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Umwelt & Gesundheit

Beispiele aus der Forschungspraxis


Impressum

Herausgeber Bildnachweis
Bundesministerium Zefa (S. 1 groß, 42) • Atemwegsliga/DAK (S. 1 u.r., 2 u., 12 l., 20 r.) • Edith Deissinger,
für Bildung und Forschung (BMBF) Städt. Kinderkrippe Mathunistraße, München (S. 6, 7) • AstraZeneca (S. 8) • Günter
Referat Publikationen; Internetredaktion und Ingrid Goddeng, GSF (S. 9 o., 22, 43 r.) • Ingrid Weichenmeier u. Heidrun Beh-
11055 Berlin rendt, Klinische Kooperationsgruppe Umweltdermatologie und Allergologie, GSF
und TU München (S. 10, 24 r.) • Allergopharma Joachim Ganzer AG (S. 12 m.) • Michael
Bestellungen van den Heuvel, GSF (S. 12 r., 31 r.) • Harald Unger (S. 13, 14 o., 27 o., 43 l., 47 l.) • Eckhart
schriftlich an den Herausgeber Kämpgen, Center for Genetic and Cellular Therapies, Duke University (S. 14 u.l.) •
Postfach 30 02 35 M. Rohde, Gesellschaft für Biotechnologische Forschung (S. 14 u.m.) • Institut für Me-
53182 Bonn dizinische Mikrobiologie, Immunologie und Hygiene, TU München (S. 14 u.r.) • Klaus
oder per Walter, Universität Marburg (S. 15 l.) • iKomm (S. 15 r.) • Young-Ae Lee, Max-Delbrück-
Tel.: 01805 - 262 302 Centrum für Molekulare Medizin Berlin-Buch (S. 16, 17 o.) • Alexanderklinik Davos
Fax: 01805 - 262 303 (S. 17 u., 20 l.) • Norma Neuheiser, Umweltforschungszentrum Leipzig (S. 18) • Bundes-
(0,12 Euro/Min. aus dem deutschen Festnetz) amt für Strahlenschutz (S. 18, 33 o. u. m. l., 34, 36 u.) • Shinji Tekanaka, GSF (S. 19) • Joa-
chim Heinrich, GSF (S. 21 o., 43 m.) • Reinhart Feldmann, Umweltforschungszentrum
E-Mail: books@bmbf.bund.de Leipzig (S. 21 u.) • Corbis (S. 22) • Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und
Internet: http://www.bmbf.de Reaktorsicherheit, Foto: H.G. Oed (S. 24 l., 30 Graphik "Umwelt", 49) • KORA, GSF
(S. 24 m.) • Victims of noise pollution, EPA Journal 1979 (S. 26) • Deutsche Lufthansa
Konzeption, Text, Redaktion AG (S. 27 u.) • GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit (S. 28, 29, 30 u., 37
GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit, Neuherberg/München: u., 44 m., 47 m.) • GENICA (S. 30 Graphik o. ohne Bilder, 31 Logo) • HELIOS Klinikum
Holger Kasat, Ulrike Koller, Heinz-Jörg Haury, Michael van den Heuvel Berlin, Foto: Thomas Oberländer (S. 30 Graphik „Lebensstil“) • Gesellschaft für Bio-
Abteilung Öffentlichkeitsarbeit; technologische Forschung (S. 30 Graphik „Arbeitsplatz“, 31 u., 32 Graphik „Test-
Dr. Angela Richter bakterium“ und „Auswertung“) • PhotoDisc Europe (S. 30 Graphik "Andere", 31 l., 32
Projektträger des BMBF für Umwelt- und Klimaforschung Graphik „Testsubstanz“, 44 r.) • Novartis (S. 31 m.) • AMMUG, Universität Mainz (S. 32
Graphik „Messung“ ) • WISMUT GmbH (S. 33 u.l. + u.m.r. + u.r.) • Harald Renz, Klini-
Gestaltung
kum der Philipps-Universität Marburg (S. 35) • NIVEA Sun (S. 36 o.) • Thilo Gambichler,
Harald Unger, München
Klinik für Dermatologie und Allergologie an der Ruhr-Universität Bochum (S. 37 o.) •
Bonn, Berlin 2003 (Nachdruck 2005) Julia Schwaiger, Bayerisches Landesamt für Wasserwirtschaft (S. 38, 40 a-d) • For-
schungszentrum Jülich GmbH (S. 40/41 o.) • Ewald Seliger, Klinik für Geburtshilfe und
Gedruckt auf Recyclingpapier
Reproduktionsmedizin der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (S. 41 u.) •
ECC Kothes Klewes GmbH (S. 44 l.) • Gesellschaft für Umweltschutz des TÜV Nord
mbH (S. 45, 46 o.) • WBA (S. 46 u.) • Umweltforschungszentrum Leipzig (S. 47 r.)
Umwelt & Gesundheit
Beispiele aus der Forschungspraxis
INHALT

UMWELT & GESUNDHEIT –


RISIKEN ERKENNEN, ABSCHÄTZEN, VERMEIDEN .................. 6

ALLERGIE & UMWELT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10


Allergieforschung im Ost-West-Vergleich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12
„Allergie-Impfung“ mit Bakterien-DNA . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13
„Sommersmog“ fördert Allergien und Asthma . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15
Neurodermitis – den genetischen Ursachen auf der Spur . . . . . . . 16

ATEMWEGE & UMWELT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18


Viel Feinstaub schadet Asthmatikern. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20
Europäische Atemwegsstudie ECRHS . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21
Asthma-Bronchitis-Sensor . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21

HERZ & UMWELT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22


Herzbeschwerden liegen in der Luft. . . . . . . . . . . . . . . . . 24
Rasende Herzen durch Lärm . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25

KREBS & UMWELT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28


Kampf gegen Brustkrebs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30
Gentoxische Stoffe frühzeitig erkennen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31
Radon und Lungenkrebs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33
UV-Strahlung und Hautkrebs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35

HORMONE & UMWELT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38


Wirkung und Risiko von Nonylphenolen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40
Umweltchemikalien und die Fruchtbarkeit der Frau. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41

WOHNEN & UMWELT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42


Pyrethroide – wie gesundheitsschädlich sind Insektizide? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44
Emissionen aus Elektrogeräten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45
Allergie-Risiko Innenraum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47

FORSCHUNG FÖRDERN – IN ZUKUNFT NACHHALTIG . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48


UMWELT
RISIKEN
&G ESUNDHEIT
ERKENNEN, ABSCHÄTZEN, VERMEIDEN

Unser Wohlbefinden und unsere Gesundheit werden durch die


Umwelt entscheidend beeinflusst.Wir sehen uns oft unmittelbar
betroffen, da wir uns vielen äußeren Einflüssen nicht oder nur in
begrenztem Umfang entziehen können. Medien berichten häu-
fig über Auswirkungen von Umweltbelastungen durch chemische
Substanzen, Lärm oder Strahlung auf unsere Gesundheit.Von
wissenschaftlicher Seite muss jedoch eingeräumt werden, dass
für eine Beurteilung umweltbedingter Gesundheitsrisiken noch
große Unsicherheiten bestehen. Deshalb unterstützt das Bundes-
ministerium für Bildung und Forschung seit vielen Jahren die
Aktivitäten im Forschungsbereich „Umwelt und Gesundheit“.
Die Broschüre stellt eine Auswahl wichtiger Projekte vor.
ie Bundesregierung sieht den Schutz Arbeiten zahlreicher Forschungszentren und

D und die Erhaltung von Leben und Ge-


sundheit der Menschen als oberste
Verpflichtung jeden staatlichen Handelns an.
Projektgruppen zum Schwerpunktthema „Um-
weltbelastungen und Gesundheit“. Ziel der För-
derung ist es, frühzeitig gesundheitsgefährdende
Sie hat als einer von 29 Mitgliedsstaaten 1989 Umweltfaktoren zu erkennen, Risiken für die
die Europäische Charta „Umwelt und Gesund- Gesundheit des Menschen abzuschätzen sowie
heit“ mitunterzeichnet. Danach hat „jeder Beiträge zur Reduzierung potentiell gesund-
Mensch Anspruch auf eine Umwelt [...], die heitsgefährdender Umweltbelastungen zu erar-
ein höchstmögliches Maß an Gesundheit und beiten. Auch benachbarte Schwerpunkte des
Wohlergehen ermöglicht“. Das Wissen um die Umweltforschungsprogramms, zum Beispiel zur
Wirkungen von Umwelteinflüssen auf die Ge- ökotoxikologischen Forschung, können hierzu
sundheit des Menschen ist darüber hinaus ein wertvolle Beiträge liefern. Diese naturwissen-
wichtiger Baustein für eine nachhaltige Ent- schaftlichen Ansätze werden mit Fragestellun-
wicklung. Zu diesem Leitbild hat sich Deutsch- gen der Umweltmedizin, Soziologie und Öko-
land 1992 auf der UN-Konferenz für Umwelt nomie verknüpft. Das BMBF-Gesundheitspro-
und Entwicklung in Rio de Janeiro zusammen gramm „Forschung für den Menschen“ bietet
mit 178 anderen Nationen bekannt. ebenfalls wichtige Anknüpfungspunkte für um-
Im Umweltforschungsprogramm der Bun- weltbezogene Fragestellungen.
desregierung „Forschung für die Umwelt“ Darüber hinaus widmen sich das Bundes-
finanziert das Bundesministerium für Bildung ministerium für Umwelt, Naturschutz und
und Forschung (BMBF) seit vielen Jahren die Reaktorsicherheit und das Bundesministerium

7
Kapitel U m w e l t & G e s u n d h e i t – R i s i ke n e r ke n n e n , a b s c h ä t ze n , v e r m e i d e n

Europäischen Forschungsraums bei-


tragen. Es enthält Teilaspekte des Be-
reiches „Umwelt und Gesundheit“ in
den thematischen Prioritäten „Biowis-
senschaften, Genomik und Biotechno-
logie im Dienste der Gesundheit“,
„Lebensmittelqualität und -sicherheit“
sowie „Politikorientierte Forschung“.
Die vorliegende Broschüre schil-
dert Wege und Fortschritte bei der
Erforschung gesundheitlicher Belas-
tungen durch die Umwelt. Sie strebt
keinen vollständigen Überblick über
die Vielzahl einschlägiger Forschungs-
aktivitäten in Deutschland an, sondern
möchte einige beispielhafte Projekte
vorstellen, die das BMBF aktuell för-
dert oder in den letzten Jahren geför-
dert hat. Im Vordergrund stehen be-
für Gesundheit und Soziale Sicherung innerhalb deutende Krankheitsbilder unserer Gesellschaft
ihrer Ressortforschungsprogramme bestimm- wie Allergien, Atemwegserkrankungen oder
ten Untersuchungen zu umweltbedingten Er- Krebs sowie besondere Belastungssituationen,
krankungen. Ihre gemeinsame Arbeitsgrundlage denen wir in unserem Wohnbereich ausgesetzt
ist seit 1999 das „Aktionsprogramm Umwelt sind. In vielen der ausgewählten Vorhaben ana-
und Gesundheit“ (APUG). lysieren Wissenschaftler die komplizierten
Die nationalen Fördertätigkeiten werden Wechselwirkungen zwischen genetischen, ver-
ergänzt durch die Europäischen Forschungsrah- haltensgesteuerten und umweltbedingten Fak-
menprogramme. Im Forschungsbereich „Um- toren. Dieses Zusammenspiel wird bislang erst
welt und Gesundheit“ konzentrierte sich das teilweise verstanden und lässt nur selten siche-
5. Rahmenprogramm (1998-2002) auf die Fel- re Aussagen zur Gesundheitsgefährdung zu.
der „Erforschung umweltbedingter Gesund- Im Sinne des Schutzes der öffentlichen
heitsstörungen und Allergien“ und „Entwicklung Gesundheit ist die Politik – trotz der beschrie-
neuer Verfahren zur Diagnose und Risikoab- benen Schwierigkeiten – verpflichtet, mit Hilfe
schätzung“. Durch Bündelung der europäischen transparenter Verfahren präventiv ausgerichtete
Forschungsanstrengungen und -kapazitäten soll Belastungsgrenzen festzulegen und diese an
das 6. Rahmenprogramm der EU (2002-2006) den fortschreitenden Kenntnisstand anzu-
vorrangig zur Integration und Stärkung des passen.

Kontakt
• Bundesministerium für Bildung und • Aktionsprogramm Umwelt und Gesundheit (APUG)
Forschung (BMBF) www.apug.de
www.bmbf.de • Koordinierungsstelle EG der Wissenschaftsorganisa-
• Bundesministerium für Gesundheit und tionen, Informationen zum 6. Rahmenprogramm
Soziale Sicherung www.kowi.de/rp6
www.bmgesundheit.de • EU-Büro des BMBF für das 6. Rahmenprogramm
• Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz www.eubuero.de/6rp
und Reaktorsicherheit
www.bmu.de

8
Gesundheitsrisiken erkennen – das Handwerkszeug

Umweltepidemiologie

Die Epidemiologie untersucht die Vertei- analysieren, wobei letztere durch medizi-
lung von Krankheiten sowie die Krank- nische Untersuchungen und Befragungen
heitsfolgen in der Bevölkerung. Ihr Ziel erfasst werden.
ist es, Ursachen für Erkrankungen festzu- Die Aussagekraft umweltepidemiologi-
stellen, spezifische Risikogruppen zu iden- scher Studien wird dadurch erschwert,
tifizieren sowie Behandlungs- und Vermei- dass zumeist viele Faktoren gleichzeitig
dungsstrategien zu entwickeln. Entspre- auf uns einwirken und komplexe Krank-
chend geht es in der umweltepidemiolo- heitsverläufe verursachen. Um Gesund-
gischen Forschung um die Einflüsse von heitsrisiken dennoch abschätzen zu kön-
Umweltfaktoren auf die menschliche nen, benötigen solche Studien oft längere
Gesundheit. Zu diesen zählen beispiels- Untersuchungszeiträume und große Teil-
weise Schadstoffe der Luft, des Bodens nehmerzahlen.
und des Wassers, im
Umweltepidemiologen führen
weiteren Sinne aber Untersuchungen in der Bevöl-
auch Faktoren unseres kerung durch. Ihre Erkennt-
persönlichen Verhaltens nisse beruhen auf Befunden
an Menschen, die bestimmten
wie Ernährung, Bewe- Umwelteinflüssen unter-
gung oder Nikotinkon- schiedlich stark ausgesetzt
sum. Es gilt, Zusammen- sind. Dies ermöglicht es den
hänge zwischen Exposi- Forschern, Zusammenhänge
zwischen Exposition und
tion und Erkrankungen Gesundheitsrisiko direkt zu
oder Symptomen zu erkennen.

Umwelttoxikologie
Mögliche toxische Wirkungen
von Chemikalien werden in
vitro und in vivo untersucht.
Bei der Übertragung der
Ergebnisse auf Bevölkerungs-
gruppen (Extrapolation) muss
eine Vielzahl wichtiger Infor-
Extrapolation mationen über z.B. Aufnah-
mepfade, Wirkungsmechanis-
men oder die tatsächliche
Exposition in der Umwelt
berücksichtigt werden.

Aufgabe der Umwelttoxikologie ist es, hung zwischen Exposition und Wirkung.
vermutete Zusammenhänge zwischen Ausgehend von den Labor-Ergebnissen
Umweltfaktor und Erkrankung mit Hilfe wird sorgfältig auf die realen Expositions-
von Laborexperimenten an Tieren oder verhältnisse menschlicher Organismen
Zellkulturen zu überprüfen. Dabei analy- geschlossen und eine Beurteilung des
sieren Forscher die zugrundeliegenden umweltbedingten Gesundheitsrisikos
Wirkungsmechanismen und die Bezie- vorgenommen.

