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HAINBURGanderDonau unserehistorischeStadt J U N G B O R N Heimatkundliche Lesestoffe Für die 3. und
HAINBURGanderDonau unserehistorischeStadt J U N G B O R N Heimatkundliche Lesestoffe Für die 3. und

J U N G B O R N Heimatkundliche Lesestoffe

Für die 3. und 4. Volksschulklasse

von W E N Z E L

J O H A N N

HAINBURG a. d. D. 1945 Im Selbstverlage

Buchdruckerei Rudolf Winkelmann, Hainburg a.d.D.

HEIMATBUCH von JOHANN WENZEL Computerbearbeitung im Dezember 2002

Hainburg a.d.D. 1945

Buchdruckerei Winkelmann

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von der Bürgerliste Hainburg

der Hainburger Bevölkerung gewidmet

Stichwortverzeichnis:

I. Geschichtliches

Seite 22

Nr. 52 Die Wassermännlein

Seite 3

Nr. 1 Unsere Schule

Seite 22

Nr. 53 Die Rotkappler

Seite 3

Nr. 2 Wie Hainburg entstand

Seite 22

Nr. 54 Das Fest im Rötelstein

Seite 3

Nr. 3 Die Martinskirche

Seite 23

Nr. 55 D er Schatz im Rötelstein

Seite 4

Nr. 4 Lichtsäue und Karner

Seite 23

Nr. 5 6 Der Schimmelreiter

Seite 4

Nr. 5 Das Bethaus der Juden

Seite 24

Nr. 57 Der Weibersturz

Seite 4

Nr. 6 Unsere Pfarrkirche

Seite 24

Nr. 58 Die Marchnixe

Seite 4

Nr. 7 Die Frauensäule

Seite 25

Nr. 59 Di e drei Ritter

Seite 5

Nr. 8 Die alte Jakobskirche

Seite 25

Nr. 60 Das Armenseelenkreuz

Seite 5

Nr. 9 Das Ungartor

Seite 25

Nr. 61 Beim roten Herrgott

Seite 5

Nr. 10 Der Friedhof

Seite 25

Nr. 62 Die Hexe

Seite 5

Nr. 11 Das Wienertor

Seite 26

Nr. 63 Der Zauberwagen

Seite 6

Nr. 12 Die Stadtmauer

Seite 26

Nr. 64 Die schwarze Frau

Seite 6

Nr. 13 Hainburgs Blütezeit

Seite 26

Nr. 6 5 Der gefoppte Musikant

Seite 6

Nr. 14 Trübe Tage für Hainburg

Seite 26

Nr . 66 Das dicke Kreuz

Seite 7

Nr. 15 Feste und Freiung

Seite 27

Nr. 67 Das Gelübde des Königs

Seite 7

Nr. 16 Die Tabakfabrik

Seite 27

Nr. 68 De r goldene Wagen

Seite 8

Nr. 17 Das unterirdische Hainburg

Seite 27

Nr. 69 Der Türkenhügel

Seite 8

Nr. 18 Untergang Alt-Hainburgs

Seite 27

Nr . 70 Oben ‚naus u. nirg. an

Seite 9

Nr. 19 Wiederaufbau

Seite 28

Nr. 71 Ein Hexenmeister

Seite 10

Nr. 20 Die Donau

Seite 28

Nr. 72 Die Drude

Seite 11

Nr. 21 Braunsberg und Brandwall

Seite 28

Nr. 73 Der Schwarze Käfer

Seite 11

Nr. 22 Ruine Rötelstein

Seite 29

Nr. 74 Das rote Männlein

Seite 12

Nr. 23 Auf der Heide

Seite 30

Nr. 75 Der gebannte Geist

Seite 12

Nr. 24 Im Teichtale

Seite 30

Nr. 76 Die Wette

Seite 13

Nr. 25 Die Pottenburg

Seite 31

Nr. 77 Der Römerschatz beim

Seite 13

Nr. 26 Das Altersheim

Seite 31

Nr. 78 Die Zauberglut

Seite 14

Nr. 27 Hexenberg und Pfaffenberg

Seite 31

Nr. 79 Das Zwergenloch

Seite 14

Nr. 28 Die Günterhöhle

III. Volkskundliches

Seite 15

Nr. 29 Die Altenb. Wallfahrtskirche

Seite 32

Nr. 80 Hainburger Riednamen

Seite 15

Nr. 30 Die Altenburger Heilquelle

Seite 32

Nr. 81 Redensarten

Seite 15

Nr. 31 Eine römische Villa

Seite 33

Nr. 82 Sprichwörter

Seite 16

Nr. 32 Im Amphitheater

Seite 34

Nr. 83 Bauernregeln

Seite 16

Nr. 33 Das Heidentor

Seite 35

Nr. 84 Reste alter Bräuche

Seite 17

Nr. 34 Das Weiße Kreuz

Seite 36

Nr. 85 Das Räuchern

Seite 35

Nr. 35 Die Hocker

Seite 36

Nr. 86 Christkindlspruch

Seite 18

Nr. 36 Karnuntum

IV. Spruch und Spaß

Seite 18

Nr. 37 Das Hainburger Museum

Seite 36

Nr. 87 Allerlei

II. Sagen

Seite 37

Nr. 88 Da Geist in Raupfaung

Seite 19

Nr. 38 Der feurige Wagen

Seite 37

Nr. 89 Da Hoeda oes Dokta

Seite 19

Nr. 39 Die blauen Flämmchen

Seite 38

Nr. 90 Hoamzoed

Seite 19

Nr. 40 Die Grasmäherin

V. Gedichte

Seite 19

Nr. 41 Das Geklingel im Brunnen

Seite 39

Nr. 91 Der Weinbeer-Krobler

Seite 19

Nr. 42 Das Irrglöcklein

Seite 39

Nr. 92 Alt-Hainburg

Seite 19

Nr. 43 Die Türkenliesl

Seite 40

Nr. 93 D ie Trutzfiguren am

Seite 20

Nr. 44 Der Lindwurm

Seite 41

Nr. 94 Unrühmliche Jagd

Seite 20

Nr. 45 Der schwere Wagen

Seite 41

Nr. 95 Biedermeier

Seite 20

Nr. 46 Das erlöste Zwerglein

Seite 42

Nr. 96 In der Steppe

Seite 20

Nr. 47 Die Prozession der Toten

Seite 42

Nr. 97 Knabenspiel

Seite 21

Nr. 48 Die Blutgasse

Seite 43

Nr. 98 Die Rotkappler

Seite 21

Nr. 49 Wo es „umgeht“

Seite 43

Nr. 99 Die Griechenpflaume

Seite 21

Nr. 50 Die Klage

Seite 21

Nr. 51 Der Wasserträger

I. Geschichtliches

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Hainburg a.d.D. 1945

Buchdruckerei Winkelmann

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von der Bürgerliste Hainburg

der Hainburger Bevölkerung gewidmet

Nr. 1. Unsere Schule. Hoch ragt in der oberen Stadt unser Schulhaus. Zwei Stockwerke hat es und darin neunzehn Lehrzimmer, licht und geräumig. Jeden Morgen kommen ein paar hundert Knaben und Mädchen mit Schulranzen und Aktentaschen und eilen fröhlich in ihre Klassen. Vor dem Unterrichte geht es recht laut zu, da richten die Kinder ihre Schulsachen her und reden und erzählen einander gar Vieles. Aber nach dem Läuten der Glocke ist es in dem großen Gebäude ganz still; denn alle sitzen ruhig und folgen aufmerksam dem Vortrage ihrer Lehrer und Lehrerinnen. Aber es gibt nicht nur brave Kinder, sondern auch unachtsame. Und diese lernen nicht viel und bekommen deshalb Strafen und noch dazu ein schlechtes Zeugnis. Am Ende des Schuljahres dürfen die Eifrigen in die höhere Klasse aufsteigen. Ich freue mich schon, wenn ich aus dem Fenster der obersten Klasse hinaussehen kann auf die liebe Vaterstadt, auf die Donau und die grünen Auen.

Nr. 2. Wie Hainburg entstand. Vor langer, langer Zeit (100 n. Chr.) hatten in unserer Gegend die Römer die große Stadt Karnuntum gebaut. Da, wo jetzt Hainburg steht, waren zerstreut römische Villen und Meierhöfe. Im Kriege wurden diese Stadt und alle anderen Siedlungen verbrannt. Die Bewohner wurden getötet oder verschleppt, nur wenige blieben übrig. Die Häuser wurden zu Ruinen. In das menschenarme Land zogen unsere Vorfahren und bauten mit den alten Steinen neue Häuser. Diese Siedler wollten gerne friedlich leben. Aber die Slowaken in den Karpaten brachen ein und raubten ihnen Menschen und Vieh, Kleider und und Geräte. Allein waren unsere Leute gegen die Feinde zu schwach, weil noch nicht viele hier lebten. Da versprach ihnen der König Arnulf Hilfe. Er schenkte das Land seinem Mundschenken Heimo und gebot ihm, eine Stadt zu bauen. In diese Stadt sollten die Bauern flüchten, wenn Feinde kämen. Darüber waren die bedrängten Leute sehr froh. Eines Tages zog ein langer Wagenzug aus dem Westen.mit vielen Bewaffneten heran. Der Graf Heimo kam mit seiner Frau Miltrudis, mit seinen Knechten und Mägden und brachte auch Bauern mit ihrer Habe. Er sah sich die Gegend an und sagte: „Da, bei dem kleinen, alleinstehenden Berge bauen wir die Stadt!“ Nun begann ein emsiges Leben und Treiben. Der Platz wurde ausgemessen, die Erde ausgehoben, Ziegel gebrannt, Kalk gelöscht und Steine herbeigeschafft. Und Steine gab es genug aus den Trümmern der alten Römervillen und Meierhöfe. Aus Karnuntum schleppten die Leute viele Wagen voll Steinen herbei. So ging das Bauen rasch vonstatten und es dauerte nicht lange, da war eine kleine Stadt samt der Schutzmauer und den Türmen fertig! Das war im Jahre 894. Diese Stadt reichte von der oberen Mauer bis zum heutigen Hauptplatze. Sie war groß genug für die wenigen Menschen. Für sich selbst ließ Graf Heimo auf dem Berge eine Burg bauen mit festen Mauern und einem starken Turme. Die Burg und die Stadt wurden nach ihm „Heimburg“ genannt. In späterer Zeit schrieb man „Hainburg“ Als die Slowaken wieder rauben und brennen wollten, flüchteten die Bauein der Dörfer mit ihren Familien, mit Vieh und Habe in die neue Stadt. Da waren sie vor den raubgierigen Feinden sicher. Das Land von Hainburg donauaufwärts erhielt den Namen Ostarrichi, das heißt Österreich.

Nr. 3. Die Martinskirche. An der Stelle unseres Schulhauses stand früher eine große Kirche. Bald nach dem Baue der Stadt errichteten die Steinmetze ein Gotteshaus, das der Muttergottes geweiht wurde. Im Laufe der Zeit wurde diese Kirche den Hainburgern zu klein und sie errichteten im Jahre 1260 eine neue, die sie dem heiligen Martin weihten. Die Martinskirche war nicht aus Ziegeln, sondern ganz aus Steinen gebaut. Sie hatte große Rundbogen in drei Hallen (Schiffen) und war im innern bemalt. Später baute man sie um. Im Innern blieben die Rundbogen und die prächtigen Säulen; aber das Portal und die Fenster erhielten schöne Spitzbogen. Und die Außenmauern verschönte man durch gemeißelte Verzierungen, Figuren und Wasserspeier. Im Jahre 1683 wurde Hainburg von den Türken erstürmt und verbrannt. Auch die Martinskirche brannte aus. Die Feinde zerhackten die Altäre, die Kanzel und Bänke, sie raubten alle Monstranzen, Kelche und Meßkleider, „daß nicht verblieben, einen Finger darein zu wickeln“.

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In alten Schriften steht, daß es im ganzen Lande keine so schöne Kirche gab, wie die Hainburger Martinskirche.

Nr. 4. Lichtsäule und Karner. Wo heute unser Schulhof ist, war früher der Friedhof der Stadt. Mitten darinnen standen die Lichtsäule und der Karner. Die Lichtsäule ist ohne Sockel fünf Meter hoch und.trägt ein sechseckiges Lichthäuschen. Diese Säule ist eine Totenleuchte. Das Licht wurde im Innern aufgezogen und leuchtete weithin über den Friedhof. Die Lichtsäule ließ vor sechshundert Jahren der Hainburger Bürger Heinrich Drescher errichten. Der Karner ist ein steinerner Rundbau mit zwei Meter dicken Mauern. Er diente als Friedhofskapelle beim Einsegnen der Toten und zum Abhalten der Seelenmessen. Die Gruft unter dem Karner benützten die früheren Hainburger als Beinhaus. Im Jahre 1858 führte man daraus dreihundert Fuhren Gebeine auf den jetzigen Friedhof. Der Karner steht schon mehr als achthundert Jahre.

Nr. 5. Das Bethaus der Juden. Im Hause Nr. 6 der Kirchengasse steht rückwärts im Hofe ein stockhoher Langbau. Das war einst das Bethaus der Hainburger Juden; denn vor 600 Jahren lebten in der Stadt viele reiche jüdische Kaufleute. Neben diesem Hause sieht man einen uralten kleinen Turm mit achteckigem Stahlhelme. Darin bewahrten die Juden ihre heiligen Schriften und Geräte auf. In der Nähe des Bethauses waren die Wohnhäuser der Juden, eingerichtet mit schönen Möbeln und Teppichen. In jedem solchen Hause war im Keller eine Grube, in der sich das Grundwasser sammelte. Einige sind noch heutzutage zu sehen. Das Volk nannte sie „Judentucken“.

Nr. 6. Unsere Pfarrkirche. Die Hainburger hatten noch zwei christliche Gotteshäuser, die Jakobskirche und die Katharinenkapelle auf dem Hauptplatze. Nach dem Brande der Martinskirche wurde die Katharinenkapelle in der Länge vergrößert. Im Jahre 1714 wurde sie den Aposteln Philipp und Jakob geweiht und zur Pfarrkirche erhoben. Eine Zeitlang benützte man neben ihr auch noch die Martinskirche, bis diese dann abgetragen wurde. Unsere jetzige Pfarrkirche ist eine einfache Hallenkirche, viel kleiner als die Martinskirche. Sie konnte nicht größer und schöner erbaut werden, denn nach dem Türkensturme zählte Hainburg nur wenige Einwohner und diese waren arm. Aber der Hochaltar trägt doch reichen Schmuck: einen vergoldeten Tabernakel, ein großes Altarbild und einen mächtigen Aufbau mit Holzsäulen und Holzfiguren. Das Altarbild stellt die Himmelfahrt Christi dar. Zu beiden Seiten sind die Figuren der Apostel Philipp und Jakob zu sehen, sowie der Heiligen Leopold und Florian. Die Seitenaltäre sind der Muttergottes und dem heiligen Johann von Nepomuk geweiht. Prächtig sind die reichgeschnitzten Kirchenstühle und das Speisegitter aus Schmiedeeisen. Seit 1932 besitzt unsere Kirche die neue Haydn-Orgel. Von Hainburgern wurden viele Meßgewänder und Paramente gespendet zur Verschönerung des Gottesdienstes. Die Glocken hat der Krieg verschlungen, nur die alte Türkenglocke ist uns geblieben. Auf ihr steht folgende Inschrift: „Als der Türk die Stadt erstiegen, mußte ich im Elend liegen, als er Neuhäusl hat verloren, hat mich das Feuer neu geboren.“ Der 61 Meter hohe Kirchturm ist einer der schönsten in Niederösterreich. Er wurde aus Steinen der alten Martinskirche im Jahre 1756 vom Meister Matthias Gerl erbaut. Er steht nicht so wie die meisten Kirchtürme an der Westseite, sondern an der Ostseite.

Nr. 7. Die Frauensäule. Diese wunderbare Säule ist ein Preislied auf die Muttergottes. Der Steinmetzmeister Martin Vögele hat sie im Jahre 1749 geschaffen. Alles ist überreich an diesem Prachtwerke: das Steingitter, der Aufbau und die Figuren. Meisterhaft sind die vier großen Statuen, darstellend die Mutter Anna, den heiligen Johannes sowie die Landespatrone Leopold und Florian. Der mittlere Aufbau zeigt Maria Vermählung, Heimsuchung, Verkündigung und Himmelfahrt. Kleine Engel tragen Sinnbilder aus der Litanei: Turm Davids, goldenes Haus, Pforte, des Himmels, Morgenstern. Gekrönt wird die Säule von einer herrlichen Statue der Unbefleckten Empfängnis. In Österreich gibt es nur wenige Säulen, die sich mit diesem wundervollen Kunstwerke messen können. Gestiftet wurde die Frauensäule von Elisabeth Oppitz, der Witwe

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des Stadtrichters Johann Oppitz. In unserer Zeit ist in Hainburg niemand so reich, daß er ein solches Kunstwerk könnte erichten lassen.

Nr. 8. Die alte Jakobskirche. Das Haus, in dem heute die Großhandlung Toth ist, war früher eine Kirche, dem heiligen Apostel Jakobus geweiht. In alten Schriften wird sie öfter genannt. Sie hatte hohe Spitzbogen und dürfte 1529 von den Türken ausgebrannt worden sein. Durch die leere Kirche wurde später eine Längsmauer gezogen und Wohnungen wurden eingebaut. Aber jeder baute, wie es ihm behagte, daher waren die Fenster in diesem großen Hause in ungleicher Höhe angebracht. Mit der Zeit vergaßen die Leute, daß sie eigentlich in einer Kirche wohnten. Erst nach dem Weltkriege wurde dies wieder entdeckt. Bei einem großen Umbaue wurden Gewölbe abgetragen, Mauern niedergerissen und Fenster versetzt. Dabei kam ein mächtiger, sich verjüngender Spitzbogen zum Vorschein, ein langer Fries mit kleinen Spitzbogen und gemalte Figuren an alten Fensterpfeilern. Diese herrlichen Reste fielen leider der Spitzhaue zum Opfer! Und noch etwas kam zum Vorschein: viele behauene Steine, Säulenreste und Ziegel mit dem Legionsstempel der Römerzeit. Es ist ein Beweis, daß beim Bau der alten Hainburger Häuser viele Römersteine verwendet wurden.

Nr. 9. Das Ungartor. Das Ungartor ist ein gewaltiger viereckiger Turm mit breiten, hohen Torbogen. Bis zu zwei Drittel seiner Höhe ist es aus Quadersteinen gefügt. Die Kegel der mächtigen Torflügel sind in Blei eingegossen, für Jahrhunderte haltbar. Das schwere Fallgitter, das viele Feinde abgehalten hat, ist aufgezogen. Den rechten fensterlosen Teil des Baues nennt das Volk „Hungerturm“. In. diesen kann man nur von oben hineingelangen. An den großen Buckelquadern, die zum Teile noch von den Römern stammen, sind viele Steinmetzzeichen zu sehen. An der Außenseite stehen noch Reste eines alten Vorwerkes über den ehemals 25 Meter breiten Stadtgraben.

Nr. 10. Der Friedhof. In alter Zeit wurden die Toten neben der Martinskirche begraben. Nur die an der Pest Verstorbenen begrub man außerhalb der Mauer. Vor dem Jahre 1700 verlegte der Stadtrat den Friedhof vor das Ungartor zur Kapelle, die den Heiligen Rochus, Sebastian und Rosalia geweiht ist.

Der Friedhof ist eigentlich eine volkreiche Stadt. Der Totengräber Hottner hat in vierzig Jahren so viel Leichen begraben, als Hainburg Einwohner zählt. Und er ist eine Stadt des Friedens! Der Tod hat über alle einen friedlichen Schlummer gebreitet, auch über solche, die einander im Leben befehdet hatten. Der Tod ist auch der große Gleichmacher; in der Totenstadt gibt es keine Fürsten und keine Bettler. Und in seiner Stadt werden alle gleich alt. Nach zwölf Jahren sind von seinen Bewohnern nur mehr ein paar Knochen übrig. Die meisten Toten liegen in einfachen Schachtgräbern, doch sind schon ziemlich viele Grüfte ausgemauert. Ein eisernes Kruzifix ziert die meisten Gräber, in neuerer Zeit nimmt die Zahl der behauenen Grabsteine überhand. Große Grabdenkmäler besitzen nur wenige Familien, so die Zehetner, Oppitz, Üblein, Schloß, Gradinger, Hofmeister, Modrowitsch, Steyskal, Glück, Rascher, Illich, Toth. Kunstvolle schmiedeeiserne Grabkreuze stehen an den Gräbern des Buchhändlers Groß, des Bäckermeisters Leyrer und des Kaufmannes Hieß. Auf unserem Friedhofe sind die Gräber während der schönen Jahreszeit reich mit Blumen geschmückt. Zu Allerseelen aber gleicht der Gottesacker einem Blumenmeere. Wer wollte auch am Gedenktage der Toten seiner lieben Verstorbenen vergessen?

Nr. 11. Das Wienertor Von den Hainburger Türmen ist der Wienerturm seit jeher der stattlichste gewesen. Die Höhe des Mauerwerkes beträgt über 21 Meter. Das Bauwerk hat 22 Schichten Buckelquadern, darüber einen starken Aufbau und ein hohes Steildach. Der wuchtige Dachstuhl zeigt, daß auch die früheren Zimmerleute Meister in ihrem Fache waren. In den vorspringenden runden Halbtürmen sieht man noch die hohen, schmalen Schießscharten. Gewaltige Torflügel und zwei schwere Fallgitter verwehrten dem Feinde das Eindringen in die Stadt. An der Vorderseite stehen Trutzfiguren aus Stein, zwei Ritter mit Schild und Schwert. Im Innern ist der Bau durch Holzdecken in vier Stockwerke geteilt. Vor dem Tore liegen zwei ungeheure steinerne Mörserkugeln, die 1482

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der „Gerber“ gegen den Wienerturm geschleudert hat. Zur Erinnerung an frühere Belagerungen sind hoch oben in der Mauer fünf steinerne Kanonenkugeln eingemauert. In Kriegszeiten wurden die Fallgitter herabgelassen und das Dach wegen der Brandpfeile abgetragen. Rannte der Feind gegen das äußere Gitter an, so wurde er vom zweiten Stocke aus beschossen. Gelangte er doch zum inneren Gitter, so erwartete ihn Pech und heißes Wasser von oben. Das Wienertor ist das mächtigste unter allen Stadttoren Österreichs. Es hat in vielen Kämpfen den Bürgern unserer Stadt sicheren Schutz geboten.

Nr. 12. Die Stadtmauer. So wie die beiden Haupttore sind auch die anderen dreizehn Türme und die Stadtmauer Hainburgs fast 700 Jahre alt. Von den Türmen sind die meisten viereckig, drei bilden Fünfecke, einer ist sechseckig. Fast alle zeigen noch Zinnen, Schießscharten und Mordgänge. Von den kleineren Türmen haben heute nur zwei einen Namen, der Wasserturm und der Halterturm. In den Türmen waren früher die Waffen eingelagert, Büchsen, Hellebarden, „Stückl“, Bleikugeln und Pulver.

Rings um die Altstadt zieht sich die weitläufige Stadtmauer als ein gewaltiger Schutzgürtel. Ihre Steine sind durch harten Mörtel aus Kalk und feinem Donauschotter verbunden. Die Mauern haben am Fuße eine Stärke von 2 Meter 30 Zentimeter und stellenweise eine Höhe von 8 bis 10 Meter. Oft standen Hainburgs Männer in den Wehrgängen der Mauer und wehrten die stürmenden Feinde ab. Hainburg bot mit seinen Riesentoren den zahlreichen Türmen und der hohen Stadtmauer einen prächtigen Anblick. Die Feinde aber sahen diese Festung nicht gerne, denn sie versperrte ihnen den Weg hinein nach Österreich. Wie sehr Hainburg gefürchtet war, ersieht man aus den Worten des ungarischen Kanzlers Stephan Betor. Der sagte zum König Matthias: „Wer möchte sich an Wien, an Neustadt, an Hainburg wagen? Gewiß niemand, außer er er wollte mit seinem ganzen Geschlechte zugrunde gehen!“ Für die Verteidigung Österreichs erhielt Hainburg den Ehrennamen „die Allzeitgetreue“! Das schöne Stadtwappen zeigt einen schreitenden Löwen mit einem Turme auf dem Rücken.

Nr. 13. Hainburgs Blütezeit. Von 1100 bis 1400 herrschte Wohlhabenheit in unserer Stadt. Die Handwerker, Hafner, Schlosser, Schmiede, Tischler, Sattler, Färber und viele andere hatten viel zu tun. Sie waren damals und auch noch später stolz darauf, nur gute, haltbare Ware zu verfertigen. Vom Tuchmacher David wird erzählt, daß man lange nach seinem Tode seine Tuchhose guterhalten im Grabe fand! Jeder Meister besaß Haus, Obst- und Weingarten. Noch besser ging es den Kaufleuten. Die Bauern der Dörfer und die Kreuzzugpilger brachten viel Geld in die Stadt. An den Häusern der Bürger konnte man ihren Reichtum sehen. Die Häuser standen mit der Giebelseite zur Straße und viele waren bemalt. Fast an jedem Hause sah man Hauszeichen, meist ein schön gearbeitetes Handwerkerschild. Die Häuser hatten Spitzbogenfenster, bleigefaßte Butzenscheiben, getäfelte Stuben und darin gediegenen Hausrat. Die eichenen Truhen waren gefüllt mit selbstgesponnenem Leinen, mit Tuch- und Samtkleidern. Jeder Meister besaß seine Waffen, denn er mußte ja die Stadt verteidigen. Auch die Gesellen hatten guten Verdienst, die Taglöhner ausreichenden Lohn. Hauer und Bauer konnten die Produkte ihres Fleißes günstig verkaufen. Die Lebensmittel waren billig und alle, die arbeiten konnten, hätten auskömmliche Nahrung. In späteren Jahrhunderten verarmte Hainburg nach und nach, denn häufige Kriege zerstörten Handel und Wandel.

