen zwei Inseln verlief. daß ich abreisen will. »ich möchte Ihnen ein paar Informationen über 100 . »Stell dir vor. die Sonne war untergegangen. um in den Südpazifik zu fliegen. daß sie gerade jetzt gefunden wurden… zwei Wochen vor Anbruch des neuen Jahrtausends? Und was ist. Dann merken meine Leute. fuhr Daniel fort. und im Zimmer wurde es dunkel. Besonders Kluge hatten Flugzeuge gechartert. wenn diese Schriftrollen das endgültige Aus für die katholische Kirche als Institution bedeuten. »Was ist?« fragte Daniel.« »Und was jetzt?« fragte Daniel. Zeke trat in den Lichtkreis der schwachen Stehlampe und verließ ihn sofort wieder. »Mr. »Wieder dieser Priester! Er unterhält sich mit einem meiner Leute. wich aber sofort wieder zurück. ist es wirklich nur ein Zufall. Sie werden uns sehen!« »Na und?« »Er wird sich mit uns unterhalten wollen.« Sie griff nach ihrem Koffer. Schwarze Messen in den Höhlen von Karlsbad und in Machu Picchu. die in Erwartung der bevorstehenden Jahrtausendwende überall auf der Welt begangen wurden – Feste auf der Queen Elizabeth II und auf dem Eiffelturm. Hungerford«. »Gehen wir?« Catherine warf einen vorsichtigen Blick aus dem Zelt.

das an diesem Platz steht. Diese Familien besitzen ein unglaublich wirkungsvolles Nachrichtennetz. wird manchmal sogar ein neues Haus darauf gebaut. Deshalb beschränkt er sich mittlerweile auf eine Reihe ausgewählter Familien. dann kaufen die interessierten Sammler das Haus. Dies wiederum löste einen interessanten Preisanstieg aus. Ich will Ihnen ein Beispiel nennen. an seinen Ursprungsort zurückgebracht werden. »Also werde ich mich deutlicher ausdrücken«. das Sie in Staunen versetzen würde. Das Netz sorgt dafür. sagte Zeke freundlich. das aus einem Land geschmuggelt wird. daß an einer bestimmten Stelle ein Fund vermutet wird. daß Sammler. »Der illegale Handel mit Schriftrollen wurde für viele Händler zu riskant. trat es rückwirkend in Kraft. die viel Geld in alte Papyri investiert hatten. Danach muß jedes Stück. ihre Sammlungen nicht mehr öffentlich machen konnten. Es gibt ein Gesetz. die Zekes Gesicht durchschnitt. Mr.den illegalen Handel mit Altertümern und Antiquitäten geben. daß Hungerford die weißen Pünktchen um die Narbe sah. Hungerford.« 101 . Wenn in Jerusalem das Gerücht kursiert. wird es wieder abgerissen. Wenn das Grundstück unbebaut ist. und der illegale Handel mit diesen Dingen spielt sich seitdem nur noch unter Ausschluß der Öffentlichkeit ab. Hinweise und Geschichten über mögliche Funde von Schriftrollen und Papyrusfragmenten erfahren. Sie lassen im Keller Ausgrabungen durchführen. Können Sie mir folgen?« Hungerford runzelte verwirrt die Stirn. von denen die Behörden nie etwas erfahren. daß sie im Handumdrehen alle Gerüchte. Hungerford. Das führte zum Beispiel dazu. Als dieses Gesetz verabschiedet wurde. »Ich bin nicht sicher…« Zeke trat so nahe an ihn heran. Mr. dessen Einhaltung von der UNESCO überwacht wird. Und nachdem die Grabungen beendet sind.

Hungerford. als wollte er sich am Bein kratzen.« Hungerford trat der Schweiß auf die Stirn.« 102 . Mr. Sagen Sie uns alles.»Ich verstehe immer noch nicht…« »Ich versuche. sah Hungerford ein Stilett in seiner Hand blitzen. »Mr. daß ein Jesus-Fragment und ein Korb mit Schriftrollen gefunden worden ist. aus dem das Fragment vermutlich stammt. Ihnen klarzumachen. sie sind nicht dumm. daß Sie sich auf ein Spiel mit hohen Einsätzen eingelassen haben. und ich kann Ihnen versichern. Es geht dabei um sehr viel mehr. aber als er sich wieder aufrichtete. Mr. und zwar schnell. »Na ja. ich habe nicht im Traum…« »Sie haben einen bestimmten Händler in Kairo angerufen und ihm gesagt. sind Ihre Gegner. wir haben den weiten Weg nicht gemacht. Ihre Mitspieler.« Zeke bückte sich. Hungerford. als Sie sich vermutlich vorstellen können. um Zeit zu verlieren. Hungerford. was Sie wissen.

Da der Schamane keine Antwort gab. als Miles seinen ganzen Ehrgeiz daransetzte. Erika konzentrierte sich wieder auf ihn. um mit ihnen Weihnachten und Silvester zu feiern. Der Pool war geheizt. die 103 . Später. zu der sich viele ihrer Freunde hingezogen fühlten. In letzter Zeit hatte sie jedoch eine seltsame Leere verspürt. New Age versprach einen geistigen Neuanfang. die auf den Verlust von etwas Lebenswichtigem hinzuweisen schien. Der Wasserdampf über dem Pool war sehr viel dichter als die dünne Rauchfahne. hatte ihren Glauben jedoch während der Hippie-Zeit in den sechziger und siebziger Jahren aufgegeben und sich den östlichen Philosophien und Religionen zugewandt. das in der heiligen Schale glühte. nach einer geistigen Nahrung. Sie waren gekommen. wo sich die ganze Familie versammelt hatte – ihre drei erwachsenen Töchter mit Kindern und Ehemännern.Santa Fe. einer Bewegung. Dampfwolken stiegen in den blauen Himmel von New Mexico. der um seinen Kopf wirbelte? Erika war protestantisch erzogen. Die Sehnsucht in Erika dagegen schien nach dem Wissen der Alten zu verlangen. Was mochte er in dem Rauch sehen. eine Leere. die von dem Holz des Mesquitestrauchs aufstieg. Sie beschäftigte sich mit New Age. sich in der neuen Computerwelt einen Namen zu machen und Erika ihre drei Kinder großzog. während Kojote in den heiligen Rauch blickte. richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf das Geschehen am Pool. schien jeder Gedanke an Religion aus ihrem Leben verschwunden zu sein. New Mexico »Was sehen Sie?« fragte Erika Havers besorgt. Der Schamane blickte in die Zukunft.

erfahren. ›Er ist Soyal. hatte Kojote gesagt. Die Gesetze der Weißen zwangen seinem Volk seit mehr als hundert Jahren christliche und bürgerliche Namen auf. Sein Stammesname war jedoch Kojote. um in der Sonne zu leben. Er blickte in das Wesen der Dinge. Eines Tages begegnete sie dem Schamanen in einer Ausstellung indianischer Kunst.« Erika verstand ihn. Von ihm hatte Erika etwas über Latiku. Diesmal schüttelte Kojote langsam den Kopf. Havers. die Sonne habe die Pigmente aus seinen Augen gebleicht. die mütterliche Schöpferin der Welt. weil die Kachina des Pueblo Acoma verschwunden war. »Es ist sehr schlimm. »Das sehen Sie im Rauch?« Seine Augen. ›Soyal erscheint zur Wintersonnenwende.die Prüfungen der Zeit überstanden hatte. Mrs. richteten sich auf die zierliche Frau mit den aschblonden Haaren. Die Polizei sprach von Diebstahl. die in den unterirdischen Regionen hausten. daß sie fast farblos wirkten. In seinem Dorf sagte man. der KachinaGeist sei aus eigenem Entschluß in die Erde zurückgekehrt. sich den Weg an die Oberfläche gebahnt hatten. aber der Schamane erklärte. die so hell waren. verweilte nicht bei den Farben und Formen. Der Rauch ist leer. Aber er sah nicht das Äußere. Das machte ihn zum geistigen und politischen Führer seines Dorfes. Er hatte ihr auch die Geschichte von der Entstehung der Menschen erzählt. weil das Ende der Welt bevorstand. »Was sehen Sie?« flüsterte Erika noch einmal. Er glaubte an den Weltuntergang. nicht im Rauch. um den 104 . Das Ende der Welt ist wirklich nahe. »Nein.« Sie sah ihn ängstlich an. und so hieß er Luke Pifieda. Er war Pueblo-Indianer und das Haupt der Antilopensippe. die Sonnenwend-Kachina‹. als die Ahnen. Dabei streiften seine langen weißen Haare das dunkle Lederhemd. In seiner Obhut befanden sich die heiligen Kachinas.

105 .Beginn der Kachina-Zeit anzukündigen. Während Miles zuhörte. damit sie aus der Geist-Welt auf die Erde zurückkehren können. Er kommt als der erste aus der Kiva und geht durch das Dorf. Damit bereitet er den anderen Kachinas den Weg. Das ist sehr. Lachend hielt er die Stoppuhr hoch. Erika wollte eine Frage stellen. daß Soyal nicht mehr da war. als sie sah. Erikas Blick richtete sich wieder auf den heiligen Rauch. Er hatte natürlich nicht nur gewonnen. betrachtete er sein Spiegelbild in dem Glas. seine Figur zu erhalten. daß der Butler auf der Terrasse erschien und neben Miles trat. sondern wahrscheinlich auch seinen eigenen Rekord gebrochen. Schließlich besaß er den Körper eines zwanzig Jahre jüngeren Mannes und arbeitete täglich daran. Kurz darauf folgte er dem alten Butler ins Haus. der nach dem Wettschwimmen mit seinen Schwiegersöhnen zufrieden aus dem Wasser stieg. hinter dem Pokale und Siegestrophäen standen. daß sich in der jugendlichen Erscheinung sein Reichtum. Er betrachtete sich gern und kannte keine falsche Bescheidenheit. Steht der Weltuntergang wirklich bevor? Der Anruf kam aus dem Sinai. Deshalb können auch die anderen Kachinas nicht aus den Kivas kommen und mein Volk segnen.‹ Kojote war in die Kiva gegangen. »Zum ersten Mal in der Geschichte meiner Sippe wird Soyal nicht erscheinen. Ihm gefiel die Vorstellung. und seine Stimme klang wie das Rascheln gefallener Blätter. sehr schlimm«. um die Ankunft der Kachinas zur bevorstehenden Wintersonnenwende vorzubereiten. sein Geschmack und sein Verstand ebenso spiegelten wie in seiner vorbildlichen Familie und seinem unvergleichlichen Anwesen. und er hatte festgestellt. sagte der Schamane. die ihm sein Trainer gereicht hatte.

besorgen Sie mir alles über eine Archäologin. ihre Bekannten. Stellen Sie zusammen.« Nachdem Miles aufgelegt hatte. sollte man den Erfolg auch ansehen. Catherine Alexander. in dem seine Schätze hinter Glas geschützt bei elektronisch gesteuerter gleichbleibender Temperatur und Luftfeuchtigkeit auf ihn warteten. Die Frau heißt Dr. beschaffen Sie sich schnellstens die Schriftrollen und sorgen Sie dafür. und ein ausgeklügeltes Sicherheitssystem. zu der nur er Zugang hatte. Zu solchen Dingen ist kaum jemand aus ihrer Branche bereit. was Sie finden können. Das Untergeschoß war ganz in den beruhigenden Pastelltönen der Wüste gehalten. Ich möchte wissen. »Nach meiner Meinung kann man mit dieser Archäologin kein Geschäft machen. Deshalb beschloß er. Nachdem Zeke Bericht erstattet hatte. Havers?« »Teddy. indirekt beleuchtet und gegen Störungen der Außenwelt schalldicht isoliert. die vor Erdbeben warnten. zu seiner Familie zurückzukehren. »Ja. wo sie wohnt. Vergessen Sie Hungerford.Einem erfolgreichen Mann. so fand Miles. hinunter in sein persönliches unterirdisches Reich zu gehen. befahl er ihm zu warten und wählte eine andere Nummer. um später irgendwelche Aussagen machen zu können. In einem besonderen Raum befand sich eine kleine Schaltzentrale. wer ihre Kollegen sind. Von hier aus konnte er nicht nur das 106 . Mr. Er hatte sogar Sensoren einbauen lassen. war er nicht in der Stimmung. Freunde… alles. Ich brauche die Informationen schnell!« Mit einem Knopfdruck schaltete er wieder zu Zeke zurück. Alexander nicht in der Nähe ist. Dort befand sich unter anderem ein Museum. daß Dr. Der Teilnehmer meldete sich sofort.

Miles ging zielstrebig durch das langgestreckte Museum zu einem Kabinett an der Stirnseite. Die Medien berichteten Tag für Tag über religiöse Wahnvorstellungen und unerklärbare religiöse Phänomene – MarienErscheinungen. Sie war übrigens nicht die einzige. daß ein Stück. Miles mußte in diesem Zusammenhang an Erika denken. In England mußte das Militär eingreifen. und das gefiel Miles. Die ganze Welt schien im Fieber zu liegen. Viele Menschen schworen. wenn es von religiöser Bedeutung war. Und Miles war besonders stolz darauf. wie selten oder wie kostbar. Er hatte festgestellt. denn mit diesem Wahn ließen sich riesige Gewinne machen – vor allem deshalb. gleichgültig wie alt. sondern das Anwesen und seine Produktionsstätten auf der ganzen Welt überwachen. daß die Augen des Gesichts auf dem Tuch. die mit der Jahrtausendwende erwartet wurden. aber inzwischen schienen sie den Großteil seiner Sammlung auszumachen. Das Grabtuch von Turin wurde in diesem Jahr öffentlich gezeigt. in dem sein neuester Zugang aufbewahrt wurde.Museum. einen unschätzbaren Wert erhielt. um die Menschenmassen unter Kontrolle zu bringen. die in letzter Zeit auf spirituellem Gebiet nach Antworten suchte. weil es ein religiöser Wahn war. die bislang geschlossen waren. Niemand. wußte von diesem Stück. das Gesicht Jesu auf dem Tor einer Garage. Die Menschen schienen das Unsichtbare sehr viel höher einzuschätzen als das Sichtbare. die mit Zelten und Wohnwagen nach Stonehenge pilgerten. Im Grunde hatte sich Miles nicht von Anfang an mit religiösen Gegenständen beschäftigt. die Tränen vergossen. und die Besucherzahlen brachen alle Rekorde. jetzt offenstanden. Statuen. nicht einmal Erika. Die aus Pappelholz 107 . um dort den Katastrophen zu entgehen.

Man sagte. diese Statuette sei die kostbarste und heiligste aller Pueblo-Kachinas. Miles betrachtete die Gestalt voller Ehrfurcht. Soyal gehörte jetzt ihm. und aus dem geisterhaften Kopf ragte ein weißer Federbusch. Es war die Sonnenwend-Kachina.geschnitzte Statuette war sechzig Zentimeter groß und gespenstisch weiß bemalt. 108 . In der linken Hand trug sie eine Adlerfeder.

Die beiden Amerikaner sprangen aus dem Wagen und mischten sich unter die lärmenden Ägypter. Das waren vermutlich Leute aus dem Lager von Dr. die sich heftig gegen 109 . aber er kam nicht weit. die wie üblich von Kopf bis Fuß schwarz verhüllt war. Aber das Schild war keine Garantie dafür. Alexander. Er fluchte leise. Golf von Akkaba »Was soll denn das bedeuten?« fragte Zekes Partner. Diese Verzögerung gefiel ihm nicht. Zeke entdeckte einen westlich gekleideten Ägypter. erwiderte der Angesprochene. seine Schwester habe Schande über die Familie gebracht. vielleicht auch ein paar Touristen. »Er sagt. Zeke sah nur wenige Weiße in der Menge. während die Umstehenden lachten. daß die Putzfrauen Hungerfords Leiche erst am nächsten Morgen in der Badewanne entdeckten. Im Licht der Scheinwerfer sahen sie am Rand der Ausgrabungen eine aufgeregte Menschenmenge.Scharm el Scheich. sondern hielt den Leihwagen in der Nähe des Lagers an. wo sich das Lager der Archäologin befand. Zeke versuchte. Vielleicht hatte man den Toten schon gefunden… »Was ist denn hier los?« fragte er einen Zuschauer. der eine Beduinin mit sich zerrte. Der Mann schrie auf die Frau ein. Zeke gab keine Antwort. johlten oder auch drohend schimpften. um sicherzustellen. der Amerikaner zu sein schien.« Zeke musterte die Frau. »Der Mann ist ihr Bruder«. sich einen Weg durch die Menschen zur anderen Seite zu bahnen. Im Hotel hatte er das Schild ›Bitte nicht stören‹ an die Zimmertür gehängt. daß nicht doch jemand aus irgendeinem Grund das Zimmer früher betrat. die von den Hotels herübergekommen waren und das Spektakel eher unbeteiligt beobachteten.

Plötzlich drängte sich ein Weißer durch die Menge und erhob laut Einspruch gegen die brutale Behandlung der Frau. »Das geht Sie nichts an!« rief der Bruder der Frau. Er wußte aber. Zeke vergewisserte sich noch einmal. die der schwangeren Frau und ihrem wütenden Bruder folgten. verrutschte das schwarze Gewand. Das schwarze Gewand bauschte sich um ihren Leib und verhüllte alles. »Komm mit!« Die beiden liefen los. wo sich ihr Zelt befand. bis auf die Augen.ihren Bruder wehrte. daß sie Nikes trug. Zeke ging eilig durch das Lager und erreichte das Zelt der Archäologin. verschwanden ihre Hände in den Jacken und umfaßten die Griffe ihrer Waffen. Zeke startete den Motor und verfolgte die ›Geschwister‹ mit Vollgas. Nach seiner Kleidung zu urteilen. Plötzlich stürzte die Frau zu Boden. Als es ihr schließlich gelang. an den Menschen vorbeizukommen. 110 . bis die beiden Amerikaner ihren Leihwagen erreicht hatten. Sie sahen. daß die Menge nur Augen für die Familientragödie hatte. Ein Teil der Leute stimmte ihm zu. Als sie mühsam wieder aufstand. Ein Blick beruhigte ihn. ob vielleicht auch Dr. während die anderen noch lauter schrien. Die Umstehenden johlten. schien es ein Priester zu sein. und Zeke sah. Ohne ein Wort zu wechseln. Es dauerte nicht lange. Sein Partner war beinahe gleichzeitig zur Stelle. »He!« rief Zeke und stieß seinen Partner an. Zeke fragte sich. Alexander unter den Zuschauern war. Im Schein der wenigen Lampen konnte er nicht alle Gesichter sehen. wie der Ägypter die ›Beduinin‹ in einen Landrover zerrte und in einer Staubwolke davonraste. sich aus dem Griff des Mannes zu befreien. Die Menge bewegte sich langsam weiter und entfernte sich vom Lager. In dem Zelt brannte Licht. sah Zeke. Schließlich gelang es Zeke. daß die Frau schwanger war.

die Digitalisierungsrechte berühmter Kunstwerke zu kaufen. damit jeder über das World Wide Web Zugriff hatte. Sogar Miles. und produzierte sie als brandneue CD-ROMs.‹ Dann küßte er sie leidenschaftlich. als sein Konzern damit begonnen hatte. C. W. die dem Benutzer zum Bearbeiten von Filmen die raffiniertesten Spezialeffekte der Filmtechnologie zur Verfügung stellte. Er konnte es kaum erwarten. Sie wurden reproduziert und ins Net eingespeist. mit einem PC und einer normalen Videokamera 111 . Er digitalisierte sie in den alten Streifen und konnte die Stars durch Manipulation winziger Informations-Pixel in neuen Filmen ›einsetzen‹. Als die Lichter in seinem privaten Filmtheater mit den dreißig dunkelroten Polstersesseln angingen. Sie würde begeistert sein. Es handelte sich um eine Software. am Weihnachtsmorgen ihr Gesicht zu sehen. Der Film war das Ergebnis seiner neuesten technischen Errungenschaft. Es funktionierte besser als erwartet. der an diesem Projekt beinahe ein Jahr gearbeitet hatte. und der rote Samtvorhang schloß sich geräuschlos. Fields und zahllosen anderen. New Mexico Humphrey Bogart nahm Erika Havers in die Arme. Miles spezialisierte sich auf die großen Filmstars der Vergangenheit und erwarb die Exklusivrechte an Rudolpho Valentino. und Erika ahnte nichts. staunte über das Erreichte. deren Copyright verjährt war. Die Leinwand wurde dunkel. Dianuba Technologies sicherte sich die Rechte an Literatur und Filmen.Santa Fe. Jeder würde künftig in der Lage sein. blickte ihr tief in die Augen und sagte: ›Uns bleibt immer noch Paris. lächelte Miles zufrieden. Die Idee dazu stammte aus der Zeit.

fit und gesund zu bleiben. Wieder einmal rief ihm der Anblick dieser bezaubernden Frau ins Bewußtsein. Als sie Forrest Gump gesehen hatten. wäre er vermutlich immer noch ein ausgeflippter Hacker mit einem ausrangierten. ein interaktives Computerspiel auf CD-ROM. Erika hatte gesagt: ›All diese aggressiven Computerspiele werden für Männer gemacht. Aus der Entfernung wirkte sie ebenso jung und temperamentvoll wie ihre Kinder. was für ein glücklicher Mann er war. mit dem eine Frau dem Mann ihrer Träume begegnen konnte. daß Miles mit seiner Gesellschaft zum weltweit führenden Software-Hersteller geworden war. Eine ihrer Ideen. daran gab es für Miles keinen Zweifel. ideal zum Joggen. Er sah Erika auf dem Tennisplatz. über die sie vor vier Jahren eher beiläufig gesprochen hatte. wenn wir in jedem Film. der uns gefällt. Sie spielte mit ihren Töchtern ein Doppel. Er blickte auf die schneebedeckten Berge und den dunkelblauen Himmel. Ohne Erika. Auch Erika achtete darauf. Die Luft war kalt und klar. aber Butterfly.‹ Inzwischen gab es unzählige Imitationen. Erika hatte ihm den Anstoß zu diesem Projekt gegeben. sagte sie anschließend zu Miles: ›Wäre es nicht schön. hatte die Welle ausgelöst und war mittlerweile ein Klassiker. war sogar dafür verantwortlich. Warum gibt es eigentlich keine Computerspiele für Frauen? Ich denke da an Liebesgeschichten. selbst mitspielen könnten? Ich würde mich so gern einmal als Elsa in Casablanca sehen!‹ Erikas Vorschläge fielen bei ihrem Mann immer auf fruchtbaren Boden. veralteten Modem und keinem Penny 112 . die die fächerartig angeordneten Flügel des großen Anwesens miteinander verbanden. Miles verließ das Kino und ging durch einen der verglasten Innenhöfe.einen Film mit einem berühmten Star als Partner zu produzieren.

Als Miles den Fahrstuhl erreicht hatte. Sein Büro unterschied sich damit von dem für Santa Fe typischen. an den höchsten Punkt im ganzen Haus. Als sich Miles gerade umdrehen wollte. sah er aus dem Augenwinkel den Schamanen am Rand des Tennisplatzes. würde es ihm irgendwie gelingen. Inzwischen schien er hier im Haus zu wohnen. er liebte sie nicht nur. Das heißt. ›Kojote‹ genannt zu werden. Wenn ich diese Frau verlieren sollte… Er schüttelte unwillig den Kopf. ließ er die Familie hinter sich und zog sich in sein abgeschirmtes Büro zurück – ein runder Turm an der Ostseite des Anwesens. ihr den Mond in Silberpapier verpackt zu überreichen.in der Tasche gewesen. Hierher. Zwei Dinge beschäftigten ihn an diesem 113 . daß sich seine wertvolle SonnenwendKachina in dem unterirdischen Museum befand? Aber wie sollte der Alte das herausgefunden haben? Nein. das war unmöglich! Der Schamane kam nur wegen Erika ins Haus. Es hatte indirekte Beleuchtung und einen weichen dunkelblauen Seidenteppich. wo er mit den Bergen auf einer Höhe zu sein schien. Das Turmzimmer unter den Zinnen hatte Fenster nach allen Himmelsrichtungen und war in den Tönen Goldgelb und Burgunderrot gehalten und sparsam mit wenigen Designermöbeln eingerichtet. Luke Pineda legte großen Wert darauf. er war noch immer in sie verliebt. aber er mißtraute dem alten Indianer. Sollte sie ihn bitten. Ahnte er womöglich. Miles wußte. Selbst nach all den vielen Jahre liebte er sie. Miles blickte noch einmal zu seiner Frau hinüber. ihr den Mond zu schenken. zog sich Miles zum Entspannen und Nachdenken zurück. Mit solchen Gedanken durfte er sich nicht belasten. daß Erika ihn zum Bleiben aufgefordert hatte. spanisch beeinflußten Stil.

denn er wußte. Lautlos öffnete sich die Tür der Bar. Forscher und 114 . Er erinnerte sich an eine herbe Niederlage. Wann immer er sich etwas in den Kopf setzte. die absolute Kontrolle über die Software-Industrie zu erreichen. Er leerte sein Glas. bittersüßen Geschmack in seiner Kehle. nachdem sich die Tagebücher in seinem Besitz befanden. Sein bester und erfahrenster Berater machte ihn darauf aufmerksam. Natürlich gefiel das der Konkurrenz und der Regierung nicht. Er erwarb die Tagebücher des polnischen Astronomen aus dem sechzehnten Jahrhundert zum stattlichen Preis von dreißig Millionen Dollar für seine Privatsammlung. den Kauf dieses Unternehmens zu verhindern.Dezembermorgen. aber das lag nicht an dem scharfen. Auch diesmal würde er schließlich der Sieger sein. Miles lächelte spöttisch. dachte Miles und drückte auf einen Knopf. genau zwei Wochen vor der Jahreswende: Zekes Auftrag auf dem Sinai und die Aktennotiz seines Anwalts zu dem geplanten Kauf des letzten Software-Herstellers in Privatbesitz für eine Milliarde Dollar. Bald. Die Kopernikus-Tagebücher. Vor dem Justizministerium hatte er keine Angst. daß am Ende nur Erfolg und Macht zählten. die seit dem Zweiten Weltkrieg als verloren gegolten hatten. und sein Lächeln verschwand. daß das Justizministerium beabsichtige. Ein vertrauenswürdiger Vermittler hatte für Miles ein Geheimabkommen mit den Russen eingefädelt. und ein weltweiter. empörter Aufschrei war die Folge. führte er die betreffende Sache auch zum Erfolg. Nichts würde ihn daran hindern. Wissenschaftler. Und er besaß beides. Er genehmigte sich einen Drink. Damals waren viele Schätze wieder aufgetaucht. Miles hatte von den Tagebüchern kurz nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erfahren. wurde die Sache bekannt. Sollen sie es doch versuchen.

wie um sich von dem unangenehmen Geschmack seiner Erinnerungen zu befreien. es sei von Anfang an seine Absicht gewesen. kam herein. Er legte einen Aktenordner auf die große schwarze Granitplatte des kreisrunden Schreibtischs. aber er mußte an seinen Ruf denken. Die Tagebücher befanden sich mittlerweile als Leihgabe in der Universität von Warschau. aber nachdem sie in so viele andere Hände gelangt und der Öffentlichkeit zugänglich waren. dieses einzigartige Dokument der Vergangenheit sei Eigentum der ganzen Menschheit. daß jemand vor der Tür stand. auf der nichts außer einer leuchtendgelben Orchidee stand. Havers. und als Miles darin blätterte. Er füllte ein Glas mit Wasser und trank es langsam. Seine Gedanken richteten sich auf die Aktennotiz. Miles wollte nicht auf die Tagebücher verzichten. und die Tür öffnete sich. Ein Lichtsignal machte ihn darauf aufmerksam.Bürger erhoben Einspruch und erklärten. die er zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte. die Sie angefordert haben. die Tagebücher der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Deshalb ließ er erklären. aber er würde es natürlich leugnen. daß Teddy Yamaguchi beachtlich viele Informationen zusammengetragen hatte. hatte Miles das Interesse daran verloren. »Hier sind die Unterlagen. sah er. Praktisch waren sie noch sein Eigentum. der ihm bis zur Hüfte reichte. Der junge Mann hatte sein Examen zwar in 115 . Mr. den Software-Markt zu monopolisieren. darunter sogar Unterlagen des FBI. Das entsprach der Wahrheit. Ein schlanker Asiate mit zwei Ringen in einem Ohr und schwarzen Haaren.« Es war eine dicke Akte. Das Justizministerium warf ihm vor. Er drückte einen Knopf.

aber er hatte keine guten Nachrichten. Eine Jugendliebe? überlegte Miles. Sein Telefon läutete. Er hörte die Antwort und nickte. 116 . »Was wollen Sie damit sagen: Sie ist geflohen…«. daß Sie das Versteck nicht finden werden. Die Alexander ist eine schöne Frau. fragte Miles. dem Datum ihrer ersten Kommunion. das sich Teddy über UPI hatte einspielen lassen. man wird dafür sorgen. daß wir etwas von den Schriftrollen wissen. daß er außer mir niemanden von Hungerfords Anruf informiert hat. die sie zur Welt gebracht. Wir wollen natürlich nicht in Erscheinung treten. Ganz gleich. Zeke war am Apparat. wohin ihre arabischen Freunde sie bringen. Das verschafft uns einen Vorteil. Mein Händler in Kairo hat mir versichert. aber die eigentliche Leidenschaft des Achtundzwanzigjährigen waren Computer. Es folgten Catherines Jugendjahre mit Kinderkrankheiten. Die Akte enthielt alle Informationen über Dr. Miles entließ Teddy und griff erst nach dem Hörer. und Angaben über die Narkose. die Berichte der Nonnen aus ihrer Zeit in der katholischen Schule. diese Alexander ahnt nicht. es gebe kein einziges Byte Information auf der ganzen Welt. aber sie ist nicht mein Typ. das Teddy nicht beschaffen konnte. Ich vermute.Biochemie gemacht und war ein meisterhafter Segler. Miles Havers hatte manchmal den Eindruck. dem Namen der Ärztin.« Miles blickte auf das Photo in der Akte. die ihre Mutter bei der Entbindung erhalten hatte. »Es war richtig. Catherine Alexander – angefangen bei dem Krankenhaus. in dem sie geboren worden war. dachte Miles. die Verfolgung abzubrechen. wenn es nicht unbedingt notwendig ist. als sich die Tür hinter dem jungen Mann geschlossen hatte. In der Spalte ›Freunde‹ stand Daniel Stevenson an erster Stelle.

er habe gehört. Nina Alexander. dachte Miles. Zeke berichtete. Miles überlegte. daß sie etwas aus dem Lager geschmuggelt hat. weiterhin ihre Theorie über Maria Magdalena zu veröffentlichen. der jeden Außenstehenden davor zu warnen schien. Aha. daß sie eine Einzelgängerin war. möglicherweise sogar eine Verhaftung durch die ägyptischen Behörden und einen Aufenthalt im Gefängnis? »Hungerford hat uns berichtet. kann das nur bedeuten. habe er ein Papyrus-Fragment und einen Korb beschlagnahmt. daß Sie alle Flughäfen überwachen lassen. Beim Überfliegen der Daten des FBI hatte Miles gesehen. daß sie eine weltweite Verurteilung ihrer wissenschaftlichen Kollegen in Kauf nahm. was sie in diese Außenseiterrolle gebracht haben mochte. daß Dr. Ich möchte. ihr zu nahe zu treten. Die katholische Kirche hatte ihre Bücher zensiert und ihr verboten. keine Verwandten und nur wenige gute Freunde hatte. Dr. »ich werde Ihnen die Unterlagen über Dr. sagte er. Sie war auch nicht verheiratet. Maria Magdalena… »Zeke«. Vermutlich befindet sie sich bereits auf dem Rückflug in die USA. Außerdem lag in ihren Augen etwas Herausforderndes. sagte Zeke. ohne jemanden einzuweihen.Das leicht gereckte Kinn verriet einen starken Willen. Miles entdeckte in dem Ordner einen Vermerk über ihre Mutter. wenn sie Scharm el Scheich in Verkleidung verlassen hat. Alexander verschwunden war. Alexander faxen. die Schriftrollen seien sehr alt…«. ihre Karriere aufs Spiel zu setzen? Was konnte so wichtig sein. wie sie jemandem gesagt hat. daß ein Beamter der ägyptischen Behörde am Grabungsort erschienen sei. Als der Mann feststellte. Aber was? Was konnte eine Frau wie sie dazu bringen. aber keine Schriftrollen. an denen sie eintreffen 117 . Vielleicht lag das an ihrem Blick.

« 118 . Aber das nächste Mal dürfen Sie die Frau auf keinen Fall entkommen lassen. wie Sie es anstellen. Er ist ebenfalls Archäologe. Dann ließ er sich wieder zum Schreibtisch zurückdrehen und sagte gefährlich ruhig in den Hörer: »Wir werden sie finden. Stellen Sie außerdem fest. Zeke. im Augenblick befindet. daß Erika mit den Kindern vom Tennisplatz zurückkam. wo sich ihr Freund. ein gewisser Daniel Stevenson. und er lächelte bei dem fröhlichen Anblick zufrieden. Vielleicht ist er außer Landes.« Miles ließ sich von seinem elektronisch gesteuerten Massagesessel um fünfundvierzig Grad drehen und blickte aus dem Fenster. Mir ist es gleich. aber Sie müssen diese Frau unbedingt finden. Er sah.kann.

DER DRITTE TAG 119 .

da Menschen aus aller Welt in das Land strömten. der etwas großzügiger war als seine Kollegen. Es schneite. aber sie mußte weder den Koffer noch die Reisetasche öffnen. und einige Reisende konnten unbehelligt passieren. was Dezember in New York bedeutete. Seufzend warf sie einen Blick durch die großen Fensterscheiben auf den dunklen Abend. einen zu finden. Man hatte Catherines Gepäck wie üblich mit Röntgenstrahlen nach Waffen untersucht. 120 . Mit Unbehagen stellte sie fest. aber sie hatte vergessen. um zur Jahrtausendwende zu den Pyramiden zu pilgern. Der Winter auf dem Sinai konnte zwar kalt sein. Dezember 1999 John F. Sie ließen allerdings nicht jedes Gepäckstück öffnen. Sie hoffte.Donnerstag. und sich in diese Schlange stellen. Kennedy-Airport. Der Flughafen von Kairo glich einem Irrenhaus. Die anderen Fluggäste schoben sich ungeduldig an Catherine vorbei. die Abreisenden dagegen durften ohne größere Formalitäten das Land verlassen. denn sie wollten die mühsame Zollabfertigung nach dem langen Flug so schnell wie möglich hinter sich bringen. New York Catherine musterte unauffällig die Zollbeamten. daß die amerikanischen Zollbeamten die Koffer der Einreisenden durchsuchten. Die Schriftrollen befanden sich jetzt in ihrem Besitz. war es geschafft. Wenn sie den Zoll hinter sich hatte. Sie war nicht auf Schnee vorbereitet. Fast alle Sicherheitskräfte waren deshalb auf die Einreisenden konzentriert. Catherine zögerte und ließ die Beamten nicht aus dem Auge. Der Abflug aus Ägypten hatte sich einfacher erwiesen als erwartet. 16.

Catherine fühlte sich zerschlagen. hatte sie Samir zu Hilfe gerufen. 121 . Wie hoch ist eigentlich die Strafe für das illegale Einführen von Grabungsfunden. ihren Schatz gut genug getarnt zu haben. Jordanien. zu diesem Zöllner würde sie bestimmt nicht gehen.Über das Stimmengewirr der zahllosen Menschen hinweg – gereizte Touristen. Es war eine mühsame Reise gewesen: Zuerst mit einer kleinen DC-3 von Scharm el Scheich nach Kairo. Samir spielte den erzürnten ›Bruder‹. Ihr Herz begann zu klopfen. fragte sie sich plötzlich besorgt. Nein. die Bedauernswerten mußten auch alle Geschenke auspacken. daß Weihnachten bevorstand. Die Familientragödie hatte tatsächlich für die notwendige Ablenkung gesorgt. aufgeregte Besucher mit Weihnachtsgeschenken und weinenden Kindern – hörte sie aus den Lautsprechern die süßlichen Klänge von ›Stille Nacht…‹ Sie hatte bei all den Aufregungen der letzten Tage völlig vergessen. Daniel als ›schwangere Beduinin‹ zu verkleiden. Warum waren die Beamten bei der Abfertigung des Gepäcks so gewissenhaft? Suchten sie etwas Bestimmtes? Hatte man Angst vor Terroristen? Ihr Flug kam schließlich aus dem Nahen Osten… Bis jetzt war alles glattgegangen. Als ihnen im Lager der Priester den Weg versperrte. und schließlich der Direktflug nach New York. obwohl sie erst dann am Ziel war. wie ein Beamter sogar das Futter eines Koffers auftrennte. wenn sie den Zoll passiert hatte… Der Beamte vor ihr ließ eine vierköpfige Familie nicht nur die Koffer öffnen. Immerhin atmete sie auf. Sie war bestimmt vierundzwanzig Stunden unterwegs gewesen. bezweifelte sie. von dort nach Amman. Es war seine Idee gewesen. Catherine hatte die Schriftrollen gut versteckt. als sie endlich wieder auf amerikanischem Boden stand. aber als sie sah.

denn falls Catherine oder den Schriftrollen etwas zustoßen sollte. hatte Daniel wenigstens die Photos. Um die Beamten aus Kairo zu täuschen. Sie hatten verabredet. hatte sie die Schriftrollen photographiert und die Filme an Ort und Stelle entwickelt. Mylonas im Hotel Isis ausrichten. was alle Zeugen gesehen hatten – einen Korb und ein Papyrus-Fragment. daß Daniel dort einen anderen Flug nahm. Samir zeigte größtes Verständnis und fuhr mit Daniel anschließend nach Kairo.Catherine hatte Samir jedoch nicht die Wahrheit erzählt. Catherine sei wegen einer dringenden Familienangelegenheit abgereist. alle Spuren sorgfältig zu verwischen. Samir wollte dem hilfsbereiten Mr. Ein älterer rothaariger Mann schien zu Frauen etwas freundlicher zu sein… 122 . wie sie es bei Ausgrabungen immer tat. der sich an ihr und Daniel rächen wolle. Während Catherine auf Daniels Ankunft aus Mexiko wartete. Jetzt galt es. Es war eine Vorsichtsmaßnahme. intuitiv herauszufinden. denn bei diesem Abenteuer mußten sie auf alles gefaßt seih. Bei der Durchsuchung ihres Zelts würde man genau das finden. welcher sie ohne Gepäckkontrolle abfertigen würde. Daniel nahm das Photomaterial in sein Handgepäck. Noch einmal musterte sie die Zollbeamten und versuchte. daß die überstürzte Abreise auf Außenstehende möglichst normal wirkte. hatte Catherine das Jesus-Fragment zurückgelassen. Der freundliche alte Herr würde alle Post an ihre Adresse in den USA weiterleiten. Sie hoffte. den sie mit Steinen gefüllt und wieder in das Leinengewebe eingepackt hatte. sondern eine Geschichte von einem eifersüchtigen Liebhaber erfunden. Sie wollten unter keinen Umständen Ägypten gemeinsam verlassen. und auch den Korb.

Catherine entschied sich schließlich für den Rothaarigen und stellte sich mit ihren beiden Gepäckstücken an. Garibaldi. Es war bereits alles in die Wege geleitet. für die Schwachen einzutreten. Sein Vorgehen hatte sie wider Willen beeindruckt. Irgendwie erinnerte sie der Priester in seiner Art. Um sich abzulenken. der Priester. Seine Kollegen rechts und links wirkten müde. kein Priester zu werden. dachte sie an Garibaldi. Daniel hatte früher einmal Priester werden wollen. daß sie einen der obersten Grundsätze der Wissenschaft und ihres 123 . um die arme »mißhandelte Frau« vor dem Zorn ihres »Bruders« zu schützen. er habe beschlossen. und man würde sie auf das schärfste dafür verurteilen. als sie ihn weinend in der Waschküche entdeckt und ihn getröstet hatte. Es gehörte Mut dazu. an Daniel. sich in einen Familienstreit von Arabern einzumischen! Das hätte böse Folgen für ihn haben können. Bei dem Handgemenge wäre Daniels Verkleidung beinahe entdeckt worden.Catherine erinnerte sich mit leichtem Schaudern an den einen entsetzlichen Augenblick auf der Flucht. alles sei verloren. Die Schlangen vor den Zollbeamten wurden kürzer. Sie verabschiedeten die Reisenden nicht mehr mit ›Frohe Weihnachten‹ aber das Gepäck untersuchten sie noch immer. Sie hatte Angst. in Handschellen abgeführt zu werden. als sie glaubte. Er verriet ihr auch später nie den Grund für seine Tränen. aber dann änderte er seine Pläne ohne eine Erklärung von einem Tag auf den anderen. Kurz darauf erklärte er. Ihr Bild würde in den Zeitungen erscheinen. Catherines Nerven waren inzwischen bis zum Zerreißen gespannt. Das war damals. hatte sich zum Wortführer der Zuschauer gemacht. Sie schob den Koffer und die Reisetasche mit den Knien vorwärts und näherte sich langsam dem Zollbeamten.

Amelia… Diakonos… Jesus… das Ende der Welt… War Sabina Jesus persönlich begegnet? Hatte sie von ihm etwas erfahren. die sie für ihre Arbeit benutzte – vor allem Bücher. gab er ihr das Buch schnell zurück. Als der Mann die Photos der Skelette und Schädel sah – für ihn Bilder aus einem Horrorfilm -. warf noch einen flüchtigen Blick auf ein anderes – Handbook Of Feld Archaeology. und sie mußte immer wieder an die geheimnisvollen Worte denken. Aber sie waren ihr auf der ganzen Reise gegenwärtig gewesen. Pottery Of The Late Bronze Age – und bedeutete ihr mit einer knappen Geste. Ohne Zögern öffnete sie den Koffer und die große Reisetasche. das weder im Neuen Testament noch im Alten stand? War Sabina die Prophetin.Berufs mißachtet hatte. Die Schriftrollen befanden sich im Koffer. den sie auf dem Flug aufgegeben hatte. Catherines Hoffnungen stiegen. In der Reisetasche befanden sich ihre persönlichen Dinge und schmutzige Wäsche. nach außen die Ruhe zu bewahren. Dort wartete die Freiheit… »Bitte öffnen Sie den Koffer!« Catherine bekam einen trockenen Mund. im Koffer die wesentlichen Dinge. Der Beamte blickte fragend auf die Bücher. den Koffer zu schließen. Catherine nahm schnell eines heraus. Darunter auch die Schriftrollen. Sie reichte es dem Beamten und schlug es hilfsbereit auf. Krankheiten bei ägyptischen Mumien. Sie versuchte. Sie hatte das Buch in Kairo gefunden und für Julius gekauft. obwohl ihr das Herz bis zum Hals schlug. deren Worte das ganze Christentum grundlegend verändern würden? Der Zollbeamte ließ das ältere Ehepaar vor Catherine durchgehen. Catherine 124 . ohne die Koffer zu überprüfen. Sie blickte sehnsüchtig auf den Ausgang hinter dem Zoll.

es sei ein Buch mit vergilbten Seiten.« 125 . die er Catherine stolz nach Ägypten geschickt hatte. um den Anschlußflug nach Los Angeles zu erreichen.schloß schnell Tasche und Koffer und eilte weiter. Aber als sie an die Glastüren kam. Jedenfalls war so sichergestellt. Der Autor des Buches war Julius Voss. »Achtung! Achtung! Wir bitten um Ihre Aufmerksamkeit! Infolge des Schneesturms werden alle Flüge vorübergehend eingestellt. Die Anspannung war zu groß gewesen. Bei diesem Anblick hatte der Zollbeamte darauf verzichtet. hinter denen die überfüllten Zubringerbusse die Reisenden durch die verschneite Nacht zu den anderen Terminals brachten. Weitere Informationen erteilt Ihnen Ihre zuständige Fluggesellschaft. Der Boden unter ihren Füßen schien leicht zu schwanken. aber ihre Strategie hatte sich als erfolgreich erwiesen. den Umschlag als Tarnung für die Schriftrollen zu benutzen. Hinter der Zollabfertigung wankte sie zur nächsten Damentoilette und klammerte sich an ein Waschbecken. noch mehr von ihrem Gepäck zu sehen. Auf dem Umschlag sah man einen Totenschädel. daß die Schriftrollen die lange Reise unversehrt überstehen und auch bei einer Zollkontrolle nicht weiter auffallen würden. bevor sie den Gepäckwagen durch die Tür schob. das Buch zu lesen. Bei flüchtigem Hinsehen konnte man glauben. Sie hatte jedoch noch keine Zeit gehabt. Unter dem Buch mit den Skeletten lag ein Buch mit dem Titel Die Leiche im Moor. Catherine nahm sich Zeit. Es war seine neueste Veröffentlichung. Genau das hatte Catherine gehofft. Der Umschlag paßte genau. der den Betrachter anzugrinsen schien. hörte sie über die Lautsprecher eine Meldung. Sie entfernte alle Seiten eines alten botanischen Handbuchs und legte die sechs Papyri zwischen die Buchdeckel. Gesicht und Hände zu waschen. Beim Einpacken vor der Flucht entschloß sie sich.

« Miles blickte auf die Uhr. das bedeutete Mitternacht an der Ostküste. Mr. Havers!« Miles stellte den Lautsprecher des Sprechgeräts sofort lauter. New Mexico »Ich habe sie gefunden. das sich neben dem unterirdischen Museum befand. Dr. Vor zwei Stunden ist sie angekommen. Es war neun Uhr abends. 126 . »Wo ist sie?« Teddy Yamaguchi hatte sich aus dem großen ComputerZentrum des Anwesens gemeldet.Santa Fé. »Ist sie bereits auf dem Weg nach Kalifornien?« »Wegen eines Schneesturms sind alle Flüge storniert worden. Dann wählte er eine andere Nummer. »Sie hat Kairo in Richtung Amman verlassen und ist von dort nach New York geflogen.« Miles nickte stumm und beendete mit einem Knopfdruck das Gespräch. Alexander muß also entweder im Flughafen warten oder sie verbringt die Nacht in einem der Flughafenhotels.

DER VIERTE TAG 127 .

Die Beschaffenheit des Körpers macht jedoch eine genaue Bestimmung der Todesursache nicht möglich. daß sie es sich anders überlegt hatte und über die Feiertage doch nach Kalifornien zurückkam.Freitag. daß er sie wiedersehen würde. Er konnte sich einfach nicht konzentrieren. sobald der Schneesturm vorüber war. aber um Catherines willen wäre ihm Sonnenschein im Augenblick lieber gewesen. als in der Brandung zu schwimmen. Kalifornien »Der Gesichtsausdruck läßt darauf schließen. daß er den Tod nicht kommen sah. Das Chanukkah-Fest war zwar vorüber. Seit Catherines Anruf am späten Abend und der überraschenden Nachricht. Er verließ seinen Platz am Schreibtisch. Aus Anlaß der Jahrtausendwende wurde auch in Malibu überall gefeiert. Das wäre ihm 128 . Draußen peitschte der Regen auf die Terrasse. Es half alles nichts. Vielleicht würde Catherine aber vorziehen. Wieder einmal jagte ein Sturm über Malibu hinweg. mit ihm allein hier in seinem Strandhaus zu bleiben. Dezember 1999 Malibu. Dahinter wogte das stürmische graue Meer. auf dem sich wie immer die Arbeit häufte. sie war gern am Strand. Er wußte. daß sie sich bereits in New York befand und nach Kalifornien kommen wollte. aber es gab schließlich noch Weihnachten und Silvester. und trat zur Glastür. Es erschien ihm wie ein Wunder. 17. konnte er nur noch daran denken. und es gab für sie nichts Schöneres.« Julius hielt das Diktiergerät an. Julius liebte Regen. und es fanden alle möglichen Veranstaltungen statt.

Ganz anders als die Beziehung mit Rachel. Sein Vater war Arzt gewesen. Er nutzte sein medizinisches Wissen und machte die 129 . aber bald festgestellt. Was hatte sie ihm noch sagen wollen? Wie auch immer. weil das der Familientradition entsprach. Julius hatte Medizin studiert. so hatte er sich vorgenommen. Nach dem Examen hatte er eine Praxis eröffnet. Julius«. Vielleicht wollte sie ihn überraschen. daß ihm die Berufung fehlte und er nicht die Gabe besaß. daß sie erst aus New York angerufen hatte und nicht schon aus Ägypten. würde seine Ehe besser laufen. Ihn hatte schon immer das Altertum interessiert. Durfte er sich Hoffnungen machen. Diesmal. Nach einem Jahr mußte er sich eingestehen.am liebsten… Und doch verstand er ihren plötzlichen Entschluß nicht. »Ich kann dich nicht heiraten. »Es gibt einfach zu viel…« Dann war die Verbindung abgerissen. seine Patienten zu heilen. Warum hatte sie ihre Grabungsarbeiten von einem Tag auf den anderen unterbrochen? Ihn wunderte auch. ebenso sein Großvater und sein Urgroßvater. Er sehnte sich nach dem stillen Leben eines Wissenschaftlers. hatte sie über das Knacken und Rauschen in der Leitung aus dem Sinai hinweg gesagt. daß sie füreinander geschaffen waren. sie habe wundervolle Neuigkeiten. Julius würde nicht aufgeben. Sie hatte am Telefon glücklich und aufgeregt geklungen und nur gesagt. ihn zu heiraten? Bei ihrem Telefongespräch vor einer Woche schien dieses Thema bereits entschieden zu sein. daß er nicht wirklich glücklich war. daß sie doch beschlossen hatte. Die Lösung lag auf der Hand. Er hatte sogar schon die Eheringe gekauft. und er hatte sich bereits an der Universität mit Ägyptologie und Paläontologie beschäftigt. Er wußte einfach.

mehrere tausend Jahre alte Skelette zu erforschen.Paläopathologie zu seinem Spezialgebiet. Er zweifelte sogar daran. Die Erforschung von Krankheiten des Altertums war eine neue Sparte. Nach der Scheidung von Rachel dachte Julius. Cathy wollte es ihm natürlich persönlich sagen. Julius habe mit seinem Entschluß. sie sei gekommen. Er blickte auf die Uhr. Julius traf sich mit seinen beiden heranwachsenden Kindern an den Wochenenden und in den Ferien. Hin und wieder nahm er sie sogar zu archäologischen Ausgrabungen mit. dachte er. bei der Eheschließung sei sie in dem Glauben gewesen. daß man über einen Knochenfund oder beim Anblick eines versteinerten Blatts in Begeisterung geraten konnte. Außerdem war sie sehr attraktiv. Manchmal glaubte Julius zu träumen – wie jetzt. Es hatte den Anschein. Der Sturm ließ nicht nach. Diese Frau verstand sehr gut. Wenn sich die hohen Wellen am Strand brachen. sein Eheversprechen gebrochen Rachel war inzwischen mit einem Schönheitschirurgen verheiratet. als wollte der Wind die kleinen Häuser entlang der Küste davonfegen. Hier gab es noch viel wissenschaftliches Neuland. Nur das kann der Grund für die überraschende Heimreise sein. daß er ganze Nächte im Institut verbrachte oder sich längere Zeit bei Ausgrabungen im Ausland aufhielt. um seinen Heiratsantrag doch anzunehmen. der viermal soviel verdiente wie Julius. Rachel reichte danach die Scheidung ein. spürte Julius. Dann lernte er Catherine kennen. und 130 . daß er jemals eine Frau finden werde. Sie erklärte. er werde nie wieder heiraten. die seine außergewöhnlichen Interessen teilen konnte und damit einverstanden wäre. die beruflich ähnliche Ziele wie er verfolgte. Alle waren glücklich. einen Arzt zu heiraten. als er sich vorstellte. wie sein Haus vibrierte.

Catherine zum Judentum zu bekehren. ich müßte um halb eins in Los Angeles eintreffen. daß der Flugverkehr am frühen Morgen wieder aufgenommen werden kann‹. daß sie durch ihn den Glauben an Gott wiederfinden würde. Sie mußte nur noch kommen. Du mußt aber nicht zum Flughafen kommen. wo die Uhr stand. machte ihn unruhig. Es ergibt keinen Sinn. Wenn es nicht das Judentum war. Auch er hatte Neuigkeiten für sie. dann konnte sie seinetwegen auch wieder Katholikin werden. Wo bleibt sie nur? ›Man hofft. Julius drehte dem Sturm den Rücken zu und ging ins Wohnzimmer. Langsam fügte sich alles bestens. ›Ich bin auf der Zehn-Uhr-Maschine gebucht. Der Zeitpunkt ihrer Rückkehr war gut gewählt. Er hatte vor nicht langer Zeit selbst 131 . daß wir beide in diesem Sturm auf der Straße sind. daß sie einmal eine gläubige Katholikin gewesen war. Julius wußte. um nach ihr Ausschau zu halten. Der Champagner lag bereits im Kühlschrank.dann konnten sie gemeinsam feiern. Ich nehme mir einen Leihwagen und fahre direkt zu dir. Sie hätte eigentlich längst dasein müssen. Ein Blick zum Kaminsims. War die Straße blockiert? Oder wartete sie noch immer in New York auf einen Flug? Nein. Es mußte ihm nur noch gelingen. Dann war sein Glück vollkommen. hatte sie ihm am Abend zuvor gesagt. Julius.‹ Inzwischen war es beinahe drei Uhr nachmittags. das bedeutet. dann hätte sie inzwischen bestimmt wieder angerufen… Er konnte seiner Aufregung kaum noch Herr werden und ging zur Haustür. Er hatte die Hoffnung. Im Radio hatte man vor Schlammlawinen auf der Küstenstraße gewarnt.

sah sie. Als sie sich dem Haus näherte und der laute Verkehr hinter ihr zurückblieb.einen geistigen Durchbruch erlebt und wollte seine spirituellen Erfahrungen mit ihr teilen. Julius nichts von den sich überstürzenden Ereignissen zu sagen. Wie die meisten Häuser in dieser Gegend von Malibu wirkte es unauffällig und schlicht. Es war ihr schwergefallen. Sie wollte nicht in ihre Eigentumswohnung in Santa Monica zurückkehren. der zur Auffahrt führte. daß es über eine Million Dollar wert war. der sich in ihre Gefühle hineinversetzen und ihre Zielsetzungen teilen konnte. sondern hierbleiben und in aller Ruhe die Schriftrollen übersetzen. Außerdem wollte sie seine Reaktion sehen. Die Geranien auf der Terrasse waren im strömenden Regen kaum zu sehen. wenn sie ihm die alten Papyri zeigte. Bei dem Gedanken an Julius. und ihr war nicht ganz wohl bei dem Gedanken. freute sie sich. Wenn sie erst verheiratet waren und mehr Zeit miteinander verbrachten. Aber die Sache mit den Schriftrollen mußte sie ihm persönlich sagen. Julius hatte sie bereits gesehen. Niemand ahnte. blickte sie auf das bescheidene kleine Strandhaus. als sie ihn aus New York angerufen hatte. daß er ihre Freude teilen würde. würde sich vieles in seinem und auch in ihrem Leben ändern… Catherine erreichte endlich das verwitterte Holzhaus am Strand. Jetzt würde die Stunde der Wahrheit kommen. Sie zweifelte nicht daran. 132 . der sicher schon auf sie wartete. Während sie auf eine Lücke im dichten Gegenverkehr wartete. Endlich war die Straße einen Augenblick lang frei. daß die Haustür offenstand. Julius war neben Danno schließlich der einzige Mensch. Sie bog schnell in den schmalen Weg ein.

die Julius beide sehr verwöhnte. Ich trage deine Sachen hinein. »Ach Julius. wieder bei dir zu sein!« rief sie. Catherine fühlte sich in seiner Nähe geborgen. Das Feuer im Kamin brennt. 133 . Julius Voss war der Leiter des angesehenen Freers Instituts in West Los Angeles und sah unbestreitbar sehr gut aus. als er ins Zimmer trat und die Tür schloß. »Gott sei Dank. Julius war zweiundvierzig Jahre alt. es ist so schön. die innere Kraft ausstrahlen. daß er wirklich vor ihr stand. stillen Menschen. Er war kein Sportler. Vor zehn Wochen hatten sie sich zum letzten Mal gesehen. »Wir werden uns noch erkälten!« rief Catherine schließlich und rang nach Luft. »Komm schnell ins Haus. denn auch sie spielte stets mit den beiden und streichelte sie. Er gehörte zu den ruhigen. und er trug einen kurz geschnittenen Bart. Es waren Radius und Ulna. aber Catherine fand ihn unwiderstehlich. eine Schildpattkatze und eine Mankatze.« Als Catherine das gemütliche Wohnzimmer betrat. du hast es geschafft!« Er hielt ihr die Wagentür auf und schloß sie in die Arme. Julius war ein angenehmer und unaufdringlicher Mann. erschienen zwei gutgenährte Katzen und strichen ihr schnurrend um die Beine. Dr. Sie erinnerten sich an Catherine. in dem sich das erste Grau zeigte. Für seinen langen leidenschaftlichen Kuß gab es keinen Sturm und keine Wolken. Seine pechschwarzen Haare reichten ihm bis in den Nacken. Dazu trugen auch der lässige Pullover mit den alten Lederflecken an den Ellbogen.»Catherine!« rief er und lief ihr durch den strömenden Regen entgegen. die bequemen Mokassins und die immer griffbereite Meerschaumpfeife bei. Sie musterte ihn lange und aufmerksam und konnte kaum glauben.

forschenden Augen aufgefallen. sagte er. Aber bis jetzt hatte er sich nicht gemeldet. Er hatte Ägypten gleichzeitig mit ihr verlassen. während sie Daniels Nummer wählte. murmelte er. Julius hatte Holz nachgelegt. Schon bei der ersten Begegnung waren Catherine seine dunklen.« In New York und auch nach der Ankunft in Los Angeles hatte Catherine mehrmals vergeblich versucht. küßte ihn zärtlich auf den Mund und sagte: »Ich muß jemanden anrufen. Ein Klavierkonzert von Mozart sorgte für Atmosphäre. Catherine ließ ihn nicht los.« 134 . Daniel werde vor ihr zu Hause sein. Da der Schneesturm ihre Ankunft verzögert hatte. Nein. und die beiden Katzen rieben schnurrend die Köpfe an ihren Beinen. Schließlich löste sie sich von ihm. Erschöpfung und Müdigkeit schienen für alle Zeiten aus ihrem Leben verschwunden zu sein. ohne sich etwas beweisen zu müssen. »Setz dich ans Feuer«. sie drückte sich an ihn und legte den Kopf an seine Schulter. Sie lauschte auf den Regen und das leise Knistern des Feuers. Daniel in Santa Barbara zu erreichen. Als er zurückkam. Sie stand in der Küche. »Nein. sie war überhaupt nicht müde. »Du bist bestimmt müde«. und auch deshalb liebte sie ihn. Daniel müßte längst zu Hause sein. breitete er die Arme aus. dachte sie.Er lebte im Einklang mit sich selbst. »Du mußt dich erst einmal aufwärmen.« Er nahm ihr die Jacke ab und brachte sie hinaus. Die Schriftrollen warteten und versprachen die Enthüllung uralter Geheimnisse und aufsehenerregender Erkenntnisse. Julius fragte: »Alles in Ordnung?« Sie runzelte die Stirn. War ihm vielleicht etwas zugestoßen? Catherine ging zurück ins Wohnzimmer. wenn auch mit einer anderen Maschine. und die knisternden Flammen schlugen hoch. umarmte sie zärtlich und strich ihr über die Haare. Er meldete sich nicht.

nun erzähl mir alles und laß mich nicht länger im unklaren. wieder bei Julius zu sein. »Das ist ein Cabernet Sauvignon. daß die Freude. ein Geschenk seines Großvaters. Spielzeug für die Katzen lag auf dem Boden. aber die vertraute Menorah und die Dreidel. ohne jedoch die Schriftrollen zu erwähnen. und nach den Wochen in der Wüste empfand sie die lange entbehrte Umgebung als wahren Luxus. Selbst das bunte Geschenkpapier hatte Julius noch nicht weggeräumt. die Julius seit seiner Kindheit besaß. schlagartig überschattet 135 . Julius schien in seinem Haus ganz bewußt ein Gegengewicht zu seinem Beruf zu schaffen. lagen alle noch auf einem Tisch. den Grund dafür zu finden. So. Es war vertraut und schön. Die Anzeichen eines geordneten Lebens. Sie wußte nur. sowie das Buch der Makkabäer in Hebräisch und Englisch. Ihr Blick fiel auf einen neuen Gebetsschal mit Fransen. der ihn Tag für Tag mit Krankheit und Tod konfrontierte. Julius hatte viele Pflanzen und ein Aquarium mit tropischen Fischen. Den habe ich für einen besonderen Anlaß aufgehoben. Hast du den Mirjam-Brunnen gefunden?« »Ja… vielleicht. Sie trank einen Schluck Wein und versuchte. überall hingen Familienphotos.Er reichte ihr ein Glas Wein und bot ihr den großen bequemen Sessel vor dem Kamin an. Aber es gelang ihr nicht. Dabei sah sie sich im Wohnzimmer um.« Sie erzählte ihm von den Ereignissen an dem schicksalhaften Morgen. Das Chanukkah-Fest war seit sechs Tagen vorüber. Plötzlich erfaßte sie eine unbestimmte Unruhe. dachte Catherine und lächelte.‹ Aber dann sah sie noch etwas. Über dem Kamin hing ein in Holz geschnitzter Spruch: ›Mortui Vivos Docent – Die Toten lehren die Lebenden.

Die Stelle ist großzügig dotiert und sicher. Geht es um das neue Projekt. Catherine drängte das Gefühl zurück und sagte: »Julius. du kannst deine Grabungen in Scharm el Scheich fortführen. Dann legte er den Schürhaken beiseite und setzte sich ihr gegenüber. »Das weiß ich. die es dir erlaubt hierzubleiben. und wir brauchen unbedingt jemanden. Die züngelnden Flammen spiegelten sich in seinen dunklen Augen. »Catherine«. flüsterte sie. »es ist mir gelungen.« Er lachte. Er sah sie gespannt an und fragte: »Was sagst du dazu?« Noch ehe sie antworten konnte. Wir können unser Leben gemeinsam nach unseren Wünschen gestalten. wie lange ich über eine Lösung nachgedacht habe.war. das man dir angeboten hat?« Er schob umständlich mit dem Schürhaken ein brennendes Stück Holz zurück. das zu weit nach vorne gerollt war. du hast gestern am Telefon angedeutet. was sagst du dazu?« »Das ist natürlich ein verführerisches Angebot…« »Du kannst dir nicht vorstellen. Darauf war ich nicht vorbereitet. der sehr gut ist.« Es war heraus. fügte er schnell hinzu: »Ich kenne deine Einwände. Aber keine Angst. dir im Institut eine Stelle zu verschaffen. damit wir endlich heiraten können. Nun. Aber mit dieser Stelle mußt du in Zukunft nicht immer bei Ausgrabungen sein. begann er mit belegter Stimme. Die Arbeiten müssen nicht im Institut erledigt werden. Du kannst dir Photokopien der Manuskripte mit in den Sinai nehmen und dort in aller Ruhe daran arbeiten. Du wirst hier in Kalifornien leben und kannst mit mir zusammen etwas aufbauen. Unser Paläograph hat gekündigt. »Das ist wirklich eine Überraschung.« »Julius«. daß du auch Neuigkeiten hast.« 136 .

Sie sahen so bedrohlich aus.« Sie stand auf und ging zur Glastür. Ich kann nicht einfach von heute auf morgen abreisen. daß schließlich ausgesprochen worden war. gemeinsam bei einer Ausgrabung zu arbeiten und wären nicht getrennt. das weißt du. ich habe nicht die Absicht hierzubleiben.Catherine stellte das Glas ab. Ich glaube. ich bin der Leiter des Instituts. Ich kann nicht beides zugleich machen. »Aber Julius. Jedesmal. Man wird das Skelett ausgraben.« »Und ich kann nicht bleiben«. datieren und identifizieren müssen. Damit hätten wir endlich eine Möglichkeit.« »Wir müssen uns nicht gleich wieder trennen«. was sie beide seit zwei Jahren bewegte. Es wurde still im Zimmer. »Die Stelle im Institut klingt wirklich interessant. ich weiß wirklich nicht. Sie blickten sich stumm an und wußten. 137 . Du kannst mit mir zurückfahren. als wollten sie ganz Malibu verschlingen. erwiderte sie leise. Ich habe auf dem Boden des Brunnens einen Schädel entdeckt. ich habe vielleicht wirklich den Brunnen der Prophetin gefunden.« »Und was ist mit dem Heiraten?« Sie drehte sich um. erwiderte sie und setzte sich in den Sessel. »Catherine.« Er schüttelte den Kopf. die nach der Sprengung herabgefallen sind. wenn wir uns trennen. der Rest des Skeletts ist unter den Steinen begraben. wie lange eine intensive Beziehung die Entfernung von über achttausend Meilen überleben kann. Aber ich bin noch nicht zu einer Ehe bereit. »Ich habe dir noch nicht alles erzählt. aber ich muß mich auf meine Arbeit in Scharm el Scheich konzentrieren. »Ich liebe dich. wird der Abschied schwerer. Vergiß nicht. Julius.« »Catherine. Dicke schwarze Wolken jagten über den Himmel.

Ich möchte.Catherines Sachen hingen zwar im Schlafzimmerschrank von Julius. du weißt genau. in dem du deine Theorien über die Prophetinnen im Alten Testament darlegst. und ihre Toilettentasche stand in seinem Bad. muß ich Antworten finden. daß ein Archäologe ein ganzes Leben lang etwas suchen kann und es vielleicht nie finden 138 . Ich möchte.« »Natürlich. »Du hast immer gesagt. aber sie wohnte nicht hier. daß wir endgültig zusammenfinden und eine Familie gründen. hast du auf Jahre hinaus etwas zu tun. und wenn sie kam. Vorträge zu halten oder Gelder für die nächste Ausgrabung genehmigt zu bekommen. »Du hast vierzehn Jahre lang nach der Prophetin Mirjam gesucht. Wir haben zahllose nicht übersetzte und undatierte Manuskripte und Dokumente. Warum fängst du nicht damit an?« »Ich habe meine Felduntersuchungen noch nicht abgeschlossen. Ich bin noch auf der Suche. daß du sie jemals finden wirst?« »Julius. du willst ein Buch schreiben. Wenn du dich an diese Arbeit machst. Julius starrte in die Flammen und sagte dann tonlos: »Ich weiß nicht. das kann ich nicht. Catherine.« Er sah sie an.« »Julius. ob ich so weitermachen kann. Sie hielt sich nie lange in den USA auf. Natürlich kam sie auch wegen Julius. dann ging es darum. ›etwas zu tun‹!« rief sie empört und erschreckte damit eine der Katzen. die auf ihrem Schoß lag. »Im Institut kannst du Antworten auf deine Fragen finden.« Er griff nach seiner Pfeife und drehte sie in den Händen.« »Es geht mir nicht darum. daß wir Wurzeln schlagen. Aber sie blieb nie lange und reiste bald wieder ab. Bevor ich heirate. Glaubst du wirklich.

die sie einst besessen haben. Ich suche nach einer Möglichkeit. aber ich habe dort manchmal den Eindruck. Es muß Teil unseres Bewußtseins werden. Priesterinnen und weise Frauen. Aber ich weiß aus den Schriften des Altertums. Vielleicht kann man 139 . Ich weiß jedenfalls nur das eine: Ich kann jetzt nicht aufhören. ihn durch ihre Begeisterung mitreißen zu können. Das sagt mir mein Gefühl.« Er schüttelte den Kopf. wie ich es dir erklären soll. »Wie kannst du dir deiner Sache nur so sicher sein? Glaubst du wirklich.« »Julius. Julius. den Beweis in der Wüste zu finden?« »O ja. »Ich weiß nicht. was ich tue? Oder denkst du. Wenn ich dort draußen in der Einsamkeit bin…« Sie hoffte. Julius!« Als er nichts erwiderte. ich jage Hirngespinsten nach? Meine Suche nach der Prophetin Mirjam ist kein Wahn. das werde ich. Männer haben die Heilige Schrift stets zu ihrem Zweck benutzt. Catherine. Aber mit seinen Untersuchungen schafft er die Grundlage für den Nachfolger. Sie waren Prophetinnen. daß die Vergangenheit nicht vorüber. Vielleicht wird jemand nach mir kommen und meine Arbeit zu Ende führen. fuhr sie ruhig fort: »Glaubst du an das. sondern noch immer gegenwärtig ist. Julius. Noch immer stützen sie ihre Autorität auf die Bibel und legitimieren damit ihre Herrschaft über die Frauen.« »Das weiß ich. den Frauen das natürliche Selbstbewußtsein und die Aufgaben zurückzugeben. und ich möchte es ins Gedächtnis der Menschen unserer Zeit zurückrufen. All das ist im Laufe der Geschichte verlorengegangen. daß Frauen in den Tagen der Patriarchen und Könige Macht besaßen.wird. und sah ihn mit leuchtenden Augen an.

wenn ich in einem Graben stand.« Catherine stand auf und ging ins Schlafzimmer. daß Moses wirklich gelebt hat. die mir garantiert keine Lösungen bringen?« »Also gut.« »Warum bist du dann überhaupt gekommen? Warum die plötzliche Rückkehr? Du hattest mir bereits gesagt. Aber du kannst mir glauben. was in meinen Kräften stand. Cathy. »Ich liebe dich. sagte er. daß du die Hinweise auf das Wirken der Frauen finden wirst. Julius? Ich werde sagen. den Beweis zu finden. aber ich spüre sie. daß ich alles getan habe. Julius. Möchtest du denn keine Familie?« »Doch. Ich bezweifle allerdings. und ich wußte. »Deine Theorie ist in Ordnung. den Sand durchsiebte und auf den entscheidenden Hinweis hoffte.« »Ich bewundere deine Entschlossenheit«.sie nicht sehen. eines Tages. 140 . daß wir uns frühestens im Februar wiedersehen würden.« Er legte die Pfeife auf den Tisch. Catherine.« »Du meinst also.« Sie lächelte traurig. »Auch deshalb liebe ich dich. du willst dein Leben lang in aller Welt deinen Fragen nachjagen. Nur aus den alten Schriften wissen wir. nach denen du suchst. Sie öffnete ihren Koffer und kam mit dem Buch über Paläobotanik zurück. Wieviel schwieriger ist es erst. daß ich kurz davor stehe. Wir haben nicht einmal greifbare Hinweise auf die Männer. schwanden alle Zweifel. eines Tages wirst du innehalten. Ich kann sie nicht aufgeben. jetzt noch nicht. Als sie seinen erstaunten Blick sah. etwas über Frauen zu finden. Gerade in letzter Zeit. aber ich liebe auch meine Arbeit.« »Aber du wirst kein Zuhause haben. zurückblicken und sagen…« »Was werde ich sagen. ich sollte aufgeben? Ich sollte wie du im Institut arbeiten und mich mit Manuskripten beschäftigen.

« Sie sah ihn erwartungsvoll an. Du weißt doch. und sie wurden von einer Handvoll 141 . das Buch aufzuschlagen. ich habe dein Buch nicht mißbraucht. die Gischt schäumte. Er hörte sprachlos zu. sagte Catherine. was mit den Schriftrollen vom Toten Meer geschehen ist und den Nag Hammadi-Evangelien. »Mein Gott! Woher hast du das?« Sie berichtete ihm schnell von dem Fund im unterirdischen Gang.sagte sie: »Keine Angst. »Zollbeamte? Ich verstehe dich nicht. sondern mir nur den Umschlag ausgeliehen. Die Flammen im Kamin verwandelten sich in rote Glut. es würde jeden. Julius sah sie staunend an. ohne die Behörden von dem Fund in Kenntnis zu setzen?« »Es blieb mir keine andere Wahl. Mit angehaltenem Atem entfaltete Julius die erste ›Seite‹ des ersten Buchs und betrachtete mit großen Augen das brüchige bräunlichgelbe Papyrus. Das Bild des Mannes im Moor ist so abschreckend. der Sturm peitschte mit unverminderter Kraft gegen die Glastür. und die bleigrauen Wellen brachen sich donnernd am Ufer. Man hielt sie unter Verschluß. denn die Beamten hätten sie sofort an sich genommen. »Aber im Flughafenhotel konnte ich mich vor Erschöpfung nicht mehr auf den Beinen halten. »Ich hatte gehofft. »Was meinst du?« Er starrte stumm auf die Schriftrollen. schon mehr übersetzt zu haben«. vor allem neugierige Zollbeamte davon abhalten. Dann fragte er fassungslos: »Hast du sie einfach mitgenommen? Du hast sie bei deinen Ausgrabungen entdeckt und aus dem Land geschmuggelt.« Catherine nahm die gefalteten Papyri zwischen den Buchdeckeln heraus und legte sie behutsam auf den Tisch. daß ich dachte. Die Strategie hat sich bewährt!« Er runzelte die Stirn. Jetzt bin ich Gott sei Dank hier und würde mich am liebsten auf der Stelle an die Arbeit machen.

daß Julius durch und durch Wissenschaftler war. sagte er nachdenklich.« »Eine Frau als Priester?« »Eine Frau in der frühchristlichen Kirche. Erst danach hat man die Schriftrollen vom Toten Meer Wissenschaftlern auf der ganzen Welt zugänglich gemacht. Amelia wird als Diakonos bezeichnet. daß sich das mit meinem Fund wiederholt. die Schriftrollen zu stehlen und sie aus Ägypten zu schmuggeln?« Catherine wußte.« »Das ist eine Behauptung. erwiderte sie. Ich konnte nicht zulassen. Aber war es klug.Wissenschaftler eifersüchtig bewacht. daß die Diakone beim Abendmahl den Gläubigen Brot und Wein reichten. Julius – Diakonos. werde ich sie nie wiedersehen. Er beachtete stets die Vorschriften. Julius! Die Tragweite dieses Fundes ist deshalb nicht abzuschätzen!« »Nun gut«. es war nicht klug«. »Ich verstehe deine Begeisterung. um die Schriftrollen vom Toten Meer der Wissenschaft 142 . »Nein. Heute ist das die Aufgabe der Priester. »Aber es war notwendig. »Hier. sieh dir dieses Wort an. die das Priesteramt bekleidete. eine Theorie zu veröffentlichen. was alles notwendig war.« »Wer durfte die Ecole Biblique in Jerusalem betreten? Erinnere dich daran. Julius! Wenn ich die Texte der Behörde übergebe. bevor alle Fakten geklärt waren. Trotzdem hatte sie auf eine andere Reaktion gehofft. Er hielt nichts von Risiken oder davon.« »Was ist so Besonderes daran?« Sie zeigte ihm ihre Übersetzung des Fragments. Wir wissen. vertraute nur auf die erprobten Wege und verwarf zweifelhafte Methoden prinzipiell. bis sich von allen Seiten Protest erhob.

Danach werde ich die Texte den zuständigen Stellen übergeben und meine Übersetzung veröffentlichen. wie die Texte in deinen Besitz gelangt sind.« Catherine schüttelte den Kopf. Man würde dich rückhaltlos unterstützen. du willst sie übersetzen und deine Ergebnisse veröffentlichen. In deiner Mutter hast du ein gutes Beispiel. Ich werde sie nur so lange behalten. daß man dich von allen Seiten angreifen wird. »Darauf kann ich es nicht ankommen lassen. Niemand weiß. diese Schriftrollen allen anderen vorzuenthalten.« »Gut. Wir beide wissen. vierzig Jahre darauf zu warten. die Schriftrollen zu sehen. Du könntest sofort die Öffentlichkeit über deinen Fund informieren und an alle Wissenschaftler appellieren. aber bis jetzt hast du weder deinen Fund noch deine Arbeitsmethoden veröffentlicht. Ich werde sie nicht vierzig Jahre lang verstecken.zugänglich zu machen? Ich habe keine Zeit. das wäre noch das Harmloseste!« Er stand auf und setzte sich 143 . bis ich sie übersetzt habe. wie eifersüchtig die verschiedenen Fraktionen ihre Theorien verteidigen und wie gefährlich ihre Angriffe sind. daß ich diese Bücher übersetzen darf. Wer wird auf dich hören. das wäre in diesem Fall anders.« »Du tust also genau dasselbe. Catherine? Ich kann dir jetzt schon sagen.« »Catherine. was die Wissenschaftler an der Ecole getan haben. Du machst dich überstürzt an eine Übersetzung. wie empfindlich die Bibel-Wissenschaftler sind. Auch sie wollten niemandem erlauben. Und sie hat sich streng im Rahmen des Neuen Testaments bewegt! Du hast etwas gefunden. Man wird dich auslachen oder als Verrückte abstempeln.« »Mit einem Unterschied. das auf fragwürdige Weise gefunden wurde. Du willst deine These mit Material erhärten. Du bist entschlossen.

Das weißt du. übergib die Schriften dem ägyptischen Konsulat in San Francisco. Man wird dir Charakterlosigkeit vorwerfen. Niemand wird etwas mit dir zu tun haben wollen. »Catherine. daß du als Archäologin Selbstmord begehst«. daß du Grund zu der Annahme hattest. um diese wertvollen Texte zu schützen. Noch kannst du dich retten. daß ich nicht alles 144 . warum du das alles auf dich nimmst. Du verlierst deine Glaubwürdigkeit. Noch ist Zeit dazu. du hast sie aus Ägypten herausgebracht. ich habe Angst. »Ich werde immer an deiner Seite stehen. »Das bedeutet. Wie soll ich weiterleben. und ich glaube auch zu wissen. Trotzdem muß ich dir die Augen öffnen. Dann holte er tief Luft und sagte ruhig und mit fester Stimme: »Deshalb bitte ich dich.« »Und du?« fragte sie leise. aber ich muß es tun. Du kannst sagen. und kein wissenschaftlicher Verlag wird deine Arbeiten veröffentlichen.« Er griff nach ihren Händen. Catherine. Man wird dich als Wissenschaftlerin nicht mehr achten. sagte er ernst. Du kannst erklären. »Ich verstehe gut. Aber auf diese Weise kannst du den Ruf deiner Mutter nicht wiederherstellen. was dieser Fund für dich bedeutet.« »Ich habe auch Angst. »Du stellst deine Integrität in Frage. man werde sie stehlen oder vernichten. Du bekommst keine Grabungsgenehmigung mehr. Catherine. wenn ich jetzt nicht Fakten schaffe. Du wirst alles verlieren.neben sie auf die Sessellehne.« Sie schüttelte den Kopf. und du wirst keine Freunde mehr haben. wofür du so schwer gearbeitet hast. Man wird dich im wahrsten Sinne des Wortes kreuzigen. hör auf mich. Wie willst du nach einem Skandal deiner Mutter helfen?« Er schüttelte den Kopf und seufzte. Und ich muß gestehen. solange ich noch die Möglichkeit dazu habe? Wie kann ich in dem Bewußtsein weiterleben. Julius.

« »Deren Loyalität in erster Linie der Kirche gehört.« Er stand auf und trat an die Glastür. an die Folgen deines Vorhabens zu denken. indem du deinen eigenen guten Namen aufs Spiel setzt?« »Wenn nötig. Dafür war nur ein einziger Mann verantwortlich.« »Ist das nicht eine Art persönlicher Rachefeldzug? Willst du die Kirche angreifen wegen Dingen.getan habe. daß alle Priester gleich sind?« Unwillkürlich mußte Catherine an Garibaldi denken. die man gegen meine Mutter erhoben hat?« »Das willst du tun. In dir ist eine Bitterkeit. bevor er sich umdrehte. um einer Beduinenfrau zu helfen. sagte Julius eindringlich. »kann sie uns beide vernichten. Jeder Priester ist ein Instrument der Kirche. die weit in der Vergangenheit liegen? Catherine. Wäre Vater McKinney ebenso mutig gewesen? »Catherine«.« 145 . sagte er leise. Obwohl er äußerlich so ruhig wie immer wirkte. »Catherine. ja. »Vielleicht ist das deine Meinung.« »Priester sind auch nur Menschen. Dort blieb er eine Weile schweigend mit dem Rücken zu ihr stehen. Sie kann sich nicht mehr verteidigen. lag in seiner Stimme eine gewisse Schärfe.« »Du willst also sagen. ich bitte dich. Ich sehe es anders.« Sie zog ihre Hände zurück. die dich zerstört. aber meine Mutter ist tot. »du läßt dein Leben von der Vergangenheit bestimmen. um die Anschuldigungen zu entkräften. die Catherine an ihm nicht kannte. die Sache mit deiner Mutter geht nicht auf das Konto der Kirche. Mir bleibt später noch die Möglichkeit einer Rechtfertigung. der sich durch die Menge gekämpft hatte. Wenn du sie nicht überwindest«. Vater McKinney war katholischer Priester.

sonst wird man dich mundtot machen.« »Julius. muß ich dir sagen. »Ich muß noch einmal ins Institut. eine Altersbestimmung vorzunehmen. mich zu lieben. daß du im Begriff bist. ich verstehe sehr gut. Glaub mir. dann mußt du das im Rahmen einer wissenschaftlich anerkannten Vorgehensweise tun. Wenn ich deinem wahnwitzigen Plan zustimme. drehte sich dann aber langsam um und sagte seufzend: »Catherine.»Ich suche nur nach Antworten…« »Wirklich? Willst du etwas finden oder willst du etwas zerstören?« »Julius. etwas Falsches zu tun.« Er sah sie kopfschüttelnd an und warf dann einen Blick auf die Uhr. Catherine. dann fallen sie in den Bereich der Archäologie.« »Natürlich liebe ich dich!« Es klang wie ein Aufschrei. und die Polizei muß sich nicht darum kümmern. dann unterstütze ich dich nicht. was erwartest du von mir?« 146 . »Gerade weil ich dich liebe.« »Dieses Risiko muß ich eingehen. Aber wenn du deine Mutter rechtfertigen möchtest. »Wenn die Knochen älter als hundert Jahre sind. Ich würde nur dazu beitragen. Du behauptest. ich dachte. Die Kommune hat uns gebeten.« Er ging zur Tür. müssen polizeiliche Nachforschungen angestellt werden. wir müssen miteinander reden. es stammt von einer alten indianischen Begräbnisstätte. dich zu ruinieren. Aber wenn sie jüngeren Datums sind. In der Gegend hinter Bel Air hat man Reste eines Skeletts gefunden. du würdest mich unterstützen. weshalb du es tun willst. Wir vermuten.« »Julius…« Er suchte nach seinen Wagenschlüsseln.

die Welt.« Er wich ihrem Blick aus und öffnete die Tür. dir diese Dummheit auszureden?« »Davon spreche ich nicht. In der Ferne donnerte es. daß du recht hast. den eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Das Wiedersehen mit Julius hätte nicht so verlaufen dürfen. »Ich hätte die Tests schon heute morgen durchführen sollen. In seiner Ernüchterung wollte er nur so schnell wie möglich weg. Ich werde im Moonshadow einen Tisch für uns reservieren. Wer sonst würde versuchen. Alles schien auf den Kopf gestellt.« Er schüttelte den Kopf. um dich zu begrüßen. »Catherine. nahm er alle Wärme und Geborgenheit mit sich. das Haus.« Sie sah ihm nach. nur weil es dein Herz wollte?« »Natürlich. Er konnte ihr nicht zustimmen. Ich weiß. stritten sie miteinander.« »Niemand weiß etwas von dem Fund. Bestimmt bin ich noch vor acht zurück. das Universum gerate plötzlich aus dem Gleichgewicht. Ich war wirklich sehr vorsichtig. aber ich wollte hier sein. du bringst dich und uns in eine sehr gefährliche Lage. Anstatt ihr Wiedersehen zu feiern. Catherine stand wie gelähmt im Zimmer und glaubte. »Gibt es für dich immer nur Regeln und Vorschriften? Hast du nie etwas getan. daß mein Vorgehen falsch ist. Sie holte tief Luft und sah. Ich glaube. Es ist illegal und unmoralisch. 147 . Die Konfrontation schmerzte. Als er aus der Garage in den strömenden Regen fuhr. nichts war mehr wie zuvor. Alle seine Hoffnungen hatten sich zerschlagen. aber mein Herz befiehlt mir. Julius. Mein Verstand sagt mir. ich habe kein gutes Gefühl dabei.Sie stand auf und ging zu ihm. daß es bereits vier Uhr nachmittags war. Nichts anders tue ich jetzt. Du hörst mir nicht zu.

« »Das ist unmöglich! Wir haben die Schriftrollen unbemerkt aus dem Land geschafft. »Ich komme zu dir. Und ich glaube zu wissen. nur das nicht…«. Sie packte die Schriftrollen und die notwendigsten Dinge in die Tasche. sagte sie. Stell dir vor. Danno!« »Du irrst dich. Catherine wollte schon aus dem Haus eilen. dann überwachen sie mein Haus. den er ebenfalls nie benutzte. du hast recht… ich habe uns alle in Gefahr gebracht. wer hinter uns her ist. ich bin sicher. »Ich glaube. Julius. Ich komme mit den Photos zu dir…« »Nein. wir sind in großen Schwierigkeiten. Ich kann auf keinen Fall nach Hause. Kannst du so schnell wie möglich herkommen?« »Was ist denn los?« »Jemand verfolgt uns. Diesmal meldete er sich. ging aber noch einmal in die Küche zurück und hinterließ eine Nachricht für Julius. sagte sie und dachte fieberhaft nach. ich habe jemanden vor dem Zelt gehört…« »O Gott. »Catherine! Gott sei Dank. die Julius vor einem Jahr zusammen mit einem Jogginganzug gekauft hatte.« Nach einigem Suchen fand sie eine große blaue Sporttasche. wir sind nicht die einzigen.« »Wie bitte?« »Cathy. bleib in deiner Wohnung«. die etwas von dem Fund wissen. Ich komme. denn wenn uns jemand verfolgt. flüsterte sie und schloß die Augen. daß du anrufst! Ich bin vor ein paar Minuten hier angekommen.Wie benommen ging sie in die Küche und wählte noch einmal Daniels Nummer. »Danno. Geh nicht ans Telefon und laß keinen Menschen in die Wohnung. so schnell ich kann. Sie 148 . warte«.

sah sie. stand. und wieder überkam sie das seltsame. sie sei ein paar Tage unterwegs und werde sich bald bei ihm melden. was der Grund dafür war. 149 . Als sie mit dem Rücken zum Regen die Haustür hinter sich zuzog. Auch das war neu. daß Julius eine Mezuzah am verwitterten Holz des Türrahmens befestigt hatte – eine kleine Rolle mit einem Pergament. Sie schloß mit den Worten: »Ich liebe dich…« und legte das Blatt Papier gut sichtbar auf den Küchentisch. Plötzlich wußte sie. Ich beneide ihn. Catherine fuhr auf der nassen Straße in Richtung Norden. das sie beim Anblick der religiösen Dinge im Haus von Julius gehabt hatte. wie der Gebetsschal im Wohnzimmer. auf dem ein Text aus dem Deuteronomium. unerklärliche Gefühl.schrieb. dem fünften Buch Mose.

« »Bestimmt nicht. wäre es mir aufgefallen. »Wer ist hinter uns her?« fragte sie. daß wir verfolgt werden?« »Einen Moment. Die Fahrt von Malibu nach Santa Barbara. die normalerweise eineinhalb Stunden dauerte. daß dir niemand gefolgt ist.« Er ging zum Fenster.Santa Barbara. als sie die Treppe hinauf in den dritten Stock zu Daniels Wohnung lief. hatte an diesem stürmischen Tag beinahe vier Stunden in Anspruch genommen. »Ich muß sicher sein. Sie hoffte inständig. Kalifornien Catherine nahm zwei Stufen auf einmal. ›Jemand ist hinter uns her. Im Hotel Isis hatte sie noch vor zwei Tagen in jedem der Gäste einen Spion gesehen. daß ihr niemand gefolgt war. dann wurde die Wohnungstür geöffnet.‹ Wer kann das sein? dachte Catherine und klingelte. daß ihm in der Zwischenzeit nichts zugestoßen war. schob den Vorhang etwas zur Seite und blickte auf die Straße. ›Wir sind in großen Schwierigkeiten‹ hatte Daniel gesagt. »Woher weißt du überhaupt. War ihr Verdacht doch nicht unbegründet gewesen? Am Guckloch erschien ein Auge. Die ägyptischen Behörden? Hungerford? Sie hatte auf der zermürbenden Fahrt nichts anderes getan.« Bevor Daniel die Tür hinter ihr schloß. warf er noch einen Blick ins Treppenhaus und vergewisserte sich. »Cathy! Gott sei Dank! Komm schnell herein. als über alle möglichen Verdächtigen nachzudenken. zog den Regenmantel aus und nahm die Plastikhaube vom Kopf. Dort kann 150 . Wenn jemand das Haus von Julius überwacht hätte.

»Versteh ich nicht… Was ist das für eine Stelle aus Lukas?« 151 . der an Kreuzungen mit mir abgebogen wäre. Kein Wagen ist hinter mir vom Highway abgefahren.‹ Daniel fuhr sich mit den Fingern durch die langen blonden Haare. »Ich kann mir nicht vorstellen. Danno. du hast etwas gefunden!« »Ich glaube.« Catherine las den Ausdruck: ›?245 (4. Hinw. Auf der Rückseite einer LiviusSchrift. Hinw. Daniel litt erstaunlicherweise nie unter der Zeitverschiebung. auf dem sein Laptop stand. Zwei Seiten eines Buches. Außerdem habe ich mich ständig davon überzeugt. griechisch. Viel ist es nicht. Ich wollte nachsehen. murmelte sie. daß eine Frau den Text geschrieben hat.:‹Mein Mann und mein Kind› lassen darauf schließen. bist du sicher. die deinen ähnlich sind.T.« »Sag nur. antwortete er.« Er ging zu einem kleinen Tisch. »Es gibt keinen Zweifel«. Er wirkte ausgeschlafen und völlig munter. daß jemand die Schriftrollen haben will?« Er ließ den Vorhang fallen. »Sobald ich hier war.niemand parken. »Ich habe die Information auf meine Festplatte geladen und sie für dich ausgedruckt. drehte sich um und sah sie an. ob es vielleicht andere Schriftrollen gibt. daß sie nur aus Neugier hinter dir her sind. woher ich das weiß. ja. Nichts deutete auf den langen Flug hin. Oben auf der Liste steht das British Museum. Hier…«. 16:5-13. Ich werde dir zeigen. habe ich mich in das Internet eingeloggt. Wie immer trug Daniel zerknitterte. und im Rückspiegel war niemand zu sehen. weite und bequeme Sachen. Bericht einer Reise nach Britannien.). »Besteht da ein Zusammenhang?« »Eine Reise nach Britannien…«. daß mir niemand gefolgt ist. ohne gesehen zu werden.: Lukas. N. Jh. sagte er und reichte ihr ein Blatt Papier. in der ersten Person. Viertes Jahrhundert.

daß Zeugen 152 .»Ich habe nachgeschlagen. den Spuren muß ich unbedingt nachgehen. »Ich glaube.« Catherine las die Meldung über eine Ausgrabung in der Nähe von Scharm el Scheich. sagte Daniel und reichte ihr einen anderen Ausdruck. Er hat offenbar versucht. Vielleicht finden wir auf diese Weise Teile der siebten Schriftrolle!« »Das habe ich schon versucht. »Hungerford…«. um zu dem Schluß zu kommen. Kapitel sechzehn. In dem Bericht heißt es auch. so meldete man. Ausschnitte aus den Büchern des Neuen Testaments sind über die ganze Welt verstreut. Daniel räusperte sich.« Catherine betrachtete den Ausdruck in ihrer Hand. den Fund auf dem Schwarzen Markt anzubieten. die den ägyptischen Behörden Rätsel aufgab. jetzt hinter dir her sind. und in einem nahe gelegenen Hotel sei ein amerikanischer Ingenieur ermordet worden. Die verantwortliche Archäologin. während ich auf dich gewartet habe. »Es wäre möglich«. Es könnte durchaus Kopien von Sabinas Brief und ihrer Geschichte geben. sagte sie nachdenklich. flüsterte Catherine. sei verschwunden. das Gleichnis vom reichen Mann. Man braucht nicht viel Phantasie. Es war nichts zu finden. »daß Sabinas Text wie die Evangelien und die Briefe der Apostel immer wieder kopiert wurden. Vermutlich handelt es sich dabei jedoch nur um Fragmente. einfach nur so. die Hungerford umgebracht haben. und das gefunden. die mich verfolgen…« »Hier«. Cathy. daß die Leute. Danno. »Das sagt mir. Und unter dem Stichwort ›Papyrus‹ gibt es im Web über tausend Eintragungen!« »Aber was ist mit den Leuten. daß wir in großen Schwierigkeiten sind. Ich habe im Web nach Nachrichten aus dem Sinai gesucht. er wußte etwas von den Schriftrollen.

wer es ist. Zuerst Julius und jetzt… »Danno. Catherine schüttelte den Kopf. Es war ein Amerikaner.« Catherine sah. und in der schwarzen Nässe leuchteten nur die elektrischen Kerzen einer Lichterkette an einem Hauseingang. »Zeit zu verschwinden. Draußen im Gang hörte man laute Schritte. antwortete Daniel und schloß den Laptop.« Catherine rieb sich die Stirn.berichten.« Daniel holte eine riesige Leinentasche mit dem Aufdruck USS Enterprise und packte Mappen und Ordner hinein. Die Straße unten war menschenleer. ist mir in der Menge ein Gesicht aufgefallen. Es regnete noch immer. du hast am Telefon gesagt. Es kam mir irgendwie bekannt vor. »Du hast recht«. wir sollten nicht hierbleiben. »Ich glaube. sagte sie tonlos und verließ den Platz am Fenster. fiel es mir wieder ein…« Ein Schrei hallte durch die Luft. Wo hatte ich diesen Amerikaner schon einmal gesehen? Als ich hier am PC saß und meinen Tagebucheintrag machte. Sie hatte ein flaues Gefühl im Magen – Hungerford war ermordet worden. daß du weißt. Catherine fuhr erschrocken zusammen.« Catherine ging zum Fenster und blickte durch einen Spalt im Vorhang hinaus. Das durfte nicht wahr sein. Die Sache ist also eindeutig bekannt. das möglicherweise zu einem frühchristlichen Evangelium gehört. Er setzte sie wieder auf und sagte: »Während mich Samir als ›Beduinenfrau‹ zu dem Landrover geschleppt hat. Das Gesicht ging mir nicht mehr aus dem Kopf. »Was war das?« »Meine Nachbarn! Sie streiten sich ständig«. wie er nervös die Brille abnahm und die Gläser an seinem T-Shirt blank rieb. »Ein Freund von mir hat in Washington ein Ferienhaus am 153 . Ich habe ein ungutes Gefühl. der Ingenieur habe ein Jesus-Fragment gefunden.

« »Ich werde mich allein auf den Weg machen. »Sie sind hinter mir her. »Was packst du da alles ein?« »Ich werde meine Unterlagen über das Maya-Grab nicht zurücklassen«. eine Weile dort zu wohnen. »Im Haus meines Freundes werde ich den Kontakt zum Institut in Houston wiederaufnehmen. Cathy«. sagte Catherine und griff nach der blauen Tasche.Meer. der Mord an Hungerford ist kein Zufall. widersprach er energisch. Ich möchte dich nicht in diese Sache hineinziehen. »Kommt überhaupt nicht in Frage«. Du darfst mich nicht begleiten. und ich kann meine Arbeit an den Wandbildern fortsetzen.« »›Daniel‹…?« Er lachte. Jeder in meiner Begleitung ist in Gefahr. erwiderte er ruhig. Das heißt. »Ich bin tiefer hineinverwickelt. Ich werde dein Leben nicht aufs Spiel setzen.« »Daniel«. Danno«. als du mich in der Grundschule beim Nasenbohren ertappt hattest. Catherine stemmte die Hände in die Hüften. Er hat mir schon oft angeboten. jetzt suchen sie mich. werden sie dich in Ruhe lassen. Die Mörder sind hinter den Schriftrollen her. sagte Catherine. Du wirst die Schriftrollen übersetzen. »es ist mein Ernst. erwiderte er und legte zum Abschluß ein paar Tüten Knabbergebäck und eine Dose Limonade obendrauf. »Das kann nicht wahr sein. Danno!« Er schüttelte lachend den Kopf und schob Bücher und Wechselplatten in die Tasche.« Sie legte ihm die Hand auf den Arm.« »Danno. als du es für möglich 154 . »Wir bleiben zusammen. Du hast mich zum letzten Mal ›Daniel‹ genannt. Wenn ich nicht mehr da bin.« »Das ist bereits geschehen.

Cathy. ich brauche nur etwas Zeit… genug Zeit. der sie haben möchte. fügte er lachend hinzu: »Das Internet.« Er schüttelte den Kopf. »Dummkopf!« murmelte sie und gab ihm einen Kuß auf die Wange. Vielleicht wirst du dann erfahren. Vergiß nicht.hältst. Deshalb werde ich allein eine Weile untertauchen. »Also gut. sagte er und griff nach einem dicken Umschlag. Danach werde ich die Schriftrollen jedem geben.« »Nein. Cathy! Man kann überall auf der Welt suchen.« »Warte«.« Da sie schwieg. in diesem Fall das Haus meines Freundes.« »Während ich auf dich aufpasse. gehen wir. fügte er schnell hinzu: »Ich frage dich: Wann haben wir einmal nicht zusammengehalten und uns gegenseitig geholfen. Du mußt feststellen. Cathy? Du darfst mich jetzt nicht ausklammern. »Tut mir leid. wer dieser König war.« »Danno. um die Texte zu übersetzen. ohne sein Versteck zu verlassen.« »Ich lege sie in meine Tasche. Dann ist die Gefahr vorüber.« »Sollte ich sie nicht vielleicht bei mir behalten.« »Danno…« »Es bleibt dabei. falls den Schriftrollen etwas zustößt?« »Was soll den Schriftrollen schon zustoßen? Ich habe sie 155 . keiner darf dich finden! Also flüchten wir in ein sicheres Versteck und überlassen das Reisen den elektronischen Fingern. wo sich die siebte Schriftrolle befindet. Außerdem brauchst du mich.« Als sie ihn fragend ansah.« Sie lächelte. und ich werde dich nicht allein lassen. ich bin dein Freund. »Die Photos.

etwas habe ich vergessen.« Daniel öffnete die Schreibtischschublade und nahm etwas heraus. Ich weiß.« »Oh. wo ich bin. »Leider in unserer Zeit eine Notwendigkeit. »Wenn niemand weiß. was du von Waffen hältst. daß du sie siehst. die Catherine an der Hand packte. »Aber er weiß nicht. das ist mein Ernst.« »Cathy…« »Danno. »Ich werde sie nicht mehr aus den Augen lassen. »Was hast du da?« Er blickte auf die Pistole. aus der Klasse zerrte und dabei schimpfte: ›Du bist ein freches und schamloses Mädchen! Du wirst für deine Frechheit büßen!‹ Catherine legte sich den Regenmantel über die Schultern und sagte: »Ich muß mich bei Schüller melden und ihm sagen. daß Catherine alle Arten von Gewalt verabscheute. dürfte alles klar sein. erwiderte Catherine und hängte sich die blaue Tasche über die Schulter. Ich habe ihm eine Papyrusprobe für eine genaue Datierung geschickt. daß du eine Pistole hast!« »Ich wollte nicht. antwortete sie und ließ den Kopf hängen. dann können wir 156 . die er aus dem Schreibtisch genommen hatte. Den Grund dafür kannte er auch.« »Du wirst die Pistole auf keinen Fall mitnehmen. Er würde Schwester Immaculata nie vergessen. Keine Waffen!« Seufzend legte er die Pistole wieder in die Schreibtischschublade.« »Ich wußte nicht.« »Hast du Julius etwas davon gesagt?« »Ja«. ich hole noch meinen Poncho. wo wir sind.« »Gut. Er wußte. daß ich hier bin.« Sie runzelte die Stirn. Es gibt doch jemanden – Hans Schüller am Radiologischen Institut in Zürich.hier bei mir«.

Im Gang stieß Catherine mit einer Hausbewohnerin zusammen. Dann rannte sie los. die eine Einkaufstüte trug. Zwei Männer hielten ihn fest. An der Wohnungstür stolperte sie über den Laptop.« Als sie den Kleiderschrank öffnete und nach dem Poncho suchte hörte sie. den Daniel dort abgestellt hatte. in den blauen Augen unter den blonden Wimpern war das Licht erloschen. Wie in Zeitlupe sank Daniel leblos zu Boden. die Photos in die Einkaufstasche zu seinem MayaMaterial zu legen. die beiden Männer blickten auf Catherine. Der Umschlag fiel Daniel aus der Hand. sagte sie und ging bereits in sein Schlafzimmer. ein blitzendes Messer und plötzlich hellrotes Blut. der eine machte einen Schritt auf sie zu. Seine Schuhspitze wurde rot vom Blut. daß uns niemand erwartet. wie Daniel rief. Sie griff blindlings danach und stürmte ins Treppenhaus. Sie starrte auf Daniels Gesicht – sein erstaunter Ausdruck wirkte wie erstarrt. das Daniels Kopf umgab. Daniels Entsetzen. »Du überprüfst das Treppenhaus und vergewisserst dich. Die beiden Männer waren ihr dicht auf den Fersen. es sei doch besser. Die beiden Männer wichen zurück. Catherine nahm den Poncho vom Bügel. 157 . Er stand auf der anderen Seite des Wohnzimmers mit dem Rücken zu den Lautsprechern der Stereoanlage. die Brille war verbogen.los. Schwarzweiß-Photos verteilten sich auf dem Teppich.« »Ich hole den Poncho«. Catherine sah alles gleichzeitig: Den Mann mit dem weißblonden Haar und der roten Narbe im Gesicht. verlagerte die schwere Nylontasche von der rechten Schulter auf die linke und rief in Richtung Flur: »Was hast du gesagt…?« Aber Daniel war nicht an der Wohnungstür.

Als sie die Haustür erreichte und keuchend in die Nacht stürmte. Die Reifen waren aufgeschlitzt. Sie lief den regennassen Gehweg entlang und warf ängstlich einen Blick über die Schulter zurück. Als die beiden Männer mit schußbereiten Waffen an der Straßenecke auftauchten. »O nein!« keuchte sie. Kugeln schlugen in den Wagen. während Dosen. Sie bogen um die nächste Straßenecke und erreichten Catherines Leihwagen. Eine tiefe Stimme befahl ihr. Garibaldi dicht hinter ihr. Sie rannten geduckt über den nassen Rasen und in einen engen Durchgang zwischen 158 . Und dann… Ein ohrenbetäubender Knall. Orangen. Es war Garibaldi. griff Garibaldi nach Catherine und zog sie geistesgegenwärtig vom Gehweg. daß Farbe und Putz von der Wand regneten. Catherine voraus. Sie blickte nach oben und sah. ein tiefgekühlter Truthahn und ein Weihnachtsstern auf den Boden fielen. »Was ist denn…« »Laufen Sie!« Sie rannten durch den Regen. und der Laptop fiel auf den Asphalt. »Laufen Sie!« schrie Catherine und hob den Laptop auf. Hinter sich hörte sie Schritte. »Geben Sie mir Ihre Hand!« rief der Mann und zog sie wieder hoch. Ihre Verfolger hatten den Hauseingang erreicht… In diesem Augenblick stieß Catherine mit jemandem zusammen. fiel ein zweiter Schuß. Sie stürzte. wollte er fragen. während sie blitzschnell weiter die Treppe hinunterrannte. Catherine schob sich die Haare aus dem Gesicht und sah ihn fassungslos an. Ihre Füße berührten kaum noch die Stufen. Catherine rannte weiter. »Haben Sie sich ver…«. Wieder hallte ein Schuß durch die Nacht.»He!« rief die Frau empört. stehenzubleiben.

»Auch das noch…«. der dort geparkt war und rief: »Steigen Sie ein!« Catherine fiel auf den Sitz. Sie rang nach Luft und glaubte. Catherine riß die Augen auf und sah mit Entsetzen. Garibaldi rief etwas. Ampeln. Garibaldi ließ den Motor an. daß sie sich in einer Sackgasse befanden. Als er mit quietschenden Reifen anfuhr. heulte in der Nähe ein anderer Motor auf. Catherine kauerte sich noch immer keuchend in den Sitz. packte sie am Arm und zog sie weiter. Garibaldi bog um die nächste Ecke und gab Vollgas. »Sie holen auf!« stieß sie atemlos hervor. Der Mustang schien vom Boden abzuheben. hörte sie Garibaldi stöhnen. »dann sollten Sie es jetzt tun. Garibaldi riß die Beifahrertür eines blauen Mustangs auf. Catherine glitt auf dem glitschigen Beton aus und fiel gegen eine Hauswand. Alles um sie herum schien zu verschwimmen – Häuser. das Herz werde ihr zerspringen. Es dauerte nicht lange. Lichter. rief Garibaldi.« 159 . Catherine klammerte sich am Armaturenbrett fest und schloß die Augen.zwei Mietshäusern. Sie hörten weitere Schüsse. Hinter ihnen leuchteten die Scheinwerfer ihrer Verfolger. »Wenn Sie noch beten können. bis hinter ihnen Scheinwerfer auftauchten. Der blaue Mustang raste durch die verlassene Straße. Frau Doktor«. Sie erreichten die Straße an der Rückseite der Häuser.

Woher mochte das kommen? Er richtete den Blick auf den Petersplatz. Vielleicht sollte er seine Augen untersuchen lassen. Es war Regen vorhergesagt. dachte der Kardinal verwirrt. Rom Kardinal Lefevre wurde das Gefühl nicht los. War seine seltsame Farbe ein Zeichen kommenden Unheils? Er schüttelte den Kopf. Sie hatten Angst. Man befürchtete das Schlimmste und hatte die Städtische Polizei um Hilfe gebeten.Der Vatikan. Die Italiener der Vergangenheit und der Gegenwart mußten sich mit ihrem Anteil an Stürmen und Überschwemmungen abfinden. wie an jedem anderen Tag auch. wo eine Menschenmenge. und er durfte seine Zeit nicht damit 160 . wo der heilige Petrus den Märtyrertod erlitten hatte? Lefevres Augen richteten sich wieder auf den Himmel. Natürlich gab es auch in Rom graue Himmel. Unsinn! Der Himmel war der Himmel. Gab es einen besseren Ort. Aber das. Seine Eminenz machte den Menschen dort unten keinen Vorwurf. Mit siebzig mußte man sich damit abfinden. als den. Wenn er es sich recht überlegte. die alle Rekorde brach. Alle behaupteten. Er gab sich einen Ruck. daß der Himmel an diesem Vormittag eine sehr ungewöhnliche Farbe hatte. die bereits überforderten Sicherheitskräfte des Vatikans vor nahezu unlösbare Probleme stellte. Es war Winter. daß die Sinne nicht mehr so zuverlässig waren wie früher. hatte er diese Farbe noch nie gesehen. das Ende der Welt stehe bevor. scheinen wahrhaftig keine gewöhnlichen Wolken zu sein. Die Arbeit wartete. um die Heerscharen der Hölle zu erwarten.

Während Ihrer Audienz bei Seiner Heiligkeit traf diese Nachricht für Sie ein. wo sich die Akten stapelten. »Ich bitte die Störung zu entschuldigen. um die Menschenmassen unter Kontrolle zu halten. »Ja. Eminenz?« »Machen Sie Dr. Die große 161 . daß ich ihn in einer äußerst dringenden Angelegenheit sofort sprechen muß. Den Berichten nach war diese Zahl inzwischen weit überschritten. schob es in die Tasche seiner roten Soutane und sagte: »Bitte nehmen Sie unverzüglich Kontakt zu Dr. Eure Eminenz. »Unglaublich!« »Eminenz?« Der Kardinal faltete das Blatt schnell zusammen. die an den Feierlichkeiten zum zweitausendsten Geburtstag Christi teilnehmen würden. Eure Eminenz. und man würde über kurz oder lang militärische Unterstützung brauchen. Fuchs darauf aufmerksam. Beim Lesen der Mitteilung hoben sich seine buschigen weißen Augenbrauen. trat Kardinal Lefevre wieder ans Fenster.« Die Augen des Priesters wurden eine Spur größer. Sagen Sie ihm. Fuchs auf. daß er über die Farbe des Himmels nachdachte… Als er sich an seinen Schreibtisch setzte. Diesmal blickte er auf die Stadt.« Lefevre brach das Siegel und zog ein Blatt Papier aus dem Umschlag. erschien ein junger Priester in langer schwarzer Soutane in dem Büro. In der ganzen Stadt gab es kein einziges freies Zimmer mehr.« Als der junge Mann gegangen war. daß die Angelegenheit streng geheim ist.vergeuden. Im vergangenen Jahr hatte sich Rom auf zusätzliche zehn Millionen Besucher vorbereitet. Er leitet das Archäologische Institut der Universität von Rom. Und…?« »Ja.

sondern auf der ganzen Welt alle Gläubigen bewegte. die er gerade erhalten hatte.Frage. war: Würde mit Beginn des Jahres 2000 eine apokalyptische Katastrophe über die Menschheit hereinbrechen? Beim Gedanken an die beunruhigende Nachricht. die nicht nur in Rom. bekreuzigte sich Kardinal Lefevre und blickte unwillkürlich wieder besorgt zum grauen Himmel hinauf. 162 .

sie säßen in der Falle.« Zeke hielt den Kassettenrecorder dicht an das Funkgerät und vermied es. und der Regen prasselte auf die Windschutzscheibe. was geschehen ist«. auf das flimmernde Bild seines Auftraggebers zu blicken. zum Beispiel ein katholischer Priester…« 163 . Wenn sich die beiden Archäologen in der Wohnung bewegten. daß Sie die Frau finden und mir diese Schriftrollen beschaffen. fragte Miles: »Wie hat er Sie erkannt. während die Stimmen von Catherine Alexander und Daniel Stevenson in dem schwarzen Pontiac zu hören waren. als der Wagen in eine Sackgasse einbog«. Sie saßen in ihrem Wagen. auch sein Bild auf dem Monitor wirkte gelassen. Vielleicht spricht er auch nicht von mir. waren ihre Stimmen laut und deutlich zu hören. Havers. Zeke?« »Ich weiß nicht.Santa Barbara. unterbrach ihn Miles. »Ich möchte. Zeke hatte überall in Stevensons Wohnung Wanzen verteilt. auf dem Sie das Gespräch aufgezeichnet haben. Mr. »Aber in diesem Augenblick tauchte ein Streifenwagen auf und…« »Mir ist völlig gleichgültig. Ist das klar?« »Ja. Kalifornien »Was sagen Sie. Mr. Havers. erklärte Zeke. Als das Tonband abgelaufen war. aber Zeke und seinem Partner entging der Zorn ihres Auftraggebers nicht.« »Spielen Sie noch einmal das Band ab. Es waren noch andere Amerikaner in der Menge. Zeke? Sie sind Ihnen entkommen!« Die Stimme von Miles Havers aus dem Lautsprecher klang zwar wie immer beherrscht und ruhig. »Wir glaubten schon.

Sir. konnte Zeke seinen Zorn nur mühsam unterdrücken. Sobald sie gehört hatten. Alexander sagte: »Ich habe sie hier bei mir«. wie die Archäologin mit der blauen Tasche über der Schulter das Haus betrat. der auf dem Armaturenbrett lag. sein Telefon anzuzapfen und die Wohnung abzuhören. wie Dr. Sie sollten alles aufnehmen. nahm ein Photo heraus und legte es in den tragbaren Scanner. Es gefiel ihm nicht.« »Ja. waren Zeke und sein Partner in die Wohnung eingedrungen und hatten Stevenson ausgeschaltet. »Stevenson spricht vielleicht nicht von Ihnen. Alles hätte anders sein können. wenn er bei einem Auftrag versagte.« »Was ist mit den Photos. Den Männern von Havers war es in New York nicht gelungen. Kennedy-Flughafen aufzuspüren. bis sie den sicheren Beweis hatten. Wir müssen so schnell wie möglich sein Tagebuch haben. Als Zeke sah. Das hatten sie getan. Außerdem setzte er Zeke und seinen Partner auf Daniel Stevenson an. Catherine Alexander am John F. Aber die Frau war ihnen entkommen. und mit dem Eingreifen warten. daß sich die Schriftrollen in 164 . die Stevenson erwähnt? Haben Sie die Aufnahmen?« Zeke griff nach dem blutbefleckten großen blauen Umschlag.»Ein Priester!« Miles lachte höhnisch. Sie hatten den Auftrag. was gesprochen wurde. aber wir dürfen kein Risiko eingehen. ihre Wohnung in Santa Monica zu überwachen. Daraufhin hatte Miles jemanden beauftragt. Während das Bild gesendet wurde. Schuld daran waren die Anweisungen. als komme sie gerade von ihrer AerobicStunde. daß sich die Schriftrollen dort befanden. wußte er instinktiv.

« »Wo ist das Tagebuch. als wir die Wanzen verteilt haben. das Stevenson erwähnt?« »Wir wissen es nicht. Es befand sich nichts Wertvolles dort.« »Was ist das für ein Mann. so schwor er sich stumm. »Wir haben ihn nur undeutlich gesehen und wissen nicht. »Gut«. Wir hatten keine Zeit. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung haben wir kein Tagebuch gefunden. daß ihr jemand helfen würde. Haben Sie alle?« »Nein. ob sie ihn kannte. Wir mußten die Frau verfolgen. die sie bei sich trug.« »Haben Sie die Wohnung von Stevenson durchsucht?« »Am Vormittag. vermutlich eine Sicherheitsmaßnahme für den Fall. Das nächste Mal.« Miles schwieg bedrohlich lange. würde er auf die Anweisungen pfeifen und sich auf seinen Instinkt verlassen. aber nicht damit gerechnet. mit dem sie geflohen ist?« wollte Miles wissen. daß den Originalen etwas zustoßen sollte. Vielleicht war es ein Fremder. sie aufzuheben. Havers. Aber er hatte seine Anweisungen und mußte sich daran halten. Ein paar Photos sind aus dem Umschlag gefallen. Wir haben allerdings das Kennzeichen des Fluchtautos. sagte Miles. Er und diese Alexander müssen die Schriftrollen und die Photos im Reisegepäck gehabt haben. »Es sind höchstwahrscheinlich Aufnahmen der Schriftrollen. daß sie mit den Schriftrollen geflohen ist?« »Sie befanden sich in einer blauen Tasche. Er hätte die Frau und die ›Ware‹ auf der Stelle gehabt. dann sagte er: »Ich 165 . Mr.« »Sie sind sicher. Wir hatten ihren Wagen fahruntauglich gemacht.der Tasche befanden.

»Was hat das eigentlich alles zu bedeuten?« fragte Garibaldi und achtete darauf. Der Verkehr nahm zu. es wird ihr nicht gelingen. werden Sie die Verfolgung aufnehmen.« »Entschuldigen Sie. sagte Miles. der die Photos abholt. daß Sie ständig über Funk erreichbar sind. Wo immer sie auch sein mag. Sie könnte morgen schon Hunderte von Meilen entfernt sein. nie geboren worden zu sein. darf niemand den Eintrag lesen. Mr. bis Catherine Alexander gefunden ist. Zeke! Diesmal darf sie Ihnen nicht entkommen. »Was für Männer waren das? Warum haben sie geschossen?« Catherine blickte immer wieder unruhig zurück. Sie dürfen auf keinen Fall die Gegend verlassen. Sie fuhren auf der Hauptstraße durch Santa Barbara. Zeke hatte sich bereits geschworen: Wenn er Catherine Alexander das nächste Mal sah. sich lange zu verstecken. Beschaffen Sie die Schriftrollen und Stevensons Tagebuch. Sobald wir diese Alexander aufgespürt haben.« »Ja. daß er die zulässige Höchstgeschwindigkeit nicht überschritt. Danach suchen Sie sich ein Hotel. Mr. »In zwei Stunden werden meine Leute in Santa Barbara sein. weil immer mehr Leute noch spät abends Weihnachtseinkäufe machten. Der Jet ist startbereit«. Wenn er Sie erkannt hat.« Der letzte Befehl war unnötig. Sir. dann würde sie sich wünschen.« »Ja.« »Oder sie ist nicht weit gekommen. Die 166 . Havers.« »Sorgen Sie dafür.schicke jemanden.« »Noch etwas. Fahren Sie zum Flughafen in Santa Barbara und warten Sie auf meinen Privatjet. Havers.

« »Ich finde.« »Warum nicht?« fragte Garibaldi. »Sie haben meinen Freund umgebracht. es ist zu gefährlich. »Wohin? Ich kenne mich hier nicht aus. »Aber sie… sie haben auf uns geschossen. was los ist!« begann Garibaldi noch einmal. und ich muß etwas tun. Wir sollten erst etwas Abstand zwischen uns und sie bringen. murmelte sie.« Sie schüttelte stumm den Kopf.« Er schwieg und flüsterte dann: »Gott sei seiner Seele gnädig. als sie vor einem Kaufhaus anhalten mußten. »Das weiß ich nicht!« stieß sie zitternd hervor. Verfolgten die Killer sie noch? »Fahren Sie weiter«. »Was sind das für Männer gewesen?« Catherine verschränkte die Arme und schloß die Augen. Er ließ den Rückspiegel nicht aus den Augen und musterte die nachfolgenden Wagen. »Das… das werden sie büßen! Fahren Sie zurück.Scheinwerfer der Autos erinnerten an eine weiße Lichterkette. »Sagen Sie mir. aber sie können jeden Augenblick wieder 167 . zurückzufahren.« Sie drehte sich um und starrte durch die regennasse Windschutzscheibe. was zu tun ist. dann können wir in Ruhe überlegen. fahren Sie einfach weiter. Wir haben sie abgeschüttelt. Danno. »Wer waren diese Männer?« »Sie haben Danno ermordet«.« »Gehen wir nicht zur Polizei?« »Nein! Auf keinen Fall gehen wir zur Polizei.« Mit einem prüfenden Blick auf Catherine fragte er: »Was ist mit Ihnen?« »Also gut. antwortete sie tonlos und begann zu zittern. »Diese Kerle sind brutale Killer!« Sie preßte die Lippen zusammen und schloß die Augen.

« Der Mustang stand noch nicht richtig. Ich weiß es nicht. Alexander. Jetzt sah sie deutlich das Blut an Garibaldis Arm. es ist nichts…« »Halten Sie an. »Diese Kerle 168 . »Fahren Sie auf die Standspur und halten Sie an. Die Finger waren blutig. daß er unnatürlich blaß war und daß Schweißtropfen auf seiner Stirn standen. sagte sie gequält. »Sie sind verletzt!« »Es ist nur ein Streifschuß…« Aber Catherine sah.auftauchen. Die bunten Lichter der Schiffe spiegelten sich im schwarzen Wasser.« Sie näherten sich dem Yachthafen. bitte?« In welche Richtung. fahren Sie weiter«. als Catherine schon aus dem Wagen sprang und. zur Fahrerseite lief. widersprach er. »Sie brauchen einen Arzt!« »Nein. Schnell setzte sie sich hinter das Steuer. daß er nur mit einer Hand lenkte.« »Nein. »Was haben Sie?« Er umfaßte mit der rechten Hand den linken Arm. Ich werde mich ans Steuer setzen. »Dr. Die Scheinwerfer hinter ihnen verschwammen im Regen. »Fahren Sie nach Norden.« Garibaldi mußte die Fahrbahn wechseln. »In welche Richtung soll ich fahren?« fragte Garibaldi. Sie drehte sich um. ohne auf die vorbeirasenden Autos und den strömenden Regen zu achten. Ein Camarro mußte bremsen. In welche Richtung. und ein Cadillac hupte laut. Danno liegt in einer Blutlache… »Nach rechts«. Der Mustang fädelte sich nicht besonders rücksichtsvoll in den fließenden Verkehr ein. Catherine fiel plötzlich auf. Garibaldi zuckte entschuldigend mit der Schulter. Catherine biß sich auf die Unterlippe. wir halten den Verkehr auf.

Der zweite Wagen verlangsamte ebenfalls das Tempo. das diese Männer wollten. »Drücken Sie das auf die Wunde. »Sagen Sie mir endlich«.« Sie fuhren eine Weile am sturmgepeitschten Meer entlang. meinen sie es ernst.« »Warum nicht?« Sie sah ihn an. »Ich habe etwas. Ich möchte ihnen nicht noch einmal begegnen.« »Ich habe sie noch nie im Leben gesehen. brauste vorbei und verschwand in der Regennacht. und sie biß sich auf die Lippen. »Ich kann nicht…« Sie umklammerte das Steuer fester. begann Garibaldi noch einmal. »Hier«. »Wie kommen Sie eigentlich hierher… 169 . sagte sie und zog ein Taschentuch aus ihrer Jacke.« »Haben sie es bekommen?« »Nein. »Ich kann nicht zur Polizei gehen.« Catherine reihte sich in den Verkehr ein und starrte geradeaus. Sie durfte nicht weinen.« »Warum haben sie Ihren Freund umgebracht?« Die Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie mußte die Ruhe bewahren und nachdenken. »was für Männer das waren.« Er musterte sie einen Augenblick und sagte dann: »In der Sackgasse haben Sie die Polizisten im Streifenwagen nicht um Hilfe gebeten. In letzter Sekunde bog Catherine bei der Ausfahrt San Marcos Road ab und erntete dafür prompt ärgerliches Hupen. Im Rückspiegel sah sie. Warum nicht?« Sie nahm den Fuß vom Gaspedal. daß ihr zwei Wagen folgten. Wie die Schüsse beweisen. Die Scheibenwischer bewältigten den Regen kaum. dann erreichten sie den Highway 154. Der erste Wagen setzte sofort zum Überholen an.sind vielleicht noch hinter uns.

