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Foto © Sabine Sauer | DER SPIEGEL

Gebunden | 288 Seiten mit Abb. | 19,95 [D] | ISBN 978-3-421-04415-0

DENNIS DRENNER (R.); JASON GROW (O.)

HAUSMITTEILUNG

Eine Bank unter freiem Himmel, ein Tisch davor, so sah es im späten Mit- telalter aus, wenn in Florenz, Venedig oder Genua Geldgeschäfte abgewickelt wurden – auf der „Bank“ eben. In den Jahrhunderten seither ist die Welt der Finanzen immer komplexer und auch gefährlicher geworden. Dieses Heft beschreibt den erstaunlichen Kosmos des Kapitals, in dem Spekulationsblasen entstehen und vergehen wie rätselhafte Sonnen.

entstehen und vergehen wie rätselhafte Sonnen. In vorzüglichem Deutsch begrüßte der schottische His-

In vorzüglichem Deutsch

begrüßte der schottische His- toriker Niall Ferguson die SPIE- GEL-Redakteure Alexander Jung und Thomas Schulz und führte sie in sein Büro, ein winziges Zimmer der Harvard- Universität. Ferguson hält sich dort zurzeit ohnehin selten auf, er ist weltweit gefragt als Spe- zialist für die Geschichte des Geldes: Auch Politiker und No- tenbanker suchen seinen Rat.

Im Gespräch erklärt Ferguson, dass er Finanzkrisen für unausweichlich hält, „seit die alten Mesopotamier den Preis für Getreide danach kalkuliert haben, wie wohl die nächste Ernte ausfal- len würde“ (Seite 12). Sein Deutsch hat er übrigens in Hamburg und Berlin per- fektioniert: Dort erforschte er die Inflation von 1897 bis 1927.

Jung, Ferguson, Schulz in Harvard

Als Washington-Korrespondentin Cor-

dula Meyer im Herbst 2007 ihren Job antrat, hatte die US-Hypothekenkrise gerade begon- nen. Bei ihren Recherchen erlebte sie hautnah, wie die faulen Kredite Schockwellen durchs gesamte Finanzsystem schickten. Sie reiste kreuz und quer durchs Land, sprach mit Öko- nomen und sah die halbfertigen Neubausied- lungen und verödeten Innenstädte. Sie hörte die Geschichte der Paula Taylor, die ihre Woh- nung in einem Vorort von Boston räumen musste, nachdem Kreditfirmen ihr einen sit- tenwidrigen Vertrag aufgeschwatzt hatten. „Es gibt viele Gesichter der Krise“, sagt Meyer, „je- der hat die Verantwortung von sich wegge- schoben und angenommen, es würde schon gutgehen“ (Seite 130).

und angenommen, es würde schon gutgehen“ (Seite 130). Meyer in Washington Mit John Maynard Keynes hat

Meyer in Washington

Mit John Maynard Keynes hat sich Hauke Janssen schon in seiner Dis- sertation über „Nationalökonomie und Nationalsozialismus“ beschäftigt, hier por- trätiert er den vielleicht einflussreichsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts (Sei- te 102). Janssen leitet seit 1998 die SPIEGEL-Dokumentation, die zu jeder Aus- gabe ihr immenses Fachwissen beisteuert und sämtliche Fakten überprüft; seine Kollegen Sonny Krauspe und Rainer Lübbert haben zu diesem Heft besonders beigetragen. André Geicke, der über die Erfindung des Geldes in der Antike pro- moviert hat, schreibt über die Entwicklung „vom Gold zur Buchung“ (Seite 38).

SPIEGEL GESCHICHTE

4 | 2009

3

Kalter Krieg am Nordpol

Die massive Eisschmelze in der Nordpolar- region hat bei den Anrainern einen Wettstreit um die dort vermuteten Öl- und Gasreserven entfacht. Doch was gibt es in der Arktis wirk- lich zu holen?

Christoph Seidler beschreibt anschaulich, wel- che Möglichkeiten sich rund um den Nordpol bieten, aber er schildert auch, welche Gefah- ren der Kampf um die Ressourcen birgt – poli- tisch, wirtschaftlich und ökologisch.

Erhältlich im Buchhandel und bei www.spiegel.de/shop

Ressourcen birgt – poli- tisch, wirtschaftlich und ökologisch. Erhältlich im Buchhandel und bei www.spiegel.de/shop

(M. L.); AKG (M. R.); HORST FRIEDRICHS / ANZENBERGER (R.)

ULLSTEIN BILD (L.); BPK

Nach langer Stagnation 20 blühten im späten Mittel- alter Fernhandel und Finanzgeschäfte auf. (Miniatur, 15. Jh.)

IN DIESEM HEFT

6

Bildseiten

Werte und Wertvernichtung im Lauf der Jahrhunderte

 

DER AUFSTIEG DES KAPITALS

12

„Wir brauchen neue Banken“

Der Harvard-Historiker Niall Ferguson über die Geschichte des Geldes und Lehren aus dem aktuellen Crash

19

Chronik 1096 bis 1480

20

Die kommerzielle Revolution

Mit dem Seehandel an den Küsten des Mittelmeers stieg Italien zur ersten europäischen Bankenmacht auf

24

Wie es wirklich war

Das christliche Zinstabu

26

Glanz und Niedergang der Medici

Die Florentiner Finanzdynastie beherrschte die Politik und den Kapitalmarkt ihrer Zeit – und förderte die Künste

32

Schmiergeld für den Kaiser

Die Fugger aus Augsburg waren die mächtigsten Bankiers im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation

38

Hintergrund

Vom Gold zur Buchung

32 Von mächtigen Bankiers wie den Fuggern waren selbst Kaiser wie Karl V. abhängig. (Münze
32 Von mächtigen Bankiers wie den
Fuggern waren selbst Kaiser wie
Karl V. abhängig. (Münze von 1556)

DIE ERSTE GLOBALISIERUNG

40

Fluch des Silbers

Die Ausplünderung der Neuen Welt beschleunigte Europas Aufstieg

47

Chronik 1480 bis 1800

48

„Große Gartenhure“

Warum Holland dem Tulpen-Wahn verfiel

52

Zocker an der Notenpresse

Der geniale Glücksspieler und Spekulant John Law wird heute als Geldtheoretiker gerühmt

56

Eine Revolution auf Pump

Der Versuch, die bürgerliche Ära in Frankreich auf Papiergeld zu gründen, endete im Desaster

60

Der Heller-Wahn

Eine chaotische Währungsvielfalt machte Reisen und Handel im alten Europa zum Geduldsspiel

 

GLANZ UND ELEND NACH 1800

64

Im Eisenbahnfieber

Die Industrielle Revolution in England schuf die Bedingungen für große Spekulationen und zyklische Krisen

71

Chronik 1800 bis 1900

72

Das liebe Geld und seine Rätsel

Karl Marx, der Erzkritiker des Kapitalismus, war viele Jahre lang auf Spenden angewiesen

140

Mit ungeahnter Zerstörungskraft brachen 2008 die Finanzmärkte zusammen – neue Regeln sind dringend nötig. (Proteste in London im März 2009)

106 Nach dem Ende der Inflation in Deutschland 1923 dienten die Geld- schein-Billionen als Spielzeug.

78

Broker der Könige

Der märchenhafte Aufstieg der Rothschilds aus der Frankfurter Judengasse

82

„Ich werde sie töten!“

Der 1832 in den USA beginnende „Bank War“ war auch ein Streit um den Kapitalismus

86

Lehren aus dem Gründerkrach

Das Börsendesaster, das 1873 die Weltwirtschaft erschütterte, zog die Grund- legung des Sozialstaats nach sich

91

Ortstermin

„Die Fledermaus“ und die Börse

 

DER DOPPELSCHOCK

92

Das Fanal von 1929

Mit dem Crash an der Wall Street begann die schlimmste Wirtschaftskrise der Welt

101

Chronik 1900 bis 1945

102

Lob der Verschwendung

John Maynard Keynes wälzte die moderne Volkswirtschaftslehre um

106

Nationales Trauma

Die deutsche Hyperinflation von 1922/23 trieb Millionen Menschen ins Elend

114

Seitenblick Staatliche Tricks gegen Schulden

116

Betrogene Betrüger

KZ-Häftlinge mussten auf Befehl der Nazis massenhaft britische Pfund-Noten fälschen

ABSTURZ NACH DEM BOOM

118

Vom Berghotel ins Casino

Im amerikanischen Bretton Woods wurden 1944 Regeln für die Weltwirtschaft festgelegt – sie hielten nicht lange

125

Chronik 1945 bis 2009

126

Das Ende der Ente

Ist Dagobert Duck, der Zillionär mit dem Zylinder, eine „Heuschrecke in Entengestalt“?

130

Der Dollar-Orkan

Laxe US-Geldpolitik, waghalsige Kredite und mangelnde Kontrolle waren die Zutaten, aus denen sich die heutige Krise zusammenbraute

138

Arroganz am Abgrund

Was bei der deutschen Skandalbank Hypo Real Estate schieflief

140

Das Glücksrad wird sich weiterdrehen

Vernünftige Regeln für die Finanzmärkte sind möglich – ein Essay von Michael C. Burda

sind möglich – ein Essay von Michael C. Burda Titelbild: Collage DER SPIEGEL auf Basis eines

Titelbild: Collage DER SPIEGEL auf Basis eines Gemäldes von Hans Holbein d. J. („Bildnis der Lais Corinthiaca“, 1526); Foto Bridgemanart.com

3 Hausmitteilung

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144 Schauplätze

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144 Buchempfehlungen

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146 Vorschau

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146 Impressum

6

ULLSTEIN BILD (L.); GETTY IMAGES (R.)

ULLSTEIN BILD (L.); GETTY IMAGES (R.) Exzesse gehören von jeher zum Geldgeschäft. Danach wird aufgeräumt. Und

Exzesse gehören von jeher zum Geldgeschäft. Danach wird aufgeräumt. Und die nächste Übertreibung lässt meist nicht lange auf sich warten.

PAPIERGELD, BÖRSENKURSE

der deutschen Hyperinflation 1923 sollen wertlos gewordene Scheine verbrannt werden. Am Abend eines Tages mit hohen Kursverlusten im September

2008 flimmern weiterhin die Bildschirme der Aktienhändler in New York.

Nach dem Ende

hohen Kursverlusten im September 2008 flimmern weiterhin die Bildschirme der Aktienhändler in New York. Nach dem

AKG (L.); MANFRED HAMM (R.)

AKG (L.); MANFRED HAMM (R.) Immer höher und prächtiger baut das Bürgertum die Kathedralen des Kapitals.

Immer höher und prächtiger baut das Bürgertum die Kathedralen des Kapitals. Zusammenbrüche sind nicht vorgesehen, kommen aber vor.

ANLEGER, HANDELSSAAL

bangen Kunden einer österreichischen Volksbank um ihre Einla- gen. Die Börse von Madrid ist ein Prunkbau des 19. Jahrhunderts.

In den Krisenjahren nach 1873

10

GETTY IMAGES (R.)

GETTY IMAGES (R.) Wenn großer Reichtum lockt, können Vernunft und Moral nicht mehr viel ausrichten. Erst

Wenn großer Reichtum lockt, können Vernunft und Moral nicht mehr viel ausrichten. Erst aus Schaden mag die Klugheit wachsen.

PAMPHLET, SCHATZFUND

karikiert das Spekulationsfieber während der Ära des Finanzjongleurs John Law in Frankreich (siehe Seite 52). Münzen aus dem Wrack der spanischen Brigg „El Cazador“, die 1784 im Golf von Mexiko gesunken ist.

Der „Teufel des Geldes“

dem Wrack der spanischen Brigg „El Cazador“, die 1784 im Golf von Mexiko gesunken ist. Der

Goldbarren in einem Tresorraum der Schweizer Nationalbank

KAPITEL I

DER AUFSTIEG DES KAPITALS

„Wir

brauchen

neue

Banken“

Der Harvard-Historiker Niall Ferguson über die wechselvolle Geschichte des Geldes, die Unausweichlichkeit von Finanzkrisen und den fatalen Einfluss der Mathematiker auf das monetäre System

SEITE 12/13: DPA; S. 14-15: ERICH LESSING / AKG (L.); JASON GROW (R.)

DER AUFSTIEG DES KAPITALS

Griechischer Tonkrug und Drachmen aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. – die Münzen zeigen das
Griechischer Tonkrug und
Drachmen aus dem
4. Jahrhundert v. Chr. –
die Münzen zeigen das
Abbild Alexanders
des Großen.

SPIEGEL: Professor Ferguson, würden Sie bitte einmal Ihr Portemonnaie öff- nen? Ferguson: Wenn Sie möchten, gern. Schauen Sie nach, ich habe ungefähr hundert Dollar dabei. SPIEGEL: Warum halten die Menschen solche Scheine aus grünbedrucktem Pa- pier für wertvoll? Ferguson: Diese Papierstücke sind zu- gleich auch Zahlungsversprechen. Vor 4000 Jahren im alten Babylon übernah- men Tontafeln diese Funktion, heute operieren wir mit Banknoten. Sie sind nur das wert, was ein anderer dafür zu geben bereit ist. Geld ist Ver- trauenssache, egal, ob es sich beim Trägermaterial um Ton, Gold, Papier oder auch einen Computermonitor mit Flüssig- kristallanzeige handelt. SPIEGEL: Der Dollar hat inner- halb von 50 Jahren rund 86 Pro- zent seiner Kaufkraft verloren. Wieso erschüttert ein solcher Wertverlust nicht das Vertrau- en in Papiergeld? Ferguson: Ganz einfach: weil Papiergeld so bequem ist. Die Menschen verfügen damit über ein Tauschmittel und eine Ver- rechnungseinheit, die standar- disiert ist und allgemein ak- zeptiert wird. Dafür nehmen sie ein gewisses Maß an Inflation in Kauf. Es ist der Preis, den wir für ein Papiergeldsystem zahlen. SPIEGEL: Diese Geldordnung, die allein auf Papier basiert, hat keine lange Tradition. Bis 1971

war der Dollar noch an Gold gekoppelt. Ist Edelmetall nicht das viel bessere Geld? Ferguson: Es mag zwar für manchen gerade in diesen Zei-

ten attraktiv sein, Gold in sei- nem Portfolio zu haben. Und zweifellos besitzt Gold eine besondere Ausstrah- lung: Ich habe kürzlich in Athen die Totenmaske des Agamemnon gesehen;

sie stammt aus dem 16. Jahrhundert vor Christus und hat nichts von ihrem Glanz verloren. Ich halte es aber für ausgeschlossen, dass Gold jemals wie- der die Funktion von Geld überneh- men wird. Es wäre doch höchst un- praktisch, wenn Sie beispielsweise Ihr Flugticket nach Boston in Gold hät- ten bezahlen müssten. Was hat es ge- kostet? SPIEGEL: Knapp 400 Euro.

Ferguson: Das entspricht derzeit dem Wert von annähernd einer halben Unze Gold, also ungefähr 15 Gramm. Nun stel- len Sie sich vor, Sie wollten bloß einen Apfel mit Gold bezahlen … SPIEGEL: Aber über Jahrhunderte, so- gar Jahrtausende bestand doch eine en- ge Verbindung zwischen Geld und Edel- metallen. Warum hat sie sich aufgelöst? Ferguson: Dieses System hat sich als überaus unflexibel erwiesen. Wenn die Geldmenge an den Bestand von Edel- metallen gekoppelt ist, lässt sie sich nicht so einfach erweitern, die Wirt- schaft kann wegen der Knappheit von

gewisse demokratische Tradition, und es besaß das allgemeine Wahlrecht. Dass sich dennoch der Nationalsozialismus ausbreiten konnte, dafür sind in großem Maß die fiskalischen Traumata verant- wortlich, die das Land in kurzer Ab- folge erlitten hatte: die Hyperinflation 1922/23 und die Deflation während der Weltwirtschaftskrise nach 1929. SPIEGEL: Welche Rolle spielt Geld über- haupt in der Geschichte? Ferguson: Geld kommt beim Aufstieg der Menschheit eine wesentliche Bedeutung zu. Der Barterhandel, der direkte Aus- tausch von Ware gegen Ware, war nicht besonders effizient. Die Defizite zeigten sich, seit die Arbeitstei- lung begann, als die einen als Bauern tätig waren, andere als Handwerker, wieder andere als Händler: Geld erleichterte es ih- nen, Geschäfte miteinander zu machen. Ich glaube, Geld ist die Quelle – oder besser der Ge- burtshelfer – beinahe allen Fort- schritts in der Geschichte. SPIEGEL: Eine kühne These. Wie lässt sie sich belegen? Ferguson: Der Ruhm von Flo- renz, der Boom der Architektur und des Kunstmarktes, beruhte beispielsweise darauf, dass die Medici Bankiers waren und mit dem Geldwechsel ein Vermögen machten; Botticellis Gemälde wären ohne die Medici kaum denkbar. Oder nehmen Sie die Französische Revolution: Sie ist zumindest indirekt die Folge da- von, dass die Monarchie nach den Kriegen des Sonnenkönigs

Ludwig XIV. in eine finanzielle Notlage geraten war. Oder das Ende von Napoleon 1815 bei Wa- terloo: Die Schlacht war auch ein Wettstreit zwischen zwei

Finanzsystemen. Die Franzosen finanzierten den militärischen Konflikt durch Plünderung, die Engländer dage- gen nutzten den Anleihemarkt und nah- men Schulden auf. So gelang ihnen der Aufstieg zur Weltmacht. SPIEGEL: Das klingt so, als sei die Ge- schichte des Geldes in großen Teilen eine Geschichte der Kriegsfinanzierung? Ferguson: Die Erfordernisse des Krie- ges spielten tatsächlich eine große Rol- le. Wahrscheinlich begann der Staat überhaupt erst mit dem Schuldenma- chen, als die Venezianer im 13. Jahrhun- dert entdeckten, dass sie auf diese Wei- se Kriege leichter finanziert bekommen:

sie auf diese Wei- se Kriege leichter finanziert bekommen: NIALL FERGUSON In seinen Büchern und Fernsehdokumentationen

NIALL FERGUSON

In seinen Büchern und Fernsehdokumentationen packt er gern die großen Themen an: den Ersten Weltkrieg, das britische Empire, die Familiensaga der Rothschilds, zuletzt den „Aufstieg des Geldes“ (2009). Der 1964 geborene Schotte lehrt in Harvard.

