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Anina Barandun

Die Tristan-Trigonometrie des Gottfried von Straßburg

Zwei Liebende und ein Dritter

Anina Barandun Die Tristan-Trigonometrie des Gottfried von Straßburg Zwei Liebende und ein Dritter

D I E T RI S TA N - TR IG O N O M E T R I E DES GOTTFRIED VON STRASSBURG

ANINA BARANDUN

D I E T RI S TA N - TR IG O N O M E T R I E DES GOTTFRIED VON STRASSBURG

ZWEI LIEBENDE UND EIN DRITTER

E DES GOTTFRIED VON STRASSBURG ZWEI LIEBENDE UND EIN DRITTER Paul Klee, die Liebenden und ein

Paul Klee, die Liebenden und ein Dritter, 1939, 1109, Kreide auf Papier auf Karton, 29.5 x 21cm, Privatbesitz Schweiz, Depositum im Zentrum Paul Klee

A. Francke Verlag Tübingen und Basel

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Umschlagabbildungen:

Paul Klee, die Liebenden und ein Dritter, 1939, 1109, Kreide auf Papier auf Karton, 29.5 x 21cm, Privatbe- sitz Schweiz, Depositum im Zentrum Paul Klee und Paul Klee, die Beiden, 1940, 227, Kreide auf Papier auf Karton, 29.6 x 21 cm, Zentrum Paul Klee, Bern © 2009 VG Bild-Kunst, Bonn.

Publiziert mit Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung.

© 2009 · Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen

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Internet: http://www.francke.de E-Mail: info@francke.de

Satz: Marianne Seiler, Bern Druck: Laupp + Göbel, Nehren Printed in Germany

ISBN 978-3-7720-8323-5

INHALT

Einleitung

1

I. Tristan und Marke

15

1. Vater und Sohn: Riwalin und Tristan

16

2. Zwei Väter: Riwalin und Gurmun

27

3. Marke: Kind und König

31

4. Zwei Könige: Marke und Artus

36

5. Riwalin als (arthurischer) Ritter

42

6. Tristan als (arthurischer) Ritter

48

Tristans Geburt und Name

48

Entführung und Landung in Cornwall

50

Tristans Aufstieg an Markes Hof

53

Ritterschlag und Ritterpflichten

56

Der Moroldkampf

60

Die zwei Irlandfahrten

66

II. Marke und Isolde

75

1. Die Ehe im kirchlichen und weltlichen Recht

76

2. Riwalins Ehe und Tristans Erbe

81

3. Tristans erfundene Ehefrau

88

4. Tristans Ehe mit Isolde

93

5. Markes verkehrte Liebeswelt

103

Die Brautnacht oder die 5. Stufe: coitus

107

Die Bettgespräche oder die 4. Stufe: osculum

114

Die Beweisstücke oder die 3. Stufe: tactus

119

Gottesurteil und Verbannung oder die 2. Stufe: alloquium

124

Minnegrotte und Entdeckung oder die 1. Stufe: visus

140

III. Isolde und Tristan

159

1. In Irland

160

2. Der Minnetrank

168

3. Die Minnegrotte

176

4. Die Trennung

182

Petitcreiu

182

Der Abschied und die Monologe von Isolde

185

Isolde Weißhand und die Monologe von Tristan

197

Schluss

213

Bibliographie

221

Personen- und Sachregister

247

Paul Klee, erzwungener Ausweg , 1934, 119, Rötel und Bleistift auf Papier auf Karton, 41.8/42.2

Paul Klee, erzwungener Ausweg, 1934, 119, Rötel und Bleistift auf Papier auf Karton, 41.8/42.2 x 31.4/34.2 cm, Privatbesitz Schweiz, Depositum im Zentrum Paul Klee

ich hân von in zwein vil gedâht und gedenke hiute und alle tage.

(12200f.)

Die Philologie ist eine Wissenschaft der langsamen, wiederholten Lektüre. Lev Vladimirovicˇ Šcˇerba