Nr. 14. Trübe Tage für Hainburg. Oft standen Feinde vor den Toren Hainburgs. Doch die wackeren Bürger und die kaiserliche Besatzung verwehrten ihnen das Eindringen in die Stadt. Manchmal aber konnte ein mächtiger Feind, den Widerstand bezwingen. So war es 1482, als der ungarische König Matthias durch achtzig Pferde den Gerber-Mörser vor die Stadt bringen ließ. Dessen ungeheure, Steinkugeln zertrümmerten das Wienertor. So war es 1529, als der türkische Sultan Soliman mit einem großen Heere gegen Wien zog. Die sechshundert Mann Soldaten, die in der Stadt waren, flohen aus Hainburg und ließen die Bürger allein. Die Türken erstürmten die schwach besetzten

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Mauern und wüteten dann in der Stadt mit Mord und Brand. Dabei dürfte auch die Jakobskirche ausgebrannt sein. Die häufigen Kriege der damaligen Zeit brachten über das Land und die Stadt Hainburg großes Unglück. Viele Menschen wurden getötet, viele Häuser verbrannt, viele Äcker und Weingärten verwüstet. Allerlei verwegenes Gesindel machte die aufgerissenen Straßen unsicher. Geldmangel trat ein und Teuerung aller Lebensmittel. Krankheiten und Seuchen brachen aus, an denen viele Menschen starben. So kam es, daß im Jahre 1629 Hainburg „ruiniert und öd“ genannt wird.

Nr. 15. Feste und Freiung. Wer nach Hainburg kommt, sieht schon von weitem die altersgraue Ruine Heimburg auf dem Schloßberge (290 Meter). Breit und stark ragt sie empor mit ihren gewaltigen Mauern, eine Zierde der Landschaft. Einst waren Stadt und Feste die stärkste Grenzburg im Osten des Reiches. Trittst du durch den riesigen Torbogen, so stehst du im weiten äußeren Burghofe. Hier tummelten einst Ritter und Knechte ihre Rosse und übten sich im Waffenspiele. Rings an den Mauern waren früher Stallungen, Vorrats- und Rüstkammern sowie Wohnräume für Knechte und Mägde. Gehst du weiter zur inneren Burg, so siehst du rechts den drei Stock hohen Bergfried und links die Reste der Pankratiuskapelle. Im Bergfried war die Wohnung des Burgvogts und darunter das Verlies. In der Kapelle las der Burgkaplan jeden Morgen die heilige Messe. Hier fand die prunkvolle Hochzeit des Königs Ottokar mit der Herzogin Margarete statt, bei welcher vier Bischöfe, viele Fürsten, Grafen und Ritter zugegen waren. Neben dem Bergfried stand das große Wohnhaus für die Gäste. Starke Mauern und wehrhafte Knechte hielten gar oft den Ansturm der Ungarn auf. War aber die Burg erstürmt, so dienten unterirdische Gänge als letzte Zufluchtsstätte. Nach dem Türkensturme verfiel die Heimburg und wurde zur Ruine. Feste und Wienertor sind heute allbekannte Wahrzeichen Hainburgs aus vergangenen Tagen. Das neue Schloß am Fuße des Schloßberges wurde nach der Türkenzeit gebaut und später mehrmals umgebaut. Im Volksmunde heißt es „Freiung“. Zur Zeit Maria Theresias bot es einen viel schöneren Anblick als heute. Es hatte eine reich geschmückte Fassade, besaß ein Theater, eine Kapelle, drei Säle und 47 Zimmer. Davor war ein prächtiger Park mit Springbrunnen, Rasenflächen und Blumenbeeten. Um das Jahr 1820 lebte im Schlosse Karoline Gräfin Lipona (Napoli = Neapel), die Schwester Napoleons. Im Jahre 1852 wurde dieses prächtige Schloß in eine Kadettenschule (später Akademie) umgewandelt. Dabei vermauerte man das Ausgangstor zur Freiungsheide und rückte es ein Stück näher zur Stadt. Die Leute nannten den neuen Ausgang das „verruckte“ Tor.

Nr. 16. Die Tabakfabrik. Die Hainburger Tabakfabrik entstand im Jahre 1724 und ist seit 1785 im Besitze des österreichischen Staates. Sie war seit jeher die größte und wichtigste Tabakfabrik und hatte eine Zeitlang über 2000 Arbeiter und Arbeiterinnen. Die Fabriksgebäude mußten fort und fort vergrößert und vermehrt werden. Es entstanden das Klostermagazin, das Gebäude am Wienertore, das Ökonomiegebäude, das Dampfmaschinenhaus, das Filialmagazin, der Donautrakt und das große Blattmagazin außerhalb des Ungartores, Die Hainburger Fabrikate genossen seit jeher im ganzen Lande einen guten Ruf, besonders die Virginier-Zigarren waren sehr gesucht. Die zahlreichen Maschinen der Fabrik sind wahre Wunderwerke. Die Tabakfabrik konnte 1935 bereits das Jubiläum des hundertfünfzigjährigen Bestandes feiern. Sie ist für Hainburg von größter Wichtigkeit, von ihr hängt das Gedeihen und der Wohlstand der Stadt ab. Sie gibt nicht nur der Arbeiterschaft Verdienst, sondern auch den Handwerkern, Kaufleuten und Bauern. Im letzten großen Kriege hat sie zum Glück nicht sehr gelitten, nur das Filialmagazin und das Blattmagazin brannten aus.

Nr. 17. Das unterirdische Hainburg. Es gibt auch ein Hainburg unter der Erde. Das sind die festgebauten, tiefen Keller, Gänge und Fluchtgewölbe. Manche Häuser besitzen zwei Keller untereinander, zum Unterbringen des reichen Segens aus den Weingärten. Denn früher war das Weingelände viel größer als heute. In

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jedem Bürgerkeller standen stattliche Reihen von Fässern mit Most und Wein. Und jeder Bürger hatte das Recht, seinen selbstgebauten Wein im Hause auszuschenken. Daher sieht man noch heute in mancher Hauseinfahrt Sitznischen in der Mauer, so in den Häusern Hauptplatz Nr. 22 und Nr. 23, Ungarstraße Nr. 10, Wienerstraße Nr. 13. Wichtig für die Hainburger früherer Zeiten waren die Fluchtgewölbe. Ein solches ist im Hause Hauergasse Nr. 16. In diesem konnten sie in Kriegszeiten, beim Eindringen der Feinde, Zuflucht suchen. Einige dieser Gewölbe sind untereinander durch Gänge verbunden. Manche der heutigen Hausbesitzen wissen gar nicht, daß unter ihrem Hause ein Fluchtgang verläuft, da dieser vermauert oder verschüttet ist. Es sind auch noch andere Hohlräume unter so manchen Häusern und diese reichen zurück bis in die Römerzeit. Sie sind also mehr als anderthalb Jahrtausende alt! Diese sind noch fester gemauert als die gewöhnlichen Keller; die Römer haben sie genauest gefügt aus Quadersteinen. Einer dieser Räume liegt im Hause Hauptplatz Nr. 20. Es ist ein eirunder Raum von beiläufig 8 Meter Länge und 4 Meter Breite. Wozu er einst diente, weiß man nicht, vielleicht zum Gottesdienste. Zur Römerzeit lag dieses Gewölbe nicht unter, sondern über der Erde. Heute ist es leider verschüttet. Unter der Erde liegen auch die Grüfte der Pfarrkirche und der Friedhofskapelle. Uhd aus der neuen Zeit die Kanäle, Wasserleitungs- und Kabelrohre. Etwas Einzigartiges ist im Hause Hauptplatz Nr. 3 zu sehen, ein Verlies. Dieses Haus gehörte einst dem Ritter Scorni und dieser besaß die Gerichtsbarkeit. Wer mag wohl in diesem Keller als Gefangener gesessen sein?

Nr. 18. Untergang Alt-Hainburgs. InfoIge der schlechten Zeiten war die Befestigung der Stadt und des Schlosses sehr schadhaft geworden. Zum Ausbessern der Mauern und Türme waren aber die Bürger und das Land zu arm. Da kam 1683 die Kriegserklärung der Türken an den Kaiser Leopold. Wie da die Hainburger um die teure Vaterstadt und ihre Familien zitterten! Sie baten die Regierung um Kanonen und Soldaten, erhielten aber keine Hilfe. Aus allen Dörfern der Umgebung flüchteten nun Scharen von Bauern in die Stadt. In langen Wagenreihen kamen sie mit Weib und Kindern, mit Kühen, Ochsen, Schafen, Schweinen, mit Kleidern und Wäsche, mit Hausrat aller Art, mit Frucht, Heu, Stroh und vielem anderen. Tag und Nacht standen die großen Tore offen, um alle aufzunehmen. Bald herrschte ein unbeschreibliches Durcheinander auf den Plätzen, in den Gassen und in den Höfen. 2000 Einwohner zählte Hainburg und über 6000 Flüchtlinge drängten in die Stadt! Und deren Männer konnten den Bürgern wenig helfen, da sie im Gebrauche der Waffen ungeübt waren. Am 11. Juli 1683 erschienen die Türken vor Hainburg. Todesmutig eilten die Hainburger zur Verteidigung auf die Mauern. Da sahen sie auf drei Seiten die Stadt von einer riesigen Menge Feinde umringt. Es war ein furchtbarer Anblick! Diese wilden Haufen der Türken, Serben, Griechen, der Syrer, Perser, Ägypter mit ihren Krummsäbeln, Bogen, Spießen, Büchsen mit Pechkränzen und Kanonen! Ein ungeheures Geschrei erscholl und ließ die eingeschlossenen Menschen das Schlimmste befürchten. Ein großes Wehklagen erhob sich in der Stadt, besonders bei den Flüchtlingen. Bald fielen Brandpfeile in Menge auf die Dächer der Häuser. Flammen züngelten auf, wo Schindel und Stroh das Dach bildeten. Dann krachten die Schüsse der Büchsen und heulende Granaten zischten durch die Luft und schwere Kugeln zerschlugen die morschen Mauern. Viele Verteidiger stürzten getroffen zusammen, aber auch viele Feinde. Immer dichter wurde nun der Kugel- und Pfeilregen und gegen Abend begann der erste Sturm. Mit schrecklichem Brüllen rannten viele tausende wilde Gestalten gegen die Mauern. Sie trugen Reisigbündel in den Händen zur Ausfüllung des Stadtgrabens. Hinter ihnen rannten die Sturmgruppen, in den Fäusten Säbel und Sturmleiter. Wo durch große Breschen die Maur niedrig geworden war, stürmten sie an. Aber die Verteidiger dort wichen nicht, obwohl der Feind auf sie die meisten Geschosse warf. Und es gelang ihnen auch, den Sturm abzuwehren. Haufen von toten Feinden bedeckten den Boden, aber auch zahlreiche Hainburger lagen in ihrem Blute. In der Nacht blieb der Feind ruhig. Doch schon am Morgen begann der Kampf aufs neue. Einige Stunden noch hielten die wenigen Verteidiger stand, dann gelang den Türken der Einbruch. Oberhalb des Halterturmes war die Mauer auf eine große Strecke eingestürzt und die Verteidiger tot. Die Burg konnte nicht helfen, da nur wenige schlecht bewaffnete Verteidiger oben waren.

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Über die eingestürzte Mauer stürmten die Türken hinein in die Stadt und ergossen sich in alle Gassen. Unendliches Jammergeschrei der dem Tode Verfallenen drang zum Himmel und mischte sich mit dem Siegesgeheul der Feinde. Nun begann ein fürchterliches Morden. Die Türken hieben groß und klein, alt und jung zusammen. Nur die stärksten Leute ließen sie am Leben, um sie als Sklaven mitzuschleppen. Von den Hainburgern und von den Fremden hatten sich viele in Kellern und Bodenwinkeln versteckt. Aber die Türken stürmten durch alle Häuser, fanden sie und hieben sie nieder. Dreihundert Menschen hatten sich in das feste Franziskanerkloster geflüchtet, doch alle mußten ihr Leben lassen. Noch mehr waren zum Fischertore gelaufen und wurden vor diesem eine Beute der Mordgierigen. Nach dem Morden plünderten die Türken alle Häuser gänzlich aus. Jeder von ihnen schleppte große Bündel mit Kleidung und Wäsche fort. Alle Truhen wurden durchstöbert, alle Kreuze zerschlagen, die Einrichtung zertrümmert, alle Schriften und Bücher zerrissen. Was sie nicht mitnahmen, rissen sie in Fetzen und warfen es fort. Der ganze Reichtum einer Stadt war in kurzem vernichtet. Vor dem Abzuge steckten die Türken die Häuser in Brand. Dann zogen sie mit ihrer Beute ab. Hochbepackte Wagen fuhren durch das Wienertor und an diese angebunden, schlichen traurig die armen Gefangenen. Wenn einer von ihnen auf der Altenburger Höhe sich umkehrte, sah er ein riesiges Flammenmeer: seine brennende Vaterstadt! Nach dem Abzuge der Türken war Hainburg ein weites Grab. Tausende Tote lagen auf den Straßen und in den Häusern. Uberall leere Fensterhöhlen, eingestürzte Mauern, rauchende Trümmerhaufen! Auch die Burg hatten die Feinde erstürmt und verbrannt. Das war das Ende der ruhmreichen Feste und Stadt „Heimburg“.

Nr. 19. Wiederaufbau. Nach dem Brande waren in Hainburg von 8423 Menschen kaum hundert übrig geblieben! Diese mußten sich in Höhlen verbergen, da immer wieder Feinde die Trümmer durchsuchten. Erst nach dem Abzuge der Türken im September konnten sich die Armen hervorwagen. Sie hatten von Getreidekörnern und Obst gelebt, denn Erdäpfel gab es damals noch nicht. Die Überlebenden mußten sich nun in der menschenleeren, verwüsteten Stadt wieder ein Heim schaffen. Die verwesenden Leichen wurden von der kaiserlichen Armee begraben, sonst hätte niemand in der Stadt bleiben können. Der Aufbau ging nur langsam vonstatten, weil die Arbeit übergroß war und der furchtbare Brand fast alles vernichtet hatte. Der erste Winter war für die Überlebenden sehr hart. Nach und nach kamen Ansiedler aus Innerösterreich, aus Schwaben, Bayern, Böhmen, kauften Brandstätten und bauten sie wieder auf. Brandstätten waren schon um fünf Gulden (16 Tage Arbeit im Taglohn) zu haben. Ein Teil der Felder wurde wieder bebaut, aber von den Weingärten blieben viele unbearbeitet, denn die Neusiedler verstanden nichts von der Hauerarbeit. Als Obrigkeit bildete sich wieder ein Stadtrat, mit dem Stadtrichter an der Spitze. Der Stadtrat bestimmte im Jahre 1689 als Arbeitslohn 18 Kreuzer im Tage. Dafür konnte der Taglöhner 21 Pfund (fast 12 Kilogramm) Schwarzbrot oder 5 Pfund (2,80 Kilogramm) Rindfleisch kaufen.

Langsam ging es wieder aufwärts, obwohl eine Viehseuche und die Kuruzzen viel Schaden anrichteten. Im Jahre 1688 wurden bereits neue Glocken gegossen; 1689 gab es schon drei Maurermeister, zwei Fleischhauer und drei Leinwandhändler in der Stadt. Von Bürgerhäusern waren 111 aufgebaut. Bald darauf erstanden zwei Tuchfabriken. 1701 wurde der dritte Strumpf- strickermeister aufgenommen. Jedes Jahr kamen Gefangene aus der Türkei zurück, die geflohen waren. Von denen erfuhr man, daß der frühere Stadtrichter Veit Trembl in Kleinasien Kamele hütete.

Im Jahre 1714 wurde die Katharinenkapelle vergrößert und zur Pfarrkirche erhoben. 1724 errichtete der Staat die große Tabakfabrik, die vielen Arbeitern Verdienst brachte. 1749 wurde die Frauensäule errichtet, 1756 der Kirchturm erbaut. Zur Zeit Maria Theresias, im Jahre 1772, zählte die Stadt 230 Bürgerhäuser und fast 2000 Einwohner. Doch der Aufstieg erfuhr auch Rückschläge. 1805 und 1809 waren 1500 französische Reiter einquartiert, die den Bürgern große Auslagen verursachten. Die Kriege gegen Napoleon hatten Teuerung im Gefolge 1816 war sogar Hungersnot. Am 3. Juli 1827 traf die Stadt ein großes Unglück: durch eine Feuersbrunst brannten 153 Häuser ab. Doch der Fleiß der Bewohner

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überwand alle Schwierigkeiten und Hainburg wurde eine freundliche Stadt, in der es gut zu leben war.

Im Jahre 1819 fuhr das erste Dampfschiff stromabwärts. 1842 erstand eine Nadelfabrik, um 1850 das Sparkassengebäude, 1892 die neue Volksschule. Im Jahre 1852 fand die Eröffnung der Kadettenschule statt, 1880 wurde die neue Wasserleitung gelegt, 1886 die Eisenbahn von Bruck a. d. L. bis Hainburg geführt, 1891 die Fournierfabrik von Harsch gebaut. 1890 hatte die Stadt 4905 Einwohner in 348 Häusern. 1894 bestand Hainburg schon tausend Jahre als Stadt. 1908 erhielt Hainburg die Bürgerschule (Hauptschule), 1914 fuhr die erste Elektrische nach Wien. Trotz des ersten Weltkrieges, in dem 140 Hainburger auf dem Schlachtfelde fielen, nahm die Stadt rasch an Eiwohnern zu. 1937 lebten 7500 Menschen in Hainburg (mit dem Militär). 1945 beträgt die Einwohnerzahl 6500. Hainburg hat manche Sehenswürdigkeit. Aus alter Zeit: Karner, Lichtsäule, Wienertor, Ungartor, Stadtmauer, Schloßruine, Verlies im Hause Hauptplatz Nr. 3, Sitznischen im Rathause, Portal im Brauhause, Frauensäule, Stadtbrunnen. Aus neuerer Zeit: Kirchturm, Fassade der Häuser Hauptplatz Nr. 1, Nr. 10, Haustore der Häuser Hauptplatz Nr. 3 und Nr. 13, Wienerstraße Nr. 10, Kirchengasse Nr. 6, Schild „Zur goldenen Krone“, Museum im Wienertore.

Nr. 20. Die Donau. In stattlicher Breite, fast 400 Meter, fließt die Donau an Hainburg vorbei. Schnell sind ihre rauschenden Wellen; denn felsig ist der Grund, mit vielen Steinen und tiefen Löchern. Freundlich blicken die Häuser der Donaulände durch die Durchlässe zwischen den wuchtigen Bahnpfeilern. Aber keine Schiffmühlen sind mehr verankert, kein „Gfluder“ dreht sich machtvoll, daß Haus- und Mühlschiff erzittern. Leer ist die Lände, weg sind die zahlreichen Zillen, die sicher zur Au fuhren. Aber schön ist sie doch, unsere Donau, wenn ihre Wasser sich den wogenden Morgennebeln entringen, wenn ein kühler West die Wellen kräuselt, wenn ihr Spiegel in den Strahlen der Abendsonne bläulich schimmert! Und schön ist sie, wenn ihre aufgewühlten Wellen sich schwingend heben und senken und die Zillen schaukeln wie Nußschalen! Doch am schönsten ist sie, wenn in lauer Vollmondnacht die Zille so lautlos stromab treibt, daß man das leise Rieseln des Geschiebes am Grunde vernimmt. Aber die Donau kann auch bösartig sein, wenn ihr Hochwasser springend und tosend vorbeischießt und die Lände gefährdet. Wenn die mächtigen Eisschollen sich knirschend reiben, wenn der Eisstoß „geht“ und sich donnernd auftürmt! Für den Verkehr ist die Donau die wichtigste Straße nach den Ostländern. Getreide und Öl, Holz und Maschinen, Fabrikswaren und Tabak trägt der Strom auf seinem breiten Rücken. Schwerfällig poltern die tiefgetauchten Motorschiffe stromaufwärts, aber leicht und schnell geht die Fahrt des Passagierschiffes donauwärts. Ein besonderer Schmuck der Donau sind die Auen. Weithin erstreckt sich das grüne Blätterdach über die sandigen Flächen des linken Ufers. Schwül ist es darunter im Sommer und in der feuchtwarmen Luft gibt es überreiches Pflanzen- und Tierleben. Rascher wachsen da die Bäume als im Bergwalde und stattlicher werden die Hirsche. In Rudeln bis zu 80 Stück stehen sie auf Lichtungen und äsen. Krachend bricht unter ihrem Davonstürmen das Jungholz. Eine Menge Rehe und Hasen gibt es, prächtige Fasane und schwere Truthühner. Wassergeflügel und Kleintiere aller Art beleben die Lacken und Arme. Aber unheimlich stille ist es im Winter, wenn die Rinnen zugefroren sind und der Schnee ringsum alles bedeckt. Nur rasche Möven streichen über den Strom und Krähen mit breitem Flügelschlage. Große Wassermengen führen die breiten Arme der Donau talwärts, die „alte“ Donau und der Spittelauer Arm und früher auch der Wörtharm. Weiter stromabwärts münden der schmale Rußbach und die träge March mit ihren gelbbraunen Fluten. Auf beiden kann man weiße Seerosen bewundern, die sich zwischen großen runden Blättern über dem Wasser wiegen. In Donau und March war früher der Fischfang sehr ergiebig. Im ruhigen Wasser der Arme konnten die Fische ungestört heranwachsen und füllten des Fischers Netze. Da gab es Ruten, Schiele, Hechten, Karpfen, Barben, Pleinzien, Weißfische und andere. Karpfen mit 10 Kilogramm waren nicht selten. Und manche Fischriesen, Welse aus dem schlammigen Grunde mit 50 bis 80 Kilogramm Gewicht, konnten die Fischer erbeuten. Vor den Dampfschiffen wurden in Ruderschiffen die Waren verfrachtet. Trauner, Hohenau, Nebenbei und Waidzillen, bemannt mit bärenstarken Jodeln (Schiffknechte), fuhren sicher zwischen den Sandbänken, neben Klippen stromabwärts. Stromauf wurden auf dem Treppelwege

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die Plätten von schweren Pferden gezogen. Gefährlich war eine solche Fahrt, besonders beim Überqueren von Einrinnen und Flüssen. Nicht selten verschwanden Pferde und Jodel in den gierigen Fluten. Zur Türkenzeit floß der Hauptstrom der Donau weiter nördlich und Hainburg lag an einem Arme. Zwischen Strom und Arm lag ein Haufen mit Obstgärten.

Nr. 21. Braunsberg und Brandwall. Obwohl der Braunsberg (352 Meter) ein im Sommer ausgedörrter Geselle ist, ist er doch der bekannteste und berühmteste unserer Berge. Von weither kommen Gelehrte, um ihn aufzusuchen. Was können sie auf ihm suchen? Nun, die einen seltene Pflanzen und Tiere, andere Scherben und Knochen und wieder andere Gesteine. Denn seine Steppen und Felsen sind reich an solchen Dingen. Da ist die Kugeldistel, die so schön bläulich blüht, der gelbe illyrische Hahnenfuß, die weiße Pfingstnelke, die Nachtviole, der Blasentragant und viele kleine seltene Pflänzchen. Da ist die Gottesanbeterin, die Sägebeinheuschrecke, der Krauthahn und die Äskulapschlange; da sind verschiedene Gesteinsarten und versteinerte Schnecken und Muscheln. Und Knochen, Scherben von uralten Töpfen, Fibeln und Pfeilspitzen, Mondidole und Urnen findet der Sammler genug. Es sind dies Reste alter menschlicher Wohnstätten. Aus solchen Funden können die Gelehrten erschließen, welche Völker hier einst gelebt haben. Denn der Braunsberg war Zufluchtsort im Kriege, bevor es noch ein Hainburg gegeben hat. Im Kriege flüchteten die Bewohner der kleinen Dörfchen der Umgebung mit ihrer Habe und ihrem Vieh auf den Berg. Um den Feind abzuhalten, hatten die Menschen rings um die breite Bergkuppe einen mächtigen, hohen Erdwall aufgeschüttet und durch Baumstämme verstärkt. Die Reste dieses Walles sieht man noch heute, auch die Vorwälle, besonders auf der Nordseite. Wenn aber der Feind stark genug war, erstürmte er. die Wälle, erschlug die Menschen und raubte das Vieh und Hab und Gut. Dabei wurden viele Gegenstände zerschlagen und zerbrochen, deren Reste heute noch zu finden sind. Vor ihrem Abzuge steckten die Feinde Hütten und Wall in Brand, dessen Flammen weithin in die Ebenen leuchteten. Weil dies immer wieder geschah, nannten die Umwohner den Berg den brennenden. Unser jetziges Wort Braunsberg bedeutet daher brennender Berg. In der heutigen Zeit dient der Braunsberg der friedlichen Beschäftigung. In den Weingärten des Südhanges reifen süße Trauben, im Hammerleck-Walde wird Holz gemacht, Kinder suchen Morcheln und Eierschwämme, der Pflug durchfurcht die vorliegenden Felder. Vor vielen Jahrtausenden floß die Donau nicht an der Nordseite des Berges vorbei, sondern über das heutige Schulerbergl und um den Schloßberg herum, so daß dieser eine Insel bildete. Diese Ur-Donau war viel breiter und tiefer als unsere Donau. Damals hing der Braunsberg noch mit dem gegenüberliegenden Thebener Kogel zusammen. Als sich aber einst durch ein großes Erdbeben der Boden senkte, wurden die Berge getrennt. Seither fließt zwischen beiden die Donau hindurch. Der Raum, zwischen Braunsberg und Thebener Kogel heißt Hainburger Pforte.

