Im Dunkel scheint dein Licht. Woher, ich weiß es nicht. Es scheint so nah und doch so fern.

Ich weiß nicht, wie du heißt. Was du auch immer seist: Schimmere, schimmere, kleiner Stern! (Nach einem alten irischen Kinderlied)

Michael Ende

MOMO
ERSTER TEIL:

MOMO UND IHRE FREUNDE

ERSTES KAPITEL Eine große Stadt und ein kleines Mädchen

In alten, alten Zeiten, als die Menschen noch in ganz anderen Sprachen redeten, gab es in den warmen Ländern schon große und prächtige Städte. Da erhoben sich die Paläste der Könige und Kaiser, da gab es breite Straßen, enge Gassen und winkelige Gäßchen, da standen herrliche Tempel mit goldenen und marmornen Götterstatuen, da gab es bunte Märkte, wo Waren aus aller Herren Länder feilgeboten wurden, und weite schöne Plätze, wo die Leute sich versammelten, um Neuigkeiten zu besprechen und Reden zu halten oder anzuhören. Und vor allem gab es dort große Theater. Sie sahen ähnlich aus, wie ein Zirkus noch heute aussieht, nur daß sie ganz und gar aus Steinblöcken gefügt waren. Die Sitzreihen für die Zuschauer lagen stufenförmig übereinander wie in einem gewaltigen Trichter. Von oben gesehen waren manche dieser Bauwerke kreisrund, andere mehr oval und wieder andere bildeten einen weiten Halbkreis. Man nannte sie Amphitheater. Es gab welche, die groß waren wie ein Fußballstadion, und kleinere, in die nur ein paar hundert Zuschauer paßten. Es gab prächtige, mit Säulen und Figuren verzierte, und solche, die schlicht und schmucklos waren. Dächer hatten diese Amphitheater nicht, alles fand unter freiem Himmel statt. In den prachtvollen Theatern waren deshalb golddurchwirkte Teppiche über die Sitzreihen gespannt, um das Publikum vor der Glut der Sonne oder vor plötzlichen Regenschauern zu schützen. In den einfachen Theatern dienten Matten aus Binsen und Stroh dem gleichen Zweck. Mit einem Wort: die Theater waren so, wie die Leute es sich leisten

Momos äußere Erscheinung war in der Tat ein wenig seltsam und konnte auf Menschen. war die Ruine fast ganz vergessen. es war schon damals sozusagen ein Theater für ärmere Leute. die man durch ein Loch in der Außenmauer betreten konnte. Aber da und dort zwischen den neuen Gebäuden stehen noch ein paar Säulen. Ihr Rock war aus allerlei bunten Flicken zusammengenäht und reichte ihr bis auf die Fußknöchel. die sich mit anderen. Es hieße Momo oder so ähnlich. als ob jenes nur gespielte Leben auf geheimnisvolle Weise wirklicher wäre.konnten. und auch von den großen Theatern stehen nur noch Ruinen. und manchmal trafen sich dort am Abend die Liebespaare. machten Lärm. wunderschöne und ebenfalls pechschwarze Augen und Füße von der gleichen Farbe. Im geborstenen Gemäuer singen nun die Zikaden ihr eintöniges Lied. ein kleines Mädchen vermutlich. kletterten auf den grasbewachsenen Sitzreihen umher. die nicht zusammenpaßten und ihr außerdem viel zu groß waren. Natürlich ist das Leben in ihnen anders geworden. als ob die Erde im Schlaf atmet. die auf der Bühne dargestellt wurden. pechschwarzen Lockenkopf. aber es waren zwei verschiedene. Aber haben wollten sie alle eins.Und wenn sie den ergreifenden oder auch den komischen Begebenheiten lauschten. Jahrtausende sind seither vergangen. weil es dort nichts mehr zu erforschen gab. und die Zikaden stimmten die nächste Strophe ihres endlosen Liedes an. denn sie lief fast immer barfuß. denn sie waren leidenschaftliche Zuhörer und Zuschauer. ein Tor. das heißt um jene Zeit. Eigentlich waren es nur die Leute aus der näheren Umgebung. Das kam daher. So verirrten sich nur ab und zu ein paar Touristen dort hin. als ob er noch nie mit einem Kamm oder einer Schere in Berührung gekommen wäre. Und sie liebten es. die Ruine eines kleinen Amphitheaters. auf diese andere Wirklichkeit hinzuhorchen. die Kinder benutzten den runden Platz in der Mitte zum Ballspielen. Hier hatte Momo sich häuslich eingerichtet. Darüber trug sie eine alte. Sie war auch keine Sehenswürdigkeit. die Tempel und Paläste sind eingestürzt. die das seltsame runde Bauwerk kannten. ob sie erst acht oder schon zwölf Jahre alt war. dann war es ihnen. In unseren Tagen. als was sie irgendwo fand oder geschenkt bekam. Sie hatte einen wilden. daß neuerdings jemand in der Ruine wohne. daß Momo eben nichts besaß. Eines Mittags kamen einige Männer und Frauen aus der näheren . dort. liegt. deren Ärmel an den Handgelenken umgekrempelt waren. alltägliches. Kälte und Hitze haben die Steine abgeschliffen und ausgehöhlt. Sie war klein und ziemlich mager. Draußen am südlichen Rand dieser großen Stadt. weil es ein bißchen merkwürdig angezogen sei. ob sie jemals wieder eine so schöne und praktische Jacke mit so vielen Taschen finden würde. das sich anhört. möglicherweise etwas erschreckend wirken. daß sie ja noch wachsen würde. Aber einige dieser alten. die sich übrigens in nichts von der vorigen unterschied. die es in der großen Stadt gab. Sie ließen dort ihre Ziegen weiden. Unter der grasbewachsenen Bühne der Theaterruine gab es ein paar halb eingestürzte Kammern. Es sei ein Kind. in einem Pinienwäldchen versteckt. Nur im Winter trug sie manchmal Schuhe. weil sie vorsorglich daran dachte. Dann kehrte die Stille in das steinerne Rund zurück. Aber eines Tages sprach es sich bei den Leuten herum. Sie hatte sehr große. haben Telefon und elektrisches Licht. messen konnte. Und wer konnte wissen. Nur ein paar Professoren der Altertumswissenschaft wußten von ihr. Und in einer solchen Stadt hat sich die Geschichte von Momo begeben. ein Stück Mauer. als ihr eigenes. knipsten ein Erinnerungsfoto und gingen wieder fort. Wind und Regen. Es war auch in jenen alten Zeiten keines von den prächtigen. viel zu weite Männerjacke. Die großen Städte von damals sind zerfallen. so daß man beim besten Willen nicht erkennen konnte. Abschneiden wollte Momo sie nicht. die großen Wert auf Sauberkeit und Ordnung legen. oder auch ein Amphitheater aus jenen alten Tagen. wo schon die ersten Felder beginnen und die Hütten und Häuser immer armseliger werden. So genau könne man das allerdings nicht sagen. großen Städte sind große Städte geblieben bis auf den heutigen Tag. da die Geschichte von Momo ihren Anfang nahm. Die Menschen fahren mit Autos und Straßenbahnen. der so aussah. aber sie kümmerten sich nicht weiter um sie.

»Nein«. seufzten und nickten. antwortete Momo. Andere Kinder waren auch da. war ich immer schon da.« »Das ist ein hübscher Name. versicherte Momo schnell.« »Hast du denn keine Tante. nachdem er sich mit den anderen beraten hatte. Und die anderen Leute konnten es auch verstehen und nickten. »hier gefällt es dir also?« »Ja«. »So«.« Momo nickte stumm. meinte der Mann. Was hältst du davon. noch ein wenig unsicherer. sagte einer der Männer. Momo stand ihnen gegenüber und guckte sie ängstlich an. sagte Momo. nicht wahr?« »Ja. und die meisten haben schon einen Haufen Kinder. murmelte sie. Da war ich schon mal. die gefüttert sein wollen. Aber sie merkte bald. »Wo kommst du denn her. Kind?« Momo machte mit der Hand eine unbestimmte Bewegung. so meinten sie.Umgebung zu ihr und versuchten sie auszufragen. ergriff nun wieder der Mann das Wort. Was hältst du davon. Irgendwer muß doch für dich sorgen. und zuletzt waren sie einverstanden. weil niemand es Zählen gelehrt hatte. daß es freundliche Leute waren. keine Großmutter. aber ich hab' ihn noch nie gehört. überhaupt keine Familie. aber noch nicht ganz überzeugt.aber ganz ungerecht. ernsthaft.« »Wann bist du denn geboren?« Momo überlegte und sagte schließlich: »Soweit ich mich erinnern kann. sagte Momo zögernd. »wir meinen. jedenTag gab's Prügel . daß du Momo heißt. sich aber nichts Bestimmtes darunter vorstellen konnte. antwortete Momo erleichtert. Die Leute lachten. weil sie es für einen Spaß hielten. Sie waren selber arm und kannten das Leben. der zuerst gesprochen hatte. Momo«. wo du zu essen kriegst und ein Bett hast und wo du rechnen und lesen und schreiben und noch viel mehr lernen kannst. weil sie fürchtete. »aber du bist doch ein Kind —wie alt bist du eigentlich?« »Hundert«. »Du sagst. Da waren Gitter an den Fenstern. Das Kind schaute ihn und die anderen Leute ratlos an und hob ein wenig die Schultern. »Und du willst hier bleiben?« »Ja. Es dauerte eine Weile. »da will ich nicht hin. daß das Kind nur ein paar Zahlwörter kannte. »Kannst du das denn?« fragte die Frau. gern. Wer hat dir denn den Namen gegeben?« »Ich«. »vielen Dank! Aber könntet ihr mich nicht einfach hier wohnen lassen?« Die Leute berieten lange hin und her. Die Leute tauschten Blicke und seufzten. »Hör mal«. sagte eine Frau. bis die Leute merkten. könne das Kind schließlich genausogut wohnen . « Wieder wechselten die Leute Blicke. »wir wollen dich nicht vertreiben. »Du brauchst keine Angst zu haben«. »Also gut«.« »Ich«. eh?« »Danke«. Wir wollen dir helfen.« »Ich meine. die Leute würden sie wegjagen. Da bin ich nachts über die Mauer und weggelaufen. »Wer sind denn deine Eltern?« forschte der Mann weiter. Denn hier. Dann murmelte sie: »Ich bin hier zu Hause.« »Na ja«. du könntest vielleicht bei einem von uns unterkriechen. Wir haben zwar selber alle nur wenig Platz. antwortete Momo. die es aufgeschnappt hatte. auf eines mehr kommt es dann auch schon nicht mehr an. keinen Onkel.« »Das kann ich verstehen«. »Also. »aber du bist doch noch klein. aber wir meinen. »Weißt du. Momo schwieg eine Weile und sagte dann leise: »Ich brauch' nicht viel. Da will ich nicht wieder hin. fuhr der Mann fort. die irgendwohin in die Ferne deutete. »Du hast dich selbst so genannt?« »Ja.« »Aber wirst du denn nirgendwo erwartet?« »Nein. sagte Momo und lächelte zum ersten Mal. eh?« Momo sah ihn erschrocken an. wo du hin kannst?« Momo schaute den Mann nur an und schwieg eine Weile. wenn wir der Polizei sagen. mußt du denn nicht wieder nach Hause?« »Ich bin hier zu Hause«. wie alt bist du?« »Hundertzwei«. sagte ein alter Mann und nickte. sagte der Mann. »wäre es dir recht. daß du hier bist? Dann würdest du in ein Heim kommen.

malte er dazu. der Maurer war. wie es sich eben fügte und wie die Leute es entbehren konnten. malte zuletzt noch ein hübsches Blumenbild an die Wand. daß sie nur noch fürchteten. schickte nach ihr. Sie fingen gleich an. so unentbehrlich. daß Momo sehr viel Besuch hatte. die nur wenig zerrissen war. So begann die Freundschaft zwischen der kleinen Momo und den Leuten der näheren Umgebung. und zwei Decken. der angelegentlich mit ihr redete. baute sogar einen kleinen steinernen Herd. an dem das Bild hing. Und dann kamen die Kinder der Leute und brachten. eine Matratze. Und was das Wichtigste war: sie hatte viele gute Freunde. das dritte etwas Obst und so fort.wie bei einem von ihnen. an so freundliche Leute geraten zu sein -. daß Momo ganz einfach großes Glück gehabt hatte. in der Momo hauste. Aus dem steinernen Loch unter der Bühne der Ruine war ein behagliches kleines Zimmerchen geworden. ein Feuer machen. Man könnte nun denken. Einer von ihnen. zu dem sagten die ändern: »Geh doch zu Momo!« Dieser Satz wurde nach und nach zu einer feststehenden Redensart bei den Leuten der näheren Umgebung. Und je länger das kleine Mädchen bei ihnen war. Der Maurer. aufräumten und instandsetzten. daß sie alle miteinander im Amphitheater ein richtiges kleines Fest zu Ehren von Momos Einzug feiern konnten. als für einen allein. weil es für alle zusammen sowieso einfacher wäre. jedenfalls nach ihrer eigenen Meinung. Sogar den Rahmen und den Nagel. sie hatte ein Bett und sie konnte sich. Und wer noch nicht gemerkt hatte. und sie wunderten sich. Aber auch für die Leute stellte sich schon bald heraus. mal weniger. wenn es kalt war. so gut es ging. Es war ein so vergnügtes Fest. um sie zu holen. Ein rostiges Ofenrohr wurde auch aufgetrieben. kam an diesem Abend eine solche Menge zusammen. So wie man sagt: »Alles Gute!« oder »Gesegnete Mahlzeit!« oder »Weiß . Und da es sehr viele Kinder waren. Sie brauchten Momo. es könnte eines Tages wieder auf und davon gehen. das andere einen kleinen Brotwecken. daß sie nicht weniger Glück gehabt hatten. das eine ein Stückchen Käse. und sorgen wollten sie alle gemeinsam für Momo. Irgend etwas zu essen hatte sie jetzt immer. mit Schnörkeln verziertes Eisenbett. Sie hatte ein Dach über dem Kopf. indem sie zunächst einmal die halb eingestürzte steinerne Kammer. und Momo selbst war durchaus dieser Ansicht. wie sie früher ohne sie ausgekommen waren. ZWEITES KAPITEL Eine ungewöhnliche Eigenschaft und ein ganz gewöhnlicher Streit Von nun an ging es der kleinen Momo gut. Und wer sie brauchte und nicht kommen konnte. desto unentbehrlicher wurde es ihnen. mal mehr. Und schließlich brachten die Frauen noch ein ausgedientes. daß er sie brauchte. Man sah fast immer jemand bei ihr sitzen. der künstlerische Fähigkeiten besaß. wie nur arme Leute es zu feiern verstehen. So kam es. was man an Essen erübrigen konnte. Ein alter Schreiner nagelte aus ein paar Kistenbrettern ein Tischchen und zwei Stühle zusammen.

jeder auf einer anderen Seite der steinernen Sitzreihen. Auch Nino und dessen dicke Frau gehörten zu Momos Freunden und hatten ihr schon oft etwas Gutes zu essen gebracht. war es ganz und gar einmalig. mit dem man alle Sorgen und Nöte vertreiben konnte? Konnte sie aus der Hand lesen oder sonstwie die Zukunft voraussagen? Nichts von alledem. woran Momo reich war. denn es ginge nicht an. Die anderen Leute hatten ihnen geraten. zu welchem sie zuerst hingehen sollte. einer. das die Leute in gute Laune versetzte? Konnte sie zum Beispiel besonders schön singen? Oder konnte sie irgendein Instrument spielen? Oder konnte sie . was sie wollten. daß er sich gründlich irrte. stumm und feindselig. daß sie in ihm steckten. dann wurde ihm. wußte sie zunächst nicht. Konnte sie vielleicht zaubern ? Wußte sie irgendeinen geheimnisvollen Spruch. daß es ihn. Oder daß Schüchterne sich plötzlich frei und mutig fühlten. dunklen Augen an. die sich auf den Tod zerstritten hatten und nicht mehr miteinander reden wollten. Ich hab' . wie in ihm auf einmal Gedanken auftauchten. und der Betreffende fühlte. Nino war Pächter eines kleinen Lokals am Stadtrand. die den ganzen Abend an einem einzigen Glas Wein tranken und von ihren Erinnerungen redeten.und er ging hin und erzählte alles das der kleinen Momo. das war es auch nicht. Sie konnte so zuhören.am Ende gar tanzen oder akrobatische Kunststücke vorführen? Nein. weil sie etwas sagte oder fragte. stand Nicola plötzlich auf und sagte: »Ich geh'. in dem meistens nur ein paar alte Männer saßen.der liebe Himmel!«. So konnte Momo zuhören ! Eines Tages kamen zwei Männer zu ihr ins Amphitheater. auf den es überhaupt nicht ankommt und der ebenso schnell ersetzt werden kann wie ein kaputter Topf. Das ist doch nichts Besonderes. Nun saßen sie also im Amphitheater. Er war mager und sah immer ein wenig müde aus. daß ratlose oder unentschlossene Leute auf einmal ganz genau wußten. Wirklich zuhören können nur ganz wenige Menschen. Manche Dinge brauchen ihre Zeit . Nachdem die Männer lang so gesessen hatten. das alles konnte Momo ebensowenig wie jedes andere Kind. aufgezwirbelten Schnurrbart. Die beiden Männer hatten sich anfangs geweigert und schließlich widerwillig nachgegeben. nein. was den anderen auf solche Gedanken brachte. wird nun vielleicht mancher Leser sagen. Was die kleine Momo konnte wie kein anderer. Er hieß Nicola und war ein starker Kerl mit einem schwarzen. Konnte Momo dann vielleicht irgend etwas. doch zu Momo zu gehen. Da Momo nun merkte. sein Leben sei ganz verfehlt und bedeutungslos und er selbst nur irgendeiner unter Millionen. was geschehen würde.weil sie doch in einer Art Zirkus wohnte . unter allen Menschen nur ein einziges Mal gab und daß er deshalb auf seine besondere Weise für die Welt wichtig war. Und wenn jemand meinte. von denen er nie geahnt hatte.und Zeit war ja das einzige. wenn jemand Trost brauchte? Konnte sie weise und gerechte Urteile fällen? Nein. mit aller Aufmerksamkeit und aller Anteilnahme. genauso sagte man also bei allen möglichen Gelegenheiten: »Geh doch zu Momo!« Aber warum? War Momo vielleicht so unglaublich klug. obwohl sie Nachbarn waren. noch während er redete. Um keinen zu kränken. Der eine war der Maurer. das war: Zuhören. Sie wartete einfach ab. Momo konnte so zuhören. setzte sie sich schließlich in gleichem Abstand von beiden auf den Rand der steinernen Bühne und schaute die zwei abwechselnd an. daß sie jedem Menschen einen guten Rat geben konnte? Fand sie immer die richtigen Worte. Der andere hieß Nino. daß die beiden böse aufeinander waren. auf geheimnisvolle Weise klar. von dem der Ofen und das schöne Blumenbild in Momos »Wohnzimmer« stammte. Nicht etwa. daß Nachbarn in Feindschaft lebten. Dabei schaute sie den anderen mit ihren großen. Aber das ist ein Irrtum. genauso wie er war. sie saß nur da und hörte einfach zu. Oder daß Unglückliche und Bedrückte zuversichtlich und froh wurden. daß dummen Leuten plötzlich sehr gescheite Gedanken kamen. zuhören kann doch jeder. Und so wie Momo sich aufs Zuhören verstand. und schauten finster vor sich hin.

»Ist ja überhaupt nicht wahr !« verteidigte sich Nicola erbittert. »Sag das noch mal!« »Sooft du nur willst ! « schrie Nino. Da drin kann nicht mal eine Ratte ersaufen.« »Und ob ich den hatte!« gab Nino zurück. Ninos ganzes Geschirr zu zertrümmern. »Du hättest erst gar nicht zu kommen brauchen. Ich versöhne mich doch nicht mit einem Verbrecher!« Nicola fuhr herum. weil du stark und brutal bist. »Gut«. »Umgekehrt wird ein Schuh draus ! Du wolltest mich hereinlegen. sagte Nicola.« »Ich dich?« rief Nicola und schlug sich wild vor den Kopf. indem ich überhaupt gekommen bin. antwortete Nino. komm doch her und bring mich um. was er über mich gesagt hat?« rief er Momo zu. Nino. Nun stritten sie eine Weile todernst. daß Nino damit nur einen anderen Spaß Nicolas zurückgezahlt hatte. wenn du dich nicht geweigert hättest. weil Nino ihm zuvor in Gegenwart einiger Gäste eine Ohrfeige gegeben hatte. »Weißt du. verstehst du ? Denn ich habe immer bezahlt. Ich hätte es auch nicht getan. Und sogar mein Urgroßvater wäre schon so gewesen. Momo schaute sie groß an. daß Nicola versucht hatte.« Es stellte sich jedoch heraus. mir nur ein einziges Glas Wein auszuschenken. jetzt wirst du blaß ! Da hast du mich nämlich nach Strich und Faden übers Ohr gehauen. weil ich Tag und Nacht betrunken sei. »Du glaubst wohl. Wozu soll ich noch länger warten?« Und er wandte sich tatsächlich zum Gehen. und sie fingen an. »Ja. schrie er: »Leider lebst du ja auch noch. « Und wieder zu Nino gewandt. »Über so was kann ich nicht lachen. wie man sieht!« Eine Zeitlang gingen die wildesten Beschimpfungen hin und her und Momo konnte nicht schlau daraus werden. worum es überhaupt ging und weshalb die beiden so erbittert aufeinander waren. und er hätte am Schiefen Turm von Pisa mitgebaut!« »Aber Nicola«. nur zu. daß Nicola diese Schandtat nur begangen hatte. »Aber da siehst du. und der hatte sowieso schon einen Sprung!« »Aber es war mein Krug. und so was muß ich mir nicht bieten lassen.meinen guten Willen gezeigt. Aber plötzlich brachen sie ab. mich so zu behandeln. und keiner der beiden konnte sich ihren Blick so recht deuten. daß du wegkommst!« rief Nino ihm nach. als sähen sie sich selbst in einem Spiegel. wird Wirt«. Und das fand wiederum Nino gar nicht komisch. und du hattest keinen Grund. Machte sie sich im Inneren lustig über sie? Oder war sie traurig? Ihr Gesicht verriet es nicht. denn Nino hatte ihn in seiner Ehre als Maurer gekränkt. die sie hören wollen! Ja. Sein Gesicht war puterrot vor Zorn. in gutem Recht gehandelt zu haben. »Erinnerst du dich nicht mehr an die Sache mit dem heiligen Antonius ? Ah. verstehst du?« erwiderte Nino. wie du es schon mal tun wolltest!« »Hält' ich's nur getan !« brüllte Nicola und ballte die Fäuste. »das war doch nur Spaß!« »Ein schöner Spaß!« grollte Nicola. wie er lügt und verleumdet! Ich hab' ihn nur beim Kragen genommen und in die Spülwasserpfütze hinter seiner Spelunke geschmissen. sich zu schämen. nur ist es dir nicht gelungen ! « . wagt niemand. Aber du siehst. Dem war allerdings wieder vorausgegangen. Eines Morgens hatte nämlich in knallroten Buchstaben auf Ninos Tür gestanden: »Wer nichts wird. »Wer ist hier ein Verbrecher?« fragte er drohend und kam wieder zurück. Aber nach und nach kam heraus. »Er hat gesagt. Das war gegen das Gesetz. Momo. »Und überhaupt hast du kein Recht zu so was!« Nicola war durchaus der Ansicht. welcher von den beiden Spaßen der bessere gewesen sei und redeten sich wieder in Zorn. »ich hätte das vielleicht nicht auf deine Tür schreiben sollen. ich könne keine gerade Mauer bauen. er ist verstockt. Aber den Männern war plötzlich. dir die Wahrheit ins Gesicht zu sagen? Aber ich. mach. »Einen einzigen Krug hab' ich an die Wand geschmissen. ich sage sie dir und allen. Momo.

Wie konntest du mir sonst für das wertlose Stück Zeitungspapier mein Radio abnehmen. Ein anderes Mal brachte ihr ein kleiner Junge seinen Kanarienvogel. also. Jetzt war er plötzlich der Übervorteilte. Nicola — hast du schon vor dem Tausch von dem Geld gewußt oder nicht?« »Klar. meinte Nino nachdenklich. »War es viel?« »Nicht mehr und nicht weniger. winkte Momo ihnen noch lange nach. daß du mich betrogen hast!« »Wieso? Hast du denn von dem Geld wirklich nichts gewußt?« »Nein. Sie war sehr zufrieden. trafen sich in der Mitte des grasbewachsenen runden Platzes. den Nino irgendwann einmal aus einer Illustrierten ausgeschnitten und gerahmt hatte. Eines Tages wollte Nicola Nino dieses Bild abhandeln . bis er endlich wieder zu trillern und zu jubilieren begann. daß ihre beiden Freunde nun wieder gut miteinander waren. weil es nicht zu dem Tausch gehört habe. Nino. daß dieser seinen Radioapparat zum Tausch bot. umarmten einander und klopften sich gegenseitig auf den Rücken. »Dann geht unser ganzer Streit«. wie es zwei Abende vorher ein Gast als Opfergabe für den heiligen Antonius dort hineingesteckt hat. und daraufhin wollte Nino ihm nichts mehr ausschenken. schwiegen sie eine Weile. Nun stellte sich aber heraus. daß zwischen dem Bild und der Rückwand aus Pappdeckel ein Geldschein steckte. Und Nino hatte Nicola durch geschicktes Feilschen schließlich dazu gebracht. Kurz und bündig verlangte er von Nicola das Geld zurück.« »Dann mußt du doch zugeben. Das war eine viel schwerere Aufgabe für Momo. Nino lachte sich ins Fäustchen. den ich aus der Zeitung ausgeschnitten habe. sonst hätte ich doch den Tausch nicht gemacht. Das Geschäft wurde gemacht. »eigentlich bloß um den heiligen Antonius. Dann nahmen sie beide Momo in den Arm und sagten : »Vielen Dank!« Als sie nach einer Weile abzogen. So hatte der Streit angefangen. weil er es so schön fand.« Nicola kratzte sich am Kopf. Nicola weigerte sich. »Getauscht ist getauscht! Ein Handschlag gilt unter Ehrenmännern!« Und plötzlich fingen beide gleichzeitig an zu lachen. Sie kletterten die steinernen Stufen hinunter. antwortete Nicola. Es war ein Farbdruck. »du kannst ihn gern wiederhaben. brummte er. Sie mußte ihm eine ganze Woche lang zuhören. denn natürlich schnitt Nicola dabei ziemlich schlecht ab.« Nino biß sich auf die Lippen. . Dann wolltest du mich doch hereinlegen. der nicht singen wollte. das den heiligen Antonius darstellte. mein Ehrenwort!« »Na. und das ärgerte ihn. he?« »Und wieso hast du von dem Geld gewußt?« »Ich hab' gesehen. Dann fragte Nino: »Sag mir jetzt einmal ganz ehrlich. Als die beiden die Sache nun bis zum Anfang zurückverfolgt hatten.Die Sache war die: In Ninos kleinem Lokal hatte ein Bild an der Wand gehangen. von dem Nino nichts gewußt hatte.angeblich. als mein Radio wert war«.« »Aber nicht doch!« antwortete Nino würdevoll. »Eigentlich ja«.

Momo war nur einfach da und spielte mit. der mag nur einmal versuchen. sagte ein dicker Junge mit einer hohen Mädchenstimme. konnten sie so gut spielen wie nie zuvor.kamen den Kindern selbst die besten Ideen. denn es wimmelte hier von Untiefen. von Korallenriffen . ob er es auch so gut kann. Und alles sprach zu ihr auf seine Weise. Seit Menschengedenken hatte kein Schiff es mehr gewagt. elf Kinder auf den steinernen Stufen und warteten auf Momo. Einmal. den Grillen und Kröten. »hast du zu Hause vielleicht keine Angst davor?« »Doch«. Nein. »Deswegen können wir doch trotzdem irgendwas spielen — auch ohne Momo. »Dann kannst du genausogut hier bleiben«. wie sie es manchmal tat. Täglich erfanden sie neue Spiele. Und eben dadurch . Das Mädchen zuckte die Schultern und nickte. daß Momo beim Zuhören keinerlei Unterschied zwischen Erwachsenen und Kindern machte. saßen etwa zehn.Momo hörte allen zu. »Ich geh' lieber heim«. »ich hab' Angst vor Blitz und Donner. das ein kleines Geschwisterchen bei sich hatte. während es in ruhiger Fahrt mit voller Kraft voraus in das südliche Korallenmeer vordrang.man weiß nicht wie . Am Himmel hingen dicke schwarze Wolken. und lauschte einfach auf die große Stille. der eine Brille trug. Irgendwas eben. die in die Sternenwelt hinaushorchte.« »Und zu Hause?« fragte ein Junge. meinte der Junge. Und es war ihr. saß sie noch lange allein in dem großen steinernen Rund des alten Theaters. An manchen Abenden. Das Forschungsschiff »Argo« schwankte leise in der Dünung auf und nieder. was sind wir?« »Matrosinnen.« Das war ein guter Plan ! Sie versuchten zu spielen. die ihr ganz seltsam zu Herzen gingIn solchen Nächten hatte sie immer besonders schöne Träume. Wer hat einen Vorschlag?« »Ich weiß was«. aber sie konnten sich nicht recht einig werden. Hoch rauschte die Bugwelle auf. ein Professor. versteht ihr? Und die anderen sind Matrosen.« »Und wir Mädchen. aber was?« »Ich weiß auch nicht. Es gab einfach keine langweiligen Augenblicke mehr. ja. an einem schwülen. sagte ein Mädchen. über dem sich der sternenfunkelnde Himmel wölbte.« »Irgendwas ist nichts. Aber die Kinder kamen noch aus einem anderen Grund so gern in das alte Amphitheater. du bist der Erste Steuermann. daß die ganze Ruine ein großes Schiff ist. als höre sie eine leise und doch gewaltige Musik. Nach kurzer Zeit saßen alle wieder auf den steinernen Stufen und warteten. Es ist ein Zukunftsschiff.« »Na und?« mischte sich nun ein Junge ins Gespräch. DRITTES KAPITEL Ein gespielter Sturm und ein wirkliches Gewitter Es versteht sich wohl von selbst. Seit Momo da war. wenn alle ihre Freunde nach Hause gegangen waren.Dann kam es ihr so vor. zuhören sei nichts Besonderes. antwortete das Mädchen. Das war nicht etwa deshalb so. »wir könnten spielen. und das Spiel kam nicht in Fluß. drückenden Tag. um in der Gegend umherzustreifen. der etwas verwahrlost aussah. Und dann kam Momo. diese gefährlichen Gewässer zu befahren. Wahrscheinlich würde es bald ein Gewitter geben. und du bist ein Naturforscher. Ich bin der Kapitän.«»Gut. weil Momo so gute Vorschläge machte. eines schöner als das andere. weil es nämlich eine Forschungsreise ist. sogar dem Regen und dem Wind in den Bäumen. die ein wenig ausgegangen war. und wir fahren in unbekannte Meere und erleben Abenteuer. Nach einer Weile sagte sie: »Aber Momo kommt vielleicht gar nicht. den Hunden und Katzen. als säße sie mitten in einer großen Ohrmuschel. Und wer nun noch immer meint.

Ziel der Expedition war es. »Käptn !« rief er durch die hohle Hand herunter. Alle drei standen über ihre Präzisionsinstrumente gebeugt und beratschlagten leise miteinander in ihrer komplizierten Wissenschaftlersprache. Auch Professor Eisenstein und seine Assistentinnen kamen interessiert herbei. »aber es kann auch ebensogut eine Schluckula tapetozifera sein. ein Seebär von altem Schrot und Korn. Don Melú. Aber das können wir erst entscheiden. Nach der Mitte zu stieg sie an wie ein Kuppeldach. die Ursache für den »Wandernden Taifun« zu finden und. Stolz blickte er von der Kommandobrücke auf seine Matrosen und Matrosinnen hinunter. den wissenschaftlichen Leiter der Expedition. rückte seine Brille zurecht und rief hinauf: »Nach meiner Ansicht haben wir es hier mit einer Abart des gewöhnlichen Strumpfus quietschinensus zu tun. das Forschungsschiff »Argo« war in besonderer Weise für eine Begegnung mit diesem »Wandernden Wirbelsturm« ausgerüstet. Ab und zu befragte der Forscher sie wegen besonderer Einzelheiten dieses Meeres. Weiter hinten auf dem Sonnendeck sah man Professor Eisenstein. und von dem Sturm war nichts zu spüren. was dieser Orkan einmal in seinen riesenhaften Klauen hatte.und von unbekannten Seeungeheuern. den nur der Professor verstand. ja sogar listiges Wesen. Er teilte seine Beobachtung den anderen mit.und Schweißstelle.« Professor Eisenstein richtete sich auf. einen Wirbelsturm. ins Wasser und verschwanden in der blauen Tiefe. Neben dem Kapitän stand sein Erster Steuermann. Und vor allem gab es hier den sogenannten »Ewigen Taifun«. Aber noch war alles ruhig. die alle erprobte Fachleute auf ihren jeweiligen Spezialgebieten waren. sich auf den Beinen zu halten. die außerdem weltberühmte Sporttaucherinnen waren und sich in der Zwischenzeit bereits Taucheranzüge angezogen hatten. »Demnach«. wenn möglich.« »Möglich«. der niemals zur Ruhe kam. ohne Naht. Freilich. Immerwährend wanderte er auf diesem Meer umher und suchte nach Beute wie ein lebendiges. die ihm beide mit ihrem enormen Gedächtnis ganze Bibliotheken ersetzten. der biegsam und unzerbrechlich war wie eine Degenklinge. Die ganze Insel war kreisrund und hatte schätzungsweise zwanzig Meter Durchmesser. Als der Professor die höchste Stelle erreicht hatte. Die gläserne Insel war bald erreicht. . der schon hundertsiebenundzwanzig Orkane überstanden hatte. und sie antwortete ihm in ihrem wohlklingenden Hula-Dialekt. Und es war durch ein besonderes Herstellungsverfahren aus einem einzigen Stück gegossen. das ließ er nicht eher wieder los. Kapitän Gordon jedoch hatte ihn. »entweder bin ich verrückt.« Daraufhin sprangen drei Matrosinnen. damit dieses Meer auch für andere Schiffe wieder befahrbar werden würde. Der Professor stieg über die Strickleiter an der Außenwand des Schiffes hinunter und betrat den durchsichtigen Boden. Sein Weg war unberechenbar. Plötzlich riß ein Schrei des Mannes im Ausguck den Kapitän aus seinen Gedanken. Und alles. Neugier zu zeigen. Dieser war außerordentlich glitschig und Professor Eisenstein hatte alle Mühe. mit seinen Assistentinnen Maurin und Sara. Die rätselhaften Sitten ihres Volkes verboten es ihr. als bis er es in streichholzdünne Splitter zertrümmert hatte. oder ich sehe tatsächlich eine gläserne Insel da vorn!«Der Kapitän und Don Melú blickten sofort durch ihre Fernrohre. Es bestand ganz und gar aus blauem Alamont-Stahl. sich diesen unerhörten Gefahren auszusetzen. wenn wir die Sache von unten erforscht haben. Ein wenig abseits von ihnen saß die schöne Eingeborene Momosan mit untergeschlagenen Beinen. zu beseitigen. meinte die Assistentin Maurin. »muß es sich wohl um ein Oggelmumpf bistrozinalis handeln. Dennoch hätte wohl schwerlich ein anderer Kapitän und eine andere Mannschaft den Mut gehabt. erwiderte die Assistentin Sara. Nur die schöne Eingeborene blieb gelassen sitzen. konnte er deutlich einen pulsierenden Lichtschein tief im Innern dieser Insel wahrnehmen. die gespannt wartend an der Reling standen.

Eine Weile lang erschienen nur Luftblasen an der Meeresoberfläche. Und es war. wo der innerste Kern des Wirbelsturmes sein mußte. und seine Mannschaft hatte ebenso ungerührt standgehalten. Mit ruhiger Stimme gab der Kapitän seine Anweisungen. Sogar Professor Eisenstein und seine Assistentinnen hatten ihre Instrumente nicht im Stich gelassen. Kapitän Gordon bewunderte im stillen die Kaltblütigkeit dieser Wissenschaftler. die ja nicht wie er und seine Leute mit dem Meer auf du und du standen. schleuderte es turmhoch hinauf und abgrundtief hinunter. weil er der stählernen »Argo« nichts anhaben konnte. . Der Bug des stählernen Schiffes war scharf wie ein Rasiermesser. an solche wilden Seefahrten nicht gewöhnt. Eine erste gewaltige Sturzwelle packte das stählerne Schiff. Kapitän Gordon jedoch stand breitbeinig auf der Kommandobrücke. als sei nichts geschehen. Freudig wurden sie auf dem Schiff empfangen. aber der Erste Steuermann Don Melú hatte deren Lage haargenau berechnet und fuhr mitten zwischen ihnen hindurch. Und so wurden sie erst jetzt. Verzeiht mir. Ich hätte euch nicht hinunterschicken dürfen. Sofort hingen die Fangarme beider Quallenhälften schlaff und kraftlos herunter. das Meer zu beobachten. die beiden Mädchen aus der schrecklichen Umklammerung zu befreien. Schon bei diesem ersten Anprall wären weniger erfahrene und tapfere Seeleute als die der »Argo« zweifellos zur einen Hälfte über Bord gespült worden und zur anderen in Ohnmacht gefallen. als steigere sich seine Wut von Minute zu Minute. Heulend und brüllend warf sich der Wirbelsturm auf das Schiff. Wir müssen ihnen zu Hilfe kommen. und die Gefangenen konnten sich herauswinden. auf und rief keuchend: »Es handelt sich um eine Riesenqualle! Die beiden anderen hängen in ihren Fangarmen fest und können sich nicht mehr befreien. Lautlos und beinahe ohne fühlbare Erschütterung teilte er die Riesenqualle in zwei Hälften. »alle Mann wieder an Bord! Wir werden das Untier in zwei Stücke schneiden. denn dorthin sollte die Fahrt ja gehen. sagte der Professor mit gerunzelter Stirn zu seinen Assistentinnen. Sie berechneten. anders können wir die beiden Mädchen nicht befreien. daß ich euch in Gefahr gebracht habe!« »Nichts zu verzeihen. Ein ungeheurer Kampf entbrannte unter Wasser.« Und das andere Mädchen setzte hinzu: »Die Gefahr ist unser Beruf. war in ein Rettungsboot geklettert. Professor«. die dann vom Ersten Steuermann laut ausgerufen wurden.« »Der Delphin« und seine Froschmänner kletterten an Bord zurück. Jedermann stand an seinem Platz. in die Fluten. Das war zwar nicht ganz ungefährlich für die beiden in den Fangarmen festgehaltenen Mädchen. Sofort stürzten sich hundert Froschmänner unter der Führung ihres erfahrenen Hauptmannes Franco. »Zurück!« rief Don Melú. Professor Eisenstein trat auf die beiden Mädchen zu und sprach : » Es war meine Schuld. daß inzwischen der »Wandernde Wirbelsturm« am Horizont aufgetaucht war und sich mit rasender Geschwindigkeit auf die »Argo« zubewegte. antwortete das eine Mädchen und lachte fröhlich. Aber es gelang selbst diesen Männern nicht. in letzter Minute. Die »Argo« fuhr nun zunächst ein wenig rückwärts und dann mit voller Kraft voraus. »irgend etwas scheint in diesem Meer eine Art Riesenwachstum zu verursachen. warf es auf die Seite und stürzte es in ein Wellental von gut fünfzig Metern Tiefe hinab. Das ist hochinteressant!« Inzwischen hatten Kapitän Gordon und sein Erster Steuermann Don Melú sich beraten und waren zu einer Entscheidung gekommen. ehe es zu spät ist!« Damit verschwand sie wieder. Über den Rettungsarbeiten hatten Kapitän und Besatzung gänzlich vergessen. Nur die schöne Eingeborene Momosan. In wenigen Sekunden war der ganze Himmel pechschwarz. aber dann tauchte plötzlich eines der Mädchen. »dazu sind wir schließlich mitgefahren. genannt »der Delphin«. Zu gewaltig war die Kraft dieses riesenhaften Quallentieres ! »Irgend etwas«. dessen Oberfläche sich mit Schaum bedeckte. riß es in die Höhe. gewahr. auf die Riesenqualle zu.« Zu einem längeren Wortwechsel blieb jedoch keine Zeit mehr. Sandra mit Namen.

. »Wir müssen unbedingt näher an das Ding heran!« »Näher kommen wir nicht mehr !« schrie Don Melú zurück. »Die Maschinen laufen schon auf Volldampf. »Das einzige Exemplar eines Schum-Schum gummilastikum beschießen!« Aber die Kontrafiktions-Kanone war bereits auf den Riesenkreisel eingestellt. Zu hören war natürlich nichts. umkreiste das Gebilde einige Male immer schneller und wurde schließlich in die Höhe gerissen. sagte der Professor. . Aber darauf war jeder an Bord der »Argo« in monatelangen harten Übungen trainiert worden.« »Es ist ein Jammer !« klagte der Professor. Eine blaue Stichflamme von einem Kilometer Länge schoß aus dem Zwillingsrohr. Heute gibt es davon nur noch eine mikroskopisch kleine Abart. Das leuchtende Geschoß flog auf das Schum-Schum zu. Dieses Kreiselwesen stammt wahrscheinlich noch aus den allerersten Zeiten der Erdentwicklung. weil alle Wellen einfach von der Gewalt des Sturmes flachgefegt wurden. Sie hatten sich mit dicken Tauen festgebunden.« »Lassen Sie den Professor jetzt ungestört forschen«. das es noch gibt. sprangen einem die Funken entgegen. wo es im Schwarz der Wolken verschwand. daß er bald die ganze Luft zum Atmen verdrängte. Die Besatzung mußte Tauchermasken und Atemgeräte anlegen.« . Ein Exemplar dieser Größe ist vermutlich das einzige seiner Art. rief der Kapitän durch das Heulen des Sturms. Aber das genügt gerade. um nicht von dem grausamen Schlingern und Stampfen des Schiffes in den offenen Feuerrachen der Dampfkessel geschleudert zu werden. Der Professor soll uns also sagen. die man manchmal in Tomatensoße. das erschwerte der Besatzung doch etwas die Arbeit. wie ihn noch keiner der TeilnehmerDon Melú ausgenommen .« »Aber wir sind hier«. daß Einzelheiten nicht auszumachen waren. »Können Sie uns das vielleicht näher erklären?« brummte Don Melú. wie man dieses Ding da zum Stillstehen bringt!« »Das«. Es machte keinem mehr etwas aus. Die Wissenschaft hat ja noch keine Gelegenheit gehabt. Es drehte sich mit solcher Schnelligkeit um sich selbst. denn nun stürzte der Regen hernieder. noch seltener in grüner Tinte findet. »um die Ursache des >Ewigen Taifuns< zu beseitigen. Nur. Es stand auf einem Bein.Ein erster Blitzstrahl zuckte hernieder und traf das stählerne Schiff. wie der Draht in einer elektrischen Birne. »Es ist zwecklos !« rief Kapitän Gordon. tanzte ein riesenhaftes Wesen. fiel ihm die Assistentin Sara ins Wort. »wir werden es erst einmal beschießen. ein Regen. daß die dünneren Teile des Schiffes. Blitz auf Blitz und Donnerschlag auf Donnerschlag ! Heulender Sturm ! Haushohe Wogen und weißer Schaum ! Meter für Meter kämpfte sich die »Argo«. welches daraufhin natürlich ganz und gar elektrisch geladen war. meinte der Kapitän. Aber welch ein Anblick bot sich ihnen da! Auf der Meeresoberfläche. Wo man hinfaßte. gegen die Urgewalt dieses Taifuns vorwärts. »Feuer!« befahl der Kapitän. um vom Sturm nicht zurückgeblasen zu werden. Stahltrossen und Eisenstangen zu glühen begannen. »Es ist eine einmalige Gelegenheit. es zu erforschen. obgleich alle Asbest-Handschuhe anzogen. »Wir sind einfache Seeleute und . »weiß ich allerdings auch nicht. wurde nach oben immerdicker und sah tatsächlich so aus wie ein Brummkreisel von der Größe eines Berges. »Ein Schum-Schum gummilastikum!« rief der Professor begeistert und hielt seine Brille fest. was passiert. der so dicht war. wurde aber von dem riesigen Wirbel erfaßt und abgelenkt.je erlebt hatte. Die Maschinisten und Heizer in der Tiefe der Kesselräume leisteten Übermenschliches. denn eine Kontrafiktions-Kanone schießt ja bekanntlich mit Proteinen. alle Maschinen auf Volldampf. Aber zum Glück wurde diese Glut schnell wieder gelöscht. Es muß über eine Milliarde Jahre alt sein.« »Gut«. dann werden wir ja sehen. die hier spiegelglatt war. Und dann endlich war der innerste Kern des Wirbelsturms erreicht. die ihm der stürzende Regen immer wieder von der Nase spülte.

»Haben Sie einen Vorschlag, Professor?« wollte der Kapitän wissen. Aber Professor Eisenstein zuckte nur die Schultern, und auch seine Assistentinnen wußten keinen Rat. Es sah so aus, als müsse man diese Expedition erfolglos abbrechen. In diesem Augenblick zupfte jemand den Professor am Ärmel. Es war die schöne Eingeborene. »Malumba!« sagte sie mit anmutigen Gebärden, »Malumba oisitu sono! Erweini samba insaltu lolobindra. Kramuna heu béni béni sadogau.« »Babalu?« fragte der Professor erstaunt. »Didi maha feinosi intu ge doinen malumba?« Die schöne Eingeborene nickte eifrig und erwiderte: »Dodo um aufu schulamat wawada.« »Oi-oi«, antwortete der Professor und strich sich gedankenvoll das Kinn. »Was will sie denn?« erkundigte sich der Erste Steuermann. »Sie sagt«, erklärte der Professor, »es gebe in ihrem Volk ein uraltes Lied, das den >Wandernden Taifun< zum Einschlafen bringen könne, falls jemand den Mut hätte, es ihm vorzusingen.« »Daß ich nicht lache!« brummte Don Melú. »Ein Schlafliedchen für einen Orkan!«»Was halten Sie davon, Professor?« wollte die Assistentin Sara wissen. »Wäre so etwas möglich?« »Man darf keine Vorurteile haben«, meinte Professor Eisenstein. »Oft steckt in den Überlieferungen der Eingeborenen ein wahrer Kern. Vielleicht gibt es bestimmte Tonschwingungen, die einen Einfluß auf das Schum-Schum gummilastikum haben. Wir wissen einfach noch zu wenig über dessen Lebensbedingungen.« »Schaden kann es nichts«, entschied der Kapitän. »Darum sollten wir's einfach versuchen. Sagen Sie ihr, sie soll singen.« Der Professor wandte sich an die schöne Eingeborene und sagte: »Malumba didi oisafal huna-huna, wawadu?« Momosan nickte und begann sogleich einen höchst eigentümlichen Gesang, der nur aus wenigen Tönen bestand, die immerfort wiederkehrten: »Eni meni allubeni wanna tai susura tenu« Dazu klatschte sie in die Hände und sprang im Takt herum. Die einfache Melodie und die Worte waren leicht zu behalten. Andere stimmten nach und nach ein, und bald sang die ganze Mannschaft, klatschte dazu in die Hände und sprang im Takt herum. Es war ziemlich erstaunlich anzusehen, wie auch der alte Seebär Don Melú und schließlich der Professor sangen und klatschten, als seien sie Kinder auf einem Spielplatz. Und tatsächlich, was keiner von ihnen geglaubt hatte, geschah ! Der riesenhafte Kreisel drehte sich langsamer und langsamer, blieb schließlich stehen und begann zu versinken. Donnernd schlössen sich die Wassermassen über ihm. Der Sturm ebbte ganz plötzlich ab, der Regen hörte auf, der Himmel wurde klar und blau, und die Wellen des Meeres beruhigten sich. Die »Argo« lag still auf dem glitzernden Wasserspiegel, als sei hier nie etwas anderes gewesen als Ruhe und Frieden. »Leute«, sagte Kapitän Gordon und blickte jedem einzelnen anerkennend ins Gesicht, »das hätten wir geschafft ! « Er sagte nie viel, das wußten alle. Um so mehr zählte es, daß er diesmal noch hinzufügte: »Ich bin stolz auf euch!« »Ich glaube«, sagte das Mädchen, das sein kleines Geschwisterchen mitgebracht hatte, »es hat wirklich geregnet. Ich bin jedenfalls patschnaß . « In der Tat war inzwischen das Gewitter niedergegangen. Und vor allem das Mädchen mit dem kleinen Geschwisterchen wunderte sich, daß es ganz vergessen hatte, sich vor Blitz und Donner zu fürchten, solange es auf dem stählernen Schiff gewesen war.

Sie sprachen noch eine Weile über das Abenteuer und erzählten sich gegenseitig Einzelheiten, die jeder für sich erlebt hatte. Dann trennten sie sich, um heimzugehen und sich zu trocknen. Nur einer war mit dem Verlauf des Spiels nicht ganz zufrieden, und das war der Junge mit der Brille. Beim Abschied sagte er zu Momo: »Schade ist es doch, daß wir das Schum-Schum gummilastikum einfach versenkt haben. Das letzte Exemplar seiner Art! Ich hätte es wirklich gern noch etwas genauer erforscht.« Aber über eines waren sich nach wie vor alle einig: So wie bei Momo konnte man sonst nirgends spielen.

VIERTES KAPITEL Ein schweigsamer Alter und ein zungenfertiger junger
Wenn jemand auch sehr viele Freunde hat, so gibt es darunter doch immer einige wenige, die einem ganz besonders nahestehen und die einem die allerliebsten sind. Und so war es auch bei Momo. Sie hatte zwei allerbeste Freunde, die beide jeden Tag zu ihr kamen und alles mit ihr teilten, was sie hatten. Der eine war jung, und der andere war alt. Und Momo hätte nicht sagen können, welchen von beiden sie lieber hatte. Der Alte hieß Beppo Straßenkehrer. In Wirklichkeit hatte er wohl einen anderen Nachnamen, aber da er von Beruf Straßenkehrer war und alle ihn deshalb so nannten, nannte er sich selbst auch so. Beppo Straßenkehrer wohnte in der Nähe des Amphitheaters in einer Hütte, die er sich aus Ziegelsteinen, Wellblechsrücken und Dachpappe selbst zusammengebaut hatte. Er war ungewöhnlich klein und ging obendrein immer ein bißchen gebückt, so daß er Momo nur wenig überragte. Seinen großen Kopf, auf dem ein kurzer weißer Haarschopf in die Höhe stand, hielt er stets etwas schräg, und auf der Nase trug er eine kleine Brille. Manche Leute waren der Ansicht, Beppo Straßenkehrer sei nicht ganz richtig im Kopf. Das kam daher, daß er auf Fragen nur freundlich lächelte und keine Antwort gab. Er dachte nach. Und wenn er eine Antwort nicht nötig fand, schwieg er. Wenn er aber eine für nötig hielt, dann dachte er über diese Antwort nach. Manchmal dauerte es zwei Stunden, mitunter aber auch einen ganzen Tag, bis er etwas erwiderte. Inzwischen hatte der andere natürlich vergessen, was er gefragt hatte, und Beppos Worte kamen ihm wunderlich vor.Nur Momo konnte so lange warten und verstand, was er sagte. Sie wußte, daß er sich so viel Zeit nahm, um niemals etwas Unwahres zu sagen. Denn nach seiner Meinung kam alles Unglück der Welt von den vielen Lügen, den absichtlichen, aber auch den unabsichtlichen, die nur aus Eile oder Ungenauigkeit entstehen. Er fuhr jeden Morgen lange vor Tagesanbruch mit seinem alten, quietschenden Fahrrad in die Stadt zu einem großen Gebäude. Dort wartete er in einem Hof zusammen mit seinen Kollegen, bis man ihm einen Besen und einen Karren gab und ihm eine bestimmte Straße zuwies, die er kehren sollte. Beppo liebte diese Stunden vor Tagesanbruch, wenn die Stadt noch schlief. Und er tat seine Arbeit gern und gründlich. Er wußte, es war eine sehr notwendige Arbeit.

