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Umwelt & Gesundheit Beispiele aus der Forschungspraxis

Umwelt & Gesundheit

Beispiele aus der Forschungspraxis

Umwelt & Gesundheit Beispiele aus der Forschungspraxis
Umwelt & Gesundheit Beispiele aus der Forschungspraxis

Impressum

 

Herausgeber

Bildnachweis

Bundesministerium

Zefa (S. 1 groß, 42) • Atemwegsliga/DAK (S. 1 u.r., 2 u., 12 l., 20 r.) • Edith Deissinger,

für Bildung und Forschung (BMBF) Referat Publikationen; Internetredaktion

Städt. Kinderkrippe Mathunistraße, München (S. 6, 7) • AstraZeneca (S. 8) • Günter und Ingrid Goddeng, GSF (S. 9 o., 22, 43 r.) • Ingrid Weichenmeier u. Heidrun Beh-

11055

Berlin

rendt, Klinische Kooperationsgruppe Umweltdermatologie und Allergologie, GSF und TU München (S. 10, 24 r.) • Allergopharma Joachim Ganzer AG (S. 12 m.) • Michael

Bestellungen schriftlich an den Herausgeber Postfach 30 02 35

van den Heuvel, GSF (S. 12 r., 31 r.) • Harald Unger (S. 13, 14 o., 27 o., 43 l., 47 l.) • Eckhart Kämpgen, Center for Genetic and Cellular Therapies, Duke University (S. 14 u.l.) •

M. Rohde, Gesellschaft für Biotechnologische Forschung (S. 14 u.m.) • Institut für Me-

53182

oder per Tel.: 01805 - 262 302

Bonn

E-Mail: books@bmbf.bund.de

dizinische Mikrobiologie, Immunologie und Hygiene, TU München (S. 14 u.r.) • Klaus Walter, Universität Marburg (S. 15 l.) • iKomm (S. 15 r.) • Young-Ae Lee, Max-Delbrück- Centrum für Molekulare Medizin Berlin-Buch (S. 16, 17 o.) • Alexanderklinik Davos

Fax: 01805 - 262 303

(S.

17 u., 20 l.) • Norma Neuheiser, Umweltforschungszentrum Leipzig (S. 18) • Bundes-

(0,12 Euro/Min. aus dem deutschen Festnetz)

amt für Strahlenschutz (S. 18, 33 o. u. m. l., 34, 36 u.) • Shinji Tekanaka, GSF (S. 19) • Joa- chim Heinrich, GSF (S. 21 o., 43 m.) • Reinhart Feldmann, Umweltforschungszentrum Leipzig (S. 21 u.) • Corbis (S. 22) • Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und

Internet: http://www.bmbf.de

Reaktorsicherheit, Foto: H.G. Oed (S. 24 l., 30 Graphik "Umwelt", 49) • KORA, GSF

Konzeption, Text, Redaktion GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit, Neuherberg/München:

Holger Kasat, Ulrike Koller, Heinz-Jörg Haury, Michael van den Heuvel Abteilung Öffentlichkeitsarbeit; Dr. Angela Richter Projektträger des BMBF für Umwelt- und Klimaforschung

Gestaltung Harald Unger, München

Bonn, Berlin 2003 (Nachdruck 2005)

Gedruckt auf Recyclingpapier

(S. 24 m.) • Victims of noise pollution, EPA Journal 1979 (S. 26) • Deutsche Lufthansa

AG (S. 27 u.) • GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit (S. 28, 29, 30 u., 37

u., 44 m., 47 m.) • GENICA (S. 30 Graphik o. ohne Bilder, 31 Logo) • HELIOS Klinikum

Berlin, Foto: Thomas Oberländer (S. 30 Graphik „Lebensstil“) • Gesellschaft für Bio- technologische Forschung (S. 30 Graphik „Arbeitsplatz“, 31 u., 32 Graphik „Test- bakterium“ und „Auswertung“) • PhotoDisc Europe (S. 30 Graphik "Andere", 31 l., 32 Graphik „Testsubstanz“, 44 r.) • Novartis (S. 31 m.) • AMMUG, Universität Mainz (S. 32 Graphik „Messung“ ) • WISMUT GmbH (S. 33 u.l. + u.m.r. + u.r.) • Harald Renz, Klini- kum der Philipps-Universität Marburg (S. 35) • NIVEA Sun (S. 36 o.) • Thilo Gambichler, Klinik für Dermatologie und Allergologie an der Ruhr-Universität Bochum (S. 37 o.) • Julia Schwaiger, Bayerisches Landesamt für Wasserwirtschaft (S. 38, 40 a-d) • For- schungszentrum Jülich GmbH (S. 40/41 o.) • Ewald Seliger, Klinik für Geburtshilfe und Reproduktionsmedizin der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (S. 41 u.) • ECC Kothes Klewes GmbH (S. 44 l.) • Gesellschaft für Umweltschutz des TÜV Nord

mbH (S. 45, 46 o.) • WBA (S. 46 u.) • Umweltforschungszentrum Leipzig (S. 47 r.)

Umwelt & Gesundheit Beispiele aus der Forschungspraxis

Umwelt & Gesundheit

Beispiele aus der Forschungspraxis

Umwelt & Gesundheit Beispiele aus der Forschungspraxis

INHALT

I NHALT U MWELT & G ESUNDHEIT –   R I S I K E N
I NHALT U MWELT & G ESUNDHEIT –   R I S I K E N

UMWELT & GESUNDHEIT

 

RISIKEN ERKENNEN, ABSCHÄTZEN, VERMEIDEN

 

6

A LLERGIE & U MWELT

ALLERGIE & UMWELT

10

Allergieforschung im

 

12

„Allergie-Impfung“ mit Bakterien-DNA

13

„Sommersmog“ fördert Allergien und Asthma

15

Neurodermitis – den genetischen Ursachen auf der Spur

16

A TEMWEGE & U MWELT

ATEMWEGE & UMWELT

 

18

Viel Feinstaub schadet

 

20

Europäische Atemwegsstudie ECRHS

21

Asthma-Bronchitis-Sensor

21

H ERZ & U MWELT

HERZ & UMWELT

 

22

Herzbeschwerden liegen in der

 

24

Rasende Herzen durch Lärm

25

K REBS & U MWELT

KREBS & UMWELT

 

28

Kampf gegen Brustkrebs

 

30

Gentoxische Stoffe frühzeitig

31

Radon und Lungenkrebs

. UV-Strahlung und Hautkrebs

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33

35

H ORMONE &

HORMONE &

38

Wirkung und Risiko von Nonylphenolen

 

40

Umweltchemikalien und die Fruchtbarkeit der

41

W OHNEN & U MWELT

WOHNEN & UMWELT

42

Pyrethroide – wie gesundheitsschädlich sind

 

44

Emissionen aus Elektrogeräten

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45

Allergie-Risiko

Innenraum

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47

F ORSCHUNG FÖRDERN – I N Z UKUNFT NACHHALTIG

FORSCHUNG FÖRDERN – IN ZUKUNFT NACHHALTIG

 

48

UMWELT

& GESUNDHEIT

RISIKEN ERKENNEN, ABSCHÄTZEN, VERMEIDEN

Unser Wohlbefinden und unsere Gesundheit werden durch die Umwelt entscheidend beeinflusst.Wir sehen uns oft unmittelbar betroffen, da wir uns vielen äußeren Einflüssen nicht oder nur in begrenztem Umfang entziehen können. Medien berichten häu- fig über Auswirkungen von Umweltbelastungen durch chemische Substanzen, Lärm oder Strahlung auf unsere Gesundheit.Von wissenschaftlicher Seite muss jedoch eingeräumt werden, dass für eine Beurteilung umweltbedingter Gesundheitsrisiken noch große Unsicherheiten bestehen. Deshalb unterstützt das Bundes- ministerium für Bildung und Forschung seit vielen Jahren die Aktivitäten im Forschungsbereich „Umwelt und Gesundheit“. Die Broschüre stellt eine Auswahl wichtiger Projekte vor.

D ie Bundesregierung sieht den Schutz und die Erhaltung von Leben und Ge- sundheit der

D ie Bundesregierung sieht den Schutz und die Erhaltung von Leben und Ge- sundheit der Menschen als oberste

Verpflichtung jeden staatlichen Handelns an. Sie hat als einer von 29 Mitgliedsstaaten 1989 die Europäische Charta „Umwelt und Gesund- heit“ mitunterzeichnet. Danach hat „jeder

Mensch Anspruch auf eine Umwelt [

ein höchstmögliches Maß an Gesundheit und Wohlergehen ermöglicht“. Das Wissen um die Wirkungen von Umwelteinflüssen auf die Ge- sundheit des Menschen ist darüber hinaus ein wichtiger Baustein für eine nachhaltige Ent- wicklung. Zu diesem Leitbild hat sich Deutsch- land 1992 auf der UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro zusammen mit 178 anderen Nationen bekannt. Im Umweltforschungsprogramm der Bun- desregierung „Forschung für die Umwelt“ finanziert das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) seit vielen Jahren die

], die

Arbeiten zahlreicher Forschungszentren und Projektgruppen zum Schwerpunktthema „Um- weltbelastungen und Gesundheit“. Ziel der För- derung ist es, frühzeitig gesundheitsgefährdende Umweltfaktoren zu erkennen, Risiken für die Gesundheit des Menschen abzuschätzen sowie Beiträge zur Reduzierung potentiell gesund- heitsgefährdender Umweltbelastungen zu erar- beiten. Auch benachbarte Schwerpunkte des Umweltforschungsprogramms, zum Beispiel zur ökotoxikologischen Forschung, können hierzu wertvolle Beiträge liefern. Diese naturwissen- schaftlichen Ansätze werden mit Fragestellun- gen der Umweltmedizin, Soziologie und Öko- nomie verknüpft. Das BMBF-Gesundheitspro- gramm „Forschung für den Menschen“ bietet ebenfalls wichtige Anknüpfungspunkte für um- weltbezogene Fragestellungen. Darüber hinaus widmen sich das Bundes- ministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit und das Bundesministerium

Kapitel

Umwelt & Gesundheit – Risiken erkennen, abschätzen, vermeiden

Gesundheit – Risiken erkennen, abschätzen, vermeiden für Gesundheit und Soziale Sicherung innerhalb ihrer

für Gesundheit und Soziale Sicherung innerhalb ihrer Ressortforschungsprogramme bestimm- ten Untersuchungen zu umweltbedingten Er- krankungen. Ihre gemeinsame Arbeitsgrundlage ist seit 1999 das „Aktionsprogramm Umwelt und Gesundheit“ (APUG). Die nationalen Fördertätigkeiten werden ergänzt durch die Europäischen Forschungsrah- menprogramme. Im Forschungsbereich „Um- welt und Gesundheit“ konzentrierte sich das 5. Rahmenprogramm (1998-2002) auf die Fel- der „Erforschung umweltbedingter Gesund- heitsstörungen und Allergien“ und „Entwicklung neuer Verfahren zur Diagnose und Risikoab- schätzung“. Durch Bündelung der europäischen Forschungsanstrengungen und -kapazitäten soll das 6. Rahmenprogramm der EU (2002-2006) vorrangig zur Integration und Stärkung des

Europäischen Forschungsraums bei- tragen. Es enthält Teilaspekte des Be- reiches „Umwelt und Gesundheit“ in den thematischen Prioritäten „Biowis- senschaften, Genomik und Biotechno- logie im Dienste der Gesundheit“, „Lebensmittelqualität und -sicherheit“ sowie „Politikorientierte Forschung“. Die vorliegende Broschüre schil- dert Wege und Fortschritte bei der Erforschung gesundheitlicher Belas- tungen durch die Umwelt. Sie strebt keinen vollständigen Überblick über die Vielzahl einschlägiger Forschungs- aktivitäten in Deutschland an, sondern möchte einige beispielhafte Projekte vorstellen, die das BMBF aktuell för- dert oder in den letzten Jahren geför- dert hat. Im Vordergrund stehen be- deutende Krankheitsbilder unserer Gesellschaft wie Allergien, Atemwegserkrankungen oder Krebs sowie besondere Belastungssituationen, denen wir in unserem Wohnbereich ausgesetzt sind. In vielen der ausgewählten Vorhaben ana- lysieren Wissenschaftler die komplizierten Wechselwirkungen zwischen genetischen, ver- haltensgesteuerten und umweltbedingten Fak- toren. Dieses Zusammenspiel wird bislang erst teilweise verstanden und lässt nur selten siche- re Aussagen zur Gesundheitsgefährdung zu. Im Sinne des Schutzes der öffentlichen Gesundheit ist die Politik – trotz der beschrie- benen Schwierigkeiten – verpflichtet, mit Hilfe transparenter Verfahren präventiv ausgerichtete Belastungsgrenzen festzulegen und diese an den fortschreitenden Kenntnisstand anzu- passen.

Kontakt

• Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) www.bmbf.de

• Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung www.bmgesundheit.de

• Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit www.bmu.de

• Aktionsprogramm Umwelt und Gesundheit (APUG) www.apug.de

• Koordinierungsstelle EG der Wissenschaftsorganisa- tionen, Informationen zum 6. Rahmenprogramm

www.kowi.de/rp6

• EU-Büro des BMBF für das 6. Rahmenprogramm

www.eubuero.de/6rp

Gesundheitsrisiken erkennen – das Handwerkszeug Umweltepidemiologie Die Epidemiologie untersucht die Vertei- lung

Gesundheitsrisiken erkennen – das Handwerkszeug

Umweltepidemiologie

Die Epidemiologie untersucht die Vertei- lung von Krankheiten sowie die Krank- heitsfolgen in der Bevölkerung. Ihr Ziel

ist es, Ursachen für Erkrankungen festzu- stellen, spezifische Risikogruppen zu iden- tifizieren sowie Behandlungs- und Vermei- dungsstrategien zu entwickeln. Entspre- chend geht es in der umweltepidemiolo- gischen Forschung um die Einflüsse von Umweltfaktoren auf die menschliche Gesundheit. Zu diesen zählen beispiels- weise Schadstoffe der Luft, des Bodens und des Wassers, im

weiteren Sinne aber auch Faktoren unseres persönlichen Verhaltens wie Ernährung, Bewe- gung oder Nikotinkon- sum. Es gilt, Zusammen- hänge zwischen Exposi- tion und Erkrankungen oder Symptomen zu

analysieren, wobei letztere durch medizi- nische Untersuchungen und Befragungen erfasst werden. Die Aussagekraft umweltepidemiologi- scher Studien wird dadurch erschwert, dass zumeist viele Faktoren gleichzeitig auf uns einwirken und komplexe Krank- heitsverläufe verursachen. Um Gesund- heitsrisiken dennoch abschätzen zu kön- nen, benötigen solche Studien oft längere Untersuchungszeiträume und große Teil- nehmerzahlen.

Umweltepidemiologen führen Untersuchungen in der Bevöl- kerung durch. Ihre Erkennt- nisse beruhen auf Befunden an Menschen, die bestimmten Umwelteinflüssen unter- schiedlich stark ausgesetzt sind. Dies ermöglicht es den Forschern, Zusammenhänge zwischen Exposition und Gesundheitsrisiko direkt zu erkennen.

Exposition und Gesundheitsrisiko direkt zu erkennen. Umwelttoxikologie Extrapolation Mögliche toxische Wirkungen

Umwelttoxikologie

Extrapolation
Extrapolation

Mögliche toxische Wirkungen von Chemikalien werden in vitro und in vivo untersucht. Bei der Übertragung der Ergebnisse auf Bevölkerungs- gruppen (Extrapolation) muss eine Vielzahl wichtiger Infor- mationen über z.B. Aufnah- mepfade, Wirkungsmechanis- men oder die tatsächliche Exposition in der Umwelt berücksichtigt werden.

Aufgabe der Umwelttoxikologie ist es, vermutete Zusammenhänge zwischen Umweltfaktor und Erkrankung mit Hilfe von Laborexperimenten an Tieren oder Zellkulturen zu überprüfen. Dabei analy- sieren Forscher die zugrundeliegenden Wirkungsmechanismen und die Bezie-

hung zwischen Exposition und Wirkung. Ausgehend von den Labor-Ergebnissen wird sorgfältig auf die realen Expositions- verhältnisse menschlicher Organismen geschlossen und eine Beurteilung des umweltbedingten Gesundheitsrisikos vorgenommen.

ALLERGIE

& UMWELT

Fliederpollen

Die Zahl der Allergiker steigt seit Jahrzehnten vor allem in den westlichen Industrienationen. In Deutschland ist schät- zungsweise bereits jeder Dritte an Asthma, Heuschnupfen oder Neurodermitis erkrankt oder gegenüber Allergenen sensibilisiert.Woran liegt es, dass uns zunehmend häufiger Erkrankungen plagen, von denen unsere Großeltern kaum etwas zu wissen schienen? Welche Rolle spielen dabei die Faktoren Umwelt, Gene und Lebensstil?

Hypothesen zur Erklärung der Allergiezunahme Innenraum- Schadstoffe Außenluft- Arbeitsplatz Schadstoffe neuartige
Hypothesen zur Erklärung der Allergiezunahme Innenraum- Schadstoffe Außenluft- Arbeitsplatz Schadstoffe neuartige
Hypothesen zur Erklärung der Allergiezunahme
Innenraum-
Schadstoffe
Außenluft-
Arbeitsplatz
Schadstoffe
neuartige
Umwelt
Nahrungsmittel
Disposition
Auslands-
Genom
Lebensstil
reisen
genetische
Veränderung
Haustiere
Soziales
Psyche
Hygiene
Problem-
bewusstsein
ältere
bessere
Mütter
Diagnostik
Stress

Faktoren, die man als mögliche Ursache für die Zunahme von Allergieer- krankungen in den westlichen Industrienationen diskutiert. Es handelt sich um Hypothesen, die bisher nur teilweise durch Experimente oder andere Daten belegt werden konnten. Auch eine Gewichtung der einzelnen Fak- toren ist derzeit noch nicht möglich.