Nr. 22. Ruine Rötelstein. Gegenüber dem Spittelauer-Arme ragt die Ruine RöteIstein auf steilem Felsen. Leise rauschen die Wellen der Donau, süß schlagen die Nachtigallen im Gebüsche, mit heiserem Schreien umflattern sie Dohlen. Hier hatten schon die Römer einen festen Wachtturm. Im Mittelalter baute ein Ritter seine Burg bei den Resten des Turmes. Wohl war es eine mühevolle Arbeit, über dem senkrechten Felsen ein Gerüst zu bauen und die schweren Quadern über dem Abgrunde aufzutürmen! Nachdem Bergfried und Pallas fertig waren, errichtete man auf der Landseitie eine starke Wehrmauer. Zuletzt hob man den Graben aus und legte die Zugbrücke darüber. Stattlich war die Burg, wie sie so kühn und trutzig den Strom bewachte und die Schiffer erblickten gern ihren runden Turm. In späterer Zeit aber fürchteten sie sich vorbeizufahren, denn die Burgherren waren Raubritter geworden! Mit Ketten und Seilen versperrten sie den Ruderschiffen den Fahrweg. Kam ein Schiff hochbeladen daher, wurde es aufgehalten und ausgeplündert. Zur Strafe mußten die „Rotkappler“ nach ihrem Tode „umgehen“, wie das Volk erzählte. Im Jahre 1529 wurde das Raubnest von den Türken zerstört. Zugleich auch das neben der Burg liegende Rotensteiner Dörfel. Seither liegt das Schloß als Ruine. Einen Teil der Quadersteine verkaufte der Hainburger Stadtrat nach Preßburg. Die noch stehenden Mauern sprengten 1809 die Franzosen, so daß heute von der Burg Rötelstein nur wenige Trümmer vorhanden sind.

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Nahe bei der Ruine ist ein runder Hügel, früher einmal durch einen Gang mit der Burg verbunden. Es ist ein Grabhügel, wie das Schulerbergl und der Kreuzelberg. An einsamer Stelle im Hohlwege an der äußeren Burgmauer steht in einer kleinen Grotte die Statue der Muttergottes von Lourdes. Der Werkmeister Renner hat sie 1897 aufstellen lassen.

Nr. 23. Auf der Heide. Unter den Hainburger Rieden sind die fruchtbarsten die „Krautgärten“ und die „Heide“. Die Heide deswegen, weil das Hochwasser der Donau immer wieder Schlamm ablagert und weil die Luft an der Donau feuchter ist als anderswo. Die Heide ist erst 1816 aufgerissen und in Äcker verwandelt worden. Jedes Bürgerhaus erhielt davon ein ha Grund, das sind 2800 Quadratmeter. Auf einer solchen Fläche gibt es eine ansehnliche Ernte von Erdäpfeln, Kukuruz, Getreide, Rüben, Mohn usw. In dem warmen, lockeren Grunde der Heide gedeiht auch das Gemüse vortrefflich, ohne daß es begossen wird. Zwischen den hohen Kukuruzreihen liegen schwere Kürbisse, doch auch Gurken und Melonen lassen sich leicht ziehen; Buschfisolen säumen am Rande die Erdäpfeläcker ein; Kohlrabi, Kohl, Kraut, Paradeiser wachsen zu stattlicher Größe heran. Darum sind auch die „Heidstückl“ als Pachtäcker von den Bauern sehr begehrt. Freilich kann auch Hochwasser die Ernte verderben. Bleibt das Wasser lange auf den Feldern stehen, dann fault alles, was darauf wächst. Zum Glücke sind in neuer Zeit Überschwemmungen selten geworden. Auf der Heide ist seit 1929 der Gemeindebrunnen, der den größten Teil des Hainburger Leitungswassers liefert. Durch ein Pumpwerk wird das Wasser in das große Reservoir befördert. Unser Trinkwasser ist ein Thermalwasser, das aus großer Ferne unterirdisch zufließt.

Nr. 24. Im Teichtale. Seit jeher sind die Hainburger gern an Sonntagen ins Teichtal spaziert. Hoch ragen die Buchen und Linden und bieten Schutz gegen die sengende Sonne. Im Juni ist dort ein Gesumme von Bienen in den Baumkronen, daß man meint, ein Schwarm ziehe aus. Und ein betäubender Duft von Millionen Lindenblüten hängt in der Luft. Je nach der Jahreszeit bedecken Schneeglöckchen, Lerchensporne, Maiglöckchen, Lauche, Windröschen und mannigfaltige Sommerblumen den Boden wie ein farbiger Teppich. Dazwischen stehen violette Küchenschellen, gelbe Hahnenfüße und hie- und da kannst du einen gelbbraunen Frauenschuh, einen gesprenkelten Türkenbund sehen. Wenn du im Schwämmesuchen geschickt bist, findest du Morcheln, Eierschwämme, Champignons, Reizker und im Herbste den schlanken Hallimasch; manchmal auch den riesigen Schirmpilz und den kugeligen Bovist. Doch mußt du dich vor dem Knollenblätterpilze und dem Fliegenschwamme hüten, die sehr giftig sind. Blindschleichen und Ringelnattern schlängeln sich durch Gras und Kraut, aber auch die schwefelgelbe Äskulapschlange und die hitzige Zornnatter. Vor ihnen brauchst du keine Angst zu haben, denn sie sind ganz harmlos. Giftige Kreuzottern und Sandvipern gibt es keine in unseren Wäldern. Manchmal raschelt ein stacheliger Igel durchs alte Laub, ein Eichhörnchen sitzt mit hochgehobenem Schweife auf einem Aste und zerbeißt eine Eichel. Wiese und Marder huschen geschmeidig durch Strauch und Stamm. Wenn du besonderes Glück hast, kannst du einen Fuchs über den Weg flitzen sehen, der einem Häschen nachspürt. Solltest du auch eine Rehgeiß mit ihrem Kitzlein zu Gesichte bekommen, dann hast du das lieblichste Bild gesehen, das der Wald bieten kann. Unsere Waldbäume kannst du fast alle finden: Weißbuche, Rotbuche, Eiche, Sommer- und Winterlinde, Esche, Ahorn, Erle, Traubenkirsche und viele Akazien. Auf manchem hohen Reisbaume entdecken deine scharfen Augen das Nest einer Krähe, eines Hähers. Der Waldsträucher gibt es viele: Haselnuß, Pfaffenhütchen, Pimpernuß, Geißblatt, Salweide und das dichte Gestrüpp der „Ullischwiedn“ (Waldrebe). Manche bieten dir eßbare Früchte, wie die Wildrose, der Weißdorn, die Schlehe und der Hollunder, vor dem man den Hut abnehmen soll, wie ein altes Sprichwort sagt. Kleine Singvögel huschen durchs Gebüsch und wer die Vögelrufe kennt, weiß, welcher Sänger sein frohes Liedlein singt. Vielleicht ein Schwarzplättchen, ein Rotkelchen, ein Fink oder eine Grasmücke. Früher waren auch Nachtigallen nicht selten, doch ihre Feinde, der Mensch, die Eulen und Krähen, haben sie vertrieben.

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Der Wald des Teichtales bedeckt sämtliche Teichberge, die bis zu einer Höhe von 354 Meter ansteigen. Da gibt es Hartholz in schwerer Menge, das im Winter unsere Wohnräume gemütlich macht. Mit vieler Mühe wird es, oft auf gefährlichem Wege, zu Tal geführt. Am Eingang ins Teichtal lagen einst die Stadtteiche, in denen Fische gezogen wurden. Ihren Boden bedeckt heute eine Wiese. Wenn du weiter ins Teichtal hineingehst, führt ein Weg an einer mächtigen Eiche vorüber mit einem großen Kruzifixe. Nicht weit davon siehst du eine Dreifaltigkeitssäule, gesetzt von der Familie Owesny. Noch weiter rückwärts im Tale steht ein Kapellchen mit einer Statue, der Muttergottes. Die Kapelle hatten die Eheleute Michael und Elisabeth Kramer im Jahre 1886 errichten lassen. Im Teichtale sammeln sich kleine Wasseradern, deren köstliches Naß durch Röhren in die großen Reservoire der Stadt geleitet werden.

Nr. 25. Die Pottenburg. Wer rüstig zu Fuße ist, kann von Hainburg in dreieinhalb Stunden zur Ruine Pottenburg gelangen. Diese äußerste Grenzburg im Osten ist ein Juwel unseres Vaterlandes. Wie machtvoll erhebt sich der altersgraue Bergfried von einer Bergnase in die Lüfte! Wie wuchten ihre Riesenmauern, in alten Zeiten den Feinden trotzend, durch ihre Stärke! Fast tausend Jahre sind es, daß der Ritter Potho von Aspern sie erbauen ließ. Gegen die einbrechenden Magyaren sollte sie den Bewohnern Schutz bieten. Oft sah sie die Bauern aus Berg und Wolfsthal mit Weib und Kind hinter ihre Mauern flüchten und mithelfen, die Feinde abzuwehren. Nicht immer gelang es und dann wüteten die Ungarn mit Äxten und Streitkolben gegen die Unglücklichen. Wen sie verschonten, der wurde als Sklave fortgeführt. Vierundzwanzig Meter hoch erhebt sich der Bergfried, dessen Eingang stockhoch über dem Boden liegt. Genau gefügt sind seine Kantsteine, daß ihnen Sturm und Wetter nichts anhaben können. Und er steht heute noch fest und unerschüttert, obwohl ihn so viele Jahrhunderte die Winde umbraust haben. Links neben dem Turme ist die Kapelle, vor ihm das Wohngebäude, fast alles zerbrochen und zerstört. Denn die Türken haben auch die Pottenburg eingenommen und gesprengt. Das Trümmerwerk, das sie übrig ließen, hat sich in den folgenden Jahrhunderten selbst begraben. Nur die Umfassungsmauer, die stellenweise drei Meter dick ist, steht noch, doch fehlen auch ihr Zinnen und Schießscharten. In den früheren Wohnräumen und in den Burghöfen, wachsen Stauden und Bäume und gelbes Steinkraut erblüht aus den Ritzen der Bruchsteimauern. Unheimlich still ist es in den Trümmern, kein Wunder, daß auch hier das Volk Geister umgehen läßt. Aber prachtvoll ist die Aussicht ins fruchtbare Land und auf die herbstlich glühenden Karpatenwälder. Und der Preß- burger Dom und das Schloß scheinen so nahe, daß man sie mit Händen greifen möchte. Am Fuße der Pottenburg war einst ein Dörfchen. Man findet dort eine Menge Scherben, auch Hohlbeile und einmal wurden auch Skelette ausgegraben.

Nr. 26. Das Altersheim. In früherer Zeit war vor dem Wienertore kein anderes Gebäude als das Hospital. Waren durchziehende Kreuzzugpilger auf ihrem langen, beschwerlichen Marsche erkrankt, fanden sie da Aufnahme. Sie wurden gepflegt und zur Weiterreise gekräftigt. Nach den Kreuzzügen diente das Haus kranken Hainburgern als Heimstätte. Später wurden die Armen und Arbeitsunfähigen des Bezirkes darin untergebracht. Diese durften sich ihre Tabakkreuzer in den Häusern zusammenbetteln. In neuer Zeit ist es ein Altersheim. Sechs katholische Schwestern betreuen hundert alte, kranke Leute. Sie müssen für sie kochen, waschen und nähen, sie müssen alle Zimmer reinhalten und die Kranken pflegen. Fürwahr eine Riesenarbeit, die sie aus Nächstenliebe verrichten! Das Altersheim besitzt eine Kapelle, deren Sakramentsnische schon 700 Jahre alt ist. Sie ist dem heiligen Ulrich geweiht. An der linken Kapellenmauer ist das Grabdenkmal aus rotem Marmor des Ritters Heinrich von Scorni zu sehen. Durch türkische Säbelhiebe ist das Kruzifix daran stark beschädigt. Aus dem kleinen, hölzernen Türmchen erscholl früher eine Glocke über die Häuser und Gärten der Landstraße. Diese ist, so wie die übrigen Hainburger Glocken, ein Opfer des Krieges geworden. Im Garten des Hauses liegen viele Pilger begraben, die einst im Hospitale ihrer Krankheit erlagen. An der Stelle des Altersheimes stand wahrscheinlich schon zur Römerzeit ein Turm oder ein Meierhof. Die Römerstraße, die vorbeiführte, liegt gar nicht tief unter der heutigen Asphaltstraße.

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Unweit des Altersheimes liegt das „Dreihunderterhaus“. Heute ist dieses ein Wohnhaus für Arbeiter der Tabakfabrik. Im Jahre 1842 war darin eine Nadelfabrik eingerichtet worden, die bis zu zweihundert Arbeiter beschäftigte. Diese Fabrik bestand bis zum Jahre 1887.

Nr. 27. Hexenberg und Pfalfenberg. Manche Leute schämen sich, Hexenberg zu sagen und nennen ihn Höchsterberg, was ganz falsch ist. Wohl ist er der höchste von unseren Bergen (476 Meter), aber von der Höhe hat er nicht seinen Namen, sondern von den Hexen, so wie die Hexenschlucht an seinem Ostabhange. Denn auf seiner Kuppe sollten ja die Hexen zusammenkommen, um ihre Feste zu feiern. Er ist ein mächtiger Herr, der Hexenberg, an den sich der kleinere Pfaffenberg (327 Meter) anschmiegt. 326 Meter steigt er an über Hainburg, das selbst schon 150 Meter hoch liegt. Mit Ausnahme der „Nase“ sind die nordwestlichen Hänge und Schluchten bewaldet, ebenso die östlichen. Die West- und Südwestseite aber und die Kuppe sind, wie bei fast allen Hainburger Bergen, kahl und im Sommer ausgedorrt. Da sind die Steppenpflanzen daheim, ähnlich wie auf dem Braunsberge, z. B. Drachenkopf, Riemenzunge, Afrikanische Meerviole, Pannonischer Hederich und viele andere. Im Steppengebiete des Berges sind, einige Steinbrüche, aus denen Kalk gewonnen wird. Sie sind die Fundplätze für versteinerte Muscheln und Krebse, die in der Urzeit hier im Meere lebten. Das Meer bedeckte unsere Gegend anfänglich so hoch, daß nur die oberen Teile der Berge herausragten. Später ging das Meer nach und nach zurück. In den damaligen Wäldern und auf den Steppen lebten Tiere, die heute ausgestorben sind, wie das Mammut, der Höhlenbär und das Wildpferd. Von diesen findet man in den Schluchten, Höhlen und Steinbrüchen viele Knochen. Ein Wiener Gelehrter hatte das Glück, das ganze Skelett eines Nashorns aufzufinden. Es ist im Wiener Naturhistorischen Museum zur Schau gestellt. Im Innern unserer Berge sind zahlreiche kleinere und größere Höhlen, unter ihnen das Zwergenloch und die Günterhöhle. Sie wurden vom Meer- und Regenwasser in langen Zeiträumen ausgewaschen. Das Volk erzählt, daß diese Höhlen durch enge Spalten und Schlurfe zusammenhängen. Der Wald der Hainburger Berge ist Laubwald mit wertvollem Hartholze. Nur auf dem Pfaffenberge wurde ein Föhrenwäldchen aufgeforstet. Dem Hexenberge liegen zwei niedere Kuppen vor, die Rudolfshöhe und die Stephaniehöhe. Ein vom Verschönerungsvereine angelegter Serpentinenweg führt auf die weitausgedehnte Platte des Hexenberges, auf der eine für die Landvermessung wichtige Triangulierungs-Pyramide steht. Eine weite Rundsicht belohnt den Aufstieg. Der Blick reicht bis zum Stephansdome, zum Neusiedlersee, zum Schneeberge, in die Karpatenberge und weit hinein in das Marchfeld mit seinen zahlreichen Ortschaften. Zu Füßen erblickt man Hainburg in der Vogelschau und merkt so recht, wie lieblich es zwischen den Bergen eingebettet ist. Nach der Sage droht aber Hainburg vom Hexenberge ein großes Unheil. Es soll einmal der Berg aufbrechen und ungeheure Wassermassen werden die Stadt überfluten und vernichten. An der Westseite des Pfaffenberges ist ein großer Kalksteinbruch, der hauptsächlich Straßenschotter liefert. Inmitten des Föhrenwäldchens auf dem Pfaffenberge liegen kleine Reste eines römischen Tempels und Wachtturmes.

Nr. 28. Die Günterhöhle. Unweit von Hundsheim ist am südwestlichen Hange des Hexenberges der Einstieg in die Günterhöhle. Sie wurde erst in neuer Zeit entdeckt, während das Zwergenloch seit jeher bekannt ist. Die Günterhöhle besteht aus zusammenhängenden Gängen und Hallen mit vielen Tropfsteingebilden. Da hängen von den Decken ganz seltsam geformte Zapfen herab, andere sind vom Boden aus emporgewachsen. Sie entstanden aus unzähligen Tropfen Wasser, deren Kalk sich in langen Jahrtausenden abgesetzt hat. An manchen Stellen durchziehen rote, gelbe, bläuliche Streifen das Gestein, die im Lichte der elektrischen Lampen eigenartig schimmern. Diese farbigen Streifen und Flecken sieht man auch in anderen Höhlen. Sie gaben Anlaß, daß in den Sagen immer von Edelsteinen und Schätzen in den Bergen die Rede ist. Die Günterhöhle war anfänglich viel reicher an Tropfsteinen als heute. Aber selbstsüchtige Menschen haben sie ausgeraubt und in ihren Gärten mit den Tropfsteinen Wege eingefaßt oder Grotten aufgebaut.

Nr. 29. Die Altenburger Wallfahrtskirche.

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Der Sage nach wurde sie von dem ungarischen König Stephan dem Heiligen vor dem Jahre 1000 erbaut. Sie ist eine der ältesten Kirchen in Niederösterreich und eine besondere Sehenswürdigkeit. Die Quadersteine ihrer dicken Mauern stammen großenteils aus der untergegangenen Römerstadt Karnuntum. Auch der Turm ist bis zur Spitze aus Quadersteinen gefügt. Durch zehn wuchtige Strebepfeiler ist die Kirche in drei schmale, hohe Schiffe geteilt. Den Hochaltar schmückt ein neues, schönes Marienbild, denn die Kirche ist ein Marien- Wallfahrtsort. Auf dem früheren Bilde sitzt die Muttergottes auf einem Throne und reicht dem Beter das auf den Falten ihres Kleides stehende Jesuskind. Die gleiche Darstellung der Muttergottes sehen wir auf der Säule neben der Reichsstraße und in der Mauer des Hainburger Pfarrhofes. Sehr altertümlich sind die Verzierungen der dicken Pfeiler; jeder trägt ein anderes Muster von Blättern und Ornamenten. Das Dach ist gedeckt mit glasierten Ziegeln, die in der Sonne gleißen und funkeln. Rund um die Kirche breitet sich der Friedhof aus mit vielen gepflegten Gräbern. In einem derselben schlummert der Geschichtsschreiber Hainburgs, Pfarrer Josef Maurer. Inmitten des Friedhofes liegt der Karner mit einem prächtigen Portale aus Rundbogen. Außerhalb des Friedhofes dehnt sich die Fläche des Kirchenberges mit dem Kreuzelberge, einem uralten Grabhügeil. Auf dem Kirichenberge war früher an den Festtagen Maria Himmelfahrt (15. August) und Maria Geburt (8. September) ein großes Gedränge von Menschen und Wagen. Wallfahrer waren es, die oft von weither in Prozessionen zur Altenburger Muttergottes kamen. Nach dem Hochamte und der Predigt begann ein fröhliches Treiben, der „große“ und der „kleine Umurkenkirtag“. Daran nahmen auch hunderte Hainburger mit ihren Kindern teil.

Nr. 30. Die Altenburger Heilquelle. Eine der am längsten bekannten Heilquellen ist die Altenburger Jod-Schwefelquelle; sie geht bis auf die Römerzeit und noch weiter zurück. Von weit her kommt im Innern der Erde ihr warmes Thermalwasser. Im Brunnenhause wird dieses durch ein Pumpwerk geschöpft und dann auf eine höhere Wärme gebracht. In zahlreichen Kabinen sind ausgekacheIte Wannen in den Fußboden versenkt zur Aufnahme des heilkräftigen Wassers. Die Altenburger Quelle hilft besonders bei Gicht und Gliederreißen, doch auch bei vielen anderen Krankheiten bringt sie Linderung. Herzkranken ist sie nicht zu empfehlen, da das Jod den Herzmuskel sehr angreift. Die heutigen Bäder sind sehr einfach im Vergleiche zu jenen, die die Römer gehabt haben. Das waren prunkvolle Gebäude mit Statuen und Mosaiken, mit Säulen und Malereien. Da gab es Kalt- und Warmwasserbäder, Schwitzbäder, Duschen, Frottierräume, Unterhaltungs- und Lesezimmer. Auf den Rasenplätzen schlängelten sich zahlreiche Askulapnattern, die von den Römern gern gehegt wurden. Aus den Bädern kamen diese schönen, harmlosen Schlangen in unsere Wälder, wo sie heute noch zu finden sind. Auch Karnuntum hatte solche Bäder, Ihre Reste liegen unter der Erde zwischen Altenburg und Petronell.

Nr. 31. Eine römische Villa. Aus Italien kamen vor mehr als 1900 Jahren die Römer in unser Land, das damals die Kelten bewohnten. Die Römer waren ein schwertgewaltiges Volk, das viele Stämme und Völker unterjochte. Aus dem kleinen Städtchen Karnuntum machten sie eine volkreiche, mächtige Stadt mit steingebauten Häusern, Tempeln, Markthallen, Bädern und Palästen. Ihre Soldaten hatten außerhalb der Stadt ein großes Lager für 6000 Mann. In dieser Festung waren auch die Waffenmagazine für Schwerter, Lanzen, Panzer, Schilde und Wurfmaschinen. Solche Städte und Lager hatten die Römer noch mehrere an der Donau, z. B. Vindobona (Wien). Ihre Landhäuser oder Villen bauten die reichen Römer auf dem Hotter des heutigen Hainburgs, z. B. auf den Reichmachern, beim Schloßberge, auf dem Boden unseres jetzigen Hauptplatzes usw. Eine solche Villa war nach außen hin ganz einfach und schmucklos, aber im Innern desto prächtiger eingerichtet. Wenn dich ein Römer in seine Villa mitnähme, gingest du zuerst durch einen schmalen Eingang in eine große Halle ohne Fenster, aber mit einer Lichtöffnung von der Decke. In dieser Halle sähest du den Fußboden mit farbigen Steinen ausgelegt und in der Mitte eine Grube für das Regenwasser. Hernach kämest du in ein Zimmer mit einem großen Tische, einem Geldschranke und vielen Bücherrollen. Voll Staunen würdest du dann die Säulenhalle betreten, in der ein Springbrunnen plätschert und Blumenbeete prangen. Wie gebannt bliebest du stehen, um die prächtigen Gemälde und Mosaiken an den Wänden zu betrachten. Weitergehend, kämest du in

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den Garten, in dessen Ecke ein Grabdenkmal mit einer Steinbank zwischen Zypressen versteckt steht. Ob der Römer dir dann die Menge Zimmer zeigen würde, weiß ich nicht; denn sie sind klein und dunkel. Nur in den Speisesaal würde er dich führen, wo die Polsterbänke sind, auf denen die Gäste beim Speisen liegen. Du würdest dann sicher noch ein zweitesmal durch die Gemächer schreiten, um alle Statuen aus Stein und Bronze, alle Verzierungen und Gerätschaften zu bewundern. Hie und da sähest du einen Mann oder ein Mädchen vorbeihuschen, die sich mit gekreuzten Armen vor dem Römer verneigen. Das sind Sklaven, arme Menschen, die aus ihrer Heimat geraubt und verkauft wurden. Ihr Herr hat alles Recht über sie und kann sie sogar töten. Wenn du im Winter zu dem Reichen kämest, wärest du erstaunt, daß es in den Räumen ohne Ofen recht warm ist. Da würde dir der Römer gewiß die sinnreiche Beheizung zeigen. Aus einem draußen gelegenen großen Steinofen strömt die Wärme zwischen dem doppelten Fußboden und zwischen den doppelten Wänden hindurch. In den Römervillen war daher nicht so wie in den unserigen die Wärme nur oben, sondern auch unten am Fußboden. Beim Durchwandeln der Gemächer hast du die seltsame Kleidung des Römers vor Augen gehabt, die künstlich in Falten gelegte Toga. Die römischen Bürger, reiche und arme, trugen eine lange und breite Tuchbahn um den Körper gewickelt, dessen eines Ende über den linken Arm geschlagen war. Die reichen Frauen waren in die Palla gekleidet, einem zart gewebten Linnenkleide, das bis zu den Füßen reichte. Reich geschmückt waren sie mit Ringen, Spangen, Ketten und ihr künstliches Haargeflechte umgab ein Goldnetz. Ein solches Goldnetz kannst du neben vielen anderen Römerfunden im Altenburger Museum sehen.