Wenn er so die Straßen kehrte, tat er es langsam, aber stetig: Bei jedem Schritt einen Atemzug und bei jedem Atemzug einen Besenstrich. Schritt-Atemzug-Besenstrich. Schritt-AtemzugBesenstrich. Dazwischen blieb er manchmal ein Weilchen stehen und blickte nachdenklich vor sich hin. Und dann ging es wieder weiter - Schritt - Atemzug - Besenstrich---. Während er sich so dahinbewegte, vor sich die schmutzige Straße und hinter sich die saubere, kamen ihm oft große Gedanken. Aber es waren Gedanken ohne Worte, Gedanken, die sich so schwer mitteilen ließen wie ein bestimmter Duft, an den man sich nur gerade eben noch erinnert, oder wie eine Farbe, von der man geträumt hat. Nach der Arbeit, wenn er bei Momo saß, erklärte er ihr seine großen Gedanken. Und da sie auf ihre besondere Art zuhörte, löste sich seine Zunge, und er fand die richtigen Worte. »Siehst du, Momo«, sagte er dann zum Beispiel, »es ist so: Manchmal hat man eine sehr lange Straße vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang; das kann man niemals schaffen, denkt man.« Er blickte eine Weile schweigend vor sich hin, dann fuhr er fort: »Und dann fängt man an, sich zu eilen. Und man eilt sich immer mehr. Jedesmal, wenn man aufblickt, sieht man, daß es gar nicht weniger wird, was noch vor einem liegt. Und man strengt sich noch mehr an, man kriegt es mit der Angst, und zum Schluß ist man ganz außer Puste und kann nicht mehr. Und die Straße liegt immer noch vor einem. So darf man es nicht machen.« Er dachte einige Zeit nach. Dann sprach er weiter: »Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du? Man muß nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Und immer wieder nur an den nächsten.« Wieder hielt er inné und überlegte, ehe er hinzufügte: »Dann macht es Freude ; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. Und so soll es sein.« Und abermals nach einer langen Pause fuhr er fort: »Auf einmal merkt man, daß man Schritt für Schritt die ganze Straße gemacht hat. Man hat gar nicht gemerkt wie, und man ist nicht außer Puste.« Er nickte vor sich hin und sagte abschließend: »Das ist wichtig.« Oder ein anderes Mal kam er, setzte sich schweigend neben Momo, und sie sah, daß er nachdachte und etwas ganz Besonderes sagen wollte. Plötzlich blickte er ihr in die Augen und begann: »Ich hab' uns Wiedererkannt.« Es dauerte lange, ehe er mit leiser Stimme fortfuhr: »Das gibt es manchmal - am Mittag -, wenn alles in der Hitze schläft. - Dann wird die Welt durchsichtig. Wie ein Fluß, verstehst du?- Man kann auf den Grund sehen.« Er nickte und schwieg ein Weilchen, dann sagte er noch leiser: »Da liegen andere Zeiten, da unten auf dem Grund.« Wieder dachte er lange nach und suchte nach den richtigen Worten. Aber er schien sie noch nicht zu finden, denn er erklärte auf einmal in ganz gewöhnlichem Ton : »Heute war ich an der alten Stadtmauer zum Kehren. Da sind fünf Steine von einer anderen Farbe in der Mauer. So, verstehst du?« Und er zeichnete mit dem Finger in den Staub ein großes T. Er betrachtete es mit schrägem Kopf, dann flüsterte er plötzlich: »Ich hab' sie wiedererkannt, die Steine.« Nach einer weiteren Pause fuhr er stockend fort: »Das waren solche anderen Zeiten, damals, als die Mauer gebaut wurde. - Viele haben da gearbeitet. - Aber zwei waren dabei, die haben die Steine dort hineingemauert. - Es war ein Zeichen, verstehst du? - Ich hab's wiedererkannt.« Er strich sich mit der Hand über die Augen. Es schien ihn anzustrengen, was er sagen wollte, denn als er nun weitersprach, klangen seine Worte mühsam: »Sie haben anders ausgesehen, die zwei damals, ganz anders. « Dann stieß er in abschließendem Ton und beinahe zornig hervor: »Aber ich habe uns wiedererkannt - dich und mich. Ich habe uns wiedererkannt!« Man kann es den Leuten nicht verübeln, daß sie lächelten, wenn sie Beppo Straßenkehrer so reden hörten, und manche tippten sich hinter seinem Rücken an die Stirn. Aber Momo hatte ihn lieb und bewahrte alle seine Worte in ihrem Herzen. Der andere beste Freund, den Momo hatte, war jung und in jeder Hinsicht das genaue Gegenteil von Beppo Straßenkehrer. Er war ein hübscher Bursche mit verträumten Augen,

Er steckte immer voller Spaße und Flausen und konnte so leichtsinnig lachen. sagte Gigi dann. sich für Geschichten. ob das alles in einem gelehrten Buch steht oder nicht? Wer sagt euch denn. obwohl er überhaupt keinen richtigen Beruf hatte. Und sich selbst sah er im Glanz seines zukünftigen Ruhms wie eine Sonne. Leider kamen allerdings nur sehr selten Reisende. die das Amphitheater besichtigen wollten. und so mußte Gigi häufig andere Berufe ergreifen. sie haben genau das bekommen. daß man einfach mitlachen mußte.aber einem schier unglaublichen Mundwerk. »ihr alle werdet noch an meine Worte denken!« Womit er das allerdings schaffen wollte. umgeben von einem Park. die bloß erfunden seien. Beerdigungsteilnehmer. Ja. es ginge doch eigentlich nicht an. die er für diese Tätigkeit besaß. gaben die ändern zu. und er war es durchaus nicht von Amts wegen. sozusagen aus der Entfernung. der Gigi niemals wegen seiner Leichtfertigkeit tadelte. deren Strahlen ihn schon jetzt in seiner Armseligkeit. wie sie aussehen. aber die meisten nahmen alles für bare Münze und bezahlten deshalb auch in barer Münze.aber Gigi bleibt Gigi ! « -Eigentlich sollte man denken. wenn sich tatsächlich einmal ein paar Reisende in diese Gegend verirrten. gerade der alte Beppo. . Und wenn ich auch oft nicht mal das Geld habe. Katzenfutterverkäufer und noch vieles andere. auch noch gutes Geld geben zu lassen. Die einzige Voraussetzung. daß meine Geschichten nicht wahr sind? Es kann doch zufällig genauso passiert sein. Liebesbrief träger. die er je nach Gelegenheit ausübte. wer will. »Das ist kein Kunststück«. war eine Schirmmütze. Seltsamerweise war der einzige. konnte mit Gigi nicht leicht einer fertig werden. der als einziger niemals über den wunderlichen alten Beppo spottete. »Das machen doch alle Dichter«. hätte er selbst nicht sagen können. Manche merkten es und gingen ärgerlich davon. wenn Gigi zuletzt seine Schirmmütze hinhielt. Sein Name war Girolamo. eine Tasse Kaffee zu bezahlen . wenn die anderen über seine Träume lachten. Andenkenhändler. Denn von unermüdlichem Fleiß und harter Arbeit hielt er nicht sehr viel. so nicht. Je nach Gelegenheit war er Parkwächter. was das Mundwerk betraf. sagte er zu Momo. Hundespazierenführer. Nennen wir ihn also Gigi Fremdenführer. aber er wurde einfach Gigi gerufen. Die setzte er sofort auf. Und doch war es so. . nur weiß es vielleicht keiner mehr?« Oder ein anderes Mal meinte er: »Ach. daß den armen Zuhörern ganz wirr im Kopf wurde. daß zwei so verschiedene Leute. was hier vor tausend oder zweitausend Jahren passiert ist? Wißt ihr es vielleicht?« »Nein«. »Na also!« rief Gigi Fremdenführer. wärmten. wollen wir es bei Gigi genauso halten.Schau sie dir doch an. Dann habe ich die pure Wahrheit gesagt !« Dagegen war schwer etwas einzuwenden. Aber wie gesagt. was heißt überhaupt wahr oder nicht wahr? Wer kann schon wissen. wie Gigi Fremdenführer und Beppo Straßenkehrer sich miteinander anfreundeten. da mach' ich nicht mit. Aber Gigi träumte davon. »damit soll reich werden. die für ein bißchen Wohlstand ihr Leben und ihre Seele verkauft haben ! Nein. er würde von vergoldeten Tellern essen und auf seidenen Kissen schlafen. Wenn die Fremden sich darauf einließen. »Und ich werde es schaffen!« rief er. Namen und Jahreszahlen um sich. Da wir den alten Beppo nach seinem Beruf genannt haben. ob man wollte oder nicht. Dann trat er mit ernster Miene auf sie zu und bot ihnen an. es sei ganz unmöglich gewesen. »Wieso könnt ihr dann einfach behaupten. Und ebenso seltsamerweise war es gerade der zungenfertige Gigi. Die Leute aus der näheren Umgebung lachten über Gigis Einfälle. Fremdenführer war nur einer von vielen Berufen. dann legte er los und erzählte das Blaue vom Himmel herunter. Er würde in einem märchenhaft schönen Haus wohnen. Er warf mit erfundenen Ereignissen. aber manchmal machten sie auch bedenkliche Gesichter und meinten. sie herumzuführen und ihnen alles zu erklären. was sie wollten ! Und was macht es für einen Unterschied. daß die Geschichten in den gelehrten Büchern nicht auch bloß erfunden sind. Trauzeuge. mit so verschiedenen Ansichten über die Welt und das Leben. einmal berühmt und reich zu werden. »Und haben die Leute vielleicht nichts bekommen für ihr Geld ? Ich sage euch.

Er hatte.ein Schatten. So konnten sie im geheimen arbeiten. Und da sie niemand auffielen. über die große Stadt ausbreitete. Auch Gigi Fremdenführer hatte nicht bemerkt. Es nützte auch nichts. Sie fuhren in eleganten grauen Autos auf den Straßen. Keiner von den dreien ahnte. sie saßen in allen Restaurants. sie gingen in alle Häuser. dunkel und kalt. was andere nicht sehen. Dabei waren sie keineswegs unsichtbar. Oft schrieben sie etwas in ihre kleinen Notizbüchlein. Man sah sie-. weil niemand sie so recht bemerkte. Aber am nächsten Tag war das Leben weitergegangen wie immer. Es waren Herren. Nur Momo hatte sie beobachtet. Und die Eroberer . so daß man einfach über sie hinwegsah oder ihren Anblick sofort wieder vergaß. der wuchs und wuchs und sich schon jetzt. FÜNFTES KAPITEL Geschichten für viele und Geschichten für eine Nach und nach war Momo für Gigi Fremdenführer ganz unentbehrlich geworden. denn es wurden täglich mehr. An diesem Abend hatte Momo die leise und doch gewaltige Musik nicht hören können wie sonst. denn es war keine gewöhnliche Kälte. daß schon einige Male mehrere dieser grauen Herren die Gegend um das Amphitheater durchstreift und dabei allerlei in ihre Notizbüchlein geschrieben hatten. Auch sie hatte sie vergessen. und man sah sie doch nicht. die immer zahlreicher in der großen Stadt umherstreiften und unermüdlich beschäftigt schienen. eine tiefe Liebe zu dem struppigen kleinen Mädchen gefaßt und hätte es am liebsten überallhin mitgeschleppt. Und nicht nur über ihre Freundschaft. die tagtäglich weiter vordrang. die sie noch nie empfunden hatte.Das lag wohl auch an der Art. woher sie gekommen waren und noch immer kamen. daß schon bald ein Schatten über ihre Freundschaft fallen würde. Sie hatten einander Zeichen gemacht und später die Köpfe zusammengesteckt. Sie trugen runde steife Hüte auf den Köpfen und rauchten kleine. daß sie sich fester in ihre große Jacke wickelte. bemerkte die grauen Herren nicht. aber Momo hatte es plötzlich auf eine Art gefroren. der doch manches sah. Zu hören war nichts gewesen. Es war wie eine lautlose und unmerkliche Eroberung.wer waren sie? Sogar der alte Beppo. als ob sie sich berieten. Jeder von ihnen hatte stets eine bleigraue Aktentasche bei sich. als eines Abends ihre dunklen Silhouetten auf dem obersten Rand der Ruine aufgetaucht waren. gerade weil sie sich nicht versteckten. wie die kleine Momo ihnen beiden zuhörte. und Momo machte sich keine Gedanken mehr über die seltsamen Besucher. die ganz in spinnwebfarbenes Grau gekleidet waren. Selbst ihre Gesichter sahen aus wie graue Asche. fragte sich natürlich auch niemand. sondern über die ganze Gegend . sich unauffällig zu machen. . sofern man das von einem so unsteten leichtherzigen jungen Kerl überhaupt sagen kann. und gegen die sich niemand wehrte. aschenfarbene Zigarren. Sie verstanden es auf unheimliche Weise. Dann waren die grauen Herren wieder fortgegangen und seither nicht mehr erschienen.

zurückgegriffen. Kinder und Erwachsene drängten sich um ihn. meine Damen und Herren. wie wir ja schon wissen. Es sei deshalb unbedingt nötig. jener König Xaxotraxolus besitze einen kleinen Fisch. Allerdings schimmerte dieser Goldfisch kein bißchen golden. dessen Ruinen Sie hier vor sich sehen. Er konnte jetzt Geschichten erzählen. die Angreifer mit Mann und Maus auszurotten. Aber. Damit gab sich die Kaiserin Strapazia zufrieden. Jeden Tag saß sie viele Stunden am Rand des Schwimmbeckens und sah ihm beim Wachsen zu. Die Kaiserin Strapazia hatte jedoch von einem Reisenden erfahren.Als sie diese Völker wieder einmal unterworfen hatte. er hatte manches wiederholt oder auf irgendeinen Film. daß sie drohte. und wurde dick und fett. deren König Xaxotraxolus überlasse ihr zur Strafe seinen Goldfisch. Das war bereits ein ziemlich umständlicher Transport. Sie dachte nur noch an das viele Gold. Aber die Kaiserin Strapazia war ja nicht arm. so sagte sie sich. erst wenn der Fisch ausgewachsen sei. Besonders dann. war sie so erzürnt über die unaufhörliche Belästigung. vorher nicht. und der Fisch bekam so viel. Aber schon kurze Zeit später paßte er auch in die Badewanne nicht mehr hinein. Nun . versteckte er unter seinem Bett. Da ließ Strapazia dieses Gebäude errichten. und das beunruhigte sie. Der junge Fisch wuchs nun von Tag zu Tag und verbrauchte Unmengen Futter. Seinen Goldfisch. seine Leidenschaft. Früher waren seine Erzählungen manchmal etwas kümmerlich geraten. >]e größer. denn der Fisch war nun ihr ein und alles. hatten sie plötzlich Flügel bekommen. die das Amphitheater besichtigen wollten (Momo saß ein wenig abseits auf den steinernen Stufen). Nun wurde er in das kaiserliche Schwimmbecken gebracht. je größer. desto besser. Die Kaiserin war zwar etwas überrascht von der Größe des Tiers. desto besser. Und gerade in diesem Punkt war eine Veränderung mit ihm vorgegangen. es war ihm einfach nichts Rechtes eingefallen. um ihr Reich gegen die ständigen Angriffe der Zittern und Zagen zu verteidigen. meine Damen und Herren. in pures Gold verwandeln würde. Und diese Rarität wollte die Kaiserin nun also unbedingt haben. denn sie hatte sich den Goldfisch kleiner vorgestellt. Einer der Sklaven. aber seit er Momo kannte. Der Kaiserin aber ließ er statt dessen einen jungen Walfisch in einer juwelengeschmückten Suppenterrine überbringen. Er wuchs und wuchs. Es war ein gewaltiges. es sei denn. die ihn schleppen mußten. da begann er folgendermaßen: »Hochverehrte Damen und Herren! Wie Ihnen ja allen bekannt sein dürfte. kreisrundes Aquarium. blühte seine Phantasie auf wie eine Frühlingswiese. Seine Geschichten waren sozusagen zu Fuß gegangen. den er gesehen. die sich in vielen Fortsetzungen durch Tage und Wochen zogen. denn er hatte keine Ahnung. der sich. sagte die Kaiserin Strapazia und ließ ihn in ihre Badewanne umquartieren. Der König Xaxotraxolus lachte sich ins Fäustchen. Übrigens hörte er sich selbst ebenso gespannt zu. Bald war die Suppenterrine für ihn zu klein. würde er sich in Gold verwandeln. murmelte sie immer wieder vor sich hin. Dieser Satz wurde zur allgemeinen Richtschnur erklärt und in ehernen Lettern auf alle staatlichen Gebäude geschrieben. denn sie führte ja bekanntlich ein sehr luxuriöses Leben und konnte daher niemals genug Gold haben. rutschte aus. sobald er ausgewachsen sei. den er tatsächlich besaß. die er selbst sehr deutlich fühlte.Geschichtenerzählen war. oder eine Zeitungsgeschichte. wenn Momo dabei war und ihm zuhörte. und darin konnte der Fisch sich endlich so richtig ausstrecken. desto besser<. und er war unerschöpflich an Hinfallen. Zu jener Zeit nämlich. bis zum obersten Rand mit Wasser gefüllt. Zuletzt war dem Fisch aber auch das kaiserliche Schwimmbecken zu eng geworden. waren Goldfische hierzulande noch unbekannt. wohin ihn seine Phantasie führen würde. Aber der Abgesandte des Königs Xaxotraxolus erklärte ihr. denn der Fisch wog nun schon so viel wie ein Ochse. denn um so mehr Gold würde der Fisch ja schließlich liefern. führte die Kaiserin Strapazia Augustina unzählige Kriege. >Je größer. wie er nur verdrücken konnte. die er gelesen hatte. daß seine Entwicklung nicht gestört werde. Als wieder einmal Reisende kamen. und die Kaiserin ließ den Unglücklichen sofort den Löwen vorwerfen.

ob er sich schon in Gold verwandle. als die beiden vornehmen. Genau darauf hatten die Zittern und Zagen nur gewartet. Die gesamte damalige Menschheit wurde unter Androhung der Todesstrafe gezwungen. wann der berühmte Philosoph Noiosius. Sie traute nämlich keinem mehr. meine Damen und Herren.< Der Rest ist uns leider nicht überliefert. rief sie die bekannten Worte >Weh mir ! O daß ich doch . Unter Führung ihres Königs Xaxotraxolus unternahmen sie einen letzten Kriegszug und eroberten im Handumdrehen das ganze Reich. und dem Volk war es sowieso gleich. vielen Dank. Wenn Momo unter den Zuhörern war. die solche Erkrankungen heilen konnten.« Der Zweifler mochte nun natürlich nicht zugeben. So mußte man den Tyrannen eben rasen lassen. freien Amerika bekannt. Dann hielt Gigi bescheiden seine Schirmmütze hin. sich zu bremsen. magerte vor Angst und Sorge mehr und mehr ab. Damals gab es ja. der Fisch könne ihr gestohlen werden. wurde auf ihr sorgfältig alles nachgebildet. den Globus selbst zu bauen. Und als diese Kugel schließlich fertig war. es zeigte sich. was sich auf der Erde befand. seit Momo da war. Er befahl also. daß er keine Ahnung hatte. daß die Menschen trotz allem so ziemlich die gleichen blieben und sich einfach nicht ändern ließen. und immer neue Erfindungen strömten und sprudelten hervor. dann kam es ihm vor.Als die Kaiserin Strapazia schließlich von der Sache erfuhr. als er ihnen folgendes erzählte: »Selbstverständlich ist es sogar bei Ihnen im schönen. Und die Ruine dieses Sockels sehen Sie hier vor sich. So saß sie also da. dem Grab all ihrer Hoffnungen. der lustig herumplätscherte und nicht daran dachte. . wohin die Leichtgläubigkeit führen kann!« Mit diesen Worten schloß Gigi die Führung. Aber was er auch tat. diese Besichtigung habe sich wirklich gelohnt. Sogar der Zweifler warf einige Münzen hinein. Und mehr und mehr vernachlässigte Strapazia ihre Regierungsgeschäfte. wie er wollte. Sie betrachteten die Ruine mit ehrfürchtigen Blicken. Denen hatte er nämlich keinen schlechten Schrecken eingejagt. daß der überaus grausame Tyrann Marxentius Communus. Das wäre ihm viel zu langweilig gewesen. ebensogroß wie die Erde. . meine Damen. sich in Gold zu verwandeln. und sagte deshalb nur: »Aha. und die Leute zeigten sich entsprechend freigebig. weder ihren Sklaven noch ihren Verwandten. Sicher ist jedoch. als sei eine Schleuse in seinem Inneren geöffnet. auf dem dieser Riesenglobus stehen sollte. ohne daß er überhaupt nachdenken mußte. die bestehende Welt hinfort sich selbst zu überlassen und lieber eine vollkommen nagelneue Welt zu bauen. Sie begegneten überhaupt keinem Soldaten mehr. an dem ungeheuren Werk mitzuarbeiten. einen Globus herzustellen. In seinem Wahn verfiel Marxentius Communus nun auf die Idee. der genauso groß sein sollte wie die alte Erde und auf dem alles. älteren Damen aus Amerika seine Dienste angenommen hatten. Da verfiel Marxentius Communus auf seine alten Tage in Wahnsinn. ertrank. die gesamte damalige Welt nach seinen Vorstellungen zu ändern. Meere und Gewässer ganz naturgetreu dargestellt sein müßten. den Plan gefaßt hatte. Danach ging man daran. gelebt hatte. jedes Haus und jeder Baum und alle Berge. und hatte Angst. um nicht wieder zu weit zu gehen wie jenes eine Mal. der Ältere. Sie sehen daraus. genannt der Rote. tat kein Auge zu und bewachte den Fisch. . im Gegenteil. König Xaxotraxolus ließ zur Feier seines Sieges den Walfisch schlachten. wer es beherrschte. nie mehr dieselbe Geschichte zweimal. eine riesenhafte Kugel. und so anschaulich und interessant hätte ihnen noch niemand jene alten Zeiten dargestellt. meine hochverehrten Damen. Zuerst baute man einen Sockel. und acht Tage lang bekam das ganze Volk gebratenes Fischfilet. des Älteren. noch keine Seelenärzte. Nur einer von ihnen war mißtrauisch und fragte: »Und wann soll das alles gewesen sein?« Aber Gigi war niemals um eine Antwort verlegen und sagte: »Die Kaiserin Strapazia war bekanntlich eine Zeitgenossin des berühmten Philosophen Noiosius. Übrigens erzählte Gigi.saß die Kaiserin höchstpersönlich bei Tag und Nacht auf jener Stelle dort und beobachtete den Riesenfisch.« Alle Zuhörer waren tief befriedigt und sagten. daß sie sich in dieses Aquarium stürzte und neben dem Fisch. und die Zuhörer waren sichtlich beeindruckt. er mußte oft sogar versuchen. wie Sie natürlich wissen.

der war groß und rund und aus feinstem Silber. und die anderen warf sie einfach in einen Bach. warmen Abend saßen die beiden still nebeneinander auf dem obersten Rand der steinernen Stufen. die ging in Samt und Seide und wohnte hoch über der Welt auf einem schneebedeckten Berggipfel in einem Schloß aus buntem Glas. Am Himmel funkelten bereits die ersten Sterne. Alles um sie herum. daß Prinzessin Momo unsterblich war. Meistens waren es Märchen. und der Mond stieg groß und silbern über den schwarzen Umrissen der Pinien empor. Und natürlich waren auch alle Menschen auf den neuen Globus umgezogen. Und der große Spiegel schwebte dahin über Länder und Meere. denn der alte war ja verbraucht. Und sie waren auch nur für sie beide bestimmt und hörten sich ganz anders an als alles. das von der alten Erde noch übriggeblieben war. Nun habe ich noch vergessen zu sagen. und es waren fast immer solche. . was Gigi sonst erzählte. ihre Kammerfrauen. denn die wollte Momo am liebsten hören. Sie hatte alles . Wir wollen sehen. sooft man sich über einen Brunnen oder eine Pfütze beugt. Denn wer sein eigenes Spiegelbild darin erblickte. antwortete Momo. und dieses Material konnte man ja nirgends anders hernehmen als von der Erde selbst. das auf der Oberfläche der alten Erde ruhte. alles das waren nur Spiegelbilder. hat man niemals erfahren. sie aß nur die feinsten Speisen und trank nur den süßesten Wein. Sie schlief auf seidenen Kissen und saß auf Stühlen aus Elfenbein. Daher kommt es. daß nun trotz allem eigentlich alles beim alten geblieben war.aber sie war ganz allein.« Er legte Momo einen Arm um die Schulter und fing an : »Es war einmal eine schöne Prinzessin mit Namen Momo.< Und jedesmal. wenn niemand sonst zuhörte. An einem schönen.das Märchen vom Zauberspiegel?« Gigi nickte nachdenklich. die von Gigi und Momo selbst handelten. ist ja der neue Globus. ihre Hunde und Katzen und Vögel und sogar ihre Blumen. So wurde eben langsam die Erde immer kleiner. hatte man dazu haargenau das letzte Steinchen. Als Marxentius Communus erkennen mußte. diese trichterförmige Höhlung. wenn der Zauberspiegel zurückkam.Und als die neue Welt schließlich fertig war.« Da schrien die beiden feinen älteren Damen entsetzt auf und ergriffen die Flucht. dann schüttete er vor der Prinzessin alle Spiegelbilder aus. »Gut«. und eine fragte: »Und wo ist der Globus geblieben?« »Aber Sie stehen doch darauf!« antwortete Gigi. als du denken kannst. welche die Ruine hier noch heute erkennen läßt. was man sich nur wünschen kann. Die Prinzessin suchte sich diejenigen aus. Wohin. wie es eben gerade kam. wie es geht. daß einem das eigene Spiegelbild entgegenblickt.Natürlich brauchte man sehr viel Material für diesen Globus. der wurde davon sterblich. »von wem soll es handeln?« »Von Momo und Girolamo am liebsten«. hüllte er sein Haupt in die Togo und ging davon. die ihr gefielen. während der Globus immer mehr wuchs. wegnehmen müssen. -Am allerliebsten aber erzählte Gigi der kleinen Momo allein. »Die heutige Welt. Den schickte sie jeden Tag und jede Nacht in die Welt hinaus. und deshalb tat sie es nicht. wunderten sich kein bißchen darüber. Gigi hielt vergebens seine Schirmmütze hin. Prinzessin Momo hatte nämlich einen Zauberspiegel. Sehen Sie. die er auf seiner Reise aufgefangen hatte. war früher das Fundament. sagte Gigi.« Die beiden feinen älteren Damen aus Amerika erbleichten. ihre Dienerschaft. Sie hatte nämlich noch nie sich selbst in dem Zauberspiegel gesehen. meine Damen. »Das hört sich gut an. Und viel schneller. interessante und langweilige. Das wußte Prinzessin Momo sehr wohl. meine Damen. Sie hatte alles. Es waren schöne und häßliche. Gigi überlegte ein wenig und fragte dann: »Und wie soll es heißen?« »Vielleicht . sie sagten einfach: >Das ist der Mond. huschten die freigelassenen Spiegelbilder zurück durch die Gewässer der Erde zu ihren Eigentümern. die ihn sahen. Die Leute. »Erzählst du mir ein Märchen?« bat Momo leise. Sie müssen sich also das Ganze umgekehrt vorstellen. über Städte und Felder.

noch wer er war. zischelte die böse Fee. denn das gehört sich so. und so wurden die schönsten jungen Damen des Morgen-Landes in den Palast gebracht. >aber ich habe eine Bedingung. um seine Wahl zu treffen. >du darfst ein Jahr lang nicht zu dem schwebenden Silberspiegel hinaufschauen. und du mußt ins Heute-Land. Und wo war dieses Reich? Es war nicht im Gestern und es war nicht im Heute.< Und er blickte hinauf und schaute mitten in den großen. die um sie waren. Vielleicht blickt der gerade zufällig in die Höhe. das ihr mehr bedeutete als alle anderen. Nun schaute sie also lange in den Zauberspiegel und schickte ihn mit ihrem Bild über die Welt. die grünes. antwortete die böse Fee und lächelte so süß. Eines Tages nun sagten die Minister zu dem Prinzen des Morgen-Landes : >Majestät. daß dem unglückseligen Prinzen ganz schwindelig wurde. denn jede wollte ihn natürlich haben. und sie mußte barfuß gehen. was dein ist. Da waren ihre Pantöffelchen durchgelaufen. so mußt du auf der Stelle alles vergessen. selbst in die Welt hinauszugehen und ihn zu suchen. Und sie kam ihm so wunderschön vor. wie es ihr weitererging.« >Ich werde sie erfüllen<. und dort mußt du als ein armer unbekannter Schlucker leben. Du mußt vergessen. Sie alle hatten sich so schön gemacht. antwortete der Prinz. >Gut<. da flüsterte sie rasch einen Zauberspruch. Aber dadurch war sie nun naturlich sterblich geworden. Sie gab allen Spiegelbildern. ob sie seine Frau werden wolle. Denn sie dachte: Vielleicht kann der Spiegel mein Bild zu dem Prinzen bringen. Eines Tages geschah es jedoch. >Nein<. sagte die Fee mit dem grünen Blut. und dann sieht er mein Bild. jetzt muß ich dir aber zuerst von dem Prinzen erzählen. der dort oben schwebte.< Prinz Girolamo hatte nichts dagegen einzuwenden. sondern grünes und kaltes. Tust du es aber doch. warmes Blut in den Adern. Und darum hieß es das Morgen-Land. denn sie hatte sich außerordentlich kunstvoll geschminkt. nun doch in den Zauberspiegel zu blicken. Dann ging sie ganz allein auf ihren zarten Pantöffelchen aus ihrem Schloß aus buntem Glas durch die schneebedeckten Berge in die Welt hinunter. daß der Zauberspiegel ihr ein Bild mitbrachte. Bist du damit einverstanden?< >Wenn es nur das ist!< rief Prinz Girolamo. wo er wohnte. bis sie in das Heute-Land kam. Als sie es erblickt hatte. spielte mit ihnen und war soweit ganz zufrieden. damit er sich eine aussuchen konnte.So lebte sie also mit all ihren vielen Spiegelbildern. Da beschloß sie. wo niemand dich kennt. >Gern<. beschloß sie. ihre Freiheit wieder. sondern es lag immer einen Tag in der Zukunft. Da sie sich keinen anderen Rat wußte. Es war das Spiegelbild eines jungen Prinzen. Dieser Prinz hieß Girolamo und herrschte über ein großes Reich. wer du in Wirklichkeit bist. bekam sie so große Sehnsucht nach ihm. und sie kannte noch nicht einmal seinen Namen. Ihr müßt heiraten. das er sich selbst erschaffen hatte. die hatte kein rotes. Da fiel plötzlich ein winziges Tröpfchen auf des Prinzen Hand. Aber wie sollte sie das anfangen? Sie wußte ja weder. Das sah man ihr freilich nicht an. >Es beginnt zu regnen<. aber der Prinz war nicht gekommen. Da sah er das Bild der Prinzessin Momo und bemerkte. die dort wohnten. versetzte Prinz Girolamo unbedacht. denn es ist keine Wolke am Himmel. daß sie weinte und . Als nun der Prinz des Morgen-Landes in den großen goldenen Thronsaal trat. daß er sie auf der Stelle fragte. kaltes Blut hatte. wie sie nur konnten. Eines Nachts saß Prinz Girolamo auf dem Dach seines goldenen Palastes und spielte Dame mit der Fee. wenn der Spiegel am Himmel dahinschwebt. liebten und bewunderten den Prinzen. Unter den Mädchen hatte sich aber auch eine böse Fee in den Palast geschlichen. Und alle Leute. Du wirst gleich hören. »das kann nicht sein. Sie lief durch aller Herren Länder. daß sie unbedingt zu ihm wollte. Vielleicht folgt er dem Spiegel auf seinem Weg und findet mich hier. und nun sah der arme Girolamo nur noch sie und sonst keine. Aber der Zauberspiegel mit ihrem Bild darin schwebte weiter hoch über der Welt dahin. >die Bedingung ist leicht !< Was war nun inzwischen mit Prinzessin Momo geschehen? Sie hatte gewartet und gewartet. silbernen Zauberspiegel.

Sie trug jetzt eine alte. als wieder der silberne Zauberspiegel. >Nun hast du dein Versprechen gebrochen<. Aber in ihrem gemeinsamen Unglück freundeten sich die beiden miteinander an und trösteten sich gegenseitig. Momo und Gigi saßen still nebeneinander und blickten lange zu ihm hinauf. Es war schon sehr zerknittert und verwischt.< Da griff Prinzessin Momo in seine Brust und löste ganz leicht den Knoten seines Herzens auf. Und das haben die beiden getan. unbekannter Taugenichts und nannte sich nur noch Gigi. in die Brust und machte einen Knoten in sein Herz. und deshalb kann ich mich an nichts erinnern. Er nahm die Prinzessin bei der Hand und ging mit ihr weit fort . Inzwischen waren auch Prinzessin Momos Kleider aus Samt und Seide ganz zerrissen. dann fragte Momo: »Und sind sie später Mann und Frau geworden?« »Ich glaube schon«. »das weiß ich zufällig genau. bis er ins Heute-Land kam. viel zu große Männerjacke und einen Rock aus bunten Flicken. was du sagst. Hier begegneten sich die beiden eines schönen Tages.« Groß und silbern stand der Mond über den schwarzen Pinien und ließ die alten Steine der Ruine geheimnisvoll glänzen. sagte Gigi. am Himmel dahinschwebte.daß eine ihrer Tränen auf seine Hand gefallen war. kaltes Blut in ihren Adern hatte. daß es ihr eigenes Bild war. der nun leer war. Das einzige. Und im gleichen Augenblick vergaß er. Prinzessin Momo war es. den sie immer gesucht hatte und für den sie sterblich geworden war. daß sie für die Dauer dieses Augenblicks beide unsterblich waren.in die Ferne. wer er war und wo er hingehörte. Und auch Gigi erkannte die Prinzessin nicht. Aber Prinzessin Momo erkannte den Prinzen aus dem MorgenLand nicht. sagte Gigi bestimmt.« »Und sind sie inzwischen gestorben?« »Nein«. Eines Abends. und sie fühlten ganz deutlich. Und nun wußte Prinz Girolamo plötzlich wieder. Und er wanderte weit über die Welt. aber die Prinzessin erkannte doch sofort. die er in Wirklichkeit liebte. Und sie erzählte ihm alles. Und sie wohnte in einer alten Ruine. denn in meinem Herzen ist ein Knoten. schwiegen sie beide ein Weilchen. das sie damals ausgeschickt hatte. >und nun mußt du mir bezahlen !< Mit ihren grünen langen Fingern griff sie Prinz Girolamo. wo das Morgen-Land liegt. denn er war ja nun ein armer Schlucker. »-später. denn wie eine Prinzessin sah sie eigentlich nicht mehr aus. daß es dem einer Schlange glich. daß er der Prinz des Morgen-Landes war. dort lebte er fortan als ein armer. wenn man allein hineinblickte.« Nachdem Gigi geendet hatte. daß die Fee ihn getäuscht hatte. holte Gigi das Spiegelbild hervor und zeigte es Momo. Und nun erkannte sie auch unter der Maske des armen Schluckers Gigi den Prinzen Girolamo. Er ging aus seinem Schloß und seinem Reich wie ein Dieb in der Nacht.Schaute man aber zu zweit hinein. . der wie erstarrt sitzen bleiben mußte. dann wurde man wieder unsterblich. Und im gleichen Augenblick erkannte er. daß sie nicht wirklich schön war und nur grünes. war das Bild aus dem Zauberspiegel. Aber Gigi schüttelte traurig den Kopf und sagte: >Ich kann nichts von dem verstehen. Der war von da an leer. was er mitgenommen hatte. sagte die grüne Fee. Der Zauberspiegel macht einen nur sterblich. und ihr Gesicht verzerrte sich.

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ZWEITER TEIL: DIE GRAUEN HERREN .

denn jeder weiß. Alle Menschen haben daran teil. drangen sie täglich weiter vor und ergriffen Besitz von den Menschen. Es waren weitgesteckte und sorgfältig vorbereitete Pläne.je nachdem. Sie hatten ihre Pläne mit der Zeit der Menschen. Denn Zeit ist Leben. . so wie Blutegel sich aufs Blut verstehen. Die meisten Leute nehmen es einfach so hin und wundern sich kein bißchen darüber. jeder kennt es. Freilich verstanden sie sich auf ihre Weise darauf. um sie zu messen.SECHSTES KAPITEL Die Rechnung ist falsch und geht doch auf Es gibt ein großes und doch ganz alltägliches Geheimnis. und auf ihre Weise handelten sie danach. mitunter kann sie aber auch wie ein Augenblick vergehen . ohne daß jemand es bemerkte. Dieses Geheimnis ist die Zeit. Es gibt Kalender und Uhren. Und Schritt für Schritt. daß niemand auf ihre Tätigkeit aufmerksam wurde. was man in dieser Stunde erlebt. aber die wenigsten denken je darüber nach. Und das Leben wohnt im Herzen. Das Wichtigste war ihnen. Und genau das wußte niemand besser als die grauen Herren. aber das will wenig besagen. einer Minute. ja einer einzigen Sekunde Leben so wie sie. daß einem eine einzige Stunde wie eine Ewigkeit vorkommen kann. Niemand kannte den Wert einer Stunde. Unauffällig hatten sie sich im Leben der großen Stadt und ihrer Bewohner festgesetzt.

Er stellte seine bleigraue Aktentasche auf den Tisch vor dem Spiegel. Besonders beim Rasieren unter dem Kinn gegen den Strich war ihm so leicht keiner über. war klein. in dem sie ihn fassen konnten. ist Zeit. »Rasieren oder Haare schneiden?« und verwünschte sich im gleichen Augenblick wegen seiner Taktlosigkeit. Seine Arbeit bereitete ihm ausgesprochenes Vergnügen.Sie kannten jeden. wird es sein. Sein Laden. daß Herr Fusi etwas gegen ein Schwätzchen hatte. dachte er. dann wären Sie ein ganz anderer Mensch. Wenn Sie einmal tot sind. Herr Fusi schloß die Ladentür. Geschwätz und Seifenschaum. das ist nun aus mir geworden. ohne zu lächeln. Wenn Sie Zeit hätten. was sie darüber dachten. Man muß frei sein. sozusagen aschengrauen Stimme. der bin ich«. Was habe ich eigentlich von meinem Dasein? Und wenn ich einmal tot bin. wird es sein. Auch gegen Scherengeklapper und Seifenschaum hatte er nichts. »Mein ganzes Leben ist verfehlt«. daß es ein solches Institut überhaupt gibt.« In diesem Augenblick fuhr ein feines. aschengraues Auto vor und hielt genau vor Herrn Fusis Friseurgeschäft. »Keines von beiden«. Er stellte sich nur irgend etwas Bedeutendes vor. Wir wissen. hängte seinen runden steifen Hut an den Kleiderhaken. Geschwätz und Seifenschaum. Er sah zu. Denn für das richtige Leben muß man Zeit haben. sagte der graue Herr. Und sie taten das ihre dazu. Eines Tages stand Herr Fusi in der Tür seines Ladens und wartete auf Kundschaft. Wenn ich das richtige Leben führen könnte. Alles. und auch in Herrn Fusis Seele war trübes Wetter. Aber es gibt eben manchmal Augenblicke. Habe ich recht?« . setzte sich auf den Rasierstuhl. als hätte es Sie nie gegeben. sagte der Agent. und Herr Fusi war allein. XYQ/384/b. jetzt wissen Sie es«. dachte er mißmutig. denn der Herr hatte eine spiegelnde Glatze. dachte Herr Fusi. »Mein Leben geht so dahin«. was Sie also benötigen. Ich aber bleibe mein Leben lang ein Gefangener von Scherengeklapper. in denen das alles kein Gewicht hat. »Sie sind Anwärter bei uns. »Dann bin ich an der rechten Stelle«. als hätte es mich nie gegeben. etwas Luxuriöses. »Aber«. Er liebte es sogar sehr. »Womit kann ich dienen?« fragte er verwirrt. antwortete der Agent knapp. das richtige Leben zu führen. ich wußte bisher nicht einmal. Er war nicht arm und nicht reich. Das geht jedem so. wie Sie das wünschen. »mit Scherengeklapper und Geschwätz und Seifenschaum. als würde es plötzlich ungewöhnlich kalt in dem kleinen Raum. der mitten in der Stadt lag. dann wäre ich ein ganz anderer Mensch!« Wie dieses richtige Leben allerdings beschaffen sein sollte. während er an seiner kleinen grauen Zigarre paffte. noch immer erstaunt. Er blätterte in seinem Notizbüchlein und fuhr fort: »Sie sind doch Herr Fusi. »Offengestanden. denn es war ihm. Er war zwar kein berühmter Haarkünstler. daß Sie ein Sparkonto bei uns eröffnen wollen. »Wer bin ich schon? Ein kleiner Friseur. war Herrn Fusi nicht klar. versetzte Herr Fusi. wie der Regen auf die Straße platschte. wie man es immer in den Illustrierten sah.« »Das ist mir neu«. »Sie vergeuden Ihr Leben mit Scherengeklapper. Ich bin Agent Nr. Der Lehrjunge hatte frei. schon lange bevor der Betreffende selbst etwas davon ahnte. Sie warteten nur den richtigen Augenblick ab.« Es war nun durchaus nicht so. lieber Herr Fusi«. und er wußte. »Sehen Sie.« »Nun. meinte der graue Herr und klappte das Büchlein zu. etwas.« »Wie das?« fragte Herr Fusi. Ein grauer Herr stieg aus und betrat den Laden. »für so etwas läßt mir meine Arbeit keine Zeit. erklärte Herr Fusi noch verwirrter. den Kunden weitläufig seine Ansichten auseinanderzusetzen und von ihnen zu hören. aber er war in seiner Straße gut angesehen. es war ein grauer Tag. »Ich komme von der Zeit-Spar-Kasse. nahm sein Notizbüchlein aus der Tasche und begann darin zu blättern. der Friseur. der für ihre Absichten in Frage kam. daß er sie gut machte. und er beschäftigte einen Lehrjungen.Da war zum Beispiel Herr Fusi. mit einer seltsam tonlosen. der Friseur?« »Ganz recht. daß dieser Augenblick eintrat.

meinte Herr Fusi ängstlich. obgleich sie taub ist und sie kaum noch hört. Der Agent rechnete blitzgeschwind. daß er so reich sei. sagte der Agent. »Aber woher nimmt man Zeit ? Man muß sie eben ersparen ! Sie. »Na. Das macht mithin einunddreißigmillionenfünfhundertundsechsunddreißigtausend Sekunden pro Jahr. Also hat eine Stunde dreitausendsechshundert Sekunden. dessen Pflege Sie täglich eine Viertelstunde kostet. . « »Aber . schätzen Sie die Dauer Ihres Lebens?« »Nun«. so ungefähr«. Wie lange. Wieviel Zeit benötigen Sie insgesamt für alle Mahlzeiten des Tages?«»Ich weiß nicht genau«. Diese Summe dürfen wir wohl mit gutem Recht als verloren betrachten. Oder dreihundertfünfzehnmillionendreihundertundsechzigtausend Sekunden in zehn Jahren. »Dann müssen wir also noch einmal die gleiche Summe auf das Minuskonto verbuchen«.«. gab Herr Fusi kleinlaut zu. Ein Jahr hat aber. das macht sechsundachtzigtausendvierhundert Sekunden pro Tag.« »Gut«. . Ich will es Ihnen durch eine kleine Rechnung beweisen. wie wir wissen. sagte Herr Fusi. Wieviel Zeit müssen Sie täglich der Arbeit opfern. Das wäre also dreihundertfünfzehnmillionendreihundertsechzigtausend mal sieben. Herr Fusi?« »Auch acht Stunden. welches Ihnen zur Verfügung steht. »Zweiundvierzig Jahre . stammelte der und fühlte sich plötzlich schuldbewußt. das bedeutet umgerechnet dreizehnmillionensiebenhundert-siebenundneunzigtausend. « Und er schrieb diese Zahl groß an den Spiegel: 2 207 520 000 Sekunden Dann unterstrich er sie mehrmals und erklärte: »Dies also. Eine Minute hat sechzig Sekunden. Das ergibt zweimilliardenzweihundertsiebenmillionenfünfhundertzwanzigtausend Sekunden. sehen Sie !« erwiderte der graue Herr und zog zufrieden an seiner kleinen Zigarre. murmelte Herr Fusi und fröstelte. sich zu ernähren. Ferner haben Sie überflüssigerweise einen Wellensittich. Der Agent Nr. »es ist eine eindrucksvolle Zahl. »vielleicht zwei Stunden?« »Das scheint mir zu wenig«. Herr Fusi. fuhr der graue Herr fort. Ein Tag hat vierundzwanzig Stunden. gestand Herr Fusi. fuhr der Agent unerbittlich fort. also dreitausendsechshundert mal vierundzwanzig. »Sechzig mal sechzig ist dreitausendsechshundert. »Nun kommt Ihnen aber auch noch eine gewisse Zeit abhanden durch die Notwendigkeit. »Wie lange schlafen Sie durchschnittlich pro Nacht?« forschte der graue Herr weiter. »Ja«. denn trotz der geschlossenen Tür wurde es immer kälter. daß sich Herrn Fusi die Haut kräuselte. achtzig Jahre alt zu werden. Es ist also hinausgeworfene Zeit: macht fünfundfünfzigmillioneneinhundertachtundachtzigtausend.»Darüber habe ich eben nachgedacht«. Der Stift kreischte über das Spiegelglas. »nehmen wir vorsichtshalber einmal nur siebzig Jahre an. stotterte Herr Fusi verwirrt. so Gott will. Und eine Stunde hat sechzig Minuten. als habe er eine Unterschlagung begangen.« Herr Fusi schluckte und fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Herr Fusi. Sie sitzen bei ihr und sprechen mit ihr. warf Herr Fusi flehend ein.das macht also bereits vierhunderteinundvierzigmillionenfünfhundertundviertausend. nicht wahr? Aber nun wollen wir weitergehen. das heißt. Herr Fusi. dreihundertfünfundsechzig Tage. sagte der Agent nickend und zog wieder an seiner kleinen grauen Zigarre. . Herr Fusi?« »Zweiundvierzig«. »ich hoffe so siebzig. Er hätte nie gedacht. Täglich widmen Sie der alten Frau eine volle Stunde. »Acht Stunden etwa«. dann ergibt es in zweiundvierzig Jahren den Betrag von hundertzehnmillionendreihundertsechsundsiebzigtausend. Können Sie mir folgen?« »Gewiß«.täglich acht Stunden . Die Summe machte ihn schwindelig. XYQ/384/b begann die Zahlen mit einem grauen Stift auf den Spiegel zu schreiben. »aber nehmen wir es einmal an. ist das Vermögen. vergeuden Ihre Zeit auf ganz verantwortungslose Weise. Wie alt sind Sie. wie bekannt. Fahren wir fort! Sie leben allein mit Ihrer alten Mutter.