9
Fliederpollen

ALLERGIE
&U MWELT

Die Zahl der Allergiker steigt seit Jahrzehnten vor allem in


den westlichen Industrienationen. In Deutschland ist schät-
zungsweise bereits jeder Dritte an Asthma, Heuschnupfen
oder Neurodermitis erkrankt oder gegenüber Allergenen
sensibilisiert.Woran liegt es, dass uns zunehmend häufiger
Erkrankungen plagen, von denen unsere Großeltern kaum
etwas zu wissen schienen? Welche Rolle spielen dabei die
Faktoren Umwelt, Gene und Lebensstil?
ange Zeit galt die schlechte Qualität

L der Luft als Hauptfaktor für die Zu-


nahme umweltbedingter Gesund-
heitsschäden. „Allergien nehmen zu, weil
unsere Umwelt immer stärker durch
Schadstoffe belastet wird“, glaubten viele
zu wissen. Langjährige Messreihen des
Hypothesen zur Erklärung der Allergiezunahme Umweltbundesamtes und der Länder
zeigen aber einen deutlichen Rückgang
vieler Schadstoffkonzentrationen der Luft
Innenraum-
Schadstoffe seit Anfang der 70er-Jahre. Dagegen hat
Außenluft-
die Häufigkeit bestimmter allergischer
Arbeitsplatz
Schadstoffe Erkrankungen wie Asthma, Heuschnupfen
und Neurodermitis in den letzten Jahr-
neuartige zehnten zugenommen. Diese Entwicklung
Umwelt Nahrungsmittel ist insbesondere für Heuschnupfen gut
Disposition
belegt. So ergaben Gesundheitssurveys
für Westdeutschland, dass 1985 jede
Genom Lebensstil Auslands-
reisen zehnte, 1991 bereits jede sechste Person
genetische
im Alter zwischen 25 und 69 Jahren Heu-
Veränderung schnupfen hatte. Auch international be-
Haustiere obachtet man eine starke, ungebrochene
Soziales Psyche Zunahme von Allergie-Erkrankungen.
Die ursächlichen Faktoren für diese
Hygiene Problem-
Entwicklung sind nach wie vor unklar. Es
bewusstsein liegen eine Reihe von Hypothesen vor,
ältere bessere
die noch experimentell überprüft werden
Mütter Diagnostik müssen. Die Allergieforschung diskutiert
Stress gegenwärtig neben genetischen Ursachen
vor allem anthropogene und natürliche
Umwelteinflüsse in Verbindung mit verän-
Faktoren, die man als mögliche Ursache für die Zunahme von Allergieer- derten Lebensstilfaktoren in industriali-
krankungen in den westlichen Industrienationen diskutiert. Es handelt sich sierten Ländern. Das komplexe Zusam-
um Hypothesen, die bisher nur teilweise durch Experimente oder andere
Daten belegt werden konnten. Auch eine Gewichtung der einzelnen Fak- menspiel dieser Faktoren zu verstehen,
toren ist derzeit noch nicht möglich. ist Ziel laufender Forschungsprojekte.

+ Wenn das Immunsystem verrückt spielt


Von Geburt an sind wir mit Fremdstoffen aus der
Umwelt konfrontiert. Unser Immunsystem lernt da-
bei, Krankheitserreger abzuwehren und harmlose
Stoffe zu tolerieren. Ist dieser Reifungsprozess ge-
stört, wird auch gegen einen an sich ungefährlichen
Stoff eine Immunabwehr mobilisiert. Dabei bilden
sich spezifische Antikörper, die den Organismus sen-
sibilisieren. Ein erneuter Kontakt mit dem Allergen
löst dann über eine Kettenreaktion charakteristi-
sche Allergie-Beschwerden aus. Nach vorsichtigen
gene, die zum Beispiel aus den Pollen von Bäumen und
Gräsern, den Ausscheidungen von Hausstaubmilben, aus
Tierhaaren oder Schimmelpilzen stammen können.
Allergien betreffen in der Regel unsere Kontaktflächen
zur Umwelt wie Atemwege und Haut. Häufige Krank-
heitsbilder sind Asthma bronchiale, Heuschnupfen,
Nesselsucht oder Neurodermitis. Die typische „Karriere“
eines Allergikers beginnt in der Regel im ersten Lebens-
jahr mit einer Nahrungsmittel-Unverträglichkeit gegen
Kuhmilch und Ei, gefolgt von Haut-Allergien, welche mit
zunehmendem Alter von Allergien an den Atemwegen
Schätzungen kennt man heute etwa 20.000 Aller- abgelöst werden.

11
Kapitel Allergie & Umwelt

Allergieforschung im Ost-West-Vergleich
er Rolle von Luftschadstoffen wie Schweb- Im Verlauf der Ost-West-Studien geriet immer

D staub, Schwefeldioxid, Stickoxide oder


Ozon bei der Allergieentstehung sind Wis-
senschaftler in den 90er-Jahren in unterschiedlich
mehr der so genannte "westliche" Lebensstil in Ver-
dacht, für die Zunahme von Allergie-Erkrankungen
verantwortlich zu sein. Die Epidemiologen widme-
belasteten Regionen Ost- und Westdeutschlands ten sich daher stärker den gesundheitlichen Auswir-
nachgegangen. Mehrjährige epidemiologische Ver- kungen unserer Wohnverhältnisse. Sie nahmen
Zum west-
lichen Lebens-
stil gehört der
zunehmende
Verzehr exo-
tischer Früch-
te. Sie enthal-
ten möglicher-
weise allergie-
auslösende
Nahrungsbe-
standteile.

Wohnungen in Erfurt und Hamburg unter


die Lupe und fahndeten unter anderem
nach Hausstaub- und Tierhaar-Aller-
genen.Wieder waren es die West-
deutschen, bei denen mehr Aller-
gien auftraten.Vieles deutete darauf
hin, dass dies eine Folge der im Wes-
Katzenhaar-Allergene werden in der ten weiter verbreiteten Haustier-
Speicheldrüse der Katze produziert. Erst haltung und Verwendung von Teppich-
bei der „Katzenwäsche“ kontaminiert Hausstaubmilbe
sie ihr Fell. Katzenhaare verbreiten sich
böden war. Auf Teppichböden sammeln
extrem weit (u.a. über das Schuhwerk) sich in der Regel große Mengen unserer
und können sogar in Haushalten ohne Hautschuppen – die Hauptnahrungsquelle der
Katzenhaltung nachgewiesen werden.
Hausstaubmilben. Ihre Ausscheidungen bzw. be-
stimmte in den winzigen Kotbällchen enthaltene
gleichsstudien zum Beispiel zwischen Erfurt und Eiweiße sind es, die eine Hausstauballergie verur-
Hamburg ergaben schließlich, dass Allergien nicht sachen können.
etwa im von Luftverschmutzung weit stärker be- Auch ein zu geringer "Trainingseffekt" des kind-
troffenen Osten häufiger waren, sondern im Wes- lichen Immunsystems wird im Zusammenhang mit
ten. Die Gleichung "mehr Luftverschmutzung = der Zunahme von Allergien diskutiert. Denn der
mehr Allergien" schien offenbar zu einfach. frühe Kontakt mit Keimen scheint unsere Körper-

Kontakt
• GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesund- • IUF – Institut für Umweltmedizinische Forschung
heit, Institut für Epidemiologie Düsseldorf
www.gsf.de/epi www.iuf.uni-duesseldorf.de
• Dr. von Haunersches Kinderspital der Universität
München
http://hauner.klinikum.uni-muenchen.de

12
Epidemiologen vermuten, dass der frühe Kontakt mit ande-
ren Kindern und die damit verbundenen Infektionshäufigkei-
ten das Immunsystem besser vor allergischen Erkrankungen
schützen. Dafür sprechen auch Beobachtungen, dass mit zu-
nehmender Geschwisterzahl das Risiko, später eine Allergie
zu entwickeln, abnimmt.

abwehr zu stärken. Das untermauern zum Beispiel


epidemiologische Studien bei ostdeutschen Kindern
aus den Jahren 1992/93. Damals wurden über 2.000
Kinder im Alter zwischen 5 und 14 Jahren in den
Regionen Bitterfeld/Wolfen, Hettstedt und Zerbst
in Sachsen-Anhalt untersucht. Für Einzelkinder fand
man schließlich einen starken Zusammenhang zwi-
schen dem Eintrittsalter in die Krippe und der Ent-
wicklung von Allergien. Kinder, die früh (bis zum
Alter von sechs Monaten) eine Krippe besuchten,
hatten in der Regel häufig mit Erkältungen zu kämp-
fen, doch entwickelten sie später deutlich seltener
Allergien, als Kinder, die erst mit einem oder zwei
Jahren eine Krippe besuchten. Für Kinder mit Ge-
schwistern ließ sich dieser Zusammenhang jedoch
nicht belegen.Vieles spricht dafür, dass mit frühzei-
tigem Kontakt zu Spielgefährten (auch der eigenen
Geschwister) und der damit verbundenen Übertra-
gungshäufigkeit von Infektionskrankheiten die Wahr-
scheinlichkeit, eine Allergie zu bekommen, abnimmt.

„Allergie-Impfung“ mit Bakterien-DNA


iele epidemiologische Untersuchungen der Kommt ein Kind auf die Welt, dann ist sein Ab-

V letzten Jahre haben deutlich gemacht, dass


nicht nur anthropogene Umweltsubstanzen,
sondern auch natürliche Stoffe mikrobieller Her-
wehrsystem noch nicht vollständig aufgebaut. Es
fehlt ein bestimmter Typ weißer Blutkörperchen, die
so genannten T-Helferzellen vom Typ1. Sie werden
kunft eine wichtige Rolle bei der Allergieentstehung in den ersten Lebensmonaten gebildet, wobei Infek-
spielen. In den letzten Jahren entwickelten Forscher te, die Ernährung und die Besiedelung des Darms
aus dieser Erkenntnis heraus die so genannte Hy- mit Bakterien eine wichtige Rolle spielen.TH1-Zel-
gienehypothese. Sie besagt, dass ein Mangel an infek- len produzieren bei Allergenkontakt unter anderem
tiösen und mikrobiellen Reizen die Zunahme von den Botenstoff Interferon und sorgen damit für ei-
allergischen Erkrankungen wie Asthma fördert. Ist nen Schutz gegenüber Fremdstoffen wie Bakterien
es also umgekehrt möglich, eine Therapie zu ent- und Viren (TH1-Antwort). Bei allergischen Personen
wickeln, indem man Allergie-Patienten gezielt mit sind hingegen verstärkt T-Helferzellen eines anderen
Bakterien impft? Dies ist tatsächlich ein vielverspre- Typs, die TH2-Zellen, aktiv. Sie geben bevorzugt Sig-
chender Ansatz, den unter anderem die Klinische nalstoffe ab, welche die Produktion des Antikörpers
Forschergruppe „Molekulare und klinische Aller- Immunglobulin E unterstützen und schließlich aller-
gotoxikologie“ an der Technischen Universität gische Entzündungsreaktionen hervorrufen (TH2-
München seit 1998 erfolgreich verfolgt. Antwort). Da man bei gesunden Menschen ein

13
Kapitel Allergie & Umwelt

Einen ähnlichen Weg beschreitet die Klinische


Forschergruppe der Technischen Universität Mün-
chen. Sie versucht, das Gleichgewicht über eine
Stärkung der TH1-Antwort wiederherzustellen.
Hierbei nutzen die Wissenschaftler eine Gruppe
von Rezeptoren auf menschlichen Immunzellen, die
für die Erkennung von Mikroorganismen verant-
wortlich sind. Diese erkennen DNA-Bruchstücke,
die speziell nur im Reich der Bakterien zu finden
sind. Durch die gleichzeitige Gabe von Bakterien-
DNA und allergieauslösenden Substanzen konnte
bei Mäusen eine Rückbildung der spezifischen Ant-
wort durch Immunglobulin E sowie eine Umkehr in
eine TH1-Antwort erzielt werden. Die unter Asth-
Der Kontakt mit Mikroorganismen kann das frühkindliche ma leidenden Versuchstiere wiesen nach der Be-
Immunsystem stärken. Forscher versuchen deshalb, einen handlung keine typischen bronchialen Entzündungen
Bakterien-Impfstoff gegen Allergien zu entwickeln.
mehr auf. Auch in den ersten klinischen Studien am
Menschen sehen die Ergebnisse vielversprechend
Gleichgewicht zwischen den beiden T-Helferzell- aus. Hier ist in den nächsten Jahren ein Durchbruch
typen beobachtet, versuchen viele Therapieansätze, im Bereich der spezifischen Allergie-Immuntherapie,
den verhängnisvollen Überschuss von TH2-Zellen die laut WHO auch als Allergie-Impfung bezeichnet
zu unterbinden. wird, zu erwarten.

3 μm

(a) Menschliche dendri-


tische Zellen, die aus
monozytären Vorläufern
a im peripheren Blut a b
gezüchtet wurden.
(b) Eine dendritische Menschliche dendritische Zellen (Immunzellen). Trifft eine
Zelle (braun) präpariert frisch isolierte Zelle (a) auf bakterielle DNA-Moleküle
T-Helferzellen (grün) (hier: kurze synthetische DNA-Oligodinukleotide) wird sie
für die Immunabwehr. aktiviert, bildet Zellfortsätze aus (b) und produziert Signal-
stoffe, die einer allergischen Reaktionslage entgegenwirken.
Quelle: Bauer et al. 2001, J. Immunol. 166: 5000

Kontakt
Klinische Forschergruppe Allergien“ an der Technischen Universität München,
„Molekulare Mechanismen der Wirkung von Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie
anthropogenen und natürlichen Umweltfaktoren am Biederstein:
auf Entstehung, Auslösung und Unterhaltung von www.derma-allergie.med.tu-muenchen.de/klinik.html

14
„Sommersmog“ fördert Allergien und Asthma
chätzungsweise 10 bis 15 Prozent der deut- Tage mit Überschreitungen des Ozon-Alarmwertes

S schen Bevölkerung reagieren besonders emp-


findlich auf das Reizgas Ozon – Hauptbestand-
(240 μg/m3) in Deutschland von 1980 bis 2000

Tage

Umweltbundesamt, Daten zur Umwelt, 2000


teil des „Sommersmogs“. Mögliche, dosisabhängige
30
Wirkungen von Ozon auf Menschen betreffen
hauptsächlich das Geruchsempfinden, die Leistungs- 25
fähigkeit und die Lungenfunktion. Effekte sind um 20
so eher zu erwarten, je mehr Luft pro Minute ein- 15
und ausgeatmet wird. Dieses so genannte Atem- 10
minutenvolumen erhöht sich beispielsweise durch 5
körperliche Aktivitäten.Wer sich während „Sommer-
0

Quelle:
smog“-Episoden bei Spiel, Sport oder Arbeit im Frei- 80 81 82 83 84 85 86 87 88 89 90 91 92 93 94 95 96 97 98 99 00
en häufig länger körperlich anstrengt, kann somit Jahr
gesundheitlich beeinträchtigt werden.
Seit Beginn der 90er-Jahre verzeichnen die bundesweit 362 Messstellen
einen Rückgang der Ozon-Belastung in Deutschland. Besonders die ge-
messenen Spitzenwerte eines jeden Messjahres weisen einen abnehmen-
den Trend auf. So traten Überschreitungen des in der EU gültigen Alarm-
wertes von 240 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft in den letzten Jahren
selten auf. Auch aktuell im Sommer 2002 wurde dieser Schwellenwert
nicht überschritten.

Gut untersucht sind die Gesundheitswirkungen


kurzzeitiger Belastungen mit hohen Ozon-Konzen-
trationen. Beispielsweise konnte für Schulkinder
und Erwachsene gezeigt werden, dass sich ihre Lun-
genfunktion nach mehrstündiger körperlicher An-
strengung bei einer Ozonkonzentration von 160
bis 300 Mikrogramm Ozon pro Kubikmeter Luft
verschlechtert. Diese funktionellen Veränderungen
normalisieren sich im Laufe von ein bis drei Stun-
den nach Expositionsende weitgehend.

Intensive Sonne ermüdet im Freien spielende Kinder schnell.


Auch das sich bei strahlendem Sonnenschein bildende boden-
nahe Ozon kann sich unter Umständen auf die Leistungs-
fähigkeit und auf die Lungenfunktion negativ auswirken.

+
„Sommersmog“
Das Kunstwort Smog setzt sich aus den beiden engli-
schen Begriffen „smoke“ (= Rauch) und „fog“ (= Nebel)
zusammen. Smog kann bei austauscharmen Wetterlagen
(Inversion) entstehen, wenn in Bodennähe produzierte
Schadstoffe nicht mehr in höhere Luftschichten auswei-
chen können. Gerade in den Sommermonaten reagieren
die bodennah angereicherten Stickoxide, flüchtige organi-
Emissionen des morgendlichen Berufsverkehrs
treffen im Laufe des Tages auf die UV-Strahlung
der Sonne. Ab Mittag werden in der Regel die
höchsten Ozonwerte erreicht.

sche Verbindungen und Luftsauerstoff unter Einfluss des


Sonnenlichtes zu Ozon. Besonders hohe Ozonwerte wer-
den bei direkter Sonneneinstrahlung während einer län-
geren Schönwetterperiode gemessen.