L ange Zeit galt die schlechte Qualität

der Luft als Hauptfaktor für die Zu-

nahme umweltbedingter Gesund-

heitsschäden. „Allergien nehmen zu, weil unsere Umwelt immer stärker durch Schadstoffe belastet wird“, glaubten viele zu wissen. Langjährige Messreihen des Umweltbundesamtes und der Länder zeigen aber einen deutlichen Rückgang vieler Schadstoffkonzentrationen der Luft seit Anfang der 70er-Jahre. Dagegen hat die Häufigkeit bestimmter allergischer Erkrankungen wie Asthma, Heuschnupfen und Neurodermitis in den letzten Jahr- zehnten zugenommen. Diese Entwicklung ist insbesondere für Heuschnupfen gut belegt. So ergaben Gesundheitssurveys für Westdeutschland, dass 1 985 jede zehnte, 1 991 bereits jede sechste Person im Alter zwischen 25 und 69 Jahren Heu- schnupfen hatte. Auch international be- obachtet man eine starke, ungebrochene Zunahme von Allergie-Erkrankungen. Die ursächlichen Faktoren für diese Entwicklung sind nach wie vor unklar. Es liegen eine Reihe von Hypothesen vor, die noch experimentell überprüft werden müssen. Die Allergieforschung diskutiert gegenwärtig neben genetischen Ursachen vor allem anthropogene und natürliche Umwelteinflüsse in Verbindung mit verän- derten Lebensstilfaktoren in industriali- sierten Ländern. Das komplexe Zusam- menspiel dieser Faktoren zu verstehen, ist Ziel laufender Forschungsprojekte.

+ Wenn das Immunsystem verrückt spielt

Von Geburt an sind wir mit Fremdstoffen aus der

Umwelt konfrontiert. Unser Immunsystem lernt da-

bei, Krankheitserreger abzuwehren und harmlose

Stoffe zu tolerieren. Ist dieser Reifungsprozess ge- stört, wird auch gegen einen an sich ungefährlichen Stoff eine Immunabwehr mobilisiert. Dabei bilden sich spezifische Antikörper, die den Organismus sen- sibilisieren. Ein erneuter Kontakt mit dem Allergen löst dann über eine Kettenreaktion charakteristi- sche Allergie-Beschwerden aus. Nach vorsichtigen Schätzungen kennt man heute etwa 20.000 Aller-

gene, die zum Beispiel aus den Pollen von Bäumen und Gräsern, den Ausscheidungen von Hausstaubmilben, aus Tierhaaren oder Schimmelpilzen stammen können. Allergien betreffen in der Regel unsere Kontaktflächen zur Umwelt wie Atemwege und Haut. Häufige Krank- heitsbilder sind Asthma bronchiale, Heuschnupfen, Nesselsucht oder Neurodermitis. Die typische „Karriere“ eines Allergikers beginnt in der Regel im ersten Lebens- jahr mit einer Nahrungsmittel-Unverträglichkeit gegen Kuhmilch und Ei, gefolgt von Haut-Allergien, welche mit zunehmendem Alter von Allergien an den Atemwegen abgelöst werden.

Kapitel

Allergie & Umwelt

Allergieforschung im Ost-West-Vergleich

D er Rolle von Luftschadstoffen wie Schweb-

staub, Schwefeldioxid, Stickoxide oder

Ozon bei der Allergieentstehung sind Wis-

senschaftler in den 90er-Jahren in unterschiedlich belasteten Regionen Ost- und Westdeutschlands nachgegangen. Mehrjährige epidemiologische Ver-

Im Verlauf der Ost-West-Studien geriet immer mehr der so genannte "westliche" Lebensstil in Ver- dacht, für die Zunahme von Allergie-Erkrankungen verantwortlich zu sein. Die Epidemiologen widme- ten sich daher stärker den gesundheitlichen Auswir- kungen unserer Wohnverhältnisse. Sie nahmen

Hausstaubmilbe
Hausstaubmilbe

Katzenhaar-Allergene werden in der Speicheldrüse der Katze produziert. Erst bei der „Katzenwäsche“ kontaminiert sie ihr Fell. Katzenhaare verbreiten sich extrem weit (u.a. über das Schuhwerk) und können sogar in Haushalten ohne Katzenhaltung nachgewiesen werden.

gleichsstudien zum Beispiel zwischen Erfurt und Hamburg ergaben schließlich, dass Allergien nicht etwa im von Luftverschmutzung weit stärker be- troffenen Osten häufiger waren, sondern im Wes- ten. Die Gleichung "mehr Luftverschmutzung = mehr Allergien" schien offenbar zu einfach.

= mehr Allergien" schien offenbar zu einfach. Zum west- lichen Lebens- stil gehört der zunehmende

Zum west- lichen Lebens- stil gehört der zunehmende Verzehr exo- tischer Früch- te. Sie enthal- ten möglicher- weise allergie- auslösende

Nahrungsbe-

standteile.

Wohnungen in Erfurt und Hamburg unter die Lupe und fahndeten unter anderem nach Hausstaub- und Tierhaar-Aller- genen.Wieder waren es die West- deutschen, bei denen mehr Aller- gien auftraten.Vieles deutete darauf hin, dass dies eine Folge der im Wes- ten weiter verbreiteten Haustier- haltung und Verwendung von Teppich-

böden war. Auf Teppichböden sammeln sich in der Regel große Mengen unserer Hautschuppen – die Hauptnahrungsquelle der Hausstaubmilben. Ihre Ausscheidungen bzw. be- stimmte in den winzigen Kotbällchen enthaltene Eiweiße sind es, die eine Hausstauballergie verur- sachen können. Auch ein zu geringer "Trainingseffekt" des kind- lichen Immunsystems wird im Zusammenhang mit der Zunahme von Allergien diskutiert. Denn der frühe Kontakt mit Keimen scheint unsere Körper-

Kontakt • GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesund- heit, Institut für Epidemiologie www.gsf.de/epi • Dr. von Haunersches Kinderspital der Universität München http://hauner.klinikum.uni-muenchen.de

• IUF – Institut für Umweltmedizinische Forschung Düsseldorf www.iuf.uni-duesseldorf.de

Epidemiologen vermuten, dass der frühe Kontakt mit ande- ren Kindern und die damit verbundenen Infektionshäufigkei-
Epidemiologen vermuten, dass der frühe Kontakt mit ande- ren Kindern und die damit verbundenen Infektionshäufigkei-

Epidemiologen vermuten, dass der frühe Kontakt mit ande- ren Kindern und die damit verbundenen Infektionshäufigkei- ten das Immunsystem besser vor allergischen Erkrankungen schützen. Dafür sprechen auch Beobachtungen, dass mit zu- nehmender Geschwisterzahl das Risiko, später eine Allergie zu entwickeln, abnimmt.

abwehr zu stärken. Das untermauern zum Beispiel epidemiologische Studien bei ostdeutschen Kindern aus den Jahren 1 992/93. Damals wurden über 2.000 Kinder im Alter zwischen 5 und 1 4 Jahren in den Regionen Bitterfeld/Wolfen, Hettstedt und Zerbst in Sachsen-Anhalt untersucht. Für Einzelkinder fand man schließlich einen starken Zusammenhang zwi- schen dem Eintrittsalter in die Krippe und der Ent- wicklung von Allergien. Kinder, die früh (bis zum Alter von sechs Monaten) eine Krippe besuchten, hatten in der Regel häufig mit Erkältungen zu kämp- fen, doch entwickelten sie später deutlich seltener Allergien, als Kinder, die erst mit einem oder zwei Jahren eine Krippe besuchten. Für Kinder mit Ge- schwistern ließ sich dieser Zusammenhang jedoch nicht belegen.Vieles spricht dafür, dass mit frühzei- tigem Kontakt zu Spielgefährten (auch der eigenen Geschwister) und der damit verbundenen Übertra- gungshäufigkeit von Infektionskrankheiten die Wahr- scheinlichkeit, eine Allergie zu bekommen, abnimmt.

„Allergie-Impfung“ mit Bakterien-DNA

V iele epidemiologische Untersuchungen der

letzten Jahre haben deutlich gemacht, dass

nicht nur anthropogene Umweltsubstanzen,

sondern auch natürliche Stoffe mikrobieller Her- kunft eine wichtige Rolle bei der Allergieentstehung spielen. In den letzten Jahren entwickelten Forscher aus dieser Erkenntnis heraus die so genannte Hy- gienehypothese. Sie besagt, dass ein Mangel an infek- tiösen und mikrobiellen Reizen die Zunahme von allergischen Erkrankungen wie Asthma fördert. Ist es also umgekehrt möglich, eine Therapie zu ent- wickeln, indem man Allergie-Patienten gezielt mit Bakterien impft? Dies ist tatsächlich ein vielverspre- chender Ansatz, den unter anderem die Klinische Forschergruppe „Molekulare und klinische Aller- gotoxikologie“ an der Technischen Universität München seit 1 998 erfolgreich verfolgt.

Kommt ein Kind auf die Welt, dann ist sein Ab- wehrsystem noch nicht vollständig aufgebaut. Es fehlt ein bestimmter Typ weißer Blutkörperchen, die so genannten T-Helferzellen vom Typ 1 . Sie werden in den ersten Lebensmonaten gebildet, wobei Infek- te, die Ernährung und die Besiedelung des Darms mit Bakterien eine wichtige Rolle spielen.TH 1 -Zel- len produzieren bei Allergenkontakt unter anderem den Botenstoff Interferon und sorgen damit für ei- nen Schutz gegenüber Fremdstoffen wie Bakterien und Viren (TH1 -Antwort). Bei allergischen Personen sind hingegen verstärkt T-Helferzellen eines anderen Typs, die TH2-Zellen, aktiv. Sie geben bevorzugt Sig- nalstoffe ab, welche die Produktion des Antikörpers Immunglobulin E unterstützen und schließlich aller- gische Entzündungsreaktionen hervorrufen (TH2- Antwort). Da man bei gesunden Menschen ein

Kapitel

Allergie & Umwelt

Kapitel Allergie & Umwelt Der Kontakt mit Mikroorganismen kann das frühkindliche Immunsystem stärken. Forscher

Der Kontakt mit Mikroorganismen kann das frühkindliche Immunsystem stärken. Forscher versuchen deshalb, einen Bakterien-Impfstoff gegen Allergien zu entwickeln.

Gleichgewicht zwischen den beiden T-Helferzell- typen beobachtet, versuchen viele Therapieansätze, den verhängnisvollen Überschuss von TH2-Zellen zu unterbinden.

b a
b
a

(a) Menschliche dendri-

tische Zellen, die aus

monozytären Vorläufern

im peripheren Blut gezüchtet wurden.

(b) Eine dendritische

Zelle (braun) präpariert

T-Helferzellen (grün) für die Immunabwehr.

Einen ähnlichen Weg beschreitet die Klinische Forschergruppe der Technischen Universität Mün- chen. Sie versucht, das Gleichgewicht über eine Stärkung der TH1 -Antwort wiederherzustellen. Hierbei nutzen die Wissenschaftler eine Gruppe von Rezeptoren auf menschlichen Immunzellen, die für die Erkennung von Mikroorganismen verant- wortlich sind. Diese erkennen DNA-Bruchstücke, die speziell nur im Reich der Bakterien zu finden sind. Durch die gleichzeitige Gabe von Bakterien- DNA und allergieauslösenden Substanzen konnte bei Mäusen eine Rückbildung der spezifischen Ant- wort durch Immunglobulin E sowie eine Umkehr in eine TH 1 -Antwort erzielt werden. Die unter Asth- ma leidenden Versuchstiere wiesen nach der Be- handlung keine typischen bronchialen Entzündungen mehr auf. Auch in den ersten klinischen Studien am Menschen sehen die Ergebnisse vielversprechend aus. Hier ist in den nächsten Jahren ein Durchbruch im Bereich der spezifischen Allergie-Immuntherapie, die laut WHO auch als Allergie-Impfung bezeichnet wird, zu erwarten.

3 μm a b
3 μm
a
b

Menschliche dendritische Zellen (Immunzellen). Trifft eine frisch isolierte Zelle (a) auf bakterielle DNA-Moleküle (hier: kurze synthetische DNA-Oligodinukleotide) wird sie aktiviert, bildet Zellfortsätze aus (b) und produziert Signal- stoffe, die einer allergischen Reaktionslage entgegenwirken. Quelle: Bauer et al. 2001, J. Immunol. 166: 5000

Kontakt Klinische Forschergruppe „Molekulare Mechanismen der Wirkung von anthropogenen und natürlichen Umweltfaktoren auf Entstehung, Auslösung und Unterhaltung von

Allergien“ an der Technischen Universität München, Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie am Biederstein:

www.derma-allergie.med.tu-muenchen.de/klinik.html

„Sommersmog“ fördert Allergien und Asthma S chätzungsweise 1 0 bis 1 5 Prozent der deut-

„Sommersmog“ fördert Allergien und Asthma

S chätzungsweise 10 bis 15 Prozent der deut- schen Bevölkerung reagieren besonders emp- findlich auf das Reizgas Ozon – Hauptbestand-

teil des „Sommersmogs“. Mögliche, dosisabhängige Wirkungen von Ozon auf Menschen betreffen hauptsächlich das Geruchsempfinden, die Leistungs- fähigkeit und die Lungenfunktion. Effekte sind um so eher zu erwarten, je mehr Luft pro Minute ein- und ausgeatmet wird. Dieses so genannte Atem- minutenvolumen erhöht sich beispielsweise durch körperliche Aktivitäten.Wer sich während „Sommer- smog“-Episoden bei Spiel, Sport oder Arbeit im Frei- en häufig länger körperlich anstrengt, kann somit gesundheitlich beeinträchtigt werden.

anstrengt, kann somit gesundheitlich beeinträchtigt werden. Intensive Sonne ermüdet im Freien spielende Kinder schnell.

Intensive Sonne ermüdet im Freien spielende Kinder schnell. Auch das sich bei strahlendem Sonnenschein bildende boden- nahe Ozon kann sich unter Umständen auf die Leistungs- fähigkeit und auf die Lungenfunktion negativ auswirken.

+ „Sommersmog“

Das Kunstwort Smog setzt sich aus den beiden engli-

schen Begriffen „smoke“ (= Rauch) und „fog“ (= Nebel)

zusammen. Smog kann bei austauscharmen Wetterlagen

(Inversion) entstehen, wenn in Bodennähe produzierte Schadstoffe nicht mehr in höhere Luftschichten auswei- chen können. Gerade in den Sommermonaten reagieren die bodennah angereicherten Stickoxide, flüchtige organi-

Tage mit Überschreitungen des Ozon-Alarmwertes (240 μg/m 3 ) in Deutschland von 1980 bis 2000

Daten zur Umwelt, 2000

Umweltbundesamt,

Quelle:

Tage 30 25 20 15 10 5 0
Tage
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80 81 82 83 84 85 86 87 88 89 90 91 92 93 94 95 96 97 98 99 00

Jahr

Seit Beginn der 90er-Jahre verzeichnen die bundesweit 362 Messstellen einen Rückgang der Ozon-Belastung in Deutschland. Besonders die ge- messenen Spitzenwerte eines jeden Messjahres weisen einen abnehmen- den Trend auf. So traten Überschreitungen des in der EU gültigen Alarm- wertes von 240 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft in den letzten Jahren selten auf. Auch aktuell im Sommer 2002 wurde dieser Schwellenwert nicht überschritten.

Gut untersucht sind die Gesundheitswirkungen kurzzeitiger Belastungen mit hohen Ozon-Konzen- trationen. Beispielsweise konnte für Schulkinder und Erwachsene gezeigt werden, dass sich ihre Lun- genfunktion nach mehrstündiger körperlicher An- strengung bei einer Ozonkonzentration von 1 60 bis 300 Mikrogramm Ozon pro Kubikmeter Luft verschlechtert. Diese funktionellen Veränderungen normalisieren sich im Laufe von ein bis drei Stun- den nach Expositionsende weitgehend.

von ein bis drei Stun- den nach Expositionsende weitgehend. Emissionen des morgendlichen Berufsverkehrs treffen im Laufe

Emissionen des morgendlichen Berufsverkehrs treffen im Laufe des Tages auf die UV-Strahlung der Sonne. Ab Mittag werden in der Regel die höchsten Ozonwerte erreicht.

sche Verbindungen und Luftsauerstoff unter Einfluss des Sonnenlichtes zu Ozon. Besonders hohe Ozonwerte wer- den bei direkter Sonneneinstrahlung während einer län- geren Schönwetterperiode gemessen.

