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„Hola! Como esta? - Hallo! Wie geht es Ihnen?


Mit diesen Worten möchte ich Sie/euch/dich in chilenischer Manier zu meinem ersten
Monatsbericht begrüßen. „Wie geht es ihnen?“ ist ein Satz, den man hier immer hört.
Und eine rhetorische Antwort erfordert. Eine Antwort, die hier keinen interessiert. Das ist
zumindest das erste, was mir hier aufgefallen ist. Eine Eigenart der Chilenen ist, dass
Sie aus Höflichkeit nach dem Wohlbefinden fragen. Richtig interessieren tun sie sich
dafür nicht. Aber kommen wir zum wichtigen.

Die Monatsberichte versuche ich so aufzubauen, das sie lustige Anekdoten


enthalten, einen Teil über meine Arbeit, was ich den letzten Monat so gemacht habe,
meine Freizeitaktivitäten und dann versuche ich noch einen kleinen Teil brachiale
Informationen reinzubringen. Und damit fang ich auch gleich mal an.

Ich bin Mirko Pototzki und wohne seit einem Monat in


Chile. Oder um es ganz genau zu sagen: Ich wohne in der
Hauptstadt „Santiago“, im Stadtteil „La Florida“ und dort direkt
an der größten Autobahn in Santiago, der „Americo Vespucio“
im „Block 19“ und dort im „Departamento 13“. Einfach zu
finden, wenn man nach der Metrostation „Santa Julia“ sucht. 50
Meter von dieser Richtung Süden an der Americo Vespucio
steht „mein Block“. Meine Adresse kann ich hier gerne so
öffentlich hinschreiben. Briefe kommen eh nicht an. Auch eine
Eigenart von Chilenen, dass man hier nicht auf die Post
vertraut. Wird seine Gründe haben ;-)

Wie ich hingekommen bin, ist eigentlich ganz einfach.


Nach der Schule wollte ich mal was neues machen. Etwas, das
mit anderen Menschen zu tun hat, am liebsten mit Kindern oder
Jugendlichen, nicht wie zu Hause ist, am besten weit weg und
etwas, wo ich mich nützlich einbringen kann. Zuerst war eine Jugendherberge in Bayern
in der engeren Auswahl. Aber als ich dann gehört hab, dass ein Kumpel von mir sich für
eine Stelle in Chile bewerben möchte, regte sich erstes Interesse. Als ich mich etwas
mehr über die Stelle informierte, stellte ich fest, das man dort in einer Schule arbeitet. Es
schien alles perfekt. Doch weiter hab ich auch in Erfahrung gebracht, dass eine
Organisation die Stellen vergibt. Eine Organisation war mir nicht ganz so lieb, da ich
dachte, man würde ohne Ende eingeschränkt werden.

Mein Blog im Internet: www.MirkoInChile.blogspot.com


Doch der Soziale Friedensdienst Kassel war anders, als ich mir das vorstellte.
Die Angestellten sind nett, pflegen freundschaftliche Kontakte und bereiten einen super
vor. In 2 Vorbereitungsseminaren haben wir über Rollenspiele uns in verschiedene
Probleme und die möglichen Lösungen derer reindenken müssen, Diskussionsstoff
bekommen, uns mehr Gedanken über Sinn und Unsinn von Entwicklungshilfe gemacht
und etliche Punkte mehr angesprochen. Aber auch hier ein Haken: Der SFD finanziert
sich als gemeinnützige Organisation über Spendengelder. Aber jetzt kommt auch hier die
Lösung: Wenn man jetzt an den SFD spendet und bei der Spende angibt, dass die
Projektgebunden an „Mirko Pototzki“ geht, dann bekommt man eine
Spendenbescheinigung und ich das Geld, das mir dann als Gehalt ausgezahlt werden
kann. Von dem Geld werd ich mir dann hier Lebensmittel kaufen, meine Miete bezahlen
und, für den Fall, das mehr Geld eingeht, werde ich dieses für die Schule nutzen. Also
für die Kinder dort Sachen kaufen, die sie gerade gebrauchen können.

Zu Chile allgemein kann ich hier alles mögliche erzählen:


Als erstes: Chile ist nicht arm. Es ist das reichste Land Südamerikas und ich hab gehört,
es wäre im Moment ohne Auslandsschulden. Allerdings muss man dazu auch sagen,
dass der Reichtum nicht bis in alle Bevölkerungsschichten durchdringt. Das soziale
Ungleichgewicht ist so groß, wie in kaum einem anderen Land. Zwar liegt die
Arbeitslosenquote bei 7 %, aber erstens weiß man nicht, wie sehr man dieser Zahl
trauen darf und zum zweiten gibt es hier arbeiten für alles und jeden. Bei jedem
Supermarkt stehen Leute hinter der Kasse und packen die Einkäufe in Tüten. Wenn
diese Leute nicht mehr als arbeitslos gezählt werden, dann ist es kein Wunder, dass die
Arbeitslosenquote so niedrig ist. Allerdings kann man nicht sagen, dass diese Leute viel
verdienen. Es reicht meist zum existieren, aber nicht zum leben.
Auf der anderen Seite gibt es aber 2 große Supermarktketten. Das perverse ist, dass
diese von dem Armenviertel „La Florida“ nur eine Metrostation entfernt ein Geschäft
haben. Hier die armen, die so gut wie nichts haben und knapp davon entfernt ein Laden,
in dem man alles kaufen kann, was das Herz so
begehrt. Vorausgesetzt man hat Geld.
Jumbo und Lider heißen die beiden Ketten.
Ein Jumbo oder Lider hat auch immer mindestens
30 Kassen und ist riesengroß. In dem größten, in
dem ich bis jetzt war, waren 60 Kassen. Der größte
soll wohl angeblich 80 Kassen haben. Glaube ich
gerne, nachdem, was ich hier so gesehen habe.
Und die Kassen sind auch meist voll besetzt, was
bei dem Arbeitstempo der Kassierer/innen auch

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dringend nötig ist. Nicht, dass die Chilenen nicht arbeiten würden: Sie arbeiten echt viel.
Nur leider irgendwie an deutschen Verhältnissen gemessen, sehr ineffektiv. Soll heißen:
Sie sitzen auch mal 12 – 15 Stunden auf der Arbeit, arbeiten aber so langsam und
ineffektiv, als würden sie nur die Hälfte der Zeit was machen. Das ist aber auf keinen Fall
nur negativ gemeint. Chilenen scheinen sehr gemütliche Menschen zu sein, was sich
auch in der allgemeinen Stimmung widerspiegelt. Spricht man einen Wildfremden auf der
Straße an, so unterhält er sich auch gerne mal mit einem. Und das, obwohl man
Ausländer ist und alles 3 mal gesagt bekommen muss. Mein Spanisch ist eben noch
nicht das beste ;-)

Um von der Arbeit der Chilenen aber mal auf


meine Arbeit zu kommen:
Über meine Arbeit zu schreiben, ist nicht so
einfach. Angestellt bin ich bei der christlichen
Gemeinde „Congregación La Reconcilación“.
Diese Gemeinde unterstützt die Schule
„Belen – O'Higgins“, in der ich hauptsächlich
arbeite. Natürlich kann es vorkommen, dass
die Gemeinde mich braucht, wie es schon
einmal der Fall war, aber primär arbeite ich in
der Schule.

Die Schule ist eine Ganztagsschule, in der vom Kindergarten bis zur 8. Klasse
unterrichtet wird. Hier wird das als Grundschule bezeichnet, was ein bisschen irreführend
für uns ist.
Nach der 8. Klasse kommen die Schüler auf eine weiterführende Schule, wo sie den
nächsten Abschluss machen werden/können. Über das Schulsystem werd ich in dem
nächsten Bericht etwas ausführlicher schreiben. Im Moment fehlen mir dafür noch die
nötigen Infos. Bin ja auch erst seit 3 Wochen aktiv in der Schule ;-)
Was ich allerdings erzählen kann: Die Schule ist sehr familiär aufgebaut. Die Erzieher
werden alle „Tia“ und „Tio“ genannt, was soviel wie „Tante“ und „Onkel“ heißt. Man sagt
also nicht „Herr Müller“ zum Mathelehrer, sondern „Tio Manfred“. Vorrausgesetzt, der
Mathelehrer heißt Manfred Müller. ;-)

Ich bin für die Schüler also auch „Tio Mirko“. Lieber auch nicht dran denken, was
passieren würde, würden mich die Kleinen versuchen mit Pototzki an zu sprechen. Ich
bin ganz froh, das sie Mirko einigermaßen aussprechen können. Es klingt ein bisschen
überbetont nach MIIIIIRRRRRRko, aber damit lässt es sich leben.. Jürgen ist da mit
seinen Namen schon etwas mehr angeschmiert. Zwischen Churchen und Cheerrguen ist
da alles möglich.

Auch etwas anders, im Gegensatz zu Deutschland, ist, das im Kindergarten, in dem ich
arbeite, schon ein Stundenplan vorhanden ist. Ich hab also mit den kleinen, die zwischen
4 und 5 sind, schon Englisch, Mathe, Sport, Religion und Musik gemacht. Meistens
besteht der Unterricht nur aus dem anmalen von irgendetwas. In Religion sinds Engel
und in Englisch ein Auto, neben dem „Car“ steht. Das die kleinen nicht lesen können und
die meisten nichtmal ihren Namen schreiben können, interessiert hier leider keinen. Das