EINLEITUNG

Das senemære (168), das uns Gottfried von Straßburg erzählt, ist schon für den Dich- ter selbst eine alte Geschichte: Tristan und Isolde sind lange tôt (222). Er habe inten- siv, so berichtet Gottfried im Prolog, nach der Wahrheit über die beiden gesucht, und zwar in beider hande buochen/ walschen und latînen (158f.). Das Ergebnis seiner Nachforschungen, übersetzt in seine Sprache und in seine Zeit, legt er nun all jenen vor, in deren Herzen der inneclîche minnen muot (111) zu Hause ist. Damit macht Gottfried die alte Geschichte von Tristan und Isolde zur Gegenwart seiner Zuhörer, mit dem Ziel, ihre Sehnsucht, ihre senegluot (112), zu lindern. Doch der Straßburger Meister lässt in seiner tihte (162) nicht nur das Vergangene gegenwärtig werden, er bedenkt auch die Zukunft und wünscht Tristan und Isolde, den edelen senedæren (126), – oder prophezeit er es ihnen selbstsicher? – es solle ir tôt der werlde noch/ ze guote lange und iemer leben (224f.) und iemer mêre/ uns lebenden leben und niuwe wesen (228f.). Die Vorstellung, dass uns lebenden, die wir doch sterben werden, Tristans und Isoldes Tod ewig lebendig sein soll, hebt alle Endlichkeit aus den Angeln und stiftet einen zeitlosen Bund zwischen Tristan, Isolde, Gottfried, seinem zeitgenös- sischen und seinem zukünftigen, dem heutigen Publikum. 1 Das Staunen darüber, dass Tristan und Isolde in Gottfrieds Versen tatsächlich noch nach Jahrhunderten uns lebenden leben und niuwe sind, spiegelt sich in jeder 'Tristan'-Analyse. Wolfgang Mohr sucht die Erklärung dafür im Überzeitlichen des Werks und fordert uns Lesende auf, in Gottfrieds Gedicht, wie allgemein in der Lite- ratur des Mittelalters, „nicht nur dem sogenannt ‚Mittelaltergemäßen’ [zu] begeg- nen, sondern dem menschlich Gültigen, das uns, so zeitbedingt wir selber sind, anspricht.“ 2 Wie jede um Zeitlosigkeit bemühte Interpretation tendiert Mohrs Lek- türe dazu, den 'Tristan' zu verklären, indem sie ihn in eine glänzende, unerreichbare

1 Susanne Köbele beschreibt präzise die Wirkung von Gottfrieds Erzählgrundsatz des iemer niuwe:

„So übt uns schon der Prolog darauf ein, dass von potentiell jeder Wiederholung aus der gesamte zurückliegende Text reaktualisiert, in je neue Gegenwart zurückgeholt wird und werden muss. Das, was ist, ist das, was immer noch aussteht. […] Etwas ist als Möglichkeit in der Vergangenheit oder Zukunft da. Quer zur linearen Zeitfolge, quer zu einer zwingenden finalen Kausalität des Gesche- hens steht von Anfang an eine gleichermaßen zwingende, synchrone ‚Immer schon’-Schicht, die den gerichteten Verlauf aufbricht, indem sie die Zielsetzung als in den Beginn und in den Verlauf hineingenommene iterativ werden lässt und die Perspektiven ineinanderspielt.“ Köbele 2002: 107 – Wer die Prologverse sus lebet ir leben, sus lebet ir tôt./ sus lebent si noch und sint doch tôt (238f.) im Ohr hat, wundert sich über den 'Tristan'-Fortsetzer Heinrich von Freiberg. Er beendet seine Klage über den Tod Gottfrieds mit der lakonischen Bemerkung: die tôten mit den tôten dort/ die lebenden mit den lebenden hie! (38f.)

2 Mohr 1973: 278f.

Ferne verbannt. Gottfried aber zeichnet Tristan und Isolde nicht als entrückte Ideal- gestalten, sondern erzählt den zuhörenden edelen herzen (47) von den beiden edelen senedæren (126) in einer Art und Weise, dass das Publikum die dem Stoff immanente Distanz überwinden und unmittelbar am Schicksal der Minnehelden teilhaben kann. Es gibt für Gottfried nur eine Alternative: Partizipation oder Ausschluss. Wer sich auf das senemære von Tristan und Isolde einlässt, anerkennt die Gesetze von Gott- frieds Erzählen, und das bedeutet für den Rezipienten, zusammen mit den Figu- ren in steter Bewegung zu bleiben, niemals innezuhalten, den 'Tristan' immer neu zu lesen, ihn „tief, rück- und vorsichtig, mit Hintergedanken, mit offengelassenen Türen, mit zarten Fingern und Augen [zu] lesen.“ 3 In diesem Sinn möchte die vorliegende Arbeit einen Beitrag zur 'Tristan'-Forschung leisten. Ihr zentrales Augenmerk gilt einer deskriptiven Analyse der Romanhand- lung und der Untersuchung der heiklen Balance im Figurendreieck Tristan – Marke – Isolde. In diesem Dreieck sind alle drei Seiten gleich lang: Tristan und Marke verbin- det ihre Verwandtschaft, Marke und Isolde ihre Ehe, Isolde und Tristan ihre Liebe. Jede dieser Beziehungen bedeutet eine unwiderrufliche Verpflichtung, obwohl sie alle von Anfang an problematisch sind: Marke als Onkel zu gewinnen heißt für Tristan, den geliebten Rual als Vater zu verlieren. 4 Die Minne zwischen Tristan und Isolde bedarf des fehlgeleiteten Minnetranks, um ihre Macht zu entfalten. Und die Ehe von Marke und Isolde könnte nicht zustande kommen ohne die untergescho- bene Brangaene. Zu den Untersuchungen an diesem Dreieck – ich möchte sie eine Tristan-Trigonometrie nennen – gehört erstens eine genaue Interpretation jener „ausgeklügelte[n] realistische[n] Motivierungskunst“ 5 , die Käte Hamburger nur knapp skizziert. Zweitens sind die Auffälligkeiten in Gottfrieds Wortwahl zu unter- suchen, an denen sich die literarische Wahrheit kristallisiert, die allein als Maßstab für eine Beurteilung der 'Tristan'-Figuren herangezogen werden kann. Und drit- tens soll aufgezeigt werden, wie sich Gottfried gegen andere literarische Positio- nen seiner Zeit abgrenzt, und zwar nicht nur mit der offenen Polemik gegen frü- here 'Tristan'-Versionen, sondern auch mit indirekten Reflexen auf die Artusepik,

3 Friedrich Nietzsche, Morgenröte. Gedanken über die moralischen Vorurteile (Vorrede), in: Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe, hrsg. v. Giorgio Colli und Mazzoni Montinari, 2., durchgesehene Auflage, München [etc.] 1988, Bd 3, S. 17.