Gold oder Silber nicht recht wachsen. So besteht die Gefahr einer Deflation, also eines andauernden Preisverfalls, der die Wirtschaft lähmt. Die Deflation im Deutschland der frühen dreißiger Jahre beispielsweise ist vom Goldstandard mitverursacht worden. SPIEGEL: Sie meinen, dass finanzpoliti- sche Gründe zum Niedergang der Wei- marer Republik beigetragen haben? Ferguson: Der Aufstieg Adolf Hitlers hat viel mit der deutschen Finanzgeschich- te zu tun. Deutschland hatte Anfang des 20. Jahrhunderts das beste Bildungs- system der Welt, es verfügte über eine

DER AUFSTIEG DES KAPITALS

Die Schlacht bei Waterloo 1815 war auch ein Wettkampf zwischen Plünderern und Schuldnern. (Gemälde von Denis Dighton)

BRIDGEMANART.COM

wenn sie sich nämlich das Geld von den Bürgern leihen, anstatt diese zu besteu- ern. Hier liegt der Ursprung des Ren- tenmarktes. Hinter jedem großen histo- rischen Ereignis verbirgt sich ein finan- zielles Geheimnis. SPIEGEL: Aber es spielen doch für den Fortgang der Geschichte auch andere Ein- flüsse eine Rolle, technische Innovatio- nen zum Beispiel. Geht von Geld oftmals nicht eine eher destruktive Kraft aus? Ferguson: Ich glaube, man muss sich die Entwicklung der Geldordnung wie eine Gebirgskette vorstellen: Der Aufstieg verläuft nie gradlinig, es gibt sogar Ab- schnitte, wo das Gelände steil abfällt, doch auf lange Sicht geht die Richtung eindeutig nach oben. Selbst ein Deut- scher, der die Große Inflation, die De- flation und die Währungsreform von 1948 durchlitten hat, lebte danach in größerem Wohlstand als Anfang des 20. Jahrhunderts. SPIEGEL: Man könnte doch ebenso gut behaupten, die Geschichte des Geldes ist eine Abfolge von Kata- strophen, von Staatsbankrotten und Wertverlust? Ferguson: Dann nehmen Sie nur den krisenhaften Teil der Geschich- te wahr. Das ist verständlich, weil Börsen-Crashs oder Währungs- schnitte aufregend sind. Doch sol- che Ereignisse sind die Ausnahme, der Normalfall ist die Stabilität, zugege- ben sind es die langweiligeren Jahre. SPIEGEL: Aber das Leben jedes Bürgers wird doch vornehmlich durch einzelne Katastrophen geprägt, deren Ursache auch finanzieller Natur sein können. Sind solche Krisen unausweichlich? Ferguson: Ein Finanzsystem, das nicht Gefahr läuft, irgendwann einmal zu kol- labieren, ist kaum vorstellbar. Das liegt vor allem an der Natur des Menschen: Er stellt Vermutungen über die Zukunft an, die oft fehlerhaft sind. Das Gehirn ist nicht gerade eine Rechenmaschine auf dem Niveau des 21. Jahrhunderts; wir sind eher dazu geschaffen, wilde Tiere in der Serengeti zu jagen. Unsere Wahr- nehmung ist sehr selektiv, Einstellun- gen ändern sich sprunghaft: In einem Moment regiert die Gier, in einem an- deren die Furcht. SPIEGEL: Und aufgrund dieses irratio- nalen Verhaltens werden Krisensymp- tome stets zu spät erkannt? Ferguson: Meist jedenfalls. Die Instabi- lität gehört zum Finanzsystem, seit die alten Mesopotamier den Preis für Ge- treide danach kalkuliert haben, wie wohl

die nächste Ernte ausfallen würde. Auch vor der aktuellen Krise haben die Fach- leute bekanntlich die ökonomische Zu- kunft falsch eingeschätzt. SPIEGEL: Was an dieser Finanzkrise ähnelt jenen der Vergangenheit? Ferguson: Typisch ist der Ursprung der Krise: Sie begann mit einem Übermaß an billigem Geld, Kredite waren leicht zu bekommen, es entstand eine Blase, in diesem Fall am US-Immobilienmarkt, die dann platzte. SPIEGEL: Hätte man diese Blase verhin- dern können? Ferguson: Es ist sehr schwer zu sagen, wann eine Blase zu groß geworden ist. Manche Blasen platzen gar nicht, son- dern dümpeln so dahin. Andere ver- größern sich noch lange und explodie- ren dann regelrecht. Der damalige US- Zentralbankchef Alan Greenspan warn-

„Ein Finanzsystem, das nicht Gefahr läuft, irgendwann einmal zu kollabieren, ist kaum vorstellbar.“

te schon 1996 vor „irrationalen Über- treibungen“, aber die Internet-Blase wuchs noch weitere vier Jahre. SPIEGEL: Auch vor der US-Immobilien- blase wurde schon jahrelang gewarnt. Kaum jemand aber hat geahnt, welche globalen Folgen daraus entstehen wür- den. Was macht das Besondere an dieser Krise aus? Ferguson: Es ist zum einen die außer- gewöhnliche Rolle, die Derivate spielen, vor allem Forderungen aus Kreditbürg- schaften. Zum anderen liegt bei den Rating-Agenturen ein bemerkenswerter Fall von Versagen vor: Sie haben nur wenige Unternehmen auf der höchsten Bonitätsstufe eingeordnet, aber gleich- zeitig Tausende strukturierte Finanz- produkte mit dem Stempel der Unbe- denklichkeit versehen, die sich dann als äußerst fragwürdig herausstellten. SPIEGEL: Was wird nun aus dem Fi- nanzsystem? Wie wird es sich verän- dern? Ferguson: Nach meinem Verständnis ist die Finanzgeschichte im Wesentlichen das Ergebnis von natürlicher Auslese. Die Krise ist Teil dieses evolutionären

Prozesses, die Marktauslese ihre trei- bende Kraft. Wenn sich die Umgebung verändert, können komplexe Systeme zusammenbrechen. Wie einst die Dino- saurier haben auch große Finanzinsti- tute nun Schwierigkeiten, mit der mas- siven Veränderung der Umgebung fer- tigzuwerden. SPIEGEL: Sie glauben also, dass wie in der Natur auch in der Finanzwelt nur der Stärkste und gleichzeitig Anpas- sungsfähigste überlebt? Ferguson: Im Prinzip, ja. Die Akteure konkurrieren miteinander um begrenz- te Ressourcen. Einige setzen sich mit ihren Innovationen durch, sie verhin- dern, dass sich eine Monokultur aus- bildet. SPIEGEL: Bundespräsident Horst Köhler sprach davon, dass sich „die Finanz- märkte zu einem Monster entwickelt ha- ben, das in die Schranken verwie- sen werden muss“. Ferguson: Das war eine törichte Be- merkung. Man könnte ebenso behaupten, die Demokratie sei ein Monster. Die Finanzmärkte sind doch nur der Spiegel unseres öko- nomischen Handelns, und es ist nicht der Fehler des Spiegels, wenn er unsere Makel widergibt. Wir soll- ten die Finanzmärkte nicht dämo- nisieren. Wir erleben doch gerade, wie sich die Märkte bereinigen, wie das „Unangepasste und Lebensunfähige“ verschwindet, so hat es der Ökonom Jo- seph Schumpeter einmal beschrieben. SPIEGEL: Aber dieser Prozess ist überaus schmerzhaft. Hätte man nicht vorher durch schärfere staatliche Kontrollen die schlimmsten Auswüchse verhindern sollen? Ist also die Deregulierung schuld an der Finanzkrise? Ferguson: Das ist ein populäres Argu- ment, ich halte es für Quatsch. Der Pro- zess der Deregulierung begann schon in den frühen achtziger Jahren, seitdem hat die Weltwirtschaft einen enormen Aufschwung erlebt. Außerdem gab es Finanzprobleme schon in den Jahrzehn- ten zuvor, als die Märkte noch weitaus regulierter waren. Überhaupt gehören Banken zu den am stärksten kontrol- lierten Institutionen, doch gerade bei ihnen hatte die Krise ihren Ausgang ge- nommen. Die Hypothekenbank Fannie Mae beispielsweise stand unter direk- ter Aufsicht des US-Kongresses. Es geht nicht um mehr Regulierung, sondern höchstens um bessere Regulierung. SPIEGEL: Worauf sollte die Bankenauf- sicht denn achten?

NICHOLAS ROBERTS / AFP

Ferguson: Sie muss der Liquiditätslage mehr Aufmerksamkeit schenken. Die Banken haben Geld langfristig verlie- hen, konnten es sich selbst aber im- mer nur kurzfristig besorgen. Viele In- stitute haben enorme Schulden ange- häuft, teilweise bis zu 30- oder 40-mal mehr, als sie an Eigenkapital verfügen. Ein solches Verhalten führt, wenn der Geldfluss stockt, zum Kollaps. Außer- dem darf die Aufsicht die Banken nicht zu groß werden lassen. Nun sind viele große Institute praktisch pleite, sie sind gleichsam Zombie-Banken: halb tot, aber auch halb lebendig dank staat- licher Hilfe. Wir müssen uns genau überlegen, wie lange wir uns das leisten wollen. SPIEGEL: Soll der Staat denn die Pro- blem-Banken einfach fallen lassen? Ferguson: Dafür sind einige wohl zu groß. Man sollte sie kontrolliert ab- wickeln. Wenn sie dauerhaft im Genuss staatlicher Hilfe bleiben, behindert diese Subventionierung den Wettbe- werb. Der Erfolg eines Finanzsystems bemisst sich an seiner Innovations- fähigkeit, wir brauchen neue Banken. Und wir müssen sehen, wie wir unse- re Währungsordnung fortentwickeln können. SPIEGEL: Was meinen Sie damit?

Ferguson: Derzeit ist das Schicksal vie- ler Volkswirtschaften an die Entwick- lung des Dollar gekoppelt. Wenn die US- Währung an Wert verliert, was durch- aus wahrscheinlich ist, spüren Japan oder Deutschland den Effekt besonders schmerzlich, weil sich ihre Exporte ver- teuern. Es sollte also gerade im deut- schen Interesse liegen, dass sich die Währungsordnung verändert. SPIEGEL: Und wie könnte diese neue Ordnung aussehen? Ferguson: Vielleicht ähnlich wie im 19. Jahrhundert, als es mehrere Reserve- währungen gab: das britische Pfund, den amerikanischen Dollar, die deutsche Mark, den französischen Franc. So könn- te auch künftig die Dominanz des Dollar abnehmen, zugunsten von Euro, japani- schem Yen und auch chinesischem Yuan. SPIEGEL: Heißt das, die Menschheit kann aus der Geschichte der Finanzkri- sen und des Geldes etwas lernen? Ferguson: Natürlich können wir Leh- ren ziehen. Wir wissen etwa seit der Großen Depression, wie gefährlich Ban- kenkrisen sind. Wir können von Glück reden, dass mit Ben Bernanke jemand an der Spitze der US-Zentralbank steht, der über seine gesamte akademische Karriere hinweg die Weltwirtschafts- krise gründlich studiert hat. Deshalb

Protest gegen US-Bankenrettungsplan vor der New Yorker Börse, September 2008

wusste er genau, was zu tun ist, als die- se Krise kam. SPIEGEL: Über solches historisches Wis- sen verfügt aber nicht jeder Banker oder Manager. Ferguson: In der Tat. In den Unterneh- men sitzen Mathematiker, die Risiken auf der Basis von manchmal nur drei Jahren kalkulieren. Wenn die Modelle nicht einmal den Zeithorizont eines nor- malen Geschäftszyklus berücksichtigen und alle Akteure nur den Aktienkurs am Quartalsende im Auge haben, dann darf es niemanden wundern, wenn das Er- gebnis der Rechnung lautet: Es gibt kein Risiko. Hier wurden auf allen Ebenen die historischen Lehren ignoriert. SPIEGEL: Sollten die Unternehmen an Stelle von Mathematikern also mehr Historiker einstellen? Ferguson: Das wäre bestimmt kein Feh- ler. Zumindest sollte Finanzgeschichte ein bedeutender Teil der Ausbildung an jeder Business-Schule sein. Das Wissen darüber ist zu wichtig, um es Spezialis- ten wie mir zu überlassen. Aber leider sind die typischen Leser finanzhistori- scher Literatur pensionierte Banker. Es wäre besser gewesen, sie hätten diese Bücher früher gelesen. SPIEGEL: Professor Ferguson, wir dan- ken Ihnen für dieses Gespräch.

„Viele große Institute sind gleichsam Zombie-Banken:

halb tot, aber auch halb lebendig dank staatlicher Hilfe.“

SIPA PRESS

 

CHRONIK 1096–1480

 

GELDHANDEL IM MITTELALTER

1096

schichte des Abendlandes eingeht. Anfangs sind die Anleihen freiwillig, später gibt es Zwangsanleihen.

zu einem Zentrum des eu- ropäischen Warenhandels.

1295

dem die Florentiner Ban- kiersfamilien der Bardi und Peruzzi riesige Summen geliehen haben, ziehen de- ren Ruin und den ersten Bankenkrach des Früh- kapitalismus nach sich.

1402

Der Beginn der christ- lichen Kreuzzüge in den Nahen Osten bringt das Geldsystem in Mittel- europa in Bewegung. Die Finanzierung des Krieges gegen den Islam, die mi- litärischen Beutefeldzüge und die christliche Rück- eroberung von bis dahin muslimischen Mittelmeer- städten lassen Handel und Geldgeschäfte vor allem in Oberitalien aufblühen.

ab 1100

um 1180

Marco Polo berichtet von seiner China-Reise über Erfindung und Gebrauch des Papiergeldes.

König Heinrich II. von England lässt eine neue Silbermünze schlagen, die später unter dem Namen „Sterling“ berühmt wird. Einige Wissenschaft- ler glauben, dass der Name von „Easterling“ kommt, weil die Münz- präger aus dem Osten (East) kamen.

1285

bis 1314

Der Rat der Stadt Frank- furt am Main beschließt, eine Wechselbank mit festgelegtem Grundkapital zu gründen. Der „Wessil“ gilt als erste Bank der deutschen Geschichte.

König Philipp der Schöne von Frankreich erhält wegen seiner skrupellosen Münz-Verschlechterungen den Beinamen „der Falschmünzer“ – und löst Hortungen von Gold aus.

Auf Tischen und Bänken unter freiem Himmel wer- den in Florenz, Venedig, Siena, Lucca und Mailand von Kaufleuten Kredit- und Wechselgeschäfte abge- wickelt. Obwohl die Städte größtenteils nicht in der Lombardei liegen, bürgert sich aufgrund eines geografischen Irrtums für Kreditgeber das Wort „Lombarden“ ein.

12. Jahrhundert

 

1409

In Brügge entsteht Europas erste Börse.

In Brügge entsteht Europas erste Börse.

1434

In Florenz kommt der Bankier Cosimo de’ Medici als Führer der Volkspartei an die Macht.

1457 bis 1460

Dramatischer Geldwert- verfall in den Habsburger Ländern, weil Kaiser Fried- rich III. einen Erbstreit mit seinem Bruder Herzog Albrecht über die Münz- verschlechterung austrägt. Die Zeit der schlechten Münzen, Schinderlinge, gilt als erste große Inflation auf deutschem Boden.

Im Überseehandel italieni-

scher Stadtstaaten wie Venedig und Genua ver- breitet sich in der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts der Seehandelskredit (Prestito Maritimo oder Commen- da) mit Risikoteilung zwischen Unternehmer und Kreditgeber.

1156

Kreuzritter Gottfried von Bouillon (Buchmalerei, 14. Jhdt.)

um 1202

1292

Leonardo da Pisa, genannt Fibonacci, veröffentlicht das „Liber Abaci“ („Buch der Rechenkunst“), das anstelle des unpraktischen römischen Ziffernsystems die indisch-arabische Zählweise in Mitteleuropa einführt und die numeri- schen Voraussetzungen des modernen Finanz- wesens schafft.

1240

König Adolf von Nassau fi- nanziert seine Wahl durch ein verzinstes Darlehen von Frankfurter Bürgern.

um 1300

1462

In oberitalienischen und flämischen Städten florie- ren Geldgeschäfte – meist verleihen Kaufleute ihre flüssigen Reserven an Kol- legen. In Florenz entstehen die ersten Banken.

In Perugia wird, um die Ärmeren vor Wucherern zu schützen, eine neuarti- ge Bank, Monte di Pietà, gegründet. Sie bezieht ihr Kapital aus Schenkungen und soll es zu möglichst niedrigen Zinsen verleihen. Mancherorts entwickeln sich solche Wohltätigkeits- einrichtungen zu Ge- schäftsbanken.

In der Republik Venedig, die durch teure Kriege mit dem Byzantinischen Reich in Finanznot ist, wird der Monte Vecchio gegründet – eine Staatsgläubiger- versammlung vermögen- der Bürger, die als erste Vorläuferbank in die Ge-

Frankfurt am Main erhält als erste deutsche Stadt das urkundlich belegte Messe- privileg und entwickelt sich

1343

bis 1346

Währungsspekulationen und die Zahlungsunfähig- keit des englischen Königs,

JEAN-CLAUDE VARGA / KEYSTONE PARIS

DER AUFSTIEG DES KAPITALS

Umwälzungen in Seefahrt und Handel beendeten zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert eine lange Ära des Stillstands. In Italien nahm das moderne Bankwesen seinen Anfang.

Die kommerzielle Revolution

Von RAINER TRAUB

A ls Karl der Große sich im Jahr 800 in Rom zum Kaiser krönen ließ, hatte Westeuropa einen tie- fen geschichtlichen Ein-

schnitt hinter sich. Denn durch den Ein- bruch des Islam war der intensive Han- dels- und Ideenaustausch rund um das Mittelmeer, der den Kontinent jahrhun-

dertelang befruchtet hatte, jäh gestoppt worden. Die muslimischen Eroberer hatten im Verlauf des siebten und frühen achten Jahrhunderts die Süd- und West- küsten des Meeres besetzt. Das große Wasser, das als Hauptver- kehrsader bis in die Spätantike Orient und Okzident verbun- den hatte, verwandelte sich in ein Element der Trennung: Muslimische Piraten machten es so unsicher, dass der ara- bische Historiker Ibn- Haldun schrieb: „Die Christen können dar- auf kein Brett mehr schwimmen lassen.“ Kaiser Karl befehlig- te im Gegensatz zum Imperium Romanum, das er doch fortsetzen wollte, eine reine Kon- tinentalmacht. Grund und Boden wurden nun zum entscheidenden Wirtschaftsfaktor. Die lokalen Erzeuger be- schränkten ihre Pro- duktion auf die unmit- telbaren Lebensbedürf- nisse. Der Kaufmanns- stand verschwand. Han- del und Wandel kamen im Frühmittelalter zum Erliegen, da es weder

regionale und überre-

gionale Absatzmärkte noch eine nen- nenswerte städtische Zivilisation gab. „Vom Ende des achten Jahrhunderts an fiel das westliche Europa in einen Zu- stand der reinen Landwirtschaft zu- rück“, resümierte Henri Pirenne in sei- ner klassischen „Sozial- und Wirtschafts- geschichte Europas im Mittelalter“ die große Stagnation.

Es dauerte knapp 300 Jahre, bis der erste christliche Kreuzzug von 1096 ge- waltsam die Wende einleitete, indem er den Islam erheblich zurückdrängte. Die italienischen Hafenstädte, in geringe- rem Maß auch die der Provence und Ka-

taloniens, rissen im 11. bis 13. Jahrhun- dert die Herrschaft über das Mittelmeer an sich. Venedig sicherte sich schon vor dem ersten Kreuzzug den Warenverkehr mit dem Heiligen Land. Zudem zahlte

es sich aus, dass die Stadt ihre Flotte in den ersten christlichen Feldzug schick- te. Spätestens ab dem vierten Kreuzzug (1202 bis 1204) erwarb die Stadt die Herrschaft über den Bosporus und nahm im Orienthandel die Stelle von Byzanz ein. So waren das veränderte Kräftever- hältnis im Mittelmeerraum und die stra- tegische Lage der italienischen Stadt- staaten Voraussetzung für das synchro- ne Aufblühen von Fernhandel, Geld- und Kreditwirtschaft gera- de in dieser Region. Historiker sprechen von der „kommerziel- len Revolution“, die in Europa im späten 12. und im 13. Jahrhundert die Epoche hochmittel- alterlicher Unbeweg- lichkeit beendete und die Bedingungen für den Frühkapitalismus und das städtische Bür- gertum schuf. Wie un- auflöslich beide verbun- den waren, geht schon daraus hervor, dass die lateinischen Wörter mercator und burgen- sis, Händler und Bür- ger, ursprünglich Syn- onyme waren. Italien entwickelte sich dabei zur Dreh- scheibe zwischen dem Nahen Osten und den Märkten in Nordeuro- pa, die von den Hanse- städten beherrscht wur-

Nordeuro- pa, die von den Hanse- städten beherrscht wur- „Der Geldverleiher und seine Frau“ (Gemälde von

„Der Geldverleiher und seine Frau“ (Gemälde von Quentin Metsys, 1514)

den.

