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Rechtsgeschichte_-_Fragenkatalog_-_Neschwara

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Österreichische und Europäische Rechtsgeschichte

Fragenkatalog Ao.Prof.Dr.Neschwara

I. Das Heilige Römische Reich als rechtlich-politischer Rahmen für die Ausbildung der Länder im Mittelalter
1. Entstehung des Deutschen Reiches Das Heilige Römische Reich ging aus dem Fränkischen Reich hervor. Am Höhepunkt der politischen Macht der Karolinger – mit der Kaiserkrönung von Karl dem Großen um 800 – erschien das Frankenreich in seiner immensen Ausdehnung als Wiedererrichtung des antiken römischen Reiches. Nach dem Tod Karls des Großen zerfiel das Reich unter seinen Nachkommen. Es entstanden das Westfrankenreich, Ostfrankenreich, das spätere Deutsche Reich; ein Mittelreich und Burgund und Ober- und Mittel-Italien bilden zunächst noch eigene Königreiche. Mit dem Erwerb der Kaiserwürde durch den ostfränkischen König Otto I 962 stellten sie – nun unter einem gemeinsamen Oberhaupt verbunden – Nebenreiche des Deutschen Reiches dar. Dieses Römisch Deutsche Reich dominierte im Hochmittelalter als politische Macht. 2. Deutscher König Der deutsche König wurde Rex genannt, seit dem 11. Jahrhundert führte er dauernd den Titel eines rex romanorum. Dieser Titel ist die Folge der politisch-rechtlichen Verbindungen des Deutschen Reiches mit Ober- und Mittelitalien und damit der Verbindung des deutschen Königtums mit dem römischen Kaisertum. Das deutsche Königtum wurzelte in weltlichen Herrschaftsideen. Daher war es auch geleitet vom Erfordernis der Mitwirkung der Beherrschten bei der Auswahl des Herrschers, vor allem durch ihrer Zustimmung zur Person des Königs. Wesentliches Kriterium aus Sicht der Kirche war hierfür die Eignung (Idoneität) des Königs für sein Amt. Der König war formal betrachtet der Inhaber der Jurisdiktion, er war aber überdies auch zur Rechtssetzung berufen. Die Aufgaben als Herrscher durfte der König nur gemeinsam mit dem Adel und höheren Geistlichen ausüben. Der König sollte ein friedliches und rechtmäßiges Zusammenleben gewährleisten, durch Gebot des sog. Königsfriedens und Verbot der Selbsthilfe (Fehde) sowie durch Rechtsprechung (und Gebot von Landfrieden) die Schwachen schützen. Der König konnte Gebote und Verbote erlassen, aufgrund des sog. Königbanns auch Strafen verhängen. Der König war aufgrund seiner militärischen Leitungsgewalt oberster Heerführer, ihm oblag daher auch die Vertretung des Reiches nach außen. Weitere Befugnisse: Reichskirchenhoheit, Verwaltung des Reichsguts, und die Verfügung über Regalien, das sind Hoheitsrechte, die dem Berechtigten einzelne Sachen oder Personen seinem Schutz und damit ausschließlichen Zugriff unterstellten (Geleitrecht, Münz- und Zollregal). Der König konnte zwar Befehle erteilen und ihre Nichteinhaltung sanktionieren, es standen ihm dazu jedoch keine sachlichen Mittel zur Verfügung, diesen waren nicht durch bestimmte Herrschafts-Institutionen greifbar, sondern nur in Beziehung zu anderen Herrschaftsbeteiligten. 3. Thronfolgeprinzipien im Deutschen Reich Die Auswahl des Königs stand allen freien Männern der Stämme zu, war aber bald nur mehr bestimmten, bevorrechteten Stammesgenossen (Adeligen) vorbehalten und den höheren Geistlichen. Die Auswahl des Königs und die Thronfolge standen im Mittelalter im Spannungsfeld von Wahlrecht des hohen Adels und Geblütsrecht einer bestimmten Dynastie (Königsheil) Versuchen der Königsdynastie, die Thronfolge erblich zu machen Bemühungen der Kirche, aus dem Gesichtspunkt der Idoneität, ihren Einfluss auf die Auswahl des Königs geltend zu machen. Bis zum Ende des Hochmittelalters überwog das Geblütsrecht als Thronfolgeprinzip, danach setzte sich die Wahl durch. Kriterium der Wählbarkeit eines Königs blieb dessen Verwandtschaftsverhältnis zum ersten König zu seinen unmittelbaren Vorgängern im Amt, bis zum ersten König Heinrich I. Zum König war nur ein kleiner Kreis, dieser beschränkte sich faktisch auf die Angehörigen des hohen Adels. 4. Kurfürstenkollegium Die Kur war die öffentliche Bekanntgabe des Gewählten, sie war die feierliche Willenserklärung der Ranghöchsten Königs-Wähler, und damit das Ergebnis der Wahlentscheidung. Hierbei war Einstimmigkeit erforderlich. Ungeachtet des Einstimmigkeitserfordernisses bei der Wahlentscheidung gab es in der Praxis häufig das Problem von Doppelwahlen und der Wahl von Gegenkönigen. Im Verlaufe der Entwicklung erfolgte eine ständige Reduktion des Kreises der Königswähler: Er beschränkte sich schließlich auf eine kleine geschlossene Gruppe von höchsten Reichsfürsten als Kollegium der Kurfürsten. Wolf führt das Königswahlrecht darauf zurück, dass jedenfalls die vier weltlichen Kurfürsten mit dem ursprünglichen Königshaus der Ottonen – weitschichtig über Tochterstämme – verwandtschaftlich verbunden gewesen sind. Zu Mitte des 14. Jahrhunderts erfolgte durch die Goldene Bulle eine Verschriftlichung des gewohnheitsrechtlich herausgebildeten Wahlrechts, darüber hinaus wurde die seit etwa 1300 bestehende Zusammensetzung des Kurfürstenkollegs festgeschrieben und das Stimmrecht der Kurfürsten mit der Herrschaft über das jeweilige Kurfürstentum verknüpft sowie zur Stabilisierung der Zusammensetzung des Kollegiums der Königswähler die Unteilbarkeit der Kurfürstentümer verankert; dies sollte eine Vermehrung der Kurwürden durch Herrschaftsteilungen verhindern. 5. Verfahren deutscher Königswahl Zum König wählbar war faktisch jeder freie Mann, doch beschränkte sich der Kreis der Kandidaten faktisch auf die Angehörigen des hohen Adels. Bei Verletzung seiner Herrscherpflichten hatte das Volk das Recht zum Widerstand gegen den König. Das Wahlrecht war dem hohen Adel vorbehalten, es erfolgte aber keine numerische Zählung der einzelnen Stimmen, sondern eine Gewichtung nach dem politischen Rang des jeweiligen Wählers. Bis Ende des Hochmittelalters ging dem Wahlverfahren eine Vorwahl voran, welche Verhandlungen der Wahlberechtigten untereinander und mit potentiellen Königs-Kandidaten vorbehalten war. Die Krönung war der publizitätswirksame Abschluss. Sie erfolgte durch den Erzbischof von Köln mittels Salbung und Übergabe der Reichsinsignien seit Beginn der Neuzeit ebenfalls in Frankfurt/Main. 6. Römischer Kaiser Der deutsche König besaß als Kaiser vor anderen Königen bloß einen Rangvorzug, nicht aber auch politische Hoheit; der behauptete Universal(Weltherrschafts-)Anspruch war faktisch nicht durchsetzbar.

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Dem Kaiser oblag aus seiner Schutzfunktion für die römische Kirche, die Pflicht zur Verteidigung der Christenheit, sie manifestierte sich in der Missionierung Ostmitteleuropas und in den Kreuzzügen. Die vom Kaiser aus seiner Schutzfunktion behaupteten, Rechte gegenüber der Kirche, wie das Recht, Päpste ein- und abzusetzen, waren nur bis zum Investiturstreit relevant. 7. translatio imperii Aus Sicht der Kirche stellte der Krönungsakt eine translatio imperii durch den Papst an den deutschen König dar. Die Kirche, vor allem der Papst, war daher sehr darum bemüht, einen Einfluss auf die Wahl des deutschen Königs zu gewinnen. Gemäß Papstgesetz war der König aus der Sicht der Kirche in imperatorem promovendus. 8. renovatio imperii Der Rechtsanspruch des deutschen Königs auf Erwerb der römischen Kaiserwürde entstand in Verbindung mit der Vorstellung, dass mit der Kaiserkrönung des ostfränkischen Königs Otto I. eine renovatio imperii erfolgt war. 9. Ottonische Kirchenpolitik Das Reichskirchensystem beruhte auf der Vorstellung, dass dem Grundherrn, vor allem dem König, als Träger der Herrschaft über die auf seinem Grund und Boden lebenden Personen auch über die darauf bestehenden Einrichtungen der Kirche eine entsprechende Leitungsgewalt zukomme, und zwar unter einschließlich der Besetzung kirchlicher Ämter. Um den Einfluss mächtiger Stammesherzöge zurückzudrängen bzw. um der Erblichkeit von verliehenem Reichsgut und königlicher Hoheitsrechte in deren Händen entgegenzutreten, waren vor allem die Ottonen und Salier darangegangen, höhere kirchliche Würdenträger mit königlichen Hoheitsrechten und Reichsgut auszustatten.. Es wurden vor allem Vertrauensleute des Königs als Amtsträger und Stützen der Reichsgewalt herangezogen. Bischöfe und Äbte wurden dadurch zu Trägern von weltlicher Herrschaft. 10. geistliche Reichsfürsten Bis zum 11. Jh. Hatte das Papsttum keine Vorbehalte gegen dieses Vorgehen der deutschen Könige. Erst die Reformbewegung von Cluny trat dann radikal gegen diese Herrschaftspraxis auf. Eine dauerhafte Beilegung des Konflikts gelang mit dem Wormser Konkordat 1122 mit der Differenzierung der Herrschaftsrechte von Geistlichen in Spiritualia und Temporalia Damit war zum Teil auch eine funktionelle Trennung von Reich und Kirche in die Wege geleitet, und zwar durch den Verzicht des Kaisers auf Investitur von Geistlichen in geistliche Ämter mit kirchlichen Symbolen und die Zuerkennung freier Bischofs- und Abtswahlen. Der rechtmäßig Gewählte hatte einen als ius ad rem den König zwingenden Anspruch auf die Ausstattung mit weltlicher Herrschaftsgewalt. 11. Verhältnis Staat – Kirche/MA Nach Auffassung kirchlicher Autoritäten war es die Aufgabe des Staates das Reich Gottes schon auf Erden zu verwirklichen. Staat und Kirche bilden daher eine Einheit. Bis zu Beginn des Hochmittelalters waren weltliche und geistliche Sphäre tatsächlich eng ineinander verzahnt. Im 11. Jahrhundert brachen Konflikte auf, die im Heiligen Römischen Reich zum sog. Investiturstreit um den Bestand des sog. Reichskirchensystems führten. Die Einräumung weltlicher Herrschaft geschah durch Übergabe von weltlichen Herrschaftssymbolen. Dies wurde als Akt der Belehnung angesehen, welche bei adeligen Lehnmännern des Königs durch Übergabe von Fahnen symbolisiert wurde, und mit dem Ablegen eines Treueides schlossen. An die Investitur schloss die Weihe und Ausstattung mit der geistlichen Leitungsgewalt. Mit dem Wormser Konkordat hat der Kaiser die Personalhoheit über höhere Kirchenämter verloren. Aus geistlichen Reichsbeamten waren königliche Lehnmänner geworden; sie rangierten in der Lehnhierarchie noch vor den adeligen Lehnmännern des Königs. Es stellte sich aber weiterhin die Notwendigkeit einer theoretischen Abgrenzung von geistlicher und weltlicher Macht, vor allem nach dem sog. Interregnum. Der Papst hatte nämlich gestützt auf die Idee der translatio imperii für sich das Recht in Anspruch genommen, über die Rechtmäßigkeit der deutschen Königswahl zu entscheiden. 12. Stände siehe andere Fragen 13. Feudalismus Das Reich war als Feudalstaat organisiert, so dass der König auf die Masse der Bevölkerung nur noch mittelbar einwirken konnte, nämlich als oberster Lehnherr im Reich über seine Lehnsmänner. Das Lehnrecht wurde im 12. Jahrhundert zur Grundlage der Herrschafts- und Verfassungsordnung. Diese Feudalisierung der Reichsverfassung wurde mit dem Wormser Konkordat 1122 forciert und war mit der Gewährung der sog. Fürstenprivilegien abgeschlossen. Seitdem waren alle Herrschaftsträger im Reich – der König und die Reichsfürsten – durch gegenseitige Rechte und Pflichten auf Grundlage des Lehnrechts miteinander verbunden. Sie alle standen in einer strikten Hierarchie, einer Lehnpyramide zeitgenössisch Heerschildordnung genannt. Sie war ursprünglich eine militärische Ordnung und wandelte sich zu einer Ständeordnung. In der Hierarchie der Heerschildordnung stand der König an der Spitze, dann die Geistlichen Reichsfürsten, die Weltlichen Reichsfürsten, die Grafen und Freiherrn sowie ihre Dienstmannen, und die Ritter auf der letzten Stufe Die Heerschildordnung war eine strenge Rangordnung zu- und untereinander. Die Fähigkeit, ein Lehn annehmen zu können, bestand also nur soweit, als es die Heerschildordnung zuließ. Besonderheiten des Lehnrechts ergaben sich im Deutschen Reich zum einen deswegen, weil die Vermutung dafür sprach dass Grund und Boden in der Hand von Lehnnehmern des Königs im Zweifel deren freies Eigen bildete, andererseits gab es keinen allgemeinen Treuvorbehalt zugunsten des Königs. Seit dem Hochmittelalter waren alle politischen Machthaber zum König mit-, und durch Weiterverlehnung auch untereinander verbunden. 14. Leihezwang

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Eine erhebliche Schwächung hatte das Erblichwerden der Lehn nach sich gezogen, weil der König nicht nur dazu verpflichtet war, die nach dem Tod eines weltlichen Lehnmannes erledigten Lehn dem jeweiligen Rechtsnachfolger wieder zu verleihen, sondern auch die durch das Aussterben einer Dynastie. Er konnte sie nicht – so wie etwa der König von Frankreich – zugunsten der Krone, und damit zur Stärkung der Königsherrschaft einziehen. Die Nachfolge bestimmte sich nach dem Erbrecht in das – frei verfügbare – Allodialvermögen (relative Leihezwang). Ein solcher Leihezwang hat den König auch in Bezug auf solche Reichslehn getroffen, welche nach Erlöschen einer Dynastie vakant wurden. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von einem absoluten Leihezwang. Bei weltlichen Lehnnehmern des Königs hat sich ein solcher Leihezwang aber aus der Ermächtigung zur letztwilligen Bestimmung eines Lehnnachfolgers im Fall von Kinderlosigkeit (ius affectandi) aufgrund besonderer Privilegierung durch den König im Einzelfall ergeben. Bei Geistlichen Lehnmännern des Königs ist aber für diesen ein solcher Leihezwang mit dem Wormser Konkordat dadurch entstanden, dass der König verpflichtet wurde, den gemäß kanonischer Wahl bestimmten rechtmäßigen Nachfolger im Kirchenamt, mit den weltlichen Herrschaftsbefugnissen zu belehnen, worauf der Gewählte einen Rechtsanspruch im Sinne eines ius ad rem, nämlich auf Belehnung, erworben hatte. 15. Wormser Konkordat siehe vorherigen Fragen 16. Lehnrecht Dieses wurde zu einem dominierenden Element des Herrschafts- bzw. später des Staatsaufbaus: Elemente: Wirtschaftliche, politisch-verwaltungsmäßige und militärische Die wesentliche Wirkung bestand in der wechselseitigen Treuebindung zwischen Lehnherrn und Lehnnehmer: Der Lehnnehmer hatte alles zu unterlassen, was dem Lehnherrn schadete, er war ihm zu Rat und Hilfe verpflichtet, durch die sog. Heerfahrt (Kriegsdienstleistung) und die sog. Hoffahrt. Auch der Lehnherr musste alles unterlassen, was dem Lehnmann schadete, er war ihm zu Schutz und Schirm verpflichtet, außerdem für dessen Unterhalt zu sorgen und zwar durch die Einräumung eines Lehngutes, das regelmäßig aus Grundbesitz bestand. Ein Lehnverhältnis wurde begründet durch die Unterwerfung des Lehnmannes unter die Schutzgewalt des Lehnherrn, die sog. Mannschaftsleistung und die Ablegung eines Treueides. Der Belehnungsakt schloss mit der sog. Investitur, der Einräumung der Sachherrschaft des Lehnmannes am Lehngut. Sie begründete vermögensrechtliche Beziehungen. Ein Lehnverhältnis endet durch den Tod des Lehnherrn oder Lehnnehmers, ab dem 9. Jahrhundert etablierte sich die Erblichkeit der lehn und die Erneuerung des Lehnverhältnisses durch den jeweiligen Rechtsnachfolger. Jedenfalls endete es bei Untreue (Felonie) also bei Verletzung der Lehnpflichten. 17. Landfriedenbewegung Seit dem Hochmittelalter kam es wiederholt zu Vereinbarungen von Landfrieden; sie enthalten zumeist fehderegulierende Vorschriften. Besondere, nämlich verfassungsrechtliche Relevanz, etwa in Bezug auf die Ausübung der Regalien oder die Verhängung der Reichsacht, kam dem 1235 von Friedrich II. zu Mainz verkündeten Reichslandfrieden zu. Landfrieden wurden seit dem 11. Jahrhundert zur Beschränkung des Fehdewesens vereinbart: die gerichtliche Konfliktlösung unter Schutz des Königs sollte die gewaltförmige Selbsthilfe ersetzen. Ein dauerhafter Erfolg der Landfriedensbewegung stellte sich erst an der Wende zur Neuzeit ein. 18. Staufische Reichsreform Der Adel hatte sich auf Basis der erblich gewordenen Grafenämter und der damit verbundenen Herrschaftsbezirke als Lehn schon in karolingischer Zeit eine solide politische Machtbasis aufgebaut. Die weltlichen wie auch die geistlichen Fürsten bauten im Verlauf des Hochmittelalters ihre Herrschaft über bestimmte Personenverbände des Reiches zur Herrschaft über räumlich abgegrenzte Gebiete aus. Die Entstehung hing mit einem Prozess zusammen, der nicht nur das Reich, sondern ganz Europa politisch umgestaltete. Durch das Wormser Konkordat wurden die Träger der Reichskirche zu unmittelbaren Amtsträgern des Königs zu Fürsten, denen die Belehnung übertragenen Hoheitsrechte auch nicht mehr willkürlich entzogen werden konnten. In gleicher Weisen wie die geistlichen wurden in der Folge auch alle weltlichen Reichsfürsten in die Reichsverfassung eingebunden. Alle Herrschaftsträger im Reich standen dadurch in lehnrechtlichen Beziehungen zum König. Das für die Reichsverfassung neue Element lag aber nicht allein im Lehnrecht als rechtlicher Grundlage zur Ausübung von Hoheitsrechten des Reichs, sondern auch in der Verknüpfung der Ausübung solcher Herrschaftsbefugnissen in einem bestimmten Territorium. Am Ende blieb von den fünf Stammesherzogtümern des Reiches nur das verkleinerte Bayern übrig, alle anderen zerfielen. Zu Beginn des Spätmittelalters zeichnete sich mit dieser territorialen Umbildung die Entstehung der Länder als neue Organisationsstrukturen des Reiches ab. Das ursprüngliche Organisationsprinzip der Ausübung von Herrschaft auf personaler Grundlage im Rahmen der Stammesverbände wurde durch die Herrschaft innerhalb eines räumlich relativ geschlossenen Territoriums ersetzt. Damit ist der Begriff Land verbunden, als Herrschaftsbezirk mit dem an räumlichen Kriterien orientierten Landrecht, anstelle der ursprünglichen Stammesrechte mit ihrem Personalitätsprinzip als Rechtsordnung von diversen adeligen und geistlichen Herrschaftsträgern innerhalb eines bestimmten Territoriums. 19. Territorialherzogtümer Die räumlichen Grundlagen der Herrschaftsordnungen wurden im Wesentlichen vom Fränkischen Reich übernommen, nämlich die Amtherzogtümer Franken, Schwaben, Bayern, Sachsen und Lothringen. An der Spitze stand der Amtsherzog, der aber innerhalb seines Stammesverbandes eine königsgleiche Stellung besaß. Zur Beschränkung der politischen Macht der Stammesherzöge und als Mittel zur Stärkung der Königsgewalt wurden schon in fränkischer Zeit die Grafschaften geschaffen. An der Spitze stand der Graf als Amtsträger des Königs. Er sorgte für die Durchsetzung der königlichen Gewalt innerhalb der Stammesverbände, vor allem zur Friedenssicherung sowie der Handhabung der Gerichtsbarkeit und zur Führung des militärischen Aufgebots und Erhaltung und Verwaltung des Königguts. Ferner bestanden Markgrafschaften als Grenzbezirke. Sie waren großräumiger als die Grafschaften, an der Spitze stand der Markgraf mit erweiterten Kompetenzen. Schließlich gab es von der Grafengewalt exemte Herrschaftsbezirke,

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Immunitäten, sie entstanden durch königliche Privilegierung insbesondere zugunsten geistlicher Grundherrn. 20. Arten der Landesherrschaft Die Ausbildung der Länder ist im mitteleuropäisch-deutschen Raum vielschichtig und uneinheitlich verlaufen, neben geografischen, wirtschaftlichen und ethnischen Faktoren sind es auch unterschiedliche politische Kräfte gewesen: Weltliche Fürsten Geistliche Fürsten Bäuerliche Bevölkerung Städtische Bevölkerung Im Verlauf des Spätmittelalters war das Reich in zahlreiche differenzierte Herrschaften zersplittert, vor allem Herzogtümer Grafschaften Reichsstädte Reichsritter Vögte Sie alle hatten durch ihre Lehnbeziehungen zum König den Status der Reichsunmittelbarkeit und auch einen Anteil an der Reichsherrschaft. Sie vermittelte eine gewisse Autonomie im Rahen der Reichsverfassung. Der Erwerb dieser sog. Reichsstandschaft ist das Ergebnis eines politischen Prozesses, der unter der Dynastie der Staufer einsetzte und zu Beginn der Neuzeit im Wesentlichen abgeschlossen war. Der Anteil der Reichsstände an der Reichsherrschaft manifestierte sich etwa bei den Verhandlungen um politisch-rechtliche Entscheidungen des Königs oder über die Einhebung von Reichssteuern oder Verfügungen über Reichsgut sowie bei der Rechtsfeststellung und in der Funktion von Urteilern im königlichen Gericht. Der Reichstag wurde zu einem ständigem politischen Forum der Reichsstände. Er war seitdem in drei Gruppen von Reichsständen gegliedert, sog. Kurien, nämlich in jene der Kurfürsten, der übrigen Reichsfürsten sowie der Reichsstädte. 21. Landesherrlichkeit siehe anderer Fragenkatalog 22. Landeshoheit siehe anderer Fragenkatalog

23. Grundherrschaft siehe anderer Fragenkatalog

24. Gutsherrschaft Gutsherrschaft ist im Gegensatz zur Grundherrschaft Herrschaft über die in der dominierenden Eigenwirtschaft des Gutsherrn beschäftigten Landarbeiter, d.h., nicht so sehr über Familien und Gesinde, als über Einzelpersonen. Diese stehen jeweils für sich, ohne selbst einer Personenmehrheit vorzustehen, und sind der Herrschaft bloß unter-, nicht aber eingeordnet. Die Gutsherrschaft ist überdies ein organisierter, auf Gewinn gerichteter Betrieb, die wirtschaftliche Funktion der Grundherrschaft hingegen besteht in der Selbstversorgung des Grundherrn und der Hofbesitzer. 25. Arten mittelalterlicher Städte siehe vorherige Fragen 26. Zunft Zünfte sind genossenschaftliche Selbstverwaltungsorganisationen des städtischen Handwerks. Sie entstehen ab dem 12. Jahrhundert in der Regel durch den zwangsweisen Zusammenschluss gleichartiger Gewerbe auf Befehl des Stadtherrn. Diese sogenannten Ämter fungieren als stadtherrliche Verwaltungsorganisationen. Ab dem 13. Jahrhundert schließen sich die einzelnen Gewerbe überdies zu kirchlichen Bruderschaften zusammen, denen die Förderung des religiösen Lebens obliegt. Organe der Zeche sind der Zechmeister und das Zechtaiding als Versammlung aller Zechengenossen. Die Zechen bilden in umfassender Weise den gesellschaftlich-religiösen, wirtschaftlichen und rechtlichen Rahme der in ihnen zusammengeschlossenen Handwerker. II. Das Heilige Römische Reich als rechtlich-politischer Rahmen für die Ausbildung der Länder zu Staaten in der Frühneuzeit 21. Landesherrlichkeit Die Staatlichkeit des Reiches war weder exklusiv noch allumfassend, sie reduzierte sich auf jene Belange, die von Kaiser und Reichsständen gemeinsam geregelt wurden (Fragen des Rechts, innerer Frieden, Außenverteidigung) Die übrigen nahmen die Reichsstände als Landesfürsten in ihren Gebieten wahr, die aus dem Mittelalter überkommende Landesherrschaft als Verfassungsordnung der Reichsterritorien erfuhr dadurch zu Beginn der Neuzeit einen markanten Wandel von einer personalbezogenen zu einer territorialbezogenen Herrschaft, von der Landesherrlichkeit zur Landeshoheit. 22. Landeshoheit Diese leitet sich, anders als die Landesherrlichkeit, nicht aus einem Bündel von verliehenen Hoheitsrechten ab, sondern wurde als selbständige, originäre und daher auf das jeweilige Land bezogene Hoheitsgewalt (ius eminens) aufgefasst. Die Landeshoheit umfasste eine eigene Gesetzgebung und sofern Exemtionsprivilegien bestanden eine vom Reich unabhängige Gerichtshoheit Verwaltung der Regalien Religionshoheit Recht ein eigenes Heer aufzustellen

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Recht, Krieg zu erklären und Frieden zu schließen Recht, Bündnisse zu schließen, ausgenommen solche, die sich gegen Kaiser und Reich richteten. 27. römischer König siehe andere Fragen 28. erwählter römischer König siehe andere Fragen 29. Kaiser/NZ siehe andere Fragen 30. Reichsvikariat Sofern nicht ein designierter Nachfolger bereits zur Verfügung stand, war bis zur Wahl des Nachfolgers eine Stellvertretung im Königsamt durch das sog. Reichsvikariat vacante imperio zur Verwaltung des Reiches vorgesehen, und zwar durch den Pfalzgrafen bei Rhein für den Westen und den Herzog von Sachsen für den Osten des Reiches. Auch bei vorübergehender Abwesenheit des Königs vom Reich, etwa infolge Kriegs- oder Kreuzzugs oder Romzugs zur Kaiserkrönung war eine Stellvertretung durch ein Reichsvikariat absente rege vorgesehen. 31. Wahlkapitulationen Die regelmäßige Vereinbarung von Wahlkapitulationen ist seit 1519 zu beobachten, erstmals bei der Wahl Karls V. Sie sind Verträge zwischen dem Kandidaten um das Kaiseramt und den Wählern, den Kurfürsten. Sie binden den Herrscher durch Eid an die bestehende Verfassungsordnung und bezwecken die Sicherung und den Ausbau der reichsständischen Freiheiten, der sog. Ständischen Libertät. Sie gaben der Reichsherrschaft als Kompetenzverteilung zwischen dem König und Reichsständen eine konstante Grundlage und liefen im Ergebnis auf eine Beschränkung der Rechte des Kaisers hinaus. 32. Hl. Röm. Reich deutscher Nation Seit der Kaiserkrönung des ostfränkischen Königs Otto I. lebte die Idee der renovatio imperii in der Vorstellung auf, dass das antike Römische Reich im ostfränkisch-deutschen Reich eine Fortsetzung gefunden habe. Der Erwerb der römischen Kaiserwürde erfolgte durch die Verleihung seitens des Papstes mit der Krönung in Rom, womit sich auch die Vorstellung einer Übertragung des Reiches verband, einer translatio imperii des antiken römischen Reiches durch den Papst auf den deutschen König. Plakativ sichtbar gemacht wurden die Ideen auch in der seit Anfang des 11. Jahrhunderts gebräuchlichen Bezeichnung des Reiches als Imperium Romanum. In Verbindung mit den Schutzfunktionen des Kaisers für die römische Kirche trat sodann seit Mitte des 12. Jahrhunderts als neuer Name auch Sacrum Imperium. Zu Mitte des 13. Jahrhunderts verbanden sich diese beiden Namen schließlich zur Formel Sacrum Romanum Imperium. Seit Mitte des 14. Jahrhunderts: Heiliges Römisches Reich. Dieses umfasst das Deutsche Reich, sowie als Nebenreiche Burgund und Italien. Bedingt durch den Verlust von Reichsgebieten im Verlauf des Mittelalters, vor allem von Burgund an Frankreich und das Schwinden des kaiserlichen Einflusses im Gebiet von Reichsitalien prägte sich im 15 Jahrhundert der Name Heiliges Römisches Reich deutscher Nation. 33. Staatsform des Heiligen Römischen Reiches Das Reich stellte zu Beginn des 18. Jahrhunderts keinen geschlossenen Macht- und Flächenstaat dar. Es fehlten ihm Eigenschaften eines modernen Staates, vor allem konnte es kein zentralistisches Institutionsgefüge entwickeln. Die Rechtsnatur konnte nicht mehr mit den überlieferten staats- und völkerrechtlichen Begriffen erfass werden. Sein Regierungssystem stellte seit dem ausgehenden Mittelalter ein gegenseitiges Herrschaftsverhältnis von Kaiser und Reichsständen dar: Das Reich war daher insofern ein Dualistischer Ständestaat, wobei im Verhältnis der beiden Herrschaftsträger im Verlaufe der Neuzeit zunächst der Kaiser dominierte, seit Mitte des 17. Jahrhunderts aber die Reichsstände. Der Kaiser besaß seine Machtbasis vor allem in den eigenen Erbländern, als Bündnispartner im Reich unterstützten ihn lediglich die politisch weniger potenten Reichsstände, denen der Kaiser Schutz vor der Inkorporation in die Herrschaft von politisch mächtigeren Reichsständen leisten konnte. Das im Reichstag politisch zusammenarbeitende Reich ist als Reich in einem engeren Sinn anzusehen; es ist zu Beginn der Neuzeit auch deutlich kleiner als der formal fortbestehende Lehnverband des Reiches. Das politisch engere Reich wurde in jüngster Zeit als komplementärer Reichs-Staat charakterisiert, der in verschieden, sich unterschiedlich ergänzenden Herrschaftsebenen zutage tritt. 34. Kaiseramt = erblich? Das Reich ist bis zu seinem Ende eine Wahlmonarchie geblieben, faktisch wurden aber ausschließlich Habsburger in das Amt des Reichsoberhauptes gewählt. Die Wahl folgte auch in der Neuzeit den Regeln der Goldenen Bull. Im 16. Jahrhundert setzte sich definitiv die Ansicht durch, dass die Königswahl auch den Erwerb der Kaiserwürde einschloss. Mit dem Kaiser besaß das Reich zwar eine monarchische Spitze, er war jedoch in seinen Hoheitsrechten durch vielfältige, in ihrem Umfang und in ihrer Wirkung stark differenzierte, Mitwirkungs- und Zustimmungsrechte der Reichsstände, vorab der Kurfürsten, gebunden, und zwar vor allem in der Außenpolitik, Gerichtshoheit, Vergabe von Reichslehen, Gesetzgebung 35. Reichsreformen/NZ Dieser Begriff kennzeichnet einen Prozess, mit dem eine Konzentration und Intensivierung der Reichsherrschaft eingeleitet werden sollte. Dieser dauerte mehr als ein Vierteljahrhundert, wurde dann aber durch den Ausbruch der Konfessionskonflikte überlagert und blieb daher bruchstückhaft. Mit der Reichsreform erfuhr das Reich aber einen markanten Institutionalisierungsschub, von dem es bis zu seinem Ende 1806 profitieren konnte.

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Im Einzelnen brachte die Reichsreform: 1495 den Ewigen Landfrieden sowie die Errichtung des Reichskammergerichts. 1500/1512 Einteilung des Reichsgebietes in Verwaltungssprengel, sog. Reichskreise. 1500/2 und 1521/1530 existierten Reichsregimente als Gremien der Reichsstände zur Beteiligung an den Regierungshandlungen des Kaisers. 1521 wurden mit der Einrichtung sog. Reichsmatrikel die Leistungen der Reichsstände zum Reichsheer und ihre sonstigen finanziellen Beiträge im Kriegsfall festgelegt. 36. Reichstag Die Reichsstände hatten im Reichstag ihr Forum zur Mitwirkung an der Reichsregierung und der Gesetzgebung. Von den kaiserlichen Vorrechten abgesehen, besaß er eine im Wesentlichen uneingeschränkte Kompetenz. Voraussetzung für die Teilnahme an den Verhandlungen am Reichstag blieb die Reichsstandschaft. Der Reichstag stellte daher auch in der Neuzeit kein Parlament dar, die politische Macht war auf einige hundert Personen verteilt, während die Masse der Bevölkerung von der politischen Willensbildung ausgeschlossen blieb. Seit Ende des Spätmittelalters gab es drei Kollegien: das Kurfürstenkollegium, den Reichsfürstenrat und das Städtekollegium. 37. Reichsfürstenrat Der Reichsfürstenrat bestand aus den reichsständischen Fürsten und Bischöfen, reichsständischen Prälaten, Äbte und Äbtissinnen sowie den reichsständischen Grafen und Freiherrn. Er war in zwei Abteilungen gegliedert, eine weltliche Bank und, eine geistliche Bank. Den Vorsitz führten alternierend der Erzbischof von Salzburg und der Erzherzog von Österreich. 38. Städtekurie Dem Kollegium der Reichsstädte war erst seit 1582 fallweise und schließlich seit 1648 definitiv das Stimmrecht zugesichert. Die Reichstags-Kollegien tagten getrennt voneinander. Das Kollegium der Kurfürsten und der Reichsfürstenrat verhandelten solange miteinander, bis Übereinstimmung erzielt war, erst dann wurde das Städtekollegium in die Willensbildung einbezogen. Innerhalb der Kollegien galt das Mehrheitsprinzip. 39. itio in partes In Religionsangelegenheiten war seit dem Westfälischen Frieden ein Sonderverfahren, die sog. Itio in Partes vorgesehen: verhandelt wurde nicht getrennt nach der Kuriengliederung, sondern nach der Konfessionszugehörigkeit der Reichsstände, geteilt in zwei Körper, ein Corpus Caholicorum und ein Corpus Evangelicorum. Die Entscheidung musste darüber hinaus im Weg einer freundlichen Übereinstimmung erfolgen, also nicht nach dem Mehrheitsprinzip sondern aufgrund von Einhelligkeit. 40. Reichskreise Die Reichskreise hatten einen Doppelcharakter, sie fungierten als Verwaltungssprengel des Reiches sowie zugleich auch als Selbstverwaltungskörper der Reichsstände im jeweiligen Kreisgebiet. Die Zuständigkeit der Reichskreise betraf den Landfriedenschutz und die Reichsverteidigung, die Wahl der Beisitzer des Reichskammergerichts und die Vollstreckung seiner Urteile, sowie einige wirtschaftspolitische und polizeiliche Agenden in Zusammenhang mit der Handhabung der Reichspolizeiordnungen. 41. Reichsregiment Diese wurden 1500/2 und 1521/30 geschaffen und sie fungierten als Gremien der Reichsstände zur Beteiligung an den Regierungshandlungen des Kaisers. Das erste Reichsregiment stand unter Führung des Kurerzkanzlers von Mainz, es sollte als Regierung der Reichsstände den Kaiser bei der Handhabung seiner Kompetenzen beraten und beaufsichtigen, mangels Interesses der Reichsstände wurde es bereits 1502 wieder beendet. Das zweite Reichsregiment war eine Art Reichsvikariat der Reichsstände für den abwesenden Kaiser. Die Initiative dazu kam unter anderem auch vom Kaiser selbst. Es stand unter der Leitung des österreichischen Erzherzogs Ferdinand, als er 1530 die römische Königswürde erwarb, löste sich das Reichsregiment auf. 42. Reichskammergericht Es wurde 1495 geschaffen; aufgrund von Exemtionsprivilegien – zugunsten politisch mächtiger Reichsstände – war die Wirkung des Reichskammergerichts als Reichsgericht von vorneherein ausgehöhlt. 43. Reichshofrat Es gab eine Reihe von Behörden, die primär zur Verwaltung ihrer Länderverbindungen genutzt wurden, die aber zugleich auch als Reichsbehörden fungierten; auf ihre Besetzung hatten die Reichsstände nur wenig Einfluss, wie beim Reichshofrat (zunächst als kaiserliche Behörde zur Erledigung sämtlicher Angelegenheiten in Reich und Erbländern gedacht; seit Mitte des 16. Jahrhunderts als Reichsbehörde Gericht und Beratungsorgan des Kaisers in Regierung und Verwaltung des Reiches. 44. Reichsverfassungsgesetze Die der Reichsherrschaft verbliebene Gesetzgebung war der Willensbildung von Kaiser und Reichsständen vorbehalten: Ihr Ort war der Reichstag. Die von den Reichstags-Kollegien übereinstimmend gefassten, und vom Kaiser sanktionierten, Beschlüsse wurden nicht amtlich promulgiert, sondern auf Veranlassung der Reichsstände im sog. Reichsabschied zusammengefasst. Grundsätzlich war in Bezug auf die Geltung von Reichsgesetze die allgemeine Rechtsanwendungsregel maßgeblich, wonach der engere Rechtskreis dem weiteren voranging; es galt die Kollisionsregel: Landrecht bricht Reichsrecht.

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45. einfache Reichsgesetze Reichsgesetze, sofern sie als Grundgesetze keine verfassungsrechtliche Relevanz hatten, man könnte sie daher auch als einfache Gesetze charakterisieren, stellten wohl normative Rahmenbedingungen auf, welche die Reichsstände auch auszuführen hatten. Es standen dazu verschiedene Wege offen: Sie konnten Anstelle von Reichsgesetzen eigene Landesgesetze schaffen. Sie konnten im Wege der Landesgesetzgebung Reichsrecht auch ergänzen bzw. durch einfache Reichsgesetze geschaffene Einrichtungen ausschließen und durch analoge landesgesetzliche ersetzen

46. Reichspolizeiordnungen Trotz Exemtion von der Reichsgesetzgebung findet im Haus Österreich eine Angleichung an das Reichsrecht statt: Die Reichspolizeiordnungen 1530 und 1548 geben das ziemlich genau kopierte Vorbild für die Polizeiordnungen 1542 und 1552 ab. 47. Constitutio Criminalis Carolina Das ist die peinliche Gerichtsordnung Kaiser Karl V. von 1532, sie enthält überwiegend Strafprozessrecht, jedoch auch materielles Strafrecht. Wegen der Salvatorischen Klausel tritt sie nur subsidiär in Geltung. 48. Gesetzesstaat Die Verfassungssituation in den Ländern war daher seitdem von einem politischen Dualismus in der Ausübung der Landesherrschaft geprägt, so dass diese Länder als dualistische Ständestaaten zu kennzeichnen sind. In der Folge kam es in den meisten Ländern zur Entstehung moderner Staatswesen, nach innen gefestigt durch Institutionen, dies durch den Ausbau der zumeist bereits bestehenden landesfürstlichen Behörden und den Aufbau eines juristisch geschulten Beamtenapparates. Die Länder wandelten sich zu institutionellen Flächenstaaten. Es kam zu einem markanten Abbau der Mitwirkungsrechte der Landstände an der Landesherrschaft bzw. ihres Anteils an der Landeshoheit, so dass ein politischer Absolutismus des Landesfürsten sich entfalten konnte. Ausschlaggebend dafür war vor allem die Monopolisierung der Gerichthoheit und der Gesetzgebungsbefugnis in der Hand des Landesfürsten bzw. seines Behördenapparates. Es trat eine markante Zweigleisigkeit im Behördenaufbau hervor, die auch den politischen Absolutismus des Landesfürsten überdauerte, so dass jedenfalls von einem institutionellen Dualismus gesprochen werden kann. 49. Reformation – Reichsverfassung In der frühen Neuzeit kam es zu schweren Glaubensauseinandersetzungen. Die Konfessionsfrage führte mit Beginn des 16. Jahrhunderts zum Zerfall der Einheit der Kirche. Ausschlaggebend dafür war vor allem die Opposition gegen den kirchlichen Ablasshandel unter Führung von Martin Luther. Die neuen religiösen Strömungen stellten nicht nur die römisch-päpstliche Kirchenhierarchie in Frage, sondern strebten, auch Veränderungen der staatspolitischen Sphäre an und tangierten damit das Verfassungsgefüge des Reiches. Nach der Einigung auf eine Neuordnung der konfessionellen Verhältnisse im Reich mit dem Passauer Vertrag 1552 gelang es 1555 mit dem Augsburger Religionsfrieden diesen Konflikt vorläufig beizulegen. Sein politischer Leitgedanke war, die Religionseinheit in den Ländern zu bewahren. Trotzdem zog diese Vereinbarung schwere Konflikte nach sich. Die konfessionelle Polarisierung führte zur Bildung von Bündnissen der Reichstände, der Union der protestantischen Reichsstände, als Träger der Reformation, und der Liga der katholischen Reichsstände, als Träger der Gegenreformation. Die Liga versuchte die protestantisch gewordenen Gebiete zu rekatholisieren. Der ständische Widerstand brach 1618 los und zog eine Reihe von militärischen Konflikten nach sich, in welche, nach der Niederlage des böhmischen Ständeheeres gegen den Kaiser und seine Verbündeten (Schlacht am Weißen Berg bei Prag 1620) und der Auflösung der Protestantischen Union auch ausländische Mächte an der Seite der protestantischen Partei eingegriffen haben, nach fast drei Jahrzehnten dauernden Auseinandersetzungen wurde ein Waffenstillstand vereinbart. 1648 erfolgte der Abschluss eines Friedensvertrages. Dieser führte zu einer Wiedereinsetzung jener Reichsstände in ihre früheren Rechte und Befugnisse, sie bestätigten den Augsburger Religionsfrieden und dehnten das ius reformandi auch auf Landesfürsten des helvetischen Bekenntnisses aus. Im Reich bewirkte der Ausgang des Glaubenskonfliktes eine politische Schwächung des Kaisers, während er die Position der Reichsstände stärkte, vor allem auch als Träger der Landesherrschaft: In ihren Ländern setzten sich die Reichsstände als Landesfürsten die Religionshoheit als Machtinstrument zur Ausschaltung der Landstände ein, so dass sich in einzelnen Ländern des Reiches bereits vor Mitte des 17. Jahrhunderts Ansätze zu einer absolutistischen Staatskonzeption abzuzeichnen begannen.

50. Reichsdeputationshauptschluss Am rechtlichen Verhältnis der einzelnen Länder zum Heiligen Römischen Reich tritt keine wesentliche Veränderung ein Besondere Bedeutung gewinnt der RDHS 1803, ein Reichsgrundgesetz, das, ausgelöst durch die Abtretung linksrheinischer Gebiete an Frankreich im Frieden von Luneville 1801, die politische Landschaft Deutschlands wesentlich durch Mediatisierung und Säkularisierung vereinfacht. Säkularisiert werden Salzburg, Brixen und Trient, diese Gebiete hören auf, geistliche Territorien zu sein. Während jedoch Salzburg weiterhin Land bleibt und überdies in den Rang eines Kurfürstentums aufsteigt, unterliegen Brixen und Trient auch noch der Mediatisierung, da sie dem Land Tirol einverleibt werden. Schließlich vermehrt der RDHS die Stimmen des österreichischen Monarchen am Reichstag; im Wesentlichen wird damit erstmals der Tatsache Rechnung getragen, dass er nicht einfacher, sondern mehrfacher Landesfürst ist. Die geschlossene Gebietsherrschaft wird nun endgültig realisiert. Neben einzelnen Erwerbsakten im 18. Jahrhundert führt schließlich der RDHS 1803 zu einer generellen Arrondierung durch reichsgesetzliche Mediatisierung (Eingliederung kleinerer Herrschaften in größere und/oder Säkularisierung (Unterstellung geistlicher Herrschaften unter weltliche Herrschaftsträger). Zur gesetzlichen Säkularisierung tritt auch vertragliche Mediatisierung, falls der neue weltliche Herrschaftsträger seine Rechte an einen größeren Territorialherrn veräußert: Salzburg wird 1803 säkularisiert und zum Kurfürstentum unter dem Großherzog der Toscana aus einer habsburgischen Nebenlinie erhoben; 1805 Kronland des Kaisertums Österreich; 1809 an Bayern abgetreten; 1816 kehrt es ohne Berchtesgaden und den Rupertiwinkel westlich der Salzach an das Kaisertum Österreich zurück. Tirol: 1803 Eingliederung der säkularisierten und mediatisierten Gebiete von Brixen, Trient und kleiner salzburgischer Enklaven wie etwa das Zillertal.

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51. ständische Libertät = Souveränität? Siehe vorherige Fragen 52. Rheinbund siehe andere Fragen 53. 1804: Bedeutung für die Reichsverfassung Patent vom 11.8.1804 betreffend die Annahme des Titels Kaiser von Österreich. Es handelt sich dabei ausdrücklich nur um eine Rangerhöhung des bisher mit keinem einheitlichen erblichen Titel ausgestatteten Monarchen, ohne in das Verfassungsgefüge des Gesamtstaates oder der einzelnen Länder einzugreifen. Die Annahme des Kaisertitels versteht sich aus der Befürchtung, dass in Zukunft das römisch-deutsche Wahlkaisertum an eine andere Dynastie übergehen könnte und dem Monarchen nicht mehr der umfassende und traditionsreiche Kaisertitel zur Verfügung stünde. Begründet wird die Rangerhöhung mit dem Hinweis, dass die an Macht gleichstehenden Staatsoberhäupter Russlands und Frankreichs den Kaisertitel trügen, wobei der französische zum auslösenden Moment der österreichischen Rangerhöhung wird. 54. 1806: Bedeutung für die Reichsverfassung Patent vom 6.8.1806, mit dem das Heilige Römische Reich für erloschen und die ehemaligen Reichsterritorien ebenso für völlig souverän wie die übrigen Teile des Kaisertum Österreichs erklärt werden; eine neue Titulatur des Monarchen und neue Wappen versinnbildlichen den nunmehr vollsouveränen föderativen Einheitsstaat. 55. Abdankung des Kaisers Aufgrund einer ultimativen Aufforderung Napoleons und dem Austritt der meisten deutschen Reichsstände aus dem Reich erklärt Franz II. dieses am 6.8.1806 für erloschen. Die Reichsterritorien des Kaisertum Österreich werden wie die übrigen ihrer Pflichten gegen das Reich entbunden. Diese Handlung entspricht nicht dem Reichsrecht. Mit dem Untergang des Reiches setzt sich auf oberster Ebene endgültig der Staat der Länderverbindung durch. Nun wird er zur obersten Organisationsform, zum Reich. Anders als das Reich kann das Land dem Druck des modernen Staates, insbesondere eines Gouvernementsbezirkes, standhalten. Gerade im Gebiet des heutigen Österreich bleibt die mittelalterliche Länder-Landschaft bis heute bestehen. III. Der Deutsche Bund als rechtlich-politisches Verhältnis der deutschen Staaten im Vormärz 56. Wiener Kongress Nach der Niederlage Napoleons I. und der Auflösung des Rheinbundes ist es eines der Ziele des Wiener Kongresses 1814/1815, Deutschland politisch in einem neuen rechtlichen Rahmen zu einigen. Erwogen werden die Pläne einer Wiedererrichtung des Heiligen Römischen Reiches, eines nationalen Einheitsstaates und eines Bundesstaates, sie scheitern aber an der beharrlich verteidigten Souveränität der Einzelstaaten und am Dualismus Preußen – Österreich. So ist allein die Form eines Staatenbundes zu realisieren, der die Aufrechterhaltung der einzelstaatlichen Souveränität ermöglicht. 57. politische Hintergründe DB Allianz Der Deutsche Bund dient der Aufrechterhaltung der Monarchischen Legitimität in den deutschen Staaten. Die in diesen durchzuführenden oder sogar ausnahmsweise den einzelnen Untertanen bindenden Gesetze des Deutschen Bundes wenden sich daher gegen die liberalen und nationalen Forderungen von Konstitution und Einheitsstaat. Die Bedeutung des Deutschen Bundes für das Kaisertum Österreich liegt somit darin, dass er das hier herrschende Verfassungssystem auf ganz Deutschland auszudehnen erlaubt, er sichert das vormärzliche Stabilitätssystem im deutschen Vorfeld ab. 58. DB/System Der Deutsche Bund ist als Vereinigung souveräner Staaten auf völkerrechtlicher Basis ein Staatenbund. Das Kaisertum Österreich gehört ihm mit seinen ehemaligen Reichsterritorien also nicht zur Gänze an. In der Bundesversammlung, dem einzigen Organ des Deutschen Bundes führt Österreich den Vorsitz. Die hier beschlossenen Bundesgesetze binden nur die Mitgliedsstaaten. Sollen sie deren Staatsbürger verpflichten, sind sie als Landesgesetze zu verkünden (Transformation). Trotz seiner völkerrechtlichen Basis enthält die Verfassung des Deutschen Bundes Beschränkungen der einzelstaatlichen Souveränität. 59. Souveränitätsbeschränkungen im Deutschen Bund Da die gesamte Staatsgewalt in dem Oberhaupte des Staates vereinigt bleiben aber auch eine landständische Verfassung stattfinden muss, ist den Einzelstaaten eine bestimmte Verfassung vorgeschrieben: Diese hat das Prinzip der Monarchischen Legitimität zu wahren, allerdings die Landstände an der Ausübung der Staatsgewalt zu beteiligen. Damit ist die absolute Monarchie untersagt. Da aber diese Landstände im bisherigen Sinn zu verstehen sind (sog. Gentz’sche Interpretation auf Veranlassung Metternichs) werden auch konstitutionelle Verfassungen mit einer Volksrepräsentation als verboten angesehen. Die Durchführung von Bundesverfassungsrecht und von Bundesgesetzen kann den Regierungen der Einzelstaaten durch Bundesexekution aufgezwungen werden. Aufruhr in einem Einzelstaat ermöglicht das Eingreifen des Bundes zugunsten der bestehenden Verfassungsordnung, allerdings in der Regel nur auf Ersuchen der betroffenen Regierung, auf eigene Initiative hin nur bei einem Aufstand in mehreren Staaten (Bundesintervention). Für das Kst. Österreich ist Auftrag, eine landständische Verfassung zu erlassen, von besonderem Interesse. Wie bekannt, besitzt der Gesamtstaat keine solche, seine Regierungsform gerade in den zum Deutschen Bund gehörigen Teilen ist die einer absoluten Monarchie. 60. Karlbader Beschlüsse Diese Gesetze binden ausnahmsweise den einzelnen Untertanen. Sie entstehen 1819 mit unter anderem dem Verbot der Burschenschaften und mit Universitätsüberwachung sowie diverse Beschlüsse nach dem national-liberalen Hambacher Fest 1832. Alle diese Beschlüsse wenden sich gegen die liberalen und nationalen Forderungen von Konstitution und Einheitsstaat, da der Deutsche Bund der Aufrechterhaltung der Monarchischen Legitimität in den deutschen Staaten dient. 61. Frühkonstitutionalismus Die Verfassungen 1848 und 1849 beruhen auf dem Prinzip des Frühkonstiutionalismus: Zur Verfassung des Frühkonstitutionalismus gesellt sich wie bisher das Prinzip des Föderalismus. Der Gesamtstaat ist somit frühkonstitutioneller Staat mit differenziertem Föderalismus.

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Das Prinzip der Monarchischen Legitimität wird nicht verletzt, die Verfassung im formellen Sinn wird vom Monarchen oktroyiert. Der Monarch ist alleiniger Träger der Souveränität, doch das Volk wird an der Ausübung der Staatsgewalt beteiligt. Das Parlament besteht nicht nur aus einem Abgeordnetenhaus, sondern auch einer ständischen Kammer nach dem Vorbild des englischen Oberhauses. Die Mitglieder dieser ersten Kammer, Pairskammer, Herrenhaus, werden zum überwiegenden Teil vom Monarchen ernannt, der somit deren Willensbildung durch sogenannte Pairsschübe beeinflussen kann. In der Regel besitzt das Parlament kein Selbstversammlungsrecht und keine Gesetzesinitiative. Es kann nur tätig werden, wenn es der Monarch einberuft und er oder die Regierung Gesetzesanträge stellen. Der Monarch hat ein absolutes Veto. Die Regierungsfunktion besorgt der Monarch mit den Ministern, diese werden vom Monarchen ernannt und sind dem Parlament verantwortlich. Unabhängige Gerichte besorgen die Gerichtsbarkeit, einige wenige Staatsbürgerrechte, nicht Menschenrechte, betreffen als Staatszielbestimmungen den Schutz von Gleichheit und Freiheit, Glauben und Gewissen sowie des Eigentums. 62. Oktroy Die Verfassung wird einseitig, ohne Mitwirken einer Volksvertretung vom Monarchen durchgesetzt. Schon damit ist ersichtlich, dass allein der Monarch Träger der Souveränität ist, doch wird das Volk an der Ausübung der Staatsgewalt beteiligt, vor allem an der Gesetzgebung durch gewählte Vertreter. 63. Grundrechte Gegen willkürliche Eingriffe des Staates sollen Grundrechte schützen. Sie sind Staatsbürger-, nur 1848 einige auch Menschenrechte. Nach der Verfassung 1848 kennt die Reichsverfassung 1849 folgende Rechte für den Gesamtstaat: Nationalitätenschutz Gleichheit vor dem Gesetz Aufhebung der Leibeigenschaft Unverletzlichkeit des Eigentums Grunderwerbs- und Erwerbsfreiheit Freiheit der Liegenschaften von unablösbaren Leistungen Freizügigkeit des Vermögens und der Person. Nur für Cisleithanien gewährt das Grundrechtspatent 1849 Glaubens- und Gewissensfreiheit, garantierte Rechtsstellung anerkannter Kirchen und Religionsgesellschaften, Wissenschafts- und Unterrichtsfreiheit, Recht auf Grundausbildung, Freiheit der Meinungsäußerung und Pressefreiheit, Petitionsrecht Vereins- und Versammlungsfreiheit, persönliche Freiheit, Recht auf Verfahren vor dem gesetzlichen Richter, Schutz des Hausrechts und des Briefgeheimnisses. Während die Grundrechte der Reichsverfassung und die drei erstgenannten des Grundrechtspatents nicht suspendiert werden dürfen, können die übrigen bei Krieg oder Unruhe im Inneren außer Wirksamkeit gesetzt werden. Sie alle sind mangels einer Verfassungsgerichtsbarkeit Staatszielbestimmungen. 64. Bauernbefreiung Die Grundherrschaft wird zum bloßen Großgrundbesitz, da sie ihre öffentlich-rechtlichen Befugnisse im Zuge der sogenannten Bauernbefreiung verliert. An die Stelle der Grund- aber auch der Stadtherrschaft treten staatliche Behörden und nach einer Übergangszeit die als einheitliche Lokalgewalt gedachte Gemeinde mit einem autonomen Wirkungsbereich. 65. DB – 1848 Bereits ein kooptiertes Gremium des Deutschen Bundes, der sog. 17-Ausschuss hatte den Entwurf eines deutschen Reichsgrundgesetzes erstellt. Der Deutsche Bund mit allen seinen zugehörigen Gebieten sollte von einem Staatenbund in einen konstitutionellen Bundesstaat umgewandelt werden. Was sollte aber mit jenen Staaten geschehen, die nicht zur Gänze dem Deutschen Bund angehörten? Für sie bedeutete die Umwandlung, dass neben die bisherige Staatsgewalt noch eine weitere, nämlich die des Bundesstaates treten würde. Dies hätte eine Spaltung ihres Hoheitsgebietes zur Folge. 66. Zustandekommen der Dt. NV 1848 Die Hoffnungen der Befreiungskriege 1813/14 hatte die Verfassung des Deutschen Bundes bei weitem nicht erfüllt: Nicht ein Volksstaat war entstanden, sondern ein monarchischer Staatenbund. Das Fehlen einer Volksvertretung und einer obersten Gerichtsbarkeit wurden als Mangel im Detail angesehen; durch die immer mehr zunehmende reaktionäre Haltung der Bundesversammlung kann der Deutsch Bund als solcher in weiten Kreisen der Bevölkerung in Misskredit. Angesichts der revolutionären Bewegungen im März 1848 ergriff die Bundesversammlung, wie erinnerlich unter dem Vorsitz Österreichs, von sich aus Maßnahmen zur Bundesreform, die in der Ausschreibung der Wahl zu einer konstituierenden Nationalversammlung gipfelten. Diese Wahl war nach dem Prinzip der Allgemeinheit und Gleichheit unter der Voraussetzung der Selbständigkeit durchzuführen, sodass bestimmte Personengruppen von der Wahl ausgeschlossen werden konnten. Die Entscheidung über die weiteren Grundsätze, nämlich Unmittelbarkeit und Öffentlichkeit bzw. deren Negierung, war den einzelnen Mitgliedsstaaten überlassen. 67. Paulskirche Die Konstituierende deutsche Nationalversammlung trat am 18.5.1848 in Frankfurt/Main im Gebäude der Paulskirche zusammen. Sie verstand sich als Inhaberin einer vom Volk legitimierten Staatsgewalt, als Trägerin der Volkssouveränität. Eine ihrer ersten Maßnahmen war die Schaffung einer provisorischen Reichszentralgewalt mit dem Reichsverweser als Staatsoberhaupt und einer praktisch der Nationalversammlung verantwortlichen Reichsregierung. 68. großdeutsche/kleindeutsche Lösung Die Kleindeutsche Partei wollte den deutschen Bundesstaat ohne das Kaisertum Österreich unter preußischer Führung verwirklichen, die Großdeutsche Partei dessen dem Deutschen Bund angehörende Gebiete in den neuen Staat miteinbeziehen. Im ersten Fall sollte also gegenüber dem Deutschen Bund eine Gebietsveränderung eintreten, im letzteren nicht. Doch entschied die Nationalversammlung selbst weder in der einen noch in einer anderen Richtung: Die §§ 2 und 3 des schließlich erarbeiteten Reichsverfassungsentwurfes lauten nämlich: Kein Teil des Deutschen Reiches darf mit nicht deutschen Ländern zu einem Staat vereinigt sein. Das Verhältnis zwischen beiden Ländern ist nach den Grundsätzen der reinen Personalunion zu ordnen. So war es letztlich Österreich überlassen, ob es als Einheitsstaat erhalten bleiben und damit dem künftigen Deutschen Reich nicht angehören oder sich auf eine bloße

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Personalunion zurückzuziehen und dem Deutschen Reich beitreten wolle. 69. Reichsverweser Durch die Konstituierende deutsche Nationalversammlung war die Konstruktion eines konstitutionellen Staates nachgeahmt. Die Bundesversammlung des Deutschen Bundes anerkannte diese Entwicklung am 12.7.1848 durch die Übertragung ihrer Befugnisse auf den Reichsverweser. Die Verfassung des Deutschen Bundes war damit provisorisch reformiert. Bis zur künftigen definitiven Verfassungsreform hatte er sich eine quasi-konstitutionelle Form gegeben. 70. Preußen und Österreich im DB Mit der Umwandlung in einen Bundesstaat verband sich eine Frage: Sollte das künftige Reichsoberhaupt der preußische König oder der österreichische Kaiser sein? Bejaht man diese Lösung, war damit natürlich entschieden, dass das Kaisertum Österreich dem künftigen deutschen Reich anzugehören hatte. Wünschte man hingegen den König von Preußen zum Deutschen Kaiser, war es schwer vorstellbar, dass er dem österreichischen Kaiser in einem gemeinsamen Staat übergeordnet wäre. Als Mitglied des Deutschen Bundes hatte das Kaisertum Österreich an der eben beschriebenen Verfassungsentwicklung starken Anteil. Noch vor den Wahlen zum österreichischen Reichstag waren jene zur Nationalversammlung durchgeführt worden, wo es mit 115 Abgeordneten von rund 550 vertreten war. Das Kaisertum Österreich stellte auch mehrere Mitglieder der Reichsregierung, mit Schmerling zeitweise den Reichsministerpräsidenten, überdies wurde Erzherzog Johann zum Reichsverweser gewählt. Im erwähnten 17-Ausschuss hatte bereits der österreichische Vertreter Schmerling der Umwandlung des Deutschen Bundes in einen Bundesstaat zugestimmt, also eine Lockerung des österreichischen Gesamtstaates in Kauf genommen. Eine andere Haltung nahm jedoch die österreichische Regierung Ficquelmont ein. Sie sprach ihre Absicht aus, in Hinblick auf die besonderen Verhältnisse des Gesamtstaates nur einer Lösung beitreten zu können, die mit der Wesenheit eines Staatenbundes vereinbar wäre. Eine klare Absage kam von der Regierung Schwarzenberg sowohl gegenüber der Großdeutschen als auch der kleindeutschen Lösung. Trotz dieser Absage nimmt am 28.3.1849 die Nationalversammlung die Verfassung des Deutschen Reiches an, und zwar noch immer mit dem Angebot an Österreich für das es auch die entsprechenden Sitze in der Länderkammer des Reichstags reserviert. Schließlich scheitert das Verfassungswerk an der Ablehnung der Kaiserwürde durch den preußischen König, die Nationalversammlung löst sich auf. Am 20.12.1849 legt Erzherzog Johann die Reichsverweserschaft nieder und überträgt die Zentralgewalt zurück an eine Kommission des Deutschen Bundes.

