Offene Bildungsressourcen: frei zugänglich und einsetzbar

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Offene Bildungsressourcen: frei zugänglich und einsetzbar
von Martin Ebner (Technische Universität Graz, BIMS e. V.) und Sandra Schçn (Salzburg Research Forschungsgesellschaft, BIMS e. V.)

Open Educational Resources · Lernobjekte · Lehrunterlagen · Arbeitsblätter · Urheberrecht Offene Bildungsressourcen (engl. Open Educational Resources, kurz OER) sind frei zugängliche, nutzbare und häufig auch modifizierbare Online-Ressourcen für das Lernen und Lehren. Seit Anfang des 21. Jahrhunderts begann das Thema mit einer zunehmenden Zahl an Projekten, Berichten und Mitwirkenden immer bekannter zu werden. Zahlreiche Argumente, unter anderem bildungspolitische, didaktische wie auch wirtschaftliche, sprechen dafür, sich an der Erstellung von OER zu beteiligen. In diesem Beitrag werden ausgewählte OER-Initiativen und -Projekte vorgestellt, die Potenziale von OER diskutiert und Motive für die Einführung von OER-Strategien an Hochschulen beschrieben. Zudem werden auch praktische Tipps zur Recherche, Erstellung und zum Austausch von OER gegeben. Der Beitrag schließt mit einem Abschnitt, der darauf hinweist, dass bei offenen Bildungsressourcen sich nicht nur der Vertriebsweg deutlich von traditionellen Lernobjekten (z. B. gedruckte Lehrbücher und Arbeitsmaterialien) unterscheidet, sondern dass auch weitere Prozesse einfach anders sind, u. a. das Qualitätsmanagement.

Schlagworte

Überblick

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Die Idee der offenen Bildungsressourcen Ausgewählte OER-Initiativen und-Projekte Potenziale von OER und Motive für die Einführung von OER-Strategien in Institutionen OER in der Praxis: OER finden, erstellen und teilen OER sind anders: Entwicklung und Vertrieb Literaturhinweise

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Materialien im Web: kostenfrei, aber nicht frei nutzbar

Die Idee der offenen Bildungsressourcen

Wer im Internet nach Lern- und Lehrmaterialien recherchiert, wird zahlreiche Treffer landen: Von Abbildungen über passende Texte bis hin zu kurzen Videos finden sich – zumindest in Englisch – häufig etliche passende Funde. Trotzdem erlauben es Urheberrechtsregelungen im deutschsprachigen Europa im Regelfall nicht, diese Materialien im Unterricht einzusetzen bzw. als Bestandteil neu zusammengestellter Lern- und Lehrmaterialien wieder zu verçffentlichen, also beispielsweise anderen im Internet zur Verfügung zu stellen. Solche Materialien sind somit prinzipiell kostenfrei zu entdecken, sind aber rechtlich nicht ohne weiteres zu nutzen und wieder zu verçffentlichen. Anfang des 21. Jahrhunderts formierte sich eine Bewegung, die die freie Verwendung, den freien Austausch und die Modifikation von Bildungsressourcen im Web einfordert und unterstützt. Dies geschah unabhängig, aber sicherlich beeinflusst von den Initiativen und Erfolgen der freien bzw. offenen Software-Entwicklung sowie der Open-Access-Bewegung, die seit den 1990er Jahren mit zunehmendem Erfolg den freien Zugang zu Forschungsergebnissen fordert und unterstützt. Maßgeblich war hier die UNESCO-Initiative »Free Educational Resources«, die erstmals weltweit Interesse für das Thema weckte. Das UNESCO International Institute for Educational Planning (IIEP) beschrieb dann den Begriff »Open Educational Resources« im Jahr 2002 als »wish to develop together a universal educational resource available for the whole of humanity, to be reffered to henceforth as Open Educational Resources« (d‹Antoni 2006). Kostenfreie Bildung und freier Zugang zu Bildungsmaterialien ist hierbei das zentrale Motiv. Ein Paukenschlag und wichtiger Meilenstein war die Verçffentlichung zahlreicher Kursunterlagen des Massachusetts Institute als Auftakt der Initiative »MIT OpenCourseWare« im Herbst 2002, der jedoch von Seiten des MIT zunächst vor allem als Marketingmaßnahme betrachtet wurde, um weitere Studierende zu gewinnen. Die Verçffentlichung einer Befragung der OECD (2007) zu OER sowie einer Verçffentlichung der Wiliam and Flora Hewlett Foundation zur OER-Bewegung (Atkins/Brown/Hammond 2007) waren weitere wichtige Schritte für die Formierung einer weltweiten Aufmerksamkeit für das spannende Thema. Die Europäische Kommission begann im gleichen Jahr damit, erstmals Forschungsprojekte mit einem Schwerpunkt auf OER finanziell zu unterstützen (z. B. OLCOS, Bazaar). »OER« hat sich in den letzten Jahren, auch im deutschsprachigen Raum, als Abkürzung für »Open Educational Resources« (engl. für offene Bildungsressourcen) etabliert. Darunter werden Materialien für Lernende und Lehrende verstanden, welche kostenlos im Web zugänglich sind und über eine entsprechende Lizenzierung zur Verwendung und auch zur Modifikation freigegeben sind (Geser 2007; Mruck et al. 2011). Offene Bildungsressourcen zeichnen sich zunächst dadurch aus, dass sie (a) kostenfrei im Web zur Verfügung stehen. Darüber hinaus sind sie auch (b) frei verwendbar: Da generell Urheberrechtsinhaber/-innen, also in der Regel die Autor/-innen von Internetmaterialien, um Erlaubnis gefragt werden müssen, bevor Materialien im Unterricht eingesetzt werden bzw. modifiziert und wiederverçffentlicht werden, wurden dazu eine Reihe von Lizenzmodellen eingeführt. Im deutschsprachigen Raum ist der Einsatz der Creative-CommonsLizenzen verbreitet. Einige Sammlungen von offenen Bildungsressourcen