NORTH WIND PICTURE ARCHIVES / AKG

Die entscheidende Triebkraft war an- fangs der Seehandel. Der Kompass, von den Arabern im Mittelmeerraum einge- führt, war seit dem 12. Jahrhundert hier allgemein in Gebrauch. Die Städte in Nordafrika oder an der Nordsee waren dank seiner Hilfe mit viel weniger Risi- ko und schneller als zuvor zu erreichen. Und die Transportkosten auf dem See- weg lagen, wie der französische Me- diävist Jean Favier betont, entscheidend niedriger als auf dem Landweg. Die überseeische Expansion und die Ausweitung der Märkte in Europa brachten eine Reihe grundlegender Neuerungen mit sich. Denn erstens wa- ren Prägung und Umlauf von Bargeld begrenzt durch mangelnde Kenntnis über Existenz und Lage abbaufähiger Minen und unzureichende Förderung von Edelmetall. Und zweitens war es für Kaufleute beschwerlich und überaus riskant, größere Geldmengen in Form von Gold- und Silbermünzen über er- hebliche Entfernungen zu transportie- ren – etwa aus Italien zu den größten

Handelsmessen des Mittelalters in der Champagne. Die gefährliche Mühsal des Geldtransports wurde verschärft durch die weitverbreitete Unsitte von Landes- herren, ihre Finanzen durch Münzver- schlechterung zu sanieren: Der Edel- metallgehalt der Münzen verminderte sich schleichend, während mit dem Anteil nichtedler Metalle das Gesamt- gewicht eines gegebenen Geldwerts stieg. So entstand im Zuge der kommerziel- len Revolution aus den Bedürfnissen der Kaufleute eine Kreditform, die den Münztransport überflüssig machte: Bei Erhalt einer Ware übergab der Empfän- ger dem Lieferanten den Wechselbrief. kurz Wechsel. Er funktionierte wie ein Scheck und garantierte das Recht, die vereinbarte Kaufsumme zu einer be- stimmten Zeit und an einem bestimmten Ort entweder vom Wechselaussteller selbst oder von einer dritten Person zu bekommen. Der Wechsel ist der Ur- sprung des modernen bargeldlosen Zah- lungsverkehrs.

Marco Polo verlässt Venedig und begibt sich auf die Reise nach China. (Lithografie, 1338)

Handel und Kredit waren von An-

fang an eng verbunden. Die großen Kaufleute machten ihre Vermögen mit Tuchen, Gewürzen oder anderen Wa- ren, bevor sie den Handel mit Geld zu ei- nem weiteren Erwerbszweig ausbauten, der dann oft der einträglichste wurde. Die Banken verdanken ihren Namen der Tatsache, dass die italienischen Händler in Venedig, Genua und anders- wo ihre Geschäfte ursprünglich unter freiem Himmel abwickelten – auf Bän- ken (banchi) sitzend. Sie hatten alle Hände voll mit der verwirrenden Vielfalt und Wertigkeit von Münzen und Wäh- rungen zu tun; das Geldsystem im aus- gehenden Mittelalter war kompliziert und schwer überschaubar. Allein in Pisa mussten Kaufleute „mit sieben verschiedenen in Umlauf befind- lichen Münzarten zurechtkommen“, wie der Historiker Niall Ferguson schreibt. Er erinnert auch daran, dass Italien, die Wiege des Frühkapitalismus, zu Beginn des 13. Jahrhunderts in eine Vielzahl rivalisierender Stadtstaaten zersplittert

DER AUFSTIEG DES KAPITALS

Kaufleute im Aufbruch Nordsee Ostsee Lübeck Seehandel im 13. bis 15. Jahrhundert Rostock Danzig Bremen
Kaufleute
im Aufbruch
Nordsee
Ostsee
Lübeck
Seehandel im 13. bis 15. Jahrhundert
Rostock
Danzig
Bremen Hamburg
London
Amsterdam
Antwerpen
Brügge
Gent
Rouen
St. Malo
ATLANTIK
Nantes
La Rochelle
Venedig
Genua
Bilbao
Porto
Montpellier
Marseille
Pisa
Ragusa (Dubrovnik)
Barcelona
Lissabon
Korsika
Rom
Valencia
Palma
Neapel
Cádiz
Almeria
MITTEL-
Lepanto
Ceuta
Messina
Bona
Syrakus
Koroni
Nauplia
Tunis
Mahdia
MEER
Kreta
Tripolis
250 km

war. Sie bekriegten sich periodisch und verlangten von ihren Bürgern im 14. Jahrhundert Zwangsdarlehen, um die angeheuerten Söldner (condottieri) be- zahlen zu können. Trotzdem explodier- ten die Schulden – in Florenz enstand damals der Begriff monte commune:

städtischer Schuldenberg. Für das heraufziehende Zeitalter der Kapital- und Kreditwirtschaft war das vom alten Rom geerbte Zahlensystem nicht gemacht. Römische Ziffern erwie-

sen sich als ungeeignet für den alltäg- lichen Umgang mit hohen Beträgen, für Multiplikation und Division, für Bruch- rechnen und kompliziertere mathema- tische Operationen aller Art. Hier schuf der Sohn eines Pisaner Zollbeamten und Notars Abhilfe. Leo- nardo da Pisa, genannt Fibonacci (circa 1170 bis circa 1250) folgte im Alter von etwa 12 Jahren seinem Vater nach Nord- afrika. Der war für die Pisaner Kauf- mannschaft in deren algerischer Nie-

derlassung tätig. Er ließ dort seinen Sohn Mathematik nach jenem System lernen, das die Araber von den Indern übernommen hatten.

Im Jahr 1202 vollendete Fibonnacci sein „Liber Abaci“ („Buch der Rechen- kunst“), das ihn zum bedeutendsten Ma- thematiker des Mittelalters machte. Er brachte damit nicht nur das indo-arabi- sche Dezimalsystem nach Europa, das gegenüber dem römischen System alle

ULLSTEIN BILD

Händlern anzutreffen: erstens Pfand- leiher, wegen ihrer italienischen Her- kunft auch als „Lombarden“ bezeichnet, die kurzfristige Gebrauchsdarlehen für Leute aus kleinen und mittleren Ver- hältnissen anboten. Zweitens Geld- wechsler, die ihr Geschäft auf offener Straße betrieben und neben dem Münz- und Währungstausch den Handel mit Edelmetall beherrschten; in Florenz wurden diese Geschäfte „banchi minu- ti“, Kleinbanken, genannt. Als „banchi

grossi“, Großbanken, wurde die dritte Gruppe tituliert, die im Fernhandel en- gagierten Kaufmannsbankiers, die meist in Familienverbänden organisiert waren. Aus deren Mitte gin- gen die Finanzmoguln des Mittelalters hervor. Eine kaum zu über- schätzende Erschwerung der Bankenentwicklung war das offizielle kirchliche Zins- verbot (siehe Seite 24) – seit der Herrschaft Karls des Großen auch Teil des säkularen Rechts. Der Zweck menschlicher Arbeit war demnach nicht Bereicherung, son- dern die Erhaltung des Zustands, in dem der Mensch von Gott ge-

schaffen war – in Erwar- tung des wahren, ewigen

Lebens im Paradies. Das Streben nach Reichtum war mit der

Todsünde Geiz identisch.

schüttet wurden, um potentiellen Inves- toren die Existenz einer gesunden Re- serve vor Augen zu führen. Die Pracht, deren die frühen Bankiers sich erfreuten, war freilich erkauft mit enormen Pleiterisiken. Das verliehene Kapital konnte zu- sammen mit den Schiffen untergehen, deren Erwerb oder Ladung es finanziert hatte. Im 14. Jahrhundert begannen zwar einzelne Kaufleute in der Toskana, sich auf die Versicherung von Schiffen zu spezialisieren, doch solche Risiko- minderung etablierte sich erst allmäh-

lich. Piraten und Straßenräuber lauerten zu Wasser und zu Lande den Händ- lern auf, deren Waren die Ban- kiers mit ihren Krediten vorfi- nanziert hatten. Gekrönte Häupter konnten als Groß- schuldner jederzeit zahlungs- unfähig werden, weil sich das Kriegsglück oder auch die ei- gene Prunk- und Verschwen- dungssucht gegen sie gewen- det hatte. Allein im banken- geschichtlich gut er- forschten Venedig scheiterten 96 von 103 Privatbanken, die zwischen dem 13. Jahrhundert und dem

Verbreitung der großen Religionen im Hochmittelalter römisch-katholische Christen griechisch-orthodoxe Christen
Verbreitung der großen Religionen
im Hochmittelalter
römisch-katholische Christen
griechisch-orthodoxe Christen
Muslime
Besitzungen, Handelsstützpunkte Genuas
Besitzungen, Handelsstützpunkte Pisas
Besitzungen, Handelsstützpunkte Venedigs
Bedeutende Hansestädte um 1400
sonstige Handelszentren
wichtige Seehandelsrouten
Mauro
Castro
Kaffa
Taman
Sudak
SCHWARZES
MEER
Sinope
Trapezunt
Samsun
Konstantinopel
SCHWARZES MEER Sinope Trapezunt Samsun Konstantinopel Leonardo Fibonacci (Stich, 18. Jahrhundert) Lajazzo

Leonardo Fibonacci (Stich, 18. Jahrhundert)

Lajazzo Antiochia Tripoli Beirut Tyrus Akkon Jaffa Jerusalem zur Zeit der Kreuzzüge: verschiedene christliche
Lajazzo
Antiochia
Tripoli
Beirut
Tyrus
Akkon
Jaffa
Jerusalem
zur Zeit der Kreuzzüge:
verschiedene christliche
Kleinstaaten

Famagusta

Ende des 16. Jahrhun- derts gezählt wurden.

Der Begriff Bankrott er- innert bis heute an den italienischen Ursprung: banca rotta. Die meisten zahlungsunfähigen Geld- händler versuchten, sich ihrer Verant- wortung und Inhaftierung durch Flucht zu entziehen. Diese Erfahrung war so prägend, dass der offizielle lateinische Begriff für verkrachte Bankiers „fugiti- vus“, Flüchtling, lautete – unabhängig da- von, ob die Gemeinten tatsächlich zu flie- hen versuchten. Wer seine Schulden nicht in vollem Umfang zurückzahlte, wurde für alle Zukunft vom öffentlichen und wirtschaftlichen Leben der Stadt ausgeschlossen. In weiten Teilen Italiens, wenn auch nicht in Venedig, war darüber hinaus ein öffentliches Schmähritual üb- lich: Das nackte Hinterteil gescheiterter Geldhändler wurde dreimal gegen einen „Schandstein“ im Zentrum des lokalen Hauptplatzes gestoßen, während der Bankrotteur die Kapitulationsformel „Cedo bonis“ aufsagen musste: „Ich ver- zichte auf mein Hab und Gut.“ Ungeachtet solcher Berufsrisiken be- tätigten sich immer neue Kaufmanns-

Adalia

be- tätigten sich immer neue Kaufmanns- Adalia Alexandria Der Zins, ohne den keine Bank funk- tioniert,

Alexandria

Der Zins, ohne den keine Bank funk- tioniert, wurde deshalb mit allerlei rech- nerischen Tricks versteckt – bevorzugt war die Camouflage durch Rückzah- lung in anderer Währung und an ande-

rem Ort. So ging die Entwicklung der Geldwirtschaft mit Doppelmoral unddurch Rückzah- lung in anderer Währung und an ande- Heuchelei einher. Der große Wirtschafts- historiker

Heuchelei einher. Der große Wirtschafts- historiker Raymond de Roover hat ver- sichert, dass die frühe Bankengeschich- te ohne das Zinstabu historiker Raymond de Roover hat ver- sichert, dass die frühe Bankengeschich- te ohne das Zinstabu ganz anders ver- laufen wäre. Die Eröffnung einer Bank wurde mit viel Brimborium begangen. In Venedig folgte einem kirchlichen Hochamt die gemeinsame Prozession der Bankchefs und ihrer Sippe zum Sitz des neuen Geldhauses – begleitet von Pauken und Trompeten, manchmal auch von hohen Regierungsvertretern. Höhepunkt der Festlichkeit war die Präsentation von Säcken mit Silber- und Goldmünzen, die mitunter auf dem Banktresen ausge-

Berechnungen vereinfachte – die Zahl 2378 etwa notierte sich leichter als ihr rö- misches Pendant MMCCCLXXVIII. Der praktisch wie theoretisch gewiefte Autor erklärte auch, wie das System auf Buch- haltung, Währungsumrechnung und Zins- rechnung anzuwenden sei. Mit seinem Beitrag zur Globalisierung der Mathe- matik hat Fibonacci den frühen Handels- kapitalismus rechnerisch ermöglicht. Auf dem europäischen Geldmarkt waren im 13. Jahrhundert drei Arten von

WIE ES WIRKLICH WAR

Christen umgingen das Zinsverbot, Juden wurden stigmatisiert.

SÜNDIGE GESCHÄFTE

„Dreitausend Dukaten – gut.“

Schon im ersten Satz, mit dem der jüdische Geldverleiher Shylock im „Kaufmann von Venedig“ vorgestellt wird, geht es um Geld. Und kaum

ist dieser Satz gefallen, macht Autor William Shakespeare das Publikum mit der nieder- trächtigen Bedingung be- kannt, die sein Kaufmann Antonio hinnehmen muss, um an das Geld zu kom- men: Ein Pfund Fleisch soll Shylock bei Nichtzurück- zahlung aus Antonios Leib schneiden dürfen. Im Jahr 1605 fielen Shylocks Eingangsworte das erste Mal vor Publikum. Sie ent- hielten bereits alles, was an Juden abstoßend erscheint, glaubt der amerikanische Schriftsteller Philip Roth, selbst jüdischer Herkunft. Die Worte, so Roth, hät- ten zur jahrhundertelangen Stigmatisierung der Juden

beigetragen. Kaum eine Fi- gur hat sich in der europäi- schen Imagination so fest- gesetzt wie der erbarmungs- lose jüdische Wucherer. Kaum ein Stereotyp wird so grenzübergreifend verstan- den. Verfolgung und Ver- nichtung der Juden waren stets eng mit diesem Bild verbunden. Dabei taugt Shakespeares

Geldhändler bei genauer Lektüre nicht zur antisemitischen Blaupause. Er ist zu komplex und widersprüchlich. Denn der Dramati- ker befreit sein Geschöpf in einem Schlüsselmoment des Stücks aus dem Käfig des Klischees. Er entdämoni- siert es – und bringt Shylock den Zuschauern als ihresgleichen nah:

„Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, ster- ben wir nicht?“

Shakespeares Hauptquelle war der jüdische Wucherer in einer italieni- schen Novelle aus dem späten 14. Jahrhundert. Zu dieser Zeit war der Geldmarkt in Mitteleuropa hart um- kämpft. Ein jüdisches Monopol gab

wenigen Berufsnischen, die den Ju- den überhaupt noch geblieben wa-

ren. Seit dem Ersten Kreuzzug von 1096 herrschte eine latente Pogrom- stimmung gegen sie. Schon länger waren sie aus den Zünften ausge- schlossen und schrittweise

entrechtet worden. Es blieb die Finanzbranche – wofür sie dann auch noch stigma- tisiert wurden. Dennoch hatten die Juden starke christliche Konkur- renz. In der Praxis blieb nämlich das Zinsverbot oft wirkungslos, auch wenn es unter Karl dem Großen so- gar säkulares Recht gewor- den war und durch Konzils- beschlüsse und päpstliche Dekrete im 12. und 13. Jahr- hundert immer wieder ver- schärft wurde. „Das war wie im Banken- sektor kurz vor der momen- tanen Krise – es hat sich kaum jemand an die Regeln gehalten“, sagt der Wirt- schaftshistoriker Winfried Reichert. „Das Verbot wurde umgangen, der Zins etwa nur anders genannt.“ Er wurde als Entschädigung verpackt oder als Disagio verschleiert. Später wurde das Kreditbedürfnis so stark, dass Kirchenjuristen mit allerlei Rabulistik eine „Entschädigung“ des Geld-

gebers rechtfertigten. Die Verstöße gegen das kirchliche Zinsverbot begannen früh. Bereits im 4. Jahrhundert hatte die junge christ- liche Kirche ihren Klerikern das Zins- nehmen untersagt – und musste sie in der Folge immer wieder an das Ver- bot erinnern.

Durch die zunehmende Monetarisie- rung des Handels nach der Jahrtau- sendwende hatte die kirchliche Agi- tation gegen Zinsgeschäfte noch ein-

Wucherer und Teufel (Kathedrale von Chartres)
Wucherer
und Teufel
(Kathedrale
von Chartres)

es nicht, wenn auch israelitische Geldhändler nicht selten waren. Ju- den durften nach dem Talmud, ihrer religiösen Lehre, zwar nicht unter sich, wohl aber von Christen Zinsen nehmen. Das verschaffte ihnen eine Sonderstellung in der von der mäch- tigen katholischen Kirche geprägten mittelalterlichen Gesellschaft, in der Zins als Sünde galt und verboten war. Zudem war der Geldhandel eine der

mal Auftrieb bekommen. Der Kir- chenlehrer Thomas von Aquin sah den Grund der Zinssünde darin, dass ge- gen Gottes Willen ohne Arbeit und nur mit der Zeit Geld verdient werde. Doch an Königshöfen, in der Aristo- kratie und im Klerus wuchs der Fi- nanzbedarf. Und statt Silber und Schmuck einzuschmelzen, lag es nä- her, sich fehlendes Geld von Kaufleu- ten vorstrecken zu lassen. Zwischen Rhein und Maas füllten die- se Lücke vor allem die sogenannten Lombarden, die allerdings meist aus dem Piemont kamen. Die italienischen Frühkapitalisten gründeten Hunderte von Pfandleihbanken – und ihr Ge- schäft hat im Geldhandel bis heute Spuren hinterlassen. So geht bei- spielsweise der „Lombardsatz“, zu dem die Zentralbanken Geld verlei- hen, auf sie zurück. Zwar waren die Lombarden ähnlich schlecht angesehen wie die Juden. Ihre Kenntnisse im Wechsel- und Kredit- geschäft waren aber so ausgereift, dass an ihren mächtigen Gesellschaften kaum ein Kunde vorbeikam. Die Köni- ge von Frankreich und England, Für- sten, Bischöfe, Äbte und Päpste ließen ihr Vermögen von Lombarden verwal- ten. Der damals übliche Zinssatz schwankte zwischen 10 und 16 Prozent – und konnte bei Verzug auf 50 Pro- zent, ja bis über 100 Prozent steigen. Während die jüdischen Händler etwa in Flandern stets in der Minderheit waren, nahm ihr Anteil Richtung Os- ten zu. Vor allem in Polen, Böhmen und Ungarn waren sie stark vertreten. Mehrere Faktoren trugen dazu bei, dass sich Juden auf den Geldverleih spezialisierten. Beim Verkauf und selbst bei der zwangsweisen Auflösung ihrer Besitz- tümer etwa durch Ausweisungen hat- ten manche von ihnen beträchtliche Vermögen erzielt. Etliche waren am Transport von Gold und Silber aus den Bergwerken der islamischen Länder und Afrikas beteiligt. Andere impor- tierten Luxusgüter für europäische Adlige oder Geistliche aus dem Orient. Ihr Schicksal war immer von der Stim- mung des jeweiligen Schutzherrn ab- hängig. Während etwa Friedrich I. Barbarossa (1152 bis 1190) seinen Ju- den völlige Freiheit im Geldhandel zu-

gestand, ließ König Ludwig IX. („Der Heilige“) von Frankreich (1226 bis 1270) bei seinen Untertanen Umfra- gen über deren Klagen gegen Juden durchführen. Ludwigs Judenhass war berüchtigt, und er versuchte, jüdische Zinsnehmer aus dem Land zu jagen – obwohl ihm einige seiner Berater ver- sichert hatten, dass ohne Geldleihe weder das Land bebaut noch nen- nenswert Handel betrieben werden könne. Wenn Machthaber Juden ansiedelten, geschah das selten aus Toleranz. Es sei gewissen weltlichen Herrschern unangenehm, selbst Zinsen zu kassie- ren, schrieb Papst Innozenz III. im Jahr 1208. Deshalb holten sie Juden in ihre Dörfer und Städte, „um sie für das Kassieren der Zinsen in ihren Dienst zu nehmen, diese peinigen dann bedenkenlos Gottes Kirchen und die Armen Christi“. Die soziale Brisanz der Zinsfrage zeig- te sich im 14. Jahrhundert besonders in Trier, das lange vergebens versuch- te, sich aus klerikaler Herrschaft zu befreien und reichsunmittelbare Stadt zu werden. Erzbischof Balduin von Luxemburg (1307 bis 1354) provo- zierte mit seiner jüdisch geprägten Fi- nanzverwaltung scharfe Kritik. Die Stadtgemeinde klagte, der Erzbischof lasse nicht einmal Gerichtsbeschwer- den gegen jüdische Wucherer zu, wo- durch viele Bürger in Verderbnis ge- stürzt worden seien. Dagegen hatte Balduin einer christ- lichen Wucherin das Begräbnis ver- weigert, was die Bürger so aufbrachte, dass sie es mit Gewalt durchsetzten. Nach den Pestpogromen Mitte des 14. Jahrhunderts verebbten die finanziellen Aktivitäten der Juden mehr und mehr – bis sie 1419 für hundert Jahre aus dem Erzstift ausgewiesen wurden. Die andere Randgruppe der Finanz- dienstleister, die Lombarden, hatte weniger zu leiden: Auf dem Sterbe- bett wurden sie fromm und schickten Wagenladungen voller Geld symbo- lisch gen Himmel – damals die gängi- ge Spendenpraxis. „Die Kirche“, so Hi- storiker Reichert, „war zu der Zeit nicht weniger geschäftstüchtig als heute.“ Und das Seelenheil am Ende nur eine Frage der Finanzierung. Nils Klawitter

DER AUFSTIEG DES KAPITALS

dynastien als Bankiers. In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts waren die Florentiner Bankhäuser der Familien Peruzzi und Bardi die weltweit größten Unternehmen – „die Säulen des christ-

lichen Handels“, wie sie ein italienischer Historiker nannte. Als reichste Bankiers ihrer Ära übertrafen sie sogar die ihnen folgenden, legendären Medici; in Sachen Nachruhm sollten die Medici allerdings aufgrund ihrer politischen Rolle und ih-

res kulturellen Renaissance-Nimbus die

Vorgänger überstrahlen. Wirtschaftsge-

schichtler sehen in den Peruzzi und Bar-

di eher Unternehmenskonglomerate

(„super companies“) ihrer Epoche als reine Banken: Der Warenhandel mach- te einen Großteil ihrer Geschäfte aus, in vielen Teilen Europas unterhielten sie Kontore. Trotz aller zeittypischen Gefahren können die größten Geldhändler des 14. Jahrhunderts rückblickend als ver- gleichsweise solide Geschäftsleute er-

König Edward trieb die Banken in den Ruin.

scheinen – gemessen jedenfalls an man- chen Gewinnerwartungen gegenwärti-

ger Banken.

