Im Dunkel scheint dein Licht. Woher, ich weiß es nicht. Es scheint so nah und doch so fern.

Ich weiß nicht, wie du heißt. Was du auch immer seist: Schimmere, schimmere, kleiner Stern! (Nach einem alten irischen Kinderlied)

Michael Ende

MOMO
ERSTER TEIL:

MOMO UND IHRE FREUNDE

ERSTES KAPITEL Eine große Stadt und ein kleines Mädchen

In alten, alten Zeiten, als die Menschen noch in ganz anderen Sprachen redeten, gab es in den warmen Ländern schon große und prächtige Städte. Da erhoben sich die Paläste der Könige und Kaiser, da gab es breite Straßen, enge Gassen und winkelige Gäßchen, da standen herrliche Tempel mit goldenen und marmornen Götterstatuen, da gab es bunte Märkte, wo Waren aus aller Herren Länder feilgeboten wurden, und weite schöne Plätze, wo die Leute sich versammelten, um Neuigkeiten zu besprechen und Reden zu halten oder anzuhören. Und vor allem gab es dort große Theater. Sie sahen ähnlich aus, wie ein Zirkus noch heute aussieht, nur daß sie ganz und gar aus Steinblöcken gefügt waren. Die Sitzreihen für die Zuschauer lagen stufenförmig übereinander wie in einem gewaltigen Trichter. Von oben gesehen waren manche dieser Bauwerke kreisrund, andere mehr oval und wieder andere bildeten einen weiten Halbkreis. Man nannte sie Amphitheater. Es gab welche, die groß waren wie ein Fußballstadion, und kleinere, in die nur ein paar hundert Zuschauer paßten. Es gab prächtige, mit Säulen und Figuren verzierte, und solche, die schlicht und schmucklos waren. Dächer hatten diese Amphitheater nicht, alles fand unter freiem Himmel statt. In den prachtvollen Theatern waren deshalb golddurchwirkte Teppiche über die Sitzreihen gespannt, um das Publikum vor der Glut der Sonne oder vor plötzlichen Regenschauern zu schützen. In den einfachen Theatern dienten Matten aus Binsen und Stroh dem gleichen Zweck. Mit einem Wort: die Theater waren so, wie die Leute es sich leisten

die man durch ein Loch in der Außenmauer betreten konnte. Und in einer solchen Stadt hat sich die Geschichte von Momo begeben. Abschneiden wollte Momo sie nicht. Natürlich ist das Leben in ihnen anders geworden. Aber da und dort zwischen den neuen Gebäuden stehen noch ein paar Säulen. Ihr Rock war aus allerlei bunten Flicken zusammengenäht und reichte ihr bis auf die Fußknöchel. als ihr eigenes. kletterten auf den grasbewachsenen Sitzreihen umher. Und sie liebten es. der so aussah. denn sie waren leidenschaftliche Zuhörer und Zuschauer. Eigentlich waren es nur die Leute aus der näheren Umgebung. wunderschöne und ebenfalls pechschwarze Augen und Füße von der gleichen Farbe. ob sie jemals wieder eine so schöne und praktische Jacke mit so vielen Taschen finden würde. dann war es ihnen. das sich anhört. Sie hatte sehr große. die sich übrigens in nichts von der vorigen unterschied. Eines Mittags kamen einige Männer und Frauen aus der näheren . so daß man beim besten Willen nicht erkennen konnte. aber sie kümmerten sich nicht weiter um sie. und auch von den großen Theatern stehen nur noch Ruinen. viel zu weite Männerjacke. Sie war auch keine Sehenswürdigkeit. Die Menschen fahren mit Autos und Straßenbahnen. es war schon damals sozusagen ein Theater für ärmere Leute. dort. großen Städte sind große Städte geblieben bis auf den heutigen Tag. Hier hatte Momo sich häuslich eingerichtet. Es sei ein Kind. das heißt um jene Zeit. die Ruine eines kleinen Amphitheaters. und manchmal trafen sich dort am Abend die Liebespaare. pechschwarzen Lockenkopf. Die großen Städte von damals sind zerfallen. die großen Wert auf Sauberkeit und Ordnung legen. deren Ärmel an den Handgelenken umgekrempelt waren. als ob jenes nur gespielte Leben auf geheimnisvolle Weise wirklicher wäre. Aber eines Tages sprach es sich bei den Leuten herum. möglicherweise etwas erschreckend wirken. weil es ein bißchen merkwürdig angezogen sei. wo schon die ersten Felder beginnen und die Hütten und Häuser immer armseliger werden. die sich mit anderen. liegt. war die Ruine fast ganz vergessen. die Kinder benutzten den runden Platz in der Mitte zum Ballspielen. Das kam daher. Darüber trug sie eine alte. und die Zikaden stimmten die nächste Strophe ihres endlosen Liedes an. oder auch ein Amphitheater aus jenen alten Tagen. Jahrtausende sind seither vergangen. ein Tor. Sie war klein und ziemlich mager. Es hieße Momo oder so ähnlich. Sie hatte einen wilden. haben Telefon und elektrisches Licht. ob sie erst acht oder schon zwölf Jahre alt war. ein Stück Mauer. In unseren Tagen. Unter der grasbewachsenen Bühne der Theaterruine gab es ein paar halb eingestürzte Kammern. Und wer konnte wissen. So genau könne man das allerdings nicht sagen. aber es waren zwei verschiedene.konnten. Aber einige dieser alten. daß sie ja noch wachsen würde. Nur im Winter trug sie manchmal Schuhe. die es in der großen Stadt gab. ein kleines Mädchen vermutlich. Dann kehrte die Stille in das steinerne Rund zurück. Im geborstenen Gemäuer singen nun die Zikaden ihr eintöniges Lied. machten Lärm. weil es dort nichts mehr zu erforschen gab. Draußen am südlichen Rand dieser großen Stadt. Es war auch in jenen alten Zeiten keines von den prächtigen. daß Momo eben nichts besaß. Aber haben wollten sie alle eins. in einem Pinienwäldchen versteckt. als was sie irgendwo fand oder geschenkt bekam. Momos äußere Erscheinung war in der Tat ein wenig seltsam und konnte auf Menschen. So verirrten sich nur ab und zu ein paar Touristen dort hin. Nur ein paar Professoren der Altertumswissenschaft wußten von ihr. knipsten ein Erinnerungsfoto und gingen wieder fort. Kälte und Hitze haben die Steine abgeschliffen und ausgehöhlt. denn sie lief fast immer barfuß. Sie ließen dort ihre Ziegen weiden. als ob die Erde im Schlaf atmet. alltägliches. weil sie vorsorglich daran dachte. da die Geschichte von Momo ihren Anfang nahm. Wind und Regen. die auf der Bühne dargestellt wurden.Und wenn sie den ergreifenden oder auch den komischen Begebenheiten lauschten. auf diese andere Wirklichkeit hinzuhorchen. die Tempel und Paläste sind eingestürzt. die nicht zusammenpaßten und ihr außerdem viel zu groß waren. daß neuerdings jemand in der Ruine wohne. die das seltsame runde Bauwerk kannten. als ob er noch nie mit einem Kamm oder einer Schere in Berührung gekommen wäre. messen konnte.

Kind?« Momo machte mit der Hand eine unbestimmte Bewegung. die es aufgeschnappt hatte. Da waren Gitter an den Fenstern. die gefüttert sein wollen. Da war ich schon mal. »Hör mal«. weil sie fürchtete.« »Das kann ich verstehen«. Denn hier. Da will ich nicht wieder hin.« »Wann bist du denn geboren?« Momo überlegte und sagte schließlich: »Soweit ich mich erinnern kann. sich aber nichts Bestimmtes darunter vorstellen konnte. antwortete Momo erleichtert. Es dauerte eine Weile. und zuletzt waren sie einverstanden. daß du Momo heißt. »Wo kommst du denn her. »Nein«. Wir haben zwar selber alle nur wenig Platz. sagte eine Frau. »Also. »da will ich nicht hin.« »Ich meine. Irgendwer muß doch für dich sorgen. »wäre es dir recht. aber noch nicht ganz überzeugt. noch ein wenig unsicherer. bis die Leute merkten. Was hältst du davon. »aber du bist doch noch klein. »aber du bist doch ein Kind —wie alt bist du eigentlich?« »Hundert«. Die Leute lachten. »wir wollen dich nicht vertreiben. sagte Momo. Andere Kinder waren auch da. »Du hast dich selbst so genannt?« »Ja. die Leute würden sie wegjagen. »Also gut«. und die meisten haben schon einen Haufen Kinder. »vielen Dank! Aber könntet ihr mich nicht einfach hier wohnen lassen?« Die Leute berieten lange hin und her. eh?« Momo sah ihn erschrocken an. meinte der Mann. wo du zu essen kriegst und ein Bett hast und wo du rechnen und lesen und schreiben und noch viel mehr lernen kannst.Umgebung zu ihr und versuchten sie auszufragen. nicht wahr?« »Ja. keinen Onkel. sagte Momo und lächelte zum ersten Mal. wo du hin kannst?« Momo schaute den Mann nur an und schwieg eine Weile. »Du sagst. ernsthaft. mußt du denn nicht wieder nach Hause?« »Ich bin hier zu Hause«.« »Ich«. Und die anderen Leute konnten es auch verstehen und nickten. murmelte sie. aber ich hab' ihn noch nie gehört.« Momo nickte stumm. sagte einer der Männer. Was hältst du davon. antwortete Momo. sagte ein alter Mann und nickte. nachdem er sich mit den anderen beraten hatte.« »Das ist ein hübscher Name. überhaupt keine Familie. Wir wollen dir helfen. Da bin ich nachts über die Mauer und weggelaufen. fuhr der Mann fort. »So«. »Kannst du das denn?« fragte die Frau. « Wieder wechselten die Leute Blicke. sagte Momo zögernd. Die Leute tauschten Blicke und seufzten. wie alt bist du?« »Hundertzwei«. antwortete Momo. daß du hier bist? Dann würdest du in ein Heim kommen. daß es freundliche Leute waren. ergriff nun wieder der Mann das Wort. seufzten und nickten. »Und du willst hier bleiben?« »Ja. sagte der Mann. der zuerst gesprochen hatte. Aber sie merkte bald.« »Na ja«.« »Aber wirst du denn nirgendwo erwartet?« »Nein. du könntest vielleicht bei einem von uns unterkriechen. gern. weil niemand es Zählen gelehrt hatte. Momo schwieg eine Weile und sagte dann leise: »Ich brauch' nicht viel. könne das Kind schließlich genausogut wohnen . Wer hat dir denn den Namen gegeben?« »Ich«. eh?« »Danke«. »Weißt du.aber ganz ungerecht. aber wir meinen. »wir meinen. Sie waren selber arm und kannten das Leben. Das Kind schaute ihn und die anderen Leute ratlos an und hob ein wenig die Schultern. weil sie es für einen Spaß hielten. Momo«.« »Hast du denn keine Tante. so meinten sie. wenn wir der Polizei sagen. war ich immer schon da. Dann murmelte sie: »Ich bin hier zu Hause. keine Großmutter. »hier gefällt es dir also?« »Ja«. jedenTag gab's Prügel . »Wer sind denn deine Eltern?« forschte der Mann weiter. die irgendwohin in die Ferne deutete. Momo stand ihnen gegenüber und guckte sie ängstlich an. »Du brauchst keine Angst zu haben«. daß das Kind nur ein paar Zahlwörter kannte. versicherte Momo schnell. auf eines mehr kommt es dann auch schon nicht mehr an.

So kam es. mal weniger. Und schließlich brachten die Frauen noch ein ausgedientes. Man sah fast immer jemand bei ihr sitzen. wie nur arme Leute es zu feiern verstehen. Sie brauchten Momo. malte er dazu. ZWEITES KAPITEL Eine ungewöhnliche Eigenschaft und ein ganz gewöhnlicher Streit Von nun an ging es der kleinen Momo gut. um sie zu holen. malte zuletzt noch ein hübsches Blumenbild an die Wand. daß Momo sehr viel Besuch hatte. Und da es sehr viele Kinder waren.wie bei einem von ihnen. in der Momo hauste. desto unentbehrlicher wurde es ihnen. der künstlerische Fähigkeiten besaß. wie es sich eben fügte und wie die Leute es entbehren konnten. Und wer noch nicht gemerkt hatte. Man könnte nun denken. das dritte etwas Obst und so fort. es könnte eines Tages wieder auf und davon gehen. das andere einen kleinen Brotwecken. so unentbehrlich. Sie hatte ein Dach über dem Kopf. Es war ein so vergnügtes Fest. Einer von ihnen. So wie man sagt: »Alles Gute!« oder »Gesegnete Mahlzeit!« oder »Weiß . aufräumten und instandsetzten. ein Feuer machen. indem sie zunächst einmal die halb eingestürzte steinerne Kammer. wie sie früher ohne sie ausgekommen waren. an dem das Bild hing. und zwei Decken. Sie fingen gleich an. Und wer sie brauchte und nicht kommen konnte. Und dann kamen die Kinder der Leute und brachten. jedenfalls nach ihrer eigenen Meinung. So begann die Freundschaft zwischen der kleinen Momo und den Leuten der näheren Umgebung. daß sie nicht weniger Glück gehabt hatten. sie hatte ein Bett und sie konnte sich. der angelegentlich mit ihr redete. mit Schnörkeln verziertes Eisenbett. Und je länger das kleine Mädchen bei ihnen war. das eine ein Stückchen Käse. zu dem sagten die ändern: »Geh doch zu Momo!« Dieser Satz wurde nach und nach zu einer feststehenden Redensart bei den Leuten der näheren Umgebung. daß sie nur noch fürchteten. so gut es ging. und sie wunderten sich. daß sie alle miteinander im Amphitheater ein richtiges kleines Fest zu Ehren von Momos Einzug feiern konnten. Aber auch für die Leute stellte sich schon bald heraus. Ein alter Schreiner nagelte aus ein paar Kistenbrettern ein Tischchen und zwei Stühle zusammen. kam an diesem Abend eine solche Menge zusammen. eine Matratze. mal mehr. was man an Essen erübrigen konnte. wenn es kalt war. als für einen allein. und Momo selbst war durchaus dieser Ansicht. schickte nach ihr. weil es für alle zusammen sowieso einfacher wäre. Und was das Wichtigste war: sie hatte viele gute Freunde. daß er sie brauchte. und sorgen wollten sie alle gemeinsam für Momo. an so freundliche Leute geraten zu sein -. der Maurer war. Aus dem steinernen Loch unter der Bühne der Ruine war ein behagliches kleines Zimmerchen geworden. daß Momo ganz einfach großes Glück gehabt hatte. die nur wenig zerrissen war. baute sogar einen kleinen steinernen Herd. Sogar den Rahmen und den Nagel. Ein rostiges Ofenrohr wurde auch aufgetrieben. Irgend etwas zu essen hatte sie jetzt immer. Der Maurer.

wie in ihm auf einmal Gedanken auftauchten. zuhören kann doch jeder. stumm und feindselig. woran Momo reich war. auf den es überhaupt nicht ankommt und der ebenso schnell ersetzt werden kann wie ein kaputter Topf. mit aller Aufmerksamkeit und aller Anteilnahme. wenn jemand Trost brauchte? Konnte sie weise und gerechte Urteile fällen? Nein. setzte sie sich schließlich in gleichem Abstand von beiden auf den Rand der steinernen Bühne und schaute die zwei abwechselnd an. unter allen Menschen nur ein einziges Mal gab und daß er deshalb auf seine besondere Weise für die Welt wichtig war. sein Leben sei ganz verfehlt und bedeutungslos und er selbst nur irgendeiner unter Millionen. Er hieß Nicola und war ein starker Kerl mit einem schwarzen. Wirklich zuhören können nur ganz wenige Menschen. daß sie in ihm steckten. wird nun vielleicht mancher Leser sagen. was geschehen würde. Um keinen zu kränken. weil sie etwas sagte oder fragte. genauso wie er war. das war es auch nicht. Der andere hieß Nino.und er ging hin und erzählte alles das der kleinen Momo. doch zu Momo zu gehen. daß sie jedem Menschen einen guten Rat geben konnte? Fand sie immer die richtigen Worte. war es ganz und gar einmalig. auf geheimnisvolle Weise klar. von dem der Ofen und das schöne Blumenbild in Momos »Wohnzimmer« stammte. noch während er redete. einer. Auch Nino und dessen dicke Frau gehörten zu Momos Freunden und hatten ihr schon oft etwas Gutes zu essen gebracht. sie saß nur da und hörte einfach zu. Konnte sie vielleicht zaubern ? Wußte sie irgendeinen geheimnisvollen Spruch. Manche Dinge brauchen ihre Zeit . das war: Zuhören. daß er sich gründlich irrte.und Zeit war ja das einzige. was sie wollten. dunklen Augen an. von denen er nie geahnt hatte. Ich hab' . daß Nachbarn in Feindschaft lebten. die den ganzen Abend an einem einzigen Glas Wein tranken und von ihren Erinnerungen redeten. genauso sagte man also bei allen möglichen Gelegenheiten: »Geh doch zu Momo!« Aber warum? War Momo vielleicht so unglaublich klug. zu welchem sie zuerst hingehen sollte. Das ist doch nichts Besonderes. Er war mager und sah immer ein wenig müde aus. stand Nicola plötzlich auf und sagte: »Ich geh'. nein. Was die kleine Momo konnte wie kein anderer. Der eine war der Maurer. in dem meistens nur ein paar alte Männer saßen. wußte sie zunächst nicht. Nino war Pächter eines kleinen Lokals am Stadtrand. daß es ihn. dann wurde ihm. Aber das ist ein Irrtum. aufgezwirbelten Schnurrbart. jeder auf einer anderen Seite der steinernen Sitzreihen. daß die beiden böse aufeinander waren. und schauten finster vor sich hin. denn es ginge nicht an. obwohl sie Nachbarn waren. Die beiden Männer hatten sich anfangs geweigert und schließlich widerwillig nachgegeben. Die anderen Leute hatten ihnen geraten. Dabei schaute sie den anderen mit ihren großen. daß dummen Leuten plötzlich sehr gescheite Gedanken kamen. Momo konnte so zuhören. So konnte Momo zuhören ! Eines Tages kamen zwei Männer zu ihr ins Amphitheater. Sie wartete einfach ab. Nachdem die Männer lang so gesessen hatten. Oder daß Schüchterne sich plötzlich frei und mutig fühlten.weil sie doch in einer Art Zirkus wohnte . Sie konnte so zuhören.der liebe Himmel!«. Nun saßen sie also im Amphitheater.am Ende gar tanzen oder akrobatische Kunststücke vorführen? Nein. Und so wie Momo sich aufs Zuhören verstand. Konnte Momo dann vielleicht irgend etwas. Oder daß Unglückliche und Bedrückte zuversichtlich und froh wurden. Und wenn jemand meinte. was den anderen auf solche Gedanken brachte. das die Leute in gute Laune versetzte? Konnte sie zum Beispiel besonders schön singen? Oder konnte sie irgendein Instrument spielen? Oder konnte sie . mit dem man alle Sorgen und Nöte vertreiben konnte? Konnte sie aus der Hand lesen oder sonstwie die Zukunft voraussagen? Nichts von alledem. und der Betreffende fühlte. die sich auf den Tod zerstritten hatten und nicht mehr miteinander reden wollten. das alles konnte Momo ebensowenig wie jedes andere Kind. Nicht etwa. daß ratlose oder unentschlossene Leute auf einmal ganz genau wußten. Da Momo nun merkte.

Eines Morgens hatte nämlich in knallroten Buchstaben auf Ninos Tür gestanden: »Wer nichts wird. wie man sieht!« Eine Zeitlang gingen die wildesten Beschimpfungen hin und her und Momo konnte nicht schlau daraus werden. jetzt wirst du blaß ! Da hast du mich nämlich nach Strich und Faden übers Ohr gehauen. Sein Gesicht war puterrot vor Zorn. »Und überhaupt hast du kein Recht zu so was!« Nicola war durchaus der Ansicht. Aber den Männern war plötzlich. Aber nach und nach kam heraus. Wozu soll ich noch länger warten?« Und er wandte sich tatsächlich zum Gehen. verstehst du?« erwiderte Nino. ich sage sie dir und allen. wird Wirt«. ich könne keine gerade Mauer bauen. und er hätte am Schiefen Turm von Pisa mitgebaut!« »Aber Nicola«. er ist verstockt. »Gut«. wie er lügt und verleumdet! Ich hab' ihn nur beim Kragen genommen und in die Spülwasserpfütze hinter seiner Spelunke geschmissen. nur zu. nur ist es dir nicht gelungen ! « . wie du es schon mal tun wolltest!« »Hält' ich's nur getan !« brüllte Nicola und ballte die Fäuste. mach. Ninos ganzes Geschirr zu zertrümmern. »Ja. in gutem Recht gehandelt zu haben. »Weißt du. »Umgekehrt wird ein Schuh draus ! Du wolltest mich hereinlegen. sich zu schämen. daß Nino damit nur einen anderen Spaß Nicolas zurückgezahlt hatte. und so was muß ich mir nicht bieten lassen. Und das fand wiederum Nino gar nicht komisch. welcher von den beiden Spaßen der bessere gewesen sei und redeten sich wieder in Zorn. worum es überhaupt ging und weshalb die beiden so erbittert aufeinander waren. und sie fingen an. « Und wieder zu Nino gewandt. »Sag das noch mal!« »Sooft du nur willst ! « schrie Nino. als sähen sie sich selbst in einem Spiegel. »Wer ist hier ein Verbrecher?« fragte er drohend und kam wieder zurück. »Du glaubst wohl. und du hattest keinen Grund. und keiner der beiden konnte sich ihren Blick so recht deuten. daß du wegkommst!« rief Nino ihm nach. »Über so was kann ich nicht lachen.« »Ich dich?« rief Nicola und schlug sich wild vor den Kopf.« Es stellte sich jedoch heraus. Nino. schrie er: »Leider lebst du ja auch noch. »Du hättest erst gar nicht zu kommen brauchen. »Einen einzigen Krug hab' ich an die Wand geschmissen. »ich hätte das vielleicht nicht auf deine Tür schreiben sollen.« »Und ob ich den hatte!« gab Nino zurück. Machte sie sich im Inneren lustig über sie? Oder war sie traurig? Ihr Gesicht verriet es nicht. Ich versöhne mich doch nicht mit einem Verbrecher!« Nicola fuhr herum. wagt niemand. daß Nicola diese Schandtat nur begangen hatte. Aber du siehst. Momo schaute sie groß an. dir die Wahrheit ins Gesicht zu sagen? Aber ich. mich so zu behandeln. »Erinnerst du dich nicht mehr an die Sache mit dem heiligen Antonius ? Ah. »Ist ja überhaupt nicht wahr !« verteidigte sich Nicola erbittert. Nun stritten sie eine Weile todernst. Und sogar mein Urgroßvater wäre schon so gewesen. Aber plötzlich brachen sie ab. »Er hat gesagt. Da drin kann nicht mal eine Ratte ersaufen. Das war gegen das Gesetz. Momo. komm doch her und bring mich um. sagte Nicola. wenn du dich nicht geweigert hättest.meinen guten Willen gezeigt. »Aber da siehst du. antwortete Nino. was er über mich gesagt hat?« rief er Momo zu. weil ich Tag und Nacht betrunken sei. mir nur ein einziges Glas Wein auszuschenken. die sie hören wollen! Ja. Dem war allerdings wieder vorausgegangen. indem ich überhaupt gekommen bin. Momo. weil Nino ihm zuvor in Gegenwart einiger Gäste eine Ohrfeige gegeben hatte. »das war doch nur Spaß!« »Ein schöner Spaß!« grollte Nicola. und der hatte sowieso schon einen Sprung!« »Aber es war mein Krug. verstehst du ? Denn ich habe immer bezahlt. denn Nino hatte ihn in seiner Ehre als Maurer gekränkt. daß Nicola versucht hatte. weil du stark und brutal bist. Ich hätte es auch nicht getan.

den ich aus der Zeitung ausgeschnitten habe.« »Dann mußt du doch zugeben. meinte Nino nachdenklich. daß du mich betrogen hast!« »Wieso? Hast du denn von dem Geld wirklich nichts gewußt?« »Nein. daß ihre beiden Freunde nun wieder gut miteinander waren. Nicola — hast du schon vor dem Tausch von dem Geld gewußt oder nicht?« »Klar. als mein Radio wert war«. Sie kletterten die steinernen Stufen hinunter. »Getauscht ist getauscht! Ein Handschlag gilt unter Ehrenmännern!« Und plötzlich fingen beide gleichzeitig an zu lachen. Das Geschäft wurde gemacht. Das war eine viel schwerere Aufgabe für Momo. Wie konntest du mir sonst für das wertlose Stück Zeitungspapier mein Radio abnehmen. brummte er. umarmten einander und klopften sich gegenseitig auf den Rücken. denn natürlich schnitt Nicola dabei ziemlich schlecht ab. das den heiligen Antonius darstellte. Sie war sehr zufrieden. der nicht singen wollte. mein Ehrenwort!« »Na. »War es viel?« »Nicht mehr und nicht weniger. trafen sich in der Mitte des grasbewachsenen runden Platzes. schwiegen sie eine Weile. »Dann geht unser ganzer Streit«. daß dieser seinen Radioapparat zum Tausch bot.« Nino biß sich auf die Lippen. Ein anderes Mal brachte ihr ein kleiner Junge seinen Kanarienvogel. Und Nino hatte Nicola durch geschicktes Feilschen schließlich dazu gebracht. . weil es nicht zu dem Tausch gehört habe. Dann fragte Nino: »Sag mir jetzt einmal ganz ehrlich. also. winkte Momo ihnen noch lange nach. Nino lachte sich ins Fäustchen. Nino. antwortete Nicola. he?« »Und wieso hast du von dem Geld gewußt?« »Ich hab' gesehen. von dem Nino nichts gewußt hatte. und das ärgerte ihn. weil er es so schön fand. Es war ein Farbdruck. Dann nahmen sie beide Momo in den Arm und sagten : »Vielen Dank!« Als sie nach einer Weile abzogen.angeblich. Nun stellte sich aber heraus. den Nino irgendwann einmal aus einer Illustrierten ausgeschnitten und gerahmt hatte. wie es zwei Abende vorher ein Gast als Opfergabe für den heiligen Antonius dort hineingesteckt hat. Jetzt war er plötzlich der Übervorteilte. »du kannst ihn gern wiederhaben.« »Aber nicht doch!« antwortete Nino würdevoll. bis er endlich wieder zu trillern und zu jubilieren begann. und daraufhin wollte Nino ihm nichts mehr ausschenken. daß zwischen dem Bild und der Rückwand aus Pappdeckel ein Geldschein steckte.« Nicola kratzte sich am Kopf. »Eigentlich ja«. Nicola weigerte sich. So hatte der Streit angefangen. Sie mußte ihm eine ganze Woche lang zuhören. sonst hätte ich doch den Tausch nicht gemacht.Die Sache war die: In Ninos kleinem Lokal hatte ein Bild an der Wand gehangen. Dann wolltest du mich doch hereinlegen. Als die beiden die Sache nun bis zum Anfang zurückverfolgt hatten. Eines Tages wollte Nicola Nino dieses Bild abhandeln . Kurz und bündig verlangte er von Nicola das Geld zurück. »eigentlich bloß um den heiligen Antonius.

über dem sich der sternenfunkelnde Himmel wölbte. Das war nicht etwa deshalb so. Am Himmel hingen dicke schwarze Wolken. der mag nur einmal versuchen. wie sie es manchmal tat. sogar dem Regen und dem Wind in den Bäumen. und wir fahren in unbekannte Meere und erleben Abenteuer.kamen den Kindern selbst die besten Ideen. Und eben dadurch . während es in ruhiger Fahrt mit voller Kraft voraus in das südliche Korallenmeer vordrang.« »Und zu Hause?« fragte ein Junge. versteht ihr? Und die anderen sind Matrosen. DRITTES KAPITEL Ein gespielter Sturm und ein wirkliches Gewitter Es versteht sich wohl von selbst. »Ich geh' lieber heim«. saßen etwa zehn. sagte ein dicker Junge mit einer hohen Mädchenstimme. Ich bin der Kapitän. »ich hab' Angst vor Blitz und Donner. diese gefährlichen Gewässer zu befahren. Hoch rauschte die Bugwelle auf. Seit Menschengedenken hatte kein Schiff es mehr gewagt. Aber die Kinder kamen noch aus einem anderen Grund so gern in das alte Amphitheater. Und wer nun noch immer meint. drückenden Tag. Und dann kam Momo. Momo war nur einfach da und spielte mit. eines schöner als das andere. und du bist ein Naturforscher. weil Momo so gute Vorschläge machte. den Grillen und Kröten.«»Gut. »wir könnten spielen. daß die ganze Ruine ein großes Schiff ist. daß Momo beim Zuhören keinerlei Unterschied zwischen Erwachsenen und Kindern machte. zuhören sei nichts Besonderes. der etwas verwahrlost aussah. Wahrscheinlich würde es bald ein Gewitter geben.Momo hörte allen zu. »Deswegen können wir doch trotzdem irgendwas spielen — auch ohne Momo. du bist der Erste Steuermann. Nach einer Weile sagte sie: »Aber Momo kommt vielleicht gar nicht.« »Und wir Mädchen. konnten sie so gut spielen wie nie zuvor. als säße sie mitten in einer großen Ohrmuschel. ein Professor.Dann kam es ihr so vor. Das Forschungsschiff »Argo« schwankte leise in der Dünung auf und nieder. Und alles sprach zu ihr auf seine Weise. »Dann kannst du genausogut hier bleiben«. Nein. die ihr ganz seltsam zu Herzen gingIn solchen Nächten hatte sie immer besonders schöne Träume. sagte ein Mädchen. die ein wenig ausgegangen war. ja. und lauschte einfach auf die große Stille. den Hunden und Katzen. denn es wimmelte hier von Untiefen.« »Irgendwas ist nichts. Einmal. und das Spiel kam nicht in Fluß. aber was?« »Ich weiß auch nicht. aber sie konnten sich nicht recht einig werden. Das Mädchen zuckte die Schultern und nickte. An manchen Abenden. Irgendwas eben. an einem schwülen. um in der Gegend umherzustreifen. was sind wir?« »Matrosinnen. antwortete das Mädchen. der eine Brille trug. Täglich erfanden sie neue Spiele. saß sie noch lange allein in dem großen steinernen Rund des alten Theaters. von Korallenriffen . ob er es auch so gut kann. das ein kleines Geschwisterchen bei sich hatte. meinte der Junge. Und es war ihr. Seit Momo da war.man weiß nicht wie . Wer hat einen Vorschlag?« »Ich weiß was«. als höre sie eine leise und doch gewaltige Musik. weil es nämlich eine Forschungsreise ist. Nach kurzer Zeit saßen alle wieder auf den steinernen Stufen und warteten.« »Na und?« mischte sich nun ein Junge ins Gespräch. Es gab einfach keine langweiligen Augenblicke mehr. wenn alle ihre Freunde nach Hause gegangen waren. Es ist ein Zukunftsschiff. elf Kinder auf den steinernen Stufen und warteten auf Momo.« Das war ein guter Plan ! Sie versuchten zu spielen. die in die Sternenwelt hinaushorchte. »hast du zu Hause vielleicht keine Angst davor?« »Doch«.

« Daraufhin sprangen drei Matrosinnen. rückte seine Brille zurecht und rief hinauf: »Nach meiner Ansicht haben wir es hier mit einer Abart des gewöhnlichen Strumpfus quietschinensus zu tun. Ein wenig abseits von ihnen saß die schöne Eingeborene Momosan mit untergeschlagenen Beinen. Als der Professor die höchste Stelle erreicht hatte. Alle drei standen über ihre Präzisionsinstrumente gebeugt und beratschlagten leise miteinander in ihrer komplizierten Wissenschaftlersprache. Nur die schöne Eingeborene blieb gelassen sitzen. konnte er deutlich einen pulsierenden Lichtschein tief im Innern dieser Insel wahrnehmen. Plötzlich riß ein Schrei des Mannes im Ausguck den Kapitän aus seinen Gedanken. oder ich sehe tatsächlich eine gläserne Insel da vorn!«Der Kapitän und Don Melú blickten sofort durch ihre Fernrohre. Ab und zu befragte der Forscher sie wegen besonderer Einzelheiten dieses Meeres. Es bestand ganz und gar aus blauem Alamont-Stahl. die außerdem weltberühmte Sporttaucherinnen waren und sich in der Zwischenzeit bereits Taucheranzüge angezogen hatten.und Schweißstelle. ins Wasser und verschwanden in der blauen Tiefe. das Forschungsschiff »Argo« war in besonderer Weise für eine Begegnung mit diesem »Wandernden Wirbelsturm« ausgerüstet. Neben dem Kapitän stand sein Erster Steuermann. der biegsam und unzerbrechlich war wie eine Degenklinge. und sie antwortete ihm in ihrem wohlklingenden Hula-Dialekt. Neugier zu zeigen. Er teilte seine Beobachtung den anderen mit. die ihm beide mit ihrem enormen Gedächtnis ganze Bibliotheken ersetzten. mit seinen Assistentinnen Maurin und Sara. der schon hundertsiebenundzwanzig Orkane überstanden hatte.« Professor Eisenstein richtete sich auf. die alle erprobte Fachleute auf ihren jeweiligen Spezialgebieten waren. Aber das können wir erst entscheiden. »Käptn !« rief er durch die hohle Hand herunter. Und es war durch ein besonderes Herstellungsverfahren aus einem einzigen Stück gegossen. ja sogar listiges Wesen. Und vor allem gab es hier den sogenannten »Ewigen Taifun«. die gespannt wartend an der Reling standen.und von unbekannten Seeungeheuern. Die ganze Insel war kreisrund und hatte schätzungsweise zwanzig Meter Durchmesser. Stolz blickte er von der Kommandobrücke auf seine Matrosen und Matrosinnen hinunter. wenn wir die Sache von unten erforscht haben. sich diesen unerhörten Gefahren auszusetzen. Die gläserne Insel war bald erreicht. damit dieses Meer auch für andere Schiffe wieder befahrbar werden würde. die Ursache für den »Wandernden Taifun« zu finden und. sich auf den Beinen zu halten. einen Wirbelsturm. Die rätselhaften Sitten ihres Volkes verboten es ihr. Nach der Mitte zu stieg sie an wie ein Kuppeldach. was dieser Orkan einmal in seinen riesenhaften Klauen hatte. meinte die Assistentin Maurin. ein Seebär von altem Schrot und Korn. »entweder bin ich verrückt. Dieser war außerordentlich glitschig und Professor Eisenstein hatte alle Mühe. Dennoch hätte wohl schwerlich ein anderer Kapitän und eine andere Mannschaft den Mut gehabt. »aber es kann auch ebensogut eine Schluckula tapetozifera sein. Der Professor stieg über die Strickleiter an der Außenwand des Schiffes hinunter und betrat den durchsichtigen Boden. Sein Weg war unberechenbar. und von dem Sturm war nichts zu spüren. Weiter hinten auf dem Sonnendeck sah man Professor Eisenstein. Freilich. »Demnach«. zu beseitigen.« »Möglich«. den nur der Professor verstand. Don Melú. . Immerwährend wanderte er auf diesem Meer umher und suchte nach Beute wie ein lebendiges. wenn möglich. Auch Professor Eisenstein und seine Assistentinnen kamen interessiert herbei. Und alles. der niemals zur Ruhe kam. als bis er es in streichholzdünne Splitter zertrümmert hatte. das ließ er nicht eher wieder los. »muß es sich wohl um ein Oggelmumpf bistrozinalis handeln. Kapitän Gordon jedoch hatte ihn. Ziel der Expedition war es. ohne Naht. Aber noch war alles ruhig. den wissenschaftlichen Leiter der Expedition. erwiderte die Assistentin Sara.

anders können wir die beiden Mädchen nicht befreien. Und es war. schleuderte es turmhoch hinauf und abgrundtief hinunter. gewahr. Ein ungeheurer Kampf entbrannte unter Wasser. aber dann tauchte plötzlich eines der Mädchen. »irgend etwas scheint in diesem Meer eine Art Riesenwachstum zu verursachen. als sei nichts geschehen. Professor«. Kapitän Gordon jedoch stand breitbeinig auf der Kommandobrücke. dessen Oberfläche sich mit Schaum bedeckte. ehe es zu spät ist!« Damit verschwand sie wieder. Eine erste gewaltige Sturzwelle packte das stählerne Schiff. Aber es gelang selbst diesen Männern nicht. Jedermann stand an seinem Platz. auf und rief keuchend: »Es handelt sich um eine Riesenqualle! Die beiden anderen hängen in ihren Fangarmen fest und können sich nicht mehr befreien. die beiden Mädchen aus der schrecklichen Umklammerung zu befreien.Eine Weile lang erschienen nur Luftblasen an der Meeresoberfläche. Die »Argo« fuhr nun zunächst ein wenig rückwärts und dann mit voller Kraft voraus. Professor Eisenstein trat auf die beiden Mädchen zu und sprach : » Es war meine Schuld. Und so wurden sie erst jetzt. in letzter Minute. »Zurück!« rief Don Melú. Heulend und brüllend warf sich der Wirbelsturm auf das Schiff.« Zu einem längeren Wortwechsel blieb jedoch keine Zeit mehr. wo der innerste Kern des Wirbelsturmes sein mußte. an solche wilden Seefahrten nicht gewöhnt. Kapitän Gordon bewunderte im stillen die Kaltblütigkeit dieser Wissenschaftler.« Und das andere Mädchen setzte hinzu: »Die Gefahr ist unser Beruf. als steigere sich seine Wut von Minute zu Minute. Das ist hochinteressant!« Inzwischen hatten Kapitän Gordon und sein Erster Steuermann Don Melú sich beraten und waren zu einer Entscheidung gekommen. Lautlos und beinahe ohne fühlbare Erschütterung teilte er die Riesenqualle in zwei Hälften. das Meer zu beobachten. auf die Riesenqualle zu. »alle Mann wieder an Bord! Wir werden das Untier in zwei Stücke schneiden. die ja nicht wie er und seine Leute mit dem Meer auf du und du standen. und seine Mannschaft hatte ebenso ungerührt standgehalten. Schon bei diesem ersten Anprall wären weniger erfahrene und tapfere Seeleute als die der »Argo« zweifellos zur einen Hälfte über Bord gespült worden und zur anderen in Ohnmacht gefallen. Der Bug des stählernen Schiffes war scharf wie ein Rasiermesser. riß es in die Höhe. Sofort hingen die Fangarme beider Quallenhälften schlaff und kraftlos herunter. Über den Rettungsarbeiten hatten Kapitän und Besatzung gänzlich vergessen. Sofort stürzten sich hundert Froschmänner unter der Führung ihres erfahrenen Hauptmannes Franco. weil er der stählernen »Argo« nichts anhaben konnte. genannt »der Delphin«. Zu gewaltig war die Kraft dieses riesenhaften Quallentieres ! »Irgend etwas«. daß inzwischen der »Wandernde Wirbelsturm« am Horizont aufgetaucht war und sich mit rasender Geschwindigkeit auf die »Argo« zubewegte. denn dorthin sollte die Fahrt ja gehen. war in ein Rettungsboot geklettert. sagte der Professor mit gerunzelter Stirn zu seinen Assistentinnen.« »Der Delphin« und seine Froschmänner kletterten an Bord zurück. daß ich euch in Gefahr gebracht habe!« »Nichts zu verzeihen. Ich hätte euch nicht hinunterschicken dürfen. die dann vom Ersten Steuermann laut ausgerufen wurden. Mit ruhiger Stimme gab der Kapitän seine Anweisungen. . aber der Erste Steuermann Don Melú hatte deren Lage haargenau berechnet und fuhr mitten zwischen ihnen hindurch. Freudig wurden sie auf dem Schiff empfangen. Nur die schöne Eingeborene Momosan. Das war zwar nicht ganz ungefährlich für die beiden in den Fangarmen festgehaltenen Mädchen. warf es auf die Seite und stürzte es in ein Wellental von gut fünfzig Metern Tiefe hinab. Sogar Professor Eisenstein und seine Assistentinnen hatten ihre Instrumente nicht im Stich gelassen. Wir müssen ihnen zu Hilfe kommen. Sie berechneten. und die Gefangenen konnten sich herauswinden. »dazu sind wir schließlich mitgefahren. in die Fluten. antwortete das eine Mädchen und lachte fröhlich. Sandra mit Namen. In wenigen Sekunden war der ganze Himmel pechschwarz. Verzeiht mir.

dann werden wir ja sehen. Es machte keinem mehr etwas aus. fiel ihm die Assistentin Sara ins Wort. Die Besatzung mußte Tauchermasken und Atemgeräte anlegen.« »Gut«. welches daraufhin natürlich ganz und gar elektrisch geladen war. »wir werden es erst einmal beschießen. Sie hatten sich mit dicken Tauen festgebunden. Aber darauf war jeder an Bord der »Argo« in monatelangen harten Übungen trainiert worden. Wo man hinfaßte. gegen die Urgewalt dieses Taifuns vorwärts.« . weil alle Wellen einfach von der Gewalt des Sturmes flachgefegt wurden. die hier spiegelglatt war. »Das einzige Exemplar eines Schum-Schum gummilastikum beschießen!« Aber die Kontrafiktions-Kanone war bereits auf den Riesenkreisel eingestellt. Nur. umkreiste das Gebilde einige Male immer schneller und wurde schließlich in die Höhe gerissen. wie ihn noch keiner der TeilnehmerDon Melú ausgenommen . die man manchmal in Tomatensoße. um vom Sturm nicht zurückgeblasen zu werden. Stahltrossen und Eisenstangen zu glühen begannen. . wurde nach oben immerdicker und sah tatsächlich so aus wie ein Brummkreisel von der Größe eines Berges. Eine blaue Stichflamme von einem Kilometer Länge schoß aus dem Zwillingsrohr. rief der Kapitän durch das Heulen des Sturms. es zu erforschen. Zu hören war natürlich nichts. Das leuchtende Geschoß flog auf das Schum-Schum zu. Heute gibt es davon nur noch eine mikroskopisch kleine Abart. Blitz auf Blitz und Donnerschlag auf Donnerschlag ! Heulender Sturm ! Haushohe Wogen und weißer Schaum ! Meter für Meter kämpfte sich die »Argo«. . sagte der Professor. Es drehte sich mit solcher Schnelligkeit um sich selbst. »Können Sie uns das vielleicht näher erklären?« brummte Don Melú. Ein Exemplar dieser Größe ist vermutlich das einzige seiner Art.« »Es ist ein Jammer !« klagte der Professor. »Ein Schum-Schum gummilastikum!« rief der Professor begeistert und hielt seine Brille fest. wie man dieses Ding da zum Stillstehen bringt!« »Das«. wie der Draht in einer elektrischen Birne. das erschwerte der Besatzung doch etwas die Arbeit. alle Maschinen auf Volldampf. noch seltener in grüner Tinte findet.Ein erster Blitzstrahl zuckte hernieder und traf das stählerne Schiff. denn nun stürzte der Regen hernieder. Und dann endlich war der innerste Kern des Wirbelsturms erreicht. Es stand auf einem Bein. Die Wissenschaft hat ja noch keine Gelegenheit gehabt. Der Professor soll uns also sagen. der so dicht war. denn eine Kontrafiktions-Kanone schießt ja bekanntlich mit Proteinen. tanzte ein riesenhaftes Wesen. Die Maschinisten und Heizer in der Tiefe der Kesselräume leisteten Übermenschliches.« »Lassen Sie den Professor jetzt ungestört forschen«. Es muß über eine Milliarde Jahre alt sein. was passiert. obgleich alle Asbest-Handschuhe anzogen. daß die dünneren Teile des Schiffes. »um die Ursache des >Ewigen Taifuns< zu beseitigen. daß er bald die ganze Luft zum Atmen verdrängte. Dieses Kreiselwesen stammt wahrscheinlich noch aus den allerersten Zeiten der Erdentwicklung. »Wir sind einfache Seeleute und .« »Aber wir sind hier«. daß Einzelheiten nicht auszumachen waren. »Es ist eine einmalige Gelegenheit.je erlebt hatte. wo es im Schwarz der Wolken verschwand. »Feuer!« befahl der Kapitän. Aber zum Glück wurde diese Glut schnell wieder gelöscht. die ihm der stürzende Regen immer wieder von der Nase spülte. Aber welch ein Anblick bot sich ihnen da! Auf der Meeresoberfläche. Aber das genügt gerade. meinte der Kapitän. um nicht von dem grausamen Schlingern und Stampfen des Schiffes in den offenen Feuerrachen der Dampfkessel geschleudert zu werden. »Die Maschinen laufen schon auf Volldampf. das es noch gibt. ein Regen. sprangen einem die Funken entgegen. »Wir müssen unbedingt näher an das Ding heran!« »Näher kommen wir nicht mehr !« schrie Don Melú zurück. wurde aber von dem riesigen Wirbel erfaßt und abgelenkt. »weiß ich allerdings auch nicht. »Es ist zwecklos !« rief Kapitän Gordon.

»Haben Sie einen Vorschlag, Professor?« wollte der Kapitän wissen. Aber Professor Eisenstein zuckte nur die Schultern, und auch seine Assistentinnen wußten keinen Rat. Es sah so aus, als müsse man diese Expedition erfolglos abbrechen. In diesem Augenblick zupfte jemand den Professor am Ärmel. Es war die schöne Eingeborene. »Malumba!« sagte sie mit anmutigen Gebärden, »Malumba oisitu sono! Erweini samba insaltu lolobindra. Kramuna heu béni béni sadogau.« »Babalu?« fragte der Professor erstaunt. »Didi maha feinosi intu ge doinen malumba?« Die schöne Eingeborene nickte eifrig und erwiderte: »Dodo um aufu schulamat wawada.« »Oi-oi«, antwortete der Professor und strich sich gedankenvoll das Kinn. »Was will sie denn?« erkundigte sich der Erste Steuermann. »Sie sagt«, erklärte der Professor, »es gebe in ihrem Volk ein uraltes Lied, das den >Wandernden Taifun< zum Einschlafen bringen könne, falls jemand den Mut hätte, es ihm vorzusingen.« »Daß ich nicht lache!« brummte Don Melú. »Ein Schlafliedchen für einen Orkan!«»Was halten Sie davon, Professor?« wollte die Assistentin Sara wissen. »Wäre so etwas möglich?« »Man darf keine Vorurteile haben«, meinte Professor Eisenstein. »Oft steckt in den Überlieferungen der Eingeborenen ein wahrer Kern. Vielleicht gibt es bestimmte Tonschwingungen, die einen Einfluß auf das Schum-Schum gummilastikum haben. Wir wissen einfach noch zu wenig über dessen Lebensbedingungen.« »Schaden kann es nichts«, entschied der Kapitän. »Darum sollten wir's einfach versuchen. Sagen Sie ihr, sie soll singen.« Der Professor wandte sich an die schöne Eingeborene und sagte: »Malumba didi oisafal huna-huna, wawadu?« Momosan nickte und begann sogleich einen höchst eigentümlichen Gesang, der nur aus wenigen Tönen bestand, die immerfort wiederkehrten: »Eni meni allubeni wanna tai susura tenu« Dazu klatschte sie in die Hände und sprang im Takt herum. Die einfache Melodie und die Worte waren leicht zu behalten. Andere stimmten nach und nach ein, und bald sang die ganze Mannschaft, klatschte dazu in die Hände und sprang im Takt herum. Es war ziemlich erstaunlich anzusehen, wie auch der alte Seebär Don Melú und schließlich der Professor sangen und klatschten, als seien sie Kinder auf einem Spielplatz. Und tatsächlich, was keiner von ihnen geglaubt hatte, geschah ! Der riesenhafte Kreisel drehte sich langsamer und langsamer, blieb schließlich stehen und begann zu versinken. Donnernd schlössen sich die Wassermassen über ihm. Der Sturm ebbte ganz plötzlich ab, der Regen hörte auf, der Himmel wurde klar und blau, und die Wellen des Meeres beruhigten sich. Die »Argo« lag still auf dem glitzernden Wasserspiegel, als sei hier nie etwas anderes gewesen als Ruhe und Frieden. »Leute«, sagte Kapitän Gordon und blickte jedem einzelnen anerkennend ins Gesicht, »das hätten wir geschafft ! « Er sagte nie viel, das wußten alle. Um so mehr zählte es, daß er diesmal noch hinzufügte: »Ich bin stolz auf euch!« »Ich glaube«, sagte das Mädchen, das sein kleines Geschwisterchen mitgebracht hatte, »es hat wirklich geregnet. Ich bin jedenfalls patschnaß . « In der Tat war inzwischen das Gewitter niedergegangen. Und vor allem das Mädchen mit dem kleinen Geschwisterchen wunderte sich, daß es ganz vergessen hatte, sich vor Blitz und Donner zu fürchten, solange es auf dem stählernen Schiff gewesen war.

Sie sprachen noch eine Weile über das Abenteuer und erzählten sich gegenseitig Einzelheiten, die jeder für sich erlebt hatte. Dann trennten sie sich, um heimzugehen und sich zu trocknen. Nur einer war mit dem Verlauf des Spiels nicht ganz zufrieden, und das war der Junge mit der Brille. Beim Abschied sagte er zu Momo: »Schade ist es doch, daß wir das Schum-Schum gummilastikum einfach versenkt haben. Das letzte Exemplar seiner Art! Ich hätte es wirklich gern noch etwas genauer erforscht.« Aber über eines waren sich nach wie vor alle einig: So wie bei Momo konnte man sonst nirgends spielen.

VIERTES KAPITEL Ein schweigsamer Alter und ein zungenfertiger junger
Wenn jemand auch sehr viele Freunde hat, so gibt es darunter doch immer einige wenige, die einem ganz besonders nahestehen und die einem die allerliebsten sind. Und so war es auch bei Momo. Sie hatte zwei allerbeste Freunde, die beide jeden Tag zu ihr kamen und alles mit ihr teilten, was sie hatten. Der eine war jung, und der andere war alt. Und Momo hätte nicht sagen können, welchen von beiden sie lieber hatte. Der Alte hieß Beppo Straßenkehrer. In Wirklichkeit hatte er wohl einen anderen Nachnamen, aber da er von Beruf Straßenkehrer war und alle ihn deshalb so nannten, nannte er sich selbst auch so. Beppo Straßenkehrer wohnte in der Nähe des Amphitheaters in einer Hütte, die er sich aus Ziegelsteinen, Wellblechsrücken und Dachpappe selbst zusammengebaut hatte. Er war ungewöhnlich klein und ging obendrein immer ein bißchen gebückt, so daß er Momo nur wenig überragte. Seinen großen Kopf, auf dem ein kurzer weißer Haarschopf in die Höhe stand, hielt er stets etwas schräg, und auf der Nase trug er eine kleine Brille. Manche Leute waren der Ansicht, Beppo Straßenkehrer sei nicht ganz richtig im Kopf. Das kam daher, daß er auf Fragen nur freundlich lächelte und keine Antwort gab. Er dachte nach. Und wenn er eine Antwort nicht nötig fand, schwieg er. Wenn er aber eine für nötig hielt, dann dachte er über diese Antwort nach. Manchmal dauerte es zwei Stunden, mitunter aber auch einen ganzen Tag, bis er etwas erwiderte. Inzwischen hatte der andere natürlich vergessen, was er gefragt hatte, und Beppos Worte kamen ihm wunderlich vor.Nur Momo konnte so lange warten und verstand, was er sagte. Sie wußte, daß er sich so viel Zeit nahm, um niemals etwas Unwahres zu sagen. Denn nach seiner Meinung kam alles Unglück der Welt von den vielen Lügen, den absichtlichen, aber auch den unabsichtlichen, die nur aus Eile oder Ungenauigkeit entstehen. Er fuhr jeden Morgen lange vor Tagesanbruch mit seinem alten, quietschenden Fahrrad in die Stadt zu einem großen Gebäude. Dort wartete er in einem Hof zusammen mit seinen Kollegen, bis man ihm einen Besen und einen Karren gab und ihm eine bestimmte Straße zuwies, die er kehren sollte. Beppo liebte diese Stunden vor Tagesanbruch, wenn die Stadt noch schlief. Und er tat seine Arbeit gern und gründlich. Er wußte, es war eine sehr notwendige Arbeit.

Wenn er so die Straßen kehrte, tat er es langsam, aber stetig: Bei jedem Schritt einen Atemzug und bei jedem Atemzug einen Besenstrich. Schritt-Atemzug-Besenstrich. Schritt-AtemzugBesenstrich. Dazwischen blieb er manchmal ein Weilchen stehen und blickte nachdenklich vor sich hin. Und dann ging es wieder weiter - Schritt - Atemzug - Besenstrich---. Während er sich so dahinbewegte, vor sich die schmutzige Straße und hinter sich die saubere, kamen ihm oft große Gedanken. Aber es waren Gedanken ohne Worte, Gedanken, die sich so schwer mitteilen ließen wie ein bestimmter Duft, an den man sich nur gerade eben noch erinnert, oder wie eine Farbe, von der man geträumt hat. Nach der Arbeit, wenn er bei Momo saß, erklärte er ihr seine großen Gedanken. Und da sie auf ihre besondere Art zuhörte, löste sich seine Zunge, und er fand die richtigen Worte. »Siehst du, Momo«, sagte er dann zum Beispiel, »es ist so: Manchmal hat man eine sehr lange Straße vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang; das kann man niemals schaffen, denkt man.« Er blickte eine Weile schweigend vor sich hin, dann fuhr er fort: »Und dann fängt man an, sich zu eilen. Und man eilt sich immer mehr. Jedesmal, wenn man aufblickt, sieht man, daß es gar nicht weniger wird, was noch vor einem liegt. Und man strengt sich noch mehr an, man kriegt es mit der Angst, und zum Schluß ist man ganz außer Puste und kann nicht mehr. Und die Straße liegt immer noch vor einem. So darf man es nicht machen.« Er dachte einige Zeit nach. Dann sprach er weiter: »Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du? Man muß nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Und immer wieder nur an den nächsten.« Wieder hielt er inné und überlegte, ehe er hinzufügte: »Dann macht es Freude ; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. Und so soll es sein.« Und abermals nach einer langen Pause fuhr er fort: »Auf einmal merkt man, daß man Schritt für Schritt die ganze Straße gemacht hat. Man hat gar nicht gemerkt wie, und man ist nicht außer Puste.« Er nickte vor sich hin und sagte abschließend: »Das ist wichtig.« Oder ein anderes Mal kam er, setzte sich schweigend neben Momo, und sie sah, daß er nachdachte und etwas ganz Besonderes sagen wollte. Plötzlich blickte er ihr in die Augen und begann: »Ich hab' uns Wiedererkannt.« Es dauerte lange, ehe er mit leiser Stimme fortfuhr: »Das gibt es manchmal - am Mittag -, wenn alles in der Hitze schläft. - Dann wird die Welt durchsichtig. Wie ein Fluß, verstehst du?- Man kann auf den Grund sehen.« Er nickte und schwieg ein Weilchen, dann sagte er noch leiser: »Da liegen andere Zeiten, da unten auf dem Grund.« Wieder dachte er lange nach und suchte nach den richtigen Worten. Aber er schien sie noch nicht zu finden, denn er erklärte auf einmal in ganz gewöhnlichem Ton : »Heute war ich an der alten Stadtmauer zum Kehren. Da sind fünf Steine von einer anderen Farbe in der Mauer. So, verstehst du?« Und er zeichnete mit dem Finger in den Staub ein großes T. Er betrachtete es mit schrägem Kopf, dann flüsterte er plötzlich: »Ich hab' sie wiedererkannt, die Steine.« Nach einer weiteren Pause fuhr er stockend fort: »Das waren solche anderen Zeiten, damals, als die Mauer gebaut wurde. - Viele haben da gearbeitet. - Aber zwei waren dabei, die haben die Steine dort hineingemauert. - Es war ein Zeichen, verstehst du? - Ich hab's wiedererkannt.« Er strich sich mit der Hand über die Augen. Es schien ihn anzustrengen, was er sagen wollte, denn als er nun weitersprach, klangen seine Worte mühsam: »Sie haben anders ausgesehen, die zwei damals, ganz anders. « Dann stieß er in abschließendem Ton und beinahe zornig hervor: »Aber ich habe uns wiedererkannt - dich und mich. Ich habe uns wiedererkannt!« Man kann es den Leuten nicht verübeln, daß sie lächelten, wenn sie Beppo Straßenkehrer so reden hörten, und manche tippten sich hinter seinem Rücken an die Stirn. Aber Momo hatte ihn lieb und bewahrte alle seine Worte in ihrem Herzen. Der andere beste Freund, den Momo hatte, war jung und in jeder Hinsicht das genaue Gegenteil von Beppo Straßenkehrer. Er war ein hübscher Bursche mit verträumten Augen,

sagte er zu Momo. Nennen wir ihn also Gigi Fremdenführer. wer will. Fremdenführer war nur einer von vielen Berufen. Trauzeuge. Aber wie gesagt. »Und haben die Leute vielleicht nichts bekommen für ihr Geld ? Ich sage euch.aber einem schier unglaublichen Mundwerk. . Namen und Jahreszahlen um sich. Sein Name war Girolamo. da mach' ich nicht mit. Da wir den alten Beppo nach seinem Beruf genannt haben. Liebesbrief träger. wenn die anderen über seine Träume lachten. . und so mußte Gigi häufig andere Berufe ergreifen. Dann trat er mit ernster Miene auf sie zu und bot ihnen an. Und sich selbst sah er im Glanz seines zukünftigen Ruhms wie eine Sonne. nur weiß es vielleicht keiner mehr?« Oder ein anderes Mal meinte er: »Ach. Er steckte immer voller Spaße und Flausen und konnte so leichtsinnig lachen. so nicht. »ihr alle werdet noch an meine Worte denken!« Womit er das allerdings schaffen wollte. deren Strahlen ihn schon jetzt in seiner Armseligkeit. Er warf mit erfundenen Ereignissen. Und ebenso seltsamerweise war es gerade der zungenfertige Gigi. es sei ganz unmöglich gewesen. Je nach Gelegenheit war er Parkwächter. einmal berühmt und reich zu werden. Die setzte er sofort auf.aber Gigi bleibt Gigi ! « -Eigentlich sollte man denken. »Und ich werde es schaffen!« rief er. sozusagen aus der Entfernung. Dann habe ich die pure Wahrheit gesagt !« Dagegen war schwer etwas einzuwenden. Ja. Die einzige Voraussetzung. aber die meisten nahmen alles für bare Münze und bezahlten deshalb auch in barer Münze. sie haben genau das bekommen.Schau sie dir doch an. die er je nach Gelegenheit ausübte. sich für Geschichten. obwohl er überhaupt keinen richtigen Beruf hatte. wollen wir es bei Gigi genauso halten. wenn Gigi zuletzt seine Schirmmütze hinhielt. dann legte er los und erzählte das Blaue vom Himmel herunter. »Das ist kein Kunststück«. Denn von unermüdlichem Fleiß und harter Arbeit hielt er nicht sehr viel. mit so verschiedenen Ansichten über die Welt und das Leben. die für ein bißchen Wohlstand ihr Leben und ihre Seele verkauft haben ! Nein. wenn sich tatsächlich einmal ein paar Reisende in diese Gegend verirrten. was heißt überhaupt wahr oder nicht wahr? Wer kann schon wissen. eine Tasse Kaffee zu bezahlen . ob das alles in einem gelehrten Buch steht oder nicht? Wer sagt euch denn. und er war es durchaus nicht von Amts wegen. »damit soll reich werden. die bloß erfunden seien. aber manchmal machten sie auch bedenkliche Gesichter und meinten. daß die Geschichten in den gelehrten Büchern nicht auch bloß erfunden sind. der als einziger niemals über den wunderlichen alten Beppo spottete. Seltsamerweise war der einzige. Er würde in einem märchenhaft schönen Haus wohnen. gaben die ändern zu. der Gigi niemals wegen seiner Leichtfertigkeit tadelte. Und wenn ich auch oft nicht mal das Geld habe. was das Mundwerk betraf. Beerdigungsteilnehmer. »Das machen doch alle Dichter«. »Na also!« rief Gigi Fremdenführer. sagte Gigi dann. die das Amphitheater besichtigen wollten. sie herumzuführen und ihnen alles zu erklären. Manche merkten es und gingen ärgerlich davon. die er für diese Tätigkeit besaß. was hier vor tausend oder zweitausend Jahren passiert ist? Wißt ihr es vielleicht?« »Nein«. Die Leute aus der näheren Umgebung lachten über Gigis Einfälle. umgeben von einem Park. aber er wurde einfach Gigi gerufen. daß zwei so verschiedene Leute. Katzenfutterverkäufer und noch vieles andere. Andenkenhändler. Und doch war es so. auch noch gutes Geld geben zu lassen. wärmten. gerade der alte Beppo. ob man wollte oder nicht. daß den armen Zuhörern ganz wirr im Kopf wurde. »Wieso könnt ihr dann einfach behaupten. konnte mit Gigi nicht leicht einer fertig werden. Aber Gigi träumte davon. war eine Schirmmütze. daß man einfach mitlachen mußte. was sie wollten ! Und was macht es für einen Unterschied. es ginge doch eigentlich nicht an. wie sie aussehen. er würde von vergoldeten Tellern essen und auf seidenen Kissen schlafen. Leider kamen allerdings nur sehr selten Reisende. wie Gigi Fremdenführer und Beppo Straßenkehrer sich miteinander anfreundeten. Hundespazierenführer. Wenn die Fremden sich darauf einließen. hätte er selbst nicht sagen können. daß meine Geschichten nicht wahr sind? Es kann doch zufällig genauso passiert sein.

woher sie gekommen waren und noch immer kamen. daß schon einige Male mehrere dieser grauen Herren die Gegend um das Amphitheater durchstreift und dabei allerlei in ihre Notizbüchlein geschrieben hatten. weil niemand sie so recht bemerkte. als ob sie sich berieten. Es war wie eine lautlose und unmerkliche Eroberung. Es nützte auch nichts. daß sie sich fester in ihre große Jacke wickelte. was andere nicht sehen. Dabei waren sie keineswegs unsichtbar.wer waren sie? Sogar der alte Beppo. Er hatte. Auch sie hatte sie vergessen. Sie hatten einander Zeichen gemacht und später die Köpfe zusammengesteckt. Dann waren die grauen Herren wieder fortgegangen und seither nicht mehr erschienen. . Selbst ihre Gesichter sahen aus wie graue Asche. dunkel und kalt. die sie noch nie empfunden hatte. eine tiefe Liebe zu dem struppigen kleinen Mädchen gefaßt und hätte es am liebsten überallhin mitgeschleppt. fragte sich natürlich auch niemand. aschenfarbene Zigarren. und gegen die sich niemand wehrte. Es waren Herren. der wuchs und wuchs und sich schon jetzt. Sie trugen runde steife Hüte auf den Köpfen und rauchten kleine. Jeder von ihnen hatte stets eine bleigraue Aktentasche bei sich. und man sah sie doch nicht. Zu hören war nichts gewesen. Und da sie niemand auffielen. Man sah sie-.ein Schatten. Auch Gigi Fremdenführer hatte nicht bemerkt. die tagtäglich weiter vordrang. sondern über die ganze Gegend . Sie fuhren in eleganten grauen Autos auf den Straßen. Sie verstanden es auf unheimliche Weise. denn es wurden täglich mehr. wie die kleine Momo ihnen beiden zuhörte. daß schon bald ein Schatten über ihre Freundschaft fallen würde. Aber am nächsten Tag war das Leben weitergegangen wie immer. Oft schrieben sie etwas in ihre kleinen Notizbüchlein. über die große Stadt ausbreitete.Das lag wohl auch an der Art. sich unauffällig zu machen. So konnten sie im geheimen arbeiten. die ganz in spinnwebfarbenes Grau gekleidet waren. An diesem Abend hatte Momo die leise und doch gewaltige Musik nicht hören können wie sonst. denn es war keine gewöhnliche Kälte. Nur Momo hatte sie beobachtet. aber Momo hatte es plötzlich auf eine Art gefroren. so daß man einfach über sie hinwegsah oder ihren Anblick sofort wieder vergaß. der doch manches sah. sofern man das von einem so unsteten leichtherzigen jungen Kerl überhaupt sagen kann. FÜNFTES KAPITEL Geschichten für viele und Geschichten für eine Nach und nach war Momo für Gigi Fremdenführer ganz unentbehrlich geworden. Und die Eroberer . gerade weil sie sich nicht versteckten. sie saßen in allen Restaurants. Und nicht nur über ihre Freundschaft. als eines Abends ihre dunklen Silhouetten auf dem obersten Rand der Ruine aufgetaucht waren. bemerkte die grauen Herren nicht. Keiner von den dreien ahnte. sie gingen in alle Häuser. die immer zahlreicher in der großen Stadt umherstreiften und unermüdlich beschäftigt schienen. und Momo machte sich keine Gedanken mehr über die seltsamen Besucher.

