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Mehr Freiheit

Einführung in den klassischen Liberalismus

von

Adolf Rasch

II

Dieses eBook besteht aus Texten der Website

Vollständig überarbeitete und aktualisierte 3. Ausgabe Dezember 2007

Copyright 2005 by Adolf Rasch

Jedermann darf dieses eBook, oder Teile davon, in beliebigen Medien vervielfältigen, verbreiten und öffentlich wiedergeben, so lange er damit keine kommerzielle Absicht verfolgt und als Quelle die Website

nennt.

III

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

11

Liberale Argumente von A bis Z

13

Arbeitslosigkeit durch den Wohlfahrtsstaat

13

Arten von Arbeitslosigkeit

13

Der frei ausgehandelte Vollbeschäftigungslohn

13

Von Gewerkschaften erzwungene Löhne

14

Der Sozialstaat verursacht Arbeitslosigkeit

16

Lohnersatz in Konkurrenz zu Arbeitseinkommen

17

Die Folgen der Arbeitslosigkeit

18

Maßnahmen gegen die Arbeitslosigkeit

19

Arbeitslosenunterstützung produziert Arbeitslose

20

Armut als statistisches Konstrukt

22

Absolute und relative Armut

22

Die Ursachen der Armut

23

Die Politik der Gleichheit

24

Bioethik der Freiheit

27

Präimplantationsdiagnostik

27

Abtreibungsbefürwortende Embryonenschützer

27

Zeitraum der Menschwerdung

28

Blockade der medizinischen Biotechnologie

28

Demokratie muss Grenzen haben

30

Die Tyrannei der Mehrheit

30

Volksherrschaft nicht realisierbar

31

Mißbrauch der Demokratie

32

Selbstzerstörung der Demokratie

33

Die Herrschaft des Gesetzes

34

Deregulierung ermächtigt Bürger

35

Der Staat als Vormund

35

Regierung gegen die Märkte

35

Die Kosten der Regulierung

36

Mehr Freiheit für den Bürger

37

Drogen sind Privatangelegenheit

39

Das Recht auf sich selbst

39

Schädliche Wirkung des Drogenverbots

40

Freiheitliche Anti-Drogen-Politik

41

Entwicklungshilfe verhindert Entwicklung

43

Das Versagen der Entwicklungshilfe

43

Die Irrtümer der Entwicklungshelfer

44

Negatives Beispiel: Mikronesien

44

Positives Beispiel: Hongkong

45

Handel statt Hilfe

46

Feminismus gegen Gleichbehandlung

48

Die Gleichheit vor dem Gesetz

48

Gender Mainstreaming

48

Staatliche Beschäftigungsquoten

50

Feminismus ohne Mandat

50

Die Neutralität des Staates

51

Feministische Sprachregelungen

53

Vorschläge zur Frauenbefreiung

54

Ayn Rand: Zitate

55

Camille Paglia: Zitate

55

IV

Föderalismus bedeutet Wettbewerb

58

Ein kurzer Blick in die Geschichte

58

Die Angst vor Wettbewerb

59

Freiheit braucht Föderalismus

60

Neue Bundesländer

61

Freihandelszone statt politischer Union in Europa

64

Geld und Gold

66

Der

Mythos Gold

66

Die Nachteile eines Goldstandards

66

Staatsversagen in der Geldpolitik

67

Eine regelgesteuerte Zentralbank

69

Konkurrierende Währungen

69

Gerechtigkeit liegt im Verfahren

71

Verfahrensgerechtigkeit ist moralisches Gebot

71

Ergebnisgerechtigkeit ist nicht möglich

72

Umverteilung schwächt Volkswirtschaft

73

Gewerkschaften machen arm

75

Nachhaltige Einkommenssteigerung

75

Die Wirkung von Gewerkschaften

76

Kaufkraft und Kostencharakter der Löhne

76

Das Tarifmonopol der Gewerkschaften

78

Kündigungsschutz verletzt Vertragsfreiheit

79

Der Sozialstaat als Komplize der Gewerkschaften

80

Betriebsverfassungsgesetz bürokratisiert Betriebe

81

Mitbestimmung verletzt Recht auf Eigentum

82

Der Gewerkschaftsstaat

83

Die Zukunft der Gewerkschaften

84

Globalisierung macht wohlhabend

86

Die Bedeutung des Freihandels

86

Der Erfolg der Außenhandelsliberalisierung

87

Internationale Handelsorganisationen

89

Die Gewinner der Globalisierung

91

Deutsche Globalisierungsprobleme

92

Die Widersprüche der Globalisierungsgegner

95

Handel statt Hilfe

97

Konservatismus benötigt Orientierung

99

Die Kennzeichen des Konservatismus

99

Die Zusammenarbeit mit Bismarck

100

Der Kulturkampf

102

Unterschiede und Gemeinsamkeiten

104

Krankenversicherung frei wählbar

106

Private und gesetzliche Krankenversicherung

106

Freie Wahl des Krankenversicherungssystems

107

Misswirtschaft in den gesetzlichen Krankenkassen

108

Krankenversicherung mit Selbstbehalt

109

Liberalisierung des Gesundheitsmarktes

110

Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall abschaffen

111

Pflegeversicherung durch Kapitaldeckung

111

Unfallversicherung ohne Monopol

113

Medien von Politikerkontrolle befreien

114

Herrschaft durch Medienkontrolle

114

Privatisierung der öffentlich-rechtlichen Medien

115

Schaffung einer Gegenöffentlichkeit

116

Minimalstaat ist Ziel

117

Die Überlegenheit des Marktes

117

Das Versagen des Staates

117

Ökonomische Begründung des Minimalstaates

118

V

Widerlegung des Anarchismus

119

Die Exekutive des Minimalstaats

121

Monopol und Markt

122

Der Bock als Gärtner

122

Der Ursprung der Antimonopolpolitik

122

Die Theorie des unvollkommenen Wettbewerbs

124

Die Antikartellpolitik

125

Staatsmonopole

127

Monopolschutz durch Patente

128

Parlament darf nicht allmächtig sein

130

Die Allmacht des Parlaments

130

Reduzierung der Abgeordnetenzahl

131

Verkürzung der Wahlperiode

131

Zeitliche Begrenzung der Mandatsausübung

131

Sitzbesetzung gemäß Wahlbeteiligung

132

Keine Selbstbedienung der Abgeordneten

132

Partizipation ist nicht erwünscht

134

Repräsentation und Gewissen

134

Entscheidungsmonopol der Politiker

135

Die real existierende Oligarchie

137

Politik ist nicht die Lösung, sondern das Problem

138

Markt oder Politik

138

Die Parteien vertreten Sonderinteressen

139

Negative Auslese

139

Entpolitisierung der Gesellschaft

140

Rente durch Kapitalbildung

141

Ein kurzer Blick in die Geschichte

141

Die Beitragslast

141

Die Mängel des Umlageverfahrens

142

Die Krise des deutschen Rentensystems

143

Höhere Renten durch Kapitalbildung

144

Das chilenische Beispiel

147

Finanzierung des Übergangs

148

Schule ohne Staat

149

Bildungsgutscheine ermöglichen Wahlfreiheit

149

Brechung des staatlichen Schulmonopols

150

Vielfalt statt Uniformität

151

Studiengebühren an Hochschulen

151

Sozialismus ist ein Atavismus

154

Kennzeichen des Sozialismus

154

Der Frühsozialismus

155

Die so genannte soziale Frage

156

Lenkungs- und Rechnungsprobleme

158

Sozialistische Schreckensherrschaften

159

Der Spätsozialismus

160

Sozialpolitik ist unsozial

161

Der expandierende Sozialstaat

161

Demokratie verursacht sozialstaatliche Expansion

162

Gewinner und Verlierer

164

Eigennützige Helfer

165

Sozialpolitik schadet

166

Die Gewährung des Existenzminimums

167

Steuern senken

169

Die Interessen der Steuereintreiber

169

Die Verteilung der Steuerlast

170

VI

Der Anteil des Staates

171

Die Grenzabgabenbelastung

172

Sozialausgaben führen in den Staatsbankrott

173

Ein Steuersatz für alle Einkommen

175

Reduzierung der Komplexität des Steuersystems

176

Senkung der Steuerlast

176

Keine Kreditaufnahme durch den Staat

177

Subventionen verletzen Gleichheitsgrundsatz

178

Der politische Kampf um Privilegien

178

Strukturkonservierung in der Landwirtschaft

180

Erhaltung eines sozialen Milieus im Bergbau

181

Bevorzugung kollektivistischer Verkehrsmittel

181

Wohltaten für private Haushalte

182

Kunst in Abhängigkeit vom Staat

183

Privilegien für die staatsnahen Kirchen

184

Abschaffung der Subventionen

185

Wettbewerb ist unentbehrlich

186

Staatliche Wettbewerbsbeschränkungen

186

Ladenschlussgesetz

186

Zwangsmitgliedschaft in Kammern

187

Meisterzwang im Handwerk

187

Freie Berufe in Unfreiheit

188

Staatliche Berufszulassung

189

Zensur findet doch statt

190

Eine freiheitsfeindliche Tradition

190

Zensur heute

190

Ein Fall von Vorzensur

191

Die Macht der Richter

192

Meinungsfreiheit für alle

193

Zuwanderung nach Auswahl

194

Die idealtypische Zuwanderung

194

Die reale Zuwanderung in Deutschland

195

Der Sozialstaat als Zuwanderungsmagnet

196

Auswahl unter den Zuwanderungswilligen

197

Humanitäre Hilfe für politisch Verfolgte

198

Grüne Themen von A(ch) bis W(eh)

Artenschutz durch Eigentumsrechte

200

200

Die Evolution läßt sich nicht anhalten

200

Die Angstkampagne der Grünen

201

Lebensraum für wildlebende Arten

201

Artenschutz durch private Eigentumsrechte

202

Norwegen und die Zwergwale

203

Der Schutz von Meeresfischbeständen

204

Biotechnologie in der Landwirtschaft

206

Die Errungenschaften der Gentechnik

206

Die Risiken gentechnischer Veränderungen

208

Der Kampf der Grünen gegen die Biotechnologie

210

Biotechnologie in der Medizin

213

Die Leistungen der Gentechnik

213

Grüne gegen die Reproduktionsgenetik

213

Grüne gegen das therapeutische Klonen

214

Grüne Wissenschaftsfeindlichkeit

214

DDT rettet Menschenleben

216

Das Insektizid DDT

216

Grüne Kampagne gegen DDT

216

Die Bedeutung der Malaria

218

VII

Die Bekämpfung der Malaria

219

Die Opfer grüner Politik

221

Energie als politische Waffe

224

Grüne gegen preiswerte Energieträger

224

Vorräte an fossilen Energieträgern

225

Sichere Nutzung der Kernenergie

226

Der erzwungene "Atomkonsens"

228

Effizienzsteigerung und Einsparung

231

Erneuerbare Energien

233

Energiemarkt statt Energiediktat

235

Hunger und Humanität

236

Die Menschenfeindlichkeit der Grünen

236

Die Entwicklung der Weltbevölkerung

237

Weltweiter Rückgang der Armut

238

Fortschritt in der Landwirtschaft

239

Grüne Fehlhaltungen

239

Klima und satanische Gase

241

Der Treibhauseffekt einiger Spurengase

241

Die Mängel grüner Klimamodelle

243

Kohlendioxid verursacht nicht Klimawandel

245

Die Folgen einer globalen Erwärmung

246

Keine wissenschaftliche Übereinkunft

249

Die Ziele der grünen Klimapolitik

251

Ökologismus ist eine Religion

253

Der Ursprung des Ökologismus

253

Grüne Grundsätze

255

Die Politik der Angst

256

Marktkonformer Umweltschutz

257

Ozon in der Politik

259

Angst und Schrecken als Herrschaftsmittel

259

FCKW beeinflussen nicht die Ozonschicht

259

Natürliche Veränderungen der Ozonschicht

260

Ultraviolette Strahlung und Hautkrebs

261

Die Motive der Ozonpolitik

262

Wald-im-Sterben Panik

264

Der Zustand des Waldes

264

Die Grünen erfinden das Waldsterben

264

Der Staat bekämpft ein Phantom

265

Auf der Suche nach Krankheitsursachen

267

Die Lehren aus der Panikattacke

268

Liberale Ökonomen

269

Adam Smith

269

Lebensbeschreibung

269

Die Physiokraten

271

Das Werk

272

Zitate

273

Von Say zu Menger

276

Das Wasser-Diamanten-Paradoxon

276

Jean-Baptiste Say

276

David Ricardo

277

John Stuart Mill

278

Richard Cobden

279

Frédéric Bastiat

279

Entstehung der neoklassischen Ökonomie

280

Carl Menger

281

VIII

Ludwig von Mises

283

Leben

283

Werk

286

Zitate

288

Friedrich von Hayek

Leben und Werk

Milton Friedman

291

291

296

Leben

296

Werk

298

Die Bedeutung von Milton Friedman

300

Liberale Soziologen

Alexis de Tocqueville

301

301

Lebenslauf

301

Freiheit oder Gleichheit

302

Voraussetzungen des Individualismus

303

Die Entmystifizierung von Wahlen

303

Fremd- oder Selbstbestimmung

304

Keine Hoffnung auf Selbstbefreiung

305

Demokratie verstärkt Massenbildung

306

Allumfassende Zuständigkeit des Staats

307

Der totalitäre Wohlfahrtsstaat

308

Gustave Le Bon

309

Lebenslauf und Wirkungsgeschichte

309

Der negative Einfluss von Kollektiven

310

Merkmale von Massen

311

Sozialismus ist Sehnsucht nach der Urhorde

313

Die Massen verlangen nach Führung

314

Voraussetzungen von Revolutionen

315

Das Versagen der Demokratie

317

Eric Hoffer

318

Vorbemerkung

318

Die Furcht vor der Freiheit

318

Selbsterhöhung durch heilige Sache

319

Glaube statt Wissen

320

Der Glaube ist austauschbar

320

Zerstörung sozialer Bindungen

321

Die antikapitalistische Persönlichkeit

322

Marktorientierte Unternehmer

Cornelius Vanderbilt

323

323

Vorbemerkung

323

Brechung von Monopolen in der Fluss-Schifffahrt

323

Wettbewerb auf der Transatlantik-Route

325

Wettlauf nach Kalifornien

326

Die Leistung Vanderbilts

327

James J. Hill

329

Von ganz unten nach oben

329

Das Scheitern staatlicher Verkehrspolitik

330

Die private Alternative

331

Politiker gegen Großkapitalisten

333

John D. Rockefeller

336

Vom Hilfsbuchhalter zum Großhändler

336

Die Entstehung der Erdölindustrie

337

Die Ölindustrie professionalisiert sich

338

Herausforderungen

339

Überragende Leistung als Verbrechen

341

IX

Der Philanthrop

Machtorientierte Politiker

Abraham Lincoln

341

343

343

Vorbemerkung

343

Lincoln in der Pose des Sklavenbefreiers

343

Ging es um die Sklaven?

344

Der ökonomische Hintergrund

345

Lincolns Kriegsführung

346

Lincolns Herrschaft im Norden

346

Die Hinterlassenschaft von Lincoln

347

Das Recht auf Sezession

348

Die Südstaaten waren im Recht

349

Woodrow Wilson

350

Wilson in der Maske des Humanisten

350

Der Weg in den Krieg

350

Die Ziele des Krieges

352

Die Ergebnisse des Krieges

353

Das wahre Kriegsziel

355

Winston Churchill

358

Ein karrierebewusster Politiker

358

Der Opportunist

359

Churchill in Kriegszeiten

360

Angriff auf Verbündeten

360

Terror gegen die Zivilbevölkerung

361

Zustimmung zu Sklavenarbeit

364

Auslieferung von Kriegsgefangenen

364

Beihilfe zu ethnischen Säuberungen

365

Moralische Maßstäbe in der Politik

367

Gegner des klassischen Liberalismus

Der Sozialingenieur Karl Popper

368

368

Vorbemerkung

368

Poppers Sozialtechnik

368

Protektionismus und Interventionismus

370

Imperialismus und Weltregierung

372

Verweigerung des Selbstbestimmungsrechts

374

Demokratie als Herrschaft der Sozialtechniker

374

Mit Marx gegen die Kapitalisten

375

Poppers Position im politischen Spektrum

377

Das Menschenbild von Karl Popper

379

Vorbemerkung

379

Die zentrale Frage der Politik

379

Machtwechsel oder Machtbeschränkung

380

Die Unausweichlichkeit der Wer-Frage

381

Platons Forderung

382

Die Abweichung vom Idealzustand

383

Naturgegebene Ungleichheit

383

Sozialtechnik oder Gentechnik

385

Naturgegebene Begabungsunterschiede

388

Vorbemerkung

388

Ein Blick in die Geschichte

388

Die Klassenstruktur als Ausdruck der menschlichen Natur

390

Versuche zur Erhöhung der Intelligenz

392

Die genetische Grundlage der Intelligenz

393

Die Bedeutung der Gentechnik

Vorbemerkung

396

396

X

Der Weg zum menschlichen Selbstentwurf

396

Technologische Grundlagen der Keimbahnintervention

397

Somatische Therapie spielt untergeordnete Rolle

398

Cyborgs bleiben Phantasie

398

Einwände gegen die Genwahl

399

Ausblick in die Zukunft

400

Die Methodologie des kritischen Rationalismus

402

Rationalismus gegen Empirismus

402

Kritik am logischen Empirismus

403

Das Problem der Induktion

403

Das Falsifikationsprinzip

404

Autonomie der Ethik

405

Leidensminimierung statt Glücksmaximierung

406

Die Moral von Karl Marx

408

Vorbemerkung

408

Familie

408

Ehrlichkeit

409

Arbeiter

409

Bauern

409

Genossen

409

Demokratie

410

Krisen

411

Nationalismus

411

Minderheiten

412

Krieg

412

Rassismus

412

Gewalt und Terrorismus

412

Die politische Zielsetzung des Christentums

414

Einleitung

11

Einleitung

"At all times sincere friends of freedom have been rare, and its triumphs have been due to minorities." Lord Acton

Die unterschiedlichsten politischen Akteure erheben heutzutage den Anspruch "liberal" zu sein. Ohne zusätzliche Merkmale ist der Begriff "Liberalismus" nahezu inhaltsleer geworden. Eine politische Gruppierung, die sich nicht um ideologische Abgrenzung bemüht, verliert jedes ideelle Profil und wird zum Instrument der bloßen Interessenpolitik, für die das Ideelle nur ein Mittel der Wählertäuschung ist.

Die liberale Bewegung ist so heterogen geworden, dass sie jeden inneren Zusammenhalt verloren hat. In Deutschland haben wir es mit den folgenden Liberalismen zu tun:

Klassischer Liberalismus. Er fordert seit Adam Smith und Jean-Baptiste Say, dass sich der Staat auf die Gewährleistung innerer und äußerer Sicherheit sowie die Bereitstellung eines unparteiischen Rechtswesens zu beschränken hat.

Manchesterliberalismus. Seine Vertreter, wie z. B. Richard Cobden in England oder der Reichstagsabgeordnete Ludwig Bamberger in Deutschland, weiteten die Aufgaben des Staates auf Bildung und steuerfinanzierte Armenfürsorge aus. Seine größten Erfolge hatte das Manchestertum im 19. Jahrhundert, als es ihm gelang, den Freihandel weitgehend durchzusetzen.