4 Siehe S. 55f. – Christoph Huber weist darauf hin, dass im „archaischen Beziehungsmuster“, das in der Stoffgeschichte verarbeitet ist, „das Avunkulat eine besondere Rolle spielt“. Huber 1986: 61. Um Tristan lieben zu können, so Huber weiter, müsse ihn Isolde als den Onkelmörder erkennen und „im Durchgang durch den Hass annehmen.“ (S. 65) Für Tristan erfolge die Befreiung aus der „unselige[n] Onkel-Vater-Bindung“ (S. 79) erst viel später, in der unwiderruflichen Trennung von Isolde: „Sie bringt für Tristan immerhin den Fortschritt, dass er sich aus der verhängnisvollen Bin- dung an Marke lösen kann.“ (S. 123) – Zum Avunkulat siehe auch Okken 1996, Bd 1: 190ff.

5 Hamburger 1989: 168

den Minnesang und die Antikenrezeption. In diesen Anspielungen wird deutlich,

wo die literarische Tradition für Gottfried an ihre Grenzen stößt und sein senemære Neues von ihm verlangt. Die lange Zeit von der Forschung aufrechterhaltene Warnung vor dem modernen Blick auf die Texte des Mittelalters ist besonders in Bezug auf Gottfrieds 'Tristan' zu Recht hinterfragt worden. 1989 ergreift Käte Hamburger das Wort: „Zulässig oder nicht – wenn gerade Gottfrieds 'Tristan' wie kein anderer Roman des deutschen

von einem modernen oder jedenfalls allgemeinpoe-

tologischen Gesichtspunkt zu betrachten, so beruht das auf dem einzigartigen, nahezu modernen Charakter dieses Epos, nämlich seinem erstaunlichen Realis- mus. Ein Realismus, der es erlaubt, ja oftmals aufdrängt, es über die Romankunst der folgenden Jahrhunderte hinweg in einer Beziehung zum realistischen Roman des 19. Jahrhunderts zu sehen.“ 6 Weshalb sollten wir das Vokabular verleugnen, mit dem wir uns am besten aus- drücken können? 7 Mehr als im Bekenntnis zum modernen Blick steckt gerade im Versuch, mittelalterliche Rezeptionsbedingungen zu rekonstruieren, die Gefahr einer Verfremdung, sogar einer doppelten Verfremdung. Wir können unser moder- nes Werkzeug zur Seite legen, wir können aber weder das Denken, das diese Ins- trumente hervorgebracht hat, ausblenden, noch mittelalterliche Werkzeuge in die Hand nehmen und in authentischer Weise anwenden. In ihrem Aufsatz benutzt Käte Hamburger, mit feiner Ironie ihre Schuld „vor dem Richterstuhl der Mediävistik“ 8 bekennend, reihenweise Reizwörter wie ‚Modernität’, ‚Realismus’ oder ‚Psycholo- gie’ und beschreibt die Protagonisten von Gottfrieds Gedicht als ‚Charaktere’ 9 und ‚Persönlichkeiten’. 10 Weniger augenzwinkernd als Käte Hamburger, dafür in Form

Mittelalters es erlaubt, ihn [

]

6 Hamburger 1989: 165

7 „Dafür, dass die Gegenwart des Interpreten eine entscheidende Rolle für die Interpretation spielt, gibt gerade die Interpretationsgeschichte des Gottfriedschen Tristan eines der besten Beispiele ab.“ Meyer 1996: 391

8 Hamburger 1989: 165

9 Zum Begriff des „literarischen Charakters“, wie ihn Matthias Meyer in Anlehnung an die neuere anglo-amerikanische Narratologie verwendet, siehe S. 27ff. Hier sei vorweggenommen, dass ein literarischer Charakter „immer aus mimetischen, thematischen und artifiziellen Komponenten“ besteht. Der Mimesis-Aspekt bezieht sich dabei „nicht notwendigerweise auf individuelle Züge, sondern deckt auch die Mimesis von sozialen Rollen und Funktionen ab. Diese Komponente eines literarischen Charakters ist also ausdrücklich nicht davon abhängig, ob es in einer Gesellschaft einem modernen Charakterbegriff vergleichbare Vorstellungen gibt.“ Meyer 1999: 146 10 Ein weiteres dieser heiklen Wörter, das Käte Hamburger allerdings nicht verwendet, ist der Begriff ‚Biographie’. Friedrich Wolfzettel erkennt im „geistes-, literatur- und mentalitätsgeschichtliche[n] Dreiklang von Individualisierung, Subjektivierung und Biographisierung“ den Grundton der höfi- schen Epik. Wolfzettel 1999: 121 – Monika Schausten führt diese Überlegungen fort: „Wolfzettels These, derzufolge Lebens-Erzählung das entscheidende Paradigma für die höfischen Romane ist, scheint sich auch auf der Ebene der Figurenrede in den Texten zu bestätigen.“ Es zeige sich, „dass dort, wo das Leben, wo die Herkunft und die Zukunft, wo Raum und Zeit der Helden zur Disposition