Und gerade in diesem Punkt war eine Veränderung mit ihm vorgegangen. Dieser Satz wurde zur allgemeinen Richtschnur erklärt und in ehernen Lettern auf alle staatlichen Gebäude geschrieben. Jeden Tag saß sie viele Stunden am Rand des Schwimmbeckens und sah ihm beim Wachsen zu. erst wenn der Fisch ausgewachsen sei. denn er hatte keine Ahnung.Geschichtenerzählen war. waren Goldfische hierzulande noch unbekannt. Aber schon kurze Zeit später paßte er auch in die Badewanne nicht mehr hinein. Das war bereits ein ziemlich umständlicher Transport. Damit gab sich die Kaiserin Strapazia zufrieden. in pures Gold verwandeln würde. denn sie führte ja bekanntlich ein sehr luxuriöses Leben und konnte daher niemals genug Gold haben. da begann er folgendermaßen: »Hochverehrte Damen und Herren! Wie Ihnen ja allen bekannt sein dürfte. Zuletzt war dem Fisch aber auch das kaiserliche Schwimmbecken zu eng geworden. Früher waren seine Erzählungen manchmal etwas kümmerlich geraten. >Je größer. versteckte er unter seinem Bett. jener König Xaxotraxolus besitze einen kleinen Fisch. er hatte manches wiederholt oder auf irgendeinen Film. führte die Kaiserin Strapazia Augustina unzählige Kriege. den er tatsächlich besaß. Nun . vorher nicht. Allerdings schimmerte dieser Goldfisch kein bißchen golden. Aber der Abgesandte des Königs Xaxotraxolus erklärte ihr. Die Kaiserin war zwar etwas überrascht von der Größe des Tiers. wie wir ja schon wissen. Und diese Rarität wollte die Kaiserin nun also unbedingt haben. meine Damen und Herren. und er war unerschöpflich an Hinfallen. denn der Fisch war nun ihr ein und alles. denn sie hatte sich den Goldfisch kleiner vorgestellt. Einer der Sklaven. je größer. daß sie drohte. Seinen Goldfisch. Besonders dann. Übrigens hörte er sich selbst ebenso gespannt zu. sagte die Kaiserin Strapazia und ließ ihn in ihre Badewanne umquartieren. denn der Fisch wog nun schon so viel wie ein Ochse. und wurde dick und fett. daß seine Entwicklung nicht gestört werde. hatten sie plötzlich Flügel bekommen. >]e größer. oder eine Zeitungsgeschichte. würde er sich in Gold verwandeln. desto besser. Aber die Kaiserin Strapazia war ja nicht arm. und die Kaiserin ließ den Unglücklichen sofort den Löwen vorwerfen. desto besser. es sei denn. murmelte sie immer wieder vor sich hin. bis zum obersten Rand mit Wasser gefüllt. der sich. kreisrundes Aquarium. Er konnte jetzt Geschichten erzählen. Da ließ Strapazia dieses Gebäude errichten. Als wieder einmal Reisende kamen. Seine Geschichten waren sozusagen zu Fuß gegangen. Es sei deshalb unbedingt nötig. Der König Xaxotraxolus lachte sich ins Fäustchen. die ihn schleppen mußten. Zu jener Zeit nämlich. rutschte aus. meine Damen und Herren. wohin ihn seine Phantasie führen würde. Der Kaiserin aber ließ er statt dessen einen jungen Walfisch in einer juwelengeschmückten Suppenterrine überbringen. um ihr Reich gegen die ständigen Angriffe der Zittern und Zagen zu verteidigen. Er wuchs und wuchs. Nun wurde er in das kaiserliche Schwimmbecken gebracht. Es war ein gewaltiges. wenn Momo dabei war und ihm zuhörte. so sagte sie sich. zurückgegriffen. und darin konnte der Fisch sich endlich so richtig ausstrecken. die er selbst sehr deutlich fühlte. Kinder und Erwachsene drängten sich um ihn. Bald war die Suppenterrine für ihn zu klein. sobald er ausgewachsen sei. Aber. die sich in vielen Fortsetzungen durch Tage und Wochen zogen. und das beunruhigte sie. den er gesehen. blühte seine Phantasie auf wie eine Frühlingswiese. war sie so erzürnt über die unaufhörliche Belästigung. desto besser<. es war ihm einfach nichts Rechtes eingefallen. die er gelesen hatte. die Angreifer mit Mann und Maus auszurotten. Sie dachte nur noch an das viele Gold. aber seit er Momo kannte. dessen Ruinen Sie hier vor sich sehen. die das Amphitheater besichtigen wollten (Momo saß ein wenig abseits auf den steinernen Stufen). deren König Xaxotraxolus überlasse ihr zur Strafe seinen Goldfisch. seine Leidenschaft.Als sie diese Völker wieder einmal unterworfen hatte. wie er nur verdrücken konnte. Der junge Fisch wuchs nun von Tag zu Tag und verbrauchte Unmengen Futter. denn um so mehr Gold würde der Fisch ja schließlich liefern. Die Kaiserin Strapazia hatte jedoch von einem Reisenden erfahren. und der Fisch bekam so viel.

. des Älteren. als sei eine Schleuse in seinem Inneren geöffnet. daß er keine Ahnung hatte. einen Globus herzustellen. meine Damen und Herren. es zeigte sich. sich zu bremsen.< Der Rest ist uns leider nicht überliefert. wurde auf ihr sorgfältig alles nachgebildet. im Gegenteil. freien Amerika bekannt. . wohin die Leichtgläubigkeit führen kann!« Mit diesen Worten schloß Gigi die Führung. Das wäre ihm viel zu langweilig gewesen. ertrank. In seinem Wahn verfiel Marxentius Communus nun auf die Idee. Sogar der Zweifler warf einige Münzen hinein. So mußte man den Tyrannen eben rasen lassen. Sie begegneten überhaupt keinem Soldaten mehr. sich in Gold zu verwandeln. jedes Haus und jeder Baum und alle Berge. als die beiden vornehmen. ebensogroß wie die Erde. Die gesamte damalige Menschheit wurde unter Androhung der Todesstrafe gezwungen. und so anschaulich und interessant hätte ihnen noch niemand jene alten Zeiten dargestellt. älteren Damen aus Amerika seine Dienste angenommen hatten. Sie betrachteten die Ruine mit ehrfürchtigen Blicken. ob er sich schon in Gold verwandle. meine hochverehrten Damen. der lustig herumplätscherte und nicht daran dachte. Zuerst baute man einen Sockel.Als die Kaiserin Strapazia schließlich von der Sache erfuhr.« Der Zweifler mochte nun natürlich nicht zugeben. Übrigens erzählte Gigi. weder ihren Sklaven noch ihren Verwandten. Sie traute nämlich keinem mehr. den Plan gefaßt hatte. die solche Erkrankungen heilen konnten. Und mehr und mehr vernachlässigte Strapazia ihre Regierungsgeschäfte. auf dem dieser Riesenglobus stehen sollte. Meere und Gewässer ganz naturgetreu dargestellt sein müßten. Denen hatte er nämlich keinen schlechten Schrecken eingejagt. wann der berühmte Philosoph Noiosius. rief sie die bekannten Worte >Weh mir ! O daß ich doch . Aber was er auch tat. Da verfiel Marxentius Communus auf seine alten Tage in Wahnsinn. seit Momo da war. an dem ungeheuren Werk mitzuarbeiten. magerte vor Angst und Sorge mehr und mehr ab. Und als diese Kugel schließlich fertig war. Wenn Momo unter den Zuhörern war. vielen Dank. und hatte Angst. diese Besichtigung habe sich wirklich gelohnt. und die Leute zeigten sich entsprechend freigebig. und die Zuhörer waren sichtlich beeindruckt. der Ältere. um nicht wieder zu weit zu gehen wie jenes eine Mal. den Globus selbst zu bauen. daß der überaus grausame Tyrann Marxentius Communus. wer es beherrschte. König Xaxotraxolus ließ zur Feier seines Sieges den Walfisch schlachten. als er ihnen folgendes erzählte: »Selbstverständlich ist es sogar bei Ihnen im schönen. was sich auf der Erde befand. eine riesenhafte Kugel. genannt der Rote. und acht Tage lang bekam das ganze Volk gebratenes Fischfilet.« Alle Zuhörer waren tief befriedigt und sagten.saß die Kaiserin höchstpersönlich bei Tag und Nacht auf jener Stelle dort und beobachtete den Riesenfisch. und dem Volk war es sowieso gleich. und immer neue Erfindungen strömten und sprudelten hervor. die gesamte damalige Welt nach seinen Vorstellungen zu ändern. nie mehr dieselbe Geschichte zweimal. er mußte oft sogar versuchen. der Fisch könne ihr gestohlen werden. Er befahl also. und sagte deshalb nur: »Aha. Sie sehen daraus. dann kam es ihm vor. . Unter Führung ihres Königs Xaxotraxolus unternahmen sie einen letzten Kriegszug und eroberten im Handumdrehen das ganze Reich. tat kein Auge zu und bewachte den Fisch. wie er wollte. Damals gab es ja. Danach ging man daran. wie Sie natürlich wissen. der genauso groß sein sollte wie die alte Erde und auf dem alles. Und die Ruine dieses Sockels sehen Sie hier vor sich. Nur einer von ihnen war mißtrauisch und fragte: »Und wann soll das alles gewesen sein?« Aber Gigi war niemals um eine Antwort verlegen und sagte: »Die Kaiserin Strapazia war bekanntlich eine Zeitgenossin des berühmten Philosophen Noiosius. daß sie sich in dieses Aquarium stürzte und neben dem Fisch. Sicher ist jedoch. meine Damen. die bestehende Welt hinfort sich selbst zu überlassen und lieber eine vollkommen nagelneue Welt zu bauen. So saß sie also da. daß die Menschen trotz allem so ziemlich die gleichen blieben und sich einfach nicht ändern ließen. ohne daß er überhaupt nachdenken mußte. dem Grab all ihrer Hoffnungen. gelebt hatte. Dann hielt Gigi bescheiden seine Schirmmütze hin. noch keine Seelenärzte. Genau darauf hatten die Zittern und Zagen nur gewartet.

Wohin.Und als die neue Welt schließlich fertig war. die von Gigi und Momo selbst handelten.« Da schrien die beiden feinen älteren Damen entsetzt auf und ergriffen die Flucht. -Am allerliebsten aber erzählte Gigi der kleinen Momo allein. daß nun trotz allem eigentlich alles beim alten geblieben war.« Er legte Momo einen Arm um die Schulter und fing an : »Es war einmal eine schöne Prinzessin mit Namen Momo. hüllte er sein Haupt in die Togo und ging davon. Sie hatte alles . während der Globus immer mehr wuchs. Sehen Sie. Die Leute. So wurde eben langsam die Erde immer kleiner. Es waren schöne und häßliche. über Städte und Felder. denn der alte war ja verbraucht. .das Märchen vom Zauberspiegel?« Gigi nickte nachdenklich. Daher kommt es. meine Damen. Sie müssen sich also das Ganze umgekehrt vorstellen. die er auf seiner Reise aufgefangen hatte. Und viel schneller. Und natürlich waren auch alle Menschen auf den neuen Globus umgezogen. Nun habe ich noch vergessen zu sagen.aber sie war ganz allein.« Die beiden feinen älteren Damen aus Amerika erbleichten. die ihn sahen. Sie hatte nämlich noch nie sich selbst in dem Zauberspiegel gesehen. Und der große Spiegel schwebte dahin über Länder und Meere. Und sie waren auch nur für sie beide bestimmt und hörten sich ganz anders an als alles. der war groß und rund und aus feinstem Silber. ihre Hunde und Katzen und Vögel und sogar ihre Blumen. Am Himmel funkelten bereits die ersten Sterne. sie aß nur die feinsten Speisen und trank nur den süßesten Wein. hat man niemals erfahren. Gigi überlegte ein wenig und fragte dann: »Und wie soll es heißen?« »Vielleicht . denn die wollte Momo am liebsten hören. und die anderen warf sie einfach in einen Bach. wie es eben gerade kam. ihre Dienerschaft. alles das waren nur Spiegelbilder. was Gigi sonst erzählte. huschten die freigelassenen Spiegelbilder zurück durch die Gewässer der Erde zu ihren Eigentümern. Denn wer sein eigenes Spiegelbild darin erblickte.Natürlich brauchte man sehr viel Material für diesen Globus. Meistens waren es Märchen. daß einem das eigene Spiegelbild entgegenblickt. wunderten sich kein bißchen darüber. wie es geht. meine Damen. »Das hört sich gut an. daß Prinzessin Momo unsterblich war. und deshalb tat sie es nicht. wenn der Zauberspiegel zurückkam. war früher das Fundament. warmen Abend saßen die beiden still nebeneinander auf dem obersten Rand der steinernen Stufen. Sie hatte alles. »von wem soll es handeln?« »Von Momo und Girolamo am liebsten«. Prinzessin Momo hatte nämlich einen Zauberspiegel. »Gut«. sie sagten einfach: >Das ist der Mond. Sie schlief auf seidenen Kissen und saß auf Stühlen aus Elfenbein. das auf der Oberfläche der alten Erde ruhte. die ging in Samt und Seide und wohnte hoch über der Welt auf einem schneebedeckten Berggipfel in einem Schloß aus buntem Glas. was man sich nur wünschen kann. Den schickte sie jeden Tag und jede Nacht in die Welt hinaus.< Und jedesmal. und es waren fast immer solche. Alles um sie herum. ihre Kammerfrauen. interessante und langweilige. Die Prinzessin suchte sich diejenigen aus. die ihr gefielen. ist ja der neue Globus. Als Marxentius Communus erkennen mußte. und der Mond stieg groß und silbern über den schwarzen Umrissen der Pinien empor. wegnehmen müssen. sooft man sich über einen Brunnen oder eine Pfütze beugt. Das wußte Prinzessin Momo sehr wohl. das von der alten Erde noch übriggeblieben war. dann schüttete er vor der Prinzessin alle Spiegelbilder aus. antwortete Momo. An einem schönen. »Erzählst du mir ein Märchen?« bat Momo leise. und dieses Material konnte man ja nirgends anders hernehmen als von der Erde selbst. diese trichterförmige Höhlung. wenn niemand sonst zuhörte. der wurde davon sterblich. sagte Gigi. Wir wollen sehen. Gigi hielt vergebens seine Schirmmütze hin. als du denken kannst. hatte man dazu haargenau das letzte Steinchen. und eine fragte: »Und wo ist der Globus geblieben?« »Aber Sie stehen doch darauf!« antwortete Gigi. »Die heutige Welt. welche die Ruine hier noch heute erkennen läßt.

sagte die Fee mit dem grünen Blut. Da beschloß sie. antwortete die böse Fee und lächelte so süß. Es war das Spiegelbild eines jungen Prinzen. bis sie in das Heute-Land kam. versetzte Prinz Girolamo unbedacht. Vielleicht blickt der gerade zufällig in die Höhe. beschloß sie. »das kann nicht sein. das er sich selbst erschaffen hatte.« >Ich werde sie erfüllen<. Sie lief durch aller Herren Länder. was dein ist. und so wurden die schönsten jungen Damen des Morgen-Landes in den Palast gebracht. Da waren ihre Pantöffelchen durchgelaufen. ihre Freiheit wieder. Sie alle hatten sich so schön gemacht. nun doch in den Zauberspiegel zu blicken. sondern grünes und kaltes. die dort wohnten. selbst in die Welt hinauszugehen und ihn zu suchen. >Nein<. denn das gehört sich so. die hatte kein rotes. wie sie nur konnten. daß er sie auf der Stelle fragte. sondern es lag immer einen Tag in der Zukunft. denn jede wollte ihn natürlich haben. >du darfst ein Jahr lang nicht zu dem schwebenden Silberspiegel hinaufschauen. bekam sie so große Sehnsucht nach ihm. der dort oben schwebte. silbernen Zauberspiegel. daß sie unbedingt zu ihm wollte. wie es ihr weitererging. so mußt du auf der Stelle alles vergessen. >die Bedingung ist leicht !< Was war nun inzwischen mit Prinzessin Momo geschehen? Sie hatte gewartet und gewartet. da flüsterte sie rasch einen Zauberspruch. Als sie es erblickt hatte. die um sie waren. liebten und bewunderten den Prinzen. und du mußt ins Heute-Land. Sie gab allen Spiegelbildern. Du mußt vergessen. Da sie sich keinen anderen Rat wußte. wo niemand dich kennt. aber der Prinz war nicht gekommen. Vielleicht folgt er dem Spiegel auf seinem Weg und findet mich hier. wer du in Wirklichkeit bist. Aber dadurch war sie nun naturlich sterblich geworden. wo er wohnte. zischelte die böse Fee. Dann ging sie ganz allein auf ihren zarten Pantöffelchen aus ihrem Schloß aus buntem Glas durch die schneebedeckten Berge in die Welt hinunter.So lebte sie also mit all ihren vielen Spiegelbildern.< Prinz Girolamo hatte nichts dagegen einzuwenden. um seine Wahl zu treffen. Und darum hieß es das Morgen-Land. Und alle Leute. >Gut<. wenn der Spiegel am Himmel dahinschwebt. kaltes Blut hatte. und sie mußte barfuß gehen. und dort mußt du als ein armer unbekannter Schlucker leben. Nun schaute sie also lange in den Zauberspiegel und schickte ihn mit ihrem Bild über die Welt. daß sie weinte und . Da sah er das Bild der Prinzessin Momo und bemerkte. Eines Nachts saß Prinz Girolamo auf dem Dach seines goldenen Palastes und spielte Dame mit der Fee. Eines Tages geschah es jedoch. Und sie kam ihm so wunderschön vor. die grünes. spielte mit ihnen und war soweit ganz zufrieden. antwortete der Prinz. Das sah man ihr freilich nicht an. >aber ich habe eine Bedingung. Denn sie dachte: Vielleicht kann der Spiegel mein Bild zu dem Prinzen bringen. denn es ist keine Wolke am Himmel. ob sie seine Frau werden wolle. Als nun der Prinz des Morgen-Landes in den großen goldenen Thronsaal trat. Ihr müßt heiraten. warmes Blut in den Adern. Aber der Zauberspiegel mit ihrem Bild darin schwebte weiter hoch über der Welt dahin. >Gern<. Dieser Prinz hieß Girolamo und herrschte über ein großes Reich. Eines Tages nun sagten die Minister zu dem Prinzen des Morgen-Landes : >Majestät. daß der Zauberspiegel ihr ein Bild mitbrachte. Tust du es aber doch. Und wo war dieses Reich? Es war nicht im Gestern und es war nicht im Heute. daß dem unglückseligen Prinzen ganz schwindelig wurde. und nun sah der arme Girolamo nur noch sie und sonst keine. und sie kannte noch nicht einmal seinen Namen. jetzt muß ich dir aber zuerst von dem Prinzen erzählen. >Es beginnt zu regnen<. denn sie hatte sich außerordentlich kunstvoll geschminkt. Bist du damit einverstanden?< >Wenn es nur das ist!< rief Prinz Girolamo. noch wer er war.< Und er blickte hinauf und schaute mitten in den großen. Du wirst gleich hören. und dann sieht er mein Bild. Da fiel plötzlich ein winziges Tröpfchen auf des Prinzen Hand. Unter den Mädchen hatte sich aber auch eine böse Fee in den Palast geschlichen. damit er sich eine aussuchen konnte. das ihr mehr bedeutete als alle anderen. Aber wie sollte sie das anfangen? Sie wußte ja weder.

Er nahm die Prinzessin bei der Hand und ging mit ihr weit fort . am Himmel dahinschwebte. Der Zauberspiegel macht einen nur sterblich. der nun leer war. Prinzessin Momo war es. Momo und Gigi saßen still nebeneinander und blickten lange zu ihm hinauf. . Es war schon sehr zerknittert und verwischt. daß die Fee ihn getäuscht hatte. Der war von da an leer. unbekannter Taugenichts und nannte sich nur noch Gigi. die er in Wirklichkeit liebte. daß sie nicht wirklich schön war und nur grünes. Und nun wußte Prinz Girolamo plötzlich wieder. Und er wanderte weit über die Welt.« »Und sind sie inzwischen gestorben?« »Nein«. Und das haben die beiden getan. Das einzige. Aber in ihrem gemeinsamen Unglück freundeten sich die beiden miteinander an und trösteten sich gegenseitig. viel zu große Männerjacke und einen Rock aus bunten Flicken. Und sie erzählte ihm alles. holte Gigi das Spiegelbild hervor und zeigte es Momo. Und im gleichen Augenblick erkannte er. Und auch Gigi erkannte die Prinzessin nicht. daß es dem einer Schlange glich. Inzwischen waren auch Prinzessin Momos Kleider aus Samt und Seide ganz zerrissen. Er ging aus seinem Schloß und seinem Reich wie ein Dieb in der Nacht. was er mitgenommen hatte. daß sie für die Dauer dieses Augenblicks beide unsterblich waren. Und sie wohnte in einer alten Ruine. und deshalb kann ich mich an nichts erinnern. das sie damals ausgeschickt hatte. und sie fühlten ganz deutlich. sagte Gigi bestimmt. Eines Abends. sagte Gigi. wenn man allein hineinblickte. denn er war ja nun ein armer Schlucker. dort lebte er fortan als ein armer. >Nun hast du dein Versprechen gebrochen<. schwiegen sie beide ein Weilchen.« Nachdem Gigi geendet hatte. Aber Gigi schüttelte traurig den Kopf und sagte: >Ich kann nichts von dem verstehen. was du sagst. wer er war und wo er hingehörte. Und im gleichen Augenblick vergaß er. bis er ins Heute-Land kam.in die Ferne. Aber Prinzessin Momo erkannte den Prinzen aus dem MorgenLand nicht. dann fragte Momo: »Und sind sie später Mann und Frau geworden?« »Ich glaube schon«.Schaute man aber zu zweit hinein.< Da griff Prinzessin Momo in seine Brust und löste ganz leicht den Knoten seines Herzens auf. >und nun mußt du mir bezahlen !< Mit ihren grünen langen Fingern griff sie Prinz Girolamo. sagte die grüne Fee. »das weiß ich zufällig genau. dann wurde man wieder unsterblich. kaltes Blut in ihren Adern hatte. aber die Prinzessin erkannte doch sofort. in die Brust und machte einen Knoten in sein Herz. denn wie eine Prinzessin sah sie eigentlich nicht mehr aus. den sie immer gesucht hatte und für den sie sterblich geworden war. Und nun erkannte sie auch unter der Maske des armen Schluckers Gigi den Prinzen Girolamo. »-später. und ihr Gesicht verzerrte sich.« Groß und silbern stand der Mond über den schwarzen Pinien und ließ die alten Steine der Ruine geheimnisvoll glänzen.daß eine ihrer Tränen auf seine Hand gefallen war. Hier begegneten sich die beiden eines schönen Tages. Sie trug jetzt eine alte. denn in meinem Herzen ist ein Knoten. der wie erstarrt sitzen bleiben mußte. daß er der Prinz des Morgen-Landes war. daß es ihr eigenes Bild war. als wieder der silberne Zauberspiegel. wo das Morgen-Land liegt. war das Bild aus dem Zauberspiegel.

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ZWEITER TEIL: DIE GRAUEN HERREN .

daß einem eine einzige Stunde wie eine Ewigkeit vorkommen kann. Das Wichtigste war ihnen. Es waren weitgesteckte und sorgfältig vorbereitete Pläne. mitunter kann sie aber auch wie ein Augenblick vergehen . ohne daß jemand es bemerkte. Sie hatten ihre Pläne mit der Zeit der Menschen. und auf ihre Weise handelten sie danach. was man in dieser Stunde erlebt. denn jeder weiß. ja einer einzigen Sekunde Leben so wie sie. Und Schritt für Schritt. Und das Leben wohnt im Herzen. Denn Zeit ist Leben. . drangen sie täglich weiter vor und ergriffen Besitz von den Menschen. aber die wenigsten denken je darüber nach. einer Minute. daß niemand auf ihre Tätigkeit aufmerksam wurde. Unauffällig hatten sie sich im Leben der großen Stadt und ihrer Bewohner festgesetzt. Alle Menschen haben daran teil. aber das will wenig besagen. jeder kennt es.SECHSTES KAPITEL Die Rechnung ist falsch und geht doch auf Es gibt ein großes und doch ganz alltägliches Geheimnis. so wie Blutegel sich aufs Blut verstehen.je nachdem. Niemand kannte den Wert einer Stunde. Die meisten Leute nehmen es einfach so hin und wundern sich kein bißchen darüber. um sie zu messen. Freilich verstanden sie sich auf ihre Weise darauf. Und genau das wußte niemand besser als die grauen Herren. Dieses Geheimnis ist die Zeit. Es gibt Kalender und Uhren.

« Es war nun durchaus nicht so. daß er sie gut machte. meinte der graue Herr und klappte das Büchlein zu. Was habe ich eigentlich von meinem Dasein? Und wenn ich einmal tot bin. Der Lehrjunge hatte frei. dachte er mißmutig. Er blätterte in seinem Notizbüchlein und fuhr fort: »Sie sind doch Herr Fusi. »Dann bin ich an der rechten Stelle«. Habe ich recht?« . erklärte Herr Fusi noch verwirrter. dachte Herr Fusi. Aber es gibt eben manchmal Augenblicke.Da war zum Beispiel Herr Fusi. setzte sich auf den Rasierstuhl. was sie darüber dachten. das richtige Leben zu führen. »Sie sind Anwärter bei uns. als würde es plötzlich ungewöhnlich kalt in dem kleinen Raum. Besonders beim Rasieren unter dem Kinn gegen den Strich war ihm so leicht keiner über. Eines Tages stand Herr Fusi in der Tür seines Ladens und wartete auf Kundschaft. »Aber«. Er sah zu. »Rasieren oder Haare schneiden?« und verwünschte sich im gleichen Augenblick wegen seiner Taktlosigkeit. dann wäre ich ein ganz anderer Mensch!« Wie dieses richtige Leben allerdings beschaffen sein sollte. der Friseur?« »Ganz recht. daß dieser Augenblick eintrat. in dem sie ihn fassen konnten. etwas Luxuriöses. Er stellte seine bleigraue Aktentasche auf den Tisch vor dem Spiegel. ist Zeit. Man muß frei sein. Und sie taten das ihre dazu. denn der Herr hatte eine spiegelnde Glatze. Alles. aber er war in seiner Straße gut angesehen. war klein. und auch in Herrn Fusis Seele war trübes Wetter. Auch gegen Scherengeklapper und Seifenschaum hatte er nichts.Sie kannten jeden. noch immer erstaunt. wird es sein. war Herrn Fusi nicht klar. und Herr Fusi war allein. lieber Herr Fusi«. Er liebte es sogar sehr. ohne zu lächeln. »Keines von beiden«. Wenn Sie einmal tot sind. Geschwätz und Seifenschaum. etwas. antwortete der Agent knapp. und er wußte. daß Sie ein Sparkonto bei uns eröffnen wollen. in denen das alles kein Gewicht hat. schon lange bevor der Betreffende selbst etwas davon ahnte. XYQ/384/b. sagte der graue Herr. es war ein grauer Tag.« »Das ist mir neu«. »Mein Leben geht so dahin«. Das geht jedem so. aschengraues Auto vor und hielt genau vor Herrn Fusis Friseurgeschäft. mit einer seltsam tonlosen. ich wußte bisher nicht einmal. Ich bin Agent Nr. dachte er. Ein grauer Herr stieg aus und betrat den Laden. daß es ein solches Institut überhaupt gibt. jetzt wissen Sie es«. Wenn Sie Zeit hätten. Wenn ich das richtige Leben führen könnte. der mitten in der Stadt lag. und er beschäftigte einen Lehrjungen.« »Nun. »mit Scherengeklapper und Geschwätz und Seifenschaum. Ich aber bleibe mein Leben lang ein Gefangener von Scherengeklapper. der für ihre Absichten in Frage kam. als hätte es mich nie gegeben. während er an seiner kleinen grauen Zigarre paffte. wie der Regen auf die Straße platschte. »Sehen Sie. »Ich komme von der Zeit-Spar-Kasse. wird es sein. »Sie vergeuden Ihr Leben mit Scherengeklapper. Er war nicht arm und nicht reich. Wir wissen. Herr Fusi schloß die Ladentür. wie man es immer in den Illustrierten sah. der bin ich«. das ist nun aus mir geworden. wie Sie das wünschen. dann wären Sie ein ganz anderer Mensch. Geschwätz und Seifenschaum. hängte seinen runden steifen Hut an den Kleiderhaken. was Sie also benötigen. als hätte es Sie nie gegeben. nahm sein Notizbüchlein aus der Tasche und begann darin zu blättern. Sein Laden. »für so etwas läßt mir meine Arbeit keine Zeit. der Friseur. »Offengestanden. Er stellte sich nur irgend etwas Bedeutendes vor. daß Herr Fusi etwas gegen ein Schwätzchen hatte. Er war zwar kein berühmter Haarkünstler. »Wer bin ich schon? Ein kleiner Friseur. »Womit kann ich dienen?« fragte er verwirrt. Seine Arbeit bereitete ihm ausgesprochenes Vergnügen. denn es war ihm.« »Wie das?« fragte Herr Fusi.« In diesem Augenblick fuhr ein feines. Denn für das richtige Leben muß man Zeit haben. versetzte Herr Fusi. »Mein ganzes Leben ist verfehlt«. den Kunden weitläufig seine Ansichten auseinanderzusetzen und von ihnen zu hören. sagte der Agent. sozusagen aschengrauen Stimme. Sie warteten nur den richtigen Augenblick ab.

Oder dreihundertfünfzehnmillionendreihundertundsechzigtausend Sekunden in zehn Jahren. Täglich widmen Sie der alten Frau eine volle Stunde. Das ergibt zweimilliardenzweihundertsiebenmillionenfünfhundertzwanzigtausend Sekunden. Diese Summe dürfen wir wohl mit gutem Recht als verloren betrachten. daß er so reich sei. »Aber woher nimmt man Zeit ? Man muß sie eben ersparen ! Sie. Wie alt sind Sie. sehen Sie !« erwiderte der graue Herr und zog zufrieden an seiner kleinen Zigarre. meinte Herr Fusi ängstlich. Das wäre also dreihundertfünfzehnmillionendreihundertsechzigtausend mal sieben. « Und er schrieb diese Zahl groß an den Spiegel: 2 207 520 000 Sekunden Dann unterstrich er sie mehrmals und erklärte: »Dies also. Ein Tag hat vierundzwanzig Stunden. Also hat eine Stunde dreitausendsechshundert Sekunden. Es ist also hinausgeworfene Zeit: macht fünfundfünfzigmillioneneinhundertachtundachtzigtausend. »vielleicht zwei Stunden?« »Das scheint mir zu wenig«. Und eine Stunde hat sechzig Minuten. »Zweiundvierzig Jahre . Wieviel Zeit müssen Sie täglich der Arbeit opfern. vergeuden Ihre Zeit auf ganz verantwortungslose Weise. . Ein Jahr hat aber. »Sechzig mal sechzig ist dreitausendsechshundert. das bedeutet umgerechnet dreizehnmillionensiebenhundert-siebenundneunzigtausend.« Herr Fusi schluckte und fuhr sich mit der Hand über die Stirn. also dreitausendsechshundert mal vierundzwanzig. ist das Vermögen. denn trotz der geschlossenen Tür wurde es immer kälter. Die Summe machte ihn schwindelig. »es ist eine eindrucksvolle Zahl. sich zu ernähren. stotterte Herr Fusi verwirrt. Herr Fusi?« »Zweiundvierzig«. Der Agent Nr. Wieviel Zeit benötigen Sie insgesamt für alle Mahlzeiten des Tages?«»Ich weiß nicht genau«. Eine Minute hat sechzig Sekunden. achtzig Jahre alt zu werden. Der Agent rechnete blitzgeschwind. »nehmen wir vorsichtshalber einmal nur siebzig Jahre an. dreihundertfünfundsechzig Tage. das macht sechsundachtzigtausendvierhundert Sekunden pro Tag. Wie lange. . »Wie lange schlafen Sie durchschnittlich pro Nacht?« forschte der graue Herr weiter. murmelte Herr Fusi und fröstelte. dann ergibt es in zweiundvierzig Jahren den Betrag von hundertzehnmillionendreihundertsechsundsiebzigtausend. dessen Pflege Sie täglich eine Viertelstunde kostet. sagte Herr Fusi. stammelte der und fühlte sich plötzlich schuldbewußt.täglich acht Stunden . Können Sie mir folgen?« »Gewiß«. « »Aber .»Darüber habe ich eben nachgedacht«. »aber nehmen wir es einmal an. wie wir wissen. Herr Fusi. »Acht Stunden etwa«. »Dann müssen wir also noch einmal die gleiche Summe auf das Minuskonto verbuchen«. Herr Fusi?« »Auch acht Stunden.das macht also bereits vierhunderteinundvierzigmillionenfünfhundertundviertausend. Der Stift kreischte über das Spiegelglas. fuhr der graue Herr fort.« »Gut«. nicht wahr? Aber nun wollen wir weitergehen. schätzen Sie die Dauer Ihres Lebens?« »Nun«. warf Herr Fusi flehend ein. so Gott will. »Ja«. Herr Fusi. das heißt. wie bekannt. Herr Fusi. »Na. Fahren wir fort! Sie leben allein mit Ihrer alten Mutter. welches Ihnen zur Verfügung steht. »Nun kommt Ihnen aber auch noch eine gewisse Zeit abhanden durch die Notwendigkeit. fuhr der Agent unerbittlich fort. daß sich Herrn Fusi die Haut kräuselte. Ferner haben Sie überflüssigerweise einen Wellensittich. gab Herr Fusi kleinlaut zu. obgleich sie taub ist und sie kaum noch hört. »ich hoffe so siebzig. sagte der Agent nickend und zog wieder an seiner kleinen grauen Zigarre. Sie sitzen bei ihr und sprechen mit ihr. XYQ/384/b begann die Zahlen mit einem grauen Stift auf den Spiegel zu schreiben. . Er hätte nie gedacht. sagte der Agent. gestand Herr Fusi. so ungefähr«. Das macht mithin einunddreißigmillionenfünfhundertundsechsunddreißigtausend Sekunden pro Jahr.«. Ich will es Ihnen durch eine kleine Rechnung beweisen. als habe er eine Unterschlagung begangen.

antwortete Herr Fusi. und zwar etwa drei Stunden täglich. . »Aber wir müssen noch auf ein besonderes Kapitel Ihres Lebens zu sprechen kommen. Aber nun wollen wir einmal sehen. Kurz.« »Macht weitere fünfundfünfzigmillioneneinhundertachtundachtzigtausend. verlorene Zeit. Schuhe putzen und dergleichen lästige Dinge mehr. dann bekommen wir nochmals eine abzuschreibende Summe von dreizehnmillionensiebenhun-dertsiebenundneunzigtausend. daß Sie einmal wöchentlich ins Kino gehen. einen Teil der Hausarbeit selbst machen. Herr Fusi?« »Nein«. Sie wissen schon. Betrachten Sie die Dinge einmal sachlich und realistisch. so kalt war ihm geworden. den Sie zweimal in der Woche besuchen. Was sagen Sie dazu. müssen Sie. daß es wie Revolverschüsse klang. XYQ/384/b. Sie müssen einkaufen gehen.« Auf dem Spiegel stand nun folgende Rechnung: Schlaf Arbeit Nahrung Mutter Wellensittich Einkauf usw. »diese Summe also ist die Zeit. der immer schneller und schneller rechnete. Geheimnis Fenster Zusammen: 441 504 000 Sekunden 441 504 000 110 376 000 55 188 000 13 797 000 55 188 000 165 564 000 27 594 000 13 797 000 1 324 512 Sekunden »Diese Summe«. Und zwar insgesamt bereits siebenundzwanzig-millionenfünfhundertvierundneunzigtausend Sekunden. Herr Fusi?« Herr Fusi sagte gar nichts. fuhr der graue Herr fort. »Das wissen Sie auch?« murmelte er kraftlos. sagte der graue Herr und tippte mit dem Stift mehrmals so hart gegen den Spiegel. Herr Fusi. Und wenn wir nun dazurechnen. was Ihnen eigentlich übrigbleibt. Herr Fusi. . »es ist bereits mehr als die Hälfte Ihres ursprünglichen Gesamtvermögens. aber . . die Sie verlieren. Herr Fusi. Sie schlagen Ihre Zeit mit nutzlosen Dingen tot.« »Wir sind gleich zu Ende«. Herr Fusi. . daß Sie die Gewohnheit haben. »Ja.« »In unserer modernen Welt«. Beantworten Sie mir eine Frage: Wollen Sie Fräulein Daria heiraten?« »Nein«.»Unterbrechen Sie mich nicht !« herrschte ihn der Agent an. sagte er. denn trotz der eisigen Kälte brach ihm der Schweiß aus.« »Ganz recht«. Wir wissen ferner. das macht einhundertfünfundsechzigmillionenfünfhundertvierundsechzigtausend. »entschuldigen Sie bitte . . . »Aber nüchtern betrachtet«. jeden Abend vor dem Schlafengehen eine Viertelstunde am Fenster zu sitzen und über den vergangenen Tag nachzudenken. »Ich dachte. Nun wollen wir einmal sehen. Der graue Herr nickte ernst. um ihr eine Blume zu bringen. sagte Herr Fusi. Sie haben da nämlich dieses kleine Geheimnis.unterbrach ihn der Agent Nr. einen Stammtisch haben. Freunde. Herr Fusi. antwortete Herr Fusi. »Da Ihre Mutter ja behindert ist. außer mir und Fräulein Daria . Wozu?« »Sie freut sich doch immer so«.Ist Ihnen nicht gut. was Ihnen von Ihren . einmal wöchentlich in einem Gesangverein mitwirken. . weil ihre Beine verkrüppelt sind. und sich an den übrigen Tagen abends mit Freunden treffen oder manchmal sogar ein Buch lesen. »das geht doch nicht. »ist sie für Sie. »denn Fräulein Daria wird ihr Leben lang an den Rollstuhl gefesselt bleiben. den Tränen nah.« Herr Fusi begann mit den Zähnen zu klappern. Sie sehen ganz recht«. die Sie bis jetzt bereits verloren haben. Trotzdem besuchen Sie sie täglich eine halbe Stunde. versetzte der Agent. Singen usw. . Wieviel Zeit kostet Sie das täglich?« »Vielleicht eine Stunde. Herr Fusi. »haben Geheimnisse nichts mehr verloren. . Er setzte sich auf einen Stuhl in der Ecke und wischte sich mit dem Taschentuch die Stirn. sagte der graue Herr.

zweiundvierzig Jahren eigentlich geblieben ist. Ein Jahr, das sind einunddreißigmillionenfünfhun-dertsechsunddreißigtausend Sekunden, wie Sie wissen. Und das mal zweiundvierzig genommen macht einemilliardedreihundertvierundzwanzigmillionenfünfhundertundzwölf tausend.« Er schrieb die Zahl unter die Summe der verlorenen Zeit: 1.324.512.000 Sekunden — 1.324.512.000 0 000 000 000 ,, Sekunden

Er steckte seinen Stift ein und machte eine längere Pause, um den Anblick der vielen Nullen auf Herrn Fusi wirken zu lassen. Und er tat seine Wirkung. »Das«, dachte Herr Fusi zerschmettert, »ist also die Bilanz meines ganzen bisherigen Lebens.« Er war so beeindruckt von der Rechnung, die so haargenau aufging, daß er alles widerspruchslos hinnahm. Und die Rechnung selbst stimmte. Das war einer der Tricks, mit denen die grauen Herren die Menschen bei tausend Gelegenheiten betrogen. »Finden Sie nicht«, ergriff nun der Agent Nr. XYQ/384/b in sanftem Ton wieder das Wort, »daß Sie so nicht weiterwirtschaften können, Herr Fusi? Wollen Sie nicht lieber zu sparen anfangen?« Herr Fusi nickte stumm und mit blaugefrorenen Lippen. »Hätten Sie beispielsweise«, klang die aschenfarbene Stimme des Agenten an Herrn Fusis Ohr, »schon vor zwanzig Jahren angefangen, täglich nur eine einzige Stunde einzusparen, dann besäßen Sie jetzt ein Guthaben von sechsundzwanzigmillionenzweihundertundachtzigtausend Sekunden. Bei zwei Stunden täglich ersparter Zeit wäre es natürlich das Doppelte, also zweiundfünfzigmillionenfünfhundertundsech-zigtausend. Und ich bitte Sie, Herr Fusi, was sind schon zwei lumpige kleine Stunden angesichts einer solchen Summe?« »Nichts!« rief Herr Fusi, »eine lächerliche Kleinigkeit!« »Es freut mich, daß Sie das einsehen«, fuhr der Agent gleichmütig fort. »Und wenn wir nun noch ausrechnen, was Sie unter denselben Bedingungen in weiteren zwanzig Jahren erspart haben würden, so kämen wir auf die stolze Summe von einhundertfünfmillioneneinhundertundzwanzigtausend Sekunden. Dieses ganze Kapital stünde Ihnen in Ihrem zweiundsechzigsten Lebensjahr zur freien Verfügung.« »Großartig!« stammelte Herr Fusi und riß die Augen auf. »Warten Sie ab«, fuhr der graue Herr fort, »denn es kommt noch viel besser. Wir, das heißt die Zeit-Spar-Kasse, bewahren nämlich die eingesparte Zeit nicht nur für Sie auf, sondern wir zahlen Ihnen auch noch Zinsen dafür. Das heißt, Sie hätten in Wirklichkeit noch viel mehr.«»Wieviel mehr?« fragte Herr Fusi atemlos. »Das läge ganz bei Ihnen«, erklärte der Agent, »je nachdem, wieviel Sie eben einsparen würden und wie lange Sie das Ersparte bei uns liegen lassen.« »Liegen lassen?« erkundigte sich Herr Fusi, »was heißt das?« »Nun, ganz einfach«, meinte der graue Herr. »Wenn Sie Ihre ersparte Zeit nicht vor fünf Jahren von uns zurückverlangen, dann bezahlen wir Ihnen noch einmal dieselbe Summe dazu. Ihr Vermögen verdoppelt sich alle fünf Jahre, verstehen Sie? Nach zehn Jahren wäre es bereits das Vierfache der ursprünglichen Summe, nach fünfzehn Jahren das Achtfache und so weiter. Wenn Sie vor zwanzig Jahren angefangen hätten, täglich nur zwei Stunden einzusparen, dann stünde für Sie in Ihrem zweiundsechzigsten Lebensjahr, also nach vierzig Jahren insgesamt, das Zweihundertsechsundfünfzigfache der bis dahin von Ihnen ersparten Zeit zur Verfügung. Das wären sechsundzwanzigmilliardenneunhundertundzehnmillionensiebenhundertundzwanzigtausend.« Und er nahm noch einmal seinen grauen Stift heraus und schrieb auch diese Zahl an den Spiegel:

26 910 720 000 Sekunden »Sie sehen selbst, Herr Fusi«, sagte er dann und lächelte zum ersten Mal dünn, »es wäre mehr als das Zehnfache ihrer ursprünglichen gesamten Lebenszeit. Und das bei nur zwei ersparten Stunden täglich. Bedenken Sie, ob dies nicht ein lohnendes Angebot ist.« »Das ist es !« sagte Herr Fusi erschöpft. »Das ist es ganz ohne Zweifel ! Ich bin ein Unglücksrabe, daß ich nicht schon längst angefangen habe, zu sparen. Jetzt erst sehe ich es völlig ein, und ich muß gestehen - ich bin verzweifelt!« »Dazu«, erwiderte der graue Herr sanft, »besteht durchaus kein Grund. Es ist niemals zu spät. Wenn Sie wollen, können Sie noch heute anfangen. Sie werden sehen, es lohnt sich.« »Und ob ich will!« rief Herr Fusi. »Was muß ich tun?« »Aber, mein Bester«, antwortete der Agent und zog die Augenbrauen hoch, »Sie werden doch wissen, wie man Zeit spart! Sie müssen zum Beispiel einfach schneller arbeiten und alles Überflüssige weglassen. Statt einer halben Stunde widmen Sie sich einem Kunden nur noch eine Viertelstunde. Sie vermeiden zeitraubende Unterhaltungen. Sie verkürzen die Stunde bei ihrer alten Mutter auf eine halbe. Am besten geben Sie sie überhaupt in ein gutes, billiges Altersheim, wo für sie gesorgt wird, dann haben Sie bereits eine ganze Stunde täglich gewonnen. Schaffen Sie den unnützen Wellensittich ab! Besuchen Sie Fräulein Daria nur noch alle vierzehn Tage einmal, wenn es überhaupt sein muß. Lassen Sie die Viertelstunde Tagesrückschau ausfallen und vor allem, vertun Sie Ihre kostbare Zeit nicht mehr so oft mit Singen, Lesen oder gar mit Ihren sogenannten Freunden. Ich empfehle Ihnen übrigens ganz nebenbei, eine große, gutgehende Uhr in Ihren Laden zu hängen, damit Sie die Arbeit Ihres Lehrjungen genau kontrollieren können.« »Nun gut«, meinte Herr Fusi, »das alles kann ich tun, aber die Zeit, die mir auf diese Weise übrigbleibt - was soll ich mit ihr machen ? Muß ich sie abliefern? Und wo? Oder soll ich sie aufbewahren? Wie geht das Ganze vor sich?« »Darüber«, sagte der graue Herr und lächelte zum zweiten Mal dünn, »machen Sie sich nur keine Sorgen. Das überlassen Sie ruhig uns. Sie können sicher sein, daß uns von Ihrer eingesparten Zeit nicht das kleinste bißchen verlorengeht. Sie werden es schon merken, daß Ihnen nichts übrigbleibt.« »Also gut«, entgegnete Herr Fusi verdattert, »ich verlasse mich also darauf.« »Tun Sie das getrost, mein Bester«, sagte der Agent und stand auf. »Ich darf Sie also hiermit in der großen Gemeinde der Zeit-Sparer als neues Mitglied begrüßen. Nun sind auch Sie ein wahrhaft moderner und fortschrittlicher Mensch, Herr Fusi. Ich beglückwünsche Sie!« Damit nahm er seinen Hut und seine Mappe. »Einen Augenblick noch!« rief Herr Fusi. »Müssen wir denn nicht irgendeinen Vertrag abschließen? Muß ich nichts unterschreiben? Bekomme ich nicht irgendein Dokument?« Der Agent Nr. XYQ/384/b drehte sich in der Tür um und musterte Herrn Fusi mit leichtem Unwillen. »Wozu?« fragte er. »Das Zeit-Sparen läßt sich nicht mit irgendeiner anderen Art des Sparens vergleichen. Es ist eine Sache des vollkommenen Vertrauens - auf beiden Seiten ! Uns genügt Ihre Zusage. Sie ist unwiderruflich. Und wir kümmern uns um Ihre Ersparnisse. Wieviel Sie allerdings ersparen, das liegt ganz bei Ihnen. Wir zwingen Sie zu nichts. Leben Sie wohl, Herr Fusi!« Damit stieg der Agent in sein elegantes, graues Auto und brauste davon. Herr Fusi sah ihm nach und rieb sich die Stirn. Langsam wurde ihm wieder wärmer, aber er fühlte sich krank und elend. Der blaue Dunst aus der kleinen Zigarre des Agenten hing noch lange in dichten Schwaden im Raum und wollte nicht weichen. Erst als der Rauch vergangen war, wurde es Herrn Fusi wieder besser. Aber im gleichen Maß wie der Rauch verging, verblaßten auch die Zahlen auf dem Spiegel. Und als sie schließlich ganz verschwunden waren, war auch die Erinnerung an den grauen Besucher in Herrn Fusis

Gedächtnis ausgelöscht - die an den Besucher, nicht aber die an den Beschluß! Den hielt er nun für seinen eigenen. Der Vorsatz, von nun an Zeit zu sparen, um irgendwann in der Zukunft ein anderes Leben beginnen zu können, saß in seiner Seele fest wie ein Stachel mit Widerhaken. Und dann kam der erste Kunde an diesem Tag. Herr Fusi bediente ihn mürrisch, er ließ alles Überflüssige weg, schwieg und war tatsächlich statt in einer halben Stunde schon nach zwanzig Minuten fertig. Und genauso hielt er es von nun an bei jedem Kunden. Seine Arbeit machte ihm auf diese Weise überhaupt keinen Spaß mehr, aber das war ja nun auch nicht mehr wichtig. Er stellte zusätzlich zu seinem Lehrjungen noch zwei weitere Gehilfen ein und gab scharf darauf acht, daß sie keine Sekunde verloren. Jeder Handgriff war nach einem genauen Zeitplan festgelegt. In Herrn Fusis Laden hing nun ein Schild mit der Aufschrift: GESPARTE ZEIT IST DOPPELTE ZEIT! An Fräulein Daria schrieb er einen kurzen, sachlichen Brief, daß er wegen Zeitmangels leider nicht mehr kommen könne. Seinen Wellensittich verkaufte er einer Tierhandlung. Seine Mutter steckte er in ein gutes, aber billiges Altersheim und besuchte sie dort einmal im Monat. Und auch sonst befolgte er alle Ratschläge des grauen Herrn, die er ja nun für seine eigenen Beschlüsse hielt. Er wurde immer nervöser und ruheloser, denn eines war seltsam: Von all der Zeit, die er einsparte, blieb ihm tatsächlich niemals etwas übrig. Sie verschwand einfach auf rätselhafte Weise und war nicht mehr da. Seine Tage wurden erst unmerklich, dann aber deutlich spürbar kürzer und kürzer. Ehe er sich's versah, war schon wieder eine Woche, ein Monat, ein Jahr herum und noch ein Jahr und noch eines. Da er sich ja an den Besuch des grauen Herrn nicht mehr erinnerte, hätte er sich wohl eigentlich ernstlich fragen müssen, wo all seine Zeit denn blieb. Aber diese Frage stellte er sich so wenig wie alle anderen Zeit-Sparer. Es war etwas wie eine blinde Besessenheit über ihn gekommen. Und wenn er manchmal mit Schrecken gewahr wurde, wie schnell und immer schneller seine Tage dahinrasten, dann sparte er nur um so verbissener.Wie Herrn Fusi, so ging es schon vielen Menschen in der großen Stadt. Und täglich wurden es mehr, die damit anfingen, das zu tun, was sie »Zeit sparen« nannten. Und je mehr es wurden, desto mehr folgten nach, denn auch denen, die eigentlich nicht wollten, blieb gar nichts anderes übrig, als mitzumachen. Täglich wurden im Rundfunk, im Fernsehen und in den Zeitungen die Vorteile neuer zeitsparender Einrichtungen erklärt und gepriesen, die den Menschen dereinst die Freiheit für das »richtige« Leben schenken würden. An Hauswänden und Anschlagsäulen klebten Plakate, auf denen man alle möglichen Bilder des Glücks sah. Darunter stand in leuchtenden Lettern: ZEIT-SPARERN GEHT ES IMMER BESSER ! Oder: ZEIT-SPARERN GEHÖRT DIE ZUKUNFT! Oder: MACH MEHR AUS DEINEM LEBEN - SPARE ZEIT! Aber die Wirklichkeit sah ganz anders aus. Zwar waren die Zeit-Sparer besser gekleidet als die Leute, die in der Nähe des alten Amphitheaters wohnten. Sie verdienten mehr Geld und konnten auch mehr ausgeben. Aber sie hatten mißmutige, müde oder verbitterte Gesichter und unfreundliche Augen. Bei ihnen war die Redensart »Geh doch zu Momo ! « natürlich unbekannt. Sie hatten niemand, der ihnen so zuhören konnte, daß sie davon gescheit, versöhnlich oder gar froh geworden wären. Aber selbst, wenn es dort so jemand gegeben hätte, es wäre doch höchst zweifelhaft gewesen, ob sie je zu ihm hingegangen wären- es sei denn, man hätte die Sache in fünf Minuten erledigen können. Andernfalls hätten sie es für verlorene Zeit gehalten. Selbst ihre freien Stunden mußten, wie sie meinten, ausgenutzt werden und in aller Eile so viel Vergnügen und Entspannung liefern, wie nur möglich war. So konnten sie keine richtigen Feste mehr feiern, weder fröhliche noch ernste. Träumen galt bei ihnen fast als ein Verbrechen. Am allerwenigsten aber konnten sie die Stille ertragen. Denn in der Stille überfiel sie Angst, weil sie ahnten, was in Wirklichkeit mit ihrem Leben geschah. Darum machten sie Lärm, wann immer die Stille drohte. Aber es war natürlich kein fröhlicher Lärm wie der auf einem Kinderspielplatz, sondern ein wütender und mißmutiger, der die große Stadt von Tag zu

Und da alle Häuser gleich aussahen. »es kommt mir so vor. über den Sesseln der Direktoren. Und das Leben wohnt im Herzen. Es war viel billiger und vor allem zeitsparender.« .VERLIERE SIE NICHT! oder: ZEIT IST (WIE) GELD . war unwichtig — im Gegenteil. sagte Momo eines Tages. daß sein Leben immer ärmer. Manche hab' ich schon lang nicht mehr gesehen. Aber Zeit ist Leben. die einander so gleich waren wie ein Ei dem anderen. daß er. desto weniger hatten sie. und neue Häuser wurden gebaut. immer gleichförmiger und immer kälter wurde. denn auch für sie hatte nun niemand mehr Zeit. Dort erhoben sich in endlosen Reihen vielstöckige Mietskasernen. Und diese einförmigen Straßen wuchsen und wuchsen und dehnten sich schon schnurgerade bis zum Horizont . Wichtig war ganz allein.Tag lauter erfüllte. bei denen man alles wegließ. Niemand war davon ausgenommen. die hier wohnten:Schnurgerade bis zum Horizont ! Denn hier war alles genau berechnet und geplant. Deutlich zu fühlen jedoch bekamen es die Kinder. auf denen stand: ZEIT IST KOSTBAR . in den Geschäften. was nun für überflüssig galt. Im Norden der großen Stadt breiteten sich schon riesige Neubauviertel aus. als ob unsere alten Freunde jetzt immer seltener zu mir kommen. jeder Zentimeter und jeder Augenblick. die Häuser alle gleich zu bauen. Über allen Arbeitsplätzen in den großen Fabriken und Bürohäusern hingen deshalb Schilder. Man sparte sich die Mühe. die Häuser so zu bauen. Restaurants und Warenhäusern und sogar in den Schulen und Kindergärten. indem er Zeit sparte. Ob einer seine Arbeit gern oder mit Liebe zur Sache tat.DARUM SPARE! Ähnliche Schilder hingen auch über den Schreibtischen der Chefs. die in ihnen wohnten.eine Wüste der Ordnung ! Und genauso verlief auch das Leben der Menschen. Keiner wollte wahrhaben. sahen natürlich auch alle Straßen gleich aus. Und schließlich hatte auch die große Stadt selbst mehr und mehr ihr Aussehen verändert. daß er in möglichst kurzer Zeit möglichst viel arbeitete. Und je mehr die Menschen daran sparten. daß sie zu den Menschen paßten. in Wirklichkeit etwas ganz anderes sparte. in den Behandlungszimmern der Ärzte. das hielt nur auf. SIEBENTES KAPITEL Momo sucht ihre Freunde und wird von einem Feind besucht »Ich weiß nicht«. denn dann hätte man ja lauter verschiedene Häuser bauen müssen. Die alten Viertel wurden abgerissen. Niemand schien zu merken.