Kapitel

Allergie & Umwelt

In Deutschland weist die bodennahe Ozonbe- lastung seit den 90er-Jahren einen abnehmenden Trend auf – vor allem hinsichtlich der gemessenen Spitzenwerte. In den Mittelpunkt des Forschungs- interesses rücken daher Gesundheitsgefahren, die möglicherweise von lang anhaltenden mittelgradigen Ozon-Konzentrationen ausgehen könnten. Diesen Überlegungen gingen Wissenschaftler der Univer- sitätsklinik Marburg seit 1996 anhand toxikologi- scher Experimente nach. Sie konnten nun am Tier- modell zeigen, dass unter bestimmten Ozon-Bedin- gungen die Neigung, Allergien und Asthma zu ent- wickeln, dramatisch zunimmt. Dabei setzten die

Kontakt Abteilung für Klinische Chemie und Molekulare Diagnostik, Klinikum der Philipps-Universität Marburg, www.med.uni-marburg.de/stpg/ukm/lb/zentrallabor

Forscher ihre Mäuse vier Wochen lang dreimal wöchentlich jeweils über vier Stunden verschiede- nen „Sommersmog“-Situationen aus. Bei den vorbe- lasteten Tieren (Mäusen mit hoher Allergieneigung) genügten schon geringe Mengen eines Allergens (Pollen, Exkremente von Hausstaubmilben), um eine allergische Reaktion auszulösen: Ab einer Ozon- Konzentration von 1 80 Mikrogramm pro Kubik- meter Luft zeigten die Mäuse eine erhöhte Allergie- und Asthma-Entwicklung. Diese Reaktionen wurden sogar bei Tierstämmen beobachtet, die vorher eine niedrige oder keine Allergieneigung zeigten. Die Marburger Forscher halten ihre Resultate für besorgniserregend und befürchten, dass eine lang anhaltende mittelgradige Ozonbelastung, wie sie vor allem in industriellen Ballungszentren auf- treten kann, ein wichtiger allergiefördernder Faktor sein könnte. Doch inwieweit diese Ergebnisse aus Tierversuchen tatsächlich auf den Menschen und auf konkrete Belastungssituationen übertragbar sind, muss noch geprüft werden.

Neurodermitis – den genetischen Ursachen auf der Spur

N eurodermitis gehört zusammen mit Asth-

ma und Heuschnupfen zu den Krankheits-

bildern, die auf einer erblich bedingten

Überempfindlichkeit des Immunsystems beruhen. Die entzündliche Hauterkrankung ist mit quälen- dem Juckreiz verbunden und tritt über mehrere Jahre meist schubweise auf. Häufig sind bereits Säuglinge und Kleinkinder betroffen. In Deutschland leiden mehr als zehn Prozent aller Kinder an Neu- rodermitis. Diese Kinder tragen sogar ein deutlich erhöhtes Risiko, in späteren Jahren zusätzlich an Heuschnupfen oder Asthma zu erkranken. Die rasante Zunahme von allergischen Erkran- kungen in den letzten Jahrzehnten macht deutlich, dass unter anderem Einflüsse aus der Umwelt oder auch der eigene Lebensstil bei der Entwicklung von Allergien eine große Rolle spielen. Dennoch ist eine genetische Veranlagung von entscheidender Bedeu- tung: Aufgrund von Familien- und Zwillingsstudien schätzt man den Einfluss von Erbanlagen bei der

schätzt man den Einfluss von Erbanlagen bei der Neurodermitis beginnt meist schon im frühen Kindesalter

Neurodermitis beginnt meist schon im frühen Kindesalter mit Ekzemen in Ge- lenkbeugen und am Gesäß. Später kön- nen sich auch Gesicht, Hals, Nacken, Schultern und Brust entzünden.

Krankheitsentstehung auf bis zu 70 Prozent. Es wird angenommen, dass mehrere Gene mit jeweils unter- schiedlich großem Effekt zusammen mit äußeren Faktoren zur Krankheitsentstehung und -ausprä- gung beitragen. Wissenschaftler des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin (MDC) Berlin-Buch und der Charité-Kinderklinik der Humboldt-Universität zu Berlin versuchen, gemeinsam mit Forscherkollegen aus Italien, Schweden und den Niederlanden die genetischen Einflussgrößen bei der Entstehung der Neurodermitis aufzuklären. Sie durchmusterten drei Jahre lang die Genregionen von fast 200 Familien

Das menschliche Genom mit seinen paarweise angeordne- ten Chromosomen 1 bis 22 und den beiden
Das menschliche Genom mit seinen paarweise angeordne- ten Chromosomen 1 bis 22 und den beiden

Das menschliche Genom mit seinen paarweise angeordne- ten Chromosomen 1 bis 22 und den beiden Geschlechts- chromosomen. Genetische Marker (rote Pfeile) kennzeich- nen einen bestimmten Abschnitt eines Chromosoms. Auf je- dem Chromosom wurden in gleichmäßigen Abständen sol- che Marker untersucht, um herauszufinden, welche chromo- somalen Abschnitte mit der Neurodermitis vererbt werden. Die genomweite Untersuchung umfasste rund 400 Marker.

a b
a
b

Die Ursachen der Neurodermitis sind noch nicht ausrei- chend bekannt. Ziel genetischer Untersuchungen ist es, die molekularen Mechanismen zu verstehen, die zu derartigen erblich bedingten Überempfindlichkeiten führen. Noch be- schränken sich die Behandlungsmethoden auf eine Unter- drückung der Hautentzündungen. Die Bilder zeigen einen Allergie-Patienten vor (a) und nach (b) einer mehrwöchigen Klimatherapie im Hochgebirge.

mit jeweils mindestens zwei an Neurodermitis er- krankten Kindern. Die Suche war erfolgreich. Die Allergie-Forscher konnten erstmals eine Region unseres Erbguts identifizieren, die ein Krankheits- gen der Neurodermitis enthält. Es zeigte sich, dass die Hautkrankheit besonders häufig mit einem be- stimmten Abschnitt des Chromosoms 3 vererbt wird, vor allem wenn dieser Abschnitt von der Mut- ter stammt. Nun geht es darum, dieses Gen zu identifizieren, um in Zukunft gezielte Therapien ent- wickeln zu können. Durch die Erforschung der ge- netischen Ursachen der Neurodermitis erhoffen sich die Wissenschaftler auch Erkenntnisse über die Zusammenhänge mit anderen Allergie-Erkrankungen wie Asthma und Heuschnupfen.

Kontakt

Forschergruppe Molekulare Pädiatrie, Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) Berlin-Buch und Charité-Kinderklinik der Humboldt- Universität zu Berlin, www.mdc-berlin.de

A TEMWEGE & U MWELT Die Lunge des Menschen hat über eine Fläche von etwa

ATEMWEGE

& UMWELT

Die Lunge des Menschen hat über eine Fläche von etwa 140 Quadratmetern unmittelbar mit der Umgebungsluft Kontakt und gilt daher als das zentrale "Umweltorgan" schlechthin. Auf die Frage, welche Krankheiten wohl in Zusammenhang mit Luftschadstoffen stehen könnten, werden Atemwegserkrankungen am häufigsten genannt. Viele epidemiologische Studien können das inzwischen belegen.

S eit 1 99 1 führen Umweltepidemiologen des GSF-Forschungszentrums für Umwelt und Gesundheit in den

S eit 1 99 1 führen Umweltepidemiologen des

GSF-Forschungszentrums für Umwelt und

Gesundheit in den neuen und alten Bundeslän-

dern Studien mit Kindern und Erwachsenen durch. Sie haben Regionen mit unterschiedlichen Luftbelas- tungen verglichen und eindeutige Zusammenhänge zwischen Luftschadstoffen und Atemwegssympto- men gefunden. Nach dem gegenwärtigen Stand der Forschung ist es besonders der lungengängige Fein- staub der Luft, der den Gesundheitszustand von Patienten mit Atemwegserkrankungen und Herz- Kreislauf-Beschwerden verschlechtern kann.

10 μm
10 μm

Makrophage einer Ratte bei der Aufnahme ultrafei- ner Staubpartikel. Solche „Fresszellen“ befreien auch unsere Atmungsor- gane von eingedrungenen Mikroorganismen und Fremdkörpern.

In Deutschland haben sich Größe und Zusam- mensetzung der Luftpartikel in den letzten Jahr-

zehnten stark verändert: Dank neuer Feuerungs- techniken in den Haushalten und Stilllegungen von Industrieanlagen in den neuen Bundesländern sank die Emission grober Staubpartikel von 1990 bis

1 999 um nahezu 1,6 Millionen Tonnen (86 Prozent).

Zugenommen hat hingegen der Anteil feiner und ultrafeiner Partikel, die tief in die Lunge eindringen können. Sie entstehen beispielsweise bei Verbren- nungsprozessen in Automotoren, in geringem Maße durch Hausbrand und industrielle Quellen. Dabei kommt den kleinsten Staubteilchen von weniger als 0, 1 Mikrometer Durchmesser eine besondere Be- deutung zu. In Messungen zur Luftverschmutzung wurden diese Ultrafeinstäube bisher nicht berück- sichtigt, da sie insgesamt nur sehr wenig zur atmos-

phärischen Massenbelastung beitragen. Hieraus ergeben sich weitreichende Konsequenzen für die Immissionsüberwachung und für den wirkungsvollen Schutz der Bevölkerung.

+ Staub – Je kleiner desto gemeiner

Fallen die Sonnenstrahlen günstig ins Zimmer,

können wir sie ohne Mühe erkennen: Abermillionen

schwebende Staubkörnchen – so klein, dass sie von

der Luft getragen werden. Doch gibt es noch vielfach kleinere Partikel – so winzig wie Viren oder Bakte- rien, die für uns unsichtbar sind. Einmal eingeatmet,

Größen typischer Partikel in der Außenluft

Dunst Nebel Sprühnebel Öl-Rauch Straßenstaub Ruß Flugasche Zementstaub Viren Bakterien ultrafeine und feine
Dunst
Nebel
Sprühnebel
Öl-Rauch
Straßenstaub
Ruß
Flugasche
Zementstaub
Viren
Bakterien
ultrafeine
und feine Stäube
PM0,1
PM2,5
PM10
0,01
0,1
1
10
100
Durchmesser in Mikrometer (millionstel Meter)
Quelle: Wichmann
et al.,
Gesundheitliche
Wirkungen
von Feinstaub, 2002

Staub ist nicht gleich Staub. Wissenschaftler unterteilen die partikelförmige Materie (PM) in mehrere Größenklassen:

den inhalierbaren Schwebstaub, dessen Teilchen kleiner als 10 Mikrometer sind (PM10), den lungengängigen Schweb- staub oder Feinstaub, deren Größe unter 2,5 Mikrometer liegt (PM2,5) sowie die ultrafeinen Partikel, die kleiner als 0,1 Mikrometer sind.

Partikelzusammensetzung der Luft von 1991 bis 1999 in Erfurt

von Feinstaub, 2002

Anzahlkonzentration in %

Wirkungen

et al.,

Quelle: Wichmann

Gesundheitliche

Durchmesser in Mikrometer 0,01 - 0,03 0,03 - 0,05 0,05 - 0,1 0,1 - 0,5
Durchmesser in Mikrometer
0,01 - 0,03
0,03 - 0,05
0,05 - 0,1
0,1 - 0,5

80

70

60

50

40

30

20

10

0 Winter

91/92

Winter

Winter

Winter

Winter

95/96

96/97

97/98

98/99

Anteil verschiedener Größenklassen an den Gesamtpartikel- zahlen der Winter 1991/92 bis 1998/99 in Erfurt. Die Anzahl- konzentration ultrafeiner Partikel mit einem Durchmesser unter 0,03 Mikrometer steigt kontinuierlich auf 71 Prozent der Gesamtkonzentration. Diese liegt seit Winter 1995/96 in etwa stabil bei 14.000–20.000 Partikel pro Kubikmeter Luft.

gelangen diese Feinstäube in die kleinsten Verästelungen unserer Lunge. Man weiß inzwischen, dass die Größe der eindringenden Partikel entscheidend ist. Je feiner, desto tiefer können sie in den Atemtrakt eindringen. An ihnen haften organische und anorganische Schadstoffe, die somit gleichfalls in tiefere Lungenabschnitte gelangen.

Kapitel

Atemwege & Umwelt

Viel Feinstaub schadet Asthmatikern

B ei Asthmapatienten und anderen Risikogrup-

pen entscheidet die Beschaffenheit der Luft-

partikel über eine Verschlechterung ihrer

Lungenfunktion. Zu diesem Ergebnis kamen Epide- miologen des GSF-Forschungszentrums für Umwelt und Gesundheit nach einer Untersuchung im Win- ter 1 99 1 / 1 992 in Erfurt. Sie ließen 27 erwachsene Asthma-Patienten über sechs Monate dreimal täg- lich das maximale Atemstoßvolumen bestimmen und ihre Atemwegssymptome notieren. Die statis- tischen Analysen der Daten ergaben, dass ein Abfall der Lungenfunktion, häufigeres Husten und eine Verschlechterung des allgemeinen Befindens dann auftraten, wenn die Partikelkonzentration in der Umgebungsluft über mehrere Tage erhöht war. Interessante Zusammenhänge erbrachte außer- dem die differenzierte Betrachtung der einzelnen Partikelfraktionen. Die meisten der gezählten Parti- kel in Erfurt waren ultrafein (73 Prozent), also klei- ner als 0, 1 Mikrometer im Durchmesser. Die Masse der feinen Partikel wurde hingegen von jenen Parti-

Masse der feinen Partikel wurde hingegen von jenen Parti- Lungenfunktions- tests helfen, Atemwegspro- bleme wie Asthma

Lungenfunktions-

tests helfen,

Atemwegspro-

bleme wie Asthma zu diagnostizieren

+ Asthma

Asthma ist eine in Anfällen auftretende Atemnot, ver-

ursacht durch Entzündungen und Schwellungen der

Bronchialschleimhaut mit einhergehender Verengung der Atemwege. Bei Asthma besteht eine erhöhte Emp- findlichkeit der Atemwege auf eine Vielzahl von Reizen. Seit einigen Jahren wird in den Industrieländern eine deutliche Zunahme der Erkrankungsfälle beobachtet. Jeder zwanzigste Erwachsene und jedes zehnte Kind leidet an Asthma. Sie ist inzwischen die häufigste chro- nische Krankheit im Kindesalter. Die Ursachen von Asthma sind komplex. Durch neuere Untersuchungen weiß man, dass genetische Ursachen

keln mit einem Durchmesser zwischen 0,1 und 0,5 Mikrometer dominiert (82 Prozent). Ein Vergleich zwischen den Auswirkungen der feinen mit denen der ultrafeinen Partikel zeigte, dass die ultrafeinen Partikel doppelt so starke Wirkungen auf die Lunge ausübten, wenn vergleichbare Expositionen der Patienten vorlagen. In einer anderen Erfurter Studie von Oktober 1 996 bis März 1 997 wurde die Verwendung von Asthma-Medikamenten in Abhängigkeit von der Konzentration feiner und ultrafeiner Partikel in der Luft untersucht. Die Daten der 58 erwachsenen Patienten weisen darauf hin, dass Asthmatiker wäh- rend und nach erhöhten Partikelkonzentrationen mehr Medikamente wie Corticosteroide und Bron- chodilatoren benötigen. Die aktuellen Ergebnisse über Gesundheitswir- kungen durch feine und ultrafeine Partikel machen deutlich, dass diese Umweltschadstoffe ein Risiko bergen, dem noch weiter auf den Grund gegangen werden muss.

bergen, dem noch weiter auf den Grund gegangen werden muss. In den Industrie- ländern leidet heute

In den Industrie- ländern leidet heute bereits jedes zehnte Kind an Asthma bronchiale

Kontakt GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit, Institut für Epidemiologie www.gsf.de/epi

für die Ausprägung von Asthma eine sehr große Rolle spielen. Etwa 50 Prozent der Asthma-Fälle sind genetisch bedingt. Bei mehr als der Hälfte der kindlichen Asthmatiker besteht eine allergische Sensibilisierung.

Europäische Atemwegsstudie ECRHS H auptziel des seit 1 99 1 laufenden Großpro- jektes „European Community

Europäische Atemwegsstudie ECRHS

H auptziel des seit 199 1 laufenden Großpro- jektes „European Community Respiratory Health Survey“ (ECRHS) ist die Erfor-

schung der Einflussfaktoren auf das Neuauftreten, den Verlauf sowie die Prognose von Atemwegser- krankungen, insbesondere von Asthma. In der An- fang 2000 gestarteten Phase werden in 20 Euro- päischen Zentren jeweils nahezu 300 Erwachsene zwischen 30 und 54 Jahren erneut untersucht. Deutschland ist mit Zentren in Erfurt und Hamburg vertreten. Die Erhebung berücksichtigt unter anderem die Einflüsse von Umweltfaktoren auf den Krankheits- verlauf. Gemessen werden insbesondere die Aller- genbelastung im Innenraum und die lokale Luftver- schmutzung. Hierbei fließen die verfügbaren Luft-

Kontakt European Community Respiratory Health Survey (ECRHS) www.ecrhs.org

Asthma-Bronchitis-Sensor

U m Atemwegserkrankungen wie Asthma oder Bronchitis vorzubeugen, muss man den „Umweltreiz“ kennen, der zur Verände-

rung der Funktionsparameter der Atemwege führt. Üblicherweise wird der Patient in der Ambulanz untersucht, nachdem das umweltassoziierte Ereignis stattgefunden hat. Ein Rückschluss auf die potentiel- len Ursachen ist dann kaum noch möglich. Ein unter der Leitung des UFZ-Umweltfor- schungszentrums Leipzig-Halle fungierendes Kon- sortium aus acht Partner-Einrichtungen hat deshalb in den Jahren 1 995 bis 2000 einen kontinuierlich arbeitenden „Asthma-Bronchitis-Sensor“ entwickelt.