Ich meine nach Santa Barbara. Die Straße wurde enger und wand sich in Kurven nach oben. und beinahe hätte sie die Kontrolle über den Wagen verloren. Seitdem blieb hinter ihnen alles dunkel. Also schien es sich um jemanden gehandelt zu haben. Im Regen sah sie Kiefern und felsige Canyons. Jetzt würden sie schnell feststellen. »He!« rief er und griff schnell ans Lenkrad. »Nehmen Sie den beiden nicht die Arbeit ab. Der Verkehr ließ sichtbar nach. »Wir müssen uns so schnell wie möglich die Wunde ansehen. Auf großen Tafeln warb ein Weingut für den Besuch seiner Kellerei. Ihre Zähne schlugen aufeinander. Eindeutig hatte er Schmerzen. ob ihnen jemand folgte. »Wie geht es Ihnen?« »Ich weiß nicht… ich bin… Daniel…« Sie begann wieder zu zittern. Garibaldi drückte eine Hand auf die Wunde und stöhnte manchmal leise.« Er seufzte und sah sie an. die zerbrochene Brille… Halb unbewußt nahm sie die Hinweisschilder am Straßenrand wahr: Chumash Painted Caves State Historical Park.« Catherine biß die Zähne zusammen und starrte auf die Straße. der hier wohnte. Catherine zwang sich. daß der Wagen hinter ihnen in eine kleine Straße abgebogen war. Rancho San Marcos. Sie fuhren schweigend weiter. Im Rückspiegel hatte sie gesehen. Stagecoach Road. was mit Daniel geschehen war – das viele Blut.« »Zuerst bringen wir noch ein paar Meilen zwischen uns und die Männer. Sie fuhren in die Berge. Wieso standen Sie plötzlich vor Daniels Apartmenthaus?« »Ich habe Sie gesucht…« Er verzog das Gesicht. und nach zwanzig Meilen würden sie 170 . nicht an das zu denken.

dann sind sie bestimmt geschlossen. Er schien aber nicht mehr so blaß zu sein. »An der Bürotür hängt ein Schild«. Garibaldi bemerkte es ebenfalls. Die Armaturenbeleuchtung ließ sein Gesicht grünlich schimmern. sagte Catherine und sprang aus dem Wagen. »Wir müssen wohl oder übel bald anhalten. »Haben Sie eine Ahnung?« »Ich kenne mich in dieser Gegend nicht aus. »Nein«. »Ich sehe keinen Wagen. Sie rannte durch den Regen. Die ›Zimmer frei‹-Tafel war abgeschaltet. kam aber schnell zurück. daß das Benzin zur Neige ging. »Was steht dort?« »›Zur Zeit geschlossen!‹« Langsam fuhr sie durch den Regen weiter. »Da vorn links ist 171 .« »Was ist das vor uns? Ich glaube. ohne die Benzinanzeige aus dem Auge zu lassen. Vor den Zimmern standen keine Wagen.« »Ich weiß nicht.« Aber als Catherine den Wagen verlangsamte und in den unbeleuchteten Parkplatz einbog. »Wissen Sie eigentlich. antwortete sie.« »Ein Motel! Vielleicht können wir dort einen Kanister Benzin kaufen. ob es hier überhaupt Tankstellen gibt.« Catherine warf einen Blick auf die Digitaluhr. Es war inzwischen beinahe elf Uhr abends. Wir haben sie bestimmt abgehängt.Anderson’s Pea Soup Restaurant erreichen. und wenn.« Er drehte sich leise stöhnend um und blickte auf die dunkle Straße hinter ihnen. da kommen Lichter. wohin wir fahren?« fragte Garibaldi schließlich. sahen sie nur dunkle Fenster und ein Büro mit Notbeleuchtung. Dann sah sie zu ihrem Entsetzen. Sie sah ihn von der Seite an.

Er sagte. Mylonas wollte das Päckchen nicht zurückschicken. Aber der Beamte deutete an. denn er traut den Postbeamten in Scharm el Scheich nicht. für Sie sei neben Briefen ein Päckchen gekommen. um die Post abzuholen. Das Motel war ebenfalls geschlossen. Der Beamte schien der Meinung zu sein. das Päckchen mitzunehmen und es Ihnen zu bringen. Sein Stellvertreter hatte es angenommen. Er erklärte.« Catherine biß sich auf die Lippen.« »Als der Beamte weg war. Eine Wertsendung kann unter Umständen spurlos verschwinden. Mr. »Ich wette. zog er mich ins Vertrauen. Mr. daß Sie etwas Falsches getan hätten. wir werden die Nacht mit Norman Bates verbringen…« Er lächelte. »Dieser Regen und dann kein Motel«. und er sagte in Kalifornien. Da ich ohnehin über Los Angeles zurückfliegen wollte. daß er Schmerzen hatte. »Im Hotel Isis herrschte gestern morgen große Aufregung. »Mr. Er machte sich Gedanken. Ich 172 . Ein ägyptischer Beamter hat Sie gesucht. war völlig durcheinander. sagte Garibaldi. Mylonas. Sie seien wegen dringender Familienangelegenheiten abgereist. Beim Näherkommen sahen sie enttäuscht das rote Leuchtschild ›Kein Zimmer frei‹. Sie hätten etwas gestohlen.ein Motel!« rief Garibaldi. denn es war eine Wertsendung. Ich erkundigte mich bei ihm. bot ich ihm an. der Besitzer. Mylonas hat Sie energisch verteidigt. aber Catherine sah. wo Sie wohnen. »Warum haben Sie mich gesucht?« fragte sie. Das Blut an seinem Arm war inzwischen verkrustet. Er hatte keine Ahnung. daß Sie nicht mehr da waren. Aber ich habe Sie in Ihrer Wohnung in Santa Monica nicht angetroffen. ich könnte in Santa Barbara sein?« »Ich hatte nicht damit gerechnet. Mr. Mylonas war immer sehr freundlich zu mir.« »Wie sind Sie auf die Idee gekommen. Sie dort zu finden.

Vor den dunklen Türen standen nur wenige Wagen. »Nummer fünfzehn… am Ende. was geschehen war »Die Wunde 173 . Sie sah auch nicht die bunten Bilder auf dem Fernseher. mit denen für die Kinofilme der Woche geworben wurde. obwohl ich in Chicago lebe!« Catherine zwang sich.wollte das Päckchen dem Absender geben. ihn anzusehen. werden sie den Wagen nicht sehen. »Bleiben Sie hier«. Schaffen Sie es bis zum Eingang?« Sie liefen durch den Regen. als sei ein Teil von ihr in Daniels Wohnung zurückgeblieben. Ich parke den Wagen unter den Bäumen. Catherine war völlig gefühllos. Während sie das Licht anmachte und den Thermostat der Klimaanlage regulierte. Ich habe ein Zimmer genommen. Wenn die Killer uns suchen. und Catherine schloß schnell die Tür auf. achtete sie kaum auf die häßliche in Braun und Orange gehaltene Einrichtung und den abgetretenen gelblichen Teppichboden. »Ich bin noch nie angeschossen worden. Der Besitzer hat die Schlüssel für die Pumpen bei sich. Kurze Zeit später kam sie zurück.« Sie fuhr zur Rückseite des Motels. Pedregosa Street. Dr. »Sie können uns erst morgen früh Benzin verkaufen. über alles nachzudenken.« »Das Päckchen ist von Daniel?« »Ja. das ist unser Zimmer. sagte sie zu Garibaldi und ging in das Büro. Später würde noch genug Zeit sein. Santa… He! Lichter!« »Das sieht nach einem Motel aus!« Catherine fuhr erleichtert von der Straße ab und hielt vor dem hell erleuchteten Gebäude an. Daniel Stevenson. Garibaldi nahm das Taschentuch vom Arm und wickelte den Hemdsärmel hoch.

Endlich hörte sie. Feigenrollen und Cola-Dosen auf den Tisch vor dem Fenster. Machen Sie auf. sagte sie. keine Kugel…« Sie legte die blaue Tasche auf das Bett am Fenster: »Setzen Sie sich. Sie trat ein und schloß wieder ab. »Warum haben Sie nicht aufgemacht?« fragte sie und legte die Vollkornkekse. Wenn er ein Unterhemd trug. Sie blickte auf das Nummerschild der Tür: ›15‹. Nach kurzem Überlegen nahm sie das blutige Taschentuch und wickelte es sich um die Hand.« Er hatte das Hemd ausgezogen und den Stehkragen abgeknöpft. »Woher haben Sie den?« fragte er und setzte sich neben 174 . »Schließen Sie hinter mir ab.« Mit der blauen Tasche über der Schulter rannte sie durch den Regen zum Büro. dann hatte er auch das ausgezogen. Kartoffelchips.« »War es wirklich nur ein Streifschuß oder steckt eine Kugel im Arm?« »Nein.« Nichts rührte sich. antwortete er. Sie klopfte noch einmal. »Tut mir leid«. Immer noch keine Antwort. Sie trat ein paar Schritte zurück und sah Licht durch den Vorhang. Als sie seinen nackten.« Dann öffnete sie den Verbandskasten. Dann klopfte sie leise an der Tür Nummer fünfzehn und rief: »Vater Garibaldi. aber es ist nicht weiter schlimm. ich bin es. »Ich war im Bad und habe Wasser laufen lassen und das Klopfen nicht gehört.muß behandelt werden«. Auf dem Rückweg kaufte sie an einem Automaten noch etwas zu knabbern und zu trinken. und die Tür ging auf. »Ist es schlimm?« »Die Wunde schmerzt. wie die Sicherheitskette zurückgeschoben wurde. richtete sie den Blick schnell auf den verletzten Arm. muskulösen Oberkörper sah. Er hatte ein Handtuch um die Wunde gewickelt.

hätte sie am liebsten geantwortet. »Das mit dem Mord. ich…« Sie lief ins Bad und ließ sich kaltes Wasser über Gesicht und Hände laufen. sonst fange ich an zu denken. Und ich möchte nicht denken. Sie hat mir den Verbandskasten verkauft. Als sie ins Zimmer zurückkam.« »Wollen Sie das wirklich tun? Ich kann ins Bad gehen und die Wunde selbst verbinden. Garibaldi fragte: »Was wollen Sie jetzt tun? Ich meine. 175 . »Ich habe der Frau im Büro gesagt. »Entschuldigen Sie. wenn Sie nicht zur Polizei gehen…« Sie schüttelte nur stumm den Kopf. das hätte nicht geschehen dürfen! Niemand hat es verdient. Ich muß mich beschäftigen. und mich dabei geschnitten. Sie nickte stumm. ich hätte meinen Kofferschlüssel verlegt und versucht. warum sind Schußwaffen erlaubt? Warum sind sie nicht grundsätzlich verboten? Warum bringen sich Menschen gegenseitig um? Warum… warum gibt es soviel Gewalt auf der Welt?« Als sie seinen teilnahmsvollen Blick sah. so zu sterben! Das Messer… das Blut… O Gott!« Sie sprang auf. »Geht es Ihnen wieder besser?« fragte er. noch nicht… Catherine desinfizierte schweigend die Wunde und verband sie sorgfältig mit einer Mullbinde. hatte Garibaldi ein frisches Hemd angezogen – ein schwarzes Hemd mit kurzen Ärmeln. Verzweifelt schlug sie die Hände vor das Gesicht. Ihre Welt schien in Stücke gebrochen zu sein – zuerst der Streit mit Julius. sagte Garibaldi tröstend. »Ist ja schon gut«. Den weißen Priesterkragen sah sie nicht. was sie tun sollte. den Koffer mit einem Messer zu öffnen.sie. brach ihr Widerstand zusammen. und dann… »Vater Garibaldi. Sie begann zu schluchzen.« Ich muß mich auf etwas konzentrieren. Sie wußte nicht.

Dieses kleine Kunstwerk habe ich in einem Laden in Cozumel entdeckt und wußte sofort. ich habe immer noch Urlaub. Aber im Laufe der Jahre sind einzelne Funde wieder aufgetaucht. Ich fand es interessant. konnte ich kaum glauben. Eine kleine Schachtel kam zum Vorschein. aber Catherine sah an den Briefmarken und dem Poststempel. dann hätte ich Ihrem Freund vielleicht das Leben retten können. das aus dem Grab stammt. »Das hat mir Mr. murmelte sie und legte es auf den Schoß. wie genau die Jade mit der Farbe Deiner Augen übereinstimmt. Mexiko. Als ich es entdeckte. Mais als Opfergabe auf den Altar einer Erdgöttin. die meiner Meinung nach die Königin ist. erwiderte sie tonlos und starrte auf das Päckchen. was ich Dir schicke. Das ist kein Witz! Als ich das Grab entdeckte. »Es ist von Danno«.Keine Gefühle. Frohe Weihnachten 176 . Das bist du Danno schuldig. denn es ist bestimmt schon vor Jahrhunderten ausgeraubt worden. sagte sie sich vor. »Wissen Sie. Mylonas für Sie gegeben«. Cathy! Das soll eine Überraschung für Dich sein! In Deinen Händen hältst Du etwas. daß das Päckchen in Cozumel. Du mußt die Sache zu Ende führen. aufgegeben worden war. sagte er und reichte ihr das Päckchen. war es leer. »Wäre ich doch nur etwas früher gekommen. Darauf lag ein Brief. Daniel hatte als Absender seine Adresse in Kalifornien angegeben. daß es aus ‹meinem› Grab stammt. eine der eher friedlichen Gottheiten im MayaPantheon! Nun ja. und ich war noch nie in Kalifornien. auf dem Wandbild trägt sie jedenfalls genau das. Vorsichtig entfernte sie das braune Packpapier. nach Santa Barbara zu fahren…« Er seufzte. Behalte die Nerven. denn auf einer der Fresken legt eine Frau.« »Oder Sie wären ebenfalls tot«. Mit Tränen in den Augen las sie: ›Hallo.

Sie betrachtete ihn lange und lauschte dabei auf den Regen. was Karaoke ist. das Messer blitzte. »Was haben Sie vor?« »Daniel hat gesagt.« »Und dann?« »Dann werde ich die Polizei benachrichtigen. Daniels Augen wurden starr vor Entsetzen. Er trug ein T-Shirt und sagte lachend: ›Mach mir nichts vor. daß Sie deshalb beinahe erschossen worden sind. »Dazu ist mein Zorn zu groß. Dort werden wir sehen.« Sie klappte den Deckel auf und holte tief Luft. »Was ist?« 177 . erwiderte sie tonlos. er weiß.« Sie stand auf und stellte Daniels Laptop auf den Tisch. Cathy. daß ich mit Ihnen bete?« »Nein«.und ein glückliches neues Jahrtausend. Vater Garibaldi. daß Garibaldi den Blick nicht von ihr wandte.« Sie holte tief Luft und fand ihre Fassung wieder. »Aber ich danke Ihnen. Der Anhänger reichte bis zu ihren Brüsten. Es tut mir leid. ohne zu bemerken. Der Mann riß ihm den Kopf zurück. »Möchten Sie. Sein Tagebuch ist in dem Computer. Sie hob das Band über den Kopf und legte es um den Hals. Er hat es in sein Tagebuch geschrieben. Sie spürte eine sanfte Berührung an den Schultern. In Gedanken sah sie Daniel. daß Sie mir das gebracht haben. Sie nahm ihn heraus. Es war ein Jaguar an einem Lederband.‹ Sie öffnete die kleine Schachtel und fand in Watte gebettet einen Jadeanhänger. Das wünscht Dir Danno. Ich weiß. wer mich verfolgt. wer diese Männer sind. und plötzlich war alles voll Blut… Catherine vergrub ihr Gesicht in den Händen.‹ Ein anderes Bild drängte sich ihr auf.

»Versuchen Sie Ihr Glück«. »O nein!« »Was gibt es?« fragte er. »Ein Photo von mir auf Dannos Laptop! Wieso?« Garibaldi betrachtete das Photo. Catherine fand den Ein/Aus-Schalter und startete den Computer. »Wie wäre es mit ›Phönix‹?« Catherine schüttelte den Kopf und stand auf. »Versuchen Sie es mit ›Blitz‹. bis wir das richtige Paßwort finden.« »Ich kenne Daniels Paßwort nicht. Garibaldi schüttelte den Kopf und murmelte: »Es kann eine Ewigkeit dauern. erhielt aber jedesmal dieselbe Meldung: UNGÜLTIGES PAßWORT: BITTE RICHTIGES PAßWORT EINGEBEN! »Wo hat er studiert?« »In Berkeley. um die Dateien öffnen zu können.« Sie versuchte es mit einigen Worten. sagte Garibaldi. Klingon. Asimov – ohne Erfolg. unterließ es aber.« Kein Erfolg. wollte etwas sagen. »Versuchen Sie es mit ›Nonnenschule‹«. die viele Leute verwenden«.« »Dann lassen Sie sich etwas einfallen. »Es gibt ein paar Begriffe. Kein Erfolg.»Das bin ich«. die mit Daniels Interessen zusammenhingen – Spock.« Plötzlich wurde der Raum von grellem Scheinwerferlicht 178 . sagte sie zu Garibaldi. Er setzte sich vor den Laptop und tippte ein Wort nach dem anderen ein. sagte Catherine. Dann sah er die Meldung auf dem Monitor: BITTE PAßWORT EINGEBEN »Sie müssen sein Paßwort kennen.« Garibaldi tippte ›Stanford‹. flüsterte sie verwundert.

erhellt. Garibaldi sprang auf, und Catherine wich bis an die Wand zurück. Die Lichter wanderten weiter, und Garibaldi schob den Vorhang etwas zur Seite. Ein weißer Lieferwagen fuhr auf den Parkplatz vor dem Nebenzimmer. Garibaldi zog den Vorhang wieder zu. »Falscher Alarm.« Sein Blick fiel auf das Photo neben dem Bildschirm von Daniels Laptop. »Probieren Sie es mit Ihrem Namen«, sagte er. »Warum?« »Warum nicht?« Sie setzte sich und tippte ›Catherine‹. Als wieder die Falschmeldung kam, versuchte sie es mit ›Alexander‹.
UNGÜLTIGES PAßWORT: BITTE RICHTIGES PAßWORT EINGEBEN!

»Was nun?« murmelte sie und starrte auf den Monitor. »Ich werde etwas versuchen.« Garibaldi nahm den Laptop aus der schwarzen Ledertasche und teilte ihn auf den Tisch. Dann suchte er nach den seitlichen Entriegelungen und nahm die Tastatur ab. Jetzt konnte man in das Innere des Gerätes blicken. »Manchmal«, murmelte er, »kann man das Paßwort umgehen, indem man nur…« Er betrachtete sich die Festplatte, die Steckkarten und die anderen elektronischen Komponenten, dann richtete sich seine Aufmerksamkeit auf die grüne Platine mit den Transistoren und Schaltkreisen. »Aha! Da haben wir es. Ich brauche ein Stück Metall. Haben Sie zufällig eine Haarnadel?« Sie fuhr sich mit der Hand durch die langen Haare. »Leider nein.« »Vielleicht eine Büroklammer?« Catherine durchsuchte die Seitentaschen und Fächer der
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Laptop-Tragetasche und fand eine Ersatzbatterie, das sichtlich vielgelesene Exemplar Hawksbill Station von Robert Silverberg, eine leere Kaugummipackung, einen Markierstift, einen Notizblock und – »Hier!« Während Garibaldi die Büroklammer aufbog, deutete er auf die Platine. »Sehen Sie, dort steht ›J-A23/‹! Das ist eine Kurzschlußbrücke. Wenn es mir gelingt, diese beiden Stellen miteinander zu verbinden…« Catherine sah mit angehaltenem Atem zu, wie er den Kupferdraht der Büroklammer so legte, daß er zwei dicht nebeneinander liegende Kontakte verband und ihn dann auf den Krallen festdrückte. Sofort erschien auf dem Bildschirm eine andere Meldung. »Was bewirkt die Büroklammer?« fragte Catherine, während er die Tastatur wieder einsetzte und sicherte. »Ich habe das Paßwort zurückgesetzt.« Auf dem Monitor stand jetzt:
IHRE SETUP INFORMATION HAT SICH GEÄNDERT. DRÜCKEN SIE »F2« UM SETUP ZU LADEN.

»Haben wir jetzt etwa Zugriff auf das System?« fragte Catherine. »Mal sehen«, erwiderte er und drückte die Taste ›F2‹. Auf dem Bildschirm erschien in der ersten Zeile:
SPHINXBIOS SETUP.

Garibaldi klickte auf den Menüpunkt ›Datenschutz‹ und murmelte vor sich hin: »Damit wirklich alle Paßwörter außer Kraft gesetzt sind.« Auf dem Bildschirm erschien die Meldung: BENUTZER-PAßWORT: DEAKTIVIERT! BENUTZER-PAßWORT: [EINGEBEN] PAßWORT BEI START: [DEAKTIVIERT] DISKETTE ZUGANG: [BENUTZER]
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PESTPLATTE BOOT SECTOR: [NORMAL] AUTOM. VIRUSPRÜFUNG: [DEAKTIVIERT] »Okay, Michael«, sagte er. »Speichern und dann ›Exit‹.« Er drückte ›Enter‹, und im nächsten Moment erschien das ›C-Prompt‹ links oben auf dem Monitor. »O je«, sagte Catherine. »Ich fürchte, Daniel hat seine Software nie auf den neuesten Stand gebracht. Ich weiß jedenfalls nicht, wie DOS funktioniert.« »Es ist schon eine Weile her, daß ich mit DOS-Befehlen gearbeitet habe«, sagte Garibaldi. Er tippte SCI und drückte ›Enter‹. FALSCHER BEFEHL Catherine sagte: »Daniel hat bestimmt nie Scimitar benutzt. Er lehnte Dianuba Technologies prinzipiell ab und wollte nichts mit ihrer Software zu tun haben.« »Gut, dann versuchen wir es damit«, Garibaldi tippte ›WIN‹, und sofort erschien das ›WINDOWS‹-Logo. Damit konnten sie alle Dateien auf dem Laptop öffnen. »Na also!« rief Garibaldi und schob Catherine die Tastatur hin. Sie betrachtete aufmerksam die Logos. »Jetzt muß ich nur noch herausfinden, wo Daniel sein Tagebuch abgespeichert hat.« Als sie CAPTAINS LOG sah, rief sie: »Das muß es sein!« Mit einem Doppelklick aktivierte sie den Eintrag. Auf dem Bildschirm erschien die Meldung: Szfdatbg unm Czmhdk Rsdudmrnm »Da stimmt etwas nicht!« »Es sieht nach einem Code aus«, meinte Garibaldi. »Wie kann man so etwas dechiffrieren?«
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»Die gebräuchlichste Methode ist das Ersetzen jedes einzelnen Buchstabens.« »So?« fragte Catherine, tippte das Alphabet und dann darunter: abcdefghijklmnopqrstuvwxyz egjmlakbroctwzvndpuyfshqix »Genauso. Das Wort ›Katze‹ zum Beispiel«, sagte Garibaldi, »sieht in diesem Fall dann so aus: ›Oeuxl‹.« »Wundervoll. Dann müssen wir nur eine Million Kombinationen des Alphabets ausprobieren, um den Schlüssel für den richtigen Code zu finden!« Sie trommelte nervös auf den Tisch. »Hier steht irgendwo der Name von Daniels Mörder. Ich muß ihn finden!« »Vielleicht sollten wir es wie bei den Geheimschriften machen die man in Rätselbüchern findet. Wir suchen nach Wortkombinationen wie ›es‹, ›und‹, ›das‹ usw.« Catherine runzelte die Stirn. »Ich kann mir nicht vorstellen, daß sich Danno die Mühe gemacht hat, einen komplizierten Schlüssel zu erfinden. Schließlich weiß man, daß jeder Code, auch der komplizierteste, geknackt werden kann. Ich meine, er hat das nur gemacht, um zu verhindern, daß Neugierige, die zufällig seinen Laptop in die Hände bekommen, sein Tagebuch lesen.« »Vielleicht sollten wir jeden Buchstaben durch eine Nummer ersetzen.« »Auch das ist viel zu kompliziert. Danno hat sicher nur einen Code benutzt, der sich leicht tippen und später ebenso leicht entschlüsseln läßt. Warten Sie…« Sie begann zu tippen. »Was haben Sie vor?« »Zuerst muß man denken wie Danno. Mein Freund Daniel Stevenson war ein Science-Fiction-Fan. Sein Lieblingsfilm ist…«, sie verbesserte sich, »war… Kubriks
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Odyssee 2001. Wissen Sie noch? HAL hieß der Computer. Der Name war von IBM abgeleitet, wobei die Buchstaben im Alphabet jeweils um eins nach vorne verschoben waren…« Sie begann langsam zu tippen. »Passen Sie auf:« »Tagebuch von Daniel Stevenson« »Ein Schuß ins Schwarze!« rief Garibaldi. »Gut, wonach suchen wir jetzt?« Catherine ließ den Text auf dem Bildschirm abrollen und überflog die Tagebucheintragungen. Dabei sagte sie zu Garibaldi: »An dem Abend, als wir den Sinai verließen, waren im Lager viele Menschen. Danno sagte mir, er habe ein bekanntes Gesicht gesehen… einen Amerikaner.« Garibaldi erwiderte: »Ich war zum Beispiel auch dort.« »Hier… das muß es sein.« Sie brachte den Cursor vor einen Buchstaben und tippte: D-E h-i m-n (Leertaste) L-M z-a m-n m-n usw. Als sie fertig war, stand dort: »Ein Mann mit einer häßlichen Narbe im Gesicht und kurz geschnittenen weißen Haaren. Ich weiß genau, daß ich ihn schon einmal gesehen habe. Aber wo? Natürlich, da steht er direkt vor meinen Augen! Ich blickte in den vergangenen zwei Jahren beinahe jeden Tag auf diesen häßlichen Kerl. Er arbeitet für…« »Mein Gott«, flüsterte Catherine. »Wer ist es?« Sie schob den Computer etwas zur Seite, damit er den Monitor sehen konnte: ›Lhkdr Gzudqr‹, stand dort. Garibaldi kniff die Augen zusammen und murmelte: »Miles Havers… das Computer-Genie?«

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Santa Fé, New Mexico
Teddy Yamaguchi wußte, daß viele Leute dachten, er sei lebendig begraben. Die Leute irrten sich. Computer waren sein Leben, und es gab auf der ganzen Welt keinen anderen Ort, an dem er in diesem Augenblick hätte sein wollen. Er befand sich im modernsten Kommunikationszentrum, das sich nur jemand wie Miles Havers, der reichste Mann der USA, leisten konnte. Teddy, der mit achtundzwanzig gerade das College absolviert hatte, wurde für seine Arbeit fürstlich entlohnt. Er wohnte wie in einem Luxushotel mietfrei in einem nach seinen Wünschen eingerichteten Bungalow auf dem riesigen Anwesen. Es machte ihm nichts aus, daß er sich vierundzwanzig Stunden am Tag dienstbereit halten mußte. Der Job für Miles Havers war die Erfüllung all seiner Träume, denn Teddy konnte auch in seiner Freizeit die Anlagen im Kommunikationszentrum uneingeschränkt benutzen. Manchmal bekam er wirklich schwierige Aufgaben, deren Lösung eine echte Herausforderung darstellte, aber in dieser Nacht war alles einfach. Sein Boß hatte gesagt: »Finden Sie Dr. Catherine Alexander.« So etwas war kaum mehr als Routine. Teddy trug wie immer eine schwarze Nylonhose und ein weißes T-Shirt. Die hoch rasierten dichten schwarzen Haare krönten wie ein Helmbusch seinen schmalen Kopf, und in den beiden goldenen Ohrringen brach sich hin und wieder das Licht der Wand mit den Großbildschirmen, die ihm Informationen aus aller Welt einspielten. Es sah aus, als käme Teddy gerade aus einer Star-sound-Disco und nicht aus seiner verkabelten Hacker-Schüssel, dem futuristischen Schlafzimmer, wo er sich gerade einen alten
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Filmklassiker angesehen hatte, als Havers ihn rief. Teddy setzte sich vor den 4000 210 Mhz 4-Gig HDD-Computer mit einem 128.000-bps-Modem – für ihn schon ein Oldtimer mit nostalgischem Wert. Diese Anlage würde nach der Jagd auf die Archäologin gegen ein neues, schnelleres und sehr viel komfortableres Modell ausgetauscht werden. Er wartete auf Signale von Catherine Alexanders Kreditkarten-Konto, dem Bankkonto, den Telefonkarten und Benzinkarten. Auch ihre Nummer der Sozialversicherung ließ er überwachen. Er hatte selbstverständlich auch die Nummern ihrer Bibliothekenausweise eingegeben – im Grunde alles, was irgendwo in einem Computersystem auftauchen konnte. Als unschlagbarer Hacker hatte Teddy die Systeme, in denen Catherine Alexanders Kreditkarten geführt wurden, fest im Griff. Außerdem überprüfte er das Nummernschild des Leihwagens, in dem sie geflohen war, und durchsuchte ihre persönlichen Daten nach Hinweisen, wohin sie gefahren sein mochte. Mit all diesen Informationen, die rund um die Uhr aktiviert waren, würde er sie ganz bestimmt aufspüren. Teddy mußte unwillkürlich lachen. Es war wie in Pulse, seinem Lieblingscomputerspiel: ›Suche die Frau, den Schatz und das goldene Symbol und finde den Ausgang des Labyrinths, bevor dich Gordon überfällt und ausschaltet‹. Niemand hatte bis jetzt die Rekordzeit unterboten, mit der Teddy in Pulse das Ziel erreichte. Ebensowenig würde es einem anderen gelingen, Catherine Alexander auf Anhieb zu finden. Er griff nach ein paar Snacks in der Schale neben ihm – Schokoladen-Popcorn und Gummibärchen mit einem Überzug aus braunem Zucker und Kaffee -, kaute langsam und hatte das Gefühl, mit Vollgas über die digitalen Datenautobahnen zu jagen. Man
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stelle sich das vor! Für diesen unvergleichlichen Spaß wurde er auch noch bezahlt… Manchmal konnte Teddy sein Glück nicht fassen. Bald, nachdem er 1995 sein Studium an der Stanford University begonnen hatte, wurde er verhaftet und angeklagt. Man warf ihm vor, über das Internet kommerzielle Software im Wert von mehreren Millionen Dollar verschoben zu haben. Diese Software war von Dianuba Technologies, der Gesellschaft von Miles Havers, gestohlen worden. Man sprach von dem größten aufgedeckten Einzelfall von Software-Piraterie. Aber die Anklage wurde von einem Richter niedergeschlagen, der entschied, der Student habe keine kriminelle Handlung begangen. Der CopyrightSchutz für Software bezog sich nicht ausdrücklich auf Teddys angebliches Vergehen, denn er hatte eindeutig keine finanziellen Vorteile aus seinen Manipulationen gezogen. Da die Staatsanwaltschaft jedoch glaubte, ihn irgendwie bestrafen zu müssen, warf man ihm Mißbrauch von Telefonanlagen vor. Als auch das nicht zu dem erwünschten Erfolg führte, meldete sich unerwartet Miles Havers zu Wort. Er überraschte die Öffentlichkeit, indem er dem jungen Mann großzügig alles verzieh und erklärte: ›Wir haben alle einmal gegen das System rebelliert. Es ist kein Geheimnis, daß ich in meiner Jugend im ComputerBereich auch illegale Dinge ausprobiert habe. Die Gesetze sind bis heute nicht klar und eindeutig‹. Mit dieser Äußerung war er schlagartig zum Liebling aller Computer-Freaks geworden. Das Millionenspiel mit den Medien, mit der Staatsanwaltschaft und den Gerichten hatte jedoch einen Hintergrund, von dem die Öffentlichkeit nie etwas erfahren würde. Teddy hatte über Internet das neueste Computer-Spiel verbreitet, das Dianuba Technologies
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damals gerade produzierte. Teddy hatte es gestohlen und illegal kopiert, noch bevor es auf den Markt kam. Darin lag die besondere Bedeutung, denn die Medien sprachen von dem neuen Spiel, das alle Konkurrenzprodukte überflügeln werde. Das Publikum fieberte dem Hit entgegen. Kein Wunder, daß mindestens zwei Millionen Anwender das Spiel kostenlos kopierten, weil Teddy, der Held der Hacker, auf seine Weise dem Kommerz zuvorkam und seinen Erfolg mit allen teilte, die wie er dachten. Auf diese Weise brachte er Havers um mehrere Millionen Dollar Gewinn. Die anderen SoftwareHersteller verurteilten Miles Havers, weil er Teddy Yamaguchi verzieh und auf diese Weise den ›Piraten‹ auch noch in Schutz nahm. Aber Havers schrieb nicht lange Verluste. Als ein halbes Jahr später die zweite Version des Spiels angeboten wurde, setzte es sich sofort an die Spitze und überflügelte selbst Erfolge wie Myst oder Doom. Finanzexperten errechneten, daß Havers damit nicht nur die früheren Verluste wettgemacht hatte, sondern mittlerweile mehr Gewinn erzielte, als wenn die ursprüngliche Version über legale Kanäle auf den Markt gekommen wäre. Teddy hatte noch einen Grund mehr, sich darüber zu freuen, denn das Justizministerium hatte sich an der Nase herumführen lassen. Niemand ahnte etwas davon, aber Miles Havers hatte die Sache von Anfang an so geplant. Er hatte mit Teddy Yamaguchi ein Abkommen getroffen. Dazu gehörte es, die Ursprungsversion zu ›stehlen‹. Als Havers mit ihm über diese unglaubliche Sache verhandelte, war Teddy mißtrauisch gewesen. Aber als Super-Hacker, der er tatsächlich war, begriff er sehr schnell, worauf Havers hinauswollte. Dianuba Technologies hätte das Spiel auch kostenlos im Internet
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anbieten können, wie andere Gesellschaften es mit ihren Produkten taten. Ständig waren ›Vorläufer‹ von Computerspielen im Netz, um Spieler zu werben. Man muß die Leute nur süchtig machen, hieß es in der Software-Industrie, und der Rubel rollt. Miles Havers, ein Kenner der menschlichen Natur, hatte diese Philosophie noch verfeinert. Er sagte sich, gestohlene Software sei wie der verbotene Apfel im Paradies die süßeste aller Früchte. Sein beispielloser Erfolg führte dazu, daß er inzwischen im Kreis seiner Manager laut darüber nachdachte, ob man das manipulierte ›Stehlen‹ von Software als MarketingStrategie nicht routinemäßig einsetzen sollte. Man sprach von Shareware oder Crackware – ein Suchtmittel, das so wirksam zu sein schien wie Crack, aber zehnmal höhere Gewinne brachte. Havers bot dem jungen Asiaten noch vor dem College-Abschluß an, nach Santa Fe zu kommen und für ihn zu arbeiten. Teddy zögerte nicht lange, und seit er zu Havers’ Team gehörte, stiegen die Gewinne der Gesellschaft jährlich in Millionenhöhe. Nein, das war kein schlechtes Leben, besonders wenn Teddy an die Aktienbeteiligungen dachte, die zu seinem monatlichen Einkommen hinzukamen. In fünf Jahren würde er seine Millionen abheben, auf Maui oder auf Hawaii einen Laden für Angler aufmachen und nie mehr einen Computer anrühren. Teddy warf einen Blick auf das Bildtelefon, wo er über Standleitung mit Havers verbunden war. Sein Boß befand sich im Tropenhaus. Er saß vor einer Grotte mit seltenen und schwierig zu ziehenden Pflanzen an einem künstlichen Felsenteich mit einem Wasserfall. Wie alles bei Havers war auch diese ›Landschaft‹ vollkommen. Teddys Kommunikationszentrum wurde von Computern, Bildschirmen, Druckern und der aufwendigen und komplizierten Elektronik beherrscht. Hier gab es
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keine Pflanzen, nur ein Riesenfenster mit einem atemberaubenden Blick auf die Sangre de Cristo-Berge und eine verschneite Wüste. Teddy vergaß manchmal, daß dieser Blick nur eine Projektion war, denn das Computerzentrum befand sich in einem unterirdischen Betonbunker. Havers ist ein kluger Kopf, dachte Teddy bewundernd und nahm sich noch eine reichliche Handvoll von seiner Zucker-Koffein-Nahrung. Havers lebte nach dem Motto: ›Computer bedeuten Macht. Die Kontrolle über Computer bedeutet die absolute Macht.‹ Und Havers besaß zweifellos Macht. 85% aller Computer der Welt arbeiteten mit seiner Software. 1995 hatte er seinen größten Coup gelandet, als er ein neues Betriebssystem auf den Markt brachte, das den Zugang zum Internet für alle Anwender leichtmachte. Die großen Konkurrenten wie AOL und Prodigy wollten das verhindern, aber das Justizministerium lenkte schließlich ein, und Dianuba konnte mit seinem neuen Produkt auf den Markt. Man schätzte, daß inzwischen 70% aller Online-Anwender mit Hilfe von Havers’ PC-Software Scimitar auf Internet zugreifen konnten. Teddy richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die Bildschirme und schob den Gedanken an die großen Erfolge von Havers beiseite. Er dachte auch nicht weiter über die Gründe für das Interesse von Havers an Catherine Alexander nach. Er interessierte sich nur für die Jagd durch die Computersysteme. Kaffee und Zucker taten ihre Wirkung. Teddy war hellwach und holte alle Daten von Dr. Alexander auf den Bildschirm: Ihre Vorlesungen, ihre Konferenzen, ihre Veröffentlichungen und die Telefonnummern der Organisationen, mit denen sie etwas zu tun hatte – Teddy betrachtete aufmerksam die lange Liste ihrer Aktivitäten während der vergangenen fünf Jahre. Irgendwo unter diesen Daten befand sich der goldene Schlüssel zu
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ihrem Versteck. Er würde sie in dem Labyrinth finden, bevor die Zeit für das ›Spiel‹ abgelaufen war. Miles saß in seinem Tropenhaus inmitten von Farnen und Kletterpflanzen, die er besonders liebte. Hier, am Wasserfall, konnte ihn niemand stören. Noch einmal hörte er sich in aller Ruhe das Gespräch zwischen Catherine Alexander und Daniel Stevenson an. Er achtete besonders auf die Erwähnung des Tagebuchs und die Absicht, die Verbindung zum Institut in Houston wiederaufzunehmen. Dabei blickte er auf die handschriftlichen Notizen seines Telefonats mit Zeke. »Sie hatte bei der Flucht einen Koffer, eine blaue Tasche über der Schulter und eine schwarze Tragetasche.« Eine schwarze Tragetasche. Miles trommelte mit den Fingern auf die Steinbank. War es die Tragetasche eines Computers? Vielleicht handelte es sich bei dem Tagebuch überhaupt nicht um ein ›Buch‹, vielleicht benutzte dieser Stevenson einen Computer für seine Tagebucheintragungen, vielleicht hatte Catherine Alexander diesen Computer mitgenommen, als sie aus der Wohnung ihres ermordeten Freundes floh… Miles wurde in seinen Überlegungen durch das Leuchtsignal seines Telefons unterbrochen. Teddy meldete sich. »Mr. Havers, ich habe einen Namen. Der Mann wohnt in Malibu und ist Leiter des Freers Instituts. Er heißt ›Dr. Julius Voss‹. Ich glaube, er ist mit der Alexander liiert.« Ihr Liebhaber, dachte Miles und lächelte. Das war eigentlich zu einfach. Er trennte die Verbindung und wählte eine Nummer mit der Vorwahl von Beverly Hills, West Los Angeles und Malibu. Als sich der Teilnehmer meldete, sagte er: »Hier spricht Havers. Ich habe einen Auftrag für Sie. Die Sache ist dringend und muß sofort erledigt werden.«
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Santa Ynes-Berge, Kalifornien
»Ich muß Julius anrufen!« »Einen Augenblick«, sagte Garibaldi. »Ich begreife das nicht. Wie konnte Ihr Freund Daniel den Mann mit der Narbe im Gesicht mit Miles Havers in Verbindung bringen?« »Das weiß ich auch nicht«, antwortete Catherine. »Aber Danno hat sich das bestimmt nicht ausgedacht.« Sie blickte auf den Laptop-Monitor und las noch einmal die betreffende Stelle im Tagebuch: ›Natürlich, da steht er direkt vor meinen Augen!‹ Plötzlich fiel es ihr ein! Danno meinte damit das alte vergilbte Zeitungsphoto an seinem Kühlschrank. Es stammte noch aus der Zeit, als Havers die Kopernikus-Tagebücher von den Russen gekauft hatte. Das war 1997 gewesen. Catherine kannte das Photo gut, denn sie hatte es jedesmal gesehen, wenn sie bei Danno in der Wohnung war – ein UPI-Photo des gutaussehenden und reichen Miles Havers neben einem lächelnden Russen im Vordergrund, und im Halbkreis hinter ihnen dicht gedrängt andere Herren im Anzug. Unter dem Bild stand: ›Computer-Mogul Miles Havers erwirbt Tagebücher aus dem fünfzehnten Jahrhundert‹ Neben diesem Bild klebte an Dannos Kühlschrank ein anderes mit der Unterschrift: ›Miles Havers verspricht, daß die Kopernikus-Tagebücher der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.‹ Danno hatte zu den Stimmen gehört, die Protest dagegen erhoben, daß die Kopernikus-Tagebücher in einer Privatsammlung verschwanden. Die Zeitungsausschnitte schmückten seinen Kühlschrank als Erinnerung an einen der wenigen Siege in seinem Leben. Auf beiden Photos befand sich im Hintergrund ein Mann
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um seine Ziele zu erreichen. Denken Sie an seinen Feldzug gegen die taiwanesischen Importeure von Orchideen. »ich kann nicht zur Polizei gehen. »Ich muß Julius benachrichtigen und ihn wissen lassen. daß es mir gutgeht.« »Sie meinen also. In der Öffentlichkeit ist er nicht nur geachtet. »Ich habe den Mann deutlich gesehen. daß er mich umbringen will…« Catherine stand auf. Wenn ich behaupte. die Umwelt zu schützen und vom Aussterben bedrohte Pflanzenarten zu retten. sagte sie. Nun gut. Niemand würde mir glauben! Havers ist der reichste Mann der USA. 192 . Das bedeutet allerdings…«. dann macht er sich bestimmt Sorgen um mich. wenn es darum geht. »Und ich weiß jetzt mit Sicherheit. und bestimmt greift er auch zu fragwürdigen Taktiken. Ich kann das alles immer noch nicht so recht glauben. Vielleicht erfährt er. Denken Sie nur an die Kopernikus-Tagebücher. daß er für Miles Havers arbeitet. was Sie haben.mit kurz geschnittenen Haaren und einer Narbe im Gesicht. Aber Moral Das klingt nicht nach ihm.« Catherine setzte sich auf das Bett und nahm den Telefonhörer ab.« »Wieso das?« »Ich kenne zwei Photos von ihm mit Havers. Catherine stützte den Kopf in beide Hände. Ich meine. aber Garibaldi unterbrach sie: »Warten Sie. der Danno umgebracht hat«. sondern wird wie ein Idol verehrt. Havers ist ein gerissener Geschäftsmann.« »Das weiß ich alles«. daß Danno tot ist. »Aber Miles Havers ist auch als Sammler der teuersten und seltensten Objekte bekannt. man weiß doch. er ist hinter dem her. daß er für die Rettung der Regenwälder eintritt! Er ist immer einer der Wortführer. sagte Catherine ungeduldig.

daß Julius mein Freund ist. ihn zu überzeugen. was ich habe. Es ist nur schwer zu glauben. hierzubleiben. daß Sie mir Dannos Päckchen gebracht haben. Tränen liefen ihr über die Wangen.« Als sie Garibaldis skeptisches Gesicht sah. weshalb mein Freund Danno sonst so brutal ermordet worden ist?« rief sie erstickt. Ich leide unter Wahnvorstellungen. und genießen Sie die letzten Tage Ihres Urlaubs.um es seiner Privatsammlung einzuverleiben?« »Die Vorstellung. Und Sie müssen wirklich nichts mit all dem Wahnsinn zu tun haben.« »Können Sie mir verraten. Aber es besteht für Sie wirklich kein Grund mehr. daß Julius Ihr 193 . Garibaldi senkte betroffen den Kopf. daß Havers zwei Killer damit beauftragt hat. Deshalb lächelte er entschuldigend und nickte: »Sie haben recht. dann wird er mir mit Sicherheit das abjagen wollen. dann wird er auch bald herausfinden.« »Ich habe nicht behauptet. Und wenn Havers weiß. die Danno bei sich hatte. daß Sie sich das alles einbilden. Wenn Havers diese Photos sieht. Ich komme allein zurecht. Stevenson wird bald herausfinden. ob Sie mir glauben oder nicht. Der Mörder von Dr. Ich weiß. daß ich mit Danno befreundet war. und zwar allein!« »Wirklich? Bei diesem Wetter und ohne einen Wagen?« Seine Worte hatten nicht ironisch klingen sollen. gab sie den Versuch auf. Mir wäre es lieber. Ich muß so schnell wie möglich weg.« Sie wischte sich mit dem Handrücken die Tränen ab und sagte traurig: »Nochmals vielen Dank. daß den Killern die Photos in die Hände gefallen sind. macht mir wirklich Angst. Sie würden gehen. aber es ließ sich nicht vermeiden. Vater Garibaldi. Danno die Kehle durchzuschneiden. Nehmen Sie den Wagen. »Vergessen Sie alles. »Es ist mir gleichgültig. Natürlich ist Miles Havers nicht hinter mir her.

Hatte er ihre Nachricht gefunden und war allein ausgegangen? O mein Gott. Sie haben mir im vergangenen Jahr die Gallenblase entfernt. Sie müssen nicht zurückrufen. Voss. sah Garibaldi sie verblüfft an. Ich hoffe…«. denn ich verreise und mache einen lange überfälligen Urlaub. hier spricht Mrs. Meritites. daß Sie es sind?« »Er weiß es. desto besser für ihn. bevor Julius seine 194 . sagte sie.« Danno ist meinetwegen umgebracht worden. wo ich bin oder was ich über Danno weiß«. Ich wollte Ihnen nur sagen. Julius hat ihre Mumie untersucht. »Je weniger Julius von all dem weiß.« »Doch«. es geht Ihnen gut. sie holte Luft und sagte dann: »Ich hoffe. Sein Bericht wurde von einem anderen Wissenschaftler veröffentlicht. Julius stellte später fest.« »Ich werde ihm nicht sagen. »›Mrs. daß es mir gesundheitlich ausgezeichnet geht. Wie soll er wissen. Ich werde Sie von unterwegs anrufen. Meritites‹?« »Eine ägyptische Königin. daß sein Telefon abgehört worden war und daß man seine Aufzeichnungen ohne sein Wissen photokopiert hatte. Sie sollten ihn anrufen. Es gab damals eine Art Skandal… Konkurrenzneid im Institut.Freund ist. Wenn Julius etwas zustoßen sollte… Aber Julius war nicht zu Hause. Sein Anrufbeantworter meldete sich.« Als Catherine auflegte. hoffentlich ist ihm nichts passiert! Catherine verstellte ihre Stimme und sagte: »Dr. die vor viertausend Jahren vermutlich an einem Gallenblasenleiden gestorben ist. »Sie haben nicht mit Ihrer normalen Stimme gesprochen.« »Sie haben ihn nicht vor Havers gewarnt. sagte sie. während sie mit zitternden Händen wählte.

der auf dem Parkplatz wendete und in der entgegengesetzten Richtung weiterfuhr. »man hat mich angeschossen. »Also gut. Draußen näherten sich Scheinwerfer. Es erinnerte sie an schwüle Nachmittage im dunklen Beichtstuhl. er war ebenfalls aufgestanden und kam näher. »Was wollen Sie wissen?« fragte sie schließlich. »Dr. und das gefiel Catherine überhaupt nicht. »Bitte. Vergessen Sie mich und alles was geschehen ist. 195 .« »Ich verstehe. Wenn die beiden Männer uns finden.« Garibaldi schwieg. Unwillkürlich hielt sie die Luft an. das kann ich nicht. Sie sah ihn hinter sich. ging zum Fenster und öffnete den Vorhang einen Spalt. Aber dann sah sie. den Sie mir nicht nennen wollen.« In seiner Hartnäckigkeit glich er irgendwie Danno. was Havers so unbedingt haben möchte?« Catherine stand auf. »Wollen Sie mir nicht sagen.« »Tut mir leid. Das schwarze Hemd und die Jeans erinnerten sie an ihre erste Reaktion. Alexander«.Ergebnisse bekanntgeben konnte. und zwar aus einem Grund. Das kalte Glas beschlug unter ihrem Atem. Ich würde zumindest gerne wissen. wenn Sie es nicht wissen«. »Es ist besser für Sie. fliegen Sie nach Chicago zurück. daß es ein Lkw war. Julius wird sich bestimmt an den Fall erinnern und wissen. daß sein Telefon wieder einmal abgehört wird. Sie seufzte. sagte sie und drehte sich um. weshalb ich plötzlich als Zielscheibe diene. während sie nervös darauf gewartet hatte. Er war groß und hatte breite Schultern. daß die Klappe hinter dem Sprechgitter zur Seite geschoben wurde. als sie ihm im Hotel Isis begegnet war. werden sie wieder schießen. schüttelte den Kopf und lächelte dann.« »Nehmen Sie den Wagen«. sagte sie schließlich leise. Er sah sie erwartungsvoll an.

daß Mitternacht gerade vorüber war. Das Licht begann zu zucken. was ich bisher übersetzt habe. keinem Menschen etwas von dem zu sagen.Aber Sie müssen mir versprechen. das war Danno. über die ich im 196 . Ich nenne es ›Sabinas Brief‹. obwohl ich etwas vermute. Catherine sah auf der Digitaluhr des Radioweckers neben dem Bett. den sie gefunden hatte. Sie berichtete ihm kurz von der Sprengung und dem ersten Fragment.« Etwas zuckte in seinem Gesicht. von dem Korb. die Sie beschützen wollten. Catherine griff nach der blauen Tasche. »Aus persönlichen Gründen.« »Und was?« Sie suchte in der Tasche und nahm einen Notizblock heraus.« »Warum? Was steht in diesen Texten?« »Ich weiß es noch nicht genau. was ich Ihnen jetzt zeigen werde. »Und dafür setzen Sie Ihr Leben aufs Spiel?« »Ja.« Seine Augen hingen an den sechs Büchern. ging damit zum Tisch. »Die Beduinenfrau. War es Zorn oder vielleicht nur Mißtrauen? »Ich gebe Ihnen mein Wort«.« Garibaldi las schweigend die Übersetzung. sagte er ernst. Kurz darauf blickte Garibaldi ungläubig auf sechs zusammengefaltete alte Papyri. Ihr Eingreifen hätte uns beinahe verraten. und in der Ferne donnerte es. der Entdeckung des unterirdischen Gangs. »Hier ist das. schob den Laptop zur Seite und öffnete den Reißverschluß. Der Sturm nahm an Heftigkeit zu. und schließlich von der Flucht mit den Schriftrollen aus Ägypten.

sagte er ehrfürchtig. Aber nach dem Griechisch zu urteilen. spricht von dem ›Gerechten‹.« »Dann ist das hier…«. und die Welt würde nie etwas davon erfahren.« »Wie können Sie feststellen.« »Zweites Jahrhundert? Sind Sie sicher?« »Die Geschichte. die Perpetua die Geschichte diktiert. Wenn Sabina zum Beispiel sagen würde. stammt der Brief aus dem zweiten Jahrhundert. denn sonst werden wir es nie erfahren.Augenblick nicht sprechen möchte«. in welcher Zeit sich die Geschichte ereignet hat?« »Ich hoffe.« »Diese Frau. Und genau das muß ich herausfinden. Er würde sie in seiner Sammlung verschwinden lassen. deren Lebensdaten bekannt sind. einer historischen Gestalt. Verstehen Sie jetzt. Deshalb darf Havers die Schriftrollen nicht bekommen. dann wäre sie eine Zeitgenossin von Jesus. »kann ich diese Schriftrollen nicht der Polizei übergeben und auch nicht riskieren. »Schon möglich. in dem Text auf einen Anhaltspunkt zu stoßen. spricht von Jesus!« Er sah Catherine an. »In welchem Jahr wurde dieser Brief geschrieben?« »Ich habe eine Papyrusprobe in ein Institut in der Schweiz geschickt. der eine genaue Datierung ermöglicht. »ein Bericht über das Leben unseres Herrn?« Sie nickte. Sabina. die in den Büchern erzählt wird. damit man dort eine genaue Datierung vornimmt. diese Sabina. daß sie Havers in die Hände fallen. ist vielleicht älter. Möglicherweise erstes Jahrhundert. damit könnte sie Jesus meinen. warum ich keine Zeit verlieren darf?« Garibaldi berührte mit dem 197 . Ich glaube. daß sie während der Herrschaft des Augustus geboren wurde. etwa den Namen eines Kaisers oder eines Herrschers. sagte sie leise.

sagte Garibaldi. »Sabina sagt in ihrem Brief. »Haben Sie eine Vorstellung. um die siebte Schriftrolle zu finden!« »Einen Augenblick! Es gibt eine siebte Schriftrolle?« »Diese sechs erzählen nicht die ganze Geschichte. sagte sie und griff nach dem gelben Notizblock und einem Kugelschreiber. wie seine Augen leuchteten.« »Wir werden beide arbeiten«. »Warum dürfen Sie keine Zeit verlieren?« »Wegen der Photos. nahm einen Stuhl und setzte sich an den Computer. das alles ist inzwischen ein Wettlauf mit der Zeit. »›Wir‹?« fragte sie. die Danno hatte.« Catherine berichtete von der Stelle. eine 198 . die sich auf den Weltuntergang und das Jüngste Gericht bezog. »Verstehen Sie. »Während Sie übersetzen. Es fehlt ein Buch.Zeigefinger behutsam das erste Buch. Wenn Havers sie inzwischen übersetzen läßt. und Catherine sah. den entweder wir gewinnen oder Miles Havers. murmelte er.« »Die Wiederkehr Jesu Christi«. die Texte ›König Tymbos‹ zu übergeben. Deshalb hat man damals. die siebte Rolle aus Sicherheitsgründen an einem anderen Ort versteckt. werde ich versuchen. dann weiß er bald genug. »Dann mache ich mich wohl besser an die Arbeit«. im zweiten Jahrhundert. Haben Sie den Namen schon einmal gehört?« Er schüttelte den Kopf. daß sie den genauen Zeitpunkt der Wiederkehr Christi erfahren hat. wo sich das siebte Buch befinden könnte?« »Sabina rät Amelia. Diese Informationen befinden sich wahrscheinlich in der siebten Schriftrolle.

Verbindung zum Internet herzustellen. daß Ihr Freund ein Login Script benutzt hat und daß das Modem funktioniert. der Computer hat ein Modem. aber wir können doppelt soviel erreichen. 199 . Je nachdem. wie man mit dem Web arbeitet. Mit ihm konnte sie nicht mehr rechnen. Sie blickte mit bleichem Gesicht auf Sabinas Geschichte und dachte plötzlich an ihre Mutter. sagte sie zu Garibaldi. aber Catherine unterbrach ihn: »Das müssen Sie nicht. Catherine erschrak. wenn wir uns die Arbeit teilen. ich kann besser mit einem Computer umgehen. Sie dachte an Danno und an den reichen und mächtigen Havers.« Er drehte sich um und klickte auf ›TCP Manager‹ Als das Trumpet Winsock-Logo auf dem Bildschirm erschien. Das Schicksal hatte einen Priester als ihren Begleiter ausgewählt.« Garibaldi startete den Computer. was Sie tun können. was Sabina in den Texten sagte. Ich nehme an. konnte sich alles ändern – auch ihr eigenes Leben. und Catherine hielt den Atem an. er werde ihr helfen. Sie hörte die Warnung von Julius noch einmal.« Er sah sie an. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. »Soll ich nicht?« Ein Donnerschlag ließ das Motel erbeben.« »Danno hat viel über Internet gemacht. Mein Altgriechisch ist nicht mehr das beste.« Garibaldi klickte im Menü auf ›Wählen‹. Hatte das Modem die Flucht unbeschädigt überstanden? Kurz darauf hörten sie das beruhigende Wählgeräusch. »Ich bin froh über alles.« »Daran zweifle ich nicht. murmelte er: »Hoffen wir. Ich weiß. auch wenn sie gehofft hatte. »Ich danke Ihnen«. denn Ihr Freund hat Online gearbeitet.

Sie wies auf die Stöcke und fragte: »Sind sie echt?« Er nickte. Sie runzelte die Stirn und fragte: »Was ist das?« Garibaldi sah. Plötzlich entdeckte sie etwas. und hinter dem Doppelpunkt blinkte der Cursor. daß sie auf seine schwarze Reisetasche deutete. denn der Server in Santa Barbara verlangt ein Paßwort. »Das bedeutet. Sie verstand die Welt nicht mehr. und plötzlich verstand sie sein sportliches Aussehen. »Sie kämpfen damit?« Ein Schauer lief ihr über den Rücken. daß Danno eine Pistole hatte. und nun besaß dieser Priester Kampfstöcke als Waffe. das ihr bisher nicht aufgefallen war. Ihr Blick fiel auf seine muskulösen Arme. 200 . Ein philippinischer Kampfsport. Diesmal können wir uns nicht mit einer Überbrückung helfen. wir brauchen wieder ein Paßwort. CA POP Darunter stand das Wort ›Login‹.« »Man kämpft mit Stöcken?« »Manchmal…« Catherine sah ihn staunend an. Zuerst stellte sie fest. »Das sind PangamotStöcke.« »Wie bitte?« »Pangamot.Dann erschien die Meldung: Willkommen bei OmegaNets Santa Barbara. »Sie praktizieren einen Kampfsport?« Er nickte. schwarz lackierte Bambusstäbe geschnallt waren. auf die zwei fingerdicke. sagte Catherine. Nachdenklich wanderte ihr Blick durch das Zimmer. »Danno hat kein Login Script benutzt«. Was schlagen Sie vor?« Catherine überlegte einen Augenblick.

»das Paßwort. Garibaldi tippte die beiden Namen ein. Darunter stand mit einem anderen Stift geschrieben: ›dstevens. Daniel machte sich stets Notizen. Alexander«. Dabei sagte er zufrieden: »Bitte anschnallen. Es erschien die Meldung: PPP Script completed PPP aktiviert »Wir haben es geschafft!« rief Garibaldi und klickte auf das Symbol für ›Mosaic NetScape‹. Sie drehte es um und las: ›Cathy Schulentlassung. während Catherine auf den Bildschirm blickte. Wir sind auf der Datenautobahn…« 201 .« Sie konzentrierte sich und dachte nach. Klaattu. Manchmal hatte er sogar die eigene Telefonnummer vergessen. Wohin würde er seinen Anwendernamen und das Paßwort geschrieben haben? Spontan griff sie nach dem Photo an der Innenseite des Laptops und löste es vorsichtig ab. 15. sagte Garibaldi.»Dr. Juni 1979‹.

Er hatte die ganze Nacht nicht geschlafen. Alles schien so still und regungslos. Er mußte die Schriftrollen bekommen. hörte man Daniel Stevenson auf dem Band. Ihr Wert? Es kam darauf an. waren aber sehr viel besser erhalten. Die Berge wirkten vor dem blaßblauen Himmel wie ein Scherenschnitt. Über der Wüste brach der Morgen an. Stammten sie aus dem Frühchristentum? Handelte es sich um ein bisher unbekanntes Evangelium? Hungerford hatte Zeke 202 . daß bereits ein einziger Laut die Ruhe zerstört hätte wie ein Stein.Santa Fe. Je mehr er über den Papyrus-Fund dieser Catherine Alexander erfuhr. Wer sind diese Leute? Er rieb sich die Augen. Als es immer später geworden war. Sie erinnerten an die Schriftrollen vom Toten Meer. Aber der Anblick schenkte Miles keinen Frieden. der Glas zerbricht. Miles betrachtete die Photos auf der schwarzen Granitplatte seines Schreibtischs. »Sabina Amelia… König. New Mexico »Perpetua«. Jetzt trat er mit einem halb unterdrückten Gähnen an ein Fenster und öffnete die Vorhänge. desto größer wurde seine Gier. die vor einer Stunde aus Santa Barbara eingetroffen waren. Die Jagdlust war vor vier Tagen durch einen Telefonanruf aus Kairo erwacht. Auch er verließ das Tropenhaus und zog sich in sein Büro im Turm zurück. wie war sein Name…« Miles hielt das Band an. hatte er Teddy Yamaguchi ins Bett geschickt. In seinem Inneren knurrte der Tiger.

daß Catherine Alexander das ›Jesus-Fragment‹ als eine Art Brief identifiziert habe. Einige Worte schienen öfter vorzukommen als andere – Λήελία. Alexander ihren Ruf. Das sagte ihm seine Intuition. in dem Fragment. warum veranlaßten die anderen sechs ›Bücher‹ eine Archäologin wie Dr. Vornamen… Frauennamen? Im Gegensatz zu vielen der in den Qumran-Höhlen gefundenen Schriftrollen handelte es sich hier nicht um das Inventar des Tempelschatzes oder um Bücher des Alten Testaments oder um die Gesetze eines Geheimbundes. damit die Wissenschaftler und alle Interessenten sie in Augenschein nehmen konnten. Handelte es sich um Briefe der Frühchristen? Bestimmt war da noch etwas. die er in ihr vermutete. Περπετνα. Die Kopernikus-Tagebücher waren jahrzehntelang in 203 . stehe der Name ›Jesus‹. Was war das für eine siebte Schriftrolle. Alexander wollte die Schriftrollen übersetzen und den Inhalt aller Welt zugänglich machen. Wenn diese Archäologin die Idealistin war. Σαβινα. Er konnte kein Griechisch. sogar ihr Leben aufs Spiel zu setzen? Miles beugte sich über den Schreibtisch und betrachtete eines der Bilder genauer. Er mußte unbedingt herausfinden. von der Stevenson auf dem Band sprach? Warum war sie so wichtig? Überhaupt. Perpetua. dann konnte er sich ihren Plan bereits gut vorstellen. Vermutlich würde sie die Papyri einem Museum oder einer Universität übergeben.gegenüber behauptet. Hungerford hatte Zeke berichtet. Sabina. Dieser Gedanke ließ ihn erschauern. Buchstabe für Buchstabe übersetzte er die drei Worte: Amelia. das nach der Sprengung entdeckt worden war. was es war! Und eines wußte er mit Sicherheit: Es blieb ihm nicht viel Zeit. aber er kannte in etwa das griechische Alphabet. Dr.

wenn sie schlau genug war. Dr. je fragiler. so etwas löste in ihm das Verlangen aus. Im Augenblick erfüllten die geheimnisvollen sechs Schriftrollen aus dem Sinai alle diese Kriterien. Aber wie sollte er sie finden? Teddy Yamaguchi hatte seine elektronischen Überwacher aufgestellt. die SonnenwendKachina hatte sich in der Obhut weniger ausgewählter Priester befunden. begutachten oder untersuchen konnten. je älter und – wie offenbar auch in diesem Fall – je heiliger etwas war. Miles erschien nicht auf Auktionen. besaß für ihn keinen Wert. Etwas Verkäufliches wollte er nicht. es zu besitzen. sie werde sich wie ein Kaninchen in einem Bau verstecken und die Schriftrollen übersetzen. dann würden sie für Miles verloren sein. Alexander sie für ihn entwerten konnte. Genau das machte sie für Miles so begehrenswert. desto stärker wurde seine Besitzgier. Etwas. die niemand kaufen konnte oder von deren Vorhandensein kaum jemand etwas ahnte. Wenn andere diese Dinge kaufen. interessierte sich nicht für die Kataloge von Christie’s oder Sotheby’s. verschwendete er keine Zeit damit. Alexander hatte ihrem Freund Stevenson gesagt. und diese Schriftrollen vom Sinai hatten in beinahe zweitausend Jahren nur zwei Menschen gesehen. Je seltener. Aber etwas wie die eine Orchidee. Was würde geschehen. die niemand zu Gesicht bekam. Sein Entschluß stand fest: Er mußte die Schriftrollen haben.einem Archiv verschollen gewesen. bevor Dr. von der das Fluchtauto stammte. Aber wenn diese idealistische Archäologin sie der Öffentlichkeit zugänglich machte. mit dem sich zahllose andere befassen konnten. Deshalb kannten sie bereits die Leihwagenfirma. keine Kreditkarte zu 204 . das alle kannten.

daß die Kinder über die Feiertage hier sind. Sanford darüber sprechen?« »Nein. als sie den Schamanen erwähnte. »Soll ich ihn auffordern zu gehen?« »O nein! Ich möchte. Und…«. daß alles in Ordnung war. als er sie an der Tür begrüßte. sie zögerte einen Augenblick. so stellte Miles fest. Die aschblonden Haare. ich wollte dich nicht beunruhigen. Ihr sonnengebräuntes Gesicht wirkte verschlafen. Es mußte noch einen anderen Weg geben. mein Schatz. Er nahm sie in die Arme und küßte sie liebevoll. »und da ist die Sache mit Kojote.benutzen? Er ballte die rechte Hand zur Faust. Welchen? Was hatte er übersehen? Der Summer der Bürotür riß ihn aus seinen Gedanken. »Ich habe wieder einmal unruhig geschlafen«. Trotzdem vergewisserte sich Erika immer. denn er hatte es oft mit anderen Zeitzonen zu tun. sagte sie. Das machte sie noch attraktiver und begehrenswerter. »Entschuldige.« Miles erledigte seine Geschäfte auf der ganzen Welt und rund um die Uhr. »Schlaflosigkeit? Möchtest du nicht vielleicht doch mit Dr. es liegt einfach daran. »Ich bin aufgewacht. und du warst nicht da«. daß er hier ist! Er wird mich morgen zu einem heiligen Platz auf der Cloud Mesa 205 . trug sie offen über der Schulter. ich glaube.« Miles runzelte die Stirn. sie zu finden. Erika trug einen pfirsischfarbenen Seidenmantel über einem weißen Spitzennachthemd. sagte sie. Auf dem Monitor der Überwachungsanlage sah er seine Frau im Fahrstuhl.

zumindest nichts für das menschliche Auge. »Das klingt schön. das sich in seinem Bau in Sicherheit gebracht hatte? Wie sollte er Catherine Alexander aus ihrem Versteck locken? Miles betrachtete die Abzüge in aller Ruhe.« »›Die unsichtbaren Wege der Götter‹«. als er den P245-Papyrus im Britischen Museum fand? Catherine Alexander brauche Kopien ähnlicher Schriftrollen. Verstehst du. Ihm fiel auf. Wie sollte er das Kaninchen finden. wenn man weiß. daß nicht alle Textstellen gut lesbar waren. Es gab sogar Lücken. Nervös trommelte er mit dem Finger auf den Granit. um ihre Übersetzung zu vereinfachen… Wie hatte Stevenson das ausgedrückt: ›Überlaß das Suchen den elektronischen Fingern. die Zeke aus Stevensons Wohnung mitgenommen hatte. Aber Kojote sagt.« »Ich wußte nicht.« Er küßte sie noch einmal. ging Miles zum Schreibtisch zurück. daß ein ganzer Satz fehlte. das ist etwas Ähnliches wie die Traumpfade der Aborigines in Australien.führen. daß sich dort oben überhaupt etwas befindet. wie man sehen muß.« »Da ist nichts. wiederholte Miles und lächelte. Was hatte Stevenson gesagt. »Ich komme bald nach.« Nachdem Erika den Turm verlassen hatte. wo noch immer die Photos lagen. wo sich vermutlich der Papyrus aufgelöst hatte. dann mußt du dein sicheres Versteck nicht verlassen‹ Unvermittelt hörte er Erikas Worte wie ein Echo: ›Die 206 . dann kann man dort die unsichtbaren Wege der Götter und Ahnen sehen. Auf einer Aufnahme entdeckte er.

und alle Müdigkeit war schlagartig verschwunden. daß das Kaninchen durch sein Reich rannte. Das ist es! Der Tiger duckte sich zum Sprung. es gibt Arbeit«. denen sie auf der Suche nach Kopien folgen konnte. sagte Miles. Miles drückte auf seinem Handsprechgerät eine Nummer und weckte Teddy Yamaguchi. auf richtigen Straßen zu fahren. der unangefochtene Herrscher. 207 . Dort würde man sie früher oder später entdecken. denn im Internet war er.unsichtbaren Wege der Götter…‹ Miles richtete sich auf. versetzte ihm einen Adrenalinstoß. Aber es gab andere Wege. Der Gedanke. ›Die unsichtbaren Wege‹ unserer Zeit sind die Datenautobahnen! »Teddy. Miles Havers. Catherine Alexander würde nicht wagen. Cyberspace! Dort würde er sie zur Strecke bringen.

DER FÜNFTE TAG 208 .

Sie hörte das Wasser der Dusche. Sie erinnerte sich nicht daran. Licht drang durch den Türspalt.Samstag. Sie lauschte auf die vertrauten Lagergeräusche. aber zerdrückt. Regen… Regen im Sinai? Sie stellte fest. Kalifornien Catherine wachte auf und versuchte. das sie zuerst nicht einordnen konnte. sich daran zu erinnern. daß die Schriftrollen 209 . seufzte und umfaßte den Kopf mit beiden Händen… Danno! Sie stand auf und ging zu ihrem Gepäck. Irgendwann mußte sie Garibaldi ins Bett getragen haben. Sie lag auch nicht in ihrem Feldbett. Er hatte ihr die Sandalen ausgezogen und sie mit der Decke zugedeckt. Dezember 1999 Santa Ynes-Berge. Hartes an ihrem Hals. im Sessel eingeschlafen zu sein. Dann wußte sie es. wartete auf den Ruf des Muezzin vom hohen Minarett in der Ferne. hielt es vor die Augen und sah. Garibaldi hatte gesagt. Sie blickte zum anderen Bett. daß sie nicht wie üblich ein übergroßes T-Shirt anstelle eines Schlafanzugs trug. daß es ein kleiner Jadeanhänger war – ein Jaguar an einem Lederriemen. Sie tastete danach. wo sie war. Langsam setzte sie sich auf. Offenbar hatte er sich nicht zugedeckt. er werde sich ins Internet einloggen. Catherine setzte sich auf. Die Decke war nicht zurückgeschlagen. Sie spürte etwas Kaltes. Als erstes vergewisserte sie sich. Auf dem Tisch vor dem Fenster stand Dannos geöffneter Laptop. aber sie hörte etwas. Die Tür zum Bad war geschlossen. 18. Plötzlich fiel es ihr wieder ein: Die Killer hatten Danno ermordet… ihre Flucht durch den Regen mit Garibaldi.

Kann ich ihm vertrauen? Sie sah seine schwarze Reisetasche. wie sie es in der Nacht zurückgelassen hatte.noch da waren. »Ist Pangamot etwas Ähnliches wie Karate?« »Es ist auch ein Kampfsport.« Sie zuckte zusammen. daß Sie die Wahrheit gesagt haben. ein Buch – Die Stundengebete – und den neuen Roman von Tony Hillerman. Garibaldi stand in der Badezimmertür. Sie sah eine Stola. »Ich wollte nicht neugierig sein. Julius anzurufen. Garibaldi hätte die sechs Bücher an sich nehmen und davonfahren können. denn sie wollte kein Risiko eingehen. Aber das hatte er nicht getan. Sie lagen unversehrt zwischen den Einbanddeckeln des paläobotanischen Handbuchs. die offenbar Weihwasser enthielt. Er trug eine schwarze Baumwollhose und ein schwarzes T-Shirt mit dem Aufdruck ›Dong Meyong Pangamot‹. aber ich mußte mich vergewissern. »Ich bin wirklich ein Priester. während sie schlief. Havers ließ inzwischen bestimmt alle Anrufe 210 .« »Ich verstehe. möchte ich jetzt duschen und dann so schnell wie möglich von hier weg. die vom Duschen noch feucht waren. eine andere. öffnete sie die Tasche und warf einen Blick hinein. daß die Stöcke an der Wand lehnten. eine kleine Flasche Öl. Da die Dusche noch lief.« Catherine bürstete ihre langen kastanienbraunen Haare. und meine Wut kennt keine Grenzen. Alles schien so. Sie unterdrückte den Wunsch.« Er betrachtete sie aufmerksam und fragte: »Wie geht es Ihnen?« »Mein inneres Uhrwerk ist überdreht.« Sie blickte auf sein T-Shirt und sah dann. »Entschuldigen Sie«. Wenn Sie nichts dagegen haben. Sie blickte noch einmal zum Bad. sagte Catherine.

Er würde ihr beistehen und helfen. den Schock von Dannos Tod zu überwinden. ich habe schon getankt. Sie dachte an Garibaldi. daß sie augenblicklich erstarrte… Nachdem Garibaldi aus dem Bad gekommen war. betete und beichtete. für ihn war es von großer Bedeutung. Ihr wurde klar.« Er brachte außer Kaffee und belegten Brötchen auch eine Zeitung. wie die Kirche ihre Mutter verfolgt und noch im Sterben gequält und bestraft hatte. der ihr Trost bringen sollte. hatte Daniel gesagt. ging Catherine schnell unter die Dusche und überließ ihm das 211 . Ein katholischer Priester. bis die Arbeit getan war. Daniel war damals ein gläubiger Katholik gewesen. daß ihm vor dem Tod ein Priester die Letzte Ölung geben würde. Sie wollte sich in seinen Armen ausweinen. Er hatte sie vor diesem unsinnigen Schritt zurückhalten können. Er war am Abend nach der Beerdigung ihrer Mutter zu ihr gekommen. der im Augenblick nicht im Zimmer war. Das war jedoch nicht der Grund dafür. Sie wußte. »Die Tankstelle ist offen. Wieder einmal erinnerte sie sich an Dannos Worte vor dreizehn Jahren. Aber an jenem Abend hatte sie ihren Glauben verloren. Aber sie sehnte sich verzweifelt nach Julius.abhören. Ein Priester hätte Daniel seelischen Trost schenken können… Sie hörte Schritte auf dem Kies. Er ging zur Kirche. und im nächsten Augenblick kam Garibaldi ins Zimmer. Sie würde nie vergessen. und der Regen hat nachgelassen. ›Das ist keine Lösung‹. als sie sich mit Schlaftabletten das Leben nehmen wollte. Daran hatte sich bis heute nichts geändert. aber genau das nicht konnte. sich von ihm trösten lassen. obwohl die Last auf ihrer Seele unerträglich schien. daß sie weder mit Julius noch mit einem anderen Menschen Kontakt aufnehmen durfte.

« Sie sah die Meldung: ›Der Archäologe Dr. mit der sichtbaren Autorität seiner kirchlichen Macht ihre Mutter beeinflussen und einschüchtern zu wollen. »Ich vermute. Sie werden bestimmt nicht wissen. »Deshalb. war er nicht mehr da. Die Polizei hat bisher noch keine Einzelheiten bekanntgegeben. Deshalb war sie auf sein Aussehen nicht vorbereitet. Nach Aussagen von Zeugen wurde eine Frau gesehen. Er trug nicht mehr die schwarze Baumwollhose und das Pangamot T-Shirt. Vater McKinney war in der Soutane im Krankenhaus erschienen. letzte Spalte. Ich bin auch der Meinung. sondern eine lange. daß ich Priester bin. schwarze zugeknöpfte Soutane. Seite drei. sagte Garibaldi. gewinnen wir vermutlich etwas Zeit. die Polizei weiß nichts von mir. Blitzartig stellte sich bei diesem Anblick die Erinnerung an den Abend vor dem Tod ihrer Mutter ein. die aus dem Haus floh…‹ »Es wird nicht erwähnt. Auf dem Tisch lag eine Notiz. dem Priester und der Kirche und natürlich auch Gott! »Weshalb tragen Sie das?« Er reichte ihr die Zeitung. er werde sich nach Benzin erkundigen und Frühstück besorgen. Daniel Stevenson wurde gestern abend in seiner Wohnung in Santa Barbara tot aufgefunden. Catherine hatte ihm vorgeworfen. Was hatte sie ihm an jenem Abend nicht alles vorgeworfen – ihm. eine schwarze Schärpe um die Hüfte und ein kleines goldenes Kruzifix an einer Goldkette um den Hals. stellte die Kaffeebecher auf den Tisch und legte die noch warmen Brötchen daneben. Wenn ich die Soutane trage. aber man vermutet ein Verbrechen. Als sie kurze Zeit später das Bad verließ. daß mich die beiden Killer in der Dunkelheit und bei dem Regen nur undeutlich sehen konnten.Zimmer zum Ankleiden. Die Leute werden 212 . daß Ihnen ein Mann bei der Flucht geholfen hat«.

Danno.« Er verschloß die Reisetasche.« »Sie irren sich. Verzeih mir. man wird mir die Schriftrollen abnehmen. wird man mich verhaften.« »Sie glauben mir wirklich?« Er nickte. werden sie es nicht glauben. daß Miles Havers hinter dem Mord steckt.« »Und dann?« 213 . Ich kann der Polizei nicht sagen. daß Miles Havers hinter mir her ist. der Ihren Freund ermordet hat.« Catherine ließ die Zeitung sinken. Auf den Photos ist im Hintergrund ein Mann zu sehen. »Wir sollten so schnell wie möglich hier weg. unter welchen Umständen du gestorben bist. als sie hinzufügte: »Sie glauben nicht. habe ich im Internet nach Zeitungsphotos von Havers gesucht. Noch nie im Leben hatte sich Catherine so hilflos gefühlt.einen Priester sehen und der Frau in seiner Begleitung weniger Aufmerksamkeit schenken.« »Wird man sich in Ihrer Gemeinde nicht Gedanken machen? Werden Sie nicht erwartet?« »Ich habe noch ein paar Tage Urlaub. und dann war dein Tod völlig sinnlos. auf den Ihre Beschreibung des Killers paßt. Sie kämpfte mit den Tränen. jetzt glaube ich Ihnen. Wenn ich mich anonym melde und sage. Wenn ich mich als Zeugin bei der Polizei melde. »Während Sie schliefen. sagte Garibaldi leise. »Wir sollten so schnell wie möglich losfahren«. dachte sie verzweifelt. »Sind Sie fertig?« Catherine sah den großen Mann in der schwarzen Soutane an und fragte: »Warum bleiben Sie bei mir?« Eine gewisse Bitterkeit lag in ihrer Stimme.

Er dürfte nicht so allein sein. »Wenn ich das nur glauben könnte…« »Hören Sie. Garibaldi hatte bereits die Rechnung bezahlt. Er hatte nicht einmal mehr Gelegenheit. der sich von nichts entmutigen ließ. Danno. Deshalb mußte Catherine nicht noch einmal in das Büro. mir etwas von seinen neuesten Erkenntnissen über die Maya-Wandbilder zu erzählen… Eine Hand legte sich auf ihren Arm. unauffällige Meldung auf Seite drei. Daniel war nach Ihren eigenen Worten ein gläubiger Katholik. Abgesehen von ein paar verschlafenen Gästen und einem Lkw-Fahrer. Sie hörte Garibaldis Stimme: »Ist alles in Ordnung?« Catherine stellte fest. lag kalt und starr in einer Leichenhalle.« »Er ist nicht allein. flüsterte sie. Glauben Sie an ein Leben nach 214 .« Sie sahen sich zuerst vorsichtig auf dem Parkplatz um. Sein Glaube führt ihn zu Gott. daß ihr die Tränen über die Wangen liefen. Als Garibaldi den Motor anließ. Daniel ist in Gottes Hand. war an diesem grauen Morgen wenig los. Sie stiegen ungesehen in den Wagen. der Einzelgänger. »Entschuldigen Sie«. der den Luftdruck der Reifen überprüfte. Was bedeutet das für seine Seele?« »Entscheidend ist der Entwicklungsstand seiner Seele im Augenblick des Todes. Das sollte auch Sie trösten. fragte er Catherine: »In welche Richtung fahren wir?« Aber sie hörte seine Frage nicht. »Ich habe an Danno gedacht. Sie hielt die Zeitung in den Händen und dachte an die kleine.« Sie wischte sich die Tränen vom Gesicht.« »Er ist ohne die Letzte Ölung gestorben.»Dann werde ich mir etwas einfallen lassen.

was nach dem Tod mit uns geschieht.« »Also. die Danno ermordet haben«. Heute bin ich nicht so sicher. »Gut. wo Santa Barbara und Malibu lagen und wo Julius lebte – dorthin. daß sie die Augen schloß. als verschließe sie ihm ihre Gedanken. Ich hoffe. denn er handelt sich damit mehr ein. Vorsichtig schlug sie das paläobotanische Handbuch auf 215 . Als Miles Havers beschlossen hat. Manchmal glaube ich. Sie drehte sich um und blickte in Richtung Süden. daß uns das Internet auf eine heiße Spur zur siebten Schriftrolle führt. in welche Richtung fahren wir?« »Nach Norden«. »Die Killer. sagte sie entschlossen.« Während Garibaldi den Mustang zur Auffahrt des Highway fuhr. In welche Richtung fahren wir?« Catherine hob den Kopf und starrte durch die Windschutzscheibe in den grauen Tag. »Es gab einmal eine Zeit. muß schrecklich und beängstigend sein. Wir müssen einen Platz finden. sagte er: »Wir sollten losfahren. sagte sie mit kaum unterdrücktem Zorn. griff Catherine in die blaue Tasche und holte die sechs Bücher in dem dicken Umschlag heraus. da habe ich nicht daran gezweifelt. wo es Sicherheit und Wärme für sie gab. aber als er feststellte.« »Haben Sie Angst vor dem Tod?« Sie ließ den Kopf sinken und flüsterte kaum hörbar: »Ja…« Er wartete geduldig. hat er einen Fehler gemacht. nach Norden. damit Sie die Schriftrollen übersetzen und ich wieder eine Online-Verbindung bekomme. als er zu gewinnen hofft. »werden nicht ungeschoren davonkommen. ob sie noch etwas sagen würde. an dem wir bleiben können. den Kampf mit mir aufzunehmen.dem Tod?« »Ich… ich weiß nicht«. murmelte Catherine.

die uns voneinander trennen. Ich habe die Kunst des Heuens gelernt. liebe Amelia. und ihr sollt wissen. ich greife vor. Ich bin bis an die entferntesten Grenzen des Reichs gereist und habe die erstaunlichsten und auch schrecklichsten Dinge erlebt. Doch an allen Orten. aber die Frau sagte. Das Schicksal hielt Wundersames für mich bereit. Dann begann sie zu lesen… Seltsame Vorzeichen ereigneten sich in der Nacht meiner Geburt. Trotz der unendlich vielen Unterschiede. den Hoffenden und Verzweifelten habe ich eine weltumspannende Wahrheit gelernt. den Gebildeten und Ungebildeten. die in unserem Haus erschien.und entfaltete die erste vergilbte Papyrus-Seite. bei den Unwissenden und Schlechten. In den acht Jahrzehnten meines Lebens begegnete ich Königen und Bauern. Meine Familie kannte sie nicht. Staatsmännern und Dieben. Es gehe um das Schicksal des Kindes. sie habe eine wichtige Nachricht von den Priesterinnen der Hekate. wenn wir sterben? 216 . was auch ich werden sollte. ich brachte Kinder zur Welt und spendete Sterbenden Trost. ehe das Schicksal eingriff und den Weg meines Lebens für immer veränderte. Zuerst sende ich Dir und meinen Schwestern auf dem Weg des Gerechten meine Grüße. in den Städten und Dörfern. bei weisen Männern und Frauen. daß meine Mutter ein Diakon war. Meine Mutter erzählte mir später von einer Wahrsagerin. Ich verstand die ganze Tragweite der Prophezeiung erst viele Jahre später. das unter diesem Dach zur Welt kommen werde. bewegt uns alle die eine Frage: Was geschieht mit uns. Euch gilt mein Friedenskuß. Aber verzeih mir.

Er stand sogar über Isis. Sein Erscheinen am Horizont wurde von den drei Sternen im Gürtel des Orion angekündigt. Hermes war wiedergeboren. trage ich es über meinem 217 . liebe Schwestern. zu der die Drei Könige wiesen. als einzige Tochter einer reichen und angesehenen Familie geboren. die man die ›Drei Könige‹ nannte. denn das bedeutete. Wenn er dann aufging. Nur bei Dir finden wir Frieden… Mein Vater gehörte zu den Anhängern des Mithras. Liebe Amelia. Die Ewigkeit schenkt uns den Segen. unterwegs auf fernen Straßen. Wir gingen zum Fluß und hielten am nächtlichen Himmel Ausschau nach dem Stern Sirius. in Syrien. bei den Begegnungen auf den Marktplätzen und in den Karawansereien der Welt habe ich schließlich die Antwort gefunden. Ich wurde in Antiochia. An diesem heiligen Tag blickten wir am frühen Morgen auf die Stelle am Horizont. In jeder Woche nahm er am Tag der Sonne an geheimen Ritualen im Tempel teil. rette uns mit deiner Kraft! Gott mache uns zu geistigen Wesen. Aber bevor ich mein Wissen mit euch teile. und wir sangen das Lied: Leben. muß ich die Geschichte am Anfang beginnen. in den vielen Jahren. und bis auf den heutigen Tag.Liebe Schwestern. In ihrer Jugend war meine Mutter in die Mysterien des Hermes Logos eingeweiht worden. Mithras war damals ein mächtiger Gott in Antiochia. denn dort würde der Stern erscheinen. der Himmelskönigin. ob Mithras immer noch diese Macht besitzt. Meine Mutter glaubte an die Kraft von Amuletten. Jedes Jahr feierte meine Familie mit den anderen Bürgern von Antiochia die Wiedergeburt des Hermes. Sie legte mir am Tag meiner Geburt das Hermeskreuz um den Hals. ich frage mich. war der Jubel groß.

die Tanten und Nichten begleiteten meine Mutter dorthin. das in seinen Sarg führte. An seinem Grab fand dann ein rituelles Mahl statt. Sie suchte 218 . denn der Gott ist das sichtbar gewordene Wort. Ich hatte einen Bruder. Sie glaubte wie alle Anhänger des Hermes Logos an die Magie des Wortes. der als Toter mein Leben überschattete. sie gaben ihm durch ein Rohr. Die Frauen meiner Familie sprachen mit meinem verstorbenen Bruder und berichteten ihm von den Ereignissen in der Familie. Es gehörte zu unserem wöchentlichen Ritual. Ich wuchs in einem stillen Haus heran. Ich deutete mit dem Finger auf die Erde und sagte: ›Da ist er. Milch und Honig. Meine Eltern waren untröstlich. wo er sich befand. so wie alle Angehörigen durch ähnliche Röhren ihren Toten Wein geben. verstand ich sie besser. der als kleines Kind starb. Mein Vater brachte es später nie über sich. Er ist ein verständnisvoller Gott. Sie suchte nach ihm im Reich der Toten. Sie brachten ihm manchmal sogar Spielzeug. Meine Großmutter. und die Welt wurde erschaffen. Doch trotz ihres Glaubens war meine Mutter keine glückliche Frau. So war das. Ich hatte einen Bruder. Die Erinnerung an meinen Bruder stand immer zwischen mir und meinen Eltern.Herzen. Hermes sprach das Wort. von seinem toten Sohn zu sprechen.‹ Als ich älter wurde. rief seinen Namen und wollte wissen. Sie saß an seinem Grab. und alle seine Anhänger sind glücklich. Die Frauen sprachen zu ihm. Als Dreijähriger erkrankte er am Fieber und überlebte es nicht. zum Totenfeld zu gehen und das Grab meines Bruders zu pflegen. Trotz des wöchentlichen Rituals schien meine Mutter mehr zu wollen. Mutter! Er schläft in der Erde.

hörten wir einen Mann predigen. denn er konnte ein schweres Rückenleiden meines Vaters nicht kurieren und empfahl ihm das berühmte Heilwasser des Salzmeeres. Als ich acht wurde. mein Vater errichtete eine kalte und stumme Fassade. und ein anderer übersetzte seine Worte ins Griechische. obwohl ich nichts von dem verstand. und mein Vater sagte. Selbst heute kann ich mich an kein einziges Wort erinnern. Ich glaubte. Aber meine Mutter wollte dem Mann zuhören. sondern seine Seele. machten wir uns auf eine lange Reise. was er sagte. die ihn im Laufe der Jahre immer abweisender und schweigsamer machte. Er sprach in seiner Sprache. Er sprach nie über den verlorenen Sohn. das meinen Bruder getötet hatte.nicht den kleinen Jungen. das Meersalz habe seinen Rücken geheilt. aber ich kann mich noch deutlich an das Gesicht des Mannes in der Wüste erinnern. Meine Mutter hüllte sich in ihre Trauer wie in einen Mantel. es sei noch nicht überwunden und verbreite Tag für Tag sein tödliches Gift. damit auch die Fremden unter den Zuhörern den Mann verstanden. und ich blieb bei ihr. in der Wüste von Judäa. die ihm Fragen stellten und ihn ›Rabbi‹ nannten. Mein Vater entfernte sich von der Versammlung und ging zu den Bädern und Ärzten. Mein Vater ging nicht mit uns zu dem Grab. denn sie gaben sich gegenseitig die Schuld am Tod meines Bruders. Der Arzt meines Vaters riet dazu. Wir kehrten nach Antiochia zurück. Es kam so weit. Manchmal dachte ich. Jener Tag an dem Ufer das Salzmeeres liegt zwar schon viele Jahre zurück. daß meine Eltern wie Fremde zueinander waren. Er hatte 219 . ich höre noch den Klang seiner Stimme und sehe den Kreis der Zuhörer. Eine Art seelische Krankheit lastete über unserem Haus. es sei das Fieber. Dort.

weshalb sie den anderen Weg 220 . in der viele in ihrer Verzweiflung und Angst Antworten auf spirituelle Fragen suchten. sogar der Kaiser in Rom werde als lebender Gott verehrt. an jeder Kreuzung stand die Statue eines Gottes. wo Kamele und Schweine. die sich dort eingefunden hatten. Nachdem wir die Hauptstraße erreicht hatten. und wir gelangten an einen Platz. Man trieb Handel mit dem Segen der Götter und schacherte mit der Hoffnung auf die Gunst der Unsterblichen. Es war eine Zeit der Unsicherheit. Damals. Mein Vater nannte das den ›Marktplatz der Religionen‹. besuchte meine Mutter auf unserem wöchentlichen Weg durch die Stadt zum Grab meines Bruders wie immer den Astrologen. Jedes Viertel hatte seinen eigenen Tempel. Normalerweise ging meine Mutter an solchen Versammlungen achtlos vorüber. Man sagte uns. aber an diesem Tag blieben wir stehen und hörten zu. und ein Mann redete zu ihnen. Der Mann sprach von Vergebung und davon. wo jeder einen Gott oder einen Glauben verkaufe. daß jeder durch Verzeihen das Tor aufstoße und so zum Weg des Lichts finde. In der Stadt gab es die Anhänger der unterschiedlichsten Religionen. Man sah dort die Boten des Hermes und die Anhänger von Zoroaster. die durch das EpiphaniaViertel zur Stadtmitte führte. war ein Fremder. Der Mann. Später konnte sie nie sagen. Auf die Plätze kamen viele Prediger. Als ich sechzehn war. herrschte große Unruhe unter den Menschen. die zu den Menschen sprachen. sagte sie: ›Heute nehmen wir einen anderen Weg. liebe Schwestern. Eine Gruppe Menschen stand in der Mitte.nie wieder Schmerzen. der zu den wenigen sprach. in jeder Straße gab es einen Schrein. Sklaven und Esel verkauft wurden.‹ Es dauerte nicht lange. Dieser Tag veränderte meine Mutter von Grund auf.

und man fragte ihn: ›Warum sollen wir verzeihen?‹ Er antwortete: ›Nur so könnt ihr euch retten. wird zu einem Wanderer auf dem Weg. Er sagte: »Rache steht nur Gott zu«. Sie wurde wieder glücklich und jung. daß er zu einem kalten. Man fragte ihn: ›Was ist das für ein Königreich‹ und er antwortete: ›Das Königreich des Himmels. Und der Mann sagte: ›Wir sind nicht tot.‹ Einige machten sich über ihn lustig und riefen: ›Du sagst. jeder möge dem Nächsten in 221 . wir sind bereits tot?‹ Die einen lachten. Der Mann auf dem Platz hatte über viele Dinge gesprochen. Wir stehen im Augenblick der Geburt auf der Schwelle des Todes. Die Worte des Predigers schienen die Saat der Bitterkeit abgetötet zu haben.gewählt oder weshalb sie dem Mann zugehört hatte. Wer diesen Glauben annimmt. Aber anschließend gingen wir nach Hause zurück.‹ Man fragte ihn: ›Wie gelangen wir in dieses Königreich‹ und er erinnerte sie daran. das in uns allen ist. aber wir werden sterben. und man fragte ihn: ›Welchem Gott?‹ Er antwortete: ›Es gibt nur einen Gott.‹ Der Mann sprach dann von einem Königreich. unnahbaren und lieblosen Mann geworden war.‹ Er sagte: ›Wir müssen verzeihen‹.‹ Man fragte ihn: ›Was ist das für ein Himmel?‹ und er antwortete: ›Dorthin werdet ihr gehen. das Leben nach dem Tod sei in uns.‹ Man fragte ihn: ›Sprichst du vom Leben nach dem Tod?‹ und er antwortete: ›Ja. sie verzieh meinem Vater und warf ihm nicht länger vor. aber die anderen hörten schweigend zu. die so viele Jahre im Herzen meiner Mutter lag. nachdem ihr gestorben seid. Soll das heißen. Von da an strahlte aus ihr ein neues Licht. die wir nicht verstanden.

Wir fragten unseren Gast: ›Wann wird das Ende der Welt kommen? Heute? Morgen? Noch zu unseren Lebzeiten‹. wenn man vergibt‹ und er antwortete: ›Man findet die Einsicht. Die Menschen in den Städten waren unzufrieden. Alles ist Teil eines größeren Ganzen. denn damals war das Leben im ganzen Reich von vielen Gefahren bedroht. so wie er es bei seinem Lehrer gelernt hatte. und keiner schenkte 222 . Er heilte die Kranken und half den Bekümmerten. und wir lauschten seinen Worten. Und mit dem Frieden kommt das Licht. Was geschehen soll. an den Grenzen brachen Seuchen aus. daß dies der Wahrheit entsprach.seinem Herzen vergeben. und sie hatten Angst. Jeder verriegelte nachts die Tore. und ihr werdet finden. von dem er so oft sprach. und in den Kolonien rebellierten die Stämme gegen ihre Herren. denn ich sah. daß der Gerechte. den wir in der Wüste Judäas gehört hatten. jemand in der Menge fragte: ›Was geschieht. war jedoch dies: ›Der Gerechte hat den Tod überwunden‹ Der Mann blieb als Gast in unserem Haus und lehrte uns das Wissen des Gerechten. Klopfet an und euch wird aufgetan. und schließlich luden wir den Mann ein. Wir stellten Fragen über alles. und mir wurde bewußt.‹ Das Wichtigste.‹ Ich stellte fest. denn nichts geschieht zufällig. unsere Freunde und Nachbarn. was der Mann uns sagte. wie sich meine Mutter veränderte. Und er ermahnte uns: ›Der Gerechte sagt: Suchet. Wir versammelten unsere Dienstboten und Sklaven. der Mann war. was unsere Herzen beschwerte. wird geschehen. denn im Reich gab es viele Kriege. Danach gingen wir jeden Tag zu diesem Platz. in unser Haus zu kommen. Durch Verzeihen und Einsicht werdet ihr Freiheit und Frieden finden.

Unser Gast antwortete: ›Ihr werdet das Ende an den Zeichen erkennen. Meine Mutter übertrug immer mehr Mitgliedern die Diakonswürde.‹ Und so entstand eine Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern. damit viele den Weg finden. Aber damals wurden wir nicht angegriffen. Auf diese Weise wuchs die Gemeinschaft weiter und zählte immer mehr Mitglieder. daß man damals. Mein Vater ließ sich jedoch nicht zum Weg des Gerechten bekehren. Amelia. Von Perpetua erfahre ich. Wir müssen die Botschaft so weit wie möglich verbreiten. Ich verspreche euch. denn wir alle haben die Teile in uns. damit sie ebenfalls Versammlungen abhalten konnten. Sabina. einem jeden werden die Zeichen offenbart werden. ich spreche bewußt von einem ›Rätsel‹ und meine damit das große Mysterium. Die Versammlungen fanden in unserem Haus statt. Wer wie meine Mutter die wöchentliche Lesung der Botschaft übernahm und das Liebesmahl vorbereitete. aber ich werde müde. erhielt die Würde eines Diakons. In Alexandria hörte ich zum ersten Mal von dem neuen Zeitalter… Ich bitte Dich um Verständnis. Die Menschen kamen aus allen Teilen der Stadt. die dem Weg des Gerechten folgten.‹ Meine Mutter sagte zu mir: ›Das ist der richtige Glaube. das wir Tod nennen. Perpetua sagt mir.dem anderen Vertrauen. Erst Jahre später fand ich in meinem Leben die Lösung für einen anderen Teil des Rätsels… Ja. denn sie wollten die Botschaft hören. die zusammengefügt die klare Antwort geben. Die Zahl unserer Mitglieder wuchs. Wir konnten uns ungehindert treffen. und bald mußten die Versammlungen im Freien stattfinden. denn der Gerechte ist Gottes Sohn. daß sich das inzwischen wegen der Verfolgungen geändert hat. als die Männer 223 .

Sabina wurde von den Erinnerungen so überwältigt. Sie möchte den Bericht in ein paar Tagen fortsetzen. Aber wie durch ein Wunder hat sie sich wieder erholt. geglaubt hat. sie werde sterben. ich sei tot. sitzt im Bett und sagt. ich überbringe euch die gute Nachricht. Vielleicht war ich tot.‹ 224 . Ich weiß um das Ende aller Dinge und um die Wiederkunft des Gerechten. daß sich meine Mutter in ihrer Vorstellung vom Tod geirrt hat. Meine Schwestern. daß mir offenbart worden ist. (Perpetua schreibt: ›Liebe Amelia. Ich befürchtete.mich fanden und in das Kastell brachten. daß sie nicht weitersprechen konnte. wie und wann der Gerechte zurückkehren wird. Ich weiß auch. daß sie ewig leben wird.

Aber Daniel hatte sich nicht gemeldet. daß sie in Sicherheit war und sich verstecken würde. sie zu frisieren oder mit einer Spange zusammenzuhalten. daß sich die geheimnisvolle Anruferin unter dem Namen ›Meritites‹ meldete – der Name der Königin. wenn sie sehr konzentriert arbeitete. Er schloß die Wohnungstür mit seinem Schlüssel auf und hoffte. Sie wollte ihm offenbar mitteilen. die mit verstellter Stimme sprach. bis ihm schließlich dämmerte. Bei seiner Rückkehr war das Haus leer gewesen. sie über die Schriftrollen gebeugt zu finden. Warum diese Vorsicht? Warum ›Meritites‹ und die verstellte Stimme? Vor allem. Kalifornien Die Mitteilung auf dem Anrufbeantworter war so eigenartig. wo sie sich befand – auch er nicht. 225 . daß Julius zuerst dachte. Er hörte sich das Band mehrmals an. daß es ihr gutgehe? Jetzt machte er sich noch größere Vorwürfe. Er hätte bei ihr bleiben müssen. Niemand sollte wissen. deren Mumie er vor einem Jahr untersucht hatte. jemand habe sich einen Scherz mit ihm erlaubt. vergaß sie ihre Haare und machte sich nicht die Mühe. Doch dann fiel ihm auf. daß die Frau Catherine war. weil er hoffte.Santa Monica. ja rechnete fast damit. Versunken in die Übersetzung würden ihr die langen kastanienbraunen Haare über die Schultern fallen – immer. warum die Betonung darauf. nach ihrem Streit ins Institut gegangen zu sein. Deshalb fuhr Julius zu ihrer Wohnung in der Fifth Street in Santa Monica. und als er die Nachricht fand: ›Ich muß für ein paar Tage weg!‹ hatte er bei Daniel Stevenson angerufen. sie sei dort.

Er glaubte. langen kastanienbraunen Haare hatten ihn sofort um den Verstand gebracht. und auf dem Eßtisch lagen ein Stapel Post und Zeitungen. Wo immer sie sein mochte. Im Schlafzimmer sah er auf der Kommode ein gerahmtes Photo von ihnen beiden am Strand von Honolulu. eher kastanienrot. Hätte ich dich doch nicht allein gelassen. Julius schloß die Augen. das ist schon besser. Trotzdem konnte die Nachbarin die 226 . Sie hatten damals zusammen an einer Konferenz teilgenommen und im Halekulani Hotel zum ersten Mal miteinander geschlafen. Die Fremde rannte aus Dr. das Bett war unbenutzt. sie befand sich in Sicherheit. Cathy trug sie am liebsten offen. spürte Cathys zarte Haut und roch den Duft von Kokosnußsonnenöl und frisch gewaschenen Haaren. das auf das Bett schien. dann lagen alle Lebensmittel auf dem Boden. nicht rot. Komm zurück. Die Kaffeekanne stand im Küchenschrank. »Cathy«. und die Frau war bereits auf der Treppe. sagte die Zeugin zu dem Porträtzeichner auf der Polizeiwache. Ja. Stevensons Wohnung. Wir werden zusammen eine Lösung finden. noch immer die Brandung vor der Terrasse hören zu können. flüsterte er.« Der Zusammenstoß war so überraschend gewesen. daß Catherine unabhängig war und für sich sorgen konnte. Ihre dichten. die ihre Nachbarin in die Wohnung brachte. Das fand er sexy und sehr herausfordernd.« Er tröstete sich damit. »Nein. »wo immer du auch sein magst. Ihre Tollkühnheit würde ein Geheimnis bleiben. bitte ruf mich an. Er sah das Mondlicht. bis sie die Schriftrollen übersetzt hatte… »Lange rotbraune Haare«.Aber Catherine war nicht in der Wohnung.

Außerdem war Dr. einem Irrenhaus – Einbrüche. wer sie war. Kann ich jetzt gehen?« 227 . Der tiefgefrorene Truthahn ist durch den Gang gerollt und wäre beinahe…« »Draußen hat ein Mann auf die fliehende Frau gewartet«. unterbrach der Inspektor sie ungeduldig und stand auf. das Bild sehe ihr wirklich sehr ähnlich. so eine Art Indiana Jones. die die Frau verfolgt haben?« »Ich habe sie nicht richtig gesehen. Er mußte unbedingt noch die Beweisstücke ins Institut bringen. Jetzt bestätigte sie dem Zeichner. der auf dem Schreibtisch saß und Kaugummi kaute. mit wem sie davongefahren ist?« »Richtig. »Haben Sie den Mann gesehen. wer diese Frau gewesen sein könnte?« fragte der Inspektor. Wissen Sie. gestohlene Fahrzeuge. weil ich meine Lebensmittel aufsammeln mußte. eine Woche vor Weihnachten.« »Und die beiden bewaffneten Männer. »In diesem Haus ist jeder mit sich beschäftigt. mit dem die Frau dann geflohen ist?« »Glauben Sie. ich kann durch Hauswände blicken. Raubüberfälle und betrunkene Autofahrer ließen den Beamten keine ruhige Minute.Fliehende genau beschreiben. Der Inspektor konnte sich nicht den Luxus erlauben. diesem Fall so nachzugehen. Stevenson nur sehr selten da. und Sie wissen nicht. wie er es eigentlich für richtig gehalten hätte. Die Polizeistation glich an diesem Dezembermorgen. junger Mann?« »Sie wissen also nicht. »Haben Sie eine Ahnung. Außerdem waren sie unterbesetzt. Die Nachbarin schüttelte den Kopf. Er war ständig unterwegs bei Ausgrabungen.

»Sind Sie sicher. Alle schienen plötzlich gleichzeitig zu reden. heilige Nacht‹. Trotzdem schien dieser Stevenson wichtig genug zu sein. der ihn zu sich in sein Büro winkte. Darunter mischten sich aus dem Radio die süßlichen Töne von ›Stille Nacht. Bislang hatte Maloney jedoch nur erfahren. Vielleicht war sie auch nur temperamentvoll. »Stevensons Wohnung war das reinste Chaos – nichts aufgeräumt. blickte ihr über die Schulter und fand. Jedenfalls hatte er keinen großen Beitrag zur Wissenschaft geleistet. und es entstand ein ohrenbetäubender Lärm. Ein Spinner. »Uns ist nichts aufgefallen«. keine ersichtliche Ordnung. um auf so seltsame Weise ermordet zu werden. daß der Porträtist eine hübsche Frau mit großen Augen und sinnlichen Lippen gezeichnet hatte. Wer mochte diese schöne Unbekannte sein? Der Chefredakteur hatte Maloney auf die Wache geschickt. als mache sie sich viele Gedanken oder sei oft zornig. ein Science Fiction-Fan. So ein Typ. der verrückte Sachen geglaubt hatte. daß Stevenson ein Einzelgänger und Idealist gewesen war. um herauszufinden. klappernden Schreibmaschinen und lauten Druckern. der mit 228 . In diesem Augenblick erschien ein anderer Mann in der Wache. sagte der Inspektor gereizt und nickte seinem Vorgesetzten zu. etwa. »Ist etwas gestohlen worden?« fragte Maloney den Kaugummi kauenden Inspektor und folgte ihm durch die Wache mit den klingelnden Telefonen. Auf dem Bild hatte sie eine senkrechte Falte zwischen den Augenbrauen. dachte Maloney gelangweilt. ob aus dem Mord an dem Archäologen vielleicht eine Geschichte zu machen sei. daß es auf dem Mars Pyramiden gab. daß dieses Bild ihr gleicht?« Die Nachbarin warf noch einmal einen Blick auf das fertige Porträt.

wer die Mörder sind?« fragte Maloney. Er mußte noch einmal stehenbleiben. Was zum Teufel ist das? Maloney runzelte die Stirn.sechsunddreißig noch immer nicht erwachsen ist. auf Hochtouren zu laufen. Verblüfft sah er genauer hin. Sein Blick fiel auf den Schreibtisch des Inspektors. Er drehte sich um und schlenderte durch den Raum in Richtung Ausgang. Schapiro. 99. Wie soll da jemand sagen. wie man sie für die Aufbewahrung von Beweisen benutzt. 12. Aber wo? Sein Gehirn begann. drehte sich um und steckte die Hände in die Hosentaschen. als mir hier Fragen zu stellen?« Maloney hatte nichts dagegen. haben Sie nichts Besseres zu tun. weil gerade vier ›Weihnachtsmänner‹ in Handschellen hereingebracht wurden. schob sich rückwärts unauffällig an den Schreibtisch heran und zog geschickt das Photo aus dem Umschlag. Seine Spitznamen für sie waren noch weniger schmeichelhaft. Er überzeugte sich schnell. Frage: Warum dringen zwei Männer in die Wohnung eines 229 . daß niemand auf ihn achtete. Aus einem der Umschläge ragte in einer Plastikhülle ein glänzendes Photo. »Ich möchte nur ein paar…« Aber der Inspektor ging weiter und verschwand im Büro seines Vorgesetzten. »Mein lieber Baloney. Maloney blieb stehen und dachte. ob etwas fehlt?« »Gibt es Spuren? Weiß man schon. er werde wohl am besten in aller Ruhe frühstücken gehen. Dann blickte er auf den Schreibtisch. daß ihn die Beamten ›Baloney‹ nannten. und er sah einen Stapel Umschläge. Inspekt. 17. Auf den Umschlägen stand: Stevenson. Maloney ließ die Tür von Schapiros Vorgesetztem nicht aus dem Auge. So etwas hatte er schon einmal gesehen.

an die sich Maloney erinnern konnte. ›dann sieht man sich in den Großstädten um. was du über dieses verschlafene Nest schreiben willst?‹ Die aufregendste Geschichte. als habe man zwei Teile gefunden. Auf den ersten Blick schien es sich bei dem Papyrus um ein Einzelblatt zu handeln. jagen einer Frau hinterher und schießen sogar auf sie? Antwort: Das sind sehr schwere Geschütze für einen harmlosen Diebstahl. und plötzlich ist die Sache nicht länger langweilig.unbedeutenden Archäologen ein. daß die Bewohner von Santa Barbara ihre Rasen während der großen Trockenheit 1993 grün gefärbt hatten. Man nehme eine ganz gewöhnliche Geschichte. Ihm gefiel Santa Barbara. zusammengefügt und dann photographiert. war. stelle sie in einen neuen Zusammenhang. In der unteren Hälfte entdeckte er eine weiße. Was für ein Dokument ist das? Noch interessanter war die Frage: Wo befindet es sich? ›Wenn man wirklich etwas erfahren will‹. schneiden ihm die Kehle durch. Also. Es sah wie ein Papyrus mit altertümlichen Schriftzeichen aus. Wenn die Wirklichkeit langweilig war. hatte ihm sein Chefredakteur einmal gesagt. wo wirklich etwas passiert. Deshalb suchte er immer nach einem besonderen Aspekt. Maloney hatte etwas gegen Großstädte. dann mußte man eben etwas daraus machen. eine fliehende Frau. ein ermordeter Archäologe. Der Inspektor kam erfreulicherweise noch immer nicht zurück. Schriftrollen. gezackte Linie. 230 . Maloney kniff die Augen zusammen und musterte aufmerksam das Photo. Papyrus-Schriftrollen? Noch einmal: Zwei Killer. Maloney beugte sich über das Photo. was willst du in Santa Barbara? Kannst du mir erklären. Es sah aus.

Maloney lief ein Schauer über den Rücken. »Nur durch mich werdet ihr gerettet werden. ein geheimnisvolles Jesus-Fragment und eine schöne Frau.Das Porträt der geflohenen Frau zum Beispiel würde ungefähr eine Woche lang in den U-Bahnhöfen ausgehängt werden und dann verschwinden. hatte lange strähnige Haare und Augen wie Charles Manson. Ein JesusFragment! Seine Gedanken überschlugen sich. Er mußte nicht lange darüber nachdenken. Maloney hätte am liebsten laut gejubelt. und als er sich wehrte. 12. Golf von Akkaba‹. »Das Ende der Welt ist nahe!« rief er. Frage: Durch welchen Zusammenhang kann ich Interesse für das Photo wecken? Steckt hinter dem Mord vielleicht eine Affäre? Ein Verbrechen aus Leidenschaft? War die Mafia dabei im Spiel? Plötzlich tönte eine Stimme durch den Lärm: »Warum wollt ihr nicht auf mich hören? Ich bin der Erlöser!« Der Mann war hager und wirkte verwahrlost. Schriftrollen… Hatte dieser Stevenson vielleicht einen sensationellen Fund gemacht? Schnell drehte er das Photo um und sah auf der Rückseite den Vermerk: ›Jesus-Fragment. Scharm el Scheich. was er als nächstes zu tun hatte. Blitzschnell rekapitulierte er: Ein ermordeter Archäologe. die vom Schauplatz des Verbrechens flieht. gefunden am 14. Nach einem schnellen Blick durch 231 . 99. Wer nicht an mich glaubt. Maloney blickte noch einmal auf das Photo. warfen sie ihn zu Boden. wird in der Hölle brennen!« Drei Polizisten stürzten sich auf ihn.

der ihn ansah. Maloney hatte seine Geschichte! 232 . Kurz darauf verließ er lächelnd die Polizeiwache und wünschte jedem. fröhliche Weihnachten.die Wachstube verschwand das Photo in der Tasche seines Regenmantels.

den Wettbewerb verzerren und früher oder später von den Verbrauchern überhöhte Preise fordern. so erklärte man. sagte Torrez. Er verließ seinen Platz am Bauchmuskelstimulator und begrüßte die Anwesenden – die Führungskräfte seines 233 . beweglich zu halten und zu konditionieren. »Was soll bei einer solchen Untersuchung herauskommen? Warum die Leichenbittermiene? Wir sind nicht durch Ängstlichkeit das geworden. würde Miles Havers den Markt beherrschen. »Das kann einen Prozeß zur Folge haben«. was wir heute sind.« Miles hatte die außerplanmäßige Konferenz in der Hauptverwaltung seines Konzerns angesetzt. Mike Torrez. wir sollten einen Rückzieher machen. Aber Miles lachte. »Ich glaube. Zwölf elektronisch gesteuerte Trainingsmaschinen zum Preis von jeweils siebentausend Dollar waren von Experten darauf abgestimmt worden. erklärte er mit ernster Miene. New Mexico »Es gibt große Schwierigkeiten«. Dadurch. Die Behörde hatte an diesem Tag offiziell Einspruch dagegen erhoben. um die Vorwürfe des Kartellamtes zu diskutieren.« Miles beendete sein Übungsprogramm in dem privaten Fitneß-Raum neben seinem Büro. jeden Teil des Körpers zu kräftigen. In seinem Haus befand sich genau der gleiche Fitneß-Raum. der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende des Konzerns und Mitglied des aus drei Personen bestehenden Präsidiums von Dianuba. machte sich Sorgen. Das Übungsprogramm gehörte zum Tagesablauf von Miles. daß Dianuba einen weiteren großen Software-Hersteller übernahm.Albuquerque.

»daß für mich die Interessen und Wünsche der Anwender immer an erster Stelle stehen. die Produktion war ausgelastet. Wenn der Betriebsparkplatz an Sonn. Hier befand sich auch das Dianuba ›Forschungs. Miles sah auch den großen Parkplatz für die Mitarbeiter. Von seiner Chefetage im dreiundzwanzigsten Stock hatte er einen guten Blick auf die dreißig Gebäude. wählte frisch gepreßten Granatapfelsaft und setzte sich an die Tastatur des Computerterminals. Offen gesagt. Die Dianuba-Aktie war am Vortag um 234 . aber auch am Sonntag würde kein Platz frei sein. »Sie alle wissen«.und Entwicklungszentrum‹. das Unternehmen blühte. Wir werden vor Gericht die Vorwürfe in aller Schärfe zurückweisen. in denen zwölftausendneunhundert Angestellte arbeiteten. Zufrieden mit dem ermutigenden Anblick. wie wir das immer tun. Der Parkplatz führte Miles jederzeit anschaulich den Erfolg seines Unternehmens vor Augen. drehte er sich um und ging zur Saft-Bar. Aus der Vogelperspektive wirkten die grünen Rasenflächen so makellos gepflegt wie in einem Fußballstadion. die Behörde bei ihren Untersuchungen rückhaltlos unterstützen und unsere Interessen klar und deutlich vor aller Welt vertreten.Konzerns und den Leiter der Rechtsabteilung. An diesem Samstag war er natürlich voll besetzt. Das Kartellamt wirft mir maßlose Gewinnabsichten vor. meine Herren!« Miles trat ans Fenster und blickte hinaus. bedeutete das. das gefällt mir nicht. und auf dem Monitor erschien der neueste Börsenüberblick. Ein Prozeß ist kostenlose Werbung. Ein leerer Parkplatz war ein Indikator für schlechte Geschäfte. die auf der Bartheke lag.und Feiertagen besetzt war. sagte er und trocknete sich den Schweiß von Gesicht und Hals. Er tippte eine Nummernkombination.

Sein Mann hatte allerdings nichts Wichtiges zu sagen. Wir werden auch diesmal siegen. Miles lächelte. Er wirkte zuversichtlich und schien alles völlig unter Kontrolle zu haben. trat neben Torrez und legte seinem Vize freundschaftlich die Hand auf die Schulter. ›Fuhr zur Arbeit ins Institut.« Torrez gab keine Antwort. Miles war attraktiv und zog überall die 235 . Schließlich erreichte er wieder die Bar und betrachtete sich im Spiegel. vor anderen zu verbergen. Er stand nur eine Stufe unter dem Aufsichtsratsvorsitzenden und Konzerngründer und war nur Miles persönlich Rechenschaft schuldig. Miles mit seinen 79. Er gab sich keine Mühe. Julius Voss.000 Aktien war um einhundertachtundfünfzig Millionen Dollar reicher.000. In seinen Geschäftsbereich fiel die weltweite Vermarktung der Dianuba-Produkte. hatte Miles befohlen. Dann möchte ich wissen. »Alles wird reibungslos verlaufen.zwei Dollar gestiegen. das auch ihn erfüllte. worum es geht und wo sie sich befindet‹ Miles sprach zuversichtliche Worte und flößte der Führungsspitze dasselbe Vertrauen ein. Kurz vor Beginn der Konferenz hatte er einen Anruf aus Malibu erhalten. wann es klüger war zu schweigen. Miles ging weiter und redete dabei zu den Herren am Konferenztisch. aß dort mit einem Kollegen zu Mittag…‹ ›Lassen Sie ihn nicht aus den Augen‹. daß er mit seinem Aussehen zufrieden war. ›Früher oder später wird die Alexander sich bei ihm melden… entweder sie sich bei ihm oder er sich bei ihr. aber er wußte aus langer Erfahrung. Mike. einen ersten Bericht über die vierundzwanzigstündige Überwachung von Dr. aber sein innerer Tiger knurrte ungeduldig. Das bedeutete.

und noch wichtiger. Für einen cleveren Hacker war das ein Kinderspiel. Auch Zeke machte er bittere Vorwürfe.« Es war Teddy Yamaguchi. obwohl es nicht Teddys Schuld war. er besaß Stevensons elektronische Adresse. Als die Herren eine Stunde später das Büro verließen. »Mr. Sie haben ein Gespräch auf Ihrem persönlichen Apparat. »Ich möchte von Ihnen nur eine gute Nachricht hören«. Seit dem Fund des Jesus-Fragments waren fünf Tage vergangen. Miles freute sich über die Bewunderung. Wenn Catherine Alexander mit Stevensons Laptop im Internet auf Online ging. Miles warf einen unruhigen Blick auf den Kalender. Er hätte sie im Sinai nicht entkommen lassen dürfen. wie Teddy das anstellen würde.Blicke auf sich. Jeder weitere Tag vergrößerte die Wahrscheinlichkeit. Im stillen verwünschte er Teddy Yamaguchi. Daniel Stevensons Internet Server zu lokalisieren. der Stevensons IP-Adresse benutzt. die ihm alle bei seinem Anblick zollten. Es war ihm gelungen. Warum sollte er sich nicht selbst im Spiegel betrachten dürfen? Sogar der Schweiß auf der Stirn nach den Übungen unterstrich seine ausgezeichnete körperliche Verfassung. Teddy hatte in der Tat gute Nachrichten. daß ein anderer von den Schriftrollen erfuhr und sich auf die Jagd danach machte. hatte Miles sie wieder einmal mit seiner ansteckenden Kraft und seiner visionären Begeisterung überzeugt. »Ich muß jetzt nur noch das Internet überwachen und nach jemandem Ausschau halten. sagte Miles. Havers. Seine Sekretärin meldete sich.« Miles wußte. daß sie die Frau noch nicht gefunden hatten. Selbstverständlich erschien sein Name regelmäßig ganz oben auf der Liste der ›am besten gekleideten Männer‹. würde 236 .

wo sich die Alexander in diesem Augenblick befand. Dann würde Teddy auf seinem Bildschirm sehen. sagte Teddy zuversichtlich.« 237 . Mr.Teddy die Verbindung sehen und OmegaNet. Stevensons Zugangsvermittler. der glaubte. was sie im Netz suchte. »dann haben wir sie. täuschen. »Wenn sie sich das nächste Mal ins Netz wagt. Havers«. er selbst sei diese Alexander. Gleichzeitig konnte er die Verbindung überprüfen und herausfinden.

was mehr Licht auf die Rolle der Frauen werfen würde. als sie an dem vermutlich hundertsten geschlossenen Obststand am Straßenrand vorbeikamen. um uns ins Internet einzuwählen«. der heilige Paulus ist. Sie wußte. daß die Männer 238 . Die Straße war älter und langsamer als die Interstate 5. »es stellt sich heraus. Er trug immer noch die schwarze Soutane. Sie blickte ihn verstohlen von der Seite an. »Sabina ist dort geboren worden. wenn er wüßte. sagte Catherine. Catherine hatte ihm noch nichts von ihrer Hoffnung gesagt.« »Stellen Sie sich vor«. denen man das Priesteramt übertrug. in der er zu den Menschen gesprochen hat. weil ein vollbeladener Lkw mit stinkendem Dieselqualm die Luft verpestete. »Zuerst sollten wir Informationen über Antiochia suchen«.Sacramento. das Symbol der männlichen Macht. was Garibaldi zu Frauen sagen würde. Kalifornien »Wir werden Daniels Zugangsverbindung benutzen. die sich die katholische Kirche angemaßt hatte. von dem Sabina spricht. Catherine fragte sich. Antiochia war die erste Stadt. daß der Prediger. Vielleicht finden wir irgendwo einen Hinweis auf die Familie. Dort hat man zum ersten Mal die Anhänger der neuen Lehre als ›Christen‹ bezeichnet. Würde er mich auch dann noch unterstützen. Sie und Garibaldi fuhren auf dem Highway 99. die dazu beigetragen hatten. die christliche Kirche zu prägen. sagte Garibaldi und setzte zum Überholen an.« Catherine erwiderte nichts. Garibaldi dachte in den Begriffen der Männer. Aber auf dieser Strecke würde man sie nicht vermuten. in den Schriftrollen etwas zu finden. fügte sie hinzu. daß ich den Beweis dafür suche. Ihr Vater war offenbar ein geachteter Einwohner der Stadt.

nicht das Recht haben. Chr. außerdem mußte sie vorsichtig sein.und Sklavenmarkt zu den Menschen reden hört und den sie später einladen. die sie möglicherweise verfolgten. ›Vielleicht ist er der Mann. Ein so wertvolles Dokument hätte sie normalerweise nur unter Institutsbedingungen angefaßt. was sie bisher gelesen hatte. wie und wann der Gerechte zurückkehren wird. Würde sie im Text einen Hinweis finden. sich als Stellvertreter Christi zum Papst wählen zu lassen? Catherine massierte sich den Nacken. um zu tanken und Essen zu kaufen. Dann wollte Catherine nach einem heißen Bad und einer vernünftigen Mahlzeit mit der Übersetzung der Schriftrollen fortfahren. wechselten sich beim Fahren ab und machten nur Pausen. Catherine hatte lange in dem ersten Buch gelesen. den Sabina mit ihrer Mutter auf dem Vieh. Sie hielten ständig Ausschau nach Fahrzeugen.« Sie war neugierig. die Versammlungen im Haus von Sabinas Familie abzuhalten. In Fresno wechselten sie vorsichtshalber den Leihwagen. Aber schließlich hatte sie es aufgegeben. wie Sabinas Geschichte weiterging. als Catherine ihm berichtete. aber sie mußte sich gedulden. der eine Datierung der Bücher ermöglichte? Würde es wirklich so einfach sein? ›Der heilige Paulus war 40 n. Jetzt fuhren sie nicht mehr den blauen Mustang. Es war spät am Nachmittag. damit der empfindliche Papyrus keinen Schaden nahm. Immer wieder kreisten ihre Gedanken um den einen Satz: »… daß mir offenbart worden ist. Das Lesen während der Fahrt war einfach zu mühsam. Bei den wöchentlichen Lesungen der 239 . sagte Garibaldi. Sie waren seit beinahe zehn Stunden unterwegs. bis sie ein Motel gefunden hatten. in Antiochia‹. als sie bei grauem Himmel das Weinanbaugebiet um Sacramento erreichten. sondern einen roten Ford Escort.

das Buch mit den Stundengebeten. Wie hätte sie eine so dramatische Flucht voraussehen können? Die Bluse konnte sie im Waschbecken waschen. dachte Catherine. Seine Anwesenheit machte ihr zu schaffen. aufgeschlagen und darin gelesen. Trotzdem verstehe ich nicht alles…‹ Damit wollte Garibaldi sagen. Sie brauchte etwas zum Anziehen. weil ihr Nacken und die Schultern immer noch schmerzten. schließlich war er Priester. die bei diesem Wetter nicht warm genug waren. wie sie Garibaldi dazu bringen könnte. Während sie in der einsetzenden Dämmerung nach einem Motel Ausschau hielt. aber die Wollhose mußte in die Reinigung. Sie hatte während der langen Fahrt immer wieder darüber nachgedacht. auch ein Einkaufszentrum zu finden. und zu seinen Pflichten gehörte das ›ständige Gebet‹. Catherine wußte. sie allein zu lassen und nach Chicago zurückzukehren. dachte Catherine und stöhnte leise. daß einiges an die Worte von Jesus erinnerte. hatte Garibaldi einige Male sein Brevier. Trotzdem 240 . hoffte sie. Nach dem Telefonat mit Danno hatte sie sich nicht die Zeit genommen. Kleider zum Wechseln mitzunehmen. Während sie an Artischockenfeldern und Kleewiesen vorüberfuhren. Sie hatte nur einen Bademantel.Botschaft und dem Liebesmahl handelt es sich vielleicht um das Evangelium und die Kommunion. flüsterte er lautlos seine Gebete. Wenn sie am Steuer saß. anderes jedoch nicht. sie erinnert mich ständig an Vater McKinney und an Mutters Tod. Aber Catherine beschäftigten nicht nur das Kleiderproblem und die Schriftrollen. Vielleicht wird es nicht so einfach sein. daß sie ihm deshalb keinen Vorwurf machen durfte. das Rätsel der Schriftrollen zu lösen. und ihr Unbehagen wuchs von Stunde zu Stunde. Es liegt an der Soutane. zwei T-Shirts und Khaki-Shorts.