Ist Ihnen nicht gut. den Tränen nah. denn trotz der eisigen Kälte brach ihm der Schweiß aus. Herr Fusi. Herr Fusi. um ihr eine Blume zu bringen. . »diese Summe also ist die Zeit. einmal wöchentlich in einem Gesangverein mitwirken. . die Sie verlieren. müssen Sie.« Herr Fusi begann mit den Zähnen zu klappern.unterbrach ihn der Agent Nr. so kalt war ihm geworden. Herr Fusi. »es ist bereits mehr als die Hälfte Ihres ursprünglichen Gesamtvermögens. Herr Fusi. verlorene Zeit. »Aber wir müssen noch auf ein besonderes Kapitel Ihres Lebens zu sprechen kommen. Sie sehen ganz recht«. und sich an den übrigen Tagen abends mit Freunden treffen oder manchmal sogar ein Buch lesen.« »Macht weitere fünfundfünfzigmillioneneinhundertachtundachtzigtausend. .« »Wir sind gleich zu Ende«.« »Ganz recht«. versetzte der Agent.« »In unserer modernen Welt«. einen Teil der Hausarbeit selbst machen. außer mir und Fräulein Daria . . sagte der graue Herr. »Aber nüchtern betrachtet«. einen Stammtisch haben. Wir wissen ferner. antwortete Herr Fusi. »Ja. Singen usw. Sie haben da nämlich dieses kleine Geheimnis. . Schuhe putzen und dergleichen lästige Dinge mehr. Herr Fusi. Betrachten Sie die Dinge einmal sachlich und realistisch. daß Sie die Gewohnheit haben. weil ihre Beine verkrüppelt sind. Herr Fusi?« Herr Fusi sagte gar nichts. jeden Abend vor dem Schlafengehen eine Viertelstunde am Fenster zu sitzen und über den vergangenen Tag nachzudenken. Beantworten Sie mir eine Frage: Wollen Sie Fräulein Daria heiraten?« »Nein«. Sie schlagen Ihre Zeit mit nutzlosen Dingen tot. »denn Fräulein Daria wird ihr Leben lang an den Rollstuhl gefesselt bleiben. und zwar etwa drei Stunden täglich. »ist sie für Sie. Nun wollen wir einmal sehen. »Ich dachte. Sie müssen einkaufen gehen. Herr Fusi. Herr Fusi?« »Nein«. was Ihnen eigentlich übrigbleibt.« Auf dem Spiegel stand nun folgende Rechnung: Schlaf Arbeit Nahrung Mutter Wellensittich Einkauf usw. der immer schneller und schneller rechnete. Geheimnis Fenster Zusammen: 441 504 000 Sekunden 441 504 000 110 376 000 55 188 000 13 797 000 55 188 000 165 564 000 27 594 000 13 797 000 1 324 512 Sekunden »Diese Summe«. dann bekommen wir nochmals eine abzuschreibende Summe von dreizehnmillionensiebenhun-dertsiebenundneunzigtausend. . Und zwar insgesamt bereits siebenundzwanzig-millionenfünfhundertvierundneunzigtausend Sekunden. sagte er. Trotzdem besuchen Sie sie täglich eine halbe Stunde. Kurz. daß Sie einmal wöchentlich ins Kino gehen. . »Das wissen Sie auch?« murmelte er kraftlos. sagte Herr Fusi. . »Da Ihre Mutter ja behindert ist. Freunde. daß es wie Revolverschüsse klang. »das geht doch nicht.»Unterbrechen Sie mich nicht !« herrschte ihn der Agent an. XYQ/384/b. Wozu?« »Sie freut sich doch immer so«. fuhr der graue Herr fort. Wieviel Zeit kostet Sie das täglich?« »Vielleicht eine Stunde. . Und wenn wir nun dazurechnen. »haben Geheimnisse nichts mehr verloren. Was sagen Sie dazu. das macht einhundertfünfundsechzigmillionenfünfhundertvierundsechzigtausend. aber . »entschuldigen Sie bitte . was Ihnen von Ihren . antwortete Herr Fusi. Er setzte sich auf einen Stuhl in der Ecke und wischte sich mit dem Taschentuch die Stirn. Sie wissen schon. Der graue Herr nickte ernst. den Sie zweimal in der Woche besuchen. die Sie bis jetzt bereits verloren haben. sagte der graue Herr und tippte mit dem Stift mehrmals so hart gegen den Spiegel. Aber nun wollen wir einmal sehen.

zweiundvierzig Jahren eigentlich geblieben ist. Ein Jahr, das sind einunddreißigmillionenfünfhun-dertsechsunddreißigtausend Sekunden, wie Sie wissen. Und das mal zweiundvierzig genommen macht einemilliardedreihundertvierundzwanzigmillionenfünfhundertundzwölf tausend.« Er schrieb die Zahl unter die Summe der verlorenen Zeit: 1.324.512.000 Sekunden — 1.324.512.000 0 000 000 000 ,, Sekunden

Er steckte seinen Stift ein und machte eine längere Pause, um den Anblick der vielen Nullen auf Herrn Fusi wirken zu lassen. Und er tat seine Wirkung. »Das«, dachte Herr Fusi zerschmettert, »ist also die Bilanz meines ganzen bisherigen Lebens.« Er war so beeindruckt von der Rechnung, die so haargenau aufging, daß er alles widerspruchslos hinnahm. Und die Rechnung selbst stimmte. Das war einer der Tricks, mit denen die grauen Herren die Menschen bei tausend Gelegenheiten betrogen. »Finden Sie nicht«, ergriff nun der Agent Nr. XYQ/384/b in sanftem Ton wieder das Wort, »daß Sie so nicht weiterwirtschaften können, Herr Fusi? Wollen Sie nicht lieber zu sparen anfangen?« Herr Fusi nickte stumm und mit blaugefrorenen Lippen. »Hätten Sie beispielsweise«, klang die aschenfarbene Stimme des Agenten an Herrn Fusis Ohr, »schon vor zwanzig Jahren angefangen, täglich nur eine einzige Stunde einzusparen, dann besäßen Sie jetzt ein Guthaben von sechsundzwanzigmillionenzweihundertundachtzigtausend Sekunden. Bei zwei Stunden täglich ersparter Zeit wäre es natürlich das Doppelte, also zweiundfünfzigmillionenfünfhundertundsech-zigtausend. Und ich bitte Sie, Herr Fusi, was sind schon zwei lumpige kleine Stunden angesichts einer solchen Summe?« »Nichts!« rief Herr Fusi, »eine lächerliche Kleinigkeit!« »Es freut mich, daß Sie das einsehen«, fuhr der Agent gleichmütig fort. »Und wenn wir nun noch ausrechnen, was Sie unter denselben Bedingungen in weiteren zwanzig Jahren erspart haben würden, so kämen wir auf die stolze Summe von einhundertfünfmillioneneinhundertundzwanzigtausend Sekunden. Dieses ganze Kapital stünde Ihnen in Ihrem zweiundsechzigsten Lebensjahr zur freien Verfügung.« »Großartig!« stammelte Herr Fusi und riß die Augen auf. »Warten Sie ab«, fuhr der graue Herr fort, »denn es kommt noch viel besser. Wir, das heißt die Zeit-Spar-Kasse, bewahren nämlich die eingesparte Zeit nicht nur für Sie auf, sondern wir zahlen Ihnen auch noch Zinsen dafür. Das heißt, Sie hätten in Wirklichkeit noch viel mehr.«»Wieviel mehr?« fragte Herr Fusi atemlos. »Das läge ganz bei Ihnen«, erklärte der Agent, »je nachdem, wieviel Sie eben einsparen würden und wie lange Sie das Ersparte bei uns liegen lassen.« »Liegen lassen?« erkundigte sich Herr Fusi, »was heißt das?« »Nun, ganz einfach«, meinte der graue Herr. »Wenn Sie Ihre ersparte Zeit nicht vor fünf Jahren von uns zurückverlangen, dann bezahlen wir Ihnen noch einmal dieselbe Summe dazu. Ihr Vermögen verdoppelt sich alle fünf Jahre, verstehen Sie? Nach zehn Jahren wäre es bereits das Vierfache der ursprünglichen Summe, nach fünfzehn Jahren das Achtfache und so weiter. Wenn Sie vor zwanzig Jahren angefangen hätten, täglich nur zwei Stunden einzusparen, dann stünde für Sie in Ihrem zweiundsechzigsten Lebensjahr, also nach vierzig Jahren insgesamt, das Zweihundertsechsundfünfzigfache der bis dahin von Ihnen ersparten Zeit zur Verfügung. Das wären sechsundzwanzigmilliardenneunhundertundzehnmillionensiebenhundertundzwanzigtausend.« Und er nahm noch einmal seinen grauen Stift heraus und schrieb auch diese Zahl an den Spiegel:

26 910 720 000 Sekunden »Sie sehen selbst, Herr Fusi«, sagte er dann und lächelte zum ersten Mal dünn, »es wäre mehr als das Zehnfache ihrer ursprünglichen gesamten Lebenszeit. Und das bei nur zwei ersparten Stunden täglich. Bedenken Sie, ob dies nicht ein lohnendes Angebot ist.« »Das ist es !« sagte Herr Fusi erschöpft. »Das ist es ganz ohne Zweifel ! Ich bin ein Unglücksrabe, daß ich nicht schon längst angefangen habe, zu sparen. Jetzt erst sehe ich es völlig ein, und ich muß gestehen - ich bin verzweifelt!« »Dazu«, erwiderte der graue Herr sanft, »besteht durchaus kein Grund. Es ist niemals zu spät. Wenn Sie wollen, können Sie noch heute anfangen. Sie werden sehen, es lohnt sich.« »Und ob ich will!« rief Herr Fusi. »Was muß ich tun?« »Aber, mein Bester«, antwortete der Agent und zog die Augenbrauen hoch, »Sie werden doch wissen, wie man Zeit spart! Sie müssen zum Beispiel einfach schneller arbeiten und alles Überflüssige weglassen. Statt einer halben Stunde widmen Sie sich einem Kunden nur noch eine Viertelstunde. Sie vermeiden zeitraubende Unterhaltungen. Sie verkürzen die Stunde bei ihrer alten Mutter auf eine halbe. Am besten geben Sie sie überhaupt in ein gutes, billiges Altersheim, wo für sie gesorgt wird, dann haben Sie bereits eine ganze Stunde täglich gewonnen. Schaffen Sie den unnützen Wellensittich ab! Besuchen Sie Fräulein Daria nur noch alle vierzehn Tage einmal, wenn es überhaupt sein muß. Lassen Sie die Viertelstunde Tagesrückschau ausfallen und vor allem, vertun Sie Ihre kostbare Zeit nicht mehr so oft mit Singen, Lesen oder gar mit Ihren sogenannten Freunden. Ich empfehle Ihnen übrigens ganz nebenbei, eine große, gutgehende Uhr in Ihren Laden zu hängen, damit Sie die Arbeit Ihres Lehrjungen genau kontrollieren können.« »Nun gut«, meinte Herr Fusi, »das alles kann ich tun, aber die Zeit, die mir auf diese Weise übrigbleibt - was soll ich mit ihr machen ? Muß ich sie abliefern? Und wo? Oder soll ich sie aufbewahren? Wie geht das Ganze vor sich?« »Darüber«, sagte der graue Herr und lächelte zum zweiten Mal dünn, »machen Sie sich nur keine Sorgen. Das überlassen Sie ruhig uns. Sie können sicher sein, daß uns von Ihrer eingesparten Zeit nicht das kleinste bißchen verlorengeht. Sie werden es schon merken, daß Ihnen nichts übrigbleibt.« »Also gut«, entgegnete Herr Fusi verdattert, »ich verlasse mich also darauf.« »Tun Sie das getrost, mein Bester«, sagte der Agent und stand auf. »Ich darf Sie also hiermit in der großen Gemeinde der Zeit-Sparer als neues Mitglied begrüßen. Nun sind auch Sie ein wahrhaft moderner und fortschrittlicher Mensch, Herr Fusi. Ich beglückwünsche Sie!« Damit nahm er seinen Hut und seine Mappe. »Einen Augenblick noch!« rief Herr Fusi. »Müssen wir denn nicht irgendeinen Vertrag abschließen? Muß ich nichts unterschreiben? Bekomme ich nicht irgendein Dokument?« Der Agent Nr. XYQ/384/b drehte sich in der Tür um und musterte Herrn Fusi mit leichtem Unwillen. »Wozu?« fragte er. »Das Zeit-Sparen läßt sich nicht mit irgendeiner anderen Art des Sparens vergleichen. Es ist eine Sache des vollkommenen Vertrauens - auf beiden Seiten ! Uns genügt Ihre Zusage. Sie ist unwiderruflich. Und wir kümmern uns um Ihre Ersparnisse. Wieviel Sie allerdings ersparen, das liegt ganz bei Ihnen. Wir zwingen Sie zu nichts. Leben Sie wohl, Herr Fusi!« Damit stieg der Agent in sein elegantes, graues Auto und brauste davon. Herr Fusi sah ihm nach und rieb sich die Stirn. Langsam wurde ihm wieder wärmer, aber er fühlte sich krank und elend. Der blaue Dunst aus der kleinen Zigarre des Agenten hing noch lange in dichten Schwaden im Raum und wollte nicht weichen. Erst als der Rauch vergangen war, wurde es Herrn Fusi wieder besser. Aber im gleichen Maß wie der Rauch verging, verblaßten auch die Zahlen auf dem Spiegel. Und als sie schließlich ganz verschwunden waren, war auch die Erinnerung an den grauen Besucher in Herrn Fusis

Gedächtnis ausgelöscht - die an den Besucher, nicht aber die an den Beschluß! Den hielt er nun für seinen eigenen. Der Vorsatz, von nun an Zeit zu sparen, um irgendwann in der Zukunft ein anderes Leben beginnen zu können, saß in seiner Seele fest wie ein Stachel mit Widerhaken. Und dann kam der erste Kunde an diesem Tag. Herr Fusi bediente ihn mürrisch, er ließ alles Überflüssige weg, schwieg und war tatsächlich statt in einer halben Stunde schon nach zwanzig Minuten fertig. Und genauso hielt er es von nun an bei jedem Kunden. Seine Arbeit machte ihm auf diese Weise überhaupt keinen Spaß mehr, aber das war ja nun auch nicht mehr wichtig. Er stellte zusätzlich zu seinem Lehrjungen noch zwei weitere Gehilfen ein und gab scharf darauf acht, daß sie keine Sekunde verloren. Jeder Handgriff war nach einem genauen Zeitplan festgelegt. In Herrn Fusis Laden hing nun ein Schild mit der Aufschrift: GESPARTE ZEIT IST DOPPELTE ZEIT! An Fräulein Daria schrieb er einen kurzen, sachlichen Brief, daß er wegen Zeitmangels leider nicht mehr kommen könne. Seinen Wellensittich verkaufte er einer Tierhandlung. Seine Mutter steckte er in ein gutes, aber billiges Altersheim und besuchte sie dort einmal im Monat. Und auch sonst befolgte er alle Ratschläge des grauen Herrn, die er ja nun für seine eigenen Beschlüsse hielt. Er wurde immer nervöser und ruheloser, denn eines war seltsam: Von all der Zeit, die er einsparte, blieb ihm tatsächlich niemals etwas übrig. Sie verschwand einfach auf rätselhafte Weise und war nicht mehr da. Seine Tage wurden erst unmerklich, dann aber deutlich spürbar kürzer und kürzer. Ehe er sich's versah, war schon wieder eine Woche, ein Monat, ein Jahr herum und noch ein Jahr und noch eines. Da er sich ja an den Besuch des grauen Herrn nicht mehr erinnerte, hätte er sich wohl eigentlich ernstlich fragen müssen, wo all seine Zeit denn blieb. Aber diese Frage stellte er sich so wenig wie alle anderen Zeit-Sparer. Es war etwas wie eine blinde Besessenheit über ihn gekommen. Und wenn er manchmal mit Schrecken gewahr wurde, wie schnell und immer schneller seine Tage dahinrasten, dann sparte er nur um so verbissener.Wie Herrn Fusi, so ging es schon vielen Menschen in der großen Stadt. Und täglich wurden es mehr, die damit anfingen, das zu tun, was sie »Zeit sparen« nannten. Und je mehr es wurden, desto mehr folgten nach, denn auch denen, die eigentlich nicht wollten, blieb gar nichts anderes übrig, als mitzumachen. Täglich wurden im Rundfunk, im Fernsehen und in den Zeitungen die Vorteile neuer zeitsparender Einrichtungen erklärt und gepriesen, die den Menschen dereinst die Freiheit für das »richtige« Leben schenken würden. An Hauswänden und Anschlagsäulen klebten Plakate, auf denen man alle möglichen Bilder des Glücks sah. Darunter stand in leuchtenden Lettern: ZEIT-SPARERN GEHT ES IMMER BESSER ! Oder: ZEIT-SPARERN GEHÖRT DIE ZUKUNFT! Oder: MACH MEHR AUS DEINEM LEBEN - SPARE ZEIT! Aber die Wirklichkeit sah ganz anders aus. Zwar waren die Zeit-Sparer besser gekleidet als die Leute, die in der Nähe des alten Amphitheaters wohnten. Sie verdienten mehr Geld und konnten auch mehr ausgeben. Aber sie hatten mißmutige, müde oder verbitterte Gesichter und unfreundliche Augen. Bei ihnen war die Redensart »Geh doch zu Momo ! « natürlich unbekannt. Sie hatten niemand, der ihnen so zuhören konnte, daß sie davon gescheit, versöhnlich oder gar froh geworden wären. Aber selbst, wenn es dort so jemand gegeben hätte, es wäre doch höchst zweifelhaft gewesen, ob sie je zu ihm hingegangen wären- es sei denn, man hätte die Sache in fünf Minuten erledigen können. Andernfalls hätten sie es für verlorene Zeit gehalten. Selbst ihre freien Stunden mußten, wie sie meinten, ausgenutzt werden und in aller Eile so viel Vergnügen und Entspannung liefern, wie nur möglich war. So konnten sie keine richtigen Feste mehr feiern, weder fröhliche noch ernste. Träumen galt bei ihnen fast als ein Verbrechen. Am allerwenigsten aber konnten sie die Stille ertragen. Denn in der Stille überfiel sie Angst, weil sie ahnten, was in Wirklichkeit mit ihrem Leben geschah. Darum machten sie Lärm, wann immer die Stille drohte. Aber es war natürlich kein fröhlicher Lärm wie der auf einem Kinderspielplatz, sondern ein wütender und mißmutiger, der die große Stadt von Tag zu

in den Behandlungszimmern der Ärzte. auf denen stand: ZEIT IST KOSTBAR . Und diese einförmigen Straßen wuchsen und wuchsen und dehnten sich schon schnurgerade bis zum Horizont . Und da alle Häuser gleich aussahen. war unwichtig — im Gegenteil. jeder Zentimeter und jeder Augenblick. Restaurants und Warenhäusern und sogar in den Schulen und Kindergärten. Und das Leben wohnt im Herzen. daß sein Leben immer ärmer.« . das hielt nur auf.DARUM SPARE! Ähnliche Schilder hingen auch über den Schreibtischen der Chefs. Über allen Arbeitsplätzen in den großen Fabriken und Bürohäusern hingen deshalb Schilder. sahen natürlich auch alle Straßen gleich aus. denn dann hätte man ja lauter verschiedene Häuser bauen müssen. sagte Momo eines Tages. Und je mehr die Menschen daran sparten. desto weniger hatten sie. Keiner wollte wahrhaben. immer gleichförmiger und immer kälter wurde. die einander so gleich waren wie ein Ei dem anderen. die hier wohnten:Schnurgerade bis zum Horizont ! Denn hier war alles genau berechnet und geplant.VERLIERE SIE NICHT! oder: ZEIT IST (WIE) GELD .eine Wüste der Ordnung ! Und genauso verlief auch das Leben der Menschen. denn auch für sie hatte nun niemand mehr Zeit. Deutlich zu fühlen jedoch bekamen es die Kinder. die in ihnen wohnten.Tag lauter erfüllte. SIEBENTES KAPITEL Momo sucht ihre Freunde und wird von einem Feind besucht »Ich weiß nicht«. Es war viel billiger und vor allem zeitsparender. Wichtig war ganz allein. Und schließlich hatte auch die große Stadt selbst mehr und mehr ihr Aussehen verändert. daß er. und neue Häuser wurden gebaut. Manche hab' ich schon lang nicht mehr gesehen. daß sie zu den Menschen paßten. Dort erhoben sich in endlosen Reihen vielstöckige Mietskasernen. indem er Zeit sparte. Aber Zeit ist Leben. daß er in möglichst kurzer Zeit möglichst viel arbeitete. die Häuser so zu bauen. als ob unsere alten Freunde jetzt immer seltener zu mir kommen. über den Sesseln der Direktoren. die Häuser alle gleich zu bauen. in den Geschäften. in Wirklichkeit etwas ganz anderes sparte. Niemand war davon ausgenommen. Niemand schien zu merken. was nun für überflüssig galt. bei denen man alles wegließ. Ob einer seine Arbeit gern oder mit Liebe zur Sache tat. »es kommt mir so vor. Die alten Viertel wurden abgerissen. Man sparte sich die Mühe. Im Norden der großen Stadt breiteten sich schon riesige Neubauviertel aus.

»deswegen. das Mädchen Maria mit dem kleinen Geschwisterchen Dedé. Oder eine Weltraumrakete. das da herumschnurrte.« Und abermals nach einer Weile fügte er hinzu: »Es wird kalt. Es ist mir schon lang aufgefallen. wie Momos Freunde nie welche besessen hatten — und Momo selbst schon gar nicht. Es ist nicht mehr wie früher. So saßen die Kinder oft stundenlang da und schauten gebannt und doch gelangweilt so einem Ding zu. mit Spucke aus. mit dem man nicht wirklich spielen konnte. Sie saßen nur verdrossen und gelangweilt herum und guckten Momo und ihren Freunden zu. Aber die meisten von diesen Kindern konnten einfach nicht spielen. Darum kehrten sie schließlich doch wieder zu ihren alten . aber weiter taugte er zu nichts. Die Schiefertafel hatte der alte Beppo vor einigen Wochen in einer Mülltonne gefunden und Momo mitgebracht. sie kamen sogar von weither aus anderen Stadtteilen. konnte sie mittlerweile schon ganz gut lesen. die er auf eine alte Schiefertafel gekratzt hatte. Und da Momo ein sehr gutes Gedächtnis hatte. Seither zeigte Gigi Momo jeden Tag. Oder ein kleiner Roboter. der über Momos Frage nachgedacht hatte. und ein kleinerer Junge. die erst seit wenigen Tagen dazugehörten. meinte Beppo. deswegen«. das sie erst diesen Nachmittag erfunden hatten. der erst diesen Nachmittag gekommen war. aber zu etwas anderem war er nicht zu gebrauchen. Sie suchen nur einen Unterschlupf. aber sonst konnte man nichts damit anfangen. Nur mit dem Schreiben ging es noch nicht so recht. um den anderen alles zu zerstören. das ist wahr. Beppo dachte eine Weile nach. das Momo nicht recht begreifen konnte.Gigi Fremdenführer und Beppo Straßenkehrer saßen neben ihr auf den grasbewachsenen Steinstufen der Ruine und sahen dem Sonnenuntergang zu. genügt ja oft ein einziger Spielverderber. »Ja«. Beppo überlegte lang und antwortete schließlich: »Sie kommen nicht wegen uns.« »Ja. Das blieb freilich nicht so. aber sonst war sie noch gut zu gebrauchen. In der Stadt ist es schon überall. den man herumfahren lassen konnte —. der Paolo gerufen wurde. Aber außerdem waren da noch andere Kinder. denn wie man weiß. und der andere Junge. Gigi zuckte die Schultern und löschte gedankenvoll einige Buchstaben. der mit glühenden Augen dahinwackelte und den Kopf drehte—. wo mehrere Kinder ein neues Ballspiel spielten. wie Gigi gesagt hatte: Es wurden immer mehr. Manchmal störten sie auch absichtlich und verdarben alles. der immer etwas verwahrlost aussah und Franco hieß. daß Kinder allerlei Spielzeug brachten. Aber es kamen eben fast täglich neue Kinder. der dicke Junge mit der hohen Stimme. Irgendwas ist los. Immer häufiger kam es jetzt vor. meinte Gigi nachdenklich. Es waren natürlich sehr teure Spielsachen.« Alle drei blickten hinunter auf die runde Grasfläche in der Mitte des Amphitheaters. Und dann war da noch etwas. aber es fiel ihnen nichts dazu ein. Sie war natürlich nicht mehr ganz neu und hatte in der Mitte einen großen Sprung. Es waren einige von Momos alten Freunden darunter: Der Junge mit der Brille. Nicht selten gab es jetzt Zank und Streit. dahinwackelte oder im Kreis sauste-. die meinen Geschichten zuhören. von Tag zu Tag. Es kommt näher. Es hatte auch erst in allerjüngster Zeit angefangen.« »Was denn?« fragte Momo. nickte langsam und sagte: »Ja.« »Was meinst du damit?« fragte Momo. »mir geht's genauso. dessen Name Massimo lautete.« »Ach was!« sagte Gigi und legte Momo tröstend den Arm um die Schulter. Beppo Straßenkehrer. daß man sich dabei gar nichts mehr selber vorzustellen brauchte. die an einer Stange im Kreis herumsauste-. Vor allem waren alle diese Dinge so vollkommen bis in jede kleinste Einzelheit hinein. selber die besten Ideen zu haben und begeistert mitzuspielen. wie man den oder jenen Buchstaben schreibt. denn Momos Gegenwart tat auch bei diesen Kindern ihre Wirkung.« »Aber was?« fragte Momo. und bald fingen sie an. dann antwortete er: »Nichts Gutes. Und so fing alles immer wieder von vorn an. Eigentlich hätte Momo sich gern darüber gefreut. Es schien tatsächlich so. Es werden immer weniger. zum Beispiel ein ferngesteuerter Tank. »dafür kommen jetzt immer mehr Kinder hierher.

was ihr so macht und warum ihr hier seid. sagte er erbittert. »ich darf jetzt jeden Tag ins Kino. riefen die anderen. Die Kinder taten eines nach dem anderen nicht mehr mit. ein Maulwurfshügel oder eine Handvoll Steinchen genügten. sagte der fremde Junge und grinste. dann wird es gewaschen. Er saß ein wenig abseits von den anderen und hatte den Apparat ganz laut gedreht.Spielen zurück. bitte«. Wenn ich genug Geld hab'. »wir können's ihm nicht verbieten. Es war das erste Mal. Früher hat mein Vater mir abends. Der kleinere Junge.« Und nach einer kleinen Pause setzte es hinzu : »Ich will aber nicht aufgehoben sein. »bei uns ist es genauso.« »Doch gibt's die ! « sagte das kleine Mädchen trotzig. die neu waren. bei denen ihnen ein paar Schachteln. . Eine Weile war es still. einen Kuß und fuhr fort: »Wenn ich von der Schule komm'. bis schließlich alle um Gigi.« »Du bist dumm!« rief ein anderes Kind. »O ja. Meistens kommen wir ja hierher.«»Dreh's sofort leise!« rief Franco und stand auf.« Die Kinder blieben stumm. eine aufregende! . sagte ein kleines Mädchen. « Sie gab dem kleinen Geschwisterchen. »Könntest du deinen blöden Kasten nicht vielleicht leiser drehen?« fragte der verwahrloste Junge.« »Ja«. immer selber was erzählt. meinte der alte Beppo. ein Märchen! . »Wir haben jetzt ein sehr schönes Auto«. Deswegen geh' ich heimlich hierher und spar' mir das Geld. ließ sich schließlich eines vernehmen. Dann mach' ich meine Aufgaben.« »Und deine Mutter?« fragte das Mädchen Maria. Momo ging zu ihm und setzte sich still neben ihn.« »Er wird schon seinen Grund haben«. der heute zum ersten Mal erschienen war.Nein. daß das geschah. wenn ich mag. Wir können ihn höchstens bitten. »daß ihr mir was erzählt-über euch und euer Zuhause. dann mach' ich uns das Essen warm. Nach einer kleinen Weile drehte er sein Radio leise und schaute in eine andere Richtung.« Franco setzte sich wieder hin. sie zuckte die Schultern. . Aber jetzt ist er eben nie mehr da. »eine lustige Geschichte! . »Erzählst du uns was. »Ich hab's sogar in einem Reiseprospekt gesehen. »die kann ich mir sooft anhören. »Ich möchte viel lieber«.« »Aber ich«. aber das ging nicht. ein zerrissenes Tischtuch. antwortete Beppo und blickte den fremden Jungen freundlich und aufmerksam durch seine kleine Brille an. antwortete aber trotzig: »Du hast mir überhaupt nichts zu sagen und niemand. Dabei konnte man sich alles vorstellen. Beppo und Momo herumsaßen.« Der fremde Junge schwieg. Er schaltete das Radio ab. Das war schön. »Ich bin eigentlich ganz froh«. erklärte ein kleiner Junge.« »Ich hab' schon elf Märchenschallplatten«. »Die ist jetzt auch immer den ganzen Tag weg.« Alle Kinder nickten. wie ich will. in drohendem Ton.«. »na ja. Damit ich aufgehoben bin. »Bestimmt hat er den. hatte nämlich ein Kofferradio bei sich. Es war eine Reklamesendung. wenn mein Papa und meine Mama Zeit haben. und dann fahr' ich zu den sieben Zwergen. dann kauf ich mir eine Fahrkarte. meinte Franco und sah dabei gar nicht froh aus. »er verdirbt uns schon den ganzen Nachmittag alles.Ein Abenteuer!« Aber Gigi wollte nicht. Der fremde Junge wurde ein bißchen blaß. »mein Radio geht so laut. Irgend etwas schien auch heute abend das Spiel nicht recht gelingen zu lassen. . weil sie leider keine Zeit haben.Nein. sagte Maria. das auf ihrem Schoß saß. Wenn ich brav war. Aber zum Glück hab' ich Dedé. Ich kann mein Radio so laut drehen. daß Gigi vielleicht zu erzählen anfangen würde. wie ich mag. dann laufen wir eben so 'rum. der Franco hieß. »Am Samstag. sagte er schließlich. Ihre Gesichter waren plötzlich traurig und verschlossen. Sie hofften. Und dann . denn mehr oder weniger ging es ihnen allen so. bis es Abend ist. wenn er von der Arbeit gekommen ist.« »Da hat er recht«. Gigi?« bat eines der Kinder. darf ich dabei helfen. Später will ich auch so eins. »Er soll doch woanders hingehen«. »die gibt's doch gar nicht. Oder er ist müde und hat keine Lust. »Ich kann dich nicht verstehen«.

Früher war er ein netter Kerl gewesen. sagte der alte Beppo nach einer Weile noch einmal. Gigi blickte die Kinder der Reihe nach an. »Mich mögen meine Eltern sogar sehr. aber die Tränen liefen in hellen Streifen durch die Schmutzflecken auf seinen Wangen. was ich meine.« »Ach so?« sagte Gigi und zog die Augenbrauen hoch. nervös. sagt mein Alter immer. damit sie ihnen zuhört. wofür sie keine Zeit mehr haben!« Er machte die Augen schmal und nickte. Das ist eben so. Sonst fangen sie bloß an zu streiten. nicht sehr beträchtlichen Größe. und ich krieg dann Prügel. Danach fragen sie auch nicht mehr viel. Und dann fragte er noch leiser: »Seid ihr denn keine?« Da erhob sich der alte Straßenkehrer in seiner ganzen. damit sie uns loswerden!Sie mögen uns nicht mehr. fuhr Gigi fort. »Und ich auch!« sagte Gigi ernst. Die Kinder schwiegen beeindruckt. Der . der den ganzen Nachmittag der Spielverderber gewesen war.»daß meine Alten keine Zeit mehr für mich haben. Die anderen Kinder sahen ihn teilnahmsvoll an oder blickten zu Boden.freudlos. weil ich sonst genauso werde wie ihr. Sie können doch nichts dafür. Ich werd' ja später sowieso Straßenräuber. »es wird kalt. Ich hatte ihn eine Weile nicht mehr gesehen und hätte ihn bald nicht mehr wiedererkannt.« »Das ist nicht wahr!« schrie der fremde Junge zornig. Es war sehr teuer. konnte sehr hübsch singen und hatte über alles seine ganz besonderen Gedanken. haben andere Leute immer weniger Zeit. Sie fühlten sich alle im Stich gelassen. Für alles das hat er plötzlich keine Zeit mehr. Er versuchte. so wahr mir Gott helfe!« »Ich auch!« fügte Momo hinzu. »Und überhaupt.« Wieder nickten einige der Kinder. ich kriege jetzt viel mehr Taschengeld als früher!« »Klar!« antwortete Franco. Und weil es von eurer Sorte viel zu viele gibt. einen Friseur. Sie verstanden ihn nun. Aber sie mögen sich selbst auch nicht mehr. Keines unter ihnen bezweifelte die Worte der drei Freunde. Sie haben keine Zeit mehr für so was. »ihr haltet uns also auch für Tagediebe?« Die Kinder schauten verlegen zu Boden. sagte er leise. Sie mögen überhaupt nichts mehr. Und plötzlich fing der Junge. mürrisch. Fusi heißt er. Schließlich blickte Paolo dem alten Beppo forschend ins Gesicht. Früher sind die Leute auch immer gern gekommen. Das ist doch ein Beweis -oder?« Alle schwiegen. Und für euch haben sie auch keine Zeit mehr. »Meine Eltern haben gesagt«. zu weinen an. »ihr seid bloß Faulenzer und Tagediebe.noch niemals habe ich in meinem Leben dem lieben Gott oder einem Mitmenschen das kleinste bißchen Zeit gestohlen. Sie haben sich dabei selbst gefunden. sagen sie. »Warum denn nicht?« fragte Momo verwundert. »Meine Eltern lügen doch nicht«. Dafür haben sie mir aber jetzt sogar das Kofferradio geschenkt. so verändert war er. haben sie gesagt. Und ich soll nicht mehr hierher kommen. Merkt ihr was? Es ist doch merkwürdig. Das ist meine Meinung. erklärte Paolo. wenn ihr versteht.« Jetzt wandte sich ihnen plötzlich der Junge mit dem Kofferradio zu und sagte: »Aber ich. streckte drei Finger in die Höhe und sprach: »Ich hab' noch nie. »Früher sind die Leute immer gern zu Momo gekommen. es zu unterdrücken und wischte sich die Augen mit seinen schmutzigen Fäusten. « »Ich darf vielleicht bald nicht mehr kommen«. Deswegen habt ihr soviel. Ich bin auf eurer Seite. Eigentlich war jedem von ihnen ebenso zumute. daß sie keine Zeit mehr haben. jetzt will ich euch mal was sagen«. sagen sie. der Junge mit der Brille. um mir zuzuhören. Das schwöre ich. Ihr stehlt dem lieben Gott die Zeit. »Ja«. Dabei haben sie sich selbst vergessen. Dann fuhr er fort: »Neulich habe ich in der Stadt einen alten Bekannten getroffen. Aber jetzt fragen sie danach nicht mehr viel. denen man schon Ähnliches gesagt hatte. sagte Paolo. »das machen sie. »Glaubt ihr das etwa auch von uns? Oder warum kommt ihr trotzdem?« Nach kurzem Stillschweigen meinte Franco: »Mir ist das gleich.

»Bestimmt«. wo ich jetzt bin. Er sei jetzt auch oft nicht mehr ganz nüchtern. Aber wo man hinschaut. Sie kannte das Haus gut. sagte er. »Was meinst du. . Er käme jetzt nur noch selten nach Hause und wenn. um nach ihrem alten Freund Nicola zu sehen. »Du siehst. »Na. jeder Handgriff. ob es Verrücktheit gibt.« »Aber dann«. desto weniger begeistert klang seine Rede. du bist mir vielleicht eine!« sagte Nicola und schüttelte lächelnd den Kopf. Momo!« brummte er. was ich da rede«. Ja. sieht man solche Leute. und sie schlief ein. verstehst du? Das hält alles vier. Privatsachen. Da drüben. Das geht wie der Teufel. . sagte er auf einmal traurig. was bei mir jetzt los ist. »He. Es mußte schon spät in der Nacht sein. blieb er verdutzt stehen. Als er das Kind sah. Viel zuviel Sand im Mörtel. Jeden Tag hauen wir ein ganzes Stockwerk drauf. Kind ! Das ist nicht mehr wie früher. Momo. er ist überhaupt nicht mehr Fusi. das ist eine andere Sache als früher! Da ist alles organisiert. Plötzlich hielt er inné und wischte sich mit seinen schwieligen Händen übers Gesicht. und es bereitete ihm sichtlich Verlegenheit. Die anderen Leute im Haus wußten nur. bis ins letzte hinein . daß er jetzt drüben in den großen Neubauvierteln auf der anderen Seite der Stadt arbeite und eine Menge Geld verdiene. Sie setzte sich vor seine Zimmertür auf die Treppe. . »es muß eine Art Ansteckung sein. »gibt's dich auch noch! Was suchst du denn hier?« »Dich«. Und es werden immer mehr. ich hab' wieder mal zuviel getrunken. Aber er war nicht da. aber ich hab' einfach keine Zeit mehr für solche. und Momo hörte ihm aufmerksam zu. Jetzt fangen sogar unsere alten Freunde auch damit an ! Ich frage mich wirklich. um von ihnen zu erfahren. Und je länger sie das tat. was sie tun könnten. da wird ein anderes Tempo vorgelegt. Es wurde langsam dunkel. dem Maurer. die ansteckend ist?« Der alte Beppo nickte. eins nach dem anderen. auf ihn zu warten. Aber von den grauen Herren und deren rastloser Tätigkeit ahnten sie nichts. Anders kann ich's nicht aushalten. antwortete Momo schüchtern.Mann ist nur noch sein eigenes Gespenst. Momo beschloß. daß er ein bißchen verrückt geworden ist. »Alles Unsinn. Während der nächsten Tage machte Momo sich auf die Suche nach ihren alten Freunden. verstehst du.« Er redete weiter. »Kommt hier mitten in der Nacht her. Ich trink' jetzt oft zuviel. Ja. der die Treppe heraufschwankte. meinte Momo ganz bestürzt. dann würde ich einfach denken. Es war Nicola. dann meistens sehr spät. Das geht einem ehrlichen Maurer gegen das Gewissen. wo er oben unter dem Dach ein kleines Zimmer bewohnte. . was los war und warum sie nicht mehr zu ihr kamen. Zuerst ging sie zu Nicola.« Er machte eine fahrige Bewegung mit der Hand und setzte sich schwer neben Momo auf die Treppe. Die Zeiten ändern sich. was wir da machen. als sie durch polternde Schritte und rauhen Gesang geweckt wurde. und man könne überhaupt nicht mehr gut mit ihm auskommen. versteht ihr? Wenn er's nur allein wäre. daß sie ihn so sah. Ich geb's zu. . »müssen wir unseren Freunden doch helfen!« An diesem Abend berieten sie alle gemeinsam noch lang. ich hätte dich ja auch schon längst mal wieder besucht.

das sind jetzt seine Sorgen ! Erinnerst du dich an die alten Männer. . und Momo hörte schon von weitem. wie man alte Gäste hinausekelt. Früher. daß Nino und seine Frau Liliana einen heftigen Wortwechsel hatten. Der Hausbesitzer hat mir die Pacht erhöht. »Was willst du denn?« erkundigte Nino sich nervös. Er kam überhaupt nicht. was sich sehen lassen konnte. Nino redete gestikulierend auf seine Frau ein. wie ich's einrichten kann. wenn einer hustet. Also. Aber ich komm' bestimmt. »sollte ich wirklich mal wieder zu dir kommen und dir alles erzählen. mit dem regenfleckigen Verputz und der Weinlaube vor der Tür. Woher .« »Willst du was zu essen?« fragte Liliana ein wenig barsch. Das Schlimmste sind die Häuser. »er hat jetzt ganz andere Sorgen ! Zum Beispiel. gab Liliana zurück. « »Das Recht. Sie nahm es auf den Schoß und schaukelte es sacht. zahlendes Publikum zu uns gekommen ist. wenn ich genug verdient hab'. »Ach. Das kleine alte Haus. Momo. Die beiden Eheleute unterbrachen ihr Wortgefecht und schauten hin.« »Ich wollte nur fragen«. Bei uns haben sie keine Menschenseele gestört!« »Natürlich haben sie keine Menschenseele gestört!« rief Nino. Na ja. da war ich stolz auf meine Arbeit.Seelensilos sind das ! Da dreht sich einem der Magen um ! Aber was geht mich das alles an ? Ich kriege eben mein Geld und basta. rief Liliana und klapperte mit den Töpfen.. sie hörte ihm nur zu. so was gefällt den Leuten ? Und an dem einzigen Glas billigen Rotwein. ja!« antwortete Nino heftig.das sind . Glaubst du. denn sie waren beide sehr müde. sich ein anderes Lokal zu suchen. häng' ich meinen Beruf an den Nagel und mach' was anderes. »Vielleicht«. Ihr dickes Gesicht glänzte von Schweiß. Alles wird teurer. das sollte ich. Momo schüttelte den Kopf. Aber Nicola kam weder am nächsten noch am übernächsten Tag. »Nett. »Wir haben jetzt wirklich andere Sorgen. Das ist unmenschlich und gemein. »Bis jetzt. Momo sagte nichts. bis es still war. Aber jetzt. »Aber du weißt ganz genau. »So was tut man einfach nicht. ich muß sehen. daß man dich mal wieder sieht. Vielleicht hatte er wirklich nie mehr Zeit. Wie früher ging Momo hinten herum zur Küchentür. »Ich habe sie höflich gebeten. Momo setzte sich leise neben das Baby. daß es so nicht weitergeht. die wir da bauen. das sind . antwortete Momo leise. Liliana hantierte mit Töpfen und Pfannen am Herd. Alles Pfusch. Ja. antwortete Momo und freute sich. Momo. abgemacht?« »Abgemacht«. Sagen wir gleich morgen.« »Ja«.« Er ließ den Kopf hängen und starrte trübe vor sich hin. »warum ihr schon so lang nicht mehr zu mir gekommen seid?« »Ich weiß auch nicht!« sagte Nino gereizt. Dazu habe ich als Wirt das Recht. sagte Nino und lächelte flüchtig. In einer Ecke saß das Baby der beiden in einem Korb und schrie. Irgendwann. dann fällt es zusammen. »Wir haben im Moment wahrhaftig keine Zeit für dich. daß sie kein anderes Lokal finden. wirklich. die früher immer an dem Tisch in der Ecke saßen? Weggejagt hat er sie! Hinausgeworfen hat er sie!« »Das habe ich nicht getan !« verteidigte sich Nino. ja? Oder lieber übermorgen? Na. hundsgemeiner Pfusch ! Aber das ist noch nicht das Schlimmste. du bist es«. das jeder von denen sich pro Abend leisten kann. das Recht!« erwiderte Liliana aufgebracht. . die Zeiten ändern sich. Als nächsten besuchte Momo den Wirt Nino und seine dicke Frau.fünf Jahre. da war das anders bei mir. Ich muß jetzt ein Drittel mehr bezahlen als früher. fuhr Nicola leise nach einer Weile fort. solang diese unrasierten alten Kerle da herumhockten. lag am Stadtrand. Du weißt genau. ist für uns nichts zu verdienen! Da bringen wir es nie zu was!« »Wir sind bis jetzt ganz gut ausgekommen«. »Weil nämlich kein anständiges. wenn wir was gebaut hatten. Die stand offen. Und dann trennten sie sich. Das sind überhaupt keine Häuser.

fügte Nino lächelnd hinzu und kratzte sich hinter dem Ohr. Aber er will ja nicht. wie du sie nennst. »Ich hatte schon ganz vergessen. hat sich entschuldigt und sie gebeten. Aber alle machen's doch heute so. Dann lächelten sie beide. »Nino ist zu Onkel Ettore und den anderen. daß du gekommen bist«. fuhr er nach einer Weile fort. Ich mochte sie ja selber gern. dann ohne mich ! Dann geh' ich eines Tages auf und davon. gehört zum Beispiel auch mein Onkel Ettore! Und ich erlaube nicht. hingegangen. wenn ich aus meinem Lokal ein Asyl für arme alte Tatterer mache? Warum soll ich die anderen schonen? Mich schont ja auch keiner. versprachen sie. »sie sind alle wieder da . mit Liliana. jedem einzelnen. sagte er schließlich. was ich tun soll. aus dem Arm und lief aus der Küche. wenn er will.« Es wurde ein sehr schöner Nachmittag. Aber es gefällt mir wieder. »Zu diesen armen alten Tatterern. »Ich hab's ihm gesagt.« »Ja«. das inzwischen wieder zu weinen angefangen hatte. Warum soll ich allein es anders machen? Oder meinst du. Mach. und sie ging nach Hause. Nino schaute sie an und nickte ebenfalls. »Na ja«. sagte Nino. er kann bleiben. Kannst du das denn nicht begreifen. und seine Frau sagte: »Wir werden schon weiterleben.soll ich das Geld nehmen. antwortete Momo. daß wir früher bei so was immer gesagt haben: Geh doch zu Momo! . Momo«. Kalt. Weißt du. da kommen wir.mit dem Aufschwung meines Lokals wird es wohl nichts werden. »es waren ja nette Kerle. Ich weiß wirklich nicht. und als sie schließlich gingen.Aber jetzt werde ich wiederkommen.ohne seine alten Freunde ! Was stellst du dir vor ? Soll er vielleicht ganz allein da draußen in einem Winkel hocken ?« »Dann kann ich's eben nicht ändern !« schrie Nino. ich soll's?« Momo nickte unmerklich. verstehst du? Ich kann's selbst nicht mehr leiden. sagte Liliana hart. Übermorgen ist bei uns Ruhetag. es tut mir ja selber leid. Einverstanden?«»Einverstanden«. Er zündete sich eine Zigarette an und drehte sie zwischen den Fingern. Nino. Momo schaute ihn an. daß du meine Familie beschimpfst ! Er ist ein guter und ehrlicher Mann. Liliana?« »Nein«. kommt mir mein Lokal irgendwie fremd vor. daß es knallte. Momo. daß ich . »Stell dir vor.« Er lachte.bloß aus Rücksicht auf deinen Onkel Ettore ! Ich will es auch zu was bringen ! Ist das vielleicht ein Verbrechen? Ich will diesen Laden hier in Schwung bringen ! Ich will etwas machen aus meinem Lokal ! Und ich tue es nicht nur für mich. »Ich habe jedenfalls keine Lust. Ich tue es genauso für dich und für unser Kind. .« »Natürlich will er nicht . aber was soll ich machen? Die Zeiten ändern sich eben. . Und Nino und seine dicke Frau kamen tatsächlich. . Vielleicht hat Liliana recht«. »wenn es nur mit Herzlosigkeit geht-wenn es schon so anfängt. »Seit die Alten weg sind. rief sie und stemmte die Arme in ihre breiten Hüften. bald wiederzukommen. auch wenn er nicht so viel Geld hat wie dein zahlendes Publikum!« »Ettore kann ja wiederkommen!« erwiderte Nino mit großer Geste.« Die dicke Liliana stellte eine Pfanne so hart auf den Herd. Längere Zeit sagte Nino nichts. mein Leben als kleiner Spelunkenwirt zu beenden . Alten. Auch das Baby brachten sie mit und einen Korb voll guter Sachen. »Gut. Dann gab Nino ihr noch eine Tüte voll Äpfel und Orangen. »Jetzt will ich dir mal was sagen«. was du willst!« Und sie nahm Momo das Baby. sagte Liliana strahlend. wiederzukommen.

»Ich glaub' eher. diese Puppe bei einem der Kinder gesehen zu haben. was dir gefällt. quäkte die Puppe.« Und sie zeigte ihr eine hübsche bunte Vogelfeder. daß man sie beinahe für einen kleinen Menschen halten konnte. Momo starrte sie fasziniert an. Sie war fast so groß wie Momo selbst und so naturgetreu gemacht. Als sie sie nach einer Weile mit der Hand berührte. die vollkommene Puppe.« . dann kannst du ja sagen. die etwas quäkend klang.es war an einem besonders heißen Mittag . »das ist alles. Alle beneiden dich um mich. Aber sie sah nicht aus wie ein Kind oder ein Baby. Sie trug ein rotes Kleid mit kurzem Rock und Riemchenschuhe mit hohen Absätzen. dann sag's nur.« »So?« antwortete Momo und überlegte. das zu dir paßt. daß Kinder eines der teuren Spielzeuge. Kurz. »Guten Tag«. der ihr damals das Tischchen und die Stühle aus Kistenbrettern gemacht hatte. Ohne es zu wissen. Und sie wäre ihr bestimmt aufgefallen. und es war fast so wie früher. Aber Momo konnte sich nicht erinnern. Alle versprachen wiederzukommen. Da bewegten sich deren Lippen wieder und sie sagte: »Ich möchte noch mehr Sachen haben. einen goldenen Knopf. ich heiße Momo. Ich bin Bibigirl. Sie ging zu dem Schreiner. »Ich weiß nicht.« Wieder bewegte die Puppe ihre Lippen und sagte: »Ich gehöre dir. was ich hab'.« Sie nahm die Puppe und hob sie hoch. Und das konnten sie nicht dulden. »ich bin Bibigirl. einfach vergessen und liegengelassen hatten. sondern wie eine schicke junge Dame oder eine Schaufensterfigur. Die Puppe sagte nichts und Momo stieß sie an.Und so suchte Momo einen ihrer alten Freunde nach dem anderen auf. Wenn dir was gefällt. meinte Momo. einen schön gemaserten Stein. daß du mir gehörst«. kam Momo damit den grauen Herren in die Quere. klapperte die Puppe einige Male mit den Augendeckeln. Manche hielten ihr Versprechen nicht oder konnten es nicht halten. Kurze Zeit später .« Sie nahm die Puppe und kletterte mit ihr durch das Loch in der Mauer in ihr Zimmer hinunter. weil sie keine Zeit dazu fanden. Aber warte mal. sie sah nach allen.« »Ich glaub' nicht. ob ich was hab'. ich zeig' dir meine Sachen. Sie holte eine Schachtel mit allerlei Schätzen unter dem Bett hervor und stellte sie vor Bibigirl hin. Nun war es schon öfter vorgekommen. aber dann antwortete sie unwillkürlich: »Guten Tag. Aber viele alte Freunde kamen tatsächlich wieder. als käme sie aus einem Telefon: »Guten Tag.fand Momo auf den Steinstufen der Ruine eine Puppe. sagte sie. mit denen man nicht wirklich spielen konnte. denen sie früher zugehört hatte und die davon gescheit. die ihr das Bett gebracht hatten. die vollkommene Puppe. Sie ging zu den Frauen. bewegte den Mund und sagte mit einer Stimme. ein Stückchen buntes Glas.«Momo fuhr erschrocken zurück. daß dich jemand hier vergessen hat. entschlossen oder froh geworden waren. denn es war eine ganz besondere Puppe. »Hier«.

und als auch das mißlang. Soll ich es dir zeigen?« . »als ob du dich so besonders freust. die vollkommene Puppe. Dort setzte sie die vollkommene Bibigirl auf den Boden und nahm ihr gegenüber Platz.« Momo schwieg wieder und zog sich ihre viel zu große Männerjacke enger um den Leib. »Woher kommen Sie denn. »alle beneiden dich um mich. Sie nahm die Puppe und kletterte wieder ins Freie hinaus. das sie warnte. mit noch einem anderen und noch einem und noch einem. gläsernen Augen Momo anstarrte. meinte der graue Herr mit dünnem Lächeln. »Ich habe dich schon seit einer ganzen Weile beobachtet«. »alle beneiden dich um mich. meinte Momo. Aber es wurde einfach nichts daraus. « »Wie nett. « »Ja. Gefällt sie dir?« »Ich gehöre dir«.« »Ich möchte noch mehr Sachen haben«. »Guten Tag«. meinte Momo. »ich weiß schon. Auch sein Gesicht sah aus wie graue Asche. war nichts als Einbildung gewesen. »Ich habe allerdings nicht den Eindruck«. meine Kleine. dann können wir vielleicht spielen. antwortete die Puppe. Aber so verhinderte Bibigirl gerade dadurch. fuhr der graue Herr fort. scheint mir.« Momo zuckte nur die Schultern und schwieg. dessen Kommen sie nicht bemerkt hatte. Aber gleichzeitig fühlte sie etwas. Am liebsten hätte sie die vollkommene Puppe einfach liegen lassen und etwas anderes gespielt. Der Herr mußte sie wohl schon eine ganze Weile beobachtet haben. einen grauen steifen Hut auf dem Kopf trug und eine kleine graue Zigarre rauchte. wenn du immer das gleiche sagst. In der Hand trug er eine bleigraue Aktentasche. begann Momo plötzlich zu frösteln. die ihrerseits wieder mit blauen. aber sie konnte sich aus irgendeinem Grund nicht von ihr losreißen. »ich hab' sie gefunden.nein. So saß Momo schließlich nur noch da und starrte die Puppe an. Momo fühlte sich hilflos. wenn die Puppe gar nichts gesagt hätte. daß du zu mir zu Besuch kommst«.« »Also hör' mal«. daß es die Langeweile war. daß Sie mich besuchen!« erwiderte Momo. Und obwohl es so heiß an diesem Mittag war. Ja. »Du bist ja ein richtiger Glückspilz. daß die Luft in der Sonnenglut flimmerte. »Wir spielen jetzt.« »Was du nicht sagst!« erwiderte der graue Herr. sagte Momo. du weißt überhaupt nicht. antwortete die Puppe und klimperte mit den Wimpern. stieg aus und kam auf Momo zu.« Momo schüttelte ein wenig den Kopf.»Ja«. »Aber wenn du nichts von meinen Sachen magst. »ich bin Bibigirl. als sei alle Freude für immer aus der Welt verschwunden . dann hätte Momo an ihrer Stelle antworten können. daß sie redete. das hast du schon gesagt«. Hier hab' ich zum Beispiel eine schöne rosa Muschel. Es war ihr plötzlich. »Mehr hab' ich nicht«. der einen spinnwebfarbenen Anzug anhatte. schlug Momo vor. Bibigirl. bis sie begriff. »Was für eine schöne Puppe du hast!« sagte er mit eigentümlich tonloser Stimme. »Die war bestimmt sehr teuer?« fuhr der graue Herr fort. Momo versuchte es mit einem anderen Spiel. dauerte es eine Weile. Jetzt öffnete der Mann die Wagentür. Ganz nah stand nämlich ein elegantes aschen-graues Auto. Aber du wolltest dir doch was aussuchen. sagte die Puppe. das sie noch nie zuvor empfunden hatte. denn er nickte Momo lächelnd zu. In dem Auto saß ein Herr. murmelte Momo verlegen. fuhr Bibigirl fort. »Darum können dich alle deine Spielkameraden beneiden. sagte Momo. Und weil es ihr ganz neu war. jedes Gespräch. wie man mit einer so fabelhaften Puppe spielen muß. ja?« »Ich möchte noch mehr Sachen haben«. als hätten sie sich gegenseitig hypnotisiert. Und alles was sie dafür gehalten hatte. Die Kälte nahm zu. wiederholte die Puppe. Nach einer Weile überkam Momo ein Gefühl. verehrte Dame?« »Ich gehöre dir«. und es hätte sich die schönste Unterhaltung ergeben. »so können wir doch nicht spielen. als habe es überhaupt niemals so etwas gegeben. »Ich weiß nicht«. Schließlich wandte Momo ihren Blick mit Willen von der Puppe weg-und erschrak ein wenig. »und mir scheint.

