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Chancen, die nie wiederkommen

Beate Weber zog bei ihrer letzten Neujahrsansprache als Oberbürgermeisterin eine kleine Bilanz ihrer
Amtszeit – Rund 1000 Gäste dabei

Beate W eber bei ihrer letzten Neujahrsansprache als Oberbürgermeisterin. Foto: Kresin

Von Ingrid Thoms-Hoffmann

Das war mehr als die letzte Neujahrsansprache im Amt der Oberbürgermeisterin. Was Beate Weber da gestern vor
über 1000 Zuhörern in der Heidelberger Stadthalle zu sagen hatte, das klang nach einer vorgezogenen Bilanz ihrer
Amtszeit. Und es klang vor allem nach einem Liebesbekenntnis an diese Stadt und diese Region.

Langer Applaus begleitete die Oberbürgermeisterin, als sie nach fast einer Stunde das Rednerpult auf der Bühne
verließ und auf ihrem Platz in der ersten Reihe zustrebte. Applaus für kluge Zitate, für Allgemeingültiges und
Heidelberg Spezifisches.

Kaum ein Themenbereich, den die Sozialdemokratin ausgespart hätte. Ob demografischer Wandel samt Familienpolitik
und ein Mehrgenerationenhaus in der geplanten Bahnstadt (Heidelberg wird bis zum Jahr 2020 von 148 500 auf 154
900 Einwohner anwachsen) oder Kulturpolitik als „Teil der Daseinsvorsorge“ (Heidelberg belegt mit 128,7 Euro je
Einwohner bei den Kulturausgaben bundesweit einen Spitzenplatz und liegt noch vor Stuttgart). Ob Heidelberg als
Forschungsstandort oder der „einmalige Dreiklang“ (Wirtschaft, Wissenschaft, Lebensqualität) der neu gegründeten
Metropolregion Rhein-Neckar. Beate Weber hatte im wahrsten Wortsinn viel „abzuarbeiten“.

Und der ganz persönliche Freund . . .

Offenbar angesteckt von der überschäumenden Vitalität eines Generalmusikdirektors Cornelius Meister und des
Philharmonischen Orchesters mit der Ouvertüre zu „Der Studentenprinz“, präsentierte sich eine entspannte, lockere
Verwaltungschefin.

Dass sie nicht alle Gäste – selbst die prominenten – namentlich erwähnen konnte, sah ihr das große Publikum nach.
Schließlich ist auch ein Neujahrsempfang zeitlich begrenzt. Um es pauschal zu sagen: Fast alles was in der
Universitätsstadt Rang und Namen hat, war der Einladung gefolgt: Firmenbosse, Kirchenvertreter, Kulturschaffende
und Universitätsvertreter. Aber auch Behördenleiter (erstmals dabei Regierungspräsident Kühner), Politiker (im Amt
oder ins Amt strebend) waren gekommen. Die „immer junge“ Schriftstellerin Hilde Domin musste natürlich erwähnt
werden und Webers „ganz persönlicher Freund“, der übrigens ein Jahr vor ihr (am 30. Januar) verabschiedet werden
wird, Schriesheims Bürgermeister Peter Riehl.

Aber es waren vor allem die Nicht-Promis, vor denen sich Weber (sinnbildlich) verneigte: Alle jene Ehrenamtlichen,
die mit dazu beitragen, dass eine Stadt lebenswert bleibt. Dazu gehören auch die Jugendlichen des neu gewählten
Jugendrates. Und diese Ehrenamtlichen, wie auch die engagierten jungen Leute, strafen das von Weber vorgebrachte
Habermas-Zitat Lügen: „Doch uns scheinen politisches, gesellschaftliches oder ästhetisches Urteilen abhanden zu
kommen. Was den USA ihr Fundamentalismus ist den Deutschen die abnehmende Lust am öffentlichen und
politischen Leben.“ Von wegen abnehmenden Lust: 76 Prozent der Heidelberger Schüler gingen an die Urnen, um ihre
Gemeindeparlamentarier zu wählen. Auch wenn der – ebenfalls von Weber zitierte – Konfliktforscher Wilhelm
Heitmeyer Recht hat mit seiner „verstörten Gesellschaft“, in der die Menschen glauben, dass der Einzelne nur noch
wenig zur Entwicklung unserer Gesellschaft beitragen kann, so liefert sie doch mit den von ihr ins Leben gerufenen
runden Tischen, Zukunftswerkstätten, Bürgerversammlungen das Gegenteil.

1990 gab Weber den Heidelbergern ein Versprechen: „Demokratie muss wieder eine öffentliche Angelegenheit
werden“. Mit kommunalpolitischen Weichenstellungen habe sie versucht, dieses Versprechen einzuhalten.

Wo Heidelberg draufsteht . . .

Eine Weichenstellung kommt quasi kurz vor Schluss: Der mögliche Bau eines Fußballstadions. „Manchmal öffnen sich
im Leben für wenige Augenblicke Türen, mit Chancen, die nie wiederkommen. Wenn man zu lange zögert, geht die
Tür wieder zu und man hat etwas verpasst.“ Beate Weber hat, das wissen alle, nicht lange gezögert, als sie von
Dietmar Hopps Stadionplänen erfuhr. Ihre Überlegung: Wenn ein neuer Club FC Kurpfalz Heidelberg heißen soll,
warum soll sein Standort dann nicht in Heidelberg sein? Und von Anfang an war ihr klar: „Wo Heidelberg draufsteht,
soll auch Heidelberg drin sein“. In diesem Sinne erarbeitet zur Zeit eine eigens eingerichtete Arbeitsgruppe mit
Hochdruck an den Planungsgrundlage im Süden Heidelbergs. Demnächst wird der Gemeinderat der Stadt eine
Grundsatzentscheidung fällen. Die vereinzelten Buh-Rufe und Pfiffe zu diesen jüngsten Sportplänen gingen im großen
Applaus allerdings unter.