Sie wollten mit Ritualen oder aufwendigen Festen das neue Jahrtausend beginnen. Deshalb hatten sie die Küste verlassen und fuhren ins Landesinnere von Kalifornien. Die Menschen verließen ihre Häuser und Wohnungen und fuhren zu den Stellen. Im Autoradio hatten sie gehört. daß die 99 nicht zu den Routen gehörte. in Sicherheit zu sein. weil ihre Besitzer wußten. wenn wir sterben? ›Und alle die Jahre und Wege… haben mich zu der Antwort geführt‹. auf denen sich die Menschen zur Jahrtausendwende drängten. »Schon wieder ein geschlossenes Motel!« sagte Garibaldi plötzlich. Glaubt auch er. was geschieht. Was erwartet Garibaldi von der Jahrtausendwende? dachte Catherine plötzlich. wenn er das Brevier schließlich zuklappte und in die Reisetasche legte. waren jedoch ebenfalls unterwegs. Würden sie 241 . wenn die sündigen Städte wie Sodom und Gomorrha in Flammen aufgehen. von Erdbeben oder Naturkatastrophen vernichtet werden würden. Catherine lief ein Schauer über den Rücken. daß zu gewissen Orten der Welt ganze Völkerwanderungen unterwegs waren.fühlte sie sich jedesmal erleichtert. wo sie glaubten. die in Richtung Big Sur unterwegs waren. daß Jesus inmitten der himmlischen Heerscharen wieder auf die Erde kommen wird? Glaubt er an das Jüngste Gericht und daran. Offenbar hatten die kleinen Motels entlang des Highway geschlossen. Andere. die nicht an die Apokalypse und die düsteren Prophezeiungen glaubten. um den endlosen Wagenkolonnen zu entgehen. daß der Weltuntergang nahe ist? Die Wiederkehr Jesu… War Sabina wirklich dieses Wissen offenbart worden? Wußte sie.

Die lange Fahrt setzte ihnen beiden zu. Catherine hatte nicht nur einen steifen Rücken. Sie ließen die Weinberge und die reizvolle Landschaft hinter sich und erreichten die dicht besiedelte Gegend um Stockton. das sehr sauber aussah und aus kleinen. aber sie kam kurz darauf wieder zum Wagen zurück. und er 242 . durch Kieswege miteinander verbundenen Bungalows bestand. und Garibaldis Wunde machte ihm zu schaffen. Sie sollten schnellstens nach Chicago fahren«. stellte sich heraus. verschwand Garibaldi mit seiner Tasche im Bad und kam in Jeans und einem Sweatshirt mit dem verblaßten Aufdruck ›Loyola University‹ wieder zurück. Deutete das auf eine Infektion hin? »Ich bin der Meinung. bei einem Dew Drop Inn. beschlossen Catherine und Garibaldi. daß es auch in diesem Motel nur noch ein Zimmer gab. Inzwischen war eine sternenlose Nacht angebrochen. Als sie in dem Zimmer waren und die Tür abgeschlossen hatten. aber die Wunde sah entzündet aus. »Ein Arzt müßte die Wunde behandeln.« Sie legte ihm einen neuen Verband an. den letzten freien Einzimmer-Bungalow zu nehmen. sondern auch Kopfschmerzen. Garibaldi fuhr seufzend auf den Highway zurück. Catherine ging in das Büro. Catherine betrachtete sich seinen Arm. sagte sie.und Garibaldi das Mysterium aller Mysterien entdecken? »Zimmer frei!« rief er plötzlich und fuhr auf den Parkplatz eines größeren Motels. und die Suche ging weiter. Als sie endlich wieder ein grünes Schild mit ›Zimmer frei‹ erreichten. aber sie sahen nur die roten ›Kein Zimmer frei‹-Leuchttafeln der Motels. Der Streifschuß war verkrustet. Neonlichter halfen ihnen. Beim dritten Versuch. Er hatte auch den Verband von der Wunde entfernt. sich zu orientieren. Es war nur noch ein einziges Zimmer zu haben.

« Als er zurückkam. wie sie mitten in der Nacht aufgewacht war und gesehen hatte. »ich habe nicht weit von hier ein Restaurant gesehen. in Ihrer Pfarrei wird man sich fragen. Was hat ihn letzte Nacht so sehr beschäftigt.rollte den Hemdsärmel darüber. alle Berichte kreisten um die bevorstehende Jahrtausendwende – wachsende Hysterie. Jetzt saß sie vor dem Fernseher und suchte einen Sender mit Nachrichten. In den Nachrichten war nichts über Daniel zu erfahren. Selbstmorde. Schließen Sie hinter mir ab und lassen Sie niemanden herein. murmelte er. daß er am Fenster betete. Er hatte sich über die gefalteten Hände gebeugt und den Kopf auf die Arme gelegt. Sie blickte in seine klaren blauen Augen. Und was ist überhaupt mit Ihren Angehörigen?« Er drehte ihr den Rücken zu und griff nach dem Laptop. Sie hatte geduscht und ihre Sachen im Waschbecken gewaschen. »Ich habe keine Angehörigen«. Es war mehr die Geste eines Flehenden gewesen als die eines Priesters. wo Sie sind. der einfach ein Gebet sprach.« »Vater Garibaldi. »Haben Sie etwas über Daniel Stevenson gebracht?« fragte Garibaldi und stellte die weißen Kartons auf den Tisch. die ihre Bemerkung ausgelöst hatte. die wieder offen und freundlich und nicht mehr so verschlossen und dunkel wirkten wie noch kurz zuvor. als er leidenschaftlich betete? »Vergessen Sie die Pizza«. exzessive Parties. trug Catherine ihren Bademantel. er griff nach den Wagenschlüsseln. und erinnerte sich daran. »Sollen wir uns eine Pizza bringen lassen und sofort mit der Arbeit anfangen?« fragte er. »Der Arm ist in Ordnung. noch nie 243 . Sie staunte über die sichtliche Spannung.

der apokalyptische Weltuntergang werde ein Kampf zwischen ihnen und der Polizei sein. Frühlingsrollen und die anderen verführerisch duftenden Gerichte sah. »Wie soll das alles enden?« Die qualvolle Hilflosigkeit machte sich in ihren Worten Luft.« »Ich war noch kurz in der katholische Kirche im Ort. »In dieser Welt scheint es nur noch Terror und sinnlose Gewalt zu geben«. sagte sie. »Die Welt scheint wirklich am Rande des Wahnsinns zu stehen«. Aber im Augenblick mußte sie sich in ihr Schicksal fügen. sagte Garibaldi und schüttelte den Kopf. waren aus den Nachrichten schon lange nicht mehr wegzudenken. »Sie sollten nach Chicago zurückkehren. die Shrimps. die seit 1995. bekam sie Hunger. Terror-Anschläge und ein Wettlauf des FBI mit Massenvernichtungsdrohungen. die offenbar glaubten.« Garibaldi suchte in der Tragetüte nach den Eßstäbchen und Servietten. Am liebsten hätte sie sich längst auf die Suche von Dannos Mördern gemacht. Sie sind Priester und wollen bestimmt bei Ihrer Gemeinde sein. Als sie den Reis. Ein Priester gehört in eine Kirche…« 244 . »Wann wird das Kämpfen und Töten endlich aufhören?« Sie schaltete den Fernsehapparat aus. »Sie waren lange weg«. zog den Gürtel des Bademantels enger und dachte wieder daran.dagewesene Großzügigkeit und Spenden. antwortete sie bitter. nach der Bombenexplosion in Oklahoma. Sie kämpfte schon den ganzen Tag gegen ihre ohnmächtige Wut an. »Ich hatte mir schon Sorgen gemacht. Bedrohlicher klangen Meldungen von paramilitärischen Gruppen. daß sie unbedingt etwas zum Anziehen brauchte. denn er hatte ihr das richtige Stichwort gegeben. sagte Catherine. die Regierung und die Geheimdienste in Atem hielten. »Vater Garibaldi«.

sagte er: »Ich denke.« Catherine konnte nicht so schnell essen wie er und saß noch über den reichlichen Portionen. für Daniel eine Messe zu lesen. daß Sie das für Danno getan haben. so ist ein guter Paläograph in der Lage. »Danke. Während sich Garibaldi um den Computer bemühte. dann muß sie um 20 n. Pinselstriche. Im Text steht. geboren sein. daß die Handschrift aus dem zweiten Jahrhundert stammt?« »Eindeutig.« Michael nickte nachdenklich. »Danke«. Dreimal mußte er den Laptop starten.« »So etwas ist schließlich meine Aufgabe«. Chr.« »Am Anfang des zweiten Jahrhunderts. zum Beispiel die Unabhängigkeitserklärung im Vergleich zu einem Brief von Charles Dickens. So wie wir eine Handschrift aus dem achtzehnten von einer aus dem neunzehnten Jahrhundert unterscheiden können. »Man sagt. Chr. Handschriften des Altertums 245 . Meine Mutter hat viele Jahre damit zugebracht. erwiderte er und lächelte sie an. erwiderte er und reichte ihr die Soja-Sauce. daß Jesus seine Botschaft in den drei Jahren vor der Kreuzigung im Jahr 32 oder 33 unserer Zeitrechnung verkündet hat.« Catherine sah ihn sprachlos an. die Schriftrollen zu datieren. daß sie Amelia ihre Geschichte als Achtzigjährige erzählt. Eine Messe für Daniel… Sie zog einen Stuhl heran und setzte sich neben ihn. die Schwärzung von Tinte und die Form der Buchstaben zu katalogisieren. wir sollten vor allem versuchen.»Deshalb bin ich nicht dorthin gegangen«. Das wäre demnach im Jahr 100 n. »Ich habe den Priester gebeten. Wenn Sabina ihn als Zehnjährige in der Nähe des Toten Meeres hat predigen hören. »Und Sie glauben. Tränen traten ihr in die Augen. sagte sie leise.

Verstehen Sie mich?« »Ich verstehe jetzt. Das wiederum konnten sie nur durch Abhören herausgefunden haben. Wenn Sie nicht nach Chicago zurückkehren. Das bedeutet. aber so einfach werden Sie mich nicht los. Danno hat gesagt. »Vater Garibaldi. sagte sie. wo sich die Schriftrollen befanden. Sie haben keine Fragen gestellt. Ich habe es mir immer wieder überlegt. daß ich die Schriftrollen in der blauen Tasche bei mir habe. sind Sie in großer Gefahr. und man hat alles mitgehört. mich zu finden. um sich mit uns zu unterhalten. wer hinter dem Mord steckt! Vater Garibaldi. Sie würden auf mich hören«. dieser Havers ist entschlossen. sondern sind in die Wohnung eingedrungen und haben Danno blitzschnell ermordet. während er ungerührt auf der Tastatur Befehle eingab.« Sie lehnte sich zurück und seufzte. Das bedeutet. daß ich erfahren habe. »Ihr Leben ist in Gefahr.« Garibaldi ließ den Monitor des Computers nicht aus den Augen. Miles Havers weiß. Ganz zum Schluß hatte ich Danno gesagt. ich wünschte wirklich. murmelte Garibaldi. während Catherine noch einen Schluck grünen Tee aus dem Plastikbecher trank. die Wohnung wurde überwacht.« Garibaldi tippte auf der Tastatur. »Sie meinen.genau zu identifizieren und zu datieren. Die beiden Männer waren nicht in Dannos Wohnung. wer hinter mir her ist. Zwei Minuten später sind diese Männer aufgetaucht. »Aber mir macht etwas anderes große Sorgen.« 246 . sie wußten bereits. »Auch ich bin inzwischen völlig auf die Maus angewiesen.« Er sah sie an und lächelte entwaffnend. weshalb das alte DOS vom Markt verschwunden ist«. »Tut mir leid. was dort gesprochen wurde?« »So muß es gewesen sein. er hätte herausgefunden.

Das Trumpet WinsockFenster wurde geöffnet: INTERNAL SLIP DRIVER COM1 BAUD RATE = 57. Er nickte und griff nach seinen Eßstäbchen. Autos rasten vorbei. allein kann ich mich leichter verstecken. die Dieselmotoren der Lkws dröhnten laut wie Panzer.»Vater Garibaldi. Während Garibaldi geschickt mit den Stäbchen die Reste der Portionen aß. »Halt!« rief er. ich bin satt«. hin und wieder hämmerten die Bässe eines Autoradios durch die Nacht.« Er gab keine Antwort und tippte weiter. Auf dem Highway hatten alle ein Ziel… »So.« »Warum?« »Schließen Sie es. klickte Catherine zweimal auf den TCP-Manager. Auf dem Bildschirm erschien: USERNAME Sie tippte: dstevens. Dann kam die Aufforderung: PASSWORD Aber als sie zu tippen begann: Maat…. klickte zweimal auf das OmegaNet-Logo. schnell!« 247 . und auf dem Bildschirm erschien die Homepage. »Schließen Sie das Programm. warf Garibaldi plötzlich die Eßstäbchen auf den Tisch und hielt ihr Handgelenk fest. sagte sie nach kurzem Schweigen.600 COMPRESSION IP BUFFERS = 32 Auf dem Menü aktivierte sie die ›Anwahl‹-Option und klickte auf ›Login‹. »Wollen Sie nicht noch etwas essen?« Sie deutete auf zwei Portionen Reis und einen gemischten Salat. Sie lauschte unwillkürlich auf die Geräusche der Straße. Catherine stellte sich vor die Tastatur.

« Garibaldi nickte. Mein Fehler hätte uns das Leben kosten können. und…?« »Würde er nicht auch Daniels Computer in sein Überwachungssystem einbeziehen?« »O mein Gott…«. was wir tun. »Daran habe ich überhaupt nicht gedacht. aber morgen früh werden wir als erstes eine neue Zugangsberechtigung kaufen. aber wir können ihm entwischen.« Er warf einen Blick auf die Uhr. flüsterte sie. »Wo ist nur mein Verstand geblieben!« rief er kopfschüttelnd. ganz genau überlegen. Wir müssen uns alles. sagen Sie. »Dann sollten wir uns ausruhen.Sie klickte auf ›Exit‹.« »Ja. Ich sitze in der Falle!« »Immer mit der Ruhe«. erwiderte Garibaldi. die wie Spinnen das OmegaNet überwachen und nur darauf warten. »Havers hat in Daniel Stevensons Wohnung eine Mithöranlage installieren lassen und vermutlich auch sein Telefon angezapft. Er legte sich in Jeans und T-Shirt auf das 248 . Ich bin müde und kann nicht mehr klar denken.« Catherine schloß den Deckel des Laptop und blickte auf den gelben MicrosoftAufkleber. ist er in der Lage. und wir müssen schnell sein. in dem Daniels Identifikation erscheint. »Wir sitzen nicht in der Falle. die Verbindung bis hierher zum Motel zurückzuverfolgen!« Catherine schlug mit der Faust auf den Tisch. »Jetzt ist es zu spät. wenn wir ihm einen Schritt voraus sind. In dem Augenblick. Natürlich! Jemand wie Havers hat natürlich Hacker. Daniel hatte ihn mit einem Schnurrbart versehen und einem fehlenden Zahn. dann auf ›Anwahl‹ und klickte auf ›Bye. daß ich Online gehe.‹ Auf dem Bildschirm erschien die Meldung: NO CARRIER »Was soll das?« fragte sie verblüfft. »Kaum zu glauben.

Catherine hatte den Schreck über ihre Nachlässigkeit noch nicht überwunden. was sie zu tun hatte. Catherine dachte an die Wunde an seinem Arm. Sie legte die Kissen im zweiten Bett aufeinander und schaltete die Leselampe ein. dann wußte er im nächsten Moment. ›Ich habe keine Angehörigen‹. und er fühlte sich für sie verantwortlich. Havers ließ das Internet überwachen. Da er sie offenbar nicht freiwillig allein ließ. Morgen war Sonntag. Die Goldkette an seinem Hals glänzte. Vor dem Essen hatte er sich schnell bekreuzigt. er war Priester. Beinahe wäre alles zu Ende gewesen. Ja. aber er hatte sie gerettet. von welcher Telefonnummer sie sich in das Net eingewählt hatte. In Jeans wirkte er keineswegs so autoritär und bedrohlich wie in der schwarzen Soutane. hatte er gesagt.eine Bett. Garibaldi hatte recht. Das kleine Kreuz hob und senkte sich langsam und regelmäßig mit seinen Atemzügen. Wenn sie das Paßwort eingab. Sein inzwischen schon vertrautes Gesicht lag im Dunkel. mit denen er Basketball spielte. Wahrscheinlich fragten die Kinder im Ghetto. mußte sie ihn verlassen. Catherine öffnete die blaue Tasche. Michael Garibaldi schlief jetzt. ob ›Mike‹ rechtzeitig zum Weihnachtsfest wieder zurück sein werde. ihre vielbenutzte Ausgabe von Strongs Griechisch im Neuen Testament und die gefalteten Papyri. Sie würde heimlich verschwinden und den ersten Bus nehmen. Beim Anlegen des neuen Verbands hatte sie die harten Muskeln gespürt. Bevor sie mit der Arbeit begann. Er würde bestimmt in die Kirche gehen. auch wenn sie es nicht gern tat. schob einen Arm unter den Kopf und den anderen über die Brust. Catherine seufzte stumm. blickte sie noch einmal auf Garibaldi. ehe er überhaupt ahnte. nahm den Notizblock heraus. Sie wußte in diesem Augenblick. daß sie nicht mehr da 249 . der sie von hier wegbrachte. bereits ungeduldig.

daß vor dem Ende der Welt eine lange und schwere Zeit der Verwirrung kommen werde. Als meine Mutter eintraf. Mein Vater zog sich mit ihm in sein Arbeitszimmer zurück. war die junge Frau in einen erschöpften Schlaf gefallen. Eines Abends erschien ein Mann mit einer Botschaft aus Rom in unserem Haus. als ich sechzehn wurde. denn viele Zeichen wiesen darauf hin. hätte sie niemals so etwas aus Mitleid getan. Sie kehrte mit dem lebenden Baby zurück und legte es der jungen Mutter an die Brust. Wir brachten das Kind zur Welt. während sie schlief. Eines Nachts wurden wir zu einer Frau gerufen. Am nächsten Tag verbreitete sich in Antiochia die Nachricht von einer großen Niederlage der 250 . griff aus Unwissenheit zu grausamen Methoden.war. Es war tot. Bevor meine Mutter eine Anhängerin des Weges wurde. Sie ging zum Tempel der Juno. Als die Frau erwachte. Aber Mitgefühl und Verständnis waren damals dringend notwendig. und sie sprachen lange und leise miteinander. wo man unerwünschte Neugeborene auf die Tempelstufen legte. Dort fand sie ein Kind. Sie lag bereits seit einem Tag und einer Nacht in den Wehen. um die Geburt vielleicht auf diese Weise einzuleiten. sah sie überglücklich ›ihr‹ Kind. Ihr Können hatte sie von ihrer Mutter gelernt. und ich lernte es von ihr in dem Sommer. die ein Kind bekam. Sie ließ die arme Frau niesen und flößte ihr Brechmittel ein. und tauschte es gegen das tote Kind aus. Meine Mutter war Hebamme. die sie betreute. Meine Mutter wickelte das Baby in ein Tuch und eilte damit in die Stadt. und die alte Hebamme. das jemand ausgesetzt hatte.

denn eines Abends in den Kalenden des Mai wurde er vor dem Haus überfallen. so hieß der Mann. Man drohte den ungehorsamen Kindern mit den grausamen Barbaren und erzählte ihnen. das Leben meines Vaters zu retten. ob mein Vater wirklich in das Rheinland hätte ziehen müssen. Schon als kleines Kind hatte ich viele schreckliche Geschichten über die Wilden im kalten Norden gehört. ausgeraubt und zusammengeschlagen. Ich hörte sie reden. Ich hörte. daß der Kaiser meinen Vater in das Rheinland schicken wollte. sondern dem Kaiser nur dazu diene. Er hatte schöne Augen und ein scharf 251 . den Schädel meines Vaters zu öffnen. und wir waren entsetzt. In den nächsten Tagen kamen Freunde meines Vaters in unser Haus. Philos. von den Schwierigkeiten im Reich abzulenken. bat meine Mutter die Anwesenden um ihre Gebete und Segenswünsche. Meine Mutter gab dem Mann die Erlaubnis. die Wilden am Rhein äßen kleine Kinder bei lebendigem Leib. der meinen Vater untersuchte. war eine angenehme Erscheinung. Vermutlich würde er nicht mehr aus der Ohnmacht erwachen. Ein bekannter Heiler wurde gerufen. Meine Mutter ging jeden Tag zum Tempel der Vesta. daß der endlose Krieg gegen Germanien wenig mit dem Schutz der Reichsgrenze zu tun habe. Wir sollten nie erfahren. beteten wir für ihn. Er stellte fest. Alle waren der Ansicht. daß ihm ein Schlag auf den Kopf das Bewußtsein geraubt hatte.kaiserlichen Truppen in Germanien. Während der Heiler versuchte. Sie opferte der Göttin und betete. Als sich am Ende der Woche die Gemeinde zur Lesung der Botschaft und zum Liebesmahl in unserem Haus versammelte. Und ich glaubte diese Geschichten.

Er hielt sich wirklich an sein Motto. denn er hatte getan. Er gehörte zu den Stoikern. Sein eigentlicher Traum war es. die glauben. sicher. Aber er sagte auch. Er erzählte mir. Sein Leben. in allen Kulturen und bei allen Völkern. stehe unter dem Motto ›cito tuto jucunde‹ – schnell. die alles heile – Schmerz. Mich beeindruckten seine Ruhe. Sein Aufenthalt in Antiochia war nur eine Etappe auf seiner Suche. Diese Medizin vertreibe sogar den Tod. Angst. Die Zusammensetzung sei vor langer. was in seinen Kräften stand -. tröstete er mich mit den Worten: ›Seine Zeit war gekommen. er habe von einer wundersamen Medizin der Götter gehört. Der 252 . denn er war ein sehr guter Heiler. in Legenden und Mythen werde von diesem Wundertrank gesprochen. faszinierte mich am meisten. und wir werden im Chaos versinken. was er sagte. Philos stammte aus Griechenland. In allen Städten und Dörfern. Das Verbrechen an meinem Vater kommentierte er mit den Worten: ›Schlangen beißen keine Schlangen. daß am Tag des Weltuntergangs ein Meer die Erde verschlingen wird. aber Philos glaubte. so erklärte er. wird wieder zu einer einzigen Masse zusammengefügt. Impotenz. langer Zeit in Vergessenheit geraten. er werde das Wundermittel wiederfinden. sein Wissen und seine Tatkraft. Aber in den Tagen und Nächten. in denen er meinen Vater behandelte. Unfruchtbarkeit. Als mein Vater starb – niemand gab Philos die Schuld daran. sagte er. wenn er nur die Suche danach nicht aufgab. den Tod zu besiegen. Was die Natur auseinandergebrochen hat. Er war zehn Jahre älter als ich. behutsam. Doch einem Menschen widerfährt das größte Unheil durch seine Mitmenschen‹ Philos wollte nicht nur Krankheiten heilen.geschnittenes Gesicht. dieser Tag sei noch fern und werde nicht zu unseren Lebzeiten kommen. Fieber.

Ich war damals achtzehn. unser Glaube sei der einzige Weg. weil sie die Botschaft des Gerechten nicht kannten. Am Vorabend der Abreise von Philos ging ich zu ihm in sein Zimmer in dem Gasthaus. um aller Welt die Botschaft zu bringen. nachdem seine Aufgabe auf Erden erfüllt ist. Ich wollte ihn unter allen Umständen dazu überreden. die beide ins Nichts sanken. die ihren Sohn und ihren Mann verloren hatte. denn auch sie sah im Tod nur einen natürlichen Schritt auf der Seelenwanderung. denn sie fand. denn meine Mutter sagte immer. Sie war verzweifelt. Es war das vierte Jahr der Herrschaft des Kaisers… 253 . sondern weil er nicht zum Glauben an den Weg des Gerechten gefunden hatte. und bat ihn. wußte ich. Auch mich bekümmerte das. daß ich Antiochia und meine Mutter verlassen mußte. mein Vater sei viel zu früh gestorben. aber nicht über seinen Tod. Aber eine Frau kann nicht allein durch die Welt reisen. wenn ein Mensch stirbt. daß wir nur durch den Glauben an seine Botschaft den Tod überwinden könnten. mich mitzunehmen. um den Tod zu besiegen. Und was war mit denen. Der Gerechte hatte uns gelehrt. Als ich die tiefe Verzweiflung meiner Mutter sah. in dem er wohnte.größte Segen der Natur ist es.‹ Meine Mutter ließ sich von diesen Worten nicht trösten. die die Botschaft des Gerechten nie hörten? Wie konnten sie den Weg finden? Damals begriff ich plötzlich den Sinn meines Lebens.

DER SECHSTE TAG 254 .

murmelte sie 255 . was sie tun mußte. Dezember 1999 Sacramento. Sie sah auf der Titelseite der Sonntagszeitung ihr Gesicht. ihn könne dasselbe Schicksal ereilen wie Danno. In Kürze würde sie unterwegs nach Seattle sein. nahm den Laptop in der Tragetasche in die eine Hand und faßte mit der anderen kurz an den Jade-Jaguar. Sie fuhr zusammen. um die Schriftrollen in aller Ruhe zu übersetzen… Vor den Zeitungsständern am Straßenrand blieb Catherine plötzlich wie angewurzelt stehen. Der Anhänger ließ sie an Danno denken und erinnerte sie daran. hatte sie sich telefonisch nach den Abfahrtszeiten der Busse erkundigt. aber als sie sah. bevor sie die Straße überquerte. Sie seien in der Kirche…«. Kalifornien Catherine sah schon von weitem. hängte sich die blaue Tasche über die Schulter. »Ich dachte. aber es blieb ihr keine andere Wahl. ohne daß er etwas davon ahnte. Sie ließ den Taxifahrer direkt gegenüber dem Busbahnhof halten. Unter ihrem Porträt entdeckte sie ein Photo des Jesus-Fragments. Während er im Bad unter der Dusche stand. als ein paar Tage ungestört sein.Sonntag. Garibaldi war wie erwartet zur Kirche gefahren. sprang sie ohne Zögern hinein. Sie wollte nichts anderes. 19. zahlte mit ihrer Kreditkarte. Neben ihr hielt mit quietschenden Bremsen ein Wagen. Catherine schlich sich nur ungern heimlich davon. daß Garibaldi ihr die Wagentür aufhielt. daß am frühen Sonntagmorgen nur wenige Fahrgäste am Busbahnhof warteten. Garibaldi wollte sie nicht ihrem Schicksal überlassen. Und sie fürchtete.

Ihnen sei etwas zugestoßen. es ist für uns beide das beste. ich hätte Ihnen keine Vorwürfe machen dürfen. war ich empört und…« 256 .‹« »Vater Garibaldi. Dann fliege ich nach Chicago. Als sie wieder in ihrem Motelzimmer standen. und manchmal reagiere ich unüberlegt. ich würde einfach sagen: ›Also gut. »Ich hatte mein Brevier vergessen und mußte zurück ins Motel. sagte sie und spürte. Sie hatte nicht viel geschrieben. der Laptop… alles!« »Tut mir leid«. und ein gefaltetes Blatt Papier fiel heraus. mich allein weiterfahren zu lassen. Ich bin auch nur ein Mensch. wenn ich die Sache allein zu Ende bringe.« Er schlug das Buch auf. ohne mich von Ihnen zu verabschieden. Verzeihen Sie mir. »Sie waren nicht mehr da.« »Du meine Güte! Zuerst dachte ich. Dezember. sagte er: »Tut mir leid.mit hochrotem Kopf. griff sie nach dem Brevier und reichte es ihm mit den Worten: »Seite einundfünfzig. 19.« Er bog in den Parkplatz des Motels ein. Vater Garibaldi. A. Bitte machen Sie mir keine Vorwürfe.‹ Er legte das Blatt zurück in das Buch und räusperte sich. es sei das beste für uns beide. C.« Er deutete auf das Buch. Aber als ich auf dem Tisch die Abfahrtszeiten der Busse sah. Da ich Sie nicht davon überzeugen kann. »Ich dachte. »Haben Sie wirklich geglaubt. wenn wir uns trennen. ich bin in großen Schwierigkeiten. Vielen Dank für Ihre Hilfe. und als er anhielt. Das Porträt auf dem Titelblatt der Zeitung sah ihr sehr ähnlich. ›Verzeihen Sie mir. sie ist weg. und mit Ihnen waren alle Ihre Dinge verschwunden… die blaue Tasche. daß ihr Herz heftig schlug. aber ich glaube. das auf der Ablage neben dem Lenkrad lag. gehe ich.« Er seufzte laut.

daß die Polizei mich in Verbindung mit Dannos Ermordung sucht. Ich habe das Fragment nicht behalten. Sehen Sie sich das Bild an. das Jesus-Fragment und auf die Schlagzeile: ›VERRÄT DAS JESUS-FRAGMENT DAS GENAUE DATUM DES JÜNGSTEN GERICHTS?‹ »In dem Artikel steht. das ich gemacht habe.« Er deutete auf das Photo des Papyrus. und ich habe über hundert Aufnahmen gemacht! Die beiden Killer haben bestimmt die meisten mitgenommen. bei Dannos Leiche seien ›ein paar‹ Photographien gefunden worden. sich bei der Polizei von Santa Barbara unter der Telefonnummer 1-805-897-2300 (Inspektor Shapiro) 257 . »Ich bin wirklich in großen Schwierigkeiten. daß Havers nicht alle Photos hat. wird gebeten. »Ist das die Kopie einer Schriftrolle?« »Es ist das Photo. Das ist ein Hinweis darauf. und er ist ein Milliardär. Hier steht. unterbrach sie ihn.»Vater Garibaldi«. ich habe zum ersten Mal im Leben richtig Angst.« Sie reichte ihm die Zeitung. Man hätte mich im Bus erkannt und verhaftet! Mein Gott. sondern in meinem Zelt im Sinai zurückgelassen. Er blickte verblüfft auf das Porträt. der Hinweise über ihre Identität und ihren Aufenthaltsort geben kann. »Aber Miles Havers wird nicht in Zusammenhang mit dem Mord gesucht.« »Die Polizei weiß noch nicht. wer ich bin«. Das ist immerhin ein gewisser Vorteil!« Garibaldi legte die Zeitung auf den Tisch und griff nach seiner Reisetasche. sagte Catherine und deutete auf den Text: ›Haben Sie diese Frau gesehen? Jeder. als ich das Fragment und die erste Seite der ersten Rolle zusammenfügte – Sabinas Brief. aber doch nicht alle.

« Aber als sie begann. »dieser Artikel mit den beiden Bildern wird von den Zeitungen im ganzen Land übernommen. das heißt. Aber jetzt waren ihr die Hände gebunden. Ich bin keine Mörderin. Ich werde bei der Zeitung hier in Sacramento anrufen und es ihnen sagen. »Ich kann die Redaktion nicht anrufen«. Sie hatte ihn anrufen wollen. bis einer meiner Bekannten oder Kollegen das Bild sieht«. um zu erfahren. um seine Toilettentasche zu holen.« Catherine dachte an Hans Schüller im Institut für Radiologie in Zürich. die Nummer zu wählen.« Garibaldi öffnete die Zimmertür einen Spalt und blickte 258 . er stammt von ›Associated Press‹. »Ich kann überhaupt nicht telefonieren. von wo ich anrufe. legte sie plötzlich wieder auf. würde er sich vermutlich weigern. murmelte sie. Möglicherweise würde er sogar die Polizei benachrichtigen. wissen sie. Garibaldi ging ins Bad. sagte Catherine. Vielleicht erscheint er sogar überall auf der Welt. Hier steht. legte seine restlichen Dinge in die Reisetasche und zog den Reißverschluß zu. Catherine setzte sich auf das Bett und griff nach dem Telefon. Wenn er den Artikel las.« »Und das bedeutet«. Sie dachte an Julius und seufzte. »Was haben Sie vor?« »Ich habe Danno nicht umgebracht. ob es ihm bereits möglich gewesen war. Catherine griff wieder nach der Zeitung. Auch jede andere Polizeidienststelle nimmt Informationen entgegen‹ »Es ist nur eine Frage der Zeit. die Papyrusprobe vom Sinai zu datieren. erwiderte Garibaldi. er kommt von einer Nachrichtenagentur. »Der Artikel wurde nicht von einem Journalisten in Sacramento geschrieben. Wenn sie eine Rufnummernidentifikation haben.zu melden. ihr zu helfen.

daß der Mann in Ihrer Begleitung ein Priester ist. »Auch das wäre erledigt. um uns in Sicherheit zu bringen. Wenn ich die Soutane trage. Fahren wir.hinaus.« 259 . Sie heute morgen gesehen zu haben…« »Und die Zimmerrechnung?« Garibaldi stellte die schwarze Reisetasche auf den Tisch. und Garibaldi fuhr vorsichtig vom Parkplatz. gewinnen wir Zeit. Weder Havers noch die Polizei wissen. »Wir müssen hier weg. nahm seine Brieftasche heraus. sagte er: »Wir haben einen Vorteil. Wenn die Frau im Büro des Motels die Zeitung liest und sich daran erinnert. füllte einen Reisescheck aus und legte ihn unter den Lampenfuß. Als sie wieder auf der Straße waren.« Sie eilten zum Wagen.

daß ein Priester bei uns einen Wagen leiht.« Zeke kniff die Augen zusammen.Fresno.« »Können Sie ihn etwas näher beschreiben?« »Ein großer Mann. Ich habe niemanden in seiner Begleitung gesehen. als Dr. wirkte sportlich und hatte kurz geschnittene Haare. Das Nummernschild 260 . vor der sich der Parkplatz der Leihwagenfirma befand. Das Büro lag direkt hinter der Ausfahrt am Highway 99 zwischen einem Restaurant und einer Tankstelle. die Beduinenfrau zu beschützen. »Sie meinen. »Sie meinen eine Soutane?« »Auf jeden Fall war es ein Priester«. als er mit seinem Partner vom Highway abgefahren war. der versucht hatte. »Ich kann Ihnen versichern. Alexander das Lager im Sinai verließ. daß ein Priester mit einer Mörderin durch Kalifornien flieht?« Zeke starrte ausdruckslos durch die große Glasscheibe.« Zeke erinnerte sich. Nein. Er hatte den blauen Mustang gesehen. ein katholischer Priester? Sind Sie sicher?« »Aber ja«. es kommt nicht oft vor. er trug eine Sultane. »Der Mann trug eines dieser langen schwarzen Gewänder. der Priester war allein. Wie heißen die noch? Sultanen… ja. Das klang sehr nach dem Priester. beteuerte der Mann. Er betrachtete das Bild nachdenklich. Kalifornien »Ein Priester?« wiederholte Zeke. »War diese Frau bei ihm?« fragte er und zeigte dem Mann ihr Photo. erwiderte der Angestellte in dem Leihwagenbüro. dann rief er: »He! Das ist doch die Frau in der Zeitung. Wollen Sie behaupten.

»Da haben Sie recht. Zeke lächelte. aber es dürfte Ihnen nicht schwerfallen. Schließlich ist der Mann ein Priester und fällt jedem auf. daß das Unternehmen Niederlassungen in ganz Kalifornien hatte. die er dem Mann gab. wie weit es bis Sacramento ist. Er hat eine Straßenkarte gekauft«. aber jetzt war er ihr wieder auf den Fersen. mit dem Dr. von welcher Leihwagenfirma der Mustang stammte. wie viele Meilen die Alexander mit ihrem Begleiter an einem Tag hatte zurücklegen können. Alexander aus Santa Barbara geflohen war. Es galt zu überlegen. daß sie das Fluchtfahrzeug gegen einen anderen Wagen austauschen würden.« »Man stelle sich das vor!« sagte der Mann kopfschüttelnd. herauszufinden. erwiderte Zeke.« Zeke griff in die Hosentasche und zog ein Bündel Dollarscheine heraus. »Können Sie mir noch etwas sagen?« »Nein. war es nicht allzu schwer gewesen.bestätigte seinen Verdacht. Der einzige Haken bei der Sache war gewesen. in welche Richtung der Priester gefahren ist?« »Nach Norden. Er war mit sich zufrieden. »Eine der am meisten gekauften – Gold Country. Außerdem vermutete er. Und so war er mit seinem Partner hierhergekommen. »Warum?« 261 . Nachdem Zeke die Zulassungsnummer überprüft hatte. »Diese Frau stiehlt geheime Schriftrollen und flieht mit einem Priester! Weiß das die Polizei schon… ich meine. »Wissen Sie zufällig.« Zeke lächelte. Dann hat er gefragt. sie zu finden. Es war der Wagen. die Sache mit dem Priester?« »Ich glaube nicht«. antwortete der Mann und deutete auf den Kartenständer auf der Theke. Die Spur dieser Alexander hatte ins Nichts geführt.

bevor er sie gefunden hatte. Sie fuhren auf die 99 in Richtung Norden. sagte Zeke zu seinem Partner. als er in den schwarzen Pontiac stieg. Aus demselben Grund hatte er auch den Mann in der Leihwagenfirma zum Schweigen gebracht. Aber etwas ließ ihn zögern. Das Kaninchen gehörte ihm. und schließlich legte er den Hörer auf. Er lag jetzt mit durchschnittener Kehle hinter der Theke und starrte mit leeren Augen an die Decke. Er wollte seinem Auftraggeber berichten. was eine Zeitung wie der National Enquirer zum Beispiel für eine solche Geschichte zahlen würde? Ich habe von Ihnen schon mehr bekommen. 262 . als ich heute verdienen kann. Miles Havers diese neue Information vorzuenthalten. und der Tag ist noch nicht zu Ende!« Er zählte das Geld und sagte dann: »Erlauben Sie mir eine persönliche Frage… die Narbe in Ihrem Gesicht… woher stammt die? Waren Sie in Vietnam?« »Nach Sacramento«. daß sie die Spur der Archäologin wiedergefunden hatten und daß sie mit einem Priester auf der Flucht war. und er griff nach dem Autotelefon.»Warum? Können Sie sich vorstellen. daß Havers oder die Polizei oder übereifrige Journalisten Catherine Alexander aufspürten. Zeke fand es plötzlich besser. Zeke wollte nicht.

und der Körper eines anderen verlangte von ihm Ehrerbietung. Dr. daß Julius zögerte. Für Julius war das Leben etwas Heiliges. daß vor ihm auf dem Seziertisch ein Mensch lag. die wie Julius den Sabbat am Vortag gefeiert hatte. der gerechte Richter…« An diesem ruhigen Sonntagmorgen war Julius allein im Institut – abgesehen von einer Technischen Assistentin. als es die Natur bereits getan hatte. seit Catherine ihn verlassen hatte. der gerade erst gestorben war. wenn er eine Autopsie an einer Mumie vornahm. »Die Zeitung liegt in Ihrem Büro. Julius mußte sich daran erinnern. sagte die Assistentin und lächelte ihn an. West Los Angeles Das Gesicht war so schön. Trotzdem fiel es ihm ungewöhnlich schwer. Außer der eigenartigen Nachricht von ›Mrs. Voss«. legte er Wert darauf. die das Gesicht bedeckte. Bei jedem Schnitt in die brüchige Mumie betete er stumm: »Baruch Dajan haEmet – Gesegnet bist DU. denn er hatte eine Totenmaske vor sich. Jedesmal. fügte sie hinzu: »Ich habe Ihnen auch Kaffee und ein 263 . Die Schönheit dieser Königin beruhte nicht mehr auf ihrem Gesicht aus Haut und Knochen. einer Adventistin. daß sein Skalpell sie nicht mehr entstellen würde. Er machte sich Sorgen. sich auf seine Arbeit zu konzentrieren. der einmal gelebt hatte und die gleiche Behutsamkeit und Achtung verdiente wie jemand. es zu zerstören. um nicht zu vergessen. Zwei Tage waren vergangen.Freers Institut. Als er freundlich nickte. Meritites‹ auf dem Anrufbeantworter hatte er nichts von ihr gehört. Er war ein Tempel Gottes. der nicht mißbraucht oder entweiht werden durfte. die Totenmaske oder eine Statue oder eine Darstellung der Toten vor Augen zu haben.

»In der letzten Woche haben sie mich eingeschlossen!« Als Tracys Schritte in dem langen Gang verhallten. wie eine Frau aus der Wohnung des Archäologen rannte. und Julius hatte den Eindruck. Oder sollte er sich bei der Stiftung nach ihr erkundigen. Auch Catherine hatte ihm einmal gesagt. um zu hören. Vielleicht sollte er noch einmal versuchen. und das Hörnchen rollte über den Fußboden. Ich muß Weihnachtseinkäufe machen!« »Danke. Durch die offenen Fenster drang frische salzige Meeresluft herein. ›JESUS-FRAGMENT GEFUNDEN!‹ Unter der Schlagzeile befand sich das Photo eines Papyrus mit einem griechischen Text. Er seufzte und drehte dem Fenster den Rücken zu. Graue Dunstschleier tanzten über den Wellen. erwiderte er. unterbrach Julius die Arbeit an der Mumie. Er streifte die Gummihandschuhe ab und ging in sein Büro. daß sie ihn anhimmelte. um ihn zu heiraten. seinen Augen nicht trauen zu können. Daniel anzurufen. Es würde Nebel geben. Daniel Stevenson war ermordet worden. Ich bin den Rest des Tages nicht mehr da. ob er etwas von Catherine wußte. eine Zeugin hatte gesehen. Er schloß das Fenster und sah dabei sein Spiegelbild im Glas. rief er ihr nach. Daneben… Julius glaubte.Hörnchen gebracht. Unverständlicherweise schien die junge Technische Assistentin seine schwarzen Haare und den Bart attraktiv zu finden. daß ich noch hier bin«. Julius 264 . die ihre Ausgrabung finanzierte…? Der Becher mit Kaffee fiel ihm plötzlich aus der Hand. ›Kennen Sie diese Frau?‹ stand unter Catherines Porträt. Tracy war zwanzig. Tracy«. »Bitte sagen Sie den Leuten vom Wachdienst. ein Wissenschaftler mit dichten lockigen Haaren sei irgendwie sexy. Er überflog schnell den Artikel. Aber offenbar reichte das Catherine nicht.

sank auf den Stuhl. Er mußte der Polizei helfen. Cathy. warum habe ich das alles nicht verhindert? Das Telefon hörte auf zu klingeln. Julius blickte wie gebannt auf den Apparat. Eine falsche Verbindung. warum bin ich nicht bei dir geblieben? Warum war ich nur so überheblich und anmaßend? Der Mord war in Santa Barbara geschehen. Er hatte keine andere Wahl. er mußte auf der Stelle zur Polizei gehen. Der Polizeizeichner hatte nichts von ihrem Wesen wiedergegeben. Fünf Minuten später fuhr er vom Parkplatz. Sie ist mit einem unbekannten Mann davongefahren… Julius sprang auf. was er wußte. 265 . Inzwischen konnte Catherine überall sein. Aber so sah sie aus. mit einem Mann in einem Auto zu fliehen. wer diese Frau war. ohne den weißen Wagen zu bemerken. Catherine zu finden. stand in dem Artikel. Catherine! Aber der Anrufer wollte nur die Anfangszeiten der Kinos wissen. Er mußte den Beamten erklären. dem scharfen Intellekt und den funkelnden grünen Augen. Kurz darauf klingelte es wieder. Cathy. Was für ein Mann war das? Hatte er Daniel ermordet? Hatte er Catherine entführt? War ihr Leben in Gefahr? War sie womöglich bereits tot? Mein Gott. Nach Aussagen von Zeugen gelang es der Frau. und ihnen über die Hintergründe alles sagen. Fassungslos las er den Artikel noch einmal Wort für Wort und hörte dabei nicht. Julius legte auf und starrte auf das Porträt. Die Telefonnummer des Instituts unterschied sich nur in der letzten Zahl vom Kinocenter in der Pico Street. Aber das war vor zwei Tagen. denn er bekam plötzlich weiche Knie. Das Bild zeigte eindeutig sie. der am Straßenrand stand und ihm folgte. daß sein Telefon klingelte.

Ein Wortspiel mit dem Namen unseres Ordens – Dominikaner. In letzter Zeit. Die Angelegenheit mit dem geheimnisvollen 266 . Während er sich den unberechenbaren Windungen seiner Gedanken überließ. das Porträt einer Frau und die Photographie des JesusFragments mit dem beunruhigenden Inhalt waren der Anlaß für die außerplanmäßige und dringende Audienz beim Papst. Wir haben doch nur versucht. So heißen wir nach dem Ordensgründer. Auch von hier hatte man einen Blick auf den Petersplatz. und das heißt: die Wachhunde Gottes. Der Kardinal fühlte sich angegriffen und rechtfertigte sich stumm. So nennt man uns.Der Vatikan. die Kirche vor Häretikern und Teufelsanbetern zu schützen. dem Strom seiner Gedanken Einhalt zu gebieten. Rom Die Wachhunde Gottes… ja. verselbständigten sich seine Gedanken immer öfter. war der Zeitungsartikel vergessen. das stimmt. Man hat uns beschimpft. unbekannte Wege beschritt und sich im Labyrinth seiner Innenwelt verirrte. anstatt uns Beifall zu zollen… Lefevre zwang sich. Aber warum haßt man uns so? Pierre Lefevre führte stumme Selbstgespräche. Wenn man will. während er vor dem Arbeitszimmer des Papstes im apostolischen Palast auf und ab ging. anstatt sich auf die Alltagspflichten zu konzentrieren. dem heiligen Dominic. kann man den Namen als Domini Cane lesen. Aber die Schlagzeile. das wurde ihm plötzlich bewußt. die sich dort drängten. wo die Wachen nur mit Mühe die Menschen unter Kontrolle halten konnten. Er überließ sich abstrakten Erörterungen oder Erinnerungen.

nahm eine unvorhergesehene und gefährliche Wendung. Er war mit seinen fünfundsiebzig Jahren noch immer groß und im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte. Auch Besucher in dunklen Anzügen. Unter dem Caravaggio stand Vater Bailey vom Vatikansender. aber Seine Heiligkeit machte den Frauen niemals falsche Hoffnungen. die ebenfalls darauf warteten. der sich angeregt mit dem Präfekten der Heiligen Kongregation für katholische Erziehung unterhielt. Kardinal Lefevre nahm seinen Gang durch das Vorzimmer wieder auf. der ihn in Alarmbereitschaft versetzt hatte. Der alte Kardinal richtete sich auf. Die Besucher waren fast ausschließlich Männer. Kardinal Lefevre nickte Bischof Monduzzi zu. dem Präfekten des päpstlichen Haushalts. den die Jesuiten betrieben. in der man Seiner Heiligkeit nahelegte. kam zweifellos von der Libreria Editrice Vaticana. Er wollte auf jeden Fall verhindern. katholische Laien aus verschiedenen Ländern. Er 267 . die um eine Audienz nachgesucht hatten. den Papst zu sehen. Frauen die Priesterweihe zu gestatten. Die Nonne in der grauen Tracht. Freundlich lächelnd sah er die anderen an. dem Verlag des Vatikans. kamen mit Sorgen zu seiner Heiligkeit. das wußte Lefevre. saßen auf den mit rotem Brokat bezogenen Sesseln oder gingen unruhig auf und ab. Nur wenige Frauen baten um eine Audienz beim Papst. daß man ihm seine Sorgen ansah. der nachdenklich eine alte römische Büste betrachtete und ein Manuskript unter dem Arm trug. kam wegen ihrer Missionsstation in Angola. Der Mönch in der braunen Kutte. Aber alle Anwesenden. und die Schwester in Weiß arbeitete im Gesundheitsdienst des Vatikans. um eine Bittschrift zu übergeben.Fund auf der Sinaihalbinsel. Die hagere Gestalt warf lange Schatten auf die alten Möbel und kostbaren Gemälde. Hin und wieder erschien auch eine Delegation.

›Du bist für Paraden wie geschaffen!‹ pflegte sein Vater im Scherz zu sagen. Ein langer Weg schien ihn von den Tagen der Kindheit in dem kleinen Dorf in der Provence zu trennen. sagte der junge Mann und führte ihn zur Tür. Der Kardinal richtete sich noch einmal energisch auf und konzentrierte sich ganz auf seine Aufgabe. Es ist wieder soweit. Wachhunde Gottes! So hatte man vor einigen hundert Jahren die Dominikaner bezeichnet. Die Zeichen deuten auf Gefahr. weil sie die Kirche verteidigten. Wie viele Jahre war es eigentlich her.war schon immer einen Kopf größer als seine Mitmenschen gewesen. Möglicherweise steht uns der letzte und entscheidende Kampf bevor. Lefevre lächelte bei der Erinnerung. Lautlos fiel die Tür hinter ihm zu. 268 . der ihn offenbar angesprochen hatte. Hatte er die geliebten Eltern tatsächlich vor einem halben Jahrhundert beerdigt? »Eminenz?« Lefevre kniff die Augen zusammen und sah den jungen Priester an. »Seine Heiligkeit lassen bitten«. Die Angelegenheit war zu wichtig. Papa… Es wäre schön. um sich von nostalgischen Erinnerungen ablenken zu lassen. Papa wiederzusehen. Die Kirche muß geschützt werden. daß… Unmöglich! Die Zeit verging wie im Flug.

daß Sabina diesen römischen Kaiser noch einmal erwähnte. »müssen wir schnell sein. Catherine fehlten in diesem Augenblick ein richtiger Arbeitsplatz und die notwendigen Instrumente. um die winzigen abgelösten Fragmente behutsam wie ein Puzzle zusammenfügen zu können. Sie hatte diese notwendigen Dinge bei einem kurzen Einkauf in einem billigen Einkaufscenter am Stadtrand erstanden. wird er damit bald das Konto Ihrer Zugangsgenehmigung finden. wo 269 . Wenn Havers die Nummer Ihrer Kreditkarte hat. und er saß auf dem Bett. Aber Catherine hätte eine bessere Beleuchtung gebraucht. Die Faltstellen der zweiten Schriftrolle erwiesen sich jedoch als weniger haltbar als die der ersten. ›Das war im vierten Jahr der Herrschaft des Kaisers…‹ Verdammt. Sie konnte nur hoffen. »Sobald wir uns ins Netz eingewählt haben«. damit sie die Rolle glatt ausbreiten konnte. Garibaldi hatte ihr den Tisch überlassen. Kalifornien »Ich hoffe. An dieser Stelle war ein Stück Papyrus abgebrochen und für immer verloren. Der Laptop stand auf einem Stuhl. daß es klappt«.Goshen. sagte Garibaldi und tippte auf der Tastatur des Laptop eine Telefonnummer. Aber um zu erfahren. eine starke Lupe und Pinzetten. in der ihre neuen Jeans und die Bluse verpackt gewesen waren. wie heißt er? Catherine kamen vor Enttäuschung beinahe die Tränen. Catherine saß am Tisch und entfaltete behutsam den zweiten Papyrus. sagte Garibaldi und blickte auf den Monitor. Manche schienen bereits bei der leisesten Berührung zu reißen. Der erste war von Anfang bis Ende übersetzt und lag in der Pappschachtel.

die durch Farmland führten. Catherine mußte lächeln. waren sie nach Süden gefahren.… Während Catherine mit angehaltenem Atem den spröden Papyrus auseinanderfaltete und immer wieder verzweifelt feststellte. aber festgestellt. murmelte Garibaldi. und Catherine hörte.Sie sich aufhalten. Das wird ihn auf die falsche Spur setzen. LinkNet lehnte die Karte ab. Hatten die Behörden die Arbeiten unterbunden? Wurde womöglich in der Nähe wieder gesprengt? War Hungerford ersetzt worden und der Hotelneubau ging zielstrebig voran? Oder hatten ägyptische Archäologen damit begonnen. denn ›Goshen‹ lag nach den Worten der Bibel an dem Weg. Mirjam. wie er die Nummer erneut anwählen ließ. Nachdem sie Sacramento verlassen hatten. die Prophetin. Deshalb habe ich einen Server in Orange County gewählt. Die ersten. muß er das Zugangssystem knacken. Ein Internet-Konto konnte man nur mit einer Kreditkarte eröffnen. daß die Ränder abbrachen und sich manche Bruchstücke sofort in Staub auflösten. waren für ihre Zwecke nicht geeignet. auf dem Mirjam und Moses ihr Volk aus Ägypten herausgeführt hatten. Sie hatten es zuerst mit Garibaldis Karte versucht.« Sie befanden sich nicht in Orange County. denn sie hatten Telefonanlagen. an denen sie vorüberkamen. daß er sein Limit überschritten hatte. Die Stadt hieß ›Goshen Junction‹. Für das LaptopModem benötigten sie jedoch einen direkten Anschluß. den Brunnen freizulegen und das Skelett zu bergen? »Ich habe noch keinen Zugang«. der mit der Vorwahl ›9‹ eine Verbindung herstellte. Beim Sonnenuntergang hielten sie Ausschau nach einem Motel. Aus Vorsicht wählten sie kleine Landstraßen. Schließlich fanden sie in einer kleinen Stadt am Fuß der Sierras ein geeignetes Motel. Deshalb 270 . dachte sie an ihre Ausgrabung.

Nur wenige. die Los Angeles Times und sogar die San Diego Union. ja selbst im Einkaufszentrum hatten sie sich die Zeitungen angesehen – die lokalen. Im Motel hatten sie sofort den Fernseher eingeschaltet. Catherine blieb im Auto sitzen. während er darauf wartete. In der Praxis schien das allerdings nicht immer zu funktionieren. Garibaldi regelte den Ton herunter.benutzten sie Catherines Karte. daß LinkNet in Orange County die Verbindung freischaltete. Garibaldi hatte an der Rezeption die Formalitäten erledigt. das außer Sichtweite stand. aber auch die Fresno Bee. die Sacramento Bee. Der Wettlauf hatte eine neue Dimension angenommen. auch wenn sie wußten. Die meisten boten ihren Service nicht an Sonntagen an. wie zum Beispiel LinkNet. und man mußte vor fünf Uhr nachmittags kaufen. »Ist alles in Ordnung?« »Für die Schriftrollen ist diese Flucht eine Katastrophe! 271 . das steht nicht nur auf dem Papier!« Er hatte sich um verschiedene Server bemüht. Zwischen Catherines Fingern zerbröckelte wieder ein winziges Papyrusstückchen. Ab jetzt mußten sie schneller als ihr Verfolger sein. sagte er kopfschüttelnd und ließ das Modem neu wählen. nutzten die Ungeduld vieler Anwender und boten einen schnellen Zugang. »Dabei werben sie damit. um die Nachrichten zu sehen. Ich hoffe. murmelte sie. daß der Zugang innerhalb von zwei Stunden nach dem Kauf aktiviert wird. »Verdammt…«. daß Havers jeden Vorgang auf dem Kreditkartenkonto ›sah‹. In allen Ausgaben entdeckten sie Catherines Porträt. Bei jedem Aufenthalt. Garibaldi hob den Kopf. Dabei trug er wie immer seine Soutane. um am nächsten Tag ab zwölf Uhr mittags den Zugang zu bekommen. »Noch immer nicht«. sei es um zu tanken oder um etwas zu essen.

daß er Priester war. Während sie auf das Wählgeräusch des Modems lauschten. daß ich bisher nur ein einziges Mal vor einer ähnlichen Herausforderung stand. fragte er aufrichtig besorgt: »Wie geht es Ihnen wirklich?« Catherine rieb sich die Augen. aber in Jeans und Hemd wurde er auf einmal nur ein Mann. wo sie unter Glas liegen und die Luftfeuchtigkeit ständig überwacht wird.Man muß sie unbedingt an einen sicheren Ort bringen. die er ebenfalls bei ihrem Einkauf erstanden hatte. noch dazu ein gutaussehender Mann. Mit der Soutane hatte sie wenigstens dieses Problem nicht. Ich mußte die Zahlenkombination des Schlosses herausfinden. während Vater Murphy neben mir stand und mir zehn Dollar versprach. Er setzte sich auf das Bett und tippte die Telefonnummer. »Versuchen Sie es noch einmal«. Das brachte sie wie schon mehrmals innerlich aus dem Gleichgewicht. Ich müßte unbedingt ein paar Stunden 272 . wenn sie zu Staub zerfallen!« Er stand hinter ihr und lächelte. Sie blickte zu ihm auf. Die Soutane erinnerte sie ständig – leider auf bedrohliche Weise – daran. Ich muß allerdings gestehen. sagte sie schnell und deutete auf den Computer. fragte Catherine: »Und was ist. wenn es nicht funktioniert?« »Wir werden uns etwas einfallen lassen. als sich nämlich Schwester Agnes versehentlich in die Kammer mit den Sportgeräten eingeschlossen hatte. Ich hoffe nur.« Da sie schwieg. es ist nicht meine Schuld. und plötzlich stieg ihr der Duft seines Rasierwassers in die Nase. wenn ich sie bis zum nächsten Morgen dort schmoren lassen würde. Er trug ein neues Leinenhemd und neue Jeans. »Ich bin einfach übermüdet.

als Catherine auf dem Stuhl saß. aber bei mir hat das praktische Gründe.« Garibaldi stand auf und fragte: »Wollen Sie es wirklich tun?« Mit einem Blick auf die Zeitung und ihrem Bild auf dem Titelblatt erwiderte sie: »Mir bleibt keine andere Wahl. Kurz darauf erschien sie mit einem Handtuch um die Schultern. verzichtete er auf eine Erklärung. nicht auf die Haare zu 273 . Sie hatte eine Schere in der Hand und sagte: »Wir sollten das so schnell wie möglich hinter uns bringen. ich wollte mir die Haare schon lange kürzer schneiden lassen. Die Haare waren klatschnaß.« »Welche?« Er zögerte und sagte dann: »Pangamot…« Garibaldi schwieg. sagte er und nahm ihr die Schere aus der Hand. aber nicht so kurz wie Ihre Haare.« Sie beschloß. mit der Übersetzung später weiterzumachen. »Wie kurz soll es werden?« fragte er. Werden Sie mir helfen? Wenn ich es selbst mache. »Kurz.« »Verstehe…« Er lachte. und ging ins Bad. ist das Ergebnis bestimmt eine Katastrophe.« »Soll ich sie nur kürzen?« »Sagen wir bis zum Nacken. »Kurz geschnittene Haare sind gerade nicht Mode. murmelte sie und zwang sich.schlafen.« Als er die erste Haarsträhne abschnitt. hörte Catherine vom Parkplatz ›O du Fröhliche…‹ »Kaum zu glauben«. Nachdenklich blickte er auf die langen kastanienbraunen Haare und fragte: »Soll ich sie wirklich abschneiden?« »Keine Angst.« »Ich schneide Haare immer nur mit Hilfe einer Suppenschüssel«. und da Catherine ihm keine weiteren Fragen stellte.

»Ich hatte nicht einmal Zeit. Nichts von all dem wäre geschehen.« »Julius ist Ihr Verlobter?« Schnipp. die mir nahestehen? Garibaldi hatte gesagt. wäre ich nicht mehr dort gewesen. ihm ein Weihnachtsgeschenk zu kaufen. die Sie brauchen. »Wann wollen Sie heiraten?« »Wir sind nicht offiziell verlobt. Wieder landete eine Strähne im Papierkorb. »finden wir alle Antworten. und Danno würde noch leben. Gibt es wirklich so wenige Menschen.« »Mit etwas Glück und Ausdauer«. Und die Hochzeit… mein Gott. »In fünf Tagen ist Weihnachten. um mit ihm die Feiertage zu verbringen.« Sie legte die Hand auf den Jadeanhänger. Und Freunde? Julius war ein Freund und Danno. »Waren Sie einmal während der Weihnachtszeit in Jerusalem? Selbst eine Ratte bekäme 274 . wirkliche Freunde? »Sie waren in Israel«. »Warum sind Sie vor Weihnachten abgereist?« Er lachte. seine Hände. sagte Garibaldi und bewegte sich etwas zur Seite. daß Haareschneiden etwas so Intimes sein konnte. Julius wollte. Gab es für ihn Freunde? Hatte ein Priester überhaupt Freunde. sagte sie leise und spürte immer deutlicher seine Nähe.« Familie und Freunde… Ich habe keine Familie. ich würde ihn so gerne anrufen. als Sie es jetzt für möglich halten. aber ihn hatte sie verloren. Es war ihr noch nie aufgefallen. um die Haare gleichmäßig schneiden zu können. er habe keine Familie. Wenn ich auf ihn gehört hätte. im Internet. nicht einmal entfernte Verwandte.achten. daß ich die Grabungen unterbreche. Dann sind Sie schneller wieder bei Ihrer Familie und Ihren Freunden. Schnipp. Ich möchte wenigstens mit ihm reden. die im Papierkorb landeten. als Hungerford die Sprengung anordnete.

Ich glaube. erwiderte er nachdenklich und schnitt weiter. wenn wir zugeben würden. nur ihre Haare zu berühren. Das Buch Numeri.« Er nickte. Wie sollten wir die Frauen davon überzeugen. Sie wußte. Ein Blick in den Papierkorb ließ sie schaudern.« »Dann sind Sie also in die Weite des Sinai geflohen?« Er schwieg und hörte auf zu schneiden. daß sie in biblischen Zeiten gleichberechtigt waren?« Das Gefühl der Intimität wurde noch stärker. Ich habe fünf Stunden gebraucht. Mirjam war zusammen mit Moses eine Anführerin der Israeliten. Kapitel zwölf. Es gab im Hotel kein einziges freies Zimmer mehr. Ich kenne die Worte der Bibel: ›Hat etwa der Herr nur durch Moses gesprochen? Hat er nicht auch durch uns gesprochen?‹« »Richtig. ich bin Priester.« »Natürlich nicht. »Die Prophetin. »Ja«. und zuckte bei jedem zufälligen Kontakt mit ihrer Haut zusammen.dort Platzangst. aber sie konnte ihm keinen Vorwurf machen. um auch nur die halbe Länge der Via Dolorosa zurückzulegen.« »Ich suche Mirjam. aber meine Theorie ist bei den Bibelforschern nicht sehr beliebt. daß auch er solche Empfindungen hatte. Sie spürte seine Berührung nicht nur am Kopf und im Nacken. Er bemühte sich auffällig darum. denn darum hatte sie ihn 275 . Seine Nähe schien von ihr Besitz zu ergreifen. Und dieses Jahr war alles noch schlimmer. Sie spürte seinen Atem im Nacken.« Sie fragte überrascht: »Sie kennen die Geschichte?« »Nun ja. »Die Weite der Wüste… Was haben Sie eigentlich im Sinai gesucht? Der Besitzer des Hotels Isis sagte etwas vom Zug der Israeliten durch die Wüste. sich mit ihrer Rolle abzufinden. Er schnitt wirklich sehr viel Haar ab.

Catherine trat vor den Spiegel. »Fertig!« verkündete er schließlich. jetzt kommt der nächste Schritt. »Ja. »So.« 276 . und es klang erleichtert. Sie waren sehr kurz. und Catherine spürte. Schließlich wollte sie dem Zeitungsporträt so wenig ähnlich sehen wie möglich. holte Catherine tief Luft. Sie trug die Haare immer lang. Plötzlich wußte sie. kämmte die Haare noch einmal nach vorne und löste eine Strähne hinter dem linken Ohr.gebeten. daß sie vor Verlegenheit rot wurde. Seine Knie berührten ihre Beine.« Sie wollte aus der Tragetasche die Tönung holen. ihr einen Pony zu schneiden. Der Gürtel seiner Jeans war direkt vor ihrem Gesicht. Catherine betastete die Haare. »Wie wäre es mit einem Pony?« fragte sie schließlich. bitte. Er hob die Augenbrauen. weshalb sie ihn aufgefordert hatte. um sein Werk zu begutachten. Er tat es schnell und mit sichtlichem Unbehagen. Er hielt inne. und das rief bei ihr ein seltsames Gefühl von Nacktheit hervor.« Als Garibaldi vor ihr stand. Der Nacken lag völlig frei. denn die Idee war ihr spontan gekommen. Sie schloß die Augen und überließ sich dem Gefühl seiner Hand über den Lidern. »Ein Pony? Sind Sie sicher?« Der Einfall überraschte sie selbst. die Haare nach vorne kämmte und eine Hand über ihre Augen hielt. Der neue Haarschnitt schien sie beunruhigend verwundbar zu machen. Es war wie eine flüchtige Liebkosung.« »Dazu habe ich keine Zeit. »Ist es so in Ordnung?« fragte er schließlich und trat einen Schritt zurück. aber Garibaldi kam ihr zuvor und reichte ihr die Packung ›Ultra Weißblonde »Hier steht. man soll achtundvierzig Stunden vor dem Färben einen Allergietest machen.

»Wollen Sie das wirklich tun?« »Ich muß mein Aussehen drastisch verändern. ob Blondinen wirklich mehr Spaß im Leben haben. »Dann gehe ich inzwischen eine Abendzeitung kaufen. Sie mußte sich in diesem Augenblick eingestehen.« Er nickte und ging zur Tür. erinnerte sie sich an das Gefühl von Garibaldis Fingern in ihrem Nacken. und das Modem wählte. Der Gedanke an seinen Körper in ihrer Nähe. und massierte sie dann in die Haare. zog sie eine Plastikhaube über die Haare. das Geräusch der Schere und das Gefühl seiner Kraft stellte sich wieder ein. Aber keine Angst. Im Spiegel sah sie verblüfft. die er im Gepäck hatte. daß ihre Wangen immer noch glühten. daß Garibaldi sie nicht nur auf der Verstandesebene beeinflußte. daß das Gel fünfundvierzig Minuten einwirken mußte. Im Spiegel sah sie hinter sich die lackierten Stöcke. tippte die Zahlenfolge. Sie ging ins Zimmer und setzte sich an den Computer. In der Gebrauchsanweisung stand. Außerdem gibt mir das endlich einmal die Möglichkeit herauszufinden. Sie nahm die Verschlußkappe der Flasche ab und füllte das Farbgel in die Flasche mit dem Entwickler. zum Haarefärben brauche ich Ihre Hilfe nicht. und ihre Augen begannen zu brennen.Er sah sie kopfschüttelnd an. Der Geruch von Ammoniak verbreitete sich im Bad.« Catherine verschwand im Bad. Wer ist er wirklich? Was für eine Vergangenheit hat er? Aus welcher Familie kommt er? Warum ist er Priester geworden? Als die Flüssigkeit auf dem Kopf gleichmäßig verteilt war. Als die Meldung: BENUTZER 277 . Als sie die Plastikhandschuhe anzog. Sie schüttelte die Flasche. um die Flüssigkeiten zu mischen.

Sie lachte und flüsterte: »Wir haben die Zugangsberechtigung!« Sie klickte auf ›NetScape‹ und danach auf ›NetSearch‹. der Zugang war noch nicht aktiviert. murmelte Catherine. Pangamot ist aggressiv. das sie sich ausgedacht hatten. UNGÜLTIGES PASSWORT. Es ist ein Kampf um 278 . Was mochte der Grund für die Verzögerung sein? Sie tippte noch einmal die Zahlenfolge. Das Such-Menü erschien. tippte sie ›Phantom‹. Sie klickte auf ›Search Large Data Base‹. Wie hieß dieser Kampfsport? Pangamot! Sie tippte das Wort und drückte dann auf Eingabe. Sie wählte einen kürzlich im Soldier of Fortune erschienenen Artikel und las: ›Für den Pangamot-Kämpfer ist Selbstverteidigung passiv. Inzwischen hätte der Zugang freigeschaltet sein müssen. das Paßwort. Kurz darauf erschien die Meldung: UNGÜLTIGES PASSWORT. Carnegie-Mellon Universität. Dann kam ein neues Geräusch. Es klang wie das Öffnen einer rostigen Tür – der Computer machte seinen ›Handshake‹. Bei welcher Datenbank sollte sie die Suche beginnen? Bei Lycos. Das Konto war schon seit über zwei Stunden eröffnet.erschien. Das bedeutete. Der Cursor blinkte auf: SUCHBEGRIFF. »Was suche ich als erstes? Antiochia?« Ihr Blick fiel auf die lackierten Stöcke. beschloß sie. »Okay«. hörte das Modem wählen und den Signalton… Sie wartete mit angehaltenem Atem. Lycos meldete ihr neunundzwanzig Einträge. Catherine ließ das Modem noch einmal wählen und gab das Paßwort ein.

‹ Ein Textverweis öffnete ihr die Netz-Seite über den philippinischen Kampfsport. Ich kann 279 . Sie wurden eindeutig als todbringende Waffe eingesetzt. wie Garibaldi sie benutzte.« Catherine sah ihn nicht an. »Sie haben gesagt. Dort befanden sich Zeichnungen von Kampfstellungen mit den gleichen lackierten Stöcken. Pangamot sei eine Art Selbstverteidigung. hatte sie sagen wollen. »Ich hätte alles beantwortet.« »Es ist ein aggressiver Kampfsport.« Er deutete auf den Bildschirm. den Gegner bei den Haaren zu packen und ihn…« Sie starrte auf den Boden.« »Warum sind Sie so schockiert?« »Ich hasse Gewalt in jeder Form. aber wie unter einem Zwang fragte sie: »Warum lassen Sie sich die Haare so kurz schneiden? Sagen Sie es mir!« »Zu den Techniken beim Pangamot gehört es.« Ihr wurde plötzlich kalt.« Sie sah ihn an. Plötzlich stand er hinter ihr und sagte: »Sie hätten mich fragen können. ich übe Kontrolle über die Gewalt aus.« »Nein. daß Sie die Gewalt Ihres Gegners unter Kontrolle halten?« Er schüttelte den Kopf. Widerwillig. sondern nur sein Leben. Sie hörte nicht. und…« »Und?« Und Sie sind Priester. Der Sieger erhält als Preis keine Siegestrophäe. »Wollen Sie damit sagen. »Ich hätte die Frage nicht stellen sollen. Es gibt keine Regeln.Leben oder Tod. was Sie wissen wollen. »Nein. meine eigene. Sie setzen auf Gewalt.« »Das habe ich nicht gesagt. daß die Tür aufging und Garibaldi wieder zurück war.

die Nachricht von der Niederlage der römischen Legionen in Germanien löste großen Schrecken aus…« Ihr Blick fiel auf die Schlagzeile der Abendzeitung.« Er stellte die Stöcke an die Wand. drehte sich um. der Weg. Sabina sagt. Er musterte sie. »Hier. Womit soll ich anfangen?« Sie überlegte. daß ein Priester einen Kampfsport ausübt. wenn Sie sie in die Hand nehmen.« Catherine blickte stumm auf die langen. das sie über die Papyri wissen mußte? Ihr Alter. ich möchte wirklich nicht mehr darüber reden. der Gerechte… Was war das Wichtigste. glänzenden Stöcke. »Ich werde die Suche beginnen. Das müssen wir als erstes finden… »Tymbos«. dachte sie. »Ich habe keine Angst vor dem Bambus«. 280 . Vielleicht können Sie Ihre Angst besser überwinden.« Garibaldi tippte ›König Tymbos‹ und klickte auf: SUCHE BEGINNT. »Suchen Sie nach ›König Tymbos‹. wann sie geschrieben wurden. Als er nichts erwiderte. Ich muß ins Bad und die Haare ausspülen. Er streckte sie aus.nicht gutheißen. nehmen Sie die Stöcke…« »Nein. löste die Riemen seiner Reisetasche und nahm die lackierten Stöcke in die Hand.« »Es sind nur zwei lackierte Bambusstöcke. Diakon. »Wir müssen herausfinden. sagte sie. sagte sie und sah ihm direkt in die Augen. stand sie auf und murmelte: »Tut mir leid. ›PROPHEZEIT DAS JESUS-FRAGMENT DEN WELTUNTERGANG?‹ Und Catherine dachte: Das siebte Buch.

und legte auf. Sie fand Miles im Tropenhaus bei seinen Orchideen. »Schon wieder«. Wer hat sich diesmal gemeldet?« »Das Städtische Leichenschauhaus! Ich finde das wirklich nicht komisch. »Den ganzen Tag über habe ich auf meiner Nummer keinen einzigen Anruf bekommen.« »Aber sollte man nicht denken. den ich zu zahlen habe. und die Gespräche wurden wie auch diesmal nur zu einer anderen Nummer 281 . Meist war alles völlig harmlos. ich muß mich verwählt haben«. Schließlich habe ich die Sache überprüft und mit einer deiner Nummern meine Nummer angewählt. Wie es aussieht.Santa Fe. dem Spiel ein Ende zu setzen. bevor sich eine Männerstimme mit ›Städtisches Leichenschauhaus‹ meldete. die Computersysteme von Miles Havers zu knacken. Damit konnte er sich einen Namen machen. dann drehte sie sich um und verließ den Raum. sagte sie anklagend. daß diese infantilen Leute inzwischen genug davon haben. Jeder neue Hacker versuchte früher oder später. Erika Havers murmelte: »Entschuldigung. New Mexico Das Telefon klingelte achtmal. Miles. wo riesige Kakteen in großen Töpfen im kalten Mondlicht standen. Sie blickte kopfschüttelnd auf das Telefon. es gab keine Möglichkeit. Sie überquerte den Innenhof und eilte durch die verglasten Bögen. haben uns diese Hacker wieder einmal aufs Korn genommen. mein Schatz. daß so etwas in Zukunft unterbleibt?« »Leider scheint das der Preis zu sein. »Tut mir leid. kannst du nicht dafür sorgen.« Miles legte die Gartenschere auf den Stein. uns so zu ärgern?« Miles wußte.

« »Mach dir nichts daraus.« »Ach. Sie kommen nicht zur Silvesterparty.umgeleitet. denn sie wollen die Jahrtausendwende mit ihren Kindern auf Fidschi feiern und über die Datumsgrenze nach Tonga fliegen. was ich brauche. Ich habe nur einen Paßwortsucher eingesetzt und im Handumdrehen alles überspielt. Also habe ich nach der Marke und dem 282 . Sie haben ein richtiges Mickey-MausSicherheitsprogramm. als in das System dieser Leihwagenkette zu kommen. begleitete sie ins Haus bis zum Fahrstuhl und fuhr auf der Stelle hinunter in den Kommunikationsbunker. daß ich am Werk war.« Miles blickte mit zusammengekniffenen Augen auf die Liste der Namen und Zulassungsnummern auf dem Bildschirm. »Wissen wir etwas über den Leihwagen?« fragte Miles. Liebling«. »So etwas habe ich noch nicht erlebt…«. wo Teddy Yamaguchi vor der Bildschirmwand saß. Es fehlt sogar ein Schutzschild.« »Gewiß. Miles. nur darf mein Telefon nicht immer wieder gestört sein.« Miles nickte. Wir haben trotzdem mehr als tausend Gäste. »Ich werde mich darum kümmern. »Es ist nichts einfacher. »Und?« »Zuerst habe ich die Zulassungsnummer für den Wagen nicht gefunden. um sie vierundzwanzig Stunden später noch einmal zu erleben. übrigens. Senator Fowler und seine Frau haben abgesagt. Erika hatte dafür kein Verständnis und klagte: »Inzwischen werden meine Anrufe jede Woche mindestens einmal einfach weitergeleitet…« »Also gut. Liebling. Sie ahnen nicht einmal. erwiderte er lächelnd. erwiderte Teddy kopfschüttelnd.

Es ging inzwischen nicht nur um die Schriftrollen.« »Soll das heißen. »Dieser ›Jemand‹ wußte. ließ Miles 283 . Aber er ging auf Nummer Sicher und ließ alle erdenklichen Stellen überwachen. Er hat sie nicht nur gelöscht. sondern die Daten zerstört. Er mußte diese Frau finden. Warum dauerte alles so lange? Nachdem Zeke die Photos der Schriftrollen aus Santa Barbara geschickt hatte. Dr. wo die Fax-Bildschirme standen und Geschäftsnachrichten aus aller Welt eingingen. daß wir die Kreditkarten-Nummer haben wollen. was er damit bezwecken wollte.« Miles hob die Augenbrauen. Miles ging zu der Wand. dessen Nummer außer einem einzigen Mann niemand kannte.« »Ist der Wagen da?« »Er ist da. Alexander hatte Stevensons Computer mit dem Tagebuch. zu ihrer Wohnung zurückzukehren. Miles bezweifelte. daß die Archäologin so töricht sein würde. Die Videokamera überwachte die Wohnung von Dr.Modell suchen lassen. wußte genau. Dort stand der Name seines Mörders… Sein Blick wanderte die Reihe der Bildschirme entlang bis zum Ende. wo das Videobild einer Straße zu sehen war. »Kann man sie zurückholen?« Teddy schüttelte den Kopf. jemand ist uns zuvorgekommen und hat die Daten absichtlich unlesbar gemacht?« Teddy gab dem Drehhocker einen Schubs und sah seinen Boß an.« Miles starrte verärgert auf den Bildschirm. Aber sein Interesse galt im Augenblick nur einem Faxgerät. Doch dieser Monitor blieb leer und stumm. Catherine Alexander. aber die Kreditkarten-Nummer des Kunden ist gelöscht worden. »Wer die Nummer gelöscht hat.

Verblüfft sagte er: »Sie hat ihre Kreditkarte noch einmal benutzt? Ich kann nicht glauben. die Zeke und sein Partner bedauerlicherweise in Stevensons Wohnung zurückgelassen hatten.« Teddy tippte wie rasend auf der Tastatur und murmelte: »Vielleicht ist sie nicht so dumm. Sie mußte bei der Polizei liegen. Miles war sehr unzufrieden mit der augenblicklichen Lage. Die Zeitung hatte sogar eine Übersetzung abgedruckt. Auf der ersten Seite der Zeitung hatte er die allererste Seite der Schriftrollen gesehen. sie befand sich ihm gegenüber auch noch in anderer Hinsicht im Vorteil. Er würde für eine grundlegende Änderung sorgen. sie sofort zu übersetzen. Wie hieß der König? Die Archäologin kannte nicht nur den Namen. daß er auch die zweite Seite nicht besaß. bis zu dem abrupten Ende: ›… nimm sie mit zu König‹ Miles hatte sofort seine Photos nach der Fortsetzung überprüft. die Miles begierig las. Die ersten übersetzten Seiten hätten inzwischen längst hier eingetroffen sein müssen. Es stellte sich jedoch heraus. »Mr. Während Miles untätig auf ein Fax wartete. Mit Entsetzen dachte er an den Morgen dieses Tages. Das war vor sechsunddreißig Stunden gewesen. konnte sie den Originaltext nach Hinweisen auf das Versteck der siebten Schriftrolle durchsuchen. Nimm sie mit zu König… Jetzt verstand Miles die Frage von Daniel Stevenson: »Wie heißt der König noch?« Dr. 284 . »Wir haben wieder etwas!« Miles ging sofort zu ihm zurück und blickte auf den Bildschirm.sie reproduzieren und mit der Anweisung nach Ägypten fliegen. dieser König sei im Besitz der siebten Schriftrolle. Havers!« rief Teddy plötzlich. die Zeke zurückgelassen hatte. wie alle anderen. daß sie so dumm ist. Alexander glaubte. Sie würde natürlich nach ihm suchen.

« »Welche hat sie?« »Einen Augenblick. verfolgen Sie die Spur. Havers. Es wird gleich auf dem Bildschirm angezeigt werden. »LinkNet…«.« »Bin schon dabei.Diesmal hat Dr. 285 . Mr. Zucker und Koffein verschafften ihm einen Adrenalinstoß. sie ist nicht in Orange County. »Orange County. Ich wette.« Teddy schob sich lachend eine Handvoll seiner Lieblingssnacks in den Mund.«. Also los. der ihn in die richtige Hacker-Laune versetzte. sagte Miles. Es war soweit! Die Archäologin hatte sich ins Internet eingewählt. Das Spiel lief auf vollen Touren. Alexander mit ihrer Karte eine Zugangsberechtigung gekauft.

Goshen. Garibaldi bekam große Augen. stimmte ihm Catherine zu.« »Genau das wollte ich. murmelte Garibaldi. Das Anagramm ›Ichthus‹ entstand aus den ersten Buchstaben des Satzes: Iesous Christos Theou Uios Soter – Jesus Christus.« Sie blickte auf den Monitor. ›Der 286 . Retter – und ergab das lateinische Wort für ›Fisch‹. Sohn Gottes. dann sollten wir uns besser wieder aus dem Internet verabschieden.« Catherine ging in Gedanken die Liste ihrer Stichwörter durch: Amelia. »Sie sehen so anders aus. daß die Schreibweise richtig ist?« Catherine kam aus dem Bad und bürstete sich die kurz geschnittenen und gebleichten Haare. der Gerechte… Ohne die Familiennamen der Frauen war es schwer.‹ »Stimmt«. wenn nicht sogar unmöglich. Perpetua. als sie ihm das Wort zeigte. Benutzte Sabina eine ähnliche Verschlüsselungstechnik? Garibaldi blickte auf die digitale Zeitanzeige des Monitors. »Ich glaube. Auf diese Weise war eines der ersten Symbole des christlichen Glaubens entstanden. Sind Sie sicher.« »Möglich«. Könnte es ein Anagramm sein? Die frühen Christen hatten eine ausgeprägte Vorliebe für solche Spielereien. Oben auf der zweiten Seite stand: ›TYMBOS. es gibt keinen ›Tymbos‹«. wir haben Zeit für einen weiteren Suchbegriff. Wissen Sie. etwas über sie zu finden. Sabina. »Daran gibt es keinen Zweifel. Ich wünsche Ihnen diesmal mehr Glück. der Weg. sagte Garibaldi. wie zum Beispiel ›Ichthus‹. Kalifornien »Tut mir leid. dann drehte sie sich um und holte die Pappschachtel mit der ersten Schriftrolle. Sie dürfen es noch einmal probieren. »Es gibt weder einen König noch sonst jemanden mit diesem Namen.

langer Zeit von Riesen bewohnt war. daß Adam. der nach den geheimnisvollen Mysterien von Leben und Tod suchte…‹ Wie ich bereits gesagt habe. wenn man nur danach forschte. Ich habe erwähnt. Sein Leben war eine einzige Suche. daß Philos ein Stoiker war. schloß er sich dem Gefolge des kaiserlichen Gesandten an. Aber er war noch mehr. Philos war Arzt. und las die erste Zeile: ›Philos war Arzt. Aber er war noch mehr. wie er sagte. das ewiges Leben schenkt. Um auf der Suche nach diesem Geheimnis durch die Welt reisen zu können. wo steht. Allerdings geriet dieses Geheimnis vor sehr langer Zeit wieder in Vergessenheit. Seth und Methusalem beinahe tausend Jahre gelebt haben. Der kaiserliche Gesandte war ein Römer und hieß Cornelius Severus… 287 . Philos wollte das uralte Mittel finden. Hinweise darauf zeigte er mir in den Schriften von Platon. die Menschen das Geheimnis des langen Lebens gelernt hatten. sehr lange. Aber. daß die Befehle Roms befolgt wurden. wo die zweite Schriftrolle bereits teilweise entfaltet lag. Sie trat wieder an den Tisch. Er war ein Alchimist. Er sagte mir. Damals lebten die Menschen sehr.Weg‹ und ›der Gerechte‹ waren zu allgemein. daß die Welt vor langer. Er war bei den großen Zauberern und Eingeweihten von Persien gewesen. man konnte es wiederfinden. doch er glaubte auch an die Unsterblichen. Lycos würde ihr bei diesen Begriffen unzählige Verweise anbieten. so behauptete er. von denen. Man nannte diese Zeit das Goldene Zeitalter. der nach den geheimnisvollen Mysterien von Leben und Tod suchte. Er war ein Alchimist. Sokrates und auch in den Schriften der Juden. um die Grenzposten zu kontrollieren und sich davon zu überzeugen. der bis zu den entferntesten Grenzen des Reichs reiste.

Sie können Suchwünsche in normaler Sprache oder als Suchbegriffe und Sätze eingeben. File »Exit Dialer«Bye PPP DEAKTIVIERT NO CARRIER 288 .infoseek.mcom.html SEARCH ENGINES INFOSEEK SEARCH InfoSeek ist ein umfassendes und genaues WWWSuchprogramm.http://home./home/internet-search.com/Titel?qt=Cornelius+Severus INFOSEEK SUCHERGEBNIS: SIE SUCHEN: Cornelius Severus Keine WWW-Einträge unter Ihrem Suchbegriff. Sie können auch besondere Such-Operatoren einsetzen: EINGEBEN: Cornelius Severus SUCHE BEGINNT SUCH-TEXT http://www2.

so dachte er gereizt. sagte er drohend.« »Sie kann also immer neue Zugangsberechtigungen kaufen. New Mexico »Und?« fragte Miles. während sie die Suche laufen läßt. Vielleicht wären wir dann schneller und könnten sie fassen. Alexander hat ihre Kreditkarte nur für diesen einen Vorgang benutzt. daß sie nicht mehr ans Internet geht. das ich erfunden habe. während wir zu spät sehen. müßte er die überfällige Übersetzung haben. Diese Frau hat den großen Fehler begangen. wonach sie sucht. Teddy schüttelte den Kopf. Das heißt. sich auf ein Spielfeld zu wagen. »Die Zugangsberechtigung wurde vor fünf Stunden erteilt.Santa Fe. Sie hat bei Internet ihre Adresse in Santa Monica angegeben. »wird sie eine Überraschung erleben. Mr. Ich möchte wetten.« »Was haben Sie vor. sie vermutet. sie kann sich einwählen und verabschieden. »Es würde helfen. Havers?« 289 . Dazu. bevor wir sie festnageln können?« »Es sieht so aus. den Einsatz der Karte zurückzuverfolgen. Wenn sie sich eingewählt hat. mit mir Katze und Maus spielen zu können«. wenn wir wüßten. was sie gemacht hat?« Teddy nickte. ist sie jetzt schon nicht mehr Online. Warum kam das Fax nicht an? »Wenn sie glaubt. Sie hat die Zugangsberechtigung bei LinkNet damit bezahlt.« »Soll das heißen. daß wir ihr Kartenkonto überwachen.« Miles blickte ungeduldig auf die Uhr. Dr. sich ins Internet einwählen und wieder verabschieden. weil wir keine Möglichkeit haben.

« 290 . Diese Falle wird unsere kluge kleine Archäologin nicht vermuten und sich deshalb schneller darin fangen. als sie es für möglich hält.»Wir locken sie in eine Falle. Teddy.

Zeke habe ein männliches Ritual bestanden. vielleicht sogar aufreizend. Zeke wußte schon seit langem. sagte die Frau jetzt. Meist fanden jüngere die Narbe faszinierend. denn er wußte. Wange und Lippen schnitt. legte den Kopf schief und sah sie mit seinen feuchten Hundeaugen bittend an. »Können Sie mir vielleicht sagen. vermutlich weil die Narbe etwas Gefährliches andeutete. sondern sein Partner Raphael. daß Raphael bereits zwölf Morde auf dem Gewissen hatte. 291 . Raphael mit der Hornbrille und dem Lockenkopf wirkte harmlos wie ein Chorknabe. Als Zeke vor dem Büro des Motels angehalten und durch das Fenster eine grauhaarige Frau an der Rezeption gesehen hatte. »Ich darf Ihnen den Namen nicht nennen«. die durch Augenbraue. Frauen dagegen waren unberechenbar in ihren Reaktionen. was sie beeindruckte und ihm ihre unbewußte Anerkennung verschaffte. unter welchem Namen sie sich eingetragen hat?« Diesmal stellte nicht Zeke die Fragen. Männer reagierten wohlwollend auf die Narbe. schickte er seinen jungenhaften Partner hinein. die gestern abend hier ein Zimmer gemietet hat«. aber er lächelte charmant. Ältere Frauen dagegen reagierten abweisend. daß sein entstelltes Gesicht bei Männern und Frauen unterschiedliche Reaktionen auslöste. »Sieht fast wie eine Frau aus. Sie schienen zu glauben.Sacramento. Kalifornien »Haben Sie diese Frau gesehen?« Die Frau an der Rezeption im Dew Drop Motel blickte auf das Photo. Die Frau ahnte bestimmt nicht. antwortete sie.

Wenn die Menschen nicht den Weltuntergang gefürchtet hätten.« »Einen Reisescheck?« Sie zeigte ihm den Scheck – American Express. und sie hätten tausend Leute gebraucht. »Angeblich nicht.« Als er sich umdrehen wollte. »Wer ist Lucinda?« »Sie hat das Zimmer saubergemacht. Die Putzkolonne hat beim Saubermachen einen Reisescheck unter der Tischlampe gefunden. Miss Smith hat sich also nicht einfach davongeschlichen. Jane Smith. Das war der Priester. Er überflog die Einträge. dann wären alle Motels und Hotels in Kalifornien geöffnet gewesen. Raphael hätte beinahe laut gelacht. Vielleicht hat sie die beiden noch gesehen…« Fünf Minuten später stieg Raphael zufrieden in den Wagen. Die Jahrtausendwende half ihnen bei der Suche. um nach der Frau in Begleitung eines Priesters zu suchen. »Wissen Sie zufällig. daß wir der Dame auf der Spur sind?« Zeke erwiderte abschätzig: »Sollen seine teuren Computer sie doch finden!« 292 .Sie schob ihm das Gästebuch über die Theke. Das mußte sie sein! »War sie in Begleitung?« fragte er. in welche Richtung die beiden gefahren sind?« »Tut mir leid. ausgestellt und unterschrieben von ›Michael Garibaldi‹. aber beide Betten waren benutzt. sagte die Frau: »Warten Sie! Ich werde Lucinda fragen…« Sie wählte bereits eine Nummer. »Läßt du unseren Boß wissen. Zeke würde sich über die Ironie des Schicksals freuen.

allein im Kommunikationszentrum zu bleiben. Aber heute hatte er es vorgezogen. daß Teddy sich am liebsten als eine Art Ritter sah. Aus diesem Grund ahnte Teddy auch nichts von den drei Computerfachleuten. so fand er. aber niemand darf dabei körperlich Schaden nehmen. Miles hielt sich an dieses Motto. und die Jagd auf einen Menschen anstelle einer Spielfigur war noch besser – eine Archäologin floh mit alten Schriftrollen. und Miles brauchte ihn.Santa Fe. Er durfte nicht riskieren. die Miles bei Dianuba Technologies 293 . Diesmal hatte es Teddy mit dem Verstand eines wirklichen Menschen zu tun und nicht nur mit einer Kodierung. Miles wußte das. Teddy Yamaguchi war der Beste auf seinem Gebiet. Auch er hielt sich an Regeln und Moralgesetze. daß Teddy nichts von Zeke erfuhr oder von dem Zusammenhang mit dem Mord an Daniel Stevenson. Er wußte. Aber für Teddy galt auch das Motto der Hacker: Man darf alles tun. daß Teddy etwas davon erfuhr. New Mexico Teddys T-Shirt hatte den vielsagenden Aufdruck: ›Informationen wollen frei sein‹. Die rechte Hand darf nicht wissen. sich unbemerkt an sie heranzupirschen. Deshalb achtete Miles darauf. Deshalb hatte er Teddy den Abend freigegeben. Das Faszinierende an der Jagd nach Informationen. daß es einen Menschen gab. war die Herausforderung. Miles rechnete jeden Augenblick mit dem Eintreffen wichtiger Informationen. der zuviel über ihn wußte. Die gewonnene Information war für den Hacker eigentlich zweitrangig. Damit verhinderte er. was die linke tut. Das war das Meisterstück.

denn ich war die unverheiratete Tochter einer angesehenen Familie. Während die Alexander auf der Flucht war. mit dem man einen Blutsturz behandelte. als auf dem Monitor endlich die ersehnte Meldung erschien und gleichzeitig der Drucker zu laufen begann. und es war undenkbar. mich zu heiraten…‹ Ich brachte Philos durch eine List dazu. in den ich das Haschisch geschüttet hatte. die sie bei Geburten verwendete. aber er forderte mich auf. und ich wollte unter allen Umständen mit ihm reisen. Das Fax kam aus Kairo. bot er an. mich zu heiraten. daß ich abends ohne Begleitung das Haus verließ. die siebte Rolle zu finden. Ich fand darunter auch zerstoßenes Haschisch. Damit stiegen ihre Chancen. daß es noch nichts zu suchen gab. Ich nahm einen Krug Wein mit.eingesetzt hatte. der nicht verwandt mit mir war. und die nur darauf warteten. Meine Mutter hatte einen Vorrat an Kräutern und Heilmitteln. Das Fax hätte schon vor Stunden eingehen müssen. Mitternacht war bereits vorüber. nach Hause zu gehen. Als ich 294 . Er überlegte gerade. übersetzte sie die Schriftrollen. aber jeder wußte. Miles griff erregt nach der ersten Seite. ob er sich telefonisch nach dem Grund der Verzögerung erkundigen sollte. Aber Philos würde Antiochia am nächsten Tag verlassen. Da ich das ablehnte. mich nach Hause zu begleiten. Miles stand vor dem Problem. daß es auch als Aphrodisiakum wirkte. unabhängig voneinander für ihn zu suchen. Am Abend ging ich zu dem Gasthaus. Außerdem wollte ich einen Mann besuchen. Das war ein kühner und waghalsiger Schritt. ›Ich brachte Philos durch eine List dazu. Philos empfing mich freundlich. Ohne eine Übersetzung konnte Miles die Suche auch ganz aufgeben.

der Trank habe seine Wirkung getan. 295 . wie ich es versprochen hatte. Philos trug mich in der Hochzeitsnacht über die Schwelle des Zimmers. Dort befragt man vor jeder wichtigen Entscheidung die Sterne. denn ich hatte die Stengel und nicht die Blätter zerstoßen und in den Wein gemischt. daß ich ihn nicht liebte… Unser erstes Reiseziel war Indien. Ich erfuhr. ein Fluß gilt als heilig. und Kühe werden nicht geschlachtet.auch das ablehnte. sagte er: ›Wenn ich von deinem Wein trinke. Er habe das seit der ersten Begegnung gewollt. Ich dachte. es sei seine Absicht gewesen. Und so heiratete ich Philos. daß sich Männer und Frauen die Ohrläppchen durchstechen lassen als Schutz gegen den unheilvollen Einfluß gefährlicher Sterne und böser Geister. In diesem uralten Land weilen die Ahnen noch unter den Lebenden. ein Land der Götter und Geister. für die Hochzeit. damit keine bösen Geister. Für Philos war ich eine gute Partie. daß das Haschisch keine Wirkung auf Philos haben konnte. Ich verließ das Gasthaus. der Dämonen und überirdischen Wesen. mich zu heiraten. wirst du dann gehen?‹ Ich stimmte zu. die sich an meine Sandalen klammern mochten. und Philos erschien am nächsten Morgen in unserem Haus und hielt bei meiner Mutter um meine Hand an. Ich wußte damals nicht. liebe Amelia. Wir wählten den Juni. Er trank nur einen einzigen Schluck. ego Gaia‹. Und ich? Ich. Es war deshalb nicht wichtig. sollte mit ihm die Welt kennenlernen. Philos erzählte mir später. Ich trug den flammendroten Brautschleier und sprach das uralte Ehegelöbnis: ›Ubi tu Gaius. das neue Leben mit uns beginnen konnten. den glückverheißendsten aller Monate. denn seine Braut stammte aus der vornehmen Sippe des Fabianus.

Dort stellten wir fest. die Wolle tragen. In meiner jugendlichen Begeisterung und Unschuld glaubte ich. der Gerechte würde wiederkommen. langer Zeit ein Kaiser errichten ließ. daß es in Persien Bäume gibt. Die Tempel wurden besser gepflegt als je zuvor. liebe Schwestern. damals zu leben. an dessen Namen sich 296 . Auf dem Weg nach Indien mußten wir Arabien durchqueren. ein uraltes Mittel gegen Kopfschmerzen. In Arabien erfuhren wir auch. Der ›Honig‹ ist körnig und wird nur zum Süßen von Medizin verwandt. Entzündungen und Gliederschmerzen. wie er es versprochen hatte. lernten wir neue Menschen kennen. Ich erzählte allen. daß ich ihn manchmal verwirrte. die Welt ändern zu können. obwohl ich glaube. aber er war ein gütiger und geduldiger Lehrer. Man gewinnt den ›Honig‹ aus einer Art Schilfrohr. Wohin wir auch kamen. ›Honig‹ anzubauen. daß man eine Möglichkeit gefunden hatte. Man braucht dazu die Rinde von Weiden. Wir schätzten uns glücklich. Auf der Suche nach dem Wundermittel tauschte Philos sein Wissen mit Ärzten aus. denn alle sahen die Zeichen. Überall lag eine erwartungsvolle Hoffnung in der Luft. das so groß wird wie ein Mann. die vor langer.Stellt Euch vor. Das Reich wird zerfallen. Dafür gab er ihnen das Geheimrezept der Hekate. und auf den Altären der Götter häuften sich die Opfergaben. Fieber. Die Menschen im Osten kannten dieses Mittel damals noch nicht. so gut ich es konnte. Und ich wußte. sagten die Menschen. Wir reisten entlang einer Straße mit sehr alten Türmen. was für ein Abenteuer das für uns war! Ich war jung und wollte unbedingt die Botschaft des Gerechten verbreiten. Er lernte neue und wirkungsvolle Heilmittel kennen. von seiner Botschaft des Friedens. denn wir waren in einer besonderen Zeit geboren worden. Eine neue Ordnung wird kommen. Ich liebte Philos zwar nicht.

er stamme von einem Menschen. Er war fast zwei Beinlängen lang. Bei schweren Blutungen. ob ich je die glühende Liebe kennenlernen würde. Früher stand auf jedem Turm ein Mann Wache. Ich war jung. anstelle von Wochen. Der Knochen stammte aus Europa. suchte Philos nach Hinweisen auf die Riesen der Vergangenheit. von der Catull in seinen Gedichten spricht. bei Asthma und Husten mischte er mit verblüffendem Erfolg einen Trunk aus der Ephedrapflanze. sprach ich mit den Frauen in ihren Zelten und an den Lagerfeuern. Überall. Ich erzählte ihnen von dem Gerechten und der Botschaft. Auf diese Weise erreichte eine Botschaft das nächste Königreich in wenigen Tagen. Philos diente auf den Reisen treu Cornelius Severus und seinen Offizieren. und ich begann mich zu fragen. und ich sehnte mich nach Liebe. aber alle sagten. wo römische Soldaten beim Ausheben der Fundamente für eine Brücke einen versteinerten Oberschenkelknochen gefunden hatten. aber es fehlte die Leidenschaft.niemand mehr erinnert. daß die Türme in Sichtweite voneinander stehen. Als Allheilmittel gab Philos den Kranken die zerstoßenen Zähne von Haien in Wein zu trinken. und Philos das Wundermittel gegen den Tod suchte. 297 . Die einfachen Legionäre hatten ihren eigenen Militärarzt. daß er einmal einen ihrer Knochen gesehen hatte. die er den Menschen gebracht hatte. wohin wir kamen. Der Führer unserer Karawane erzählte. Der Kaiser ließ Botschaften durch Leuchtsignale von Turm zu Turm übermitteln. Philos war ein behutsamer und geduldiger Ehemann. In den vielen Wochen und Monaten der Reise zum Indus. Er sagte mir. der ein Feuer unterhielt. während Cornelius Severus im Namen des Kaisers Recht sprach.

DER SIEBTE TAG 298 .

zog die Jeans und das T-Shirt an und eilte mit nassen Haaren aus dem Bad. als sie Ihr Bild in der Zeitung sahen. Sie suchte ihre Socken und stellte verblüfft fest. wer Sie sind«. der Boden unter ihren Füßen werde sich auftun und sie verschlingen. Garibaldi klopfte an die Tür. Darunter stand ihr Name: ›Dr. und der Luftzug hörte auf. 299 . wir müssen sofort hier weg!« Garibaldi schlug die Tür zu. Dezember 1999 Goshen. Kalifornien »Frau Doktor? Frau Doktor!« Catherine hörte ihn nicht. erwiderte er und zeigte ihr eine Zeitung. »Man weiß jetzt. Seine laute Stimme in dem kleinen Bad ließ sie zusammenschrecken. und dann spürte sie einen kalten Luftzug. Catherine Alexander aus Santa Monica. daß sie es gerade noch ertragen konnte. Diese Frau wird in Verbindung mit zwei Morden. Das Wasser war so heiß. Kalifornien. »Dr. »Kollegen von Ihnen haben die Polizei benachrichtigt. Diebstahl und Schmuggel von nationalen Kulturgütern gesucht‹ Catherine glaubte. denn sie hatte die Dusche voll aufgedreht. Aber diesmal war es nicht das Porträt des Polizeizeichners. sondern ein Photo neueren Datums. Eine Motelangestellte hat ebenfalls die Polizei angerufen. »Was ist denn los?« fragte sie und griff nach ihren Schuhen. Catherine trocknete sich hastig ab. 20.Montag.« Wieder sah sie ihr Bild auf der ersten Seite. Alexander. daß Garibaldi ihre Sachen bereits gepackt und neben seine Reisetasche gestellt hatte.

»Man bringt Sie nicht mit dem Priester in Zusammenhang. Samir. »Das Taxi ist da«. Sie wurde zuletzt in einem roten Ford gesehen und fuhr in Richtung Süden. sogar die amerikanische Einreisebehörde.« »Was ist dort?« »Die Wüste«. Wir können es noch heute nacht über die Grenze schaffen…« Aber sie schüttelte den Kopf.« Er hatte dem Taxifahrer gesagt. daß der Mann ihn nicht hörte: »Wir sind etwa dreihundert Meilen von Mexiko entfernt. Alexander am Samstagabend unter dem Namen Jane Smith in einem Motel in Sacramento abgestiegen ist.« Benommen überflog Catherine den Artikel: ›Es besteht Grund zur Annahme. »Ich nehme das Gepäck. daß Dr. Wir fahren nach Südosten. der gleichzeitig mit Ihnen im vorigen Motel war. sagte Garibaldi an der Tür. »Von mir wissen sie immer noch nichts«. Auf der Fahrt flüsterte er so leise. daß ich die Leute weiter von Ihnen ablenken kann. daß sie zum GreyhoundBusbahnhof wollten. Mr. daß auch Julius erwähnt werden würde. Offenbar hatte man jeden. »Deshalb lasse ich ein Taxi kommen. Aber sein Name tauchte nicht auf. sagte er mit einem Blick auf den Parkplatz. antwortete Catherine. »Aber wir können nicht mehr mit dem Wagen fahren«. nach ihr gefragt: die Stiftung. der etwas über sie wußte.‹ Es war ein langer Artikel. Ich hoffe.« Er trug die Soutane. sagte er. 300 .Garibaldi öffnete die Tür einen Spalt. und ein Sonnenstrahl fiel in das abgedunkelte Zimmer. wäre das wie ein Eingeständnis meiner Schuld. »Wenn ich nach Mexiko fliehen würde. Catherine erwartete. Mylonas im Hotel Isis.

Das imaginäre Verhör wollte ihm nicht aus dem Kopf. ist Ihnen bewußt. daß sich die Papyri in ihrem Besitz befanden. die Polizei werde von ihm nichts erfahren. ein richtiges Photo von ihr mit Namensangabe. Als sich Julius nach dem stummen Selbstgespräch schließlich entschieden hatte und vom Parkplatz der Polizeiwache gefahren war. Bis gestern abend hatte Catherine noch die Möglichkeit gehabt. »Sie sagen. beschloß er. Aber das war gestern abend gewesen. »Und Sie wissen mit Sicherheit. genau das getan zu haben? Wo befindet sie sich jetzt? Welcher Zusammenhang besteht zu dem Mord an Daniel Stevenson?« Julius stand vom Schreibtisch auf und rieb sich die Schläfen. 301 . daß diese Frau Catherine Alexander ist?« hätte man ihn gefragt. Der neblige Morgen brachte in Form der Los Angeles Times ein böses Erwachen. daß Frau Dr. selbst alle Anschuldigungen zurückzuweisen. daß sie bei Ausgrabungen in Ägypten gefundene Schriftrollen ins Land geschmuggelt hat?« Er hätte Catherine an den Pranger gestellt. seit er vor der Polizeiwache im Auto gesessen hatte und eine Aussage über Catherine machen wollte. daß die Einfuhr von fremden Kulturgütern in dieses Land ein Vergehen ist? Haben Sie vergessen. Bis gestern abend hatte die Polizei Catherines Identität noch nicht gekannt und weder etwas von ihrer Beziehung zu Daniel gewußt noch davon. Alexander unter dem Verdacht steht. Voss. Nach längerem Überlegen war er dann doch nicht ausgestiegen.West Los Angeles »Dr. Es quälte ihn. denn auf der Titelseite befand sich Catherines Bild.

Ich muß die siebte Schriftrolle finden. Julius wußte. wie eigensinnig Cathy sein konnte. Die anderen sechs Rollen enthielten vermutlich Hinweise darauf. Aber von Catherine wußte er. daß sie jede Seite der Bücher photographiert hatte. bis sie die Übersetzung abgeschlossen hatte. die Polizei habe neunzehn Photos der Schriftrollen gefunden. war Catherines Leben in Gefahr. daß sie noch lebte. sie werde sich die Schriftrollen nicht abnehmen lassen. Er wollte etwas für sie tun. wurde nicht erwähnt. Das bedeutete. mit dem Catherine angeblich aus Daniels Wohnung geflohen war. Sie befand sich auf der Flucht. Auf Grund der Berichte in den Zeitungen über den sensationellen Fund in Ägypten würden sich natürlich alle möglichen Leute an dieser verrückten Schatzsuche beteiligen. sie wollten die Schriftrollen unbedingt in ihren Besitz bringen und schreckten selbst vor einem Mord nicht zurück. als sie erklärt hatte. Julius vermutete. Aber was? Dann kam ihm ein Gedanke. Hatten Daniels Mörder die anderen Photos an sich genommen? Wer immer sie auch sein mochten. um die siebte Schriftrolle zu bekommen. Natürlich würde sie so lange untertauchen. Er erinnerte sich noch gut an die Entschlossenheit in ihren Augen.Julius war jedoch erleichtert. Seine Hilflosigkeit empfand er wie eine Folter. und das waren mehr als hundert Bilder. Solange die Suche danach weiterging. sie war nicht entführt worden. Der Mann. Dort hieß es. Und wie sollte das geschehen? Bestimmt suchte Catherine bereits danach. als er las. Er warf die Zeitung auf den Schreibtisch und schob die Hände in die Hosentaschen. wo der ›Schatz‹ vergraben war. Julius griff nach der Zeitung und las den Artikel noch einmal. Die Photos und die Originale 302 . sie würden wieder töten.

daß Catherine nicht viel Zeit blieb. das Versteck aufzuspüren. Wessen Name? Es war nicht der Name des Königs… Er griff nach der Zeitung und las noch einmal die Übersetzung. Wohin sollte er gehen? Er konnte unmöglich so tun. Er schloß die Augen und stellte sich die alten Bücher vor. Das wäre wenigstens ein Anfang… Julius ging zur Tür seines Büros und wollte sie öffnen. Allerdings würde selbst ein Computer für diese Art Suche viel Zeit brauchen. Wenn er sich doch nur an den Namen erinnern könnte. den er im Originaltext gelesen hatte.halfen den anderen. Er ging unruhig in seinem Büro auf und ab und rief sich den regnerischen Nachmittag ins Gedächtnis. Inzwischen trafen die Mitarbeiter des Instituts ein. der an manchen Stellen kaum lesbar. als Catherine unerwartet aus Ägypten zurückgekommen war und ihm die alten Papyri gezeigt hatte. Sabina. Perpetua. Natürlich wäre es einfach. so wie er sie auf dem Sofatisch in seinem Haus gesehen hatte. Er hoffte. Alle hatten die Zeitung gelesen. die Kataloge der Archive nach Schriftrollen zu durchsuchen und zu überprüfen. Plötzlich fielen ihm wieder ihre Worte ein: ›Sabina rät Amelia. Ihm war ein Name aufgefallen. an anderen jedoch wieder verblüffend deutlich war. Dabei achtete er auf die Namen: Amelia. Catherine entfaltete einen Papyrus und beugte sich über den Text. ob er die Namen in griechischen Texten dieser Zeit fand. Jeder von 303 . seine Erinnerung werde sich bei ruhiger Konzentration lückenloser einstellen. als beginne ein ganz normaler Arbeitstag. Aber er blieb unsicher stehen. Julius fürchtete. die siebte Schriftrolle einem König zu geben. Julius dagegen stand mit leeren Händen da. falls man sie verfolgen würde…‹ Julius rieb sich die Stirn und den Nacken. um das Blut besser zirkulieren zu lassen.

Der Nebel täuschte offenbar die Sensoren… Fabianus… Julius holte tief Luft. Das war der Name! ›Fabianus‹. als sie ihm auf dem Anrufbeantworter die seltsame Nachricht hinterließ. um Catherine zu helfen. in die er geraten war. Die Weihnachtsbeleuchtung auf dem Wilshire Boulevard brannte schon am frühen Morgen. War es Sabinas Vater oder ein Mann. aber peinlichem Schweigen rechnen. alle diese Bücher durchzusehen. um alles in der Welt? Julius verfluchte im stillen die Lage. OmniSearch… Mrs. Er hatte nicht die Zeit. den die Untersuchung der Königin ausgelöst hatte. Natürlich hatte Cathy deshalb den Namen der Mumie gewählt. um sich das Gerede und die Fragen vorzustellen.ihnen wußte. Meritites… Er kniff die Augen zusammen und nickte. Er drehte sich um und ging zu der Bücherwand gegenüber. Er setzte sich an den Schreibtisch. Man brauchte nicht viel Phantasie. daß Julius und Catherine verlobt waren. Normalerweise schaltete sich die Beleuchtung erst bei Einbruch der Dunkelheit ein. Möglicherweise mußte er auch mit höflichem. startete den Computer und dachte dabei an die verfügbaren Suchprogramme: Lycos. den sie geheiratet hatte? Vielleicht war er der König. Der Name sollte ihn an die Intrigen im vergangenen Jahr erinnern und an den Konkurrenzkampf. Aber was. und das wäre noch schlimmer. dem man die siebte Rolle anvertraut hatte… Julius schüttelte den Kopf. und er sollte schnellstens etwas unternehmen. Er hätte nicht ins Institut kommen dürfen. Seufzend trat er ans Fenster und blickte hinaus. InfoSeek. Wer war ›Fabianus‹? fragte er sich und überflog die Titel der Bücher. als ein 304 .

Aber er wollte zum jetzigen Zeitpunkt unter keinen Umständen eine Aussage machen. jemand überwache sein Telefon und seinen Computer? Wer würde so etwas tun und aus welchem Grund? Verwirrt blickte er auf den blinkenden Cursor und schaltete den PC wieder aus. Dann trat er in den grauen Morgen hinaus. Er seufzte und dachte gereizt: Wie soll ich ohne Computer nach der siebten Schriftrolle suchen? Die Zeitung auf dem Schreibtisch erinnerte ihn daran. Er wollte nicht lügen. Es roch nach Regen. er sei den ganzen Tag nicht im Institut und auch zu Hause nicht zu erreichen. Die feuchte. zum Strandhaus zu fahren. Er hatte sich gerade entschieden. Wie konnte er das zumindest so lange hinauszögern. salzige Meeresluft schlug ihm entgegen.Kollege das Telefon von Julius angezapft hatte! Er runzelte die Stirn. bis die Journalisten oder die Polizei bei ihren Nachforschungen auch auf ihn stoßen würden. als er die Übertragungswagen der Fernsehsender sah. die Journalisten und die Polizeibeamten… 305 . Weshalb glaubte Catherine. die Kameras. zog sein Jackett an und verließ entschlossen das Büro. Eilig ging er durch die langen Gänge und hinterließ am Empfang die Nachricht. bis er Zeit gehabt hatte. daß es nur eine Frage der Zeit war. Und dazu würde man ihn mit direkten Fragen zwingen. alles noch einmal in Ruhe durchzudenken? Er stand auf.

Leider. Es handelte sich dabei um kleine. kaum entzifferbare Fragmente.Über dem Pazifik Miles spürte den Druck in den Ohren. Ein Papyrus befand sich im Archiv der Duke University. Er warf einen Blick auf die Uhr. die ihm nicht zur Verfügung standen. Jeder Tag brachte diese Alexander ihrem Ziel näher. als sein Jet die Reiseflughöhe verließ. um einem anderen die Verantwortung dafür zu überlassen. Aber die Schriftrollen waren ihm zu wichtig. die siebte Rolle zu finden. Da Catherine Alexander die Photos klugerweise numeriert hatte. wußte Miles. enthielten die Texte. Also brauchte er nur in Archiven und Bibliotheken zu suchen. Eines davon war in den Zeitungen abgebildet worden. Der Flug hatte etwas über sechs Stunden gedauert. Die Polizei hatte nur einen Bruchteil. Wenn die Zeit nicht so gedrängt hätte. die kein Licht auf das Leben von Sabina Fabiana warfen. Ein dritter Papyrus 306 . Aber Zeit hatte er nicht. der zweite im British Museum. Miles mußte deshalb andere Wege einschlagen. es müsse irgendwo auf der Welt Kopien der anderen achtzehn Seiten geben. Eigentlich hätte er nicht persönlich fliegen müssen. Miles hätte seinen Anwalt damit beauftragen können. wichtige Informationen. die Transaktion durchzuführen. sich mit Hilfe der richtigen Leute auch die Photos zu beschaffen. Bisher hatte er allerdings nur drei Schriftrollen ausfindig gemacht. so vermutete Miles. Die Polizei besaß offenbar neunzehn Photos. wäre es natürlich kein Problem gewesen. denn der Text der Schriftrollen war bestimmt wie die Evangelien immer wieder abgeschrieben worden. die bei der Polizei in Santa Barbara lagen. daß er die meisten besaß. Miles war zu dem Schluß gekommen.

daß sie sich im Landeanflug befanden. Er hatte wie immer seine eigenen Absichten. um dafür zu sorgen. und die Vorbereitungen für die große Silvesterfeier waren in vollem Gang. Es stammte aus dem sechsten Jahrhundert und war die Kopie eines Papyrus aus dem zweiten Jahrhundert. Aber das ganze Fest wäre für ihn bedeutungslos. wenn es nicht zum Höhepunkt seiner Ambitionen werden würde. Miles wollte seine Gäste in dem Bewußtsein begrüßen. eines reichen japanischen Geschäftsmannes. Miles wollte dieses Dokument haben. denn er ließ Erika nur ungern allein zurück. in dem die Inseln wie wahllos verstreute Edelsteine leuchteten. den Debütantinnenball und das FilmFestival von Cannes. Das Fest sollte alles übertreffen. daß er im neuen Jahrtausend alle seine Ziele erreicht hatte. in diesem Augenblick hätte er Erika zur Seite stehen müssen. Das Haus füllte sich bereits mit Gästen. Die mehr als tausend Menschen aus aller Welt kamen. Die Entscheidung zu diesem Flug nach Hawaii war ihm nicht leichtgefallen. daß alles nach Plan verlief. Den Hinweis auf dieses Fabiana-Fragment fand Miles in der Zeitschrift Archaeology. denn in seiner Vorstellung war das Anwesen sein Palast.befand sich im Privatbesitz eines gewissen Aki Matsumoto. Niemand ahnte den eigentlichen Grund für die Jahrtausendfeier. Der Tiger in Miles war hungrig. das Dokument befinde sich in einem ausgezeichneten Zustand. Miles sah unter sich das dunkelblaue Meer. Miles lächelte. im Tropenhaus 307 . Der Pilot ließ ihn damit wissen. der Konzern war der Thron. Das gelbe Leuchtsignal der Sprechanlage neben seinem Sitz blinkte mehrmals. die berichtete. Gewiß. sein Computerzentrum Zepter und Schwert. Er brauchte Beute. um ihm in der Casa Havers zu huldigen. die Oscarverleihung.

und erreichte die Parkposition. die nichts von den vielen Millionen verrieten. Kurz darauf meldete er. seine Überzeugungskraft. dann konnte er an Silvester triumphieren. rollte zum Ende des Flughafens. und im unterirdischen Museum. Der Flugbegleiter öffnete die Kabinentür und ließ die feuchte Brise in das Flugzeug.hütete er die Perlen. seinen Weitblick. Wenn er die Gäste mit dem Wissen begrüßte. würde als einziger wissen. die Medien und alle Menschen spekulieren. Der unsichtbare Fahrgast auf dem Rücksitz war. Bei solchen Geschäften wahrte Miles stets seine Anonymität. Sein Anwalt hatte die Begegnung mit Matsumoto vorbereitet. daß die Kontaktperson eingetroffen sei. wo Privatflugzeuge und die Maschinen der kleinen Frachtfluglinien abgefertigt wurden. die er in der Elektronikbranche verdiente. wie Miles wußte. Miles. Der Jet landete. die zum Tagesgespräch geworden waren. Aki Matsumoto – ein reicher Mann mit blasser Haut und traurigen Augen. denn er hatte den Zugriff auf alle Informationen. was darin stand. weil alle sich davon Aufschlüsse über die Vergangenheit und die Zukunft erhofften. Miles war aus diesem Grund auch nicht mit dem Firmenjet mit dem Logo des Konzerns an 308 . Mochten die Regierungen. sammelte er das Wertvollste. wer ihn hierher gebeten hatte. er. Miles blickte aus dem Fenster und sah einen glänzenden schwarzen Mercedes mit geschlossenen getönten Scheiben. Dieser Triumph würde das Fest zu seiner persönlichen Siegesfeier machen. daß sich dort die Schriftrollen befanden. was Menschen geschaffen hatten. Das neue Jahrtausend würde ihm unbegrenzte Macht bringen. Es war der Schlüssel für seine Stärke. Er trug immer schlecht sitzende Anzüge. Das Wissen bestimmte seine Entscheidungen. Er würde auf seine Weise Herrscher der Welt sein. Matsumoto seinerseits ahnte nicht. seiner Schatzkammer.

für sein Angebot zugänglicher machen würde. die er inzwischen gelernt hatte zu erkennen – Amelia. Miles hatte Aki Matsumoto vergeblich eine großzügige Summe für das Fabiana-Dokument angeboten. die Matsumoto. der die Negative der Photos enthielt. Er sah. Miles saß noch in dem bequemen taubengrauen Ledersitz und zog aus dem steifen Umschlag das Dokument und das Echtheitszertifikat.der Seite gekommen. Deshalb griff er jetzt zu einer anderen Art Währung. den er sofort ins Flugzeug brachte. Perpetua. Sabina. Der Flugbegleiter verließ das Flugzeug. Während die Übergabe an der Limousine schweigend stattfand. wo der Text mitten im Satz abbrach. Kurz darauf wurde dem Flugbegleiter im Austausch ein anderer Umschlag herausgereicht. sondern mit seiner weißen Privatmaschine. suchte Miles in dem Dokument bereits nach den wichtigen Worten. Das Wort ›Fabiana‹ dagegen stand deutlich lesbar unten auf der ersten Seite. Mit großer Behutsamkeit legte er den brüchigen Papyrus auf den 309 . Miles reichte wie abgesprochen dem Flugbegleiter einen Briefumschlag. wie er vermutete. stammte. die keine Identifikationsmerkmale trug. daß das Pergament aus dem Jahr 586 n. Der Mann ahnte nicht. Philos… Er entdeckte keinen der Namen. Nach einem kurzen prüfenden Blick reichte er dem Flugbegleiter einen zweiten versiegelten Umschlag. die in dem ersten Umschlag gewesen waren. näherte sich der Limousine und überreichte dem Chauffeur den Umschlag. Chr. daß sich in dem Umschlag Aktphotos von Aki Matsumotos vierzehnjähriger Tochter befanden. das bestätigte. wie der Chauffeur das Wagenfenster öffnete und den Umschlag entgegennahm.

winkte er den Flugbegleiter zu sich. um für ihn etwas zu besorgen. Niemals kam er von einer Reise ohne ein Geschenk für Erika zurück. dann betrachtete er. Da die Maschine noch aufgetankt wurde. die siebte Rolle vor ihr zu finden. als der Pilot Miles meldete. daß sie jetzt praktisch eine Gefangene war. Er gab dem Mann hundert Dollar mit den entsprechenden Anweisungen und ging in die Maschine zurück. Der Flugbegleiter erschien genau in dem Augenblick. Beim Anblick des ZehnDollar-Preisschilds lächelte Miles. waren eindeutig wieder besser. Das Blatt hatte sich gewendet. denn sie waren zu dem Souvenirladen in der Abflughalle des Flughafens gerannt. wenn er wieder zu Hause sei.Scanner und faxte den Text mit dem handschriftlichen Zusatz nach Kairo. werde eine besser lesbare Photokopie folgen. Miles hob das Muschelhalsband ans Fenster und freute sich. in dem die Maschinen gewartet wurden. Miles schnallte sich zum Start an. Er blickte in die Tropensonne und freute sich über die gelungene Transaktion. Als Miles zwei junge Einheimische in der Nähe des Hangars sah. 310 . Der Mercedes rollte davon. daß man sie erkannte. denn sie konnte kaum etwas tun. sich draußen etwas Bewegung zu gönnen. ohne Gefahr zu laufen. Seine Chancen. was der Mann für ihn gekauft hatte. Die beiden Jungs hatten sich das Taschengeld verdient. und die Zeitungen sorgten dafür. Damit hatte Miles sie dort. daß sie abflugbereit seien. Er fand wieder Gefallen an der Jagd nach den Schriftrollen. wo er sie haben wollte – ihr blieb nur noch das Internet für ihre Suche. Die Polizei hatte Catherine Alexander identifiziert. beschloß Miles. und der Flugbegleiter kam zurück an Bord.