Das Miniatur-Stethoskop mit Mikroprozessor –

Kontakt UFZ-Umweltforschungszentrum Leipzig-Halle www.ufz.de

schadstoffdaten der letzten 1 0 Jahre ein. Darüber hinaus werden ein Jahr lang Feinstaub- messungen durchgeführt. Denn gerade der lungen- gängige Feinstaub mit weniger als 2,5 Mikrometer großen Partikeln steht heute im Zentrum der Dis- kussion über die gesundheitliche Relevanz der Luft- verschmutzung. Zum ersten Mal werden in so vielen Europäischen Zentren gleichzeitig und unter Ver- wendung einheitlicher Methoden derartige Fein- staub-Konzentrationen ermittelt.

Methoden derartige Fein- staub-Konzentrationen ermittelt. In Erfurt wird die lufthygienische Situation seit Beginn der

In Erfurt wird die lufthygienische Situation seit Beginn der ECRHS-Studie im Jahr 1991 dokumentiert. Spezielle Me- ssungen ergaben, dass etwa drei Viertel der Staubteilchen in der Umgebungsluft der ultrafeinen Fraktion angehören. Zukünftig soll auch das bundesweite Messnetz auf die Er- fassung von lungengängigen Partikeln umgerüstet werden.

nicht größer als eine Armband- uhr – wird Personen mit Ver- dacht auf umweltbedingte Atem- wegserkrankungen für einige Tage auf den Brustkorb geheftet. Dort zeichnet es auffällige Atem- geräusche auf. Anschließend kann der Arzt die gespeicherten Daten auswerten und bestimm- ten äußeren Ereignissen zuord- nen. So wird eine weitgehend kontinuierliche Kontrolle wichti- ger Funktionsparameter der Atemwege möglich.

Kind mit Asthma-Bronchitis-Sensor im Brustbereich

Kontrolle wichti- ger Funktionsparameter der Atemwege möglich. Kind mit Asthma-Bronchitis-Sensor im Brustbereich 21

HERZ

& UMWELT

Herz-Kreislaufbeschwerden gehören zu den wichtigsten Krank- heitsbildern in Deutschland. Allein im Jahr 2001 erlag nahezu jeder zweite Erwachsene einer Herz-Kreislauferkrankung. Betroffen sind vor allem ältere Menschen über 65 Jahre. Große Bedeutung kommt dabei den klassischen Risikofaktoren wie Rauchen, Fehlernährung und Bewegungsmangel zu. Aber auch verschiedene Umweltbelastungen können nach neuesten Erkenntnissen Herz-Kreislauferkrankungen auslösen.

S chon lange wird die Luftverschmutzung für Erkrankungen der Atemwege mitver- antwortlich gemacht. Dass sie zudem das

Herz-Kreislaufsystem angreift, ja sogar Herz- infarkt auslösen kann, ist dagegen eine neue Erkenntnis. Als Auslöser hat man auch hier die feinen und ultrafeinen Staubteilchen der Luft ausgemacht (siehe Kapitel „Atemwege und Umwelt“). Diese Partikel können in die kleins- ten Verästelungen der Lunge gelangen, die ultra- feinen Partikel darüber hinaus möglicherweise in die Blutbahn. Epidemiologen und Toxikologen untersuchen derzeit, wie es diese Winzlinge schaffen, entzündliche Reaktionen im Organis-

Winzlinge schaffen, entzündliche Reaktionen im Organis- mus zu fördern und damit Herzinfarkte auszu- lösen. Man

mus zu fördern und damit Herzinfarkte auszu- lösen. Man vermutet, dass an diesen Partikeln allerlei Schadstoffe haften, die quasi huckepack in den Körper transportiert werden. Über den Luftweg wirken nicht nur stoff- liche Partikelfrachten, sondern auch Schallwellen auf uns ein. Schall, den wir als lästig empfinden, nennen wir Lärm. In Deutschland ist insbeson- dere der zunehmende Straßen-, Schienen- und Luftverkehr – trotz erfolgreicher technischer Verbesserungen – die Hauptquelle für Lärm geblieben. Lärm kann über unspezifische Stress- reaktionen letztlich auch unser Herz-Kreislauf- system beeinträchtigen.

Lärmbelästigung der Bevölkerung

86 Straße 25 64 Flug 28 38 Schiene belästigt insgesamt 9 davon hochgradig belästigt 39
86
Straße
25
64
Flug
28
38
Schiene
belästigt insgesamt
9
davon hochgradig belästigt
39
Industrie/Gewerbe
9
51
Baustellen
15
62
Nachbarn
18
23
Sportanlagen
5
10
20
30
40
50
60
70
80
in Prozent
Quelle: Umweltbundesamt, online-Umfrage, Bericht 2002

Mehr als 10.000 Bürger beteiligten sich von März bis Oktober 2002 an einer Online-Umfrage des Umweltbundesamtes (www.umweltbundesamt.de) zur Belästigung der Bevölkerung durch Lärm. Das eindeutige Ergebnis: Lärm bleibt in Deutschland ein Problem. Insbesondere der Straßenverkehr zerrt an den Nerven. Das von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern an der Akti- on geäußerte Ausmaß ihrer persönlichen Belästigungen durch Straßenverkehrslärm ist Besorgnis erregend hoch. Aber auch Fluglärm und Nachbarschaftslärm werden zunehmend als störend empfunden.

Kapitel

Herz & Umwelt

Herzbeschwerden liegen in der Luft

D en Risiken für Herz-Kreislauferkrankungen systematisch auf den Grund zu gehen, war Ziel der bereits in den 80er-Jahren von der

Weltgesundheitsorganisation (WHO) initiierten Großstudie MONICA (Monitoring of Trends and Determinants in Cardiovascular Disease). Diese wird seit 1996 im Rahmen der „Kooperativen Gesundheitsforschung in der Region Augsburg“ (KORA) fortgesetzt. Unter Federführung des GSF- Forschungszentrums für Umwelt und Gesundheit nahmen und nehmen in der Region Augsburg Tau- sende von Bürgern an der Studie teil. Sie werden wiederholt auf Gesundheitsfaktoren wie Überge-

wicht, Rauchen, Blutdruck, Zähflüssigkeit des Blut- plasmas und Herzfrequenz untersucht. Um herauszufinden, welche Effekte Luftbelastun- gen auf das Herz-Kreislaufsystem haben, nutzten die Epidemiologen den Umstand, dass auch während der Smogphase im Winter 1 985 in Augsburg Daten gesammelt wurden. Im Vergleich mit Phasen gerin- gerer Luftverschmutzung konnten die Forscher im nachhinein belegen, dass die Smogphase eindeutig zu höheren Pulsraten und Blutdruckwerten sowie zu einer größeren Zähflüssigkeit des Blutes der Studienteilnehmer führte – allesamt Anzeichen für ein gesteigertes Herzinfarktrisiko.

5 μm
5 μm

Treibt eingeatmeter Schwebstaub unsere Blutdruckwerte und Pulsraten in die Höhe? Wintersmog-Episoden mit starken Schwebstaubbelastungen sind seit den 80er-Jahren nicht mehr vorgekommen, doch die Menge der feinen und ultrafeinen Partikel in der Luft hat nicht abgenommen. Sie stehen heute im Mittelpunkt umweltepidemiologischer Forschung. Bild rechts: Hautzellen mit ultrafeinen Rußpartikeln.

Kontakt • GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit, Institut für Epidemiologie www.gsf.de/epi • KORA (Kooperative Gesundheitsforschung in der Region Augsburg), www.gsf.de/kora

Langzeituntersuchungen sollen die Risiken für die Ent- stehung häufiger Zivilisationskrankheiten wie Diabetes, Allergien und Herz-Kreislauferkrankungen ausfindig machen sowie eine Grundlage für vorbeugende Maß- nahmen schaffen. Ein Studienzentrum in der Augsburger Innenstadt er- leichtert den Forschern den Zugang zur Bevölkerung. Es ist zentrale Anlaufstelle für die Studien-Teilnehmer, deren Gesundheitsdaten hier erhoben werden.

+ KORA

Die infolge der WHO-Studie MONICA in der Region

Augsburg erfolgreich etablierte Gesundheitsforschung

führte 1996 zur Gründung von KORA (Kooperative Gesundheitsforschung in der Region Augsburg) unter der wissenschaftlichen Führung des GSF-Forschungszen- trums für Umwelt und Gesundheit. Es kooperiert mit dem Zentralklinikum Augsburg, das viele Laboranalysen übernimmt. Die KORA-Studien können auf die umfang- reiche Datenbank von fast 20.000 befragten und unter- suchten Personen aus der Region Augsburg zurückgrei- fen. Eingegliedert ist auch das Augsburger Herzinfarkt- register, das seit 1984 nahezu alle Infarktfälle der Re- gion Augsburg (jährlich etwa 1.000) zusammen mit Gesundheitsdaten und relevanten Hintergrundinfor- mationen erhebt. KORA dient Wissenschaftlern aus dem In- und Ausland als Plattform für ihre epidemiologischen Forschungen.

Rasende Herzen durch Lärm L ärm stört die Kommunikation, beeinträchtigt unser Wohlbefinden und raubt uns

Rasende Herzen durch Lärm

L ärm stört die Kommunikation, beeinträchtigt

unser Wohlbefinden und raubt uns den Nacht-

schlaf. Hoher Schalldruck kann dauerhafte

Hörschäden hervorrufen. Besonders gefährdet ist, wer sich zum Beispiel am Arbeitsplatz oder auch in Diskotheken über längere Zeit mittleren Schallpe- geln von über 75 dB(A) – bezogen auf 24 Stunden – aussetzt. Die wichtigsten Lärmquellen der Umwelt sind in Deutschland Kraftfahrzeuge, Flugzeuge und Eisen- bahnen. Durch technische Fortschritte konnte in den letzten Jahrzehnten die Schallemission einzelner Verkehrsmittel durchaus erfolgreich gesenkt wer- den, doch nimmt der Lärm infolge der zunehmen- den Verkehrsdichte weiterhin stark zu. Der inner- städtische Verkehr wird im Jahre 201 0 schätzungs- weise um 50 Prozent höher sein als 1995, wobei die Zunahme in den Nachtstunden stärker ausfallen wird als am Tage. Im Rahmen des nationalen For- schungsnetzwerks „Leiser Verkehr“ untersucht das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt seit 1999 die gesundheitlichen Auswirkungen des nächt- lichen Flugverkehrs. Die Studie STRAIN (STudy on human specific Response to Aircraft Noise) befasst sich mit den akuten Auswirkungen von Nachtflug- lärm auf den Menschen. Mit Hilfe von insgesamt vier Schlaflabor- und zwei Feldstudien soll bis 2003 ein wissenschaftlich fundiertes Bewertungskriterium für Nachtfluglärm erarbeitet werden, das künftig als

+ Lärmmessung – Wie laut ist Lärm?

Die Wahrnehmung von Geräuschen als Lärm hängt ent-

scheidend von unserem individuellen Empfinden ab. Für

die einen ist laute Techno-Musik das höchste der Gefüh- le, für andere hingegen ein akustisches Schreckgespenst, vor dem sie fliehen. Streng genommen ist nicht „Lärm“, sondern der Schall dieser „störenden“ Geräuschquelle physikalisch messbar. Der Schalldruck bzw. die Laut- stärke wird auf einer logarithmischen Skala in Dezibel (dB) angegeben. Eine Erhöhung um 10 dB bedeutet

etwa eine Verzehnfachung des Schallpegels. Ein Press- lufthammer erzeugt einen Schalldruck von etwa 100 dB, ein Gespräch liegt bei etwa 60 dB. Frequenzen geben an, in welchen zeitlichen Abständen die Schallwellen an unser Ohr treffen. Steigt die Fre- quenz, nehmen wir einen Ton als höher wahr. Der hör- bare Frequenzbereich des Menschen liegt zwischen

 

Lärmpegel

dB(A)

 

120

Schmerzgrenze

110

100

100 Düsentriebwerk in der Nähe

Düsentriebwerk in der Nähe

Rockkonzert,

ungekapselter

90

Presslufthammer

80

In der Diskothek

Walkman

70

PKW -Vorbeifahrt

am Staßenrand

60

Schreibmaschine

für Benutzer

50

„Zimmer-

lautstärke“

40

Geräusche aus

30

angrenzender

 

Wohnung

20

 

10

20 und 20.000 Hertz (Hz). Das menschliche Ohr be- sitzt eine von der Frequenz abhängige Schallempfind- lichkeit. Bei gleichem Schalldruck nehmen wir besonders tiefe und auch hohe Töne leiser wahr als Töne um 2.000 Hz. Diese Frequenzempfindlichkeit wächst wie- derum mit Zunahme der Lautstärke. Bei Schallpegel- messungen wird dieses komplizierte akustische Zusam- menspiel durch sogenannte Bewertungskurven berück- sichtigt. Am gebräuchlichsten ist die A-Kurve, deren Messwert in dB(A) angegeben wird. Oft erfassen Lärmwirkungsforscher bestimmte Geräusch- situationen über einen längeren Zeitraum. Der Durch- schnittswert einer zeitlichen Messreihe ergibt den Mit- telungspegel. Dieser verrät allerdings nicht mehr, ob er durch viele Geräuschquellen mit geringen Schall- drucken oder durch wenige Quellen mit höheren Drucken zustande gekommen ist.

Kapitel

Herz & Umwelt

Kapitel Herz & Umwelt Orientierungshilfe für Flug- lärmminderungsmaßnahmen dienen kann. Neben unmittelbaren

Orientierungshilfe für Flug- lärmminderungsmaßnahmen dienen kann. Neben unmittelbaren gesundheitlichen Folgen wie Schlafstörungen, verminder- ter Leistungsfähigkeit oder Ermüdungserscheinungen kann Lärm auch Langzeit- schäden hervorrufen. So können jahrelange Lärm- belastungen das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen erhöhen – über den Umweg größerer Stresshormonaus- schüttungen. Ungewöhnlich heftige Geräusche versetzen den Organismus in Alarmbereitschaft – eine ursprünglich überlebens- wichtige Funktion. Doch unter ständiger Lärmbe- lastung werden die angeforderten Energiereserven nicht in vorgesehener Weise wieder abgebaut. Der Stress bleibt und erhöht den Blutdruck, lässt das Herz schneller schlagen. Blutfettwerte, Blutzucker- spiegel und Fließeigenschaften des Blutes verändern sich auf Dauer ungünstig, das Herzinfarktrisiko steigt. Bisherige Untersuchungen deuten darauf hin, dass Anwohner stark befahrener Straßen, die über einen langen Zeitraum Mittelungspegel von mehr als 65 dB(A) ausgesetzt sind, ein um 20 Prozent höheres Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen be- sitzen als Anwohner ruhiger Nebenstraßen. Hiervon wären immerhin 15 Prozent der Bundesbürger be- troffen. Damit ist das geschätzte Risiko, einem lärm- bedingten Herzinfarkt zu erliegen, deutlich höher als zum Beispiel an einer durch Luftschadstoffe ver- ursachten Krebserkrankung zu sterben.

Doch nicht immer ist es möglich, Lärm von anderen Stressfaktoren zu unterschei- den. Außerdem muss die in- dividuelle Situation der Be- troffenen berücksichtigt wer- den: In Wohngebieten stört uns Lärm eher als in der In- nenstadt. Nachts reagieren wir in der Regel viel empfind- licher auf Lärm als tagsüber. Zudem zeigt sich Lärmstress unbemerkt im Schlaf, ohne dass wir dabei aufwachen. Weitere Forschung ist nötig, um aussagekräftige Dosis-Wirkungs-Abschätzungen zu erhalten und daraus gesundheitliche Schwellenwerte bei Lärm-

exposition ableiten zu können. Hierzu führt das GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesund- heit gemeinsam mit dem Umweltbundesamt seit

1 998 eine epidemiologische Bevölkerungsstudie in

der Region Augsburg durch. In der mehrjährigen KORA-Studie werden einige Hundert Studienteil- nehmer nach Lärmexposition und persönlichem Lebensstil befragt, medizinische Daten erhoben so- wie Lärmmessungen im Wohnumfeld der Probanden vorgenommen.

+ Forschungsverbund „Leiser Verkehr“

Vor dem Hintergrund einer zunehmenden Verkehrslärm-

belastung in Deutschland hat das Deutsche Zentrum

für Luft- und Raumfahrt im Jahr 1999 mit zahlreichen Partnern aus Industrie,Verbänden, Behörden und For- schung den nationalen Forschungsverbund „Leiser Ver- kehr“ gegründet. Neben gemeinsamen Anstrengungen zur Lärmbekämpfung bildet insbesondere die Wirkungs- forschung einen übergreifenden Arbeitsschwerpunkt. Sie wird in den kommenden Jahren den kurz- bis langfristi- gen Effekten von Lärm auf den Menschen nachgehen.

gen Effekten von Lärm auf den Menschen nachgehen. Kontakt • Umweltbundesamt www.umweltbundesamt.de •
gen Effekten von Lärm auf den Menschen nachgehen. Kontakt • Umweltbundesamt www.umweltbundesamt.de •

Kontakt

• Umweltbundesamt www.umweltbundesamt.de

• BMBF-Forschungsverbund „Leiser Verkehr“ www.fv-leiserverkehr.de

• Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR):

1) Institut für Strömungsmechanik

(www.as.go.dlr.de/fluglaerm/lfvk/ap_1.htm)

2) Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin (www.me.kp.dlr.de/me-fp/deutsch/fluglaerm/ index.htm)

• GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit, Institut für Epidemiologie, www.gsf.de/epi

und Gesundheit, Institut für Epidemiologie, www.gsf.de/epi In Anbetracht der wohnortnahen Lage der meisten deutschen

In Anbetracht der wohnortnahen Lage der meisten deutschen Verkehrsflughäfen stellt besonders Nachtfluglärm eines der drängendsten Umweltprobleme dar. Fachleute schätzen das technische Reduktionspotential für Triebwerks- und Umströ- mungslärm langfristig auf mehr als 10 dB. Verkehrspolitische Steuerungsmaßnahmen (z.B. lärmabhängige Landegebühren) sollen bereits kurz- und mittelfristig greifen.