II. Mittelalter: Ausbildung der Länder und Länderverbindungen
1. Österreichbegriff Ursprünglich bezeichnet Österreich die Mark bzw. das Herzogtum an der Donau, aus dem sich zwei Länder entwickeln, wofür der Name fast kontinuierlich bis heute steht. Ab dem 15. Jahrhundert findet sich der Name mit Zusätzen als Bezeichnung für Ländergruppen. Die zweite Kreiseinteilung des Heiligen Römischen Reiches 1512 schafft einen seit 1521 Österreichischer Kreis benannten Verwaltungssprengel des Reiches. Von 1804 bis 1867 steht Kaisertum Österreich als Gesamtbezeichnung für alle von der Dynastie Habsburg-Lothringen regierten Gebiete. Ab 1915 werden die nichtungarischen Länder offiziell Österreich genannt. Ab 1918 steht Deutschösterreich für den neuen Staat. Ab 1919 wird er aufgrund des Vertrags von St. Germain bloß mit Deutschösterreich bezeichnet. Österreich steht ab dem 14./15. Jahrhundert in den Formen der Herrschaft Österreich und bald Haus Österreich als Bezeichnung für die landesfürstliche Dynastie der Habsburger, die damit der Beziehung zu ihrem neuen, gewichtigen Stammland Österreich den Vorzug einräumt vor jener zu ihrem Stammsitz, der Habsburg. Die Dynastie Habsburg, das Haus Österreich, vermittelt somit den Landesnamen Österreich an großräumige Gebietsherrschaften. 2. Begriff Land Das Land ist eine rechtliche Einheit von Dauer, die sich abhebt von anderen gleichartigen Organisationsformen, also Ländern; Untergeordneten Organisationsformen wie Städten, Märkten, Grundherrschaften und bäuerliche Gemeinden, übergeordneten Organisationsformen, nämlich dem Heiligen Römischen Reich und den Länderverbindungen. Wesenselemente des Landes sind Der Landesfürst, der als Reichsfürst das Land direkt vom Reichsoberhaupt zu Lehn nimmt und ehemals königliche Rechte zu eigenem Recht ausübt, die Landsgemeinde, als politisch bevorrechtete Rechtsgenossenschaften, später organisiert als Landstände, das Landesbewusstsein, das sich rechtlich in einem eigenen Landesnamen und Landeswappen manifestiert, das Landrecht als einheitlich empfundene Rechtsordnung, als Gewohnheitsrecht ist es nur sporadisch aufgezeichnet. 3. Länderwurzeln Amtsherzogtum – ein locker organisierter Verwaltungssprengel Mark – auf territorialer Basis errichtete Grenzbezirke Grafschaften – kleinräumige, einem Herzogtum unterstehende Verwaltungsgebiete 4. Arten der Länder nach Entstehung Je nach den Grundlagen vollzieht sich die Ausbildung des Landesgebietes in verschiedenen Formen: Restriktion eines Amtsherzogtums (Randgebiete fallen ab, verselbständigen sich) – Kärnten Expansion der Mark (Durch Rodung und Kolonisation bildet sich das Territorium) – Österreich oder Steiermark Fusion von Grafschaften (Die ursprünglich getrennten Gebiete verschmelzen zu einer neuen Einheit) – Salzburg, Tirol, Vorarlberg. Teilung (Das aus der Mark entstandene Land wird zu Verwaltungszwecken geteilt) – Land ob der Enns. Bei den Vorgängen der Restriktion, Expansion und Teilung kann die weitere Entwicklung auf einer bereits vorhandenen Einheit aufbauen, im Falle der Fusion muss diese erst geschaffen werden. Daher kann man zwei Gruppen von Ländern unterscheiden: Solche, die aus einer vorgegebenen Einheit entstehen und jene, die sich als erst zusammengewachsene Einheit darstellen. Bei den Ländern aus vorgegebener Einheit folgt die Konsolidierung im Inneren auf jene nach außen. Dieser Landesausbau vollzieht sich mit dem hohen Adel, dessen Position somit berücksichtigt und gewahrt bleibt. Bei den Ländern als erst zusammengewachsenen Einheit muss die reichsunmittelbare Position erst errungen werden und zwar auf Kosten einer bereits bestehenden. Diese bilden sich ohne frühzeitige räumliche Abgrenzung und ohne Reichsunmittelbarkeit. Es kommt zur Ausschaltung des hohen Adels, diesen Ländern fehlt daher ein eigener Herrenstand, was den Aufstieg anderer politischer Kräfte ermöglicht. Die Konsolidierung im Inneren zieht jene nach außen erst nach sich. Dies führt zu einer Frontstellung zu den bisher übergeordneten Ländern.

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5. Entstehung Steiermark und Kärnten a) Kärnten ab 880: in Personalunion mit Bayern verbunden 9./10. Jh.: Kärnten entwickelt sich zum fränkischen bzw. deutschen Amtsherzogtum ab 995: als „Karantanien“ mit den Marken Friaul, Verona und Istrien selbstständiger Verwaltungssprengel unter einem Herzog 12. Jh.: nach Verlust der Marken formiert sich Restgebiet als Territorialherzogtum mit großen Immunitätsbezirken 13. Jh.: landesfürstliche Stellung wird ausgebaut; Landsgemeinde, oberstes Landgericht und Landrecht existieren 14. Jh.: Stärkung dieser Elemente (z.B.: 1338 Landhandfeste). b) Steiermark nach 955: „Karantanische“ Mark (Teil des Hzgt. Kärnten) bildet mit zugehörigen Grafschaften einen festen territorialen Kern 12. Jh.: Entwicklung zum eigenständigen Land setzt ein 1122: neue Dynastie der Ottokare löst Verbindung zu Kärnten und baut landesfürstliche Stellung aus 1180: Erhebung zum Territorialherzogtum Mitte 13. Jh.: oberstes Landgericht, Landrecht und Landesämter sind ausgebildet

6. Entstehung NÖ und OÖ a) Land ob der Enns Keimzellen des späteren Landes: Traungau zwischen Hausruck und Enns und die Riedmark nördlich der Donau 13. Jh.: beide werden von den umliegenden Ländern deutlich abgegrenzt 1254: fallen mit Österreich an König Ottokar von Böhmen 1256/64: eigener Landrichter und 1299: eigene Gerichtsordnung begründen die Abgrenzung zum Land unter der Enns eigenes Landrecht und eigene Gerichtsgemeinde festigen die Landesbildung 15. Jh.: Ausbildung zum eigenen Land beendet mit Österreich unter der Enns bildet es jedoch bis 1806 ein Reichslehn b) Land unter der Enns 10. Jh.: Kern des späteren Landes ist mit eigenem Namen und eigener Dynastie ausgebildet, und zwar als Mark des Hzgt. Bayern 12. Jh.: Territorium gilt als landesrechtliche Einheit 1156: Erhebung zum Territorialherzogtum im Privilegium minus 13. Jh.: Aufzeichnung des öst. Landrechts; Existenz eines Landgerichts, eines Landrichters und Landschreibers; Landfriedensbund 14. Jh.: Stärkung der Gerichtshoheit durch privilegium de non evocando und de non appellando

7. Entstehung Tirol 11. Jh.: Bischöfe von Brixen und Trient erhalten die hauptsächlich zum Hzgt. Bayern gehörigen Grafschaften im Inn-, Etsch-, und Eisacktal übertragen à Ausbau der herzogsähnlichen Stellung und Lösung von Bayern (Bischöfe geben jedoch ihre Grafschaften an Vögte nicht als Amt, sondern zu Lehn aus à Festigung der Position der Vögte) 13. Jh.: Grafen auf der Burg Tirol bei Meran haben durch Erbfolge die meisten der erwähnten Grafschaften in ihrer Hand vereinigt, der Landesausbau unter dem Namen Tirol zeichnet sich ab Graf Meinhard II. aus dem Haus Görz treibt ihn zielbewusst durch Kauf und Fehde voran 1282: Landrecht wird erlassen 1335: Tirol gilt als eigens Reichslehn; Landstände formieren sich Bischöfe von Brixen und Trient bleiben bis knapp ans Ende des Hl. Röm. Reiches Reichsfürsten

8. Entstehung Salzburg ab 9. Jh.: Erzbischof von Salzburg übt in seiner Kirchenprovinz auch weltliche Herrschaftsbefugnisse aus, die ihm durch Verleihung, Schenkung und Rodung zuwachsen Streubesitz gruppiert sich um drei Mittelpunkte: Stadt Salzburg, Friesach und Leipzig 13. Jh.: Konsolidierung eines geschlossenen Territoriums nörd. des Alpenhauptkamms unter Einschluss des Lungaus + Ausbau der landesfürstlichen Stellung durch Aussterben der Hauptvögte und der Ausgabe der Vogteirechte nicht zu Lehn, sondern als Amt 1228: durch Erwerb des Reichslehns Pinzgau bahnt sich Reichsunmittelbarkeit an 1281: wird es noch in den Landfrieden des Hzgt. Bayern miteinbezogen Ende des 14. Jh.: Ausbau zum Land mit Landesämtern, Landsgemeinde mit Landrecht und der Verselbstständigung gegenüber Bayern beendet

9. Entstehung Vorarlberg 10. – 14. Jh.: Inhaber von Vogtei- und Grafschaftsrechten versuchen diese zu einer Territorialgewalt zu verschmelzen in Schwaben ist jedoch die Konkurrenz gleichrangiger Herrschaftsträger sehr stark 1150: Grafen von Bregenz scheitern und sterben aus 1268: Versuche der Stauferkaiser brechen mit ihrem Untergang zusammen Grafen von Montfort verspielen ihre Chancen Bemühungen der Habsburger ein Hzgt. Schwaben zu reaktivieren scheitern 14. Jh.: Ostorientierung à Landesbildung 1391: genossenschaftliche Bündnisse einzelner Gerichts-, Stadt-, und Bauerngemeinden zur Friedenswahrung Erwerb von Herrschaftsrechten seitens der Habsburger durch den Ankauf von Grafschaften 1375: Feldkirch 1418 Bludenz 1451/1523 Bregenz 15. Jh.: habsburgischen Grafschaften gelten als „Land im Walgau“ 1504: Stände versammeln sich

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10. Arten Länderverbindungen/MA Landesfürstliche Union: Grundlage ist der sukzessive Ländererwerb durch den Landesfürsten, der rechtlich gesehen zufällig ist, als keine zwingende Norm etwa die Zuordnung vorschreibt. Die Vereinigung besteht allein in der Person des gemeinsamen Landesfürsten, ist also Personalunion Ungeteilte Dynastien Union Sie ist in ihren beiden Formen bis 1379 der Regelfall der Länderverbindung Haus Österreich. a). Reine Gesamthand Grundlage ist die Reichsrechtliche Gesamtbelehnung einer Dynastie. Die Vereinigung erfolgt somit durch die Dynastie als Gesamthandschaft ist also Personalunion einer Personenmehrheit. b). Modifizierte Gesamthand Grundlage ist hier über die reichsrechtliche Gesamtbelehnung hinaus noch das Privatfürstenrecht. Die Vereinigung beruht gleichfalls auf Gesamthandschaft, allerdings mit einem Vorrecht des Ältesten, sie tendiert somit bereits zur Realunion. Geteilte Dynastien Union Grundlage ist gleichfalls eine reichsrechtliche Gesamtbelehnung und das Privatfürstenrecht. Die Vereinigung gründet sich auf die Dynastie, jedoch bei geteilten Linien, die aber durch gegenseitige Rechte und Pflichten verbunden bleiben. Hausverträge bei Geteilter Dynastien Union. Sie sichern trotz Herrschaftsteilungen die Einheit der Länderverbindung durch gemeinsame Titelführung, gegenseitige Vorkaufsrechte, gegenseitige Beistandspflicht, gegenseitige Vormundschaftsführung; ferner planen sie die künftige Vereinigung durch ein gegenseitiges Erbrecht. 11. Herrschaftsteilungen/MA Österreich – Steiermark 1186 Georgenberger Erbvertrag zwischen dem Herzog von Österreich und dem Herzog von Steiermark 1192 Erbfall; Herzog Leopold V. mit dem Reichslehn belehnt. Er vereinigt nun zwei Länder in seiner Hand. 1195 Trennung der Länder durch Verleihung an je einen seiner Söhne. 1198 Nach dem Tod Hz. Friedrichs I wird Hz. Leopold IV. auch mit Österreich belehnt: abermalige Vereinigung. 1236-1240 Trennung während der Reichsacht Hz. Friedrichs II. 1245 Plan einer besonderen Vereinigung auch mit Krain in einem Königreich Österreich. Der Zweck liegt in der Bildung eines staufischen Hausgutes nach dem Aussterben der Babenberger zur Festigung der Reichszentralgewalt. Da die Heiratsverbindung zwischen den Babenbergern und Staufern nicht zustande kommt, wird der Plan nicht weiterverfolgt. 1246 Trnnung beider Länder mit Aussterben der Babenberger im Mannesstamm Öftere Trennungen lassen das überaus lockere Gefüge dieser Länderverbindung erkennen: Die Zusammengehörigkeit ist noch keine Selbstverständlichkeit. 12. Ländergruppen/MA Dominium Austriae – Haus Österreich 1282 belehnt König Rudolf I. seine Söhne Albrecht und Rudolf mit Österreich, Steiermark und Krain. Die Habsburger gelten und fühlen sich bis Friedrich d. Schönen als landfremde Dynastie. Erst unter ihm wird mit der Bezeichnung dominium austriae Österreich zum Stammland erhoben. Damit werden 1335 Kärnten, Krain und di Windische Mark erworben 1363 Tirol, 1374 Istrien und weitere Teile Krains, ab 1375 Herrschaften im heutigen Vorarlberg. Aufgrund des Neuberger Vertrags kommt es zur Teilung 1379, 1490 kommt es dann wieder zur Vereinigung. Grundlage der Länderverbindung Haus Österreich ist die reichsrechtliche Belehnung 1282. 13. priv. minus/maius Man versteht unter Privilegium Minus, auch kleiner Freiheitsbrief, eine Urkunde die am 17. September 1156 von Kaiser Friedrich 1. ausgestellt wurde. Sie beinhaltet die Erhebung Österreichs zum erblichen Herzogtum für das Haus Babenberg; Empfänger war Markgraf Heinrich 2. Jasomirgot. Neben der Erblichkeit der Herzogswürde war auch weibliche Erbfolge vorgesehen, bei Kinderlosigkeit sollte der Herzog entscheiden können, wen er zum Nachfolger wählte (ius affectandi). Die Pflicht, auf Reichstagen zu erscheinen wurde auf solche beschränkt, die in Bayern stattfanden. Heeresfolge musste nur noch bei Kriegsschauplätzen in der Nachbarschaften Österreichs geleistet werden. Man versteht unter Privilegium Maius 1359 (großer Freiheitsbrief) eine im Auftrag von Rudolf 4. gefälschte Version des Privilegium Minus(1156) mit dem den österreichischen Stammländern der Habsburger umfangreiche Rechte zugestanden wurden. Im Privilegium Maius wird Österreich zum Erzherzogtum erklärt und mit Rechten ähnlich denen der Kurfürstentümer ausgestattet: - Unteilbarkeit der Länder - Automatische Erbfolge für den Erstgeborenen - Eigenständige Gerichtsbarkeit ohne Möglichkeit, den Kaiser anzurufen - Herrschaftssymbole Das Privilegium Maius besteht aus 5 gefälschten Urkunden, die zum Teil angeblich von Julius Cäsar und Nero ausgestellt wurden. 14. österreichische Freiheitsbriefe Es handelt sich um fünf auf Veranlassung Hz. Rudolfs IV ver- bzw. gefälschte Dokumente: Privileg Ks. Heinrich IV Privilegium maius Privileg des Kg. Heinrich VII. Bestätigung des privilegium minus durch Ks. Friedrich II. Bestätigung der 4 Urkunden durch Kg. Rudolf I., womit insbesondere das verfälschte Privilegium minus von den Babenbergern auf die Habsburger übergeleitet wird. Die Freiheitsbriefe stecken sich folgende Ziele mit folgenden Mitteln: Grundsätzliche Verfestigung der Länderverbindung durch Festlegung ihrer Unteilbarkeit und Erstreckung der örtlichen und zeitlichen Geltung auf alle derzeitigen und künftigen Länder der Dynastie im Gegensatz zum Privilegium minus, das nur für das Herzogtum Österreich galt; Verfestigung der Gebietsherrschaft, d.h. Begründung eines territorium clausum durch die Umwandlung von Enklaven in Landeslehen, Institutionalisierung des gemeinsamen Landesfürsten mittels einer einheitlichen Erbfolgeregelung im Sinne der Primogenitur und subsidiärer Testierfreiheit;

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Steigerung der Reichsstellung des Hauses Österreich. 15. Verhältnis Länder – Reich/MA Die historischen Länder des heutigen Österreich und etwa auch Böhmen, Mähren, Krain, die Herrschaften in Istrien und in Friaul sind Teile des Heiligen Römischen Reiches. Das stets föderativ gegliederte Reich bildet seit der sog. Staufischen Reichsreform einen Lehnsstaat. Die einzelnen Reichsstände, insbesondere geistliche und weltliche Fürsten, sind mit dem deutschen König als oberstem Lehnsherrn durch das Lehnsverhältnis verbunden. Rechtsbeziehungen bestehen nur zwischen dem Land als Reichslehn und dem Reich. Die Länderverbindung stellt reichsrechtlich nur eine Kumulation mehrerer Reichslehn dar, aber keine eigene, neue Organisationsform. Die Rechte und Pflichten der Länder gegenüber dem Reich ergeben sich allgemein aus den Reichsgesetzen. So leitet sich die Landesherrschaft grundsätzlich aus den Fürstengesetzen von 1220 und 1232 ab. Die allgemeine Stellung eines Landes gegenüber dem Reich kann durch spezielle Privilegien modifiziert sein. So ist mit dem Privilegium minus 1156 die Heerfahrts- und Hoffahrtspflicht des Herzogs von Österreich beschränkt und es steht ihm für seine Nachfolge ein ius affectandi zu. Dem politischen Geschehen kommt in einer zeit mit nur teilweise aufgezeichnetem Verfassungsrecht besondere Bedeutung als gelebter Verfassung zu. Es zeigt, dass die dem Hause Österreich verliehenen Privilegien, die auch andere Reichsfürsten genießen wie die Kurfürsten in sogar gesteigertem Maßen, nicht auf eine Trennung, sondern auf eine besondere Stellung im Reich abzielen: Durch das Privilegium minus 1156 erfolgt ein Gleichziehen mit den Reichsfürsten, durch die Österreichischen Freiheitsbriefe eine Annäherung an die Kurfürsten. 16. Herrschaftsebenen/MA Das Land ist kein homogener Herrschaftsbezirk, sondern ein heterogener Herrschaftsverband. Der Gesamtzustand der politischen Einheit und Ordnung, die Verfassung, wird nicht von einem, sondern mehreren Herrschaftsträgern bestimmt. Landesherrschaft Stadtherrschaft Grundherrschaft Kirchenherrschaft Autonome Verbände Diese Herrschaften stehen entweder in einem Verhältnis der Gleichordnung oder dem der Unterordnung zueinander. Herrschaft wird somit auf verschiedenen Stufen ausgeübt, wobei, anders als im modernen Staat, auf diesen nicht jeweils dieselbe Obrigkeit begegnet, sondern mehrere verschiedene. Sie sind oft originären Ursprungs, ihre Träger üben im eigenen Namen Herrschaftsgewalt – eben nur auf anderer Stufe – aus. Die politische Potenz der einzelnen Herrschaftsträger bleibt jedoch nicht auf jeweils eine Funktion beschränkt. So ist der Landesfürst zugleich, und zwar mehrfach, Grund- und Stadtherr sowie Vogt über kirchliche Institutionen. Die horizontal gliederbaren Herrschaftsschichten kreuzen somit vertikale politische Beziehungen, die eine unterschiedliche Gewichtung der Herrschaften niederer Ordnung bewirken. Die Kumulierung von Herrschaftsbefugnissen ermöglicht der Umstand, dass das Wesen aller Herrschaft im Kern ident ist. Die Herrschaftsverhältnisse sind somit gegenseitig, es stehen Rechten und Pflichten des Herrschaftsträgers solche der Beherrschten gegenüber. Die Gegenseitigkeit der Herrschaftsverhältnisse unterbindet ein eigenmächtiges Handeln des Herrschaftsinhabers. Die Beherrschten sind nicht bloß gehorsamspflichtige Untertanen, sondern in die Herrschaftsausübung miteinbezogen. 17. Herrschaft/MA (Arten, Wesen) siehe vorherige Frage 18. wie wird man Landesfürst/MA Ab dem Hochmittelalter unterliegen die übertragenen Reichsrechte dem Lehnrecht und haben damit bereits quasi-erblichen Charakter angenommen: Kraft des Leihezwanges besteht ein Anspruch der Rechtsnachfolger auf Belehnung. Diese Rechtsnachfolge orientiert sich in den weltlichen Territorien in der Regel am Erbrecht in die Rechte kraft besonderer Schutzverhältnisse, in den geistlichen Territorien ist sie ident mit der Nachfolge in das Kirchenamt, so dass bei formell getrennten Sachkomplexen tatsächlich eine einheitliche Nachfolge Platz greift. Formelle Trennung und materielle Einheit bezeugt der Erwerb der Steiermark durch die Babenberger. Die gewohnheitsrechtliche Erbfolge begünstigt Söhne vor Töchtern, mehrere Söhne bilden eine Erbengemeinschaft. Dieses Prinzip wird aufgehoben oder modifiziert durch letztwillige Verfügungen, die auf konkrete Situation beim Erbfall – Personenmehrheit, Minderjährigkeit Bedacht nehmen, wozu wieder abändernde Abmachungen der Miterben treten können. Eine einheitliche Nachfolgeregelung schafft erst der absolute Staat. In den geistlichen Territorien bestimmt sich die Nachfolge in kirchliche und weltliche Herrschaft nach dem Wahlprinzip; für Brixen und Trient besteht allerdings seit 1446 ein Nominationsrecht der Herzöge von Österreich.

19. Landesfürst/verfassungsrechtliche Stellung/MA Die Landesherrschaft beruht auf der Landesherrlichkeit, einem Bündel von Hoheitsrechten. Den Vorrang des Landesfürsten gegenüber den Landständen begründet der Umstand, dass ihm so gut wie aller der möglichen Hoheitsrechte zustehen, wenngleich er auch dabei in Konkurrenz zu anderen Herrschaftsträgern steht. Essentiell für die Stellung des Landesfürsten ist das ihm übertragene Reichsamt: Es gewährt Vorrang vor anderen im Land berechtigten Reichsfürsten und Hoheit über die ansonsten oft gleichrangigen Landstände, insbesondere die Landherren. Übertragene Reichsrechte: Sie dienen dem allgemeinen Schutz des Landes und gewähren demnach allgemeine Eingriffsrechte (Gerichtshoheit, Lehnhoheit, Wehrhoheit, Verwaltungshoheit, Kirchenhoheit) Rechte kraft besonderen Schutzverhältnisses: Kammergut Sie erstrecken sich auf bestimmte Personengruppen, erlauben somit nur beschränkte Zugriffsrechte. Je nach der zugewandten Personengruppe ist er Vogt über einzelne kirchliche Institutionen, Stadtherr, Grundherr. Die Landstände sind mit dem Landesfürsten Träger der Landesherrschaft. Es sind dies physische Personen oder Genossenschaften, die kraft ihres Rechts auf Landstandschaft, d. h. auf Sitz und Stimme am Landtag, Zugang zur höchsten Herrschaftsform im Land haben. Landstandschaft ist ein eigenes Recht einzelner Rechtsträger. Die Landstände agieren daher für sich selbst. Voraussetzung der Landstandschaft ist eigene, auf vererb- und veräußerbarem Eigengut aufbauende, landesunmittelbare Herrschaft. Landesunmittelbarkeit bedeutet Selbstbestimmung im Rahmen der Landesherrschaft. Unmittelbaren Zugang zur Landesherrschaft hat ursprünglich allein der Herrenstand; die anderen Stände erwerben die Landstandschaft durch Ausschaltung, Überwindung adeliger Herrenrechte. Der Landesfürst kann entweder ohne Landstände aufgrund der Regalien die Lehns- und Kirchenhoheit, kraft besonderer Schutzverhältnisse die

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Verwaltungshoheit ausüben Gemeinsames Handeln: Sofern das Landrecht berührt wird, wie durch die Gerichtshoheit und den Landfriedensschutz, handeln Landesfürst und Landstände gemeinsam. Der Landesfürst holt den Rat der Landstände ein, dieser hat bindende Wirkung Gegenseitiges Verhandeln: Der Landesfürst greift über seine spezielle Rechtssphäre und ist nun im besonderen Maße auf die Landstände angewiesen. Diese Position führt zum Dualismus zwischen Landesfürst und Landständen, Ort des gegenseitigen Verhandelns ist der Landtag. 20. Grundherrschaft in Österreich/MA Grundherrschaft ist Herrschaft kraft originären Rechts über Grund und Boden sowie die ihn bearbeitenden Bauern im Verband des Landes. Der obrigkeitliche Zugriff erfasst in der Hauptsache Personenmehrheiten, nämlich über den Hofbesitzer dessen Familie und sein Gesinde. Der Hofbesitzer steht somit nicht für sich allein, sondern auch für von ihm abhängige Personen. Mit seinen Standesgenossen tritt er daher im genossenschaftlichen Taiding dem Grundherrn gegenüber, er ist der Herrschaft nicht bloß unter-, sondern auch eingeordnet. Herrschaftsträger sind der Grundherr, der Inhaber einer landesunmittelbaren Herrschaft ist und in der Regel Landstandschaft besitzt, und die Grundholden, diese sind die landbebauenden, jedoch wirtschaftlich selbständigen Hofbesitzer. Sie sitzen nicht auf freiem Eigenbesitz, sondern auf fremdem Leihegut, das weiterhin in der Gewere des Grundherrn verbleibt. Grundlage ist das bäuerliche Hofrecht, wobei der Schwerpunkt beim Grundherrn liegt. Soll das Recht der Grundherrschaft berührt werden ist gemeinsames Handeln erforderlich. Dem Grundherrn treten die Bauern im Taiding als hofrechtliche Genossenschaft zur Seite. 21. Stadtherrschaft in Österreich/MA Stadtherrschaft ist Herrschaft über die städtische Bevölkerung durch Fremdbestimmung in der stadtherrlichen Stadt oder Selbstbestimmung in der autonomen Stadt. Herrschaftsträger sind der Stadtherr und die Bürgergemeinde bei Überwiegen des ersteren in der stadtherrlichen, der letzteren in der autonomen Stadt. Je nach der Person des Stadtherrn liegt ein bestimmter Stadttypus vor: Deutscher König – Freie Reichsstadt (reichsunmittelbar) Landesfürst – landesfürstliche Stadt Grundherr – Mediatstadt, sie wird vom Grund- als Stadtherrn der Landesherrschaft gegenüber mediatisiert. Bürgergemeinde: Sie ist ein genossenschaftlicher Verband, dem kraft der ihr vom Stadtherrn verliehenen Privilegien Autonomie zukommt. Das bedeutet, dass der Stadtherr der genossenschaftlichen Gemeinde gegenübersteht, diese dem herrschaftlichen Zugriff ausgesetzt ist, nicht aber das einzelne Mitglied, der freie Bürger. Basis jeder Willensbildung ist das gegenseitige Herrschaftsverhältnis: Für Schutz und Schirm des Stadtherrn haben die Bürgergemeinde sowie die Inwohner Rat und Hilfe zu gewähren. Gemeinsame Rechtsgrundlage ist das Stadtrecht, es ist Gewohnheitsrecht, allerdings sehr erheblich ergänzt durch Privilegien für die Bürgergemeinde. Stadtherr: Ihn vertritt allgemein der von ihm ernannte Stadtrichter Bürgergemeinde: Sie wandelt sich von einer Genossenschaft, die als solche für sich selbst handelt, zur juristischen Person, die durch ihre Organe agiert: Bürgerversammlung: Zusammentritt der gesamten Bürgergemeinde Innerer Rat (Stadtrat): Wichtigstes Organ, erledigt laufende Angelegenheiten Äußerer Rat: Dient der Kontrolle des Inneren Rates Bürgermeister: Steht als Leiter an der Spitze der Bürgergemeinde 22. Kirchenherrschaft/MA Neben den weltlichen Herrschaften steht im Mittelalter die Kirche als zweite Ordnungshierarchie. Aufgrund ihrer Sendung beansprucht sie Herrschaft über ihre Mitglieder mittels einer eigenen Rechtsordnung, dem kanonischen Recht. Von der originären Kirchenherrschaft sind die kirchlichen Institutionen übertragenen weltlichen Herrschaften zu unterscheiden. Anders als die originäre Kirchenherrschaft sind diese übertragenen Herrschaftsrechte jedoch nicht Ausfluss des Kirchenamtes, Rechtsgrundlage ihrer Ausübung ist daher prinzipiell nicht kanonisches, sondern Land-, Hof- oder Stadtrecht. Originäre Kirchenherrschaft und die kirchlichen Institutionen übertragenen weltlichen Herrschaften stützen einander. Zwei Schwerter Theorien: Nach kirchlicher Ansicht habe Gott der Kirche zwei Schwerter übertragen, wovon eines sie selbst führe, das andere den weltlichen Obrigkeiten weiterverliehen habe, um es für sich führen zu lassen, wodurch diese der Kirche untergeordnet seien (subordinierende bzw. kuriale Version im Schwabenspiegel). Nach kaiserlicher Ansicht habe Gott ein Schwert der Kirche, und eines direkt dem Kaiser verliehen – beide Gewalten seien somit gleichgeordnet (koordinierende bzw. imperiale Version im Sachsenspiegel). Träger der Kirchenherrschaft im Bereich des Landes ist der Diözesanbischof. Die Kirchenherrschaft ist nicht gegenseitig, sondern hierarchisch und damit zentralistisch betont. An die Seite des Diözesanbischofs und der Ordensoberen treten die Kapitel als beratende Gremien. Nach Ansicht des kanonischen Rechts erstreckt sich die Kirchenherrschaft, kraft Natur einer Sache über rein geistliche Dinge (Ketzerei, Ehe), weltliche Sachen, die mit geistlichen im Zusammenhang stehen (Personenstands-, Ehegüter-, Erbrecht; kraft Eigenschaft einer Person über Rechtsstreitigkeiten mit und unter Klerikern und über Witwen, Waise und Kreuzfahrer. Im tatsächlichen reduziert sich die Kirchenherrschaft auf einen sehr schmalen Bereich, kraft Natur einer Sache erstreckt sie sich praktisch nur auf das persönliche Eherecht kraft Eigenschaft einer Person verbleibt der Kirche im Wesentlichen nur die Strafjustiz über Kleriker. 23. Universität – Wesen/MA Anders als die Zünfte wurzeln die Universitäten nicht im heimischen, sondern im kanonischen Recht. Dies versteht sich daraus, dass sie gemeinsame Gründungen von Papst und Reichsoberhaupt bzw. Landesfürsten sind. Sie haben weltlich-geistlichen Charakter bei klosterähnlichem Leben mit festem Tagesablauf, Messen, geistlicher Tracht. In Anlehnung an das kanonische Recht ist ihre Rechtsform die einer juristischen Person näherhin die einer Korporation. Ihr Wesen besteht in der Personenmehrheit der Lehrenden und Lernenden, nicht etwa in einem bloßen Zweckvermögen oder in benützbaren Einrichtungen. Im Mittelalter besteht nur eine Universität, die zu Wien. Als Korporation gliedert sie sich nach ihren Mitgliedern in sog. Nationes, die allerdings in keiner Weise mit heutigen Nationsbegriffen zu vergleichen sind. Jede Nation wählt ihren Prokurator, diese wählen den Rektor.

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II. 1500-1749: Monarchische Union von Ständestaaten 24. 16. Jahrhundert – Landesverfassung (Wesen) Das Land ist institutioneller Flächenstaat, d.h. ein möglichst geschlossenes Territorium, das mit festen Institutionen (Behörden) regiert wird. Als dualistischer Ständestaat ist die obrigkeitliche Gewalt zwischen dem Landesfürsten und den Landständen bei wechselndem Kräfteverhältnis geteilt. Der bisherige heterogene Herrschaftsverband verdichtet sich zusehends zum zwar mehrstufigen, aber einheitlichen Gemeinwesen: Landeshoheit ersetzt die Landesherrlichkeit Durch Intensivierung und Konzentration steigert sich die Landesherrschaft zum Staat: Die Einzelbefugnisse der Landesherrlichkeit verschmelzen zur Landeshoheit, der monopolartigen Hoheitsgewalt aufgrund eines umfassenden Hoheitsrechtes (ius eminens). Die autonomen Verbände und letztlich die Kirche werden zu kontrollierten Selbstverwaltungskörpern. 25. Landesherrlichkeit/Landeshoheit Die Unterscheidung in Übertragene Reichsrechte und Rechte kraft besonderer Schutzverhältnisse des Landesfürst verliert an Bedeutung. Wichtig wird nunmehr folgende Differenzierung: Ausschließliche Rechte, deren Ausübung nicht an ständisches Mitwirken gebunden ist, dies sind alle jene, die nicht dem Landrecht unterliegen, Gebundene Rechte, nämlich all jene, die dem Landrecht verhaftet sind und daher ständisches Mitwirken erfordern. Der Landesherrschaft als höchster Herrschaftsform fällt eine dominierende Rolle zu. Dies bewirkt vor allem die personelle Identität der Herrschaftsträger. So zieht der Landesfürst seine Herrschaftsbefugnisse zusammen hebt sie gleichsam auf Landesebene und verschmilzt sie hier durch uniforme Willensbildung. Es kommt zur Dominanz des Landesrechts gegenüber dem anderer Herrschaften, Aushöhlung der städtischen Autonomie durch neue, oktroyierte Stadtrechte Eingriffe in das Zunftwesen Umwandlung der korporativ organisierten Uni Wien in eine Staatsanstalt Ausbau der Kirchenhoheit (Der Landesfürst kann nunmehr bestimmen, welches Bekenntnis er für sich und seine Untertanen als richtig ansieht. Nivellierung des Untertanenverbandes durch Angleichung der Rechtsstellung der Grundholden bringt in der Regel eine Rechtsminderung mit sich. 26. Reformation – Landesverfassung Anders als im Mittelalter erscheint das Land im Laufe dieser Periode nicht mehr als heterogener Herrschaftsverband, sondern als homogener, allerdings gegliederter Herrschaftsbezirk, zusammengehalten durch möglichst uniforme Willensbildung und Behörden auf Grund prinzipielle obrigkeitlicher Gewalt, der sogenannten Landeshoheit. Und siehe vorherige Frage 27. Landesfürst/verfassungsrechtliche Stellung / NZ siehe andere Fragen 28. Stände – Verfassungsentwicklung siehe andere Fragen 29. Landstände = Parlamente? Die gemeinsame Willensbildung von Landesfürst und Landständen ist im Bereich der gebundenen Rechte des Landesfürsten die Regel: Ihr Ort ist der Landtag, nach 1620 vollzieht sie sich eher im Schriftverkehr zwischen landesfürstlichen Behörden und ständischen Ausschüssen (Relation). Sie sind in dem Sinne Parlamente, indem sie Verfassungsentwürfe ausarbeiten und diese dann dem Landesfürst zur Sanktion vorzulegen sind. Dieser hat aber durch das Sanktionsrecht die Möglichkeit eines absoluten Vetos. Auf jeden Fall sind sie keine Volksvertretungen. 30. Länder = dualistische Ständestaaten? In der Länderverbindung schon, denn weiterhin bleiben den einzelnen Ländern jene Angelegenheiten und Behörden verhaftet, an denen ihre Landstände mitwirken 31. Landstände/verfassungsrechtliche Stellung NZ Die Landstände können ihre Rechtsposition nicht in jenem Maße wie der Landesfürst erweitern. Vor allem üben sie mit ihm die gebundenen Rechte aus, daneben können sie bis 1620 vielfach neue Materien an sich ziehen, in der Regel auf Grund ihrer Religionsauffassung und eines entsprechenden, allerdings vorübergehenden Vakuums der landesfürstlichen Politik, wie etwa Schul- und Kirchenwesen im Zeichen des Protestantismus. 32. Länder: institutioneller/politischer Dualismus / NZ Politisch institutioneller Dualismus bis 1620: Es besteht ein schwebendes Gleichgewicht zwischen Landesfürsten und Landesständen ohne Prinzipienentscheidung im Sinne einer der theoretischen Standpunkte. Einem kompromissartigen Zusammenwirken oder Nebeneinanderhandeln in der Politik entsprechen getrennte Einrichtungen. Politischer Absolutismus bei institutionellem Dualismus: Der Entscheid zu Gunsten der Position des Landesfürst steigert dessen politische Möglichkeiten und seine Entscheidungsgewalt in Konfliktsituationen, allerdings bei Fortdauer der Landstände und ihrer Einrichtungen. Diesen verbleiben somit gewisse Einflüsse, etwa bekleiden sie weiterhin landsfürstliche Ämter. 33. Behördenaufbau in den Ländern/NZ Intensivierung und Konzentration der Herrschaft auf Landesebene führen zu einer Art monopolistischem Vorrang der hier vollzogenen Willensbildung: Landesgesetze erheben den Anspruch, auch für die anderen Herrschaften Unterworfenen zu gelten; deren Herrschaftsträger werden angewiesen, im Sinne der Landesgesetze zu handeln. Immer größere Bedeutung und gewichtigeren Umfang gewinnt die alleinige Willensbildung des Landesfürsten auf Grund seiner ausschließlichen Rechte.

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In den habsburgischen Ländern führt diese Entwicklung dazu, dass der gemeinsame Landesfürst zur Besorgung seiner ausschließlichen Rechte an für mehrere Länder zuständige Behörden überträgt, die damit zu solchen der Länderverbindung werden. Auf diese Weise sind sie den Ländern entfremdet und den Landesbehörden übergeordnet. Die Organisation der landesfürstlichen Behörden reicht damit über das Land hinaus. Im Land überwiegt der Behördenapparat des Landstände, ihre Institutionen sind schlechthin die Landesbehörden, einige wenige landesfürstliche Ämter sind daneben in der Minderzahl Salzburgs Behördenwesen nimmt eine andere Entwicklung. Reformen bleiben dem Land verhaftet, Behörden werden ihm nicht durch die Existenz einer Länderverbindung entfremdet. Der institutionelle Dualismus besteht im zweigleisigen Behördenaufbau. Mit Veränderungen überdauert der das 19. Jahrhundert und wird erst 1925 beseitigt. Das oberste Landesorgan ist der Landeshauptmann, der vom Landesfürsten und dem Herrenstand bestellt wird und beiden verpflichtet ist. 34. Gesetzgebung – Stände/NZ Die gemeinsame Willensbildung von Landesfürst und Landständen ist im Bereich der gebundenen Rechte des Landesfürsten die Regel: Ihr Ort ist der Landtag, nach 1620 vollzieht sie sich eher im Schriftverkehr zwischen landesfürstlichen Behörden und ständischen Ausschüssen (Relation). Es gewinnt die Vorstellung, Recht könne erlassen, gesetzt werden, stark an Raum. Es ergießt sich nun eine Fülle von Gesetzen über das Land, die das überkommene Gewohnheitsrecht zurückdrängt. Es stellt sich jedoch das Problem der faktischen Geltung: Vielfach werden die Gesetze negiert, nicht vollzogen. Einmal ist die Vorstellung, dass Recht beliebig, nämlich ohne entsprechende Rechtsüberzeugung der Rechtsgenossen, gesetzt werden könne, doch weitgehend fremd. Vor allem fehlt es dem Landesfürsten an entsprechenden Behörden der niederen Verwaltung, die seine Normen vollziehen würden. Er ist hier auf die Grund- und Stadtherren angewiesen, die sich seinem Zugriff zu entziehen versuchen. 35. Kompetenzen der Landesregierung/NZ Zufolge der Besorgung der ausschließlich landesfürstlichen Befugnisse durch die Behörden der Länderverbindung reduziert sich die oberste Leitungsgewalt im Land auf einige wenige Befugnisse, nämlich jene, die der gemeinsame Landesfürst nicht an sich ziehen und kumulieren kann. Die Regierungstätigkeit im Land betrifft somit im Wesentlichen nur Teile der inneren Verwaltung. 36. Grundherrschaft – Wesen/NZ Durch die allgemeine Herrschaftsintensivierung wandelt sich das genossenschaftlich-gegenseitige Herrschaftsverhältnis in ein einseitigobrigkeitliches Unterwerfungsverhältnis. Besonders triff dies für die Grundherrschaft, ähnlich aber auch für die Stadtherrschaft zu. Durch die Herrschaftskonzentration auf Landesebene verlieren beide allmählich ihren originären Charakter, ihr Wirkungsbereich wird in zunehmendem Maße von der Landesherrschaft beeinflusst und gestaltet. Die Herrschaftsgewalt trägt der Grundherr, ihm allein obliegt die Willensbildung. Neue Agenden schaffen auch hier neue Behörden, vor allem die grundherrschaftliche Kanzlei mit mehr oder minder rechtskundigem Personal, dem als Vertreter des Grundherrn der Pfleger vorsteht. 37. Funktionen der Grundherrschaft/NZ In zunehmenden Maß werden diese der Grundherrschaft insoferne entfremdet, als die bestehenden Funktionen ab etwa 1650 an Landesgesetze gebunden oder von solchen neue Aufgaben den Grundherrschaften übertragen werden. Die Rechtsweisung im genossenschaftlichen Taiding wandelt sich über eine einseitige Erneuerung überkommenen Hofrechts durch den Grundherrn zu dessen alleiniger Gesetzgebung mittels Ordnungen und Gesetzen. Rechtssprechung, da sich der Schwerpunkt von den nach Gewohnheitsrecht urteilenden Schöffen zu dem Gesetzesrecht vollziehenden Richtern verlagert. Verwaltung sowie Abgabenverband und Wehrverband erfahren durch die Intensivierung der korrespondierenden Tätigkeit auf Landesebene gleichfalls eine Bedeutungssteigerung. Neu ist die Freiwillige Gerichtsbarkeit: Anschwellen und Verrechtlichung obrigkeitlichen Handelns sowie die Klassifizierung überkommener Beziehungen als öffentlich-rechtliche Bindungen zwingen den Untertanen, seine Rechtshandlungen in der grundherrschaftlichen Kanzlei vorzunehmen. 38. Stadtherrschaft/NZ Als Träger der Stadtherrschaft fungiert der Rat neben dem Stadtherrn, dessen Gewicht durch den Rückhalt an Landesherrschaft oder Grundherrschaft zunimmt und somit die autonome Willensbildung einengt. Der Rat unterliegt einem Weisungsrecht der Landesbehörden. Die aus dem Mittelalter überkommenen Funktionen erfahren wie in der Grundherrschaft eine Bedeutungssteigerung. Abgesehen von einem bescheidenen Verordnungsrecht des Rats geht jedoch die Gesetzgebung auf die Landesherrschaft über. Die Rechtsstruktur wird auch hier in zunehmendem Maße vom Landesrecht bestimmt. 39. Monarchische Union von Ständestaaten Diese baut auf der Landesfürstlichen Union auf, die durch Behörden und Gesetzesrecht einen höheren Organisationsgrad erreicht. Sie ist eine monarchische Länderverbindung im Sinne einer Realunion mit besonderer, entwicklungsgeschichtlich bedingter Ausformung: Der Monarch vereinigt die ihm in mehreren Ländern als Landesfürsten ausschließlich zustehenden Befugnisse in eigenen, für dies Länder einheitlich fungierenden Zentralbehörden; weiterhin bleiben aber den einzelnen Ländern jene Angelegenheiten und Behörden verhaftet, an denen ihre Landstände mitwirken. So gründet sich die Verbindung der einzelnen dualistischen Ständestaaten nur auf einem Partner dieses Dualismus: den Landesfürsten, den Monarchen: Sie ist Monarchische Union von Ständestaaten. Herrschaftsträger ist allein der Monarch. Die in General- oder Ausschusslandtagen versammelten Stände haben beratende Funktion als vereinigte Landstände. Sie wachsen nicht zu Gesamtständen (Generalständen) zusammen. Der gemeinsame Landesfürst besitzt als solcher keine eigene Rechtsstellung, diese ist vielmehr die Summe der einzelnen Rechte als jeweiliger Landesfürst. 40. Monarchia Austriaca: Entstehung und Entwicklung 1493 verbindet Maximilian I. das Haus Österreich und die burgundischen Herrschaften in Landesfürstlicher Union. Die innere Struktur des Hauses

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Österreich verdichtet sich jedoch zu einer Monarchischen Union von Ständestaaten. Diese Monarchische Union erfährt eine administrative Gliederung in zwei neue Ländergruppen, die durch Salzburg nahezu getrennt sind. 1526 Erwerb von Böhmen-Mähren-Schlesien-Lausitz 1526/27 Erwerb von Teilen Ungarns 1564 führt eine Erbteilung zur Geteilten Dynastien-Union, die sich in Monarchische Unionen, nicht wie im Mittelalter in Länder, gliedert. Im 17. Jahrhundert profiliert sich die Monarchische Union in zwei Richtungen: Einmal tritt der ständische Einfluss durch den Fortfall der Generalbzw. Ausschusslandtage stark zurück. Sodann löst sich das Behördenwesen von dem des Heiligen Römischen Reiches; im Bereich der Militärverwaltung entstehen Unterbehörden. 1868/99 Erwerb von Ungarn, Siebenbürgen und großer Teile Kroatien-Slawoniens 1713/14 Erwerb Mailands und der spanischen Niederlande. Mit der Pragmatischen Sanktion erhält die Monarchische Union ein Grundgesetz: Zum Zwecke der inneren und äußeren Sicherheit wird ihre Unteilbarkeit und die einheitliche Thronfolgeordnung der Primogenitur festgelegt. In ihrer inneren Struktur aber bleibt die Union durch das Fortwirken der Teilung von 1564 und den Ländererwerb 1713/14 ein lockeres, wenig homogenes und daher reformbedürftiges Gemeinwesen. 1735/38 bringt der Friede von Wien die Toscana in dynastische, nicht aber staatsrechtliche Verbindung mit der Monarchischen Union. 41. Verfassung der Monarchischen Union Verfassungsgrundlagen sind: Reichsprivilegien, vor allem die Österreichischen Freiheitsbriefe Dazu tritt nun insbesondere das Privatfürstenrecht: Letztwillige Verfügungen Herrschaftsverträge Pragmatische Sanktion 1713: Sie bestimmt die unzertrennliche Vereinigung der Länder also die Unzertrennbarkeit der Monarchischen Union, damit die Institutionalisierung des gemeinsamen Landesfürsten als Monarch dieser Union, schließlich eine einheitliche Nachfolge durch Primogeniturerbfolge im Mannesstamm bei subsidiärem Erbrecht der Erbtochter und ihrer Nachkommen. Organisationsrecht der Zentralbehörden, deren Instruktionen Kompetenzen, Willensbildung und anwendbares Recht regeln. 42. Zentralbehörden der Monarchischen Union Die Behörden sind persönliche Beratungsorgane des Monarchen. Ihre Orientierung erfolgt daher primär an der Person des ratsuchenden Monarchen und nicht an der Sache. Daraus verstehen sich die unscharfen sachlichen Kompetenzabgrenzungen und der doppelte Wirkungskreis: Ist der Landesfürst auch Kaiser, wird sein Hofrat zugleich als Reichshofrat tätig. Die Behörden sind grundsätzlich für die gesamte Monarchische Union und für Reichsangelegenheiten zuständig. Während der Geteilten Dynastien Union bestehen in jeder der Monarchischen Unionen derartige Behörden. Sie sind jedoch einer Art Oberaufsicht der Zentralbehörden unterstellt, nach Vereinigung der Unionen bestehen sie bis zu den Reformen im 18. Jahrhundert als Mittelbehörden fort. Geheimer Rat: Seele der Regierung mit überwiegender Bedeutung für die Außenpolitik Hofrat: oberste Justizbehörde Hofkammer: indirekte Verwaltung der landesfürstlichen Kammergüter Hofkanzlei: Hofkriegsrat: Dauernde Einrichtung für das gesamte Kriegswesen 43. Gesetzgebung der Monarchischen Union/Tendenz Die Gesetzgebung hat das Ziel der Rechtsvereinheitlichung sowohl im Bereich der Monarchischen Union wie auch der Geteilten Dynastien-Union nach 1564. Während allerdings im Bereich der Monarchischen Union die formelle Rechtseinheit durch einheitliche Rechtsetzungsakte angestrebt wird, muss sich die Geteilte Dynastien-Union mit Anfängen materieller Rechtseinheit begnügen: Mehrere Monarchische Unionen mit mehreren Gesetzgebern erlauben hier nur die inhaltliche Übereinstimmung getrennter Gesetze. Formelle Einheitsgesetze: Polizeiordnungen, Reichsmünzordnung, Besuchsverbot ausländischer Hochschulen Materielles Einheitsrecht: Erbfolgepatente, Wechselordnungen, Landtafelpatente Es handelt sich um mehrere Gesetze für je ein Land, und zwar in der Regel je für Österreich unter bzw. ob der Enns, Steiermark, Kärnten und Krain. 44. Verhältnis Monarchia austriaca – Reich Die Privilegien des Hauses Österreich nehmen dessen Länder von gewissen Einrichtungen der Reichsverfassung aus. Sie unterstehen nicht dem Reichsvikariat, der Vertretung des Kaisers bei Thronerledigung oder Abwesenheit, und nicht der Reichsgerichtsbarkeit des Reichskammergerichts und des Reichshofrats. Vor allem sind sie seit 1530 von der Geltung der Reichsgesetze entbunden. Reichskreisverfassung: Reichskreise sind Verwaltungssprengel des Reiches und Selbstverwaltungskörper vor allem zur Organisation der Reichsverteidigung, der Durchführung des Landfriedens 1495, der Vollstreckung der Urteile des Reichskammergerichts und der Bestellung seiner Beisitzer. Österreichischer Kreis, Bayrischer Kreis und Schwäbischer Kreis. Reichstagsorganisation: Im Fürstenkollegium führen Österreich und Salzburg abwechselnd den Vorsitz. Religionsverfassung: Sie wird auch im Land von Reichsgesetzen bestimmt, nämlich dem Augsburger Religionsfrieden und den Friedensschlüssen des Reiches zu Münster und Osnabrück 1648. 1555 erhalten die Landesfürsten das Recht, zwischen dem katholischen und dem augsburgischen Bekenntnis zu wählen, ferner gegenüber ihren Untertanen das ius reformandi; diesen hingegen wird das ius emigrationis zugesichert. 1648 werden diese Bestimmungen auf das reformierte (helvetische) Bekenntnis erweitert. Das ius reformandi gilt nun als Ausfluss der Landeshoheit, womit seine Ausübung in das Belieben des Landesfürsten gestellt ist. Es wird daher auch die Rechtsstellung der Anhänger eines zwar anerkannten, von dem des Landesfürsten jedoch abweichenden Bekenntnisses geregelt: Der Weg zur Toleranz ist eröffnet, der Gedanke, im Land müsse Glaubenseinheit herrschen, im Reichsrecht fallengelassen.