Nr. 32. Im Amphitheater. Oberhalb Altenburgs liegen die Reste eines römischen Amphitheaters. Es war kein großes, es faßte nur 8000 Menschen. Das zweite Amphitheater Karnuntums hatte Raum für 15.000 Zuschauer, im Kolosseum in Rom fanden gar 60.000 Menschen Platz! Im Amphitheater ergötzten sich die Römer an grausamen Spielen, die heute jeder Staat verbietet, an blutigen Kämpfen, an Sklaven- und Tierhetzen. In weiße Togen festlich gekleidet, schauten die Römer von ihren im Eirund ansteigenden Steinsitzen hinab auf die Arena. Das war ein Sandplatz, der mit einer drei Meter hohen Schutzmauer umgeben war. In der Arena fanden die Kämpfe statt. Da kämpfte z. B. ein nackter Sklave, bewaffnet mit Dreizack und Netz, gegen einen mit Schwert, Helm und Panzer Gewappneten. Oder es ritten Scharen von asiatischen Sklaven gegen afrikanische. Oder man ließ Löwen mit Büffeln kämpfen oder hetzte Panther auf Menschen. Je mehr Blut floß und je mehr Tote hinausgeschleift wurden, desto lieber war dies den Zuschauern. Die Frauen waren ebenso blutgierig wie die Männer. Und jedesmal, wenn der am Ehrenplatze sitzende Statthalter das Zeichen zu neuem Blutvergießen gab, herrschte Jubel. Nach den Spielen brachten die überlebenden Kämpfer vor den Götterstatuen ihre Dankopfer dar.

Nr. 33. Das Heidentor. Wer kennt es nicht, das tausendmal abgebildete? In Österreich ist es das einzige, über freiem Felde sich erhebende Denkmal aus Römerzeit. Ehrfurcht und Staunen ergreifen den Beschauer bei diesen gewaltigen Trümmern. Wie mächtig muß erst das Bauwerk gewesen sein, als noch Römer unter seinen Bogen wandelten! Am Schnittpunkte zweier Straßen ragte es hoch in die Lüfte und beherrschte weithin die Landschaft. Und es sollte ja von vielen gesehen werden! Denn es war ein Ehrenmal für einen römischen Statthalter, der die versumpfte Proviniz Valeria zu einem blühenden Lande gemacht hatte. Zur Römerzeit hatte das Denkmal vier hohe, weit gespannte Bogen, in deren Mitte ein Sockel stand mit einer Steinfigur. Über den Bogen war ein Aufbau mit reichverziertem Gesimse. Das Ganze krönte ein hohes Dach mit Falzziegeln. Voll Stolz blickten die Karnunter auf dieses Denkmal, das ein Wahrzeichen ihrer Stadt war. Nach der Zerstörung Karnuntums durch die Quaden verfiel auch dieses Denkmal. In späteren Zeiten haben die neuen Siedler aus den Steinen ihre Häuser aufgeführt. Aber das Denkmal war nach Römerart so fest gebaut, daß große Teile der Spitzhaue widerstanden; Darum nahm man das Pulver zu Hilfe, um die wertvollen Steine zu bekommen. Bei einer solchen Sprengung stürzte ein riesiger Mauerblock herunter auf das Feld, wo er heute noch liegt.

Nr. 34. Das Weiße Kreuz. Auf dem Wege nach Hundsheim, dort, wo der ansteigende Waldweg den Höhepunkt erreicht, steht das Weiße Kreuz. Es ist schon sehr alt, man weiß nicht mehr, wann es

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aufgemauert wurde. Von dort hat man einen weiten Ausblick hinunter auf Hundsheim, auf die fruchtbaren Felder und auf den Spitzerberg (291 Meter). Vor langen Zeiten war dort einmal eine kleine Ansiedlung oder ein Begräbnisplatz. Man machte dort schon öfters Funde, unter anderem konnte man Gesichtsurnen bergen. Es sind dies Tontöpfe, die auf einer Seite die Form eines Gesichtes zeigen. Leider waren mehrere schon zerschlagen, denn viele Leute wissen nicht, daß solche Funde wertvoll sind. Oft geschieht es, daß Kinder solche Dinge finden und sie dann als Zielscheibe für das Steinwerfen verwenden. Dadurch richten sie aber großen Schaden an. Wenn jemand einen solchen Fund macht, soll er sofort den Herrn Oberlehrer verständigen. Der wird dann den Fund besichtigen, ausgraben und verwahren. Vom Weißen Kreuze geht ein Steig den Hexenberg hinauf. Neben diesem Weglein ist der einzige Fundort für Enzian.

Nr. 35. Die Hocker. Rechts vom Wege zur Waldschenke liegen in langen Reihen hunderte Gräber unter der Erde. Sie bergen die Skelette der Hockerleute, die vor mehr als dreitausend Jahren in unserer Gegend lebten. Ihre Stadt aus Holzhütten stand am Rande des heutigen Teichwaldes. Wie das Hockervolk geheißen hat und welche Sprache es geredet hat, wissen wir nicht. Aber die Funde geben uns Kenntnis von ihrem Leben. Die Hocker wohnten in Erdgruben, über denen sie eine niedere Holzhütte aus Baumstämmchen errichtet hatten. Ein paar Steine bildeten den Herd, die gestampfte Erde den Fußboden. Die Männer gingen täglich jagen und fischen und brachten manches Stück Wild und viele Fische nach Hause. Die Weiber hatten Arbeit genug mit Kochen, Kinderpflege, Feldbearbeitung, Sammeln von Beeren und Schwämmen sowie mit der Herstellung der Kleider und Tongeschirre. Die Kinder mußten den Müttern beim Sammeln und Trocknen der Waldfrüchte helfen. Den Männern oblag außer Jagd und Fischfang die Zucht von Rindern, Schweinen und Schafen. Sie erwarben Waffen und Schmuck durch Tausch gegen Felle, getrocknete Fische und hausgesponnenes Leinen. Die Waffen waren Messer, Beile und Pfeilspitzen aus Bronze, der Schmuck bestand in Fibeln und Spangen aus Bronze. Doch stellten die Männer auch Schmuckstücke selbst her. Sie durchbohrten in mühsamer Arbeit Tierzähne, farbige Steinchen und Muscheln und reihten sie zu Ketten für die Weiber. Die Hocker lebten mehrere Jahrhunderte friedlich in ihrer Holzstadt. Dann wurden sie von einem besser bewaffneten Volke besiegt und wahrscheinlich ausgerottet. Ihr Friedhof aber ist auf uns gekommen. Im Sande blieben die Skelette und ein Teil der Grabbeigaben (Töpfe, Bernsteinperlen, Bronzenadeln) wohl erhalten. Die Leichen liegen in Hockerstellung in der Erde und waren bei der Bestattung gefesselt. Durch das Binden der Glieder glaubten die Hinterbliebenen, den Toten das Umgehen als Gespenster zu verwehren. In unserer Zeit wurden fast zweihundert Hockerskelette ausgegraben und nach Wien gesandt zur Untersuchung durch Gelehrte. Das Volk, das nach den Hockern in unserer Gegend wohnte, bestattete die Toten ungefesselt unter niedrigen Grabhügeln. Die Leichen oder die Aschenurnen der Fürsten aber legte man in Kammern aus Holz und schichtete darüber Riesenhügel. Solcher sind drei in der Nähe unserer Stadt: das Schulerbergl, das Bergl beim Rötelstein und der Kreuzelberg. Sie wurden schon mehrmals aufgegraben und sind heute leer. Im Kreuzelberge suchte man 1912 vergeblich die Leiche Arpads, des Ungarnkönigs. Außer der Hockerstadt sind noch mehrere andere Siedlungen untergegangen: die Dörfchen „Am Stein“, beim Weißen Kreuze, beim Schulerbergl, das Rötelsteiner Dörfel, die Siedlung beim Wolfsthaler Bahnhofe, das Dörfchen am Fuße der Pottenburg und Lebarn bei Berg.

Nr. 36. Karnuntum. Mehr als 1500 Jahre ist es her, daß die volkreiche Stadt Karnuntum und ihre Festung untergegangen sind. Karnuntum bedeckte die Felder zwischen Altenburg und Petronell und soll 80.000 Einwohner gehabt haben. Es besaß große Hallen, prächtige Tempel und Paläste, Bäder und Magazine. Gute Straßen verbanden Karnuntum mit vielen Städten und Dörfern. In den Gassen herrschte reges Leben. Bauern brachten Lebensmittel aller Art, Gemüse, Getreide, Mehl, Fleisch, Brennholz und Holzkohlen. Ochsenwagen mit dicken Scheibenrädern knarrten über das Steinpflaster. Frauen und Sklaven besorgten Einkäufe bei den Ständen der Bäcker, Fleischer, Gemüsehändler. Kinder spielten lärmend auf den Plätzen und vor den Tempeln. In der Markthalle feilschten die Käufer in Iateinischer und keltischer Sprache um Fische,

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Honig, Wachs, Öl, Wein, Südfrüchte, um Spangen, Salben, Bernstein, Ringe, Amulette und viele andere Dinge. Neugierige umstanden in Haufen die schreienden Ausrufer und Taschenspieler. In den Tempeln streuten Reiche und Arme den Göttern Weihrauch oder brachten Lebensmittel und Tiere als Opfer dar. Auf dem Sklavenmarkte wurden Gefangene verkauft, unglückliche Menschen, die ihrem Herrn mit Leib und Leben gehörten. Sklaven trugen in Sänften geschminkte Damen von einem Kaufladen zum andern. Vornehme Herren in der Toga begaben sich würdevoll in die Gerichtshalle oder in das Rathaus. Aus dem Festungslager marschierten schwer bewaffnete Soldaten zur Übung und manchmal auch zum Kampfe. In den Amphitheatern jubelten 20.000 schaulustige römische Bürger über die blutigen Gemetzel. In Trauerkleidern beteten Hinterbliebene bei den Grabdenkmälern ihrer Verstorbenen. Von dieser mächtigen Stadt ist nicht mehr übriggeblieben als ein paar Ruinen: das Heidentor und die beiden Amphitheater. Karnuntum wurde von unseren Vorfahren, den Quaden, erstürmt, ausgeplündert und verbrannt. Im Laufe der Zeit zerfielen die Gebäude immer mehr und begruben sich schließlich selbst. Viele Steine der zerstörten Stadt wurden später zum Baue Hainburgs und der Dörfer ringsum verwendet. Doch ist Karnuntum nicht verschwunden. Unter den Feldern liegen noch viele Mauertrümmer, Grabsteine und Säulenreste verschüttet. Zahllose Münzen, Töpfe, Scherben, Statuen, Urnen, Ringe, Schmuckstücke, Geräte hat der Boden bewahrt. Vieles wurde schon ausgegraben und ist nun in Sammlungen zu bestaunen. Das meiste davon liegt im Museum „Karnuntinum“ in Altenburg und im Petroneller Schlosse.

Nr. 37. Das Hainburger Museum. Es gibt wenige Orte in Österreich, die eine so reiche Geschichte haben, wie Hainburg. Viele Völker sind hier durchgezogen, vielerlei Ansiedler haben hier die Felder bebaut und In der Donau gefischt. Zahlreiche Kämpfe wurden hier ausgefochten und der Boden trank das Blut vieler Menschen. Viele Häuser wurden in den Kriegen verbrannt und im Frieden wieder aufgebaut. Die Bürger jubelten, wenn Kaiser und Könige in der Stadt weilten. Und sie standen bewaffnet auf den Mauern, wenn Feinde die teure Heimatstadt bedrohten. Die reiche Geschichte wird durch zahllose Funde bezeugt. Fast nirgends birgt der Boden so viele Schätze wie hier. Früher haben die Leute solche Funde achtlos weggeworfen. Aber heute werden sie behutsam gesammelt und im Museum aufbewahrt. Das Hainburger Museum besteht erst seit kurzer Zeit und doch sind schon tausende Gegenstände dort zu sehen. Da gibt es aus der Urzeit und aus der Römerzeit seltsame Töpfe, Urnen und Becher, verzierte Scherben, Spinnwirtel und Lampen; Mondidole aus Ton, Pfeilspitzen und Fischangeln aus Knochen, Äxte aus Feuerstein, Ringe, Armreifen, Schwerter und Werkzeug aus Bronze und vieles andere. Die meisten Bodenfunde stammen vom Braunsberge und aus Sandgruben. Aus dem Mittelalter sieht man Brandpfeile, verschiedene alte Waffen, Gefäße, Schlösser, Zunftschilder, Lebzeltermodel, Beschläge, Amulette, Fahnen, Schriften und noch viel, viel mehr. Alle Hainburger sollten ihr Museum im Wienertore öfter besuchen, das ihnen die reiche Geschichte ihrer Vaterstadt vor Augen führt. Jeder, der einen Fund aufdeckt, soll dies sogleich der Schule oder dem Gemeindeamte melden.

II. Sagen

Nr. 38. Der feurige Wagen. In alter Zeit war da, wo jetzt das Gasthaus „Zum weißen Kreuz“ steht, ein Kloster mit armen Mönchen. Eines Nachts betete ein Mönch andächtig in seiner Zelle. Plötzlich hörte er ein gewaltiges Gepolter auf dem alten Friedhofe. Dieser war damals an der Stelle des jetzigen Pfarrhofes und der Volksschule. Der Mönch blickte durch die Fensterladen und sah um die Lichtsäule viele weiße Gestalten schweben. Ein feuriger Wagen kam herangesaust, bespannt mit vier Pferden, von denen Flammen ausfuhren. Ein feuerroter Fuhrmann lenkte das flammende Gespann. Der Wagen umkreiste dreimal den Friedhof und verschwand beim zwölften Glockenschlage. Zugleich mit ihm entschwebten auch die weißen Gestalten bei der Totenleuchte.

Nr. 39. Die blauen Flämmchen. In früheren Zeiten sah man auf dem Anger manchmal ein seltsames Schauspiel. Eine Menge kleiner, blauer Flämmchen kam hüpfend vom Schloßberge herab. Sie übersprangen die Stadtmauer und hüpften dann weiter über den Anger bis zum alten Pfarrhofe. Weiter zur Stadt

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hinab konnten sie nicht gelangen, weil sie durch eine „Kreuzgasse“ (Gassenkreuz: Kirchengasse, Freyunggasse, Poststraße) aufgehalten wurden. Begegnete ihnen ein später Wanderer, dann sagte er: „Vergelts Gott, arme Seelen!“ Daraufhin verschwanden sie.

Nr. 40. Die Grasmäherin. Im Hause Nr. 8 in der Kirchengasse lebte einst eine Frau, die auch an Sonn- und Feiertagen arbeitete. Einmal ging sie sogar am Fronleichnamsfeste in den Stadtgraben, um Gras für ihre Ziegen zu mähen. Mit gefülltem Grastuche kehrte sie während der feierlichen Prozession heim. Als sie in die menschenleere Kirchengasse einbog, strömten ihr große Wassermassen vom Anger herab entgegen. Diese umbrausten sie ringsum, so daß sie glaubte zu ertrinken. Nur mit größter Anstrengung konnte sie gegen den reißenden Strom ankämpfen. Endlich langte sie todmatt bei ihrem Hause an. Nach der Prozession erzählte sie ihr Erlebnis ihrer Nachbarin. Doch diese lachte sie aus, denn es hatte keinen Tropfen geregnet.

Nr. 41. Das Geklingel im Brunnen. Das Haus Nr. 4 auf dem Hauptplatze gehörte einst den reichen Tuchmachern Oppitz. Dort ertönte manchmal in der Nacht ein sonderbares Klingen aus dem tiefen Hausbrunnen. Es war, als ob Gold und Silbermünzen gezählt würden. Darüber meldet die Sage folgendes: Auf einer Handelsreise geriet einer der Brüder Oppitz in die Hände der Türken. Aus der Gefangenschaft schickte er folgenden Brief nach Hause. „Lieber Bruder! In einer Nische unseres Brunnens habe ich tausend Goldstücke eingemauert. Nimm dieses Geld und kaufe mich damit los!“ Der Bruder suchte nach und fand wirklich den versteckten Schatz. Da er aber ein Bösewicht war, behielt er das Geld für sich und verschwendete es. Der Gefangene wartete umsonst auf seine Befreiung und ging in der Fremde elend zugrunde. Seither hörte man aus dem Brunnen das sonderbare Geklingel. Dieses nahm erst ein Ende, als Elisabeth Oppitz im Jahre 1749 die schöne Frauensäule errichten ließ.

Nr. 42. Das Irrglöcklein. In den Kämpfen mit den Ungarn hatte Hainburg von den Feinden vieles zu leiden. Die Ungarn erschlugen die Leute, verbrannten die Dörfer und schleppten Vieh und Getreide weg. Daher gab es immer Flüchtlinge in den dichten Wäldern und Auen. Auch elternlose Kinder irrten hilfesuchend umher und erfroren in kalten Winternächten. Um die Verirrten auf den richtigen Weg zu bringen, ließ der Rat von Hainburg das „Irrglöckerl“ läuten. Jeden Abend um 9 Uhr erklang es über die Wälder und zeigte den Verirrten die Richtung nach der Stadt an. Diesem Glöcklein verdankte auch eine Burgfrau ihr Leben. Zum Danke spendete sie der Stadt eine große Summe. Und der Stadtrat gebot, daß das Irrglöcklein von nun an auch im Frieden geläutet werden solle.

Nr. 43. Die Türkenliesl. Am 12. Juli 1683 wurde Hainburg von den Türken erstürmt. Die feindlichen Horden rannten mordlustig durch alle Straßen und Häuser der unglücklichen Stadt. In Todesangst weinten und schrieen die Kinder und Erwachsenen, versteckten sich in Kellern und Winkeln. Aber die Türken zerrten sie hervor und hieben und stachen sie nieder. In Stuben und Höfen, in Gärten und Gassen lagen haufenweise die Leichen. Von 8423 Menschen gelang es nur fünf, ihr Leben zu retten. Diese hatten sich im offenen Rauchfange des Wirtshauses „Wilder Mann“ verborgen und verhielten sich dort mäuschenstille. Unter ihnen war die Liesl, das Kindermädchen des Wirtes mit einem Säugling. Während die Türken die Wohnung ausplünderten, fing das Kind zu weinen an. Da drückte die Liesl in großer Angst das Kind fest an die Brust, damit die Feinde das Weinen nicht hörten. Erst dann, als die Türken fort waren, sah das Mädchen nach dem Kinde. Dieses rührte sich aber nicht mehr, es war erstickt. Die „Türkenliesl“ aber lebte noch 47 Jahre.

Nr. 44. Der Lindwurm. In längst vergangener Zeit sahen die Hainburger an heißen Tagen ein schreckliches Ungeheuer auf dem Dache des Ungarturmes sich sonnen. Das war ein feuerroter Drache mit breiten FIügeln und langem Schweife. Dieser Lindwurm kam meist vom Pfaffenberge hergeflogen, wo er sein Lager hatte. Da er nur schlecht fliegen konnte, machte er auch gerne Rast in den Ortschaften um Hainburg. Bei seinem Nahen erhob sich ein gewaltiges Sausen in der Luft und die Wucht seines Flügelschlages beschädigte die Strohdächer. So furchtbar er aussah, so glückbringend war sein

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Kommen. Jeder Bauer freute sich, wenn er sich in seinem Hofe schwerfällig niederließ. Denn gar bald füllten sich Boden, Keller, Stadel und Küche mit Gütern aller Art. Korn, Schmalz, Fleisch und Wein gab es in Hülle und Fülle, auch volle Truhen und gefüllte Geldstrümpfe. Eines Tages aber verschwand der Drache aus der Gegend und wurde nicht mehr gesehen. Zum Andenken ließen die Hainburger seine Gestalt auf einem Quadersteine ausmeißeln. Diesen Stein kann man noch heute an der Innenseite des Ungarturmes sehen.

Nr. 45. Der schwere Wagen. In stürmischen Nächten fährt in der zwölften Stunde der „schwari Wogn“ durch Hainburgs Gassen. Es ist dies ein großer schwarzer Wagen, bespannt mit riesigen Rappen. Gelenkt wird er von einem kohlschwarzen Fuhrmanne. Schwer poltert er durch die menschenleeren Gassen. Kam er in alter Zeit zu den geschlossenen Stadttoren, so öffneten sich diese von selbst und donnernd fuhr er durch die Bogen. Wenn er vorbeifährt, darf man ja nicht zum Fenster hinaussehen! Ein neugieriges Weib erhielt dabei einmal einen starken Schlag ins Gesicht. Von dem blieb auf ihrer Wange für alle Zeit die Spur einer schwarzen Hand zurück.

Nr. 46. Das erlöste Zwerglein. Vor dem Wienertore saß vor langer Zeit in mancher Nacht ein winziges Manderl bei einem Feuerlein. Bittend streckte es die Hände nach jedem Vorübergehenden aus und zeigte traurig auf das Feuerlein hin. Niemand wußte was das Flehen des Männleins zu bedeuten hatte. Manche fürchteten sich und eilten, um rasch hinwegzukommen. Andere wollten dem Kleinen etwas schenken, Kreuzer, Knöpfe, Tantas, Kugeln und dergleichen. Einige warfen Holzstücke oder Steinchen in das Feuer, aber stets schüttelte das Zwerglein verneinend den Kopf. Einmal kam ein Bettler daher, der hatte großes Mitleid mit dem betrübten Manderl. Er wollte ihm gern etwas geben, fand aber in seiner Tasche nichts als ein paar Brotbrösel. Dies streute er bedauernd in das Feuer. Kaum hatte er dies getan, so winkte das Männlein dem Mitleidigen fröhlich zu, sprang auf und verschwand. Das Feuerlein wurde kleiner und kleiner und brannte endlich aus. In der Asche aber fand der Bettler glänzende Goldklümpchen, in die das Zwerglein die Brösel verwandelt hatte.

Nr. 47. Die Prozession der Toten. Alljährlich am 12. Juli geht durch Hainburg eine seltsame Prozession. Um 11 Uhr nachts öffnet sich das mächtig Tor des ehemaligen Franziskanerklosters und ein langer Zug von Toten kommt daraus hervor. Sieben Mönche in braunen Kutten gehen voran und jeder trägt seinen Kopf unter dem Arme. Hinter ihnen folgen 300 Menschen äller Stände: kleine und große, Buben und Mädchen, würdevolle Ratsherren, reich gekleidete Bürgerfrauen, Mütter mit Säuglingen, Handwerker und Hauer. Alle diese tragen ebenfalls ihren Kopf unter dem Arme. Die unheimliche Schar schreitet langsam über den Klosterplatz, über den Hauptplatz und durch die Kirchengasse zum Anger. Dann umkreist sie dreimal den Platz, wo früher der Friedhof und die Martinskirche waren. Durch die Alte Poststraße und die Zehetnergasse kehren die Gespenster zum Klostermagazine zurück. Mit dem zwölften Glockenschlage schließt sich wieder das Tor.

Nr. 48. Die Blutgasse. Als die Türken oberhalb des Halterturmes die Stadtmauer erstiegen hatten, wollten viele Hainburger hinab zur Donaulände flüchten. Sie hofften, sich von dort an das andere Ufer der Donau zu retten. In Todesangst rannten sie durch das Fleischgaßl zum Fischertore. Dort drängten sich hunderte schreiend und jammernd zusammen und die Schwächeren wurden niedergestoßen und zertreten. Doch das Tor war nicht zu öffnen, da die Torflügel nach innen aufgingen. So mußten alle einen schrecklichen Tod erleiden. Aus der oberen Stadt stürmten die wilden Türken herab und hieben mit ihren krummen Säbeln die Unglücklichen zusammen. Das Blut staute sich beim Tore hoch an und floß dann zur Donau ab. Heute noch sieht man an der linken Mauer neben dem Tore die Kerbe vom Hiebe eines Türkensäbels. Zum Andenken an dieses Gemetzel wurde im Jahre 1780 vor dem Fischertore die kleine Türkenkapelle vom Gerbermeister Michael Neumann errichtet.

Nr. 49. Wo es „umgeht“.

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Von alten Leuten hat man erzählen gehört, daß in manchen Häusern längst Verstorbene „umgehen“. Vor solchen Gespenstern brauchte man sich aber nicht zu fürchten, es waren unerlöste Seelen, die niemandem etwas zu leide tun konnten. Von einem solchen Gespenste ist sogar in einem Ratsprotokolle aus dem Jahre 1684 zu lesen. Damals verließ der Torwärtel Grillenparzer seinen Posten am Fischertore, „weil es allda umbgehe“. Dieses Gespenst, ein Mann in altertümlicher Tracht, wurde fast 200 Jahre lang von den Hainburgern gesehen. Er ging langsam und stumm durch die Gärten der Hauergasse neben dem Fischertore. Er kam so oft, daß ihn nicht einmal die Kinder mehr beachteten. Erst in neuerer Zeit verschwand er, als eine Frau für ihn eine Messe lesen ließ. Auch in anderen Häusern sah man verstorbene Menschen, in sonderbarer Tracht umgehen. So in den Höfen und auf den Stiegen der Häuser Nr. 1 und Nr. 2 am Hauptplatze, im Hause Nr. 2 In der Ungarstraße sowie im Hause Nr. 6 In der Kirchengasse.

Nr. 50. Die Klage. Wenn in der Martinskirche am Fronleichnamfeste das Evangelium im Hochamte gesungen wurde, hörte man oben im Bergschloss großes Jammern. Das kam von den Geistern der vielen Menschen, die in uralter Zeit in der Burg erschlagen wurden. Wer sich während des Hochamtes in der Ruine aufhielt, mußte sich vor der „Gloch“ in acht nehmen. Plötzlich und schnell rollte aus der Burgmauer eine große Kugel auf ihn zu, aus der jämmerliches Stöhnen drang. Da mußte er rasch zur Seite springen und flüchten. Wenn ihn die Kugel berührte, fiel er tot zu Boden.