Die Idee offener Bildungsressourcen

Definition

Bedeutung von »offen«

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oder Plattformen zur Erstellung von offenen Bildungsressourcen werden durch entsprechende Lizenzierungsmodelle unterstützt, um die spätere Nutzung so einfach wie mçglich zu machen. Dann, als dritte Bedeutung des Wortes »offen«, wird dem Verständnis einiger Initiativen zufolge auch eingefordert, dass offene Bildungsressourcen (c) dem Prinzip offener Softwarestandards folgen sollen, ein Microsoft-Word-Dokument würde dabei diesem Anspruch nicht genügen. Schließlich wird in den letzten Jahren immer häufiger unmittelbar (d) auch auf »offene Lern- bzw. Lehrformen« verwiesen, die mit offenen Bildungsressourcen mçglich werden, aber auch entsprechend unterstützt werden sollen. Dabei wird auch eingefordert, dass Lernende bei der Entwicklung der Lern- und Lehrmaterialien mitwirken kçnnen. Derzeit gibt es zahlreiche Projekte und Initiativen mit unterschiedlichen Ausprägungen, die in diesem Beitrag vorgestellt werden. Auch stehen offene Bildungsressourcen definitionsgemäß kostenfrei zur Verfügung, die çkonomischen Hinter- und Beweggründe von OER-Projekten sind dabei sehr unterschiedlich. Praktische Erfordernisse, wie Lizenzen oder auch Qualitätssicherungsstrategien, werden ebenso angesprochen.

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Ausgewählte OER-Initiativen und -projekte

Es gibt zahlreiche, nur schwer zu überschauende OER-Initiativen und -Projekte. Im Folgenden mçchten wir hier einige ausgewählte Unternehmungen zur Erstellung und Zurverfügungstellung von OER herausgreifen, um damit auch die Unterschiedlichkeit der Projekte zu illustrieren. Wir haben dazu Initiativen von Hochschulen, Verbänden und Unternehmen, große wie auch kleine, englisch- und deutschsprachige sowie Projekte aus unterschiedlichen Bildungssektoren ausgewählt, um das breite Spektrum und die unterschiedlichen mçglichen Zugänge aufzuzeigen. Die älteste und wohl auch bekannteste OER-Initiative einer Bildungsinstitution ist die des Massachusetts Institute of Technology (MIT), welche mit ihrer Initiative OpenCourseWare (OCW, ocw.mit.edu) seit Herbst 2002 umfangreiche Kursunterlagen und Skripte kostenfrei ins Web stellt und ständig erweitert. 1.900 Kurse von anfänglich 50 aus 33 Disziplinen kçnnen heute über die Webseite abgerufen werden (Lerman/Miyagawa/Margulies 2008). OCWerhielt 2005 zahlreiche Auszeichnungen und gründete das OCW-Konsortium, dem sich weltweit Universitäten anschlossen und sich daran beteiligen, Kursmaterialien zur Verfügung zu stellen (vgl. OCW Finder, ocwfinder.com). Das MIT hat mit dieser Initiative die OER-Bewegung gut vorangebracht, und die Materialien – inzwischen auch Vorlesungsaufzeichnungen und Examen – sind für viele Lernende (und Lehrende) attraktiv. Die Lizenzbedingungen der OCW-Materialien erlauben Modifikationen und Wiederverçffentlichung der Materialien unter der Bedingung, dass sie ähnlich lizensiert und nicht kommerziell genutzt werden. Die Open University des Vereinigten Kçnigreiches hat, als Konsequenz des Erfolgs des MIT, mit einer Planungsgruppe begonnen, erste Überlegungen anzustellen, wie eine Fernuniversität mit Open Content und Open Access umzugehen hat (Lane 2008). Dies mündete im Open-Learn-Projekt, das von der William and Flora Hewlett Foundation finanziell unterstützt wurde. Die Ziele waren, Erfahrungen mit Nutzer/-innen zu offenen Bildungsmaterialien zu bekommen, schlecht erreichbare Bevçlkerungsgruppen noch besser zu integMIT OpenCourseWare