KREBS

& UMWELT

Brustkrebszellen

Warum trifft Krebs die einen, während andere verschont bleiben? Darauf gibt es bis heute keine schlüssige Antwort. In der Krebsforschung spielen genetische Ursachen eine bedeutende Rolle, doch können Verhaltensfaktoren wie Tabak- konsum, intensives Sonnenbaden, bestimmte Ernährungsge- wohnheiten sowie eine berufliche Exposition in erheblichem Maße zu unserem Krebsrisiko beitragen. Damit wären viele Krebserkrankungen theoretisch vermeidbar.

D as Rauchen ist seit langem als der bedeu- tendste Einzelrisikofaktor bekannt. Ein Fünftel aller

D as Rauchen ist seit langem als der bedeu- tendste Einzelrisikofaktor bekannt. Ein Fünftel aller Krebstoten ist dem Zigaret-

tenkonsum zuzuschreiben. Jedes Jahr sterben in Deutschland mehr als 37.000 Personen an Lungen-

+ Wie Krebs entsteht

Nach heutiger Kenntnis entsteht Krebs in aller

Regel nicht als zwangsläufige Folge eines einzigen

Risikofaktors, sondern durch ein Zusammenspiel

von individueller Empfänglichkeit sowie Lebensweise

und Umweltfaktoren. Für die Tumorentstehung im Körper sind zwei Arten krebsauslösender und krebs- fördernder Faktoren verantwortlich: Initiatoren, die

fallsprodukte, die in Deutschland rund sieben Pro- zent aller Lungenkrebs-Todesfälle verursachen. Ein ebenfalls bedeutender Risikofaktor ist die ultravio- lette Strahlung der Sonne. Häufige, zu intensive UV- Bestrahlung kann Hautkrebs auslösen. Der so ge-

eine irreversible Schädigung von Zellen bewirken, und Promotoren, die die Vermehrung dieser geschädigten Zellen veranlassen. Nicht immer lassen sich die beiden streng voneinander trennen, da viele Risikofaktoren bei- de Eigenschaften besitzen. In jedem Falle entsteht aber Krebs in einem mehrstufigen Prozess, der noch nicht in allen Details erforscht ist.

krebs, die weit überwiegende Zahl davon sind Rau- cher (ca. 90 Prozent). Auch für Passivraucher er- höht sich das Krebsrisiko nachweislich, wenn auch in weitaus geringerem Maße.

Eine falsche Ernährung erweist sich mehr und mehr als ebenfalls maßgeblich am Krebsgeschehen beteiligt. Zu kalorienreiches Essen scheint zum Bei- spiel Darm-, Brust- und Gebärmutter-

krebs zu begünstigen. Dagegen übt der Verzehr von vitamin- und mineralstoff- reichem Obst und frischem Gemüse eine gewisse Schutzwirkung aus. Welcher Schutzmechanismus dahinter steckt, wird derzeit untersucht. Auch Ballaststoffe können Krebs vorbeugen, indem sie die Verweildauer kanzeroge- ner Stoffe im Verdauungstrakt verkür- zen. Bestimmte Praktiken bei der Zu- bereitung der Nahrung, beispielsweise beim Grillen, können ebenfalls das Krebsrisiko erhöhen.Vermutlich tragen all diese Ernährungsfaktoren in einer ähnlichen Größenordnung wie das Rau- chen zur Krebsentstehung bei. Auf das Konto von Strahlen gehen zwischen fünf und sieben Prozent der Krebstodesfälle. Den Hauptbeitrag lie- fert das Edelgas Radon und seine Zer-

nannte Schwarze Hautkrebs (malignes Melanom) macht 2 Prozent aller bösartigen Neubildungen

aus. Seit einigen Jahren wird auch „Elektrosmog“ im Zusammenhang mit der Entstehung von Krebs dis- kutiert. Ob hochfrequente elektromagnetische Wel- len, wie sie durch die „Handy“-Technologie erzeugt werden, Hirntumoren fördern können, wird derzeit untersucht.

Hirntumoren fördern können, wird derzeit untersucht. Erkenntnisse über krebsauslö- sende Chemikalien stammen zu

Erkenntnisse über krebsauslö- sende Chemikalien stammen zu einem großen Teil aus Studien am Arbeitsplatz. Zu den bedeutenden kanzerogenen Arbeitsstoffen beim Menschen zählen Chrom, Cadmi- um, Arsen,Vinylchlorid, Benzol, Dioxine, Nickel, Ruße und Teere sowie Asbest. Außerhalb der Ar- beitswelt finden wir ebenfalls eine Vielzahl dieser krebserregenden Substanzen, allerdings meist in viel geringeren Konzentrationen. Auf- grund epidemiologischer Studien geht man heute davon aus, dass – entgegen der landläufigen Mei- nung – nur ein kleiner Anteil aller Krebserkrankungen Schadstoff- belastungen in der Umwelt zu- zurechnen ist.

Kapitel

Krebs & Umwelt

Kampf gegen Brustkrebs

Lebensstil Ernährung, Genussmittel Genom DNA-Polymorphismen Umwelt Schadstoffe aus Luft, Wasser und Lebensmitteln
Lebensstil
Ernährung, Genussmittel
Genom
DNA-Polymorphismen
Umwelt
Schadstoffe aus Luft,
Wasser und Lebensmitteln
Endogene Faktoren
Hormone, Rezeptoren
Arbeitsplatz
Chemikalien, Strahlung
Andere
Medikamente, Strahlung
Alter Ethnische Abstammung Gesellschaftliche Zugehörigkeit
Alter
Ethnische
Abstammung
Gesellschaftliche
Zugehörigkeit

Gemeinsam versuchen Ärzte und Wissenschaftler, das Zusammenspiel von normalen Körpereigenschaften, so genannten konstitutionellen Faktoren, Lebensstil und Umwelteinflüssen zu entschlüsseln. Damit werden Kenntnisse über das individuelle Brustkrebsrisiko von Frauen gewonnen.

B ösartige Tumoren der weiblichen Brustdrüse sind in Deutschland die mit Abstand häufigs- ten Krebserkrankungen bei Frauen. Pro Jahr gibt es 46.000 Neuerkrankungen. Nahezu jede zehnte Frau erkrankt im Laufe ih- res Lebens an Brust- krebs. Die Ursache der Entstehung von Brust- krebs ist noch nicht völlig aufgeklärt. Krebs- forscher schätzen, dass etwa fünf bis zehn Pro- zent der Brustkrebser- krankungen direkt auf eine erbliche Veranlagung zurückzuführen sind. In diesen Fällen hat man bestimmte Veränderungen in den Brustkrebsge- nen BRCA1 und BRCA2 (BReast CAncer-Gene) festgestellt. Je- doch erkrankt nicht jede Träge- rin einer BRCA-Mutation. Das Lebenszeiterkrankungsrisiko für

Brustkrebs kann bei diesen vorbelasteten Frauen sehr unterschiedlich sein und liegt zwischen 36 und 85 Prozent. Man geht heute davon aus, dass auch ein großer Teil erblich bedingter Brustkrebserkran- kungen erst unter Einfluss äußerer Faktoren, wie fettreiche Nahrung, ionisierende Strahlung,Tabak- und Alkoholkonsum, ausgelöst werden. Zur Aufklärung der komplizierten Gen-Umwelt- Interaktionen bei der Entstehung von Brustkrebs haben deutsche Ärzte und Wissenschaftler 1 999 die Gemeinschaftsinitiative GENICA (Gene ENviron- ment Interaction and breast CAncer) gegründet. Beteiligt sind das Dr. Margarete Fischer-Bosch-Ins- titut für Klinische Pharmakologie in Stuttgart, das Berufsgenossenschaftliche Forschungsinstitut für Arbeitsmedizin der Ruhr Universität Bochum in Zusammenarbeit mit dem Institut für Arbeitsphysio- logie der Universität Dortmund, die Medizinische Universitäts- und Poliklinik der Universität Bonn und das Deutsche Krebsforschungszentrum in Hei- delberg. Daten von 1 .000 Brustkrebspatientinnen aus der Region Bonn (mit ca. einer Million Einwoh- ner) sowie Vergleichsdaten von ebenso vielen nicht erkrankten Frauen im gleichen Alter fließen in die

c b Die Früherkennung von Brust- krebs ist sehr wichtig, da die Heilungschancen entscheidend a
c b Die Früherkennung von Brust- krebs ist sehr wichtig, da die Heilungschancen entscheidend
c
b
Die Früherkennung von Brust-
krebs ist sehr wichtig, da die
Heilungschancen entscheidend
a
a

von der Tumorgröße abhängen. Liegen entsprechende Befunde vor, kommt die Mammographie

(a) zum Einsatz. Eine Röntgen-

aufnahme der weiblichen Brust

(b)

macht verdächtige Areale

(c)

sichtbar.

Brust (b) macht verdächtige Areale (c) sichtbar. Möglicherweise hilft häufi- ger Konsum von frischem
Brust (b) macht verdächtige Areale (c) sichtbar. Möglicherweise hilft häufi- ger Konsum von frischem

Möglicherweise hilft häufi- ger Konsum von frischem

Gemüse und Obst, das Brustkebsrisiko zu senken.

molekular-epidemiologi-

sche GENICA-Studie ein. Ermittelt werden zum

einen die mit der Umwelt und Lebensweise ver- knüpften Faktoren wie

Ernährungsstil,Tabakkon-

sum, Anzahl von Schwan- gerschaften, Hormonein-

nahmen und Arbeitsplatz-

risiken. Zum anderen wer- den die Frauen auch auf genetische Unterschiede untersucht, die Auskunft über eine Erkrankungsbe-

reitschaft geben können. Mit der Auswertung dieses umfangreichen Datenmaterials sollen künftig Strate- gien entwickelt werden, um Brustkrebs schon im Vorfeld zu vermeiden und die Heilungschancen und

Lebensqualität von Brustkrebspatientinnen zu ver-

bessern.

Kontakt Interdisciplinary Study Group on Gene Environment Interaction and Breast Cancer in Germany, www.genica.de

Gentoxische Stoffe frühzeitig erkennen

E in besonders empfindlicher Angriffspunkt ge- genüber vielen Umweltschadstoffen ist das Erbgut unserer Zellen. Substanzen, die das

Genmaterial verändern können, also Mutationen

hervorbringen, heißen in der Fachsprache Muta- gene. Sie zerstören unter Um-

ständen wichtige Erbinformatio- nen und beeinträchtigen so be- stimmte Zellfunktionen.Wirken Mutagene auf das Fortpflanzungs- gewebe, besteht die Gefahr, dass entsprechende Veränderungen sogar auf nachfolgende Genera- tionen übertragen werden. In anderen Fällen sind möglicher- weise Erbinformationen betroffen, welche die Zellteilungsprozesse

regulieren. Dann kann das Zellwachstum außer

Kontrolle geraten und eine bösartige Neubildung entstehen, die gemeinhin als Krebs bezeichnet wird. Großes Interesse gilt daher der Entwicklung von Testverfahren, die mögliche mutagene Eigenschaften von Chemikalien erkennen können.

Bisherige Verfahren benötigten mindestens zwei bis drei Tage für den Nachweis von Mutagenen und verursachten zudem hohe Kosten. In einem gemeinsamen Forschungs- projekt der Universität Mainz und dem chemisch-pharmazeutischen Unternehmen Merck aus Darm- stadt wurde nun ein leistungsfähi- geres Testsystem entwickelt. Es kombiniert das konventionelle

Testsystem entwickelt. Es kombiniert das konventionelle Salmonella typhimurium Gentechnisch manipuliert kommt dieses

Salmonella typhimurium Gentechnisch manipuliert kommt dieses Bakterium bei neueren biologischen Test- verfahren zur Identifizierung von Muta- genen zum Einsatz.

Kapitel

Krebs & Umwelt

biologische Verfahren mit einem modernen Indika- tortestprinzip und ermöglicht es, Mutagene inner- halb weniger Stunden kostengünstig zu identifi- zieren. Das neue Verfahren baut auf dem seit Jahren be- währten Rückmutationsprinzip auf. Dabei schleusen die Wissenschaftler ein fremdes Gen in das Erbgut von Testbakterien ein, welches Resistenzen gegen ein bestimmtes Antibiotikum vermittelt. Im weiteren Verlauf wird dieses Gen jedoch derart manipuliert, dass seine Schutzwirkung wieder aufgehoben ist. Also drohen die Testbakterien, unter Einfluss des Antibiotikums doch zugrunde zu gehen. Hatte die zuvor verabreichte Testsubstanz hingegen mutagene Eigenschaften, dann erfolgen mit steigender Konzen- tration immer häufiger Veränderungen im Erbgut der Bakterien, die irgendwann auch die manipulier- ten Gene betreffen. Durch Rückmutation werden sie wieder funktionstüchtig und schützen ihre Besit- zer vor der tödlichen Wirkung des Antibiotikums.

Diese Bakterien können sich nun vermehren und zeigen somit die mutagene Wirkung der Testsub- stanz an. Insbesondere bei niedrigen Mutagen-Konzentra- tionen, wie sie in der Umwelt häufig vorkommen, dauert es lange, bis das Bakterien-Wachstum er- kennbar wird. Mit einem zusätzlichen Kunstgriff ist es den Mainzer und Darmstädter Forschern ge- meinsam gelungen, das Testverfahren zu beschleu- nigen. Dazu schleusten sie in die Erbsubstanz des Testbakteriums noch ein zweites Gen ein. Es enthält die Informationen für ein bestimmtes Enzym, das sich aber nur in den mutierten, wachsenden Zellen bilden kann. Diesen Zellen setzen sie dann ein Sub- strat zu, welches durch das Enzym gespalten wird. Das Produkt dieser Reaktion reichert sich an und gibt dabei Lichtquanten ab. Die Kombination des Mutagenitätstests mit diesem Indikatorverfahren ermöglicht es, bereits wenige mutierte Bakterien- zellen schnell zu erfassen.

Testsubstanz Antibiotikum Inkubation Selektion Auswertung 50 Messung 40 30
Testsubstanz
Antibiotikum
Inkubation
Selektion
Auswertung
50
Messung
40
30
Inkubation Selektion Auswertung 50 Messung 40 30 der Lichtintensität, die ein Maß für die

der Lichtintensität, die ein Maß für die mutageneWirkung der Testsubstanz ist.

20 10 0 0 0,06 0,12 0,25 0,5 1 ICR191 [μg/ml] positive Wells
20
10
0
0
0,06
0,12
0,25
0,5
1
ICR191 [μg/ml]
positive Wells
Testbakterium
Testbakterium

Modernes Testverfahren zur schnellen Identifizierung eines mutagen wirkenden Stoffes.

+ Von Mutationen und Mutagenen

Mutationen sind dauerhafte Veränderungen des Erb-

materials. Sie können sowohl spontan als auch unter

Einwirkung von Mutagenen auftreten. Zu den Muta-

genen gehören physikalische Faktoren wie UV-Strah- lung oder ionisierende Strahlung sowie viele che- mische Stoffe. Das Auftreten von Mutationen ist eine entscheidende Voraussetzung für die Evolution. Andererseits bergen viele Mutagene in unserer Nahrung oder Umwelt auch eine große Gesundheitsgefahr, da sie unter anderem Krebs auslösen können (z.B. polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe). Mit Hilfe von

Mutagenitäts-Tests, die heute auch mittels gentechno- logischer Methoden entwickelt werden, ist es möglich, dem erbgutverändernden Potential verdächtiger Sub- stanzen auf die Spur zu kommen.