Die durchschnittliche Peruzzi-Ren-

dite auf das gesamte eingesetzte Kapital schätzt Historiker de Roover auf zehn

bis zwölf Prozent – weniger als die Hälf-

te des erklärten Renditeziels von Josef Ackermann im Jahr 2009. Der Chef der Deutschen Bank hat erst kürzlich, un- gerührt vom internationalen Finanz- desaster, seine Gewinnvorstellungen von 25 Prozent bekräftigt. Die Peruzzi und Bardi allerdings be-

wahrten auch ihr großer Geschäftsum- fang und ihre Filialisierung nicht vor dem Bankrott. Gerade die kommerziel- le Überdehnung trug einiges zu ihrem Scheitern bei. Den entscheidenden Schlag aber versetzte den Florentiner „Säulen des christlichen Handels“ die Zahlungsunfähigkeit ihres größten Schuldners: Englands König Edward

III., der seit 1337 in den hundertjährigen Krieg gegen Frankreich verstrickt war, konnte seine Kredite nicht mehr bedie- nen. 1343 erwischte es die Peruzzi, 1346

die Bardi. Es waren die spektakulärsten

Bankenpleiten des Mittelalters.

WIE ES WIRKLICH WAR

Christen umgingen das Zinsverbot, Juden wurden stigmatisiert.

SÜNDIGE GESCHÄFTE

„Dreitausend Dukaten – gut.“

Schon im ersten Satz, mit dem der jüdische Geldverleiher Shylock im „Kaufmann von Venedig“ vorgestellt wird, geht es um Geld. Und kaum

ist dieser Satz gefallen, macht Autor William Shakespeare das Publikum mit der nieder- trächtigen Bedingung be- kannt, die sein Kaufmann Antonio hinnehmen muss, um an das Geld zu kom- men: Ein Pfund Fleisch soll Shylock bei Nichtzurück- zahlung aus Antonios Leib schneiden dürfen. Im Jahr 1605 fielen Shylocks Eingangsworte das erste Mal vor Publikum. Sie ent- hielten bereits alles, was an Juden abstoßend erscheint, glaubt der amerikanische Schriftsteller Philip Roth, selbst jüdischer Herkunft. Die Worte, so Roth, hät- ten zur jahrhundertelangen Stigmatisierung der Juden

beigetragen. Kaum eine Fi- gur hat sich in der europäi- schen Imagination so fest- gesetzt wie der erbarmungs- lose jüdische Wucherer. Kaum ein Stereotyp wird so grenzübergreifend verstan- den. Verfolgung und Ver- nichtung der Juden waren stets eng mit diesem Bild verbunden. Dabei taugt Shakespeares

Geldhändler bei genauer Lektüre nicht zur antisemitischen Blaupause. Er ist zu komplex und widersprüchlich. Denn der Dramati- ker befreit sein Geschöpf in einem Schlüsselmoment des Stücks aus dem Käfig des Klischees. Er entdämoni- siert es – und bringt Shylock den Zuschauern als ihresgleichen nah:

„Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, ster- ben wir nicht?“

Shakespeares Hauptquelle war der jüdische Wucherer in einer italieni- schen Novelle aus dem späten 14. Jahrhundert. Zu dieser Zeit war der Geldmarkt in Mitteleuropa hart um- kämpft. Ein jüdisches Monopol gab

wenigen Berufsnischen, die den Ju- den überhaupt noch geblieben wa-

ren. Seit dem Ersten Kreuzzug von 1096 herrschte eine latente Pogrom- stimmung gegen sie. Schon länger waren sie aus den Zünften ausge- schlossen und schrittweise

entrechtet worden. Es blieb die Finanzbranche – wofür sie dann auch noch stigma- tisiert wurden. Dennoch hatten die Juden starke christliche Konkur- renz. In der Praxis blieb nämlich das Zinsverbot oft wirkungslos, auch wenn es unter Karl dem Großen so- gar säkulares Recht gewor- den war und durch Konzils- beschlüsse und päpstliche Dekrete im 12. und 13. Jahr- hundert immer wieder ver- schärft wurde. „Das war wie im Banken- sektor kurz vor der momen- tanen Krise – es hat sich kaum jemand an die Regeln gehalten“, sagt der Wirt- schaftshistoriker Winfried Reichert. „Das Verbot wurde umgangen, der Zins etwa nur anders genannt.“ Er wurde als Entschädigung verpackt oder als Disagio verschleiert. Später wurde das Kreditbedürfnis so stark, dass Kirchenjuristen mit allerlei Rabulistik eine „Entschädigung“ des Geld-

gebers rechtfertigten. Die Verstöße gegen das kirchliche Zinsverbot begannen früh. Bereits im 4. Jahrhundert hatte die junge christ- liche Kirche ihren Klerikern das Zins- nehmen untersagt – und musste sie in der Folge immer wieder an das Ver- bot erinnern.

Durch die zunehmende Monetarisie- rung des Handels nach der Jahrtau- sendwende hatte die kirchliche Agi- tation gegen Zinsgeschäfte noch ein-

Wucherer und Teufel (Kathedrale von Chartres)
Wucherer
und Teufel
(Kathedrale
von Chartres)

es nicht, wenn auch israelitische Geldhändler nicht selten waren. Ju- den durften nach dem Talmud, ihrer religiösen Lehre, zwar nicht unter sich, wohl aber von Christen Zinsen nehmen. Das verschaffte ihnen eine Sonderstellung in der von der mäch- tigen katholischen Kirche geprägten mittelalterlichen Gesellschaft, in der Zins als Sünde galt und verboten war. Zudem war der Geldhandel eine der

mal Auftrieb bekommen. Der Kir- chenlehrer Thomas von Aquin sah den Grund der Zinssünde darin, dass ge- gen Gottes Willen ohne Arbeit und nur mit der Zeit Geld verdient werde. Doch an Königshöfen, in der Aristo- kratie und im Klerus wuchs der Fi- nanzbedarf. Und statt Silber und Schmuck einzuschmelzen, lag es nä- her, sich fehlendes Geld von Kaufleu- ten vorstrecken zu lassen. Zwischen Rhein und Maas füllten die- se Lücke vor allem die sogenannten Lombarden, die allerdings meist aus dem Piemont kamen. Die italienischen Frühkapitalisten gründeten Hunderte von Pfandleihbanken – und ihr Ge- schäft hat im Geldhandel bis heute Spuren hinterlassen. So geht bei- spielsweise der „Lombardsatz“, zu dem die Zentralbanken Geld verlei- hen, auf sie zurück. Zwar waren die Lombarden ähnlich schlecht angesehen wie die Juden. Ihre Kenntnisse im Wechsel- und Kredit- geschäft waren aber so ausgereift, dass an ihren mächtigen Gesellschaften kaum ein Kunde vorbeikam. Die Köni- ge von Frankreich und England, Für- sten, Bischöfe, Äbte und Päpste ließen ihr Vermögen von Lombarden verwal- ten. Der damals übliche Zinssatz schwankte zwischen 10 und 16 Prozent – und konnte bei Verzug auf 50 Pro- zent, ja bis über 100 Prozent steigen. Während die jüdischen Händler etwa in Flandern stets in der Minderheit waren, nahm ihr Anteil Richtung Os- ten zu. Vor allem in Polen, Böhmen und Ungarn waren sie stark vertreten. Mehrere Faktoren trugen dazu bei, dass sich Juden auf den Geldverleih spezialisierten. Beim Verkauf und selbst bei der zwangsweisen Auflösung ihrer Besitz- tümer etwa durch Ausweisungen hat- ten manche von ihnen beträchtliche Vermögen erzielt. Etliche waren am Transport von Gold und Silber aus den Bergwerken der islamischen Länder und Afrikas beteiligt. Andere impor- tierten Luxusgüter für europäische Adlige oder Geistliche aus dem Orient. Ihr Schicksal war immer von der Stim- mung des jeweiligen Schutzherrn ab- hängig. Während etwa Friedrich I. Barbarossa (1152 bis 1190) seinen Ju- den völlige Freiheit im Geldhandel zu-

gestand, ließ König Ludwig IX. („Der Heilige“) von Frankreich (1226 bis 1270) bei seinen Untertanen Umfra- gen über deren Klagen gegen Juden durchführen. Ludwigs Judenhass war berüchtigt, und er versuchte, jüdische Zinsnehmer aus dem Land zu jagen – obwohl ihm einige seiner Berater ver- sichert hatten, dass ohne Geldleihe weder das Land bebaut noch nen- nenswert Handel betrieben werden könne. Wenn Machthaber Juden ansiedelten, geschah das selten aus Toleranz. Es sei gewissen weltlichen Herrschern unangenehm, selbst Zinsen zu kassie- ren, schrieb Papst Innozenz III. im Jahr 1208. Deshalb holten sie Juden in ihre Dörfer und Städte, „um sie für das Kassieren der Zinsen in ihren Dienst zu nehmen, diese peinigen dann bedenkenlos Gottes Kirchen und die Armen Christi“. Die soziale Brisanz der Zinsfrage zeig- te sich im 14. Jahrhundert besonders in Trier, das lange vergebens versuch- te, sich aus klerikaler Herrschaft zu befreien und reichsunmittelbare Stadt zu werden. Erzbischof Balduin von Luxemburg (1307 bis 1354) provo- zierte mit seiner jüdisch geprägten Fi- nanzverwaltung scharfe Kritik. Die Stadtgemeinde klagte, der Erzbischof lasse nicht einmal Gerichtsbeschwer- den gegen jüdische Wucherer zu, wo- durch viele Bürger in Verderbnis ge- stürzt worden seien. Dagegen hatte Balduin einer christ- lichen Wucherin das Begräbnis ver- weigert, was die Bürger so aufbrachte, dass sie es mit Gewalt durchsetzten. Nach den Pestpogromen Mitte des 14. Jahrhunderts verebbten die finanziellen Aktivitäten der Juden mehr und mehr – bis sie 1419 für hundert Jahre aus dem Erzstift ausgewiesen wurden. Die andere Randgruppe der Finanz- dienstleister, die Lombarden, hatte weniger zu leiden: Auf dem Sterbe- bett wurden sie fromm und schickten Wagenladungen voller Geld symbo- lisch gen Himmel – damals die gängi- ge Spendenpraxis. „Die Kirche“, so Hi- storiker Reichert, „war zu der Zeit nicht weniger geschäftstüchtig als heute.“ Und das Seelenheil am Ende nur eine Frage der Finanzierung. Nils Klawitter

DER AUFSTIEG DES KAPITALS

dynastien als Bankiers. In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts waren die Florentiner Bankhäuser der Familien Peruzzi und Bardi die weltweit größten Unternehmen – „die Säulen des christ-

lichen Handels“, wie sie ein italienischer Historiker nannte. Als reichste Bankiers ihrer Ära übertrafen sie sogar die ihnen folgenden, legendären Medici; in Sachen Nachruhm sollten die Medici allerdings aufgrund ihrer politischen Rolle und ih-

res kulturellen Renaissance-Nimbus die

Vorgänger überstrahlen. Wirtschaftsge-

schichtler sehen in den Peruzzi und Bar-

di eher Unternehmenskonglomerate

(„super companies“) ihrer Epoche als reine Banken: Der Warenhandel mach- te einen Großteil ihrer Geschäfte aus, in vielen Teilen Europas unterhielten sie Kontore. Trotz aller zeittypischen Gefahren können die größten Geldhändler des 14. Jahrhunderts rückblickend als ver- gleichsweise solide Geschäftsleute er-

König Edward trieb die Banken in den Ruin.

scheinen – gemessen jedenfalls an man- chen Gewinnerwartungen gegenwärti-

ger Banken.

Die durchschnittliche Peruzzi-Ren-

dite auf das gesamte eingesetzte Kapital schätzt Historiker de Roover auf zehn

bis zwölf Prozent – weniger als die Hälf-

te des erklärten Renditeziels von Josef Ackermann im Jahr 2009. Der Chef der Deutschen Bank hat erst kürzlich, un- gerührt vom internationalen Finanz- desaster, seine Gewinnvorstellungen von 25 Prozent bekräftigt. Die Peruzzi und Bardi allerdings be-

wahrten auch ihr großer Geschäftsum- fang und ihre Filialisierung nicht vor dem Bankrott. Gerade die kommerziel- le Überdehnung trug einiges zu ihrem Scheitern bei. Den entscheidenden Schlag aber versetzte den Florentiner „Säulen des christlichen Handels“ die Zahlungsunfähigkeit ihres größten Schuldners: Englands König Edward

III., der seit 1337 in den hundertjährigen Krieg gegen Frankreich verstrickt war, konnte seine Kredite nicht mehr bedie- nen. 1343 erwischte es die Peruzzi, 1346

die Bardi. Es waren die spektakulärsten

Bankenpleiten des Mittelalters.

PICTURE-ALLIANCE / DPA / MAXPPP (O. R.); TED SPIEGEL / CORBIS (U. R.)

BRIDGEMANART.COM (O. L. + U. L.);

DER AUFSTIEG DES KAPITALS

Filialen im In- und Ausland, riskante Jumbo-Kredite und hochspekulative Anlagen – das Firmengeflecht der Medici ähnelte schon vor fast 600 Jahren in manchem einer heutigen Großbank.

Glanz und Niedergang einer Geld-Dynastie

Von HANS-JÜRGEN SCHLAMP

N ach Tagen der Folter, den Tod vor Augen, leg- te der Söldnerführer Giovan Battista, Graf von Montesecco, ein Ge-

ständnis ab: Der Erzbischof von Pisa und der florentinische Bankier Francesco de’ Pazzi hatten ihn für das Komplott ange- worben. Die Macht der Medici in Flo- renz sollte gebrochen, ihr Anführer „Lo- renzo der Prächtige“ mitsamt seinem Bruder Giuliano getötet werden. Selbst Papst Sixtus IV. hatte gedrängt: „Ich will, dass Lorenzo die Regierungsgewalt aus den Händen genommen wird, weil er ein Schuft ist und niederträchtig und keinerlei Respekt vor uns hat.“ Der Anschlag wurde auf den 26. April 1478 festgelegt: In der Stadt standen Monteseccos Söldner bereit, im Dom zu Florenz stürzten sich während der Hei- ligen Messe Francesco de’ Pazzi und ein Freund, der laut schrie „Hier, du Ver- räter“, auf Giuliano de’ Medici und sta- chen ihn nieder. Sekunden später fielen zwei Priester mit langen Messern auch über Lorenzo her, der am anderen Ende des weitläufi- gen Gotteshauses mit Freunden plau- derte. Der erste Stoß streifte ihn am Hals. Lorenzo „gelang es, ein oder zwei weitere Hiebe zu parieren, dann hatten Freunde und Anhänger ihm den Rück- weg gesichert“, heißt es in Augenzeu- genberichten. Die Flüchtigen eilten zum nahen Palast der Medici und verbarri- kadierten sich. Das Volk von Florenz griff nicht ein, sondern wartete ab – bis die Attentäter die Nerven verloren und aufgaben. Schon am Nachmittag begann der blutige Rachefeldzug der Medici: Fran- cesco de’ Pazzi endete in einem Fens-

terkreuz eines Hauses am Strick, sein

Bruder im Nebenfenster. Ihre Söldner wurden aus den Fenstern umstehender Häuser auf die Piazza della Signoria ge- worfen – und dort von einem entfessel- ten Mob in Stücke gehackt. Andere Leichname wurden, wie ein Florentiner Tagebuchschreiber notierte, an die Flü- gelfenster des Rathauses gelehnt, „wo sie, nackt und aufrecht, stehenblieben und aussahen wie nach dem Leben ge- malte Porträts“. Wieder einmal hatten die Medici, die größten Überlebenskünstler des späten italienischen Mittelalters und der Re- naissance, ihre Macht gerettet. Über drei Jahrhunderte lang be- herrschte diese Familie Florenz. Sie machte den kleinen toskanischen Stadt-

staat zu einem der damals wichtigsten europäischen Han- dels- und Kultur- zentren – und be-

reicherte sich dabei schamlos aus den öffentlichen Kassen. Voltaire rühmte sie als „Urheber einer kulturellen Blüte- zeit“. Der Dichter Vittorio Alfieri ver- dammte sie dagegen als „Meuchelmör- der des demokratischen Volksgeistes“. Niccolò Machiavelli hat ihre Geschich- te aufgeschrieben. Es ist ein Lehrbuch geworden, wie man klug, kaltblütig und skrupellos die Macht erobert und verteidigt. Überliefert ist, dass die Töchter der Medici mit Königen vermählt wurden, obwohl sie von sprichwörtlicher Häss- lichkeit waren. Von den Söhnen der Dy- nastie wurden die schlichteren Gemüter Kardinäle oder Päpste, die klügeren Ban-

kiers. Schon Lorenzos Großvater Cosi- mo der Ältere (1389 bis 1464) galt als reichster Mann Europas, seine Bank damals als größtes Geldhaus aller Zei- ten. Nicht als Fürsten, Kardinäle oder Kriegsherren wurden die Medici mäch- tig, sondern als Finanzunternehmer.

Alles, was eine Großbank heute

ausmacht, konnte ihr Konzern schon vor fast 600 Jahren anbieten: Filialen in Me- tropolen des In- und Auslands, bargeld- losen Zahlungsverkehr, Überweisungen bis in entlegene Regionen, hochspeku- lative Papiere für Zocker. Und geringe Skrupel: Die Medici finanzierten eu- ropäische Päpste und Könige – und, wenn es profitabel war, auch deren Kon- trahenten in Kon- stantinopel und Da-

maskus. Die Urväter der Sippe sind vermut- lich als Ärzte, italie- nisch: „medici“, aus

der toskanischen Provinz nach Flo- renz gekommen. Im 12. und 13. Jahr- hundert schieben sie sich aus der bür- gerlichen Namenlosigkeit nach oben. Da taucht etwa 1220 ein „Ritter Johann de Medicis“ in den Dokumenten auf, dessen Familienname damals noch lateinisch dekliniert wird. 1230 wird ein „Stadt- vogt Averardo de Medici“ aus Lucca er- wähnt. Dessen Enkel, auch der heißt Averardo, eröffnet in Florenz ein Geld- wechselgeschäft nebst Pfandleihe und wird dabei wohlhabend. Sein Sohn Gio- vanni, 1368 geboren, macht daraus ein Wirtschaftsimperium. Besonders angesehen ist die Sippe der Medici deshalb nicht. Sie sei „als

Nach dem Mord- versuch begann der Rachefeldzug.