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Vor allem im 16. Jahrhundert besteht eine enge Verflechtung mit Reichsinteressen und – über gemeinsame Institutionen – mit Reichsangelegenheiten. Nach 1620 tritt eine Lockerung ein, wie sie 1648 durch die Westfälischen Friedensschlüsse die gesamte Reichsverfassung charakterisiert. Anders als die rechtlichen sind die politischen Beziehungen zum Reich auch für Ungarn, obwohl es nicht zum Reich gehört, von Bedeutung. Bis 1806 ist der Monarch der Ländergruppen stets Reichsoberhaupt – mit einer einzigen Unterbrechung, die durch das Aussterben der Habsburger im Mannesstamm bedingt ist Trotz Exemtion von der Reichsgesetzgebung findet im Haus Österreich eine Angleichung an das Reichsrecht statt: Reichspolizeiordnungen, Peinliche Halsgerichtsordnung, Reichsmünzordnung. Gemeinsame Behörden besorgen Angelegenheiten des Reiches und der Monarchischen Union Bedeutung für Ungarn Türkenkriege

III. 1749-1848: Monarchischer Staat mit differenziertem Föderalismus
45. Einfluss des aufgeklärten Absolutismus auf das Verfassungsleben In der habsburgerischen Monarchie bewirkte der aufgeklärte Absolutismus nicht nur einen Wandel der Regierungsform, sondern führt zur tiefgreifenden Verfassungsänderung. Damit wandelt sich die koordinierend-unionsartige Monarchische Union zum organisierten Staat, der die Länder aus dieser Position verdrängt. Einer ersten Behördenreform um 1745 folgt die tiefgreifende Staatsreform 1749. Sie besteht aus einer Reihe von Einzelmaßnahmen und schafft auf diese Weise eine neue materielle Verfassungslage für die gesamte Länderverbindung. Ausgangspunkt der Reform sind weniger verfassungsrechtlich-theoretische, als praktisch-politische Überlegungen, nämlich die Erhaltung eines 108.000 Mann-Heeres, und die Steigerung der Staatseinnahmen. Darin spiegelt sich nicht nur das Gebot der Stunde wider, sondern die Gedankenwelt der Kameralisten. Im Zuge der Staatsreform werden neue Zentralbehörden nach vorwiegen sachlichen nicht mehr nach territorialen Kriterien eingerichtet. Ein Staatsrat fungiert als koordinierendes und den Monarchen beratendes Organ. Alle Reichsterritorien erhalten damit eine einheitliche bürokratische Spitze. Eine weitere Neuerung ist die Ergänzung des monarchischen Behördenapparates um Mittel- und Unterbehörden in eigenen Gouvernementsbezirken. Erstere treten neben die bisherige Regierung, der bloß die Rechtsprechung verbleibt, während die neuen Behörden in der allgemeinen Verwaltung den Willen des Monarchen präsent machen und insbesondere die Finanzverwaltung zu führen haben. Daraus versteht sich eine ihrer ersten Bezeichnungen, nämlich Repräsentation und Kammer. Als ihre Unterbehörden fungieren die Kreisämter, denen vor allem die Kontrolle der Grund- und Stadtherrschaften obliegt. Besonders vorangetrieben wird die Reform des Rechts und, zu dessen Effektuierung, der Gerichte. Allgemeine Gesetzes des Staates der Länderverbindung führen zumindest in den Deutschen Erbländern die formelle Rechtseinheit herbei, zum Teil beziehen sie auch Ungarn und Siebenbürgen mit ein. Zur Gesetzgebung tritt die Reform des Gerichtswesens: Die Oberste Justizstelle wird zum einzigen Höchstgericht, auf Gouvernementsebene werden Appellationsgerichte als Berufungsinstanz über den weitestgehend vereinheitlichten erstinstanzlichen Gerichten etabliert. Die Reformen stellen eine tiefgreifende Zäsur dar, einen Bruch mit der bisherigen Verfassungs- und Regierungsform. Bewahrung der absolutistischen Staatsform Seit der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte in Frankreich stehen einander zwei Verfassungsprinzipien gegenüber: Volkssouveränität: Nach dieser sei das Volk allein Träger der Staatsgewalt. Es bestimme die Verfassung, erlasse die Gesetze und vollziehe sie. Monarchische Legitimität: Legitim, d.h. inhaltlich rechtmäßig sei nur jene Herrschaftsgewalt, die auf altem Herkommen, überlieferten Rechtstiteln und der seit unvordenklichen Zeiten bestehenden Stellung einer bestimmten hochadeligen Dynastie beruhe, somit auf Fakten, die deutlich werden lassen, dass diese Herrschergewalt letztlich transzendental verankert, nämlich von Gottes Gnaden sei. Eine Art Zwischenstellung nimmt die Lehre von der Gewaltenteilung ein (Montesquieu). Zur Sicherung der Freiheit des Menschen sei die Staatsgewalt aufzuteilen zwischen eine Volksvertretung, der die Gesetzgebung zustehe, dem Monarchen, der die Gesetze verwirkliche und der Gerichtsbarkeit, welche in Zivil- und Strafsachen unabhängig, nur den Gesetzen verpflichtet, urteile. 46. Hauptzwecke der absolutistischen Reformen Der Staat ist primär an seinen Organen, erst sekundär an Normen orientiert. Als unabdingbar erscheint zwar eine gesetzliche Determinierung der Justiz, der Gerichtsbarkeit, durch sogenannte Justizgesetze, vor allem im Straf- und Privatrecht, nicht aber der Verwaltung. Während die Justiz bloß Gesetze anwendet, vollzieht die Verwaltung die oft nicht gesetzlich normierten Staatszwecke aufgrund interner, wechselnder Instruktionen Insgesamt kommt daher der Vollziehung staatlichen Willens besondere Bedeutung zu. Durch eine Reihe von Verordnungen schafft Josef II. eine neue Gruppe von Staatsdienern, die Beamtenschaft. Ihre Tätigkeiten bestimmen nicht mehr subjektive Kriterien wie der Recht suchende Landesfürst oder das persönliche Geschick des Staatsdieners, sondern objektive Anforderungen. Der Wunsch der Aufklärung nach Gleichheit und Freiheit schließt mit dem katholischen Absolutismus der Habsburger den Kompromiss der Toleranz. Diese bedeutet Duldung einzelner Bekenntnisse neben dem dominierenden Katholizismus und bestimmten Bedingungen und Auflagen. Sie schafften den Pluralismus der Kirchen im Staat. Die Kirchenhoheit des Monarchen wird in intensiver Weise wahrgenommen und dabei extensiv interpretiert. Ihre Ausübung zielt in mehrere Richtungen: Beendigung der Kirchenherrschaft durch Beschränkung auf den rein spirituellen Bereich; Lösung der kirchlichen Institutionen von auswärtigen Beziehungen; Kontrolle durch den Staat mit Übertragung staatlicher Funktionen. Die letzten Reste der Kirchenherrschaft gehen unter. Der eigene Wirkungsbereich der Kirche beschränkt sich auf Glaubenslehre, Predigt, Sakramentenspendung und Gottesdienst. 47. Mitteln der absolutistischen Reformen Allgemeine Gesetze sind nicht bloß eine besondere Form des Rechts. Sie dienen dem absoluten Monarchen als wichtigstes Instrument seiner Reformen: Jeder Untertan erwartet von dem Landesfürsten Sicherheit und Schutz. Es ist also die Pflicht des Landesfürsten, die Rechte der Untertanen deutlich zu bestimmen und ihre Handlungen so zu leiten, wie es der allgemeine und besondere Wohlstand fordert. Als höchste Willensäußerung des Herrschers und durch ihren den Staat der Länderverbindung zum Großteil oder zur Gänze umfassenden Geltungsbereich kommt daher den Allgemeinen Gesetzen bereits als solchen verfassungsrechtliche Bedeutung zu. Neben diesem allgemein-verfassungsrelevanten Charakter haben schließlich auch einige Einzelbestimmungen verfassungsrechtliche Bedeutung. So bestimmt das JGB über das Gesetzgebungsrecht: Von der dem Landesfürsten eigenen obersten Gewalt entspringt die Verbindlichkeit aller in

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dem ordentlichen Wege kundgemachten Gesetze, der Monarch ist somit alleiniger Gesetzgeber. 48. Justizgesetzsammlung / Politische Gesetzsammlung Mit 1780 beginnt die wichtige JGS, mit 1792 die PGS, daneben laufen für die Gouvernementsbezirke die Provinzialgesetzsammlungen meist ab 1819 – alle bis 1848. Im Bereich des Justizrechtes bestimmen nun Gesetze die Rechtskultur. Insgesamt liegen hier die unmittelbaren Wurzeln des modernen Gesetzesstaates; wichtigste Ergebnisse: Zivil- und Zivilverfahrensrecht: Ehepatent ABGB Erbfolgepatent Galizisches bürgerliches Gesetzbuch Gerichts- und Konkursordnung Straf- und Strafprozessrecht Gerichtsordnung Gesetzbuch über Verbrechen Kriminalgerichtsordnung Strafgesetz Die Rechtskenntnis wird durch Gesetzessammlungen gesteigert. Bis 1770 sind die wichtigsten Gesetze im Codex Austriacus gesammelt. Die legislative Tätigkeit unter Maria Theresia findet sich in der mit Theresianisches Gesetzbuch überschriebenen Gesetzessammlung, die Josefs II. im Handbuch aller unter der Regierung des Ks. Josefs II. ergangenen Verordnungen und Gesetze. 49. Stellung der Länder im absoluten Staat Die verfassungsrechtliche Minderung der Landesherrschaft zur bloßen Gebietskörperschaft, der eher schmerzlose, zeitweise Verlust der politischen Bedeutung der Länder unter Josef II. und schließlich die Existenz von Gouvernementsbezirken, die mehrere Länder umfassen, ließen vermuten, dass die Entwicklung einer Nivellierung oder endgültigen Aufhebung der Länder zusteuere. 50. Gouvernementsbezirke Der Ausbau der Länderverbindung zum Staat schafft neue Gebietseinheiten neben und in Konkurrenz zu den Ländern. Auf diese Gouvernementsbezirke oder Provinzen geht die gesamte staatliche Verwaltung, zum Teil auch die Rechtsprechung über, an sie sichten sich die partikularen Provinzialgesetze. Oberste Behörde ist das Gubernium, in kleineren Gouvernementsbezirken die Regierung. Diese gliedern sich in Kreise. Auch Gouvernementsbezirke, die zwei Länder umfassen, gliedern sich nicht in diese, sondern bloß in Kreise: Hier wird die Trennung der staatlichen Verwaltung von der autonomen der Landesgewalt besonders deutlich. 51. Grund- / Stadtherrschaft im Vormärz Träger der Grundherrschaft ist der Grundherr. – In der Stadt, insbesondere in der landesfürstlichen, geht die Position des Stadtherrn praktisch in der umfassenden Stellung des Monarchen auf, der als solcher in die Stadtverfassung eingreift, und zwar über den Magistrat. Die Willensbildung ist nur im autonomen Wirkungsbereich möglich. Im Bereich der Grundherrschaft übt entweder der Grundherr selbst die ihm zukommenden Funktionen aus oder lässt sie in der Regel durch von ihm bestellte Beamte wahrnehmen. An der Spitze der Stadtherrschaft steht nunmehr in der Regel der Magistrat. Er besteht aus dem Bürgermeister und Magistratsräten. Der Magistrat ist mehr ein Organ des Staates als der Bürgergemeinde. In kleineren Städten ist die Magistratsverfassung nicht durchgeführt; hier amtiert ein Syndikus. Ihm sind die Polizeiverwaltung und Zivilgerichtsbarkeit entzogen. Das Gesetzgebungsrecht ist damit den Grund- und Stadtherrschaften zur Gänze entzogen, das überkommene Hof- bzw. Stadtrecht hat noch dort Geltung, wo es nicht durch die eben erwähnten Normen ersetzt worden ist. Die letzten auf ihren ehemals originären Charakter hinweisenden Rechte der Grund- und Stadtherrschaften werden bis auf wenige Reste beseitigt, und gehen auf den Staat der Länderverbindung über: Seine Allgemeinen Gesetze ersetzen endgültig Hof- bzw. Stadtrecht, seine Verordnungen reglementieren, seine Behörden kontrollieren die Herrschaftsausübung. Während sich dieser Staat neue Mittelbehörden schafft, welche die Landesherrschaft verdrängen, findet auf unterster Ebene kein gleichartiger Vorgang statt. Grund- und Stadtherrschaften verbleibt das Monopol erster Instanz, neben sie tritt keine eigene staatliche Behörde. Sie werden nicht wie die Landesherrschaft aus der staatlichen Hierarchie verdrängt, sondern in diese einbezogen. Grund- und Stadtherrschaften erfahren durch die Ausweitung der politischen Verwaltung eine gewisse Aufwertung gegenüber ihren Untertanen, über die sie weiterhin obrigkeitliche Gewalt ausüben. Gegenüber dem Staat der Länderverbindung geraten sie aber in ein Abhängigkeitsverhältnis, und zwar durch den Einbau in dessen Behördenapparat, den Verlust des bislang starken Rückhalts der landständischen Herrschaften an der nun abgeschwächten Landesherrschaft, schließlich durch die Auffassung, die politische Verwaltung sei ein vom Staat der Länderverbindung übertragener Wirkungsbereich. Die obrigkeitliche Gewalt der Grund- und Stadtherrschaften ist damit ein auf ihren Bereich lokalisierter Anteil an der umfassenden Staatsgewalt: sie wind in diesem Sinn Lokalgewalten. 52. Josephinismus Das neue und Weiterwirkende der Reformen Maria Theresias und Josefs II. wird als Josephinismus im weiteren Sinn bezeichnet; im engeren Sinn steht der Ausdruck für dessen spezifisches Staatskirchentum. Dieses Neue liegt in einer Staats- und Regierungsform, die grundsätzlich auf den Ideen der Aufklärung, aber auch einem dadurch geläuterten Katholizismus aufbaut. Vor allem werden besonders Religion und Kirche, Unterricht und Kulturpflege, Kranken- und Wohlfahrtswesen als eigene, nicht fremde Angelegenheiten geregelt und verwaltet, und zwar aufgrund rationaler Gesetze, die eine fachlich geschulte und instruierte Beamtenschaft vollzieht. Bislang autonome, staatsfreie Bereiche werden damit in den staatlichen Willensbildungsprozess integriert. Entweder durch die Aberkennung der Selbstverwaltung wie bei den zu Staatsanstalten gewordenen Universitäten, oder insoferne, als eine noch fortdauernde Selbstverwaltung bloß als andere Form der Vollziehung staatlichen Willens verstanden wird wie etwa die berufliche Selbstverwaltung der Zünfte. 53. erblicher Kaiser von Österreich siehe folgende Fragen

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54. 1806: Bedeutung für Österreich Durch die Niederlage gegen das revolutionäre Frankreich, besonders durch die Abtretung der linksrheinischen Gebiete im Frieden von Luneville 1801, ist die Autorität des Reiches an ihrer Wurzel bedroht. Mit dem RDHS 1803 verliert einerseits der Kaiser seinen Rückhalt an den geistlichen Territorien, andererseits erstarken vor allem die süddeutschen Reichsstände. Die Annahme des österreichischen Kaisertitels durch den Römischen Kaiser selbst ist ein arges Misstrauensvotum des Reichsoberhauptes gegenüber der Reichsverfassung. 1805 werden die süddeutschen Reichsstände für souverän erklärt, 1806 treten sie mit anderen Reichsständen aus dem Reich aus und dem Rheinbund unter dem Protektorat Napoleons bei. Aufgrund einer ultimativen Aufforderung Napoleons I und dem Austritt der meisten deutschen Reichsstände aus dem Reich erklärt Franz II dieses am 6.8.1806 für erloschen. Diese Handlung entspricht nicht dem Reichsrecht. Mit dem Untergang des Reiches setzt sich auf oberster Ebene endgültig der Staat der Länderverbindung durch. Nun wird er zur obersten Organisationsform, zum Reich. Anders als das Reich kann das Land dem Druck des modernen Staates, insbesondere seines Gouvernementsbezirkes, standhalten. Gerade im Gebiet des heutigen Österreich bleibt die mittelalterliche Länder-Landschaft bis heute bestehen. 55. Thronfolge im Kaisertum Österreich aufgrund des Privatfürstenrechts und der Pragmatischen Sanktion 56. Vormärz: Organe (Kompetenzen) in Österreich Der Monarch Als alleiniger Träger der Staatsgewalt hat der Monarch insbesondere das unumschränkte, nur durch den Staatszweck begrenzte Recht, Gesetze zu geben, er ist der höchste Richter, in seinem Namen werden daher alle Gerichte gehalten, schließlich ist er Inhaber der vollziehenden Gewalt, bei deren Ausübung jedoch an die Staatszwecke gebunden. Die staatliche Willensbildung bestimmt der Monarch, und zwar in dem Sinn, dass von ihm die Tätigkeit aller Behörden ihre Richtung erhält, allerdings im Rahmen und aufgrund der Gesetze. Hier liegt eine Selbstbindung vor, die jedoch, aber auch nur durch Gesetze widerrufen werden könnte. Der Monarch hat seine Entscheidungsgewalt vielfach an seine Behörden delegiert, diese sind in der Regel nach dem Kollegialsystem eingerichtet, was schwerfällig ist und die Verantwortungsverhältnisse verschleiert. Beratende Zentralorgane: Staats(Konferenz)rat ist die oberste und wichtigste Behörde zur Leitung der inneren Verwaltung. Wichtigste Zentralbehörden mit Vollzugsgewalt: Haus-, Hof- und Staatskanzlei: Leitung des ks. Hofstaates und Auswärtiges. Vereinigte Böhmisch-Österreichische Hofkanzlei: führt die oberste Verwaltung Allgemeine Hofkammer: oberste Finanz- und Handelsbehörde Oberste Justizstelle Hofkriegsrat Gouvernementsbehörden Gubernium Appellationsgerichte: ordentliche Gerichte II. Instanz Kreisamt: Unterbehörde der obersten allgemeinen Gouvernementsbehörde, sie fungiert als Verbindungsstelle zu den Lokalbehörden Lokalbehörden Staatliche Lokalbehörden sind neben Grund- und Stadtherrschaften die Ausnahme. Staatliche Gerichte 1. Instanz Selbstverwaltungsorgane Behörden der Grund- und Stadtherrschaften Berufliche Selbstverwaltung durch Handelskammern, weiterhin bestehen Zünfte. 57. Vormärz: rechtsstaatliche Einrichtungen Die Ausübung der Staatsgewalt bleibt ungeteilt in der Hand des Monarchen. Selbst eine kümmerliche ständische Repräsentation wie auf Landesebene wird auf jener des Gesamtstaates nicht eingerichtet. Dieser verschließt sich bewusst und nachhaltig den Ideen des Liberalismus und Nationalismus, konstitutionelle Wünsche werden selbst in bescheidenen Ansätzen nicht erfüllt. Österreich erhält daher vor 1848 keine Konstitution. Obwohl auch sie dem Monarchischen Prinzip huldigen, ergehen erst in den benachbarten süddeutschen, schließlich in fast allen deutschen Staaten Verfassungen. Selbst im neuen ABGB sind dessen oben zitierte Grundrechtsbestimmungen nicht mehr enthalten, bis auf eine einzige – Jeder Mensch hat angeborene schon durch die Vernunft einleuchtende Rechte, und ist daher als eine Person zu betrachten. Das überkommene Verfassungsgefüge des Kaisertums Österreich gilt daher als das bestmögliche, die Erhaltung der Stabilität wird zum System ausgebaut. Verrücke nichts an den Grundlagen des Staatsgebäudes, regiere, verändere nichts, ist die Regierungsmaxime. Der Erlass von Gesetzen erfolgt teils nur auf der Basis umfangreicher Stellungnahmen von einer Vielzahl an Institutionen, teils sind sie der Gedanke eines einzelnen Hofrates. Eine Fülle neuer Verordnungen und authentischer Interpretationen bestehender Vorschriften erschweren die Rechtskenntnis. Alle der bislang zum überwiegenden Teil vom Land wahrgenommenen Funktionen sind auf den Staat der Länderverbindung übergegangen: Dieser übt nun sämtliche öffentliche Funktionen aus. Zum Teil erhalten sie einen wesentlich neuartigen Charakter, in ihnen schlägt sich die neue Staatsauffassung inhaltlich nieder. Besonders hervorgehoben seien hier nur die dafür charakteristischen Angelegenheiten: Regierung: Die oberste Leitungsgewalt des Staates hebt sich durch eigene Behörden von den obersten Verwaltungsbehörden deutlich ab. Gesetzgebung: Es bestimmen nun Gesetze die Rechtskultur. Insgesamt liegen hier die unmittelbaren Wurzeln des modernen Gesetzesstaates. Gerichtsbarkeit: Zum Teil in erster, jedenfalls aber in zweiter und dritter Instanz ist die Gerichtsbarkeit von der Verwaltung getrennt. Unterrichtsverwaltung: Das Bildungswesen wird in den Dienst und unter die Aufsicht des Staates gestellt, womit die Kirche ihren herrschenden Einfluss verliert. Kultusverwaltung: Die auf einen engen spirituellen Wirkungsbereich beschränkten Kirchen stehen im besonderen Maße unter staatlicher Aufsicht, welche allerdings das traditionelle Staatskirchentum der vorausgegangenen Periode fortführt. Finanz- und Wirtschaftsverwaltung: Im Sinne des Kameralismus wird eine Erhöhung der Finanzkraft des Staates angestrebt: primär durch die Neuordnung des Steuerwesens, besonders durch Aufhebung von Steuerprivilegien. Die Einkommens- und die Grundsteuer sind die wichtigsten Neuerungen. Unter dem Einfluss des Merkantilismus kommt es schon unter Maria Theresia zum Abbau der Landesgrenzzölle zugunsten eines einheitlichen Wirtschaftsgebietes mit hohem Schutzzoll.

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58. Landesverfassungen im Vormärz Zum ersten Mal erhält ein Land des heutigen Österreich ein Verfassung im formellen Sinn, nämlich eine Verfassungsurkunde, die über eine bloße Privilegiensammlung hinausgeht: Es ist dies die Ständische Verfassung Tirols 1816. Sie steht vollkommen auf dem Boden des monarchischen Staatsrechts. Besonders deutlich wird dies darin, dass sie einseitig der Monarch als alleiniger Gesetzgeber erlässt sowie in ihrem Inhalt: Bloß den Ständen, nicht aber der Bevölkerung insgesamt werden Rechte eingeräumt; diese Rechte erlauben kein echtes Mitwirken an der Staatsgewalt, sondern beziehen sich nur auf Ratschläge, Bitten und Vorstellungen in Angelegenheiten, die sich auf das betreffende Land beziehen. Verfassungsversprechen erhalten Vorarlberg und Salzburg, hier wie in den übrigen Ländern des heutigen Österreich ergehen keine neuen Verfassungsurkunden, allerdings wird die bisherige Landesverfassung im Sinne des monarchischen Staatsrechts, wie es sich in der Tiroler Verfassungsurkunde niederschlägt, ausgelegt. 59. formelle Verfassungen im Vormärz siehe vorherige Frage 60. Österreich im Deutschen Bund Nach der Niederlage Napoleons und der Auflösung des Rheinbundes ist es eines der Ziele des Wiener Kongresses, Deutschland politisch in einem neuen rechtlichen Rahmen zu einigen. Erwogen werden die Pläne einer Wiedererrichtung des Heiligen Römischen Reiches, eines Nationalen Einheitsstaates und eines Bundesstaates, sie scheitern aber an der beharrlich verteidigten Souveränität der Einzelstaaten und am Dualismus Preußen-Österreich. So ist allein die Form eines Staatenbundes zu realisieren, der die Aufrechterhaltung der einzelstaatlichen Souveränität ermöglicht. Der Deutsche Bund ist als Vereinigung souveräner Staaten auf völkerrechtlicher Basis ein Staatenbund. Das Kaisertum Österreich gehört ihm mit seinen ehemaligen Reichsterritorien, also nicht zur Gänze an. In der Bundesversammlung führt Österreich den Vorsitz. Die hier beschlossenen Bundesgesetze binden nur die Mitgliedsstaaten, sollen sie deren Staatsbürger verpflichten, sind sie als Landesgesetze zu verkünden (Transformation). Trotz seiner völkerrechtlichen Basis enthält die Verfassung des Deutschen Bundes Beschränkungen der einzelstaatlichen Souveränität: Da die gesamte Staatsgewalt in dem Oberhaupte des Staates vereinigt bleiben, aber auch eine landständische Verfassung stattfinden soll, ist den Einzelstaaten eine bestimmte Verfassung vorgeschrieben: Diese hat das Prinzip der Monarchischen Legitimität zu wahren, allerdings Landstände an der Ausübung der Staatsgewalt zu beteiligen: Damit ist die absolute Monarchie untersagt. Für das Kaisertum Österreich ist Auftrag, eine landständische Verfassung zu erlassen, von besonderem Interesse. Wie bekannt, besitzt der Gesamtstaat keine solche, seine Regierungsform gerade in den zum Deutschen Bund gehörigen Teilen ist die einer absoluten Monarchie. Der Deutsche Bund dient der Aufrechterhaltung der Monarchischen Legitimität in den deutschen Staaten. Die in diesen durchzuführenden oder sogar ausnahmsweise den einzelnen Untertanen bindenden Gesetze des Deutschen Bundes wenden sich daher gegen die liberalen und nationalen Forderungen von Konstitution und Einheitsstaat. Die gleichfalls 1815 abgeschlossene Heilige Allianz, ein Bündnis aller europäischen Staaten außer dem Kirchenstaat und der Türkei, verfolgt dieselben restaurativen Tendenzen im gesamteuropäischen Raum und, über die Kolonialreiche, in Übersee. Sie bildet die Rechtsgrundlage für österreichische Interventionen in italienischen Staaten, schirmt also auch hier das vormärzliche Stabilitätssystem ab. Dieses politische Zusammenspiel von innerstaatlichem Stabilitätssystem, der Politik im Rahmen des Deutschen Bundes und aufgrund der Heiligen Allianz zugunsten der Monarchischen Legitimität bilden das System des Ministers Metternich.

IV. 1848-1851: Frühkonstitutionalismus
1. Früh-/ (Hoch-)Konstitutionalismus Frühkonstitutionalismus Das Prinzip der Monarchischen Legitimität wird nicht verletzt, der Frühkonstitutionalismus basiert auf einer Verfassung im formellen Sinn, die vom Monarchen oktroyiert wird. Der Monarch ist alleiniger Träger der Souveränität, doch wird das Volk an der Ausübung der Staatsgewalt beteiligt. Das Parlament besteht nicht nur aus einem Abgeordnetenhaus, sondern auch einer ständischen Kammer nach dem Vorbild des englischen Oberhauses. Die Mitglieder dieser ersten Kammer, Herrenhaus oder Pairskammer) werden zum überwiegenden Teil vom Monarchen ernannt, der somit der Willensbildung durch sogenannte Pairsschübe (Ernennung neuer Mitglieder) beeinflussen kann. In der Regel besitzt das Parlament kein Selbstversammlungsrecht und keine Gesetzesinitiative. Der Monarch hat ein absolutes Veto. Die Regierungsfunktion besorgt der Monarch mit den Ministern, die Minister werden vom Monarchen ernannt und sind dem Parlament verantwortlich. Unabhängige Gerichte besorgen die Gerichtsbarkeit. Einige wenige Staatsbürgerrechte betreffen als Staatsziel-Bestimmungen den Schutz von Gleichheit und Freiheit, Glauben und Gewissen sowie des Eigentums. Konstitutionalismus Dieser verbindet die Monarchische Legitimität mit der Volkssouveränität durch das Prinzip der Gewaltenteilung. Die Staatsgewalt ist der Substanz nach zwischen dem Volk und dem Monarchen geteilt. Die Verfassung im formellen Sinn wird aufgrund einer Vereinbarung zwischen Monarch und Volksrepräsentation erlassen. Monarch und Volk sind gemeinsam Träger der Souveränität. Das Parlament ist eine Volksrepräsentation. Durch ein bloß aufschiebendes Veto kann der Monarch Gesetze auf Dauer nicht verhindern. Die Regierungsfunktion üben Monarch und Ministerrat aus, allerdings verantwortliche Minister in größerer Zahl, so dass die Verantwortlichkeit für die einzelnen Verwaltungszweige gesteigert wird. Unabhängige Gerichte besorgen die Gerichtsbarkeit, ein umfassender Katalog von Staatsbürgerrechten garantiert Grundrechte, sie sind auch subjektiv öffentliche Rechte zufolge eine Verfassungs- und Verwaltungskontrolle durch unabhängige Gerichte. 2. Konstitut./parlamentarische Monarchie Die Existenz einer formellen Verfassung führt zur Frage, ob sie mit der materiellen übereinstimmt, d.h. ob die Konstitution nur auf dem Papier besteht oder doch die Verfassungswirklichkeit bestimmt. Verfassung 1848: Zum Teil trat an die Stelle der bisherigen Formel von Gottes Gnaden von Österreich die neue konstitutioneller Kaiser von Österreich. Der nur noch aus einem Abgeordnetenhaus bestehende Reichstag wurde gewählt, trat zusammen und übte die ihm zustehenden Rechte aus. Verfassung 1849: Zwar galt auch sie normativ kraft kaiserlicher Sanktion und Publikation im Reichsgesetzblatt, doch abgesehen von Regierung und Reichsrat traten keine ihrer Institutionen ins Leben, vor allem nicht das Parlament, der Reichstag. Gerade deshalb wurden Gesetze vom Kaiser unter Berufung auf sein interimistisches Gesetzgebungsrecht gemäß § 120 erlassen. Auch wenn es Maßnahmen gab, diese konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass die konstitutionelle Staatsform faktisch verlassen war. Die Auflösung des Reichstags entsprach zwar dem konstitutionellen Staatsrecht, nicht aber das Unterlassen von Neuwahlen für den neuen Reichstag

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und für die Landtage. 3. Konst. Verfassung: Parlamentsorganisation Siehe andere Fragen 4. Monarchische Legitimität/Volkssouveränität Allein der Monarch ist Träger der Souveränität. Es kommt aber zu einer Teilung sowie eine teilweise oder gänzliche Delegierung der Ausübung der Staatsgewalt. Die Vollziehung obliegt dem Kaiser bei Gegenzeichnung durch einen Minister, er verkündet, die vom Reichstag oder Landtag beschlossenen Gesetze (teilweise Delegierung), sodann wird in seinem Namen Recht gesprochen und das Münzrecht ausgeübt (gänzliche Delegierung). Gegen willkürliche Eingriffe des Staates sollen Grundrechte schützen: Nationalitätenschutz Gleichheit vor dem Gesetz Aufhebung der Leibeigenschaft Unverletzlichbarkeit des Eigentums Grunderwerbs- und Erwerbsfreiheit Freiheit der Liegenschaften von unablösbaren Leistungen Freizügigkeit des Vermögens und der Person. Nur für Cisleithanien gewährt das Grundrechtspatent 1849 Glaubens- und Gewissensfreiheit Wissenschafts- und Unterrichtsfreiheit Recht auf Grundausbildung Freiheit der Meinungsäußerung Petitionsrecht Vereins- und Versammlungsrecht Persönliche Freiheit Während die Grundrechte der Reichsverfassung und die drei erstgenannten des Grundrechtspatents nicht suspendiert werden dürfen, können die übrigen bei Krieg oder Unruhe im Inneren zeitweise außer Wirksamkeit gesetzt werden. Sie alle sind mangels einer Verfassungsgerichtsbarkeit Staatszielbestimmungen. 5. Gewaltentrennung Ausdrücklich ist die Gerichtsbarkeit von der Verwaltung in allen Instanzen zu trennen. Jede personelle Sondergerichtsbarkeit sowie die Patrimonialgerichtsbarkeit aufgehoben: Es gibt nunmehr bloß staatliche Gerichte, nämlich Bezirksgerichte Bezirkskollegialgerichte Landesgerichte Oberlandesgerichte Oberster Gerichts- und Kassationshof Die Staatsanwaltschaft wird aufgebaut und 1850 der Wirkungsbereich in sehr umfassender Weise bestimmt: Ausübung der Gerechtigkeitspflege sowohl in Zivil- als Strafsachen, administrative Leitung der Justiz und vor allem richtige Anwendung der Justizgesetze. Verwaltung: An die Stelle des Kollegialsystems tritt das Ministerialsystem: der Kaiser steht an der Spitze der gesamten Verwaltung. Zentralbehörden: Ministerrat und Reichsrat Mittel- und Unterbehörden: Statthalterei, Kreisbehörden, Bezirkshauptmannschaft Selbstverwaltung: berufliche Selbstverwaltung durch Errichtung von Kammern ausgebaut. 6. Parlamente: Interessen-/Volksvertretungen Verfassung 1849: Das Unterhaus wird in direkter Wahl gebildet (aktive Wahlberechtigung setzt ein Mindestmaß an direkter jährlicher Steuer voraus). In das Oberhaus entsendet jeder Landtag zwei seiner Mitglieder und wählt dazu noch weitere. Verfassung 1848: Seit der Verfassungsnovelle besteht der Reichstag allein aus dem Abgeordnetenhaus. Die Wahl erfolgt indirekt durch Wahlmänner. Aktiv wahlberechtigt und zum Abgeordnetenhaus wählbar ist jeder österreichische Staatsbürger nach Vollendung des 24. Lebensjahres. 7. Veto-Arten Suspensives (aufschiebendes) und absolutes Veto Beim ersten kann der Monarch Gesetze auf Dauer nicht verhindern. Beim absoluten Veto hat der Monarch die Möglichkeit ihm unliebige Gesetzesbeschlüsse des Reichstages am Inkrafttreten zu hindern. 8. Ministerverantwortlichkeit Der Minister ist für seine Tätigkeit politisch dem Reichstag, ab der Verfassung 1849 rechtlich dem Reichsgericht verantwortlich. Sämtliche Verfügungen des Kaisers bedürfen der Gegenzeichnung eines Ministers, der damit die eben erwähnte Verantwortung übernimmt, die Gegenzeichnung daher begründet verweigern und den Monarchen an einer rechtswidrigen Entscheidung hindern kann. 9. Verfassung 1848 Am 13. März 1848 bricht in Wien die Revolution aus. Metternich als Personifizierung des vormärzlichen Stabilitätssystems muss zurücktreten, der Kaiser verspricht den Erlass einer Konstitution des Vaterlandes und setzt dafür ein verantwortliches Ministerium ein. Sämtliche zum Österreichischen Kaiserstaate gehörigen Länder bilden eine untrennbare konstitutionelle Monarchie. Träger der Staatsgewalt ist der Kaiser, dessen Anordnungen allerdings von der Gegenzeichnung eines verantwortlichen Ministers abhängig sind. Die Gesetzgebung wird gemeinsam von Kaiser und Reichstag ausgeübt. Dieser besitzt zwar das Recht zur Gesetzesinitiative, hat aber kein Selbstversammlungsrecht, der Kaiser überdies durch sein unbeschränktes Sanktionsrecht ein absolutes Veto. Der Reichstag ist in zwei Kammern organisiert. Der ständisch

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orientierte Senat und das Abgeordnetenhaus. Die Gerichtsbarkeit obliegt unabhängigen Gerichten im öffentlich-mündlichen Verfahren; im Strafprozess haben Schwurgerichte tätig zu werden. Der Föderalismus findet nur insoferne Berücksichtigung, als die bisherigen Landstände bestehen bleiben bzw. solche zu errichten sind, sie besitzen kein Gesetzgebungsrecht und wirken an dem des Gesamtstaates nicht mit. Der Föderalismus ist schwach ausgebildet und wenig durchdacht. Insgesamt zeigt sich die Verfassung 1848 noch bisherigen Einrichtungen verbunden, und zwar in der starken Position des Monarchen, der alleinigen Gesetzgebungskompetenz des Gesamtstaates, dem Anknüpfen an die landständischen Einrichtungen und der Möglichkeit eines differenzierten Föderalismus. 10. Änderungen auf Lokalebene 1848 Den entscheidenden Anstoß zur Revolution in Wien bringt die Tagung der unterennsischen Landstände. Offenbar unter diesem Eindruck äußert der Monarch mehrmals die Absicht, die künftige Verfassung solle mit den Abgeordneten aller Provinzialstände beraten werden. An diesem Ständischen Zentralausschuss nehmen u.a. Vertreter aus allen historischen Bundesländern teil. Der Verfassungsentwurf, den dieser Zentralausschuss erarbeitet, wird gemeinsam mit Pillersdorf beraten und offenbar von diesem dann seinem eigenen Entwurf zugrunde gelegt. So spielen die Länder beim Erlass der Verfassung 1848 eine gewichtige Rolle. Vor allem hatten die Länder begonnen, in ihrem eigenen Bereich im konstitutionellen Sinn zu wirken. Die Landtage oder zumindest deren Ausschüsse waren gemäß der Verfassung 1848 zusammengetreten und berieten neue Landesverfassungen, Gemeindestatuten sowie die Aufhebung des Untertänigkeitsverbandes und die Grundablöse. Die neuen Landesverfassungsentwürfe brachen mit dem Wesen der landständischen Verfassung. In der Regel sollten die neuen Landtage aus gewählten Volksvertretern bestehen. Die Bezeichnung Landesverfassung täuscht aber: Wie bisher handelt es sich lediglich um Landtags-Statute, nicht um Konstitutionen analog der des Gesamtstaates. Ihrem Wesen nach sind sie somit auf den Landtag bezogene Ausführungen und Ergänzungen der Gesamtstaatsverfassung. Die Verfassung hebt zwar die landständischen Verfassungen auf (1849), die neuen Landesverfassungen bringen aber keine allgemeine Volksvertretung, sondern eine neuständische Interessenvertretung: Die Wahl der Landtagsmitglieder erfolgt getrennt nach Kurien. Bis zur Verfassung 1849 gelten die bisherigen Ständischen Verfassungen bzw. die entsprechenden Privilegiensammlungen, allerdings modifiziert durch die konstitutionellen Ergänzungen insbesondere der Patente vom 15. u. 18.3.1848. Mit Beginn des Jahres 1850 treten in den historischen Bundesländern neue Landesverfassungen in Kraft, sie sind aber nicht effektiv. Die Konstituierung der neuen Landesorgane unterbleibt. Obwohl sie nicht vollzogen werden, kommt den Landesverfassungen dennoch Bedeutung zu. Sie stellen das Bindeglied zwischen den Ständischen Verfassungen und den nachfolgenden Landesverfassungen dar, ihr Grundkonzept übernehmen schließlich die Landordnungen 1861 und zwar insbesondere die Interessenvertretung. Das Prov. Gemeindegesetz 1849 erleidet ein ähnliches Schicksal wie die Landesverfassungen 1849. Allerdings wird es zum Teil vollzogen, schafft insbesondere die Gemeinde als bleibende Einrichtung. Mit dem Reichsgemeindegesetz 1862 erlebt es eine treu kopierte Neuauflage. 11. böhmisches Staatsrecht Noch vor dem Erlass der Verfassung von 1848 wurde vom Kaiser am 8.4.1848 Böhmen eine besondere Verfassung zugesagt und am 11.4.1848 Ungarn sogar eine solche bestätigt. Hier war man eindeutig in Unkenntnis der staatsrechtlichen Bedeutung vorgegangen, Ungarn konnte sich forthin als nur noch in Personalunion mit den übrigen Teilen der Monarchie verbunden verstehen. Die Tschechen wollten das erwähnte Verfassungsversprechen ähnlich ausgelegt wissen und nannten es, obwohl nur ein internes Handschreiben des Kaisers an Pillersdorf, Böhmische Charte, da es in die böhmische Provinzialgesetzsammlung aufgenommen war. Als daher am 25.4.1848 die Pillersdorfsche Verfassung erlassen wurde, schien diese mit den eben erwähnten Akten in Widerspruch zu stehen. Pillersdorf verstand jedoch seine Verfassung als Gesamtstaatsverfassung, in deren Sinn die ungarische als misslungene Provinzialverfassung die Zusage an Böhmen als das Versprechen einer solchen. Die Radikalisierung in Ungarn macht es allerdings ebenso wie in Lombardo-Venetien nicht möglich, die Verfassung 1848 dort in Kraft zu setzen; diese Teile der Monarchie bleiben von ihrem örtlichen Geltungsbereich ausgeschlossen wenngleich weiterhin Bestandteile des Kaisertum Österreich: Es ist daher in den Reichstags-Wahlordnungen die Rede von jenen Teilen der Monarchie für welche die Verfassungsurkunde vom 25.4.1848 erlassen wurde. Aus dem beschränkten Geltungsbereich der Verfassung 1848 auf eine Verkleinerung des Kaisertum Österreichs zu schließen, wie dies bisher in der Regel geschah, ist irrig. 12. Grundentlastung in Österreich Die Grundherrschaft wird zum bloßen Großgrundbesitz, da sie ihre öffentlich-rechtlichen Befugnisse im Zuge der sogenannten Bauernbefreiung verliert. An die Stelle der Grund-, aber auch der Stadtherrschaften treten staatliche Behörden und nach einer Übergangszeit die als einheitliche Lokalgewalt gedachte Gemeinde mit einem autonomen Wirkungsbereich. Vollendet wird die Beseitigung der Intermediären Gewalten mit der Aufhebung der Grundherrschaft: obrigkeitliche Gewalt üben monopolartig nur staatliche Behörden aus. 13. Reichstag 1848/49 Kritik an der Verfassung findet das Zweikammernsystem: Es könne neben dem Senat das Abgeordnetenhaus den Volkswillen nicht geeignet zur Geltung bringen. Die Kritik steigert sich schließlich durch den Erlass der 1. Reichstags-Wahlordnung vom 9.5.1848, da die Wahl zum Abgeordnetenhaus nur indirekt über Wahlmänner erfolgen sollte und vor allem Arbeiter und Dienstpersonal als nicht wahlberechtigt galten. Die neuerliche Welle der Revolution vom 15. Mai erzwingt eine Verfassungsänderung: Der Reichstag wird im Sinne des Einkammernsystems ohne Senat organisiert und mit der ausdrücklichen Kompetenz versehen, eine neue Verfassung auszuarbeiten. 14. Kremsierer Entwurf Im Juli 1848 trat der gewählte Reichstag erstmals in Wien zusammen, nach dem Oktoberaufstand in Wien wurde er nach der Provinzstadt Kremsier (Kromeriz) in Mähren verlegt. Der Kremsierer Entwurf steht, anders als die Verfassungen 1848 und 1849, auf dem Boden der Volkssouveränität. Alle Staatsgewalten gehen vom Volke aus. Zur Gewaltenteilung in Gesetzgebung, Verwaltung und Gerichtsbarkeit wird die Trennung und Unabhängigkeit der Rechtspflege von der Verwaltung ausdrücklich betont. Die gesetzgebende Gewalt wird auf Reichsebene vom Kaiser gemeinsam mit dem Reichstag, im Land gemeinsam mit dem Land- bzw. Kreistag ausgeübt. Der Kaiser hat nur ein suspensives Veto, kann daher auf Dauer das Zustandekommen eines Gesetzes nicht verhindern. Die vollziehende Gewalt kommt zwar dem Kaiser allein zu, sie wird jedoch durch verantwortliche Minister ausgeübt. Die richterliche Gewalt wird von unabhängigen gesamtstaatlichen Gerichten wahrgenommen. Ein Oberstes Reichsgericht dient der Verfassungsgerichtsbarkeit. Zentrales Organ ist der Reichstag. Er besteht aus zwei Kammern: aus einer Volkskamm und, in Abkehr gegen ständische Vorrechte, dafür aber in

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Betonung des Föderalismus, aus einer Länderkammer. Die Grundrechte sind mangels entsprechender Kompetenz des Obersten Reichsgerichts keine subjektiven öffentlichen Rechte, sondern Staatsziel-Bestimmungen. 15. Verfassung 1849 Mit der Begründung, der Reichstag habe sich zu sehr mit Erörterungen aus dem Gebiete der Theorie beschäftigt und repräsentiere im Gegensatz zum Monarchen und der Regierung nicht das gesamte Kaisertum Österreich, wird er zum 4.3.1949 aufgelöst und mit selbem Tag eine Neue Reichsverfassung für das Kaisertum Österreich sowie ein Grundrechtspatent erlassen. Die Verfassung 1849 verhindert das Inkrafttreten des Kremsierer Verfassungsentwurfes und tritt überdies an die Stelle der Verfassung 1848. Fast sämtliche Einrichtungen des Kremsierer Entwurfes finden sich in der Verfassung 1849 wieder, jedoch modifiziert. Grundsätzlich ist das Prinzip der Volkssouveränität von dem der Monarchischen Legitimität verdrängt. Die Verfassung wird oktroyiert, über seine Sanktion steht dem Monarchen wieder ein absolutes Veto in der Gesetzgebung zu, für eine Übergangszeit ist er allein der ordentliche Gesetzgeber. Die vollziehende Gewalt ist ausschließlich und unteilbar dem Kaiser reserviert, und er hat ein Notverordnungsrecht. Gleichfalls auf seine Person bezogen wird der Reichsrat. Er ist nicht mehr nur beratendes Organ der Regierung, sondern auch des Monarchen, der die Mitglieder ernennt. Neben dieser Rechtsstellung des Kaisers tritt das Parlament in den Hintergrund. Wie im Kremsierer Entwurf ist es in eine Länder- und eine Volkskammer organisiert. 16. Beendigung des landständischen Systems Siehe vorherige Fragen 17. (Orts-)Gemeinde Durch die Aufhebung der obrigkeitlichen Rechte der Grundherrschaften ist die Lokalverwaltung auf dem flachen Land neu zu regeln. Daher werden Gemeinden gebildet, die durch gewählte Organe handeln sollen. Für die Stadt bedeutet die Neuregelung eher eine Modifikation des bisherigen Zustandes, für das flache Land mit seiner bislang patrimonialobrigkeitlichen Grundherrschaft jedoch etwas völlig neues: und zwar sowohl für die bloß fremdbestimmte Landbevölkerung, als auch für den nunmehr in den Gemeindeverband miteinbezogenen Grundherrn. Ein Novum stellt auch die weder zwischen Stadt und Land noch zwischen größeren und kleineren Städten differenzierende Uniformität dar: Die Gemeinde ist ein einheitlicher Organisationstyp. Die Gemeinde besitzt einen natürlichen autonomen Wirkungsbereich neben dem vom Staat übertragenen. Al einheitlicher Organisationstyp erfährt sie insoferne eine Modifikation, als bedeutende Städte eigene Verfassungen durch die staatliche Gesetzgebung erhalten können, was für die Landeshauptstädte und Kreisstädte zwingend vorgesehen ist. Diese Grundgedanken bestimmen die gesamte weitere Entwicklung des Gemeinderechts. 18. 70 Millionen Plan Die Regierung Schwarzenberg erteilt der Großdeutschen Lösung eine klare Absage, da sie am österreichischen Gesamtstaat festhält. Ihren Niederschlag findet diese Absage in der Verfassung 1849, die durch ihre einheitsstaatliche Lösung den §§ 2 und 3 Reichsverfassungsentwurf widerspricht. Schwarzenberg lehnt allerdings auch die kleindeutsche Lösung ab. Schließlich lehnt er auch die Lösung ab, das Kaisertum Österreich mit diesem Bundesstaat zu einem Staatenbund zusammenzuschließen, da das Kaisertum Österreich damit seine Stellung in Deutschland aufgeben würde. Der deutsche Bund habe weiterhin zur Gänze als Staatenbund fortzubestehen, wenngleich mit Modifikationen, nämlich vor allem der, dass das Kaisertum Österreich nicht mehr zum Teil, sondern zur Gänze in den Bund eintreten solle. Damit wäre ein mitteleuropäischer Großraum von ca. 70 Millionen Einwohnern geschaffen, was wirtschaftliche Vorteile brächte (=70 Millionen Plan). 19. Österreich im Deutschen Bund Die Konst. Deutsche Nationalversammlung trat am 18.5.1848 in Frankfurt/Main im Gebäude der Paulskirche zusammen. Sie verstand sich als Inhaberin einer vom Volk legitimierten Staatsgewalt, als Trägerin der Volkssouveränität. Eine ihrer ersten Maßnahmen war die Schaffung einer provisorischen Reichszentralgewalt mit dem Reichsverweser als Staatsoberhaupt und einer praktisch der Nationalversammlung verantwortlichen Reichsregierung. Bereits ein kooptiertes Gremium des Deutschen Bundes, der sogenannte 17-Ausschuss hatte den Entwurf eines deutschen Reichsgrundgesetzes erstellt. Der Deutsche Bund mit allen seinen zugehörigen Gebieten solle von einem Staatenbund in einen konstitutionellen Bundesstaat umgewandelt werden. Was sollte aber mit jenen Staaten geschehen, die nicht zur Gänze dem Deutschen Bund angehörten? Für sie bedeutete die Umwandlung, dass neben die bisherige Staatsgewalt noch eine weitere, nämlich die des Bundesstaates treten würde. Dies hätte eine Spaltung ihres Hoheitsgebietes zur Folge. Die Kleindeutsch Partei wollte den deutschen Bundesstaat ohne das Kaisertum Österreich unter preußischer Führung verwirklichen, die Großdeutsche Partei dessen dem Deutschen Bund angehörende Gebiete in den neuen Staat miteinbeziehen. Doch entschied die Nationalversammlung selbst weder in der einen noch in einer anderen Richtung. Die §§ 2 und 3 des schließlich erarbeiteten Reichsverfassungsentwurfes lauten nämlich: Kein Teil des Deutschen Reiches darf mit nichtdeutschen Ländern zu einem Staat vereinigt sein. Das Verhältnis zwischen beiden Ländern ist nach den Grundsätzen der reinen Personalunion zu ordnen. So war es letztlich dem Kaisertum Österreich überlassen, ob es als Einheitsstaat erhalten bleiben und damit dem künftigen Deutschen Reich nicht angehören oder sich auf eine bloße Personalunion zurückziehen und dem Deutschen Reich beitreten wolle. Im erwähnten 17-Ausschuss hatte bereits der österreichische Vertreter Schmerling der Umwandlung des Deutschen Bundes in einen Bundesstaat zugestimmt, also eine Lockerung des österreichischen Einheitsstaates in Kauf genommen. Eine andere Haltung nahm jedoch die österreichische Regierung ein. Die Regierung Ficquelmont sprach die Absicht aus, nur einer Lösung in Hinblick auf die besonderen Verhältnisse des Gesamtstaates beitreten zu können, die mit der Wesenheit eines Staatenbundes vereinbar wäre. Eine klare Absage erteilt dann die konservative Regierung Schwarzenberg. Trotz dieser Absage nimmt am 28.3.1849 die Nationalversammlung die Verfassung des Deutschen Reiches an, und zwar noch immer mit dem Angebot an Österreich, für das es auch die entsprechenden Sitze in der Länderkammer des Reichstags reserviert. Schließlich scheitert das Verfassungswerk durch die Ablehnung der Kaiserwürde durch den preußischen König, die Nationalversammlung löst sich auf. Am 20.12.1849 legt Erzherzog Johann die Reichsverweserschaft nieder und überträgt die Zentralgewalt zurück an eine Kommission des Deutschen Bundes.

V. 1852-1867: Monarchischer Einheitsstaat
20. Reichsrat vergleiche mit den anderen Fragen

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21. Neoabsolutismus in Österreich abrupt? Mit Beginn des Jahres 1852 wird die Verfassung 1849 aufgehoben, an die Stelle der formellen Verfassung treten vom Monarchen aufgestellter Verfassungsgrundsätze. Sie zielen ab auf die Begründung einer neuständisch beschränkten Monarchie allein auf der Basis der Monarchischen Legitimität. 22. Verfassungsgrundsätze 1852 Drei kaiserliche Erlässe vom 31.12.1851 (sog. Silversterpatente) beenden formell die frühkonstitutionelle Periode und schaffen die Grundlage einer neuen materiellen Verfassung. Ein Patent hebt die Reichsverfassung 1849 auf, bestätigt allerdings zwei Grundrechte: die Gleichheit aller Staatsbürger und die Aufhebung der Grunduntertänigkeit. Ein weiteres Patent derogiert dem Grundrechtspatent 1849, belässt aber das Grundrecht der gesetzlich anerkannten Kirchen zur gemeinsamen öffentlichen Religionsausübung und Verwaltung ihrer Angelegenheiten. Ein ah. Handschreiben schließlich enthält als Beilage die Grundsätze für organische Einrichtungen in den Kronländern des österreichischen Kaiserstaates. Die Verfassungsgrundsätze sehen ein neoabsolut-neuständisches Staatswesen vor. 23. ständisch beschränkte Monarchie Es kommt im Gegensatz zum Konstitutionalismus zum Ausschluss des Volkes von der Teilnahme an der Staatsgewalt Die wenigen Grundrechte sind als sog. Staatsziel-Bestimmungen nur Richtlinien für die Staatsführung Aufgehoben ist die Gewaltenteilung zwischen Gesetzgebung und Vollziehung, die beide dem Kaiser obliegen, die richterliche Unabhängigkeit ist nicht garantiert, die Länder werden im Sinne des historischen Staatsrechts respektiert, jedoch als Verwaltungssprengel eingerichtet und sollen bloß beratende ständische Vertretungen und eine geringe, gemeindeähnliche Autonomie erhalten. Auch die Form der Willensbildung ist bis 1860/61 und ab 1865 in das Belieben des Monarchen gestellt: Verfassungsrechtlich relevante Bestimmungen sind oft in an einzelne Regierungsmitglieder gerichtete Ah. Handschreiben aufgenommen wenden sich nicht als allgemeinverbindliche Normen an die Staatsbürger, werden allerdings im RGBL publiziert. Damit ist in auffallender Weise die Gewaltenteilung verlassen, respektiert wird sie im Wesentlichen nur zwischen Verwaltung und Gerichtsbarkeit in zweiter und dritter Instanz. Ähnlich wie im Absolutismus werden einige Staatsziele normiert, wenngleich nicht als subjektiv öffentliche Rechte garantiert. Es sind dies Gleichheit aller Staatsbürger vor dem Gesetz Aufhebung des Untertänigkeitsverbandes Autonomie der gesetzlich anerkannten Kirchen und Religionsgesellschaften Dazu ab 1860: Die allen verbürgt freie Religionsübung, gleiche Ämterfähigkeit, gleiche Wehr- und Steuerpflicht, Schutz der persönlichen Freiheit mit dem Recht auf den gesetzlichen Richter Schutz des Hausrechts 24. Gutsgebiet Es ist ein Rahmengesetz, das durch Landesgesetze näher ausgeführt wird. Grundsätzlich ist das gesamte Staatsgebiet in Gemeindebezirke aufzuteilen. Jede Liegenschaft hat einer Gemeinde anzugehören. Eine Ausnahme bilden Besitzungen des Kaisers und des Hofes wie vor allem das Gutsgebiet: Der Eigentümer eines Großgrundbesitzes übernimmt hier die Gemeindefunktionen, ausgenommen das Polizeistrafrecht, das an die staatliche Behörde erster Instanz übergeht. Der Unterschied zur Gemeinde besteht insbesondere im Fehlen gewählter Organe. Rechtsgrundlage der Gemeinde ist erst noch das prov. Gemeindegesetz 1849, dann das teilweise in kraft gesetzte Gemeindegesetz 1859, schließlich das Reichsgemeindegesetz 1862. 25. Stützen des Neoabsolutismus Das neue dieses Neoabsolutismus gegenüber jenem vor 1848 zeigt sich zum einen in der teils fortschrittlichen Regierungspraxis, zum anderen in der Existenz scheinkonstitutioneller Einrichtungen. Weiterhin besteht eine Regierung aus Ministern, doch sind diese dem Monarchen verantwortlich; werden Gesetze erlassen, allerdings vom Monarchen; werden einzelne Grundrechte gewährt, wenngleich mit verändertem Stellenwert; ist die Justiz von den übrigen Staatsgewalten so gut wie getrennt, dies jedoch nicht garantiert. Hier liegt das verfassungsrechtliche Problem des Neoabsolutismus: Seine Errungenschaften sind verfassungsrechtlich nicht abgesichert, Veränderungen stehen im Belieben des Monarchen. Auch fehlt eine Kontrolle durch die Öffentlichkeit. Wie beim Absolutismus dient wieder die Gesetzgebung als Staatsklammer. Zum wesentlichen Bestandteil des Regierungssystems zählt neben Heer und Beamtenschaft die katholische Kirch. Mit dem Konkordat 1855 übt die Kirche über Katholiken abermals weltliche Herrschaft aus. Damit gibt der Staat seine indifferente Haltung gegenüber den Kirchen auf und räumt der katholischen einen Vorrang gegenüber den anderen ein. 26. Konkordate 1855 – 1934 Das Konkordat 1855 zwischen dem Kaisertum Österreich und dem Heiligen Stuhl ruft für Katholiken die Kirchenherrschaft wieder ins Leben. Für sie wird das Eherecht des ABGB aufgehoben und durch das kanonische Eherecht ersetzt, auch die kirchliche Ehegerichtsbarkeit eingeführt. In beschränktem Maße treten für Kleriker an die Stelle des weltlichen Rechts und der weltlichen Gerichte das kanonische Recht und kirchliche Gerichtsbarkeit. Vor allem wird das gesamte untere und mittlere Schulwesen kirchlicher Aufsicht unterstellt. Auch ein Einfluss auf die Zensur wird der Kirche dadurch eröffnet, dass der Staat die Verbreitung der von ihr für verderblich bezeichneten Bücher verhüten muss. Das Konkordat 1933 mit seinem Zusatzprotokoll begründet für Katholiken zum Teil Kirchenherrschaft, wenngleich in gegenüber dem Konkordat 1855 abgeschwächter Form. Für den genannten Personenkreis treten neben das Eherecht des ABGB das kanonische Eherecht des Codex Iuris Canonici von 1918 und die kirchliche Ehegerichtsbarkeit, ausgenommen im Verfahren zur Trennung von Tisch und Bett, neben die weltliche. In den niederen und mittleren Lehranstalten steht für katholische Schüler der Kirche das Recht auf Erteilung des, übrigens zu erweiternden, Religionsunterrichts und auf Vornahme religiöser Übungen durch Geistliche aufgrund eigener Lehrpläne zu. 27. Oktoberdiplom-Februarverfassung Anknüpfungspunkt der Reformen ist der Reichsrat der mit Patent vom 5.3.1860 durch außerordentliche Reichsräte verstärkt wird. Aufgabe dieses Verstärkten Reichsrates ist die bloße Beratung und Erstellung von Gutachten hinsichtlich finanzieller Angelegenheiten und wichtiger Gesetzesentwürfe. Diese Befugnisse werden am 17.7. um das Zustimmungsrecht in der Steuergesetzgebung erweitert. Der Reichsrat ist damit

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aus einem Kronrat zu einer Art ständischem Ausschusslandtag geworden. Auf Grund der Vorschläge des Verstärkten Reichsrates wird am 20.10.1960 der Versuch einer Verfassungsreform unternommen. Ihr Kernstück ist das sogenannte Oktoberdiplom für den Gesamtstaat, für einige cisleithanische Länder ergehen Statute über die Landesvertretung, für die transleithanischen eine Anzahl allerhöchster Handschreiben. Der Reformversuch 1860 ist keine konstitutionelle Verfassung, sondern eine systemimmanente Weiterentwicklung der Verfassungsgrundsätze 1852: Im Sinne der seit 1854 betriebenen Arbeiten werden nun Statute über die Landesvertretung erlassen und auf gesamtstaatlicher Ebene das schon vor 1860 geplante Centralorgan mit dem Reichsrat neuen Charakters vorgesehen. Damit ist versucht, das bereits 1852 grundgelegte Neuständische Element zu verwirklichen, und zwar nach einem Ausschussprinzip: Gewählte Gemeindräte – im Wesentlichen von ihnen, dann dem Adel und der Kirche beschickte Landtage – im Wesentlichen von ihnen und durch kaiserliche Ernennung beschickter Reichsrat, der somit überwiegend ein Ausschusslandtag gewesen wäre. Weitere Neuerungen sind eine Geringe Vermehrung der Staatsziel-Bestimmungen, vor allem eine Teilweise Bindung des Monarchen in der Ausübung der Staatsgewalt und eine differenzierte Föderalisierung des Gesamtstaates. Die Ausübung der Staatsgewalt wird zum Teil an die formelle Gesetzesform und an Repräsentativkörperschaften gebunden: Landtag und Reichsrat In den meisten Angelegenheiten ist der Monarch allein Gesetzgeber, allerdings unter zwingender beratender Mitwirkung der Landtage oder des Reichsrates. Der Reformversuch des Oktoberdiploms hat einen ganz speziellen Zweck: dem allseits befriedigenden Einbau Ungarns in den monarchischen Gesamtstaat. Er geht auf Anregungen ungarischer Politiker zurück und berücksichtigt daher die konstitutionellen Wünsche cisleithanischer Politiker in keiner Weise. In seiner Grundkonzeption ist das Reformwerk nicht der Zukunft zugewandt, sondern der Vergangenheit verbunden. 28. Reichsverfassung 1861 Bereits vier Monate nach seinem Erlass wird das Oktoberdiplom durch das Patent vom 26.2.1861 ausgeführt und dabei teilweise abgeändert. In ihm erklärt der Monarch bezüglich des Gesamtstaates ausdrücklich zur Verfassung des Reiches: Pragmatische Sanktion Oktoberdiplom und in dessen Durchführung Ein neues Grundgesetz über die Reichsvertretung Neue Landesordnungen für die cisleithanischen Länder Die wiederhergestellten transleithanischen Landesverfassungen. Diese Reichsverfassung 1861 regelt allerdings für Cisleithanien nur eine Staatsfunktion, die Gesetzgebung. Sie ist der letzte Versuch, mit einer neuständisch beschränkten Monarchie dem Konstitutionalismus eine andersartige Verfassungskonstruktion auf dem Boden des historischen Staatsrechts und der Monarchischen Legitimität gegenüberzustellen. Die wesentliche Neuerung auf Reichsebene bringt allein das Grundgesetz über die Reichvertretung. Es gliedert den Reichsrat in zwei Kammern, das Herrenhaus und das Abgeordnetenhaus. Es gibt aber keine gewählte Kammer, was dem Gedanken eines Parlaments widerspricht. Funktionsmäßig allerdings wandelt es den Reichsrat in ein Parlament um: Er hat nun durchgehend beschließende und nicht bloß wie bisher überwiegend beratende Funktion. Als neues Beratungsorgan wird ein Staatsrat mit Funktionen wie sie bislang der Reichsrat vor seiner Umwandlung in ein Parlament besessen hatte, bestellt. Schon in diesem Ersatz wird das prinzipielle Festhalten an der bisherigen Konstruktion deutlich, besonders aber im Fehlen so gut wie aller konstitutionell-rechtsstaatlicher Einrichtungen. Es fehlen vor allem: Eine umfassende formelle Gesetzgebung zufolge der Prärogativen der Krone Eine Echte Volksrepräsentation, da der Reichsrat keine gewählte Kammer besitzt und die Landtage Interessenvertretungen sind Ein umfassender Katalog an Grundrechten, diesen als Staatsziel-Bestimmungen mangels Verfassungsgerichtsbarkeit eine Umwertung in subjektive öffentliche Rechte Strikte Gewaltentrennung mit der Garantie unabhängiger Gerichte Ministerverantwortlichkeit. Neben dem sehr wesentlichen Umstand, dass der Monarch nur im Bereich der nur in Gesetzesform auszuübenden Staatsgewalt in echter Weise Bindungen an Repräsentativkörperschaften unterliegt, ist noch zu betonen, dass das Grundgesetz über die Reichsvertretung nicht mehr einseitig vom Monarchen aufgehoben werden kann. In diesem einen Punkt, aber auch nur in diesem, geht die Bestandsgarantie der Reichsverfassung über das Oktoberdiplom hinaus. 29. engerer Reichsrat Für die cisleithanischen Länder wird eine besondere, sie verklammernde Institution geplant: in gewissen, nur diese Länder betreffenden Angelegenheiten, kann der grundsätzlich gesamtstaatliche Reichsrat ohne transleithanische Mitglieder als engeres Gremium tätig werden (ab 1861 sogenannter engerer Reichsrat). Die transleithanischen Länder erhalten größeres Gewicht. Kompetenzen, die in den cisleithanischen Ländern der engere Reichsrat vornimmt, stehen dort den Landtagen zu, die nicht nur bloß beratend an der Gesetzgebung mitwirken, sondern diese in allen Angelegenheiten gemeinsam mit dem Monarchen ausüben. Der Föderalismus ist wie vor 1848 differenzierter Natur und, besonders in den cisleithanischen Ländern, wie bisher nur schwach ausgebildet; hier sind die Länder in ihren autonomen Funktion abermals bloße Gebietskörperschaften, keine Staaten. 30. Landesvertretungsstatute 1860/Landesordnungen 1861 = Verfassungen? Im Anschluss an das Oktoberdiplom ergehen gleichfalls am 20.10.1960 Statute über die Landesvertretung. Erstmals ist nicht mehr von einer Landesverfassung die Rede, sondern, dem Inhalt entsprechend, dargetan, dass es sich um die Bestellung des Organs einer Selbstverwaltungskörperschaft (Statut) handelt. Sie beziehen sich auf das Organ des Landes, nicht aber auf dieses schlechthin wie noch die Landesverfassungen 1849: Das nicht-staatliche Wesen des Landes als ein Kommunalverband höchster Ordnung wird damit unterstrichen. Mit der Reichsverfassung 1861 treten an die Stelle der Landtagsstatute 1860 inhaltlich ähnliche Landesordnungen. Da auch sie nur derartige Statute sind, vermeiden sie mit Recht den Ausdruck Landesverfassung. Sie schwächen jedoch den 1860 geplanten ständischen Charakter ab. An die Stelle der betont ständischen Kurien treten jene der Landesverfassungen 1849, was insbesondere eine Verminderung der Zahl der Vertreter der Geistlichkeit bedeutet. In den Städten und Landgemeinden wird nun, anders als 1860, gewählt. Damit entsenden, anders als 1860 vorgesehen, nicht die Gemeinden ihre Vertreter, sondern deren Bevölkerung Abgeordnete: Das Ausschussprinzip ist durch Wahl ersetzt. Bis 1860/61 ist die Verfassung des Landes als eines bloßen staatlichen Verwaltungssprengels ausschließlich von der des Gesamtstaate bestimmt.