Neoliberalismus/Ordoliberalismus. Der Neoliberalismus entstand in den 1930er Jahren, um vermeintliche Mängel des klassischen Liberalismus zu korrigieren. Der freien Wirtschaft werden zu große Einkommensunterschiede, Wettbewerbsbeschränkungen und Konjunkturschwankungen vorgeworfen. Um das angebliche Marktversagen zu verhindern, seien staatliche Interventionen erforderlich. Die deutsche Variante des Neoliberalismus, der so genannte Ordoliberalismus, wurde von den Ökonomen und Wirtschaftsjuristen der Freiburger Schule (Walter Eucken, Leonhard Miksch, Franz Böhm) begründet. In den 1950er und 1960er Jahren hatte diese Gruppierung, der auch Ludwig Erhard angehörte, bestimmenden Einfluss auf die deutsche Politik.

Sozialliberalismus. Er ist seit den 1970er Jahren die offizielle Rechtfertigungslehre der politischen Klasse. Karl Popper, der führende Ideologe dieser Richtung, bekennt sich offen zum "social engineering", das von den Inhabern der Staatsgewalt zu betreiben ist, um selbst gestellte Ziele jeder Art zu erreichen. Für diese Spielart des "Liberalismus" gibt es keine Beschränkung der Aufgaben des Staates. Die Regierung soll für alles zuständig sein, der Bürger ist nur noch Objekt staatlicher Fürsorge. Oberstes Ziel ist die Verwirklichung der sozialen Gleichheit, also eine klassenlose Gesellschaft. Popper betont, dass die ethischen Urteile der Sozialtechniker völlig übereinstimmen mit den Ansichten von Karl Marx.

Die verschiedenen Liberalismen unterscheiden sich vor allem in ihrer Haltung zum Staat. Je nach der Rolle, die er dem Staat zuweist, findet ein Liberaler seine Position in einer Skala, die vom Minimalstaat des klassischen Liberalismus bis zum Maximalstaat des Sozialliberalismus reicht. Der Maßstab für diese Skala ist die Staatsquote. Es fällt auf, dass im Verlauf der vergangenen zwei Jahrhunderte der politische Konsens der Herrschenden sich zunehmend in Richtung auf "mehr Staat" veränderte. Der Grund für diese Entwicklung liegt in der

12

Einleitung

Eigengesetzlichkeit der Demokratie, in der die Partei gewinnt, welche die größte Beute verspricht.

Die Krise des gegenwärtigen Wohlfahrtsstaates hat den Glauben in die Effizienz von Sozial- und Neoliberalismus erschüttert. Viele Menschen wollen wissen, welche Antworten auf die politischen Fragen der Gegenwart der klassische Liberalismus zu geben hat. Dieses Buch versucht, das entsprechende Informationsbedürfnis zu befriedigen.

Das Versagen der staatsgläubigen Liberalismen hat dazu geführt, dass der klassische Liberalismus unter den Leistungsträgern eine Renaissance erlebt. Seine Ziele stehen wieder auf der Tagesordnung. Sie lauten:

Freiheit, Eigentum, Wettbewerb

Der klassische Liberalismus strebt einen Staat an, der sich aus Wirtschaft, Schule und Kultur heraushält, aber die ihm übertragene Aufgabe der Gewährleistung von Sicherheit kraftvoll und energisch ausübt. Die Verteidigung der Freiheit gegen ihre Feinde muss gegebenenfalls auch durch Polizei und Militär erfolgen.

"Liberalismus ist nicht Anarchismus; Liberalismus hat mit Anarchismus nicht das geringste zu tun. Der Liberalismus ist sich darüber ganz klar, daß ohne Zwanganwendung der Bestand der Gesellschaft gefährdet wäre, und daß hinter den Regeln, deren Befolgung notwendig ist, um die friedliche menschliche Kooperation zu sichern, die Androhung der Gewalt stehen muß, soll nicht jeder einzelne imstande sein, den ganzen Gesellschaftsbau zu zerstören." Ludwig von Mises

Das vom klassischen Liberalismus angestrebte System der natürlichen Freiheit ist einfach zu verstehen, effizient und moralisch jedem anderen politischen System überlegen. Adam Smith, der Begründer des klassischen Liberalismus, hat seinen obersten Grundsatz so formuliert:

"Every man, as long as he does not violate the laws of justice, is left perfectly free to pursue his own interest his own way, and to bring both his industry and capital into competition with those of any other man." Adam Smith

Liberale Argumente von A bis Z

13

Liberale Argumente von A bis Z

Unter Freiheit verstehe ich den Triumph der Individualität sowohl über die Staatsmacht, die despotisch regieren will, als auch über die Massen, die das Recht für sich in Anspruch nehmen, die Minderheit zu unterdrücken." Benjamin Constant

Arbeitslosigkeit durch den Wohlfahrtsstaat

So wird der durch die Gewerkschaften erzwungene höhere Lohn zur Ursache der Arbeitslosigkeit." Ludwig von Mises

Arten von Arbeitslosigkeit

Ein Mensch, der arbeitswillig und fähig ist, kann aus ganz unterschiedlichen Gründen ohne Arbeit sein:

Friktionelle Arbeitslosigkeit. Entsteht aus den "Reibungsverlusten" im normalen Wirtschaftsablauf. In diese Kategorie gehören jene kurzfristigen Arbeitslosigkeiten, die meistens in den persönlichen Lebensumständen des Arbeitssuchenden ihre Ursache haben.

Konjunkturelle Arbeitslosigkeit. In der Abschwungsphase eines Wirtschaftszyklus geht die Nachfrage zurück und die vorhandene Produktionskapazität kann nicht voll genutzt werden. Im folgenden Aufschwung finden die freigesetzten Arbeitskräfte wieder Beschäftigung. Ihre kurzfristige Arbeitslosigkeit ist Ausdruck der Koordinations- und Anpassungsprozesse einer komplexen Wirtschaft.

Strukturelle Arbeitslosigkeit. Das ist die schlimmste Form der Arbeitslosigkeit, denn sie beruht auf grundlegenden wirtschaftlichen Ungleichgewichten, die ihre Ursache in der politischen und ökonomischen Struktur haben. In Deutschland entfallen 85% der Arbeitslosigkeit in diese Kategorie. Das wirtschaftliche Siechtum des Landes hat hier seine Wurzel. Wir werden uns deshalb in den folgenden Abschnitten näher mit dieser Art der Arbeitslosigkeit befassen.

Der frei ausgehandelte Vollbeschäftigungslohn

"Wird das Verhältnis zwischen Unternehmer und Arbeiter nicht durch Maßregeln der Gesetzgebung oder durch Gewaltmaßnahmen der Gewerkschaften beeinflußt, dann ist der Lohn, der für jede Art von Arbeit vom Unternehmer entrichtet wird, gerade so hoch wie der Wertzuwachs, den die toten Materialien durch diese Arbeit erfahren. Der Lohn kann nicht höher stehen, weil sonst der Unternehmer seine Rechnung nicht mehr findet und daher genötigt wäre, die Produktion, die nicht lohnt, einzustellen. Er kann aber ebensowenig tiefer stehen, weil die Arbeiter sich dann anderen Geschäftszweigen zuwenden würden, in denen sie besser entlohnt

14

Liberale Argumente von A bis Z

werden, so daß der Unternehmer die Produktion aus Arbeitermangel einzustellen gezwungen wäre." Ludwig von Mises

Ein Arbeitgeber kann, wenn er wirtschaftlich überleben will, seinem Arbeitnehmer nicht mehr an Lohn bezahlen, als dieser durch seine Arbeit an Werten schafft. Die Höhe des Lohnes ist also abhängig von der Produktivität des Arbeiters. Wenn die Gewerkschaften durch Streiks, oder Regierungen durch gesetzlich vorgeschriebene Mindestlöhne, Arbeitsentgelte erzwingen, die so hoch sind, dass die dadurch verursachten Lohnkosten über der Wertschöpfung der minder produktiven Arbeitnehmer liegen, dann bringen diese ihrem Arbeitgeber Verluste ein. Der Unternehmer müsste dann, um sein Unternehmen und die restlichen Arbeitsplätze zu retten, die verlustbringenden Arbeitnehmer entlassen. Der Kündigungsschutz nimmt den Kapitalisten diese Handlungsoption und ermöglicht dadurch den Gewerkschaften die Durchsetzung von Löhnen, die dauerhaft über dem Vollbeschäftigungsniveau sind.

In einer freien Wirtschaft erfolgt die Lohnbestimmung genau so wie die Festlegung aller anderen Preise. Wettbewerbsbestimmte Märkte bilden immer Preise, bei denen sich Angebot und Nachfrage ausgleicht. Es gibt weder eine Überschussnachfrage, noch ein Überschussangebot.

"Auf einem sich selbst überlassenen Arbeitsmarkt mit freier Lohnkonkurrenz würde sich ein ganz bestimmter Lohn herausbilden, bei dem Angebot und Nachfrage einander gerade entsprechen. Ein niedrigerer Lohn hätte keinen Bestand, weil der Bedarf an Arbeitskräften die Zahl der Arbeitswilligen überträfe. Die Unternehmen würden einander überbieten und den Lohn in die Höhe treiben. Auch ein Lohn oberhalb des Konkurrenzlohns könnte sich nicht halten. Er wäre nämlich mit einem Überschussangebot seitens der Arbeitskräfte, also mit Arbeitslosigkeit verbunden. Die Unternehmen würden nur wenige Arbeitsplätze zur Verfügung stellen, und zugleich hätten viele Menschen ein hohes Interesse an einer Arbeit. Die Arbeitssuchenden würden sich gegenseitig unterbieten, der Lohn käme ins Rutschen, und die Unternehmen fänden es attraktiv, mehr Jobs zu schaffen, weil sie auf diese Weise neue Gewinnmöglichkeiten realisieren könnten." Hans-Werner Sinn

Frei ausgehandelte Löhne schließen Arbeitslosigkeit aus. In einer freien Wirtschaft herrscht, mit Ausnahme einer geringen friktionellen Arbeitslosigkeit, ständig Vollbeschäftigung. Das Problem besteht darin, dass gewerkschaftlich gut organisierte Arbeitnehmergruppen Löhne erzwingen, die über dem Gleichgewichtslohn liegen. Wenn der Staat dieses Vorhaben unterstützt, werden diese Gruppen zumindest zeitweise Erfolg haben, aber um einen hohen Preis, den die gesamte Gesellschaft zu zahlen hat.

Von Gewerkschaften erzwungene Löhne

die "

Arbeitslosigkeit, die aus dem Eingreifen von Gewaltfaktoren in das Spiel des

Arbeitsmarktes entspringt, ist keine vorübergehende

unheilbar, solange die Ursache, die sie hervorgebracht hat, weiter fortbesteht, d. h., solange das Gesetz oder die Gewalt der Gewerkschaft es verhindern, daß der

Lohn

Regierung oder der Gewerkschaft eingenommen hätte, auf den Satz, auf dem

schließlich alle Arbeitssuchenden auch Arbeit finden." Ludwig von Mises

Einrichtung. Sie ist

auf jenes Niveau wieder herabgedrückt wird, das er ohne Einschreiten der

Liberale Argumente von A bis Z

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In unserem Kapitel über die Gewerkschaften gehen wir ausführlicher auf jene Maßnahmen ein, mit denen der deutsche Sozialstaat die Machtpolitik der Gewerkschaften ermöglicht und absichert. Hier beschäftigt uns die Frage, welche Folgen die von den Gewerkschaften durchgesetzten hohen Löhne haben.

Die realen Stundenlohnkosten in der Industrie stiegen von 1970 bis 2000 im Durchschnitt, d. h. bezogen auf alle Lohngruppen, um 117%. Noch stärker stiegen die Löhne in den unteren Lohngruppen, bedingt durch die bewusste Nivellierungspolitik der Gewerkschaften, die Sockelbeträge bei Tarifabschlüssen durchsetzten. Der stärkste Lohnanstieg erfolgte in den 1970er-Jahren, als die Löhne innerhalb eines Jahrzehnts um real 60% stiegen.

Parallel zum Anstieg der Löhne erfolgte der Anstieg der Arbeitslosigkeit. In 1970 gab es in Deutschland 150.000 Arbeitslose. Das ist so viel, wie die heutige staatliche Arbeitsverwaltung an Mitarbeitern hat. In 2005 wurden nach offizieller Zählung 5 Millionen Arbeitslose ausgewiesen, zusätzlich gibt es noch mindestens eine weitere Million Arbeitslose, die in Frühverrentung, Altersteilzeit, Qualifikations- und ABM-Maßnahmen versteckt werden oder es aufgegeben haben, einen Arbeitsplatz zu suchen. Die Arbeitslosigkeit steigt seit 1970, einem linearen Trend folgend.

Der Zusammenhang zwischen hohen Löhnen und Arbeitsvolumen ist offensichtlich, wie die folgende Statistik zeigt, welche sich auf den Zeitraum von 1982 bis 2002 bezieht:

Arbeitsvolumen in Abhängigkeit von Lohnhöhe

 

Bezeichnung

Deutschland

Niederlande

USA

Reale Arbeitskosten je Arbeitsstunde (verarbeitendes Gewerbe)

+ 38%

+ 20%

+

4%

Arbeitsvolumen (Beschäftigung aller Erwerbstätigen in Stunden)

0%

+ 24%

+ 36%

Arbeitslosenquote (Veränderung in %)

+ 44%

- 70%

- 40%

Zuwanderung (in % der vorhandenen Bevölkerung)

+ 8%

+ 5%

+

8%

In Deutschland (alte Bundesländer) stiegen die realen Lohnkosten in den von uns betrachteten 20 Jahren um 38%, während die Zahl der insgesamt geleisteten Arbeitsstunden gleich blieb. Im Gegensatz dazu nahmen die Lohnkosten in den USA in diesem Zeitraum nur um 4% zu, aber das Arbeitsvolumen stieg um 36%. Dementsprechend veränderte sich die Arbeitslosenquote: sie nahm in Deutschland zu, in den USA verringerte sie sich um 40%. Diese Entwicklung ist nicht auf Unterschiede in der Zuwanderung zurückzuführen, denn diese ist in beiden Ländern in der betreffenden Zeitspanne gleich hoch gewesen.

In den Niederlanden wurde 1982 das Abkommen von Wassenaar zwischen den Tarifparteien abgeschlossen, das eine langfristige Lohnzurückhaltung der Gewerkschaften vereinbarte. Die niederländische Regierung übte erheblichen Druck aus, um die Einhaltung des Abkommens zu erreichen. Infolge dieser Politik stiegen die Löhne in den Niederlanden nur halb so schnell wie in Deutschland. Auch diese Abkehr von einer klassenkämpferischen Hochlohnstrategie erhöhte die Menge der bezahlbaren Arbeit und führte zu einem Abbau der Arbeitslosigkeit.

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Liberale Argumente von A bis Z

"Je niedriger der Lohnanspruch, desto höher ist die Zahl der Arbeitsplätze, die von Unternehmern bereitgestellt werden." Hans-Werner Sinn

Der Sozialstaat verursacht Arbeitslosigkeit

In einem Land ohne Sozialstaat, wie z. B. den USA, führen von den Gewerkschaften erzwungene Lohnerhöhungen genau so wie bei uns zu einem Abbau der nun nicht mehr rentablen Arbeitsplätze jener Arbeitnehmer, deren Wertschöpfung geringer ist als ihr erhöhter Lohnanspruch. Im Unterschied zu den Verhältnissen bei uns müssen aber diese Opfer der Hochlohnpolitik der Gewerkschaften sehr schnell eine neue Arbeit annehmen, auch wenn diese schlechter bezahlt wird als die alte, da sie keine nennenswerte Unterstützung des Staates erwarten können.

"Eine Einkommenserhöhung infolge gewerkschaftlicher Intervention innerhalb eines bestimmten Beschäftigungssektors oder Industriezweiges hat zwangsläufig eine Verringerung der möglichen Arbeitsplätze in diesem Beschäftigungssektor oder Industriezweig zur Folge Dies bedeutet, daß mehr Arbeitskräfte frei werden und Arbeit suchen, was wiederum das Lohnniveau in anderen Branchen senkt. Da im allgemeinen die Gewerkschaften ihre stärkste Position in sowieso gut bezahlten Gruppen von Arbeitnehmern haben, war die Auswirkung ihrer Aktivität, daß gut bezahlte Arbeiter noch höher bezahlt wurden, was zu Lasten der Arbeitnehmer mit geringerem Einkommen ging." Milton Friedman

In Deutschland hat ein Arbeitsloser Anspruch auf eine Fülle von Sozialleistungen, wie Arbeitslosengeld, Arbeitslosenhilfe, Wohngeld, Sozialhilfe; die in ihrer Gesamtheit einen echten Lohnersatz bieten. Warum sollte jemand arbeiten, wenn der Sozialstaat ihm für Nichtstun fast genau soviel bezahlt?

Der Sozialstaat erzeugt Arbeitslosigkeit bei jenen, deren Produktivität so gering ist, dass ihre Marktlöhne unter oder nur geringfügig über der sozialstaatlichen Lohnersatzleistung liegen. Für diese Personengruppe bringt Arbeit unter Marktbedingungen kaum einen Mehrertrag gegenüber Nichtstun im Schutz des Sozialstaats. Es ist deshalb nicht erstaunlich, dass Arbeitslosigkeit besonders bei Minderqualifizierten anzutreffen ist. 40% aller deutschen Arbeitslosen haben keine Berufsausbildung. Nur 16% aller Erwerbspersonen gehören dieser Gruppe an. Nach einer erweiterten Definition sind zwei Drittel der deutschen Arbeitslosen gering qualifiziert. Die Arbeitslosenquote bei Personen ohne Berufsausbildung lag 1975 bei 6%, in 2002 war sie auf 20% gestiegen.

"Einerseits ist kaum ein Anspruchsberechtigter bereit, zu einem Nettolohn in der Privatwirtschaft zu arbeiten, der nicht deutlich über dem Lohnersatzeinkommen liegt, das er für Nichtstun bekommt. Andererseits ist kaum ein Unternehmer bereit, jemanden einzustellen, der ihn mehr kostet, als er an Wertschöpfung erbringt." Hans-Werner Sinn

Der Sozialstaat erzeugt Arbeitslosigkeit nicht nur auf dem oben beschriebenen direkten Weg, sondern auch indirekt durch seinen Einfluss auf die Lohnstruktur. Die unterste Lohngruppe auf dem Arbeitsmarkt darf nicht weniger Einkommen erbringen als die Lohnersatzleistung des Sozialstaats. Allein durch die Tatsache, dass der Staat Einkommen auch dann gewährt, wenn man nicht arbeitet, begründet er hohe Ansprüche gegen die Privatwirtschaft. Der Sozialstaat ist auf den Arbeitsmärkten der Konkurrent der privaten Wirtschaft.

Liberale Argumente von A bis Z

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"Lohnersatzzahlungen sind Löhne fürs Nichtstun, die einen Mindestlohnanspruch gegen die Marktwirtschaft aufbauen, der von den privaten Arbeitgebern in einer immer größer werdenden Zahl von Fällen nicht mehr befriedigt werden kann." Hans-Werner Sinn

Insbesondere die unteren Lohngruppen werden durch die konkurrierenden Lohnersatzleistungen des Sozialstaates angehoben. So lag der Lohn in der untersten Lohngruppe der Metallindustrie in 1970 bei 75% des Ecklohnes dieser Industrie, während in 1999 diese Lohnart bereits 87% des Ecklohnes ausmachte. Die Wirkung des Sozialstaates betrifft den gesamten unteren Lohnbereich. Er wird angehoben und gleichzeitig verringert sich der Abstand zwischen den einzelnen Lohngruppen.

Ohne den Sozialstaat würde sich auf dem Arbeitsmarkt eine reich differenzierte Lohnskala bilden, bei der das Angebot an und die Nachfrage nach Arbeitskräften auf allen Qualifikationsstufen gleich groß ist und somit Vollbeschäftigung herrscht. Durch die sozialpolitische Intervention des Staates werden vor allem im unteren Marktsegment Löhne erzwungen, die über der Wertschöpfung vieler Minderqualifizierter liegen. Der Lohnersatz durch den Sozialstaat ist noch vor der Kartellpolitik der Gewerkschaften der Hauptgrund für die Massenarbeitslosigkeit in Deutschland.