Zeremonie zur Hoch- zeit der Medici-Toch- ter Marie mit dem französischen König Henri IV. im Oktober 1600 in Florenz (Gemälde von Peter Paul Rubens)

Das Grabmal des Lorenzo de’ Medici ziert eine Skulptur von Michelangelo.

Cosimo de’ Medici (Gemälde von Jacopo Pontormo)

Medici-Münzen,

geheime Journale

der Medici-Bank

MASSIMO BORCHI / ATLANTIDE PHOTOTRAVEL/CORBIS (O.); BRIDGEMANART.COM (L.)

DER AUFSTIEG DES KAPITALS

chronisch unzuverlässig abgestempelt“ und „ihres unfriedfertigen Sozialverhal- tens wegen breiteren Kreisen, speziell den unteren Schichten, suspekt“ gewe- sen, schreibt der Geschichtsprofessor Volker Reinhardt. Daran ändern auch noble Ehe- schließungen nichts. Giovanni verhei- ratet seinen ältesten Sohn Cosimo mit Contessina de Bardi di Vernio, Tochter einer alten, aber im Bankenkrach von 1346 verarmten Bankiersfamilie. Die noble Dame feilscht bei jedem Bäcker und jedem Metzger unnachgiebig um Rabatte – auch als ihr Gatte längst der reichste Mann Europas geworden ist.

Fleißig, geschickt und erfolg-

reich baut erst Giovanni und dann Sohn Cosimo die Bank aus. Sie kreditieren Händler und Kriegsherren in Italien, Ungarn, Deutschland, Frankreich. Ihr Hauptgeschäft aber machen sie mit der Kurie in Rom. Da geht es in jenen Zeiten drunter und drü- ber, neben Päpsten gibt es Gegen- päpste, einmal sogar drei Heilige Väter gleichzeitig. Den Medici ist jeder recht, aber manche sind ihnen besonders lieb. Als Baldas- sare Cossa 1410 Papst Johannes XXIII. wird (die Amtskirche führt ihn später als Gegenpapst, so dass es im 20. Jahrhundert noch einen Johannes XXIII. geben konnte), kommt ein alter Freund des Hau- ses Medici an die Spitze des Kir- chenstaates. Nun avanciert die Fa- milie zu den ersten Bankiers des

Vatikans. Kein lukratives Geschäft läuft mehr an ihr vorbei. Auch als Johannes 1415 abgesetzt wird, ändert sich daran nichts. Es fol- gen Benedikt XIII. und Martin V. Vor allem Martin braucht mehr Geld für seinen Lebensstil, als die Steuerzahler des Kirchenstaates und die spenden- freudigen Rom-Pilger aufbringen kön- nen. Andere Kirchenobere haben da- gegen viel zu viel Geld, wollen es inves- tieren. Giovanni und Cosimo finanzie- ren mit den Anlagen der einen die Kre- dite der anderen und verdienen dabei üppig.

Ob an den wichtigen Handelsplätzen oder dort, wo die christliche Geistlich- keit sich zum Konzil versammelt – die Medici sind mit ihren Zweigstellen vor Ort. Solche Bankfilialen kommen in je- nen Zeiten mit wenig Personal aus. Die Basler beispielsweise wird von einem leitenden Angestellten geführt, dem „Faktor“. Einige junge Leute, „giovani“, sind für den Transport von Wertsachen, für Sekretariats- und Buchhaltungsarbei- ten zuständig. Dazu gibt es natürlich einen Diener und einen Koch. Jede Fi- liale schickt regelmäßig Bilanzen nach Florenz, in denen der Verantwortliche für jedes Geschäft vermerkt ist – wenn es schiefläuft, wird er zur Rechenschaft gezogen. Außerdem schreiben die Fi- lialleiter den Medici sogenannte „lettere private“, vertrauliche Mitteilungen über private, wirt- schaftliche und politische Vor- gänge. So ist die Konzernzentra- le in Florenz immer gut darüber informiert, was Europas Mächti- ge umtreibt. Die heiklen Stellen dieser oft hochbrisanten Infor- mationen werden mit einem Na- menscode verschlüsselt: „Gioio- so“ habe mit „78“ gebrochen, heißt es da beispielsweise. Zinsen durfte eine Bank offi- ziell nicht nehmen, weil die Kir- che den „Zinswucher“ grund- sätzlich verboten hatte. Großan- leger wurden deshalb mit einem bestimmten Prozentsatz am Ge- winn der mit ihrem Geld getätig- ten Investition beteiligt. Bei An- lagen, die ohne Risiko wachsen

Lorenzo de’ Medici (Gemälde von Giorgio Vasari)
Lorenzo de’ Medici
(Gemälde von
Giorgio Vasari)

PICTURE-ALLIANCE / DPA / MAXPPP (R.)

Vieles von der Pracht und dem kulturellen Reichtum in Florenz geht auf die oft brutale, mehr als drei Jahrhunderte währende Herrschaft der Medici zurück.

sollten, wurden die Zinsen in der Buch- haltung versteckt: Anlagebeträge und Darlehen wurden einfach entsprechend erhöht eingetragen. Auch spekuliert wurde schon kräftig. Etwa mit einem „lettera di cambio“, ei- nem Wechselbrief, der eigentlich ein Warengeschäft absicherte oder wie ein Reisescheck benutzt wurde. So kaufte

zum Beispiel am 21. August 1436 ein ge- wisser Giovanni Amelonch in Basel eine „lettera“ für 100 florentinische Gold- münzen und löste sie am 20. September in Venedig in die dort umlaufende Währung ein. Auf den dabei ak- tuell geltenden Wechselkurs

konnte man natürlich auch spe- kulieren, ohne zu verreisen. Dumm für die Bankiers dieser Zeit war, wenn ein Papst oder ein Fürst aus dem Amt gejagt wurde – meist ging dann der ausstehen- de Kredit verloren. So hüteten sich kluge Bankiers, einzelnen Kunden allzu große Darlehen zu geben. Und die meisten Geldhäu- ser waren zur Absicherung noch anderweitig aktiv. So produzier- ten die Medici auch Stoffe und verkauften Farben und Gewürze. Zugleich mischten sie immer stärker in der Politik mit. Wäh- rend die bis dahin vorherrschen- den, meist adligen Familien versuchten, nachwachsende Kon- kurrenz mit willkürlicher Be- steuerung klein zu halten, sahen Kleinbürger und Handwerker die neuen Großkaufleute, die nicht zur regierenden Oligarchie gehör- ten, als Verbündete an. Als Gio-

vanni de’ Medici 1429 starb, ging „nicht nur der größte ‚Wechselherr‘ Italiens, einer der reichsten Kaufleute von Flo- renz ins Grab“, so der Leipziger Wirt- schaftshistoriker Otto Meltzing, „son- dern auch der anerkannte Führer einer politischen Partei, mit der der Name Me- dici von nun an eng verknüpft war“.

Etwa alle fünf Jahre durfte rund ein

Fünftel der volljährigen männlichen Flo- rentiner, nämlich vor allem die ver- gleichsweise Wohlhabenden, diejenigen benennen, die zur politischen Klasse

gehören sollten. Aus ihr etablierte sich dann die Stadtregierung „Signoria“. Am 5. September 1433 wollten die Medici- Gegner, angeführt von Rinaldo degli Al- bizzi, für die diese „Wahlen“ zur Signo- ria gut gelaufen waren, dem Aufstieg der Medici ein Ende setzen. Während einer Beratung der Bürgerschaft im heutigen Palazzo Vecchio ließ Albizzi Cosimo de’ Medici verhaften. Der schrieb in sein Tagebuch: „Nach einiger Zeit (im Stadt- palast) wurde ich von der Signoria auf- gefordert, mich ins obere Stockwerk zu begeben, wo ich vom Hauptmann der städtischen Wache in eine ‚Barberia‘ genannte Gefängnis- zelle eingeschlossen wurde.“ Durch „Volksbeschluss“ wurde er zunächst auf fünf Jahre, später auf zehn Jahre nach Padua ver- bannt. Gnädig gewährte man ihm bald die Bitte, die Verbannung in Venedig zu verbüßen. Cosimo notierte: „Die Gegner wollten uns in den Bankrott trei- ben, doch ihr Plan scheiterte. Auswärtige Kaufleute und Herr- scher boten uns eine große Geld- summe.“ In Florenz dagegen wurde das Geld knapp. Viele kleine Händler, die von ihren Geschäftsbezie- hungen zu den Medici gelebt hat- ten, verloren ihre Einnahmequel- le. Handwerker, die in den Tuch- und Seidenmanufakturen der Me- dici gearbeitet hatten, fanden kei- ne Arbeit mehr. Die Stimmung der Bevölkerung sank, das Anse- hen der Medici-Gegner fiel auf null – nach einem Jahr, am 6. Ok-

Die Pazzi-Verschwörung am 26. April 1478 (Stich aus dem 19. Jh.)
Die Pazzi-Verschwörung
am 26. April 1478
(Stich aus dem 19. Jh.)

GUILLAUME COLLANGES / ARGOS / PI / PICTURETANK

DER AUFSTIEG DES KAPITALS

tober 1434, kehrte Cosimo wieder nach Florenz zurück. Rinaldo degli Albizzi wurde ins Exil geschickt, und Cosimo übernahm wieder die Macht in seiner Vaterstadt. „Nun war die Kommune zum Exklusiv- besitz einer Interessengruppe ge- worden“, analysiert der Historiker Reinhardt. Und Cosimo wurde „der Pate von Florenz“. Dem verbreiteten Eindruck, die Republik verkomme zur Tyrannei, trat er mit massiver Propaganda entgegen. In den Kunstwerken, die Cosimo in Auftrag gab, wurde er bis ins Abstruse verherrlicht: so etwa als einer der Heiligen Drei Könige im Kon- vent von S. Marco, als Retter vor der Sintflut im Kreuzgang von S. Maria No- vella. Andere große Familien eiferten den Medici nach. In Florenz wurde in Paläste, Statuen, Fresken investiert wie nirgendwo sonst. In der Stadt, die 1434 mit etwa 40 000 Einwohnern zu den großen urbanen Zentren Europas zähl- te, arbeiteten Donatello, Leonardo da Vinci, der junge Michelangelo und viele weitere Spitzenkünstler jener Zeit.

Wann immer Krieg drohte – und

der drohte damals häufig –, schoss Cosi- mo der Staatskasse Geld zur Bezahlung der Söldner zu. Das linderte die Steuer- last der Mittel- und Oberschichten und stellte diese ruhig. Großzügig vergab Co- simo Darlehen, oft zinslos, und machte damit viele einflussreiche Bürger von sich abhängig. Machiavelli erkannte:

„Hinter dem Rücken des Staates gewinnt man Bekanntheit und Beliebtheit, indem man dem einen oder anderen Bürger Gunst erweist, ihn gegen die Behörden schützt, ihm Geld gibt oder zu Ämtern ver- hilft, die er nicht verdient hat.“ Familien, die gegen ihn waren oder ihm wegen ihres Vermögens gefährlich werden konnten, ließ der Medici-Patri- arch dagegen mit einer „Progressivsteu- er“ ausbluten. „Es ist ganz unglaublich, wie viel von einzelnen Familien erho- ben wurde“, staunte der Wirtschaftshis- toriker Meltzing, Familien, „von denen einige gänzlich verarmten und im Elend verkamen, während andere, besonders handelstreibende Geschlechter, es vor- zogen, Florenz zu verlassen“. 1464 starb Cosimo. Sein einziger überlebender Sohn Piero führte die Ge- schäfte weiter – meistens vom Bett aus. Denn er erbte vom Vater nicht nur das Vermögen, sondern auch die Gicht. Er konnte kaum laufen und stehen. „Piero

Medici-Villa in Rom
Medici-Villa
in Rom

Cosimo wurde „der Pate von Florenz“.

der Gichtige“ hieß er in der Stadt. Nach dem gewaltigen, oft auch riskanten Auf- stieg des Vaters setzte er auf Stabilität. Das Haus Medici wünsche, schrieb er etwa 1469 an seinen Agenten in Brügge, „das Geschäft zu betreiben, um sein Ver- mögen, seinen Kredit und seine Ehre zu erhalten, nicht aber, um auf riskante Weise sich zu bereichern“. Aber da war es schon zu spät. Nach fünf Jahren an der Spitze des Medici-Clans starb Piero. Eine Vermö- gensaufstellung aus jener Zeit zeigt, dass sich die Besitztümer der Medici in den knapp 30 Jahren unter Cosimo und Pie- ro verdoppelt hatten. Ihnen gehörte ein Imperium aus Handelsfirmen, Landbe- sitz, Häusern, unzähligen Pretiosen und viel, viel Geld. Doch der Höhepunkt ih- res ökonomischen Erfolgs war nun über- schritten. Dabei war das Unternehmen nach wie vor eine kommerzielle Großmacht. Es wickelte die Finanzgeschäfte vieler Herrscherhäuser ab und fungierte als erstes Bankhaus der Christenheit. Als Cosimos Enkel Lorenzo (1449 bis 1492), genannt „Il magnifico“ („Der Prächti- ge“), 1471 nach Rom reiste, um dem neu- en Papst Sixtus IV. zu huldigen, über- schüttete der ihn mit Geschenken und machte ihn zum apostolischen Schatz- meister. Aber die Koexistenz hielt nicht lange. Sixtus bemühte sich, seinen zahlreichen Verwandten lukrative Jobs zu verschaf- fen und seinen Kirchenstaat auszudeh- nen. Der Florentiner Lorenzo wollte da- gegen die Macht der Kurie eingrenzen. Das Klima kühlte ab. Der Papst sperrte

sich gegen den Versuch Lorenzos, seinem Sohn Giovanni die Kardi- nalswürde zu verschaffen. Im Ge- genzug versuchte Lorenzo zu ver- hindern, dass Sixtus IV. einem sei- ner Verwandten die Herrschaft von Imola verschaffte. Daraufhin ent- zog der Papst den Medici die vati- kanischen Finanzgeschäfte – und, als das alles nichts half, schickte er 1478 Attentäter nach Florenz, zu- mindest ermunterte er sie nach Kräften. Der Rachefeldzug der Medici endete für beide Seiten böse: Nach zwei Jahren Krieg war die Dynastie är- mer und der Papst nahezu pleite. Man raufte sich wieder zusammen, und 1483 bekam Lorenzo gegen Bargeld Anteile am Viehzoll- und Salzsteueraufkommen im Kirchenstaat. Noch ehe der Sixtus-Nachfolger In- nocenz VIII. den Kirchenthron bestieg, war auch er bei den Medici hoch ver- schuldet: Die standesgemäße Beerdi- gung seines Vorgängers hatte die Kirche nur auf Pump in Szene setzen können. Auch Innocenz war ständig in Geldnot und borgte Unsummen bei den Medici. Er verscherbelte kircheneigene Juwe- len und Schmuck, dennoch blieb seine finanzielle Situation bedrohlich. Angesichts der gewaltigen Summen, mit denen das Bankhaus jonglierte, war der Medici-Konzern ständig existen- tiell bedroht. So etwa 1483 nach dem Tod des französischen Königs Ludwig XI.:

Die Florentiner Geldherren blieben nicht nur auf ungedeckten Krediten sit- zen. Zahlreiche Hofbeamte forderten plötzlich ihre Einlagen zurück und ent- zogen der Bank Summen, die diese gar nicht hatte. Lorenzo setzte die Erb- schaften seiner minderjährigen Ver- wandten ein und verkaufte seinen Mai- länder Palast, um an Bargeld zu kom- men. Und er griff immer tiefer in die Staatskasse.

Nach Lorenzos Ableben im Jahr

1492 hatten die Medici als kommerziel- le Großmacht, „als erstes Handelshaus der Christenheit“, so der Historiker Melt- zing, „ausgespielt für immer“. Noch gut 200 Jahre lang dominierten sie wenigs- tens die Stadt Florenz. Zweimal noch schafften es Söhne der Familie sogar auf den Papst-Thron – der eine 1513 als Leo X., der andere 1523 als Clemens VII. Aber als das Geschlecht der Medici im Jahr 1737 schließlich ausstarb, war sein alter Glanz längst Geschichte.

32

Geschäfte in „Mayland“ und „Lisbona“: Jakob Fugger in seinem Kontor (Buchillustration, 1518)

FOTOS: AKG

DER AUFSTIEG DES KAPITALS

Verschiffung von Handelsgütern (Farblithografie von Franz Bukacz, um 1909)
Verschiffung von
Handelsgütern
(Farblithografie
von Franz Bukacz,
um 1909)

Die Fugger waren die erfolgreichsten Bankiers im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Jakob Fugger der Jüngere erwarb so viel Reichtum und Macht, dass selbst Monarchen vor ihm einknickten.

Schmiergeld für den Kaiser

Von KAREN ANDRESEN

D ie Ehe versprach beste Perspektiven. Maria, die Auserwählte, war Toch- ter des Herzogs von Bur- gund und damit Erbin

eines Landes, das von Dijon bis nach Brüssel reichte. Sein „kostbarstes Juwel“

nannte Karl der Kühne voller Stolz das hübsche Kind. Da machte es sich gar nicht gut, dass der junge Freier, Maximilian von Habs- burg, aus einem Herrschergeschlecht stammte, das ständig über seine Ver- hältnisse lebte. Selbst bei Metzgern, Bä- ckern und Kramern hatte der Vater des

jungen Thronfolgers, Kaiser Friedrich III., Schulden. An die Ausstattung des einzigen Sohnes für eine standesgemäße Brautwerbung war da gar nicht zu den- ken, wenigstens nicht ohne beträcht- liche Geldspritzen. Kredite kamen in jener Zeit häufig aus dem reichen Augsburg, aber dies- mal verschlossen die finanzstarken Fa- milien ihre Schatullen vor dem ver- schwenderischen Monarchen. Augsburg war, als das Haus Habsburg 1473 um die schöne Maria warb, eine aufstrebende Kommune im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation.

König Rudolf von Habsburg hatte sie 1276 zur reichsunmittelbaren „Freien Stadt“ gemacht und sie damit direkt sei- ner Herrschaft unterstellt. Neben Köln und Nürnberg zählte die Stadt am Lech zu den wichtigsten Handelszentren Deutschlands, ihre Kaufmannsfamilien – die Welser, die Rehlinger oder die Fug- ger – waren über die Stadtgrenzen hin- aus bekannt. Während die Welser und die Rehlin- ger auch zum Patriziat, also zur altein- gesessenen höchsten ständischen Grup- pe der Reichsstadt gehörten und damit die Geschicke der Kommune bestimm-

ten, waren die Fugger noch dabei, sich von unten hochzuarbeiten. Der erste Fugger, der in

ten, waren die Fugger noch dabei, sich von unten hochzuarbeiten. Der erste Fugger, der in Augsburg sein Glück versuchte, war Hans, ein We- ber aus dem nahegelegenen Dorf Gra- ben. 1367 vermerkt das Steuerbuch „Fukker advenit“ – Fugger ist angekom- men. Damit begann der Aufstieg einer Familie, die als Händler und Bankiers mehr als alle anderen das Zeitalter des Frühkapitalismus prägte. Kaiser, Könige und die Kurie waren von ihren Finanzoperationen abhän- gig, ihr feingesponnenes internationa-

les Handelsnetz machte sie zu frühen Globalisierern. Schon Mitte des 15. Jahr- hunderts waren aus der Weberfamilie einflussreiche Kaufleute geworden, die mit wertvollen Tuchen und exotischen Gewürzen handelten und Niederlas- sungen in Nürnberg und Venedig unter- hielten. An der Spitze des Betriebs stand nun Ulrich, ein Enkel des Augsburger Fir- mengründers, und der erkannte, dass es sich durchaus lohnen könnte, den klam- men Habsburgern aus der Klemme zu helfen. Also beschloss er, die hohen Herr-

schaften auf seine Kosten in feinstes Tuch zu kleiden und auch sonst dafür zu sorgen, dass es dem jungen Maximilian bei der Brautwerbung an nichts fehlte.