Kontakt Universität Mainz, Arbeitskreis Molekulare Mecha- nismen umweltbedingter Gentoxizität (AMMUG) www.uni-mainz.de/FB/Medizin/AMMUG

Radon und Lungenkrebs I m 1 9. Jahrhundert häuften sich die Beobach- tungen, dass auffallend

Radon und Lungenkrebs

I m 1 9. Jahrhundert häuften sich die Beobach- tungen, dass auffallend viele Arbeiter in Uran- bergwerken an chronischen Lungenkrankheiten litten. Aus dem Erzgebirge war beispielsweise die „Schneeberger Lunge“ bekannt. Seit gut 100 Jahren weiß man, dass es sich dabei um Krebs handelt, aber erst seit etwa 50 Jahren kennt man die Ur- sache: Radon. Seit den 90er-Jahren führen Strahlenschützer und Epidemiologen des GSF-Forschungszentrums für Umwelt und Gesundheit zusammen mit ehema- ligen Mitarbeitern ostdeutscher Uranerz-Bergwerke der Wismut AG und dem Bundesamt für Strahlen- schutz Radon-Studien durch. Die Frage ist: Gibt es einen Zusammenhang zwischen den Arbeitsbedin- gungen und dem Lungenkrebsrisiko durch Radon? Bisher wurden weltweit über 60.000 Uranarbeiter untersucht. Das Fazit: Mit steigender Radon-Expo- sition nimmt die Häufigkeit von Lungenkrebs kon- tinuierlich zu. Besonders gefährdet sind Raucher. Vieles deutet darauf hin, dass sich die beiden Risi- ken – Rauchen und Radon – gegenseitig verstärken. Doch nicht nur im Uranbergbau, auch in Gebäu- den sind Radon und seine Zerfallsprodukte gesund-

Eintrittspfade des Radons in Gebäude

Eintrittspfade

des Radons

in Gebäude

Eintrittspfade des Radons in Gebäude

Durch Fugen, Risse, Poren im Mauerwerk sowie über Versor- gungsleitungen kann Radon zunächst in den Keller und von dort in höher gelegene Wohnräume gelangen.

heitlich relevant. Zwar treten hier sehr viel niedri- gere Konzentrationen auf, dafür ist aber eine große Zahl von Menschen betroffen. Durch schlecht abge-

große Zahl von Menschen betroffen. Durch schlecht abge- In den Uranbergwerken waren die Arbeiter hohen
große Zahl von Menschen betroffen. Durch schlecht abge- In den Uranbergwerken waren die Arbeiter hohen

In den Uranbergwerken waren die Arbeiter hohen Radon-Konzentrationen ausgesetzt (Wismut AG Mitte der 50er-Jahre)

+ Radon – edel aber gefährlich

Die Gesteine und Böden der Erde beinhalten von Natur

aus verschiedene radioaktive Stoffe wie Uran oder Radi-

um. Uran wandelt sich durch radioaktiven Zerfall in Ra-

dium um, das weiter zu Radon zerfällt. Radon ist ein ra- dioaktives Edelgas, das aus dem Untergrund in die freie Luft entweichen, aber auch durch Undichtigkeiten des Fundaments in Gebäude eindringen kann. Es ist farb-, geruch- und geschmacklos. Es gibt Gegenden, die von Natur aus stärker belastet sind: die Oberpfalz, Sachsen,Thüringen und einige Ge- biete in der Eifel. Entsprechend kann die Radon-Konzen- tration in Gebäuden zwischen wenigen bis zu einigen

1.000 Becquerel pro Kubikmeter (Bq/m 3 ) Luft schwan- ken. Die EU empfiehlt für geplante Gebäude eine Ra- donbelastung unter 200 Bq/m 3 und für bestehende Ge- bäude unter 400 Bq/m 3 . Nach derzeitigen Abschätzun- gen verdoppelt sich das Lungenkrebsrisiko, wenn man mehrere Jahrzehnte in Wohnungen mit einer Belastung von 1.000 Bq/m 3 oder mehr wohnt. Radon an sich ist gefährlich, noch mehr aber seine kurzlebigen Zerfallsprodukte Polonium-218 und -214, Blei-214 und Wismut-214. An feine Staubpartikel ange- lagert gelangen sie bis tief in den Atemtrakt, werden auf der Oberfläche der Bronchien abgeschieden und geben bei ihrem Zerfall zellschädigende Strahlung ab.

Kapitel

Krebs & Umwelt

3
3

Bq/m

Mittlere Konzentration in der Raumluft:

Radon 222

Radon Zerfalls-

produkte

ca. 50 Bq/m 3

ca. 15

Mittlere jährlich inhalierte Aktivität:

Radon 222

ca. 250.000 Bq

Radon Zerfalls-

produkte

ca. 300.000 – 400.000 Bq

Mittlere Äquivalentdosis pro Jahr:

Bronchialepithel Pulmonärer Lungenbereich Andere Körpergewebe

1 5 – 20 mSv 2 – 3 mSv 0,03 – 0,3 mSv

Legt man die durchschnittliche Radon-Konzentration in deutschen Häusern (50 Bq/m 3 ) zugrunde, so atmen wir jährlich im Mittel etwa 250.000 Bq Radon und 300.000-400.000 Bq seiner kurzlebigen Zerfallsprodukte ein. Besonders diese Zerfallspro- dukte werden in der Lunge abgeschieden und angereichert. Da sie nach 2-3 Stunden zerfallen, gelangt nur ein kleiner Anteil in andere Körperregionen. Die biologisch wirksame Strahlendosis (Äquivalentdosis) in den einzelnen Lungenbereichen ist sehr unterschiedlich, bedingt durch eine ungleichmäßige Abscheidung auf den Oberflächen der Atemwege. So liegt sie im mittleren Teil des Bronchialbaumes um etwa den Faktor 10 höher als die Strahlendosis im pulmonären Lungenbereich.

dichtete Kellerwände und -böden dringt das Edelgas in den Wohnbereich vor allem älterer Häuser ein. In weiteren Studien widmeten sich die GSF-Epidemio- logen daher dem Lungenkrebsrisiko durch Radon in der Wohnbevölkerung. Auch hierbei stimmen die Ergebnisse mit einer Reihe von internationalen Stu- dien überein: Danach ist Radon nach dem Rauchen der wichtigste Risikofaktor für Lungenkrebs in Deutschland. Man muss sich vergegenwärtigen, dass wir uns zu etwa 90 Prozent unserer Zeit in Innenräumen aufhalten.Wir können also im Laufe unseres Lebens einer erheblichen Radonbelastung ausgesetzt sein und damit unser Krebsrisiko deutlich erhöhen:

Schätzungen gehen von drei bis sieben Prozent der tatsächlichen Lungenkrebs-Todesfälle aus.

Kontakt • Bundesamt für Strahlenschutz, www.bfs.de • GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit, Institut für Epidemiologie www.gsf.de/epi

Radon-Messungen müssen daher die Dauer der Belastung miteinbeziehen. Hier kommt den Epide- miologen zugute, dass Glas die von Radon ausge- hende Strahlung quasi konserviert. Hat zum Beispiel jemand sein Leben lang ein glasgerahmtes Foto auf der Kommode stehen, lässt sich an diesem Glas zumindest annäherungsweise die gesamte bisherige Radonbelastung ablesen. Jetzt kommt es darauf an, diese Erkenntnisse umzusetzen. Experten fordern, bei Neubauten das Risiko durch entsprechende Bauweise von vornhe- rein zu vermindern, und in alten, nachweislich stark belasteten Häusern Sanierungsmaßnahmen durchzu- führen. So kann man Risse mit Folien abdichten, den Keller mechanisch belüften oder die Luft unter dem Fundament absaugen.

UV-Strahlung und Hautkrebs E ine hohe Belastung mit ultravioletter (UV-) Strahlung stellt das bedeutendste Risiko

UV-Strahlung und Hautkrebs

E ine hohe Belastung mit ultravioletter (UV-) Strahlung stellt das bedeutendste Risiko für umweltbedingte Hautkrebserkrankungen dar.

Die Zahl der durch UV-Strahlung verursachten Haut- krebsfälle ist in den letzten Jahren kontinuierlich an- gestiegen. Dazu tragen vor allem unser besonderes Schönheitsideal und ein geändertes Freizeitverhal- ten bei. Durch Reisen in sonnenreiche Länder, in- tensives Sonnenbaden und Besuche im Solarium setzen wir uns heute wesentlich höheren UV-Ge- samtdosen aus als noch vor wenigen Jahrzehnten.

Sonnenschutzmittel mit Reparaturenzym

Da Aufklärung und Warnung bisher kaum greifen, kommt Sonnenschutzmitteln eine zentrale Rolle beim Schutz vor Hautkrebs zu. Konventionelle Mit- tel arbeiten mit chemischen oder physikalischen Fil- tern. Sie müssen vor dem Sonnenbad aufgetragen werden und sind wirkungslos, wenn eine Schädigung der Hautzellen bereits eingetreten ist. Forscher des Instituts für Umweltmedizinische Forschung (IUF) an der Universität Düsseldorf be- reiteten nun den Weg für eine neue Generation von

UV – C (sehr kurzwellig) UV – B (kurzwellig) UV – A (langwellig) Ozonschicht
UV – C (sehr kurzwellig)
UV – B (kurzwellig)
UV – A (langwellig)
Ozonschicht

Einteilung der UV-Strahlung nach Wellenlängenbereichen

+ Ozon schützt vor schädlichen UV-Strahlen

Die Sonne sendet ein breites Strahlungsspektrum auf

die Erde, darunter sichtbares Licht und unsichtbare UV-

Strahlung. Diese unterteilt man entsprechend ihrer biolo- gischen Wirksamkeit in die Wellenlängenbereiche UV-A (320-400 nm), UV-B (280-320 nm) und UV-C (200- 280 nm). Der größte Teil der UV-Strahlung wird von der Ozonschicht der Stratosphäre absorbiert oder in den Weltraum zurück reflektiert, so dass nur etwa fünf bis zehn Prozent der solaren UV-Strahlung die Erdober-

fläche erreichen. Davon entfallen 95 Prozent auf UV-A- und fünf Prozent auf UV-B-Strahlung. UV-C wird nahezu komplett absorbiert. Die Ozonkonzentration der oberen Atmosphärenschicht hat in den letzten Jahren global um durchschnittlich drei Prozent abgenommen. Mit schuld ist die Freisetzung von langlebigen Fluorchlorkohlenwasserstoffen aus Haus- halten und der Industrie. Seit 1985 werden international zahlreiche Schutzmaßnahmen durchgeführt.

Kapitel

Krebs & Umwelt

Sonnenschutzmitteln. Sie konnten nachweisen, dass das aus pflanzlichen Organismen bekannte Enzym Photolyase auch auf der
Sonnenschutzmitteln. Sie konnten nachweisen, dass
das aus pflanzlichen Organismen bekannte Enzym
Photolyase auch auf der menschlichen Haut wirk-
sam ist. Es kann bereits eingetretene UV-Schäden
an Hautzellen zumindest teilweise reparieren. Gleich-
zeitig verhindert dieses Reparaturenzym die durch
Sonnenlicht eintretende Schwächung des Immunsys-
tems.
Die Düsseldorfer Forschungsarbeiten sind von
unmittelbarer praktischer Relevanz für den Sonnen-
schutz der Bevölkerung. Eine erste photolyasehalti-
ge Zubereitung in Form eines After-Sun-Gels wurde
bereits im Frühjahr 200 1 in den Markt eingeführt.
Ein Jahr später folgten zwei Sonnenschutzgele, die
Photolyase in Kombination mit UV-Filtern enthalten.
So tief dringen
UV-A- und UV-B Strahlen in die Haut ein
Ozonschicht
Luftverschmutzung
Konventionelle Sonnenschutz-
mittel versuchen, mit chemischen
oder physikalischen Filtersubstan-
zen unsere Hautzellen vor schäd-
licher UV-Strahlung zu schützen.
Zur Reparatur bereits eingetrete-
ner DNA-Schäden haben Forscher
neuartige Haut-Gele mit dem
Reparaturenzym Photolyase ent-
wickelt.

+ Wirkung von UV-Strahlung auf den Menschen

unter Umständen genetisch fixiert werden. Zum anderen schwächt schon geringe UV-B-Strahlung das Immunsys- tem der Haut. Entartete Hautzellen entgehen der Im- munabwehr und können sich vermehren.Wenn die Zell- schäden zu umfangreich werden, um durch körpereigene Reparaturprozesse ausgeglichen zu werden, kann dies zu Hautkrebs führen.

UV-Strahlung wirkt hauptsächlich auf oberflächlich gele-

gene Zellen, denn sie besitzt nicht genügend Energie, um

tief ins Gewebe einzudringen. Die Mechanismen, durch die UV-B-Strahlung Hautkrebs hervorrufen kann, sind weitgehend geklärt. Zum einen ruft UV-Strahlung Verän- derungen in der Erbsubstanz von Hautzellen hervor, die

UV-Schutz durch Textilien Der Schutz vor Sonnenstrahlung durch Textilien hat bisher in Europa nur wenig

UV-Schutz durch Textilien

Der Schutz vor Sonnenstrahlung durch Textilien hat bisher in Europa nur wenig Beachtung gefunden. Ganz anders in Australien und Neuseeland, wo die Hautkrebsrate extrem hoch ist. Im Tiermodell wur- de ein selteneres Auftreten von Hautkrebs bei ge- eignetem textilen Schutz bereits nachgewiesen. Eine Untersuchung an der Klinik für Dermatolo- gie und Allergologie der Ruhr-Universität Bochum und dem Klaus Steilmann Institut für Innovation und Umwelt ergab, dass über 30 Prozent der auf dem deutschen Markt befindlichen Sommertextilien nur einen unzureichenden Schutz vor der Sonnenstrah- lung aufweisen. Mit Hilfe eines Spektralphotometers bestimmten sie, wie viel UV-Strahlung das jeweilige

bestimmten sie, wie viel UV-Strahlung das jeweilige H a u t k r e b s
bestimmten sie, wie viel UV-Strahlung das jeweilige H a u t k r e b s

Hautkrebszellen

Test-Kleidungsstück hindurch lässt. Aus den gewon- nenen Daten wurde der sogenannte „Ultraviolet Protection Factor“ (UPF) berechnet. Ähnlich dem bekannten Sonnenschutzfaktor von Sonnencremes gibt der UPF-Wert an, um welchen Faktor die Auf- enthaltszeit in der Sonne verlängert werden kann, ohne Sonnenbrand zu bekommen. Seit 2001 gibt es einen Europäischen Standard, der festlegt, dass nur solche Textilien als Sonnen- schutzkleidung ausgezeichnet werden dürfen, die gemäß der Norm getestet worden sind und einen UPF-Wert von mindestens 40 haben. Der durchtre- tende Anteil der UV-A-Strahlung muss unter fünf Prozent liegen. Darüber hinaus stellt der Standard auch hohe Ansprüche an das Design eines ausge- zeichneten Textils. Nicht akzeptiert werden Beklei- dungsstücke wie Bikinis oder ärmellose T-Shirts, auch wenn diese Textilien selbst einen UPF-Wert von mindestens 40 aufweisen.

Neben dem Meiden intensiver Sonnenstrahlung und der Ver- wendung von Sonnencremes kann vor allem die Bekleidung als wichtiger UV-Schutz dienen. Im UV-Tex-Projekt wurde nicht nur die UV-Durchlässigkeit von Sommertextilien ge- prüft, sondern auch eine gleichsam normgerechte und mo- dische UV-Schutz-Kollektion entwickelt.

Kontakt

• Institut für Umweltmedizinische Forschung (IUF) an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf gGmbH, www.iuf.uni-duesseldorf.de

• Klinik für Dermatologie und Allergologie an der Ruhr- Universität Bochum, www.derma.de/bochum

• Klaus Steilmann Institut für Innovation und Umwelt www.klaus-steilmann-institut.de

HORMONE

&

UMWELT

Seit Anfang der neunziger Jahre gibt es in Deutschland eine breite öffentliche Diskussion über Gefahren, die von hormon- ähnlich wirkenden Stoffen auf Mensch und Umwelt ausgehen können. Inzwischen vermutet man bei 250 bis 1.000 Stoffen eine hormonähnliche Wirkung. Zu ihnen gehören sowohl be- stimmte Industriechemikalien und Arzneimittel als auch pflanz- liche Naturstoffe. Ob und in welchem Maße solche Stoffe auf unsere Gesundheit und Reproduktionsfähigkeit Einfluss nehmen, ist bislang nicht ausreichend geklärt.

F ür zahlreiche Umweltchemikalien wurden in den letzten Jahren Befunde veröffentlicht, die eine Beeinflussung des

F ür zahlreiche Umweltchemikalien wurden in den letzten Jahren Befunde veröffentlicht, die eine Beeinflussung des Hormonsystems beim

Menschen nahe legen. Gerade geschlechtshormon- ähnliche Stoffe können negative Auswirkungen auf die Fortpflanzungsfähigkeit haben und stehen im Verdacht, zur abnehmenden Spermiendichte und -qualität bei Männern, zur Zunahme von hormon- abhängigen Tumorerkrankungen und Genitalmiss- bildungen sowie zur vorzeitigen Pubertät von weib- lichen Jugendlichen beizutragen. Epidemiologische Studien konnten diesbezüglich noch keine eindeu- tigen Zusammenhänge nachweisen.

+ Hormonähnliche Wirkung von

Umweltstoffen

Körpereigene Hormone regulieren als Botenstoffe zwischen Geweben und Zellen eine Vielzahl von Prozessen. So spielen weibliche und männliche Ge- schlechtshormone (Östrogene und Androgene) bei der Fortpflanzung und Entwicklung des Organismus eine entscheidende Rolle. Nun gibt es eine ganze Reihe künstlicher und natürlicher Fremdstoffe aus der Umwelt, die störend in das natürliche Hormon- system eingreifen, indem sie die Wirkung von Ge- schlechtshormonen verstärken oder behindern kön- nen. Diese geschlechtshormonähnlich wirkenden Substanzen verhalten sich entweder östrogen bzw. androgen oder anti-östrogen bzw. anti-androgen. Sie werden im Zusammenhang mit beobachteten Fortpflanzungs- und Entwicklungsstörungen bei Mensch und Tier diskutiert.

Viele toxikologische Untersuchungen an wildle- benden Tieren belegen den Einfluss von endokrin wirksamen Substanzen auf die Fortpflanzungsfähig- keit. Registriert wurden zum Beispiel Effekte auf Geschlechtsdifferenzierung, Eiproduktion und Be- fruchtungsraten. Die Frage nach der Relevanz endokrin wirksa- mer Chemikalien kann nur durch eine Kombination verschiedener Untersuchungsstrategien beantwor- tet werden. Dazu gehören sowohl Kurzzeittests zum Nachweis östrogener Potentiale als auch öko- toxikologische Fortpflanzungs- und Entwicklungsun- tersuchungen sowie epidemiologische Feldstudien.