»sie sagt es dir sogar selbst. Parfümfläschchen. Hier ein Puppenfernseher. sagte er und lächelte wieder dünn. Und ein Badekostüm. ich schenke sie dir! Du bekommst das alles . Nein. Nun. Der graue Herr setzte ihn neben Bibigirl. Und ein Schianzug. so wie ich es dir erklärt habe. verstehst du? Du hast ja nun genug Zerstreuung. Ohrringe. der echt funktioniert. und es bleibt immer noch etwas. das du dir wünschen kannst. Und hier ist ein seidener Schlafrock.Momo blickte den Mann überrascht an und nickte. Golf schlägerchen. »Nun möchtest du alle diese schönen Sachen natürlich gern behalten. Aber vielleicht denkst du. »damit kannst du erst einmal eine Weile spielen. setzte er hastig hinzu: »Du brauchst dann deine Freunde gar nicht mehr. dessen Inhalt unerschöpflich schien. .und noch viel. meinte der graue Herr. »es ist ganz einfach. sondern nur ernst seinen Blick erwiderte. Und noch eins . Und zu Bubiboy gibt es noch einen dazupassenden Freund.« Er warf alle die Sachen zwischen Momo und die Puppe. .« Wieder beugte er sich über den Kofferraum und warf Sachen zu Momo herüber. wo sie sich langsam zum Haufen türmten. daß die vollkommene Bibigirl eines Tages alles haben wird und daß es dann eben doch wieder langweilig werden könnte. und stellte sie um Momo herum. »Na. Und wenn das alles. Und noch eins. antwortete Momo. Man muß ihr schon etwas bieten. »Du siehst«. meine Kleine. die noch immer reglos dasaß und dem Mann eher erschrocken zuguckte.« Und nun zog er aus dem Kofferraum eine andere Puppe hervor. Du brauchst auch nichts dafür zu tun. ein Strohhut. Kleine«. »braucht sie viele Kleider.« Während er redete. die wie gelahmt zwischen all den Sachen am Boden saß. nicht wahr? Also gut. »Zuerst einmal«. es braucht nie wieder Langeweile zu geben. dann gibt es noch eine Freundin von Bibigirl. die nur ihr paßt. Paß mal auf. »hast du jetzt begriffen. sagte er. Man muß nur immer mehr und mehr haben. ein kleines Scheckbuch. »Nun?« sagte der Mann schließlich und paffte dicke Rauchwolken. wie man mit einer solchen Puppe spielen muß?« »Schon«. ein Frühjahrshütchen. denn die Sache ist endlos fortzusetzen. Du sollst nur damit spielen. Hier ein Armband. Seidenstrümpfchen. Hier ist zum Beispiel ein entzückendes Abendkleid. Und hier ein Tennisdreß. Der graue Herr nickte zufrieden und sog an seiner Zigarre. wenn man sich nicht mit ihr langweilen will. »Hier ist zum Beispiel eine richtige kleine Handtasche aus Schlangenleder.« Er machte eine Pause und blickte Momo prüfend an. keine Sorge! Da haben wir nämlich einen passenden Gefährten für Bibigirl. quäkte die Puppe plötzlich.nicht sofort. dann langweilt man sich niemals. »Ich will noch mehr Sachen haben«. und erklärte: »Das ist Bubiboy ! Für ihn gibt es auch wieder eine unendliche Menge Zubehör. das ist doch klar. Hier ist ein kleiner Fotoapparat. und sie hat eine ganze eigene Ausstattung. »Und hier ist ein Pelzmantel aus echtem Nerz. Körperspray. Ein Nachthemd. Ein Pyjama. ein Federhut. wenn all diese schönen Sachen dir . Du siehst also. und der hat wieder Freunde und Freundinnen. fuhr der graue Herr fort. Und ein Reitanzug.« Er zog es hervor und warf es Momo zu. Sie war ebensogroß wie Bibigirl. viel mehr. dann mußt du eben mehr Sachen für deine Puppe haben. Hier ein Tennisschläger. Kleine!« Er ging zu seinem Auto und öffnete den Kofferraum.. meinst du? Nun gut. Dazu ist sie auch nicht da. meine Kleine. Kleine? Aber das wird nach ein paar Tagen auch langweilig. holte er eine Puppe nach der anderen aus dem Kofferraum seines Wagens. Mit einer so fabelhaften Puppe kann man nicht spielen wie mit irgendeiner anderen. Badesalz. die vollkommene. sondern eines nach dem anderen. eine Halskette. ein Puppenrevolver. nur daß es ein junger Mann war. Sie begann jetzt vor Kälte zu zittern. aber da sie nichts sagte. Ein anderes Kleid. ebenso vollkommen. »So«. was sagst du dazu?« Der graue Herr lächelte Momo erwartungsvoll an. mit einem echten kleinen Lippenstift und einem Puderdöschen drin. Und noch eins.. siehst du. nicht wahr. alles langweilig geworden ist. versteht sich ! .

ja. Ja. »Und deshalb«. sagte sie leise. vor allem durch die Kälte. Wir wollen das einmal ganz sachlich untersuchen. Ehre und so weiter. Wir wollen dafür sorgen. »wir sollten einmal ernsthaft miteinander reden. daß sie schon mitten drin war. Sie schüttelte den Kopf. hatte sie das Gefühl. daß du sie von allem abhältst. Sooft sie es versuchte. Wer es weiter bringt. worum dieser Kampf ging und nicht gegen wen. nicht wahr?« Momo nickte. daß ihr ein Kampf bevorstand. Kleine. daß du sie in Ruhe läßt. Und darum schenken wir dir all die schönen Sachen. »Da erhebt sich als erstes die Frage«. »Du bist immer noch nicht zufrieden? Ihr heutigen Kinder seid aber wirklich anspruchsvoll! Möchtest du mir wohl sagen. begann der graue Herr nun wieder. daß man was wird. Aber ihm war viel schwerer zuzuhören. daß man es zu etwas bringt. bis er fand.« Der graue Herr paffte einige Nullen in die Luft.« Er zog ein graues Notizbüchlein aus der Tasche und blätterte darin. »was haben deine Freunde eigentlich davon. ohne daß sie hätte sagen können. »worauf es im Leben ankommt. Der Mann machte ihr Angst.« Der graue Herr erwiderte eine ganze Weile nichts. Wir können nicht stillschweigend mit ansehen. dem fällt alles übrige ganz von selbst zu: Freundschaft. als allen anderen. So hatte sie die Dinge noch nie betrachtet. »Was denn. in ihrer großen Jacke. Aber irgendwie tat er ihr seltsamerweise auch leid. wie es ihr vorher mit der Puppe gegangen war: Sie hörte eine Stimme. wie?« Momo fühlte dunkel. sagte sie.« Der graue Herr verzog das Gesicht. Denn je länger sie diesem Besucher zuhörte.gehören und du immer noch mehr bekommst. aber sie hörte nicht den. Das hatte Momo ja schon die ganze Zeit versucht. Und wenn du sie wirklich liebhast. etwas aus ihrem Leben zu machen? Gewiß nicht. Du meinst also. was er suchte. Aber bei diesem Besucher gelang es ihr einfach nicht. daß du da bist. Hilft es ihnen. die von seinem Blick ausging. Momo steckte die nackten Füße unter ihren Rock und verkroch sich. Eine Weile sagte er nichts. »Ich glaube«. »Du heißt Momo. Einen Augenblick lang war sie sogar unsicher. soweit es möglich war. weshalb.»Aber meine Freunde«. ist. wie er es meinte und wie er wirklich war. du bist in Wirklichkeit. ins Dunkle und Leere zu stürzen. daß sie es zu etwas bringen. »Ich glaub'«. als sei da gar niemand. Liebe. »Also Momo -nun höre mir einmal gut zu ! « begann er schließlich. daß es dich gibt? Nützt es ihnen zu irgend etwas? Nein. fuhr der Mann fort. fuhr der graue Herr fort. was wichtig ist. desto mehr ging es ihr mit ihm. mehr zu verdienen. damit du lernst. Du hältst sie von allem ab. Unterstützt du sie in ihrem Bestreben.« »Wer >wir<?« fragte Momo mit bebenden . »die hab' ich lieb. Zeit zu sparen? Im Gegenteil. was denn ?« sagte der graue Herr und zog die Augenbrauen hoch. Das war ihr noch nie widerfahren. Der graue Herr klappte das Büchlein zu.jedenfalls schadest du deinen Freunden einfach dadurch. als habe er plötzlich Zahnschmerzen. »Das einzige«. »man kann sie nicht liebhaben. was dieser vollkommenen Puppe denn nun noch fehlt?« Momo blickte zu Boden und dachte nach. Schließlich raffte er sich zusammen. erwiderte er sanft. sie hörte Worte. ohne es zu wollen. dann hilfst du uns dabei. daß du deine Freunde lieb hast. du bist ein Klotz an ihrem Bein. Momo schaute ihm in die Augen. Momo. »wollen wir deine Freunde vor dir beschützen. der sprach. du ruinierst ihr Vorwärtskommen ! Vielleicht ist es dir bisher noch nicht bewußt geworden. steckte es wieder ein und setzte sich ein wenig ächzend zu Momo auf die Erde. ihr Feind! Und das nennst du also jemand liebhaben?« Momo wußte nicht. Aber er hatte sich gleich wieder in der Gewalt und lächelte messerdünn. voranzukommen. sondern paffte nur nachdenklich an seiner kleinen grauen Zigarre. Wir wollen. »Darauf kommt es überhaupt nicht an«. Er starrte glasig vor sich hin wie die Puppen. worauf es ankommt. Wir sind ihre wahren Freunde. was sie erwidern sollte. . daß man was hat. Sonst konnte sie sozusagen ganz in den anderen hineinschlüpfen und verstehen. Aber sie wußte nicht. ob der graue Herr nicht vielleicht recht hatte. sagte er eisig. die redete. nicht wahr? Und das willst du doch? Du willst doch diese fabelhafte Puppe? Du willst sie doch unbedingt. wer mehr wird und mehr hat als die anderen. denen sie bisher zugehört hatte.

daß es uns gibt und was wir tun . wir wissen es und saugen euch aus bis auf die Knochen . Nach einer Weile schien es. den Menschen ihre Lebenszeit stunden-. .Lippen. »Wir von der Zeit-Spar-Kasse«. denn wovon sollten wir dann noch existieren?« Der Agent unterbrach sich. . was das ist. so jemand wie du ist mir noch nicht vorgekommen. Aber wir.. . « Diese letzten Worte hatte der graue Herr fast röchelnd hervorgestoßen. so wie alle anderen uns vergessen! Du mußt! Du mußt!« Und er packte Momo und schüttelte sie. . Er lächelte ironisch. hinter der der graue Herr sich vor ihr verbarg. denn auch wir werden mehr . eure Zeit! . . . liebes Kind. . Ihr kam die schreckliche Ahnung. Ich persönlich meine es nur gut mir dir. . . wirklich nicht. ist für sie verloren . antwortete der graue Herr. Der graue Herr krümmte sich und sank plötzlich ein wenig in sich zusammen. uns hungert danach . »Hat dich denn niemand lieb?« fragte sie flüsternd. daß dieser graue Herr etwas damit zu tun hatte. . Ah. . Wir reißen sie an uns . »niemand darf wissen. immer mehr . . als geschehe es gegen seinen Willen. . »Du hast mich ausgehorcht! Ich bin krank! Du hast mich krank gemacht. immer mehr . als brächen die Worte von selbst aus ihm hervor und er könne es nicht verhindern. während er sich am Stummel seiner grauen Zigarre eine neue anzündete. die sie einsparen. Sein Gesicht wurde noch eine Spur aschengrauer. aber nun hielt er sich mit beiden Händen selbst den Mund zu. dann könnten wir unsere SparKasse bald zumachen und uns selbst in Nichts auflösen -. Wenn es mehr von deiner Sorte gäbe. Und nun hörte Momo endlich seine wahre Stimme: »Wir müssen unerkannt bleiben«. immer mehr . denn alle Zeit. war es. . »Was . Sie hatte sich noch nie so allein gefühlt. und er stierte Momo an. . sich trotzdem keine Angst machen zu lassen. Als er nun wieder zu reden begann. . .was war das?« stammelte er. wir brauchen sie . . Der hatte Momo aus den Augenwinkeln beobachtet. vermochte aber nichts zu sagen. . wir speichern sie auf. . das er nicht begreifen konnte. . Dann antwortete er mit aschengrauer Stimme: »Ich muß schon sagen. Und ich kenne viele Menschen. Wir sorgen dafür. Er starrte Momo an und schien gegen etwas anzukämpfen.. Sie nahm all ihre Kraft und ihren Mut zusammen und stürzte sich ganz und gar in die Dunkelheit und Leere hinein. Und wir brauchen mehr . und mit dem er nicht fertig wurde. minuten. können wir unserem Geschäft nachgehen . . Nur solang wir unerkannt sind. daß kein Mensch uns im Gedächtnis behalten kann .. du !« . Die Augen quollen ihm hervor.Und dann in beinahe flehendem Ton: »Ich habe lauter Unsinn geredet. »Gib dir keine Mühe«. Sehnlich wünschte sie.« Momo gab nicht nach. Aber sie beschloß. ein mühseliges Geschäft. . . Dabei verzerrte sich sein Gesicht mehr und mehr vor Entsetzen über das.. . . Sie bewegte die Lippen. denn die Zeit-Spar-Kasse läßt nicht mit sich spaßen. als ob er aus einer Art Betäubung wieder zu sich käme. . was Beppo und Gigi über Zeit sparen und Ansteckung gesagt hatten.und sekundenweise abzuzapfen . vernahm sie wie von weitem. Die Veränderung in ihrem Gesicht war ihm nicht entgangen. daß die beiden Freunde jetzt hier wären. »Ich bin Agent BLW/553/c. was mit ihm geschah. sagte er. Vergiß es! Du mußt mich vergessen. ihr wißt es nicht. . »mit uns kannst du es nicht aufnehmen.« In diesem Augenblick erinnerte Momo sich plötzlich an das. .

dem Befreier. In seiner Phantasie sah er vor sich eine riesige Menschenmenge. Sie fanden Momo im Schatten der Mauer sitzend.Da sprang der graue Herr auf. Dort qualmte der zerdrückte Stummel der grauen Zigarre und zerfiel langsam zu Asche. Und wenn es viele sind. Der. Nach und nach wich die schreckliche Kälte aus ihren Gliedern und in gleichem Maße wurde ihr alles immer klarer und klarer. sagte Gigi. Auch nachdem Momo geendet hatte. daß die Steine spritzten. so wie sie es oft taten. Stockend begann Momo zu berichten. Beppo und du. dann sind sie bestimmt sehr gefährlich. ACHTES KAPITEL Eine Menge Träume und ein paar Bedenken Am späteren Nachmittag kamen Gigi und Beppo. nein. Und nun geschah etwas höchst Sonderbares: Wie in einer umgekehrten Explosion flogen all die Puppen und die ganzen anderen umhergestreuten Sachen von allen Seiten in den Kofferraum hinein. »Ich meine«. Sie vergaß nichts. »Jetzt. Vor ihr im dürren Gras stieg eine kleine Rauchsäule auf. müssen wir den Kampf mit ihnen aufnehmen — oder hast du etwa Angst?« Momo nickte verlegen. Und die Kälte ist ganz schlimm. der bei mir war. Das müssen wir uns erst ausdenken. der knallend zuschlug. jetzt werden wir die ganze Stadt retten ! Wir drei. Ich hab' schon Angst. »so genau weiß ich das im Moment natürlich auch noch nicht. daß es sie gibt und was sie tun. Momo!« Er war aufgesprungen und hatte beide Hände ausgestreckt. »aber wie wollen wir das machen?« »Was meinst du?« fragte Gigi irritiert. was bisher noch niemand wußte ! Und jetzt werden wir nicht nur unsere alten Freunde. Denn sie hatte die wirkliche Stimme eines grauen Herren gehört. zujubelte. was sie da gehört hatte. was sie erlebt hatte. »wie wollen wir das machen. wenn er selber beim Erzählen in Fahrt kam. packte seine bleigraue Aktentasche und rannte zu seinem Auto. sagte Momo ein wenig verwirrt. Momo«. die grauen Herren besiegen?« »Na ja«. Dann raste das Auto davon. Momo saß noch lang auf ihrem Platz und versuchte zu begreifen. noch immer ein wenig blaß und verstört. es sind keine gewöhnlichen Männer. Gigi dagegen hatte mit wachsender Erregung zugehört. »Ich glaub'. sagte er und legte ihr die Hand auf die Schulter. Die Falten auf seiner Stirn vertieften sich. die ihm. ich. »hat unsere große Stunde geschlagen ! Du hast entdeckt. Und schließlich wiederholte sie Wort für Wort die ganze Unterhaltung mit dem grauen Herren. schwieg er. Sie setzten sich zu ihr und erkundigten sich besorgt. erklärte Momo. sah irgendwie anders aus. was mit ihr los wäre. blickte sich wie gehetzt um. Während der Erzählung schaute der alte Beppo Momo sehr ernst und prüfend an. »Schon«.« . Aber eines ist doch klar: Nachdem wir jetzt wissen. Seine Augen begannen zu glänzen.

was Beppo wollte. daß es wahr ist. unterbrach ihn Momo bekümmert. antwortete Gigi großartig. »Selbstverständlich!« fuhr Gigi mit leuchtenden Augen fort. wie er finden kann. Denn wer sie einmal erkannt hat. »Weißt du«. entgegneteGigi. Wenn wir es gefunden haben.« »Wir haben aber gar keine Pistolen«.mit so jemand legt man sich nicht so ohne weiteres an. der nicht verstand. Also! Wir brauchen nur dafür zu sorgen. »Sie sind. »Die Sache ist doch ganz einfach! Diese grauen Herren können ja nur ihrem finsteren Geschäft nachgehen. »Wir sollten alle unsere alten Freunde mobilisieren. dann kann das Momo in eine schlimme Lage bringen. meinte Gigi. was Momo uns erzählt hat. Ich schlage vor. Das muß doch wohl ein Gebäude sein.« »Das kann allerdings leicht sein«. der behält sie in Erinnerung. »Ich meine«.wir sind unangreifbar!« »Glaubst du?« fragte Momo etwas zweifelnd. « »Ja und?« fragte Gigi verwundert. Wenn es sich wirklich um eine geheime Verbrecherbande handelt . Wir treffen uns alle morgen nachmittag um drei hier zur großen Beratung!« Sie machten sich also gleich auf den Weg. blieb Beppo. der bis jetzt noch immer geschwiegen hatte. . erklärte Beppo.« »Das ist eine sehr gute Idee«. Wir müssen es nur finden. wandte Momo ein. daß sie darauf hereinfallen. sich zu überstürzen. sehr schlau. was wir tun. und was weiter?« fragte Gigi. Das hat dein Besucher doch selbst verraten. Ich meine.« '»Gut«. »Dann machen wir es eben ohne Pistolen«. meinte Momo. wenn noch andere mitsuchen. ein riesenhafter Geldschrank aus Beton ! Ich sehe es vor mir. Beppo und Gigi in der anderen. »Ich glaub' nicht. Und die vielen Kinder.« »Nichts leichter als das !« rief Gigi und lachte. gab Gigi zu. Mit Speck fängt man Mäuse. die jetzt immer kommen. »ich mach' mir Sorgen. Unsere Erscheinung allein wird schon genügen. der erkennt sie sofort ! Also können sie uns überhaupt nichts anhaben . »Dann müssen wir sie eben aus ihrem Versteck herauslocken. und jeder benachrichtigt so viele. sie in panische Furcht zu versetzen. Wir haben doch genug davon! Du müßtest dich zum Beispiel als Köder hinsetzen und sie anlocken. dann müssen wir uns gut überlegen. dann bringen wir sie vielleicht in Gefahr. nicht bloß wir drei. . »Wir fangen sie mit ihrer eigenen Gier. »wenn wir dabei ein bißchen mehr wären. Jeder von uns hat in beiden Händen eine Pistole. was Momo da gesagt hat.« »Aber mich kennen sie jetzt schon«. dann würden wir die Zeit-Spar-Kasse vielleicht auch eher finden. und wer sich an sie erinnert. Und wenn sie dann kommen. daß es ein ganz besonderes Gebäude ist: grau. aber wenn wir jetzt auch noch die Kinder mit hineinziehen. Und die sollen es wieder den—' anderen weitersagen.« »Gut. . Und das werden wir bestimmt. sagte Momo. >Gebt auf der Stelle alle gestohlene Zeit heraus!« sage ich . »wenn es nämlich wahr ist. »ich glaube. »Worüber denn?« Beppo blickte den Freund eine Weile an und sagte dann: »Ich glaube Momo. denn ich bin sicher. Es steht irgendwo in der Stadt. verstehst du? Wenn wir die einfach so herausfordern.« »Und wie?« fragte Momo. »Hör' mal. Gigi«. Wir müssen uns wirklich überlegen.«Gigi drehte sich nach ihm um. »Sonst wäre dein Besucher doch nicht so Hals über Kopf vor dir geflohen. Der graue Herr hat doch was von der Zeit-Spar-Kasse gesagt.« »Es wäre vielleicht gut«. fuhr Beppo fort. dann gehen wir hinein. Von uns will ich gar nicht reden. also fängt man Zeit-Diebe mit Zeit. unheimlich. sagte er.»Ach was!« rief Gigi begeistert. dann werden Beppo und ich aus unserem Versteck hervorbrechen und sie überwältigen. fensterlos. »Das wird sie sogar noch mehr erschrecken. »dann werden wir eben etwas anderes machen. wir gehen sofort alle drei los. glaub' ich. wenn sie unerkannt sind. bei dem die Einfälle anfingen. »werden wir sie vielleicht gar nicht finden? Vielleicht verstecken sie sich vor uns. Sie zittern vor uns ! « »Aber dann«. Als die beiden Männer schon eine Weile gegangen waren. daß sie erkennbar werden. Momo in der einen Richtung. plötzlich stehen.

wie er noch nie zuvor Menschen dargebracht worden war. so lang und so prächtig. Gigi mit leichtem.ohne Kofferradio allerdings. desto besser ist es doch. Kinder! Ich bin dagegen. wohlerzogene und wilde. Zur gleichen Zeit lag der alte Beppo auf seinem Bett und konnte keinen Schlaf finden. und erwartungsvolle Stille breitete sich in dem steinernen Rund aus. Und dann wurden ihnen allen dreien goldene Ketten um den Hals gelegt und Lorbeerkränze aufgesetzt. um die Freunde und die Kinder von der morgigen Versammlung zu benachrichtigen. die an der Hand geführt oder auf dem Arm getragen wurden und nun mit großen Augen. Je länger er nachdachte. größere und kleinere. »Liebe Freunde«. daß keine Nachzügler mehr kommen würden. die erst in letzter Zeit ins Amphitheater gekommen waren. was Momo erzählt hat. Das geht so nicht. daß er mitmachen dürfe. worum es geht. der er heute gleich als erstes gesagt hatte.« »Ach was !« rief Gigi und lachte. Aber er mußte wenigstens versuchen. Am nächsten Nachmittag um drei Uhr hallte die Ruine des alten Amphitheaters wider vom aufgeregten Geschrei und Geschnatter vieler Stimmen. doch. »hört mal zu. gerade diese Zeit. was auch immer daraus werden mochte. aber seine Sorgen waren durch Gigis Antwort keineswegs geringer geworden. Beppo im Bratenrock und Momo in einem Kleid aus weißer Seide. Franco. Das hat man euch bei der Einladung zu dieser Geheimversammlung mitgeteilt. und jeder ging in eine andere Richtung. Dann trennten sie sich. sie zurückzuhalten. daß es sich dafür zu kämpfen lohnt?« Er machte eine Pause. was wir unternehmen Wollen. Aber nun soll euch zuerst Momo erzählen. Bis heute war es so. Die Erwachsenen unter den alten Freunden waren zwar leider nicht gekommen (außer Beppo und Gigi natürlich). Wenn ihr alle bereit seid. daß er Claudio heiße und froh sei.was wir tun. erhob sich Gigi Fremdenführer und gebot mit großer Gebärde Schweigen. Er saß neben Momo. dann wird dieser ganze Spuk. wie sie einem dieser Kerle begegnet ist und wie er sich verraten hat. »was du dir immer für Sorgen machst ! Je mehr mitmachen. Er sah sich im Frack. Wenn sie redet. um die es hier gehen sollte. Doch. daß immer mehr Menschen immer weniger Zeit hatten. fuhr Gigi fort. obgleich mit allen Mitteln fortwährend Zeit gespart wurde. wozu wir eure Hilfe brauchen. Übrigens war auch der kleinere Junge mit dem Kofferradio erschienen . die den Menschen abhanden kam. Manche hatten. Und warum? Momo hat es entdeckt ! Den Menschen wird diese Zeit buchstäblich von einer Bande von Zeit-Dieben gestohlen ! Und dieser eiskalten Verbrecherorganisation das Handwerk zu legen. »darüber beraten. Natürlich würde er Gigi und Momo nicht allein ins Verderben rennen lassen . Großartige Musik ertönte. Geschwisterchen dabei. Beppo. In dieser Nacht träumte Gigi vom künftigen Ruhm als Befreier der Stadt. Sie interessierten sich natürlich ganz besonders für die Sache. Die Unterhaltungen und das Geschnatter verstummten. »du glaubst gar nicht. aber etwa fünfzig bis sechzig Kinder von nah und fern. diese ungewöhnliche Versammlung betrachteten. sagte der alte Beppo und stand auf. Beppo. »Du bist ein Mensch ohne Phantasie. war es. die da gespart wurde. Meint ihr nicht. und wir spielen darin mit.« »Moment mal«. und die Stadt veranstaltete zu Ehren ihrer Retter einen Fackelzug. wie das Mädchen Maria. mitzumachen. genauso wie du!« Beppo wußte nichts darauf zu erwidern. bringt sie sich selber und euch alle in die größte . desto deutlicher wurde ihm die Gefährlichkeit der ganzen Sache.er würde mitgehen. Aber seht ihr. »Wir werden nachher«. Die ganze Welt ist eine große Geschichte. Beppo mit schwerem Herzen.« »Mir scheint«. arme und reiche. das ist es. begann Gigi mit lauter Stimme. und die Kinder klatschten Beifall. was Momo erzählt hat.« »Was heißt denn wahr!« antwortete Gigi. »ihr alle wißt ja schon ungefähr. erwiderte Beppo ernst. Als schließlich ersichtlich war. die übrigen Kinder gehörten fast alle zu denen. mit einem Schlag zu Ende sein. Paolo und Massimo waren natürlich auch da. daß Momo redet. ich glaube alles. der über die Menschen gekommen ist. daß es wahr ist. den Finger im Mund.

»Die Polizei. Aber ich bin sicher. »Denen kann man schon gleich nicht trauen ! Nimm mal an. Die Kinder hörten gespannt zu. wir melden das Ganze der Polizei. Das ist doch klar ! Gib es doch zu. der ihr Geheimnis kennt. bis zuletzt alle Anwesenden sich gemeldet hatten. dann könnten wir sie einfach wieder ablaufen lassen. »daß Momo uns ihr Erlebnis erzählt?« »Er meint«. wandte Gigi sich wieder an die Kinder. »wir müssen jetzt auf Gedeih und Verderb zusammenhalten ! Wir müssen vorsichtig sein. Das hab' ich selber im Fernsehen gesehen. Beppo«. Wenn wir wüßten. Es gibt doch heute für alles Spezialfachleute. daß es gerade umgekehrt ist. Sonst können wir gar nichts machen. So unheimlich hatten sie sich diese Zeit-Diebe nicht vorgestellt. Jetzt erhob sich ein sichtlich wohlerzogenes Mädchen und sagte: »Ich finde.« »Soweit kommt's noch!« protestierte Franco. antwortete Beppo und nickte traurig. mit uns zusammen den Kampf gegen diese grauen Herren aufzunehmen?« »Warum hat Beppo nicht gewollt«. daß er nicht mit den Zeit-Dieben zusammenarbeitet? Dann sitzen wir schön in der Tinte!« Das war ein berechtigter Einwand. mit dem man die Zeit aufnehmen kann. Schließlich begann sie zu erzählen. wir finden einen. Die Kinder schwiegen. das beste wäre. »was sagst du dazu?« »Gut«. der Junge mit der Brille: »Aber wie können die das? Ich meine. aber wir dürfen uns keine Angst machen lassen. die einer bloß im Kopf denkt. Wer hat irgendeinen Vorschlag?« Alle dachten nach. daß jeder. »daß die grauen Herren jeden. mit einer Maschine aufschreiben..« Eine Stille der Ratlosigkeit folgte. Während Momos Bericht war ihnen allen etwas bänglich zumut gewesen. Oder sie hat noch nichts von dem ganzen Saustall gemerkt -dann ist es sowieso hoffnungslos. »wer von euch traut sich. »Momo soll erzählen!« Andere fielen ein. dann wäre sie wieder da!« »Jedenfalls«. Schließlich fragte Paolo. erklärte Gigi und lächelte aufmunternd. fragte Franco. rief Claudio. »ich mach' natürlich auch mit. der uns hilft. Auf der anderen Seite des steinernen Rundes erhob sich nun das Mädchen Maria mit dem kleinen Geschwisterchen Dedé auf dem Arm und sagte: »Vielleicht ist es so was wie Atome? Sie können ja auch Gedanken. Als sie geendet hatte. der ihr Geheimnis kennt.« »Du immer mit deinen Wissenschaftlern!« rief Franco. wer von euch will mitmachen?« »Ich!« rief Claudio und stand auf. Sie wußte nicht recht. als Gefahr für sich betrachten und ihn deshalb verfolgen werden. »Nun. dann ist sie offenbar machtlos. « »Doch!« riefen einige Kinder. Momo stand verwirrt auf.woher willst du wissen. »müssen wir erst mal einen Wissenschaftler finden. was die schon machen kann ! Das sind doch keine gewöhnlichen Räuber ! Entweder weiß die Polizei schon längst Bescheid. Seinem Beispiel folgten erst zögernd. wo sie drauf ist. ist doch alles auf dem Film drauf. nahm seine Brille ab und strich sich mit den Fingern müde über die Augen. wessen Wunsch sie folgen sollte.« »Also«. Und bei Tonbandaufnahmen ist alles auf dem Band. gegen sie gefeit ist und sie ihm nichts mehr anhaben können. dann immer entschlossener andere. Beppo!« Aber der schüttelte nur langsam den Kopf. Er war ein bißchen blaß. dem Beppos oder dem der Kinder. »Eines steht jedenfalls fest«. »Wenn man Filmaufnahmen macht. »dann wollen wir jetzt beraten. der Bescheid weiß . »was ist denn Zeit überhaupt?« Niemand wußte eine Antwort. .Gefahr. was wir tun sollen. und schließlich riefen alle im Chor: »Momo ! Momo ! Momo!« Der alte Beppo setzte sich. Und darum frage ich euch nun noch einmal. sagte Paolo und schob seine Brille auf der Nase hoch. Ein kleines Geschwisterchen fing laut zu weinen an. wurde aber gleich wieder beschwichtigt. »Nun?« fragte Gigi in die Stille hinein. meinte Gigi und wies auf die Kinder. wie kann man denn Zeit wirklich stehlen? Wie soll denn das gehen?« »Ja«. Vielleicht haben sie einen Apparat.. « »Ich hab' eine Idee!« rief der dicke Massimo mit seiner Mädchenstimme. folgte eine lange Stille. ergriff Gigi wieder das Wort. Das ist meine Meinung.

verstanden? Und nun. wurde herbeigeschafft. Ich habe Hunderte von Plänen entwickelt und wieder verworfen. und dann zogen sie mit ihren Tafeln und Transparenten im langen Gänsemarsch in die Stadt. Also ist das einfachste und wirkungsvollste Mittel. schloß Gigi seine Rede. »ich habe mir die ganze Angelegenheit gründlich überlegt. bis ich schließlich einen gefunden habe.an die Arbeit!« Diesen und die folgenden Tage herrschte heimlicher. und was sonst noch alles nötig war. was wir tun werden. die zum Beispiel folgendes mitteilten: Und auf allen stand außerdem Ort und Datum der Einladung. »Ich stelle also fest«. Papier und Töpfe voll Farbe und Pinsel und Leim und Bretter und Pappe und Latten. Es waren Aufrufe. denn von nun an ist ja wieder genug da. wollen wir lieber nicht fragen.« Nun erhob sich Gigi Fremdenführer. So viele Zuhörer hatte er schon lange nicht mehr gehabt. die ganze Stadt für den nächsten Sonntagnachmittag ins alte Amphitheater einzuladen. Und wie werden wir das machen? Wir werden eine große Kinder-Demonstration veranstalten ! Wir werden Plakate und Transparente malen und damit durch alle Straßen ziehen. fuhr er fort. können wir. daß sie unerkannt und im geheimen arbeiten können. Mehr als fünfzig Kindergesichter waren ihm zugewandt. aber fieberhafter Hochbetrieb in der Ruine. »Die Macht dieser grauen Herren«. »wir haben einstimmig den Beschluß gefaßt. wenn wir nur wollen. das Gigi eigens für diesen Anlaß gedichtet hatte: . »Und zwar möglichst schnell. Als schließlich alles fertig war. wie ihr nun wißt. »liegt darin. begann er. um sie aufzuklären. Wenn ihr alle mitmacht ! Ich wollte nur zuerst hören. Gigi. Und wir werden die ganze Stadt hierher zu uns ins alte Amphitheater einladen. »Liebe Freunde«. ob einer von euch vielleicht einen besseren Plan hat.dann wird sich die Welt mit einem Schlag ändern! Man wird niemand mehr die Zeit stehlen können. der mit Sicherheit zum Ziel führen wird. um sie unschädlich zu machen.»Aber irgendwas müssen wir doch tun«. daß alle Leute die Wahrheit über sie erfahren. Beppo und Momo an der Spitze. dann werden wir das schreckliche Geheimnis aufdecken ! Und dann . dachten sich die anderen. Also. ehe die Zeit-Diebe etwas von unserer Verschwörung merken.« Er machte eine Pause und blickte langsam im ganzen Rund umher. wie er nur haben will. meinte Paolo schließlich. (Wie und woher. wir alle gemeinsam schaffen. riefen Sprechchöre und sangen folgendes Lied. Und das. eindrucksvolle Texte aus und malten sie darauf. Aber bis dahin muß strengstes Stillschweigen über unseren Plan bewahrt werden. Es wird eine ungeheure Aufregung unter den Leuten geben ! Tausende und Abertausende werden herbeiströmen ! Und wenn sich hier eine unübersehbare Menschenmenge versammelt hat. Wollen wir?« Ein vielstimmiger Jubelschrei war die Antwort. ich will euch nun sagen. stellten sich die Kinder im Amphitheater auf. Jeder wird so viel davon haben. meine Freunde. die gut schreiben konnten.) Und während die einen Transparente und Plakate und Umhängetafeln fabrizierten. Freunde . Dazu machten sie Lärm mit Blechdeckeln und Pfeifchen. Wir werden die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf uns lenken.

und eine schlimme Versammlung. Gerade . Aber viele andere Kinder. schlössen sich an und gingen mit. und laßt euch sagen: Fünf vor zwölf hat es geschlagen. und graue Herren konnten sie. die die Welt verändern sollte. denn man stiehlt euch eure Zeit.»Hört. achtundzwanzig insgesamt. die den Umzug sahen und bisher noch nichts von der ganzen Sache gewußt hatten. die stattfindet Die große Stunde war vorüber. Ein paar Mal griff die Polizei ein und trieb die Kinder auseinander. nirgends entdecken. ihr Leut. Überall in der großen Stadt zogen nun Kinder in langen Prozessionen durch die Straßen und luden die Erwachsenen zu der wichtigen Versammlung ein. und laßt euch sagen: Laßt euch nicht mehr länger plagen ! Kommt am Sonntag so um drei. und keiner der Eingeladenen war gekommen. hört uns zu. Drum wacht auf und seid gescheit. Sie sammelten sich an anderen Stellen wieder neu und fingen von vorn an. aber die brauchen wir hier nicht alle aufzuführen. ihr Leut. wenn sie den Straßenverkehr behinderten. Aber die Kinder ließen sich dadurch keineswegs entmutigen. Sonst passierte ihnen nichts. trotz angestrengtester Aufmerksamkeit. Sie war vorüber. dann seid ihr frei!«Das Lied hatte natürlich noch mehr Strophen. Hört. bis es viele hundert und schließlich sogar tausend waren. die nicht stattfindet. NEUNTES KAPITEL Eine gute Versammlung.

Jetzt gab es keinen Zweifel mehr. Ich hatte mir auch was anderes vorgestellt. »daß unser Plan nicht so gelungen ist. »Ich muß ja auch weg!« sagte er. Die Sonne neigte sich schon tief dem Horizont zu und stand groß und rot in einem purpurnen Wolkenmeer. Er konnte sehr schön pfeifen. Alle saßen still und traurig da. denn es wurde kühl. aber jetzt will ich überhaupt nichts mehr mit ihnen zu tun haben. Jetzt kommt keiner mehr. das haben wir ja jetzt gesehen. auf Wiedersehen bis morgen.« Und er ging. daß die Sache ganz und gar mißlungen war. Die Schatten verlängerten sich rasch. Eine Kirchturmuhr in der Ferne schlug achtmal.« Er schwang sich auf sein quietschendes Fahrrad und verschwand in der Dunkelheit. sagte Beppo. Aber . daß ich jetzt weg muß«. und Momo hörte ihm zu. »ich war' froh gewesen.« Dann ging auch er. »Ich muß«. zu warten. Momo. »Gehst du auch?« fragte Momo. Nach einer Weile stand auch der alte Straßenkehrer auf. und ihm folgten andere. Nun war also alles umsonst gewesen. »Also.« Momo schaute ihn groß an und sagte nichts. hatten von den Umzügen der Kinder kaum etwas bemerkt. Momo. das hast du doch noch nie gemußt!« »Nein. Die Enttäuschung war zu groß.« »Aber es ist doch Sonntag! Und überhaupt. Weil sie sonst nicht fertig werden.« »In der Nacht?« »Ja. Und schließlich. Gute Nacht. sie haben uns ausnahmsweise zum Müll-Abladen eingeteilt. daß das mein neuester Beruf ist? Ich hatt's beinah vergessen. aber jetzt haben sie uns dazu eingeteilt. Personalmangel und so. Die ersten Kinder standen auf und gingen schweigend fort. Momo blieb mit Beppo und Gigi allein. Dann kam Franco zu ihr und sagte: »Da kann man nichts machen. Niemand sagte ein Wort. Gigi pfiff leise ein melancholisches Lied vor sich hin. Schließlich kam Paolo zu Momo und sagte: »Es hat keinen Zweck mehr.« »]a. gaben auch die letzten Kinder die Hoffnung auf und zogen ab. in dem seit Stunden Hunderte von Kindern saßen und warteten. »Heute ist ja Sonntag. bald wurde es dunkel werden. »Sei nicht traurig«. sagen sie. andere schlössen sich ihnen an. antwortete Beppo. Kein Stimmengewirr und kein fröhlicher Lärm war mehr zu hören. wenn du heute hier geblieben wärst.« »Schade«.diejenigen Erwachsenen. »ich hab' Sonderdienst. da muß ich ja Nachtwächter spielen ! Hab' ich dir schon erzählt. meinte Momo. Aber plötzlich brach er die Melodie ab. Da muß ich jetzt hin. wie wir dachten. Ich war ja immer schon mißtrauisch gegen sie. Ihre Strahlen streiften nur noch die obersten Stufen des alten Amphitheaters. fuhr Gigi fort. die es am meisten anging. Ausnahmsweise. Die Kinder begannen zu frösteln. Mit den Erwachsenen brauchen wir nicht mehr zu rechnen. als es schon dunkel wurde. mir ist es gar nicht recht.

der oben am Tisch in der Mitte saß. davon. Leute!« hieß es ständig. fuhr er ihr tröstend durch die Haare und fügte hinzu : »Nimm's doch nicht so schwer. Der Ruf wurde weiter unten wiederholt und erklang wie ein zweites Echo nochmals weit entfernt. die sich sonst in nichts von den Übrigen unterschieden. bleigraue Aktentaschen in den Händen und kleine graue Zigarren zwischen den Lippen. Auf dem ganzen riesigen Müll-Gebirge standen graue Herren in feiner Anzügen. daß die grauen Herren wie gebannt zu dem Richtertisch hinaufblickten. antwortete Beppo. wußte er nicht.eigentlich hat es doch Spaß gemacht! Es war großartig. desto mehr hatten sich schon wieder an die Reihe angeschlossen. Er blickte auf und war mit einem Schlag hellwach. Wie lange er so geschlafen hatte. sagte Momo leise. Vielleicht sahen sie ihn überhaupt nicht. Hier durfte er nicht sein. Es war ein richtiges Gebirge aus Asche.trotzdem . Er fürchtete. Scherben.« »Also dann«. Beppo«. »Los. um entladen zu werden. den Kopf in seine Arme gestützt. Morgen sieht alles schon wieder ganz anders aus. Pappschachteln und all den anderen Sachen. sich mucksmäuschenstill zu verhalten. Ein seltsamer Wind erhob sich. »Ist schon in Ordnung«. »Ich versteh' schon. Gigi stand auf. Gegen Mitternacht endlich war es vorüber. rief einer seiner Kollegen. Momo. Nur die Ratten raschelten da und dort im Müll und pfiffen manchmal. und ein grauer Herr stieg langsam die . entdeckt zu werden. eine neue Geschichte. »gute Nacht!« Und sie fuhren weg. nach und nach in die riesigen Verbrennungsöfen zu wandern. »Eilt euch. Er war nicht stark. zu Atem zu kommen. Die Nacht war sternenlos. die in der großen Stadt jeden Tag weggeworfen wurden und die hier darauf warteten. Jedenfalls beschloß Beppo. Beppo schlief ein. den Müll von den Lastwagen zu schaufeln. Aber dann bemerkte er bald. ja?« »Das war keine Geschichte«. Es wurde still. Wir denken uns einfach was Neues aus. »He. Und du solltest dich jetzt schlafen legen. »Der Agent BLW/553/c möge vor das Hochgericht treten !« erscholl in die Stille hinein die Stimme des Herren. Es war sozusagen ein aschengrauer Wind. Kommst du mit?« »Einen Augenblick«. das weh tat.« Da Momo beharrlich schwieg. So blieb Momo ganz allein in dem großen steinernen Rund sitzen. saß er nun erschöpft auf einer umgekehrten. zerlöcherten Plastikwanne und versuchte. oder vielleicht hielten sie ihn einfach für irgendeine weggeworfene Sache. rief en die anderen. sagte Beppo und drückte die Hand auf sein Herz. runde steife Hüte auf den Köpfen. das war ihm klar. »fahrt nur schon los. sein melancholisches Lied pfeifend. als ihn plötzlich ein kalter Windstoß weckte. Sie alle schwiegen und blickten unverwandt zur höchsten Stelle der Müllhalde. alten Matratzen. die in langer Reihe und mit leuchtenden Scheinwerfern standen. Ich ruhe mich nur noch einen Augenblick aus. Der Himmel hatte sich mit Wolken bedeckt. zusammen mit seinen Kollegen.« Und er ging. wo eine Art Richtertisch aufgebaut war. Im ersten Augenblick durchfuhr Beppo Angst. »Ist dir nicht gut.Da Beppo ja schon alt und sowieso nicht gerade von sehr kräftiger Statur war. Plastikresten. Alter?« fragte ein anderer. Dann öffnete sich eine Gasse in der Menge. Und je mehr abgefertigt waren. aber wir reden morgen weiter darüber. bis ihm das Hemd am Leibe klebte. ohne daß er darüber nachdenken mußte. Weit draußen vor der großen Stadt erhoben sich die gewaltigen Müllhalden. aber unablässig. »wir fahren jetzt heim. Bis spät in die Nacht hinein half der alte Beppo. ich bin sowieso schon zu spät dran. und er war von einer eigentümlichen Kälte. Blechbüchsen. hinter dem drei Herren saßen. los! Sonst werden wir nie fertig!« Beppo hatte geschaufelt und geschaufelt. einverstanden? Ich muß jetzt los.

die ganze Stadt zu sich einzuladen. Hohes Gericht«. wer dieser eine von uns war?« »Ich war es«.in diesem Augenblick genau . sondern vor Ihresgleichen.« »Angeklagter !« unterbrach ihn der Herr in der Mitte scharf. sechs Tagen. Kinder lassen sich sehr viel schwerer zum Zeit-Sparen bringen als alle anderen Menschen. fuhr der Richter fort. »Kinder«. erklärte der Richter. fragte der Richter unerbittlich weiter. um dadurch . Angeklagter?« . sagte der Richter. um sie über uns aufzuklären?« »Es ist mir bekannt«. zu bedenken. diese ganze Angelegenheit doch nicht ernster zu nehmen. Sparen Sie sich solche überflüssigen Bemerkungen! Wann sind Sie entstanden?« »Vor elf Jahren. Und das Ergebnis in Ihrem Fall. »in seiner Wirkung auf andere Menschen unserer Arbeit ungemein im Wege ist. nicht mehr ! Und außerdem bitte ich das Gericht.« Obwohl diese Unterhaltung leise geführt wurde und überdies weit entfernt stattfand. gab der Angeklagte kleinlaut zu. so wäre die Menschheit längst ganz in unserer Gewalt. verteidigte sich der Angeklagte. wissen Sie vielleicht. keuchte der. »daß diese Kinder überhaupt über uns und unsere Tätigkeit Bescheid wissen?«»Ich kann es mir auch nicht erklären«. Endlich stand er vor dem Richtertisch. antwortete der Agent BLW/553/c zerschmettert. »Ist Ihnen bekannt«. so möchte ich dem Hohen Gericht nahelegen.Müllhalde hinauf. »daß es eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Kindern in dieser Stadt gibt. »Und warum haben Sie somit gegen unser strengstes Gesetz verstoßen ?« forschte der Richter. »Sie befinden sich«. ich bin sicher. indem wir den Leuten einfach keine Zeit dazu ließen. Aber auch Sie selbst. gab der Richter eisig zurück. »Aber wenn ich mir hierzu eine Bemerkung erlauben darf. . gab der Agent zur Antwort. Angeklagter. acht Stunden. Aber selbst wenn uns das nicht gelungen wäre. »Ist Ihnen bewußt. einer von uns mit einem Kind gesprochen und ihm obendrein noch die Wahrheit über uns verraten haben muß. »Jawohl. Warum versuchen Sie es trotzdem?« »Es ist Berufsgewohnheit«. konnte der alte Beppo seltsamerweise jedes Wort verstehen. Angeklagter?« »Sehr wohl. Sie wissen genau. »Wie erklären Sie sich«.« »Ihre Absichten interessieren uns nicht«. daß nichts und niemand unserer Arbeit so gefährlich ist wie gerade die Kinder. ich wiederhole. »Uns interessiert ausschließlich das Ergebnis. »das überlassen Sie gefälligst dem Urteil des Vorstandes. war. »Dennoch haben wir untrügliche Beweise dafür«.achtzehn Sekunden. wissen sehr gut.« »Ich weiß es«. Angeklagter. wo Sie sich befinden?« Der Agent knickte ein wenig zusammen. Ist Ihnen dies Gesetz bekannt gewesen. daß Sie uns nicht anlügen können. «Sie sind Agent BLW/553/c?« fragte der in der Mitte. was ihn von allen anderen deutlich unterschied. »sind unsere natürlichen Feinde. daß das Grau seines Gesichtes fast weiß war. Das einzige. war nicht nur keinerlei Zeitgewinn für uns. zweiunddreißig Minuten und . hauchte er. daß es uns ganz mühelos gelungen ist. »Weil dieses Kind«. fuhr der Herr in der Mitte mit seiner Befragung fort. versetzte der Richter. Gestehen Sie das ein. als sie ist. Nach meiner Ansicht hätten wir die Versammlung sogar stattfinden lassen sollen.« »Das versteht sich von selbst. Wenn es sie nicht gäbe. »Jawohl«. »daß einer von uns. Eine hilflose Kinderei. antwortete der Agent. . die geplante Versammlung zu vereiteln. drei Monaten. Angeklagter. stammelte der Angeklagte. die heute überall Tafeln und Plakate herumgetragen haben und die sogar den ungeheuerlichen Plan hatten. die Kinder hatten den Leuten nichts als irgendeine kindliche Räubergeschichte mitzuteilen gewußt. Daher lautet eines unserer strengsten Gesetze: Kinder kommen erst zuletzt an die Reihe. Ich habe in der besten Absicht für die ZeitSpar-Kasse gehandelt. »nicht vor einem Menschengericht. sondern obendrein haben Sie diesem Kind auch noch einige unserer wichtigsten Geheimnisse verraten. »Wie ernst oder nicht das Unternehmen der Kinder zu nehmen ist«.« »Seit wann arbeiten Sie für die Zeit-Spar-Kasse?« »Seit meiner Entstehung.

Aber schon hatten ihm zwei andere graue Herren.»Ich gestehe es ein«. wie dieses Kind mir zuhörte. wenn wir nun unverzüglich zur Vollstreckung des Urteils schreiten. daß dieses Kind uns nicht noch einmal schaden wird. Schweigend entfernten sich alle grauen Herren. »KOMM MIT!« entzifferte Momo langsam. Immerhin werden wir uns dieses merkwürdigen Kindes ein wenig annehmen. Angeklagter. daß wenigstens du mich besuchen kommst. hauchte der Agent mit gesenktem Kopf. Aber irgendwie war ihr. und erkannte eine große Schildkröte. jedenfalls bildeten sich nun plötzlich auf dem Rückenpanzer der Schildkröte schwach leuchtende Buchstaben. als ob sie noch warten solle. »Jawohl. wer bist du denn?« fragte sie leise. ob sie es zuerst nur nicht wahrgenommen hatte. Beppo Straßenkehrer saß noch immer reglos auf seinem Platz und starrte auf die Stelle. wie etwas sie leise an ihrem nackten Fuß berührte. Momo beugte sich vollends zu ihr hinunter und krabbelte sie mit dem Finger unter dem Kinn. die sich aus den Mustern der Hornplatten zu formen schienen.« »Wohnhaft?« »In der Ruine des Amphitheaters. Er hat seine Schuld selbst eingestanden. wo der Verurteilte die Zigarre nicht mehr hatte. Sie beugte sich hinunter. als ob der Wind noch ein paar Aschenflöckchen im Kreis herumwirbelte. aber ich schwöre. »Nett von dir. Die drei Herren hinter dem Richtertisch beugten sich zueinander. wo der Angeklagte verschwunden war. »Meinst du mich?« . Mildernde Umstände lassen wir nicht gelten. es war so. Durch die Art. Unser Gesetz ist unverbrüchlich und duldet keinerlei Ausnahme. »Sie bekennen sich also schuldig?« . »Ja. Mag Ihnen das zum Trost gereichen. Was willst du denn von mir ?« Momo wußte nicht.« »Gut«. die bleigraue Aktentasche und die kleine Zigarre entrissen. der alles in sein kleines Notizbüchlein geschrieben hatte. Sie hätte nicht sagen können. »Und wie lautet das Urteil?« flüsterte er. Die Dunkelheit verschlang sie. als ob sie gleich zu sprechen anfangen wollte. hielt sich die Hände vors Gesicht und löste sich buchstäblich in Nichts auf.saß die kleine Momo noch immer auf den Steinstufen der Ruine. doch auch den mildernden Umstand anzuerkennen.« Der Angeklagte begann zu zittern.« »Gnade! Gnade!« schrie der Angeklagte auf. lockte es alles aus mir heraus. Ganz zuletzt war es. Ihre schwarzen klugen Augen glänzten so freundlich. die zugesehen und die zu Gericht gesessen hatten. daß es die grauen Herren gab. daß ihm zur Strafe unverzüglich jegliche Zeit entzogen wird. worauf. Schildkröte. Auch sein Geschrei wurde dünner und leiser.« »Ihre Entschuldigungen interessieren uns nicht. dann waren auch diese verschwunden. und nur noch der graue Wind wehte über die öde Halde.die Turmuhr in der Ferne hatte Mitternacht geschlagen . schlafen zu gehen. Wie heißt es?« »Momo. Und so hatte sie sich bis jetzt noch nicht entschließen können. aber ich bitte das Hohe Gericht. Erstaunt setzte sie sich auf. Etwa zur gleichen Stunde . Jetzt wußte er aus eigener Anschauung. Und nun geschah etwas Sonderbares. daß ich regelrecht verhext worden bin. flüsterten sich etwas zu und nickten. Ihm war. die neben ihm standen. Sie wartete. Ich kann es mir selbst nicht erklären. oder ob es tatsächlich in diesem Augenblick erst sichtbar wurde. denn es war ja sehr dunkel. So stand er da. Im selben Augenblick. Plötzlich fühlte sie. versetzte der Richter.« »Knabe oder Mädchen?«»Ein kleines Mädchen. wie es dazu gekommen ist. »Sie können versichert sein. die ihr mit erhobenem Kopf und seltsam lächelndem Mund mitten ins Gesicht blickte. begann er rasch immer durchsichtiger und durchsichtiger zu werden. Dann wandte sich der in der Mitte wieder dem Angeklagten zu und verkündete: »Das Urteil über Agent BLW/553/c lautet einstimmig: Der Angeklagte wird des Hochverrats für schuldig befunden. Unser Gesetz schreibt vor. Dafür werden wir mit allen Mitteln sorgen. als sei er zu Eis gefroren und taue nun langsam wieder auf.

Schließlich entdeckten sie auch das Loch in der Mauer. sehr langsam aus dem steinernen Rund herausführte und dann die Richtung auf die große Stadt einschlug. Dutzende von grauen Herren eilten die grasbewachsenen Stufen hinauf und hinunter und durchsuchten jeden Schlupfwinkel. Sein weißer Haarschopf flatterte. sagte einer. als hätte sie jemand rechtzeitig gewarnt. so sehr er konnte. . Sie können versichert sein. « Kein Zweifel. Aber das würde er schon herausfinden. erklärte ein dritter. dafür werden wir mit allen Mitteln sorgen . mußte sie vor ihnen beschützen -obwohl er nicht wußte wie. »daß Kinder in der Nacht herumstrolchen. klopften sich die feinen grauen Anzüge ab und zuckten die Schultern. meinte ein anderer.. »Sie meint wirklich mich!« sagte Momo zu sich selbst. Der Weg bis zum Amphitheater war noch weit.. »Der Vogel ist ausgeflogen«. »Es ist empörend«. gab . Momo war in größter Gefahr! Er mußte sofort zu ihr. die sie von allen Seiten umstellt hatten. Beppo trat in die Pedale. . Die ganze Ruine war grell erleuchtet von den Scheinwerfern vieler eleganter grauer Autos.« Und Schrittchen für Schrittchen ging sie hinter der Schildkröte her.Aber die Schildkröte hatte sich bereits in Bewegung gesetzt. »Geh nur!« sagte sie leise. Dann kamen sie wieder heraus. Er eilte sich. hinter dem Momos Zimmer lag. »Das sieht fast so aus. daß es uns nicht noch einmal schaden wird . »Ich folge dir. . Angeklagter. .. Wir werden uns dieses merkwürdigen Kindes annehmen . Einige von ihnen kletterten hinein und guckten unter das Bett und sogar in den gemauerten Ofen.. »Der Betreffende hätte ja schon früher als wir von unserem Beschluß wissen müssen!« Die grauen Herren blickten einander alarmiert an. Immer wieder klangen ihm die Worte des grauen Richters im Ohr: ». anstatt ordentlich in ihren Betten zu liegen. Dann stand sie auf und eine hinter dem Tier her. ZEHNTES KAPITEL Eine wilde Verfolgung und eine geruhsame Flucht Der alte Beppo radelte auf seinem quietschenden Fahrrad durch die Nacht. die sie langsam.« »Das gefällt mir ganz und gar nicht«. Nach einigen Schritten hielt sie inné und schaute sich nach dem Kind um. mußte sie vor den Grauen warnen. »Falls sie tatsächlich von dem Betreffenden gewarnt worden ist«.«»Undenkbar!« sagte der erste.