Als Gegenleistung gewährte der

Habsburger Kaiser Ulrich Fugger und dessen Brüdern „ohn alle Bezahlung frei geschenkt und verehrt“ das Recht, ein Familienwappen zu führen. Dieses Wap- pen, mit einer blauen und einer golde- nen Lilie verziert, findet sich bis heute an den Fuggerschen Anwesen und In- stitutionen.

SOTHEBY'S / AKG

Wichtiger noch war: Fuggers Gefäl- ligkeiten für Friedrich III. begründeten eine Finanzbeziehung, die über zwei Jahrhunderte währen sollte. Der Nächste, bei dem sich die Augs- burger mit ihrem Kapital unentbehrlich machten, war Sigismund, der Erzher- zog von Tirol. Der „Münzreiche“ wurde er genannt, was aber nichts daran än- derte, dass der Mann ständig in Geldnö- ten war. Zwar gehörten ihm ertragreiche Silbergruben in Tirol, aber weder für seinen aufwendigen Lebensstil noch für seine Feldzüge hatte er die Finanzmittel.

Karl V. zu Besuch im Hause Fugger in Augsburg. Im Kamin verbrennt Anton Fugger Schuldverschreibungen des Herrschers. (Gemälde von Wilhelm Toller, 1871)

Die Fugger gaben zunächst kleine und dann immer größere Summen. Ver- zinst wurden die Darlehen nicht, statt- dessen bekam die Familie Silberliefe- rungen aus den Gruben des Landes- herrn. Die Fugger übernahmen das Edelmetall zum Festpreis, um es dann auf dem freien Markt zu verkaufen. Über Gewinnspannen von 15 bis 40 Prozent wussten Konkurrenten und Neider zu berichten. Was für die Augsburger ein vorzüg- liches Geschäft war, bedeutete für Sigis- mund den Weg in den Ruin. Im März

1490 war der verschwenderische Mann pleite und musste seine Herrschaft über Tirol an seinen Verwandten Maximi- lian I. abtreten. Das aber war jener Ma- ximilian, dessen Brautwerbung Ulrich Fugger 17 Jahre zuvor ausgestattet hat- te – für die finanzielle Zukunft der Augs- burger war gesorgt.

Bereits im Jahr darauf nahm Ma-

ximilian einen ersten großen Kredit bei der Familie auf und bot zum Ausgleich seiner Schulden wiederum Silber an. Es war der Beginn ausgedehnter Geldge- schäfte. Die Fugger finanzierten den Aufstieg des Habsburgers zum Kaiser, beglichen seine Schulden, bezahlten sei- ne Beamten und seine Kriege. Als Ge- genleistung erhielten sie außer Silber zunehmend auch Kupfer, das sich zur Herstellung von Töpfen und Pfannen, aber auch Waffen, steigender Nachfrage erfreute. Und als sie schließlich von Me- tallen genug hatten, gingen ausgedehn- te Ländereien in ihren Besitz über.

Der Konzern reichte von Un- garn bis Spanien.

Innerhalb von 24 Jahren verzehn- fachte sich die Steuerleistung der Firma. Über die wahren Vermögensverhältnis- se im Hause Fugger gibt diese Zahl al- lerdings keine Auskunft, denn die Fami- lie hatte es geschickt verstanden, sich bei der Stadt steuerliche Vorteile zu si- chern. Seit 1516 musste sie ihr Vermögen nicht mehr angeben und führte an den Fiskus nur noch Pauschalbeträge ab. Zu verdanken war das Jakob Fugger dem Jüngeren. Der Bruder Ulrich Fug- gers hatte schon seit längerem in der Firma die Zügel in der Hand. Ein von Albrecht Dürer gemaltes Porträt zeigt einen selbstwussten Mann mit ernstem Gesicht und kantigem Charakterkopf, darauf eine Kappe aus Seidenbrokat. Unter seiner Ägide stieg die Firma zu einem Konzern auf, der von Skandina- vien bis Süditalien, von Ungarn bis Spa- nien mit allem handelte, was Profit ver- hieß: Metalle und Textilien, Geld und Gewürze, Pelze und Juwelen. Selbst Sti- che Albrecht Dürers vertrieben die Fug- ger mit Gewinn. Doch die Einnahmen aus den lukra- tiven Geschäften reichten bei weitem

DER AUFSTIEG DES KAPITALS

nicht aus, um den enormen Finanzbe- darf der Habsburger und anderer Herr- scherhäuser zu decken. Die Fugger brauchten Fremdkapital. Einer von denen, die ihr beträcht- liches Vermögen, gut verzinst versteht sich, bei ihnen anlegten, war Melchior von Meckau, Fürstbischof von Brixen und später Kardinal, ein Mann mit er- giebigen Pfründen. Die Geschäfte mit dem Gottesmann waren allerdings deli-

kat. Zinsen zu kassieren war nach kano- nischem Recht nicht gestattet und für einen Kardinal natürlich besonders ver- werflich. Doch Bankhaus und

Kirchenmann agierten mit größter Diskretion, Jakob Fugger selbst zeich- nete die Schuldscheine seines klerikalen Geldge- bers. 1509, als Meckau starb, machten dessen Einlagen etwa drei Vier- tel des Fuggerschen Ge- schäftskapitals aus. Ein Anteil, der, wie sich schnell zeigen sollte, hochriskant war, denn Rom beanspruchte nach Meckaus Tod das Geld des Kardinals für sich – und zwar sofort. Die Auszah- lung einer so großen Sum- me auf einmal hätte wohl den Ruin des Bank- und Handelshauses bedeutet. Jakob Fugger hatte die rettende Idee: Er ließ Ma-

ximilian wissen, dass sein Haus „jählings nicht bei Gelde“ sei, und der Habsburger wehrte Roms Ansprü- che ab. Die Fugger waren gerettet und der ewig klamme Maximilian, der es sich schon wegen seiner vielen kost- spieligen Feldzüge gar nicht leisten konnte, dass sein Geldgeber pleiteging,

ebenso. Ganz so tief stand die Kurie bei den Augsburgern zwar nicht in der Schuld, aber auch Rom nahm deren finanzielle Dienste gern an. Der Papst borgte sich Geld bei ihnen, die anfallenden Zinsen ließ er listig als päpstliche Geschenke deklarieren. Und auch Anwerbung und Sold der Soldaten, aus denen 1506 zum ersten Mal die noch heute bestehende Schweizergarde des Vatikans formiert wurde, bezahlten die Fugger. Gleichzeitig war der Kirchenstaat ein begieriger Abnehmer Fuggerschen Kup- fers und Silbers. 1509 pachtete Jakob

Fugger sogar die Zecca, die Münzanstalt des Heiligen Stuhls. Auf Hartgeld aus päpstlicher Prägung fand sich fortan das Handelszeichen der Augsburger, Dreizack und Ring.

Bereits 1476 hatte die Firma damit begonnen, auch Servitien und Anna- ten an die Kurie weiterzuleiten – jene Zwangsabgaben, die in der mittelalterli- chen Kirche jeder zahlen musste, der zu Ämtern und Pfründen kommen wollte. Als Rom dann seinen Handel mit Ab- lassbriefen forcierte, waren die Fugger mit ihrem verzweigten Banksystem wie-

der es in Italien zu Macht und Anerken- nung gebracht hatte. Im Mai 1511 wurde Jakob Fugger in den Adelsstand erhoben. Wie ein ab- solutistischer Herrscher führte er sei- ne Firma, residierte standesgemäß am Weinmarkt, mitten in Augsburg, wo er sich ein prächtiges Wohn- und Ge- schäftshaus hatte bauen lassen, das mit seinen Fresken und Arkaden ein wenig italienisch anmutete. Hier empfing er die regierenden Häupter Europas und bewirtete sie fürstlich. Von einem „Nachtmahl“ mit „20 Essen“, darunter „8 Essen von Fisch“, einer damals be- sonders exquisiten Spei-

se, berichtet ein Chronist. Zusätzlich sorgten wertvolle Geschenke da- für, dass die Mächtigen in Kirche und Politik den Interessen des Hauses gewogen blieben. Hier ein teurer Pelz für die schöne Diplomatengattin, dort ein golddurchwirkter Stoff für den Herrn Prä- laten. Und für den Kaiser in Innsbruck kostbarste Juwelen. Auch sonst war der Herr des Hauses „Jacob Fugger und seiner ge- brueder süne“ einfalls- reich, wenn es darum ging, Macht und Einfluss seiner Familie zu sichern,

etwa durch den Unterhalt eines weitverzweigten Nachrichtendienstes. Erste Quelle wa- ren die Fuggerschen Firmennieder- lassungen, die inzwischen wie ein dicht- gewebtes Netz ganz Europa durch- zogen. In handschriftlichen Notizen, „Fuggerzeitungen“ genannt, schilder- ten die Angestellten ihrem Chef alles, was sie über missgünstige Konkurren- ten oder intrigante Herrscher in Er- fahrung bringen konnten. Dazu ka- men Informationen bezahlter Agenten. Selbst hochgestellte Persönlichkeiten waren sich nicht zu schade, Bericht zu erstatten. Im Januar 1519 starb Maximilian I., für Jakob Fugger erneut eine Gelegen- heit, seine Macht zu zeigen. Als Nach- folger auf dem Kaiserthron war Karl I. im Gespräch, ein Enkel Maximilians, Herzog von Burgund und König von Spanien. Aber auch die Herrscher Eng- lands und Frankreichs, Heinrich VIII.

Globalisierung Anno 1500 Reval Das Handelsimperium der Fugger Riga Helsingör Danzig Faktoreien Agenturen Berg-
Globalisierung
Anno 1500
Reval
Das Handelsimperium der Fugger
Riga
Helsingör
Danzig
Faktoreien
Agenturen
Berg- und Hüttenwerke
Handelswege
Ham-
London
burg
Köln
Leipzig
Antwerpen
Krakau
Paris
Wien
Augsburg
Budapest
Lyon
Venedig
Genua
Lissabon
Madrid
Barcelona
Rom
Neapel
Sevilla
Quelle: Großer
Historischer Welt-
Azoren, Kanarische Inseln,
Karibik, Venezuela, Indien
atlas; Bayerischer
Schulbuch-Verlag

der gefragt. Schließlich konnten die päpstlichen Kassenwarte schlecht selbst durchs Land fahren, um die umstritte- nen Gelder zu kassieren, mit denen sich sündige Katholiken von der Hölle oder wenigstens vom Fegefeuer freizukaufen hofften. Das Geschäft florierte. „Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt“, versprach der Do- minikanermönch Johann Tetzel, der selbst auch mit dem Akquirieren von Ab- lasszahlungen beschäftigt war. Sogar die Sünden Verstorbener wusste Rom noch in klingende Münze umzuwandeln – und die Fugger verdienten immer mit. So machten Kaiser und Kurie sie schließlich zur ersten Kapitalmacht im Reich. Die Augsburger seien, befand der Theologe Philipp Melanchthon, „den Medici an die Seite zu stellen“, jenem legendären Florentiner Familienclan,

WERNER OTTO

und Franz I., hatten Ambitionen, Franz I. wurde sogar vom Papst unterstützt. Am Ende aber entschied nicht geist- liche Fürsprache, sondern der schnö- de Mammon, und davon hatte Jakob Fugger, der in Spanien neue ökonomi-

sche Perspektiven witterte und deshalb Karl I. unterstützte, am meisten zu bie- ten. Mit horrenden Bestechungssum- men, „Handsalben“ genannt, machte er die deutschen Kurfürsten dem spani- schen Herrscher gewogen. Auch das andere berühmte Augsbur- ger Kaufmannsgeschlecht, die Familie der Welser, schmierte kräftig mit. Am 28. Juni 1519 wurde der Favorit beider Häuser ein- stimmig als Karl V. zum deutschen König und künf- tigen römischen Kaiser ge- wählt. Doch der Erfolg konnte nicht darüber hinwegtäu- schen, dass die Zeiten schwieriger geworden wa- ren. Am 31. Oktober 1517 hatte sich der Augustiner- mönch Martin Luther mit seinen 95 Thesen gegen Rom und dessen Ablass- handel gewandt. Die Reso- nanz darauf war überwäl- tigend. Nicht nur in Kir- chenkreisen, auch im ge- meinen Volk gärte es. Zu

viel Unmut hatte sich bei Bauern, Handwerkern und Bergleuten aufgestaut, über

Leibeigenschaft und Ab- gabenlast, über Rom, den Klerus und das Handelsmonopol rei- cher Kaufleute. Die „jetzigen Händel mit dem Gelde“ seien „unrecht und wi- der Gott“, befeuerte Luther, Sohn eines Bergmanns, die Wut und fügte hinzu:

„Man müsste wirklich dem Fugger und dergleichen Gesellschaft einen Zaum ins Maul legen.“ Sogar in Reichsritterschaft und Hochadel fand der Aufstand gegen das Monopol von Kirche und Kaufleuten Be- fürworter. „Heillose Ablasskrämer“ wie die Fugger sollten, so der Reichsritter Ulrich von Hutten, „je eher, je lieber, aus unserem Vaterlande vertrieben werden“. 1523 wurde es für die Fugger dann wirklich eng: Der Reichsfiskal, der höchste Ankläger, verklagte sie und an- dere Augsburger Firmen wegen Mono- polvergehens. Wieder ließ Jakob Fugger seine Be- ziehungen nach ganz oben, zur Reichs-

spitze, spielen. Doch diesmal bedurfte es offenbar mehr als nur diskreter Hin- weise. In einem Brief erinnerte Fugger den „Allerdurchlauchtigsten, großmäch- tigsten Römischen Kaiser“ ganz unver- blümt daran, dass er es war, der dem Monarchen für „eine treffliche Summe Geldes“ seinen Thron verschafft hatte. Karl V. verstand, die Klage kam vom Tisch, und in einem Edikt pries der Kai- ser die mächtigen Handelshäuser mit Worten, wie sie sich heute so ähnlich in mancher Regierungserklärung finden. Die großen Gesellschaften seien, so der Monarch, „größte Gabe und Nutzbar-

revoltierten Bauern gegen Leibeigen- schaft und Abgabenlast. Aufstände wur- den blutig niedergeschlagen. Der Protes- tantismus breitete sich aus, sehr zum Missfallen der Fugger, die, als Bankhaus des Papstes, ihren katholischen Glauben eisern verteidigten. Als der Kaiser 1546 im Schmalkaldischen Krieg gegen die religiösen Abweichler zu Felde zog, wa- ren es wieder die Fugger, die den Waf- fengang finanzierten. Doch auch die Kreditgeschäfte mit dem Hof waren längt nicht mehr das, was sie einmal waren, das Kaiserhaus blieb zusehends seine Leistungen schul- dig: Kredite wurden nicht zurückgezahlt, was als Si- cherheit geboten wurde, war immer weniger wert. Frustriert spielte Anton Fugger gegen Ende seines Lebens mit dem Gedanken, das Geschäft einzustellen. Er habe, ließ er seine Um- gebung wissen, „gar keine Lust zu solcher Handlung, also genug davon“. So weit kam es vorerst zwar nicht, die Firma konnte sich noch über den Dreißigjährigen Krieg ret- ten und wurde erst 1658 aufgelöst. Aber die goldene Zeit der Fugger war mit Antons Tod im September 1560 vorbei. Für Nachruhm hatte lange zuvor schon Antons Onkel Jakob gesorgt. 1516, ein Jahr bevor Martin Lu- ther seine 95 Thesen veröffentlichte, be- schloss er, in der Augsburger Jakober- vorstadt eine Armensiedlung zu bauen, den „fleißigen, doch armen Mitbürgern gestiftet, gewidmet und geweiht“. 52 Häuser, eine Stadt in der Stadt, mit Mau- ern und Toren, die nachts geschlossen wurden. Wer in der „Fuggerei“ wohnen woll- te, musste katholisch sein, pro Jahr ei- nen Rheinischen Gulden – den Wo- chenlohn eines Tagelöhners – zahlen und täglich „für die Fundatores“ beten. Die Armensiedlung, finanziert aus Stiftungsgeldern der Familie Fugger, exi- stiert noch heute. Nur 88 Cent kostet die jährliche Kaltmiete. Katholisch müssen die Bewohner nach wie vor sein und täg- lich beten auch, ein Ave Maria, ein Pa- ternoster und ein Credo für jenen Mann, den sie vor 500 Jahren Jakob den Rei- chen nannten.

Idylle bis heute: Die „Fuggerei“ in Augsburg
Idylle bis heute:
Die „Fuggerei“
in Augsburg

keit“ und sicherten mit ihren Aktivitäten Hunderttausenden von Menschen den Lebensunterhalt.

Die Geschäfte konnten weiterge- hen, und als Jakob Fugger 66-jährig am 30. Dezember 1525 starb, hinterließ er seinem Nachfolger und Neffen Anton ein wohlbestelltes Haus. 15,7 Prozent durchschnittlichen Jahresgewinn, so ha- ben Historiker ausgerechnet, hatte der Kaufmann in seinen letzten Lebensjah- ren verbuchen können. Anton, ein ernster, ein wenig verbit- tert wirkender Mann mit schmalem Ge- sicht und hoher Stirn, wusste das Erbe zu bewahren, ja sogar noch zu mehren. Allerdings machten auch ihm die unru- higen Zeiten zu schaffen, die schon sei- nen Onkel beschäftigt hatten. In der Slowakei und in Tirol erhoben sich die Bergknappen, überall im Lande

HINTERGRUND

Je intensiver die Menschen Handel trieben, desto mehr Geld brauchten sie und desto schneller musste es umlaufen. Geld zum Anfassen gab es immer weniger.

VOM GOLD ZUR BUCHUNG

Geld zum Anfassen gab es immer weniger. VOM GOLD ZUR BUCHUNG Geld – das ist das,

Geld – das ist das, womit man bezahlt. Es können Zi-

garetten sein, wie auf den Schwarzmärkten der Nachkriegs- zeit. Oder ein Dutzend Eier im Tausch für ein Hufeisen. Alles, was einen Abnehmer findet, kann zu Geld werden. Doch nicht alle Güter finden einen. Das ideale Geld sollte aus einem Stoff sein, der hochgeschätzt ist und viel Wert in geringem Volumen birgt. Er sollte beliebig teilbar und wieder zusammenzufügen und nicht verderblich, ja unver- gänglich sein, wie das edelste Metall. Gold und Silber waren deshalb lange Zeit das Geldmaterial schlechthin. Das Geld erfuhr seine Vervollkommnung als Münze: als beidseitig geprägte Metallscheibe. Ihren Wert garantierte der Staat, der auch abgenutzte Stücke ersetzte. Die ersten Münzen entstanden vor 2600 Jahren in den griechischen Handelsstädten der Ägäis. Der Untergang der Alten Welt warf die europäische Wirt- schaftsentwicklung zurück (siehe Seite 20). In den ersten Jahrhunderten des Mittelalters ermöglichten Frondienste und Naturaltausch nur einen mageren Güterverkehr. Geld war fast verschwunden. Erst vom 12. Jahrhundert an ge- wann der Handel wieder an Bedeutung. Über Genua und Venedig gelangten Waren der Levante nach Europa, Wan- derkaufleute kamen auf Messen zusammen. Die Bergwer- ke Mitteleuropas lieferten Silber. Gold kam aus Afrika. Gold und Silber waren ganz besondere Waren – und gleich- zeitig Waren wie alle anderen. Damit der Handel blühen konnte, musste eine entsprechende Menge Edelmetall in Umlauf sein. Geld konnte nicht geschöpft werden. Es wur- de produziert. Dazu waren Lagerstätten erforderlich, und der Landesherr, der über Minen verfügte, musste den Geld- stoff feilbieten. Ein Machtwechsel konnte den Material- strom versiegen lassen. So ging etwa Venedig in der Mitte des 15. Jahrhunderts das Geld aus – aber nicht aufgrund wirtschaftlicher Verarmung, sondern weil der Rohstoff fehl-

te, nachdem die Türken die Silberminen in Serbien besetzt hatten. Mit steigendem Handelsvolumen wurde die Geldversor- gung schwieriger. So ist die Geschichte des Geldes auch eine Geschichte seiner Substitution durch Kreditmittel. Im 13. Jahrhundert schlossen sich italienische Kaufleute zu Handelsgesellschaften zusammen, gründeten Kontore an mehreren Orten und wickelten ihre Geschäfte häufig bargeldlos per Wechsel ab. Ein Kaufmann konnte sich in Brügge Geld leihen, indem er seinem Geldgeber einen Wechsel gab, bezogen auf seine Bank in Genua. Der Wech- selnehmer schickte das Papier an einen Partner in Italien, der den Wechsel bei der Bank einlöste. So vermied man riskante Geldtransporte, die zudem das Geld für die Dauer der Reise brachliegen ließen. Auf die kommerzielle Revolution des 13. Jahrhunderts folg- te erneut eine Zeit des ökonomischen Niedergangs. Epide- mien und Kriege dezimierten die Bevölkerung Europas bis ins 15. Jahrhundert um ein Drittel, die Münzproduktion verrin- gerte sich um 80 Prozent. Edelmetall floss in den Orient ab. Geld wurde versteckt, um es vor „Verruf“, der Außerkursset- zung und Umtausch in schlechtere Münze, zu retten. Derart betrügerische Währungsreformen zur Aufbesserung der Staatskasse waren gängige Praxis bei den Münzherren. Der Edelmetallgehalt der Münze, das Korn, wurde beständig ver- ringert, das Gesamt- oder Schrotgewicht durch Beimengung von Kupfer erhalten. Das hatte dramatische Folgen: Gutes Geld verschwand. Pfandleihe avancierte zur wichtigsten Kre- ditform, Schulden wurden auf Kerbhölzern verzeichnet. Um 1500, nach der Entdeckung neuer Silberadern im Erz- gebirge, nahm die Münzproduktion einen Aufschwung. Die bedeutendste Silbermünze kam aus der böhmischen Münz- stätte Joachimstal. Der Joachimstaler Gulden wurde zum Namenspatron von Taler und Dollar.

