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Achim Lehmann Die Eintagsfliege

Versonnen knabbere ich an meiner Lieblingsspeise, dem Stängel einer weißen Seerose. Das warme Wasser des kleinen Baches, der sich durch grüne Wiesen im Talgrund zieht, umspült mich sanft. Irgendetwas zieht und zerrt an mir. Ich spüre, dass ein neuer Le- bensabschnitt auf mich wartet, lasse mich zur Wasseroberfläche treiben, finde einen Platz auf einem der Seerosenblätter. Die Sonne trocknet meinen Larvenpanzer. Er wird langsam rissig. Ich schlüpfe aus meiner alten Haut. In einem glitzernden Was- sertropfen, der über mir an einem Seerosenblütenblatt hängt, kann ich mich betrachten, erkenne Flügel. Ich fliege über meinen Bach, schaue mir den Ort an, an dem ich zwei Sommer lang gelebt habe. Ich genieße die neue Bewegungs- freiheit. Bisher war ich ja nur auf Krabbeln an Pflanzenstängeln, und auf Treibenlassen in der sanften Strömung des Baches ange- wiesen. Jetzt aber liegt die Welt vor mir.

In beschwingten Linien fliege ich in der sommerlich warmen Luft über dem Wiesengrund. Vor mir taucht eine gemauerte Höhle auf, ein Loch in der Mauer lädt ein zum Hineinfliegen. Verführerische Düfte kitzeln meine Nase. Ich fliege hinein. Stängelähnliche Gebilde wachsen von oben herab, nicht, wie ich es kenne, von unten herauf. Sie ähneln den Pflanzenstängeln aus meinem Bach, riechen aber besser. Aber etwas beunruhigt mich.

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Ich sehe andere, mir ähnliche Wesen, die offenbar verzweifelt versuchen, von diesen Stängeln loszukommen. Ich sehe mich vor.

Die Sonne zieht sich hinter den Talrand zurück. Neben dem Loch in der Mauer, durch das ich in die Höhle gelangt bin, sehe ich eine Pflanze. Die Pflanze ähnelt dem Wasserschlauch, den ich aus meinem Bach kenne. Diese hier hat hübsche grün-weiß-rote Streifen. Ich fliege zu dieser wundersamen Pflanze, krabbele hinauf. Eine Woge köstlichen Duftes empfängt mich, hhmmm, so verführe- risch. Neugierig krabbele ich in den Trichter hinein, finde mit meinen Füßen auf der schlüpfrigen Innenwand keinen Halt, habe nur noch einen Wunsch: ich will hier raus.

Meine Sinne werden angenehm müde. Ich lasse es geschehen. Ich gleite tiefer hinab, fühle mich behaglich. Ich schließe die Augen, bin wieder in meinem Bach. Mit einem kleinen Seufzer werde ich Eins mit der wohlig warmen Flüssig- keit

Achim Lehmann, geb. im Dezember 1948 in Lehde im Spreewald, 1952 Flucht mit den Eltern aus der damaligen DDR in den Westen, aufgewachsen in der Universitätsstadt Göttingen, dort Besuch der Volks- und Realschule. Lehre zum Feinmechaniker, zwei Jahre Bundeswehr, berufsbe- gleitende Weiterbildung zum Elektroniker, zweijährige Technikerschule in Braunschweig zum Feinwerktechniker mit Fachhochschulreife. Umzug nach Ulm, tätig als Konstrukteur, Weiterbil- dung zum Netzwerktechniker, tätig als Programmierer, Systemingenieur, Servicetechniker, seit 2010 im Vorruhestand.

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