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Ab 1861 bilden die Rechtsgrundlage des Landes Landesordnung und Landtagswahlordnung, die zusammen als Beilage für jedes Land einen Bestandteil der Reichsverfassung 1861 bilden. Die Reformen 1860 und 1861 vermeiden insgesamt eine Wiederbelebung des Frühkonstitutionalismus auf Landesebene. Statuten wie Landesordnungen sind keine Landesverfassungen, sie kennen daher keinen entsprechenden Verfassungseid, ihnen fehlen allgemeine Teile, an die Stelle einer Wahl ist die Ernennung des Landeshauptmanns durch den Monarchen getreten, der nur Kaiser, nicht etwa Kaiser-Erz-Herzog ist. Damit wird auch die strikte Aberkennung jeder Staatlichkeit und die Einbeziehung in die gesamtstaatliche Willensbildung viel deutlicher gemacht als 1849. 31. Prärogativen der Krone Die Mitwirkung der Landtage oder des Reichsrates entfällt bei jenen Angelegenheiten, die nicht der Teilnahme der Repräsentativkörperschaften bedürfen: Hier disponiert weiterhin allein der Monarch, ohne an die Gesetzesform gebunden zu sein – er hat den Vorrang der Entscheidung. Aus dem bislang alleinigen Gesetzgebungsrecht des Monarchen wird am 17.7.1860 und insbesondere mit dem Oktoberdiplom ein Teil ausgeklammert. Es sind nunmehr drei Formen der Gesetzgebung zu unterscheiden. Prärogativen der Krone: Hier erlässt der Monarch alleine Gesetze, und zwar solche im materiellen Sinn, d.h. allgemein-generelle Anordnungen in beliebigen Formen (Ah. Handschreiben). Monarch unter Mitwirkung des Reichsrats: für alle Reichsratsangelegenheiten die nicht unter die 3. Möglichkeit fallen. Hier ist zwar auch der Monarch alleiniger Gesetzgeber, hat jedoch zwingend den Reichsrat als Beratungsorgan zuzuziehen. Monarch unter Zustimmung des Reichsrates: bezüglich der bereits am 17.7. normierten Reichsratsangelegenheit. Hier ist, ganz im konstitutionellen Sinn, Gesetzgeber der Monarch gemeinsam mit dem Reichsrat, der nicht bloß berät, sondern beschließt. 32. Landesausschuss Zu den Landesangelegenheiten zählen: Die Landeskultur (Landwirtschaft) Die aus Landesmitteln dotierten Einrichtungen, der Landeshaushalt Angelegenheiten, welche die Wohlfahrt und Bedürfnisse des Landes betreffen und durch besondere Verfügungen des Landesvertretung zugewiesen werden. In diesen Fällen handelt es sich also um Kompetenzen, die dem Wesen eines Kommunalverbandes entsprechen. Der Landesausschuss ist ein Ausschuss des Landtages zur Vollziehung seines autonomen Wirkungsbereiches. 33. Statutarstadt Einzelne Städte sind Gemeinden besonderer Art, da sie nicht aufgrund der allgemeinen Gemeindeordnung, sondern mit besonderen Statuten als sogenannte Städte mit eigenem Statut eingerichtet sind. Anders als in den sonstigen Gemeinden ist die Gliederung der Gemeindebehörden differenzierter, der Gemeindeausschuss zerfällt in ein engeres und ein weiteres Gremium; vor allem beinhaltet der übertragene Wirkungsbereich nicht nur einzelne Angelegenheiten, sondern auch die der Verwaltungsbehörden erster Instanz schlechthin. Schließlich besteht eine eigene Honoratiorenklasse, nämlich die der Bürger. Diese haben bei Wahlen und der Benützung bestimmter städtischer Einrichtungen Vorzugsrechte. 34. Sistierungspatent 1865 Die Reichsverfassung bietet zwar vorerst eine annehmbare Lösung für fast alle Länder, nicht aber für Ungarn, das sich u.a. weiterhin weigert, den Reichsrat zu beschicken. Da somit die Mittel des positiven Verfassungsrechts versagen, greift der Kaiser auf dessen Fundament, die Monarchische Legitimität, zurück und hebt am 20.9.1865 das Grundgesetz über die Reichsvertretung vorläufig auf, um allein auf der Basis des monarchischen Staatsrechts ohne die Fessel einer nicht funktionierenden Reichsvertretung eine Lösung herbeiführen zu können. Auf Reichsebene sind damit die Staatsgewalt und ihre Ausübung wieder allein beim Monarchen konzentriert. Keine Änderung hingegen erfährt die Situation in den Ländern. 35. Charakter des Landes 1860/61 Zufolge der neoabsolutistischen Verfassungsgrundsätze sind die Länder ab 1.1.1852 nur noch Verwaltungssprengel des Gesamtstaates ohne Selbstverwaltung. Erst die aufgrund des Oktoberdiploms 1860 erlassenen Landtagsstatute sehen für das Land wieder die Eigenschaft als Selbstverwaltungskörper vor, welche die gemeinsam mit der Reichsverfassung 1861 in Kraft tretenden Landesordnungen richtungweisend ausbauen. Die Literatur bezeichnet das Land seines zwar hoheitlichen, nicht aber staatlichen Charakters wegen Ab 1860 zutreffend als Kommunalverband höchster Ordnung. Das Land als staatliche Provinz 1852-1860 Das öffentliche Leben im Land wird allein von den Gesetzen des Gesamtstaates bestimmt, diese von dessen Behörden – Statthalterei, Kreisbehörde, Bezirksamt – vollzogen. Der Ausdruck Landesverwaltung steht für die staatliche Verwaltung im Land, nicht für eine autonome Tätigkeit. 36. Ende des deutschen Bundes Es gelingt dem Kaisertum Österreich 1850 die Wiederbelebung des Deutschen Bundes, der schließlich auch Preußen zustimmt. War dieser bis 1848 unter der formellen wie materiellen Vorherrschaft des Kaisertum Österreich gestanden, scheitern nun alle Reformpläne am Dualismus der gleich starken Konkurrenten Österreich und Preußen. So bleibt die Verfassung des Deutschen Bundes und damit das rechtliche Verhältnis zu Österreich zu ihm bis 1866 unverändert. Der Deutsche Bund ermöglicht Österreich nicht nur die Kontrolle über die national-liberalen Strömungen in Deutschland, sondern auch über den preußischen Rivalen. Überdies bietet er einen moralischen Halt für den letztlich deutsch bestimmten zentralistischen Kurs des Neoabsolutismus und eine geistige Reserve für die Reformen insbesondere im Unterrichtswesen. Im Krieg 1859 gegen Frankreich und das Königreich Sardinien erweist sich der deutsche Bund politisch von Vorteil. U.a. wegen des Aufmarsches von Bundestruppen gegen Frankreich am Rhein bietet Napoleon III. trotz der Siege in Oberitalien einen Waffenstillstand an, womit Venetien dem Kaisertum Österreich vorerst noch erhalten bleibt. Das Interesse des Kaisertums Österreich an der Existenz des Deutschen Bundes zeigen seine Bemühungen um Bundesreformen. Sämtliche Pläne zur Erweiterung des Bundes scheitern letztlich am Widerstand Preußens. Der österreichisch-preußische Gegensatz steigert sich schließlich durch Unstimmigkeiten in der gemeinsamen Verwaltung der vom Deutschen Bund 1864 besetzten Länder Schleswig, Holstein und Lauenburg. Auf österreichischen Antrag beschließt die Bundesversammlung die Mobilmachung als Vorläufige Maßnahme gegen Preußen, das dies als Rechtsbruch und den Deutschen Bund für erloschen erklärt. Nach Niederlagen u.a. bei Königsgrätz muss Österreich im Frieden von Prag 1866, auch seine Verbündeten, der Auflösung des Deutschen Bundes zustimmen.

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Das Kaisertum Österreich ist nun von der Neuordnung Deutschlands ausgeschlossen, damit ist die kleindeutsche Lösung des Jahres 1848 verwirklicht. Eine unmittelbare Folge der Niederlage ist für Österreich der Ausgleich 1867, welcher den bis dahin bestehenden Einheitsstaat in zwei Hälften zerteilt.

VI. 1867-1918: Konstitutionalismus
37. Ausgleich 1867- Zustandekommen, Wesen Das Oktoberdiplom sucht einen Ausgleich zwischen den beiden Standpunkten durch eine historisierende Lösung herbeizuführen: Die Wiederherstellung des Verfassungszustandes vor 1848 soll mit seinem differenziertem Föderalismus Ungarn eine Sonderstellung im Rahmen des Gesamtstaates ermöglichen, allerdings diesem mit dem Reichsrat ein zeitgemäßes, wenngleich sehr lockeres Organ der Einheit neben dem Monarchen verschaffen. In überwiegendem Maße fordert Ungarn jedoch weiterhin seine Selbständigkeit durch die Wiederherstellung der ungarischen Verfassung 1848. Diese kompromisslose Haltung Ungarns führt schließlich zur Sistierungsepoche und zu Verhandlungen zwischen dem Monarchen und dem ungarischen Landtag. Der Ausgleich kommt im typisch konstitutionellen Wege durch Verfassungsverhandlungen zwischen Monarchen und Volksvertretung zustande. Der Monarch erkennt nunmehr den Fortbestand der ungarischen Verfassung 1848, der ungarische Landtag hingegen ständige, sich aus der pragmatischen Sanktion ergebende gemeinsame Angelegenheiten an: Ersterer hat damit den Gedanken an einen zentralistischen Einheitsstaat, letzterer den Standpunkt einer bloßen Personalunion aufgegeben. Erst nach seiner Krönung zum König von Ungarn sanktioniert Franz Josef das ungarische Ausgleichsgesetz. Die Besonderheit dieses Verhandlungsergebnisses liegt darin, dass sich die Verfassung in nur einem Teil des Staates verändert hat. Im anderen Teil, Cisleithanien, muss nun nachgezogen werden: Das geschieht mit der Verfassung 1867, insbesondere dem Delegationsgesetz. Mit dem Ausgleich wird Ungarn im Gebietsumfang seiner Verfassung 1848 wiederhergestellt und ihm insbesondere Siebenbürgen und KroatienSlawonien eingegliedert. Die Kompetenzen der ungarischen Regierung und des ungarischen Reichstages werden so vermehrt, dass beide der cisleithanischen Regierung und Reichsrat gleichberechtigt zur Seite stehen. Gemeinsam für die Gesamtmonarchie werden nur ein Teil der bisherigen Prärogativen der Krone ausgeübt, nämlich die Auswärtigen Angelegenheiten, das Kriegswesen und die hierfür notwendigen Finanzen als Folge der Pragmatischen Sanktion. Für sie werden dem Monarchen eigene Behörden zur Seite gestellt, beide Reichsteile haben nach einer bestimmten Quote die Mittel für diese Angelegenheiten gemeinsam aufzubringen. Dies erfordert von Zeit zu Zeit entsprechende Absprachen durch gegenseitige Verträge. Diese befristeten wirtschaftlichen Abkommen – sog. Wirtschaftlicher Ausgleich – belasten das Verhältnis zwischen den beiden Reichshälften immer wieder aufs Neue. Während die Auffassungen von Einheits- und Bundesstaat von cisleithanischer Seite vertreten werden, treten für Realunion und Staatenbund ungarische Theoretiker ein. Von ihnen allen setzt sich schließlich die gemäßigte ungarische Ansicht durch, die Gesamtmonarchie sei eine Realunion besonderer Art zweier ansonsten selbständiger Staaten aufgrund der Pragmatischen Sanktion mit zwingenden gemeinsamen Angelegenheiten und Institutionen, die nach außen eine einzige Gesamtmacht darstelle. Diese wird von den beiden sie bildenden Staaten getragen, sie ist also sowohl monarchisch wie durch das repräsentierte Volk jeder der beiden Staaten bestimmt. Da die Parlamente aber nur durch ihre Delegationen handeln, diese überdies nur selten agieren, dominiert der Monarch, der zudem das Kriegswesen aufgrund seines nicht einmal gegenzeichnungspflichtigen Oberbefehls führt und in ähnlicher Weise auch die auswärtigen Angelegenheiten bestimmt. Die Gesetzgebung obliegt in Anlehnung an das konstitutionelle System dem Monarchen gemeinsam mit den sogenannten Delegationen. Diese werden von den beiden Häusern des Reichsrates bzw. Reichstages gewählt, sie umfassen je 60 Mitglieder. Sie gelten als nicht weisungsgebundene Ausschusse der beiden Parlamente und tagen ähnlich den zwei Kammern des Parlaments getrennt und verkehren schriftlich miteinander. Sie sowie der Monarch haben das Recht der Gesetzesinitiative. Ein Gesetz kommt durch übereinstimmenden Beschluss und Sanktion des Monarchen zustande. An der Spitze der Verwaltung und der Sondergerichtsbarkeit steht der Monarch in der Funktion des Kaisers von Österreich und König von Ungarn sowie eigentlich noch als Souverän von Bosnien-Herzegowina. Ausgenommen den militärischen Oberbefehl bedürfen seine Verfügungen der Gegenzeichnung eines der verantwortlichen k. u. k. Minister. 38. pragmatische – dualistische Angelegenheiten Es sind dies ehemalige Reichsratsangelegenheiten, die zufolge des Ausgleichs 1867 einer Bindung unterliegen, da sie nach gleichen von Zeit zu Zeit zu vereinbarenden Grundsätzen behandelt werden müssen, wie insbesondere Kommerzielle Angelegenheiten, Zoll- und Geldwesen, bestimmte Eisenbahnangelegenheiten, Feststellung des Wehrsystems. Den hierfür erlassenen Gesetzen liegen somit Vereinbarungen mit Ungarn zugrunde, es sind sogenannte paktierte Gesetze. Der Gesamtmonarchie vorbehalten werden jene Kompetenzen, die aufgrund der Pragmatischen Sanktion einheitlich und gemeinsam besorgt werden müssen, die sogenannten Pragmatischen Angelegenheiten, nämlich die bisherigen Prärogativen der Krone: Auswärtiges Gemeinsame Wehrmacht Finanzen für diese Angelegenheiten Bescheidene Sondergerichtsbarkeit Zentralverwaltung von Bosnien Herzegowina. Durch den Ausgleich tritt eine Doppelung der gesamtstaatlichen Organisation ein: einige der Prärogativen des Monarchen bleiben weiterhin auf die Gesamtmonarchie bezogen, während bezüglich der übrigen gesamtstaatlichen Angelegenheiten eine Reduzierung auf die Reichsratsländer eintritt. Sie bilden nun im engeren Sinn den Gesamtstaat, 1915 wird auch er, nicht mehr die gesamte Monarchie offiziell mit Österreich bezeichnet. Der Gesamtstaat ist föderativ organisiert, und zwar durch die Gleichförmigkeit der einzelnen Landesordnungen nicht mehr im Sinne eines differenzierten Föderalismus, sondern eines alle Länder prinzipiell gleich behandelnden Föderalismus. 39. Dezemberverfassung Mit der Einberufung des Reichsrates zum 20.5.1867 ist die Sistierungsepoche beendet und die Reichsverfassung 1861 für die Reichsratsländer wiederhergestellt. Von sich aus erstellt der Reichsrat jedoch vier Entwürfe zu Staatsgrundgesetzen, die zusammen mit dem novellierten Grundgesetz über die Reichsvertretung 1861 eine konstitutionelle Verfassung schaffen sollen. Diese StGG erhalten mit dem Delegationsgesetz die kaiserliche Sanktion und treten gemeinsam am 21.12.1867 in Kraft, daher die sog. Dezemberverfassung. Die Verfassung 1867 besteht nicht aus einer einheitlichen Verfassungsurkunde, sondern mehreren einzelnen Verfassungsgesetzen. Die Verfassung wird nicht mit kaiserlichem Patent oktroyiert, sondern tritt in Gesetzesform und somit in Übereinstimmung zwischen Volksvertretung und Monarchen in Kraft. Im Sinne des Hochkonstitutionalismus sind die Prinzipien der Volkssouveränität und der Monarchischen

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Legitimität miteinander verbunden. Die StGG lassen insgesamt die nunmehr verwirklichte Gewaltentrennung erkennen. Die neuen StGG von 1867 knüpfen bewusst an die Verfassung 1849 an. Vor allem das Grundrechte-StGG übernimmt fast wörtlich das Grundrechtspatent 1849. Eine echte Neuerung bringt hingegen das StGG über die Regierungs- und Vollzugsgewalt mit seiner Bestimmung, dass nur auf Grund der Gesetze Verordnungen zu erlassen und Befehle zu erteilen sind. Damit ist erstmals das rechtsstaatliche Legalitätsprinzip normiert. Eine weitere Neuerung schafft das Reichsgerichts-StGG mit der Beschwerdemöglichkeit wegen Verletzung politischer Rechte: Damit werden insbesondere die Grundrechte zu subjektiv-öffentlichen Rechten. Das novellierte StGG über die Reichsvertretung enthält auch die gegenüber 1848/49 rückschrittlichen Elemente: Das Parlament ist noch immer keine Volksvertretung, seine erste Kammer, das Herrenhaus konserviert das monarchisch-aristokratische Element, wobei der Monarch die Möglichkeit sogenannter Pairsschübe besitzt. Das Abgeordnetenhaus ist, entgegen seiner Bezeichnung, eine neoständische Länderkammer. Gleichfalls der neoständischen Periode verhaften bleiben die Landesverfassungen durch die unverändert Fortgeltenden Landesordnungen 1861. Insgesamt hat der verfassungsrechtliche Zustand in den Reichsratsländern somit ein unorganisch-heterogenes Gepräge. Konstitutionelle Elemente stehen neben solchen des Neoabsolutismus. Das Verhältnis zwischen beiden ist unausgewogen, oft ungeklärt: Offen bleibt beispielsweise die Frage des monarchischen Vetos in der Gesetzgebung. Der weiteren Verfassungsgesetzgebung aber auch der Verfassungswirklichkeit kommt daher besondere Bedeutung zu. 40. Herkunft der Staatsgrundgesetze Mit der Einberufung des Reichsrates zum 20.5.1867 ist die Sistierungsepoche beendet und die Reichsverfassung 1861 für die Reichsratsländer wiederhergestellt. Die von der Regierung dem Parlament vorgelegten Gesetzesanträge zielen auf durch den Ausgleich bedingte Verfassungsmodifikationen, aber auch die Einführung der Ministerverantwortlichkeit, ab. Von sich aus erstellt der Reichsrat jedoch vier weitere Entwürfe zu Staatsgrundgesetzen, die zusammen mit dem novellierten Grundgesetz über die Reichsvertretung 1861 eine konstitutionelle Verfassung schaffen sollen. Diese StGG erhalten mit dem Delegationsgesetz die kaiserliche Sanktion und treten gemeinsam am 21.12.1867 in Kraft. 41. monarchische Legitimität/Volkssouveränität nach 1867 Monarchische Legitimität und Volkssouveränität bestimmen zum Träger der Verfassung den Monarchen gemeinsam mit dem Volk. In der Ausübung der staatlichen Gewalt besitzt jedoch der Monarch eine Vorrangstellung durch die Prärogativen der Krone und diverse Notrechte. Über sein Sanktionsrecht kann er ihm missliebige Gesetzesbeschlüsse des Parlaments am Inkrafttreten hindern. Der Regelfall ist jedoch die gemeinsame Willensbildung durch Monarch und Parlament. 42. Volkssouveränität – Verwirklichung nach 1867 Das Prinzip der Volkssouveränität ist der Verfassung zwar immanent, aber angesichts einer Vielzahl ständisch-monarchischer Einrichtungen nur unvollkommen realisiert. Im Mittelpunkt der weiteren Verfassungsentwicklung steht daher der Abbau dieser konservativen Elemente. In diesem Sinn wird der 1861 geschaffene Staatsrat 1868 aufgehoben. 1907 wird die Zahl der vom Monarchen zu ernennenden lebenslänglichen Mitglieder des Herrenhauses zahlenmäßig fixiert. Die Mindestzahl von 150 soll ein Überwiegen der hochadelig-geistlichen Mitglieder verhindern, die Höchstzahl von 170 den Vorrang des Abgeordnetenhauses sicherstellen. Dem Prinzip der Volksrepräsentation entspricht die Repräsentation des Volkes, das Abgeordnetenhaus in nur geringem Maße. Die Mitglieder des Abgeordnetenhauses sind daher von den Landtagen zu entsenden, und haben dem Kreis der Landtagsmitglieder zu entstammen. Das Abgeordnetenhaus ist, wie schon 1861, ein analog zu den Landtagen ständisch bestimmter Ausschusslandtag, eine Delegiertenversammlung der einzelnen Landtage. Nur ausnahmsweise kann der Monarch eine Volkswahl des Abgeordnetenhauses anordnen, und zwar dann, wenn ein Landtag die Beschickung verweigert. So wird es das zentrale Anliegen der Parlamentsreform, das Abgeordnetenhaus durch ein entsprechendes Wahlrecht zu einer echten Volksvertretung anzunähern. 1868 wird das Notwahlgesetz beschlossen, 1870 findet es zufolge der Weigerung des böhmischen Landtags, die auf ihn entfallende Zahl von Abgeordneten in das Abgeordnetenhaus zu entsenden, in Böhmen Anwendung. 1872 wird es sachlich auf die Ersatzwahl nach Erlöschen eines Abgeordnetenmandates währen der Reichsratssession erstreckt. Damit ist der Boden für die Volkswahl vorbereitet. 43. Wahlrechtsreformen nach 1867 1873 wird schließlich die Volkswahl zum Abgeordnetenhaus eingeführt. Doch wird dieses damit nicht als allgemeine Volksvertretung ausgestaltet, sondern bewusst als Vertretung bestimmter Bevölkerungsgruppen und ihrer Interessen, eben als Interessenvertretung, da das Kurien- und Zensuswahlrecht zu den Landtagen auf das Abgeordnetenhaus übertragen wird. Es ist somit nicht allgemein, sondern bestimmt durch die Wählerklassen, ungleich nur teilweise direkt, nur teilweise geheim. Und ein Mehrheitswahlrecht, wonach nur die Stimmenmehrheit einen Abgeordneten pro Wahlkreis entsendet, die Minderheitenstimmen aber unberücksichtigt bleiben. 1882 wird vor allem durch die Herabsetzung des Steuerzensus in den Wählerklassen II und IV die Basis der Interessenvertretung erweitert, damit sind weitere Teile des Kleinbürger- und Bauernstandes erfasst. 1896 erfolgen weitere Modifikationen durch Senkung des Steuerzensus und die Einführung der Allgemeinen Wählerklasse für alle männlichen Staatsbürger mit vollendetem 24. Lebensjahres ohne Rücksicht auf ihre Steuerleistung. 1907 tritt an die Stelle des Prinzips der Interessenvertretung das der allgemeinen Volksrepräsentation durch die Einführung des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts. Es ist allerdings weiterhin ein Mehrheitswahlrecht und durch den Wegfall der Frauen der I. Wählerklasse, reines Männerwahlrecht. Die Gleichheit erleidet noch insoferne eine Abschwächung, als den an direkter Steuerleistung kräftigeren Ländern mehr Mandate zugeteilt werden, als ihnen bloß nach der Einwohnerzahl zukämen. 44. Kontrolle staatlichen Handelns nach 1867 Die Verankerung staatlichen Handelns im Gesetz, in der Verfassung und insbesondere in den Grundrechten wäre ohne permanente Kontrolle unvollkommen. Die rechtsstaatliche Entwicklung nach 1867 bestimmt daher auch die Etablierung von Einrichtungen für den Rechtsschutz des Individuums im Bereich des öffentlichen Rechts. So wird

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Das Reichsgericht 1869 in Durchführung des entsprechenden StGG eingerichtet. Es entscheidet über Beschwerden der Staatsbürger wegen Verletzung der ihnen durch die Verfassung gewährleisteten politischen Rechte – es bietet vor allem einen Schutz der Grundrechte. Der Verwaltungsgerichtshof, bereits im StGG über die richterliche Gewalt 1867 vorgesehen, wird schließlich 1876 geschaffen. Ihm obliegt generell die Kontrolle der Gesetzmäßigkeit der Verwaltung. Eines seiner Verdienste ist die Präzisierung des Legalitätsprinzips in dem Sinne, dass das Gesetz das Verwaltungshandeln nicht bloß beschränkt, sondern erst ermöglicht. Diese beiden Gerichtshöfe des öffentlichen Rechts bieten nicht bloß ein den Zeitumständen nach vorbildhaftes Rechtsschutzsystem im öffentlichen Recht, sondern bauen dieses durch ihre Praxis im rechtsstaatlichen Sinn aus. Dem Staatsgerichtshof schließlich obliegt seit 1867 die gerichtliche Ahndung von Verfassungs- und Gesetzesverletzungen der Minister, womit die Ministerverantwortlichkeit unter Sanktion gestellt wird. 45. Gewaltenteilung – Verwirklichung nach 1867 Die Vollziehung der Gerichtsbarkeit und der Verwaltung fällt in die Zuständigkeit des Gesamtstaates. Die Gesetzgebung wird jedoch zwischen ihm, den Ländern und der Gesamtmonarchie geteilt. Anders als nach den bisherigen Verfassungen sind aber nun die Kompetenzen des cisleithanischen Gesamtstaates sowie der Gesamtmonarchie taxativ aufgezählt, alle übrigen Gegenstände Landessache. 46. Laisierung nach 1867 Das Konkordat 1855 sei unvereinbar mit dem Grundkonzept des Konstitutionalismus, konkret mit einzelnen Bestimmungen des Grundrechtskatalogs der Verfassung 1867. Es gilt daher, gewisse im Konkordat zum Teil der Kirche überlassene Gebiete der staatlichen Gesetzgebung und Vollziehung zu revindizieren. Dies erfolgt in einer ersten Welle durch drei im Mai 1868 erlassene Gesetze. Es wird Die Vorschriften des ABGB über das Eherecht für Katholiken wiederhergestellt, die Gerichtsbarkeit in Ehesachen der Katholiken den weltlichen Gerichtsbehörden überwiesen und Bestimmungen über die bedingte Zulässigkeit der Eheschließung vor weltlichen Behörden erlassen, die oberste Leitung und Aufsicht über das gesamte Unterrichts- und Erziehungswesen dem Staat zugesprochen, die interkonfessionellen Verhältnisse allein staatlichen Normen unterstellt; Es sind dies insbesondere Religionsbekenntnis der Kinder und Religionswechsel. 1870 erfolgt die Kündigung durch den Monarchen und zwar begründet in der clausula rebus sic stantibus, da sich das Wesen des Vertragspartners, des Inhabers des Heiligen Stuhles, durch das vom ersten Vatikanischen Konzil verkündete Unfehlbarkeitsdogma geändert habe. Drei weitere Gesetze vom Mai 1874 ergänzen daher für den innerstaatlichen Bereich die vorherigen Maigesetze Es wird das Konkordat für den innerstaatlichen Bereich zur Gänze aufgehoben und das Verhältnis der katholischen Kirche zum Staat neu geregelt, Beitragszahlung zum Religionsfonds bestimmt, die Bedingungen für die gesetzliche Anerkennung neuer Religionsgemeinschaften festgelegt. Damit ist einseitig vom Staat, sein Verhältnis zu den Kirchen im Sinne einer kirchenfreundlichen Trennung von Staat und Kirche sowie deren prinzipielle Gleichbehandlung festgelegt. 47. Staatsentwicklung nach 1867 Das konstitutionelle System der Verfassung basiert auf dem funktionierenden Wechselspiel zwischen Monarchen und Regierung einer- und dem Parlament andererseits. In Ablehnung der Verfassung 1867 bleiben dem Abgeordnetenhaus jedoch bis 1879 die Tschechen fern, überdies fehlen die Tiroler, die rumänischen, italienischen und slowenischen Abgeordneten. Anstatt von 203 wird es nur von 129 Abgeordneten beschickt. In zunehmendem Maße häufen sich schließlich Fälle, in denen das Parlament durch das national zerrissene und auch von parteiegoistischen Motiven oft gelähmte Abgeordnetenhaus funktionsunfähig gemacht wird. Diese Handlungsunfähigkeit wird durch Obstruktion: absichtliche Verhinderung parlamentarischen Lebens, herbeigeführt: mittels Dauerreden – bis zu 14 Stunden -, übermäßigen Dringlichkeitsanträgen und letztlich Betätigung von Musik- und Lärminstrumenten vor allem seitens der Tschechen. Diesen Fällen begegnen Monarch und Regierung mit der Vertagung des Parlaments, um im Wege des Notverordnungsrechts ohne parlamentarische Mitwirkung regieren zu können. Die erste Kammer des Parlaments, das Herrenhaus, verliert zusehends an Bedeutung, einiges Gewicht verleiht ihr die Sachkenntnis seiner aus dem Juristenstand kommenden Mitglieder. Diese selbstverschuldete Schwächung des Parlaments räumt dem Monarchen und der Regierung einen höheren Rang ein, als er ihnen nach der Verfassung zukäme. Der Monarch steht nicht nur gleichberechtigt neben dem Parlament, sondern überragt es vielfach. Außenpolitische Entscheidungen sind fast ausschließlich von seinen Willen abhängig. Dazu kommt der Umstand, dass das Parlament seine die Regierung kontrollierende Funktion nicht in entsprechendem Maße wahrnimmt. 48. Notverordnungsgesetze Verfassungsgesetzlich fundierte Notrechte ermöglichen in einer Krisensituation des Staates das Außerkraftsetzen konstitutioneller Einrichtungen und Garantien, um mit absolut-polizeistaatlichen Mitteln diese Notlage meistern zu können. Damit ist zwar dem Schutz des Staates gedient, aber dem Konstitutionalismus für seine Bewährung in Krisenzeiten das Misstrauen ausgesprochen. Bereits die Verfassung 1867 kennt ein Notverordnungsrecht des Monarchen mit der Regierung, d.h. ein außerordentliches Gesetzgebungsrecht ohne Parlament für den Fall, dass dieses handlungsunfähig wird. 49. KWEG 1914 wird schließlich und zwar aufgrund einer § 14 Notverordnung ein weiteres Notverordnungsrecht geschaffen und 1917 vom Parlament bestätigt. – KWEG. Es ermächtigt die Regierung, während der Dauer der durch den Krieg hervorgerufenen außerordentlichen Verhältnisse durch Verordnung die notwendigen Verfügungen zur Förderung und Wiederaufrichtung des wirtschaftlichen Lebens zu treffen. 50. Stellung der Länder im 19. Jh. Mit den Landesordnungen treten die Länder in die Periode der Konstitutionalisierung als Kommunalverbände höchster Ordnung ein. Der Entzug des Entsendungsrechtes der Reichsratsabgeordneten 1873 löst einerseits die gesamtstaatliche Gesetzgebung von den Ländern, andererseits lässt die Verfassung 1867 mit ihrer Kompetenzaufteilung zwischen Gesamtstaat und Ländern die legislatorische Tätigkeit des Landtages nicht

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mehr als ein bloßes Mitwirken an der Gesetzgebung des Monarchen erscheinen, sondern als autonome Landesgesetzgebung. Zu diesem Verständnis trägt überdies die Stärkung der staatlichen Willensbildung der Repräsentativkörperschaften neben dem Monarchen im Zeichen des Konstitutionalismus erheblich bei. Die zugunsten der Länder sprechende Generalklausel der Verfassung 1867 führt zu einer steigenden Landesgesetzgebung und auch zu einer Vermehrung der Aufgaben der autonomen Landesverwaltung. Sie gleicht mit zunehmendem Zwangscharakter der gesamtstaatlichen Hoheitsverwaltung im Land, die ihrerseits als wesensmäßig zum Lang gehörig betrachtet wird. 51. Föderalismustendenzen im 19 Jh. Siehe vorheriges Kapitel 52. Höhepunkte des Föderalismus Siehe vorheriges Kapitel 53. Doppelgleisigkeit der Verwaltung Eine Doppelgleisigkeit der Verwaltung – Behörden der autonomen Landesverwaltung neben solchen der staatlichen Verwaltung – tritt damit immer schärfer hervor und erscheint unzweckmäßig. In den Bereichen der politischen Verwaltung gehören zunächst alle im Land vorkommenden Geschäfte, Leiter der Mittelbehörde ist der Landeschef, der in größeren Verwaltungssprengeln zwar den Titel Statthalter, in kleineren aber den eines Landespräsidenten trägt, ihre Behörden dementsprechend die Bezeichnungen Statthalterei oder Landesregierung führen. Es verdient festgehalten zu werden, dass nicht dem Land zurechenbare Organe das Etikett Land tragen, wie die echten Landesbehörden (Landeshauptmann). In Durchführung der Verfassung 1867 wird 1868 die Einrichtung der politischen Verwaltungsbehörden grundlegend neu geregelt, wonach ausdrücklich die Verwaltung in allen Instanzen von der Rechtspflege getrennt zu führen ist. 54. Vielvölkerstaat Österreich – Probleme? Die Negierung des Nationalitätenproblems in der neoabsolutistischen Periode einer- und die Entlehnung von Verfassungsgrundsätzen und Einrichtungen aus der frühkonstitutionellen Periode andererseits bringen 1867 eine Auferstehung jener verfassungsrechtlichen Probleme des multinationalen Staates, wie sie sich bereits in den Jahren 1848/49 gestellt hatten. Verschärft wird die Lage aber nun durch den Ausgleich 1867, da dieser einheitliche Regelungen und Lösungen für die Gesamtmonarchie erschwert und letztlich verhindert. Ungarn und die Reichsratsländer gehen im Nationalitätenwesen getrennte Wege. Während Ungarn eine chauvinistische Magyarisierungspolitik betreib ist die Politik der Reichsratsländer durch schrittweise Bedachtnahme auf den Nationalitätenpluralismus gekennzeichnet. Hierbei werden zwei Hauptlinien versucht: Staatsrechtliche Lösungsversuche und Durchführung der bestehenden Verfassung im Sinne der nationalen Autonomie. Zu 1): Sie zielen auf einen Umbau des Staates, eine Verfassungsänderung ab. Hierher zählt der Gedanke des Trialismus: Die Konstruktion des mit dem Ausgleich 1867 geschaffenen Dualismus sei auf einen weiteren Teil der Monarchie zu übertragen, der neben Ungarn und den Reichsratsländern zu rangieren habe und mit diesen in lockerer Union verbunden würde. Eine diesem Trialismus verwandte Lösung streben die Tschechen Böhmens an: Der dritte Reichsteil sei demnach durch eine Abspaltung Böhmens, Mährens und Schlesiens von den Reichsratsländern zu bilden. Diese Idee formuliert 1871 der Böhmische Landtag in den sogenannten Fundamentalartikeln. Begründet wird diese Forderung mit dem historischen Staatsrecht Böhmens, unter anderem auch jenem erwähnten Handschreiben Ks. Ferdinands I, das als zentrales und bislang nicht verwirklichtes Verfassungsversprechen (Böhmische Charte) gilt. Auch Reformpläne von Ezhz. Franz Ferdinand bewegen sich in trialistischen Bahn, sehen jedoch als dritten einen südslawischen Reichsteil vor, der auf Kosten Ungarns zu bilden sei. Andere Reformideen versuchen eine Wiederbelebung des differenzierten Föderalismus: So protestiert der Tiroler Landtag gegen die Einführung der Volkswahl zum Abgeordnetenhaus, weil damit die Landtagsvertreter im Parlament wegfallen, was eine Verletzung jener Freiheiten und Privilegien des Landes Tirol bedeute, wie sie 1720 bei der Annahme der Pragmatischen Sanktion zur Bedingung gemacht worden waren. Der theoretischen Lösung näher, aber den Zeitumständen nach unrealisierbar waren die Pläne der Reichsratsabgeordneten Popovici, die Gesamtmonarchie in 15 national möglichst geschlossene Teilstaaten zu gliedern, sowie Renner, neben neue Gebietseinheiten gleichberechtigt autonome Körperschaften für jede Nation zu stellen: Damit wäre, unabhängig von ihrem Siedlungsgebiet, jede Nation aufgrund des Personalitätsprinzips zu einem staatsrechtlich relevanten Faktor geworden. Zu 2): Mangels Verfassungsänderung bewegen sich die Lösungen des Nationalitätenproblems im Rahmen der Verfassung 1867. Wesentliche Grundlage ist Artikel 19 des StGG über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger, der jedem Volksstamm ein unverletzliches Recht auf Wahrung und Pflege seiner Nationalität und Sprache zusichert. Auf der Ebene des Verfassungsrechts stellt sich vor allem das Problem einer adäquaten Vertretung der Nationalitäten in den Gesetzgebungsorganen. Für den Gesamtstaat wird es mit der Umwandlung des Abgeordnetenhauses von einer Interessen- in eine allgemeine Volksvertretung 1907 besonders akut. Da das Mehrheitswahlrecht erhalten bleibt, ist durch die Wahlkreiseinteilung dafür Sorge zu tragen, dass nicht eine nationale Minderheit ohne Vertretung bleibt. In gemischtsprachigen Ländern werden daher möglichst national einheitliche Wahlkreise gebildet. Böhmen zerfällt teils in deutsche, teils in tschechische Wahlkreise, die zum Teil Gemeinden in Streulage umfassen; auf diese Weise entsenden deutsche Gebiete deutsche, die tschechischen Gebiete tschechische Abgeordnete. Die Volksgruppen werden somit territorial auseinandergehalten. Anders in Mähren: Hier wird das gesamte Land einmal in deutsche, einmal in tschechische Wahlkreise zerlegt, so dass jedes Gebiet sowohl einem tschechischen wie einem deutschen Wahlkreis angehört. Je nach Kooptation der Bevölkerung wählen am gleichen Ort die Deutschen ihren, die Tschechen gleichfalls ihren Abgeordneten (Prinzip nationaler Kataster), die Volksgruppen sind somit personell geschieden. Schließlich wird auf die Nationalitäten auch bei der Zuteilung der Abgeordneten zum Reichsrat Rücksicht genommen. Dies geschieht durch die Bildung größerer und kleinerer Wahlkreise. Da diese ja einen Abgeordneten stellen, entsendet eine mit einer Vielzahl an Wahlkreisen bedachte Nation mehr Abgeordnete, als eine Volksgruppe, die bloß in einigen wenigen Wahlkreisen zur Wahl schreitet. Zuteilungskriterium ist aber nicht bloß die Kopfzahl, sondern auch die direkte Steuerleistung. Die beiden Grundgedanken dieser verfassungsrechtlich relevanten Maßnahmen sind: entweder territoriale bzw. personelle Trennung nationaler Belange oder paritätische Interessenwahrung. Derartige Maßnahmen erheben zwar die einzelnen Nationalitäten nicht zu Trägern von Rechten und Pflichten, berücksichtigen jedoch die Sprachenvielfalt und versehen die Volksstämme für gewisse Belange mit eigenen Organen bzw. Suborganen. Dass dies in zufrieden stellender Weise geschehen konnte, bewies der sogenannte Mährische Ausgleich von 1905, eine Kumulierung aller eben angeführten Maßnahmen.

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Das Problem des Nationalitätenpluralismus berührt nicht nur den Gesamtstaat, sondern auch die Länder, die in der Mehrzahl Siedlungsgebiete mehrere Nationen umfassen. Die Landesverwaltung trägt dem Nationalitätendualismus etwa durch die Bildung nationaler Sektionen in Landesschulrat und Landeskulturrat (Parität) Rechnung. Die staatliche Verwaltung festigt diese Maßnahmen durch eine Statthalterei Expositur in Trient. In Tirol wie auch in der Steiermark werden die Landesgesetzblätter doppelsprachig geführt. 55. Arten der Gemeinde Die wachsende Bedeutung der Ortsgemeinde ist, anders als die der Länder nicht Folge einer Verfassungsänderung, sondern wird aufgrund der bestehenden Rechtslage erzielt. Wirtschaftlicher Aufschwung und Bevölkerungsvermehrung heben die Bedeutung bestimmter Gemeinden, vor allem der Landeshauptstädte, der Industrieorte und Verkehrsknotenpunkte. Diese Gemeinden entfalten oft eine rege kommunale Tätigkeit durch den Aufbau einer Leistungsverwaltung und eines eigens oder geförderten Schulwesens. Viele Gemeinden werden zu Städten erhoben, d.h. mit dem Titel Stadt versehen, ohne sich aber damit in ihrer Rechtsstruktur von anderen Gemeinden zu unterscheiden. Nur einige derartige Titularstädte werden zu Statutarstädten erklärt und durch die Eingemeindung umliegender Ortschaften vergrößert, wie vor allem Wien. Der Einrichtung der Bezirksgemeinde ist hingegen eine rückläufige Tendenz beschieden. Lediglich in sechs Ländern ergehen entsprechende Landesgesetze, die aber nur in drei Ländern vollzogen werden. 56. politische Lager im 19. Jh. Die schrittweise Realisierung der Volkssouveränität wird vorangetrieben vor allem von einem um sich greifenden Interesse an den öffentlichen Angelegenheiten. Soziale wie nationale Probleme wecken das politische Bewusstsein, ein erweiterter Bildungshorizont verleiht ihm Inhalt und Ziele, der konstitutionelle Rechtsstaat der Verfassung 1867 stellt den rechtlichen Rahmen für die Realisierung im politischen leben zur Verfügung. In der Ablehnung des überkommenen Liberalismus formen sich aufgrund dieser Bedingungen drei ideologisch unterschiedliche politische Lager, die sich aus Gruppierungen wie Arbeiterbildungsvereine, Turnerverbände, Schulvereine, Gesellenvereine zusammensetzen, schließlich aber von den zwischen 1880 und 1890 entstehenden politischen Parteien repräsentiert werden. Hatten die bisherigen und noch fortdauernden politischen Gruppen lockeren Charakter als Honoratiorenparteien oder bloße parlamentarische Fraktionen, so sind die Politischen Parteien auf Dauer eingerichtete Personenverbände mit fester Organisation und bestimmtem Programm, politische Vereine im Sinne des Vereinsgesetzes 1867. 1. Das Christlich-konservative Lager: Es strebt die Verwirklichung der katholischen Staats- und Gesellschaftslehre an. Der Staat sei auf eine das Volksganze bewahrenden berufsständisch-korporativen Grundlage zu errichten. 2. Das deutschnational-liberale Lager: Es sieht seine Aufgabe in der Bewahrung des deutschen Elements im Vielvölkerstaat. Das Spektrum der Auffassungen reicht von der totalen Ablehnung der Monarchie zugunsten eines deutschen Nationalstaates bis zur Wahrung des nationalen Bestandes durch Autonomie im Rahmen der Monarchie. 3. Das sozialdemokratische Lager ist auf Initiative Viktor Adlers seit dem Hainfelder Parteitag in der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs geeinigt. Auf der Grundlage des zum Klassenkampf organisierten Proletariats erhebt sie folgende verfassungsrechtlich relevanten Forderungen: allgemeines, gleiches, direktes, geheimes Proportionalwahlrecht, direkte Demokratie durch Volksbegehren, ferner die Umbildung Österreichs in einen demokratischen Nationalitäten-Bundesstaat mit national abgegrenzten Selbstverwaltungskörpern. Insbesondere seit der Wahlrechtsreform 1907 prägen die Großparteien die politische Landschaft, die noch ständisch orientierten Gruppen beginnen an Bedeutung zu verlieren. Sie stellen somit das Korrelat zur Realisierung der Volkssouveränität dar. Die Großparteien und mit ihnen die drei Lager entwickeln sich zu ähnlich konstanten Größen der Verfassungsgeschichte wie die Länder. 57. Gesetzgeber im 19 Jh. Ordentliche Gesetzgebung Diese besorgt der Kaiser gemeinsam mit dem Reichsrat und zwar bezüglich der Dualistischen Angelegenheit wie der Reichsratsangelegenheiten. Der Reichsrat zerfällt in zwei völlig gleichberechtigte Häuser: Das Abgeordnetenhaus und das Herrenhaus. Die Gesetzesinitiative steht der Regierung und jedem der beiden Häuser zu. Ein Gesetz kommt zustande durch übereinstimmenden Beschluss beider Häuser und Sanktion des Kaisers. Der Kaiser kann einem Gesetz die Sanktion untersagen, er hat damit ein absolutes Veto. Neben dieser formellen Gesetzgebung steht dem Kaiser eine ordentliche materielle Gesetzgebung durch den Erlass von Verordnungen über jene Gegenstände zu, für welche der Weg der Gesetzgebung nicht vorgesehen ist (Prärogativen der Krone). Verfassungsrechtlich anerkannt sind gewisse Prärogativen der Krone, vor allem der militärische Oberbefehl, die Ernennung von Herrenhausmitgliedern und die Auflösung des Reichsrats. Diese sind aber nur oberflächlich geregelt. Als fortdauernd werden jene vorkonstitutionellen Rechte des Monarchen angesehen, die mit dem konstitutionellen Staatsrecht vereinbar sind wie etwa das ius exclusive, das Recht des Monarchen, anlässlich einer Papstwahl den Kandidaten für missliebig zu erachten, toleriert werden aber auch nicht verfassungskonforme Befugnisse des Monarchen wie die alleinige Errichtung neuer Ressortministerien, die Organisation der Militärgerichtsbarkeit und die Verleihung der Exterritorialität an ausländischen Hochadel. Außerordentliche Gesetzgebung Eine außerordentliche Gesetzgebung im materiellen Sinn ist durch den Erlass gesetzesvertretender Verordnungen in Notzeiten möglich: § 14 Notverordnungen. Sie setzen voraus: dringende Notwendigkeit zur Gesetzgebung, die sich zu einer Zeit herausstellt, zu welcher der Reichsrat nicht versammelt ist, die Unmöglichkeit, diesen rechtzeitig zusammenzurufen, Initiative des Monarchen und Gegenzeichnung aller Minister. Diese haben aber nur provisorischen Charakter, da sie vom ersten, nach ihrer Publikation zusammentretenden Reichsrat bestätigt werden müssen. Kriegswirtschaftsverordnungen, ab 1917 aufgrund des Kriegswirtschaftlichen Ermächtigungsgesetzes: Hier liegt die Initiative nicht beim Staatsoberhaupt, sondern bei der Regierung, es findet seine Begründung im Kriegszustand und ist auf ihn sachlich wie zeitlich beschränkt. 58. Grundrechte in den Verfassungen des 19. Jh. Vor staatlicher Willkür schützt ein Grundrechtskatalog, der im Wesentlichen dem der Verfassung 1849 entspricht. 59. ständische Elemente im 19. Jh. Ebenso wie der Reichsrat als Repräsentativkörperschaft auf gesamtstaatlicher Ebene entsprechen die Landtage zufolge der Kurienwahl nicht den

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konstitutionellen Anforderungen an eine Volksvertretung. Selbst jene Modifikationen, denen das Reichsrats-Wahlrecht bis 1907 unterliegt, werden nur zögernd nachgeahmt. Insgesamt bilden die Landtage ständisch-konservative Relikte, sie bleiben bis 1918 Interessenvertretungen. Auf jeden Fall wird die Kurienwahl beibehalten und neu gestaltet: I) Virilstimmen, Großgrundbesitz, Handels- und Gewerbekammern, II) Städte und Märkte, III) Allgemeine Wählerklasse. 60. Ende der Monarchie Österreich-Ungarn hat 1914 den Krieg unter der Belastung des ungelösten Nationalitätenproblems und des sich zusehends verhärtenden Dualismus begonnen. Als daher zu Beginne des Jahres 1917 der Reichsrat zusammentritt, fordern die slawischen Abgeordneten eine tiefgehende Verfassungsrevision der Gesamtmonarchie durch die Bildung von nationalen Teilstaaten. Es standen sich zwei Bewegungen gegenüber: Jene innerhalb Österreich-Ungarns mit dem Ziel einer Verfassungsänderung bei Aufrechterhaltung des Gesamtstaates und die der Exilbewegung mit der Absicht, diesen aufzulösen. Allerdings halten noch zu Beginn des Jahres 1918 die 14 Punkte des Friedensprogrammes von US Präsident Wilson am Bestand der Monarchie fest, die Befreiung solle im Wege der Autonomie erfolgen. Inzwischen hatten sich jedoch die tschechischen Reichsratsabgeordneten der Ansicht ihrer Exilbewegung angeschlossen und die tschechoslowakische Nation von nun an jeder Verpflichtung gegen die dualistische Monarchie wie gegen die Dynastie als ledig erklärt. Im Sommer 1918 anerkennen die alliierten Staaten die auf ihre Seite übergetretenen tschechoslowakischen Verbände als Verbündete und den Nationalrat als tschechoslowakische Exilregierung an. Schließlich verlassen sie ihren bisherigen Standpunkt auch expressis verbis und verlangen am 20.10.1918 in der Beantwortung des österreichisch-deutschen Waffenstillstandsansuchens vom 4.10. die Auflösung Österreich-Ungarns. Angesichts der allenthalben zusammenbrechenden Fronten wird sie zur politischen Realität. Militärische Niederlage und innere Auflösung führen im Oktober 1918 zu rasch aufeinanderfolgenden Absagen an die österreichisch-ungarische Monarchie. 61. ksl. Manifest vom 16.10.1918 Angesichts der Entwicklung ab Anfang Oktober 1918 kündigt ein Ks. Manifest am 17.10.1918 eine Verfassungsänderung an: Österreich soll zu einem Bundesstaate werden, in dem jeder Volksstamm auf seinem Siedlungsgebiete sein eigenes staatliches Gemeinwesen bildet, wobei jedoch diese Neugestaltung die Integrität der Länder der ungarischen heiligen Krone in keiner Weise berührt. An diesem Umbau der Reichsratsländer sollen die Völker durch Nationalräte, gebildet aus den Reichsratsabgeordneten jeder Nation mitwirken. Im Gegensatz zur Intention des Manifestes kommt es jedoch zur Gründung neuer Staaten: Tschechoslowakei Polen Ungarn Deutsch-Österreich Kgr. Der Serben-Kroaten-Slowenen 62. ksl. Kundmachung vom 11.11.1918 Im November beenden die obersten Organe Monarch, Regierung und Parlament ihre Tätigkeit. Nachdem bereits am 31.10. die ks. Regierung ihre Geschäfte bezüglich des deutschösterreichischen Staatsgebietes an die deutschösterreichische Regierung abgegeben hatte, kommt es auf Betreiben dieser beiden Regierungen am 11.11. zur Erklärung des Monarchen, er erkenne im Voraus die Entscheidung an, die Deutschösterreich über seine künftige Staatsform trifft. Es war jedenfalls für dieses Gebiet ein Thronverzicht ausgesprochen. Da der Monarch weiters erklärte, er verzichte auf jeden Anteil an den Staatsgeschäften wurde damit die Monarchische Legitimität aufgegeben. Dafür spricht dass der Kaiser seine Regierung ihres Amtes enthob und keine neue ernannte. Am 12.11. tritt das Abgeordnetenhaus zu seiner letzten Sitzung zusammen. Sie Präsident erklärte: wir haben mit der Tatsache zu rechnen, dass Österreich zerfallen ist. Das Haus hat heute wohl keine Aufgaben mehr zu erfüllen. Es wurde daher beschlossen, die heutige Sitzung aufzuheben und keinen Tag für die nächste Sitzung zu beschließen. Das Herrenhaus hatte seine Tätigkeit bereits am 30.10. in ähnlicher Weise beendet. 63. Thronverzicht Ks. Karls Da sich bereits am 11.11. Deutschösterreichs Staatsrat für die Staatsform der demokratischen Republik entschieden hatte, war jedenfalls für dieses Gebiet ein Thronverzicht ausgesprochen. Da der Monarch weiters erklärte, er verzichte auf jeden Anteil an den Staatsgeschäften, wurde im Sinne des konstitutionellen Staatsrechts, mit seiner Fundierung in Volkssouveränität und monarchischer Legitimität, das letztgenannte Verfassungsprinzip aufgegeben. Vom Standpunkt der Verfassung 1867 aus konnte diese Manifest nur bedeuten, dass auf dem in ihm vorgeschriebenen Weg der Entwurf eines die Verfassung abändernden Verfassungsgesetzes zu erstellen wäre, über den der Reichsrat zu befinden hätte. Dies war aber eine utopische Vorstellung. Bereits zu Beginn des Oktobers hatten die slawischen und italienischen Reichsratsabgeordneten dem Staat Österreich ihre Absage zu Gunsten eigener Staatswesen erteilt gehabt. Überdies hielt das Manifest am allseits abgelehnten Dualismus fest. Allerdings verlieh es den einzelnen Nationalräten den Anschein einer Legitimation, wodurch die Liquidation des alten Staates in einigermaßen geregelten Bahnen vor sich ging.

VII. Republik Deutschösterreich
64. Entstehung Deutschösterreichs Aufgrund eines Beschlusses vom 17.10. dem Erscheinungstag jenes kaiserlichen Manifestes, das eine Umwandlung Österreichs in einen Bundesstaat proklamiert, treten die Reichsratsabgeordneten der deutschen Parteien am 21.10. als provisorische Nationalversammlung für Deutschösterreich zusammen. Diese Vorbereitungen ermöglichen es, dass durch diese Prov. Nationalversammlung am 30.10. die Staatsgründung mit dem Beschluss über die grundlegenden Einrichtungen der Staatsgewalt vollzogen wird (Staatsgründungsbeschluss). Damit ist unter der Bezeichnung Deutschösterreich ein neuer Staat auf dem Boden des ehemaligen Österreich in ähnlicher Weise entstanden wie etwa die Tschechoslowakei. 65. Prov./Konst. Nationalversammlung Als Verfassungsgeber fungiert vorerst die Prov. Nationalversammlung. Sie sieht sich deshalb als Provisorium an, da das Mandat ihrer Mitglieder auf die Wahlen zum Abgeordnetenhaus des Reichsrats vom Jahr 1911 zurückgeht, 1917 abgelaufen und durch Gesetz nicht aber durch Wahlen verlängert worden war. Diese daher politisch zweifelhafte Legitimation ist rechtlich überdies ein bloßes Nichts: Als Organ des Staates Österreich hatte der Reichsrat mit dem neuen Deutschösterreich nichts zu tun. Nicht als Reichsratsabgeordnete traten die Mitglieder der Prov. Nationalversammlung zusammen, sondern als noch am ehesten legitimierte Volksvertreter.