Seither zeigte Gigi Momo jeden Tag. Darum kehrten sie schließlich doch wieder zu ihren alten . Und da Momo ein sehr gutes Gedächtnis hatte. genügt ja oft ein einziger Spielverderber. nickte langsam und sagte: »Ja. aber zu etwas anderem war er nicht zu gebrauchen. Vor allem waren alle diese Dinge so vollkommen bis in jede kleinste Einzelheit hinein. der Paolo gerufen wurde.Gigi Fremdenführer und Beppo Straßenkehrer saßen neben ihr auf den grasbewachsenen Steinstufen der Ruine und sahen dem Sonnenuntergang zu. Es waren einige von Momos alten Freunden darunter: Der Junge mit der Brille. um den anderen alles zu zerstören. Es kommt näher. Beppo Straßenkehrer. wie Momos Freunde nie welche besessen hatten — und Momo selbst schon gar nicht. Beppo überlegte lang und antwortete schließlich: »Sie kommen nicht wegen uns. das Mädchen Maria mit dem kleinen Geschwisterchen Dedé. Und so fing alles immer wieder von vorn an. der immer etwas verwahrlost aussah und Franco hieß. So saßen die Kinder oft stundenlang da und schauten gebannt und doch gelangweilt so einem Ding zu. »mir geht's genauso. Es hatte auch erst in allerjüngster Zeit angefangen.« »Ja. der erst diesen Nachmittag gekommen war. Es schien tatsächlich so. das sie erst diesen Nachmittag erfunden hatten. meinte Gigi nachdenklich. daß Kinder allerlei Spielzeug brachten. Es ist mir schon lang aufgefallen. Beppo dachte eine Weile nach. Eigentlich hätte Momo sich gern darüber gefreut. In der Stadt ist es schon überall. das ist wahr. der dicke Junge mit der hohen Stimme. selber die besten Ideen zu haben und begeistert mitzuspielen. dahinwackelte oder im Kreis sauste-. Aber es kamen eben fast täglich neue Kinder. den man herumfahren lassen konnte —. Die Schiefertafel hatte der alte Beppo vor einigen Wochen in einer Mülltonne gefunden und Momo mitgebracht. deswegen«. aber sonst konnte man nichts damit anfangen. Manchmal störten sie auch absichtlich und verdarben alles. Sie suchen nur einen Unterschlupf. aber weiter taugte er zu nichts. konnte sie mittlerweile schon ganz gut lesen. Es ist nicht mehr wie früher. mit Spucke aus. daß man sich dabei gar nichts mehr selber vorzustellen brauchte. Es waren natürlich sehr teure Spielsachen. Es werden immer weniger. das Momo nicht recht begreifen konnte. »dafür kommen jetzt immer mehr Kinder hierher. die erst seit wenigen Tagen dazugehörten. Oder eine Weltraumrakete. »deswegen. denn wie man weiß. meinte Beppo.« Alle drei blickten hinunter auf die runde Grasfläche in der Mitte des Amphitheaters.« »Was meinst du damit?« fragte Momo. Aber außerdem waren da noch andere Kinder. wo mehrere Kinder ein neues Ballspiel spielten. das da herumschnurrte. aber sonst war sie noch gut zu gebrauchen. Nicht selten gab es jetzt Zank und Streit. und der andere Junge. wie man den oder jenen Buchstaben schreibt. aber es fiel ihnen nichts dazu ein. sie kamen sogar von weither aus anderen Stadtteilen. Und dann war da noch etwas. »Ja«. Immer häufiger kam es jetzt vor.« »Ach was!« sagte Gigi und legte Momo tröstend den Arm um die Schulter.« »Aber was?« fragte Momo. und bald fingen sie an. mit dem man nicht wirklich spielen konnte. Gigi zuckte die Schultern und löschte gedankenvoll einige Buchstaben. die meinen Geschichten zuhören.« Und abermals nach einer Weile fügte er hinzu: »Es wird kalt. der über Momos Frage nachgedacht hatte. Irgendwas ist los. Sie saßen nur verdrossen und gelangweilt herum und guckten Momo und ihren Freunden zu.« »Was denn?« fragte Momo. die er auf eine alte Schiefertafel gekratzt hatte. denn Momos Gegenwart tat auch bei diesen Kindern ihre Wirkung. dessen Name Massimo lautete. wie Gigi gesagt hatte: Es wurden immer mehr. zum Beispiel ein ferngesteuerter Tank. Oder ein kleiner Roboter. von Tag zu Tag. Sie war natürlich nicht mehr ganz neu und hatte in der Mitte einen großen Sprung. Das blieb freilich nicht so. der mit glühenden Augen dahinwackelte und den Kopf drehte—. die an einer Stange im Kreis herumsauste-. dann antwortete er: »Nichts Gutes. und ein kleinerer Junge. Nur mit dem Schreiben ging es noch nicht so recht. Aber die meisten von diesen Kindern konnten einfach nicht spielen.

ließ sich schließlich eines vernehmen.«»Dreh's sofort leise!« rief Franco und stand auf. sagte er schließlich. die neu waren. Früher hat mein Vater mir abends. Dabei konnte man sich alles vorstellen. wie ich mag. wenn mein Papa und meine Mama Zeit haben. meinte der alte Beppo.« Alle Kinder nickten. Später will ich auch so eins. Der fremde Junge wurde ein bißchen blaß. Momo ging zu ihm und setzte sich still neben ihn. einen Kuß und fuhr fort: »Wenn ich von der Schule komm'. antwortete aber trotzig: »Du hast mir überhaupt nichts zu sagen und niemand.« »Doch gibt's die ! « sagte das kleine Mädchen trotzig. wenn ich mag. meinte Franco und sah dabei gar nicht froh aus. in drohendem Ton.Nein. sagte Maria. daß das geschah. bitte«. dann wird es gewaschen. Der kleinere Junge. Damit ich aufgehoben bin. »Ich bin eigentlich ganz froh«. Aber jetzt ist er eben nie mehr da. ein zerrissenes Tischtuch. « Sie gab dem kleinen Geschwisterchen. Wenn ich genug Geld hab'.« Franco setzte sich wieder hin. Nach einer kleinen Weile drehte er sein Radio leise und schaute in eine andere Richtung.« »Du bist dumm!« rief ein anderes Kind. Gigi?« bat eines der Kinder.Ein Abenteuer!« Aber Gigi wollte nicht.«. darf ich dabei helfen.« »Da hat er recht«. Sie hofften. Ich kann mein Radio so laut drehen.« »Ja«. »Am Samstag. »Wir haben jetzt ein sehr schönes Auto«. weil sie leider keine Zeit haben. »er verdirbt uns schon den ganzen Nachmittag alles. der Franco hieß. sie zuckte die Schultern. »die gibt's doch gar nicht. daß Gigi vielleicht zu erzählen anfangen würde. ein Maulwurfshügel oder eine Handvoll Steinchen genügten. riefen die anderen. Das war schön.« Und nach einer kleinen Pause setzte es hinzu : »Ich will aber nicht aufgehoben sein. »Erzählst du uns was. Eine Weile war es still. .« »Ich hab' schon elf Märchenschallplatten«. wie ich will. und dann fahr' ich zu den sieben Zwergen. »Könntest du deinen blöden Kasten nicht vielleicht leiser drehen?« fragte der verwahrloste Junge. »bei uns ist es genauso.Spielen zurück. antwortete Beppo und blickte den fremden Jungen freundlich und aufmerksam durch seine kleine Brille an. sagte ein kleines Mädchen. »O ja. »na ja. »Er soll doch woanders hingehen«. Ihre Gesichter waren plötzlich traurig und verschlossen. der heute zum ersten Mal erschienen war. »mein Radio geht so laut. eine aufregende! . Meistens kommen wir ja hierher. . ein Märchen! . »Ich kann dich nicht verstehen«. Wenn ich brav war. Es war eine Reklamesendung. »Ich möchte viel lieber«. bis es Abend ist. Er schaltete das Radio ab. hatte nämlich ein Kofferradio bei sich. Beppo und Momo herumsaßen. wenn er von der Arbeit gekommen ist. bis schließlich alle um Gigi. Aber zum Glück hab' ich Dedé. Er saß ein wenig abseits von den anderen und hatte den Apparat ganz laut gedreht. dann mach' ich uns das Essen warm. aber das ging nicht.« »Und deine Mutter?« fragte das Mädchen Maria. Deswegen geh' ich heimlich hierher und spar' mir das Geld. »daß ihr mir was erzählt-über euch und euer Zuhause. erklärte ein kleiner Junge. »Die ist jetzt auch immer den ganzen Tag weg.« »Er wird schon seinen Grund haben«. .« Der fremde Junge schwieg. das auf ihrem Schoß saß. Oder er ist müde und hat keine Lust.« Die Kinder blieben stumm. dann laufen wir eben so 'rum. denn mehr oder weniger ging es ihnen allen so. »eine lustige Geschichte! . Wir können ihn höchstens bitten. sagte der fremde Junge und grinste. was ihr so macht und warum ihr hier seid. Dann mach' ich meine Aufgaben. Und dann . Es war das erste Mal. »Bestimmt hat er den. »ich darf jetzt jeden Tag ins Kino. bei denen ihnen ein paar Schachteln.Nein. »wir können's ihm nicht verbieten. Die Kinder taten eines nach dem anderen nicht mehr mit. »Ich hab's sogar in einem Reiseprospekt gesehen. Irgend etwas schien auch heute abend das Spiel nicht recht gelingen zu lassen. »die kann ich mir sooft anhören. immer selber was erzählt.« »Aber ich«. dann kauf ich mir eine Fahrkarte. sagte er erbittert.

sagen sie. Aber jetzt fragen sie danach nicht mehr viel. haben sie gesagt. Der . Sie können doch nichts dafür. daß sie keine Zeit mehr haben. mürrisch. »Und überhaupt. « »Ich darf vielleicht bald nicht mehr kommen«.« »Das ist nicht wahr!« schrie der fremde Junge zornig. Sie haben sich dabei selbst gefunden. und ich krieg dann Prügel. Dafür haben sie mir aber jetzt sogar das Kofferradio geschenkt. Dabei haben sie sich selbst vergessen. fuhr Gigi fort. Sie fühlten sich alle im Stich gelassen. »Meine Eltern haben gesagt«. um mir zuzuhören. Und ich soll nicht mehr hierher kommen. nicht sehr beträchtlichen Größe. konnte sehr hübsch singen und hatte über alles seine ganz besonderen Gedanken. ich kriege jetzt viel mehr Taschengeld als früher!« »Klar!« antwortete Franco. einen Friseur. Keines unter ihnen bezweifelte die Worte der drei Freunde. Das ist doch ein Beweis -oder?« Alle schwiegen. sagte er leise. der den ganzen Nachmittag der Spielverderber gewesen war. wenn ihr versteht. Gigi blickte die Kinder der Reihe nach an. Danach fragen sie auch nicht mehr viel. »Meine Eltern lügen doch nicht«. Für alles das hat er plötzlich keine Zeit mehr. Aber sie mögen sich selbst auch nicht mehr. wofür sie keine Zeit mehr haben!« Er machte die Augen schmal und nickte. nervös. »Und ich auch!« sagte Gigi ernst. Deswegen habt ihr soviel. was ich meine. »Früher sind die Leute immer gern zu Momo gekommen. Schließlich blickte Paolo dem alten Beppo forschend ins Gesicht. zu weinen an. »ihr haltet uns also auch für Tagediebe?« Die Kinder schauten verlegen zu Boden. jetzt will ich euch mal was sagen«. sagte Paolo. Eigentlich war jedem von ihnen ebenso zumute.« Jetzt wandte sich ihnen plötzlich der Junge mit dem Kofferradio zu und sagte: »Aber ich. Sie haben keine Zeit mehr für so was. Merkt ihr was? Es ist doch merkwürdig. Die Kinder schwiegen beeindruckt. »ihr seid bloß Faulenzer und Tagediebe. damit sie ihnen zuhört. Und weil es von eurer Sorte viel zu viele gibt.« »Ach so?« sagte Gigi und zog die Augenbrauen hoch. Das ist eben so. so wahr mir Gott helfe!« »Ich auch!« fügte Momo hinzu. Früher war er ein netter Kerl gewesen. denen man schon Ähnliches gesagt hatte. »Mich mögen meine Eltern sogar sehr. Ihr stehlt dem lieben Gott die Zeit. weil ich sonst genauso werde wie ihr. Und dann fragte er noch leiser: »Seid ihr denn keine?« Da erhob sich der alte Straßenkehrer in seiner ganzen.noch niemals habe ich in meinem Leben dem lieben Gott oder einem Mitmenschen das kleinste bißchen Zeit gestohlen. Sie mögen überhaupt nichts mehr. Früher sind die Leute auch immer gern gekommen. sagen sie. streckte drei Finger in die Höhe und sprach: »Ich hab' noch nie. Und plötzlich fing der Junge. erklärte Paolo. Ich werd' ja später sowieso Straßenräuber. Fusi heißt er.« Wieder nickten einige der Kinder. »Ja«. damit sie uns loswerden!Sie mögen uns nicht mehr. es zu unterdrücken und wischte sich die Augen mit seinen schmutzigen Fäusten. Ich bin auf eurer Seite. »das machen sie. Sie verstanden ihn nun. Ich hatte ihn eine Weile nicht mehr gesehen und hätte ihn bald nicht mehr wiedererkannt. Die anderen Kinder sahen ihn teilnahmsvoll an oder blickten zu Boden. Und für euch haben sie auch keine Zeit mehr.»daß meine Alten keine Zeit mehr für mich haben. »es wird kalt. Er versuchte.freudlos. Dann fuhr er fort: »Neulich habe ich in der Stadt einen alten Bekannten getroffen. Es war sehr teuer. »Glaubt ihr das etwa auch von uns? Oder warum kommt ihr trotzdem?« Nach kurzem Stillschweigen meinte Franco: »Mir ist das gleich. haben andere Leute immer weniger Zeit. Das schwöre ich. der Junge mit der Brille. so verändert war er. aber die Tränen liefen in hellen Streifen durch die Schmutzflecken auf seinen Wangen. »Warum denn nicht?« fragte Momo verwundert. sagt mein Alter immer. Das ist meine Meinung. sagte der alte Beppo nach einer Weile noch einmal. Sonst fangen sie bloß an zu streiten.

. . Das geht wie der Teufel. da wird ein anderes Tempo vorgelegt. antwortete Momo schüchtern. was sie tun könnten. sieht man solche Leute. daß er jetzt drüben in den großen Neubauvierteln auf der anderen Seite der Stadt arbeite und eine Menge Geld verdiene. Es wurde langsam dunkel. der die Treppe heraufschwankte. Plötzlich hielt er inné und wischte sich mit seinen schwieligen Händen übers Gesicht. die ansteckend ist?« Der alte Beppo nickte. . was los war und warum sie nicht mehr zu ihr kamen. Es mußte schon spät in der Nacht sein. »Was meinst du. Er sei jetzt auch oft nicht mehr ganz nüchtern. bis ins letzte hinein . Und je länger sie das tat. »müssen wir unseren Freunden doch helfen!« An diesem Abend berieten sie alle gemeinsam noch lang. ich hab' wieder mal zuviel getrunken. dann würde ich einfach denken. ich hätte dich ja auch schon längst mal wieder besucht. Als er das Kind sah. »Du siehst. Zuerst ging sie zu Nicola. Da drüben. Das geht einem ehrlichen Maurer gegen das Gewissen. Die Zeiten ändern sich. »Alles Unsinn. als sie durch polternde Schritte und rauhen Gesang geweckt wurde. Viel zuviel Sand im Mörtel. Momo beschloß. »Kommt hier mitten in der Nacht her. und es bereitete ihm sichtlich Verlegenheit. was wir da machen. Und es werden immer mehr. Aber von den grauen Herren und deren rastloser Tätigkeit ahnten sie nichts. verstehst du? Das hält alles vier. wo er oben unter dem Dach ein kleines Zimmer bewohnte. auf ihn zu warten.Mann ist nur noch sein eigenes Gespenst. Anders kann ich's nicht aushalten. um von ihnen zu erfahren. blieb er verdutzt stehen.« »Aber dann«. was ich da rede«. was bei mir jetzt los ist. . Momo!« brummte er. »He. und Momo hörte ihm aufmerksam zu.« Er redete weiter. . Privatsachen. Momo. Aber er war nicht da. eins nach dem anderen. Sie kannte das Haus gut. Ja.« Er machte eine fahrige Bewegung mit der Hand und setzte sich schwer neben Momo auf die Treppe. wo ich jetzt bin. »Na. »Bestimmt«. Jeden Tag hauen wir ein ganzes Stockwerk drauf. Er käme jetzt nur noch selten nach Hause und wenn. sagte er. »gibt's dich auch noch! Was suchst du denn hier?« »Dich«. Kind ! Das ist nicht mehr wie früher. Jetzt fangen sogar unsere alten Freunde auch damit an ! Ich frage mich wirklich. das ist eine andere Sache als früher! Da ist alles organisiert. du bist mir vielleicht eine!« sagte Nicola und schüttelte lächelnd den Kopf. ob es Verrücktheit gibt. daß sie ihn so sah. dem Maurer. Ja. Sie setzte sich vor seine Zimmertür auf die Treppe. daß er ein bißchen verrückt geworden ist. versteht ihr? Wenn er's nur allein wäre. Aber wo man hinschaut. und man könne überhaupt nicht mehr gut mit ihm auskommen. dann meistens sehr spät. jeder Handgriff. »es muß eine Art Ansteckung sein. desto weniger begeistert klang seine Rede. aber ich hab' einfach keine Zeit mehr für solche. Ich geb's zu. Ich trink' jetzt oft zuviel. sagte er auf einmal traurig. meinte Momo ganz bestürzt. er ist überhaupt nicht mehr Fusi. Die anderen Leute im Haus wußten nur. Es war Nicola. um nach ihrem alten Freund Nicola zu sehen. verstehst du. Während der nächsten Tage machte Momo sich auf die Suche nach ihren alten Freunden. und sie schlief ein.

»Aber du weißt ganz genau. Momo schüttelte den Kopf. Aber ich komm' bestimmt. Momo sagte nichts. abgemacht?« »Abgemacht«. »Ach. »Nett.« »Ich wollte nur fragen«. Aber jetzt. »So was tut man einfach nicht. du bist es«. Nino redete gestikulierend auf seine Frau ein. »Ich habe sie höflich gebeten. Früher. Der Hausbesitzer hat mir die Pacht erhöht. daß sie kein anderes Lokal finden. »Bis jetzt. »Was willst du denn?« erkundigte Nino sich nervös. In einer Ecke saß das Baby der beiden in einem Korb und schrie. Bei uns haben sie keine Menschenseele gestört!« »Natürlich haben sie keine Menschenseele gestört!« rief Nino. Sie nahm es auf den Schoß und schaukelte es sacht. »Vielleicht«. so was gefällt den Leuten ? Und an dem einzigen Glas billigen Rotwein. Die beiden Eheleute unterbrachen ihr Wortgefecht und schauten hin.« »Ja«. Momo. »sollte ich wirklich mal wieder zu dir kommen und dir alles erzählen. sagte Nino und lächelte flüchtig. gab Liliana zurück.« Er ließ den Kopf hängen und starrte trübe vor sich hin. Das kleine alte Haus. Er kam überhaupt nicht. Wie früher ging Momo hinten herum zur Küchentür. Na ja. bis es still war. daß Nino und seine Frau Liliana einen heftigen Wortwechsel hatten. Glaubst du. die Zeiten ändern sich. denn sie waren beide sehr müde. Momo.fünf Jahre. Das Schlimmste sind die Häuser. »warum ihr schon so lang nicht mehr zu mir gekommen seid?« »Ich weiß auch nicht!« sagte Nino gereizt. die früher immer an dem Tisch in der Ecke saßen? Weggejagt hat er sie! Hinausgeworfen hat er sie!« »Das habe ich nicht getan !« verteidigte sich Nino. das Recht!« erwiderte Liliana aufgebracht. ist für uns nichts zu verdienen! Da bringen wir es nie zu was!« »Wir sind bis jetzt ganz gut ausgekommen«. « »Das Recht. Ihr dickes Gesicht glänzte von Schweiß. was sich sehen lassen konnte. Vielleicht hatte er wirklich nie mehr Zeit. Momo setzte sich leise neben das Baby. sich ein anderes Lokal zu suchen. wenn einer hustet.. Das sind überhaupt keine Häuser. Als nächsten besuchte Momo den Wirt Nino und seine dicke Frau. Alles Pfusch. . wie man alte Gäste hinausekelt. das sind . mit dem regenfleckigen Verputz und der Weinlaube vor der Tür. Also.das sind . ja? Oder lieber übermorgen? Na. »Weil nämlich kein anständiges. Aber Nicola kam weder am nächsten noch am übernächsten Tag. fuhr Nicola leise nach einer Weile fort. daß man dich mal wieder sieht. Du weißt genau. das sollte ich. das sind jetzt seine Sorgen ! Erinnerst du dich an die alten Männer.« »Willst du was zu essen?« fragte Liliana ein wenig barsch. zahlendes Publikum zu uns gekommen ist. Das ist unmenschlich und gemein. daß es so nicht weitergeht. die wir da bauen. da war das anders bei mir. das jeder von denen sich pro Abend leisten kann. hundsgemeiner Pfusch ! Aber das ist noch nicht das Schlimmste. . lag am Stadtrand. wirklich. antwortete Momo und freute sich. Und dann trennten sie sich. rief Liliana und klapperte mit den Töpfen. Woher . »Wir haben im Moment wahrhaftig keine Zeit für dich. ja!« antwortete Nino heftig. »er hat jetzt ganz andere Sorgen ! Zum Beispiel. Irgendwann. ich muß sehen. Alles wird teurer. antwortete Momo leise. Ja. solang diese unrasierten alten Kerle da herumhockten. Liliana hantierte mit Töpfen und Pfannen am Herd. Ich muß jetzt ein Drittel mehr bezahlen als früher. wenn wir was gebaut hatten. und Momo hörte schon von weitem. Sagen wir gleich morgen. häng' ich meinen Beruf an den Nagel und mach' was anderes.Seelensilos sind das ! Da dreht sich einem der Magen um ! Aber was geht mich das alles an ? Ich kriege eben mein Geld und basta. dann fällt es zusammen. wie ich's einrichten kann. Dazu habe ich als Wirt das Recht. da war ich stolz auf meine Arbeit. wenn ich genug verdient hab'. Die stand offen. »Wir haben jetzt wirklich andere Sorgen. sie hörte ihm nur zu.

da kommen wir. »Nino ist zu Onkel Ettore und den anderen. »Gut. »Ich hab's ihm gesagt. wenn er will. »sie sind alle wieder da . Dann lächelten sie beide. mein Leben als kleiner Spelunkenwirt zu beenden . jedem einzelnen. daß es knallte.« Es wurde ein sehr schöner Nachmittag. was du willst!« Und sie nahm Momo das Baby. . Liliana?« »Nein«. wenn ich aus meinem Lokal ein Asyl für arme alte Tatterer mache? Warum soll ich die anderen schonen? Mich schont ja auch keiner. Längere Zeit sagte Nino nichts. daß du gekommen bist«. wie du sie nennst. sagte er schließlich. Aber es gefällt mir wieder. verstehst du? Ich kann's selbst nicht mehr leiden. Ich weiß wirklich nicht. ich soll's?« Momo nickte unmerklich. daß wir früher bei so was immer gesagt haben: Geh doch zu Momo! . Aber alle machen's doch heute so.mit dem Aufschwung meines Lokals wird es wohl nichts werden. Übermorgen ist bei uns Ruhetag. gehört zum Beispiel auch mein Onkel Ettore! Und ich erlaube nicht.« Er lachte. . was ich tun soll.« Die dicke Liliana stellte eine Pfanne so hart auf den Herd. dann ohne mich ! Dann geh' ich eines Tages auf und davon. mit Liliana. Momo schaute ihn an. Mach.bloß aus Rücksicht auf deinen Onkel Ettore ! Ich will es auch zu was bringen ! Ist das vielleicht ein Verbrechen? Ich will diesen Laden hier in Schwung bringen ! Ich will etwas machen aus meinem Lokal ! Und ich tue es nicht nur für mich. aber was soll ich machen? Die Zeiten ändern sich eben. bald wiederzukommen. »Zu diesen armen alten Tatterern. sagte Liliana strahlend. hingegangen. »Jetzt will ich dir mal was sagen«. »Ich hatte schon ganz vergessen. Kannst du das denn nicht begreifen. Ich tue es genauso für dich und für unser Kind. hat sich entschuldigt und sie gebeten. »Ich habe jedenfalls keine Lust. Einverstanden?«»Einverstanden«. »Na ja«. es tut mir ja selber leid. Dann gab Nino ihr noch eine Tüte voll Äpfel und Orangen. Nino. . »Stell dir vor.ohne seine alten Freunde ! Was stellst du dir vor ? Soll er vielleicht ganz allein da draußen in einem Winkel hocken ?« »Dann kann ich's eben nicht ändern !« schrie Nino. daß du meine Familie beschimpfst ! Er ist ein guter und ehrlicher Mann. fuhr er nach einer Weile fort. das inzwischen wieder zu weinen angefangen hatte. wiederzukommen. Nino schaute sie an und nickte ebenfalls. daß ich .Aber jetzt werde ich wiederkommen. fügte Nino lächelnd hinzu und kratzte sich hinter dem Ohr. kommt mir mein Lokal irgendwie fremd vor. »Seit die Alten weg sind.« »Ja«. Ich mochte sie ja selber gern. versprachen sie. und sie ging nach Hause. Weißt du. antwortete Momo. sagte Nino. Und Nino und seine dicke Frau kamen tatsächlich. Alten.« »Natürlich will er nicht .soll ich das Geld nehmen. Er zündete sich eine Zigarette an und drehte sie zwischen den Fingern. »wenn es nur mit Herzlosigkeit geht-wenn es schon so anfängt. Warum soll ich allein es anders machen? Oder meinst du. Aber er will ja nicht. Auch das Baby brachten sie mit und einen Korb voll guter Sachen. und als sie schließlich gingen. auch wenn er nicht so viel Geld hat wie dein zahlendes Publikum!« »Ettore kann ja wiederkommen!« erwiderte Nino mit großer Geste. Vielleicht hat Liliana recht«. er kann bleiben. aus dem Arm und lief aus der Küche. Kalt. »es waren ja nette Kerle. Momo. und seine Frau sagte: »Wir werden schon weiterleben. Momo«. sagte Liliana hart. rief sie und stemmte die Arme in ihre breiten Hüften.

Aber Momo konnte sich nicht erinnern. Aber warte mal. meinte Momo. dann kannst du ja sagen. daß man sie beinahe für einen kleinen Menschen halten konnte. daß du mir gehörst«. Aber sie sah nicht aus wie ein Kind oder ein Baby. sondern wie eine schicke junge Dame oder eine Schaufensterfigur. Aber viele alte Freunde kamen tatsächlich wieder.« Und sie zeigte ihr eine hübsche bunte Vogelfeder. ich zeig' dir meine Sachen. Sie trug ein rotes Kleid mit kurzem Rock und Riemchenschuhe mit hohen Absätzen. einen schön gemaserten Stein. Ohne es zu wissen. der ihr damals das Tischchen und die Stühle aus Kistenbrettern gemacht hatte. ein Stückchen buntes Glas. klapperte die Puppe einige Male mit den Augendeckeln. Als sie sie nach einer Weile mit der Hand berührte. das zu dir paßt. als käme sie aus einem Telefon: »Guten Tag. Kurz. die etwas quäkend klang. »Hier«. Die Puppe sagte nichts und Momo stieß sie an. und es war fast so wie früher. Kurze Zeit später . Da bewegten sich deren Lippen wieder und sie sagte: »Ich möchte noch mehr Sachen haben. mit denen man nicht wirklich spielen konnte. entschlossen oder froh geworden waren. Sie ging zu den Frauen.«Momo fuhr erschrocken zurück. Momo starrte sie fasziniert an. daß Kinder eines der teuren Spielzeuge.« Sie nahm die Puppe und kletterte mit ihr durch das Loch in der Mauer in ihr Zimmer hinunter. weil sie keine Zeit dazu fanden. Alle versprachen wiederzukommen. was dir gefällt. einen goldenen Knopf. denen sie früher zugehört hatte und die davon gescheit. Ich bin Bibigirl. »ich bin Bibigirl. die vollkommene Puppe. Und sie wäre ihr bestimmt aufgefallen.« »So?« antwortete Momo und überlegte. ich heiße Momo. dann sag's nur. diese Puppe bei einem der Kinder gesehen zu haben. sagte sie. Alle beneiden dich um mich.« Wieder bewegte die Puppe ihre Lippen und sagte: »Ich gehöre dir. bewegte den Mund und sagte mit einer Stimme. die ihr das Bett gebracht hatten. kam Momo damit den grauen Herren in die Quere. Manche hielten ihr Versprechen nicht oder konnten es nicht halten. Und das konnten sie nicht dulden. Sie war fast so groß wie Momo selbst und so naturgetreu gemacht. Wenn dir was gefällt. aber dann antwortete sie unwillkürlich: »Guten Tag. daß dich jemand hier vergessen hat.Und so suchte Momo einen ihrer alten Freunde nach dem anderen auf.« »Ich glaub' nicht. ob ich was hab'. sie sah nach allen. »Ich weiß nicht. quäkte die Puppe.es war an einem besonders heißen Mittag . »Ich glaub' eher.« Sie nahm die Puppe und hob sie hoch. Sie ging zu dem Schreiner. denn es war eine ganz besondere Puppe. »das ist alles. Sie holte eine Schachtel mit allerlei Schätzen unter dem Bett hervor und stellte sie vor Bibigirl hin.fand Momo auf den Steinstufen der Ruine eine Puppe. Nun war es schon öfter vorgekommen.« . die vollkommene Puppe. einfach vergessen und liegengelassen hatten. »Guten Tag«. was ich hab'.

fuhr Bibigirl fort. scheint mir. Ganz nah stand nämlich ein elegantes aschen-graues Auto. das sie warnte. schlug Momo vor. die vollkommene Puppe. »so können wir doch nicht spielen.« Momo zuckte nur die Schultern und schwieg. Und weil es ihr ganz neu war. war nichts als Einbildung gewesen. »Die war bestimmt sehr teuer?« fuhr der graue Herr fort. »Was für eine schöne Puppe du hast!« sagte er mit eigentümlich tonloser Stimme. stieg aus und kam auf Momo zu. daß du zu mir zu Besuch kommst«. sagte die Puppe. »Darum können dich alle deine Spielkameraden beneiden. fuhr der graue Herr fort.nein. Jetzt öffnete der Mann die Wagentür. Soll ich es dir zeigen?« . wie man mit einer so fabelhaften Puppe spielen muß. bis sie begriff. »Woher kommen Sie denn. als hätten sie sich gegenseitig hypnotisiert. In der Hand trug er eine bleigraue Aktentasche. als habe es überhaupt niemals so etwas gegeben. »ich bin Bibigirl. Die Kälte nahm zu. daß sie redete. wenn die Puppe gar nichts gesagt hätte. meinte Momo. antwortete die Puppe. Dort setzte sie die vollkommene Bibigirl auf den Boden und nahm ihr gegenüber Platz. So saß Momo schließlich nur noch da und starrte die Puppe an. mit noch einem anderen und noch einem und noch einem. meine Kleine. Es war ihr plötzlich.« »Ich möchte noch mehr Sachen haben«. Der Herr mußte sie wohl schon eine ganze Weile beobachtet haben. Sie nahm die Puppe und kletterte wieder ins Freie hinaus. Aber es wurde einfach nichts daraus. In dem Auto saß ein Herr. und es hätte sich die schönste Unterhaltung ergeben. jedes Gespräch. daß Sie mich besuchen!« erwiderte Momo. « »Wie nett. verehrte Dame?« »Ich gehöre dir«. meinte Momo. »Du bist ja ein richtiger Glückspilz. sagte Momo. »Guten Tag«. du weißt überhaupt nicht. Momo fühlte sich hilflos. Gefällt sie dir?« »Ich gehöre dir«. Bibigirl. »Wir spielen jetzt. daß es die Langeweile war. Ja. dann können wir vielleicht spielen. »Ich habe allerdings nicht den Eindruck«. »ich hab' sie gefunden. das hast du schon gesagt«. »alle beneiden dich um mich. und als auch das mißlang. meinte der graue Herr mit dünnem Lächeln. begann Momo plötzlich zu frösteln. einen grauen steifen Hut auf dem Kopf trug und eine kleine graue Zigarre rauchte. Nach einer Weile überkam Momo ein Gefühl. ja?« »Ich möchte noch mehr Sachen haben«. »Mehr hab' ich nicht«. Schließlich wandte Momo ihren Blick mit Willen von der Puppe weg-und erschrak ein wenig. Am liebsten hätte sie die vollkommene Puppe einfach liegen lassen und etwas anderes gespielt. wenn du immer das gleiche sagst. « »Ja. Aber du wolltest dir doch was aussuchen.« Momo schüttelte ein wenig den Kopf. wiederholte die Puppe. Und alles was sie dafür gehalten hatte. aber sie konnte sich aus irgendeinem Grund nicht von ihr losreißen. »alle beneiden dich um mich. dann hätte Momo an ihrer Stelle antworten können.« »Was du nicht sagst!« erwiderte der graue Herr. Und obwohl es so heiß an diesem Mittag war. das sie noch nie zuvor empfunden hatte. »als ob du dich so besonders freust. Aber gleichzeitig fühlte sie etwas.« Momo schwieg wieder und zog sich ihre viel zu große Männerjacke enger um den Leib. daß die Luft in der Sonnenglut flimmerte. sagte Momo.»Ja«. »Ich weiß nicht«. »Aber wenn du nichts von meinen Sachen magst. Hier hab' ich zum Beispiel eine schöne rosa Muschel. denn er nickte Momo lächelnd zu. dessen Kommen sie nicht bemerkt hatte. Momo versuchte es mit einem anderen Spiel. »und mir scheint. gläsernen Augen Momo anstarrte. »ich weiß schon. der einen spinnwebfarbenen Anzug anhatte. die ihrerseits wieder mit blauen. Auch sein Gesicht sah aus wie graue Asche. murmelte Momo verlegen. »Ich habe dich schon seit einer ganzen Weile beobachtet«. Aber so verhinderte Bibigirl gerade dadurch. antwortete die Puppe und klimperte mit den Wimpern. dauerte es eine Weile.« »Also hör' mal«. als sei alle Freude für immer aus der Welt verschwunden .

Nein. ich schenke sie dir! Du bekommst das alles . wenn all diese schönen Sachen dir . und der hat wieder Freunde und Freundinnen. Dazu ist sie auch nicht da. dann gibt es noch eine Freundin von Bibigirl. dann mußt du eben mehr Sachen für deine Puppe haben. Sie begann jetzt vor Kälte zu zittern. Und ein Reitanzug. wo sie sich langsam zum Haufen türmten. sondern nur ernst seinen Blick erwiderte.« Er warf alle die Sachen zwischen Momo und die Puppe. »damit kannst du erst einmal eine Weile spielen.Momo blickte den Mann überrascht an und nickte. »Du siehst«. Kleine«. Kleine!« Er ging zu seinem Auto und öffnete den Kofferraum.« Während er redete. und sie hat eine ganze eigene Ausstattung. Du sollst nur damit spielen. mit einem echten kleinen Lippenstift und einem Puderdöschen drin. nur daß es ein junger Mann war. Und zu Bubiboy gibt es noch einen dazupassenden Freund. Und wenn das alles. »Und hier ist ein Pelzmantel aus echtem Nerz. . ein kleines Scheckbuch.« Er machte eine Pause und blickte Momo prüfend an. antwortete Momo. und erklärte: »Das ist Bubiboy ! Für ihn gibt es auch wieder eine unendliche Menge Zubehör. Parfümfläschchen. Hier ein Armband.und noch viel.. setzte er hastig hinzu: »Du brauchst dann deine Freunde gar nicht mehr. nicht wahr. Hier ist ein kleiner Fotoapparat. »Nun?« sagte der Mann schließlich und paffte dicke Rauchwolken. Badesalz. verstehst du? Du hast ja nun genug Zerstreuung. Man muß nur immer mehr und mehr haben. »Nun möchtest du alle diese schönen Sachen natürlich gern behalten. wie man mit einer solchen Puppe spielen muß?« »Schon«. Golf schlägerchen. Ein anderes Kleid. meinte der graue Herr. dann langweilt man sich niemals. »sie sagt es dir sogar selbst. das ist doch klar. Sie war ebensogroß wie Bibigirl. aber da sie nichts sagte. Hier ein Puppenfernseher. Und noch eins . Und hier ist ein seidener Schlafrock. Nun. »Zuerst einmal«. meine Kleine. nicht wahr? Also gut. Ein Pyjama. und es bleibt immer noch etwas. ebenso vollkommen. wenn man sich nicht mit ihr langweilen will. Und noch eins. ein Puppenrevolver. »Na. Seidenstrümpfchen. die nur ihr paßt. holte er eine Puppe nach der anderen aus dem Kofferraum seines Wagens. sondern eines nach dem anderen.« Er zog es hervor und warf es Momo zu. und stellte sie um Momo herum. Ein Nachthemd. viel mehr. sagte er. die wie gelahmt zwischen all den Sachen am Boden saß. meinst du? Nun gut. keine Sorge! Da haben wir nämlich einen passenden Gefährten für Bibigirl. Und noch eins. versteht sich ! . ein Federhut. »Hier ist zum Beispiel eine richtige kleine Handtasche aus Schlangenleder. quäkte die Puppe plötzlich. Der graue Herr nickte zufrieden und sog an seiner Zigarre. denn die Sache ist endlos fortzusetzen. Und ein Schianzug. siehst du. »Ich will noch mehr Sachen haben«. was sagst du dazu?« Der graue Herr lächelte Momo erwartungsvoll an. eine Halskette. meine Kleine. sagte er und lächelte wieder dünn. fuhr der graue Herr fort. Kleine? Aber das wird nach ein paar Tagen auch langweilig. der echt funktioniert.« Und nun zog er aus dem Kofferraum eine andere Puppe hervor. Ohrringe. es braucht nie wieder Langeweile zu geben. ein Frühjahrshütchen. Der graue Herr setzte ihn neben Bibigirl. dessen Inhalt unerschöpflich schien. Hier ist zum Beispiel ein entzückendes Abendkleid. das du dir wünschen kannst. »So«. »braucht sie viele Kleider. »es ist ganz einfach. Du brauchst auch nichts dafür zu tun. die noch immer reglos dasaß und dem Mann eher erschrocken zuguckte. ein Strohhut. Aber vielleicht denkst du. Und hier ein Tennisdreß. Paß mal auf. Man muß ihr schon etwas bieten.. . alles langweilig geworden ist. Und ein Badekostüm. so wie ich es dir erklärt habe. daß die vollkommene Bibigirl eines Tages alles haben wird und daß es dann eben doch wieder langweilig werden könnte. Du siehst also.« Wieder beugte er sich über den Kofferraum und warf Sachen zu Momo herüber. Mit einer so fabelhaften Puppe kann man nicht spielen wie mit irgendeiner anderen. die vollkommene. Hier ein Tennisschläger. »hast du jetzt begriffen.nicht sofort. Körperspray.

»wollen wir deine Freunde vor dir beschützen. daß es dich gibt? Nützt es ihnen zu irgend etwas? Nein. soweit es möglich war. nicht wahr? Und das willst du doch? Du willst doch diese fabelhafte Puppe? Du willst sie doch unbedingt. »was haben deine Freunde eigentlich davon. sagte sie leise. sagte sie. du bist in Wirklichkeit.gehören und du immer noch mehr bekommst. Wer es weiter bringt. damit du lernst. Kleine. als habe er plötzlich Zahnschmerzen. »man kann sie nicht liebhaben. ist. Das war ihr noch nie widerfahren. Und wenn du sie wirklich liebhast. Hilft es ihnen.« Der graue Herr paffte einige Nullen in die Luft. Wir wollen. ja. daß sie es zu etwas bringen. aber sie hörte nicht den. worum dieser Kampf ging und nicht gegen wen. desto mehr ging es ihr mit ihm. in ihrer großen Jacke. daß sie schon mitten drin war. nicht wahr?« Momo nickte. bis er fand. als sei da gar niemand. als allen anderen. was er suchte. ob der graue Herr nicht vielleicht recht hatte. Sooft sie es versuchte. »Du bist immer noch nicht zufrieden? Ihr heutigen Kinder seid aber wirklich anspruchsvoll! Möchtest du mir wohl sagen. voranzukommen. was dieser vollkommenen Puppe denn nun noch fehlt?« Momo blickte zu Boden und dachte nach. ohne es zu wollen. etwas aus ihrem Leben zu machen? Gewiß nicht. »wir sollten einmal ernsthaft miteinander reden. erwiderte er sanft. daß du da bist. Und darum schenken wir dir all die schönen Sachen. »Ich glaube«. was wichtig ist. dann hilfst du uns dabei. Wir können nicht stillschweigend mit ansehen.»Aber meine Freunde«. daß du sie in Ruhe läßt. Schließlich raffte er sich zusammen.« Der graue Herr erwiderte eine ganze Weile nichts. Er starrte glasig vor sich hin wie die Puppen. Denn je länger sie diesem Besucher zuhörte. Du meinst also. Zeit zu sparen? Im Gegenteil. Wir wollen dafür sorgen. Unterstützt du sie in ihrem Bestreben. »Da erhebt sich als erstes die Frage«. wie es ihr vorher mit der Puppe gegangen war: Sie hörte eine Stimme. »Was denn. was denn ?« sagte der graue Herr und zog die Augenbrauen hoch. was sie erwidern sollte. »Darauf kommt es überhaupt nicht an«.« Er zog ein graues Notizbüchlein aus der Tasche und blätterte darin. Wir wollen das einmal ganz sachlich untersuchen. Das hatte Momo ja schon die ganze Zeit versucht. Liebe. wie er es meinte und wie er wirklich war. wie?« Momo fühlte dunkel. weshalb. Du hältst sie von allem ab. Ehre und so weiter. »Und deshalb«. »Ich glaub'«. begann der graue Herr nun wieder. die redete. daß du deine Freunde lieb hast. .jedenfalls schadest du deinen Freunden einfach dadurch. steckte es wieder ein und setzte sich ein wenig ächzend zu Momo auf die Erde. du bist ein Klotz an ihrem Bein. Aber bei diesem Besucher gelang es ihr einfach nicht. dem fällt alles übrige ganz von selbst zu: Freundschaft. mehr zu verdienen. ins Dunkle und Leere zu stürzen. worauf es ankommt. Aber er hatte sich gleich wieder in der Gewalt und lächelte messerdünn. daß man was wird. daß ihr ein Kampf bevorstand. Der Mann machte ihr Angst. sondern paffte nur nachdenklich an seiner kleinen grauen Zigarre. »Also Momo -nun höre mir einmal gut zu ! « begann er schließlich. daß du sie von allem abhältst. daß man was hat. Wir sind ihre wahren Freunde. Sonst konnte sie sozusagen ganz in den anderen hineinschlüpfen und verstehen. der sprach. vor allem durch die Kälte. denen sie bisher zugehört hatte. »Du heißt Momo. fuhr der graue Herr fort. Ja. hatte sie das Gefühl. Momo steckte die nackten Füße unter ihren Rock und verkroch sich. Momo. sagte er eisig. Momo schaute ihm in die Augen. Sie schüttelte den Kopf. So hatte sie die Dinge noch nie betrachtet. Der graue Herr klappte das Büchlein zu. du ruinierst ihr Vorwärtskommen ! Vielleicht ist es dir bisher noch nicht bewußt geworden.« Der graue Herr verzog das Gesicht. sie hörte Worte. ihr Feind! Und das nennst du also jemand liebhaben?« Momo wußte nicht. ohne daß sie hätte sagen können. »Das einzige«. Aber sie wußte nicht. Einen Augenblick lang war sie sogar unsicher. Aber ihm war viel schwerer zuzuhören. wer mehr wird und mehr hat als die anderen. die von seinem Blick ausging. fuhr der Mann fort. Eine Weile sagte er nichts. »worauf es im Leben ankommt. daß man es zu etwas bringt. Aber irgendwie tat er ihr seltsamerweise auch leid. »die hab' ich lieb.« »Wer >wir<?« fragte Momo mit bebenden .

eure Zeit! . die sie einsparen. als ob er aus einer Art Betäubung wieder zu sich käme. ist für sie verloren . immer mehr .. Aber sie beschloß. hinter der der graue Herr sich vor ihr verbarg. war es. wirklich nicht. vermochte aber nichts zu sagen. »Wir von der Zeit-Spar-Kasse«. . und er stierte Momo an.« Momo gab nicht nach. Sie hatte sich noch nie so allein gefühlt. ein mühseliges Geschäft. immer mehr . wir wissen es und saugen euch aus bis auf die Knochen . daß die beiden Freunde jetzt hier wären. . was das ist. Und nun hörte Momo endlich seine wahre Stimme: »Wir müssen unerkannt bleiben«. was Beppo und Gigi über Zeit sparen und Ansteckung gesagt hatten. . . . . daß kein Mensch uns im Gedächtnis behalten kann . denn die Zeit-Spar-Kasse läßt nicht mit sich spaßen. Er starrte Momo an und schien gegen etwas anzukämpfen. »Du hast mich ausgehorcht! Ich bin krank! Du hast mich krank gemacht. . »mit uns kannst du es nicht aufnehmen.. was mit ihm geschah. . Sein Gesicht wurde noch eine Spur aschengrauer. als brächen die Worte von selbst aus ihm hervor und er könne es nicht verhindern. daß dieser graue Herr etwas damit zu tun hatte. dann könnten wir unsere SparKasse bald zumachen und uns selbst in Nichts auflösen -. immer mehr . . .. Ich persönlich meine es nur gut mir dir. du !« . und mit dem er nicht fertig wurde. Ihr kam die schreckliche Ahnung. so jemand wie du ist mir noch nicht vorgekommen. antwortete der graue Herr. wir speichern sie auf. Die Augen quollen ihm hervor. Der hatte Momo aus den Augenwinkeln beobachtet. vernahm sie wie von weitem.was war das?« stammelte er. . Als er nun wieder zu reden begann. Sie bewegte die Lippen. das er nicht begreifen konnte. »Was . »Hat dich denn niemand lieb?« fragte sie flüsternd. Dabei verzerrte sich sein Gesicht mehr und mehr vor Entsetzen über das. . . . während er sich am Stummel seiner grauen Zigarre eine neue anzündete. daß es uns gibt und was wir tun . Sie nahm all ihre Kraft und ihren Mut zusammen und stürzte sich ganz und gar in die Dunkelheit und Leere hinein. aber nun hielt er sich mit beiden Händen selbst den Mund zu. »Ich bin Agent BLW/553/c. . . . Und ich kenne viele Menschen. Und wir brauchen mehr . Dann antwortete er mit aschengrauer Stimme: »Ich muß schon sagen. .Lippen. . .und sekundenweise abzuzapfen . den Menschen ihre Lebenszeit stunden-. ihr wißt es nicht. sich trotzdem keine Angst machen zu lassen. so wie alle anderen uns vergessen! Du mußt! Du mußt!« Und er packte Momo und schüttelte sie. . Die Veränderung in ihrem Gesicht war ihm nicht entgangen. Der graue Herr krümmte sich und sank plötzlich ein wenig in sich zusammen. . Nur solang wir unerkannt sind. . Wir reißen sie an uns . Ah.« In diesem Augenblick erinnerte Momo sich plötzlich an das. wir brauchen sie . Wenn es mehr von deiner Sorte gäbe. »Gib dir keine Mühe«. liebes Kind. Aber wir. . . können wir unserem Geschäft nachgehen . denn wovon sollten wir dann noch existieren?« Der Agent unterbrach sich. « Diese letzten Worte hatte der graue Herr fast röchelnd hervorgestoßen..Und dann in beinahe flehendem Ton: »Ich habe lauter Unsinn geredet. minuten. sagte er. . uns hungert danach . Sehnlich wünschte sie. Er lächelte ironisch. Vergiß es! Du mußt mich vergessen. . Wir sorgen dafür. . Nach einer Weile schien es. denn alle Zeit. . denn auch wir werden mehr . »niemand darf wissen. als geschehe es gegen seinen Willen.

»aber wie wollen wir das machen?« »Was meinst du?« fragte Gigi irritiert. sagte Gigi. Die Falten auf seiner Stirn vertieften sich. was mit ihr los wäre. Gigi dagegen hatte mit wachsender Erregung zugehört. erklärte Momo. Nach und nach wich die schreckliche Kälte aus ihren Gliedern und in gleichem Maße wurde ihr alles immer klarer und klarer. In seiner Phantasie sah er vor sich eine riesige Menschenmenge. Und die Kälte ist ganz schlimm. Ich hab' schon Angst. noch immer ein wenig blaß und verstört. nein. was sie erlebt hatte. Und schließlich wiederholte sie Wort für Wort die ganze Unterhaltung mit dem grauen Herren.« . Dort qualmte der zerdrückte Stummel der grauen Zigarre und zerfiel langsam zu Asche. Stockend begann Momo zu berichten. Der. Aber eines ist doch klar: Nachdem wir jetzt wissen. dann sind sie bestimmt sehr gefährlich. Momo saß noch lang auf ihrem Platz und versuchte zu begreifen. es sind keine gewöhnlichen Männer. Denn sie hatte die wirkliche Stimme eines grauen Herren gehört. Momo«. schwieg er. müssen wir den Kampf mit ihnen aufnehmen — oder hast du etwa Angst?« Momo nickte verlegen. Sie vergaß nichts. Während der Erzählung schaute der alte Beppo Momo sehr ernst und prüfend an. die grauen Herren besiegen?« »Na ja«. »hat unsere große Stunde geschlagen ! Du hast entdeckt. Beppo und du. ich. dem Befreier. Sie fanden Momo im Schatten der Mauer sitzend. Und nun geschah etwas höchst Sonderbares: Wie in einer umgekehrten Explosion flogen all die Puppen und die ganzen anderen umhergestreuten Sachen von allen Seiten in den Kofferraum hinein. »Jetzt. die ihm. so wie sie es oft taten. daß die Steine spritzten.Da sprang der graue Herr auf. »so genau weiß ich das im Moment natürlich auch noch nicht. sagte Momo ein wenig verwirrt. Das müssen wir uns erst ausdenken. zujubelte. Auch nachdem Momo geendet hatte. Dann raste das Auto davon. daß es sie gibt und was sie tun. was sie da gehört hatte. packte seine bleigraue Aktentasche und rannte zu seinem Auto. Sie setzten sich zu ihr und erkundigten sich besorgt. Vor ihr im dürren Gras stieg eine kleine Rauchsäule auf. Seine Augen begannen zu glänzen. blickte sich wie gehetzt um. wenn er selber beim Erzählen in Fahrt kam. der knallend zuschlug. Momo!« Er war aufgesprungen und hatte beide Hände ausgestreckt. Und wenn es viele sind. sah irgendwie anders aus. ACHTES KAPITEL Eine Menge Träume und ein paar Bedenken Am späteren Nachmittag kamen Gigi und Beppo. »wie wollen wir das machen. »Ich meine«. sagte er und legte ihr die Hand auf die Schulter. der bei mir war. »Ich glaub'. jetzt werden wir die ganze Stadt retten ! Wir drei. was bisher noch niemand wußte ! Und jetzt werden wir nicht nur unsere alten Freunde. »Schon«.

»Ich glaub' nicht. und was weiter?« fragte Gigi. der nicht verstand. »Weißt du«.« '»Gut«. sich zu überstürzen. der behält sie in Erinnerung. gab Gigi zu. Das hat dein Besucher doch selbst verraten. blieb Beppo. wie er finden kann. Wir treffen uns alle morgen nachmittag um drei hier zur großen Beratung!« Sie machten sich also gleich auf den Weg. »Das wird sie sogar noch mehr erschrecken. bei dem die Einfälle anfingen. nicht bloß wir drei. Wir haben doch genug davon! Du müßtest dich zum Beispiel als Köder hinsetzen und sie anlocken.« »Wir haben aber gar keine Pistolen«.« »Aber mich kennen sie jetzt schon«.« »Das kann allerdings leicht sein«. .« »Nichts leichter als das !« rief Gigi und lachte. Ich meine.« »Das ist eine sehr gute Idee«. wandte Momo ein. »Ich meine«. dann bringen wir sie vielleicht in Gefahr. Denn wer sie einmal erkannt hat.»Ach was!« rief Gigi begeistert. Und das werden wir bestimmt. unterbrach ihn Momo bekümmert. Wenn wir es gefunden haben. »Hör' mal. Wenn es sich wirklich um eine geheime Verbrecherbande handelt . was wir tun. Also! Wir brauchen nur dafür zu sorgen. Gigi«. sagte Momo. daß es wahr ist. dann gehen wir hinein. meinte Gigi. ein riesenhafter Geldschrank aus Beton ! Ich sehe es vor mir. »Sonst wäre dein Besucher doch nicht so Hals über Kopf vor dir geflohen. Momo in der einen Richtung. wenn noch andere mitsuchen. erklärte Beppo. plötzlich stehen. Und die sollen es wieder den—' anderen weitersagen. Und die vielen Kinder. »Sie sind.wir sind unangreifbar!« »Glaubst du?« fragte Momo etwas zweifelnd. und jeder benachrichtigt so viele. Es steht irgendwo in der Stadt. also fängt man Zeit-Diebe mit Zeit. Wir müssen es nur finden. wenn sie unerkannt sind. »Selbstverständlich!« fuhr Gigi mit leuchtenden Augen fort. sehr schlau. der bis jetzt noch immer geschwiegen hatte. die jetzt immer kommen.mit so jemand legt man sich nicht so ohne weiteres an. « »Ja und?« fragte Gigi verwundert. Sie zittern vor uns ! « »Aber dann«. was Momo da gesagt hat. der erkennt sie sofort ! Also können sie uns überhaupt nichts anhaben . sagte er. Wir müssen uns wirklich überlegen. Als die beiden Männer schon eine Weile gegangen waren. entgegneteGigi. und wer sich an sie erinnert. »Dann machen wir es eben ohne Pistolen«. »wenn wir dabei ein bißchen mehr wären. »Die Sache ist doch ganz einfach! Diese grauen Herren können ja nur ihrem finsteren Geschäft nachgehen. dann kann das Momo in eine schlimme Lage bringen. »ich glaube. daß sie darauf hereinfallen. verstehst du? Wenn wir die einfach so herausfordern. . . antwortete Gigi großartig. dann würden wir die Zeit-Spar-Kasse vielleicht auch eher finden. meinte Momo. Ich schlage vor. Das muß doch wohl ein Gebäude sein. Von uns will ich gar nicht reden. Und wenn sie dann kommen.« »Gut. »wenn es nämlich wahr ist. Mit Speck fängt man Mäuse. wir gehen sofort alle drei los. unheimlich. »Wir fangen sie mit ihrer eigenen Gier. »werden wir sie vielleicht gar nicht finden? Vielleicht verstecken sie sich vor uns. was Momo uns erzählt hat. Unsere Erscheinung allein wird schon genügen. Jeder von uns hat in beiden Händen eine Pistole. sie in panische Furcht zu versetzen. »dann werden wir eben etwas anderes machen. >Gebt auf der Stelle alle gestohlene Zeit heraus!« sage ich .« »Und wie?« fragte Momo. Der graue Herr hat doch was von der Zeit-Spar-Kasse gesagt. dann werden Beppo und ich aus unserem Versteck hervorbrechen und sie überwältigen.«Gigi drehte sich nach ihm um. denn ich bin sicher. daß es ein ganz besonderes Gebäude ist: grau. fensterlos. »Wir sollten alle unsere alten Freunde mobilisieren. »Worüber denn?« Beppo blickte den Freund eine Weile an und sagte dann: »Ich glaube Momo. Beppo und Gigi in der anderen. »ich mach' mir Sorgen. glaub' ich. dann müssen wir uns gut überlegen. was Beppo wollte. aber wenn wir jetzt auch noch die Kinder mit hineinziehen. fuhr Beppo fort. »Dann müssen wir sie eben aus ihrem Versteck herauslocken. daß sie erkennbar werden.« »Es wäre vielleicht gut«.