Die bis heute bekannten hormonähnlich wirkenden Fremdstoffe besitzen allerdings eine wesentlich geringere Wirkstärke als die körpereigenen Hormone. Sie lassen sich in die großen Gruppen Industriechemikalien und pflanzliche Naturstoffe einordnen. Daneben gibt es hormonell wirksame Arzneimittel sowie natürliche und synthetische Hormone (z.B. in der Antibabypille). Bisherige Untersuchungen zeigen, dass von Stoffen natürlichen Ursprungs stärkere Belastungen für den Menschen ausgehen als durch synthetisch erzeugte Substanzen. Bestimmte Pflanzenhormone haben eine besonders hohe biologische Wirksamkeit. Nach dem gegenwärtigen Erkenntnisstand ist eine Beeinträchtigung der menschlichen Gesundheit durch synthetisch erzeugte Stoffe eher unwahrscheinlich.

Kapitel

Hormone & Umwelt

Wirkung und Risiko von Nonylphenolen

S ie kommen in Haushalts- und Industriereinigern vor oder werden als Dispersionsmittel in der Papierindustrie eingesetzt:Tenside, die helfen,

Fett in Wasser zu lösen. Zu ihren Abbauprodukten gehören Nonylphenole. Diese Chemikalien gelten als östrogen-aktiv, weil sie die Wirkung weiblicher Sexualhormone nachahmen können. Nonylphenole stehen im Verdacht, für Missbildungen, Fruchtbarkeits- störungen und Krebs mitverantwortlich zu sein.

Toxische Wirkung auf Fische

In einem fünfjährigen Forschungsprojekt am Bayeri- schen Landesamt für Wasserwirtschaft wurde das Risikopotential von Nonylphenolen an verschiedenen Fischarten, darunter Regenbogenforelle, Karpfen, Medaka und Hundsfisch, untersucht. Zur Ermittlung der endokrinen Effekte erfolgten unter anderem

 

Reproduktions-

studien, Unter-

suchungen zur

Geschlechtsdif-

ferenzierung und Hormon-

 
a
a

messungen. Als

wichtiger spezi- fischer Biomar- ker für eine östrogene Wirkung wurde die Bildung von Vitellogenin im Blut her- angezogen. Dieser Dotterprotein-Vorläu- fer wird normalerweise ausschließlich in der Leber weiblicher Fische gebildet. Unter Einwirkung östrogener Substanzen

b
b

ist Vitellogenin auch im Blut männlicher Fische nachweisbar. Ergänzt wurden die Laborversuche durch ein Wirkungsmoni- toring an einheimischen Fischarten in bayerischen Oberflächengewässern. Die Vitellogenin-Bestimmungen beleg- ten eine östrogene Wirkung von Nonyl- phenolen. Bereits bei einer Konzentration

c
c

von einem Mikrogramm Nonylphenolen

pro Liter stieg der Vitellogenin-Spiegel bei männlichen Regenbogenforellen deutlich

a. Regenbogenforelle

b. Normales Hodengewebe einer männlichen Regenbogenforelle (400 x)

c. Normales Eierstockgewebe einer weiblichen Regenbogenforelle mit heranreifenden Eizel- len (400 x)

d
d

d. Hodengewebe einer männlichen Regenbo- genforelle mit heranreifender Eizelle (400 x)

40

an. Eine 40-tägige Intervall-Exposition von Laich- fischen in 1 0 Mikrogramm Nonylphenol pro Liter führte unter den gegebenen, teichwirtschaftlichen Bedingungen zu einer um 20 Prozent reduzierten Schlupfrate und somit zu einer Verminderung des Reproduktionserfolges. Zudem wiesen die Nach- kommen der Laichfische sehr vereinzelt Zwittersta- dien auf. Die Wissenschaftler beobachteten dabei sowohl eine Feminisierung männlicher als auch eine Maskulinisierung weiblicher Fische. Aufgrund dieser und weiterer umfangreicher Ergebnisse geht das Bayerische Landesamt für Wasserwirtschaft jedoch von einem insgesamt geringen östrogenen Potential von Nonylphenolen aus. Eine größere Bedeutung erlangen Nonylphenole allerdings durch ihre in anderen Untersuchungen beobachteten toxikolo- gischen Effekte.

Untersuchungen beobachteten toxikolo- gischen Effekte. Nonylphenole in unserer Nahrung Wissenschaftler des

Nonylphenole in unserer Nahrung

Wissenschaftler des Forschungszentrums Jülich spürten die Nonylphenole erstmals auch in einer großen Zahl unserer Lebensmittel – darunter in Bioprodukten, in der Muttermilch und in Säuglings-

nahrung – auf. Die Forscher des Jülicher Instituts Phytosphäre gingen dabei der brisanten Frage nach, wie hoch die tägliche Aufnahme dieser chemischen Substanz durch den Verbraucher ist? Dazu ent- wickelten sie eine empfindliche Nachweismethode, die sich für die unterschiedlichsten Lebensmittel eignet, und fanden Nonylphenole überraschender- weise in allen untersuchten Nahrungsmittelgruppen. In Tomaten und Äpfeln waren die Konzentrationen besonders hoch. Aus den täglichen Verzehrmengen der einzelnen Lebensmittelgruppen bestimmten die Jülicher Forscher den „daily intake“ und stellten fest: Täglich nehmen wir in Deutschland mit unserer Nahrung durchschnittlich 7,5 Mikrogramm Nonyl- phenole auf. Da Säuglinge und Kleinkinder vermutlich sehr empfindlich auf östrogen-aktive Substanzen reagie- ren, nahmen die Wissenschaftler zudem Mutter-

Kontakt

• Bayerisches Landesamt für Wasserwirtschaft, www.bayern.de/LFW/technik/ gewaesseroekolgie/oekotoxikologie/ nonylphenol

• Forschungszentrum Jülich (FZJ), www.fz-juelich.de

milch, Milchanfangsnahrung und Fertigbreie unter die Lupe. Auch hier wurden sie fündig. Ein Unter- schied
milch, Milchanfangsnahrung und Fertigbreie unter die Lupe. Auch hier wurden sie fündig. Ein Unter- schied

milch, Milchanfangsnahrung und Fertigbreie unter die Lupe. Auch hier wurden sie fündig. Ein Unter- schied zwischen Bioprodukten und normalen Produkten konnte nicht festgestellt werden. Den Ergebnissen zufolge nehmen Säuglinge täglich ca. 0,2 Mikrogramm Nonylphenole bei ausschließlicher Ernährung mit Muttermilch auf. Bei Babys, die Milch- anfangsnahrung bekommen, sind es 1,4 Mikrogramm.

Mit den Ergebnissen des Forschungszentrums Jülich liegen nun erstmals verlässliche Zahlen zur täglichen Aufnahme dieser hormonell wirksamen Chemikalie über die Nahrung vor. Sie dienen als wichtige Grundlage für weitere toxikologische Untersuchungen über das Risikopotential, das von Nonylphenolen für die menschliche Gesundheit ausgeht.

Umweltchemikalien und die Fruchtbarkeit der Frau

D er mitteldeutsche Raum wurde im vergan- genen Jahrhundert in besonderem Maße von der chemischen Industrie geprägt.

Zahlreiche Flächen und auch das Grundwasser sind über viele Jahrzehnte massiv verunreinigt worden. Zu den gefährlichsten Altlasten gehören polychlo- rierte Kohlenwasserstoffe (PCKW), die als Pestizide (Lindan, DDT) und als Kühl- oder Trennmittel in der Industrie (PCB) Einsatz fanden. Sie stehen auf Grund ihrer hormonähnlichen Struktur seit langem in Verdacht, für Fortpflanzungsstörungen und Miss- bildungen bei Mensch und Tier verantwortlich zu sein. Ende der 90er-Jahre haben Forscher der Univer- sitätsklinik für Geburtshilfe und Reproduktionsme- dizin in Halle mögliche Zusammenhänge zwischen

einer Unfruchtbarkeit und der endokrinen Wirkung von PCKW untersucht. Sie ermittelten Anreiche- rung und Verteilung dieser Chemikalien in den Fort- pflanzungsorganen der Frau und versuchten, Art und Stärke der Wechselwirkung mit den dort vor- handenen Hormonbindungsstellen (Rezeptoren) zu ergründen. Untersucht wurden 20 Frauen, die un- gewollt kinderlos geblieben waren, sowie weitere

1 5 Frauen, die bereits mindestens ein Kind geboren

hatten. Aufgrund ihrer chemischen Eigenschaften wer- den die PCKW hauptsächlich im Fettgewebe ange- reichert. Die Analysen ergaben, dass Pestizide und PCB aber auch im Blut der untersuchten Frauen in messbare Konzentrationen vorlagen. Der Gehalt nahm mit dem Alter der Probandinnen zu. Über den Blutkreislauf gelangen die endokrin wirksamen Substanzen auch in die Fortpflanzungs- organe. Die Hallenser Wissenschaftler fanden dabei im Endometrium des Uterus – dem Gewebe, das für die Einnistung des frühen Embryos eine Schlüs- selrolle spielt – höhere Stoffmengen im Vergleich zum zirkulierenden Blut. Diesbezüglich gab es

jedoch keine statistisch signifikanten Unterschiede zwischen fertilen Frauen und Kinderwunschpatien- tinnen. Eine nennenswerte Bindung der Umweltchemi- kalien an Hormonrezeptoren konnte ebenfalls nicht nachgewiesen werden. Die Untersuchungen zeigten aber, dass einzelne Stoffe in der Lage sind, das Wech- selspiel zwischen dem Sexualhormon Östradiol und seinem Rezeptor zu stören. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass die beob- achtete Schadstoffbelastung keine primäre Sterili- tätsursache darstellt. Aufgrund der Komplexizität der Abläufe läßt sich eine Einschränkung der Ferti- lität dennoch nicht ausschließen, da polychlorierte Kohlenwasserstoffe das Einnisten eines Embryos in der Gebärmutter stören können. Dafür spricht der Befund der Uniklinik in Halle, dass die Zugabe von PCKW zu Endometrium-Zellkulturen negative Auswirkungen auf die Wachstumsrate der Zellen hat.Welcher Mechanismus dieser Beeinflussung zugrunde liegt, ist Hauptgegenstand der aktuellen Forschung.

liegt, ist Hauptgegenstand der aktuellen Forschung. Unkontrollierte Einleitung von Industrieab- wässern

Unkontrollierte

Einleitung von

Industrieab-

wässern bei

Bitterfeld

Kontakt

• Universitätsklinik für Geburtshilfe und Reproduktionsmedizin Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, www.medizin.uni-halle.de/kgr

• Second Status-Seminar „Endocrine Disrupters“, Berlin, April 2001 www.status-umwelthormone.de

41

WOHNEN

&

UMWELT

Wenn wir von „Umwelt“ reden, meinen wir gewöhnlich die äußere Umwelt, zum Beispiel die Außenluft. Allerdings verbrin- gen die Deutschen die meiste Zeit ihres Lebens in Innenräumen. Ein Erwachsener hält sich täglich etwa 20 Stunden in geschlos- senen Räumen auf. Dort atmet er Tag für Tag einen ganzen Cocktail chemischer Stoffe ein, der in der Regel viel konzen- trierter als in der Außenluft ist. Luftbelastungen im Innenraum werden für Atemwegserkrankungen und Allergien verantwortlich gemacht.

A usdünstungen aus Baumaterialien, Ein- richtungsgegenständen und Teppichen sowie feinste Teilchen aus Verbrennungs-

A usdünstungen aus Baumaterialien, Ein- richtungsgegenständen und Teppichen sowie feinste Teilchen aus Verbrennungs-

prozessen oder andere Partikel sind in der In- nenraumluft enthalten. Dazu kommen Luftbelas- tungen, die durch unsere eigenen Verhaltenswei- sen bedingt sind, wie Tabakkonsum oder das Versprühen von Insektiziden. Ob all das dem Menschen letztlich schadet, hängt einerseits von seiner persönlichen Gesundheitskonstitution ab, andererseits von der Art und Konzentration der Stoffe, die auf ihn einwirken. Im Zuge der Energiesparmaßnahmen der letzten Jahrzehnte werden immer mehr Wohnungen besser gegen die Außenluft abgedichtet.Weniger Luftaustausch bedeutet aber auch geringere Verdünnungseffek- te der Innenraumluft. So erreichen heute viele Luftschadstoffe in Innenräumen erheblich höhe- re Konzentrationen als im Freien. Im Gegensatz zum Arbeitsplatzbereich gibt es für nicht gewerblich genutzte Innenräume bislang weder auf nationaler noch auf interna- tionaler Ebene allgemein verbindliche Grenz- werte für Innenraumluftverunreinigungen. Zur

gesundheitlichen Bewertung orientiert man sich in vielen Fällen an den verfügbaren Werten zur Maximalen Arbeitsplatzkonzentration (MAK- Werte). Doch muss dabei berücksichtigt wer- den, dass beim betriebsbedingten Umgang mit Gefahrstoffen im allgemeinen sehr viel höhere Stoffkonzentrationen vorliegen als im Wohnbe- reich. Zudem sind wir in Innenräumen in der Regel einer Vielzahl von Substanzen gleichzeitig ausgesetzt. Zum Nachweis der Stoffe in der Innenraum- luft und im Staub, der sich aus der Luft absetzt, werden zum Teil aufwändige, chemische, physi- kalische und biologische Methoden eingesetzt. Die Wirkung solcher Stoffe untersucht man zum einen in spezifischen Laborexperimenten. Zum anderen kann eine Beeinträchtigung auch indirekt, beispielsweise im Blut der Betroffenen selbst, nachgewiesen werden. Epidemiologen hingegen führen Befragungen, Messungen und Untersuchungen in der Bevölkerung durch, um Risiken der Innenraumluft auf die Spur zu kommen.

Infolge erhöhter Wärme- dämm-Maßnahmen an Fenstern und Fassaden haben auch Raumluftunter- suchungen in
Infolge erhöhter Wärme-
dämm-Maßnahmen an
Fenstern und Fassaden
haben auch Raumluftunter-
suchungen in Wohngebäuden
in den letzten Jahren stark
an Bedeutung gewonnen.

Kapitel

Wohnen & Umwelt

Pyrethroide – wie gesundheitsschädlich sind Insektizide?

P yrethroide gehören derzeit zu den am häufig-

sten verwendeten Insektiziden. Sie werden in

Innenräumen vor allem zur Bekämpfung von

Schädlingen wie Schaben oder Flöhen sowie zum Schutz von Wollteppichen bzw. -teppichböden vor Motten und Käferfraß eingesetzt. Schon seit Jahren wird in der Öffentlichkeit diskutiert, ob erhöhte Pyrethroid-Konzentrationen in Innenräumen die Gesundheit des Menschen gefährden können. Pyre- throide werden unter anderem als Auslöser von Langzeitschäden wie ständigen Kopfschmerzen, Müdigkeit und Taubheitsgefühlen angesehen. Zwei mehrjährige Projekte gingen Ende der 90er-Jahre diesem Verdacht erstmals unter „Feld- bedingungen“ auf den Grund. Mit Mitteln des BMBF und des Industrieverbands Agrar e.V. (IVA) führten Forscher der Universität Düsseldorf und des Fraun- hofer-Instituts für Toxikologie und Aerosolforschung in Hannover umfassende Untersuchungen an frei- willigen Probanden durch. Bei einem Projekt wur- den 61 Personen untersucht, die durch eine einma-

wur- den 6 1 Personen untersucht, die durch eine einma- Pyrethroide – keine Gesund- heitsgefahr bei

Pyrethroide –

keine Gesund-

heitsgefahr bei

sachgerechter

Anwendung.

Kontakt • Institut für Hygiene der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf www.uni-duesseldorf.de/WWW/MedFak/Hygiene/ • Fraunhofer-Institut für Toxikologie und Aerosol- forschung in Hannover, seit 1.1.2003: Fraunhofer- Institut für Toxikologie und Experimentelle Medizin (ITEM) www.item.fraunhofer.de

lige Schädlingsbekämpfungsmaßnahme Pyrethroiden ausgesetzt waren. Das andere Projekt erfasste 1 44 Personen, die möglicherweise durch im Haushalt vorhandene, Pyrethroide enthaltende Teppiche dau- erhaft belastet waren. Die von unabhängigen Gut- achtern geprüften Studien konnten zeigen, dass die gesundheitlichen Beschwerden weder durch Schäd- lingsbekämpfungsmaßnahmen noch infolge der aus- gerüsteten Wollteppiche signifikant erhöht waren. Ebenso wenig wurden Wirkungen auf das Nerven- system festgestellt, wichtige Parameter des Immun- systems wiesen keine abnormen Veränderungen auf. Die Wissenschaftler kamen zu dem Schluss, dass die Ergebnisse der Studie keine belastbaren Hinwei- se auf eine gesundheitliche Gefährdung bei sachge- rechter Anwendung von Pyrethroiden in Innenräu- men geben.Weiteren Forschungsbedarf sehen sie allerdings für besonders sensible Personen wie älte- re Menschen, Kinder oder Allergiker, bei denen eine spezifische Empfindlichkeit gegenüber Pyrethroiden bestehen könnte.