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Ziel von ihr war die Volkswahl zu einer Konstituierenden Nationalversammlung vorzubereiten und ein provisorisches Verfassungswerk zu schaffen. Mit der Wahl zur Konst. Nationalversammlung am 16.2.1919 fand die Existenz der Prov. Nationalversammlung ihr Ende; am 4.3.1919 trat das neue Gremium erstmals zusammen. Doch bereits das Provisorium hatte konstituierende, nicht lediglich vorbereitende Gewalt: Sie hat die Staatsgründung vollzogen und wichtige Verfassungseinrichtungen geschaffen. Das bereits vorhandene Verfassungswerk wurde von der Konst. Nationalversammlung übernommen, zum Teil ausdrücklich bestätigt, so dass die Kontinuität der beiden Nationalversammlungen gewahrt ist. Prov. Und Konst. Nationalversammlung bauen die Verfassung Deutschösterreichs schrittweise durch zeitlich aufeinanderfolgende verfassungsrelevante Gesetze auf. Dies ist bedingt von divergierenden parteipolitischen Erwägungen, der latenten außenpolitischen Situation sowohl gegenüber den Siegermächten wie den Nachfolgestaaten, den von der Zentralgewalt oft abweichenden Aktionen einzelner Länder, schließlich dem Liquidationsstadium der bisherigen Zentralgewalten. Die Willensbildung erfolgt allein durch das repräsentierte Volk, die Volksvertretung (eben Konst. Und Prov. Nationalversammlung. Damit ist auch die Aufteilung der Gewalten auf verschiedene Souveränitätsträger hinfällig. Unter Aufgeben der Gewaltentrennung besorgt die Volksvertretung sowohl die Gesetzgebung und die oberste Regierungs- und Vollzugsgewalt (durch Staatsrat, Staatsregierung) und zeitweise sogar die Gerichtsbarkeit bei Ministeranklage. Ansonsten obliegt die Rechtsprechung unabhängigen Gerichten im Namen der Republik. Den beiden Nationalversammlungen obliegen allein die Gesetzgebung. Sie bestehen stets nur aus einer Kammer und werden aufgrund eines allgemeinen gleichen geheimen und direkten Proportionalwahlrechtes gewählt. Ein Novum stellt der Hauptausschuss der Konst. Nationalversammlung dar, der neben der Regelung der parlamentarischen Arbeit auch noch die der Nationalversammlung zustehende exekutive Gewalt ausübt. In der Praxis bildet er durch sein Nahverhältnis zur Staatsregierung die permanente Verbindung von Legislative und Exekutive. Vertagung und Auflösung fallen gleichfalls in ihre Kompetenz. Die Gesetzesinitiative steht dem Parlament selbst sowie dem Staatsrat bzw. der Staatsregierung zu. Der Staatsrat bzw. die Staatsregierung besitzen ein suspensives Veto, wie bilden mit diesen Kontrollfunktionen einen Ersatz für das Zweikammernsystem. 66. Konstruktion Deutschösterreichs Deutschösterreich ist eine Neuerscheinung, es ist keine Fortsetzung des Staates Österreich bzw. der österreichisch-ungarischen Monarchie. Für Deutschösterreich ist der Staat Österreich Ausland, wenngleich nicht im Sinne eines räumlichen Nebeneinanders, sondern einer zeitlichen Aufeinanderfolge. In der Fortbildung seines Verfassungsrechtes war der Staat Österreich mit dem kaiserlichen Manifest vom 17.10.1918 stehen geblieben. Während dieses bloß abzielt auf die Bildung von abhängigen Teilstaaten im Verband des weiter bestehenden Gesamtstaates Österreich, konstituiert die Staatsgründung vom 30.10. die oberste Gewalt des Staates Deutschösterreich also keinen abhängigen Teilstaat, sondern einen unabhängigen vollsouveränen Staat. Als ein somit erst 1918 neu entstandener Staat hat Deutschösterreich ebenso wie etwa der gleichfalls neue Staat Tschechoslowakei den ersten Weltkrieg weder verschuldet noch verursacht und verstand sich daher, anders als die auf Seite der Siegermächte in den Krieg eingetretene Tschechoslowakei als neutraler Staat. Abgesehen von den Ergebnissen der eben anlaufenden Gesetzgebung besaß Deutschösterreich naturgemäß keinerlei eigene Rechtsordnung und kaum eigene Institutionen. Wie in den meisten der übrigen Nachfolgestaaten lag es jedoch des weitgehend identem Staatsgebietes und Staatsvolkes wegen nahe, sowohl die Rechtsordnung als auch die Institutionen des Staates Österreich zu übernehmen. Das Recht erhält zwar seine verbindliche Kraft von einer neuen, nämlich der deutschösterreichischen Autorität, ist aber inhaltlich mit dem alten ident. Dies trifft in erster Linie auf die Rechtsordnung unterhalb der Ebene des Verfassungsrechts zu. Mit der Rechtsordnung wird zum Großteil auch der sie vollziehende Apparat übernommen, Reichsgericht wird zum Verfassungsgerichtshof, ferner der Verwaltungsgerichtshof und statt dem Obersten Gerichtshof der Staatsrechnungshof, vor allem die gesamte Gerichts- und vorerst auch Verwaltungsorganisation. Formelle Diskontinuität bei materieller Kontinuität bestimmt auch das Staatskirchenrecht. Zur Frage der Staatsform hatte sich der Staatsgründungsbeschluss nicht ausdrücklich geäußert, allerdings war das Demokratische Prinzip mit der Bestimmung festgelegt, die oberste Gewalt werde allein von der prov. Nationalversammlung als Volksrepräsentation ausgeübt sowie damit, dass alle anderen obersten Staatsorgane sich von ihr ableiten wie direkt der Staatsrat und indirekt die Staatsregierung. In der gleichen Weise war auch schon das Republikanische Prinzip statuiert, da die Regierungs- und Vollzugsgewalt bloß dem Staatsrat zugeteilt wurde nicht mehr wie nach der Verfassung 1867 auch einem Monarchen. Damit erhielt Deutschösterreich sogleich bei seiner Gründung eine republikanische Spitze. Die beiden Prinzipien sind eng verflochten da der Staatsrat einen Ausschuss der Prov. Nationalversammlung darstellt. Deutschösterreich hat jedoch nicht die Staatsform der Republik schlechthin, sondern eine bestimmte Variante, nämlich die der demokratischen Republik gewählt. Damit war ein Entscheid gegen eine Monarchie wie auch gegen eine sogenannte Räterepublik getroffen. Nicht Arbeiter- und Soldatenräte sollten den Volkswillen diktieren, sondern diesen sollte eine aus allgemeinen Wahlen hervorgegangene Körperschaft repräsentieren. Das demokratische Prinzip wird unterstrichen von der Wahlordnung zur Konst. Nationalversammlung vom 18.12.1918. Erstmals sind auch Frauen allgemein wahlberechtigt, und der Wahl liegt das Verhältniswahlrecht zugrunde. Schließlich stärkt die Verfassungsreform vom 14.3.19191 das demokratische Element: Die beiden Gesetze über die Volksvertretung und über die Staatsregierung verlagern den Schwerpunkt der Willensbildung in das Parlament; Deutschösterreich wird zur parlamentarischen Republik. Noch vor der Staatsgründung fällt im Einvernehmen zwischen den Ländern und der Zentralgewalt die Entscheidung, Deutschösterreich als dezentralisierten Einheitsstaat einzurichten. Die Länder erhalten mehr Rechte in der Verfassungsgesetzgebung. So tritt Österreich als dezentralisierter Einheitsstaat schon mit der Staatsgründung am 30.10.1918 ins Leben. Das Verhältnis zwischen Gesamtstaat und den Ländern findet am 12.11. seinen gesetzlichen Niederschlag: Als Folge des Entscheids zugunsten der republikanisch demokratischen Staatsform werden die bisherigen Landtage wegen der politischen Vorrechte die ihre Kurienwahl gewährleistet hatte, aufgehoben und am 14.11. mit dem Gesetz betreffend die Übernahme der Staatsgewalt in den Ländern an ihre Stelle Prov. Landesversammlungen gesetzt. Deutschösterreich fixiert mit dem Gesetz über die Volksvertretung vom 14.3. noch einmal den dezentralisierten Einheitsstaat, doch greift in den meisten Ländern und in politischen kreisen die Forderung nach einer bundesstaatlichen Gestaltung immer mehr um sich. Ende 1918 tritt ein Entfremdungsprozess ein. Dazu gesellen sich theoretische Überlegungen, auch gilt die föderalistische Ordnung der Schweiz als nachahmenswert. Die Länder vertreten zunehmend den Standpunkt, die künftige Verfassung könne nur eine zwischen Ländern und Zentralgewalt vereinbarte Bundesstaats-Verfassung sein. 67. Verhältnis Deutschösterreich – Deutsches Reich Am 12.11. wird nicht nur die Staats- und Regierungsform Deutschösterreichs festgelegt, sondern mit gleichem Gesetz bestimmt: Deutschösterreich ist ein Bestandteil der Deutschen Republik; gemeinsam mit der Staatsform wird dieser Grundsatz von der Konst. Nationalversammlung am 12.3. bestätigt und bekräftigt. Beiden Bestimmungen kommt nur programmatischer Charakter zu, Deutschösterreich ist mit ihnen noch nicht zu einem Bestandteil des Deutschen Reiches geworden, sondern hat seine Absicht, ein solcher zu werden, in bestimmter Form, nämlich der eines verfassungsrelevanten Gesetzes, kundgetan. Vor allem fehlt es letztlich an einer korrespondierenden Bestimmung der deutschen Verfassung. Die Verfassung des

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Deutschen Reiches vom 11.8.1919 (Weimarer Verfassung) zählt Deutschösterreich noch nicht zu seinen Ländern: Deutschösterreich erhält nach seinem Anschluss an das Deutsche Reich das Recht der Teilnahme am Reichsrat. Anschlussvorbereitungen waren allerdings sofort in Angriff genommen worden. Sie finden ihren Ausdruck etwa im Walrecht deutscher Staatsbürger, die sich in Deutschösterreich aufhalten, zur Konst. Nationalversammlung in Wien bzw. deutschösterreichischer Staatsbürger, die sich im Deutschen Reich aufhalten, zur Konst. Nationalversammlung in Weimar. In ähnlicher Weise sind Deutschösterreicher in deutschen Ländern, deren Angehörige in deutschösterreichischen zu den Landtagen Wahlberechtigt. An den Verfassungsberatungen der Weimarer Nationalversammlung nahmen auch Vertreter Deutschösterreichs teil. 68. Staatsgebiet Deutschösterreichs Der neue Staat entsteht mit der Absicht, er werde, gemäß seines Namens, die Gebietsgewalt über das deutsche Siedlungsgebiet des ehemaligen Staates Österreich ausüben. Dies wird als in Einklang mit der Erklärung der Siegermächte stehend angesehen, als Friedensbasis diene das nationale Selbstbestimmungsrecht. Um es nachdrücklich zu dokumentieren, geben fast alle der folgenden Länder Beitrittserklärungen zu Deutschösterreich ab. Dieses setz daraufhin das Staatsgebiet am 22.11.1918 gesetzlich wie folgt fest: Österreich ob der Enns Österreich unter der Enns Salburg Steiermark Kärnten Tirol Vorarlberg Deutschböhmen Sudetenland Exklaven im tschechoslowakischen Staatsgebiet Industriegebiet im äußersten Norden Ostmährens und Ostschlesiens zum gemeinsamen Verwaltungsgebiet Deutschösterreichs, der Tschechoslowakei und Polen Geschlossene Siedlungsgebiete in Deutsch-Westungarn, in diesen wird das Selbstbestimmungsrecht gefordert. In den in Böhmen, Mähren und Schlesien liegenden Teilen des Staatsgebietes wurde die Ausübung der Staatsgewalt alsbald durch den Einmarsch tschechoslowakischer Truppen unterbunden, während diese im Süden von vornherein, durch die jugoslawische bzw. italienische Besetzung unmöglich war. 69. Landesgewalt 1918 Die neue originär entstandene Landesgewalt verleiht den Ländern größeres Gewicht als den bisherigen Kronländern. Erstmals nehmen die Länder in der Neuzeit das Recht zum Erlass von Landesverfassungen in Anspruch und können es auch behaupten. Auch in der einfachen Gesetzgebung ziehen die Länder mehr Kompetenzen an sich, sie erhalten das Monopol der mittleren und erstinstanzlichen allgemeinen Verwaltung und sie treten in lebhaften Verkehr untereinander. Neue Organe nehmen eine originär entstandene, weder von den bisherigen Kronländern noch dem Staate Deutschösterreich abgeleitete Landesgewalt in Anspruch. Es sind damit zwischen dem 26.10. und dem 6.11.1918 auf dem Boden der ehemaligen Kronländer neue Länder entstanden. Es lag in der Absicht dieser neuen Länder, sachlich an die Stelle der bisherigen Kronländer zu treten. Die neuen Landesgewalten haben sich nicht als Inhaber vollsouveräner staatlicher Macht verstanden die Länder nicht als unabhängige und souveräne Staaten, sondern als zwar eigenberechtigte, selbständige Einheiten, jedoch im Verband mit anderen derartigen Ländern und in Zuordnung zu einer sie übergreifenden staatlichen Organisation. Kein Land hat 1918 die Souveränität als unabhängiger Staat für sich in Anspruch genommen. Fraglich war bei einigen Ländern bloß, welchem Staat sie sich einordnen würden. Vorerst stellt sich allerdings bei allen Ländern die Frage nach ihrem territorialen Bestand. Dabei geht es nicht um das Problem grundsätzlich neuer Gebietseinheiten, sondern um die Abgrenzung gegenüber dem Ausland. Zwei Gruppen von Ländern sind zu unterscheiden, jene die im wesentlichen mit ehemaligen Kronländern räumlich ident bleiben, und solche, die auch räumliche Neubildungen sind. Historische Länder: In Österreich ob und unter der Enns, in Salzburg und Vorarlberg bestimmt die neue Landesgewalt als ihren örtlichen Wirkungsbereich das Gebiet der gleichnamigen bisherigen Kronländer. In Steiermark, Kärnten und Tirol wird die Frage der Ländergrenzen vom Nationalitätenproblem bestimmt. Die neuen Landesgewalten reklamieren hier in der Regel nur das geschlossene deutsche Siedlungsgebiet der ehemaligen gleichnamigen Kronländer. Neue Länder: Nicht nur verfassungsrechtliche, sondern auch räumliche Neubildungen stellen die Länder Deutsch-Böhmen und Sudetenland dar. In Deutsch-Westungarn hingegen fällt erst mit dem Vertrag von Saint Germain die Entscheidung, in diesem Gebiet ein Land Österreichs zu bilden. Zufolge der originär entstandenen Landesgewalten treten die Länder ebenso wie der Staat Deutschösterreich als verfassungsrechtliche Neubildungen auf und stehen zu den bisherigen Kronländern im Verhältnis der Diskontinuität. Als Grundlage der neuen Landesgewalt gilt die Volkssouveränität. Alle Länder lehnen damit die monarchische Staatsform ab. Soweit nicht Neuerungen Platz greifen, setzen die Länder das Recht der bisherigen Kronländer als ihr eigenes in Geltung und übernehmen deren Institutionen. Grundsätzlich wird das bisherige Verfassungsrecht beibehalten Die Landesordnungen 1861 und aus der Verfassung1867 vor allem die Kompetenzverteilung bilden damit vorerst die verfassungsrechtliche Grundlage der Länder. Allerdings gehen alle Länder in einem wichtigen Punkt über die bisherige Verfassungslage hinaus, da sie nicht nur die autonome Landesverwaltung übernehmen, sondern auch die staatliche im Land usurpieren. Sie nehmen damit, abgesehen von ihrer ministeriellen Spitze, die allgemeine Verwaltung für sich in Anspruch. Der doppelte Verwaltungsapparat bleibt allerdings bestehen, es gibt nun zweierlei Landesverwaltungen, ihre Doppelgleisigkeit scheint mehr denn je reformbedürftig. Die autonome Landesverwaltung führt der Landesausschuss. An seiner Spitze steht der Landeshauptmann mit seinen Stellvertretern. Die übertragene staatliche Verwaltung obliegt in mittlerer Instanz der Landesregierung, sie besteht aus dem Landeshauptmann und seinen Stellvertretern, ist jedoch neben diesem ein eigenes Organ, das an die Stelle der Statthalterei des ehemaligen Staates Österreich tritt. Die personelle Verflechtung der beiden Organe Landesausschuss und Landesregierung ist ein erster Schritt zur Beseitigung der Doppelgleisigkeit der Verwaltung. Die Bezirkshauptmannschaft fungiert wie im ehemaligen Staate Österreich als erste Instanz, ist aber nunmehr keine gesamtstaatliche, sondern eine Landesbehörde. Das Land ist somit nicht mehr auch staatlicher Verwaltungssprengel, mit eigenen staatlichen Behörden, sondern besorgt mit eigenen Organen zusätzlich Verwaltungsaufgaben des Gesamtstaates in dessen Auftrag als Auftragsverwaltung.

70. Selbstbestimmungsrecht der Völker/Österreich Da die ehemaligen Kronländer Bestandteile des Staates Österreich waren, bietet sich die grundsätzliche Überlegung an, die neuen Länder jenem

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Staate zuzuordnen, der dessen Stelle einnehmen würde. Die Länder Salzburg, Kärnten, Steiermark und Deutsch-Böhmen bekannten sich ausdrücklich in ihren Beitrittserklärungen zur unverbrüchlichen Gemeinschaft mit den übrigen Ländern, das gilt in ähnlicher Weise für Ober- und Niederösterreich. Tirol und Vorarlberg hingegen haben ihren Beitrittserklärungen nur provisorischen Charakter beigemessen. In Vorarlberg fand der Gedanke, sich als Kanton der Schweiz anzuschließen, starke Beachtung. Diese Schweizer Anschlussbewegung wurde zu einem Bestandteil der Landespolitik und es gab eine Volksabstimmung darüber, ob man in Verhandlungen mit der Schweiz eintreten soll, die von 80 % bejaht wurden. Diese Entwicklung findet keinen Anklang bei der Zentralgewalt Deutschösterreichs, da man fürchtet, das Abspringen Vorarlbergs könnte Tirol und Salzburg mit sich reißen. Aber auch die alliierten Staaten befürchten, dass bei einem Zerfall Deutschösterreich, der Nachfolgestaat des ehemaligen Cisleithaniens verschwinden werde, und der österreich-ungarische Gegner und Kriegsverlierer sich auf Ungarn reduzieren würde. Die Schweiz, welche der Vorarlberger Initiative vorerst wohlwollend gegenüberstand, macht nun den Anschluss davon abhängig, ob Deutschösterreich der Bevölkerung von Vorarlberg das Selbstbestimmungsrecht zuerkennen würde: Erst mit einem selbständig gewordenen Vorarlberg könne man in Verhandlungen eintreten, nicht aber mit einem Bestandteil Deutschösterreichs. In Vorarlberg wurde als weitere Alternative ein Zusammenschluss mit Baden-Württemberg und den schwäbischen Teilen Bayerns zu einem Land Groß-Schwaben des Deutschen Reiches erwogen. Tirol schließt gleichfalls den Anschluss an dieses oder dessen Teilstaat Bayern nicht aus, und zwar aufgrund der Hoffnung, damit die Landeseinheit gegenüber Italien behaupten zu können bzw. nach der Abtretung Südtirols, um durch Verhandlungen zwischen dem Deutschen Reich und Italien eine Annäherung der Landesteile zu erreichen. Kein Land hat sich 1918 als souveräner Staat etabliert, wohl aber traten nachträglich bedingt durch besondere Umstände, derartige Probleme bezüglich Tirols auf. Angesichts der drohenden Spaltung des Landes erklärt der Tiroler Landtag Tirol zum selbständigen neutralen Freistaat. Dem liegt die Ansicht zugrunde, die alliierten Staaten hätten nur ein Interesse, Deutschösterreich um Südtirol zu verkleinern, nicht aber die Absicht, es von einem kleinen und überdies neutralen Freistaat Tirol abzuspalten. Unter der Bedingung, dass auf diese Weise die Landeseinheit erhalten bleiben würde, stimmt die deutschösterreichische Zentralregierung einer derartigen Trennung Tirols von Deutschösterreich zu. Der Vertrag von Saint Germain macht diesem Plan jedoch ein Ende. 71. Vertrag von St. Germain/Staatsvertrag Wien Erst am 20.7.1919 wird der deutschösterreichischen Delegation der gesamte Text des Entwurfs eines Friedensvertrages übergeben. Schon im Voraus war festgestellt worden, dass kein mündlicher, sondern nur ein schriftlicher Meinungsaustausch stattfinden werde: Damit war entschieden, dass der Friedensvertrag nicht auf dem Wege echter Verhandlungen sondern als Diktat der Siegermächte zustande zu kommen habe. Zahlreiche Stellungnahmen und Gegenvorschläge der deutschösterreichischen Delegation war kein Erfolg beschieden. Lediglich die Annexion Deutsch-Westungarns und die Durchführung eine Volksabstimmung in Südkärnten sind in den am 2.9. überreichten endgültigen Text des Friedensvertrages aufgenommen. Dieser wird am 10.9. von Staatskanzler Renner unterzeichnet und tritt am 16.7.1920 in Kraft. Inhalt: Deutschösterreich wird als Rechtsnachfolger sowohl des Staates Österreich, als auch der Österreichisch-Ungarischen Monarchie behandelt und ihm, die Schuld am Ausbruch des Krieges angelastet. Gebietsabtretungen und die zusätzliche Anerkennung der selbstständigen Staaten ziehen im Wesentlichen die heutigen Staatsgrenzen. Eine auf die Wahrung der Unabhängigkeit Österreichs bedachte Bestimmung schafft das so genannte Anschlussverbot an das Deutsche Reich. Wegen dieser Distanz zum Deutschen Reich, der Abtretung umfangreichen deutschen Siedlungsgebietes und der Kontinuität mit dem Staat Österreich wird Österreich als neuer Staatsname vorgesehen, Minderheitenschutzbestimmungen Verbot der allgemeinen Wehrpflicht und Zahlreiche wirtschaftliche Beschränkungen und Sanktionen. Verfassungsrechtliche Auswirkungen: Er führt zum Fortfall des Anliegens, möglichst alle deutschsprachigen Gebiete des ehemaligen Staates Österreich in neuer staatlicher Gemeinschaft vereinigen zu wollen, weiters zum Verbot des Anschlusses an das Deutsche Reich, schließlich, indirekt zum Aufgeben der einheitsstaatlichen Lösung, da die verbleibenden Länder durch die Grenzbestimmungen und das Anschlussverbot in den Verband des Gesamtstaates gezwängt werden, der sich mit diesen arrangieren muss, womit die Wendung zur bundesstaatlichen Lösung angebahnt ist. Allerdings wird weiter am Standpunkt der Diskontinuität festgehalten. Deutschösterreich tritt keine globale Rechtsnachfolge nach dem Staat Österreich an, sondern nur in die vom Vertrag von Saint Germain auferlegten Verpflichtungen ein. Dieser gilt daher nicht als Friedensvertrag, da Deutschösterreich keinen Krieg begonnen hatte und nun beenden musste, sondern als Staatsvertrag. Die erste verfassungsrechtliche Konsequenz brachte das Gesetz über die Staatsform vom 21.10.1919, da es unter anderem den Staatsnamen in Republik Österreich ändert!

VIII. 1920-1933: Republik Österreich
72. Inhalt Vertrag von St. Germain Deutschösterreich wird als Rechtsnachfolger sowohl des Staates Österreich wie der Österreich-ungarischen Monarchie behandelt und ihm die Schuld am Ausbruch des Krieges angelastet. Gebietsabtretungen und die zusätzliche Anerkennung der selbständigen Staaten Tschechoslowakei, Polen, Ungarn und Jugoslawien ziehen Im Wesentlichen die heutigen Staatsgrenzen. Eine auf die Wahrung der Unabhängigkeit Österreichs bedachte Bestimmung schafft das sogenannte Anschlussverbot an das Deutsche Reich. Wegen dieser Distanz zum Deutschen Reich, der Abtretung umfangreichen deutschen Siedlungsgebietes und der Kontinuität mit dem Staat Österreich wird Österreich als neuer Staatsname vorgesehen. Bedeutungsvoll sind ferner Bestimmungen über den Minderheitenschutz, das Verbot der allgemeinen Wehrpflicht (30.000 Mann Berufsheer) zahlreiche wirtschaftliche Sanktionen und Beschränkungen. Verfassungsrechtliche Auswirkungen: Er führt zum Fortfall des Anliegens, möglichst alle deutschsprachigen Gebiete des ehemaligen Staates Österreich in neuer staatlicher Gemeinschaft vereinigen zu wollen, weiters zum Verbot des Anschlusses an das Deutsche Reich, schließlich indirekt zum Aufgeben der einheitsstaatlichen Lösung, da die verbleibenden Länder durch die Grenzbestimmungen und das Anschlussverbot in den Verband des Gesamtstaates gezwängt werden, der sich mit diesen arrangieren muss, womit die Wendung zur bundesstaatlichen Lösung angebahnt ist. Allerdings wird weiter am Standpunkt der Diskontinuität festgehalten. Deutschösterreich tritt keine politische Rechtsnachfolge nach dem Staat

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Österreich bzw. der Österreichisch-ungarischen Monarchie an, sondern nur in die vom Vertrag von St. Germain auferlegten Verpflichtungen ein. Dieser gilt daher nicht als Friedensvertrag, da Deutschösterreich keinen Krieg begonnen hatte und beenden konnte, sondern als Staatsvertrag. 73. Kärnten 1920 Die ursprünglich vorgesehene Grenzziehung schlägt den Wörthersee, die Landeshauptstadt Klagenfurt und das südlich davon gelegene Gebiet zu Jugoslawien, dessen Forderungen sich auch noch auf u.a. Villach und St. Veit/Glan erstreckt haben. Jugoslawien beginnt sogleich mit der Besetzung dieses Gebietes. Als sie Ende April 1919 forciert wird, formiert sich in Kärnten der Abwehrkampf. Zwar haben die Jugoslawen bis Ende mai das umstrittene Gebiet besetzt, der Gedanke an eine Volksabstimmung hat aber inzwischen an Boden gewonnen und findet schließlich in den Vertrag von St. Germain Eingang. Das umstrittene Gebiet wird in die zwei Abstimmungszonen B (Klagenfurter Becken) und A (übriges Gebiet) zerlegt. Unter objektiver alliierter Kontrolle findet am 10.10.1920 die Volksabstimmung in der Zone A statt: 59 % stimmen für Österreich. Die Zone B verbleibt damit vereinbarungsgemäß ohne Abstimmung bei Österreich. Ohne solche werden allerdings an Jugoslawien insbesondere Unterdrauburg und an Italien das Kärntner Kanaltal mit Tarvis abgetreten. Kärntens Landesverfassung, die 1926 erlassen wird, enthält wie alle anderen Länder außer Wien die Bestimmung, dass Deutsch Landessprache ist, sie hat aber einen Hinweis auf die Minderheitenregelungen beigesetzt. Die Landesverfassungen sind bis 1929 insoferne ein Spiegelbild der Bundesverfassung, als auch sie auf dem Boden der extremen parlamentarischen Demokratie stehen. Wie der Nationalrat auf Bundesebene wählt der Landtag die übrigen obersten Landesorgane. Allerdings bleibt es dabei in den Ländern auch nach 1929: Die jetzt vom Bundesverfassungsrecht vollzogene Schwächung des Parlamentarismus machen sie nicht mit. 74. „Kelsen“-Verfassung Die Hauptaufgabe der Konstituierenden Nationalversammlung war der Erlass einer Konstitution. Trotz eines Koalitionsabkommens zwischen dem christlichsozialen und dem sozialdemokratischen Regierungspartner im Oktober 1919 gestalten sich die Verfassungsverhandlungen äußerst kompliziert und schleppend. Ein eigens für die Verfassungs- und Verwaltungsreform bestellter Staatssekretär kann 1920 auf zwei Länderkonferenzen durch Aufnahme von Modifikationen weitestgehenden Konsens für seinen als Privatarbeit geltenden Entwurf erzielen. Diesen Linzer Entwurf greift schließlich der Verfassungsausschuss der Konst. Nationalversammlung auf, nachdem es schon geschienen hat, als würde diese das Verfassungswerk überhaupt nicht zustande bringen können. Kompromisse wie insbesondere die Ausklammerung der Grund- und Freiheitsrechte, der Finanzverfassung und der Schulkompetenzen ermöglichen die Fertigstellung eines Ausschussentwurfes und am 1.10.1920 seine Annahme im Plenum der Konst. Nationalversammlung als Gesetz, womit die Republik Österreich als Bundesstaat eingerichtet wird, kurz: Bundesverfassungsgesetz. Wesentlichen Anteil an der Erstellung des Verfassungsentwurfs hatte neben den Staatskanzlei-Beamten Fröhlich und Mannlicher Professor Hans Kelsen. Richtschnur war dabei, alles Brauchbare aus der bisherigen Verfassung beizubehalten, die Kontinuität der verfassungsrechtlichen Institutionen möglichst zu wahren, das bundesstaatliche Prinzip in das schon bestehende und bewährte gleichsam einzubauen und dabei – soweit dies mit Rücksicht auf die Verschiedenheit der historisch-politischen Voraussetzungen tunlich war – an die schweizerische, aber mehr noch an die neue deutsche Reichsverfassung anzulehnen. Jede der drei Großparteien hatte überdies eigene Verfassungsentwürfe erstellt gehabt: Die Christlichsozialen 1919 und 1920, die Großdeutschen und Sozialdemokraten 1920; ein weiterer Entwurf lag 1919 vom Tiroler Landtag vor. Der eben erwähnten Kompromisse wegen ist das B-VG ein Torso. Es wird daher vom Verfassungs-Übergangsgesetz ergänzt. Die Fortdauer der bisherigen Rechtsordnung wird prinzipiell unter dem Vorbehalt partieller Derogation festgestellt. Ausdrücklich rezipiert werden vor allem Vorläufig die Kompetenzbestimmungen der Verfassung 1867 und das Kriegswirtschaftliche Ermächtigungsgesetz 1917. Das B-VG selbst rezipiert mangels Einigung der Politischen Parteien über einen neuen Grundrechtskatalog das entsprechende StGG 1867, ausgenommen Art. 1 (Staatsbürgerschaft) und Art. 20 (Grundrechtssuspension). Österreich ist eine demokratische Republik, ihr Recht geht vom Volke aus. Es handelt entweder selbst, oder durch von ihm gewählte Organe oder von denen gleichfalls erwählte oder ernannte Organe. Mehrere ineinandergreifende Regelungen ergeben eine Modifikation des Nationalitätenrechts: An die Stelle der bisherigen Gleichstellung der landesüblichen Sprachen tritt Deutsch als Staatssprache, es sind jedoch den Minderheiten angemessene Erleichterungen beim Gebrauch der Sprache vor Gericht zu gewähren. Die Gerichtsbarkeit ist beim Bund monopolisiert. Gesetzgebung und Verwaltung werden zwischen dem Bund und den Ländern geteilt. Anders als bisher erfasst aber diese Kompetenzaufteilung beide nicht in gleicher Weise, sondern differenziert zwischen diesen beiden Staatsgewalten, sodass dem Bund folgende Kompetenzkombinationen stets in taxativer Aufzählung zustehen: Gesetzgebung und Verwaltung (Bundesverfassungsrecht, auswärtige Angelegenheiten, Zoll-, Geld- und Bankwesen) Allein die Gesetzgebung (im Staatsbürgerschafts- und Straßenpolizeiwesen) Allein die Grundsatzgesetzgebung (über die Organisation der Landesverwaltung, die Bodenreform) Durch die Kompetenz über das Bundesverfassungsrecht besitzt der Bund die Kompetenz-Kompetenz, d.h. Verfassungsgesetze des Bundes können die Kompetenzverteilung ändern und zwar zufolge der vorrangigen Stellung des Nationalrates in der Gesetzgebung ohne wesentliche Mitwirkung der Länder.

Der Vollziehung des Bundes auf mittlerer und unterster Ebene stellt das B-VG zwei Möglichkeiten zur Verfügung: Unmittelbare Bundesverwaltung durch eigene Bundesbehörden, allerdings nur in taxativ aufgezählten Angelegenheiten. Mittelbare Bundesverwaltung durch den Landeshauptmann und die ihm unterstellen Landesbehörden. Es werden somit Organe des Landes für den Bund tätig, wobei sich dieser allein an den Landeshauptmann wendet, der daher auch für die von ihm herangezogenen Landesbehörden und Landesämter dem Bund verantwortlich ist. 75. Verfassungsprinzipien des B-VG 1920 Die Verfassung 1920 B-VG und V-ÜG, tritt am 10.11.1920 mit der ersten Sitzung des neuen Parlaments, des Nationalrats, in Geltung. Sie organisiert die Republik Österreich als Bundesstaat: Gesetzgebung und Verwaltung sind zwischen dem Bund und den Ländern geteilt, letztere nehmen an der gesamtstaatlichen Gesetzgebung durch ein eigenes Organ teil, dem Bundesrat. Die Gerichtsbarkeit ist hingegen Bundesmonopol. Verfassungs- und Gesetzmäßigkeit staatlichen Handelns kontrollieren Gerichtshöfe des öffentlichen Rechtes, die damit auch Bund und Länder

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zum Gesamtstaat verklammern. Österreich ist ferner eine extrem parlamentarische Republik: Die obersten Organen des Bundes und der Länder sind aufgrund eines allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrecht gewählt, von ihnen leiten sich alle anderen Staatsorgane ab, wie insbesondere die Bundesregierung, die Landesregierung und der Bundespräsident. Die Volksvertretung des Bundes, der Nationalrat verfügt auch über die Wehrmacht, das Bundesheer. Die parlamentarische Republik erzielt damit einen gewaltenverbindenden Effekt: Die Exekutive ist mit der legislative organisatorisch und sachlich verbunden. Grundlage dieser parlamentarischen Republik ist die mittelbare Demokratie: Der Volkswille kommt grundsätzlich indirekt in den Repräsentativkörperschaften zur Geltung. Nur ausnahmsweise kann er im Sinne der direkten Demokratie unmittelbar durch Volksbegehren oder Volksabstimmung in Erscheinung treten. Grund- und Freiheitsrechte ergänzen dieses Verfassungsgefüge. Die Verfassung 1920 ist religiös neutral gestaltet. In die Eidesformeln oberster Staatsorgane sind keine religiösen Wendungen aufgenommen. 76. ordentliche/außerordentliche Gesetzgebung im B-VG 1920 Ordentliche Gesetzgebung An dieser sind vor allem zwei Organe beteiligt, nämlich der Nationalrat und der Bundesrat. Die Gesetzgebung des Bundes übt der Nationalrat aus, dieser ist das Parlament, die Volksvertretung, seine Mitglieder sollen das Bundesvolk repräsentieren. Die Gesetzgebungsperiode beträgt vier Jahre, die Funktionsperiode dauert jedoch bis zum Zusammentritt des neu gewählten Nationalrates an. Der Bundesrat stellt die Ländervertretung dar. Seine Mitglieder werden von den Landtagen entsendet, ihre Zahl pro land richtet sich nach dessen Bevölkerungsdichte. Er ist damit nicht sosehr als eine Vertretung der Länder als vielmehr der Landesbevölkerung konzipiert, die Bedachtnahme auf das zu repräsentierende Volk wird deutlich. Die Gesetzesinitiative steht der Bundesregierung, dem Bundesrat und einer Mindestzahl von Abgeordneten zum Nationalrat zu, nicht aber dem Bundesvolk, dieses kann lediglich die Bundesregierung durch Volksbegehren zur Gesetzesinitiative auffordern. Der Bundesrat hat gegen Gesetzesbeschlüsse des Nationalrates die Möglichkeit der Erhebung eines Vetos mit allerdings bloß aufschiebender, suspensiver Wirkung. Verfassungsgesetze, die eine Gesamtänderung der Verfassung herbeiführen würden, müssen nun einer Volksabstimmung unterzogen werden, andere Verfassungsgesetze nur dann, wenn dies ein Drittel der Abgeordneten zum Nationalrat oder der Mitglieder des Bundesrates verlangt; einfache Gesetze bloß im Falle eines entsprechenden Antrages der Mehrheit der Abgeordneten zum Nationalrat oder eines Beschlusses des Nationalrates. Außerordentliche Gesetzgebung: Kriegswirtschaftsverordnungen können zufolge der Übernahme des Kriegswirtschaftlichen Ermächtigungsgesetzes 1917 durch das V-ÜG 1920 nunmehr durch die Bundesregierung, aber auch durch einzelne Bundesminister erlassen werden. Regierungsverordnungen aufgrund Besonderer Regierungsbeschlüsse erlaubt ein B-VG 1922 zur Durchführung des wirtschaftlichen Reform- und Finanzplanes der Genfer Protokolle 1922. Diesen auch gesetzesändernden Regierungsverordnungen ist mit 31.12.1924 eine zeitliche Schranke gesetzt sowie eine sachliche durch das Verbot von Eingriffen insbesondere in das B-VG 1920 und das V-ÜG 1920. Überdies haben sie auf der Grundlage Besonderer Regierungsbeschlüsse zu ergehen, an denen ein eigenes Organ, der Außerordentliche Kabinettsrat zu beteiligen ist, der aus der Bundesregierung und einer Art Parlamentsausschuss besteht. Er stellt das demokratische Element in diesem außerordentlichen Gesetzgebungsverfahren dar. Notverordnungen des Bundespräsidenten ermöglicht erst die Verfassungsnovelle 1929. Die Befugnisse des Bundespräsidenten werden in einem Maße an andere Organe gebunden, sodass im Vergleich mit den eben zitierten Bestimmungen eigentlich von Notverordnungen des Bundespräsidenten gar nicht die Rede sein kann: So liegt schon die Initiative bei der Bundesregierung, die überdies das Einvernehmen mit dem Ständigen Unterausschuss des Hauptausschusses des Nationalrates herzustellen hat, schließlich ist die Notverordnung von der gesamten Bundesregierung gegenzuzeichnen. Derartige Notverordnungen dürfen aber weder die Verfassung abändern noch in gewisse einfachgesetzliche Materien eingreifen. Das in der Republik geschaffene außerordentliche Gesetzgebungsrecht zeichnet sich durch ein erhebliches Misstrauen gegen die nichtparlamentarische Normerzeugung mit Gesetzesrang aus. Das Übergehen des Parlaments beim Erlass von § 14 Notverordnungen vor 1918 wirkt als abschreckendes Beispiel fort. Mit dem außerordentlichen Kabinettsrat bzw. dem Ständigen Unterausschusses des Hauptausschusses des Nationalrates sind daher stets Parlamentsausschüsse in die außerordentliche Gesetzgebung eingeschaltet, wodurch das parlamentarischdemokratische Prinzip gewahrt bleibt. Das Kriegswirtschaftliche Ermächtigungsgesetz hingegen kennt diese Sicherungen nicht. 77. jüngste Bundesländer Von der Begründung des Bundeslandes Wien abgesehen, treten Veränderungen der Landesgrenzen nur gegenüber dem Ausland durch primär den Bund betreffende Grenzziehungen ein. Niederösterreich Es wird gegenüber der Tschechoslowakei um einen Grenzstreifen bei Gmünd und um Stadt und Umgebung von Feldsberg verkleinert. In beiden Fällen geht es darum, Eisenbahnlinien zur Gänze über tschechoslowakisches Territorium zu führen. Steiermark Es verliert erhebliche Landesteile, und zwar nicht nur im Vergleich mit dem ehemaligen Kronland, sondern auch dem aufgrund des nationalen Selbstbestimmungsrechtes in Anspruch genommenen Gebietes, das jedenfalls noch die Drau, Marburg, Pettau und den Murbogen bis Radkersburg umfasst hätte. Alle diese Gebiete werden jedoch Jugoslawien zugesprochen, für das Marburger Becken bloß vorübergehend in St. Germain eine Volksabstimmung beschlossen, schließlich Radkersburg doch bei Steiermark belassen. Tirol Italien war für seinen Kriegseintritt im Londoner Vertrag 1915 von den Alliierten die Brennergrenze zugesprochen worden. Entgegen dem inzwischen zu einem der alliierten Kriegsziele proklamierten nationalen Selbstbestimmungsrecht fixiert sie schließlich der Vertrag von St. Germain, obgleich gerade gegenüber Tirol eine Neuziehung der Grenzen Italiens entlang klar erkennbarer Linien der Nationalität problemlos durchzuführen gewesen wäre. Die Abtrennung Südtirols zerbricht die gewachsene Landeseinheit und isoliert Osttirol von den übrigen Landesteilen. 78. neue Länder Wien:

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Gemäß der Verfassung 1920 setzt sich das Land Niederösterreich aus den beiden Landesteilen Niederösterreich-Land und Wien zusammen. Eine Trennung dieser beiden schon einem Land sehr nahe stehenden Landesteile ist vorgesehen und kann durch übereinstimmende Landesgesetze erfolgen. Von dieser Möglichkeit wird 1921 mittels sogenannter Trennungsgesetze Gebrauch gemacht; mit 1.1.1922 erfolgt die Trennung, Wien bildet nun neben Niederösterreich ein eigenes Bundesland. Wien ist aber auch Gemeinde, nämlich Statutarstadt. Mit der Errichtung des Landes Wien tritt ein Sonderfall ein, dass diese Land sich nicht weiter in Ortsgemeinden gliedert, sondern sein Gebiet zugleich das einer einzigen Ortsgemeinde bildet, und zwar einer Stadt mit eigenem Statut. Diesem besonderen Umstand trägt bereits das B-VG Rechnung, da es festlegt, dass die Gemeindeorgane auch die Funktionen von Landesorganen wahrzunehmen haben. Burgenland Das Bundesland Burgenland entsteht im Gebiet von Deutsch-Westungarn. Im Einheitsstaat Ungarn bildet er allerdings keine eigene politische Einheit, ist verfassungsrechtlich nicht eigens erfasst. Das Gebiet hat keine Vertretung im ungarischen Reichstag und ist administrativ auf die vier Komitate Pressburg, Wieselburg, Ödenburg und Eisenburg verteilt, woraus sich seine zweite Bezeichnung Vierburgenland ableitet. Schon vor 1919 bestehen Pläne, Deutsch-Westungarn der cisleithanischen Reichshälfte einzugliedern, werden aber erst mit dem Zusammenbruch der Österreich-ungarischen Monarchie 1918 akut. Das Spektrum an Möglichkeiten ist weitreichend: Autonomie der deutschen Volksgruppe innerhalb des Einheitsstaates Ungarn Autonomes ungarisches Komitat Freistaat Vierburgenland Vorübergehender Freistaat als Vorstufe zum Land Deutschösterreich Sofortiger Anschluss an Deutschösterreich. Angesichts der betont nationalmagyarischen Kurses der ungarischen Regierung Horthy erscheint dem überwiegenden Teil der deutschen Bevölkerung die letztgenannte Möglichkeit als die einzig vertretbare. Die Verträge von St. Germain 1919 und Trianon 1920 sprechen den Großteil Deutsch-Westungarns der Republik Österreich zu, die Tschechoslowakei erhält Pressburg. Offiziell zieht Ungarn 1921 seine Behörden und Garnisonen aus dem Österreich zugesprochenen Gebiet ab, lässt jedoch durch Gendarmerie- und Freischarverbänden der Besitznahme Österreichs Widerstand entgegensetzen, sodass diese vorerst unterbleibt. 79.Venediger Protokolle Durch die Vermittlung Italiens kann schließlich eine Vereinbarung zwischen Ungarn und Österreich erzielt werden: Im Venediger Protokoll vom 13.10.1921 betreffend die Regelung der ungarischen Frage verpflichtet sich Ungarn, den Abzug der erwähnten Verbände zu erwirken, um Österreich die ungestörte Besitznahme zu ermöglichen, dieses, in der Stadt Ödenburg und Umgebung eine Volksabstimmung hinzunehmen. Aufgrund der Vertragswidrig und unkorrekt durchgeführten Volksabstimmung werden Stadt und Umgebung von Ödenburg am 1.1.1922 Ungarn übergeben, vom restlichen Gebiet hat Österreich seit November 1921 Besitz ergriffen. Ein eigenes BVG vom 25.1.1921 ergeht über die Stellung des Burgenlandes als selbständiges und gleichberechtigtes Land im Bund. Es rezipiert vor allem das im Burgenland bisher in Geltung gestandene ungarische Recht, als Landeshauptstadt ist Ödenburg genannt, für eine Übergansperiode wird u.a. ein Landesverwalter für das Burgenland eingesetzt. 1922 erhält das Burgenland eine Einstweilige Landesordnung durch die Bundesgesetzgebung mit den üblichen Landesorganen und –einrichtungen; an die Stelle der natürlichen Landeshauptstadt Ödenburg tritt Eisenstadt. Schrittweise wird das österreichische Recht in Geltung gesetzt, allerdings das ungarische Eherecht in Kraft belassen. 80. ab wann ist Österreich ein Bundesstaat Ab dem 10.11.1920 als die Verfassung 1920, B-VG und V-ÜG mit der ersten Sitzung des neuen Parlaments, des Nationalrates in Geltung treten. Sie organisiert die Republik Österreich als Bundesstaat. 81. Genfer Protokolle: verfassungsrechtliche Folgen Die wirtschaftlichen Notlagen stellen die Lebensfähigkeit des neuen Staates wiederholt in Frage. Die Unabhängigkeitsverpflichtung des Vertrages von St. Germain nötigt daher den Völkerbund durch die Garantie von Auslandsanleihen, Österreich in seinem Werke der wirtschaftlichen und finanziellen Wiederaufrichtung zu helfen. Dies erweist sich 1922 zur Sanierung der Währung und 1932 vor allem zur Überwindung der Wirtschaftskrise als besonders notwendig; mit Hilfe des Völkerbundes werden entsprechende Staatsverträge abgeschlossen. Die beiden Staatsverträge bilden eine Einheit und haben nicht nur wirtschaftliche sondern auch verfassungsrechtliche Bedeutung. Verfassungsrelevanter Inhalt: Die Vertragspartner Österreichs gewähren eine Garantie für die politische Unabhängigkeit, die territoriale Integrität und die Souveränität Österreichs. Dagegen geht Österreich abermals eine Unabhängigkeitsverpflichtung ein: Es verbürgt sich gemäß dem Wortlaut des Artikels 88 des Vertrages von St. Germain, seine Unabhängigkeit nicht aufzugeben, es wird sich jeder Verhandlung und jeder wirtschaftlichen oder finanziellen Bindung enthalten, welche geeignet wäre, diese Unabhängigkeit direkt oder indirekt zu beeinträchtigen. Beide Erklärungen werden 1932 als fortbestehend anerkannt. Die Protokolle 1922 schaffen zur Überwachung des wirtschaftlichen Reformprogramms einen Generalkommissar des Völkerbundes und ein Kontrollkomitee der Vertragspartner, sie verlangen ferner ein Außerordentliches Gesetzgebungsrecht der Bundesregierung. Verfassungsrechtliche Auswirkungen: Die neuerliche Unabhängigkeitsverpflichtung Österreichs ist einmal eine Interpretation der Unabhängigkeitsverpflichtung des Vertrags von St. Germain, darüber hinaus aber ein Verzicht auf ihre Suspension durch den Völkerbundsrat, wie sie Art. 88 selbst vorsieht. Diese Möglichkeit unterbinden die Genfer Protokolle insoferne, als sie für die Laufzeit der Anleihen, also längstens bis 1952, die Wahrung der österreichischen Unabhängigkeit als unabdingbar fixieren, somit Österreich die entsprechende Anrufung des Völkerbundes untersagen. Schließlich wird ein Notverordnungsrecht der Regierung und in diesem Zusammenhag ein Außerordentlicher Kabinettsrat geschaffen. Der Völkerbund ist eine organisierte Staatengemeinschaft mit formeller Verfassung im Rahmen des allgemeinen Völkerrechts. Die Verfassung ist die Völkerbundssatzung, ihre wichtigsten Organe sind der Völkerbundsrat und die Völkerbundsversammlung. Österreich ist von 1920 bis 1946 Mitglied des Völkerbundes, er hat für Österreich besondere Bedeutung durch die Vermittlung der Staatverträge von Genf 1922 und 1932, durch seine organisatorische Einbindung in deren Durchführung, ferner durch die Bezugnahme der Unabhängigkeitsverpflichtung im Vertrag von St. Germain auf den Völkerbundsrat. Das Verhältnis zum Deutschen Reich:

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Die Unabhängigkeitsverpflichtung wird als sogenanntes Anschlussverbot verstanden. Durch den Vertrag von Versailles Art. 80 hat dieses Verbot auch das Deutsche Reich zu respektieren. Gemäß dieser Verpflichtung hat Österreich die auf den Anschluss abzielenden Verfassungsbestimmungen noch 1919 ausdrücklich aufgehoben. Das Anschlussverbot ist allerdings nicht als unabänderlich festgesetzt. Österreichs Unabhängigkeit ist nur solange unbedingt zu achten als nicht der Rat des Völkerbundes einer Abänderung zustimmt. Kelsen sah damit das Anschlussverfahren normiert. Vorerst versuchen Österreich und das Deutsche Reich, den Rechtsverkehr zwischen beiden Staaten zu erleichtern und überdies zu einer Übereinstimmung ihrer einfachgesetzlichen Rechtsordnungen zu gelangen. Mit diesen Problemen beschäftigen sich mehrere Kommissionen. Zur Behebung der wirtschaftlichen Notsituation seit 1929 wird die Forderung nach einem einheitlichen österreichisch-deutschen Zoll- und Wirtschaftsgebiet erhoben. In ihr vermein aber vor allem Frankreich eine Vorstufe des verbotenen staatsrechtlichen Anschlusses zu sehen. Der schließlich mit dem Fall befasste Haager Gerichtshof erklärt, der Zollunionsplan verstoße zwar nicht gegen das Anschlussverbot, jedoch gegen die Genfer Protokolle 1922. Er wird daher fallengelassen, Österreichs wirtschaftliche Schwierigkeiten sucht der Genfer Staatsvertrag 1932 zu lösen. 82. wie wird man Bundespräsident? Das B-VG schafft das Amt eines eigenen Staatsoberhauptes es ist dies der Bundespräsident. Bis zur Vermehrung seiner Rechte 1929 stehen ihm im wesentlichen nur jene Befugnisse zu, welche nach der Verfassung Deutschösterreichs der Präsident der Nationalversammlung als Staatsoberhaupt besessen hat. Zu den wichtigsten Rechten des Bundespräsidenten zählen: Vertretung der Republik nach außen Vertretung des Bundes gegenüber den Ländern Mitwirkung an der Bundesgesetzgebung Ausübung der Diensthoheit des Bundes Legitimation unehelicher Kinder Begnadigungsrecht Ernennung der Mitglieder des Verwaltungs- und Verfassungsgerichtshofes Einberufung und Schließung der Tagungen des Nationalrates Auflösung des Nationalrates, aber nur einmal aus demselben Grund Notverordnungsrecht Bestellung und Enthebung der Mitglieder der Bundesregierung Oberbefehl über das Bundesheer. Der Bundespräsident kann jedoch in der Regel nur auf Vorschlag der Bundesregierung oder eines von ihr ermächtigten Bundesministers handeln; seine Entschließungen bedürfen der Gegenzeichnung eines Mitglieds der Bundesregierung. Seine Funktionsperiode wird 1929 auf sechs Jahre verlängert; an die Stelle der Wahl durch die Bundesversammlung tritt jetzt die allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahl durch das Bundesvolk. Politisch ist er dem gesamten Bundesvolk, rechtlich der Bundesversammlung verantwortlich. Die Bundesregierung ist grundsätzlich mit den obersten Verwaltungsaufgaben des Bundes betraut. Sie besteht aus dem Bundeskanzler, Vizekanzler und Bundesministern. Diese sind zugleich Ressortchefs. Die Mitglieder der Bundesregierung und auch dies in ihrer Gesamtheit sind dem Nationalrat verantwortlich und zwar politisch sowie rechtlich. Als Volksbeauftragte werden die Mitglieder der Bundesregierung bis 1929 vom Nationalrat gewählt, ab jetzt vom Bundespräsidenten ernannt, und zwar der Bundeskanzler aufgrund freier Entscheidung, die übrige Bundesregierung auf dessen Vorschlag. 83. B-VG 1920 – Novellen 1925 / 1929 Verfassungsnovelle 1925 Die Verfassung bedarf ihres provisorisch-fragmentarischen Charakters wegen der Ergänzung durch weitere Verfassungsgesetze. Nach der Regelung der Finanzverfassung 1922 bring 1925 insbesondere die Bundes-Verfassungsnovelle einen konformen Verfassungsausbau im Sinne der Verfassung 1920 mit der Vollendung der bundesstaatlichen Struktur durch das Inkraftsetzen der Kompetenzbestimmungen des B-VG bei gleichzeitiger Änderung zugunsten des Bundes und der Neuorganisation der allgemeinen staatlichen Verwaltung im Bereich der Länder: Insbesondere mit der Schaffung des Amtes der Landesregierung wird nun die Doppelgleisigkeit der Verwaltung beseitigt. Ferner erfolgt eine Präzisierung des Legalitätsprinzips: Verordnungsgebung nicht mehr aufgrund genereller verfassungsgesetzlicher Ermächtigung sondern präziser einfachgesetzlicher Ermächtigung; Eine Erstreckung der Rechnungskontrolle auf die Länder und eine Vermehrung der Kompetenzen des Verfassungsgerichtshofes. Schließlich wird das Gemeinderecht durch Rezeption des Reichsgemeindegesetzes 1862 fixiert. Seit 1925 ist die Doppelgleisigkeit der Landesverwaltung beseitigt: Es gibt keine getrennten Organe mehr für die autonome Landesverwaltung und die übertragene Verwaltung des Bundes, sondern bloß Landesorgane schlechthin, von denen einige nicht nur in Landesangelegenheiten, sondern auch in der mittelbaren Bundesverwaltung tätig werden. Die Landesregierung ist das oberste Verwaltungsorgan, ihre Mitglieder sind der Landeshauptmann, seine Stellvertreter und die sogenannten Landesräte. Sie sind dem Landtag politisch wie rechtlich verantwortlich. Das Amt der Landesregierung ist Hilfsorgan der Landesregierung Seinen inneren Dienst leistet der Landesamtsdirektor. Schließlich ist der Landeshauptmann über seine Funktion als Mitglied der Landesregierung hinaus insbesondere noch Vertreter des Landes nach außen. Die Konzeption des B-VG wird nicht verwirklicht. Vielmehr übernimmt 1925 eine Novellierung des V-ÜG 1920 das bisherige Gemeinderecht auf der Basis des Reichsgemeindegesetzes 1862 und den ab 1867 ergangenen, dieses aber nicht wesentlich verändernden Landesgesetzen. Die erwähnte Novellierung verleiht Teilen des Reichsgemeindegesetzes 1862 den Rang von Bundesverfassungsrecht, entzieht es somit einer Abänderung durch weitere Landesgesetze und friert dadurch den Status der Gemeinden, vor allem ihren Selbstverwaltungsbereich mit Stand 1.10.1925 praktisch ein. So bleibt die lokale Selbstverwaltung vom einheitlichen Organisationstyp Gemeinde bestimmt, kleine wie große Gemeinden, bloße Ortsgemeinden und Statutarstädte besitzen weiterhin den gleichen autonomen Wirkungsbereich (Einheitsgemeinde). Verfassungsnovelle 1929 Die innenpolitischen Ereignisse lassen bald erkennen, dass die extrem-parlamentarische Republik einer grundlegenden Änderung unterzogen werden muss. Die Verfassungsnovelle 1929 verlässt den bisher eingeschlagenen Weg. An die Stelle der extremen gewaltenverbindenden parlamentarischen Republik tritt die gewaltentrennende parlamentarische Präsidentschaftsrepublik. In diesem Sinn werden Die Rechte des Bundespräsidenten gegenüber dem Parlament erweitert, und zwar mit Notverordnungsrecht, Oberbefehl über das Bundesheer, Recht zur Einberufung und Auflösung des Nationalrates und der Landtage, Ernennung und Entlassung der Bundesregierung, an die Stelle seiner Wahl durch die Bundesversammlung tritt, zur Stärkung seiner politischen Legitimation die direkte Volkswahl. Eine weitere Schwächung des Parlaments bringt die sogenannte

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Entpolitisierung der Gerichtshöfe des öffentlichen Rechts: Das parlamentarische Ernennungsrecht wird durch ein bloßes Vorschlagsrecht des Nationalrats, aber auch des Bundesrates und der Bundesregierung mit Ernennungsrecht des Bundespräsidenten ersetzt. Tatsächlich wirkt sich die Entpolitisierung als Umpolitisierung aus. Die Umwandlung des Bundesrates in einen Länder- und Ständerat als auch berufsständische Interessenvertretung bleibt Programm: Er hätte praktisch aus 2 Kammern bestanden. Kompetenzverschiebungen zugunsten des Bundes erfolgen u.a. im Sicherheitswesen. 1930 wird daher das B-VG als B-VG 1920 in der Fassung 1929 neu verlautbart. Eine entscheidende Folge der Verfassungsänderung 1929 ist das neue Verhältnis zwischen den drei obersten Bundesorganen: Nationalrat – Bundespräsident – Bundesregierung. Der Bundespräsident ist nun dem Nationalrat gleichgeordnet und die Bundesregierung nicht mehr nur vom Nationalrat, sondern auch vom Bundespräsidenten abhängig gemacht. Die drei obersten Bundesorgane sollen damit in einem ähnlichen Balanceverhältnis zueinander stehen wie Volksvertretung, Monarch und Regierung im konstitutionellen Staat. Doch ist die rechtliche Stellung des Bundespräsidenten nicht adäquat gestaltet. In der Verfassungswirklichkeit des Parteienstaates schwindet daher seine Bedeutung.