Lohnersatz in Konkurrenz zu Arbeitseinkommen

Wir wollen uns an zwei Beispielen ansehen, wie der Sozialstaat eine Lohnarbeit für die gering Qualifizierten unattraktiv macht. Alle Zahlen beziehen sich auf die alten Bundesländer im Jahr 2003.

1. Alleinstehender. Wir wollen das durchschnittliche Arbeitseinkommen mit den Lohnersatzleistungen des Sozialstaates vergleichen.

o

Arbeitseinkommen: Gegeben sei der niedrigste Tariflohn: 8,70 Euro/Stunde und eine durchschnittliche Arbeitszeit von 155 Stunden/Monat. Das ergibt ein Bruttomonatseinkommen von 1350 €. Das Nettomonatseinkommen des Alleinstehenden beträgt nach Abzug von Steuern und Abgaben 947 Euro.

o

Lohnersatz: Der Alleinstehende hat Anspruch auf Sozialhilfe und Mietzuschuss in Höhe von 635 Euro/Monat.

o

Ergebnis: Durch Arbeit erzielt der Alleinstehende ein um 312 Euro/Monat höheres verfügbares Einkommen als ohne Arbeit. Bei 155 Arbeitsstunden ergibt das einen effektiven Stundenlohn von 2 Euro.

2. Alleinverdiener mit Familie. Beispiel mit Vater als Alleinverdiener, Mutter führt Haushalt, zwei Kinder.

o

Arbeitseinkommen: Der Vater verdient wie im obigen Beispiel 8,70 Euro/Stunde und arbeitet 155 Stunden/Monat, das ergibt ein Arbeitseinkommen von 1350 Euro. Zusätzlich dazu bekommt er noch ergänzende Sozialhilfe inklusive Mietzuschuss von 630 Euro. Die Familie hat durch Arbeit und Sozialtransfers ein Nettobruttoeinkommen von 1980 Euro. Da der Familienvater bei diesem Einkommen nur noch die Sozialabgaben, aber keine direkten Steuern mehr zu zahlen hat, bleibt ein Nettoeinkommen von 1696 Euro.

o

Lohnersatz: Ganz ohne Arbeit erhält die Familie 1550 Euro an Sozialhilfe und anderen Sozialleistungen.

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Liberale Argumente von A bis Z

o Ergebnis: Durch Arbeit erhöht die Familie ihr Einkommen um 146 Euro, das ergibt einen effektiven Stundenlohn von 0,94 Euro.

Der ökonomische Anreiz für eine Lohnarbeit ergibt sich aus dem effektiven Stundenlohn, der besagt, welcher Mehrverdienst durch Arbeit erzielbar ist. Das vom Sozialstaat alimentierte Nichtstun ist für gering Qualifizierte eine lohnenswerte Alternative zur Arbeitswelt. Es erstaunt nicht, dass die untersten Lohngruppen in Deutschland kaum besetzt sind.

Das Problem wird noch dadurch verschärft, dass der Arbeitgeber zusätzlich zum Bruttolohn noch weitere Lohnbestandteile, wie die so genannten Arbeitgeberanteile zur Sozialversicherung, in seine Kostenrechnung mit einbeziehen muss. So kommen z. B. zu dem Bruttostundenlohn von 8,70 Euro noch Lohnnebenkosten von 3,50 Euro hinzu, so dass die Lohnkosten des Arbeitgebers pro Stunde 12,20 Euro betragen. Gering Qualifizierte, deren Wertschöpfung geringer als 12,20 Euro pro Stunde ist, können deshalb keine Beschäftigung finden.

Die Folgen der Arbeitslosigkeit

"Arbeitslosigkeit heißt nicht nur, dass die Betroffenen kein Einkommen erwirtschaften. Sie heißt darüber hinaus, dass die Wertschöpfung insgesamt fällt und dass auch die Einkommen anderer Menschen schrumpfen, die mit den Arbeitslosen hätten zusammenarbeiten können." Hans-Werner Sinn

Die Gewerkschaften vertreten die Interessen einer Gruppe, die, bezogen auf die Gesamtwirtschaft, relativ klein ist. Die Verhandlungsführer der Gewerkschaften hoffen, dass die Vorteile ihrer Hochlohnstrategie ihren Mitgliedern zugute kommen, während die Nachteile, wie höhere Preise, gestiegene Steuern und verminderte Produktion, von der Allgemeinheit zu tragen sind. Doch diese Rechnung geht nicht auf. Die Gewerkschaften schneiden sich zwar ein größeres Stück vom zu verteilenden Kuchen ab, aber sie bedenken nicht, dass durch ihr Handeln dieser Kuchen immer kleiner wird. Nach einiger Zeit ist die relativ größere Portion ihrer Mitglieder absolut kleiner als das, was ohne den Zwangseingriff der Gewerkschaften zu verteilen gewesen wäre. Letztlich sind alle ärmer geworden, auch jene, die ursprünglich von der Hochlohnpolitik der Gewerkschaften profitiert haben.

Die BRD war in dem Jahrzehnt nach ihrer Gründung ein Billiglohnland. Auf der Grundlage dieses Wettbewerbsvorteils fand das so genannte Wirtschaftswunder statt. Das Sozialprodukt stieg real von 1950 bis 1960 um 114%. Doch allmählich erstarkten die Gewerkschaften und begannen, der Wirtschaft hohe Löhne aufzuzwingen. Parallel dazu wurden die Lohnersatzleistungen des Sozialstaates ausgebaut. Die Folgen dieser Strukturentscheidungen sind in unserer Wirtschaftsstatistik nachzulesen.

BRD - alte Bundesländer

 

Kennziffer

1960er

1970er

1980er

1990er

Wachstum reales Sozialprodukt

54%

31%

23%

17%

Anlageinvestitionen in % des westdeutschen BIP

25%

23%

21%

20%

Liberale Argumente von A bis Z

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Gewerkschaften und Sozialstaat zwingen die deutschen Unternehmer zur Kapitalflucht. Deutsche Industrieunternehmen verlagern pro Jahr 45.000 Arbeitsplätze ins Ausland. Von

1999 bis 2002 haben deutsche Unternehmen aller Wirtschaftszweige 700.000 Arbeitsplätze

im Ausland geschaffen. Insgesamt wurden bis 2002 circa 4 Millionen Arbeitsplätze von

deutschen Firmen im Ausland eingerichtet.

Die Produktion in Deutschland ist nur noch möglich, weil wesentliche Teile des Produkts aus dem kostengünstigeren Ausland bezogen werden. Der reale Produktionswert der deutschen Industrie stieg von 1995 bis 2003 um 18%, gleichzeitig sank die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden um 8%. Diese Entwicklung erklärt sich aus der Zunahme des Imports realer Vorleistungen um 45%. Die Hälfte der Zunahme der realen Industrieproduktion beruht auf zusätzlichen Vorleistungen aus dem Ausland.

Die Hochlohnpolitik der Gewerkschaften kostet zwar Arbeitsplätze im Inland, aber sie schafft Arbeit im Ausland. Deutschland hat das geringste Wirtschaftswachstum in der EU: von 1995 bis 2003 wuchs das BIP in der BRD nur halb so schnell wie im EU-Durchschnitt. Die unterschiedlichen Wachstumsgeschwindigkeiten führen dazu, daß ein EU-Land nach dem anderen Deutschland in der Wirtschaftskraft pro Kopf überholt.

In 1978 war das deutsche Sozialprodukt pro Kopf mehr als doppelt so hoch wie dasjenige Großbritanniens. Heute beträgt unser Sozialprodukt pro Kopf nur 90% des britischen. Österreich lag 1970 bei 60% des deutschen SP/Kopf, heute ist die Wirtschaftsleistung eines

Österreichers größer als die eines Deutschen. Irland: 1970 nur 50% des deutschen SP/Kopf, in

2003 um 8% über deutschem Wert.

Maßnahmen gegen die Arbeitslosigkeit

Die Arbeitslosigkeit kann nur bekämpft werden, indem man ihre Ursachen beseitigt:

Abschaffung der Lohnersatzleistungen des Sozialstaats.

Brechung der Kartellmacht der Gewerkschaften.

Sobald die Fehlstrukturen, welche die Arbeitslosigkeit hervorgerufen haben, durch eine ordnungspolitische Entscheidung rückgängig gemacht worden sind, wird die Arbeitslosigkeit allmählich verschwinden. Ein freier Arbeitsmarkt, der sich unbeeinflusst von staatlichen Eingriffen selbst regulieren kann, findet nach relativ kurzer Zeit sein Gleichgewicht, bei dem sich Angebot und Nachfrage ausgleichen. Ohne die staatlich abgesicherte Macht der Gewerkschaften würde sich eine ausgewogene Lohnskala herausbilden, die differenzierter wäre, als dies heute der Fall ist. Der Abstand zwischen den oberen und unteren Lohngruppen würde größer werden, einerseits weil die unteren Einkommensbezieher eine Anpassung ihrer Löhne an ihre niedrige Wertschöpfung hinnehmen müssten, und andererseits weil die Leistungsträger unter den Arbeitnehmern erheblich mehr als heute verdienten.

Weitere staatliche Maßnahmen zum Abbau der Arbeitslosigkeit sind nicht nur nicht erforderlich, sondern sogar schädlich.

Staatliche Konjunkturprogramme zur angeblichen "Stärkung der Massenkaufkraft" sind zwar sehr kostspielig, haben aber keinen Einfluss auf die Arbeitslosigkeit, denn diese hat nicht konjunkturelle, sondern strukturelle Ursachen.

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Liberale Argumente von A bis Z

Staatliche Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen entfremden ihre Teilnehmer der leistungsorientierten privaten Wirtschaft, die aber den unlauteren Wettbewerb ihrer staatlichen Konkurrenz mit ihrem Steueraufkommen finanzieren muss.

Staatliche Qualifizierungsangebote haben sich als unwirksam herausgestellt, denn sie erhöhen nicht die Einstellungschancen der Kursteilnehmer, obwohl jährlich eine zweistellige Milliardensumme dafür ausgegeben wird.

"Daß man die Arbeitslosigkeit nicht dadurch bekämpfen kann, daß man auf Staatskosten öffentliche Arbeiten ausführen läßt, die sonst unterblieben wären, ist klar. Die Mittel, die hier aufgewendet werden, müssen durch Steuern oder Anleihen aus jener Verwendung, die sie sonst gefunden hätten, herausgezogen werden. Man kann auf diesem Wege die Arbeitslosigkeit in einem Produktionszweig nur soweit mildern, als man sie in einem anderen erhöht." Ludwig von Mises

Arbeitslosenunterstützung produziert Arbeitslose

Es gibt einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Höhe und Bezugsdauer von Unterstützungszahlungen an Arbeitslose und der Dauer der Arbeitslosigkeit. Je höher das Arbeitslosengeld und je länger der Anspruch darauf, desto geringer der Anreiz für den Arbeitslosen, ein Arbeitsangebot anzunehmen. Die Arbeitslosenversicherung verlängert die Dauer der Arbeitslosigkeit und erhöht damit die Arbeitslosenquote.

Die gesetzliche Arbeitslosenversicherung, deren Beitrag gegenwärtig bei 6,5% des Bruttoeinkommens liegt, ist ersatzlos abzuschaffen. Das von ihr finanzierte Arbeitslosengeld ist ein wesentlicher Bestandteil der Lohnersatzleistungen des Sozialstaats und als solcher mitverantwortlich für das Entstehen der Arbeitslosigkeit. Der Rest des Beitragsaufkommens wird von einer monströs aufgeblähten Arbeitsmarktbürokratie missbraucht, um sich selbst zu alimentieren und wirkungslose Scheinaktivitäten zu entfalten.

"Werden den Arbeitslosen von der Regierung oder von den Arbeitervereinen Unterstützungen

gewährt, so kann das Übel nur vergrößert werden

Arbeitslosenunterstützung nicht allzu niedrig bemessen ist, sagen: solange Arbeitslosenunterstützung gewährt wird, kann die Arbeitslosigkeit nicht schwinden." Ludwig

von Mises

Man kann, wenn die

In einem freien Arbeitsmarkt ist es jedem Arbeitnehmer freigestellt, eine private Arbeitslosenversicherung abzuschließen. Die Einzelheiten des Versicherungsvertrags bestimmt der Versicherungsnehmer selbst. Er wählt das Versicherungsunternehmen und entscheidet über das Leistungsniveau bei Eintritt des Schadensfalls. Wer hohe Lohnersatzleistungen wünscht, muss dafür hohe Versicherungsprämien zahlen. Diese werden überdies am individuellen Risiko bemessen. Versicherte, bei denen die Wahrscheinlichkeit, von Arbeitslosigkeit betroffen zu werden, gering ist, zahlen niedrigere Prämien als Versicherte mit hohem Risiko. Die Risikoberechnung berücksichtigt das gesamte Erwerbsleben des Arbeitnehmers. Wer sich weiterbildet, könnte z. B. seine Prämien senken. Versicherte, die längere Zeit keine Versicherungsleistung in Anspruch genommen haben, erhalten Beitragsrückerstattungen. Langjährig schadensfrei Versicherte haben Anspruch auf gestaffelte Beitragsrabatte, die im Schadensfall gestrichen oder gemindert würden.

Die nach versicherungsmathematischen Grundsätzen gestaltete private Arbeitslosenversicherung schafft ökonomische Anreize für das Vermeiden von

Liberale Argumente von A bis Z

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Arbeitslosigkeit. Die nach politischen Grundsätzen gestaltete gesetzliche Arbeitslosenversicherung bewirkt das Gegenteil davon.

"Dem Unternehmer kann die Last der Arbeitslosenunterstützung etwa in der Weise aufgebürdet werden, daß er eine Abgabe für die Zwecke der Arbeitslosenunterstützung zu zahlen hat, die nach der von ihm ausgezahlten Lohnsumme bemessen wird. In diesem Fall wirkt die Arbeitslosenunterstützung, da sie die Kosten der Arbeitskraft erhöht, genau so wie eine weitere Erhöhung des Lohnes über das statische Niveau: die Rentabilität der Verwendung von Arbeitskraft wird eingeschränkt und damit die Zahl jener Arbeiter, die noch rentabel verwendet werden können, vermindert. Die Arbeitslosigkeit wächst also weiter, eine Schraube ohne Ende." Ludwig von Mises

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Liberale Argumente von A bis Z

Armut als statistisches Konstrukt

"Die Situation der Armen war nie besser als in den Zeiten des freien Marktes. Wenn man aber erst mal damit anfängt, die zehn Prozent der Bevölkerung mit dem jeweils niedrigsten Einkommen 'die Armen' zu nennen, dann wird es immer Arme geben, weil einige immer diese zehn Prozent sein müssen. Jede Handlungsweise der Regierung aber, die sich dauerhaft als direktes Ziel die Wohlfahrt der Armen vornimmt, muß letztlich zur Zerstörung des Marktes führen und damit zur Zerstörung des Wachstums des Gesamteinkommens, von welchem die Hoffnungen der Armen wirklich abhängen." Friedrich von Hayek

Absolute und relative Armut

Für den klassischen Liberalismus ist Armut ein Mangel an Nahrung, Kleidung, Obdach und anderen materiellen Gütern, die für eine Aufrechterhaltung der physischen Existenz des Menschen notwendig sind. Die Art und Menge dieser Güter lassen sich mit naturwissenschaftlichen Methoden feststellen und sind daher dem politischen Streit entzogen, der immer zu willkürlichen Entscheidungen führen würde. Der Staat hat die humanitäre Verpflichtung, seinen Bürgern das physiologisch definierte Existenzminimum im Notfall zu sichern.

Die Definition der Armut als einer absoluten Größe widerspricht den Interessen der politischen Klasse, die möglichst viele Arme benötigt, um ihre riesige Sozialbürokratie zu beschäftigen. Aus diesem Grund bevorzugen die Politiker einen Armutsbegriff, der nach Belieben manipuliert werden kann und deshalb so viele "Arme" liefert, wie man politisch gerade braucht. Die Armut ist nach offizieller Auffassung relativ zu einer Bezugsgröße zu definieren, die willkürlich festgelegt wird.

Als arm gilt danach, wer im Vergleich zu einem "mittleren Einkommen" erheblich "weniger verdient". Diese Begriffe kann man nun, je nach politischer Bedürfnislage, ganz unterschiedlich definieren:

1. Das Durchschnittseinkommen kann entweder als arithmetisches Mittel oder als Median (wodurch extrem hohe oder niedrige Einkommen weniger Gewicht haben) berechnet werden.

2. Als Armutsgrenze gelten entweder 50% (WHO) oder 60% (EU) des Durchschnittseinkommens.

3. Bei der Berechnung von Haushaltseinkommen lassen sich unterschiedliche Verfahren anwenden. Die Gewichtung von Haushaltsmitgliedern ist notwendig, da je nach Haushaltsgröße ein unterschiedliches Einkommen pro Kopf erforderlich ist, um den gleichen Lebensstandard zu erreichen. Beispiel: ein Zweipersonenhaushalt braucht nicht das doppelte Einkommen eines Einpersonenhaushalts, um das gleiche Versorgungsniveau zu erreichen. Um diesen Sachverhalt zu berücksichtigen, werden Äquivalenzgewichte für verschiedene Haushaltsgrößen festgelegt. Je nach benutzter Äquivalenzskala ergeben sich unterschiedliche Äquivalenzeinkommen.

Liberale Argumente von A bis Z

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In Deutschland lag nach der Definition der Europäischen Union (60% des mittleren Einkommens) die Armutsgrenze im Jahr 2003 bei einem Einkommen von 938 Euro pro Monat. 17% der Deutschen haben ein geringeres Einkommen und sind deshalb nach offizieller Ansicht als arm zu betrachten.

Der relative Armutsbegriff liefert Ergebnisse, die zu einer völlig falschen Einschätzung der sozialen Lage führen. Die relative Armut nimmt zu, wenn einige sehr Reiche zuziehen, sonst aber alles gleich bleibt. Umgekehrt nimmt die relative Armut ab, wenn einige Reiche einen Vermögensverlust erleiden oder einfach wegziehen. Beispiel für Niedersachsen: wenn die 17 reichsten Bürger das Bundesland verlassen würden, hätte Niedersachsen 100.000 Arme weniger.

Der Begriff der relativen Armut führt nicht nur zu irreführenden Ergebnissen, sondern er ist selbst irreführend, denn er sagt nichts über die tatsächliche Armut aus, sondern ist in Wahrheit ein Indikator für die ökonomische Ungleichheit in der Gesellschaft. Es ist unredlich, die Begriffe Armut und Ungleichheit miteinander zu vermengen. Wenn sich unsere Einkommen verdoppeln oder verdreifachen sollten, sind dann diejenigen, die 60% des erhöhten Durchschnittseinkommens verdienen, immer noch als arm zu bezeichnen?

Der relative Armutsbegriff liefert zwar unsinnige Ergebnisse, aber er hat den unschätzbaren Vorteil, dass es bei seiner Anwendung immer Arme geben wird. Für die politische Klasse darf es keine Lösung des Armutsproblems geben. Sie benötigt zu ihrer Rechtfertigung eine ewige soziale Frage.

Die Ursachen der Armut

Die offizielle Armutsstatistik sagt nichts über die wahre Armut aus, wohl aber über die Verteilung der Einkommen. Warum verdient ein Sechstel der Bevölkerung erheblich weniger als der Durchschnitt? Betrachten wir jene Gruppen näher, die zu den Armen gezählt werden.