15
Kapitel Allergie & Umwelt

In Deutschland weist die bodennahe Ozonbe- Forscher ihre Mäuse vier Wochen lang dreimal
lastung seit den 90er-Jahren einen abnehmenden wöchentlich jeweils über vier Stunden verschiede-
Trend auf – vor allem hinsichtlich der gemessenen nen „Sommersmog“-Situationen aus. Bei den vorbe-
Spitzenwerte. In den Mittelpunkt des Forschungs- lasteten Tieren (Mäusen mit hoher Allergieneigung)
interesses rücken daher Gesundheitsgefahren, die genügten schon geringe Mengen eines Allergens
möglicherweise von lang anhaltenden mittelgradigen (Pollen, Exkremente von Hausstaubmilben), um eine
Ozon-Konzentrationen ausgehen könnten. Diesen allergische Reaktion auszulösen: Ab einer Ozon-
Überlegungen gingen Wissenschaftler der Univer- Konzentration von 180 Mikrogramm pro Kubik-
sitätsklinik Marburg seit 1996 anhand toxikologi- meter Luft zeigten die Mäuse eine erhöhte Allergie-
scher Experimente nach. Sie konnten nun am Tier- und Asthma-Entwicklung. Diese Reaktionen wurden
modell zeigen, dass unter bestimmten Ozon-Bedin- sogar bei Tierstämmen beobachtet, die vorher eine
gungen die Neigung, Allergien und Asthma zu ent- niedrige oder keine Allergieneigung zeigten.
wickeln, dramatisch zunimmt. Dabei setzten die Die Marburger Forscher halten ihre Resultate
für besorgniserregend und befürchten, dass eine
lang anhaltende mittelgradige Ozonbelastung, wie
Kontakt sie vor allem in industriellen Ballungszentren auf-
Abteilung für Klinische Chemie und Molekulare treten kann, ein wichtiger allergiefördernder Faktor
Diagnostik, sein könnte. Doch inwieweit diese Ergebnisse aus
Klinikum der Philipps-Universität Marburg, Tierversuchen tatsächlich auf den Menschen und
www.med.uni-marburg.de/stpg/ukm/lb/zentrallabor auf konkrete Belastungssituationen übertragbar
sind, muss noch geprüft werden.

Neurodermitis –
den genetischen Ursachen auf der Spur
eurodermitis gehört zusammen mit Asth-

N ma und Heuschnupfen zu den Krankheits-


bildern, die auf einer erblich bedingten
Überempfindlichkeit des Immunsystems beruhen.
Neurodermitis beginnt meist schon im
frühen Kindesalter mit Ekzemen in Ge-
lenkbeugen und am Gesäß. Später kön-
Die entzündliche Hauterkrankung ist mit quälen- nen sich auch Gesicht, Hals, Nacken,
dem Juckreiz verbunden und tritt über mehrere Schultern und Brust entzünden.
Jahre meist schubweise auf. Häufig sind bereits
Säuglinge und Kleinkinder betroffen. In Deutschland Krankheitsentstehung auf bis zu 70 Prozent. Es wird
leiden mehr als zehn Prozent aller Kinder an Neu- angenommen, dass mehrere Gene mit jeweils unter-
rodermitis. Diese Kinder tragen sogar ein deutlich schiedlich großem Effekt zusammen mit äußeren
erhöhtes Risiko, in späteren Jahren zusätzlich an Faktoren zur Krankheitsentstehung und -ausprä-
Heuschnupfen oder Asthma zu erkranken. gung beitragen.
Die rasante Zunahme von allergischen Erkran- Wissenschaftler des Max-Delbrück-Centrums
kungen in den letzten Jahrzehnten macht deutlich, für Molekulare Medizin (MDC) Berlin-Buch und der
dass unter anderem Einflüsse aus der Umwelt oder Charité-Kinderklinik der Humboldt-Universität zu
auch der eigene Lebensstil bei der Entwicklung von Berlin versuchen, gemeinsam mit Forscherkollegen
Allergien eine große Rolle spielen. Dennoch ist eine aus Italien, Schweden und den Niederlanden die
genetische Veranlagung von entscheidender Bedeu- genetischen Einflussgrößen bei der Entstehung der
tung: Aufgrund von Familien- und Zwillingsstudien Neurodermitis aufzuklären. Sie durchmusterten drei
schätzt man den Einfluss von Erbanlagen bei der Jahre lang die Genregionen von fast 200 Familien

16
Das menschliche Genom mit seinen paarweise angeordne- mit jeweils mindestens zwei an Neurodermitis er-
ten Chromosomen 1 bis 22 und den beiden Geschlechts- krankten Kindern. Die Suche war erfolgreich. Die
chromosomen. Genetische Marker (rote Pfeile) kennzeich-
nen einen bestimmten Abschnitt eines Chromosoms. Auf je- Allergie-Forscher konnten erstmals eine Region
dem Chromosom wurden in gleichmäßigen Abständen sol- unseres Erbguts identifizieren, die ein Krankheits-
che Marker untersucht, um herauszufinden, welche chromo- gen der Neurodermitis enthält. Es zeigte sich, dass
somalen Abschnitte mit der Neurodermitis vererbt werden.
Die genomweite Untersuchung umfasste rund 400 Marker.
die Hautkrankheit besonders häufig mit einem be-
stimmten Abschnitt des Chromosoms 3 vererbt
wird, vor allem wenn dieser Abschnitt von der Mut-
ter stammt. Nun geht es darum, dieses Gen zu
identifizieren, um in Zukunft gezielte Therapien ent-
wickeln zu können. Durch die Erforschung der ge-
netischen Ursachen der Neurodermitis erhoffen
sich die Wissenschaftler auch Erkenntnisse über die
Zusammenhänge mit anderen Allergie-Erkrankungen
wie Asthma und Heuschnupfen.

Kontakt
a b Forschergruppe Molekulare Pädiatrie,
Max-Delbrück-Centrum für Molekulare
Die Ursachen der Neurodermitis sind noch nicht ausrei-
chend bekannt. Ziel genetischer Untersuchungen ist es, die
Medizin (MDC) Berlin-Buch und
molekularen Mechanismen zu verstehen, die zu derartigen Charité-Kinderklinik der Humboldt-
erblich bedingten Überempfindlichkeiten führen. Noch be- Universität zu Berlin,
schränken sich die Behandlungsmethoden auf eine Unter- www.mdc-berlin.de
drückung der Hautentzündungen. Die Bilder zeigen einen
Allergie-Patienten vor (a) und nach (b) einer mehrwöchigen
Klimatherapie im Hochgebirge.

17
ATEMWEGE
&U MWELT

Die Lunge des Menschen hat über eine Fläche von etwa
140 Quadratmetern unmittelbar mit der Umgebungsluft
Kontakt und gilt daher als das zentrale "Umweltorgan"
schlechthin. Auf die Frage, welche Krankheiten wohl in
Zusammenhang mit Luftschadstoffen stehen könnten,
werden Atemwegserkrankungen am häufigsten genannt.
Viele epidemiologische Studien können das inzwischen
belegen.
eit 1991 führen Umweltepidemiologen des

S GSF-Forschungszentrums für Umwelt und


Gesundheit in den neuen und alten Bundeslän-
Größen typischer Partikel in der Außenluft

Dunst Nebel Sprühnebel

Gesundheitliche Wirkungen von Feinstaub, 2002


dern Studien mit Kindern und Erwachsenen durch.
Sie haben Regionen mit unterschiedlichen Luftbelas- Öl-Rauch Straßenstaub
tungen verglichen und eindeutige Zusammenhänge Ruß Flugasche
zwischen Luftschadstoffen und Atemwegssympto- Zementstaub
men gefunden. Nach dem gegenwärtigen Stand der

Quelle: Wichmann et al.,


Viren Bakterien
Forschung ist es besonders der lungengängige Fein-
staub der Luft, der den Gesundheitszustand von ultrafeine und feine Stäube
Patienten mit Atemwegserkrankungen und Herz-
PM0,1 PM2,5 PM10
Kreislauf-Beschwerden verschlechtern kann.
0,01 0,1 1 10 100
Makrophage einer Ratte Durchmesser in Mikrometer (millionstel Meter)
bei der Aufnahme ultrafei-
ner Staubpartikel. Solche Staub ist nicht gleich Staub. Wissenschaftler unterteilen die
„Fresszellen“ befreien partikelförmige Materie (PM) in mehrere Größenklassen:
auch unsere Atmungsor- den inhalierbaren Schwebstaub, dessen Teilchen kleiner als
gane von eingedrungenen 10 Mikrometer sind (PM10), den lungengängigen Schweb-
Mikroorganismen und staub oder Feinstaub, deren Größe unter 2,5 Mikrometer
Fremdkörpern. liegt (PM2,5) sowie die ultrafeinen Partikel, die kleiner als
10 μm
0,1 Mikrometer sind.

In Deutschland haben sich Größe und Zusam- Partikelzusammensetzung


mensetzung der Luftpartikel in den letzten Jahr- der Luft von 1991 bis 1999 in Erfurt
zehnten stark verändert: Dank neuer Feuerungs-
techniken in den Haushalten und Stilllegungen von Durchmesser in Mikrometer
0,01 - 0,03 0,03 - 0,05
Industrieanlagen in den neuen Bundesländern sank 80

Gesundheitliche Wirkungen von Feinstaub, 2002


0,05 - 0,1 0,1 - 0,5
die Emission grober Staubpartikel von 1990 bis
Anzahlkonzentration in %

70
1999 um nahezu 1,6 Millionen Tonnen (86 Prozent). 60
Zugenommen hat hingegen der Anteil feiner und
50
ultrafeiner Partikel, die tief in die Lunge eindringen
40
können. Sie entstehen beispielsweise bei Verbren-
Quelle: Wichmann et al.,

nungsprozessen in Automotoren, in geringem Maße 30


durch Hausbrand und industrielle Quellen. Dabei 20
kommt den kleinsten Staubteilchen von weniger als 10
0,1 Mikrometer Durchmesser eine besondere Be- 0
Winter Winter Winter Winter Winter
deutung zu. In Messungen zur Luftverschmutzung 91/92 95/96 96/97 97/98 98/99
wurden diese Ultrafeinstäube bisher nicht berück-
sichtigt, da sie insgesamt nur sehr wenig zur atmos- Anteil verschiedener Größenklassen an den Gesamtpartikel-
phärischen Massenbelastung beitragen. Hieraus zahlen der Winter 1991/92 bis 1998/99 in Erfurt. Die Anzahl-
konzentration ultrafeiner Partikel mit einem Durchmesser
ergeben sich weitreichende Konsequenzen für die unter 0,03 Mikrometer steigt kontinuierlich auf 71 Prozent
Immissionsüberwachung und für den wirkungsvollen der Gesamtkonzentration. Diese liegt seit Winter 1995/96 in
Schutz der Bevölkerung. etwa stabil bei 14.000–20.000 Partikel pro Kubikmeter Luft.

+ Staub – Je kleiner desto gemeiner


Fallen die Sonnenstrahlen günstig ins Zimmer,
können wir sie ohne Mühe erkennen: Abermillionen
schwebende Staubkörnchen – so klein, dass sie von
der Luft getragen werden. Doch gibt es noch vielfach
kleinere Partikel – so winzig wie Viren oder Bakte-
rien, die für uns unsichtbar sind. Einmal eingeatmet,
gelangen diese Feinstäube in die kleinsten Verästelungen
unserer Lunge. Man weiß inzwischen, dass die Größe
der eindringenden Partikel entscheidend ist. Je feiner,
desto tiefer können sie in den Atemtrakt eindringen. An
ihnen haften organische und anorganische Schadstoffe,
die somit gleichfalls in tiefere Lungenabschnitte gelangen.

19
Kapitel A t e m w e ge & U m w e l t

Viel Feinstaub schadet Asthmatikern


ei Asthmapatienten und anderen Risikogrup- keln mit einem Durchmesser zwischen 0,1 und 0,5

B pen entscheidet die Beschaffenheit der Luft-


partikel über eine Verschlechterung ihrer
Lungenfunktion. Zu diesem Ergebnis kamen Epide-
Mikrometer dominiert (82 Prozent). Ein Vergleich
zwischen den Auswirkungen der feinen mit denen
der ultrafeinen Partikel zeigte, dass die ultrafeinen
miologen des GSF-Forschungszentrums für Umwelt Partikel doppelt so starke Wirkungen auf die Lunge
und Gesundheit nach einer Untersuchung im Win- ausübten, wenn vergleichbare Expositionen der
ter 1991/1992 in Erfurt. Sie ließen 27 erwachsene Patienten vorlagen.
Asthma-Patienten über sechs Monate dreimal täg- In einer anderen Erfurter Studie von Oktober
lich das maximale Atemstoßvolumen bestimmen 1996 bis März 1997 wurde die Verwendung von
und ihre Atemwegssymptome notieren. Die statis- Asthma-Medikamenten in Abhängigkeit von der
tischen Analysen der Daten ergaben, dass ein Abfall Konzentration feiner und ultrafeiner Partikel in
der Lungenfunktion, häufigeres Husten und eine der Luft untersucht. Die Daten der 58 erwachsenen
Verschlechterung des allgemeinen Befindens dann Patienten weisen darauf hin, dass Asthmatiker wäh-
auftraten, wenn die Partikelkonzentration in der rend und nach erhöhten Partikelkonzentrationen
Umgebungsluft über mehrere Tage erhöht war. mehr Medikamente wie Corticosteroide und Bron-
Interessante Zusammenhänge erbrachte außer- chodilatoren benötigen.
dem die differenzierte Betrachtung der einzelnen Die aktuellen Ergebnisse über Gesundheitswir-
Partikelfraktionen. Die meisten der gezählten Parti- kungen durch feine und ultrafeine Partikel machen
kel in Erfurt waren ultrafein (73 Prozent), also klei- deutlich, dass diese Umweltschadstoffe ein Risiko
ner als 0,1 Mikrometer im Durchmesser. Die Masse bergen, dem noch weiter auf den Grund gegangen
der feinen Partikel wurde hingegen von jenen Parti- werden muss.

In den Industrie-
Lungenfunktions- ländern leidet
tests helfen, heute bereits
Atemwegspro- jedes zehnte
bleme wie Asthma Kind an Asthma
zu diagnostizieren bronchiale

+ Asthma
Asthma ist eine in Anfällen auftretende Atemnot, ver-
ursacht durch Entzündungen und Schwellungen der
Bronchialschleimhaut mit einhergehender Verengung
der Atemwege. Bei Asthma besteht eine erhöhte Emp-
findlichkeit der Atemwege auf eine Vielzahl von Reizen.
Seit einigen Jahren wird in den Industrieländern eine
deutliche Zunahme der Erkrankungsfälle beobachtet.
Jeder zwanzigste Erwachsene und jedes zehnte Kind
leidet an Asthma. Sie ist inzwischen die häufigste chro-
Kontakt
GSF-Forschungszentrum für Umwelt und
Gesundheit, Institut für Epidemiologie
www.gsf.de/epi

für die Ausprägung von Asthma eine sehr große


Rolle spielen. Etwa 50 Prozent der Asthma-Fälle
nische Krankheit im Kindesalter. sind genetisch bedingt. Bei mehr als der Hälfte
Die Ursachen von Asthma sind komplex. Durch neuere der kindlichen Asthmatiker besteht eine allergische
Untersuchungen weiß man, dass genetische Ursachen Sensibilisierung.

20
Europäische Atemwegsstudie ECRHS
auptziel des seit 1991 laufenden Großpro- schadstoffdaten der letzten 10 Jahre ein.

H jektes „European Community Respiratory


Health Survey“ (ECRHS) ist die Erfor-
schung der Einflussfaktoren auf das Neuauftreten,
Darüber hinaus werden ein Jahr lang Feinstaub-
messungen durchgeführt. Denn gerade der lungen-
gängige Feinstaub mit weniger als 2,5 Mikrometer
den Verlauf sowie die Prognose von Atemwegser- großen Partikeln steht heute im Zentrum der Dis-
krankungen, insbesondere von Asthma. In der An- kussion über die gesundheitliche Relevanz der Luft-
fang 2000 gestarteten Phase werden in 20 Euro- verschmutzung. Zum ersten Mal werden in so vielen
päischen Zentren jeweils nahezu 300 Erwachsene Europäischen Zentren gleichzeitig und unter Ver-
zwischen 30 und 54 Jahren erneut untersucht. wendung einheitlicher Methoden derartige Fein-
Deutschland ist mit Zentren in Erfurt und Hamburg staub-Konzentrationen ermittelt.
vertreten.
Die Erhebung berücksichtigt unter anderem die
Einflüsse von Umweltfaktoren auf den Krankheits-
verlauf. Gemessen werden insbesondere die Aller-
genbelastung im Innenraum und die lokale Luftver-
schmutzung. Hierbei fließen die verfügbaren Luft-

Kontakt In Erfurt wird die lufthygienische Situation seit Beginn der


European Community Respiratory Health ECRHS-Studie im Jahr 1991 dokumentiert. Spezielle Me-
Survey (ECRHS) ssungen ergaben, dass etwa drei Viertel der Staubteilchen
in der Umgebungsluft der ultrafeinen Fraktion angehören.
www.ecrhs.org Zukünftig soll auch das bundesweite Messnetz auf die Er-
fassung von lungengängigen Partikeln umgerüstet werden.