eines pointierten Grundsatzes schreibt Gert Hübner: „Die Dichtung muss […] nicht zwangsläufig den ihr vorausgehenden Weltgeist zur Anschauung bringen; aus- schließen lässt sich nicht von vornherein, dass sie erzählt, was noch nicht auf den Begriff gebracht wurde und was sie selbst nicht auf den Begriff bringt.“ 11 Ein Begriff, der von der Mediävistik erstaunlich einhellig akzeptiert wird, ist die poetologisch nicht unproblematische Gattungsbezeichnung Tristan-‚Roman’. Der Terminus ist schwer zu fassen, obwohl er schon dem (französischen) Mittel-

alter bekannt war: Er bezeichnet Erzählungen in neo-lateinischen Volkssprachen, fiktive Abenteuer- und Liebesgeschichten, die seit der Mitte des 12. Jahrhunderts belegt sind. 12 Trotz der Vielzahl dieser Belege bleibt der mittelalterliche Roman aber „ein Übergangsphänomen, das in verschiedenen Situationen ohne spezifische Gattungstheorie auftritt“ 13 und sich deshalb als besonders durchlässig erweist für moderne Interpretationen. Als ein Übergangsphänomen sieht auch Michail Bachtin den höfischen Roman. In seiner Romantheorie erkennt er im Mittelalter den Zeitraum, in dem erstmals jener „wahrhaft einsame Mensch“ auf den Plan tritt, der „danach im europäischen Roman eine so große Rolle spielt“. 14 Für Ingrid Kasten liegt der große Gewinn von Bachtins Ansatz gerade in dieser „Weite der historischen Perspektive, die er auf-

macht. Wenn er die Anfänge des Romans in der Spätantike ansetzt [

], so bietet

dies nicht allein eine Legitimation, auch im Blick auf das Mittelalter von Romanen zu sprechen. Es erschließt die Möglichkeit, den höfischen Roman in eine entspre- chende Perspektive zu rücken, durch die er in seiner Historizität noch genauer situ- iert werden kann.“ 15

stehen, auch die Figuren viel vom Leben des Protagonisten erzählen“. Schausten 2001: 29 – Und schließlich Manfred Kern: „Nun erfährt natürlich auch der literarische Held seine Identität in erster Linie aus seiner ‚Biographie’.“ Kern 2002: 390

11 Hübner 2003: 120. Das bedeute im Weiteren, dass jeder Interpret sich entscheiden müsse, „ob man beschreiben will, was Chrétien oder Hartmann, den begrifflichen Möglichkeiten ihrer Zeit zufolge, wohl zu tun meinten, wenn sie dichteten, oder ob man beschreiben will, was sie unseren begriffli- chen Möglichkeiten zufolge taten, wenn sie erzählten. Denn es gab […] im 12. und 13. Jahrhundert zwar eine entwickelte, differenzierte und trotz ihrer technischen Ausrichtung durchaus niveauvolle Dichtungstheorie, aber nur eine sehr elementare Erzähltheorie.“ (S. 80) Gert Hübner kommt zum Schluss, dass man „über die narrativen Strukturen des höfischen Romans nur reden [kann], indem man die Analysekategorien der modernen Narratologie so weit differenziert, dass ihre Applikation auf die Texte möglich wird.“ (S. 82)

12 „Enromancier, romançar, romanzare bedeuten: Bücher in die Volkssprache übersetzen oder in ihr ver- fassen. […] Im Altfranzösischen bedeutet romant, roman den ‚höfischen Versroman’, dem Sinne nach:

Volksbuch.“ Curtius 1993: 41

13 Volker Mertens, Lemma 'Roman', in: Lexikon des Mittelalters, Bd 7, Spalte 984.

14 Bachtin 1989: 78

15 Kasten 1995: 70 – Zu Bachtins Einfluss auf Arbeiten über den höfischen Roman siehe Hübner 2003:

67, 73, 100, 103.