Wenn ihr alle bereit seid. »Wir werden nachher«. daß Momo redet. Die Erwachsenen unter den alten Freunden waren zwar leider nicht gekommen (außer Beppo und Gigi natürlich). was auch immer daraus werden mochte. Er saß neben Momo.« »Was heißt denn wahr!« antwortete Gigi. Dann trennten sie sich. Die Unterhaltungen und das Geschnatter verstummten. daß es sich dafür zu kämpfen lohnt?« Er machte eine Pause. Natürlich würde er Gigi und Momo nicht allein ins Verderben rennen lassen . diese ungewöhnliche Versammlung betrachteten. Geschwisterchen dabei. aber seine Sorgen waren durch Gigis Antwort keineswegs geringer geworden. In dieser Nacht träumte Gigi vom künftigen Ruhm als Befreier der Stadt.« »Ach was !« rief Gigi und lachte. Beppo im Bratenrock und Momo in einem Kleid aus weißer Seide. daß keine Nachzügler mehr kommen würden. Aber seht ihr. ich glaube alles.« »Moment mal«.ohne Kofferradio allerdings. Am nächsten Nachmittag um drei Uhr hallte die Ruine des alten Amphitheaters wider vom aufgeregten Geschrei und Geschnatter vieler Stimmen. Zur gleichen Zeit lag der alte Beppo auf seinem Bett und konnte keinen Schlaf finden. Gigi mit leichtem. Paolo und Massimo waren natürlich auch da. so lang und so prächtig. »was du dir immer für Sorgen machst ! Je mehr mitmachen. aber etwa fünfzig bis sechzig Kinder von nah und fern. daß er mitmachen dürfe. »darüber beraten. war es. und wir spielen darin mit. um die es hier gehen sollte. wie er noch nie zuvor Menschen dargebracht worden war. obgleich mit allen Mitteln fortwährend Zeit gespart wurde. was Momo erzählt hat. und die Kinder klatschten Beifall. »du glaubst gar nicht. »ihr alle wißt ja schon ungefähr. sagte der alte Beppo und stand auf.er würde mitgehen. mit einem Schlag zu Ende sein. worum es geht. Großartige Musik ertönte. die den Menschen abhanden kam. Beppo. die erst in letzter Zeit ins Amphitheater gekommen waren. den Finger im Mund. Das hat man euch bei der Einladung zu dieser Geheimversammlung mitgeteilt. erhob sich Gigi Fremdenführer und gebot mit großer Gebärde Schweigen. Aber nun soll euch zuerst Momo erzählen. daß immer mehr Menschen immer weniger Zeit hatten. Und dann wurden ihnen allen dreien goldene Ketten um den Hals gelegt und Lorbeerkränze aufgesetzt. daß er Claudio heiße und froh sei. Aber er mußte wenigstens versuchen. Die ganze Welt ist eine große Geschichte. »Liebe Freunde«. arme und reiche.was wir tun. die an der Hand geführt oder auf dem Arm getragen wurden und nun mit großen Augen. wie das Mädchen Maria. der er heute gleich als erstes gesagt hatte. Übrigens war auch der kleinere Junge mit dem Kofferradio erschienen . das ist es. bringt sie sich selber und euch alle in die größte . und erwartungsvolle Stille breitete sich in dem steinernen Rund aus. Beppo mit schwerem Herzen. der über die Menschen gekommen ist. fuhr Gigi fort. sie zurückzuhalten. wohlerzogene und wilde. Meint ihr nicht. Als schließlich ersichtlich war. Kinder! Ich bin dagegen. um die Freunde und die Kinder von der morgigen Versammlung zu benachrichtigen. desto deutlicher wurde ihm die Gefährlichkeit der ganzen Sache. und jeder ging in eine andere Richtung. Je länger er nachdachte. was wir unternehmen Wollen.« »Mir scheint«. wozu wir eure Hilfe brauchen. doch. was Momo erzählt hat. Franco. Beppo. größere und kleinere. »Du bist ein Mensch ohne Phantasie. die da gespart wurde. daß es wahr ist. erwiderte Beppo ernst. und die Stadt veranstaltete zu Ehren ihrer Retter einen Fackelzug. »hört mal zu. dann wird dieser ganze Spuk. gerade diese Zeit. desto besser ist es doch. Doch. Bis heute war es so. Sie interessierten sich natürlich ganz besonders für die Sache. Er sah sich im Frack. begann Gigi mit lauter Stimme. Manche hatten. mitzumachen. Wenn sie redet. wie sie einem dieser Kerle begegnet ist und wie er sich verraten hat. Und warum? Momo hat es entdeckt ! Den Menschen wird diese Zeit buchstäblich von einer Bande von Zeit-Dieben gestohlen ! Und dieser eiskalten Verbrecherorganisation das Handwerk zu legen. genauso wie du!« Beppo wußte nichts darauf zu erwidern. die übrigen Kinder gehörten fast alle zu denen. Das geht so nicht.

wir melden das Ganze der Polizei. meinte Gigi und wies auf die Kinder. Es gibt doch heute für alles Spezialfachleute.woher willst du wissen. daß jeder. Auf der anderen Seite des steinernen Rundes erhob sich nun das Mädchen Maria mit dem kleinen Geschwisterchen Dedé auf dem Arm und sagte: »Vielleicht ist es so was wie Atome? Sie können ja auch Gedanken. was die schon machen kann ! Das sind doch keine gewöhnlichen Räuber ! Entweder weiß die Polizei schon längst Bescheid. erklärte Gigi und lächelte aufmunternd. was wir tun sollen. « »Ich hab' eine Idee!« rief der dicke Massimo mit seiner Mädchenstimme. folgte eine lange Stille. Die Kinder hörten gespannt zu. mit dem man die Zeit aufnehmen kann. der uns hilft. wandte Gigi sich wieder an die Kinder. Während Momos Bericht war ihnen allen etwas bänglich zumut gewesen. mit einer Maschine aufschreiben. Als sie geendet hatte.« »Soweit kommt's noch!« protestierte Franco. aber wir dürfen uns keine Angst machen lassen. dann ist sie offenbar machtlos. der Junge mit der Brille: »Aber wie können die das? Ich meine. So unheimlich hatten sie sich diese Zeit-Diebe nicht vorgestellt. Er war ein bißchen blaß. rief Claudio. bis zuletzt alle Anwesenden sich gemeldet hatten. daß er nicht mit den Zeit-Dieben zusammenarbeitet? Dann sitzen wir schön in der Tinte!« Das war ein berechtigter Einwand.« »Also«. fragte Franco.. wo sie drauf ist. Seinem Beispiel folgten erst zögernd. Momo stand verwirrt auf. wer von euch will mitmachen?« »Ich!« rief Claudio und stand auf. ist doch alles auf dem Film drauf. Wer hat irgendeinen Vorschlag?« Alle dachten nach. Schließlich begann sie zu erzählen. Jetzt erhob sich ein sichtlich wohlerzogenes Mädchen und sagte: »Ich finde. mit uns zusammen den Kampf gegen diese grauen Herren aufzunehmen?« »Warum hat Beppo nicht gewollt«. »daß Momo uns ihr Erlebnis erzählt?« »Er meint«. Sie wußte nicht recht. Oder sie hat noch nichts von dem ganzen Saustall gemerkt -dann ist es sowieso hoffnungslos.« »Du immer mit deinen Wissenschaftlern!« rief Franco. »ich mach' natürlich auch mit. ergriff Gigi wieder das Wort. die einer bloß im Kopf denkt. der Bescheid weiß . Und bei Tonbandaufnahmen ist alles auf dem Band. Beppo«. wurde aber gleich wieder beschwichtigt. »wer von euch traut sich. Schließlich fragte Paolo. der ihr Geheimnis kennt. »daß die grauen Herren jeden. dem Beppos oder dem der Kinder. »Denen kann man schon gleich nicht trauen ! Nimm mal an. »was sagst du dazu?« »Gut«. »Nun. »dann wollen wir jetzt beraten. antwortete Beppo und nickte traurig.. dann könnten wir sie einfach wieder ablaufen lassen. Die Kinder schwiegen. »müssen wir erst mal einen Wissenschaftler finden. »Nun?« fragte Gigi in die Stille hinein.Gefahr. Ein kleines Geschwisterchen fing laut zu weinen an. wessen Wunsch sie folgen sollte. Vielleicht haben sie einen Apparat. Das ist meine Meinung. « »Doch!« riefen einige Kinder. das beste wäre. Aber ich bin sicher. Und darum frage ich euch nun noch einmal. nahm seine Brille ab und strich sich mit den Fingern müde über die Augen. wie kann man denn Zeit wirklich stehlen? Wie soll denn das gehen?« »Ja«. Beppo!« Aber der schüttelte nur langsam den Kopf. wir finden einen. dann immer entschlossener andere. »was ist denn Zeit überhaupt?« Niemand wußte eine Antwort. und schließlich riefen alle im Chor: »Momo ! Momo ! Momo!« Der alte Beppo setzte sich.« Eine Stille der Ratlosigkeit folgte. Sonst können wir gar nichts machen. gegen sie gefeit ist und sie ihm nichts mehr anhaben können. daß es gerade umgekehrt ist. . der ihr Geheimnis kennt. Das hab' ich selber im Fernsehen gesehen. Das ist doch klar ! Gib es doch zu. »Die Polizei. als Gefahr für sich betrachten und ihn deshalb verfolgen werden. dann wäre sie wieder da!« »Jedenfalls«. »wir müssen jetzt auf Gedeih und Verderb zusammenhalten ! Wir müssen vorsichtig sein. sagte Paolo und schob seine Brille auf der Nase hoch. »Eines steht jedenfalls fest«. »Wenn man Filmaufnahmen macht. »Momo soll erzählen!« Andere fielen ein. Wenn wir wüßten.

bis ich schließlich einen gefunden habe.« Nun erhob sich Gigi Fremdenführer. die zum Beispiel folgendes mitteilten: Und auf allen stand außerdem Ort und Datum der Einladung. Wenn ihr alle mitmacht ! Ich wollte nur zuerst hören. »ich habe mir die ganze Angelegenheit gründlich überlegt. können wir. »wir haben einstimmig den Beschluß gefaßt. Und das.an die Arbeit!« Diesen und die folgenden Tage herrschte heimlicher. Mehr als fünfzig Kindergesichter waren ihm zugewandt. denn von nun an ist ja wieder genug da. (Wie und woher. Papier und Töpfe voll Farbe und Pinsel und Leim und Bretter und Pappe und Latten. Dazu machten sie Lärm mit Blechdeckeln und Pfeifchen. verstanden? Und nun. meine Freunde. Wollen wir?« Ein vielstimmiger Jubelschrei war die Antwort. die gut schreiben konnten. fuhr er fort. »liegt darin. wenn wir nur wollen. daß sie unerkannt und im geheimen arbeiten können. aber fieberhafter Hochbetrieb in der Ruine. schloß Gigi seine Rede.dann wird sich die Welt mit einem Schlag ändern! Man wird niemand mehr die Zeit stehlen können. Also. »Und zwar möglichst schnell. begann er. ehe die Zeit-Diebe etwas von unserer Verschwörung merken. Es waren Aufrufe. »Ich stelle also fest«. Als schließlich alles fertig war. und was sonst noch alles nötig war. Freunde . Jeder wird so viel davon haben. das Gigi eigens für diesen Anlaß gedichtet hatte: . dann werden wir das schreckliche Geheimnis aufdecken ! Und dann . wir alle gemeinsam schaffen. Also ist das einfachste und wirkungsvollste Mittel. Es wird eine ungeheure Aufregung unter den Leuten geben ! Tausende und Abertausende werden herbeiströmen ! Und wenn sich hier eine unübersehbare Menschenmenge versammelt hat. Ich habe Hunderte von Plänen entwickelt und wieder verworfen.« Er machte eine Pause und blickte langsam im ganzen Rund umher. wie ihr nun wißt. was wir tun werden. riefen Sprechchöre und sangen folgendes Lied.) Und während die einen Transparente und Plakate und Umhängetafeln fabrizierten. wurde herbeigeschafft. daß alle Leute die Wahrheit über sie erfahren. wie er nur haben will. um sie unschädlich zu machen. Beppo und Momo an der Spitze. Wir werden die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf uns lenken. eindrucksvolle Texte aus und malten sie darauf. und dann zogen sie mit ihren Tafeln und Transparenten im langen Gänsemarsch in die Stadt. ob einer von euch vielleicht einen besseren Plan hat. Und wie werden wir das machen? Wir werden eine große Kinder-Demonstration veranstalten ! Wir werden Plakate und Transparente malen und damit durch alle Straßen ziehen. wollen wir lieber nicht fragen. Gigi. So viele Zuhörer hatte er schon lange nicht mehr gehabt.»Aber irgendwas müssen wir doch tun«. »Liebe Freunde«. meinte Paolo schließlich. Und wir werden die ganze Stadt hierher zu uns ins alte Amphitheater einladen. Aber bis dahin muß strengstes Stillschweigen über unseren Plan bewahrt werden. um sie aufzuklären. dachten sich die anderen. »Die Macht dieser grauen Herren«. die ganze Stadt für den nächsten Sonntagnachmittag ins alte Amphitheater einzuladen. stellten sich die Kinder im Amphitheater auf. der mit Sicherheit zum Ziel führen wird. ich will euch nun sagen.

trotz angestrengtester Aufmerksamkeit. Sonst passierte ihnen nichts. ihr Leut. Ein paar Mal griff die Polizei ein und trieb die Kinder auseinander. Aber viele andere Kinder. Aber die Kinder ließen sich dadurch keineswegs entmutigen. die die Welt verändern sollte. die den Umzug sahen und bisher noch nichts von der ganzen Sache gewußt hatten. und graue Herren konnten sie. nirgends entdecken. dann seid ihr frei!«Das Lied hatte natürlich noch mehr Strophen. die stattfindet Die große Stunde war vorüber. und laßt euch sagen: Laßt euch nicht mehr länger plagen ! Kommt am Sonntag so um drei. hört uns zu. aber die brauchen wir hier nicht alle aufzuführen. Sie sammelten sich an anderen Stellen wieder neu und fingen von vorn an. achtundzwanzig insgesamt. und keiner der Eingeladenen war gekommen. NEUNTES KAPITEL Eine gute Versammlung. die nicht stattfindet.»Hört. Gerade . und laßt euch sagen: Fünf vor zwölf hat es geschlagen. und eine schlimme Versammlung. Hört. Sie war vorüber. Überall in der großen Stadt zogen nun Kinder in langen Prozessionen durch die Straßen und luden die Erwachsenen zu der wichtigen Versammlung ein. ihr Leut. denn man stiehlt euch eure Zeit. Drum wacht auf und seid gescheit. wenn sie den Straßenverkehr behinderten. schlössen sich an und gingen mit. bis es viele hundert und schließlich sogar tausend waren.

Momo.« Und er ging. aber jetzt haben sie uns dazu eingeteilt. daß das mein neuester Beruf ist? Ich hatt's beinah vergessen. Jetzt kommt keiner mehr. aber jetzt will ich überhaupt nichts mehr mit ihnen zu tun haben. »daß unser Plan nicht so gelungen ist. auf Wiedersehen bis morgen. »Gehst du auch?« fragte Momo.« »In der Nacht?« »Ja. in dem seit Stunden Hunderte von Kindern saßen und warteten. daß die Sache ganz und gar mißlungen war. da muß ich ja Nachtwächter spielen ! Hab' ich dir schon erzählt. Die Sonne neigte sich schon tief dem Horizont zu und stand groß und rot in einem purpurnen Wolkenmeer. meinte Momo. Kein Stimmengewirr und kein fröhlicher Lärm war mehr zu hören. Gute Nacht. Momo blieb mit Beppo und Gigi allein. Ich war ja immer schon mißtrauisch gegen sie. »Sei nicht traurig«. Momo. Da muß ich jetzt hin. Aber . mir ist es gar nicht recht. Ausnahmsweise.« »]a. »ich war' froh gewesen. wenn du heute hier geblieben wärst. und ihm folgten andere. Ihre Strahlen streiften nur noch die obersten Stufen des alten Amphitheaters. die es am meisten anging. Dann kam Franco zu ihr und sagte: »Da kann man nichts machen. Jetzt gab es keinen Zweifel mehr. »Heute ist ja Sonntag. das hast du doch noch nie gemußt!« »Nein. Niemand sagte ein Wort. Und schließlich. Nach einer Weile stand auch der alte Straßenkehrer auf. Mit den Erwachsenen brauchen wir nicht mehr zu rechnen. fuhr Gigi fort.« Dann ging auch er. wie wir dachten. zu warten. Aber plötzlich brach er die Melodie ab.« »Aber es ist doch Sonntag! Und überhaupt. Personalmangel und so. hatten von den Umzügen der Kinder kaum etwas bemerkt. Schließlich kam Paolo zu Momo und sagte: »Es hat keinen Zweck mehr. antwortete Beppo. denn es wurde kühl. Eine Kirchturmuhr in der Ferne schlug achtmal.« Momo schaute ihn groß an und sagte nichts. sie haben uns ausnahmsweise zum Müll-Abladen eingeteilt. »ich hab' Sonderdienst.« Er schwang sich auf sein quietschendes Fahrrad und verschwand in der Dunkelheit. und Momo hörte ihm zu. Nun war also alles umsonst gewesen. Er konnte sehr schön pfeifen. daß ich jetzt weg muß«. »Ich muß«.diejenigen Erwachsenen. Gigi pfiff leise ein melancholisches Lied vor sich hin. Die Kinder begannen zu frösteln. Weil sie sonst nicht fertig werden. Die Enttäuschung war zu groß. »Ich muß ja auch weg!« sagte er. sagte Beppo. bald wurde es dunkel werden. als es schon dunkel wurde. Die Schatten verlängerten sich rasch. »Also. Alle saßen still und traurig da. andere schlössen sich ihnen an. Die ersten Kinder standen auf und gingen schweigend fort. das haben wir ja jetzt gesehen. Ich hatte mir auch was anderes vorgestellt. sagen sie.« »Schade«. gaben auch die letzten Kinder die Hoffnung auf und zogen ab.

bleigraue Aktentaschen in den Händen und kleine graue Zigarren zwischen den Lippen. hinter dem drei Herren saßen. Der Ruf wurde weiter unten wiederholt und erklang wie ein zweites Echo nochmals weit entfernt. fuhr er ihr tröstend durch die Haare und fügte hinzu : »Nimm's doch nicht so schwer. »Ist dir nicht gut. alten Matratzen. die in langer Reihe und mit leuchtenden Scheinwerfern standen. Nur die Ratten raschelten da und dort im Müll und pfiffen manchmal. Er fürchtete. Es war sozusagen ein aschengrauer Wind. Wie lange er so geschlafen hatte. Die Nacht war sternenlos. wo eine Art Richtertisch aufgebaut war. wußte er nicht. sagte Beppo und drückte die Hand auf sein Herz.Da Beppo ja schon alt und sowieso nicht gerade von sehr kräftiger Statur war.trotzdem . Der Himmel hatte sich mit Wolken bedeckt. die in der großen Stadt jeden Tag weggeworfen wurden und die hier darauf warteten. »wir fahren jetzt heim. Gegen Mitternacht endlich war es vorüber. Und du solltest dich jetzt schlafen legen. Leute!« hieß es ständig. aber wir reden morgen weiter darüber. »Der Agent BLW/553/c möge vor das Hochgericht treten !« erscholl in die Stille hinein die Stimme des Herren. zusammen mit seinen Kollegen. der oben am Tisch in der Mitte saß. »fahrt nur schon los. So blieb Momo ganz allein in dem großen steinernen Rund sitzen. »Ist schon in Ordnung«.« Da Momo beharrlich schwieg. Jedenfalls beschloß Beppo. Und je mehr abgefertigt waren. Weit draußen vor der großen Stadt erhoben sich die gewaltigen Müllhalden. sich mucksmäuschenstill zu verhalten. Alter?« fragte ein anderer. saß er nun erschöpft auf einer umgekehrten. aber unablässig. als ihn plötzlich ein kalter Windstoß weckte. zerlöcherten Plastikwanne und versuchte. ich bin sowieso schon zu spät dran. Wir denken uns einfach was Neues aus. runde steife Hüte auf den Köpfen. sagte Momo leise. Aber dann bemerkte er bald. Vielleicht sahen sie ihn überhaupt nicht. Momo. Es wurde still. Sie alle schwiegen und blickten unverwandt zur höchsten Stelle der Müllhalde. Ich ruhe mich nur noch einen Augenblick aus. bis ihm das Hemd am Leibe klebte. antwortete Beppo. »Los. »Ich versteh' schon. das war ihm klar. Beppo schlief ein. Im ersten Augenblick durchfuhr Beppo Angst. davon. das weh tat. Dann öffnete sich eine Gasse in der Menge. Er war nicht stark.« »Also dann«. sein melancholisches Lied pfeifend. einverstanden? Ich muß jetzt los. nach und nach in die riesigen Verbrennungsöfen zu wandern. eine neue Geschichte. den Müll von den Lastwagen zu schaufeln. »Eilt euch. Blechbüchsen. desto mehr hatten sich schon wieder an die Reihe angeschlossen. Es war ein richtiges Gebirge aus Asche. ohne daß er darüber nachdenken mußte. Beppo«. Er blickte auf und war mit einem Schlag hellwach. Ein seltsamer Wind erhob sich. Plastikresten. los! Sonst werden wir nie fertig!« Beppo hatte geschaufelt und geschaufelt. ja?« »Das war keine Geschichte«. Scherben. um entladen zu werden. Morgen sieht alles schon wieder ganz anders aus. »He. oder vielleicht hielten sie ihn einfach für irgendeine weggeworfene Sache. den Kopf in seine Arme gestützt. rief en die anderen. Gigi stand auf. Pappschachteln und all den anderen Sachen.« Und er ging. Hier durfte er nicht sein. rief einer seiner Kollegen. »gute Nacht!« Und sie fuhren weg.eigentlich hat es doch Spaß gemacht! Es war großartig. und ein grauer Herr stieg langsam die . Auf dem ganzen riesigen Müll-Gebirge standen graue Herren in feiner Anzügen. Kommst du mit?« »Einen Augenblick«. entdeckt zu werden. die sich sonst in nichts von den Übrigen unterschieden. zu Atem zu kommen. daß die grauen Herren wie gebannt zu dem Richtertisch hinaufblickten. Bis spät in die Nacht hinein half der alte Beppo. und er war von einer eigentümlichen Kälte.

. nicht mehr ! Und außerdem bitte ich das Gericht. die heute überall Tafeln und Plakate herumgetragen haben und die sogar den ungeheuerlichen Plan hatten. die ganze Stadt zu sich einzuladen. »daß einer von uns. sondern obendrein haben Sie diesem Kind auch noch einige unserer wichtigsten Geheimnisse verraten. »Jawohl«. Hohes Gericht«. daß Sie uns nicht anlügen können.« Obwohl diese Unterhaltung leise geführt wurde und überdies weit entfernt stattfand. »daß es eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Kindern in dieser Stadt gibt. was ihn von allen anderen deutlich unterschied. sagte der Richter. acht Stunden. »sind unsere natürlichen Feinde. zu bedenken. indem wir den Leuten einfach keine Zeit dazu ließen. Das einzige. fuhr der Richter fort. daß nichts und niemand unserer Arbeit so gefährlich ist wie gerade die Kinder.« »Seit wann arbeiten Sie für die Zeit-Spar-Kasse?« »Seit meiner Entstehung. sechs Tagen. um dadurch . »Jawohl. Sie wissen genau. hauchte er. versetzte der Richter.« »Ich weiß es«. sondern vor Ihresgleichen. Eine hilflose Kinderei. zweiunddreißig Minuten und . die Kinder hatten den Leuten nichts als irgendeine kindliche Räubergeschichte mitzuteilen gewußt. »Kinder«. »Uns interessiert ausschließlich das Ergebnis. »Weil dieses Kind«. um sie über uns aufzuklären?« »Es ist mir bekannt«.Müllhalde hinauf. als sie ist. Kinder lassen sich sehr viel schwerer zum Zeit-Sparen bringen als alle anderen Menschen. «Sie sind Agent BLW/553/c?« fragte der in der Mitte.« »Das versteht sich von selbst. Warum versuchen Sie es trotzdem?« »Es ist Berufsgewohnheit«. »Aber wenn ich mir hierzu eine Bemerkung erlauben darf. die geplante Versammlung zu vereiteln. war. daß das Grau seines Gesichtes fast weiß war. wo Sie sich befinden?« Der Agent knickte ein wenig zusammen. Ist Ihnen dies Gesetz bekannt gewesen. »daß diese Kinder überhaupt über uns und unsere Tätigkeit Bescheid wissen?«»Ich kann es mir auch nicht erklären«. keuchte der. Sparen Sie sich solche überflüssigen Bemerkungen! Wann sind Sie entstanden?« »Vor elf Jahren. . Ich habe in der besten Absicht für die ZeitSpar-Kasse gehandelt. wissen sehr gut. gab der Agent zur Antwort. Nach meiner Ansicht hätten wir die Versammlung sogar stattfinden lassen sollen. antwortete der Agent. Endlich stand er vor dem Richtertisch. Wenn es sie nicht gäbe. wer dieser eine von uns war?« »Ich war es«. daß es uns ganz mühelos gelungen ist. einer von uns mit einem Kind gesprochen und ihm obendrein noch die Wahrheit über uns verraten haben muß. diese ganze Angelegenheit doch nicht ernster zu nehmen. Angeklagter.in diesem Augenblick genau . verteidigte sich der Angeklagte. stammelte der Angeklagte.achtzehn Sekunden. Gestehen Sie das ein. »Sie befinden sich«. Angeklagter?« »Sehr wohl. »Wie ernst oder nicht das Unternehmen der Kinder zu nehmen ist«. Und das Ergebnis in Ihrem Fall.« »Ihre Absichten interessieren uns nicht«. gab der Angeklagte kleinlaut zu. »Ist Ihnen bekannt«. »Und warum haben Sie somit gegen unser strengstes Gesetz verstoßen ?« forschte der Richter. so möchte ich dem Hohen Gericht nahelegen. Angeklagter?« . Angeklagter. »Dennoch haben wir untrügliche Beweise dafür«. »nicht vor einem Menschengericht. »Ist Ihnen bewußt. ich wiederhole. war nicht nur keinerlei Zeitgewinn für uns. wissen Sie vielleicht. gab der Richter eisig zurück. Daher lautet eines unserer strengsten Gesetze: Kinder kommen erst zuletzt an die Reihe. konnte der alte Beppo seltsamerweise jedes Wort verstehen. Aber auch Sie selbst. so wäre die Menschheit längst ganz in unserer Gewalt. fragte der Richter unerbittlich weiter. erklärte der Richter. ich bin sicher. »in seiner Wirkung auf andere Menschen unserer Arbeit ungemein im Wege ist. fuhr der Herr in der Mitte mit seiner Befragung fort. Angeklagter.« »Angeklagter !« unterbrach ihn der Herr in der Mitte scharf. Aber selbst wenn uns das nicht gelungen wäre. »das überlassen Sie gefälligst dem Urteil des Vorstandes. »Wie erklären Sie sich«. drei Monaten. antwortete der Agent BLW/553/c zerschmettert.

daß wenigstens du mich besuchen kommst. Angeklagter.saß die kleine Momo noch immer auf den Steinstufen der Ruine. aber ich schwöre. Immerhin werden wir uns dieses merkwürdigen Kindes ein wenig annehmen. Aber schon hatten ihm zwei andere graue Herren. Schildkröte.« »Knabe oder Mädchen?«»Ein kleines Mädchen. Ihm war. Er hat seine Schuld selbst eingestanden. die ihr mit erhobenem Kopf und seltsam lächelndem Mund mitten ins Gesicht blickte. Auch sein Geschrei wurde dünner und leiser.« Der Angeklagte begann zu zittern. Jetzt wußte er aus eigener Anschauung. die zugesehen und die zu Gericht gesessen hatten. als sei er zu Eis gefroren und taue nun langsam wieder auf. »Nett von dir.« »Ihre Entschuldigungen interessieren uns nicht. denn es war ja sehr dunkel. wie es dazu gekommen ist. daß es die grauen Herren gab. versetzte der Richter. Erstaunt setzte sie sich auf. »Meinst du mich?« . wo der Verurteilte die Zigarre nicht mehr hatte.die Turmuhr in der Ferne hatte Mitternacht geschlagen . »Sie bekennen sich also schuldig?« . »Und wie lautet das Urteil?« flüsterte er. flüsterten sich etwas zu und nickten. So stand er da. Mildernde Umstände lassen wir nicht gelten. lockte es alles aus mir heraus. oder ob es tatsächlich in diesem Augenblick erst sichtbar wurde. Die Dunkelheit verschlang sie. Und so hatte sie sich bis jetzt noch nicht entschließen können. Sie beugte sich hinunter.« »Gut«. ob sie es zuerst nur nicht wahrgenommen hatte. »KOMM MIT!« entzifferte Momo langsam. Sie wartete. doch auch den mildernden Umstand anzuerkennen. wenn wir nun unverzüglich zur Vollstreckung des Urteils schreiten.« »Gnade! Gnade!« schrie der Angeklagte auf. Dann wandte sich der in der Mitte wieder dem Angeklagten zu und verkündete: »Das Urteil über Agent BLW/553/c lautet einstimmig: Der Angeklagte wird des Hochverrats für schuldig befunden. »Jawohl. worauf. Plötzlich fühlte sie. »Sie können versichert sein. Dafür werden wir mit allen Mitteln sorgen. und erkannte eine große Schildkröte. wie dieses Kind mir zuhörte. Mag Ihnen das zum Trost gereichen. der alles in sein kleines Notizbüchlein geschrieben hatte. als ob sie gleich zu sprechen anfangen wollte. Ich kann es mir selbst nicht erklären. »Ja. schlafen zu gehen. Wie heißt es?« »Momo. als ob der Wind noch ein paar Aschenflöckchen im Kreis herumwirbelte. Was willst du denn von mir ?« Momo wußte nicht. Aber irgendwie war ihr. Sie hätte nicht sagen können. die sich aus den Mustern der Hornplatten zu formen schienen. jedenfalls bildeten sich nun plötzlich auf dem Rückenpanzer der Schildkröte schwach leuchtende Buchstaben. Durch die Art. Etwa zur gleichen Stunde . hielt sich die Hände vors Gesicht und löste sich buchstäblich in Nichts auf.« »Wohnhaft?« »In der Ruine des Amphitheaters. wer bist du denn?« fragte sie leise. Unser Gesetz schreibt vor. Unser Gesetz ist unverbrüchlich und duldet keinerlei Ausnahme. Beppo Straßenkehrer saß noch immer reglos auf seinem Platz und starrte auf die Stelle. dann waren auch diese verschwunden. begann er rasch immer durchsichtiger und durchsichtiger zu werden. daß ich regelrecht verhext worden bin. Im selben Augenblick. Momo beugte sich vollends zu ihr hinunter und krabbelte sie mit dem Finger unter dem Kinn. daß ihm zur Strafe unverzüglich jegliche Zeit entzogen wird. Die drei Herren hinter dem Richtertisch beugten sich zueinander. wie etwas sie leise an ihrem nackten Fuß berührte. als ob sie noch warten solle. die neben ihm standen. aber ich bitte das Hohe Gericht. daß dieses Kind uns nicht noch einmal schaden wird. Und nun geschah etwas Sonderbares. Ganz zuletzt war es. Schweigend entfernten sich alle grauen Herren. die bleigraue Aktentasche und die kleine Zigarre entrissen.»Ich gestehe es ein«. und nur noch der graue Wind wehte über die öde Halde. Ihre schwarzen klugen Augen glänzten so freundlich. es war so. hauchte der Agent mit gesenktem Kopf. wo der Angeklagte verschwunden war.

.. anstatt ordentlich in ihren Betten zu liegen. Immer wieder klangen ihm die Worte des grauen Richters im Ohr: ». dafür werden wir mit allen Mitteln sorgen .Aber die Schildkröte hatte sich bereits in Bewegung gesetzt. die sie von allen Seiten umstellt hatten. »Ich folge dir. mußte sie vor ihnen beschützen -obwohl er nicht wußte wie. »Der Vogel ist ausgeflogen«. « Kein Zweifel. erklärte ein dritter. Dann stand sie auf und eine hinter dem Tier her. hinter dem Momos Zimmer lag. so sehr er konnte. daß es uns nicht noch einmal schaden wird . Die ganze Ruine war grell erleuchtet von den Scheinwerfern vieler eleganter grauer Autos. Der Weg bis zum Amphitheater war noch weit. Einige von ihnen kletterten hinein und guckten unter das Bett und sogar in den gemauerten Ofen. Nach einigen Schritten hielt sie inné und schaute sich nach dem Kind um. Er eilte sich. Wir werden uns dieses merkwürdigen Kindes annehmen . . . mußte sie vor den Grauen warnen..« »Das gefällt mir ganz und gar nicht«. . »Geh nur!« sagte sie leise. Dann kamen sie wieder heraus. sehr langsam aus dem steinernen Rund herausführte und dann die Richtung auf die große Stadt einschlug. . als hätte sie jemand rechtzeitig gewarnt. Angeklagter. ZEHNTES KAPITEL Eine wilde Verfolgung und eine geruhsame Flucht Der alte Beppo radelte auf seinem quietschenden Fahrrad durch die Nacht. meinte ein anderer. Aber das würde er schon herausfinden. die sie langsam. »Das sieht fast so aus. »Der Betreffende hätte ja schon früher als wir von unserem Beschluß wissen müssen!« Die grauen Herren blickten einander alarmiert an. »Falls sie tatsächlich von dem Betreffenden gewarnt worden ist«. »daß Kinder in der Nacht herumstrolchen.«»Undenkbar!« sagte der erste. Momo war in größter Gefahr! Er mußte sofort zu ihr.. klopften sich die feinen grauen Anzüge ab und zuckten die Schultern. Sie können versichert sein. gab . sagte einer.« Und Schrittchen für Schrittchen ging sie hinter der Schildkröte her. Dutzende von grauen Herren eilten die grasbewachsenen Stufen hinauf und hinunter und durchsuchten jeden Schlupfwinkel. »Sie meint wirklich mich!« sagte Momo zu sich selbst. Sein weißer Haarschopf flatterte. »Es ist empörend«. Beppo trat in die Pedale. Schließlich entdeckten sie auch das Loch in der Mauer.

Zur nämlichen Stunde wanderte die kleine Momo. selbst zu dieser späten Nachtzeit nicht. Das Kind hat nicht die geringste Chance. uns zu entkommen. »In diesem Fall kann die Zentrale immer noch Großeinsatz anordnen. wurden niemals angestoßen. So mußten sie sich niemals eilen und niemals anhalten. Als Beppo Straßenkehrer endlich beim alten Amphitheater ankam. seine Kehle war trocken. die alles das noch nie gesehen hatte. dazwischen dröhnten riesige Omnibusse. meine Herren! Sie wissen. kein Fußgänger gehen würde. im schwachen Schein seiner Fahrradlampe die vielen Reifenspuren rund um die Ruine. Mit zitternden Fingern entzündete er ein Streichholz und schaute sich um. übergössen das Gewühl mit ihrem bunten Licht und erloschen wieder. oder trotteten hintereinander her in endlosen Kolonnen. Momo. langsam durch die große Stadt. Es war.« »Also gut«. was auf dem Spiel steht. »Momo!« raunte er zuerst und dann noch einmal lauter: »Momo!« Keine Antwort. Er ließ sein Rad ins Gras fallen und lief zu dem Loch in der Mauer. Die beiden mußten auch niemals jemand ausweichen. Rastlos jagten und hasteten die Menschen in riesigen Massen durcheinander. Er kletterte durch das Loch in den stockdunklen Raum hinunter. und das mit Recht. Und Momo begann sich zu wundern. rempelten sich an. »dann ist sie sicherlich nicht mehr hier in der Gegend. ging wie im Traum und mit großen Augen immer hinter der Schildkröte her. Auf den Fahrbahnen drängten sich die Autos. Selbst die kleinsten Seitenstraßen und holperigsten Kieswege waren bis zum Morgengrauen von einem Getöse erfüllt wie sonst nur die großen Hauptverkehrsstraßen. die jetzt niemals mehr schlief. das ihm für einen Augenblick die Brust zerreißen wollte.der dritte zu bedenken.Das Tischchen und die beiden Stühle aus Kistenholz waren umgestoßen. .« »Haben Sie einen besseren Vorschlag?« »Nach meiner Ansicht müßten wir sofort die Zentrale benachrichtigen.« In dieser Nacht wunderten sich viele Leute in der Gegend. Und Momo war nicht da. dann machen wir damit einen großen Fehler. wo in welchem Augenblick gerade kein Auto fahren.« »Die Zentrale wird uns als erstes fragen. Beppo schluckte. damit diese den Befehl zum Großeinsatz gibt. um zu warten. aber niemand beachtete das Kind mit der Schildkröte. stolperte und verstauchte sich den Fuß. Man konnte kein Auge zutun. An den Häuserfassaden flammten die Leuchtreklamen auf. Beppo biß sich auf die Lippen und unterdrückte ein heiseres Aufschluchzen. warum der Lärm der vorbeirasenden Autos überhaupt nicht mehr verstummen wollte. noch ehe er abgestiegen war. Dann werden sich sämtliche verfügbaren Agenten an der Jagd beteiligen. Wir würden gerade durch weiteres Suchen hier nur unnütz Zeit verlieren.an die Arbeit. entdeckte er. Passanten umdrängten sie.« »Lächerlich!« fuhr ihn der andere böse an. von der Schildkröte geführt. kein Auto mußte ihretwegen bremsen. Sie überquerten weite Plätze und hellerleuchtete Straßen. die Decken und die Matratze waren aus dem Bett gerissen. . sagte der erste graue Herr. die Autos rasten hinter ihnen und vor ihnen vorüber. die ständig überfüllt waren. Aber wenn das Mädchen inzwischen von dem Betreffenden Hilfe bekommen hat. wie man so langsam gehen und doch so schnell vorankommen konnte. schoben sich gegenseitig ungeduldig beiseite. ob wir die Umgebung auch tatsächlich gründlich abgesucht haben. Und nun . als wisse die Schildkröte mit völliger Sicherheit vorher. »durchsuchen wir zunächst die Umgebung.

« stieß Beppo hervor. Mein kleines Mädchen haben sie schon weggeholt. Ihm war. Jetzt haben sie sich gerächt. Ich meine. es wäre wirklich irgendwer da gewesen. Das tut sie doch manchmal. »Und die herausgerissene Matratze?« »Na ja«. daß Momo einfach ein bißchen spazierengegangen ist. wenn man mich so brutal aus dem Schlaf reißt.« Beppo wußte. Was soll ich denn jetzt machen? Was mach' ich denn jetzt nur?« Dann verbrannte ihm das Streichholz die Finger. wie er jedes Spiel und jede Geschichte nahm .« »Und die Reifenspuren?« fragte Beppo aufgebracht. Bis zu diesem Augenblick war alles für ihn ein großes Spiel gewesen. als sei ihm plötzlich der Boden unter den Füßen weggezogen. sie haben sie schon weggeholt.« »Momo! . uns solche Sorgen zu machen. »nehmen wir mal an. Sonst wäre doch nicht alles durchgesucht und umgewühlt. »letzt muß Gigi 'ran! Hoffentlich find' ich den Schuppen. »Was ist denn los?« jammerte er erschrocken. bis jetzt haben wir vielleicht noch gar keinen Grund. von den Reifenspuren um die Ruine. Aber dann erkannte er Beppos Stimme und machte auf. Sie haben Momo entführt ! O Gott. Dort sollte er aufpassen. Er schwang sich hinauf und strampelte los. Zum ersten Mal in seinem Leben ging eine Geschichte ohne ihn weiter. keuchte Beppo. für den Fall. Er hatte es so ernst genommen. »Ich hab' gewußt.»Mein Gott«. noch brauchbare Autoteile abhanden kamen. Als Beppo den Schuppen endlich erreicht hatte und mit der Faust gegen die Tür hämmerte. »es könnte ja auch sein. So rasch er konnte. Gigi. »o mein Gott. Beppo«. Ich bin zu spät gekommen. was er erlebt hatte: vom Hochgericht auf der Müllhalde. »Ich kann es nicht leiden. er warf es weg und stand im Finstern. kletterte er wieder ins Freie und humpelte auf seinem verstauchten Fuß zu seinem Fahrrad. bis er alles vorgebracht hatte. »Weißt du. daß er Momo gefunden hat? Vielleicht war sie schon vorher weg. hielt Gigi sich zunächst mucksmäuschenstill. gab Gigi ausweichend zur Antwort. und daß Momo nicht mehr da war. »was Schlimmes. Einmal ist sie sogar schon drei Tage und Nächte im Land herumgestrolcht. machte sich selbständig. Wer sagt dir denn. daß es sich um die Autoteil-Diebe handeln sollte. denn trotz aller Angst und Sorge um Momo konnte er nun einmal nicht schneller reden. wo er schläft. wie früher schon öfter.« . wir müssen ihr helfen ! Aber wie ? Aber wie?« Während Beppos Worten war langsam alle Farbe aus Gigis Gesicht gewichen. daß Gigi sich seit kurzem ein paar zusätzliche Pfennige verdiente. der nach Atem rang.« Und nun erzählte er alles. indem er jeden Sonntag nachts im Werkzeugschuppen einer kleinen Autoausschlachterei schlief. »Ich hab's von Anfang an geahnt«. »Gigi muß 'ran !« sagte er immer wieder vor sich hin. murmelte er. daß es nicht gutgehen würde.ohne dabei je an Folgen zu denken. »Momo ist irgendwas Schreckliches passiert!« »Was sagst du ?« fragte Gigi und setzte sich fassungslos auf seine Liegestatt. daß nicht wieder. . Es dauerte natürlich eine Weile. . begann er nach einer Weile. schloß er seinen Bericht. »Momo? Was ist denn geschehen?« »Ich weiß es selbst noch nicht«. und alle Phantasie der Welt konnte sie nicht rückgängig machen! Er fühlte sich wie gelähmt.

In allen Straßen wimmelte es von den grauen Gestalten . um sich Mut zu machen. ehe wir was unternehmen. nachdem sie es entziffert hatte. Beppo? Weißt du. wann und wo die Verfolger auftauchen wurden. über Brücken. wo streunende elternlose Kinder hinkommen? In so ein Heim stecken sie sie. antwortete Gigi und zog Beppo den Schuh von dem verstauchten Fuß. stöhnte er. Weißt du. Der Weg. Schildkröte«. »wenn sie vielleicht wirklich nur ein bißchen herumstrolcht und du hetzt ihr die Polizei auf den Hals. »Wird schon wieder werden«.« Beppo ließ Gigi los. einigemale sogar schon durch Keller. seine Jacke als Kissen unter den Kopf geschoben. die gehen los und finden unsere Momo wirklich. Sämtliche Agenten in der großen Stadt hatten Anweisung erhalten. fragte Momo. sagte Momo. sie waren überall. murmelte Beppo und starrte ratlos vor sich hin. »Sei doch vernünftig!« rief Gigi entsetzt. was die dann mit ihr machen? Weißt du das. Er half ihm auf das Lager hinüber und packte den Fuß in ein nasses Tuch. wurde immer sonderbarer und verschlungener. und zwar sofort!« »Beruhige dich doch. sei kein Narr! Die grauen Herren sind Wirklichkeit! Wir müssen irgendwas tun. seufzte er und legte sich selbst auf den Fußboden. meinte Gigi. wenn sie's nicht ist«. wo wir Momo überhaupt suchen sollen. »wir sollten auf jeden Fall bis morgen oder übermorgen warten. »Natürlich werden wir etwas unternehmen. Sie waren schon durch Gärten gelaufen.« »Ich finde«. sagte er sanft. »Du. Die ganze Nacht mußte er an die grauen Herren denken. Wir wissen ja noch nicht mal. wo Gitter an den Fenstern sind ! Das willst du unserer Momo antun?« »Nein«. Für den alten Mann war es heute ein bißchen viel gewesen. »Ich weiß einfach nicht. schien sie nun auch genau vorauszuwissen. jede andere Tätigkeit zu unterbrechen und sich ausschließlich mit der Suche nach dem Mädchen Momo zu beschäftigen. So wie die Schildkröte vorher ihren Weg durch den Straßenverkehr gefunden hatte. Wenn sie dann immer noch nicht zurück ist.« »Meinst du?« murmelte Beppo. Hätte Momo gewußt. »wird alles wieder werden. »was dann?« Er packte den jüngeren Freund an den Jackenaufschlägen und schüttelte ihn. »wo führst du mich eigentlich hin?« Die beiden wanderten eben durch einen dunklen Hinterhof. was ich machen soll«. und wir lachen alle drei über den ganzen Unsinn. »Aber sicher«. »ich weiß es einfach nicht. Und das war gut. stotterte Gigi erschrocken. den die Schildkröte sie führte. sie kontrollierten unauffällig die Bahnhöfe und den Flugplatz. Aber das muß gut überlegt sein. den auf einmal eine steinerne Müdigkeit übermannte. Aber davon ahnte sie nichts. »Gigi. Aber wahrscheinlich ist bis dahin alles längst wieder in Ordnung. sie hätte vermutlich noch viel mehr Angst gehabt. und deshalb folgte sie geduldig und Schritt für Schritt der Schildkröte auf ihrem scheinbar so verworrenen Weg. an der die beiden eben gewesen waren. sie saßen auf den Dächern und in den Kanalisationsschächten. Aus der Zentrale der Zeit-Spar-Kasse war der Befehl zum Großeinsatz gegeben worden. »Hab' ich auch nicht«. »das will ich nicht.kurzum. Aber schlafen konnte er nicht. daß ein ganzes Heer von grauen Herren sie verfolgte und suchte. daß Beppo schon eingeschlafen war. Toreinfahrten und Hausflure. fuhr Gigi fort. Aber wenn sie doch vielleicht in Not ist?« »Aber stell dir vor. ja.« Beppo sank auf einen Stuhl am Tisch nieder und legte das Gesicht auf die Arme. Beppo«. die Autobusse und die Straßenbahnen .»Wenn sie sie aber doch gefunden haben?« schrie Beppo. Ich möchte nicht in deiner Haut stecken. »Ich geh' zur Polizei!« stieß er hervor. Aber sie begegneten . Und zum ersten Mal in seinem bisher so unbekümmerten Leben überfiel ihn Angst.« Als er sah. durch Unterführungen. denn ein wenig bang war ihr schon. können wir ja zur Polizei gehen. Aber sie sagte es mehr zu sich selbst. Manchmal kamen die grauen Herren schon einen Augenblick später an einer Stelle vorüber. wenn sie dich dann zum letzten Mal anschaut. Aber das Mädchen Momo fanden sie nicht. »KEINE ANGST!« stand auf dem Rücken der Schildkröte. »Das kannst du doch nicht machen ! Nimm mal an.

es sei die Morgendämmerung. Hinter den Fenstern lagen schwarze Schatten. daß diese Häuser gar nicht gebaut waren. Hier war alles dunkel und menschenleer. sagte Momo ahnungslos. um bewohnt zu werden. Das war alles. Hier war es nicht mehr Nacht. Und diese Dämmerung glich weder der des Morgens noch der des Abends. jagten drei elegante Autos mit leuchtenden Scheinwerfern die zerlöcherte Straße entlang. sprangen sie fluchend aus den Wagen und versuchten. Hohe Mietskasernen.« »Wie kann das sein?« »Das fragen wir uns selbst. Die Autos kamen plötzlich nicht mehr vom Fleck. daß ich schon so gut lesen kann«. obgleich die Schildkröte eher noch langsamer ging als bisher. aber sie befolgte die Anweisung. dieses Haus von rechts und das Denkmal da drüben von vorn beleuchtet. Diese Straßen waren vollkommen leer. wie schnell sie hier vorankamen. Die Häuser des Stadtteils.« »Eine solche Gegend gibt es nicht«. Denn die langen schwarzen Schatten. an denen der Verputz abbröckelte. als sie in die Straße mit den weißen Häusern eingebogen war. Als sie jedoch diese Ecke erreicht hatten. »habt ihr sie fest?« »Nein. Es ist-wie soll man sagen?-als ob diese Gegend ganz am Rande der Zeit liegt. so daß man nicht sehen konnte. Aber auch die Häuser waren anders als alle. Es war ein Licht.« »Wo befand sie sich. geschah etwas höchst Unbegreifliches. sondern auch von Hunden. das die Konturen aller Dinge unnatürlich scharf und klar hervorhob und doch von nirgendwo herzukommen schien oder vielmehr von überallher zugleich. Es handelt sich um eine Gegend der Stadt. »Ein Glück. die Räder jaulten. Und je mehr sie beschleunigten. Vögeln und Autos. Wir haben ihre Spur wieder verloren. In geringer Entfernung gingen drei dunkle Gestalten vorüber. Auf einem großen würfelförmigen Sockel aus schwarzem Stein stand ein riesengroßes weißes Ei. Irgendwas stimmt da nicht. »Gut«. die uns völlig unbekannt ist. hatte Momo entdeckt. der im vordersten Wagen saß. dort wo Nacht war. »Verfolgung aufnehmen! Ihr müßt sie fassen. Alles schien reglos und wie in Glas eingeschlossen. . geheimnisvollen Zweck zu dienen. Als die grauen Herren das merkten. Übrigens sah das Denkmal selbst auch recht sonderbar aus. aber die Autos liefen am Ort. desto weniger kamen sie vorwärts. war die Antwort. wurden immer grauer und schäbiger. aber dieses seltsame Licht war so plötzlich gekommen. In jedem saßen mehrere graue Herren. sie war plötzlich wie vom Erdboden verschluckt. »Offenbar doch. säumten die Straßen voller Löcher. als sie in diese Straße eingebogen waren. daß das Mädchen Momo gesehen worden sei. aber es war auch nicht Tag. als ob sie auf einem fahrenden Band stünden. liefen in ganz verschiedene Richtungen. in dem sie jetzt waren. die sie weit in der Ferne gerade noch erkennen konnten. Außerhalb dieses seltsamen Stadtteils. Nicht der kleinste Windhauch regte sich. als ihr sie gesehen habt?« »Das ist es ja gerade. ob dort überhaupt jemand wohnte. in denen das Wasser stand. In die Zentrale der Zeit-Spar-Kasse kam die Nachricht. das mit gleicher Geschwindigkeit in entgegengesetzter Richtung lief. Aber irgendwie hatte Momo das Gefühl.« »Was?« schrie die Zentrale. »findest du nicht?« Auf dem Rückenpanzer der Schildkröte blinkte wie ein Warnlicht die Schrift: »STILL!« Momo verstand nicht warum. die sogar die kleinsten Steinchen auf der Straße warfen. Die Fahrer traten aufs Gas. Momo. Einer. Sie waren von einem fast blendenden Weiß. Momo wunderte sich. nicht nur von Menschen. um jeden Preis! Habt ihr verstanden?« »Verstanden!« kam die aschengraue Antwort. als würde jener Baum dort von links. genaugenommen in dem Augenblick. wo das seltsame Licht anfing. die Momo je gesehen hatte. etwa so. Und das Kind bewegte sich auf diesen Rand zu. sondern um einem anderen.ihnen niemals. Zuerst dachte Momo. stellte die Zentrale fest.

belobigen wird man uns ganz bestimmt nicht. als flögen die Gebäude vorüber. als glitte die Straße unter ihnen dahin. die sie klein am anderen Ende der Gasse sitzen sah. was dabei mit ihr geschah. die undenkliche Zeiten auf dem Meeresgrund gestanden hatten und nun plötzlich aufgestiegen waren. schneeweißen Straßen und Plätze. »aus und vorbei! Jetzt kriegen wir sie nicht mehr. fast am Ende der Gasse vor dem letzten Haus. war es ihr plötzlich. Sie drehte sich um und stand vor dem letzten Haus. sie atmete rückwärts.« Alle beteiligten Herren ließen die Köpfe hängen und setzten sich auf Kühler und Stoßstangen ihrer Autos. Sie erschrak ein wenig. Sie drehte sich um und ging rückwärts.« »Ich auch nicht«. Momo blieb noch einen Moment lang stehen. weil die figurenbedeckte Tür aus grünem Metall von hier aus nun plötzlich ganz riesenhaft erschien.und blieb überrascht stehen. dennoch war die Schildkröte nun schon weit voraus. und auf ihm stand in goldenen Lettern: NIEMALS-GASSE Momo hatte mit Schauen und Buchstabieren nur ein paar Augenblicke gesäumt. Momo folgte ihr . Sie hatten es nicht mehr eilig. oder gegen einen gewaltigen und doch unspürbaren Wind. meinte ein anderer. und auf ihm war zu lesen: DAS NIRGEND-HAUS . zog sich an Mauervorsprüngen weiter und kroch manchmal auf allen vieren. erschien auf ihrem Panzer der Rat: »RÜCKWÄRTS GEHEN!« Momo versuchte es. voller Türmchen. Schildkröte!« rief Momo. Wiederum bog die Schildkröte um eine Ecke. Es war eigentlich mehr ein enges Gäßchen. Dagegen schien die Schildkröte sie gehört zu haben. weil sie so langsam gingen. aber als sie nun in die NiemalsGasse hineinging. »die Frage ist nur. Diese Straße bot einen völlig anderen Anblick als alle vorigen. »warum wir nicht mehr vom Fleck gekommen sind. Es wurde von einem weißen Einhorn getragen. Sie stemmte sich schräg gegen den rätselhaften Druck. kurz — sie lebte rückwärts! Schließlich stieß sie gegen etwas Festes. ob man uns das als mildernde Umstände für unser Versagen zugute halten wird. als ob sie unter Wasser gegen einen mächtigen Strom angehen müsse. In seiner Mitte befand sich ein großes grünes Tor. Es war aus weißem Marmor. dachte sie zugleich auch rückwärts. »Ich komm' nicht dagegen an!« rief sie schließlich der Schildkröte zu. Sie rannten mit verzerrten Gesichtern. von Tang und Algen überhangen und mit Muscheln und Korallen bewachsen. sie empfand rückwärts. irgendwo im Gewirr der leeren. das seinen Abschluß bildete und quer zu den übrigen stand. Die Häuser. Schon weit. »Aus!« sagte einer der Herren. antwortete der erste. die sich links und rechts aneinanderdrängten. waren sie im ganzen gerade zehn Meter weit vorangekommen. ohne jede Schwierigkeit weiterzukommen. Und das Mädchen Momo war irgendwo in der Ferne zwischen den schneeweißen Häusern verschwunden. denn sie hatte über der Tür ein weiteres Schild entdeckt. Während sie nämlich so rückwärts ging. Dieses Gäßchen lief auf ein einzelnes Haus zu. weit fort. »hilf mir doch!« Langsam kam die Schildkröte zurück. Erkerchen und Terrassen. »Warte doch auf mich. Als sie schließlich vor Momo saß. und als sie endlich erschöpft innehalten mußten. Und plötzlich gelang es ihr. das kunstvoll mit Figuren bedeckt war. Und gerade. war es. sahen aus wie lauter zierliche Paläste aus Glas. Aber es war höchst merkwürdig.« »Sie meinen. Und das Ganze spielte sanft in allen Farben wie Perlmutter. Momo wollte ihr folgen.« »Ich begreife nicht«. der sie einfach zurückblies. ging Momo hinter der Schildkröte her. Aber im selben Augenblick öffneten sich schon die beiden mächtigen Torflügel. das sich gleich über ihr an der Wand befand. »Ob ich sie überhaupt aufkriege?« dachte Momo zweifelnd.zu Fuß einzuholen. Momo blickte zu dem Straßenschild hinauf. aber sonderbarerweise konnte sie ihre eigene Stimme nicht hören. man wird uns vor Gericht stellen?« »Na. das die Straße quer abschloß. denn sie blieb stehen und schaute sich um.

und die kleine Tür fiel hinter ihnen ins Schloß. Momo folgte der Schildkröte. daß sie alle spiegelnde Glatzen hatten. daß Momo gebückt durchkommen konnte. »Meine Herren«. Diese Jagd dauerte im ganzen sechs Stunden. durch den langen Gang. ELFTES KAPITEL Wenn Böse aus dem Schlechten das Beste machen . Sie befand sich jetzt in einem hohen. wurde ein vielstimmiges musikalisches Ticken und Schnarren und Klingen und Schnurren von drinnen hörbar. waren die beiden Torflügel schon wieder dabei. . als sie fertig war. daß größte Gefahr vorhanden war. dreizehn Minuten und acht Sekunden. Als das Türchen sich öffnete. Ich sehe mich gezwungen. »WIR SIND DA« stand auf dem Rückenpanzer der Schildkröte. Im großen Sitzungssaal tagten die grauen Herren des Vorstandes. An dessen Ende blieb das Tier vor einem sehr kleinen Türchen sitzen.Da Momo nicht besonders schnell lesen konnte. gerade groß genug. aber unabänderlichen Tatsachen bekannt zu machen. und jeder rauchte seine kleine graue Zigarre. Der Vorsitzende am Kopfende des langen Tisches erhob sich. Im aschengrauen Licht endloser Gänge und Nebengänge huschten die Agenten der Zeit-SparKasse umher und flüsterten sich aufgeregt das Neueste zu: Sämtliche Herren des Vorstandes waren zu einer außerordentlichen Sitzung zusammengetreten ! Das konnte nur bedeuten. Momo hockte sich nieder und sah direkt vor ihrer Nase auf der kleinen Tür ein Schildchen mit der Aufschrift: MEISTER SECUNDUS MINUTIUS HORA Momo holte tief Atem und drückte dann entschlossen auf die kleine Klinke.war allgemein gedrückt. begann er. Sie alle unverzüglich mit den bitteren. . Von der geheimnisvollen Gegenströmung war hier nichts mehr zu bemerken. Alle beteiligten Agenten mußten dabei unvermeidlich ihren eigentlichen . schlössen die anderen daraus. Das Gemurmel erstarb. Sie huschte rasch noch hindurch. Die Stimmung . »unsere Lage ist ernst. Jeder hatte wie immer seine bleigraue Aktentasche bei sich. Nur die runden steifen Hüte hatten sie abgelegt. die vor ihr herkrabbelte. Links und rechts standen in regelmäßigen Abständen nackte Männer und Frauen aus Stein. so folgerten die einen. dann schlug das gewaltige Tor mit leisem Donner hinter ihr zu. und nun war zu sehen. Bei der Jagd nach dem Mädchen Momo haben wir nahezu alle unsere verfügbaren Agenten eingesetzt. daß ungeahnte neue Möglichkeiten des Zeitgewinns sich ergeben hatten. und zwei endlose Reihen grauer Gesichter wandten sich ihm zu. Das Kind folgte der Schildkröte. sich langsam zu schließen. sehr langen Gang. Das konnte nur heißen. welche die Decke zu tragen schienen. Sie saßen einer neben dem anderen an einem schier endlosen Konferenztisch.soweit man bei diesen Herren überhaupt von so etwas wie Stimmung reden konnte .