Auf den Fahrbahnen drängten sich die Autos. und das mit Recht. wurden niemals angestoßen. kein Auto mußte ihretwegen bremsen. Sie überquerten weite Plätze und hellerleuchtete Straßen. selbst zu dieser späten Nachtzeit nicht.Das Tischchen und die beiden Stühle aus Kistenholz waren umgestoßen. Selbst die kleinsten Seitenstraßen und holperigsten Kieswege waren bis zum Morgengrauen von einem Getöse erfüllt wie sonst nur die großen Hauptverkehrsstraßen. kein Fußgänger gehen würde. Die beiden mußten auch niemals jemand ausweichen. aber niemand beachtete das Kind mit der Schildkröte.der dritte zu bedenken. »dann ist sie sicherlich nicht mehr hier in der Gegend. »Momo!« raunte er zuerst und dann noch einmal lauter: »Momo!« Keine Antwort. die alles das noch nie gesehen hatte. rempelten sich an. Als Beppo Straßenkehrer endlich beim alten Amphitheater ankam. Und Momo war nicht da. wie man so langsam gehen und doch so schnell vorankommen konnte. Aber wenn das Mädchen inzwischen von dem Betreffenden Hilfe bekommen hat. übergössen das Gewühl mit ihrem bunten Licht und erloschen wieder. Es war. als wisse die Schildkröte mit völliger Sicherheit vorher. noch ehe er abgestiegen war. stolperte und verstauchte sich den Fuß. um zu warten. langsam durch die große Stadt. im schwachen Schein seiner Fahrradlampe die vielen Reifenspuren rund um die Ruine.Zur nämlichen Stunde wanderte die kleine Momo. schoben sich gegenseitig ungeduldig beiseite. sagte der erste graue Herr. »In diesem Fall kann die Zentrale immer noch Großeinsatz anordnen. Wir würden gerade durch weiteres Suchen hier nur unnütz Zeit verlieren. Beppo biß sich auf die Lippen und unterdrückte ein heiseres Aufschluchzen. dann machen wir damit einen großen Fehler. . Er kletterte durch das Loch in den stockdunklen Raum hinunter. Passanten umdrängten sie. So mußten sie sich niemals eilen und niemals anhalten. dazwischen dröhnten riesige Omnibusse. damit diese den Befehl zum Großeinsatz gibt. meine Herren! Sie wissen. Mit zitternden Fingern entzündete er ein Streichholz und schaute sich um. das ihm für einen Augenblick die Brust zerreißen wollte.« »Also gut«. Er ließ sein Rad ins Gras fallen und lief zu dem Loch in der Mauer. Dann werden sich sämtliche verfügbaren Agenten an der Jagd beteiligen.« In dieser Nacht wunderten sich viele Leute in der Gegend.« »Lächerlich!« fuhr ihn der andere böse an. Momo. An den Häuserfassaden flammten die Leuchtreklamen auf. . Und nun .« »Haben Sie einen besseren Vorschlag?« »Nach meiner Ansicht müßten wir sofort die Zentrale benachrichtigen. die Autos rasten hinter ihnen und vor ihnen vorüber. ob wir die Umgebung auch tatsächlich gründlich abgesucht haben. uns zu entkommen. entdeckte er. ging wie im Traum und mit großen Augen immer hinter der Schildkröte her. die ständig überfüllt waren. »durchsuchen wir zunächst die Umgebung. oder trotteten hintereinander her in endlosen Kolonnen.« »Die Zentrale wird uns als erstes fragen. die Decken und die Matratze waren aus dem Bett gerissen. Man konnte kein Auge zutun. Und Momo begann sich zu wundern. warum der Lärm der vorbeirasenden Autos überhaupt nicht mehr verstummen wollte.an die Arbeit. was auf dem Spiel steht. Das Kind hat nicht die geringste Chance. Beppo schluckte. von der Schildkröte geführt. wo in welchem Augenblick gerade kein Auto fahren. Rastlos jagten und hasteten die Menschen in riesigen Massen durcheinander. seine Kehle war trocken. die jetzt niemals mehr schlief.

daß Gigi sich seit kurzem ein paar zusätzliche Pfennige verdiente. machte sich selbständig.« »Momo! . Wer sagt dir denn. »Und die herausgerissene Matratze?« »Na ja«. denn trotz aller Angst und Sorge um Momo konnte er nun einmal nicht schneller reden. Ich meine. »was Schlimmes. »o mein Gott. daß es sich um die Autoteil-Diebe handeln sollte. gab Gigi ausweichend zur Antwort. Ihm war. kletterte er wieder ins Freie und humpelte auf seinem verstauchten Fuß zu seinem Fahrrad.« . der nach Atem rang. bis jetzt haben wir vielleicht noch gar keinen Grund. . Er schwang sich hinauf und strampelte los. und daß Momo nicht mehr da war.« stieß Beppo hervor. daß es nicht gutgehen würde. »Momo ist irgendwas Schreckliches passiert!« »Was sagst du ?« fragte Gigi und setzte sich fassungslos auf seine Liegestatt. Was soll ich denn jetzt machen? Was mach' ich denn jetzt nur?« Dann verbrannte ihm das Streichholz die Finger. »nehmen wir mal an. indem er jeden Sonntag nachts im Werkzeugschuppen einer kleinen Autoausschlachterei schlief. es wäre wirklich irgendwer da gewesen. als sei ihm plötzlich der Boden unter den Füßen weggezogen.« Und nun erzählte er alles. Sonst wäre doch nicht alles durchgesucht und umgewühlt. . »letzt muß Gigi 'ran! Hoffentlich find' ich den Schuppen. Ich bin zu spät gekommen. »Was ist denn los?« jammerte er erschrocken. Bis zu diesem Augenblick war alles für ihn ein großes Spiel gewesen. »Momo? Was ist denn geschehen?« »Ich weiß es selbst noch nicht«. »es könnte ja auch sein. wo er schläft. Beppo«. So rasch er konnte. er warf es weg und stand im Finstern. »Ich kann es nicht leiden.« Beppo wußte. Er hatte es so ernst genommen. schloß er seinen Bericht. Jetzt haben sie sich gerächt. Gigi.ohne dabei je an Folgen zu denken. »Gigi muß 'ran !« sagte er immer wieder vor sich hin. was er erlebt hatte: vom Hochgericht auf der Müllhalde. Als Beppo den Schuppen endlich erreicht hatte und mit der Faust gegen die Tür hämmerte. keuchte Beppo. uns solche Sorgen zu machen. sie haben sie schon weggeholt. wie früher schon öfter. »Weißt du. Das tut sie doch manchmal. von den Reifenspuren um die Ruine. Aber dann erkannte er Beppos Stimme und machte auf. daß Momo einfach ein bißchen spazierengegangen ist.»Mein Gott«. Zum ersten Mal in seinem Leben ging eine Geschichte ohne ihn weiter. Einmal ist sie sogar schon drei Tage und Nächte im Land herumgestrolcht. hielt Gigi sich zunächst mucksmäuschenstill. »Ich hab's von Anfang an geahnt«.« »Und die Reifenspuren?« fragte Beppo aufgebracht. murmelte er. Dort sollte er aufpassen. für den Fall. Sie haben Momo entführt ! O Gott. wie er jedes Spiel und jede Geschichte nahm . begann er nach einer Weile. und alle Phantasie der Welt konnte sie nicht rückgängig machen! Er fühlte sich wie gelähmt. daß nicht wieder. noch brauchbare Autoteile abhanden kamen. Mein kleines Mädchen haben sie schon weggeholt. daß er Momo gefunden hat? Vielleicht war sie schon vorher weg. Es dauerte natürlich eine Weile. bis er alles vorgebracht hatte. wenn man mich so brutal aus dem Schlaf reißt. wir müssen ihr helfen ! Aber wie ? Aber wie?« Während Beppos Worten war langsam alle Farbe aus Gigis Gesicht gewichen. »Ich hab' gewußt.

wenn sie dich dann zum letzten Mal anschaut. murmelte Beppo und starrte ratlos vor sich hin. »Natürlich werden wir etwas unternehmen. »wird alles wieder werden. »Sei doch vernünftig!« rief Gigi entsetzt. Aber sie begegneten . die Autobusse und die Straßenbahnen . nachdem sie es entziffert hatte. Hätte Momo gewußt. Wenn sie dann immer noch nicht zurück ist. Aber das muß gut überlegt sein. meinte Gigi. den die Schildkröte sie führte. Manchmal kamen die grauen Herren schon einen Augenblick später an einer Stelle vorüber. stotterte Gigi erschrocken. jede andere Tätigkeit zu unterbrechen und sich ausschließlich mit der Suche nach dem Mädchen Momo zu beschäftigen. durch Unterführungen. »wir sollten auf jeden Fall bis morgen oder übermorgen warten. stöhnte er. schien sie nun auch genau vorauszuwissen. was die dann mit ihr machen? Weißt du das. »das will ich nicht. fuhr Gigi fort. Aber sie sagte es mehr zu sich selbst. daß ein ganzes Heer von grauen Herren sie verfolgte und suchte. wo streunende elternlose Kinder hinkommen? In so ein Heim stecken sie sie. daß Beppo schon eingeschlafen war. Aber das Mädchen Momo fanden sie nicht. antwortete Gigi und zog Beppo den Schuh von dem verstauchten Fuß.kurzum. So wie die Schildkröte vorher ihren Weg durch den Straßenverkehr gefunden hatte. wenn sie's nicht ist«. »Ich geh' zur Polizei!« stieß er hervor. Und das war gut. wo Gitter an den Fenstern sind ! Das willst du unserer Momo antun?« »Nein«. die gehen los und finden unsere Momo wirklich. Weißt du. »wenn sie vielleicht wirklich nur ein bißchen herumstrolcht und du hetzt ihr die Polizei auf den Hals. »Aber sicher«. und deshalb folgte sie geduldig und Schritt für Schritt der Schildkröte auf ihrem scheinbar so verworrenen Weg. Die ganze Nacht mußte er an die grauen Herren denken. sie saßen auf den Dächern und in den Kanalisationsschächten. ehe wir was unternehmen. Sie waren schon durch Gärten gelaufen. wann und wo die Verfolger auftauchen wurden. den auf einmal eine steinerne Müdigkeit übermannte.« »Meinst du?« murmelte Beppo. Aber wenn sie doch vielleicht in Not ist?« »Aber stell dir vor. Wir wissen ja noch nicht mal. sagte er sanft. »Hab' ich auch nicht«.In allen Straßen wimmelte es von den grauen Gestalten . Aber davon ahnte sie nichts.« »Ich finde«. »Ich weiß einfach nicht. Aus der Zentrale der Zeit-Spar-Kasse war der Befehl zum Großeinsatz gegeben worden. wo wir Momo überhaupt suchen sollen.»Wenn sie sie aber doch gefunden haben?« schrie Beppo. »Gigi.« Beppo sank auf einen Stuhl am Tisch nieder und legte das Gesicht auf die Arme. Aber schlafen konnte er nicht. »ich weiß es einfach nicht. um sich Mut zu machen. über Brücken. sie kontrollierten unauffällig die Bahnhöfe und den Flugplatz. Beppo? Weißt du. seine Jacke als Kissen unter den Kopf geschoben. Toreinfahrten und Hausflure. »wo führst du mich eigentlich hin?« Die beiden wanderten eben durch einen dunklen Hinterhof. und zwar sofort!« »Beruhige dich doch. und wir lachen alle drei über den ganzen Unsinn. sei kein Narr! Die grauen Herren sind Wirklichkeit! Wir müssen irgendwas tun. sie waren überall. »Du. Er half ihm auf das Lager hinüber und packte den Fuß in ein nasses Tuch. Und zum ersten Mal in seinem bisher so unbekümmerten Leben überfiel ihn Angst. Beppo«. wurde immer sonderbarer und verschlungener. einigemale sogar schon durch Keller. »Das kannst du doch nicht machen ! Nimm mal an. Ich möchte nicht in deiner Haut stecken. »KEINE ANGST!« stand auf dem Rücken der Schildkröte.« Beppo ließ Gigi los. fragte Momo. was ich machen soll«. »Wird schon wieder werden«. an der die beiden eben gewesen waren. Für den alten Mann war es heute ein bißchen viel gewesen. Schildkröte«. Sämtliche Agenten in der großen Stadt hatten Anweisung erhalten.« Als er sah. sie hätte vermutlich noch viel mehr Angst gehabt. können wir ja zur Polizei gehen. Aber wahrscheinlich ist bis dahin alles längst wieder in Ordnung. »was dann?« Er packte den jüngeren Freund an den Jackenaufschlägen und schüttelte ihn. ja. seufzte er und legte sich selbst auf den Fußboden. denn ein wenig bang war ihr schon. sagte Momo. Der Weg.

Die Fahrer traten aufs Gas. Und je mehr sie beschleunigten. Hier war es nicht mehr Nacht. die Momo je gesehen hatte. in denen das Wasser stand. Zuerst dachte Momo. so daß man nicht sehen konnte. die Räder jaulten. Die Häuser des Stadtteils. der im vordersten Wagen saß. Auf einem großen würfelförmigen Sockel aus schwarzem Stein stand ein riesengroßes weißes Ei. aber sie befolgte die Anweisung. wurden immer grauer und schäbiger. Und das Kind bewegte sich auf diesen Rand zu. nicht nur von Menschen. um bewohnt zu werden. »Gut«. daß das Mädchen Momo gesehen worden sei. jagten drei elegante Autos mit leuchtenden Scheinwerfern die zerlöcherte Straße entlang. desto weniger kamen sie vorwärts. Hinter den Fenstern lagen schwarze Schatten. Einer. In die Zentrale der Zeit-Spar-Kasse kam die Nachricht. als sie in die Straße mit den weißen Häusern eingebogen war. dieses Haus von rechts und das Denkmal da drüben von vorn beleuchtet. geschah etwas höchst Unbegreifliches. als würde jener Baum dort von links. die uns völlig unbekannt ist. dort wo Nacht war. war die Antwort. stellte die Zentrale fest. das mit gleicher Geschwindigkeit in entgegengesetzter Richtung lief. Es war ein Licht. daß diese Häuser gar nicht gebaut waren. als ob sie auf einem fahrenden Band stünden. sprangen sie fluchend aus den Wagen und versuchten. als sie in diese Straße eingebogen waren. »Verfolgung aufnehmen! Ihr müßt sie fassen. Als die grauen Herren das merkten. Denn die langen schwarzen Schatten. in dem sie jetzt waren. um jeden Preis! Habt ihr verstanden?« »Verstanden!« kam die aschengraue Antwort.« »Wo befand sie sich. obgleich die Schildkröte eher noch langsamer ging als bisher. die sie weit in der Ferne gerade noch erkennen konnten. als ihr sie gesehen habt?« »Das ist es ja gerade. aber es war auch nicht Tag. etwa so. Diese Straßen waren vollkommen leer. hatte Momo entdeckt. Es ist-wie soll man sagen?-als ob diese Gegend ganz am Rande der Zeit liegt. In jedem saßen mehrere graue Herren. geheimnisvollen Zweck zu dienen. genaugenommen in dem Augenblick.ihnen niemals. Sie waren von einem fast blendenden Weiß. Hier war alles dunkel und menschenleer. wie schnell sie hier vorankamen. aber die Autos liefen am Ort. Die Autos kamen plötzlich nicht mehr vom Fleck. das die Konturen aller Dinge unnatürlich scharf und klar hervorhob und doch von nirgendwo herzukommen schien oder vielmehr von überallher zugleich. In geringer Entfernung gingen drei dunkle Gestalten vorüber. Hohe Mietskasernen. Das war alles. Alles schien reglos und wie in Glas eingeschlossen. Wir haben ihre Spur wieder verloren. sagte Momo ahnungslos. »Offenbar doch. ob dort überhaupt jemand wohnte. aber dieses seltsame Licht war so plötzlich gekommen. »Ein Glück. Aber auch die Häuser waren anders als alle.« »Was?« schrie die Zentrale.« »Eine solche Gegend gibt es nicht«. Momo wunderte sich. Außerhalb dieses seltsamen Stadtteils. Als sie jedoch diese Ecke erreicht hatten. die sogar die kleinsten Steinchen auf der Straße warfen. Vögeln und Autos. sondern auch von Hunden. Und diese Dämmerung glich weder der des Morgens noch der des Abends. Übrigens sah das Denkmal selbst auch recht sonderbar aus. sie war plötzlich wie vom Erdboden verschluckt. Irgendwas stimmt da nicht. liefen in ganz verschiedene Richtungen. »findest du nicht?« Auf dem Rückenpanzer der Schildkröte blinkte wie ein Warnlicht die Schrift: »STILL!« Momo verstand nicht warum. .« »Wie kann das sein?« »Das fragen wir uns selbst. daß ich schon so gut lesen kann«. wo das seltsame Licht anfing. »habt ihr sie fest?« »Nein. es sei die Morgendämmerung. säumten die Straßen voller Löcher. sondern um einem anderen. Es handelt sich um eine Gegend der Stadt. Nicht der kleinste Windhauch regte sich. an denen der Verputz abbröckelte. Momo. Aber irgendwie hatte Momo das Gefühl.

Dagegen schien die Schildkröte sie gehört zu haben. Es war aus weißem Marmor. »warum wir nicht mehr vom Fleck gekommen sind. aber sonderbarerweise konnte sie ihre eigene Stimme nicht hören. der sie einfach zurückblies. weil sie so langsam gingen. ging Momo hinter der Schildkröte her. fast am Ende der Gasse vor dem letzten Haus. als flögen die Gebäude vorüber. kurz — sie lebte rückwärts! Schließlich stieß sie gegen etwas Festes. irgendwo im Gewirr der leeren. denn sie hatte über der Tür ein weiteres Schild entdeckt.« Alle beteiligten Herren ließen die Köpfe hängen und setzten sich auf Kühler und Stoßstangen ihrer Autos. Sie erschrak ein wenig. weil die figurenbedeckte Tür aus grünem Metall von hier aus nun plötzlich ganz riesenhaft erschien. Es war eigentlich mehr ein enges Gäßchen. als glitte die Straße unter ihnen dahin. das kunstvoll mit Figuren bedeckt war. Erkerchen und Terrassen. antwortete der erste. voller Türmchen. Diese Straße bot einen völlig anderen Anblick als alle vorigen. Dieses Gäßchen lief auf ein einzelnes Haus zu.und blieb überrascht stehen. oder gegen einen gewaltigen und doch unspürbaren Wind. Sie drehte sich um und ging rückwärts. Aber es war höchst merkwürdig. Sie hatten es nicht mehr eilig. und als sie endlich erschöpft innehalten mußten. »hilf mir doch!« Langsam kam die Schildkröte zurück. Während sie nämlich so rückwärts ging. die undenkliche Zeiten auf dem Meeresgrund gestanden hatten und nun plötzlich aufgestiegen waren. Schildkröte!« rief Momo. Momo folgte ihr . belobigen wird man uns ganz bestimmt nicht.zu Fuß einzuholen. »Warte doch auf mich. Momo blieb noch einen Moment lang stehen. ohne jede Schwierigkeit weiterzukommen. was dabei mit ihr geschah. man wird uns vor Gericht stellen?« »Na. meinte ein anderer. »Aus!« sagte einer der Herren. dennoch war die Schildkröte nun schon weit voraus. »aus und vorbei! Jetzt kriegen wir sie nicht mehr. Momo blickte zu dem Straßenschild hinauf.« »Ich auch nicht«. das sich gleich über ihr an der Wand befand. Wiederum bog die Schildkröte um eine Ecke. Und das Mädchen Momo war irgendwo in der Ferne zwischen den schneeweißen Häusern verschwunden. Es wurde von einem weißen Einhorn getragen. ob man uns das als mildernde Umstände für unser Versagen zugute halten wird. »Ob ich sie überhaupt aufkriege?« dachte Momo zweifelnd. Sie drehte sich um und stand vor dem letzten Haus. aber als sie nun in die NiemalsGasse hineinging. denn sie blieb stehen und schaute sich um. Und gerade. Sie stemmte sich schräg gegen den rätselhaften Druck. Und plötzlich gelang es ihr. von Tang und Algen überhangen und mit Muscheln und Korallen bewachsen. erschien auf ihrem Panzer der Rat: »RÜCKWÄRTS GEHEN!« Momo versuchte es. Die Häuser. Schon weit. »die Frage ist nur. Sie rannten mit verzerrten Gesichtern. war es ihr plötzlich. weit fort. sie atmete rückwärts. schneeweißen Straßen und Plätze. als ob sie unter Wasser gegen einen mächtigen Strom angehen müsse. Als sie schließlich vor Momo saß. das die Straße quer abschloß. war es.« »Sie meinen. Momo wollte ihr folgen. sahen aus wie lauter zierliche Paläste aus Glas. sie empfand rückwärts. und auf ihm war zu lesen: DAS NIRGEND-HAUS .« »Ich begreife nicht«. waren sie im ganzen gerade zehn Meter weit vorangekommen. dachte sie zugleich auch rückwärts. und auf ihm stand in goldenen Lettern: NIEMALS-GASSE Momo hatte mit Schauen und Buchstabieren nur ein paar Augenblicke gesäumt. Und das Ganze spielte sanft in allen Farben wie Perlmutter. das seinen Abschluß bildete und quer zu den übrigen stand. die sich links und rechts aneinanderdrängten. zog sich an Mauervorsprüngen weiter und kroch manchmal auf allen vieren. »Ich komm' nicht dagegen an!« rief sie schließlich der Schildkröte zu. In seiner Mitte befand sich ein großes grünes Tor. Aber im selben Augenblick öffneten sich schon die beiden mächtigen Torflügel. die sie klein am anderen Ende der Gasse sitzen sah.

»Meine Herren«. Ich sehe mich gezwungen. Sie saßen einer neben dem anderen an einem schier endlosen Konferenztisch. daß Momo gebückt durchkommen konnte. Momo folgte der Schildkröte. Nur die runden steifen Hüte hatten sie abgelegt. Jeder hatte wie immer seine bleigraue Aktentasche bei sich. Bei der Jagd nach dem Mädchen Momo haben wir nahezu alle unsere verfügbaren Agenten eingesetzt. Im aschengrauen Licht endloser Gänge und Nebengänge huschten die Agenten der Zeit-SparKasse umher und flüsterten sich aufgeregt das Neueste zu: Sämtliche Herren des Vorstandes waren zu einer außerordentlichen Sitzung zusammengetreten ! Das konnte nur bedeuten. sich langsam zu schließen. ELFTES KAPITEL Wenn Böse aus dem Schlechten das Beste machen . so folgerten die einen. Sie alle unverzüglich mit den bitteren. sehr langen Gang. Diese Jagd dauerte im ganzen sechs Stunden. Das Gemurmel erstarb. waren die beiden Torflügel schon wieder dabei. . schlössen die anderen daraus. begann er. Von der geheimnisvollen Gegenströmung war hier nichts mehr zu bemerken. Sie befand sich jetzt in einem hohen. und nun war zu sehen. und zwei endlose Reihen grauer Gesichter wandten sich ihm zu. . gerade groß genug. Als das Türchen sich öffnete. Das konnte nur heißen. daß größte Gefahr vorhanden war. An dessen Ende blieb das Tier vor einem sehr kleinen Türchen sitzen. Momo hockte sich nieder und sah direkt vor ihrer Nase auf der kleinen Tür ein Schildchen mit der Aufschrift: MEISTER SECUNDUS MINUTIUS HORA Momo holte tief Atem und drückte dann entschlossen auf die kleine Klinke. Der Vorsitzende am Kopfende des langen Tisches erhob sich. dreizehn Minuten und acht Sekunden. Die Stimmung . Links und rechts standen in regelmäßigen Abständen nackte Männer und Frauen aus Stein. »unsere Lage ist ernst. Im großen Sitzungssaal tagten die grauen Herren des Vorstandes. Sie huschte rasch noch hindurch. Alle beteiligten Agenten mußten dabei unvermeidlich ihren eigentlichen . welche die Decke zu tragen schienen.war allgemein gedrückt. Das Kind folgte der Schildkröte. und jeder rauchte seine kleine graue Zigarre. dann schlug das gewaltige Tor mit leisem Donner hinter ihr zu. daß sie alle spiegelnde Glatzen hatten. »WIR SIND DA« stand auf dem Rückenpanzer der Schildkröte. wurde ein vielstimmiges musikalisches Ticken und Schnarren und Klingen und Schnurren von drinnen hörbar.Da Momo nicht besonders schnell lesen konnte. und die kleine Tür fiel hinter ihnen ins Schloß.soweit man bei diesen Herren überhaupt von so etwas wie Stimmung reden konnte . als sie fertig war. daß ungeahnte neue Möglichkeiten des Zeitgewinns sich ergeben hatten. aber unabänderlichen Tatsachen bekannt zu machen. die vor ihr herkrabbelte. durch den langen Gang.

meine Herren. Aus diesen beiden Minusposten ergibt sich ein Zeitverlust. daß unsere Zeit-Speicher schon so gewaltige Vorräte beherbergen. der nach ganz exakten Berechnungen dreimilliardensiebenhundertachtunddreißigmillionenzweihundertneunundfünfzigtausendeinhundertvierzehn Sekunden beträgt. Denn da es den Bereich der Zeit verlassen konnte. Wir alle wissen. der dem dritten gegenübersaß. »sind nicht unerschöpflich ! Wenn die Jagd sich wenigstens gelohnt hätte ! Allein. Wir müssen der Tatsache ins Auge sehen. Ich werde mich jeder weiteren Unternehmung von derartig kostspieligen Ausmaßen auf das entschiedenste widersetzen. Etwas Ähnliches ist bisher noch nie geschehen. Es scheint mir jedoch völlig unnötig. »Unsere Zeit-Speicher. die uns und unserer Sache höchst gefährlich werden können. nicht verschleudern! Ich bitte Sie also. ergriff nun ein vierter Redner. Dieses Kind ist kein gewöhnliches Kind. aber ich muß es nun doch in aller Deutlichkeit aussprechen: Wir gehen fortwährend um den heißen Brei herum. rief er mit erhobener Stimme.« Der Redner setzte sich selbstgefällig lächelnd. alle weiteren Pläne in diesem Sinne zu fassen.« Er setzte sich und stieß dicke Rauchwolken aus. Was ist für uns schon ein Menschenleben? Wahrhaftig eine Kleinigkeit! Dennoch stimme ich mit unserem verehrten Vorsitzenden darin überein. »Ich halte die beruhigenden Worte. »Ich will mich kurz fassen«. Und es wird zurückkehren!« Er setzte sich. aus dem Bereich der Zeit geflohen! Wir sind es los. beweist keineswegs. daß es uns nie wieder schaden wird. Mehr habe ich nicht zu sagen. daß es über Fähigkeiten verfügt. Meine Herren. Wachsamkeit ist geboten ! Wir dürfen uns nicht eher zufriedengeben. das ist doch vollkommen erreicht'! Das Mädchen ist verschwunden. Ich habe alle Möglichkeiten exakt . daß eine fremde Macht sich in diese Angelegenheit eingemischt hat. Aber ein Vorfall wie der mit dem Mädchen Momo ist völlig einmalig. Nun erhob sich ein dritter Redner in der Mitte des langen Tisches. als dieses Kind unschädlich machen? Nun. Danke.und Sicherheitsschlössern an der Stirnseite des Saales in der Wand. daß uns das Mädchen Momo entkommen ist. meine Herren«. für unverantwortlich. Erregtes Flüstern ging durch die Reihen. Ich denke. daß es sich nicht wiederholen kann. es handelt sich um völlig nutzlos vertane Zeit ! Das Mädchen Momo ist uns entkommen. Meine Herren. welche während der Suche von unseren Agenten selbst verbraucht worden ist. daß selbst ein Vielfaches des erlittenen Verlustes uns nicht ernstlich in Gefahr bringen könnte. Wir alle wissen. das Wort. kann es auch jeden Augenblick zurückkehren. Daß der ganze Vorfall bisher einmalig ist. Nichts ist weniger der Fall. Nur so können wir sicher sein.»Meine Herren«. Wir müssen sparen. Zu diesem Ausfall kommt jedoch noch die Zeit. und alle Gesichter wandten sich ihm zu. »Meine Herren«. Die anderen Herren des Vorstandes zogen die Köpfe ein und saßen geduckt da. wir können mit diesem Ergebnis zufrieden sein. und es ist höchst unwahrscheinlich. »uns allen liegt das Wohlergehen unserer Zeit-Spar-Kasse gleichermaßen am Herzen. Nun erhob sich ein zweiter Redner am anderen Ende der langen Tafel. Schließlich hat der Herr Vorsitzende mit Recht getadelt.« Er machte eine Pause und wies mit großer Gebärde auf eine riesige Stahltür mit vielfachen Nummern. Von einigen Seiten war schwacher Beifall zu hören. »entschuldigen Sie. sagte er. daß es je ein zweites Mal geschehen wird. die wir eben gehört haben. ein zweites Mal darf so etwas einfach nicht mehr geschehen. erklärte er mit verkniffenem Gesicht. das ist mehr als ein ganzes Menschenleben ! Ich brauche wohl nicht erst zu erklären. daß wir uns von der ganzen Angelegenheit beunruhigen lassen oder gar so etwas wie eine Katastrophe daraus machen.Daseinszweck. daß sich etwas Derartiges nicht wiederholen sollte. vernachlässigen. Aber was wollten wir denn mehr.nämlich Zeit einzubringen. was das für uns bedeutet. als bis wir dieses Kind wirklich in unserer Gewalt haben.

Ein fünfter Redner sprang auf seinen Stuhl und fuchtelte wild mit den Händen. sind gegen uns gerichtet. nicht ganz schicklich ist.nein. als seien sie geschlagen worden.Sogenannte dieses Kind nicht nur einfach zurückschickt. Mühsam verschaffte sich ein sechster Redner Gehör. Dann wird es eine tödliche Gefahr für uns werden. was wir wirklich tun können ! Keiner von uns weiß. alles. Und diese Gründe. nachdem sich das Gemurmel gelegt hatte. beträgt genau 1:42 Millionen. »Meine Herren«. »daß dem Mädchen Momo geholfen worden ist. daß jener. Ein solches Vorgehen wäre sparsam. sagen wir einmal. Kurzum. Sie alle wissen. es ist praktisch ausgeschlossen. »aber meine Herren. dann hat er seine Gründe dafür. sagte er immer wieder beschwichtigend. ich muß Sie doch bitten. aber wir wollen und müssen klar sehen ! Wenn jener . andere hatten die Hände vors Gesicht geschlagen. daß die Nennung dieses Namens — nun. wir müssen damit rechnen. was wir dagegen tun sollen ! Er sagt. »wir denken nur immerfort darüber nach. kühle Vernunft zu bewahren. Aber das ist ja auch gar nicht nötig. womit jener Sogenannte das Mädchen Momo gegen uns ausrüsten wird ! Wir werden einer uns völlig unbekannten Gefahr gegenüberstehen. »Alles spricht dafür«. allerlei katastrophale Möglichkeiten anzudeuten.« Bei diesem Namen zuckten die meisten der grauen Herren zusammen.wie auch immer ausgerüstet — von jenem Sogenannten zurück. wir sollen zu jedem Opfer bereit sein — nun gut! Wir sollen zum Äußersten entschlossen sein . andere sprangen auf und begannen heftig gestikulierend durcheinanderzuschreien. Aber offenbar weiß er selbst nicht. »ich bitte Sie dringend. Aber Furcht ist ein schlechter Ratgeber. Gestehen wir es nur. ja . Ruhe!« schrie er. begann er. Wir haben doch genügend Helfershelfer unter den Menschen ! Wenn wir diese in unauffälliger und geschickter Weise einsetzen. »Aber meine Herren«. alle redeten durcheinander.nun gut ! Wir sollen nicht sparsam mit unseren Vorräten umgehen . die Zeit eines Menschenlebens ein zweites Mal zu opfern oder ein Vielfaches davon . Mit anderen Worten. wir müssen. »Der Herr Vorredner beschränkt sich leider darauf.« Ein aufgeregtes Raunen ging durch die Reihen der Vorstandsmitglieder. daß ein Menschenkind lebend und aus eigener Kraft den Bereich der Zeit verlassen kann. ich wiederhole. meine Herren.« Die Aufregung unter den grauen Herren nahm zu. Wir selbst sind zu einer solchen Begegnung nicht besonders gut geeignet — wie uns ja das betrübliche Geschick unseres inzwischen aufgelösten AgentenBLW/553/c so eindringlich vor Augen führt. so brauchen wir uns doch überhaupt nicht persönlich zum Kampf stellen. dann können wir das Mädchen Momo und die mit ihm verbundene Gefahr aus der Welt schaffen. Wir müssen also nicht nur bereit sein. das liegt wohl auf der Hand.Sogenannte dem Mädchen Momo geholfen hat. wir lassen uns da eine große.nun gut ! Aber das alles sind doch nur leere Worte ! Er soll uns doch sagen. wenn sich nicht am oberen Ende des Tisches ein siebenter Redner zu Wort gemeldet hätte. Mir scheint nämlich. ohne selbst in Erscheinung zu treten. manche hieben mit den Fäusten auf den Tisch ein. wie wir das Mädchen Momo loswerden können.durchgerechnet. Es kostet mich selbst Überwindung. Das ist doch das Problem. Es handelt sich um jenen sogenannten Meister Hora. meine Herren. Das ist jetzt das Wichtigste. sich zu beherrschen. von wem ich rede. sondern daß er es obendrein noch gegen uns ausrüsten wird. bis endlich Stille eintrat. Alles schrie durcheinander. Ich weiß so gut wie Sie alle. »Ruhe. sich unserem Zugriff zu entziehen. wenn es sein muß. »Bitte.« Ein Aufatmen ging durch die Menge der Vorstandsmitglieder. Wahrscheinlich wäre er sofort angenommen worden. meine Herren. alles einsetzen! Denn in diesem Fall könnte uns jegliche Sparsamkeit verdammt teuer zu stehen kommen. meine Herren!« rief der vierte Redner mit ausgebreiteten Armen. Dieser Vorschlag leuchtete ihnen allen ein. Ich denke. Panikstimmung hatte alle ergriffen. das es zu lösen gilt!« Der Lärm im Saal steigerte sich zum Tumult. das Mädchen Momo kommt . Sie verstehen. Nehmen wir ruhig einmal an. und es wäre zweifellos wirksam. fuhr der Redner fort. Die Wahrscheinlichkeit. was ich meine. meine Herren. es wäre für uns gefahrlos. die Furcht treibt uns dazu.

meine Herren!« Der Redner setzte sich. mein Bester«. Wir können doch nicht an das Kind herankommen.« »Aber dann«. Ich bin sicher.« Ein Seufzer der Enttäuschung ging durch die lange Reihe der Vorstandsmitglieder.das würde uns ja ein Vermögen kosten!« »Wohl kaum«.« »Ein Versprechen«.« . es wäre ein ständiger kleiner Verlust.« »Nein. was aus ihr würde.«»Wieso?« »Aus dem einfachen Grund. »wir müßten ihr nur natürlich etwas bieten. Der Herr machte eine kleine Verbeugung zum Vorsitzenden und fuhr fort: »Dieses Mädchen ist angewiesen auf seine Freunde. daß wir sehr schnell mit ihm fertig werden würden. sagte der sechste Redner schließlich.einmalige Gelegenheit entgehen. rief einer. warum versuchen wir nicht. »es geht nicht. . Es ist zwecklos. um ihre Zeit mit ihr zu teilen? Da das Mädchen freiwillig unsere Pläne nicht unterstützen wird.« »Dann müssen wir sie ihr eben zuerst wegnehmen«. »Trotzdem«. »Mit Ihrer Erlaubnis?« »Sie haben das Wort«. . ihre Zeit anderen zu schenken. ihr selbst soviel Zeit zu versprechen. Bedenken Sie die ungeheuren Vorteile. wir hätten auf einen Schlag die gesamte Zeit aller Menschen in unserer Gewalt ! Und wer die Zeit der Menschen besitzt. sagte der Vorsitzende. Das ist es ja gerade. den soll man sich zum Freunde machen. sagte der Vorsitzende müde. das sie im Überfluß besitzt. »wird sie niemals mitmachen! Das ist ganz undenkbar!« »Dessen würde ich nicht so sicher sein. fuhr der Redner fort. wenn einfach niemand mehr da wäre. mein Bester«. wie sie will . aber bedenken Sie doch. erwiderte der neunte Redner. schrie ein anderer gestikulierend. dann brauchen wir hinfort nicht mehr mühsam Stunden. »Ich hätte einen Vorschlag«. was wir dafür bekommen würden ! Die Zeit aller Menschen! Das Wenige. mischte sich nun ein neunter Redner in die Debatte. sollten wir uns einfach an ihre Freunde halten. das Mädchen Momo auf unsere Seite zu ziehen?« »Hört. Sie liebt es. sie mit etwas bestechen zu wollen. Ein Sprichwort sagt: Wen man nicht besiegen kann. bedenken Sie. das sie verlockt. »erklären Sie das genauer!« »Es liegt doch auf der Hand«. meldete sich ein zehnter Redner. hört!« riefen einige Stimmen. Nun. der hat unbegrenzte Macht! Meine Herren. beschwichtigte der Redner. rief der andere dazwischen. weil dieses Mädchen leider sowieso schon soviel Zeit hat. es könnte uns diesen Weg führen ! Dann können wir auf unsere Weise mit dem Sogenannten verhandeln. und alle bedachten die Vorteile. »an das wir uns selbstverständlich nicht halten würden!« »Selbstverständlich doch!« erwiderte der neunte Redner und lächelte eisig. nein !« schrie der Vorsitzende und schlug mit der Hand auf den Tisch. »Ach. »daß dieses Kind tatsächlich den Weg zu dem Sogenannten gefunden hat. »das kann ich nicht dulden ! Wenn wir ihr tatsächlich so viel Zeit geben. »Denn wenn wir es nicht ehrlich mit ihr meinen. »daß man das Mädchen Momo nicht anlügen kann ! Denken Sie doch an den Agenten BLW/553/c ! Jeder von uns würde das gleiche Schicksal erleiden!« »Wer spricht denn von Lügen?« antwortete der Redner. wir wären am Ziel! Und dazu könnte uns das Mädchen Momo nützen. Ich denke da zum Beispiel daran. »wir drehen uns im Kreis. müßten wir eben als Spesen auf das Unkostenkonto buchen. nein. wie es nur will. den wir von Anfang an vergeblich gesucht haben ! Das Kind könnte also vermutlich jederzeit wieder hinfinden. dann wird sie es heraushören. Minuten und Sekunden zu raffen. »Wir werden ihr natürlich unseren Plan offen mitteilen. Aber überlegen wir einmal. das Sie alle beseitigen wollen!« Totenstille hatte sich im Saal ausgebreitet. »Wieviel kann ein einzelnes Kind schon ausgeben? Gewiß. »Aber Sie wissen doch«. den Weg. wie sie nur haben will. das Momo davon verbrauchen könnte. Und wenn wir erst einmal an seiner Stelle sitzen.

daß sie uns den bewußten Weg führen wird. ja. Gewaltige Säulen trugen eine Decke. kam von unzähligen Kerzen. sogar ein Fluch ! Früher oder später wird sie es nicht mehr ertragen. keine große Sache! Wir werden einfach alle diese Personen so von ihr abziehen. die sie regelmäßig aufsuchen. Sie standen und lagen auf langen Tischen. Noch höher droben war ein zweiter Rundgang. den sie je gesehen hatte. Triumphierendes messerdünnes Lächeln lag auf ihren Lippen. das diesen unermeßlichen Raum durchwebte. Ich wette tausend Jahre gegen eine Zehntelsekunde. kam von unzähligen Uhren jeder Gestalt und Größe. angefangen von gewöhnlichen Zimmerstanduhren bis hinauf zu richtigen Turmuhren. Und überall hingen. darüber noch einer und noch einer. Sie klatschten Beifall und das Geräusch hallte wider in den endlosen Gängen und Nebengängen. die eben so niedergeschlagen dreingeblickt hatten. die überall aufgesteckt waren und deren Flammen so reglos brannten. wo die Zeit herkommt Momo stand in dem größten Saal. meine Herren. Fenster gab es keine. Uhren aus Holz und Uhren aus Stein. Sanduhren. Das goldene Licht. in Glasvitrinen. ZWÖLFTES KAPITEL Momo kommt hin. um zu strahlen. als seien sie mit leuchtenden Farben gemalt und brauchten kein Wachs zu verzehren. zu dem eine Wendeltreppe emporführte. welche die Zeit für jeden Punkt der Erde anzeigten.Er zog aus seiner Aktentasche einen Ordner und schlug ihn auf: »Es handelt sich vor allem um einen gewissen Beppo Straßenkehrer und einen Gigi Fremdenführer. Und an den Wänden hingen alle Sorten von Kuckucksuhren und anderen Uhren mit Gewichten und schwingenden Perpendikeln. die man hoch droben im Halbdunkel mehr ahnte als sah. In der Mitte des Saales erhob sich ein ganzer Wald von Standuhren. gläserne Uhren und Uhren. Was wird ihr ihre viele Zeit dann noch bedeuten? Eine Last. Sie sehen. Dann wird die arme kleine Momo völlig allein sein. In Höhe des ersten Stockwerks lief ein Rundgang um den ganzen Saal. Da gab es auch Weltzeituhren in Kugelform. daß sie sie nicht mehr erreichen kann. meine Herren. Er war größer als die riesigste Kirche und die geräumigste Bahnhofshalle. Mond und Sternen. ein Uhr-Wald sozusagen. gewöhnliche Blechwecker. Und dann. manche. nur um ihre Freunde zurückzubekommen. Da gab es winzige edelsteinverzierte Taschenührchen. die langsam und gravitätisch gingen und andere. auf goldenen Wandkonsolen und in endlosen Regalen. und kleine und große Planetarien mit Sonne. Sonnenuhren. Und dann ist hier noch eine längere Liste von Kindern. hoben ihre Köpfe. Das tausendfältige Schnurren und Ticken und Klingen und Schnarren. welches Momo bei ihrem Eintritt vernommen hatte. lagen und standen Uhren. deren winzige Perpendikelchen emsig hin und her zappelten. . Spieluhren mit tanzenden Püppchen darauf. werden wir zur Stelle sein und unsere Bedingungen stellen. die durch einen plätschernden Wasserstrahl getrieben wurden. « Die grauen Herren. daß es sich anhörte wie eine Steinlawine.

sie zu nützen. es gibt manchmal im Lauf der Welt besondere Augenblicke«.« Meister Hora schüttelte lächelnd den Kopf. so daß etwas geschehen kann. wo die Linien sich überschnitten. »Hier bin ich!« rief Momo. Er trug eine lange goldbestickte Jacke. diamantenbesetzte Taschenuhr aus der Weste und ließ deren Deckel aufspringen. daß ich mich dir vorstelle. »sie ist schon da? Wo ist sie denn?«Er zog eine kleine Brille hervor. als sie plötzlich eine freundliche Stimme sagen hörte: »Ah. kleine Momo. und blickte sich suchend um. einander zum Tanz die Hand reichten. ein wenig verspätet-in der Mode. Kassiopeia! Hast du mir denn die kleine Momo nicht mitgebracht?« Das Kind drehte sich um und sah in einer Gasse zwischen den Standuhren einen zierlichen alten Herrn mit silberweißem Haar. »Nun.noch immer zur Schildkröte gebeugt . Ich bin Meister Hora — Secundus Minutius Hora. und sein silberweißes Haar war am Hinterkopf zu einem kleinen Zopf geflochten.« »Was ist denn eine Sternstunde?« fragte Momo. ein Frauchen und ein Männchen. »Was sagst du ?« fuhr jetzt der alte Herr . Gestatte. Eben wollte sie ihnen mit dem Finger einen kleinen Stups geben. Als er schließlich vor ihr stand. An den Stellen. auf der zwei winzige Figuren. feine Spiralen. sondern es war ein gleichmäßiges. Aber wenn es jemand gibt.« »Hast du mich wirklich erwartet?« fragte Momo erstaunt. Momo ging umher und betrachtete mit großen Augen all die Seltsamkeiten . Der alte Herr kam mit erfreutem Lächeln und ausgestreckten Händen auf sie zu. Und während er das tat. nur war diese aus Gold. weiße Strümpfe und Schuhe mit großen Goldschnallen darauf. und so gehen die Sternstunden oft unbemerkt vorüber. Aber es war kein unangenehmer Lärm. schien es Momo. bis zu den fernsten Sternen hinauf. der sie erkennt. die man vor zweihundert Jahren getragen hatte. der dadurch entstand.« »Vielleicht«. Leider verstehen die Menschen sich im allgemeinen nicht darauf. ob sie sich dadurch bewegen würden.Ununterbrochen schlug oder klingelte irgendwo ein Spielwerk. Sie stand. »Du bist sogar ungewöhnlich pünktlich gekommen«. »Die Uhr allein würde niemand nützen. in ganz einmaliger Weise zusammenwirken. Als er Momos erstaunten Blick sah. aber jemand. runzelte die Stirn und sagte: »Oh. was weder vorher noch nachher je möglich wäre.« Er klappte die Uhr wieder zu und steckte sie in die Westentasche. blauseidene Kniehosen. hätte sofort erkannt. »Dies«. die der alte Beppo hatte. gerade vor einer reichverzierten Spieluhr. mit dem sie seine Erscheinung musterte. »Aber gewiß doch ! Ich habe dir doch eigens meine Schildkröte Kassiopeia geschickt. um zu sehen. sagte Meister Hora. summendes Rauschen wie in einem Sommerwald.« . der weniger unwissend gewesen wäre als sie. daß es eine Mode war.« Er zog eine flache. schaute er nachdenklich an sich hinunter.fort. immer jünger und jünger wurde. An den Handgelenken und am Hals kamen Spitzen aus der Jacke hervor. meinte Momo. als ob er mit jedem Schritt. denn von allen diesen Uhren zeigte jede eine andere Zeit an. erklärte Meister Hora. Momo hatte eine solche Tracht noch nie gesehen. »ist eine Sternstunden-Uhr. der sich niederbückte und die Schildkröte anblickte. daß alle Dinge und Wesen.aber ich habe mich. meine ich. ähnlich der. stellte er lächelnd fest und hielt ihr die Uhr hin. »herzlich willkommen im Nirgend-Haus. Man muß sie auch lesen können. Wie unaufmerksam von mir ! Ich werde das sofort korrigieren. ihre beiden Hände ergriff und herzlich schüttelte. sah er kaum älter aus als Momo selbst. um dich abzuholen. »wo es sich ergibt. da bist du ja wieder. den er näherkam. sondern nur zwei feine. die in entgegengesetzter Richtung übereinanderlagen und sich langsam drehten. »Willkommen!« rief er vergnügt. »braucht man dazu eben so eine Uhr. Momo sah. glaube ich. Sie zeigt zuverlässig die seltenen Sternstunden an und jetzt eben hat eine solche angefangen. leuchteten manchmal winzige Pünktchen auf. dann geschehen große Dinge auf der Welt. die vor ihm auf dem Boden saß. daß auf dem Zifferblatt weder Zeiger noch Zahlen waren.

»So ist es richtig. wie man ihn heutzutage trägt. daß es der Hunger vieler Jahre war. dazu Teller. und nun endlich stand er in einem gewöhnlichen Straßenanzug. vor dem Kind. Und so köstlich. Das Frühstück ist bereit.Er schnippte mit den Fingern und stand im Nu in einem Bratenrock mit hohem Stehkragen vor ihr. weshalb er beim Zusehen nach und nach wieder älter aussah. mit Butter und Honig bestrichen. und nun trug er plötzlich eine Kleidung.« »Warum?« fragte Momo. nebst dazu passenden Polsterstühlen. bis er wieder ein Mann mit weißen Haaren war. »Warum«. Aber schließlich war Momo doch satt. Er selbst aß nur wenig. Und vielleicht war das der Grund. nicht wahr?« sagte er und zwinkerte Momo zu. »Nun.« »Wollen sie mir denn was tun?« erkundigte sich Momo erschrocken. Es war ihr. ohne an irgend etwas anderes zu denken. Aber als er Momos nun erst recht verwundertes Gesicht sah. Er verstand. »das kann man wohl sagen. Auch Semmeln. und ich hoffe. blickte sie über den Rand ihrer goldenen Tasse hinweg prüfend ihren Gastgeberin und begann zu überlegen. antwortete Meister Hora ernst. alles aus blankem Gold. fuhr er gleich fort: »Aber natürlich nicht! Wo habe ich nur meine Gedanken!« Und er schnippte abermals. hatte ihr überhaupt noch nie etwas geschmeckt. desto besser schmeckte es ihr. »Ich hoffe nur. Es war nur ein kleiner Spaß von mir. strich er die Brötchen und legte sie ihr auf den Teller. seufzte Meister Hora. wie diese hier. die man trinken konnte. In einer Ecke stand ein Tischchen mit geschwungenen Beinen und ein zierliches Sofa. sie zunächst nicht durch Gespräche zu stören. denn es war die Mode. Daß es Schokolade gab. Die Schildkröte folgte ihnen und blieb etwas zurück. Merkwürdigerweise wich durch dieses Essen auch alle Müdigkeit von ihr. Meister Hora schaute ihr dabei freundlich zu und war taktvoll genug. das muß doch herauszukriegen sein! Warte. gehörten zu den größten Seltenheiten in ihrem Leben. Du hast einen langen Weg hinter dir. die erst in hundert Jahren getragen werden wird. knusprige Semmeln. als könne sie tagelang so weiteressen. mein kleiner Gast. daß Momo mit dem Messer nicht gut zu Rande kam. »Ja. sozusagen nur zur Gesellschaft. obgleich sie doch die ganze Nacht keinen Augenblick geschlafen hatte. Daß er niemand Gewöhnlicher war. greif tüchtig zu!« Das ließ sich Momo nicht zweimal sagen. »Auch nicht?« erkundigte er sich bei Momo. den sein Gast stillen mußte. In einem Körbchen lagen goldbraune. wer und was er wohl sein mochte. beim Orion.« Er schnippte zum dritten Mal mit den Fingern. der durch die Rückwände einiger riesiger Uhrenkästen gebildet wurde. Kind«. So war sie zunächst einmal ganz und gar von diesem Frühstück in Anspruch genommen und schmauste mit vollen Backen. Der Pfad verlief wie in einem Irrgarten kreuz und quer und mündete schließlich in einem kleinen Raum. Auf dem Tischchen stand eine dickbauchige goldene Kanne. »hast du mich denn von der Schildkröte holen lassen?« »Um dich vor den grauen Herren zu schützen«.« Er nahm sie bei der Hand und führte sie mitten in den Uhr-Wald hinein. in einem Schüsselchen befand sich goldgelbe Butter und in einem anderen Honig. Momo. Je länger sie aß. der schlechthin wie flüssiges Gold aussah. . aber bis jetzt wußte sie eigentlich noch nicht mehr von ihm als seinen Namen. hatte sie bisher noch nicht einmal gewußt. Auch hier war alles von dem goldenen Licht der reglosen Kerzenflammen erleuchtet. »Ist es so besser?« fragte er zweifelnd. fragte sie und setzte die Tasse ab. ich versuch's nochmal. es wird dir schmecken. hatte sie natürlich gemerkt. wie weder Momo noch sonst irgend jemand sie je gesehen hat . ich habe dich nicht erschreckt. Löffelchen und Messer. Als er merkte. Meister Hora schenkte aus der dickbauchigen Kanne in beide Tassen Schokolade und sagte mit einladender Gebärde: »Bitte. liebes Mädchen. zwei kleine Tassen. »Sie suchen dich überall und du bist nur hier bei mir vor ihnen sicher. Aber nun darf ich dich vielleicht erst einmal zu Tisch bit-ten. Während sie ihre Schokolade austrank. sie fühlte sich frisch und munter.