Bachtin selbst ist sich bewusst, wie schwierig eine Klassifizierung im Fall der mit- telalterlichen Erzählkunst ist: „Der in Versen geschriebene frühe Ritterroman liegt im Grunde genommen an der Grenze zwischen Epos und Roman.“ 16 Doch gerade auf Gottfrieds 'Tristan' treffen zwei der Haupteigenschaften, mit denen Bachtin den Roman definiert, in beispielhafter Weise zu: Erstens bestehe – anders als im Epos, das eine abgeschlossene Vergangenheit darstellt – im Roman „ein Kontakt zwischen der Wert-Zeit-Ebene des Romangeschehens und der zeitgenössischen Gegenwart des Autors und seiner Rezipienten.“ 17 Es ist ausdrücklich Gottfrieds Programm, seinen Zuhörern und Lesern nicht nur eine hage (47) zu bereiten, sondern auf ihr Empfinden und Handeln Einfluss zu nehmen: Sein 'Tristan' liebet liebe und edelet

muot,/ ez stætet triuwe und tugendet leben,/ ez kan wol lebene tugende geben (174ff.). Und zweitens: „Der epische Held ist heroisch, mit sich selbst identisch, in sich geschlos-

sen. [

sich. Es gibt für ihn ein Innen und Aussen, er besitzt nicht nur staunenswerte oder bewunderungswürdige Züge, sondern vereint in sich Positives wie Negatives.“ 18 Tristan, Isolde, Marke – und auch Wolframs Parzival – sind die Paradebeispiele für diesen neuen, vielschichtigen Helden. 19 Gottfried und sein Zeitgenosse Wolfram von Eschenbach nutzen beide die Freiräume und Möglichkeiten, die ihnen die Literatur eröffnet, um „Individualitätsaspekten“ eine Geltung zu verschaffen, „die über die realen Gegebenheiten der geschichtlich-sozialen Verhältnisse weit hinausreichen.“ 20 Neben den oben genannten Reizwörtern zählt besonders ‚Individualität’ zu den Begriffen, die, angewandt auf Texte des Mittelalters, Vorsicht gebieten. Die ältere Forschung hat ‚Individualität’ gerne unter das Stichwort „Renaissance des 12. Jahrhunderts“ 21 subsumiert. Die jüngere Mediävistik meidet dieses assoziative

Der Held des Romans trägt dagegen die Möglichkeiten der Veränderung in

]

16 Bachtin 1989: 87, siehe dazu auch Käte Hamburgers Gebrauch von ‚Roman’ und ‚Epos’ im Zitat auf

S. 3. – Zur Konkurrenz von Epos und Roman im 18. Jahrhundert siehe Christians 2003.

17 Diese komprimierte Formulierung stammt von Ingrid Kasten, Kasten 1995: 55. Bachtin selbst schreibt zum Beispiel: „Der Roman ist das einzige im Werden begriffene Genre, weshalb es das Werden der

Wirklichkeit tiefer, wesentlicher, feinfühliger und schneller widerspiegelt. Nur der, der selbst im Werden begriffen ist, kann das Werden begreifen.“ Bachtin 1989: 214

18 Auch diese Definition ist eine Zusammenfassung von Ingrid Kasten, Kasten 1995: 55.

19

erstmals der gemischte Held und der hakenschlagende Weg personaler Erfah-

rung propagiert.“ Gerok-Reiter 1996: 761. Zu Annette Gerok-Reiters 'Parzival'-Interpretation siehe

„Im 'Parzival' wird [

]

S. 59, Anm. 124.

20 Gerok-Reiter 1996: 764

21 Charles Homer Haskins hat den Begriff 1927 in die Diskussion eingebracht, Haskins 1927.

Etikett 22 und beleuchtet das wachsende Interesse der mittelalterlichen (Dicht-)Kunst an der Darstellung individueller Prozesse 23 unter vielfachen Gesichtspunkten. 24 Dieter Kartschoke fasst die historische Situation zusammen: „Seit dem 12. Jahr- hundert verschaffte die volkssprachige Literatur in Lieddichtung und Verserzäh- lung dem Interesse an Phänomenen der Singularität Gehör. Ähnliche Tendenzen lassen sich in Theologie und Philosophie beobachten. Das Besondere trat in ein Spannungsverhältnis mit dem Allgemeinen. In der Literatur zog das Individuum, verstanden als der Einzelne, sei es das Ich, ein Du oder eine dritte Person, verstärkt die Aufmerksamkeit auf sich. Das Ich des Sängers und Erzählers wurde zum Thema. Der Rhapsode wurde zum individuellen Autor. Der variable Vortrag gerann zum schriftlich fixierten, individuellen Text. Die epische Welt verengte sich zum Weg des jeweils ausgewählten Helden. Der Handlungsraum wurde in das Innere der litera- rischen Figuren hinein ausgeweitet. Die Liebe zwang zum Nachdenken über sich selbst und den Anderen, das geliebte Du.“ 25 Mit welchen Mitteln der neue Autor

22 Hans Fromm setzt dem problematischen Begriff der Renaissance den der Aufklärung entgegen:

„Das, im ganzen, unglaublich schnelle Zu-sich-selber-Kommen der Dichtung wird erst durch einen – sagen wir ruhig: aufklärerischen Prozess möglich.“ Fromm 1989: 5 – Klaus Ridder differenziert:

„Vielleicht ist es weniger […] die vielbeschworene Entdeckung des Individuums im 12. Jahrhundert,

die die sogenannte Figuren-Innensicht in literarischen Werken ermöglicht, sondern ein Prozess der argumentativen Differenzierung und ästhetischen Vermittlung von Beweggründen für Entscheidun- gen.“ Ridder 2004: 192

23 Rudolf Voss ist zurückhaltend: Er beobachtet, wie Gottfrieds 'Tristan' „im Horizont subjektiver

Wirklichkeitseinstellung [

genen Pfade der menschlichen Psyche“ entwickle (Voss 1989: 322) und dadurch die „innersubjek- tive Tiefendimension“ (S. 323) geöffnet werde, scheut sich aber vor dem Begriff der Individualität:

„Tristans Singularität – der Terminus trifft den Sachverhalt genauer als der der Individualität – ist

] [

„Während man den Begriff ‚Subjektivierung’ für den höfischen Roman meines Erachtens benötigt, kann man auf ‚Individuum’ und ‚Individualität’ womöglich verzichten.“ Hübner 2003: 91. An glei- cher Stelle liefert Hübner einen knappen Abriss der ideengeschichtlichen Forschungsdiskussion rund um die Begriffe ‚Individuum’ und ‚Individualität’. Für Hübner selbst ist „Subjektivierung“ eine rein „formale Angelegenheit“, weil „sich das Konzept sprachlich als Verfahren der Bewusst- seinsdarstellung oder narrativ als Verfahren der Informationsfilterung entlang des Horizonts einer

in den Horizont kollektiver Verbindlichkeit eingelassen.“ (S. 328) – Ähnlich auch Gert Hübner:

eine in der höfischen Literatur beispiellose Sensibilität für die verschlun-

]

Figur begründen lässt.“ (S. 120f.) – Weitere Zusammenstellungen verschiedener Forschungsansätze finden sich bei Sosna 2003: 36ff., Hermann 2006: 31ff., Koch 2006: 213ff., Gerok-Reiter 2006: 148ff. und Tomasek 2007: 191ff.

24 Besonders aussagekräftig ist die kunstgeschichtliche Perspektive Horst Bredekamps: „Die Gotik bringt die Skulptur aus dem vitalen, von Dämonen beherrschten Reich der Freiheit permanenter Individuation in das einer geistigen Ordnung. Der Preis dieser überirdischen Schönheit bestand in einem Verlust an Vitalität und Vereinzelung. In Chartres wird sichtbar, dass mit der Vergeistigung

und Rationalisierung ein Verlust einhergeht. [

alität nicht auf einer Linie stetigen Aufstiegs zu verfolgen ist. Die vorgebliche Überindividualität

des Hohen Mittelalters, gegen die sich Spätmittelalter und Renaissance abzusetzen suchen, hatte ihrerseits eine Epoche zurückgedrängt, die von Zeugnissen schier maßloser Individualität geprägt war. Es gibt in dieser Frage keine Stetigkeit, sondern nur die Wiederkehr eines Auf und Ab, das mit Gewinnen und Verlusten rechnen muss. […] Mit Blick auf die Bildende Kunst ist es geradezu abwe- gig, den Menschen des Mittelalters die Individualität abzusprechen.“ Bredekamp 2000: 234

Chartres zeigt, dass die Frage nach der Individu-

]

25 Kartschoke 2001: 77

„Individuelles“ 26 zum Ausdruck bringt und auf welche Grenzen er dabei stößt, zeigt Dieter Kartschoke an Minnesang, Autobiographie, Liebes- und Mystiker-

brief sowie am Artusroman. „Artusritter sind auf der Suche. Aber [

Artusritter und Gralssucher ist nicht das eigene Selbst, sondern der jedem Einzel- nen zukommende Platz in Sippe, Herrschaftsverband und Adelsgemeinschaft [ Die sinnstiftende Qualität des Einzelnen als einer durch Herkunft, Name, Schicksal und Bestimmung individuierten literarischen Figur ist nicht das besondere Eigene, sondern das in ihm aufgehobene allgemeine Ganze. Erec und Iwein kehren zurück in ihr Reich, sie individualisieren sich allenfalls in der Phase der Desintegration.“ 27 Schade ist, dass Dieter Kartschoke den Straßburger Meister nicht explizit in seine Überlegungen einbezieht, denn Gottfried macht für Tristan, für Isolde und auch für Marke genau jene zwei Momente zum Dauerzustand, die nach Kartschoke das Auf- brechen von Individualität zulassen und begünstigen: Einerseits ist die Liebe die Bruchstelle, an der „aus dem eindimensionalen Epenhelden eine vielschichtigere Romanfigur wird“, und andererseits zwingt die „narrative Konstruktion dilem- matischer Situationen“ den Helden, „sich seiner selbst, seiner Motive und Hand- lungen bewusst zu werden, sich Rechenschaft abzulegen und selbstverantwortlich Entscheidungen zu treffen.“ 28 Eine entscheidende Weiterführung haben diese Thesen durch Annette Gerok- Reiter erfahren. Während sich für Kartschoke in der „dilemmatischen Situation“, die der arthurische Held durchlebt, erst ein punktueller Individualisierungsprozess abzeichnet, erkennt Gerok-Reiter in der nicht-arthurischen Epik einen grundsätz- licheren Individualitätsanspruch, den sie als das Resultat einer vom Autor inten- dierten „Differenzrelation“ beschreibt, als einen Bruch mit der herrschenden Norm-