Open Learn der Open University UK

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rieren und zu unterstützen sowie auch die Gestaltung und die Nachhaltigkeit von offenen Bildungsressourcen zu fçrdern (Lane 2008). Das Open-LearnProjekt berücksichtigte bereits bei seinem Start die damals am Beginn stehenden Web-2.0-Technologien im Hinblick auf aktive Partizipation von Lernenden insbesondere der Kollaborationsmçglichkeiten. ¾hnlich dem OCW-Projekt kann auch das Open-Learn-Projekt beeindruckende Zahlen aufweisen – im Frühjahr 2008 waren 5.400 Unterrichtsstunden von 450 Lerneinheiten mit einer Länge von einer bis 50 Stunden abrufbar. Zusätzliche 8.100 Stunden sind im kollaborativen »LabSpace« erreichbar. Insgesamt kann auf ca. 60.000 registrierte Nutzer/-innen verwiesen werden.
Wikieducator.org

Die Plattform Wikieducator.org macht das Mitwirken leicht. Auf Wiki-Basis werden hier gemeinsam offene Lernmaterialien für (Hoch-)Schulen entwickelt. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf dem Lernen und Lehren mit Technologien bzw. dem Erstellen von offenen Lern- und Lehrmaterialien selbst. Betrieben wird die Plattform von der OER Foundation, einer gemeinnützigen Organisation mit Sitz in Neuseeland. Es ist derzeit ein guter Einstieg für alle, die sich mit OER selbst beschäftigen mçchten, auch wenn die Webseite weiterhin keinen Überblick über die weltweiten Aktivitäten gibt. Allgemein gibt es derzeit weitaus mehr Projekte und Initiativen am Hochschulsektor als für den Bereich der Schule oder der Weiterbildung. Die Zentrale für Unterrichtsmedien im Internet e. V. (kurz ZUM) ist eine der deutschsprachigen Initiativen, die sich auf den Schulsektor konzentriert. Unter anderem kçnnen mit einem Wiki hier Unterrichtsideen, -methoden und -inhalte angelegt und überarbeitet werden. Es gibt zum Beispiel ein Grundschulwiki, bei dem auch die Schüler/-innen selbst aufgefordert sind, kleine Beiträge zu schreiben. Weitere frei zugängliche Materialien für Lehrer/-innen finden sich unter anderem bei lehrer-online.de oder auch bei der von einem einzelnen Lehrer betriebenen Webseite www.unterrichtsmaterial-schule.de. Eine vergleichsweise noch junge, aber nicht minder interessante Bewegung ist die Khan Academy. 2007 gründete Salman Khan eine gemeinnützige Organisation mit dem Ziel, kurze Lernvideos frei zur Verfügung zu stellen. Entstanden ist die Idee aus einem YouTube-Kanal heraus, den Salman für seinen Cousin erstellt hat, um ihm mit Kurzvideos Mathematiknachhilfe zu geben. Die große Nachfrage durch andere Personen führte zu der Idee einer weltweit verfügbaren Plattform. Heute umfasst das Angebot mehr als 2.400 Lernvideos vor allem aus dem mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich und einige weitere interessante Services, wie etwa Übungsbeispiele mit der Mçglichkeit, den Leistungsfortschritt zu speichern und zu verfolgen. Diese Initiative hat 2009 den Zwei-Millionen-Dollar-Preis von Google gewonnen und wird auch von Microsoft unterstützt, damit das Angebot weiter aufrecht erhalten bleiben kann. Das Unternehmen Apple hat mit seiner Plattform iTunes U einen Kanal geschaffen, mit dem Universitäten animiert werden, kostenfreie Inhalte (Videos und Audio-Dateien) zur Verfügung zu stellen. 2007 çffnete der Konzern sein Produkt iTunes für Bildungseinrichtungen zuerst in den Vereinigten Staaten und in Kanada, auch hier mit dem Ziel, offene Bildungsressourcen zum Download über den iTunes Store anzubieten, wie man es der Webseite entnehmen kann: »A public iTunes U – such as those created by Yale, Stanford, UC Berkeley, Oxford, Cambridge, MIT, and broadcaster like PBS – distributes material for free on iTunes U [ . . .] Professors (as well as learners) can use audio and video content from museums, universities, cultural institu39. Erg.-Lfg. Oktober 2011 Handbuch E-Learning