Havers hat zwar nicht alle Photos. daß durch die Hitze der Glühbirne ihr Haar heiß zu werden begann. »›Agora‹« rief sie erleichtert so laut. »So war es nicht gemeint. KJV: Fischfang‹ Catherine blickte wieder auf den Papyrus. Er ergab keinen Sinn. der am Computer saß. »Du meine Güte. Kalifornien ›Ich begegnete Satvinder auf einem Fischzug…‹ Catherine zog die Augenbrauen zusammen. »Sagen Sie es rechtzeitig. Sie schlug in Strangs Griechisch im Neuen Testament das Wort #0061-GSN nach: ›agra – ein (Fisch)Zug. noch einmal. Der Zeitdruck ist unerträglich.Mojave-Wüste. Dann sah sie es. den sie gerade übersetzt hatte. so daß der Kugelschreiber ihn nicht traf. zog die Lampe so nahe heran. erstaunt den Kopf hob. Das sind die Nerven. »He!« rief Garibaldi und zog schnell den Kopf ein. wie kann man nur so dumm sein! Sabina begegnet Satvinder natürlich auf dem ›Markt‹ und nicht auf einem ›Fischzug‹!« Sie griff nach dem Kugelschreiber und warf ihn quer durch das Zimmer. aber die meisten. Sie griff nach der Lupe. daß Garibaldi. Λγρα… eindeutig: αγρα. veränderte langsam den Abstand der Lupe zur Papyrusseite und hielt den Blick auf das fragliche Wort gerichtet. Zwischen dem ›y‹ und dem ›p‹ befand sich ein winziges ›0‹. richtete die Lampe auf das Papyrus und betrachtete sich genau das letzte Wort. Ich sitze über dem brüchigen Papyrus und kann nur langsam und 311 . Dann las sie den Satz. wenn Sie demnächst mit Messern nach mir werfen.« Sie lachte.

vorsichtig an einem kaum lesbaren Text arbeiten. das aus einer Reihe rosa verputzter Bungalows bestand. wir haben Probleme. Vermutlich läßt er mehrere Leute gleichzeitig übersetzen. »Es ist bestimmt riskant. Auf dem Nachttisch zwischen den beiden Betten lagen für die Besucher Hinweise auf die Sehenswürdigkeiten der Umgebung: die Geisterstadt Calico. er ist bereits auf dem Weg zu dem Platz. der sich ihm als nützlich erweist. um es schnell und unerkannt wieder zu verlassen!« Garibaldi stand auf und streckte sich. Er dagegen hat Reproduktionen. Auf der endlosen Busfahrt nach der überstürzten Abreise aus Goshen hielt Catherine Ausschau nach allem. während wir hier wie Gefangene sitzen. Aber außer Plakaten mit Klapperschlangen und Hinweisschildern auf Indianergräber und Dinosaurierskelette war es wirklich 312 . Indianerhöhlen. man ist uns auf der Spur?« »Ich weiß es nicht«. was es auf der Straße an Lebenszeichen zu sehen gab.« Sie befanden sich inzwischen mitten in der Wüste in einem Motel.« Sie warf einen Blick auf den Bildschirm. Havers hat die wichtigen Hinweise bereits gefunden. Edwards Air Force Base – Landeplatz der US Space-Shuttle. aber das Konto ist noch nicht aktiviert. Death Valley: der tiefste Punkt der westlichen Hemisphäre. »Glauben Sie. noch einmal Online zu gehen. wo die siebte Schriftrolle liegt. nach denen ich noch suche. Das bedeutet. erwiderte er und trat ans Fenster. »Ja. in dem König Tymbos regierte. Wir haben zwar von dem neuen Service Provider die Zugangsberechtigung. die er vergrößern. oder ein paar fangen von rückwärts an. Vielleicht kennt er schon die Stadt oder das Land. Stellen Sie sich vor. vervielfältigen und jedem geben kann. ich wie eine Schnecke übersetze und Sie sich wie ein Dieb ins Internet schleichen.

denn er glaubte nicht. »Die Lücken im Papyrus sorgen natürlich dafür. seufzte Catherine. sie hat Philos zur Zeit des Kaisers Augustus geheiratet. um ins Freie blicken zu können. »Es wäre eine große Hilfe. Aber die Suche nach ›Philos‹ ergab unzählige Verweise auf Worte mit der Silbe ›philos‹. »Angenommen.« Die Suche im Netz hatte viele Hinweise auf ›Amelias‹ und sogar auf ein paar ›Perpetuas‹ gebracht. sagte Garibaldi und schob den Vorhang etwas beiseite. wenn wir wüßten. Sie fuhr sich mit den Fingern durch die kurzen weißblonden Haare. »Wenn Sabina doch nur den Namen des Kaisers noch einmal erwähnen würde«. wie Catherine den Bungalow betrat.« »Es wäre auch nicht schlecht«. Caligula wäre noch besser. daß uns wesentliche Informationen vorenthalten bleiben. daß ihnen jemand am Busbahnhof von Goshen oder in Mojave besondere Beachtung geschenkt hatte. dann wüßten wir. Trotzdem mußten sie wachsam sein.« Garibaldis prüfender Blick aus dem Fenster war nur Routine. Auch der Mann an der Rezeption des Motels hatte vermutlich nicht gesehen. daß sie vor Jesus lebte und daß diese Schriftrollen nicht von Augenzeugen stammen. dann fehlt es eben. das wäre zu spät.wenig. Löscht man etwas auf der Festplatte. dann wäre es schon möglich. »wenn wir wenigstens einen der Familiennamen dieser Frauen kennen würden. Aber wenn es Kaiser Tiberius war. Aber fehlendes Papier? Wenn es fehlt.« »Leider ist Papyrus keine Festplatte. im Auftrag welches römischen Kaisers Cornelius Severus durch das Reich reiste. wenn es nicht mit anderen Informationen überschrieben ist. Nero hätte sie verfolgen können. und Claudius natürlich am besten. kann man es später trotzdem wieder zurückholen. aber Vespasian. Catherine wandte sich seufzend wieder dem ausgebreiteten Dokument zu.« 313 .

Sie suchte auf den Kanälen nach einem Sender in Los Angeles. wen haben wir denn hier?« rief er und nahm das Kätzchen hoch. Er schüttelte den Kopf. Er öffnete die Plastikbecher mit der Kaffeesahne und gab dem Kätzchen auf einem Plastikdeckel die Milch zu trinken. »Wir hatten immer viele Katzen zu Hause. und ein schwarzweißes Kätzchen sprang herein. die es gierig aufleckte. setzte sich wieder an den Computer und tippte die Zugangsnummer ein. »Ja. sagte Catherine und staunte. Eine Blondine mit professionellem Lächeln und sanfter Stimme las die Meldungen des Tages. wie das winzige flauschige Tier zutraulich in Garibaldis großen Händen verschwand. während er es sanft streichelte. Catherine riß sich von dem Anblick los und schaltete den Fernseher ein.« Er öffnete die Tür. wo noch die Reste ihres mexikanischen Essens lagen. Vermutlich gehört es dem Mann an der Rezeption. Catherine staunte über seine Behutsamkeit. erwiderte er. »Das Fell ist sauber.« Catherine sagte lachend: »Sie will etwas trinken. ›… die Einreisebehörde hat heute 314 . Außerdem hat es keine Angst.« »Hören Sie…«. »Ich liebe Katzen«.« »Sie scheinen sich mit Katzen auszukennen«. »Woher kommst du denn?« »Vermutlich hat sie keinen Besitzer«. »Was ist das für ein Geräusch?« Garibaldi lauschte. wie wohl sich das Tier bei Garibaldi zu fühlen schien. Es schnurrte und schmiegte sich an seine Brust und leckte an seinem kleinen Finger. »Ich bin für Claudius. Schließlich fand sie einen. und das Kätzchen sieht gesund aus. »Das klingt nach einer Katze. sagte Catherine und hob die Hand.« Er setzte das Kätzchen vorsichtig auf den Tisch. sagte Catherine und sah verblüfft.»Also!« sagte Garibaldi und verließ das Fenster.

daß dieses Fragment nur Teil von mehreren Schriftrollen ist. Als man ihn nach dem Mörder von Daniel Stevenson fragte. daß Dr. wie die Schriftrollen vom Sinai in die USA gekommen sind.bestätigt. Kennedy-Flughafen ein. Wir haben Grund zu der Annahme. Wir wissen nicht. Man zeigte das Photo. das im Zelt zurückgeblieben war und sich mittlerweile in den Händen der ägyptischen Behörden befand. aber der Beamte lehnte jede Stellungnahme ab. Stevenson am Tag seiner Ermordung aus Ägypten in die Vereinigten Staaten eingereist ist. daß er sich zwei 315 . Sie reiste über den John F. Wir wissen nichts darüber. wo sie sich befindet. daß Dr. Bislang ist gegen die Archäologin jedoch nicht offiziell Anklage erhoben worden. Alexander. sagte der Inspektor: ›Wir haben die Information erhalten. daß die untere Hälfte der Seite von Dr. das Catherine von dem Jesus-Fragment gemacht hatte. Wir haben seit dem ersten Dezember nichts mehr von ihr gehört. Alexander am Fundort entfernt wurde.‹ Danach wurde Inspektor Shapiro von der Polizei in Santa Barbara nach Hinweisen auf den Aufenthaltsort von Dr. also am 16. was sie gefunden hat.‹ Garibaldi setzte sich neben Catherine auf das Bett. und anschließend das Original. Dezember. Kulturminister Achmed Sayed erklärte als Sprecher der ägyptischen Regierung: ›Die gezackte Linie hier deutet darauf hin. Nach Auskunft der Zollbeamten weiß man nicht. und wir haben zuverlässige Hinweise darauf. Alexanders Grabungen im Sinai im vergangenen Jahr finanziert. Catherine Alexander vor vier Tagen. Wir können weder den Fund von Schriftrollen bestätigen noch dementieren. ›Wir haben Dr. in die USA zurückgekehrt ist. Alexander befragt. daß als nächstes die Leiterin der Stiftung eine offizielle Erklärung verlas. Man braucht dazu die Aussage von Dr.‹ Verblüfft sah Catherine.

›es wurde der Verdacht geäußert. wo sich seine Verlobte aufhält. murmelte Catherine und schüttelte den Kopf. Die Stimme der Nachrichtensprecherin war wieder zu hören.« Sie stand auf und lief unruhig im Zimmer auf und ab.Tage vorher auf der Sinaihalbinsel aufgehalten hat.« Die Sendung ging mit einem Live-Bericht aus dem Vatikan weiter. in Zusammenhang mit den verschwundenen Schriftrollen und der untergetauchten Dr. Daniel Stevenson. Außerdem behauptet er. die. nicht zu wissen. Untersuchungsbeamte in Ägypten und in den USA glauben. Catherine Alexander stehen. der eine an dem amerikanischen Ingenieur J. fragte der Reporter. mein eigenmächtiges Vorgehen würde uns alle in Gefahr bringen. um die Schriftrollen in ihren Besitz zu bringen. als sie sah. »Ich wünschte… Nein!« Auf dem Bildschirm erschien das Freers Institut in West Los Angeles. wie man vermutet. Hungerford und der andere an dem Archäologen Dr. Stevenson ermordet hat. die sie angeblich aus Ägypten geschmuggelt hat. daß es zwischen den beiden Archäologen zu Meinungsverschiedenheiten über den Fund gekommen ist und daß Catherine Alexander ihren Kollegen Dr.‹ »Julius…«. Deshalb haben wir uns zum ersten Mal gestritten. ›Dr. »es tut mir so leid. Herr Inspektor?‹ ›Tut mir leid. daß er sich nicht äußern werde. Julius stand vor dem Haupteingang inmitten von Reportern. Julius Voss behauptet.‹ »Ich habe Danno nicht ermordet«. Er hat mir gesagt. Können Sie dazu etwas sagen. der als Kardinal Lefevre 316 . »Julius hat mich gewarnt. daß die beiden Morde. J. wie er sich zornig und empört vor den Journalisten in das Institutsgebäude rettete. Ein großer. nach Südkalifornien geflohen ist. nicht zu wissen.‹ ›Inspektor Shapiro‹. würdevoller Mann. kein Kommentar. was in den Schriftrollen steht. Er erklärte laut und deutlich. seufzte Catherine.

an den führenden Universitäten einen Studienplatz zu bekommen.‹ »Das würde den Herren im Vatikan gefallen!« rief Catherine. Sie mußte sich mit einem privaten FrauenCollege begnügen. das ist alles!« Garibaldi sah sie überrascht an. Wenn es diese Schriftrollen wirklich gibt und wenn sie echt sind. »Wie kommen Sie darauf?« »Weil man im Vatikan vielleicht nicht zu Unrecht glaubt. dann können sie möglicherweise Licht auf die frühen Jahre des Christentums werfen.vorgestellt wurde. weil man keine Frau im Kollegium haben wollte. ihren Platz zu räumen. ihre Flucht abzubrechen und die Schriftrollen den zuständigen Behörden zu übergeben. Sie wurde 1920 geboren und hat in den vierziger Jahren studiert.« »Wie bitte?« »Das hat meine Mutter immer gesagt«. »Meine Mutter war Paläographin und Bibelforscherin und vertrat einige sehr unbeliebte Theorien. daß ich die Führungsspitze der Kirche mit einem sehr viel älteren Rechtsanspruch konfrontieren werde. was mit der Kirche zu tun hat. das zufrieden schnurrte. der sie zwingen könnte. Deshalb kam sie mit meinem Vater nach Kalifornien. bewarb sich meine Mutter um einen Lehrauftrag in Yale und wurde abgewiesen. Sie haben natürlich Angst. erwiderte Catherine und streichelte das Kätzchen. Damals war es für eine Frau unmöglich. Ich möchte deshalb die junge Frau auffordern. wo sie beide am katholischen 317 . »Ich soll wie die sündige Maria Magdalena als Büßerin zu ihnen gehen. 1965. als ich gerade zwei Jahre alt war. erwiderte auf die Frage des Reporters. ob der Vatikan Interesse an den sogenannten ›SinaiSchriftrollen‹ habe: ›Wir sind stets an allem interessiert.

»Ihre eigentliche Aufgabe sah sie in der Forschung und dem Veröffentlichen ihrer Arbeiten. Sie schlug ›Deuteronomium. hielt er unwillkürlich die Luft an. daß Eva als Gehilfin Adams geschaffen worden war. du vergaßest den Gott. daß Gott wie eine Frau in den Wehen liegt. Er atmete erleichtert auf. Garibaldi hob die Augenbrauen. und auf dem Rücksitz entdeckte er außerdem ein Kind. Ich glaube. aber sie mißtraute den Übersetzungen. »Sie zweifeln also an den Worten der Bibel?« »Meine Mutter glaubte an das Wort.« Catherine zog die Schublade des Nachttischs auf und nahm die Gideon-Bibel heraus. 32/18‹ auf: »›An den Fels.« Das Kätzchen war eingeschlafen. Als er einen schwarzen Ford sah. der dich geschaffen hat.« Sie hörten. Die Tür wurde aufgeschlossen. das ursprüngliche hebräische Wort für Beschaffen ›hat‹ bedeutet ›in den Wehen liegen‹. fanden die Vorstellung.College in Pasadena unterrichten konnten. es waren ein Mann und eine Frau. dachtest du nicht mehr. ließ den Vorhang wieder fallen und nickte Catherine zu. Garibaldi ging zum Fenster. »Meine Mutter war zum Beispiel nicht mit der Interpretation einverstanden. daß das hebräische Wort in der Genesis nicht ›Gehilfin‹. Aber nein. die Männer. und die Ankömmlinge trugen ihre Sachen hinein. in dem zwei Männer saßen. sondern ›Partnerin‹ bedeutet.« Ein Wagen näherte sich langsam dem Motel. erzählte sie. die diese Stelle übersetzt haben. Sie wies darauf hin. Ihre Bücher und Artikel lösten stets heftige Kontroversen aus.‹ Vater Garibaldi. nicht ganz 318 . wie der Wagen vor dem Nachbar-Bungalow hielt. der dich gezeugt hat. und Catherine lächelte über das zufriedene kleine Wollknäuel mit den winzigen Pfötchen. teilte den Vorhang einen Spalt und blickte vorsichtig hinaus. »Meine Mutter lehrte nicht nur Theologie«.

Ich hätte so etwas nie getan. das ist…« »Vater Garibaldi. ich war eine überzeugte Katholikin und hatte den sehnlichen Wunsch. daß die von Männern stammenden Übersetzungen aus späterer Zeit der wachsenden männlichen Dominanz in der Kirche Rechnung getragen haben. erwiderte 319 . als Mädchen könne ich nicht alle sieben Sakramente empfangen. daß die Katholiken die Mutter Gottes verehren. räumte Garibaldi ein. aber als Mädchen durfte ich ja keine Meßdienerin sein!« »Ich habe diese Vorschriften nicht gemacht«. aber er nickte nachdenklich.« »Nun ja. Meiner Meinung nach ist es offensichtlich. daß die Priesterweihe ein Sakrament sei und daß Mädchen nicht zu Priestern geweiht werden können. das hier als ›Diakon‹ übersetzt wird.« »Könnte sein«. Vater Garibaldi. Ich wollte es nicht glauben und lief weinend nach Hause.« Garibaldi sagte nichts. Vergessen Sie nicht. aber in den meisten Übersetzungen wird sie zu einer ›Gehilfin‹. »Paulus wurde als ›Diakonos‹ bezeichnet. Ich weiß noch sehr gut. als Meßdiener am Altar zu stehen. »Ähnliche Beispiele finden sich auch im Neuen Testament«. daß einige hinter dem Rücken des Priesters den Abendmahlwein tranken und andere wenig fromme Späße trieben.« »Die Verehrung von Maria und die Behandlung von Frauen sind zwei ganz verschiedene Dinge. fuhr Catherine fort. »aber ich bin der Ansicht.richtig. Aber meine Mutter erklärte mir. obwohl ich wußte. So wurde die ursprüngliche Bedeutung durch Interpretation verändert. Phoebe war auch ein ›Diakonos‹. Aber nur die Jungen durften das. daß ich auf der katholischen Schule zu hören bekam. daß unsere katholische Kirche die Frauen nicht schlecht behandelt.

die Forschungen meiner Mutter weiterhin zu ignorieren. Es stand auf dem Index.« »Sie haben es also nie gelesen. »Bei der Kreuzigung umstanden nur Frauen das Kreuz. ich habe es sehr aufmerksam gelesen. Ich habe mich zum Beispiel auch nie gegen die Priesterweihe von Frauen ausgesprochen. Da brach die Hölle los. Dann. die erste der Apostel. erschien er als erstes einer Frau. 1970 veröffentlichte sie einen Artikel mit der Frage: ›War Maria Magdalena die Frau von Jesus?‹ Ihre Gedanken riefen ein paar Wellen hervor. Die Theologen fanden nichts dabei.« »Im Gegenteil. dann befinden wir uns in unterschiedlichen Lagern. Wenn es um das katholische Dogma geht. veröffentlichte sie eine wissenschaftliche Arbeit mit dem Titel: Maria Magdalena. klingt für mich nicht bedrohlich. 1973. was Sie gesagt haben.Garibaldi.« 320 . »Ich kenne das Buch. aber noch keinen Sturm.« Garibaldi nickte. Ich frage Sie: Warum haben die Männer später alles an sich gerissen?« Garibaldi hob die Hände. während sich die Apostel aus Angst um ihr Leben versteckten.« »Erinnern Sie sich.« »Das sehe ich nicht so. daß ich von einem alten Rechtsanspruch gesprochen habe? Ich will etwas deutlicher werden. Als Jesus auferstanden war. ich stehe auf Ihrer Seite.« »Das können Sie nicht. In den sechziger Jahren konzentrierte sich meine Mutter bei ihren Untersuchungen auf das Neue Testament. »Bitte lassen Sie mich wiederholen. Vater Garibaldi! Frauen nahmen den Gekreuzigten ab und sorgten für ein würdiges Begräbnis. Frauen hielten die Totenwache. Alles.

Mit dem ›Apostelbuch‹ überschritt sie jedoch die Grenze des Erlaubten. daß Maria Magdalena die Frau von Jesus gewesen sei. Man entriß ihr den wahren Status. nahm er ihr alle Würde und Macht. als erwarte sie.« Er seufzte. Aber dadurch. einer Frau die Aufgabe eines Mannes zuzuweisen. an keiner Stelle im Neuen Testament steht. Sie haben mich überzeugt. Auf Maria Magdalena trafen diese Kriterien zu. die Botschaft zu verkünden. erregte die Gemüter nicht sonderlich.« »Die Tempelritter zum Beispiel«.Er lächelte. denn meine Mutter gab Magdalena eine traditionell weibliche Rolle. daß Maria Magdalena eine Prostituierte war. daß dort eine Meldung erscheinen werde. sagte Garibaldi und nickte.« »Der Grund für die Aufregung liegt auf der Hand«. »Gut. Auch der Gedanke. denn sie sah mit eigenen Augen das leere Grab und als erste den wiederauferstandenen Christus. »Vater Garibaldi. läßt sich mehrere Jahrhunderte zurückverfolgen. »Richtig.« Catherine blickte auf den Laptop. Das wurde nicht hingenommen. Die Interpretation. Catherine fuhr fort: »Das ursprüngliche griechische Wort ›Apostel‹ bedeutet. daß Maria Magdalena bis ins Mittelalter viele Anhänger hatte. »Damals war ich im Priesterseminar und mußte noch viel über Gehorsam lernen. daß der Betreffende ein ›Augenzeuge‹ war und den Auftrag erhielt. Sie überbrachte den anderen die Nachricht von der Auferstehung. Damals kämpften viele unterschiedliche Kräfte um die Macht in der Kirche. sagte Catherine. Sie hatte gewagt. »In den früheren Arbeiten hatte sich meine Mutter mit Frauen und ihren Rollen als Frau beschäftigt.« Garibaldi wiegte zweifelnd den Kopf. So wissen wir zum Beispiel. die Maria Magdalena zur Prostituierten macht. Aber was hat das 321 . daß der Klerus Maria Magdalena zur Prostituierten machte. der erste Apostel zu sein.

was geschieht. als wenn jemand an die Haustür klopfen und sagen würde: ›Können Sie mir die Besitzurkunde für Ihr Haus zeigen?‹ Der Betreffende sieht sich die Urkunde an und zeigt dem ›Besitzer‹ eine Urkunde älteren Datums: ›Wie Sie sehen. als richtige Priesterinnen. Es tut mir leid. daß Frauen unter den Frühchristen als ›Diakone‹. Streiten Sie das ab?« »Nein. die beweisen. wenn Schriftrollen gefunden werden. das wäre nicht anders. gewirkt haben? Dann wissen Sie. und sie wußte als erste. Aber in Wirklichkeit war diese Autorität gestohlen! Vater Garibaldi. Er ist ihr als erstem Menschen erschienen.« »Später hat allerdings Petrus Anspruch auf die Nachfolge Christi erhoben und sich an die Spitze der neuen Kirche gestellt.mit dem alten Rechtsanspruch und einer Abdankung des Papstes zu tun?« »Geduld! Ich wiederhole: Maria Magdalena hat als erste den auferstandenen Jesus gesehen. die älter sind als der Paulus-Brief an die Korinther? Und wenn in diesen Schriftrollen außerdem dokumentiert wird. aber Sie müssen ausziehen. gehört das Haus in Wirklichkeit mir. der den auferstandenen Jesus gesehen habe. Meine Mutter sagte. Er tat das mit der Begründung. können Sie sich vorstellen. Zweitausend Jahre lang haben Männer die Nachfolge Petri als Oberhaupt der katholischen Kirche angetreten. was für eine Wirkung diese Schriftrollen heute auf die Gläubigen in aller Welt haben werden. Schriftrollen. daß Maria Magdalena die Nachfolgerin von Jesus war. Ihre päpstliche Autorität basiert auf der Behauptung von Petrus.‹« Catherine holte tief Luft und sah Garibaldi 322 . er sei der erste gewesen. daß er wirklich von den Toten auferstanden war. Ich habe einen älteren Anspruch darauf.

um das Richtige tun zu können. Wenn Sabina uns eine wichtige Botschaft übermitteln will. Schließlich sagte Garibaldi: »Ich verstehe jetzt. die vor den Internationalen Gerichtshof kommen. werden erst nach vielen Jahren entschieden. dann hat die Welt ein Recht. daß Sie mir helfen? Was werden Sie tun. der neben anderen vor Soldaten auf den Knien lag. Manchmal muß man ein Gesetz übertreten. Sie sehen es als Ihre Aufgabe an. wenn der Vatikan erfährt. Ich werde mir Gehör verschaffen. Ja.« Ein Bild drängte sich ihr plötzlich auf. Ich habe archäologische Funde aus Ägypten gestohlen und illegal ins Land gebracht. als erwarte sie seinen Widerspruch. oder es hätte einen Kampf um die Berechtigung zu ihrer Übersetzung gegeben. mich den Behörden auszuliefern oder mir die Schriftrollen 323 . Da er nichts sagte. Dieses Bild war seinerzeit in den Tageszeitungen um die ganze Welt gegangen. das verantworten zu können. was werden Sie tun.durchdringend an. »Deshalb glaube ich.« Lange Zeit blieb es still im Zimmer. daß Kardinal Lefevre und alle im Vatikan vor den Schriftrollen Angst haben. warum Sie die Schriftrollen um keinen Preis aus der Hand geben wollen. wenn man Ihnen befiehlt. Hätte ich diese Texte nicht an mich genommen. Aber ich bin der Meinung. Man hörte nur den Wüstenwind pfeifen. »Meine Mutter brachte man zum Schweigen.« Catherine schwieg. Fälle. das Werk Ihrer Mutter zu beenden. und mich wird man nicht zum Schweigen bringen. sie zu hören. ich habe mich in diesem Fall über die Gesetze hinweggesetzt. wären sie vielleicht in einem Archiv verschwunden wie damals die Schriftrollen vom Toten Meer. ein Zeitungsphoto ihres Vaters. fragte sie: »Vater Garibaldi. Aber die Menschheit hat das Recht. Sabinas Worte jetzt zu hören.

daß diese Schriftrollen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden?« »Wenn die Schriftrollen die Worte und Wünsche unseres Herrn Jesus Christus wiedergeben.« »Dr. die Maria Magdalenas Anspruch auf die rechtmäßige Nachfolge Jesu erhärten. Wenn Sie an seiner Stelle wären. traue ich nicht. Würden Sie zulassen. die Menschen klammern sich an die Kirche.« »Glauben Sie noch an Gott?« »Wie viele Menschen verwechseln ein Lippenbekenntnis mit ›Glauben‹. weil sie auf Wunder 324 . was ist der Grund für die Bitterkeit. »Und glauben Sie?« »Ja.« »Dann gehören Sie zu den wenigen Ausnahmen. daß dies der Fall sein wird. mit der Sie über die katholische Kirche sprechen?« »Das ist eine lange Geschichte. Vater Garibaldi?« »Ich kann nur für mich sprechen«.« »O doch. genau das befürchte ich. ich bin der Meinung. daß Sabinas Geschichte in den Archiven des Vatikans verschwindet und niemand etwas davon erfährt?« »Sie können nicht voraussagen.« »Wissen Sie. die es im Klerus gibt. den man um eine Stellungnahme gebeten hat.« »Sie haben meine Frage nicht beantwortet. würden Sie dann zulassen. erwiderte er.wegzunehmen?« »Ich bin der Kirche zu uneingeschränktem Gehorsam verpflichtet. dann würde ich das tun. und es würden Schriftrollen gefunden. Kardinal Lefevre. Alexander.

als Catherine wissen wollte. hatte ihr Danno sehr viel später einmal gesagt. das Schwester Immaculata ihr um den Hals gehängt hatte. Der Wüstenhimmel war mit Sternen übersät. was Sie mir gerade erzählt haben?« Catherine trat an das Fenster und zog den Vorhang zurück. Als sich ihre Finger darum schlossen. dachte Catherine. und. So war es auch im Sinai. um sie vor der ganzen Klasse zu demütigen. denn er war eine Art Verbindung zu Daniel. in der Jade Dannos Entschlossenheit zu spüren. Er hatte nie aufgegeben. nichts steht zwischen den Menschen und dem Himmel. Er schien sie auch jetzt anzuspornen. obwohl sie in den vergangenen Stunden und Tagen auch überraschende Verwirrung darin gesehen hatte. der darüber hinaus einen gefährlichen Kampfsport betrieb. fielen ihr Sabinas Worte wieder ein: ›Meine Mutter glaubte an die Kraft eines Amuletts.‹ Vielleicht. ich trage es noch heute über meinem Herzen. Sie griff nach dem Jadeanhänger an ihrem Hals. Es waren die Augen eines widersprüchlichen Mannes. ich sollte mich der Polizei stellen«. Das Hermes-Kreuz wurde mir am Tag meiner Geburt um den Hals gelegt. Cathy‹. was auf dem Schild stand. Sünderin… Keinem der Kinder war die 325 . »Ich glaube. »Wie bitte? Nach allem. hat ein Amulett wirklich eine besondere Kraft… Sie glaubte. Die Wüste ist rein. aus denen so viel Ruhe und Seelenfrieden sprachen.« »Was ist daran so falsch?« Sie blickte in seine klaren blauen Augen. liebe Perpetua.hoffen. trotz allem weiterzumachen. dachte Catherine. ›Sünderin stand dort. sagte Catherine plötzlich.

Sind es die Dämonen in den Pangamot-Stöcken? Sie zog den Vorhang zu und verließ das Fenster. und das Klima ist trocken.eigentliche Bedeutung dieses Wortes bewußt gewesen. die von Soldaten bewacht wurde. ›daß man die Frau lebend begraben hat?‹ ›Es sieht so aus. Sie sah Samir und Mr. je länger ich auf der Flucht bin. Er ist Wissenschaftler und ein friedfertiger Mann. ›Der Boden hier ist salzhaltig. »Ich fürchte. Die Kamera schwenkte über Beduinenzelte und dicht gedrängte Menschen hinter einer Absperrung. denn im Fernsehen zeigte man ihren Grabungsplatz in der Wüste. Das goldene Kreuz hing um seinen Hals. Wir sind der Meinung. Catherine spürte Garibaldis Augen auf sich gerichtet. fragte der Reporter. Garibaldi schien mit Dämonen zu ringen. in dem er in regelmäßigen Abständen las. Mylonas. Sie mußte unwillkürlich daran denken. Schnell schaltete sie den Ton ein. Eine erste Untersuchung des Skeletts läßt darauf schließen. Und…« Sie brach plötzlich ab.‹ 326 . Jetzt ist auch sein Leben in Gefahr. Jemand deutete auf einen Tunnel. Auf dem Stundenbuch sah sie den Rosenkranz. daß die Frau lebend in den Brunnen hinabgelassen wurde. Aber dabei entsprach seine Haltung nicht einem friedlichen Priester. »Sie legen den Brunnen frei!« ›Bisher haben wir die Überreste eines Skeletts gefunden‹ sagte Achmed Sayed. Man hatte ihr die Hände mit Lederriemen gefesselt‹ ›Wollen Sie damit sagen‹. der ägyptische Kulturminister. wie Garibaldi mitten in der Nacht auf den Knien gelegen und gebetet hatte. »Der Brunnen!« rief sie. Er trug Jeans und ein kariertes Hemd. Deshalb sind Haare und Stoff noch erhalten. es handelt sich um eine Frau. der in glücklicher Harmonie zu seinem Gott sprach. Neben dem Laptop lag das Brevier. desto mehr Menschen werden darunter zu leiden haben… zum Beispiel Julius.

später mit Steinen gefüllt wurde. ob wir uns ins Internet einloggen können. Es war das kaiserliche Purpur des römischen Reiches‹.‹ »Du meine Güte«. wenn der Brunnen völlig freigelegt ist‹. sagte Minister Sayed. »Wir müssen uns an die Arbeit machen«. ist mit rötlichbraunen Fasern bedeckt. ›Vielleicht finden wir unter den Steinen den Rest des Skeletts und Hinweise auf die Schriftrollen. Alexander gestohlen hat. nach dem wir suchen müssen – Satvinder. »Dona nobis pacem. beziehungsweise Anhaltspunkte für das. Perpetua oder vielleicht sogar Sabina? »Eine christliche Märtyrerin«. Sie waren ursprünglich purpurrot und sind mit Murexid gefärbt. in diesem Brunnen gefunden wurden?‹ ›Ja. und der.« ›Herr Minister. die man lebend begraben hatte! War es Amelia. Das ist jemand.»Lebend begraben…«. glauben Sie. sagte Garibaldi.« »Aber…« 327 . die Dr. Alexander hier gefunden hat. Sie wollten sich der Polizei stellen. den Sabina in Indien kennengelernt hat.« »Ich habe es mir anders überlegt«. den Dr. sagte sie. hörte sie Garibaldi murmeln. »Es gibt einen neuen Namen. daß die Schriftrollen.« »Ich dachte. Wir haben die Fasern untersuchen lassen. Alexander hier gefunden hat. das nehmen wir an. wiederholte Garibaldi und bekreuzigte sich. »Bitte überprüfen Sie. Eine neue Spur. Catherines Herz schlug schneller. ›Wir werden vermutlich mehr wissen. die wir auch auf dem Skelett festgestellt haben. »Was um alles in der Welt haben Sie gefunden?« Catherine griff nach der blauen Tasche und holte den Notizblock heraus. Der Korb. Eine Frau. erwiderte sie wie in Trance. das aus Schnecken gewonnen wird. was Dr.

edu/papyrus/‹ und klickte ›ENTER‹.edu/oi/DEpr/RA/ABZU. BITTE SPÄTER VERSUCHEN. sagte Garibaldi. Catherine suchte im Notizbuch nach einer Nummer und tippte dann: ftp. »Ein Inhaltsverzeichnis aller Arbeiten über archäologische Quellen im Nahen Osten. Ach du meine Güte.uni-stuttgart. der hinter ihr stand und mit der Maus klickte.duke. Auch diese Nummer ist besetzt!« Catherine tippte: ›http://odyssey. und er überließ ihr seinen Platz an der Tastatur.Sie deutete stumm auf den Fernsehapparat.lib.html‹ »Was ist das?« fragte Garibaldi. sagte Catherine ungeduldig und klickte auf ÖFFNEN und tippte dann: ›http://sipparorinst. Garibaldi nickte und ließ das Computermodem die neue Nummer wählen. ALLE LEITUNGEN BESETZT 328 . »Was haben Sie vor?« »Ich möchte etwas Neues probieren. SORRY! ALLE LEITUNGEN (75) SIND BESETZT. Man zeigte die Skelettknochen mit den Lederfesseln in Großaufnahme.de KEIN ZUGANG UNTER DIESER NUMMER »Versuchen Sie es mit dem WAIS-Verzeichnis«. KEIN WAIS-ZUGANG KONFIGURIERT! »Wir machen etwas falsch«. die auf Internet verfügbar sind. Die Verbindung kam diesmal zustande. FTPERROR KÖNNEN NICHT MIT FTP SERVER VERBINDEN.« Sie tippte und blickte gespannt auf den Monitor. »Wir sind Online!« rief er.uchicago. »Darf ich?« fragte sie.

im Internet zu bleiben«. Garibaldi runzelte die Stirn. »Die Medien sorgen dafür.edu/papyrology/home. aus dem es kein Entrinnen gab. »Das wird trotzdem eine Weile dauern.« Sie klickte. so lange Online zu bleiben. Havers darf uns nicht finden.« »Versuchen Sie es noch einmal«.»Wir sind offenbar nicht die einzigen. und Catherine tippte: ›http://www. Chr. »Dann wollen wir die Jahre 100 v. Wie in einem Alptraum.umich. sagte Garibaldi. Chr. Wir suchen die griechischen. daß sich jeder. Was sollen wir tun?« Er griff nach einer der Werbebroschüren. »Aber es ist riskant.« Sie sah ihn verzweifelt an. im Internet über ›Schriftrollen‹ informiert.« Catherine hörte ihn nicht. »Ich glaube. Man hat die Texte in Unterverzeichnissen aufgelistet. Wir können uns nicht leisten. murmelte er. es gibt eine Möglichkeit. glaubte sie. riet Garibaldi. der einen Computer und ein Modem besitzt. die heute abend Informationen über alte Schriftrollen suchen«. »Sie sind der Computerexperte. die neben dem Bett auf dem Fußboden lagen. in einem tiefen 329 .« Sie klickte auf ein Symbol. wie es aussieht. bis 300 n. Garibaldi pfiff leise: »Das sind ganz schön viele Papyri…« Sie klickte auf die blau unterlegte Überschrift: INSTITUTIONEN ›SPEZIALSAMMLUNGEN‹ »Es sind nicht so überwältigend viele.html‹ Papyrologie Home Page »Geschafft!« rief Catherine und ließ sich das Inhaltsverzeichnis anzeigen. und überflog sie.

Verzeih mir. Vor ihren Augen wurde alles rot… Danno sank blutend zu Boden. daß ich mich heute nach so vielen Jahren frage. Aber an den Bewegungen und an den Augen erkannte ich. und ein Heiler dürfe eine Sünderin nicht berühren. ihrer Sprache. sagte man mir. Aus ihrem Gewand holte sie einen Beutel hervor. daß es sich um eine Frau handeln mußte. Ich wußte zuerst nicht. Eine Frau war auf dem Markt auf einen zerbrochenen Krug getreten. Er will mir helfen. Die Menschen sahen ihr schweigend zu. In diesem Augenblick löste sich aus den Umstehenden eine in weiße Gewänder gehüllte Gestalt. der weiß‹. ob es eine Frau oder ein Mann war. Sie konnte nicht fliehen. dachte sie und glaubte zu ersticken. Jedenfalls lernte ich Satvinder unter den merkwürdigsten Umständen kennen. aber ich muß weitermachen… Ich begegnete Satvinder auf dem Markt in einer Stadt. wie ich es von Philos kannte. Der Himmel war unendlich hoch über ihr. Julius. Ich dachte daran. ihre Mutter kurz vor deren Tod zu sehen. die Frau sei eine Prostituierte. Aber der Mann wollte die Frau nicht behandeln. Die Frau 330 . Man trug sie zu einem Heiler. Sie beugte sich über die Wunde der Prostituierten und half der Frau so ruhig und gelassen. Die Scherben zerschnitten ihr die Fußsohle. aber das hätte eine Weile gedauert. in dem sich drei kleine Krüge und ein in Leinen gewickelter Gegenstand befanden. soviel bedeutet wie: ›Er. die so seltsam und so voller Wunder war. Dann glaubte sie. Sie war gefesselt und konnte sich nicht bewegen. Philos zu holen. den sie ›Vaidya‹ nannten. ob ich das alles nur geträumt habe. was in Sanskrit. Als ich mich nach dem Grund erkundigte.schwarzen Brunnen zu liegen.

Die Ameisen taten der Frau in Weiß jedoch nichts.reinigte zuerst die Wunde mit einer Flüssigkeit aus einem der kleinen Krüge. Die Umstehenden wichen ängstlich zurück. die unter rituellen Worten eine nach der anderen an die klaffende Fußwunde hielt. die Bisse dieser Ameisen seien gefährlich und schmerzhaft. In dem zweiten Krug befand sich eine Salbe aus Myrrhe und Aloe. bis sie verheilt sei. war sie wie ein Geist verschwunden. daß es eine Pinzette aus einem Reiherschnabel war. die ich am Duft erkannte. Aber im dritten Krug war das Erstaunlichste von allem. Dann könne man sie mühelos aus der Haut entfernen. Mit dem Instrument entfernte sie die eingetretenen Tonsplitter. wie die HinduHeiler sie oft benutzen. und ich hörte. dann murmelte sie etwas und schrieb geheimnisvolle Zeichen in die Luft. Die Ameisen packten mit den Greifzangen zu und verschlossen die Wunde wie Klammern. Die Umstehenden und auch ich staunten über die geschickte Behandlung der Wunde. Noch ehe man Fragen an die weißgekleidete Frau richten konnte. und ich sah. sie müsse die Greifzangen so lange an der Wunde lassen. wie sie sagten. trennte die Frau die Köpfe der Ameisen vom Leib ab und erklärte der Prostituierten. Die weißgekleidete Frau öffnete die Hand und ließ aus dem Krug vier große schwarze Ameisen kriechen. Nachdem alle vier auf diese Weise den Schnitt geschlossen hatten. 331 . Danach wickelte sie den Gegenstand aus dem Leinen. Die junge Prostituierte dankte der Frau und lächelte glücklich über soviel Anteilnahme.

DER ACHTE TAG 332 .

Er war schon immer ein Feigling gewesen. Er hatte wie so oft zuviel getrunken und wollte sich aus dem Staub machen. Aber diesmal lief er nicht schnell genug. die er inzwischen oft genug erlebt hatte. wo sie nichts zu suchen hatte. Mit vollem Mund sagte er: »Jedesmal. weil es in der Bar zu einer Rauferei kam. was er heute war.« Zeke sah der Kellnerin in dem hautengen Kleid nach und schnitt sich ein Stück von dem dicken blutigen Steak ab. Irgendwann wollte es jedoch das Schicksal. 21.« Raphael lachte und biß hungrig in seinen RiesenHamburger. daß Tim in einer Bar am Straßenrand des McKinley Highway in Alaska saß. Woher kommt diese Narbe? Das sollte heißen: Was ist geschehen. erwiderte er kalt lächelnd. daß die Narbe Zeke erst zu dem gemacht hatte. Nevada »Wie sind Sie zu der Narbe gekommen?« Zeke sah die Kellnerin an. Er 333 . Er wußte nicht. wenn man dir diese Frage stellt. »Ich habe sie bekommen«. Dezember 1999 Las Vegas. ein Schwächling. In der Ambulanz kam er wieder zu Bewußtsein. »weil ich meine Nase dorthin gesteckt habe.Dienstag. gibt du eine andere Antwort. der in früher Jugend von zu Hause weglief und sich ziellos herumtrieb. daß Sie so häßlich sind? Niemand wußte. die ihn mit dieser Mischung aus Faszination und Abscheu musterte. Vor dem Unfall war Zeke ganz einfach der hagere Tim Johnson gewesen. weshalb er überhaupt auf der Welt war oder was er mit seinem Leben anfangen sollte.

der als notorischer Feigling von allen verlacht wurde. Die Narbe schien Macht zu bedeuten. Auf jeden Fall wagte niemand mehr. eine Persönlichkeit zu werden. die dem neuen Gesicht entsprach. als würde ein Samenkorn. aber er merkte. als er in den Spiegel blickte. daß ihn eine Krankenschwester nach den Funkanweisungen eines Arztes verband. in den Bars die Reaktionen der Leute zu beobachten. bis er feststellte. wer er war oder wer ihn zusammengeschlagen hatte. sich mit ihm anzulegen. langen braunen Haare ab. daß sein Anblick ihr Angst einjagte. Die Frauen wichen ihm entweder aus oder sie kamen zu ihm. daß die lange rote Narbe auf andere ebenso abschreckend wirkte – selbst auf die Krankenschwester. die ihn gepflegt hatte. nur ein Chirurg könne Tims Gesicht wieder menschliche Züge verleihen. Er fand inzwischen Gefallen daran. Er dachte nicht daran. Er erklärte. Der Schock war groß. sich operieren zu lassen. Es dauerte nicht lange. Tims Erinnerung stellte sich erst dann wieder richtig ein. Da spürte Tim. seine Muskeln zu trainieren. und schließlich erreichte er Kalifornien. Eine Woche später erschien der Arzt. Bald hatte er 334 . wie etwas in ihm zu wachsen begann. Wer war dieser Frankenstein? Das konnte unmöglich Tim Johnson sein. Er schnitt sich die jungenhaften. um sein gefährliches Aussehen durch einen entsprechenden Körper zu unterstreichen. Nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus zog es ihn wieder in den Süden. das schon lange dort wartete. rasierte und bleichte sie.wußte nicht mehr. Harte Burschen erwiesen ihm erstaunlicherweise so etwas wie Achtung. endlich keimen. sondern beschloß. Er bemerkte nur. Dann begann er. der seine Visite mit einem kleinen Flugzeug machte. Sie erschien stets mit einem Lächeln in der Tür.

wie die Kellnerin den Mörder mit den unschuldigen blauen Augen und dem blonden Lockenkopf ahnungslos anlächelte. »Noch mehr Kaffee?« fragte die Kellnerin. Sie wußte allerdings nicht.genug Kraft. Wie konnten Frauen nur so dumm sein? Er. Die Kellnerin hatte es sich überlegt und ihre Entscheidung getroffen. Aber das war nichts im Vergleich zu dem völligen Mangel an Menschlichkeit. wo sie beide eine gefährliche Fracht bewachen mußten. ›Raphael‹ war natürlich nicht sein richtiger Name. mit dem Raphael zur Welt gekommen war. und er wußte. um es mit allen aufzunehmen. Hier war alles und jeder verrückt und unberechenbar. sondern sah nur Raphael an Zeke war das gleichgültig. Las Vegas. daß es die falsche Entscheidung war. die heißer ist als die Hölle. Er hatte Zeke einmal gesagt. wie sie mit Raphael flirtete. Irgendwann fiel ihm eine Ausgabe von Der Söldner in die Hand. schüttelte er sich beinahe. Er wurde stark und schweigsam. dachte er. Vielleicht stand wirklich der 335 . welche Richtung er seinem Leben geben würde. war inzwischen hart und gefühllos. Zeke hatte es bei ihrer Ankunft in der Stadt sofort gemerkt. er habe beschlossen. Sie zog das Engelsgesicht von Raphael vor. Als Zeke sah. Unsicherheit und verzweifelte Hoffnung. Eine Stadt. Zeke. den er in Südamerika kennengelernt hatte. Aus Tim wurde Zeke. Zeke richtete seine Aufmerksamkeit auf das geschäftige Treiben auf der Straße hinter dem Fenster. In den letzten Tagen von 1999 lag eine besondere Spannung in der Luft. Und in diesem Monat schien sich Las Vegas selbst zu überbieten. Er faszinierte oder schüchterte ein. ein Killer mit dem Namen eines Engels zu sein. Zeke beobachtete. Die allgemeine Hektik verriet Angst. aber diesmal verschwendete sie keinen Blick an Zeke.

Die kleinen und großen Spieler schienen ihren letzten Einsatz zu wagen. Havers noch immer nicht darüber informiert. die nach Las Vegas gekommen waren. »Haltet euch einsatzbereit. die Archäologin und der Priester könnten mit dem Bus weitergefahren sein. Vielleicht hofften sie auch auf eine Affäre mit einem der Showgirls oder sie wollten Sünden begehen. Diese Information brachte Zeke auf die Idee. wie und ob das Leben im neuen Jahrtausend weitergehen würde. daß die Polizei den roten Ford Escort im Motel in Goshen sichergestellt hatte. Er hielt nichts von der bewährten Methode. hatte er das letzte Mal zu Zeke gesagt. Wenn wir sie ausfindig gemacht haben. Niemand wußte. daß alle. Warum auch nicht? Entweder kam das Jüngste Gericht oder das eintönige Leben ging weiter wie bisher… »Also«. dachte Zeke und lächelte bitter. »Wie wollen wir in dem Gewühl einen Priester finden. aber diesmal für ein Morgen. das möglicherweise nicht mehr kommen würde. daß sie eine heiße Spur verfolgten. in diesem Sodom der Neuzeit noch einmal richtig feiern wollten.Weltuntergang bevor. Sie hofften wie immer auf den großen Gewinn. Ihr Boß dachte zu kompliziert und nur in weltumspannenden Computer-Dimensionen.« Einsatzbereit. die sie sich nur im Angesicht des nahen Endes zu erlauben wagten. Zeke hatte den Eindruck. einer Spur mit Ausdauer zu folgen. Wir sind bereits im Einsatz! Er hatte erfahren. dann müßt ihr sofort zur Stelle sein. sagte Raphael und wischte sich Fett und Ketchup vom Kinn. Mit 336 . der sich wie eine Nadel im Heuhaufen der Sünde versteckt?« Zeke hatte Mr. »Wir werden sie mit unseren Computern finden«.

die fast nur aus Hotels bestand. sei die Wiederbelebung eines alten minoischen Sports: das sogenannte ›Stierspringen‹. Waren die beiden in einem billigen oder in einem teuren Hotel abgestiegen? Die Menge schrie vor Entsetzen. Stierspringen war jedoch nicht das aufsehenerregendste Abenteuer im neuesten und teuersten Luxushotel von Las Vegas. einer Stadt. Erbaut auf einer Insel mitten in einem See. daß ein Priester zwei Fahrkarten nach Mojave gekauft hatte. Er glaubte. Zeke und Raphael mußten sich wie Spürhunde auf die Suche machen. Dann jubelten die Zuschauer. Das bedeutete. als sie den Stier geschickt bei den Hörnern packte. als der Stier auf die halbnackte Frau zuraste. Zeke zweifelte jedoch nicht daran. wie man die beiden in der Spielhölle Las Vegas. Das. auf seinen Rücken sprang und nach einem Salto hinter dem Tier mit beiden Füßen auf dem Boden landete. daß der Priester und die Frau hier in der Stadt waren. wie es auf Kreta als sportliche Disziplin schon vor dreitausend Jahren ausgeübt wurde. sie zu spüren. daß das zwanzig Stockwerk hohe Atlantis keine Fahrstühle hatte. finden sollte. bot das Hotel allerhand verrückte und seltsame Amüsements. 337 . Doch sie wurden alle von der Tatsache übertroffen. Leider hatte im Busbahnhof von Las Vegas niemand einen Priester gesehen. Es blieb die Frage. Auch die Fragen im dortigen Busbahnhof erbrachten nützliche Antworten: Ein Priester in Begleitung einer Frau hatte Fahrkarten nach Las Vegas gekauft.gefälschten FBI-Ausweisen erkundigten sich Zeke und Raphael im Busbahnhof und erfuhren. Das wußte Garibaldi bereits. so erklärte das Atlantis-Hotel stolz. als er sich durch die Menschenmenge einen Weg zur Rezeption bahnte.

aber diese Illusion entstand durch Lichteffekte.Der Luxusbau stand gegenüber dem Beau Rivage am Las Vegas Boulevard. die das Hotel mit seinen Attraktionen ausführlich beschrieb. Zeke durchschaute die Absicht des Priesters und der Frau. stellte er jedoch fest. denn zu den großen Attraktionen gehörte der tägliche Untergang von ›Atlantis‹. hatte Garibaldi in Mojave zu Catherine gesagt. Zeke wußte. daß die Leute ihn anstarrten. das Luxor. Säulen und Statuen des ›Altertums‹ konkurrierten mit der superfuturistischen Architektur. ›Mars rettet Atlantis‹. Als Garibaldi die Rezeption erreichte. 338 . Die beiden Flüchtlinge suchten Schutz in der Menge. Die Hotelhalle war das größte Atrium der Welt. denn ein Priester in Soutane war ein seltener Anblick im Atlantis von Las Vegas. Er fiel auf. um die Wunder der Illusion zu bestaunen. Das Atlantis war von Anfang an ein Riesenerfolg und ständig ausgebucht. hatte ein Journalist bei der Einweihung treffend geschrieben. »Im Atlantis sind wir sicher«. hinter der die sehr zuverlässigen Schienen verschwanden. Zeke und Raphael fuhren langsam den breiten Boulevard entlang und betrachteten die riesigen Hotels – das MGM Grand.« Er hatte in ihrem Zimmer eine Werbebroschüre gefunden. und schwerelose ›Raumschiffe‹ beförderten die Gäste zu den mehr als viertausend Zimmern. Laserstrahlen und die trompe l’oeil-Architektur. die das Hotel bot. Touristen strömten in Scharen hierher. »Niemand wird uns in der Menschenmenge finden. »Nicht zu fassen!« rief Raphael. In den Raumschiffen hatte man in der Tat den Eindruck zu ›fliegen‹. Atlantis… Wie unwirkliche Visionen einer fremden Welt ragten die Bauten aus der Wüste unter Nevadas gleißender Sonne in den Himmel. Fresken. daß er sie hier in einem der Mammutpaläste finden würde. auf denen die ›Mars-Raumschiffe‹ schwebten. Excalibur.

Sie können sich jederzeit in das Net einloggen. als ein schwarzer Pontiac langsam auf der Auffahrt vorbeirollte. Der Gast zahlte nur eine geringe Gebühr für die Online-Verbindung. kaufte er eine Zeitung.»Schlösser! Sphinxe! Piratenschiffe! Wir sind auf einem fremden Stern gelandet. An einem Kiosk. »Anwendername und Paßwort sind nur Ihnen bekannt. Geschäftsreisende nutzten den Service für Konferenzschaltungen und verwandelten ihre Suiten in virtuelle Büros. das sich wie ein goldener Wasserfall durch die riesigen Glastüren ergoß. »Wo fangen wir an zu suchen?« »Das ist für Sie. der wie ein minoischer Sarkophag aussah. Vater«. Eltern mit Kindern wußten das Angebot ebenfalls zu schätzen. und ich in Caesar’s Palace.« 339 . sagte die Frau an der Rezeption und reichte Garibaldi die Internet-Zugangskarte. während sie selbst an den Spieltischen ihr Glück versuchten. Er drehte dem Hoteleingang den Rücken zu.« Seine Jagdlust erwachte. Garibaldi durchquerte noch einmal die Hotelhalle und ging durch das Sonnenlicht. sie konnten die Kinder mit gutem Gewissen an den Monitoren im Zimmer zurücklassen. Du gehst ins MGM Grand.« Zu den neuesten Dienstleistungen des Hotels gehörte die Internet-Zugangsberechtigung über das hoteleigene System. Zeke blickte auf die Uhr und sagte zu Raphael: »Hier fangen wir an.

Danach werde ich im Santa Monica-Einkaufszentrum Weihnachtseinkäufe machen. ging er nicht geradewegs zu seinem Wagen. wann er Zeit zum Essen fand oder auch nur. damit Sie mich nicht aus den Augen verlieren. ob für die Polizei oder einen privaten Auftraggeber. Als sie am späten Nachmittag die Synagoge erreicht hatten. Aber der Mann folgte ihm schon seit zwei Tagen. Kalifornien Als Julius das Institut durch den Hinterausgang verließ. Er überquerte die Straße. Rabbi Goldmann war schon so lange in der Synagoge. »Ich werde bei Johnny’s etwas essen«. »Wissen Sie. daß er sich seiner Anwesenheit sehr wohl bewußt war. Wenn ich das erledigt habe. besuche ich meinen Rabbi in der Synagoge in San Vincente. dem Mann zu zeigen. daß auch die ältesten Mitglieder 340 . sagte er. klopfte an das Wagenfenster und nickte dem überraschten Fahrer freundlich zu. Vielleicht war es auch ein Reporter. wo das ist? Fahren Sie die Pico Street entlang und biegen Sie rechts in den Sepulveda Boulevard in Richtung Culver City. Julius ärgerte sich über die ständige Überwachung und hatte beschlossen.« Julius wußte nicht. als Julius eine Kleinigkeit aß. Als er etwas später in seinem Wagen den Parkplatz verließ. wer dieser Mann war oder für wen er arbeitete. Ich werde langsam fahren.West Los Angeles. wo ein weißer Honda am Bordstein stand. als der Mann das Fenster geöffnet hatte. Der Mann wartete geduldig. winkte Julius dem Mann zu und fragte sich. während Julius Geschenke für seine Ex-Frau und die beiden Kinder und auch ein Geschenk für Catherine kaufte. folgte ihm der weiße Honda. blieb ihm auch beim Einkaufsbummel auf den Fersen. um auf die Toilette zu gehen.

Julius!« sagte er und schüttelte ihm die Hand. religiösen Handschriften und alten Dokumenten die Form eines Fragezeichens angenommen. Rabbi«. »ob ich vielleicht Ihren Computer für etwa eine Stunde benutzen kann. Er begrüßte Julius lächelnd und musterte ihn mit seinen klaren und lebhaften Augen. »Vielen Dank. Rabbi Goldmann. dich zu sehen. »Welch eine Freude. daß Sie mich ohne weitere Umstände empfangen. aber sein Körper hatte nach so vielen Jahren der Beschäftigung mit Büchern.« 341 . daß hier ein großer Liebhaber von Büchern lebte.« »Was kann ich für dich tun?« »Ich wollte fragen.der Gemeinde sich an keinen anderen Rabbi erinnern konnten. sagte Julius und sah sich suchend in dem abgedunkelten Haus des Rabbi um. wie alt er war. dessen überquellende Regale und Bücherschränke verrieten. Niemand wußte.

‹ Der Experte räusperte sich und sagte mit dem ganzen Nachdruck seiner fachlichen Autorität: ›Bedauerlicherweise. erklärte der Gast in der Talkshow. die in dem Fragment vorkommen.‹ ›Aber beziehen sich diese Worte auf ein ewiges Leben hier auf Erden oder im Himmel nach dem Tod?‹ Miles schaltete den Fernseher aus und füllte ein Glas mit eisgekühltem Wasser. ›Also sagen Sie mir bitte. unterbrach ihn der Moderator mit einem professionellen Lächeln. besser gesagt. die allgemeine Hysterie wurde durch die Spekulation ausgelöst. ›Die Sehnsucht nach dem ewigen Leben oder die Illusion.Santa Fe. das es den Menschen ermöglicht. Die Wiederkehr des Messias und das ewige Leben! Die Öffentlichkeit hatte sich auf diese beiden Begriffe in dem Fragment gestürzt: Parousia und Zoe aionios. daß die Schriftrollen das geheimnisvolle Rezept enthalten.‹ Er machte eine bedeutungsvolle Pause und übersetzte dann: ›Das bedeutet ewiges Leben. was in den Schriftrollen steht. wenn sie erfahren 342 . in zwei Worten. wissen wir nicht. daß man ewig leben wird‹. das die Zeitungen veröffentlicht haben: Zoe aionios. in den Schriftrollen werde das Geheimnis des ewigen Lebens offenbart. Er saß in seinem Büro. ob Catherine Alexander noch am Leben ist! Erinnern wir uns. ›Glauben Sie. Genaugenommen wissen wir nicht einmal. New Mexico ›Man nennt es das Methusalem-Syndrom‹. All das hat seinen Ausgangspunkt in dem einen Satz. John. ewig zu leben? Viele unserer Zuschauer hoffen das. dachte Miles. oder ob es diese Schriftrollen überhaupt gibt. Was würden die Leute tun. Herr Doktor‹.

sollten. Einmal im Jahr erleben sie die Wunderwelt des Reichtums. hatte scheinbar die ganze Welt erfaßt. Dann lächelte er. deren Geschichte in den Schriftrollen erzählt wird. Die Sache sei streng geheim. denn eine Schar Kinder lief lachend und aufgeregt über den Hof. Sie versammelten sich vor dem Haus. nach denen beobachtet worden sei. In England häuften sich Meldungen. daß die Frau. und dann müssen sie wieder zurück in die Armut… Miles staunte über den plötzlichen Anflug von Zynismus und wandte sich vom Fenster ab. Miles schüttelte unwillig den Kopf. der bald mit einem Schlitten und vielen Geschenken eintreffen sollte. die von der Erde fliehen wollten. der tatsächlich nach dem Geheimnis des ewigen Lebens suchte? Die Menschen würden in ihrer Hysterie nicht vor Mord und Totschlag zurückschrecken. weil es für alle. Der Weihnachtsmann gehörte zu Erikas Weihnachtsfeier für die Kinder der indianischen Mission. und daran hatte sich nichts geändert. um den Weihnachtsmann zu begrüßen. Er trat an ein Fenster und blickte auf den grünen Rasen hinunter. nur um in den Besitz der Schriftrollen zu kommen. Sie behaupteten. wie sein Vater sagen würde. Alles drehte sich nur noch um das bevorstehende neue Jahrtausend. die NASA habe ein Schwarzes Loch über dem Nordpol entdeckt. wie sich die Megalithen in Stonehenge aus eigener Kraft bewegten. das Sternentor zum Himmel sei. es bewege sich auf die Erde zu und werde nach ihren Berechnungen am Neujahrstag die Reise durch den Weltraum hinter sich gebracht haben. Dieser ›Schwachsinn‹. Astro-Futurologen behaupteten. wo einige seiner Gäste Golf spielten. Astrologen in Montana hatten das ›Neue Jerusalem‹ gesichtet. Was war nur mit ihm los? Schon beim Aufwachen war er schlechter Laune gewesen. in der Tat einen Alchimisten geheiratet hatte. Miles seufzte. Der erste Anruf am 343 .

beschworen Miles noch einmal. Miles wußte. Der Tiger in ihm wurde immer ungeduldiger und erinnerte ihn daran. ›Das ist es eben. der den Konzern und seine Versuche. Im Begleittext der Übersetzung aus Kairo hieß es. Innerhalb weniger Monate würde sich jeder. er sollte seine Gedanken auf diese ernsten Probleme richten. Außerdem geriet er inzwischen ins Kreuzfeuer der Filmindustrie. seine Stimmung zu bessern. 344 . Zeit und Energie zu verschwenden. die Digitalisierung ehemaliger Filmstars und ihren Mißbrauch für billigste Unterhaltung zu stoppen. wir kämpfen um unser Überleben. die immer zu übertriebener Vorsicht rieten und ständig den Teufel an die Wand malten. die Anfang des nächsten Jahres auf den Markt kommen sollte. Wir sterben. Dann kommt nichts. daß die ›Fabiana‹ dieses Textes in keinem Zusammenhang mit ›Sabina Fabiana‹ stehe. der einen Computer besaß. ›Das ist es eben‹. aber es wollte ihm einfach nicht gelingen.frühen Morgen hatte auch nicht gerade dazu beigetragen. Der Dreizehn-Stunden-Flug nach Hawaii und zurück war demnach umsonst gewesen. Wir werden geboren. damit zum Partner von Marilyn Monroe oder zur Partnerin von Gary Cooper machen können. auf den Kauf der Software-Firma zu verzichten. da der Justizminister persönlich dem Antrag zur Bildung eines Ausschusses zugestimmt hatte. Das war ein Angriff auf die neue Software. Man forderte ihn ultimativ auf. daß ein Mann mit zweiundfünfzig keine Stunde zu verschwenden hatte. Keine Engel. untersuchen sollte. Der Papyrus aus dem sechsten Jahrhundert. den Markt zu monopolisieren. hatte sein Vater in einem der Gespräche zwischen Vater und Sohn erklärt. der Aki Matsumoto gehört hatte. Miles haßte es. Seine Berater. an die sich Miles aus seiner Kindheit erinnern konnte. erwies sich als nutzlos.

daß Erikas Bemühen. die Vorbereitungen für das Fest kurz alles. nach etwas Spirituellem. wenn er sich in der zweiten Hälfte des Lebens auf das Sterben und den Tod vorbereiten mußte? Auch Erika hatte sich verändert. daß er die Fünfzig überschritten hatte? Machte sich jeder Mann Gedanken über sein Leben. was mit seinem Privatleben zu tun hatte. unverständlicher Ehrgeiz bei karitativen Projekten. Und ihm wurde plötzlich klar. Er wollte sich in der Illusion wiegen. Schlaflosigkeit. Er überließ Erika die Familie und die Gäste. Also nutze deine Zeit hier auf der Erde. Er war so versessen. daß sie in letzter Zeit beinahe wie in Panik nach etwas Unbestimmtem suchte. alles sei in bester Ordnung. in diesem Jahr irgendwie verlogen und hilflos wirkte. Erika zeigte ihm wie 345 . Der Tiger in ihm brüllte. Wie hatte er das alles nur übersehen können? Warum hatte er diese Hinweise nicht längst ernst genommen? Ich war zu sehr mit mir selbst beschäftigt – mit mir und meinen Zielen. Schweißtropfen standen ihm auf der Stirn. daß solche Hinweise auf eine innere Unsicherheit bei Erika nicht neu waren. Woher nur kamen die düsteren Gedanken? Lag es vielleicht wirklich an dem bevorstehenden neuen Jahrtausend mit all seinen Unwägbarkeiten. Dafür gab es schon seit langem Anzeichen – Unruhe. oder lag es daran. bevor die Würmer dich fressen‹ Miles glaubte seinem Vater. Ihm war nicht entgangen. die Indianerkinder glücklich zu machen. plötzliche Tränen. was in seinem Haus geschah. Die vergangene Woche zeigte das deutlich. daß er kaum darauf achtete.kein Paradies im Himmel. Miles mußte sich in diesem Augenblick eingestehen. dem Stunden und Tage wertvoller als Diamanten und Perlen gewesen waren. Catherine Alexander und die Schriftrollen zu finden.

das sie ohnehin in den Untergang treiben würde? Miles mußte sich an diesem Morgen eingestehen. offen mit ihm zu reden. daß du mich so siehst. »Liebling«. Sie stand vor einem Kaktus und drückte ein Taschentuch an die Augen. Entschlossen verließ er das Büro. Lohnt es sich eigentlich wirklich.jeder in seiner unmittelbaren Umgebung immer nur die heitere Fassade. Zu seiner Überraschung fand er Erika in einem der verglasten Bogengänge. sagte er bestürzt und trat neben sie. Das beantwortete allerdings nicht die eigentliche Frage: Sollte er Catherine Alexander vergessen? Sollte er die Jagd abbrechen und diese Frau ihrem Schicksal überlassen. konnte er die Behauptung als Verfolgungswahn eines paranoiden. erwiderte sie schluchzend. Miles«. »Ich wollte nicht. mißverstandenen Archäologen abtun. den Schriftrollen hinterherzujagen? In Stevensons Computer-Tagebuch stand ein sehr belastender Hinweis. Selbst wenn der Computer mit dem Tagebuch in die falschen Hände geriet. Von unten drang das Lachen und Singen der Kinder zu ihm herauf. Aber Miles tröstete sich. die Journalisten oder das FBI. Und so wurde ihm auch Erika von Tag zu Tag fremder. geschweige denn. Unzufriedenheit und Ängste zu äußern. »Was hast du?« »Tut mir leid. Niemand war ehrlich zu ihm oder brachte genug Vertrauen auf. sondern verließ den Fahrstuhl im Erdgeschoß. besaßen die Schriftrollen für Miles keinen Wert mehr. Wenn das geschah. Er begab sich jedoch nicht sofort in das unterirdische Kommunikationszentrum. Lohnte sich das alles? Es würde nicht mehr lange dauern. bis die Polizei Catherine Alexander fand – die Polizei. Es ist nur… die 346 . daß ihm die Vorstellung irgendwie gefiel.

wenn wir sterben.« Sie trocknete sich die Augen. »Ich wünsche diesen Kindern so sehr. »Kommt nach dem Leben einfach nichts? Werde ich dich oder die Kinder nie wiedersehen? Diesen Gedanken kann ich nicht ertragen. aus einem anderen Pueblo eine Kachina zu besorgen. Was ist es?« Sie sah ihn mit großen.« »Um ihn mußt du dir keine Sorgen machen. um meine Fassung wiederzufinden. immer gepflegt und attraktiv.« »Morgen ist die Wintersonnenwende. Ich wollte allein sein. daß sie eine Zukunft haben. »auf dir lastet noch etwas anderes. flüsterte sie erstickt. Aber das wird diesmal nicht geschehen. »Warum denn nicht?« »Kojote«.« »Natürlich werden sie eine Zukunft haben«.Kinder und alles. Miles?« fragte sie plötzlich. Ich habe Angst. das machen sie so. »Liebste«. sagte er beruhigend und drückte sie zärtlich an sich. denn die Sonnen-Kachina ist verschwunden. 347 .« Miles trat einen Schritt zurück und sah Erika an. und wo ist Kojote?« »Ich weiß es nicht. damit die Kiva geöffnet werden kann.« »Angst! Wovor?« »Was geschieht mit uns. verzweifelten Augen an.« »Hm. Aber an diesem Tag entdeckte er verwundert Falten um Augen und Mund. Es war einfach zuviel. Ich habe ihn auch nicht gesehen und mache mir große Sorgen. Ich glaube. »Ich habe Angst. Vermutlich ist er damit beschäftigt. der Tag. Miles fragte leicht gereizt: »Wo ist er eigentlich? Ich habe ihn lange nicht gesehen. als sie war. Sie wirkte stets jünger. an dem die Kachinas aus der Kiva kommen. sagte er freundlich.

Wer konnte sich schon hinstellen und behaupten. halt mich fest…« Er nahm sie in die Arme. die niemand geben konnte? Begriffen die Menschen nicht. das man auch den Garten der Liebe nennt. denn ich wüßte. das Ende und was danach kommen würde Miles wußte darauf nichts zu sagen. daß das Dasein auf der Erde alles war. solange ihnen noch die Zeit dazu blieb? Miles dachte an die Berichte im Fernsehen und an die Interviews mit dem ›Mann auf der Straße‹. Hatte die allgemeine Hysterie der bevorstehenden Jahrtausendwende nun auch seine Frau erfaßt? Wonach suchte Erika? Warum nur die Angst? Warum schien jedermann plötzlich Antworten zu wollen. Die Tränen waren verschwunden. »Miles. daß Erika plötzlich strahlte. und sie sah wieder jung 348 . sogar die Falten und Fältchen schienen sich zu glätten.« »›Schalimar‹. Ohne nachzudenken zitierte er: »›Satvinder glaubte. Sie alle wurden von denselben Ängsten gequält wie Erika. Die Menschen dachten nur noch an den Tod. dann wäre ich glücklich.Miles. in das Land der Seelen. wenn wir sterben. und daß sie das Beste daraus machen mußten. wie schön das klingt! Wenn ich nur daran glauben könnte. wirklich etwas zu wissen? Auch wenn er Zugriff auf alle Informationen der Welt hatte. ich habe es vermutlich irgendwo gelesen. das ist wundervoll! Wo hast du das gehört?« »Ich weiß nicht. was sie hatten. Plötzlich erinnerte er sich an einen Satz aus der Übersetzung der Schriftrollen.‹« Erika sah ihn überrascht an. Seine Niedergeschlagenheit verwandelte sich in eine Mischung aus Verwirrung und Zorn. und das erfüllte ihn mit Empörung und Wut. kommen wir nach Schalimar. diese Fragen machten ihn hilflos. daß ich nie von dir und den Kindern getrennt sein werde!« Miles sah verblüfft.

wie Erikas Augen plötzlich geleuchtet hatten… Ja. über die zweite Lebenshälfte nachdenken und sogar mit dem Gedanken spielen.« Die Unsicherheit. mit dem er sie glücklich machen konnte. Er würde nie vergessen. alte Wunden lecken. Miles spürte. wie ihn das Adrenalin aus den Tiefen seiner Zweifel riß. die ihn schon beim Aufwachen überfallen hatte. wo ich das gelesen habe. war verschwunden. sie in seinem Museum zu verstecken. Er würde dieser Archäologin die Schriftrollen abjagen. die Jagd nach den Schriftrollen aufzugeben? Wenn nicht er. Wie konnte er nur so dumm sein und sich wie eine kranke Katze in eine Ecke verkriechen. Er wollte ihr sagen: ›Es steht noch mehr dort. Er hielt die Zügel wieder fest in der Hand. gehen wir zu den Kindern. die Schriftrollen würden ein Geschenk für Erika sein. wenn sie die Geschenke auspacken. 349 . Wir sollten dabeisein. Aber von jetzt an ging es nicht darum.und bezaubernd aus. sehr viel mehr!‹ In diesem Augenblick setzte der Tiger wieder zum Sprung an. wer sonst auf der Welt sollte gegen den apokalyptischen Unsinn der Menschheit immun sein? Er nahm Erika am Arm und sagte fröhlich: »Komm.

als er das Kätzchen gestreichelt und mit Milch gefüttert hatte… Er drehte sich um. Das bedeutete zwei Schlafzimmer mit getrennten Bädern.Las Vegas. als spüre er ihre Augen auf sich gerichtet. sein Durchhaltevermögen und seine Liebenswürdigkeit gehörten inzwischen wie selbstverständlich in ihr Leben. zwei Modemanschlüsse. Die Könige von Parthien. Artivastes bis Romotacles. wie am Abend zuvor in dem Motel. von Phraates bis Vardenes. wenn wir sterben. die verläßliche Hilfsbereitschaft. Armenien und Trakien. wie ich feststelle. Von dort hatte sie den eindrucksvollen Blick auf den See und die ›alten‹ Tempel. Er konnte auch zärtlich sein. das man auch den Garten der Liehe nennt. kommen wir nach Schalimar. 350 . die man in einem Büro braucht – Büroklammern. ein Fax und einen Drucker. Catherine arbeitete an dem Schreibtisch.‹« Garten der Liehe… Catherine hob den Kopf und dachte nach. Radiergummi. und sagte lächelnd: »Ich habe hier vermutlich die genaueste Aufstellung aller Könige im ersten und zweiten Jahrhundert nach Christus. Michael saß mit dem Rücken zu ihr an der anderen Seite des Raums vor dem Laptop und suchte im Internet nach Papyri. Sie und Garibaldi hatten im Atlantis eine Suite für Geschäftsleute. der. eine Königin war. zwei Telefonnummern und all die praktischen Dinge. sagte Catherine. Locher usw. der am Fenster stand. Nevada »›Satvinder glaubte. Aber unter ihnen ist kein einziger Tymbos zu finden!« »Ich habe einen neuen Suchbegriff«. in das Land der Seelen. Notizblöcke. Es gibt sogar einen Morwan. Der Anblick seiner breiten Schultern. ein Büro mit zwei Schreibtischen.

Catherine trat neben ihn und stellte das Glas Wasser auf seinen Schreibtisch. den Sonnenuntergang bemerkt zu haben.« »Wie das Parfüm?« Sie stand auf und massierte sich den Nacken. Neugierig blickte sie auf den Bildschirm. von ›Aristoteles‹ bis ›Zoroaster‹.« Sie nahm aus der Minibar eine Flasche kaltes Mineralwasser und füllte zwei Gläser.Hindu archives‹. verehrte Frau Doktor«. sponsored by Hindu Students Council. Garibaldi klickte auf ›Hinduismus‹ und dann wieder auf ›alt. sagte Garibaldi. »Ihre Wahl?« Catherine überflog die Liste. Es war inzwischen dunkel geworden. sagte Garibaldi und öffnete YAHOO: RELIGION VIRTUAL LIBRARY. »Gut. »Fangen wir noch einmal an«. »Es ist ein Land im Leben nach dem Tod. suchen wir nach Schalimar. und wieder erschien eine Liste mit tausend Einträgen. Vielleicht bringt es uns weiter. Es waren einfach viel zu viele Verweise. schüttelte den Kopf und seufzte. Es könnte möglicherweise ›Schalimar-Fragment‹ heißen.‹ Garibaldi öffnete das Unterverzeichnis: ›alt. Auf der Home Page stand: ›Global Hindu Electronic Network. »Also.« Er klickte und tippte inzwischen schon geübt auf die einzelnen Menüpunkte. Vielleicht gibt es irgendwo eine Kopie dieses Kapitels.»Schalimar. RELIGION Eine Liste mit über zweitausend Einträgen erschien. Es gab auch Stichwörter wie: ›Der Gottesbeweis in Cyberspace‹ und ›Der Beichtstuhl‹. 351 . November 1999‹. Vielleicht finden wir etwas darüber. um sich in das richtige Programm einzuwählen.archives.hindu. Sie erinnerte sich nicht daran.

die Schmerzen in Nacken und Schultern würden nie verschwinden. Noch dazu. um nicht durch neue Meldungen abgelenkt zu werden. murmelte er und drehte sich um. »Das geht am schnellsten und ist auch sehr umfassend. »Wir haben immerhin den mysteriösen 352 . daß sie die Universität von Freiburg angewählt hatten. erwiderte sie und ging langsam zu ihrem Arbeitsplatz zurück. und er rief: »Vierhundert Einträge!« Er ließ die Liste abrollen und fand unter ›Schalimar‹: Designer-Mode. »Der Tag war nicht völlig umsonst«. würden wir etwas finden. meinte Garibaldi aufmunternd. wo uns in diesem Hotel ein hochkarätiges System und eine sehr schnelle Software zur Verfügung stehen. murmelte Catherine. »Dazu fehlt mir die Geduld«.« Mit einem schiefen Lächeln fügte er hinzu: »Wissen Sie eigentlich. sagte Garibaldi.622 Bytes. daß man hier im Atlantis Dianuba Technologies Software und auch das schnelle neue Scimitar benutzt. Das Laden der Datei würde ein paar Minuten in Anspruch nehmen. Sie hatte das Gefühl. Sie hatten bewußt den ganzen Tag keine Nachrichten gesehen.« Vor dem Fernseher blieb sie zögernd stehen. »Tut mir leid«.Die elektronische Adresse verriet.« Es dauerte nicht lange. »Ich hatte wirklich geglaubt. den Geburtsort eines Astronauten in Florida und ein Hotel in Las Vegas. »Gut. Nach fünf Minuten Suche deutete immer noch nichts auf eine alte Schriftrolle oder auf die Kopie einer solchen hin. das Miles Havers für das Internet hat entwickeln lassen…« »Das wundert mich nicht«. Havers mit seiner eigenen Software zu schlagen. wenn wir ungestört Online bleiben können. »Aber es würde mir eine gewisse Befriedigung verschaffen. suchen wir auf Lycos«. Ihr fehlten Schlaf und ein normales Leben. denn die Meldung auf dem Bildschirm lautete: empfangen: 3347 Bytes von 149.

die niemand mehr aufhalten kann.« Es folgte ein aufgezeichnetes Interview mit einem Theologen.‹ »Der reinste Zirkus!« sagte Garibaldi. daß sie nur noch über diesen Fall berichten…?« ›Die ägyptische Regierung hat die Polizei in Santa Barbara offiziell aufgefordert. Der ägyptische Außenminister will gegen diese Entscheidung bei seinem Amtskollegen im Weißen Haus Protest einlegen. Catherine Alexander in Kürze festnehmen zu können. Warum machen sie aus mir so eine große Sache? Es gibt doch wichtigere Dinge. Sie hätten Informationen über die Zukunft. »Man glaubt. ›Ich halte das Vorgehen dieser Frau für 353 . um auf dem laufenden zu bleiben«. Mit einem Blick auf die Uhr sagte Catherine: »Wir müssen uns wohl doch die Nachrichten ansehen. würde sich kein Mensch darum kümmern. »Du meine Güte. die Photos seien Beweismaterial in einem Mordfall und könnten nicht Dritten überlassen werden. und griff zur Fernbedienung. über die sie berichten könnten!« »Es liegt am neuen Jahrtausend«.›Hekatetrank‹ gefunden. daß man damit rechnet. ihr die sichergestellten Photos der Schriftrollen zu übergeben.‹ Garibaldi griff sich an den Kopf. »Der Fall beginnt zu einer Lawine zu werden. erwiderte Garibaldi. Wenn Sie die Schriftrollen in zwei oder drei Monaten gefunden hätten. geschieht denn auf der Welt überhaupt nichts mehr. Aber ein Polizeisprecher erklärte. den Philos seinen Patienten verordnet hat!« Das Wunderheilmittel aus Weidenrinde war zweitausend Jahre später als ›Aspirin‹ bekannt. Dr. Die Nachrichtensprecherin sagte gerade: ›… ein Sprecher des FBI erklärte heute.« »Ich verstehe das nicht.

fügte er lächelnd hinzu: »Das ist nicht von mir. unsere Sterblichkeit ernstzunehmen. Steve. viele meinen. Sie können nicht gewinnen.‹ Garibaldi schüttelte den Kopf und murmelte: »›Eine Religion. nur weil sie alt ist!« »Dieser Mann«. Im Klassik-Sender endete gerade eine 354 . Dr. daß wir uns vom Glauben unserer Eltern losgesagt haben. eine Religion abzulehnen. schaltete sie auf Radioempfang.‹ Im Studio wurde ein weiterer Experte befragt. der Katholizismus zum Beispiel sei einfach zu alt. Kurz gesagt. Aber es ist wirklich komisch. Beenden Sie die törichte Flucht. ich spreche für alle von uns. die unter dem Staub der Jahrhunderte begraben liegt. daß sie sich über alle Gesetze hinwegsetzen kann?‹ Ein Professor aus Harvard gab folgende Erklärung ab: ›Ich wende mich persönlich an Sie.‹« Als Catherine ihn überrascht ansah. Steve. können Sie uns die Gründe dafür nennen. Ich denke. ich war früher Katholik. Wir müssen uns fragen: Was kommt nach dem Tod?‹ ›Warum verzeichnen die traditionellen Kirchen dann nicht einen Zuwachs an Gläubigen?‹ ›Nun ja. aber heute bin ich wie viele meiner Freunde ein Anhänger von New Age. »hat den Rosenkranz und die Heiligen gegen Kristalle und Engel ausgetauscht. Wieso glaubt Catherine Alexander. daß im ganzen Land das Bewußtsein für spirituelle Fragen wächst?‹ ›Die Zeit der Materialisten geht zu Ende. Ich habe es irgendwo einmal gelesen.« Da keines der Fernsehprogramme ihr zusagte. Cochran. wenn ich sage.äußerst fragwürdig. Alexander. ›Dr. Deshalb sind wir gezwungen. weil die Kirchen den Bedürfnissen unserer Zeit nicht mehr gerecht werden. sagte Catherine und wechselte mit der Fernbedienung den Kanal. Bitte übergeben Sie die Schriftrollen einer wissenschaftlichen Institution oder einer kirchlichen Organisation.

die Schriftrollen seien blasphemisch und ketzerisch. Pearson.Konzertübertragung. Legenden und Märchen. ›Erstens. die im Laufe der vielen Jahrhunderte mit dem Christentum in Verbindung gebracht worden sind. denn sie wollte sich das Gespräch anhören. Dr. Pearson. die etablierten Kirchen sollten sich von den Schriftrollen nicht bedroht fühlen. dann können sie uns vielleicht Aufschluß über die Anfänge des Christentums geben. Wenn diese Schriftrollen von Frühchristen geschrieben wurden. Pearson?‹ Garibaldi ging zu seinem Schreibtisch zurück und trank einen Schluck Wasser. ›Möglicherweise nicht‹.‹ ›Wollen Sie damit andeuten. ›Nun ja‹. was uns dieser Text über die Anfänge unserer Kirchen sagen kann. sondern aufmerksam zur Kenntnis nehmen. Was können Sie uns über das PapyrusFragment sagen. die paläographische Untersuchung datiert den Text in das erste oder zweite Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Pearson. einige Vertreter der Kirchen haben erklärt. Das. Natürlich kommt in dem Text auch das Wort ‹Jesus› vor. Dr. denn er ist frei von den Geschichten. antwortete Dr. daß uns das Neue Testament nicht sagt. Wir wissen auch. Pearson. ›Das 355 . daß der Text von einer Frau stammt und daß diese Frau sich sehr wahrscheinlich an die frühen Christen wendet… das Wort ‹Diakonos› läßt darauf schließen. Raymond Pearson bei uns im Studio.‹ Pearson erwiderte leise lachend: ›Nun ja. Er ist der Gründer der historisch orientierten JesusGesellschaft. erwiderte Dr. was wir dort erfahren. könnte sehr befreiend wirken.‹ ›Dr. dann hörten sie den Sprecher: ›Wir haben heute Dr. wie die ursprüngliche christliche Kirche aussah?‹ Catherine setzte sich auf einen Stuhl.

trotz intensiver Forschungen sind die Originalhandschriften der vier Evangelien nie gefunden worden. aber ein Fragment der ersten Kopie. aber er wurde hundert Jahre nach der Kreuzigung geschrieben.‹ ›Sie sagen. Chr.und MatthäusEvangelium vorliegen. die wir haben. Und hier ist bereits die erste.Markus-Evangelium wurde um das Jahr 65 geschrieben.‹ ›Herr Doktor. die uns aus dem Lukas. und Dr. Sie sind im Laufe der Zeit verlorengegangen. das Matthäus – und Lukas-Evangelium. welche Veränderungen die Evangelien in all den vielen Jahren erfahren haben. Sie können jetzt im Studio anrufen. Es ist in der Tat das älteste Textfragment des Neuen Testaments. 1925 wurde zum Beispiel ein Papyrus-Fragment in der ägyptischen Wüste gefunden und an Archäologen in Kairo verkauft. das Markus-Evangelium wurde um das Jahr 65 geschrieben. für 356 . Die ersten Ausschnitte. Wir dürfen nicht vergessen. stammen aus dem Jahr 200 n. daß es sich um einen griechischen Text handelte. Sie kennen die Nummer. Außerdem gibt es ein Fragment des Markus-Evangeliums aus dem Jahr 225. Nach wissenschaftlicher Prüfung stellte man fest. stammt erst aus dem Jahr 225?‹ ›Richtig. so glaubt man.‹ ›Wie können wir dann dem Neuen Testament überhaupt vertrauen?‹ ›Wir haben Kopien. und das Johannes-Evangelium um das Jahr 95.‹ ›Danke!‹ sagte der Moderator. Pearson wird Ihre Fragen beantworten. ›Liebe Zuhörer. um eine Stelle aus dem Johannes-Evangelium. das wir besitzen. Damit stellt sich natürlich die brisante Frage. wie immer Sie auch heißen mögen. die Kreuzigung lag zu diesem Zeitpunkt bereits einhundertsiebzig Jahre zurück. etwa zwanzig Jahre später. Das heißt.

daß alle Männer. Petrus zum Beispiel bestand darauf. das Neue Testament ist nicht das von Gott offenbarte Wort?‹ ›Verstehen Sie mich nicht falsch. Splittergruppen gründeten eigene Kirchen. wollen Sie behaupten.‹ ›Dr. Nächster Anruf. Die Frühchristen stritten darüber. Pearson. beschnitten wurden. und alle behaupteten. die sich zum christlichen Glauben bekehrten. die damals allgemein verbreitet waren. Alexander aus Ägypten geschmuggelt hat. was der richtige Glaube sei. Paulus war anderer Meinung. aber sie taten es mit unterschiedlichen Ritualen. Aber wir kennen nicht die ursprünglichen Worte. Erinnern wir uns. und erklärten alle anderen für ketzerisch. Die Evangelien sind die Worte Gottes. der hinter ihr stand. Die Spannung im Raum stieg merklich. die Dr. Es zirkulierten viele Evangelien und Briefe. In den ersten hundert Jahren gab es im Römischen Reich eine große Zahl christlicher Sekten mit unterschiedlichen Glaubensvorstellungen. es kam nach dem Tod von Jesus zu einem Machtkampf‹ sagte Pearson. Regeln und so weiter. Diese Christen stellten zusammen. ›Wir wissen. was sie das Neue Testament nannten. Die Auseinandersetzungen um den richtigen Glauben dauerten noch zweihundert Jahre an. ›Das ist in Urkunden dokumentiert. aber er schwieg. Einige Gruppen hielten sich an die Lehren von Petrus.Ihre Worte werden Sie in der Hölle brennen…‹ ›Danke.‹ Catherine spürte Garibaldi. Erst im vierten Jahrhundert setzte sich das mächtigste ‹Lager› durch. tatsächlich Berichte von Augenzeugen der Mission des Herrn hier auf Erden sind. dann werden 357 . Gebeten und Vorstellungen von der Persönlichkeit Jesu und seiner Worte. andere an die von Paulus. den wahren Glauben zu vertreten. Sie entschieden sich für nur vier Evangelien von den vielen. bitte. Wenn die Schriftrollen.

wir durch diese Texte vielleicht zum ersten Mal einen wirklichen Einblick in die Ursprünge des Christentums und seiner Intentionen vor den inneren Kämpfen und Auseinandersetzungen bekommen. Herr Professor. Dr. das wissen wir. die sich sehr von der unterscheidet. Und wenn Sie…‹ Catherine murmelte: »Der Antichrist! Er behauptet. und er wird seine tausendjährige Herrschaft auf Erden gründen. die meisten von Ihnen hören nur das Besetztzeichen. Der nächste Anrufer ist zugeschaltet. um ihr die Schriftrollen abzunehmen. damit wir uns auf den Tag und die Stunde der Wiederkehr des Messias vorbereiten können?‹ ›Ich bin sicher. Unsere 358 .‹ ›Danke. Alexander zu finden. So. Alexander etwas zu sagen.‹ ›Ich habe Dr. um Dr. mit denen diese Frau auf der Flucht ist. Pearson. was in ihren Kräften steht. Wie heißt Ihre Frage?‹ ›Zuerst einmal. ich weiß. Meine Frage ist. Sie werden für Ihre Frevel büßen! Sie sind eine…‹ ›Leute!‹ rief der Moderator. Vielleicht werden wir dann eine Kirche sehen. die Behörden tun alles. Das nächste Gespräch. ›Das klingt ja.‹ ›Jesus wird kommen. hier ist jemand aus San Francisco. Ich weiß. ich sei der Antichrist…« ›Danke. denn das Jüngste Gericht steht uns bevor. der Tag und die Stunde genannt werden. um die guten Christen vom Weg der Erlösung abzubringen. wenn sie bei uns anrufen. Sie erzählen eine Menge Lügen. warum unternehmen die zuständigen Stellen nichts. Alexander ist der Antichrist. bitte. wie wir sie heute kennen. als würde die Öffentlichkeit klar und deutlich ihre Meinung kundtun! Liebe Zuhörer. wenn in diesen Schriftrollen. Dr. der auf die Erde gekommen ist.

Besorgt sah er Catherine an. sagte sie.Damen in der Zentrale haben alle Hände voll zu tun. wo viele sie lesen. mir gefällt das alles überhaupt nicht. UniCom wäre das 359 . Verstehen Sie. »Das könnte gehen. aber wie? Sie können nicht telefonieren. daß einer die Nachricht weiterleitet. selbst wenn Sie sich stellen würden. sie weiterzuleiten. Es könnte für Sie gefährlich werden. könnte Ihnen nicht einmal die Polizei Schutz bieten. Dann besteht die größte Wahrscheinlichkeit.« Catherine setzte sich vor den Computer und dachte nach.« »Dann muß ich allen die Wahrheit sagen! Sie müssen meine Beweggründe kennenlernen!« »Gut. »Alles in Ordnung?« fragte er leise. Ja. Sie in ihre Gewalt zu bekommen. Wie es aussieht. »Ich kann sie nicht WELL oder ECHO schicken«. wir beantworten so viele Anrufe wie möglich. Aber lassen Sie sich nicht entmutigen. weil Sie schweigen. wer ist jetzt am Apparat?‹ ›Sagen Sie dem Weib…‹ Garibaldi griff nach der Fernbedienung und schaltete ab.« Er überlegte und nickte dann. Sie müssen Ihre Nachricht an eine Stelle schicken. Man deutet Ihr Schweigen als ein Eingeständnis von Schuld. wenn man Sie erkennen sollte. »Dort muß man angemeldet sein. Offenbar sind bereits zu viele Menschen davon überzeugt. Catherine stützte den Kopf in beide Hände. Fanatiker werden möglicherweise versuchen.« »Dann werde ich es über Internet versuchen. Das Jahrtausendfieber scheint den Menschen den Verstand zu rauben. daß sowohl Sie als auch die Schriftrollen das ›Böse‹ sind. Man würde Sie sofort aufspüren. Ich werde die Nachricht dort an einem Schwarzen Brett deponieren und darum bitten. »Warum beschimpfen sie mich? Warum sind alle gegen mich?« »Vermutlich deshalb.

die von ihrer Welt und ihrer Zeit abgeschnitten worden sind. aber auch dort muß man sich anmelden.« »Wie wäre es mit IRC? Im Internet Relay Chat gibt es viele sehr populäre Kanäle. besteht kaum die Chance.« »Er kann nicht alle Kanäle überwachen«.« Es muß einen Weg geben. Das gilt auch für Dianuba Network.« »Havers hat vermutlich vorausgesehen. denn durch den Einwahlknoten würden Sie mehr Menschen erreichen. Ausgestoßene…« Plötzlich fiel ihr etwas ein. und sie begann zu tippen. Noch weniger wird man die Nachricht weiterleiten. und jemanden beauftragt. Wenn Sie sich in diese Gespräche einwählen. dort nach Ihnen Ausschau zu halten. daß Sie hier im Hotel sind. daß man Ihnen glaubt. Sobald Sie Ihre Nachricht senden. dachte Catherine und starrte trübsinnig auf Dannos Computertasche. erwiderte Catherine. murmelte sie. »Es gibt viele tausend IRC-Kanäle!« »Richtig. ermittelt der Spion die Adresse der Zugangslizenz und weiß. Das ist schade. Garibaldi zog sich einen Stuhl heran und setzte sich neben sie. »Das war sein Lieblingsbuch«. daß Sie daran denken würden. Sie griff danach.« »Sie können die Nachricht keiner Anwendergruppe zuleiten. aber in den meisten sind nur drei oder vier Anwender gleichzeitig Online. denn beinahe jeder hat das. denn sonst läßt sich wie beim Telefonieren der Absender ausfindig machen. »Es handelt von einer Gruppe Männer. öffnete sie und holte die vergilbte Ausgabe von Hawksbill Station heraus. Danno war 360 .beste. »Was haben Sie vor?« »Ich habe mit Danno einen Sommer lang in Mexiko gearbeitet. Er suchte einen Maya-Tempel.

dann habe ich keine Garantie. er benutzte Internet Relay Chat. und sie bitten.‹ »Ich weiß.org‹ und drückte: ENTER.ca. was ich sagen will. ABSOLUTELY NO 361 . 1500 unsichtbar auf 127 Servern.ca. wer ich bin. »doch wenn ich das.« »Was wollen Sie mitteilen.« Sie klickte auf das Symbol IRC MANAGER.« Auf dem Monitor erschien die Meldung: MOTD: PAKE USER @HOST IS NOT ALLOWED ON THIS SERVER.000 Anwender. wo es hundert Leute lesen. PERSISTENT ABUSERS OF THIS RULE WILL HAVE THEIR HOST BANNED FROM THIS SERVER.us.regelmäßig morgens und abends eine Stunde im Internet. daß ich unschuldig bin. hieß der Kanal ›Hawksbill‹. sagte Catherine. »Wie groß ist die Gruppe?« Sie klickte auf das Symbol CONNECT. Ich glaube. 2. Server created 7/23/96 um 16:43 PST.« Auf dem Monitor erschien die Meldung: ›Ihr Host ist pasadena.« Catherine tippte eilig weiter: ›pasadena.us.org. BOTS ARE ALLOWED ON THIS SERVER ONLY WITH SERVER OP APPRQ-VAL. Aber auf die Loyalität der Mitglieder von Dannos Gruppe kann ich setzen.undernet. daß sie die Nachricht verbreiten. wenn Sie den Kanal finden?« »Ich werde ihnen sagen. das so weit und so schnell wie möglich zu verbreiten. »Vor zwei Jahren hatten sie zehn Mitglieder. anonym in einem BBS hinterlasse. Ich werde ihnen sagen.undernet. das sind nicht viele«. »Wenn ich mich recht erinnere.

wenn er sich bei 362 . daß er oder sie der Kanal-Operator war. Sofort erschien die Meldung: YOU HAVE JOINED HAWKSBILL In einem Kasten wurden die ›handles‹. daß der Kanal noch da ist«. oocbert. wie sie im schwülen heißen Regenwald von Yucatan Danno über die Schulter geblickt hatte.« Aber Catherine erinnerte sich deutlich daran.CLONE BOTS ALLOWED. END OP/MOTD COMMAND »Hoffen wir.Zeichen vor dem Namen.‹ Auf der rechten Seite des geteilten Bildschirms begannen Namen und Nummern zu erscheinen: #altair 4 #boyehat 7 #dogs 5 #doomsday 9 #england 12 #friendly 32 #german 6 #hawksbill 4 »Da ist er!« rief Garibaldi. Der vierte. hatte das @. murmelte Catherine und tippte: ›/list -min 4. spaCeman. »Kennen Sie die Leute?« fragte Garibaldi. Jean-Luc. ein Hinweis darauf. die Spitznamen der im Augenblick im Netz befindlichen Teilnehmer angezeigt: BENHUR. »›Hawksbill‹!« Sie markierte #hawksbill und klickte zweimal. »Nein. »Es gibt sie noch!« rief Catherine.

»Wissen Sie etwas über diese Leute?« fragte Garibaldi und verfolgte kopfschüttelnd den Dialog im nicht lokalisierbaren Cyberspace. Kaum hatte sie sich in den Kanal eingewählt. »Versuchen Sie es noch einmal unter diesem Namen. [spaCeman] Ich sage euch. Jemand wollte ihn endgültig zum Schweigen bringen. Er hieß ›Klaatu‹. begann ein Symbol links oben am Bildschirm zu blinken.wlu. Seine Atlantis-Theorie und alle seine Beweise sind zu unbequem gewesen.« Catherine verließ den Kanal und ließ sich in ›SERVER/CONNECTION‹ den Spitznamen von Daniel anzeigen. ist Hawksbill am Ende. Es erschien die Meldung: IRC Kein Zutritt HAWKSBILLBOT »O je!« sagte Garibaldi. es ist eine Verschwörung. und ein Piepton war zu hören. Über die seltsamen Namen hatte sie sich schon damals gewundert. »Sie sagen Ihnen. Hasenfuß! Du bist wirklich ein Hase. »Danno wußte nicht einmal. Lange nichts von Dir gehört:-)) [Hasenfuß] Habt Ihr die Meldungen in den Zeitungen gelesen? Wenn das alles stimmt. [BENHUR] Eine Verschwörung? Quatsch! Da steckt etwas anderes dahinter. ob es Männer oder Frauen 363 . Sie sind eine Fremde. beachtete das blinkende Symbol nicht und ließ sich den Dialog anzeigen.ca [@Jean-Luc] Hallo. wenn Sie im Kanal bleiben. daß Sie sich nicht einwählen dürfen. Man wird Sie hinauswerfen.« Catherine wählte sich wieder in den Kanal.der morgendlichen Plauderstunde mit seinen Freunden unterhielt. *SERVER* HASENFUß! johnjay@machl.

Aber ich glaube. er hatte am meisten gelitten und er besaß die größten inneren Kraftreserven. stöhnte Garibaldi. Mitexilanten. »Wir haben nicht viel Zeit. Du mußt dich verabschieden. [spaCeman] Was soll das?!!! 364 . oder das FBI…« Catherine dachte nach.« »Wenn sie die Identität der anderen nicht kennen. Sie schlug die erste Seite auf und las den Anfang: ›Barrett war der ungekrönte König auf Hawksbill Station. Zu Garibaldi sagte sie: »Danno hat vermutlich nicht nur einen Kanal benutzt und in jeder Gruppe einen anderen Namen verwendet. zu ihrer Gruppe gehört hat. Sie sind alle in der einen oder anderen Form Außenseiter und sprechen prinzipiell nicht über ihr Leben. dann griff sie wieder nach dem Roman Hawksbill Station. »Nicht schon wieder ein Paßwort-Problem«. löschte ›Klaatu‹ und tippte einen neuen Spitznamen. das hier ist ein privater Kanal.« »Danno ist eine Ausnahme.‹ Catherine klickte auf: ›SERVER/CONNECTION‹. ich weiß. Niemand bestritt das.sind. daß Daniel Stevenson. dann können sie auch nicht ahnen. Sehen Sie. ich bin es. Wenn Havers IRC überwachen läßt. dieser Jean-Luc. denn er hat den Kanal eingerichtet.« Kurz darauf erschien folgender Text: [@Jean-Luc] Klaatu: Sorry. Er war schon länger hier als alle anderen. sie sprechen eindeutig über Dannos Tod.« Sie klickte auf ›#hawksbill‹ und tippte: ›Barrett‹ Hallo. Das ist eine der Regeln auf dem Hawksbill-Kanal. welchen er für ›seine‹ Gruppe hatte. über den soviel in den Medien berichtet wurde. Er war der Gründer… er und noch ein Freund… ich glaube.

Wir trauern… *DOGbert trauert [Barrett]Ich brauche eure Hilfe. »Sie müssen die Gruppe überzeugen. Du Schwachkopf! «Barrett»Catherine Alexander war meine Freundin.‹ [@Jean-Luc] Das kann nicht sein! * Hasenfuß ist empört *DOGbert sinkt beim Anblick eines Geistes in Ohnmacht. daß Sie wirklich Daniels Freundin sind und nicht ein Schwindler. [@Jean-Luc] Tote reden nicht! [DOGbert ] Das finde ich nicht komisch. dann tippte sie: ›Im Universum gibt es eine Quelle des Lebens.« Catherine dachte einen Augenblick nach. Aber das muß schnell geschehen. Sie braucht unbedingt eure Hilfe! [@Jean-Luc] BEWEISE!!!!!!! »Die glauben Ihnen nicht!« sagte Garibaldi und blickte unruhig auf die Uhr. Sie ist unschuldig. [spaCeman] Werft den Hochstapler raus! [@Jean-Luc] Du bist gewarnt! [Barrett] Wartet bitte. Dr. und 365 . [spaCeman] Du machst die Sache nur noch schlimmer.[BENHUR] Barrett ist tot:-( [@Jean-Luc] Verlaß den Kanal! Catherine tippte: ›Ich bin Barrett. Wir haben Barrett verloooooooooren. Ich brauche euch! *DOGbert kommt wieder zu Bewußtsein. Sie waren bereits fünfzehn Minuten im IRC. Sie war meine beste Freundin. Catherine Alexander hat mich nicht ermordet.

»Ich glaube. Die Gruppe vermeidet doch offensichtlich. aber er hat von ›Janet‹ gesprochen. Daniel hat Sie geliebt. ist alles verloren. tippte sie: Barrett bittet euch.‹ Sie drückte ›Enter‹ und wartete. Aber wenn sie mich auf die Probe stellen. Verzweifelt murmelte sie: »Ich bin auf ihre Hilfe angewiesen.« »Seine Geliebte!« »Ich glaube. »Hier«.« Catherine biß sich auf die Lippen.« »Hatte Daniel eine Freundin?« »Das hätte er mir gesagt.« [@ Jean-Luc] Ich wiederhole: Bist Du Janet? »Sie warten auf eine Antwort. Was dann?« Garibaldis Blick fiel auf das Photo von Catherine. Als keine Antwort kam. mir zu glauben.« »Aber warum gerade ›Janet‹?« Er griff nach dem Roman und blätterte darin. Garibaldi runzelte die Stirn.niemand kann lange ohne diese Quelle leben. wenn ich mit Ja antwortete und das ist falsch. die richtigen Namen preiszugeben. Wenn sie mir nicht vertrauen. »Janet war Barretts Geliebte. sagte er und deutete auf die Stelle.« Catherine sah Garibaldi verwirrt an und tippte: 366 . »Wer ist nun wieder ›Janet‹?« »Keine Ahnung. Daniel muß Sie erwähnt haben. [spaCeman] Wer ist Catherine Alexander? [DOGbert] Warum sollen wir ihr helfen? [BENHUR] Tod allen Hochstaplern! [@Jean-Luc] Bist Du Janet? Catherine zuckte zusammen. Daniel hatte nie eine Janet erwähnt. das Daniel auf die Innenseite des Laptop geklebt hatte.

[Server] Maynard! ~rismith@alice. [Server] Sugar! ~kharvey@scgrad. warum hat man Barrett umgebracht? [spaCeman] Der Mord ist ein Skandal! Was können wir für Dich tun.uk ist auf diesem Kanal. ich soll mich einwählen.co. [Sugar] BENHUR hat mich aufgestöbert und meint. bist Du es wirklich??«:-) [DOGbert] Die Station ist nicht mehr das. ich bin Janet. seit Barrett nicht mehr da ist.demon. Barrett ist doch tot!!!! [spaCeman] Sei still.brad.[Barrett] Ja.us *Trilogy schüttelt den Kopf und sagt: unmöglich.vetcom ist da. [@Jean-Luc] Janet. und hör zu! [Maynard] Hallo Leute! Hat jemand in letzter Zeit 367 . Auf dem Bildschirm bewegte sich nichts.ae. Barrett ist wieder da? [Barrett] Ein Killer hat ihn umgebracht. Was soll das heißen. Wer hat ihn umgebracht? Warum hat die Polizei den Mörder noch nicht gefaßt? [BENHUR] BRB [Server] BENHUR hat sich verabschiedet.ix. was sie einmal war. [DOGbert] Wer hat ihn umgebracht? [Server] Trilogy! Atombak@ix-orl-22. aber dann kamen die Sätze in schneller Folge: [@Jean-Luc] Barrett fehlt uns. Janet? [Barrett] Der Grund: Ich besitze etwas. [BENHUR] Janet.

[Carlos] Barrett war in Ordnung. [Server] Carlos!mmongo@dianuba. was wir tun sollen. [Carlos] Was gibt es? Benhur hat mich aus einer Gruppe rausgeholt.PolarisTel. [Maynard] Unmöglich! [Sugar] möglich [@Jean-Luc] Barrett bist Du noch da? [Maynard] Ich habe es in der Zeitung gelesen. Der Killer ist hinter ihr her und will auch sie umbringen. Sie braucht eure Hilfe.cudenver.org. Carlos. Barrett. Sagt ihm. sag uns. Julius Vossjlvoss@freers. die dann aus der Wohnung geflohen ist.com ist auf diesem Kanal [Trilogy] He.Net grüßt die Runde.edu [Sugar] Mayn-Man! Willkommen im Bett! [DOGbert] Keine Sexgespräche auf diesem Kanal! [Maynard] Entschuldigung… [@Jean-Luc] He Maynard. [@Jean-Luc] Es ist Barrett… [Sugar] Exilanten halten zusammen.DialUp. daß 368 . [Barrett] Benachrichtigt Dr. Meldet allen im Net. [Barrett] Catherine Alexander hat mich nicht umgebracht.einen Orgasmus gehabt? [Server] Zipcode!zelinksi@ouray. Sie war Barretts beste Freundin und sie braucht die Hilfe seiner Freunde. Er hat sich gewehrt. Catherine Alexander ist in Sicherheit und gesund. Barrett ist wieder da! [Server] Benhur!~George@Sebakal. Eine Frau hat ihn umgebracht. Sie ist unschuldig.

Alexander. mich zu erinnern. »Wenn die Gruppe das Wort ›Tymbos‹ im Internet verbreitet. daß diese Leute sehr geschickt sind. [Barrett]Eine Person. Aber ich werde einen anderen Namen benutzen. o. vielleicht ist das eine Falle!« rief Garibaldi. eine Person oder ein Anagramm. kommt Havers Ihnen möglicherweise auf die Spur. Sie wird verfolgt. um zu sehen. Dann tippte sie: [Barrett] Helft Dr. ob ›Tymbos‹ ein Code ist und was sich dahinter verbirgt. Es ist ein Ort. Ich glaube. Sie muß Tymbos finden. Catherine massierte sich den Nacken und überlegte. [(©Jean-Luc] Ein Anagramm? Was zum Beispiel? [Barrett]Ist jemand von euch katholisch? 369 . Sein Mörder verfolgt Janet. wer Barrett umgebracht hat. weil der Bösewicht mich überwacht. Ich melde mich wieder. [Trilogy] Ist sie die Kleine mit den Schriftrollen? »Vorsicht. Vielleicht findet er oder sie heraus. und sie muß beschützt werden. sie weiß NICHT. Sagt der Polizei. »War das klug?« fragte Garibaldi. ein Ort. Alexander UNSCHULDIG ist. daß einer von ihnen Astrophysiker ist.Dr. SAGT KEINEM ETWAS VON TYMBOS. möglicherweise auch ein Anagramm.« [Sugar] Barrett: Was ist tymbos? [Trilogy] s.« »Ich weiß von Danno. was sie antworten sollte. ob ihr Tymbos gefunden habt.

zitierte Garibaldi. 370 . denn Tymbos kann mich vielleicht zur siebten Schriftrolle führen. Bitte sorgt für die Verbreitung dieser Botschaft im Namen der Quelle des Lebens im Universum. damit jeder.Eine Weile bleibt der Bildschirm leer.« Der Dialog schien zu Ende. der an ihn glaubt. wird sie es der Welt zum Geschenk machen. das der ganzen. Ihr Leben ist in Gefahr. »Vielleicht verständigen sie sich untereinander. flüsterte sie. Alexander die Schriftrollen? [@Jean-Luc] Sagen sie den Weltuntergang voraus. auch im Internet. daß er seinen einzigen Sohn hingab. »Sie schweigen«. ist ›Tymbos‹ griechisch oder lateinisch? [Barrett] Weiß nicht. wie alle behaupten? [Carlos] die Wiederkehr von Jesus? [Barrett] Dr. glaube aber griechisch. hat Dr. Dann: [Carlos] Johannes 3:16 »›Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt. ob sie Ihnen trauen sollen. Die Killer müssen gefunden werden. Catherine tippte: ›ichthus‹ [Carlos] Iesous Christos. Sie ist eine von uns. Wenn sie ihr Werk getan hat. um sich klar darüber zu werden. Sie wird verfolgt. sondern das ewige Leben hat‹«. Auf dem Monitor erschien nichts Neues. Catherine blickte gespannt auf den Bildschirm. Menschheit gehört. bevor sie noch einmal morden. theou uios soter [Sugar] Barrett. [Sugar] Barrett/Janet. Alexander arbeitet an etwas. Die Jagd muß aufhören. Aber ihre Worte blieben dort stehen. Helft mir. nicht zugrunde geht.

»Ich bin sicher. daß der vorige König befürchtete. Beobachtet IRC. Aber ich werde euch in ein paar Tagen anwählen. sagte Garibaldi. vergiftet zu werden. daß es in Indien den Frauen verboten ist. Als Philos und ich Cornelius Severus zu einem Festmahl in den Palast begleiteten. Deshalb ließ er jeden Tag alles untersuchen – seine Speisen. seine Girlanden. seine Gewänder. daß Satvinder die älteste Tochter des Königs war.»Das gefällt mir nicht«. das sich in ihren Körpersäften befand. Als der König sie eines Tages aufsuchte und sich mit ihr vereinte. Satvinder war auch die weißgekleidete geheimnisvolle Frau auf dem Marktplatz. Ich werde einen Kanal schaffen. seine Schminke. Aber bei der Liebe war er nicht so vorsichtig.« Nach kurzem Zögern tippte Catherine ihre letzten Sätze: [Barrett] Ich kann mich auf diesem Kanal nicht mehr melden. sagte Catherine. und er starb. seinen Turban.« »Ich weiß nicht recht. in sein Blut. Eine Konkubine gewöhnte sich langsam an ein tödliches Gift. wir können ihnen trauen. »Verlassen Sie den Kanal. 371 . sonst wird man mich vielleicht entdecken. stellte ich fest. seinen Wein. Sie erzählte mir.« »Einen Moment noch«. drang das Gift. Satvinder hat mir diese Geschichte erzählt. *Bitte glaubt mir* Haltet die Augen offen… Dann trennte sie die Verbindung: FILE »EXIT DIALER« BYE NO CARRIER Es wird erzählt. Das nächste Mal begegneten wir uns unter anderen Vorzeichen. sein Parfüm.

die erschafft. benutzt man Medikamente. Satvinder gab sich mit dem Wissen allein nicht zufrieden. antwortete sie: ›Sie ist die Mutter. Sie war die Lieblingstochter ihres Vaters. Aber als ich den König kennenlernte. eine der Wissenschaften zu studieren oder die Heilkünste auszuüben. zu dem das Wissen um das zyklische Weltdrama von Erschaffen. Satvinder sprach von ihrem Glauben. Sie sagte. Patient. was mit dem Kreislauf von Erschaffen. Sie ist die höchste Gottheit. Ihr Name bedeutet kosmische Kraft. daß seine Tochter sich nicht an die ungerechten Gesetze der Männer hielt. Wenn sie nicht helfen. Zerstören und Wiedererschaffen 372 . das heißt ›Wissen des Lebens‹. mir zu erklären. die im Lotus des Herzens sitzt. Erhalten und Zerstören. daß am Indus die medizinische Behandlung auf vier Säulen ruht: Arzt. dachte ich. Aber Satvinder besaß einen starken Willen. Satvinder praktizierte Ayurveda. Als ich sie fragte: ›Wer hin ich?‹ sagte sie: ›Du bist das Eine und das Viele!‹ Als ich fragte: ›Und Gott?‹ gab sie dieselbe Antwort. gehört. die er uns am Salzmeer verkündet hatte. als sei sie ein Mann. wer Shakti sei. Pflege. dann operiert man. Als ich wissen wollte. daß sie ihre Heilkünste in der Stadt zum Nutzen der Kranken verkleidet praktizierte. Satvinder war eine Anhängerin der Göttin Shakti. in der Verborgenheit des Palastes zu studieren und zu lernen.‹ Ich erzählte vom Gerechten und von seiner Botschaft. auf das wieder das Erschaffen folgt. Als ich Satvinder bat.Sanskrit zu lernen. Zuerst werden Zaubersprüche gesprochen. Von ihr lernte ich. sie wollte es auch anwenden. ihrem Vater sei nicht bekannt. und wenn das nicht hilft. er müsse wissen. Eine Krankheit wird immer auf dreierlei Weise behandelt. Medikamente. und er erlaubte ihr.

Während wir am Indus waren. sagte sie. blieb. sah ich wenig von Philos. Die Frauen gaben mir viele Ratschläge. Ich erinnerte mich an den Prediger in Antiochia. daß wir alle viele Male geboren werden und sterben. daß wir wiedergeboren werden…‹ Meinte er damit dasselbe wie Satvinder? Meinte er. Ich hatte von Philos noch kein Kind. Ich fand Freundinnen unter Satvinders Gefolge und auch bei den Frauen der römischen Offiziere. noch mehr sehnte ich mich nach Liebe. An meinem zwanzigsten Geburtstag trafen zwei Briefe ein. aber die Frauen der anderen Offiziere begleiteten ihre Männer. Ich war traurig. damit sie das Licht sahen. Sie waren viele Monate unterwegs. und daß man den Menschen die Augen öffnen müsse. aber sie hatten Kinder zu versorgen. daß der Weg der wahre Glaube sei. wo ich ihn als Kind predigen hörte? Der Kummer. bevor er in die Wüste von Judäa ging. aber unwissende Anhängerin der Göttin Shakti. daß Satvinder. der auf meiner Seele lastete. weil die Botschaft des Gerechten nicht in ihr Herz drang. was ich tun sollte.gemeint sei. Etwas in ihren Worten kam mir bekannt vor. wenn Philos mit Cornelius Severus zurückkommen würde. Sie reisten in den Osten bis zum Ganges und in den Süden bis zu den Tamilen. Auch sie sahen ihre Männer nicht. diese fromme. der gesagt hatte: ›Der Gerechte hat uns verheißen. Wir waren fast alle gleichaltrig und blieben zusammen. Aber ich wollte nicht nur ein Kind. daß wir als Mensch mit Fleisch und Blut ins Leben zurückkehren? Hatte der Gerechte in Indien gelehrt. denn ich glaubte noch immer. denn er begleitete Cornelius Severus. Die Gemahlin von Cornelius Severus war mit den Kindern in Rom geblieben. Der eine war an Cornelius Severus gerichtet und 373 . nicht in das ewige Königreich gelangen würde.

es ist ein Geschenk für alle. und ich wußte. daß mir mit der traurigen Nachricht vom Tod meiner Mutter neue Worte des Gerechten von denen überbracht wurden. Auf diese Weise bekehrten sich viele zu unserem Glauben. Mein Glaube wurde gefestigt.enthielt Befehle. Wer da glaubt. Es tröstete mich. vor der nächsten großen Reise einen Besuch in Antiochia machen zu können. Die Mitglieder der Gemeinde fertigten Kopien dieses Briefes an und schickten sie an andere Orte. des Meeres und jeder Quelle. Die Macht Gottes rettet alle im Glauben.‹ 374 . Zusammen mit dem Schreiben meiner Großmutter bekam ich ein bemerkenswertes Geschenk. Ich bin der Erste und der Letzte. Verehrt den Schöpfer der Erde und des Himmels. Ich bewege jedes Wesen. der Tod des Gerechten ist nur eine Täuschung. Und ich bin auf alle Zeiten bei euch. der gesagt hat. die ihn gekannt hatten. Der zweite war für mich und kam von zu Hause. daß meine Mutter gestorben war. den Indus zu verlassen und weiterzureisen. Findet das Leben durch den Glauben. der soll kommen und das Wasser des Lebens trinken. den sie an die Gemeinde in Antiochia gerichtet hatte. die es begehren. Und dies sind die Worte von Maria in dem Brief: ›Eure Schwester grüßt die Gemeinschaft in Antiochia mit dem Friedenskuß. Es war der Brief einer Frau aus Rom. wo Gläubige sich wie bei uns in Antiochia versammelten. denn ich hatte meine Mutter zwei lange Jahre nicht gesehen und gehofft. daß meine Mutter in das Königreich des Gerechten eingegangen war. der wird das ewige Leben haben. der Verehrte und der Verachtete. Wer durstig ist. Gesegnet sind die Worte des Gerechten. Ich bin der Gedanke. Vergeßt nicht die Worte Salomos. Die Nachricht machte mich traurig. der gesagt hat: Ich bin die Stimme in allen. Meine Großmutter teilte mir mit.

das Herz aus Stein. Deshalb. Ich reiste mit einem stillen Gebet im Herzen ab. wird den Tod überwinden. Wir verließen den Indus vor den jährlichen Regenfällen.Liebe Perpetua. das. Das Herz. daß ich mich in Philos verlieben würde und er sich in mich. die uns Erfüllung schenkt. wie sie sagte. damit auch sie das ewige Leben fand. Ich hoffte. meinen Leib fruchtbar machen werde. das falsche Herz – sie alle werden den Tod finden. Brüder und Schwestern. Wir umarmten uns als Schwestern auch wenn wir aus unterschiedlichen Welten kamen und einen unterschiedlichen Glauben hatten. Sie schenkte mir ein Zaubermittel.‹ Ich schrieb den Brief ab und gab die Abschrift Satvinder. das sich der Liebe öffnet. Beim Abschied betete ich. Das bedrückte Herz. So finden wir eine Gnade. folgt dem Weg der Liebe. worauf sich der Glaube gründet. Denn die Liebe ist das. Ohne Liebe kann der Glaube keine Berge versetzen. In dieser Gnade werden wir nicht vergehen und niemals sterben. die folgenden Worte Marias nahm ich mir am meisten zu Herzen: ›Der Weg ist Frieden und Vergeben. daß Satvinder die Worte Marias lesen und das Licht sehen werde. 375 .

DER NEUNTE TAG 376 .

Mittwoch. das sei eine gute Adresse für ein so ausgefallenes Thema. Aber ich habe kein Glück. Überrascht stellte sie fest. hob die Arme und ließ den Kopf nach hinten sinken. die in Sabinas Geschichte vertieft war. wie sich das schwarze Priesterhemd über den Muskeln seines Oberkörpers spannte. erwiderte Garibaldi gereizt und wies ungeduldig auf den Monitor.« Er lehnte sich auf dem Stuhl zurück. drehte sie sich schnell um. Ihr Nacken und die Schultern schmerzten. Ich dachte. wen er zu erreichen versucht hatte: ›http://christusrex/archivo.html. daß sich der Himmel vor dem Fenster bereits orange färbte. »Alle Welt will dasselbe wie ich«. Als Catherine sah. zuckte zusammen. »Ja. 22. Der Tag war wie im Flug vergangen. dort liegen Tausende von Manuskripten und Dokumenten. von denen viele nicht übersetzt oder katalogisiert sind. dann stand sie mit steifen Gliedern auf. Dann sah sie. Dezember 1999 Las Vegas.vaticano.‹ »Die Vatikanbibliothek?« fragte sie. Catherine. Catherine setzte sich neben ihn und las auf dem Bildschirm die Meldung: ZUR ZEIT KEINE VERBINDUNG MÖGLICH. Nevada »Nicht schon wieder!« rief Garibaldi und schlug mit der Faust auf den Schreibtisch. »Was ist los?« fragte sie und reckte sich gähnend. Es ist ständig besetzt. denn sie 377 . Sie hatte stundenlang über die Schriftrollen gebeugt gelesen und übersetzt.

half ihm ihre Nachricht vielleicht. sich in die Nachrichtendienste oder IRC-Kanäle einzuwählen. wenn er sie unterstützte. Sie wollte an Julius denken und daran. »Warum machen Sie so ein besorgtes Gesicht?« fragte er schließlich. von dem Sabina spricht: Was bedeutet es Ihrer Meinung nach? Glauben Sie. weil sie fürchteten. daß sie jetzt nicht aufgeben durfte. Catherine hoffte jedoch. die er an jenem verregneten Nachmittag vor fünf Tagen in Malibu zu ihr gesagt hatte. er werde ihr eher schaden. Garibaldi betrachtete Catherine aufmerksam. Was macht er gerade? Was fühlt er? Was denkt er? »Wenn ich bei dieser verrückten Sache mitmache. Vermutlich fühlte er sich angesichts der Medien. daß Sabina oder Philos möglicherweise das 378 . Catherine. in seiner Meinung bestärkt. daß Dannos Freunde mir helfen. die wie flüssiges Gold durch das Fenster fielen und dem Teppichboden einen schimmernden Glanz verliehen. vor denen er sie gewarnt hatte. Im Web waren sie sicher. Havers könnte durch seine Wachhunde ihre IP-Adresse bis zum Hotel Atlantis zurückverfolgen.« An diese Worte. Das ewige Leben. weil es anonym war – zumindest hofften sie es. Wenn ja. erinnerte sie sich noch sehr gut. sie zu verstehen. »Ich habe nachgedacht. ob meine Bitte dazu geführt hat. die letzten Sonnenstrahlen zu bewundern. Sie wollte ihm klarmachen. Aber Catherine und Garibaldi wagten es nicht. sondern die Schriftrollen übersetzen mußte. die den Fall auf ihre Weise aufgegriffen hatten. wie sehr sie ihn vermißte.fand es unverfänglicher. Havers konnte unmöglich die vielen tausend Teilnehmer in aller Welt überwachen. Könnte ich doch nur über das Internet herausfinden. wird dir das nicht helfen. daß die Leute von Hawksbill ihn erreicht hatten. Schließlich war sie genau in die Schwierigkeiten geraten.

« Er zog die Augenbrauen hoch. klingt christlich. sondern ein Buch über Metaphysik. was Daniel über die Essener gesagt hatte. Was für ein verrückter Gedanke… »Ich komme mir vor wie ein Tier im Käfig«. ob sie möglicherweise die geheime Formel für die Verlängerung des Erdenlebens entdeckt hatten.Mittel für ein unvorstellbar langes Leben gefunden haben?« »Ich glaube.« Catherine blickte auf den Text. in der niemand stirbt? Es fällt mir schwer. murmelte sie schließlich frustriert. »Wie können Sie so etwas sagen?« Er deutete auf den Bildschirm. »Dann würde eine Welt entstehen. »falls diese Schriftrollen nun kein religiöses Dokument sind. Garibaldi sah sie an und lächelte. denn sie beschäftigte sich in Gedanken bereits wieder mit Ihn Hassan. der behauptet hatte. denn alle werden die Formel für ein ewiges Leben haben wollen.« Doch Catherine überging seinen Einwand. murmelte sie. Wie lange hatte er nach der Niederschrift seiner Erinnerungen noch gelebt? Und wenn er noch immer am Leben ist? Sie rieb sich den schmerzenden Nacken.« Catherine dachte an den hundertneunundzwanzigjährigen Ihn Hassan. »Ich weiß nicht«. »Vater Garibaldi«. sagte sie. »In den 379 . über Alchimie?« »Was dann?« »Dann müssen wir uns sehr genau überlegen. Catherine erinnerte sich daran. aber nicht ganz. »was sie sagt. Sabina war über achtzig und schien sich keine Sorgen über das Sterben gemacht zu haben. sie spricht vom ewigen Leben nach dem Tod. wer etwas davon erfährt. aber nicht ganz. Bei ihrer Botschaft handelt es sich um die Worte von Jesus. das zu glauben. daß er ewig leben werde.