Asthma-Bronchitis-Sensor
m Atemwegserkrankungen wie Asthma nicht größer als eine Armband-

U oder Bronchitis vorzubeugen, muss man


den „Umweltreiz“ kennen, der zur Verände-
rung der Funktionsparameter der Atemwege führt.
uhr – wird Personen mit Ver-
dacht auf umweltbedingte Atem-
wegserkrankungen für einige
Üblicherweise wird der Patient in der Ambulanz Tage auf den Brustkorb geheftet.
untersucht, nachdem das umweltassoziierte Ereignis Dort zeichnet es auffällige Atem-
stattgefunden hat. Ein Rückschluss auf die potentiel- geräusche auf. Anschließend
len Ursachen ist dann kaum noch möglich. kann der Arzt die gespeicherten
Ein unter der Leitung des UFZ-Umweltfor- Daten auswerten und bestimm-
schungszentrums Leipzig-Halle fungierendes Kon- ten äußeren Ereignissen zuord-
sortium aus acht Partner-Einrichtungen hat deshalb nen. So wird eine weitgehend
in den Jahren 1995 bis 2000 einen kontinuierlich kontinuierliche Kontrolle wichti-
arbeitenden „Asthma-Bronchitis-Sensor“ entwickelt. ger Funktionsparameter der
Das Miniatur-Stethoskop mit Mikroprozessor – Atemwege möglich.

Kind mit Asthma-Bronchitis-Sensor im


Brustbereich
Kontakt
UFZ-Umweltforschungszentrum Leipzig-Halle
www.ufz.de

21
HERZ &U MWELT

Herz-Kreislaufbeschwerden gehören zu den wichtigsten Krank-


heitsbildern in Deutschland. Allein im Jahr 2001 erlag nahezu
jeder zweite Erwachsene einer Herz-Kreislauferkrankung.
Betroffen sind vor allem ältere Menschen über 65 Jahre.
Große Bedeutung kommt dabei den klassischen Risikofaktoren
wie Rauchen, Fehlernährung und Bewegungsmangel zu. Aber
auch verschiedene Umweltbelastungen können nach neuesten
Erkenntnissen Herz-Kreislauferkrankungen auslösen.
chon lange wird die Luftverschmutzung mus zu fördern und damit Herzinfarkte auszu-

S für Erkrankungen der Atemwege mitver-


antwortlich gemacht. Dass sie zudem das
Herz-Kreislaufsystem angreift, ja sogar Herz-
lösen. Man vermutet, dass an diesen Partikeln
allerlei Schadstoffe haften, die quasi huckepack
in den Körper transportiert werden.
infarkt auslösen kann, ist dagegen eine neue Über den Luftweg wirken nicht nur stoff-
Erkenntnis. Als Auslöser hat man auch hier die liche Partikelfrachten, sondern auch Schallwellen
feinen und ultrafeinen Staubteilchen der Luft auf uns ein. Schall, den wir als lästig empfinden,
ausgemacht (siehe Kapitel „Atemwege und nennen wir Lärm. In Deutschland ist insbeson-
Umwelt“). Diese Partikel können in die kleins- dere der zunehmende Straßen-, Schienen- und
ten Verästelungen der Lunge gelangen, die ultra- Luftverkehr – trotz erfolgreicher technischer
feinen Partikel darüber hinaus möglicherweise Verbesserungen – die Hauptquelle für Lärm
in die Blutbahn. Epidemiologen und Toxikologen geblieben. Lärm kann über unspezifische Stress-
untersuchen derzeit, wie es diese Winzlinge reaktionen letztlich auch unser Herz-Kreislauf-
schaffen, entzündliche Reaktionen im Organis- system beeinträchtigen.

Lärmbelästigung der Bevölkerung

Straße 86
25
64
Flug
28
Quelle: Umweltbundesamt, online-Umfrage, Bericht 2002

Schiene 38 belästigt insgesamt


9
davon hochgradig belästigt
39
Industrie/Gewerbe
9
51
Baustellen
15
62
Nachbarn
18
23
Sportanlagen
5

10 20 30 40 50 60 70 80
in Prozent

Mehr als 10.000 Bürger beteiligten sich von März bis Oktober 2002 an einer Online-Umfrage des Umweltbundesamtes
(www.umweltbundesamt.de) zur Belästigung der Bevölkerung durch Lärm. Das eindeutige Ergebnis: Lärm bleibt in Deutschland
ein Problem. Insbesondere der Straßenverkehr zerrt an den Nerven. Das von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern an der Akti-
on geäußerte Ausmaß ihrer persönlichen Belästigungen durch Straßenverkehrslärm ist Besorgnis erregend hoch. Aber auch
Fluglärm und Nachbarschaftslärm werden zunehmend als störend empfunden.

23
Kapitel Herz & Umwelt

Herzbeschwerden liegen in der Luft


en Risiken für Herz-Kreislauferkrankungen wicht, Rauchen, Blutdruck, Zähflüssigkeit des Blut-

D systematisch auf den Grund zu gehen, war


Ziel der bereits in den 80er-Jahren von der
Weltgesundheitsorganisation (WHO) initiierten
plasmas und Herzfrequenz untersucht.
Um herauszufinden, welche Effekte Luftbelastun-
gen auf das Herz-Kreislaufsystem haben, nutzten die
Großstudie MONICA (Monitoring of Trends and Epidemiologen den Umstand, dass auch während
Determinants in Cardiovascular Disease). Diese der Smogphase im Winter 1985 in Augsburg Daten
wird seit 1996 im Rahmen der „Kooperativen gesammelt wurden. Im Vergleich mit Phasen gerin-
Gesundheitsforschung in der Region Augsburg“ gerer Luftverschmutzung konnten die Forscher im
(KORA) fortgesetzt. Unter Federführung des GSF- nachhinein belegen, dass die Smogphase eindeutig
Forschungszentrums für Umwelt und Gesundheit zu höheren Pulsraten und Blutdruckwerten sowie
nahmen und nehmen in der Region Augsburg Tau- zu einer größeren Zähflüssigkeit des Blutes der
sende von Bürgern an der Studie teil. Sie werden Studienteilnehmer führte – allesamt Anzeichen für
wiederholt auf Gesundheitsfaktoren wie Überge- ein gesteigertes Herzinfarktrisiko.

5 μm

Treibt eingeatmeter Schwebstaub unsere Blutdruckwerte und Pulsraten in die Höhe? Wintersmog-Episoden mit starken
Schwebstaubbelastungen sind seit den 80er-Jahren nicht mehr vorgekommen, doch die Menge der feinen und ultrafeinen
Partikel in der Luft hat nicht abgenommen. Sie stehen heute im Mittelpunkt umweltepidemiologischer Forschung.
Bild rechts: Hautzellen mit ultrafeinen Rußpartikeln.

+ KORA
Die infolge der WHO-Studie MONICA in der Region
Augsburg erfolgreich etablierte Gesundheitsforschung
führte 1996 zur Gründung von KORA (Kooperative
Gesundheitsforschung in der Region Augsburg) unter
der wissenschaftlichen Führung des GSF-Forschungszen-
trums für Umwelt und Gesundheit. Es kooperiert mit
dem Zentralklinikum Augsburg, das viele Laboranalysen
übernimmt. Die KORA-Studien können auf die umfang-
reiche Datenbank von fast 20.000 befragten und unter-
Kontakt
• GSF-Forschungszentrum für Umwelt und
Gesundheit, Institut für Epidemiologie
www.gsf.de/epi
• KORA (Kooperative Gesundheitsforschung
in der Region Augsburg),
www.gsf.de/kora

Langzeituntersuchungen sollen die Risiken für die Ent-


suchten Personen aus der Region Augsburg zurückgrei- stehung häufiger Zivilisationskrankheiten wie Diabetes,
fen. Eingegliedert ist auch das Augsburger Herzinfarkt- Allergien und Herz-Kreislauferkrankungen ausfindig
register, das seit 1984 nahezu alle Infarktfälle der Re- machen sowie eine Grundlage für vorbeugende Maß-
gion Augsburg (jährlich etwa 1.000) zusammen mit nahmen schaffen.
Gesundheitsdaten und relevanten Hintergrundinfor- Ein Studienzentrum in der Augsburger Innenstadt er-
mationen erhebt. leichtert den Forschern den Zugang zur Bevölkerung.
KORA dient Wissenschaftlern aus dem In- und Ausland Es ist zentrale Anlaufstelle für die Studien-Teilnehmer,
als Plattform für ihre epidemiologischen Forschungen. deren Gesundheitsdaten hier erhoben werden.

24
Rasende Herzen durch Lärm
ärm stört die Kommunikation, beeinträchtigt

L unser Wohlbefinden und raubt uns den Nacht-


schlaf. Hoher Schalldruck kann dauerhafte
Hörschäden hervorrufen. Besonders gefährdet ist,
wer sich zum Beispiel am Arbeitsplatz oder auch in Lärmpegel
Diskotheken über längere Zeit mittleren Schallpe-
geln von über 75 dB(A) – bezogen auf 24 Stunden –
dB(A)
aussetzt.
Die wichtigsten Lärmquellen der Umwelt sind 120 Schmerzgrenze
in Deutschland Kraftfahrzeuge, Flugzeuge und Eisen-
bahnen. Durch technische Fortschritte konnte in 110 Düsentriebwerk
den letzten Jahrzehnten die Schallemission einzelner in der Nähe
Verkehrsmittel durchaus erfolgreich gesenkt wer- 100
den, doch nimmt der Lärm infolge der zunehmen- Rockkonzert,
ungekapselter
den Verkehrsdichte weiterhin stark zu. Der inner- 90 Presslufthammer
städtische Verkehr wird im Jahre 2010 schätzungs- In der Diskothek
weise um 50 Prozent höher sein als 1995, wobei 80
die Zunahme in den Nachtstunden stärker ausfallen Walkman
wird als am Tage. Im Rahmen des nationalen For- 70 PKW -Vorbeifahrt
schungsnetzwerks „Leiser Verkehr“ untersucht das am Staßenrand
Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt seit 60
Schreibmaschine
1999 die gesundheitlichen Auswirkungen des nächt- für Benutzer
lichen Flugverkehrs. Die Studie STRAIN (STudy on 50
human specific Response to Aircraft Noise) befasst „Zimmer-
sich mit den akuten Auswirkungen von Nachtflug- 40 lautstärke“
lärm auf den Menschen. Mit Hilfe von insgesamt vier
Schlaflabor- und zwei Feldstudien soll bis 2003 ein 30 Geräusche aus
wissenschaftlich fundiertes Bewertungskriterium für angrenzender
Wohnung
Nachtfluglärm erarbeitet werden, das künftig als 20

+
10

Lärmmessung – Wie laut ist Lärm? 20 und 20.000 Hertz (Hz). Das menschliche Ohr be-
Die Wahrnehmung von Geräuschen als Lärm hängt ent- sitzt eine von der Frequenz abhängige Schallempfind-
scheidend von unserem individuellen Empfinden ab. Für lichkeit. Bei gleichem Schalldruck nehmen wir besonders
die einen ist laute Techno-Musik das höchste der Gefüh- tiefe und auch hohe Töne leiser wahr als Töne um
le, für andere hingegen ein akustisches Schreckgespenst, 2.000 Hz. Diese Frequenzempfindlichkeit wächst wie-
vor dem sie fliehen. Streng genommen ist nicht „Lärm“, derum mit Zunahme der Lautstärke. Bei Schallpegel-
sondern der Schall dieser „störenden“ Geräuschquelle messungen wird dieses komplizierte akustische Zusam-
physikalisch messbar. Der Schalldruck bzw. die Laut- menspiel durch sogenannte Bewertungskurven berück-
stärke wird auf einer logarithmischen Skala in Dezibel sichtigt. Am gebräuchlichsten ist die A-Kurve, deren
(dB) angegeben. Eine Erhöhung um 10 dB bedeutet Messwert in dB(A) angegeben wird.
etwa eine Verzehnfachung des Schallpegels. Ein Press- Oft erfassen Lärmwirkungsforscher bestimmte Geräusch-
lufthammer erzeugt einen Schalldruck von etwa 100 dB, situationen über einen längeren Zeitraum. Der Durch-
ein Gespräch liegt bei etwa 60 dB. schnittswert einer zeitlichen Messreihe ergibt den Mit-
Frequenzen geben an, in welchen zeitlichen Abständen telungspegel. Dieser verrät allerdings nicht mehr, ob
die Schallwellen an unser Ohr treffen. Steigt die Fre- er durch viele Geräuschquellen mit geringen Schall-
quenz, nehmen wir einen Ton als höher wahr. Der hör- drucken oder durch wenige Quellen mit höheren
bare Frequenzbereich des Menschen liegt zwischen Drucken zustande gekommen ist.

25
Kapitel Herz & Umwelt

Orientierungshilfe für Flug- Doch nicht immer ist es


lärmminderungsmaßnahmen möglich, Lärm von anderen
dienen kann. Stressfaktoren zu unterschei-
Neben unmittelbaren den. Außerdem muss die in-
gesundheitlichen Folgen wie dividuelle Situation der Be-
Schlafstörungen, verminder- troffenen berücksichtigt wer-
ter Leistungsfähigkeit oder den: In Wohngebieten stört
Ermüdungserscheinungen uns Lärm eher als in der In-
kann Lärm auch Langzeit- nenstadt. Nachts reagieren
schäden hervorrufen. So wir in der Regel viel empfind-
können jahrelange Lärm- licher auf Lärm als tagsüber.
belastungen das Risiko für Zudem zeigt sich Lärmstress
Herz-Kreislauferkrankungen unbemerkt im Schlaf, ohne
erhöhen – über den Umweg dass wir dabei aufwachen.
größerer Stresshormonaus- Weitere Forschung ist
schüttungen. Ungewöhnlich nötig, um aussagekräftige
heftige Geräusche versetzen den Organismus in Dosis-Wirkungs-Abschätzungen zu erhalten und
Alarmbereitschaft – eine ursprünglich überlebens- daraus gesundheitliche Schwellenwerte bei Lärm-
wichtige Funktion. Doch unter ständiger Lärmbe- exposition ableiten zu können. Hierzu führt das
lastung werden die angeforderten Energiereserven GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesund-
nicht in vorgesehener Weise wieder abgebaut. Der heit gemeinsam mit dem Umweltbundesamt seit
Stress bleibt und erhöht den Blutdruck, lässt das 1998 eine epidemiologische Bevölkerungsstudie in
Herz schneller schlagen. Blutfettwerte, Blutzucker- der Region Augsburg durch. In der mehrjährigen
spiegel und Fließeigenschaften des Blutes verändern KORA-Studie werden einige Hundert Studienteil-
sich auf Dauer ungünstig, das Herzinfarktrisiko nehmer nach Lärmexposition und persönlichem
steigt. Lebensstil befragt, medizinische Daten erhoben so-
Bisherige Untersuchungen deuten darauf hin, wie Lärmmessungen im Wohnumfeld der Probanden
dass Anwohner stark befahrener Straßen, die über vorgenommen.
einen langen Zeitraum Mittelungspegel von mehr
als 65 dB(A) ausgesetzt sind, ein um 20 Prozent
höheres Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen be-
sitzen als Anwohner ruhiger Nebenstraßen. Hiervon
wären immerhin 15 Prozent der Bundesbürger be-
troffen. Damit ist das geschätzte Risiko, einem lärm-
bedingten Herzinfarkt zu erliegen, deutlich höher
als zum Beispiel an einer durch Luftschadstoffe ver-
ursachten Krebserkrankung zu sterben.

26
+
Forschungsverbund „Leiser Verkehr“
Vor dem Hintergrund einer zunehmenden Verkehrslärm-
belastung in Deutschland hat das Deutsche Zentrum
für Luft- und Raumfahrt im Jahr 1999 mit zahlreichen
Partnern aus Industrie,Verbänden, Behörden und For-
schung den nationalen Forschungsverbund „Leiser Ver-
kehr“ gegründet. Neben gemeinsamen Anstrengungen
zur Lärmbekämpfung bildet insbesondere die Wirkungs-
forschung einen übergreifenden Arbeitsschwerpunkt. Sie
wird in den kommenden Jahren den kurz- bis langfristi-
Kontakt
• Umweltbundesamt
www.umweltbundesamt.de
gen Effekten von Lärm auf den Menschen nachgehen. • BMBF-Forschungsverbund „Leiser Verkehr“
www.fv-leiserverkehr.de
• Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt
(DLR):
1) Institut für Strömungsmechanik
(www.as.go.dlr.de/fluglaerm/lfvk/ap_1.htm)
2) Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin
(www.me.kp.dlr.de/me-fp/deutsch/fluglaerm/
index.htm)
• GSF-Forschungszentrum für Umwelt und
Gesundheit, Institut für Epidemiologie,
www.gsf.de/epi

In Anbetracht der wohnortnahen Lage der meisten deutschen Verkehrsflughäfen stellt besonders Nachtfluglärm eines der
drängendsten Umweltprobleme dar. Fachleute schätzen das technische Reduktionspotential für Triebwerks- und Umströ-
mungslärm langfristig auf mehr als 10 dB. Verkehrspolitische Steuerungsmaßnahmen (z.B. lärmabhängige Landegebühren)
sollen bereits kurz- und mittelfristig greifen.