Nr. 51. Der Wasserträger. An der Nordseite des Schloßberges hatte vor langen Jahren ein alter Einsiedler seine Klause. Er lebte von dem Almosen guter Leute und verbrachte den Tag mit Arbeit, Gebet und Lesen der Heiligen Schrift. Er hatte einen Esel, der ihm jeden Tag frisches Wasser aus der Donau holte. Mit zwei kleinen Holzbutten an den Seiten trabte der Graue täglich hinab zum Strome. In der Roßschwemme ging er so weit in das Wasser, bis die Butten gefüllt waren. Dann trottete er längs des Stadtgrabens gemächlich seinen Weg zurück. Beim obersten Turme der Stadtmauer erwartete ihn der Eremit und trug das Wasser zu seiner Zelle. Eines Tages hielten zwei böse Buben den Esel auf und schlugen in beiden Butten den Boden durch. Der Esel ging, wie gewöhnlich ins Wasser und dann wieder heraus. Da fühlte er, daß die Butten leer waren. Darum ging er nochmals in die Schwemme und wieder ans Ufer. Und wieder waren die Gefäße leer. So machte er es einige Male, worüber die Buben unbändig lachten. Schließlich wagte sich der Pflichttreue weit hinaus in den Strom, um die Butten doch endlich zu füllen. Doch die starke Strömung riß ihn fort, so daß er ertrinken mußte. Die bösen Buben ereilte sofort die Strafe. Während sie noch lachten, tauchte ein Wassermann auf. Der packte sie und zog sie mit sich in die Tiefe.

Nr. 52. Die Wassermännlein. Ein Hainburger Fischerbub fuhr einst mit der Zille in die Spittelau, um zu fischen, Es war eine schöne Vollmondnacht und die Fische plätscherten lustig im Wasser. Doch fing er weder Karpfen noch Hechte, weder Barben noch Pleinzen. Als er das letztemal mißmutig das Netz aufzog, hockte ein dicker Wassermann darinnen. Der sagte: „Aha, da ist schon wieder so ein vorwitziges Menschenkind!“ Dann sprang er auf ihn zu und schlug ihn zu Boden, daß er nicht aufstehen konnte. Kaum war dies geschehen, so stieg aus der Donau eine Schar Wassermännlein. Die stellten sich im Kreise auf und sangen und tanzten, wobei der dicke Wassermann mit seinem breiten Maule lachte. Der Fischerbub schaute erschrocken und doch neugierig auf dieses Treiben. Schließlich fielen ihm die Augen zu und er schlief bis die Sonne hoch am Himmel stand. Da sprang er zur Zille, schob sie ins Wasser und brachte sie durch Antauchen mit der Hakenstange stromaufwärts. Dann ergriff er das Krückl und ruderte stehend über den Strom. Zu Hause erzählte er das Erlebte seinem Vater. Der antwortete: „Als ich noch jung war, ist es mir auch einmal so ergangen, ebenso meinem Vater und Großvater. Du hast, so wie ich, großes Glück gehabt, daß dich der Wassermann nicht verzaubert hat! Nun wollen wir ihm das Wiederkommen für eine Weile verleiden!“ Er nahm seine alte Flinte und lud sie mit einer geweihten Kugel. Dann fuhr er mit dem Buben ans jenseitige Ufer. Dort versteckte er sich im Gebüsche, während der Bub zu fischen begann. Nun geschah alles so wie am Vortage und bald

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tanzten die Wassermännlein am Ufer. Der alte Fischer aber legte die Flinte an und tat mitten unter sie einen Schuß. Da stürzten alle zu Boden und waren in Menschen verwandelt. Der alte Wassermann jedoch sprang kopfüber in den Strom. Die Erlösten dankten dem Fischer, daß er sie aus der Gewalt des Wassermannes befreit hatte,

Nr. 53. Die Rotkappler. Eines Tages ging ein Bursche zwischen den Trümmern der Ruine Rötelstein spazieren. Da stand plötzlich ein Rotkappler vor ihm. Der winkte dem Erschrockenen, ihm zu folgen. Der Bursche wagte nicht, sich zu widersetzen. Nach einigen Schritten schlug der Ritter mit der Faust an den Felsen, worauf sich dieser öffnete. Ein dunkler Gang wurde sichtbar. Nun bekam der Bursche Angst und wollte fliehen. Aber der Rotkappler zerrte ihn gewaltsam hinein, worauf sich der Felsen wieder schloß. Nun führte ihn der Ritter in ein lichtes Gewölbe voll Gold und Edelsteine. Zu dem Erstaunten sagte der Ritter: „Von diesen Schätzen darfst du nehmen, so viel in deinen Taschen Platz hat!“ Der Bursche ließ sich das nicht zweimal sagen. Gierig stopfte er seine Taschen voll mit Diamanten, Gold und Perlen. Er bedauerte nur, daß seine Taschen nicht dreimal so groß waren. Der Rotkappler führte ihn dann wieder durch den finsteren Gang ins Freie und verschwand. Der Bursche eilte freudestrahlend mit seinem Schatze in die Stadt zurück. Als er durch das Ungartor schritt, erlebte er eine große Überraschung. Die Häuser kamen ihm ganz verändert vor und wildfremde Menschen gingen in den Straßen. Die meisten blickten ihn verwundert an; denn er war ganz anders gekleidet als sie. Nun fragte er einen .“Sagt mir, warum in unserer Stadt so viele fremde Menschen in fremder Tracht umher gehen?“ Da lachte der andere und entgegnete „Ich sehe nur Hainburger in den Straßen gehen in der Tracht, wie sie überall getragen wird. Aber Ihr seid fremdartig gekleidet, so wie unsere Urgroßväter vor hundert Jahren! Woher kommt denn Ihr?“ Da erzählte der Bursche dem Manne sein Abenteuer in Rötelstein. „O Wunder“, sprach der, „da habt Ihr ja hundert Jahre bei den Schätzen der Rotkappler zugebrachtl“ Und er rief einige Bürger zusammen, damit auch ihnen der Bursche die seltsame Mär erzähle. Aber der konnte nichts mehr reden. Es hatte ihn solcher Schreck gepackt, daß er tot niederstürzte.

Nr. 54. Das Fest im Rötelsteim Ein Hainburger machte einst an einem Sonntage einen Spaziergang in die Thebener Gärten. Den Heimweg nahm er durch das öde Schloß. Als er zum äußeren Burghofe kam, sah er da viele Männer und Frauen in fremdartiger Tracht. Sie saßen an langen Tischen, auf denen große Schüsseln und mächtige Humpen standen. Sie speisten, lachten und scherzten, ließen sich von den Schenken ihre Becher füllen. Der Mann wollte schon umkehren, da ihm dieses Festmahl gar seltsam vorkam. Aber einer der Schmausenden winkte ihm, sich an einen freien Tische niederzulassen. Dieser Aufforderung leistete der Hainburger Folge. Kaum hatte er Platz genommen, so erschien auch schon der Leutgeb mit Speisen und Wein. Der neue Gast langte wacker zu und ließ sich's wohl schmecken. Nachdem er genug gegessen hatte, wollte er den Gesprächen der Fremden zuhören. Doch konnte er nichts verstehen, da sie in einer Sprache redeten, die er nicht kannte. Nachdem er die Seidenkleider der Frauen und die Samtwämser der Herren genug bewundert hatte, erhob er sich und legte einen Gulden auf den Tisch. Da eilte der Leutgeb herbei, rechnete und gab ihm mehrere kleine Silbermünzen heraus. Nach allen Seiten grüßend, durchschritt der Mann die Tischreihen der Fremden. Doch diese kümmerten sich nicht um ihn. Auf dem Heimwege zählte der Mann das erhaltene Geld nach. Da fand er, daß es uralte, nicht mehr gangbare Münzen waren. Eilig kehrte er zurück, um den Leutgeb auf seinen Fehler aufmerksam zu machen. Als er aber den großen Burghof betrat, lag eine tiefe, sommerliche Stille über diesem. Niemand war auf dem vorher so belebten Platze zu sehen. Auch Tische und Stühle, Schüsseln und Becher waren verschwunden. Nun wußte der Mann, daß die Herren vom Rötelstein, Ritter und Damen aus längst vergangenen Zeiten, im Burghofe ein Fest gefeiert hatten.

Nr. 55. Der Schatz Im Rötelstein. Wenn in Hainburg die feierliche Fronleichnamsprozession beginnt, spaltet sich der Rötelsteiner Felsen und es kommt eine Eisentüre zum Vorschein. Diese springt knarrend auf und bleibt offen, bis die Prozession zu Ende ist. Aus dem schwarzen Gewölbe schreitet ein riesiges Gerippe in einem blauen Mantel, mit einem schweren Helme auf dem Schädel. In den Knochen-

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händen trägt die Gestalt ein dickes Buch, hocherhoben. Langsam geht das Gespenst durch die öden Burghöfe und den äußeren Burggraben. Dann verschwindet es irgendwo in den grauen Mauertrümmern. Jeder, der dem Blaumantel entgegentritt, ist des Todes. Wer aber so mutig ist, hinter ihm in den Felsen einzutreten, kann reich werden. Im Innern des Felsens liegen große Mengen Gold, Silber, Perlen und Edelsteine, Ringe und Spangen. Von diesen darf er nehmen, so viel er will. Bleibt er aber länger, als ein Vaterunser dauert in der Höhle, so schließt sich die eiserne Türe. Er ist dann gefangen und wird von den Schloßgeistern getötet. Nur Unschuldigen können die Rotkappler nichts anhaben. Einmal kam ein armes Weib mit ihrem kleinen Kinde zu der offenen Türe. Anfangs blickte sie ängstlich in den dunklen, feuchten Gang. Dann faßte sie sich ein Herz und tappte hinein. Wie erstaunte sie, als in der dämmerigen Höhle unermeßliche Schätze vor ihr lagen! Rasch setzte sie das Kind auf den Boden und gab ihm einige Diamanten zum Spielen. Dann raffte sie eilends eine Menge Goldmünzen in ihre Schürze. Eben streckte sie die Hand nach einem herrlichen Ringe aus, da hörte sie das Knarren der verrosteten Türangeln. Erschrocken sprang sie auf und lief in den Gang hinaus. Nur mit Not konnte sie noch durch die Türe schlüpfen, dann fielen die Flügel ins Schloß. Jetzt erst erinnerte sie sich ihres Kindes. Sie schrie laut auf in ihrem Schmerze und stemmte sich gegen die Eisentüre. Aber diese blieb verschlossen. Nun legte sie das Ohr an das Schlüsselloch, aber kein Ton drang aus dem Felsen. Schweren Herzens mußte die Mutter endlich ohne ihr Kind heimgehen. Trotz des gewonnenen Goldes lebte das Weib in großer Traurigkeit. Als ein Jahr vergangen war, eilte sie am Fronleichnamstage wieder zum Rötelstein. Sie wollte ihr totes Kind aus dem Schatzgewölbe heimholen. Sie hatte das Glück, dem Gespenste nicht zu begegnen und fand die Türe wieder offen. Rasch lief sie durch den Gang in die Schatzhöhle. Welches Wunder sah sie dort! Ihr liebes Kind saß frisch und munter am Boden und spielte mit Diamanten und Rubinen. Die Überglückliche riß das Kind an sich und eilte ins Freie, ohne einen Blick auf die Schätze zu werfen. Ihren Liebling küssend, versteckte sie sich im dichten Gebüsche, um dem Blaumantel nicht zu begegnen. Gegen Mittag kam sie mit ihrem Kinde wohlbehalten in der Stadt an.

Nr. 56. Der Schimmelreiter. Ein armer Holzhacker war eines Tages bei der Ruine RöteIstein beschäftigt, Bürdel zu machen. Als er in der Dunkelheit durch das öde Schloß heimzu schritt, sah er einen Reiter auf einem Schimmel vor sich. Der sprach zu dem Erschrockenen: „Folge mir oder ich schlage dich tot!“ Der Mann ging zitternd mit dem Gespenste. Vor einer Türe im Felsen hielt der Reiter an und sagte: „Gehe da hinein und nimm von den Haufen Edelsteinen den kleinsten! Den darfst du behalten!“ Der Holzhacker tat so, wie ihm der Geist befohlen hatte. Gerne hätte er seine Taschen mit den glänzenden Steinen gefüllt. Doch nahm er nicht mehr als einen einzigen kleinen Diamanten. Den Heraustretenden erwartete der Reiter und sagte freundlich: „Ich erlaube dir, daß du jede Nacht zwischen elf und zwölf Uhr in das Schatzgewölbe gehst und den kleinsten Edelstein mitnimmst. Doch darfst du keinem Menschen ein Wort davon sagen!“ Der Holzhacker versprach Stillschweigen und ging froh nach Hause. Eine Woche hielt er sein Versprechen und holte jede Nacht den kleinsten Edelstein. Am achten Tage aber vertraute er das Geheimnis seinem Bruder an. Dieser hatte viele Kinder und war sehr arm. In der nächsten Nacht nahm er den Bruder mit zum Rötelstein. Er meinte, der Geist werde auch gegen seinen Bruder edelmütig sein. Aber diesmal verwehrte ihm der Schimmelreiter zornig den Eingang zu den Schätzen. „Undankbarer“, schrie er, „du hast die Probe nicht bestanden! Hättest du neun Tage geschwiegen, so hätte ich dich zum reichsten Manne in Hainburg gemacht!“ Mit diesen Worten jagte er die beiden davon.

Nr. 57. Der Weibersturz. Schon vor tausend Jahren stand auf steilem Felsen am Zusammenflusse von March und Donau die riesige Maidenburg. Dieses wehrhafte Schloß bewohnten drei Fürstentöchter, die sehr schön waren. Sie badeten täglich in lauwarmer Milch, um ihre Schönheit zu bewahren. Trotz dieses Mittels starben aber zwei der Schwestern frühzeitig. Nun herrschte allein die jüngste schön und stolz über Burg und Land. Als sie aber älter wurde, schwand ihre Schönheit dahin. Das wollte der unbändige Stolz der Fürstin nicht ertragen; sie wurde hart und grausam. Da erzählte ihr eines Tages die Kammerfrau, daß im Walde eine Hexe wohne, die klüger sei als neun Doktoren. Diese

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ließ die Herrin auf die Burg holen und verlangte ihre Hilfe. Die Alte hatte aber ein böses Herz und sie gab der Fürstin einen schlimmen Rat. Sie sagte „Hilfe für Euch gibt es Wohl, Fürstin. Aber Ihr müßt ein Menschenleben auf Euch nehmen! Ihr werdet wieder schön werden, wenn Ihr Euch im Blute eines jungen Mädchens badet!“ Da wurde die Herrin wieder froh. Sie befahl ihren Gewappneten, das schönste Mädchen in Theben zu rauben und auf die Maidenburg zu bringen. Die Grausame tötete die Ahnungslose und badete sich in deren Blute. Als sie aber hernach in den Spiegel blickte, bemerkte sie mit Grimm, daß sie nicht schöner geworden war. Nun gab sie Befehl, ein zweites Mädchen aufs Schloß zu bringen. Doch auch das Blut dieser hatte nicht die erhoffte Wirkung. Das brachte die Fürstin in rasende Wut. In ihrer Verruchtheit ließ sie noch viele andere Mädchen aus den Dörfern ihrer Herrschaft rauben und tötete sie mit eigener Hand. Bald herrschte Wehklagen und Jammern in den Dörfern der Karpaten. Doch die Fürstin kümmerte sich wenig um die Trauer ihrer Untertanen und ließ nicht ab von ihrem schrecklichen Treiben. Als sie aber auch die Töchter der Ritter nicht verschonte, da brach Empörung aus. In der Nacht wurde die Maidenburg erstürmt und die Grausame in das Auslugtürmchen hoch über dem Strome gezerrt. Von dort stürzten sie die Erbosten hinunter in die Fluten. Seither heißt dieses auf dem senkrechten Felsen ragende Türmchen der Weibersturz (eine ganz ähnliche Sage wird auch von der Pottenburg erzählt.

Nr. 58. Die Marchnixe. In Theben hütete ein Mädchen die Gänse am flachen Ufer der March. Träumend lag es im Grase und blickte auf den breiten, trägen Fluß. Da sah es am anderen Ufer weiße Wasserrosen. „Ach, wenn ich doch diese haben könnte“, rief die Kleine. Kaum hatte sie dies gewünscht, da bewegten sich die großen wächsernen Blumen und schwammen herüber zu der Entzückten. Neben ihnen erhob sich eine Nixe aus dem Wasser und winkte das Mädchen zu sich heran. Dann tauchte sie wieder hinab in die gelbliche Flut. Das barfüßige Dirnlein trat in das Wasser, um die Blumen zu pflücken. Aber diese wichen vor ihr zurück, immer weiter in die March hinein, Das Mädchen achtete dies nicht und ging Schritt für Schritt den Blumen nach. Plötzlich verlor es den Grund unter seinen Füßen und versank. Am nächsten Tage schickten die Eltern des Mädchens den kleinen Bruder mit den Gänsen auf die Weide. Der setzte sich traurig an das Ufer und dachte an sein SchwesterIein. Da entstieg dem Wasser wieder die Nixe, zeigte auf die Wasserrosen und verschwand. Auf den großen, runden Blättern saß das Schwesterlein und streckte nach ihm die Hände aus. Schon wollte der Knabe ebenfalls in das Wasser hineingehen. Zu seinem Glücke kam der Vater und hielt ihn zurück. Da sank das Mädchen hinab in die Flut. Nun erzählte der Knabe dem Vater, was er vorhin gesehen hatte. Und dieser wußte nun, daß sein armes Gänsemädchen ein Opfer der Marchnixe geworden war.

Nr. 59. Die drei Ritter. Drei Ritter hatten gelobt, ins Heilige Land zu pilgern. Hoch zu Roß, begleitet von ihren Knappen mit den Saumpferden, ritten sie durch Hainburg nach dem Osten. Nach beschwerlicher Fahrt kamen sie nach Jerusalem, beteten am Heiligen Grabe und rüsteten dann wieder zur Heimreise. Sie zogen durch die Ostländer und Ungarn und sahen nach einem Jahre wieder die Türme Hainburgs. Aber in ihre Heimat sollten sie nicht mehr kommen. Sie hatten die Pest mitgebracht und blieben dort, wo von der Reichsstraße der Weg zur Heide abzweigt, liegen. Und sie starben auch hier und wurden von ihren Knappen neben der Straße begraben. Bei dem Grabe der drei Ritter wurde später das schöne dreieckige Kreuz errichtet. Als man im Jahre 1914 die Straße hinter das Kreuz verlegte, fand man drei Skelette in der aufgegrabenen Erde.

Nr. 60. Das Armenseelenkreuz. An der Landstraße nach Wolfsthal steht das Armenseelenkreuz. An dieser Stelle war es in früheren Zeiten nach dem Gebetläuten nicht geheuer. Den Wanderer umringten dort viele schwebende Gestalten in weißen Hüllen und begleiteten ihn ein Stück Weges. Dabei seufzten und jammerten die Gespenster unaufhörlich. Auch mutige Männer getrauten sich nicht, allein dort vorbeizugehen. Ein neu ausgeweihter Priester bannte endlich die Geister, die Arme Seelen waren. Bevor sie aber für immer verschwanden, legte ein Gespenst seine Hand auf die Schulter des

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Geistlichen. Sogleich war der Talar an dieser Stelle verbrannt. Nun wußten die Leute, daß die Armen Seelen im Feuer sind. Zur Erinnerung an diese Begebenheit wurde das Armenseelenkreuz aufgerichtet.

Nr. 61. Beim roten Herrgott. Tief drinnen in der Waldesstille des Teichtales steht ein Holzkreuz, der rote Herrgott benannt. Dort geschah vor hundert Jahren eine grausige Tat. Ein Pionier hatte einen Diebstahl begangen und wurde erwischt. Da er die Schande nicht ertragen konnte, beschloß er zu sterben. An einsamer Stelle im Walde hackte er Zweige ab und verflocht sie zu einer festen Wand. Nun schaufelte er eine Grube und lehnte die Wand darüber, gestützt durch einen schief gestellten Prügel. Dann häufte er die Erde hoch auf die Wand und legte sich in die Grube hinein. Mit dem Fuße stieß er den Prügel um, die Flechtwand mit der Erde stürzte auf ihn und begrub ihn lebend! Zum Gedächtnisse wurde an dieser Stelle ein rot gestrichenes Holzkreuz aufgerichtet. Seither ist es dort nicht ganz geheuer. In der abendlichen Dämmerung sieht man ein großes unbeschriebenes Blatt Papier zwischen den Bäumen schweben, man weiß nicht, woher es kommt. Ganz unbeweglich hängt es in der Luft und verschwindet dann plötzlich und niemand weiß, was es zu bedeuten habe. Manche glauben, es werden darauf alle Gebete für den armen Sünder verzeichnet. Und wenn das Blatt vollgeschrieben ist, dann ist er erlöst. Aber bis jetzt ist noch keine Zeile darauf zu sehen!

Nr. 62. Die Hexe. Vor langer Zeit wirtschaftete zu Wolfsthal eine Bäuerin, die als Hxe gefürchtet war. Oft saß sie abends auf dem Melkschemel in der offenen Küche und hielt den Melkeimer zwischen den Knien. Ihre dürren Hände griffen in die Luft und machten die Bewegung des Melkens. Und siehe! Nach und nach füllte sich das Gefäß mit Milch. Am nächsten Morgen klagte dann eine Bäuerin im Dorfe, weil ihre Kühe keine Milch gegeben hatten. Diese Hexe führte noch manche andere böse Streiche aus. Ihrer Nachbarin zauberte sie Eierschalen in die Knie, daß sie Schmerzen hatte und nicht gehen konnte. Oder sie hexte den Pferden und Kühen Haare in die Augen, daß sie nicht sahen. Manche Felder suchte sie mit Hagelschlag heim oder zog den Blitz auf ein Gehöfte herab. Gerne hielt sie die Leute zum besten. Einem Buben, der über ihren Zaun gestiegen, war, ließ sie eine riesige Kugel nachrollen. Einen Mann packte sie auf der Straße und trug ihn durch die Luft bis zum Gelsenbergl. Und dem Halter, den sie nicht leiden mochte, schickte sie einen Schwarm Wespen auf den Hals, daß er nicht dreschen konnte.

Nr. 63. Der Zauberwagen. Kurz vor Mitternacht ging einst ein Mann mutterseelenallein von Wolfsthal nach Hainburg. Beim Armenseelenkreuz sah er mitten auf der Landstraße einen dunklen Wagen stehen. Er fragte den Fuhrmann, ob er mitfahren dürfe. Weil dieser. nicht nein sagte, stieg der Mann von rückwärts auf und setzte sich neben den Fuhrmann. Dann sagte er: „Warum fahrt Ihr denn so spät in der Nacht?“ Aber der rührte sich nicht und erwiderte kein Wort. Plötzlich knallte der Schweigsame mit der Peitsche und der Wagen begann zu fahren. Immer schneller und schneller wurde die Fahrt. Und dabei hörte der Mann keine Hufschläge von den Pferden. Als es aber etwas mondlicht wurde, sah er, daß der Wagen ohne Pferde fuhr. Grausen packte ihn und er wäre gerne von dem Gespensterwagen abgestiegen. Doch wie der Sturmwind gings weiter. Da schlug es auf dem Turme der Hainburger Martinskirche zwölf. Es gab einen gewaltigen Krach und der Mann saß im Staube der Landstraße. Der Wagen jedoch war verschwunden.

Nr. 64. Die schwarze Frau. Einst saß ein Bursche auf der Berger Weide bei den Kühen und sah den Fliegen im Sonnenscheine zu. Da stand plötzlich eine schwarzgekleidete Frau vor ihm und sprach: „Willst du soviel Geld gewinnen, wie die. umgekehrte Bettstatt (das Preßburger Schloss) wert ist? Dann komm' heute nachts um 11 Uhr wieder hierher!" Der Bub lachte und sagte: „Das Geld möchte ich schon. Aber habt Ihr denn so viel? Und was wollt Ihr von mir?“ Die Frau sagte nichts mehr, sondern verschwand. Da erschrak der Bursche und dachte:

„Das war das. Gespenst! Mit dem will ich nichts zu tun haben!“ Aber das versprochene Geld ließ

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ihm doch keine Ruhe und vor 11 Uhr nachts saß er wieder beim dicken Felberbaume. Als es 11 Uhr schlug, stand die gchwarze Frau vor ihm und sagte: „Du mußt mich jetzt, auf dem Rücken zur Pottenburg tragen und dort alles tun, was ich dir sage! Du darfst mich aber nicht fallen Iassen. Dann erhältst du den Schatz der Ritter!“ Der Bursche nickte nur und nahm die Frau auf seinen Rücken. Lautlos gings mit der leichten Last der Ruine zu. Doch nicht lange dauerte es, da wurde die Bürde immer schwerer und schwerer. Der Schweiß stand ihm auf der Stirne und er fürchtete schon, nicht mehr weiter zu können. Die Augen traten aus den Höhlen und schwer atmend schleppte er sich weiter. Mit letzter Kraft keuchte er langsam den Berg hinauf. Als er in der Ruine war, sagte die Frau: „Entreiße ihm den Schlüssel, dann findest du den Schatz!“ Der Bursche blickte auf und sah vor sich ein Feuer. Dabei stand ein großer, schwarzer Hund mit funkelnden Augen und einem Schlüssel im Rachen. Darüber erschrak der Bursche so sehr, daß er einen Schrei ausstieß und die schwarze Frau fallen ließ. Im gleichen Augenblicke erhielt er einen Schlag auf den Kopf, daß er betäubt zu Boden stürzte. Als er die Augen wieder aufschlug, war der Spuk verschwunden. So mußte er ohne den Schatz in der finsteren Nacht heimstolpern.