« Catherines Blick fiel auf den Notizblock neben dem Computer. zurück zum Oriental Institute in Chicago. wenn sich herausstellen sollte. Sie überlegte: Was wäre.letzten Tagen sind wir auf diesen unsichtbaren Datenautobahnen viele tausend Meilen gereist. diese Maria habe den Gerechten gekannt. und Sabina selbst hatte ebenfalls eine gemacht. Sind Sie mit dabei?« Er tippte bereits. »Da ist sie! Die Liste der Privatsammlungen. Ich habe vor kurzem der Duke University einen Besuch abgestattet und bin von dort nach Beijing gesaust. daß Garibaldi seine Suchbegriffe um ›Maria-Brief‹ erweitert hatte. doch Sabina sagte.stutt. und sie sah. Gab es vielleicht irgendwo auf der Welt einen Maria MagdalenaBrief? Wie würde die Kirche reagieren. »Wohin wollen Sie diesmal?« »Beim Suchen in San Francisco habe ich einen Hinweis auf ein Verzeichnis privater Antiquitätensammlungen entdeckt. wenn sie davon erfuhr? »He!« sagte Michael. daß noch eine Kopie des Briefes existierte? Sabina berichtete. und solange der Vatikan besetzt ist. werde ich mich in der Universität Stuttgart umsehen. daß der Teilnehmer. Deshalb versuche ich. nicht @uni. Da kann man wohl kaum von einem ›Käfig‹ sprechen. den er anwählte.edu. daß es sich bei der Maria im Text um Maria Magdalena handelt? Maria war damals zwar ein sehr verbreiteter Name gewesen. die Gemeinde in Antiochia habe Abschriften angefertigt. hieß.« Catherine beugte sich vor und fragte stirnrunzelnd: 380 . Es handelte sich allerdings nicht um eine Hypertext-Verbindung. Wäre es nicht denkbar. doch Catherine fiel auf. dem Hinweis auf einem anderen Weg nachzugehen.

an dem Nudel den ersten Haarball ausgespuckt hatte – und erreichten schließlich: Besitzer des Hundes. ›Artefakte‹. gibt es dort nur vier ägyptische Begräbnis-Papyri. der mit bewußt dümmlichem Gesichtausdruck einen aufgeblasenen Gummisaurier umarmte. und plötzlich erschien eine Web-Seite. Ich glaube. Sie lasen die Angaben – Alter. »Er bietet den Zugriff auf private Sammlungen!« sagte Catherine und blickte verblüfft auf das Photo eines jungen Mannes. Soweit ich weiß. und Catherine überflog sie schnell. hier ist das Freers Institut aufgeführt. klick.com. Catherine rief: »Halt. ›Texte‹. Geburtsdatum. privat‹ entdeckt. ›Altertum‹. klick. warten Sie!« Sie hatte den Eintrag: ›Aki Matsumoto. »Den Namen habe ich auch schon einmal gehört. er ist ein reicher japanischer Sammler. Zeitpunkt. Öffnen Sie die Datei.san. Es muß sich um kleine Sammlungen handeln.html CHECK LOCATION AND TRY AGAIN Catherine zog die Stirn in Falten.« 381 . der Nudel hieß. Michael klickte den Begriff an. Michael durchsuchte die Liste. klick. was er besitzt.matsumoto. sagte Michael und rollte im Text nach unten.»Fred’s Seite?« Michael klickte die farbig unterlegte HypertextVerbindung an. Gewicht. »Eigenartig. Eine neue Liste erschien. und Fred’s Seite erschien. Beim Stichwort: ›Historisch‹ klickte er.« !!!THIS LOCATION [URL] IS NOT RECOGNIZED: aki. »Sehen Sie«. »Von manchen habe ich noch nie etwas gehört! Sehen Sie.« Garibaldi ließ die Liste langsam weiter abrollen. die aus unerfindlichen Gründen das Photo eines häßlichen kleinen Hundes zeigte. Wir wollen uns einmal ansehen.

Er wollte gerade klicken. und suchte die EAdresse. die auf dem Schreibtisch lag. Einen Augenblick lang saßen sie schweigend da und nahmen kaum das gedämpfte Klappern eines Servierwagens wahr. Catherine überflog ihn. der im Flur vorbeigeschoben wurde. bis der Cursor auf ›Langford‹ wies. Ist das nicht ein zeremonieller Selbstmord. »Aki Matsumoto hat gestern morgen Selbstmord begangen!« »Das muß ein Zufall sein!« »Es sei denn. Matsumoto war im Besitz eines Papyrus.»Moment mal!« sagte Michael.« Er rollte den Trackball. tippte Aki Matsumoto und drückte die Eingabetaste. danach auf ›Netsearch‹ und gab die elektronische Anschrift des Las Vegas Herald ein. Er klickte auf das ›Go‹-Symbol.« »Aber weshalb sollte er dann Selbstmord begehen?« Garibaldi brach die Verbindung ab. Als die Verbindung hergestellt war. er hat Seppuku begangen. Ich habe ein ungutes Gefühl. »Er ist tot!« »Selbstmord…« »Sehen Sie sich das Datum an!« Er blickte ungläubig auf den Text. Das Sonnenlicht verblaßte. und das Zimmer lag im Dämmerlicht. zu dem das 382 . In dem Artikel über Matsumoto heißt es. »Matsumoto… Den Namen habe ich irgendwo gelesen. Meine Intuition warnt mich. den jemand unter allen Umständen haben wollte. Einen Augenblick später erschien ein Zeitungsartikel auf dem Bildschirm. klickte er auf ›Suchbegriff‹.« Er griff nach der Zeitung. Garibaldi blickte fragend auf Catherine: »Und jetzt?« »Sehen wir uns noch einmal Fred’s Seite an. als Catherine ihm die Hand auf den Arm legte. »Warten Sie.

und sagte: »Warum gehen Sie nicht spazieren? Sie haben den ganzen Tag am Computer gesessen. Sie hatten vor vielen Stunden das letzte Mal etwas gegessen. weil die Ehre der Familie verletzt wurde?« »Ich glaube.« »Wieso?« »Ich bin ein geborener Spieler. Ich muß hierbleiben. das der Zimmerservice gebracht hatte – Spinatsalat. ja. Warum?« »Wenn er eine Schriftrolle besessen hat.Familienoberhaupt verpflichtet ist. wie Garibaldi seufzte. Sie können sich unter die Leute wagen. Hier sind wir sicher. Ich habe diese Schwäche 383 . die in der kalten Wüste für eine Raumtemperatur von 23 Grad sorgte.« »Wir sollten die Verbindung so lange wie möglich halten. aber sie war nicht hungrig.« »Wollen Sie nicht wenigstens sehen. Mineralwasser. Vielleicht geht meine Phantasie mit mir durch.« »Ich weiß nicht recht«. »Brechen Sie bitte ab. die Havers unbedingt haben und die Matsumoto aber nicht verkaufen wollte? Wenn also…« »Erpressung?« »Ich weiß nicht.« Die Anzeige auf dem Bildschirm verschwand. was die Sammlung Langford enthält?« Sie starrte auf die leuchtenden Buchstaben. Brechen wir ab. »Für mich ist Las Vegas ein gefährlicher Ort. Catherine blickte gedankenverloren auf die Reste ihres Mittagessens. Clubsandwich. erwiderte er und lachte leise. Sie saßen im Dunkeln und lauschten auf das leise Flüstern der Klimaanlage. aber mir gefällt das alles nicht.« »Irgend etwas stimmt nicht. Sie hörte.

Und zweimal täglich. versank Atlantis – die Insel. die Tempel und die Götter. der das Hotel umgab. Auf einer der Inseln in dem 20 Hektar großen See. Dann schien das Zimmer zu schwanken. die sich um den See drängte und 384 . wenn die Tempel von Fackeln beleuchtet wurden und aus scheinbar vulkanischen Erdspalten die Flammen schlugen. immer noch die glatte Haut und die Muskeln seines Unterarms zu spüren. und keines stürzte ein. »Was zum…?« rief Garibaldi und sprang auf. Zunächst sahen sie nur die strahlenden Lichter von Las Vegas vor dem dunklen Himmel. wie die Sessel vibrierten. war das untergegangene Atlantis mit Tempeln. die auf seinem Arm lag. schreiende Menschen. »Catherine«. pünktlich auf die Minute. Sie sahen sich an. Catherine glaubte. Säulen und riesigen Götterstatuen nach den Vorstellungen eines Architekten wieder erstanden. Nußbaum von der Bäckerei an einem bestimmten Tag haben würde!« Er blickte auf Catherines Hand. Wieder einmal. und nun hörten sie auch ein leises drohendes Grollen. Während Catherine das apokalyptische Ereignis beobachtete nahm sie auch die Menschenmenge wahr. Als ich jung war.nie völlig überwinden können. sagte er schnell. Das Beben wurde stärker. als hätte sie sich verbrannt. spürten sie plötzlich. »Ein Erdbeben!« Sie rannten zum Fenster und blickten hinaus. was es war: Atlantis versank. Plötzlich wußten sie. »ich muß Ihnen etwas sagen.« Aber bevor er weitersprechen konnte. sogar darauf. welche Farbe das Kleid von Mrs. Bei Tag war das Spektakel weniger dramatisch als abends. Andere Gebäude schienen nicht zu schwanken. Catherine zog sie zurück. auf alle möglichen Dinge. habe ich bei jeder Gelegenheit gewettet… auf Pferde. Es gab sogar Geräuscheffekte – herabfallende Steine.

Winden und einem Computer. was in der Nacht des 31. wie man sie von Disneyland und anderen Freizeitparks kannte – mit versteckten Mechanismen. haben diese Leute gejohlt und gelacht!« »Es ist doch nur eine Show. bevor auch sie versank. daß es sich um eine Illusion handelte. und ihr Mund wurde trocken. stillen Wasser des Sees blieb keine Spur von den Werken der Menschen zurück. daß es sich um Illusionen handelt. bevor uns echte Gewalt und Zerstörung völlig gleichgültig ist?« Sie drehte dem Fenster den Rücken zu. Ihr Verstand sagte ihr zwar. und im glatten. um meinen steifen Hals und die Schultern zu 385 . die sehr realistisch mit den Schreien von Menschen in Todesangst unterlegt war. schwankte. Dann sagte Catherine: »Wie kann man aus einer solchen Katastrophe Unterhaltung machen? Haben Sie die Zuschauer da unten gehört? Über das Schauspiel einer gewaltigen Zerstörung. Flammen loderten in den Himmel. bis auch sie ins Wasser stürzte und wie ein Baumstamm rollte. Ihr Herz schlug schneller. die aussah. Dezember. geschehen würde. eine Säule. als wollten sie die Sterne verschlingen. barst und stürzte unter lautem Getöse zusammen. eine ganze Zivilisation. ich nehme ein heißes Bad. als sei sie aus Granit. Es ist nichts Wirkliches.die Katastrophe bestaunte. also in acht Tagen. als sei das ein Vorgeschmack dessen.« »Und gegen eine Show darf man nichts einwenden? Wie oft müssen wir solche Dinge in dem Bewußtsein sehen. Catherine und Michael schwiegen. Meterhohe Flutwellen türmten sich auf und begruben Atlantis unter sich. »Ich glaube. Die riesige Statue einer Göttin auf dem höchsten Punkt der Insel schwankte und drehte sich um die eigene Achse. war untergegangen. Räderwerken. der das Ganze steuerte. Doch der Realismus der Schau ängstigte sie plötzlich. Plötzlich war alles verschwunden: Atlantis.

daß sie diesen Duft einmal erregend gefunden hatte. Sie schloß die Augen und sah ihn vor sich.lockern. das Julius benutzte. Sie fühlte. bis hin zu dem kleinen schwarzen Leberfleck hinter dem rechten Ohr. Es war nicht nur die Angst vor Havers oder die Angst.« Er verschwand in seinem Zimmer und schloß die Tür hinter sich. die ihr drohten. Aber sein Bild stand ihr nicht so klar vor Augen wie das von Garibaldi. in allen Einzelheiten. als überlege er. War das gleichbedeutend mit fünf Wochen. Sie sah ihn ganz deutlich. wie die Insel langsam aus dem Wasser auftauchte und für den nächsten Untergang vorbereitet wurde. Sie versuchte. die sich wie eine eiserne Klammer um ihr Herz legte. Es hatte etwas mit Garibaldi zu tun.« Er sah sie an. ihr fiel nur ein. dem ausrasierten Haaransatz im Nacken und den vereinzelten grauen Haaren an den Schläfen. ob er darauf etwas erwidern solle. Aber dann sagte er nur: »Ich werde feststellen. sich Julius vorzustellen – die sanften schwarzen Augen. ihre Gefühle zu erforschen und die seltsame Angst zu identifizieren. Catherine blickte wieder aus dem Fenster und sah zu. die scharf geschnittenen semitischen Gesichtszüge. Bei sechs Swimmingpools müßte ich eigentlich ein paar Bahnen schwimmen können. Sie wollte sich an den Duft des Rasierwassers erinnern. die siebte Schriftrolle vielleicht nicht rechtzeitig zu finden. also über hundert Stunden ohne Unterbrechung in seiner Gesellschaft verbracht. Garibaldi benutzte Old Spice. Sie hatte nun fünf Tage und fünf Nächte. wie sich in ihr etwas Unbekanntes und Unwillkommenes ausbreitete. 386 . den traditionellen und maskulinen ›Männerduft‹. Aber es gelang nicht richtig. was das Fitneß-Zentrum des Hotels zu bieten hat. das sie mehr erschreckte als alle Gefahren. Dann versuchte sie.

vielleicht sogar mit fünf Monaten in einer normalen Beziehung? Catherine staunte darüber, wie sehr sich ihr sein Äußeres eingeprägt hatte. Doch sie wußte immer noch kaum etwas über ihn – weder über seine Herkunft noch darüber, warum er Priester geworden war. In zwei Tagen war Weihnachten. Würde er nach Hause fahren wollen? Mußten Priester an Weihnachten nicht die Messe lesen? Sie hatte zwar anfangs versucht, Garibaldi loszuwerden, doch jetzt beunruhigte sie der Gedanke, möglicherweise ohne ihn weitermachen zu müssen. Sie hörte, wie er aus seinem Schlafzimmer kam, und sah sein Spiegelbild in der Fensterscheibe. Er blieb mitten im Zimmer stehen. In der einen Hand hielt er seine schwarze Tasche und in der anderen etwas, das sie nicht erkennen konnte. Obwohl er inzwischen nur noch das schwarze Hemd mit dem Priesterkragen trug, fiel es ihr immer schwerer, in ihm einen Priester zu sehen. »Vater Garibaldi«, sagte sie, ohne sich umzudrehen, »glauben Sie, die Hawksbill-Leute haben meine Nachricht weitergegeben?« »Wollen Sie den Computer starten, um es festzustellen?« Sie drehte sich um und sah ihn an. »Nein, ich möchte mich noch nicht bei Hawksbill melden. Wenn Havers herausgefunden hat, daß ich Kontakt zu diesen Leuten aufgenommen habe, und mich auf diesem Kanal erwartet, dann werde ich zum letzten Mal dort auftauchen können, und wir beide müssen weiter. Ich lasse ihnen ein paar Tage Zeit, bevor ich mich erkundige.« »Wer weiß«, sagte Garibaldi und lächelte, »vielleicht ist Jean-Luc der Chefarchivar der Kongreßbibliothek.« Catherine lachte. Ihre Blicke trafen sich über das Zimmer hinweg. Sie schwiegen beide. Er stand schon an der Tür zum Flur, als Catherine sagte:
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»Vater Garibaldi, in zwei Tagen ist Weihnachten. Wollen Sie nicht nach Hause fahren?« Erschrocken stellte sie fest, daß sich sein Gesicht verfinsterte und sich die Muskeln an seinem Hals spannten. Ihr fiel ein, daß er im Begriff gewesen war, ihr etwas zu sagen, als das ›Erdbeben‹ eingesetzt hatte. Er schüttelte stumm den Kopf, drehte sich abrupt um und ging hinaus. Während sich die Tür hinter ihm schloß, sah Catherine flüchtig, was er in der anderen Hand trug. Die philippinischen Kampfstöcke.

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Las Vegas, Nevada
»Ich bin dafür, daß wir es bei den billigeren Hotels versuchen«, sagte Raphael und spießte mit der Gabel ein paar Fettucini auf. »Bis jetzt haben sie immer billige Unterkünfte gehabt.« Er lachte mit vollem Mund. »Wahrscheinlich hast du recht«, stimmte ihm Zeke zu. Er stützte die Ellbogen auf den Tisch und starrte auf den Teller. Er hatte seine gegrillten Rippchen nicht angerührt. Er war zu angespannt, um etwas essen zu können. Sie hatten seit ihrer Ankunft in den großen Hotels diskret und für viel Geld Erkundigungen eingezogen. Nirgends war ein Priester zu finden gewesen. »Morgen früh«, sagte er, »nimmst du dir als erstes die eine Seite der Fremont Street vor und ich die andere.« Es blieb noch ein letztes Hotel, in dem sie sich erkundigen mußten, bevor sie für diesen Abend Schluß machen konnten. Es stand mitten, in einem See und war auch sonst ein Beispiel exzessiver Geschmacklosigkeit: das Atlantis. Catherine legte den Kugelschreiber beiseite. Es hatte keinen Sinn. Sie konnte sich nicht konzentrieren. Sie warf einen Blick auf die Uhr. Es war schon eine Weile her, seit sie den Untergang von Atlantis beobachtet hatten. Warum war Garibaldi noch nicht vom FitneßZentrum zurück? Sie stand vom Schreibtisch auf und ging im Zimmer hin und her. Ein Name beschäftigte sie, und sie versuchte vergeblich, ihn einer Person zuzuordnen. Auf dem anderen Schreibtisch stand der dunkle Laptop.
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Plötzlich hatte sie das dringende Bedürfnis, etwas zu tun. Sie setzte sich, startete den Computer, wählte die Zugangsnummer des Hotels für das Internet und gab den temporären Teilnehmernamen sowie das Paßwort ein. Bevor sie sich ins Web einklickte, zögerte sie, dachte nach und klickte aus einer plötzlichen Eingebung heraus auf NewsReader. Wünschen Sie die letzte Gruppenliste? Sie klickte auf ›a‹. DATEI WIRD GELADEN… Catherine wußte, daß sie sich ungefährdet bei den einzelnen Gruppen umsehen konnte, denn sie wollte sich nicht an den Diskussionen dort beteiligen, sondern nur die Nachrichten lesen. Als die Liste der Gruppen erschien, begann sie zu rollen, und hielt bei alt.bibel.prophez. an. Sie klickte, geriet in eine Diskussion über die Endzeit und klickte noch einmal. ORGANISATION: UNIVERSITY OF CAMBRIDGE, ENGLAND ZEILEN: 26 Nachricht-ID: 4pvrpd~50q@favor.csx.eain.ac.uk MNTP-Posting Host: usen.chu.cam.a-uk Thema: Endzeit »»»Die Apokryphen stützen Bibelprophezeiungen über die Letzten Tage. »»»Steve »»»Du irrst dich, Steve. Die Apocryphen sind nicht das Wort Gottes. Wo sind deine Beweise? »»»Ray »»»Sorry, daß es so lange dauert. Habe den Beweis für dich gesucht. Siehe P245 British Museum, P14 Broderick Archiv, Duke University u.a. Nach Aussage der Schriften nicht autorisierter Bücher steht uns das Paradies auf Erden bevor, Junge. »»»Steve

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Catherine holte die angegebenen Texte auf den Bildschirm, stellte jedoch fest, daß sie beide Quellen bereits kannte – sie enthielten nichts, was Licht auf Sabinas Schriftrollen geworfen hätte. Sie wechselte zur Hauptliste und suchte weiter, bis sie alt.archaeologie entdeckte. Sie klickte und sah sich die Einträge an. Plötzlich bekam sie große Augen. 199.911/30 Daniel Stevenson ›Atlantis‹ Sie klickte. Xref: newsomeganet.com sci.archaelogy 25. Nov. 1999 18:44:37 +0100, stan@moonbeam.vamp.co.aus schreibt: »»»Stevenson! Du hast deine absurden Theorien schon vor ein paar Monaten geschickt, und dir ist damals von uns gesagt worden, daß das alles unhaltbar ist. Warum verursachst du uns die Kosten, den ganzen Unsinn noch einmal einzufahren? »»»Atlanter-Mayas Catherine wurde zornig. Man griff Danno wie üblich an. So war es schon immer gewesen: Daniel, der Benachteiligte, Daniel, der die Rechte eines anderen verteidigte oder für eine unpopuläre Sache eintrat. Danno, der auf seinem Platz in ihrer Schulklasse saß und dem die Tränen über die Wangen liefen, weil sie neben dem Pult von Schwester Immaculata auf einem Hocker stand und vor Scham weinte, während alle anderen lachten und kicherten. Plötzlich hatte Catherine den unwiderstehlichen Drang, diesem aufgeblasenen Kerl in Australien am Schwarzen Brett ordentlich die Meinung zu sagen. Doch das durfte sie nicht tun, sonst wurde ihre IP-Adresse sichtbar, und jeder,
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der die Nachricht las, konnte selbst noch nach einiger Zeit herausfinden, daß sie sich in diesem Hotel befand. Sie schaltete den Laptop aus. Als der Bildschirm dunkel wurde, betrachtete sie noch einen Moment lang das Photo von ihr auf der Innenseite des Deckels. Wieso hatte Danno es dorthin geklebt? »Ich glaube, Daniel hat Sie geliebt«, hatte Garibaldi gesagt. Garibaldi… Ihre Unruhe schien etwas mit Garibaldi zu tun zu haben. Seit er gegangen war, beschäftigte sie sich beinahe ununterbrochen mit ihm. Catherines Nervosität wuchs, und sie schaltete den Fernseher ein, weil sie hoffte, eine tröstende menschliche Stimme zu hören. Statt dessen wurden die Spätnachrichten mit der Schlagzeile angekündigt, die für sie wie eine Ohrfeige war: ›Gestohlene Schriftrollen als ein Werk des Antichrist bezeichnet!‹ Catherine wechselte den Sender. Ein Interview mit einem bekannten Physiker kam auf den Schirm. »Wir erleben den Anfang vom Ende. Synchronizität ist real. Wie viele von uns bemerken immer häufiger scheinbare Zufälle? Das Bewußtsein erfaßt inzwischen besser die eigentlichen Zusammenhänge. Das wiederum ist ein Hinweis darauf, daß die Dinge in eine ganz bestimmte Richtung laufen. Die Fäden, die Bereiche, die Ebenen, die Strömungen des Universums beginnen seit einiger Zeit, miteinander in Berührung zu kommen, und das Ergebnis ist eine Koinzidenz. Die Ebenen und Strömungen und unsichtbaren Sphären werden sich von jetzt an immer öfter berühren, bis schließlich jeder Punkt des Universums mit dem anderen in Kontakt steht, und der Kosmos implodiert, das heißt, in sich zusammenbricht, und wie wir wissen, wieder in das Chaos vor der Ordnung zurückkehrt. Ich habe es mathematisch berechnet. Der Schlußpunkt wird genau um Mitternacht am 31. Dezember
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1999 erreicht sein.« Catherine schaltete den Fernseher aus und ging unruhig im Zimmer auf und ab. Auf dem Sofatisch sah sie das Brevier mit dem geprägten goldenen Chiro – das große P mit dem X über dem Abstrich, die ersten beiden Buchstaben des Wortes Christos – auf dem dunkelgrünen Ledereinband. In den vergangenen fünf Tagen hatte sie Garibaldi öfter dabei beobachtet, wenn er darin las. Manchmal bewegte er die Lippen und flüsterte stumm die rituellen Worte. Gegen ihren Willen war sie neugierig geworden. Waren es lateinische Texte? Handelte es sich um Gebete oder nur um Aussprüche, tröstende Worte oder vielleicht um Lieder? Catherine hatte das Brevier noch nie gelesen. In ihrer Jugendzeit hatte sie sich an das katholische Gesangbuch gehalten. Sie griff nach dem Brevier und schlug es auf. Es war, wie sie wußte, in Tage und Stunden gegliedert. Sie suchte das Abendgebet für den 22. Dezember. Gott ist Licht! Wenn wir mehr und mehr im Licht leben, herrscht Liebe zwischen uns. Ohne Liebe kann es auf der Welt keinen Frieden geben: Herr, befreie unsere Welt von Haß und Furcht. Herr, hilf den Männern und Frauen, Trost im Leid und Stärke in den Prüfungen zu finden. Gewähre ihnen beständige Liebe. Herr, nimm all die Toten in deine Obhut: Jene, die wir geliebt haben und auch jene, an die sich niemand erinnert. Catherine schloß die Augen.
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»Nimm all die Toten… jene, die wir geliebt haben…« Einen Augenblick lang empfand sie so etwas wie Frieden. Aber plötzlich fiel ihr ein Gespräch ein, das vor langer Zeit stattgefunden hatte. In der elften Klasse erklärte ihr ein Mitschüler, wie er sich das Leben nach dem Tode vorstelle. »Ich glaube, es ist genauso wie das Leben davor.« »Du meinst, bevor wir geboren wurden?« hatte Catherine ihn gefragt. »Erinnerst du dich an etwas aus dieser Zeit?« »Natürlich nicht.« »Na bitte.« Catherine dachte: Ist es das? Ein Nicht-Sein? Ist Danno dort im Nichts? Ist meine Mutter auch dort? Sie klappte das Buch zu und legte es auf den Tisch. Nimm alle Toten… Es war ein schönes Gebet, aber es war katholisch, und sie konnte das Gebet nicht von der Kirche trennen, in deren Kontext es entstanden war. Ihre Gedanken kehrten wieder zu Garibaldi zurück. Plötzlich wußte sie, was sie beunruhigte. »Bei sechs Swimmingpools«, hatte er gesagt, »sollte ich eigentlich ein paar Bahnen schwimmen können.« Aber er hatte die Pangamot-Stöcke mitgenommen! Catherine setzte sich wieder an den Laptop, startete, klickte auf Lycos, gab den Suchbegriff ›Pangamot‹ ein und gelangte über die Hypertext-Verbindung in das Web und zu dem Stichwort: ›Philippinischer Kampfsport.‹ Sie hatte die Homepage an jenem Abend aufgerufen, als Garibaldi ihr die Haare abschnitt. Als die Seite mit dem Symbol – ein Schwert und ein Rohrstock, die sich kreuzten – auf dem Bildschirm erschien, fragte sich Catherine, ob sie dort etwas finden würde, das ihr den Menschen Garibaldi
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vielleicht verständlicher machte. Beim ersten Mal hatte sie nur kurz die Einleitung überflogen. Nun sprang sie von Stichwort zu Stichwort, bis sie die Überschrift ›Häufig auftauchende Fragen‹ erreichte. Dort begann sie, nach Antworten zu suchen. Ein Swimmingpool befand sich im fünfzehnten Stock neben dem Fitneß-Zentrum. Aber Catherine sah Garibaldi nicht. Als ihr der Bademeister sagte, niemand habe sich unter der Nummer ihrer Suite im Fitneß-Zentrum eingetragen, bestätigte er nur Catherines Vermutung. Trotzdem warf sie einen Blick auf die Gewichtheber und die danebenliegende Laufhalle. Sie suchte Garibaldi in der Saftbar, im Boxring und erkundigte sich sogar bei den Masseuren nach ihm. Schließlich erreichte sie einen Gang, wo Anschlagtafeln auf Tanz-, Yoga- und AerobicUnterricht hinwiesen. In zwei Räumen sah Catherine Gruppen beim Üben, doch die anderen waren alle dunkel und leer. Als sie den Notausgang erreichte, wollte sie umkehren, doch plötzlich glaubte sie, etwas zu hören. Sie warf einen Blick in den letzten Raum am Ende des Gangs. Zuerst sah sie ihn nicht, denn es brannte kein Licht. Er war nur ein schwarzer Schatten in einer weiten Hose und einem T-Shirt. Er schien zu tanzen. Catherine blieb im Dunkeln stehen und sah zu. »Es ist ein allgemein verbreiteter Irrtum«, hatte Catherine auf dem Monitor gelesen, »daß sich der philippinische Kampfsport auf den Gebrauch von Stöcken beschränkt. Er erfordert daneben auch die Beherrschung von Kicken, Boxen und Ringen.« Garibaldi stand breitbeinig und mit leicht gebeugten Knien mitten im Raum und bewegte sich wie in Zeitlupe. Seine rechte Hand glitt geschmeidig vor dem Körper nach oben und nach unten. Catherine mußte an die eleganten Bewegungen einer Frau beim Nähen denken. Garibaldi
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hatte offenbar jeden Muskel, jede Sehne seines Körpers unter Kontrolle. Er bewegte sich sehr langsam, ausgewogen und harmonisch. »Im Vergleich zu anderen Kampfsportarten, etwa dem zirkulären, innerlich geführten und sanften Tai Chi ist Pangamot direkt, wahrnehmbar und hart.« Garibaldis Körperhaltung, federnd und mit etwas gebeugtem, vorgestelltem Bein, ließ Catherine aber trotzdem an Tai Chi denken, jedoch manche seiner Bewegungen endeten abrupt, als sei er gegen eine gläserne Wand gestoßen. Catherine vermutete, daß es sich dabei um das Abwehren von Angriffen eines unsichtbaren Gegners handelte. »Bei Wettkämpfen auf den Philippinen halten sich die teilnehmenden Kämpfer nicht zurück. Es ist deshalb nicht ungewöhnlich, daß jemand schwer verwundet oder sogar getötet wird.« Auf den verspiegelten Wänden verfielfältigte sich sein Spiegelbild. Catherine sah hundert Garibaldis aus jedem erdenklichen Blickwinkel. Zu ihrer Überraschung wirkte er immer anders: In einem Spiegel schien er beinahe zu lächeln, in einem anderen glaubte Catherine, einen gewissen Spott in seinem Gesicht zu erkennen. Doch im nächsten sah sie das Gesicht eines zornigen Mannes. Während sich seine Gestalt langsam im Schattentanz der todbringenden Bewegungen drehte, sah sie auch seine Erregung. Der Anblick stieß Catherine ab – und zog sie paradoxerweise gleichzeitig in seinen Bann. Sie konnte den Blick nicht von Garibaldis Körper wenden und dachte daran, wie er mit dieser absolut beherrschten Kraft im Bett sein würde. Direkt und hart… »Die zwölf Angriffsmethoden…«
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Wie konnte es ein Priester mit seinem Amt vereinbaren, sich in einer Kampfmethode zu üben, die nur das eine Ziel hatte, den Gegner zu töten? Wie konnte er es rechtfertigen, daß er Diener der Kirche und gleichzeitig ein gefährlicher Kämpfer war? »Manchmal werden die Rohre oder Stäbe aus Bambus auch als Todesstöcke bezeichnet…« Catherine fand es brutal und angsteinflößend, was sich vor ihren Augen abspielte, trotzdem hatte sie plötzlich den Wunsch, mitzumachen. Sie wollte hinter Garibaldi stehen, ihren Körper an seinen Körper drücken, ihre Arme neben seine Arme legen und sich mit ihm bewegen. Sie wollte spüren, wie diese gewalttätige, kontrollierte Energie von seinem Körper auf ihren überging und sich mit ihr vereinte. Der Gedanke, sie könnte das tatsächlich tun, könnte sich ihm spontan bei diesem Schattenkampf anschließen, könnte einem Drang nachgeben, der allem widersprach, woran sie glaubte, dieser Gedanke erschreckte sie mehr als alles andere. Garibaldi brachte einen Aspekt von ihr zum Vorschein, von dessen Vorhandensein sie bis zu diesem Augenblick nichts geahnt hatte und der ihrer Kontrolle entglitt. Schließlich kam er zum Ende, faltete die Hände unter dem Kinn und verneigte sich leicht vor seinem unsichtbaren Gegner. Dann stand er einen Augenblick bewegungslos da, bevor er nach den lackierten Stöcken griff und sie so schnell herumwirbelte, als bereite er sich darauf vor, eine Parade anzuführen. Er ging in Kampfstellung, setzte einen Fuß vor den anderen, spreizte die Beine und beugte die Knie. Die Stöcke glitten langsam in einer Folge komplizierter Bewegungen durch die Luft. Zuerst drehte er den rechten Stock hinter dem Kopf, während er den linken wie ein Schwert vor sich schwang; dann stieß der erste Stock nach vorne, der zweite hob sich, wurde zurückgezogen, legte sich schräg vor den anderen, und beide bildeten ein X in der Luft. Das alles
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wirkte wie ein Mechanismus, der von verborgenen Zahnrädern und Gewichten in Gang gehalten wurde – zuerst langsam, dann schneller und immer schneller, zorniger und kraftvoller, bis Catherine hörte, wie die Stöcke pfeifend durch die Luft sausten und sie in unblutige Scheiben schnitten. Garibaldi bedrängte seinen unsichtbaren Gegner mit den Stöcken. Sein Atem ging rauh und stoßweise, während er blitzschnelle, tödliche Schläge austeilte. Er sprang zur Seite, fing einen imaginären Hieb ab, sank auf ein Knie und schlug dem Feind mit beiden Stäben über die Beine. Dann sprang er auf, tänzelte wie ein Boxer auf den Fußballen, schlug hierhin, dorthin, steigerte das Tempo, wobei auch die Brutalität zunahm. Der Raum war erfüllt von seiner Kampfeswut, so daß Catherine den Atem anhielt und spürte, wie ihr Körper vor Spannung und Angst erstarrte. Er übt diesen aggressiven Kampfsport, er hält sich fit, um zu töten. Warum? Wen will er töten? Garibaldi schien einen Kampf gegen unsichtbare Mächte zu führen. Seine Übungen wirkten wie die Probe für ein persönliches Armageddon. Was gab ihm der Kampfsport, das ihm sein Katholizismus nicht geben konnte? Wenn Gebete nicht wirken, werden es die PangamotStöcke tun? Catherine wich von der Tür zurück und riß sich von einer Szene los, die sie früher einmal empört hätte, jetzt aber… Sie hatte sich auf die Suche nach Antworten gemacht und war dabei auf noch größere Rätsel gestoßen. Außerdem hatte sie etwas entdeckt, das sie in seiner Tragweite entsetzte. Ich hätte mich vor Abscheu abwenden sollen, statt dessen glühe ich vor sexueller Erregung.

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Der Schrei drang in ihr Unterbewußtsein. Catherine schreckte aus dem Schlaf auf und starrte verwirrt an die dunkle Zimmerdecke. Sie wußte nicht sofort, wo sie war. Dann warf sie einen Blick auf die Uhr neben dem Bett. Es war kurz nach Mitternacht. Sie hatte nur ein paar Minuten geschlafen. Sie lauschte in die Stille. Was hatte sie geweckt? Wieder ein Schrei. Ein gequälter Schrei. Sie setzte sich auf. War das Garibaldi? Catherine lag schon im Bett, als er vor etwa einer Stunde aus dem Trainingsraum zurückgekommen war. Sie hatte gehört, wie er leise in sein Zimmer ging und die Tür schloß. War jemand bei ihm? »Laß mich in Ruhe! Warum verfolgst du mich?« Catherine sprang aus dem Bett und lief durch das Wohnzimmer, das die beiden Schlafzimmer der Suite trennte. An Garibaldis Schlafzimmertür blieb sie stehen und lauschte. Er keuchte und stöhnte, als sei er krank. »Vater Garibaldi!« rief Catherine. »Fehlt Ihnen etwas?« Sie legte das Ohr an die Tür und glaubte, Schluchzen zu hören. »Vater?« Sie klopfte. »Vater Garibaldi?« Catherine öffnete die Tür einen Spalt und blickte ins Zimmer. Mondlicht fiel durch das Fenster. Die Bettdecken lagen auf dem Fußboden. Garibaldi hatte offenbar einen Alptraum. Schweiß stand auf seiner Stirn. Er warf den Kopf unruhig hin und her. Catherine sah sein gequältes Gesicht und trat ins Zimmer. »Vater Garibaldi?« Er hatte die Augen geschlossen und biß die Zähne so fest zusammen, daß die Adern an seinem Hals hervortraten. Er trug kein Hemd. Die Muskeln an Armen und Oberkörper waren verkrampft. Er schien wieder einmal mit unsichtbaren Dämonen zu ringen. Catherine trat an das Bett. Sie legte Garibaldi die Hand
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Catherine blickte erstaunt in seine Augen. »Sie haben geträumt«. Catherine ging zurück in ihr Schlafzimmer und zog den Bademantel über. auf seinem nackten Oberkörper. wie sein Körper vor krampfartigem Schluchzen zuckte. »Möchten Sie darüber sprechen?« Er nickte. Catherine hielt ihn fest. Sie spürte.« Er holte tief Luft. überlief ihn ein Schauer. daß seine Wangen feucht waren. 400 . Ein Bild tauchte vor ihrem inneren Auge auf und verschwand sofort wieder. »Wachen Sie auf«. nicht…« Sie setzte sich auf den Bettrand. »Ist alles in Ordnung?« fragte sie. Es war nur ein Traum. sagte sie laut. Als er ausatmete. murmelte er. bitte wachen Sie auf!« »O mein Gott!« Er schlug die Augen auf. Wachen Sie auf. zog sie an sich und vergrub sein Gesicht an ihrem Hals. Catherine sah. und trocknete sie mit der Hand ab. Sie sah das Goldkreuz.« »Nein«. »Sie haben einen Alptraum. die sie erschreckte. Vater Garibaldi. Sie träumen. »Sie haben mich von einem sehr dunklen Ort zurückgeholt«. »Vater Garibaldi. setzte sich auf und blinzelte benommen. »Es ist alles gut. Dann atmete er etwas ruhiger und löste sich von ihr.auf die Schulter und schüttelte ihn sanft. Sie sah Angst darin und eine Verletzlichkeit. Instinktiv griff sie nach dem Jaguaranhänger und schloß die Finger darum. »Nein. Er klammerte sich stumm einen langen Moment an sie. bis er sie sah. sagte Catherine beruhigend. flüsterte er. Er streckte die Arme nach ihr aus. das Garibaldi immer trug. Dann stützte er sich mit den Händen ab.

Er sah sie an. erwiderte er leise. »Es tut mir leid. Möchten Sie mir Ihren Traum erzählen?« Er ging zur Minibar und nahm eine kleine Flasche Mineralwasser heraus. wie ein schwarzes Fenster im Sternenhimmel über der Wüste wirkte. sogar Socken. Ihre Hände hatten gezittert. Catherine blickte stumm auf seine Silhouette. Ich bin froh. bevor er sie absetzte und Luft holte. seine Arme um ihren Hals zu spüren. sagte sie: »Ich hatte mich auf die Suche nach Ihnen gemacht und Sie in einem der Übungsräume entdeckt. Er trug ein kariertes Hemd. daß er sich angezogen hatte. »Ich hatte nicht geschlafen. Es dauerte nicht lange. 401 . sagte er und räusperte sich. als habe sich sogar das Licht verändert. war die Spannung im Raum spürbar. als sie sich auf die glatten Muskeln seines Rückens legten. wie ihr auffiel. »Es war schlimm. und der Abdruck seiner Lippen auf ihrem Ohr schien noch zu brennen. Jeans und. Wieder glaubte sie. Da er nicht antwortete. schob die Vorhänge zurück und ließ das kalte. Sie stellte fest. und er kam aus seinem Zimmer. Seine Hand hatte ihre Haare berührt. daß ich Sie geweckt habe«. Dann trat er ans Fenster.Im Wohnzimmer schaltete sie die Lichter ein. Als ihre Blicke sich trafen. daß Sie mich geweckt haben. Ich habe Sie beobachtet. die wie ein Scherenschnitt. Warum machen sie es?« »Aus vielen Gründen«.« »Haben Sie oft Alpträume?« Er trank lange und leerte beinahe die ganze Flasche. Catherine hatte den Eindruck. Pangamot ist nicht zur Selbstverteidigung gedacht. sondern zum Töten. platinfarbene Mondlicht ins Zimmer.

unter Kontrolle?« fragte sie. Ich konnte es akzeptieren.« »Sie wollen wissen. erwiderte sie. wollte sie sagen. »Ich würde Ihnen nie in meinem ganzen Leben weh tun. was ich dadurch über mich weiß. In seinen Augen tanzten unruhige Schatten. bevor er schließlich antwortete: »Ich bin in einem Haus aufgewachsen. Das müssen Sie mir glauben. Und ich möchte verstehen. »Haben Sie die Kraft. angenommen. die Sie mit dem Trainieren in sich kultivieren. daß es falsch ist. Er schien über seine nächsten Worte nachzudenken.« Sie hob in einer Geste der Hilflosigkeit die Hände. von dem mir mein Verstand und mein Herz sagen. Garibaldi. was ich über Sie herausgefunden habe. Zuerst dachte ich. Pangamot sei wie Karate reine Selbstverteidigung. »Ich meine. setzte sich in einen Sessel gegenüber dem Sofa. Sie tun es als eine Art geistige Disziplin. ich würde Sie schlagen…« Er hob mit einem Ruck den Kopf. warum mein Körper von etwas erregt wird.« Er kam vom Fenster zurück. wie ich Priester sein und eine Kampfmethode ausüben kann?« »Ja«.»Haben Sie jemals… einen Menschen getötet?« »Mit Pangamot? Nein. Aber jetzt bin ich völlig verwirrt. Bitte haben Sie keine Angst vor mir. in dem Prügel die normale Form der Verständigung waren. während er blicklos auf die Flasche in seinen Händen starrte. um sich fit zu halten. es gefällt mir nicht. wenn ich verstehen würde. »Vielleicht hätte ich keine Angst. Ich sagte mir. Mein Vater hat immer zuerst 402 . Aber noch weniger gefällt mir. weshalb Sie es tun.

der den Kindern immer Bonbons schenkte. Vater Pulaski ging mit mir hinter die Kirche und hat mich windelweich geschlagen.‹ In diesem Augenblick kam einer dieser Junkies herein.geschlagen und später Fragen gestellt. und wir beschlossen. Ich wurde danach mit meiner Brutalität zum Schrecken des ganzen Viertels. Der alte Mann stand hinter der Theke und sagte: ›He. Er war ein riesiger Pole vom anderen Ende der Stadt. Der Pfarrer hat nicht die Polizei gerufen. ob er betrunken oder nüchtern war. ich will die Spätnachrichten nicht verpassen. 403 . Da ich nicht von der Stelle wich. einen altmodischen kleinen Laden. Er ging an die Kasse. gleichgültig. Er war ein netter alter Mann. zog eine Pistole und wollte Geld. Seine Frau war vor ein paar Jahren gestorben. aber dünn. und er sah wie ein Schwächling aus. Damals entdeckte ich…« »Was haben Sie entdeckt?« Er sah sie mit seinen klaren Augen an. sagte er: ›Such dir was aus. aber diese Kraft macht mir Angst. Dann meldete er mich im CVJM für einen Karatekurs an. Er wußte nicht. Das hat mich hart und gefühllos gemacht. Er war älter als ich. ich weiß nicht mehr wie er hieß. Als Sechzehnjähriger war ich einmal noch spät in seinem Laden. Ich kann es nicht beschreiben. Er gehörte einem alten Mann. Er nannte mich immer Mickey. Mickey. daß ich im Laden war. Er wollte gerade schließen. Er stammte aus Europa und sprach mit einem starken Akzent. »Daß es in mir etwas gibt das ich ständig unter Kontrolle halten muß. Eines Abends habe ich mich mit ein paar Freunden betrunken.« »Hängt der Alptraum damit zusammen?« »In unserer Gegend gab es einen Laden. sondern Vater Pulaski kommen lassen. der Kirche in unserer Gegend einen Besuch abzustatten.

Der Junkie sprang über die Theke. denn ich befand mich hinter ihm. Der Junkie bemerkte mich nicht. Ich fand es zum Beispiel cool. Eine Weile schien es keine Geräusche zu geben. »erlebe ich im Traum immer wieder. in einer Kirche Graffitti zu sprühen. »Und das«. Dann hörte ich die Schüsse.Junge. In diesem Augenblick schien plötzlich alles zu erstarren.‹ Der alte Mann sah. Es dauerte eine Weile. danach bin ich regelrecht ausgeflippt.« Garibaldi ging wortlos in sein Schlafzimmer und kam kurz 404 . Ich habe es noch nicht einmal versucht…« »Er hatte eine Waffe.« Garibaldi seufzte tief und stand auf. das wirst du doch nicht machen! Damit ruinierst du dir das Leben. Ich stehe untätig in dem Laden. sagte er schließlich tonlos. Ich stehe in dem Laden. bis er sich wieder unter Kontrolle hatte. Aber ich war wie gelähmt. Er zitterte. Sie trafen den alten Mann dreimal in die Brust.« »Das war nicht Ihre Schuld. während dieser Junkie einem unschuldigen Mann das Leben nimmt. daß ich etwas tun würde. daß ich hinter ihm stand.« »Aber er wußte nicht. wie ich mit meinem Sechserpack Bier oder Coke oder was immer es war durch den Gang kam. Er wartete darauf. Ich stand einfach da. »Wie auch immer. als sei die Welt zum Stillstand gekommen. Die Augen des alten Mannes richteten sich unverwandt auf mich. Ich machte völlig verrückte Sachen. Ich blieb stehen.« »Und wie sind Sie Priester geworden?« »Vater Pulaski hat mich auf den Weg gebracht. nahm das Geld aus der Kasse und rannte davon…« Garibaldi ließ den Kopf sinken. Sie waren erst sechzehn…« »Ich war sehr viel stärker als der Typ und habe dem alten Mann doch nicht geholfen.

lauter. daß ich überlegte. Es war eine alte Uhr an einer Kette von der Art. man kann die Gravur kaum lesen…« Catherine nahm die Uhr bewundernd in die Hand. Catherine hatte bereits beobachtet. ob ich nicht Priester werden sollte.« Garibaldi sah Catherine an. Als ich 1984 schließlich das 405 . um mit ihm zu sprechen. Junge!‹ Ich fragte: ›Und was soll ich jetzt machen?‹ Da rief er mit Donnerstimme: ›Was für eine dumme Frage? Selbstverständlich folgst du dem Ruf!‹« Garibaldi blieb am Fenster stehen. berührte mit den Fingern die Glasscheibe und zuckte zurück. von seinem Lehrer bekommen hat. »Vater Pulaski war ein großer. obwohl es ihm verboten worden war. als er starb«. Garibaldi ging im Zimmer auf und ab. wie sie sich in Catherines Vorstellung im letzten Jahrhundert über den runden Bäuchen wohlhabender Geschäftsmänner spannten. Als ich ihm gestand. daß er sie regelmäßig hervorholte und aufzog. lärmender Pole. Sie ist sehr alt. Vater Pulaski brummte: ›Also gut. Dort entdeckte ich meine Begabung für Mathematik und mein Talent für den Umgang mit Computern. Nach einer Weile fuhr er fort: »Vater Pulaski war entschieden gegen die neue Messe und las bis zu seinem Tod die alte lateinische Messe. ihn daran zu erinnern. »Sie stammte von seinem Lehrer. daß das Kyrie der einzige griechische Teil der Messe war. wie ich glaube. »Vater Pulaski veranstaltete eine Kollekte und schickte mich zur Schule. sagte Garibaldi und gab ihr die Uhr. daß der Bischof kam. der sie. Ich erinnere mich. die Messe muß jetzt auf Englisch gelesen werden! Man hätte wenigstens ein bißchen Latein beibehalten können! Wenigstens das Kyrie hätte man beibehalten sollen!‹ Keiner von uns brachte es übers Herz. als habe ihn ein Schlag getroffen. erklärte er: ›Du bist zum Dienst des Herrn berufen worden.darauf mit einer Taschenuhr zurück. »Er hat sie mir an dem Tag geschenkt.

Vater Garibaldi? Warum sind Sie nicht in Ihrem Pfarrhaus oder an der Universität.« Catherine legte die Uhr vorsichtig auf den Tisch. sanfte Frau und sehr religiös.‹ Aber sie hieß sechshundert Jahre lang Inquisition. Ich weiß. Das letzte. daß diese Untersuchungen unter strenger Geheimhaltung durchgeführt werden. Wenn überhaupt. machte die Kirche ihren Einfluß geltend. dem Kommissar.« »Ich weiß. Vater Garibaldi. ich weiß über die Kongregation Bescheid: Wie das Tribunal eingesetzt wird. Anfangs widersetzte sie sich. alles zu untersuchen. und diese Einrichtung ändert sich nicht dadurch. Doch die Kirche sah in ihr eine Bedrohung. »Warum sind Sie immer noch bei mir. Und weil sie an einem katholischen College unterrichtete. Sie war eine liebenswerte. daß man sie seit vierunddreißig Jahren anders nennt.« »Seit 1965 heißt es nicht mehr Inquisition. den Glauben zu erhellen. dem Assessor. wo Sie unterrichten?« Er gab keine Antwort. Schließlich schickte man jemanden aus Rom. war ich siebenundzwanzig und bereits seit sechs Jahren ein geweihter Priester. was sie wollte. 406 . Dann sagte sie: »Ich habe Ihnen von meiner Mutter und von ihrer Arbeit erzählt. jemanden wegen seines Glaubens anzugreifen. Der Mann aus dem Vatikan war ein Dominikaner und gehörte zum Offizium der Inquisition.Examen in Computerwissenschaft ablegte. und einem Beisitzer. Man hat sich einen unverfänglicheren Namen einfallen lassen: ›Die Kongregation für Glaubensdoktrin. mit einem Richter. dann hoffte sie. Und ich weiß. was der Kirche gefährlich werden könnte. war. Ihre Aufgabe ist es. sondern drehte sich um und blickte schweigend in die Dunkelheit. Ich weiß. als wollte sie die Zukunft darin lesen. Catherine starrte auf ihre Handflächen.« Sie ballte die Fäuste und fuhr dann mit schneidender Stimme fort: »Ja. was die Kongregation tut.

wie die Leute uns anstarrten.daß sie jeden unter die Lupe nehmen. unseren Gemeindepfarrer. Und es war ihm nicht gelungen. sie sei keine katholische Theologin mehr und verbot ihr. weiterhin zu schreiben oder zu veröffentlichen. Catherine seufzte. über Vater McKinney. Sie ist nie mehr zum Gottesdienst gegangen. Am Anfang haben sie versucht. Ich nehme an. ihre Angriffe gegen die Kirche einzustellen. ihre Argumente zu widerlegen. Aber«. »Vater McKinney genügte das nicht. Man teilte ihr sogar mit. Aber sie verwickelte ihn immer in leidenschaftliche Diskussionen und erklärte. Meine Mutter stand auf und verließ mit hoch erhobenem Kopf die Kirche. Er hatte sie nicht überzeugen können. Die anderen Kinder in der Schule gaben meiner Mutter Schimpfnamen und sagten. wir würden für unsere Sünden in der Hölle 407 . meine Mutter ihrer Stellung zu entheben und ihr die Befähigung abzuerkennen. als schließlich der Vertreter des Vatikan erschien. sprach in seiner Predigt über Ketzerei und blickte dabei auf meine Mutter. Ich werde den Sonntag nie vergessen… damals war ich zehn. die Kirche müsse sich im Einklang mit den Bedürfnissen ihrer Mitglieder entwickeln. empfand Vater McKinney das als eine persönliche Niederlage. etwas zu erreichen. Es war schrecklich. Ich spürte jedesmal. die römisch-katholische Glaubenslehre zu unterrichten. Vater McKinney kam zu uns nach Hause und verlangte von meiner Mutter. Er hatte das Gefühl. Danach besuchten nur noch mein Vater und ich die Sonntagsmesse. von meiner Mutter gedemütigt worden zu sein. Meine Mutter fügte sich. der eine Gefahr für die Einheit der Kirche darstellen könnte. Vater McKinney stand auf der Kanzel.« »Was ist geschehen?« »Die Inquisition hat dem Papst empfohlen. Die ganze Gemeinde starrte uns an.

»Die Leute wußten nicht.« »Sind Sie deshalb aus der Kirche ausgetreten?« »Nein. einen Priester und drei Nonnen. ein Stamm kämpfte gegen einen anderen. fuhr sie fort. Aber ich weiß. nach dem Tod meines Vaters. In den Nachrichten wurde darüber berichtet. Ihr Gesicht glühte vor Scham. Ich wußte nicht. weigerte sich aber. die Sakramente zu empfangen. Deshalb wurde sie schließlich exkommuniziert. Mein Vater und seine Begleiter gerieten in Gefangenschaft. Meine Mutter starb ein paar Monate später – an Lungenentzündung. weil etwas Feuchtes an ihren Beinen hinunterlief. daß meine Mutter jeden Sonntagmorgen ihren eigenen Gottesdienst hielt. Es kam in dem Land zu einem Umsturz.« Catherine stand vom Sofa auf und trat neben Garibaldi ans Fenster.büßen. daß es Ihr Vater war.« Catherine schloß die Augen. sie ist an gebrochenem Herzen gestorben. Man hat sie als Spione hingerichtet – meinen Vater. Sie blickte mit zusammengekniffenen Augen auf den Laser-Lichtstrahl. Man zeigte immer wieder die Photos der Hingerichteten…« »Ich kann mich an den Fall erinnern. Die fünfte Klasse kicherte und flüsterte. Meine 408 . Er bekam ein großes katholisches Begräbnis und wurde auf einem katholischen Friedhof begraben.« »Man brachte seine Leiche zurück. »Mein Vater fuhr in einer Friedensmission nach Afrika«. »mit Medikamenten und Bibeln. der von der Spitze der Pyramide des Luxor Hotels wie ein Weg in eine andere Galaxis in den Himmel stieg. während sie neben dem Pult der Lehrerin auf einem Hocker stand. das war später. wie die Ärzte sagten. als plötzlich ungebeten ein Bild vor ihr auftauchte. Sie blieb eine gläubige Katholikin.

Sie hingen aneinander. um endgültig mit meiner Mutter abzurechnen. als meine Mutter starb. einen Priester zu holen. aus denen nur einer als Sieger hervorgehen konnte. was dann geschah. Es dauerte nicht lange. ohne ein Wort zu sagen. Aber es war zu spät. Ich versuchte. an der Seite meines Vaters begraben zu werden. Die Stimme klang tonlos. Kurz vor ihrem Tod erklärte sie sich nach all den Jahren der Abkehr von der Kirche dazu bereit…« Catherine holte tief Luft und stieß sie langsam wieder aus. und ohne meinen Vater gab es für meine Mutter keinen Grund mehr. meine Mutter wollte ungestört sein. Sie spürte Garibaldis Blick. Sie würde nicht im Schoß der katholischen Kirche sterben.Eltern hatten sich sehr geliebt. als sei er gekommen. »An dem Abend. lag etwas Gefährliches in seinen Augen.« Catherine sah Vater Garibaldi an. wenn meine Mutter beichtete und die Absolution erhielt. es sei ihr größter Wunsch. damit sie in alle Ewigkeit Zusammensein könnten. aber ich dachte. Ich hätte es nicht tun sollen. »Meine Mutter bat mich. Ich ging ins Zimmer zurück. an mir vorbei. Ich rief im Pfarramt an. Meine Mutter weinte. einen anderen Priester zu finden. sie hatte keine Absolution und keine Sterbesakramente erhalten. eine Art Triumph. Meine Mutter wollte nur in Frieden sterben und neben meinem Vater begraben werden. als er in das Krankenzimmer trat. Aber das war nur möglich. Ich wußte. als sei das der Höhepunkt der vergangenen Auseinandersetzungen. »Ich ging aus dem Zimmer. weiterzusprechen. da kam Vater McKinney mit hochrotem Kopf heraus und stürmte wütend.« 409 . und ausgerechnet Vater McKinney kam. Ich weiß noch. sagte sie mir. weiterzuleben. als es ihr nach einer kurzen Pause gelang. Aber Vater McKinney…« Catherine mußte sich zwingen. Es war. Ich weiß nicht genau.

doch es klang wie ›Ora pro nobis. »Meine Mutter wurde nicht neben meinem Vater begraben. In meinem Herzen kann ich nicht glauben. den sie liebte. kehren wir zu Gott zurück. Haben tun wir den Körper… vorübergehend. sondern auf dem städtischen Friedhof.« »Und was geschieht. die sterben. ohne von ihren Sünden losgesprochen zu sein? Was ist mit der Hölle?« »Als Priester glaube ich an die Strafen der Hölle.« Catherine sah ihre Mutter in dem einfachen Krankenhausbett vor sich. mit denen sie ihre Tochter tröstete. bitte für uns‹.« Catherine wandte den Kopf und sah ihn an. wenn wir sterben?« »Wenn wir sterben. hat ein einfacher Pfarrer das Recht. fügte er sanft hinzu »dann ist ihr verziehen worden. »Ich gehe zu deinem Vater. anstatt von ihr getröstet zu werden. hatte Nina geflüstert. wenn sie eine Seele hatte?« »Wir haben keine Seelen. daß der himmlische Vater uns geschaffen hat. meine Mutter in alle Ewigkeit zu verdammen?« »Diese Frage kann ich nicht beantworten«. wir sind Seelen. Sie verstand die Worte nicht genau. »wenn ich nicht weiß. Sie hatte auf ewig mit dem Mann Zusammensein wollen. was zwischen Ihrer Mutter und diesem Vater McKinney vorgefallen ist. damit er uns nach dem Erdenleben zu ewigen Qualen 410 . Sie hörte ihre letzten Worte. Wenn Ihre Mutter allerdings Gott direkt um Vergebung gebeten hat«. hat die Kirche. »Du mußt nicht traurig sein«. erwiderte Garibaldi.« »Was ist mit Menschen.Sie hörte. nicht einmal in geweihter Erde. und das muß ich auch predigen. wie Garibaldi etwas murmelte.« War sie tatsächlich zu ihm gegangen? »Wohin ist meine Mutter nach ihrem Tod gegangen? Wo ist ihre Seele jetzt. »Vater Garibaldi.

Wie? Garibaldi drehte sich um und ging zur Minibar. »Wie kommen Sie darauf.« »Und das Fegefeuer?« »Ich glaube an das Fegefeuer und daran. den Weg dorthin zurückzufinden. ich könnte so gläubig sein wie meine Mutter. »Vater Garibaldi.« Catherine sah zu.verdammen kann. wenn die Hinterbliebenen für die Seelen der Toten beten?« »Ja.« »Jeder wird mit der Sehnsucht nach dem verlorenen Himmel geboren.« »Warum nicht?« »Weil ich keine gläubige Christin bin. »Ich fühle mich in der Nähe von gläubigen Menschen nicht wohl. wie er austrank und die leere Flasche auf die Minibar stellte. »Vater McKinney ist also der Grund dafür.« Sie wandte sich von ihm ab und vom Anblick der verführerischen Stadt der Spieler. Ich wünschte. sagte sie.« »Werden Sie für meine Mutter beten?« »Ja. wollte sie fragen.« »Sie wollen also.« Wie. Das Problem ist. ich möchte glauben. »Nicht nur Vater McKinney«.« »Dann hilft es. daß Sie mich bei unserer ersten Begegnung abgelehnt haben. bis jemand für unsere Erlösung betet. »Meine Gebete würden nichts nützen. daß wir dort bleiben. daß ich für Sie glaube?« Sie sah ihn wieder an.« »Wollen Sie Julius deshalb nicht heiraten?« Sie zog die Augenbrauen hoch. ich würde ihn nicht heiraten!« 411 . Aber auch Sie können beten.

ja. das Sie gesagt haben.« »Nein. das kann ich nicht. die Heiligen. wie die Schüler der katholischen Schule beim Anblick einer hübschen Nonne oder eines gutaussehenden Priesters immer sagten. Deshalb bin ich so wütend.« Er lächelte. begann sie »was hätten Sie am Sterbebett 412 . Ich fühle mich bestraft. Obwohl ich nicht länger gläubig bin.« »Aber denken Sie an die Menschen. Wie viele junge Mädchen in Vater Garibaldis Gemeinde waren wohl heimlich in ihn verliebt? »Vater Garibaldi. Ich liebe ihn.« »Julius ist ein sehr religiöser Mensch. obwohl sie sich beinahe davor fürchtete. Er würde mich ständig an das erinnern. Mit einem solchen Mann könnte ich nicht zusammenleben.« »Sie können es zurückbekommen. »Oder nicht gesagt haben. »Denken Sie an alle Religionen. die sie unbedingt stellen wollte. was mir fehlt. die es in der Geschichte der Menschheit gegeben hat.»Ich weiß nicht. denen Sabina begegnet ist« erwiderte Catherine. welche Verschwendung das sei. ist der katholische Glaube der wahre Glaube?« »Ich glaube. Wie kann da nur eine Religion richtig sein und alle anderen falsch?« »Ich glaube.« Er sah sie an. fehlen mir der Weihrauch.« Es gab noch eine Frage. die Antwort darauf finden Sie nur in sich selbst. »Hassen Sie den katholischen Glauben so sehr?« »O nein. Vielleicht liegt es an etwas. die Beichte und die Tröstungen. Es ist eine wunderbare Religion. »Vater Garibaldi«.« Sie sah Garibaldi an und mußte daran denken. weil mir das alles genommen worden ist. Er hält sich an die Regeln und Gesetze seiner Religion.

jetzt wissen Sie. der Mann. In der Beichte hatten Vater McKinneys persönliche Meinungsunterschiede mit Ihrer Mutter und die Aussagen in den umstrittenen Büchern nichts zu suchen. habe ihn nach dem Fahrstuhl zur Dachterrasse gefragt. »Ich komme mit.« Damit verschwand er. Dort oben sei ein Garten mit Springbrunnen und Tempeln. Im Flur entdeckte sie einen Zimmerkellner. der gerade aus ihrer Suite gekommen war. Aber ich kann Ihnen versichern. Doch Catherine hörte eine gewisse Härte in seiner Stimme. und sie sah. Auf dem Dach waren nur wenige Gäste.« Sie sah ihn an. was gerade geschehen war. Catherine blickte auf die Tür und überlegte. Sie mußte ihn zur Rede stellen. »Ich würde lieber allein gehen. Seine Reaktion war unverständlich. wie er auf die Uhr blickte. sagte er unvermittelt. »Jede Form von Gewalt stößt mich ab. warum ich Pangamot ablehne.meiner Mutter getan?« »Ich hätte Ihre Mutter gefragt. der ihr sagte. Er schien plötzlich unruhig zu werden. »Ich gehe an die frische Luft«. Dann räusperte sie sich und sagte: »Wie auch immer. und sie dann losgesprochen. daß Beten hilft. Ich bin immer noch entsetzt über die sinnlose Gewalt.« Er ging mit großen Schritten zur Tür. deshalb zog sie sich an und folgte ihm. unterbrach er sie. Es verwirrt mich. daß Sie…« »Ich verstehe«. Das überraschte sie. durch die mein Vater gestorben ist.« »Ist sie jetzt bei meinem Vater? Sind sie zusammen?« »Darauf kann ich Ihnen keine Antwort geben. Warten Sie nicht auf mich. Der 413 .« Catherine nickte. ob sie ihre Sünden bereut.

das ich noch keinem Menschen gesagt habe. nicht einmal Vater Pulaski. Ich habe wie besessen versucht zu verstehen. mich in seinen Dienst zu rufen. der mich zu ihm führt. Ich werde Ihnen etwas sagen. was ich tue? Daß Pangamot Ihnen Angst macht? Daß ich Ihnen Angst mache?« Unvermittelt sah er sie an.« Er schwieg. der Mut werde ihn verlassen. warum ich bei Ihnen bleibe und nicht zu meinen Aufgaben zurückkehre. sondern an meiner Berufung. Selbst bei Tag verfolgt mich inzwischen das anklagende Gesicht des alten Mannes. Er läßt mich nicht mehr zur Ruhe kommen. Deshalb wurde ich Priester. das mich nach all den 414 . Inzwischen kommen mir jedoch Zweifel. aber nicht an meinem Glauben.« »Ist es Ihnen gelungen?« »Ich glaube. er habe mich in diesem Augenblick dorthin gestellt.Wüstenwind wehte so kalt und scharf. stellte sie sich neben ihn. der Vorfall in dem Laden sei Gottes Art gewesen. daß Catherine auf ihrem Weg zwischen den Farnen und Palmen unwillkürlich an Winter und Schnee dachte. »Können Sie sich vorstellen. den Vorfall immer neu zu erleben. Garibaldi stand am Geländer und blickte auf die Wüste.« Seine Worte kamen schnell. was das zu bedeuten hat. Ich dachte. Ich bin gezwungen. »Sie haben mich gefragt. wie sie darauf reagierte. wie ich mich fühle. Ohne etwas zu sagen. Dann fuhr er fort: »Ich hatte den Alptraum jahrelang nicht mehr. es ist mein Gewissen. seit ich weiß. »Ich glaubte lange Zeit. damit ich einen anderen Weg einschlagen würde. als wollte er warten. die hinter der hell erleuchteten Stadt wie ein endloses drohendes Reich der Dunkelheit begann. als fürchte er. daß Sie das abstößt. Garibaldi brach das Schweigen. aber dann kam er wieder.

Ich habe die Gelübde abgelegt. »Darum geht es nicht! Wissen Sie. die möglicherweise Gottes Botschaft erhellen können. mache ich mein Versagen an jenem Abend wieder gut. mir einzureden. und nicht. Ich befand mich auf einer persönlichen Pilgerreise. weil man sich auf diese Weise vor seinen Schuldgefühlen verstecken kann! Ich versuchte. Das stimmt nicht. Ihr war kalt.Jahren wieder quält.« »Vater Garibaldi…« »Ich habe Ihnen gesagt. Garibaldi in seinem kurzärmligen Hemd schien die Kälte überhaupt nicht zu spüren. indem ich Gott diene.« Der Wind wurde noch heftiger. das ist kein Grund. mir sei endlich verziehen worden. ob ich geeignet sei. Ich hatte das Gefühl.« 415 . Ich bin nach Israel gegangen. obwohl sie eine Jacke trug. was ich am Tag meiner Priesterweihe empfand? Ich will es Ihnen sagen. um mein Gewissen zu erforschen und herauszufinden. um meine Seele zu retten. Aber das stimmt nicht! So einfach ist das nicht. und deshalb bin ich ein Betrüger. ob die Schriftrollen die Antwort auf meine Fragen enthalten. Ich kam in den Sinai und wurde in die Sache mit den neu entdeckten Schriftrollen hineingezogen. Vater Garibaldi? Sie wissen nicht. Ich fühlte mich nur erleichtert. Ich bin aus egoistischen Motiven Priester geworden. ich hätte in Israel Urlaub gemacht. Ich empfand keine Freude oder religiösen Hochgefühle. Und deshalb bin ich bei Ihnen geblieben. ob Sie ihn hätten retten können. Aber du liebe Zeit. Priester zu werden! Man wird Priester.« »Aber warum. Priester zu bleiben. Ich wollte herausfinden. daß ich an jenem Abend dem alten Mann nicht geholfen hatte. Catherine legte schützend die Arme vor den Oberkörper. weil man Gott dienen will.

daß Sie ein Widerspruch in sich selbst sind? Sie behaupten. hatte Schwester Immaculata gesagt und Catherine vom Hocker gezerrt.« »Es ist leicht zu kämpfen«. aber Sie geben nicht auf. »Ich habe deinen Vater rufen lassen. aber jeder kämpft in einer anderen Arena. wenn Sie allem Anschein nach keine Chancen haben zu gewinnen.« »Vater Garibaldi.« Aber genau aus diesem Grund hatte sich ihr Konflikt bis ins Unerträgliche gesteigert. Irgendwo dort draußen gibt es Männer. betrachtete lange die Sterne und sah sie dann wieder an. Es klang beinahe anerkennend.« Er ließ die Arme sinken und lächelte. »Wir sind uns sehr ähnlich. Vielleicht 416 . noch nicht. und der Wind trug ihre Stimme hinaus in die Wüste. rief sie. als er hinzufügte: »Beim Pangamot wären Sie eine ernstzunehmende Gegnerin.»Welche Antwort. ob Sie Priester bleiben oder nicht?« Er erwiderte nichts. Gewalt zu verabscheuen. »Wenn es das nicht ist«. Vater Garibaldi? Sollen die Schriftrollen Ihnen sagen. bitte lassen Sie mich Ihnen helfen. »Sie wollen mir wirklich helfen? Sie hassen Priester. »Das Schwere ist…« »Ist was?« »Ich habe meinen Vater geliebt.« Er lachte leise. Sie zuckte unter der Berührung zusammen. »Wissen Sie. Ja. Vielleicht werde ich es nie können. und er ließ sie wieder los. Sie und ich. ich habe ihn angebetet. die Sie töten wollen. und doch möchten Sie mir helfen?« Er blickte in den Himmel. »Was dann? Sagen Sie es mir!« »Ich kann es nicht sagen. und doch kämpfen Sie. Wir ringen mit Dämonen. sagte sie.« Er faßte sie plötzlich an den Schultern. »Du bist ein schmutziges kleines Ungeheuer«.

Als er erschossen wurde. Als er schwieg. und flüsterte leise ein Gebet. »Wegen morgen…« Sie drehte sich um. bevor sie sich von ihm löste und ein paar Schritte zurücktrat.« »Wie meinen Sie das?« »Als ich vom Fitneß-Zentrum zurückkam. ihre angebliche Sünde gutzumachen. »Was ist mit morgen?« »Ich fürchte. daß sich mein Vater getrieben fühlte. weil sie sich ihrer Gefühle schämte.kann er dir etwas Achtung vor deiner Lehrerin einbleuen. Nichts davon war wirklich so gemeint. sie schliefen. bis morgen früh zu warten. während sie mit den Tränen kämpfte und um die Beherrschung rang. daß ich meine Worte bereute. fügte sie betont energisch hinzu. »Ach. und ich konnte ihr nicht mehr sagen. wie du es bist. Ärgerlich wischte sie sich das Gesicht und murmelte verlegen: »Ach verdammt!« Garibaldi nahm sie wortlos in die Arme. dachte ich.« Catherine liefen die Tränen über die Wangen.« »Der Bruch meiner Mutter mit der Kirche hat dazu geführt. sagte er. den kalten Wind zu spüren. um es 417 . wir werden ausziehen müssen. Ich habe sie für seinen Tod verantwortlich gemacht. So wahr mir Gott helfe. daß er die Friedensmissionen in alle Welt unternahm. Sie hatte plötzlich das Bedürfnis. Er hielt sie fest. und beschloß. die eine Nonne und keine Sünderin ist. Ein paar Monate später starb meine Mutter. das ist die Wahrheit. verharrte sie noch einen Augenblick in seinen schützenden Armen. übrigens«. »Morgen wartet eine Menge Arbeit auf uns«. »Wir gehen besser nach unten«. habe ich zu meiner Mutter schreckliche Dinge gesagt. sagte sie mit belegter Stimme und drehte sich um. Jedem war klar.

und als ich herauskam.« Er machte eine Pause. sagte sie. aber man macht mir keine großen Hoffnungen.« »Weg! Sie meinen gestohlen?« »Ich habe es der Hotelleitung gemeldet.« 418 . »Ich war nach dem Training im Dampfbad. Abgesehen von den zwanzig Dollar. daß ich sie wiederbekomme. wie wir wieder zu Geld kommen. Es tut mir leid. die Sie noch haben. sind wir völlig pleite.Ihnen zu sagen. stand die Tür meines Schranks im Umkleideraum offen. »dann müssen wir uns etwas einfallen lassen. Meine Brieftasche ist weg.« »Na gut«.

Teddy 419 . Es war auch keine neue Datei ausgedruckt. was auch nur entfernt mit den Sabina-Schriftrollen in Zusammenhang stand.« Er griff nach seinem Hausmantel aus kastanienbrauner Rohseide und zog ihn an. daß Erika wieder schlief. die er mit der Suche nach allem beauftragt hatte. Schlaf weiter. warf Miles schnell einen Blick auf den Bildschirm. der ihn im Moment am meisten interessierte. Als er die unterirdische Computer-Zentrale betrat. »Was gibt es?« fragte er. als sich Erika neben ihm im Bett bewegte. New Mexico »Sie sollten herunterkommen. »Da ist wirklich etwas Verrücktes…« Miles legte den Hörer auf und wollte aufstehen. hatte er keine guten Nachrichten erhalten.Santa Fe. Mr. wo Teddy Yamaguchi allein vor den elektronischen Geräten im Wert von mehreren Millionen saß. »Liebling…?« »Ich muß nur rasch etwas erledigen. sagte Teddy. Für dich…. Der Korb für die E-Mail war leer. Ihre aschblonden Haare auf den Kissen machten sie noch zerbrechlicher und zarter. ob aus Kairo weitere Übersetzungen angekommen seien. Das Institut hatte zum Schutz der E-Mail zwar ein Verschlüsselungsprogramm installiert. Die Schriftrollen waren für Erika bestimmt. ein Produkt von Dianuba. den Computercode des Freers Instituts zu knacken und die für Julius Voss bestimmte Post zu lesen. Er vergewisserte sich. Havers«. Er wollte sehen. »Hat Voss wieder Post bekommen?« Es war Teddy mühelos gelungen. Von den drei Technikern bei Dianuba. Das hatte er am Tag zuvor entschieden. doch es handelte sich dabei um Keep Out.

und die Finger trommelten flink auf den Tasten. bei Voss diskret vorzugehen. erhielt. Die dritte Nachricht kam wenige Minuten später aus Seattle. die Arme lagen eng am Körper. wirklich zu staunen. aber keine von Bedeutung. Sehen Sie sich das an. Bis jetzt! »Nein. Es war eine Wiederholung der ersten beiden. keine E-Mail für Voss«. Teddy gab sich keine Mühe. Alexander feststellen zu können. aber nicht verhindern. als bilde ein Netz von Neuronen 420 . Seine Augen klebten geradezu am Bildschirm.‹ Teddy verfolgte die Nachrichten sofort zu den Absendern zurück. In diesem Spiel wußten inzwischen alle Beteiligten. daß die Computer die Benutzer im Freers Institut darauf hinwiesen.‹ Teddy und Miles hatten noch darüber gerätselt und sich gefragt. ohne jedoch eine Verbindung zwischen ihnen und Dr. sobald sie mit der Übersetzung fertig ist. ob Dr. daß ihr System geknackt worden war und jemand die Unterlagen las. ein knapper Satz von einem Computer in England: ›Catherine lebt.konnte sich einwählen. Teddy warf niemals einen Blick auf die Tastatur. Das machte nichts. allerdings mit dem Zusatz: ›Sie hat Daniel Stevenson nicht umgebracht. sagte Teddy. diesmal aus Denver. daß jeder jeden überwachte.‹ Eine vierte lautete: ›Sie hat die Schriftrollen und wird sie der ganzen Menschheit zum Geschenk machen. es geht ihr gut. die Tastatur hatte er auf dem Schoß. Seitdem waren ständig eigenartige Nachrichten eingegangen. »Es ist etwas wirklich Seltsames. Teddy hatte aber einen Grund. Die erste Nachricht für Voss war am Abend zuvor eingegangen.« Er saß in seiner gewohnten Haltung am Computer: Der Stuhl war zurückgekippt. Alexander das Land verlassen habe als Voss eine weitere Nachricht desselben Inhalts.

Dabei stopfte er sich seine Lieblingssnacks aus Tüten in den Mund und spülte sie mit Snapple. »Was kümmert uns das?« fragte Havers irritiert. Als er sagte: »Ich habe mich in einen Kanal eingeschaltet.« Havers blickte auf den Bildschirm. handelte es sich nur um den üblichen Schwachsinn. um Leute kennenzulernen. Catherine Alexander läuft um ihr Leben. während der übrige Körper völlig passiv blieb. Internet-Unterhaltungen hatten die Kneipen ersetzt. der eigentlich ›Echtzeit-Chat‹ hieß. der Felines heißt«.und Dendronen eine unsichtbare Brücke zwischen dem Monitor. Sie ist unschuldig. »Als plötzlich…. hinunter. naja. dem Mode-Drink seiner Generation. Nach dem üblichen MOTD und einigem Hin und Her erschien der Dialog: [Catbox] Was plant ihr denn alle so für Sylvester? [CelsiuS] Mike. »Sie haben über Baseball geredet«. daß Teddy von einem Internet Relay Kanal sprach. Francie! [Catbox] Willkommen.telebyte. Woher bist du? [Francie] Dr. Die Gespräche waren genauso oberflächlich geblieben. 421 . Gib das weiter. »Warten Sie«. in die man früher gegangen war. wußte Havers. sehen Sie selbst. erwiderte Teddy. was in Cyberland im Augenblick alles vor sich ging. seinem Hirn und seinen Fingern. Francie. erklärte Teddy.com. Teddy entspannte sich. um zu sehen. hallo. der Unterschied ist Zwei. Soweit er sehen konnte. [Mike] Hi. [SERVER] Francie! ~fjames@kendaeo. wenn er die Chat-Kanäle durchging und sich ein – und auswählte. Sie wird von Killern verfolgt.

Und offenbar springt sie willkürlich in den Kanälen herum. loggte er sich im IRC ein und sprang von einem Forum zum anderen.« Miles zog einen Hocker heran und setzte sich an den nächsten Monitor. sagen. *figgy2 gibt Rächer ein Coke. der Deckname aus seiner Zeit als Hacker. Alexander unschuldig ist. bevor sie sich einwählt. Catherine Alexander umzubringen. «SERVER»Moondoggy!phil@atcom. als suche er etwas. Sie hat die Schriftrollen und beschützt sie für uns alle vor den Killern. und verschwinden wieder. sagte Miles nachdenklich. «SERVER»Einundvierzigplus. Alexander von einer Kneipe zur anderen. Für meine Dienste /msg Foxy [Cream] Weihnachtseinkäufe Ähhhhh!!!! 422 . könnten wir ihre Adresse feststellen…«. Jemand versucht.co. Bleib cool.[SERVER] Francie hat sich verabschiedet. Leute wählen sich in eine Gruppe ein. «SERVER»MoonDoggy hat sich verabschiedet. Rächer! Hier hast du ein Coke. hallo. [MoonDoggy] Hallo. Wenn wir es schaffen.« »Seit wann?« »Nach meiner Berechnung schon die ganze Nacht. bereits in einem Kanal zu warten. beantworte meine Fragen. «SERVER»Willkommen bei #Planeten [figgyg] Hi. Als ›Rächer‹. »Es sieht ganz so aus. daß Dr. ihr irgendwie zuvorzukommen. als jage unsere kluge Dr. hier bin ich.il. [bOzO] figgy2. »So geht es schon die ganze Zeit. »Was soll das bedeuten?« fragte Havers.

brad. die du kennst. Er hatte seine Haltung verändert und saß inzwischen wie eine sprungbereite Katze vor zwei Bildschirmen. Dr. Bist du F oder M? [Gollee] ToTo: mußte die Katze hereinlassen. Alexander in Ruhe lassen.C. »Diese vielen Adressen… das sind verschiedene Leute!« Teddys Augen funkelten und blitzten.N. »Außerdem sind sie überall auf der Welt«. «SERVER»Maynard hat sich verabschiedet.H. »Ich glaube nicht. die sich zu Catherine Alexanders Verteidigern gemacht hatten. [Cream] Hi. Havers«. Man hatte den Eindruck. die er gleichzeitig beobachtete.L.G.com. er sei direkt mit den Computern verdrahtet. Mr. glaube ich. vielleicht acht. fügte er hinzu und hüpfte ebenso schnell durch die Kanäle wie die Leute. Wovon haben wir geredet? [Maynard] Sag allen. um zu sehen: [Carlos] Sagt den Bullen.us. Teddy gab achselzuckend #Zippers ein.S. Alexander ist. und die Bullen werden sie NICHT fassen. hallo. sagte Teddy.U. hallo. «SERVER»Maynard! ~rismith@alice. daß das Dr. sie sollen Dr. Maynard.I.D. 423 . drückte die ENTER-Taste und wurde mit Hallo Mouse – seinem IRCNamen – begrüßt. Im nächsten Augenblick erschien auf dem Bildschirm: «SERVER»Carlos!mongo@dianuba. Catherine Alexander hat Daniel Stevenson NICHT ermordet.[ToTo] Größe sechs. während er gebannt auf die Bildschirme starrte.ac. «SERVER»Carlos hat sich verabschiedet. »Aber was sind das für Leute?« fragte Havers und klickte sich gerade rechtzeitig in #Geologie ein. Sie ist U. Nein.

Teddy faßte sich mit beiden Händen an den Kopf. [Figgy2]Sagt allen in Deutschland.cac. weil die Leute in allen möglichen Foren dieselbe Nachricht lasen. Er stand unvermittelt auf.»Schon wieder Carlos!« rief Teddy. und sie hat geheimes Wissen über das neue Jahrtausend. Wie geht’s? Ich bin in Spanien. Das Summen der Klimaanlage und das blitzschnelle Klack Klack der Tasten von zwei Tastaturen unter Teddys Händen waren die einzigen Geräusche im Raum. Catherine Alexander hat Daniel Stevenson nicht umgebracht. sorry. In seinen Augen spiegelte sich das Leuchten der beiden Bildschirme.psu. hallo. den Kanal wechselten und sie weitergaben. Teddy wechselte zu #German. Mouse. [LadyGray] Olé. dessen Augen noch immer an den Monitoren hingen. schob die Hände in die Taschen seines Hausmantels und blickte zu Teddy hinüber. Live-Diskussionen am Bildschirm 424 . Mann! «SERVER»Figgy2!ashame@ppp26. auf denen die Informationen mit der Geschwindigkeit von Kamerablenden wechselten. »Unglaublich! Die Drähte glühen! Die kleine Alexander hat bald die ganze Welt auf ihrer Seite!« Havers sagte nichts. Hallo Maus. sie will in Ruhe gelassen werden. Sorry. Wo bist du? [CorVette] Jetzt haben wir fünf Länder. Die unzähligen Gespräche. Gebt es weiter. Carlos hatte sich gerade erst im letzten Kanal verabschiedet. daß eine Welle zu einer gewaltigen Woge anschwoll. «SERVER»figgy2 hat sich verabschiedet.edu. mouse. sie hat niemandem irgendwelche Schriftrollen gestohlen. [Troy] Hallo Figgy2. auch er klickte von einem Kanal zum anderen und stellte staunend fest.

und der ständige Fluß der Nachrichten über alle Entfernungen hinweg. Mann. Räume ohne Wände -. Im neuen Jahrtausend würde Cyberspace bereits zum Alltag gehören wie Wasser. in einem IRC-Forum. Miles kannte die Psychologie des Internet. im Augenblick gehört ihr das Internet!« Hatte Teddy seine Gedanken erraten? Miles lächelte kaum merklich. die mit und durch Cyberspace lebten. Es kann überall gewesen sein. Jeder greift die Meldung auf und wechselt so schnell den Kanal. Ich bin der ungekrönte Herrscher dieser neuen Welt! Rebellen hat es schon immer gegeben. die nur dank Online und ISDNVerbindungen möglich waren – Namen ohne Menschen. Teddy schüttelte den Kopf. Catherine Alexander war nicht nur im IRC. Teddy hatte nicht den Überblick wie Miles. »Wo hat es angefangen?« fragte Havers stirnrunzelnd. das herauszufinden. doch Havers ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Vor vierundzwanzig Stunden hatte Catherine Alexander noch als der Antichrist gegolten. Das ganze Internet scheint verseucht! Die Leute wissen nicht einmal. Jetzt war sie plötzlich eine Heldin. aber sie stellen sich auf ihre Seite. einer News-Gruppe. schienen jedoch nicht mehr von dieser Welt zu sein. Miles stand einen Augenblick wie gebannt da und sah zu. daß ich nicht mithalten kann. In Cyberspace werden alle von mir manipuliert. Der junge Mann mochte recht haben. Die Menschen hatten sich eine neue Dimension erobert: Cyberspace. denen ich bereits auf anderen Kanälen begegnet bin. denn er war nur einer der vielen Millionen. wer Catherine Alexander ist. gerade haben sich drei neue Leute zugeschaltet. »Unmöglich. Das ist mein Reich. Mr. Erde und Luft. Worte ohne Stimmen. Sehen Sie. diese Foren waren nur 425 . Havers. Ich werde sie wie lästige Fliegen vernichten. Und die Information verbreitet sich so schnell wie ein Virus. einfach überall.

Cathy. daß sie Lycos und InfoSeek bald ausgeschöpft haben und ihre Suche auf weniger bekannte Datenbanken ausdehnen würde. ein 426 . der Cyberspace-Öffentlichkeit zu erklären: »Ich werde die Schriftrollen der ganzen Menschheit zum Geschenk machen.die Spitze eines sehr viel größeren Eisbergs. die jemand wie Catherine Alexander noch für sich und ihr Leben beanspruchte. E-Mail flog auf dem ganzen Globus hin und her. Miles zweifelte nicht daran. daß sogar ihr Photo in Form von Millionen Bytes um die Welt ging – Sie hatte die Frechheit besessen. sich eine Sache zu eigen gemacht. Message-Übermittler zu sein. als Server. NewsGruppen sprachen im Augenblick über sie. Catherine Alexander im LinkNet von Orange County ausfindig zu machen. von Island nach Neuseeland. die Süchtigen der neuen Dimension. Transmitter. bei jeder Unterhaltung im Web tauchte ihr Name auf. nachdem es ihnen nicht gelungen war.« Sie hatten diese Datenbank vor drei Tagen installiert. »Nein. obwohl sie ›Cathy‹ nicht einmal kannten. lauf!« Das war der Schlachtruf der Verdammten. »Hat sich jemand hier gemeldet?« fragte er lauernd. »Lauf. Vielleicht ahnten sie in dieser Nacht. die keiner kannte.« Deshalb hatten seine zahllosen Untertanen. auf dem eine Homepage mit dem Titel PAPYRUSSAMMLUNG LONGPORD zu sehen war. Er richtete das Angebot einer nicht existierenden PapyrusSammlung ein und setzte sie auf ›Fred’s Seite‹. von Johannesburg nach Deutschland. niemand. von der sie nichts verstanden. Havers ging an der Reihe von Bildschirmen entlang zu einem. die nichts anderes vom Leben zu erwarten hatten. Havers hatte sich ausgerechnet. daß ihnen die Freiheit genommen war. und jeder redete über diese Frau.

das sich drehte. Und ich werde siegen. wir saßen in einem Theater. Alexandria ist eine Stadt der Erfinder und ihrer Maschinen. Die Ärzte kommen aus den fernsten Gegenden des Reiches. und wir sahen ein Gerät. das im Augenblick bei Online-Amerika sehr beliebt war. wurde Miles klar. brüllte der Tiger in ihm. Ich traf andere Anhänger des Weges. Wir kamen nach Alexandria. was er tun mußte. wir hörten dampfgetriebene Nebelhörner. der durch die IRC wie ein Weltmeister auf einer haushohen Flutwelle surfte. aus dem Süßigkeiten herauskamen. Während er Teddy beobachtete. Ich kam in diese Stadt auf der Suche nach Herzen und Seelen. wenn er der Sieger sein wollte. die er suchte. nicht soweit gehen zu müssen. Philos wußte. denn anders als in Indien sind Autopsien hier erlaubt. die bereits früher hierhergekommen waren. Ich las den Brüdern und Schwestern aus dem 427 . aber nun blieb ihm keine andere Wahl. die für die Worte des Gerechten offen waren.Clearinghaus für alle möglichen Bereiche. Die kluge Archäologin hatte den Köder jedoch nicht geschluckt. Philos und ich bewunderten mechanische Vögel. hier würde er die Antworten finden. um die Körper von Tieren und Menschen zu studieren. wenn man eine Münze in einen Schlitz steckte. Aber mehr als alles andere ist Alexandria eine Stadt der geistigen Freiheit und Aufgeklärtheit. Alexandria ist auch das bedeutendste Zentrum der Welt für anatomische Forschungen. und wir hörten Lesungen der Briefe seiner Jünger und der Worte des Gerechten. Er hatte gehofft. Ich nahm an ihren wöchentlichen Zusammenkünften teil. dem größten Zentrum der Wissenschaft und Gelehrsamkeit.

der Tod sei eine Illusion. von denen. als sei er getrennt von Gott. Sie sprachen von Gott. wie sie glaubten. den Diakon der Gemeinde. Doch ihre Vorstellungen vom Kosmos unterschieden sich sehr von dem. wie der Gerechte es getan hat. wenn wir nur glauben. Aber ich stellte fest. während wieder andere erklärten. der Fisch und das Kreuz. Für sie war das Universum sehr viel vielschichtiger und größer. In der Gemeinde hörte ich auch zum ersten Mal von der Prophezeiung der tausend Jahre.« Ich traf Priscilla. von denen ich noch nie etwas gehört hatte. sagten sie als Erklärung. »Der Gerechte hat von vielen Wohnungen gesprochen«. wie ich sie aus Antiochia kannte. was man mich gelehrt hatte. und sie sprach davon. und wir feierten gemeinsam das Liebesmahl. Es gab sogar einige. und ihre Symbole waren der Anker. erklärte mir Priscilla. daß der Gerechte uns gesagt habe. es handle sich um die tausendjährige Herrschaft Satans. Trotzdem waren sie eine Gemeinschaft. die tausend Jahre würden erst dann beginnen. Sie glaubten an Frieden und Vergebung. was ›Wissende‹ bedeutet. Sie verehrten auch die Unsterblichen. Andere behaupteten. nachdem wir gestorben sind: »Wir schlafen ein Jahrtausend. sie begrüßten sich mit dem Friedenskuß.Brief der Maria vor. der Gerechte als Sohn Gottes abstamme. Ich traf die Jünger eines 428 . damit seien die tausend Jahre der Herrschaft des Gerechten auf Erden gemeint. Doch sie sprachen vom Schöpfer. und wir erwachen aus dem Schlaf und gelangen zu unserem Schöpfer«. die sagten. daß die Gemeinschaft hier Glaubensvorstellungen vertrat. und das Leben könne ewig dauern. Man sagte. Sie nannten sich Gnostiker. In diesem Punkt herrschte keine Einigkeit. »Und das hat er damit gemeint. sie seien der Beginn eines neuen goldenen Zeitalters auf Erden. dann kommt das Jüngste Gericht.

Sie gehen auf den Marktplatz und fragen die Vorübergehenden: »Suchst du nicht ein Licht. In der alten Stadt Sais besuchten wir den Tempel der Göttin Isis. was ist und was sein wird. Er wurde von einer jungfräulichen Mutter namens Maja geboren. die Bösen bestrafen. In ihrer Sprache bedeutet das ›der Erleuchtete‹. Er wird die Guten belohnen.« Ich war damit beschäftigt. »Ich bin alles. die vor tausend Jahren dort eingeritzt worden waren. Er sagte: »Sei dir selbst Zuflucht und halte an der Wahrheit als Licht fest. und der Gerechte sagt. neue Anhänger ihres Glaubens zu gewinnen. mein Wissen und mein Können bei der Geburtshilfe weiterzugeben und unbekannte Heilmethoden zu erläutern. daß man bei Schlangenbissen die behandelte Wunde mit Klemmen verschließt. er wird wiederkehren. die ich in Indien gelernt hatte (in Alexandria hatte noch niemand davon gehört. die Botschaft vom Weg des Gerechten zu verbreiten. du.« Die Buddhisten von Alexandria sind Missionare und versuchen. Ich bin der Anfang und das Ende. den sie Buddha nennen. An den Wänden des Tempels lasen wir die Worte. und die Leute staunten über die Erfolge. um ihr zu huldigen. und das bedeutet das Ende aller Dinge. 429 . und es wird eine neue Schöpfung geben. was war. und fuhren nil-aufwärts. daß der Gerechte auch in Indien gelehrt hat? Wir machten eine Reise. er wird wiederkehren. Wenn Buddha sagt. der Himmelskönigin. die man damit erzielt). bedeutet das. Dann wird Buddha auf die Erde zurückkommen. um Ägypten zu sehen. so fragte ich mich.Mannes. der du von Dunkelheit umgeben bist?« Sie glauben an ein Weltgericht.

Philos sah sich in der Stadt um. die ihm den Weg zu der uralten Formel weisen würde. die das ewige Leben schenkt. meine liebe Amelia. ich werde Alexandria vor allem deshalb nicht vergessen. mit Sehern und Seherinnen. Aber. 430 . er beriet sich mit Priestern und Priesterinnen. Er hoffte. Er sprach mit gelehrten Männern und verbrachte Wochen und Monate in der großen Bibliothek. weil ich in dieser Stadt endlich die Liebe kennenlernte. eine Spur zu finden. frommen Männern und weisen Frauen.

DER ZEHNTE TAG 431 .

Nevada »Jemand wie ich muß nur nach Las Vegas kommen. »Ein Kellner vom Zimmer-Service sagt. schob sich eine in den Mund. Beim Aufwachen am frühen Morgen war er nicht in seinem Zimmer gewesen. der immer Essen für zwei bestellt. Wenn der Pfarrer heute Frühstück bestellt. denn er sagte sich. sie wüßten ohnehin am besten über die Gäste Bescheid. »Du hast also den Priester gefunden?« fragte er. Sie hatte das Hotel nach Garibaldi abgesucht. sich mit Zimmerkellnern und Zimmermädchen zu unterhalten. Dezember 1999 Las Vegas. 23. Er meint.« Catherine machte sich Sorgen. ohne ihn zu finden. Raphael mußte sich vom Anblick der spärlich bekleideten Kellnerinnen losreißen. Aber er hat die andere Person noch nie gesehen. erwiderte Zeke. sagte Zeke. Möglicherweise war er im Casino. wird sich der Kellner die Zimmernummer merken…« Raphael griff nach der Schale mit den gesalzenen Nüssen.Donnerstag. um das Geld ›zu beschaffen‹ das ihm am Abend 432 . die an diesem sonnigen Morgen den durstigen Gästen bereits die ersten Bloody Marys und Screwdrivers servierten. steckte die anderen in die Jackentasche und sagte: »Schnappen wir sie uns. »Und ob ich ihn gefunden habe«. Nachdem seine Erkundigungen an der Rezeption erfolglos geblieben waren. Zeke lächelte vielsagend. hatte Zeke beschlossen. Ich habe ihm ein gutes Trinkgeld gegeben. es gibt einen Pfarrer. als er Raphael wie besprochen in der Mz’nos Taverne im Hotel Atlantis traf. und schon gewinnt er den Jackpot«. es könnte eine Frau sein.

als Danno sie schließlich davon überzeugte. daß sie Dr. Catherine trug die große Sonnenbrille. Aber auch an den Spieltischen hatte sie ihn nicht entdeckt. sie sei von bewaffneten Männern verfolgt worden. Catherine hatte sich lange gegen die Computertechnik gewehrt und ihren Widerstand erst aufgegeben. »LASST MICH IN RUHE!« stand da neben einem Photo von ihr.« Dann äußerte sich ein Theologe: »Catherine Alexander hütet einen Schatz. die sie mit den Kleidern gekauft hatte. was mit den Schriftrollen vom Toten Meer geschehen ist. Ich finde es bemerkenswert 433 . Am frühen Morgen war im Radio Kriminalkommissar Shapiro aus Santa Barbara zitiert worden. Aber das war an dem Abend gewesen. Jetzt fühlte sie sich in der Welt von Cyberspace sicherer als in der wirklichen. hatte Garibaldi gesagt. erkannt zu werden. der uns allen gehört. »Diese Fanatiker könnten Sie entführen oder Schlimmeres…«. Sie erweist der Menschheit einen Dienst.zuvor im Umkleideraum gestohlen worden war. und die Polizei wußte noch nichts von ihren blonden kurzen Haaren. als die ganze Welt gegen sie zu sein schien. Stevenson ermordet hat. Man sollte sie nicht verfolgen. Inzwischen hatte sich die öffentliche Meinung um hundertachtzig Grad gedreht. An einem Zeitungskiosk fiel ihr Blick auf die Schlagzeile. Sie wußte. Deshalb bezweifeln wir. der gesagt hatte: »Wir haben keine Anklage gegen sie erhoben. Beinahe fünfzig Jahre lang hat sie niemand zu sehen bekommen. Wir wollen ihr nur einige Fragen stellen. daß ein Computer ein höchst wirksames Instrument der Forschung sein konnte. trotzdem fürchtete sie. daß Catherine Alexander überall im Internet zum Thema Nummer eins geworden war. Zeugen sagen aus. Denken Sie daran. Ihre Bitte um Weitergabe der Information hatte einen ungeheuren Erfolg gehabt. der Artikel würde berichten.

von einem der Raumschiffe in die oberen Stockwerke befördert zu 434 . daß sich in ihrer Suite ein Kassettenrecorder befand. Aber die Hotelgäste interessierten sich mehr für andere Dinge. daß sie diese schwere Prüfung übersteht. behielt sie die Leute im Auge. wohin Garibaldi gegangen sein mochte. Sie wollten Unterhaltung. Bevor sie sich zu den Hotelgästen stellte. Alexander tut. Das ägyptische Kulturministerium kann nicht genau sagen. um ihre Spur zu verwischen. die darauf warteten. und kaufte die Kassette. würde sie es tun. im Atlantis das Leben genießen… Catherine war gerade im Begriff weiterzugehen. Es sollte eine Überraschung für Garibaldi werden. Freunde sehen. Und das fehlende Geld? Garibaldi konnte sich über den Kreditkarten-Service entweder Reiseschecks oder eine Ersatzkarte ausstellen lassen. Wenn das nicht möglich war. weshalb alle diese bedauernswerte Frau verfolgen. »Ich weiß nicht. Dann mußten sie Las Vegas natürlich sofort verlassen. Sie freute sich über den Fund. Sie ist weder von der Polizei noch von der amerikanischen Regierung offiziell eines Verbrechens beschuldigt worden. Catherine fiel ein. die in einem spanischen Kloster aufgenommen worden waren. Darunter befand sich eine mit gregorianischen Chorälen. als ihr Blick auf die ausgestellten Musik-Kassetten fiel.und sehr mutig.« Trotzdem blieb Catherine vorsichtig. während sie beide arbeiteten. Während sie die Zeitungen am Kiosk überflog und überlegte. Ich finde. Geld gewinnen. Die Musik würde entspannend und beruhigend wirken.« Selbst Kardinal Lefevre im Vatikan schien seine Haltung geändert zu haben. wir sollten sie in Frieden lassen und beten. was sie angeblich gestohlen hat. Frühstück. was Dr. kurz gesagt.

« Er lächelte sie an. hielt sie noch einmal nach Garibaldi Ausschau. fügte er schnell hinzu: »Keine Sorge. als er plötzlich am anderen Ende der Halle auftauchte. Geld aufzutreiben – genug. »Warum sind Sie nicht oben im Zimmer?« »Ich habe Sie gesucht. Was mochte Garibaldi unternommen haben. weil ich mir Sorgen mache. Garibaldi sah sich um und sagte etwas leiser: »Ich habe gute Neuigkeiten. die einsteigen wollten lief quer durch die Halle und erreichte ihn atemlos vor der drei Stockwerke hohen Statue der Göttin Athene. um eine Weile damit auszukommen. in der sich ein Videoladen befand. »Ich habe neue Batterien für den Laptop besorgt. daß ich nicht lange weg sein würde.« Als sie ihn fragend ansah. mit zwei blutigen Stöcken die Furien zu besiegen. »Catherine«. daß sie ihn beinahe nicht gesehen hätte. Es ist mir gelungen.« Er legte ihr freundschaftlich den Arm um die Schulter. um Geld auf zutreiben? Sie war so in Gedanken versunken. Sie hatte danach unruhig geschlafen und im Traum den Priester gesehen. Sie überlegte. Sie machte sich Sorgen. sagte er erstaunt und griff nach ihrem Arm. Wir müssen nicht ausziehen. Aber dann 435 .« »In meiner Nachricht stand doch.werden. Die Berührung durchzuckte Catherine wie ein Blitzstrahl und erinnerte sie an die Umarmung gestern nacht. ob er möglicherweise in einem anderen Spielcasino sei. Ich stand am Eingang des Spielcasinos und wäre beinahe hineingegangen. den immer noch Selbstvorwürfe quälten und der in seiner Verzweiflung versuchte. die ihn verfolgten. Catherine drängte sich durch die Leute. Sie hatte jedoch auch von seinen Küssen geträumt.

daß es der beste Schutz für Sie ist. aber ich hatte das Gefühl.« Garibaldi wich einen Schritt rückwärts und hob 436 . »Schon gut. heben Sie die Hände hoch und gehen Sie hinein. Wenn die Leute mich anstarren.habe ich es doch nicht getan. ich falle sogar in diesem verrückten Hotel auf.« Er lächelte. »Was…?« Das Licht ging plötzlich aus. »Wir haben nicht viel Zeit. nahm ihren Arm und ging mit ihr zu den Raumschiffen. Catherine wollte sofort zur Stereoanlage.« Als sie die Zahlenkombination für ihre Suite eingaben. Und ganz besonders sehen sie nicht die Frau an meiner Seite. sagte er. Trotzdem glaube ich. aber mein Partner möchte unbedingt persönlich mit Ihnen sprechen«. Ich weiß. aber sie blieb erschrocken stehen.« »Was erwarten Sie in diesem Aufzug anderes?« Garibaldi trug die Soutane. ob ich allmählich an Verfolgungswahn leide. und entschuldigte sich sofort. »Wir fahren besser nach oben. Catherine merkte. »Tut mir leid. um die Kassette einzulegen. daß sie erwartet wurden. »Bitte. so war es nicht gemeint. einer der Portiers habe bei meinem Anblick merkwürdig reagiert. sehen sie den Priester. ahnten sie nicht. hörte Catherine eine zynische Stimme. Sie erstarrte.« »Und wie…?« »Das erkläre ich Ihnen später«. denn sie hörte. nicht den Mann. Den Weg kennen Sie ja. Ich weiß nicht. daß ihre Bemerkung leicht spöttisch und beinahe kokett geklungen hatte. Schemenhaft sah sie in dem Vorraum neben Garibaldi eine Gestalt an der Tür. wie hinter ihr die Tür der Suite mit einem lauten Knall ins Schloß fiel.

Sagen Sie Ihrem frommen Leibwächter daß er die Schriftrollen bei mir abholen kann! Ich habe noch ein Wort eben mit ihm zu reden. Zeke glaubte schon. Die beiden Männer umkreisten sich wie Raubtiere. fügte sie tonlos hinzu. Garibaldi rettete sich auf die andere Seite des Tischs. »Nein!« Es klang fast wie ein Schrei. und er blieb leblos liegen. Sie gehorchte mechanisch wie eine Marionette. Noch ehe er am Boden lag. Garibaldi stieß keuchend hervor: »Schnell. »Machen Sie die Zimmertür auf!« rief er Catherine zu. Er fiel mit einem dumpfen Schlag gegen den Tisch. verlor das Gleichgewicht und stürzte zur Seite. hatte ihn Garibaldi bereits an den Haaren gepackt. Catherine sah. Ehe Garibaldi etwas erwidern konnte. denn er kämpfte mit dem Messer. Zeke war im Vorteil. wie die blonden lockigen Haare sich blutig färbten. wo 437 . und der Killer trieb ihn durch den Raum in eine Ecke. und die Lampe zerbrach mit einem lauten Knall an der gegenüberliegenden Wand. ihm den Todesstoß versetzen zu können. Kaum war die Tür offen. »Die Schriftrollen«.« Der Killer mit der Narbe stand mit der blauen Tasche im Zimmer. Der Mann schwankte. Geschickt wich der Killer aus. Aber sie riß sich los. ging das Licht wieder an. Garibaldi dagegen hatte keine Waffe. Frau Doktor. riß er den Mann hoch und warf ihn in das Zimmer. Aber dann schlug er dem Mann die Waffe aus der Hand. »Richtig. ließ sich blitzschnell fallen und packte ihn an den Beinen. Sein Kopf traf die Kante.scheinbar gehorsam die Hände. als Garibaldi nach einer Tischlampe griff und sie nach ihm schleuderte. wir müssen hier weg!« und griff nach ihrer Hand.

aber es gelang Garibaldi. Er sah ihr Flehen.Zekes Partner noch immer bewußtlos lag. »Hier…«. Sie wußte später nicht mehr. Dann ging alles sehr schnell. laufen Sie in mein Zimmer!« rief er Catherine zu und sprang auf den Tisch. Garibaldi riß geistesgegenwärtig den Stock hoch. Ohne sich umzudrehen. wie es klirrend auf die Tischplatte fiel. flüsterte sie. Catherine stand an der Tür. Sie hörte. durchlief sie ein Schauer. trat er ihm mit voller Wucht gegen den Arm. »Das wirst du mir büßen!« knurrte der Killer. »Nein!« Garibaldi hielt inne. Der Killer stürzte rücklings zu Boden und riß Garibaldi mit sich. »Los. den sie ihm reichte. In diesem Augenblick warf Zeke das Messer. das Messer abzuwehren. wie es wirklich geschehen war. Er hatte die blaue Tasche fallen lassen und richtete sich wütend auf. Zekes Hand blutete. Von nebenan hörte sie einen wütenden Aufschrei. Der Stock traf Zeke wie ein Pfeil. griff er nach dem Stock. Der Killer taumelte rückwärts und drehte sich einmal um sich selbst. Als sie den lackierten Stock in die Hand nahm. kniete vor Garibaldis Reisetasche. »Laufen Sie!« rief Garibaldi noch einmal. Wenn er feststellte. Als Zeke mit dem Messer nach ihm stieß. ihre Panik und verstand. Garibaldi sprang aus dem Stand über den Tisch. daß Garibaldi ihm überlegen war. was Garibaldi von ihr wollte. Aber im nächsten Augenblick stand Garibaldi wieder und hob den Stock zum tödlichen Schlag. ihre Verzweiflung. Zeke hatte außer dem Messer noch eine Pistole. Der Kampf würde nicht mehr lange dauern. sah sie über den Raum hinweg für den Bruchteil einer Sekunde an. Sie wußte. die Beine würden ihr den Dienst versagen. Catherine glaubte. Mit einem Fußtritt 438 . würde er ihn kaltblütig erschießen und dann… Sie bewegte sich wie in Trance. Garibaldi stand mit dem Rücken zu ihr.

kann uns nichts mehr passieren…« Er griff nach der blauen Tasche. »Kommen Sie. Sie staunte über das tröstliche Gefühl. Sie konnte sich nicht von der Stelle rühren. ließen sie jetzt noch zittern. wurde ihr übel. Sie dachte an die Killer. Garibaldi sah sie besorgt an. Sie umklammerte die blaue Tasche und versuchte. das laute Lachen und die anzüglichen Bemerkungen über Stiere und Frauen zu überhören. In diesem Augenblick der Schwäche wußte Catherine. Der Brechreiz ließ nach. der Attraktion am Vormittag in der riesigen Hotelhalle. die sie bei dem Kampf erlebt hatte. flüsterte er. In das Raumschiff drängte sich eine Gruppe Engländer. daß sie Garibaldi auf eine neue Art respektierte. Als das Raumschiff in der Hotelhalle anhielt und sie aussteigen wollten. Die Männer waren selbstsicher und ausgelassen und benahmen sich beinahe kindisch. Das Blut. Garibaldi hatte nach dem Kampf nur flüchtig einen Blick auf die beiden Männer geworfen und gesagt: ›Sie werden keine schönen Träume haben. Wenn wir aus dem Hotel sind. und wenn sie aufwachen. ihre Frauen dagegen wirkten spröde und waren maskenhaft geschminkt. drückte Catherine an sich und legte ihr den Arm um die Schulter. griff nach der blauen Tasche und nickte ihr zu. »Wir dürfen kein Aufsehen erregen«. sich ihm vertrauensvoll überlassen zu können. die Brutalität und Gewalt. die bewußtlos im Zimmer lagen. Die Engländer wollten zum Stierspringen. reichte ihr schließlich die Hand und zog sie vom Sitz. sind wir nicht mehr in Las Vegas. Er ist mein 439 . Catherine schloß die Augen. ein Club auf Erlebnisreise.machte er Zeke bewußtlos.‹ Catherine biß die Zähne zusammen. wir haben es gleich geschafft.

Die Menge verstummte. blieb jedoch unentschlossen stehen. daß Garibaldi sie an das entfernte Ende der Empfangshalle geführt hatte. Nehmen Sie die blaue Tasche. An der Rezeption ist immer viel los. Fanfaren und dumpfe Trommelwirbel kündigten den Stier an. Es gelang ihr nicht. Die Unruhe wuchs.« Sie hatten eine verspiegelte Pendeltür erreicht. Setzen Sie sich. Der Wettkampf zwischen der Frau und dem Tier begann… Catherine war froh. Catherine setzte sich in den weich gepolsterten Sessel und versuchte. Er läßt mich nicht im Stich! »Wohin gehen wir?« fragte sie leise. sich zu entspannen. fragte sie erschrocken: »Wo ist der Laptop?« »In meiner Reisetasche. Sie können mich von hier sehen. es kann einige Zeit dauern. er mußte warten. Ihr Herz schlug laut. Wann wird die Flucht zu Ende sein? Catherine drehte sich unruhig um und erstarrte. bis ich die Rechnung bezahlt habe. »Warten Sie hier. sie atmete flach.« Da Catherine sich ängstlich an ihn drückte. Endlich war Garibaldi an der Reihe. Ihre Hände waren naß vom Schweiß. Der 440 . Hier sah sie wenigstens nichts von dem aufreizenden Spektakel. »Ich habe mir gestern das Hotel etwas genauer angesehen und einen Seitenausgang entdeckt.« Garibaldi hatte recht. fügte er beruhigend hinzu: »Es ist besser so. als er sie an der Rezeption vorbeiführte. Garibaldi deutete auf einen Sessel.« Catherine nickte. Als er sich umdrehte und gehen wollte.Beschützer. Am liebsten wäre sie aufgesprungen und einfach davongerannt. doch das Geschrei und Gejohle der Zuschauer zerrte trotzdem an ihren Nerven. aber keine Angst.

Ihr blieb nicht viel Zeit. und sie zuckte wie unter einem Schlag zusammen. Der Aufzug fuhr nach unten. Für den Bruchteil einer Sekunde sah Catherine seine kalten Augen auf sich gerichtet. Der Fahrstuhl blieb mit einem Ruck stehen. Er verfolgte sie. Sie befand sich in einem breiten. Auch wenn sie den Aufzug blockierte. Catherine hatte das Gefühl zu fallen und klammerte sich an einen Haltegriff. Als sich die schwere Eisentür des Aufzugs langsam schloß. Schnell ging sie durch die Tür und befand sich in einem Gang. Schließlich ging er in Richtung Rezeption. Catherine nahm die blaue Tasche über die Schulter und verließ den Aufzug. daß jemand den Aufzug nach oben holen wollte – der Killer! Sie saß in der Falle. grün gekachelten Tunnel. In regelmäßigen Abständen brannten blauweiße 441 . sah sie den Killer. Hatte er sie vielleicht doch nicht bemerkt? Sie mußte Garibaldi warnen! Die Pendeltür bewegte sich. Catherine wagte nicht. die verletzte Hand in der Hosentasche. drehte sich sein Kopf in ihre Richtung. Plötzlich war sie hellwach. Am Ende sah sie einen Lastenaufzug mit dem Hinweis: ›Nur für Angestellte!‹ Daneben befand sich hinter einer Glastür eine Treppe. Als sei sie mit ihm durch unsichtbare Fäden verbunden. sich zu bewegen. drückte sie schnell den roten Knopf mit der Aufschrift: ›STOP‹. Der Killer war nicht zu sehen. Als sich die Aufzugstür jedoch wieder schloß. und sie sprang in Panik auf. aber sie war wie gelähmt und rührte sich nicht von der Stelle. Ihre Hand berührte den Bronzegriff der verspiegelten Pendeltür.Killer mit der Narbe trat aus einem Raumschiff. Auf der Leuchtanzeige sah sie. Catherine war mit einem Satz im Aufzug und drückte auf den Knopf. Er blieb stehen und blickte sich suchend in der Halle um. gab es für ihn immer noch die Treppe. die Tür glitt zur Seite. Catherine blieb atemlos vor dem Aufzug stehen und drehte sich um.

Zurück konnte sie nicht.Deckenlampen. In den Boden war ein Gleis eingelassen. als sie vermutet hatte. Garibaldi hatte ihr erzählt. Catherine rannte weiter. der sie wieder nach oben bringen würde. Ihre Schritte hallten dumpf in der seltsam unnatürlichen Stille Ihr Keuchen klang überlaut. die ins Schloß fiel. als plötzlich Neonlichter aufflammten. daß sich unter dem Hotel und dem See ein Tunnel befand. zu Atlantis. Vielleicht gab es dahinter einen Aufzug. An der Seite sah sie ein Schienenfahrzeug mit einem kleinen Kran. Hinter der Biegung war alles dunkel. dessen ›Untergang‹ zweimal täglich den Hotelgästen vorgeführt wurde. Sollte sie vielleicht doch umkehren? Der dumpfe Knall einer Eisentür. Sie konnte sich nicht weiter vorwagen. Auf einer Tafel neben einer grünen und roten Ampel stand: ›ACHTUNG SCHLEUSE! BETRETEN VERBOTEN! LEBENSGEFAHR!‹ Catherine wußte jetzt. aber heftiges Seitenstechen zwang sie schließlich stehenzubleiben. 442 . Der Killer würde sie einholen und hier unten leichtes Spiel mit ihr haben. Ein bedrohliches Brummen oder Summen lag in der Luft. Der Tunnel machte eine leichte Kurve. Catherine rannte weiter. Die Kurve schien kein Ende zu nehmen. Ihre Angst nahm zu. und wohin führte der Gang? Sie blieb verwirrt stehen. blieb dann aber wie angewurzelt stehen. der zur Insel führte. Der Gang wurde eng und bot nur Platz für die Schienen. Der Killer schien sich seiner Sache sicher und trieb sie vor sich her. wo sie war. Sie war nicht mehr allein. Der Gang war sehr viel länger. Wo befand sie sich. Sie lief los. ließ sie zusammenzucken. Die grünen Fliesen wirkten im blauen Licht kalt und lebensfeindlich.

So schrecklich die Dunkelheit auch war. stieß sie gegen die Wand. Dann stand sie in völliger Dunkelheit. Falls der Killer sie nicht fand und umbrachte. als sie unter der Ampel einen großen Hebel mit der Aufschrift: ›Lichtschranke‹ bemerkte. würde sie ertrinken. Sie sank auf die Knie. Er würde die Schriftrollen bekommen. der sich leicht bewegte. wie die Schleuse den Tunnel verschloß.Havers hatte gewonnen. Nur das kalte Eisen der Schienen war trocken. Sollte sie aufgeben? Mit der Insel würden auch die Schriftrollen untergehen und 443 . Trotzdem mußte sie weiter. Sie schob den Hebel. Sobald ihr Atem wieder etwas ruhiger ging. kamen ihr die Tränen. Die Ampel wechselte auf Rot. wenn der Tunnel geflutet wurde und Atlantis wieder einmal im Wasser versank. Sie stand gut sichtbar im Licht. Er durfte sie auf keinen Fall direkt hinter der Schleuse einholen. Sie trat durch das Tor und sah mit angehaltenem Atem zu. betastete sie den Boden. Von der Decke tropfte Wasser. Als Catherine zum dritten Mal auf dem glitschigen Boden ausrutschte und beinahe stürzte. den Killer umzubringen? In ihrer Verzweiflung wollte Catherine durch das offene Schleusentor in die Dunkelheit fliehen. Der Killer würde nicht lange zögern und das Schleusentor wieder öffnen. Als sie sich aufrichtete und vorsichtig einen Schritt zur Seite machte und dann noch einen. Der Beton war feucht und glitschig. Catherine hörte hinter sich das Hallen von Schritten. Warum habe ich Garibaldi daran gehindert. und sie lehnte sich mit unterdrücktem Schluchzen an die Wand. Er konnte sie einfach erschießen. und eine Warnlampe begann zu blinken. sie bot ihr im Augenblick den einzigen Schutz. Catherine mußte gegen ihre aufsteigende Panik ankämpfen. in die Stellung ›A‹. Die Beine versagten ihr den Dienst.

Entschlossen eilte sie weiter. Sie befand sich in einer Stadt mit bizarren Säulen. Atlantis… Catherine hatte das Spektakel bereits mehrmals vom Hotelzimmer aus gesehen. Aber hier auf der Insel schien alles anders zu sein. Statuen und den gespenstischen Fassaden unwirklicher Häuser. Tempeln. hätte sie fast das Gleichgewicht verloren. Als sie sich aufrichtete. Sie stand auf und rannte weiter. Bestimmt war ihm nicht entgangen.Sabinas Geheimnis… Garibaldi! Sie konzentrierte sich auf ihn und wurde ruhiger. Die Wand hörte plötzlich auf. Erschrocken sah sie sich um. Sie biß die Zähne zusammen und kletterte weiter. Ohne zu zögern kletterte sie hinauf. er würde sie nicht im Stich lassen. Der Gang endete in einem Schacht. daß sie die Augen schließen mußte. Ein dumpfes Grollen ließ sie zusammenzucken. Das Sonnenlicht war so grell. daß sie aus der Halle fliehen mußte. Aber die frische Luft war wie eine Erlösung. Es muß einen Ausweg geben! Catherine stieß einen durchdringenden Schrei aus und stürzte ins Leere. und sie fiel der Länge nach auf den Boden. Am anderen Ende der Insel erhob sich ein niedriger Hügel. Dabei war ihr die blaue Tasche im Weg. dessen Gipfel in diesem Augenblick auseinanderbrach und sich in einen feuerspeienden Vulkan verwandelte. der senkrecht nach oben führte Catherine entdeckte jedoch Eisensprossen. Als sie sie auf den Rücken schieben wollte. Instinktiv hielt sie schützend die freie Hand vor den Kopf. 444 . Sie wußte. Sie holte tief Luft und empfand wieder etwas Zuversicht. Sie stand im Freien. sah sie in einiger Entfernung schwaches Tageslicht. Sie konnte sich nicht orientieren und wußte nur: Am Ende versank Atlantis in den Fluten.

Sie rannte seitlich am Tempel vorbei und den Hang an der anderen Seite hinunter. Schreie. Da begann das Wasser die Insel zu überfluten. Der Killer! Die Phantomstadt hatte keine richtigen Straßen und Plätze.Unschlüssig stand sie neben dem Schacht. die Säule würde erst gegen Ende des Schauspiels auf die Stufen stürzen. stolperte und kletterte Catherine über die seltsamsten Hindernisse. Eine Fassade stürzte ein. mit der das Schauspiel des Untergangs eingeleitet wurde. Catherine kniff die Augen zusammen. Am Fuß der breiten Marmortreppe bleib sie atemlos stehen und drehte sich um. stiegen Fontänen aus unsichtbaren Kratern auf. Sie war nur eine große Kulisse mit Winden und mechanischen Greifarmen. Der Kopf einer Statue zersprang auf dem Boden. Es gab also noch mehr Schächte auf der Insel. Am liebsten wäre sie wieder hinuntergestiegen. Wie von Furien gejagt rannte. Der Mann wich im letzten Moment aus. bevor der Killer sie fand und die Insel im See versank. Wenn Atlantis auseinanderbrach. Verblüfft drehte sich Catherine 445 . die wie ein gigantisches Uhrwerk langsam in Bewegung gerieten. Aus den Lautsprechern des Hotels hallte die ›Atlantis-Symphonie‹ herüber. Als sie jedoch in dem dunklen Loch das Licht einer Taschenlampe sah. Vorsicht! Sie schien den Schuß und das Einschlagen der Kugel vor sich gleichzeitig wahrzunehmen. lief sie los. Sie rannte weiter. Die Fontänen! Catherine erinnerte sich. fing die Erde an zu beben. Sie näherte sich dem großen weißen Tempel in der Mitte der Insel. Explosionen und Sturmgeräusche untermalten das Inferno. Sie wußte. Aber auch die hohe Säule vor dem Tempel mit der vergoldeten Statue einer Göttin schwankte. Als sie den Killer mit der Narbe in der Nähe des Schachts entdeckte. Sie mußte einen davon erreichen.