27
Brustkrebszellen

KREBS
&U MWELT

Warum trifft Krebs die einen, während andere verschont


bleiben? Darauf gibt es bis heute keine schlüssige Antwort.
In der Krebsforschung spielen genetische Ursachen eine
bedeutende Rolle, doch können Verhaltensfaktoren wie Tabak-
konsum, intensives Sonnenbaden, bestimmte Ernährungsge-
wohnheiten sowie eine berufliche Exposition in erheblichem
Maße zu unserem Krebsrisiko beitragen. Damit wären viele
Krebserkrankungen theoretisch vermeidbar.
as Rauchen ist seit langem als der bedeu- fallsprodukte, die in Deutschland rund sieben Pro-

D tendste Einzelrisikofaktor bekannt. Ein


Fünftel aller Krebstoten ist dem Zigaret-
tenkonsum zuzuschreiben. Jedes Jahr sterben in
zent aller Lungenkrebs-Todesfälle verursachen. Ein
ebenfalls bedeutender Risikofaktor ist die ultravio-
lette Strahlung der Sonne. Häufige, zu intensive UV-
Deutschland mehr als 37.000 Personen an Lungen- Bestrahlung kann Hautkrebs auslösen. Der so ge-

+ Wie Krebs entsteht


Nach heutiger Kenntnis entsteht Krebs in aller
Regel nicht als zwangsläufige Folge eines einzigen
Risikofaktors, sondern durch ein Zusammenspiel
von individueller Empfänglichkeit sowie Lebensweise
und Umweltfaktoren. Für die Tumorentstehung im
Körper sind zwei Arten krebsauslösender und krebs-
fördernder Faktoren verantwortlich: Initiatoren, die
eine irreversible Schädigung von Zellen bewirken, und
Promotoren, die die Vermehrung dieser geschädigten
Zellen veranlassen. Nicht immer lassen sich die beiden
streng voneinander trennen, da viele Risikofaktoren bei-
de Eigenschaften besitzen. In jedem Falle entsteht aber
Krebs in einem mehrstufigen Prozess, der noch nicht in
allen Details erforscht ist.

krebs, die weit überwiegende Zahl davon sind Rau- nannte Schwarze Hautkrebs (malignes Melanom)
cher (ca. 90 Prozent). Auch für Passivraucher er- macht 2 Prozent aller bösartigen Neubildungen
höht sich das Krebsrisiko nachweislich, wenn auch aus. Seit einigen Jahren wird auch „Elektrosmog“ im
in weitaus geringerem Maße. Zusammenhang mit der Entstehung von Krebs dis-
Eine falsche Ernährung erweist sich mehr und kutiert. Ob hochfrequente elektromagnetische Wel-
mehr als ebenfalls maßgeblich am Krebsgeschehen len, wie sie durch die „Handy“-Technologie erzeugt
beteiligt. Zu kalorienreiches Essen scheint zum Bei- werden, Hirntumoren fördern können, wird derzeit
spiel Darm-, Brust- und Gebärmutter- untersucht.
krebs zu begünstigen. Dagegen übt der Erkenntnisse über krebsauslö-
Verzehr von vitamin- und mineralstoff- sende Chemikalien stammen zu
reichem Obst und frischem Gemüse einem großen Teil aus Studien am
eine gewisse Schutzwirkung aus. Arbeitsplatz. Zu den bedeutenden
Welcher Schutzmechanismus dahinter kanzerogenen Arbeitsstoffen beim
steckt, wird derzeit untersucht. Auch Menschen zählen Chrom, Cadmi-
Ballaststoffe können Krebs vorbeugen, um, Arsen,Vinylchlorid, Benzol,
indem sie die Verweildauer kanzeroge- Dioxine, Nickel, Ruße und Teere
ner Stoffe im Verdauungstrakt verkür- sowie Asbest. Außerhalb der Ar-
zen. Bestimmte Praktiken bei der Zu- beitswelt finden wir ebenfalls eine
bereitung der Nahrung, beispielsweise Vielzahl dieser krebserregenden
beim Grillen, können ebenfalls das Substanzen, allerdings meist in viel
Krebsrisiko erhöhen.Vermutlich tragen geringeren Konzentrationen. Auf-
all diese Ernährungsfaktoren in einer grund epidemiologischer Studien
ähnlichen Größenordnung wie das Rau- geht man heute davon aus, dass
chen zur Krebsentstehung bei. – entgegen der landläufigen Mei-
Auf das Konto von Strahlen gehen nung – nur ein kleiner Anteil aller
zwischen fünf und sieben Prozent der Krebserkrankungen Schadstoff-
Krebstodesfälle. Den Hauptbeitrag lie- belastungen in der Umwelt zu-
fert das Edelgas Radon und seine Zer- zurechnen ist.
29
Kapitel K re b s & U m w e l t

Kampf gegen Brustkrebs

Lebensstil
Ernährung, Genussmittel

Genom
DNA-Polymorphismen

Umwelt
Schadstoffe aus Luft,
Wasser und Lebensmitteln

Endogene Faktoren
Alter Hormone, Rezeptoren

Ethnische
Abstammung Arbeitsplatz
Gesellschaftliche Chemikalien, Strahlung
Zugehörigkeit
Andere
Medikamente, Strahlung

Gemeinsam versuchen Ärzte und Wissenschaftler, das Zusammenspiel von normalen Körpereigenschaften,
so genannten konstitutionellen Faktoren, Lebensstil und Umwelteinflüssen zu entschlüsseln. Damit werden
Kenntnisse über das individuelle Brustkrebsrisiko von Frauen gewonnen.

ösartige Tumoren der weiblichen Brustdrüse Brustkrebs kann bei diesen vorbelasteten Frauen

B sind in Deutschland die mit Abstand häufigs-


ten Krebserkrankungen bei Frauen. Pro Jahr
gibt es 46.000 Neuerkrankungen.
sehr unterschiedlich sein und liegt zwischen 36 und
85 Prozent. Man geht heute davon aus, dass auch
ein großer Teil erblich bedingter Brustkrebserkran-
Nahezu jede zehnte Frau kungen erst unter Einfluss äußerer Faktoren, wie
erkrankt im Laufe ih- fettreiche Nahrung, ionisierende Strahlung,Tabak-
res Lebens an Brust- und Alkoholkonsum, ausgelöst werden.
krebs. Zur Aufklärung der komplizierten Gen-Umwelt-
Die Ursache der Interaktionen bei der Entstehung von Brustkrebs
Entstehung von Brust- haben deutsche Ärzte und Wissenschaftler 1999 die
krebs ist noch nicht Gemeinschaftsinitiative GENICA (Gene ENviron-
völlig aufgeklärt. Krebs- ment Interaction and breast CAncer) gegründet.
forscher schätzen, dass Beteiligt sind das Dr. Margarete Fischer-Bosch-Ins-
etwa fünf bis zehn Pro- titut für Klinische Pharmakologie in Stuttgart, das
zent der Brustkrebser- Berufsgenossenschaftliche Forschungsinstitut für
krankungen direkt auf eine Arbeitsmedizin der Ruhr Universität Bochum in
erbliche Veranlagung zurückzuführen Zusammenarbeit mit dem Institut für Arbeitsphysio-
sind. In diesen Fällen hat man bestimmte logie der Universität Dortmund, die Medizinische
Veränderungen in den Brustkrebsge- Universitäts- und Poliklinik der Universität Bonn
nen BRCA1 und BRCA2 (BReast und das Deutsche Krebsforschungszentrum in Hei-
CAncer-Gene) festgestellt. Je- delberg. Daten von 1.000 Brustkrebspatientinnen
doch erkrankt nicht jede Träge- aus der Region Bonn (mit ca. einer Million Einwoh-
rin einer BRCA-Mutation. Das ner) sowie Vergleichsdaten von ebenso vielen nicht
Lebenszeiterkrankungsrisiko für erkrankten Frauen im gleichen Alter fließen in die
30
molekular-epidemiologi-
c sche GENICA-Studie ein.
Ermittelt werden zum
einen die mit der Umwelt
und Lebensweise ver-
knüpften Faktoren wie
Ernährungsstil,Tabakkon-
Möglicherweise hilft häufi- sum, Anzahl von Schwan-
ger Konsum von frischem gerschaften, Hormonein-
b Gemüse und Obst, das
Brustkebsrisiko zu senken. nahmen und Arbeitsplatz-
risiken. Zum anderen wer-
Die Früherkennung von Brust- den die Frauen auch auf genetische Unterschiede
krebs ist sehr wichtig, da die untersucht, die Auskunft über eine Erkrankungsbe-
Heilungschancen entscheidend
a von der Tumorgröße abhängen.
reitschaft geben können. Mit der Auswertung dieses
Liegen entsprechende Befunde umfangreichen Datenmaterials sollen künftig Strate-
vor, kommt die Mammographie gien entwickelt werden, um Brustkrebs schon im
(a) zum Einsatz. Eine Röntgen- Vorfeld zu vermeiden und die Heilungschancen und
aufnahme der weiblichen Brust
(b) macht verdächtige Areale Lebensqualität von Brustkrebspatientinnen zu ver-
(c) sichtbar. bessern.

Kontakt
Interdisciplinary Study Group on Gene Environment
Interaction and Breast Cancer in Germany,
www.genica.de

Gentoxische Stoffe frühzeitig erkennen


in besonders empfindlicher Angriffspunkt ge- regulieren. Dann kann das Zellwachstum außer

E genüber vielen Umweltschadstoffen ist das


Erbgut unserer Zellen. Substanzen, die das
Genmaterial verändern können, also Mutationen
Kontrolle geraten und eine bösartige Neubildung
entstehen, die gemeinhin als Krebs bezeichnet wird.
Großes Interesse gilt daher der Entwicklung von
hervorbringen, heißen in der Fachsprache Muta- Testverfahren, die mögliche mutagene Eigenschaften
gene. Sie zerstören unter Um- von Chemikalien erkennen können.
ständen wichtige Erbinformatio- Bisherige Verfahren benötigten
nen und beeinträchtigen so be- mindestens zwei bis drei Tage für
stimmte Zellfunktionen.Wirken den Nachweis von Mutagenen und
Mutagene auf das Fortpflanzungs- verursachten zudem hohe Kosten.
gewebe, besteht die Gefahr, dass In einem gemeinsamen Forschungs-
entsprechende Veränderungen projekt der Universität Mainz und
sogar auf nachfolgende Genera- dem chemisch-pharmazeutischen
tionen übertragen werden. In Salmonella typhimurium Unternehmen Merck aus Darm-
anderen Fällen sind möglicher- Gentechnisch manipuliert kommt dieses stadt wurde nun ein leistungsfähi-
Bakterium bei neueren biologischen Test-
weise Erbinformationen betroffen, verfahren zur Identifizierung von Muta- geres Testsystem entwickelt. Es
welche die Zellteilungsprozesse genen zum Einsatz. kombiniert das konventionelle
31
Kapitel K re b s & U m w e l t

biologische Verfahren mit einem modernen Indika- Diese Bakterien können sich nun vermehren und
tortestprinzip und ermöglicht es, Mutagene inner- zeigen somit die mutagene Wirkung der Testsub-
halb weniger Stunden kostengünstig zu identifi- stanz an.
zieren. Insbesondere bei niedrigen Mutagen-Konzentra-
Das neue Verfahren baut auf dem seit Jahren be- tionen, wie sie in der Umwelt häufig vorkommen,
währten Rückmutationsprinzip auf. Dabei schleusen dauert es lange, bis das Bakterien-Wachstum er-
die Wissenschaftler ein fremdes Gen in das Erbgut kennbar wird. Mit einem zusätzlichen Kunstgriff ist
von Testbakterien ein, welches Resistenzen gegen es den Mainzer und Darmstädter Forschern ge-
ein bestimmtes Antibiotikum vermittelt. Im weiteren meinsam gelungen, das Testverfahren zu beschleu-
Verlauf wird dieses Gen jedoch derart manipuliert, nigen. Dazu schleusten sie in die Erbsubstanz des
dass seine Schutzwirkung wieder aufgehoben ist. Testbakteriums noch ein zweites Gen ein. Es enthält
Also drohen die Testbakterien, unter Einfluss des die Informationen für ein bestimmtes Enzym, das
Antibiotikums doch zugrunde zu gehen. Hatte die sich aber nur in den mutierten, wachsenden Zellen
zuvor verabreichte Testsubstanz hingegen mutagene bilden kann. Diesen Zellen setzen sie dann ein Sub-
Eigenschaften, dann erfolgen mit steigender Konzen- strat zu, welches durch das Enzym gespalten wird.
tration immer häufiger Veränderungen im Erbgut Das Produkt dieser Reaktion reichert sich an und
der Bakterien, die irgendwann auch die manipulier- gibt dabei Lichtquanten ab. Die Kombination des
ten Gene betreffen. Durch Rückmutation werden Mutagenitätstests mit diesem Indikatorverfahren
sie wieder funktionstüchtig und schützen ihre Besit- ermöglicht es, bereits wenige mutierte Bakterien-
zer vor der tödlichen Wirkung des Antibiotikums. zellen schnell zu erfassen.

Testsubstanz Antibiotikum

Inkubation Selektion Auswertung


50
positive Wells

Messung 40
30
der Lichtintensität, die 20
10
ein Maß für die 0
mutagene Wirkung der 0 0,06 0,12 0,25
ICR191 [μg/ml]
0,5 1

Testsubstanz ist.

Testbakterium

Modernes Testverfahren zur schnellen Identifizierung eines mutagen wirkenden Stoffes.

+ Von Mutationen und Mutagenen


Mutationen sind dauerhafte Veränderungen des Erb-
materials. Sie können sowohl spontan als auch unter
Einwirkung von Mutagenen auftreten. Zu den Muta-
genen gehören physikalische Faktoren wie UV-Strah-
lung oder ionisierende Strahlung sowie viele che-
mische Stoffe.
Das Auftreten von Mutationen ist eine entscheidende
Voraussetzung für die Evolution. Andererseits bergen
viele Mutagene in unserer Nahrung oder Umwelt
auch eine große Gesundheitsgefahr, da sie unter
Mutagenitäts-Tests, die heute auch mittels gentechno-
logischer Methoden entwickelt werden, ist es möglich,
dem erbgutverändernden Potential verdächtiger Sub-
stanzen auf die Spur zu kommen.