Das ZUM-Wiki und andere offene Schulmaterialien

Die Khan Academy

iTunes U

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tions, and public television stations to supplement their lectures« (iTunesU 2007). Universitäten bietet sich nun die Chance, eine große Zahl von mçglichen Abonnenten zu erreichen, die sich sonst nur schwer auf die Webseiten oder speziellen Angebote der Universitären »verirren würden«. Tatsächlich erfüllen sich diese Erwartungen für viele Einrichtungen: Als eine der ersten war die Open University (UK) auf iTunes U vertreten. Sie stellte kurz nach dem Start 2008 bereits im April 2010 mehr als 300 Alben (Themenblçcke) mit etwa 2.700 Tracks (1.180 Audios, 1.500 Videos) aus mehr als 140 Kursen zur Verfügung. Bei den meisten Einrichtungen (96%) gibt es zugehçrige pdfTranskripte. Dies führte laut der Projektseite des Knowledge Management Institute zu folgenden Nutzungszahlen seit 2008: Beinahe 37.5 Millionen Downloads von mehr als 4.200.000 Nutzer/-innen ergeben durchschnittlich mehr als 360.000 Downloads in der Woche. Davon erfolgen 89 Prozent der Zugriffe von Personen außerhalb des Vereinigten Kçnigreiches, einer von 27 Nutzer/-innen besucht im Anschluss an den Download auch die Webseite der Open University (Open University 2011). Der Werbe- und Reputationseffekt von iTunes U wird mit solchen Zahlen deutlich. Seit Mitte 2008 wurde das Angebot auf Australien, Großbritannien, Irland und Neuseeland ausgedehnt, der deutschsprachige Raum folgte mit Beginn 2009. L3T steht für das »Lehrbuch für Lernen und Lehren mit Technologien« und ist seit Februar 2011 im Umfang von 48 Kapitel frei im Web zugänglich (l3t.eu) – und inzwischen auch traditionell gedruckt im Handel erhältlich. L3T ist damit eine umfangreiche Sammlung von freien Lehrtexten im Fachgebiet und hat dies in Kooperation von 115 Autor/-innen in einem knappen Zeitraum von 10 Monaten geschafft. Das Lehrbuchprojekt stçßt auf großes Interesse, weil es unabhängig von Verlagen ist, auf das Prinzip der offenen Lernressourcen setzt und gleichzeitig auch an neuen Vertriebswegen und Geschäftsmodellen für OER arbeitet; so gibt es auch mobile Anwendungen, E-Book-Varianten sowie Sponsorenmodelle zur Finanzierung des Projekts. Nur eine kleine Auswahl von Projekten, d. h. von einzelnen Webseiten mit OER, Plattformen zur Erstellung von oder auch Verzeichnissen von OER kçnnen hier in der gebotenen Kürze vorgestellt werden. Eine umfangreiche Sammlung bietet u. a. der Wikieducator (2011). OER-Angebote sind dabei recht unterschiedlich, sie lassen sich u. a. im Hinblick auf folgende Aspekte unterscheiden: n den Anbieter (Ist es eine Institution, die Materialien ihrer Lehrenden verçffentlicht oder eine offene Community?), n die Mçglichkeiten zur Zusammenarbeit (Kçnnen Materialien nur hochgeladen werden, oder gibt es auch kollaborative Arbeitsbereiche, z. B. ein Wiki?), n die Lizenzierung der Materialien (Ist eine Modifikation, Wiederverçffentlichung bzw. kommerzielle Nutzung erlaubt?), n den Umfang und die Art der Materialien (Handelt es sich um ein umfangreiches Angebot? In welcher Form werden Materialien angeboten, z. B. als Video, Podcast, Test?) oder auch n die Zielgruppe (Richtet sich das Angebot an andere Lehrende, an Lernende, an welchen Bildungssektor, mit welchen Themen?). Einen generellen Aspekt fügt Mora (2008) hinzu, indem sie feststellt, dass es Angebote gibt, die einen Produzenten-Konsumenten-Ansatz verfolgen. So entwickeln am MIT Lehrende Materialien, die Lernende (oder Lehrende) nutzen, aber nicht selbst an der der Gestaltung mitwirken kçnnen. Das OpenDas Lehrbuchprojekt L3T

Initiativen im Vergleich

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Learn-Projekt hingegen verfolgt, wie die Wiki-basierten Initiativen, einen Koproduktionsansatz, der es Freiwillen ermçglicht, jederzeit aktiv mitzuwirken (ebd. S. 62).

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Potenziale für Lernende und Lehrende

Potenziale von OER und Motive für die Einführung von OER-Strategien in Institutionen

Offene Bildungsressourcen erçffnen zahlreiche Chancen und bergen Potenziale. Für Lernende und Lehrende sind offene Bildungsressourcen (Geser 2007, S. 20; Übersetzung nach Wikieducator 2011) die Chance, n »ein grçßeres Themenspektrum zur Auswahl anzubieten und grçßere Flexibilität bei der Auswahl von Lehr- und Lernmaterial zu ermçglichen (d. h., dass Inhalte unkompliziert verändert und in das Unterrichtsmaterial integriert werden kçnnen); n sich Zeit und Mühe zu ersparen, da Inhalte wiederverwendet werden, für die alle Fragen zum geistigen Eigentumsrecht bzw. zum Urheberrecht bereits geklärt sind; n engagierten Lehrern zu ermçglichen, den Bildungswert von Inhalten zu steigern, indem sie ihre eigene persçnliche Meinung, ihre Erfahrungen und Verbesserungsvorschläge einbringen kçnnen; n zur Bildung von Lerngruppen, welche z. B. aus Lehrern und Lernenden bestehen, da bedienerfreundliche Programme eine kollaborative Lernumgebung ermçglichen (z. B. Gruppen-Wikis oder Weblogs, soziale Netzwerke, Content Feeds); n eine Unterstützung von benutzerzentrierter Vorgehensweise bei Bildung und lebenslangem Lernen; Benutzer/-innen konsumieren Bildungsinhalte nicht nur, sondern entwickeln ihre eigenen E-Portfolios und teilen Lernergebnisse und Erfahrungen mit Mitstreiter/-innen«. Immer wieder wird jedoch bei solchen Auflistungen von Potenzialen darauf hingewiesen, dass diese Chancen von offenen Bildungsressourcen auch aktiv unterstützt werden müssen und sich nur unter der Voraussetzung von entsprechenden didaktischen und organisatorischen Begleitmaßnahmen erfüllen: Insbesondere ist dabei auf entsprechende »offene« Lehrmethoden und Lernszenarien hinzuweisen, die den Lernenden auch Mçglichkeiten der Selbstorganisation und/oder Selbststeuerung einräumen (Zauchner/Baumgartner 2007). Eine aktuelle Befragung von Bildungsexpert/-innen in Europa bestätigt unter anderem, dass die Nutzung von OER beispielsweise den Wandel des Lernenden vom passiven Rezipienten zum aktiv Beitragenden fçrdert (64 Prozent Zustimmung, OPAL 2011, S. 65).