Das ist doch schon etwas wert. Kassiopeia?« fragte er lächelnd. was wirklich geschehen wird. »hat sie sonst niemand gelesen. »Willst du einmal durchgucken?« . Du hast einen von ihnen dazu gebracht.« »Manchmal doch«. Eure Plakate und Inschriften haben mich außerordentlich beeindruckt. fuhr Meister Hora fort. und sie kennen mich. scheint's. »Was meinst du. »Verzeihung«. antwortete Meister Hora. »Wenn sie mich überall suchen. »Doch. »ganz so einfach ist die Sache leider nicht. dann geht sie einfach einen anderen Weg?« »Nein«. antwortete Meister Hora.»Sie fürchten dich«. sagte Meister Hora und wurde dabei wieder zusehends jünger. »das ist aber praktisch! Und wenn sie vorher weiß. verbesserte sich Meister Hora. »Woher weißt du das eigentlich alles«.« »Aber die grauen Herren. Nicht viel. »Kassiopeia«. sich zu verraten. Und du hast es deinen Freunden erzählt. ob sie beispielsweise den grauen Herren begegnen wird oder nicht. etwas vorher zu wissen. »kann nämlich ein wenig in die Zukunft sehen. Dagegen könnte sie nichts machen.besuchen sie dich manchmal?« Meister Hora lächelte. die inzwischen wieder zu seinen Füßen saß.« »Ach«. sagte Momo verwundert. »So habe ich eben auch dich und deine Freunde beobachtet. »Alle«. Wieder nickte Meister Hora und seufzte: »Ich kenne sie.« »Ich hab' ihnen nichts getan«.« Meister Hora nahm die Schildkröte. »und Wort für Wort!« »Leider«. da und da würde sie den grauen Herren begegnen. aber immerhin so etwa eine halbe Stunde. findest du nicht?« Momo schwieg. Glaubst du. ich«. Dafür haben die grauen Herren gesorgt. dann würde sie ihnen eben auch begegnen. »denn du hast ihnen das Schlimmste angetan. was sie vorher weiß. was sie von dieser merkwürdigen Antwort halten sollte. daß man förmlich glaubte.« Momo wußte nicht recht.« »Das versteh' ich nicht«. meinte Momo etwas enttäuscht. »Hätten sie euch kriegen können?« Auf dem Rückenpanzer erschienen die Buchstaben »NIE!«. Sie weiß mit Sicherheit vorher.« Momo dachte eine Weile nach. »Warst du schon oft bei ihnen?« »Nein. »Um aber wieder auf dich und deine Freunde zu kommen«. was jeweils in der nächsten halben Stunde sein wird. »das mit unseren Plakaten und den grauen Herren?« »Ich beobachte sie ständig und alles was mit ihnen zusammenhängt«. Und wir sind auch ganz langsam gegangen. daß sie den und den Weg gehen und dabei den grauen Herren nicht begegnen würde. Selbst wenn sie den Weg bis zur Niemals-Gasse wüßten. »muß ich dir mein Kompliment machen. ein Gekicher zu hören. um sie dir zu Todfeinden zu machen?« »Aber wir sind doch mitten durch die Stadt gegangen. Deshalb weiß sie natürlich auch. erklärte Meister Hora. Ihr wolltet sogar allen Leuten die Wahrheit über die grauen Herren mitteilen. erklärte Meister Hora. kleine Momo. meinte Momo. leider. meinte Momo. auf den Schoß und kraulte sie am Hals. die Schildkröteun u. Wenn sie also wüßte. erwiderte Meister Hora. und sie flimmerten so lustig. sagte Momo. dann hätten sie mich doch ganz leicht kriegen können. aber sie wollte gern etwas mehr über ihn erfahren.« Er nahm seine kleine goldene Brille ab und reichte sie Momo. »Keine Sorge.« »Hast du sie denn gelesen?« fragte Momo erfreut. Ihre Gedanken verwickelten sich wie ein aufgegangenes Fadenknäuel. »in deinem Fall zum Beispiel wußte sie.« »GENAU!« erschien auf dem Rückenpanzer. »ich habe doch meine Allsicht-Brille. noch nie. erklärte Meister Hora. was es für sie gibt. Ich verlasse das Nirgend-Haus niemals.« Meister Hora nickte bedauernd. da und da begegnet sie den grauen Herren. Aber sie wissen ihn nicht. An dem. Die Erklärung Meister Horas beruhigte sie zwar. Hier herein können sie nicht kommen. kann sie nichts ändern. »dann nützt es doch gar nichts.« »Kennst du sie gut?«"forschte Momo. daß das nicht ausreicht. denn sie weiß ja nur das. »genau eine halbe Stunde. »Ja.« »Aber du gehst doch nie aus dem Haus?« »Das ist auch nicht notwendig«. ich meine . begann sie wieder.

»Du weißt ja. fuhr er nach einer Weile fort. doch willst du sie unterscheiden. hörte sie Meister Horas Stimme. so siehst du nur wieder . meinte Momo. Die Wenigsten können es lösen. damit es geschehen kann. Dann blickte sie weiter hinaus und sah andere Gruppen in den Straßen der Stadt. »sie können nicht begreifen. aus dem sie gekommen sind. ließ Spielwerke laufen. um den es sich handelt. Und auch das genügt.« »Das ist gut«. erwiderte Meister Hora. Sofort wurde das Bild klar. die aufgeregt gestikulierend miteinander redeten und sich eine Botschaft zuzurufen schienen. daß sie von der Lebenszeit der Menschen existieren. sie zu beherrschen. während sie weiterguckte. »Weil sie von etwas Totem ihr Dasein fristen«. »das geht einem am Anfang so. mit der Allsicht-Brille zu sehen.« »Ich bin gespannt«. daß du ihnen entkommen bist. weil die Menschen ihnen die Möglichkeit geben. »aber es ist sehr schwer. bleibt sie lebendig. blinzelte. Der zweite ist nicht da. Das genügt schon.« »Und wo kommen sie her?« »Sie entstehen. Momo sah zuerst die Gruppe der grauen Herren mit den drei Autos am Rand jenes Stadtteils mit dem seltsamen Licht. der Kleinste der drei. Lichtern und Schatten. ihre Wagen zurückzuschieben. Der erste ist nicht da. Denn jeder Mensch hat seine Zeit. »Sie reden von dir«.« Er stand auf. »O ja. Nur der dritte ist da.« »Und wenn sie keine Zeit mehr stehlen könnten?« »Dann müßten sie ins Nichts zurück.« Meister Hora nahm Momo die Brille ab und steckte sie ein. Aber diese Zeit stirbt buchstäblich. Und doch gibt's den dritten. Er nahm Momo bei der Hand und führte sie in den großen Saal hinaus. während sie weitergingen. nur weil sich der erst' in den zweiten verwandelt. Es wurde ihr geradezu schwindelig davon.Momo setzte sie auf. Momo. damit es geschieht. »Komm. antwortete Meister Hora. Das ist das Schlimme.« »Aber was sind sie dann?« »In Wirklichkeit sind sie nichts. sehr gern!« antwortete Momo. führte ihr Weltzeituhren und Planetarien vor und wurde angesichts der Freude. Denn willst du ihn anschaun. Hör' gut zu: Drei Brüder wohnen in einem Haus. Und nur so lang sie wirklich die seine ist. antwortete Meister Hora. »laß' mir meine Zeit von niemand wegnehmen!« »Ich will es hoffen«.« »Ich«. erklärte Meister Hora. die sein kleiner Gast an all den wunderlichen Dingen hatte. die sehen wahrhaftig verschieden aus. denn ohne ihn gäb's nicht die anderen zwei. zu entstehen.« Jetzt sah er plötzlich wieder wie ein alter Mann aus. allmählich wieder jünger.« Denn sie sah nur einen Wirbel von lauter verschwommenen Farben. »ob du es herauskriegen wirst. schielte und sagte: »Ich kann überhaupt nichts erkennen. trat hinter Momos Stuhl und legte beide Hände sacht an die Bügel der Brille auf Momos Nase. wenn sie von ihrem wahren Eigentümer losgerissen wird. Dort zeigte er ihr diese und jene Uhr. er kommt erst nach Haus. »Weißt du eines?« »Ja«. er ging schon hinaus. »Löst du eigentlich gern Rätsel?« fragte er beiläufig. Und nun geben die Menschen ihnen auch noch die Möglichkeit.« »Warum sehen sie eigentlich so grau im Gesicht aus?« wollte Momo wissen. sagte Meister Hora und blickte Momo lächelnd an. Es ist nicht ganz einfach. sagte Momo entschlossen. Aber du wirst dich gleich dran gewöhnen. gleicht jeder den anderen beiden.« »Dann sind die grauen Herren also gar keine Menschen?« »Nein. ich will dir meine Sammlung zeigen. Sie waren gerade dabei. »Aber leider«. »Ja«. »haben sie schon viele Helfershelfer unter den Menschen. »dann werde ich es mir merken und später meinen Freunden aufgeben. sie haben nur Menschengestalt angenommen.

« Momo hatte die Worte auf dem Panzer der Schildkröte natürlich gesehen und begann nun nachzudenken. Was war es denn. der da ist. ohne daß er hingeguckt hatte. Was gab es denn. »das ist aber wirklich schwer. ihre Namen mir nennen. Da standen zum Beispiel die Kerzen mit den reglosen Flammen. gab sie zu.Was ist denn der dritte? Er ist der kleinste der drei. Und ohne es gab's nicht die anderen zwei. Was für drei Brüder gab es überhaupt. was gemeint sein könnte. Kassiopeia«. was Kassiopeia wußte? Sie wußte.»Still. Sie wußte . Ja. Wird Momo das Rätsel lösen?« »SIE WIRD!« erschien auf Kassiopeias Rückenpanzer. was es sein könnte. Ich hab' keine Ahnung.keiner? Und kannst du. »Aber jetzt«. Aber es ging doch nicht. was sich ineinander verwandelt? Momo schaute sich um. so wirst du drei mächtige Herrscher erkennen. Aber Kassiopeia hatte ja gesagt. Aber das ergab keinen Sinn. sie würde die Lösung finden. denn sie waren ja alle drei da. jedenfalls Sachen von der gleichen Art. er ging schon hinaus -das ist dann die Vergangenheit!« Wieder nickte Meister Hora und lächelte erfreut.« Meister Hora schaute Momo an und nickte aufmunternd. Sie konnte und konnte einfach keine Spur finden. er kommt erst nach Haus . da stimmte schon vieles. »Und der zweite«. »nicht einsagen! Momo kann es ganz allein. »du wirst es lösen. die zusammen in einem Haus wohnten? Daß es sich dabei nicht um Menschen handelte. daß man immer einen der anderen Brüder sieht. die sie weitergeführt hätte. mein Kind. Und es hieß doch. Auf ihrem Rücken erschienen die Worte: »DAS. Aber es ging doch nicht ! Denn ein Samenkorn konnte man doch sehr gut anschauen. zu Momo gewandt. »Ich kann's nicht«. fuhr Momo fort.« »Versuch's nur«. In Rätseln waren Brüder immer Apfelkerne oder Zähne oder so was. daß die Schildkröte ihr zuzwinkerte. »Der erste ist nicht da. Und zwei davon sollten ja nicht da sein. Was wußte sie also noch? Sie wußte immer alles. . »jetzt wird es schwierig. sah sie. Also war es vielleicht so etwas wie Blüte. wiederholte sie nun das Rätsel langsam und Wort für Wort. wo ich anfangen soll. daß Momo das Rätsel lösen würde. was geschehen würde. Kassiopeia !« sagte Meister Hora schmunzelnd.«. aber ohne ihn gäb's nicht die anderen zwei. . Frucht und Samenkorn. Sie begann also noch einmal von vorn und murmelte die Worte des Rätsels langsam vor sich hin. das waren drei Brüder. Sie saß neben Meister Hora und guckte Momo aufmerksam an. . Aber hier waren es drei Brüder. Das Samenkorn war das kleinste von den dreien. WAS ICH WEISS!« und erloschen gleich wieder.« Sie überlegte und rief plötzlich: »Das ist jetzt ! Dieser Augenblick ! Die Vergangenheit sind ja die . . heißt es. »du weißt doch alles eine halbe Stunde voraus. die sich irgendwie ineinander verwandelten. Inzwischen war die Schildkröte nachgekommen. »Hui!« seufzte sie dann. Sie hatte gespannt zugehört. . Da verwandelte sich das Wachs durch die Flamme in Licht.das ist die Zukunft!« Meister Hora nickte. war klar. tatsächlich. Ja. sagte Meister Hora. »Siehst du !« meinte Meister Hora. Ich weiß überhaupt nicht. »ist nicht da. Und wenn es da war. sagte Meister Hora. Dann schüttelte sie den Kopf. Und er ist der einzige. waren die beiden anderen nicht da. »Die Zukunft!« rief Momo laut. er kommt erst nach Haus . Als sie zu der Stelle kam: »Der erste ist nicht da. meinte Momo nachdenklich.immer einen der anderen Brüder! Nun sage mir: Sind die drei vielleicht einer? Oder sind es nur zwei? Oder ist es gar . »Nun.« Momo zog ihre Stirn kraus und begann wieder angestrengt nachzudenken. wenn man den kleinsten der drei anschauen will. Da sie ein ausgezeichnetes Gedächtnis hatte. Momos Gedanken irrten umher. Momo murmelte noch einmal das ganze Rätsel vor sich hin. Sie regieren gemeinsam ein großes Reich und sind es auch selbst! Darin sind sie gleich. Kassiopeia irrt sich nie.

Es gibt sie doch. Aber anfassen kann man sie nicht. weil es ja jeden bloß gibt. »ja. »Und nun sag mir auch noch. warum Meister Hora sich so darüber freute. Sie fuhr fort: »Aber was bedeutet das. antwortete Momo. dieser Augenblick — wenn ich darüber rede. aber Momo war noch immer in Gedanken bei dem Rätsel. Vielleicht ist es mit der Zeit auch so. . meinte Momo. »Nein. »das ist jedenfalls sicher.sie muß doch irgend etwas sein. die kommen ! Also gäb's beide nicht. Ihr Blick wanderte über die tausend und abertausend Uhren.»Sag mal«. daß sie das Rätsel gelöst hatte. ganz leise. weil sie immer da ist. was das heißt: »Denn willst du ihn anschaun. »das hast du sehr schön gesagt. »Bravo!« rief nun Meister Hora und klatschte ebenfalls in die Hände. die dem Gedanken noch weiter nachhing. »was ist denn die Zeit eigentlich?« »Das hast du doch gerade selbst herausgefunden«. Was ist sie denn wirklich?« »Es wäre schön«. das die drei gemeinsam regieren und das sie zugleich selber sind?« Momo schaute ihn ratlos an.« Sie schwieg verwirrt und fügte dann hilflos hinzu: »Ich meine. wenn es die anderen auch gibt ! Da dreht sich einem ja alles im Kopf!« »Aber das Rätsel ist noch nicht zu Ende«.« Momo überlegte lange. aber geklungen hat sie ganz tief in mir drin. Und festhalten auch nicht. ist er ja schon wieder Vergangenheit! Ach.« »Ich weiß«. Aber dann gibt's ja den Augenblick eigentlich gar nicht. weil man meinen kann. weil sich die Zukunft in Vergangenheit verwandelt!« Sie schaute Meister Hora überrascht an. Oder eben gar keinen. was das Haus ist. jetzt versteh' ich. Ach. Und . Vielleicht ist sie so was wie ein Duft? Aber sie ist auch etwas. alles zusammen? Sie schaute in dem riesigen Saal umher. ich hab' sie schon manchmal gehört. sagte Meister Hora. »Was ist denn das große Reich. fragte sie schließlich. Das ist ja richtig!« Momos Backen begannen vor Eifer zu glühen. Sie gingen weiter durch den Uhrensaal und Meister Hora zeigte ihr noch andere. um den es sich handelt. was jetzt kommt? Und doch gibt's den Dritten. Momo ! Du verstehst dich aufs Rätsellösen ! Das hat mir wirklich Freude gemacht!« »Mir auch !« antwortete Momo und wunderte sich im stillen ein wenig. Gegenwart und Zukunft. das ist wahrscheinlich alles Unsinn.gewesenen Augenblicke und die Zukunft sind die. Also muß sie auch irgendwo herkommen. »Das ist die Welt«. so siehst du nur wieder immer einen der anderen Brüder !< Und jetzt versteh' ich auch das übrige. seltene Dinge. . das immerzu vorbeigeht. »wenn du auch das selbst beantworten könntest. nickte Meister Hora.« »Aber es muß noch was anderes dabei sein«. sagte Meister Hora. so wie die Wellen auf dem Wasser durch den Wind entstehen. sondern bloß Vergangenheit und Zukunft? Denn jetzt zum Beispiel. »Sie ist da«. Obwohl. oder nur Vergangenheit und Zukunft. daß es die Gegenwart nur gibt. murmelte sie gedankenverloren. nur weil sich der erst' in den zweiten verwandelt. Vielleicht ist sie so was wie der Wind? Oder nein ! Jetzt weiß ich's ! Vielleicht ist sie eine Art Musik. ich glaub'. daß es überhaupt nur einen von den drei Brüdern gibt: nämlich die Gegenwart. was ich rede!« »Ich finde«. und plötzlich blitzte es in ihren Augen. wenn es die Gegenwart nicht gäbe. erklärte Momo. antwortete Meister Hora. Das heißt also. ich meine«. Was konnte das wohl sein? Was war denn Vergangenheit. »deswegen konnte ich dich ja zu mir rufen. »Die Zeit!« rief sie und klatschte in die Hände. »Meinen Respekt. »Das stimmt ja ! Daran hab' ich noch nie gedacht. das ist die Zeit! Die Zeit ist es!« Und sie hüpfte vor Vergnügen ein paar Mal. »die Musik ist nämlich von weither gekommen. in dem die drei Brüder wohnen!« forderte Meister Hora sie auf. die man bloß nicht hört. »die Zeit selbst . sagte Meister Hora.

« Sie erinnerte sich an ihren Weg durch die Niemals-Gasse. fragte Momo. Dort gehst du wieder hinaus. aber dann schien es ihr mehr und mehr. jedem Menschen die Zeit zuzuteilen. das kann ich nicht«. zu schlagen?« fragte Momo. Und wenn sie keine Angst mehr vor ihm hätten. in der sie alles rückwärts erlebt hatte und sie fragte: »Bist du der Tod?« Meister Hora lächelte und schwieg eine Weile. erwiderte Meister Hora. sagte Momo. die ihnen Angst machen. ist so verloren. darüber müssen sie selbst bestimmen. »Meinst du ?« fragte Meister Hora. »Ich werde dich hinführen«. die ich ihnen zuteile. um das Licht zu sehen. ja?« »Nein. um Klänge zu hören. Man darf nichts fragen und nichts sagen. Dann deckte er ihr mit der Hand die Augen zu und es fühlte sich an wie leichter. »Ich sage es ihnen mit jeder Stunde. Momo«. um damit die Zeit wahrzunehmen.« Momo blickte sich im Saal um. Aber ich fürchte. Sie müssen sie auch selbst verteidigen. die nichts wahrnehmen. »daß die Zeit-Diebe den Menschen keine Zeit mehr stehlen können?« »Nein. die du manchmal schon ganz leise gehört hast. Aber dann gehörst du dazu. Sie wollen lieber denen glauben. die durch die Zeit zurückgeht. Sie sind nur höchst unvollkommene Nachbildungen von etwas. wo die Zeit herkommt?« »Ja«. sagte sie leise. »machst du sie selbst?« Meister Hora lächelte wieder. Da beugte Meister Hora sich zu ihr herunter. wie die Farben des Regenbogens für einen Blinden oder das Lied eines Vogels für einen Tauben. durch alle deine Tage und Nächte. »Nein. Und alle Zeit.« Momo blickte ihn ehrfürchtig an. dann fragte er: »Möchtest du sehen. Versprichst du mir das?« Momo nickte stumm. bis du zu dem großen runden Silbertor kommst. obwohl sie schlagen. Denn so wie ihr Augen habt. du selbst bist es. die ihm bestimmt ist. als ob Meister Hora mit ihr durch einen langen dunklen Gang schritte. hob sie hoch und nahm sie fest in seine Arme. »Aber an jenem Ort muß man schweigen. kühler Schnee. mein Kind.« »Und wenn mein Herz einmal aufhört. »Aber das kannst du wohl noch nicht verstehen?« »Doch«. Momo war es.« »Könntest du es dann nicht ganz einfach so einrichten«. wo die Musik herkommt. »ich glaube schon. dann fragte sie: »Hast du dazu die vielen Uhren? Für jeden Menschen eine. »diese Uhren sind nur eine Liebhaberei von mir. Er schien ihr auf einmal sehr groß und unaussprechlich alt. als sei es in Wirklichkeit der Widerhall von Meister Horas Schritten. dann hätten sie keine Angst mehr vor ihm. und Ohren. das jeder Mensch in seiner Brust hat. was der Tod ist. sagte Meister Hora. du bist selbst ein Ton darin. antwortete Meister Hora. Aber sie fühlte sich ganz geborgen und hatte keine Angst. die nicht mit dem Herzen wahrgenommen wird. »denn was die Menschen mit ihrer Zeit machen. Monate und Jahre. flüsterte sie. so habt ihr ein Herz.«Er blickte Momo prüfend an. Er blickte Momo lange an. sie wollen es gar nicht hören. der auf ihr Gesicht fiel. mein Kind. »Oh«. dann könnte niemand ihnen mehr die Lebenszeit stehlen. Man könnte auch sagen. Meister Hora nickte langsam.« »Ich hab' keine Angst«. »Dann«. sondern wie ein uralter Baum oder wie ein Felsenberg. durch das du einst hereinkamst.deshalb will ich dir nun ein Geheimnis anvertrauen: Hier aus dem Nirgend-Haus in der Niemals-Gasse kommt die Zeit aller Menschen. Aber es gibt leider blinde und taube Herzen. Du wanderst durch dein Leben zurück.« »Dann braucht man es ihnen doch bloß zu sagen«. Meine Pflicht ist es. ehe er antwortete: »Wenn die Menschen wüßten. erwiderte Meister Hora. Das ist auch ein Rätsel. Ich kann sie ihnen nur zuteilen. Anfangs meinte sie. das Pochen ihres eigenen Herzens zu hören. »hört auch die Zeit für dich auf.« »Und was ist auf der anderen Seite?« »Dann bist du dort. aber nicht wie ein alter Mann. ich bin nur der Verwalter. schlug Momo vor. . sagte Momo leise.

Sie war ganz und gar anders als die vorhergehende Blüte. schaute sie zu. daß jede neue Blume immer ganz anders war als alle vorherigen. ein einziges Wunder! Momo hätte am liebsten laut geweint. daß auch diese Vollkommenheit anfing. die ihr so groß schien wie das ganze Himmelsgewölbe.Es war ein langer Weg. und die Herrlichkeit verging und löste sich auf und versank. daß die herrliche Blüte anfing zu verwelken. das sie Meister Hora gegeben hatte. Allmählich begriff Momo. begann abermals eine Knospe aufzusteigen und sich allmählich zu entfalten. daß sie unter einer gewaltigen. Momo empfand es so schmerzlich. Dicht über dem Wasser funkelte etwas in der Lichtsäule wie ein heller Stern. Sie duftete ganz anders. Aber sie erinnerte sich an das Versprechen. Momo hatte nie geahnt. sah Momo. welches über dem schwarzen Spiegel hin. wie Blüte um Blüte entstand und wieder verging. Hoch oben in der Mitte war eine kreisrunde Öffnung. Goldene Dämmerung umgab sie. Sein Gesicht war nahe vor dem ihren. Der Duft allein schien ihr wie etwas. wie Momo noch nie zuvor eine gesehen hatte. als sei diese hier noch viel reicher und kostbarer. Dann richtete er sich auf und trat zurück. gewahrte Momo zu ihrer Bestürzung. Blatt für Blatt. Es bewegte sich mit majestätischer Langsamkeit dahin. die allerschönste zu sein schien. Auch auf der Gegenseite war das Pendel nun einen Schritt weiter gewandert. daß es eine noch viel herrlichere Blüte war. durch die eine Säule von Licht senkrecht herniederfiel auf einen ebenso kreisrunden Teich. Auch ihre Farben hatte Momo noch nie zuvor gesehen. langsam wanderte das Pendel zurück auf die Gegenseite. Je näher das Pendel kam. Ein Blatt nach dem anderen löste sich und versank in der dunklen Tiefe. . langsam wieder zurück. hatte die herrliche Blüte sich vollkommen aufgelöst. und eine neue Blume stieg aus den dunklen Wassern auf. die da aufzubrechen begann. Sie schien aus nichts als leuchtenden Farben zu bestehen. sondern es war um ein kleines Stück weitergewandert. was es war. Es schwebte und schien ohne Schwere zu sein. Diese Blüte war nun die allerschönste.Doch dann schwang das Pendel langsam. Gleichzeitig aber begann auf der gegenüberliegenden Seite eine Knospe aus dem dunklen Wasser aufzusteigen. Und als das Pendel sich dieser nun langsam näherte. Immer rund um den Teich wandernd. er blickte sie groß an und hatte den Finger an die Lippen gelegt. und Momo erkannte ein ungeheures Pendel. viel herrlicher. als ob etwas Unwiederbringliches für immer von ihr fortginge.und zurückschwang. um sie aus der Nähe zu betrachten. Und dort. Langsam. Das Sternenpendel hielt eine Weile über der Blüte an. einen Schritt neben der ersten Stelle. Und während es sich ganz allmählich entfernte. hinzuwelken und in den dunklen Tiefen zu versinken. aber es erreichte nun nicht mehr dieselbe Stelle wie vorher. dessen schwarzes Wasser glatt und reglos lag wie ein dunkler Spiegel. und daß ihr jeweils diejenige. Dies war die Blüte aller Blüten. wonach sie sich immer gesehnt hatte. desto weiter öffnete sie sich. wie es Momo schien. Als das Pendel über der Mitte des schwarzen Teiches angekommen war. Es war eine Blüte von solcher Herrlichkeit. die gerade blühte. Das Kind ging um den Teich herum. aber es schien ihr. Nach und nach erkannte Momo. Aber wieder kehrte das Sternenpendel um. Als das Sternenpendel sich nun langsam immer mehr dem Rande des Teiches näherte. tauchte dort aus dem dunklen Wasser eine große Blütenknospe auf. bis sie schließlich voll erblüht auf dem Wasserspiegel lag. ohne zu wissen. und schwieg still. Aber es war nirgends aufgehängt. als könne sie dieses Schauspiels niemals müde werden. und je länger Momo sie betrachtete. um so mehr wundervolle Einzelheiten entdeckte sie. Und es war ihr. vollkommen runden Kuppel stand. und Momo versank ganz und gar in den Anblick und vergaß alles um sich her. als sie sehen mußte. in den unergründlichen Tiefen des schwarzen Teiches. daß es diese Farben überhaupt gab. Und diese riesige Kuppel war aus reinstem Gold. aber schließlich setzte er Momo ab.

« »Wie lang darf ich denn bei dir bleiben?« . etwas. Wieder legten sich seine Hände schneeleise auf ihre Augen. die ihre eigenen. das sie anblickte und zu ihr reckte ! Und es überkam sie etwas. Und Momo vernahm immer deutlicher. Stimmen aus undenkbaren Fernen und von unbeschreibbarer Mächtigkeit. . Aber dann wurde das Brausen mächtiger. so daß Momo nun nach und nach Worte hörte. Aber es waren keine menschlichen Stimmen. flüsterte Momo. Momo ahnte.Aber nach und nach wurde sie gewahr. bis es dem eines Wasserfalls glich oder dem Donnern der Meereswogen gegen eine Felsenküste. Und mit gewöhnlichen Augen kann man ihn nicht sehen. der ihr schweigend mit der Hand winkte. die aus der Mitte der Kuppel herniederstrahlte. Die Lichtsäule. sagte sie schließlich. »Meister Hora«. »Was du gesehen und gehört hast. wer sich von mir tragen läßt. Worte einer Sprache.« sie suchte nach dem richtigen Wort und konnte es nicht finden — »so groß ist«. desto deutlicher konnte sie einzelne Stimmen unterscheiden. sich wandelten und immerfort andere Harmonien bildeten. unausdenkbar großes Gesicht. In jedem Menschen gibt es diesen Ort. Momo«. »ich hab' nie gewußt. Es war nur deine eigene Zeit. als ob Gold und Silber und alle anderen Metalle sangen. ihre wirklichen Namen offenbarten. Es waren Sonne und Mond und die Planeten und alle Sterne. er nahm sie auf den Arm. daß dieses Tosen aus unzähligen Klängen bestand. antwortete er. flüsterte Momo wieder. wenn sie unter dem funkelnden Sternenhimmel der Stille lauschte. Und dann tauchten. Immer deutlicher wurden sie. Und auf einmal begriff Momo. die sich untereinander ständig neu ordneten. das jede der Blüten in anderer. Es war Musik und war doch zugleich etwas ganz anderes. den man fern in den Wipfeln der Bäume hört. an dem du eben warst. Stimmen ganz anderer Art auf. daß alle diese Worte an sie gerichtet waren ! Die ganze Welt bis hinaus zu den fernsten Sternen war ihr zugewandt wie ein einziges. so wie von Wind. daß dieses klingende Licht es war. das sie bisher nicht bemerkt hatte. was sie tun und wie sie alle zusammenwirken. daß die Zeit aller Menschen so .Je länger sie zuhörte. und sie verbarg ihr Gesicht an seiner Brust. sondern es klang. In diesem Augenblick sah sie Meister Hora. Aber dort hinkommen kann nur. »das kann jetzt noch nicht sein. »das war nicht die Zeit aller Menschen. Als sie wieder in dem kleinen Zimmer zwischen den Uhren waren. war nicht nur zu sehen . .Momo begann sie nun auch zu hören ! Anfangs war es wie ein Rauschen. »Meister Hora«. »darf ich meine Freunde auch zu dir bringen?« »Nein«. jede in einmaliger und unwiederholbarer Gestalt aus den Tiefen des dunklen Wassers hervorrief und bildete. Und plötzlich erkannte Momo sie wieder: Es war die Musik. um jede einzelne dieser Stunden-Blumen entstehen und wieder vergehen zu lassen. das größer war als Angst. sagte Meister Hora und strich ihr sanft über ihr struppiges Haar. gleichsam dahinter. die sie manchmal leise und wie von fern gehörte hatte. Aber nun wurden die Klänge immer klarer und strahlender.« »Aber wo war ich denn?« »In deinem eigenen Herzen«. bettete er sie auf das zierliche Sofa. und es wurde dunkel und still und sie fühlte sich geborgen. antwortete Meister Hora. Und in diesen Namen lag beschlossen. Er ging mit ihr den langen Gang zurück. Sie stürzte auf ihn zu. die sie noch nie vernommen hatte und die sie doch verstand. daß hier immerwährend noch etwas anderes vorging.

»Bis es dich selbst zu deinen Freunden zurückzieht. was die Sterne gesagt haben?« »Du darfst es. »Dann schlafe«. allen! Ich möchte ihnen die Stimmen vorsingen können.«»Warten macht mir nichts aus. sagte Meister Hora und strich ihr über die Augen. das in der Erde schläft einen ganzen Sonnenkreis lang. Willst du das?« »Ja«. flüsterte Momo. dann würde alles wieder gut werden. Momo.« »Aber darf ich ihnen erzählen.« »Warum nicht?« »Dazu müßten die Worte dafür in dir erst wachsen. dann mußt du warten können. bis die Worte in dir gewachsen sein werden. wie ein Samenkorn.« »Wenn du das wirklich willst. Aber du wirst es nicht können. Ich glaube.« »Warten. Kind. ehe es aufgehen kann. So lang dauert es. . »schlafe!« Und Momo holte tief und glücklich Atem und schlief ein.« »Ich möchte ihnen aber davon erzählen. mein Kind.

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DRITTER TEIL: DIE STUNDEN-BLUMEN .

die diese Worte sprachen -doch mit dieser Erinnerung selbst war etwas Wunderbares geschehen ! Momo fand in ihr nun nicht mehr nur das. an den Stadtteil mit dem seltsamen Licht und den blendend weißen Häusern. Und während sie das tat. Momo fröstelte und zog sich ihre viel zu große Jacke enger um den Leib. wo sie war. so deutlich sogar. Sie mußte sich eine Weile besinnen. Aber vor allem erinnerte sie sich an das Erlebnis unter der goldenen Kuppel.DREIZEHNTES KAPITEL Dort ein Tag und hier ein Jahr Momo erwachte und schlug die Augen auf. daß sie die Melodien mitsummen konnte. formten sich Worte in ihr. was sie gesehen und . an die Niemals-Gasse. an die Schokolade und die Honigbrötchen. um die nie zuvor geschaute Farbenpracht der Blüten wieder vor sich zu sehen. War sie denn nicht vor wenigen Augenblicken noch im Nirgend-Haus bei Meister Hora gewesen? Wie kam sie denn so plötzlich hierher? Es war dunkel und kühl. Worte. an jedes einzelne Wort ihrer Unterhaltung mit Meister Hora und an das Rätsel. daß sie sich auf den grasbewachsenen Steinstufen des alten Amphitheaters wiederfand. an den Saal mit den unzähligen Uhren. an die nächtliche Wanderung durch die große Stadt hinter der Schildkröte her. Sie brauchte nur die Augen zu schließen. Mond und Sternen klangen ihr noch immer im Ohr. Über dem östlichen Horizont dämmerte eben das erste Morgengrauen auf. Ganz deutlich erinnerte sie sich an alles. was sie erlebt hatte. die wirklich den Duft der Blüten und deren niegesehene Farben ausdrückten ! Die Stimmen in Momos Erinnerung waren es. Und die Stimmen von Sonne. Es verwirrte sie.

schwarzen Augen und fraß dann geruhsam weiter. »Der letzte wirkliche Geschichtenerzähler«. ja sogar mitsingen zu können. Momo setzte sich auf die steinernen Stufen und freute sich auf Beppo. ihn selbst als Sehenswürdigkeit zu präsentieren. denn sie stapfte weiter. die Worte müßten erst in ihr wachsen ! Oder war am Ende alles nur ein Traum gewesen ? War das alles gar nicht wirklich geschehen? Aber während Momo noch überlegte. Gigi und die Kinder. Gigi hatte natürlich nichts dagegen einzuwenden. Sie konnte nicht wissen. ach. Schildkröte«. Momo brauchte nur aufmerksam in sich hinein zu lauschen. war die Antwort. Er erzählte wie immer. stand da. daß sie ganz vergeblich auf ihre Freunde wartete. »die mich heute nacht zu Meister Hora geführt hat?« Wieder keine Antwort. sagte Momo. die da ganz gemächlich nach eßbaren Kräutern suchte! Rasch kletterte Momo zu ihr hinunter und hockte sich neben sie auf den Boden. Das also hatte Meister Hora gemeint. geradewegs in die aufgehende Sonne hinein. war auf dem Panzer zu lesen. Kassiopeia? Warum bist du nicht bei Meister Hora geblieben. konnte sie deren Bedeutung verstehen. »Ich wollte dich ja nicht stören. sondern mit mir gekommen?« » MEIN WUNSCH!« stand auf dem Rückenpanzer. ich hab' den Namen vergessen. »also bist du nur eine gewöhnliche Schildkröte und nicht die . nicht war?« »WER DENN SONST?« »Aber warum hast du mir denn zuerst nicht geantwortet?« »ICH FRÜHSTÜCKE«. sagte Momo. »Schade«. Es war ein schöner Name. Die Schildkröte hob nur kurz den Kopf. die man nicht versäumen dürfe. »Vielen Dank«. sondern mehr und immer noch mehr. Die Reisenden wurden in Autobussen . die jedesmal voller von Münzen und Geldscheinen war. »das ist lieb von dir. »Entschuldige!« erwiderte Momo. musterte das Kind mit ihren uralten. Außerdem wurde berichtet. sah sie unten auf dem runden Platz in der Mitte etwas krabbeln. Es hatte damit begonnen. »Ja !« rief sie und klatschte in die Hände. murmelte sie. Keine Antwort erschien auf dem Rückenpanzer. kurz nach dem Tag. als ob die Vögel und die Grillen und die Bäume und sogar die alten Steine diesmal ihr zuhörten. als er gesagt hatte. aber lang und seltsam. Sie lauschte wieder auf die Musik. Damit schien für die Schildkröte die Unterhaltung zunächst beendet. Ich hab' ihn noch nie vorher gehört. . in ihrem Inneren zu klingen. Wie aus einem unerschöpflichen Zauberbrunnen stiegen tausend Bilder von Stunden-Blumen auf. wie es kommt. »daran kann ich mich gar nicht erinnern. murmelte Momo.« »KASSIOPEIA!« stand plötzlich in schwach leuchtenden Buchstaben auf dem Panzer der Schildkröte. Momo entzifferte es entzückt.gehört hatte. Und es schien ihr. was ihm gerade einfiel und ging anschließend mit seiner Mütze herum. um diese nachsprechen. Und bei jeder Blume erklangen neue Worte. die Gigi sehen und hören wollten. daß sie sehr lange fort gewesen war und daß die Welt sich inzwischen verändert hatte. um ihr unterbrochenes Frühstück fortzusetzen. Mit Gigi Fremdenführer hatten die grauen Herren es vergleichsweise leicht gehabt. Ich möchte nur gern wissen. wo und wann man ihn treffen könne.« »BITTE«. daß etwas vor einem Jahr. Und obwohl sie ganz allein war und kein Mensch ihr zuhörte. »Warst du es«. und er sei eine Attraktion. Und du. Sie konnte nicht wissen. das ihm zusätzlich noch eine feste Summe bezahlte für das Recht. «das war der Name ! Dann bist du's ja doch? Du bist Meister Horas Schildkröte. sang sie immer lauter und beherzter die Melodien und die Worte mit. . Daraufhin kamen immer häufiger Leute zu dem alten Amphitheater. Von geheimnisvollen und wunderbaren Dingen war da die Rede. Es war eine Schildkröte. Bald wurde er von einem Reiseunternehmen angestellt. aber indem Momo die Worte nachsprach. daß ich auf einmal wieder hier bin?« »DEIN WUNSCH!« erschien als Antwort. daß sie für lange Zeit keine anderen Zuhörer mehr finden würde. an dem Momo plötzlich spurlos verschwunden war. die nicht aufhörte. Momo seufzte enttäuscht. »Guten Morgen. ein längerer Artikel über Gigi in der Zeitung erschien. fragte Momo. »Sonderbar«.

Denn nun war er doch reich und berühmt -. In seiner Angst. Und als auch das nicht mehr genügte. »Laß das sein!« sprach die Stimme. Anfangs hatte Gigi einige ernstliche Versuche gemacht. sozusagen aschengraue Stimme sprach zu ihm. Er hatte nun drei tüchtige Sekretärinnen. und er verdiente eine Menge Geld. die nur für Momo bestimmt gewesen waren. nur mit neuen Namen und ein bißchen verändert. Und als er die letzte erzählt hatte. dort wo alle reichen und berühmten Leute wohnten. der Erfolg könne ihn wieder verlassen. dessen Stimme Gewicht hatte und auf den Millionen hörten. die für ihn Verträge abschlössen. und er fühlte gleichzeitig eine Kälte in sich aufsteigen.« »Wer ist da?« fragte Gigi.herbeigeschafft und schon nach kurzer Zeit mußte Gigi einen regelrechten Stundenplan einhalten. ihn zu hören. sehnte er sich zurück nach dem anderen Leben. wenn nicht er. sie wiederzufinden. Gelegenheit fanden. und war es nicht das gewesen. Nach wenigen Monaten hatte er es nicht mehr nötig. denn seine Geschichten hatten keine Flügel mehr. Er begann haushälterisch mit seinen Einfallen umzugehen. daß er leer und ausgehöhlt war und nichts mehr erfinden konnte. um sich Notizen zu seinem Plan zu machen. sich auf sich selbst zu besinnen. Jedenfalls beeinträchtigte es die Nachfrage nicht. »Wir raten es dir im Guten. die aus dem Mark seiner Knochen zu kommen schien. denen er seine Geschichten diktierte. die Momo ganz allein gehörte. Er nannte sich auch nicht mehr Gigi. die dafür bezahlt hatten. tat er eines Tages etwas. beim alten Amphitheater aufzutreten und mit der Mütze herumzugehen. selbst als ihm das doppelte Geld dafür geboten wurde. Und das Erstaunliche war. Doch ehe er noch das erste Wort niedergeschrieben hatte. horchte und erstarrte vor Entsetzen. saß er bereits an seinem großen Schreibtisch. in denen er sich nach seinen alten Freunden sehnte. . damit auch wirklich alle. daß er. Inzwischen wohnte er auch nicht mehr in der Nähe des alten Amphitheaters. die Reklame für ihn machten und seine Termine regelten. Der Rundfunk holte ihn und wenig später sogar das Fernsehen. Aber ein Termin für die Suche nach Momo ließ sich niemals mehr einschieben. Aber dorthin führte kein Weg zurück. obgleich er sich noch immer standhaft weigerte. Er hatte gar keine Zeit mehr dazu. die gleiche Geschichte zweimal zu erzählen.Von dem alten Gigi war nur noch wenig übriggeblieben. später war ihm dazu keine Zeit mehr geblieben. schrillte das Telefon. sondern in einem ganz anderen Stadtteil. Schon damals begann Momo ihm sehr zu fehlen. wo er mit Momo und dem alten Beppo und den Kindern hatte Zusammensein können und wo er wirklich noch zu erzählen verstanden hatte. Man forderte weitere Geschichten von ihm. Wer. denn Momo war und blieb verschwunden. Eine seltsam tonlose. fühlte er plötzlich. daß niemand es zu bemerken schien. Er hatte eine großes modernes Haus gemietet. das er nicht hätte tun dürfen: Er erzählte eine der Geschichten. das mitten in einem gepflegten Park lag. Diesen Entschluß hatte er in einer jener Nächte gefaßt. Dort erzählte er nun dreimal wöchentlich vor Millionen von Zuhörern seine Geschichten. ohne sich zu besinnen. begann er alle seine Geschichten noch einmal zu erzählen. wenn er in seinem Bett mit der seidenen Steppdecke lag. Natürlich hatte er längst aufgehört. Und als die Morgendämmerung kam. daß dies keine erfundene Geschichte sei und daß er alle seine Zuhörer bitte. hintereinanderweg alle Geschichten preisgab. Er war doch nun jemand. Sie wurde ebenso hastig verschlungen wie alle anderen und war sofort wieder vergessen. sondern Girolamo. Gigi war so benommen von diesem Tempo. Er hob ab. Aber eines Tages raffte er dieses wenige zusammen und beschloß. so sagte er sich. konnte den Menschen die Wahrheit sagen ! Er wollte ihnen von den grauen Herren erzählen ! Und er wollte dazu sagen. um der immer noch zunehmenden Nachfrage gerecht zu werden. wovon er immer geträumt hatte? Aber manchmal des Nachts. Aus einem einzigen machte er jetzt manchmal fünf verschiedene Geschichten. wie früher immer neue Geschichten zu erfinden. Daran hielt Gigi sich fest wie ein Ertrinkender an einer Holzplanke. ihm bei der Suche nach Momo zu helfen.

aber du gehörst uns schon längst mit Haut und Haar. wie er gekommen ist. Ich bin nicht mehr der kleine. unbekannte Gigi Fremdenführer. kannst du doch sehr schön weitermachen wie bisher!« »Ja«. es wird dir nicht gut bekommen. Er begann seine Tätigkeit zu hassen. dann lassen wir die Luft wieder aus dir heraus. im Gegenteil. Und so wurden seine Geschichten immer alberner oder rührseliger. was du jetzt bist?« »Ja. »Du bist niemand«. sagte er. antwortete Gigi mit erstickter Stimme. Berühmt bist du mit unserer Hilfe für deine Flunkereien. wenn dir so viel daran liegt. Er hatte alles verloren. Wir werden ja sehen. armer Gigi. Sag nur. »Darüber zerbrich dir nicht deinen niedlichen Wirrkopf ! Ihr kannst du nicht mehr helfen .« »Das ist nicht wahr!« stammelte Gigi. wo ich das alles weiß. sagte die Stimme. daß dein schöner Erfolg genau so schnell vorbei sein wird. zum Hampelmann seines Publikums. Ach nein. wenn du versuchst. ja?« Gigi nahm all seinen Mut zusammen. und er wußte es. »Nein«. ja? Erzähle den Leuten lieber weiterhin das. Für die Wahrheit bist du nicht zuständig. die dir alle deine Träume erfüllt haben. »du bist und bleibst ein Phantast. Aber Gigi hatte keine Freude daran. Früher hatte ihn seine Phantasie ihre schwebenden Wege geführt und er war ihr unbekümmert gefolgt. Er fiel vornüber auf die Platte seines großen Schreibtisches und verbarg das Gesicht in seinen Armen. man nannte es einen neuen Stil. was sie von dir hören wollen!« »Wie soll ich das machen?« brachte Gigi mit Anstrengung hervor.« »Ich gebe dir einen guten Rat: Nimm dich selbst nicht so ernst. und auch Gigi hängte ein. Er wußte ja nun. Natürlich mußt du das selbst entscheiden. flüsterte Gigi und starrte vor sich hin. ob ihr es mit mir aufnehmen könnt.Aber wenn du uns Ärger machst.« Die Stimme lachte tonlos. und Gigi begannen plötzlich die Zähne aufeinanderzuschlagen. Ein lautloses Schluchzen schüttelte ihn. Er wurde große Mode. du wüßtest das nicht!« »Was wollt ihr von mir?« »Was du dir da vorgenommen hast. wem er das alles verdankte. sagte die Stimme. du solltest uns dankbar sein. »so betrachtet. Früher warst du Prinz Girolamo in der Maske des armen Schluckers Gigi. Ist es denn nicht viel angenehmer. »ausgerechnet du willst uns mit der Wahrheit kommen? Du hattest doch früher immer so viele schöne Sprüche von wegen wahr und nicht wahr. den Helden zu spielen und dich zu ruinieren. daß du es dir und deinem unbedeutenden Talent zu verdanken hast. ist. reich und berühmt zu sein?« »Doch«. und viele versuchten ihn nachzuahmen. Ich bin jetzt ein großer Mann. »Wir haben dich gemacht. denn schließlich waren wir es doch. Aber du kannst nicht von uns erwarten. »Armer kleiner Gigi«. Das einzige. Sei brav und laß es bleiben. Und was bist du nun ? Der arme Schlucker Gigi in der Maske des Prinzen Girolamo.schon gar nicht. Aber das tat seinem Erfolg nicht etwa Abbruch. Du bist eine Gummipuppe. erwiderte Gigi heiser. dich auf die Wahrheit zu berufen. daß wir weiterhin unsere schützende Hand über dich halten. Von diesem Tag an hatte Gigi alle Selbstachtung verloren. wenn du so undankbar bist. Du hast zwar bisher noch nicht persönlich das Vergnügen mit uns gehabt.laß uns aus dem Spiel. antwortete die Stimme. Aber nun log er ! Er machte sich zum Hanswurst. »Na. »Jetzt. So betrachtet. was du damit erreichen wirst.» Dann klickte es im Hörer. Oder glaubst du im Ernst.. indem du nun diese Geschichte über uns erzählst. aber er fühlte sich dabei wie ein Betrüger. Und das war er ja auch. .. Es kommt wirklich nicht auf dich an. »Das ist Lüge!« »Du liebe Zeit!« antwortete die Stimme und lachte wieder tonlos. Trotzdem.»Das weißt du ganz gut«. siehst du! Also . Darum laß es sein!« »Was habt ihr mit Momo gemacht?« flüsterte Gigi. »Wir brauchen uns wohl nicht vorzustellen. Wir haben dich aufgeblasen . das gefallt uns nicht. das glaube ich«. »ich lasse es nicht bleiben. Er hatte nichts gewonnen. Er gab seinen Plan auf und machte weiter wie bisher. Wir wollen dich nicht abhalten.

. »Und wie weiter?« . der immer noch weiterschrieb. erwiderte Beppo. wo er ging und stand. als daß die Grauen sie gefangenhalten.« Er ging also zur nächsten Polizeiwache. Aber da wohnt sie ja nun nicht mehr. »worum handelt es sich denn?« »Es handelt sich«. wann immer seine Arbeit es ihm erlaubte. Vielleicht kann ich auch dafür sorgen. Beppo brauchte eine Weile. »Sie wünschen?« fragte der Polizist. »das heißt.« »Nein. antwortete Beppo. ja.»erstaunlich fruchtbar«. in der Momo verschwunden war. Ich will Ihnen ja helfen. Momo und wie weiter? Den ganzen Namen. »Immer noch besser«. So war aus dem Träumer Gigi der Lügner Girolamo geworden. Aus so einem Heim ist sie schon mal ausgerissen und kann es wieder tun. .« »Augenblick mal«. Und als er es schließlich nicht mehr aushaken konnte.« »So?« fragte der Polizist. aber so kann man keine Anzeige aufsetzen. wie Sie selbst heißen. sagte der Polizist.. »wenn ich richtig verstehe. Er war-wie in allen Zeitungen stand. »um unsere Momo. dann wohnte bis jetzt in der Ruine da draußen ein vagabundierendes kleines Mädchen namens . ». er flog mit den schnellsten Flugzeugen und er diktierte unaufhörlich. »sie stecken Momo wieder in solch ein Heim mit Gittern vor den Fenstern. Der Polizist kratzte sich unter dem Kinn und blickte Beppo bekümmert an. daß so was verboten ist? Wo kämen wir denn da hin! Bei wem wohnt das Kind?« »Bei sich«. der gerade damit beschäftigt war. im alten Amphitheater und wartete. stellte der Polizist seufzend fest. mein Guter. »Wo ist das Kind denn gemeldet?« »Gemeldet?« fragte Beppo. Viel schwerer war es den grauen Herren geworden. Seine Sorge und Unruhe wuchs von Tag zu Tag. »Na. »Wessen Kind ist es denn? Wer sind seine Eltern?« »Das weiß niemand«. die Gigi vorgebracht hatte. sagte Beppo. mit dem alten Beppo Straßenkehrer fertig zu werden. Nach jener Nacht. Sie ist weg. wie sagten Sie?« »Momo«. den Sekretärinnen seine alten Geschichten im neuen Gewand. Der Polizist begann alles aufzuschreiben. ehe er hervorbrachte: »Es muß da nämlich etwas Schreckliches geschehen sein. ich denke. antwortete Beppo. »Also so geht das nicht.« »Beppo«. daß sie gar nicht erst 'reinkommt. Nun sagen Sie mir erst mal. sagte Beppo verwirrt.« »Ist es Ihr Kind?«»Nein«. sagte Beppo. ein kleines Mädchen. bei uns. sagte er sich.« »Ein Kind?« »Ja. Eine Weile stand er noch vor der Tür herum und drehte seinen Hut in den Händen. Wir kennen es alle. das heißt ja!« sagte der Polizist ärgerlich. ein langes und schwieriges Formular auszufüllen. antwortete Beppo.Aber er raste weiter mit dem Auto von Termin zu Termin. bitte!« »Momo und nichts weiter«. beschloß er trotz aller berechtigten Einwände. im alten Ampitheater. aber der Vater bin ich nicht. die am Stadtrand lag. . namens Momo. »Wissen Sie. Falls sie überhaupt noch am Leben ist.« »Also nicht gemeldet«. Aber erst muß man sie jetzt finden. saß er. zur Polizei zu gehen. dann faßte er sich ein Herz und ging hinein. »das heißt.

Und der alte Beppo begann.Der Polizist beugte sich vor und rief barsch: »Hauchen Sie mich mal an!« Beppo verstand diese Aufforderung nicht. man schickte ihn freundlich nach Hause. »Ich habe zwar überhaupt keine Zeit. »Verschwinden Sie auf der Stelle. Die Szenen. daß sie auf solche Ammenmärchen hereinfällt?« »Ja«. er zuckte die Schultern. bitte!« sagte Beppo. schloß er. unterschieden sich kaum von der ersten. und das ist von so einer Art Gespenster. »Betrunken sind Sie offenbar nicht. »Alles. angefangen von Momos Auftauchen und ihrer besonderen Eigenschaft.« »Nein«. rot vor Verlegenheit. straffte seine Schultern. Der Polizist ließ den Federhalter sinken und vergrub sein Gesicht in den Händen. die er selbst belauscht hatte. »Gott im Himmel !« murmelte er verzweifelt. Jetzt erzählen Sie erst mal der Reihe nach. Ich wollte sagen .« »Warum erzählen Sie mir dann diesen ganzen Unsinn?« fragte der Polizist. »ich hab' es anders gemeint. Und darum soll sich nun die Polizei kümmern?« »Ja. wer weiß wohin entführt worden. ich bin am Rande meiner Kräfte und meiner Nerven-. die es ja bekanntlich nicht gibt. Beppo drehte sich um und ging hinaus. murmelte Beppo. »Und in derselben Nacht«. kleines Mädchen.»Beppo Straßenkehrer. antwortete Beppo arglos. « Dann richtete er sich auf.« Der Polizist blickte ihn lange und gramerfüllt an. die sich dort abspielten.« Er lehnte sich zurück und schloß die Augen mit dem Ausdruck eines Märtyrers. hauchte aber dann gehorsam dem Polizisten ins Gesicht. dessen Existenz man nicht beweisen kann. was zur Sache gehört«. Während der nächsten Tage tauchte er in verschiedenen anderen Polizeistationen auf. antwortete der Polizist. »Jetzt reicht es mir aber!« schrie er mit rotem Kopf. sagte er schließlich. aber lassen Sie sich ruhig Zeit und erzählen Sie. nicht den Beruf!« »Es ist beides«. die ganze Geschichte zu erzählen. »Mit anderen Worten«. murmelte Beppo eingeschüchtert. »ist Momo verschwunden. Man warf ihn hinaus. Der schnüffelte und schüttelte den Kopf. erklärte Beppo geduldig. »Warum muß gerade ich jetzt Dienst haben. um ihn los zu werden .« »Alles?« fragte Beppo zweifelnd. ich muß bis Mittag diesen ganzen Berg von Formularen da ausgefüllt haben. lächelte dem alten Mann aufmunternd zu und sagte mit der Sanftheit eines Krankenpflegers: »Die Personalien können wir ja später aufnehmen. der gerade auf dem Rost gebraten wird. Jetzt riß dem Polizisten endgültig der Geduldsfaden. bis zu den grauen Herren auf der Müllhalde. »Halten Sie die Polizei denn für so blöd. Aber auch das ist nicht sicher. sonst sperre ich Sie wegen Amtsbeleidigung ein!« »Verzeihung«. was Sie auf dem Herzen haben. »bin ich noch nie gewesen. »da war einmal ein höchst unwahrscheinliches. auf seine wunderliche und umständliche Art.« »'raus!« brüllte der Polizist. . was eigentlich war und wie alles gekommen ist.« »Den Namen will ich wissen. . oder man vertröstete ihn. Er sprang von seinem Stuhl auf und hieb mit der Faust auf das lange und schwierige Formular. .