« Er machte eine Pause und wies mit großer Gebärde auf eine riesige Stahltür mit vielfachen Nummern. daß es über Fähigkeiten verfügt. kann es auch jeden Augenblick zurückkehren. Ich habe alle Möglichkeiten exakt . »uns allen liegt das Wohlergehen unserer Zeit-Spar-Kasse gleichermaßen am Herzen. daß sich etwas Derartiges nicht wiederholen sollte. welche während der Suche von unseren Agenten selbst verbraucht worden ist. meine Herren«. Meine Herren. Ich werde mich jeder weiteren Unternehmung von derartig kostspieligen Ausmaßen auf das entschiedenste widersetzen. sagte er.« Der Redner setzte sich selbstgefällig lächelnd. erklärte er mit verkniffenem Gesicht. beweist keineswegs. Nun erhob sich ein dritter Redner in der Mitte des langen Tisches. Dieses Kind ist kein gewöhnliches Kind. als bis wir dieses Kind wirklich in unserer Gewalt haben. das ist mehr als ein ganzes Menschenleben ! Ich brauche wohl nicht erst zu erklären. Nur so können wir sicher sein. Denn da es den Bereich der Zeit verlassen konnte. rief er mit erhobener Stimme. wir können mit diesem Ergebnis zufrieden sein. Zu diesem Ausfall kommt jedoch noch die Zeit. Und es wird zurückkehren!« Er setzte sich. »Ich will mich kurz fassen«. Wir müssen der Tatsache ins Auge sehen. und es ist höchst unwahrscheinlich. Wachsamkeit ist geboten ! Wir dürfen uns nicht eher zufriedengeben. es handelt sich um völlig nutzlos vertane Zeit ! Das Mädchen Momo ist uns entkommen. die uns und unserer Sache höchst gefährlich werden können. Schließlich hat der Herr Vorsitzende mit Recht getadelt. Mehr habe ich nicht zu sagen. meine Herren. Meine Herren. vernachlässigen. Aber was wollten wir denn mehr. Aus diesen beiden Minusposten ergibt sich ein Zeitverlust. daß es uns nie wieder schaden wird. daß eine fremde Macht sich in diese Angelegenheit eingemischt hat.»Meine Herren«. »Meine Herren«. daß selbst ein Vielfaches des erlittenen Verlustes uns nicht ernstlich in Gefahr bringen könnte. aus dem Bereich der Zeit geflohen! Wir sind es los. und alle Gesichter wandten sich ihm zu. als dieses Kind unschädlich machen? Nun. das ist doch vollkommen erreicht'! Das Mädchen ist verschwunden. alle weiteren Pläne in diesem Sinne zu fassen. für unverantwortlich. Erregtes Flüstern ging durch die Reihen. der nach ganz exakten Berechnungen dreimilliardensiebenhundertachtunddreißigmillionenzweihundertneunundfünfzigtausendeinhundertvierzehn Sekunden beträgt. daß uns das Mädchen Momo entkommen ist. Es scheint mir jedoch völlig unnötig. Etwas Ähnliches ist bisher noch nie geschehen. daß es je ein zweites Mal geschehen wird. das Wort. ein zweites Mal darf so etwas einfach nicht mehr geschehen. »Unsere Zeit-Speicher. aber ich muß es nun doch in aller Deutlichkeit aussprechen: Wir gehen fortwährend um den heißen Brei herum. Ich denke. »Ich halte die beruhigenden Worte. Nichts ist weniger der Fall.« Er setzte sich und stieß dicke Rauchwolken aus. Danke. Wir alle wissen. Von einigen Seiten war schwacher Beifall zu hören.nämlich Zeit einzubringen. daß wir uns von der ganzen Angelegenheit beunruhigen lassen oder gar so etwas wie eine Katastrophe daraus machen. daß unsere Zeit-Speicher schon so gewaltige Vorräte beherbergen. »sind nicht unerschöpflich ! Wenn die Jagd sich wenigstens gelohnt hätte ! Allein. der dem dritten gegenübersaß. Daß der ganze Vorfall bisher einmalig ist. Aber ein Vorfall wie der mit dem Mädchen Momo ist völlig einmalig. Wir müssen sparen. die wir eben gehört haben.Daseinszweck. was das für uns bedeutet. nicht verschleudern! Ich bitte Sie also.und Sicherheitsschlössern an der Stirnseite des Saales in der Wand. Nun erhob sich ein zweiter Redner am anderen Ende der langen Tafel. »entschuldigen Sie. ergriff nun ein vierter Redner. daß es sich nicht wiederholen kann. Was ist für uns schon ein Menschenleben? Wahrhaftig eine Kleinigkeit! Dennoch stimme ich mit unserem verehrten Vorsitzenden darin überein. Wir alle wissen. Die anderen Herren des Vorstandes zogen die Köpfe ein und saßen geduckt da.

ich wiederhole. sich unserem Zugriff zu entziehen. meine Herren. und es wäre zweifellos wirksam.Sogenannte dieses Kind nicht nur einfach zurückschickt. »wir denken nur immerfort darüber nach. Sie verstehen. als seien sie geschlagen worden. sagte er immer wieder beschwichtigend. wir müssen damit rechnen. wenn sich nicht am oberen Ende des Tisches ein siebenter Redner zu Wort gemeldet hätte. nicht ganz schicklich ist. das Mädchen Momo kommt . Mir scheint nämlich. das es zu lösen gilt!« Der Lärm im Saal steigerte sich zum Tumult. so brauchen wir uns doch überhaupt nicht persönlich zum Kampf stellen. Kurzum. von wem ich rede. Das ist doch das Problem. »Meine Herren«. womit jener Sogenannte das Mädchen Momo gegen uns ausrüsten wird ! Wir werden einer uns völlig unbekannten Gefahr gegenüberstehen. meine Herren. es ist praktisch ausgeschlossen. Das ist jetzt das Wichtigste. wir lassen uns da eine große. was wir wirklich tun können ! Keiner von uns weiß. meine Herren!« rief der vierte Redner mit ausgebreiteten Armen. was wir dagegen tun sollen ! Er sagt. Aber Furcht ist ein schlechter Ratgeber. wenn es sein muß.nun gut ! Aber das alles sind doch nur leere Worte ! Er soll uns doch sagen. Ein fünfter Redner sprang auf seinen Stuhl und fuchtelte wild mit den Händen. Wir haben doch genügend Helfershelfer unter den Menschen ! Wenn wir diese in unauffälliger und geschickter Weise einsetzen. wie wir das Mädchen Momo loswerden können. meine Herren. andere sprangen auf und begannen heftig gestikulierend durcheinanderzuschreien.nun gut ! Wir sollen nicht sparsam mit unseren Vorräten umgehen . Dann wird es eine tödliche Gefahr für uns werden. Aber offenbar weiß er selbst nicht. Aber das ist ja auch gar nicht nötig. »Bitte. nachdem sich das Gemurmel gelegt hatte. dann können wir das Mädchen Momo und die mit ihm verbundene Gefahr aus der Welt schaffen. Wir müssen also nicht nur bereit sein.nein. »Der Herr Vorredner beschränkt sich leider darauf. Ich weiß so gut wie Sie alle. alles einsetzen! Denn in diesem Fall könnte uns jegliche Sparsamkeit verdammt teuer zu stehen kommen. Ruhe!« schrie er. »Ruhe. was ich meine. Panikstimmung hatte alle ergriffen. sind gegen uns gerichtet. »Aber meine Herren«. das liegt wohl auf der Hand. sondern daß er es obendrein noch gegen uns ausrüsten wird. fuhr der Redner fort. sagen wir einmal. ich muß Sie doch bitten. aber wir wollen und müssen klar sehen ! Wenn jener . beträgt genau 1:42 Millionen. dann hat er seine Gründe dafür. daß ein Menschenkind lebend und aus eigener Kraft den Bereich der Zeit verlassen kann. daß jener. Mühsam verschaffte sich ein sechster Redner Gehör. es wäre für uns gefahrlos.« Bei diesem Namen zuckten die meisten der grauen Herren zusammen. Wir selbst sind zu einer solchen Begegnung nicht besonders gut geeignet — wie uns ja das betrübliche Geschick unseres inzwischen aufgelösten AgentenBLW/553/c so eindringlich vor Augen führt. Und diese Gründe. begann er. die Furcht treibt uns dazu. daß die Nennung dieses Namens — nun. allerlei katastrophale Möglichkeiten anzudeuten. Nehmen wir ruhig einmal an.wie auch immer ausgerüstet — von jenem Sogenannten zurück. Mit anderen Worten.« Die Aufregung unter den grauen Herren nahm zu. ja . manche hieben mit den Fäusten auf den Tisch ein. Ein solches Vorgehen wäre sparsam. bis endlich Stille eintrat. Die Wahrscheinlichkeit. sich zu beherrschen. andere hatten die Hände vors Gesicht geschlagen. alles. »ich bitte Sie dringend. kühle Vernunft zu bewahren.« Ein aufgeregtes Raunen ging durch die Reihen der Vorstandsmitglieder. »Alles spricht dafür«. Gestehen wir es nur. ohne selbst in Erscheinung zu treten. Wahrscheinlich wäre er sofort angenommen worden. »aber meine Herren.« Ein Aufatmen ging durch die Menge der Vorstandsmitglieder.durchgerechnet. Es handelt sich um jenen sogenannten Meister Hora.Sogenannte dem Mädchen Momo geholfen hat. meine Herren. Dieser Vorschlag leuchtete ihnen allen ein. Sie alle wissen. alle redeten durcheinander. »daß dem Mädchen Momo geholfen worden ist. Es kostet mich selbst Überwindung. wir müssen. die Zeit eines Menschenlebens ein zweites Mal zu opfern oder ein Vielfaches davon . Alles schrie durcheinander. wir sollen zu jedem Opfer bereit sein — nun gut! Wir sollen zum Äußersten entschlossen sein . Ich denke.

bedenken Sie. »wir müßten ihr nur natürlich etwas bieten. der hat unbegrenzte Macht! Meine Herren. es wäre ein ständiger kleiner Verlust. den soll man sich zum Freunde machen. mein Bester«. Ein Sprichwort sagt: Wen man nicht besiegen kann. das Sie alle beseitigen wollen!« Totenstille hatte sich im Saal ausgebreitet. »wir drehen uns im Kreis. beschwichtigte der Redner. »Trotzdem«. was aus ihr würde. daß wir sehr schnell mit ihm fertig werden würden. sagte der Vorsitzende. . es könnte uns diesen Weg führen ! Dann können wir auf unsere Weise mit dem Sogenannten verhandeln. Ich bin sicher. mischte sich nun ein neunter Redner in die Debatte. »Aber Sie wissen doch«. mein Bester«. Das ist es ja gerade. »das kann ich nicht dulden ! Wenn wir ihr tatsächlich so viel Zeit geben. meine Herren!« Der Redner setzte sich.« »Dann müssen wir sie ihr eben zuerst wegnehmen«. »es geht nicht. hört!« riefen einige Stimmen. um ihre Zeit mit ihr zu teilen? Da das Mädchen freiwillig unsere Pläne nicht unterstützen wird. sollten wir uns einfach an ihre Freunde halten.das würde uns ja ein Vermögen kosten!« »Wohl kaum«. fuhr der Redner fort. und alle bedachten die Vorteile. sagte der sechste Redner schließlich. das sie verlockt. »daß dieses Kind tatsächlich den Weg zu dem Sogenannten gefunden hat. das Momo davon verbrauchen könnte.« »Ein Versprechen«.einmalige Gelegenheit entgehen. rief der andere dazwischen. »erklären Sie das genauer!« »Es liegt doch auf der Hand«.«»Wieso?« »Aus dem einfachen Grund. nein. »an das wir uns selbstverständlich nicht halten würden!« »Selbstverständlich doch!« erwiderte der neunte Redner und lächelte eisig. dann brauchen wir hinfort nicht mehr mühsam Stunden. aber bedenken Sie doch. »wird sie niemals mitmachen! Das ist ganz undenkbar!« »Dessen würde ich nicht so sicher sein. das sie im Überfluß besitzt. Und wenn wir erst einmal an seiner Stelle sitzen. wenn einfach niemand mehr da wäre. den Weg. Minuten und Sekunden zu raffen. Ich denke da zum Beispiel daran. Es ist zwecklos. warum versuchen wir nicht.« »Aber dann«. »Wieviel kann ein einzelnes Kind schon ausgeben? Gewiß. schrie ein anderer gestikulierend. müßten wir eben als Spesen auf das Unkostenkonto buchen. sagte der Vorsitzende müde. dann wird sie es heraushören. wie es nur will. wir hätten auf einen Schlag die gesamte Zeit aller Menschen in unserer Gewalt ! Und wer die Zeit der Menschen besitzt. . rief einer. »Ich hätte einen Vorschlag«. »Wir werden ihr natürlich unseren Plan offen mitteilen. erwiderte der neunte Redner. wie sie will . Bedenken Sie die ungeheuren Vorteile.« »Nein.« . sie mit etwas bestechen zu wollen. »Denn wenn wir es nicht ehrlich mit ihr meinen. Aber überlegen wir einmal. den wir von Anfang an vergeblich gesucht haben ! Das Kind könnte also vermutlich jederzeit wieder hinfinden. »Ach. ihre Zeit anderen zu schenken. was wir dafür bekommen würden ! Die Zeit aller Menschen! Das Wenige. Wir können doch nicht an das Kind herankommen. wir wären am Ziel! Und dazu könnte uns das Mädchen Momo nützen. meldete sich ein zehnter Redner. Sie liebt es. das Mädchen Momo auf unsere Seite zu ziehen?« »Hört. »Mit Ihrer Erlaubnis?« »Sie haben das Wort«. Der Herr machte eine kleine Verbeugung zum Vorsitzenden und fuhr fort: »Dieses Mädchen ist angewiesen auf seine Freunde. »daß man das Mädchen Momo nicht anlügen kann ! Denken Sie doch an den Agenten BLW/553/c ! Jeder von uns würde das gleiche Schicksal erleiden!« »Wer spricht denn von Lügen?« antwortete der Redner. weil dieses Mädchen leider sowieso schon soviel Zeit hat. Nun. wie sie nur haben will.« Ein Seufzer der Enttäuschung ging durch die lange Reihe der Vorstandsmitglieder. ihr selbst soviel Zeit zu versprechen. nein !« schrie der Vorsitzende und schlug mit der Hand auf den Tisch.

die man hoch droben im Halbdunkel mehr ahnte als sah. Und dann. daß sie uns den bewußten Weg führen wird. . wo die Zeit herkommt Momo stand in dem größten Saal. Fenster gab es keine. manche. ein Uhr-Wald sozusagen. welches Momo bei ihrem Eintritt vernommen hatte. Da gab es winzige edelsteinverzierte Taschenührchen. zu dem eine Wendeltreppe emporführte. Gewaltige Säulen trugen eine Decke. lagen und standen Uhren. Da gab es auch Weltzeituhren in Kugelform.Er zog aus seiner Aktentasche einen Ordner und schlug ihn auf: »Es handelt sich vor allem um einen gewissen Beppo Straßenkehrer und einen Gigi Fremdenführer. ja. Was wird ihr ihre viele Zeit dann noch bedeuten? Eine Last. « Die grauen Herren. angefangen von gewöhnlichen Zimmerstanduhren bis hinauf zu richtigen Turmuhren. ZWÖLFTES KAPITEL Momo kommt hin. Sie standen und lagen auf langen Tischen. hoben ihre Köpfe. Und dann ist hier noch eine längere Liste von Kindern. In Höhe des ersten Stockwerks lief ein Rundgang um den ganzen Saal. Sie klatschten Beifall und das Geräusch hallte wider in den endlosen Gängen und Nebengängen. Mond und Sternen. Ich wette tausend Jahre gegen eine Zehntelsekunde. in Glasvitrinen. kam von unzähligen Kerzen. kam von unzähligen Uhren jeder Gestalt und Größe. nur um ihre Freunde zurückzubekommen. Uhren aus Holz und Uhren aus Stein. Noch höher droben war ein zweiter Rundgang. gewöhnliche Blechwecker. um zu strahlen. Sie sehen. Und an den Wänden hingen alle Sorten von Kuckucksuhren und anderen Uhren mit Gewichten und schwingenden Perpendikeln. In der Mitte des Saales erhob sich ein ganzer Wald von Standuhren. Spieluhren mit tanzenden Püppchen darauf. den sie je gesehen hatte. Das goldene Licht. die langsam und gravitätisch gingen und andere. als seien sie mit leuchtenden Farben gemalt und brauchten kein Wachs zu verzehren. Das tausendfältige Schnurren und Ticken und Klingen und Schnarren. daß es sich anhörte wie eine Steinlawine. meine Herren. Und überall hingen. gläserne Uhren und Uhren. daß sie sie nicht mehr erreichen kann. und kleine und große Planetarien mit Sonne. deren winzige Perpendikelchen emsig hin und her zappelten. Dann wird die arme kleine Momo völlig allein sein. darüber noch einer und noch einer. Triumphierendes messerdünnes Lächeln lag auf ihren Lippen. Sanduhren. auf goldenen Wandkonsolen und in endlosen Regalen. das diesen unermeßlichen Raum durchwebte. die sie regelmäßig aufsuchen. meine Herren. die durch einen plätschernden Wasserstrahl getrieben wurden. sogar ein Fluch ! Früher oder später wird sie es nicht mehr ertragen. die überall aufgesteckt waren und deren Flammen so reglos brannten. werden wir zur Stelle sein und unsere Bedingungen stellen. welche die Zeit für jeden Punkt der Erde anzeigten. keine große Sache! Wir werden einfach alle diese Personen so von ihr abziehen. die eben so niedergeschlagen dreingeblickt hatten. Er war größer als die riesigste Kirche und die geräumigste Bahnhofshalle. Sonnenuhren.

»Aber gewiß doch ! Ich habe dir doch eigens meine Schildkröte Kassiopeia geschickt. ihre beiden Hände ergriff und herzlich schüttelte. Momo sah. Er trug eine lange goldbestickte Jacke. An den Stellen. »Was sagst du ?« fuhr jetzt der alte Herr . bis zu den fernsten Sternen hinauf. es gibt manchmal im Lauf der Welt besondere Augenblicke«. als sie plötzlich eine freundliche Stimme sagen hörte: »Ah. Sie zeigt zuverlässig die seltenen Sternstunden an und jetzt eben hat eine solche angefangen. Aber es war kein unangenehmer Lärm. Gestatte. An den Handgelenken und am Hals kamen Spitzen aus der Jacke hervor. meinte Momo. daß es eine Mode war. Leider verstehen die Menschen sich im allgemeinen nicht darauf.Ununterbrochen schlug oder klingelte irgendwo ein Spielwerk. Kassiopeia! Hast du mir denn die kleine Momo nicht mitgebracht?« Das Kind drehte sich um und sah in einer Gasse zwischen den Standuhren einen zierlichen alten Herrn mit silberweißem Haar. der weniger unwissend gewesen wäre als sie. die man vor zweihundert Jahren getragen hatte.aber ich habe mich. kleine Momo. ähnlich der. ob sie sich dadurch bewegen würden. einander zum Tanz die Hand reichten. Man muß sie auch lesen können. leuchteten manchmal winzige Pünktchen auf.« Er zog eine flache. als ob er mit jedem Schritt. blauseidene Kniehosen. Momo ging umher und betrachtete mit großen Augen all die Seltsamkeiten . sie zu nützen.« . immer jünger und jünger wurde. schien es Momo. sagte Meister Hora.fort. hätte sofort erkannt.« Er klappte die Uhr wieder zu und steckte sie in die Westentasche. Wie unaufmerksam von mir ! Ich werde das sofort korrigieren. den er näherkam. Als er schließlich vor ihr stand. aber jemand.« »Vielleicht«. denn von allen diesen Uhren zeigte jede eine andere Zeit an. die der alte Beppo hatte. da bist du ja wieder. »Hier bin ich!« rief Momo. daß ich mich dir vorstelle. Aber wenn es jemand gibt. Sie stand. »Nun. »ist eine Sternstunden-Uhr. wo die Linien sich überschnitten. ein wenig verspätet-in der Mode. diamantenbesetzte Taschenuhr aus der Weste und ließ deren Deckel aufspringen. »herzlich willkommen im Nirgend-Haus. ein Frauchen und ein Männchen. und sein silberweißes Haar war am Hinterkopf zu einem kleinen Zopf geflochten.noch immer zur Schildkröte gebeugt . die in entgegengesetzter Richtung übereinanderlagen und sich langsam drehten. der sie erkennt. glaube ich. sah er kaum älter aus als Momo selbst. mit dem sie seine Erscheinung musterte. daß alle Dinge und Wesen. feine Spiralen. der dadurch entstand. daß auf dem Zifferblatt weder Zeiger noch Zahlen waren. Als er Momos erstaunten Blick sah. Eben wollte sie ihnen mit dem Finger einen kleinen Stups geben. der sich niederbückte und die Schildkröte anblickte. und so gehen die Sternstunden oft unbemerkt vorüber. »Willkommen!« rief er vergnügt. erklärte Meister Hora. »braucht man dazu eben so eine Uhr. um dich abzuholen. meine ich. nur war diese aus Gold. was weder vorher noch nachher je möglich wäre. dann geschehen große Dinge auf der Welt. schaute er nachdenklich an sich hinunter. sondern nur zwei feine. auf der zwei winzige Figuren. Der alte Herr kam mit erfreutem Lächeln und ausgestreckten Händen auf sie zu. sondern es war ein gleichmäßiges. summendes Rauschen wie in einem Sommerwald. Ich bin Meister Hora — Secundus Minutius Hora. und blickte sich suchend um. runzelte die Stirn und sagte: »Oh. Und während er das tat. »sie ist schon da? Wo ist sie denn?«Er zog eine kleine Brille hervor.« »Was ist denn eine Sternstunde?« fragte Momo. um zu sehen. »Die Uhr allein würde niemand nützen.« Meister Hora schüttelte lächelnd den Kopf. gerade vor einer reichverzierten Spieluhr. so daß etwas geschehen kann. »Dies«. die vor ihm auf dem Boden saß. »Du bist sogar ungewöhnlich pünktlich gekommen«. Momo hatte eine solche Tracht noch nie gesehen.« »Hast du mich wirklich erwartet?« fragte Momo erstaunt. in ganz einmaliger Weise zusammenwirken. stellte er lächelnd fest und hielt ihr die Uhr hin. weiße Strümpfe und Schuhe mit großen Goldschnallen darauf. »wo es sich ergibt.

Der Pfad verlief wie in einem Irrgarten kreuz und quer und mündete schließlich in einem kleinen Raum. »Sie suchen dich überall und du bist nur hier bei mir vor ihnen sicher. der durch die Rückwände einiger riesiger Uhrenkästen gebildet wurde. sie zunächst nicht durch Gespräche zu stören. Als er merkte. die man trinken konnte.« Er schnippte zum dritten Mal mit den Fingern. Aber schließlich war Momo doch satt. desto besser schmeckte es ihr. »Ja. Es war nur ein kleiner Spaß von mir. Auf dem Tischchen stand eine dickbauchige goldene Kanne. es wird dir schmecken.« »Wollen sie mir denn was tun?« erkundigte sich Momo erschrocken. fuhr er gleich fort: »Aber natürlich nicht! Wo habe ich nur meine Gedanken!« Und er schnippte abermals. das muß doch herauszukriegen sein! Warte. Es war ihr. dazu Teller. strich er die Brötchen und legte sie ihr auf den Teller. So war sie zunächst einmal ganz und gar von diesem Frühstück in Anspruch genommen und schmauste mit vollen Backen. Meister Hora schenkte aus der dickbauchigen Kanne in beide Tassen Schokolade und sagte mit einladender Gebärde: »Bitte. mit Butter und Honig bestrichen. . zwei kleine Tassen. Die Schildkröte folgte ihnen und blieb etwas zurück. »hast du mich denn von der Schildkröte holen lassen?« »Um dich vor den grauen Herren zu schützen«. wer und was er wohl sein mochte. bis er wieder ein Mann mit weißen Haaren war. obgleich sie doch die ganze Nacht keinen Augenblick geschlafen hatte. weshalb er beim Zusehen nach und nach wieder älter aussah. seufzte Meister Hora. Aber nun darf ich dich vielleicht erst einmal zu Tisch bit-ten. Du hast einen langen Weg hinter dir. sozusagen nur zur Gesellschaft. ich habe dich nicht erschreckt. Aber als er Momos nun erst recht verwundertes Gesicht sah. fragte sie und setzte die Tasse ab. beim Orion. »Nun. antwortete Meister Hora ernst. liebes Mädchen. Daß es Schokolade gab. Kind«. hatte ihr überhaupt noch nie etwas geschmeckt. »Auch nicht?« erkundigte er sich bei Momo. Er selbst aß nur wenig. »So ist es richtig. ohne an irgend etwas anderes zu denken. Er verstand. hatte sie natürlich gemerkt. nebst dazu passenden Polsterstühlen. blickte sie über den Rand ihrer goldenen Tasse hinweg prüfend ihren Gastgeberin und begann zu überlegen. der schlechthin wie flüssiges Gold aussah. knusprige Semmeln. »das kann man wohl sagen. und nun endlich stand er in einem gewöhnlichen Straßenanzug. nicht wahr?« sagte er und zwinkerte Momo zu. daß Momo mit dem Messer nicht gut zu Rande kam. In einer Ecke stand ein Tischchen mit geschwungenen Beinen und ein zierliches Sofa. gehörten zu den größten Seltenheiten in ihrem Leben. »Warum«. aber bis jetzt wußte sie eigentlich noch nicht mehr von ihm als seinen Namen. Merkwürdigerweise wich durch dieses Essen auch alle Müdigkeit von ihr. als könne sie tagelang so weiteressen. Je länger sie aß. den sein Gast stillen mußte. »Ist es so besser?« fragte er zweifelnd. Meister Hora schaute ihr dabei freundlich zu und war taktvoll genug. wie diese hier. wie weder Momo noch sonst irgend jemand sie je gesehen hat . Und so köstlich. denn es war die Mode. und ich hoffe. daß es der Hunger vieler Jahre war. greif tüchtig zu!« Das ließ sich Momo nicht zweimal sagen. in einem Schüsselchen befand sich goldgelbe Butter und in einem anderen Honig.« »Warum?« fragte Momo. In einem Körbchen lagen goldbraune. Auch hier war alles von dem goldenen Licht der reglosen Kerzenflammen erleuchtet. Auch Semmeln. »Ich hoffe nur. Daß er niemand Gewöhnlicher war.« Er nahm sie bei der Hand und führte sie mitten in den Uhr-Wald hinein. sie fühlte sich frisch und munter. und nun trug er plötzlich eine Kleidung. wie man ihn heutzutage trägt. Momo. Und vielleicht war das der Grund. alles aus blankem Gold. vor dem Kind. Löffelchen und Messer. Das Frühstück ist bereit. Während sie ihre Schokolade austrank. die erst in hundert Jahren getragen werden wird.Er schnippte mit den Fingern und stand im Nu in einem Bratenrock mit hohem Stehkragen vor ihr. hatte sie bisher noch nicht einmal gewußt. ich versuch's nochmal. mein kleiner Gast.

dann würde sie ihnen eben auch begegnen. noch nie. »Kassiopeia«.« »Ach«. was wirklich geschehen wird. sich zu verraten. antwortete Meister Hora. aber immerhin so etwa eine halbe Stunde. Ich verlasse das Nirgend-Haus niemals. Die Erklärung Meister Horas beruhigte sie zwar. Kassiopeia?« fragte er lächelnd. dann hätten sie mich doch ganz leicht kriegen können. »Verzeihung«. die Schildkröteun u. Und du hast es deinen Freunden erzählt. die inzwischen wieder zu seinen Füßen saß. Aber sie wissen ihn nicht. »ganz so einfach ist die Sache leider nicht. erklärte Meister Hora. »Hätten sie euch kriegen können?« Auf dem Rückenpanzer erschienen die Buchstaben »NIE!«. findest du nicht?« Momo schwieg. Das ist doch schon etwas wert. »kann nämlich ein wenig in die Zukunft sehen. »Um aber wieder auf dich und deine Freunde zu kommen«. »muß ich dir mein Kompliment machen. antwortete Meister Hora. fuhr Meister Hora fort. Deshalb weiß sie natürlich auch. »Doch. »Keine Sorge. »in deinem Fall zum Beispiel wußte sie. erklärte Meister Hora. daß man förmlich glaubte. ob sie beispielsweise den grauen Herren begegnen wird oder nicht. da und da begegnet sie den grauen Herren. »das mit unseren Plakaten und den grauen Herren?« »Ich beobachte sie ständig und alles was mit ihnen zusammenhängt«. sagte Momo verwundert.« Momo dachte eine Weile nach.« »Ich hab' ihnen nichts getan«.« Er nahm seine kleine goldene Brille ab und reichte sie Momo. Sie weiß mit Sicherheit vorher. kleine Momo. ich«. ich meine . etwas vorher zu wissen. scheint's. Hier herein können sie nicht kommen. »Alle«. »Ja.« »Das versteh' ich nicht«. kann sie nichts ändern. »So habe ich eben auch dich und deine Freunde beobachtet. was jeweils in der nächsten halben Stunde sein wird. was sie von dieser merkwürdigen Antwort halten sollte. ein Gekicher zu hören. daß sie den und den Weg gehen und dabei den grauen Herren nicht begegnen würde. meinte Momo etwas enttäuscht. »dann nützt es doch gar nichts.« »Kennst du sie gut?«"forschte Momo. meinte Momo. »Woher weißt du das eigentlich alles«.besuchen sie dich manchmal?« Meister Hora lächelte. »Willst du einmal durchgucken?« . was sie vorher weiß. Wenn sie also wüßte. erklärte Meister Hora. Selbst wenn sie den Weg bis zur Niemals-Gasse wüßten. Dafür haben die grauen Herren gesorgt. was es für sie gibt.« Meister Hora nahm die Schildkröte. »hat sie sonst niemand gelesen. erwiderte Meister Hora. Nicht viel. aber sie wollte gern etwas mehr über ihn erfahren. begann sie wieder. um sie dir zu Todfeinden zu machen?« »Aber wir sind doch mitten durch die Stadt gegangen.« »Aber du gehst doch nie aus dem Haus?« »Das ist auch nicht notwendig«. »Was meinst du. denn sie weiß ja nur das. »ich habe doch meine Allsicht-Brille.« »GENAU!« erschien auf dem Rückenpanzer. An dem.« »Hast du sie denn gelesen?« fragte Momo erfreut. verbesserte sich Meister Hora. und sie kennen mich. Ihre Gedanken verwickelten sich wie ein aufgegangenes Fadenknäuel. Glaubst du. Ihr wolltet sogar allen Leuten die Wahrheit über die grauen Herren mitteilen. auf den Schoß und kraulte sie am Hals. »denn du hast ihnen das Schlimmste angetan.« »Aber die grauen Herren. Und wir sind auch ganz langsam gegangen.»Sie fürchten dich«. dann geht sie einfach einen anderen Weg?« »Nein«. »genau eine halbe Stunde. »und Wort für Wort!« »Leider«. sagte Meister Hora und wurde dabei wieder zusehends jünger. Dagegen könnte sie nichts machen.« Momo wußte nicht recht. da und da würde sie den grauen Herren begegnen. »Warst du schon oft bei ihnen?« »Nein.« »Manchmal doch«. »Wenn sie mich überall suchen. meinte Momo. leider. daß das nicht ausreicht. sagte Momo.« Meister Hora nickte bedauernd. und sie flimmerten so lustig. Wieder nickte Meister Hora und seufzte: »Ich kenne sie. Eure Plakate und Inschriften haben mich außerordentlich beeindruckt. Du hast einen von ihnen dazu gebracht. »das ist aber praktisch! Und wenn sie vorher weiß.

»Sie reden von dir«. »Ja«. Sofort wurde das Bild klar. fuhr er nach einer Weile fort. sie haben nur Menschengestalt angenommen. erklärte Meister Hora. wenn sie von ihrem wahren Eigentümer losgerissen wird. er kommt erst nach Haus. »laß' mir meine Zeit von niemand wegnehmen!« »Ich will es hoffen«. Und doch gibt's den dritten. »aber es ist sehr schwer. »ob du es herauskriegen wirst. sehr gern!« antwortete Momo. weil die Menschen ihnen die Möglichkeit geben. meinte Momo. sie zu beherrschen. Und nun geben die Menschen ihnen auch noch die Möglichkeit. die aufgeregt gestikulierend miteinander redeten und sich eine Botschaft zuzurufen schienen.Momo setzte sie auf. Aber diese Zeit stirbt buchstäblich. »Weil sie von etwas Totem ihr Dasein fristen«. ließ Spielwerke laufen. Lichtern und Schatten. doch willst du sie unterscheiden. gleicht jeder den anderen beiden. er ging schon hinaus. »das geht einem am Anfang so. daß du ihnen entkommen bist. »Weißt du eines?« »Ja«. antwortete Meister Hora.« »Warum sehen sie eigentlich so grau im Gesicht aus?« wollte Momo wissen. Die Wenigsten können es lösen. »dann werde ich es mir merken und später meinen Freunden aufgeben. Dann blickte sie weiter hinaus und sah andere Gruppen in den Straßen der Stadt.« »Ich bin gespannt«. führte ihr Weltzeituhren und Planetarien vor und wurde angesichts der Freude. Aber du wirst dich gleich dran gewöhnen. um den es sich handelt. nur weil sich der erst' in den zweiten verwandelt. Momo sah zuerst die Gruppe der grauen Herren mit den drei Autos am Rand jenes Stadtteils mit dem seltsamen Licht. antwortete Meister Hora.« Meister Hora nahm Momo die Brille ab und steckte sie ein.« »Dann sind die grauen Herren also gar keine Menschen?« »Nein. Es ist nicht ganz einfach. zu entstehen. »Du weißt ja. Der zweite ist nicht da.« Denn sie sah nur einen Wirbel von lauter verschwommenen Farben. ihre Wagen zurückzuschieben. sagte Meister Hora und blickte Momo lächelnd an. blinzelte.« »Ich«. Nur der dritte ist da. sagte Momo entschlossen. Das ist das Schlimme. »Komm. bleibt sie lebendig. trat hinter Momos Stuhl und legte beide Hände sacht an die Bügel der Brille auf Momos Nase. »haben sie schon viele Helfershelfer unter den Menschen. »O ja. schielte und sagte: »Ich kann überhaupt nichts erkennen. Es wurde ihr geradezu schwindelig davon.« »Und wenn sie keine Zeit mehr stehlen könnten?« »Dann müßten sie ins Nichts zurück. mit der Allsicht-Brille zu sehen.« »Aber was sind sie dann?« »In Wirklichkeit sind sie nichts. Sie waren gerade dabei. die sein kleiner Gast an all den wunderlichen Dingen hatte. Dort zeigte er ihr diese und jene Uhr. »sie können nicht begreifen. so siehst du nur wieder . Und auch das genügt. denn ohne ihn gäb's nicht die anderen zwei. »Löst du eigentlich gern Rätsel?« fragte er beiläufig. Der erste ist nicht da. während sie weiterguckte. Das genügt schon. Denn willst du ihn anschaun.« »Das ist gut«. Momo.« Er stand auf. »Aber leider«. aus dem sie gekommen sind. Denn jeder Mensch hat seine Zeit. Und nur so lang sie wirklich die seine ist. Er nahm Momo bei der Hand und führte sie in den großen Saal hinaus. allmählich wieder jünger. damit es geschieht. damit es geschehen kann. Hör' gut zu: Drei Brüder wohnen in einem Haus. ich will dir meine Sammlung zeigen. während sie weitergingen. erwiderte Meister Hora. die sehen wahrhaftig verschieden aus. der Kleinste der drei.« Jetzt sah er plötzlich wieder wie ein alter Mann aus.« »Und wo kommen sie her?« »Sie entstehen. hörte sie Meister Horas Stimme. daß sie von der Lebenszeit der Menschen existieren.

Aber es ging doch nicht. so wirst du drei mächtige Herrscher erkennen. Ja.« Sie überlegte und rief plötzlich: »Das ist jetzt ! Dieser Augenblick ! Die Vergangenheit sind ja die . Ich weiß überhaupt nicht.« Meister Hora schaute Momo an und nickte aufmunternd. sagte Meister Hora. Aber hier waren es drei Brüder. Was war es denn. In Rätseln waren Brüder immer Apfelkerne oder Zähne oder so was.« Momo hatte die Worte auf dem Panzer der Schildkröte natürlich gesehen und begann nun nachzudenken. was es sein könnte. denn sie waren ja alle drei da.das ist die Zukunft!« Meister Hora nickte. waren die beiden anderen nicht da.»Still. Da verwandelte sich das Wachs durch die Flamme in Licht. Also war es vielleicht so etwas wie Blüte.Was ist denn der dritte? Er ist der kleinste der drei. ohne daß er hingeguckt hatte. Wird Momo das Rätsel lösen?« »SIE WIRD!« erschien auf Kassiopeias Rückenpanzer. Dann schüttelte sie den Kopf. was Kassiopeia wußte? Sie wußte. Und zwei davon sollten ja nicht da sein. Und es hieß doch. daß Momo das Rätsel lösen würde. Aber es ging doch nicht ! Denn ein Samenkorn konnte man doch sehr gut anschauen. .«.« Momo zog ihre Stirn kraus und begann wieder angestrengt nachzudenken. »ist nicht da. wo ich anfangen soll.immer einen der anderen Brüder! Nun sage mir: Sind die drei vielleicht einer? Oder sind es nur zwei? Oder ist es gar . »das ist aber wirklich schwer. aber ohne ihn gäb's nicht die anderen zwei. sagte Meister Hora. Momo murmelte noch einmal das ganze Rätsel vor sich hin. jedenfalls Sachen von der gleichen Art. gab sie zu. Sie begann also noch einmal von vorn und murmelte die Worte des Rätsels langsam vor sich hin. wenn man den kleinsten der drei anschauen will. die zusammen in einem Haus wohnten? Daß es sich dabei nicht um Menschen handelte. . Momos Gedanken irrten umher. Ich hab' keine Ahnung. Ja. Sie wußte . sie würde die Lösung finden. Aber das ergab keinen Sinn. »Aber jetzt«. »jetzt wird es schwierig. »Siehst du !« meinte Meister Hora. »du wirst es lösen. das waren drei Brüder. die sie weitergeführt hätte. die sich irgendwie ineinander verwandelten. Auf ihrem Rücken erschienen die Worte: »DAS. daß die Schildkröte ihr zuzwinkerte. Sie regieren gemeinsam ein großes Reich und sind es auch selbst! Darin sind sie gleich. Das Samenkorn war das kleinste von den dreien. Da standen zum Beispiel die Kerzen mit den reglosen Flammen. der da ist. Sie hatte gespannt zugehört. Was gab es denn. . Kassiopeia !« sagte Meister Hora schmunzelnd. was geschehen würde. zu Momo gewandt.« »Versuch's nur«. . ihre Namen mir nennen. er kommt erst nach Haus . was sich ineinander verwandelt? Momo schaute sich um. mein Kind. da stimmte schon vieles. heißt es. was gemeint sein könnte. daß man immer einen der anderen Brüder sieht. »Die Zukunft!« rief Momo laut. »Der erste ist nicht da. Und ohne es gab's nicht die anderen zwei. Da sie ein ausgezeichnetes Gedächtnis hatte. Und wenn es da war. meinte Momo nachdenklich. Kassiopeia irrt sich nie. Als sie zu der Stelle kam: »Der erste ist nicht da. . Was wußte sie also noch? Sie wußte immer alles. tatsächlich. Kassiopeia«. er ging schon hinaus -das ist dann die Vergangenheit!« Wieder nickte Meister Hora und lächelte erfreut. »du weißt doch alles eine halbe Stunde voraus. Was für drei Brüder gab es überhaupt. Inzwischen war die Schildkröte nachgekommen. er kommt erst nach Haus . Aber Kassiopeia hatte ja gesagt. »Nun. war klar. WAS ICH WEISS!« und erloschen gleich wieder. fuhr Momo fort. »Und der zweite«. Und er ist der einzige. Frucht und Samenkorn. wiederholte sie nun das Rätsel langsam und Wort für Wort. Sie saß neben Meister Hora und guckte Momo aufmerksam an. Sie konnte und konnte einfach keine Spur finden. »nicht einsagen! Momo kann es ganz allein. »Hui!« seufzte sie dann. sah sie.keiner? Und kannst du. »Ich kann's nicht«.

ich meine«. oder nur Vergangenheit und Zukunft. »wenn du auch das selbst beantworten könntest. »das hast du sehr schön gesagt. Was ist sie denn wirklich?« »Es wäre schön«. nur weil sich der erst' in den zweiten verwandelt. Sie fuhr fort: »Aber was bedeutet das. weil sie immer da ist. murmelte sie gedankenverloren. Und . sagte Meister Hora. sondern bloß Vergangenheit und Zukunft? Denn jetzt zum Beispiel. weil man meinen kann. aber Momo war noch immer in Gedanken bei dem Rätsel. Ihr Blick wanderte über die tausend und abertausend Uhren. meinte Momo. Aber dann gibt's ja den Augenblick eigentlich gar nicht. . wenn es die Gegenwart nicht gäbe. »deswegen konnte ich dich ja zu mir rufen. . weil sich die Zukunft in Vergangenheit verwandelt!« Sie schaute Meister Hora überrascht an.gewesenen Augenblicke und die Zukunft sind die. das ist wahrscheinlich alles Unsinn. »Und nun sag mir auch noch. Es gibt sie doch. so siehst du nur wieder immer einen der anderen Brüder !< Und jetzt versteh' ich auch das übrige. Das ist ja richtig!« Momos Backen begannen vor Eifer zu glühen. »ja. ich hab' sie schon manchmal gehört. »Bravo!« rief nun Meister Hora und klatschte ebenfalls in die Hände. was jetzt kommt? Und doch gibt's den Dritten. »Was ist denn das große Reich. »Meinen Respekt. um den es sich handelt. was das Haus ist. fragte sie schließlich. »Das ist die Welt«. in dem die drei Brüder wohnen!« forderte Meister Hora sie auf. das die drei gemeinsam regieren und das sie zugleich selber sind?« Momo schaute ihn ratlos an. antwortete Meister Hora. daß es die Gegenwart nur gibt. das ist die Zeit! Die Zeit ist es!« Und sie hüpfte vor Vergnügen ein paar Mal. »die Zeit selbst . »Das stimmt ja ! Daran hab' ich noch nie gedacht. Gegenwart und Zukunft. antwortete Momo.« Sie schwieg verwirrt und fügte dann hilflos hinzu: »Ich meine.« »Aber es muß noch was anderes dabei sein«. Also muß sie auch irgendwo herkommen. sagte Meister Hora. erklärte Momo. ganz leise. seltene Dinge. so wie die Wellen auf dem Wasser durch den Wind entstehen. »was ist denn die Zeit eigentlich?« »Das hast du doch gerade selbst herausgefunden«. Vielleicht ist es mit der Zeit auch so. was ich rede!« »Ich finde«. »Die Zeit!« rief sie und klatschte in die Hände. was das heißt: »Denn willst du ihn anschaun. warum Meister Hora sich so darüber freute. jetzt versteh' ich. wenn es die anderen auch gibt ! Da dreht sich einem ja alles im Kopf!« »Aber das Rätsel ist noch nicht zu Ende«. das immerzu vorbeigeht. Und festhalten auch nicht. und plötzlich blitzte es in ihren Augen. Das heißt also. Sie gingen weiter durch den Uhrensaal und Meister Hora zeigte ihr noch andere. »Nein. ich glaub'. Oder eben gar keinen. nickte Meister Hora. »das ist jedenfalls sicher. die dem Gedanken noch weiter nachhing. »die Musik ist nämlich von weither gekommen.sie muß doch irgend etwas sein. Aber anfassen kann man sie nicht. weil es ja jeden bloß gibt. ist er ja schon wieder Vergangenheit! Ach. Obwohl.« »Ich weiß«.»Sag mal«. dieser Augenblick — wenn ich darüber rede. Vielleicht ist sie so was wie der Wind? Oder nein ! Jetzt weiß ich's ! Vielleicht ist sie eine Art Musik. alles zusammen? Sie schaute in dem riesigen Saal umher.« Momo überlegte lange. die kommen ! Also gäb's beide nicht. daß sie das Rätsel gelöst hatte. »Sie ist da«. daß es überhaupt nur einen von den drei Brüdern gibt: nämlich die Gegenwart. Was konnte das wohl sein? Was war denn Vergangenheit. sagte Meister Hora. Ach. die man bloß nicht hört. Momo ! Du verstehst dich aufs Rätsellösen ! Das hat mir wirklich Freude gemacht!« »Mir auch !« antwortete Momo und wunderte sich im stillen ein wenig. aber geklungen hat sie ganz tief in mir drin. Vielleicht ist sie so was wie ein Duft? Aber sie ist auch etwas.

dann fragte sie: »Hast du dazu die vielen Uhren? Für jeden Menschen eine. ist so verloren.« »Und was ist auf der anderen Seite?« »Dann bist du dort. obwohl sie schlagen. die ich ihnen zuteile. erwiderte Meister Hora. dann fragte er: »Möchtest du sehen. Er blickte Momo lange an. durch das du einst hereinkamst. ehe er antwortete: »Wenn die Menschen wüßten. »machst du sie selbst?« Meister Hora lächelte wieder. Er schien ihr auf einmal sehr groß und unaussprechlich alt. die du manchmal schon ganz leise gehört hast. die ihnen Angst machen. die ihm bestimmt ist. Meister Hora nickte langsam. »hört auch die Zeit für dich auf. aber nicht wie ein alter Mann. »Oh«. Da beugte Meister Hora sich zu ihr herunter.« Sie erinnerte sich an ihren Weg durch die Niemals-Gasse. »Ich werde dich hinführen«. Man könnte auch sagen. »Dann«. Aber es gibt leider blinde und taube Herzen. jedem Menschen die Zeit zuzuteilen.« Momo blickte ihn ehrfürchtig an. das kann ich nicht«. kühler Schnee. mein Kind. Meine Pflicht ist es. zu schlagen?« fragte Momo. ja?« »Nein. die durch die Zeit zurückgeht. Das ist auch ein Rätsel. als ob Meister Hora mit ihr durch einen langen dunklen Gang schritte. Denn so wie ihr Augen habt. sagte sie leise. »Meinst du ?« fragte Meister Hora.« »Und wenn mein Herz einmal aufhört. antwortete Meister Hora. Aber sie fühlte sich ganz geborgen und hatte keine Angst. so habt ihr ein Herz. du selbst bist es. in der sie alles rückwärts erlebt hatte und sie fragte: »Bist du der Tod?« Meister Hora lächelte und schwieg eine Weile. »Aber an jenem Ort muß man schweigen. Anfangs meinte sie. Momo«. hob sie hoch und nahm sie fest in seine Arme. dann hätten sie keine Angst mehr vor ihm. sondern wie ein uralter Baum oder wie ein Felsenberg. Sie sind nur höchst unvollkommene Nachbildungen von etwas. wie die Farben des Regenbogens für einen Blinden oder das Lied eines Vogels für einen Tauben. darüber müssen sie selbst bestimmen. erwiderte Meister Hora. Dort gehst du wieder hinaus. »Ich sage es ihnen mit jeder Stunde. dann könnte niemand ihnen mehr die Lebenszeit stehlen. wo die Zeit herkommt?« »Ja«. Sie müssen sie auch selbst verteidigen.deshalb will ich dir nun ein Geheimnis anvertrauen: Hier aus dem Nirgend-Haus in der Niemals-Gasse kommt die Zeit aller Menschen. »ich glaube schon.« »Könntest du es dann nicht ganz einfach so einrichten«. die nicht mit dem Herzen wahrgenommen wird. schlug Momo vor. das Pochen ihres eigenen Herzens zu hören. Sie wollen lieber denen glauben. . sagte Meister Hora. »diese Uhren sind nur eine Liebhaberei von mir. »Aber das kannst du wohl noch nicht verstehen?« »Doch«. flüsterte sie. Aber ich fürchte. »denn was die Menschen mit ihrer Zeit machen. sagte Momo. was der Tod ist. Versprichst du mir das?« Momo nickte stumm. um damit die Zeit wahrzunehmen. fragte Momo. und Ohren. Man darf nichts fragen und nichts sagen. »Nein. wo die Musik herkommt. bis du zu dem großen runden Silbertor kommst. du bist selbst ein Ton darin. die nichts wahrnehmen.« »Ich hab' keine Angst«. Dann deckte er ihr mit der Hand die Augen zu und es fühlte sich an wie leichter. Und wenn sie keine Angst mehr vor ihm hätten. sagte Momo leise. Aber dann gehörst du dazu. um Klänge zu hören. das jeder Mensch in seiner Brust hat. »daß die Zeit-Diebe den Menschen keine Zeit mehr stehlen können?« »Nein.« »Dann braucht man es ihnen doch bloß zu sagen«. aber dann schien es ihr mehr und mehr. Und alle Zeit. Monate und Jahre.« Momo blickte sich im Saal um. um das Licht zu sehen. der auf ihr Gesicht fiel. ich bin nur der Verwalter. Du wanderst durch dein Leben zurück. Momo war es. sie wollen es gar nicht hören. durch alle deine Tage und Nächte. Ich kann sie ihnen nur zuteilen. als sei es in Wirklichkeit der Widerhall von Meister Horas Schritten.«Er blickte Momo prüfend an. mein Kind.

Doch dann schwang das Pendel langsam. Immer rund um den Teich wandernd. schaute sie zu. die da aufzubrechen begann. hinzuwelken und in den dunklen Tiefen zu versinken. langsam wanderte das Pendel zurück auf die Gegenseite. Sie duftete ganz anders. dessen schwarzes Wasser glatt und reglos lag wie ein dunkler Spiegel.und zurückschwang. daß auch diese Vollkommenheit anfing. Es bewegte sich mit majestätischer Langsamkeit dahin. und schwieg still. Und diese riesige Kuppel war aus reinstem Gold. Und es war ihr. die allerschönste zu sein schien. tauchte dort aus dem dunklen Wasser eine große Blütenknospe auf. Auch ihre Farben hatte Momo noch nie zuvor gesehen. Je näher das Pendel kam. Und dort. Sie schien aus nichts als leuchtenden Farben zu bestehen. und Momo versank ganz und gar in den Anblick und vergaß alles um sich her. Dann richtete er sich auf und trat zurück. Als das Pendel über der Mitte des schwarzen Teiches angekommen war. daß sie unter einer gewaltigen. in den unergründlichen Tiefen des schwarzen Teiches. Der Duft allein schien ihr wie etwas. die ihr so groß schien wie das ganze Himmelsgewölbe. vollkommen runden Kuppel stand. welches über dem schwarzen Spiegel hin. er blickte sie groß an und hatte den Finger an die Lippen gelegt. um so mehr wundervolle Einzelheiten entdeckte sie. aber schließlich setzte er Momo ab. Es schwebte und schien ohne Schwere zu sein. was es war. und eine neue Blume stieg aus den dunklen Wassern auf. Nach und nach erkannte Momo. daß es eine noch viel herrlichere Blüte war. aber es schien ihr. Dicht über dem Wasser funkelte etwas in der Lichtsäule wie ein heller Stern. durch die eine Säule von Licht senkrecht herniederfiel auf einen ebenso kreisrunden Teich. und je länger Momo sie betrachtete. bis sie schließlich voll erblüht auf dem Wasserspiegel lag. Hoch oben in der Mitte war eine kreisrunde Öffnung. daß jede neue Blume immer ganz anders war als alle vorherigen. Dies war die Blüte aller Blüten. gewahrte Momo zu ihrer Bestürzung. Aber es war nirgends aufgehängt. Auch auf der Gegenseite war das Pendel nun einen Schritt weiter gewandert. Allmählich begriff Momo. um sie aus der Nähe zu betrachten. Sie war ganz und gar anders als die vorhergehende Blüte. als sei diese hier noch viel reicher und kostbarer. ein einziges Wunder! Momo hätte am liebsten laut geweint. das sie Meister Hora gegeben hatte. . als ob etwas Unwiederbringliches für immer von ihr fortginge. Blatt für Blatt. Aber sie erinnerte sich an das Versprechen. daß es diese Farben überhaupt gab. Das Sternenpendel hielt eine Weile über der Blüte an. ohne zu wissen. wie Blüte um Blüte entstand und wieder verging. Es war eine Blüte von solcher Herrlichkeit. wie Momo noch nie zuvor eine gesehen hatte. hatte die herrliche Blüte sich vollkommen aufgelöst.Es war ein langer Weg. sondern es war um ein kleines Stück weitergewandert. langsam wieder zurück. Momo hatte nie geahnt. Als das Sternenpendel sich nun langsam immer mehr dem Rande des Teiches näherte. Ein Blatt nach dem anderen löste sich und versank in der dunklen Tiefe. Aber wieder kehrte das Sternenpendel um. Goldene Dämmerung umgab sie. Diese Blüte war nun die allerschönste. Momo empfand es so schmerzlich. begann abermals eine Knospe aufzusteigen und sich allmählich zu entfalten. Sein Gesicht war nahe vor dem ihren. und Momo erkannte ein ungeheures Pendel. Langsam. viel herrlicher. Das Kind ging um den Teich herum. sah Momo. als könne sie dieses Schauspiels niemals müde werden. Gleichzeitig aber begann auf der gegenüberliegenden Seite eine Knospe aus dem dunklen Wasser aufzusteigen. wie es Momo schien. die gerade blühte. Und als das Pendel sich dieser nun langsam näherte. Und während es sich ganz allmählich entfernte. wonach sie sich immer gesehnt hatte. und die Herrlichkeit verging und löste sich auf und versank. als sie sehen mußte. einen Schritt neben der ersten Stelle. aber es erreichte nun nicht mehr dieselbe Stelle wie vorher. daß die herrliche Blüte anfing zu verwelken. und daß ihr jeweils diejenige. desto weiter öffnete sie sich.

»das war nicht die Zeit aller Menschen. bettete er sie auf das zierliche Sofa. Aber dort hinkommen kann nur. Und plötzlich erkannte Momo sie wieder: Es war die Musik. Es war nur deine eigene Zeit. antwortete Meister Hora. das jede der Blüten in anderer. die ihre eigenen. Momo ahnte. »Was du gesehen und gehört hast. Und auf einmal begriff Momo.Momo begann sie nun auch zu hören ! Anfangs war es wie ein Rauschen.Aber nach und nach wurde sie gewahr. Momo«. Es waren Sonne und Mond und die Planeten und alle Sterne. etwas. »ich hab' nie gewußt. bis es dem eines Wasserfalls glich oder dem Donnern der Meereswogen gegen eine Felsenküste. Und Momo vernahm immer deutlicher. als ob Gold und Silber und alle anderen Metalle sangen. die sie manchmal leise und wie von fern gehörte hatte. Und mit gewöhnlichen Augen kann man ihn nicht sehen. sagte Meister Hora und strich ihr sanft über ihr struppiges Haar. Aber dann wurde das Brausen mächtiger. war nicht nur zu sehen . ihre wirklichen Namen offenbarten. Und in diesen Namen lag beschlossen. und es wurde dunkel und still und sie fühlte sich geborgen.« sie suchte nach dem richtigen Wort und konnte es nicht finden — »so groß ist«. das sie anblickte und zu ihr reckte ! Und es überkam sie etwas. er nahm sie auf den Arm. Wieder legten sich seine Hände schneeleise auf ihre Augen. In diesem Augenblick sah sie Meister Hora. In jedem Menschen gibt es diesen Ort. flüsterte Momo wieder. der ihr schweigend mit der Hand winkte. Er ging mit ihr den langen Gang zurück. und sie verbarg ihr Gesicht an seiner Brust. gleichsam dahinter. daß dieses Tosen aus unzähligen Klängen bestand. so wie von Wind. antwortete er.« »Aber wo war ich denn?« »In deinem eigenen Herzen«. Immer deutlicher wurden sie.« »Wie lang darf ich denn bei dir bleiben?« . wer sich von mir tragen läßt. das sie bisher nicht bemerkt hatte. Stimmen ganz anderer Art auf. . an dem du eben warst. Und dann tauchten. was sie tun und wie sie alle zusammenwirken. »darf ich meine Freunde auch zu dir bringen?« »Nein«. »Meister Hora«. den man fern in den Wipfeln der Bäume hört. flüsterte Momo. Stimmen aus undenkbaren Fernen und von unbeschreibbarer Mächtigkeit. daß hier immerwährend noch etwas anderes vorging. das größer war als Angst. Als sie wieder in dem kleinen Zimmer zwischen den Uhren waren. sagte sie schließlich. Sie stürzte auf ihn zu. »Meister Hora«. desto deutlicher konnte sie einzelne Stimmen unterscheiden. unausdenkbar großes Gesicht. . die sich untereinander ständig neu ordneten. die sie noch nie vernommen hatte und die sie doch verstand. Die Lichtsäule. sondern es klang. »das kann jetzt noch nicht sein. um jede einzelne dieser Stunden-Blumen entstehen und wieder vergehen zu lassen. Worte einer Sprache. so daß Momo nun nach und nach Worte hörte.Je länger sie zuhörte. Aber nun wurden die Klänge immer klarer und strahlender. jede in einmaliger und unwiederholbarer Gestalt aus den Tiefen des dunklen Wassers hervorrief und bildete. die aus der Mitte der Kuppel herniederstrahlte. Aber es waren keine menschlichen Stimmen. daß dieses klingende Licht es war. Es war Musik und war doch zugleich etwas ganz anderes. daß alle diese Worte an sie gerichtet waren ! Die ganze Welt bis hinaus zu den fernsten Sternen war ihr zugewandt wie ein einziges. daß die Zeit aller Menschen so . wenn sie unter dem funkelnden Sternenhimmel der Stille lauschte. sich wandelten und immerfort andere Harmonien bildeten.

So lang dauert es. Ich glaube. bis die Worte in dir gewachsen sein werden. wie ein Samenkorn. Kind. sagte Meister Hora und strich ihr über die Augen. »schlafe!« Und Momo holte tief und glücklich Atem und schlief ein. ehe es aufgehen kann. flüsterte Momo.« »Warten.»Bis es dich selbst zu deinen Freunden zurückzieht. das in der Erde schläft einen ganzen Sonnenkreis lang.« »Ich möchte ihnen aber davon erzählen. was die Sterne gesagt haben?« »Du darfst es.« »Aber darf ich ihnen erzählen. Willst du das?« »Ja«. Momo.« »Wenn du das wirklich willst.« »Warum nicht?« »Dazu müßten die Worte dafür in dir erst wachsen. »Dann schlafe«. dann würde alles wieder gut werden. Aber du wirst es nicht können. . allen! Ich möchte ihnen die Stimmen vorsingen können.«»Warten macht mir nichts aus. dann mußt du warten können. mein Kind.

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DRITTER TEIL: DIE STUNDEN-BLUMEN .

an den Saal mit den unzähligen Uhren. Worte. Momo fröstelte und zog sich ihre viel zu große Jacke enger um den Leib. daß sie die Melodien mitsummen konnte.DREIZEHNTES KAPITEL Dort ein Tag und hier ein Jahr Momo erwachte und schlug die Augen auf. an die Niemals-Gasse. Ganz deutlich erinnerte sie sich an alles. an jedes einzelne Wort ihrer Unterhaltung mit Meister Hora und an das Rätsel. Über dem östlichen Horizont dämmerte eben das erste Morgengrauen auf. Sie mußte sich eine Weile besinnen. die wirklich den Duft der Blüten und deren niegesehene Farben ausdrückten ! Die Stimmen in Momos Erinnerung waren es. die diese Worte sprachen -doch mit dieser Erinnerung selbst war etwas Wunderbares geschehen ! Momo fand in ihr nun nicht mehr nur das. so deutlich sogar. wo sie war. was sie erlebt hatte. Und während sie das tat. um die nie zuvor geschaute Farbenpracht der Blüten wieder vor sich zu sehen. War sie denn nicht vor wenigen Augenblicken noch im Nirgend-Haus bei Meister Hora gewesen? Wie kam sie denn so plötzlich hierher? Es war dunkel und kühl. an die nächtliche Wanderung durch die große Stadt hinter der Schildkröte her. an die Schokolade und die Honigbrötchen. Sie brauchte nur die Augen zu schließen. Es verwirrte sie. Mond und Sternen klangen ihr noch immer im Ohr. Aber vor allem erinnerte sie sich an das Erlebnis unter der goldenen Kuppel. an den Stadtteil mit dem seltsamen Licht und den blendend weißen Häusern. Und die Stimmen von Sonne. daß sie sich auf den grasbewachsenen Steinstufen des alten Amphitheaters wiederfand. was sie gesehen und . formten sich Worte in ihr.