IX 1933-1938 Bundesstaat Österreich:
84. Selbstausschaltung Parlament 1933: Folgen Am 4.3.1933 treten die drei Präsidenten des Nationalrates, da sie sich in einem Tumult kein Gehör verschaffen vermögen, zurück. Die Bundesregierung vertritt sogleich den Standpunkt, der Nationalrat habe sich damit selbst aufgelöst, und der Weg zu einer autoritären Staatsführung sei von selbst frei geworden. Tatsächlich handelt es sich aber um keine Krise des Parlaments, sondern bestenfalls um eine solche des Plenums denn am 8.3. tagte noch der Hauptausschuss. Einer der Lösungsversuche beinhaltet eine Einberufung des Nationalrats durch den 3. Präsidenten, welche am 15.3. stattfindet, diese wird aber unter Polizeiaufgebot von der Bundesregierung im Einvernehmen mit den Bundespräsidenten unterbunden. Die Bundesregierung will sich im Rahmen der Legalität bewegen, deshalb sucht sie für die notwendig werdenden Regierungsverordnungen eine Rechtsgrundlage. Da das Notverordnungsrecht des Bundespräsidenten seine und die Mitwirkung des ständigen Unterausschusses des Hauptausschusses des Nationalrates erfordert, wird diese Möglichkeit verworfen und man greift auf die zweite Möglichkeit zurück, nämlich auf das Kriegswirtschaftliche Ermächtigungsgesetz. Die erste Kriegswirtschaftsverordnung ergeht am 7.3. Lahmlegung des Bundesrates: Dieser trifft am 17.3. die Entscheidung, dass der Nationalrat einberufen werden solle, die Kriegswirtschaftsverordnung aufzuheben sein, und ordnet die Ausschreibung von Neuwahlen an. Die Bundesregierung lässt mitteilen, dass, da der Bundesrat keine alleingesetzgebende Körperschäft sei, seine Entschließung verfassungsrechtlich unbedeutend seinen. Der selbstausgeschaltete Nationalrat habe den Bundesrat seiner Funktionen beraubt und gegenstandslos gemacht. Die Bundesregierung wollte auch den Verfassungsgerichtshof ausschalten, dazu veranlasste sich einige Verfassungsrichter, von ihrem Amt zurückzutreten. Durch Mitgliederschwund und eine ihn betreffende Kriegswirtschaftsverordnung hat sich dieser ebenfalls selbst ausgeschaltet, Ende Mai 1933. Die Verfassungsmäßigkeit der Inanspruchnahme des KWEG ist nicht mehr zu überprüfen und kann sanktionslos fortgesetzt werden. Auflösung der politischen Parteien: Die Regierungsmaßnahmen stoßen auf die innenpolitischen Fronten aller Parteien. Betätigungsverbote und Auflösung treffen vorerst bloß die Regimegegner. Alle aufgelösten oder mit Betätigungsverbot belegten Parteien verlieren ihre Mandate in den Vertretungskörperschaften von Bund, Land und Gemeinde. Die Vaterländische Front dient zur Sammlung vaterländisch österreichischer Kräfte gegen Marxismus und Nationalsozialismus, sie wird zur Staatspartei und ist berufen, Träger des österreichischen Staatsgedankens zu sein und hat die politische Zusammenfassung aller Staatsangehörigen im Geiste der Verfassung 1934 zum Ziel. 85. Verfassungsentwicklung 1933/1934 Die Verfassung 1920/29 erscheint aufgrund der Abkehr von der parlamentarischen Demokratie bald als überholt, zuerst befasst man sich zwar mit ihrer Teilnovellierung, insbesondere dem Übergang zu einem Zwei-Kammern-System mit Aufwertung des Länder- und Ständerates, doch fasst man schließlich den Erlass einer völlig neuen Verfassung ins Auge. Dollfußs Trabrennplatzrede: Wir wollen den sozialen, christlichen deutschen Staat Österreich auf ständischer Grundlage unter starker autoritärer Führung. 86. Ermächtigungsgesetz 1934 Die Verfassung 1934 ist zweimal erlassen worden, einmal durch eine Kriegswirtschaftsverordnung vom 24.4.1934 und sodann aufgrund eines neuen Ermächtigungsgesetzes durch eine Regierungsverordnung mit jeweils identem Wortlaut. Der zweite Weg sucht die Verfassungsbrüche der ersten Verfassungspublikation zu vermeiden und die Verfassungskontinuität mit der Verfassung 1920/29 herzustellen. Er führt zu diesem Zweck über ein auf ihrer Basis parlamentarisch beschlossenes BVG über außerordentliche Maßnahmen im Bereich der Verfassung, das sogenannte Ermächtigungsgesetz 1934. Es hebt den Art. 44 Absatz 2 BVG 1920 auf, sodass eine Gesamtänderung der Verfassung auch ohne Volksabstimmung zulässig ist, ermächtigt die Bundesregierung zur abermaligen Verlautbarung der Verfassung der bereits kundgemachten Verfassung, Auflösung von Nationalrat und Bundesrat Übergang ihrer Befugnisse auf die Bundesregierung und zwar insbesondere einschließlich aller Verfassungsgesetzgebung. Das Ermächtigungsgesetz überträgt der Bundesregierung ohne Vorbehalte und Beschränkung die ordentliche einfache und auch die Verfassungsgesetzgebung und ermächtigt zum Erlass der Verfassung. Auf dieser Grundlage erfolgt die Publikation der Verfassung 1934 am 1. Mai (Tag des neuen Österreich)! 87. Verfassung 1934 Von der Verfassung werden nur die autoritären nicht aber die ständischen Elemente realisiert. Der Aufbau der berufsständischen Ordnung beschränkt sich auf die Land- und Forstwirtschaft und den Öffentlichen Dienst. Die Verfassung wird vom Verfassungs-Übergangsgesetz 1934 beeinträchtigt. Seine Maßnahmen sind zeitlich unbeschränkt und bestimmen daher die Verfassungswirklichkeit! Die Regierungsgesetzgebung bleibt auch im Bereich des Verfassungsrechts weiterhin zulässig. Ferner tritt an die Stelle der Beschickung von Organen durch die Berufsstände die Ernennung durch den Bundespräsidenten auf Vorschlag des Bundeskanzlers, die Funktionsdauer des Bundespräsidenten wird verlängert, eine Wahl entfällt, aufgehoben ist die Garantie einer unabhängigen Rechtssprechung, da zeitweise die Richter frei ab- und versetzbar sind, der Föderalismus wird negiert, da der Landeshauptmann und die Mitglieder der Landesregierung vom Bundeskanzler nach freiem Ermessen abberufen werden können, und die Gemeindeautonomie wird verletzen, es wird die gesamte Regierungsgesetzgebung vor dem 1.7.1934 der Verfassungskontrolle entzogen.

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88. Charakteristika der Verfassung 1934 Im Vordergrund steht das autoritäre Prinzip: An die Stelle plebiszitärer Wahlen tritt die Ernennung von Organen oder deren Auswahl aus von anderen Organen erstellen Dreierlisten die aber gleichfalls nicht dem Volk, sondern Organen obliegt, die ihrerseits in einer der vorbenannten Verfahrensweisen kreiert worden sind. Die Gewaltentrennung zwischen Legislative und Exekutive ist durch beider Verbindung verdrängt, nämlich durch die Einschaltung der Vollziehung in die Gesetzgebung oder einem überhaupt ihr zustehenden leicht handhabbaren außerordentlichen Gesetzgebungsrecht. Abgeschwächt wird das autoritäre Prinzip durch Grundrechte, das rechtsstaatliche und föderalistische Prinzip, die Unabhängigkeit der Justiz und die Gerichtsbarkeit des öffentlichen Rechts. Die Verfassung wird dem österreichischen Volk oktroyiert. Zwar oktroyiert die Regierung die Verfassung, holt sich dazu eigens aber die Ermächtigung der Volksvertretung ein. Die Verfassung kennt den plebiszitären Weg der Volksabstimmung und die Gesetzgebung erfolgt durch Stände, also das besonders gegliederte Volk. Die staatliche Willensbildung besorgen indirekt beschickte oder ernannte Organe. Die Verfassung enthält einen Grundrechtskatalog, nur die Eingriffsmöglichkeiten des Staates im Wege der einfachen Gesetzgebung sind größer als bisher, auch ist die Möglichkeit einer Suspension einzelner Grundrechte eingeräumt. Formell wie sachlich tritt so gut wie keine Kompetenzänderung ein. Bund: Gesetzgebung und Verwaltung, oder nur die Grundsatzgesetzgebung, jeweils über taxativ aufgezählte Angelegenheiten. Länder: Die Teilnahme an der Willensbildung des Bundes erfolgt im wesentlichen wie bisher, allerdings wird der Bundesrat durch den Länderrat ersetzt, der aber wesentlich geringeres Gewicht besitzt. Die Landesangelegenheiten behalten den bisherigen Umfang, die alleinige Verwaltungskompetenz der Länder aufgrund einer entsprechenden Bundesgesetzgebung entfällt allerdings. 89. Gesetzgebungsorgane 1934 Ordentliche Gesetzgebung: Sie obliegt Vorberatenden Organen und einem beschließenden Organ, dem Bundestag, schließlich wird der Bundespräsident herangezogen. Vorberatende Organe haben Gutachten über Gesetzesentwürfe zu erstellen, bevor diese dem Bundestag zur Beschlussfassung übermittelt werden, sie sind als sachkundige Gremien gedacht, welche die Gesetzesentwürfe beraten und gegebenenfalls Änderungen vorschlagen. (Staatsrat, Bundeskulturrat, Bundeswirtschaftsrat, Länderrat) Das wichtigste Organ ist der Bundestag: Er beschließt durch Abstimmung die unveränderte Annahme der Vorlage oder ihre Ablehnung, es findet hier weder eine Diskussion statt, noch kann er Abänderungen vornehmen. Dies versteht sich aus dem Vorrang, welcher die Gesetzesvorlage einbringende Bundesregierung zukommen soll, sodann aus seiner Besetzung, ihr zufolge ist er nämlich nur ein Ausschuss der Vorberatenden Gremien. Die Gesetzesinitiative steht allein der Bundesregierung zu. Verwirft der Bundestag den Entwurf, kann diesen die Bundesregierung durch den Präsidenten einer Volksabstimmtung unterziehen lassen, geht diese zugunsten des Wntwurfs aus, gilt der Bundestagsbeschluss als kassiert. Außerordentliche Gesetzgebung: Plebiszitäre Gesetze umgehen die ordentlichen Organe und präjudizieren sie. Sie kann auch vorsorglich über eine Regierungsvorlage vor Befassung der Vorberatenden Organe angesetzt werden. Regierungsverordnungen können als gesetzes- und auch verfassungsändernde Verordnungen allein von der Bundesregierung erlassen werden Notrecht der Bundesregierung: Es ermächtigt zum Erlass vorläufiger gesetzesändernder Notverordnungen der Regierung zwecks Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung, zur Wahrung wichtiger wirtschaftlicher Interessen der Bevölkerung oder staatsfinanzieller Interessen des Bundes, wenn hiebei die sofortige Erlassung von Maßnahmen, die verfassungsmäßig der Beschlussfassung des Bundestags bedürfen, notwendig wird, diese aber nicht zu erwarten sind. Notrecht des Bundespräsidenten: Droht dem Staat oder einem seiner Teile unmittelbar eine Gefahr, deren Abwehr mit einer Notverordnung der Regierung nicht möglich ist, so kann auf deren Vorschlag eine Notverordnung durch den Bundespräsidenten erlassen werden. Im Land: Zur Gesetzgebung ist wie bisher der Landtag berufen, der von jenen Gremien beschickt wird, die ihre Vertreter auch in den Bundeswirtschaftsund Bundeskulturrat entsenden. Der Landtag vereinigt beide Funktionen in sich, er ist im Sinne des Ein-Kammern-Systems organisiert. Er wird einmal als begutachtender Körper, sodann als beschlussfassendes Gremium ohne Möglichkeit zur abermaligen Diskussion tätig. Die Gesetzesinitiative hat allein die Landesregierung. Neuerung, dass zwar ähnlich der bisherigen Situation der Gesetzesbeschluss dem Bundeskanzler und dem zuständigen Bundesminister mitzuteilen ist, dass ersterer aber ausdrücklich oder schlüssig durch Fristenablauf seine Zustimmung erteilen muss. 90. Juliabkommen 1936/Abkommen von Berchtesgarden Februar 1938 Das neue Österreich lässt den Anschlussgedanken fallen, nennt sich aber in seiner Verfassung einen deutschen Staat. Diese These vom zweiten deutschen Staat gewinnt an besonderer Aktualität, als Österreich seinen Rückhalt an Italien verliert und eine Verständigung mit dem Deutschen Reich suchen muss. Im Juliabkommen 1936 verpflichtet sich das Deutsche Reich, die Unabhängigkeit Österreichs zu respektieren, dieses, eine Politik zu führen, die der Tatsache, dass Österreich sich als deutscher Staat bekennt, entspricht. Die Deutung Österreichs als zweiten deutschen Staat war damit von einer innerstaatlichen Angelegenheit zur Auslegungsfrage eines völkerrechtlichen Vertrags geworden, hierin aber war zwischen nationalsozialistisch-deutscher und vaterländisch-österreichischer Version keine Übereinstimmung zu erzielen. Ein neuerliches Abkommen von Berchtesgarden vom 12.2.1938 legt Österreich eine Reihe außen-, vor allem aber innenpolitischen Konzessionen zugunsten der NSDAP auf. Ihnen sucht sich Bundeskanzler Schuschnigg durch eine plötzlich angekündigte Volksabstimmung über die Parole für ein Freies und deutsches, unabhängiges und soziales, für ein christliches und einiges Österreich vom 13.3.1938 zu entziehen. Sie wäre von der Verfassung nicht gedeckt und zufolge mangelhafter Wählerlisten und praktisch offener Stimmabgabe politisch bedenklich gewesen.

X. 1938-1945: Österreich als Teil des Deutschen Reiches
91. Zustandekommen Anschlusses (rechtlich) Die von Bundeskanzler Schuschnigg für den 13.3.1938 angesetzte Volksabstimmung stößt auf den Widerstand der deutschen Reichsregierung und jener Mitglieder der Bundesregierung, die der NSDAP nahe stehen, wie etwa Vizekanzler Seyß-Inquart. Das Zusammenwirken dieser Kräfte erzwingt am 11.3.1938 den Rücktritt der Regierung Schuschnigg und die Bestellung einer neuen Bundesregierung unter Seyß-Inquart und führt zum Einmarsch deutscher Truppen am 12.3.1938. Am 13.3.1938 erlässt die Bundesregierung aufgrund des Ermächtigungsgesetzes 1934 das BVG über die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich. Den Inhalt des BVG verkündigt die deutsche Reichsregierung, gleichfalls aufgrund eines Ermächtigungsgesetzes, als deutsches Reichsgesetz.

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Nach den Intentionen der österreichischen Bundesregierung und der deutschen Reichsregierung ist mit diesen übereinstimmenden Gesetzen der Anschluss vollzogen. Allerdings ist das BVG wegen verfassungswidriger Beurkundung verfassungsmäßig gar nicht zustandegekommen. Die über den Anschluss am 10.4.1938 durchgeführte Volksabstimmung bejaht diesen in Österreich mit 99,7 % und im Altreich mit 99,02 % der Stimmen. Gleichzeitig werden hier wie dort Neuwahlen zum Reichstag abgehalten. Die zeitliche Forschung hat erwiesen, dass die Regierung Seyß-Inquart unter dem Druck der deutschen Reichsregierung gehandelt hat. Diesen Mangel heilt auch nicht die Volksabstimmung, da sie sich in Wahrheit über den vollzogenen Anschluss nicht äußern und ihn nicht ändern konnte. Dies auch nicht im Rechtssinn, da das nationalsozialistische Volk für ein vom Führer aufgestelltes politisches Ziel aufzurufen und einzusetzen, ohne aber selbst Entscheidungskraft zu haben. 92. Folgen Anschluss (Kontinuität/Diskontinuität) Formelle Diskontinuität – materielle Kontinuität Nach offizieller deutscher Auffassung war mit dem Anschluss der Staat Österreich als Völkerrechtssubjekt völlig untergegangen, und zwar überdies ohne Rechtsnachfolger. Das Deutsche Reich ist nicht kraft sogenannter Staatensukzession in die Stellung Österreichs eingetreten, es steht vielmehr zu dem untergegangenen Staat im Verhältnis der formellen Diskontinuität – so wie 1918 Deutschösterreich zum ehemaligen Staat Österreich. Völkerrechtliche Verpflichtungen Österreichs sind erloschen, nicht auf das Deutsche Reich übergegangen. Diese Ansicht teilt bis 1943 fast das gesamte Ausland, das noch vor der Volksabstimmung seine diplomatischen Vertretungen nicht etwa einfach abberuft, sondern in Vertretungen gegenüber dem Deutschen Reich im Rang von Generalkonsulaten umwandelt. Soweit nicht Reichsrecht in Geltung tritt, wird das österreichische Recht in Kraft gesetzt. Neues Zivilrecht bringt das Gesetz zur Vereinheitlichung der Eheschließung und Ehescheidung im Land Österreich und im übrigen Reichsgebiet womit erstmals für ganz Österreich ein konfessionell nicht gebundenes Eherecht in Kraft tritt; im Wesentlichen bleibt aber der Bestand des ABGB unangetastet. Im Handelsrecht hingegen tritt an die Stelle des bisherigen AHGB das deutsche HGB. Diese Abänderungen beschränken die materielle Diskontinuität auf einen schmäleren Bereich, als dies 1918 der Fall gewesen war. Überdies ist die Geltung des österreichischen Rechts nur als eine vorläufige gedacht – etwa sollen ABGB und BGB durch ein neues Volksgesetzbuch ersetzt werden.

XI. 1945-1955: Fremdkontrollierte Republik Österreich
93. Moskauer Erklärung Die Wiedererrichtung geht auf die Initiative der alliierten Staaten zurück. Die hierbei angestellten Erwägungen sehen Österreich als Teil einer Donaukonföderation Teil einer süddeutschen Föderation mit Zugang zur Adria So bleibt der Gedanke einer Einbindung Österreichs in ein Staatensystem stets aufrecht, ausgeschlossen wird jedoch ein solches mit Teilen des Deutschen Reiches. Aber auch der Plan einer Donaukonföderation erfährt eine allmähliche Schwächung durch die USA und die UdSSR. Die Moskauer Konferenz der Außenminister der Alliierten im Oktober 1943 führt schließlich zu einer gemeinsamen Formel, der sich im November auch die französische Exilregierung anschließt, nämlich der sogenannten Moskauer Erklärung über Österreich vom 1.11.1943: Die Alliierten betrachten die Besetzung Österreichs durch Deutschland am 15.3.1938 als null und nichtig. Sie erklären, dass sie wünschen, ein freies, unabhängiges Österreich wiedererrichtet zu sehen. 94. Verfassungssituation 1945: ? B-VG 1920/1929 An die Stelle diverser Gruppierung treten alsbald die politischen Parteien. Wie die politischen Parteien 1918 den Staat begründet haben, ergreifen sie nun die Initiative, um seine Unabhängigkeit wiederherzustellen: In der Proklamation vom 27.4.1945 erklären sie den Anschluss als null und nichtig und berufen sich auf die Moskauer Erklärung 1943 und erlassen eine Unabhängigkeitserklärung mit folgendem Wortlaut: Die demokratische Republik ist wiederhergestellt, der im Jahre 1938 dem österreichischen Volke aufgezwungene Anschluss ist null und nichtig. Und es wird eine Provisorische Staatsregierung mit der vollen Gesetzgebungs- und Vollzugsgewalt betraut. Wie 1918 erscheint auch jetzt der Volkswille durch die politischen Parteien mediatisiert: Expressis verbis erklärt die eben zitierte Kundmachung, dass durch das einvernehmliche Handeln aller antifaschistischen Parteien, nämlich ÖVP, SPÖ und KPÖ, dem Sinn und Willen der großen Mehrheit des österreichischen Volkes entsprochen sei. Anders als 1918 initiieren die politischen Parteien nicht den Zusammentritt einer Nationalversammlung als Volksvertretung sondern einer Staatsregierung. Denn ein Parlament existierte schon lange nicht mehr. Die Dominanz der Exekutive über die Legislative erklärt sich 1945 auch aus einem verfassungsrechtlichen Grund: Während 1918 es darum ging, eine neue Verfassung zu schaffen, und man somit einer Konstituante bedurfte, ist es nunmehr das erklärte Ziel, die ohnedies bereits vorhandene Verfassung 1920/29 so bald als möglich wieder in Geltung zu setzen. Die Prov. Staatsregierung ruf die Bevölkerung auf, das vormalige, unabhängige Gemeinwesen der Republik Österreich wieder aufzurichten und zwar im Rahmen eines geeinigten Staates und mit Hilfe einer geordneten Staatsregierung. Maßnahmen: Wiederherstellung der Verfassung 1920/29 Schaffung einer Vorläufigen Verfassung für eine Übergangszeit

95. a) Verfassungs-Überleitung Das erste Verfassungs-Überleitungsgesetz 1945 setzt das B-VG 1920 in der Fassung 1929 sowie das übrige Bundesverfassungsrecht nach dem Stande der Gesetzgebung vom 5. März 1933 wieder in Wirksamkeit. Das nach diesem Tag erlassene Bundesverfassungsrecht sowie alle verfassungsrechtlich relevanten Maßnahmen des Deutschen Reiches werden aufgehoben. Zur Verfassungs-Überleitung gesellt sich die Wiederherstellung des Rechtslebens in Österreich durch ein Rechts-Überleitungsgesetz 1945. Die Wiedererrichtung der österreichischen Behörden regelt das Behörden Überleitungsgesetz. Es löst die Behörden und Einrichtungen des Deutschen Reiches auf und leitet ihre Geschäfte auf die österreichische Behördenorganisation im Wesentlichen nach dem Stand vom 13.3.1938 über. b) Vorläufige Verfassung 1945 Die Verfassung 1920/29 kann allerdings zufolge der tatsächlichen Gegebenheiten, insbesondere des Fehlens der Kollegialorgane, nicht sofort wirksam werden. Das V-ÜG 1945 setzt daher an die Stelle der Bestimmungen, die infolge der Lahmlegung des parlamentarischen Lebens in

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Österreich seit dem 5. März 1933, infolge der gewaltsamen Annexion Österreichs einstweilen die Bestimmungen des Verfassungsgesetzes über die vorläufige Einrichtung der Republik Österreich. Die Vorläufige Verfassung tritt am 1.5.1945 in Kraft. Sie richtet Österreich als gewaltenverbindenden, dezentralisierten Einheitsstaat ähnlich 1918 ein, allerdings mit dem Unterschied, dass die Gewaltentrennung nicht von einer Volksvertretung, sondern der Zentralregierung, also der Exekutive, überbrückt wird. Die Prov. Staatsregierung ist nicht nur oberstes Exekutivorgan, sondern übt bis zum Zusammentritt einer frei gewählten Volksvertretung die nach dem B-VG dem Bund und den Ländern zustehende Gesetzgebung aus. Die Gerichtsbarkeit entspricht im Wesentlichen der Verfassung 1920/29; eine Gerichtsbarkeit des öffentlichen Rechts ist vorgesehen. Die staatliche Verwaltung in mittlerer und unterster Instanz obliegt dem Landeshauptmann und der ihm unterstellten Landeshauptmannschaft. Die Oktobernovelle vom 12.10.1945 verlässt diese einheitsstaatliche Konstruktion und stellt die Kompetenzbestimmungen des B-VG wieder her: Die Länder besitzen damit wieder eigene Gesetzgebung und Verwaltung, die aber im Sinne der Gewaltenverbindung bei der Prov. Landesregierung konzentriert werden, die an die Stelle des vorgesehenen Prov. Landesausschusses tritt. Nach den Wahlen zum Nationalrat und den Landtagen leitet das 2. Verfassungs-Überleitungsgesetz das Wirksamwerden der Verfassung 1920/29 ein: Insbesondere überträgt es die Befugnisse der provisorischen Organe an die der Verfassung 1920/29 und kehrt überdies in zwei Punkten zum Verfassungszustand vor der Verfassungsnovelle 1929 zurück: Es ersetzt auf Dauer den Länder- und Ständerat durch den Bundesrat der Verfassung 1920 und allein für die erste Wahl des Bundespräsidenten das Bundesvolk durch die Bundesversammlung. 96. alliierte Kontrolle Österreich nimmt in der Reihe der vom Krieg betroffenen Staaten eine besondere Stellung ein: Einerseits gilt es nicht als kriegsführende Macht wie das Deutsche Reich oder Italien, andererseits aber auch nicht als ein befreites Land wie Polen oder Belgien. Die Moskauer Erklärung hält daher fes, Österreich sei das erste freie Land, das der typischen Angriffspolitik Hitlers zum Opfer fallen sollte, es wird aber auch daran erinnert, dass es für die Teilnahme am Kriege an der Seite Hitler-Deutschlands eine Verantwortung trägt, der es nicht entrinnen kann. Österreich wird daher von den Alliierten besetzt, sie teilen das Staatsgebiet auf. Wien wird weiters in vier Sektoren unterteilt. Die alliierten Staaten schließen am 4.7.1945 untereinander ein Abkommen über die alliierte Kontrolle. Vertragspartner sind nur die Alliierten, nicht aber Österreich. Sie bauen ein Kontrollsystem auf, das bis zur Errichtung einer frei gewählten, von den vier Mächten anerkannten österreichischen Regierung funktionieren soll. Das Memorandum des Alliierten Rates vom 20.10.1945 stellt die Verbindung zwischen den Besatzungsmächten und der Zentralgewalt, der Prov. Staatsregierung, her und präzisiert für diese die Alliierte Kontrolle: Dem Alliierten Rat obliegt die Führung und Kontrolle der höchsten Gewalt in Österreich, ihr ist die Prov. Staatsregierung untergeordnet; die Prov. Staatsregierung hat bis zum 31.12.1945 freie Wahlen abzuhalten, sie ist ermächtigt, Gesetze für das gesamte Staatsgebiet zu beschließen, bedarf zu deren Kundmachung aber die Zustimmung des Alliierten Rates, unbeschadet davon steht den Besatzungsmächten eine militärische Regierungsgesetzgebung zu. Unter diesen Auflagen wird die Prov. Staatsregierung anerkannt. Das 2. Kontrollabkommen vom 28.6.1946 mildert die Auflagen des ersten und trägt der inzwischen in Kraft getretenen Verfassung 1920/29 Rechnung. Abermals sind Vertragspartner nur die Alliierten unter Ausschluss Österreichs. Der alliierte Kontrollapparat besteht aus dem Alliierten Rat der vier Kommissionäre, dem Exekutivkomitee der Vertreter der Hochkommissäre und den Stäben der Besatzungsmacht. Die Kontrolle umfasst insbesondre das Erfordernis einer schriftlichen Zustimmung des Alliierten Rates zu Verfassungsgesetzen sowie dessen konkludente Zustimmung durch Unterlassen eines Einspruchs binnen 31 Tagen bei einfachen Gesetzen und Staatsverträgen, sofern diese nicht mit einer der Besatzungsmächte abgeschlossen werden, ferner besteht ein Einspruchsrecht gegen jede legislative oder Verwaltungsmaßname mit dem Recht auf Aufhebung oder Abänderung. Die Alliierte Kontrolle beschränkt Österreichs Souveränität in empfindlicher Weise während ihrer Dauer ist Österreich kein vollsouveräner Staat. 97. Annexions-/Okkupationstheorie Die Ereignisse 1943 bis 1945 zeigen, dass sowohl die Alliierten wie auch Österreich von der Voraussetzung ausgehen, dass 1945 Österreich nicht abermals wie 1918 neu begründet, sondern wiederhergestellt worden ist. Dem liegt die Auffassung zugrunde, dass Österreich 1938 Nicht durch Annexion seitens des Deutschen Reiches als Staat untergegangen ist (Annexionstheorie), sondern vielmehr das Deutsche Reich eine Okkupation des weiterhin bestehenden Staates Österreich vorgenommen habe, der damit 1938 bloß handlungsunfähig geworden, nicht aber untergegangen sei, 1945 sei diese Handlungsunfähigkeit fortgefallen (Okkupationstheorie). Die Annexionstheorie wurde 1938 sowohl von der österreichischen Bundesregierung wie der deutschen Reichsregierung vertreten und war bis etwa 1943 auch überwiegend ausländische Auffassung. Diese sieht Österreich 1945 als ebenso neu entstanden an wie 1918, es stehe somit zum Staat Österreich vor 1938 ebenso in Diskontinuität wie zum Deutschen Reich. Die Okkupationstheorie hat ihre Stütze in den verfassungs- wie auch völkerrechtswidrigen Umständen, die den Anschluss verursacht und begleitet haben. Sie behauptet die Kontinuität des Staates Österreich seit 1918 und die Diskontinuität mit dem Deutschen Reich.

XII. Neutraler Staat und EU-Mitglied
98. Staatsvertrag von Wien Bemühungen um einen Staatsvertrag zur Beendigung der Alliierten Kontrolle gehen bis in das Jahr 1946 zurück. Bereits 1947 liegt ein ausführlicher Entwurf vor, doch noch 1949 ist die Verhandlungssituation für Österreich derart ungünstig, dass der Bundespräsident den Tag der Unterzeichnung dieses Vertrages zum nationalen Trauertag proklamiert hätte. Hemmend wirken sich vorerst die Gebietsforderungen Jugoslawiens aus und die Frage des Deutschen Eigentums d.h. die Frage nach den Eigentumsverhältnissen an Vermögenswerden des Deutschen Reiches in Österreich, die übereilt jeder Besatzungsmacht in ihrem Gebiet zugesprochen worden sind, was für Österreich den Verlust von Erdöl- und Schwerindustrie an die UdSSR bedeutete. Schließlich verhindert der Kalte Krieg zwischen den Alliierten eine Annäherung ihrer Standpunkte. Die entscheidende Wendung bringt 1955 die Verhandlungen österreichischer und sowjetischer Regierungsdelegationen in Moskau festgehalten im Moskauer Memorandum: Es stellt eine Art Zusage der Sowjetregierung dar, den Staatsvertrag abzuschließen, wenn sich die österreichischen Politiker um eine Neutralität bemühen werden, ist also eine Verwendungszusage. Ähnlicher Vereinbarungen mit den westlichen Alliierten beinhalten die Memoranden vom 10.5.1955. Auf dieser Grundlage wird der Staatsvertrag betreffend die Wiederherstellung eines unabhängigen und demokratischen Österreich am 15.5.1955 im Schloss Belvedere zu Wien von den Außenministern der alliierten Staaten und Österreichs unterzeichnet.

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Verfassungsrelevanter Inhalt: Der Staatsvertrag 1955 bringt die Beendigung der Alliierten Kontrolle und Besetzung und die Anerkennung Österreichs als prinzipiell vollsouveränen Staat. Allerdings beinhaltet er eine Reihe von Verpflichtungen grundlegender Art wie zur Aufrechterhaltung der Demokratie, der Republik, auch durch die Fixierung der Geltung des Habsburgergesetzes, zur Unterlassung des Anschlusses, d.h. einer wirtschaftlichen oder politischen Vereinigung mit Deutschland sowie aller darauf abzielenden Vorbereitungshandlungen, Einhaltung der Menschenrechte, Gewährung von Schul-, Sprach- und Kulturautonomie an die slowenischen und kroatischen Minderheiten. Die bereits geltende Rechtslage sowie nun folgende Ergänzungen erfüllen nahezu den Staatsvertrag, sodass sich seine Bedeutung zusehends verringert. Eine Erklärung der Bundesregierung und die Zustimmung der Vertragspartner haben Bestimmungen als obsolet eingestuft, die besonders durch die Wiedervereinigung Deutschlands hinfällig geworden waren. 99. Neutralitätsgesetz 1955 Die immerwährende Neutralität geht wie der Staatsvertrag 1955 auf das Moskauer Memorandum zurück. Die unterzeichnenden österreichischen Politiker werden sich dafür verwenden, dass sich Österreich international dazu verpflichtet, immerwährend eine Neutralität zu üben, wie sie von der Schweiz gehandhabt wird. Die Memoranden über die Besprechungen mit den westlichen Alliierten beschäftigen sich hingegen nicht mit der Frage der Neutralität. Dem Moskauer Memorandum entsprechend beschließt der Nationalrat, und zwar zum Beweis der Freiwilligkeit seines Entschlusses nach Abzug der Besatzungstruppen am 26.10.1955, das BVG über die Neutralität Österreichs: Zum Zwecke der dauernden Behauptung seiner Unabhängigkeit nach außen und zum Zwecke der Unverletzlichkeit seines Gebietes erklärt Österreich aus freien Stücken seine immerwährende Neutralität. Mit den Hinweisen knüpft das Neutralitätsgesetz an die Unabhängigkeit und territoriale Unversehrtheit Österreichs des Staatsvertrages 1955 an. Zugleich bedeutet der Hinweis, dass die Neutralität nicht Selbstzweck sei, sondern diesen Zwecken dient. 100. Österreichs Weg in die EU Vom Vorbild der Neutralität der Schweiz rückt Österreich alsbald ab, und zwar im Gegensatz zu dieser durch den Beitritt zu internationalen oder supranationalen Organisationen wie 1955 zur UNO, 1993 zum EWR und vor allem 1995 zur EU; weiters durch die Teilnahme an internationalen Operationen durch die Entsendung von österreichischen Einheiten zur Hilfeleistung in das Ausland auf Ersuchen internationaler Organisationen seit 1965. Dazu kam das Ende der West-Ost-Spaltung 1989 und das Ende der UdSSR 1992, die stets die strikte Bewahrung der Neutralität gefordert hatte, ferner eine veränderte Haltung der Staatenwelt im Gefolge des Golfkrieges mit einer Inanspruchnahme auch Neutraler an Sanktionsmaßnahmen des UNSicherheitsrates. Eine volle Teilnahme am Prozess der Europäischen Integration hinderte vorerst die Neutralität. Es kam daher nur zur Teilnahme am Europarat 1956 sowie an der EFTA 1960, was deren weniger verbindlicher Charakter erlaubte. Eine neue Phase der Integrationsentwicklung gestattete der Bedeutungswandel der Neutralität; er ermöglichte den Beitritt zum EWR 1993, der vor allem schon zur teilweisen Übernahme von EG-Recht führte. Die EWR Mitgliedschaft diente insbesondere zur Vorbereitung des EG-Beitritts, der bereits 1989 beantragt worden war. Der formelle Antrag auf Mitgliedschaft erfolgte eben schon 1989 und damit zu einem Zeitpunkt, als die Staaten der EGen deren Entwicklung zur auch politischen Gemeinschaft der EU vorbereiteten, die mit dem Vertrag von Maastricht 1992 zustande kam. Trotz dieser Veränderung hielt Österreich am Beitrittsansuchen fest, die Verhandlungen begannen 1993 und wurden 1994 abgeschlossen. Es hatte der EU-Beitritt die Wirkung einer Gesamtänderung der Bundesverfassung und war daher vor allem zwingend eine Volksabstimmung zu unterziehen, nämlich im Hinblick darauf, dass EU-Recht nicht im Sinne des demokratischen Prinzips von einer Volksvertretung, sondern überwiegend von Verwaltungsorganen und auch dem EuGH gesetzt wird, was weiters dem gewaltenteilenden Prinzip widerspricht und schließlich mit einem Kompetenzentzug der Länder das föderalistische Prinzip gefährdet. Diese Situation erforderte ein doppelstufiges Beitrittsverfahren: Ein Ermächtigungsgesetz im durch Volksabstimmung qualifizierten Verfassungsrang 1994 ermächtigte die Bundesregierung zum Abschluss des Beitrittsvertrages und legalisierte damit im Voraus alle durch ihn eintretenden Verfassungsänderung einschließlich der Gesamtänderungen mit Auswirkungen auch auf die Länder, ohne sie als solche bezeichnen zu müssen. Auf dieser eigens geschaffenen Verfassungsgrundlage erfolgte sodann die Unterzeichnung des Beitrittsvertrages in Korfu am 24.6.1994 womit Österreich zum 1.1.1995 Mitglied der EU wurde.

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Österreichische und europäische Privatrechtsentwicklung
I. Allgemeines: Personenrecht – Familienrecht – Ehegüterrecht
1. Verhältnis öffentliches Recht - Privatrecht Unter Privatrecht ist jener Teil der Rechtsordnung zu verstehen, der Rechtsverhältnisse regelt, die auf der Grundlage der rechtlichen Gleichordnung der Rechtsteilhaber beruhen, die somit als Private, als Bürger, nicht als Untertanen bzw. als Staatsangehörige behandelt werden. Entstehungsgrund dieser Rechtsverhältnisse ist in der Regel eine Willenserklärung, ein Rechtsgeschäft. Das Öffentliche Recht erfasst im Unterschied zum Privatrecht jene Rechtsverhältnisse, die von obrigkeitlicher modern gesprochen staatlicher oder staatlich delegierter Hoheitsgewalt bestimmt werden. Sie sind daher vom Prinzip der Über- bzw. Unterordnung beherrscht. Hier werden Rechtsteilhaber als Untertanen, als Staatsangehörige behandelt. 2. Vertragsfreiheit – Typenzwang Die Typisierung von Institutionen geht zurück auf den Formalismus und die zuvor erwähnten Folgen der Fallrechts-Aufzeichnungen: Im Rechtsleben herrschte keine schrankenlose Vertragsfreiheit, sondern eine Bindung an bestimmte Rechtsgeschäftstypen und an Institutionen. 3. Privatautonomie Das ist die autonome Rechtsgestaltung durch das Rechtsgeschäft, es ist das Wesensmerkmal des Privatrechts. 4. iustum pretium Die Vorstellung, dass man eine Sache nicht um irgendeinen, sondern nur um einen gerechten Preis verkaufen darf, um den anderen nicht zu übervorteilen, hat es im klassischen römischen Recht nicht gegeben, weil es eine Einschränkung der Privatautonomie darstelle, sondern kam erst in nachklassischer Zeit auf und wurde besonders von der Kirche begünstigt; das kanonische Recht hat diese Lehre dann weiterentwickelt. Dieser verlangte ein Äquivalent zwischen Leistung und Gegenleistung, die bei einem Wert unter der Hälfte des Gegenwertes als verletzt galt (laesio enormis). 5. Publizität deutschen Rechts: Folgen Dies bedeutet Offenkundigkeit des Rechts. Sie bewirkte einmal einen starken Formalismus: es setzt das Einhalten bestimmter und vor allem deutlich sichtbarer Formen voraus. Typisierung: keine schrankenlose Vertragsfreiheit sondern eine Bindung an bestimmte Rechtsgeschäftstypen. Rechtsscheinwirkung: die lang andauernde Nutzung oder der Bucheintrag bei Liegenschaften oder die Innehabung der Fahrnis geben als Äußerlichkeit die Vermutung für das Recht. Identifikation von Form und Recht: Die Form beweist nicht nur das Recht, sondern verkörpert das Recht. Vertrauensschutz: Der Erwerb vom Nichtberechtigten lässt das Recht übergehen, wenn man gutgläubig aus den äußeren Umständen auf die Befugnis der Veräußerung vertrauen konnte. Unvordenklichkeit: seit Menschengedenken unangefochten bestehend Zustände oder Übungen gelten als rechtmäßig Verschweigung: Wer einen Unrechts- Zustand während bestimmter Zeit trotz seines Rechtes auf Beseitigung duldet, kann das Recht verlieren. 6. Funktionalität deutschen Rechts Rechtsinstitute von nach heutigem Verständnis unterschiedlicher Konstruktion wurden wegen ihrer gleichen wirtschaftlichen Funktionen oder Folgen als identisch oder wenigstens verwandt betrachtet und erscheinen daher unter einem Namen. Andererseits folgt aus der Funktionalität, dass ein und dasselbe Rechtsinstitut je nach seiner wirtschaftlichen Verwendung andere Bezeichnungen trägt. a) Widerlegung Es bezeichnet sehr unterschiedliche Institute: Ersatzleistung, Gegenleistung, Schadenersatzleistung, Gesellschaftseinlage. In allen Widerlegungsfällen liegt die Hauptfunktion im Vermögensausgleich b) Leibgedinge Das lebenslängliche dingliche Nutzungsrecht wird allgemein Leibgedinge genannt, wenn es aber speziellen Zwecken dient, trägt es spezifische Bezeichnungen: Morgengabe als Heiratsgabe im Leibgedingesystem, als Witwenversorgung Wittum. 7. Sachbezogenheit deutschen Rechts Das Gewohnheitsrecht entwickelte keine systematisch-abstrakten Rechtsfiguren, sondern sach- und zweckbezogene Rechtsinstitute. Daher existieren: Abgestufte Sachenrechte ohne abstrakte Trennung in Eigentum als unbeschränktes Vollrecht und in beschränkte dingliche Rechte, jedoch orientiert an der Sachqualität von Liegenschaft und Fahrnis, Erbgut und Kaufgut. Auf den Sachbezug gehen weiters zurück: Diverse Möglichkeiten der Nachlassverteilung außerhalb des Erbrechts wie auch unterschiedliche Erbrechte in spezielle Vermögensteile. 8. Gemeinschaftsbezug deutschen Rechts Dieser Hauptgrundsatz folgt aus dem Umstand, dass die Rechtsgenossen nicht bloß als Summe von Einzelindividuen angesehen wurden, sondern Glieder von meist mehreren Gemeinschaften wie Blutsverwandtschaft, Ehe, Dorf- bzw. Stadtgemeinschaft. Das Erbrecht folgt der Blutsverwandtschaft, so dass der überlebende Ehegatte nicht zu den gewohnheitsrechtlichen Erben zählte. Mitberechtigungsformen insbesondre an Liegenschaften berücksichtigen die Ehegemeinschaft durch mehrere Miteigentumsarten bzw. die Familiengemeinschaft von Eltern und Kindern durch das Mehr – Leibgedinge. Teilungsfolgen mit und ohne Verzicht. 9. Verschollenheit Die Verschollenheitslehre verband die Todesvermutung der Legisten ab einer bestimmten Altersgrenze, welche das Sächsische Recht auf das vollendete 70. Lebensjahr herabsetzte (Sächsisches System), mit der in Schlesien üblichen Praxis, die auf eine bestimmte Dauer der Verschollenheit (längere nachrichtenlose Abwesenheit) abstellte (Schlesisches System).

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10. Lehre von der Rechtspersönlichkeit a) NaturrR. Im Personen- und Familienrecht steht die Lehre von der Rechtspersönlichkeit des Individuums im Zentrum, woraus einzelne Persönlichkeitsrechte wie das Recht auf Leben, auf Ehre, auf Glückseligkeit abgeleitet werden. Die Verwandtschaftsbeziehungen werden more geometrico im Parentelensystem konstruiert. b) Pandektistik

11. Eine Person/Moralische Person – Juristische Person Eine Person: Hierbei handelt es sich um die Konstruktion, eine Personenmehrheit bei gemeinsamer Willensbildung wie eine physische Person als Eine Person zu betrachten, womit zufällige wie vereinbarte Personenmehrheiten, hier solche mit Rechtspersönlichkeit wie die Körperschaft und ohne solche wie die Gesellschaft zum Teil sogar die Rechtsgemeinschaft gleichgestellt waren. Kommentierungen des ABGB übernahmen die Juristische Person insbesondere nach der Lehre Savignys und verstanden demgemäß die Moralische Person als Körperschaft, verband sie mit den bislang als selbständig angesehenen Institutionen von Anstalt und Stiftung und ergänzten dies mit den Aussagen der Wissenschaft. 12. Personenstandsverzeichnisse Das sind öffentliche geführte Bücher über Geburten, Heiraten oder Todesfälle. Bis 1938 wurden sie von den Pfarren geführt, seitdem von den Standesbeamten. 13. consensus facit nuptias – clandestine Ehen Es tat sich eine Kluft zum Rechtsleben auf, denn dieses hielt weiterhin an den konstitutiven Formerfordernissen von Trauung und Beilager fest. Für die Kirche aber galten bereits Personen als verheiratet, die sich entweder formlos ihren Willen zur sofortigen Eheschließung erklärt hatten oder sich zur erst künftigen Eheschließung verpflichtet und zusätzlich Geschlechtsverkehr hatten, da sie sich mangels entsprechender Form nur für Brautleute heilten bzw. etwa nach Aufhebung des Verlöbnisses nicht einmal mehr dafür. Ohne ihr Wissen also heimlich verband sie bereits die Ehe. 14. Konsens-/Trauungsprinzip Die strikte Feststellung, es erfolge die Eheschließung allein durch Konsens der Brautleute bildete eine einschneidende Neuerung. Sie verstand sich daraus, allein die freie Willensübereinkunft der Brautleute als konstitutiv zu erachten, was zur Negierung jeglicher Formerfordernisse führte Den ausdrücklichen Konsens ersetzte bei bereits erfolgter Verlobung die Beiwohnung, da sie als konkludente Bekundung des Ehewillens galt. 15. Eheschließungsrecht – Entwicklung in Österreich Im Mittelalter: Die Gründung einer neuen Familie konnte voll rechtswirksam nur durch die Lebensgemeinsacht Ehe erfolgen. Mit der Verlobung verpflichteten sich Braut und Bräutigam zur künftigen Trauung. Mit ihr lösten sie diese Verpflichtung dadurch ein, dass sie öffentlich und förmlich ihren Konsens zur sofortigen Eheschließung erklärten und diesen mit dem anschließenden Beilager vollzogen. Von Bedeutung ist, dass bei der Trauung der Konsens mit dem Publizitätsakt einer förmlichen Erklärung zwingend verknüpft war und zu dieser Trauung der Vollzug, das gleichfalls förmliche Beilager, als rechtsbegründend hinzutreten musste. Durch die Kanonisten: Die strikte Feststellung, es erfolge die Eheschließung allein durch Konsens der Brautleute bildete eine einschneidende Neuerung. Sie verstand sich daraus, allein die freie Willensübereinkunft der Brautleute als konstitutiv zu erachten, was zur Negierung jeglicher Formerfordernisse führte. Den ausdrücklichen Konsens ersetzte bei bereits erfolgter Verlobung die Beiwohnung, da sie als konkludente Bekundung des Ehewillens galt. In der frühen Neuzeit: Weiterhin gab es keine Formvorschriften und damit clandestine Ehen. Doch führte die Ansicht, das Verlöbnis sei bereits Teil der Eheschließung, zur Strafe bei Unterlassung der kirchlichen Trauung, was wie ein Zwang zur Trauung und damit zur Publizität wirkte. Die Pandektistische Kodifikation: Insgesamt blieb es beim konfessionell orientierten Eherecht des ABGB, ergänzt durch die Notzivilehe 1868: Im Falle der Verweigerung der Trauung durch den Priester, konnte die Eheschließung vor dem Bezirkshauptmann stattfinden. 16. Verwandtschaftsweisung Das gewohnheitsrechtliche Erbrecht bestimmte den Kreis der Erben nach der Blutsverwandtschaft, den bzw. die konkreten Erben nach der Abstammungsnähe zum Erblasser. Sie wurde unter Umständen durch obrigkeitliche Verwandtschaftsweisung festgestellt. Zweck dieser Verwandtschaftsfeststellung war es, kraft Blutsverwandtschaft die Erbansprüche auf den Nachlass zu beweisen. 17. Ehegütersysteme Gütergemeinschaft: Diese findet sich bei geringem Vermögen als partielle Vermögensgemeinschaft aber auch bei großen undifferenzierten Vermögen als allgemeine Vermögensgemeinsacht über das gesamte Vermögen. Die häufigste Form ist die Errungenschaftsgemeinschaft. Außerhalb der Lebensgemeinschaft bleiben das Sondergut und das Vorbehaltsgut, und, die: 18. Gütertrennung Gütertrennung bedeutet, dass das Vermögen der Ehegatten getrennt bleibt: Die Eheschließung bewirkt keine vermögensrechtliche Veränderung. Doch kommt es zu Überbrückungen. Der Beisitz gewährt kraft Gewohnheitsrechts, also ohne Vertrag, dem überlebenden Ehegatten die volle Nutzung des gesamten Eigentums des Vorverstorbenen. Wegen dieser Beeinträchtigung der Erben wurde allmählich durch die Vereinbarung eines Güterstandes ausgeschlossen, kam dadurch ab bzw. wurde in Wien 1420 gesetzlich verboten. Das Leibgedingesystem war dem Beisitz ähnlich, bezog sich aber nur auf bestimmte Liegenschaften, an denen der Mann der Frau für den Fall seines Vortodes ein Leibgedinge zusagte bzw. als gegenseitiges Leibgedinge auch die Frau dem Mann. 19. Wesen des Heiratsgabensystems

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Es handelt sich um ein rechtlich anspruchsvoll aus diversen Elementen kontruiertes und wirtschaftlich höchst wirksames System, das die Funktionalität des mittelalterlichen Privatrechts gut veranschaulicht. 20. Funktion des Heiratsgabensystems Das Heiratsgabensystem ist der Güterstand insbesondere der Patrizier und vor allem des Adels. Es erfordert größeres, differenziertes Vermögen wie in der Regel Geld zur Leistung der Heiratsgaben und Liegenschaften zu deren Sicherstellung. Sein Wesen besteht in wechselseitigen Heiratsgaben der Ehegatten. 21. Leistungen im Heiratsgabensystem Der Mann erhält von seiner Frau eine Summe Geldes als Beitrag zu den finanziellen Lasten der Ehe (Heiratsgut). Dieser verspricht für den Fall seines Vortodes der Witwe eine bestimmte Geldsumme (Widerlegung) als Gegenleistung und Vermehrung ihrer Heiratsgabe 22. Morgengabe im Heiratsgabensystem Eine bestimmte Geldsumme, welche der Frau zur freien Verfügung gebührt. 23. Morgengabe: pretium virginitatis Während Heiratsgut und Widerlage als dos bzw. donatio propter nuptias verstanden werden konnten, fehlten eine gemeinrechtliche Erklärung für die zweite, meist Morgengabe benannte Heiratsgabe des Mannes. Reine Wortinterpretation erklärte sie möglicherweise in Anlehnung an das Sächsische Recht als Gabe, welche am Morgen nach der Hochzeitsnacht zu leisten ist, und charakterisierte sie daher als pretium virginitatis. 24. Wittum Witwenversorgung im Heiratsgabensystem 25. dos – donatio propter nuptias Das Dotalsystem im Ehegüterrecht wurde mit seinen Regeln auf das äußerst ähnliche Heiratsgabensystem bezogen, und zwar die dos auf das Heiratsgut, die donatio propter nuptias auf die Widerlegung. Das Dotalsystem konnte auch ohne Liegenschaftspfand und nur aus der dos bestehen, das Heiratsgabensystem verlangte stets Heiratsgut und Widerlegung samt deren Pfandverschreibung. 26. gesetzliches Verwaltungsrecht des Mannes am Frauenvermögen Dieses ist das Ergebnis einer isolierten Wortinterpretation des § 1238 ohne Berücksichtigung der Systematik des ABGB und des Regelungsfeldes einerseits, andererseits eines Sammelns von Parallelstellen, welche auf einen Mannesvorrang in der Ehe hinweisen. In diesem Lichte wurde nun § 1238 gelesen und dem ABGB ein gesetzliches Verwaltungsrecht des Mannes am Frauenvermögen unterlegt. Das ABGB aber stand auf dem Standpunkt der reinen Gütertrennung bei Gleichstellung der Ehegatten, § 1238 sollte, wie nahezu alle Bestimmungen des Ehegüterrechts, nur ergänzend bzw. auslegend zu einem Vertrag hinzutreten. 27. praesumtio mutiana Ist bei Gütertrennung die Zuordnung ehelichen Vermögens streitig, wird vermutet, es habe dieses der Mann erworben und stehe daher in seinem Eigentum. 28. Gütergemeinschaft Diese findet sich bei geringem Vermögen meist als partielle (teilweise, beschränkte) Vermögensgemeinschaft aber andererseits auch bei großem undifferenziertem Vermögen meist als allgemeine Vermögensgemeinschaft über das gesamte Vermögen wie im Bauernstand über die bäuerliche Wirtschaft. 29. Vermögensmassen bei Gütergemeinschaft Die häufigste Form der beschränkten Vermögensgemeinschaft ist die Errungenschaftsgemeinschaft: Bei ihr wird auch das von nur einem Ehegatten während der Ehe erworbene Vermögen zum Gemeinschaftsgut, und zwar deshalb, weil das Zusammenwirken beider Ehegatten den Erwerb während der Ehe ermöglicht. 30. Gütergemeinschaft auf den Todesfall Aus den bloß 4 Bestimmungen des ABGB über die eheliche Gütergemeinschaft und durch den Wortlaut in der Regel nur auf den Todesfall verstanden wurde angenommen, das ABGB wolle einer neu konstruierten Gütergemeinschaft auf den Todesfall den Vorzug geben und die Gütergemeinsacht unter Lebenden nur als Ausnahme von dieser Regel zulassen. Übersehen wurde hierbei, dass sich das Wesen der Gütergemeinschaft nicht isoliert aus den 4 Paragraphen im Ehegüterrecht ergibt, sondern vor allem auch aus jenen im vorausgehenden Hauptstück Vertrag über die Gemeinschaft der Güter, worauf das ABGB selbst in seinem ursprünglichen amtlichen Register verwiesen hatte, sowie, dass in der Regel sich auf den Fall der Scheidung bezieht und nicht auf die Gütergemeinschaft an sich. Tatsächlich wollte das ABGB als Regelfall die gewohnte Gütergemeinschaft unter Lebenden normieren. 31. Ehegattenmiteigentum Aus der historischen Tatsache einer eheherrlichen Gewalt des Ehegatten über die Ehefrau sowohl nach Römisch-Gemeinem wie auch HeimischDeutschem Recht bezog die Wissenschaft die Bestimmung Der Mann ist das Haupt der Familie auch auf das rein vertraglich konzipierte Ehegüterrecht und bekräftigte so historisch das schon von der Exegetik entwickelte gesetzliche Verwaltungs- und Nutzungsrecht des Mannes. Wie für dieses galt damit die Bestimmung über das Verwaltungs- und Nutzungsrecht des Ehegatten weiterhin nicht als vertragsergänzendes, sondern als selbstätiges, bei jeder Ehe gesetzlich eintretendes Recht. Es wurde nun im Sinne der Begriffsjurisprudenz auch kategorisiert, nämlich als gesetzlicher Güterstand, und zwar als Verwaltungsgemeinschaft.

II. Sachenrecht
32. Vermögensbegriff des deutschen Rechts a) Allod – Lehen Allod wird durch Kauf erworben, Lehen (Leihegut) allein durch Belehnung.

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b) Kaufgut – Erbgut Kaufgut als erwirtschaftetes Vermögen unterliegt der freien Verfügung, nicht aber Erbgut, da es als ererbtes Vermögen weitervererbt werden soll. c) Heergeräte – Gerade Außerhalb der Gütergemeinscahft verbleiben im Alleineigentum jedes Ehegatten das Sondergut, d.h. Vermögen bestimmter Qualität wie das Heergerät des Mannes (Waffen) und die Gerade der Frau (Schmuck), sowie als Vorbehaltsgut das, was die Ehegatten sich vertraglich als Alleineigentum vorbehalten. 33. Vermögensbegriff des Naturrechts Dem Vermögensrecht liegt als Folge der Zweiteilung Rechtssubjekte/Rechtsobjekte ein weiter Sachbegriff zugrunde, da Alles, was von der Person zu unterscheiden ist, folglich als Sache zählt, so dass er Rechte als unkörperliche Sachen erfasst. Somit existiert auch an einer Forderung, da ein Recht, Eigentum, sie kann daher vom Gläubiger als Eigentümer veräußert werden ohne Mitwirkung des Schuldners. Weiters gibt es demnach einen Besitz an Rechten, womit der Rechtsbesitz erklärt und erweitert ist und damit der Besitzschutz. Das Eigentum wird als umfassende Sachherrschaft verstanden; Beschränkungen sind nur vertraglich möglich, andere Beschränkungen haben zu entfallen. 34. Besondere Eigentumsformen deutschen Rechts a) Treuhandeigentum Die Sicherungstreuhand verfolgt einen pfandrechtsähnlichen Zweck: Der Schuldner als Treugeber überträgt dem Gläubiger als Treuhänder sein Eigentum mit der Treuhandabrede, dieses bei Schuldtilgung wieder an A rückzuübertragen. Die Verwaltungstreuhand verpflichtet den Treuhänder, das überlassene Eigentum in vereinbarter Weise zu verwalten. b) Inwärtseigen Dies gewährt Eigentumsmacht nur innerhalb eines bestimmten Bereiches, ist also örtlich beschränkt. 35. Miteigentum zur gesamten Hand Hier existieren Anteile der Miteigentümer, alle Rechte wie Veräußerung, Belastung stehen ihnen sowohl insgesamt als auch hinsichtlich der Anteile nur gemeinsam zu. Erst bei Tod eines Miteigentümers werden diese Anteile relevant, da das Eigentum am Anteil des Vorverstorbenen an dessen Erben fällt. Es kommt ihnen das Recht der Wartung zu, da alle bisherigen Miteigentümer das Miteigentumsobjekt einschließlich des Anteils der Erben nutzen, diese also zu warten haben, bis ihnen nach dem Tod der überlebenden Miteigentümer Besitz und Nutzung zukommen. 36. Miteigentum auf Überleben Ist genauso wie bei Miteigentum zur Gesamten Hand, doch bei Tod eines Miteigentümers kommt es zum Anfall seines Anteils an die übrigen Miteigentümer (Anwachsung, Akkreszenz) ohne Rechte seiner Erben. 37. Gesamteigentum Es kennt keine Anteile, eine Verfügung ist somit nur über das Gesamtgut möglich, und zwar gemeinsam, bei Tod eines Miteigentümers reduziert sich der Kreis auf die überlebenden Miteigentümer. 38. Geteiltes Eigentum Es war das wichtigste Ergebnis der Legisten. Mit dem Begriff des Eigentums als Vollrecht konnten im Mittelalter die unterschiedlichen Rechte mehrerer Personen an einer Sache nicht erfasst werden. Daher nahm man an, es liege so wie der rei vindicatio das dominium, der rei vindicatio utilis das dominium utile zugrunde: Es könne daher in bezug auf eine Sache das Eigentum geteilt werden, und zwar funktional in ein dominium directum des Obereigentümers mit der Befugnis zur Veräußerung sowie zur indirekten Nutzung in Form der Abgabeneinhebung und in ein dominium utile des Untereigentümers mit der Befugnis zur beschränkten Veräußerung und zur direkten Nutzung. 39. Stockwerkseigentum Neubegründung von Eigentum an unselbständigen Gebäudeteilen. Dies wird 1879 allgemein verboten, die Begründung nahm man aus der Pandektistik: Zufolge des Satzes superficies solo cedit sowie des Verbots von Eigentum an unselbständigen Sachteilen könne es Stockwerkseigentum nicht geben – verboten wurde aber dennoch nur die Neubegründung. 40. einfaches Miteigentum Es trat zu den bisherigen Formen zur gesamten Hand und auf Überleben hinzu für den Fall dass Miteigentum ohne diese Beisätze, also einfach vereinbart wurde, es entsprach dem gemeinrechtlichen Quoteneigentum, kannte also keine spezifischen Todfallsfolgen. 41. Miteigentumsformen des ABGB

42. condominium plurium in solidum Das quotenlose Gesamteigentum: So nahm man den Grundgedanken der gemeinrechtlichen Gesamtschuld auf, wonach bei mehreren Gesamtschuldnern jeder dem Gläubiger die Schuld zur Gänze zu erbringen hat. Analog dazu räumte man jedem Gesamteigentümer Eigentum an der Sache zur Gänze ein, wodurch, des ebensolchen Eigentums der anderen Gesamteigentümer wegen, keiner von ihnen allein, sondern nur alle gemeinsam verfügen können. 43. Begriff des dinglichen Nutzungsrechtes im deutschen Recht a) Leibgedinge Das ist das lebenslängliche dingliche Nutzungsrecht b) Morgengabe Es ist ein Leibgedinge, wird aber seines speziellen Zweckes wegen Morgengabe als Heiratsgabe bezeichnet.