Den größten Anteil an den relativ Armen haben mit 35% die ledigen und geschiedenen Mütter, die von den Vätern ihrer Kinder nicht genügend unterstützt werden. An dieser misslichen Situation haben Dritte keine Schuld. Es handelt sich hierbei um ein rein privates Problem, für das ausschließlich die beiden Elternteile die Verantwortung tragen.

Eine weitere große Gruppe der Armen stellen die Drogensüchtigen dar. Wen soll man für die negativen Folgen von Alkoholmissbrauch oder Drogenkonsum verantwortlich machen, wenn nicht die Süchtigen selbst?

Langzeitarbeitslosigkeit führt häufig zu Armut. Viele Arbeitslose aus dieser Kategorie haben einen schlechten Bildungsstand. Wenn jemand keinen Schulabschluss oder keine abgeschlossene Berufsausbildung vorzuweisen hat, kann man die Schuld dafür nicht den Schulen zuschreiben. Wir haben zwar kein Vertrauen in die Leistungsfähigkeit des staatlichen Schulwesens, aber es wäre völlig falsch, das Schulversagen einer kleinen Minderheit von Schülern mit dem Versagen der Lehrer erklären zu wollen. Der Lernerfolg ist zum überwiegenden Teil von der angeborenen Begabung des Schülers abhängig.

Die PISA-Studie hat ergeben, dass ein Fünftel der Fünfzehnjährigen einfache Texte gerade noch buchstabieren kann, aber deren Sinn nicht versteht. Es ist anzunehmen, dass in den

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Liberale Argumente von A bis Z

älteren Generationen eine derartige Leseschwäche nicht weniger verbreitet ist. Empirische Untersuchungen weisen darauf hin, dass bei vielen Angehörigen der oben genannten Gruppen ein Mangel an kognitiven Fähigkeiten anzutreffen ist. Nach heutigem Kenntnisstand scheint dieses Defizit überwiegend durch Erbanlagen verursacht zu sein. Der Markt ist nicht für die Armut verantwortlich. Seine Einkommensverteilung ist nur ein Spiegel der naturgegebenen Ungleichheit der Menschen. Die Ursachen der Armut sind in der menschlichen Natur zu finden, auf die der Mensch kaum Einfluss hat.

"Die Menschen wirklich gleich zu machen, reicht alle menschliche Kraft nicht aus Es geht über menschliche Kraft hinaus, einen Neger weiß zu machen. Aber man kann dem Neger dieselben Rechte verleihen wie dem Weißen und ihm damit die Möglichkeit bieten, bei gleichen Leistungen auch dasselbe zu erreichen." Ludwig

von Mises

Die Politik der Gleichheit

Der Begriff der relativen Armut setzt der Kreativität der Politiker und ihrer Verbündeten in der Sozialindustrie keine Grenzen. Ein Beispiel dafür ist die oft beklagte Kinderarmut.

Im Jahr 2003 lebten in Deutschland 1,08 Millionen Kinder in Haushalten, die Sozialhilfe bezogen.

Nur ein Jahr später, zur Jahreswende 2004/2005, stieg diese Zahl auf 1,45 Millionen.

Die offizielle Armutsstatistik weist für 2006 insgesamt 2,5 Millionen Kinder und Jugendliche auf, die in relativ armen Haushalten leben.

Diese wundersame Vermehrung der Kinderarmut erfolgte nicht, weil Deutschland in dieser Zeit von Naturkatastrophen oder Kriegen heimgesucht worden wäre, sondern nur, weil die Politiker die Armutsdefinitionen geändert haben. Das führt zu einer Ausweitung der staatlichen Sozialleistungen. Der Zuwachs an relativer Kinderarmut bedeutet, dass mehr Personen Hilfe erhalten bzw. die vorhandene Hilfe erhöht wird. Das sollte die Armut lindern, aber die Sozialisten machen aus der Ausweitung des Sozialstaates eine Anklage gegen den Kapitalismus. Mehr Sozialhilfe bedeutet demnach, dass es mehr Arme gibt. Je höher die Hilfe, desto größer die Armut, die beklagt werden muss. Die selbst definierte Armut liefert das Entrüstungspotential, das für die antikapitalistische Agitation erforderlich ist.

Die Sozialausgaben je Einwohner haben sich seit 1970 mehr als verdoppelt. Ein Drittel des Staatshaushalts wird für soziale Zwecke ausgegeben. Eine relativ arme Familie mit 2 Kindern bezieht circa 1.500 Euro an Sozialhilfe pro Monat. Das ist ungefähr das Vierfache des Monatsnettolohns eines Industriearbeiters in Polen oder Tschechien. Trotzdem zeigt sich die sozialistische Armutspropaganda niemals zufrieden.

"Sind alle gesellschaftlichen Bedingungen ungleich, so verletzt keine noch so große Ungleichheit den Blick des Betrachters; inmitten allseitiger Gleichförmigkeit dagegen wirkt die kleinste Verschiedenheit anstößig; der Anblick wird um so unerträglicher, je weiter die Gleichförmigkeit fortgeschritten ist. Es ist daher ganz natürlich, daß die Gleichheitsliebe zusammen mit der Gleichheit wächst; man nährt sie, indem man sie befriedigt." Alexis de Tocqueville

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Zu den Allerärmsten zählen die Obdachlosen. Diese Bezeichnung lässt vermuten, dass die Betroffenen aus wirtschaftlicher Not ohne Obdach sind, d. h. im Freien übernachten müssen. Aber diese Begriffswahl ist irreführend, denn in Deutschland ist niemand gezwungen, ohne Obdach zu leben. Wer im Freien übernachtet, tut dies, weil er es möchte, nicht weil er es muss. Jedem Wohnungslosen wird vom Sozialamt eine Unterkunft zur Verfügung gestellt, wenn er dies wünscht. Wer keinen festen Wohnsitz hat, weil er das nicht will, erhält in seinem Personalausweis den Zusatz "nicht sesshaft". Dieser Eintrag berechtigt ihn, in jedem Ort Deutschlands um 11 Uhr seinen Sozialhilferegelsatz von circa 10 Euro pro Tag abzuholen. Die feste Abgabeuhrzeit soll verhindern, dass der Regelsatz mehrmals an verschiedenen Orten abgeholt wird. An jedem Freitag wird der dreifache Regelsatz für das Wochenende ausgezahlt. Außerdem gibt es in vielen Orten kostenlose Essensausgaben.

Ein deutscher Obdachloser bezieht staatliche Sozialhilfezahlungen von circa 300 Euro pro Monat. Damit hat er ein Geldeinkommen, das höher ist als das Arbeitseinkommen eines ledigen Industriearbeiters in Ungarn, der einen Monatsnettolohn von 202 Euro bezieht, oder eines Arbeiters in der Slowakei, der 214 Euro pro Monat durch seine Arbeit verdient. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Arbeiter in den neuen Beitrittsländern der EU aus ihrem Arbeitsverdienst ihren gesamten Lebensunterhalt bestreiten müssen, während der deutsche Obdachlose Unterkunft, Kleidung, medizinische Versorgung, und oft auch Nahrung, kostenlos erhält.

Für agitatorische Zwecke empfiehlt es sich, die Zahl der Armen möglichst hoch anzusetzen. Die Behauptung, dass ein Drittel der Bevölkerung arm sei, macht immer Eindruck. Dieses Propagandaziel ist einfach zu erreichen, denn man muss nur jenes Einkommen festlegen, das die gewünschte Grenzziehung vollzieht. Wenn man als Armutsgrenze 75% des Durchschnittseinkommens wählt, ergibt sich folgende Einkommensverteilung in Deutschland:

ein Drittel der Bevölkerung verfügt über weniger als 75% des Durchschnittseinkommens;

die Hälfte bezieht ein Einkommen zwischen 75% und 125% des Durchschnittseinkommens;

nur ein Sechstel der Deutschen hat ein Einkommen, das über 125% des Durchschnitts liegt.

Diese Zwei-Drittel-Gesellschaft der Wohlhabenden und Reichen wird von der politischen Klasse und den Kirchen beklagt, denn sie grenzt angeblich ein Drittel der Bevölkerung von der gesellschaftlichen Teilhabe aus. Die vorgefundene Einkommensverteilung hat aber zwei Seiten: die Empfänger und die Geber der Zahlungen.

Wir haben tatsächlich eine Zwei-Drittel-Gesellschaft, aber sie ist ganz anders strukturiert, als von den Sozialisten behauptet. In ihr leben zwei Drittel der Bevölkerung von der Leistung des restlichen Drittels. Nur noch ein Drittel der Erwachsenen gehört dem produktiven Sektor an und erwirtschaftet jene Mittel, von denen alle anderen leben. Dieses Drittel finanziert mit seinen Steuern und Sozialbeiträgen den Sozialstaat, von dem bereits 41% der Deutschen den überwiegenden Anteil ihres Einkommens beziehen. Die Demokratie sorgt dafür, dass sich an dieser sozialen Spaltung nichts ändern wird. Die profitierende Mehrheit wird eher für die Ausweitung der Sozialtransfers stimmen, während die zahlende Minderheit keine Chance der politischen Gegenwehr hat.

Die egalisierende Zwei-Drittel-Gesellschaft kann allerdings nicht ewig währen, denn das tributpflichtige Drittel wird nicht ewig seine Last tragen. Viele Leistungsträger entziehen sich

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durch äußere und innere Emigration ihrer Ausbeutung. Der gleichmacherischen Zwei-Drittel- Gesellschaft droht das Schicksal des real existierenden Sozialismus, der an einer gesellschaftlichen Implosion starb.

"Die Lehre von der Gleichheit! Aber es gibt gar kein giftigeres Gift: denn sie scheint von der Gerechtigkeit selbst gepredigt, während sie das Ende der Gerechtigkeit ist. 'Den Gleichen Gleiches, den Ungleichen Ungleiches' - das wäre die wahre Rede der Gerechtigkeit: und, was daraus folgt, 'Ungleiches niemals

gleich machen'." Friedrich Nietzsche

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Bioethik der Freiheit

"New opinions are always suspected, and usually opposed, without any other reason but because they are not already common." John Locke

Präimplantationsdiagnostik

Bei der künstlichen Befruchtung in der Petrischale (In-Vitro-Fertilisation) wäre es möglich, die befruchtete Eizelle vor ihrer Einsetzung in die Gebärmutter auf genetische Defekte zu untersuchen. In Deutschland ist dieses diagnostische Verfahren verboten, obwohl die Präimplantationsdiagnostik (PID) für viele Träger von Erbkrankheiten die einzige Möglichkeit darstellt, fatale Fehler in den Genen ihres Nachwuchses auszuschließen.

Die politische Klasse verhängt das Verbot der PID, auch wenn dies bedeutet, dass die Träger von Erbkrankheiten zwangsweise im Unklaren gehalten werden, ob sie ihre Krankheit weitervererben. Das führt zu der paradoxen Situation, dass ein Embryo im 8-Zellen-Stadium gesetzlich geschützt wird, nicht aber das sich aus ihm ergebende menschliche Leben in einem späteren Entwicklungsstadium. Der Embryo ist ohne Diagnose in die Gebärmutter einzusetzen. Sobald er sich jedoch dort befindet, verliert er seinen schützenswerten Status und darf legal abgetrieben werden.

Die PID ist verboten, die Pränataldiagnostik des Fötus dagegen ist erlaubt. Ergibt letztere einen positiven Befund hinsichtlich einer geistigen oder körperlichen Behinderung, darf der Fötus auch nach der 13. Schwangerschaftswoche legal abgetrieben werden. Seine embryonale Vorstufe, ein 3 Tage alter Verband von 8 Zellen, ist hingegen nach deutschem Recht schützenswertes menschliches Leben. Wer einen Embryo in diesem Stadium, wenige Tage nach der Befruchtung der Eizelle und nur unter dem Mikroskop sichtbar, nicht in die Gebärmutter einsetzt, begeht Selektion und verstößt angeblich gegen die Menschenwürde. Wer einen Fötus tötet, der sich aus diesem Embryo gebildet hat, begeht nach Ansicht der politischen Klasse nicht Selektion und verstößt auch nicht gegen die Menschenwürde, sondern verhilft der schwangeren Frau zu ihrem Recht, frei zu entscheiden. Diese Politik entbehrt jeder Logik und zeigt, wie willkürlich Politiker ihre Entscheidungen treffen.

Abtreibungsbefürwortende Embryonenschützer

Nun kann man sicher unterschiedlicher Meinung sein, wann menschliches Leben beginnt. Nicht möglich hingegen ist ein gleichzeitiges Eintreten für Embryonenschutz und Abtreibung, wie es bei der politischen Linken geschieht. Wer den Fötus zur Abtreibung freigibt, kann nicht gleichzeitig seine Vorstufe, den Embryo, schützen, ohne in einen unauflösbaren Widerspruch zu geraten. Oder umgekehrt formuliert: wer glaubt, dass bereits der Embryo schützenswertes menschliches Leben darstellt, der kann logischerweise dem Fötus als nächster Entwicklungsstufe den Menschenstatus nicht vorenthalten.

Die herrschende Rechtslage, in der das Embryonenschutzgesetz eine Vorstufe des menschlichen Lebens schützt, der reformierte § 218 des Strafgesetzbuches aber die Tötung des sich daraus entwickelnden Menschen erlaubt, ist äußerst widersprüchlich. Hier werden

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Rechtsauffassungen vertreten, die sich gegenseitig ausschließen. Es gibt keine Rechtssystematik, sondern nur die Willkür der Politiker. Diese Politik trägt psychopathologische Züge.

Zeitraum der Menschwerdung

Wann erreicht der sich nach der Zeugung entwickelnde Zellverband ein Stadium, in der man ihm den Status einer eigenen Rechtspersönlichkeit zuerkennen muss, die aus sich heraus schutzwürdig ist? Der Standpunkt, dass mit der Vereinigung von Eizelle und Samenfaden ein neuer Mensch entstanden sei, ist mit den physiologischen Tatsachen nicht vereinbar. Die biologischen Gegebenheiten legen eine andere Interpretation nahe. Durch die Befruchtung der Eizelle wird ein Zellteilungsprozess in Gang gesetzt, in dessen ersten Stadium die so genannten Stammzellen entstehen, die die Fähigkeit haben, zu allen verschiedenen Zelltypen des menschlichen Körpers heranzureifen.

Der embryonale Zellverband ist eine Vorstufe des Menschen. Je nach den Botenstoffen, die auf die Stammzellen einwirken, entwickeln sich diese zu einem beliebigen menschlichen Gewebe. Die embryonalen Zellen haben also ein unbeschränktes Entwicklungspotential, sie sind der Bauplan des Menschen, aber noch nicht dieser selbst.

In einem späteren Entwicklungsstadium verlieren die Zellen ihren allgemeinen Charakter, sie sind dann als Teil eines Organs auf eine bestimmte Aufgabe festgelegt. Der sich entwickelnde Zellverband wird umso menschenähnlicher, je spezialisierter seine Zellen werden. Mit der Vernetzung der einzelnen Zellen durch das zentrale Nervensystem findet der Prozess der Menschwerdung in der 8. Schwangerschaftswoche seinen Abschluss. Eine eigene Rechtspersönlichkeit ist entstanden, die einen gesetzlichen Lebensschutz verlangt.

Blockade der medizinischen Biotechnologie

In Deutschland unterliegt die Biotechnologie so vielen Verboten, dass es ihr oft unmöglich ist, kranken Menschen dort zu helfen, wo es bereits möglich wäre. Die bei uns verhängten Forschungsverbote schaden nicht nur den Kranken, sondern auch der Wirtschaft, die im internationalen Wettbewerb immer mehr zurückfällt.

Der Kreuzzug gegen die modernen Lebenswissenschaften ist zutiefst irrational und kann nur als Ausdruck einer atavistischen Weltanschauung verstanden werden. Die Blockade der Politiker richtet sich gegen alle wichtigen Zweige der medizinischen Biotechnologie.

Therapeutisches Klonen. Hierbei werden aus embryonalen Stammzellen einzelne Organe geschaffen, die funktionsunfähige Organe ersetzen sollen. Der Vorteil gegenüber einer herkömmlichen Transplantation besteht darin, dass körpereigene Zellen keine Abwehrreaktion des Organempfängers hervorrufen. In Deutschland ist das therapeutische Klonen sowohl für Transplantations- als auch Forschungszwecke verboten, weil für Politiker der Embryonenschutz höher steht als das Leben der Kranken und die Forschungsfreiheit der Wissenschaft.

Keimbahnintervention. Die gezielte Veränderung des menschlichen Erbgutes ist die große Hoffnung aller Menschen, die an genetisch bedingten Krankheiten leiden.

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Trotzdem ist die Änderung der natürlich gegebenen Gene in Deutschland verboten. Dem archaischen Weltbild der Politiker widerspricht es, wenn die Medizin "Gott spielt". Dabei läuft jeder medizinische Eingriff darauf hinaus, den natürlichen Ablauf einer Krankheit im menschlichen Interesse zu ändern.

Reproduktives Klonen. Hierbei wird eine entkernte Eizelle mit dem Erbgut eines Spenders versehen, um dadurch einen Menschen zu schaffen, der mit dem Erbgutspender genetisch identisch ist. Das ist in Deutschland verboten, weil man "nicht in die Schöpfung eingreifen" dürfe. Aber ist nicht auch jeder natürliche Zeugungsakt ebenso ein Schöpfungsvorgang wie das Klonen? Das reproduktive Klonen schafft einen eineiigen Zwilling des Erbgutspenders. Die einzige Besonderheit des Klonens besteht darin, dass der Klon jünger ist als das Original. Was soll daran so schrecklich sein? Das Klonen ist bei vielen Säugetierarten schon erfolgreich angewandt worden. Wenn die entsprechende Technik so ausgereift ist, dass die Gefahr von Missbildungen in etwa so groß ist wie bei natürlichen Zeugungen, gibt es keinen ethischen Grund, auf das Klonen von Menschen zu verzichten.

Die gegenwärtige Verbotspolitik gegenüber der Biotechnologie ist in sich äußerst widersprüchlich:

Vernichtung überschüssiger Embryonen. Bei der In-Vitro-Fertilisation fallen oft überzählige befruchtete Eizellen an, die in der Stammzellenforschung dringend gebraucht würden. Die Politiker verbieten derzeit die Nutzung dieser Überschuss- Embryonen für Forschungszwecke, doch welche Alternative haben sie anzubieten? Den Abfalleimer, denn man kann diese Embryonen nicht unbeschränkt lange lagern.

Nutzung ausländischer Embryonen. Die Embryonenschützer sind offensichtlich Nationalisten, denn für sie ist ein deutscher Embryo schützenswerter als ein ausländischer. An importierten Embryonen darf geforscht werden, wenn diese vor dem 1. 1. 2002 gewonnen wurden. Deutsche Edel-Embryonen genießen einen weitergehenden Schutz: sie bleiben für die Wissenschaft unabhängig von ihrem Erzeugungsdatum tabu.

Embryonenvernichtende Empfängnisverhütungsmethoden. In Deutschland sind Empfängnisverhütungsmethoden zugelassen, die darauf beruhen, eine bereits befruchtete Eizelle abzutreiben.

Die Politiker erheben einen Allmachtsanspruch. Es genügt ihnen nicht, über Wirtschaft, Schule und Kultur zu herrschen sowie die Hälfte des Volkseinkommens in ihre Verfügungsgewalt zu bringen. Die Verbotspolitik in der Biomedizin zeigt, dass die politische Klasse sich auch anmaßt, über Leben und Tod ihrer Untertanen zu bestimmen.