Er erzählte wie immer. war die Antwort. kurz nach dem Tag. Kassiopeia? Warum bist du nicht bei Meister Hora geblieben. Gigi hatte natürlich nichts dagegen einzuwenden. murmelte Momo. die man nicht versäumen dürfe. aber indem Momo die Worte nachsprach. »Sonderbar«. »Warst du es«. «das war der Name ! Dann bist du's ja doch? Du bist Meister Horas Schildkröte. »Schade«. sondern mit mir gekommen?« » MEIN WUNSCH!« stand auf dem Rückenpanzer. Mit Gigi Fremdenführer hatten die grauen Herren es vergleichsweise leicht gehabt. sang sie immer lauter und beherzter die Melodien und die Worte mit. sagte Momo. nicht war?« »WER DENN SONST?« »Aber warum hast du mir denn zuerst nicht geantwortet?« »ICH FRÜHSTÜCKE«. daß etwas vor einem Jahr. ja sogar mitsingen zu können. daß ich auf einmal wieder hier bin?« »DEIN WUNSCH!« erschien als Antwort. Damit schien für die Schildkröte die Unterhaltung zunächst beendet. sondern mehr und immer noch mehr. Ich hab' ihn noch nie vorher gehört. sah sie unten auf dem runden Platz in der Mitte etwas krabbeln. und er sei eine Attraktion. um ihr unterbrochenes Frühstück fortzusetzen. Von geheimnisvollen und wunderbaren Dingen war da die Rede. Momo brauchte nur aufmerksam in sich hinein zu lauschen. Daraufhin kamen immer häufiger Leute zu dem alten Amphitheater. Momo seufzte enttäuscht. Es war eine Schildkröte. stand da. denn sie stapfte weiter. »Entschuldige!« erwiderte Momo. Außerdem wurde berichtet. Und bei jeder Blume erklangen neue Worte. murmelte sie. Keine Antwort erschien auf dem Rückenpanzer. geradewegs in die aufgehende Sonne hinein. um diese nachsprechen. als ob die Vögel und die Grillen und die Bäume und sogar die alten Steine diesmal ihr zuhörten. . die nicht aufhörte. »die mich heute nacht zu Meister Hora geführt hat?« Wieder keine Antwort. sagte Momo. wo und wann man ihn treffen könne. »Der letzte wirkliche Geschichtenerzähler«. ein längerer Artikel über Gigi in der Zeitung erschien. was ihm gerade einfiel und ging anschließend mit seiner Mütze herum.« »BITTE«. Es hatte damit begonnen. Momo entzifferte es entzückt. Momo setzte sich auf die steinernen Stufen und freute sich auf Beppo. schwarzen Augen und fraß dann geruhsam weiter. Und es schien ihr. Schildkröte«. Und obwohl sie ganz allein war und kein Mensch ihr zuhörte. aber lang und seltsam. Es war ein schöner Name. musterte das Kind mit ihren uralten. die da ganz gemächlich nach eßbaren Kräutern suchte! Rasch kletterte Momo zu ihr hinunter und hockte sich neben sie auf den Boden. »daran kann ich mich gar nicht erinnern. Ich möchte nur gern wissen. Das also hatte Meister Hora gemeint. als er gesagt hatte. Sie lauschte wieder auf die Musik. Bald wurde er von einem Reiseunternehmen angestellt. . »Guten Morgen. Sie konnte nicht wissen. Wie aus einem unerschöpflichen Zauberbrunnen stiegen tausend Bilder von Stunden-Blumen auf. »also bist du nur eine gewöhnliche Schildkröte und nicht die . die jedesmal voller von Münzen und Geldscheinen war. konnte sie deren Bedeutung verstehen. fragte Momo. ich hab' den Namen vergessen. war auf dem Panzer zu lesen. »Ja !« rief sie und klatschte in die Hände. die Gigi sehen und hören wollten. ach. wie es kommt. Gigi und die Kinder. daß sie für lange Zeit keine anderen Zuhörer mehr finden würde. Die Reisenden wurden in Autobussen . Sie konnte nicht wissen. »Vielen Dank«. »Ich wollte dich ja nicht stören. ihn selbst als Sehenswürdigkeit zu präsentieren. in ihrem Inneren zu klingen. »das ist lieb von dir. das ihm zusätzlich noch eine feste Summe bezahlte für das Recht.gehört hatte. an dem Momo plötzlich spurlos verschwunden war. die Worte müßten erst in ihr wachsen ! Oder war am Ende alles nur ein Traum gewesen ? War das alles gar nicht wirklich geschehen? Aber während Momo noch überlegte. Und du. Die Schildkröte hob nur kurz den Kopf.« »KASSIOPEIA!« stand plötzlich in schwach leuchtenden Buchstaben auf dem Panzer der Schildkröte. daß sie ganz vergeblich auf ihre Freunde wartete. daß sie sehr lange fort gewesen war und daß die Welt sich inzwischen verändert hatte.

sondern Girolamo. das er nicht hätte tun dürfen: Er erzählte eine der Geschichten. das mitten in einem gepflegten Park lag. Und als auch das nicht mehr genügte. in denen er sich nach seinen alten Freunden sehnte. »Laß das sein!« sprach die Stimme. Daran hielt Gigi sich fest wie ein Ertrinkender an einer Holzplanke. denen er seine Geschichten diktierte. die dafür bezahlt hatten. ihn zu hören. so sagte er sich. In seiner Angst. Schon damals begann Momo ihm sehr zu fehlen. horchte und erstarrte vor Entsetzen. Er begann haushälterisch mit seinen Einfallen umzugehen. Er hob ab. Sie wurde ebenso hastig verschlungen wie alle anderen und war sofort wieder vergessen. wenn er in seinem Bett mit der seidenen Steppdecke lag.Von dem alten Gigi war nur noch wenig übriggeblieben. Er hatte eine großes modernes Haus gemietet. saß er bereits an seinem großen Schreibtisch. beim alten Amphitheater aufzutreten und mit der Mütze herumzugehen. Und als er die letzte erzählt hatte. Aber dorthin führte kein Weg zurück.herbeigeschafft und schon nach kurzer Zeit mußte Gigi einen regelrechten Stundenplan einhalten. wovon er immer geträumt hatte? Aber manchmal des Nachts. hintereinanderweg alle Geschichten preisgab. und war es nicht das gewesen. Denn nun war er doch reich und berühmt -. Er hatte gar keine Zeit mehr dazu. begann er alle seine Geschichten noch einmal zu erzählen. dort wo alle reichen und berühmten Leute wohnten. Und als die Morgendämmerung kam. konnte den Menschen die Wahrheit sagen ! Er wollte ihnen von den grauen Herren erzählen ! Und er wollte dazu sagen. Der Rundfunk holte ihn und wenig später sogar das Fernsehen. daß er. daß er leer und ausgehöhlt war und nichts mehr erfinden konnte. Aber ein Termin für die Suche nach Momo ließ sich niemals mehr einschieben. obgleich er sich noch immer standhaft weigerte. wie früher immer neue Geschichten zu erfinden. um der immer noch zunehmenden Nachfrage gerecht zu werden. Dort erzählte er nun dreimal wöchentlich vor Millionen von Zuhörern seine Geschichten. Er war doch nun jemand. ihm bei der Suche nach Momo zu helfen. der Erfolg könne ihn wieder verlassen. Diesen Entschluß hatte er in einer jener Nächte gefaßt. die Reklame für ihn machten und seine Termine regelten. Gelegenheit fanden. . die Momo ganz allein gehörte. Eine seltsam tonlose. nur mit neuen Namen und ein bißchen verändert. Anfangs hatte Gigi einige ernstliche Versuche gemacht. später war ihm dazu keine Zeit mehr geblieben. fühlte er plötzlich. Man forderte weitere Geschichten von ihm. denn seine Geschichten hatten keine Flügel mehr. sich auf sich selbst zu besinnen. schrillte das Telefon. tat er eines Tages etwas. Jedenfalls beeinträchtigte es die Nachfrage nicht. wo er mit Momo und dem alten Beppo und den Kindern hatte Zusammensein können und wo er wirklich noch zu erzählen verstanden hatte. sondern in einem ganz anderen Stadtteil. sehnte er sich zurück nach dem anderen Leben. Er nannte sich auch nicht mehr Gigi. Natürlich hatte er längst aufgehört. und er verdiente eine Menge Geld.« »Wer ist da?« fragte Gigi. denn Momo war und blieb verschwunden. und er fühlte gleichzeitig eine Kälte in sich aufsteigen. Gigi war so benommen von diesem Tempo. die gleiche Geschichte zweimal zu erzählen. Aber eines Tages raffte er dieses wenige zusammen und beschloß. die für ihn Verträge abschlössen. ohne sich zu besinnen. dessen Stimme Gewicht hatte und auf den Millionen hörten. selbst als ihm das doppelte Geld dafür geboten wurde. Wer. die nur für Momo bestimmt gewesen waren. Nach wenigen Monaten hatte er es nicht mehr nötig. damit auch wirklich alle. sie wiederzufinden. daß dies keine erfundene Geschichte sei und daß er alle seine Zuhörer bitte. Aus einem einzigen machte er jetzt manchmal fünf verschiedene Geschichten. um sich Notizen zu seinem Plan zu machen. wenn nicht er. Doch ehe er noch das erste Wort niedergeschrieben hatte. daß niemand es zu bemerken schien. »Wir raten es dir im Guten. sozusagen aschengraue Stimme sprach zu ihm. Inzwischen wohnte er auch nicht mehr in der Nähe des alten Amphitheaters. Und das Erstaunliche war. Er hatte nun drei tüchtige Sekretärinnen. die aus dem Mark seiner Knochen zu kommen schien.

»Wir brauchen uns wohl nicht vorzustellen. armer Gigi.« Die Stimme lachte tonlos. daß dein schöner Erfolg genau so schnell vorbei sein wird. Früher warst du Prinz Girolamo in der Maske des armen Schluckers Gigi. aber er fühlte sich dabei wie ein Betrüger.« »Das ist nicht wahr!« stammelte Gigi. Aber nun log er ! Er machte sich zum Hanswurst.Aber wenn du uns Ärger machst. flüsterte Gigi und starrte vor sich hin. wem er das alles verdankte. wenn dir so viel daran liegt. »du bist und bleibst ein Phantast. Ich bin jetzt ein großer Mann. Er fiel vornüber auf die Platte seines großen Schreibtisches und verbarg das Gesicht in seinen Armen. siehst du! Also . Das einzige. Er gab seinen Plan auf und machte weiter wie bisher. wie er gekommen ist. Darum laß es sein!« »Was habt ihr mit Momo gemacht?« flüsterte Gigi. ob ihr es mit mir aufnehmen könnt. Ich bin nicht mehr der kleine. Wir haben dich aufgeblasen .« »Ich gebe dir einen guten Rat: Nimm dich selbst nicht so ernst. Er begann seine Tätigkeit zu hassen. und Gigi begannen plötzlich die Zähne aufeinanderzuschlagen. Und was bist du nun ? Der arme Schlucker Gigi in der Maske des Prinzen Girolamo. du wüßtest das nicht!« »Was wollt ihr von mir?« »Was du dir da vorgenommen hast. und er wußte es. Oder glaubst du im Ernst. sagte die Stimme. dich auf die Wahrheit zu berufen. Sei brav und laß es bleiben. was sie von dir hören wollen!« »Wie soll ich das machen?« brachte Gigi mit Anstrengung hervor.laß uns aus dem Spiel. ja? Erzähle den Leuten lieber weiterhin das. ist. Früher hatte ihn seine Phantasie ihre schwebenden Wege geführt und er war ihr unbekümmert gefolgt. Und das war er ja auch.schon gar nicht. Er hatte alles verloren. »Na. sagte die Stimme. »Nein«. Sag nur. was du jetzt bist?« »Ja. Wir wollen dich nicht abhalten. im Gegenteil. die dir alle deine Träume erfüllt haben. dann lassen wir die Luft wieder aus dir heraus.. Für die Wahrheit bist du nicht zuständig. Natürlich mußt du das selbst entscheiden. man nannte es einen neuen Stil. unbekannte Gigi Fremdenführer. Er hatte nichts gewonnen. den Helden zu spielen und dich zu ruinieren. Ist es denn nicht viel angenehmer. Berühmt bist du mit unserer Hilfe für deine Flunkereien. und auch Gigi hängte ein. erwiderte Gigi heiser. Ein lautloses Schluchzen schüttelte ihn. zum Hampelmann seines Publikums. und viele versuchten ihn nachzuahmen. »Armer kleiner Gigi«. kannst du doch sehr schön weitermachen wie bisher!« »Ja«. was du damit erreichen wirst. . das glaube ich«. antwortete Gigi mit erstickter Stimme. ja?« Gigi nahm all seinen Mut zusammen. Wir werden ja sehen. »Jetzt. Trotzdem. Er wußte ja nun. Ach nein. Aber Gigi hatte keine Freude daran. »Darüber zerbrich dir nicht deinen niedlichen Wirrkopf ! Ihr kannst du nicht mehr helfen . indem du nun diese Geschichte über uns erzählst. du solltest uns dankbar sein. »so betrachtet. »ausgerechnet du willst uns mit der Wahrheit kommen? Du hattest doch früher immer so viele schöne Sprüche von wegen wahr und nicht wahr. aber du gehörst uns schon längst mit Haut und Haar.» Dann klickte es im Hörer. Von diesem Tag an hatte Gigi alle Selbstachtung verloren. Und so wurden seine Geschichten immer alberner oder rührseliger. »Das ist Lüge!« »Du liebe Zeit!« antwortete die Stimme und lachte wieder tonlos. reich und berühmt zu sein?« »Doch«. es wird dir nicht gut bekommen. das gefallt uns nicht.»Das weißt du ganz gut«. So betrachtet. daß du es dir und deinem unbedeutenden Talent zu verdanken hast. »ich lasse es nicht bleiben. wenn du versuchst. Du bist eine Gummipuppe. Aber du kannst nicht von uns erwarten. daß wir weiterhin unsere schützende Hand über dich halten. sagte er. denn schließlich waren wir es doch. Du hast zwar bisher noch nicht persönlich das Vergnügen mit uns gehabt. wenn du so undankbar bist. antwortete die Stimme. Es kommt wirklich nicht auf dich an. »Du bist niemand«. »Wir haben dich gemacht. Aber das tat seinem Erfolg nicht etwa Abbruch. Er wurde große Mode.. wo ich das alles weiß.

antwortete Beppo. »Wissen Sie. saß er. »Und wie weiter?« . das heißt ja!« sagte der Polizist ärgerlich. ja.»erstaunlich fruchtbar«. »Also so geht das nicht. Ich will Ihnen ja helfen. Aber erst muß man sie jetzt finden. Der Polizist begann alles aufzuschreiben. ehe er hervorbrachte: »Es muß da nämlich etwas Schreckliches geschehen sein. der immer noch weiterschrieb. ein langes und schwieriges Formular auszufüllen. er flog mit den schnellsten Flugzeugen und er diktierte unaufhörlich. So war aus dem Träumer Gigi der Lügner Girolamo geworden. in der Momo verschwunden war. wie Sie selbst heißen. dann faßte er sich ein Herz und ging hinein. antwortete Beppo. der gerade damit beschäftigt war. Vielleicht kann ich auch dafür sorgen. »Sie wünschen?« fragte der Polizist. Nach jener Nacht. Nun sagen Sie mir erst mal. »worum handelt es sich denn?« »Es handelt sich«. Und als er es schließlich nicht mehr aushaken konnte. Aber da wohnt sie ja nun nicht mehr. Sie ist weg. »um unsere Momo. Er war-wie in allen Zeitungen stand. . als daß die Grauen sie gefangenhalten. Eine Weile stand er noch vor der Tür herum und drehte seinen Hut in den Händen. Seine Sorge und Unruhe wuchs von Tag zu Tag.« »Ein Kind?« »Ja. den Sekretärinnen seine alten Geschichten im neuen Gewand. sagte der Polizist. beschloß er trotz aller berechtigten Einwände. erwiderte Beppo. aber der Vater bin ich nicht. im alten Amphitheater und wartete. »das heißt. sagte Beppo verwirrt. .. Beppo brauchte eine Weile. mit dem alten Beppo Straßenkehrer fertig zu werden. wann immer seine Arbeit es ihm erlaubte. ein kleines Mädchen. sagte er sich. dann wohnte bis jetzt in der Ruine da draußen ein vagabundierendes kleines Mädchen namens . Der Polizist kratzte sich unter dem Kinn und blickte Beppo bekümmert an. »das heißt. bei uns. daß sie gar nicht erst 'reinkommt. stellte der Polizist seufzend fest.« »Ist es Ihr Kind?«»Nein«. Falls sie überhaupt noch am Leben ist. wie sagten Sie?« »Momo«. ». »Immer noch besser«. mein Guter.« »Augenblick mal«.« »Beppo«. Momo und wie weiter? Den ganzen Namen.« »So?« fragte der Polizist. zur Polizei zu gehen.Aber er raste weiter mit dem Auto von Termin zu Termin. »wenn ich richtig verstehe.. wo er ging und stand. Aus so einem Heim ist sie schon mal ausgerissen und kann es wieder tun. die Gigi vorgebracht hatte. »Na. im alten Ampitheater. namens Momo. antwortete Beppo. sagte Beppo. »sie stecken Momo wieder in solch ein Heim mit Gittern vor den Fenstern.« »Also nicht gemeldet«. »Wo ist das Kind denn gemeldet?« »Gemeldet?« fragte Beppo. sagte Beppo.« »Nein. ich denke. bitte!« »Momo und nichts weiter«. Wir kennen es alle. daß so was verboten ist? Wo kämen wir denn da hin! Bei wem wohnt das Kind?« »Bei sich«.« Er ging also zur nächsten Polizeiwache. »Wessen Kind ist es denn? Wer sind seine Eltern?« »Das weiß niemand«. aber so kann man keine Anzeige aufsetzen. die am Stadtrand lag. Viel schwerer war es den grauen Herren geworden.

Der Polizist ließ den Federhalter sinken und vergrub sein Gesicht in den Händen. ich bin am Rande meiner Kräfte und meiner Nerven-. »Ich habe zwar überhaupt keine Zeit. lächelte dem alten Mann aufmunternd zu und sagte mit der Sanftheit eines Krankenpflegers: »Die Personalien können wir ja später aufnehmen. »Und in derselben Nacht«.Der Polizist beugte sich vor und rief barsch: »Hauchen Sie mich mal an!« Beppo verstand diese Aufforderung nicht. was Sie auf dem Herzen haben.« »Warum erzählen Sie mir dann diesen ganzen Unsinn?« fragte der Polizist. »Warum muß gerade ich jetzt Dienst haben.« Der Polizist blickte ihn lange und gramerfüllt an. nicht den Beruf!« »Es ist beides«. wer weiß wohin entführt worden. »da war einmal ein höchst unwahrscheinliches. hauchte aber dann gehorsam dem Polizisten ins Gesicht. murmelte Beppo eingeschüchtert. Und darum soll sich nun die Polizei kümmern?« »Ja. Aber auch das ist nicht sicher. kleines Mädchen.« »Nein«. Die Szenen. schloß er. unterschieden sich kaum von der ersten. der gerade auf dem Rost gebraten wird.« »Alles?« fragte Beppo zweifelnd. »Gott im Himmel !« murmelte er verzweifelt. »Betrunken sind Sie offenbar nicht. antwortete Beppo arglos. um ihn los zu werden . »ist Momo verschwunden. Beppo drehte sich um und ging hinaus. aber lassen Sie sich ruhig Zeit und erzählen Sie. dessen Existenz man nicht beweisen kann. »ich hab' es anders gemeint. . die ganze Geschichte zu erzählen. er zuckte die Schultern.« Er lehnte sich zurück und schloß die Augen mit dem Ausdruck eines Märtyrers. bitte!« sagte Beppo. ich muß bis Mittag diesen ganzen Berg von Formularen da ausgefüllt haben. sagte er schließlich. »Alles. man schickte ihn freundlich nach Hause. Und der alte Beppo begann. Er sprang von seinem Stuhl auf und hieb mit der Faust auf das lange und schwierige Formular. Jetzt erzählen Sie erst mal der Reihe nach. straffte seine Schultern. daß sie auf solche Ammenmärchen hereinfällt?« »Ja«. was eigentlich war und wie alles gekommen ist. Jetzt riß dem Polizisten endgültig der Geduldsfaden. rot vor Verlegenheit. oder man vertröstete ihn. Man warf ihn hinaus. . murmelte Beppo. . »Mit anderen Worten«. »Verschwinden Sie auf der Stelle. auf seine wunderliche und umständliche Art. Der schnüffelte und schüttelte den Kopf. »Jetzt reicht es mir aber!« schrie er mit rotem Kopf. angefangen von Momos Auftauchen und ihrer besonderen Eigenschaft. die sich dort abspielten.« »'raus!« brüllte der Polizist. die es ja bekanntlich nicht gibt. »bin ich noch nie gewesen.« »Den Namen will ich wissen. was zur Sache gehört«. und das ist von so einer Art Gespenster. antwortete der Polizist. Ich wollte sagen . sonst sperre ich Sie wegen Amtsbeleidigung ein!« »Verzeihung«.»Beppo Straßenkehrer. bis zu den grauen Herren auf der Müllhalde. erklärte Beppo geduldig. die er selbst belauscht hatte. »Halten Sie die Polizei denn für so blöd. « Dann richtete er sich auf. Während der nächsten Tage tauchte er in verschiedenen anderen Polizeistationen auf.

wann er denn nun hinausdürfe. Erst entdeckte er nur das rote Leuchtpünktchen einer glimmenden Zigarre. daß sie ihm wirklich glaubten. das Gitter vor den Fenstern hatte. Der Professor und die Krankenpfleger waren freundlich zu ihm. daß Sie im Laufe der nächsten Tage hier entlassen werden. Wenn Sie damit einverstanden sind. daß es einer der grauen Herren war. Sie müssen das verstehen. die seine Rede auf den alten Beppo hatte. Überlegen Sie sich also in Zukunft. hieß es: »Bald. aber angenehm ist es uns trotzdem nicht. machen Sie dem armen Kind seine Lage nicht gerade angenehmer. daß man sie je bei uns finden kann. diese Zeit einzusparen. sie lachten ihn nicht aus und schimpften nicht mit ihm. Außerdem fordern wir von Ihnen. aber dann erkannte er den runden steifen Hut und die Aktentasche. sondern ein Krankenhaus für Nervenleiden. wie weit unsere Macht bereits reicht. die die Gestalt im Dunkeln trug. Hören Sie mir zu und antworten Sie mir erst. Wie. Es hängt ganz von Ihnen ab. sagte der graue Herr zufrieden. wo noch viele andere Patienten schliefen. daß Sie diese Geschichte über uns jedem auf die Nase binden. ob Sie noch mehr davon kennenlernen werden. die Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen. daß Sie nie wieder ein Wort über uns und unsere Tätigkeit verlieren. »mache ich Ihnen folgendes Angebot : Wir geben Ihnen das Kind zurück unter der Bedingung. Obgleich sie ihm nie widersprachen. Eines Nachts wachte er auf und sah im schwachen Licht der Notbeleuchtung. Man wird feststellen müssen. Übrigens haben Sie natürlich völlig recht mit der Annahme.« . Also?« Beppo schluckte zweimal und krächzte dann: »Einverstanden. Jedesmal wenn er fragte. »also denken Sie daran: Völliges Stillschweigen und hunderttausend Stunden. Ihnen ein Angebot zu machen. aber im Augenblick brauchen wir Sie noch. Er begriff. dann sagte er kalt: »Dieser alte Mann ist verrückt. Sie können uns zwar nicht im geringsten damit schaden. Machen Sie's gut. Sobald wir die haben. fuhr der graue Herr fort. aber wir kommen voran. faßte sich in Geduld. Wir machen dieses großzügige Angebot nur dies eine Mal.Aber einmal geriet Beppo an einen höheren Beamten. Das wird niemals geschehen. der glaubte. wie wir in den Besitz dieser Zeit kommen werden. Sie haben lediglich die Aufgabe. Aber geben Sie die Hoffnung auf. Er wurde nicht recht schlau aus ihnen. aber gehen ließen sie ihn auch nicht. die Summe von hunderttausend Stunden eingesparter Zeit. was sie tun und sagen. Für jeden Ihrer Versuche. daß jemand neben seinem Bett stand. Er ließ sich unbewegten Gesichts die ganze Geschichte erzählen. sie zu befreien. Wenn nicht. »ich habe den Auftrag. das ist Ihre Sache. Hier wurde er gründlich untersucht. Aber es war kein Gefängnis oder dergleichen. Sie fuhren mit ihm quer durch die Stadt zu einem großen.« »Sehr vernünftig«. sozusagen als Lösegeld. ihm wurde kalt bis ins Herz hinein und er wollte um Hilfe rufen. »Still!« sagte die aschenfarbene Stimme im Dunkeln. das ist unsere Sache. wie Beppo zuerst dachte. Man hatte ihm ein Bett in einem großen Schlafsaal angewiesen. mein Bester.« Der graue Herr blies einige Rauchringe und beobachtete mit Genugtuung die Wirkung. Denn der glaubte jedes Wort.« Und Beppo. sie schienen sich sogar sehr für seine Geschichte zu interessieren. denn er mußte sie ihnen immer und immer wieder erzählen. mein Bester. Überlegen sie sich's. bekommen Sie die kleine Momo wieder. »Um mich so kurz wie möglich zu fassen. dann wurde er von zwei Polizisten in ein Auto verfrachtet. daß Ihre kleine Freundin Momo von uns gefangen gehalten wird. Bringt ihn in die Arrestzelle!« In der Zelle mußte Beppo einen halben Tag warten. denn auch meine Zeit ist kostbar«. dann werden wir dafür sorgen. dann bleiben Sie eben für immer hier. wenn ich Sie dazu auffordere ! Sie haben ja nun ein wenig sehen können. Machen Sie sich keine Sorgen darüber. der weniger Sinn für Humor hatte als seine Kollegen. ob er gemeingefährlich ist. hatte Beppo auch nie das Gefühl. Und durch Ihre Bemühungen. weißen Gebäude. es handle sich um Untersuchungen nach dem Verbleib der kleinen Momo. und Momo bleibt für immer bei uns. muß sie büßen.

Die Rauchfahne. schaute den Frager ängstlich und voll Trauer an und legte den Finger an die Lippen. Nur wenn ihn manchmal jemand fragte. um sie von Momo loszureißen. warum er sie früher erzählt habe.Und es kam der Frühling und wieder der Sommer. Momo gehörte zu ihnen und war ihr heimlicher Mittelpunkt. Plötzlich erinnerten sich nämlich einige Leute an die Umzüge. Er kehrte durch Wochen und durch Monate. Sie hatten weiterhin ihre Pläne geschmiedet und einander Geschichten erzählt. hatten die Kinder sich dennoch. versteht sich. Und es hatte sich erstaunlicherweise gezeigt. Wenn die Erschöpfung ihn übermannte. die es doch taten. . als sei Momo noch mitten unter ihnen. Und dieser Umweg waren die Erwachsenen. ging damit in die große Stadt und fing an zu kehren. Dagegen hatten die grauen Herren nicht ankommen können. Ebenso hastig würgte er zwischendurch rasch einmal irgend etwas zu essen hinunter. Sie hatten immer neue Spiele erfunden. daß Momo wiederkommen würde. was er tat. Er holte seinen Besen. Aber es ging ja um Momo. als sich selbst so untreu zu werden. und es kam der Winter. die ja über die Kinder zu bestimmen hatten. Aber nun kehrte er nicht mehr wie früher. Zu seiner Hütte bei dem Amphitheater ging er nicht mehr zurück. welche die grauen Herren gegen sie verwendeten. und das waren leider gar nicht wenige. daß er damit seine tiefste Überzeugung. sooft es nur ging. Wenn sie die Kinder nicht unmittelbar unter ihren Einfluß bringen konnten. Und die wenigen. im alten Amphitheater versammelt. Nicht alle Erwachsenen. wenn er keuchend an ihnen vorüberhastete und den Besen schwang. um auf den kleinen alten Mann zu achten. sein ganzes bisheriges Leben verleugnete und verriet. ob sie nun da war oder nicht. als gelte es sein Leben. die Kinder unter Momos Freunden nach ihren Plänen zu lenken.Damit verließ der graue Herr den Schlafsaal. und das machte ihn krank vor Widerwillen gegen das. kurzum. Die schwierigste Aufgabe stellte es für die grauen Herren dar. Nachdem Momo verschwunden war. Aber daß man ihn für närrisch hielt. Wäre es nur um ihn gegangen. als sei sie tatsächlich noch da. Beppo kehrte. Die stillschweigende Gewißheit verband die Kinder miteinander. tippten sich hinter seinem Rücken an die Stirn. er kehrte und kehrte. Wenige Tage später schon schickte man ihn nach Hause. Aber Beppo ging nicht nach Hause. Und wenn man ihn fragte. um darin fabelhafte Weltreisen zu unternehmen oder um daraus Burgen und Schlösser zu errichten. die sich als Helfershelfer eigneten. bei jedem Schritt einen Atemzug und bei jedem Atemzug einen Besenstrich. Von dieser Nacht an erzählte Beppo seine Geschichte nicht mehr. dann zuckte er nur traurig die Schultern. Darüber war zwar niemals gesprochen worden. Es kam der Herbst. Obendrein waren es nun die eigenen Waffen der Kinder. aber diejenigen. er wäre lieber verhungert. setzte er sich auf eine Anlagenbank oder auch einfach auf den Rinnstein und schlief ein wenig. wo er und seine Kollegen immer ihre Besen und Karren in Empfang nahmen. ja. um die hunderttausend Stunden Lösegeld zu ersparen. Mit peinigender Deutlichkeit wußte er. Dann fuhr er nach kurzem wieder auf und kehrte weiter. schien in der Dunkelheit matt zu leuchten wie ein Irrlicht. aber das war auch gar nicht nötig. war ja nichts Neues für Beppo. Außerdem hatten diese Kinder keinen Augenblick daran gezweifelt. Die Leute in der großen Stadt hatten keine Zeit. die hinter ihm zurückblieb. sie hatten einfach so getan. an die Plakate und Inschriften der Kinder. daß es dadurch fast so war. die er freikaufen mußte. Beppo bemerkte es kaum. ganz gleich. ohne jemals nach Hause zu gehen. ein paar alte Kisten und Schachteln genügten ihnen. sondern geradewegs zu jenem großen Haus mit dem Hof. sondern jetzt tat er es hastig und ohne Liebe zur Sache und nur um Stunden einzubringen. und er beachtete es kaum. und dies war die einzige Art Zeit zu sparen. dann mußten sie es eben über einen Umweg zuwege bringen. warum er es denn so eilig habe. die er kannte. dann unterbrach er seine Arbeit für einen Augenblick. Er kehrte bei Tag und bei Nacht.

gelangweilt und feindselig taten sie.« »Es geht nicht an«. bei denen sie irgend etwas Nützliches lernten. das sie über die große Stadt gewebt hatten. sich zu begeistern und zu träumen. je nach der Gegend. Und da schon sehr viele Zeit-Sparer in der großen Stadt waren. Das einzige. wo alle Kinder. Endlich stand Momo auf. erklärten wieder andere. daß Kinder auf den Straßen oder in den Grünanlagen oder sonstwo spielten.« »Kinder ohne Aufsicht«. Selbst den schlausten Kindern gelang es nicht. war Lärm machen aber es war natürlich kein fröhlicher Lärm. daß sie sich hier selbst Spiele einfallen lassen durften. kostet immer mehr Geld. abgeliefert werden mußten und je nach Möglichkeit wieder abgeholt werden konnten. das man anderweitig vernünftiger ausgeben könnte. Und wenn sie doch einmal sich selbst überlassen blieben. denn niemand hatte daran gedacht. Wurde ein Kind doch einmal dabei erwischt. Die Spiele wurden ihnen von Aufsichtspersonen vorgeschrieben. Niemand. etwas für die vielen vernachlässigten Kinder zu tun. und es waren nur solche. Auch Momos Freunde entgingen dieser neuen Regelung nicht. Sie war hungrig. wo sie zu nützlichen und leistungsfähigen Mitgliedern der Gesellschaft erzogen werden. um alle diese Maschinen zu bedienen. Aber anstatt unsere Kinder auf diese Welt von morgen vorzubereiten. Etwas anderes verlernten sie freilich dabei. durch die Maschen zu schlüpfen. sondern ein wütender und böser. was sie hätten tun können. Die Schatten wuchsen. um die sich niemand kümmern konnte. Die Stadtverwaltung muß dafür sorgen. was man von ihnen verlangte. Es wurde strengstens verboten. Den Eltern ist kein Vorwurf zu machen. gelang es ihnen in ziemlich kurzer Zeit. und es wurde kalt. lassen wir es noch immer zu. Und die Eltern mußten mit einer gehörigen Strafe rechnen. die durch Kinder auf den Straßen verursacht werden. Nach und nach bekamen die Kinder Gesichter wie kleine Zeit-Sparer. »verwahrlosen moralisch und werden zu Verbrechern. »denn es geht nicht an. was sie nach all dem noch konnten. »daß der reibungslose Ablauf des Straßenverkehrs durch herumlungernde Kinder gefährdet wird. Davon.« Und abermals andere meinten : »Kinder sind das Menschenmaterial der Zukunft. Daraufhin wurden in allen Stadtvierteln sogenannte »Kinder-Depots« gegründet. Der Plan der grauen Herren war ausgeführt. Den ganzen Tag seit ihrer Rückkehr hatte sie so gesessen und gewartet. Die Zukunft wird eine Zeit der Düsenmaschinen und der Elektrogehirne. der es in das nächste Kinder-Depot brachte. denn das moderne Leben läßt ihnen eben keine Zeit. Sie wurden voneinander getrennt. und wurden in verschiedene Kinder-Depots gesteckt. aus der sie kamen. Aber niemand war gekommen. hieß es. Ein Heer von Spezialisten und Facharbeitern wird notwendig sein. daß alle diese Kinder erfaßt werden. so war sofort jemand da. Das war noch nie geschehen. Es ist eine Schande für unsere Zivilisation und ein Verbrechen an der künftigen Menschheit!« Das alles leuchtete den Zeit-Sparern ungemein ein. daß immer mehr und mehr Kinder allein sind und vernachlässigt werden. Verdrossen. Aber die grauen Herren selbst kamen zu keinem der Kinder. sich genügend mit ihren Kindern zu beschäftigen. und das war: sich zu freuen. sagten andere. war natürlich keine Rede mehr. Aber die Stadtverwaltung muß sich darum kümmern. dann fiel ihnen nichts mehr ein. Die Zunahme von Unfällen. Man muß Anstalten schaffen.unzerreißbar. die Stadtverwaltung von der Notwendigkeit zu überzeugen. Selbst Gigi und Beppo mußten sie heute . war nun dicht und — wie es schien . Die Sonne senkte sich dem westlichen Horizont zu. Und nun saß Momo also auf den steinernen Stufen und wartete auf ihre Freunde. Das waren große Häuser. daß viele von ihnen Jahre ihrer kostbaren Zeit mit nutzlosen Spielen verplempern. Alles war für Momos Rückkehr vorbereitet. ihr etwas zu essen zu bringen.»Wir müssen etwas unternehmen«. Von da an hatte das alte Amphitheater leer und verlassen dagelegen. Das Netz.

Momo erinnerte sich. »Aber Beppo und Gigi«. »Entschuldige bitte«. schön und deutlich zu . daß alles noch so war. ehe sie diese Antwort begriffen hatte. »Was meinst du damit?« fragte sie schließlich bang. (Beppo hatte das Zimmer damals wieder aufgeräumt. . Im Licht der untergehenden Sonne sah Momo. Falls du zurückkommst. »JAHR UND TAG. Aber sicher. stand darauf. »es tut mir leid.« Sie nahm die Schildkröte hoch und trug sie durch das Einstiegsloch in der Mauer in ihren Raum hinunter. soviel du willst. was sie bedeuten sollten. Ihr Herz wurde schwer wie nie zuvor. Hoffentlich ist dir nichts passiert. dachte Momo. »du bist bei mir. sagte Momo. stammelte sie schließlich. verstand aber nicht.« Sie hätte gern geweint. »Ja«. Kassiopeia. »die beiden warten doch bestimmt noch auf mich!« » NIEMAND MEHR DA«. »Nein«.« Zum ersten Mal in ihrem Leben empfand Momo mit voller Gewalt.alles. Kassiopeia. »Es kann doch nicht einfach alles weg sein . sagte sie leise. Nach einer Weile fühlte sie. melde dich bitte gleich bei mir.vergessen haben. hörst du? Alles Weitere sagt dir dann Nino. wir wollen schlafen gehen. Sie schüttelte den Kopf. Du irrst dich bestimmt. Ich mache mir große Sorgen um dich. wie sie es verlassen hatte.» Und langsam erschien auf Kassiopeias Rücken das Wort: »VERGANGEN. »Was ist denn mit meinen Freunden?« »ALLE FORT«.«»NIE MEHR«.« Momo las sie. Behalte mich lieb ! Ich behalte dich auch lieb ! Immer dein Gigi« Es dauerte lang. sie müsse einen Sonnenkreis hindurch schlafen wie ein Samenkorn in der Erde. sagte Momo und lächelte tapfer. »ICH BIN BEI DIR!« stand auf ihrem Panzer. Also iß nur. »An Momo«. Gestern waren sie ja noch alle da zur großen Versammlung. Du fehlst mir sehr.. las Sie. murmelte sie fassungslos. war die Antwort. stand auf dem Panzer. Sie nahm ihn in die Hand und betrachtete ihn von allen Seiten. war das Ganze nur ein Versehen. »Naja«. Auf dem Tischchen aus Kistenbrettern lehnte an einer Blechbüchse ein Brief. »das kann nicht sein. lautete Kassiopeias Antwort. aus der nichts geworden ist. ich bezahle alles. »morgen wird sich's schon herausstellen. Die Schildkröte schob ihren Kopf hervor und blickte Momo an. dann geh bitte zu Nino. daß Meister Hora gesagt hatte. Sie stieg zur Schildkröte hinunter. was dieses Wort bedeutet. Momo hockte sich neben sie und klopfte mit dem Fingerknöchel schüchtern auf den Rückenpanzer. »Wie lang?« fragte sie flüsternd. Sie hatte noch nie einen Brief bekommen. irgendein dummer Zufall. warum heute den ganzen Tag kein einziger von meinen Freunden gekommen ist?« Auf dem Panzer erschienen die Worte: »KEINER MEHR DA. Aber nun begann sie es zu ahnen. als sie zugestimmt hatte. »Liebe Momo!« las sie. dann riß sie das Kuvert auf und nahm einen Zettel heraus. Er schickt mir die Rechnung.) Aber überall lag dicker Staub und hingen Spinnweben. . wieviel Zeit das sein mochte. obwohl Gigi sich offensichtlich alle Mühe gegeben hatte.« »HAST LANG GESCHLAFEN«. Momo starrte die matt leuchtenden Buchstaben eine Weile an. Morgen kommen meine Freunde bestimmt. »Wie kann denn das sein?« Momos Lippen zitterten.. Momos Herz begann schneller zu klopfen. aber kannst du mir sagen. Und ich bin froh darüber. was war . Komm. »Ich bin umgezogen. Auch er war von Spinnweben bedeckt. aber sie konnte nicht. die sich schon zum Schlafen in ihr Gehäuse zurückgezogen hatte. der sich morgen aufklären würde. bis Momo diesen Brief buchstabiert hatte.« Momo brauchte eine Weile. daß die Schildkröte sie an ihrem nackten Fuß berührte. Wenn du Hunger hast. sagte sie zuversichtlich. »Aber ich«. Sie hatte nicht bedacht. wenn ich dich geweckt habe. »ich bin doch noch da .

ich bin doch nicht allein. Während sie sich in die staubige Decke hüllte. wo Gigi und Beppo jetzt sind. sagte sie leise: »Siehst du. Aber Momo war getröstet. Sie hob die Schildkröte hoch und legte sie neben sich auf das Bett. Aber jetzt freu' ich mich erst mal auf ein schönes Mittagessen. Vielleicht machen wir heute abend ein kleines Fest. Momo dachte im ersten Augenblick. Sie legte ihre Wange auf das Papier. Ich werde ihnen von den Blumen erzählen und von der Musik und von Meister Hora und allem. Jetzt war ihr nicht mehr kalt. Die Straße selbst war inzwischen asphaltiert.« So schwatzte sie fröhlich weiter. und viele Autos fuhren auf ihr. Immer wieder faßte sie nach Gigis Brief. erlosch gerade das letzte Restchen Tageslicht. Momo begann im Gehen zu summen und schließlich zu singen. Nino weiß. die in ihrer Erinnerung noch ebenso deutlich weiterklangen wie am Tage zuvor. Als sie endlich damit fertig war. Ach. und wir sind wieder alle zusammen. Vor ihr lag Ninos Lokal. Ich hab' schon richtigen Hunger. daß sie sie nie mehr verlieren würde. Sie werden dir bestimmt gut gefallen. kam nicht auf den Gedanken. ich freu' mich schon drauf. Kassiopeia. den sie in der Jackentasche bei sich trug. Statt des alten Hauses mit dem regenfleckigen Verputz und der kleinen Laube vor der Tür stand dort jetzt ein langgestreckter Betonkasten mit großen Fensterscheiben. Wieder waren es die Melodien und die Worte der Stimmen. Und Momo. Kassiopeia«. VIERZEHNTES KAPITEL Zu viel zu essen und zu wenig Antworten Am nächsten Mittag nahm Momo die Schildkröte unter den Arm und machte sich auf den Weg zu Ninos kleinem Lokal. »jetzt wird sich alles aufklären. Aber dann brach sie plötzlich ab. Und dann gehen wir und holen die Kinder. sagte sie. Vielleicht kommen Nino und seine Frau auch mit und die anderen alle. daß dieser Brief schon fast ein Jahr hier lag. sie alle wiederzusehen. meine Freunde. welche die ganze Straßenfront ausfüllten. weißt du. Auf der . die beim Lesen des Briefes Gigi ganz deutlich vor sich gesehen hatte. Die Schildkröte schaute sie nur mit ihren uralten Augen an. sie hätte sich im Wege geirrt. antwortete aber nichts. »Du wirst sehen.« Aber die Schildkröte schien bereits zu schlafen. Momo wußte jetzt.schreiben.

Da und dort wechselten die Wartenden und die Essenden unfreundliche Worte. kletterte über den Zaun und drängte sich durch die Menschenschlange zu Nino durch. daß ein Erwachsener im Stehen an ihnen essen konnte. Es blieb ihr also nichts anderes übrig. Kuchen und alles mögliche andere stand. Nach einer Weile gelang es Momo. wurde sie beiseite geschubst und weitergedrängt. von den vielen Leuten verdeckt. An der Fensterseite entlang standen viele Tische mit winzigen Platten auf hohen Beinen. »Weiter. Pudding. Er blickte auf. so daß sie wie sonderbare Pilze aussahen.gegenüberliegenden Seite waren eine große Tankstelle und in nächster Nähe ein riesiges Bürohaus entstanden. der die Leute daran gehindert hätte oder wenigstens Geld dafür forderte. bitte!« »Da könnte ja jeder kommen ! « schimpfte einer aus der Reihe der Wartenden. »das Kind soll sich hinten anstellen wie wir auch. Sie waren so hoch.« »Gigi bezahlt alles für dich. das Momo nicht kannte. flüsterte Nino dem Mädchen hastig zu. wo sie auch hintrat. Teller mit Salaten. Einfach vordrängen. denen sie immerfort im Wege zu stehen schien. Er saß. Die Kasse machte zu viel Lärm und beanspruchte seine ganze Aufmerksamkeit. Momo staunte. Auf der anderen Seite befand sich eine lange Barriere aus blitzenden Metallstangen. aber Nino hörte sie nicht. Als er Momo sah. Sie stellte sich ans Ende der . Viele Fahrzeuge parkten vor dem neuen Lokal. Aber alles das konnte Momo erst nach und nach wahrnehmen. verschwand plötzlich der mißmutige Ausdruck auf seinem Gesicht. Überhaupt machten die Leute alle einen ziemlich mißvergnügten Eindruck. Du hörst ja selbst!« Ehe Momo noch etwas fragen konnte. die dort standen und hastig aßen. daß er nicht zu den Tischchen kommen konnte. denn der « Raum war gedrängt voller Menschen. Aber stell dich hinten an wie die anderen. Hier konnte sich also jeder nehmen. in denen Schinken. weiter! Das Kind hat mehr Zeit als wir. das gibt's nicht! So ein unverschämtes Gör!« »Moment ! « rief Nino und hob beschwichtigend die Hände. Vielleicht gab es hier alles umsonst! Das wäre freilich eine Erklärung für das Gedränge gewesen. schoben die Leute 'sie einfach weiter. ganz am Ende der langen Reihe der Glaskästen hinter einer Kasse. ohne an Nino vorbei zu müssen. als es genauso zu machen wie alle anderen. auf der er ununterbrochen tippte. Die meisten Leute balancierten Tabletts mit Tellern und Flaschen darauf und versuchten einen Platz an den Tischchen zu ergattern.und Käsebrote. Hinter denen. Geld einnahm und Wechselgeld herausgab. eine Art Zaun. Zwischen dem Metallzaun und den Glaskästen schob sich langsam eine Schlange von Leuten weiter. Sie winkte mit Gigis Brief. »Momo !« rief er und strahlte. über dessen Eingangstür in großen Lettern die Inschrift prangte: NINOS SCHNELLRESTAURANT Momo trat ein und konnte sich zunächst kaum zurechtfinden. »ein kleines bißchen Geduld. Momo faßte sich ein Herz. weil einige Leute laut zu schimpfen anfingen. Dahinter zogen sich in kleinem Abstand lange Glaskästen hin. Nino zu erspähen. Stühle gab es keine mehr. »also nimm dir zu essen. Jeder nahm sich da und dort einen Teller oder eine Flasche und einen Pappbecher aus den Glaskästen. »Nino !« rief Momo und versuchte sich zwischen den Leuten durchzudrängen. Würstchen. ganz wie früher. Momo«. was du willst. Also bei ihm bezahlten die Leute! Und durch den Metallzaun wurde jeder so gelenkt. warteten schon jeweils andere auf deren Platz. »du bist wieder da ! Das ist aber eine Überraschung!« »Weitergehen!« riefen Leute aus der Reihe. was er wollte ! Sie konnte niemand sehen.

Momo war von alledem etwas verwirrt. . Ein Stück gebratenen Fisch. erwiderte Nino. »Und dann?« fragte Momo. wie Gigi einmal. Er hat immer irgendwas von grauen Herren erzählt. ein Würstchen. aber wo ist er denn jetzt?« . erklärte Nino hastig. . ihr zwei da vorn!« rief jemand aus der Schlange. »Auf dem Grünen Hügel irgendwo«. Da sie aber sehr hungrig war. du kennst ihn ja. »muß man sich heutzutage bieten lassen. wie man hört. Neulich sind sogar zwei Reporter zu mir gekommen und haben sich von früher erzählen lassen. denn immerhin. fuhr Nino fort und strich sich nervös mit der Hand übers Gesicht. Gabel und Löffel. »«r hat eine schöne Villa.« »He. er war ja immer schon ein bißchen wunderlich.« »Weiter da vorne!« riefen einige Stimmen aus der Schlange. »schlaft ihr?« »Sofort. viele Fragen. »So was«. »er hat eben keine Zeit mehr. weißt du«. der schon ein bißchen nervös wurde. daß sie gerade eben mit der Nase über die Platte reichte. wie?« »Sozusagen!« rief Nino flehend. Sie ging mit ihrem Tablett zu einem der Pilztischchen und erwischte tatsächlich nach kurzem Warten einen Platz. wir haben Lust. weil sie eben kaum auf ihren Teller gucken konnte. weil er neuerlichen Unwillen seiner Kunden befürchtete.« »Ja. schauten die Umstehenden mit angeekelten Gesichtern auf die Schildkröte. »Ist er noch dort?« erkundigte sich Momo.« »Was ist denn mit euch?« riefen mehrere unwillige Stimmen von hinten. ich weiß nicht mehr was. antwortete Nino. Allerdings war das Tischchen für sie so hoch. Wir sind alle sehr stolz auf ihn. »Glaubt ihr. und am alten Amphitheater ist ja sowieso nichts mehr los. sich gänzlich in ihr Gehäuse zu verkriechen und sich nicht dazu zu äußern. daß sie dich suchen sollten. und so wurde es eine recht merkwürdige Zusammenstellung. Ich hab' ihnen die Geschichte erzählt. Als sie schließlich wieder bei Nino ankam. Mehr weiß ich auch nicht. ein Marmeladebrot. Soviel ich weiß. Und weil sie befürchtete. Im Vorbeigehen holte sie sich aus den Glaskästen da und dort etwas heraus und stellte es um die Schildkröte herum. Aber geh jetzt erst mal weiter. fragte sie Nino schnell: »Weißt du. Doch das Essen gestaltete sich auch so schon schwierig genug für sie. wollte aber unbedingt noch erfahren. »Dann hat er die Polizei rebellisch gemacht«. Da sie beide Hände für das Tablett benötigte. Also stellte sie sich noch einmal in die Reihe. »Er dachte. was aus Beppo geworden war. wenn sie bloß so dazwischenstand.Menschenschlange und nahm sich aus einem Regal ein Tablett und aus einem Kasten Messer. »Ach. Er hat jetzt Wichtigeres zu tun. aber sie wurde einfach weitergeschoben. warum kommt er denn nicht mehr?« fragte Momo. sie haben ihn wieder laufen lassen. daß die Leute sonst vielleicht wieder ärgerlich auf sie werden würden. »Er wollte unbedingt. bitte!« Momo wollte eigentlich nicht.« »Verdammt noch mal !« schrie jetzt eine wütende Stimme von hinten. wo Gigi ist?« »Ja«. Na. haben sie ihn schließlich in eine Art Sanatorium gebracht. Als Momo endlich zur Kasse kam. er ist doch einer von uns ! Man kann ihn oft im Fernsehen sehen. nahm sie sich im Vorübergehen noch einmal allerhand aus den Glaskästen. sagte Nino. »Aber. Und in den Zeitungen steht immer wieder etwas von ihm. eine kleine Pastete und ein Pappbecher Limonade. und im Radio spricht er auch. fragte sie: »Und wo ist Beppo Straßenkehrer?« »Er hat lang auf dich gewartet«. weil er harmlos ist. mit einem Park drumherum. hier ewig herumzustehen?« »Wo wohnt er denn jetzt?« erkundigte Momo sich hartnäckig. sagte einer zu seinem Nachbarn. »es heißt. Nun war sie zwar satt.die Jugend von heute!« Aber sonst sagten sie nichts und kümmerten sich nicht weiter um Momo.« Und der andere brummte: »Was wollen Sie . Dann wurde sie langsam und schrittweise weitergeschoben. verzehrte sie alles bis auf den letzten Rest. »unser Gigi ist berühmt geworden. »ist das hier eigentlich ein Schnellrestaurant oder ein Wartesaal? Ihr habt wohl ein Familientreffen da vorne. setzte sie Kassiopeia einfach darauf. mein Herr!« rief Nino ihm zu. denn sie hatte ja noch viele. Als sie ihr Tablett hinauf schob. es wäre dir was Schreckliches passiert. flüsterte Nino. Kassiopeia in der Mitte zog es vor. »Ich glaube nicht«.

wie es zugeht hier!« »Aber warum kommen sie nicht mehr?« beharrte Momo eigensinnig auf ihrer Frage. dem bei Momos neuerlichem Anblick der Schweiß auf die Stirn trat. kurz und gut. Aber ich an deiner Stelle würde eben einfach auch in solch ein Kinder-Depot gehen.»Keine Ahnung. ihr Trantanten da vorne!« riefen wieder Stimmen aus der Schlange. »He. . sagte er und holte tief Luft wie einer. ich habe jetzt wirklich keine Zeit. für sie ist jetzt gesorgt. weil . Auf die Idee. Momo!« rief Nino ihr nach. »warte doch mal ! Du hast mir ja gar nicht erzählt. fragte Momo leise. Wieder ging sie zu einem der Pilztischchen. »Ich kann dir das jetzt nicht so erklären. mit dir zu beraten. das Essen einfach stehen zu lassen. nicht wahr?« Momo sagte darauf gar nichts.« »Beeilt euch doch. Die dürfen sich nicht mehr selbst überlassen bleiben. Momo. der mit Gewalt seine Fassung zu bewahren sucht. sagte Momo zu Kassiopeia. Endlich war sie wieder bei Nino an der Kasse. Diesmal schmeckte es ihr schon sehr viel weniger gut. »das ist ja zum Auswachsen. sie mußte sich wieder in die Reihe der Wartenden stellen. »Und die Kinder?« fragte sie. Die Menge der Nachdrängenden schob sie weiter. wo du inzwischen gesteckt hast!« Aber dann drängten die nächsten Leute heran. »Momo«. Da half nichts. die sie früher immer besucht hatten. der sie im letzten Augenblick noch erspäht hatte. Und das machte Nino nun vollends konfus. »sei vernünftig und komm irgendwann wieder. was mit den Kindern war. nahm Geld ein und gab Wechselgeld heraus. viel zu- . bitte. »Alle Kinder. »Was ist mit denen?« »Das ist jetzt alles anders geworden«.« »Meine Freunde?« fragte Momo ungläubig. Das Lächeln auf seinem Gesicht war schon lange wieder verschwunden. Automatisch ging sie zu einem der Tischchen. Es ist dafür gesorgt. obwohl sie es kaum hinunterwürgen konnte und es wie Pappendeckel und Holzwolle schmeckte. na. die auf ihrem Tablett stand. Du kannst hier immer essen. »Zum Kuckuck noch mal!« schrie nun wieder eine erboste Stimme aus dem Hintergrund. um die sich niemand kümmern kann. sind jetzt in Kinder-Depots untergebracht. erwiderte Nino und zappelte fahrig mit den Händen auf den Tasten seiner Kasse herum. wenn du so allein durch die Welt läufst. du siehst ja. wie hier heute getrödelt wird. geh jetzt weiter!« Abermals wurde Momo einfach von den nachdrängenden Leuten weitergeschoben. kam Momo natürlich nicht. wo du beschäftigt wirst und aufgehoben bist und sogar noch was lernst. Danach fühlte sie sich elend. was du anfangen sollst. bis sie einen Platz fand und verdrückte die Mahlzeit.« Momo sagte wieder nichts und sah Nino nur an. und ebenso automatisch verdrückte sie auch noch das dritte Mittagessen. Sie nahm Kassiopeia unter den Arm und ging still und ohne sich noch einmal umzudrehen hinaus. damit die Leute nicht böse auf sie würden. wartete. »ohne meine Freunde?« Nino zuckte die Schultern und knetete seine Finger. »Wir wollen schließlich auch mal zum Essen kommen. wirklich. und er tippte wieder auf der Kasse. an den Glaskästen vorübermaschieren und ihr Tablett mit Speisen füllen. als sie wieder im alten Amphitheater waren. . Nun mußte sie aber noch erfahren. »viel zu essen hab' ich ja schon gekriegt. Aber. erklärte Nino. »Haben sie das wirklich selber gewollt?« »Das hat man sie nicht gefragt«. Müßt ihr euer gemütliches Schwätzchen denn ausgerechnet jetzt abhalten?« »Und was soll ich jetzt machen«. sondern schaute Nino nur prüfend an. das weißt du ja. daß sie von der Straße wegkommen. Das ist schließlich das Wichtigste. — »Viel zu essen«. Aber da werden sie dich sowieso hinbringen. »Kinder können doch über so was nicht entscheiden.

Aber ich hab' trotzdem das Gefühl. Wo der Grüne Hügel war. Die Straßen waren hier breit und sehr sauber und beinahe menschenleer. auf ihnen Purzelbaume zu machen. Du wirst schon sehen.« »WIRST'S GLEICH WISSEN«. sagte plötzlich eine Stimme hinter ihr.« »Wessen Haus suchst du?« . du Dreckspatz«. der weit entfernt lag von jener Gegend um das alte Amphitheater. FÜNFZEHNTES KAPITEL Gefunden und verloren Am nächsten Tag machte Momo sich schon früh am Morgen auf. Momo wußte nicht. um sich einen Augenblick auszuruhen.viel. Es war ein weiter Weg. Nino hat mir gesagt. In den Gärten hinter den hohen Mauern und Eisengittern erhoben uralte Bäume ihre Wipfel in den Himmel. aber als sie endlich auf dem Grünen Hügel ankam. wo Gigi hier wohnt. um Gigis Haus zu suchen. also auf der anderen Seite der großen Stadt. Es war wirklich eine sehr vornehme Gegend. stand auf Kassiopeias Rücken. der eine sonderbare gestreifte Weste anhatte. Er wird dir bestimmt gefallen. barfuß zu laufen. als ob ich nicht satt bin. daß er jetzt hier wohnt. ich suche das Haus von Gigi. »was suchst du denn hier?« Momo drehte sich um. Kassiopeia. »wie ich jetzt herauskriegen kann.« Und nach einer Weile fügte sie hinzu: »Ich hätte Nino auch nicht von den Blumen und der Musik erzählen können. Die Schildkröte nahm sie natürlich wieder mit. daß Diener von reichen Leuten solche Westen tragen. Es war ein Villenvorort.« Aber auf dem Rücken der Schildkröte erschien nur ein großes Fragezeichen. Wahrscheinlich hatten die Besitzer keine Zeit dazu. sagte Momo zur Schildkröte. Die Häuser in den Gärten waren meist langgestreckte Gebäude aus Glas und Beton mit flachen Dächern. taten ihr doch die Füße weh. Die glattrasierten Wiesen vor den Häusern waren saftiggrün und luden förmlich ein. Da stand ein Mann. Er lag in der Nähe jener gleichförmigen Neubauviertel. »Wenn ich nur wüßte«. Aber nirgends sah man jemand in den Gärten Spazierengehen oder auf dem Rasen spielen. »Meinst du?« fragte Momo hoffnungsvoll. wußte Momo.« Und abermals nach einer Weile sagte sie: »Aber morgen gehen wir und suchen Gigi. »He. Sie stand auf und sagte: »Guten Tag. Sie setzte sich auf einen Rinnstein. Momo war zwar daran gewöhnt.

sagte Momo. »Warum ist denn alles so zu?« fragte Momo. »Na ja«. und er bezahlt für mich alles. daß die Reifen quietschten.« Und das Gartentor fiel ins Schloß. »Diese Künstler !« sagte er säuerlich. Dreckspatz!« Dann ließ er Momo wieder los und wischte sich die Hand mit seinem Taschentuch ab. »Ja«. Momo konnte sich gerade noch durch einen Sprung nach rückwärts retten und fiel hin. Und auf einem Baum voller Blüten saß ein Pfauenpärchen. doch im fetzten Augenblick schien ihm noch etwas einzufallen. als habe er etwas Unappetitliches angefaßt.« »Doch«. und Momo begann zu überlegen. versicherte Momo mit Nachdruck.« »IST ES ABER«. »was für schöne Vögel!« Sie wollte hineingehen. »Momo!« schrie er und breitete die Arme aus. »Hiergeblieben!« sagte er. und ein langes. elegantes Auto schoß in voller Fahrt heraus.»Von Gigi Fremdenführer. Kennst du ihn denn nicht?« »Hier gibt es keine Fremdenführer«. Hinter ihm war das Gartentor ein wenig offen geblieben. »LACKAFFE!« stand auf Kassiopeias Panzer. »Oh!« rief Momo bewundernd. antwortete Momo erfreut. Das Auto raste noch ein Stückchen weiter. aus Eisenplatten. den berühmten Erzähler?« »Na ja.« »ER KOMMT GLEICH«. Woher soll Gigi wissen. Sie sah einen weiten Rasen. aber der Mann mit der Weste hielt sie am Kragen zurück. Eine Tür wurde aufgerissen. Statt jeder erwarteten Antwort erschien aber auf dem Rückenpanzer das Wort: »LEBEWOHL!« Momo erschrak. dann bremste es. Kassiopeia? Willst du mich denn wieder verlassen? Was hast du denn vor?« »ICH GEH' DICH SUCHEN!« war Kassiopeias noch rätselhaftere Auskunft. »Gehört das alles dir?« fragte Momo und zeigte durch das Tor. »Ich möchte wissen«. meinte Momo seufzend.« »WARTE!« erschien als Antwort. In diesem Augenblick flog plötzlich das Tor auf. Weißt du. »Bist du wirklich ganz sicher?« fragte sie nach einer Weile. erwiderte der Mann mit der Weste und drehte sich um. daß ich hier draußen stehe . was ich bei Nino esse. so daß man nicht hineinsehen konnte. »da kann ich aber vielleicht lang warten. auf dem einige Windhunde spielten und ein Springbrunnen plätscherte. und Momo konnte einen Blick hineinwerfen. stand auf dem Rücken der Schildkröte. »Du meinst doch nicht etwa Girolamo. ähnlich wie das bei dem Mann mit der Weste. sagte der Mann mit der Weste noch eine Spur unfreundlicher. Er wartet nämlich auf mich. Gigi Fremdenführer eben«. »Was fällt dir ein.« Der Mann mit der Weste zog die Augenbrauen hoch und schüttelte den Kopf. daß er Wert auf deinen Besuch legt: Sein Haus ist das letzte ganz oben an der Straße. Und auch das Gartentor war.« Der Mann mit der gestreiften Weste guckte das Kind mißtrauisch an. war auf dem Panzer zu lesen. »Gigi Fremdenführer muß ich suchen. wo sein Haus ist?«»Und er erwartet dich wirklich?« wollte der Mann wissen. aber die Schrift erlosch sogleich wieder. »so heißt er doch. Nirgends war ein Klingelknopf oder ein Namensschild zu finden. 'ob Kassiopeia sich nicht vielleicht doch einmal geirrt hatte. Also setzte Momo sich geradewegs vor das Tor und wartete geduldig. »Was meinst du denn damit. Lange Zeit geschah gar nichts. »was sie doch manchmal für ausgefallene Launen haben! Aber wenn du wirklich glaubst. »Nein«. »Da komm' ich nicht 'rein. um sie aus der Nähe zu betrachten. »ob das überhaupt Gigis neues Haus ist. Er ist nämlich mein Freund. meinte Momo. »das ist doch wirklich und wahrhaftig meine kleine Momo!« . Er ging in den Garten zurück und wollte das Tor schließen. Das letzte Haus ganz oben an der Straße war von einer übermannshohen Mauer umgeben. Es sieht eigentlich gar nicht nach ihm aus. Er ist mein Freund. und Gigi sprang heraus.falls er überhaupt drin ist. »ganz bestimmt. »verschwinde jetzt! Du hast hier nichts zu suchen.

als sich eine der Damen nach vorn beugte. Wir sollten Momo unbedingt der . sagte Gigi. einverstanden?« Er wartete nicht ab. antwortete Gigi nervös. »Meine alte Freundin Momo ist das!« »Ach. Und mein Fahrer bringt dich anschließend nach Hause. eher vorwurfsvoll als besorgt. »Ich hatte es immer für eine Ihrer Erfindungen gehalten. sie lassen mich nicht!« »Oh!« versetzte die zweite Dame spitz. Gigi setzte sich neben den Fahrer und nahm Momo auf den Schoß. Die zweite Dame warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. »kann ich denn nicht mal mehr mit Momo in Ruhe ein paar Worte wechseln nach so langer Zeit ! Aber du siehst ja selbst. »Aber das ist doch Momo!« rief Gigi lachend. Das waren schöne Zeiten. »das möchte ich eigentlich nicht. keine Spur«. nein.« »Was lungert es aber auch vor dem Tor herum!« sagte die zweite Dame. was macht er? Ich hab' ihn schon ewig nicht mehr gesehen. »Also fahren wir schon! Weißt du was. Wieso bist du damals so plötzlich verschwunden?« Momo wollte eben anfangen. wir müssen uns so viel erzählen. Momo? Du fährst einfach mit zum Flugplatz. Kind. verstehst du? Ich bin schon wieder mal zu spät dran. daß ich dich erschreckt habe. daß wir Ihre Termine organisieren. »Wenn wir jetzt nicht mächtig auf die Tube drücken. »Nein.« »Ja natürlich. als wir noch alle zusammen waren und ich euch Geschichten erzählt habe. Inzwischen waren aus dem Auto noch vier andere Personen ausgestiegen und herangekommen: ein Mann in einer ledernen Chauffeursuniform und drei Damen mit strengen. Wir erledigen nur unseren Job. sondern zog sie an der Hand hinter sich her zum Auto. was das bedeuten würde. und Gigi fing sie auf und hob sie hoch. Wo hast du denn nur gesteckt die ganze Zeit? Du mußt mir alles erzählen. versicherte Gigi. ich denke oft an die Zeit. Also ich habe nicht mehr geglaubt. natürlich!« lenkte Gigi ein. sondern redete aufgeregt weiter. Dann können wir unterwegs reden. Momo. »Hat das Kind sich verletzt?« fragte die eine. auf Gigis Fragen zu antworten. dieses Mädchen gibt es also wirklich ?« fragte die dritte Dame erstaunt. Sie wissen ja selbst. Aber da er seinen Redestrom nicht unterbrach. es ist ja so schrecklich viel passiert inzwischen. Wir werden von Ihnen dafür bezahlt. »Es tut mir leid. Momo! Aber hübsch der Reihe nach. so schön gepflegt.« »Mein Gott«.« Momo hatte mehrmals versucht.« »Aber du. diese Sklaventreiber. aber stark geschminkten Gesichtern. nicht wahr?« »Lassen Sie das Kind in Ruhe!« sagte Gigi ärgerlich. wartete sie einfach ab und schaute ihn an. ganz anders. Hast du meinen Brief gefunden ? Ja ? War er noch da ? Gut. aber ich hab's schrecklich eilig. sagte sie. weißt du. wandte sich die erste Dame nun an Momo und lächelte. »uns ist das völlig gleich. verehrter Meister. küßte sie hundert Mal auf beide Backen und tanzte mit ihr auf der Straße herum. Die drei Damen nahmen auf dem Rücksitz Platz. das wird bei den Leuten fabelhaft ankommen! Ich werde das sofort veranlassen. »es hat sich nur erschreckt. Aber irgendwie war er ihr seltsam fremd. sie lassen mich nicht. Wie geht es dir denn? So rede doch endlich ! Und unser alter Beppo. Aber jetzt ist alles anders. ganz. was Momo dazu sagen würde. dann fliegt uns das Flugzeug wirklich noch vor der Nase weg. aber er wartete gar nicht ab. sagte Gigi.Momo war aufgesprungen und lief auf ihn zu. »Also«. Er sah anders aus als früher. »Hast du dir weh getan?« fragte er atemlos. Das wird der Knüller!« »Nein«. und bist du zu Nino essen gegangen ? Hat es dir geschmeckt? Ach. und er duftete gut. was sie sagte. »aber mir kommt gerade eine fabelhafte Idee. daß du zurückkommen würdest. -Aber das könnten wir doch gleich an Presse und Rundfunk geben! »Wiedersehen mit der Märchenprinzessin« oder so. Kleine«. »und jetzt erzähle. »du möchtest doch bestimmt gern in der Zeitung stehen. Und ab ging die Fahrt. Und die Kinder? Ach. von Meister Hora und den Stunden-Blumen zu erzählen. »Entschuldigung«. Momo.