Noch bevor sie den Tunnel erreicht hatten.« 446 . Er packte sie am Arm und zog sie weiter. Wer hat gerufen? Dann hörte sie einen Schrei. »Er kann bestimmt schwimmen. Es waren die Scheinwerfer eines Schienenfahrzeugs. und ein Funkenregen ging auf die Insel nieder. Hinter ihnen schloß sich fast lautlos das schwere Schleusentor. »Was ist mit dem Mann?« fragte Catherine. Sie zuckte erschrocken zusammen. und wenn nicht. Als sie sich der Schleuse näherten. Garibaldi half Catherine auf den Beifahrersitz und fuhr los. künstliche Lava strömte den Hügel herab. blinkte bereits die gelbe Warnleuchte. der nicht aus den Lautsprechern kam. Der Killer. Garibaldi nahm die blaue Tasche und half ihr beim Einstieg. lag unter einem umgestürzten Plastikbaum. aber es war Garibaldi.um. muß er es lernen. heulte schrill eine Sirene. der auf sie geschossen hatte. »Schnell! Kommen Sie!« Er zog sie mit sich. Im dunklen Gang brannte Licht. Vor einem Springbrunnen befand sich der nächste Schacht. Garibaldi folgte ihr hustend in die Dunkelheit. Dampf und Rauchwolken wirbelten durch die Luft. Nicht lange und über ihnen würde Atlantis versinken. »Schnell weg hier!« Eine Hand legte sich auf Catherines Schulter.

um ihm zu verraten. die sich in Privatsammlungen befanden. Julius wußte. Er fragte sich. daß er schließlich einen Weg gefunden hatte. Das Ende der Geschichte. Er hatte sich stets an strenge Prinzipien gehalten. Sie konnte es nicht über Internet ausfindig machen. Er hatte das alte Buch von Rabbi Goldman ausgeliehen. Sein der Wissenschaft verpflichtetes Gewissen lag im Widerstreit mit seiner Liebe. vor hundert Jahren erschienenes Werk. Sabina Fabianas Schicksal.Malibu. Während er die Einträge studiert hatte. daß Catherine nichts von der Existenz dieses Pergaments wußte. Im reproduzierten Text sprang ihm sofort der Name Sabina Fabiana ins Auge. Jahrhundert‹ aufgefallen. war ihm eine lateinische Handschrift aus dem Mittelalter mit dem Hinweis: ›Thomas von Monmouth zugeschrieben. 447 . XII. Es war ein dickes. Doch anstatt erleichtert zu sein. Handschriften und Briefe gewesen. Kodizes. war er plötzlich beunruhigt. daß manche dieser Sammlungen so klein waren. weil er hoffte. Schriftrollen. Catherine zu helfen. doch es reichte aus. während er etwas anderes suchte. Zur damaligen Zeit war es vermutlich der umfassendste Katalog alter Dokumente. Er blickte ehrfürchtig auf die Buchseite mit dem Dokument. daß es sich nicht gelohnt hatte. Er war zufällig darauf gestoßen. Sein Latein war schlecht. ob er ihr überhaupt etwas von der Handschrift sagen sollte. Hier auf dieser Seite stand. Kalifornien Julius traute seinen Augen nicht. sie in die weltweiten Datenbanken aufzunehmen. Er war sicher. was alle wissen wollten. Er hatte es gefunden. auf die Titel alter Papyri zu stoßen.

widersprach das allen seinen Grundsätzen. Es wunderte ihn nicht. was sie tat. Er billigte nicht. wie er Catherine helfen könnte. daß er erschöpft aussah. Er dachte kurz daran. Das Telefon klingelte zweimal. Aber ebensowenig wollte er Catherine im Stich lassen. Seine Versuche. Erst. waren alle gescheitert. Nach dem Pfeifton meldete sich eine Frauenstimme: »Herr Dr. tat es aber doch nicht. wie sich sein Anrufbeantworter in der Küche einschaltete. ob wir ein Live-Interview mit Ihnen in unsere Sendung einplanen dürfen…« Julius ging in die Küche und schaltete das Gerät ab. in das Archäologische Institut der Universität und von dort zurück zu Rabbi Goldman -. drückte es Julius in die 448 . Wir wüßten gerne. daß Catherine anrufen würde. wenig gegessen und war wie von bösen Geistern gejagt von einem Computer zum anderen gefahren – zuerst zu Rabbi Goldman. Er hatte in den letzten vierundzwanzig Stunden kaum geschlafen. Es bestand immer die Möglichkeit. Fabiana oder etwas. den Stecker zu ziehen. nahm der geduldige alte Gelehrte ein verstaubtes Buch mit brüchigen Seiten aus dem Regal. aber über die dunklen Ringe unter den Augen und das leichenblasse Gesicht staunte er doch. als er in der Glastür des Mikrowellenherds sein Spiegelbild sah. das mit Sabina und den Schriftrollen in Zusammenhang stand. und er hörte. wenn er sie unterstützte.und die wollte er nicht aufgeben. danach zur Öffentlichen Bibliothek. hier spricht Camilla Williams von der Nachrichtensendung Augenzeugen. und er hatte sich den Kopf darüber zerbrochen. Er wollte gerade ins Wohnzimmer und zu dem beunruhigenden Dokument zurückgehen. als er Rabbi Goldman die ganze Sache erzählt hatte. im Internet einen Hinweis auf Fabianus. indem er ihr von diesem Dokument berichtete. Voss.

wo er und Catherine sich ihre Liebe gestanden hatten. und trat hinaus in die frische Meeresluft. Dann hätte er am liebsten geweint. Catherine… Er hatte der Polizei schließlich sagen müssen. Hinter diesem Horizont. den er und Catherine eines Nachts im Sand gefunden hatten. Er lächelte bei diesem Gedanken. »Ja. gleichzeitig aber auch. sein Blick fiel auf die bequeme Zedernholzsitzgruppe. wo tiefe Wolken hingen und einzelne Sonnenstrahlen dazwischen das Wasser küßten. Er fühlte sich innerlich zerrissen. Kurz danach waren sie vor fünf verrückten Motorradfahrern geflohen. nicht zu lügen. Sein Blick glitt über den perlmuttfarbenen Pazifik. 449 . ich weiß nicht genau. ich weiß nichts über die genaue Fundstelle.« Julius fuhr sich nervös mit den Fingern durch die dichten schwarzen Haare. wie sie in die Vereinigten Staaten gebracht wurden. ging zur Glasschiebetür. Die Terrasse lag im Schatten.« Er hatte Halbwahrheiten zu Protokoll gegeben und versucht. Alexander ist im Besitz von Schriftrollen. der sich am fernen Horizont verlor. die Töpfe mit den roten und rosa Geranien und auf den getrockneten Seestern. war es so. Dr. Catherine zu schützen. Wo. was er wußte.Hand und sagte lächelnd: »Es ist vielleicht nicht so schnell wie ein Computer aber dafür stürzt der Text nie ab. Nein. die auf die verwitterte Holzterrasse führte. die dicht am Wasser ein Rennen fuhren. dachte er bitter. auf der anderen Seite der großen runden Erde lag Hawaii mit dem Halekulani Hotel. Damals hatten sie sich zum zweiten Mal geliebt – am Strand unter den Sternen. so fragte er sich. war die Trennungslinie zwischen dem Gewissen eines Mannes und seiner Liebe zu einer Frau? Mußte das eine das andere ausschließen? In diesem Fall. Nein.

Doch es war nur wieder ein Sensationsreporter. und er lauschte. und die Gefahr für sie wuchs. Catherine hatte recht gehabt. und der Möglichkeit. die er einen Tag und eine Nacht lang getragen hatte. Doch das Duschen half nicht. Julius hoffte. Wütend auf sich und auf seine Hilflosigkeit ging Julius ins Haus zurück und zog die Sachen aus. daß sie es nicht wagen konnte. die ihm versicherten. nachdem sie gehört hatte. die Uhr zurückzudrehen. Wenn er Catherine etwas von dem Manuskript des Thomas von Monmouth sagte. unterstützte er sie in einer Sache. was kommen würde. der Julius Geld für seine Geschichte anbot. Sie hatte ihn sehr aufgeregt angerufen. weil er hoffte. Wenn er ihr nichts sagte. die Tage und Monate ungeschehen zu machen. Das Telefon im Haus klingelte wieder. du trägst eine schwere Last«. sagte seine Mutter. dauerte ihre Suche Wochen. daß sein Kodierungsprogramm geknackt war und seine Post gelesen wurde. hatte ihn der Computer mit einem Warnsignal darauf aufmerksam gemacht. daß seine Haut krebsrot wurde. es sei Catherine. was in den Nachrichten über Catherine berichtet wurde. Er fühlte sich anschließend immer noch so zerschlagen wie zuvor. Catherine werde anrufen.Wenn es nur möglich wäre. Beim Anziehen dachte er an das Telefongespräch mit seiner Mutter an diesem Morgen. 450 . noch einmal neu zu beginnen in einer Zeit der Unschuld und in dem Wissen. vielleicht sogar Monate. es zu vermeiden. Dann duschte er und stellte das Wasser so heiß. Als die E-MailNachrichten von fremden Menschen auf der ganzen Welt eingegangen waren. Catherine gehe es gut. obwohl er wußte. die er für falsch hielt. »Julius.

»Trag sie nicht allein. Zwar verrichtete Julius regelmäßig das Morgengebet. legte Julius die Autoschlüssel wieder beiseite. alle Verwirrung und Unsicherheit schienen verschwunden. daß er es oberflächlich tat und mit seinen Gedanken bereits bei dem bevorstehenden Tag war. Der Himmel über Malibu war strahlend blau. dich zu führen. bewußtes Gebet nehmen. die symbolisierte. blickte auf die Wiedergabe der mit Malereien verzierten Handschrift in Rabbi Goldmans Katalog und sah seinen Weg deutlich vor sich. daß das Licht der Thora nie erlöschen werde. In der Küche wählte er die Nummer der Redaktion von Augenzeugen und fragte nach Camilla Williams.« Er dachte: Ich werde zur Synagoge gehen und beten. Sein Geist war klar. doch er wußte sehr wohl. Als er nach langer tiefer Versunkenheit den Blick vom Gebetbuch hob. sah er. der sagte: »Baal Schem-Tow hat uns gesagt: ›Er ist überall dort zu finden. Er ging ins Wohnzimmer. an die Lade mit den Thora-Rollen. Julius fühlte sich so erfrischt. zog die oberste Schublade der Kommode im Schlafzimmer auf und holte den Tallit und die Tefillin heraus – den Gebetsschal und die Gebetsriemen. Bitte ihn. Während 451 .« Plötzlich dachte Julius an die tröstliche Atmosphäre der Synagoge. wo man ihn einläßt‹«. Doch als er im Geist die Stimme seines längst verstorbenen Vaters hörte. Gib dich in Gottes Hand. An diesem Morgen würde er sich die Zeit für ein richtiges. was er zu tun hatte. vor wem du stehst. Er wußte jetzt. daß die Sonne den Kampf gegen die Wolken gewonnen hatte. als hätte er gut gegessen und tief geschlafen. an die brennende Lampe. und an die hebräische Inschrift über der Lade: »Wisse.

von der die Legende berichtet. ist nichts bekannt. sowie die Tatsache. »Sie hinterließ sechs Schriftrollen über Alchimie und Zauberei«.« 452 . »Über die siebte. das eine Darstellung der letzten Tage der Sabina Fabiana enthielt – die Umstände und den Ort ihres Todes. denn sie wurde nie geschrieben. hieß es in der Handschrift.er auf die Verbindung wartete. wanderte sein Blick zurück ins Wohnzimmer und zu dem bemerkenswerten Buch. daß sie gestorben war. bevor sie ihre Geschichte zu Ende erzählen konnte.

jetzt am Abend war die Luft schneidend kalt. Sie haben mich nicht darum gebeten«. hatte Garibaldi Reiseschecks besorgt. Sie war sich nur der Wärme der Finger bewußt. seien es gerade null Grad gewesen. Ein Schauer lief ihr über den Rücken. »Aber ich nehme bei Besuchern. Die Maschine brachte sie nach Washington. »Alles in Ordnung?« flüsterte er. Sie blickte auf Garibaldis Hand hinunter. D. schloß die Augen und dachte sofort wieder an den Kampf und die Flucht aus dem Hotel Atlantis. C. Das kostet nichts extra«. »Ich weiß. daß es minus 5 Grad waren und das Thermometer weiter fiel. Dann sind alle Denkmäler angestrahlt. als das Taxi langsam durch die verstopften Straßen rollte. die ihre Hand umschlossen. Nach der Ankunft hatten sie sich auf dem Flughafen 453 . die in der kalten Dezembernacht im Lichterglanz strahlten. der Las Vegas verließ. am liebsten diesen Weg. und die Kerzen am Weihnachtsbaum auf dem Rasen vor dem Weißen Haus brennen. Bei ihrer Ankunft auf dem Flughafen hatten sie festgestellt. die gekauften Kleidungsstücke hatten sie zurückgelassen. Sie nickte. sagte der Taxifahrer. Bei ihrer Flucht aus Las Vegas hatten sie nur ihre persönlichen Dinge mitgenommen – Catherine die blaue Sporttasche. Catherine nahm kaum etwas von den berühmten Bauwerken und Denkmälern wahr. besonders in der Weihnachtszeit. der ihre Hand hielt. so sagte man ihnen. fügte er freundlich hinzu. Tagsüber. Garibaldi seine Reisetasche und den Laptop -.Washington. D. Sie waren um Haaresbreite mit dem Leben davongekommen. Sie nahmen den nächsten Flug. Wie sich herausstellte.C. die zum ersten Mal hier sind.

Er hatte ihr bewiesen. Seitdem fiel es ihr sehr viel leichter. Garibaldi hätte seine beiden Gegner im Handumdrehen töten können. es bestand keine Gefahr einer Wiederholung der Episode der Nacht im Atlantis. Als er darauf verzichtete. ›separate Zimmer‹ bedeutete. fuhr er fort und blickte fragend in den Rückspiegel. und Garibaldi mit der Nachricht daß er etwas für sie gefunden hatte. wirklich unter Kontrolle hatte. Eine halbe Stunde später trafen sie sich wieder: Catherine mit Einkaufstüten. Er hätte den Killer mit dem lackierten Stock umgebracht. sagte er. »Übernachtung und Frühstück«. Catherine sah Garibaldi nachdenklich an. stellte er unter Beweis. ihm wirklich zu vertrauen… »Wir müssen so schnell wie möglich wieder ins Internet«. in denen sich auch ein friedfertiger Mann blitzschnell in einen Kämpfer verwandeln mußte. als sie Garibaldi aus seinem Alptraum geweckt und er sie in die Arme genommen hatte. »Im Radio sagen sie. berichtete der Taxifahrer. daß er die tödliche Kraft.« Catherine wußte. in denen sich Daunenjacken. wenn sie ihn nicht daran gehindert hätte. geisterhafter Finger in den Himmel ragte. »was glauben Sie? Was wird an Silvester geschehen? Kommt der Weltuntergang oder eine schreckliche Katastrophe?« Er lachte leise. Catherine machte sich auf die Suche nach einem Geschäft für Winterkleidung. die er kultivierte. es wird wahrscheinlich schneien«.getrennt. Schals. Handschuhe und Strickmützen befanden. sagte sie leise mit einem Blick auf den Laptop 454 . Ohne sein Pangamot wären sie beide nicht mehr am Leben. Garibaldi ging zum Zimmernachweis-Schalter. »Also«. das wie ein anklagender. »Zwei separate Zimmer. um eine Unterkunft zu finden. daß es im Leben Situationen gab. als sie am Washington-Denkmal vorbeifuhren.

für alle Fälle.« Er seufzte und schüttelte den Kopf. nicht wahr?« »Bei unserer Ankunft im Atlantis habe ich in der Halle das Firmenschild eines Antiquitätengeschäfts gesehen. das rund um die Uhr geöffnet ist. daß die katholische Kirche unbegrenzten Kredit hat. daß Vater Pulaski nichts dagegen gehabt hätte. wir brauchten das Geld.und schob die Erinnerung beiseite. »Sie haben Vater Pulaskis Uhr verkauft. Die Kunden sind natürlich vor allem Spieler. die Geld brauchen. »Sie scheinen zu vergessen. An dem Abend. »Woher haben Sie eigentlich das ganze Geld?« Er lachte verlegen. Ich war ebenfalls dort. es wäre ein Schutz für Sie.« 455 . Aber ich war in Panik und dachte. murmelte Garibaldi kaum hörbar. wenn ich meine Soutane trage. Seitdem verfolgt er uns.« »Aber sie hat Ihnen so viel bedeutet…« »Ich gestehe. »Ich dachte. als sie am Jefferson-Denkmal vorbeifuhren. ich habe etwas voreilig gehandelt. habe ich die Uhr verkauft.« Er zögerte. als Sie beide das Lager im Sinai verlassen haben. Catherine schloß die Augen. »Verstehen Sie. War das alles nur ein böser Traum. Statt dessen habe ich eine klar sichtbare Spur hinterlassen.« »Wo haben Sie Ihre Uhr?« Er räusperte sich und blickte stumm aus dem Wagenfenster. daß der Mann von Havers unter den Schaulustigen stand.« Sie sah ihn an. Der Killer muß mich in Santa Barbara wiedererkannt haben. »Ihr Freund Daniel hatte Ihnen gesagt. Er nickte und drückte ihre Hand. als man mir die Brieftasche gestohlen hat. Außerdem glaube ich. aus dem sie nicht erwachen konnte? »Es ist alles meine Schuld«.

In dem Prospekt. die anderen wissen. den Garibaldi vom Zimmernachweis am Flughafen 456 . »Hier. Der Besitzer hatte ihr für den Maya-Anhänger nicht annähernd soviel bezahlt. daß sie sich schämt. fügte er hinzu. »Eine sehr gute Gegend«. Auf der Suche nach Garibaldi war sie ebenfalls in dem Antiquitätengeschäft gewesen. Sie steht während des Unterrichts auf einem Hocker vor der Klasse. daß Danno sie ebenfalls verstanden hätte.« Catherine legte verstohlen die Hand an ihre Brust. sagte der Fahrer beruhigend. ein paar Kreuzungen von der Georgetown-Universität entfernt. »Sie sind wirklich mit Komplimenten nicht sparsam.Sie nickte und sagte dann lächelnd: »Haben Sie vielleicht daran gezweifelt. Die anderen Kinder fangen an zu kichern und zu lachen. steht auf dem Hocker und macht in die Hose. die Neue. die Sache ist ihnen peinlich. Der Junge ist Danno. wo an einem Eckhaus teure Wagen und Limousinen vorfuhren. denen Damen in Abendkleidern und Herren im Frack entstiegen. Die Stille ist schlimmer als das Gelächter. Sie sieht. Die Kinder verstummen. Aber sie wußte. Dann hört das Gelächter auf. »Dort wird die eigentliche Politik gemacht!« Er deutete zum Ende der Straße. wie er ihrer Meinung nach wert war. Catherine Alexander. Das war immer so gewesen… Danno… Wieder stellten sich die Erinnerungen ungerufen ein. daß die Kirche Ihnen unbegrenzten Kredit einräumt?« Er lachte. Sie spürt etwas Nasses an ihren Beinen. denn Catherine weiß. wie einem Jungen vor Mitgefühl die Tränen über die Wangen laufen. in dieser Gegend wohnt die Prominenz«. Das Gästehaus befand sich in der N Street. als er vor einem Reihenhaus im Föderationsstil anhielt. und er wird sie später vor ein paar Raufbolden beschützen. wo das Jaguar-Amulett gehangen hatte.

daß sie plötzlich den Wunsch hatte. Darauf habe ich diesmal geachtet. fuhr sie fort und bat Catherine und Garibaldi. »Es ist 457 . Catherine blickte auf den weiß lackierten Holzzaun. länger hier zu bleiben. Sie sind der Herr. sagte er leise zu Catherine. Sie lebten im Untergeschoß. werden sie uns hier verlieren. Alle diese Räume standen den Gästen zur Verfügung. die schindelgedeckten Dachgauben und die schönen weißen Rahmen von Fenstern und Türen.mitgebracht hatte. »Hierher können sie unsere Spur nicht verfolgen«. Im ersten Stockwerk gab es drei Zimmer mit Bädern. Garibaldis Zimmer lag im zweiten Stock. stand. welchen Flug wir genommen haben. Die Flammen vervielfältigten sich als Spiegelbilder im glänzenden Schmuck des Weihnachtsbaums. »Ich nehme an. Das Haus stammte aus dem Jahr 1790 und hatte eine interessante Geschichte. Selbst die Frau beim Zimmernachweis weiß nicht. treten Sie ein«. ihr ins Wohnzimmer zu folgen. als der Fahrer ausstieg und ihre Sachen aus dem Kofferraum nahm. Im offenen Kamin brannte ein Feuer. das Gästehaus gehöre zwei verwitweten Schwestern. sagte eine freundliche Frau. Im obersten Stock konnten bis zu acht Gäste wohnen. das zu einer Wohnung umgebaut worden war. die sie an der Tür begrüßte. die das Rot des Backsteinmauerwerks gliederten.und Lesezimmer und ein geräumiges Wohnzimmer. Es sah alles so einladend und wohnlich aus. den gepflegten Vorgarten.« Auf dem Flug von Las Vegas nach Washington hatte Garibaldi den Priesterkragen abgenommen. »Auch wenn sie herausfinden. ein ruhiges Spiel. »Treten Sie ein. Im Erdgeschoß befanden sich ein elegantes Eßzimmer. Catherines im ersten. die sich ein Bad am Ende des Flurs teilten. daß ich ein Priester bin. der vom Flughafen angerufen hat«.

und…« »Genaugenommen«. ich verstehe. als sie die Treppe hinaufstieg. überlege ich…« Sie sah ihn mit großen erwartungsvollen Augen an. Sie hielt sich den leuchtend roten Schal vor das Gesicht und hatte die passende Strickmütze so tief in die Stirn gezogen.« »Wenn es möglich ist. erwiderte sie. aber…« »Eigentlich. Warum setzen Sie sich nicht ans Feuer. sagte er und zog die schwarze Jacke aus. »Bin ich Vater Garibaldi. Wir werden Sie nicht belästigen. sagte Catherine. Mrs. »Natürlich!« erwiderte Mrs. Ihrer Schwester fehlt nichts. Ja. »Sonst kann ich mich im Flugzeug nicht entspannen. Mr.« Er sah Catherine nach. O’Toole. In meinem Haus bekommt jeder Gast zur Begrüßung einen Sherry!« Sie wandte sich an Garibaldi.« »Natürlich«. »Lucy wird Sie hinaufbringen. würde ich gern gleich auf mein Zimmer gehen«. »Ich hoffe. strahlten ihre Augen. darf ich Ihnen einen Sherry anbieten? Die meisten Gäste sind ausgegangen. Vater Garibaldi.« Als Mrs. O’Toole. und ich komme in ein paar Minuten mit einem Glas Sherry nach. wie schrecklich.wirklich sehr kalt heute abend! Bitte geben Sie mir Ihre Jacken. daß man nur ihre Augen sah. die Catherine am Flughafen für ihn gekauft hatte. O’Toole. Sie wird darüber hinwegkommen müssen. Garibaldi. sagte Garibaldi und lächelte verlegen. »Also. O’Toole das schwarze Priesterhemd und das kleine Goldkreuz sah. Ich bin Mrs. »Sie hat vor kurzem einen sehr guten Freund verloren…« »Ach. »Ja?« »Ich habe etwas Dringendes für meinen Monsignore zu 458 . »Ich nehme beim Fliegen den Kragen immer ab«.

»Mein Computer muß repariert werden. fügte sie schnell hinzu: »Warten Sie. Und meine Gäste… Ich weiß nicht. hier neben dem Fernseher ist er.« »Vielen Dank«. wenn er zu Besuch kommt. wo vor einem Fernseher drei Sessel standen. Vielleicht ist ja auch unter Ihren Gästen jemand mit einem Computer. Er ist in diesem Alter. daß Sie ihn benutzen. Benutzen Sie ihn. und kann über nichts anderes als Computer reden.« Garibaldi folgte ihr ins Nebenzimmer. »Wo stellt er ihn immer hin? Ach ja. ich habe ganz bestimmt keinen.« »Computer?« sagte sie. Bitte kommen Sie mit. »Wollen wir mal sehen…« Sie drehte sich langsam um. sagte Garibaldi. ob Sie möglicherweise einen Computer haben.« Als sie sein enttäuschtes Gesicht sah. Im Augenblick ist er nicht da. worauf sie deutete. er hätte nichts dagegen.« »Oh.« »Ich überlege. »Wie bitte?« Er hielt den Laptop hoch. aber er hat den Computer hier gelassen. Mein Enkel benutzt einen Computer. »Wissen Sie. Ich bin sicher. Es war ein Spielcomputer für Kinder. 459 . den ich mir kurz ausleihen könnte. und leider ist mit meiner Festplatte etwas nicht in Ordnung. solange sie wollen. Vater. Dann sah er.« Ihr Lächeln gefror. Niemand hat etwas von einem Computer gesagt.erledigen. wissen Sie. An der Wand sah er ein Klavier.

in dem Zeke vor dem Flughafengebäude auf ihn wartete. Nevada Raphael kam zurück zum Wagen. sagte er. ein Priester hat zwei Tickets gekauft. stieg ein und steckte seinen falschen FBI-Ausweis in die Jackentasche.Las Vegas.« »Wohin?« »Zum Besuch beim Präsidenten«. »Die Frau am Schalter von Delta sagt. »Ich habe sie gefunden«. erwiderte Raphael und grinste. 460 .

DER ELFTE TAG 461 .

ihm von meinem Tag zu erzählen und davon. die den Tod in Würde und Ruhe erwarten. daß es Menschen gibt. Doch wenn ich anfing. ihnen den Weg in die nächste Welt zu erleichtern. daß ich beobachten konnte. verschwand nach kurzer Zeit unter irgendeinem Vorwand in seinem Arbeitszimmer und schloß die Tür. Philos war den ganzen Tag bei den Männern in der Stadt. die täglichen Ereignisse einer Frau seien für ihn nicht wichtig. im Handel oder in einem Beruf betätigen. hörte er mir nicht zu. Ebensowenig wußte er. konnte ich mir meinen Traum erfüllen und die Botschaft des Gerechten verbreiten. Ich weiß. Philos ahnte nicht. Als Grieche hielt Philos nichts davon. am Herd und bei der Familie. Ich sah. er war der Meinung. Und so kam es. aber meist saß ich nur an den Betten der Sterbenden und versuchte. wie er den Tag verbracht und was er gelernt hatte. um die ich mich hätte kümmern müssen. Für manche Menschen ist der Tod wie ein 462 . daß sich Frauen in Geschäften. Da ich keine Familie hatte. Ich konnte etwas medizinischen Beistand leisten. 24. und da mein Ehemann nur selten zu Hause war. auf welch unterschiedliche Weise die Menschen sterben. und daß andere unruhig werden und Angst bekommen. die Kranken und Sterbenden zu pflegen. Der Platz einer Frau sei im Haus. was ich gelernt hatte. daß ich regelmäßig in das Hospital im Isistempel ging und den Schwestern half. was ich während meiner Freundschaft mit Satvinder gelernt hatte. sagte er. Er kam abends nach Hause und erzählte mir. Dezember 1999 Die Liebe kam auf völlig unerwartete Weise.Freitag.

Ich erlebte oft. aber wir sterben auf unterschiedliche Weise und jeder zu einem anderen Zeitpunkt in seinem Leben. die diese Botschaft annahmen. Manche waren davon überzeugt. Wenn ich an den Betten der Menschen mit einem starken Glauben saß und bei anderen. das da ist. und ich lebe. Ich habe es nie beobachtet. fürchtet euch nicht. Ich habe den Tod erlitten und das Leben gefunden. wo meine Ahnen sind«. ich bin am Ende aller Dinge. starben in Frieden. sondern glaubt. Anhänger anderer Religionen glaubten. das gesehen zu haben.langer Schlaf.« Jene. »Wir werden dort einen neuen Körper bekommen«. die da sind und kommen. die der Botschaft des Gerechten folgen. wie die Kranken die Augen schlossen und ihren letzten Atemzug taten. aber ich habe sie nie gesehen. Doch der Weg lehrt. Während der Wochen und Monate im Isistempel wurde ich Zeugin einer universellen Wahrheit: Wir sterben alle. und wieder andere haben viele Fragen. daß nur jenen. sagten die einen. als Wind über die Welt zu wehen oder auf alle Ewigkeit in dunkle Höhlen 463 . die Seele verlasse den Körper durch die Nase in Gestalt eines Vogels. sprach ich zu ihnen von der Botschaft des Gerechten. »Mein Geist wird dorthin gehen. andere fürchten sich nach dem Übergang in die Geisterwelt vor schrecklichen Foltern und großen Qualen. Ich halte die Schlüssel des Todes und des Lebens in meiner Hand. die nichts davon hören wollten. Alle anderen werden zugrunde gehen. Die Ägypter glauben. sagten die anderen. Ich hielt Ausschau nach der davonfliegenden Seele. Viele behaupten. die sich ohne jeden Glauben auf den Weg in das Jenseits vorbereiten mußten. ein Leben nach dem Tode bestimmt ist. daß sie sich auf die Reise an einen neuen Ort begaben. Doch es gab andere. der zu uns gesagt hat: »Ich bin vor der Zeit von allem.

er habe überhaupt nichts gespürt. An diesem Abend kam Philos in mein Zimmer – denn wir hatten damals getrennte Schlafzimmer – und fragte mich. Er las und führte Experimente durch. So kam es. daß er nicht länger mein Mann war. Es ging so schnell. weil wir. in dessen Bein eine Pfeilspitze steckte. Philos untersuchte ihn und erklärte. Philos säuberte und verband die Wunde. in dessen Haus ich lebte. und er zurückschnellte. denn ihn trieb der Wunsch. niemals alle rechtzeitig mit seiner Botschaft erreichen können. Wir brachten den Verletzten auf meine Anweisung in den Garten zu einem Baum. Als ich das hörte. Eines Abends brachte man einen Verletzten zu uns. zog er den Pfeil mit sich. schloß die Tür und arbeitete bis spät in die Nacht. über die andere spotteten. vor dem Wundbrand und der Möglichkeit. das ewiges Leben schenkt. die Wahrheit der alten Überlieferungen zu beweisen. die Anhänger des Gerechten. Aber meine Verzweiflung wuchs. und der Mann ging davon. faßte ich mir ein Herz und sagte. Philos warnte den Verletzten aber vor der Infektionsgefahr. befestigte eine Schnur daran und verknotete das andere Ende am Pfeilschaft. Ich zog einen starken Zweig nach unten. Er zog sich in sein Arbeitszimmer zurück. Als ich den Ast losließ. daß der Mann staunend erklärte. Ich hörte ihnen zu und lernte etwas über die vielen Vorstellungen vom Leben nach dem Tod. Aber er war mit seiner Alchimie beschäftigt und mit der Suche nach einem Elixier. 464 . Ich wollte mit Philos darüber sprechen. daß er das Bein verlieren werde. der Pfeil könne nicht herausgezogen werden. Er würde sein Bein nicht verlieren. Er wollte den Mann in einen künstlichen Schlaf versetzen und den Pfeil dann mit einem Skalpell herausschneiden.hinabzusteigen. sondern ein Fremder. es gebe eine andere Möglichkeit.

465 . Danach trugen wir ihn in den Tempel des Hermes Logos. Und so schifften wir uns nach Britannien ein. daß Britannien unser Ziel war. wir hätten nichts zu befürchten. immer auch noch an die Macht des Hermes und seiner Worte. das es jemals unter den Menschen gegeben hat. Er sagte. (Perpetua schreibt: »Sabina lacht. wo die Priesterinnen unseren Sohn segneten und noch einmal tauften. Ich brachte ihn zum Diakon der Gemeinde. denn wir stünden unter dem Schutz des römischen Adlers. wie viele andere der Gemeinde. Wir erzählten uns gegenseitig von den wunderbaren Dingen.«) Wir nannten ihn Pindar. die während des Goldenen Zeitalters. Und er war das schönste Kind. Unser Sohn wurde neun Monate später geboren. nach dem Dichter. Der Tag kam. und ich würde endlich meine Heimat wiedersehen. Wir haben jetzt ein Kind. Können wir Cornelius Severus nicht verlassen und nach Hause reisen?« Doch Philos hatte von riesigen Steinen gehört. Wir blieben die ganze Nacht wach und redeten zum ersten Mal in unserer Ehe wirklich miteinander. Ich hoffte. bekam ich Angst. an das wir denken müssen. Als der Morgen graute. und sie taufte ihn. liebten wir uns mit unseren Körpern und den Herzen. glaubte ich. Ich sagte zu Philos: »Britannien ist nahe der Rheingrenze. bei mir. an dem Cornelius Severus einen neuen Auftrag erhielt. als die Menschen unter den Unsterblichen lebten.wo ich diese Methode gelernt hätte. in Britannien aufgerichtet worden waren. Als ich hörte. Aber es sollte nicht sein. das Kind unserer Liebe. Obwohl ich eine Anhängerin des Gerechten war. die wir in Indien gesehen und erlebt hatten. er werde vielleicht zurück nach Antiochia versetzt werden. Ich behielt Pindar. Ich erzählte ihm von Satvinder.

Catherine Alexander.Santa Fe. Was Sie im Augenblick auf Ihrem Bildschirm sehen. Die Sprecherin verriet durch ihr Lächeln. »Die untergetauchte Dr.« «@CaAlex »Die Schriftrollen sagen den Weltuntergang voraus. der heute morgen auf den Monitoren der Beamten erschien. Dr. Der Sprecher fuhr fort: »Das FBI verfolgte die Spur des Teilnehmers bis zu diesem abgelegenen Haus auf der Bainbridge-Insel. die Internet überwachen. WERDE ICH DIE SCHRIFTROLLEN VERBRENNEN!»»» Es folgten Aufnahmen eines Hauses am See. Und wenn die Bullen mich nicht in Ruhe lassen. Das FBI wurde heute morgen auf eine falsche Fährte gelockt. das zwischen hohen Bäumen stand. um die Fernsehnachrichten zu sehen. daß eine heitere Meldung folgen würde. wollen wir kurz für alle jene erklären. nach der die Polizei bisher ergebnislos fahndet. Sie sagen auch. als die Behörde erfuhr. wäre heute beinahe vom FBI festgenommen worden.« Der Kollege der Sprecherin fügte lachend hinzu. bei denen das Computer-Zeitalter noch nicht begonnen hat. wann Jesus zurückkommen wird. ist eine Wiedergabe des Textes. Die 466 . Alexander habe sich auf einem Kanal im Internet zu Wort gemeldet. »Wie das FBI den Aufenthaltsort der Verdächtigen ausfindig gemacht hat. New Mexico »Jahrtausendtollheit und der Wahnsinn im Internet!« Erika unterbrach das Einpacken der Weihnachtsgeschenke. Es stellte sich allerdings heraus. sondern um eine Hausfrau aus Seattle. daß es sich nicht um die flüchtige Archäologin handelte.

ihn zu erwerben. daß es einmal eine Zeit gegeben hatte. hob sie den Kopf und blickte hinaus auf die schneebedeckten Sangre de Cristo-Berge. Weitere Nachrichten zum Thema Jahrtausendwende…« Erika stellte den Ton ab und griff nach dem Geschenk für Miles. erwähnte er. sie habe sich nur einen Spaß erlaubt.computerbegeisterte Besitzerin. Erika dachte daran. hatte sie sich nach Einzelheiten erkundigt. Wer einen solchen Titel kaufte. daß der Titel des Lords von Stratford-upon-Avon für die Rekordsumme von 228. wußte Erika. Als Miles 1990 erfahren hatte. daß sie sich für Miles nicht mit einem beliebigen Titel zufriedengeben konnte. Gastwirtin Barbara Young. Tatsächlich stand der Titel in diesem Jahr wieder zum Verkauf.« Die Sprecherin wurde wieder eingeblendet. daß er diesen Titel gern selbst gehabt hätte. »Die Beamten des FBI fanden das nicht sehr lustig. Es gab nur einen. in der sie manchmal nicht genug Geld für einen halben Liter Milch besaß. Als sie jetzt nach dem richtigen Papier für die polierte Schatulle aus Wurzelholz suchte – das wertvolle Dokument war erst an diesem Morgen aus London eingetroffen -. 467 . Erika hatte sich das gemerkt und auf eine Gelegenheit gehofft. Dafür brauchte sie ganz besonderes Papier. erklärte. wie unbekümmert sie inzwischen mit Geld umging. Obwohl bereits das sehr reizvoll klang. Als sie las. Es war schwer. sich zum Beispiel Lord oder Lady of the Manor zu nennen. hatte das Recht. nicht zu vergessen.000 Dollar verkauft worden war. ein einmaliges Geschenk machen wollen. Aber wie verpackt man den Titel eines Lords? Sie hatte Miles zum letzten Weihnachtsfest des Jahrtausends ein ganz besonderes. daß in England ungefähr zwanzigtausend Adelstitel zum Verkauf standen. den sie haben wollte.

Ja. die ein anschaulicher Beweis ihres Reichtums waren. daß ihr der Atem stockte und das Geschenkpapier ihren Händen entglitt. Während ihr der Satz immer wieder durch den Kopf ging. vermutete jedoch. als sei ein Schleier von ihren Augen gezogen worden. ich suche das Licht. das er ihr zu Weihnachten schenken wollte. die so klar und überwältigend war. blickte sie auf die vielen Geschenke. Er hatte heute morgen beim gemeinsamen Frühstück den Satz aus einem Buch zitiert: »›Suchst du nicht ein Licht. du. »Ich suche tatsächlich den Weg nach Hause«. daß sie aus einem Werk stammten.Ihre Finger strichen über das goldgehämmerte Geschenkpapier in ihren Händen. die Zeit vor vielen Jahren. flüsterte sie. in all diesem Reichtum. auf diese Weise ihre Neugier zu wecken. bevor… Bevor? Erika hatte noch eine Offenbarung. Erika wußte nicht. die sie wie eine Offenbarung empfand. als Miles noch nicht den Durchbruch geschafft hatte… Sie erinnerte sich an die Worte von Miles. daß sie den Keim dieser Erkenntnis 468 . Damals. doch es gefiel ihr alles. aber wahre Erkenntnis. Es würde Miles ähnlich sehen. was er zitierte. Wo dann? Zu Hause ist die Vergangenheit. wo er sie fand. und plötzlich erfaßte sie eine überwältigende Sehnsucht nach einem einfacheren Leben. Erika erkannte. klang biblisch. Vor dem Krieg… Nun war es heraus. anderes nicht. erstaunt über diese schlichte. Plötzlich begriff Erika etwas. der du von Dunkelheit umgeben bist? Suchst du nicht den Weg nach Hause?‹« In letzter Zeit überraschte er sie häufig mit solchen Zitaten. Das war die eigentliche Ursache ihrer Unzufriedenheit in letzter Zeit. Ich suche den Weg nach Hause. Und wo war ihr Zuhause? Nicht hier. Manches.

keine Selbsthilfegruppen. Mann!« Perez. Aber nun. aus denen er schreiend aufwachte. er litt nicht unter Depressionen oder an Schuldgefühlen. in denen Erika es nicht hatte wahrhaben wollen. Die Erlebnisse in Vietnam hatten Miles anders geschädigt. daß es in ihrem Fall irgendwie anders war. den sie vorher nie an ihm bemerkt hatte. Aber sie hatte geahnt. daß Miles sich in Vietnam auf beunruhigende Weise verändert hatte – er war fröhlich zurückgekommen.schon lange in sich getragen hatte – genaugenommen seit drei Jahrzehnten. der Tatsache ins Auge zu sehen. und mit einem eigenartigen Optimismus. nach dreißig Jahren. der sie irgendwie verwirrte. er habe die Kraft des Tigers in sich. wie andere Ehefrauen es von ihren Männern berichteten. Er brauchte keine psychologische Beratung. Sie hatte es sich nur nie eingestehen wollen. den sie 1968 einen Tag vor seiner Abfahrt nach Vietnam geheiratet hatte. Miles war mit einem seltsamen neuen Ehrgeiz zurückgekommen. Miles hatte nach dem Krieg wie ein kleines Kind geschlafen. der zurückgekommen war. Er lächelte nur und sagte. Es hatte keine Alpträume gegeben. Erika wußte. in denen sie ihre Kinder großgezogen hatte und die Ehefrau des inzwischen beinahe legendären Miles Havers gewesen war. Er sprach nicht über seine Kriegserlebnisse. war ein anderer Mann als der. Der Mann. Er war ohne einen Kratzer zurückgekommen. widersprach seinem 469 . Unteroffizier Manuel Perez. zwang sie sich. daß dieser Krieg das Leben Tausender zerstört hatte. Zum ersten Mal seit dem Ende des Krieges stellte sie sich wieder die Frage: Was hat ihn so verändert? »In Vietnam gibt es keine Tiger.

Jungs!« rief er ihnen von der Spitze des desolaten. Befanden sie sich überhaupt noch auf südvietnamesischem Gebiet? Zweitens. Doch es gab etwas Schlimmeres als den Hunger. aber ein Selbstmörder war er nicht. völlig ausgehungert. wo sie genug zu essen hatten. in welche neue Hölle sie diesmal geraten waren. Sie haben es auf uns abgesehen. so erkannte er. Gefreiter Miles Havers. als sie im Gänsemarsch durch den dampfenden Dschungel marschierten. hockten die Männer in einem stinkenden Zelt und fragten sich. »die gelben Teufel sind in der Gegend. und das machte ihnen noch mehr angst. Es war Sommer 1968. ihr Oberst war offensichtlich verrückt geworden. bunt zusammengewürfelten Trupps her zu. zwanzig Jahre alt. Während die Sintflut das Land in einen Sumpf zu verwandeln schien. hatte noch nie in seinem ganzen Leben einen solchen Hunger gehabt. daß ihre Nerven unter der Anspannung zu 470 . Erstens: Sie waren so weit von ihrem Regiment entfernt. schlugen das Zelt ab und waren jetzt. Es hatte tagelang nicht aufgehört zu regnen. »Hört mal her. Jetzt gab es keine Verpflegung mehr. Perez mochte tollkühn sein. Die Männer der kleinen Kampfeinheit ahnten zwei schreckliche Dinge. Der Hunger. überließ er sich sexuellen Phantasien.« Daran mußte er seine Männer nicht erinnern. Aber er tat das nicht in Hörweite des Oberst.Vorgesetzten. Im Basislager. veränderte die Prioritäten eines Menschen. daß sie sich wahrscheinlich bereits hoffnungslos verirrt hatten. Sie waren sich der Allgegenwart der Vietkong so sehr bewußt. Sie hatten seit langem weder ein Dorf noch ein Reisfeld gesehen. und seine Phantasien kreisten um das Essen. Vor zwei Tagen hatten sie die letzten Essensrationen aufgebraucht. Sie mußten weiter.

Alle lauschten auf das metallische Klicken von Patronen. »Der 471 . der den Major und den Leutnant abgeholt hatte – oder das. die in die Kammer einer AK-4 gedrückt wurden. Der Oberst hatte ihnen gesagt. um Himmels willen? Damit er auf seine verrückte Tigerjagd gehen kann. Dabei hatte er gelächelt und gesagt: »Ich werde den Tiger finden…« Deshalb konnte Miles nicht aufhören. denn das wäre das Signal gewesen. Sie machten das Gehen zu einer ganz neuen Herausforderung. Aber wieso. Aber weshalb hatte der Oberst dabei den Hörer in der Hand gehalten? Sag es nicht! Der Oberst hatte den Hörer in der Hand. was der große Sün Tse gesagt hat: ›Was dich nicht umbringt.zerreißen drohten. es sei im Schlamm begraben worden. das stehe irgendwie in einem Zusammenhang mit dem Hubschrauber. Jungs«. sagte der Oberst und zog einen aufgeweichten Zigarrenstummel aus der Tasche seines Tarnanzugs. Der Oberst hackte sich einen Weg durch das dichte Unterholz und rief fröhlich: »Denkt immer daran. mit einem Kugelhagel von 350 Geschossen in der Minute den Dschungel in einen Fleischwolf zu verwandeln. die überall auf den Dschungelpfaden in getarnten Fallgruben steckten. »Tiger jagen allein. Aber noch schlimmer war die Bedrohung durch PimgiPflöcke – angespitzte grüne Bambusrohre. was von ihnen übriggeblieben war. Miles glaubte. Der Oberst hatte danebengestanden und eingehend das Blut des Majors an seiner Hose betrachtet. als sie der sintflutartige Regen überraschte. weil er das Funkgerät absichtlich zerstört hat. an das Funkgerät zu denken. Selbst das Sonnenlicht auf ihren Gesichtern schien sie wie Sandpapier wundzuscheuern. macht dich stärker‹« Der Oberst hatte sich verändert.

Jungs. ohne auf ihn zu hören. wenn von dem Opfer nur noch Haut und Knochen übrig sind. sagte der Oberst grinsend. um ihre Jungen zu schützen. Es ist eine Tigerin. Die Leute in der Gegend 472 . Und er hört erst auf. verkriecht er sich in das Unterholz und wartet auf den richtigen Augenblick. Dabei setzt er die Pfoten behutsam auf und verharrt immer wieder regungslos.« Er steckte die angerauchte Zigarre in den Mund und sprach zwischen den Zähnen weiter. denkt immer daran. Inzwischen hat sie dreizehn Menschen getötet und gefressen. Der Oberst fuhr in seinem Vortrag fort: »Die Beute wird am Hals gepackt und umgeworfen. Der Tiger bewegt sich geduckt und mit erhobenem Kopf sehr langsam und vorsichtig. erreicht er sie mit wenigen Sätzen. um sie anzuspringen. ein Tiger springt niemals hoch in die Luft oder macht zu große Sätze. »Der Tiger. während seine ausgehungerten. Sobald er die Beute erspäht.« Der Trupp überquerte unter den üblichen Vorsichtsmaßnahmen einen kleinen Bach. Dann schleppt der Tiger sie ins dichte Unterholz und frißt sie über einen Zeitraum von mehreren Tagen auf. nämlich Hirsch und Wildschwein. Beim Reißen der Beute befinden sich seine Hinterbeine fest auf der Erde. und. den wir suchen. erschöpften Männer hinter ihm hertrotteten. »hinten. Dabei beginnt er immer«. Ein Tiger greift von der Seite oder von hinten an. Jungs. »Die eigentliche Jagd ist sehr eindrucksvoll. ist ein Menschenfresser. Offenbar fand sie mehr Geschmack an Menschenfleisch als an ihrer üblichen Beute.Tiger legt auf der Suche nach Beute bis zu zwölf Meilen zurück und verläßt sich mehr auf seine Augen als auf den Geruchssinn. Wenn er die Beute anfällt. Jungs.« Er lachte zufrieden. und sie hat einen Dorfbewohner getötet.

der ihn gehört hatte. hab ich einen Hunger. um die Zigaretten anzuzünden.« Miles überprüfte zum hundertsten Mal das Magazin seines automatischen Revolvers und schob ihn wieder in 473 . Jungs«. die bis zu den Zähnen mit sowjetischen Panzern und Artillerie bewaffnet ist. Plötzlich war ihm der Oberst unheimlicher als die Vietkong oder die ganze nordvietnamesische Armee. Miles mußte immer wieder an die Kompasse denken. und grinste. Es war sonderbar. »In der Gegend ist eine Vietkong-Patrouille gemeldet worden. erwiderte der Oberst. was zum Teufel suchen wir hier überhaupt?« »Wir jagen einen Tiger«. was für ein Scheiß«. weil sie vierzehn Seelen gestohlen hat. der immer größer zu werden schien. Mit den Augen des Oberst stimmte etwas nicht.« »›Patrouille‹. aber sie waren alle zu nervös. In der Mitte der Pupillen befand sich ein beängstigender schwarzer Fleck.« Perez schloß auf und murmelte Miles zu: »Wenn du mich fragst. und er blickte hin und wieder darauf. sagte Jackson. O Gott. Ich meine. der einzige Schwarze des Trupps. Wenn er sich umdrehte und seine Männer ansah.« Goldstein brachte eine Schachtel Camel zum Vorschein und reichte sie herum. Mann.nennen sie Seelendiebin. »Ich habe gehört. sagte er. Perez sagte leise: »Der Oberst hat wirklich eine Macke. überlief es Miles jedesmal eiskalt. daß er und alle anderen es geschafft hatten. ihren Kompaß zu verlieren. der Oberst hat nicht mehr alle Tassen im Schrank. Wohin zum Teufel führte er sie? »Sperrt eure Augen und Ohren auf. ohne den Männern irgendwelche Erklärungen zu geben. es ist eine Brigade. Eine Brigade der nordvietnamesischen Armee. Nur der Oberst besaß noch einen.

»Jetzt«. »He. »Was ist.das Halfter zurück. glauben Sie nicht…« »Panthera tigris!« rief der Oberst fröhlich. »Ein großer Tiger. Er hatte keine eigene 474 . »Man sollte glauben. murmelte der junge Smart mit klappernden Zähnen. Sir«. wo es ihm paßt. drehte sich um und warf einen erstaunten Blick auf seine Männer.« Er drehte sich wieder um und marschierte weiter. Feldwebel«. Ich habe im Ponderosa davon gehört.« Das Ponderosa war eine ehemalige französische Villa im Hauptquartier in Saigon. wenn wir wirklich einen Tiger finden?« Der Oberst hörte die Frage. Es ist mit Sicherheit unsere Menschenfresserin. sagte Perez.« Auch Miles hatte Angst. »warum wir diesen Tiger jagen?« Der Oberst blieb wie angewurzelt stehen.« Er lachte leise. Er lebt überall. der achtzehn war. tötete man damit sehr schnell und wirkungsvoll. »jetzt habe ich aber wirklich Angst. Es war ein 3er Ithaka. die inzwischen als Bar diente. zum ersten Mal in diesem absurden Alptraum von einem Krieg. und weil es die Kugeln horizontal streute. Sie haben es auf uns abgesehen. Vietkong sind in der Gegend. Seine andere Waffe hing über der linken Schulter und schien mit jedem Schritt schwerer zu werden. im Regenwald und in der Wüste.« »Sir. Unteroffizier Perez. Es flößte Miles eine ungeheure Angst ein. »Hier ist ein Tiger. ein Selbstladegewehr. mein Junge. flüsterte der junge Smart. aber wie ein Zwölfjähriger aussah. »Den Tigern gehört die Welt. das liegt auf der Hand. Man findet ihn im Schnee und im Bambus. obwohl er ein paar Schritte vor ihnen ging. haben sie mir versichert.« »Darf ich fragen. »Die größte Spezies der Katzenfamilie.

Meinung über das Töten. mein Junge. Da ihre Mägen knurrten. daß sich Mannschaften von ihren Vorgesetzten ›trennten‹. bevor die Nacht zu Ende ist. die Männer auf die Suche nach etwas Eßbarem zu schicken?« »Das ist nicht nötig. Jetzt richtete sich sein ganzer Ehrgeiz jedoch darauf. Es kam immer häufiger vor. Er verteilte die Blätter wie Hostien und ermahnte die Männer: »Ihr müßt gut kauen. Er wollte in die USA und zu Erika zurück. die daraufhin in tausend Stücke zerrissen wurden. hätten sie alle am liebsten gefragt. sagte der Oberst. Sie rollten Splittergranaten in die Zelte von Offizieren. daß die Blätter nicht schlecht schmeckten – ähnlich wie Spinat. Es stellte sich heraus. sagte Perez. »sollen wir uns vielleicht von jetzt ab wie Pferde von Gras ernähren?« Perez zog nachdenklich die Stirn in Falten und blickte in die ängstlichen Gesichter der anderen. »habe ich die Erlaubnis. ob er seinen Einberufungsbescheid verbrennen und nach Kanada flüchten sollte. dessen jungenhaftes Kinn große Pickel zierten. verdreckten Gesichtern wurden groß. kauten herzhaft auf 475 .« »He. »Bleibt cool«. Als er sich überlegte. machte er bereits Liegestützen in einer Kaserne. »Sir«. Schlemmen? Was?. die an Coffein erinnerte. Unteroffizier«. flüsterte Smart. was sie dachten. Er wußte. um euch Appetit zu machen«. der mit ungewöhnlich roten Blüten übersät war. sagte Perez. Der Saft ist das Wichtige daran. aber mit einer gewissen Schärfe. folgten sie dem Beispiel des Oberst. »Hier ist eine kleine Vorspeise. Er blieb stehen und pflückte dunkelgrüne Blätter von einem großen Strauch. wieder lebend aus dem Gemetzel herauszukommen. Ihr werdet schlemmen.« Die Augen der Männer in den hageren.

»Wahnsinn. Sie hörten Vogelrufe. Er lächelte glücklich. Miles stellte fest. Miles spähte durch die dicken Lianen und Schlingpflanzen und sah in einiger Entfernung eine leuchtend rote Pagode aus dem Dunst aufsteigen. als die Sonnenstrahlen im Dschungel verblaßten. rissen sie immer mehr Blätter von dem Strauch und stopften sie sich gierig in den Mund. fuhr der Oberst fort. als wanderten sie über die Brüste einer Frau. schön…«. 476 . »Die Vorderbeine und Schultern eines Tigers«. Unsere Tigerin ist eine starke Mutter. Ihre geschwungenen Dächer strahlten golden. spitze einziehbare Krallen. »Tiger jagen nachts«. wie sich die Blüte einer Orchidee entfaltete. er höre. schwor Miles. Die Luft verfestigte sich und wurde zu Seide. um die Hebelwirkung der mächtigen Kiefer zu verstärken. erklärte der Oberst. als sie anhielten. daß seine Ohren überempfindlich wurden. Überall schienen Smaragde zu hängen. seufzte Jackson.den Blättern herum und schluckten sie hinunter. und an den Pfoten hat er lange. Von plötzlichem Heißhunger gepackt. Es war nur ein abgestorbener Baum. daß er den Nebel hörte.« Goldstein begann zu summen. Die feuchte Erde schien unter ihren Stiefeln sanft zu seufzen. Die Pagode verschwand. Er schloß die Augen und öffnete sie wieder. und einmal. Der Schädel ist kurz. der sich auf der anderen Seite der Welt in die Bucht von San Francisco wälzte. um noch mehr Blätter zu pflücken. Der junge Smart seufzte: »Waaauuuu…« Perez hielt sich eine Hand vor die Nase und schnupperte am Handgelenk. Er hätte schwören können. die wie das Lachen kleiner Mädchen klangen. Bald leuchtete der Dschungel in neuen Farben. »sind sehr muskulös.

um auf eine Lichtung zu spähen. »ist der indochinesische Tiger. hauchte der junge Smart. daß Smart ihn anrempelte. Doch die Maschine löste sich auf und wurde wieder zu einem gewöhnlichen Steinhaufen. »Was ihr da seht. Es war eine altmodische Maschine auf einem Karren mit großen Rädern und einem Aufbau. mandelförmigen Augen in die Richtung der Männer. Das Licht des gerade aufgegangenen Mondes trieb seine Spiele mit den Naturgesetzen: Formen veränderten sich. »Großer Gott«. Auch Miles sah nichts außer einer dunklen Lichtung. durch den in dramatischen schwarzen Streifen die Erde zu sehen war. Jungs«. dehnten sich aus und nahmen die ursprüngliche Größe wieder an. »Da ist sie!« sagte der Oberst mit gedämpfter Stimme und blieb so unvermittelt stehen. daß es den Männern den Atem verschlug. Er ist dunkler gefärbt als der indische und heller als der südchinesische Tiger. Ihr Fell wirkte im fahlen Mondlicht wie Schnee. Sie hörten es – weiche Pfoten auf dem modrigen Boden. Miles schmatzte in Erwartung der salzigen. murmelte Goldstein. Im letzten Jahrhundert wurde er nahezu ausgerottet. dachte Miles. Wieso wittert sie uns nicht. Die Bestie drehte den Kopf und blickte mit schräg geschnittenen. die zwischen den Farnen stand. gebutterten Popcorns. »Ich sehe keinen Tiger«. Aber irgend etwas bewegte sich im Gras. Sie war so schön. »Da ist sie!« Wahrhaftig tauchte die Bestie auf der Lichtung auf. Es war eine schöne schlanke Tigerin mit elegant geformten Hinterbeinen. auf der das Gras wie Perlmutt schimmerte.Miles blieb stehen und betrachtete eine große glänzende Popcorn-Maschine. der wie ein Zirkuszelt aussah. Sie leckte sich mit einer überraschend 477 . Ist sie nicht schön?« Die Männer spähten durch das Laub. fuhr er flüsternd fort und teilte Elefantenohr-Blätter.

als er es in zwei Teile schnitt und Jackson eine Portion zuwarf. der weiße Bauch blitzte auf. die schwarzrote Leber. die sie gefressen hatte. es zu verschlingen. und als er sie zurückzog. die Seele der Seelendiebin zu essen und vielleicht sogar die Seelen der Menschen. daß das Herz der Tigerin noch schlug. die Innereien herauszuholen – Nieren. wie sein Magen knurrte. sagte er triumphierend und ging daran. Magen. Er hielt etwas Gelbes in den Fäusten. Der Oberst rannte auf die Lichtung. und er stürzte sich ebenfalls auf das rohe Fleisch. Perez tauchte als erster die Arme in den offenen Leib. »Bries«. Während er auf dem festen Herzmuskel kaute. und flüchtig wirkten sie beinahe wie die einer Frau. griff mit beiden Händen in den offenen Leib und begann. schoß und traf die sechshundert Pfund schwere Raubkatze mitten in die Brust. Jungs!« Die ausgehungerten Männer zögerten nicht. Plötzlich erstarrte sie jedoch. Miles zog das Hemd aus. Der Oberst richtete sich furchtlos auf. Ihre Augen standen offen. schob er energisch einen Gedanken 478 . Dann spürte er. verrieb eine Handvoll klebriges Blut auf seiner weißen Haut. Sie sank mit einem lauten Gurgeln ins Gras. als wittere sie Gefahr. Därme. Sie stopften sich voll mit dem Tigergeist und prahlten damit. Der Tiger stieß ein fürchterliches Gebrüll aus. Als Miles näher kam. Er öffnete das Tier mit einem Schnitt von der Kehle bis zu den Lenden.rosafarbenen Zunge die Lippen. Er hätte schwören können. zückte das Messer. Die Männer bemalten sich mit roten Streifen und lachten wie Kinder unter dem Rasensprenger an einem heißen Sommertag. Das warme Blut tropfte. Dann war der Oberst auf den Knien. waren sie bis zu den Ellbogen rot. als er rief: »Greift zu. warf er einen Blick auf das Gesicht der Tigerin.

und er gehört hatte. der ihn verfolgte.beiseite. Unteroffizier Perez. häßlicher Gedanke. Doch Miles hatte nicht vergessen. Sie hörten den Hubschrauber nicht kommen. als hätten sie in Blut gebadet. als der Oberst sie aufgeschlitzt hat. wie sie die Lichtung verlassen hatten. rief mitten in der Nacht an und sagte: »Ich habe nachgeschlagen. Sie war noch nicht tot. sie könnten sich nur daran erinnern. die nur noch die nackte Lust am Überleben kannten.« »Ich habe etwas gesehen…« Jahre später hatte Miles aus heiterem Himmel einen Anruf erhalten. was haben die Kerle denn gemacht? Es sieht aus. wie jemand sagte: »Mein Gott. Sie haben etwas gegessen. sondern Kreaturen. In Vietnam gibt es keine Tiger! He. sie waren keine denkenden Männer mehr. im Militärkrankenhaus von Saigon aufgewacht zu sein.« »Aber was? Da war doch nichts. Goldstein und Jackson behaupteten später. Der Gedanke verschwand. Perez. Es war ein unangenehmer. und später wußte keiner von ihnen. daß sie an Bord des Rettungshubschraubers gekommen waren. der inzwischen als Anwalt in West Virginia lebte. Miles? Es war doch ein Tiger? Wir haben doch einen Tiger gegessen?« 479 . Smart. und dabei sind sie nicht einmal verwundet…« »Sieh dir ihre Gesichter an.

Omelett mit Käse. Sie wollte herausfinden. Seit sie den Killern in Las Vegas so knapp entkommen waren. Garibaldi hatte an diesem Morgen mit ihr gefrühstückt: selbstgemachtes Gebäck. »Wir sind hier in einer Stadt«. O’Toole war sehr entgegenkommend und ließ Catherine die Mahlzeiten auf ihr Zimmer bringen. Wann würde sich das ändern? Mrs. dem handgenähten Quilt. als sie durch die ruhige Straße gingen.« Catherine warf verstohlen einen Blick über die Schulter zurück. Vor elf Tagen hatte Hungerford mit der Sprengung das JesusFragment ans Tageslicht gebracht. D. frisches Obst und starker Kaffee. während ihnen der kalte Wind ins Gesicht blies.Washington. Hinter ihr lagen elf fast schlaflose Nächte. um an einen Computer heranzukommen. saß ihr die Angst im Nacken. Sie waren gezwungen. »Sind Sie sich der Ironie bewußt?« fragte Garibaldi. Catherines Zimmer mit einem Himmelbett. Hier ist der ideale Ort.C. ob jemand etwas entdeckt hatte. »Welcher Ironie?« Catherines Stimme drang gedämpft durch den dicken Wollschal. 480 . der beinahe ihr ganzes Gesicht bedeckte. frischen Blumen und der englischen Seife im Badezimmer gefiel ihr gut. das sichere Haus zu verlassen. erwiderte Garibaldi. Drei Tage waren vergangen. weil heute Heiligabend ist. seit sich Catherine mit der Bitte. »wo alle Bibliotheken ihren Benutzern Zugang zum Internet anbieten. um nach einer möglicherweise existierenden Kopie der Texte oder nach der siebten Schriftrolle zu suchen. nach Informationen über Tymbos zu suchen. Aber die Bibliotheken sind geschlossen. an die Hawksbill-Gruppe gewandt hatte.

Er war zweifellos ein Idol und verkörperte die Zukunft.Wenn sie nur nicht weiter fliehen müßten und sich hier eine Weile ausruhen könnten… Sie bogen um die Ecke auf die Wisconsin Avenue. Ein weihnachtlich dekorierter Computerladen. Vor ihnen stand Miles Havers! Dann sah sie zu ihrer Beruhigung. denn jeder kaufte sich mit seinen Produkten die Fahrkarte in das neue Jahrtausend. »Die Leute verehren diesen Verbrecher wie einen Helden. und im Schaufenster hing ein Plakat. daß es sich nur um einen lebensgroßen Aufsteller aus Pappe handelte. während sie sich einen Weg durch die Menge bahnten.« Über dem Aufgang zur Dianuba-Software-Abteilung hing ein Transparent. daß die Leute in langen Schlangen geduldig vor den Kassen standen. und Catherine bekam einen Riesenschreck. was er meinte. murmelte Garibaldi. und Garibaldi rief: »Da!« »Wie bitte?« Sie blickte über die Straße und wußte sofort. daß beim Kauf jedes 481 . Dort stand. Auf der Suche nach den Vorführ-Computern stießen sie überall auf den Pappmann ›Havers‹. Sein Konzern beherrschte den Markt. auf dem stand: TESTEN SIE UNSERE NEUESTE SOFTWARE FÜR INTERNET KOSTENLOS Sie liefen über die Straße. Die Frauen kauften ›Butterfly 33‹. betraten das Geschäft. Er ist für sie eine Mischung aus Superman und Weihnachtsmann. Drinnen drängten sich die Käufer. Computerspiele und Software-Pakete von Dianuba Technologies waren die großen Hits. Niemand wollte zurückbleiben. die neueste interaktive Romanze auf CD-ROM. »Ich verstehe das nicht«. Kein Wunder also.

an Live-Diskussionen teilzunehmen. was ihr angeboten wurde. klickten sich durch die Angebote im Web. in Ihrem Fall werden die komprimierten Daten nach dem File Transfer eingelesen und für Sie auf den Bildschirm gebracht…« Die junge Frau nickte unsicher.beliebigen Artikels ein bestimmter Anteil des Preises der privaten. kämpften in virtuellen Welten und entdeckten den Spaß. Auf dieses Symbol klicken. die Gruppe war Online. 482 . gemeinnützigen Regenwald-Stiftung von Miles Havers zugute komme.und Entpackungsprogramm. aus Anchorage. der man ansah. dann sind Sie im Ver. Garibaldi warf einen Blick auf den ›Superpreis‹: dreihundert Dollar! Als endlich ein Computer frei wurde. »So werden Massen manipuliert!« stieß Catherine wütend hervor. Auf dem Computer war die sehr schnelle Scimitar Software installiert. Das bedeutete. das heißt. Erleichtert sah sie den Eintrag: #hawksbill. Mit einem Mausklick war sie im IRC. daß sie absolut nichts von all dem verstand. sagen wir. während sie arbeitete. Garibaldi hielt Wache. Alaska? Kein Problem. Die Vorführ-Computer waren von Neugierigen umlagert. »Dieses Feature ist kostenlos in das Dianuba-Sicherungsprogramm KeepOut installiert. eroberte sich Catherine geistesgegenwärtig die Tastatur. Sie suchten in den Foren nach Angeboten auf den ›Schwarzen Brettern‹ und brachten die Drähte zu den Nachrichten der Welt zum Glühen. Vor allem Jugendliche standen an den Tastaturen. und der Verkäufer legte ihr strahlend das ›Komplettpaket für die Verbindung zum Daten-Highway‹ in den Einkaufswagen. Ein Verkäufer redete auf eine Frau ein. Und das Besondere: Brauchen Sie eine große Datei.

Der Verkäufer hatte sie erreicht. »Wacht endlich auf!« sagte sie etwas lauter. begrüßte er sie höflich. war es möglich.Natürlich würden sie staunen. drückte die Eingabetaste. daß sich Catherine über IRC meldete. Aber dann hätte sie keiner aus der Hawksbill-Gruppe gefunden. »Was kann ich Ihnen über die neue Scimitar 483 . das Sicherste wäre gewesen. »Nun beeilt euch schon«. »Guten Tag«. Sie seufzte und blickte auf den Bildschirm. Catherine wußte. Wenn Havers die Sache mit ›Hawksbill‹ herausgefunden hatte. flüsterte sie. Sie war versucht. »Scheint nicht viel loszusein«. Ich zeige Ihnen. »Seht ihr mich denn nicht? Ich bin es. und auf der rechten Bildschirmhälfte erschien: #janet i. Jetzt mußte sie warten. wagte es aber nicht. wie…« Catherine bekam einen eindrucksvollen Hustenanfall. Janet. einen unsichtbaren Kanal zu schaffen. daß einer der Hawksbill-Leute ihn entdeckte und Kontakt aufnahm. Der junge Mann wich zurück und verschwand in der Menge. Aber ein anderer des gut trainierten Verkäuferteams wurde auf sie aufmerksam. würde ich gerne die Software ausprobieren. Sie können mir ja dabei zusehen. hörte sie eine Stimme hinter sich. Deshalb tippte sie: /join #janet.« »Verzeihung«. sagte der junge Mann und deutete auf den Bildschirm »Wenn Sie nichts dagegen haben. Aber der Verkäufer würde sie nicht mehr lange in Ruhe lassen. sich einzuwählen. daß er sich einen Namen aus dem Roman zugelegt hatte und nur auf ihr Auftauchen wartete. Sie sah zu Garibaldi hinüber. der mit seinen Fragen einen Verkäufer ablenkte. Sie starrte auf den leeren Bildschirm mit ihrem Namen – @janet – und hoffte. Catherine blickte in ein lächelndes Gesicht.

« Nachdem sie weg waren.edu. hallo. wie es geht.Software erzählen? Eine Frage: Sind Sie bereits mit Internet vertraut?« Er blickte auf den Monitor. Die Leute machen alle Weihnachtseinkäufe!« fügte er eine Spur herablassend hinzu. daß hinter ihr andere Leute unruhig auf eine Freifahrt durch das Internet warteten. die Weihnachtsgeschenke auszupacken. »Ach. Er drängte sich durch die Umstehenden. Und so konzentrierte sie sich auf den Bildschirm. Wie lange stand sie schon hier? Sie spürte. »Was soll ich Ihnen zeigen? Haben Sie vielleicht Probleme mit UNIX? Ich werde Ihnen zeigen. Mit diesem verblüffenden neuen…« Catherine bekam wieder einen Hustenanfall.demon. »Selbstverständlich. die erkältete Kundin verlassen zu können.cudenver. hätte Catherine am liebsten Mütze und Schal beiseite gelegt. Bitte kommen Sie mit. wissen Sie. hallo. «SERVER»Jean-Luc! fmason@ouray. Der leere Bildschirm mußte sie irgendwann ungeduldig oder argwöhnisch machen.co. auf IRC wird im Augenblick nicht viel los sein. daß sich jemand meldete. Dort ist es bereits Abend und Zeit. Sie blickte auf die Uhr. »Ja natürlich«.« Er griff nach der Tastatur und wollte etwas eingeben. sagte der Verkäufer und war froh. «SERVER»Sugar!~kharvey@scgrad. wo nur ihr Name stand und darauf wartete. 484 .uk. könnten Sie mir etwas über die nahtlose Integration von FTP in die WorkPlace-Shell von OS/2 sagen?« Catherine senkte den Kopf und hustete in ihren Schal. und Garibaldi hörte sie. faßte den Verkäufer am Arm und sagte: »Entschuldigung. Er war lauter als der erste. Aber sie durfte nicht riskieren. »Außerdem sind viele dieser Kanäle in Europa. ihr Gesicht zu zeigen.

[Jean-Luc] Janet. hallo. nicht Hawksbill. [Sugar] Hi!:))) «Janet »Großartig. Man hatte sie entdeckt! «Janet »Hi. [SpaCeman] Aber nicht uns.vetcom.ix.Polaris. «SERVER»Carlos!mongo@dianuba. Du bist sehr hübsch. Catherine wollte sich gerade erkundigen. wir haben auf dich gewartet. [BENHUR] Noch nicht.Telnet. sie wäre du? 485 .DialUp. Hoffentlich schnappen sie dich nicht. Der nächste Hustenanfall vertrieb jedoch auch ihn. [Carlos] Wir glauben dir. [sugar] Janet: hast du das mit der Frau aus Seattle gehört. ob jemand Tymbos gefunden habe. wir haben dein Bild in den Zeitungen gesehen. [BENHUR] Janet: Fröhliche Weihnachten [sugar] Was sagen die Schriftrollen??? Geht die Welt an Sylvester unter? Soll ich mich mit Prankie verabreden oder einfach zu Hause bleiben und sterben? Hahahaha «SERVER»Trilogy! Atomba@ix-orl-22. [DOGbert] Ich will nicht sterben. als wieder ein Kunde kam und sich hinter sie stellte. hallo. du kannst nicht mehr hierher kommen. die behauptet hat. «SERVER» Benhur! ~George@Sebakal.Catherine hätte vor Erleichterung beinahe laut gejubelt.us. [Jean-Luc] Janet.com. Leute!!! «SERVER»Maynard! ~rismith@ alice.ac. hallo. hallo. Das FBI überwacht die IRC Kanäle.brad. [Jean-Luc] Janet. daß ihr mich entdeckt habt.

Wir schaffen andere Kanäle. Seid ihr das gewesen? [TrilogY] Wir dachten. [TrilogY] leider nein!!!! [sugar] Wir haben es versucht. Sie werden es wieder für einen Witz halten. falls Dr. TrilogY auch ich… auch ich wünsche dir Glück.:( [BENHUR] Überall…. Es ist hier nicht sicher. die sie nie getroffen hatte und vermutlich auch nie treffen würde. [sugar] paß auf dich auf :-) sugar küßt Janet (((umarmt sie))) «SERVER»sugar hat abgeschaltet. Catherine blickte enttäuscht auf den Bildschirm. [DOGbert] viel Glück! * DOGbert umarmt Janet. ihr geht. ob 486 . Dann tippte sie: «Janet »An alle: Es ist besser. Alexander wirklich selbst einen Kanal einrichtet. Sie wußte nicht. damit sie nicht so schnell agieren. -) Nach einem schnellen Blick über die Schulter tippte Catherine: »Habt ihr Tymbos gefunden?« [Jean-Luc] Kein Tymbos.[SpaCeman] Und das FBI hat sie aufgespürt:))) «Janet »Ja. das würde die Polizei und alle von deiner Spur abbringen ):-p [Jean-Luc] Wir geben falschen Alarm. «SERVER»Dogbert hat sich verabschiedet. [Jean-Luc] Wirst du jemals zu uns zurückkommen? Catherine blickte auf den Monitor und las die Worte und Gesten von Menschen. «SERVER»TrilogY hat sich verabschiedet.

bevor eine Antwort kam: [Jean-Luc] Vielleicht treffen wir uns im neuen Jahrtausend… /leave DISCONNECT SERVER NO CARRIER 487 . Waren sie zwanzig oder siebzig? Lebten sie in den Vereinigten Staaten? «Janet »Jean-Luc: wahrscheinlich nicht. «SERVER»Benhur hat sich verabschiedet. «SERVER»Spaceman hat sich verabschiedet. * Janet umarmt euch alle. «SERVER»Carlos hat sich verabschiedet. [Jean-Luc] Janet… «Janet»Ja? Es dauerte eine Weile. Auf dem Bildschirm standen nur noch zwei Namen:«@Janet und Jean-Luc. «SERVER»Maynard hat sich verabschiedet.›sugar‹ eine Frau war oder ›spaCeman‹ ein Mann. Danke für eure Hilfe.

Wer wollte da behaupten. daß es nicht der Aufmacher der New York Times oder der italienischen Oggi war. die Kirche gehe nicht mit der Zeit? Der Vatikan hatte in den neunziger Jahren sehr umsichtig den Schritt in das Computer-Zeitalter gemacht und würde auch im nächsten Jahrtausend auf 488 . wie weit der Wahn der Verblendung um sich gegriffen hatte. als zwanzigtausend Seiten Handschriften plötzlich in den Cyberspace entlassen wurden und auf diese Weise Menschen auf der ganzen Welt mit einem Klicken der Maus Bilder aus mittelalterlichen Miniaturen und illuminierten Handschriften auf ihren Bildschirm rufen konnten. es hatte auch hier Veränderungen gegeben: Nun standen Computer im Archiv. deren geprägte Bronzeplakette die Aufschrift Archivio Secreto Vaticano trug. Der Vatikan war 1995 an das Internet gegangen. nahm ihr in den Augen des Kardinals nichts von der Wirkung. Diese Schlagzeile machte nur deutlich. der hinter einem Schreibtisch an einem Computer saß. und es ging eine Flut von Telegrammen aus aller Welt ein. O ja. Auf dem Weg zu der Tür.Der Vatikan. sondern nur die Schlagzeile eines amerikanischen Sensationsblattes. Die Telefone im Vatikan standen keinen Augenblick mehr still. Rom Kardinal Lefevre sah die Schlagzeile: »FRAU BERÜHRT PHOTO EINER ALTEN SCHRIFTROLLE UND IST VOM KREBS GEHEILT!« Die Tatsache. in denen die Heilkräfte des sogenannten Jesus-Fragments bestätigt wurden. Kardinal Lefevre erinnerte sich an den denkwürdigen Augenblick vor vier Jahren. nickte er dem diensthabenden Priester zu.

eine Aktennummer und die Initialen eines Polizeibeamten. Man hatte auf diesem Weg nur ein paar besorgen können. nicht nur zu hohen Beamten. um Seine Eminenz davon zu überzeugen. Dezember 1999. numeriert und mit den Initialen ›C. Sie waren auf der Rückseite mit Bleistift datiert – 15. – Catherine Alexander‹ versehen. Daneben gab es Anmerkungen in Tinte: das Datum des 17. einem Mann. sondern schlicht ›privat‹. An diesem kalten Nachmittag des vierundzwanzigsten Dezember verließ Kardinal Lefevre jedoch den öffentlichen Teil der Bibliothek und verschwand im hinteren Bereich. sondern bis hinunter zu Angehörigen der Polizeibehörde von Santa Barbara. Lefevre wußte. Es hatte Tage gedauert. Theologen im Fachbereich Archäologie waren davon nicht 489 . Doch sie genügten. ›Geheim‹ bedeutete in diesem Fall nicht versteckt und ganz sicher nicht verboten. Natürlich waren es nicht alle Photos. Der Kardinal betrat einen der großen Räume. das sich in aller Klarheit mit den Aufgaben und Pflichten von Theologen beschäftigte. Dort lagerten in Gewölben mit dicken Mauern Tausende nicht erfaßter und katalogisierter Schriften. die inoffiziell aktiv geworden waren. Kurz zuvor hatte ihm ein Kurier einen Umschlag mit Photos überbracht. Das Geheimarchiv war natürlich Wissenschaftlern und Studenten zugänglich. in dem ein kleiner Teil der fünfundvierzig laufenden Regalkilometer Archivmaterial aufbewahrt wurde. Eigentum der Kirche. auf den der Entwurf eines Dokuments zurückging. daß Catherine Alexander auf dem Sinai etwas gefunden hatte. daß die Menschen den Namen der Bibliothek falsch deuteten. auf deren Loyalität die Kirche zählen konnte. das nicht ignoriert werden durfte – nicht von Kardinal Lefevre.12. die Verbindung herzustellen. A. der tatsächlich geheim war.seine Weise die Massen in aller Welt beeinflussen. 99 -.

Der Kardinal hatte im Namen der Inquisition oder der Kongregation für Glaubensdoktrin. Leitlinien festlegen und Strukturen vorgeben. der feststellt: »Die Aufgabe. dachte er mit gerunzelter Stirn. bei denen es sich möglicherweise um christliche Texte handelte. Aber was stellen diese Leute sich eigentlich vor. das Wort Gottes nach eigenem Gutdünken auszulegen. während er mit einem Spezialschlüssel die Tür des nächsten Gewölbes aufschloß. wie diese Institution jetzt so schön hieß. Man mußte Grenzen ziehen. daß Theologen.« In diesen Bereich gehörten auch Dokumente aus dem Altertum. daß die Fundamente der katholischen Kirche nicht von dissidierenden Theologen unterhöhlt wurden. in diesem Dokument unmißverständlich klargestellt. Wenn es jedermann erlaubt gewesen wäre. Auch Dr. Alexander hatte in einem Brief heftig gegen die Gleichsetzung von Dissens mit Sünde protestiert. Das stand völlig im Einklang mit der 1990 erschienenen. die widerrechtlich wertvolles Kircheneigentum an sich nehmen – falls es sich bei den Schriftrollen tatsächlich um christliche Dokumente handelt. von zornigen jungen Frauen. wurde allein dem Lehramt der Kirche übertragen. hätte das ein allgemeines Chaos und den Zerfall der kirchlichen Macht bedeutet. überarbeiteten Version des Katechismus. Vor allem nicht.ausgenommen. eine authentische Interpretation des Wortes Gottes zu geben. Der Aufschrei von Bibelwissenschaftlern und Historikern beim Erscheinen des neuen Katechismus war zu erwarten gewesen. Das Büro des Kardinals in der Kongregation führte einen täglichen Kampf darum. fragte Kardinal Lefevre in ein stummes Selbstgespräch vertieft. und sie aus ihrer 490 . um sie zu übersetzen. die von der offiziellen Kirchenlehre abwichen. eine Sünde begingen.

voreingenommenen Sicht für alle Welt zu interpretieren! Seine Eminenz kannte Catherine Alexander. Es war der Name des Königs. hatte der Vatikan vermutet. »Nun. und es deshalb in seine Archive aufgenommen. Gehört das Fragment zu den Schriftrollen der Sabina. Es handelte sich offenbar um einen Brief. kann Dein Herz Frieden finden. Ein Wort auf dem ersten Photo hatte seine Aufmerksamkeit erregt und ihn schließlich hinunter in dieses Gewölbe. in die tiefsten Regionen des Geheimarchivs geführt: Tymbos. Denn das Geschenk des ewigen Lebens ist Dein. das man 1932 bei Ausgrabungen in Nordafrika in einer Ruine entdeckt. Wie die Mutter so die Tochter. dachte er und griff nach einer Stahlkassette.« Paläographie und die Radiokarbon-Untersuchung führten zu einer Datierung des Fragments zwischen 100 und 150 nach Christus. Hatte der Verfasser des Briefs Sabinas Text gelesen und eine Kopie angefertigt? 491 . Nina Alexander untersagt hatte. bei dem Dokument handle es sich möglicherweise um das Fragment eines verlorengegangenen Evangeliums. dem die Diakonin die Schriftrollen übergeben sollte. war von Kardinal Lefevre nach Kalifornien geschickt worden. da Dir die genaue Stunde der Wiederkehr des Gerechten und der Tag des Endes aller Dinge gesagt worden ist. fragte sich der Kardinal. wie der Gerechte prophezeit hat. Da ›der Gerechte‹ in der Bibel ein Titel des Messias war. ihre Irrlehren weiter zu verbreiten. Er nahm ein Papyrusfragment aus der Kassette. der vor siebenundzwanzig Jahren Dr. und das der Sand Algeriens beinahe zweitausend Jahre unzerstört bewahrt hatte. und ein Schauer lief ihm über den Rücken. falls man sie verfolgen würde. Der Beauftragte des Vatikans. der im Griechisch des römischen Reiches geschrieben war. Wir werden niemals sterben.

entdeckt zu werden? 492 . Dr.Oder stammte er von der Hand der Diakonin Amelia. Ließ die Ähnlichkeit der Namen auf einen Zusammenhang schließen? Im Internet kursierten Gerüchte. War die siebte Schriftrolle in Timgad versteckt worden? Lag sie vielleicht immer noch dort und wartete im Sand Nordafrikas darauf. überlegte der Kardinal. Alexander sei nicht im Besitz aller Schriftrollen der Sabina. Man sagte. ›Timgad‹ – ›Tymbos‹. vielleicht sogar der Perpetua? Das Fragment war in der Nähe der alten Stadt Timgad gefunden worden. sie sei auf der Suche nach einer siebten.

Wir haben jeden Fahrer zweimal gefragt. Der Gedanke daran. Zeke hatte die Heizung nicht eingeschaltet. Vielleicht kannte er uns schon vom Sinai. »ihr Begleiter reist neuerdings in Zivil. Havers dieser Auftrag kosten würde. Ja. Kälte. sagte Raphael.« Er wartete auf Catherines Antwort. schüttelte den Lockenkopf und murmelte: »… und was jetzt?« Zeke trommelte mit den behandschuhten Fingern auf das Steuerrad. sagte er. D. was Mr.« Raphael schloß die blauen Augen. »wenn du Priester wärst. Hier können wir weg«. hielt ihn warm. als er in den Mietwagen stieg. erwiderte Zeke und ließ den Wagen an. »Das bringt nichts. und sein Blick fiel auf die Reihe wartender Taxis vor der Ankunftshalle für Inlandflüge.Washington.C. Hitze. »Keiner hat einen Priester gesehen. Und alle. »Kein Glück?« fragte Zeke.« »Das heißt«. was jetzt? »Raphael«. 493 . sagte Garibaldi. obwohl die Temperatur um den Gefrierpunkt lag. wohin würdest du an Heiligabend gehen?« »Ich werde nicht lange wegbleiben«. sind heute wieder da. Raphael hatte nichts dagegen. er wolle hellwach bleiben und einen klaren Kopf behalten. die letzte Nacht gearbeitet haben. Er sagte. Sie saß mit neuen Gummihandschuhen über eine Schriftrolle gebeugt und entfaltete sehr behutsam das erste Blatt der fünften Schriftrolle.« »Er hat uns in Las Vegas genau gesehen. »die Kirche ist nur drei Straßen weiter. ihm war das im Augenblick gleichgültig.

Ich dachte. fragte der Reporter. wissen wir so wenig wie am Anfang. Sie gehören der ganzen Menschheit und nicht einer Person. »Wie wir die siebte Rolle finden sollen. den Mrs. »heißt das. es gibt diese Schriftrollen tatsächlich? Können Sie das bestätigen?« »Ja. »Ich wollte. Catherine wechselte den Sender. Alexander hat mein Angebot bisher abgelehnt. »Ja. sie könnte die Schriftrollen vernichten. Sie möchten. die Schriftrollen mit der Welt zu teilen. Alexander und ich in Verhandlungen über den Erwerb der Schriftrollen stehen«. sagte er in seiner gewohnt liebenswürdigen Art und lächelte gewinnend. »Mr. entspringt meiner Sorge. das kann ich.« Catherine richtete sich auf und sah ihn an.»Es bleiben noch zwei«. weil ihr Vater Garibaldis Schwester leid tat. O’Toole heraufgebracht hatte. das ist er!« sagte sie und schaltete schnell den Ton ein. daß Dr. Catherine ließ ihn mit abgeschaltetem Ton laufen. In einer anderen Nachrichtendung hieß es: »Der Milliardär Miles Havers. »Was ist los?« »Ist das nicht Miles Havers?« fragte er und deutete auf den Fernsehapparat. »Ich weiß nicht. 494 .« Er runzelte die Stirn und zog die Lederhandschuhe an. ich könnte Sie überzeugen…« Er sprach den Satz nicht zu Ende. Aber das kann ich nicht. sie von Dr. Havers«.« »Was soll das nun wieder?« sagte Garibaldi kopfschüttelnd.« »Das glaube ich einfach nicht!« sagte Garibaldi. Havers stellte sich vor seinem Haus in Santa Fe der Presse. Alexander zu kaufen. fünfzig Millionen Dollar würden sie dazu bringen. es lag nicht in meiner Absicht. daß ich mit Ihnen gehe. wie bekannt geworden ist. Der Versuch. »Aber ich kann Ihnen versichern. etwas davon nach außen dringen zu lassen. »Ich weiß. sagte sie. Aber Dr.

und ich werde weiter an der Übersetzung der Schriftrollen arbeiten. »Warum macht er das? Was hat er davon?« Catherine schüttelte verwirrt den Kopf und schaltete mit der Fernbedienung auf einen Sender in Baltimore. die sie entdeckt habe. und Catherine schaltete den Fernseher aus. murmelte Garibaldi. Catherine Alexander steht.Besitzer von Dianuba Technologies. mit mir zu gehen?« 495 . würde Havers alles leugnen. nämlich die flüchtige Dr. In einer Stunde fängt die Mitternachtsmesse an. gab heute bekannt. Ich bleibe unauffindbar und schweige. Also hat er sich die ganze Sache ausgedacht. Die Person. »… erst bestätigt nach einem anonymen Hinweis an die New York Times. etwas zu unternehmen. »Da täuscht er sich. Er möchte vermutlich. »Wenn der Informant nicht in seinem Auftrag an die Öffentlichkeit gegangen wäre. Er hat erklärt. die diese Schriftrollen verkaufe.« Die Nachrichtensendung wurde durch Werbung unterbrochen. Catherine Alexander. »Sie gehen jetzt besser.« »Aber warum?« »Er glaubt vielleicht.« »Den Tip muß Havers selbst inszeniert haben«. der angeblich aus der unmittelbaren Umgebung von Miles Havers kam.« »Kann ich Sie wirklich nicht überreden. sei identisch mit der. er könnte Sie zwingen.« Sie sah Garibaldi an. daß Sie seiner Darstellung öffentlich widersprechen. sie seien zweifelsfrei christlichen Ursprungs und illegal in die Vereinigten Staaten gelangt. um die Jesus-Schriftrollen für die Summe von fünfzig Millionen Dollar zu erwerben…« »Das ist einfach verrückt«. die Schriftrollen stammen von der Sinai-Halbinsel. sagte Garibaldi. daß er zur Zeit in privaten Verhandlungen mit Dr.

In der Kirche spielte die Orgel ›Stille Nacht. heilige Nacht‹. Als sie und Garibaldi sich der Kirche näherten. die in den Lichtschein traten. habe ich die Kirche und Gott verflucht. erwiderte sie. Kinder drängten sich um die hell erleuchtete Krippe. Trotz der Kälte begann sie zu schwitzen und hatte plötzlich das Bedürfnis. sagte sie: »Vater Garibaldi.« Doch Garibaldi blieb. Manche wirkten ernst und feierlich. alte Männer und Frauen gingen langsam an ihren Stöcken.« Sie schüttelte den Kopf. erwiderte er ruhig.« »Lassen Sie ihn sich von mir zeigen. die 496 . dachte Catherine und blickte auf die gotischen Kirchtürme.« »Weshalb nicht?« »In der Nacht. und das Licht schien wie flüssiges Gold hinter den offenen Türen zu schimmern. und es wehte ein schneidender Wind. So viele gläubige Menschen. als meine Mutter starb. Trotzdem strömte eine große Menschenmenge durch das offene Kirchenportal. Als sie seinen Blick auf sich gerichtet spürte. Es war eine bitterkalte Nacht. die den dunklen. Catherine beobachtete die Menschen. »Ich sehe keinen. »Es gibt immer einen Weg zurück.»Der fünfte Papyrus ist in einem schlechteren Zustand als die anderen«. Ich kann nicht einfach zurück. Noch immer fuhren Wagen vor und verstopften die enge Straße. ich kann wirklich nicht mitkommen. sternenlosen Himmel stützten. »Ich muß mit der Arbeit daran anfangen.« »Natürlich können Sie das«. andere winkten fröhlich Freunden oder Bekannten zu.« Sie blickte auf seine ausgestreckte Hand. bekam Catherine Herzklopfen.

werden Sie in Zukunft nur noch mehr Schuldgefühle wegen der Sache haben. nicht wahr?« »Ich mache mir Sorgen«.« »Ich habe mich erinnert«. ich würde beschließen.« »Es gibt nichts. hob das Gesicht in den kalten Wind und schloß die Augen. sagte sie leise.« Nach einer kurzen Pause sagte er: »Was ist an der Treppe geschehen? Sie sind plötzlich leichenblaß geworden. wovor Sie sich fürchten müßten. sagte er: »Sie haben es für mich getan. Am Fuß der Treppe blieb sie leichenblaß stehen. Sie können nicht meinetwegen zur Kirche gehen. »Warum sind Sie mitgekommen?« fragte Garibaldi und sah sie prüfend an. wie blaß sie war.Daunenjacke auszuziehen. flüsterte sie.« »Warum machen Sie sich deshalb Sorgen?« »Weil das keine Lösung ist.« »Vater Garibaldi. Priester zu bleiben. ich kann nicht.« »Sie haben also geglaubt. und ging mit ihr in den kleinen Park an der Seite der Kirche.« Er sah. Da sie keine Antwort gab. Vater Garibaldi. die Sie jetzt schon belastet. wenn ich ein verirrtes Schaf zur Herde zurückführen könnte? Catherine. Garibaldi sah sie fragend an. erwiderte sie. »Worüber?« »Daß Sie den Priesterrock ausziehen werden. Wenn Sie das tun. »Wenn ich nervös war 497 . »Als kleines Mädchen habe ich gestottert«. »Ich kann nicht. »Erinnert? Woran?« Catherine zog die Handschuhe aus und überließ ihre feuchten Hände der kalten Luft. nahm den Schal ab. Das müssen Sie Ihretwegen tun. Zwischen den von Rauhreif bedeckten Sträuchern stand eine Bank. Catherine setzte sich völlig erschöpft dorthin.

Die anderen Kinder hörten nicht mehr auf zu lachen. Plötzlich aber wurden sie still. Sie hängte mir ein Schild um den Hals. Schwester Immaculata glaubte. auf dem ›Sünderin‹ stand. mir an den Beinen hinunterzulaufen. die Schwester könnte mich aufrufen. aber sie brachte den Namen kaum über die Lippen. Dann merkte ich. das alles absichtlich getan zu haben.« Sie schüttelte bei der Erinnerung den Kopf. konnte ich nicht mehr richtig sprechen. stotterte sie. »Natürlich tat sie es. Ich versuchte zu antworten und erwiderte: ›VV-Vasco dd-da GG-Gama. und es fing an.‹ Die Klasse brüllte vor Lachen. schimpfte mich aus und schleppte mich in das Zimmer der Oberin. etwas zu sagen. und ich hatte entsetzliche Angst. aber ich hatte schreckliche Angst. weißblonden Haare. die leider ebenfalls stotterte. Meine Mutter hatte die Schulleitung davon in Kenntnis gesetzt. Sie wollte von mir etwas über Vasco da Gama wissen. Ich fing an zu weinen. es Schwester Immaculata zu sagen. aber als Zehnjährige in der katholischen Schule hatte ich das Problem noch. ich würde mich über sie lustig machen. und der Unterricht ging weiter. Natürlich geschah das Unglück gleich am ersten Tag. Das hat sich gegeben. bis ich etwas Respekt gelernt hätte.oder mich fürchtete. ›VV-Vasco dd-da GG-Gama‹. Die Kinder kicherten und flüsterten miteinander. es zu halten.« Catherine schlug die Hände vor das Gesicht. ich müsse dort stehenbleiben. Sie erklärte. »Im Unterricht wurden die großen Entdecker behandelt. Ich nehme an. Also versuchte ich. Zur Strafe mußte ich mich vor der Klasse auf einen Hocker stellen. man hat vergessen. Schwester Immaculata warf mir vor. daß ich zur Toilette mußte. Sie zerrte mich vom Hocker. Das machte die Sache für mich noch schlimmer.« Catherine fuhr sich mit den Fingern durch die kurzen. Es 498 . Nach einer Weile konnte ich nicht mehr. Ihre Worte klangen schmerzlich.

ich habe Gott nicht wegen Vater McKinney verflucht oder deshalb. mich um die Mittagszeit abzuholen.« Catherine stand auf und betrachtete die dünne Eisschicht im Vogelbad. Er war nicht zum Vater geschaffen. den Fußboden zu putzen. »Gott bedeutete ihm mehr als ich. Er wollte nicht einmal wissen.« »Die Kirche bedeutete Ihrem Vater mehr als Sie. und er kam nicht. Er versprach. Also saß ich mit dem ausgewaschenen Unterhöschen in einer Plastiktüte im Zimmer der Oberin und wartete auf meinen Vater. sagte sie. »Er war eine Art Mönch. das heißt. Meine Mutter war auf einer Tagung. und damit war die Sache für ihn erledigt. Die Schulschwester fuhr mich schließlich nach Hause. Vater Garibaldi.« Catherine starrte blicklos vor sich hin. wo er unterrichtete. »Es wurde Mittag. weil meine Mutter ohne den Beistand eines Priesters sterben mußte. Die Zeit verging. was geschehen war. die Schwestern verließen die Klassenräume. weil mein Vater Gott mehr liebte 499 . Die Kinder gingen nach Hause. in dem College. Sind Sie deshalb böse auf ihn?« fragte Garibaldi. Catherine drehte sich herum. Dann war die Schule aus. Ihre Stimme war kaum noch zu hören. während die Oberin bei mir zu Hause anrief. Ich habe Gott verflucht.dauerte eine Weile. In der Kirche begann die Messe. und die Frau des Hausmeisters fing an. Er sagte. »Die Kirche bedeutete meinem Vater alles«. Er verschwand sofort wieder in seinem Arbeitszimmer. »Die Schulschwester kümmerte sich um mich. der hinter ihr stand. bis sie weitersprechen konnte. Nachmittags riefen sie meinen Vater noch einmal an und hinterließen eine Nachricht. Mein Vater war da. aber mein Vater war zu Hause. Er hätte nie ein Kind haben sollen. er habe den Anruf vergessen.

und daran war meine Mutter schuld. um meinen Vater auf eine hinterlistige Art zu bestrafen?« »Auf ihn sind Sie doch böse. welche Schimpfnamen sie für mich hatten. ein Spion zu sein. Sie können sich vorstellen. die die Kirche angriffen und meinen Vater aus dem Haus trieben!« »Deshalb führen Sie die Arbeit Ihrer Mutter weiter – eine Arbeit. Er hat keinen Finger zu seiner Verteidigung gerührt. Aber dann kam er ums Leben. Er hat es nicht einmal geleugnet. wollte ich den Sargdeckel abnehmen und von ihm eine Erklärung dafür verlangen. ich hätte die Schriftrollen an mich genommen. oder nicht? Ihm können Sie nicht vergeben.als mich. daß ich älter und reifer sein würde. Ich wollte unbedingt wissen. »Die Kinder in der Schule waren danach schrecklich zu mir. weil sie trotz des Verbots Bücher schrieb. daß man ihm eine Kapuze über den Kopf zog und ihn hinrichtete.« Catherine blickte auf ihre Hände und sagte leise: »Man hat ihn beschuldigt. Wenn Danno nicht gewesen wäre…« »Haben Sie Ihrer Mutter nie etwas davon gesagt?« Catherine stand auf. war ich voller Zorn. Er hat es hingenommen. weil wir diese Sache nie bereinigt hatten. Gott hätte er nicht mit einer nassen Unterhose im Zimmer der Oberin sitzenlassen!« Sie stieß die Luft aus. Garibaldi schwieg. »Sie glauben. ob er nicht gekommen 500 . und Catherine sprach etwas ruhiger weiter. Ich wartete immer darauf. um mit ihm darüber zu reden. die Ihren Vater aus dem Haus und schließlich in den Tod getrieben hat?« Catherine sah ihn erschrocken an. »Wie konnte ich? Sie betete meinen Vater an… und als er starb. daß er mich an jenem Tag nicht abgeholt hatte. Als man mir am Flughafen seine Leiche übergab.

»Deshalb kann ich nicht mit Ihnen in die Kirche gehen. Aber gehen Sie nur hinein. weil er hingerichtet worden ist?« »Wir hatten noch etwas ins reine zu bringen«. Vater Garibaldi. als sie die Straße zurück zum Haus von Mrs. Sie gehören dorthin. Ich hätte nicht mitkommen sollen. O’Toole und zur fünften Schriftrolle ging. Damit will ich nichts mehr zu tun haben. »Dem hat er sich entzogen. 501 . Auf mich wartet noch Arbeit.« Catherine zog die Handschuhe wieder an. Vater Garibaldi.« »Sie sind böse auf ihn.« Er sah ihr nach.war. erwiderte sie. weil ich ihm so wenig bedeutete. Es war seine Kirche und sein Gott.

DER ZWÖLFTE TAG 502 .

Ich widmete mich mit ganzer Hingabe der Erziehung von Pindar und freute mich über seine Entwicklung. Dezember 1999 »Hüte dich vor den Wesen. Doch nach einer Weile stellte ich fest. Philos spürte den Zauber dieses Landes ebenfalls. denn alles hier war uns so fremd. die im Norden leben. ob sie vielleicht schon zu lange nicht mehr in Rom gewesen war. Auf eine Lesung des 503 . daß sie sich in dieses seltsame. 25. Wir trafen uns einmal in der Woche in meinem Haus. als wir unser Haus in Britannien bezogen. denn auch hier war die Erinnerung an Riesen lebendig. Und ich gründete eine kleine Gemeinde. die über ein wolkenverhangenes Reich auf dem Gipfel der Erde herrschen. Sie warnte mich vor ›dem kleinen Volk‹ und den Robbenfrauen und vor Katzen. und erzählte von den sagenumwobenen Arimaspi. in denen Geister und Feen hausen. und nichts ist erhabener als die uralten Eichenhaine. Er beschäftigte sich wie besessen mit den Legenden und dem reichen Schatz an Überlieferungen. die Neugeborenen den Lebensodem von den Lippen stehlen. Ich fragte mich nach der ersten Begegnung.Samstag. den Regen und die Dunstschleier über den Tälern liebte. Sie sprach flüsternd von den Hyperboräern. die ihre Gestalt verändern«. vor den staunenden Blicken ausbreitet. dem dieser Vorposten als Befehlshaber unterstand. Man stellte ihm die Beweise dafür in Aussicht. daß es sie gegeben hatte. ermahnte mich Claudia. das sich. Doch ich mußte mir bald eingestehen. Nichts ist schöner als das wogende Grün. neblige Land verliebt hatte. Ich war mit dunklen Vorahnungen gekommen. so weit das Auge reicht. Claudia war die Frau des Centurio. daß auch ich den Wind.

bevor wir seinem Auftrag folgten. wie Claudia der Magie der Druiden verfiel. und sie waren wie ich davon überzeugt. Für die Druiden gibt es nichts Heiligeres als die Mistel. die sie in ihrer Sprache ›die Allheilende‹ nennen. Ich bekehrte viele Menschen zum Weg. gemeinsam das Brot zu brechen und den Wein zu trinken. die einen uralten Himmelsgott namens Myrddin verehren.Marienbriefes folgte eine Ansprache über den Gerechten und seine Botschaft vom Frieden und dem Sieg über den Tod. Ich beobachtete nicht ohne Sorge. daß diese Pflanze jede Krankheit besiegen kann. Ich traf Druiden. wie wir sie kennen. denn sie glauben. auf der die Mistel wächst. 504 . daß dies der wahre Glaube ist. Ihre Rituale finden in der freien Natur statt. Die Druiden haben keine Tempel oder Heiligtümer. Aber ich hielt unbeirrt an meinem Glauben fest. und sie verehren die Eiche.

« »Schon gut. während sie in ihrem Zimmer gefangen war. »Ja«. Mrs.« »Ich glaube nicht. öffnete sie allerdings nicht. Ich muß wissen. O’Toole ging. Im Haus waren die Vorbereitungen für das Festessen voll im Gang. »Vielen Dank für die Einladung.Washington. sagte sie durch die Tür. Catherine stieg schon beim Aufwachen der Duft einer bratenden Gans in die Nase. meine Liebe. und Catherine trat wieder an den Tisch. wie viele Gedecke wir auflegen sollen. auf dem die fünfte Schriftrolle ausgebreitet lag. Wird Ihr Bruder mit uns essen?« Mein Bruder… Garibaldi war zur Mitternachtsmesse in der Kirche gewesen und zum ersten Morgengottesdienst. ob Sie später zum Weihnachtsessen zu uns herunterkommen. Jetzt war er gerade in der dritten Weihnachtsmesse. hatte er erklärt.C. meine Liebe?« Catherine ging zur Tür. daß Garibaldi ein schlechtes Gewissen hatte. Mrs. weil er sich frei bewegen konnte. Ich bringe Ihnen einen Teller herauf.« Das waren nicht ganz seine Worte gewesen. Der Zustand des Papyrus war besorgniserregend. erwiderte Catherine. wenn wir auf unseren Zimmern bleiben und ihre Einladung nicht annehmen‹. O’Toole wird es vielleicht verdächtig vorkommen. Mrs. Catherine 505 . O’Toole?« »Ich wollte nur fragen. um zu feiern. Catherine wußte. D. O’Toole«. »Er hat mir heute morgen gesagt. »Miss Garibaldi? Hallo? Sind Sie wach. daß er sich schon darauf freut. ich bin nicht in der richtigen Stimmung. »Ja. ›Mrs. aber ich glaube.

Sie hatte am Abend mit dem Übersetzen angefangen. Stimmen.« Catherine erinnerte sich kaum noch daran. So. wo keine Fenster sind… Catherine kam es vor. daß sie ihn zur Feier des Tages noch zu einem Sherry einluden. als nehme sie nicht mehr am Leben teil. Sie ging zum Fenster und blickte hinaus. so glaubte sie allmählich. Sie entdeckte Garibaldi auf dem Gehweg. Mrs. sondern Bilder. Bilder. die ich durch Wände höre. die sich in eine quälend vertraute Wirklichkeit verwandeln. Er sah eindrucksvoll aus mit dem schwarzen Hut. die ich durch Fenster sehe. den er am Vortag in der Wisconsin Avenue gekauft hatte. um zum Gottesdienst zu gehen. sondern sei nur noch eine Beobachterin. »Aber ich hielt unbeirrt an meinem Glauben fest. wie sie sich auf den Stationen ihrer Flucht in der virtuellen Welt der Computer sicherer gefühlt hatte als in der Wirklichkeit. dem schwarzen Schal und dem langen schwarzen Mantel. »Sie müssen Ihrem Vater verzeihen. Irgendwann im Laufe der Nacht. Die Straße war ruhig. Alle feierten Weihnachten mit einem Gang in die Kirche.blickte auf die Worte. in der Vergangenheit zu leben. wie andere Gäste das Haus verließen. die sie zuletzt gelesen hatte. mit Sabina in Britannien zu sein. Sabinas Leben zu führen und nicht ihr eigenes. Am Morgen hatte sie gehört. die so wirklichkeitsnah zu sein schienen. O’Toole und ihre Schwester waren zusammen mit Garibaldi erst um halb zwei morgens von der Mitternachtsmesse zurückgekommen. Catherine hatte gehört. als Garibaldi in der Kirche war. und Szenen. Am Abend zuvor hatten die Leute Weihnachtslieder gesungen. daß Catherine eine Zeitlang das Gefühl hatte. diesen Satz gelesen zu haben. und alle Häuser waren festlich beleuchtet gewesen. daß er damals nicht zur Schule gekommen ist…« 506 . hatte sie keine Worte mehr auf dem Papyrus gesehen.

war das Abenteuer zu Ende. »Schalten Sie den Fernseher ein«. »Was gibt es 507 . daß er mit seiner Anwesenheit einen Raum auszufüllen schien. Sie hatte das Ende des fünften Buches beinahe erreicht. Mrs. und sie dachte. O’Toole sei mit einer Kanne Tee zurückgekommen. »Schnell!« »Was…?« »Ich habe die Ankündigung zufällig unten im Vorbeigehen gesehen. Wenn Catherine auch diesen Text übersetzt hatte. als sie sich zum ersten Mal im Hotel Isis begegnet waren. Aber es war Garibaldi. Danach blieb nur noch eine Schriftrolle übrig. daß er einem alten Mann nicht das Leben gerettet hat? Wie lange wollen wir beide uns noch selbst bestrafen und mit der Last unserer Schuldgefühle leben? »Wir sind uns ähnlich. Erstaunlicherweise gewöhnte sie sich allmählich daran. »Sie und ich. staunte sie auch jetzt darüber. auf denen die üblichen Weihnachtssendungen zu sehen waren. sagte er und zog den Mantel aus.Und was ist mit Ihnen. Wieder einmal sah sie ihr Photo auf dem Bildschirm. Wie an jenem Tag. wenn auch in verschiedenen Arenen. Sie und Garibaldi würden Abschied voneinander nehmen… Plötzlich klopfte jemand heftig an die Tür. wir sind beide Kämpfer. Vater Garibaldi? wollte sie fragen. und fand schließlich die Mittagsnachrichten.« Catherine wandte sich vom Fenster ab und betrachtete den brüchigen Papyrus auf dem Tisch.« Catherine wechselte die Kanäle. und wenn er keine eindeutigen Hinweise über den Verbleib der siebten Rolle enthielt. Catherine ließ ihn ins Zimmer treten.« Das waren Garibaldis Worte auf dem Dach des Atlantis gewesen. Vor den Nachrichten kommt aber noch die Werbung. Warum vergeben Sie dem sechzehnjährigen Jungen nicht.

»Wie bitte? Gestohlen?« »Sie behaupten. »Laut Aussagen der Polizei ist damit der Beweis erbracht. fuhr die Sprecherin fort. die vor drei Jahren aus dem ägyptischen Museum gestohlen wurde…« Catherine sah Garibaldi ungläubig an. Es handelt sich um eine Verkaufsrechnung aus der Regierungszeit des Kaisers Claudius…« »Das ist nichts Ungewöhnliches«. vorgenommen. was auf dem Fragment gelöscht worden ist: einen Stempel mit der Katalognummer eines Museums…« Auf dem Bildschirm erschien in Nahaufnahme ein blasser Kreis. »Man hat Papyrus häufig mehrmals verwendet. daß das Jesus-Fragment Teil einer Sammlung ist.« »Wunderbar!« flüsterte Catherine. und gleichzeitig haben Paläographen in Deutschland und Großbritannien unabhängig voneinander eine Handschriftenanalyse. sagte Catherine. die jedoch mit Hilfe von Infrarotstrahlen lesbar sind. zog die Handschuhe aus und stellte den Ton lauter. Die Datierung des Papyrus nach der Radiokarbon-Methode verweist ungefähr auf das Jahr einhundert unserer Zeitrechnung.diesmal?« fragte sie besorgt. in dem man gerade noch die Inschrift: ›Musee d’Antiquites 4. »… im Institut Technologique in Paris wurde eine Radiokarbon-Untersuchung durchgeführt. 45‹ erkennen konnte. Doch Garibaldi hob die Hand. die Schriftrollen seien Fälschungen.« »Die Infrarot-Spektralanalyse enthüllte jedoch noch etwas anderes. »hat ältere Schriftzeichen sichtbar gemacht. die gelöscht worden waren.11. weil das Material so teuer war. die Handschriftenanalyse bestätigt dieses Datum. die sogenannte Paläographie. Garibaldi nahm den Hut ab.« 508 . »Die Infrarot-Analyse des Fragments«.

Kurze Zeit später entdeckte man. Seine ganze Sippe ist in diesem zwielichtigen Bereich tätig. Ein unglücklich wirkender Mann stand vor einer Reihe Mikrophone.« »Aber was steckt hinter dieser Geschichte?« fragte Garibaldi.»Das kann nicht sein!« Es folgte ein Filmausschnitt. Catherine Alexander. Der Mann ist geradezu unanständig reich und verbirgt seine kriminellen Machenschaften hinter der Fassade neu erworbener Ehrbarkeit.« »Ich habe von ihm gehört«.« Catherine sprang auf. »hat bereits früher Handschriften gefälscht. so sagt er. fuhr die Sprecherin fort. Am bekanntesten ist sein sogenannter ›Brief des Pontius Pilatus‹. und in der unteren rechten Ecke des Bildschirms war ein Balken mit dem Hinweis: ›KAIRO NATIONAL TELEVISION. Die Schriftrollen vom Sinai. »In meinem Auftrag? Ich habe den Mann noch nie gesehen!« »Papazian«. Er habe sie in einem Hinterzimmer seines Antiquitätengeschäfts in Kairo hergestellt.‹ Der Mann sprach arabisch. und die Sprecherin fuhr fort: »Nicholas Papazian legte gestern am späten Abend ein Geständnis ab. Sie hätten ihn bezahlt. Nach einem Geständnis wurde Papazian zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. seien sein Werk. und die ägyptische Regierung entzog ihm die Lizenz für den Verkauf und den Export von Antiquitäten. sagte Catherine. das die ganze Welt in Staunen versetzt. damit er 509 . »Warum sagt er. daß es eine Fälschung war. der vor fünfzehn Jahren auf einer Auktion zehn Millionen Dollar erzielte. Nach seiner Darstellung handelte es sich um eine Auftragsarbeit für Dr. Sie sind eine der bekanntesten Kontaktadressen der Welt für den illegalen Handel mit Altertümern. »Es ist nicht nur Papazian.

Aber wie hat er es gemacht? Ich war dort. Wie hätte Papazian die Schriftrollen oder das Fragment dorthin bringen können? Ich habe die Pflanzenreste am Korb analysiert. der so etwas inszenieren und finanzieren könnte…« »Havers…«. Und ich habe den Korb mit den Schriftrollen entdeckt. »Ein noch größeres Rätsel ist das Motiv dafür. Garibaldi ging nachdenklich im Zimmer auf und ab.« Catherine lachte kurz und bitter. »Er würde ein paar Leute bestechen und nicht ins Gefängnis wandern.« »Dazu wäre eine Menge Geld nötig. »Und riskieren. Wieso gesteht dieser Papazian eine kriminelle Tat. »Er muß dahinterstecken. »und dann alle Experten. dieser Korb war nicht erst vor kurzem dorthin gebracht worden. Wenn es eine abgekartete Sache ist. bei so einem krummen Ding mitzuspielen?« Catherine kaute auf ihrer Unterlippe. Sie sind eindeutig zweitausend Jahre alt!« Im Fernsehen wurde gerade der Sprecher des ägyptischen Ministeriums interviewt. sagte Garibaldi. als Hungerfords Arbeiter das Fragment gefunden haben. wieder im Gefängnis zu landen?« Garibaldi schüttelte den Kopf. Glauben Sie mir. die das Fragment untersucht haben. »… meine Regierung befindet sich deshalb in einer sehr peinlichen 510 . sagte Catherine.« »Aber der Stempel des Museums«.die Schriftrollen fälscht?« »Ich weiß es nicht. wenn er sie nicht begangen hat?« »Für genug Geld würde er wahrscheinlich alles gestehen. wie hat man die Leute dazu gebracht. und ich kenne nur einen Mann. Der Korb saß fest in dem unterirdischen Gang.

»Wenn die Neuigkeit gestern abend in Ägypten bekannt geworden ist. ihr die Mittel zu streichen. Ein Reporter fragte: »Wir haben gehört. und bisher liegen keine Beweise für die Existenz von Schriftrollen vor. daß er persönlich das Fragment sowie den. die Weihnachten bei Mrs. Alexander entfernt habe. Alexander in einem Brief gedroht hat. sagte er mit hochgezogenen Augenbrauen. »Ist das wahr?« Sie machte ein finsteres Gesicht. Was das Fragment betrifft. Als Garibaldi in Catherines Zimmer zurückkam. »Ja. Stimmt das?« »Dazu kann ich leider nichts sagen. so war ich zunächst von seiner Echtheit überzeugt…« »Merkwürdig«.« »Dann unterstellen sie…« »Daß ich die Schriftrollen gefälscht habe. und es gibt Photos«. murmelte Catherine und ging näher an das Fernsehgerät heran. um mein 511 .« Garibaldi sah Catherine an. hatten sie bereits gelesen.« Dann kam ein Archäologe zu Wort. Die Samstagszeitung lag im Wohnzimmer. zurückhaltendem Ton erklärte. und alle sechs Gäste. »Aber Photographien lassen sich nicht analysieren. der in betont sachlichem.Lage. O’Toole verbrachten. »Es kursierten Gerüchte von Schriftrollen. falls die Grabung nicht bald Erfolge vorweisen würde. Sie betrachtete prüfend das in der rechten oberen Ecke eingeblendete Bild des Fragments und sagte: »Wenn ich das doch gedruckt sehen könnte…« »Kein Problem«. mit Steinen gefüllten Korb aus dem Zelt von Dr. Ich bin gleich wieder da. wurde gerade die Direktorin der Stiftung interviewt. wie sich herausstellte. daß die Stiftung Dr. wird heute wahrscheinlich etwas darüber in den Morgenzeitungen stehen. rief Garibaldi.« Garibaldi mußte nicht weit gehen.

Dabei hat sich gezeigt. Wer weiß. die 512 . Der Artikel stand auf der ersten Seite. also Titandioxyd enthält. daß ein altes Dokument winzige Spuren von Anatas aufweist. wie die Menschen das ewige Leben finden können.« »Dahinter muß Havers stecken«. das erst in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts erfunden wurde. die Tinte stammt aus neuerer Zeit. Oder daß sie vielleicht das Geheimnis enthüllen. daß sie eine ganze Menge Anatas aufweist. Insofern ist das mit der angeblichen Fälschung eine Sensation.« Garibaldi warf einen Blick auf Catherine. von Nicholas Papazian. was unter dem Einfluß der Medien in den Köpfen der Menschen auf aller Welt für Erwartungen geweckt worden sind? Die Nachricht heute wird für viele wie eine eiskalte Dusche sein. Darüber stand als Schlagzeile: ›FÄLSCHUNG!‹ »Warum steht das auf dem Titelblatt?« fragte Catherine kopfschüttelnd. Dazu gab es Photos von Catherine. Wir haben Tintenpartikel abgelöst und sie unter dem Elektronenmikroskop analysiert. der Fundstelle und dem Jesus-Fragment.« Im Fernsehen erklärte gerade eine Wissenschaftlerin aus Denver: »Unserem Institut wurde ein winziger Teil des Fragments zur Verfügung gestellt.« »Ich nehme an. und dabei stellte sich heraus. wurde die Tinte mit einem Röntgenverfahren untersucht. »Es gibt doch auch noch andere Neuigkeiten auf der Welt. eine Menge Leute haben sich große Hoffnungen gemacht. sagte Garibaldi und gab ihr die Zeitung. Da es jedoch möglich ist.Projekt weiterführen zu können. daß die Tinte Anatas. Das bedeutet. die sich weder das Fernsehen noch die Zeitungen entgehen lassen. daß in den Schriftrollen ein Hinweis auf die Zeitenwende zu finden ist.

« Sie überflog den Zeitungsartikel noch einmal. daß er mich reizt. »Nicholas Papazian bekommt plötzlich ein schlechtes Gewissen und beschließt zu gestehen. daß Sie…« Catherine schlug die Hände vor das Gesicht. Was gewinnt Havers. Trotzdem sind die Schriftrollen nicht gefälscht. »Gott. Sie hatte Angst. daß sich Havers das Ganze ausgedacht hat. sagte sie. Im Fernsehen beendete die Wissenschaftlerin 513 . daß es sich bei dem Dokument tatsächlich um eine Fälschung handelt. Sie war leichenblaß. Dann betrachtete Catherine die Abbildung des JesusFragments. und daß ich aus meinem Versteck auftauche. »Machen Sie sich jetzt keine Vorwürfe. Es tut mir schon leid. Aber ich werde ihn nicht in diesen Fall hineinziehen.« Garibaldi beugte sich über sie. falls er dahintersteckt?« Catherine sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Offenbar war der ägyptischen Regierung die Sache peinlich. Aber wir sind nicht einmal sicher. »Kein Mensch wird mir glauben«. »Vielleicht glaubt er. was für ein Durcheinander habe ich angerichtet. erwiderte sie. Das hilft uns nicht weiter. Wir müssen herausfinden. ich werde die Schriftrollen herausgeben. sie übte harte Kritik an Catherine. um mich zu verteidigen. »Er könnte bezeugen.fassungslos vor dem Bildschirm stand. und sie war verzweifelt. Vielleicht rechnet er auch damit. die Behörde werde die Grabungen an der Stelle weiterführen.« »Hat jemand die Schriftrollen außer Ihnen und Daniel gesehen?« »Julius«. daß sie echt sind. wo die sogenannten Schriftrollen gefunden worden seien. daß er die Handschrift gefälscht hat. was dieser Schachzug bewirken soll. Dann bestätigen alle namhaften Experten und angesehenen Wissenschaftler. Das Ministerium in Kairo forderte sie ultimativ zu einem Gespräch auf und erklärte.

Und jetzt wird mir kein Mensch auf der ganzen Welt mehr glauben. »hat Havers gestern angekündigt.« »Natürlich hat er es geplant.« »Ich muß zugeben«. es war meine Schwäche. Dafür entschuldige ich mich.« »Deshalb«. der zu seinem Haus führte. Man muß schließlich den zweifelhaften Ruf dieser Archäologin in Betracht ziehen. »Ich kann nur sagen. Es war mein Fehler. und es gab vielen Menschen das Gefühl. als er fortfuhr. denn Catherine Alexander hat mich wie alle anderen hinters Licht geführt! Darüber hinaus fühle ich mich persönlich verantwortlich für die Hoffnungen. Havers’ typisches Lächeln wich einem Ausdruck moralischer Besorgnis. sagte Garibaldi. sagte Garibaldi ernst. war niemand anwesend. Miles Havers stand auf dem gepflasterten Weg. die Schriftrollen könnten bestimmte Informationen religiöser Art enthalten.« »Du Schwein!« Catherine ballte die Fäuste.« 514 . die in so vielen Menschen geweckt wurden. als sie den mysteriösen Korb geöffnet hat. »Offen gestanden. der Betrug bringt mich in große Verlegenheit. daß man ihn heute interviewen würde. Er hat alles so eingefädelt. und ich kann niemandem außer mir selbst einen Vorwurf machen.des Instituts in Denver ihre Ausführungen. daß er als Opfer dasteht und Sie als Betrügerin. überrascht mich die Nachricht nicht. er führe mit Ihnen geheime Verhandlungen über den Kauf der Schriftrollen. Vergessen wir nicht. »der Mann ist gut. daß es sich bei dem Fragment um eine Fälschung handelt. Dadurch war von vornherein klar. sie seien echt. Mein Angebot von fünfzig Millionen Dollar ließ sich als eine gewisse Bestätigung der Echtheit der Schriftrollen deuten. und auf dem Bildschirm erschien die Auffahrt eines Anwesens irgendwo in den Bergen.

Miles hatte mir nicht einmal gesagt. sie würden eine bestimmte Botschaft enthalten. Wir hofften alle. »Was soll ich mir ansehen?« 515 . fuhr Havers fort. »Er hofft.« Der Reporter mit dem Mikrophon wandte sich an die Frau neben Havers. um Sie aus dem Versteck zu locken«. Catherine hielt die Zeitung daneben. »Mrs. Sie betrachtete noch einmal aufmerksam die Abbildung des Fragments der Handschrift. sagte Garibaldi. Und jetzt…« Sie schüttelte fassungslos den Kopf. Er hat sich das alles einfallen lassen. »Es ist eine große Enttäuschung.»Bitte. Sie schlug den Buchdeckel auf.« Catherine schaltete den Fernseher ab und griff nach der Zeitung. »Sehen Sie sich das an«. verstehen Sie mich nicht falsch«. der als Schutz der gefalteten Schriftrollen gedient hatte. als von Dr. sagte sie. Alexanders Unschuld überzeugt sein zu können. Mir wäre nichts lieber. daß er heimlich verhandelt. Plötzlich sagte sie: »Moment mal…« Sie ging mit der Zeitung zum Tisch und hielt sie unter das Licht. »Was ist?« Catherine öffnete die blaue Tasche und nahm behutsam den Buchdeckel heraus. Havers. Ich hatte natürlich von dem sensationellen Fund gehört. Darauf wartet er jetzt. aschblonde Frau antwortete: »Ich bin sprachlos. daß ich unüberlegt handle und einen Fehler mache. um die Schriftrollen zu kaufen. um sich zu verteidigen?« »Da haben wir es! Er pokert. was sagen Sie dazu?« Die schlanke. Aber wir müssen uns fragen: Wo ist sie? Und warum geht sie nicht an die Öffentlichkeit. Garibaldi beugte sich darüber. »ich erhebe keinerlei Anschuldigungen. ich werde mich über diese Verleumdungen so aufregen. Darin lag die untere Hälfte des Jesus-Fragments.

Papazian hat vielleicht einen Beamten bestochen. sondern um eine Fälschung!« »Sie meinen.« Sie blätterte die Seiten durch. das Altersbestimmungen nach der Radiokarbonmethode durchführt.»Das Fragment in der Zeitung. Aber wo ist dann das echte Fragment?« »Wer weiß? Der Austausch kann auf hoher Ebene veranlaßt worden sein – vielleicht hat auch mein Assistent Samir etwas damit zu tun. damit er das Original durch die Fälschung ersetzt. habe ich einem Freund in Zürich ein kleines Stück des Papyrus geschickt. Er heißt Hans Schüller und arbeitet in einem Institut.« »Sie meinen. Sie hätten ihn dafür bezahlt. »Sie passen nicht zusammen«. sagte Catherine. »Dieses Fragment«. Achten Sie auf den unteren Rand. bewußt eine Fälschung hergestellt und dann behauptet. das ich zurückgelassen habe. Papazian hat das Fragment kopiert. Es sei denn. das ich im Zelt zurückgelassen habe. den Hungerfords Männer gefunden haben. »ist nicht das Fragment.« »Nein?« »Die Wissenschaftler lügen nicht! Sie haben eine Fälschung begutachtet! Es handelt sich nicht um das Dokument. Sie melden sich zu Wort und kontern mit Ihrem Verdacht…« »Ich habe eine bessere Idee«. das zu beweisen. ging an die Tasche und holte ihr Adreßbuch heraus. im Auftrag von Havers?« »Ja…« »Es wird schwer sein. Vergleichen Sie ihn mit dem oberen Rand meines Papyrus. nicht um den Papyrus. erklärte er. sagte sie und wies auf die Zeitung. Möglicherweise ist der Regierung überhaupt nicht bewußt. bis sie die 516 . »Bevor ich vom Sinai abgereist bin.« Er betrachtete beides. daß der Papyrus vertauscht worden ist.

und es könnte jemand Verdacht schöpfen. Die Männer von Havers haben damals in Santa Barbara alles abgehört. Hans«. Plötzlich fühlte sie sich sehr müde. Wir müssen sehr vorsichtig sein. »Es wird schon gutgehen. Ich bin sicher. »Havers hat ihn gekauft. aber die bekomme ich bestimmt bei der Auskunft.« »Es ist Weihnachten. Das kommt vor. »So.« »Mrs. ich bleibe bei Ihnen. »so muß es wohl sein. »Ich habe Schüller gebeten.Telefonnummer gefunden hatte. Wie bitte?« Sie sah Garibaldi an. »Ja. dann legte sie auf.« Ihr Gespräch mit Schüller fünf Minuten später war kurz.« Sie rieb sich den Nacken und lockerte Kopf und Schultern mit kreisenden Bewegungen. »Wo ich bin?« Sie legte schnell auf. ich kann mich auf ihn verlassen…« »Wollen Sie ihn anrufen?« »Ich versuche es im Institut. Hier findet uns 517 . sagte sie.« »Aber wie kann er von Schüller gewußt haben?« »Ich muß in Daniels Wohnung etwas über ihn gesagt haben. »Sie haben recht. Sie gehen jetzt hinunter zum Essen und feiern mit den anderen Weihnachten. O’Toole wäre sehr enttäuscht. Die Öffentlichkeit wird mit diesem Fall in Atem gehalten.« Der Apparat am anderen Ende klingelte ein paarmal.« »Nein. nichts zu sagen. sagte er sanft und legte ihr die Hände auf die Schultern. Ich weiß.« »Haben Sie seine Privatnummer?« »Nein. es ist unterwegs verlorengegangen. »Nur Daniel wußte davon«. Warum nur schießen alle auf mich…?« »He«. sagte sie und ging zum Telefon. Jeden Tag gibt es neue Sensationsmeldungen.

niemand. Und bald ist alles vorbei.« Und dann werden wir uns trennen. »Ich arbeite weiter an der Übersetzung. Je schneller wir zum Ende kommen, desto besser.« »Sind Sie sicher, daß alles in Ordnung ist?« »Keine Angst, Vater Garibaldi«, sagte sie. »Auch wenn ich noch so wütend bin, sind Miles Havers die Hände gebunden. Er kann nichts sagen, was mich dazu bringen würde, etwas Unüberlegtes zu tun.«

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Malibu, Kalifornien
Julius suchte eine Telefonzelle in einem kleinen Einkaufszentrum an der Küstenstraße. Als er einen freien Apparat fand, wählte er schnell und griff nach seinem Zettel. Er hatte sich aufgeschrieben, was er sagen wollte. Die Zeit war knapp. Es war ihm gelungen, den Mann im weißen Wagen abzuschütteln. Aber er wußte nicht, wie schnell der Aufpasser seine Spur wiederfinden und ihm hierher folgen würde. Während er darauf wartete, daß jemand am anderen Ende den Hörer abnahm, überlegte er, ob es möglich sei, einen Anruf aus einer öffentlichen Telefonzelle zu lokalisieren. Auf alle Fälle behielt er die Straße im Auge, und als sich schließlich eine Frauenstimme meldete, sagte er klar und deutlich: »Ich möchte eine Nachricht für eine Besucherin hinterlassen, die bald zu Ihnen kommen wird. Hören Sie? Ja gut, ich buchstabiere den Namen…« Beim Sprechen nahm er die Zeitung, die er sich unter den Arm geklemmt hatte, und legte sie auf die kleine Ablage unter dem Apparat. Selbst jetzt, Stunden, nachdem er die Schlagzeile gesehen hatte, empfand er noch den Schock. Eine Fälschung! Wie konnten die Schriftrollen gefälscht sein? Er hatte sie mit eigenen Augen gesehen und hätte schwören können, daß sie echt waren. Catherine kannte sich auf ihrem Spezialgebiet aus. Sie hätte Fälschungen erkannt. »Würden Sie es bitte wiederholen?« sagte er ins Telefon. Nachdem er sich vergewissert hatte, daß die Frau in der Zentrale am anderen Ende seine Nachricht richtig notiert hatte, legte Julius auf und blickte auf die Uhr. Camilla Williams von Augenzeugen hatte ihm zugesagt, daß das
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Interview am nächsten Tag gesendet werden würde – landesweit. Das war die einzige Bedingung gewesen, unter der er sich zu dem Gespräch bereit erklärt hatte. Morgen um diese Zeit, so beruhigte er sich, wird die ganze schreckliche Sache vorbei sein. Er konnte und wollte Catherine die unangenehme Wahrheit nicht vorenthalten, daß Sabina ihre Geschichte nie zu Ende geschrieben hatte und daß es keine siebte Schriftrolle gab. Julius mußte jetzt dafür sorgen, daß alle Spekulationen aufhörten. Wenn erst einmal das Interesse der Medien erloschen war, wenn sich alle Mißverständnisse aufgeklärt hatten, dann würden sie daran denken können, wieder ein normales Leben zu führen. Im Augenblick konnte er jedoch nichts anderes tun, als warten und darauf hoffen, daß Catherine in ihrem Versteck blieb und schwieg und daß sie nichts tun würde, was ihren Aufenthaltsort verriet.