Man wird feststellen müssen. die Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen. Es hängt ganz von Ihnen ab. Jedesmal wenn er fragte. Überlegen Sie sich also in Zukunft. aber wir kommen voran. Und durch Ihre Bemühungen. das Gitter vor den Fenstern hatte. Das wird niemals geschehen. »also denken Sie daran: Völliges Stillschweigen und hunderttausend Stunden. Er begriff. aber angenehm ist es uns trotzdem nicht. Eines Nachts wachte er auf und sah im schwachen Licht der Notbeleuchtung. Sie fuhren mit ihm quer durch die Stadt zu einem großen. Hören Sie mir zu und antworten Sie mir erst. Überlegen sie sich's. wenn ich Sie dazu auffordere ! Sie haben ja nun ein wenig sehen können. wie weit unsere Macht bereits reicht. daß man sie je bei uns finden kann. Aber geben Sie die Hoffnung auf.« Und Beppo. was sie tun und sagen. diese Zeit einzusparen. sie zu befreien. Obgleich sie ihm nie widersprachen. Der Professor und die Krankenpfleger waren freundlich zu ihm. Übrigens haben Sie natürlich völlig recht mit der Annahme. hatte Beppo auch nie das Gefühl. daß Ihre kleine Freundin Momo von uns gefangen gehalten wird. Für jeden Ihrer Versuche. daß Sie nie wieder ein Wort über uns und unsere Tätigkeit verlieren. Man hatte ihm ein Bett in einem großen Schlafsaal angewiesen. dann sagte er kalt: »Dieser alte Mann ist verrückt. Machen Sie sich keine Sorgen darüber. sie schienen sich sogar sehr für seine Geschichte zu interessieren. Sie müssen das verstehen. Also?« Beppo schluckte zweimal und krächzte dann: »Einverstanden. hieß es: »Bald. wann er denn nun hinausdürfe. sondern ein Krankenhaus für Nervenleiden. die die Gestalt im Dunkeln trug. Wenn Sie damit einverstanden sind. »Still!« sagte die aschenfarbene Stimme im Dunkeln. »ich habe den Auftrag. muß sie büßen. »Um mich so kurz wie möglich zu fassen. daß es einer der grauen Herren war. Bringt ihn in die Arrestzelle!« In der Zelle mußte Beppo einen halben Tag warten. Machen Sie's gut.« . wo noch viele andere Patienten schliefen. die seine Rede auf den alten Beppo hatte. dann wurde er von zwei Polizisten in ein Auto verfrachtet. aber dann erkannte er den runden steifen Hut und die Aktentasche. der glaubte. ob er gemeingefährlich ist. sozusagen als Lösegeld. Sobald wir die haben. Sie haben lediglich die Aufgabe. bekommen Sie die kleine Momo wieder. daß Sie diese Geschichte über uns jedem auf die Nase binden. der weniger Sinn für Humor hatte als seine Kollegen. Sie können uns zwar nicht im geringsten damit schaden. Ihnen ein Angebot zu machen.Aber einmal geriet Beppo an einen höheren Beamten. sagte der graue Herr zufrieden. Denn der glaubte jedes Wort. wie Beppo zuerst dachte. mein Bester. wie wir in den Besitz dieser Zeit kommen werden. daß sie ihm wirklich glaubten. Wenn nicht. weißen Gebäude. denn auch meine Zeit ist kostbar«. Wie. und Momo bleibt für immer bei uns. Außerdem fordern wir von Ihnen. faßte sich in Geduld. ihm wurde kalt bis ins Herz hinein und er wollte um Hilfe rufen. aber gehen ließen sie ihn auch nicht. die Summe von hunderttausend Stunden eingesparter Zeit. Erst entdeckte er nur das rote Leuchtpünktchen einer glimmenden Zigarre. Er ließ sich unbewegten Gesichts die ganze Geschichte erzählen. das ist Ihre Sache. aber im Augenblick brauchen wir Sie noch. das ist unsere Sache. dann bleiben Sie eben für immer hier. ob Sie noch mehr davon kennenlernen werden. »mache ich Ihnen folgendes Angebot : Wir geben Ihnen das Kind zurück unter der Bedingung. dann werden wir dafür sorgen. sie lachten ihn nicht aus und schimpften nicht mit ihm. daß jemand neben seinem Bett stand. daß Sie im Laufe der nächsten Tage hier entlassen werden. Wir machen dieses großzügige Angebot nur dies eine Mal. Er wurde nicht recht schlau aus ihnen. fuhr der graue Herr fort. machen Sie dem armen Kind seine Lage nicht gerade angenehmer. mein Bester.« Der graue Herr blies einige Rauchringe und beobachtete mit Genugtuung die Wirkung. Hier wurde er gründlich untersucht.« »Sehr vernünftig«. denn er mußte sie ihnen immer und immer wieder erzählen. Aber es war kein Gefängnis oder dergleichen. es handle sich um Untersuchungen nach dem Verbleib der kleinen Momo.

bei jedem Schritt einen Atemzug und bei jedem Atemzug einen Besenstrich. Plötzlich erinnerten sich nämlich einige Leute an die Umzüge. tippten sich hinter seinem Rücken an die Stirn. sondern geradewegs zu jenem großen Haus mit dem Hof. Momo gehörte zu ihnen und war ihr heimlicher Mittelpunkt. Die Rauchfahne. Dagegen hatten die grauen Herren nicht ankommen können. dann zuckte er nur traurig die Schultern. als gelte es sein Leben. die Kinder unter Momos Freunden nach ihren Plänen zu lenken. Wenn sie die Kinder nicht unmittelbar unter ihren Einfluß bringen konnten. warum er sie früher erzählt habe. Aber nun kehrte er nicht mehr wie früher. die sich als Helfershelfer eigneten. dann unterbrach er seine Arbeit für einen Augenblick. um die hunderttausend Stunden Lösegeld zu ersparen. Darüber war zwar niemals gesprochen worden. Wenn die Erschöpfung ihn übermannte. daß es dadurch fast so war. wo er und seine Kollegen immer ihre Besen und Karren in Empfang nahmen. Beppo kehrte.Und es kam der Frühling und wieder der Sommer. Sie hatten weiterhin ihre Pläne geschmiedet und einander Geschichten erzählt. kurzum. als sei Momo noch mitten unter ihnen. aber diejenigen. Beppo bemerkte es kaum. ob sie nun da war oder nicht. wenn er keuchend an ihnen vorüberhastete und den Besen schwang. Ebenso hastig würgte er zwischendurch rasch einmal irgend etwas zu essen hinunter. Mit peinigender Deutlichkeit wußte er. . Und die wenigen. und das machte ihn krank vor Widerwillen gegen das. Nachdem Momo verschwunden war. um darin fabelhafte Weltreisen zu unternehmen oder um daraus Burgen und Schlösser zu errichten. und dies war die einzige Art Zeit zu sparen. Dann fuhr er nach kurzem wieder auf und kehrte weiter. versteht sich. was er tat. Und wenn man ihn fragte. Und es hatte sich erstaunlicherweise gezeigt. ein paar alte Kisten und Schachteln genügten ihnen. um sie von Momo loszureißen. warum er es denn so eilig habe. Nicht alle Erwachsenen. Wäre es nur um ihn gegangen. als sei sie tatsächlich noch da. er wäre lieber verhungert. sein ganzes bisheriges Leben verleugnete und verriet. sie hatten einfach so getan. und er beachtete es kaum. ganz gleich. Zu seiner Hütte bei dem Amphitheater ging er nicht mehr zurück. Von dieser Nacht an erzählte Beppo seine Geschichte nicht mehr. dann mußten sie es eben über einen Umweg zuwege bringen. als sich selbst so untreu zu werden. Die stillschweigende Gewißheit verband die Kinder miteinander. Aber es ging ja um Momo. die es doch taten. Aber Beppo ging nicht nach Hause. Nur wenn ihn manchmal jemand fragte. er kehrte und kehrte. Es kam der Herbst. Aber daß man ihn für närrisch hielt. die er freikaufen mußte. an die Plakate und Inschriften der Kinder. sooft es nur ging. setzte er sich auf eine Anlagenbank oder auch einfach auf den Rinnstein und schlief ein wenig.Damit verließ der graue Herr den Schlafsaal. ja. hatten die Kinder sich dennoch. ging damit in die große Stadt und fing an zu kehren. daß er damit seine tiefste Überzeugung. und es kam der Winter. um auf den kleinen alten Mann zu achten. Und dieser Umweg waren die Erwachsenen. Er kehrte bei Tag und bei Nacht. im alten Amphitheater versammelt. Die schwierigste Aufgabe stellte es für die grauen Herren dar. Er holte seinen Besen. aber das war auch gar nicht nötig. daß Momo wiederkommen würde. Außerdem hatten diese Kinder keinen Augenblick daran gezweifelt. die er kannte. war ja nichts Neues für Beppo. schien in der Dunkelheit matt zu leuchten wie ein Irrlicht. Er kehrte durch Wochen und durch Monate. Obendrein waren es nun die eigenen Waffen der Kinder. Sie hatten immer neue Spiele erfunden. ohne jemals nach Hause zu gehen. die ja über die Kinder zu bestimmen hatten. Wenige Tage später schon schickte man ihn nach Hause. Die Leute in der großen Stadt hatten keine Zeit. und das waren leider gar nicht wenige. die hinter ihm zurückblieb. welche die grauen Herren gegen sie verwendeten. schaute den Frager ängstlich und voll Trauer an und legte den Finger an die Lippen. sondern jetzt tat er es hastig und ohne Liebe zur Sache und nur um Stunden einzubringen.

lassen wir es noch immer zu. Das Netz. kostet immer mehr Geld. die durch Kinder auf den Straßen verursacht werden. das sie über die große Stadt gewebt hatten. wo sie zu nützlichen und leistungsfähigen Mitgliedern der Gesellschaft erzogen werden. um die sich niemand kümmern konnte. durch die Maschen zu schlüpfen. war natürlich keine Rede mehr. Aber die Stadtverwaltung muß sich darum kümmern.»Wir müssen etwas unternehmen«. Die Stadtverwaltung muß dafür sorgen. Davon. Alles war für Momos Rückkehr vorbereitet. »denn es geht nicht an. Nach und nach bekamen die Kinder Gesichter wie kleine Zeit-Sparer.« Und abermals andere meinten : »Kinder sind das Menschenmaterial der Zukunft. der es in das nächste Kinder-Depot brachte. Und da schon sehr viele Zeit-Sparer in der großen Stadt waren. Und die Eltern mußten mit einer gehörigen Strafe rechnen. Den Eltern ist kein Vorwurf zu machen. Der Plan der grauen Herren war ausgeführt. Selbst den schlausten Kindern gelang es nicht. Ein Heer von Spezialisten und Facharbeitern wird notwendig sein. um alle diese Maschinen zu bedienen. daß viele von ihnen Jahre ihrer kostbaren Zeit mit nutzlosen Spielen verplempern. und wurden in verschiedene Kinder-Depots gesteckt. Das war noch nie geschehen. wo alle Kinder. Etwas anderes verlernten sie freilich dabei. sich genügend mit ihren Kindern zu beschäftigen. die Stadtverwaltung von der Notwendigkeit zu überzeugen. sondern ein wütender und böser. abgeliefert werden mußten und je nach Möglichkeit wieder abgeholt werden konnten. Aber die grauen Herren selbst kamen zu keinem der Kinder. Und wenn sie doch einmal sich selbst überlassen blieben. hieß es. aus der sie kamen. Auch Momos Freunde entgingen dieser neuen Regelung nicht. denn das moderne Leben läßt ihnen eben keine Zeit. sagten andere. Die Sonne senkte sich dem westlichen Horizont zu. Das waren große Häuser. was man von ihnen verlangte. daß sie sich hier selbst Spiele einfallen lassen durften. daß immer mehr und mehr Kinder allein sind und vernachlässigt werden. war nun dicht und — wie es schien . das man anderweitig vernünftiger ausgeben könnte. etwas für die vielen vernachlässigten Kinder zu tun. denn niemand hatte daran gedacht. daß Kinder auf den Straßen oder in den Grünanlagen oder sonstwo spielten. erklärten wieder andere. je nach der Gegend. was sie nach all dem noch konnten. bei denen sie irgend etwas Nützliches lernten. Niemand. war Lärm machen aber es war natürlich kein fröhlicher Lärm. Den ganzen Tag seit ihrer Rückkehr hatte sie so gesessen und gewartet. Die Zukunft wird eine Zeit der Düsenmaschinen und der Elektrogehirne. Aber anstatt unsere Kinder auf diese Welt von morgen vorzubereiten. und es wurde kalt. sich zu begeistern und zu träumen. Es ist eine Schande für unsere Zivilisation und ein Verbrechen an der künftigen Menschheit!« Das alles leuchtete den Zeit-Sparern ungemein ein. Selbst Gigi und Beppo mußten sie heute . Es wurde strengstens verboten. Wurde ein Kind doch einmal dabei erwischt. Von da an hatte das alte Amphitheater leer und verlassen dagelegen. Aber niemand war gekommen. Daraufhin wurden in allen Stadtvierteln sogenannte »Kinder-Depots« gegründet. ihr etwas zu essen zu bringen. Die Zunahme von Unfällen. Verdrossen. und es waren nur solche. und das war: sich zu freuen. so war sofort jemand da. Die Spiele wurden ihnen von Aufsichtspersonen vorgeschrieben.unzerreißbar. »daß der reibungslose Ablauf des Straßenverkehrs durch herumlungernde Kinder gefährdet wird. Endlich stand Momo auf.« »Es geht nicht an«. Und nun saß Momo also auf den steinernen Stufen und wartete auf ihre Freunde. Das einzige. gelang es ihnen in ziemlich kurzer Zeit.« »Kinder ohne Aufsicht«. dann fiel ihnen nichts mehr ein. »verwahrlosen moralisch und werden zu Verbrechern. daß alle diese Kinder erfaßt werden. was sie hätten tun können. Man muß Anstalten schaffen. Sie wurden voneinander getrennt. Die Schatten wuchsen. gelangweilt und feindselig taten sie. Sie war hungrig.

hörst du? Alles Weitere sagt dir dann Nino.» Und langsam erschien auf Kassiopeias Rücken das Wort: »VERGANGEN. schön und deutlich zu . aber sie konnte nicht. (Beppo hatte das Zimmer damals wieder aufgeräumt. »Aber ich«. dachte Momo. »es tut mir leid. »Was ist denn mit meinen Freunden?« »ALLE FORT«. ehe sie diese Antwort begriffen hatte. obwohl Gigi sich offensichtlich alle Mühe gegeben hatte. Momo starrte die matt leuchtenden Buchstaben eine Weile an. »Naja«. war das Ganze nur ein Versehen. Im Licht der untergehenden Sonne sah Momo. sagte Momo. Sie hatte noch nie einen Brief bekommen. Auf dem Tischchen aus Kistenbrettern lehnte an einer Blechbüchse ein Brief. Komm.. stand auf dem Panzer. Ich mache mir große Sorgen um dich. »Entschuldige bitte«. wenn ich dich geweckt habe. melde dich bitte gleich bei mir. ich bezahle alles.« Sie nahm die Schildkröte hoch und trug sie durch das Einstiegsloch in der Mauer in ihren Raum hinunter. »Ich bin umgezogen. sagte sie zuversichtlich. wieviel Zeit das sein mochte.) Aber überall lag dicker Staub und hingen Spinnweben. sagte sie leise. »ICH BIN BEI DIR!« stand auf ihrem Panzer. Wenn du Hunger hast. wie sie es verlassen hatte.« Momo las sie. Sie schüttelte den Kopf. Kassiopeia. »JAHR UND TAG. Momos Herz begann schneller zu klopfen. Behalte mich lieb ! Ich behalte dich auch lieb ! Immer dein Gigi« Es dauerte lang. murmelte sie fassungslos. stammelte sie schließlich. »ich bin doch noch da . irgendein dummer Zufall. Nach einer Weile fühlte sie. Auch er war von Spinnweben bedeckt. was war . Er schickt mir die Rechnung. Momo erinnerte sich. Du fehlst mir sehr. Falls du zurückkommst. dann geh bitte zu Nino.vergessen haben. »die beiden warten doch bestimmt noch auf mich!« » NIEMAND MEHR DA«. »das kann nicht sein. Morgen kommen meine Freunde bestimmt. lautete Kassiopeias Antwort. Gestern waren sie ja noch alle da zur großen Versammlung. der sich morgen aufklären würde. »An Momo«. was sie bedeuten sollten. . »Wie lang?« fragte sie flüsternd. »morgen wird sich's schon herausstellen. Die Schildkröte schob ihren Kopf hervor und blickte Momo an.« »HAST LANG GESCHLAFEN«. Sie hatte nicht bedacht. Also iß nur. daß die Schildkröte sie an ihrem nackten Fuß berührte.« Zum ersten Mal in ihrem Leben empfand Momo mit voller Gewalt. aber kannst du mir sagen. aus der nichts geworden ist.«»NIE MEHR«. Aber sicher. was dieses Wort bedeutet. verstand aber nicht. Aber nun begann sie es zu ahnen. als sie zugestimmt hatte.. war die Antwort. »Ja«. »Liebe Momo!« las sie. sagte Momo und lächelte tapfer. stand darauf.alles. warum heute den ganzen Tag kein einziger von meinen Freunden gekommen ist?« Auf dem Panzer erschienen die Worte: »KEINER MEHR DA. »Wie kann denn das sein?« Momos Lippen zitterten. »Es kann doch nicht einfach alles weg sein . Ihr Herz wurde schwer wie nie zuvor. Sie stieg zur Schildkröte hinunter. bis Momo diesen Brief buchstabiert hatte. »Was meinst du damit?« fragte sie schließlich bang. daß alles noch so war. wir wollen schlafen gehen. die sich schon zum Schlafen in ihr Gehäuse zurückgezogen hatte. Und ich bin froh darüber. »Nein«. Sie nahm ihn in die Hand und betrachtete ihn von allen Seiten. daß Meister Hora gesagt hatte. Hoffentlich ist dir nichts passiert. sie müsse einen Sonnenkreis hindurch schlafen wie ein Samenkorn in der Erde.« Momo brauchte eine Weile. Kassiopeia. soviel du willst. . Momo hockte sich neben sie und klopfte mit dem Fingerknöchel schüchtern auf den Rückenpanzer. »du bist bei mir.« Sie hätte gern geweint. las Sie. »Aber Beppo und Gigi«. Du irrst dich bestimmt. dann riß sie das Kuvert auf und nahm einen Zettel heraus.

Ich hab' schon richtigen Hunger. Die Straße selbst war inzwischen asphaltiert. Kassiopeia. Kassiopeia«. und viele Autos fuhren auf ihr. Momo wußte jetzt. Auf der .« Aber die Schildkröte schien bereits zu schlafen. Jetzt war ihr nicht mehr kalt. Aber Momo war getröstet.« So schwatzte sie fröhlich weiter. Sie werden dir bestimmt gut gefallen. die in ihrer Erinnerung noch ebenso deutlich weiterklangen wie am Tage zuvor. ich freu' mich schon drauf. Ich werde ihnen von den Blumen erzählen und von der Musik und von Meister Hora und allem. »Du wirst sehen.schreiben. sie hätte sich im Wege geirrt. antwortete aber nichts. Während sie sich in die staubige Decke hüllte. Die Schildkröte schaute sie nur mit ihren uralten Augen an. Nino weiß. Ach. erlosch gerade das letzte Restchen Tageslicht. die beim Lesen des Briefes Gigi ganz deutlich vor sich gesehen hatte. Als sie endlich damit fertig war. Vor ihr lag Ninos Lokal. Momo dachte im ersten Augenblick. ich bin doch nicht allein. Immer wieder faßte sie nach Gigis Brief. wo Gigi und Beppo jetzt sind. Und dann gehen wir und holen die Kinder. »jetzt wird sich alles aufklären. VIERZEHNTES KAPITEL Zu viel zu essen und zu wenig Antworten Am nächsten Mittag nahm Momo die Schildkröte unter den Arm und machte sich auf den Weg zu Ninos kleinem Lokal. weißt du. Statt des alten Hauses mit dem regenfleckigen Verputz und der kleinen Laube vor der Tür stand dort jetzt ein langgestreckter Betonkasten mit großen Fensterscheiben. Aber dann brach sie plötzlich ab. Sie legte ihre Wange auf das Papier. sagte sie. Wieder waren es die Melodien und die Worte der Stimmen. Vielleicht kommen Nino und seine Frau auch mit und die anderen alle. daß dieser Brief schon fast ein Jahr hier lag. Und Momo. welche die ganze Straßenfront ausfüllten. kam nicht auf den Gedanken. Momo begann im Gehen zu summen und schließlich zu singen. Aber jetzt freu' ich mich erst mal auf ein schönes Mittagessen. sie alle wiederzusehen. daß sie sie nie mehr verlieren würde. Sie hob die Schildkröte hoch und legte sie neben sich auf das Bett. sagte sie leise: »Siehst du. und wir sind wieder alle zusammen. den sie in der Jackentasche bei sich trug. meine Freunde. Vielleicht machen wir heute abend ein kleines Fest.

Stühle gab es keine mehr. Auf der anderen Seite befand sich eine lange Barriere aus blitzenden Metallstangen.und Käsebrote.gegenüberliegenden Seite waren eine große Tankstelle und in nächster Nähe ein riesiges Bürohaus entstanden. Würstchen. Es blieb ihr also nichts anderes übrig. Einfach vordrängen. Er saß. Momo faßte sich ein Herz. Hinter denen. Du hörst ja selbst!« Ehe Momo noch etwas fragen konnte. Die Kasse machte zu viel Lärm und beanspruchte seine ganze Aufmerksamkeit. Zwischen dem Metallzaun und den Glaskästen schob sich langsam eine Schlange von Leuten weiter. Nach einer Weile gelang es Momo. als es genauso zu machen wie alle anderen. Als er Momo sah. Sie stellte sich ans Ende der .« »Gigi bezahlt alles für dich. Da und dort wechselten die Wartenden und die Essenden unfreundliche Worte. »also nimm dir zu essen. ganz wie früher. kletterte über den Zaun und drängte sich durch die Menschenschlange zu Nino durch. denen sie immerfort im Wege zu stehen schien. weil einige Leute laut zu schimpfen anfingen. eine Art Zaun. von den vielen Leuten verdeckt. der die Leute daran gehindert hätte oder wenigstens Geld dafür forderte. Dahinter zogen sich in kleinem Abstand lange Glaskästen hin. ganz am Ende der langen Reihe der Glaskästen hinter einer Kasse. »Nino !« rief Momo und versuchte sich zwischen den Leuten durchzudrängen. Sie winkte mit Gigis Brief. Also bei ihm bezahlten die Leute! Und durch den Metallzaun wurde jeder so gelenkt. Kuchen und alles mögliche andere stand. daß er nicht zu den Tischchen kommen konnte. auf der er ununterbrochen tippte. flüsterte Nino dem Mädchen hastig zu. Momo«. Momo staunte. Überhaupt machten die Leute alle einen ziemlich mißvergnügten Eindruck. »du bist wieder da ! Das ist aber eine Überraschung!« »Weitergehen!« riefen Leute aus der Reihe. Sie waren so hoch. »Momo !« rief er und strahlte. An der Fensterseite entlang standen viele Tische mit winzigen Platten auf hohen Beinen. Vielleicht gab es hier alles umsonst! Das wäre freilich eine Erklärung für das Gedränge gewesen. Viele Fahrzeuge parkten vor dem neuen Lokal. wurde sie beiseite geschubst und weitergedrängt. bitte!« »Da könnte ja jeder kommen ! « schimpfte einer aus der Reihe der Wartenden. »Weiter. so daß sie wie sonderbare Pilze aussahen. was er wollte ! Sie konnte niemand sehen. Jeder nahm sich da und dort einen Teller oder eine Flasche und einen Pappbecher aus den Glaskästen. ohne an Nino vorbei zu müssen. Pudding. das Momo nicht kannte. Geld einnahm und Wechselgeld herausgab. »ein kleines bißchen Geduld. was du willst. wo sie auch hintrat. Nino zu erspähen. in denen Schinken. Teller mit Salaten. schoben die Leute 'sie einfach weiter. über dessen Eingangstür in großen Lettern die Inschrift prangte: NINOS SCHNELLRESTAURANT Momo trat ein und konnte sich zunächst kaum zurechtfinden. Die meisten Leute balancierten Tabletts mit Tellern und Flaschen darauf und versuchten einen Platz an den Tischchen zu ergattern. die dort standen und hastig aßen. daß ein Erwachsener im Stehen an ihnen essen konnte. aber Nino hörte sie nicht. weiter! Das Kind hat mehr Zeit als wir. Aber stell dich hinten an wie die anderen. das gibt's nicht! So ein unverschämtes Gör!« »Moment ! « rief Nino und hob beschwichtigend die Hände. »das Kind soll sich hinten anstellen wie wir auch. warteten schon jeweils andere auf deren Platz. denn der « Raum war gedrängt voller Menschen. Er blickte auf. Aber alles das konnte Momo erst nach und nach wahrnehmen. verschwand plötzlich der mißmutige Ausdruck auf seinem Gesicht. Hier konnte sich also jeder nehmen.

»schlaft ihr?« »Sofort. Und in den Zeitungen steht immer wieder etwas von ihm. daß sie dich suchen sollten. Ich hab' ihnen die Geschichte erzählt. Gabel und Löffel. es wäre dir was Schreckliches passiert. . weil sie eben kaum auf ihren Teller gucken konnte.« »Ja. fuhr Nino fort und strich sich nervös mit der Hand übers Gesicht. eine kleine Pastete und ein Pappbecher Limonade. »«r hat eine schöne Villa. erwiderte Nino. flüsterte Nino. aber sie wurde einfach weitergeschoben. denn immerhin.« »Was ist denn mit euch?« riefen mehrere unwillige Stimmen von hinten. »unser Gigi ist berühmt geworden. Und weil sie befürchtete. warum kommt er denn nicht mehr?« fragte Momo. Als sie schließlich wieder bei Nino ankam. aber wo ist er denn jetzt?« .« »He. »Und dann?« fragte Momo. »er hat eben keine Zeit mehr. setzte sie Kassiopeia einfach darauf.Menschenschlange und nahm sich aus einem Regal ein Tablett und aus einem Kasten Messer. weil er neuerlichen Unwillen seiner Kunden befürchtete. sich gänzlich in ihr Gehäuse zu verkriechen und sich nicht dazu zu äußern. Sie ging mit ihrem Tablett zu einem der Pilztischchen und erwischte tatsächlich nach kurzem Warten einen Platz. »Er wollte unbedingt. . er war ja immer schon ein bißchen wunderlich. ein Würstchen. Da sie aber sehr hungrig war. weißt du«. viele Fragen. Momo war von alledem etwas verwirrt. der schon ein bißchen nervös wurde. daß sie gerade eben mit der Nase über die Platte reichte. und so wurde es eine recht merkwürdige Zusammenstellung. Im Vorbeigehen holte sie sich aus den Glaskästen da und dort etwas heraus und stellte es um die Schildkröte herum. »Glaubt ihr. schauten die Umstehenden mit angeekelten Gesichtern auf die Schildkröte. wo Gigi ist?« »Ja«. Er hat jetzt Wichtigeres zu tun. weil er harmlos ist. »Ach. Wir sind alle sehr stolz auf ihn. antwortete Nino. du kennst ihn ja. wollte aber unbedingt noch erfahren. fragte sie: »Und wo ist Beppo Straßenkehrer?« »Er hat lang auf dich gewartet«. Aber geh jetzt erst mal weiter. ein Marmeladebrot.die Jugend von heute!« Aber sonst sagten sie nichts und kümmerten sich nicht weiter um Momo. sie haben ihn wieder laufen lassen. »Dann hat er die Polizei rebellisch gemacht«. Kassiopeia in der Mitte zog es vor. wir haben Lust. wenn sie bloß so dazwischenstand. Allerdings war das Tischchen für sie so hoch. und am alten Amphitheater ist ja sowieso nichts mehr los. Neulich sind sogar zwei Reporter zu mir gekommen und haben sich von früher erzählen lassen. mein Herr!« rief Nino ihm zu. daß die Leute sonst vielleicht wieder ärgerlich auf sie werden würden. verzehrte sie alles bis auf den letzten Rest. »ist das hier eigentlich ein Schnellrestaurant oder ein Wartesaal? Ihr habt wohl ein Familientreffen da vorne. bitte!« Momo wollte eigentlich nicht. erklärte Nino hastig. sagte Nino. »Aber. Er hat immer irgendwas von grauen Herren erzählt. fragte sie Nino schnell: »Weißt du. mit einem Park drumherum. Mehr weiß ich auch nicht. Nun war sie zwar satt. hier ewig herumzustehen?« »Wo wohnt er denn jetzt?« erkundigte Momo sich hartnäckig. Na. Da sie beide Hände für das Tablett benötigte. »muß man sich heutzutage bieten lassen. Als sie ihr Tablett hinauf schob.« Und der andere brummte: »Was wollen Sie . Doch das Essen gestaltete sich auch so schon schwierig genug für sie. und im Radio spricht er auch. Ein Stück gebratenen Fisch.« »Weiter da vorne!« riefen einige Stimmen aus der Schlange. sagte einer zu seinem Nachbarn. Also stellte sie sich noch einmal in die Reihe. »Ist er noch dort?« erkundigte sich Momo. »es heißt. »Ich glaube nicht«. denn sie hatte ja noch viele. nahm sie sich im Vorübergehen noch einmal allerhand aus den Glaskästen. haben sie ihn schließlich in eine Art Sanatorium gebracht. Soviel ich weiß. wie?« »Sozusagen!« rief Nino flehend. Als Momo endlich zur Kasse kam.« »Verdammt noch mal !« schrie jetzt eine wütende Stimme von hinten. »So was«. wie Gigi einmal. er ist doch einer von uns ! Man kann ihn oft im Fernsehen sehen. ihr zwei da vorn!« rief jemand aus der Schlange. Dann wurde sie langsam und schrittweise weitergeschoben. ich weiß nicht mehr was. wie man hört. »Er dachte. »Auf dem Grünen Hügel irgendwo«. was aus Beppo geworden war.

viel zu- . um die sich niemand kümmern kann. Sie nahm Kassiopeia unter den Arm und ging still und ohne sich noch einmal umzudrehen hinaus. »Und die Kinder?« fragte sie. kurz und gut. Aber da werden sie dich sowieso hinbringen. erwiderte Nino und zappelte fahrig mit den Händen auf den Tasten seiner Kasse herum. sondern schaute Nino nur prüfend an. wo du beschäftigt wirst und aufgehoben bist und sogar noch was lernst. sagte er und holte tief Luft wie einer. der sie im letzten Augenblick noch erspäht hatte. damit die Leute nicht böse auf sie würden. Du kannst hier immer essen.»Keine Ahnung. erklärte Nino. Endlich war sie wieder bei Nino an der Kasse. Es ist dafür gesorgt. der mit Gewalt seine Fassung zu bewahren sucht. Momo!« rief Nino ihr nach. Die Menge der Nachdrängenden schob sie weiter. wo du inzwischen gesteckt hast!« Aber dann drängten die nächsten Leute heran. Momo. daß sie von der Straße wegkommen. »ohne meine Freunde?« Nino zuckte die Schultern und knetete seine Finger. »sei vernünftig und komm irgendwann wieder. das Essen einfach stehen zu lassen. obwohl sie es kaum hinunterwürgen konnte und es wie Pappendeckel und Holzwolle schmeckte. »Ich kann dir das jetzt nicht so erklären. »He. Da half nichts. nicht wahr?« Momo sagte darauf gar nichts. »Was ist mit denen?« »Das ist jetzt alles anders geworden«. wie es zugeht hier!« »Aber warum kommen sie nicht mehr?« beharrte Momo eigensinnig auf ihrer Frage. wartete. »Kinder können doch über so was nicht entscheiden. Die dürfen sich nicht mehr selbst überlassen bleiben. geh jetzt weiter!« Abermals wurde Momo einfach von den nachdrängenden Leuten weitergeschoben. »Momo«. die sie früher immer besucht hatten.« »Beeilt euch doch. was mit den Kindern war. und ebenso automatisch verdrückte sie auch noch das dritte Mittagessen. Diesmal schmeckte es ihr schon sehr viel weniger gut. ihr Trantanten da vorne!« riefen wieder Stimmen aus der Schlange. Wieder ging sie zu einem der Pilztischchen. »Wir wollen schließlich auch mal zum Essen kommen. kam Momo natürlich nicht. Aber ich an deiner Stelle würde eben einfach auch in solch ein Kinder-Depot gehen. mit dir zu beraten. Das Lächeln auf seinem Gesicht war schon lange wieder verschwunden. na. was du anfangen sollst. dem bei Momos neuerlichem Anblick der Schweiß auf die Stirn trat. an den Glaskästen vorübermaschieren und ihr Tablett mit Speisen füllen. ich habe jetzt wirklich keine Zeit. Müßt ihr euer gemütliches Schwätzchen denn ausgerechnet jetzt abhalten?« »Und was soll ich jetzt machen«. Automatisch ging sie zu einem der Tischchen. Auf die Idee. Aber. bis sie einen Platz fand und verdrückte die Mahlzeit. Und das machte Nino nun vollends konfus. du siehst ja. »Haben sie das wirklich selber gewollt?« »Das hat man sie nicht gefragt«. Nun mußte sie aber noch erfahren.« »Meine Freunde?« fragte Momo ungläubig. »warte doch mal ! Du hast mir ja gar nicht erzählt. sie mußte sich wieder in die Reihe der Wartenden stellen. weil . wirklich. wie hier heute getrödelt wird. das weißt du ja. als sie wieder im alten Amphitheater waren. fragte Momo leise. — »Viel zu essen«. .« Momo sagte wieder nichts und sah Nino nur an. für sie ist jetzt gesorgt. Das ist schließlich das Wichtigste. . »viel zu essen hab' ich ja schon gekriegt. »Zum Kuckuck noch mal!« schrie nun wieder eine erboste Stimme aus dem Hintergrund. bitte. »Alle Kinder. sagte Momo zu Kassiopeia. »das ist ja zum Auswachsen. nahm Geld ein und gab Wechselgeld heraus. sind jetzt in Kinder-Depots untergebracht. wenn du so allein durch die Welt läufst. Danach fühlte sie sich elend. die auf ihrem Tablett stand. und er tippte wieder auf der Kasse.

Es war wirklich eine sehr vornehme Gegend. »Meinst du?« fragte Momo hoffnungsvoll. In den Gärten hinter den hohen Mauern und Eisengittern erhoben uralte Bäume ihre Wipfel in den Himmel. Aber ich hab' trotzdem das Gefühl.« »Wessen Haus suchst du?« . Wahrscheinlich hatten die Besitzer keine Zeit dazu. also auf der anderen Seite der großen Stadt. Es war ein weiter Weg. Er lag in der Nähe jener gleichförmigen Neubauviertel. Momo wußte nicht. um sich einen Augenblick auszuruhen. taten ihr doch die Füße weh. Es war ein Villenvorort.« Und abermals nach einer Weile sagte sie: »Aber morgen gehen wir und suchen Gigi. der eine sonderbare gestreifte Weste anhatte. wußte Momo.viel. Die glattrasierten Wiesen vor den Häusern waren saftiggrün und luden förmlich ein.« »WIRST'S GLEICH WISSEN«. du Dreckspatz«. Wo der Grüne Hügel war. Du wirst schon sehen. daß er jetzt hier wohnt. barfuß zu laufen. »was suchst du denn hier?« Momo drehte sich um. »Wenn ich nur wüßte«. FÜNFZEHNTES KAPITEL Gefunden und verloren Am nächsten Tag machte Momo sich schon früh am Morgen auf. Nino hat mir gesagt. Kassiopeia.« Und nach einer Weile fügte sie hinzu: »Ich hätte Nino auch nicht von den Blumen und der Musik erzählen können. stand auf Kassiopeias Rücken. »He. aber als sie endlich auf dem Grünen Hügel ankam. wo Gigi hier wohnt. auf ihnen Purzelbaume zu machen. sagte Momo zur Schildkröte. ich suche das Haus von Gigi. Sie stand auf und sagte: »Guten Tag. Die Schildkröte nahm sie natürlich wieder mit. Die Straßen waren hier breit und sehr sauber und beinahe menschenleer. sagte plötzlich eine Stimme hinter ihr. der weit entfernt lag von jener Gegend um das alte Amphitheater. um Gigis Haus zu suchen. daß Diener von reichen Leuten solche Westen tragen.« Aber auf dem Rücken der Schildkröte erschien nur ein großes Fragezeichen. Aber nirgends sah man jemand in den Gärten Spazierengehen oder auf dem Rasen spielen. »wie ich jetzt herauskriegen kann. Er wird dir bestimmt gefallen. Die Häuser in den Gärten waren meist langgestreckte Gebäude aus Glas und Beton mit flachen Dächern. Momo war zwar daran gewöhnt. Sie setzte sich auf einen Rinnstein. Da stand ein Mann. als ob ich nicht satt bin.

Und auch das Gartentor war. »Bist du wirklich ganz sicher?« fragte sie nach einer Weile.« »ER KOMMT GLEICH«. »Oh!« rief Momo bewundernd. Gigi Fremdenführer eben«. »Gigi Fremdenführer muß ich suchen. dann bremste es. wo sein Haus ist?«»Und er erwartet dich wirklich?« wollte der Mann wissen. In diesem Augenblick flog plötzlich das Tor auf. doch im fetzten Augenblick schien ihm noch etwas einzufallen. »Was fällt dir ein. Er wartet nämlich auf mich. »Ja«. daß er Wert auf deinen Besuch legt: Sein Haus ist das letzte ganz oben an der Straße. was ich bei Nino esse. »was sie doch manchmal für ausgefallene Launen haben! Aber wenn du wirklich glaubst. »Nein«. sagte der Mann mit der Weste noch eine Spur unfreundlicher. aber die Schrift erlosch sogleich wieder. erwiderte der Mann mit der Weste und drehte sich um. Hinter ihm war das Gartentor ein wenig offen geblieben. Lange Zeit geschah gar nichts. Statt jeder erwarteten Antwort erschien aber auf dem Rückenpanzer das Wort: »LEBEWOHL!« Momo erschrak. »LACKAFFE!« stand auf Kassiopeias Panzer. Eine Tür wurde aufgerissen. und ein langes. »was für schöne Vögel!« Sie wollte hineingehen.« »IST ES ABER«. und Momo konnte einen Blick hineinwerfen. auf dem einige Windhunde spielten und ein Springbrunnen plätscherte.« Und das Gartentor fiel ins Schloß. aber der Mann mit der Weste hielt sie am Kragen zurück. stand auf dem Rücken der Schildkröte. so daß man nicht hineinsehen konnte.« Der Mann mit der gestreiften Weste guckte das Kind mißtrauisch an. »Da komm' ich nicht 'rein.« Der Mann mit der Weste zog die Augenbrauen hoch und schüttelte den Kopf. »verschwinde jetzt! Du hast hier nichts zu suchen.« »WARTE!« erschien als Antwort. aus Eisenplatten. Sie sah einen weiten Rasen. ähnlich wie das bei dem Mann mit der Weste. Woher soll Gigi wissen.« »Doch«. Das letzte Haus ganz oben an der Straße war von einer übermannshohen Mauer umgeben. daß ich hier draußen stehe . Er ist mein Freund. Das Auto raste noch ein Stückchen weiter. »Du meinst doch nicht etwa Girolamo. als habe er etwas Unappetitliches angefaßt. Es sieht eigentlich gar nicht nach ihm aus. »Diese Künstler !« sagte er säuerlich. 'ob Kassiopeia sich nicht vielleicht doch einmal geirrt hatte. Kassiopeia? Willst du mich denn wieder verlassen? Was hast du denn vor?« »ICH GEH' DICH SUCHEN!« war Kassiopeias noch rätselhaftere Auskunft. meinte Momo seufzend. »Na ja«. Er ging in den Garten zurück und wollte das Tor schließen. den berühmten Erzähler?« »Na ja. Er ist nämlich mein Freund.falls er überhaupt drin ist. Und auf einem Baum voller Blüten saß ein Pfauenpärchen. Also setzte Momo sich geradewegs vor das Tor und wartete geduldig. meinte Momo. »Hiergeblieben!« sagte er. und Momo begann zu überlegen. antwortete Momo erfreut. elegantes Auto schoß in voller Fahrt heraus. sagte Momo. »da kann ich aber vielleicht lang warten. »das ist doch wirklich und wahrhaftig meine kleine Momo!« . »so heißt er doch. »ganz bestimmt. Nirgends war ein Klingelknopf oder ein Namensschild zu finden. »Momo!« schrie er und breitete die Arme aus. und er bezahlt für mich alles. war auf dem Panzer zu lesen. daß die Reifen quietschten. Dreckspatz!« Dann ließ er Momo wieder los und wischte sich die Hand mit seinem Taschentuch ab. Kennst du ihn denn nicht?« »Hier gibt es keine Fremdenführer«. »Gehört das alles dir?« fragte Momo und zeigte durch das Tor. »Ich möchte wissen«. um sie aus der Nähe zu betrachten. »Was meinst du denn damit. versicherte Momo mit Nachdruck.»Von Gigi Fremdenführer. und Gigi sprang heraus. Weißt du. Momo konnte sich gerade noch durch einen Sprung nach rückwärts retten und fiel hin. »Warum ist denn alles so zu?« fragte Momo. »ob das überhaupt Gigis neues Haus ist.

Wo hast du denn nur gesteckt die ganze Zeit? Du mußt mir alles erzählen. »und jetzt erzähle. Das wird der Knüller!« »Nein«. Kleine«. Und die Kinder? Ach. antwortete Gigi nervös. keine Spur«. was macht er? Ich hab' ihn schon ewig nicht mehr gesehen. es ist ja so schrecklich viel passiert inzwischen. dann fliegt uns das Flugzeug wirklich noch vor der Nase weg. »Entschuldigung«. »es hat sich nur erschreckt. und bist du zu Nino essen gegangen ? Hat es dir geschmeckt? Ach. Momo. sagte Gigi. Momo? Du fährst einfach mit zum Flugplatz. verehrter Meister. aber stark geschminkten Gesichtern.« »Ja natürlich. »kann ich denn nicht mal mehr mit Momo in Ruhe ein paar Worte wechseln nach so langer Zeit ! Aber du siehst ja selbst. Das waren schöne Zeiten. Kind. »Ich hatte es immer für eine Ihrer Erfindungen gehalten. Er sah anders aus als früher. dieses Mädchen gibt es also wirklich ?« fragte die dritte Dame erstaunt. ganz. Die drei Damen nahmen auf dem Rücksitz Platz. Momo. Wir erledigen nur unseren Job. Aber da er seinen Redestrom nicht unterbrach. Die zweite Dame warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. »das möchte ich eigentlich nicht. was sie sagte. Wieso bist du damals so plötzlich verschwunden?« Momo wollte eben anfangen. was Momo dazu sagen würde. als sich eine der Damen nach vorn beugte. und er duftete gut. Und mein Fahrer bringt dich anschließend nach Hause. sondern zog sie an der Hand hinter sich her zum Auto. »Es tut mir leid. daß ich dich erschreckt habe. Aber irgendwie war er ihr seltsam fremd. »Nein. nein. küßte sie hundert Mal auf beide Backen und tanzte mit ihr auf der Straße herum. wir müssen uns so viel erzählen. »Wenn wir jetzt nicht mächtig auf die Tube drücken. Also ich habe nicht mehr geglaubt. daß du zurückkommen würdest. aber ich hab's schrecklich eilig. einverstanden?« Er wartete nicht ab. Wie geht es dir denn? So rede doch endlich ! Und unser alter Beppo. Und ab ging die Fahrt.« »Was lungert es aber auch vor dem Tor herum!« sagte die zweite Dame. nicht wahr?« »Lassen Sie das Kind in Ruhe!« sagte Gigi ärgerlich. Hast du meinen Brief gefunden ? Ja ? War er noch da ? Gut. diese Sklaventreiber. Momo! Aber hübsch der Reihe nach. sagte sie.« »Aber du. verstehst du? Ich bin schon wieder mal zu spät dran. ganz anders. »aber mir kommt gerade eine fabelhafte Idee. -Aber das könnten wir doch gleich an Presse und Rundfunk geben! »Wiedersehen mit der Märchenprinzessin« oder so. Wir werden von Ihnen dafür bezahlt. »Hast du dir weh getan?« fragte er atemlos. »Meine alte Freundin Momo ist das!« »Ach. so schön gepflegt. was das bedeuten würde. »Also fahren wir schon! Weißt du was. weißt du. das wird bei den Leuten fabelhaft ankommen! Ich werde das sofort veranlassen. ich denke oft an die Zeit.« »Mein Gott«. Sie wissen ja selbst. »uns ist das völlig gleich. »Hat das Kind sich verletzt?« fragte die eine. sondern redete aufgeregt weiter. daß wir Ihre Termine organisieren. wandte sich die erste Dame nun an Momo und lächelte. sie lassen mich nicht!« »Oh!« versetzte die zweite Dame spitz. »Aber das ist doch Momo!« rief Gigi lachend. sagte Gigi. sie lassen mich nicht. Wir sollten Momo unbedingt der . »Also«. Aber jetzt ist alles anders. von Meister Hora und den Stunden-Blumen zu erzählen. Gigi setzte sich neben den Fahrer und nahm Momo auf den Schoß. eher vorwurfsvoll als besorgt. als wir noch alle zusammen waren und ich euch Geschichten erzählt habe. »du möchtest doch bestimmt gern in der Zeitung stehen. und Gigi fing sie auf und hob sie hoch. Inzwischen waren aus dem Auto noch vier andere Personen ausgestiegen und herangekommen: ein Mann in einer ledernen Chauffeursuniform und drei Damen mit strengen.« Momo hatte mehrmals versucht. natürlich!« lenkte Gigi ein.Momo war aufgesprungen und lief auf ihn zu. Dann können wir unterwegs reden. aber er wartete gar nicht ab. auf Gigis Fragen zu antworten. versicherte Gigi. wartete sie einfach ab und schaute ihn an.

während ich mit Momo rede!« »Na. die erfüllt werden.den Mund halten. »Ich will jetzt mit Momo reden. entgegnete die Dame gekränkt. die als nächstes gedreht wird. murmelte er abgekämpft.nein. oder doch wenigstens so lang. das kennt man ja allmählich schon«.Erinnerst du dich noch? Aber Gigi ist nicht Gigi geblieben.« Nun waren alle drei Damen beleidigt. — Ach. Vielleicht können wir's ja auch später machen.« »Na ja.Public-Film-Gesellschaft vorführen. »Ich möchte auf keinen Fall. »Wir sind nämlich gleich da.so weit ist es mit mir gekommen. das Gefährlichste. Aber wie Sie wollen. das wäre. und zwar privat ! Das ist wichtig für mich ! Wie oft soll ich Ihnen das noch erklären?« »Sie selbst werfen mir doch dauernd vor«. Momo. . Sie ahnte. was rede ich da? Das kannst du natürlich alles nicht verstehen.« Er ließ ein kleines bitteres Lachen hören. »wollen wir nur noch von uns reden. Sie wäre doch haargenau der neue Kinderstar für Ihre Vagabunden-Story. daß Sie das Kind da hineinziehen!« »Ich weiß wirklich nicht. todkrank. was ich jetzt noch tun könnte. Und jetzt halten Sie gefälligst Ihren Mund. »So was würde bei den Leuten auf die Tränendrüsen drücken. was es im Leben gibt. Momo. »Schließlich geht's ja um Ihre Publicity. daß dieses Pack auch dich noch in die Finger kriegt. »Das einzige. du kannst das vielleicht nicht verstehen. Momo. nicht um meine! Sie sollten es sich gut überlegen. Aber arm sein ohne Träume . vielleicht für den Rest meines Lebens. verstummen. Ich hab' alles so satt. Es ist vorbei mit mir. Stellen Sie sich die Sensation vor! Momo spielt Momo!« »Haben Sie nicht verstanden?« fragte Gigi scharf.lassen Sie uns beide für fünf Minuten in Ruhe!« Die Damen schwiegen.« Momo sah ihn nur an. eine solche Gelegenheit auszulassen!« »Nein«. sondern überhaupt nicht. Das ist zwar auch eine Hölle. mischte sich nun die zweite Dame dazwischen. aber wenigstens eine bequeme. armer Teufel bin. aber ich will einfach nicht. antwortete die erste Dame. »Verzeihen Sie«. . erlauben Sie mal !« antwortete die Dame ebenso heftig. Darum bleibe ich schon lieber. »ich kann es mir nicht leisten! Aber Momo bleibt aus dem Spiel ! Und jetzt . »Sie hab' ich nicht gemeint. »Nicht jetzt und nicht später. Könnten Sie mich nicht wenigstens rasch ein Interview mit dem Kind machen lassen?« »Schluß !« brüllte Gigi. schrie Gigi verzweifelt. wenn wir . nahm eine Pille heraus und schluckte sie. Ich könnte es auch bei euch nicht wieder lernen. Ein paar Minuten lang sagte niemand mehr etwas. selbst wenn ich wollte. »Und nun«. das ist die Hölle. »Da siehst du's nun . Ich sage dir eines. Ich bin einfach mit den Nerven fertig.« »Nein!« fuhr ihr Gigi in die Rede. Gigi griff sich stöhnend an den Kopf.« »Ich bin nicht jeder andere!« schrie Gigi plötzlich wütend. fuhr Gigi fort und lächelte Momo etwas schief an. daß die grauen Herren dabei ihre Finger im Spiel .ich flehe Sie an ! . daß er krank war. dann holte er ein silbernes Döschen aus seiner Westentasche. ob Sie sich's zur Zeit leisten können. »Jeder andere würde sich die Finger ablecken nach einer solchen Gelegenheit. Jedenfalls. »daß ich nicht genügend wirkungsvolle Reklame für Sie mache!« »Richtig!« stöhnte Gigi. ehe es zu spät ist«. Momo. bis man mich vergessen hat und bis ich wieder ein unbekannter. »Aber nicht jetzt! Nicht jetzt!« »Sehr schade !« meinte die Dame. sind Wunschträume. nichts mehr erzählen. wenn es so geht wie bei mir. Gigi fuhr sich mit der Hand erschöpft über die Augen. Sie verstand vor allem. >Gigi bleibt Gigi !< . was Sie wollen«. »Ich kann nicht mehr zurück. aufs Äußerste gereizt. erwiderte die Dame nun ebenfalls wütend. Schließlich drehte sich Gigi nach hinten zu den Damen.« »Nur eine Frage noch. wo ich jetzt bin. Für mich gibt's nichts mehr zu träumen. Und zu Momo gewandt fügte er hinzu: »Entschuldige.« Er starrte trübe zum Wagenfenster hinaus.