Potenziale für die Gesellschaft

Führt man diesen Gedanken weiter, sind OER auch ein Schlüsselfaktor, um solche »offenen« Lern- und Lehrmethoden zeitgemäß umzusetzen. Folglich sollten offene Bildungsressourcen auch ein wesentliches Element sein, um lebenslanges Lernen sowie Wissensgesellschaften zu unterstützen (cf. Geser 2007; Schaffert/Geser 2008). OER-Initiativen werden jedoch auch çffentlich und von Stiftungen gefçrdert, weil sie allgemein den Zugang zur Bildung erleichtern kçnnen. Politisch interessant sind ebenso mçgliche Kostenersparnisse (HylØn 2006): Im çffentlichen Bildungswesen müssen gedruckte (oft teure) Bücher gekauft werden, die für eine geringere Summe çffentlicher Gelder auch kostenfrei online zur Verfügung gestellt werden kçnnen. Insgesamt bergen OER neben Einsparungseffekten auch die Mçglichkeit, den

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Ressourcenpool für innovative Bildungsideen zu erweitern, einfacher anzupassen und zu aktualisieren (Geser 2007, S. 20). Sind die Materialien frei zugänglich, kann man einfacher und kostengünstiger passende Bildungsmaterialien finden – oder auch anpassen. Potenziell kann so auch die Qualität von Bildungsressourcen erhçht werden, wenn die Mçglichkeiten der Verbesserung und der Qualitätskontrolle durch Systeme unterstützt werden (ebd.). Neben den unmittelbaren Potenzialen der Kostenersparnisse und der Qualitätsverbesserung bei der Bildung wird immer wieder, insbesondere für die Autor/-innen von OER sowie von Einrichtungen, die OER anbieten, auf Reputationseffekte hingewiesen: Durch OER kann man auf Lehrende oder auch potenzielle Bildungsanbieter aufmerksam werden. So weist HylØn (2006) darauf hin: »Institutions to be engaged in OER will profit from good public relations, the materials can function as a show-window attracting new students«. Es gibt also eine Reihe von politischen, finanziellen, altruistischen und didaktischen Argumenten, OER zu erstellen bzw. diese Idee zu unterstützen. Schaffert (2010) sammelte die Begründungen von Hochschulen, die OERStrategien einführten, und konzentrierte sich dabei auf die angestrebten organisationalen Veränderungsprozesse (und nicht etwaige altruistische Motive, vgl. Abbildung 1).
Reputationseffekte

Argumentationen für OER-Strategien in Einrichtungen

Abb. 1: Angestrebte organisatorische Veränderungen durch die Einführung von OERStrategien in Hochschulen. Quelle: überarbeitete Darstellung nach Schaffert (2010), in Anlehnung an eine Darstellung von Seufert/Euler (2005)

Im Hinblick auf die eigene Organisation gibt es nach dieser Darstellung vier Handlungsfelder für den Einsatz von offenen Bildungsressourcen und die Einführung von OER-Strategien in Hochschulen. n OER kçnnen die Studierenden und Lehrenden adressieren, damit der unkomplizierte Zugriff auf Informationen und Materialien für Studierende und Lehrende gegeben ist – damit ist auch durch die Verçffentlichung und Offenheit eine gewisser Grad an Qualitätssicherung gegeben: Was potenziell die ganze Welt sehen kann, wird ggf. (noch) sorgfältiger erstellt. n OER, insbesondere damit verbundene offene Lern- und Lehrsettings beim gemeinsamen Erstellen von Lernressourcen, kçnnen auch die Einführung neuer Lernkulturen unterstützen.