Nr. 65. Der gefoppte Musikant. Ein Musikant ging einst mit seiner Geige in der Nacht vom „Neuhof“ nach Berg. Als er schon in der Nähe des Dorfes wer, kamen vom Hange zwei Gestalten herab. Die zwangen ihn, mit ihnen zum alten Friedhofe hinaufzusteigen. Dort mußte er sich auf einen umgestürzten Grabstein setzen und ihnen lustige Stückl vorspielen. Dazu tanzten die zwei und sprangen wie toll über die Gräber. Dem Musikanten wurde dabei immer unheimlicher zumute. Als er mit dem Spiele aussetzte, brachte der eine Tänzer eine Weinflasche herbei, der andere eine Schüssel mit Fleisch. Von dem Weine trank der Musikant, aber den Braten ließ er unberührt. In solcher Gesellschaft verging ihm der Appetit. Vor Mitternacht ließen ihn die zwei Unheimlichen heimgehen, was dem Manne nur sehr lieb war. Er stopfte noch rasch die Fleischstücke in seine Taschen, dann packte er die Geige und lief nach Berg hinab. Hinter sich hörte er die zwei höhnisch lachen. Schwitzend kam er daheim an und erzählte sein Erlebnis der Bäuerin. In der Frühe wollte er seinen Braten verspeisen, fand aber in seinen Taschen nur Glasscherben und Steine.

Nr. 66. Das dicke Kreuz. Einstmals hatte in Hainburg ein Geschwisterpaar ein Verbrechen begangen. Vom Stadtrate wurden die beiden verurteilt, lebendig eingemauert zu werden. Alles Jammern und Bitten der Unglücklichen half nichts. Sie wurden gefesselt, mit glühenden Zangen gepeinigt und dann auf Karren zum Richtplatze draußen vor dem Wienertore geführt. Dort hatte der Steinmetz einen breiten, hohlen Mauerpfeiler errichtet. Der Henker brachte die Gefesselten in die Nische und mauerte diese mit Steinen zu. Ringsum stand das Volk; die einen hatten Mitleid, die anderen schimpften über die Missetäter. Nach dem Zumauern schüttete man von oben Sand auf die Armen herab, so daß sie erstickten. Heute noch steht an der rechten Seite der Straße nach Altenburg das „dicke Kreuz“. Im Jahre 1826 wurde die Wegsäule wegen Verbreiterung der Straße abgetragen und an seinem jetzigen Platze wieder aufgemauert. Dabei fand man die Mumien der Eingemauerten hockend in der Höhlung, mit den Händen das Gesicht bedeckend. Das jetzige Kreuz ist schmäler und höher als das alte.

Nr. 67. Das Gelübde des Königs Stephan. Hainburg und Deutsch Altenburg gehörten um das Jahr 1000 eine Zeitlang zu Ungarn. Da fuhr einmal König Stephan der Heilige von Preßburg über Hainburg nach Vindobona. Beim Kreuzelberg wurden die feurigen Rosse scheu und rasten wie der Sturmwind dahin. Der Wagen wurde auf der holperigen Straße wie eine Nußschale hin und her geworfen und der Lenker herausgeschleudert. In den Grubern und Abstürzen der Altenburger Höhe wäre das Gespann unfehlbar zertrümmert und der König zerschmettert worden. In dieser höchsten Not machte er ein Gelübde. Er versprach, der Gottesmutter zu Ehren eine Kirche zu erbauen, wenn er gerettet würde. Kaum hatte er dieses Gelübde getan, so blieben die Pferde im stärksten Laufe stehen. Der König ließ später an dieser Stelle die schöne Altenburger Kirche aus Römersteinen errichten.

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Nr. 68. Der goldene Wagen. Im Kreuzelberge liegt ein goldener Wagen von unschätzbarem Werte, bespannt mit einem Bocke aus Gold. Gewinnen können diesen Schatz nur Neusonntagkinder. Diese müssen bei der Fronleichnamsprozession drei Evangelien anhören und dann rasch zum Kreuzelberge laufen. Kommen sie vor dem Ende des vierten Evangeliums dorthin, so finden sie den Hügel offen und den Eingang zum Schatze frei. Bis jetzt hat aber noch keiner den goldenen Wagen gewonnen.

Nr. 69. Der Türkenhügel. Den Kreuzelberg nennen manche Leute auch Türkenhügel. Über ihn erzählt die Sage: Im Jahre 1529 verloren die Türken auf ihrem Marsche nach Wien einen ihrer Anführer durch eine Seuche. Sie begruben ihn in der Nähe der Altenburger Kirche und setzten einen Roßschweif auf sein Grab. Dann beschlossen sie, ihm ein Denkmal zu setzen, das dauerhafter wäre als Holz und Erz. Jeder Krieger trug in seiner Kappe Erde herbei und schüttete sie auf das Grab. In kurzer Zeit war ein riesiger Hügel aufgetürmt. Dann zogen die Türken weiter gegen Wien. In Wirklichkeit ist der Kreuzelberg wohl ein Grabhügel, aber nicht der eines Türken. Er wurde schon vor einigen tausend Jahren über dem Grabe eines Fürsten der Illyrier errichtet.

Nr. 70. Oben 'naus und nirgends an! Ein Bub in Altenburg hörte manchmal nachts ein Geräusch in der Küche. Da er ein neugieriger Bursche war, versteckte er sich in der Johannisnacht im Backtroge. Um 11 Uhr kam die Bäuerin dahergeschlichen und holte den Besen aus der Ecke. Den nahm sie zwischen die Beine und sprach: „Oben `’naus und nirgends an!“ Sogleich erhob sich der Besen mit ihr in die Luft und trug sie zum offenen Rauchfange hinaus. Der Bub war anfangs erschrocken, aber dann dachte er: Das könnte ich auch probieren! Er setzte sich auch auf einen Besenstiel, sprach aber:

„Oben 'naus und überall an“! Sogleich fühlte er sich in die Höhe gehoben, doch beim Rauchfange kam er nicht hinaus, sondern an Decke und Wänden schlug er sich Kopf und Ellenbogen tüchtig an. Er war froh, daß er endlich vom Besen herabfiel. Als der Bauer aufwachte, schlüpfte der Vorwitzige rasch ins Freie. In der nächsten Nacht lag er wieder auf der Lauer. Diesmal paßte er besser auf den Zauberspruch auf. Als die Bäuerin fort war, machte er den zweiten Versuch. Diesmal ging es nach Wunsch und er fuhr ganz sachte zum Rauchfange hinaus. Der Besen trug ihn weiter über die Dächer, über die Felder und hinauf auf den Hexenberg. Dort saßen an einer langen Tafel viele Männer und Weiber und hatten Besen neben sich. Unter ihnen war auch seine Bäuerin. Am Ehrenplatze saß eine rot gekleidete Gestalt mit einer roten Hahnenfeder auf dem Hute. Alle schmausten nach Herzenslust und schrien und lärmten. Der Bursche schlich hinzu und setzte sich ganz unten an die Tafel. Dann griff er wacker in die großen Schüsseln und aß, bis er nicht mehr konnte. Gierig füllte er noch seine Taschen mit den köstlichen Leckerbissen und versteckte sich im Gebüsche. Da sah er, wie der Rotgekleidete das Zeichen zum Tanze gab. Alle Zauberer und Hexen erhoben sich und tanzten stundenlang im Vollmondlichte in tollen Sprüngen umher. Als das Hexenfest zu Ende war, verabschiedeten sich alle von dem Rotgekleideten. Jedes setzte sich auf seinen Besen, murmelte einen Zauberspruch und fuhr durch. die Luft in sein Dorf davon. Als alle fort waren, nahm auch der Bub seinen Besen zwischen die Beine. Da er aber den zweiten Spruch hicht kannte, rührte sich der Besen nicht vom Flecke. So mußte er den weiten Weg über Stock und Stein zu Fuße machen. Nach öfterem Stolpern und Fallen kam er endlich mit zerschundener Nase.heim. Die Einbrennsuppe, die ihm die Bäuerin Morgens vorsetzte, verschmähte er. Denn er freute sich schon auf die guten Speisen, die er vom Hexenberge mitgebracht hatte. Als er aber in die Taschen griff, fand er, daß nur Kuhfladen darin waren.

Nr. 71. Ein Hexenmeister. In Deutsch Altenburg lebte einst ein Bauer, der ein Hexenmeister war. Einmal fuhr er in der Dämmeung um Futter auf das Burgfeld. Beim Ausgange des Dorfes begegnete ihm der Richter, der eben vom Felde heimkehrte. „Ich komme doch früher heim als du!“ rief der Hexenmeister diesem zu. Der Richter lachte spöttisch zu dieser Prahlerei. Darauf sagte der andere „Gib acht! Wenn du zu deinem Hause kommst, wird dir ein Strohwisch entgegenfliegen. Er ist das Zeichen, daß ich wahr geredet habe.“ Der Richter lachte abermals und fuhr rasch heim. Als er das Tor öffnete, hörte er ein Geräusch. Mit Erstaunen bemerkte er, wie ein Strohwisch über den Hof flog und auf seinem Wagen liegen blieb. Eilig stieg er auf den Wagensitz, hieb in die Pferde ein und jagte zum Hause des Hexenmeisters. Richtig war der schon zu Hause! Er stand unter dem Tore

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und stopfte gelassen seine Pfeife. Der Wagen mit frischem Grünfutter stand im Hofe und die Pferde fraßen im Stalle Hafer aus der Krippe. Einmal sollte der Hexenmeister einige Leute nach Wien fahren. Als diese seine schwachen Rößlein sahen, lachten sie; denn diese wären zaundürr und ließen die Köpfe tief herabhängen. Sie meinten, die Gäule würden schon auf halbem Wege zusammenbrechen. Aber der Hexenmeister sagte: „Setzt euch nur auf! Ihr werdet schon sehen, ob meine Himmelsteiger etwas wert sind!“ Durch das Dorf ging's langsam und die Fahrgäste verspotteten ihren Fuhrmann nach Herzenslust. Doch der kümmerte sich nicht darum. Auf der Reichsstraße draußen schnalzte er mit der Zunge und rief den Pferden etwas zu. Da reckten sich diese empor und griffen aus, daß der Wagen wie ein Vogel dahinflog. Da verstummte das Spotten und die Leute mußten sich umgekehrt setzen, sonst wären sie durch Luftnot erstickt.

Nr. 72. Die Drude. Eine Bäuerin in Altenburg hatte ein sehr schönes Kind bekommen. Die Nachbarin beneidete sie darum, weil das ihrige häßlich war. Eines Tages sagte die Bäuerin zu ihrem Manne: „Seit einiger Zeit fühle ich in der Nacht einen schweren Druck auf der Brust. Mir scheint, daß nachts eine Drude auf mir hockt. Der Bauer antwortete: „Wenn du heute wieder den Druck verspürst, dann gib mir ein Zeichen! Ich werde die Drude schon fassen!“ In der Nacht blieb der Bauer wach. Als es elf Uhr schlug, spürte er, wie sein Arm gedrückt wurde. Da griff er mit seinen nervigen Händen rasch zu, um die Drude zu packen. Aber er bekam statt einer Schreckgestalt nur eine Flaumfeder in die Hand. Doch er wußte, was er mit der Feder zu tun habe. Er stand sogleich auf und nagelte die Feder an die Stubentüre. Nun war der. Bäuerin die Brust ganz leicht und sie konnte ruhig schlafen. Am frühesten Morgen schon stürzte die Nachbarin zur Türe herein, warf sich auf die Knie und rief weinend: „Laßt mich frei! Ich werde euch nie mehr etwas antun!“ Da wußten die Leute, wer die Drude war. Die Nachbarin mußte schwören, daß sie der Bäuerin und dem Kinde nichts Übles zufügen werde; dann gab der Bauer die Feder dem Weibe zurück.

Nr. 73. Der schwarze Käfer. In einem Wirtshause zu Altenburg saßen einst drei Bauern beim Würfelspiele. Als stummer Zuschauer hockte ein fremder Handwerksbursche an ihrem Tische. So lustig die Bauern waren, so traurig schien der Fremde zu sein. Als aber einer der Bauern sein ganzes Geld verloren hatte, da freute sich der Bursche. Und als der Verlierende fluchend ins Freie ging, schlich er ihm nach, Im Hofe sagte er: „Bauer, Ihr erbarmt mir. Ich will Euch einen Zauber geben, durch den Ihr Euer Geld wieder zurückgewinnt.“ Darauf meinte der Bauer: „Dein Zaubermittel ist gewiß recht teuer! Und wer weiß, ob es auch hilft!“ Der Bursche entgegnete:, „Ich verlange dafür nichts, als ein paar gute Stiefel. Daß es etwas wert ist, könnt Ihr sogleich sehen. Ihr braucht nur damit in die Stube zurückgehen und weiterspielen.“ Da wollte der Bauer wissen, was für ein Zaubermittel der Handwerksbursche habe. Aber der sagte: „Kümmert Euch darum nicht! Seid froh, daß Ihr es so billig bekommt!“ Der Bauer zog seine Stiefel aus und reichte sie dem Fremden. Der packte mit der einen Hand die Stiefel, mit der anderen gab er dem Bauer eine kleine Schachtel und rannte davon.

Der Bauer kehrte zu seinen Zechgenossen zurück und spielte weiter. Nun gewann er jedes Spiel, so daß bald die andern kein Geld mehr hatten. Darüber freute er sich gar sehr und ging fröhlich nach Hause, um die Schachtel zu öffnen. Denn er war neugierig, was darin wäre. Daheim sperrte er die Kammer ab und hob vorsichtig den Deckel. Da sah er nichts darin, als einen großen schwarzen Käfer. Der kroch heraus auf den Tisch und sagte: „So, jetzt bin ich bei dir, Bauer, und werde dich nicht mehr verlassen. Ich .bringe dir Glück im Spiele; aber dafür mußt du mir zu essen und zu trinken geben! Jeden Abend mußt du mir auf die Tenne drei Maß Wein (1 Maß gleich 1,4 Liter), einen Laib Brot und fünf Pfund (1 Pfund gleich 56 Dekagramm) Fleisch hinstellen! Tust du das nicht, so drehe ich dir den Kragen um! Und daß du es nur weißt:

Los bringst du mich nicht mehr!“ Der Bauer war anfangs vor Schrecken ganz starr über den redenden Käfer. Als aber dieser so viel forderte, ergrimmte er. Denn so viel konnte er im Würfelspiel gar nicht gewinnen. Er schrie:

„Oho, mit dir werde ich gleich fertig sein!“ Er heizte den Backofen und warf den Käfer mit einer Schaufel in die Flammen. Aber aus dem Ofen ertönte es höhnisch: „Meinst du, daß ich das bißchen Wärme spüre?“ Und schon fühlte der Bauer die Schachtel wieder in seiner Tasche. Nun ging er zornig in den Hof und schlug mit der Hacke auf ihn los. Aber der Käfer blieb unverletzt und

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sprach: „Mir kannst du nichts antun. Du mußt mich behalten, ob du willst oder nicht!“ Da erkannte der Bauer, daß er in die Klauen des Bösen geraten sei. Traurig schlich er umher und verwünschte den Handwerksburschen. Seufzend trug er jeden Abend Speise und Trank in den Stadel und fand am Morgen Schüssel und Krug stets leer. Bald mußte der Bauer Schulden machen; denn so viel Fleisch und Wein besaß er nicht, als der Böse brauchte. Nun begann er wieder zu spielen und siehe da! Er gewann, so oft er die Würfel ergriff. Aber das nützte ihm nichts. Es dauerte nicht lange, so wollte niemand mit ihm um Geld spielen. Da erfaßte ihn große Betrübnis. Tag und Nacht dachte er daran, wie er den Schrecklichen loswerden könnte. Endlich erzählte er sein Unglück dem Halter. Dieser verstand etwas von Zauberei und Geisterbeschwören. Der sagte: „Den Bösen loszuwerden, gibt es nur ein Mittel und das ist sehr gefährlich. Du mußt in der Geisterstunde auf dem Friedhofe sein und dich dort auf einem frischen Grabe auf den Rücken legen. Dann mußt du zu Häupten eine Handvoll Erde nehmen und damit zum Galgen eilen. Dort legst du dich wieder auf den Rücken, stellst die Schachtel zu Häupten und bedeckst sie mit der geweihten Erde. Dann mußt du so schnell als möglich nach Hause laufen. Wenn du beim zwölften Glockenschlage unter deinem Dache bist, hat der Böse keine Macht mehr über dich. Wenn nicht, packt er dich und fährt mit dir zur Hölle!“ Auf diesen Bescheid hin ging der Bauer noch trauriger heim. Denn ein solches Wagnis auszuführen, schien ihm unmöglich. Weil es aber mit seiner Wirtschaft immer mehr bergab ging und er kein Bettler werden wollte, blieb ihm nichts anderes übrig, als den Versuch zu machen. In einer stürmischen Nacht führte er alles aus, was ihm der Halter geboten hatte. Zuerst auf einem frischen Grabe und dann unter dem Galgen. Nachdem er die Schachtel mit geweihter Erde bedeckt hatte, rannte er aus Ieibeskräften heimwärts. Als er atemlos über die Brücke stürmte, begann die Uhr zwölf zu schlagen. Nun glaubte er sich verloren. Doch mit Riesensätzen hetzte er weiter und stürzte zur Stubentür hinein, als der zwölfte Schlag erdröhnte. Da fuhr draußen ein gewaltiger Windstoß heran, daß das ganze Haus bebte. Mit schrecklicher Stimme schrie der Leibhaftige: „Dein Glück, daß du unter deinem Dache bist, sonst wäre jetzt deine arme Seele mein!“

Nr. 74. Das rote Männlein. Einem Altenburger trat einst beim Kreuzelberge ein rotes Männlein entgegen, das bitterlich weinte. Der Mann fragte mitleidig das Zwerglein, was ihm fehle. Dieses antwortete: „Hilfst du mir, so helfe ich dir! Grabe hier im Hügel nach! Du wirst etwas finden, was du bald notwendig brauchen wirst!“ Der Mann kümmerte sich jedoch nicht um den Kleinen, sondern setzte seinen Weg fort. Als er heimkam, fand er seine Frau sterbenskrank. Die Nachbarinnen standen ratlos bei ihr. Da eilte der Mann, um aus Hainburg den Arzt zu holen. Beim Kreuzelberge stand wieder das Männlein und rief: „Wenn du deine Frau retten willst, so grabe hier die weiße Wurzel aus! Die wird deine Frau gesund machen.“ Diesmal gehorchte der Mann. Er fand die Wurzel und eilte mit ihr heim. Zu Hause kochte er die Wurzel über offenem Feuer und gab den Absud der Schwerkranken. Kaum hatte sie davon getrunken, so fühlte sie sich gesund. Nun wollten sich. die beiden dem Zwerglein dankbar erzeigen. Der Mann suchte aus dem Strohsacke ein Goldstück heraus und reichte es seinem Wohltäter. Das Zwerglein nahm das Gold fröhlich in Empfang und verschwand.

Nr. 75. Der gebannte Geist. Vor langer Zeit lebte in Altenburg ein Postmeister, der sehr hartherzig und geldgierig war. Seinen Dienstleuten bürdete er viel Arbeit auf, gab ihnen aber wenig Lohn. Zur Strafe mußte er nach seinem Tode „umgehen“. Wenn die Mägde beim Spinnen saßen, rumorte es auf dem Boden des alten Brauhauses. Es war, als ob schwere Baumstämme gerollt würden. Wenn die Knechte etwas im Keller zu tun hatten, sahen sie einen schwarzen Hund mit feurigen Augen umherschleichen. Da kein Weihwasser und kein Beten den Spuk vertreiben konnte, wurde der Pfarrer geholt. Der sollte den Geist bannen. Der Pfarrer ging zum Grabe des Verstorbenen und wollte dessen Geist bannen. Aber es erscholl eine Stimme aus dem Grabe: „Ich lasse mich von dir nicht, bannen! Du bist selbst ein sündhafter Mensch!“ Und dann zählte der Geist alle Sünden des Pfarrers auf. Nun holte man einen Prälaten aus Wien. Doch diesem erging es nicht besser. Endlich brachte man aus einem fernen Kloster einen jungen, sehr frommen Mönch. Als dieser zum Grabe kam, rief der ruhelose Geist: „Auch du hast gesündigt! Du hast einmal als Kind deiner Mutter ein Ei gestohlen.“ Darauf sagte der Mönch: Ja, ich habe meiner Mutter ein Ei genommen. Aber dies tat ich zur Ehre Gottes. Um beim Messesingen eine helle Stimme zu haben, aß ich das

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Ei.“ Da konnte der Geist keinen Widerstand mehr leisten und musste sich bannen lassen. Der Mönch verwies ihn auf den Hetscherlberg, wohin bereits viele böse Geister verbannt wurden.

Nr. 76. Die Wette. Der „Greiner Hiasl“ und der „Zwienaserte“ waren zwei Bauern in Altenburg, die nicht nur gern plauderten, sondern miteinander allerhand Stückel ausführten. So fischten sie einmal abends mit einer Angel dem „Sonntagsrock“ ein Mordstrumm Geselchtes aus dem Rauchfange, während der Bauer im Wirtshause saß. Sie gaben es dem Wirte, damit er es auf den Tisch bringe als Spende eines Ungenannten. Allen mundete das mürbe Frischgeselchte ausgezeichnet, nur der Sonntagsrock machte Ausstellungen. Er sagte: „Das ist ein zäher Brocken, nicht zum Hinunterwürgen!“ Und dann behauptete er gar, es sei ein Stück von dem uralten.Schimmel des Greiner Hiasl, den der kürzlich schlagen mußte. Ihr könnt euch denken, wie die zwei Schelme lachten, als er schließlich erfuhr, daß er sein eigenes Geselchtes so schlecht gemacht hatte! Und wie sich der Sonntagsrock ärgerte! Und wie er sich vornahm, ihnen den Spaß heimzuzahlen! Und bald fand sich Gelegenheit dazu. Der Sohntagsrock war ein Naturfreund und schloff in allen Schluchten und Gängen unter der Erde herum. Und das Zwergenloch kannte. er wie seine Rocktasche. Da sagte er eines Tages so von ungefähr zum Greiner Hiasl und zum Zwienaserten, der fette Enten besaß: „Lenzl, wirf einmal so eine Ente hinunter in die Zweriluka!“ Der Zwienaserte schaute erstaunt und brummte: „Du Lipp, warum soll ich denn das tun?“ Da sagte der andere:

„Damit du ein Naturwunder erleben kannst. Wenn du die Ente bei der Zweriluka hineinwirfst, kommt sie „Am Stein“ wieder heraus!“ Da packte ihn der Zwienaserte beim Rocke und schrie:

„Für so saudumm brauchst du mich nicht anzuschauen! Meine Enten will ich selber essen, aber nicht wegschmeißen“ Doch der Sonntagsrock sagte ganz ernst. „Ich wette um fünf Maß Heurigen und drei Pfund Geselchtes, daß es so ist, wie ich gesagt habe.“ Darauf lachten die zwei Freunde und der Zwienaserte sprach: „Diese Wette mache ich gerne. Gehn wir's gleich an!“ Und der Greiner Hiasl rief eifrig: „Ich halte auch mit fünf Maß mit!“ Der Sonntagsrock war es zufrieden. Sie schlugen einander auf die Hände, daß es paschte und dann gingen sie mit einer fetten Ente im Korbe zum Zwergenloche. Den Korb trug der Sonntagsrock. Bei seinem Hofe blieb er stehen und sagte: „Geht Iangsam voraus, ich hole nur meinen Stock!“ Mit einem derben Dirndlstocke kam er wieder heraus und dann schritten sie rüstig weiter. Bei der Höhle angekommen, krochen sie durch den niederen Einschluf und dann warf der Sonntagsrock die Ente hinunter. Schreiend und flügelschlagend purzelte sie hinab. Dann war es stille. Die drei stapften wieder heimwärts und die zwei Freunde freuten sich schon auf den guten Wein. Sie kehrten in Hundsheim noch ein und der Greiner Hiasl zahlte aus Mitleid dem Sonntagsrock eine halbe Maß Sturm. Dann brachen sie auf und waren in einer kleinen Stunde „Am Stein“. Dort war eine Höhlung und ein dunkler, enger Gang, ganz nahe am Ufer. Sie setzten sich nieder, stopften ihre Pfeifen und warteten. Der Sonntagsrock mühte sich, ernst zu sein, die beiden Freunde grinsten höhnisch. Zwei Stunden mochten sie gesessen sein, da sagte der Sonntagsrock: „Ich glaube sie kommt schon!“ Die zwei schauten erschrocken und der Zwienaserte schrie: „Das gibts ja gar nicht! Wer weiß, was du gehört hast! Doch der Sonntagsrock rief: „Gleich wird sie da sein!“ Und richtig! Das Schnattern kam näher und eine schmutziggraue, magere Ente kam zum Vorschein! Die zwei Freunde waren so erstaunt, daß es ihnen diesmal die Rede verschlug. Der Greiner Hiasl faßte sich zuerst und sagte: „Mich wundert nur, daß die Ente so mager worden ist!“ Worauf der Sonntagsrock verschmitzt lächelte und antwortete: „Das hat halt die große Angst gemacht!“ Seufzend packte der Zwienaserte seine magere Ente und dann hockten sie sich ins Gemeindewirtshaus.

Nr. 77. Der Römerschatz beim Heidentore. Eines Abends hütete ein Bursche aus Petronell mehrere Kühe beim Heidentore. Als er eben die Tiere heimtreiben wollte, sah er neben dem Heidentore am Boden eine bläuliche Flamme leuchten. Der Bursche dachte: „Da ist gewiß ein Schatz vergraben! Den werde ich holen!“ Am nächsten Tage kam er mit Krampen und Schaufel und grub ein tiefes, weites Loch. Und er hatte Glück. Ein großer Steinsarg kam zum Vorschein. Und der Bursche sagte voll Freude zu sich: „Den Goldschmuck, den ich da drin finde, verkaufe ich in Wien um teures Geld!“ Aber er hatte sich zu früh gefreut. Eben wollte er eine Ecke der mächtigen Deckenplatte abschlagen, da wurde er hart an der Schulter gefaßt. Ein Mann in noch nie gesehener Kleidung stand vor ihm und rief: „Törichter, dieser Schatz ist nicht dir bestimmt! Schau hin auf deine Kühe!“

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Der erschreckte Bursche fuhr in die Höhe und sah, wie seine Kühe in einem Weingarten Schaden anrichteten. Er sprang aus der Grube, um die Tiere hinwegzutreiben. Und dies war sein Glück. Der Fremde wuchs riesengroß empor und riß ein Stück des Heidentores herab. Mit furchtbarer Gewalt schleuderte er es an die Stelle, wo der Bursche gegraben hatte. Seit jener Zeit liegt neben den zwei Pfeilern des Heidentores ein großer, losgerissener Mauerblock.