Schließlich drehte sich Gigi nach hinten zu den Damen.« »Na ja. nahm eine Pille heraus und schluckte sie. »Und nun«. »Jeder andere würde sich die Finger ablecken nach einer solchen Gelegenheit. aber ich will einfach nicht. Ich könnte es auch bei euch nicht wieder lernen. Darum bleibe ich schon lieber. Sie ahnte. Könnten Sie mich nicht wenigstens rasch ein Interview mit dem Kind machen lassen?« »Schluß !« brüllte Gigi. »Ich möchte auf keinen Fall.Erinnerst du dich noch? Aber Gigi ist nicht Gigi geblieben. Und jetzt halten Sie gefälligst Ihren Mund. »Ich will jetzt mit Momo reden. todkrank. was rede ich da? Das kannst du natürlich alles nicht verstehen. Und zu Momo gewandt fügte er hinzu: »Entschuldige. »wollen wir nur noch von uns reden. Jedenfalls. »Schließlich geht's ja um Ihre Publicity. bis man mich vergessen hat und bis ich wieder ein unbekannter. du kannst das vielleicht nicht verstehen. Momo. die als nächstes gedreht wird. das Gefährlichste. das wäre. daß er krank war. sondern überhaupt nicht. Es ist vorbei mit mir. schrie Gigi verzweifelt. »ich kann es mir nicht leisten! Aber Momo bleibt aus dem Spiel ! Und jetzt . das kennt man ja allmählich schon«.den Mund halten. selbst wenn ich wollte. Das ist zwar auch eine Hölle.« Nun waren alle drei Damen beleidigt. >Gigi bleibt Gigi !< . »Ich kann nicht mehr zurück. Momo.nein. Gigi fuhr sich mit der Hand erschöpft über die Augen. »Verzeihen Sie«. »Wir sind nämlich gleich da. erwiderte die Dame nun ebenfalls wütend. aufs Äußerste gereizt. ob Sie sich's zur Zeit leisten können. dann holte er ein silbernes Döschen aus seiner Westentasche. mischte sich nun die zweite Dame dazwischen. »Sie hab' ich nicht gemeint.lassen Sie uns beide für fünf Minuten in Ruhe!« Die Damen schwiegen. Gigi griff sich stöhnend an den Kopf. was ich jetzt noch tun könnte.« »Nur eine Frage noch. Ein paar Minuten lang sagte niemand mehr etwas. Sie verstand vor allem. nicht um meine! Sie sollten es sich gut überlegen. »Aber nicht jetzt! Nicht jetzt!« »Sehr schade !« meinte die Dame. oder doch wenigstens so lang. ehe es zu spät ist«. daß dieses Pack auch dich noch in die Finger kriegt. was es im Leben gibt. murmelte er abgekämpft. Für mich gibt's nichts mehr zu träumen. fuhr Gigi fort und lächelte Momo etwas schief an.« Er starrte trübe zum Wagenfenster hinaus. verstummen. »So was würde bei den Leuten auf die Tränendrüsen drücken. eine solche Gelegenheit auszulassen!« »Nein«. daß Sie das Kind da hineinziehen!« »Ich weiß wirklich nicht. wo ich jetzt bin. Ich bin einfach mit den Nerven fertig. die erfüllt werden. Stellen Sie sich die Sensation vor! Momo spielt Momo!« »Haben Sie nicht verstanden?« fragte Gigi scharf.« Momo sah ihn nur an. Aber wie Sie wollen. was Sie wollen«. daß die grauen Herren dabei ihre Finger im Spiel . wenn wir .so weit ist es mit mir gekommen. »daß ich nicht genügend wirkungsvolle Reklame für Sie mache!« »Richtig!« stöhnte Gigi.« Er ließ ein kleines bitteres Lachen hören. wenn es so geht wie bei mir. nichts mehr erzählen. während ich mit Momo rede!« »Na. »Da siehst du's nun . antwortete die erste Dame. »Das einzige. Momo.ich flehe Sie an ! . — Ach. Sie wäre doch haargenau der neue Kinderstar für Ihre Vagabunden-Story. Ich hab' alles so satt. sind Wunschträume.Public-Film-Gesellschaft vorführen. Ich sage dir eines. armer Teufel bin. Momo. Aber arm sein ohne Träume .« »Nein!« fuhr ihr Gigi in die Rede. vielleicht für den Rest meines Lebens. .« »Ich bin nicht jeder andere!« schrie Gigi plötzlich wütend. entgegnete die Dame gekränkt. . und zwar privat ! Das ist wichtig für mich ! Wie oft soll ich Ihnen das noch erklären?« »Sie selbst werfen mir doch dauernd vor«. »Nicht jetzt und nicht später. aber wenigstens eine bequeme. das ist die Hölle. erlauben Sie mal !« antwortete die Dame ebenso heftig. Vielleicht können wir's ja auch später machen.

»bleib bei mir! Ich nehme dich mit auf diese Reise und überallhin. Sie schüttelte den Kopf. »Hör zu. hilf mir!« Momo wollte Gigi so gerne helfen. Vielleicht fallen mir dann wieder wirkliche Geschichten ein. Aber wo ? Wo und Wann hatte sie sie denn verloren ? Bei der ganzen Fahrt mit Gigi war sie schon nicht mehr dabeigewesen. Das Mädchen starrte verstört vor sich hin. das wußte Momo ganz sicher. Aber wo sollte Momo Kassiopeia suchen? . weißt du? Du brauchst nur ja zu sagen. Und Gigi verstand sie. wie sie ihm hätte helfen können. Und nun ging sie also Momo suchen. Was sollte sie ihm sagen? Wohin wollte sie denn eigentlich? Sie mußte Kassiopeia suchen. solche wie damals. »nun erzähle doch endlich mal. Einige Zeitungsreporter knipsten ihn und stellten ihm Fragen. wenn sie nicht mehr Momo wäre. Auch ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie stiegen alle aus und eilten in die Halle. Aber die Stewardessen drängten ihn. daß die Umstehenden es nicht hören konnten. die er selbst dafür bezahlte. sagte Gigi. Momo winkte zurück. dann wurde er von den Damen. Und plötzlich durchfuhr sie ein heißer Schreck: Auch Kassiopeia hatte sie verloren ! SECHZEHNTES KAPITEL Die Not im Überfluß »Also. Er nickte traurig. wo er es doch selbst gar nicht wollte. daß sie ihn gefunden hatte. »Aber ich rede immerfort nur von mir«. Gigi beugte sich zu Momo herunter und sah sie an. Er winkte noch einmal aus der Ferne. Du sollst nur da sein und mir zuhören. Ihr war. und dann war er verschwunden. daß auf ihrem Rückenpanzer »LEBEWOHL!« und »ICH GEH' DICH SUCHEN« gestanden hatte. was du inzwischen erlebt hast. Hier wurde Gigi bereits von uniformierten Stewardessen erwartet. sagte er so leise. Momo!« In diesem Augenblick hielt das Auto vor dem Flughafen. nun erst wirklich verloren. weil das Flugzeug in wenigen Minuten starten würde. Du wohnst bei mir in meinem schönen Haus und gehst in Samt und Seide wie eine richtige kleine Prinzessin. Langsam drehte sie sich um und ging dem Ausgang der Halle zu. Das Herz tat ihr davon weh. daß es so nicht richtig war. als hätte sie ihn dadurch. Momo«. Und sie wußte nicht. Also vor Gigis Haus ! Und nun fiel ihr auch ein. und alles kommt in Ordnung.hatten. weggezogen. Momo hatte während der ganzen Begegnung mit Gigi kein einziges Wort sagen können. Momo. wohin?« fragte der Fahrer. daß er wieder Gigi werden mußte und daß es ihm nichts helfen würde. Natürlich hatte Kassiopeia vorher gewußt. Und sie hätte ihm doch so viel zu sagen gehabt. Und plötzlich hatte er Tränen in den Augen. Bitte. als Momo sich wieder zu ihm in Gigis langes elegantes Auto setzte. daß sie sich gleich verlieren würden. Aber sie fühlte.

wo Beppo erst vor einer Stunde. »Ich habe noch was anderes zu tun. hielt sie Ausschau. sie hätte ihr geraten »WARTE U oder »GEH WEITER ! «. und sie mußte fürchten. erwiderte Momo. . dachte Momo. daß sie just an einer Stelle vorüberkam. daß für die Kinder jetzt gesorgt sei. die sie mit Momo hatten. Auch nach den Kindern. ihn zu verfehlen. die ein Schiffbrüchiger irgendwo im weiten Ozean in die Wellen wirft. antwortete Momo. »Vielleicht«. Wie gut hätte sie jetzt Kassiopeia brauchen können ! Wenn sie noch bei ihr gewesen wäre. ziellos in der großen Stadt umherzuirren und Beppo Straßenkehrer zu suchen. Das muß ich jetzt suchen. daß sie sich nur um ein weniges verfehlten. »sie heißt Kassiopeia und weiß immer eine halbe Stunde die Zukunft voraus. aber so wußte Momo nie. wie oft es geschah. Aber das war ja natürlich gar nicht möglich. von einem Fischerboot an einer fernen Küste aufgefischt wird. die früher immer zu ihr gekommen waren. und so war es wieder möglich. Ich muß sie unbedingt wiederfinden. Der Fahrer blickte etwas überrascht drein. einer Minute. Hilfst du mir bitte?« »Ich hab' keine Zeit für dumme Witze ! « knurrte er und fuhr durch das Tor. Momo kroch in ihr Bett. Wer weiß. alles ringsum abzusuchen. was sie tun sollte. ja vielleicht erst vor einem Augenblick gewesen war. unablässigen Überwachung durch die grauen Herren. so verschwindend gering wie die. lag an der heimlichen. Aber schließlich mußte sie doch irgendwann weitergehen. Aber davon wußte Momo nichts.Und doch. »hat sie sich schon auf den Heimweg zum Amphitheater gemacht. wird's bald?« sagte der Chauffeur und trommelte mit den Fingern auf dem Lenkrad. daß zwei Menschen sich zufällig begegneten. Die nächsten Wochen verbrachte Momo damit. in dieser riesengroßen Stadt war die Möglichkeit. Auch hier suchte sie sorgfältig alles ab. so langsam wie sie war. Sie suchte die ganze Straße ab. das hinter dem Auto zufiel. Sie sah überhaupt keine Kinder mehr auf den Straßen. so sagte sich Momo.« Momo ging also den gleichen Weg. Oder umgekehrt.« »Zu Gigis Haus. Sie schreibt nämlich Buchstaben auf ihrem Rückenpanzer. daß eine Flaschenpost. Momo suchte also allein. Und nun war sie wirklich zum ersten Mal ganz allein. »ich hab' was auf der Straße verloren. Aber vergebens. wie oft mochte Beppo wohl kurz oder lang nach ihr über diesen Platz oder an diese Straßenecke kommen. bitte«. den sie gekommen war. und sie erinnerte sich an Ninos Worte. Denn das hätte ja nicht in die Pläne gepaßt. Nino war immer in der gleichen Eile und hatte niemals Zeit. aber keine Kassiopeia war zu sehen. Momo wartete deshalb oft an einer Stelle viele Stunden. Tief in der Nacht erst kam Momo im alten Amphitheater an. Als sie vor Gigis Villa ankamen. Oder wirst du jetzt etwa bei uns wohnen?« »Nein«. als dich spazierenzufahren. daß die Schildkröte durch ein Wunder schon vor ihr nach Hause gekommen wäre. Jeden Tag ging sie einmal zu Nino zum Essen. »Kassiopeia!« rief sie immer wieder leise. waren sie sich vielleicht ganz nah.»Na. stieg Momo aus und begann sofort. weil sie wartete.« Dem Fahrer war es recht. Sie mußte fürchten. »Ich denke. Immer wieder rief sie den Namen der Schildkröte. »Meister Horas Schildkröte«. antwortete Momo. soweit es in der Dunkelheit möglich war. blieb ihr nur die verzweifelte Hoffnung. Da niemand ihr etwas über seinen Verbleib sagen konnte. Dabei spähte sie in jede Mauerecke und suchte in jedem Straßengraben. Aber sie sah niemals eines. Aber freilich. ihre Wege würden sich durch Zufall kreuzen. »Kassiopeia!« »Was suchst du denn eigentlich?« fragte der Fahrer aus dem Wagenfenster. Beppo zu verfehlen. denn dorthin mußte er ja sowieso. weil sie es nicht tat. Aber mehr als bei ihrer ersten Begegnung konnte sie nie mit ihm reden. Sie hegte die zaghafte Hoffnung. ich soll dich zu dir nach Hause bringen. langsam zurück. Daß Momo selbst niemals von einem Polizisten oder einem Erwachsenen aufgegriffen und in ein Kinder-Depot gebracht wurde.

an die Blumen und die Musik. Sie trugen eine Art grauer Uniform. ihn noch einmal zu sehen. oder ihr zu erlauben. sie hätte die Musik nie gehört und die Farben nie geschaut. -Alle paar Tage lief Momo zu Gigis Villa und wartete oft lange vor dem Gartentor. daß genau das vielleicht schon geschehen war. Oder sie hatte sich irgendwo auf der Welt verirrt. in der Ferne auf einer anderen Brücke eine kleine gebückte Gestalt. in denen sie sich wünschte. die so vergingen — und doch war es die längste Zeit. und ihre Gesichter wirkten seltsam erstarrt . vor einer Woche oder gestern ! Also wartete sie. Es kamen sogar Stunden. um nachzusehen. »Es wird wohl nicht Beppo gewesen sein«. und die wenigsten mit solcher Gewalt. ganz gleich. Sie brauchte nur die Augen zu schließen und in sich hineinzuhorchen. Es waren nur einige Monate. Diese schwang hastig einen Besen. »Nein. an denen man zugrunde geht. die wohl nur wenige Menschen kennengelernt haben. Und wie am ersten Tag konnte sie die Worte nachsprechen und die Melodien mitsingen.Aus den Wochen wurden Monate. und sie konnte sich niemand bemerkbar machen. Schließlich malte sie in großen Buchstaben an die Wand ihres Zimmers: BIN WIEDER DA. Eines Tages nämlich begegnete Momo in der Stadt drei Kindern. so tief vergraben unter einem Berg von Zeit. der ihr zuhörte. wäre sie vor die Wahl gestellt worden. Und dennoch. Sie war inzwischen mit allem einverstanden. Es genügt vielleicht. Franco und das Mädchen Maria. als sie in der Abenddämmerung auf dem Geländer einer Brücke saß. Denn das war es. Es waren Paolo. Und die war und blieb verschwunden. Aber das Tor öffnete sich nie wieder. die früher immer zu ihr gekommen waren. außer den Bäumen und den Vögeln und den alten Steinen. das kann er gar nicht gewesen sein. Jedenfalls kam sie nicht wieder. Aber ohne Kassiopeia konnte sie den Weg nicht wiederfinden. die Momo je durchlebte. sagte Momo zu sich. Und immer war Momo allein.und sie versuchte es oft und oft — so wäre sie zu ihm hingegangen und hätte ihn gebeten. obgleich diese sich immerfort neu bildeten und niemals die gleichen waren. Und es gab keinen Ausgang! Niemand konnte zu ihr dringen. ihr keine Zeit mehr zuzuteilen. nur dies eine noch zu sagen: Wenn Momo den Weg zu Meister Hora hätte finden können . was sie nun erfuhr: Es gibt Reichtümer. Beppo könnte vielleicht vorbeikommen. weil sie plötzlich hoffte. aber sie wartete natürlich vergebens. Statt dessen geschah etwas ganz anderes. Sie wollte bei ihm bleiben. ihm zuhören und zu ihm sprechen. Momo rannte los. Sie kam sich vor wie eingeschlossen in einer Schatzhöhle voll unermeßlicher Reichtümer. aber die Gestalt unterbrach ihre Tätigkeit keinen Augenblick. Manchmal saß sie ganze Tage lang allein auf den steinernen Stufen und sprach und sang vor sich hin. Sie hoffte. ob sie schon zurückgekommen sei. das früher immer das kleine Geschwisterchen Dedé herumgetragen hatte. mußte er natürlich glauben. sie hätte diese Erinnerung um nichts in der Welt wieder hergegeben. wenn man sie nicht mit anderen teilen kann. konnte sie niemand mehr entdecken. Aber niemals las es jemand außer ihr selbst. Wenn sie dann gerade nicht da wäre. ob es so werden würde wie früher. Ich weiß doch. aber Momo erlebte eine. Auch wenn sie daran sterben mußte. sie sei noch immer verschwunden.« An manchen Tagen blieb sie auch zu Hause im alten Amphitheater. als gelte es ihr Leben. wie Beppo kehrt. Denn die wirkliche Zeit ist eben nicht nach der Uhr und dem Kalender zu messen. um sich zu trösten. so sah sie die glühende Farbenpracht der Blüten und hörte die Musik der Stimmen. Auch hier quälte sie wieder die Vorstellung. bei ihm im Nirgend-Haus für immer zu bleiben. Es gibt viele Arten von Einsamkeit. Alle drei sahen ganz verändert aus. Niemand war da. Über eine solche Art von Einsamkeit kann man in Wahrheit auch nichts erzählen. die immer mehr und mehr wurden und sie zu ersticken drohten. Momo glaubte Beppo zu erkennen und schrie und winkte. Vielleicht war sie längst zu Meister Hora zurückgekehrt. aber als sie auf der anderen Brücke ankam. Eines jedoch verließ sie nicht in all dieser Zeit: Die lebendige Erinnerung an das Erlebnis bei Meister Hora. Ein einziges Mal erblickte sie.

lächelten sie kaum.« »Früher !« antwortete Paolo. sagte Franco plötzlich. Momo hatte es erschrocken beobachtet. Aber dabei lernt man nichts. »Da lernen wir spielen. Dann werden wir gemischt und kommen in eine Kartei. Wir dürfen unsere Zeit nicht mehr nutzlos vertun. Und dann muß einer von uns eine bestimmte Karte herausfinden. sonst wäre es ja zu einfach. die Zigarre im Mundwinkel. meinte Maria ängstlich. hat gewonnen. Sie wollte noch einmal bitten. grauen Hauses angekommen. wie schwer. »daß es nützlich für die Zukunft ist. Sie kriegen einen immer wieder. ja?« fragte Momo. und zwar so. sagte Maria. »so darf man nicht reden. flüsterte Franco. Die drei schüttelten die Köpfe und blickten sich um. »Früher seid ihr doch immer gekommen.« . Um sie herum waren noch mehr Kinder.« »Das haben wir doch nie getan«. Momo lief neben ihnen her. dann schüttelten sie die Köpfe.« »So darf man nicht reden«. ganz gleich was für Spiele es sein würden. »kommt ihr jetzt wieder zu mir?« Die drei wechselten Blicke. sagen sie. meinte Momo. »Zwecklos!« sagte er mit dünnem Lächeln. »Ich hab' euch so gesucht«. sagte Momo. kommt doch wieder!« bat Momo. Aber kaum hatte sie einen Schritt auf das Tor zu gemacht. »Aber morgen vielleicht. um zu klingeln oder zu klopfen. Manchmal sind wir auch nur lange Zahlen. es war schön«. am Anfang«. erklärte Paolo. »Ich hab's schon ein paar Mal versucht.« »Was denn?« fragte Momo. und so weiter. daß er alle anderen Karten aussondert und nur die eine zum Schluß übrig bleibt. sagte Momo atemlos. »Ach. daß man sie mitspielen lassen sollte.und leblos. »Vielleicht sehen wir uns irgendwann mal wieder«. »Kinder-Depot« stand über der Tür. Zwischen ihr und der Tür stand plötzlich einer der grauen Herren. »Oder übermorgen?« Wiederum schüttelten die drei die Köpfe. Selbst als Momo sie jubelnd begrüßte.« Die drei Kinder gingen eilig weiter. Schließlich faßte Momo sich ein Herz und fragte: »Könntet ihr mich nicht vielleicht mitnehmen? Ich bin jetzt immer so allein. »Da ist uns selber immer eine Menge eingefallen. meinte Maria.« »Und das macht Spaß?« fragte Momo etwas zweifelnd.« Doch nun geschah etwas Sonderbares: Ehe eines der Kinder antworten konnte. »Ich hätte euch so viel zu erzählen«. Hinter ihnen schlug hallend das Tor zu. »In die Spielstunde«. MUX/763/y zum Beispiel. was man wirklich ist. »schließlich wird doch jetzt für uns gesorgt. wurden sie wie von einer riesigen Magnetkraft in das Haus hineingesaugt. »aber jetzt ist alles anders. »Ja.« »Und wie geht das?« »Jeder von uns stellt eine Lochkarte dar. »Wo geht ihr denn jetzt hin?« wollte sie wissen. Jede Lochkarte enthält eine Menge verschiedener Angaben: wie groß.« Alle schwiegen und blickten vor sich hin. »Darauf«. Aber natürlich nie das. antwortete Maria traurig.« Inzwischen waren sie vor dem Tor eines großen. Er muß Fragen stellen. aber man muß höllisch aufpassen. »aber darauf kommt es nicht an. die alle in das Tor hineingingen. »aber es ist zwecklos. als sie vor Schreck erstarrte. daß du dort hineinkommst. »das ist sehr nützlich. antwortete Franco. Und alle sahen ähnlich aus wie die drei Freunde von Momo. »Darauf kommt es nicht an«. wie alt. Wer es am schnellsten kann. »Versuche es gar nicht erst! Es liegt nicht in unserem Interesse.« »Könnt ihr denn nicht einfach ausreißen?« schlug Momo vor. ob es jemand gehört hatte. Dennoch trat sie nach einer Weile an das Tor heran. »Bei dir war's viel schöner«. antwortete Paolo. »Heute spielen wir Lochkarten«.« »Aber worauf kommt es denn an?« wollte Momo wissen.

Der graue Herr lächelte dünn. »Kennst du uns denn noch immer so wenig? Weißt du noch immer nicht. Und bei dem Gedanken. Nur der Rauch seiner Zigarre hing noch in der Luft. SIEBZEHNTES KAPITEL Große Angst und größerer Mut Momo fürchtete sich davor. ins alte Amphitheater zurückzukehren. Außerdem. dort hinkommen. Nein. erwiderte der graue Herr. erklärte der Graue und paffte einen Rauchring. Möchtest du das?« »Ja«.und deine Freunde. Sie fühlte wieder die eisige Kälte in sich aufsteigen. so sagte sie sich. wie du siehst. aber sie hatten es alle sehr eilig. der sie um Mitternacht treffen wollte. war sie mitten in einer dichten Menschenmenge auch am schwersten zu finden. aschengraues Gelächter hören. Aber der graue Herr war schon nicht mehr da. wie mächtig wir sind? Wir haben dir alle deine Freunde genommen.daß es in Wahrheit nichts Gutes für sie und ihre Freunde sein würde. der sich wie eine Schlinge um Momos Hals legte und nur langsam verging. was wir wollen.»Weil wir mit dir etwas anderes vorhaben«. daß niemand auf sie und den grauen Herren geachtet hatte.»Warum?« fragte Momo. »Weil wir möchten. »Wenn du vernünftig bist. Aber wo konnte sie sich vor ihm verstecken? Am sichersten schien es ihr mitten in der Menge anderer Menschen. Zwar hatte sie ja gesehen. Und auch mit dir können wir machen.« Momo nickte stumm. flüsterte Momo. aber sie brachte keinen Laut hervor. »Dann wollen wir uns heute um Mitternacht zur Besprechung treffen. daß du uns einen kleinen Dienst erweist«. »Laß das doch!« sagte der graue Herr und ließ ein freudloses. kannst du viel dabei gewinnen für dich . war ja mehr als deutlich gewesen. dann würden die Leute doch wohl aufmerksam werden und sie retten. weder dort noch anderswo. Niemand kann dir mehr helfen. Momo zeigte mit dem Finger auf den grauen Herrn und wollte um Hilfe rufen. Den restlichen Nachmittag und den ganzen Abend über bis tief in die Nacht hinein lief Momo also mitten im Gedränge der Passanten .« »Warum?« brachte Momo mühsam hervor. Leute gingen vorüber. dort ganz allein mit ihm zu sein. Aber wir verschonen dich. Sicherlich würde der graue Herr. hatte er ihr nicht gesagt. packte Momo das Entsetzen. aber wenn er ihr wirklich etwas tun würde und sie um Hilfe schrie. Wo sie ihn treffen sollte. sie wollte ihm überhaupt nicht mehr begegnen. Was auch immer er ihr vorzuschlagen hatte .

. was sie geträumt hatte. Momo wollte nicht mehr fliehen. aber ihre Füße verfingen sich in den Papierstreifen. das tat gut ! Sie seufzte erleichtert. die grauen Herren dazu zu bewegen. dann kann ich wieder besser achtgeben .« Am Straßenrand stand gerade ein kleiner. Die Karten wurden durcheinandergewirbelt. Er zog und zog immer weiter. wo sie sich befand. . und Momo sprang ab.Als sie so weit gedacht hatte. Sie waren alle ganz flach wie Spielkarten. vor Erschöpfung eingeschlafen. »Ich kann das andere Ende nicht finden!« Und das Seil schien tatsächlich unendlich lang. Momo wischte sich die Wangen ab. dreirädriger Lieferwagen. . der um diese späte Nachtzeit wie ausgestorben wirkte. Die Straßen waren menschenleer und die hohen Häuser dunkel. aber das Knattern und Rattern übertönte ihre schwache Stimme. hoch über einem finsteren Abgrund auf einem Seil dahinschwanken. desto mehr verwickelte sie sich darin. wenn sie ihm nicht zu Hilfe käme. »Wo ist das andere Ende?« hörte sie ihn immer wieder rufen. Mochte die Möglichkeit. bis sie schließlich davon aufwachte. daß es knatterte und ratterte. Sie sah den alten Beppo. und dabei fielen sie übereinander. Wo war sie überhaupt? Der Wagen mußte wohl schon eine ganze Weile gefahren sein. Doch dann fiel ihr wieder ein. und sie blieb stehen. Momo wollte Beppo so gerne helfen. der sich einen endlosen Papierstreifen aus dem Munde zog. wo sie diesen Weg begonnen hatte. Im ersten Augenblick wußte sie nicht mehr. Wenn es überhaupt noch jemand gab. dann mußten sie sich neu ordnen. weiter. Dann sah sie die Kinder. fühlte sie plötzlich eine . Und je heftiger sie sich zu befreien versuchte. daß sie sich auf den Lieferwagen gesetzt hatte. ehe sie es selbst merkte.»Nur einen Augenblick ausruhen«. der angenehm weich war. und Momo marschierte halb im Schlaf dahin. Das Motorengeräusch verklang allmählich in den dunklen Straßen. auch noch so winzig sein.über die belebtesten Straßen und Plätze. als ob er sie flehend anblickte. Aber dann fiel ihr ein. zu hoch droben. und es wurde still. immer weiter. Momo kletterte hinauf und lehnte sich gegen einen Sack. der seinen Besen als Balancierstange benutzte. weiter . Wirre Träume suchten sie heim. und neue Löcher wurden in sie hineingestanzt. Sie wollte zu ihm hinlaufen. versuchen mußte sie es wenigstens. dann war sie es. Es verlor sich nach beiden Seiten in der Dunkelheit. ihre Freunde freizugeben. Aber sie war ja schon den ganzen Tag über herumgelaufen. der ihnen Hilfe bringen konnte. Die Kartenkinder weinten lautlos. Sie zog die müden Füße hoch und steckte sie unter ihren Rock. an ihr eigene Verlassenheit. denn es war dunkel um sie. denn er befand sich jetzt in einem Teil der Stadt. die noch naß von Tränen waren. Und dieser Wagen fuhr jetzt. Ach. und allmählich schmerzten ihre Füße vor Müdigkeit. Sie lief ihn ein zweites und ein drittes Mal. . auf dessen Ladefläche allerlei Säcke und Kisten lagen. die in Not waren. dachte sie endlich. aber schon wurden sie wieder gemischt. als ob er keine Luft mehr bekommen könne. »Halt!« wollte Momo rufen und »aufhören!«. »nur einen winzigen Augenblick. ohne daß sie es gemerkt hatte. Und es schien Momo. Gigi stand schon auf einem ganzen Berg von Papierstreifen. Und in jede Karte waren richtige Muster kleiner Löcher gestanzt. Sie war davongelaufen. aber sie konnte sich ihm nicht einmal bemerkbar machen. an ihre eigene Angst gedacht ! Und dabei waren es doch in Wirklichkeit ihre Freunde. Er war zu weit fort. Der Lieferwagen fuhr nicht sehr schnell. bis sie wie in einem großen Kreis wieder dorthin zurückkam. Sie wollte auf die belebten Straßen zurück. Und es wurde immer lauter und lauter. Sie ließ sich einfach mittreiben in dem Strom der immer eiligen Menschenmassen. schmiegte sich gegen den Sack und war. sich zu retten. Es wurde spät und später. wo sie vor dem grauen Herren sicher zu sein glaubte. Die ganze Zeit hatte sie nur an sich. aber der Papierstreifen hörte nicht auf und riß auch nicht ab. und sein Motor machte solchen Lärm. in der Hoffnung. Dann sah sie Gigi. ehe sie sich's recht überlegt hatte.

begann ziemlich in der Nähe eine Turmuhr zu schlagen. Momo überquerte den Platz. leeren Platz mündeten. wo sie stand. daß es die Scheinwerfer von vielen Autos waren. »ist dieses Mädchen Momo. dachte Momo. wo sie sich befand. Jetzt wollte sie dem grauen Herren begegnen. Seht es euch jetzt an. hoffte sie. Aber sie spürte. leeren Platz. totenstillen Straßen. denn sie blieben im Dunkeln hinter den Scheinwerfern. das uns einmal herausfordern zu können glaubte. verkroch sie sich. Die Möglichkeit. vielleicht wartet er auf mich. Kaum war nämlich der letzte Glockenschlag verhallt. als gleichzeitig in allen Straßen. schmutziger Hund. hörte sie schließlich eine aschenfarbene Stimme.« Aber das war nun leichter beschlossen als getan. wie sie weiterlaufen mußte. irgendein Zeichen. was mit ihr geschehen würde. und im Nu fühlte sie sich getröstet und gestärkt. Wenn der graue Herr jetzt im Amphitheater auf sie wartete. auf denen Bäume oder Brunnen stehen. die nichts Freundliches enthielten. das ihr begegnete. Was sollte. Schließlich gelangte Momo zu einem riesenhaften. hörte sie nicht einmal den Klang ihrer eigenen Schritte. die ringsum auf den großen. würde vorüber sein . »vielleicht ist es noch nicht zu spät. war ein magerer. soweit das möglich war. dessen Mittelpunkt Momo war. dieses Häufchen Unglück!« Diesen Worten folgte ein rasselndes Geräusch. Und dann erkannte Momo. daß viele Blicke auf sie gerichtet waren . leere Fläche. als sie näher kam. Doch darin hatte sie sich getäuscht.Eine ganze Weile sagte niemand ein Wort. daß es plötzlich umschlug und sich ins Gegenteil verwandelte. Aber sie fand keines. Sie fühlte sich nun so mutig und zuversichtlich. Sie kamen also! Aber mit einem so gewaltigen Aufgebot hatte Momo nicht gerechnet. von überallher strahlte ihr grelles Licht entgegen. was konnte sie jetzt noch tun? Sie wußte sich keinen Rat. in die Dunkelheit hinein. die nun sehr langsam von allen Seiten auf die Mitte des Platzes zukamen. Aber sie hatte keine Hoffnung. Mit leise brummenden Motoren waren die Autos näher und näher herangekommen.seltsame Veränderung in sich. der in einem Abfallhaufen nach Eßbarem suchte und ängstlich floh. ein schwacher Lichtschein auftauchte. so laut sie konnte. In welche Richtung sie sich auch wandte. wenn sie in eine neue Straße einbog. Trotzdem lief sie aufs Geratewohl los.Blicke. irgend etwas zu entdecken. Und fragen konnte sie auch niemand. Momo konnte nicht sehen. »Ich muß sofort zum alten Amphitheater«. das ihr verriet.vielleicht ein für allemal! Momo biß sich auf die Faust. der rasch heller wurde. Stoßstange neben Stoßstange. Und da sie eingekreist war und nicht weglaufen konnte. oder vielmehr: es kümmerte sie überhaupt nicht mehr. das sie wiedererkannte. Sie schlug viele Male. sondern einfach eine weite. in einem Kreis stehen. also war es nun vielleicht schon Mitternacht. in ihrer viel zu großen Männerjacke. als ob keine Macht der Welt ihr etwas anhaben könnte. das sich entfernt anhörte wie vielstimmiges Gelächter. sagte sie zu sich. Und ihr wurde kalt. Das Gefühl der Angst und Hilflosigkeit war so groß geworden. Es war keiner von den schönen Plätzen. Aber dann dachte sie an die Blumen und an die Stimmen in der großen Musik. Und da sie barfuß war. dann konnte sie unmöglich noch rechtzeitig hinkommen. Momo nicht und auch keiner der grauen Herren. Jedesmal. Sie wußte nicht. . ihren Freunden zu helfen. wie viele es waren. Sie lief immer weiter und weiter durch die dunklen. daß der graue Herr sie hören würde. Sie wollte es um jeden Preis. Als sie eben dessen Mitte erreicht hatte. Nur am Rande hoben sich dunkel die Umrisse der Häuser gegen den nächtlichen Himmel ab. Es war durchgestanden. »Das also«. Für einen Augenblick schwand ihr ganzer Mut wieder dahin. denn das einzige lebendige Wesen. in welche Richtung sie überhaupt laufen mußte. Schließlich blieben sie. Er würde unverrichteterdinge wieder fortgehen. und hatte nicht die leiseste Ahnung. und sie mußte ihre Augen mit der Hand schützen. Dann stiegen die Herren aus. »Hier bin ich!« rief sie.

wo du es nicht mehr erträgst. Wir wollen von dir nicht mehr. Momo fühlte. sagte die erste Stimme aus dem Dunkel hinter den Scheinwerfern. »Es würde dich wirklich nur eine Kleinigkeit kosten. »Sie wissen. und du hilfst uns. »Du liebst deine Freunde. und wie gut sie sie kannte! Wieder entstand eine längere Stille.« Momo blickte aufmerksam in die Richtung. »Na schön«. wie mächtig wir sind. »Einmal«. Momo hörte etwas. »Dann kennst du also die . »kommt der Augenblick. ihr etwas vorzumachen. denn sie bebte an allen Gliedern vor Kälte. nur befreit mich von dieser Last ! . Das ist alles. »Sie weiß.»Wir möchten diesen Meister Hora nämlich auch gern einmal persönlich kennenlernen. »versuchen wir's also mit der Wahrheit. Oh. in einem Jahr. als daß du uns zu ihm führst.« Momo hörte zu und schwieg weiterhin. Deine Freunde sind unerreichbar für dich. der dich erdrückt. zischelte eine andere Stimme. verstehst du? Aber wir wissen nicht.« Momo horchte auf. das wie ein Keuchen aus vielen Kehlen klang. die Wahrheit zu sagen. mit dem du deine Zeit teilen kannst. aber sie biß die Zähne zusammen und schüttelte abermals den Kopf. Und dann fragte sie laut: »Kennst du Meister Hora?« Momo nickte. Du siehst. morgen. die dich versengt. Die Stimme kam aus einer anderen Richtung. »Und du würdest sie gern aus unserer Gewalt befreien?« Wieder nickte Momo. daß wir vollkommen offen mit dir reden und es ehrlich meinen: Du bekommst dafür deine Freunde zurück. Das ist doch nicht mehr als recht und billig. Als die Stimme von neuem zu reden anfing. Die vielen einsamen Stunden.Oder bist du schon so weit ? Du brauchst es nur zu sagen. sich uns zu widersetzen. nicht wahr?« Momo nickte. wenn du nur wolltest. was die Zeit ist«. »Das beweist. daß du einmal gekrochen kommen wirst und sagst: Ich bin zu allem bereit. aber klang genauso aschenfarben: »Reden wir also offen miteinander. Das alles war unser Plan. Eine Welle von Kälte kam von allen Seiten auf Momo zu. Du bist ausgesondert von allen Menschen. wo er wohnt. Das ist . wir warten einfach.Stunden-Blumen?« Momo nickte zum dritten Mal. und ihr könnt wieder euer altes. « Momo schüttelte den Kopf.« Wieder entstand eine lange Stille. höre nur gut zu.« Momo zog sich ihre Jacke ganz eng um den Leib. Es gibt niemand mehr. das dich ertränkt. eine Qual. Es schien sie eine unvorstellbare Anstrengung zu kosten. antwortete die erste Stimme ebenso. kam sie abermals aus einer anderen Richtung. »Und du warst tatsächlich bei ihm?« Momo nickte wieder. daß die grauen Herren sich davor fürchteten. deine Freunde zu befreien. wie gefährlich uns die Kleine werden kann. aus welcher die Stimme jetzt kam. Es hat keinen Zweck. »Du könntest es. ein Meer. Momo. was sind sie jetzt für dich? Ein Fluch. in einer Woche. lustiges Leben führen. Du bist allein. daß sie wirklich beim Sogenannten war«.»Vorsicht !« sagte eine andere aschenfarbene Stimme unterdrückt. die dich erstickt. eine Last. Ja. »Du willst dir nicht von uns helfen lassen?« fragte die Stimme eisig. Endlich begann wieder einer zu reden. armes Kind. Es hat keinen Sinn. fuhr die Stimme fort. Wir helfen dir. damit du auch sicher bist. Uns ist es gleich. Denn wir wissen.

dann werden wir ihm kein Haar krümmen. über den nur noch ein kalter Windstoß hinfuhr.« Von irgendwoher fragte die Stimme drohend : » Was heißt das. Das laß doch seine Sorge sein. Er ist alt genug. der wie aus einer großen Leere zu kommen schien. Die Kälte raubte ihr fast die Besinnung. »du und deine Freunde.« »Wo ist sie jetzt?« Momo. »Was wollt ihr von Meister Hora?« fragte sie langsam. »Wir wollen ihn kennenlernen«. »Aber keine Sorge. aber kein Wort mehr hervorbringen konnte. um für sich selbst zu sorgen. also weißt du den Weg!« »Ich finde ihn nicht wieder«. ihr seid natürlich ausgenommen. Die muß Hora uns überlassen!« Momo starrte entsetzt ins Dunkel. und die Kälte nahm zu.« Die Stimme verstummte.verloren. Und nun führst du uns zu Hora. Es kostete sie Anstrengung zu sprechen. wenn du es könntest? Du kannst es doch ! Du warst doch bei Hora.doch ein lohnendes Angebot!« Jetzt tat Momo zum ersten Mal den Mund auf..mit mir . ein aschengrauer Wind. begann aber gleich darauf aus anderer Richtung wieder zu reden: »Du weißt. ich tat's nicht.aber . und wir lassen euch in Ruhe.« Momo blieb stumm und wartete ab. Plötzlich klang die Stimme nun schrill und überanstrengt. ihn zu zwingen. daß wir die Wahrheit gesagt haben. sie schienen unruhig zu werden. Jede Schildkröte muß geprüft werden! Diese Kassiopeia muß gefunden werden! Sie muß! Sie muß!« Die Stimmen verklangen.« Wie aus weiter Ferne hörte sie um sich her aufgeregtes Stimmengewirr. Unter den grauen Herren entstand eine Bewegung. »Damit laß dir genug sein. daß für ihresgleichen kein Platz mehr ist. kaum noch bei Bewußtsein.zurückgekommen --. schrie die Stimme und überschlug sich. Ihr werdet die letzten Menschen sein. Ihr mischt euch nicht mehr in unsere Angelegenheiten. Sie stand allein auf dem großen Platz. »ich hab's versucht. stammelte : »Sie ist . Nur Kassiopeia weiß ihn. Andernfalls haben wir unsere Mittel. antwortete die Stimme scharf.»sind längst überflüssig. Wir werden die Welt beherrschen!« Die Kälte war jetzt so schrecklich. Sie selbst haben die Welt so weit gebracht. die spielen und sich Geschichten erzählen. Minuten und Sekunden der Menschen einzeln zusammenzuraffen.« »Wer ist das?« »Meister Horas Schildkröte. Nach mehreren Versuchen brachte sie schließlich hervor : »Selbst wenn ich's könnte. »Man muß diese Schildkröte finden. Es wurde still. Und außerdem . daß Momo nur noch mühsam die Lippen bewegen. Langsam kam Momo wieder zu sich. »Sofort Großalarm !« hörte sie rufen. kleine Momo«. flüsterte Momo. fuhr die Stimme nun plötzlich wieder leise und beinahe schmeichelnd fort.ich hab' . »Und die Menschen?« fragte sie.« Momo versuchte zu sprechen. denn ihre Lippen waren wie eingefroren. sagte die Stimme.« »Wozu?« fragte Momo mit blauen Lippen. »denk doch an dich und deine Freunde ! Was machst du dir Gedanken um Meister Hora. uns die Stunden. »Ich verstehe dich nicht«. woher die Stimme kam.sie . Wir werden unser Versprechen halten.wenn er vernünftig ist und sich gütlich mit uns einigt. Wir wollen die ganze Zeit aller Menschen. als sie antwortete: »Wir haben es satt. »Was wird dann aus denen?« »Menschen«. .

nie wieder .« »Und wieso hast du mich ausgerechnet jetzt und ausgerechnet hier gefunden?« »WUSSTE ES VORHER«. daß sie sie nicht finden würde? Dann hätte sie ja eigentlich gar nicht zu suchen brauchen? Das war wieder so eines von Kassiopeias Rätseln.» In diesem Augenblick berührte etwas sie zart an ihrem nackten Fuß. Ist es nicht gescheiter.. »Hast du mich denn die ganze lange Zeit gesucht?« »FREILICH.« . nachdem alle Hoffnung für sie und ihre Freunde ein für allemal dahin war? Denn nun wußte sie ja. Momo hielt sie fest an sich gedrückt. Dazu kam die Angst um Kassiopeia. bei dem einem der Verstand stillstand. was inzwischen geschehen war. Es wäre ein Glück für sie . Aber alles blieb still.« »Jetzt?« rief Momo ganz entsetzt. Jetzt erschienen auf dem Rücken der Schildkröte die Worte: »FREUST DICH WOHL GAR NICHT?« »Doch«. hier zu bleiben?« Aber auf der Schildkröte stand nur: »ICH WEISS. sagte Momo und schluchzte fast. Aber jetzt war jedenfalls nicht der geeignete Augenblick. Kassiopeia strampelte heftig unter der Jacke und versuchte sich zu be-freien. Ja. daß sie gar nicht dazu gekommen war. halt dich ruhig!« »WAS SOLL DER UNFUG?« stand leuchtend auf dem Panzer. Die Turmuhr schlug manchmal. Also hatte die Schildkröte offenbar all die Zeit davor nach Momo gesucht. Flüsternd berichtete Momo nun der Schildkröte. über diese Frage zu grübeln. war die Antwort. »Was sollen wir jetzt tun?« fragte sie zuletzt. versuchte Momo sich zu trösten. wenn die grauen Herren sie tatsächlich finden würden ? Momo begann sich bittere Vorwürfe zu machen. »Und vielleicht«. die grauen Herren könnten noch in der Nähe sein. wieviel Zeit vergangen war. Was. »ist Kassiopeia schon längst wieder bei Meister Hora. »Man darf dich nicht sehen!» raunte Momo. Die Buchstaben auf dem Panzer der Schildkröte erröteten sichtlich. . »Aber sie suchen dich überall! Nur gerade hier sind sie nicht.« Ohne sich zu besinnen packte Momo sie und steckte sie unter ihre Jacke. Sie fühlte sich wie gelähmt und konnte keinen Entschluß fassen. hoffentlich sucht sie nicht mehr nach mir. und wie!« Und sie küßte sie mehrmals auf die Nase. Nun erschienen auf ihrem Panzer die Worte: »WIR GEHEN zu HORA. Kassiopeia hatte aufmerksam zugehört. WIR GEHEN. guckte aber zu ihr hinein und flüsterte: »Bitte. als sie antwortete: »MUSS DOCH SEHR BITTEN!« Momo lächelte. daß es nie wieder gut werden würde. Nur sehr langsam kehrte die Wärme in ihre erstarrten Glieder zurück. daß sie die Schildkröte überhaupt erwähnt hatte. obgleich sie wußte. Aber sie war so benommen gewesen.. »doch Kassiopeia. .ACHTZEHNTES KAPITEL Wenn man voraussieht ohne zurückzuschauen Momo wußte nicht. Sollte sie nach Hause gehen ins alte Amphitheater und sich schlafen legen? Jetzt. Dann richtete sie sich auf und horchte und spähte in die Dunkelheit ringsum. Vor ihr saß die Schildkröte ! Und in der Dunkelheit leuchteten langsam die Buchstaben auf: »DA BIN ICH WIEDER. wenn man zu lange darüber nachdachte.und für mich . denn sie fürchtete. sich all das zu überlegen. Momo erschrak und beugte sich langsam hinunter. aber Momo hörte es kaum.

Es waren die grauen Herren. die die ganze Szene belauscht hatten. Aber dann dachte sie an den langen mühevollen Weg. hieß es. Wenn nur die Schildkröte nicht so schrecklich langsam gekrabbelt wäre! Aber daran war ja nun nichts zu ändern. »Wir müssen doch die Schildkröte fangen. hatten sie selbst nicht geahnt. Eine größer und größer werdende Prozession von grauen Herren. Momo schaute nicht mehr nach links und nach rechts.« »Eben. und plötzlich fühlte sie. Und wozu brauchen wir sie?« »Damit sie uns zu Hora führt. »Gut«. aber daß dieses Warten einen solchen unverhofften Erfolg zeitigen würde. sondern nur noch auf ihr eigenen Füße und auf Kassiopeia. . meine Herren ! Keiner von uns darf sich ihnen in den Weg stellen. daß dies der armselige und wie ausgestorben wirkende Stadtteil war. Wenn es so war. Und nun. Sie tut es freiwillig . »Sollen wir zupacken?« »Natürlich nicht«. raunte eine andere. sagte Momo. »Warum mußt du denn unbedingt selbst krabbeln?« fragte Momo.« »WIR BEGEGNEN KEINEM«. Ein Teil von ihnen war zurückgeblieben. Momo hob ihre Augenlider. dann konnte man sich freilich darauf verlassen. die Verfolger wichen aus und verschwanden rechtzeitig. »Da gehen sie !« flüsterte eine aschengraue Stimme. Und genau das tut sie jetzt. Um jeden Preis. Nach einer Ewigkeit. Nach und nach dämmerte ihr. immer durch Mauern und Häuserecken verborgen. folgte lautlos dem Weg der beiden Fliehenden. bemerkte sie. dann konnte sie es vielleicht tatsächlich noch bis zur Niemals-Gasse und zum Nirgend-Haus schaffen. daß ihre Kräfte dazu nicht mehr ausreichen würden. »Wir lassen sie laufen. Momo setzte Kassiopeia auf den Boden. sagte Momo. damit es schneller geht?« »LEIDER NEIN«. Aber höchste Vorsicht. daß Momo und Kassiopeia tatsächlich keinem einzigen ihrer Verfolger begegneten. als es rund um den Platz in den finsteren Schatten der Häuser lebendig wurde. Alle sollen sich uns anschließen. war auf Kassiopeias Rücken zu lesen.« »Wieso?« fragte die erste Stimme.« »Stimmt.wenn auch nicht absichtlich. Und dann wurde es für ein kleines Weilchen wieder ein wenig besser. Man soll ihnen überall freie Bahn geben. Geh allein und grüß Meister Hora schön von mir. Momo war so müde wie noch nie in ihrem ganzen Leben zuvor. »Geben Sie sofort Nachricht an alle Agenten in der Stadt. »ich kann nicht mehr. daß sie im nächsten Augenblick einfach hinfallen und einschlafen würde. Die Suche kann abgebrochen werden. Darauf erschien die rätselhafte Antwort: »DER WEG IST IN MIR. Manchmal glaubte sie. daß die Straße unter ihren Füßen plötzlich heller wurde. Kaum waren das Mädchen und die Schildkröte in einer der einmündenden Gassen verschwunden.« » ES IST GANZ NAH!« stand auf Kassiopeias Rücken. die ihr schwer wie Blei zu sein schienen. »Geh allein. Aber dann zwang sie sich noch zum nächsten Schritt und wieder zum nächsten. Nun. meine Herren. von dem aus sie damals in jene andere Gegend mit den weißen Häusern und dem seltsamen Licht gelangt waren. Aber könnte ich dich nicht vielleicht tragen.»Dann«. langsam und Schrittchen für Schrittchen. war Kassiopeias Antwort. lassen Sie uns in aller Ruhe unseren beiden ahnungslosen Führern folgen!« Und so kam es. wenn sie das so sicher wußte. Momo las es und schaute sich erstaunt um. sagte sie leise. wie es ihr vorkam. und Momo folgte ihr.« Damit setzte sich die Schildkröte in Bewegung. Denn wohin auch immer sie ihre Schritte wandten. Kassiopeia«. »werden wir ihnen geradewegs in die Arme laufen.« Wieder wehte tonloses Kichern durch die finsteren Schatten rund um den Platz. den sie damals gegangen waren. »ich geh' mit dir. Und wir brauchen sie nicht einmal dazu zu zwingen. Sie hatten lange warten müssen. um sich hinter dem Mädchen und der Schildkröte ihren Genossen anzuschließen. Ein knisterndes Rascheln ging über den Platz hin wie tonloses Kichern. Sie dürfen keinem von uns begegnen. um heimlich das Mädchen zu beobachten.

Damals ! Aber jetzt war die Sache anders. Dann hatte Momo endlich das Nirgend-Haus erreicht. denn nun konnte es nicht mehr allzulange dauern. die ganze Straßenbreite ausfüllend. bis sie sich umgedreht hatte und rückwärts gegangen war. dann die Beine und Körper und schließlich auch die Gesichter. lösten sie sich buchstäblich vor Momos Augen in Nichts auf. Ja. auf denen ein überraschter und entsetzter Ausdruck lag. Und da diese nun wußten.noch Abenddämmerung war und wo alle Schatten in verschiedene Richtungen fielen. Und deshalb tat sie es jetzt wieder. Und nun blieb ihr fast das Herz stehen vor Schreck. daß sie in dieser Gasse nicht hatte weiterkommen können. gingen sie sogar noch etwas langsamer als die Schildkröte. in dem jenes Licht herrschte. So war Momo ihnen entkommen.und blickte umher. Und dort war auch wieder jenes seltsame Denkmal. und für einen Augenblick entstand eine Art Handgemenge unter ihnen. Momo sah ihre zornigen Gesichter und ihre drohend geschüttelten Fäuste. so weit man sehen konnte. warf sich auf das zierliche Sofa und versteckte ihr Gesicht unter einem Kissen. Es war wie ein umgekehrter Wettlauf. um nichts mehr zu sehen und zu hören.daß sie hier gerade dadurch schneller vorwärts kamen. Aber nicht nur Momo hatte diesen Vorgang beobachtet. Sie krabbelte weiter. . je langsamer sie beide gingen. Zuerst verschwanden ihre vorgestreckten Hände. war die Antwort der Schildkröte. eher noch langsamer als vorher. »können wir nicht ein bißchen schneller gehen?« »JE LANGSAMER. Die ersten stemmten sich gegen die Masse der nachfolgenden. aber sie konnte ihr eigene Stimme nicht hören. Aber keiner wagte es. Denn dies war das Geheimnis jenes weißen Stadtteils: Je langsamer man voranschritt. Blendend weiß und unnahbar standen die Häuser mit den schwarzen Fenstern. als glitte die Straße unter ihnen dahin. Denn jetzt wollten sie das Mädchen und die Schildkröte ja gar nicht einholen. Langsam füllten sich die weißen Straßen hinter den beiden mit dem Heer der grauen Herren. öffnete die ganz kleine Tür am anderen Ende. Das . Wie eine graue. Kassiopeia war schon eingebogen und lief auf das Nirgend-Haus zu. bis sie bei Meister Hora sein würden. Die große schwere Tür aus grünem Metall öffnete sich. Aber nun geschah abermals etwas Seltsames: Als die ersten der Verfolger in die Niemals-Gasse einzudringen versuchten. und Reihe hinter Reihe. »Bitte«. sondern natürlich auch die anderen nachdrängenden grauen Herren. Und je mehr man sich beeilte.wie schon beim vorigen Mal . und dadurch holten sie auf und kamen näher und näher heran. DESTO SCHNELLER«. Es war geradezu. Momo schöpfte Mut. sagte sie zu Kassiopeia. immer schneller. immer tiefer und tiefer hinein ins Innere des weißen Stadtteils. rannte durch den Gang mit den steinernen Figuren. Kreuz und quer ging der Weg durch diese Traumstraßen. lief durch den Saal mit den unzähligen Uhren auf das kleine Zimmerchen in der Mitte der Standuhren zu. Dann war die Ecke der Niemals-Gasse erreicht. schlüpfte hindurch. Und so entdeckten sie nun auch dieses Geheimnis. wie man sich hier bewegen mußte. Momo erinnerte sich. Jetzt folgten sie den beiden genauso langsam wie diese gingen. desto schneller kam man vom Fleck. Momo schrie auf. Sie lief rückwärts in die Niemals-Gasse hinein und starrte mit aufgerissenen Augen auf das nachfolgende Heer der grauen Herren. wandernde Mauer kamen die Zeit-Diebe heran. das nichts darstellte als ein riesengroßes Ei auf einem schwarzen Steinquader. als sie Momo mit den drei Autos verfolgten. das nicht Morgen. desto langsamer kam man voran. sie waren endlich in den Stadtteil gelangt. Momo stürzte hinein. ihr weiter zu folgen. Und Momo bemerkte . einer neben dem anderen. ein Wettlauf der Langsamkeit.hatten die grauen Herren damals. nicht gewußt.