Bei empfindlichen Personen führt der Kontakt mit Pyrethroiden möglicherweise zu Kopfschmerzen und Müdigkeit.
Bei empfindlichen
Personen führt
der Kontakt mit
Pyrethroiden
möglicherweise zu
Kopfschmerzen und
Müdigkeit.
Emissionen aus Elektrogeräten W ie häufig bereits eine einfache Geruchs- prüfung zeigt, setzen viele elektronische

Emissionen aus Elektrogeräten

W ie häufig bereits eine einfache Geruchs- prüfung zeigt, setzen viele elektronische Geräte im (warmen) Betriebszustand

flüchtige organische Verbindungen (VOC) und schwerflüchtige organische Verbindungen (SVOC) frei, die sich in der Innenraumluft anreichern. Im Gegensatz zu den schon seit vielen Jahren umfang- reich untersuchten Emissionen von Bauprodukten und Einrichtungsgegenständen hat es zu Art und Umfang von VOC- oder SVOC-Ausgasungen aus Elektrogeräten bisher keine systematische Analyse gegeben.

Elektrogeräten bisher keine systematische Analyse gegeben. Offene Prüfkammer mit einem Fernsehgerät Zeitlicher

Offene Prüfkammer mit einem Fernsehgerät

Zeitlicher Verlauf der Phenol-Emissionen für vier Fernsehgeräte im Neuzustand und nach Alterung (600 Betriebsstunden).

160 Typ A neu Typ C neu 140 Typ A alt Typ C alt Typ
160
Typ A neu
Typ C neu
140
Typ A alt
Typ C alt
Typ B neu
Typ D neu
120
Typ B alt
Typ D alt
100
80
60
40
20
0
1 h Stand-by
1
h
3 h
5 h
6 h
24 h
144 h
μg/(Stück h)

Phenole geben wegen ihrer möglicherweise erbgutverändernden Wirkung auf den Menschen Anlass zu Besorgnis. Erhöhte Phenol-Emissionen sind aber auch für typische Geruchsbelästigungen neuer Fernsehgeräte verantwortlich. Sie entströmen vor allem den aus Phenolharzen hergestellten Leiterplatten. Im Prüfkammerversuch wird nach etwa sechs Stunden die Maximal- konzentration von Phenol erreicht.

+ Flüchtige organische Verbindungen und ihre

Wirkung auf den Menschen

Viele Haushaltsgegenstände emittieren chemische, be-

sonders organische Verbindungen. Aufgrund ihrer ver-

schiedenen Siedepunkte unterscheidet man flüchtige organische Verbindungen (VOC = Volatile Organic Com- pounds) und schwerflüchtige organische Verbindungen (SVOC). Die VOC liegen im wesentlichen gasförmig in der Raumluft vor und können „ausgelüftet“ werden, während sich die SVOC mit zunehmender Schwerflüch- tigkeit an Hausstaub anlagern und dadurch schwerer aus der Innenraumluft entfernt werden können. Man kennt inzwischen Hunderte solcher flüchtigen orga-

nischen Verbindungen.VOC- und SVOC-Emissionen im Innenraum stammen typischerweise aus Lösemitteln, Weichmachern, Flammschutzmitteln,Verarbeitungshilfs- mitteln und Konservierungsmitteln. Mögliche gesundheitliche Wirkungen von VOC bzw. SVOC reichen von Geruchsempfindungen und Reiz- wirkungen auf Schleimhäute über Wirkungen auf das Nervensystem bis hin zu Langzeitwirkungen (allergie- verstärkende sowie kanzerogene, mutagene oder reproduktionstoxische Effekte).

Kapitel

Wohnen & Umwelt

a
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Temperaturverteilung auf der Haupt- (a) und Röhrenplatine (b) eines Fernsehgerätes im laufenden Betriebszustand. Je wärmer die Oberfläche ist, um so mehr verschiebt sich der

Die Gesellschaft für Umweltschutz TÜV Nord aus Hamburg hat hierzu Mitte der 90er-Jahre eine Prüfmethode entwickelt, mit der gesundheitsgefähr- dende Ausgasungen aus elektronischen Geräten erfasst werden können. In speziellen Prüfkammern untersuchten die Forscher jeweils zehn Fernseh- geräte und Videorecorder auf toxikologisch rele- vante organisch-chemische Emissionen. Sowohl im neuwertigen als auch im künstlich gealterten Zu- stand emittierten die in Betrieb befindlichen Geräte eine große Zahl unterschiedlicher chemischer Sub- stanzen, darunter viele, die als Gefahrstoffe einge- stuft sind. Insgesamt identifizierte der TÜV Nord etwa 350 VOC und etwa. 250 SVOC. Dazu zählten beispielsweise Phenole, Kresole, Fomaldehyd und einige Phthalate (Weichmacher). Die Emissionsrate wurde maßgeblich von der Temperatur im Geräte- inneren beeinflusst. Die umfangreichen Messergebnisse zu VOC- und SVOC-Emissionen von Fernsehern und Videorecor- dern können auf andere Elektrogeräte, die aus ver- gleichbaren Materialien bestehen, wie etwa Compu- ter, Monitore und HiFi-Geräte, übertragen werden.

b
b

Farbeindruck zum weißen Ende des Spektralbereiches. Die Temperaturzonen reichen von etwa 20 °C bis 60 bzw. 70 °C (siehe „Max“-Werte).

von etwa 20 °C bis 60 bzw. 70 °C (siehe „Max“-Werte). Die gemessenen VOC/SVOC-Emissionen können auf

Die gemessenen VOC/SVOC-Emissionen können auf die Ver- hältnisse bei Computern und Monitoren übertragen werden.

Das zweijährige Projekt des TÜV Nord diente allerdings nicht nur der Entwicklung einer standar- disierten Messmethode, sondern hat auch wirksame Impulse zur Verminderung bzw. Vermeidung gesund- heitsschädlicher Geräteemissionen gegeben und wissenschaftliche Grundlagen für Richtwertempfeh- lungen geschaffen.

Kontakt TÜV NORD Umweltschutz GmbH & Co.KG www.tuev-nord.de

Allergie-Risiko Innenraum A llergien und Asthma haben in den letzten Jahren stark zugenommen. In Europa

Allergie-Risiko Innenraum

A llergien und Asthma haben in den letzten Jahren stark zugenommen. In Europa ver- zeichnete man in den letzten 30 Jahren eine

Verdreifachung der Erkrankungsraten. Heute gelten Allergie und Asthma als die häufigsten chronischen Krankheiten im Kindesalter. Ärzte stellen inzwi- schen bei ca. 13 bis 1 4 Prozent deutscher Schulkin- der Asthmasymptome fest. Verschiedene Umwelt- schadstoffe stehen im Verdacht, an dieser Entwick- lung beteiligt zu sein und allergische Symptome zu verstärken. Umweltepidemiologen des Umwelt- forschungszentrums Leipzig gehen dieser „Umwelt- these“ seit Beginn der 90er-Jahre in zahlreichen Studien an Kindern nach. Ihre jungen Probanden – so stellten die Wissenschaftler bald fest – verbrach- ten im Jahresdurchschnitt mehr als 85 Prozent ihrer Zeit in Innenräumen.Welchen Einfluss üben also die dort gefundenen Schadstoffbelastungen auf das Allergiegeschehen aus?

a
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In epidemiologischen Studien an Neugeborenen (a) konnte nachgewiesen werden, dass chemische Innenraumschad- stoffe, beispielsweise aus lösemittelhaltigen Klebstoffen

Infolge von Energiesparmaßnahmen der letzten Jahre kam es zu einer deutlich verringerten Luft- wechselzahl in Innenräumen. Zwangsläufig reicher- ten sich nicht nur die üblicherweise im Wohnbe- reich vorgefundenen allergieauslösenden Substanzen (aus z.B. Milbenkot, Haustierhaaren oder Schimmel- pilzen) an, sondern auch andere lufthygienisch rele- vante Komponenten. Expositionsuntersuchungen zeigten, dass beispielsweise die Summenkonzentra-

Kontakt UFZ-Umweltforschungszentrum Leipzig-Halle GmbH, Sektion Expositionsforschung und Epidemiologie www.ufz.de/spb/expo/index.html

tion von leicht flüchtigen organischen Kohlenwas- serstoffen (VOC) in den Wohnungen deutlich höher lag als im Außenbereich. Die gefundenen VOC- Konzentrationen wurden noch verstärkt durch bestimmte Aktivitäten wie Renovierungsarbeiten, das Aufstellen neuer Möbel, das Verlegen neuer Fußbodenbeläge oder die häufige Anwendung von Haushaltschemikalien. Interessanterweise konnten die Leipziger Forscher im Rahmen einer Neuge- borenen-Studie ( 1 994- 1 999) zeigen, dass etwa 60 Prozent der untersuchten Wohnungen, speziell die Kinderzimmer, zum Zeitpunkt der Geburt renoviert wurden und zum Teil stärker als üblich mit VOC belastet waren. Die epidemiologischen Untersuchungen an Neu- geborenen belegen deutlich, dass die gefundenen chemischen Innenraumbelastungen das Allergie- geschehen der Kinder beeinflussen. Das Bronchitis- risiko (und Infektionsrisiko) lag bei Kindern, die einer

b c
b
c

oder Farben (b), die Sensibilisierung gegenüber Allergenen wie Eiweißpartikeln aus Schimmelpilzsporen (c), erhöhen können.

überdurchschnittlich hohen VOC-Konzentration in Innenräumen ausgesetzt waren, mehr als doppelt so hoch als bei Kindern, die nicht oder kaum mit VOC in Kontakt kamen. Gleichzeitig wiesen die Epide- miologen nach, dass unter Einfluss erhöhter VOC- Konzentrationen die spezifische Sensibilisierung ge- genüber Allergenen und damit eine Empfänglichkeit für Allergien zunimmt. Dabei sind die chemischen Innenraumschadstoffe gerade in den ersten Lebens- monaten in der Lage, jene Zellen zu beeinflussen, die wesentlich an der Immunreaktion beteiligt sind. Ob die untersuchten Einflüsse durch VOC direkt zur Manifestation einer Allergie führen können, ist noch weitgehend ungeklärt.

Kapitel

Kapitel Forschung fördern – in Zukunft nachhaltig F ORSCHUNG FÖRDERN – IN Z UKUNFT NACHHALTIG Fördern

Forschung fördern – in Zukunft nachhaltig

FORSCHUNG FÖRDERN IN ZUKUNFT NACHHALTIG

Fördern und Forschen in Deutschland

Die deutsche Forschungslandschaft zeichnet sich durch eine Vielzahl von Akteuren aus. Auf Seiten der Forschungsförderung sind vor allem der Bund, die Länder, die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die Wirtschaft und Stiftungen aktiv. Die Durch- führung öffentlich geförderter Forschung überneh-

men im Wesentlichen die Universitäten, die Max- Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaf- ten e.V., die Fraunhofer-Gesellschaft, die Helmholtz- Gemeinschaft deutscher Forschungszentren (HGF) sowie die Einrichtungen der Wissenschaftsgemein- schaft Gottfried Wilhelm Leibniz. Das Bundesministerium für Bildung und For- schung (BMBF) beteiligt sich gemeinsam mit den Ländern an der Grundfinanzierung außeruniversitä- rer Forschungseinrichtungen und unterstützt auf diese Weise mittel- und langfristig angelegte Vorha- ben. Im Falle der Helmholtz-Gemeinschaft wird die- se Form der institutionellen Förderung zukünftig

+ abgelöst durch die neue Strategie der „Programm-

BMBF-Projektträger

Die direkte Abwicklung der Projektförderung (Antragsbe- arbeitung, Beratung, Projektbegleitung und Erfolgskontrol- le) übernehmen verschiedene BMBF-Projektträger. Sie sind bei den Helmholtz-Zentren oder anderen qualifi- zierten Einrichtungen angesiedelt. Zu ihren Aufgaben gehören auch die Planung, Analyse und Bewertung von Förderprogrammen, die Organisation von Fachtagungen und Workshops sowie Aktivitäten im Rahmen der inter- nationalen Zusammenarbeit und Beratung von Antrag- stellern über Fachprogramme der EU.

orientierten Förderung“ (POF). Mit Hilfe von zen- trenübergreifenden, längerfristig angelegten thema- tischen Forschungsprogrammen sollen die vorhan- denen Ressourcen gebündelt sowie die Zusammen- arbeit der HGF-Zentren untereinander und mit externen Partnern gestärkt werden. Zu Beginn des Jahres 2003 wurde unter anderem der Helmholtz- Bereich Gesundheit mit dem Schwerpunktthema „Umweltbedingte Gesundheitsstörungen“ auf das POF-System umgestellt. Neben institutionellen Fördermitteln vergibt das BMBF auch Zuwendungen an kurz- bis mittelfristige Forschungsprojekte von universitären und außeruni- versitären Instituten sowie an Verbundprojekte mit Unternehmen.

Europäische Perspektiven

Die Europäische Union (EU) übernimmt zuneh- mend eine bedeutende Rolle bei der Finanzierung und Ausrichtung der nationalen Forschung. Mit ihrem 6. Forschungsrahmenprogramm, das im

Die Forschungsförderung im Bereich „Umwelt und Gesundheit“ ist Teil des Umweltforschungsprogramms der Bundesregierung und wird hauptsächlich durch den Projektträger Umwelt- und Klimaforschung in München betreut. Als Querschnittsthema hat der Bereich aber auch Berührungspunkte mit Förderaktivitäten innerhalb des Gesundheitsforschungsprogramms (z.B. in der Aller- gieforschung), die durch den Projektträger Gesundheits- forschung in Bonn abgedeckt werden.

Herbst 2002 gestartet wurde, zielt sie mittelfristig auf die Schaffung eines gemeinsamen europäischen Forschungsraumes.
Herbst 2002 gestartet wurde, zielt sie mittelfristig auf die Schaffung eines gemeinsamen europäischen Forschungsraumes.

Herbst 2002 gestartet wurde, zielt sie mittelfristig auf die Schaffung eines gemeinsamen europäischen Forschungsraumes. Gefördert werden Vorhaben, die grenzüberschreitende Probleme angehen und die in- ternationale Wettbewerbsfähigkeit durch Vernetzung und Kooperationen verbessern.Teilaspekte des Be- reiches „Umwelt und Gesundheit“ enthält das Rah- menprogramm in seinen thematischen Prioritäten „Biowissenschaften, Genomik und Biotechnologie im Dienste der Gesundheit“, „Lebensmittelqualität und -sicherheit“ sowie „Politikorientierte For- schung“.

Forschung für eine nachhaltige Entwicklung

Lange Zeit war die Umweltforschung primär auf technische Lösungen zur Erkennung, Reparatur und Vermeidung von Umweltschäden sowie auf natur- wissenschaftliches Grundlagenwissen ausgerichtet. Seit Anfang der 90er-Jahre erhalten jedoch interdis- ziplinäre Ansätze und auf Systemwissen zielende Vorhaben zunehmendes Gewicht.

Mit der Verabschiedung der nationalen Strategie für eine nachhaltige Entwicklung im April 2001 er- geben sich neue Herausforderungen auch für die Bildungs- und Forschungspolitik. Aktuell werden zwei neue Rahmenprogramme des BMBF erarbei- tet, um sämtliche Aktivitäten des BMBF im Hinblick auf eine nachhaltige Entwicklung neu zu bündeln und zu strukturieren. Ein Rahmenprogramm, das bis Herbst 2003 veröffentlicht werden soll, umfasst alle Fördermaßnahmen, die sich mit Konzepten der Nachhaltigkeit für die Praxis befassen. Das zweite Rahmenprogramm wird sich mit dem Verständnis der natürlichen und gesellschaftlichen Prozesse be- schäftigen, um gesellschaftliche Maßnahmen für die Realisierung einer nachhaltigen Entwicklung besser ableiten zu können.

Informationen BMBF-Projektträger:

• Projektträger Umwelt- und Klimaforschung (PT UKF) am GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit GmbH, München www.gsf.de/ptukf • Projektträger Gesundheitsforschung (PT-DLR) am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V. (DLR), Bonn www.pt-dlr.de/PT-DLR

Weitere Informationen:

• EU-Büro des BMBF für das 6. Forschungs- rahmenprogramm:

www.eubuero.de/6rp

• Koordinierungsstelle EG der Wissenschafts- organisationen, Infos zum 6. Rahmenprogramm:

www.kowi.de/rp6

• Fördermaßnahme „Umweltgerechte nachhaltige Entwicklung“:

www.fona.de

Diese Druckschrift wird im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit vom Bundesminis- terium für Bildung und Forschung unentgeltlich abgegeben. Sie ist nicht zum ge- werblichen Vertrieb bestimmt. Sie darf weder von Parteien noch von Wahl- werberinnen/Wahlwerbern oder Wahlhelferinnen/Wahlhelfern während eines Wahlkampfes zum Zweck der Wahlwerbung verwendet werden. Dies gilt für Bun- destags-, Landtags- und Kommunalwahlen sowie für Wahlen zum Europäischen Parlament. Missbräuchlich ist insbesondere die Verteilung auf Wahlveranstaltungen und an Informationsständen der Parteien sowie das Einlegen, Aufdrucken oder Aufkleben parteipolitischer Informationen oder Werbemittel. Untersagt ist gleichfalls die Weitergabe an Dritte zum Zwecke der Wahlwerbung. Unabhängig davon, wann, auf welchem Weg und in welcher Anzahl diese Schrift der Empfängerin/dem Empfänger zugegangen ist, darf sie auch ohne zeitlichen Be- zug zu einer bevorstehenden Wahl nicht in einer Weise verwendet werden, die als Parteinahme der Bundesregierung zugunsten einzelner politischer Gruppen ver- standen werden könnte.