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Demokratie muss Grenzen haben

"Der Liberalismus

sieht die Hauptaufgabe in der Beschränkung der

Zwangsgewalt jeder Regierung, sei sie demokratisch oder nicht; der dogmatische Demokrat dagegen kennt nur eine Beschränkung der Staatsgewalt und das ist die Meinung der jeweiligen Majorität." Friedrich

von Hayek

Die Tyrannei der Mehrheit

"The rule of the many by the few we call tyranny; the rule of the few by the many is tyranny also, only of a less intense kind." Herbert Spencer

Als Demokratie (von griechisch demos: Volk und kratein: herrschen) bezeichnet man jene politischen Ordnungen, in denen sich die Herrscher auf den Willen des Volkes berufen. Der Volkswille soll in kollektiven Abstimmungen zum Ausdruck kommen, wobei die Mehrheit bestimmt, was zu geschehen hat.

Das Problem von Kollektiventscheidungen, sofern sie nicht einstimmig sind, liegt darin, dass bei ihnen die überstimmte Minderheit zu etwas gezwungen wird, das ihren Interessen widerspricht. Diese Form der Entscheidungsfindung produziert Gewinner und Verlierer, eine siegreiche Mehrheit und eine besiegte Minderheit. Deshalb sind Kollektiventscheidungen ein moralisch fragwürdiges Herrschaftsinstrument.

"The man whose character harmonizes with the moral law, we found to be one who can obtain complete happiness without diminishing the happiness of his fellows But the enactment of public arrangements by vote implies a society consisting of men otherwise constituted - implies that the desires of some cannot be satisfied without sacrificing the desires of others - implies that in the pursuit of their happiness the majority inflict a certain amount of unhappiness on the minority - implies, therefore, organic immorality." Herbert Spencer

Der klassische Liberalismus fordert deshalb, den Bereich der Kollektiventscheidungen, das heißt die Politik, möglichst klein zu halten. Je mehr durch Kollektive entschieden wird, desto weniger Entscheidungsspielraum verbleibt dem Individuum. Wo immer möglich, sollen Individualentscheidungen an die Stelle der Kollektiventscheidungen treten.

"Je mehr die Domäne der Kollektiventscheidungen wächst, desto mehr schrumpft die Domäne der Individualentscheidungen und damit die Freiheit." Gerard

Radnitzky

Der Demokrat sieht in der Souveränität des Volkes das höchste Rechtsgut. Damit wird einem Kollektiv die uneingeschränkte Herrschaftsgewalt zugestanden. Im Gegensatz dazu ist für den klassischen Liberalismus die Souveränität des Individuums das oberste Ziel. Der demokratische Kollektivismus steht in Widerspruch zum freiheitlichen Individualismus. Für einen fremdbestimmten Einzelnen spielt es keine Rolle, ob der willkürliche Zwang, dem er

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unterworfen wird, von einem einzelnen Despoten, einigen hundert Parlamentsabgeordneten oder der Mehrheit einer Volksabstimmung ausgeht. Das Ergebnis, nämlich der Verlust der Freiheit, bleibt in jedem Fall dasselbe.

"Wenn ich die Hand der Macht auf meinem Haupte lasten fühle, kümmert es mich persönlich wenig, zu wissen, wer mich unterdrückt; und ich beuge mich nicht deswegen lieber unter das Joch, weil eine Million Arme es mir darbieten." Alexis de

Tocqueville

Volksherrschaft nicht realisierbar

Herrscht in der Demokratie wirklich das Volk? Es ist im gegenwärtigen Interventionsstaat, der jährlich zehntausende Seiten von Gesetzen und Verordnungen produziert, schon technisch unmöglich, das Volk auch nur annäherungsweise regieren zu lassen.

"Obgleich nämlich 'das Volk' die Aktionen seiner Herrscher durch Drohung mit Absetzung beeinflussen kann, regiert es doch selbst niemals in irgendeinem konkreten praktischen Sinn." Karl Popper

Bei Wahlen gibt der Bürger den Siegern in einem Wettbewerb konkurrierender Parteioligarchen die Blankovollmacht, in der nächsten Wahlperiode nach ihrem Belieben zu regieren. Das Volk ist nur im Augenblick der Stimmabgabe souverän, in den darauf folgenden vier bis fünf Jahren bis zur nächsten Wahl ist es wieder der Herrschaft einer sehr kleinen Gruppe von Berufspolitikern unterworfen.

"Wir regieren uns ebenso wenig selbst, indem wir an einer Wahl teilnehmen, wie wir uns selbst operieren, wenn wir uns einen Chirurgen aussuchen." Bertrand de

Jouvenel

Die Behauptung von Abraham Lincoln, Demokratie sei Regierung "des Volkes, für das Volk und durch das Volk", ist in allen drei Komponenten falsch. Mit dem ersten Teil der Aussage brauchen wir uns nicht länger aufzuhalten, da er nur eine der üblichen Politikerphrasen ist. Die beiden anderen Teile sollen in diesem und dem nächsten Abschnitt näher auf ihre Glaubwürdigkeit untersucht werden.

Eine Regierung "durch das Volk" ist bei der repräsentativen Demokratie, in der die Entscheidungsgewalt in der Hand einer winzigen Parteienoligarchie liegt, nicht im Ansatz gegeben. Aber auch die plebiszitäre Demokratie, in der das Volk in Vollversammlungen die wichtigsten Fragen selbst entscheidet, ist keine Regierung durch das Volk, denn die Plebiszite betreffen nur Grundsatzentscheidungen, nicht aber die unzähligen Fragen der täglichen Regierungsarbeit. Außerdem gibt es bei Volksabstimmungen wohl kaum einstimmige Entscheidungen. Da die unterlegene Minderheit ebenfalls zum Volk gehört, kann eine Mehrheitsentscheidung niemals den Anspruch erheben, den Willen des gesamten Volkes auszudrücken.

"Das, was man als Errichtung der Demokratie bezeichnet, ist nur die Übernahme der bestehenden Staatsgewalt durch andere Innehaber." Bertrand de Jouvenel

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Die Demokratie wird so gepriesen, weil sie soziale Gruppen an die Macht bringt, die in vordemokratischen Zeiten von der Führung ausgeschlossen waren. Ist das Führungspersonal in der Demokratie kompetenter und moralischer als in monarchischen oder aristokratischen Regierungssystemen?

"Die Vorkämpfer der Demokratie im 18. Jahrhundert haben zugunsten der Demokratie angeführt, daß nur die Fürsten und Minister sittlich verderbt,

unverständig und schlecht seien. Das Volk aber sei durchaus gut, rein und edel und habe auch die geistigen Gaben, um das Richtige stets zu erkennen und durchzuführen. Das ist natürlich alles Unsinn, nicht weniger Unsinn als die Schmeicheleien der Höflinge, die ihren Fürsten alle guten und edlen Eigenschaften

zuschrieben

Zeitalter der Demokratie eintrat, war es nicht erstaunlich, daß sich bald eine Enttäuschung bemerkbar machte. Man fand unschwer heraus, daß die Demokratie zumindest ebenso viele Fehler begehe als die Monarchen und Aristokraten begangen hatten. Die Vergleiche, die man zwischen den Männern zog, die die Demokratie an die Spitze der Regierung stellte, und jenen, die die Kaiser und Könige aus eigener Machtvollkommenheit an die Spitze gestellt hatten, fielen durchaus nicht zugunsten der neuen Machthaber aus. Der Franzose pflegt zu sagen, die Lächerlichkeit töte. Nun, die Demokratie war durch ihre Staatsmänner überall bald lächerlich." Ludwig von Mises

Da die Menschheit mit so hochgespannten Erwartungen in das

Mißbrauch der Demokratie

"An election is nothing more than the advanced auction of stolen goods." Ambrose

Bierce

Ist die Demokratie eine Regierung "für das Volk"? Wenn der Willen der Mehrheit zum Gesetz wird, ist die Versuchung groß, aus dieser Machtposition eigene Vorteile zu Lasten anderer zu gewinnen. Eigennützige Interessengruppen, die sich zu einer Mehrheitskoalition zusammenfinden, können auf Kosten überstimmter Minderheiten Privilegien erlangen. Die Demokratie regelt Streitfragen nach dem Prinzip des politisch Stärkeren. Die Möglichkeit des Machtmissbrauchs durch einfache Stimmabgabe ist eine große Verlockung. Wer kann ihr widerstehen? Strukturelle Minderheiten haben in diesem System keine Chance, sich ihrer Benachteiligung zu widersetzen, siehe z. B. die Ungleichbehandlung der Besserverdienenden im Steuerrecht durch progressive Tarife, oder der Arbeitgeber im Arbeitsrecht durch das Kündigungsverbot.

"Übereinstimmung über die Teilung der Beute, die eine Mehrheit durch Überwältigung einer Minderheit gewonnen hat, oder darüber, wieviel letzterer weggenommen werden soll, ist nicht Demokratie oder zumindest nicht ein Ideal der Demokratie, das sich moralisch rechtfertigen läßt." Friedrich von Hayek

Auch die überwältigten Minderheiten gehören zum Volk. Es ist deshalb ein Hohn, von einer Regierung "für das Volk" zu sprechen. Vielmehr ist die Demokratie ständig in Gefahr, die Ausbeutung und Unterdrückung von Minderheiten zu ermöglichen.

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"Die heute praktizierte Form der Demokratie ist zunehmend ein Synonym für den Prozeß des Stimmenkaufs und für das Schmieren und Belohnen von unlauteren Sonderinteressen, ein Auktionssystem, in dem alle paar Jahre die Macht der Gesetzgebung denen anvertraut wird, die ihren Gefolgsleuten die größten Sondervorteile versprechen, ein durch das Erpressungs- und Korruptionssystem der Politik hervorgebrachtes System mit einer einzigen allmächtigen Versammlung, mit dem Wortfetisch Demokratie belegt." Friedrich von Hayek

Ein derartiges System, in dem die politisch Starken sich auf Kosten der politisch Schwachen bereichern können, widerspricht dem Ideal einer Gesellschaft freier Menschen. Der klassische Liberalismus fordert deshalb eine verfassungsmäßige Beschränkung der Entscheidungsbefugnisse und Zuständigkeiten von Exekutive und Legislative.

" so muß ich offen zugeben, daß ich, wenn Demokratie heißen soll: Herrschaft

des unbeschränkten Willens der Mehrheit, kein Demokrat bin und eine solche Regierung sogar für schädlich und auf die Dauer für funktionsunfähig halte."

Friedrich von Hayek

Selbstzerstörung der Demokratie

"Remember, democracy never lasts long. It soon wastes, exhausts, and murders

itself." John Adams

Wie lange kann der Staat die Plünderung seiner Kassen durch Wahlgeschenke verteilende Politiker aushalten? Seit 1970 haben sich die Sozialausgaben je Einwohner mehr als verdoppelt, siehe dazu das Kapitel über Sozialpolitik. Bereits 41% der stimmberechtigten Deutschen beziehen ihr Einkommen hauptsächlich aus den Sozialleistungen des Staates. Diese Zahl wird in den nächsten Jahren noch weiter steigen. Es ist zu erwarten, dass bald die Mehrheit der Wähler vom Staat abhängig sein wird.

Die Expansion des Sozialstaats ergibt sich aus der Funktionsweise der Demokratie. Die Politiker sind bestrebt, sich durch steuerfinanzierte Wohltaten gegenseitig zu übertreffen, während die Wähler jenen Kandidaten den Zuschlag geben, die am meisten versprechen. Es gibt einen demokratischen Selbstverstärkungseffekt, der dafür sorgt, dass für die politische Klasse der Einsatz im Prozess des Stimmenkaufs immer höher wird und im gleichen Maß auch die Ansprüche der Wähler steigen.

Gegen den ständig wachsenden Wählerblock der Nettobezieher aus staatlichen Umverteilungsmaßnahmen hat die Minderheit der Nettozahler keine politischen Möglichkeiten. Einmal auf den Geschmack gekommen, wird die Mehrheit der sozialpolitischen Nutznießer für eine Ausweitung des Sozialstaates stimmen, obwohl dieser bereits jetzt nicht mehr finanzierbar ist. Die Staatsverschuldung hat schon ein Rekordniveau erreicht und sie nimmt mit großer Geschwindigkeit (circa 2.500 € pro Sekunde) weiterhin zu. Ein Staatsbankrott könnte nur vermieden werden, wenn eine Wählermehrheit gegen ihre eigenen ökonomischen Interessen stimmt. Das ist sehr unwahrscheinlich.

"A democracy cannot exist as a permanent form of government. It can only exist until the voters discover that they can vote themselves largesse from the public treasury. From that moment on, the majority always votes for the candidates

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promising the most benefits from the public treasury with the result that a democracy always collapses over loose fiscal policy, followed always by a

dictatorship." Lord Alexander Fraser Tytler

Die Herrschaft des Gesetzes

"Tyranny is the exercise of power beyond right

when the governor

makes not the law, but his will, the rule." John Locke

Der klassische Liberalismus sieht Kollektiventscheidungen nur dann als gerechtfertigt an, wenn mit ihnen allgemeine und abstrakte Regeln festgelegt werden, die den Rahmen darstellen, innerhalb dessen der einzelne Bürger selbst entscheiden kann.

Die freiheitskonformen allgemeinen Gesetze abstrahieren vollständig von konkreten Menschen und deren Sonderinteressen. Der Gesetzgeber darf nur allgemeingültige Spielregeln definieren, nicht aber die Ergebnisse des Spiels beeinflussen. Die Justiz (von lateinisch iustitia: Gerechtigkeit) wird in allegorischen Darstellungen mit verbundenen Augen dargestellt, da sie alle Menschen gleich behandeln soll. Diese Forderung gilt auch für Exekutive und Legislative.

"Sie [die Gesetze] sind generell und abstrakt in dem Sinne, daß sie weder bestimmte Personen noch bestimmte Zeitpunkte oder Orte nennen und daß es tatsächlich nicht voraussehbar ist, welche Wirkungen sie auf bestimmte bekannte Personen haben werden. Sie beziehen sich nur auf das Verhalten der Menschen zueinander - und zum Staate - aber nicht auf ihre private Sphäre." Friedrich von

Hayek

Der Begriff "Rule of Law" wird immer dann missverstanden, wenn der entscheidende Zusatz

" and not of men" nicht mitgedacht wird. "Rule of Law (and not of men)" ist nur möglich, wenn sich der Staat auf die oben beschriebenen allgemeinen und abstrakten Gesetze beschränkt.

"Die Bezeichnung 'Gesetz' für all das, was die gewählten Volksvertreter beschließen und für jede Anordnung, die sie als Regierung unter dem Gesetz

treffen, so sehr sie auch zugunsten bestimmter Gruppen oder zu Lasten anderer

diskriminiert, ist

einfach gesetzlose Ausübung der Regierungsgewalt." Friedrich von Hayek

nicht viel besser als ein schlechter Witz. Das ist in Wahrheit

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Deregulierung ermächtigt Bürger

"I know of no safe depository of the ultimate powers of the society but the people themselves, and if we think them not enlightened enough to exercise that control with a wholesome discretion, the remedy is not to take it from them, but to inform their discretion." Thomas Jefferson

Der Staat als Vormund

Jede Gesellschaft benötigt allgemeinverbindliche Regeln, die vom Staat festgelegt werden müssen. Der klassische Liberalismus tritt dafür ein, dass diese Regeln abstrakt und allgemein gehalten sind. Sie dürfen sich nicht auf bestimmte Personen oder Umstände beziehen, sondern sie haben den generellen Rahmen zu bilden, innerhalb dessen die Bürger gemäß eigener Entscheidungen frei agieren können.

Der gegenwärtige Staat ist weit von diesem Ideal entfernt. Die politische Klasse beansprucht, das Leben ihrer Untertanen bis in die letzte Einzelheit zu regeln. Es gibt keinen Lebensbereich, in dem der Staat nicht durch weit reichende Vorschriften vorschreibt, was, wo, wie, von wem, für wen, wann, zu geschehen hat. Das politische System beruht auf der Annahme, dass die Bürger nicht in der Lage sind, selbständig rationale Entscheidungen zu treffen. Die freiwilligen Vereinbarungen, die auf den Märkten zustande kommen, werden durch staatliche Diktate außer Kraft gesetzt.

Die Politiker behaupten, dass ihre zahllosen Eingriffe in das Wirken der Märkte notwendig seien, um "Einzelfallgerechtigkeit" zu schaffen. Tatsächlich ist die Regulierung nur Ausdruck der jeweiligen Machtkonstellation. Die an der Macht befindlichen Politiker diktieren mit ihren Regeln oft nur die Ergebnisse, die im Interesse der stärksten Interessengruppen liegen. Die üppig wuchernde Regulierung hat auch den Zweck, die Existenz eines gewaltigen Staatsapparates zu begründen. Die Exekutive schafft durch die von ihr verordnete Regulierung sich selbst. Jede nicht kontrollierte Organisation strebt danach, ihre Macht und ihre Größe ständig auszuweiten.

Die staatliche Bevormundung hat sehr negative Konsequenzen. Der Bürger erleidet dadurch nicht nur einen Freiheitsverlust, sondern auch eine Wohlstandsminderung. Die staatliche Regulierung errichtet bürokratische Hemmnisse, die das Wirtschaften erschweren und verteuern. Wir wollen im folgenden Abschnitt einige Beispiele für die schädlichen Eingriffe des Staates geben.

Regierung gegen die Märkte

Es ist hier nicht möglich, das gesamte Ausmaß der staatlichen Regulierung darzustellen. Die Bürokratie produziert jährlich zehntausende Seiten an Gesetzen und Verordnungen, die jede denkbare menschliche Aktivität dem Willen der herrschenden Politiker unterwirft. Wir beschränken uns deshalb auf vier Bereiche, um zumindest einige Regulierungsaktivitäten des Staates zu zeigen.

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Produktmarktregulierung. Der Staat nimmt Einfluss auf die Preisgestaltung in der Landwirtschaft, im Kredit- und Versicherungswesen, in der Verkehrs-, Versorgungs- und Wohnwirtschaft. Den freien Berufen werden Honorarordnungen aufgezwungen, die jeden Preiswettbewerb unmöglich machen. Es gibt eine Vielzahl staatlicher Marktzugangsbeschränkungen in Form von restriktiven Gewerbeordnungen, staatlichen Konzessionierungen und Zulassungen zu bestimmten Berufen. Sogar ein so einfacher Vorgang wie die Anmeldung eines neuen Unternehmens wird zu einem bürokratischen Hindernislauf. So müssen zum Beispiel in der BRD neun verschiedene Behörden aufgesucht werden, um eine GmbH zu gründen, was 24 Arbeitstage in Anspruch nimmt. In Kanada erledigt man diesen Vorgang mit zwei Behördengängen innerhalb von 3 Tagen.

Kapitalmarktregulierung. Institutionelle Anleger, zum Beispiel Versicherungen und Pensionsfonds, die von den Sozialisten als Heuschrecken bezeichnet und behandelt werden, unterliegen einer Kontrolle, wenn sie in der BRD Kapital anlegen wollen. In keinem anderen OECD-Land ist der Einfluß des Staates im Bankensektor so groß wie in Deutschland. Die deutschen Politiker betreiben eigene Banken, zu denen vor allem die Sparkassen gehören. Circa 42% aller Geldanlagen werden in Deutschland von staatlichen Banken verwaltet. Das gibt der politischen Klasse enorme Macht über den noch privaten Rest der deutschen Wirtschaft.

Bildungsmarktregulierung. Die politische Klasse beansprucht die Herrschaft über das Schulwesen. Die staatliche Bürokratie legt fest, wer, wann, was zu lernen hat. Die Schüler privater Schulen werden diskriminiert, indem der Staat für sie nur 50% dessen ausgibt, was Schüler staatlicher Schulen erhalten. Die Verweigerung der finanziellen Gleichstellung von privaten und staatlichen Schulen festigt das Monopol letzterer. Auch innerhalb des staatlichen Schulwesens werden die einzelnen Schulen fremdbestimmt. Sie dürfen nicht selbst über Lehrereinstellungen und Lehrerentlohnung entscheiden. In Deutschland besuchen nur 17% der Jugendlichen Schulen, die selber die Entscheidung treffen, welche Lehrer an ihnen unterrichten sollen. Im Durchschnitt aller OECD-Länder sind 64% der Schüler in derartigen Schulen. Nur 9% der deutschen Schüler gehen auf Schulen, die ihren Haushalt selbst aufstellen, im OECD-Durchschnitt sind es 70%.