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n OER kçnnen außerdem zu Marketingzwecken verwendet werden, einerseits um neue Studierende zu werben oder andererseits um mçgliche Reputationseffekte für die Bildungseinrichtung (»Die tun Gutes für freien Zugang zur Bildung«) zu schaffen. Ergänzend wurde hier ein weiteres Argument aufgenommen, das immer häufiger von Seiten der Hochschulen genannt wird: (Neue) Studierende kçnnen sich leichter zu Studieninhalten und -methoden informieren bzw. einen Eindruck verschaffen, wenn OER zur Verfügung gestellt werden. n OER kçnnen schließlich, im Sinne von offenen Innovationen, auch Kooperationsmçglichkeiten mit anderen Lehrenden und Lernenden ermçglichen und dadurch Impulse und Verbesserungen an der eigenen Einrichtung anstoßen oder auch neue Formen des Lernens anregen, z. B. kooperatives Lernen über Einrichtungen hinweg.
Nutzung unterschiedlicher Kanäle – das Beispiel der TU Graz

Die Technische Universität Graz hat als erste çsterreichische Universität eine Open-Content-Strategie entwickelt, auch um ihrem çffentlichen Bildungsauftrag nachzukommen (Ebner/Stçckler-Penz 2011).

Abb. 2: Unterschiedliche Zielsetzungen und Kanäle für Aufzeichnungen an der Technischen Universität Graz. Quelle: Ebner/Stçckler-Penz 2011, Abbildung 3 (nachgezeichnet)

In Abbildung 2 wird gezeigt, wie gegebenenfalls unterschiedliche Kanäle genutzt werden müssen, um mit offenen Bildungsressourcen die entsprechenden Zielgruppen zu erreichen. Exemplarisch werden hier die Podcast- oder Aufzeichnungsaktivitäten dargestellt, die nur einen Teil der offenen Bildungsressourcen der TU Graz darstellen (vgl. opencontent.tugraz.at). Für die bestehende Zielgruppe, die Studierenden und Lehrenden vor Ort, werden seit 2006 gezielt Vorlesungen, Übungen und Seminare aufgezeichnet und den Lernenden angeboten. Neben der Zur-Verfügung-Stellung für die Lehrveranstaltungsteilnehmer/-innen sind auch ausgewählte Aufzeichnungen frei zugänglich und kçnnen zum eigenen Lehr- und Lerngebrauch verwendet werden. Kurze Zeit später ist speziell für die Zielgruppe der berufsbegleitenden Lernenden und der Life-Long-Lerner/-innen (zumeist in Aufbaulehrgängen) ein Webserver zum Livestreaming in Betrieb gegangen. Damit ist es mçglich, Vorlesungsinhalte synchron über das Internet anzusehen und die Anwesenheitszeiten flexibler zu gestalten. In diesem Fall handelt es sich auch um bestehende Zielgruppen, die nun über einen verbesserten Service angesprochen werden. Seit 2009 bietet die TU Graz Aufzeichnungen und Videos 8
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auf iTunes U an und beginnt damit eine gänzlich neue Zielgruppen anzusprechen – Studierende von morgen, die sich für das Angebote der TU Graz interessieren, ehemalige Studierende und generell an wissenschaftlichen Bildungsinhalten Interessierte. Einerseits dient also die Verçffentlichung in einer der grçßten Plattformen der Welt zu Reputationszwecken und anderseits auch, um vor allem dem çffentlichen Bildungsauftrag nachzukommen bzw. Inhalte leichter zugänglich zu machen. Neben Vorlesungsaufzeichnungen und Dokumenten werden besonders auch »außergewçhnliche« Vorträge und Veranstaltungen zur Verfügung gestellt und damit nachhaltiger für die Öffentlichkeit gemacht. Ob die Aufzeichnungen der TU Graz – die entsprechend lizenziert sind – zukünftig auch von Externen modifiziert und variiert werden kçnnen und dies entsprechend bei der TU Graz selbst zu Veränderungen führt, ist derzeit noch offen.

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OER in der Praxis: OER finden, erstellen und teilen