Kontakt
Universität Mainz, Arbeitskreis Molekulare Mecha-
nismen umweltbedingter Gentoxizität (AMMUG)
anderem Krebs auslösen können (z.B. polyzyklische www.uni-mainz.de/FB/Medizin/AMMUG
aromatische Kohlenwasserstoffe). Mit Hilfe von

32
Radon und Lungenkrebs
m 19. Jahrhundert häuften sich die Beobach-

I tungen, dass auffallend viele Arbeiter in Uran-


bergwerken an chronischen Lungenkrankheiten
litten. Aus dem Erzgebirge war beispielsweise die
Eintrittspfade
des Radons
in Gebäude
„Schneeberger Lunge“ bekannt. Seit gut 100 Jahren
weiß man, dass es sich dabei um Krebs handelt,
aber erst seit etwa 50 Jahren kennt man die Ur-
sache: Radon.
Seit den 90er-Jahren führen Strahlenschützer
und Epidemiologen des GSF-Forschungszentrums
für Umwelt und Gesundheit zusammen mit ehema-
ligen Mitarbeitern ostdeutscher Uranerz-Bergwerke
der Wismut AG und dem Bundesamt für Strahlen-
schutz Radon-Studien durch. Die Frage ist: Gibt es
einen Zusammenhang zwischen den Arbeitsbedin-
gungen und dem Lungenkrebsrisiko durch Radon?
Bisher wurden weltweit über 60.000 Uranarbeiter
untersucht. Das Fazit: Mit steigender Radon-Expo-
sition nimmt die Häufigkeit von Lungenkrebs kon- Durch Fugen, Risse, Poren im Mauerwerk sowie über Versor-
tinuierlich zu. Besonders gefährdet sind Raucher. gungsleitungen kann Radon zunächst in den Keller und von
dort in höher gelegene Wohnräume gelangen.
Vieles deutet darauf hin, dass sich die beiden Risi-
ken – Rauchen und Radon – gegenseitig verstärken. heitlich relevant. Zwar treten hier sehr viel niedri-
Doch nicht nur im Uranbergbau, auch in Gebäu- gere Konzentrationen auf, dafür ist aber eine große
den sind Radon und seine Zerfallsprodukte gesund- Zahl von Menschen betroffen. Durch schlecht abge-

In den Uranbergwerken waren die Arbeiter hohen Radon-Konzentrationen ausgesetzt (Wismut AG Mitte der 50er-Jahre)

+
Radon – edel aber gefährlich
Die Gesteine und Böden der Erde beinhalten von Natur
aus verschiedene radioaktive Stoffe wie Uran oder Radi-
um. Uran wandelt sich durch radioaktiven Zerfall in Ra-
dium um, das weiter zu Radon zerfällt. Radon ist ein ra-
dioaktives Edelgas, das aus dem Untergrund in die freie
Luft entweichen, aber auch durch Undichtigkeiten des
Fundaments in Gebäude eindringen kann. Es ist farb-,
geruch- und geschmacklos.
Es gibt Gegenden, die von Natur aus stärker belastet
sind: die Oberpfalz, Sachsen,Thüringen und einige Ge-
1.000 Becquerel pro Kubikmeter (Bq/m3) Luft schwan-
ken. Die EU empfiehlt für geplante Gebäude eine Ra-
donbelastung unter 200 Bq/m3 und für bestehende Ge-
bäude unter 400 Bq/m3. Nach derzeitigen Abschätzun-
gen verdoppelt sich das Lungenkrebsrisiko, wenn man
mehrere Jahrzehnte in Wohnungen mit einer Belastung
von 1.000 Bq/m3 oder mehr wohnt.
Radon an sich ist gefährlich, noch mehr aber seine
kurzlebigen Zerfallsprodukte Polonium-218 und -214,
Blei-214 und Wismut-214. An feine Staubpartikel ange-
lagert gelangen sie bis tief in den Atemtrakt, werden auf
biete in der Eifel. Entsprechend kann die Radon-Konzen- der Oberfläche der Bronchien abgeschieden und geben
tration in Gebäuden zwischen wenigen bis zu einigen bei ihrem Zerfall zellschädigende Strahlung ab.

33
Kapitel K re b s & U m w e l t

Mittlere Konzentration Mittlere jährlich inhalierte Aktivität:


in der Raumluft: Radon 222 ca. 250.000 Bq
Radon 222 ca. 50 Bq/m3 Radon Zerfalls-
Radon Zerfalls- produkte ca. 300.000 – 400.000 Bq
produkte ca. 15 Bq/m3

Mittlere Äquivalentdosis pro Jahr:


Bronchialepithel 15 – 20 mSv
Pulmonärer Lungenbereich 2 – 3 mSv
Andere Körpergewebe 0,03 – 0,3 mSv

Legt man die durchschnittliche Radon-Konzentration in deutschen Häusern (50 Bq/m3) zugrunde, so atmen wir jährlich im
Mittel etwa 250.000 Bq Radon und 300.000-400.000 Bq seiner kurzlebigen Zerfallsprodukte ein. Besonders diese Zerfallspro-
dukte werden in der Lunge abgeschieden und angereichert. Da sie nach 2-3 Stunden zerfallen, gelangt nur ein kleiner Anteil
in andere Körperregionen. Die biologisch wirksame Strahlendosis (Äquivalentdosis) in den einzelnen Lungenbereichen ist sehr
unterschiedlich, bedingt durch eine ungleichmäßige Abscheidung auf den Oberflächen der Atemwege. So liegt sie im mittleren
Teil des Bronchialbaumes um etwa den Faktor 10 höher als die Strahlendosis im pulmonären Lungenbereich.

dichtete Kellerwände und -böden dringt das Edelgas Radon-Messungen müssen daher die Dauer der
in den Wohnbereich vor allem älterer Häuser ein. In Belastung miteinbeziehen. Hier kommt den Epide-
weiteren Studien widmeten sich die GSF-Epidemio- miologen zugute, dass Glas die von Radon ausge-
logen daher dem Lungenkrebsrisiko durch Radon hende Strahlung quasi konserviert. Hat zum Beispiel
in der Wohnbevölkerung. Auch hierbei stimmen die jemand sein Leben lang ein glasgerahmtes Foto auf
Ergebnisse mit einer Reihe von internationalen Stu- der Kommode stehen, lässt sich an diesem Glas
dien überein: Danach ist Radon nach dem Rauchen zumindest annäherungsweise die gesamte bisherige
der wichtigste Risikofaktor für Lungenkrebs in Radonbelastung ablesen.
Deutschland. Jetzt kommt es darauf an, diese Erkenntnisse
Man muss sich vergegenwärtigen, dass wir uns umzusetzen. Experten fordern, bei Neubauten das
zu etwa 90 Prozent unserer Zeit in Innenräumen Risiko durch entsprechende Bauweise von vornhe-
aufhalten.Wir können also im Laufe unseres Lebens rein zu vermindern, und in alten, nachweislich stark
einer erheblichen Radonbelastung ausgesetzt sein belasteten Häusern Sanierungsmaßnahmen durchzu-
und damit unser Krebsrisiko deutlich erhöhen: führen. So kann man Risse mit Folien abdichten, den
Schätzungen gehen von drei bis sieben Prozent der Keller mechanisch belüften oder die Luft unter dem
tatsächlichen Lungenkrebs-Todesfälle aus. Fundament absaugen.

Kontakt
• Bundesamt für Strahlenschutz,
www.bfs.de
• GSF-Forschungszentrum für Umwelt und
Gesundheit, Institut für Epidemiologie
www.gsf.de/epi

34
UV-Strahlung und Hautkrebs
ine hohe Belastung mit ultravioletter (UV-) Sonnenschutzmittel mit Reparaturenzym

E Strahlung stellt das bedeutendste Risiko für


umweltbedingte Hautkrebserkrankungen dar.
Die Zahl der durch UV-Strahlung verursachten Haut-
Da Aufklärung und Warnung bisher kaum greifen,
kommt Sonnenschutzmitteln eine zentrale Rolle
beim Schutz vor Hautkrebs zu. Konventionelle Mit-
krebsfälle ist in den letzten Jahren kontinuierlich an- tel arbeiten mit chemischen oder physikalischen Fil-
gestiegen. Dazu tragen vor allem unser besonderes tern. Sie müssen vor dem Sonnenbad aufgetragen
Schönheitsideal und ein geändertes Freizeitverhal- werden und sind wirkungslos, wenn eine Schädigung
ten bei. Durch Reisen in sonnenreiche Länder, in- der Hautzellen bereits eingetreten ist.
tensives Sonnenbaden und Besuche im Solarium Forscher des Instituts für Umweltmedizinische
setzen wir uns heute wesentlich höheren UV-Ge- Forschung (IUF) an der Universität Düsseldorf be-
samtdosen aus als noch vor wenigen Jahrzehnten. reiteten nun den Weg für eine neue Generation von

UV – C (sehr kurzwellig) UV – B (kurzwellig) UV – A (langwellig)

Ozonschicht

Einteilung der UV-Strahlung


nach Wellenlängenbereichen

+
Ozon schützt vor schädlichen UV-Strahlen
Die Sonne sendet ein breites Strahlungsspektrum auf
die Erde, darunter sichtbares Licht und unsichtbare UV-
Strahlung. Diese unterteilt man entsprechend ihrer biolo-
gischen Wirksamkeit in die Wellenlängenbereiche UV-A
(320-400 nm), UV-B (280-320 nm) und UV-C (200-
280 nm). Der größte Teil der UV-Strahlung wird von der
Ozonschicht der Stratosphäre absorbiert oder in den
Weltraum zurück reflektiert, so dass nur etwa fünf bis
zehn Prozent der solaren UV-Strahlung die Erdober-
fläche erreichen. Davon entfallen 95 Prozent auf UV-A-
und fünf Prozent auf UV-B-Strahlung. UV-C wird nahezu
komplett absorbiert.
Die Ozonkonzentration der oberen Atmosphärenschicht
hat in den letzten Jahren global um durchschnittlich drei
Prozent abgenommen. Mit schuld ist die Freisetzung von
langlebigen Fluorchlorkohlenwasserstoffen aus Haus-
halten und der Industrie. Seit 1985 werden international
zahlreiche Schutzmaßnahmen durchgeführt.

35
Kapitel K re b s & U m w e l t

Sonnenschutzmitteln. Sie konnten nachweisen, dass


das aus pflanzlichen Organismen bekannte Enzym
Photolyase auch auf der menschlichen Haut wirk-
sam ist. Es kann bereits eingetretene UV-Schäden
an Hautzellen zumindest teilweise reparieren. Gleich-
zeitig verhindert dieses Reparaturenzym die durch
Sonnenlicht eintretende Schwächung des Immunsys-
tems.
Die Düsseldorfer Forschungsarbeiten sind von
unmittelbarer praktischer Relevanz für den Sonnen-
schutz der Bevölkerung. Eine erste photolyasehalti-
ge Zubereitung in Form eines After-Sun-Gels wurde
bereits im Frühjahr 2001 in den Markt eingeführt.
Ein Jahr später folgten zwei Sonnenschutzgele, die
Photolyase in Kombination mit UV-Filtern enthalten.

So tief dringen
UV-A- und UV-B Strahlen in die Haut ein

Konventionelle Sonnenschutz-
mittel versuchen, mit chemischen
oder physikalischen Filtersubstan-
Ozonschicht
zen unsere Hautzellen vor schäd-
licher UV-Strahlung zu schützen.
Zur Reparatur bereits eingetrete-
Luftverschmutzung ner DNA-Schäden haben Forscher
neuartige Haut-Gele mit dem
Reparaturenzym Photolyase ent-
wickelt.

+ 36
Wirkung von UV-Strahlung auf den Menschen
UV-Strahlung wirkt hauptsächlich auf oberflächlich gele-
gene Zellen, denn sie besitzt nicht genügend Energie, um
tief ins Gewebe einzudringen. Die Mechanismen, durch
die UV-B-Strahlung Hautkrebs hervorrufen kann, sind
weitgehend geklärt. Zum einen ruft UV-Strahlung Verän-
derungen in der Erbsubstanz von Hautzellen hervor, die
unter Umständen genetisch fixiert werden. Zum anderen
schwächt schon geringe UV-B-Strahlung das Immunsys-
tem der Haut. Entartete Hautzellen entgehen der Im-
munabwehr und können sich vermehren.Wenn die Zell-
schäden zu umfangreich werden, um durch körpereigene
Reparaturprozesse ausgeglichen zu werden, kann dies
zu Hautkrebs führen.
UV-Schutz durch Textilien Test-Kleidungsstück hindurch lässt. Aus den gewon-
Der Schutz vor Sonnenstrahlung durch Textilien hat nenen Daten wurde der sogenannte „Ultraviolet
bisher in Europa nur wenig Beachtung gefunden. Protection Factor“ (UPF) berechnet. Ähnlich dem
Ganz anders in Australien und Neuseeland, wo die bekannten Sonnenschutzfaktor von Sonnencremes
Hautkrebsrate extrem hoch ist. Im Tiermodell wur- gibt der UPF-Wert an, um welchen Faktor die Auf-
de ein selteneres Auftreten von Hautkrebs bei ge- enthaltszeit in der Sonne verlängert werden kann,
eignetem textilen Schutz bereits nachgewiesen. ohne Sonnenbrand zu bekommen.
Eine Untersuchung an der Klinik für Dermatolo- Seit 2001 gibt es einen Europäischen Standard,
gie und Allergologie der Ruhr-Universität Bochum der festlegt, dass nur solche Textilien als Sonnen-
und dem Klaus Steilmann Institut für Innovation und schutzkleidung ausgezeichnet werden dürfen, die
Umwelt ergab, dass über 30 Prozent der auf dem gemäß der Norm getestet worden sind und einen
deutschen Markt befindlichen Sommertextilien nur UPF-Wert von mindestens 40 haben. Der durchtre-
einen unzureichenden Schutz vor der Sonnenstrah- tende Anteil der UV-A-Strahlung muss unter fünf
lung aufweisen. Mit Hilfe eines Spektralphotometers Prozent liegen. Darüber hinaus stellt der Standard
bestimmten sie, wie viel UV-Strahlung das jeweilige auch hohe Ansprüche an das Design eines ausge-
zeichneten Textils. Nicht akzeptiert werden Beklei-
dungsstücke wie Bikinis oder ärmellose T-Shirts,
auch wenn diese Textilien selbst einen UPF-Wert
von mindestens 40 aufweisen.

Neben dem Meiden intensiver Sonnenstrahlung und der Ver-


wendung von Sonnencremes kann vor allem die Bekleidung
als wichtiger UV-Schutz dienen. Im UV-Tex-Projekt wurde
nicht nur die UV-Durchlässigkeit von Sommertextilien ge-
prüft, sondern auch eine gleichsam normgerechte und mo-
dische UV-Schutz-Kollektion entwickelt.

Kontakt
• Institut für Umweltmedizinische Forschung (IUF)
an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
gGmbH,
www.iuf.uni-duesseldorf.de
• Klinik für Dermatologie und Allergologie an der
Ruhr- Universität Bochum,
www.derma.de/bochum
• Klaus Steilmann Institut für Innovation und Umwelt
Hautkrebszellen www.klaus-steilmann-institut.de

37
HORMONE &U MWELT
Seit Anfang der neunziger Jahre gibt es in Deutschland eine
breite öffentliche Diskussion über Gefahren, die von hormon-
ähnlich wirkenden Stoffen auf Mensch und Umwelt ausgehen
können. Inzwischen vermutet man bei 250 bis 1.000 Stoffen
eine hormonähnliche Wirkung. Zu ihnen gehören sowohl be-
stimmte Industriechemikalien und Arzneimittel als auch pflanz-
liche Naturstoffe. Ob und in welchem Maße solche Stoffe auf
unsere Gesundheit und Reproduktionsfähigkeit Einfluss nehmen,
ist bislang nicht ausreichend geklärt.
ür zahlreiche Umweltchemikalien wurden in Viele toxikologische Untersuchungen an wildle-

F den letzten Jahren Befunde veröffentlicht, die


eine Beeinflussung des Hormonsystems beim
Menschen nahe legen. Gerade geschlechtshormon-
benden Tieren belegen den Einfluss von endokrin
wirksamen Substanzen auf die Fortpflanzungsfähig-
keit. Registriert wurden zum Beispiel Effekte auf
ähnliche Stoffe können negative Auswirkungen auf Geschlechtsdifferenzierung, Eiproduktion und Be-
die Fortpflanzungsfähigkeit haben und stehen im fruchtungsraten.
Verdacht, zur abnehmenden Spermiendichte und Die Frage nach der Relevanz endokrin wirksa-
-qualität bei Männern, zur Zunahme von hormon- mer Chemikalien kann nur durch eine Kombination
abhängigen Tumorerkrankungen und Genitalmiss- verschiedener Untersuchungsstrategien beantwor-
bildungen sowie zur vorzeitigen Pubertät von weib- tet werden. Dazu gehören sowohl Kurzzeittests
lichen Jugendlichen beizutragen. Epidemiologische zum Nachweis östrogener Potentiale als auch öko-
Studien konnten diesbezüglich noch keine eindeu- toxikologische Fortpflanzungs- und Entwicklungsun-
tigen Zusammenhänge nachweisen. tersuchungen sowie epidemiologische Feldstudien.

+ Hormonähnliche Wirkung von


Umweltstoffen
Körpereigene Hormone regulieren als Botenstoffe
zwischen Geweben und Zellen eine Vielzahl von
Prozessen. So spielen weibliche und männliche Ge-
schlechtshormone (Östrogene und Androgene) bei
der Fortpflanzung und Entwicklung des Organismus
eine entscheidende Rolle. Nun gibt es eine ganze
Reihe künstlicher und natürlicher Fremdstoffe aus
Die bis heute bekannten hormonähnlich wirkenden
Fremdstoffe besitzen allerdings eine wesentlich geringere
Wirkstärke als die körpereigenen Hormone. Sie lassen
sich in die großen Gruppen Industriechemikalien und
pflanzliche Naturstoffe einordnen. Daneben gibt es
hormonell wirksame Arzneimittel sowie natürliche und
synthetische Hormone (z.B. in der Antibabypille).
der Umwelt, die störend in das natürliche Hormon- Bisherige Untersuchungen zeigen, dass von Stoffen
system eingreifen, indem sie die Wirkung von Ge- natürlichen Ursprungs stärkere Belastungen für den
schlechtshormonen verstärken oder behindern kön- Menschen ausgehen als durch synthetisch erzeugte
nen. Diese geschlechtshormonähnlich wirkenden Substanzen. Bestimmte Pflanzenhormone haben eine
Substanzen verhalten sich entweder östrogen bzw. besonders hohe biologische Wirksamkeit. Nach dem
androgen oder anti-östrogen bzw. anti-androgen. gegenwärtigen Erkenntnisstand ist eine Beeinträchtigung
Sie werden im Zusammenhang mit beobachteten der menschlichen Gesundheit durch synthetisch erzeugte
Fortpflanzungs- und Entwicklungsstörungen bei Stoffe eher unwahrscheinlich.
Mensch und Tier diskutiert.