SCIENCE & SOCIETY PICTURE LIBRAR / INTERFOTO

Mitte des 16. Jahrhunderts stießen die Spanier in Mexiko

und Peru auf Silber. Bald stiegen die Silberimporte auf jähr- lich rund 220 Tonnen. Doch Spaniens europäische Handels- bilanz war negativ – das Silber floss auf die Märkte von Ge- nua, Mailand, Rom oder Nürnberg, wo es in lokale Münzen oder zu Schmuck und Tafelsilber verarbeitet wurde. In Spa- nien kursierten derweil Kupfermünzen. Neue Kredittechniken etablierten sich im Laufe des

16. Jahrhunderts. In Antwerpen wurden Inhaberschuld-

scheine populär. Der Empfänger eines Schuldscheins nutz- te diesen zur Bezahlung anderer Verpflichtungen, der

In England verdrängten im Laufe des 19. Jahrhunderts Aktiengesellschaften die traditionellen Privatbanken. In- dem sie Einlagen verzinsten und Wechsel der Geschäfts- leute schon vor der Fälligkeit annahmen, zogen sie Ka- pital an und erhöhten ihr Kreditvolumen. Vom Jahr 1870 an überflügelten Schecks und Konto- korrentkredite – Kredite für Kaufleute zur wechsel- seitigen Verrechnung von Zahlungsansprüchen – das Wechselgeschäft. England hatte nicht nur die leistungs- stärkste Industrie, sondern auch das modernste Bank- wesen. Gleich zweimal wurden im 20. Jahrhundert in-

Auf dem „Kerbholz“ wurden früher Schulden und Schuldner verzeichnet.

Schein zirkulierte bis zur Fälligkeit. Der Schuldner zahlte dann an den letzten Inhaber. Ebenso verfuhr man mit Wech- seln, die auch vorzeitig bei einer Bank gegen Gebühr ein- gelöst, „diskontiert“, werden konnten. In Italien entstan- den städtische Girobanken, auf die die Kaufleute Wechsel zogen. Die Forderungen wurden gegeneinander verrech- net – „in banco“. Mit dem Dreißigjährigen Krieg begann 1618 wieder eine Periode der Münzverschlechterung durch „Kipper und Wipper“, es waren Jahre der Inflation und des monetären Chaos. Ab Mitte des 17. Jahrhunderts liefen in London Quittungen als Zahlungs- mittel um, die Goldschmiede und

Bankiers auf die Einlagen ihrer Kunden ausgaben. Dabei wurde der jeweilige Besitzer einer solchen „Goldsmith Note“ auf der Rückseite des Papiers eingetra- gen, „in dosso“. Die englische Regierung

schließlich ging noch einen Schritt wei- ter und bezahlte selbst mit Banknoten der 1694 gegründeten Bank of England. Banknoten des 18. Jahrhunderts, inzwischen meistens Staatspapiere, waren Bargeldquittungen, die befristet zir- kulierten.

Ein neuer Wirtschaftsaufschwung wurde vom Gold Brasi- liens befördert, das nach Portugal gelangte und von da wei- ter nach England, zur dominierenden europäischen Macht. 1774 wurden dort Goldmünzen gesetzliches Zahlungsmit- tel. 1833 erhob England dann die Noten der Bank of England zum gesetzlichen Zahlungsmittel mit Annahmepflicht. Sie waren gegen Gold eintauschbar. In der zweiten Hälfte des

19. Jahrhunderts folgten Frankreich und Österreich dem

britischen Beispiel.

folge der beiden Weltkriege europäische Staatspapiere wertlos. Aus den Erfahrungen nach dem Ersten Weltkrieg ver- suchten die Teilnehmer der Konferenz in Bretton Woods 1944 Lehren zu ziehen; nach dem Zweiten Weltkrieg wurde ein System fester Wechselkurse etabliert (siehe

Seite 114). Leitwährung wurde der Dollar, der als einzige Währung durch Gold gedeckt war. Eine D-Mark entsprach 0,238095 Dollar oder 0,211588 Gramm Feingold. Doch dann untergruben die Kosten des Vietnam-Kriegs den Wert der Leitwährung, so dass die Regierung ihre Gold- einlösepflicht 1971 aufkündigte. Bald gaben die meisten Industriestaaten die Dollarparität auf. Die Länder der Euro-

päischen Gemeinschaft installierten ein System begrenzt flexibler Wechsel- kurse. Die Sicherheit, die eine moderne Währung bietet, ist die Möglichkeit zur

Flucht in andere Währungen. Gold hat als Geld ausgedient und wird gerade noch als Notgroschen für schlechte Zeiten zurückgelegt. Die harte Münze aus Edelmetall ist Geschichte. Handel und Warenproduktion haben ein solches Ausmaß angenommen und die Umschlagzeiten eine derartige Ge- schwindigkeit erreicht, dass Gebirge von Gold und Silber nötig wären, um die Werte abzubilden. Das ideale Geld der globalisierten Wirtschaft ist nicht mehr Gold, sondern der pure Kredit, auf den Cent genau im elek- tronischen Gedächtnis der Banken verbucht. Gedeckt ist er einzig durch unser Vertrauen, einen vom Konto abzubu- chenden Betrag jederzeit gegen einen gleichwertigen Teil des Sozialprodukts eintauschen zu können. André Geicke

Der Taler gab dem Dollar seinen Namen.

KAPITEL II DIE ERSTE GLOBALISIERUNG
KAPITEL II
DIE ERSTE GLOBALISIERUNG

Der Fluch des Silbers

Die Ausplünderung der Neuen Welt nach ihrer Entdeckung durch Kolumbus beschleunigte Euro- pas Aufstieg, hat das Schicksal Lateinamerikas aber nicht so ausschließlich geprägt, wie linke Kritiker behaupten. Dennoch trägt der Kontinent bis heute schwer an seinem kolonialen Erbe.

Von JENS GLÜSING

GORDON GAHAN/NGS IMAGE COLLECTION

Blick über Potosí auf den „Cerro Rico“

DIE ERSTE GLOBALISIERUNG

E in stahlblauer Himmel wölbt sich über der Kup- pe des „Cerro Rico“, des „Reichen Berges“ hoch in den bolivianischen Anden.

Der Atem gefriert, jeder Schritt wiegt wie Blei in der dünnen Luft. Vor dem Eingang zur Mine der Kooperative „26. März“ sammelt sich eine Gruppe von Bergleuten. Ihre Wangen sind ausge- beult von den Kokablättern, die sie ge- gen Hunger und Erschöpfung kauen. Sie schultern Talglampen, Dynamitstangen und Eisenpickel und ziehen in den Berg. Zwölf Stunden und mehr hocken die Minenarbeiter in den engen Stollen. In Handarbeit klopfen sie das Erz aus den Wänden. Die meisten Männer sind klein und von indianischer Abstammung. Kaum einer ist älter als 30, aber sie haben

schen Kolonialreichs verlief. Mit dem Silber aus dem Cerro Rico finanzierten Spaniens Könige ihre Armada, bezahlten sie ihre Paläste, kauften sie Stoffe, Möbel und Tücher für ihren Hofstaat. Ein Mit- glied des englischen Parlaments warnte um 1620, das Silber aus Potosí nähre „den ehrgeizigen Wunsch des spani- schen Königs, eine universelle Monar- chie zu errichten“. Das Silber, das In- dios aus dem Cerro Rico kratzten, nähr- te Europas moderne Geldwirtschaft. Der Indianer Diego Huallpa hatte 1545 zufällig eine Silberader im Cerro Rico entdeckt. Bald darauf bemächtigten sich die Spanier des erzhaltigen Berges. Sie zwangen die Indios zur Fronarbeit in den Minen. Hunderttausende verreck- ten im Cerro Rico, während die Kolo- nialelite in Saus und Braus lebte.

In den Silberminen des Cerro Rico schuften die Zwangsarbeiter. (Kolorierter Kupfer- stich von 1597)

Havanna Gold Sklaven Tabak, Kakao, aus Häute Afrika 1000 km Caracas Gold, Schiffbau- materialien Tabak,
Havanna
Gold
Sklaven
Tabak, Kakao,
aus
Häute
Afrika
1000 km
Caracas
Gold,
Schiffbau-
materialien
Tabak, Zucker
Baumwolle,
Belem do Pará
Farbhölzer
Europäische
Recife
Herrschaft
Bahia
Gold,
Diamanten
Die Kolonialisierung
Potosi
Rio de Janeiro
Lateinamerikas
Silber
Rindfleisch
spanisch 1650
spanisch 1750
Buenos Aires
portugiesisch 1650
Häute,
Kupfer,
portugiesisch 1750
Silber
Getreide
britisch 1750
niederländisch 1750
französisch 1750
Handelsgüter
Quelle: Putzger, Historischer Weltatlas

die Gesichter alter Männer. Wenn sie abends aus dem Berg kommen, sind sie zu erschöpft zum Schwatzen. Schwei- gend trotten sie hinunter in die Stadt. Potosí, 4000 Meter hoch am Fuß des Cerro Rico gelegen, ist ein ungewöhn- lich stiller Ort im lärmigen Bolivien. In- dianerfrauen huschen durch die schma- len Gassen, ein paar Rucksacktouristen in Pullovern aus Alpaca-Wolle ziehen schwer atmend durchs hügelige Stadt- zentrum. Die Kälte ist trocken und schneidend. Heute fällt es schwer, sich vorzustel- len, dass in dieser unwirtlichen Stadt einst die Hauptschlagader des spani-

1572 ließ der damalige Vizekönig Francisco de Toledo die erste Münz- presse in Potosí errichten. In Truhen wurden die Silbertaler über Lima nach Spanien verschifft. Der Name Potosí wurde zum Symbol für Reichtum, Ruhm und Macht. Miguel de Cervantes nahm den Satz „Vale un Potosí“ (Das ist ein Po- tosí wert) in seinen „Don Quijote“ auf. Hunderttausende Tonnen Gestein haben die Bergarbeiter im Laufe der Jahrhunderte vom Cerro Rico abgetra- gen. Noch immer treiben sie neue Stol- len in den Berg, er ist von Hunderten Tunnel ausgehöhlt und niedriger als zu Kolonialzeiten. Eine staatliche Minen-

BILDARCHIV HANSMANN / INTERFOTO SPIEGEL GESCHICHTE 4 | 2009 43

BILDARCHIV HANSMANN / INTERFOTO

DIE ERSTE GLOBALISIERUNG

DIE ERSTE GLOBALISIERUNG gesellschaft und mehrere private Ko- operativen bauen vor allem Zinn ab. Die „Casa

gesellschaft und mehrere private Ko- operativen bauen vor allem Zinn ab. Die „Casa de la Moneda“, die be- rühmte Münzpresse, ist heute ein Mu- seum. Über dem Eingang hängt eine la- chende Fratze, die Herkunft des Kunst- werks ist unklar. Historiker spekulieren, das feixende Antlitz zeige den Weingott Bacchus. Die Einwohner von Potosí er- zählen eine andere Version: Die Fratze aus dem 19. Jahrhundert stelle einen In- dio dar, der den Spaniern zum Abschied hinterhergrinse, nachdem Bolivien un- abhängig geworden war. Dabei hatten Boliviens Ureinwohner auch nach dem Abzug der Besatzer nichts zu lachen: Die Arbeitsbedingun- gen für die Bergarbeiter besserten sich kaum, noch heute sterben jedes Jahr et- liche bei Unfällen in den Stollen. Die berüchtigte Staublunge rafft die meisten Männer dahin, bevor sie 50 werden. Bo- livien, genannt der „Bettler auf dem silbernen Thron“, ist das zweitärmste Land Südamerikas.

Oder verharrt das Land womög-

lich gerade wegen seines natürlichen Reichtums im Elend? Beuten die reichen Länder der sogenannten Ersten Welt auch 500 Jahre nach der Eroberung La- teinamerikas die ehemaligen Kolonien aus? Sind sie noch immer verantwort- lich für das Elend der Indios? Diese These stellte der uruguayische Autor Eduardo Galeano in seinem Buch „Die offenen Adern Lateinamerikas“ auf, der Bibel der lateinamerikanischen Lin- ken. Jüngst machte das fast 40 Jahre alte Werk wieder Furore: Venezuelas links- populistischer Präsident Hugo Chávez überreichte das Buch im April seinem amerikanischen Kollegen Barack Oba- ma als Geschenk bei einem gesamtame- rikanischen Gipfeltreffen – damit der US-Amerikaner „die Region besser ver-

steht“, so Chávez. Sogleich schnellte das Brevier in der Verkaufsstatistik von Amazon unter die Top Ten. Auch an europäischen und amerika- nischen Universitäten haben Generatio- nen von Studenten Galeanos Werk ver- schlungen. Es gilt als Standardwerk der „Dependenztheorie“, die eine ganze Denkschule von Sozialwissenschaftlern geprägt hat. Zusammengefasst besagt sie, dass die Abhängigkeit der ehemali- gen Kolonialstaaten von den Metropolen in Europa und den USA nach der Unab- hängigkeit weiterbestehe. Solange die kapitalistische Erste Welt die Dritte Welt ausbeute, gebe es keine Chance für eine Besserung der wirtschaftlichen und so- zialen Verhältnisse in den Ex-Kolonien. Galeano zieht eine direkte Linie von der Conquista zu den ökonomischen

Bolivien ist der „Bettler auf dem silbernen Thron“.

PABLO CORRAL VEGA/CORBIS (O.); GETTY IMAGES (R.)

Bis heute schürfen die Bergarbeiter von Potosí unter härtesten Bedingungen nach Erz.

und politischen Interventionen der USA in Mittelamerika. So wie die Spanier die Indios unterwarfen, so beute im 20. Jahrhundert ein Unternehmen wie die United Fruit Company die Arbeiter auf seinen Bananenplantagen aus. Aber hält seine Analyse einer histori- schen Überprüfung stand? Ist das Elend in Lateinamerika wirklich nur eine Fol- ge der Ausbeutung? „Die Kolonialwirtschaft und die Han- delsbeziehungen mit Europa waren komplexer, als es die Dependenztheo- retiker wahrhaben wollen“, sagt der bra- silianische Historiker Carlos Gabriel Guimarães. In den Kolonien regte sich früh Wi- derstand gegen das Wirtschaftsmono- pol der Metropole. Das Silber aus den Minen bewirkte Inflation. Vor allem Grundnahrungsmittel wurden teuer, Hungersnöte drohten. Der unstillbare Hunger des Hofes nach Silbermünzen führte dazu, dass in den Kolonien oft Geldstücke fehlten. In vielen Regionen

des spanischen Kolonialreiches entstand deshalb eine rege Tauschwirtschaft. Spanien war ein Agrarland, es schick- te vor allem Wein, Getreide und Olivenöl in die Kolonien. Textilien und andere Fertigprodukte ließ die Krone aus Genua oder Flandern nach Amerika schaffen, Direktimport war den Kolonien verbo- ten. Schmuggel blühte. Weil Madrid die Nachfrage der Kolo- nien nach Luxusgütern nicht befriedi- gen konnte, lebte der Handel zwischen den überseeischen Besitzungen auf. Die Eliten von Mexiko kauften chinesische Seide und Stoffe in Manila, der Haupt- stadt der spanisch beherrschten Philip- pinen. 1597 schickte Mexiko mehr Silber auf die Philippinen als nach Spanien. 1631 verbot Madrid den Handel zwi- schen Peru und Mexiko. Der Hof ent- sandte neue Statthalter nach Amerika, sie sollten über das Handelsmonopol der Krone wachen und bei den lokalen Händlern Steuern eintreiben. Doch die Einheimischen fanden immer neue Wege, wie sie die Kolonialverwaltung austricksen konnten. Fleisch und Ge- treide wurden bald in den Kolonien pro- duziert. Rinderzüchter trugen wesent- lich zur Erschließung des Landesinne- ren bei, sie ließen sich nicht von der Kolonialverwaltung gängeln. In der ersten Hälfte des 17. Jahrhun- derts begann der Niedergang der Kolo- nialmacht Spanien. Der spanische Hof war hochverschuldet, er schickte immer

Mexico City und Lima wuchsen zu Han- delszentren heran.

Nach und nach entglitt Madrid die

Kontrolle. Die aufstrebenden Mächte aus Nordeuropa verdrängten die Spa- nier auf den Weltmeeren. Piraten und Freibeuter, die im Auftrag der britischen und französischen Krone agierten, machten die „Carrera de las Indias“, wie die Hauptverkehrsroute zwischen Se- villa und den Kolonien genannt wurde, zu einem Abenteuer. Sie kaperten und versenkten ungezählte spanische Kara- vellen und Galeonen. Vor allem in der Karibik trauten sich spanische Schiffe nur in großen Flottenverbänden und be- gleitet von Kriegsschiffen aufs offene Meer. Der Niedergang des spanischen Welt- reichs ging einher mit Dürren und Hun- gersnöten auf der iberischen Halbinsel. Die einstige Weltmacht war Ende des 17. Jahrhunderts Peripherie geworden. Erst die Herrschaft der Bourbonen bescherte Spanien im 18. Jahrhundert ein neues, wenn auch kurzes goldenes Zeitalter. Madrid straffte die Verwaltung in seinen überseeischen Kolonien und baute die Silberproduktion in Mexiko aus. Der Handel zwischen den Kolonien blühte auf, viele von ihnen erlebten „eine wahre Wiedergeburt“, so der Latein- amerika-Historiker Murdo MacLeod. Vor allem Kuba profitierte von der Liberalisierung des Seehandels. Havan-

Das Silber dieser Münzen stammt aus dem Cerro Rico.
Das Silber dieser Münzen
stammt aus dem Cerro Rico.

weniger Waren. So erhöhten die Kolo- nien ihre eigene Produktion. Mexiko, Peru und Chile wurden zu Selbstversor- gern bei Getreide und bis zu einem ge- wissen Grad auch bei Wein, Öl, Eisen, Holz und Möbeln. Durch den Austausch zwischen den Kolonien bildete sich eine eigene amerikanische Wirtschaft heraus.

na wurde zur wichtigsten Hafenstadt der Karibik, mit 70 000 Einwohnern war es Ende des 18. Jahrhunderts die zweit- größte Stadt Hispanoamerikas. Eine „komplexe und vielfältige“ interne Wirt- schaft und Gesellschaft attestiert der bri- tische Historiker David Brading den spa- nischen Kolonien jener Ära.

