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Bertolt Brecht

(Leben des Galilei)

Alds der Allmächtige (*) sprach sein großes Werde (*)


Rief er die Sonn, daß sie auf sein Geheiß
Ihm eine Lampe trage um die Erde
Als kleine Magd in ordentlichem Kreis.
Denn sein Wunsch war, daß sich ein jeder kehr
Fortan um den (*), der besser ist als er.
Und es begann sich zu kehren
Um die Gewichtigen die Minderen
Um die Volderen die Hinteren
Wie im Himmel, so auch auf Erden.
Und um den Papst zirkulieren die Kardinäle.
Und um die Kardinäle zirkulieren die Bischöfe.
Und um die Bischöfe zirkulieren die Sekretäre.
Und um die Sekretäre zirkulieren die Stadtschöffen.
Und um die Stadtschöffen zirkulieren die Handwerker.
Und um die Handwerker zirkulieren die Dienstleute.
Und um die Dienstleute zirkulieren die Hunde, die Hühner und die Bettler.
Stadtschöffen

Auf stund der Doktor Galilei


(Schmiß die Bibel weg, zückte sein Fernrohr, warf
einen Blick auf das Universum)
Und sprach zur Sonn: Bleib stehn!
Er soll jetzt die creztio dei (1)
Mal andersrum sich drehn.
Jetzt soll sich mal die Herrin, he!
Um ihre Dienstmagt drehn.

Das ist doch allerhand? Ihr Leut, das ist kein Scherz!
Die Dienstleut werden sowieso tagtäglich dreister!
Denn eins ist wahr: Spaß ist doch rar. Und Hand aufs Herz:
Wer wär nicht auch mal gern sein eigner Herr und Meister?

Der Knecht würd faul, die Magd würd keß


Der Sclachterhund würd fett
Der Meßbub käm nicht mehr zur Meß
Der Lehrling blieb im Bett.

Nein, nein, nein! Mit der Bibel, Leut, treibt keinen Scherz!
Macht man den Strick uns ums Genick nicht dick, dann reißt er!
Denn eins ist wahr: Spaß ist doch rar. Und Hand aufs Herz:
Wer wär nicht auch mal gern sein eigner Herr und Meister?

Zwei Hausfraun stehn am Fischmarkt draus


Und wissen nicht aus noch ein:
Das Fisvhweib zieht ein ' Brotkipf raus
Und frißt ihren Fisch allein!
Der Mauer hebt den Baugrund aus (2)
Und holt des Bauherrn Stein.
Und wenn er's dann gebaut, das Haus
Dann zieht er selber ein!

Ja, darf denn das sein? Nein, nein, nein, das ist kein Scherz!
Macht man den Strick uns ums Genick nicht dick, dann reißt er!
Denn eins ist wahr: Spaß ist doch rar. Und Hand aufs Herz:
Wer wär nicht auch mak gern sein eigner Herr und Meister?

Der Pächter tritt jetzt in den Hintern


Den Pachtherrn (3) ohne Scham
Die Pächterfrau gibt ihren Kindern
Milch, die der Pfaff bekam.

Nein, nein, ihr Leut! Mit der Bibel, Leut, treibt keinen Scherz!
Macht man den Strick uns ums Genick nicht dick, dann reißt er!
Denn eins ist wahr: Spaß ist doch rar. Und Hand aufs Herz:
Wer wär nicht auch mal gern sein eigner Herr und Meister?

Jüngst bin ich aus der Reih getanzt.


Das sagte ich zu meinem Mann:
Wil sehen, ob nicht, was du kannst
Ein andrer Fixstern besser kann.

Nein, nein, nein, nein, nein, nein! Schluß, Galilei, Schluß!


Nehmt einem tollen Hund den Maulkorb ab, dann beißt er.
Freilich, 's ist wahr: Spaß ist halt rar und muß ist muß:
Wer wär nicht auch mal gern sein eigner Herr und Meister?

Ihr, die auf Erden lebt in Ach und Weh (*)


Auf, sammelt eure schwachen Lebensgeister (*)
Und lernt vom guten Doktor Galuleh (*)
Des Erdengküches großes ABC.
Gehorsam war des Menschen Kreuz von je!
Wer wär nicht auch mal gern sein eigner Herr und Meister?