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c) Wittum Es handelt sich ebenfalls um ein Leibgedinge, hier ist die Witwenversorgung prägent. 44. Burgrecht (Erbleihe – Rente) Die Bezeichnung Burgrecht steht sowohl für die Erbleihe wie auch für die Rente (Reallast), da in beiden Fällen der Grundeigentümer eine regelmäßig wiederkehrende Leistung zu erbringen hat. 45. servitus iuris germanici Das ist die deutschrechtliche Servitut: Leistungen, die vom Eigentümer eines Grundstücks dem Eigentümer eines anderen Grundstücks zu erbringen waren, glichen zwar der römischrechtlichen Servitut, unterschieden sich aber von ihr dadurch, dass sie in einem positiven Tun nicht bloß unterlassen und dulden bestanden und die Grundstücke oft nicht benachbart waren – das traf insbesondere auf die Abgaben der Bauern in der Grundherrschaft zu: Die so anders gearteten Rechte verstand man zwar als Servitut, jedoch als deutschrechtliche (heute: Reallast). 46. Näherrechte Näherrechte waren dingliche Erwerbsrechte an Liegenschaften, die den Berechtigten kraft Blutsverwandtschaft oder zufolge Nachbarschaft oder Gemeindezugehörigkeit näher zum veräußerten Recht stellten, er konnte es vor anderen z. B. durch Kauf an sich ziehen. 47. Pfandrechtsarten (jüngere und ältere Satzung) Die ältere Satzung war ein Besitz- und Nutzungspfand mit verkaufsähnlicher bzw. eigentumsähnlicher Wirkung: Der Schuldner übergab dem Gläubiger die Pfandsache in Besitz, der sie als Pfandinhaber nutzte ähnlich einem Eigentümer; wirtschaftlich betrachtet kaufte er mit der Hingabe der Darlehenssumme Besitz und Nutzung, die Rückzahlung des Darlehens war oft gar nicht beabsichtigt. Die jüngere Satzung war ein besitzloses reines Sicherungspfand: Der Schuldner blieb im Besitz der Pfandsache, auf die der Gläubiger erst bei Nichterfüllung der Schuld Zugriff erhielt. Geloben zu allem Gute: Verfügungsverbot über das Gesamte Vermögen des Schuldners zugunsten des Gläubigers, der bei Nichtleistung sogleich auf dieses zugreifen konnte. 48. Pfandrechtsprinzipien Im Ius Romano-Germanicum griff kein Vorrückungsprinzip im Grundpfandrecht platz, da die Publizität des Grundbuchs stärker war als die Akzessorietät des Pfandrechts, welche dieses bei Wegfall der Schuld zum Erlöschen brachte, so dass es beim System der festen Pfandstellen blieb. Inhaltlich zeigt sich die Funktionalität im Eigentümerpfand: Tilgte der Pfandschuldner seine Schuld etwa durch Darlehensrückzahlung, fasste man dies funktional als Rückkauf des Pfandrechts auf. Daher erlosch es nicht in der Hand des Schuldners durch Verschmelzung mit dessen Eigentum, sondern stand nun dem Schuldner selbst als Eigentümerpfandrecht zu. Als Folge davon rückte bei Tilgung der ältesten Pfandschuld nicht die zweitälteste auf deren ersten Rang vor, da dieser nun dem Schuldner zustand, so dass er auf diesem Rang ein neues Pfandrecht bestellen konnte. Daraus ergab sich das System der festen Pfandstellen. 49. hypotheca tacita Diese entstand als sogenanntes stillschweigendes Pfandrecht entstand ohne eigenen Pfandvertrag wie insbesondere im Dotal- bzw. Heiratsgabensystems am Vermögen des Ehegatten allein durch die Bestellung der dos für deren Rückerstattung und allenfalls für die Leistung der donatio propter nuptias. 50. Generalhypothek Diese hängt mit der hypotheca tacita aufs engste zusammen: Da bei dieser eine ausdrückliche Abrede fehlt, muss der Pfandgegenstand oft unbestimmt bleiben, so dass sich das pfandrecht auf das ganze Vermögen erstreckt. Da das Vermögen belastet ist, fehlt ein weiteres wesentliches Element des heimischen Pfandrechts, nämlich die Dinglichkeit insoferne als veräußerste Sachen, da nicht mehr zum Schuldnervermögen gehörend, von der Generalhypothek nicht mehr erfasst werden. 51. ius praelationis Es bevorrechtet bestimmte Pfandrechte mit der Durchbrechung des Prioritätsprinzips. 52. ius ad rem Dieser Rechtsfigur liegt das zeitgenössische Bedürfnis nach einem sicheren, nicht bloß schuldrechtlichen Anspruch eines Beliehenen auf das Leihegut bei nur symbolischer Belehnung ohne Besitzübertragung zugrunde. Daher wird das Recht auf künftige Besitzergreifung als absolutes Recht auf die Sache, nicht aber schon als dingliches Recht an der Sache, verstanden; damit ist der Typus des dinglichen richtig eines absolut wirkenden Anwartschaftsrechts auf ein dingliches Recht, geschaffen.

III. Erbrecht
53. Wesen des deutschen Erbrechts – Unterschied zum Römischen Es beruht vorerst allein auf familien- und sachenrechtlichen Grundlagen und nicht auch auf Willenserklärungen. Dieses gewohnheitsrechtliche Erbrecht bestimmte den Kreis der Eben nach der Blutsverwandtschaft, den bzw. die konkreten Erben nach der Abstammungsnähe zum Erblasser. Allmählich setzte sich durch, dass ein vorverstorbenes Kind des Erblassers durch seine Kinder repräsentiert werde, für jenes eintreten (Repräsentation, Eintrittsrecht). 54. Spezial-/Generalsukzession Zufolge des sachenrechtlich differenzierten Vermögens lag der Erbfolge kein einheitlicher Nachlass zugrunde, sondern verschiedene Vermögensmassen. In sie fand jeweils eine eigene Nachfolge statt wie unter Umständen des ältesten Sohnes in Lehen, aller Söhne in die AllodLiegenschaften, von Söhnen und Töchtern in Fahrnis, das Heergerät fiel dem ältesten Sohn, die Gerade den Töchtern zu. Daher gab es keine Generalsukzession in einen einheitlichen Nachlass, sondern Spezialsukzessionen in die speziellen Nachlassteile. 55. Singular-/Universalsukzession

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Sie waren allerdings Universalsukzessionen, denn die zum jeweiligen Nachlassteil gehörigen Sachen wurden durch einen sie alle umfassenden Rechtsakt erworben und nicht durch jeweils einen einzelnen Rechtsakt; zu derartigen Singularsukzessionen führten die Vermächtnisse. 56. Erbteilung mit/ohne Verzicht Die Aufteilung väterlichen Vermögens auf die Kinder in einer letztwilligen Verfügung ohne weitere Verfügung bewirkt bloß eine Teilung ohne Verzicht. Stirbt eines dieser Kinder ohne letztwillige Verfügung, fällt sein Teil an seine Geschwister oder deren Kinder oder nächste Verwandte. Nach einer Teilung mit Verzicht kann man über seinen Teil frei verfügen; das Mitwirkungsrecht der Geschwister als ehemalige Miteigentümer ist erloschen. Unabhängig von dem anderen Geschwisterteil kann man nur bei einer Teilung mit Verzicht frei verfügen; ebenso bei einer Teilung ohne Verzicht, wenn beide Kinder haben. Ein Geschwisterteil, das keine Kinder hat, kann aber wie bisher nur unter Mitwirkung seiner Geschwister über seinen Teil verfügen, der bekinderte Teil jedoch frei ohne dessen Mitwirkung. Dies bedeutet, dass sich mit der Geburt von Kindern eine Teilung ohne in eine solche mit Verzicht verwandelt; dies deshalb da nun nicht mehr der andere Geschwisterteil, sondern das Kind Erbe ist, an die Stelle von dessen Zustimmung tritt die des Kindes. Nicht gilt diese Umwandlung für den unbekinderten Geschwisterteil, da für diesen der andere Erbe bleibt. 57. Einantwortung Dies war die Übergabe des Nachlasses und sie erfolgte durch Nachlassvollstrecker. Das nachgelassene Vermögen ging auf diese als Treuhänder über mit der Verpflichtung, es nach dem Geschäft oder bei dessen Fehlen nach den gewohnheitsrechtlichen Regeln den Anspruchsberechtigten, den Erben einzuantworten, d.h. ihnen zu übergeben. 58. Geschäft Dieses änderte die gewohnheitsrechtliche Erbfolge nicht ab, es verteilte konkret das hinterlassene Vermögen mit einer großen Ausnahme: In den Kreis der Erben wurde der überlebende Ehegatte miteinbezogen. Auch hier spielte die Vermögensqualität eine Rolle, denn es enthält nicht nur eine einzige Erbeinsetzung, sondern mehrere in die verschiedenen Vermögensmassen. Der Ehegatte wurde beispielsweise nur über Kaufgut zum Erben eingesetzt. Weiters enthielt ein Geschäft meist auch bestimmte Vermächtnisse bestimmter Sachen oder Geldsummen. Das Geschäft war einseitiges letztwilliges Rechtsgeschäft, daher widerrufbar und hinderte nicht an Verfügungen unter Lebenden. 59. Erbenwartrecht Die Erben mussten warten, bis ihnen nach dem Tod der überlebenden Miteigentümer Besitz und Nutzung der Anteile zufielen. 60. Erbenlaub Zufolge des Anwartschaftsrechtes der Blutsverwandten bei Erbgut war dessen Veräußerung und Belastung nur mit Zustimmung (Erlaubnis) der Erben möglich, fehlte sie, konnten die Erben durch Einspruch vom Erwerber die Sache unentgeltlich herausverlangen (Beispruchsrechte). 61. Testament – Vermächtnis Das Testament wurde neben dem Vermächtnis als einzige letztwillige Verfügung akzeptiert. Die bloße Benennung einer Person oder einer Personenmehrheit als Erben bewirkt, dass dieser der Nachlass zufällt: Der Erbe ist Universal- und Generalsukzessor. Eine Kumulation der Berufungsgründe ist damit ausgeschlossen, das Testament verdrängt die gewohnheitsrechtliche oder gesetzliche Erbfolge zur Gänze. Die Gegenständliche Verteilung des Nachlasses auf mehrere Personen, ohne Bezeichnung eines Erben, wie in den bisherigen Geschäften üblich, galt als Vermächtnis und führte zu Singularsukzessionen. 62. bedingte Erbserklärung Der Erbe übernimmt bloß eine beschränkte Haftung für Nachlassschulden bis zum Wert der Nachlassaktiven. Der Erbe tritt das Erbe an, jedoch mit Vorbehalt, dass er für die Schulden, die auf dem Nachlaß haften, entweder nur mit den Nachlassgegenständen (cum viribus) oder bis zu deren Wert (pro viribus) haftet. Nach heutigem österr. Recht würde eine pro viribus-Haftung stattfinden. 63. Noterbe – Pflichtteilnehmer Das sind die Personen, die der Erblasser in der letzten Anordnung bedenken muss, das sind: Seine Kindern, in Ermangelung solcher seine Eltern und der Ehegatte. 64. Erbvertrag (Regredientenerbin) Der Erbvertrag stellte die Fortentwicklung zum gegenseitigen Gemächt dar: der Überlebende der Vertragsteile erhält das vom Vorverstorbenen Vermachte. Er war als Gemächt unwiderruflich und unterband in seiner ursprünglichen Form weitere Verfügungen. Neu im ABGB war die Beschränkung des Erbvertrags auf Ehegatten und auf drei Viertels des Nachlasses; wegen dieser personellen Beschränkung kam es zur Abschaffung des Einkindschaftsvertrages: Dieser stellte bei Wiederverheiratung die Kinder aus den bisherigen Ehen den künftigen aus der neuen Ehe erbrechtlich gleich: alle Kinder erben so, als wären sie Kinder aus dieser Ehe. 65. Parentelensystem Das gesetzliche Erbrecht sagt für den Fall, dass keine letztwillige Verfügung vorliegt, wer Erbe ist. Dabei folgt das ABGB dem sogenannten Parentelensystem. Eine Parentel wird von einem Stammhaupt bzw. Stammelternpaar und ihren Nachkommen gebildet. Das Parentelensystem baut auf dem Gedanken auf, dass vorerst die Angehörigen der ersten Parentel zum Zug kommen. Ist niemand aus dieser Parentel vorhanden, dann sind die Angehörigen der 2. Parentel berufen usw. Das ABGB kennt 4 Parentelen. 66. Repräsentation im Erbrecht Allmählich setzte sich durch, dass ein vorverstorbenes Kind des Erblassers durch seine Kinder repräsentiert wurde, für jenes eintraten (Repräsentation, Eintrittsrecht). 67. Ehegattenerbrecht im Ius Romano-Germanicum Es wurde erstmals ein Ehegattenerbrecht bekannt mit der Erbenklasse der vidua inops et indodata, d.h. für die arme und mit keiner dos/Heiratsgut versehenen Witwe, die in der Regel einem Kind gleichgestellt wurde, und der Erbenklasse unde vir et uxor wonach bei Fehlen von Blutsverwandten dem überlebenden Ehegatten der gesamte Nachlass zukommt. 68. Ehegattenerbrecht im ABGB

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Das gesetzliche Erbrecht folgte seit 1786 dem Parentelensystem ergänzt um ein Ehegattenerbrecht, das sich allerdings neben Kindern bloß auf die Nutzung des Erbteils erstreckte (1786 nur bis zur Wiederverheiratung) und weiters zum Pflichtteilsrecht für Eltern. Durch die Teilnovellen kam es zu einem echten Ehegattenerbrecht mit Eigentumsübertragung an Stelle des bisherigen Erbnießbrauchs. 69. Verlassenschaftsabhandlung Dies war die Übergabe des Nachlasses und sie erfolgte durch Nachlassvollstrecker. Das nachgelassene Vermögen ging auf diese als Treuhänder über mit der Verpflichtung, es nach dem Geschäft oder bei dessen Fehlen nach den gewohnheitsrechtlichen Regeln den Anspruchsberechtigten, den Erben einzuantworten, d.h. ihnen zu übergeben. 70. Heimfallsrecht Fehlte es an blutsverwandten Erben, fiel das hinterlassene Vermögen kraft diesem Recht an die jeweils berechtigte Obrigkeit, wie z.B. an den Grundherrn oder den Landesfürsten. Österreichische und europäische Privatrechtsentwicklung: Privatrechtsgeschichte

III. Hoch- und Spätmittelalter
1. Rechtsgeltung Es standen nahezu alle Herrschaften außer in nachbarschaftlichen auch in hierarchischen Beziehungen zueinander: Die Grund- und Stadtherrschaften waren zum Land, die Länder zum Römisch-Deutschen Reich, Landschaften zum Königreich Frankreich oder Schweden vereinigt, und zwar in der spezifischen Art des Feudalismus. Dies bedeutet, dass diese Herrschaften über bestimmte Personen verknüpft waren. Schematisch besehen lässt sich diese feudal-hierarchische Verknüpfung wie folgt charakterisieren: Die Bauern waren unter ihrem Grundherrn – einem Adeligen oder einem Kloster – in der Grundherrschaft verbunden; die Grundherren bildeten zusammen mit Vertretern der Städte und Märkte unter einem Fürsten die Landesherrschaft; sämtliche Fürsten und der jeweilige König verkörperten die Zentralgewalt. Durch die nachbarschaftliche Gemengelage und die feudale Verknüpfung standen somit die einzelnen Rechtskreise meinst in engen Beziehungen, beeinflussten einander, auch ergänzte das Recht des einen oft das des anderen Rechtskreises.

2. Wesen der mittelalterlichen Rechtsordnung Das mittelalterliche Recht war ein weitestgehend gelebtes Recht, seinem Wesen nach also Gewohnheitsrecht: Es war nicht das Produkt einer Obrigkeit, sondern der Gemeinschaft für sich selbst. Es prägten die Gewohnheiten das Recht, dieses die Gewohnheiten. Was als Recht geschah, musste sichtbar, weil erfahrbar sein. 3. Rechtskreise im Mittelalter Landrecht: Es war das Recht eines bestimmten Landes. Im Sinne des Territorialitätsprinzips handelte es sich um ein flächenmäßig orientiertes Recht und löste als solches das ältere, dem Personalitätsprinzip verbundene Stammesrecht ab. Da ihm manche der folgenden Rechtskreise vorgingen, galt es oft nur subsidiär nach diesen. Hofrecht: Es war das Recht in der Grundherrschaft, nach ihm lebten überwiegend die unfreie Bevölkerung nämlich die grunduntertänigen Bauern. Stadtrecht: Es galt im Bereich der Stadt und war somit das Recht der freien, d.h. der nicht grunduntertänigen, städtischen Bevölkerung. Lehensrecht: Es stellte einen Rechtskreis eigener Art dar, und trat zusätzlich zu einem der anderen Rechtskreise hinzu. Es regelte das Lehensverhältnis zwischen Lehensherrn und Lehensmann. Lehensrecht war aber primär Adelsrecht und hatte als solches im Mittelalter verfassungsrechtliche Bedeutung, als es die diversen Herrschaftsebenen miteinander feudal-hierarchisch verknüpfte. Dienstrecht: Es legte das Recht Unfreier fest, und zwar der Gefolgschaft von Fürsten, der Dienstmannen oder Ministerialen. Reichsrecht und Kanonisches Recht. 4. Rechtsquellen im Mittelalter Das Gewohnheitsrecht ist überwiegend Fallrecht, d.h., es trat primär von Rechtsfall zu Rechtsfall in Erscheinung: in Rechtsgeschäften und Urteilssprüchen. Mit der Zunahme komplizierter Rechtsverhältnisse vor allem im städtischen Bereich, allgemein aber durch den Wunsch nach Rechtssicherheit fanden die einzelnen Rechtsakte einen überaus reichen schriftlichen Niederschlag. Das Urkundenwesen: Privatrechtsurkunden legen nun oft sehr detailliert die gewünschten Rechtsfolgen in Kauf- und Pfandverträgen, Vergleichen, Heiratsverträgen und vor allem letztwilligen Verfügungen fest. 5. Fallrechtssammlungen Diese repräsentieren einen anderen Typ von Fallrechts-Aufzeichnungen. Sie enthalten die Entscheidungen wichtiger Gerichte wie etwa die des städtischen oder des landesfürstlichen Rats. Hierher zählen besonders auch die Schöffenspruchsammlungen der Gerichte von großen Städten mit einflussreichem Recht. 6. Formularbücher Das Abfassen derartiger Urkunden oblag meist den Kanzleien der entsprechenden Herrschaften. Sie konnten sich als Muster oft auf ihre eigenen Urkundensammlungen stützen. Dazu gab es einen weiteren Behelf: Formularbücher enthalten Vertragsmuster und erleichtern so das Abfassen von Rechtsgeschäften ähnlich den Urkundensammlungen. 7. Rechtsgeschäftsbücher Das sind Bücher, in welche einzelne Rechtsgeschäfte aus Gründen der Publizität zur Rechtssicherheit und zu Beweiszwecken eingetragen werden. In ihnen findet das konkrete Rechtshandeln seinen Niederschlag. Vom Abschreiben vorgelegter Urkunden oder der Eintragung aufgrund

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mündlichen Vorbringens reduzierte sich deren Inhalt allmählich auf die Wiedergabe knapper, fast stichwortartiger Formulierungen. Kaufbücher Gewerbücher Satzbücher Testamentenbücher 8. Volksrechte Volks- oder Stammesrechte nach ihrer Geltung im Sinne des Personalitätsprinzips entstanden im Gebiete des ehemaligen Weströmischen Reiches eigene Gesetze der einzelnen Germanenstaaten (daher auch Germanenrechte) und zwar zum Teil vor dem justinianischen Gesetzesrecht. 9. scholastische Methode Die Scholastik war die versuchte bzw. formelle Verschmelzung von Theologie und Philosophie durch die Bearbeitung deren Schrifttums zur Geisteswissenschaft schlechthin. Die dabei angewandte Methode zerfällt in die philologische Prüfung des Textes, seine analytische Zergliederung samt Erläuterung der Bestandteile, schließlich in die systematische Bildung von Zusammenhängen mit anderen Textstellen einschließlich dem Ausmerzen von Widersprüchen und auch der Bildung allgemeiner Regeln; diese exegetische Vorgangsweise trägt den Namen ihrer Wissenschaft: scholastische Methode. Bologna, ein geistiges, wirtschaftliches und politisches Zentrum Oberitaliens, einer der Orte der Pflege der Scholastik, wurde ab etwa 1100 zum Ausgangspunkt der Wissenschaft sowohl vom weltlichen Recht auf der Basis des Römischen Rechts, der Legistik, wie vom geistlichen, d.h. vom kirchlichen Recht, der Kanonistik. 10. Legistik – Kanonistik Legistik: Wer auf der Grundlage des Römischen Rechts Rechtswissenschaft studierte oder betrieb, beschäftigte sich mit den leges vor allem in den Digesten, war Legist, das Studium schloss mit dem doctor legum ab. Die Legisten wurden zunehmend in einem Maße rechtsschöpferisch tätig, wie dies erst durch die Gesetzgebung der Neuzeit wieder der Fall war. Ihr genereller Verdienst liegt in der Ausformung des Gemeinen Rechts: Ihre Ergebnisse entfernten sich von ihren Quellen darunter auch vom Römischen Recht, so weit, dass ihre Summe von den Zeitgenossen nicht mehr Römisches, sondern Gemeines Recht genannt wurde. Die Legistik dauerte von 1100-1500. Ihre Methode ist die der Scholastik, nun auf Rechtstexte übertragen; im Zentrum steht somit der als logische Autorität (ratio scripta) zu respektierende Text. Kanonistik: Parallel zur Wissenschaft vom weltlichen Recht entstand jene vom geistlichen Recht aufgrund der kirchlichen Gesetze, der canones, woraus sich der Name Kanonistik ableitete. Die Bereichstheorie der Legistik schied diese von der Kanonistik so, dass Kanonisches Recht Vorrang vor dem Gemeinen Recht hauptsächlich nur in den vom Glauben beeinflussten Fragen zukommen sollte, wie etwa hinsichtlich der Ehe wegen ihres sakramentalen Charakters oder beim Erfordernis der bona fides zufolge des ansonsten sündhaften Verhaltens. Die kanonische Geltungslehre nahm hingegen einen größeren Anwendungsbereich in Anspruch, nämlich ratione materie über geistliche Sachen und mit ihnen im Zusammenhang stehende weltliche Angelegenheiten sowie ratione personae über Kleriker aber auch Arme und Kreuzfahrer. Dieser Geltungsanspruch setzte sich gegenüber den Heimischen Rechten meist nicht durch, etwa nicht im Ehegüter- und Erbrecht.

11. Juristenrecht Die Fachjuristen wirkten seit ältester Zeit mit der Entwicklung des röm. Rechts. Wer Recht in Anspruch nehmen wollte, musste beim Prätor Klage erheben, nachdem er sich über die richtigen Formeln informiert hatte. Auskunft erteilte man, indem die 12 Tafeln ausgelegt wurden. Wenn diese versagten, wurde ein gültiger Rechtsakt aus Formeln kombiniert. Später wurde Vertragsabschluß verschafft, die der weltliche Jurist übernahm. Auch Schriftformeln und Edikte stützten sich auf das Gutachten oder die ausschlaggebende Ansicht des Rechtskundigen. aus der sogenannten hochklassischen Epoche röm. Rechtskultur wurde folgender Aufbau übernommen: Recht besteht aus Gesetzen, Volksrecht, Senatsrecht, Kaiserrecht und Juristenrecht. Gesetz ist, was das Volk gutheißt und beschließt.

12. Glossatoren Die Arbeit dieser frühen Legisten schlug sich hauptsächlich in Glossen zum Text des Römischen Rechts nieder, d.h. in der Form von einzelnen Erläuterungen zu den jeweiligen Textstellen; sogenannte Summen fassten mehrere hiervon zusammen. Die dominierende erste Form gab den Vertretern den Namen Glossatoren. Ihre Bedeutung liegt in der umfassenden Erschließung des Corpus Iuris Civilis und damit in der Begründung der Jurisprudenz als eigener Wissenschaft sowie der des eigenen Juristenstandes. 13. Kommentatoren Das Jahr 1300 bildete eine gewisse Zäsur, es folgen die Kommentatoren: Die textliche Basis wird um das zeitgenössische örtliche Recht, insbesondere die Statuten der oberitalienischen Stadtstaaten erweitert. Dies entspricht einer Hinwendung der Juristen zur Praxis. So entstanden Kommentare und Gutachten (daher die zweite Bezeichnung Konsiliatoren) Insbesondere in den Kommentaren und auch in Monographien zu einzelnen Rechtsfragen beginnt eine Systematisierung des Rechtsstoffes. Der Praxisbezug führt vielfach zu einem weiten Entfernen von den Quellen mit den Mitteln einer oft sehr extensiven Auslegung oder mit dem der Analogie. Auf diese Weise wirkten die Kommentatoren nicht bloß erläuternd, sondern auf weite Strecken rechtsschöpferisch, sie entwickelten mit neuen Rechtsinstituten und sogar Rechtsgebieten das Gemeine Recht. 14. mos italicus Die Methode der Legisten war die der Scholastik, nun auf Rechtstexte übertragen; im Zentrum stand somit der als logische Autorität (ratio scripta) zu respektierende Text. Allerdings wurden die griechischen Teile des Corpus Iuris Civilis, vor allem die Novellen, kaum behandelt und unterrichtet: graeca non leguntur. Die so betriebene Jurisprudenz nannte man später Mos italicus, und zwar der oberitalienischen Herkunft wegen. Ihre Vertreter waren Glossatoren und Kommentatoren. 15. Statutentheorie Zufolge der Rechte der oberitalienischen Städte (statuta) war vielfach die Frage nach dem konkret anzuwendenden Recht gestellt, wie z.B. bei einem Kauf einer Liegenschaft in Bologna, abgeschlossen in Pavia zwischen einem Venezianer und einem Mailänder. Zur Lösung derartiger Fragen wurde fingiert, dass man sich kraft eines bestimmten örtlichen Naheverhältnisses dem jeweils örtlichen Recht unterwerfe.

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Für persönliche Verhältnisse das Wohnsitzrecht Für Liegenschaften das Recht des Liegenschaftsortes Für Rechtshandlungen deren Ortsrecht Im Falle des Fehlens entsprechender Statute galt das allgemeine, d.h. das Gemeine Recht. 16. statuta stricte sunt interpretanda Diese Regel schränkte die Rolle des dem Heimisch-Deutschen Rechts insbesondere dadurch ein, als sie seine analoge Anwendung zu Gunsten des Gemeinen Rechts untersagte. (quidquid non adgnoscit glossa, non adgnoscit curia, subsidiäre Geltung und graeca non leguntur). 17. Differentienliteratur Dem Mischcharakter trug die sogenannte Konkordanz- und Differentienliteratur Rechnung, die Übereinstimmungen und Unterschiede zwischen dem Heimisch-Deutschen und dem Gemeinen Recht aufzeigte. 18. CJCanonici Anders als die Legistik konnte die Kanonistik auf kein fertig vorliegendes Gesetzbuch wie das CIC zurückgreifen. Das Gesetzbuch des Kanonischen Rechts ist eine Leistung der Kanonistik selbst. Da über einen Zeitraum von rund 200 Jahren entstanden, fehlt dem Corpus Iuris Canonici eine systematische Anlage. Es ist vielmehr eine chronologische Sammlung von Papstentscheidungen und Konzilsbeschlüssen. 19. Dekretisten – Dekretalisten Dekretisten: Die Existenz des Decretum Gratiani forderte zu einer wissenschaftlichen Behandlung heraus, so dass es diesem ersten Zweig der Kanonistik den Namen gab. Wie die zeitgenössischen Legisten, die Glossatoren, verfassten auch sie Glossen und Summen, die sodann allmählich selbst in den Sog wissenschaftlicher Bearbeitung gerieten. Dekretalisten: 1250 brachte eine Zäsur. Die Promulgationsbulle des Liber extra formulierte die Befugnis des Gesetzgebers zur Setzung neuen anstelle alten Rechts; besonders in den Vordergrund gerückt waren damit die Gesetze des Papstes und auch dessen Fallentscheidungen, die Dekretalen. Ähnlich wie die den Glossatoren folgenden Kommentatoren unterscheiden sie sich somit von ihren Vorgängern, den Dekretisten, durch die Bearbeitung auch neu hinzutretender Quellen, der Dekretalen. 20. Kanonisches Recht – Privatrecht Im Privatrecht kommt der Kanonistik eine spezifische Rolle zu, nämlich die Fortführung des Römischen Rechts durch Ergänzung und Modifizierung. So hatte sie auch Anteil an der Ausbildung der Lehre von der clausula rebus sic stantibus. Sie beschränkte sich jedoch auf bestimmte Teile aufgrund der in Anspruch genommenen Zuständigkeiten kirchlicher Gerichte. Daher entstanden weder völlig neue Rechtsinstitute noch neue Rechtsgebiete. Ihre Bedeutung liegt hier einmal in der Ausbildung allgemeiner Rechtsgrundsätze als Maßstab auch für bisherige Rechtsinstitute wie die Billigkeit, guter Glaube oder die Vertragstreue. Verbesserungen im Vertragsrecht gegenüber dem Römischen Rechte brachte aus dem Grundgedanken der Vertragstreue die Einklagbarkeit auch formloser Konsensualverträge. Damit war die Vertragsfreiheit grundgelegt. Die Lehre vom gerechten Preis verlangte ein Äquivalent zwischen Leistung und Gegenleistung, die bei einem Wert unter der Hälfte des Gegenwertes als verletzt galt (laesio enormis) und zur Vertragsauflösung führen konnte. Die von der Kanonistik ganz besonders betriebene Ausformung des Eherechts: vor allem wurde die Ehe als einzige rechtmäßige Lebensgemeinschaft anerkannt, da nur sie zur Familienneugründung führte, und damit Friedelschaft und Konkubinat als Unzucht abgetan. Die strikte Feststellung, es erfolge die Eheschließung allein durch Konsens der Brautleute bildete eine einschneidende Neuerung. Sie verstand sich daraus, allein die freie Willensübereinkunft der Brautleute als konstitutiv zu erachten, was zur Negierung jeglicher Formerfordernisse führte. Neu war die Unauflöslichkeit der Ehe zufolge der Einstufung als eines der Sakramente, womit sie deren unauslöschlichen Charakter erhielt. Aus bestimmten Gründen konnte es nur zu einer Trennung von Tisch und Bett bei Aufhebung der Lebensgemeinschaft, nicht aber der Ehe kommen: Das Eheband bestand weiter, womit eine Wiederverheiratung unmöglich war. Verbesserungen im Sachenrechte brachte die Erweiterung des Rechtsbesitzes des Römischen Rechts auch auf Reallasten, Amtsrechte, Hoheitsrechte, damit wurde eine große Steigerung des Besitzschutzes erzielt. Die Modifizierung der Ersitzung dehnte den vom Römischen Recht nur für den Zeitpunkt des Ersitzungsbeginns verlangten guten Glauben auf die gesamte Ersitzungszeit aus. Im Erbrecht erfolgte eine ansatzweise Durchbrechung des strikten Blutsverwandtenerbrechts in zweierlei Weise: Christus sollte als Sohn betrachtet werden und der Kirche somit ein Sohneskopfteil am Nachlass zustehen. Kleriker hingegen, da nicht nach Stammesrecht, sondern nach Römischen Recht lebend genossen dessen Testierfreiheit, brauchten also auf ihre Blutsverwandten keine Rücksicht nehmen. 21. droit écrit/coutumier Das Französische Rechtsgebiet zerfiel in zwei unterschiedliche Teile, in das Gebiet des Droit coutumier, das der Gewohnheitsrechte, etwa nördlich der Linie Bordeaux – Genf und in das somit kleinere, südliche Gebiet des droit ecrit, der schriftlich fixierten und bearbeiteten römischen Vulgarrechte und der Volksrechte. Im Königreich Frankreich konnte das Römische Recht nicht als Kaiserrecht gelten wie in Italien und Deutschland, so dass die Beschäftigung mit ihm nicht kraft kaiserlicher Tradition und Autorität (ratione imperii) erfolgte, sondern durch die Macht der Vernunft (imperio rationis). 22. Gelehrtes Recht: Verbreitung im Mittelalter Die Organisation der Kirch umspann nahezu ganz Europa: Kloster- und Domschulen stellten jene Bildungszentren dar, wo auch juristische Kenntnisse vermittelt und Rechtswissenschaft betrieben wurde. Auf den Wegen der weltlichen und kirchlichen Herrschaftsverflechtungen wie durch Rückkehrer aus oberitalienischen Universitäten gelangten die Erkenntnisse von Legistik und Kanonistik in die Gebiete nördlich der Alpen. Außerhalb Italiens wirkten als Legisten am frühesten Frankreichs doctores ultramontanii, d.h. aus italienischer Sicht über den Bergen der Alpen, nämlich in Südfrankreich. Hier galt ohnedies römisches Vulgarrecht, das in den Volksrechten festgeschrieben war. Pflegestätten der Legistik waren etwa die Universitäten von Montpellier und Orléans, später auch Paris. Dennoch wirkten auch in England Legisten ab der Mitte des 12. Jahrhunderts, vornehmlich Cambridge und Oxford. Ab dem 13. Jahrhundert sind auch an spanischen Universitäten Legisten nachweisbar. In Deutschland gab es mehrere Wege und Zentren rechtswissenschaftlicher Bildung. Als Römischer Kaiser verbanden die deutschen Könige Deutschland mit Ober- und Mittelitalien zu einer politischen Einheit, so dass das von ihnen als Kaiserrecht betrachtete Römische Recht auch auf

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Deutschland bezogen und hier bekannt werden musste. Bildungsdrang und wissenschaftliche Tätigkeit führten, zumal aus Süddeutschland und dem heutigen Österreich, nach einem anderen Teil des Römisch-Deutschen Reiches, eben nach Italien mit seinen quellen- und literaturmäßig besser ausgestatteten Universitäten. 23. Heimischer Rechtsunterricht im Mittelalter Die Kenntnis von Legistik und Kanonistik konnte ab dem Hochmittelalter vorerst entweder an den oberitalienischen und französischen Universitäten erworben werden oder an heimischen Stifts-(Dom-)schulen bzw. Klosterschulen. An diesen kirchlichen Schulen wurde im Rahmen des Trivium auch Kanonisches Recht gelehrt. Dieses Bildungsangebot vermehrten ab dem Spätmittelalter die neu gegründeten Universitäten. Die Einführung in die Scholastik als höhere Wissenschaft besorgte eine bestimmt organisierte Bildungspflege. Es war dies der Unterricht im sogenannten Trivium, nämlich den Gegenständen Grammatik Rhetorik und Logik (bzw. Dialektik), womit vor allem das Begreifen und Deuten von Texten im Sinne der Scholastik ermöglicht werden sollte. 24. Klerikerjuristen im Mittelalter Ein Klerikerjurist war ein Kleriker mit zusätzlicher kanonistischer Ausbildung. Mit ihm wird ersichtlich, dass ein Bedarf nach Kennern des gelehrten Rechts für einen typischen Rechtsberuf bestanden hat. 25. judex delegatus Eine Konkrete Kenntnis des kanonischen und in seinem Gefolge des römischen und sodann gemeinen Rechts geht einmal nach antik-römischem Vorbild auf die Verwendung der Iudices gelegati der Kirche zurück, und zwar ab dem 12. jahrhundert. Es sind dies Kleriker, welchen der Papst seine Gerichtsgewalt für bestimmte Rechtsfälle delegiert, die sich in ihrem Amtssprengel oder in dessen Nähe zutragen und zweckmäßig hier und nicht in Rom zu entscheiden sind. Diese delegierten Richter wenden überlieferungsgemäß neben der consuetudo terrae (heimisches Recht) die consuetudo des Heiligen Stuhles an, d.h. das kanonische Recht, das auf diese Weise sich mit Sätzen des Römischen Rechts verbreitet – und zwar zum Teil noch vor Legistik und Kanonistik. Der iudex delegatus war ein Klerikerjurist. 26. Bedeutung der gelehrten Rechte im heim. Rechtsleben im MA Durch die heimische Rechtswissenschaft aufgrund eigener oder importierter Werke, traten neben die Rechtskreise des Gewohnheitsrechts zwei weitere, nämlich das Kanonische Recht und das Gemeine Recht. Von ihnen hatte das Kanonische Recht Bedeutung nicht nur für die kirchliche Rechtspflege, sondern auch für das Rechtsleben. Ihm gehörte das Eherecht an, und zwar ausschließlich, sodann lebten nach ihm Weltkleriker und Ordensleute. Anders hatte das Gemeine Recht für die Masse der Bevölkerung kaum Bedeutung, allenfalls gab es die Begründung für den einen oder anderen Rechtsanspruch ab. Fallweise diente es der Ergänzung des heimischen Rechts. Die Heimischen Rechte unterlagen somit oft einer Präzisierung und einer institutionellen Verfestigung aufgrund der gemeinrechtlichen Begrifflichkeit im Zusammenhang mit der Ausbildung z.B. der deutschen Rechtsterminologie.

Zahlreiche juristische Literatur wurde stets aus Oberitalien und sodann aus Frankreich importiert, von den Studenten vielfach selbst mitgebracht, oft dann hier kopiert. Bald folgte eine eigene wissenschaftliche Produktion: Um 1220: Kanonistische Werke standen am Anfang des heimischen rechtswissenschaftlichen Schrifttums. Legistische Arbeiten waren vorerst selten (um 1320) Arbeiten zum Heimisch-Deutschen Recht suchten dieses für die Praxis aufzubereiten (1330) Auch die Spruchtätigkeit bestimmter Juristenfakultäten nahm wissenschaftliche Ergebnisse auf (um 1400). Praxisorientierte Arbeiten weisen gleichfalls wissenschaftlichen Einfluss auf (um 1450) 27. Weistümer Es handelt sich wie bei den Rechtsgeschäftsbüchern um ein Festschreiben von Gewohnheitsrecht, aber im Gegensatz zu ihnen nicht durch einen einzelnen Verfasser, sondern durch die Rechtsgemeinschaft des jeweiligen Rechtskreises oder deren Repräsentanten meist durch obrigkeitlicher Mitwirkung. Die Entstehungsart ist nich die einer schriftstellerischen Produktion, sondern gleichsam die Protokollierung eines Verfahrens. Das Recht wird analog zu einem Gerichtsverfahren in eine Reihe hypothetischer Fälle festgestellt. So kommt es in den Weistümern zu einer Steigerung von der Entscheidung im Einzelfall zur Festschreibung generell-abstrakter Normen. Hierin besteht auch ein weiterer Unterschied zu den Rechtsbüchern. In diesen schlägt sich die Ansicht nieder, das Rechtshandeln orientiere sich an allgemeinen Regeln, nicht an dem im Einzelfall gefundenen Recht. Im Weistum aber wird das Recht für hypothetische Einzelfälle erfragt, von den Betroffenen und Wissenden erklärt und festgehalten. Eine Anzahl punktueller Fragen verdichtet sich hierbei zur Aufzeichnung der Rechtsordnung eines bestimmten Rechtskreises. Die Bäuerlichen Weistümer haben die größte Bedeutung: Das Weistum ist die Form des bäuerlichen Rechts. Jährlich versammelt sich die bäuerliche Gemeinde, im heutigen Österreich in der Regel als Taiding, und erklärt auf Befragen ihr Recht, was schriftlich fixiert wird. 28. außerdeutsche Rechtsbücher 1190 verfassten Ranulph de Glanville und 1250 Henricus de Bracton zusammenfassende Traktate über die Gesetze und Gewohnheiten Englands, die auch in der Folgezeit wichtige Quellen des common law blieben. In Südschweden um 1210 das Skanske Lov (Rechtsbuch von Schonen) In Frankreich zeichnete vor 1290 der Richter Philippe de Beaumanoir in den Coutumes von Beauvaisis das Recht dieser Provinz auf. Sie alle enthalten Spuren Römischen oder kanonischen Rechts. Im 13. Jahrhundert entstehen übrigens auch kirchliche Rechtsbücher. 29. Sachsenspiegel Rechtsbücher: Man wollte im 13. Jahrhundert daran gehen, Rechtsordnungen bzw. größere Gebiete hiervon in Büchern aufzuzeichnen und zwar generellabstrakt also gesetzesähnlich. Es war aber nicht die Intention der Rechtsbücher, neues Recht zu setzen, sondern bestehendes schriftlich festhalten. Auch handelt es sich nicht um obrigkeitliche Erlässe, sondern um die Arbeiten von Einzelpersonen: die Rechtsbücher sind daher keine Gesetze. Die Rechtsbücher sind lokal-landschaftlich gebunden, wenngleich ihre Absichten darüber hinausgehen und auch der inhaltliche Einfluss der Gelehrten Rechte bedeutsam ist. Sachsenspiegel: Er wurde um 1220 von Eike von Repgow wohl in einer Klosterbibliothek verfasst, einem zwar nicht gelehrten Juristen, aber doch einem professionellen Rechtskenner, der vielfach zu Prozessen und Rechtsgeschäften herangezogen wurde. Der Sachsenspiegel umfasst zwei

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Rechtskreise und gliedert sich daher in ein Landrechts- und ein Lehenrechtsbuch. Seine große Bedeutung liegt einmal in seiner zeitlich bis in das 19. Jahrhundert hineinreichenden Anwendung, sodann in seiner weiten örtlichen Verbreitung. Zudem hatte er eine ganze Reihe von weiteren Rechtsquellen beeinflusst wie vor allem das Magdeburger Stadtrecht etwa auch das Berliner Stadtbuch und das zweite bedeutende deutsche Rechtsbuch, den 30. Schwabenspiegel Auch Kaiserliches Land- und Lehenrechtsbuch oder Großes Kaiserrecht genannt, erst ab 1609 als Parallele zum Sachsenspiegel Schwabenspiegel genannt. Es wurde um 1275 von einem Mönch in Augsburg auf der Grundlage des Sachsenspiegels und einer Zwischenstufe, dem Deutschenspiegel (1265) unter Heranziehung weiterer Quellen wie vor allem des Augsburger Stadtrechts, aber auch des Kanonischen und Gemeinen Rechts abgefasst. Dem richtigen Titel gemäß verfolgte das Kaiserrecht die Absicht, kaiserliches, also überterritoriales und nicht bloß schwäbisches Recht für das Römisch-Deutsche Reich insgesamt festzuschreiben. 31. Stadtrechtsbücher/Landrechtsbücher Österreichisches Landrecht in seiner ersten Fassung (um 1280) ist eine Aufzeichnung des Gewohnheitsrechts im Lande Österreich. Es besteht aus einem Land- und Lehenrechtsteil. Steiermärkisches Landrechtsbuch bildet die Parallele zum Österreichischen Landrecht. (14. Jahrhundert). Wiener Stadtrechtsbuch um 1350 als eines der umfangreichsten mit Einarbeitung von Teilen des Schwabenspiegels Pettauer Stadtrecht (1376) der salzburgischen Stadt Pettau in der ehemaligen Untersteiermark Mühlhauser Rechtsbuch, Ofener Stadtrecht, Oberbayrisches Landrecht. 32. Anfänge der Gesetzgebung im PR Gesetzesrecht ist bewusste Rechtsgestaltung durch die Obrigkeit. Als Vorstufe ist Rechtsgestaltung bereits in der Schriftlichkeit der Rechtsbücher und der Weistümer angelegt. Beide zeigen einen Einfluss der jeweiligen Herrschaften vorerst nur auf die Form. Jede Wiedergabe von Rechtssätzen mit anderen Worten – wie in diesen Fällen das nun in Schriftlichkeit gegossene, bisher nur mündlich tradierte Recht – bietet aber Ansätze zu Interpretationen und damit zur Rechtsfortbildung. Von der Aufzeichnung geltenden Rechts bis hin zu seiner verbalen verbesserten aber inhaltsgleichen Aufzeichnung und sodann zur auch inhaltlichen Verbesserung und damit Änderung sind es nur wenige Schritte. Ausschlaggebend wurde aber in zunehmendem Maße der Gestaltungswille der Obrigkeiten. Besonders die obrigkeitlich erfragten und fixierten Weistümer wie auch die Rechtsbücher boten Anknüpfungsmöglichkeiten. Zum Gewohnheitsrecht trat so der obrigkeitliche Geltungswunsch hinzu, der sich schließlich zum Gesetzesbefehl steigerte. In der Regel liegt im Stadtrecht der Beginn der Privatrechtsgesetzgebung. Im Bereich der Städte mit ihrer innerhalb der Stadtmauern überschaubaren und konzentriert ansässigen Bevölkerung war die Rechtsdurchsetzung erleichtert. Rechtssetzungsakte des Stadtherrn konnten überdies an das vorhandene Stadtrecht anknüpfen, da es meist auf Rechtssetzungsakte anderer Art, nämlich Privilegien zurückging. 33. Stadtrechtsfamilie Im zunehmenden Maße kam es ab dem Hochmittelalter zu Rechtsangleichungen zum Teil auch im formalen Sinne, d.h. zu übergreifenden Rechtsordnungen. Die so entstehenden frühen Rechtsfamilien blieben auf regionale Ebenen beschränkt. Stadtrechtsfamilien, wo mit dem Recht einer Stadt, der sogenannten Mutterstadt, andere Städte, demnach Tochterstädte bewidmet wurden, stellen lebende Organisationen dar, 34. Oberhof da es üblich war, dass die Tochterstädte beim Gericht der Mutterstadt als sogenanntem Oberhof Rechtsauskünfte einholten, also eine fortdauernde Kommunikation bestand. Dazu konnten noch regionale Oberhöfe treten. Die größten Stadtechtsfamilien beruhten auf den zahlreichen Städtegründungen im deutschen Osten und in angrenzenden Gebieten und schufen hier vor allem auch durch die Rechtssprechung ziemlich einheitliche Rechtsgebiete. (Lübisches Recht, Sächsich-Magdeburger Recht) 35. Weistumsfamilie Diese entstanden ähnlich den Stadtrechtsfamilien durch die Übernahme des Hofrechts einer Grundherrschaft in die einer anderen desselben Grundherrn wie etwa im Osten des heutigen Österreichs.

IV. Frühe Neuzeit
36. Privatrechtsentwicklung im 16. Jahrhundert In der frühen Neuzeit war das Kanonische Recht im Privatrecht auf ein einziges Rechtsgebiet beschränkt, das Eherecht. Dazu hatte der Ausbau des institutionellen Flächenstaates mit seiner Gesetzgebung beigetragen. Es stieß durch die Glaubensreformation auch in weiten Teilen des Römisch-Deutschen Reiches als Recht des Papstes auf dessen Ablehnung. In Katholischen Gebieten behielt die Katholische Kirche ihre Stellung bei und das Kanonische Recht bestimmte unverändert weiterhin das Eherecht. Es wurde nun ergänzt um eine Formvorschrift: Der Ehekonsens musste vor dem zuständigen Pfarrer und Zeugen abgegeben werden und die Trauungshandlung in ein Kirchenbuch eingetragen werden; damit waren clandestine Ehen unterbunden. In Evangelischen Gebieten hatte die Ehe keinen Sakramentcharakter, sie war ein weltlich Geschäft, und daher die Scheidung möglich, wenngleich aus nur wenigen Gründen wie etwa Ehebruch und böswilliges Verlassen. Weiterhin gab es keine Formvorschriften und damit clandestine Ehen. Doch führte die Ansicht, das Verlöbnis sei bereits Teil der Eheschließung, zur Strafe bei Unterlassung der kirchlichen Trauung was wie ein Zwang zur Trauung und damit zur Publizität wirkte. Die Unterschiede zwischen Katholikenehe und Evangelischenehe waren gravierend: Jene war unscheidbar, diese nicht; daher gab es dort zufolge der bloßen Trennung von Tisch und Bett keine Wiederverheiratung, hier wegen der Möglichkeit der Scheidung schon. Bei der Katholikenehe war der zwingend anwesende Pfarrer nur qualifizierter Zeuge für das Rechtsgeschäft der Ehegatten unter sich, bei der Evangelischenehe hingegen entwickelte sich der Pator zum konstitutiven Trauungsorgan. sie wurde beeinflusst durch die Rezeption = Jahrhundert der Erneuerung im juristischen, krichlichen, ... Reformen

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31.10.1517 Thesenanschlag Luthers = Reformation Die Landrechtsentwürfe die erstmals im heutigen Österreich das Privatrecht normativ durchgeformt und systematisch erfasst hatten Die Traktate des 16. Jahrhunderts die normative Darstellungen spezieller Rechtsgebiete in der Form eines gesetzesgleichen Texts darstellten. Daher konnten Sie in der Praxis wie Gesetze verwendet werden. Kameralisten in gewisser Weise auch noch. 37. Elegante Jurisprudenz Im 15. Jahrhundert setzte eine allgemeine Hinwendung zur Antike ein, wie sie sichtbar wird in der Baukunst und der Malerei als Renaissance, und sich in den Geisteswissenschaften niederschlägt, nämlich als Humanismus durch die intensive Pflege und Erforschung antiker Schriftsteller. Die Humanistische oder Elegante Jurisprudenz begreift den Text vor allem des Corpus Iuris Civilis nicht mehr als autoritatives Gesetz, sondern als historische Quelle, möglicherweise fehlerhaft verfasst, vielleicht in irriger oder in bewusst verändernder Weise aus Vorlagen geschöpft, die nun in Hinblick auf ihr historisches Umfeld richtig zu erfassen, allenfalls auch richtigzustellen gilt. 38. mos gallicus Nicht die Autorität, sondern die historische Situation sei maßgeblich. Damit stellt sich diese in Frankreich entwickelte Methode als mos gallicus im bewussten Gegensatz zum autoritätsverankerten exegetischen mos italicus. Seinen Ausgang nahm der mos gallicus um 1500 vor allem von der Universität Bourges. Die Bedeutung der humanistischen Jurisprudenz liegt einmal in der Quellenforschung zum justinianischen und vor-justinianischen Römischen Recht. Mit diesen römischrechtlichen Quellenforschungen gewann er keinen Einfluss auf die Praxis, erschütterte aber den Autoritäsglauben an das Römische und damit an das Gemeine Recht. Daher widmeten sich die Humanisten verstärkt dem heimischen Recht Frankreichs und Deutschlands sowohl in Wissenschaft und auch Gesetzgebung. Neben dem mos gallicus spielte die ramistische Methode, als Erfassung eines Stoffes durch Begriffsbildung mittels dychotomischer (zweigliedriger) Deduktion aus Obersätzen alsbald auch eine Rolle in der Rechtswissenschaft. Sie führte zu einer logischen Systematik des Rechtsstoffes. 39. Rezeption Rezeption bedeutet die Prägung der Rechtskulturen durch das Gemeine Recht, und zwar nicht durch seine wissenschaftliche Pflege, sondern auch durch seinen Einfluss auf die Gesetzgebung und auf die Praxis. Bedingungen: politische Situation: nämlich die steigende Tätigkeit der Obrigkeiten durch eine Zunahme ihrer Aufgaben im Zeichen des Aufbaus des institutionellen Flächenstaates ab dem 15. Jahrhundert, das heißt eines Gemeinwesen mit Behörden zur Beherrschung und Verwaltung konkreter Territorien. Das Herrschen wird von Behörden unterstützt, deren Tätigkeit durch Fachleute nach bestimmte Regeln erfolgt: der Juristen aufgrund von Rechtssätzen. Geisteswissenschaftliche Situation: diese steht vor dem Hintergrund des Humanismus, der als eine der Antike zugewandte Geistesströmung die Beschäftigung mit Ciceros Staatsschriften und vor allem mit dem Römischen und Gemeinen Recht förderte. Technische Voraussetzung: Der um 1450 erfundene Buchdruck ermöglichte eine enorme Verbreitung in zahlreichen Exemplaren und mehreren Auflagen. Das Wesen der Rezeption prägen mehrere Erscheinungsformen. Eine intensive Gesetzgebungstätigkeit vor allem durch die Länder führt zu einer zunehmenden obrigkeitlichen Gestaltung des Rechts in Verdrängung des Gewohnheitsrechts. Weiters setzt ein auffallendes Anwachsen wissenschaftlicher Literatur ein, und zwar als Folge der zunehmenden Verwissenschaftlichung des Rechts. Beide Faktoren führten zu einer vermehrten Anwendung des gemeinen Rechts. Den sachlichen Umfang bestimmte das Corpus Iuris Civilis samt seinen Anhängen. Insgesamt fand qualitativ keine einschneidende Zäsur statt. Das Gemeine Recht brach nicht als absolut neues, fremdes Recht über die Heimischen Rechte herein, sondern war, wie gezeigt, durchaus schon bekannt, von Juristen wissenschaftlich gepflegt und gegenüber den heimischen Rechten abgewogen worden, allerdings traten sie nun in quantitativer Häufung auf. Maßgebend für den Einfluss des Gemeinen Rechts wurden die Verwendung und die Auffassungen der Juristen als eigener Berufsstand. Sie fungierten als Träger der Rezeption kraft ihrer Ausbildung an den Universitäten. Mit der Ausbildung an Universitäten hatten sie das Gemeine Recht als das einzige hier gelehrte studiert, somit kaum vom Heimisch-Deutschen Recht Kenntnis erlangt. Ersteres war damit für den Juristen das Recht schlechthin, letzteres oft nur ein merkwürdiger, überdies mangelhaft, punktuell und bloß handschriftlich überlieferter Brauch. Vermehrt werden Positionen mit Juristen besetzt (politisch-juristische Ratgeber des Kaisers, bei Höchstgerichten, Verwaltungsbehörden, Stadtschreiber). Folgen: Fehlte es am Einfluss der Rechtswissenschaft, blieb der bisherige Zustand weitestgehend erhalten. Gemeinrechtlich-nationale Rechtssysteme: sie entstanden bei Vorliegen aller Erscheinungsformen, allerdings je nach ihrer Intensität mit unterschiedlichen Verhältnissen des gemeinrechtlichen zum nationalen Anteil. Der gemeinrechtliche Anteil garantierte eine Universalität der Rechtswissenschaft und damit auch des Rechtsunterrichts in Kontinentaleuropa. Beibehaltung des bisherigen Zustandes: Wenn die Erscheinungsformen der Rezeption nicht oder nur schwach ausgebildet waren (Skandinavien oder England). Grundsätzlich blieb in Ländern ohne Universität und mit kleinem Juristenstand der gemeinrechtliche Anteil gering. Widerstand gegen das Gemeine Recht: vereinzelt dann, wenn dieses als Überfremdung des heimischen Rechts empfunden wurde wie in manchen deutschschweizer Kantonen. 40. Lotharische Legende – Lehre vom Allgemeinen Deutschen PR Beide Faktoren der unterschiedlichen Erscheinungsformen der Rezeption führten zu einer vermehrten Anwendung des Gemeinen Rechts in allerdings höchst unterschiedlicher Weise. Den sachlichen Umfang bestimmte das Corpus Iuris Civilis mitsamt seinen Anhängen. Betroffen war zwar in erster Linie das Privatrecht, ferner aber auch das Staatsrecht mit dem Langobardischen Lehensrecht und mit Sätzen wie princeps legibus solutus, sodann auch das Strafrecht und Prozessrecht. Die Anwendung des Gemeinen Rechts unterstützte dessen Statutenlehre, wonach es stets subsidiär anzuwenden war. Dazu kam nun noch die Ansicht, ein Gesetzgebungsakt Kaiser Lothars III. habe 1137 diese Geltung befohlen, was allerdings im 17. Jahrhundert als sogenannte Lotharische Legende entlarvt wurde. 41. Gemeines Recht – Rechtsanwendung nach der Rezeption Die gemeinrechtlich-nationalen Rechtssystem entwickelten sich weiter fort. In der Regel kam es letztlich zu einer Verschmelzung bei voraufgehender Dominanz des nationalen Anteils, d.h. des jeweiligen heimischen Rechts: Dieses nahm den gemeinrechtlichen Teil in sich auf. Im Römisch-Deutschen Reich kam es allerdings zu einem wissenschaftlichen Dualismus. Allmählich emanzipierte sich der nationale Anteil und trat eigenständig neben den gemeinrechtlichen Ursachen: Überwiegen staatlicher Gesetzgebung Wissenschaftliche Hinwendung zum heimischen Recht hinweg über einzelne Länder Wissenschaftliche Berücksichtigung auch der Praxis und einen Universitätsunterreicht im jeweiligen heimischen Recht neben dem Gemeinen