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Washington, D.C.
Cornelius Severus ritt nach Chichester, um sich mit dem Führer der Britonen zu treffen, und wie immer begleitete ihn Philos… »Mit wem will er sich treffen?« fragte Catherine laut. Am liebsten hätte sie Sabina angeschrien: »Verrate mir den Namen des Führers der Britonen! War es Cunobelinus?« Denn in diesem Fall wäre Sabina während der Herrschaft des Claudius in Britannien gewesen, und das hätte eine sichere Datierung der Schriftrollen bedeutet. Catherine sank enttäuscht auf dem Stuhl zusammen und warf den Kugelschreiber auf den Tisch. Sabina berichtete ihre Geschichte eindeutig jemandem, der die zeitgenössischen Begleitumstände kannte. So, wie heute jemand sagen würde: »Damals, Ende der sechziger Jahre, haben wir gegen den Krieg protestiert«, ohne ausdrücklich vom Vietnam-Krieg zu sprechen, so bestand auch für Sabina kein Grund zu sagen, auf welchen Kaiser, welches Jahr seiner Regierung oder auf welchen Führer der Britonen sie sich bezog. Es war alles sehr frustrierend. Aber noch schlimmer war, daß sich Catherine bereits dem Ende der fünften Schriftrolle näherte. Und nach allem, was sie sehen konnte, war die sechste Rolle nicht sehr lang. Es blieben Sabina nicht mehr viele Möglichkeiten, durch einen eindeutigen Hinweis klarzustellen, in welcher Zeit sie gelebt hatte. Catherine stand vom Tisch auf, reckte sich und blickte aus dem Fenster. Es waren keine Sterne zu sehen. Der Wetterbericht hatte Schnee angekündigt. Sie warf einen Blick auf die Uhr. Es war elf Uhr abends. Im Haus von Mrs. O’Toole war es inzwischen still geworden. Alle
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schliefen nach einem langen Tag mit Sherry und Weihnachtsliedern, dem üppigen Abendessen mit gebratener Gans und vielen anderen Gängen. Mrs. O’Toole war so freundlich gewesen, Catherines Portionen auf einem Tablett heraufzubringen. Catherine hatte alles aufgegessen, nur das Dessert stand noch auf dem Nachttisch. Sie hatte Garibaldi noch einmal kurz gesehen. Auf dem Weg in sein Zimmer war er hereingekommen, um sich nach ihrem Wohlbefinden zu erkundigen. Leider war am nächsten Tag Sonntag, und der Computerladen würde ebenso geschlossen sein wie die Bibliotheken und alle anderen Einrichtungen, die Zugang zum Internet hätten bieten können. »Wir müssen bis Montag warten«, hatte er gesagt. Ja, am Montag würden sie einen sicheren Weg finden, sich wieder ins Netz einzuloggen und nach den neuen Namen zu suchen, die Catherine in Sabinas Bericht über ihre Jahre in Britannien gefunden hatte. Sie blickte noch einmal auf die Uhr und rechnete nach. In Kalifornien war es jetzt acht Uhr abends. Sie hätte gern Julius angerufen. Aber diesen Wunsch konnte sie sich nicht erfüllen. Catherine rechnete damit, daß das Abenteuer bald vorüber sein werde, wenn Sabina keine weiteren Hinweise auf den Verbleib der siebten Schriftrolle gab. Und so beschloß sie, die Spätnachrichten einzuschalten, um festzustellen, welche neuen Entwicklungen es gab. Es überraschte sie nicht, Miles Havers auf dem Bildschirm zu sehen. Er war der Star des Augenblicks, der Milliardär, der das unschuldige Opfer einer Betrügerin war. Doch als Catherine den Ton lauter stellte, war sie doch überrascht, was sie aus seinem Mund zu hören bekam. »… in bestimmten wissenschaftlichen Kreisen ist der
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Name Dr. Alexander natürlich bekannt. Ihre Mutter, Nina Alexander, wurde vom Vatikan wegen Verbreitung kirchenfeindlicher Lehren öffentlich getadelt. Und das nicht nur einmal…« Catherine sank in den Sessel und folgte fassungslos den beleidigenden Ausführungen von Havers. »… sondern mehrmals, bis sie ihren Lehrauftrag an einem katholischen College verlor. Sie werden sich vielleicht erinnern«, sagte er und lächelte der Moderatorin zu, mit der er offenbar ein langes Studiogespräch führte, »daß Nina Alexander behauptete, den Beweis dafür gefunden zu haben, daß Frauen und nicht Männer auf dem apostolischen Stuhl im Vatikan sitzen müßten.« Er lachte leise, und auch die Moderatorin lächelte über diese absurde Vorstellung. »Ein befreundeter Psychologe vertritt die Theorie, daß Catherine Alexander mit der Fälschung ihre Mutter rehabilitieren möchte. Ich glaube, eine Bestätigung dafür ist die Tatsache, daß sie das Wort Diakonos in den Text eingefügt hat, um zu beweisen, daß Frauen das Priesteramt ausüben sollten.« »Mein Gott«, flüsterte Catherine. »Er ist ja schlimmer als die Inquisition…« »Und natürlich«, fuhr Havers fort, »ist das Skelett, das angeblich zusammen mit den Schriftrollen gefunden wurde, ein weiterer Beweis dafür, daß Dr. Alexander die ganze Sache inszeniert hat.« Er lächelte triumphierend. »Ich meine, die Handgelenke waren mit Lederriemen gefesselt, und niemand zweifelt daran, daß es sich um das Skelett einer Frau handelt!« Er lachte. »Ich kann mir gut vorstellen, aus welchem Grund unsere Archäologin das alles getan hat. Die ganze Welt sollte glauben, es habe sich um eine Art Märtyrerin gehandelt. Aber soviel wissen wir über die Sitten und Gebräuche, um sagen zu können, daß es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um eine Frau
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handelt, die vor zweitausend Jahren ihren Mann betrogen hatte und zur Strafe in den Brunnen geworfen wurde.« Catherine umklammerte die Armlehnen des Sessels. Wie kann er so lügen’? Die Frau im Brunnen ist für ihren Glauben den Märtyrertod gestorben! »Mr. Havers«, unterbrach ihn die Moderatorin. Havers lächelte unwiderstehlich: »Bitte nennen Sie mich Miles.« »Miles, was halten Sie von der neuesten Entwicklung in dieser Angelegenheit? Nicholas Papazian in Kairo hat seine Aussage korrigiert.« Catherine runzelte die Stirn. War ihr seit den Mittagsnachrichten etwas entgangen? »Offen gestanden überrascht es mich nicht, daß eigentlich Daniel Stevenson den Weg für die Fälschung gebahnt hat. Schließlich haben wir es bei ihm mit einem Mann zu tun, der glaubte, die Azteken seien Nachfahren von Marsbewohnern gewesen!« Catherine schaltete schnell den Fernseher aus und starrte auf den dunklen Bildschirm. Sie spürte, wie sich der Schock allmählich in kochende Wut verwandelte. Danno! Er zieht auch noch Danno in den Schmutz! Genügte es diesem Schwein nicht, daß er ihn umgebracht hatte? Mußte er Danno in den Augen der Welt auch noch zu einem Narren und zu einem Dummkopf machen? Danno war nicht mehr am Leben, um sich zu verteidigen! Catherine traten in ohnmächtiger Wut die Tränen in die Augen. Sie ging in Richtung Tür. Das mußte sie Garibaldi sagen. Aber mitten im Zimmer blieb sie stehen. Garibaldi konnte nichts tun. Allerdings konnte und mußte sie etwas tun. Sie hatte Dannos Laptop und mußte Online gehen. Nur noch einmal, ein einziges Mal… Sie trocknete sich die Augen, überflog den Wirtschaftsteil der Zeitung und suchte nach Inseraten von
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Online-Diensten. Es gab eine eigene Rubrik für Internet. Dort fand sie Galaxy BBS in Baltimore, das den Zugang innerhalb einer Stunde anbot. Catherine gab dem Unternehmen die Nummer ihrer Kreditkarte. Wie versprochen war der Zugang eine Stunde später möglich. Als sie sich in den IRC befand, betete sie, daß #hawksbill offen sein werde. Aber wenn alle aus der Gruppe Weihnachten mit ihren Familien verbrachten, würde #hawksbill nicht einmal angezeigt sein. Sie konnte #janet wieder öffnen, doch die Wahrscheinlichkeit war gering, daß es jemand von #hawksbill bemerkte. Sie wußte, ihr Vorgehen war sehr riskant. Aber das kümmerte sie im Augenblick nicht. Dieses Schwein hatte Danno und ihre Mutter in den Schmutz gezogen. Sie würde sich rächen! Sie tippte llist, drückte die Eingabetaste und ballte die Fäuste. Bitte… bitte seid da… Da kam es: #hawksbill. Aber es war nur eine Person im Kanal: Jean Luc, der mit dem @ vor seinem Namen an diesem einsamen Weihnachtsabend auf Gesellschaft zu warten schien. Catherine meldete sich als Janet. [Jean-Luc] Fröhliche Weihnachten, Janet. «Janet»Fröhliche Weihnachten. [Jean-Luc] Du hättest nicht hier auftauchen sollen – zu gefährlich. «Janet »Hat sich heute schon jemand bei dir gemeldet? [Jean-Luc] Nein, die sind alle mit ihren Familien beschäftigt. «Janet»Bist du allein? Catherine wartete. «Janet »Jean Luc: Bist du allein? [Jean-Luc] Ja. «Janet»Wo bist du?
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[Jean-Luc] Das ist gegen die Regeln von Hawskbill. «Janet »Du weißt, wer ich bin. Ich muß wissen, wer du bist. Sie wartete wieder auf Antwort. [Jean-Luc] Einfach ein Freund… Ja, glaub mir, ich bin dein FREUND! «Janet »Bist du ein Mann oder eine Frau? Während Catherine wartete, lauschte sie auf das stille Haus und die ruhige Nacht draußen. Dicke Schneewolken hingen am Himmel und hüllten die Welt in Stille und Frieden. Sie hatte das Gefühl, Jean-Luc und sie seien die einzigen Menschen auf der Welt – gesichtslos, alterslos, geschlechtslos, unbelastet von Körpern und den Vorurteilen des Sehens und Hörens. Sie waren reine Gedanken, Elektronen, zwei entmaterialisierte Menschen, die sich in einem nichtexistenten Raum trafen. Sie wußte nicht einmal, von welchem Ort auf der Welt sich ›JeanLuc‹ meldete. Er oder sie konnte in China sein oder womöglich auf der anderen Straßenseite. Doch es war ein seltsam intimer Augenblick, und Catherine fühlte sich flüchtig enger mit Jean-Luc verbunden, als sie das je bei einem Menschen erlebt hatte. [Jean-Luc] Du hättest dich nicht melden sollen – zu gefährlich. «Janet»Ich mußte es – um Barrett zu verteidigen. Hast du ferngesehen? [Jean-Luc] Ja»:-[ «Janet»Barrett hat die Schriftrollen NICHT gefälscht. Dr. Alexander hat sie auch nicht gefälscht. *Die Schriftrollen sind echt* Und sie hat NICHT mit Miles Havers um fünfzig Millionen Dollar verhandelt. Er hat nie Kontakt zu ihr aufgenommen.
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[Jean-Luc] Ist Havers der Bösewicht? Sie starrte auf den Monitor. »Ist Havers der Bösewicht?« Das hieß im Klartext: Hat Havers Daniel umgebracht? «Janet»Havers beschuldigt Barrett, ein Fälscher zu sein, weil Daniel nicht mehr lebt, um sich verteidigen zu können. Das mußt du glauben. Du mußt es allen sagen. [Jean-Luc] Janet: Ist Havers der Bösewicht? Catherine zögerte. [Jean-Luc] Wiederhole: Ist er der Bösewicht und hinter Dr. Alexander her? «Janet »Darüber kann ich jetzt nicht sprechen. [Jean-Luc] Du hast unser Mitgefühl, aber Miles Havers ist ein mächtiger Mann. «Janet»Leider. Catherine beobachtete den Bildschirm. Der Cursor blinkte, und die Zeit verging. Sie war versucht, Jean-Lucs wahre Identität herauszufinden. Sie wußte, sie konnte es tun, indem sie einen Befehl eingab, der seine IP-Adresse verriet. Ein bißchen Detektivarbeit würde sie direkt zu ihm oder ihr führen. Catherine tippte /whois jean-luc/ und ließ die Hand über der Eingabetaste schweben. [Jean-Luc] Janet: Wir werden tun, was wir können. «SERVER»Jean-Luc hat sich verabschiedet.

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DER DREIZEHNTE TAG

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Sonntag, 26. Dezember 1999 Santa Fe, New Mexico
Irgend etwas weckte Erika auf. Zuerst wußte sie nicht, was es war. Sie lag im Bett, lauschte auf die Stille im Haus und versuchte, sich zurechtzufinden. Die Leuchtziffern ihres Weckers verrieten, daß es zwei Uhr morgens war. Sie wartete mit angehaltenem Atem. Dann drehte sie den Kopf auf dem Kissen und sah, daß Miles nicht im Bett lag. Wieder einmal… Wenn eine wichtige Transaktion bevorstand oder wenn er sich mit einem neuen Software-Code herumschlug, hatte er in den vergangenen Jahren immer wenig geschlafen. Erika hatte jedoch das Gefühl, daß sie in letzter Zeit öfter als üblich feststellen mußte, daß er nicht im Bett war. Sie dachte an die überraschende Presseerklärung zu den Schriftrollen, die er vor zwei Tagen abgegeben hatte. Erika war völlig ahnungslos gewesen. Sie hatte wirklich nichts davon gewußt, daß er die Schriftrollen kaufen wollte und mit der untergetauchten Dr. Alexander Geheimverhandlungen führte. Beamte des FBI waren bis in den späten Abend im Haus gewesen und hatten Miles befragt. Dann stellte sich heraus, daß es sich um Fälschungen handelte! Der arme Miles mußte öffentlich eingestehen, daß er getäuscht worden war. Das ist Miles, dachte Erika, als sie aufstand und den Morgenmantel überzog, er wollte die Schriftrollen für die Welt retten. Wahrscheinlich hatte er bereits ein Gebäude für sie geplant, wo die Öffentlichkeit sie hätte sehen und
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die Wissenschaftler sie hätten studieren können. Es mußte eine große Enttäuschung für ihn gewesen sein. Während sie durch das dunkle, schlafende Haus ging, dachte Erika: Er sollte jetzt nicht allein sein und sich über die Niederlage ärgern. Sie würde ihn trösten und dafür sorgen, daß er ins Bett zurückkam. »Wir haben sie!« rief Teddy. »Sie hat sich bei Galaxy BBS, einem lokalen Server in Baltimore, angemeldet. Sie bieten einen besonders schnellen Zugang zum Internet.« Havers kam herüber. Sie warteten schon ungeduldig, seit der Computer, der Catherine Alexanders Kreditkarte überwachte, sie vor ein paar Stunden durch einen Warnton darauf vorbereitet hatte, daß die Karte benutzt worden war. »Baltimore«, sagte Havers mit einem Blick auf den Bildschirm. Zeke hatte also recht gehabt. Als Zeke am Abend zuvor behauptete, daß die Spur von Dr. Alexander und ihrem Begleiter von Las Vegas zum Dulles-Flughafen in Washington führe, war Havers skeptisch gewesen. Warum um alles in der Welt sollte sie ausgerechnet dorthin geflogen sein? »Wie schnell können Sie Zugang zu dem System in Baltimore bekommen?« fragte er Teddy. »Hängt ganz davon ab. Ich muß ihre IP-Adresse ausfindig machen«, erwiderte Teddy, dessen Finger bereits über die Tastatur glitten. »Einen Merker anbringen, die Such-Software laden…« »Sehen Sie sich die Teilnehmer-Dateien an. Vielleicht hat sie die Telefonnummer angegeben, über die sie sich einwählt.« »Ja, das würde den Job sehr viel einfacher machen…
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He! Sehen Sie!« Miles blickte auf den Monitor. Galaxy BBS in Baltimore benutzte Scimitar-Software von Dianuba Technologies in der Version von 1998. »Sag ich’s doch!« Teddy stieß einen leisen Pfiff aus. Er hatte an der Entwicklung des Sicherheits-Codes für Scimitar mitgearbeitet. Ein Blick auf die Armbanduhr verriet Havers, daß es in Washington fünf Uhr morgens war. »Hängen Sie sich dran! Wenn wir Glück haben, meldet sie sich noch einmal, bevor die Verbindung wieder getrennt wird.« Teddy machte sich daran, das System von Galaxy BBS zu knacken. Miles ging außer Hörweite des jungen Mannes. Er zog das Telefon aus der Tasche des Morgenmantels und wählte eine Nummer. Er konnte ein zufriedenes Lächeln nicht unterdrücken. Sein Plan funktionierte. Miles hatte damit gerechnet, daß es Catherine Alexander nicht schweigend hinnehmen werde, daß der Name ihrer Mutter durch den Schmutz gezogen oder ihr Freund Daniel als Fälscher bezeichnet wurde. Er setzte darauf, daß sie reagieren werde wie vor ein paar Tagen, als die negative öffentliche Meinung sie dazu getrieben hatte, über Internet Hilfe zu suchen. Miles hatte sie mit seiner Strategie sozusagen ›gezwungen‹, sich noch einmal unüberlegt ins Netz einzuwählen. Die Mühe hatte sich gelohnt. Er hatte sich von Papazian eine Fälschung des Fragments herstellen und sie gegen das echte austauschen lassen. Miles wußte jetzt, dieses Mal war ihm das Kaninchen in die Falle gegangen. »Tut mir leid, Mr. Havers«, rief Teddy vom anderen Ende der langen Reihe von Monitoren, »Dr. Alexander hat keine Telefonnummer in Baltimore angegeben, sondern ihre eigene Nummer in Santa Monica. Dumm ist sie nicht…«
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Ja, dumm ist sie nicht, dachte Havers und nickte. Als sich Zeke meldete, ging er in die Nähe der Tür und drehte dem jungen Mann den Rücken zu, damit Teddy nicht hörte, was er sagte: »Sie sind in der Umgebung von Baltimore. Mir ist es gleich, wie Sie den Priester und diese Frau aus dem Weg räumen. Aber beschaffen Sie mir auf jeden Fall die Schriftrollen und vergessen Sie nicht den Computer. Ich brauche das Tagebuch von Stevenson.« Erika hatte gerade anklopfen wollen, obwohl die Tür einen Spalt offenstand. Sie wußte, wie wichtig Miles seine Privatsphäre war und daß er es nicht schätzte, wenn man überraschend bei ihm in einem Zimmer auftauchte. Aber anstatt anzuklopfen, wich sie langsam von der Tür zurück. Sie konnte nicht glauben, was sie gerade gehört hatte… ÜBERWACHUNG GALAXY BBS IP Adresse 204.16.78.101 »»Nbosc hat sich zugeschaltet, 8.02 Uhr »»MrySpncer hat sich zugeschaltet, 8.03 Uhr »»robertsoo? hat sich zugeschaltet, 8.05 Uhr »»Nbosc hat abgeschaltet, 8.07 Uhr »»LtChab hat sich zugeschaltet, 8.07 Uhr »»kharvey hat sich zugeschaltet, 8.10 Uhr Miles drehte den Kopf zur Seite und blickte auf die Uhr. In Baltimore war es inzwischen acht Uhr morgens. Catherine Alexander hatte sich immer noch nicht gemeldet.

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Washington, D.C.
»Wie können Leute nur so leben?« sagte Raphael, der versuchte, sich die Hände an seinem Kaffeebecher zu wärmen. »Immer auf der Flucht…« Er und Zeke saßen in ihrem Wagen und warteten gespannt darauf, daß sich Havers meldete. Es war ein eiskalter Morgen, und sie tranken Kaffee aus Styroporbechern. Zeke haßte es, sich eine Niederlage eingestehen zu müssen. Aber als sie einen Tag lang in Washington gesucht und weder Dr. Alexander noch den Priester gefunden hatten – es erwies sich als unmöglich, alle Kirchen zu überwachen -, meldete er sich schließlich bei Havers und schilderte ihm die Lage. Jetzt mußte Zeke widerwillig die Computer bewundern. Sie hatten geschafft, was ihm trotz aller Anstrengungen nicht gelungen war. Er starrte wie gebannt auf das Autotelefon, als könnte er es dadurch zwingen zu klingeln, und murmelte: »Nun komm schon, Mädchen, schalt noch einmal deinen Computer ein…« Catherine hörte es in der Ferne donnern. Ein Gewitter über dem Meer. Soll ich den Sklaven befehlen, die Fensterläden vorzulegen? Philos! Ich muß Philos warnen… »Catherine! Machen Sie auf, ich bin es.« Sie fuhr hoch und schlug die Augen auf. Wo bin ich? Es klopfte. Das war kein Donner. Vor der Tür stand jemand. Philos? »Catherine? Sind Sie wach?« Garibaldi… Catherine ging unsicher zur Tür und öffnete sie einen
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Spalt. »Was ist…?« »Schalten Sie den Fernseher ein. Schnell!« »Was gibt es?« Sie ließ Garibaldi eintreten und war plötzlich hellwach. Dann eilte sie ins Bad und zog sich schnell den Bademantel über. »Es ist Dr. Voss.« Garibaldi wählte den Nachrichtensender. »Er hat ein Interview gegeben. Vor der Werbung haben sie das Interview angekündigt. Es wird in den Nachrichten gesendet!« Catherine glaubte, ihren Augen nicht zu trauen, als Julius auf dem Bildschirm erschien. Er saß in seinem Büro im Freers Institut. Am unteren Bildschirmrand war ein Schriftbalken eingeblendet: »Das Interview wurde um 7.08 Ortszeit in L.A. aufgezeichnet.« Catherine blickte auf den Wecker neben ihrem Bett. Hier an der Ostküste war es beinahe elf Uhr. Wie konnte sie so lange geschlafen haben? »Dr. Voss, weshalb haben Sie sich schließlich doch zu diesem Interview bereit erklärt? Bislang hatten Sie es abgelehnt, sich zu äußern.« Julius wirkte erschöpft. Er hatte dunkle Ringe unter den Augen, aber in dem eher konservativen Jackett sah er wie immer gepflegt aus. »Ich habe nicht viel zu sagen, sondern möchte Dr. Alexander bitten, ihr Vorgehen zu überdenken. Sie ist eine ausgezeichnete Wissenschaftlerin. Ich brauche sie hier dringend. Ich kann das Meritites-Projekt nicht allein durchführen. Wir haben immer gut zusammengearbeitet. Catherine, erinnerst du dich noch an das erste Mal?« »Meritites«, sagte Garibaldi. »Ist das nicht die Mumie, an der er letztes Jahr gearbeitet hat? Was meint er mit ›das erste Mal‹? Haben Sie beide schon früher zusammengearbeitet?«
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»Nein. Er versucht, mir etwas zu sagen. Warten Sie…« Catherine griff zum Telefon und ließ sich von der Auskunft die Nummer des Halekulani Hotels in Honolulu geben. Dann rief sie dort an und erkundigte sich, ob jemand eine Nachricht für Mrs. Meritites hinterlassen habe. Sie legte die Hand über den Hörer. »›Das erste Mal…‹ Ich glaube nicht, daß er damit unsere Zusammenarbeit meint. Ja? Hier spricht Mrs. Meritites. Haben Sie eine Nachricht für mich?« Sie wartete. »Ja? Lesen Sie bitte vor.« Catherine notierte etwas und legte auf. »Ich glaube, Julius hat mir verraten, wo die siebte Schriftrolle ist. Hier«, sagte sie und gab Garibaldi das Blatt. »Thomas von Monmouth?« sagte er. »Wer ist das?« Sie setzte sich an den Computer. »Ich lasse Julius nur wissen, daß ich die Nachricht bekommen habe.« »Catherine, nicht den Computer…« »Vater Garibaldi, haben Sie denn keine Augen im Kopf? Ich hatte keine Ahnung, daß ihn das alles so mitnehmen würde. Er sieht schrecklich aus. Ich muß ihn wissen lassen, daß ich seine Nachricht bekommen habe und daß es mir gutgeht. Keine Sorge. Das geht ganz schnell.« Sie startete den Computer, klickte zweimal auf das ›Galaxy‹-Symbol, rollte zu ›Dialer‹ und klickte auf ›Login.‹

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Santa Fe, New Mexico
Miles Havers blickte unverwandt auf den Monitor mit der Meldung: ÜBERWACHUNG GALAXY BBS IP Adresse 204.16.78.101 »george hat sich zugeschaltet, 8.15 Uhr »MrySpncer hat abgeschaltet, 8.16 Uhr »joe hat sich zugeschaltet, 8.16 Uhr Plötzlich zuckte es um seine Mundwinkel. »Piep! Piep! Piep! Piep! Miles richtete sich langsam auf. Die Namen rollten nicht länger, aber auf dem Bildschirm erschien die Meldung: **ANSCHLUSS-SUCHE BEGINNT** Lächelnd griff er nach seinem Telefon. Catherine Alexander hatte gerade ihre Zugangsnummer bei Galaxy BBS gewählt.

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Washington, D.C.
Das Autotelefon blinkte, und Zeke nahm sofort ab. »Ja«, sagte er in den Hörer. Er hörte zu, antwortete: »Jawohl, Mr. Havers«, und legte auf. »Sie benutzt ihren Computer«, sagte er zu Raphael. »Sie suchen gerade den Telefonanschluß.« »Brav, Baby«, erwiderte Raphael und rieb sich die Hände. »Ich beeile mich«, sagte Catherine noch einmal. »Julius soll nur wissen, daß… Was ist das?« Am unteren Rand des Bildschirms blinkte die Meldung: *E-MAIL EINGANG* »Jemand hat Ihnen eine Nachricht geschickt«, sagte Garibaldi. »Das ist unmöglich. O Gott, das bedeutet doch nicht etwa…« Sie klickte zuerst auf das Datei-Menü und dann auf ›Briefkasten‹. * Geben Sie das Paßwort ein für* joe@mail.galaxy.com Catherine tippte Batman, das im Kästchen als ****** erschien, und klickte auf die Eingabetaste. ANALYSIERE ADRESSE VON MAIL:GALAXY:GOM LOGGING INTO POP SERVER

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Santa Fe, New Mexico
Miles Havers trommelte mit den Fingerspitzen nervös auf die Schreibtischplatte, ohne den Blick vom Bildschirm zu nehmen. Er war nicht länger im Kommunikationszentrum, sondern saß in seinem burgunderroten Büro an einem Computer, zu dem sich nicht einmal Teddy Yamaguchi Zugang verschaffen konnte. *ANSCHLUSS-SUCHE LÄUFT* Miles hatte die Software zur Überwachung von Galaxy BBS selbst geschrieben und installiert. Das Suchprogramm war durch den Alarmton, den Catherines IP-Adresse ausgelöst hatte, aktiviert worden und verfolgte die Nummer zu ihrem Ausgangspunkt zurück. »Also dann«, sagte er, als auf dem Bildschirm ein Stadtplan von Washington, D.C. erschien. Er beobachtete die blauen Linien, die sekundenschnell Punkte miteinander verbanden – Signale, die wie Blitze über den Stadtplan zuckten. Havers griff nach dem Telefon in seiner Tasche und wählte. Als sich Zeke meldete, sagte er: »In einer Minute habe ich die Adresse«, und sah zu, wie die Linien von einem Punkt zum anderen hüpften. Miles lachte leise, denn er hörte, daß Zeke bereits den Wagen anließ, ohne das Telefon vom Ohr zu nehmen.

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Washington, D.C.
Auf Catherines Monitor blinkte die Meldung *E-MAIL EINGANG* von neuem. Sie klickte auf ›Briefkasten‹ und dann auf ›Neueingang‹. Garibaldi beugte sich über ihre Schulter, um besser zu sehen. »Woher kommt die Nachricht?« fragte er. Catherine erwiderte leicht verwirrt: »Der Absender wird als ›Freund‹ identifiziert.« Nach einem Doppelklick flüsterte sie: »Mein Gott!«
Return-Pfad: freund@dianuba.com Datum: Sonntag, 26. Dez. 1999,6:15:47 Von: freund@dianuba.com An: joe@galaxy.com Betr: EILT

Er hat Sie gefunden. »Hier ist die Adresse«, hörte Zeke seinen Auftraggeber sagen. »N Street 142 in Georgetown. Aber laßt sie diesmal unter keinen Umständen entkommen.« »Nein, Mr. Havers«, sagte Zeke, der bereits mit quietschenden Reifen losfuhr. »Wo ist sie?« fragte Raphael. »Nicht weit von hier.« Raphael ging daran, den Schalldämpfer an der Pistole anzubringen, und Zeke dachte sehr zufrieden: Der Computer hat es vielleicht geschafft, diese Alexander zu finden. Aber kein Computer der Welt kann sie auf die altbewährte Weise ausschalten, so, wie wir das gleich tun werden…

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DER VIERZEHNTE TAG

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Ich wollte den ›Ring der Kraft‹ sehen. Dezember 1999 Cornelius Severus ritt nach Chichester. daß sie an den geheimen Ritualen der Druiden teilnahm. Ich hatte Geschichten von einer heiligen Stätte auf der Ebene im Süden gehört. sie bergen ein Geheimnis und besitzen die Kraft. jede Krankheit zu heilen. 541 . denn vielleicht gab er einen Hinweis auf die Riesen. um sich mit dem Führer der Britonen zu treffen. Damit würde ich Philos helfen. daß die Riesen sie in alter Zeit vom fernen Afrika hierher auf diese Ebene gebracht hätten. 27. Man nennt sie Myrddins Steine und sagt.Montag. die Unsterblichkeit und immerwährende Jugend. die Frau des Centurio. daß jeder einzelne der Steine besondere übernatürliche Kräfte besitzt. Eine andere Geschichte erzählt. Es heißt. Alle glauben. und wie immer begleitete ihn Philos. diese Steine seien vom Himmel gefallen und hätten einen Kreis gebildet. Während ihrer Abwesenheit gestand mir Claudia. Die Macht der ›Himmels‹Steine ist unvorstellbar groß. Möglicherweise hatten die Druiden das Rätsel der Steine gelöst.

sondern ließen sich von dem Taxifahrer wie zwei neugierige Touristen die Stadt zeigen. Sie war froh. Catherine packte die blaue Tasche mit den Schriftrollen. und ihren Blicken bot sich eine verzauberte und märchenhafte Winterlandschaft. Sogar auf dem Bahnsteig lag Schnee. Es war ihnen gelungen. Catherine richtete sich auf und betrachtete das näherkommende Bahnhofsgebäude von Greensville. O’Tooles Haus beobachtete. Sie war mit dem Kopf an Garibaldis Schulter eingeschlafen. der Mrs. Irgendwann im Laufe der Nacht hatte er schützend den Arm um sie gelegt. O’Tooles Gästehaus zu fliehen. Garibaldi nahm den Laptop und seine schwarze Reisetasche. daß Garibaldi und sie daran gedacht hatten. obwohl es in dem Abteil nichts mehr zu befürchten gab. Garibaldi ließ sich die Rechnung geben.Greensville. das gerade völlig renoviert wurde. öffnete Catherine die Augen. konnte ihre Flucht bemerken. Aus Vorsicht fuhren sie weder zum Flughafen noch zum Bahnhof. noch rechtzeitig aus Mrs. Ein überdachter Gang führte zum Nebenhaus. Niemand. Vermont Als der Zug vor der Einfahrt in den Bahnhof langsamer wurde. Der Fahrer stieg aus und verschwand im Haus – es war der Killer mit dem Narbengesicht. Erst gegen 542 . Im Schutz einer immergrünen Hecke warteten sie auf ein Taxi und sahen. in Washington Stiefel zu kaufen. Sie hatten die Computernachricht – ›Er hat Sie gefunden!‹ – gelesen und das Haus wenig später durch den rückwärtigen Ausgang verlassen. daß ein Wagen vor dem Gästehaus anhielt.

da ein Vergleich der beiden Photos ergeben habe.« Garibaldi machte sich auf die Suche nach einer Fahrgelegenheit. sie aus ihrem Versteck zu locken. daß sich unter den Experten Zweifel an der behaupteten Fälschung regten. Er hatte diese Runde für sich verbuchen können. hatte die Frau an der Zentrale des Halekulani Hotels gesagt. Meritites gemeldet hatte. kein Mensch achtete auf sie. Noch einmal wird er mich nicht 543 . In dem Artikel wurde berichtet. Catherine zweifelte keinen Augenblick daran. daß es sich wahrscheinlich nicht um zwei Teile desselben Dokuments handelte. Auf dem Titelblatt stand: ›GEFÄLSCHT ODER ECHT?‹ Darunter befanden sich nebeneinander zwei Photos des Jesus-Fragments: das Original. Also bestehe durchaus die Möglichkeit. daß Havers auch diese Wendung vorausgesehen hatte. und Catherine kaufte eine Zeitung. Alles hier war still und menschenleer. das am Tag zuvor veröffentlicht worden war und das der ägyptische Archäologe angeblich persönlich aus Dr. »Fahren Sie zum Kloster in Greensville in Vermont«. Der Schnee knirschte unter ihren Schritten. »Fragen Sie nach Thomas von Monmouth. Catherine fragte sich. Niemand folgte ihnen. ob Havers sie auch hier ausfindig machen werde. das seit dem Tag nach Daniels Tod immer wieder in den Zeitungen erschien. und das andere. nachdem sich Catherine als Mrs. Der Vorwurf der Fälschung hatte nur dazu dienen sollen.Abend wagten sie sich in den Bahnhof und nahmen den Zug nach Vermont. Alexanders Schriftrollen echt seien. Jetzt hatten sie ihr Ziel erreicht und stapften erleichtert hinaus in die frostige Morgenluft. Alexanders Zelt entfernt hatte. die den Schriftrollen ihren Wert zurückgaben und sie wieder für seine Privatsammlung interessant machten. daß Dr.

was er dachte: Sie waren zum dritten Mal um ihr Leben gelaufen. Wieder einmal hatten sie überlebt. »Wirklich nette Leute hier in Vermont. Würden sie auch ein viertes Mal Glück haben? »Das muß man erleben. Der Mann aus Greensville hatte sie abgesetzt und gesagt. Die Straße war völlig leer. wie der Mann aus Greensville gesagt hatte. sagte Garibaldi. es getan zu haben. Ohne den anonymen Hinweis wären sie und Garibaldi den Killern nicht entkommen. Catherine hatte keine Ahnung. als sie auf ihrem Weg zum Kloster durch den Schnee stapften. »Wir haben Glück«. die Gäste aufnahmen – allerdings nur Frauen. von wem die Computernachricht gekommen war. wohnt in der Nähe des Klosters. bis zum Kloster sei es nur noch ein kurzer Weg.« Catherine sah ihn erstaunt an und warf dann einen Blick zur Straße zurück. »Ich bin solche Winter nicht mehr gewöhnt. War es Jean-Luc gewesen? Vor zwei Tagen hätte sie beinahe ›/whois Jean-Luc‹ eingegeben. als er zurückkam. wenn auch nur dank der Hilfe des geheimnisvollen ›Freundes‹. Es gab einfache Unterkünfte. Das Kloster lag in den Bergen inmitten großer Wälder. sagte Garibaldi. Sie wußte. um es zu glauben«. Aber sie hatte auf ihre Art diesem Mann oder der Frau auf der langen Fahrt nach Vermont gedankt. und niemand war ihnen gefolgt.überlisten. Er war über Weihnachten in Washington und hat seinen Wagen am Bahnhof abgestellt.« Doch Catherine sah die Anspannung in seinen Augen. und die 544 . Jetzt wünschte sie. »Ein Mann.« Garibaldi lächelte scheinbar unbeschwert. Er will uns mitnehmen. der auch hier ausgestiegen ist. Es gehörte Benediktinerinnen.

das über eine hohe Steinmauer durch die Bäume zu ihnen drang. das vierte kanonische Stundengebet. Es war Mittag.Besucherinnen nahmen die Mahlzeiten entweder allein oder mit den Nonnen ein. daß die Nonnen ein Schiff für sich allein haben. Ja. ihr Gesang ist so klar und rein. wer Thomas von Monmouth war. In Augenhöhe befand sich eine kleine vergitterte Öffnung. als sei er nicht von dieser Welt!« Catherine hörte jetzt das Singen. Julius anzurufen und ihn nach Einzelheiten zu fragen. beendet hatten. zog er am Klingelzug. Catherine richtete den Blick auf die steinernen Türmchen und Giebel. daß es sich um ein Kloster handelte. Ein Telefongespräch hätte ihre Verfolger mit Sicherheit auch hierher in diese Einsamkeit geführt. Als der Gesang schließlich verstummte. »Die Kapelle ist alt«. an der die Leute aus der Umgebung teilnehmen konnten. wie Julius ihn entdeckt hatte und welche Informationen er angeblich besaß. Die Nonnen versammelten sich achtmal am Tag zum Gebet. doch weder ein Name noch ein Schild verriet. hatte der Mann ungefragt erklärt. während sie über die verlassene Landstraße fuhren. Sie mußten warten. Die altmodische Glocke schwang hin und her und läutete hell und laut. Um zehn Uhr morgens wurde eine lateinische Messe gelesen. wie die Stimmen von Engeln… Catherine und Garibaldi erreichten kurz darauf das massive Holztor. bis die Nonnen die Sext. Sie sitzen hinter einem Eisengitter getrennt von der Gemeinde. die grau und streng über die Mauer ragten. Sie fragte sich. »Der Altar steht so. Seitlich der Pforte gab es eine Glocke. die auf der anderen Seite durch eine Klappe verschlossen war. Garibaldi blickte auf die Uhr. Nach kurzem Warten erschien ein Gesicht hinter dem 545 . Und ich kann Ihnen versichern. Catherine hatte natürlich darauf verzichten müssen.

erwiderte die Äbtissin und lächelte. Einen Augenblick später kam eine andere herein. »Priester selbstverständlich willkommen sind. »Sie kommen also. »Um diese Jahreszeit haben wir sehr selten Gäste«. dessen Perlen an ihrer Hüfte leise klackten. fand Catherine. Die Nonne verschwand durch eine Tür unter einem gotischen Bogen. erwiderte Garibaldi. »Wir vermuten. und die Hände verschwanden in den langen weiten Ärmeln der schwarzen Ordenstracht. um Thomas zu sehen! Wir sind sehr stolz auf unsere Handschrift.Gitter. verrieten. ihr Alter zu erraten. Man sah unter der Haube nichts von den Haaren. Ihr Gesicht hatte kaum Falten. Wir nehmen niemals Männer auf. es könnte sich um ein Dokument oder um eine Handschrift handeln. Die Stimme schien einer jungen Frau zu gehören. Sie stellte sich als Mutter Elisabeth vor. Seit Jahren hat niemand mehr darum gebeten. Auch das erschwerte es. aber in gewisser Weise wirkte sie alterslos. »Was kann ich für Sie tun?« »Wir suchen jemanden«. die Augen blickten hell und klar die zwei Besucher an. sagte sie. daß sie die Äbtissin des Klosters war. gebückte Nonne öffnete die Pforte. und es roch nach Zitronenöl. gepflasterten Weg und ein paar Steinstufen in einen Empfangsraum. »Die Leute verbringen Weihnachten bei ihren Familien. Sie ging mit schnellen Schritten stumm vor den Besuchern her und führte sie über einen vereisten. oder?« »Bestimmt nicht«.« Sie war eine ältere Frau. Heutzutage heißt wohl niemand mehr Thomas von Monmouth. sie sah Garibaldi lächelnd an. fügte Catherine hinzu. und der Schlüsselbund sowie ein großer hölzerner Rosenkranz. obwohl…«. sie sehen zu 546 . und eine alte. Dort war es so still wie in einer Kirche. Sie ist in einem hervorragenden Zustand und wunderbar illuminiert. »Oder etwas«.

Offenbar handelte es sich um die Seite eines Buches. daß es sich um ein Werk des Thomas von Monmouth aus dem zwölften Jahrhundert handelte. 547 . wenn sich das auf König Arthur beziehen würde?« Sie ging zur Tür. »König Arthur?« »So interpretieren wir es auch«. König Uther gefangenzunehmen…‹« Sie bewegte den Zeigefinger unter dem lateinischen Text entlang: »›… dux bellorum…‹« »Dux bellorum… Anführer der Krieger«. überfielen die Römer die Stanhengues oder den Ring der Kraft. Aber wäre es nicht wunderbar. legte sie auf den Tisch und öffnete sie. und die Farben der Malereien und der Inkunabeln hatten nichts von ihrer Leuchtkraft und Lebendigkeit eingebüßt. »Sie wissen ja. und als die Stunde gekommen war. Ein maschinengeschriebener Hinweis auf einem beigelegten Blatt Papier verriet. »Bitte«. »sehen Sie es sich an. Die Äbtissin schloß ein Kabinett auf. in der Hoffnung. sie Ihnen zu zeigen. »Ich lasse Sie beide allein.« Catherine übersetzte den Text und las ihn dabei laut vor: »›… an den Kalenden des Juni. sagte sie. aber gut erhaltenes Blatt Pergament. Die Mappe enthielt ein vergilbtes.« Sie gingen durch stille Gänge. Die Tinte war noch dunkel. sagte sie und nickte.dürfen. wie das mit Legenden ist. nahm eine große Ledermappe heraus. und erreichten schließlich die große Bibliothek mit einem gemütlichen Feuer im Kamin. murmelte Garibaldi. Es wird mir eine Freude sein. Im Laufe der vielen Generationen werden manche Tatsachen verdreht und mit Erfundenem vermischt. wo Statuen von Heiligen mit traurigen Augen unergründlich ins Leere blickten. »Uther?« Er sah die Äbtissin fragend an. Bitte folgen Sie mir.

die später mit der Priesterin Valeria am heiligen Ort begraben wurden‹« »Wie bitte? Das kann nicht sein«. »Sabina war nicht mit Cornelius Severus verheiratet.« »Wer ist Valeria?« »Vielleicht eine Druidenpriesterin. sie wies freundlich auf den Raum. »benutzen Sie alles. was Sie brauchen. Die Römer schnitten allen die Kehle durch. Sie hieß Sabina Fabiana und hinterließ sechs Bücher über Zauberei und Alchimie.« »Könnte das Begrabenwerden etwas mit dem Brunnen auf dem Sinai zu tun haben? Handelt es sich bei dem Skelett um Valeria?« »Vielleicht…« »Wie geht es weiter?« Catherine las die letzte Zeile. die sich dort versammelt hatten. und sie stürzten sich auf die Druiden. Wir wissen. daß Sabina in Stonehenge war. »wir haben leider nur sechs Bücher. und er stellte zu seinem großen Leidwesen fest. Wir sind stolz auf unsere Bibliothek. Vater«. daß er durch den Angriff seine eigene Frau verloren hatte. Und. Und…« Sie seufzte. Thomas schreibt beinahe tausend Jahre nach dem Ereignis.damit Sie die Handschrift in Ruhe lesen können. Es gab ein schreckliches Gemetzel an jenem Tag im Ring der Steine. es waren mehr als fünfhundert. »›Über das siebte Buch. um an einem Druidenritual teilzunehmen. die ohne sein Wissen an dem Ritual der Druiden teilnahm. sagte Catherine. darunter auch Kinder und Frauen. sagte Garibaldi. 548 . »aber die Geschichte ist im Laufe der Jahrhunderte mit Sicherheit verändert worden. fuhr Catherine mit der Übersetzung fort: »›… den Anführer der Britonen.« »Nein«. Die Frau des römischen Kommandanten Cornelius Severus befand sich unter ihnen.« Nachdem die Äbtissin gegangen war.

Garibaldi ging zum Nachmittagsgebet der Nonnen in die Kapelle. Befand sich darin vielleicht eine Beschreibung des Druidenrituals? Hatte Perpetua in einer römischen Garnison in Britannien gelebt und Sabina nach dem Überfall gepflegt? Hatte sie erleben müssen.« Doch Catherine wußte bereits. und das. wie wir gerade festgestellt haben.‹« Sie sah Garibaldi nachdenklich an. Woher weiß er. daß das siebte Buch nie geschrieben worden ist? Wenn in der Legende davon gesprochen wird. daß das sechste ›Buch‹ sehr kurz war. bot ihnen die Äbtissin an. »Glauben Sie. die Sabina in Britannien war höchstens dreißig. »Ich muß immer noch eine Schriftrolle übersetzen. Sie ging langsam auf Kieswegen entlang. von denen der Schnee gefegt worden war. und betrachtete 549 . ist nichts bekannt. daß die siebte Schriftrolle nur eine Legende ist?« »Der Bericht des Thomas von Monmouth ist. glauben Sie wirklich. Catherine machte auf dem großen Gelände einen Spaziergang. sagte sie nachdenklich. Also könnte er auch darin irren. die diese Rollen diktiert hatte. war über achtzig gewesen. Es gab keine Fahrgelegenheit zum Bahnhof. in einem Punkt falsch. die Nacht im Kloster zu verbringen. was in der sechsten Rolle stand. es stimmt.« »Viele Legenden sind nichts als Märchen. und da am Himmel dunkle Schneewolken hingen. wovon sie berichten.von dem die Legende berichtet. daß Sabina trotzdem an ihren Wunden gestorben war? Aber die Sabina. muß es existiert haben. Sabina ist in Stonehenge getötet worden?« »Ich weiß nicht«.« »Catherine. denn es wurde nie geschrieben. ist reine Erfindung. Garibaldi sah sie an und sagte ruhig: »Wo sollen wir als nächstes suchen? Wohin gehen wir von hier aus?« Das hing ganz davon ab.

Es muß die Vesper sein.sich die gemauerten Gebäude und kleinen Häuser. dachte sie und erinnerte sich wehmütig an ihre Jugend. der für sehr viel mehr Menschen gebaut worden war. Der Himmel über dem Wald wurde allmählich dunkel. Die Äbtissin hatte gesagt. von den Nonnen angefertigte Stickarbeiten verkauft wurden. Als Catherine zum Hauptgebäude zurückging. daß Garibaldi bei ihnen war. Ansonsten erlaubten die Schwestern der Welt weder mit Nachrichten noch auf eine andere Weise hinter ihre hohen Mauern vorzudringen. Es schien sie nicht einmal zu kümmern. wo im Frühling und Sommer Ahornsirup von Bäumen des Klosters und schöne. nichts Gedrucktes. die 550 . Catherine sah zum ersten Mal alle Bewohnerinnen des Klosters beisammen. Das Abendessen gab es in einem Speisesaal. das aber nur in Notfällen oder für den Wetterbericht eingeschaltet wurde. daß es im Kloster keine Zeitschriften oder Zeitungen gab. Die Töne stiegen in die Winterluft und klangen von weitem so zart und schwerelos. Sie sah keine Bücher. und die Nacht hüllte die Erde in eine schwarze Decke. die man vor zweihundert Jahren im gotischen Stil errichtet hatte. Im Büro der Äbtissin stand ein kleines Radio. Das Kloster besaß nicht einmal ein Fernsehgerät. Die Äbtissin hatte zweifellos noch nie etwas von Catherine Alexander oder den Schriftrollen vom Sinai gehört. Catherine warf einen Blick durch das Schaufenster in den geschlossenen kleinen Laden. daß man tatsächlich an einen Chor der Engel hätte glauben können. Sie hörte das Singen aus der Kapelle. Es waren erstaunlich wenige und meist ältere Nonnen in der Tracht einer vergangenen Zeit. daß in vier Tagen ein neues Jahrtausend anbrechen sollte. hörte sie die Nonnen bei der Andacht in der alten Kapelle und stellte sich vor.

Sie nahm nicht an der Komplet. die ihr scheu zulächelten. teil. Catherine saß am Kamin und glaubte. daß das Durchschnittsalter von Ordensschwestern bei fünfundsechzig Jahren lag. Sie würde sich viel Zeit dazu nehmen. um herauszufinden. was Sabina in Stonehenge widerfahren war. versuchte sie so unauffällig wie möglich die Nonnen zu beobachten. fragte sich Catherine. Während Catherine die herzhafte Suppe und das einfache Graubrot aß. ein leises Klopfen mit den Fingerknöcheln war die Bitte um den Wasserkrug. Mit einer Geste wurde um Salz gebeten. Hatten sie noch Gedanken oder Interesse für die Welt jenseits der Klostermauern? Dachten sie manchmal an das Leben. gelesen zu haben. als sie vor vielen Jahren alles aufgaben. die Gesichter den reinen. Was geht in ihren Köpfen wohl vor. Dabei stellte sie sich die alten Frauen vor. und bis jetzt hatte sich auch niemand danach erkundigt. um noch einmal die Handschrift des Thomas von Monmouth zu betrachten. Danach wollte sie anfangen. das sie hinter sich gelassen hatten. engelhaften Stimmen 551 . Vor allem wollte sie nicht. die vor vielen Jahrhunderten festgelegt worden waren. und versuchte. Sie und Garibaldi hatten der Äbtissin nichts über den wahren Grund ihres Besuchs gesagt. noch immer den Gesang der Nonnen zu hören. Die Mahlzeit verlief in tiefem Schweigen. das sechste ›Buch‹ zu öffnen und zum genauen Studium unter einer Lampe auszubreiten. um Gott zu dienen? Bedauerte vielleicht eine von ihnen diese Entscheidung? Catherine erinnerte sich. die sie im Speisesaal gesehen hatte.diszipliniert die Ordensregeln und Rituale befolgten. sondern zog sich in die Bibliothek zurück. die sechste Schriftrolle zu lesen. Doch der Papyrus befand sich in einem schlechten Zustand. dem Tagesschlußgebet. daß jemand sie dabei überraschte.

Catherine konnte sich vorstellen. »Die Gästezimmer stehen immer bereit«. zu einem richtigen Weihnachten gehört Schnee. die. daß sie. Aber was sich vor ihren Augen bewegte. sagte die 552 . Ein Spitzenvorhang bewegte sich vor dem Fenster. Manche landeten auf den rautenförmigen Fensterscheiben und schmolzen dort. in die Nacht geblickt hatte. und schob das sechste ›Buch‹ wieder in die blaue Nylontasche. Die kleine Gruppe hielt kompromißlos an den Prinzipien des Glaubens fest. als seien Herz und Geist in dem Gesang zu höchster Vollkommenheit vereint. waren nicht Spitzen. Ihre Stimmen kündeten von der Reinheit des Glaubens. und Catherine wurde klar. ohne zu sehen. Es war schon spät. Doch ihre Stimmen – es war. durch die das irdische Dasein überwunden werden kann. daß die Nonnen ihr Leben genau dieser Art Vollkommenheit weihten. daß es keine Novizinnen gab. Die zarten. als sie draußen im Gang die Äbtissin und Vater Garibaldi hörte.zuzuordnen. die nach dem Tod dieser gläubigen Schwestern die Tradition weiterführen würden. zu der Ekstase führen konnte. Die Nonnen verbrachten ihr ganzes Leben in klösterlicher Stille. weichen Flocken schwebten durch die Luft und sanken durch die stille Nacht. Trotzdem lebten die Nonnen für ihren Glauben – mehr brauchten sie nicht. Vater hat immer gesagt. Catherine zuckte zusammen. Sie würden mitten in der Nacht geweckt werden und sich in der Kapelle zur Matin versammeln. Kein Wunder. um sich mit dem Göttlichen zu vereinen. um sich auf der kalten Erde niederzulassen. sondern tanzender Schnee. wie die Mystiker der unterschiedlichsten Religionen der Welt bewiesen hatten. die anderswo dem Fortschritt und der Verweltlichung zum Opfer gefallen waren. Sie schienen von der Welt vergessen zu sein. dachte Catherine lächelnd. Die Nonnen hatten sich bereits in ihre Zellen zurückgezogen. Schnee.

Sie 553 . gleich nach der Prim. machen Sie sich keine Sorgen wegen des alten Thomas von Monmouth. wieso?« »In Las Vegas waren Sie auch noch nicht. »zu unserem Gebet und beim Frühstück. Es waren die wenigen Dinge. Wir frühstücken bei Tagesanbruch. und Sie kennen sich in Washington nicht aus. »Aber im Augenblick sind Sie beide die einzigen Gäste. ohne auf seine Worte zu achten. erwiderte sie. haben Sie gesagt. »an dem Abend. und sah ihn prüfend an.« »Was wollen Sie damit sagen?« »Sie haben einen Reisepaß. als sie vor Catherines Zimmer standen. fügte sie hinzu und sah Catherine freundlich an. Sie sind willkommen«. murmelte Garibaldi und stellte ihre Sachen ab. Sie seien noch nie zuvor in Kalifornien gewesen. Ich lasse Ihnen für alle Fälle von einer Schwester heißes Wasser bringen. wo zu Füßen von Heiligenstatuen kleine Votivkerzen flackerten. während sie Catherine und Garibaldi durch einen zugigen Gang führte. als Daniel ermordet wurde und wir aus Santa Barbara geflohen sind.« »Vater Garibaldi«. Sabina kann nicht in Stonehenge gestorben sein. und wir werden sie finden. Ich hoffe.« »Gefrorene Wasserleitungen«. Sie scheinen viel unterwegs zu sein. die sie auf der Flucht immer bei sich hatten – die blaue Tasche. der Laptop und Garibaldis schwarze Reisetasche. »Und Schnee! Wie können die Leute hier auch nur einen einzigen Winter überleben?« Er machte eine kurze Pause und sagte dann: »Catherine.« »Das stimmt. die Wasserleitungen sind nicht eingefroren. Es muß eine siebte Schriftrolle geben. schlafen Sie gut. eine Kreditkarte und Reiseschecks.Äbtissin. Gute Nacht. Er rieb sich die kalten Hände und schüttelte sich.

« 554 .« »Wo sind Sie dann gewesen?« Sie verstummte plötzlich.« »Aber Sie kommen aus Chicago?« Nach einer Pause sagte er. Jetzt leben Sie nicht mehr dort?« Nach einer weiteren Pause. das bin ich nicht. heute auf dem Weg zum Kloster haben Sie eine Bemerkung über den Schnee gemacht und gerade eben eine über gefrorene Wasserleitungen und den Winter im allgemeinen. »Ja. »Ich bin 1981 von dort weggegangen. es kann nicht sein.sind nach Israel und Ägypten gefahren. »Vater Garibaldi.« »Achtzehn Jahre!. nein!« »Catherine…« Sie wich einen Schritt zurück. Sagen Sie mir. sagte er. »O mein Gott«.« »Ich verstehe nicht. Sie sind doch Priester. aber in den Vereinigten Staaten kommen Sie offenbar nicht viel herum. »O mein Gott. antwortete er tonlos: »Nein.« »Catherine. daß ich mich täusche. Aber warum haben Sie mir gesagt… Vater Garibaldi. nicht wahr?« Er wirkte plötzlich sehr niedergeschlagen. »Vater Garibaldi. lassen Sie uns in Ihr Zimmer gehen und darüber reden. flüsterte sie. Sie leben in Chicago und sind an dieses Wetter nicht gewöhnt?« Er erwiderte kaum hörbar: »Nein.« »Lassen Sie es mich erklären. Stimmt das?« Er nickte langsam. ich bin Priester. »Ich bin dort aufgewachsen. und ihre Augen wurden groß.« »Sie kommen vom Vatikan.« »Seit wann nicht mehr?« »Seit achtzehn Jahren«.

war das doch Zufall.« »Nein.« Sie begann zu zittern. Als ich Sie zum ersten Mal gesehen habe. »Die vielen Lügen… und ich habe sie alle geglaubt. Sie wich zurück. oder?« »Catherine…« »Antworten Sie mir. Sie zitterte so heftig.« »Nein…« Sie kämpfte mit den Tränen. wie der Boden unter ihren Füßen nachgab. Mein Gott. »Ich kann nicht glauben. Sie hielt sich krampfhaft an der Türklinke fest. murmelte Catherine. es war kein Zufall. denn Sie hatten Ihre Anweisungen. daß ich darauf hereingefallen bin«. dachte einen Augenblick nach und sagte dann: »Ja. »Als ich Sie das erste Mal am Computer im Büro des Hotels gesehen habe… da wußten Sie bereits. daß sie die Arme um ihren Oberkörper schlingen mußte.« Sie spürte. um etwas zu erwidern.« »Sie Schwein!« Catherine holte aus und schlug ihm ins Gesicht. »Aber warum? Ich meine…« Sie sank gegen die Tür. war ich gleich mißtrauisch. »Sie haben nur niemals die Wahrheit gesagt! Aber das ist natürlich keine Sünde.»Sagen Sie es mir! Kommen Sie vom Vatikan?« Er setzte an. sagte er und streckte die Hand nach ihr aus. lassen Sie es mich erklären«. wer ich bin?« »Ja. als wir uns im Hotel Isis getroffen haben.« »Bitte. »Rühren Sie mich nicht an. die Dinge. die ich Ihnen anvertraut habe! Mit keinem 555 . nicht wahr? Und die erste Pflicht eines Priesters ist Gehorsam gegenüber seiner Kirche. Ich hätte mich auf meine Intuition verlassen sollen.« »Ich habe nie gelogen. »Vater Garibaldi.

Ich dachte. wo die Äbtissin verschwunden war.« Sie beachtete ihn nicht. Und jetzt habe ich nicht einmal mehr Sie!« Ihre Stimme hallte durch den Gang.« Sie preßte die Lippen aufeinander und sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an. auf den ich mich verlassen kann. nicht wahr? Warum sagen Sie es mir nicht?« Sie schloß die Augen und flüsterte: »Ich weiß es natürlich. »Es gibt einen Grund dafür. für jene Leute. Als die ganze Welt gegen mich war. bitte. Sie arbeiten für die Inquisition. Sie seien der einzige Mensch. »Wer?« »Ich finde. Reden Sie nicht länger darum herum! Die neue Bezeichnung ändert nichts an den Aufgaben und dem Vorgehen. ich hatte Angst. wußte ich. Wer hat Sie geschickt?« »Das ist nicht…« »Sagen Sie es mir. »Wer hat Sie geschickt?« »Wer?« »Im Vatikan. Das ist richtig. und das aus gutem Grund. ich habe nicht direkt mit der Kongregation…« »Mit der Inquisition. Garibaldi warf einen Blick in die Richtung. gehen wir in Ihr Zimmer und unterhalten wir uns dort. Und Sie arbeiten für diese Leute!« »Die Kongregation hat mich geschickt. daß Sie es mir nicht sagen wollen. 556 . Ich habe Ihnen mein Innerstes offenbart! Ja. daß wenigstens ein Mensch zu mir hielt. »Catherine. die auch meine Mutter vernichtet haben. Vater Garibaldi.« »Catherine.« In ihren Augen standen Tränen.Menschen habe ich bis jetzt darüber gesprochen. das ist nicht wichtig.

Vielleicht hat man den Vatikan informiert. der Kontakt zu Havers aufnahm. Der Vatikan überprüft jede Nachricht über das Auftauchen von Schriftrollen.« »Und deshalb soll ich glücklich und zufrieden sein?« rief sie. aber er wurde krank. bis Sie mir alle Informationen entlockt hatten. obwohl es ihn sichtlich Mühe kostete. daß ich meinen Urlaub in Israel verbrachte. Ich bin nur ein Computerfachmann. Ich bin nicht Torquemada. sich zu beherrschen. Ich war nur zufällig zum falschen Zeitpunkt am richtigen Ort. weil er 557 . den man beauftragt hatte. Sobald meine Vorgesetzten hörten…« »Wie haben sie es erfahren?« Er strich sich mit der Hand über die Haare. Catherine. Das ist alles. daß Sie wütend…« »Was sollten Sie tun? Mir die Schriftrollen abnehmen? Oder mich durch schöne Reden gesprächig machen. »Ich mache Ihnen keinen Vorwurf. Wahrscheinlich hat dieser Mann danach oder auch davor Kardinal Lefevre informiert. Ich konnte in wenigen Stunden im Sinai sein. die der Vatikan haben wollte?« »Ursprünglich«. daß die Beduinen Papyri zum Anzünden ihrer Lagerfeuer benutzt haben. Die Araber verkaufen Funde an private Sammler. Ich bin kein Inquisitor. Sie haben in den Unterlagen nachgesehen und festgestellt. Catherine. »hatte man mich nur geschickt. »Ich weiß es nicht. erwiderte er ruhig. Es ist auch schon vorgekommen. Ich bin kein Spion. er hat sich an jemanden in Kairo gewandt.Eigentlich sollte ein anderer Priester fahren. Ich glaube. den veralteten Katalog der Vatikanbibliothek zu computerisieren. besonders in dieser Gegend. als Hungerford sein Geschäft machen wollte. um den Gerüchten von einem möglicherweise christlichen Jesus-Fragment nachzugehen.

»Und was wollte der Kardinal erreichen? Sollte ich Sie zur siebten Schriftrolle führen?« »Nein. Als ich mich am ersten Abend aus dem Hotel Isis in Rom meldete.« »Nein. Vater Garibaldi«. ich wollte Ihnen alles sagen. Catherine. aber dann waren Sie plötzlich verschwunden.« Sie sah Garibaldi an. das habe ich Ihnen gesagt. »Weil ich bei Ihnen bleiben wollte«. »Sie sind also die ganze Zeit bei mir geblieben. meinen Auftrag vor Ihnen geheimzuhalten. Sie blickte in seine Augen. was geschehen war. Ich sollte dafür sorgen. man hat es mir befohlen. und ich mußte das verneinen. es zu tun. Ihnen aber nichts von den wahren Gründen zu sagen. sagte sie bitter. Ein anderer sollte geschickt werden. hat man mich gefragt.« »Nein. und es lag nicht in meiner Absicht. weil man es Ihnen befohlen hat?« fragte sie mit Tränen in den Augen. Und… glauben Sie mir. Ein paarmal war ich nahe daran. bei Ihnen zu bleiben. Der Hoteldirektor erzählte mir von dem Päckchen. Catherine. Er hat mir aufgetragen.« »Und deshalb hat man Sie beauftragt zu spionieren. es war nicht meine Idee. daß Ihnen nichts zustößt. weil ich wissen wollte. und begann wieder zu zittern.« »Sie haben also Daniels Weihnachtsgeschenk zum Vorwand genommen…« »Ich bin Ihnen nachgereist. die sie für klar und ehrlich gehalten hatte. Aber in der ersten Nacht habe ich Kardinal Lefevre angerufen und ihm berichtet. das für Sie angekommen war.« 558 . »es war nicht Ihre Idee. aber Sie haben es getan.hoffte. sagte er leise. Ich kenne die Einzelheiten nicht. was in den Schriftrollen steht. die Angebote in die Höhe treiben zu können. ob Sie gläubige Katholikin seien. ich sollte nach Rom zurückkehren. Ich hatte ein persönliches Interesse daran.

als sich die ägyptische Regierung direkt an das Weiße Haus wandte. »Sie waren mein Leibwächter?« »Ja. Das ist eine Frage der Diplomatie und der Rücksichtnahme auf Empfindlichkeiten. Das Ganze wurde sehr heikel. die Kirche wird sich über Beweise freuen.« »Glauben Sie. Warum haben Sie es nicht getan?« »Weil wir keinen Beweis für den christlichen Ursprung der Schriftrollen hatten. Aber offiziell hat der Vatikan nichts mit der Sache zu tun. Die Kirche würde sie vernichten. was dann mit den Schriftrollen geschehen würde.« »Sie hätten mir oft genug die Schriftrollen wegnehmen können. während ich schlief.« »Warum hat der allmächtige Vatikan uns nicht geholfen. daß es sich um christliche Dokumente handelt.« »Und wenn wir Beweise dafür finden. wir wissen bis jetzt nicht einmal mit absoluter Sicherheit. Wenn dieser Text nicht christlicher Herkunft ist. wo es möglich war. 559 . Vater Garibaldi. Außerdem sind die sechs ›Bücher‹ nach geltendem Recht Eigentum des ägyptischen Staates.« »Wann hat man uns geholfen?« »Zum Beispiel mit Reiseschecks. Ich sollte lediglich Bericht erstatten. als wir Hilfe brauchten?« »Man hat uns geholfen.« »Sie wissen.« »Das ist eine Behauptung. daß es sich um christliche Texte handelt? Was dann?« »Ich weiß es nicht. Mir war klargeworden. hat die Kirche kein Anrecht darauf. daß Frauen in frühchristlicher Zeit das Priesteramt ausgeübt haben?« »Catherine. Der Vatikan mußte neutral erscheinen.Ihre Augen wurden groß.

Catherine kämpfte immer noch mit den Tränen. um alle Rechnungen und auch die ServerGebühren zu bezahlen. und ich durfte die Dreckarbeit machen. und deshalb hatte ich danach keine mehr. »Jetzt verstehe ich auch einige andere Dinge. Und ich war 560 . die wir zusammen verbracht haben. wieso haben Sie die Informationen nicht weitergegeben und die Leute in Rom für uns suchen lassen? Sie hätten Tymbos wahrscheinlich gefunden.« »Wenn der Vatikan uns geholfen hat.« »Auch damit durfte der Vatikan nichts direkt zu tun haben. all die Nächte. Leider wurde damit auch meine Kreditkarte ungültig. sagte er ruhig.daß man uns durch den Leihwagen auf die Spur kommen konnte. weil ich noch nie gehört hatte. »also hat man abgewartet. Sie hatten der ägyptischen Regierung etwas gestohlen. Ihnen zu helfen und Ihre Nachforschungen zu unterstützen. daß die Unterlagen im Computer der Verleihfirma gelöscht wurden. daß Chicago für seine Katzen berühmt sein sollte. Zum Beispiel die kleine Katze in Mojave. flüsterte er. Also habe ich Kardinal Lefevre informiert.« »Einiges davon habe ich übernommen«. mir die Wahrheit zu sagen?« »Ich habe jede Minute daran gedacht.‹ Ich fand das komisch. all diese Augenblicke. Vater Garibaldi. sagte sie bitter. daß ich in Las Vegas Reiseschecks bekam. Sie haben gesagt: ›Wir sind für unsere Katzen berühmt. »Die ganze Zeit. in denen wir uns nahe waren… Und Sie haben nie daran gedacht. Aber man hat dafür gesorgt.« »Ja«. Rom ist natürlich für seine Katzen berühmt!« »Es tut mir leid«. Er hat veranlaßt. Es wäre für den Vatikan nicht klug gewesen.

als zu schweigen. nicht zu weinen und trotz der maßlosen Enttäuschung ihr Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. »Er gehört mir. sagte Catherine und trocknete sich mit 561 . Es klopfte leise. Alexander. Ich werde Sie jedenfalls nicht vermissen. ich fühle mich verraten!« »Es tut mir leid«. wie mir im Augenblick zumute ist? Ich komme mir vor. sagte sie: »Sie werden nicht bei mir bleiben.« Sie drehte sich um. Es war eine halbe Stunde her.« Catherine öffnete die Tür. seit sie Garibaldi die Tür vor der Nase zugeschlagen hatte – dreißig Minuten. ich möchte bei Ihnen bleiben. dort vermißt man Sie. Noch schlimmer. Sie haben einen Besucher. warf sie sich weinend in seine Arme. Aber es war die Äbtissin. Ich hatte keine andere Wahl. Ich bin sicher. ging in ihr Zimmer und schloß die Tür. Geben Sie ihn mir.« »Catherine. »Nur Bericht darüber erstatten. und Catherine blickte auf die Uhr.« »Haben Sie eine Vorstellung.« Sie streckte die Hand aus.« »Was sollten Sie tun. in denen sie versucht hatte. »Dr. als sei ich mißhandelt worden. »Julius! Du hast mir so gefehlt!« schluchzte sie und hielt ihn fest. wohin Sie gehen – vielleicht zurück zu Ihrer Gemeinde in Chicago. »Mutter Oberin«.« Als er ihr den Computer gab. sagte sie. »Garibaldi… die Inquisition und…« Die Äbtissin räusperte sich diskret. Es ist mir egal. »Geben Sie mir den Computer.wirklich oft nahe daran. »Bitte lassen Sie mich in Ruhe«. benutzt und betrogen. Aber ich durfte es nicht. Als sie Julius im Gang stehen sah. wiederholte er und sah sie traurig an. nachdem ich die siebte Schriftrolle gefunden hatte? Sie mir wegnehmen?« Er schüttelte den Kopf. es zu tun.

Julius. Catherine zog Julius in ihr Zimmer und schloß die Tür. ich habe die Handschrift des Thomas von Monmouth gelesen. Wie hast du sie eigentlich gefunden?« Er erzählte es ihr. »Wenn es nicht zu große Mühe macht. Voss.« Er legte den Arm schützend um sie und drückte sie an sich. Jetzt würde sie die Kraft haben weiterzumachen.« »Vater Garibaldi ist an diesem Ende des Gangs. sagte Julius lächelnd: »Ich glaube. Dr. in einem Kloster schickt sich das nicht. und als sie sich voneinander lösten. und sie lachte. daß du hier bist. »Findest du es so schrecklich?« »Nein… anders!« Sie küßten sich lange. Wenn ich die Bilder von dir in den Zeitungen und im Fernsehen gesehen habe… ich dachte. Catherine. und am Ende ist das Wissen eines Gelehrten wie Rabbi Goldman 562 . Dr. »Ich habe meine ganze Hoffnung auf das Internet gesetzt.« »Wir bleiben nicht hier. Voss kann das Zimmer am anderen Ende haben«. dich zu sehen!« Er starrte sie an. ich würde verrückt werden. »das ist mein Verlobter. Die Technik hat ihre Grenzen. »Es war ein Alptraum.« Jetzt würde alles gut werden. wie glücklich ich bin.dem Handrücken die Tränen. Sie werden ebenfalls ein Zimmer brauchen…« Catherine nickte. »Wie siehst du denn aus?« Er berührte die kurzen weißblonden Haare. »Julius. »Du hast keine Vorstellung. Da sieht man es wieder. aber ich bin so froh. erwiderte die Äbtissin. »Ich nehme an.« Die Äbtissin musterte ihn ruhig.

»Dieser letzte Abend bei mir zu Hause…. daß Sabina in Britannien gestorben ist.« »Catherine. »Wir fliegen nach Kalifornien zurück.« »Ich verlange nicht.« 563 . »Aber wahrscheinlich ist es besser.zuverlässiger.« Er sah sich in dem einfachen Zimmer um. wie Catherine in den vergangenen zwei Wochen gelebt haben mußte. sagte er und faßte sie an den Schultern.« Er seufzte und schüttelte den Kopf beim Gedanken daran. »Nach Kalifornien? Warum sollte ich nach Kalifornien fliegen?« »Weil Thomas schreibt. Aber hier sind wir sicher. daß ich auf deiner Seite stehe. zumindest so lange nicht. »ich habe dir geholfen.« »Wir können nicht weg. Es hat keinen Sinn. wir könnten sofort gehen. sagte er mit gerunzelter Stirn. damit ich sie abbreche.« Sie sah ihn verständnislos an.« »Aber… ich dachte. damit ich meine Suche fortführen könnte. wir bleiben nicht hier«. Ich muß sehr selbstgerecht und überheblich geklungen haben. daß es sich in Wirklichkeit um die Schriftrollen handelte. weiter danach zu suchen. Ich werde vielleicht ein paar Tage für die letzte Schriftrolle brauchen. wenn wir bis morgen früh bleiben. und seine Stimme wurde weich. daß du deine Suche abbrichst. und daß es keine siebte Schriftrolle gibt. Hör zu«.« Er lächelte sie an. wohin Sabina uns als nächstes führt. es tut mir wirklich leid. »Ich wünschte. bis wir wissen. aber er wußte. du hättest mich hierher geschickt. um dir zu zeigen. Auf dem Tisch entdeckte er sein Buch Die Leiche im Moor. niemand wird uns finden. Julius. seine blaue Tasche stand auf dem Boden. Thomas von Monmouth kann sich geirrt haben. Der Computer lag auf dem Bett. und nicht.

die Anschuldigungen gegen dich fallenzulassen.« »Es ist die einzige Möglichkeit für sie.« »In Ordnung gebracht?« Sie sah ihn verwundert an.« »Julius.« »Ich habe dich noch aus einem zweiten Grund auf die Handschrift hingewiesen. dann kann es zu spät sein.« »Das weiß ich erst.»Nein. Du solltest mit eigenen Augen sehen. werde ich nicht mit dir streiten. die Angst. »wenn du an das Vorhandensein eines siebten Buchs glauben willst. Ich habe die Lage mit ihnen besprochen. Aber du kannst nach Hause kommen. Das wird natürlich in Kairo und unter der Aufsicht ihrer Leute geschehen müssen. Andere Experten werden die Rollen analysieren. Ich habe alles in Ordnung gebracht. die es ihnen ermöglicht. dir etwas zu tun. die Vorwürfe zurückzuziehen. du mußt dich nicht mehr verstecken. daß ich die Leute im Ministerium in Kairo kenne. Aber dort bist du in Sicherheit. wenn ich mit der Übersetzung der sechs Bücher fertig bin. die siebte Schriftrolle zu finden?« »Du wirst Hilfe bekommen. Dann hat das Fliehen und das Versteckspielen ein Ende. Dann kannst du weiterhin an den Schriftrollen arbeiten. niemand wird versuchen. den ich liebe. Hilfe anzunehmen. und sie sind zu einer Lösung bereit.« »Also gut«.« »Und wie hilft mir das. daß es keine siebte Schriftrolle gibt. sagte er lächelnd. Vielleicht ist es Zeit. du hast nur wie der gewissenhafte Mann gesprochen. von den Killern 564 .« Andere Experten? Hilfe? Sie setzte sich an den Tisch und dachte nach. »Was meinst du damit?« »Du weißt.

wem ich vertrauen kann.« »Gut. »Warum?« »Man hat erklärt. »Wird man mir erlauben weiterzumachen?« »Tut mir leid.« 565 .« »Warum nicht? Wenn ich den Ägyptern die Schriftrollen gebe…« »Der Brunnen wird zugeschüttet.« Sie seufzte. ob es weitere Schriftrollen gibt oder etwas anderes. das ist unmöglich. sagte sie nach kurzem Nachdenken. was uns verrät -« Er schüttelte den Kopf. »Was ist mit meiner Grabung?« fragte sie.« Sie sah ihn verständnislos an. Ich muß mich nicht ständig fragen.« »Warum?« »Man hat deine Erlaubnis gesperrt. Ich will wissen. bis alle Vorwürfe gegen dich entkräftet sind.« »Aber unter einer Bedingung.« »Welcher?« »Daß man mir eine neue Grabung genehmigt.« Er zögerte einen Augenblick und fügte dann hinzu: »Zumindest so lange. »Das wird nicht möglich sein. Julius. Dann kann ich ungestört über Internet recherchieren. »Vielleicht werde ich es tun. Und ich will feststellen. der Brunnen sei einsturzgefährdet und Anweisung gegeben.« »Wirst du es tun? Wirst du die Schriftrollen der ägyptischen Regierung übergeben?« »Ich werde es mir überlegen«.« »Eine neue Grabung?« »Der Brunnen. »Das kann ich ihnen nicht verübeln.überrascht zu werden. wer darin begraben liegt. ihn aufzufüllen und zu versiegeln. Ich habe ihre Gesetze übertreten.

« Der Vatikan. was ich dir vorausgesagt habe. »Es ist kein Unsinn. Julius?!« Er sah sie erschrocken an. es sei nicht von historischer Bedeutung. Es ist genau das. drehte sich abrupt um und trat ans Fenster. Julius. und man wird nie mehr etwas von ihnen hören. die man in 566 . Dann wird diese arme Frau umsonst den Märtyrertod gestorben sein! Begreifst du das nicht. das dürfen sie nicht tun!« »Catherine. die Frau kann eine frühchristliche Priesterin gewesen sein! Es könnten Dinge von ungeheurem historischen Wert mit ihr dort unten im Brunnen liegen. sagte sie mit gepreßter Stimme. »Ich bin froh. Julius«.« Catherine kniff die Augen zusammen. nach der siebten Schriftrolle zu suchen! Ich tue es nicht nur für meine Mutter und für Daniel. »Nein. man hat den freiliegenden Teil des Skeletts untersucht und erklärt. Es ist meine Pflicht. Garibaldi… »Catherine. »Wenn ich auch nur einen Augenblick unsicher gewesen sein sollte. als man sie lebend in einen Brunnen hinabließ. was hier gespielt wird.« »Nicht von historische Bedeutung? Julius. »Catherine…« Als er neben sie trat. ob ich weitermache. wich sie vor ihm zurück. dann verschwinden sie in einem Archiv. Ihre Hände und Gelenke waren gefesselt.« Sie schüttelte den Kopf. Sie wollen die ganze Sache vertuschen. dann gibt es jetzt keinen Zweifel mehr. das ist Unsinn. daß du mir das alles gesagt hast.»Nein!« rief sie entsetzt. Sie schütten das Skelett der Frau zu. Die ägyptische Regierung wird unter Druck gesetzt. »Ich weiß. die mit den Schriftrollen begraben worden ist… lebendig begraben worden ist. sondern auch für diese bedauernswerte Frau. Wenn ich die Schriftrollen den Ägyptern überlasse oder dem Vatikan oder der Harvard University oder irgend jemandem sonst.

Sie schob jeden Gedanken an Julius und an Garibaldi beiseite und atmete bewußt langsam und tief.« Sie hielt ihm die Tür auf. schloß sie hinter ihm ab. zu deinen Regeln und deinen moralischen Grundsätzen und laß mich in Ruhe.« »Flieg nach Kalifornien. wenn du es so haben willst. Julius. dann ist es für immer. und als er hinausging. der die Botschaft der Schriftrollen hören will. Ich tue es für Sabina. Julius wurde blaß. Ja. Aber wenn ich jetzt aus diesem Zimmer gehe. und wahrscheinlich habe ich auch dich verloren. alle Welt gegen mich aufzubringen. das verspreche ich dir. tu es nicht. Dann setzte sie sich an den Tisch und bereitete sich darauf vor. ich habe Regeln und Gesetze gebrochen. Aber ich kann nicht aufgeben.den Brunnen gestoßen hat. Geh zurück in dein sicheres Institut. »Gut. die letzte Rolle zu lesen. Ich werde nie wieder in deinem Leben auftauchen. Ich habe es geschafft. bitte. 567 . Jetzt nicht!« »Catherine. Perpetua und Amelia und für jeden.« Am liebsten hätte sie hinzugefügt: Und nimm Garibaldi gleich mit.

DER FÜNFZEHNTE TAG 568 .

weil er hoffte. der dicht an der rauhen Felswand entlangführte. stellte sie den Motor ab und blickte sich suchend um. und noch leuchteten dort ein paar Sterne. Im Westen war der Himmel noch nachtblau. Auf der Hochebene angekommen. Sie hatte keinen Beweis. Es hatte sie gerührt und beeindruckt. Als er vor ungefähr einer Woche Erika zur Cloud Mesa gebracht hatte. Aber als sie nun auf dem schmalen steilen Weg. Erika achtete nicht auf die Schönheit der Natur. daß der alte Schamane. Sie hielt auf dem holprigen Weg das Steuer des Landrover fest umklammert. aber seine Familie und die Polizei hatten bisher vergeblich nach ihm gesucht. verriet er ihr. New Mexico Der Tag brach über der Wüste an und schenkte der kalten schlafenden Welt sein goldenes Licht. wie es eigentlich nur in Filmen zu sehen war.Dienstag. Sie wußte intuitiv. den Sonnwend-Kachina damit zur Rückkehr aus der Unterwelt zu bewegen. Und tatsächlich entdeckte sie 569 . um zu beten. daß Kojote da draußen sein würde. immer weiter nach oben fuhr und die Ebene immer weiter unter ihr zurückblieb. Aber der östliche Horizont strahlte in majestätischem Glanz. der Häuptling der Sippe. daß kaum jemand diesen geheimen Platz kannte. Dezember 1999 Santa Fe. 28. daß Kojote hierher gekommen war. einer weißen Amerikanerin ein solches Geheimnis anvertraute. ob hinter diesem unerwarteten Vertrauensbeweis vielleicht doch eine Absicht gestanden hatte. fragte sie sich.

Sein Körper war mit Lehm bestrichen. sondern wehten im Wind. Seine langen weißen Haare waren nicht geflochten.den Schamanen: Er saß mit dem Gesicht nach Osten und gekreuzten Beinen auf einem Felsvorsprung am Rand der Mesa. 570 . er war tot. Aber er betete nicht.

»Wir würden gern die Äbtissin sprechen. In der ganzen Geschichte des Klosters hatte die Glocke der Pforte bestimmt noch nie so stürmisch geläutet. »Geduld. »FBI.« Schwester Gabriele sah einen Polizei-Ausweis. und sie konnte nur mit Mühe die Gestalten von drei oder vier Männern erkennen. aber Sie müssen mir schon sagen. als sie in den verschneiten Hof hinauseilte. »Worum handelt es sich?« fragte sie. und deshalb zitterte sie jetzt vor Kälte unter dem schwarzen Habit. Die Welt lag noch im Halbdunkel.« »Es tut mir leid.Kloster Greensville. dem mußten die Höllenhunde auf den Fersen sein. murmelte sie. Sie schob die Holzklappe vor der vergitterten Öffnung zurück und spähte hinaus. Es ist gegen unsere Regeln…« »Wir haben Grund zu der Annahme. Schwester«. worum es geht. ich komme ja schon. »Benedicte«. Der Besucher läutete so stürmisch. sagte er mit tiefer Stimme. die im hohen Schnee standen. Geduld. Wir müssen in das Kloster. Einer der Männer hielt ihr etwas vor das Gesicht. Schwester. Eisige Morgenluft schlug ihr ins Gesicht. der polizeilich gesucht wird.« 571 . daß sich jemand bei Ihnen aufhält. »Bitte öffnen Sie. Vermont Schwester Gabriele lief so schnell es ihre beinahe achtzig Jahre erlaubten und schüttelte verständnislos den Kopf. Der Mann hieß Strickland. daß sich Schwester Gabriele nicht einmal die Zeit genommen hatte.« Wer immer da draußen stand. den Umhang über die Schultern zu legen.

Mr. dann sagte die Äbtissin. schob den schweren Riegel zurück und öffnete die Pforte.« Nach erneutem Geflüster lief Schwester Gabriele eilig über den Hof zurück. und wir wollen Dr. um sie zu verhaften. Mehr als einer von Ihnen würde die Ruhe des Klosters stören.« Die Äbtissin räusperte sich und nahm den Platz hinter dem Gitter ein. sagte die Äbtissin. Normalerweise haben Männer hier keinen Zutritt. »Was gibt es. Alexander nur ein paar Fragen stellen. Strickland. daß der Schnee hinter ihr unter eiligen Schritten knirschte.»Gütiger Himmel!« Schwester Gabriele hörte. und dann die Stimme der Äbtissin. sagte sie. Würden Sie bitte das Tor öffnen?« Die beiden Frauen flüsterten kurz miteinander. sagte der Beamte. »Möglicherweise sind es auch drei. mein Herr«. »Aber bitte nur Sie. 572 . Dann bekreuzigte sie sich und fragte: »Was hat sie getan?« »Sie wird im Zusammenhang mit zwei Morden gesucht…« »Morde!« Die beiden Nonnen bekreuzigten sich. das sie im Dämmerlicht kaum sah. Schwester Gabriele? Wer hat geläutet?« »Es ist die Polizei. »Haben Sie diese Frau gesehen?« Die Äbtissin blickte lange und prüfend auf das Bild. »Nun gut«. Außerdem hat sie Eigentum einer fremden Regierung entwendet. »Schwester«. »Haben Sie einen Durchsuchungsbefehl?« Die Männer vor der Pforte wurden ungeduldig. Sie suchen jemanden. der Strickland hieß. Wir sind nicht gekommen. »Wen suchen Sie?« Der Mann vor dem Tor hielt ein Photo hoch. »Verzeihen Sie. »es ist sehr kalt hier draußen.« Strickland bedeutete seinen Kollegen mit einer knappen Bewegung zurückzubleiben.

als sei er schon zu lange in seinem Beruf. »Frau Dr. Alexander? Sind Sie da?« Strickland sah sich um. klopfte leise und rief: »Frau Dr. Die Äbtissin klopfte etwas energischer.« Er seufzte. Vor Catherines Tür blieb sie stehen. Sie zu stören. wo Vater Garibaldi. um Ihre Identität zu überprüfen. Alexander? Sind Sie wach? Sie haben einen Besucher. und zu uns dringen auch sonst keine Nachrichten von draußen. Mr.« Sie lauschten auf eine Antwort. Strickland.« »Wir hören hier kein Radio. Sie müssen in den Nachrichten davon gehört haben. »Das steht Ihnen frei. aber ich habe meine Befehle. »Gibt es noch einen Ausgang?« »Nein. Er war ein korpulenter Mann Mitte Fünfzig mit einem geröteten Gesicht und einem Ausdruck geduldigen Leidens. Sie streckte die Hand aus. »Es ist mir unangenehm.« Er gab ihr den Ausweis. Voss am Abend zuvor Zimmer bezogen hatten. daß ich die FBI-Dienststelle in Montpelier anrufe.»Es tut mir wirklich leid. »Sie haben doch sicher nichts dagegen.« »Könnte sie auf der Toilette.« Sie traten in die warme Vorhalle. Wir suchen diese Frau schon seit zwei Wochen. »Darf ich bitte Ihren Dienstausweis sehen?« »Selbstverständlich. sagte er. Catherine und Dr. Schwester«. ich meine im Badezimmer sein?« »Alle Zimmer haben in den fünfziger Jahren eigene 573 .« Fünf Minuten später führte die Äbtissin ihn durch den Gang des Gästeflügels. als er ihr zum Hauptgebäude folgte. Mr. Strickland. und die Äbtissin musterte den Beamten. Er duftete schwach nach Kaffee und Zigarettenrauch.

Die Äbtissin trat zum Fenster und blickte hinaus. »Frau Dr. sagte sie. Auf einem Stuhl lagen Kleider und Toilettenartikel. sagte Strickland und fügte mit einem Blick auf die Äbtissin hinzu: »Bitte…« Die Äbtissin griff nach dem Schlüsselbund an ihrer Hüfte und schloß die Tür auf.« Strickland blickte hinaus in den verschneiten Wald. als hätte sie jemand gewarnt. Alexander.Bäder bekommen. Das Fenster stand offen. sagte Strickland und ging durch das kleine Zimmer. »Ja«. sagte er. »Frau Dr. Dabei war es eine friedliche Versammlung. das ist alles.« Er blickte über die Schulter zurück. »Ihre Kleider sind noch hier. Sie wird da draußen erfrieren!« »Sie hatte es offenbar eilig«.« Es gab ein schreckliches Gemetzel im Ring der Steine. Auf dem kleinen Tisch sahen sie einen Laptop mit dunklem Bildschirm.« Er musterte die Äbtissin mit zusammengekniffenen Augen. »Ich glaube. hätten wir sie gesehen. Wir finden sie. ist alles in Ordnung mit Ihnen?« »Schließen Sie auf«. daß jemand darin geschlafen hatte. der kalte Wind blies herein. sogar ihre Schuhe«. »Und das ist der einzige Zugang?« »Wenn Dr. Alexander muß diesen Weg benutzt haben. Alexander weggegangen wäre. »Es sieht ganz so aus. Wir wollten 574 . Auf dem Boden unter dem Tisch entdeckten sie eine blaue Tasche. das zerknitterte Bettzeug wies darauf hin. »Sie wird nicht weit kommen. »Ist das alles. was sie bei sich hatte?« Die Äbtissin seufzte und warf einen Blick auf die Sachen.« Die Äbtissin klopfte noch einmal.

erfüllte Furcht mein Herz. Als wir Britannien verließen und uns auf die Reise über die Nordsee in das Land der Germanen begaben. Aber sie gehörte zu jenen.nur der besonderen geistigen Kraft dieses Platzes unsere Ehrerbietung erweisen und das Wunder der Sommersonnenwende erleben. wenn nicht Cornelius Severus rechtzeitig mit seiner Legion eingetroffen wäre. Meine Freundin Claudia fand durch einen britonischen Speer den Tod. wie sie auch genannt wird. dann kam schließlich der Tag. Wir hielten Ausschau nach 575 . Und so befand ich mich auf einem der sechs Schiffe des Cornelius Severus. die inzwischen dem Weg des Gerechten folgten. Tagelang hörten wir nur die Geräusche der Segel und der Ruder. wenn auch nur Frauen und Kinder. Es waren Britonen. die ebenfalls mit Angst der Zukunft entgegensahen. Danach hielt ich mich von den Druiden fern. vor dem ich mich schon so lange gefürchtet hatte: Cornelius Severus wurde in die Kolonie Agrippina oder ›Colonia‹. wenn die Sonne direkt auf dem Altar aufgeht. Ich trug das Kreuz des Hermes auf der Brust. die uns angriffen. Alles war ruhig. Amelia. Das bedeutete: Wir mußten zu den wilden Barbaren. Und dann. Philos auf einem anderen und unser Sohn mit seiner Amme auf einem dritten. an den Rhein versetzt. und das war mir ein gewisser Trost. damit wir nicht möglicherweise alle drei gleichzeitig ums Leben kommen würden. Viele starben an diesem Tag. Ich las ihn jeden Tag meinen Mitreisenden vor. Deshalb waren wir bei Reisen durch kriegerisches Gebiet oder unter gefährlichen Umständen nie zusammen. denn einige von uns waren Römer. und wir hätten alle das Leben verloren. Philos war ein vorsichtiger Mann. und ich suchte Trost und Hoffnung in den Worten des Marienbriefes. und das Knarren der Planken. die ins Wasser tauchten.

Wir sahen plötzlich. Die Leute an Bord gerieten in Panik und waren der Schiffsbesatzung nur im Weg. um zu verhindern. Vorräte. wie sich am Horizont riesige dunkle Wolken zusammenballten. die Masten splitterten. brach der Sturm über uns herein. Hohe Flammen schlugen daraus 576 . die in die Wogen stürzten. wie Männer über Bord gespült wurden. während die Seeleute Wasser schöpften und alles taten. Viele lagen auf den Knien und beteten. Noch ehe wir uns richtig vorbereiten konnten. und wir wurden auf dem Deck hin und her geworfen. Der Sturm jagte unsere schwachen Schiffe über das wogende Meer und zerstreute sie in alle Richtungen. Das Gefolge von Cornelius Severus war nicht mit dem Meer vertraut. die Segel zerrissen.Seeräubern. Bald trafen Meer und Himmel in einem gewaltigen Mahlstrom zusammen. die Wogen schlugen höher. daß die Fluten über uns zusammenschlugen. die dieses Meer im Norden heimsuchen. doch der Laderaum stand unter Wasser. und ein tobender Wind aus Süden trieb uns vom Kurs ab. Die Böen kamen von allen Seiten. die Küste Galliens überfallen und friedliche Siedlungen plündern. Nun war das Schiff zwar leichter. Doch wir begegneten keinem feindlichen Schiff. immer höher und nahmen den Männern am Steuer jede Sicht. Wir sahen. so daß wir schließlich keines der anderen fünf mehr sahen. Der Kapitän kannte die tückischen Untiefen in dieser Gegend. aber plötzlich tauchte eines wieder auf. Wir hörten bebend das laute Wiehern der Pferde. Tiere und alles Gepäck wurden über Bord geworfen. Vor uns tauchten schließlich Inseln mit zerklüfteten Klippen auf. aber er wußte nicht. Unsere Schwesterschiffe hatten wir schon lange aus den Augen verloren. Statt dessen überfiel uns ein sehr viel mächtigerer Feind. Das Schiff war zu schwer. wie er das Unheil verhindern sollte. Lasten.

es brach auseinander und ging mit der Besatzung und allen Reisenden unter.empor. um uns alle in das nasse Grab zu reißen. In diesem Augenblick der Verzweiflung erinnerte ich mich an die Prophezeiung der Hekate-Priesterin in der Nacht meiner Geburt. Dann trieb die böse Macht des Verderbens unser Schiff auf die felsige Landspitze zu. Philos war auf diesem Schiff gewesen. wie sich ein riesiger Wellenberg vor uns auftürmte und die Wassermassen über uns zusammenbrachen. Sie hatte von einem ›Berg aus Wasser‹ gesprochen und gesagt: ›Wenn sich das Meer in den Himmel erhebt…‹ Als das Schiff sank. 577 . Ich sah. Die Wogen schleuderten es gegen ein Riff. galt mein letzter Gedanke meinem Sohn und meinem Mann. Es trieb hilflos auf dem tobenden Meer.

DER SECHZEHNTE TAG 578 .

Es war. Aber ich sah weder Rauch noch ein Feuer. 29. Dezember 1999 Ich weiß nicht. eine Außenseiterin. Aber ich bekam zu essen und lebte warm und trocken im Haus einer Frau. Als die Sippe mich fand. wie es kam. und so mußte ich. Ich blickte über die Inseln. um ein Feuer zu entzünden und so ein Signal zu geben. wie viele meiner Mitreisenden sich in der gleichen Lage befinden mochten. und über mir schien schwach die Sonne. Schweine und Hunde. Ich sah tote Pferde. mit der niemand sprach. und ich hielt Ausschau nach Rauchsignalen von den fernen Inseln. Die Sippe verläßt ihr Winterlager nie. fand aber keine anderen Überlebenden. im Lager bleiben. als gesät und gepflanzt wurde und die Männer auf die Jagd gingen.Mittwoch. Ich bat darum. war ich völlig entkräftet und hatte hohes Fieber. zu den Römern 579 . kam ich allmählich wieder zu Kräften. und fragte mich. die sich über meine Gesellschaft zu freuen schien. Auf den Steinen lagen die Leichen von Menschen. um mich gesundzupflegen. lag ich auf einem felsigen Strand. mit denen ich gereist war. Aber als ich aufwachte. als sei alles in mir zusammen mit meinem Mann und meinem Sohn gestorben. Ich suchte das schreckliche Ufer zwei Tage und eine Nacht lang ab. denn sie hatten die Alpträume meiner Kindheit bevölkert. Sie brauchten Monate. daß ich keine Angst empfand. daß ich überlebte oder wie ich ans Ufer gelangte. und meine Erinnerung kehrte zurück. Als der Schnee schmolz. dann wurde es Winter. Aber der Schock hatte mich so betäubt. Ich hätte vor diesen Barbaren aus dem Norden entsetzliche Angst haben sollen. Ich suchte nach Mitteln und Wegen. die verstreut vor dieser Küste liegen.

daß ihnen die Gastfreundschaft heilig war: Es galt als ein Verbrechen. Bei seiner Abreise ließ der Gast ebenfalls Geschenke zurück.gebracht zu werden. Sie reden und lachen. viele haben rotgoldene Haare und wilde blaue Augen. und sie lauschen den Geistern der Winde. die mir meine Amme als Kind erzählt hatte. der zu ihnen kam. Waren das wirklich die Barbaren. Sie sind zwar groß. von denen ich gehört hatte? Die Frau. die sie besonders verehren. Sie war die weise Frau der Sippe. frischem Wildbret und Sauermilch bewirtet. und an die Berichte über die schreckliche Grausamkeit der Barbaren. Die Sippe wollte ihre Sicherheit nicht meinetwegen gefährden. und Freida lehrte mich die Sitten und Bräuche ihres Volkes. daß wir uns weit entfernt von allen römischen Vorposten befanden. Also konnte ich nur bleiben und abwarten. Besitz – und der Gast wurde mit wilden Früchten. Nahrung. Ich mußte immer wieder an die Geschichten denken. und daß feindliche Stämme das Gebiet zwischen uns und der römischen Grenze durchzogen. jemandem. denn diese freundlichen Menschen entsprachen nicht ganz den Ungeheuern meiner Vorstellung. so wie ich einst Satvinders Sprache gelernt hatte. Alles wurde bereitwillig geteilt: der Herd. Die Gottheit. die Tür zu weisen. die mich gesundpflegte. Ich stellte fest. Aber sie gaben mir durch Gesten und mit in die Erde geritzten Zeichnungen zu verstehen. Die Männer suchen oft ihren Rat und befolgen ihn auch. pflanzen Korn und ziehen ihre Kinder groß. aber es sind ruhige Menschen. Die Germanen schreiben den Frauen prophetische Kräfte zu. den 580 . Aber ich war auch neugierig. So blieb ich für mich. ist Odin. und man ließ mich auch nicht allein ziehen. Allmählich lernte ich Freidas Sprache. hieß Freida.

wie sie mit Hilfe von Blättern und Wurzeln des schwarzen Nachtschattens. So erwarb ich mir allmählich Achtung und die Anerkennung der Sippe. Ich sah im Geist eine römische Trireme mit der 581 . wie man Blutungen nach der Geburt mit einem Aufguß von Misteln stillt. Sie bringen Glück und sind aus dem Alltag herausgehoben. Fieber senken und Schmerzen lindern konnten. Ich stand jeden Tag am Ufer und blickte sehnsüchtig über das Meer. Sie zählen bei ihrem Kalender nicht die Tage. Ich zeigte Freida und den anderen Frauen. der Großen Göttin. Freida zeigte mir. Als ich ihr sagte. Statt dessen weihen sie den Göttern heilige Haine und besondere Plätze. der aus der Mistel gefertigt war. Freida sagte mir. sondern die Nächte des zunehmenden und abnehmenden Mondes. Er war ein mächtiger Gott. Vollmondnächte und Neumondnächte gelten als heilig. den Philos ›Belladonna‹ genannt hatte. Ich suchte vergeblich die Statuen ihrer Götter. als alle Pflanzen und Tiere. ihr Volk ehre im Namen der Gottheit das. Das geschah. Die Tage sind alle gleich. Baldur niemals zu schaden. was nur mit den Augen des Glaubens sichtbar sei. weil sie einen Gott zu Fall bringen konnte. schwören mußten. Sie sagte. alle Metalle und Krankheiten Frigga. sagte Freida. denn sie besitzen keine. weil zu der Zeit. erzählte sie mir die Geschichte von Baldur. Aber es gibt keine Bildnisse von ihm.die Römer Merkur nennen. daß die Britonen die Mistel verehren. es stehe den Menschen nicht zu. Und so verehre man bei den Völkern im Norden die Mistel. die bescheidene Mistel wegen ihres unauffälligen Aussehens übergangen wurde. Es vergingen Monate und schließlich ein zweites Jahr. den Gesichtern der Götter menschliche Züge zu geben. dem ein Pfeil zum Verhängnis wurde.

Der Beweis dafür schien zu sein. Doch ich konnte nicht aufhören. daran zu denken. also war ich Witwe. Ich war inzwischen überzeugt. fragte ich mich. das wußte ich. ob sie gehört hätten. daß wenigstens mein Sohn in das Reich des Gerechten eingegangen war. Mein Heimweh wuchs. überlebt hatte. ob zu Hause alle glaubten. das Dorf zu verlassen. ich war auch kinderlos. ohne zum Weg gefunden zu haben. Das bedeutete. Philos war tot. die mich rief. Ich sah Philos an Deck und Pindar an der Hand seiner Amme. Lange Zeit ließen mich mein Leid und mein Schmerz nicht los. daß es mir erschien. der einzige Mensch auf dem Schiff. Pindar hatte ich gelehrt. Ich hörte eine vertraute Stimme. Rückblickend. erkundigte ich mich. der an den Weg des Gerechten glaubte. und ich dachte. Aber sie konnten mir nie etwas darüber sagen. daß mich jemand von Freidas Leuten zur Grenze brachte. ich würde nie mehr etwas anderes als Schmerz und Leid fühlen. Als die Zeit verging. Wenn Besucher in das Dorf kamen. daß Philos gestorben war. und machten es unmöglich. abends Gebete an den Gerechten zu sprechen. Doch die Jahreszeiten kamen und gingen. Und Pindar konnte den Sturm mit Sicherheit nicht überlebt haben. weil viele Germanen römische Speere trugen. daß ich. Und allmählich setzte eine Art Heilung ein.Flagge des Cornelius Severus auftauchen. Ich mußte daran denken. Die feindlichen Stämme in der Umgebung hinderten mich daran. auch ich sei tot. Meine Trauer war so greifbar. denn ich wurde ständig an Rom erinnert. meine 582 . und so zog ich aus dem Wissen Trost. was für einen schrecklichen Tod er erlitten haben mußte. mein Glaube habe mich gerettet. daß die Römer eine Frau suchten. als sei sie ein Teil von mir. und ich blieb bei der Sippe.

»Wir. sie 583 . obwohl mir gestattet wurde. eine Verkörperung des Höchsten ist. und von ihr lernte ich. Aber ich hatte immer noch das Hermes-Kreuz. Und ich erzählte von dem Sturm auf dem Meer und dem Schiffbruch. wie die Buddhisten in Alexandria. Ich berichtete von seinen Wundern. so hatte auch Freidas Volk eine eigene Art. was er gesagt hatte. den Göttern nahezukommen und die Ehrfurcht vor dem Unsichtbaren zu bezeugen. die die Zuhörer viele Nächte lang in Bann hält. daß sie alle fromme Menschen waren. Ich sprach zu ihnen von dem Gerechten. erkenne ich die Anmaßung dieser Vorstellung. und von seinen Gleichnissen. mich zu ihrem Glauben zu bekehren. indem ich andere am Glauben teilhaben ließ. Ich zeigte es der Sippe und erklärte. den nur ich überlebt hatte. bei ihren Ritualen in den heiligen Hainen anwesend zu sein. Sie hörten mir zwar zu. Ich blieb meinem Glauben in diesem barbarischen Land treu. der jedes Jahr stirbt und wiedergeboren wird. Ich lehrte sie. Allerdings versuchten sie auch nicht. leben ewig«. aber in Wirklichkeit hörten sie mich nicht. wie Claudia und die Druiden. Wie Satvinder. von dem. Aber ich war jung und mußte noch vieles lernen. Leider war der Brief der Maria mit dem Schiff untergegangen. die wir an den Weg glauben. doch ich wußte. Ich erkannte zwar. daß Hermes.liebe Amelia. wie man eine Geschichte ausspinnt. so wie ich ihn von Antiochia nach Indien und von Alexandria nach Britannien mit mir genommen hatte. Das gelang mir. von den Heilungen und dem größten Wunder von allen: Er hatte den Tod überwunden. daß der Glaube an den Gerechten. sagte ich ihnen. Freida war auch die Erzählerin der Sippe. daß Frieden und Vergebung die Heimkehr in sein Reich möglich machen werde. und daß sein Wort das Universum geschaffen hat.

waren irregeleitet. Und ich sagte mir. Endlich. so erklärte sie. die ihr Volk verehrte. war es mir bestimmt. tapferen. So erreichten wir schließlich den Wald. Freida war wieder mit ihrem Sohn zusammen. Und dort. So ging ich daran. Sigmund zu treffen – meinen schönen. und gründete in der barbarischen Wildnis im Norden eine Gemeinde. so hieß es. nachdem die Streitigkeiten sie von der Sippe getrennt und eine Wiedervereinigung lange unmöglich gemacht hatten. das Schicksal habe mich zu ihnen geführt. um mir die uralten Steine zu zeigen. konnten wir näher zur Grenze ziehen. Freidas Sippe zu bekehren. wo die Germanen von den Römern Land zurückgewonnen hatten. seien besiegt. in den dunklen Wäldern. gottgleichen Sigmund… 584 . Freida warf die heiligen Runenstäbe auf ein weißes Tuch und deutete die Zeichen. weil die Botschaft gerade hier gebraucht werde. Die Feinde der Sippe. Es erreichten uns Nachrichten von heftigen Kämpfen zwischen den Stämmen im Westen. wo die anderen Stammesangehörigen zurückgeblieben waren. zu dem mich Freida führte. In diesem Wald gab es einen heiligen Platz.

als sie sich nach dem Hermannsdenkmal erkundigte. tapferen. Ist das Sigmund? dachte Catherine. Catherine war die beinahe vier Kilometer vom nahe gelegenen Detmold hierher zu Fuß gegangen. Nun stand sie unter dem dunkelgrauen Himmel und blickte über die sanft gewellten und dicht bewaldeten Hügel des Teutoburger Waldes. Er trug ein kurzes Gewand. mit der anderen hob er das Schwert hoch in die Luft wie einer der Helden von Wagner. Mit einer Hand stützte er sich auf seinen Schild. Der Mann am Bahnhof hatte sie erstaunt angesehen. Schilder mit der Aufschrift: Vorsicht! Glatteis! ermahnten die Besucher. Er sagte. Deutschland »Und dort. den die Römer unter dem Namen Arminius gekannt hatten. Unter ihr lag ein zugefrorener See. war es mir bestimmt. Vor ihr auf einer Säule stand ein gottgleicher Mann mit langen Haaren und einem wilden Bart.Detmold. sechsundfünfzig Meter hohe Statue. in den dunklen Wäldern. auf den Weg zu achten. 585 . die den Lauf der Geschichte veränderte. daß es sich um Hermann handelte. einen Lederumhang und auf dem Kopf einen geflügelten Helm. Sigmund zu treffen – meinen schönen. Die Inschrift in einer gewölbten Nische am Fuß der Statue verriet. gottgleichen Sigmund…« Catherine blickte auf die gewaltige. Dieser germanische Krieger hatte Cäsars Legionen in einer Schlacht besiegt. Der Text der Inschrift war lateinisch und deutsch und lautete: ›Im Kriege nicht besiegt‹ Außer ihr befand sich niemand am Denkmal.

wo Sabina von dem Aufbruch nach Germanien berichtete. wo Sabina mit Freida gewesen war und wo sie Sigmund getroffen hatte. Er hatte ihr den Führer gegeben. Nachdem Julius sie im Kloster gebeten hatte. Sie hörte ein Schweigen. weil es keine siebte Schriftrolle gäbe. vielleicht lieber in den Detmolder Hof zu gehen. Da wußte sie. was sie jemals gehört hatte. mit ihm nach Kalifornien zurückzufahren. mußte sie sich nach ihrer Ankunft in Frankfurt bei der Paßkontrolle auf ein großes Taschentuch und einen verschlafenen deutschen Beamten verlassen. den Picknick-Bänken und Tischen weiße Hauben aufsetzte. das sich von allem unterschied. den sie erst vor kurzem für eine Reise nach Rom hatte verlängern lassen. Doch Catherine war in den Hermannswald gegangen. sie vor dem tückischen Glatteis gewarnt und ihr geraten. Da Catherine der älteren Frau überhaupt nicht ähnlich sah und auch nicht annähernd in ihrem Alter war. der den Ästen und Zweigen. Die Äbtissin kannte nicht die ganze Geschichte. wo es warm sei. daß die Geschichte weiterging. Catherine hatte ihre 586 . daß Sabina nicht in Britannien gestorben war. Außer Catherines Fußabdrücken gab es keine Spuren im Schnee. hatte Catherine das erste Blatt der sechsten Schriftrolle gelesen. Auf der Erde lag hoher Schnee. Es war ein dichter Wald. Den Rest sah sie in seinen Augen: Und vor allen keine Nonne im schwarzen Habit mit einer weißen Haube.nur wenige Amerikaner fragten jemals danach und mitten im Winter schon gar nicht. Die ehrwürdige Mutter gab ihr einen Habit und den eigenen Reisepaß. Nackte schwarze Strichfiguren ragten aus einer weißen Decke. an dessen Bäumen allerdings keine Blätter hingen. Catherine sprach noch am selben Abend mit der Äbtissin über ihren Plan.

wie Nonnen sie benutzen. und hier wurde ihr Glaube auf die Probe gestellt. Liebe und Glaube… Catherine beobachtete einen großen Raubvogel. Catherine ließ die ersten fünf Schriftrollen. Hier hat sie sich verliebt. 587 . was sie sagte oder tat. bei sich trug. nichts. und man fand das nicht von Bedeutung – auch Julius nicht. hatte er berichtet. Sie atmete tief die kalte Luft ein. »Man sagt. Eine Frau war wegen der Schriftrollen lebendig begraben worden. versteckt zwischen den Buchdeckeln.Schwierigkeiten nur angedeutet und sie um Hilfe gebeten. das Skelett sei nicht von historischer Bedeutung«. Catherine stapfte durch den Schnee. Die kluge ältere Frau hörte Catherine ruhig zu und nickte: Ja. sie wolle helfen. Garibaldi hatte nichts von ihrem Plan erfahren. damit sie ihre Suche aufgab. Am Saum ihres schwarzen Rocks hingen kleine Eisklümpchen. Vor zweitausend Jahren ist Sabina über diese Hügel gegangen und hat diese Luft geatmet. verraten zu werden. Dabei brauchte sie nicht viele Worte zu machen. Ihr Blick glitt über die dunklen Wälder. der am grauen Himmel still seine Kreise zog. und sie versuchte sich die friedlichen germanischen Dörfer vorzustellen. Sie dachte an Julius. Catherine war tief enttäuscht gewesen. das sie jetzt sicher verpackt in einer schwarzen Tasche. Er hielt ihr Vorgehen für falsch. in ihrer Obhut zurück und nahm nur das sechste Buch mit. der sie nur deshalb in das Kloster geschickt hatte. Sie wußte. würde etwas an seiner Meinung ändern. Zum zweiten Mal hatte sie das Gefühl. dachte Catherine. wo sich die Familien um das Feuer versammelt und den Geschichten ihres Volkes gelauscht hatten.

sich über den gefrorenen See breitete und die Welt in eine unwirkliche Stille hüllte. wie Bodennebel die Täler füllte. Catherine spürte den scharfen Wind nicht. Als sie sich den gespenstischen. Garibaldi… Der Schmerz über seine Täuschung war immer noch unerträglich. hochaufragenden gezackten Steinen näherte. wurden Bekanntschaften erneuert. so hatte Sabina geschrieben. im Sommer. Ein Pfeil wies geradeaus. hatte er mit einer Gegenfrage reagiert. aber er hatte sie auch nicht daran gehindert. der am Waldrand entlangführte. Hier. die in einem bizarren Tanz erstarrt waren. Wenn sie auf ihre Gespräche in den vergangenen beiden Wochen zurückblickte. bis sie ein Schild erreichte: Externsteine. hatte er entweder geschwiegen oder vage Antworten gegeben. Dort schlugen sie Lager auf und feierten die Sommersonnenwende. Catherine zog den Umgang enger um sich und folgte dem verschneiten Weg. daß er sie nie direkt belegen hatte. wenn die Sonne an einem bestimmten Punkt zwischen den Steinen aufging. Fehden beigelegt und Sippenbande 588 . Versprechen erfüllt. mußte sie an Menschen denken. Sabinas Worte fielen ihr wieder ein. die falschen Schlüsse zu ziehen. »Wissen Sie. warum er vor Weihnachten aus Israel abgereist sei. Alle sieben Jahre. Auf ihre Frage. der durch ihre Nonnentracht drang. Wann immer sie Chicago oder seine Gemeinde erwähnte. während sie zusah. wurde Recht gesprochen. wie überfüllt Jerusalem an Weihnachten ist?« Er hatte nicht gelogen. trafen sich die Sippen des Stammes zu einer großen Versammlung bei den heiligen Steinen nahe dem Platz ihres großen Sieges über die Römer. mußte sie sich eingestehen.Der Himmel wurde dunkler. Das konnte sie ihm nie vergeben.

nicht hier…. Abend für Abend setzten sich Krieger. und neue Kinder wurden mit Freuden begrüßt und in den Sippenverbund aufgenommen. Nein. und sie fror. 589 . Endlich sollte sie erfahren. was ich suche. die Freida und die anderen weisen Frauen erzählten. Der Wind wurde stärker. Inzwischen wurde es dunkel. Der Stamm erinnerte sich an alle. Hier ist es nicht. die fehlten. wohin Sabina sie als nächstes führen würde. Sie ging in das nahe gelegene Holzhausen und nahm dort ein Taxi.gefestigt. und ihr Umhang flatterte. erwies den Ahnen die gebührende Ehre. weil sie zu den Göttern gegangen waren. dachte sie. Catherine entdeckte im heidnischen Stein ein eingemeißeltes christliches Basrelief. Man tauschte Geschenke aus und stiftete Ehen. Frauen und Kinder zum Festmahl zusammen und lauschten den Geschichten. das sie nach Detmold zurückbrachte – und zurück zu der sechsten Schriftrolle.

Voss nicht von so vielen Männern überwachen lassen können. Wie auch immer. und als der Bildschirm hell wurde. Er öffnete ein paar und stellte fest. als Voss einen schweren Fehler beging und ein Flugticket nach Montpelier. daß Erika zufällig vorbeikommen sollte. Warum sollte er noch vorsichtig sein? Vielleicht war er sogar in der Hoffnung zum Kloster gefahren. Strickland hatte sich nach dem fragwürdigen Geschäft abgesetzt und war inzwischen auf dem Weg nach Brasilien. dachte er. seine Spur werde nur bis zu dem Kloster führen. kaufte und am Zielort einen Leihwagen bestellte. überprüfte er zunächst die Dateien im DesktopVerzeichnis. Vermont. Nun saß Miles in seinem Turm. Reichtum brachte auch andere angenehme Dinge mit sich. Voss allerdings herausgekommen: Havers hatte endlich Stevensons Computer. er hatte sich geirrt. seine Verlobte nach Hause zurückzubringen. Miles startete den Computer. weil er glaubte. Einer hatte ihm sofort Meldung erstattet. einem Beamten des FBI ein Angebot zu machen. und die Kamera überwachte den Gang für den Fall. und dort sei alles vorüber. Voss war vermutlich so leichtsinnig gewesen. es sei doch sehr viel besser. Die Tür war gegen das Personal und andere unerwünschte Störenfriede gesichert.Santa Fe. daß 590 . Ohne Geld hätte Miles diesen Dr. reich als arm zu sein. Etwas Gutes war bei der Dreitausend-Meilen-Reise von Dr. New Mexico Als Miles den Laptop von Daniel Stevenson aufklappte. Miles wußte. Sonst wäre er nämlich niemals in der Lage gewesen. das der Mann einfach nicht ablehnen konnte.

murmelte Miles. Daneben stand eine halbleere Tasse Kaffee. daß sich im Briefkasten eine Nachricht befand. und beschloß aus Neugier.Stevenson den Laptop hauptsächlich für seine Forschungen benutzt hatte. Catherine Alexander hatte eindeutig am Computer gesessen. als sie ihn gefunden hatten. Die Nachricht war drei Tage alt und morgens. kurz nachdem er Catherine durch Galaxy BBS ausfindig gemacht hatte. »Also gut«. Miles entdeckte Maya-Fresken über minoischen Darstellungen. Zeke hatte gemeldet. Plötzlich wurde ihm klar. woran unsere Archäologin gearbeitet hat. als wir sie unhöflicherweise stören wollten. die von anderen Orten gesendet wurden. eingegangen. »sehen wir uns an. daß dieser interessante Mann zu seinen Gegnern gehört hatte. Vielleicht war er doch kein Verrückter gewesen. Er hatte angenommen. Zur Software gehörte Virtual Imaging. mit Grafiken überlagern können. O’Toole habe ihm gesagt. bevor sie zu Bett gegangen war. Damit hatte Stevenson Videoaufnahmen. Miles blickte nachdenklich auf den vielbenutzten Computer. Miles starrte auf den Bildschirm und überlegte. das Verzeichnis zu öffnen. Eine Mrs. und er mußte Stevenson widerwillig bewundern.« Er hielt inne. sie sei nicht in dem angegebenen Haus in der N Street in Washington zu finden. Er klickte und las: »Er hat Sie gefunden!« Havers runzelte die Stirn. Strickland hatte gesagt. was geschehen war: Jemand hatte die beiden gewarnt! 591 . die Alexander sei vorsichtig genug gewesen. Überrascht stellte er fest. als er das E-Mail-Symbol sah. und auf dem Tisch lagen ein Bleistift und ein Notizblock mit ein paar Aufzeichnungen. der Computer sei an eine Steckdose angeschlossen gewesen. nicht ans Netz zu gehen. Zu schade. sie sei bereits ausgezogen.

Mit einem Klicken auf ›Undelete‹ und C:\»kam er in das Hauptverzeichnis und überprüfte durch schnelles Öffnen und Schließen die Unterverzeichnisse auf gelöschte Dateien. sagte Teddy. Er doppelklickte auf ›PCTools‹ und stellte erleichtert fest. Havers«. löscht die wichtigste Datei und klettert rechtzeitig aus dem Fenster. Sie springt aus dem Bett.EXE gelöscht am: 28. Das Dianuba Network hatte zwar zehn Millionen Benutzer. Miles hätte nicht riskieren wollen. es würde weniger als fünf Minuten dauern. die Stevenson zur Veröffentlichung weitergeleitet hatte. ein solches Programm zu laden und dabei möglicherweise Dateien zu löschen. die Angaben zu ›Freund‹ zu finden. Dez.Als er die elektronische Adresse sah – ›freund@dianuba. Havers stellte sich die Szene vor: Eine Nonne warnt Catherine Alexander. Diesmal suchte er nach einem Utilities-Programm. daß Stevenson ein UndeleteProgramm installiert hatte. 1999.com‹ – schnaubte er. aber Miles wußte. »Teddy…« »Ich bin schon dabei. »Aber nicht 592 . Zeit: 6. Der Trottel hatte die Warnung sogar über das Dianuba Network geschickt. bevor die Äbtissin und Strickland das Zimmer betreten. Er stellte fest. daß es sich hauptsächlich um Korrespondenz und Artikel handelte. »Schlaues Mädchen«. Etwa um diese Zeit hatte Strickland mit seinen Kollegen das Kloster erreicht. Aber Miles suchte eine Datei. Miles wandte sich wieder dem Computer zu und sah sich die DesktopSymbole noch einmal an.48 Uhr. Alle Dateien waren mindestens mehrere Wochen alt. die an einem bestimmten Datum und zu einem bestimmten Zeitpunkt gelöscht worden war. schaltet den Computer ein. Mr. murmelte Miles und klickte auf die Datei. Im Unterverzeichnis TMBX52 entdeckte er eine gelöschte Datei:?YMBOS. Er griff nach dem Haustelefon.

‹ Auf dem Bildschirm war jetzt zu lesen: BYMBOS. WebCrawler. UniCom. Dianuba…‹ 593 . Nichts von all dem ergab einen Sinn.248 ZUSTAND: gut GESCHÜTZT DURCH DOS DER ERSTE BUCHSTABE DES DATEINAMENS WURDE ÜBER DOS GELÖSCHT: BITTE GEBEN SIE DEN NEUEN ERSTEN BUCHSTABEN EIN:?YMBOS:EXE Miles hatte keine Ahnung. Offenbar handelte es sich um eine Arbeitsunterlage. Es sah aus. Es gab Anmerkungen: ›Nicht gefunden über Lycos.schlau genug.00 GELÖSCHT AM: 28/12/1999 06.EXE WIEDERHERGESTELLT: Er hatte die gelöschte Datei. Notizen zu ordnen und griechische Buchstaben in einer unendlichen Vielzahl von Folgen aneinanderzureihen. Infoseek. und Miles hielt einen Ausdruck in der Hand.48 ERSTER CLUSTER: 30.800 Bytes PFAD: D:\TMBX52 ERSTELLT AM: 21/12/1999 00. Wie es schien. ein Puzzle zu lösen. Er konnte wenig damit anfangen. um neue Informationen hinzuzufügen. Zwei Minuten später war sie geladen. als habe die Archäologin versucht.« Ein neues Kästchen erschien auf dem Bildschirm: DATEINAME:?YMBOS:EXE DATEI GRÖSSE: 94. was ›?ymbos‹ bedeutete. Er studierte die nächsten Seiten. Deshalb gab er den Buchstaben ›B‹ ein und klickte auf ›OK. hatte sie versucht herauszufinden. die täglich bei der Übersetzungsarbeit aufgerufen worden war. was ›Tymbos‹ war.

betrachtete die Liste der Unterverzeichnisse. Das Jesus-Fragment endete mit den Worten: ›… bringe es zu König…‹ Das war also der König! Er las die letzte Notiz: ›Saba war der alte Name Äthiopiens. Ein Volltreffer. Ein neues Menü erschien mit den Optionen: NORMAL DELETE WIPE DELETE DOD WIPE DELETE Havers kannte diese Funktionen: Normal Delete bedeutete Löschen im DOS. fand TMBX52. »Beinahe zu schön.exe. die Daten blieben jedoch auf der Festplatte erhalten. Es würde nicht schwer sein herauszufinden.Schließlich erreichte er das Ende: ›Tymbos. Dabei wurde die Datei gelöscht. dachte Miles hocherfreut. um wahr zu sein! Seine Hand schwebte über dem Telefon. um wahr zu sein…« Er wandte sich stirnrunzelnd noch einmal dem Computer zu und legte im Textverarbeitungsprogramm eine neue Datei mit dem Namen Havers an. klickte zuerst auf ›Datei‹ und dann auf ›Löschen‹. Anstatt König Tymbos sollte es heißen König von Tymbos. öffnete es unter havers. so daß man die Datei später wiederherstellen 594 . ob in den letzten Tagen irgendwelche Amerikaner in Addis Abeba angekommen waren. Das ist beinahe zu schön. ein mystisches Land.‹ Miles starrte auf die letzten Worte: König von Tymbos. Im Desktop klickte er auf ›Datei-Manager‹. das angeblich an der Handelsstraße nach Saba liegt. um Teddy anzurufen. Liegt Tymbos in Afrika?‹ Miles griff schnell nach dem Telefon. Dann speicherte er sie auf der Festplatte im Unterverzeichnis TMBX52 ab.