»können sie doch nicht?« Meister Hora schneuzte sich. soweit sie eben herankommen können. »Ach. Man kann sagen. Er blickte mit kummervollem Gesicht vor sich auf den Boden nieder. Sie bestehen nur aus gestohlener Zeit. Dann würden alle Leute ein bißchen jünger. erklärte Meister Hora lächelnd.. »entschuldige bitte. »Das war ganz in Ordnung. Am Tischchen vor dem Sofa saß Meister Hora. als bloß die Zeit. »Konntest du dir nicht denken. »Du weißt ja. »Könnte man dann«. »aber du.« »Davon hab' ich gar nichts gemerkt«. verschwindet auch die andere. auch Kassiopeia verfolgte ihn mit den Augen. daß man dort alles rückwärts tun muß. Die beiden Strömungen halten sich im Gleichgewicht. Momo beobachtete ihn gespannt.« »Zu uns hereinkommen«. »Ich hoffe.« »Mach dir darüber keine Gedanken«. fragte Momo. Sonst ist es doch so. Kassiopeia. nicht wahr? Rings um das Nirgend-Haus läuft die Zeit nämlich umgekehrt. antwortete Meister Hora. Dadurch. weil er sehr viel mehr ist. antwortete Momo. daß sie sich einfach in Nichts auflösen. unsere kleine Momo ist aufgewacht ! « sagte Meister Hora freundlich. stand auf und ging einige Male tief in Gedanken in dem kleinen Zimmer auf und ab. das würde ja nichts machen. . Aber bei den grauen Herren ist das anders. Und die geht im Handumdrehen aus ihnen heraus. manchmal bist du auch mir ein Rätsel!« Momo setzte sich auf. die in ihm steckt. erschien auf Kassiopeias Rücken. Soweit ich nicht alles selbst durch meine Allsicht-Brille beobachtet habe.NEUNZEHNTES KAPITEL Die Eingeschlossenen müssen sich entschließen Eine leise Stimme sprach. Nur bleibt vom Ballon wenigstens noch die Hülle übrig. meinte Momo verwundert. von ihnen aber gar nichts. das nicht. Kassiopeia . »Das wäre freilich schön. .« »Wie kommt denn das?« wollte Momo wissen. Meister Hora zog ein großes blaues Taschentuch aus seiner Jacke. du fühlst dich wieder gut?« »Sehr gut. hat Kassiopeia mir inzwischen berichtet. »nicht einfach alle Zeit umgekehrt laufen lassen ? Nur ganz kurz. Aber die Zeit-Diebe würden sich in Nichts auflösen. «Er hielt inné und schob seine Allsicht-Brille auf die Stirn. . Aber es geht leider nicht. Du hast ja selbst gesehen.« »Und was ist mit den grauen Herren?« fragte Momo. wo die Schildkröte saß.« Meister Hora lächelte. daß du jünger geworden bist. so wie die Luft aus einem geplatzten Luftballon. »Das Kind kann nichts dafür«. Nicht viel. Du brauchst mir nichts zu erklären. daß ich hier einfach eingeschlafen bin. fragte sie nach einer Weile. »Das macht der Zeit-Sog«.«. »Nein. Aber in der NiemalsGasse geht die Zeit aus dir heraus. sie zu durchqueren. Dann gäbe es gar keine Zeit mehr . Kassiopeia-. Sie fühlte sich auf wunderbare Weise erquickt und ausgeruht. »Ah. wenn sie die Niemals-Gasse betreten. daß die Grauen euch folgen würden?« »WEISS NUR VORHER«. danke«. Schließlich setzte er sich wieder und sah Momo prüfend an.. Das heißt. »Sie belagern uns. »Nun ja«. »DENKE NICHT NACH!« Meister Hora schüttelte seufzend den Kopf. Langsam tauchte Momo aus der Tiefe ihres traumlosen Schlafes empor. Sie haben das Nirgend-Haus von allen Seiten umstellt. meine ich. daß du immer mehr Zeit in dir hast. »für einen Menschen bedeutet das nicht so viel. hörte sie die Stimme sagen.warum hast du das nur getan?« Momo schlug die Augen auf. während du durch sie hindurchgegangen bist. »Das heißt. wirst du älter. erwiderte Hora.« Momo dachte angestrengt nach. nur eben die Zeit. daß die Zeit in dich hineingeht. wenn sie in den ZeitSog geraten. murmelte er. Wenn man die eine aufhebt. die du dazu gebraucht hast.

Die Umzingelung war lückenlos. Und diesmal schmeckte es ihr fast noch besser als beim ersten Mal. wie sie es sonst in gewöhnlicher Luft taten. Jeder hatte wie immer seinen steifen runden Hut auf dem Kopf. An manchen Stellen war er schon dicht und undurchsichtig. ob sie auszuführen ist. Die grauen Herren standen unbeweglich. wenn die Menschen sie nicht mehr brauchen. »Sie wollen«.« Er nahm seine kleine goldene Brille ab und reichte sie Momo hinüber. oder sie könne noch immer nicht ganz deutlich sehen. Momo hatte in der Zwischenzeit oft mit Sehnsucht an diese köstlichen Sachen zurückgedacht und begann sofort mit Heißhunger zu schmausen.« Er wandte sich an die Schildkröte zu seinen Füßen: »Kassiopeia. die sie sich aufsetzte. sich zu bilden.« »Aber sie sagen«. daß dieser Dunst nichts mit der Brille und nichts mit ihren Augen zu tun hatte. fuhrt Momo fort. sondern daß er dort draußen in den Straßen aufstieg. Zuerst meinte sie nur. aber erst. sagte er sehr ernst. Von mir werden die grauen Herren nicht den kleinsten Augenblick bekommen. »möchte ich. mit vollen Backen kauend. Kind«. Aber dann bemerkte Momo noch etwas anderes. bläulich-grünen Schwaden. Aber diese Rauchwolken verteilten sich nicht. an anderen begann er erst. kroch über die Straßen an den Fassaden der schneeweißen Häuser empor und spannte sich in langen Fahnen von Vorsprung zu Vorsprung. Er ballte sich zu ekligen. die Butter und die knusprigen Brötchen. der Honig. Oder war er es eigentlich schon die ganze Zeit gewesen. denn ein merkwürdiger Nebel ließ die Umrisse der grauen Herren nur verschwommen erkennen. sagte Meister Hora. und sie wird einmal enden. sondern weiter noch. die sich langsam aber stetig immer höher übereinander türmten und das Nirgend-Haus von allen Seiten wie mit einer unaufhaltsam wachsenden Mauer umgaben. sagte er. »Ja«. Momo sah auch. »Auch keine schlechte Idee!« Im gleichen Augenblick war der Tisch auch schon gedeckt. Nach einer kleinen Weile schon hatten sich ihre Augen auf die Allsicht eingestellt. Aber diesmal ging es bald vorüber. in dieser gläsernen Luft zog sich der Rauch in zähen Schleiern wie Spinnweben dahin. Und nun sah sie das Heer der Belagerer ! Schulter an Schulter standen die grauen Herren in einer unabsehbar langen Reihe nebeneinander. Aber dann begriff sie. der sich durch den Stadtteil mit den schneeweißen Häusern zog und dessen Mittelpunkt das Nirgend-Haus war. sagte Momo nach einer Weile. der sie schwindelig machte wie beim ersten Mal. Aber das wirst du doch nicht tun?« Nein. wo sich kein Windhauch regte. Zuerst war da wieder der Wirbel aus Farben und Formen. daß du sie dir selber ansiehst. die Gläser der Allsicht-Brille seien vielleicht beschlagen. und in seinem Mund qualmte die kleine graue Zigarre. das man während einer Belagerung tun kann?« »FRÜHSTÜCKEN!« erschien als Antwort auf deren Panzer. antwortete Meister Hora. etwas Befremdliches. meine Teure! Was ist nach deiner Ansicht das Beste.« » »Ehe wir uns darüber weiter unterhalten«. Die Zeit hat einmal angefangen. Hier.»Du hast mich da auf eine Idee gebracht«. »aber es hängt nicht allein von mir ab. die durch sie abgelöst wurden. »das werde ich niemals tun. und Momo hatte es nur bisher nicht bemerkt? Jedenfalls standen da wieder die kleinen goldenen Täßchen und das ganze übrige goldschimmernde Frühstück: Die Kanne mit dampfender Schokolade. »sie können dich dazu zwingen. immer weiter in einem großen Kreis. in die Reihe traten. seine Aktentasche in der Hand. »daß du ihnen die ganze Zeit aller Menschen gibst. Sie standen nicht nur vor der Niemals-Gasse. Übrigens griff jetzt auch Meister Hora herzhaft zu. Aber warum geschah dies alles? Welchen Plan . daß ab und zu neue Herren ankamen und an Stelle anderer.

daß auch das Böse sein Geheimnis hat.« »Was sind denn das für Zigarren?« wollte Momo wissen.« Momo war aufgestanden.« »Etwas noch Schlimmeres?« fragte Momo erschrocken. fuhr er fort: »Du hast gefragt. Irgendwo tief unter der Erde müssen sich riesige Speicher befinden. auch nicht aufhalten. können nicht sterben. und man fühlt gar nichts mehr. lassen sie verdorren. sondern sie bleibt und nimmt langsam immer mehr zu. Es gibt keinen Zorn mehr und keine Begeisterung. zurückzukehren. Aber diese Unlust verschwindet nicht wieder. Dagegen können die grauen Herren nichts tun. gespenstischen Zeit der grauen Herren.« Während er sie sich aufsetzte. Ich weiß nicht. man ödet sich.« Momo hörte atemlos zu. Lebendige Zeit ist jedoch für die grauen Herren unbekömmlich. Und damit versuchen sie. Sie streben mit allen Fasern ihres Wesens zurück zu dem Menschen. mich zu erpressen. sagte Meister Hora. »Ich teile jedem Menschen seine Zeit zu. Sie reißen den StundenBlumen die Blütenblätter aus. Und wenn die Menschen die empfangen. wo die grauen Herren die geraubten Stunden-Blumen aufbewahren. »Du mußt wissen. grauem Gesicht umher. die ich aussende. Momo. Man wird ganz gleichgültig und grau. Nichts interessiert einen. die von mir ausgeschickt wird. Aber sie können den Menschen einen Schaden zufügen. bis sie grau und hart werden. daß jeder Mensch einen solchen goldenen Tempel der Zeit besitzt. »Mit dem Rauch ihrer Zigarren«. Dann ist es kalt geworden in einem. »Du erinnerst dich an die Stunden-Blumen«. Ich weiß nur. Denn erst in diesem Rauch ist die Zeit nun wirklich ganz und gar tot.«Momo starrte Meister Hora fassungslos an. denn ohne sie könnte er nicht mehr existieren. man . Sie können die Zeit. diese Mauer von Rauch. etwas von der abgestorbenen. dem sie gehören. Man hastet mit leerem. dann ist die Krankheit unheilbar. als alles. die ganze Welt kommt einem fremd vor und geht einen nichts mehr an. dann gelingt es denen. Man fühlt sich immer mißmutiger. Dann hört nach und nach sogar dieses Gefühl auf. denn sie sind ja nicht wirklich vergangen.« »Ja.« »Die Zeit vergiften?« fragte Momo entgeistert. »Ich habe dir damals gesagt.« Momos Wangen begannen vor Empörung zu glühen. besteht aus toter Zeit. »Hast du jemals einen von ihnen ohne seine kleine graue Zigarre gesehen? Gewiß nicht. Dadurch werden sie gehindert. dann mischt sich in jede Stunde. bis die Blüten hart sind wie gläserne Kelche. Sie können aber auch nicht leben. die sie dort draußen rund um das Nirgend-Haus wachsen lassen. daß sie diese durch ihr eigene Kälte einfrieren. Aber wenn die finstere Qualmglocke sich rundherum und über uns geschlossen haben wird. und man kann nichts und niemand mehr lieb haben. erklärte Meister Hora. »Hast du genug gesehen?« fragte er. was sie bis jetzt getan haben. immer unzufriedener mit sich und der Welt. und daraus drehen sie sich ihre kleinen Zigarren. dann werden sie krank davon. Aber bis zu diesem Augenblick ist noch immer ein Rest von Leben in den Blättern. . Meister Hora nickte. in welchen die ganze gefrorene Zeit liegt. der viel schlimmer ist. irgend etwas zu tun. Man hat eines Tages keine Lust mehr. Es gibt keine Rückkehr mehr. noch kann ich den Menschen ihre Zeit unversehrt zusenden. »Aus diesen Vorratskellern versorgen die grauen Herren sich immerzu. ob sie mich zu etwas zwingen können. Sie wird schlimmer von Tag zu Tag. Wenn es einmal soweit gekommen ist. Darum zünden sie die Zigarren an und rauchen sie. wie du nun weißt. Aber sie können sie vergiften. denn sie sind ja von ihrem wirklichen Eigentümer getrennt. todkrank sogar. Wenn die Menschen dort die grauen Herren einlassen. Mich selbst können sie nicht erreichen. . »soviel tote Zeit. man verlernt das Lachen und das Weinen. »Dann gib mir bitte die Brille wieder.verfolgten die Zeit-Diebe? Sie nahm die Brille ab und schaute Meister Hora fragend an. man kann sich nicht mehr freuen und nicht mehr trauern. die so herausgerissen sind aus dem Herzen eines Menschen. »Ach!« sagte sie. von Woche zu Woche. Leise fragte sie: »Und was ist das für eine Krankheit?« »Am Anfang merkt man noch nicht viel davon. mehr und mehr von diesen Blüten an sich zu reißen. Und von solcher toten Menschenzeit fristen sie ihr Dasein. Doch auch dort sterben die StundenBlumen noch immer nicht. Noch ist genügend freier Himmel da. weil jeder ein Herz hat. immer leerer im Innern. Aber die Stunden-Blumen.

flüsterte Momo. Aber es liegt in meiner Macht. »Ich muß dich in eine Gefahr schicken. »Willst du mir helfen?« »Ja«. an ihre Zeitvorräte zu kommen. »Es ist die einzige und letzte Möglichkeit. Du mußt keine Angst haben. »Du mußt wissen«. dann kann ich ja auch nicht wieder aufwachen. und ich selbst kann wieder aufwachen. dann ist man einer der ihren. »ist es doch ganz einfach!« »Leider ist es eben nicht so einfach. Die Vorstellung. In einer einzigen Stunde hätten sie davon so gut wie nichts verbraucht. zu leben. »Dann«. Was konnte die Schildkröte ihr bei all dem helfen ! Und doch war es ein winziger Hoffnungsstrahl für Momo. Wenn also alle Zeit auf der Welt aufgehört hat. und ich werde dir nicht mehr helfen können. versetzte Meister Hora. und das wird vielleicht von allem das Schwerste sein. da sie ja große Vorräte an Zeit besitzen. »Damit allein«. Aber ich kann es nicht allein.und das werden sie sehr schnell merken. Meister Hora blickte sie lange an und begann zu lächeln. sagte Meister Hora. die du lösen müßtest. sind viel schwerer ! Sobald die grauen Herren merken. Du hast die Stimmen der Sterne gehört.ist genauso geworden wie die grauen Herren selbst.werden sie die Belagerung abbrechen und zu ihren Zeitvorräten streben. fragte sie. »Willst du es trotzdem versuchen?« fragte Meister Hora. Aber wenn diese verbraucht sind. »Und wenn du ihnen also nicht die Zeit aller Menschen gibst«. »Vieles wird leichter sein. Aber danach bleibt noch etwas zu tun. nicht ganz allein zu sein. Wenn ich einschliefe. begann er. so hättest du noch eine Stunde.« Er stand auf und wandte sich ab. Wenn es nämlich keine Zeit mehr gibt. denn du wirst ganz und gar auf dich gestellt sein. geht es auch mit ihnen zu Ende. machte ihr Mut. »hätten wir nichts erreicht.« Momo nickte und schaute Meister Hora mit äußerster Aufmerksamkeit an. Es schien ihr unmöglich. müssen sie sich in Nichts auflösen.« Momo schwieg. Und für alles das bleibt dir nur eine einzige Stunde. Ich muß etwas tun. denn sie selbst haben ihnen ja auch zum Dasein verholfen. dann mußt du sie daran hindern. Zwar können sie noch eine Weile weiterexistieren. als du jetzt glaubst. viel größer. Es war zwar ein Mut ohne jeden vernünftigen Grund. Denn nur. dir ganz allein eine Stunden-Blume zu geben. Und damit bliebe die Welt still und starr für alle Ewigkeit. weil ja immer nur eine blüht. Mit einem solchen Berg von Schwierigkeiten und Gefahren hatte sie nicht gerechnet. »gib jetzt genau acht auf das. wiederholte Momo. Willst du es wirklich wagen?« »Ja«. Aber nun kann ich nicht länger warten. würde im gleichen Augenblick alle Zeit aufhören. Sie hätten es gekonnt. Sie wären also danach noch immer da. wird die Welt aufhören. Sobald ihre Zigarren zu Ende sind. »daß ich niemals schlafe. Freilich nur eine einzige. Diese Krankheit heißt: Die tödliche Langeweile. Die Welt würde still stehen. »Und es wird von dir abhängen.« »Aber dann«. sonst brauchte ich ja nicht deine Hilfe. Ja. Wenn es aber keine Zeit mehr gibt. daß alle Menschen so werden wie sie?« »Ja«. die gar nicht zu ermessen ist«. dir. Und dorthin mußt du ihnen folgen. daß sie das schaffen konnte. daß die Zeit aufgehört hat . »ICH GEH MIT DIR!« las sie plötzlich auf Kassiopeias Rücken. »Ich will es versuchen«. Kind. sagte sie entschlossen. sagte Meister Hora. »dann machen sie.« . weil ihr Zigarren-Nachschub ausbleiben wird . oder ob sie von neuem beginnen wird.« Momo überlief ein Schauder. Die Aufgaben. ob die Welt für immer still stehen wird.« Er blickte Momo an. meinte Momo. Momo. dann mußt du die ganze geraubte Zeit befreien. wenn diese zurückkehrt zu den Menschen. Ich nicht und niemand sonst. daß die Menschen selbst sich von diesen Plagegeistern befreien würden. Momo. Wenn der letzte Zeit-Dieb verschwunden ist. »Ich habe bis jetzt darauf gewartet. was ich dir sage.« »Dann kann ich dich doch wecken!« sagte Momo. antwortete Meister Hora.« Momo sah Meister Hora ratlos an. denn die Vorräte der grauen Herren sind viel. Wenn du ihr Versteck gefunden hast. still zu stehen. Momo. »damit wollen sie mich erpressen. dann können die grauen Herren auch niemand mehr bestehlen. und diesmal klang ihre Stimme fest. daß sie sich auf einmal entscheiden konnte. aber er bewirkte.

daß die Zeit aufgehört hat?« »Sei unbesorgt. als er sie in den goldenen Tempel getragen hatte. antwortete Meister Hora. wohin ich gehe. Sie trägt ihre eigene kleine Zeit in sich selbst. mein Kind?« »Ja«. Vielleicht war er in dieses Ticken hineingegangen. steht alles still. Momo«. »und was sollen wir jetzt tun?« »Jetzt«.Dann wandte er sich der Schildkröte zu und fragte: »Und du. sagte Momo. »aber woran soll ich erkennen. daß du auch mir zugehört hast. die kleine.« »Gut«. Denn sobald die Zeit aufhört.»Leb wohl. Momo hörte seine Schritte immer ferner und ferner. Nur eines noch: Sowie ich fort bin. Sie könnte auch über die Welt krabbeln. antwortete Momo. nicht wahr?« »Ja«. sagte Momo. »und du darfst mir nicht folgen und auch nicht fragen. »später. Momo hob Kassiopeia hoch und drückte sie fest an sich. sagte er. wenn alles für immer still stünde. »Kassiopeia braucht das nicht«. auf der mein Name steht. »wollen wir Abschied nehmen. Er strich ihr leise mit der Hand über ihren struppigen Haarschopf. und auch Momo erhob sich. sagte Momo und nickte. alt wie ein Felsenberg oder ein uralter Baum. willst also mitgehen?« » NATÜRLICH !« stand auf dem Panzer. die auf die Niemals-Gasse hinausführt. Ihr größtes Abenteuer hatte unwiderruflich begonnen. »es war eine große Freude für mich. Denn mein Schlaf ist kein gewöhnlicher Schlaf. Er wandte sich ab und ging rasch aus dem kleinen Zimmer. du wirst es bemerken. ganz wie damals.« Momo schluckte. . »Ich werde nun gehen«. Kassiopeia. Denn wir bleiben doch Freunde. Hast du alles gut verstanden und behalten. und es ist besser. entgegnete Meister Hora. Die Schrift verschwand.« Meister Hora stand auf. und auch diese Türen sind durch keine Macht der Welt mehr zu bewegen. dann fragte sie leise: »Werden wir uns denn nicht mehr wiedersehen?« »Wir werden uns wiedersehen. erklärte Meister Hora und kraulte die Schildkröte zärtlich am Hals. und die große aus grünem Metall. mußt du sogleich die beiden Türen öffnen. wenn du nicht dabei bist.« Und nun sah Meister Hora plötzlich wieder unbegreiflich alt aus.« »Ich werde allen von dir erzählen«. in der nun plötzlich der Tatendrang erwachte. fuhr Meister Hora fort. »sie ist ein Wesen von außerhalb der Zeit. und es erschienen die Worte: »JEMAND MUSS DOCH AUF SIE AUFPASSEN!« Meister Hora und Momo lächelten sich an. »und bis dahin wird jede Stunde deines Lebens dir einen Gruß von mir bringen. das aus Uhrenkästen gebildet war. kleine Momo«. »Kriegt sie auch eine Stunden-Blume?« fragte Momo. und dann waren sie von dem Ticken der vielen Uhren nicht mehr zu unterscheiden.

wie sie eben standen. Um Himmels willen. murmelte sie. Und dann geschah es! Es gab plötzlich eine Art Erschütterung. Sie hatte nicht gefühlt. wie ihn zuvor noch nie ein Mensch gehört hat. hinter einer großen Standuhr. Sie lief durch den Saal. und Momo schaute sie an. Und eine Stille breitete sich aus. Das gleiche war mit dem Honig. »Eindrucksvoll!« sagte einer von ihnen. gar nichts regte sich mehr. daß sie in ihrer Hand eine wunderbare. schlüpfte durch das kleine Türchen. ja ! Momo raffte sich auf. nicht die winzigste Kleinigkeit konnte jetzt mehr verändert werden. aber die Polster waren jetzt hart wie Marmelstein und gaben nicht mehr nach. Dieses Ereignis wurde von einem Klang begleitet. Dann hörte sie die Schritte der grauen Herren draußen im Gang hallen. Die schwingenden Perpendikel blieben stehen. mühelos wie immer. Nichts. »ABER DEINE ZEIT VERLIERST DU!« stand auf ihrem Rückenpanzer. als sei sie immer schon da gewesen. Kassiopeia strampelte. bis ein ganzer Trupp von ihnen im Saal stand. Vorsichtig machte Momo einen Schritt. »Das fängt ja schon gut an«. sondern die Zeit. Und dann war alles vorüber. Es gibt keine Worte dafür. Momo wollte den Finger in die Flüssigkeit tauchen. auf der Meister Horas Name stand. »Das ist also unser neues Heim. lief weiter durch den Gang und spähte bei der großen Tür um die Ecke und fuhr im gleichen Augenblick zurück. Sogar die Brotkrümchen.« . Sie mußte all ihre Kraft aufwenden. ein Zeit-Beben sozusagen. die auf dem Teller lagen. Sie schauten sich um. das aus der Tiefe von Jahrhunderten kam. sie konnte sich bewegen. mit Kassiopeia im Arm. Es war wie ein Seufzen. waren vollkommen unbeweglich. sehr große Stunden-Blume trug. wo es keine Zeit mehr gab. Die Zeit hatte aufgehört. Kassiopeia auf dem Arm. Einer nach dem anderen zwängte sich durch das kleine Türchen. In ihrer Tasse war noch ein Schluck Schokolade. wie sie nie und nirgends zuvor auf der Welt geherrscht hatte. so vollkommen. Nichts. aber das Täßchen war nicht mehr von der Stelle zu bewegen. Momo setzte sich auf eines der Polsterstühlchen. sie kamen durch die Niemals-Gasse. Sie war einfach ganz plötzlich da. die aber nicht den Raum beben machte.ZWANZIGSTES KAPITEL Die Verfolgung der Verfolger Als erstes ging Momo nun hin und öffnete die kleine innere Tür. Auf dem Tischchen standen noch die Reste des Frühstücks. Ihr Herz begann rasend zu klopfen. Als sie damit fertig war. Im gleichen Augenblick hörte das vielstimmige Ticken und Schnarren und Klingen und Schlagen der unzähligen Uhren ganz plötzlich auf. wie sich das anfühlte. denn die riesigen Torflügel waren sehr schwer. in der ja nun auch die rückwärtslaufende Zeit aufgehört hatte. was nun geschehen würde. aber sie war hart wie Glas. wie diese Blume in ihre Hand hineingekommen war. Dann lief sie geschwind durch den Gang mit den großen Steinfiguren und machte auch die äußere große Tür aus grünem Metall auf. lief sie in den Saal mit den unzähligen Uhren zurück und wartete. auf das Nirgend-Haus zu ! Das war im Plan nicht vorgesehen gewesen ! Momo rannte zurück in den großen Saal und versteckte sich. Tatsächlich. Die Zeit-Diebe liefen gar nicht fort! Im Gegenteil. Und Momo wurde gewahr.

und binnen kurzem befand sich das ganze Heer Hals über Kopf auf dem Rückzug.»Das Mädchen Momo hat uns die Tür geöffnet«. wenn unsere mitgeführten Zigarren verbraucht sind?« »Das wissen Sie selbst. dann sagte plötzlich einer von ihnen. den Alten herumzukriegen. lief hinter ihnen her. sagte eine andere aschengraue Stimme. und denen gelang es nun doch. Schließlich waren nur noch drei der grauen Herren im Saal. »Das ist eine fürchterliche Katastrophe. Als sie die aus dem Nirgend-Haus Gekommenen rennen sahen. meine Herren ! Die Uhren ! Sehen Sie sich doch nur die Uhren an! Sie stehen alle. Denn daß der Zeit-Sog in der Niemals-Gasse ausgesetzt hat.Rette sich. Sie schlugen sich die Hüte von den Köpfen. Ein vernünftiges Kind! Ich bin gespannt. unter einem Arm die Schildkröte. wie sie sich in ihrer Panik gegenseitig wegboxten. schien plötzlich alle Kraft zu verlieren. daß sie die grauen Herren nicht mehr aus den Augen verlor. Er stand da. wer kann!« Alle waren auf das kleine Türchen zugerannt und drängten gleichzeitig hinaus. Momo. Und jeder. ganz ähnliche Stimme antwortete: »Nach meiner Ansicht hat der Sogenannte selbst klein beigegeben. Wo steckt er denn?« Die grauen Herren sahen sich suchend um.Meine für achtundvierzig! -Dann geben Sie her! . angstvollen Ausdruck im Gesicht. Unser gesamter Nachschub ist zusammengebrochen ! Es gibt keine Zeit mehr ! Hora hat die Zeit abgestellt!« Einen Augenblick herrschte Totenstille. Jeder wollte vor dem anderen hinaus und kämpfte um sein graues Leben. zu unseren Zeit-Speichern zu kommen! . daß er sich uns fügen muß.Wir müssen sofort die Belagerung abbrechen ! . meinte ein anderer unsicher. andere schlössen sich den Fliehenden an. in der anderen Hand die Stunden-Blume. Momo konnte aus ihrem Versteck beobachten. daß die Zeit-Diebe schon bis zum Anfang der Niemals-Gasse gelaufen waren.« »Er hat sie eben angehalten«. Es ist unmöglich. dem das widerfuhr. irgendeinem Menschen noch das kleinste bißchen Zeit zu entreißen. Jetzt kam alles darauf an. wie sie es angestellt hat. die aufgeregt gestikulierend aufeinander einredeten. wurde rasch immer durchsichtiger und verschwand zuletzt. sie rangen miteinander und rissen sich gegenseitig die kleinen grauen Zigarren aus den Mündern.« Und eine dritte.Wir müssen versuchen. Dort standen in den Rauchschwaden andere Gruppen von grauen Herren. Durch das Verschwinden der Zeit hatte nun natürlich auch hier die geheimnisvolle Umkehrung von schnell und langsam aufgehört. Nichts blieb von ihm übrig. meine Herren. Eine schier endlose Karawane grauer Herren rannte stadteinwärts durch die seltsame Traumgegend mit den schneeweißen Häusern und den verschieden fallenden Schatten. begannen sie ebenfalls zu rennen. Als sie aus dem großen Tor trat. Dann fragte einer: »Was sagen Sie? Unser Nachschub ist zusammengebrochen? Aber was wird dann aus uns. Er hat also eingesehen. die Hände ausgestreckt. schoben und zogen und immer heftiger in ein Handgemenge gerieten. »Eine Sanduhr kann man nicht anhalten!« rief der erste. sehen Sie nur. Ihre Autos stehen. der rinnende Sand ist mitten im Fall stehengeblieben ! Man kann die Uhr auch nicht bewegen ! Was bedeutet das?« Noch während er redete. was dann aus uns wird!« schrie ein anderer. mit einem greinenden. Die Welt steht still. »ich habe es genau beobachtet. daß er ihn abgestellt hat. .Ohne Wagen? Das können wir nicht rechtzeitig schaffen! Meine Zigarren reichen nur noch für siebenundzwanzig Minuten! . kann nur bedeuten. meine Herren!« Und nun schrien plötzlich alle durcheinander: »Hora will uns vernichten ! . sah sie. nacheinander durch das kleine Türchen hinauszuschlüpfen und davonzukommen. dann quetschte sich ein weitere grauer Herr aufgeregt gestikulierend durch die kleine Tür und rief: »Soeben ist Nachricht unserer Agenten aus der Stadt gekommen. Alles steht. Sogar die Sanduhr hier. nicht einmal sein Hut.Sind Sie verrückt? . »Und doch. klangen laufende Schritte aus dem Gang herein. und seine Stimme klang noch eine Spur aschenfarbener: »Da stimmt was nicht. Jetzt werden wir kurzen Prozeß mit ihm machen.

Der Zug der grauen Herren führte vorbei an dem großen Ei-Denkmal und weiter bis dorthin, wo die ersten gewöhnlichen Häuser standen, jene grauen, verfallenen Mietskasernen, in denen die Menschen wohnten, die eben am Rande der Zeit lebten. Aber auch hier war nun alles starr. In gebührendem Abstand hinter den letzten Nachzüglern folgte Momo. Und so begann nun eine umgekehrte Jagd durch die große Stadt, eine Jagd, bei welcher die riesige Schar der grauen Herren floh und ein kleines Mädchen mit einer Blume in der Hand und einer Schildkröte unter dem Arm sie verfolgte. Aber wie sonderbar sah diese Stadt nun aus ! Auf den Fahrbahnen standen die Autos Reihe neben Reihe, hinter den Steuerrädern saßen bewegungslos die Fahrer, die Hände an der Schaltung oder auf der Hupe (einer tippte sich gerade mit dem Finger an die Stirn und starrte wütend zu seinem Nachbarn hinüber), Radfahrer, die den Arm ausgestreckt hielten, um zu zeigen, daß sie abbiegen wollten, und auf den Gehsteigen all die Fußgänger, Männer, Frauen, Kinder, Hunde und Katzen vollkommen reglos und starr, sogar der Rauch aus den Auspuffrohren. Auf den Straßenkreuzungen waren die Verkehrspolizisten, ihre Trillerpfeife im Mund, mitten im Winken stehen geblieben. Ein Schwarm Tauben schwebte über einem Platz unbeweglich in der Luft. Hoch über allem stand ein Flugzeug wie gemalt am Himmel. Das Wasser der Springbrunnen sah aus wie Eis. Blätter, die von Bäumen fielen, lagen reglos mitten in der Luft. Und ein kleiner Hund, der gerade ein Bein an einem Lichtmast hob, stand, als wäre er ausgestopft. Mitten durch diese Stadt, die leblos war wie eine Fotografie, rannten und jagten die grauen Herren. Und Momo immer hinterdrein, doch immer vorsichtig darauf bedacht, von den Zeit-Dieben nicht bemerkt zu werden. Aber die achteten sowieso auf nichts mehr, denn ihre Flucht gestaltete sich immer schwieriger und anstrengender. Sie waren ja nicht daran gewöhnt, so große Strecken im Laufschritt zurückzulegen. Sie keuchten und rangen nach Atem. Dabei mußten sie immer noch ihre kleinen grauen Zigarren, ohne die sie ja verloren waren, im Mund behalten. Manch einem entglitt die seine im Laufen, und ehe er sie noch auf dem Boden wiederfinden konnte, löste er sich bereits auf. Aber nicht nur diese äußeren Umstände machten ihre Flucht immer beschwerlicher, sondern mehr und mehr drohte jetzt schon Gefahr von seilen der eigenen Leidensgenossen. Manche nämlich, deren eigene Zigarren zu Ende brannten, rissen in der Verzweiflung einfach einem anderen die seine aus dem Mund. Und so verringerte sich ihre Anzahl langsam, aber ständig. Diejenigen, die noch einen kleinen Vorrat von Zigarren in ihren Aktentaschen trugen, mußten sehr achtgeben, daß die anderen nichts davon merkten, sonst stürzten sich die, welche keine mehr hatten, auf die Reicheren und versuchten, ihnen ihre Schätze zu entreißen. Es gab wilde Schlägereien. Ganze Haufen von ihnen warfen sich aufeinander, um etwas von den Vorräten zu grapschen. Dabei rollten die Zigarren über die Straße und wurden im Tumult zertreten. Die Angst, von der Welt verschwinden zu müssen, hatte die grauen Herren vollkommen kopflos gemacht. Und noch etwas bereitete ihnen immer zunehmende Schwierigkeiten, je weiter stadteinwärts sie kamen. An manchen Stellen der großen Stadt stand die Menschenmenge so dicht, daß sich die grauen Herren nur mühsam zwischen den Leuten durchschieben konnten, als seien diese Bäume in einem dichten Wald. Momo, die ja klein und schmal war, hatte es da natürlich bedeutend leichter. Aber selbst ein Flaumfederchen, das reglos in der Luft hing, war so unbeweglich, daß die grauen Herren sich fast die Köpfe daran einschlugen, wenn sie aus Versehen dagegen rannten. Es war ein langer Weg, und Momo hatte keine Ahnung, wie lang er noch sein würde. Besorgt blickte sie auf ihre Stunden-Blume. Aber die war inzwischen erst voll aufgeblüht. Noch bestand also kein Grund zur Sorge. Doch dann geschah etwas, was Momo augenblicklich alles andere vergessen ließ: Sie erblickte in einer kleinen Seitenstraße Beppo Straßenkehrer ! »Beppo!« schrie sie, außer sich vor Freude, und rannte zu ihm hin. »Beppo, ich hab' dich überall gesucht! Wo warst du denn die ganze Zeit? Warum bist du nie gekommen? Ach,

Beppo, lieber Beppo!« Sie wollte ihm um den Hals fallen, aber sie prallte von ihm ab, als ob er aus Eisen wäre. Momo hatte sich ziemlich weh getan, und die Tränen schössen ihr in die Augen. Schluchzend stand sie vor ihm und schaute ihn an. Seine kleine Gestalt wirkte noch gebückter als früher. Sein gutes Gesicht war ganz schmal und ausgezehrt und sehr blaß. Um das Kinn war ihm ein weißer, struppiger Stoppelbart gewachsen, denn zum Rasieren hatte er sich keine Zeit mehr genommen. In den Händen hielt er einen alten Besen, der schon ganz abgenützt war vom vielen Kehren. So stand er da, reglos wie alles andere, und schaute durch seine kleine Brille vor sich auf den Schmutz der Straße. Jetzt endlich hatte Momo ihn also gefunden, jetzt, wo es gar nichts mehr half, weil sie sich ihm nicht mehr bemerkbar machen konnte. Und vielleicht würde es das letzte Mal sein, daß sie ihn sah. Wer konnte wissen, wie alles ausgehen würde. Wenn es schlecht ausging, würde der alte Beppo in alle Ewigkeit so hier stehen. Die Schildkröte zappelte in Momos Arm. »WEITER!« stand auf ihrem Panzer.Momo rannte auf die Hauptstraße zurück und erschrak. Keiner der Zeit-Diebe war mehr zu sehen ! Momo lief ein Stück in der Richtung, in welcher vorher die grauen Herren geflüchtet waren, aber vergebens. Sie hatte ihre Spur verloren ! Ratlos blieb sie stehen. Was sollte sie nun tun? Fragend blickte sie auf Kassiopeia. »DU FINDEST SIE, LAUF WEITER!« lautete der Rat der Schildkröte. Nun, wenn Kassiopeia vorherwußte, daß sie die Zeit-Diebe finden würde, dann war es ja auf jeden Fall richtig, ganz gleich, welchen Weg Momo einschlug. Sie lief also einfach weiter, wie es ihr gerade in den Sinn kam, mal links, mal rechts, mal geradeaus. Inzwischen war sie in jenen Teil am nördlichen Rande der großen Stadt gekommen, wo die Neubauviertel mit den immer gleichen Häusern und den schnurgeraden Straßen sich bis zum Horizont dehnten. Momo lief weiter und weiter, aber da ja alle Häuser und Straßen einander vollkommen glichen, hatte sie bald das Gefühl, gar nicht vom Fleck zu kommen und an der gleichen Stelle zu laufen. Es war ein wahrer Irrgarten, aber ein Irrgarten der Regelmäßigkeit und Gleichheit. Momo war schon nahe daran, den Mut zu verlieren, als sie plötzlich einen letzten grauen Herren um eine Ecke biegen sah. Er humpelte, seine Hose war zerrissen, Hut und Aktentasche fehlten ihm, nur in seinem verbissen zusammengepreßten Mund qualmte noch der Stummel einer kleinen grauen Zigarre. Momo folgte ihm, bis zu einer Stelle, wo in der endlosen Reihe der Häuser plötzlich eines fehlte. Statt dessen war dort ein hoher Bauzaun aus rohen Brettern errichtet, der ein weites Geviert umgab. In diesem Bauzaun war ein Tor, das ein wenig offenstand, und dort hinein huschte der letzte Nachzügler der grauen Herren. Über dem Tor befand sich ein Schild, und Momo blieb stehen, um es zu entziffern.

EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL Das Ende, mit dem etwas Neues beginnt
Momo hatte sich mit dem Buchstabieren der Warntafel aufgehalten. Als sie nun durch das Tor schlüpfte, war auch von dem letzten grauen Herren nichts mehr zu sehen. Vor ihr lag eine riesige Baugrube, die wohl zwanzig, dreißig Meter tief sein mochte. Bagger und andere Baumaschinen standen umher. Auf einer schrägen Rampe, die zum Grunde der Grube hinunterführte, waren einige Lastwagen mitten in der Fahrt stehengeblieben. Da und dort standen Bauarbeiter, reglos in ihren jeweiligen Haltungen erstarrt. Aber wohin nun? Momo konnte keinen Eingang entdecken, den der graue Herr benutzt haben mochte. Sie schaute auf Kassiopeia, aber diese schien auch nicht weiterzuwissen. Keine Buchstaben erschienen auf ihrem Panzer. Momo kletterte auf den Grund der Baugrube hinunter und schaute sich um. Und nun sah sie plötzlich noch mal ein bekanntes Gesicht. Da stand Nicola, der Maurer, der ihr damals das schöne Blumenbild an die Wand ihres Zimmers gemalt hatte. Natürlich war auch er reglos, wie alle anderen, aber seine Haltung war seltsam. Er stand da, eine Hand an den Mund gelegt, als ob er irgendwem etwas zuriefe, und mit der anderen Hand zeigte er auf die Öffnung eines riesenhaften Rohres, das neben ihm aus dem Boden der Baugrube ragte. Und es ergab sich gerade so, daß er dabei Momo anzublicken schien. Momo überlegte nicht lang, sie nahm es einfach als ein Zeichen und kletterte in das Rohr hinein. Kaum war sie drin, geriet sie ins Rutschen, denn das Rohr führte steil abwärts. Es machte allerlei Windungen, so daß sie wie auf einer Rutschbahn hin und her geschleudert wurde. Hören und Sehen verging ihr beinahe bei der rasenden Fahrt, tiefer und tiefer hinunter. Manchmal trudelte sie um sich selbst, so daß sie mit dem Kopf voran dahinsauste. Aber sie ließ dabei weder die Schildkröte noch die Blume los. Je tiefer sie kam, desto kälter wurde es. Einen Augenblick dachte sie auch daran, wie sie wohl je wieder hier herauskommen könne, aber noch ehe sie recht dazu kam, sich Gedanken zu machen, endete die Röhre plötzlich in einem unterirdischen Gang. Hier war es nicht mehr finster. Es herrschte ein aschengraues Halblicht, das von den Wänden selbst auszugehen schien. Momo stand auf und lief weiter. Da sie barfuß war, machten ihre Schritte kein Geräusch, wohl aber die des grauen Herrn, die sie nun wieder vor sich hörte. Sie folgte dem Klang.

und die Verurteilten lösten sich in Nichts auf. das von ihnen noch übrig war. Sie bemerkte. Zuletzt waren nur noch sechs der grauen Herren übrig. aber keiner wehrte sich. Vor ihren Augen lag ein riesiger Saal mit einem schier endlosen Konferenztisch in der Mitte. die fürchterliche Kälte merklich nachließ. das sich. Die Zeit-Diebe mit den geraden Zahlen nahmen den anderen ihre Zigarren fort. hörte sie nun einen grauen Herrn sagen. Wir müssen uns einschränken. wie lange wir mit ihnen auskommen müssen. das Häuflein. antwortete ein anderer. »Die Vorräte reichen auf Jahre hinaus!« »Je eher wir zu sparen beginnen«. Nur ihre Zigarren brannten noch.oder vielmehr. die Vorräte tiefgekühlt zu halten?« »Wir sind leider nur sechs«. Dann hörte sie Stimmengewirr. mein Bester«. Danach zog der Vorsitzende eine Münze aus der Tasche und erklärte : »Wir werden losen. Nach und nach werden die Stunden-Blumen auftauen.« »Genug jetzt«. antwortete einer von der anderen Seite des Tisches. Und Sie alle wissen. sie hatten Beulen und Schrunden auf ihren grauen Glatzen. Wir wären verloren. Wäre sie im entscheidenden Augenblick geschlossen gewesen. meine Herren. Momo hatte den Vorgang mit Schaudern beobachtet. Darf ich Sie bitten. Wir müssen die Dinge sachlich betrachten ! So. daß ganz hinten an der Rückwand des Saales eine riesige Panzertür ein wenig offenstand. Momo sah. wenn einige von uns diese Katastrophe überstehen. sagte einer der grauen Herren. sind wir zu viele ! Wir müssen unsere Zahl beträchtlich verringern. meinte ein anderer.« »Wir sind nur noch wenige!« schrie ein anderer. unsere Zahl noch weiter zu verringern.« Er warf die Münze in die Luft und fing sie auf. wo sie hergekommen sind.« »Das ist nicht gesagt«. der ganz oben am Konferenztisch vor der Panzertür saß. sich unverzüglich aufzulösen!« Ein tonloses Stöhnen lief durch die Reihe der Verlierer. nun abzuzählen?« Die grauen Herren zählten ab. Eisige Kälte wehte aus dem Saal. daß jedesmal.« Eine Weile war es still. meine ich. Später. was ich mit sparen meine. meine Herren. daß es nichts half. wie es schien. fuhr der Redner ungerührt fort. entweicht die Kälte aus den Gefrier-Kellern. Wenn es uns sechsen nicht gelingt. sagte der Vorsitzende in die Stille hinein.« »Leider haben Sie nicht ganz recht. Sie saßen sich zu drei und drei am Kopfende des endlosen Tisches gegenüber und sahen sich eisig an. »Und nun«. »dasselbe noch einmal. »Wir müssen«. ein drittes und schließlich sogar ein viertes Mal. wenn ich bitten darf. unter dem ganzen Neubau-Viertel hinzog. die mit den ungeraden werden ersucht. Im Vergleich zu vorher war es jetzt schon beinahe erträglich.« »Sie meinen«. Sie ging ihm nach und lugte vorsichtig um eine Ecke. wenn die Zahl der grauen Herren geringer wurde. »ist eine häßliche Zahl. »daß unsere Kälte jetzt nicht mehr ausreicht. dann könnte sie jetzt keine Macht der Welt öffnen. »Zahl!« rief er. Und wie armselig sahen diese letzten Zeit-Diebe jetzt aus ! Ihre Anzüge waren zerfetzt. Zahl bedeutet. dann gelingt es dreien auch nicht. »aber falls es nötig sein sollte. Obwohl Momo wußte. fragte ein dritter. können wir ja immer noch darüber reden. Um diesen Tisch saßen in zwei langen Reihen die grauen Herren . daß wir sie dann nicht mehr daran hindern können. »Die Herren mit den geraden Zahlen bleiben. die Katastrophe zu überdauern. wie wir hier sitzen. Kopf bedeutet die mit den ungeraden. daß die Herren mit den geraden Zahlen bleiben. und ihre Gesichter wirkten verzerrt von Angst. denn wir wissen nicht.Von dem Gang zweigten nach allen Seiten andere Gänge ab. Es genügt völlig. »Sechs«. Das ist ein Gebot der Vernunft. daß die Tür zu den Vorrats-Speichern gerade offenstand. dann erklärte einer: »Wie gut.« Die gleiche schauerliche Prozedur erfolgte ein zweites. als die Katastrophe begann. »sparsam mit unseren Vorräten umgehen. »es hat keinen Zweck mehr. Und Sie wissen. kauerte sie sich nieder und wickelte die nackten Füße in ihren Rock. »desto länger werden wir durchhalten. dorthin zurückzukehren. ein unterirdisches Aderngeflecht. erwiderte der . meine Herren. »Indem das Tor offensteht.

Wenn es keine grauen Herren mehr gab. Mir scheint. da die Tür zu den Vorrats-Speichern ja offenstand und die ZeitDiebe sich nach Belieben Nachschub holen konnten? Kassiopeia strampelte. unter den langen Konferenztisch zu kriechen. wieviel wir ausrichten können. wovon sie eben vorherwußte. manchmal lief sie einem Verfolger fast in die Arme. und Momo schaute sie an. rannte Momo an ihnen vorbei auf den Ausgang des Saales zu. Die Tür drehte sich geräuschlos in ihren Angeln. Hier nur zu sitzen und weiter zu warten. unsere Anzahl derartig rigoros zu vermindern. berührte sie mit der Blüte und schob gleichzeitig mit der Hand. »So werden wir also nun vielleicht jahrelang sitzen und nichts tun. und fiel donnernd ins Schloß. meinte einer. saßen vor Schreck erstarrt auf ihren Stühlen und stierten das Mädchen an.« » MIT DER BLUME BERÜHREN!« war die Antwort. »DU MACHST DIE TÜR zu!« stand auf ihrem Panzer. daß sie es tun würde. » Wieso kann sie sich bewegen ?« »Sie hat eine Stunden-Blume!« brüllte ein dritter. »Ich kann sie bewegen. Aber was konnte sie tun. Dort lief sie auf allen vieren weiter. Und auch Kassiopeia beteiligte sich auf ihre Art an diesem Kampf. aber immer wieder gelang es ihr zu entwischen. daß außer ihnen noch irgendein anderes Wesen vom völligen Stillstand ausgenommen sein könnte. dann würden die Stunden-Blumen also von selbst auftauen. Nun saß sie zwischen den Füßen der Zeit-Diebe. die inzwischen schon ziemlich welk war und nicht mehr sehr viele Blütenblätter hatte. Und es würde sie immer weiter geben. und so rettete die Schildkröte mehrmals das Mädchen vor dem fast schon sicheren Gefaßtwerden. »Das ist Momo!« » Das gibt es nicht ! « schrie ein anderer. bis sie das andere Ende des langen Tisches erreichte. gehabt!« kreischte der sechste. es war ziemlich voreilig. Das Herz klopfte ihr zum Zerspringen. Ohne sich zu besinnen. drehte sich wirklich. »Und damit«. Die Nachkommenden fielen über die Liegenden. Ungesehen von den sechs grauen Herren gelang es ihr. die nicht im entferntesten damit gerechnet hatten. Und nun rafften sich auch die grauen Herren auf und jagten hinter ihr drein. «Momo dachte nach. Sie konnte zwar nur langsam krabbeln. »Ich muß gestehen . Natürlich flog sie dabei selbst oft. Momo setzte die Schildkröte vorsichtig auf den Boden. »DU WIRST ES TUN«. »und Sie können sich selbst ausrechnen. »Das geht nicht!« flüsterte Momo. als uns gegenseitig bewachen«. daß die Grauen über sie stolperten und sich auf dem Boden überkugelten. wenn ich sie mit der Stunden-Blume berühre?« wisperte Momo. die sich immer wieder verzweigten. sonst ist alles aus!« Inzwischen war Momo schon irgendwo in den Gängen verschwunden. unter ihre Jacke. erreichte sie die Stelle rechtzeitig und legte sich so in den Weg. »und wir haben uns entschieden.zweite Herr. Aber vorläufig gab es die grauen Herren ja noch. ohne daß einer der grauen Herren es bemerkte. rief der erste Herr. leise zog sie die Stunden-Blume hervor. weiterhin das zu tun. Wir werden nichts dabei gewinnen. Wenn Kassiopeia es vorauswußte. Momo sprang auf. gegen die Wand.« Wieder entstand eine Stille. hatte gewiß keinen Sinn. dann mußte es wohl auch so sein. stand auf dem Panzer. nahm sie zwischen die Zähne und krabbelte zwischen den Stühlen hindurch. Dann steckte sie die Stundenblume. Die grauen Herren. Aber hier wußten die grauen Herren natürlich besser Bescheid. . fragte der vierte.« »Für eine von beiden Möglichkeiten mußten wir uns entscheiden«. Momo jagte kreuz und quer. »Das ist doch dieses schreckliche kleine Mädchen!« hörte sie einen rufen. von einem Fußtritt getroffen. Aber das hielt sie nicht ab. Sie erreichte die offenstehende Tür.eine trostlose Vorstellung. wo die Verfolger laufen würden. »Sie ist doch unbeweglich. wenn sie nichts tat. »konnte sie die Tür bewegen?« Der fünfte schlug sich wild vor den Kopf: »Dann hätten wir das ja auch gekonnt! Wir haben doch genügend davon!« »Gehabt. aber da sie ja immer im voraus wußte. »aber jetzt ist die Tür zu ! Es gibt nur noch eine Rettung: Wir müssen die Stunden-Blume des Mädchens kriegen. Der Hall löste ein vielfaches Echo im Saal und in den tausend unterirdischen Gängen aus. Leise.

. »es ist gut-. Die Blume hielt sie an sich gedrückt. gib mir die Blume!« Momo stand noch immer in die Ecke gepreßt. Der letzte graue Herr nickte langsam. wohin sie eigentlich gehörten: in die Herzen der Menschen. und keine war einer anderen gleich . liebes Kind. hinaus. Die beiden Zeit-Diebe verfolgten sie rund um den Tisch. die immer größer und größer wurde. Es wurde warm und wärmer wie in einem Treibhaus. Mit dem Verschwinden des letzten Zeit-Diebes war auch die Kälte gewichen. dabei fiel ihm der winzige Stummel aus dem Mund und rollte fort. drückte die Blume an sich und schüttelte. was Momo von Kassiopeia sah. »bitte. Dabei schlug der erste dem zweiten die Zigarre aus dem Mund. und öffnete sie weit. konnte ihn aber nicht mehr erreichen. Momo starrte fassungslos auf die Stelle. an der nur noch ein einziges. Schließlich waren nur noch zwei von ihnen übrig. Aber dort krabbelte jetzt Kassiopeia. Dann teilten sie sich und liefen in entgegengesetzten Richtungen. daß nun . murmelte er. und eine war herrlicher anzusehen als die andere. Und wie Schneeflocken.ihre Zigarren und lösten sich. in dem sie auf und nieder schwebte und sich um sich selbst drehte. »Bitte«. Dann senkte sich die Blütenwolke langsam und sacht hernieder. KLEINE MOMO. Wolken von Stunden-Blumen wirbelten um sie her und an ihr vorüber. wo er gelegen hatte. »mir gehört die Blume! Mir!« Die beiden fingen an sich gegenseitig zurückzureißen. Und nun kam der letzte der grauen Herren auf Momo zu. aber ein Sturm aus lauter befreiter Zeit. Unzählige StundenBlumen standen hier wie gläserne Kelche aufgereiht in endlosen Regalen. FLIEGE HEIM!« Und dies war das letzte. Millionen von Lebensstunden. Und es war wie ein übermütiger Tanz nach einer herrlichen Musik. Momo schaute wie im Traum umher und sah Kassiopeia vor sich auf dem Boden. auf deren Rücken stand: »DU MACHST DIE TÜR AUF. In seinem Mundwinkel qualmte noch ein winziger Stummel.Hunderttausende. flüsterte er. daß Momo aufgehoben und davongetragen wurde. als sei sie selbst eine der Blumen. letztes Blütenblatt hing. Sie stand in eine Ecke des Saales gepreßt und blickte den beiden Verfolgern angsterfüllt entgegen. Und auf ihrem Rückenpanzer stand in leuchtender Schrift: »FLIEGE HEIM. »Her mit der Blume !« keuchte er. Während das letzte Blatt von Momos eigener Stunden-Blume abfiel.ist---« Und dann war auch er verschwunden.besinnungslos vor Gier nach der Stunden-Blume. und der drehte sich mit einem geisterhaften Wehlaut um sich selbst. hinauf über die Erde und hinauf über die große Stadt. begann mit einem Mal eine Art Sturm. wurde so gewaltig. keines Wortes mehr mächtig. konnten sie aber nicht einholen. Momo ging mit staunenden Augen in die riesigen Vorratsspeicher hinein. als der zweite ihn zurückriß. richtete sich mühsam halb auf und hob zitternd seine Hand. einer nach dem ändern. Er wandte Momo sein aschengraues Gesicht zu. Sie flog dahin über die Dächer und Türme in einer riesigen Wolke aus Blumen. und die Blumen fielen wie Schneeflocken auf die erstarrte Welt. Der Graue warf sich auf den Boden und grapschte mit ausgestrecktem Arm danach.Bei dieser Verfolgung verloren einige der grauen Herren . Nur noch drei schimmernde Blütenblätter hingen daran.« Momo ging zu der Tür. Und nun gab es für Momo kein Entrinnen mehr. den Kopf.alles vorbei . so lösten sie sich sanft auf und wurden wieder unsichtbar. »Es ist gut«. wurde durchsichtig und verschwand. schrie er. in Nichts auf. um dorthin zurückzukehren. Momo war in den großen Saal mit dem langen Tisch zurückgeflohen. Denn nun verstärkte sich der Sturm der Blüten ganz unbeschreiblich. hinaus aus den finsteren Gängen. berührte sie wieder mit ihrer Stunden-Blume. Es war wie ein warmer Frühlingssturm. Der erste Verfolger wollte eben die Hand nach der Blume ausstrecken. »Nein«.

und alles regte und bewegte sich von neuem. denn von nun an war ja wieder genug davon da. Massimo. Paolo. die Verkehrsschutzleute pfiffen. Beide lachten und weinten abwechselnd und redeten fortwährend durcheinander und natürlich lauter dummes Zeug. auf seinen Besen gestützt. und er drehte sich um. fand sie sich auf einer Straße wieder. und denen Momo zugehört hatte. wie nur Momos Freunde es zu feiern verstehen. Wer zur Arbeit ging. Und sie umarmten sich immer wieder. so vergnügt. der ihnen wie ein Wimpernschlag vorkam. Nicola. ganz wie früher. die früher immer gekommen waren. Denn als die kleine Momo und der alte Beppo an diesem Tag ins alte Amphitheater zurückkamen. waren sie alle schon da und warteten: Gigi Fremdenführer. setzten alle sich rundherum auf die grasbewachsenen steinernen Stufen. Jeder konnte sich zu allem so viel Zeit nehmen. und die kleine Momo stand vor ihm. wieso er sich plötzlich so getröstet und voller Hoffnung fühlte. wem das alles zu verdanken war. denn es versteht sich wohl von selbst. »habe ich jetzt die hunderttausend Stunden eingespart und Momo freigekauft. Claudio und alle anderen Kinder. daß er für diesen Tag nicht mehr ans Arbeiten dachte. Geglaubt und gewußt haben es nur Momos Freunde. Und nachdem der Jubel und das Umarmen und Händeschütteln und Lachen und Durcheinanderschreien sich gelegt hatte. daß die Welt für eine Stunde still gestanden hatte. plauderten freundlich miteinander und erkundigten sich ausführlich nach dem gegenseitigen Wohlergehen. aber niemand wußte. und es dauerte. mit Liliana.Im selben Augenblick begann die Zeit wieder. seiner dicken Frau. Endlich schulterte Beppo seinen Besen. und schaute nachdenklich vor sich hin. Die Autos rühren. Aber viele Leute haben nie erfahren. Nino. sich jedem ihrer Patienten ausführlich zu widmen. Es gibt wohl keine Worte. die nun auf wunderbare Weise zu ihm zurückkehrte. die Blumen in einem Fenster zu bewundern oder einen Vogel zu füttern. Und die Ärzte hatten jetzt Zeit. Alle Leute hatten nämlich plötzlich unendlich viel Zeit. denn es kam nicht mehr darauf an. wo sie vorher Beppo gefunden hatte. bis die alten Sterne am Himmel standen. Überall standen Leute. Dann wurde ein Fest gefeiert. und was in Wirklichkeit während jenes Augenblicks. und wirklich. blieben stehen und freuten sich und lachten und weinten mit.« Und genau in diesem Augenblick zupfte ihn jemand an der Jacke. und die Leute. Als Momo wieder recht zur Besinnung kam. die vorübergingen. wie er brauchte und haben wollte. daß es in Wirklichkeit seine eigene gesparte Zeit war. Franco. guckten lächelnd zu. Und in der großen Stadt sah man. hatten die Menschen nichts bemerkt. wie das eben so ist. heimwärts zum alten Amphitheater. was man seit langem nicht mehr gesehen hatte : Kinder spielten mitten auf der Straße. Es war die Seitenstraße. Die Arbeiter konnten ruhig und mit Liebe zur Sache arbeiten. denn sie hatten ja nun alle genügend Zeit dazu. Die meisten Leute hätten es wohl auch nicht geglaubt. die das Glück des Wiedersehens beschreiben können. der Wirt. der Maurer. »Vielleicht«. dachte er. Denn es war ja tatsächlich keine Zeit verstrichen zwischen dem Aufhören und dem neuen Beginn. Davon. und seinem Baby. möglichst viel in möglichst kurzer Zeit fertigzubringen. Natürlich war darüber jedermann außerordentlich froh. Es war für sie vorübergegangen wie ein Wimpernschlag. die warten mußten. und manche stiegen aus und spielten einfach mit. . Und doch war etwas anders geworden als vorher. das Mädchen Maria mit dem kleinen Geschwisterchen Dedé. geschehen ist. Es wurde ganz still. Er hatte es auf einmal gar nicht mehr eilig und konnte sich selbst nicht erklären. dort stand er noch ! Stand mit dem Rücken zu ihr. hatte Zeit. So wanderten die beiden Arm in Arm durch die Stadt. und alle Leute aus der Umgebung. Und jeder hatte dem anderen unendlich viel zu erzählen. wenn man vor Freude wie betrunken ist. und die Autofahrer. die Tauben flogen und der kleine Hund am Lichtmast machte sein Bächlein.

Du mußt mir alles erzählen. den die zurückgekehrte Zeit aus seinem ersten und einzigen Schlaf erweckt hatte. Und dann begann sie mit klarer Stimme zu singen. meinte Meister Hora. Vor ihm saß die Schildkröte. Er nahm seine Brille ab und beugte sich hinunter. daß du sehr erschöpft bist und dich erst einmal gründlich ausruhen möchtest. für niemand mehr sichtbar als nur für den. Also ziehe dich ruhig zurück. denn diesmal konnte ich euch ja nicht zusehen. Er war. »Das wird durch die Kälte der grauen Herren gekommen sein«. Dann nieste Kassiopeia.Momo stellte sich in die Mitte des freien runden Platzes. »Du hast dich doch nicht etwa erkältet?« fragte Meister Hora besorgt. und auf ihrem Rücken. der diese Geschichte gelesen hat. » UND WIE!« war Kassiopeias Antwort. erschienen langsam die Buchstaben: . Sie zog ihren Kopf und ihre vier Glieder ein. als sei er eben von einer schweren Krankheit genesen. Aber seine Augen strahlten. Dann hinkte Kassiopeia davon und suchte sich einen stillen und dunklen Winkel.« »DANKE!« stand auf dem Panzer.« »SPÄTER!« stand auf dem Rückenpanzer. »Ich kann mir denken. sagte er zärtlich und kraulte sie am Hals. Sie dachte an die Stimmen der Sterne und an die Stunden-Blumen. Da fühlte er. auf seinem Stuhl an dem kleinen zierlichen Tischchen und schaute Momo und ihren Freunden lächelnd durch seine Allsicht-Brille zu. Im Nirgend-Haus aber saß Meister Hora. »das habt ihr beide sehr gut gemacht. »Kassiopeia«.noch sehr blaß und sah aus. wie etwas ihn am Fuß berührte.

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