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Recht. In den Reichsterritorien kam es zwar zur erwähnten Emanzipation des ius Germanicum, aber es absorbierte nicht das Gemeine Recht, sondern trat zu diesem hinzu, die Wissenschaft schuf einen Dualismus von Gemeinen Recht und Deutschen Recht: Diese Trennung erfolgte aus analytischen Gründen insbesondere zur Klärung der Quellenlage um später eine Synthese herleiten zu können. Mit dem Umsichgreifen des Naturrechts setzte zunehmend ein Autoritätsverlust des Gemeinen Rechts ein. Damit war das Deutsche Recht als eigene Rechtsordnung unabhängig vom Gemeinen Recht begriffen worden. Es besaß seine eigene Methode wie etwa Lückenfüllung des einen Territorialrechts durch Analogie aus einem anderen oder aus allen Territorialrechten sowie ein eigenes System. Hinfort trat die Gleichrangigkeit zwischen Gemeinen Recht und Deutschen Recht, an die Stelle des wissenschaftlichen Vorrangs des ersteren. Wissenschaft und Gesetzgebung waren an keinen Vorrang des einen Rechts vor dem anderen mehr gebunden, künftige Entwicklungen schöpften tatsächlich aus beiden wie sodann die naturrechtlichen Kodifikationen. 42. Geltungsregeln des gemeinen Rechts Als allgemeines Recht galt es subsidiär nach den besonderen, d.h. den lokalen Rechten. Dies entsprach dem Heimisch-Deutschen-Recht, wonach der engere dem weiteren Rechtskreis vorgeht: Letzteren bildete das Reichsrecht, also auch das Gemeine Recht. Die Regel statuta stricte sunt interpretanda schränkte dir Rolle des dem Heimisch-Deutschen-Rechts insbesondere dadurch ein, als sie seine analoge Anwendung zu Gunsten des Gemeinen Rechts untersagte. Die weitere Regel quidquid non adgnoscit glossa, non adgnoscit curia unterband aber andererseits einen Rückgriff auf nichtglossiertes Römisches Recht, es galt also nur in der Weiterentwicklung der Legistik zum Gemeinen Recht, wobei die Regel Graeca non leguntur überdies die griechischen Teile des Corpus Iuris Civilis prinzipiell ausschloss. Die subsidiäre Geltung legten zahlreiche Behördeninstruktionen fest wie besonders die Reichskammergerichtsordnung 1495. Für das konkret anzuwendende Recht war die sichere, unangefochtene, das heißt belegbare Existenz des Heimisch-Deutschen-Rechts maßgebend. War das heimisch-deutsche recht zweifelhaft, führte dies zur Anwendung des Gemeinen Rechts. 43. Kameralistik Wirtschaftspolitische Theorien ergänzen das staatsrechtliche Konzept: Der Merkantilismus will Industrie, Handel und Verkehr in einem einheitlichen vom Staat geschaffenen Wirtschaftsgebiet ohne Binnenzölle gefördert sehen. Dies stärke auch die Finanzkraft des Staates, der zur Wahrnehmung seiner Funktionen besonderer Geldmittel bedürfe. Letztlich sichere nur Geld im Kasten – in der Kammer – des Monarchen dessen Souveränität und die Wohlfahrt der Bürger (Kameralisten). Die Physiokraten messen wieder besonders der Landwirtschaft als allein natürlichem und daher in Wahrheit einzigem Produktionsfaktor entscheidende Bedeutung zu. Die Förderung des Bauernstandes müsse ein besonderes Anliegen des Staates sein. Die Kameralisten verarbeiteten und kommentierten die Erkenntnisse des Reichskammergerichts. Sie erreichten große Bedeutung für die Praxis, und zwar auch in Gebieten mit einer Exemtion vom Reichskammergericht wie in den habsburgischen Ländern. 44. Populäre Rechtswissenschaft Populäre Schriftsteller bereiteten den Rechtsstoff für den Gebrauch auch in den unteren Gerichten auf. Hierher zählen vor allem der Laienspiegel des Stadtschreibers von Nördlingen sowie der Klagspiegel eines unbekannten Juristen. Auch die deutschen Übersetzungen der Institutionen, des damaligen Standardlehrbuchs, trugen zur Verbreitung der Rechtskenntnisse bei, und zwar in steigender Zahl ab der ersten Übersetzung 1519. Gleiches gilt für die deutschen Institutionen-Bearbeitungen durch das Weglassen unaktueller Teile, aber unter Einbeziehung territorialer Rechte. 45. Landrechts- und Stadtrechtsreformationen Nahezu typische oder jedenfalls vorrangige Privatrechtsgesetze waren die Landrechtsreformationen als Verbesserungen von bereits aufgezeichnetem Landrecht. So verbesserte die Bayerische Landrechtsreform das Oberbayrische Landrecht, eher punktuell gehalten war die Constitutio Joachimica, die Kursächsischen Konstitutionen kompilierten das vorhandene Sächsische Recht. Stadtrechtsreformationen analog zu den Landrechtsreformationen erneuerten die vorhandenen Stadtrechte vor allem in den Reichsstädten. Zu den ersten Stadtrechtsreformationen zählt die von Nürnberg, sehr dem Gemeinen Recht verbunden ist die von Frankfurt/Main, bedeutsam die von Freiburg/Breisgau, da von dem Humanisten Ulrich Zasius verfasst. Eine typische stellt auch das neue Stadtrecht von Pettau als Erneuerung des alten Stadtrechts. 46. Usus modernus pandectarum in Österreich Dieser verband Gemeines Recht mit den heimischen Rechtskreisen. Das neue hierbei ist in der wissenschaftlichen Einbeziehung des HeimischDeutschen Rechts zu sehen und in seiner Verbindung, teilweise in seiner Verschmelzung mit dem Gemeinen Recht. Ziel dieser ersten relativ eigenständigen deutschen Privatrechtswissenschaft war das Bereitstellen eines Privatrechts für die Praxis, einer wie man es nannte, nova practica für den Gerichtsgebrauch als Jurisprudentia Romano Germanica Forensis. Die hierfür benötigte entstammte dem Gemeinen und dem Heimisch-Deutschen Recht, die Methode entsprach dem exegetischen mos italicus der Legistik, aber eine oft distanzierte Verwendung des Gemeinen Rechts und eine Bevorzugung des Heimisch-Deutschen Rechts ist dem Einfluss des mos gallicus zuzuschreiben. Systematisierungen lehnten sich zum Teil an die ramistische Methode an. Eine deutsche Fachsprache anstelle des Latein und der römischrechtlichen Begriffe wie in der Übersetzung der Institutionen entsprach auch in Luthers deutscher Bibelübersetzung sichtbaren Zeitgeist. Das Ius Romano-Germanicum entstand im 16. Jahrhundert; sein Ende kam mit den naturrechtlichen Kodifikationen. In Österreich und Steiermark war Bernhard Walther der erste bedeutende Jurist: In ihm vereinigten sich Wissenschafter und Praktiker, da er sowohl als Professor für die Institutionen an der Universität Wien tätig war wie als Regierungskanzler in Wien und Graz. Seine zahlreichen Traktate privat- und prozessrechtlichen Inhalts galten wegen ihrer Güte und Anwendbarkeit in der Praxis alsbald als Goldene Traktate. Sie halten den österreichischen Landesbrauch fest und ergänzen ihn um Gemeines Recht. Große Bedeutung erlangten um 1700 Rechtslexika wie von Nikolaus Beckmann. 47. Landrechtsentwürfe Landrechte stellten im Unterschied zu den Landrechtsreformationen Neuschöpfungen dar, in denen sich freilich auch bisheriges Recht neben Gemeinem Recht findet. Es kam zu vier Landrechtstexten in Österreich unter bzw. ob der Enns von 1526 bis 1654, d.h. zur Ausarbeitung neuer Landrechte in der Regel auf der Initiative der Landstände, die aber alle vom Landesfürsten nicht sanktioniert wurden und somit Entwurf blieben, aber in der Praxis Verwendung fanden, nur Teile des Entwurfs 1654 wurden Gesetz. 48. Ius Romano-Germanicum in der Praxis Es entstand das Problem des Verhältnisses der so geschaffenen Rechtsordnung zur Vertrags- und Gerichtspraxis. Diese grundsätzliche

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Spannung trat ab dem 16. Jahrhundert verschärft als Kluft in Erscheinung, da einerseits die Rechtspraxis noch stark in der bisherigen Übung des heimisch-deutschen Gewohnheitsrechts wurzelte, andererseits aber die Rechtswissenschaft und Gesetzgebung aus dem vielfach andersartigen Gemeinen Recht schöpften. Rasche Aufnahme: Eine solche fand dort statt, wo keine Regelungen des bisherigen Rechts gab und das neue Recht in notwendiger Weise eine spürbare Lücke füllte wie etwa im Falle des Ehegattenerbrechts. Gleiches trifft zu bei bisher ähnlichen Regelungen, die durch das neue Recht präziser gefasst oder fortentwickelt wurden. So ersetzte den Rechtserwerb kraft Verschweigung die Ersitzung, es konnte das ohnedies bereits besitzlose Pfand der jüngeren Satzung als Hypothek verstanden werden, das Heiratsgaben als Dotalsystem. Zögernde oder teilweise Annahme: Zu dieser kam es dann, wenn das neue zwar gegen das bisherige Recht verstieß, aber dennoch als zweckmäßig angesehen wurde. (hypotheca tacita, Generalhypothek). Die Neukonstruktion des condominium plurium in solidum blieb in der Praxis auf das Lehensrecht beschränkt. Das Ehegattenerbrecht setzte sich nur sehr zögernd durch. Modifikation: In manchen Fällen änderte oder ergänzte die Praxis die neuen Institutionen so, dass sie mit ihnen die bisherigen Zwecke weiterverfolgen konnte. Trotz des neuen personenbezogenen Erbeinsetzungs-Testaments blieb es bei den Wirkungen des vermögensbezogenen Geschäfts durch dessen Umwandlung in ein Verteilungstestament. Ablehnung: Zu dieser kam es, wenn das neue Recht nicht nur zum bisherigen, sondern auch zu wirtschaftlichen Notwendigkeiten grob in Widerspruch trat. Daher blieb das Liegenschaftsrecht weitestgehend dem Heimisch-Deutschen Recht verhaftet, insbesondere dann, wenn ein gut ausgebildetes Grundbuchswesen wie in den meisten Städten und Grundherrschaften bestand. So griff kein Vorrückungsprinzip im Grundpfandrecht platz, da die Publizität des Grundbuchs stärker war als die Akzessorietät des Pfandrechts. Auch gab es weiterhin Gütergemeinschaftsverträge entgegen dem Verbot des Gemeinen Rechts. 49. Ergebnisse der Rezeption siehe vorherige Fragen 50. Nationalisierung des gemeinen Rechts in Europa/ Rechtsdualismus in Deutschland siehe vorherige Fragen

V. Skandinavisches Recht
51. Skandinavisches Recht (Wesen) Eines der Wesensmerkmale bildet die frühe und wiederholte Verfestigung des heimischen Rechts durch Gesetzgebungsakte mit über die Ländergrenzen hinausgehenden Vereinheitlichung, die selbst in der Neuzeit nahezu unbeeinflusst blieben vom Gemeinen Recht, ja sogar von jeglicher Rechtswissenschaft überhaupt. Eine große Rolle des Richterrechts: Da die Gesetzbücher von 1683/87 beziehungsweise 1734 bald veraltet waren und es zu keinem Erlass neuer Gesetzbücher kam, erfolgt die Rechtsfortbildung hauptsächlich durch die Gerichte mittels weiter Auslegung vielfältiger Analogie und Obsoleterklärungen mancher Bestimmungen zufolge der entgegenstehenden Gewohnheit. Der Gerichtspraxis kommt damit eine größere Rolle zu als ansonsten in Kontinentaleuropa. Die Bedeutung der Rechtssprechung stellt eine gewisse Ähnlichkeit zum Common Law her, doch blieb, anders als bei diesem, stets eine Bindung an Gesetze aufrecht. Das Richterrecht fungiert als Gesetzesmodifikation und Lückenfüllung. Auch werden Einzelgesetze als Ausdruck neuer Rechtsgedanken gewertet und diese verallgemeinert, was ein Abweichen von der bisherigen Gerichtspraxis zur Folge haben kann. Ein drittes Wesensmerkmal ist die spezifische Bedeutung der Rechtswissenschaft, die erst spät gegen 1800 einsetzt, hier auf die bereits gefestigte Rechtssprechung stieß und weitestgehend über diese wirksam wurde. Ihre Rolle liegt daher besonders darin, der Rechtssprechung die Methodik zur Rechtsanwendung vorzuzeichnen. Sie entwickelte eine pluralistische Rechtsquellenlehre, kraft welcher Gesetzgebung, Gerichtspraxis und Rechtswissenschaft sowie über diese sogar auch vorbereitende Gesetzesmaterialien, etwa Motivberichte, zur Rechtsgeltung beitragen.

VI. Common Law
52. Common law (Entstehung, Wesen) Die Ausgangslage Englands unterschied sich nicht von der Situation am Kontinent: Das Recht bestand aus lokalen Gewohnheitsrechten mit einem Ursprung in den Rechten germanischer Stämme, der Angeln und Sachsen. Die normannische Eroberung 1066 bestimmte jedoch als äußert entscheidendes Ereignis: Die neue Herrschaft der Normannen, des Königs und seiner Barone als ihm streng untergeordnete Vasallen, über die anglosächsische Bevölkerung trug anfänglich die Züge eines Besatzungsregimes. Sie war auf den König bezogen und daher zentralistisch organisiert. Damit entstand eine wirksame zentralisierte Gerichtsbarkeit, ausgestattet mit königlicher Autorität. Sie verlieh der Gerichtsbarkeit besondere Effizienz, was ihr Vorrang und Vorzug vor den traditionellen lokalen Gerichten gab. Die königlichen Gerichte waren für ganz England zuständig, so dass allmählich als gemeinsames Recht für ganz England nur jene Gewohnheitsrechtssätze galten, nach welchen die Royal Courts urteilten. Überdies wurde die königliche Gerichtsbarkeit kraft Delegation von reisenden Richtern ausgeübt. So entstand ein Common Law, das heißt ein allgemeines Recht für ganz England durch die Rechtsprechung und nicht wie am Kontinent im Falle der regionalen Rechtsfamilien durch die Übernahme von Rechtsaufzeichnungen. Hervorstechendes Merkmal des Common Law ist seine umfassende Gerichtsbezogenheit. Es ist Richterrecht und damit Fallrecht und verstärkt durch den Grundsatz der Bindung an Vorentscheidungen (Präjudizien): rule of precedents. (stare decisis). Verfahrensbegründende writs verstärkten den Gerichtsbezug. Die Royal Courts konnten nur aufgrund von writs, das heißt aufgrund königlicher Anweisungen zum Prozessablauf, tätig werden, die sehr konkret und formelhaft gefasst waren. Mit dieser Strengen Formalisierung der writs erstarrte das Common Law. Daher entwickelte sich ab dem Spätmittelalter daneben die Equity Rechtssprechung als eine Ergänzung des alten Law des Königs nach Billigkeit durch dessen Kanzler in Ausbildung eines eigenen writ of subpoena und eines weiteren Gerichts, dem Court of Chancery.
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Die neuen Institutionen der Equity samt jenen des alten Law bildeten nun zusammen das Common Law. Aus der permanenten Gerichtsbezogenheit ergibt sich als weiteres Charakteristikum des Common Law nahezu ein Vorrang des Verfahrensrechts vor dem materiellen Recht durch die Bedeutung der Rechtssprechung wegen des – kasuistischen und daher lückenhaften – Fallrechts und besonders zufolge des Writ-Systems: Kein konkreter materieller Rechtsanspruch ohne spezifisches formelles Verfahrensmittel. Ein weiteres Kennzeichen ist der gerichtsgeschulte Juristenstand mit einer Ausbildung an der Rechtssprechung. Diese Ausbildung besorgten Juristenvereine gleich Handwerkszünften. Die Ausbildung der Juristen erfolgte in ähnlicher Weise durch Juristenvereinigungen, vor allem in Inns of Courts, d.h. in Internatsschulen bei den Gerichten unter deren Aufsicht. Die Vielfalt der Gerichte wie das Tätigsein der Juristen einerseits vor Ort andererseits vor den zentralen Gerichten bewirkte eine Differenzierung des Juristenstandes. Die Entwicklung mündete schließlich darin, dass die Absolventen der Inns of Courts die Barristers nur im Gericht agieren und die Law Society die nur außerhalb der Gerichte wirkenden solicitors ausbildet. Gerichtsorientierte Rechtsquellen: Year Books hielten Richterrecht fest. Das Statute law als punktuelle Gesetzgebungsakte trat ab etwa 1400 ergänzend und selten zum Richterrecht hinzu: Statutes suchten bestimmte Entwicklungen des Richterstandes einzudämmen, geriet aber in dessen Sog und wurden so von ihm modifiziert. Books of Authority: bestimmte, als besondere Autoritäten eingestufte juristische Werke, fungierten als weitere Rechtsquellen, und zwar deshalb weil sie das Fallrecht übersichtlich zusammenfassten.

VII. Naturrecht
53. Naturrecht als Vernunftrecht Wesensmäßig ist das neuzeitliche Naturrecht säkularisiertes Vernunftrecht: Es hatte sich von der Idee eines göttlichen Naturrechts abgekoppelt, und zwar dadurch, dass es Rechtsprinzipien und Rechtssätze allein aus der Natur des Menschen, aus seinem natürlichen Verhalten, d.h. aus der menschlichen Vernunft herleitete. Nur diese sei maßgebend, nicht etwa die Autorität allein aufgrund der Tradition. So wir das Vernunftrecht der juristische Ausdruck der Aufklärung vor allem durch das Umsichgreifen der Vorstellung, der Mensch als vernunftbegabtes Wesen sei das Maß aller Dinge. Seine Vertreter nannten das von ihnen erarbeitete Recht zwar Naturrecht, die Natur lag aber im Sinne der Aufklärung im Menschen und somit in der Vernunft begründet. Rechtsbeziehungen werden zurückgeführt auf die freie Willensentscheidung des Menschen als Ausfluss seiner persönlichen Freiheit und Gleichheit in Verbindung mit einem freien, d.h. frei verfügbaren Vermögen als ökonomischer Basis. Im Zentrum der Theorie des Vernunftrechts stehen daher als angeborene Rechte, die Rechtssubjektivität des Menschen, die Vertragsfreiheit als freie Gestaltungsmöglichkeit, die Freiheit des Eigentums. Diese Elemente verbindet das Gesellschaftsrecht als die Basis für notwendige Bindungen und Zusammenschlüsse. Allerdings wird tatsächlichen Gegebenheiten durch Fiktionen Rechnung getragen wie etwa die Rückführung des Staates auf fingierte Gesellschafts- und Unterwerfungsverträge, das gesetzliche Erbrecht auf den vermuteten Willen des Erblassers. Aus diesen grundlegenden Rechtspositionen wurden die einzelnen Rechtssätze mittels Deduktion, d.h. in logischer Ableitung und damit auf systematischem Wege gewonnen, gleichsam more geometrico konstruiert. Einige Naturrechtler beschritten auch den Weg der Induktion, d.h. sie trafen allgemeine Feststellungen aufgrund einzelner Fälle: Was in vielen Fällen aus möglichst unterschiedlichen Gegenden übereinstimmt, galt als vernunftgemäß. Das ältere absolute Naturrecht ging davon aus, dass seine Aussagen als richtig eine von Zeit und Raum unbeeinflusste Bedeutung hätten, d.h. immer und überall gelten müssten, dies brachte eine gewisse Starrheit mit sich. Das jüngere relative Naturrecht beachtete die Unterschiede in der Entwicklung der Völker und die geographische Situation der Länder, was ihm Elastizität verlieh. In der Privatrechtswissenschaft wirkte das Naturrecht vor allem ordnend, katalogisierend und systematisierend. Es vereinfachte das Gemeine Recht durch Ausscheiden der für vernunftwidrig bzw. unvernünftig gehaltenen Institute wie Sklaverei bzw. der stillschweigenden Hypotheken. 54. Kodifikation Die Rechtswissenschaft mit ihren naturrechtlichen Ergebnissen ermöglichte die Reduktion der Masse des Ius Romano-Germanicum, die Systematisierung des Privatrechtsstoffes, die logische Verknüpfung von Rechtssätzen zu einem Organismus mit Anspruch auf ewige Geltung und damit eine besondere Gesetzgebung, nämlich die der Kodifikation: Sie ist eine spezifische Rechtsquelle durch die Regelung eines umfassenden Rechtsgebietes in einem Gesetzbuch mittels Rechtssätzen in einer geschlossenen Systematik unter Ausschluss anderer Rechtsquellen; Systematik und Konstruktion der Rechtssätze sollen die Rechtsanwendung erleichtern und es ermöglichen Ungenauigkeiten und Lücken durch Ableitungen aus der Kodifikation selbst auszugleichen. Ein Gesetzbuch ist daher nur dann eine Kodifikation, wenn sie diese Ausschlusswirkung besitzt. Mit ihr soll Rechtsklarheit geschaffen und der Rechtsquellenpluralismus etwa des Ius Romano-Germanicum beendet wird. Die Kodifikationen wurden durch die Verbindung der Rechtswissenschaft mit dem aufgeklärten-absoluten Staat realisiert, da dieser zur Ausübung planmäßiger Herrschaft gerade einen Bedarf an derartigen Gesetzen hatte, zumal dann, wenn er wie die preußische oder die habsburgische Monarchie mehrere Länder mit unterschiedlichen Rechten umschloss, an deren Stelle ein einheitliches Recht zu setzen war. Zur Rechtswissenschaft trat weiters die Gesetzgebungslehre, die technisch-sprachlich sehr wesentlich die Abfassung der Kodifikationen in knapper begrifflicher Sprache ermöglichte. Am Wege zur rechtsvereinheitlichenden Privatrechtskodifikation war eine Reihe von Hürden zu überwinden, nämlich ständische und lokale Sonderrechte mit dem entsprechenden Widerstand des Adels, der Kirchen, lokaler Herrschaften, dann die Bedenken der konservativen gegen die fortschrittliche Beamtenschaft. Letztlich gab es das Problem einer neuartigen Gesetzgebungstechnik, für die es weitestgehend kein Vorbild gab. 55. Institutionen-/Pandektensystem Ein wesentliches Ergebnis des Naturrechts ist die Neudarstellung des Privatrechts zur Vermeidung einzelfallbezogener Kasuistik u.a. mit der Gewinnung Allgemeiner Lehren. Zeiller beispielsweise unterschied grundsätzlich nach Rechtssubjekten und Rechtsobjekten in Personen- und Vermögensrechte; dem entspricht die Einteilung des ABGB unter Beifügung gemeinsamer allgemeiner Bestimmungen. Eine andere Gliederung zerteilt das Vermögensrecht in Sachenrecht, Schuldrecht und Erbrecht und reduziert das Personenrecht durch seine Aufnahme in einen Allgemeinen Teil auf das Familienrecht. Diese Fünfteilung wurde einer Darstellung der Pandekten zugrundegelegt, und erhielt den Namen Pandektensystem, obwohl von venunftrechtlicher Herkunft und weder in den Pandekten vorhanden noch aus ihnen gewonnen. 56. Dogmatische Ergebnisse im Privatrecht Im Personen- und Familienrecht steht die Lehre von der Rechtspersönlichkeit des Individuums im Zentrum, woraus einzelne Persönlichkeitsrechte

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wie das Recht auf Leben, auf Ehre, auf Glückseligkeit abgeleitet werden. Die Verwandtschaftsbeziehungen werden more geometrico im Parentelensystem konstruiert. Ein neuartiges Gesellschaftsrecht verstand Ehe, Familie, Hausgemeinschaft, Handelsgesellschaft letztlich den Staat als Gesellschaften mit identischen Grundregeln. Dies führte zum Ende des kirchlichen Eherechts: Die Ehe gilt wie auch andere Gesellschaften als Vertragsverhältnis, sie kommt durch Willensübereinkunft unter Einhaltung von Formvorschriften zustande und kann geschieden werden. Das Vertragsrecht wird von der Vertragsfreiheit beherrscht: Der Vertrag beruht allein auf der Willenserklärung und ist daher stets Konsensualvertrag. Es existiert kein Typenzwang. Das Schadenersatzrecht geht von einem allgemeinen privatrechtlichen Deliktsbegriff aus, der anstelle einzelner kasuistischer Tatbestände Voraussetzung der Schadenersatzpflicht ist. Dem Vermögensrecht liegt als Folge der Zweiteilung Rechtssubjekte/Rechtsobjekte ein weiter Sachbegriff zugrunde, da, Alles was von der Person unterschieden ist, folglich als Sache zählt so dass er Rechte als unkörperliche Sachen erfasst. Weiters gibt es einen Besitz an Rechten, womit der Rechtsbesitz erklärt und erweitert ist und damit der Besitzschutz. Das gesetzliche Erbrecht folgt dem Parentelensystem.

VIII. Naturrechtliche Kodifikationen
57. Codex Maximilianeus Bavaricus Civilis Es war das Bayerische Zivilgesetzbuch von 1756, der Vorläufer der Kodifikationen, der unter Kurfürst Maximilian III. von Bayern von dem Juristen Wiguläus Kreittmayr erarbeitet wurde. Er ist zwar ein Gesetzbuch, ab keine Kodifikation zufolge der subsidiären Fortgeltung lokaler Rechte wie auch des Gemeinen Rechts. Dieses Gesetzbuch galt in Bayern bis zum Inkrafttreten des BGB am 1.1.1900. 58. ALR 1788 lag der Entwurf für ein Allgemeines Gesetzbuch für die Preußischen Staaten vor, es sollte 1792 in Kraft treten, die französische Revolution verzögerte dies. Als ALR wurde es 1794 Gesetz. Das ALR ist keine reine Privatrechtskodifikation, sondern enthält auch Strafrecht, Kirchenrecht und Verwaltungsrecht wichtige Bereiche des Öffentlichen Rechts, zum Teil auch den Monarchen bindendes Verfassungsrecht. Es ist eine umfassende gesetzliche Regelung der gesamten Gesellschaftsordnung und daher an deren ständischer Gliederung in vor allem Adel, Bürger und Bauern orientiert, für die es jeweils eigene Abschnitte enthält. Insgesamt entspricht es als Gesamtkodifikation eher noch dem älteren Typ der umfassenden Landesordnung. Die Regelungen sind zum Teil sehr detailliert, belehrend und kasusistisch. Der somit umfassende Inhalt versteht sich aus aufklärerischer Staatsallmacht und frühen rechtsstaatlichen Bemühungen: Das Gesetz sollte herrschen, nicht die Behörden, und daher möglichst vielen Fällen Rechnung tragen (20000 Paragraphen). Neben diesem galten meist noch Provinzialrechte weiter fort – die Rechtsvereinheitlichung war daher in Preußen keineswegs durchgehend verwirklicht. Es unterlag schon bald tiefgreifenden Umwandlungen. Insgesamt war ein Zerfall des ALR als Gesamtkodifikation eingetreten. Eine amtliche Ausgabe von 1862 musste demnach zahlreiche Bestimmungen als abgeändert oder aufgehoben bezeichnen und charakterisierte es als Gesetzbuch, in dem selbst der Jurist sich nur mühsam zurecht findet, der Laie aber unmöglich sich zu orientieren vermag. 59. Code civil Frankreich zerfiel in zwei große Rechtsgebiete des Droit coutumier und des droit ecrit. Dazu kam im Anschluss an die Französische Revolution eine Flut an systemlosen, maßnahmerechtsähnlichen Spezialgesetzen. So wurde nun auch in Frankreich die Rechtsvereinheitlichung ein Anliegen. Erst nach der Revolutionszeit zeitigten sich in der stabileren innenpolitischen Situation unter dem Ersten Konsul Napoleon Bonaparte die schon vorher angelaufenen Kodifikationsbemühungen einen Erfolg. Der Code Civil trat 1804 in Kraft (auch Code Napoleon). Er war ein reines Zivilgestzbuch und gliedert sich in drei Teile: Personenrecht, Sachenrecht und Obliationenrecht. Das Personenrecht verwirklicht den Grundgedanken der Gleichheit und Freiheit, das Sachenrecht den der Eigentumsgarantie, und das Schuldrecht die Vertragsfreiheit. Mit diesem Inhalt und seinen präzise gefassten rund 2300 Artikeln galt der Code Civil überwiegend als modernstes Zivilgesetzbuch seiner Zeit. Der Code Civil beendete die Zweiteilung des französischen Rechts in droit ecrit und droit coutumier und hob sämtliche Provinzialrechte auf, womit – anders als das ALR in Preußen – die unbedingte Rechtseinheit brachte. 60. Privatrecht vor dem ABGB Der wesentlichste Anstoß zur Kodifikation des Privatrechts erfolgte durch das Bedürfnis nach Rechtseinheit in der Gesamtmonarchie, und zwar im Zeichen der Umwandlung der lockeren Monarchischen Union von Ständestaaten in einen Staat – allerdings Ungarn ausgenommen. Hiezu wurden vor allem ein einheitliches Behördenwesen und ein einheitliches Rechtswesen benötigt, die beide in Wechselbeziehung zueinander standen: Die neuen gesamtstaatlichen Behörden sollten überall das gleiche Recht zur Anwendung bringen. Die unter diesem Aspekt durchgeführten Rechtsreformen schufen besonders Allgemeine Gesetzbücher, das heißt, allgemein-territorial geltendes Recht wie für das Straf- und Strafprozessrecht letztlich das Strafgesetz 1803. 61. Vorarbeiten zum ABGB Die Entstehung des ABGB erstreckt sich von 1753 bis 1811 und zerfällt in zwei große Abschnitte, wovon der erste mit dem Teil-ABGB 1786 abschließt, der zweite sodann mit dem ABGB 1811; in jedem dieser Abschnitte existieren vor der abschließenden Kodifikation zwei markante Zwischenergebnisse, nämlich der Codex Theresianus und der Entwurf Horten bzw. der Entwurf Martini und das Galizische Bürgerliche Gesetzbuch 1797. 62. Teil-ABGB Dem Auftrag Maria Theresias von 1753 gemäß war das erste Ergebnis der Codex Theresianus Entwurf von 1766: Seiner weitschweifenden Kasuistik und komplizierten Verweisungen wegen erhielt er auf Anraten des Staatsrats keine Sanktion. Die Umarbeitung zum Entwurf Horten reduzierte den Text auf 53 %. Nun wurde mit einem schrittweisen Inkraftsetzen begonnen. So trat zuerst mit dem Erbfolgepatent 1786 das gesetzliche Erbrecht in Kraft. Es folgte das Teil-ABGB 1786. Mit ihm traten am 1.1.1787 neben dem Personen- auch das Familien- und ehegüterrecht in Kraft, es war als erster Schritt zu einem vollständigen ABGB gedacht; die Sanktion des ausstehenden 2. und 3. Teils sollte demnächst erfolgen, unterblieb aber durch den Tod Kaiser Josefs II.

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63. Grundlagen des ABGB Nach dem Tod Kaiser Josefs II. begannen die Arbeiten von neuem. Der Entwurf Martini lag 1796 als Hauptergebnis der neuen Gesetzgebungskommission unter der Leitung Martinis vor. Es gab schließlich ein Bürgerliches Gesetzbuch für Galizien. Dieses trat am 1.1.1798 in ganz Galizien und Bukowina in Kraft. Es ist die erste moderne Privatrechtskodifikation überhaupt. Der Text des GBGB lag gleichzeitig als Urentwurf den weiteren Beratungen zugrunde. Diese zerfielen in drei Lesungen in den Jahren 1801 bis 1811 unter maßgeblicher Beteiligung Zeillers. Nach der Sanktion durch Franz I. und der Publikation des Gesetzbuches in Buchform trat das ABGB am 1.1.1812 in Kraft. Dieses brachte erstmals die komlette Rechtseinheit im Privatrecht, neben ihm galten keine Provinzialrechte fort, betraf allerdings nur den nichtungarischen, als Staat organisierten Teil des Kaisertums Österreich. Der Gliederung des ABGB liegt Zeillers Zweiteilng in Rechtssubjekte und Rechtsobjekte zugrunde. Teil 1: Personenrecht, Teil 2: Sachenrecht in zwei Abteilungen nämlich dingliche Rechte, zu denen auch das Erbrecht zählt bzw. Persönliche Sachenrechte = Schuldrecht, Teil 3: Gemeinsame Bestimmungen zu den ersten Teilen. Diese Formale Dreiteilung erweckt den Anschein, modifiziertes Institutionensystem zu sein 64. Kanon. Recht im ABGB Es prägt das Eherecht durch dessen bewusst konfessionelle Orientierung. Die Ehe galt zwar seit dem Ehepatent 1783 als vertraglich begründetes Rechtsverhältnis, doch kam es nicht zur Einführung der Zivilehe und auch nicht zu einem gleichen Eherecht für alle Konfessionen, vielmehr folgte man weitestgehend deren Eherechtsvorstellungen: Eine Ehescheidung gab es daher nur für Evangelische und Juden, für Katholiken nur die Trennung von Tisch und Bett bei formeller Aufrechterhaltung der Ehe und daher keine Scheidung. 65. Deutsches Recht im ABGB Es bestimmt das Sachenrecht besonders mit der Einrichtung des Grundbuchs, das Ehegüterrecht mit u.a. der sehr detaillierten Regelung des Heiratsgabensystems und das Erbrecht mit dem Erbvertrag und der Kumulation der Berufungsgründe. 66. Naturrecht im ABGB Es beeinflusste die Regeln über die Lückenfüllung, die Rechtsfähigkeit und die Moralische Person, ferner die ehe als Ehevertrag, das allgemeine Vertragsrecht und das gesetzliche Erbrecht durch die Konstruktion des Parentelensystems. 67. Röm. Recht im ABGB Es ist vor allem im Besonderen Schuldrecht mit seinen Vertragstypen und im rechtsgeschäftlichen Erbrecht mit der Unterscheidung in Testament und Vermächtnis von prägendem Einfluss. 68. Geltungsbereich des ABGB im 19. Jahrhundert Das Geltungsgebiet war gemäß dem Titelzusatz des ABGB für die gesamten Deutschen Erbländer der Österreichischen Monarchie von vornherein auf einen bestimmten Länderkomplex der Habsburgermonarchie beschränkt: Es waren dies die bis 1806 zum nun aufgelösten Römisch-Deutschen Reich gehörenden Territorien und die mit ihnen verbundenen Länder wie etwa Galizien und Dalmatien, anders ausgedrückt die als Staat organisierten Länder außerhalb Ungarns, das auch sonst kaum in die Rechtsvereinheitlichung einbezogen wurde Nach 1918 galt es in der Tschechoslowakei und auch in Jugoslawien. Heute steht das ABGB außerhalb Österreichs noch in Liechtenstein in Geltung und sehr punktuell in Slowenien und Kroation.

IX. Vormärz
69. Exegetische Schule Die erste nachkodifikatorische Rechtsschule knüpfte an das Teil-ABGB an. Dieses brachte bereits einen Einbruch in die bisherige Privatrechtswissenschaft, wenngleich nur als erster Teil einer Kodifikation. Damit waren der Wissenschaft neue Quellen (mit dem Erbfolge- und dem Ehepatent) in die Hand gegeben, die erstmals sämtliche der bisherigen Privatrechtsquellen ersetzten. So konnte mit der Bearbeitung des Bürgerlichen Rechts begonnen werden. Tatsächlich setzt der Beginn der Exegetischen Schule gleich 1787 ein. Die Methode der neuen privatrechtswissenschaft ist ausdrücklich die Exegetik des Ius Romano-Germanicum wie sie letztlich auf die Legistik zurückgeht. Der Name Exegetische Schule stammt somit von der Methode. Sie wurde schließlich schriftlich fixiert, und zwar in den Anwendungsregeln der §§ 6 und 7 ABGB. Die Wissenschaft wandte sich begreiflicherweise fast völlig dem Text des ABGB zu. Brachte somit die Methode der Exegetik keine Neuerung, so schuf eine ganz neue Lage der Privatrechtswissenschaft die neue Quellenbasis, erst das Teil-ABGB samt Erbfolgepatent, dann stand mit dem ABGB 1811 das gesamte Bürgerliche Gesetzbuch der Exegetik zur Bearbeitung bereit. Damit war die Rechtswissenschaft erstmals der Suche nach den Rechtsquellen und der Feststellung ihres Verhältnisses zueinander enthoben; die Kodifikation stellte die so gut wie einzige Rechtsquelle dar, durch ihre Verweisungen waren allenfalls noch andere heranzuziehen, wobei aber hier nicht die Wissenschaft, sondern der Gesetzgeber die Auswahl bestimmte. Der Rechtsstoff war nun wesentlich konzentrierter angeboten und in ein geschlossenes System gebracht. Lösungen mussten innerhalb desselben gesucht werden. 70. gesetzgeberische Veränderungen am ABGB Ferner existierte ein besonderes Problem, nämlich die Darlegung des Verhältnisses des aufgehobenen Rechts zum neuen Gesetz. Aber auch zahlreiche andere Fragen taten sich auf wie etwa vermeintliche Widersprüche im ABGB selbst, solche des ABGB zu anderen Rechtsquellen, die Ausdeutung unscharfer und die Klärung des Verhältnisses ähnlicher ABGB Bestimmungen zueinander. Zwar war, wie erwähnt, die Bearbeitungsmethode durch die §§ 6 und 7 grundgelegt, historische Entwicklung und ausländisches Recht, etwa das ALR, wurden aber dennoch zum Verständnis herangezogen. Mit dem neuen Gesetzbuch waren, wie sich bald zeigte, keine problemlosen Zeiten angebrochen. Grundsätzlich musste sich die Rechtswissenschaft selbst und alle vom Bürgerlichen Recht Betroffenen – die juristischen Berufe bis hin zum grundherrschaftlichen Beamten – mit dem neuen Recht vertraut machen. (Kommentare, Vergleichende Werke, Verbindende Werke, Beschreibende Werke).

71. Ital. – österreichische Rechtswissenschaft In Anschluss an das ABGB entwickelte sich nicht nur die Exegetik als hauptsächlich deut-österreichische Privatrechtswissenschaft, sondern ein ebenso bemerkenswerter italienisch-österreichischer Zweig. In Oberitalien traf das ABGB auf eine eigenständige Rechtswissenschaft, die sich knapp zuvor mit dem hier geltenden Codice Civile, dem ins Italienische übertragenen Code Civil, beschäftigt hatte. Nun mussten sie ihre Aufmerksamkeit dem ABGB zuwenden, das in zahlreichen Übersetzungen in italienischer Sprache vorlag. Hervorstechendes Merkmal dieses

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Zweiges der Österreichischen Privatrechtswissenschaft ist die Verbindung des ABGB mit dem Römischen und dem Gemeinen Recht: Vielfach wurde es nur durch deren Brille gesehen und etwa das Heiratsgut der dos gleichgestellt und vor allem mit dem Römischen Recht angenommen, das ABGB regle nur eine Miteigentumsform: das Quoteneigentum. In italienischer Sprache entstanden eine Reihe verbindender Werke gerade zum Gemeinen Recht und auch zum vorausgegangenen Codice Civile. 72. Österreichische Privatrechtswissenschaft im 19. Jahrhundert siehe obere Fragen 73. Rechtsfortbildung im Vormärz Verdeckte Rechtsfortbildung bedeutet, dass nicht offen, bewusst, durch eine ausdrückliche neue Sinngebung das Bisherige verändert wird, sondern vielmehr eine Erläuterung, die nur beschreiben, nicht aber ändern will, dem Bisherigen verdecht ein anderer Sinn unterlegt wird. Dies widerfuhr dem ABGB durch die Exegetik, die damit, in der Meinung das ABGB bloß zu erklären, auch rechtsschöpferisch wirkte. Romanistische Verkürzung – Quoteneigentum Isolierte Wortinterpretation – Gütergemeinschaft auf den Todesfall Herstellung neuer Zusammenhänge – Gesetzliches Verwaltungsrecht des Mannes am Frauenvermögen Neukonstruktion – Eine Person

X. Historische Rechtsschule
74. Historische Rechtsschule Es ist an sich unkorrekt, nur von einer Historischen Rechtsschule zu sprechen, denn es gab deren zwei. Der Name blieb allerdings an jener haften, welche die weitaus größte Bedeutung erlangte, an der Nationalhistorisch-systematischen Rechtsschule: Sie nahm ihren historischen Stoff aus der Rechtsentwicklung eines bestimmte Volkes, um für die geltende Rechtsordnung Begriffe und Rechtssätze in einem systematischen Zusammenhang zu gewinnen und zwar ungehindert durch Kodifikationen allein durch die Rechtswissenschaft. Die welthistorisch-philosophische Rechtsschule: Für sie bestand der historische Stoff aus der Rechtsentwicklung möglichst aller oder doch der wichtigsten Völker und zwar aus deren Gesetzen, um aus dieser Universalrechtsgeschichte im philosophischen Wege die vernünftige Idee, den Geist des Rechts und daraus konkrete Regeln zu erschließen. 75. Savigny und Thibaut Von Savigny stammt das anspruchsvolle Programm mit starker theoretischer Verankerung, beide notwendig durch seine Bevorzugung des antiken Römischen Rechts. Nach Savigny entsteht wie jeder Kulturzweig auch das Recht aus dem Volk, wachse in diesem allmählich, dem Einzelnen unbewusst, jedoch in einem gemeinsamen Bewusstsein heran: Der Volksgeist erzeuge das Recht, und zwar komplexe Rechtsinstitute. Der Gesetzgeber spiele eine zweitrangige Rolle, er könne das vom Volksgeist erzeugte Recht ergänzen oder in bestimmte Formen gießen. Jedenfalls dürfe das Recht nicht bloß logisch konstruiert und durch eine Kodifikation eingefangen werden: Ein derartiger Akt widerspräche dem Volksgeist und verhindere das organische Weiterwachsen des Rechts. Er war daher kodifikationsfeindlich eingestellt und lehnte daher ALR, Code Civil und ABGB ab. Erkannt und wiedergegeben werde das im Volk herangewachsene Recht durch den Juristenstand. Die aus dem historischen Material gewonnen Rechtssätze sind in ein System gebracht. So entwickelte sich die Historisch-systematische Methode: Rechtswissenschaft ist Geschichtswissenschaft und hat für das geltende Recht aus dem historischen Material Rechtssätze zu gewinnen – insoferne ist sie historisch – und diese in einem System zu einer Einheit zu verbinden – insoferne ist sie systematisch. Die systematische Verknüpfung folgte allerdings nicht den historischen Vorlagen sondern logischen Gesichtspunkten. Die Gliederung des Rechtsstoffes verwendete meist das Pandektensystem des Vernunftrechts. Aufgrund des unterschiedlichen historischen Materials bildeten sich zwei Zweige der Historischen Rechtsschule aus: die Pandektistik und die Germanistik. Ein gesamtdeutsches Zivilgesetzbuch sollte die Rechtsvielfalt der deutschen Staaten, ab 1815 des Deutschen Bundes, überwinden. Prominentester Vertreter dieser Idee war Anton Friedrich Justus Thibaut mit seinem Buch „Über die Notwendigkeit eines allgemeinen bürgerlichen Rechts für Deutschland“, verfasst 1814 nach den Befreiungskriegen gegen Frankreich. Der Widerspruch des Kodifikationsgegners Savigny führte zum Kodifikationsstreit. In Deutschland blockierte er die Kodifikationsbewegung, hingegen entstanden anderswo deutschrechtlich beeinflusste Kodifikationen: für den Kanton Zürich das Privatrechtliche Gesetzbuch 1856 und das deutsche „Liv-, Est- und Kurländische Privatgesetzbuch 1864. 76. Pandektistik Diese ist in Anknüpfung an das klassische Römische Recht der romanistische Zweig der Historischen Rechtsschule. Der Name leitet sich von dem als zentral angesehen Teil des Corpus Iuris Civils her: den Pandekten. Ihr Begründer war Savigny, zur Profilierung dieser trug ganz wesentlich sein Schüler Georg Friedrich Puchta bei: Rechtsbildend sei zwar der Volksgeist, doch artikuliere erst der Juristenstand die konkreten einzelnen Rechtssätze und füge sie zu einem System zusammen. Da nämlich der Volksgeist widerspruchsfrei sei, könnten die Begriffe und Rechtssätze durch die Rechtswissenschaft in einen logischen Zusammenhang gebracht werden und überdies einen Begriff aus dem anderen ableiten. Letztendlich sei als Recht das Endprodukt der Rechtswissenschaft, somit Juristenrecht. Es lasse sich in einer Genealogie der Begriffe als Begriffspyramide konstruieren mit dem subjektiven Recht des Rechtssubjekts an der Spitze. Demnach ist die Pandektistik eine sogenannte Begriffsjurisprudenz: Das bedeutet, dass das Recht durch Begriffe erfasst wird und die Rechtsanwendung durch Subsumtion von Sachverhalten unter die Begriffe erfolgt. Da weiters primär die Rechtswissenschaft, nicht die Gesetzgebung das Recht schafft ist die Pandektistik weiters Wissenschaftlicher Positivismus: Nur was die Wissenschaft niederlegt, ist Recht. Als Vorteil wird gesehen, dass die derart aus dem Rechtsstoff selbst entwickelten Begriffe wertneutral, nur dem Rechtssystem verpflichtet und durch ihre logische Verbindung richtig und damit ewig gültig seien. Eine Konzentration auf das Bürgerliche Recht war die Folge der römischrechtichen Quellenbasis, der Pandekten. 77. Germanisten Dieser knüpfte an das Deutsche Recht wie seit dem 17. Jahrhundert geschaffen an und führte damit das Bemühen um eine wissenschaftliche Erfassung des Heimisch-Deutschen Rechts fort – während die Pandektistik mit ihrem Rückgriff auf das antike Römische Recht einen Neubeginn darstellte. Der tragende Grundgedanke der Germanisten bestand in der Benützung des Heimisch-Deutschen Rechts als tatsächlich gelebtes Volksrecht, das Römische Recht wie auch das neugeschaffene der Pandektistik wurden als künstliches Juristenrecht abgelehnt. Die Germanistik umfasste nahezu alle Rechtsbereiche vor allem gelang ihr die Moderne Erschließung neuer Rechtsgebiete zufolge ihrer gegenüber der Pandektistik breiteren Quellenbasis wie insbesonders der Stadtrechte und Stadtrechtsfamilien des Handels-, Genossenschafts- und Wertpapierrechts. Auch die Germanistik entwickelte sich im Zeichen des wissenschaftlichen Positivismus zu einer Begriffsjurisprudenz. Sie stand aber anders als die Pandektistik einer Kodifikation ihres Rechts positiv

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gegenüber. 78. Eichhorn Die Germanistik hatte ihren Begründer in Karl Friedrich Eichhorn mit seiner Deutschen Staats- und Rechtsgeschichte, deren Titel auf die insbesondere auch das Staatsrecht einbeziehende Betrachtung hinweist, das einen wesentlichen Bestandteil des Deutschen Rechts der Germanistik ausmachte. Seine Einleitung in das deutsche Privatrecht (1823) stellte als zentrales Anliegen der Germanisten auf germanistischer Grundlage das geltende Recht dar.

79. Begriffsjurisprudenz siehe vorherige Fragen 80. Positivismus siehe vorherige Fragen 81. Ergebnisse der Pandektistik/Germanistik Die historische Rechtsschule zeitigte vielfältigste Auswirkungen. Dazu zählen: Entstehung der Wissenschaftsdisziplin Rechtsgeschichte: Sie entwickelte sich nunmehr als eigener Teil der Jurisprudenz im Zusammenhang mit der Geschichtswissenschaft. (Ausgabe historischer Rechtsquellen, zahlreiche rechtshistorische Monographien und Gesamtdarstellungen) Ausbau des modernen Zivilrechts: Die Methode der Begriffsjurisprudenz führte zu einer Verfeinerung und Differenzierung zivilrechtlicher Institutionen und Begriffe. Die Zweiteilung in Romanisten und Germanisten führte zu einer Arbeitsteilung: Die Romanisten pflegten im Wesentlichen das Bürgerliche Recht; die Germanisten beschäftigten sich hievon mit den im Deutschen Recht entwickelten Teilen wie vor allem dem Sachenrecht, ferner mit anderen Gebieten des Privatrechts, nämlich dem Handels-, Wertpapier- und Gesellschaftsrecht. Anfänge eines Sozialrechts durch die Germanisten: Den Begriff prägte Otto von Gierke der auf die sozialen Aufgaben des Privatrechts hinwies. Insgesamt lehnten die Germanisten, die allein individuelle Sicht aufgrund des Römischen Rechts zugunsten einer auch genossenschaftliche Haltung ab. Vorbereitung der Privatrechtseinheit: Mittels der historisch-systematischen Methode entstanden über die Darstellungen des einzelstaatlichen Privatrechts hinaus die des Deutschen Privatrechts der Pandektisten und Germanisten.

XÍ. Pandektistische Kodifikationen
82. DB und PR-Vereinheitlichung Im Rahmen des Deutschen Bundes wurde die Allgemeine Deutsche Wechselordnung 1848 und das Allgemeine Deutsche Handelsgesetzbuch 1861 geschaffen, welche die Einzelstaaten in ihrem Bereich in Kraft setzten. Zum Handelsgesetzbuch sollte ein Obligationenrecht treten, der entsprechende Entwurf war 1866 in Dresden fertiggestellt, doch zufolge des Endes des Deutschen Bundes noch 1866 nicht mehr beschlossen worden. Die Deutschen Einzelstaaten bemühten sich um den Erlass eigener Privatrechtskodifikationen analog zu ALR bzw. ABGB. Die Arbeiten zogen sich jedoch lange hin, was einerseits an den parlamentarischen Beratungen, andererseits an der Hinwendung zur aufkommenden Pandektistik lag. In Preußen sollte, ein Bürgerliches Gesetzbuch das ALR ersetzen, was Savigny, nun Gesetzgebungsminister, verhinderte. In Kraft trat daher nur, und zwar als erste pandektistische Kodifikation 1865 das Bürgerliche Gesetzbuch für das Königreich Sachsen. 83. PR-Situation in Deutschland vor dem BGB Das deutsche Reich erbte die Rechtszersplitterung des Deutschen Bundes. Im Privatrecht wurden Mehrere Rechtsgebiete unterschieden: Das Gebiet des ALR umfasste als das größte Rechtsgebiet nahezu ganz Preußen Das Gebiet des Rheinischen Rechts bestand aus den Geltungsgebieten des Code Civil und des Badischen Landrechts; Zum Gebiet des Gemeinen Sachsenrechts hauptsächlich aufgrund des bearbeiteten Sachsenspiegels zählten die kleineren Staaten in Thüringen und Kgr. Sachsen. Das Gebiet des Gemeinen Rechts als zweitgrößtes Rechtsgebiet umfasste die Staaten ohne Kodifikationen wie Hannover oder Kur-Hessen Dazu kamen noch Gebiete zersplitterten lokalen Rechts wie etwa Bayern. 84. Vorstufen des BGB Die Rechtsvereinheitlichung erfolgte schrittweise, da vorerst einzelne Materien als nicht oder nur schwer zu vereinheitlichen galten wie das Liegenschaftsrecht, das Ehegüterrecht und das Erbrecht. Sie begann mit dem Personenstands- und Eherecht 1875: Insbesondere wurde damit die obligatorische Zivilehe durch den Standesbeamten eingeführt. So schickte man sich an, ein einheitliches Bürgerliches Gesetzbuch und ein neues Handelsgesetzbuch zu schaffen. Beide entstanden ab 1874 in mehreren Kommissionen. Die ersten Entwürfe des BGB waren noch stark von der Pandektistik beeinflusst gewesen, so dass sie technisch einen hohen Abstraktionsgrad mit zahlreichen Verweisungen aufwiesen und inhaltlich die individuelle Rechtsmacht betonten, so etwa die des Käufers mit dem Prinzip Kauf bricht Miete. Kritiken bewirkten stärkere soziale Bezüge. Das BGB ist das bedeutendste der pandektistischen Kodifikationen. Es wurde 1896 sanktioniert und publiziert und trat samt einen Einführungsgesetz und dem HGB am 1.1.1900 in Kraft. Es gliedert sich nach dem Pandektensystem in Allgemeinen Teil, Schuldrecht, Sachenrecht, Familienrecht, Erbrecht und wendet sich mit seiner Präzision der Fachsprache und der Fachdogmatik an den gelehrten Juristen. Als Kodifikation setzte das BGB das bisher geltende Bürgerliche Recht im Deutschen Reich außer Kraft wie insbesondere das ALR, den Code Civil und das Gemeine Recht. 85. ZGB (OR)/Schweiz Wie in Deutschland manche Länder so hatten in der Schweiz einzelne Kantone Privatrechtsgesetzbücher erlassen, und zwar teilweise nach dem Vorbild des ABGB und teils nach dem Vorbild des Code Civil. Das Zivilstands- und Eherecht wurden 1874 vereinheitlicht und damit für die gesamte Schweiz die obligatorische Zivilehe vor dem Traubeamten eingeführt. Ähnlich wie 1866 für den deutschen Bund mit dem Dresdner Entwurf geplant, wurde mit dem Obligationenrecht 1883 das Schuldrecht samt Handelsrecht und auch das Mobiliarsachenrecht vereinheitlicht, und zwar nach dem Vorbild des Code Civil und des Dresdner Entwurfs. Die Initiative zur Vereinheitlichung des gesamten Privatrechts ging aus von dem zu diesem Zweck verfassten Werk der Schweizer Rechtswissenschafters und Politikers Eugen Huber.

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Das ZGB gilt daher anders als das BGB nicht so sehr als Ergebnis von Kommissionsberatungen, sondern als das Werk eines einzelnen Mannes. Das ZGB trat am 1.1.1912 in Kraft. Gleichzeitig wurde das OR durch ein revidiertes OR ersetzt, der ausstehende Teil folgte 1937. Das ZGB gliedert sich nach einem modifizierten Pandektensystem: Personenrecht, Familienrecht, Erbrecht, Sachenrecht. Das Schuldrecht enthält das OR. Es fehlt somit ein Allgemeiner Teil: Dies bewusst, denn sie sollten volkstümlich und leicht verständlich sein. Anders als das BGB wendet sie sich besonders das ZGB primär nicht an Fachjuristen, sondern an die Bürger. (stärkere Bindung an das Heimische Recht, starke Betonung des Familienzusammenhanges etwa durch den hohen Pflichtteilsanspruch). 86. Teilnovellen zum ABGB In den nächsten Jahrzehnten beherrschte die pandektistische Methode die österreichische Zivilistik. Vielfach maß man das ABGB nun an der pandektistischen Systematik und Begrifflichkeit und fand, dass es diesem Maßstab nicht genüge. Die Folgen waren eine Pandektisierung des ABGB Rechts und zeitweise die Forderung, das ABGB durch eine neue Kodifikation zu ersetzen, die sich schließlich zur Teilnovellierung abschwächte. In Österreich wurde vorerst eine padektistische Totalerneuerung eingemahnt. Dazu traten wirtschaftliche Überlegungen sowie im Sinne des Gleichheitssatzes die Forderung nach einer Reform des Eherechts durch dessen Entkonfessionalisierung, womit besonders die Einführung der Scheidung auch für Katholiken gemeint war. Im Gegensatz dazu aber ersetzte vorübergehend ein eigenes Ehegesetz für Katholiken 1855 für diese das ABGB-Eherecht durch am Kanonischen Recht orientierte Regeln samt kirchlicher Ehegerichtsbarkeit. Notzivilehe 1868: Im Falle der Verweigerung der Trauung durch den Priester konnte die Eheschließung vor dem Bezirkshauptmann stattfinden. Die eingeschränkte obligatorische Zivilehe 1870 nur für konfessionslose und Angehörige nicht anerkannter Religionsgesellschaften folgte dem Vorbild der Notzivilehe. Die große Reform des Bürgerlichen Rechts erfolgte schließlich nicht durch eine Totalerneuerung, sondern durch eine Novellierung einzelner Teile des ABGB. Als nämlich um 1880 die Materialien zur Enstehung des ABGB publiziert wurden, trat zu Tage, dass im Zuge der Kodifikationsentwicklung das Gemeine Recht zum Teil bewusst fortgebildet und nicht missverstanden worden war. Diese ursprünglich als komplette Teilerneuerung trat, teils bedingt durch den 1. WK, schrittweise in Kraft. Vorgezogen wurde aus Gründen der Wohnungspolitik das Baurechtsgesetz 1912. Die Neuerungen betrafen das Personen- und Erbrecht 1914, Grenzziehungsregelungen 1915 und das Sachen- und Schuldrecht 1916. Mit diesen war das ABGB wieder auf die Höhe der zeitgenössischen wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Anforderungen gebracht worden, letzteres insbesondere durch eine durchgehend verbesserte Begrifflichkeit. Abermals fand trotz Diskussion keine Reform des Eherechts statt. Zur Einführung der obligatorischen Zivilehe kam es erst durch das deutsche Ehegesetz 1938.

X. Reaktionen auf die Historische Rechtsschule
87. Reaktionen auf die Pandektistik Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts kam es zu Kritik an der Methode der Begriffsjurisprudenz: Es genüge nicht, das Recht in Begriffen einzufangen, die Rechtssätze logisch voneinander abzuleiten und Fälle durch mechanische Subsumtion unter diese Rechtssätze zu lösen. Man werde auf diese Weise dem sozialen Leben nicht gerecht, welches nicht durch logische Begrifflichkeit, sondern durch Interessen, Wertungen und schlechthin gelebtes Recht gekennzeichnet sei. 88. Interessen- und Wertungsjurisprudenz Die Rechtsentstehung sei durch widerstreitende Interessen bestimmt, durch einen Kampf ums Recht, in dessen Nachvollziehung man den Zweck im Recht als den Schöpfer des ganzen Rechts aufgrund soziologischer Betrachtung finden könne. Dieser Zweck leuchte letztlich hervor aus den Motiven und Absichten des Gesetzgebers, der den Interessenausgleich zu interpretieren, also die teleologische unter eventueller Hinzuziehung der historischen Interpretation anzuwenden, und ebenso Lücken zu schließen. Die Interessen werden damit zu den kausalen Faktoren der Rechtsnorm. Auf der Interessenjurisprudenz baut auf die sog. Wertungsjurisprudenz: Das Gesetz sei nicht bloß das Resultat ausgeglichener Interessen, sondern es fließen in diesen Interessenausgleich Bewertungen seitens des Gesetzgebers und der dahinterstehenden Kräfte ein: die der zahlreichen Begutachtungsorgane, vor allem der Interessenvertretungen und der politischen Parteien. So sind es die bewerteten Interessen, welche zum Inhalt der Rechtsnorm, auch zum Erlass von Gesetzen überhaupt führten. 89. Freirechtsschule Die Rechtsordnung sei in der Regel lückenhaft, der Richter könne daher weitestgehend rechtsschöpferisch gleich dem Gesetzgeber wirken. Vor allem in der Verbindung mit Generalklauseln könnten auch konkrete Rechtssätze relativiert und mit neuen Deutungen erfüllt werden. Österreichs Teilnovellen hatten als Abwehr einer derart freien Rechtsfindung bewusst keine Generalklauseln formuliert, sondern es bei der Ansicht belassen, sie lägen dem ABGB zugrunde. In Deutschland hat diese Richtung nach dem 1. Weltkrieg zu einer freieren Haltung gegenüber dem Gesetz und sogar zu einer richterlichen Vertragsanpassung an veränderte wirtschaftliche Verhältnisse aufgrund des 1. Weltkrieges durch die Ausschöpfung der Generalklauseln geführt. Das deutsche Reichsgericht sprach dabei ausdrücklich von einem Richterrecht in Abänderung des Gesetzesrechts und des Vertragsrechts, da sowohl Gesetzgeber wie Parteien keine Ahnung von der Entwicklung der jetzigen Verhältnisse d.h. jene im Gefolge des 1. Weltkrieges, haben konnten. Das Reichsgericht ersetzte jedoch bald den Maßstab der Generalklauseln des BGB durch den der Verfassungsmäßigkeit. Eine völlig freie Rechtsschule hat sich in der Praxis nicht durchgesetzt. Der Missbrauch von Generalklauseln unter der nationalsozialistischen Herrschaft hat der Freien Rechtsschule nach 1945 den Boden entzogen. 90. Rechtstatsachenforschung Formvorschriften für Verträge werden negiert, zwingendes Recht übergangen, nachgiebiges Recht durch ganz andere Vereinbarungen. Diese Erkenntnis steigerte sich, auch bei anderen, zur Ansicht, Recht entstünde nicht bloß aus Gesetz und Wissenschaft, sondern aufgrund von Rechtstatsachen wie Verträgen, Urteilen und sonstigen rechtserheblichen Handlungen. Diese Handhabungen des Rechts wären, so eine Folgerung aus dieser Auffassung der Rechtsentstehung, auch zur Auslegung von Verträgen und Gesetzen sowie zur Lückenfüllung heranzuziehen. Die Rechtstatsachenforschung kann jedenfalls vielfach nachweisen, dass sich das Rechtsleben gerade im Privatrecht mit seinen dispositiven Normen anders abspielt, als es der Gesetzgeber wollte.

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