Arbeitsmarktregulierung. In keinem anderen OECD-Staat wird der Arbeitsmarkt so stark reguliert wie in Deutschland. Der Kündigungsschutz für Arbeitnehmer, Arbeitszeitvorschriften, Tarifvertragsgesetz und staatlich erzwungene Mitbestimmung machen den Arbeitsmarkt unflexibel und erschweren so die Beschäftigung von Arbeitnehmern. Das Gleichstellungsgesetz nimmt den Arbeitgebern die Entscheidungsfreiheit bei der Einstellung von Arbeitnehmern. Die freie Entscheidung darüber, mit wem man zusammenarbeiten will, gehört zu den Grundrechten jedes Menschen. Das Gleichstellungsgesetz dient der Antidiskriminierung, indem es selbst gegen alle diskriminiert, die ihr Recht auf Vertragsfreiheit wahrnehmen wollen.

Die Kosten der Regulierung

Was hätten wir zu erwarten, wenn der Staat mehr Freiheit einräumen würde, als es zurzeit der Fall ist? Am Beispiel des Arbeitsmarktes lässt sich zeigen, dass die Verweigerung von Freiheitsrechten hohe volks- und betriebswirtschaftliche Kosten verursacht. So bewirkt die Verletzung der Vertragsfreiheit durch den Kündigungsschutz, dass Arbeitslose viel schwerer einen Arbeitsplatz erhalten, als es ohne Kündigungsschutz möglich wäre. In den drei Staaten mit der geringsten Arbeitsmarktregulierung, nämlich USA, Kanada und Neuseeland, beträgt

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der Anteil der Langzeitarbeitslosen (länger als 1 Jahr arbeitslos) an der Gesamtzahl der Arbeitslosen nur circa 10%, im hoch regulierten Deutschland hingegen machen die Langzeitarbeitslosen 52% aller Arbeitslosen aus. Wenn in Deutschland eine Deregulierung des Arbeitsmarktes auf das angelsächsische Niveau stattfinden würde, könnte die Zahl der deutschen Langzeitarbeitslosen, die sich derzeit auf 2,1 Millionen beläuft, halbiert werden.

Die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft ist unmittelbar von der Regulierungsdichte abhängig. Wenn Unternehmer länger brauchen, um ein Unternehmen zu gründen, die Steuerschuld zu ermitteln, neue Mitarbeiter einzustellen, in Produktionsanlagen zu investieren oder ein Produkt in den Markt einzuführen, dann steigen die Kosten und sinkt die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den geringer regulierten Standorten. Den höchsten Preis für die Regulierungswut der Politiker bezahlen die Arbeitnehmer. Wenn in Deutschland das geringere Regulierungsniveau der angelsächsischen Länder eingeführt würde, wäre mit einer Zunahme der Zahl der Erwerbstätigen um 5 Millionen zu rechnen.

Den Unternehmen entstehen durch die staatliche Regulierung Verwaltungs-, Informations- und Bürokratiekosten in Höhe von 46 Milliarden Euro pro Jahr. Auf jeden Arbeitnehmer der privaten Wirtschaft entfallen 4.400 Euro an Regulierungskosten pro Jahr. Diese Belastung erhöht die Lohnkosten und gefährdet dadurch die Arbeitsplätze von gering qualifizierten Arbeitnehmern, die nur eine geringe Wertschöpfung haben. Derartige Arbeitsplätze werden unter der Last der regulierungsbedingten Kosten als erste unrentabel. Kleine und mittlere Unternehmen leiden besonders unter der Last der Regulierung, denn sie müssen 4 bis 6 Prozent ihres Umsatzes für regulierungsbedingte Bürokratiekosten ausgeben.

Die Regulierung kostet aber nicht nur Geld, sondern manchmal auch Menschenleben. Das Center for Risk Analysis der Harvard Universität errechnete in einer Studie aus dem Jahr 1994, dass die staatliche Regulierung jährlich bis zu 60.000 Todesfälle fordert, da sie die Bürger zwingt, die knappen Mittel zur Reduzierung kleiner Risiken zu verwenden und dadurch zu wenig Mittel zur Abwehr großer Risiken zur Verfügung stehen.

Experten vermuten, dass die staatlichen Vorschriften über die Zulassung von Medikamenten vielen Kranken das Leben kosten. Der Staat erzwingt ein sehr langwieriges Zulassungsverfahren. Ein Pharmaunternehmen muss ungefähr eine Milliarde Dollar aufwenden, um ein neues Arzneimittel auf den Markt zu bringen. Unter diesen Umständen ist es nicht möglich, neue Wirkstoffe gegen seltene Krankheiten zu entwickeln. Die staatlichen Zulassungsprozeduren verteuern aber nicht nur die Entwicklung von Arzneien, sondern verzögern auch deren Markteinführung. In einem liberalisierten Pharmamarkt hätte der Kunde das Recht, unter mehreren konkurrierenden Prüfverfahren zu wählen.

"In terms of lives, it's quite possible that the FDA [Food and Drug Administration] bureaucracy could be killing on the order of three to four times as many people as

it saves." Dale Geringer, Stanford University

Mehr Freiheit für den Bürger

Deutschland ist im internationalen Vergleich eines der höchst regulierten Länder. Der Wettbewerb der Standorte im Rahmen der Globalisierung wird dafür sorgen, dass die deutsche politische Klasse ihren Würgegriff um die Wirtschaft etwas lockern muss. Diese von außen erzwungene Deregulierung verläuft allerdings sehr langsam, da die Politiker nur

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widerstrebend dem Wettbewerbsdruck nachgeben. Nur wenn die Bürger aktiv werden, um mehr Freiheit für sich zu fordern, könnte es gelingen, das niedrigere Regulierungsniveau zu erreichen, das heute bereits in Neuseeland oder den USA verwirklicht ist.

Ein wirkungsvolles Mittel zur Deregulierung ist die so genannte Sunset Legislation, die sich bereits in vielen Staaten der USA bewährt hat. Danach werden Gesetze und Verordnungen mit einem Verfallsdatum versehen. Wenn diese Regulierungen nach Ablauf ihrer Gültigkeitsdauer nicht explizit durch die zuständigen Institutionen verlängert werden, erlöschen sie automatisch. Diese Befristung staatlicher Regeln sorgt dafür, dass die Vorgaben des Staates immer wieder auf den Prüfstand kommen und sich neu rechtfertigen müssen. In den USA konnte dadurch eine Verminderung der Zahl der Gesetze und Verordnungen erreicht werden.

"Government, today, has grown too strong to be safe. There are no longer any citizens in the world; there are only subjects." Henry L. Mencken

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Drogen sind Privatangelegenheit

"Es steht fest, daß Alkoholismus, Kokainismus und Morphinismus fürchterliche Feinde des Lebens, der Gesundheit und der Arbeits- und Genußfähigkeit des Menschen sind, und der Utilitarier wird sie darum als Laster bezeichnen. Aber damit ist noch lange nicht bewiesen, daß die Obrigkeit zur Unterdrückung dieser Laster durch Handelsverbote einschreiten muß." Ludwig von Mises

Das Recht auf sich selbst

Viele fühlen sich berufen, ihre Mitmenschen vor sich selbst zu schützen. Mit welchem Recht? Der klassische Liberalismus geht davon aus, dass jeder Mensch Eigentümer seiner selbst ist und daher das Recht hat, über seinen Körper frei zu verfügen. Solange die Handlungen eines Erwachsenen nur ihn selbst betreffen, haben wir kein Recht, uns einzumischen. Wenn der Mehrheit erlaubt wird, einer Minderheit vorzuschreiben, wie sie zu leben hat, dann ermächtigt dies den Staat, in beliebiger Weise in unsere privaten Angelegenheiten einzugreifen.

" sobald wir den Grundsatz der Nichteinmischung des Staatsapparates in alle

Fragen der Lebenshaltung des einzelnen aufgeben, gelangen wir dazu, das Leben bis ins Kleinste zu regeln und zu beschränken. Die persönliche Freiheit des

einzelnen wird aufgehoben, er wird zum Sklaven des Gemeinwesens, zum Knecht

der Mehrheit." Ludwig von Mises

Die Demokratie darf von der jeweiligen Mehrheit nicht dazu missbraucht werden, ihre Wertvorstellungen den unterlegenen Minderheiten als Verhaltensnorm verbindlich vorzuschreiben. In einer freien Gesellschaft muss man den Wettbewerb der verschiedenen Lebensstile ertragen und darf nicht der Versuchung verfallen, die eigene Weltanschauung Andersdenkenden aufzuzwingen.

"Ein freier Mensch muß es ertragen können, daß seine Mitmenschen anders handeln und anders leben, als er es für richtig hält, und muß sich abgewöhnen, sobald ihm etwas nicht gefällt, nach der Polizei zu rufen." Ludwig von Mises

Der Eingriff des Staates in den Drogenmarkt schafft einen Präzedenzfall, der die Freiheit aller Bürger bedroht.

"To think it is right to use force to override another person's preferences 'for his own good' is the essence of the totalitarian personality. If you have the right to do that to someone else, then someone else has the right to do it to you." Charles

Murray

Auch die Freiheit eines Drogensüchtigen endet erst dort, wo die Freiheit seiner Mitmenschen beginnt. Wir können durch gutes Beispiel und moralische Appelle versuchen, ihn von

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Handlungen abzuhalten, die wir für schädlich halten, aber wir dürfen ihn nicht zwingen, solange er die Freiheit seiner Mitmenschen respektiert.

Die Anwendung staatlicher Gewalt ist nur dann gerechtfertigt, wenn die Rechte Dritter nicht anders geschützt werden können. Der Schutz eines Erwachsenen vor sich selbst darf niemals der Grund einer staatlichen Intervention sein. Die Position des klassischen Liberalismus zu dieser Frage findet sich in den folgenden berühmten Sätzen von John Stuart Mill:

"The only purpose for which power can be rightfully exercised over any member of a civilized community, against his will, is to prevent harm to others. His own good, either physical or moral, is not sufficient warrant." John Stuart Mill

Bezogen auf die Drogenproblematik folgt daraus, dass der Staat nicht das Recht hat, einen Drogenkonsumenten wie ein unmündiges Kind zu behandeln, das für die Folgen seiner Handlungen keine Verantwortung übernehmen kann.

"Aber wo private Praktiken niemand anderen berühren können als die freiwillig handelnden Erwachsenen, bietet die bloße Abneigung gegen das, was andere tun, oder selbst das Wissen, daß sich andere durch ihr Handeln schaden, keinen berechtigten Grund für Zwang." Friedrich von Hayek

Schädliche Wirkung des Drogenverbots

Das Drogenverbot schadet nicht nur den Drogenkonsumenten, sondern der gesamten Gesellschaft.

Durch das Anbau- und Handelsverbot werden die Drogen um ein Vielfaches teurer, als sie es in einem freien Markt wären.

Viele Süchtige können die überhöhten Preise der Rauschmittel nicht aus ihrem normalen Einkommen bezahlen und begehen deshalb Straftaten, um ihre Sucht zu finanzieren. Die Beschaffungskriminalität ist die unmittelbare Folge des Drogenverbots.

Die illegal gehandelten Drogen sind oft mit gesundheitsschädlichen Stoffen verunreinigt. Die genaue Dosierung der Wirkstoffe ist kaum möglich, da deren Konzentration nicht bekannt ist. Das ist sehr gefährlich, weil bereits eine geringe Überdosierung tödlich sein kann.

Das Verbot der Drogen drängt diese in eine Schattenwirtschaft, die vom organisierten Verbrechen beherrscht wird. Die Legalisierung der Drogen würde die Verbrechersyndikate um ihren wichtigsten Geschäftszweig bringen.

In den Anbauländern stärkt das Drogenverbot die dort operierenden Terrororganisationen, die von den lokalen Rauschgiftproduzenten Schutzgelder verlangen und erhalten.

In den Konsumentenländern nimmt die Korruption der Staatsapparate zu, da die Rauschgifthändler bestrebt sind, eine sichere Versorgung des Schwarzmarktes durch Bestechung von Staatsbediensteten und Politikern zu erreichen.

Das Drogenverbot kriminalisiert einen erheblichen Teil der Gesellschaft. So ist zum Beispiel in den USA ein Drittel der Gefängnisinsassen wegen drogenbezogener

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Delikte hinter Gittern. Eine Freigabe der Drogen würde nicht nur die Gefängnisse leeren, sondern auch die Reduktion des Staates in Polizei und Justiz erlauben.

Die Nachteile des Drogenverbotes sind offensichtlich, aber worin bestehen seine Vorteile? Nach Aussage von Experten ist die Menge des illegal angebotenen Rauschgifts in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Das Drogenverbot hat sich als wirkungslos erwiesen. Wer Drogen haben möchte, kann sie jederzeit erhalten.

Der Kampf des Staates gegen den Markt kennt nur Verlierer. Letzten Endes muss man bei allen derartigen Versuchen feststellen, dass ein Markt auch mit brachialen staatlichen Mitteln nicht ausgeschaltet werden kann. Ein lehrreiches Beispiel dafür liefert das Alkoholverbot in den USA während der 1920er-Jahre, das die gleiche Wirkung hatte wie das Drogenverbot in der Gegenwart: es wurde eher mehr getrunken als vor dem Verbot und das organisierte Verbrechen erlebte eine beispiellose Blütezeit.

Erst die Aufhebung des Alkoholverbots brachte das organisierte Verbrechen um seine Geschäftsgrundlage, während der Alkoholkonsum zumindest nicht zunahm. Der legal verkaufte Alkohol war technisch einwandfrei hergestellt und verursachte deshalb keine unerwünschten Nebenwirkungen. Überdies sanken die Preise der freigegebenen Getränke und damit die wirtschaftlichen Belastungen der Alkoholkonsumenten. Viele Schwarzhändler konnten in die Legalität zurückkehren und offiziell anerkannte Arbeitsplätze einrichten, die dem Staat sogar Steuereinnahmen brachten.

Es ist nicht zu erwarten, dass bei einer Liberalisierung des Drogenmarktes die Zahl der Drogenkonsumenten signifikant steigen würde. In den USA waren von ihrer Gründung bis in das erste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts Drogen wie Kokain und Opium-Derivate legal. Für diese Produkte konnte offen Werbung gemacht werden. Und doch gab es kein Drogenproblem, das auch nur entfernt dem ähnlich gewesen wäre, das wir heute kennen. Die Mehrzahl der damaligen Süchtigen war vom Alkohol abhängig.

Freiheitliche Anti-Drogen-Politik

Die Freigabe der Drogen bedeutet nicht, dass der einzelne Bürger dem Drogenkonsum wehrlos gegenüber stünde. Eine freiheitliche Zivilgesellschaft könnte sich besser vor Drogen schützen, als dies der Staat jemals vermocht hat.

Schule

" if you want a world in which your child is not exposed to drugs in schools, don't

have the government outlaw drugs; send your child to a school that outlaws drugs."

Charles Murray

Eine private Schule, die in ihren Entscheidungen wirklich autonom ist, würde die ihr anvertrauten Schüler weitaus wirksamer vor Drogen schützen, als die ineffizienten staatlichen Schulbehörden. Die Eltern hätten in einer derartigen Schule einen viel größeren Einfluss als im gegenwärtigen staatlichen Schulwesen. Die Lehrkräfte einer privaten Lehranstalt wären unmittelbar an der Lösung des Problems interessiert, da ihre Arbeitsplätze davon abhängen. Private Schulen können individueller auf ihre Schüler eingehen als die staatlichen Schulen, die von einer zentralen Bürokratie gesteuert werden.

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Liberale Argumente von A bis Z

Arbeitsplatz

"The most effective anti-drugs-in-the-workplace policy? Free employers from government regulations over terms of employment." Charles Murray

Kein Unternehmer würde einen Drogenkonsumenten einstellen. Nahezu jeder Arbeitgeber würde schnell handeln, wenn ein Drogenproblem bekannt wird, meistens indem die betroffene Person entlassen wird. Das würde eine abschreckende Wirkung auf potentielle Drogenkonsumenten ausüben. Das heute gültige Arbeitsrecht mit seinem Kündigungsschutz verhindert eine wirksame Anti-Drogen-Politik in den Unternehmen.

Wohnviertel

"The most effective anti-drugs-in-the-neighborhood policy? Restoration of unrestricted freedom of association and complete deregulation of housing." Charles

Murray

Die Vermieter würden in einem freien Wohnungsmarkt darauf achten, dass der Wert ihrer Immobilie nicht durch drogensüchtige Mieter gemindert wird. Das gegenwärtige Mietrecht macht es Eigentümern unmöglich, über ihr Eigentum frei zu verfügen. Die Lösung des Drogenproblems im Wohnbereich besteht nicht darin, alle lokalen Drogenhändler ins Gefängnis zu werfen. Wirkungsvoller wäre es, den Immobilieneigentümern die volle Vertragsfreiheit zu gewähren, damit sie eine Umgebung schaffen können, die Drogenhändler meiden.

Liberale Argumente von A bis Z

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Entwicklungshilfe verhindert Entwicklung

"Most rich nations use their foreign aid budgets mainly to employ their own people

and to sell their own goods, with poverty reduction as an afterthought

Aid-

funding projects create massive bureaucracies, which quickly become corrupt and

inefficient, incurring huge losses

spending, often acting against the interests of the market economy

becomes a kind of charity for the powerful while the poor get poorer." Muhammed

Yunus, Gründer der Grameen Bank

Aid money still goes to expand government

Foreign aid

Das Versagen der Entwicklungshilfe

"No one who has seen the evidence on aid effectiveness, can honestly say that aid is

currently achieving its objective." Paul Collier, Oxford University, 1997.

Ein Großteil der Zahlungen ging an Regierungen, die selbst das größte Entwicklungshemmnis sind, durch: zentrale Kommandowirtschaft, Verstaatlichungen, Handelsbeschränkungen, Behinderung der Berufsausübung, Nicht-Anerkennung von Eigentumsrechten, Lohn- und Preiskontrollen, staatliche Exportmonopole, Beschränkung ausländischer Privatinvestitionen.

Selbst wenn die Hilfe an Regierungen geht, die marktorientierte Reformen versprechen, entstehen negative Wirkungen, da dadurch der Druck von der Empfängerregierung genommen wird, die angekündigten Liberalisierungen durchzuführen. Derartige Hilfen verzögern Reformen, anstatt sie zu beschleunigen.

Politisierung der Wirtschaft in den Entwicklungsländern. Da die Zentralregierung durch die Entwicklungshilfe mit großen Ressourcen ausgestattet ist, nimmt der Verteilungskampf zu, zu Lasten produktiver Tätigkeiten.

Die "Hilfe" beruht auf einem falschen Entwicklungsmodell. Ein Land kann sich aus der Armut nur befreien, wenn eine Reihe von Bedingungen vorhanden sind, wie:

Garantie des privaten Eigentums, Rechtssicherheit, Wettbewerb, offene Märkte. Die Wirtschaftssubjekte müssen das für die Entwicklung erforderliche Kapital selbst erarbeiten, durch Fleiß, Sparsamkeit und Innovationsfähigkeit. Wenn diese Bedingungen nicht gegeben sind, kann der Zufluss von Hilfsgeldern aus dem Ausland keine eigenständige Entwicklung in Gang setzen. Dass Hilfe aus dem Ausland keine notwendige Bedingung des wirtschaftlichen Aufstiegs ist, zeigt das europäische Beispiel, wo die Industrieländer ohne milde Gaben aus dem Ausland ihre heutige Spitzenstellung erreichten. Der sozialistische Einwand, dass Europa seinen Reichtum kolonialer Ausbeutung verdanke, trifft nicht zu, wie z. B. Finnland oder die Schweiz zeigen, wo das Einkommen je Einwohner weitaus höher ist, als in den ehemaligen Kolonialmächten Spanien oder Portugal.