Wenn sie also die Zeit geändert und die Datei normal gelöscht hatte. in Afrika läge. wo er sie suchen sollte. daß Catherine Alexander diese eine Datei über DOD gelöscht hatte. die Datei gelöscht und die Zeit wieder zurückgestellt. Wie konnte er auf einen so durchsichtigen Trick hereinfallen? Er nahm sich die Dateien noch einmal vor. daß das überhaupt nichts zu bedeuten hatte. Miles war sicher. ließ das nur eine Deutung zu: Sie wollte. Natürlich erst. Sie hatte ihm also wieder ein Schnippchen geschlagen. Weshalb? Havers überlegte angestrengt. Es war nicht zu finden. so daß die Daten nicht verlorengingen. Also konnte sie die Datei jederzeit gelöscht haben – vermutlich lange vor Ankunft des FBI.konnte. Sie war immer noch im Besitz der Schriftrollen und des belastenden Tagebuchs.48 Uhr. Er blickte noch einmal auf das Datum und die Zeit der gelöschten Tymbos-Datei – 6. Er suchte das Tagebuch. so daß es absolut unmöglich wurde. Plötzlich wurde ihm klar. daß er die Datei fand! Er sollte glauben. daß ›Tymbos‹. Stevensons Software hatte die DODFunktion. das Stevenson erwähnt hatte. und die Datei ließ sich nicht mehr herstellen. Er wurde wütend auf sich. und das den Namen seines Mörders enthielt. wenn sie die Flucht in letzter Minute vorgetäuscht und den Computer ›zufällig‹ zurückgelassen hatte. Und DOD – Department of Defence – überschrieb die gelöschte Datei gleich dreifach. nachdem die Daten auf einer Diskette gesichert waren. die Daten noch einmal herzustellen. wenn es überhaupt ein ›Tymbos‹ gab. und er wußte nicht. Bei Wipe Delete wurden die Daten mit Nullen überschrieben. doch aus irgendeinem Grund hatte Catherine Alexander sich für Normal Delete entschieden. Strickland hatte die Äbtissin und Vater 595 . Alexander hatte möglicherweise die Uhrzeit des Computers geändert.

Catherine Alexander mußte es nach dem Aufnehmen so großer Textmengen eilig gehabt haben. das ihn auf eine Nachricht aufmerksam machte. Miles beachtete diesen Nachsatz nicht. wohin die Alexander verschwunden war. der mit einer kurzen Notiz mehr Geld verlangte. daß es sich um die letzte Übersetzung von Papazian in Kairo handelte. das Miles von der sechsten Schriftrolle besaß. Seite 12 von insgesamt 13 Seiten. hatte Catherine Alexander den Wettlauf gewonnen. und die Aufnahme war unscharf. was als nächstes zu unternehmen sei. An zwei Wörtern in der Mitte der Seite blieb sein Blick hängen. und war etwas nachlässig geworden.‹ 596 . Der Papyrus befand sich in einem schlechten Zustand.Garibaldi befragt. wie Miles nun wußte. Er ging mit großen Schritten in seinem Büro auf und ab und überlegte. nutzlos. Als er im Kommunikationszentrum ankam. die über einen bestimmten Computer im Untergeschoß einging. Plötzlich gab der Bildschirm ein Signal. Auf der Rückseite des Photos stand der Hinweis: ›Sechste Rolle. Havers überflog das Blatt. war die Übertragung gerade beendet. Das bedeutete. und der war.‹ Es war die vorletzte Seite von Sabinas Geschichte. Die Übersetzung war nach dem einzigen Photo angefertigt worden. Er konnte sein Glück kaum fassen: ›Aquae Grani. Deshalb hatte Papazian beim Übersetzen auch länger gebraucht. die Zeit war beinahe abgelaufen. zum Ende zu kommen. Miles sah. Beide behaupteten. Wenn der Text von Papazian diesmal keine Hinweise enthielt. nicht zu wissen. Es gab keinerlei Anhaltspunkte außer dem Laptop.

fuhr die in der Scimitar Software enthaltene Enzyklopädie ein. »Wer sagt es denn…«. klickte auf ›Suche‹. murmelte er einen Augenblick später lächelnd. tippte Aquae Grani und drückte ›Enter‹.Was war das? Eine Stadt? Vielleicht war Catherine Alexander dorthin gefahren. Es gab sogar ein Bild. 597 . Er ging zurück an den Computer in seinem Büro.

DER SIEBZEHNTE TAG 598 .

und erinnern sie daran. Der Schild und das Schwert. Eines Tages kam sie zu mir und sagte. gehen nach dem Tode der Frau in den Besitz ihrer Töchter und danach ihrer Enkeltöchter über. Um bei ihnen zu leben. Andererseits hatte Freida recht. Bei den Germanen bringt nicht die Braut die Mitgift in die Ehe. Aber ich hatte nicht die Absicht. liebe Amelia? Einerseits hoffte ich immer noch. das die Römer seinem Volk entrissen hatten. stimmte ich der Heirat zu. daß Sigmund kaum jemals im Dorf war. müsse ich heiraten. Eine unverheiratete Frau im gebärfähigen Alter konnte Probleme unter den Männern schaffen. Wie sollte ich darauf reagieren. Er hatte mich bisher kaum zur Kenntnis genommen. ich sei noch jung und im gebärfähigen Alter. Kinder zu bekommen. Diese Dinge symbolisieren. denn er war verwitwet und kinderlos. daß sie die harte Arbeit und die Gefahren des Mannes teilt. Aber da ich keine Jungfrau sei. sondern der Ehemann. Dezember 1999 Freida war die Matriarchin der Sippe. 30.Donnerstag. denn seine Gedanken kreisten um die Vereinigung der Stämme und die Wiedereroberung des Landes. und 599 . gerettet zu werden. werde mich kein Mann haben wollen. so sagte sie. Doch da seine Mutter es wünschte. denn ich brauche einen Beschützer. daß sich die Frau das Heldentum ihres Mannes zu eigen macht. Da ich festgestellt hatte. einen Schild und ein Schwert. Nach alter Tradition erhält sie ein Pferd und Zaumzeug. so sagte Freida. stimmte er zu. ob er mich nehmen würde. Mein Überleben hing davon ab. Sie hatte ihren Sohn Sigmund gefragt. daß ich bei der Sippe blieb.

Ich beobachtete ihn bei Ratsversammlungen.wie es aussah. Fortan lebte ich wieder bei Freida und sah Sigmund nur selten. Sigmund machte seinen Kriegern Mut. Sigmund war der Anführer. Der Statthalter. Er gab dem römischen Statthalter stolz zur Antwort: »Wir haben vielleicht keinen Platz zum Leben. Möge mir diese grauenhafte Erfahrung ein zweites Mal erspart bleiben. um den Frieden zu sichern. um den römischen Statthalter zu treffen und ihm die Bitte des Stammes um Siedlungsland zu unterbreiten. aber wir werden einen Platz finden. Sigmund ließ sich nicht bestechen. Ich hatte noch nie einen Krieg erlebt. so bekamen wir zu hören. den Gegner einzuschüchtern. Er sagte: »So. Der Stamm war vom Land seiner Vorfahren vertrieben worden und lebte in der Rolle des heimatlosen Bittstellers auf fremdem Boden. Sie kämpften im Wald. Er versprach nur Sigmund Land. tapfer 600 . niemandem sonst. liehe Schwestern. um zu sterben!« Er kam zu uns zurück und begann. Sigmund auch nicht. bei dem viel getrunken wurde. In der Hochzeitsnacht wartete ich jedoch vergebens in dem eigens für uns errichteten Holzhaus auf meinen Bräutigam. zu erschrecken und in Panik zu versetzen. An unserem Hochzeitstag gab es ein großes Festmahl. Er hielt mitreißende Reden. wie der Himmel den Göttern gehört. indem er sie in der Kunst unterwies. die anderen Stämme für einen neuen Kampf gegen die Römer um sich zu scharen. denn am Rande der Schlacht warteten die Frauen und Mütter und spornten ihre Männer an. Unbewohntes Land kann und wird von uns besiedelt werden!« Er wagte sich durch gefährliches Gebiet. und es war schrecklich anzusehen. bot Sigmund einen Handel an. Er konnte die Krieger mit seinen Taten und Worten begeistern. so gehört die Erde den Menschen.

Meine verzweifelten Schreie waren laut genug. Der Kampf nahm eine gefährliche Wendung für seine Männer. welches Schicksal sie nach einer verlorenen Schlacht erwartete: Vergewaltigung und die Sklaverei in Rom. und sie griffen noch erbitterter und kühner die römischen Legionäre an. Ihre Rufe und die Schreie der Kinder erinnerten die Männer daran. die um ihre Heimat und um ihre Familienehre in die Schlacht zogen. Sie kämpften gegen die Römer. den eisernen Muskeln und dem Mut eines Gottes bot in der Schlacht einen unvergeßlichen Anblick. Und so siegten die Germanen wieder. Sie hatten mir das Leben gerettet und mich aufgenommen.und Schulterlänge. Die Soldaten Roms schlugen sich tapfer. um ihre Männer und Söhne daran zu erinnern. als sei er unverwundbar. Unsere Krieger faßten neuen Mut und stellten sich zum Sterben entschlossen den römischen Legionen. Sigmund mit seinen langen rotgoldenen Haaren. Ich war inzwischen drei Jahre bei ihnen. keine Männer. Auch ich beteiligte mich an den Klagen und den ohrenbetäubenden Kampfrufen. Es waren bezahlte Soldaten. liebe Amelia. spürte ich eine seltsame Veränderung in meinem Herzen. und doch wünschte ich plötzlich. wie in den Tagen 601 . Aber sie wurden nicht von ihren Frauen in den Kampf begleitet und nicht von ihren Kindern daran erinnert. sie in ein Sumpfgebiet zu treiben. Da rissen sich die Frauen die Kleider vom Leib. daß mit dem Sieg oder der Niederlage das Schicksal aller auf dem Spiel stand. Als ich die Tapferkeit von Sigmund und seinen Kriegern sah. Er überragte die kleinen Römer um Kopf.zu bleiben. wofür sie kämpften. Speere und Pfeile schienen wirkungslos an ihm abzuprallen. Freidas Stamm würde siegen. weil es den Römern gelang. daß Sigmund sie hörte.

ihn und seine Sippe zum Weg des Gerechten zu bekehren. Diesmal war Sigmund der große Held. den Verletzten zu helfen und Wunden schneller und schmerzlos zu heilen. wie sich neues Leben in mir regte. Die verwundeten Männer kamen zu ihren Frauen und Müttern. wie man bessere Verbände anlegt. und die Männer verbergen nicht schamhaft ihre Verletzungen. eilten die Frauen auf das Schlachtfeld und trugen die Toten davon. da wußte ich. liebe Schwestern. Im stillen erneuerte ich jedoch den Schwur. Als ich einige Wochen später spürte. Und so.des Arminius. Ihr habt die gleichen falschen Vorstellungen und Vorurteile. Seid bitte nicht entsetzt. Mit Hilfe von Kräutern gelang es mir auch. um ihnen ein ehrenhaftes Begräbnis zu geben. daß mein Leben in der zivilisierten Welt zu Ende gegangen war und ein neues begann. Fortan sah ich in Sigmund und seiner Familie auch meine. und so konnte ich viele vor Schmerzen und Fieber bewahren und bleibenden Verstümmelungen vorbeugen. wie man Wunden mit einem Dorn und Faden vernäht. Wundbrände zu verhindern. Ich zeigte den Frauen. wurde ich eine Germanin. Natürlich behandelte ich auch Sigmunds Verletzungen. den ich aber immer abgelehnt hatte. zeigten ihnen die Wunden und ließen sich von ihnen behandeln. den sie mir gegeben. als der Stamm sie kannte. und überließ mich völlig Sigmund und seiner Welt. Viele von euch sind Frauen römischer Offiziere. Die Frauen schrecken beim Anblick von Blut nicht zurück. Ich aber lernte von ihnen. wie es als seine Frau mein Recht war. Ich nahm den neuen Namen an. In dieser Nacht liebten wir uns zum ersten Mal. wie ich sie vor langer Zeit 602 . Erfreute sich über meine Tapferkeit am Rande der Schlacht und war stolz über meine besonderen Fähigkeiten. Nachdem die Römer in die Flucht geschlagen waren.

Ja. glücklich und ein Anhänger des Gerechten war. überquerten wir während eines kurzen Friedens den Rhein. Ich betete. denn er hatte nie die unsterblichen Riesen gefunden oder der Menschheit das Wissen um das ewige Leben zurückgeben können. Doch dieser zierliche. denn ich war kleiner als meine germanische Sippe und hatte dunkle Haare. Als ich viele Jahre nach dieser Schlacht das erste Mal in die Nähe eines Römers kam. liebe Perpetua. denn dort. Ich wollte nicht mit ihm sprechen. fand ich endlich die Antworten auf alle meine Fragen… 603 . falls er noch lebte. und das Wasser die Leiden linderte. die man ›Aquae Grani‹ nennt. Ich hatte ihm nichts zu sagen. Der Römer sah mich seltsam an. Wenn er doch nur den Sturm überlebt hätte! Wenn er doch nur mit mir in den Wäldern gewesen wäre. Als wir in den Quellen von Aquae Grani badeten. die das Leben in den Wäldern nach sich zog. es ist die Wahrheit: Ich lebte bei den Barbaren und wurde eine von ihnen. dachte ich an meinen Sohn Pindar. daß er. Dann dachte ich an Philos und wurde traurig. um die Bäder im Westen aufzusuchen. dunkelhaarige Römer schien mir jetzt ein Fremder zu sein.hatte.

die in den grauen Winterhimmel ragten. wo zahllose Kerzen brannten. stellte sie fröstelnd fest. die zu dem mächtigen Portal führten. Abgesehen von elektrischem Strom war die moderne Zeit bestimmt niemals in diesen sakralen Raum vorgedrungen. Als sie zögernd am Eingang des Doms stand und in das halbdunkle Innere blickte. »Römische Bäder im Westen? Das muß Aachen sein.« Und so war Catherine nach ihrem Besuch im Teutoburger Wald in die westlichste Stadt Deutschlands an der Grenze zu Belgien gefahren. Deutschland »›Aquae Grani‹?« hatte der Mann an der Rezeption im Detmolder Hof gesagt. daß auch die Luft alt war. als hätten sich die Steine Schicht um Schicht um ein Stück Zeit aufgetürmt und es umschlossen. Catherine stand auf dem Kopfsteinpflaster einer Straße. Die Römer waren vor zweitausend Jahren dort.Aachen. die vor zwölfhundert Jahren gebaut worden war. war eine moderne Großstadt mit einem mittelalterlichen Kern. irgendwohin zu kommen. Es war ein altes. die mehr als fünf Stockwerke hoch zu sein schienen. Sie blickte auf die gotischen Türme. über die Straße zu gehen und die Stufen hinaufzusteigen. Sie dachte an die Kirche in Washington. In der Mitte der Stadt befand sich ein majestätischer Dom. zeitloses und einem wahrhaft erhabenen Gott geweihtes Monument. Aachen. Catherine fühlte sich gegen ihren Willen getrieben. damit sie nicht entfliehen konnte. als habe er es eilig. Der Dezemberwind jagte durch die Häuserzeilen. in die sie mit 604 . und betrachtete staunend die eigenartige karolingische Kuppel und die Buntglasfenster. würdiges. das Aix-laChapelle Karls des Großen.

wo jetzt der Dom steht. spürte. überkam sie eine so überwältigende. das Flehen. Sabina berichtete von einer anderen Zeit. daß ihr der Atem stockte. ihr Lager aufgeschlagen? Liegen Freida. was sie hier vielleicht finden. und als sie nach oben blickte. Catherine ging zum Oktagon. an dieser Stelle. was sie vielleicht nicht finden würde. Catherine fürchtete sich unbestimmt vor dem. wo Heilige und Apostel in erhabener Größe über einen goldenen Untergrund schritten. Ist Sabina hier an dieser Stelle gewesen? Hat Freidas Sippe hier. Mit klopfendem Herzen trat sie durch das hohe Portal. 605 . würde sie nicht umkehren. Sabina und Sigmund vielleicht hier in dieser geweihten Erde begraben? Doch der Dom war Jahrhunderte später gebaut worden. die wiederum auf anderen Säulen und Bögen ruhten und sich zu einer gewölbten Decke hinauf in eine himmlische Höhe schwangen. das Hoffen und das Vertrauen des Glaubens von zwölf Jahrhunderten wie ein Echo widerhallten. Über ihn neigten sich wie ehrfürchtige Betrachter endlose steinerne Bögen. das wußte sie.Garibaldi zur Mitternachtsmesse hatte gehen wollen. nie mehr eine katholische Kirche zu betreten. kindliche Ehrfurcht. Jetzt. Nun stand sie in diesem Dom. Vor dreizehn Jahren hatte sie geschworen. Aber ihre Beine hatten plötzlich einen eigenen Willen und trugen sie über die Schwelle. und vor dem. die auf kunstvoll gearbeiteten Säulen standen. in der noch immer die Gebete. In der Mitte der Kuppel hing an einer langen Kette ein mächtiger vergoldeter Kupferleuchter. wie der Atem der alten und der neuen Zeit sie erfaßte und tiefer und tiefer in die Kathedrale zog. An den Stufen war sie wieder umgekehrt.

die zu dem unvergleichlichen Zauber des Augenblicks beitrugen. die der Dom so lange in sich aufbewahrt hatte. daß jemand hereinkommen und all das in sich 606 . das nach Vollendung strebt. Alles stürmte in einem Kaleidoskop der Bilder. Ihr plötzlich überwaches Bewußtsein nahm noch andere Einzelheiten wahr. aber er war auch eine historisch greifbare Gestalt. die Pein und der Kummer ergossen. das Grab des fränkischen Kaisers. Der Dom zu Aachen. in das sich der Glaube. daß Catherine von ihren Gefühlen überwältigt wurde. Sie lehnte sich haltsuchend an einen Pfeiler. Sein Leben und Werk hatten das Land geeint. erinnerte jedoch auch an einen anderen Sieg. Durch die hohen bunten Glasfenster fielen Regenbogenfarben in den Chor und tauchten den goldenen Schrein in ein überirdisches Licht.Catherine war wie gebannt. während er darauf wartete. Ihre ganze innere Not brach sich plötzlich Bahn. Sie war ein hilfloses leeres Gefäß. denn vor der Katastrophe in ihrem Inneren gab es kein Entrinnen. Von einem der gotischen Stützpfeiler blickte eine Madonna mit soviel Verständnis und Erbarmen auf die Menschen herab. bevor es ihr gelang. und er führte sein Volk aus den Wirren der Kriege und Glaubenskämpfe in eine neue Zeit. Empfindungen und Erinnerungen auf sie ein. dachte Catherine voll Ehrfurcht. die Passion. Dreiundzwanzig Jahre gläubigen Katholikentums schlugen wie eine Flutwelle über ihr zusammen. sich mit der Kraft ihrer Vernunft davor in Sicherheit zu bringen. Hier ruht Karl der Große. Der große Kaiser gehörte fast schon in das Reich der Legende. Es war weit schlimmer als das versinkende Atlantis. sondern über alles Irdische. Der Dom war eine Manifestation des Triumphs nicht nur über Feinde. Catherine stand wie gelähmt an der Säule.

Aber die Erinnerungen kamen in immer neuen Wellen – das leichte und befreite Gefühl nach der Beichte. Und ich bin nicht einmal bei dir geblieben. und es ist ein Segen. Auch Erinnerungen. Catherine 607 . daß diese heilige Handlung sie mit allen Katholiken auf der ganzen Welt und über alle Zeiten hinweg mit Jesus verband. Catherine brach unter dieser Last beinahe zusammen. sich gegen den Ansturm zu wehren. Danno. Du bist ein Segen Gottes.« Der Strom riß nicht ab. Julius! rief sie stumm. daß du noch so spät in unser Leben gekommen bist. der staunend auf seine Tochter blickte und sagte: »Wir hatten nicht mehr geglaubt. daß wir Kinder haben könnten. Du hast getan. dem inneren Sturm nicht länger standhalten konnte. die nichts mit der Kirche zu tun hatten. Es war meine Schuld. Du bist nur deinem Gewissen gefolgt. Catherine spürte. die ihr geduldig zeigte. abgelegte Hülle von ihr ab.aufnehmen werde. der so lange ihr Herz umschlossen hatte. Ihr Bewußtsein versuchte. Sie rief sich die vielen Argumente und die berechtigten Anklagen ins Gedächtnis. Du bist meinetwegen ermordet worden. Ich habe darin einen Verrat an mir gesehen. die Hostie im Mund und das naive Vertrauen darauf. Sie sah ihren Vater. was du für richtig hältst. Es tut mir so leid. drängten sich auf – Catherine saß an einem großen Schreibtisch und beobachtete ihre Mutter bei der Arbeit. rief ihr Herz den Marmorwänden und stummen Statuen zu. Ich habe mich geirrt. um die Woge der Nostalgie und der emotionalen Schwäche zurückzudrängen. Er zersprang und fiel wie eine alte. wie der harte Panzer. wie der Neigungswinkel eines Pinselstrichs Handschriften um Jahrhunderte voneinander trennte. um deiner Seele beim Antritt ihrer letzten Reise zu helfen.

er hatte sich selbst zu dieser Reise entschlossen. Sie löste sich entschlossen von dem Stein und den Erinnerungen. Sie wußte in ihrem Herzen. Zitternd richtete sie sich auf und schlug die Hände vor das Gesicht. Er war nicht auf Befehl des Vatikans hier.glaubte zu ersticken. Mutter. Er war ein Priester. Garibaldi. für das Produkt ihres aus den Fugen geratenen Bewußtseins. Es überraschte sie nicht. die sie in Detmold gekauft hatte. daß er sie gefunden hatte. Sie kämpfte sich verzweifelt durch die Fluten ihrer Gefühle.« Das hatte sie auch nicht erwartet. 608 . selbst wenn er jetzt nicht wie ein Priester gekleidet war. sondern die unauffälligen Sachen. Ich hätte auf einem anderen Priester bestehen müssen. traute sie ihren Augen nicht. Als sie plötzlich über den weiten Raum hinweg eine Gestalt mit einem traurigen Gesicht sah. Er kam auf sie zu und hob die Hände in einer Geste der Kapitulation. daß es tatsächlich Garibaldi war. Sie klammerte sich an den kalten Stein. wo Sie sind. Sie hielt ihn für eine Erscheinung. »Keine Angst«. Doch dann trat er aus dem Schatten eines Pfeilers. dem man die Wahrheit anvertrauen konnte. sobald ich ihn im Krankenhaus sah. »ich habe niemandem gesagt. Auch Catherine trug nicht mehr das lange schwarze Gewand einer Nonne. so wie etwas in Catherine sie auf Sabinas Spuren hierher in diesen Dom geführt hatte. sondern weil ihn etwas in seinem Innern dazu trieb. ich hätte Vater McKinney wegschicken sollen. und sie wußte. Sie war sicher. sagte er leise. daß die Äbtissin ihm seine Fragen wahrheitsgemäß beantwortet hatte.

»Ich habe sogar eine Datei angelegt. Hatte er es gesehen? War Garibaldi Zeuge ihres Augenblicks seelischer Ekstase gewesen? »Ich dachte. Es dauerte eine Weile. Jedenfalls standen im Morgengrauen vier Männer vor der Pforte. »FBI…?« murmelte sie. und es so aussah. bevor die Beamten gekommen sind. daß Sie den Computer zurückgelassen haben…« »Ich war schon lange weg. auf die Erde und in die Wirklichkeit zurückkehren.Sie trafen sich unter einem Steinbogen mitten in dem langen hohen Gang. »Sie haben uns vielleicht einen Schreck eingejagt. antwortete Garibaldi und blickte sie besorgt an. dann ist er eine Weile zufrieden. Garibaldi flüsterte unwillkürlich. als wage er nicht. als seien Sie im Nachthemd aus dem Fenster gestiegen. Mit etwas Glück sind seine Killer auf dem Weg nach Äthiopien…« 609 .« Catherine konnte ihm nicht sofort antworten. In diesem Augenblick war sie für seinen Schutz und seine Kraft dankbar. Sie suchte noch immer ihre von Gefühlen zerrissene Seele in den dunklen Höhen der Kuppel.« Er legte ihr den Arm um die Schulter. die Stille mit profanen Worten zu stören. Catherine wehrte sich nicht dagegen.« Catherine zwang sich zu reden und beobachtete sich dabei wie eine Zuschauerin aus großer Höhe. er werde sie finden und sich auf eine falsche Fährte locken lassen. »Wie hat das FBI den Weg zum Kloster gefunden?« »Wahrscheinlich durch einen Hinweis von Havers«. wenn Havers der Computer in die Hände fällt. »Es würde mich nicht überraschen. weil ich hoffte. »Von der Äbtissin habe ich erfahren.« Sie senkte den Kopf. um durch den Schnee zu fliehen. als die Beamten des FBI kamen. Sie gingen langsam durch den Dom. wenn er einen der Beamten bestochen hätte. bis es ihr schließlich gelang.

»Mir war klar. der die Nachricht geschickt hat. als sei ich aus dem Kloster geflohen. »Es tut mir leid. Das hätte ich nicht tun sollen. daß ich Sie geschlagen habe. wütend und enttäuscht. Sie waren meinetwegen so in Panik. Garibaldi zuzuhören und ihm vernünftige Antworten zu geben. Sollte sie es eine Epiphanie nennen. ein spirituelles Erlebnis? Catherine spürte die Nachwirkungen noch immer und bemühte sich darum. daß es aussah. beschloß ich.»Sie sind also mitten in der Nacht geflohen.« »Wir müssen demjenigen. nicht nur…« Ein Schauer lief ihr über den Rücken.« »Das lag nicht an Ihnen – nun ja. bis Havers uns wieder auf der Spur war. Als ich den Anfang der sechsten Rolle las und feststellte. Catherine?« Er schüttelte den Kopf. Dann fragte er schuldbewußt: »Meinetwegen?« Sie sah ihn an. keine Zeit zu verlieren. »Ach du liebe Zeit…« »Was ist?« »Die Nachricht. und ich entschuldige mich. Aber ich war entsetzt. der sie geschickt hat!« 610 . Es tut mir leid. Er hat mit seiner Warnung viel riskiert.« »Ich nehme es Ihnen nicht übel. sagte sie leise. daß es nicht lange dauern würde. »Es war vor allem diese Nachricht. Ich habe in meinem Zimmer alles so hingelegt. für immer dankbar sein. Vater Garibaldi. Daran habe ich nicht gedacht! Ich habe sie nicht gelöscht! Havers kann jetzt denjenigen ausfindig machen.« Catherine zuckte zusammen. daß Sabina nach Germanien gegangen war. es würde tiefgreifende Folgen haben. Was immer unter der Kuppel mit ihr geschehen war. daß Sie mitten in der Nacht bei Eis und Schnee vor mir aus dem Kloster geflohen sind. Du meine Güte. die wir in Washington über E-Mail bekommen hatten«.

Wir haben nicht miteinander gesprochen. daß Sie in der Klosterbibliothek herausgefunden haben. das weiß ich nicht. Sie sieht die Menschen mit anderen Augen. Voss ist sehr früh am nächsten Morgen abgereist. daß die Äbtissin Sie persönlich im Wagen der Schwestern zum Bahnhof gebracht hat. der ›Freund‹ mußte für die Zugangsberechtigung eine Kreditkarte benutzt haben. »Ich hoffe nur. Aber der Absender ließ sich ausfindig machen. »Ich habe ihr nur gesagt. wo der große germanische Held lebte.»Ich bin sicher. haben Sie Julius im Kloster gesehen?« »Dr. sie hat Sie offenbar wirklich ins Herz geschlossen. daß ich mich in Gefahr befinde…« »Ich nehme an. Ihre nächsten Worte klangen deshalb etwas unsicher. es ist inzwischen nicht noch jemand meinetwegen umgebracht worden…« Sie näherten sich dem Portal. Das tröstete und beunruhigte sie gleichermaßen. Er wird anonym im Internet gewesen sein.« Catherine hätte das nur zu gerne geglaubt. Als Catherine sich nicht äußerte. Wohin. er wußte. der die Römer besiegt hat. wenn sich der Betreffende nicht unter einem falschen Namen und mit falscher Adresse gemeldet hatte. Wie auch immer. Catherine…« Seine Stimme klang bewundernd und beinahe zärtlich. daß er vorsichtig sein muß. Ich meine. mehr brauchte sie nicht zu wissen. Ich nehme an.« 611 . Catherine blieb stehen und fragte: »Vater Garibaldi. Sie erzählte mir auch. fuhr er fort: »Die Äbtissin hat mir gesagt. Ich hätte es nie für möglich gehalten. Er schien wütend zu sein. wie sie Ihnen bei der Flucht geholfen hat.« Garibaldi schwieg. wer immer es gewesen ist. es hat einen Streit gegeben.

»Es war einfach zu erfahren.« »Aber woher wußten Sie. Dieses Blau paßt gut zu ihm. Sie wollte erklären. Deshalb fragte sie schnell: »Wie kommen Sie eigentlich hierher?« »Ich war in Detmold.« Er lächelte. daß das Blau seiner Augen hier im geheimnisvollen Dämmerlicht des sakralen Raums sehr viel dunkler zu sein schien. daß Sie mich hier im Dom finden würden?« »Das wußte ich nicht. Hier müssen Sie sich der Vergangenheit stellen. dachte sie. daß eine amerikanische Nonne am Hermannsdenkmal war und sich anschließend nach ›Aquae Grani‹.« Er verstummte und betrachtete sie prüfend. die Sie verfolgt. Catherine konnte die verborgenen Leidenschaften sehen. Ihr fiel auf. Vielleicht wurde deshalb in diesem sakralen Raum auch die eigene Seele deutlicher erkennbar. die in den Ecken lauerten. was sich 612 . die Vater Garibaldi ständig unter Kontrolle halten mußte. Ich bin meinetwegen hergekommen. erkundigt hat. so als sei sie bloßgelegt. Vielleicht kam jeder in diesem gewaltigen Gotteshaus seinem eigentlichen Wesen näher. Pangamot kann Ihnen hier nicht helfen. »Warum sind Sie hier im Dom?« fragte er ernst. den römischen Bädern. Seine Augen schienen die melancholischen Schatten in sich aufzunehmen. Sie wollte es ihm sagen. scheinbar hilflosen Menschen wurde hier besonders deutlich. wo die steinernen Bögen des Oktagons und das Kirchenschiff aufeinandertrafen. nach dem er sich sehnt.Catherine wurde verlegen und wollte das Thema wechseln. denn es macht ihn empfänglicher für das andere. Es ist ein schwermütiges Blau. wollte sie sagen. Der Gegensatz zwischen dem Erhabenen und dem einzelnen.

vor wenigen Augenblicken ereignet hatte. fühle ich mich vielleicht gezwungen. begann sie. daß ein Mensch wie ich. »Haben Sie hier in Aachen etwas gefunden?« fragte er beiläufig. »Ich weiß nicht. »Ich weiß nicht. sondern nur eine unwillkürliche Reaktion? »Gib mir ein Kind bis zum Alter von sieben Jahren. vielleicht…«. Dann sagte er: »Das verstehe ich. und ich werde dir einen Katholiken fürs Leben geben. warum ich hierhergekommen bin.« »Sind Sie mit der sechsten Rolle fertig?« »Ich habe noch eine Seite zu übersetzen. dachte sie erleichtert.« Catherine hatte das Gefühl. alles zu leugnen. Er wäre ein guter Psychologe. daß er es tatsächlich verstand und daß sie nicht versuchen mußte. um mich davon zu überzeugen. frag mich nicht danach! Wenn ich jetzt darüber reden muß. meine ich«. Dann schüttelte sie den Kopf. Als ihr Garibaldi leicht mit dem Finger über die Wange fuhr. was geschehen war. der keinen Glauben mehr hat. daß er eine Träne abgewischt hatte. Hatte sich ihre katholische Erziehung wieder zu Wort gemeldet? War das alles nichts Übernatürliches oder Himmlisches gewesen. »Wollen wir sie zusammen lesen?« 613 . als überlege er.« Wer hatte das gesagt? Ignatius von Loyola? »Ich dachte. »In Hinblick auf Sabina. unmöglich dem Göttlichen begegnen kann. wo ich als nächstes suchen soll.« Sie spürte seine Hand am Ellbogen. fügte er hinzu. Bitte.« Er schien ihre Antwort abzuwägen. Worte zu finden. Sie konnte nicht darüber sprechen. ob er sich damit zufriedengeben oder widersprechen sollte. stellte sie fest. noch nicht. als spüre er ihren Widerstand. Sie schüttelte den Kopf. um zu erklären.

Nur hin und wieder fuhr jemand auf dem Fahrrad vorbei.Als Catherine am Morgen nach der Bahnfahrt von Detmold in Aachen angekommen war. ließ er sich an der Rezeption ebenfalls ein Zimmer geben. Danach bekam ich noch acht weitere Söhne und Töchter. wo sich die Häuser aus dem dreizehnten Jahrhundert aneinanderzulehnen schienen. Während sie bereits im Fahrstuhl nach oben fuhr. daß ich Sigmund ein Kind gebar. und ich erlebte die Geburt von sechsundzwanzig Enkelkindern und sieben Urenkeln. liebe Amelia. Garibaldi klopfte an und kam herein. Dorthin ging sie mit Garibaldi. Waren das ihre letzten gemeinsamen Stunden? Nach der sechsten Schriftrolle gab es nichts. Wenn Catherine nicht auf die Jeans und die Windjacken achtete. Endlich konnte sie daran denken. an den Anfang des Christentums. und ich nahm ihren Platz an der Spitze der 614 . dachte sie. Es gab keinen Autoverkehr in der Innenstadt. Deshalb bin ich abgeschnitten von dem. durch einen Zeitsprung zurück ins Mittelalter versetzt zu sein. Vom Fenster konnte Catherine die engen Straßen mit dem alten Kopfsteinpflaster sehen. was sie noch zusammenhielt. die letzten Seiten von Sabinas Geschichte zu übersetzen. Das Hotel lag in der Stadtmitte am mittelalterlichen Stadttor. Garibaldi würde in den Vatikan zurückkehren. Es ist fünf Jahrzehnte her. und sie… Wohin? Wohin werde ich danach gehen? Catherine las laut die letzten Seiten der Schriftrolle vor. Wir begruben Freida vor vielen. was mich in der Gegenwart gehalten hat… Aber nun wollte sie noch weiter zurück. vielen Ernten auf ihrer Lieblingswiese. und Garibaldi hörte zu. hatte sie ein Zimmer im gutbürgerlichen Wilferterhof genommen. Ich eile durch die Zeit. konnte sie sich vorstellen.

Ich kämpfte nicht an ihrer Seite. trug keine Früchte. meine Familie zum Weg des Gerechten zu bekehren. Nur etwas bedauerte ich. daß die Feinde aus dem Norden kommen würden. sie sei wie ein Märchen. zum Zeichen seiner Mannbarkeit den ersten Schild und Speer erhielt. meinen Sohn von Philos. Wir waren nicht darauf vorbereitet. Wie lange bin ich jetzt schon hier bei meiner Gastgeberin Perpetua? Um das zu beantworten. und ob er sich an seine Mutter und unsere Jahre in Alexandria und Britannien erinnern konnte. als Ingomar. Ich floh in den Wald. und ich starb 615 . nämlich seine Botschaft zu verbreiten. Die Absicht. Ich blieb nicht bei meiner Familie. In all den Jahren war es mir nie gelungen. denn Freida hatte mir die Geschichten ihres Volkes als Erbe hinterlassen. Sie wurde in einem einzigen Augenblick ausgelöscht. dachte ich an Pindar.Sippe ein. die ganze Sippe. aber ich führte niemanden zum Licht. Ich weiß aber selbst nicht. So lange ist es jedenfalls her. Es war ein Überraschungsangriff. liebe Schwestern. mit der ich vor langer Zeit Antiochia verlassen hatte. In dieser Hinsicht habe ich versagt. Wir hatten keine Ahnung. Ich erzählte sie abends an den Feuern zusammen mit der Geschichte meines Lebens. Jetzt sind sie alle gegangen. ob es ein Monat oder ein Jahr war – vielleicht auch sehr viel länger. mein ältester Sohn. daß sie alle getötet wurden. Sigmund. Unsere Männer kämpften tapfer. doch die Angreifer waren in der Überzahl. An dem Tag. ob er am Leben sei. die ich durch die Wälder gezogen bin. Ich lebte viele Jahre in Freidas Sippe. Ich fragte mich. von der alle sagten. muß ich die Zeit hinzuzählen. unsere Söhne und Töchter. Und ich sprach zu ihnen über die Botschaft des Gerechten. ob er die Toga erhalten habe.

« Er nahm ihre Hand und drückte sie an seine Lippen. »Im Dom«. sagte sie leise. »Ich bin Ihnen nicht mehr böse. »Schade…« Er seufzte. Die Stille des Winters breitete sich nach ihren Worten im Zimmer aus. in dem er lebte. Sie müssen dem Sechzehnjährigen.« 616 . Sie ging zu ihm und legte ihm die Hand auf den Arm. Antworten auf seine Fragen zu bekommen. »Ich hätte Ihnen so sehr gewünscht. wie sich seine Pupillen weiteten. Sie sah. sagte sie schließlich.nicht mit ihnen. was wir von Sabinas Geschichte haben. Seine Leidenschaft trieb ein böses Spiel mit ihm. daß ich Sie getäuscht habe. konnte den Mann nicht unterdrücken. daß er einen sinnlosen Mord nicht verhindert hat. um die dunkleren Ströme zu erforschen. Sie spürte seinen warmen Atem auf ihrer Handfläche. »Schade…«. der er sein wollte. Ich versteckte mich wie ein Kind. Der Priester. er hatte gehofft.« Sie sah die Enttäuschung in Garibaldis Gesicht. Catherine blickte in seine blauen Augen und tauchte in ihre Tiefen. Sie haben getan. daß Sie die siebte Schriftrolle auch noch übersetzen können. Ich weiß. flüsterte sie. wozu Sie verpflichtet sind. Und das müssen Sie ebenfalls. »habe ich meinem Vater endlich vergeben. der Sie einmal waren. Sie wußte. Ich fürchtete mich vor… »Ich fürchtete mich vor…« Catherine verstummte. »Das ist alles. und sie sah den Konflikt.« »Schon gut«. Schließlich hob sie den Blick von dem Papyrus. Sie hatten recht. sagte sie.« Er ließ den Kopf sinken und fügte hinzu: »Es tut mir wirklich leid. der er war. die sie dort entdeckt hatte. Ich mußte es tun. verzeihen. »Das ist es«.

sah er mich mit so tiefer Verachtung an. daß ich ein Feigling bin.»Ach Catherine…« Er seufzte und wandte sich ab. Catherine flüsterte: »Vergeben Sie ihm. Gott vergibt allen. der den Mord begangen hatte. weil Sie das für eine ehrliche Lösung halten? Sie wollen sich beweisen. Ich haßte ihn. Nicht von dem Junkie. Ich versuche seit dieser Zeit. »Er stand einfach da«. Ich haßte ihn. haben Sie diese Prüfung nicht bestanden. weil er mich mit seinen Augen anklagte.« Er sah sie wieder an. sondern von dem alten Mann hinter der Ladentheke. Vater Garibaldi…« »Vergeben?« rief er. daß Sie kein Feigling sind. von wem er sprach. ich hasse ihn immer noch. weil er wußte. Dann wurde es still. 617 . Es ist eine Prüfung. daß ich ihn haßte. um die Sie gebetet haben. Und Gott helfe mir.« »Sie wollen kein Priester mehr sein.« »Nein. die zu ihm zurückfinden. »Was soll ich ihm vergeben? Daß er die Wahrheit gesehen hat? Ich war ein Feigling. veränderte sich sein Ausdruck. »Er ist es! Auf ihn bin ich böse. Er sah. und ich muß ihm verzeihen. daß ich ein Feigling war. aber ich glaube an die Macht der Vergebung.« Seine Stimme stieg zu der Balkendecke empor und hallte dort lautlos wider. sagte Garibaldi aufgewühlt. meine Feigheit wiedergutzumachen. Ich meine.« Catherine wußte. Als die Kugeln den alten Mann in die Brust trafen. »Er stand da wie ein stummes Tier und flehte mich mit den Augen an. Vielleicht ist das die zweite Chance. wenn Sie Ihr Priestertum aufgeben. »Das ist es nicht. etwas zu unternehmen.« »Sie glauben nicht an Gott. Und als ich mich nicht von der Stelle rührte. Und in seinen Augen stand Abscheu. Ich muß nicht mir selbst verzeihen! Verstehen Sie das nicht? Ich bin nicht das Problem. Das haben Sie mir gesagt.

und Sie werden erkennen. wieder getrennt zu werden. zog die Ärmel nach unten und ließ es zu Boden 618 . während er sie an sich drückte und dabei wie ein Ertrinkender festhielt.« »Das heißt.« Er faßte sie an den Schultern.Sabina hatte recht. ich glaube nicht an Gott. nein…« »Sehen Sie? So einfach ist das nicht. einfach zu vergeben.« Sie lächelte. und wir sehen wieder klar. daß Sie Priester bleiben müssen.« »Vater Garibaldi. Er legte die Hand auf ihren Nacken und fuhr mit den Fingern durch ihr kurzes. »Diesmal kämpfen wir in derselben Arena gegen denselben Gegner. Catherine knöpfte sein Hemd auf und schob es über die Schultern. Vergeben Sie dem alten Mann. Wir können Unsicherheit und alle Verwirrungen überwinden. Sie klammerten sich aneinander. »Sie würden für mich kämpfen?« »Ja…« Plötzlich küßte er sie auf den Mund.« »Ich soll dem alten Mann vergeben. daß ich würdig bin. wie Sie Ihrem Vater vergeben haben?« »Ja. blondes Haar. Sie haben zur Kirche zurückgefunden? Sind Sie wieder Katholikin?« »Nun ja. Damit sind wir wieder am Ausgangspunkt des Problems.« »Nein. Aber Sie sind ein gläubiger Mensch!« »Ich zweifle jedoch daran. Catherine schlang die Arme um seinen Hals. ist das wie eine Befreiung. als hätten sie Angst. Der Kuß wurde leidenschaftlicher. Wenn wir vergeben. Vater Garibaldi. Es genügt nicht. Gott zu dienen.

Zitternd legte sie die Hand auf seinen Oberkörper und überließ sich dem Gefühl seiner glatten Muskeln. dachte sie an den Tag in Santa Barbara. vor ihrem Fenster aufragten und den Mond und die Sterne verdeckten. über Jahrhunderte hinweg aus dem Sinai an diesen Ort gekommen. daß alles zu schnell ging. in einem anderen Leben gewesen zu sein. der eine Ewigkeit auf diesen Augenblick gewartet hat. um an die Folgen zu denken. atmete jede Rundung und Linie. Es gab kein Fragen und kein Überlegen ob. jede Wimper und jede Pore. die der Streifschuß hinterlassen hatte. nun aber fürchtete. Er verschlang sie mit den Augen. Es war der lange. Als sie die noch nicht ganz verheilte Wunde an seinem linken Arm berührte. »Nein. doch ein Hauch von Blässe verriet. als er sie auf die Daunendecke legte. Sie wußten.fallen. langsame und schmerzlich zarte Kuß eines Mannes. in der die Menschen noch so fromm und gläubig wie Kinder waren. Er küßte sie noch einmal. Beide wollten nur im Hier und Jetzt bleiben. daß der Morgen bald anbrechen 619 . die er an ihrem Körper sah.« Sie küßte die Wunde. Das alles schien in einer anderen Welt. Seine Fingerspitzen glitten zärtlich über ihr Gesicht. Der Himmel vor dem Fenster war dunkel. »Tut es noch weh?« flüsterte sie. Catherine erwachte und blickte an die Zimmerdecke. wo die Kirchtürme einer längst vergangenen Zeit. um das Leben in seiner schönsten und intensivsten Weise zu erleben. Sie suchten Antworten und fanden sie schließlich im anderen. Sie waren Tausende von Meilen. Er trug Catherine zum Bett. der friedlich neben ihr lag und schlief. Ihr Herz klopfte wie rasend. kein Innehalten. Dann sah sie Michael an. Er küßte sie zärtlich. als alles angefangen hatte. doch ihre beiden Körper bewegten sich langsam. daß sie nicht mehr dieselben wie damals waren.

Aachen und der Dom würden ihnen immer bleiben. Sie berührte Michaels Gesicht. wo sich die siebte Schriftrolle befand. sie wußte. Was danach auch kommen mochte. Der Traum: Tymbos! Sie wußte schlagartig. der verriet. daß irgendwann einmal ein Wasserrohr undicht gewesen sein mußte. Ihr Blick wanderte wieder zur Decke. diese Nacht. Das alles gehörte von jetzt ab zu ihnen. und ihr fiel ein eigenartiger bräunlicher Fleck im Gips auf. Langsam bekam sie einen klaren Kopf und erinnerte sich… Es hatte etwas… mit… Sie spürte. daß ihr Herz plötzlich heftig klopfte.würde. und ihr traten Tränen in die Augen. Die Nacht mit ihm war so schön und so außergewöhnlich gewesen. 620 . Der Traum! Catherine stockte der Atem.

DER LETZTE TAG 621 .

»Warum? Wegen heute nacht?« »Wie fühlst du dich?« »Wie ich mich fühle?« Er kam zu ihr. sagte sie. ohne den Mantel auszuziehen. Dezember 1999 Aachen. dann hilft mir die Liebe zu dir. dich hier zu finden«. 31. Deutschland Als Catherine ins Zimmer trat. »Weißt du eigentlich. und hielt ein kleines Päckchen in der Hand.« Er stand dicht vor ihr und lächelte.« »Warum nicht? Das bedeutet doch nicht. Er trug ein hellblaues. Sie blieb stehen.Freitag. die an deinem Sündenfall schuld ist. sagte sie.« Er lachte leise.« »Aber du wirst jahrelang Buße tun müssen. daß ich Gott weniger liebe. Wenn überhaupt. »Hallo«. »Ich war nicht sicher.« »Du wirst mich als die Verführerin in Erinnerung behalten. meine Liebe zu ihm zu stärken. »Hallo. Doch seine Augen blickten ernst. jede Minute der letzten beiden Wochen mit dir ist für mich von Bedeutung.« »Bitte.« Er nahm ihr Gesicht zwischen seine Hände. sag das nicht. gemustertes Baumwollhemd und neue Jeans – keine Soutane. verließ Michael seinen Platz am Fenster und sah sie aufmerksam an. »Aber wie ist es mit dir? Bedauerst du es?« »O nein…«. »Catherine. bitte glaub mir. Catherine. »Ich liebe dich.« Die leuchtenden Strahlen der Morgensonne streiften seine Schultern. daß du anderen immer Dinge in den Mund 622 . keinen Priesterkragen. Er lächelte. flüsterte sie. »Vielleicht.

Aber sie wußte. Und ich dachte. »Michael. sind dafür Ereignisse verantwortlich. er werde sie küssen. und nahm den gelben Notizblock heraus. Wenn überhaupt. daß du kein Priester mehr sein möchtest?« »Wenn ich mich dazu entschließe. Sie wünschte sich sehnlichst. habe ich…« »Hast du was…?« »Habe ich dich soweit gebracht. auf dem ihre Übersetzung der Schriftrollen stand. die lange zurückliegen. Ich muß dem alten Mann vergeben.« »Was hast du gesucht?« Sie öffnete die Tasche. sagte sie. sagte sie. »habe ich den Text der Handschrift des Thomas von Monmouth kopiert.legst?« »Ich weiß. Sie legte das Päckchen auf das Bett. wo die siebte Schriftrolle ist«. ich nenne die Dinge immer beim Namen.« Er verschränkte die Arme. dann hast du mir geholfen. Irgend etwas daran hat mich seit dem ersten Lesen nicht mehr losgelassen. um Frieden zu finden. daß es für mich nur einen Weg gibt. zog den Mantel aus und fuhr fort: »Mir ist gestern vor dem Dom eine katholische Buchhandlung aufgefallen. natürlich die Fehler…« 623 . flüsterte er und streichelte sie mit den Augen. Letzte Nacht war letzte Nacht – etwas Kostbares. Besonderes und Schönes. was wir brauchen. ich weiß. sagte sie leise und betrachtete seine Lippen. dort würde ich finden. dieser Tag mußte anders sein. »Nun ja.« »Heute ist Silvester«. »Michael.« »Laß mich dich einfach nur ansehen«. »Bevor ich aus dem Kloster geflohen bin«. die sie von der Äbtissin hatte. fürchtete sich aber auch davor. mich der Tatsache zu stellen.

« »Es ergibt Sinn. denn wenn du ein fehlendes Teil in das Puzzle einfügst. Jetzt zu den anderen Tatsachen. Wir wissen. Michael. Sie sind nur in einen falschen Zusammenhang gestellt. sagte sie und sah ihn triumphierend an.« »Nicht von einer Person. Wenn man den Text analysiert.»Sind es wirklich Fehler? Denk darüber nach. Nehmen wir als erstes das Wort ›Priesterin‹ und ersetzen es durch ›Diakonin‹. Die Lösung des Rätsels lag die ganze Zeit auf der Hand. »Auch das stimmt. Wir haben uns zu große Mühe gegeben. Und das ist mir im Schlaf aufgegangen. das ist unsere Sabina.« Sie schlug den Notizblock auf und legte ihn auf den Tisch am Fenster. fuhr Catherine fort. wird alles klar. stellt man fest.« Sie lachte glücklich und rief: »Michael. aber sie gehörte zu seinem Gefolge. Heute nacht ist es mir klargeworden. wo das Licht darauf fiel.« »Und was ist das?« »Tymbos«. »Das ergibt immer noch keinen Sinn.« Sie strich das Wort durch und schrieb das neue darüber. ›König‹ Tymbos zu finden! Damit haben wir uns das Leben unnötig schwergemacht. Sie war nicht mit Cornelius Severus verheiratet. daß sie in Stonehenge war. Und das beschäftigt mich schon die ganze Zeit. ›Tymbos‹ ist das griechische Wort für 624 . »Aber von Tymbos ist hier überhaupt nicht die Rede.« Catherine wies auf den Satz: »Sie hinterließ sechs Bücher über Alchimie und Zauberei.« »Sechs Bücher über Alchimie und Zauberei«. daß die Fakten alle stimmen. soviel ist richtig. Sieh dir das an. Jetzt hier – ›Valeria‹. »Sagen wir. die später zusammen mit der Priesterin Valeria am heiligen Ort begraben wurden. Michael.

« »Welcher heilige Ort soll das sein? Hast du eine Idee?« »Was wäre für dich der heilige Ort schlechthin gewesen. Lies weiter.‹« Er sah Catherine an.« 625 . das Wort ›König‹ hinzugefügt. »Schlag Seite 32 auf. »und deshalb habe ich beschlossen. »Sabina hinterließ sechs Bücher über Alchimie und Zauberei. bis sie einen ganzen neuen Satz hatte. wenn du vor zweitausend Jahren als Christ gelebt hättest?« »Ich kann mir nur drei vorstellen. »Sie ist also mit der siebten Schriftrolle an einem heiligen Ort begraben worden…« »Nein. nicht an einem heiligen Ort. in die Buchhandlung am Dom zu gehen. Michael. »›starb etwa 142 nach Christus. sondern am heiligen Ort. Es war eine kühne Vermutung.« »Und Perpetua«.« »Ich auch«. sagte Michael verblüfft. Er blickte auf den Titel: Frühchristliche Märtyrer. bringe es in das Königreich…‹« »›… in das Königreich Gottes‹«. wie das bei den Christen dieser Zeit üblich war.›Grab‹!« »Grab?« »Paß auf! Wenn wir ›mit… begraben‹ durch das ›Grab‹ ersetzen…« Catherine strich hastig Wörter durch und ersetzte sie durch andere. ›… bringe es zu König Tymbos. aber trotzdem sehe ich immer noch nicht…« »Am Ende der Seite. die später die Diakonin Valeria mit ins Grab nahm. »hat. aber…« Sie ging zum Bett.« Er blätterte. las er laut vor. wickelte es aus und reichte Michael ein Buch. Michael runzelte die Stirn. ergänzte Catherine. ›»Valeria‹«. um das Ganze zu einem Rätsel zu machen. sagte sie. »Das Datum paßt. nahm das Päckchen.

‹«. damit haben wir die siebte Schriftrolle gefunden!« 626 . las Michael.« »›Tochter des Amelius Valerius.« »Zumindest kennt die Kirchengeschichte sie unter diesem Namen! Wir haben sie als Amelia kennengelernt. denn diesen Namen benutzte Perpetua! Deshalb haben wir sie auch trotz all unserer Bemühungen nirgends entdeckt. Michael.Zwei lateinische Wörter fielen ihm ins Auge: »Amelius Valerius. »Sie war die Tochter des Amelius Valerius. Sie war demnach Amelia Valeria!« »Und wurde offenbar als Valeria bekannt.

Miles hätte schwören können. Niemand. Die Auserwählten sollten diesen Tag nie vergessen. Silvester 1999 stand für den Beginn eines neuen Zeitalters. die Spannungen. aber trotzdem fühlte er deutlich den schicksalhaften Morgen des letzten Tages in diesem Jahrtausend. seiner neuen Ära. Das ›Wunder‹ vollbrachten Laserprojektoren. die Santa Fe auf dem Weg in das neue Jahr und Jahrtausend zeitlich voraus waren. Die meisten Gäste waren für das große Silvesterereignis bereits eingetroffen. Aus den Metropolen der Kontinente. daß er das fröhliche Treiben und das Spiel mit belanglosen Worten. New Mexico Miles befand sich in seinem Museum im Untergeschoß. Das Leben mit Erika hatte ihn sensibel gemacht für die Schwingungen des Unsichtbaren. die Hoffnungen und Ängste der über tausend Menschen. Deshalb hatte Miles alles vorbereitet. Er empfing wie ein hochempfindlicher Radarschirm die Energie der Gäste. Den Anfang machte Sydney in Australien.Santa Fe. geschweige denn die Gäste konnten ihn stören. Hier unten sah er das Sonnenlicht nicht. während er am Telefon auf eine verschlüsselte Nachricht wartete. dem sichersten Platz auf seinem riesigen Anwesen. die vierundzwanzig Stunden lang beim Fest zur Zeitenwende die Stille der Casa Havers störten. Und so war es von ihm gewollt. sondern nacheinander sechsmal erleben würden. noch öfter jedoch die Intrigen durch die meterdicken Betonwände spürte. die seine kostbare Sammlung umgaben. nicht einmal das Personal. damit seine Gäste den Jahreswechsel nicht nur einmal. würden 627 . Sie ›zauberten‹ Fernsehbilder auf riesige Projektionsflächen.

Wissen und Geld. Und er. Es war eine gute Zeit. die Archäologin zu warnen und wieder in die Anonymität 628 . Ströme von Champagner würden fließen. ich kann Sie hören. Sie stürzten Konzerne und Regierungen oder bestätigten ihre Ziele. Wirtschaft. ›Freund‹ hatte den Anschluß nur eine Stunde.« Er trommelte mit den Fingerspitzen nervös auf die Sessellehne und blickte auf die Notiz. Alle Fäden liefen bei ihm zusammen. der Tag und Nacht die Erde umkreiste. und die Musik sollte von den Sangre de Cristo-Bergen widerhallen. Washington D.com Name: Joe Smith Adresse: 1600 Pennsylvania Ave. und kaum jemand ahnte etwas davon. Rom und New York. Bombay. Moskau.G. um zu leben. »Ja. Kultur und Politik unterwarfen sich fortan dem Datenstrom. Nicht existierende Telefonnummer. Die mythische Welt der Kirchen und Religionen. Das war gerade lange genug gewesen. Miles Havers. die über Jahrtausende hinweg das Bewußtsein der Menschen geprägt hatten. ich bleibe am Apparat. der kleine Hacker. um einzuloggen. war durch seinen Weitblick. falsche Kreditkartennummer.Direktübertragungen der Silvesterereignisse gesendet werden – aus Sydney. die Teddy ihm geschickt hatte: Suche nach freund@dianuba. und die Computer auf der ganzen Welt verteilten Informationen. Das neue Zeitalter brach an. durch sein Können und seine Durchsetzungsfähigkeit zum weltweit größten Drahtzieher geworden. »Hallo?« sagte er in den Hörer. mußte der neuen Macht elektronisch manipulierter Fakten weichen. Wie steht es? Gut. Dieser historische Augenblick würde ihm die Erfüllung seiner Träume bringen.

Als er die Antwort hörte.zu verschwinden. Die Frau darf Sie nicht sehen. war eindeutig ein elektronischer Seitenhieb auf Miles Havers. »Hallo? Ja?« sagte er in den Hörer. Bleiben Sie ihr auf der Spur. ehe der Betrug mit der Kreditkarte entdeckt wurde. 629 . Wirklich sehr gerissen. Beschaffen Sie mir das Dokument. »Ich habe eine Standleitung zu Ihnen geschaltet. Das andere… ich meine.« Der Tiger richtete sich zu seiner ganzen Größe auf. Die Beute war ihm sicher. daß die kluge Frau Doktor doch noch herausgefunden hatte.30 Uhr Frankfurt/M. wußte er. Und daß er/sie für diesen Coup das Dianuba-Network benutzt hatte.« »Wohin?« fragte er. Aber seien Sie auf jeden Fall dort. das überlasse ich Ihnen. wo sich die siebte Schriftrolle befand. wenn sie die siebte Rolle holt. wie Sie die Frau hinterher aus dem Weg räumen. anstelle von AOL oder Microsoft. »Was haben Sie herausgefunden?« Er notierte auf den Notizblock: »Catherine Alexander… Abflug 19.

von dem er gesprochen hatte. Sie staunten über die riesige Menschenmenge. Als Priester gelang es Michael. als sie am Petersplatz aus dem Taxi sprangen. und sie suchten sich eilig einen Weg durch den Stau. Beinahe jeder hielt irgendeine Art Licht in der Hand – Kerzen. Alle Augen richteten sich wie gebannt auf den Balkon. die Fahrer schrien. andere lachten. ihnen den Weg durch die Menge zu bahnen. Er hatte sich auf dem Rhein-Main-Flughafen umgezogen. Die Autos standen Stoßstange an Stoßstange. und die Scheinwerfer verbreiteten ein grelles Licht. uns zu helfen…« Er nahm Catherines Hand. auf dem der Papst. Die einen weinten. »Er hat die Informationen über die geheimnisvollen Schriftrollen aus dem Sinai in den Medien verfolgt. Laternen. die sich auf dem Petersplatz drängte. sagte Michael. die Hupen machten einen Höllenlärm. Der Freund. aber viele hatten besorgte oder versteinerte Gesichter. der 630 . war mit ihm in Chicago auf dem Priesterseminar gewesen und arbeitete im archäologischen Büro des Vatikan. Michael trug wieder die Soutane. »Er ist mein Freund«. Taschenlampen. Catherine sah im Vorbeieilen in den Gesichtern von Männern und Frauen. Die Gesichter der Menschen schienen zu leuchten wie auf einem riesigen Gemälde von George de la Tour. Der Countdown für Mitternacht hatte begonnen.Der Vatikan. Jungen und Alten das gesamte Spektrum menschlicher Gefühle. und als ich ihm von uns erzählte. hat er sich bereit erklärt. Rom Dreiundzwanzig Uhr.

wie sie hofften. doch nach ein paar erklärenden Worten von Michael ließ man sie weitergehen. Er führte sie durch einen Hof. »Vater Sebastian hätte eigentlich auf den Sinai gehen und die Berichte über das Jesus-Fragment prüfen sollen. wie Catherine fand. fast zarte Hände und reichte Catherine kaum bis zu den Schultern.« Das Grab der Amelia Valeria befand sich hier und. auf dem stand: UFFICIO SCAVI – Dienststelle für Ausgrabungen. Sie trafen Vater Sebastian am Arco delle Campane auf der linken Seite des Doms. Aber mit der dicken Brille wirkte er älter. sagte der Priester. Er hielt sich leicht gebeugt. ein Abenteuer verpaßt zu haben. als bedaure er. Ich meine die Stelle. der dank hölzerner Barrikaden und den Doppelreihen der Gardisten menschenleer war. erscheinen würde. wie Michael es erlebt hatte. und eine Spur wehmütig. wo Petrus begraben wurde. Catherine konnte sich 631 . hatte helle Haut. kamen um eine Ecke und gingen dann durch eine Tür mit einem Schild. hatte Catherine in Aachen gesagt. Sie wurden mehrmals von der römischen Polizei und von der Schweizergarde angehalten. »kann es nur einen einzigen heiligen Ort geben. Nachdem sie im Büro standen und die Tür hinter sich geschlossen hatten.Nachfolger auf dem Stuhl Petri. Er sprach so leise. Er war schlank. stellte Michael seinen alten Freund Catherine vor. als habe er sein Leben über Büchern verbracht. daß es den Anschein hatte. kleine. Catherine vermutete. Sie eilten unter einem anderen Bogen hindurch. die siebte Schriftrolle ebenfalls. Es klang entschuldigend. »Für einen Katholiken«. daß Vater Sebastian etwas über vierzig war. er wollte nicht gehört werden.« »Aber ich hatte die Grippe«.

wieviel Michael ihm wohl gesagt hatte. in dem eine Treppe nach unten führte. Es war ein weißhaariger Mann in einer schwarzen Soutane. wie Catherine auffiel. und seine Stimme klang aufgeregt. öffnete sie leise 632 . Dahinter befand sich ein enger Korridor. Zeke ging eilig zwischen den Schreibtischen hindurch. »Um Mitternacht werden die Tore für eine dreißig Tage dauernde Ausstellung der Gebeine des heiligen Petrus geöffnet. Sie verließen das Büro durch eine Seitentür.nicht vorstellen. war die siebte Schriftrolle auf immer verloren. blieb an der anderen Tür stehen. wenn Michaels Vorgesetzte davon erfuhren. Notizen und. wenn er anstelle von Michael auf den Sinai gefahren wäre. Amelias Sarkophag zu öffnen. Genau das aber mußten sie tun. Als die Tür des Büros hinter ihnen ins Schloß fiel und ihre Schritte auf der Eisentreppe verhallten. sie mußten sich beeilen. Wenn die Grotten dem Publikum zugänglich waren. schlich sich ein Vierter leise und ungesehen in das UFFICIO SCAVI. Catherine wußte. wie die vergangenen beiden Wochen ausgesehen hätten. bestand keine Möglichkeit mehr. »Man würde uns sehen. Tonscherben und Bruchstücke von Statuen türmten. erklärte Vater Sebastian. Die halbe Menschheit wird hinunter in die Grotten kommen!« Er führte sie an Schreibtischen vorbei. sagte Vater Sebastian und brachte einen Schlüsselbund zum Vorschein. Außer einem Blutfleck am weißen Kragen unterschied ihn nichts von den zahllosen Klerikern. wenn wir durch die Kirche gingen«. Catherine überlegte. die überall im Dom und auf dem Petersplatz zu sehen waren. Sie blickte auf die Uhr. Akten. der offenbar in einer der vielen Dienststellen des Vatikan beschäftigt war. auf denen sich Korrespondenz. »Wir müssen uns beeilen«. Ja.

der an dieser Stelle. Er hatte noch nie zuvor einen Priester ermordet. fügte er in einem ehrfürchtigen Ton hinzu. an bescheidenen Altären und geschmückten Sarkophagen. daß diese Mauer eintausendsechshundert Jahre alt war. der einzige englische Papst. Darin befanden sich die Krypten von Päpsten und Herrschern. Seine Hände zitterten etwas. als er berichtete: »Die Archäologen machten erstaunliche Entdeckungen! So fanden sie auch die Gebeine des heiligen Märtyrers. Alle seine Sinne waren geschärft und hellwach. Die heiligen Grotten bestanden genaugenommen aus einem Gewölbe unter dem Petersdom. Ein deutscher Kaiser aus dem zehnten Jahrhundert war hier begraben. Schließlich erreichten sie eine prächtige Kapelle mit einem blau und gold ausgemalten Giebel und mehreren Gebetbänken. während Sebastian erklärte: »Die römische Nekropole wurde 1939 entdeckt. die vor der Krypta von Papst Clemens standen. Vater Sebastian suchte unter seinen Schlüsseln den passenden für eine unbeschriftete Tür in der reich verzierten Wand. Ihre eiligen Schritte hallten auf dem Marmorboden. Ich spreche natürlich vom heiligen Petrus«. mit dem Kopf nach unten gekreuzigt worden ist. Er hatte Raphael absichtlich in der Menge verloren.und erreichte den Korridor. Als man mit den Arbeiten für eine Erweiterung der Grabkapelle von Pius XL begann. Königin Christina von Schweden und James II.« Er führte sie an kleinen Kirchenbänken vorbei. stießen die Arbeiter auf eine Mauer. unter anderem auch Hadrian IV. im Circus des Caligula. 633 . Er war allein. und zog Archäologen hinzu. das in kleine Kapellen unterteilt war. Man stellte fest. von England. die eigentlich nicht vorhanden sein sollte.

Catherine lief ein Schauer über den Rücken. Auch wenn sie nichts sah. berichtete er weiter. die vor fast zweitausend Jahren für ihren Glauben zur Märtyrerin geworden war. die auf der ganzen Welt Menschen zu ihren Werkzeugen gemacht und ihre Glaubensbereitschaft enttäuscht und mißbraucht hatte. Die siebte Rolle konnte den Untergang dieser skrupellosen und doktrinären Macht einläuten. Die Archäologen haben Beweise dafür entdeckt. die Angst ließ sich nicht abschütteln. die den Vatikan mit dem Papst an der Spitze weit stärker als ein Erdbeben erschüttern würden. ob Havers oder einer seiner Killer ihnen möglicherweise hierher gefolgt war und irgendwo in den Schatten lauerte. den sie gekommen waren. Würde eine Frau. diese Kirche an der Jahrtausendwende mit der Wahrheit konfrontieren? Vater Sebastian fand den Schlüssel und drehte ihn im Schloß. daß er sich an dieser Stelle befand.« Und dann würde sein Killer mit der häßlichen Narbe… Energisch vertrieb sie diese absurden Vorstellungen und dachte an den riesigen Schwarm von Menschen in und um den Petersdom. nach alter 634 . wie Havers vielleicht sogar selbst hinter einer Säule hervortrat und mit seinem weltweit bekannten Lächeln sagte: »Jetzt können Sie mir die Schriftrollen geben. Wußte einer von ihnen. und fragte sich beunruhigt. Sie konnte sich gut vorstellen. »Den Circus gibt es natürlich nicht mehr«. daß sie und Michael sich hier unten befanden? Die siebte Schriftrolle konnte Geheimnisse enthüllen und Beweise bringen. Ängstlich blickte sie den dunklen Weg zurück. Wie auch immer. »aber wir wissen. Frauen waren bis heute Randfiguren auf der kirchenpolitischen Bühne geblieben. Männer der Kirche hatten über die vielen Jahrhunderte hinweg mit allen Mitteln nach der Weltherrschaft gestrebt.

Überlieferung…. Auf diese Weise begrub Konstantin diese alte Totenstadt. um den Platz zu vergrößern. Als Archäologin hatte Catherine gelernt. daß der Leichnam des Heiligen Petrus von seinen Anhängern heimlich hier begraben wurde. Sehen Sie«. Sie hatten Türen. zur Zeit des Kaisers Konstantin. sagte er mit gedämpfter Stimme und richtete die Taschenlampe an die Decke. »das ist die Unterseite des Fußbodens von St. »Als Konstantin im vierten Jahrhundert beschloß.« Catherine sah sich erstaunt um. Auch ihre Eltern hatten die Ansicht vertreten. daß es sich bei dem Skelett unter dem Hauptaltar tatsächlich um Petrus handelte. Als man die Gebeine entdeckte…« Catherine kannte die Geschichte. stand das ursprüngliche Heiligtum noch. Deshalb errichtete er eine Reihe von Stützmauern und füllte die Zwischenräume auf. Dreihundert Jahre später. Deshalb erschien es auch ihr glaubwürdig. Peter. passen Sie hier auf!« warnte er. Schwellen. fuhr Vater Sebastian fort und führte sie in die Dunkelheit. daß die Gebeine des Apostels unter dem Petersdom ruhten. Fenster und manchmal sogar Treppen. bitte. Sie kamen an Höfen und Brunnen vorbei und an den Fassaden riesiger römischer Mausoleen. Sie kannte jedoch die geradezu besessene Beschäftigung der Christen mit Reliquien. hob die Soutane und ging mit eingeschalteter Taschenlampe voraus. »Die Überlieferung sagt. eine große Basilika zu bauen«. die wie Häuser aussahen. die nach Staub und Zerfall roch. denn sie gingen wie durch eine richtige Straße. Der Kaiser ließ hier seine neue Basilika errichten. die in die Fundamente der Kirche 635 . »war der vatikanische Hügel sehr viel kleiner als heute. die zu Dächern hinaufführten. skeptisch zu sein. Vor eintausendsiebenhundert Jahren hätten wir an dieser Stelle in den Himmel geblickt.

die besser im Dunkel der Erde blieben.darüber eingebettet waren. die längst tot und dem Bewußtsein der Lebenden entschwunden waren.« Catherine glaubte. Catherine zweifelte nicht daran. Der Strahl seiner Taschenlampe fiel flüchtig auf einen springenden Delphin. »Alle Gräber wurden bereits vor vielen Jahren geöffnet und ihr Inhalt entfernt. eine Vase mit Blumen. die idyllische Landschaften oder stille Plätze zeigten. und an Fresken vorbeikamen. Als sie durch die engen Straßen gingen. in den persönlichen Bereich von Menschen einzudringen. die wie eine wirkliche Stadt aussehen sollte. denn das würde seine Fundamente schwächen. daß Catherine nach Michaels Hand griff und dicht bei ihm blieb. Flüche und Frevel oder ahnte Geheimnisse. »Die Totenstadt erstreckt sich in ganzer Länge unter dem Petersdom. Aber man kann sie nicht ausgraben. Ihr Herz pochte. Die Dunkelheit. Das Atmen fiel ihr immer schwerer. Plötzlich überkam sie das beängstigende Gefühl. die nirgendwohin führten. und Vater Sebastian verstummte.« Vater Sebastians Stimme klang körperlos und leise. ohne einen wachsamen und erfahrenen Führer wie Vater Sebastian könnte man sich hier unten in der von Menschen geschaffenen Welt der Toten verirren und niemals gefunden werden. »Es gibt noch sehr viel mehr Gräber«. von denen Gassen abzweigten. Aber es war alles Illusion – eine Totenstadt. fühlte sich Catherine wie in einem Labyrinth. Vater Sebastian sprach flüsternd weiter. Sie gingen an den geisterhaften ›Häusern‹ vorbei. einen Schwarm Vögel – Erinnerungen an Menschen. dieser Wächter der Toten wußte um alle Tragödien. war so tief und beängstigend. und jeder 636 . Catherine spähte durch Fenster und Türen mit dem eigenartigen Gefühl. die sie umgab. die mächtige Kirche mit ihrem lastenden Gewicht auf den Schultern zu spüren.

und auf die Krone aus Sonnenstrahlen. die für sie von Bedeutung waren. und der Sonntag ging auf den Mithraskult zurück. die zu Stella Maris wurde.« Er trat in ein Grabmal. Viele der hier begrabenen Christen hatten Spuren ihrer alten Religionen in dem neuen Glauben hinterlassen. In der Nähe des heiligen Petrus befinden sich Gräber aus späterer Zeit. das erkennbar Jesus gehörte. Außerdem gibt es dort christliche Symbole.Schritt schien sie tiefer in das Totenreich hineinzuziehen. und die beiden folgten ihm. Er beleuchtete die gewölbte Decke mit einem goldenen Mosaik. aus dem zweiten und dritten Jahrhundert. in denen die Toten und nicht nur ihre Asche beigesetzt wurden. obwohl Überschneidungen oft eine klare Trennung kaum möglich machen. Weihnachten ersetzte die römischen Saturnalien im Dezember. obwohl sie zu den Anhängern des Gerechten gehörte. »Man kann auf diesem Weg den allmählichen Übergang vom Heidentum zum Christentum erkennen. »Das hier ist ein Beispiel für den Übergang«. Vater Sebastian richtete den Strahl der Taschenlampe in ein Columbarium mit zahlreichen Nischen für Begräbnisurnen. und 637 . das Christus als Apollo im Sonnenwagen darstellte. Die Gräber schienen kein Ende zu nehmen. Je weiter man sich vom Grab des heiligen Petrus entfernt. daß man zum Beispiel Eigenschaften der Isis auf Maria übertragen hatte. erklärte der Pater. Catherine wußte. desto mehr Urnen und Hinweise auf die alten Götter findet man. Sonnenstrahlen gingen von seinem Kopf aus. besondere Aspekte der alten Götter. Catherine blickte auf das Gesicht. und sie dachte daran. zur Gottesmutter und zur Himmelskönigin. daß Sabina in den Hermestempel gegangen war.

Es ist auch egal. fragte sich Catherine im stillen: Wann haben die Männer eigentlich die Macht übernommen? Sie stiegen noch tiefer unter die Basilika hinunter. Michael sah sie an. und schloß sich sofort wieder hinter den Eindringlingen wie ein undurchsichtiger schwarzer Vorhang. Plötzlich fiel Catherine ein Satz aus der Bibel ein: »Am Jüngsten Tag werden die Toten von den Gräbern auferstehen…« Sie spürte ein Kribbeln im Nacken.Catherine fiel auf. »Was hast du?« »Ich dachte…« Sie legte die Hand kurz auf die Augen. die Menschen mit ihren Lichtern auf dem Petersplatz vor sich zu sehen. Catherine glaubte. wenn der Schein von Vater Sebastians Taschenlampe die Schatten traf. schon gut. Tacitus hatte vor zweitausend Jahren vermutlich zu Recht den neuen Glauben als ›eine Religion der Frauen und Sklaven‹ bezeichnet. und dann hörten sie das Singen – zuerst leise. Die Luft wurde immer muffiger und modriger. daß es sich in der Mehrzahl um Begräbnisstätten von Frauen zu handeln schien. Während sie an mehr und immer mehr Frauengräbern vorbeigingen – darunter sogar dem einer anderen Amelia mit dem Familiennamen Gorgoni. »Ach. dann immer lauter wie eine anschwellende Woge.« Sie bogen in eine andere Straße ein. Der Gesang mußte seinen Anfang irgendwo in der Menge genommen haben und von einem auf den anderen übergesprungen sein. Sein Gesicht war im schwachen Schein der Taschenlampe kaum zu sehen. Auch der heilige Petrus würde auferstehen und… »Was war das?« fragte sie plötzlich. 638 . Ich weiß nicht. als sie sich gegen ihren Willen vorstellte. wie sich um Mitternacht die Deckel der Steinsarkophage heben würden und die Toten ihre Gräber verließen. Die Dunkelheit riß nur flüchtig auf.

Eine besonders schön gestaltete Nische enthielt das Bild der schaumgeborenen Venus.deren Stimmen zum sternenübersäten Himmel aufstiegen: »Ave Mari-ia…« Es mußte bald Mitternacht sein. ave-e dominus…« »Und hier«. der Strahl der Taschenlampe beschrieb einen Bogen.« »A-ave. »befanden sich Urnen. das eine Familienszene zeigte. mit zarten Blüten. Die Innenwände waren mit weißem Gips verputzt. daß das Grab der Amelia Valeria hier ist?« »O ja. Lange konnten sie nicht mehr hier unten bleiben. von dorischen Säulen getragenen Ziergiebel. und wir glauben. Im Zentrum befand sich eine Orante – die Darstellung der Verstorbenen in Gebetshaltung. Irgendwann wurde die Familie jedoch zum Christentum bekehrt. Besorgt fragte sie: »Vater Sebastian. Demnach war das einmal ein heidnisches Grabmal. das in einer der Straßen des alten Rom hätte stehen können. Efeuranken und Vögeln ausgemalte Nischen. sind Sie sicher. »In diesen Nischen«. das Symbol der Seelenrettung. wo erstaunliche Beispiele römischer Kunst ans Licht traten. Außen war es rot angestrichen. sagte Vater Sebastian leise und ließ den Lichtstrahl über die Wände gleiten. Im Grab herrschte die Atmosphäre eines eleganten Wohnzimmers. zu deren Füßen sich Delphine aus Stuck in plastisch geformten Wellen tummelten. das war dieser Frau zu verdanken. Unter der 639 .« Der Lichtstrahl kreiste und beleuchtete ein wundervolles Fresko. und es hatte einen prunkvollen. »hier haben wir es!« Es war ein richtiges Gebäude mit zwei Stockwerken. Es gehört sogar zu unseren besonders schönen Gräbern. Darin befanden sich muschelförmige.

Ihre Feinde bekämpften die Wahrheit dessen. Ihr Haar war kunstvoll in mehreren Lagen aufgesteckt. daß es sich um ein christliches Grab handelt. Wenn sich die siebte Schriftrolle hier befand.Gestalt stand ein Name: ›Amelia Valeria. Ihre Verfolgung konnte nur eines bedeuten. die an der Spitze der frühchristlichen Kirche stand. dachte Catherine. daß die Nachfolge Jesu rechtmäßig Frauen und nicht Männern zustand? »Das hier zeigt uns. Amelia mußte eine schöne Frau gewesen sein. die natürlich die Asche von Heiden enthielten. wenn sie verfolgt wurde. »Wir glauben. »Nein.‹ Die Menge über ihnen sang: »Benedictus tu in mulieribus…« Catherine trat näher. Eine christliche Priesterin… War die siebte Rolle mit ihr begraben worden? Und würde sie den Beweis dafür enthalten.« Catherine las die in den Sarkophagdeckel eingemeißelten Worte: »Dormit in pace anima dukis Amelia – Ruhe in Frieden. wie es die damalige Mode den adligen Frauen des römischen Reiches vorschrieb. Alle Urnen. daß Amelia als erstes Mitglied der Familie nicht verbrannt wurde. Eine Frau.« Vater Sebastian wies auf den Sarkophag. Amelia mit der zarten Seele. Die Diakonin war in weiße Gewänder gekleidet. dann mußte sie eine für die damalige Zeit gefährliche Botschaft enthalten. hatte die Arme ausgestreckt und richtete den Blick zum Himmel.« »Hat man ihn geöffnet?« fragte Catherine flüsternd. Sie trat näher und legte die Hände auf den fein behauenen Marmor. Sein Gesicht verriet deutlich die innere Spannung. befinden sich in Museen. Nur heidnische Gräber wurden geöffnet. um das Fresko genau zu betrachten. was in der Rolle 640 .« Sie blickte auf Michael. Amelia sollte sie nur dann mit ins Grab nehmen.

Catherine sah Michael fragend an.geschrieben stand. Diesmal hatte er dafür gesorgt. Er schüttelte den Kopf und flüsterte: »Nein. Er setzte sich vor die Wand mit den Schaltrelais und nahm den Anruf aus Rom entgegen. als eine hagere Gestalt auftauchte – ein Kardinal in einem schwarzen Talar mit rotem Besatz. ich habe nicht…« 641 . roten Knöpfen. Seine Heiligkeit ist gerade auf den Balkon hinausgetreten. Jubel und Geschrei. einer anderen Christin. Er betrat das Steuerzentrum der Überwachungsanlage. sagte Michael. einer breiten roten Seidenschärpe und einem roten Käppchen auf den schütteren Haaren. Würden sie bald ihr Amt verlieren oder es mit Frauen teilen müssen? »Also gut«. daß Zeke keinen Schritt ohne seine Anweisungen machen würde. ora pro nobis…« Das Singen verstummte. Catherine stieß einen Schrei aus. wie wir den Sarkophag öffnen können. den Symbolen der Priesterwürde. »Ich glaube. »sehen wir nach. Er griff nach dem Handy und meldete sich wie verabredet. ein paar ›Straßen‹ weiter.« Plötzlich war das Mausoleum in blendend helles Licht getaucht. und sie hörten Klatschen. Die gepanzerte Schleuse schloß sich geräuschlos hinter ihm. Catherine musterte ihre beiden Begleiter in den schwarzen Soutanen. Michael hob den Kopf. Auf seiner Brust funkelte an einer langen Kette ein schweres Goldkreuz. im Schatten des Grabmals der Julia Mater. denn jetzt ging es ums Ganze! »Sancta Maria.« Hinter ihnen. Zehn Zeitzonen weiter zog sich sein Auftraggeber von dem Fest aller Feste aus dem EuropaZelt zurück und eilte hinunter in sein Museum. »Was ist das?« fragte Catherine. stand Zeke und beobachtete das Geschehen aus sicherer Entfernung.

ein Tip. »Dr. »Wollen Sie uns daran hindern?« fragte Catherine herausfordernd. »Vater Garibaldi hat mich nicht davon in Kenntnis gesetzt. gestreiften Hosen und den KonquistadorHelmen wirkten sie eher wie Statisten auf einer Opernbühne. bitte glauben Sie mir. wenn ich Ihnen versichere. Sie trugen Sprühdosen mit Tränengas. wenn ich fragen darf?« »Die Lösung des Rätsels kann ich mir nicht zugute halten. Catherine wußte auch. vom Ufficio Scavi. sie gehörten zur Cohors Helvetica. Alexander«. den Halskrausen. die vor fünfhundert Jahren zum Schutz des Papstes aufgestellt worden war. Das hier ist Ehrwürden Callahan.« Ehrwürden Callahan wirkte abweisend und verärgert. den Papst notfalls unter Einsatz des eigenen Lebens zu beschützen. »Und wie ist es Ihnen gelungen. daß wir Ihre Freunde sind«. hat mich darauf aufmerksam gemacht. Wamsen. Dr. der Schweizergarde. sagte der Kardinal. wie Sie sagen würden. erwiderte sie. daß diese jungen Männer gut ausgebildet waren. In ihren Uniformen mit Piken und Hauberken. doch Catherine wußte. »Ich kann mich noch gut daran erinnern«. Um genau zu sein…«.« »Sie sind selbst darauf gekommen?« fragte Catherine. daß Sie hierherkommen würden. »habe ich seit ein paar Tagen überhaupt nichts mehr von Vater Garibaldi gehört. er warf Michael einen strengen Blick zu. und seine Stimme hallte in dem unterirdischen Grab. sagte Kardinal Lefevre. daß sie einen Eid abgelegt hatten.»Nein. Gaspatronen und automatische Waffen bei sich. Sie musterte die vier jungen Männer. Alexander. Ein Anruf. Er starrte mit zusammengekniffenen Augen auf Vater Sebastian. »Ihren Namen unter einem Brief an meine Mutter gelesen 642 . die ihn begleiteten. das Rätsel zu lösen.

ja. daß die Welt liest. werden wir sie den Wissenschaftlern zugänglich machen und ihren Inhalt veröffentlichen. Ich hatte es wirklich nicht soweit kommen lassen wollen. Wenn Sie mit mir irgendwann einmal darüber in meinem Büro sprechen möchten…« »Sie werden die Schriftrolle aus dem Sarkophag der Amelia an sich nehmen.« 643 . Wir sind keine Unmenschen.« »Es gehört der ganzen Welt. wie Sie glauben.« »Eine bedauerliche Episode. Und«. Wir ›verstecken‹ Schriftrollen nicht.zu haben.« »Das ist auch unser Wunsch. fügte er seufzend hinzu. Wir haben uns nicht verschworen. was in dieser Rolle geschrieben steht. Doktor Alexander. Und ich werde dafür sorgen. denn dann gehört es der Kirche. der Welt die Wahrheit vorzuenthalten. Wenn sich die siebte Rolle hier befindet. »wir sind nicht Ihre Feinde. nicht wahr?« »Wenn es sich um ein christliches Dokument handelt.

New Mexico Die Gäste auf dem großen Anwesen feierten in der späten Nachmittagsonne und drängten sich in den Festzelten um die üppigen Büfetts mit den erlesensten Delikatessen und Spezialitäten aus der ganzen Welt. Miles hatte von Zuckerbäckern aus Salzburg den Eiffelturm. Jedes Zelt war einem Kontinent gewidmet. so war es besprochen. 644 . während der Papst in Rom die Menge segnete. Im Augenblick bereiteten sich die Gäste von Erika und Miles Havers darauf vor. Die Alte Welt feierte die Jahrtausendwende. Aber überall in den großen weißen Zelten. Wohin war Miles verschwunden? Sie beauftragte einen der vielen burgunderrot und weiß gekleideten Diener. an ihrer Seite stehen. Es war dort bald Mitternacht. das Brandenburger Tor und den Petersdom ›nachbauen‹ lassen.Santa Fe. sich bei seinem Butler nach ihm zu erkundigen. In Rom richteten sich alle Augen auf Seine Heiligkeit den Papst. Aber Erika suchte ihren Mann schon seit geraumer Zeit. mit den Menschen auf dem Petersplatz das neue Jahrtausend zu beginnen. Miles sollte in diesem Augenblick. den Veranden und Salons. ja sogar im Freien konnte man auf den Projektionswänden das Geschehen in aller Welt verfolgen. Dieses Kunstwerk aus Zucker wollte er an der Seite von Erika mit einem Feuerwerk den Gästen im Europa-Zelt präsentieren. Big Ben.

New Mexico Auf den Projektionswänden sahen und hörten die Gäste den Chor der vor dem Petersdom versammelten Gläubigen. ihr Mann sei in seinem Museum. Während sich die Fahrstuhltüren schlossen. wie die Menge oben auf dem Platz im donnernden Chor begann.« Er blickte mit gerunzelter Stirn auf die vier Gardisten. Der Butler hatte Erika ausrichten lassen. Eminenz«. wie hinter ihr die Gäste fröhlich wiederholten: ›Zehn!‹ Für sie war es die dritte Jahrtausendwende seit dem Mittag. sagte Michael. aber die Spannung stieg. Sie verließ eilig das große weiße Zelt. »Aber wir werden den Sarkophag öffnen. die Minuten bis Mitternacht zu zählen. hörte Erika. Rom Die Gruppe in der Gruft hörte. Es lag etwas Besonderes in der Luft. wenn im fernen Europa.Der Vatikan. ›Dieci!‹ »Vergeben Sie mir. Was würde geschehen. wenn auf dem Petersdom in Rom die Kirchenglocken zu läuten begannen? 645 . Santa Fe. die wie aus einem Mund ›Dieci!‹ riefen.

Kardinal Lefevre und Ehrwürden Callahan sprachen leise ein Gebet für die Tote. Zwei Gardisten legten die Hellebarden ab und näherten sich dem Sarkophag. Rom ›Nove!‹ Kardinal Lefevre machte eine Handbewegung. New Mexico ›Neun!‹ Erika stand etwas außer Atem vor dem Museum im Untergeschoß. den Deckel von seinem Platz zu schieben. 646 . Santa Fe. Sie blickte in das kaum erkennbare Auge der Überwachungskamera und rief leise: »Miles? Bist du hier?« Der Vatikan. Rom ›Otto!‹ Michael und Vater Sebastian traten seitlich an den Sarkophag und begannen mit Hilfe der beiden Gardisten.Der Vatikan.

Aber die Zeit drängte. blickte sie fragend in den langen großen Raum. Sie konnte die täglich wechselnde Zahlenkombination mit ihrem Namen aufrufen. New Mexico ›Acht!‹ Erika hatte den Code eingegeben. Liebling?« Der Vatikan. Als die Tür geräuschlos zur Seite glitt. Normalerweise überließ sie das immer Miles. »Miles?« 647 . Sie konnte nicht warten. New Mexico ›Sieben!‹ Erika eilte beunruhigt durch das Museum. obwohl er ihr als einzigem Menschen einen besonderen ›Schlüssel‹ anvertraut hatte. »Miles. sagte Michael. bis er sie auf dem Überwachungsbildschirm sah.Santa Fe. dessen Schätze sanft von der indirekten Beleuchtung angestrahlt wurden. Rom ›Sette!‹ »Okay«. wenn ich es sage.« Santa Fe. »alle zusammen.

dessen Muskeln sich vor Anstrengung spannten. der vor fast zweitausend Jahren geschlossen und versiegelt worden war. während er gegen den Deckel des Sarkophags drückte. An der Rückwand stand ein Kabinett. daß sich der Deckel bewegte.Der Vatikan. Rom ›Sei!‹ Der Deckel des Sarkophags rührte sich nicht von der Stelle. Mit angehaltenem Atem wartete sie darauf. Rom ›Cinque!‹ Catherine blickte auf Michaels breiten Rücken. New Mexico ›Sechs!‹ Erika beachtete die Schätze nicht. Sie hatte es nie zuvor gesehen. Aber dann blieb sie verblüfft stehen. Santa Fe. Sie kannte die Sammlung. 648 . Ihre Unruhe trieb sie vorwärts. Es war neu. die ihr Mann im Laufe der Jahre zusammengetragen hatte. Der Vatikan.

was für Miles wertvoll genug war. Rom ›Quattro!‹ »Also«. um es seiner Sammlung hinzuzufügen. Vermutlich hatte er sie auf diese Weise geschickt hierher gelockt. Sie überlegte.Santa Fe. Trotzdem. Warum hat er mir nichts davon gesagt? Soll es eine Überraschung für mich sein? War er deshalb in diesem Augenblick hier unten im Museum und nicht bei den Gästen? Miles war ein hervorragender Stratege. New Mexico ›Fünf!‹ Erika trat neugierig näher. aber diesmal mit ganzer Kraft!« 649 . ihre Unruhe wurde sie nicht los. sagte Michael stöhnend und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Erika lächelte unsicher. Der Vatikan. »Noch einmal. Bestimmt befand sich in dem Kabinett ein Neuzugang.

Santa Fe. Zögernd streckte sie die Hand aus. die Tür zu öffnen. Miles war nicht zu sehen. Rom ›Tre!‹ Der Deckel glitt mit einem lauten Knirschen endlich einen Fingerbreit zur Seite. Sie stand vor dem neuen Kabinett. New Mexico ›Vier!‹ Erika sah sich suchend um. New Mexico ›Drei!‹ Der Überwachungsbildschirm blinkte. Sie ergriff den kleinen Elfenbeinknopf und begann. Er sah Erika mit dem Rücken zur Videokamera in seinem Museum. Der Vatikan. Beobachtete er sie? Sollte sie den Schrank öffnen? Wartete er darauf? Dieser Mann! Er denkt sich immer wieder etwas Neues aus… Erika wollte keine Spielverderberin sein. Er sprang auf und rannte los.Santa Fe. Das Kabinett war nicht verschlossen. Miles ließ den Hörer sinken und beendete abrupt das Gespräch. und ein Warnton setzte ein. 650 .

Der Vatikan. ›Buon Anno!‹ Santa Fe. »Nein…« Der Vatikan. Dann sank sie lautlos zu Boden. Rom ›Uno!‹ Catherine blickte in den Sarkophag der Amelia. bis schließlich ein Spalt entstand. Aber es war zu spät. der breit genug war. New Mexico ›Eins!‹ Erika stand erstarrt vor dem Sonnenwend-Kachina. Santa Fe. New Mexico ›Zwei!‹ »Erika!« rief Miles außer Atem. Rom ›Due!‹ Der Deckel des Sarkophags glitt etwas weiter zur Seite. ›Gutes Neues Jahr!‹ 651 . Er blieb wie angewurzelt stehen. dann noch etwas. um mit der Taschenlampe in das Innere zu leuchten.

sagte er und nickte. Keine Posaunen. Nur ein kurzer Augenblick des Schweigens entstand. ob das prophezeite neue Zeitalter angebrochen ist. und die Erde tat sich nicht auf.« Herausfordernd fügte sie hinzu: »Habe ich recht?« Er sah sie mit einem rätselhaften Lächeln an. Rom Über ihnen dröhnte die Erde. Dann plötzlich – das dumpfe weithin hallende Geschrei und Getöse verstummte.Der Vatikan. 652 . Er war bestimmt nicht zu unterschätzen. Der Himmel öffnete sich nicht. »Dann müssen wir also noch einmal dreihundertfünfundsechzig Tage warten. Sie lauschten angstvoll und rechneten fast damit. um alle zu verschlingen. »In der Tat. »Erst wenn das Jahr zweitausend vorbei ist. daß die Mauern des Mausoleums. die Decke. erwiderte Catherine und fügte gegen ihren Willen hinzu: »Eminenz. Kardinal Lefevre seufzte erleichtert auf.« Er trat an den Sarkophag und blickte hinein. Die neun Menschen in der Gruft hoben erschrocken die Köpfe. als die Welt den Atem anhielt. Doktor Alexander«. bevor wir wissen. erst dann ist auch das alte Jahrtausend wirklich zu Ende. Nichts geschah. Alles blieb still.« »Wir haben das Jahrtausend noch nicht hinter uns«. keine Engel und kein Erdbeben. die ganze Basilika einstürzen werde.« Sie mochte diesen Mann nicht. Dann hörten sie den Jubel und die Freudenrufe aus den Kehlen der mehr als Hunderttausend. »Offenbar werden wir bei dieser Jahrtausendwende doch nicht zu Zeugen der Apokalypse.

»… das Grab ist vor langer Zeit ausgeräumt worden. schob Zeke das Handy in die Tasche. Alles würde vorüber sein. Wie Sie die Frau hinterher aus dem Weg räumen. kein Skelett. nicht einmal Asche.In seinem Versteck. als Konstantin befahl.« Das waren die letzten Worte von Havers gewesen. Er wirkte unbenutzt. er brauchte keine weiteren Anweisungen mehr. Sie warf noch einmal einen Blick in den Sarkophag. daß ausgerechnet er bei diesem mehr als zweifelhaften Geschäft leer ausgehen sollte. daß es so endete. »Ich vermute…«. Langsam löste Zeke das Kleinkalibergewehr und nahm es aus dem Halfter. das in tiefer Dunkelheit lag. den Catherine nicht deuten konnte – war er enttäuscht oder triumphierte er insgeheim? -. Er würde saubere Arbeit leisten. »Nehmen Sie die Schriftrolle an sich.« Catherine sah sich in dem hell erleuchteten Grab um. denn es lag nichts in Amelia Valerias Sarkophag – keine Schriftrolle. die Ecken und selbst die Fresken – nirgends konnte eine Schriftrolle versteckt sein. Sie betrachtete aufmerksam die Nischen. Die Verbindung war plötzlich unterbrochen. »Ora pro nobis!« flüsterte Kardinal Lefevre und bekreuzigte sich. bevor jemand wußte. die Nekropole zuzuschütten. überlasse ich Ihnen. Er entsicherte und verließ lautlos das Grabmal der Julia Mater. sagte der Kardinal in einem Ton. ob in dem Seufzen Erleichterung oder Enttäuschung lag.« Er seufzte. Aber wo war Amelia? 653 . Er hatte nicht gewollt. Vielleicht hat man es schon damals geöffnet. und Catherine wußte wieder nicht. Sonst bekommen Sie keinen Penny. Es gab keinen Grund dafür. Darin war niemals ein Mensch begraben worden. Nun gut. was geschah. »Die ganze Mühe war vergebens.

daß für Catherine Alexander alles so schnell vorbeisein sollte. sonst wäre er für seine Arbeit nicht bezahlt worden.« »Jawohl. Nun war sein Vertrag erfüllt. weiter vorgehen sollte. Sie drückte seine Hand. sich den Forderungen von Havers zu beugen. Es kam ihr vor. wollte sie zu ihm sagen. Er würde sich nach dieser Demütigung und der schlechten Behandlung jedoch endgültig von Miles Havers verabschieden. Aber nichts war gut. Als sie an Zekes Versteck im Grabmal der Julia Mater vorübergingen. daß es ihm nicht gefiel. ohne ihm die Entscheidung zu überlassen. ein Zug der Trauernden. wohin er sich wieder zurückgezogen hatte. Es gab keine Schriftrolle.« Sie verließen das Grab und gingen durch die Straßen der Toten. sahen sie weder ihn noch sein Lächeln. Das würde sie büßen. wie Zeke die Alexander auf eigene Faust verfolgt hatte. als sei der Petersdom schließlich doch noch über ihnen zusammengestürzt. wie er. »Ein gutes Neues Jahr«. Er sah sie entschuldigend und voll tiefem Bedauern an. der mit der Wendung der Dinge zufrieden war. Er hatte nicht gewollt. Michael griff verstohlen nach Catherines Hand. Sie hatte ihm eine Niederlage nach der anderen zugefügt. Eminenz. Vater Garibaldi. Ihre Schatten bewegten sich an den Wänden wie eine Begräbnisprozession aus alter Zeit. ohne ihm Bericht zu erstatten. »Ich muß jetzt zu Seiner Heiligkeit. Zeke konnte nach Hause gehen und sein Geld abholen. Zeke war wie immer gezwungen gewesen. Und alles andere einfach vergessen? 654 . Havers hatte bereits durchblicken lassen. Wir sprechen uns in den nächsten Tagen.Kardinal Lefevre wandte sich an Michael. Er wollte es ihr heimzahlen. Zeke war der einzige. Zeke.

655 . das zu tun. das gab es bei ihm nicht! Er würde sich rächen. Dann mußte er nicht mit einem Handy am Ohr auf den Befehl warten. die er bestimmte. aber auf seine Art.Nein. aber an einem Ort und zu einer Zeit. Er würde töten. wozu andere sich zu fein waren.

DAS NEUE JAHRTAUSEND 656 .

Catherine war als ›Schwester Elisabeth aus dem Kloster Greensville‹ in die Vereinigten Staaten zurückgekehrt. Sie wußte nicht. Nur der Stapel Zeitungen und die Post auf dem Eßtisch erwarteten sie. Kalifornien Catherine hatte ein seltsames Gefühl. nachdem die Jahrtausendwende schon ein alter Hut war und der Vatikan 657 . wollte sie nach Santa Barbara fahren und zur Polizei gehen. Beim Abschied auf dem Flughafen in Rom hatte sie die Hilflosigkeit in seinen Augen gesehen. »Was wirst du jetzt tun?« hatte er gefragt. lange schlafen und dann Anfang Dezember 1999 aufwachen und feststellen. doch die Atmosphäre war so steril. als lebe hier niemand. was grausamer gewesen war: die siebte Rolle nicht gefunden zu haben oder die Trennung von Michael. daß sie Havers nicht mehr fürchten mußte. doch diesmal hatte sie zum ersten Mal bei ihrer Rückkehr das Gefühl. Catherine hatte weder für Zeitungen und Post noch für die Anrufe das geringste Interesse. Januar 2000 Santa Monica. Andere Nachrichten beherrschten die Schlagzeilen. eine fremde Wohnung zu betreten. Sie vermutete. Der wöchentliche Reinigungsdienst hatte die Wohnung saubergehalten.Samstag. weiter ging das Zählwerk nicht. Sie wollte nur schlafen. 1. Sobald sie wieder einen klaren Kopf hatte. Der Anrufbeantworter hatte 99 Anrufe registriert. Sie war in den vergangenen Jahren oft von hier abgereist und manchmal erst nach Monaten wiedergekommen. daß sie schlecht geträumt hatte.

offiziell verkündet hatte. Im Augenblick wußte sie jedoch nicht. Kardinal Lefevre hatte Catherine aufgefordert. Sie versicherte ihm jedoch. Die sechs Schriftrollen aus dem Sinai hatte ihr bis jetzt niemand nehmen können. bis sie nur noch eine leere Hülle war. Nach den großen Hoffnungen hatte sich herausgestellt. Catherine hatte das abgelehnt. Eine Möglichkeit wäre. er sei an den Schriftrollen nicht interessiert. 658 . sie ihm zu übergeben. was geschehen ist… ich weiß es nicht«. Oder sollte sie die Schriftrollen einfach behalten und für den Rest ihres Lebens nach der siebten suchen? Wäre es klüger. Sabinas unvollständige Geschichte zu veröffentlichen. was mit den Texten geschehen sollte. Das tiefgreifende Erlebnis im Dom von Aachen war nur noch eine blasse Erinnerung. sie der ägyptischen Regierung zurückzugeben? Dann konnte es ihr vielleicht gelingen. Nach dieser Klarstellung zog er sich aus der ganzen Sache zurück. Catherine fühlte sich innerlich leer. es seien keine christlichen Dokumente und deshalb ohne Wert für die Kirche. als sei in den vergangenen drei Wochen Tag für Tag etwas von ihr aufgezehrt worden. Er war vorübergehend von allen Pflichten suspendiert und wurde nach Montreal in ein Zisterzienserkloster geschickt. ihren angeschlagenen Ruf zu retten… »Und was wirst du tun?« hatte Catherine nach dem letzten Aufruf ihres Flugs Michael gefragt. »Nach dem. hatte er geantwortet. um seinen Glauben zu erforschen und über seine Berufung nachzudenken. daß Sabinas Geschichte nichts anderes erzählte als das abenteuerliche Leben einer Frau.

wenn sie bei einer Ausgrabung war? Die Ausgrabung… »Ich habe mit der ägyptischen Regierung deine Rückkehr vereinbart«. sieh dir die Rechnungen an. allein gelassen worden zu sein. Warum schickten ihr die Leute eigentlich Weihnachtskarten. Es war in braunes Packpapier gewickelt. woher es stammte oder weshalb man es ihr geschickt hatte. Neugierig öffnete sie es und hielt ein dünnes. Sie mußte ihm fairerweise gestehen. Aber sie konnte noch nicht mit ihm sprechen. Nur nicht daran denken. werde ich nie mehr in dein Leben treten«). Im Aachener Dom hatte sie ihm alles verziehen. Die Wunde. die er ihr mit seinen letzten Worten im Kloster zugefügt hatte (»Wenn ich jetzt aus diesem Zimmer gehe.Ich sollte Julius anrufen und ihm sagen. daß ich wieder zu Hause bin. italienisches Buch in der Hand.« Es war 1953 im Verlag des Vatikan erschienen: »Libreria Editrice Vaticana. aber sie sah amerikanische Briefmarken. Bleib gefühllos. betrachte dir den Jahresbericht der Hausverwaltung. Catherine schüttelte unwillig den Kopf. Weder ein Brief noch eine Karte oder eine Widmung verrieten. Sie hatte sich sogar selbst die Schuld gegeben. Lies die Weihnachtskarten. Peter. mit aller Bitterkeit wieder ein. Ihr Blick fiel auf den Titel: »Sacre Grotte Y Scavi Sotto San Pietro – Die heiligen Grotten und die Ausgrabungen unter St.« 659 . daß es wirklich keine siebte Schriftrolle gab. Sie stellte das Gepäck ab und warf einen Blick auf den Stapel Post. beschäftige dich mit dem Alltäglichen… Ganz oben auf dem Stapel entdeckte sie ein kleines Päckchen. hatte Julius gesagt. Aber hier in Santa Monica stellte sich das Gefühl. trug keinen Absender. schmerzte immer noch.

Bis auf… ›Gertrude Majors. und ihre Gedanken überschlugen sich.Catherine blätterte verwundert darin. Sie blickte auf das Gesicht der sechsundvierzig Jahre jüngeren Äbtissin. obwohl die Ausgrabungen in der Nekropole beim Entstehen der Aufnahmen noch nicht so weit fortgeschritten gewesen waren wie am Ende des Jahrtausends. Catherine überlegte. Catherine trat ans Fenster. St. Auch sie sagten ihr nichts. Das Päckchen war vor einer Woche abgeschickt worden. die damals als Archäologin an den Ausgrabungen unter dem Petersdom teilgenommen hatte. und drei Minuten später wählte 660 . Dann sah sie den Poststempel. blätterte es noch einmal durch und betrachtete aufmerksam die Abbildungen: Christus als Apollo. hörte sie eine Stimme. die Orante der Amelia Valeria. Er war auf den Briefmarken kaum erkennbar. an dem sie aus dem Kloster geflohen war. Catherine griff zum Telefon. Dann las sie die Namen. um die sieben Personen besser sehen zu können. Die SchwarzweißAbbildungen weckten schmerzliche Erinnerungen. flüsterte Catherine. »Mein Gott«. Sie schlug das Buch wieder auf. Warum hatte man ihr das Buch geschickt? Von wem kam es? Ihr Blick fiel wieder auf das Packpapier. Wie war noch der Name des Klosters in der Nähe von Montreal? St…. Genau an dem Tag. ›Vermont‹ konnte sie mit Mühe entziffern und dann das Datum. Gegen Ende befand sich eine Gruppenaufnahme der Archäologen. aber bevor ich in den Orden eintrat… 1966 war ich…«. Solange! Sie rief die Auskunft an. Kein einziges Gesicht kam ihr bekannt vor. Wo hatte sie diesen Namen schon einmal gehört? »Jetzt bin ich Mutter Elisabeth.‹ Catherine runzelte die Stirn.

»Michael«. sagte sie aufgeregt. Es ist dringend. »Ich würde gern Vater Michael Garibaldi sprechen. »es gibt die siebte Schriftrolle doch! Und diesmal weiß ich ganz sicher.sie die Nummer in Kanada.« Es dauerte eine Ewigkeit. wo sie sich befindet!« 661 . bis er an den Apparat kam.

New Mexico Miles legte den Hörer auf und sagte leise zu sich selbst: »Der Sieg gehört dem Geduldigen. Er hatte die Situation – und seine Ehe – nur noch dadurch retten können. als sie nach mitteleuropäischer Zeit genau um Mitternacht das Kabinett geöffnet hatte und dann ohnmächtig geworden war. daß er die Kachina sofort an die Sippe von Kojote zurückgab und alle davon überzeugte. der verwundete Blick ihrer großen Augen. für den Rest seines Lebens alles zu versuchen. daß es sich um ein so bedeutsames Heiligtum handelte. Zeke nahm ab. und Havers sagte nur ein Wort: »Vermont. Erikas Gesichtsausdruck. blickte Miles hinunter auf den Tennisplatz. Bei dem Gedanken an den Ausdruck auf ihrem Gesicht an Silvester.« Er hatte gewußt. Er ließ ihr Telefon immer noch abhören und ihre Wohnung immer noch überwachen. ihre Seelenqual… Miles beschloß. daß diese Alexander früher oder später einen Fehler begehen würde. Das hätte sie wissen müssen. daß er bei ihrem Kauf nicht gewußt habe.Santa Fe.« 662 . Während er Zekes Nummer wählte. wo Erika scheinbar sorglos wie immer spielte. lief es ihm immer noch eiskalt über den Rücken. das wiedergutzumachen.

sagte die Äbtissin. ich bin sicher. ob ich es tun sollte. Und dann dachte sie an Ihn Hassans ›schöne Frau in Weiß‹. Es schien fast. »Ich wußte. »nachdem Sie das Buch gesehen hatten. etwas aus den Scavi an mich zu nehmen. weil ich nicht sicher war. daß die Rolle beschädigt oder von einem skrupellosen Sammler gestohlen werden würde. Die beiden hatten sich am Flughafen von Montpelier getroffen und waren mit einem Leihwagen zum Kloster gefahren. sagte sie jetzt. »ich war Archäologin und habe bei der Ausgrabung der Nekropole unter dem Petersdom mitgewirkt. Ich hatte noch nie etwas gestohlen und erst recht nicht bei einer Ausgrabung.« »Sollte?« »Vergeben Sie mir. habe ich Ihnen nichts von der siebten Schriftrolle gesagt. Vermont »Ja«. Mich ließ der Gedanke nicht los.« Catherine und Michael saßen im Büro der Äbtissin.Kloster Greensville. konnte ich nicht anders. die Schriftrollen aus Ägypten zu schmuggeln und in Sicherheit zu bringen. Als Sie hier waren. Diese Art Plünderung habe ich immer mißbilligt. Als ich die Schriftrolle in einer Urne entdeckte. Aber ich hatte nicht die Absicht. daß Sie zurückkommen würden«. die in einer Nische stand. die ihm aufgetragen hatte. Die Strahlen der Januarsonne fielen durch die bleigefaßten Fensterscheiben. Vater Garibaldi. wenn ich sie nicht an mich nahm. den Brunnen zu verschließen. Die Äbtissin hatte sie ohne die geringste Überraschung begrüßt. Doch ich geriet unter einen unerklärlichen Einfluß.« Catherine erinnerte sich an ihren unwiderstehlichen Drang. als wache 663 . Ich fühlte mich beinahe als ihre Hüterin. das wird seltsam klingen.

den ersten Teil zu finden. Vermutlich gab es damals bereits Christenverfolgungen. Ich wußte es damals nicht. Als ich hierherkam und sie las. »Ehrwürdige Mutter«. auf ein unbekanntes Evangelium gestoßen zu sein. Das bestärkte mich nur in meinem Entschluß herauszufinden. wer die Verfasserin ›meiner‹ Schriftrolle war. fragte Catherine. es handelt sich um die Asche einer Heidin. obwohl man einen christlichen Sarkophag hatte anfertigen lassen?« »Vielleicht«. wurde mir klar. daß es sich bei dem Text um insgesamt sieben Schriftrollen handelt.Sabinas Geist über die Schriftrollen. fuhr die Äbtissin fort. bekreuzigte sich und murmelte: »Gott möge mir verzeihen. »Ich habe die Asche wie Abfall weggeworfen. Sie sah ihre Besucher traurig an.« »Als ich die Schriftrolle nach Hause gebracht und übersetzt hatte«. warum Amelia nicht in ihrem Sarkophag begraben wurde?« Die Äbtissin schloß die Augen.« 664 . »Die Urne enthielt nicht nur die Rolle. Das war eine Sünde. Sie befand sich im Klosterarchiv. Ich dachte. Ich habe zwanzig Jahre nach etwas gesucht.« Catherine und Michael wechselten einen erstaunten Blick. erwiderte Catherine.« Michael fragte verwundert: »Die Angehörigen ließen Amelia verbrennen.« Sie blickte aus dem Fenster und lächelte wehmütig. und dabei stieß ich auf die Handschrift des Thomas von Monmouth. daß sie Fehler enthielt. »wurden sie von der Obrigkeit dazu gezwungen. »Ich hatte keine Ahnung. das mich zu den anderen Rollen führen würde. Ich war wie besessen von dem Gedanken. »wissen Sie. sondern auch Asche«. Am Ende bin ich jedoch hier im Kloster geblieben. antwortete die Äbtissin. »glaubte ich.

« Sie sah Michael an. die Überreste von Heiden respektlos zu behandeln. daß ich Ihnen helfen mußte. daß ich Sie durch mein Schweigen belogen habe. Aber als ich auf die Handschrift von Thomas stieß.Sie wurde unruhig und stand auf. In jungen Jahren war ich sehr fromm und bildete mir viel auf meine Religion ein. nachdem Sie mit Dr. daß Sie im Besitz von Sabinas Geschichte waren. »Als die Beamten hier aufgetaucht sind. Mir blieb nur die Möglichkeit.« »Das war eigentlich gut so«. Als Sie und Dr. Deshalb fühlte ich mich doppelt schuldig. wurde mir klar. Alexander zu sprechen. nicht die richtige Achtung entgegengebracht. gab es für mich keinen Zweifel daran. alle Religionen zu achten.« Sie wandte sich an Catherine. »Denn sonst hätte das FBI alles beschlagnahmt. »Als Sie in jener Nacht. Ich fand es völlig in Ordnung. um mit Dr. auf meine innere Stimme zu hören. Als Buße trat ich in den Orden ein. war ich bereits älter und hatte gelernt. Später wurde ich Äbtissin des Klosters. Ich habe der Asche dieser Frau. bestätigte die Äbtissin. Sie seien in Gefahr und müßten fliehen. »Es tut mir leid. Mir war klargeworden. Ich mußte Gott bitten. einer Christin. Ich hatte keine Nachrichten gehört und wußte nicht. daß ich irrtümlich die Asche einer Christin entfernt hatte. Vater. Alexander hierherkamen. »Mich quälte das schlechte Gewissen.« »Ja«. zu mir kamen und sagten. sagte Michael nachdenklich. Also habe ich ihr das kleine Büchlein geschickt. Voss gesprochen hatten. mich zu führen.« »Ist sie hier?« fragte Catherine. Beinahe hätte ich Ihnen sogar von der siebten Rolle erzählt. aber irgend etwas hielt mich davon ab. »Ist die siebte Rolle 665 . was ich zu tun hatte. war ich überrascht. Ich mußte beten.

wenn dieser Auftrag endlich erledigt ist. daß wir schnell rein. doch ich war immer mit meiner Familie zusammen dort gewesen.hier?« »Ja. schrecklichen Reich. »Ich fürchtete mich vor…«. Sie können sie lesen. Ich freue mich schon auf Borneo. »Ich hasse Schnee. »Ich bin froh. Catherine und Michael sahen erstaunt etwas. als sie durch den verschneiten Wald hinter dem Kloster stapften. schrecklichen Reich.« »Das ist vielleicht eine Kälte«. Ich hatte zwar den größten Teil meines Lebens in den Wäldern verbracht. »Das müssen Sie selbst entscheiden.und wieder rauskommen«.« Der Papyrus war noch eine Rolle mit Stäben an beiden Enden. die 666 . das sie nicht erwartet hatten. »erzählt sie das Ende von Sabinas Geschichte?« Die Äbtissin lächelte. »Ja. schimpfte Raphael. Die sechste Rolle hatte mitten in dem Satz geendet. Jetzt war ich allein und lief um mein Leben. und plötzlich waren die Wälder nicht mehr freundlich. wann immer Sie wollen. auf den heißen.« »Ehrwürdige Mutter«. sagte Catherine. Ganz unten auf der letzten Seite befanden sich die Unterschriften von Sabina und Perpetua. als sie in Greensville ankamen. Die Bilder des Gemetzels standen mir noch lebendig vor Augen. die den alten Nonnen einen zweifelhaften Schutz gewährten. hatte Raphael gesagt.« Er lachte. »Machen wir.« Zeke erwiderte nichts. und die siebte Schriftrolle begann mit den Worten: »diesem dunklen. dampfenden Dschungel.« … diesem dunklen. Er konzentrierte sich auf die steinernen Türme vor ihnen und auf die hohen Mauern. Die Geister und Gespenster.

Nach einer Weile spürte ich etwas in meiner Nähe. Die herabhängenden Zweige zerkratzten mir die Arme und das Gesicht. Als ich dem Tod nahe war. wer er wohl sei. doch ich empfand sie als gefährlich und hatte schreckliche Angst. Schlimmer als das war jedoch meine Verzweiflung darüber. Ich legte mich in den Schnee und betete. richtete ich ein Gebet an den Gerechten. meine Augen füllten sich mit Licht. Aber ich fragte mich. Ich weinte so bitterlich um den Verlust ihrer Seelen. Und ich würde sie nie mehr wiedersehen. sondern Sabina. An seiner Kleidung und der Axt erkannte ich. waren zwar die Götter. den ich vor so vielen Jahren am Salzmeer gesehen hatte. und er sagte: »Vertraue auf deinen Glauben. Ich erzählte ihm von meiner Verzweiflung. weil meine Familie für immer verloren war. denn es war ein Fremder. die das Volk meines Mannes verehrte. wo sein Haus stehen mochte. daß die Tränen auf meinen Wangen zu Eis erstarrten. Verfolgt von dieser schrecklichen Seelenqual rannte ich immer tiefer in den Wald. und ich wußte sofort. daß meine Familie tot war. daß es sich um einen Holzfäller handelte. Ich dachte an die Abende am Feuer.« 667 . daß die wilden Tiere meine Leiche verschonen würden. Schließlich konnte ich nicht mehr weiter. da fragte ich mich erstaunt. der durch die Bäume auf mich zukam. daß er der Gerechte war. Als er mich beim Namen rief – nicht meinem germanischen. wenn ich meiner Familie vom Weg des Gerechten erzählt hatte. Grauen und Verzweiflung erfüllten mein Herz. ich sie aber nicht zum rechten Glauben bekehrt hatte. ohne etwas vom ewigen Leben zu wissen. Er hob mich aus dem Schnee empor. Ich schlug die Augen auf und sah einen Mann.darin wohnten. denn mein geliebter Sigmund und unsere Kinder waren gestorben. und ich kannte die Menschen in diesem Wald.

sondern leben. noch einmal zurückzukommen. Sie waren in unserem Dorf. Man dachte. daß ich möglicherweise tot war oder am Rand des Todes stand. nicht für immer tot waren. Dann hat man meinen Puls gefühlt und gesehen. alle Menschen. sie leben alle und jeder seinem Glauben gemäß: Satvinder in Schalimar. was man geglaubt hat. als er sagte: »Der Gerechte hat uns gelehrt: ›Fürchtet euch nicht. und meine Mutter in einer der vielen Wohnungen des Gerechten. mein Vater mit seinen Brüdern bei Mithras. Meine lieben Schwestern.« Er legte mir die Hand auf die Augen. daß alle meine Freunde. und in den Bechern schäumte der Met. Perpetua sagt. denn an das freie Leben in den schützenden Wäldern hatten sie geglaubt. um der Welt diese Botschaft zu bringen. daß ich atmete. glaubt nur. was der Prediger auf dem Marktplatz in Antiochia vor vielen Jahren gemeint hatte. wird einem widerfahrene« In diesem Augenblick wußte ich. nicht länger auf dieser Erde weilt. die mich auf meiner Reise durch das Leben begleitet hatten. Ich glaube. denn das. Aber mir wurde gestattet. ohne sich dem Weg anzuschließen. Ich sah Sigmund und die ganze Familie. Philos in den elysischen Gefilden. Und wenn mein geliebter Erstgeborener. daß mich ein Erkundungstrupp gefunden und in die Garnison gebracht hat. am Spieß briet das Wildbret. Wie leicht und mit welcher Freude kommt mir 668 .Ich fragte: »Was soll ich glauben. und die Sonne schien warm. Ich wußte. mein Pindar. Und jeder gehe seinen Weg. ich sei tot. dann hat er die ewige Freude seines eigenen Glaubens gefunden. Sie waren nicht tot. Die Feuer brannten. und ich hatte eine Vision. Meister?« Und er sagte: »Das Haus meines Vaters hat viele Wohnungen. sie waren dort für die Ewigkeit. Nun verstand ich. Sie waren glücklich. und der weiße Schnee färbte sich nicht rot von ihrem Blut. Die Erde war fruchtbar.

in denen ich Sigmunds Sprache gesprochen habe. solange wir vorbereitet sind und glauben. Der Gerechte hat uns vor langer Zeit gesagt. Wir waren im Dunkel. und der Gerechte ist gekommen. Das Ende der Welt kommt nicht in einem apokalyptischen Ereignis. Wir werden nicht allein geboren. damit ich Dir die Botschaft verkünden kann: Wir sind alle Töchter und Söhne Gottes. so wird es für uns sein. vielleicht auch einfach als ein Zeichen am Himmel. sondern ein persönliches. Es ist ein persönliches Erlebnis. sind. 669 . daß wir alle die Kinder Gottes. den sie kennen. und wir müssen nicht allein sterben – nicht. seine Töchter und Söhne. sondern für jeden in einem anderen. Manche werden ihn vielleicht nicht erkennen. der Sprache der Gemeinde und des Weges. um uns das Licht zu zeigen. Die Wiederkehr findet nicht an einem bestimmten Tag oder zu einer bestimmten Stunde statt. in einem persönlichen Augenblick. das Griechisch meiner Jugend über die Lippen! In dieser Sprache. sage ich Dir. anderen erscheint er als ein Prophet oder als der Gott. Und er wird sagen. Er ist zu mir zurückgekehrt. dessen Zeitpunkt unser eigener wahrer Glaube bestimmt. Und er hat mir noch etwas gesagt. Und das Versprechen erfüllt er. Wieder anderen mag er als einer der Ahnen erscheinen oder als Engel. Der Gerechte kommt zu jedem von uns auf eine andere Art zurück.nach all den Jahren. daß mich der Gerechte vor dem Tod in den Wäldern gerettet hat. liebe Amelia. sie ist kein universales Ereignis. weil er keine menschliche Gestalt annimmt. damit wir es finden und daran glauben. Wie immer wir uns dieses Reich vorstellen. Der Weg ist das Licht. Wir werden aus dem ewigen Leben geboren und kehren zum ewigen Leben zurück. er werde wiederkehren. wie er zu uns allen zurückkehrt. und das Reich ist in uns.

Wirklich komisch. »Übrigens«. die letzte Seite zu lesen. daß jeder Dummkopf es mit einem Stück Draht öffnen konnte. die Nonnen waren in der Kapelle und würden sie nicht stören. wenn der Job erledigt ist. verstand sie. die Antwort darauf können Sie nur in sich selbst finden. »Havers hat mir dein Geld gegeben. »Havers hat dir mein Geld gegeben?« »Du warst nicht da. daß wir von hier auf dem schnellsten Weg nach 670 . was er gemeint hatte. Er sah mit einem Blick. hatte er geantwortet. »Also. daß die letzte Schriftrolle schon die ganze Zeit hier ist. hatte sie gefragt. und dachte dabei an die Frage. als einen Ameisenhaufen zu zerstören. ausdruckslosen Augen an. Und die Frau konnte sich nicht verteidigen. Du sollst es bekommen. sagte er und beugte sich über das alte Schloß im Tor.« Zeke sah seinen Partner mit blassen. Die alten Nonnen würden beim ersten Anzeichen von Gefahr die Flucht ergreifen. Hätten wir das von Anfang an gewußt. um ihn nicht zu beschädigen.Catherine entrollte behutsam den brüchigen Papyrus weiter. wäre uns viel Arbeit erspart geblieben.« Als Catherine jetzt begann. als der Geldbote kam. Sie betrachteten prüfend die Mauer und das Tor. Das bedeutete. die ganze Sache würde nicht schwieriger sein. daß nur eine einzige richtig ist und alle anderen falsch?« Und Michael hatte geantwortet: »Ich glaube. Havers möchte. denen Sabina begegnet ist«. die sie Michael im Hotel Atlantis gestellt hatte: »Ist der Katholizismus der einzige wahre Glaube?« »Für mich ist er es«. was nun?« fragte Raphael. »Alle diese Menschen. Sie hörten Gesang. dachte Raphael. Mr. Er und Zeke zweifelten nicht daran. »alle die unterschiedlichen Glaubensvorstellungen… Ist es möglich.

An den Augen sah er. Er beugte sich vor und sagte: »Verstehst du. Du hast ihn zum Beispiel über die Alexander nicht auf dem laufenden gehalten. »Paß ein bißchen auf. »da hast du deinen Anteil… in bar.« »Habe ich dir eigentlich gesagt. daß sein Partner noch lebte. »genau so viel. daß du mich an Silvester so einfach abgehängt hast. Mr. Hier«. hier trennen sich unsere Wege endgültig. Wirklich komisch. wie