Wie man als Lehrender (oder auch Lernender) aktiv OER nutzen und erstellen kann, wird nun im folgenden Abschnitt skizziert. Dabei orientieren wir uns in erster Linie an den OLCOS-Tutorien (via olcos.org), bei denen es auch etliche Übungsaufgaben sowie kurze Videos gibt. Bei der Entwicklung und Verçffentlichung von OER geht es im Wesentlichen um die Gewährleistung des Prinzips der Offenheit, welches durch entsprechende technologische Werkzeuge und frei zugängliche Software (häufig basierend auf Wiki-Systemen), freie Lizenzierungsmodelle, ausreichende Beschreibung der Objekte und Materialien, Qualitätssicherungsstrategien sowie die Nutzung entsprechender Datenbanken und Verzeichnisse mçglich wird. Bevor Sie mit der Suche nach OER beginnen, sollten Sie erste übliche didaktische Überlegungen (Zielgruppe, Zielsetzung, Gestaltung) getroffen haben. Dann kann die Recherche beginnen. Wie bereits einleitend festgestellt, ist das Internet voll mit vermeintlich freien Materialien. Für Unterricht oder Weiterbildung frei nutzbar sind jedoch nur solche, die entsprechend lizenziert wurden. Am verbreitetesten ist im deutschsprachigen Raum die Creative-Commons-Lizenz (kurz CC-Lizenz, sie wird später noch genauer beschrieben), und in vielen Suchmaschinen und -funktionen wird die gezielte Suche nach solchen Materialien unterstützt. So lässt sich bei Yahoo oder auch Google bei den erweiterten Suchoptionen einstellen, dass nur solche CC-Materialien gefunden werden. Auf der Webseite von Creative Commons kann ebenso das Web insgesamt durchsucht werden (creativecommons.org). Auch einige Medienplattformen wie Jamendo.com (für Musik) und FlickR.com (für Fotos) erlauben Recherchen nach CC-Materialien. Auf diese Weise sollten schon einige brauchbaren Elemente und Fundstücke entdeckt werden kçnnen. Einschlägige, umfangreichere Bildungsressourcen »verstecken« sich jedoch häufig auf den entsprechenden OER-Portalen und -Verzeichnissen. Es ist daher sinnvoll, nach entsprechenden Websites zu recherchieren (eine Liste findet sich bspw. im Wikieducator.org oder bei creativecommons.org/education) und dort entsprechende Suchanfragen zu stellen. Weil diese Suche auf verteilten Webseiten lästig ist, wurde 2005 eine globale Suchmaschine für Lernobjekte, die Metasuchmaschine für OER (www.globe-info.org) entwickelt. Auch sie deckt leider nur einen Teil der Repositories ab, aber die SuSuchen und Finden von OER

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che nach deutschsprachigen Hochschulmaterialien führt bestimmt auch hier zu einigen Treffern.
Entwickeln und Verändern von OER

Wurden brauchbare Materialien oder Elemente für den eigenen Unterricht gefunden, sollte – in der Regel wird das auch durch die Lizenz vorgeschrieben – ein Vermerk zum Ersteller eingefügt werden. Beste OER-Tradition ist es, Materialien in einer Weise zu erstellen, die die Wiederverwendung erleichtert. Dazu sollten Dateiformate mit offenen Standards verwendet werden (z. B. für Bilder .png, für Texte Open-Office-Formate, .html oder .xml) und bevorzugt solche, die das Modifizieren auch einfach machen (lieber eine .html-Datei als eine PDF-Datei). OER muss nicht, aber kann auch gemeinsam mit anderen erstellt werden. Das macht oft Spaß, bringt Arbeitserleichterungen und neue Ideen hervor. Es gibt eine Reihe von Plattformen, die sich das gemeinsame Erstellen von OER zum Ziel gesetzt haben, viele davon sind Wiki-basiert (siehe erster Abschnitt, ergänzend sind hier u. a. lemill.com, connexions.org, currici.org oder wikiversity.org zu nennen).

OER publizieren und wiederverwenden

Es ist bestimmt nicht das Schlechteste, die eigenen erstellten OER-Materialien auf der eigenen Webseite, z. B. dem eigenen Weblog anzubieten und anzupreisen, vor allem dann, wenn man entsprechende Leser/-innen und Besucher/-innen der Seite hat. Im Regelfall ist es jedoch sinnvoll – wenn man die eigenen Materialien aktiv anderen zur Verfügung stellen will – sie auf dem jeweils für das eigene Themenfeld einschlägigen Repository hochzuladen und entsprechend zu verschlagworten, ggf. mit Metadaten zu versehen bzw. den Richtlinien entsprechend zu publizieren. Für das eigene Material bietet so ein Vorgehen die besten Voraussetzungen, da es sich ggf. schnell verbreitet, überarbeitet und verbessert wird. Für die Urheber ermçglicht dieses Vorgehen, dass Chancen für Reputationseffekte und Vernetzungen mit Kollegen entstehen, die weitere Synergien ermçglichen.

Wichtig: die Lizenzierung

In den USA gibt es die Mçglichkeit, Materialien im Internet als »public domain« zur Verfügung zu stellen. Das Urheberrecht im deutschsprachigen Europa sieht dies jedoch nicht vor, da ein Verzicht auf die geistigen Eigentumsrechte nicht mçglich ist. Eine entsprechende Lizenz ermçglicht jedoch, die Art der Nutzung und Verwendung zu definieren, damit nicht jeder Einzelne Verträge mit den Urhebern eingehen muss. Es gibt eine Reihe von Lizenzmodellen, die prinzipiell in Frage kommen, nur macht es Sinn, die derzeit im OER-Bereich am weitest verbreiteten, die sog. Creative-Commons-Lizenzen zu nutzen. Die CC-Lizenzen haben, wie alle Lizenzmodelle, den Vorteil, dass hier juristisch abgesichert die (erlaubte) Nutzung der Materialien definiert wird und in der Regel auch allgemeinverständlich beschrieben ist.