39
Kapitel Hormone & U m w e l t

Wirkung und Risiko von Nonylphenolen


ie kommen in Haushalts- und Industriereinigern an. Eine 40-tägige Intervall-Exposition von Laich-

S vor oder werden als Dispersionsmittel in der


Papierindustrie eingesetzt:Tenside, die helfen,
Fett in Wasser zu lösen. Zu ihren Abbauprodukten
fischen in 10 Mikrogramm Nonylphenol pro Liter
führte unter den gegebenen, teichwirtschaftlichen
Bedingungen zu einer um 20 Prozent reduzierten
gehören Nonylphenole. Diese Chemikalien gelten Schlupfrate und somit zu einer Verminderung des
als östrogen-aktiv, weil sie die Wirkung weiblicher Reproduktionserfolges. Zudem wiesen die Nach-
Sexualhormone nachahmen können. Nonylphenole kommen der Laichfische sehr vereinzelt Zwittersta-
stehen im Verdacht, für Missbildungen, Fruchtbarkeits- dien auf. Die Wissenschaftler beobachteten dabei
störungen und Krebs mitverantwortlich zu sein. sowohl eine Feminisierung männlicher als auch eine
Maskulinisierung weiblicher Fische. Aufgrund dieser
Toxische Wirkung auf Fische und weiterer umfangreicher Ergebnisse geht das
In einem fünfjährigen Forschungsprojekt am Bayeri- Bayerische Landesamt für Wasserwirtschaft jedoch
schen Landesamt für Wasserwirtschaft wurde das von einem insgesamt geringen östrogenen Potential
Risikopotential von Nonylphenolen an verschiedenen von Nonylphenolen aus. Eine größere Bedeutung
Fischarten, darunter Regenbogenforelle, Karpfen, erlangen Nonylphenole allerdings durch ihre in
Medaka und Hundsfisch, untersucht. Zur Ermittlung anderen Untersuchungen beobachteten toxikolo-
der endokrinen Effekte erfolgten unter anderem gischen Effekte.
Reproduktions-
studien, Unter- Nonylphenole in unserer Nahrung
suchungen zur Wissenschaftler des Forschungszentrums Jülich
Geschlechtsdif- spürten die Nonylphenole erstmals auch in einer
ferenzierung großen Zahl unserer Lebensmittel – darunter in
und Hormon- Bioprodukten, in der Muttermilch und in Säuglings-
a
messungen. Als nahrung – auf. Die Forscher des Jülicher Instituts
wichtiger spezi- Phytosphäre gingen dabei der brisanten Frage nach,
fischer Biomar- wie hoch die tägliche Aufnahme dieser chemischen
ker für eine östrogene Wirkung wurde Substanz durch den Verbraucher ist? Dazu ent-
die Bildung von Vitellogenin im Blut her- wickelten sie eine empfindliche Nachweismethode,
angezogen. Dieser Dotterprotein-Vorläu- die sich für die unterschiedlichsten Lebensmittel
fer wird normalerweise ausschließlich in eignet, und fanden Nonylphenole überraschender-
der Leber weiblicher Fische gebildet. weise in allen untersuchten Nahrungsmittelgruppen.
Unter Einwirkung östrogener Substanzen In Tomaten und Äpfeln waren die Konzentrationen
b
ist Vitellogenin auch im Blut männlicher besonders hoch. Aus den täglichen Verzehrmengen
Fische nachweisbar. Ergänzt wurden die der einzelnen Lebensmittelgruppen bestimmten die
Laborversuche durch ein Wirkungsmoni- Jülicher Forscher den „daily intake“ und stellten
toring an einheimischen Fischarten in fest: Täglich nehmen wir in Deutschland mit unserer
bayerischen Oberflächengewässern. Nahrung durchschnittlich 7,5 Mikrogramm Nonyl-
Die Vitellogenin-Bestimmungen beleg- phenole auf.
ten eine östrogene Wirkung von Nonyl- Da Säuglinge und Kleinkinder vermutlich sehr
phenolen. Bereits bei einer Konzentration empfindlich auf östrogen-aktive Substanzen reagie-
c von einem Mikrogramm Nonylphenolen ren, nahmen die Wissenschaftler zudem Mutter-
pro Liter stieg der Vitellogenin-Spiegel bei
männlichen Regenbogenforellen deutlich

a. Regenbogenforelle Kontakt
b. Normales Hodengewebe einer männlichen • Bayerisches Landesamt für
Regenbogenforelle (400 x) Wasserwirtschaft,
c. Normales Eierstockgewebe einer weiblichen
Regenbogenforelle mit heranreifenden Eizel- www.bayern.de/LFW/technik/
len (400 x) gewaesseroekolgie/oekotoxikologie/
d d. Hodengewebe einer männlichen Regenbo- nonylphenol
genforelle mit heranreifender Eizelle (400 x)
• Forschungszentrum Jülich (FZJ),
www.fz-juelich.de
40
milch, Milchanfangsnahrung und Fertigbreie unter Mit den Ergebnissen des Forschungszentrums
die Lupe. Auch hier wurden sie fündig. Ein Unter- Jülich liegen nun erstmals verlässliche Zahlen zur
schied zwischen Bioprodukten und normalen täglichen Aufnahme dieser hormonell wirksamen
Produkten konnte nicht festgestellt werden. Den Chemikalie über die Nahrung vor. Sie dienen als
Ergebnissen zufolge nehmen Säuglinge täglich ca. wichtige Grundlage für weitere toxikologische
0,2 Mikrogramm Nonylphenole bei ausschließlicher Untersuchungen über das Risikopotential, das von
Ernährung mit Muttermilch auf. Bei Babys, die Milch- Nonylphenolen für die menschliche Gesundheit
anfangsnahrung bekommen, sind es 1,4 Mikrogramm. ausgeht.

Umweltchemikalien und die Fruchtbarkeit der Frau


er mitteldeutsche Raum wurde im vergan- jedoch keine statistisch signifikanten Unterschiede

D genen Jahrhundert in besonderem Maße


von der chemischen Industrie geprägt.
Zahlreiche Flächen und auch das Grundwasser sind
zwischen fertilen Frauen und Kinderwunschpatien-
tinnen.
Eine nennenswerte Bindung der Umweltchemi-
über viele Jahrzehnte massiv verunreinigt worden. kalien an Hormonrezeptoren konnte ebenfalls nicht
Zu den gefährlichsten Altlasten gehören polychlo- nachgewiesen werden. Die Untersuchungen zeigten
rierte Kohlenwasserstoffe (PCKW), die als Pestizide aber, dass einzelne Stoffe in der Lage sind, das Wech-
(Lindan, DDT) und als Kühl- oder Trennmittel in selspiel zwischen dem Sexualhormon Östradiol und
der Industrie (PCB) Einsatz fanden. Sie stehen auf seinem Rezeptor zu stören.
Grund ihrer hormonähnlichen Struktur seit langem Die Ergebnisse sprechen dafür, dass die beob-
in Verdacht, für Fortpflanzungsstörungen und Miss- achtete Schadstoffbelastung keine primäre Sterili-
bildungen bei Mensch und Tier verantwortlich tätsursache darstellt. Aufgrund der Komplexizität
zu sein. der Abläufe läßt sich eine Einschränkung der Ferti-
Ende der 90er-Jahre haben Forscher der Univer- lität dennoch nicht ausschließen, da polychlorierte
sitätsklinik für Geburtshilfe und Reproduktionsme- Kohlenwasserstoffe das Einnisten eines Embryos
dizin in Halle mögliche Zusammenhänge zwischen in der Gebärmutter stören können. Dafür spricht
einer Unfruchtbarkeit und der endokrinen Wirkung der Befund der Uniklinik in Halle, dass die Zugabe
von PCKW untersucht. Sie ermittelten Anreiche- von PCKW zu Endometrium-Zellkulturen negative
rung und Verteilung dieser Chemikalien in den Fort- Auswirkungen auf die Wachstumsrate der Zellen
pflanzungsorganen der Frau und versuchten, Art hat.Welcher Mechanismus dieser Beeinflussung
und Stärke der Wechselwirkung mit den dort vor- zugrunde liegt, ist Hauptgegenstand der aktuellen
handenen Hormonbindungsstellen (Rezeptoren) zu Forschung.
ergründen. Untersucht wurden 20 Frauen, die un-
Unkontrollierte
gewollt kinderlos geblieben waren, sowie weitere Einleitung von
15 Frauen, die bereits mindestens ein Kind geboren Industrieab-
hatten. wässern bei
Bitterfeld
Aufgrund ihrer chemischen Eigenschaften wer-
den die PCKW hauptsächlich im Fettgewebe ange-
reichert. Die Analysen ergaben, dass Pestizide und
PCB aber auch im Blut der untersuchten Frauen in
messbare Konzentrationen vorlagen. Der Gehalt
nahm mit dem Alter der Probandinnen zu.
Über den Blutkreislauf gelangen die endokrin Kontakt
wirksamen Substanzen auch in die Fortpflanzungs- • Universitätsklinik für Geburtshilfe und
organe. Die Hallenser Wissenschaftler fanden dabei Reproduktionsmedizin
im Endometrium des Uterus – dem Gewebe, das Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg,
für die Einnistung des frühen Embryos eine Schlüs- www.medizin.uni-halle.de/kgr
selrolle spielt – höhere Stoffmengen im Vergleich • Second Status-Seminar „Endocrine
zum zirkulierenden Blut. Diesbezüglich gab es Disrupters“, Berlin, April 2001
www.status-umwelthormone.de
41
WOHNEN &U MWELT
Wenn wir von „Umwelt“ reden, meinen wir gewöhnlich die
äußere Umwelt, zum Beispiel die Außenluft. Allerdings verbrin-
gen die Deutschen die meiste Zeit ihres Lebens in Innenräumen.
Ein Erwachsener hält sich täglich etwa 20 Stunden in geschlos-
senen Räumen auf. Dort atmet er Tag für Tag einen ganzen
Cocktail chemischer Stoffe ein, der in der Regel viel konzen-
trierter als in der Außenluft ist. Luftbelastungen im Innenraum
werden für Atemwegserkrankungen und Allergien verantwortlich
gemacht.
usdünstungen aus Baumaterialien, Ein- gesundheitlichen Bewertung orientiert man sich

A richtungsgegenständen und Teppichen


sowie feinste Teilchen aus Verbrennungs-
prozessen oder andere Partikel sind in der In-
in vielen Fällen an den verfügbaren Werten zur
Maximalen Arbeitsplatzkonzentration (MAK-
Werte). Doch muss dabei berücksichtigt wer-
nenraumluft enthalten. Dazu kommen Luftbelas- den, dass beim betriebsbedingten Umgang mit
tungen, die durch unsere eigenen Verhaltenswei- Gefahrstoffen im allgemeinen sehr viel höhere
sen bedingt sind, wie Tabakkonsum oder das Stoffkonzentrationen vorliegen als im Wohnbe-
Versprühen von Insektiziden. Ob all das dem reich. Zudem sind wir in Innenräumen in der
Menschen letztlich schadet, hängt einerseits von Regel einer Vielzahl von Substanzen gleichzeitig
seiner persönlichen Gesundheitskonstitution ausgesetzt.
ab, andererseits von der Art und Konzentration Zum Nachweis der Stoffe in der Innenraum-
der Stoffe, die auf ihn einwirken. Im Zuge der luft und im Staub, der sich aus der Luft absetzt,
Energiesparmaßnahmen der letzten Jahrzehnte werden zum Teil aufwändige, chemische, physi-
werden immer mehr Wohnungen besser gegen kalische und biologische Methoden eingesetzt.
die Außenluft abgedichtet.Weniger Luftaustausch Die Wirkung solcher Stoffe untersucht man
bedeutet aber auch geringere Verdünnungseffek- zum einen in spezifischen Laborexperimenten.
te der Innenraumluft. So erreichen heute viele Zum anderen kann eine Beeinträchtigung auch
Luftschadstoffe in Innenräumen erheblich höhe- indirekt, beispielsweise im Blut der Betroffenen
re Konzentrationen als im Freien. selbst, nachgewiesen werden. Epidemiologen
Im Gegensatz zum Arbeitsplatzbereich gibt hingegen führen Befragungen, Messungen und
es für nicht gewerblich genutzte Innenräume Untersuchungen in der Bevölkerung durch,
bislang weder auf nationaler noch auf interna- um Risiken der Innenraumluft auf die Spur zu
tionaler Ebene allgemein verbindliche Grenz- kommen.
werte für Innenraumluftverunreinigungen. Zur

Infolge erhöhter Wärme-


dämm-Maßnahmen an
Fenstern und Fassaden
haben auch Raumluftunter-
suchungen in Wohngebäuden
in den letzten Jahren stark
an Bedeutung gewonnen.

43
Kapitel Wo h n e n & U m w e l t

Pyrethroide –
wie gesundheitsschädlich sind Insektizide?
yrethroide gehören derzeit zu den am häufig- lige Schädlingsbekämpfungsmaßnahme Pyrethroiden

P sten verwendeten Insektiziden. Sie werden in


Innenräumen vor allem zur Bekämpfung von
Schädlingen wie Schaben oder Flöhen sowie zum
ausgesetzt waren. Das andere Projekt erfasste 144
Personen, die möglicherweise durch im Haushalt
vorhandene, Pyrethroide enthaltende Teppiche dau-
Schutz von Wollteppichen bzw. -teppichböden vor erhaft belastet waren. Die von unabhängigen Gut-
Motten und Käferfraß eingesetzt. Schon seit Jahren achtern geprüften Studien konnten zeigen, dass die
wird in der Öffentlichkeit diskutiert, ob erhöhte gesundheitlichen Beschwerden weder durch Schäd-
Pyrethroid-Konzentrationen in Innenräumen die lingsbekämpfungsmaßnahmen noch infolge der aus-
Gesundheit des Menschen gefährden können. Pyre- gerüsteten Wollteppiche signifikant erhöht waren.
throide werden unter anderem als Auslöser von Ebenso wenig wurden Wirkungen auf das Nerven-
Langzeitschäden wie ständigen Kopfschmerzen, system festgestellt, wichtige Parameter des Immun-
Müdigkeit und Taubheitsgefühlen angesehen. systems wiesen keine abnormen Veränderungen auf.
Zwei mehrjährige Projekte gingen Ende der Die Wissenschaftler kamen zu dem Schluss, dass
90er-Jahre diesem Verdacht erstmals unter „Feld- die Ergebnisse der Studie keine belastbaren Hinwei-
bedingungen“ auf den Grund. Mit Mitteln des BMBF se auf eine gesundheitliche Gefährdung bei sachge-
und des Industrieverbands Agrar e.V. (IVA) führten rechter Anwendung von Pyrethroiden in Innenräu-
Forscher der Universität Düsseldorf und des Fraun- men geben.Weiteren Forschungsbedarf sehen sie
hofer-Instituts für Toxikologie und Aerosolforschung allerdings für besonders sensible Personen wie älte-
in Hannover umfassende Untersuchungen an frei- re Menschen, Kinder oder Allergiker, bei denen eine
willigen Probanden durch. Bei einem Projekt wur- spezifische Empfindlichkeit gegenüber Pyrethroiden
den 61 Personen untersucht, die durch eine einma- bestehen könnte.

Pyrethroide –
keine Gesund-
heitsgefahr bei
sachgerechter
Anwendung.
Bei empfindlichen
Personen führt
der Kontakt mit
Pyrethroiden ...