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dort also „Car“ neben steht, ist denen herzlich egal. Sinn und
Zweck des Unterrichts sei also dahingestellt. Ohne Zweifel
sollten die Kinder hier mehr lernen, denn nur durch lernen
kommt man hier aus dem Slum raus, aber Sinn sollte auch
dabei sein.
Blöd ist dann nur, dass die Tios und Tias dann eine ganze
Menge Arbeit damit haben, die Kleinen zu motivieren, wo doch
draußen die Sonne scheint, es gerad kurz vor Mittag ist und
die allgemeine Stimmung mehr nach Krach, als nach Arbeit
ist.
Apropros Mittag: In der Schule gibt es für die Schüler ein
warmes Mittagessen. Und das sogar umsonst. So wie ich das
bis jetzt verstanden habe, scheint es von der Regierung
bezahlt zu werden. Die Schule ist für arme Kinder und das
Mittagessen hier meistens die einzige Möglichkeit, dass sie mal was warmes in den
Magen kriegen.
Doch des einen Freud, ist des anderen Leid. Die etwas älteren freuen sich über das
Essen, den Kindergartenkindern muss man es förmlich reinzwingen. Das ich im Ausland
Kinder füttern werde, hab ich vorher echt nicht erwartet. Aber so langsam hab ich auch
da einen Kniff: Einfach dem Kind irgendwas erzählen und den Löffel in den Mund
schieben. Klingt blöd, funktioniert aber dafür erstaunlich oft.
Was ich auch noch lernen musste: Schleife machen. Wenn ich das aus meiner
Perspektive mache, ist es viel einfacher. Aber nach den ersten 20 Schleifen war auch
das Hindernis aus der Welt geschafft.

Wenn ich in der Schule mal nicht mit


den Kindern arbeite, werde ich von
Miguel in Beschlag genommen.
Miguel ist so etwas wie der
Hausmeister. Er macht alles und
nichts und wird von allen Schülern
geliebt. Kaum eine Sache, die er
sich bei denen nicht erlauben kann.
Sein Humor liegt irgendwo zwischen
„Sexistisch“ und absolut
„Rabenschwarz“.
Miguel teilt auch sehr gerne. Am
liebsten seine Arbeit. So hab ich
schon Steckdosen verlegt, eine
Tafel angeschraubt, die Rutsche
repariert, Steine geschleppt, Müll sortiert, Holz sortiert und gesägt, und geschätzte
tausend Sachen mehr. Allgemein entwickle ich hier ein gewisses handwerkliches Talent.

Nicht nur auf der Arbeit, sondern auch in meiner Wohnung, die ich mir mit einem
Praktikanten teile, musste eine Menge gemacht werden. Da hier nichts so wirklich billig
ist und sowieso an jeder Ecke repariert und improvisiert wird, hab ich mich da auch
gleich mal angeschlossen. Die Wand im Badezimmer etwas verspachtelt,
Kloverstopfungen gelöst (Papier gehört hier NICHT ins Klo! Merken!), Dichtungen aus
Papier gebaut (nicht so gut, wie eine Gummidichtung, aber hat relativ gut geklappt), den

Mein Blog im Internet: www.MirkoInChile.blogspot.com


für uns lebensnotwendigen Sandwichmaker repariert
und jede Menge sauber gemacht. Was nicht so richtig
sauber geht, ist dann meist Schimmel. Aber gewöhnt
man sich dran.
Wir haben schon überlegt, ob wir ihn taufen, aber
letztendlich glauben wir ja dran, dass sich das nicht
lohnen würde. Immerhin wollen wir ihn ja loswerden.
Wenn er bis Weihnachten noch nicht weg ist, dann
kriegt er einen Namen. ;-)

Mittlerweile ist die Wohnung aber echt super


bewohnbar. Vorher sahs ziemlich schlimm aus, jetzt
würde ich das als immerhin schon kurz-vor-fast-gut
bezeichnen.
Es gibt noch was zu tun, aber im Großen und Ganzen
kann man sagen:
Es geht voran!

Und da sich auch an einzelnen Tagen eine Menge tut, möchte ich hier noch kurz auf
mein Blog im Internet verweisen, auf dem ich hin und wieder mal einen Tag
beschreibe und versuche, euch ein kleines bisschen mehr vom Leben in Santiago mit zu
geben. Natürlich auch mit jeder Menge Bilder ;-)

Für Kommentare und Fragen bitte einfach eine Mail schreiben, oder in meinem Blog auf
dem Gästebuch einen Eintrag hinterlassen. Ich werde alles Zeitnah (versuchen zu)
beantworten.
Bis dahin:

Liebe Grüße und bis spätestens zum Mirko Pototzki


nächsten Monatsbericht direkt aus Americo Vespucio 8388
Santiago de Chile Block 19, Dept 13
La Florida
Euer Mirko Santiago de Chile
Chile

PS: Die Berichte können gerne auch an Verwandte, Verschwägerte, Bekannte und
Unbekannte weitergegeben werden. ;-)

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