Abb. 3: Creative Commons Lizenz und Symbole für unterschiedliche erlaubte Nutzungsformen. Quelle: CreativeCommons.org (abgerufen am 07. 08. 2011)

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Alle CC-Lizenzen erlauben die Nutzung von Materialien, allerdings wird diese im Detail genauer definiert und es gibt eine Reihe von Optionen, die man als OER-Ersteller und -Nutzer/-in im Auge behalten sollte (vgl. Abbildung 3): n In der Regel muss der Urheber genannt werden (»by«). n Modifikation kann, muss aber nicht erlaubt sein (»no derivation«). n Es kann vorgeschrieben sein, dass die Nutzer/-innen der Materialien unter der gleichen Lizenz verçffentlichen müssen (»share alike«). n Die kommerzielle Nutzung kann ausgeschlossen werden (»non commercial«). Idealerweise sollten OER zur Modifikation freigegeben sein, das heißt, Drittpersonen sollten Beiträge überarbeiten bzw. modifizieren – in der Regel unter Namensnennung der ursprünglichen Verfasser/-innen – sowie wieder verçffentlichen kçnnen. Ein solchermaßen lizenziertes Material ist schneller für die besonderen Bedürfnisse anderer Lehrenden abänderbar, kann gut kombiniert oder eben aktualisiert werden. Wie gesagt: Die Urheber behalten ihre Urheberrechte und kçnnen natürlich unbenommen der Lizenz mit einzelnen Anderen andere Absprachen treffen.

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OER sind anders: Entwicklung und Vertrieb

Mit OER verbunden ist auf den ersten Blick vor allem eine neue, offene Art der Zurverfügungstellung und des Miteinanders beim Erstellen von Lehr- und Lernmaterialien. Vergleicht man jedoch die Erstellung und auch den »Vertrieb« von OER mit den Erstellungs- und Vertriebsprozessen von traditionellen, oft gedruckten und käuflich erwerbbaren Materialien, fällt auf, dass man mit OER in vielerlei Hinsicht neue, andere Wege einschlägt. Abschließend werden wir dabei zwei Aspekte aufgegriffen: die Qualitätssicherung wie auch die Erlçsmodelle. Bei traditionellen Lehrmaterialien, z. B. Arbeitsbüchern, erfolgt die Qualitätskontrolle in der Regel mittels interner Qualitätskontrollen durch Fachredakteure und Lektoren beim Fachverlag. Wenn große Bildungseinrichtungen OER-Strategien aufgreifen und ihr Material auf der eigenen Homepage verçffentlichen, gibt es ebenso interne Qualitätskontrollen, z. B. durch Kollegen. Bei den freien Plattformen finden sich hingegen oft neuartige Praktiken der Qualitätskontrolle, zum Beispiel durch Nutzerkommentare und -bewertungen. Derzeit gibt es eine Reihe von formalen und eher informellen, offenen Formen des Qualitätsmanagements von OER, die derzeit in Erprobung und Diskussion sind (siehe Abbildung 4; HylØn 2006; Ehlers 2011; siehe auch das Projekt OPAL unter www.oer-quality.org).

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Abb. 4: Qualitästmanagementansätze bei OER. Quelle: HylØn 2006 (übersetzt)

Ein wichtiger weiterer Aspekt ist die Finanzierung von OER: Auch wenn OER definitionsgemäß kostenfrei zugänglich sind, entstehen sie natürlich nicht kostenlos und müssen daher finanziert werden. OER-Initiativen und -Forschungsprojekte sind häufig bildungspolitisch initiiert (vgl. OECD 2007) und entsprechend gefçrdert, beispielsweise durch Kofinanzierungen der Europäischen Kommission. Es gibt inzwischen auch Bildungseinrichtungen, die eigene OER-Strategien verfolgen und auch aus Marketinggründen die Erstellung von OER unterstützen. Auch für einzelne Lehrende kann sich OER auszahlen, zum Beispiel, weil sie aufgrund von Videoaufzeichnungen oder interessantem Lehrmaterial als Dozent oder Referent engagiert werden. Doch gibt es – anders als bei herkçmmlichen Materialien – keine unmittelbar zu erwartenden finanziellen Erträge, es findet ja kein Verkauf der OER statt. Wie schaut also ein Geschäftsmodell aus, damit solche Inhalte auch nachhaltig im Internet erhalten bleiben und langfristig einerseits von den Lernenden genutzt werden kçnnen und andererseits auch gesichert ist, dass das Angebot seitens der Betreiber aufrecht gehalten, erneuert und gewartet werden kann? Für ehrenamtliche Unternehmungen, wie das eingangs erwähnte ehrenamtlich erstellte Lehrbuch »Lernen und Lehren mit Technologien« (L3T, www. l3t.eu) ist es notwendig, mittelfristig auch finanzielle Einnahmen zu erzielen, da entsprechende Systeme und Webseiten gewartet werden müssen. Neuartige Geschäftsmodelle, beispielsweise durch ergänzende Angebote wie (kostenpflichtige) Printversionen oder (kostenpflichtige) erweiterte E-BookVarianten und Sponsorenmodelle sind daher in Entwicklung und Erprobung (siehe Schçn/Ebner/Lienhardt 2011). Alles in allem sind offene Bildungsressourcen nicht nur eine gute, sondern auch eine spannende Entwicklung!

Literaturhinweise
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