Nr. 78. Die Zauberglut. Spät abends ging ein Mann durch die Hexenschlucht von Hundsheim nach Hainburg. Als er so im Dämmer dahinging, bemerkte er einen Lichtschein unter den Bäumen. Er trat hinzu und fand neben einem Baumstrunke ein Häufchen Glut. Von der nahm er ein Stückchen, um seine erkaltete Pfeife anzuzünden. Dann ging er seines Weges weiter, an der Pfeife kräftig ziehend. Doch diese brannte nicht an, weshalb er sie mißmutig einsteckte. Dann stapfte er im Dunkel heimwärts. Zu Hause nahm er die Pfeife wieder aus seinem Janker, um noch einige Züge zu tun. Als er den Deckel aufhob, lag ein funkelnder Edelstein oben auf dem Tabake. Nun lief der Mann zurück in den Wald hinauf, um den ganzen Schatz zu heben. Doch er fand die Glut nicht mehr, obwohl. er bis zum Morgen suchte.

Nr. 79. Das Zwergenloch (Zweriluka). Es ging einmal ein Mädchen von Hundsheim in den Wald, um Schwämme zu suchen. Sie hatte Glück und kam an einen Platz, wo viele gelbe Mairochen wuchsen. Eifrig kniete sie nieder und pflückte die grubigen Pilze in ihr Körbchen. Als sie sich erhob, standen drei Zwerge vor ihr, das waren Bewohner des Höhlenreiches im Hexenberge. Die sagten zu ihr: „Gehe nicht mehr nach Hause in die kleine, arme Hütte deines Großvaters! Komme mit uns in den Berg, da sind große schöne Zimmer, die glänzen von Gold und Silber!“ Aber das Mädchen fürchtete sich und lief davon. Zu Hause erzählte sie ihr Erlebnis dem Großvater. Der sprach ernst: „Traue ja nicht den Zwergen! Das sind listige, heimtückische Gesellen, die dich unglücklich machen!“ Im nächsten Jahre traf Roswitha wieder die Zwerge im Walde. Diese zeigten ihr kostbare Ringe und Goldketten und sagten: „Was für einen armseligen Kittel hast du doch an! Komme zu uns, da gibt es prächtige Kleider aus Samt und Seide. Jeden Tag kannst du ein neues Kleid anziehen! Und Gebackenes und Torten kannst du essen, so viel du nur magst! Da vergaß das Mädchen die Warnung des Großvaters und folgte den Zwergen in das unterirdische Schloß. Wie erstaunte sie, als sie die Pracht dort gewahrte! Was für weite Räume gab es da, große Zimmer, lange Gänge, prächtige Säle! Silberne Betten und Stühle, goldene Leuchter und Vasen glänzten, daß es sie blendete. In geschnitztn Truhen lagen Haufen von Kleidern aus Seide mit Spitzen und farbigen Bändern. In den Gärten prangten Blumen und Früchte aus Edelsteinen. An den Herrlichkeiten konnte sie sich nicht sattsehen. Sie blieb mit Freuden bei den Zwergen und vergaß ganz auf Großvater und Gespielen. Der alte Mann war untröstlich über das Verschwinden seiner lieben Enkelin. Oft ging er zu dem Eingange des Zauberschlosses und bat die Wächter um das Kind. Aber diese wiesen ihn zornig ab. Als Roswitha schon ein Jahr lang bei den Zwergen war, kam sie einmal von ungefähr zum Ausgangstore. Mit staunen sah sie das Blau des Himmels hereinleuchten und fühlte die warme Frühlingsluft. Da wurde sie von Sehnsucht nach der Oberwelt erfaßt und bat die Wächter: „Laßt mich ein bißchen hinauf in den Wald, in die liebe Sonne!“ Aber diese hielten sie barsch zurück. Da begann das Mädchen zu weinen und zu schreien, daß es weithin durch die Räume hallte. Eben kam der Großvater wieder zum Schlosse und hörte die Stimme seiner Enkelin. Mit aufgehobenen Händen bat er die Zwerge „Gebt mir das Kind zurück! Ihr habt es in den Berg hineingelockt und macht es unglücklich! Es braucht nicht eure kalten Edelsteine, es braucht Freiheit und Sonnne!“ Doch die Zwerge blieben unerbittlich und jagten ihn schließlich mit Gewalt fort. Da stieß der Alte in seinem Jammer einen schrecklichen Fluch gegen das Zwergenreich aus. Und dieser ging sogleich in Erfüllung. Die Erde bebte und aus dem Inneren erscholl großes Getöse. Die Gänge und Hallen stürzten ein und begruben alle Pracht und alle Schätze. Aber auch die bösen Zwerge und das arme Mädchen. Wo früher die herrlichen Räume des Zauberschlosses waren, sind jetzt die finsteren, feuchten Höhlen der Zweriluka.

Volkskundliches

Nr. 80. Einige Hainburger Riednamen.

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Braunsbergseite: Krautgärten, Unterbraunsberger, Oberbraunsberger, Schankerl, Magerhenn, Hamerleck, Löbler, Viehtrift, Hasensätze, Mühlhaufen, Heidstückl, Mitterfeld, Fuchsengründel.

Schloßbergseite:

Krautgartwiese, Teuchtsätze, Solasuttn.

Freiungsheidl,

Hausbergen,

Spittelwald,

Am

Röhrgraben,

Münichwald,

Landstraße: Spitalern, Kranabetn, Neuriß am Junggebirge, Neuriß am Pfaffenberg, Reichmacher, Neuriß an der Kaiserstraße, Wörthhäufel, Im Wörth, Beintaz (Abgabe für das Aufstellen von Bienenstöcken), Alte Ochsenweide, Pointen.

Au: Herrgottshaufen, Biberhaufen, Spittelau, Mittergscheid, Großau, Sauschüttwiese, Sulzwiese, Heustadlwiese.

Nr. 81. Redensarten (in der Mundart zu sprechen)

Dem Tag die Augen ausbrennen. - Das Gras wachsen hören. - Die Flöhe husten hören. -

Der Welt ein Loch hauen. -

Knödel einen Gulden kostet! - Hand von der Butte! - So ein Kruz! (Kuruzze) - Ausschauen, wie die sieben teuren Zeiten. - Es fehlt um ein Zimmermannshaar (Daumenbreite). - Noch nicht ausgebacken sein. - Blasen wie ein Ganauser. - Das vergönnt der Hund seiner Mutter

nicht. - Dasteh'n wie die Nannerl beim Sterz. - Sich um die Erde hauen. - Auf jede Suppe ein Schnittl sein. - Eingehen, wie die böhmische Leinwand. - Betteln, wie ein Zigeuner. - Den Krispinus suchen. - Mit der Kirche ums Kreuz gehen. - Gott einen guten Mann sein lassen. - Über die Schnur hauen. - Das Heiratsgut heruntertreten. - Den Veitl haben (Veitstanz). - Ein Gesicht machen, wie drei Tage Regenwetter. - Schindel auf dem Dach! - Um eine Laus nach Wien rennen. - Ein Springinkerl sein. - Zum Krenreißen gebrauchen können. - Still sein und weiter dienen. - Eine dürre Kröte im Sacke haben. - Kommen, wenn der Pfarrer das Hütl aufsetzt. - Ein Gesicht machen wie die Katze wenn es blitzt. - Aus jedem Dorfe einen Hund haben. - Von Federn auf Stroh kommen. - Den Schlaf nicht austragen. - Dasitzen, wie eine Bauernbraut. - Dastehen, wie die Kuh vorm neuen Tore. - Dreimal abgeschnitten und noch zu kurz! - Verschwinden, wie das Würstl vom Kraut. - Mit der Nase auf der Erde gehen. - Den Hafersack höher hängen. - Drin stecken wie die Maus im Laib Brot. - Das Wilde herunterräumen. - Den Nipf nehmen. - Seine sieben Zwetschken zusammenpacken. - Einen Kapuziner schlucken. - Eine Remasuri machen. - Ein Puschkawüll machen (Pasquill). - Grillen herauskitzeln. - Das Weiße aus den Augen nehmen.

- Das Kraut fett machen. - Lügen, wie gedruckt. - Keinen Tantas für etwas geben. -

- Eine Haube kaufen. - Die Katze schneuzen. - Keck, wie

Keinen Schuß Pulver wert sein.

Nicht um die Burg! - Und wenns's Graz gilt! - Und wenns's

eine Wanze. - Heute ist's um einen Pelz wärmer. - Er ist ein Viertel hinter dem Mondschein. - Jetzt hat's das Loch gefunden! (Regen) - Das ist zum Katholisch-werden! - Wohnen, wo der Teufel „Gute Nacht!“ sagt. - Das Inwendige auswendig haben, wie der Slowak. - Er hat's heraußen, wie der Krowot das Hemd. - Heiß ist's zum Krätzenausbrütenl

Nr. 82. Sprichwörter (in der Mundart zu sprechen)

Viel haben macht Kopfweh. - Nichts haben ist ein ruhiges Leben. - Jedes Jahr wird ein Feld leer. - Das Maul ist ein kleines Loch und verzehrt große Häuser. - Überall ist es gut sein, doch zu Hause am besten. - Wer zu einem Jankerl geboren ist, kommt zu keinem Rock. - „Waun’ i“ und „war’ i“ san zwa Laari. - Das Heiraten ist ein gutes Tagwerk, wenn es gelingt! - Heiraten ist nicht Kappel tauschen! - Allein ist ein goldener Stein. - Was nicht ist, kann noch werden. - Was recht ist, ist reich. - Wer nichts erheiratet und nichts erbt, bleibt arm, bis er stirbt. - Besser schlecht gefahren, als stolz gegangen! - Ein schneller Kreuzer ist besser als ein langsamer Gulden. - Niemandem ist der Bettelstecken verbrannt. - Wenn der Bettler aufs Roß kommt, kann ihn der Teufel nicht erreiten. - Strenge Rechnung erhält gute Freundschaft.

- Ein Neider ist besser als zehn Mitleider. - Zeit und Weil’ ist ungleich. - Übergeben und

nimmer leben! - Von der Arbeit wird man nicht fett! - Die feine Arbeit wird nicht bezahlt. - Mit der Arbeit versäumt man die.beste Zeit. - Sonntagsarbeit zahlt sich nicht. - Er macht

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nichts und bricht nichts. - Zweimal ausziehen ist einmal abgebrannt. - Jeder Sparer findet einen Zehrer. - Wer nicht traut, dem ist nicht zu trauen. - Der Vorteil treibt das Handwerk. - Wenig Geld, wenig Musik! - Not zankt. - Alle Tage ist nicht Kirchtag. - Schwere Wagen knarren. - Wer lamentiert, dem kam man etwas wegnehmen. - Für das Gehabte gibt der

Jude nichts mehr. - Viel Wenig macht auch ein Viel. - Der Pfarrer predigt nur einmal. - Wo nichts ist, hat der Kaiser das Recht verloren. - Wenn etwas sein will, geht eine Butte los! - Ein Weingarten kann einen Rock anziehen, aber auch ausziehen. - Die Alten müssen sterben, die Jungen können sterben. - Die Weiber haben sieben Häute. - Die Frau kann mit der Schürze mehr wegtragen, als der Mann mit dem Wagen nach Hause bringt. - Lange Haare, kurzer Verstand! - Eine Mutter kann zehn Kinder erhalten, aber zehn Kinder keine Mutter. - Hinten nach reitet die 117macht zehn andere. Wer schimpft, der kauft. - Ein Schelm, der mehr gibt, als er hat! - Nobel geht die Welt zugrunde. - Wenn man nicht anklopft, kann nicht „Herein“ gesagt werden. - Wer selbst nicht hinter dem Ofen war, sucht keinen anderen dahinter.

Eine

gute Ausrede ist einen Taler wert. - Mit dem Reden kommen die Leute zusammen. - Wer lange hustet, wird alt. - Lump bleibt einer länger, als Bürgermeister. - Wie man mißt, so wird man gemessen. - Wie der Schelm ist, so denkt er von anderen. - Was man nicht im Kopfe hat, hat man in den Füssen. - Wie der Hadern gemacht ist, so zerreißt er. - Ein gutes Wort findet einen guten Ort. - Ein neuer Besen kehrt gut. - Ordentliche Leute niesen dreimal. - Was mehr ist als eine Laus, trägt man nach Haus'. - Eine Schwalbe macht keinen Sommer und ein Gimpel keinen Winter. - Ein gutes Roß zieht zweimal. - Einem Roßschädel darf man nicht trauen, selbst dann nicht, wenn er auf dem Zaune hängt. Jeder Fuchs hat einen Schelm! - ‚s Weibersterben kann den Bauer nicht verderben; aber 's Roßverrecken kann den Bauern schrecken. - Wir werden schon sehen, wem der Vater den Schimmel schenkt. - Bei Nacht sind alle Kühe schwarz. - Unter jedem Scharl ist ein Far’l (Ferkel). - Eine langsame Sau kommt spät zum Futter. - Paarweise fressen sie lieber. - Ein armer Bauer, der keine Maus ernähren kann! - Die Schulden sind keine Kröte. - Wenn die Katze aus dem Hause ist, haben die Mäuse Kirchtag. - Jedes Hauserl hat sein Mauserl. - Wenn es dem Esel zu gut geht, geht er aufs Eis tanzen. - Wenn man den Hund schlagen will, findet man leicht einen Stecken. - Die Küche sperrt den Keller auf. - Es wird nichts so heiß gegessen wie gekocht. - Was mich nicht brennt, blase ich nicht. - Der Hunger treibt das Schmalzkoch. - Was der Bauer nicht kennt, ißt er nicht. - Wer lange suppt, wird alt. - Die verredeten Stückl Brot werden gerne noch einmal hervorgeholt. - Mit der Gabel Ehr’, mit der Hand mehr! - Ein leerer Sack steht nicht. - Wer Bier trinkt, ist zu faul zum Wasserschöpfen. - Einem Betrunkenen weicht ein Heuwaqen aus. - Essen und Trinken halten Leib und Seele zusammen. - Gibt Gott das Haserl, so schickt er auch das Graserl. - Unser Herrgott ist ein langer Borger, aber ein sicherer Zahler. - Herrendienst geht vor Gottesdienst. - Es ist überall etwas, das den Himmel hält. - Der Teufel schläft nicht. - Der Teufel hilft seinen Leuten. - Mit alten Leuten kann man sich den Himmel verdienen oder die Hölle. - Gegen den Tod ist kein Kräutl gewachsen. - Langes Leiden, sicherer Tod!

- Zu jeder Hacke findet sich ein Stiel.

-

Der erste Verdruß ist besser als der letzte.

-

30. November:

4. Dezember:

24. Dezember:

Dezember:

Nr. 83. Bauernregeln. ( in der Mundart zu sprechen)

Andre bringt Schnee, Nikolo liegt er do.

Wawerl im Kot, Christkindl am Eis. Lichte Metten, finstere Stadel. In der Heiligen Nacht darf keine Wäsche auf der Leine hängen. Weihnachten naß, leert Scheuer und Faß. Wenn die Katze zum Ofen geht, wird es kalt.

18.

Jänner:

Petri-Stuhlfeier hell und klar, bedeutet ein gutes Jahr.

20.

Jänner:

Zu Fabian und Sebastian geht der Saft in die Bäume.

22.

Jänner:

Zu Vinzenzi soll sich der Spatz im Staube der Wagengleise baden.

22.

Jänner:

Hat Vinzenz Sonnenschein, hofft man auf viel Korn und Wein.

2.

Februar:

Zu Maria-Lichtmeß soll die Sonne dem Pfarrer nicht auf die Platte scheinen.

2.

Februar:

Zu Maria-Lichtmeß geht der Bär aus der Höhle, Ist Sonnenschein, dann geht er brummend in die Höhle zurück, denn es kommt noch schlechtes Wetter.

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3.

Februar:

Zu Blasius soll es durch ein Arbingerloch (Bohrloch) ein Muth Schnee

Fasching:

wehen. Faschingkrapfen in der Stube, Ostern in der Sonne.

24.

Februar:

Mattheis bricht's Eis, hat er kein's, so macht er ein's.

10.

März:

Wenn es zu Vierzig Märtyrer friert, friert es vierzig Nächte.

12.

März:

Zu Greguri treibt der Bauer die Ochsen in die Furi.

19.

März:

Zu Josefi rücken Bauer und Hauer aus.

23.

März:

Zu Maria-Verkündigung kommen die Schwalben wiederum.

März:

Ein Märzennebel kommt in hundert Tagen als Gewitter wieder.

24.

April:

Zu Georgi soll der Bauer so viel Gewand mittragen, daß sich der Stiel der Haue biegt.

24.

April:

Zu Georgi ein Kraau (Krähe), zu Urbani ein Mau (mannshohes Getreide).

April:

So lange die Frösche vor Georgi schreien, so lange sind sie nach Georgi

April:

still. Wenn die Obstbäume beim leeren Mond blühen, tragen sie nichts.

April:

Wenn die Schlehen blühen, soll man die Handschuhe flicken.

April:

Am Karfreitag soll man nicht in der Erde arbeiten.

12.

- 14. Mai:

Hagel macht eine Teuerung, aber keine armen Leute.

(Eismänner)

Baust du mich im Mai, so komme ich gleich, baust du mich im April, so komme ich, wann ich will. Mai kühl und naß, füllt Scheune und Faß. Nasse Pfingsten, fette Weihnachten. Ein Schwarm im Mai, ein Fuder Heu.

25.

Mai:

Zu Urbani steigt er herunter (der Winter vom Ofen).

15.

Juni :

Vitus und Pauli sind ein paar Faule.

29.

Juni:

Wenn es zu Peter und Paul regnet, regnet es vormittags Mäuse und

Juni:

nachmittags Katzen. Ein Schwarm im Juni, ein fettes Huhn.

2. Juli:

Juni-Juli:

Wenn es zu Maria-Heimsuchung regnet, regnet es vierzehn Tage. Liegendes Korn macht den Bauer nicht arm. Ein Schwarm im Jul’, ein Federspul.

22.

Juli:

Magdalena schön, macht den Fliegensack auf.

25.

Juli:

Zu Jakobi blüht der Schnee.

10.

August:

Laurentius sagt: „Barthl, Barthl, schür’, in vierzehn Tagen ist's an dir!“

24.

August:

Zu Barthlmei legt man die Nüsse ins Heu.

1.

September:

Wenn es zu Ägydius regnet, gibt es keinen schönen Herbst.

8.

September:

Maria-Geburt fliegen die Schwalben wieder fort.

Oktober:

Ein Obstbaum, der beim abnehmenden Mond gesetzt wird, trägt nichts.

11.

November:

Martin kommt mit dem Schimmel.

25.

November:

Kathrein sperrt die Geige ein.

Nr. 84. Reste alter Bräuche.

4.

Dezember:

Adventkranz. - Schneiden der Barbarazweiglein vom Steinobste.

6.

Dezember:

Am Vorabend Umherziehen von Nikolo (Bischof) und Krampus (Teufel).

20.

Dezeinber:

In der Thomasnacht Zukunft erfragen.

24.

Dezember:

Erstes Räuchern. (Von Thomas bis Silvester sind die zwölf Raunnächte.) Fischsuppe, Backfisch, große Nuß- und Mohnbeugel Christkindlspruch,

25.

Dezember.

Krippe, Christbaum, Geschenke. - Zweites Räuchern, Mette, Essen der Mettenwurst, Reden der Tiere. Feiertagswünsche, Hochamt, Pöckerlessen.

31.

Dezember:

Bleigießen, Patschenwerfen, drittes Räuchern, Kartenspiel.

Dezember:

„Federhahn“, das ist ein Essen, bestehend aus Wein und Brot, bei Großbauern aus Kaffee und Gugelhupf als Abschluß des Federnschleißens.

1.

Jänner:

Neujahrsblasen, Neujahrswünsche, Essen von Saurüssel und Lebzeltfischen, Neujahrsstriezel.

6.

Jänner:

Sternsingen, Anschreiben von Jahreszahl und Buchstaben (z. B. 19 + C+M+B 45). Die ersten Faschingkrapfen.

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Jänner: „Dreschhahn“, das ist ein Essen, bestehend aus Fleisch und Wein für die Drescher.

2. Februar:

Februar:

12.

März: Halterblasen zu Gregori; Pieiferlschneiden, Kugel- und Tantasspiel der Knaben, Reifenscheiben und Schnurspringen der Mädchen. Das Schicken in den April.

April:

Kerzenweihe zu Maria-Lichtmeß Dreitägige Feier des Faschings durch Tanz. Faschingszug.

Palmsonntag:

Palmbuschen, Essen von, drei Palmkätzchen gegen Halsweh.

Kartage:

Essen von Spinat; , Ratschen, Judasverbrennen.

Ostern:

Osterflecken, Hochamt, Eierpecken, Eierscheiben, Essen von geweihtem

Ostermontag:

Salz, Fleisch und Brot. Eben ausgehen (Emaus), Kreuzerschupfen.

24. April:

1. Mai:

(Maimarkt).

4. Mai:

Pfingsten: Firmungsgeschenk; Kinderspiele: Räuber. und Gendarm, Versteckenspiel, Vögel verkaufen, G'vatter, leih mir die Schere!

„Gmoarischau“, das ist Begehen des Gemeindehotters.

Maibaum, Kirchweihfest (Philipp und Jakob ), erster Jahrmarkt

Florianiprozession (zum Gedächtnis an .den großen Brand im Jahre 1827).

15.

August:

Maria-Himmelfahrt: großer Umurkenkirtag.

Juli - August:

Erntekranz.

August:

Aufrichten der Hüterstangen vor dem Weingebirge.

24: August:

Zu Bartholomäus zweiter Jahrmarkt (Barthlmeimarkt).

September:

Drachensteigen (Raffler), Spiele: „Lepold“, Flohspiel.

Kleiner Umurkenkirtag. Kukuruzabhebbeln. Hütermusik. Einziehen der Hüterstangen.

Allerheiligenstriezel, Schmücken der Gräber, Lichterbrennen.

11. November: Dritter Jahrmarkt (Martinimarkt), Martinigans, erster Heuriger.

1. November:

8. September:

Oktober:

Nr. 85. Das Räuchern. Das Räuchern ist ein schöner alter Brauch, der am meisten in der Heiligen Nacht geübt wird. Vor der Mette gibt der Hausvater etwas Holzkohlenglut auf eine Kohlenschaufel und streut geweihten „Raukn“ darauf. Das sind getrocknete Blüten, Blätter und Samen von Blumen und einige Körnchen Weihrauch. Sogleich steigt ein duftender Rauch in dicken Schwaden empor. Nun geht der Hausvater durch alle Räume des Hauses, durch Hof, Stall, Garten, Boden und Keller. Uberall macht er mit der Schaufel das Kreuzzeichen und spricht: „Der allmächtige Gott segne unser Heim! (Vieh, Korn, Fruchtbäume usw.) und betet dabet ein Gebet. Hinter ihm schreitet die Hausmutter mit dem Weihwasserfläschchen, sprengt in allen Räumen Weihwasser und spricht: „Das göttliche Kind segne unser Heim!“ (usw.) Zum Schlusse werden die Glutreste in den Herd zurückgegeben. Durch das Räuchern wollen die Eltern den .Schutz des Christkindes auf Familie, Haus, Viehstand und Feld herabrufen. Und den bösen Geistern soll der Eintritt verwehrt sein.

Nr. 86. Christkindlspruch. Am „Heiligen Abend kommt das ChristkindI mit dem Engel zu den Kindern und bringt ihnen den Christbaum und Geschenke. Es ist weiß gekleidet und verschleiert. Der Engel mit einer Krone hat große Flügel. Ein mitgehender Mann läutet mit einem GIöckerl. Der Engel tritt zuerst ein, und spricht: „Ich bin der Engel, von Gott gesandt, und trage das Zepter in meiner Hand. Ich habe die Krone auf meinem Haupt, das hat mir Gottes Sohn erlaubt. Ein Glöcklein hör’ ich läuten, was ‚soll denn das bedeuten? Ach ja, mir fällts schon ein, es wird das liebe Christkind sein!. Nun tritt herein, du hoIder Christ, weil du jetzt hier auf Erden bist!“ Nun spricht das Christkind: „Ich tret' herein ganz zart und fein, will seh'n, ob die Kinder brav und artig sein. Und wenn sie nicht brav und artig sind, will ich die Gaben sparen und wieder in den Himmel fahren.“ Darauf bittet der Engel: „Aber liebes Christkindlein, du darfst ja nicht so strenge sein! Du mußt dich bedenken und den Kleinen etwas schenken!“

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Und das Christkindl antwortet: „Nun, so will ich mich bedenken und den Kleinen etwas schenken. Kannst du beten?“ Während die Kinder beten oder ein Gedicht aufsagen oder ein Lied singen, wird im Nebenraume der Christbaum angezündet. Hernach nimmt das Christkindl die Kleinen bei dei Hand und führt sie zum Christbaume und zu den Geschenken. Mit dem Gruße:

„Gelobt sei Jesus Christus!“ entfernen sich Christkindl und EngeI.