Aid does not increase investment and growth, nor benefit the poor as measured by improvements in human development indicators, but it does increase the size of

government." Peter Boone, London School of Economics

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Liberale Argumente von A bis Z

Die Irrtümer der Entwicklungshelfer

Die Befürworter der Entwicklungshilfe behaupten, dass diese auch für die Geberländer von Vorteil sei, weil 80% der Entwicklungshilfe als Kaufaufträge wieder in die Geberländer zurückgehen. Zu diesem Argument bemerkt Peter Bauer: "To argue that aid helps the domestic economy, is like saying that a shop-keeper benefits from having his cash register burgled so long as the burglar spends part of the proceeds in his shop."

Nach sozialistischer Auffassung gibt es eine eindeutig abgrenzbare "Dritte Welt", die ohne Entwicklungshilfe in Armut verharren müsste. Tatsächlich gibt es keine einheitliche 3. Welt. Die Länder, die zu ihr gezählt werden, sind äußerst unterschiedlich, auch in ihrem Entwicklungsstand. Was hat Papua Neu-Guinea und Mexiko, Indonesien und Peru, Malaysia und Lesotho, Indien und Tschad, Afghanistan und Chile, miteinander gemeinsam? Das Ausmaß der Entwicklungshilfe kann die sehr unterschiedliche Entwicklung der Länder der "Dritten Welt" nicht erklären. Peter Bauer: "The West began poor and progressed without external aid. And large areas of the present Third World progressed rapidly long before foreign aid, as for instance much of South-East Asia, West Africa and Latin America."

Die Entwicklungshilfe soll die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes fördern, tatsächlich bewirkt sie das Gegenteil, denn sie schafft falsche Anreize. Peter Bauer:

inflow "

of aid lends support to the idea that improvement in one's fortunes depends

on other people, the government, the rich, one's superiors, or foreigners. Here again

aid pauperizes the recipients. They are encouraged to expect success without

achievement, to believe that material reward depends on windfalls

delusion that a society can progress from indigence to prosperity without the intermediate stage of economic effort and achievement."

Aid promotes the

Nach der sozialistischen Lehre haben milde Gaben immer eine wohltätige Wirkung. Die Realität hat gezeigt, dass dies weder in armen Ländern, siehe Beispiel:

Mikronesien, noch in entwickelten Ländern der Fall ist. Das israelische Institute for Advanced Strategic and Political Studies stellte 1996 fest: "Almost one-seventh of the GDP comes to Israel as charity. This has proven to be economically disastrous. It prevents reform, causes inflation, fosters waste, ruins our competitiveness and efficiency, and increases the future tax burden on our children who will have to repay the part of the aid that comes as loans."

In Spendenkampagnen wird behauptet, dass die Entwicklungshilfe notwendig sei, um den Ärmsten in der Dritten Welt zu helfen. Peter Bauer: "Official aid does not go to poor people, to the skeletal figures of aid propaganda. It goes instead to their rulers whose spending policies are determined by their own personal and political interests, among which the position of the poorest has very low priority. Indeed, to support rulers on the basis of the poverty of their subjects is more likely to encourage policies

of impoverishment than to deter them." Von der Entwicklungshilfe profitieren in den Empfängerländern jene Gruppen, die politisch einflussreich sind, wie Beamte, Militärs, Akademiker, städtische Gewerkschaften, und natürlich die Politiker selbst.

Negatives Beispiel: Mikronesien

Dieser Archipel im Pazifik wurde 1945 Treuhandgebiet der USA. Die neue Verwaltung überschüttete ihre angeblich unmündigen Untertanen mit Wohltaten. Jeder Mikronesier hatte Anspruch auf kostenlose Kleidung, Nahrung und andere Dienste des Staates. Unter diesen

Liberale Argumente von A bis Z

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Umständen gingen viele einheimische Bauern und Handwerker Konkurs, da es für ihre Waren keinen Markt mehr gab. Der Anreiz für eine Erwerbstätigkeit wurde geringer, da "Vater Staat" für alles sorgte. Es kam zu einer verhängnisvollen Spirale nach unten: je geringer die Produktivität - desto mehr "Hilfe" war erforderlich; eine Erhöhung der "Hilfe" führte aber direkt zu einer weiteren Senkung der Arbeitsleistung.

Von 1947 bis 1985 bezog Mikronesien, das 150.000 Einwohner hat, 2,4 Milliarden $ an Entwicklungshilfe. Die Agrarproduktion ging um 50% zurück und die Einfuhr von Lebensmitteln stieg um das Fünffache. Nach einigen Jahrzehnten Entwicklungshilfe waren

die Mikronesier völlig von ihr abhängig geworden. Ein Einheimischer beschrieb das Problem

so: "We have no technicians, no plumbers, no electricians

handed us everything and didn't ask us to do anything for ourselves."

because

the U.S. Government

Positives Beispiel: Hongkong

Was ist nach der sozialistischen Entwicklungstheorie von einem Land zu erwarten, dass:

bezogen auf die Bevölkerungszahl sehr klein ist und deshalb die höchste Bevölkerungsdichte der Welt aufweist;

kaum landwirtschaftlich nutzbare Flächen hat, sondern überwiegend aus erosionsgeschädigten Hügeln besteht;

über keinerlei Bodenschätze verfügt und sogar einen Großteil seines Trinkwassers einführen muss;

seit dem 2. Weltkrieg ein starkes Wachstum seiner Einwohnerzahl zu verzeichnen hat, einerseits infolge einer hohen Geburtenrate, andererseits durch eine enorme Zuwanderung;

niemals Entwicklungshilfe erhalten hat und dessen Regierung jede Entwicklungsplanung ablehnte;

keine vom Volk gewählte Regierung hatte, sondern bis 1997 von einer ausländischen Kolonialmacht regiert wurde?

Nach der sozialistischen Entwicklungslehre müssten alle Bewohner dieses Landes schon längst verhungert sein. Doch das Gegenteil davon ist eingetreten. Das kleine Land wurde zu einem der größten Exporteure der Welt. Viele entwickelte Staaten fühlten sich der neuen Konkurrenz nicht gewachsen und errichteten Handelsschranken gegen Einfuhren aus Hongkong. Die Realeinkommen sind dort während der letzten Jahrzehnte stark gestiegen. Das Lohnniveau ist nur geringfügig niedriger als in Japan.

Wie war dieser Erfolg möglich? Hongkong hat viele Empfehlungen aus dem liberalen Lehrbuch befolgt:

kaum Eingriffe des Staates in die Wirtschaft, geringe Regulierungsdichte;

niedrige Steuern und ausgeglichener Staatshaushalt;

keine staatlichen Subventionen, Gleichbehandlung aller Unternehmen;

freie Ein- und Ausfuhr von Waren und Dienstleistungen;

unbeschränkter Kapitaltransfer in beide Richtungen.

Hongkong zeigt, dass ein starker Bevölkerungszuwachs keineswegs ein Entwicklungshindernis sein muss. Peter Bauer stellt dazu fest: "Hong Kong bears out that

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Liberale Argumente von A bis Z

population increase is not an obstacle to progress, that suitably motivated people are assets not liabilities, agents of progress as well as its beneficiaries."

Es ist bemerkenswert, dass der Aufschwung Hongkongs in einer Situation erfolgte, die von politischer Unfreiheit und wirtschaftlicher Freiheit gekennzeichnet war. Die britische Kolonialmacht hat erst kurz vor der Übergabe Hongkongs an China die Wahl eines repräsentativen Parlaments zugelassen. Peter Bauer verweist mit Recht darauf, dass diese Besonderheit der politischen Rahmenbedingungen weit reichende Folgen hatte: "The absence of election promises, together with an open economy and limited government, have much reduced the prizes of political activity and hence the interest in organizing pressure groups."

Zwischen wirtschaftlicher und politischer Freiheit gibt es keinen eindeutigen Zusammenhang. Einerseits gilt: wenn die wirtschaftliche Freiheit eingeschränkt wird, kann die politische Freiheit nicht erhalten bleiben und geht schrittweise verloren, wie Friedrich von Hayek in Der Weg in die Knechtschaft nachgewiesen hat. Andererseits ist es möglich, eine weitgehende wirtschaftliche Freiheit in einem System relativer politischer Unfreiheit zu haben.

"The relation between political and economic freedom is complex and by no means

unilateral." Milton Friedman

"Hong Kong should remind us that a non-elective government can be more limited than an elected one; and that for most ordinary people it is arguably more important whether government is limited or unlimited than whether it is elective or non-elective." Peter Bauer

Handel statt Hilfe

Wer den Entwicklungsländern helfen will, muss ihnen freien Zugang zu den Märkten der entwickelten Staaten gewähren, indem man alle Einfuhrzölle und Mengenbeschränkungen für Importwaren abschafft. Nur der Freihandel gewährleistet eine nachhaltige Einkommenssteigerung der Armen, siehe unser Kapitel über Globalisierung.

Die so genannte Entwicklungshilfe nutzt nur den Helfern, schadet aber denen, für die sie angeblich gedacht ist. Folgende Rückbaumaßnahmen sind erforderlich:

Abschaffung des Entwicklungshilfeministeriums und seiner nach geordneten Organisationen. Stattdessen bedingungslose Öffnung des heimischen Marktes für Produkte und Dienstleistungen der Entwicklungsländer. Gerade in den Wirtschaftsbereichen, wo die Entwicklungsländer besonders leistungsfähig sind, wie Landwirtschaft oder Textilindustrie, schotten sich die Geberstaaten durch Zölle und Mengenbeschränkungen ab. Ein freier Handel würde es der "Dritten Welt" ermöglichen, sich selbst zu helfen.

Einstellung aller Hilfs-Zahlungen an die Entwicklungsländer. Deutschland hat im Jahr 2000 für Entwicklungshilfe 0,27% seines BNP aufgewandt, das sind 5 Milliarden US- Dollar. Die OECD-Länder gaben in 2000 rund 54 Milliarden Dollar an Entwicklungshilfe. Im selben Jahr subventionierten die OECD-Staaten die eigene Landwirtschaft mit 245 Milliarden Dollar. Diese Prioritätensetzung zeigt den

Liberale Argumente von A bis Z

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Stellenwert der angeblich so hilfsbedürftigen Entwicklungsländer bei der politischen Klasse. Offensichtlich glauben die Politiker nicht an ihre eigene Propaganda.

Austritt aus der Weltbank. Diese Institution wurde 1944 geschaffen, um Infrastrukturprojekte zu finanzieren, für die kein privates Kapital gewonnen werden konnte. Die Erfahrung hat gezeigt, dass die geförderten Vorhaben eine so geringe Effizienz aufweisen, dass die Investitionen nach rationalen Kriterien nicht gerechtfertigt sind.

Keine Kreditbürgschaften und andere Hilfsmaßnahmen für heimische Privatunternehmen, die Handel mit Entwicklungsländern treiben. Das ist Unternehmens-Wohlfahrt, die nur einige inländische Empfänger begünstigt.

Kein Schuldenerlass für die Entwicklungsländer. Diese häufig erhobene Forderung ist ein Eingeständnis, dass die bisherige Entwicklungspolitik völlig versagt hat. Wenn Schulden nicht zurückgezahlt werden können, dann ist das ein Beweis dafür, dass die geliehenen Gelder nicht produktiv angelegt wurden. Jeder Schuldenerlass würde die korrekten Kreditnehmer bestrafen, die säumigen Zahler belohnen. Peter Bauer sagt dazu: "Any difficulty in servicing the debts is clear evidence that the capital was supplied to governments who have wasted resources they received, or who refuse to

honour their obligations. Debt cancellation thus favours the incompetent, the improvident and the dishonest."

Keine staatliche Unterstützung privater Hilfsorganisationen. Massive staatliche Zahlungen würden den Charakter dieser karitativen Institutionen ändern. Peter Bauer:

" voluntary charity for helping the poor in the Third World, though greatly

preferable to official aid, also needs to be administered with considerable care

If it

is envisaged as a long-term process of giving out alms rather than as disaster relief, it can easily lead to permanent pauperization. It is also likely to encourage feelings of superiority in the donors and of dependence in the recipients." Manche private Einrichtungen, wie die Grameen Bank in Bangladesh, die seit den 1970er Jahren

Kleinstkredite von insgesamt 1,5 Milliarden $ an private Mini-Unternehmen gewährt hat und dabei eine Rückzahlungsrate von 98% vorweisen kann, benötigen keine staatliche Unterstützung.

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Liberale Argumente von A bis Z

Feminismus gegen Gleichbehandlung

"Der Feminismus ist nicht der Kampf des Weibes gegen den Mann, sondern der Kampf des mißratenen Weibes gegen das wohlgeratene." Friedrich Nietzsche

Die Gleichheit vor dem Gesetz

Der Liberalismus tritt dafür ein, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind. Für Männer und Frauen müssen die gleichen staatlichen Regeln gelten. Niemand darf auf Grund seines Geschlechts bevorzugt oder benachteiligt werden. Bereits 1775 forderte Thomas Paine im Pennsylvania Journal die rechtliche Gleichstellung der Frauen.

Die Feministinnen des 19. Jahrhunderts konnten sich also durchaus auf den Liberalismus berufen, wenn sie für Frauen das gleiche Stimmrecht bei Wahlen oder den ungehinderten Zugang zu höheren Bildungseinrichtungen forderten. Von dieser frühen Frauenbewegung, die für eine juristische Gleichbehandlung der beiden Geschlechter eintrat, unterscheidet sich der gegenwärtige Feminismus fundamental.

Gender Mainstreaming

In den Staatsapparaten dominiert seit mindestens einem Jahrzehnt eine extremistische Variante des Feminismus, die sich nach eigener Aussage dem "Gender Mainstreaming" (GM) verschrieben hat. Darunter wird eine Neudefinition der Rolle von Mann und Frau verstanden. Jeder Mensch soll ein neues, kulturell definiertes Geschlecht bekommen. Dieses Gender kann man angeblich unabhängig von seinem biologischen Geschlecht frei bestimmen.

"Gender Mainstreaming heißt im Klartext kompletter Umbau der Gesellschaft und Neuerfindung der Menschheit. Gender Mainstreaming ist eine Art totalitärer

Kommunismus in Sachen Sex und Geschlechterbeziehung. Die real existierende Welt wird unterschwellig das (zu eliminierende) Patriarchat genannt, und die Frau und auch die Gesellschaft sollen zu ihrem Glück in Gestalt eines Matriarchats auf leisen Sohlen gezwungen werden: Frauen in den Beruf und an die Macht, sprich in die Führungspositionen in Politik, Wirtschaft und Kultur. Männer an den Herd und in die traditionell zu 100 % von Männern besetzten Schwerstarbeiten, wie

Untertagebau, Kampftauchen, Firefighter

Kinder in die Krippen, Mädchen in die

GM-Förderprogramme, Jungs in die Gender Mainstream-Umerziehungsschule, wo sie die historischen Verbrechen der Männer an den Frauen büffeln. Und die Familie? Abgeschafft das ist letztlich das in den Leitgedanken des Gender Mainstreaming konkret benannte und sich aus den Konzepten ergebende Bild

dieser Politik." Bettina Röhl

Die GM-Politsekte war bei der Infiltration der Staatsbürokratie bisher sehr erfolgreich. Die Höhepunkte ihres langen Marsches durch die Institutionen sind:

Liberale Argumente von A bis Z

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Die Vierte Weltfrauenkonferenz der Vereinten Nationen 1995 in Peking, wo

beschlossen wurde, dass "geschlechtsspezifische Belange in die Konzeption

aller Politiken" integriert werden müssen.

Der Amsterdamer Vertrag der EU-Staaten vom 1. Mai 1999, in dem es heißt: "Die

Förderung der Gleichstellung von Frauen und Männern ist nach Art. 2 und 3 Abs. 2 des EG-Vertrages verpflichtende Aufgabe bei allen Tätigkeiten der Gemeinschaft im Sinne der Gender Mainstreaming- Strategie."

Der Beschluss der Bundesregierung vom 23. Juni 1999, in dem "die

Gleichstellung von Frauen und Männern als durchgängiges Leitprinzip ihres Handelns anerkannt und beschlossen [wird], diese Aufgabe mittels der Strategie des Gender Mainstreaming zu fördern."

Die Festlegung am 26.7.2000 in § 2 der Gemeinsamen Geschäftsordnung der

Bundesministerien auf "die Verpflichtung aller Ressorts

diesen Ansatz

[GM] bei allen politischen, normgebenden und verwaltenden Maßnahmen

der Bundesregierung zu beachten."

GM ist das Gegenteil einer geschlechtsneutralen Politik, wie sie vom klassischen Liberalismus gefordert wird. Die GM-Politiker bekennen sich offen zu ihrer Abkehr von der Isonomie, der Gleichheit vor dem Gesetz. Im obigen Beschluss der Bundesregierung heißt es:

die "Notwendigkeit der Erhöhung des Frauenanteils in Verwaltung und Politik erfordert gezielte Frauenförderungsmaßnahmen, um den Frauenanteil auf allen Hierarchieebenen, insbesondere in Entscheidungs- und Leitungspositionen zu erhöhen." Dabei könnten sich "Ungleichbehandlung und

Fördermaßnahmen (positive Aktionen)

Diskriminierungen der Vergangenheit und Gegenwart auszugleichen."

"Bist du Frau, bleibst du Frau, bekommst aber alles, was die Gesellschaft zu bieten hat. Zudem werden Förderprogramme für dich aufgelegt, wie der bereits

als notwendig erweisen, um die

eingeführte 'Girlsday'

ignoriert hast. Bist du Mann, kannst du wählen, ein bisschen oder auch ein bisschen mehr Frau zu werden, wenn dir danach ist. Du kannst zwar keine Kinder

damit du endlich Männerberufe ergreifst, die du bisher

bekommen, aber dafür werden dir Lernprogramme angeboten, ab jetzt die Kinder großzuziehen und die Alten zu pflegen, als Kompensation dafür, dass diese Arbeiten in den vergangenen 20 000 Jahren von Frauen erledigt wurden. In den

bekommst du, Mann, Quoten, die

Berufen, in denen Männer bisher dominierten

durchaus ungerecht sein dürfen, wegen der bereits genannten historischen

Gerechtigkeit." Bettina Röhl

GM hat eine umfassende politische Zielvorstellung. Die gesamte Gesellschaft soll nach einem einheitlichen Prinzip gestaltet werden. Dieser Wille, die gesamte soziale Wirklichkeit einem politischen Programm zu unterwerfen, ist totalitär. Er bezeichnet den äußersten Gegensatz zum klassischen Liberalismus, der die Menschen frei über ihr Leben entscheiden lässt.

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Liberale Argumente von A bis Z

Staatliche Beschäftigungsquoten

In wessen Interesse fordern die Feministinnen berufliche und politische Frauenquoten? Es fällt auf, dass unter Frauenförderung eher die Besetzung standesgemäßer Positionen durch Kämpferinnen mit Hochschulabschluss verstanden wird, als mehr Frauen im Bergbau, bei der Wartung von Abwasserkanälen, bei Bombenentschärfung, Fliesenverlegung und ähnlichen Männerdomänen. Wenn schon Quote, warum dann nicht überall? Die Berufe mit hohem Verletzungs-, Erkrankungs- und Todesfallrisiko werden fast ausschließlich von Männern ausgeübt. Auf zwölf Männer, die einem tödlichen Berufsunfall zum Opfer fallen, kommt eine Frau, die das gleiche Schicksal erleidet.