] das Ziel der

26 Kartschoke definiert: „In literarischer Perspektive ist es die jeweilige Kombination von Zuschrei- bungen – Erscheinungsformen, Eigenschaften, Schicksalen –, die das Individuelle zur Anschauung bringt. Maß und Komplexität des Zusammentretens solcher ‚Gaben’ bestimmen den ästhetischen Charakter einer Darstellungsweise, den historischen Ort eines Kunstwerks und die systematische Aussagekraft eines Textes im (hypostasierten) Prozess der Individualisierung. Zur Geltung kommt personale Individualität in der Reflexion, im Nachdenken über sich selbst und über die Anderen.

Das sich seiner selbst bewusste Individuum ist Subjekt. Seine Subjektivität entfaltet sich graduell

über den affektiven und reflexiven Selbstbezug. In dem Maße, in dem das fühlende und denkende Ich sein Selbst als ein Besonderes wahrnimmt, wird das Subjekt zur individuellen Person. Subjekti- vität, Personalität und Individualität stehen, so verstanden, in einem Steigerungsverhältnis zuein- ander.“ Kartschoke 2001: 62f.

27 Kartschoke 2001: 70

28 Kartschoke 2001: 71 – Die „Bruchstelle“ Liebe untersucht auch Judith Klinger. Sie hält fest, „dass der Liebesdiskurs einen Spielraum für die Selbst-Thematisierung des Subjekts eröffnet“, Klinger 1999:

129. In Bezug auf Gottfried schränkt sie allerdings ein: „Tristan und Isolde haben im Sinnsystem der Liebe eine gemeinsame Identität und Subjektivität, die in Abgrenzung gegen moderne Konzep- tionen als nicht-individuelle beschrieben werden muss.“ Erst in der Trennung „tritt ein sich selbst

] [

reflektierendes, vereinzeltes Liebessubjekt in Erscheinung.“ (S. 137f.)

und Schemagebundenheit: „Denn genau dort können die historischen Ansätze einer Semantisierung von Individualität gefasst werden, wo ein an kollektiven Motivati- onsstrukturen, normierten Handlungsmustern und festen Figurentypen orientiertes Erzählen durch eine reflektierende und transformierende Rezeption in die Diskus- sion gerät. Dies aber ist in der mittelhochdeutschen Epik im frühen 13. Jahrhundert in hohem Maße der Fall.“ 29 Untersuchungen zum Individualitätspotential in der Literatur der Gottfried- Zeit kommen nicht aus ohne eine vergleichende Textlektüre. Denn erst „in der Auseinandersetzung mit der strengen traditionellen Normierung entwickelt sich eine besondere Sensibilität für die Abweichung, für die Schattierung, für das, was im System nicht aufgeht, was anders- und einzigartig ist“ 30 . Damit ist im Grunde ein intertextuelles Vorgehen beschrieben. Doch auch hier ist Vorsicht bei der Wort- wahl geboten. Vielleicht wäre dem Terminus ‚Intertextualität’ – er „erscheint vorerst nicht disziplinierbar, seine Polyvalenz irreduzibel“ 31 – Bachtins Vorläufer-Begriff der ‚Dialogizität’ vorzuziehen. Bachtin untergräbt nämlich nicht, wie es im Poststruk- turalismus geschieht, die Autonomie des Textes, sondern hält daran fest, dass jeder Text ein Subjekt hat, das eine ihm eigene, unverwechselbare Sprache spricht. Darin findet dann jedes Wort „jenen Gegenstand, auf den es gerichtet ist, immer schon sozusagen besprochen, umstritten, bewertet vor und von einem ihn verschleiern- den Dunst umgeben oder umgekehrt vom Licht über ihn bereits gesagter, fremder Wörter erhellt“ 32 . Karlheinz Stierle gibt in Bezug auf diese Konzeption allerdings zu bedenken: „Jeder Text macht den hereingeholten Text zum Moment seiner eigenen Bewegung. Dialog setzt die Autonomie der Aktanten des Dialogs voraus. Gerade diese aber erscheint in der intertextuellen Relation aufgehoben.“ 33 In der Mediävistik hat sich ein engerer als der poststrukturalistische Begriff von Intertextualität durchgesetzt: Intertextualität verstanden im Sinn von Walter Haug, „als ein Miteinander von Texten, bei dem ein Text im anderen präsent ist, ein Text mit dem andern implizit im Dialog steht, was auch einschließt, dass der untergelegte Text im Bewusstsein des Rezipienten mit evoziert wird. Gehören die betreffenden Werke in dieselbe historische Situation, so erscheint der intertextuelle Prozess als

29 Gerok-Reiter 2006: 44. Zu Annette Gerok-Reiters 'Tristan'-Interpretation als einem „souveränen fiktionalen Spiel mit den tradierten fiktionalen Erzählmustern“ (S. 196) siehe S. 23, Anm. 24, S. 71, Anm. 157, S. 198 und S. 206f.