IV. Spruch und Spaß.

Nr. 87 Allerlei. Wer am Freitag lacht und am Samstag singt, weint am Sonntag ganz bestimmt. Wer im Heu nicht gabelt und im „Arnt“ nicht schabelt und beim Lesen nicht früh' aufsteht, soll schau'n, wie es ihm im Winter geht. Gugelhupf auf dem Dach!. Wer schmutzt, der lacht! Wer's Zanderl herreckt, muß ein Pfanderl hergeben. Die Hollersalse ist am Morgen Gold, zu Mittag Silber, am Abend Blei (für den Magen). Den Gescheiten gehen die Haare aus, den Dummen muß man sie ausreißen. Spinnerin am Morgen bringt Kummer und Sorgen, Spinnerin zu Mittag bringt Freud' am Drittag, Spinnerin am Abend, bringt Glück und Gaben. Der Montag ist ein Luder, der Dienstag ist sein Bruder, der Mittwoch ist ein so zuwiderer Mann, daß man am Donnerstag nichts arbeiten kann, am Freitag zahlt sich's nicht mehr aus; denn am Samstag ist die, Woche aus. Gegessen wär's, wenn's nur auch schon geprügelt wäre! Unkraut verdirbt nicht. Wer an den Galgen kommt, stirbt nicht. Er treibt um einen Groschen eine Laus nach Wien. Es geschieht mir schon recht, daß mich an den Zehen friert! Warum kauft mir mein Vater keine Stiefel! Bevor das geschieht, geht in Böhmen ein Viertel ein. Hüter, Hüter, Weinbeer', wenn er kommt, so greint er! Er schaut aus, als ob er alle Tage nichts bekäme, als einen dürren Grillen. So leben wir alle Tage und morgen haben wir wieder nichts! „Es war einmal ein Mann und ein Weib, die haben eine zinnerne Flasche gehabt. Soll ich's erzählen?“ (Das wird immer wiederholt. Es geht ihm gut, wie Gott in Frankreich. „Dünni Schnittli iß ich, mi Sühnli! Großi Brocki is mi Tod!“ Weihnachten, Sauschlachten. Lichtmessen, z'samm-g'fressen!

Angerl, Bangerl, Fingerhut. Stirbt der Bauer, ist's nicht gut! Stirbt die Bäuerin, allsogleich gehen die Engerl mit der Leich', gehen Paar um Paar bis zum Karnertor. Dort stellen sie nieder, kommt der alte Widder, kommt der Giggas-Goggas-Mann (Teufel), jagt die Engerl alle davont Weiberl, klaub's Schinderl z'samm, Manderl, du auch! Die große Glocke läutet: Seide und Samt, Seide und Samt. Die mittlere: Bimbm bimbam. Die kleine: Flinkerle, Flankerle, Flinkerle, Flankerle, Flink Iß ich dich nicht, so kriege ich dich nicht. Iß ich dich, so zerreißt du mich. Ei, so zerreiß mich! Die Schwalbe zwitschert: „Kittl soll ich flicken und habe keinen Fleck., Voriges Jahr hab' ieh einen “

gehabt und heuer hab' ich einen Bis Neujahr nimmt der Tag zu „so weit die Mücke gähnen mag. Bis Lichtmeß „so weit der Hahn schreiten mag“. Bis Josefi „so weit der Hirsch springen mag“. Und dan „ so weit das Roß rennen mag“. Müllner, Müllner, Sacki! Ist der Müllner nicht zu Haus’ ? Schloß vor, Riegel vor! Schmeißen wir die Anni hinter die Tür!

Nr. 88. Da Geist in Raupfaung. (Städtische Mundart.). Auf da Gstettn is amoe a Fischa gwesn, dea hod oelli Joa z’Weihnachtn a Sau ogstochn. Amoe hodara schwari Sau ghobt mid dreihundert Pfund. Vau dera hodara Massa Blunzn, Lewawiascht und Brodwiascht kriagt. Aus lauta Freid isa ins Wiatshaus gaunga und hods oelln dazöd. Und daun hodara Seidl Heirichn ums aundari trungn und hod Koatn gschpüd. Und wias schau finsta woa, isa oellawäu nau gsessn und hod weida gschpüd und weida trungn.

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Sei Wei daham is dawäu schloffn gaunga. Auf amoe woas ia, wia waun s' pumpan ghead häd. Do is in d' Heh gfoan und hod ghuacht. Richti hod s' nau amoe pumpan ghead. Des is ausn Raupfaung kuma. Jetzt hod s' a Aungst kriagt und is unta de Tuchat gschloffn und hod si denkt:

„0 mei, do ged a Geist um!“ Des Pumpan is owa oellawäu iacha wuan. Do is do endli aufgstauntn und is in an Ki’l einigschloffn. Owa gschwizzt hod s’ vua lauta Aungst und gschnobat hod s’ wiara Eschpmlab. Gaunz stad is zua Raupfaungtia gschlichn und hod gfrogt: „Oelli guadn Geista lo'm Gott, den Hean! Geist, wos is dei Begean?“ Do hod da „Geist“ ausn Raupfaung mid ana tiafn Stimm außagschrian: „Außi mecht i!“

Nr. 89. Da Hoeda oes Dokta. (Stätdische Mundart.) In Hainbuach haum s’ amoe an Hoeda ghobt, dea hods Vich und d’ Leit kurian kina. Und vaun da Zauwarei hodara wos vastauntn. Zu den is amoe a Rotshea kumä und hod gsogt:

„Hoeda“, hoda gsogt, „du muaßt ma höffn, mi drukkts so vü in Mogn! I bin schau gaunz schwoch!“ Da Hoeda hodn nua midran Blikk angschaut und hod gsogt: „’s hegsti Zeid, daß 's kuma seids! Es hobts zvü Bra’ln gfressn, drum seits so graung wuan. Eng kaun ka aundara Mensch nid höffn, wiari a’ Ia! Enga Mogn und engara Da’m san inwendi so voe Schleim, daß's in drei Täch dastickt wat’s! Owa i hob a guade Medizin fia engan Mogn. A bißl grausli is, owa dafia hüfft ‘s a! Drauf isa in Stoe gaunga und is midana großmächtichn Spinarin wida einikuma. „De Spinarin wiad eng kurian’, hoda gsogt. Es braucht sas nua hagli owischlikkn!“ Wia da Rotshea des gheat hod, hod eam graust, dasa gaunz grin in Gsicht wuan is. Do hod da Hoeda gsogt: „Wauns a Gurasch hobts, kints in drei Stund schau gsund sei. Mochts nua gschwind’s Mäu auf!“ Drauf hodaran Zauwaschpruch iwa de Spinarin gsogt und hod s’ in Pazientn ins Mäu gstekkt. Dea hod d’ Augn zuadrukkt und hod s’ richti owigschlikkt. „So is recht!“ hod da Hoeda gsogt, 's wiad schau oes guad wean!“ Goa ned laung hods dauat, so is da Graungi schwizzat wuan vua lauta Schmeazn. De Spinarin is in Mogn und in de Da'm umanaunda kräut und hod mid iari Fiaß den oedn Schleim vau de Mognwänd und vau de Da'm owazad. Wia da Graungi waschlnoß woa vua lauta Schwiz, hodsn auf amoe grekkt und de Spinarin is wida außa kumma! Und mid ia so vü Schleim, dasa Bittl hoewad voe wuan is. Drauf is da Rotshea aufa Baung zuchi gfoen, wäula gaunz mott woa. A Stund isa lign bli’m und hod si ned griad. Do hod eam da Hoeda a Stampa’l Schligowiz ge’m. Des hodn wida munta gmocht. A wengerl isa nau glegn, daun isa gach aufgschprunga und hod tiaf Odn gschepft. Drauf hoda in Hoeda aum Bugl ghaud und hod gsogt: „Hoeda, du bist do gscheida oes wiara Dokta! I gschpia, dasi pumpa’I gsund bin! Do host zwa Guin fia die Roßkua! Muagn schikki da in Hean Stodrichta. Da gstrengi Hea hoda z'großi Lewa. De kaunst eam a wengl klana mochn!“

Nr. 90 Hoamzoed. (Bäuerliche,Mundart.) Sait dera Wett, bai dea da Graina Hiasl und da Zwinosate so draufzoed haum, san schau zwoa Maunat vagaunga gwen. Und de zwoa Schö’m hädn in Sundochrog, gean widar an Stroach gschpüd. Owa dea woar auf da Huad, wäula si’s jo deinkt hod, das eams de zwoa wida hoamzoen mechtn. Aunan Sundoch in Winta, nochn Segn,sizzn de drai bainaunda in Wiatshaus und mariaschn. Und daun haum s’ gjausnt. Da Zwinosate ziagt a Trumm Brod ausn Sog und oan Schofkas. Wia da Sundochrog den Kas siacht, hoeta si glai d’ Nosn zui. Ea hod hoed goa so a haglichi Nosn ghobt und so oan Gschtaunga hoda nid aushoedn kina. Und glai hodi zun Graina angfaungt: „Wia kaumma denn nua so a stingats Zaich fressn!“ Owa da Zwinosate hod eascht recht den Kas hoagli aufgschnidn und hod in Graina Hiasl a wos kostn lossn. Do hod da Sundochrog zoed und is gaunga. Und de zwoa haum glocht, haum de Kepf zsaumgstekkt und haum mitanaunda wos ausgmocht. Aum nextn Sundoch san de zwoa zun Sundochrog auf Bsuach kemma. Da Sundochrog hodan Hairinga ausn Kölla ghoed und daun haum sa si aufd Ofabaung gsezzt. Und haum plaudat. In Ofa hods grocht und gramüd, de kloan Fainstaguga’ln woan mid Mias guid vastopft, so is wacha’Iwoam in da Stu’m gwen. Vaun Napoleaun haum s’ gredt und vaun da Franzosn Eiquatiring.in Fimfajoa. Da Graina Hiasl hod dcazoed, wiara Franzos in Huataschmid bain Roßbschlogn a gliatats Huifaisn nochgwoaffa hod. Und da Sundochrog hod dazoed, daß saini Franzosn nau mea Wai trunga haum, oes wia olli aundan franzesischn Raida in Doaf. Und daß hoed da Waikruach aufn Tisch ollawäu laa woa. Bai soechani Redn is eana Kruach a laa gwuan und da Sundochrog is wida in

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Kölla gaunga. Auf des hod da Zwinosate nua gwoat! Draußt in Hof hoda bain Ainagai oan Schofkas vastekkt ghobt. Den hoda gschwind ghoed und hodn in d’ Ofarean glekkt und hod in Reanddekkl fiagscho’m. Wia da Sundochrog midn Wai kemma is, san de zwoa Fraind aufgstauntn und haum sie empfoen. „Amoe weats owa do nau tringa!“ hod da Sundochrog gsogt. Do hod iada nau oan Schlukk gmocht, daun san s’ gschwind groast. Da Sundochrog nimt oan Kalenda und lest. Auf amoe schnuppada, daun schpringtar auf und schrait: „Es Hallodri, es hobts ma oan Kas dolossn!“ Und daun suichta den stingadn Kas. Owa er kaunan nid fintn. Ea suicht in da Tischlod, in de Schublo’n, in Waundkastl. In olli Wingln schauda, jo, dea Kas is nid zfintn! Und dab wiad da Gschtaunga in dera Hizz ollalwäu iacha! In Sundochrog kizIts in da Nosn und ea muaß niastn, oamoe, zwoamoe, dreimoe, zenmoe! Do kriagtar oan Zuan, ea reißt d’ Fainsta und de Tiar auf und rennt in Hof außi. Noch oana Wäu suichta wida waida. Owa ea kaun ollawäu nau nid den Kas fintn. Und in da Stu’m is schau aiskoed wuan. Zun Glikk is de Bairin vau ian Plauscha’l bei da Nochbarin hoamkemma. De hod ian Mau glai suicha ghoeffa. Owa si hod a koa Glikk nid ghobt. Do sogt s' auf amoe: „Voda, host schau in d’ Rean ainigschaut?“ „Na“, sogt da Baua, .“in d’ Rean howi nau nid ainigschaud.“ Do raißt de Bairin in Reandekkl weg und glai is a dikki Kaswoekn außapofüd. Da Sundochrog hod nid weinich gschimpft iwa den soakrischn Gschtaunga und hod drai Täch nid in d’ Stu’m ainikina!

V. Gedichte.

91. Der Weinbeer-Krobler. (Dunkles „a“)

In dem Löß am Braunsberghange reift die Traube, goldig, blau, wenn die schlanke Hüterstange ragt in kühlem Nebelgrau.

Wohl, der Sonne heiße Strahlen machen, daß die Traube glüht. Doch aus Nebels nassen Malen erst die „Blume“ voll erblüht.

Drum des Hauers Pulse klopfen, wenn.am Berg der Schwaden liegt, wenn, ans „Kendl“ siech der Tropfen im August beifeuchtend schmiegt.

Weiß er doch, der Balg wird feiner, hängt der Weinbeer-Krobler dran, und es wird ein Wein, wie keiner rings im Lande wachsen kann.

92. Alt-Hainburg. Schön und stark ist Österreichs Grenzburg, licht strahlt sie im Sonnenglanze,

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riesentürmig, freundlich lächelnd, hingeschmiegt im Höhenkranze.

Ihre Türme, Tore, Zinnen Dräu’n von altersher entgegen Österreichs Feinden aus dem Osten, die sich nah’n dem Wall verwegen.

Schmale, spitze Giebelhäuser ragen heimelnd aus den Mauern. In den früchteschweren Gärten muß wohl Glück und Freude dauern.

In Terassen steigt der Häuser Menge bis zur Bergesnähe und die stolze Burg Herrn Heimos thront auf steiler Bergeshöhe.

Stapelplatz für Marchfeld, Ungarn ist die Stadt, für Polen, Mähren. Gold und Silber zinsen Frachten mittels Wagen, mittels Fähren.

Kreuzzugpilger, fromme Waller, Ritter, Knappen, Mönche, Bauern, Barbarossa und die Seinen lagen müd’ um Hainburgs Mauern.

„Allzeittreu“ es ist der Leitspruch, der die Stadt an Österreich bindet. Ihre ungebrochene Treue manchen Dank beim Herzog findet.

Babenberger bauen Höfe, Ungarns König wird empfangen, oftmals flattern Festtagwimpel weißrot von den Fahnenstangen.

Wohlstand, Sitte halten Einzug unter Herzen, wohlgemuten. Bürgers Waffen schreckt die Feinde und das Stadtrecht schirmt die Guten.

Reiche Bürgerhäuser prunken mit Gezier und edlen Schreinen und die prächtige Martinskirche mit den schön behauenen Steinen.

Aus dem Lösegelde Richards, Englands königlichen Recken, werden Hainburgs weite Mauern neu verstärkt, dem Feind zum Schrecken.

Seiner Tore Buckelquadern, seiner Mauern feste Türme halten Stand dem stärksten Ansturm,

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trotzen feindlichem Gewürme.

93. Die Trutzfiguren am Wienertore.

Wer in Kriegszeit kühnlich reiste, ob zu Fuße, ob mit Rossen, mußte vor dem Stadttor weilen, bis der Wart ihm aufgeschlossen.

Stand er so vorm Wienerturme, sah er steinerne Gestalten, ernste Ritter, ob dem Tore schützend ihre Waffen halten.

Angetan mit Helm und Panzer, hielten Schild und Schwert sie dräuend ihn zu mahnen, daß er friedlich nahe, sich vorm Kampfe scheuend.

Jeder Fremdling sollte wissen, daß hier wackere Bürger leben, deren starke, treue Herzen Schutz und Schirm den Ihren geben.

die, wenn’s sein muß, sich auf Waffen und die alten Rechte stützen, so die teure Heimaterde und das Land ringsum zu schützen.

94. Unrühmliche Jagd.

Die Ritter Hinz und Kunz, die hatten’s froh vernommen, es hab’ ein Riesenhirsch den Donaustrom durchschwommen, herüber aus der Au, verfolgt von einem Bären. Solch’ Wundermäre kann man im Leben selten hören. Drun setzten sie sich rasch auf ihre edlen Rosse, den Bären zu erlegen, bewundert von dem Trosse. Es führte Schwert und Spieß und eine Keule jeder Und für den Fall der Not auch noch die „blanke Feder.“ (Saufeder) Dann jagten sie davon zur „Alten Ochsenweide“. Dort lagerte der Bär, vollsatt von dem Gejaide. Jedoch das Leckermaul, das holte zu dem Braten sich einen Nachtisch noch, des wollt’ er nicht entraten. Dort war die Riede „Beintaz“ mit vielen Bienenstöcken. Die roch der alte Bär und scheute nicht das Hecken. Er wackelte mit Lust hin zu dem süßen Schatze und stieß zwei Körbe um mit seiner Vordertatze. Das machte freilich wild viel Hunderte der Bienen. Den Störer suchten sie mit Stichen zu bedienen. Indes war Hinz und Kunz gestiegen von dem Rosse und jeder nahm das Schwert, die Lanze auch zum Stoße. Dann schlichen sie geduckt heran Zum Hollerstrauche, von wo zu ihnen scholl ein zorniges Gefauche. Sie stürmten kühn hervor mit ihrem langen Speere und kamen eben recht den Bienen in die Quere. Auf Hinz und Kunz die Bienen, gezückt den Stachel, drangen und stachen sie in Hände, in Nase, Ohr und Wangen. Und als die beiden schlugen, die Bienen noch mehr stachen. Viel leichter wär’ gewesen ein Kampf mit Bär und Drachen!

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Es warfen Hinz und Kunz das Schwert, den Spieß, die Feder hinweg und in der Flucht sein Heil nun suchte jeder. Nicht rühmlich war die Jagd für solche tapfere Ritter. Statt leckere Bärenschinken nur Stiche, das war bitter. Verdrossen saßen beide, verschwollen und zerschunden zu Hause hinterm Weinkrug und pflegten ihre Wunden.

95. Biedermeier. Will der kampfumtobten Trutzburg endlich doch der Friede winken? Wohl, es sollten ihre Bürger nicht umsonst als Opfer sinken! Kriegesnöten, Seuchen, Brände nahen noch im Lauf der Zeiten. Der Kuruzzen Steppenrosse durch verbrannte Dörfer schreiten, Bonapartes Kürassiere zehren an des Bürgers Habe, Teuerung und Geldkrach bringen manchen noch zum Rettelstabe, Dann beginnen lange Jahre friedlich schöner Bürgerruhe. Golddukaten, Schmuck und Silber hortet man in Spind und Truhe. Eine stille Sonne lächelt über den Empirefassaden, Klang des Posthorns lockt die Bürger an die grünen Fensterladen. Würdevoll zur Kirche schreitet Meisterin in reicher Haube, Biedermeier schlürft beim Leutgeb still-vergnügt den Saft der Traube. Und die Kinder spielen Tantas, mäuerln an mit kundigem Finger oder lauschen, Glanz im Auge, einem fremden Urtelsinger. Winters, wenn die Mägde spinnen und die Käuzlein schaurig klagen, weiß die Ahne zu erzählen manche gruselige Sagen. Wenn die Aveglocke läutet, schließen sich der Häuser Tore, mit der weißen Zipfelmütze liegt Gevatter auf dem Ohre. Über Türme, Strom und Zinnen, über Stadt und stille Weiten Vollmonds bleiche Silberstrahlen Märchenreiches Zauber breiten.

96. In der Steppe.

Kaum war das Meer zurückgeflutet, vertrotcknet tiefer Rinnn Lauf, so sproß, von heißer Sonn’ durchglutet, die Blütenpracht der Steppe auf.

Und roter Fuchs und Marder strichen durch Gras und Kraut, durch Busch und Rohr Und glatte Schlangen züngelnd schlichen Aus ihrem Schlupf ans Licht hervor.

An Lackenrändern standen Reiher, es äste äugend manches Wild und Enten schwammen durch die Weiher und Hasen liefen im Gefild.

Es flüchteten die Steppenpferde, wenn sich genaht ein Höhlenbär. Wie Sturmwind braust, so flog die Herde durch schwarzen Bruch, durch Schilfgeröhr.

Und später furchtlos Menschen jagten, was kreucht und fleucht in der Natür. Gewaltig liefen sie und wagten zu folgen auch des Bären Spur.

Und hatten nur geringe Waffen, den Faustkeil und zum Wurf den Stein! Doch machte sie des Geistes Schaffen Zum Herrn in Steppe, Berg und Hain.

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97. Knabenspiel „Wir spielen Räuber und Gendarm“, so sprach der Lipp zum Wenzel, Dort Schau, dort kommt der Karl, der Franz, die andern bringt der Wenzl. Bald stand um Lipp und Lenz herum der Buben lautes Rudel und alle freuten sich auf’s Spiel, auch Heinz mit seinem Pudel. Sie zogen stramm ins „Hamerleck“, dort gibt es manche Plätze, wo man sich gut verstecken kann bei einer lustigen Hetze, Zum Räuberh auptmann wurde Lipp von allen ausgerufen, Und Postenführer ward der Heinz, daheim in allen Schlufen. Die andern aber teilten sich in Räuber und Gendarmen und Heinz schwur mit erhobener Hand: „Wir kennen kein Erbarmen!“ Nun ging es los. Der Lipp, er zog ins Dickicht mit den Seinen. Der Heinz versteckte seine Schar rasch hinter großen Steinen. Sie lagen dort ganz mäuschenstill, da scholl des Pfiffes Zeichen. Der Heinz ermahnte: „Buben, merkt, laßt keinen mir entweichen!“ Da sprangen die Gendarmen auf und rannten über die Halde und jeder suchte seinen Mann von Baum zu Baum im Walde. Nun blieb es stille lange Zeit, kein Räuber war zu finden. Doch plötzlich sah der Heinz den Lenz im Unterholz verschwinden, Er lief ihm nach und packte ihn, und schrie „"Herbei, Gendarmen!“ Der dicke Lenz noch lauter rief: „Kommt, Räuber, helft mir Armen!“ Da tauchten alle Räuber auf, den Ihren zu befreien, und die Gendarmen liefen her, gewaltig war ihr Schreien. Bald war in Gang die Balgerei, wie es seit jeher üblich. Zerrissene Hosen gab’s im Nu und das war sehr betrüblich. Da donnerte ein lautes „Halt!“ und alle packte Schrecken. Es stand der alte Förster da mit Hund, Gewehr und Stecken. Der sprach: „Ihr Buben wißt, es ist das Spiel im Wald verboten. Ihr brecht das Holz, verscheucht das Wild, ihr schreit ja wie nach Noten!“ Die Rädelsführer packte er, den Lipp und Heinz, beim Ohre. Die andern rannten schnell davon, wohl bis zum Ungartore. Der Förster folgte mit den zweien. Er hielt der beiden Hände Und führte sie zur Polizei. Das war des Spieles Ende.

98. Die Rotkappler.

Drunten im Rötelstein ist’ nicht geheuer, geben doch nächtlich die Rotkappler um! Unverhofft kommend aus altem Gemäuer, schleichen Gespenster, drohen und stumm.

Rotes Barett auf dem grinsenden Schädel, Panzerhemd, Stahlschutz an knöcherner Hand, tragen sie Meßbuch und sprengenden Wedel, über das dunkle, erschauernde Land.

Tempelherren sind es, einst Priester und Ritter, die in der Burg auf dem Felsen gewohnt. Rühmlich bestanden im Schlachtengewitter, haben. sie Gutes mit Gutem gelohnt.

Später sind Raubritter worden aus ihnen. Sperrend die Donau mit Kette und Seil, raubten sie Schiffe mit gierigen Mienen, töteten Menschen mit Keule und Beil.

Müssen nun nächtlich an sündiger Stätte Umgeh’n als Spuk bis in späteste Zeit.

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Ruhelos wandelnd von elf bis zur Mette, müssen sie sühnen in friedlosem Leid.

99. Griechenpflaume (Griecherl)

Die griechische Prinzessin Theodora, vermählt mit Österreichs Herzog Leopold, ließ in der treuen, festen Grenzstadt Hainburg ein vornehm’ Haus erbauen für ihr Alter.

Gefiel ihr doch die Gegend; wie sonst nirgends! Da war der mächtige Strom, die weiten Auen, ein Kranz von Bergen, Wald und Fels und Ebene und goldige Felder und das Weingebirge.

Auch Ritterburgen waren in der Nähe;

(Hainburg, Rötelstein, Pottenburg, Theben; Wolfsthal, Kittsee, Altenburg, Petronell. Die letzten vier waren Wasserburgen.)

Der milde Himmel mahnte an die Heimat. Und Gärten gab es in der Stadt so viele, an diesen hatte sie ihr Wohlgefallen.

Denn Theodora hatte in der Jugend Aus ihrer Heimat ihre Lieblingsfrucht, die runde, blaue Pflaume mitgebracht, die man in Österreich damals noch nicht kannte.

Sie war so köstlich durch die Süßigkeit, wie keine andere Pflaume sie besaß. Sie reifte spät im Jahre, im Oktober, wenn andere Pflaumen Zeit schon längst vorüber.

Sie pflanzte solche Pflaumen in den Gärten Von Hainburg, sich damit ein Denkmal setzend.

Die Vögel trugen nun im Lauf der Zeiten Die Früchte und die Kerne solcher Bäume Hinaus in Auen und ins Vorgehölz, wo sie auf hunderte sich bald vermehrten.

Das Volk, es nannte diese Pflaume „Griecha“ Nach ihrem Ursprungsland und hat den Namen Durch viele hundert Jahre rein bewahrt Und nie gebraucht den falschen Ausdruck Kriacha!

Wohl sind nach siebenhundert langen Jahren die Früchte längst entartet und verwildert, so, daß verloren ging ihr einstiger Wert und viele diese Früchte nun verachten.

Doch manschmal wächst auch noch die alte, edle, die große zuckersüße, echte Gattung, die man „Weingriecha“ nennt, weil sie im Herbste mit unseren Trauben reift zur kühlen Leszeit.

Und diese gute Pflaume ist’s wohl wert, dass man sie pflanze, hege und vermehre! Sie lohnt durch Saft und Süße, späte Reife Und eine überreiche Fruchtbarkeit.

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