Die Behauptung der Feministinnen, dass eine männliche Verschwörung die Frauen aus den Führungspositionen fernhält, ist wenig glaubwürdig. Zumindest die Unternehmen der privaten Wirtschaft haben ein großes Interesse daran, möglichst leistungsfähige Mitarbeiter zu gewinnen, da ihr Überleben im Wettbewerb davon abhängt. Sollte ein Unternehmer Bewerberinnen für ein Führungsamt ablehnen, obwohl sie qualifizierter als ihre männlichen Mitbewerber sind, dann schadet er sich selbst. Er hätte einen Wettbewerbsnachteil gegenüber den Unternehmern, die diese Vorurteile nicht haben. Das so oft geschmähte Profitmotiv der Kapitalisten ist der beste Garant für eine gerechte Einstellungspolitik.

Welchen Preis zahlen gerade die tüchtigen Frauen für die Einführung einer Frauenquote? Sobald eine Quote besteht, ist jede Frau, die Karriere macht, automatisch dem Verdacht ausgesetzt, dass sie ihren Aufstieg nicht ihrer Leistung, sondern einer sachfremden Bevorzugung verdankt.

"Keine Frau will als Quotenfrau gelten - jede, die es zu etwas gebracht hat, weist den Verdacht empört von sich - ob zu Recht oder zu Unrecht, bleibt dahingestellt.

Junge Frauen

Frauenpolitik zu werden." Katharina Rutschky

wollen sich lieber bescheiden

als Objekte einer begünstigenden

Staatliche geschlechtsbezogene Quoten verletzen die Vertragsfreiheit, die Assoziationsfreiheit und den Gleichbehandlungsgrundsatz. Quoten, die ein Geschlecht bevorzugen, indem sie das andere benachteiligen, sind ein Instrument der geschlechtsbezogenen Diskriminierung. Der Feminismus praktiziert das, was er zu bekämpfen vorgibt.

Feminismus ohne Mandat

Die Feministinnen behaupten, für alle Frauen zu sprechen. Tatsächlich vertreten die feministischen Aktivistinnen nur ihre eigenen, sehr selbstsüchtigen Interessen.

"Wie viele Frauen haben anderen Frauen Mandate gegeben in Kenntnis dessen, dass die Mandatierten mehr oder minder klammheimlich die Welt gendermäßig umkrempeln wollen? Will die Mehrheit der Frauen die Erziehung ihrer Kinder abgeben? Wollen alle Frauen im Beruf stehen? Will die Mehrheit der Frauen, dass ihre Söhne systematisch von GM benachteiligt werden als Buße für historische Ungerechtigkeiten, tatsächliche und behauptete?" Bettina Röhl

Liberale Argumente von A bis Z

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Diese Fragen müssen sich die Feministinnen nicht stellen, denn sie vertreten ein Dogma, das für sie offenkundig ist. Als totalitäre Persönlichkeiten empfinden sie die Frage nach ihrer Legitimation als Zumutung und Teil einer männlichen Verschwörung.

"Ohne es je zu bemerken oder zu reflektieren, hat sich die Frauenbewegung nicht nur als Avantgarde verstanden, sondern sich auf dem Weg in die Institutionen auch ein leninistisches Parteikonzept ohne Partei zu eigen gemacht, das es Frauenpolitikerinnen erlaubt, parteilich für Frauen zu sein, auch wenn diese sich

sträuben." Katharina Rutschky

Die Frauenbewegung rekrutiert ihre Aktivisten, ähnlich wie die Umweltbewegung, überwiegend aus dem akademischen Proletariat. Die Angehörigen dieser Gruppe leiden unter einer Diskrepanz zwischen ihrem unbändigen persönlichen Ehrgeiz und ihren eher bescheidenen Kenntnissen und Fähigkeiten. Diese Frustrierten hassen die private Wirtschaft, die nicht bereit ist, ihr Genie gebührend zu würdigen. Beide Bewegungen sind der Ausdruck von bildungsökonomischen Fehlentscheidungen in den 1960er Jahren, als das für Studenten kostenlose Hochschulstudium dazu führte, dass ohne Rücksicht auf die Nachfrage am Arbeitsmarkt ausgebildet wurde. Kostendeckende Studiengebühren hätten uns viele Probleme erspart.

"Geld ist zwar so knapp wie lange nicht mehr, aber Problemlösungskapazitäten ohne Problem sind im Überfluß vorhanden. Das zeigt jeder Blick auf den Arbeitsmarkt, gerade auch auf den für soziale und therapeutische Berufe. Fehlende Inanspruchnahme von Juristen, Medizinern, Psychologen und Pädagogen auf der einen, Opfer, die sich nicht einfinden wollen, auf der anderen Seite - das ist der soziale Untergrund für ideologische Entwicklungen aller Art, zu denen die Frauenbewegung ihr Gutteil beiträgt." Katharina Rutschky

Für die Aktivistinnen hat sich die Frauenbewegung gelohnt. Sie haben sich nicht nur unzählige Stellen für Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte geschaffen, sondern auch eine starke Stellung, der Quote sei Dank, in den Führungspositionen von Parteien und Staatsbürokratie und zunehmend auch der privaten Wirtschaft erobert. An den Hochschulen wurden rund 100 Lehrstühle für Frauenforschung und Genderstudien eingerichtet, die dafür sorgen, dass die feministischen Kämpferinnen immer wieder neue Munition erhalten. Das kostet zwar einiges an Steuergeldern und mindert die Effizienz der betroffenen Organisationen, aber für edle Ziele muss man Opfer bringen.

"Die angeblich alle Frauen umfassende und vertretende Frauenbewegung hat, den Grünen vergleichbar, nur ihren Funktionärinnen nennenswert genutzt." Cora

Stephan

Die Neutralität des Staates

Die Gender-Mainstreaming Ideologie stellt einen vollständigen Bruch mit den herkömmlichen Werten und Regeln des Zusammenlebens der Geschlechter dar. Dabei ist zu bedenken, daß sich die tradierten Sitten und Moralvorstellungen in einem Selektionsprozess ausprägten, in dem nur jene Normen Bestand haben konnten, die das Überleben ihrer Träger sicherten. Im Verlauf der Menschheitsgeschichte wurden bereits alle erdenklichen menschlichen Verhaltensweisen einer gnadenlosen Überprüfung unterzogen. Nur das Beste davon hat den

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Liberale Argumente von A bis Z

Test der Geschichte überstanden. Es ist deshalb selbst zerstörend, das tradierte Wertsystem insgesamt zu ändern.

"Und da wir unsere Gesellschaftsordnung einer Tradition von Regeln verdanken, die wir nur unvollkommen verstehen, muß jeder Fortschritt auf Tradition beruhen. Wir müssen auf die Tradition bauen und können an ihren Ergebnissen nur

herumbessern." Friedrich von Hayek

Um das Ausmaß des Traditionsbruchs zu veranschaulichen, zitieren wir hier ausführlich Jean-Jacques Rousseau (1712-1778), einen der geistigen Stammväter des modernen Sozialismus. Alle Zitate stammen aus Rousseaus Bildungsroman Emil oder Über die Erziehung, wobei zu berücksichtigen ist, dass Rousseau für und über die damalige französische Oberschicht schrieb.

"Der Reiz des Familienlebens ist das beste Gegengift gegen den Verfall der Sitten."

"Aber noch nicht zufrieden damit, daß sie ihre Kinder nicht mehr stillen, gehen die Frauen in ihren Wünschen sogar so weit, gar keine Kinder mehr zu bekommen: die Folge davon ist nur zu natürlich. Sind der Mutter ihre Pflichten erst lästig, dann findet man auch bald Mittel sie gänzlich abzuschütteln."

"Die Frauen haben aufgehört Mütter zu sein und werden es nie wieder werden, weil sie es nicht mehr sein wollen. Schon wenn sie es wollten, würden sie es kaum imstande sein. Da heutzutage einmal die gerade entgegengesetzte Sitte die Oberhand gewonnen hat, würde jede, die den Versuch wagte, den Widerspruch aller derer zu bekämpfen haben, mit denen sie in Berührung kommt, sind sie doch alle gegen ein Beispiel verbündet, das die einen nicht gegeben haben und die anderen nicht befolgen wollen."

"Mögen die Frauen nur erst wieder Mütter werden, dann werden die Männer auch bald wieder Väter und Gatten sein."

"Wie die Mutter die eigentliche Amme ist, so ist der Vater der eigentliche Lehrer [Das Kind] wird von einem vernünftigen, wenn auch, was die Kenntnisse anlangt, etwas beschränkten Vater besser als von dem geschicktesten Lehrer der Welt erzogen werden, denn der Eifer wird das Talent eher als das Talent den Eifer ersetzen."

"Was tut nun aber dieser reiche Mann, dieser so mit Geschäften überladene Familienvater, daß er sich, wie er überall vorgibt, leider abgehalten sieht, seinen Kindern seine volle Fürsorge zu widmen? Er bezahlt einen anderen Mann, um die Pflichten, die ihm selbst zu beschwerlich sind, zu übernehmen. Feile Seele! Bildest du dir ein, deinem Sohn für Geld einen zweiten Vater geben zu können? Täusche dich nicht; nicht einmal einen Lehrer gibst du ihm auf diese Weise, es ist nur ein Knecht. Bald wird er einen zweiten aus ihm machen."

Liberale Argumente von A bis Z

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Wir sehen bei Rousseau, dass der Feminismus seinen Ursprung in der moralischen Entartung der Oberschicht einer untergehenden Epoche hatte. Heute hat der Feminismus den Charakter einer Massenbewegung angenommen, die sich durch rationale Argumente nicht beeindrucken lässt. Gender Mainstreaming ist ein Experiment, das genau so zum Scheitern verurteilt ist, wie der real existierende Sozialismus. Beide Revolutionen verstoßen gegen die menschliche Natur.

" die Natur selbst [hat] der Frau ihren Beruf als Mutter und Hausfrau

vorgeschrieben

Schädigungen, welche sich im vorliegenden Falle besonders an dem nachwachsenden Geschlecht zeigen würden, ignoriert werden." Max Planck

Naturgesetze [können] unter keinen Umständen ohne schwere

Im Konflikt von konventionellen und feministischen Wertvorstellungen muss der Staat nach Auffassung des klassischen Liberalismus neutral bleiben. Er soll eine geschlechtsneutrale Politik betreiben und die Familie als eine Privatangelegenheit behandeln, die weder bevorzugt noch benachteiligt werden darf. Die notwendige Auseinandersetzung mit dem Feminismus ist in der Zivilgesellschaft zu führen.

Feministische Sprachregelungen

Die Gender Mainstreamer haben den totalitären Anspruch, die gesamte Welt nach ihrem Bild zu formen. Auch das Denken soll feministisch werden. Zu diesem Zweck muss die Sprache so umgeformt werden, dass unerwünschte Gedanken erst gar nicht formuliert werden können. Die Schaffung dieses feministischen Neusprech bezeichnen die GM-Revolutionäre etwas hochtrabend als Feministische Linguistik, obwohl es nicht mehr ist, als eine bornierte Gängelung und Zensur.

Wir haben jedenfalls von der feministischen Sprachsäuberung sehr profitiert. Er durch sie wurden wir darauf aufmerksam gemacht, wie sexistisch unser Gebrauch der deutschen Sprache bisher war. Wir bekennen reumütig, dass wir bis heute die maskuline Form von Substantiven und Pronomina generisch verwendet haben, also z. B. schrieben: "Jeder Betrüger muss entlarvt werden", wo es doch richtig heißen muss: "Jeder Betrüger und jede Betrügerin müssen entlarvt werden". Das ist zwar länger, aber verletzt nicht die Würde der Frau. Eine politisch korrekte kürzere Schreibweise wäre: "Jede BetrügerIn muss entlarvt werden". Das widerspricht zwar der Logik der deutschen Sprache, ist aber gerade deshalb gut. Ein wenig revolutionäre Zerstörung des Bestehenden muss schon sein. Schließlich will die feministische Avantgarde ihre Macht beweisen.

Besonders dankbar sind wir den feministischen LinguistInnen für die Aufdeckung der Motive unseres sexistischen Sprachgebrauchs. Die generische Verwendung der maskulinen Form erfolgt, so erfahren wir, weil dadurch bei den gemischtgeschlechtlichen Gruppen, auf die man/frau sich bezieht, mehr an Männer als an Frauen gedacht werden soll. Wir sind beeindruckt von der analytischen Brillanz dieser Diagnose. Allein diese tief schürfende Erkenntnis ist das Geld der Steuerzahler für die Gender Studies wert.

Wir wollen hier unseren Beitrag zur feministischen Gedankenkontrolle leisten, indem wir die politisch korrekte Semantik einiger Begriffe verbindlich vorschreiben:

Ehe: Gesellschaftliche Konvention zur Unterdrückung von Frauen.

Schwangerschaft: Feindliche Invasion des weiblichen Körpers.

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Liberale Argumente von A bis Z

Kinder: Karrierehemmnis, um das sich andere kümmern sollen. Für diese ist die Kinderaufzucht aber eine erstrebenswerte Karriere, falls die Tätigkeit bezahlt wird. Das Abschieben der Kinder in Kinderkrippe und Ganztagsschule ist eine humanitäre Handlung an den Kindern. Daran sieht man, wie selbstkritisch Feministinnen sind, denn diese Behauptung impliziert, dass fremde Erzieher, die sich gleichzeitig um viele Kinder kümmern müssen, engagierter und qualifizierter sind, und folglich bessere Ergebnisse erzielen, als die abgebenden Mütter.

Haushaltsarbeit: Liegt unter der Würde der Feministin, die sich perfekt von den 3 K (Kinder, Küche, Kirche) emanzipiert hat. Zwar wird die Tätigkeit von Haushaltsexperten, vom Koch bis zur Hauswirtschaftsmeisterin, gesellschaftlich anerkannt und gut bezahlt, aber die emanzipierte Frau weist diese Arbeit von sich, obwohl sie nicht bewiesen hat, dass sie auch nur ein Zehntel dessen ausführen könnte, was eine gute Hausfrau täglich bewältigt. Schon der Fuchs in der Fabel bezeichnete die Trauben, die er nicht erreichen konnte, als sauer.

Bezahlte Arbeit: Die eigentliche Bestimmung der Frau, sofern es sich um eine Führungsposition oder zumindest um einen ruhigen Bürojob handelt. Politisch völlig unkorrekt ist die Frage, warum eine Frau, die in der Kindererziehung und im Haushalt versagt, im Beruf plötzlich gute Leistungen vollbringen sollte.

Vater: Samenspender und Unterhaltszahler, jedoch nicht Erziehungsberechtigter.

Sexuelle Belästigung: Unerwünschtes Kompliment eines Mannes.

Frauenfeind: Jeder Mann, der einer Feministin widerspricht (Synonyme: Chauvinist, Sexist, Idiot, Faschist; beachte aber: "Kommunist" ist kein Schimpfwort).

Meinungsfreiheit: Grundrecht, das alle Menschen haben, solange sie feministische Auffassungen vertreten.

Gleichstellung: Bevorzugung von Frauen durch Quoten und aktive Fördermaßnahmen. Die Gleichstellung erfordert eine Ungleichbehandlung der Geschlechter, um vergangenes Unrecht zu sühnen. Beispiel: Männer unterliegen der Wehrpflicht, Frauen nicht.

Umlagefinanzierte Rente: Frauenfreundliche Maßnahme, denn Männer füllen die Rentenkasse, während Frauen sie leeren. Die Umlagefinanzierung garantiert, dass kinderlose Feministinnen nicht für ihr Alter vorsorgen müssen. Die Rente bezahlen dann die Kinder jener Frauen, die von den Feministinnen als "Heimchen am Herd" bezeichnet werden.

Sozialstaat: Erprobtes Kampfmittel zur Schwächung und Zerstörung der traditionellen Familie, in der Frauen unterdrückt und ausgebeutet werden.

Hetero-Sex: Missbrauch des weiblichen Körpers durch herrschsüchtige Männer. Im Prinzip ist jede derartige Aktivität eine Vergewaltigung schutzloser Frauen.

Präimplantationsdiagnostik: Faschistoide Selektion, daher abzulehnen.

Abtreibung: Eine der größten Errungenschaften der Frauenbewegung, denn sie gibt der Frau die Möglichkeit zu wählen. Merke: Mein Bauch gehört mir, einschließlich aller Fremdkörper, die sich in ihm befinden.

Vorschläge zur Frauenbefreiung

Das Matriarchat wird erst vollständig sein, wenn die Dominanz der Männer in den MINT- Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) gebrochen ist. Zur Erreichung dieses Zieles schlagen wir in diesem Bereich spezielle Frauenstudiengänge vor, analog zu den Arbeiter- und Bauernfakultäten an den Hochschulen in der "DDR". Es beruhigt uns sehr, dass einige feministische Studiengruppen bereits an der Verweiblichung der Inhalte dieser Macho-Wissenschaften arbeiten.

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Ein besonderer Skandal ist die Diskriminierung der Frauen im Schachspiel. Die dort dominierenden Männer demütigen immer wieder die Frauen, indem sie letztere einfach nicht gewinnen lassen. In den Ranglisten des Schachs finden sich Frauen nur unter ferner liefen. Sogar eigene Schach-Frauenligen mussten eingeführt werden, um den Frauen die Genugtuung zu verschaffen, in den Charts ganz oben zu stehen.

Dieser Zustand ist völlig unerträglich und muss sofort geändert werden. Wir fordern die Gender Mainstreaming task force im Bundeskanzlerinamt auf, das Ärgernis zu beseitigen. Folgende Maßnahmen bieten sich an: Änderung der Regeln des Schachspiels, um es frauenfreundlicher zu machen; zum Ausgleich historischer Ungerechtigkeiten erhalten Frauen einige Spielfiguren zusätzlich und dürfen während des Spiels den Rat externer Fachleute einholen; Verbot des unheilbar maskulinen Schachspiels, das ein Symbol des untergegangenen Patriarchats ist. Letztere Lösung wird von uns bevorzugt. Die neue bessere Welt muss von den Spuren des überwundenen Ungeistes gereinigt werden.

"The chief distinction in the intellectual powers of the two sexes is shown by man's attaining to a higher eminence, in whatever he takes up, than can woman." Charles

Darwin

Ayn Rand: Zitate

Die liberale Schriftstellerin und Philosophin Ayn Rand hat in ihrem Aufsatz "About a Woman President" (1968) die Frage untersucht, ob es für eine Frau angemessen sei, Präsidentin der USA zu werden. Es geht hierbei um eine idealtypische Position, nicht um Realpolitik. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass es "metaphysically inappropriate" für eine Frau wäre, Präsidentin zu werden, weil es unweiblich ist "the superior, the leader, virtually the ruler of all the men she deals with" zu sein. Jede Frau, die in der Lage wäre, diese "psychologische Folter" zu ertragen, sei charakterlich für das Amt nicht geeignet.

Ayn Rand hat sich in vielen ihrer Werke zur Rolle der Frau geäußert:

"The essence of femininity is hero worship - the desire to look up to man."

"A properly feminine woman does not treat men as if she were their pal, sister, mother - or leader."

"Men are metaphysically the dominant sex."

"An ideal woman is a man-worshiper, and an ideal man is the highest symbol of mankind."

Camille Paglia: Zitate

Camille Paglia ist Professorin für Geisteswissenschaften an der University of the Arts in Philadelphia. Wir zitieren Camille Paglia hier ausführlich, weil ihre Kritik am Gender Mainstreaming besonders zutreffend ist.

"Feminism is 200 years old. It's had many phases. We can criticize the present phase without necessarily criticizing feminism, I want to save feminism from the

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