30 Gerok-Reiter 1996: 753

31 Lachmann 1984: 134 – Ähnlich auch Karlheinz Stierle: „So ist die Intertextualität des Textes eine unendlich vielfältige Bestimmtheit und Bezogenheit. Ihre Erfassung ist eine unendliche Aufgabe, die zwar theoretisch postulierbar, faktisch aber nicht einlösbar ist.“ Stierle 1984: 139

32 Bachtin 1979: 169

33 Stierle 1984: 147

ein implizit-dialogisches Ringen um Erfahrungen, an denen beide Werke gemein- sam, wenngleich unter differierenden Perspektiven teilhaben. So und nur so nimmt man die literarischen Kontroversen, statt sie zu einem bloßen Spiegel weltanschau- licher Konflikte zu degradieren, als eigenständige Möglichkeiten der Welterfahrung und -bewältigung wirklich ernst.“ 34 Bildhafter und knapper als Walter Haug for- muliert es Horst Wenzel: „Mittelalterliche Intertextualität wäre […] ähnlich vorzu- stellen wie ein Verwandtschaftssystem, in dem es nähere und weitere Verwandte gibt, stärkere und geringere Abhängigkeiten, Hauptlinien und Nebenlinien, aber alles dies gestützt auf eine gemeinsame kulturelle Überlieferung.“ 35 Teil und Voraussetzung intertextueller Vergleiche müssen Einzeluntersuchungen zu Aufbau und Struktur sowie zum „individuellen Sprachgebrauch“ 36 der einzelnen Texte sein. In den letzten Jahren haben einige Aufsätze beispielhaft gezeigt, wie ins- besondere lexikalische Untersuchungen zum Erkennen der „Sinndimension“ 37 von Gottfrieds 'Tristan' beitragen können: Ralf-Henning Steinmetz beleuchtet die Neolo- gismen, die Gottfried mit dem Determinativkompositum erbe- bildet, und erkennt, „dass Tristans erbeminne als eine Art Gegenentwurf zur christlichen erbesünde ver- standen werden kann“ 38 . Annette Gerok-Reiter zeichnet nach, wie Gottfried zwar „an der tradierten Korrelation von minne und ere39 festhält, die Semantik dieser Korrelation aber Schritt für Schritt neu codiert. Susanne Köbele analysiert Gottfrieds „Dialektik der Wiederholung“ und beschreibt, „dass Wiederholungen zwar Zuord- nungen ermöglichen, aber mit ihnen zugleich die Möglichkeit ihrer Verfehlung und Manipulation. […] Auf diese Weise wird der Umfang der Begriffe, wird die Bedeu-

34 Haug 1995: 189 – In seinen Erinnerungen umschreibt Peter Wapnewski den Dialog zwischen lite- rarischen Texten seinerseits literarisch: „Sobald Literatur sich als Literatur empfindet, setzt sie an, mit sich zu spielen. Das meint, sie wird ihr eigenes Gedächtnis, bemächtigt sich des Bekannten und Geläufigen und nimmt Bilder und Gedanken, nimmt Formen und Formeln, die jeder, der hören und lesen kann, als vertraut empfindet, und nun wird mit diesen Elementen nach Herzens- und Sinnes- und Gedankenlust umgegangen“. Peter Wapnewski, Mit dem anderen Auge, Erinnerungen 1922– 1959, Berlin 2005, S. 11.

35 Wenzel 1995: 374. Zur geistesgeschichtlichen Bedeutung der mittelalterlichen Intertextualität schreibt Horst Wenzel: „Der hohe Grad der Intertextualität in der höfischen Literatur ist ein Indikator dafür, wie sich die Aneignung der Überlieferung beschleunigt. Die Fülle von Anspielungen und Querverweisen zeigt eine Struktur des Wissens, die sich nur im Medium der Schrift entwickeln kann. Der souveräne Umgang mit der volkssprachlichen Überlieferung durch Gottfried oder Wolfram demonstriert, in wel- chem Ausmaß die höfische Literatur selbstreferentiell geworden ist, sich auf sich selbst bezieht.“ (S. 197)

36 Zutt 1999: 284. Herta Zutt formuliert an dieser Stelle ihr wissenschaftliches Credo: „Bei allem Wech- sel und Wandel philologischer Theoriebildung behielt stets ein Grundsatz Gültigkeit: dass die Qua- lität literarischer Texte an Hand ihrer sprachlichen Gestaltung aufgezeigt werden kann und muss; auch der Literaturwissenschaftler ist immer erneut gefordert, den individuellen Sprachgebrauch von Texten zu überprüfen, und dies umso mehr bei solchen, deren Form und Gehalt ihm aufgrund eines großen zeitlichen Abstands fremd sind.“

37 Steinmetz 2000: 388

38 Steinmetz 2000: 403, siehe S. 25f.

39 Gerok-Reiter 2002: 386f., siehe S. 39f.