Kontakt
• Institut für Hygiene der Heinrich-Heine-Universität
Düsseldorf ... möglicherweise zu
www.uni-duesseldorf.de/WWW/MedFak/Hygiene/ Kopfschmerzen und
Müdigkeit.
• Fraunhofer-Institut für Toxikologie und Aerosol-
forschung in Hannover, seit 1.1.2003: Fraunhofer-
Institut für Toxikologie und Experimentelle Medizin
(ITEM)
www.item.fraunhofer.de

44
Emissionen aus Elektrogeräten

ie häufig bereits eine einfache Geruchs-

W prüfung zeigt, setzen viele elektronische


Geräte im (warmen) Betriebszustand
flüchtige organische Verbindungen (VOC) und
schwerflüchtige organische Verbindungen (SVOC)
frei, die sich in der Innenraumluft anreichern. Im
Gegensatz zu den schon seit vielen Jahren umfang-
reich untersuchten Emissionen von Bauprodukten
und Einrichtungsgegenständen hat es zu Art und
Umfang von VOC- oder SVOC-Ausgasungen aus
Elektrogeräten bisher keine systematische Analyse
gegeben.
Offene Prüfkammer mit einem Fernsehgerät

Zeitlicher Verlauf der Phenol-Emissionen für vier Fernsehgeräte im Neuzustand und nach Alterung
(600 Betriebsstunden).

160 Typ A neu Typ C neu


140 Typ A alt Typ C alt
120 Typ B neu Typ D neu
100 Typ B alt Typ D alt
μg/(Stück h)

80
60
40
20
0
1 h Stand-by 1h 3h 5h 6h 24 h 144 h

Phenole geben wegen ihrer möglicherweise erbgutverändernden Wirkung auf den Menschen Anlass zu Besorgnis. Erhöhte
Phenol-Emissionen sind aber auch für typische Geruchsbelästigungen neuer Fernsehgeräte verantwortlich. Sie entströmen vor
allem den aus Phenolharzen hergestellten Leiterplatten. Im Prüfkammerversuch wird nach etwa sechs Stunden die Maximal-
konzentration von Phenol erreicht.

+
Flüchtige organische Verbindungen und ihre
Wirkung auf den Menschen
Viele Haushaltsgegenstände emittieren chemische, be-
sonders organische Verbindungen. Aufgrund ihrer ver-
schiedenen Siedepunkte unterscheidet man flüchtige
organische Verbindungen (VOC = Volatile Organic Com-
pounds) und schwerflüchtige organische Verbindungen
(SVOC). Die VOC liegen im wesentlichen gasförmig in
der Raumluft vor und können „ausgelüftet“ werden,
während sich die SVOC mit zunehmender Schwerflüch-
tigkeit an Hausstaub anlagern und dadurch schwerer
nischen Verbindungen.VOC- und SVOC-Emissionen im
Innenraum stammen typischerweise aus Lösemitteln,
Weichmachern, Flammschutzmitteln,Verarbeitungshilfs-
mitteln und Konservierungsmitteln.
Mögliche gesundheitliche Wirkungen von VOC bzw.
SVOC reichen von Geruchsempfindungen und Reiz-
wirkungen auf Schleimhäute über Wirkungen auf das
Nervensystem bis hin zu Langzeitwirkungen (allergie-
verstärkende sowie kanzerogene, mutagene oder
aus der Innenraumluft entfernt werden können. Man reproduktionstoxische Effekte).
kennt inzwischen Hunderte solcher flüchtigen orga-

45
Kapitel Wo h n e n & U m w e l t

a b

Temperaturverteilung auf der Haupt- (a) und Röhrenplatine Farbeindruck zum weißen Ende des Spektralbereiches. Die
(b) eines Fernsehgerätes im laufenden Betriebszustand. Je Temperaturzonen reichen von etwa 20 °C bis 60 bzw. 70 °C
wärmer die Oberfläche ist, um so mehr verschiebt sich der (siehe „Max“-Werte).

Die Gesellschaft für Umweltschutz TÜV Nord


aus Hamburg hat hierzu Mitte der 90er-Jahre eine
Prüfmethode entwickelt, mit der gesundheitsgefähr-
dende Ausgasungen aus elektronischen Geräten
erfasst werden können. In speziellen Prüfkammern
untersuchten die Forscher jeweils zehn Fernseh-
geräte und Videorecorder auf toxikologisch rele-
vante organisch-chemische Emissionen. Sowohl im
neuwertigen als auch im künstlich gealterten Zu-
stand emittierten die in Betrieb befindlichen Geräte
eine große Zahl unterschiedlicher chemischer Sub-
stanzen, darunter viele, die als Gefahrstoffe einge-
stuft sind. Insgesamt identifizierte der TÜV Nord
etwa 350 VOC und etwa. 250 SVOC. Dazu zählten Die gemessenen VOC/SVOC-Emissionen können auf die Ver-
beispielsweise Phenole, Kresole, Fomaldehyd und hältnisse bei Computern und Monitoren übertragen werden.
einige Phthalate (Weichmacher). Die Emissionsrate
wurde maßgeblich von der Temperatur im Geräte- Das zweijährige Projekt des TÜV Nord diente
inneren beeinflusst. allerdings nicht nur der Entwicklung einer standar-
Die umfangreichen Messergebnisse zu VOC- und disierten Messmethode, sondern hat auch wirksame
SVOC-Emissionen von Fernsehern und Videorecor- Impulse zur Verminderung bzw. Vermeidung gesund-
dern können auf andere Elektrogeräte, die aus ver- heitsschädlicher Geräteemissionen gegeben und
gleichbaren Materialien bestehen, wie etwa Compu- wissenschaftliche Grundlagen für Richtwertempfeh-
ter, Monitore und HiFi-Geräte, übertragen werden. lungen geschaffen.

Kontakt
TÜV NORD Umweltschutz GmbH & Co.KG
www.tuev-nord.de

46
Allergie-Risiko Innenraum
llergien und Asthma haben in den letzten tion von leicht flüchtigen organischen Kohlenwas-

A Jahren stark zugenommen. In Europa ver-


zeichnete man in den letzten 30 Jahren eine
Verdreifachung der Erkrankungsraten. Heute gelten
serstoffen (VOC) in den Wohnungen deutlich höher
lag als im Außenbereich. Die gefundenen VOC-
Konzentrationen wurden noch verstärkt durch
Allergie und Asthma als die häufigsten chronischen bestimmte Aktivitäten wie Renovierungsarbeiten,
Krankheiten im Kindesalter. Ärzte stellen inzwi- das Aufstellen neuer Möbel, das Verlegen neuer
schen bei ca. 13 bis 14 Prozent deutscher Schulkin- Fußbodenbeläge oder die häufige Anwendung von
der Asthmasymptome fest. Verschiedene Umwelt- Haushaltschemikalien. Interessanterweise konnten
schadstoffe stehen im Verdacht, an dieser Entwick- die Leipziger Forscher im Rahmen einer Neuge-
lung beteiligt zu sein und allergische Symptome zu borenen-Studie (1994-1999) zeigen, dass etwa 60
verstärken. Umweltepidemiologen des Umwelt- Prozent der untersuchten Wohnungen, speziell die
forschungszentrums Leipzig gehen dieser „Umwelt- Kinderzimmer, zum Zeitpunkt der Geburt renoviert
these“ seit Beginn der 90er-Jahre in zahlreichen wurden und zum Teil stärker als üblich mit VOC
Studien an Kindern nach. Ihre jungen Probanden – belastet waren.
so stellten die Wissenschaftler bald fest – verbrach- Die epidemiologischen Untersuchungen an Neu-
ten im Jahresdurchschnitt mehr als 85 Prozent ihrer geborenen belegen deutlich, dass die gefundenen
Zeit in Innenräumen.Welchen Einfluss üben also chemischen Innenraumbelastungen das Allergie-
die dort gefundenen Schadstoffbelastungen auf das geschehen der Kinder beeinflussen. Das Bronchitis-
Allergiegeschehen aus? risiko (und Infektionsrisiko) lag bei Kindern, die einer

a b c

In epidemiologischen Studien an Neugeborenen (a) konnte oder Farben (b), die Sensibilisierung gegenüber Allergenen
nachgewiesen werden, dass chemische Innenraumschad- wie Eiweißpartikeln aus Schimmelpilzsporen (c), erhöhen
stoffe, beispielsweise aus lösemittelhaltigen Klebstoffen können.

Infolge von Energiesparmaßnahmen der letzten überdurchschnittlich hohen VOC-Konzentration in


Jahre kam es zu einer deutlich verringerten Luft- Innenräumen ausgesetzt waren, mehr als doppelt so
wechselzahl in Innenräumen. Zwangsläufig reicher- hoch als bei Kindern, die nicht oder kaum mit VOC
ten sich nicht nur die üblicherweise im Wohnbe- in Kontakt kamen. Gleichzeitig wiesen die Epide-
reich vorgefundenen allergieauslösenden Substanzen miologen nach, dass unter Einfluss erhöhter VOC-
(aus z.B. Milbenkot, Haustierhaaren oder Schimmel- Konzentrationen die spezifische Sensibilisierung ge-
pilzen) an, sondern auch andere lufthygienisch rele- genüber Allergenen und damit eine Empfänglichkeit
vante Komponenten. Expositionsuntersuchungen für Allergien zunimmt. Dabei sind die chemischen
zeigten, dass beispielsweise die Summenkonzentra- Innenraumschadstoffe gerade in den ersten Lebens-
monaten in der Lage, jene Zellen zu beeinflussen,
die wesentlich an der Immunreaktion beteiligt sind.
Ob die untersuchten Einflüsse durch VOC direkt
Kontakt zur Manifestation einer Allergie führen können, ist
UFZ-Umweltforschungszentrum Leipzig-Halle GmbH, noch weitgehend ungeklärt.
Sektion Expositionsforschung und Epidemiologie
www.ufz.de/spb/expo/index.html

47
Kapitel Fo r s c h u n g f ö rd e r n – i n Z u k u n f t n a c h h a l t i g

FORSCHUNG FÖRDERN –
IN ZUKUNFT NACHHALTIG

Fördern und Forschen in Deutschland orientierten Förderung“ (POF). Mit Hilfe von zen-
Die deutsche Forschungslandschaft zeichnet sich trenübergreifenden, längerfristig angelegten thema-
durch eine Vielzahl von Akteuren aus. Auf Seiten tischen Forschungsprogrammen sollen die vorhan-
der Forschungsförderung sind vor allem der Bund, denen Ressourcen gebündelt sowie die Zusammen-
die Länder, die Deutsche Forschungsgemeinschaft, arbeit der HGF-Zentren untereinander und mit
die Wirtschaft und Stiftungen aktiv. Die Durch- externen Partnern gestärkt werden. Zu Beginn des
führung öffentlich geförderter Forschung überneh- Jahres 2003 wurde unter anderem der Helmholtz-
men im Wesentlichen die Universitäten, die Max- Bereich Gesundheit mit dem Schwerpunktthema
Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaf- „Umweltbedingte Gesundheitsstörungen“ auf das
ten e.V., die Fraunhofer-Gesellschaft, die Helmholtz- POF-System umgestellt.
Gemeinschaft deutscher Forschungszentren (HGF) Neben institutionellen Fördermitteln vergibt das
sowie die Einrichtungen der Wissenschaftsgemein- BMBF auch Zuwendungen an kurz- bis mittelfristige
schaft Gottfried Wilhelm Leibniz. Forschungsprojekte von universitären und außeruni-
Das Bundesministerium für Bildung und For- versitären Instituten sowie an Verbundprojekte mit
schung (BMBF) beteiligt sich gemeinsam mit den Unternehmen.
Ländern an der Grundfinanzierung außeruniversitä-
rer Forschungseinrichtungen und unterstützt auf Europäische Perspektiven
diese Weise mittel- und langfristig angelegte Vorha- Die Europäische Union (EU) übernimmt zuneh-
ben. Im Falle der Helmholtz-Gemeinschaft wird die- mend eine bedeutende Rolle bei der Finanzierung
se Form der institutionellen Förderung zukünftig und Ausrichtung der nationalen Forschung. Mit

+
abgelöst durch die neue Strategie der „Programm- ihrem 6. Forschungsrahmenprogramm, das im

BMBF-Projektträger
Die direkte Abwicklung der Projektförderung (Antragsbe- Die Forschungsförderung im Bereich „Umwelt und
arbeitung, Beratung, Projektbegleitung und Erfolgskontrol- Gesundheit“ ist Teil des Umweltforschungsprogramms
le) übernehmen verschiedene BMBF-Projektträger. Sie der Bundesregierung und wird hauptsächlich durch den
sind bei den Helmholtz-Zentren oder anderen qualifi- Projektträger Umwelt- und Klimaforschung in München
zierten Einrichtungen angesiedelt. Zu ihren Aufgaben betreut. Als Querschnittsthema hat der Bereich aber
gehören auch die Planung, Analyse und Bewertung von auch Berührungspunkte mit Förderaktivitäten innerhalb
Förderprogrammen, die Organisation von Fachtagungen des Gesundheitsforschungsprogramms (z.B. in der Aller-
und Workshops sowie Aktivitäten im Rahmen der inter- gieforschung), die durch den Projektträger Gesundheits-
nationalen Zusammenarbeit und Beratung von Antrag- forschung in Bonn abgedeckt werden.
stellern über Fachprogramme der EU.

48
Herbst 2002 gestartet wurde, zielt sie mittelfristig Mit der Verabschiedung der nationalen Strategie
auf die Schaffung eines gemeinsamen europäischen für eine nachhaltige Entwicklung im April 2001 er-
Forschungsraumes. Gefördert werden Vorhaben, die geben sich neue Herausforderungen auch für die
grenzüberschreitende Probleme angehen und die in- Bildungs- und Forschungspolitik. Aktuell werden
ternationale Wettbewerbsfähigkeit durch Vernetzung zwei neue Rahmenprogramme des BMBF erarbei-
und Kooperationen verbessern.Teilaspekte des Be- tet, um sämtliche Aktivitäten des BMBF im Hinblick
reiches „Umwelt und Gesundheit“ enthält das Rah- auf eine nachhaltige Entwicklung neu zu bündeln
menprogramm in seinen thematischen Prioritäten und zu strukturieren. Ein Rahmenprogramm, das
„Biowissenschaften, Genomik und Biotechnologie bis Herbst 2003 veröffentlicht werden soll, umfasst
im Dienste der Gesundheit“, „Lebensmittelqualität alle Fördermaßnahmen, die sich mit Konzepten der
und -sicherheit“ sowie „Politikorientierte For- Nachhaltigkeit für die Praxis befassen. Das zweite
schung“. Rahmenprogramm wird sich mit dem Verständnis
der natürlichen und gesellschaftlichen Prozesse be-
Forschung für eine nachhaltige Entwicklung schäftigen, um gesellschaftliche Maßnahmen für die
Lange Zeit war die Umweltforschung primär auf Realisierung einer nachhaltigen Entwicklung besser
technische Lösungen zur Erkennung, Reparatur und ableiten zu können.
Vermeidung von Umweltschäden sowie auf natur-
wissenschaftliches Grundlagenwissen ausgerichtet.
Seit Anfang der 90er-Jahre erhalten jedoch interdis-
ziplinäre Ansätze und auf Systemwissen zielende
Vorhaben zunehmendes Gewicht.

Informationen BMBF-Projektträger: Weitere Informationen:


• Projektträger Umwelt- und Klimaforschung • EU-Büro des BMBF für das 6. Forschungs-
(PT UKF) am GSF-Forschungszentrum für Umwelt rahmenprogramm:
und Gesundheit GmbH, München www.eubuero.de/6rp
www.gsf.de/ptukf • Koordinierungsstelle EG der Wissenschafts-
• Projektträger Gesundheitsforschung (PT-DLR) am organisationen, Infos zum 6. Rahmenprogramm:
Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V. www.kowi.de/rp6
(DLR), Bonn • Fördermaßnahme „Umweltgerechte nachhaltige
www.pt-dlr.de/PT-DLR Entwicklung“:
www.fona.de

49
Diese Druckschrift wird im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit vom Bundesminis-
terium für Bildung und Forschung unentgeltlich abgegeben. Sie ist nicht zum ge-
werblichen Vertrieb bestimmt. Sie darf weder von Parteien noch von Wahl-
werberinnen/Wahlwerbern oder Wahlhelferinnen/Wahlhelfern während eines
Wahlkampfes zum Zweck der Wahlwerbung verwendet werden. Dies gilt für Bun-
destags-, Landtags- und Kommunalwahlen sowie für Wahlen zum Europäischen
Parlament.
Missbräuchlich ist insbesondere die Verteilung auf Wahlveranstaltungen und an
Informationsständen der Parteien sowie das Einlegen, Aufdrucken oder Aufkleben
parteipolitischer Informationen oder Werbemittel. Untersagt ist gleichfalls die
Weitergabe an Dritte zum Zwecke der Wahlwerbung.
Unabhängig davon, wann, auf welchem Weg und in welcher Anzahl diese Schrift
der Empfängerin/dem Empfänger zugegangen ist, darf sie auch ohne zeitlichen Be-
zug zu einer bevorstehenden Wahl nicht in einer Weise verwendet werden, die als
Parteinahme der Bundesregierung zugunsten einzelner politischer Gruppen ver-
standen werden könnte.