KUNSTBIBLIOTHEK, SMB / BPK

KUNSTBIBLIOTHEK, SMB / BPK Die Spanier erwiesen sich als grausame Kolonialherren. (Kolor. Kupferstich von 1595) Nur

Die Spanier erwiesen sich als grausame Kolonialherren. (Kolor. Kupferstich von 1595)

Nur in Potosí kam der Aufschwung nicht an. Die Silberminen waren weit- gehend versiegt. Das Edelmetall, das in Europa zur Geburt des Kapitalismus, zur industriellen Revolution und zur Vor- herrschaft über den Rest der Welt so viel beigetragen hatte, hatte in Südamerika eine Feudalgesellschaft genährt. Es ver- hinderte die Herausbildung eines bür- gerlichen Standes und damit die Entste- hung eines modernen Kapitalismus. Was das Silber für das spanischspra- chige Amerika bedeutete, war der Zu- cker für Brasilien und das portugiesi- sche Kolonialreich. Portugal war tradi- tionell eine Nation von Seefahrern. Als im 15. Jahrhundert in Europa das Gold knapp wurde und deshalb an Wert ge- wann, suchten die Portugiesen zunächst in Afrika nach dem Edelmetall. Von dort brachten sie Leder, Färbemittel und Sklaven mit, die in Europa teuer gehan- delt wurden. Im Jahr 1500 entdeckte der Seefahrer Pedro Álvares Cabral Brasilien. Die Por- tugiesen errichteten sogenannte Fei- torias, Verwaltungseinheiten, die den Vizekönigreichen in Hispanoamerika entsprachen und später in „Capitanias“ umbenannt wurden. Zunächst exportierte die junge Kolo- nie vor allem Brasilholz nach Europa, Mitte des 16. Jahrhunderts wuchs die Nachfrage nach Zucker. Grundlage der brasilianischen Kolonialwirtschaft waren die Fazendas: riesige Farmen, die meist

Zuckerrohr oder Getreide in Monokul- tur anbauten. Der portugiesische König besaß das Handelsmonopol, er vergab Li- zenzen für private Geschäftsleute. In den Kolonien herrschte Tauschwirtschaft. Sklaven stellten die wichtigste Währung dar. „Die Sklaverei war der Motor der Ko- lonialwirtschaft“, sagt der brasilianische Historiker Oswaldo Munteal Filho. Die Capitanias importierten Sklaven aus Afrika, die sie gegen Zucker, Pfeffer und andere Produkte eintauschten. Zunächst hatten sie versucht, Brasiliens Ureinwohner zu versklaven, aber die In- dios lehnten sich gegen die Kolonial- herren auf. Afrikaner galten als kräftiger, fleißiger und gehorsamer. Seefahrer vermieteten Stauraum in den Karavellen, die im Dreieckshandel zwischen Portugal, Afrika und Brasilien verkehrten. In Afrika begaben sich vie- le Stammesfürsten in den Dienst der Portugiesen. Sie tauschten Angehörige unterworfener Stämme gegen Stoffe, Salz und Tand aus Europa ein.

Das kleine Portugal war bald von

seinen Übersee-Besitzungen abhängig. „Im 16. Jahrhundert stand Portugal an der Spitze der Weltökonomie“, sagt His- toriker Munteal Filho. „Aber die Iberi-

sche Halbinsel schaffte es nicht, sich aus der Abhängigkeit von den Kolonien zu lösen. Wirtschaftlich wurde Portugal zu einem Anhang Brasiliens.“ Bis Ende des 17. Jahrhunderts domi- nierte der Zuckerhandel das portugie- sische Kolonialsystem; der süße Stoff stieg neben den Sklaven zur wichtigsten Tauschwährung auf. Erst 1694, als im Hinterland von Rio de Janeiro Gold ge- funden wurde, errichtete die Kolonial- verwaltung von Bahia, der wichtigsten Capitania, eine Münzpresse, um eine ei- gene Kolonialwährung auszugeben. In Brasilien führte der Gold- und spä- ter Diamantenrausch zur Entstehung neuer Städte und der Erschließung des Landesinneren. „Der Bergbau erlaubte die Ausweitung der Geldzirkulation und beschleunigte den Austausch von Gü- tern“, schreibt der Historiker Arno Weh- ling. „Das trug dazu bei, die verschiede- nen Wirtschaftsregionen der Kolonie untereinander zu verbinden und trans- formierte sie in einen relativ geeinten Kontinent namens Brasilien.“ Aber die Sklaverei wurde in Brasilien erst 1888 endgültig abgeschafft. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein dominierte die Plantagenwirtschaft der Kolonial- zeit Brasiliens Wirtschafts- und Sozial- struktur. Die Abschaffung der Sklaverei führte nicht zu einer Landreform, der Großgrundbesitz blieb bestehen. Die „befreiten“ Sklaven verdingten sich zu- meist als Lohnarbeiter auf den Fazen- das. Oft erhielten sie nur Verpflegung und eine Schlafstätte. Immer noch wird Landbesitz in Bra- silien höher geachtet als Geld und pro- duktive Investitionen. Viele Politiker sind Großgrundbesitzer. Wer etwas Geld angespart hat, kauft eine Fazenda oder andere Immobilien. Europas Aufstieg zum Handels- und Wirtschaftszentrum der Welt wurde vom Reichtum seiner Kolonien begün- stigt. Doch in Lateinamerika zementier- te der Überfluss natürlicher Ressourcen Großgrundbesitz und Sklavenwirtschaft. Die Ideen der Aufklärung erreichten in Lateinamerika nur die Eliten, die indu- strielle Revolution blieb aus. So ist Lateinamerika bis heute in vieler Hinsicht vom Erbe der Kolonialepoche geprägt. Auch deshalb ist der moderne Kapitalismus dort nie angekommen.

„Die Sklaverei war der Motor der Kolonialwirtschaft.“

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CHRONIK 1480–1800

 

DAS GELD STRÖMT UM DIE WELT

1487

Das Unternehmen der Familie Fugger, die durch Handelsgeschäfte und durch Abbau von Edel- metallen wie Silber aus Europas Bergwerken reich geworden ist, wird in den Augsburger Annalen erst- mals als Bank bezeichnet.

ab 1511

Die Portugiesen kontrollie- ren die Gewürzinseln der Molukken. Lissabon wird zum Hauptumschlagplatz für Gewürze, später von Amsterdam gefolgt, das zugleich zum wichtigsten Finanzzentrum aufsteigt.

Aufhebung des Zins- verbots für Christen.

in Rom die erste Staatsbank Europas.

1545

1618

bis 1623

Am Fuße des Silberbergs Cerro Rico („Reicher Berg“) wird die Siedlung Potosí gegründet – und schnell zum Inbegriff unvorstellbaren Reichtums.

Der Dreißigjährige Krieg führt zu einer dramati- schen Münzverschlechte- rung in Europa. Die daraus folgende Inflation heißt in Deutschland die Zeit der Kipper und Wipper.

 

1515

1492

In Joachimstal im Erzge- birge werden riesige Sil- bervorkommen entdeckt. Im Volksmund heißen die daraus geschlagenen Mün- zen bald nur noch Taler. Dieser Name steht Pate für verschiedene Währungen bis hin zum Dollar.

1557

 

Kolumbus entdeckt Ameri- ka. Binnen zehn Jahren verdoppelt sich die den Europäern bekannte Aus- dehnung der Welt. Haupt- motiv der Entdeckungen ist aber nicht Landgewinn,

Frankreich und Spanien müssen fast gleichzeitig den Bankrott erklären – ihre kreditgebenden Ban- ken, darunter die Fugger und die Welser in Augs- burg, geraten in schwere Bedrängnis.

1661

Als in Schweden die Sil- bermünzen knapp werden, beginnt eine schwedische Bank in Stockholm, das erste offizielle Papiergeld Europas zu drucken.

sondern die Suche nach neuen Handelswegen.

 

1716

bis 1720

1494

Inka-Skulpturen aus Silber (angefertigt um 1500 im heutigen Bolivien)

Inka-Skulpturen aus Silber (angefertigt um 1500 im heutigen Bolivien)

Der Schotte John Law führt in Frankreich Papier- geld ein. Als General- kontrolleur der Finanzen gibt er Aktien aus, die eine ungeheure Spekulations- blase auslösen. 1720 platzt sie. John Law flieht über- stürzt.

Luca Pacioli erklärt in sei- ner theoretischen Darstel-

lung „Summa de Arithme- tica“ das Prinzip der in Ita- lien schon lange praktizier- ten doppelten Buch- führung mit Soll und Ha- ben. Das Buch wird nach

1500

auch in Deutschland

1765

verbreitet. Verschriftli- chung und Entmaterialisie- rung des Geld- und Wa-

Friedrich der Große grün- det die erste Notenbank der deutschen Geschichte. Seine Königliche Giro- und Lehn-Banco ist die Vorgängerin der deutschen Reichsbank.

renverkehrs setzen ein.

1498

Vasco da Gama erreicht

auf dem Seeweg Indien – es folgt ein Aufschwung des Fernhandels und auch der Kapitalgesellschaften, die das Risiko des einzel- nen Investors begrenzen.

1500 bis 1540

1542 bis 1553

1574

1789 bis 1797

In England bessern Hein- rich VIII. und sein Nachfol- ger durch systematische Münzverschlechterung ihre Finanzen auf – auch anderenorts ist das üblich.

Der Staatshaushalt in Ka- stilien besteht zu rund 70 Prozent aus Militärausga- ben, fast alle europäischen Staaten sind chronisch de- fizitär. Langfristige Schuld- verschreibungen (Staats-

Im Verlauf der Französi- schen Revolution werden für beschlagnahmte Kir- chen- und Emigrantengü- ter Staatsobligationen als „Assignaten“ ausgegeben. Zwei Inflationswellen bin- nen weniger Jahre folgen, dann beendet Napoleon den Versuch. Die Ära des Papiergeldes ist aber nur kurz hinauszuschieben.

Durchschnittlich 1000 bis

1500

Kilo Gold aus der

1543

anleihen) bürgern sich ein.

Neuen Welt erreichen jähr-

Kaiser Karl V. erlaubt nie- derländischen Kaufleuten erstmals offiziell, Geld ge- gen Zinsen zu verleihen –

lich Spanien – anfangs un- mittelbarer Raub, dann Abbau aus Goldminen.

1605

Papst Paul V. gründet mit der Banco di Santo Spirito

DIE ERSTE GLOBALISIERUNG

Gier, Leichtgläubigkeit, Geschäfte-

macherei: Der holländische Tulpen-

Wahn von 1637 ist der Prototyp

für viele spätere Finanzkrisen.

„Große

Gartenhure“

Von JAN FRIEDMANN

D ie Königin der Tulpen trug ihr Haupt hoch, so kamen die leuchtenden Farben noch besser zur Geltung: Blau am Blü-

tenboden, wo der schlanke Stil ansetzte, nach oben übergehend in ein reines Weiß, aus dem blutrote Flammen zur Spitze hin züngelten. „Semper Augus- tus“ tauften die Züchter ihr Wunder- werk. Das Privileg, es in natura betrach- ten zu dürfen, war nur wenigen Zeitge- nossen vergönnt. Von der seltensten und teuersten Sor- te zirkulierten in ganz Holland zeitwei- lig nur rund ein Dutzend Tulpen-Zwie- beln, und die waren unerschwinglich:

10 000 Gulden verlangten Händler zu Beginn des Jahres 1637 für eine „Semper Augustus“, („Allzeit erhaben“), eine Summe, mit der sich mühelos ein großes Stadthaus an einer der vornehmsten Grachten Amsterdams erwerben ließ. Es war der Höhepunkt des „Großen Tulpen-Wahns“, jener Manie, die als frühe und exemplarische Spekulations- blase in die Wirtschaftsgeschichte ein- gehen sollte. Im Lauf einiger Monate hatten sich die Preise vervielfacht, zu denen die Tulpen in den Wirtshäusern gehandelt wurden. Im Februar 1637

fielen die Kurse binnen weniger Tage ins Nichts. Viele Menschen waren auf einen Schlag ruiniert: „Edelleute, Kauf- leute, Handwerker, Schiffer, Torfträger, Schornsteinfeger, Knechte, Mägde, Trö- delweiber, alles war von gleicher Sucht befallen“, berichten die Annalen. Nicht Aktien oder Staatsanleihen, nicht Rinderhälften oder Eisenerz, nein:

Blumen hatten die Begierde der Investo- ren in der damals dynamischsten Volks- wirtschaft Europas geweckt. Ein hoch- sensibles und pflegeintensives Spekula- tionsobjekt: Es dauert fast so lang wie eine menschliche Schwangerschaft, bis aus einer im Herbst eingepflanzten un- scheinbaren Zwiebel im Frühjahr eine blühende Tulpe erwächst. Und eine ein- farbige Pflanze überrascht ihren Besit- zer bisweilen im Frühjahr mit geflamm- ten, zweifarbigen Blütenblättern. Dafür sorgt das Mosaikvirus – ein im 17. Jahr- hundert noch unbekannter, durch Blatt- läuse übertragener Befall. Vielleicht war es diese Unberechen- barkeit, mit der die Preziose die Herzen der calvinistisch spröden Niederländer gewann. Ursprünglich eine Wildpflanze in den Hochtälern Zentralasiens, fand die Tulpe ihren Weg über Persien und das Osmanische Reich nach Europa. Der

in den Hochtälern Zentralasiens, fand die Tulpe ihren Weg über Persien und das Osmanische Reich nach

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Die „Tulipa Octaviani del pont“ (l.) glich der höchst seltenen „Semper Augustus“. (Kolorierter Stich,

1614/15)

DIE ERSTE GLOBALISIERUNG

Zeitgenössische Satire auf den Tulpen-Wahn (Stich, 1637)

gelehrte Humanist und bedeutende Bo- taniker Carolus Clusius trug maßgeb- lich zur Verbreitung der Tulpe in Hol- land bei, seit er 1593 an die Universität Leiden berufen wurde. Bald avancierte die Tulpe zur Mode- blume der Reichen und Schönen, sie ver- lieh den Gärten ihrer Besitzer eine Aura von Extravaganz und östlicher Exotik. Ein Statussymbol ganz nach dem Ge- schmack der Holländer, erlaubte sie doch aufstrebenden Bürgern und Kauf- leuten, auf botanisch-bescheidene Art den eigenen Reichtum zur Schau zu stel-

len. Exklusiv war das Luxusgut im Beet obendrein: Eine Tulpen-Mutterzwiebel bringt nur wenige Brutzwiebeln hervor, die Pflanze kann nicht in kurzer Zeit vermehrt werden.

Ein kleiner Kreis von findigen Züch- tern befriedigte die anspruchsvolle Nachfrage mit immer neuen und präch- tigeren Kreationen. Gefragt waren in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts gleichmäßige Blütenblätter und auffäl- lige Farbmuster. Wie die prächtigsten Blüten aussahen, das zeigten sich die

Reichen anhand eigens angefertigter Tulpen-Bücher, in denen die schönsten Sorten im Aquarell ausgemalt waren. Bald lockten die komfortablen Mar- gen Quereinsteiger und Abenteurer ins Geschäft. Die Tulpe wurde zum Syn- onym für leicht verdientes Geld. Verkör- perte sie nicht schon durch ihre Gestalt den größtmöglichen Kontrast zum ent- behrungsreichen Leben der einfachen Leute? Ein Leben, in dem 14 Stunden harter Arbeit an sechs Wochentagen kaum genug einbrachten, um die Mieten in den überfüllten Städten zu bezahlen.

MARY EVANS / INTERFOTO (L.); BRITISH LIBRARY / AKG (R.)

Die Tulpen-Profis leb- ten hingegen in Saus und Braus, für die Organisa- toren der Auktionen fie- len reichlich Provisionen ab. Eine zeitgenössische Schrift vermittelt einen Eindruck: „Ich bin auf mehreren Runden gewe- sen, von denen ich mehr Geld nach Hause brachte, als ich in das Wirthaus mitgenommen hatte. Und dabei habe ich Wein und Bier getrunken, Tabak ge- raucht, gekochten oder ge- bratenen Fisch, Fleisch, Hühnchen und Kanin- chen sowie zum Abschluss Süßigkeiten gegessen, und das vom Morgen bis um drei oder vier in der Nacht.“ Solchen Verheißungen erlagen immer mehr Men- schen. Sie vernachlässig- ten ihre gelernten Berufe und verdingten sich fortan in den Gärtnereien als Tulpen-Händler – oder vertrauten als Kleinanle- ger den Verheißungen der Edelzwiebel. Der zunächst ungebro- chene Boom schien ihnen recht zu geben und ließ letzte Zauderer als Ewig- gestrige erscheinen. 1633 wurde in der Stadt Hoorn bereits ein Haus für drei Tulpen-Zwiebeln verkauft, in den drei Jahren dar- auf vervielfachten sich die Preise. Die kostba- ren Pflanzen wurden nun selbst zur Währung, die Anleger verkauften ihr Hab und Gut und verpfän- deten ihre Häuser, in dem sicheren Glau- ben, dass es in dem Markt immer nur eine Richtung geben werde: nach oben. Schon während der Hausse fehlte es nicht an Warnzeichen. In den Archiven sind mehrere Fälle von Anlegerbetrug belegt: Manche Händler drehten ihren Kunden als angeblich kostbare Raritä- ten Tulpen-Zwiebeln an, die sich beim Aufblühen als Allerweltsgewächse ent- puppten. Andere versuchten sich an Imitaten teurer Sorten wie der „Viceroy“ oder raunten von noch extravaganteren Produkten wie der Schwarzen Tulpe –

rein schwarze Blütenblätter zu züchten war schon biologisch unmöglich. Von 1635 an dealten die Spekulanten mit Tulpen-Derivaten, es gab Anteils- scheine auf Tulpen-Zwiebeln und han- delbare Bezugsrechte. Im herkömm- lichen Handel wurde die Tulpe kurz nach der Blüte ausgegraben und einge- trocknet, so dass der Käufer sehen konn- te, was er im kommenden Jahr von sei-

Käufer sehen konn- te, was er im kommenden Jahr von sei- Ab 1635 dealten Spekulanten mit

Ab 1635 dealten Spekulanten mit Tulpen-Derivaten.

nem Erwerb zu erwarten hatte. Nun wurden ganzjährig Terminkontrakte ab- geschlossen und Zwiebeln gehandelt, die noch in der Erde steckten. Schuld- scheine und Schilder in den Beeten wie- sen die künftigen Besitzer und das Da- tum des Bezugs aus.

Die Preisexplosion verlockte zu

Zwischengeschäften und Luftbuchun- gen: Floristen verkauften Tulpen, die sie nicht liefern konnten, an Käufer, die nie die Absicht hatten, diese Zwiebeln ein- zupflanzen. Manche Tulpen wechselten zehnmal pro Tag den Besitzer, ohne dass auch nur einer von ihnen die Zwiebel, ge- schweige denn die Blüte jemals zu Ge- sicht bekommen hätte. „Windhandel“ nannten die Chronisten diese Phase des Booms, doch die Flaute blieb so lange aus, wie immer neues Kapital in den Spekulationskreislauf floss. Die Katastrophe nahm am ersten Dienstag des Monats Februar im Jahr

1637 ihren Lauf: Bei einer Auktion in einem Schankkollegium von Haarlem konnte der Auktionator die geforderten Preise nicht erzielen und musste Ab- schläge zugestehen. Diejenigen Inves- toren, die erst spät eingestiegen waren, fuhren nun plötzlich Verluste ein. Die Neuigkeit machte die Runden durch alle Schenken der Stadt und bald darauf durchs ganze Land. Immer mehr Besitzer von Tulpen-Zwiebeln wollten schnell verkaufen, die Preise fielen ins Bodenlose. Der durchschnittliche Tul- pen-Anleger verzeichnete binnen Wo- chen ein Minus im Depot von 95 Pro- zent, die meisten Derivate waren mit ei- nem Schlag völlig wertlos geworden. Nun hub der Chor derer an, die alles schon immer geahnt hatten und sich nun am Verlust der anderen weideten. Traktate und Flugblätter mit Titeln wie „Floras Krankenlager“, „Der Untergang der großen G