Das Herz tat ihr davon weh. Bitte. die er selbst dafür bezahlte. »Hör zu. daß sie sich gleich verlieren würden. als Momo sich wieder zu ihm in Gigis langes elegantes Auto setzte. Sie schüttelte den Kopf. Momo winkte zurück. Vielleicht fallen mir dann wieder wirkliche Geschichten ein. Momo. daß die Umstehenden es nicht hören konnten. sagte Gigi. weil das Flugzeug in wenigen Minuten starten würde. nun erst wirklich verloren. weggezogen. Aber wo ? Wo und Wann hatte sie sie denn verloren ? Bei der ganzen Fahrt mit Gigi war sie schon nicht mehr dabeigewesen. Also vor Gigis Haus ! Und nun fiel ihr auch ein. Sie stiegen alle aus und eilten in die Halle. Und sie hätte ihm doch so viel zu sagen gehabt. Und plötzlich durchfuhr sie ein heißer Schreck: Auch Kassiopeia hatte sie verloren ! SECHZEHNTES KAPITEL Die Not im Überfluß »Also.hatten. und alles kommt in Ordnung. Du wohnst bei mir in meinem schönen Haus und gehst in Samt und Seide wie eine richtige kleine Prinzessin. weißt du? Du brauchst nur ja zu sagen. wo er es doch selbst gar nicht wollte. Momo hatte während der ganzen Begegnung mit Gigi kein einziges Wort sagen können. Ihr war. Und Gigi verstand sie. was du inzwischen erlebt hast. Einige Zeitungsreporter knipsten ihn und stellten ihm Fragen. daß sie ihn gefunden hatte. Momo!« In diesem Augenblick hielt das Auto vor dem Flughafen. und dann war er verschwunden. dann wurde er von den Damen. Und plötzlich hatte er Tränen in den Augen. Auch ihre Augen füllten sich mit Tränen. »nun erzähle doch endlich mal. daß auf ihrem Rückenpanzer »LEBEWOHL!« und »ICH GEH' DICH SUCHEN« gestanden hatte. als hätte sie ihn dadurch. »Aber ich rede immerfort nur von mir«. wohin?« fragte der Fahrer. Natürlich hatte Kassiopeia vorher gewußt. »bleib bei mir! Ich nehme dich mit auf diese Reise und überallhin. das wußte Momo ganz sicher. daß er wieder Gigi werden mußte und daß es ihm nichts helfen würde. wie sie ihm hätte helfen können. Was sollte sie ihm sagen? Wohin wollte sie denn eigentlich? Sie mußte Kassiopeia suchen. Gigi beugte sich zu Momo herunter und sah sie an. Langsam drehte sie sich um und ging dem Ausgang der Halle zu. Das Mädchen starrte verstört vor sich hin. daß es so nicht richtig war. Aber sie fühlte. Und sie wußte nicht. hilf mir!« Momo wollte Gigi so gerne helfen. Hier wurde Gigi bereits von uniformierten Stewardessen erwartet. Momo«. Aber die Stewardessen drängten ihn. solche wie damals. Er winkte noch einmal aus der Ferne. Du sollst nur da sein und mir zuhören. wenn sie nicht mehr Momo wäre. Und nun ging sie also Momo suchen. sagte er so leise. Er nickte traurig. Aber wo sollte Momo Kassiopeia suchen? .

in dieser riesengroßen Stadt war die Möglichkeit.Und doch. Das muß ich jetzt suchen. Sie sah überhaupt keine Kinder mehr auf den Straßen. Tief in der Nacht erst kam Momo im alten Amphitheater an. so langsam wie sie war. wie oft es geschah. Oder umgekehrt. ja vielleicht erst vor einem Augenblick gewesen war. als dich spazierenzufahren. ihre Wege würden sich durch Zufall kreuzen. so verschwindend gering wie die. daß zwei Menschen sich zufällig begegneten. Da niemand ihr etwas über seinen Verbleib sagen konnte. »Kassiopeia!« rief sie immer wieder leise. Daß Momo selbst niemals von einem Polizisten oder einem Erwachsenen aufgegriffen und in ein Kinder-Depot gebracht wurde. ich soll dich zu dir nach Hause bringen. wie oft mochte Beppo wohl kurz oder lang nach ihr über diesen Platz oder an diese Straßenecke kommen. Aber freilich. Aber vergebens. weil sie wartete. Ich muß sie unbedingt wiederfinden. so sagte sich Momo. .« Momo ging also den gleichen Weg. Wie gut hätte sie jetzt Kassiopeia brauchen können ! Wenn sie noch bei ihr gewesen wäre. daß eine Flaschenpost. und sie mußte fürchten. Beppo zu verfehlen. Nino war immer in der gleichen Eile und hatte niemals Zeit. Momo kroch in ihr Bett. »Meister Horas Schildkröte«. denn dorthin mußte er ja sowieso. weil sie es nicht tat. Wer weiß. antwortete Momo. langsam zurück. daß sie just an einer Stelle vorüberkam. soweit es in der Dunkelheit möglich war. ziellos in der großen Stadt umherzuirren und Beppo Straßenkehrer zu suchen. »Vielleicht«. Die nächsten Wochen verbrachte Momo damit.« »Zu Gigis Haus. das hinter dem Auto zufiel. erwiderte Momo. antwortete Momo. Auch hier suchte sie sorgfältig alles ab. Der Fahrer blickte etwas überrascht drein. was sie tun sollte. daß die Schildkröte durch ein Wunder schon vor ihr nach Hause gekommen wäre. Oder wirst du jetzt etwa bei uns wohnen?« »Nein«. den sie gekommen war. daß sie sich nur um ein weniges verfehlten. aber so wußte Momo nie. Aber davon wußte Momo nichts. Aber schließlich mußte sie doch irgendwann weitergehen. Und nun war sie wirklich zum ersten Mal ganz allein. von einem Fischerboot an einer fernen Küste aufgefischt wird.»Na. »Ich denke. »Ich habe noch was anderes zu tun. Sie schreibt nämlich Buchstaben auf ihrem Rückenpanzer. »ich hab' was auf der Straße verloren. Aber sie sah niemals eines. die ein Schiffbrüchiger irgendwo im weiten Ozean in die Wellen wirft. Immer wieder rief sie den Namen der Schildkröte. Aber mehr als bei ihrer ersten Begegnung konnte sie nie mit ihm reden. daß für die Kinder jetzt gesorgt sei. lag an der heimlichen. wo Beppo erst vor einer Stunde. Aber das war ja natürlich gar nicht möglich. Momo wartete deshalb oft an einer Stelle viele Stunden. »sie heißt Kassiopeia und weiß immer eine halbe Stunde die Zukunft voraus. Auch nach den Kindern. Hilfst du mir bitte?« »Ich hab' keine Zeit für dumme Witze ! « knurrte er und fuhr durch das Tor. die früher immer zu ihr gekommen waren. Dabei spähte sie in jede Mauerecke und suchte in jedem Straßengraben. hielt sie Ausschau. und sie erinnerte sich an Ninos Worte. Denn das hätte ja nicht in die Pläne gepaßt. Sie hegte die zaghafte Hoffnung. dachte Momo. Momo suchte also allein. einer Minute. »Kassiopeia!« »Was suchst du denn eigentlich?« fragte der Fahrer aus dem Wagenfenster. aber keine Kassiopeia war zu sehen. waren sie sich vielleicht ganz nah.« Dem Fahrer war es recht. Jeden Tag ging sie einmal zu Nino zum Essen. stieg Momo aus und begann sofort. Als sie vor Gigis Villa ankamen. ihn zu verfehlen. die sie mit Momo hatten. »hat sie sich schon auf den Heimweg zum Amphitheater gemacht. alles ringsum abzusuchen. unablässigen Überwachung durch die grauen Herren. Sie mußte fürchten. sie hätte ihr geraten »WARTE U oder »GEH WEITER ! «. blieb ihr nur die verzweifelte Hoffnung. und so war es wieder möglich. bitte«. wird's bald?« sagte der Chauffeur und trommelte mit den Fingern auf dem Lenkrad. Sie suchte die ganze Straße ab.

als gelte es ihr Leben. weil sie plötzlich hoffte. vor einer Woche oder gestern ! Also wartete sie. Sie hoffte. obgleich diese sich immerfort neu bildeten und niemals die gleichen waren. Sie trugen eine Art grauer Uniform. ganz gleich.« An manchen Tagen blieb sie auch zu Hause im alten Amphitheater. an denen man zugrunde geht. Und immer war Momo allein. Sie war inzwischen mit allem einverstanden. Momo rannte los. die Momo je durchlebte. das früher immer das kleine Geschwisterchen Dedé herumgetragen hatte. Es genügt vielleicht. Aber ohne Kassiopeia konnte sie den Weg nicht wiederfinden. bei ihm im Nirgend-Haus für immer zu bleiben. Schließlich malte sie in großen Buchstaben an die Wand ihres Zimmers: BIN WIEDER DA. Und es gab keinen Ausgang! Niemand konnte zu ihr dringen. Eines Tages nämlich begegnete Momo in der Stadt drei Kindern. aber die Gestalt unterbrach ihre Tätigkeit keinen Augenblick. Ein einziges Mal erblickte sie. ob es so werden würde wie früher. Aber niemals las es jemand außer ihr selbst. Denn die wirkliche Zeit ist eben nicht nach der Uhr und dem Kalender zu messen. Vielleicht war sie längst zu Meister Hora zurückgekehrt. was sie nun erfuhr: Es gibt Reichtümer. Ich weiß doch. Und dennoch. ihm zuhören und zu ihm sprechen. daß genau das vielleicht schon geschehen war. um nachzusehen. Es gibt viele Arten von Einsamkeit. Jedenfalls kam sie nicht wieder. Wenn sie dann gerade nicht da wäre. oder ihr zu erlauben. Momo glaubte Beppo zu erkennen und schrie und winkte. Es waren nur einige Monate. Auch wenn sie daran sterben mußte. so sah sie die glühende Farbenpracht der Blüten und hörte die Musik der Stimmen. an die Blumen und die Musik. Oder sie hatte sich irgendwo auf der Welt verirrt. ihr keine Zeit mehr zuzuteilen. ihn noch einmal zu sehen.Aus den Wochen wurden Monate. in denen sie sich wünschte. wenn man sie nicht mit anderen teilen kann. wie Beppo kehrt. Diese schwang hastig einen Besen. so tief vergraben unter einem Berg von Zeit. wäre sie vor die Wahl gestellt worden. ob sie schon zurückgekommen sei. das kann er gar nicht gewesen sein. der ihr zuhörte. Es waren Paolo. »Nein. aber sie wartete natürlich vergebens. Eines jedoch verließ sie nicht in all dieser Zeit: Die lebendige Erinnerung an das Erlebnis bei Meister Hora. und ihre Gesichter wirkten seltsam erstarrt . und die wenigsten mit solcher Gewalt. nur dies eine noch zu sagen: Wenn Momo den Weg zu Meister Hora hätte finden können . Statt dessen geschah etwas ganz anderes. konnte sie niemand mehr entdecken. Beppo könnte vielleicht vorbeikommen. die wohl nur wenige Menschen kennengelernt haben. Und wie am ersten Tag konnte sie die Worte nachsprechen und die Melodien mitsingen. Es kamen sogar Stunden. die immer mehr und mehr wurden und sie zu ersticken drohten. -Alle paar Tage lief Momo zu Gigis Villa und wartete oft lange vor dem Gartentor. »Es wird wohl nicht Beppo gewesen sein«. und sie konnte sich niemand bemerkbar machen. die so vergingen — und doch war es die längste Zeit. aber als sie auf der anderen Brücke ankam. sie hätte die Musik nie gehört und die Farben nie geschaut. sie hätte diese Erinnerung um nichts in der Welt wieder hergegeben. Auch hier quälte sie wieder die Vorstellung. die früher immer zu ihr gekommen waren. Alle drei sahen ganz verändert aus. als sie in der Abenddämmerung auf dem Geländer einer Brücke saß. Über eine solche Art von Einsamkeit kann man in Wahrheit auch nichts erzählen. aber Momo erlebte eine. Franco und das Mädchen Maria. Und die war und blieb verschwunden. mußte er natürlich glauben.und sie versuchte es oft und oft — so wäre sie zu ihm hingegangen und hätte ihn gebeten. in der Ferne auf einer anderen Brücke eine kleine gebückte Gestalt. Niemand war da. außer den Bäumen und den Vögeln und den alten Steinen. Denn das war es. Sie kam sich vor wie eingeschlossen in einer Schatzhöhle voll unermeßlicher Reichtümer. Aber das Tor öffnete sich nie wieder. Manchmal saß sie ganze Tage lang allein auf den steinernen Stufen und sprach und sang vor sich hin. sie sei noch immer verschwunden. um sich zu trösten. Sie wollte bei ihm bleiben. sagte Momo zu sich. Sie brauchte nur die Augen zu schließen und in sich hineinzuhorchen.

Er muß Fragen stellen. »aber jetzt ist alles anders.« Die drei Kinder gingen eilig weiter. »aber es ist zwecklos. Dann werden wir gemischt und kommen in eine Kartei. hat gewonnen. Sie wollte noch einmal bitten. MUX/763/y zum Beispiel.und leblos. daß er alle anderen Karten aussondert und nur die eine zum Schluß übrig bleibt. um zu klingeln oder zu klopfen. Dennoch trat sie nach einer Weile an das Tor heran. sagen sie. antwortete Maria traurig. Momo lief neben ihnen her. »Heute spielen wir Lochkarten«. meinte Maria ängstlich. antwortete Paolo. Aber natürlich nie das. sagte Maria.« »Und wie geht das?« »Jeder von uns stellt eine Lochkarte dar.« »Früher !« antwortete Paolo.« »Könnt ihr denn nicht einfach ausreißen?« schlug Momo vor. »Vielleicht sehen wir uns irgendwann mal wieder«. wurden sie wie von einer riesigen Magnetkraft in das Haus hineingesaugt. »Da lernen wir spielen. »Ich hätte euch so viel zu erzählen«. »schließlich wird doch jetzt für uns gesorgt. Momo hatte es erschrocken beobachtet.« »Was denn?« fragte Momo. »Zwecklos!« sagte er mit dünnem Lächeln. »Ich hab' euch so gesucht«. antwortete Franco. »Wo geht ihr denn jetzt hin?« wollte sie wissen.« »Aber worauf kommt es denn an?« wollte Momo wissen. daß man sie mitspielen lassen sollte. die Zigarre im Mundwinkel. Aber kaum hatte sie einen Schritt auf das Tor zu gemacht. es war schön«. »Ach. Um sie herum waren noch mehr Kinder. Sie kriegen einen immer wieder. »Kinder-Depot« stand über der Tür. »so darf man nicht reden. Wir dürfen unsere Zeit nicht mehr nutzlos vertun. dann schüttelten sie die Köpfe. als sie vor Schreck erstarrte. die alle in das Tor hineingingen. Die drei schüttelten die Köpfe und blickten sich um. »kommt ihr jetzt wieder zu mir?« Die drei wechselten Blicke. »Ich hab's schon ein paar Mal versucht. aber man muß höllisch aufpassen. kommt doch wieder!« bat Momo. Hinter ihnen schlug hallend das Tor zu. »Versuche es gar nicht erst! Es liegt nicht in unserem Interesse. »Ja. sagte Momo atemlos. »daß es nützlich für die Zukunft ist. ob es jemand gehört hatte. Wer es am schnellsten kann. »Darauf«. daß du dort hineinkommst. lächelten sie kaum.« »Und das macht Spaß?« fragte Momo etwas zweifelnd. wie alt. »Da ist uns selber immer eine Menge eingefallen. sagte Momo. wie schwer. flüsterte Franco.« Inzwischen waren sie vor dem Tor eines großen. »Früher seid ihr doch immer gekommen. was man wirklich ist. »das ist sehr nützlich. sonst wäre es ja zu einfach. sagte Franco plötzlich. und zwar so. Manchmal sind wir auch nur lange Zahlen.« »Das haben wir doch nie getan«.« Doch nun geschah etwas Sonderbares: Ehe eines der Kinder antworten konnte. Schließlich faßte Momo sich ein Herz und fragte: »Könntet ihr mich nicht vielleicht mitnehmen? Ich bin jetzt immer so allein. meinte Maria. Aber dabei lernt man nichts.« »So darf man nicht reden«. »Darauf kommt es nicht an«. Selbst als Momo sie jubelnd begrüßte. »aber darauf kommt es nicht an. und so weiter. ja?« fragte Momo. »Bei dir war's viel schöner«. am Anfang«.« Alle schwiegen und blickten vor sich hin. »In die Spielstunde«. ganz gleich was für Spiele es sein würden. Und alle sahen ähnlich aus wie die drei Freunde von Momo. erklärte Paolo. meinte Momo.« . Und dann muß einer von uns eine bestimmte Karte herausfinden. »Oder übermorgen?« Wiederum schüttelten die drei die Köpfe. Zwischen ihr und der Tür stand plötzlich einer der grauen Herren. »Aber morgen vielleicht. grauen Hauses angekommen. Jede Lochkarte enthält eine Menge verschiedener Angaben: wie groß.

»Kennst du uns denn noch immer so wenig? Weißt du noch immer nicht. weder dort noch anderswo. was wir wollen. Wo sie ihn treffen sollte. aber sie brachte keinen Laut hervor. Leute gingen vorüber. packte Momo das Entsetzen. Den restlichen Nachmittag und den ganzen Abend über bis tief in die Nacht hinein lief Momo also mitten im Gedränge der Passanten . Und auch mit dir können wir machen. aber sie hatten es alle sehr eilig. dort hinkommen. erklärte der Graue und paffte einen Rauchring. ins alte Amphitheater zurückzukehren. wie du siehst.« Momo nickte stumm. aschengraues Gelächter hören. kannst du viel dabei gewinnen für dich . Aber wo konnte sie sich vor ihm verstecken? Am sichersten schien es ihr mitten in der Menge anderer Menschen. flüsterte Momo. der sich wie eine Schlinge um Momos Hals legte und nur langsam verging.« »Warum?« brachte Momo mühsam hervor. Aber der graue Herr war schon nicht mehr da.»Warum?« fragte Momo. Außerdem. »Wenn du vernünftig bist.und deine Freunde. dort ganz allein mit ihm zu sein. war sie mitten in einer dichten Menschenmenge auch am schwersten zu finden. Niemand kann dir mehr helfen. »Dann wollen wir uns heute um Mitternacht zur Besprechung treffen. Und bei dem Gedanken. aber wenn er ihr wirklich etwas tun würde und sie um Hilfe schrie. daß du uns einen kleinen Dienst erweist«. der sie um Mitternacht treffen wollte.daß es in Wahrheit nichts Gutes für sie und ihre Freunde sein würde. Sie fühlte wieder die eisige Kälte in sich aufsteigen. SIEBZEHNTES KAPITEL Große Angst und größerer Mut Momo fürchtete sich davor. wie mächtig wir sind? Wir haben dir alle deine Freunde genommen. Aber wir verschonen dich. so sagte sie sich. sie wollte ihm überhaupt nicht mehr begegnen. hatte er ihr nicht gesagt. Möchtest du das?« »Ja«.»Weil wir mit dir etwas anderes vorhaben«. Zwar hatte sie ja gesehen. Nein. war ja mehr als deutlich gewesen. Der graue Herr lächelte dünn. »Laß das doch!« sagte der graue Herr und ließ ein freudloses. dann würden die Leute doch wohl aufmerksam werden und sie retten. Momo zeigte mit dem Finger auf den grauen Herrn und wollte um Hilfe rufen. Nur der Rauch seiner Zigarre hing noch in der Luft. erwiderte der graue Herr. »Weil wir möchten. daß niemand auf sie und den grauen Herren geachtet hatte. Sicherlich würde der graue Herr. Was auch immer er ihr vorzuschlagen hatte .

immer weiter. Die Straßen waren menschenleer und die hohen Häuser dunkel. »Halt!« wollte Momo rufen und »aufhören!«.« Am Straßenrand stand gerade ein kleiner. wo sie diesen Weg begonnen hatte. an ihr eigene Verlassenheit. das tat gut ! Sie seufzte erleichtert. in der Hoffnung. . sich zu retten. Die ganze Zeit hatte sie nur an sich. zu hoch droben. Ach. Wenn es überhaupt noch jemand gab. wenn sie ihm nicht zu Hilfe käme. Dann sah sie die Kinder. Momo kletterte hinauf und lehnte sich gegen einen Sack. aber das Knattern und Rattern übertönte ihre schwache Stimme. »nur einen winzigen Augenblick. Gigi stand schon auf einem ganzen Berg von Papierstreifen. und Momo marschierte halb im Schlaf dahin. fühlte sie plötzlich eine . »Ich kann das andere Ende nicht finden!« Und das Seil schien tatsächlich unendlich lang. Aber dann fiel ihr ein. Und je heftiger sie sich zu befreien versuchte. an ihre eigene Angst gedacht ! Und dabei waren es doch in Wirklichkeit ihre Freunde. Sie war davongelaufen. der sich einen endlosen Papierstreifen aus dem Munde zog. denn er befand sich jetzt in einem Teil der Stadt. Die Karten wurden durcheinandergewirbelt. dann war sie es. Es wurde spät und später. aber der Papierstreifen hörte nicht auf und riß auch nicht ab. schmiegte sich gegen den Sack und war. Doch dann fiel ihr wieder ein. Mochte die Möglichkeit. Momo wollte Beppo so gerne helfen. und es wurde still. Momo wischte sich die Wangen ab. . vor Erschöpfung eingeschlafen.Als sie so weit gedacht hatte. bis sie schließlich davon aufwachte. Es verlor sich nach beiden Seiten in der Dunkelheit. dann mußten sie sich neu ordnen. und sie blieb stehen.»Nur einen Augenblick ausruhen«. die in Not waren. dreirädriger Lieferwagen. weiter . und neue Löcher wurden in sie hineingestanzt. der angenehm weich war. desto mehr verwickelte sie sich darin. aber ihre Füße verfingen sich in den Papierstreifen.über die belebtesten Straßen und Plätze. Die Kartenkinder weinten lautlos. Wirre Träume suchten sie heim. die grauen Herren dazu zu bewegen. ihre Freunde freizugeben. Sie zog die müden Füße hoch und steckte sie unter ihren Rock. Und es wurde immer lauter und lauter. weiter. Er zog und zog immer weiter. der seinen Besen als Balancierstange benutzte. versuchen mußte sie es wenigstens. denn es war dunkel um sie. Sie wollte auf die belebten Straßen zurück. »Wo ist das andere Ende?« hörte sie ihn immer wieder rufen. wo sie vor dem grauen Herren sicher zu sein glaubte. Und in jede Karte waren richtige Muster kleiner Löcher gestanzt. wo sie sich befand. Er war zu weit fort. Und es schien Momo. und Momo sprang ab. Aber sie war ja schon den ganzen Tag über herumgelaufen. Das Motorengeräusch verklang allmählich in den dunklen Straßen. als ob er sie flehend anblickte. Dann sah sie Gigi. auf dessen Ladefläche allerlei Säcke und Kisten lagen. . ehe sie sich's recht überlegt hatte. was sie geträumt hatte. . Sie lief ihn ein zweites und ein drittes Mal. Momo wollte nicht mehr fliehen. ohne daß sie es gemerkt hatte. Wo war sie überhaupt? Der Wagen mußte wohl schon eine ganze Weile gefahren sein. Sie ließ sich einfach mittreiben in dem Strom der immer eiligen Menschenmassen. daß sie sich auf den Lieferwagen gesetzt hatte. daß es knatterte und ratterte. aber sie konnte sich ihm nicht einmal bemerkbar machen. Sie sah den alten Beppo. Und dieser Wagen fuhr jetzt. bis sie wie in einem großen Kreis wieder dorthin zurückkam. und sein Motor machte solchen Lärm. die noch naß von Tränen waren. der um diese späte Nachtzeit wie ausgestorben wirkte. aber schon wurden sie wieder gemischt. hoch über einem finsteren Abgrund auf einem Seil dahinschwanken. Der Lieferwagen fuhr nicht sehr schnell. dann kann ich wieder besser achtgeben . dachte sie endlich. und dabei fielen sie übereinander. Im ersten Augenblick wußte sie nicht mehr. der ihnen Hilfe bringen konnte. Sie wollte zu ihm hinlaufen. als ob er keine Luft mehr bekommen könne. auch noch so winzig sein. und allmählich schmerzten ihre Füße vor Müdigkeit. ehe sie es selbst merkte. Sie waren alle ganz flach wie Spielkarten.

die ringsum auf den großen. Und ihr wurde kalt. als ob keine Macht der Welt ihr etwas anhaben könnte. Er würde unverrichteterdinge wieder fortgehen. daß es die Scheinwerfer von vielen Autos waren. »ist dieses Mädchen Momo. Die Möglichkeit. leeren Platz mündeten. als gleichzeitig in allen Straßen. Wenn der graue Herr jetzt im Amphitheater auf sie wartete. so laut sie konnte. Mit leise brummenden Motoren waren die Autos näher und näher herangekommen. leeren Platz. sondern einfach eine weite. und hatte nicht die leiseste Ahnung. soweit das möglich war. Dann stiegen die Herren aus. dessen Mittelpunkt Momo war. ihren Freunden zu helfen. »vielleicht ist es noch nicht zu spät. Schließlich blieben sie. das uns einmal herausfordern zu können glaubte. verkroch sie sich. Für einen Augenblick schwand ihr ganzer Mut wieder dahin. die nun sehr langsam von allen Seiten auf die Mitte des Platzes zukamen.Blicke. . Jetzt wollte sie dem grauen Herren begegnen. hörte sie nicht einmal den Klang ihrer eigenen Schritte. Und da sie barfuß war. Sie schlug viele Male. in einem Kreis stehen. das sich entfernt anhörte wie vielstimmiges Gelächter. leere Fläche. Und da sie eingekreist war und nicht weglaufen konnte. »Ich muß sofort zum alten Amphitheater«. ein schwacher Lichtschein auftauchte. daß der graue Herr sie hören würde. wo sie stand. Momo konnte nicht sehen. dachte Momo. Sie lief immer weiter und weiter durch die dunklen. war ein magerer. Aber dann dachte sie an die Blumen und an die Stimmen in der großen Musik. also war es nun vielleicht schon Mitternacht. würde vorüber sein . was mit ihr geschehen würde. wie sie weiterlaufen mußte. auf denen Bäume oder Brunnen stehen. Nur am Rande hoben sich dunkel die Umrisse der Häuser gegen den nächtlichen Himmel ab. Aber sie hatte keine Hoffnung. in die Dunkelheit hinein. vielleicht wartet er auf mich. Sie fühlte sich nun so mutig und zuversichtlich. Aber sie spürte. begann ziemlich in der Nähe eine Turmuhr zu schlagen. denn das einzige lebendige Wesen.seltsame Veränderung in sich. Es war durchgestanden. in welche Richtung sie überhaupt laufen mußte. Stoßstange neben Stoßstange. »Hier bin ich!« rief sie. »Das also«. der rasch heller wurde. wo sie sich befand. Sie wollte es um jeden Preis. Was sollte. denn sie blieben im Dunkeln hinter den Scheinwerfern. und sie mußte ihre Augen mit der Hand schützen. dann konnte sie unmöglich noch rechtzeitig hinkommen. schmutziger Hund. Doch darin hatte sie sich getäuscht. daß viele Blicke auf sie gerichtet waren . der in einem Abfallhaufen nach Eßbarem suchte und ängstlich floh. Und fragen konnte sie auch niemand.vielleicht ein für allemal! Momo biß sich auf die Faust. hörte sie schließlich eine aschenfarbene Stimme. Sie wußte nicht. totenstillen Straßen. oder vielmehr: es kümmerte sie überhaupt nicht mehr. Schließlich gelangte Momo zu einem riesenhaften. als sie näher kam. Es war keiner von den schönen Plätzen. Aber sie fand keines. Trotzdem lief sie aufs Geratewohl los. hoffte sie. wie viele es waren. und im Nu fühlte sie sich getröstet und gestärkt. das ihr begegnete. dieses Häufchen Unglück!« Diesen Worten folgte ein rasselndes Geräusch. Sie kamen also! Aber mit einem so gewaltigen Aufgebot hatte Momo nicht gerechnet. Momo nicht und auch keiner der grauen Herren. irgend etwas zu entdecken. Kaum war nämlich der letzte Glockenschlag verhallt. daß es plötzlich umschlug und sich ins Gegenteil verwandelte. das ihr verriet. In welche Richtung sie sich auch wandte. von überallher strahlte ihr grelles Licht entgegen. Und dann erkannte Momo. Als sie eben dessen Mitte erreicht hatte. irgendein Zeichen.« Aber das war nun leichter beschlossen als getan. was konnte sie jetzt noch tun? Sie wußte sich keinen Rat. die nichts Freundliches enthielten. Das Gefühl der Angst und Hilflosigkeit war so groß geworden.Eine ganze Weile sagte niemand ein Wort. Jedesmal. Momo überquerte den Platz. wenn sie in eine neue Straße einbog. sagte sie zu sich. Seht es euch jetzt an. in ihrer viel zu großen Männerjacke. das sie wiedererkannte.

damit du auch sicher bist. was sind sie jetzt für dich? Ein Fluch. Es hat keinen Sinn. und wie gut sie sie kannte! Wieder entstand eine längere Stille. wie gefährlich uns die Kleine werden kann. wie mächtig wir sind. ein Meer. Und dann fragte sie laut: »Kennst du Meister Hora?« Momo nickte. Momo hörte etwas. Das ist doch nicht mehr als recht und billig. Momo fühlte. die dich erstickt. fuhr die Stimme fort. was die Zeit ist«.»Vorsicht !« sagte eine andere aschenfarbene Stimme unterdrückt. armes Kind. Das ist . aber sie biß die Zähne zusammen und schüttelte abermals den Kopf. Es schien sie eine unvorstellbare Anstrengung zu kosten.»Wir möchten diesen Meister Hora nämlich auch gern einmal persönlich kennenlernen. das dich ertränkt. die Wahrheit zu sagen. Du bist ausgesondert von allen Menschen. »Sie wissen. das wie ein Keuchen aus vielen Kehlen klang. »Du liebst deine Freunde. der dich erdrückt. wenn du nur wolltest. »Dann kennst du also die . kam sie abermals aus einer anderen Richtung. eine Last. in einer Woche.« Momo horchte auf. »Sie weiß. und du hilfst uns. »Na schön«.« Wieder entstand eine lange Stille.Stunden-Blumen?« Momo nickte zum dritten Mal. Deine Freunde sind unerreichbar für dich. wo er wohnt. verstehst du? Aber wir wissen nicht.« Momo zog sich ihre Jacke ganz eng um den Leib. Es gibt niemand mehr. »versuchen wir's also mit der Wahrheit. ihr etwas vorzumachen. Du bist allein. daß die grauen Herren sich davor fürchteten. Die vielen einsamen Stunden. daß du einmal gekrochen kommen wirst und sagst: Ich bin zu allem bereit. Es hat keinen Zweck. nur befreit mich von dieser Last ! . zischelte eine andere Stimme. Wir wollen von dir nicht mehr. Das alles war unser Plan. deine Freunde zu befreien. sich uns zu widersetzen. Momo. sagte die erste Stimme aus dem Dunkel hinter den Scheinwerfern. antwortete die erste Stimme ebenso. « Momo schüttelte den Kopf.« Momo hörte zu und schwieg weiterhin. mit dem du deine Zeit teilen kannst. »Und du würdest sie gern aus unserer Gewalt befreien?« Wieder nickte Momo. »Du könntest es. Die Stimme kam aus einer anderen Richtung. daß wir vollkommen offen mit dir reden und es ehrlich meinen: Du bekommst dafür deine Freunde zurück. Eine Welle von Kälte kam von allen Seiten auf Momo zu. und ihr könnt wieder euer altes. »Und du warst tatsächlich bei ihm?« Momo nickte wieder. »kommt der Augenblick. Wir helfen dir.« Momo blickte aufmerksam in die Richtung. Als die Stimme von neuem zu reden anfing. daß sie wirklich beim Sogenannten war«. wir warten einfach. morgen. »Es würde dich wirklich nur eine Kleinigkeit kosten. Endlich begann wieder einer zu reden. Oh. aber klang genauso aschenfarben: »Reden wir also offen miteinander. aus welcher die Stimme jetzt kam. die dich versengt. Du siehst. lustiges Leben führen. »Das beweist. Das ist alles. wo du es nicht mehr erträgst. denn sie bebte an allen Gliedern vor Kälte. nicht wahr?« Momo nickte. eine Qual.Oder bist du schon so weit ? Du brauchst es nur zu sagen. höre nur gut zu. Denn wir wissen. Ja. Uns ist es gleich. als daß du uns zu ihm führst. »Einmal«. »Du willst dir nicht von uns helfen lassen?« fragte die Stimme eisig. in einem Jahr.

und wir lassen euch in Ruhe.doch ein lohnendes Angebot!« Jetzt tat Momo zum ersten Mal den Mund auf. sie schienen unruhig zu werden. der wie aus einer großen Leere zu kommen schien. kaum noch bei Bewußtsein. sagte die Stimme. »Damit laß dir genug sein.« Von irgendwoher fragte die Stimme drohend : » Was heißt das.ich hab' . »Wir wollen ihn kennenlernen«. daß wir die Wahrheit gesagt haben. Jede Schildkröte muß geprüft werden! Diese Kassiopeia muß gefunden werden! Sie muß! Sie muß!« Die Stimmen verklangen. »ich hab's versucht. dann werden wir ihm kein Haar krümmen. Wir werden die Welt beherrschen!« Die Kälte war jetzt so schrecklich. und die Kälte nahm zu. Unter den grauen Herren entstand eine Bewegung. Nach mehreren Versuchen brachte sie schließlich hervor : »Selbst wenn ich's könnte.sie . daß für ihresgleichen kein Platz mehr ist. »Was wollt ihr von Meister Hora?« fragte sie langsam.»sind längst überflüssig. Wir wollen die ganze Zeit aller Menschen. schrie die Stimme und überschlug sich. Nur Kassiopeia weiß ihn. »Man muß diese Schildkröte finden. Und außerdem .« Wie aus weiter Ferne hörte sie um sich her aufgeregtes Stimmengewirr. Langsam kam Momo wieder zu sich. »du und deine Freunde.mit mir . »denk doch an dich und deine Freunde ! Was machst du dir Gedanken um Meister Hora. die spielen und sich Geschichten erzählen.zurückgekommen --.« »Wo ist sie jetzt?« Momo. ihr seid natürlich ausgenommen. also weißt du den Weg!« »Ich finde ihn nicht wieder«. Ihr werdet die letzten Menschen sein. woher die Stimme kam. Die muß Hora uns überlassen!« Momo starrte entsetzt ins Dunkel. über den nur noch ein kalter Windstoß hinfuhr. Andernfalls haben wir unsere Mittel. Ihr mischt euch nicht mehr in unsere Angelegenheiten.aber . als sie antwortete: »Wir haben es satt. aber kein Wort mehr hervorbringen konnte. »Ich verstehe dich nicht«. Sie selbst haben die Welt so weit gebracht.. Die Kälte raubte ihr fast die Besinnung.« Momo versuchte zu sprechen. Es kostete sie Anstrengung zu sprechen. daß Momo nur noch mühsam die Lippen bewegen. Das laß doch seine Sorge sein. »Aber keine Sorge.« Die Stimme verstummte. kleine Momo«. Plötzlich klang die Stimme nun schrill und überanstrengt. Es wurde still.« »Wozu?« fragte Momo mit blauen Lippen. uns die Stunden. flüsterte Momo.verloren. stammelte : »Sie ist . Sie stand allein auf dem großen Platz. »Und die Menschen?« fragte sie. »Sofort Großalarm !« hörte sie rufen. ihn zu zwingen. Wir werden unser Versprechen halten. ein aschengrauer Wind.wenn er vernünftig ist und sich gütlich mit uns einigt. »Was wird dann aus denen?« »Menschen«. . begann aber gleich darauf aus anderer Richtung wieder zu reden: »Du weißt. fuhr die Stimme nun plötzlich wieder leise und beinahe schmeichelnd fort. denn ihre Lippen waren wie eingefroren. Minuten und Sekunden der Menschen einzeln zusammenzuraffen. Und nun führst du uns zu Hora. antwortete die Stimme scharf. Er ist alt genug.« Momo blieb stumm und wartete ab. ich tat's nicht. wenn du es könntest? Du kannst es doch ! Du warst doch bei Hora. um für sich selbst zu sorgen.« »Wer ist das?« »Meister Horas Schildkröte.

versuchte Momo sich zu trösten. Momo hielt sie fest an sich gedrückt. Es wäre ein Glück für sie .. hoffentlich sucht sie nicht mehr nach mir. Jetzt erschienen auf dem Rücken der Schildkröte die Worte: »FREUST DICH WOHL GAR NICHT?« »Doch«. nie wieder . Aber sie war so benommen gewesen. »Man darf dich nicht sehen!» raunte Momo. »Aber sie suchen dich überall! Nur gerade hier sind sie nicht. WIR GEHEN. daß sie die Schildkröte überhaupt erwähnt hatte. obgleich sie wußte. bei dem einem der Verstand stillstand. wenn man zu lange darüber nachdachte. Flüsternd berichtete Momo nun der Schildkröte.« »Jetzt?« rief Momo ganz entsetzt. die grauen Herren könnten noch in der Nähe sein. Sie fühlte sich wie gelähmt und konnte keinen Entschluß fassen. Ja. Ist es nicht gescheiter. »ist Kassiopeia schon längst wieder bei Meister Hora. Dann richtete sie sich auf und horchte und spähte in die Dunkelheit ringsum. Kassiopeia strampelte heftig unter der Jacke und versuchte sich zu be-freien. daß sie sie nicht finden würde? Dann hätte sie ja eigentlich gar nicht zu suchen brauchen? Das war wieder so eines von Kassiopeias Rätseln. denn sie fürchtete. Kassiopeia hatte aufmerksam zugehört. daß sie gar nicht dazu gekommen war. als sie antwortete: »MUSS DOCH SEHR BITTEN!« Momo lächelte. was inzwischen geschehen war. Die Buchstaben auf dem Panzer der Schildkröte erröteten sichtlich. wieviel Zeit vergangen war. daß es nie wieder gut werden würde. wenn die grauen Herren sie tatsächlich finden würden ? Momo begann sich bittere Vorwürfe zu machen. »Und vielleicht«. Nun erschienen auf ihrem Panzer die Worte: »WIR GEHEN zu HORA. Sollte sie nach Hause gehen ins alte Amphitheater und sich schlafen legen? Jetzt.» In diesem Augenblick berührte etwas sie zart an ihrem nackten Fuß. . nachdem alle Hoffnung für sie und ihre Freunde ein für allemal dahin war? Denn nun wußte sie ja. Was. Aber alles blieb still. Nur sehr langsam kehrte die Wärme in ihre erstarrten Glieder zurück. halt dich ruhig!« »WAS SOLL DER UNFUG?« stand leuchtend auf dem Panzer. Momo erschrak und beugte sich langsam hinunter.« »Und wieso hast du mich ausgerechnet jetzt und ausgerechnet hier gefunden?« »WUSSTE ES VORHER«. war die Antwort. sich all das zu überlegen. hier zu bleiben?« Aber auf der Schildkröte stand nur: »ICH WEISS. Vor ihr saß die Schildkröte ! Und in der Dunkelheit leuchteten langsam die Buchstaben auf: »DA BIN ICH WIEDER..« Ohne sich zu besinnen packte Momo sie und steckte sie unter ihre Jacke. aber Momo hörte es kaum. »Hast du mich denn die ganze lange Zeit gesucht?« »FREILICH. über diese Frage zu grübeln.und für mich . Dazu kam die Angst um Kassiopeia. und wie!« Und sie küßte sie mehrmals auf die Nase. Also hatte die Schildkröte offenbar all die Zeit davor nach Momo gesucht. Aber jetzt war jedenfalls nicht der geeignete Augenblick. »doch Kassiopeia. . guckte aber zu ihr hinein und flüsterte: »Bitte. »Was sollen wir jetzt tun?« fragte sie zuletzt.« .ACHTZEHNTES KAPITEL Wenn man voraussieht ohne zurückzuschauen Momo wußte nicht. sagte Momo und schluchzte fast. Die Turmuhr schlug manchmal.

Kassiopeia«. dann konnte man sich freilich darauf verlassen. dann konnte sie es vielleicht tatsächlich noch bis zur Niemals-Gasse und zum Nirgend-Haus schaffen. Darauf erschien die rätselhafte Antwort: »DER WEG IST IN MIR. »ich kann nicht mehr. Eine größer und größer werdende Prozession von grauen Herren. wie es ihr vorkam. Und nun. von dem aus sie damals in jene andere Gegend mit den weißen Häusern und dem seltsamen Licht gelangt waren. Ein knisterndes Rascheln ging über den Platz hin wie tonloses Kichern. den sie damals gegangen waren. »Geben Sie sofort Nachricht an alle Agenten in der Stadt. Manchmal glaubte sie. wenn sie das so sicher wußte.« »Eben.« Wieder wehte tonloses Kichern durch die finsteren Schatten rund um den Platz. Wenn nur die Schildkröte nicht so schrecklich langsam gekrabbelt wäre! Aber daran war ja nun nichts zu ändern. hieß es. raunte eine andere. und plötzlich fühlte sie. sagte Momo. Sie hatten lange warten müssen. Alle sollen sich uns anschließen. Momo hob ihre Augenlider. Um jeden Preis. sagte Momo. Und dann wurde es für ein kleines Weilchen wieder ein wenig besser. »Gut«. »werden wir ihnen geradewegs in die Arme laufen. »Geh allein. Momo setzte Kassiopeia auf den Boden. Aber dann dachte sie an den langen mühevollen Weg. und Momo folgte ihr. Sie tut es freiwillig . Momo las es und schaute sich erstaunt um. »Warum mußt du denn unbedingt selbst krabbeln?« fragte Momo. »ich geh' mit dir. war auf Kassiopeias Rücken zu lesen. Geh allein und grüß Meister Hora schön von mir. Momo schaute nicht mehr nach links und nach rechts. Momo war so müde wie noch nie in ihrem ganzen Leben zuvor. sagte sie leise. immer durch Mauern und Häuserecken verborgen. die ihr schwer wie Blei zu sein schienen. daß ihre Kräfte dazu nicht mehr ausreichen würden. Aber könnte ich dich nicht vielleicht tragen. Ein Teil von ihnen war zurückgeblieben.« Damit setzte sich die Schildkröte in Bewegung. »Wir müssen doch die Schildkröte fangen. Denn wohin auch immer sie ihre Schritte wandten. Nach und nach dämmerte ihr. aber daß dieses Warten einen solchen unverhofften Erfolg zeitigen würde. .« »Stimmt. Es waren die grauen Herren. hatten sie selbst nicht geahnt.« »Wieso?« fragte die erste Stimme. langsam und Schrittchen für Schrittchen. »Da gehen sie !« flüsterte eine aschengraue Stimme. Nach einer Ewigkeit. meine Herren. meine Herren ! Keiner von uns darf sich ihnen in den Weg stellen. »Sollen wir zupacken?« »Natürlich nicht«. daß sie im nächsten Augenblick einfach hinfallen und einschlafen würde. Nun. lassen Sie uns in aller Ruhe unseren beiden ahnungslosen Führern folgen!« Und so kam es. war Kassiopeias Antwort. die Verfolger wichen aus und verschwanden rechtzeitig.»Dann«. Wenn es so war. daß die Straße unter ihren Füßen plötzlich heller wurde. als es rund um den Platz in den finsteren Schatten der Häuser lebendig wurde. bemerkte sie. Und genau das tut sie jetzt. Die Suche kann abgebrochen werden. damit es schneller geht?« »LEIDER NEIN«. um heimlich das Mädchen zu beobachten.wenn auch nicht absichtlich. um sich hinter dem Mädchen und der Schildkröte ihren Genossen anzuschließen. Aber höchste Vorsicht. Kaum waren das Mädchen und die Schildkröte in einer der einmündenden Gassen verschwunden.« »WIR BEGEGNEN KEINEM«. »Wir lassen sie laufen. Aber dann zwang sie sich noch zum nächsten Schritt und wieder zum nächsten. die die ganze Szene belauscht hatten. Man soll ihnen überall freie Bahn geben. sondern nur noch auf ihr eigenen Füße und auf Kassiopeia. daß Momo und Kassiopeia tatsächlich keinem einzigen ihrer Verfolger begegneten. Sie dürfen keinem von uns begegnen.« » ES IST GANZ NAH!« stand auf Kassiopeias Rücken. daß dies der armselige und wie ausgestorben wirkende Stadtteil war. Und wozu brauchen wir sie?« »Damit sie uns zu Hora führt. folgte lautlos dem Weg der beiden Fliehenden. Und wir brauchen sie nicht einmal dazu zu zwingen.

Blendend weiß und unnahbar standen die Häuser mit den schwarzen Fenstern. als sie Momo mit den drei Autos verfolgten.hatten die grauen Herren damals. Dann war die Ecke der Niemals-Gasse erreicht. Wie eine graue. sagte sie zu Kassiopeia. Sie krabbelte weiter. Momo erinnerte sich. war die Antwort der Schildkröte. um nichts mehr zu sehen und zu hören. daß sie in dieser Gasse nicht hatte weiterkommen können. desto langsamer kam man voran. Die ersten stemmten sich gegen die Masse der nachfolgenden. bis sie bei Meister Hora sein würden. Und deshalb tat sie es jetzt wieder. Und nun blieb ihr fast das Herz stehen vor Schreck. ein Wettlauf der Langsamkeit. und dadurch holten sie auf und kamen näher und näher heran. Momo sah ihre zornigen Gesichter und ihre drohend geschüttelten Fäuste. Und dort war auch wieder jenes seltsame Denkmal. Aber nun geschah abermals etwas Seltsames: Als die ersten der Verfolger in die Niemals-Gasse einzudringen versuchten. Und Momo bemerkte . und für einen Augenblick entstand eine Art Handgemenge unter ihnen.noch Abenddämmerung war und wo alle Schatten in verschiedene Richtungen fielen. Kreuz und quer ging der Weg durch diese Traumstraßen. »können wir nicht ein bißchen schneller gehen?« »JE LANGSAMER.und blickte umher. Zuerst verschwanden ihre vorgestreckten Hände. nicht gewußt. denn nun konnte es nicht mehr allzulange dauern. auf denen ein überraschter und entsetzter Ausdruck lag. Es war geradezu. Langsam füllten sich die weißen Straßen hinter den beiden mit dem Heer der grauen Herren.daß sie hier gerade dadurch schneller vorwärts kamen. Jetzt folgten sie den beiden genauso langsam wie diese gingen. rannte durch den Gang mit den steinernen Figuren. Ja. Kassiopeia war schon eingebogen und lief auf das Nirgend-Haus zu. ihr weiter zu folgen. Denn dies war das Geheimnis jenes weißen Stadtteils: Je langsamer man voranschritt. in dem jenes Licht herrschte. und Reihe hinter Reihe. immer schneller. schlüpfte hindurch. Und da diese nun wußten. Dann hatte Momo endlich das Nirgend-Haus erreicht. Und so entdeckten sie nun auch dieses Geheimnis. . einer neben dem anderen. Die große schwere Tür aus grünem Metall öffnete sich. eher noch langsamer als vorher. So war Momo ihnen entkommen. DESTO SCHNELLER«. sie waren endlich in den Stadtteil gelangt. Momo schrie auf.Damals ! Aber jetzt war die Sache anders. wie man sich hier bewegen mußte. Es war wie ein umgekehrter Wettlauf. die ganze Straßenbreite ausfüllend. Momo schöpfte Mut. desto schneller kam man vom Fleck. bis sie sich umgedreht hatte und rückwärts gegangen war. Momo stürzte hinein. sondern natürlich auch die anderen nachdrängenden grauen Herren. lösten sie sich buchstäblich vor Momos Augen in Nichts auf. Aber keiner wagte es. Das . immer tiefer und tiefer hinein ins Innere des weißen Stadtteils.wie schon beim vorigen Mal . als glitte die Straße unter ihnen dahin. so weit man sehen konnte. warf sich auf das zierliche Sofa und versteckte ihr Gesicht unter einem Kissen. wandernde Mauer kamen die Zeit-Diebe heran. aber sie konnte ihr eigene Stimme nicht hören. Aber nicht nur Momo hatte diesen Vorgang beobachtet. Denn jetzt wollten sie das Mädchen und die Schildkröte ja gar nicht einholen. dann die Beine und Körper und schließlich auch die Gesichter. Sie lief rückwärts in die Niemals-Gasse hinein und starrte mit aufgerissenen Augen auf das nachfolgende Heer der grauen Herren. »Bitte«. das nichts darstellte als ein riesengroßes Ei auf einem schwarzen Steinquader. öffnete die ganz kleine Tür am anderen Ende. Und je mehr man sich beeilte. das nicht Morgen. lief durch den Saal mit den unzähligen Uhren auf das kleine Zimmerchen in der Mitte der Standuhren zu. gingen sie sogar noch etwas langsamer als die Schildkröte. je langsamer sie beide gingen.

daß du immer mehr Zeit in dir hast. »Das wäre freilich schön. als bloß die Zeit. fragte Momo. Die beiden Strömungen halten sich im Gleichgewicht.« Meister Hora lächelte. Du brauchst mir nichts zu erklären. Kassiopeia.« »Davon hab' ich gar nichts gemerkt«. erklärte Meister Hora lächelnd. »Nein. Aber die Zeit-Diebe würden sich in Nichts auflösen. »Ah.« »Und was ist mit den grauen Herren?« fragte Momo. Wenn man die eine aufhebt.. Dadurch. weil er sehr viel mehr ist. unsere kleine Momo ist aufgewacht ! « sagte Meister Hora freundlich. das nicht. antwortete Meister Hora. »Könnte man dann«. »DENKE NICHT NACH!« Meister Hora schüttelte seufzend den Kopf. Und die geht im Handumdrehen aus ihnen heraus. stand auf und ging einige Male tief in Gedanken in dem kleinen Zimmer auf und ab. »nicht einfach alle Zeit umgekehrt laufen lassen ? Nur ganz kurz. Sie bestehen nur aus gestohlener Zeit. fragte sie nach einer Weile. Das heißt. daß sie sich einfach in Nichts auflösen. du fühlst dich wieder gut?« »Sehr gut. Momo beobachtete ihn gespannt. von ihnen aber gar nichts. wenn sie in den ZeitSog geraten. Soweit ich nicht alles selbst durch meine Allsicht-Brille beobachtet habe. danke«. daß die Grauen euch folgen würden?« »WEISS NUR VORHER«. »entschuldige bitte. »Sie belagern uns. »für einen Menschen bedeutet das nicht so viel. Sie fühlte sich auf wunderbare Weise erquickt und ausgeruht. Sonst ist es doch so. . Dann gäbe es gar keine Zeit mehr . «Er hielt inné und schob seine Allsicht-Brille auf die Stirn. die du dazu gebraucht hast. murmelte er. »Das macht der Zeit-Sog«.« »Zu uns hereinkommen«. nur eben die Zeit. daß man dort alles rückwärts tun muß. Kassiopeia-. erschien auf Kassiopeias Rücken. verschwindet auch die andere. daß du jünger geworden bist. erwiderte Hora. Am Tischchen vor dem Sofa saß Meister Hora. Du hast ja selbst gesehen. Man kann sagen. »Nun ja«. Aber bei den grauen Herren ist das anders. Aber in der NiemalsGasse geht die Zeit aus dir heraus. hat Kassiopeia mir inzwischen berichtet. daß ich hier einfach eingeschlafen bin. antwortete Momo.« »Mach dir darüber keine Gedanken«. »Das heißt. die in ihm steckt. sie zu durchqueren. so wie die Luft aus einem geplatzten Luftballon. Schließlich setzte er sich wieder und sah Momo prüfend an. auch Kassiopeia verfolgte ihn mit den Augen. Dann würden alle Leute ein bißchen jünger. »Du weißt ja. . wo die Schildkröte saß. Meister Hora zog ein großes blaues Taschentuch aus seiner Jacke. meinte Momo verwundert. soweit sie eben herankommen können. das würde ja nichts machen. Er blickte mit kummervollem Gesicht vor sich auf den Boden nieder.. Kassiopeia . manchmal bist du auch mir ein Rätsel!« Momo setzte sich auf.NEUNZEHNTES KAPITEL Die Eingeschlossenen müssen sich entschließen Eine leise Stimme sprach. »Das Kind kann nichts dafür«. »aber du.«. Sie haben das Nirgend-Haus von allen Seiten umstellt.« Momo dachte angestrengt nach. nicht wahr? Rings um das Nirgend-Haus läuft die Zeit nämlich umgekehrt. Nicht viel. . hörte sie die Stimme sagen. »Konntest du dir nicht denken. Langsam tauchte Momo aus der Tiefe ihres traumlosen Schlafes empor.« »Wie kommt denn das?« wollte Momo wissen. Aber es geht leider nicht.warum hast du das nur getan?« Momo schlug die Augen auf. daß die Zeit in dich hineingeht. während du durch sie hindurchgegangen bist. »Ich hoffe. wirst du älter. »können sie doch nicht?« Meister Hora schneuzte sich. »Das war ganz in Ordnung. Nur bleibt vom Ballon wenigstens noch die Hülle übrig. »Ach. meine ich. wenn sie die Niemals-Gasse betreten.

Jeder hatte wie immer seinen steifen runden Hut auf dem Kopf. »sie können dich dazu zwingen. »Sie wollen«. »daß du ihnen die ganze Zeit aller Menschen gibst. daß dieser Dunst nichts mit der Brille und nichts mit ihren Augen zu tun hatte. oder sie könne noch immer nicht ganz deutlich sehen.« » »Ehe wir uns darüber weiter unterhalten«. mit vollen Backen kauend. wo sich kein Windhauch regte. Die Zeit hat einmal angefangen. Aber diese Rauchwolken verteilten sich nicht. sagte er. Kind«. Aber diesmal ging es bald vorüber. in die Reihe traten. Und nun sah sie das Heer der Belagerer ! Schulter an Schulter standen die grauen Herren in einer unabsehbar langen Reihe nebeneinander. die durch sie abgelöst wurden. Hier. der sie schwindelig machte wie beim ersten Mal. immer weiter in einem großen Kreis. Übrigens griff jetzt auch Meister Hora herzhaft zu. meine Teure! Was ist nach deiner Ansicht das Beste. denn ein merkwürdiger Nebel ließ die Umrisse der grauen Herren nur verschwommen erkennen. Aber dann bemerkte Momo noch etwas anderes. Die Umzingelung war lückenlos. seine Aktentasche in der Hand. Von mir werden die grauen Herren nicht den kleinsten Augenblick bekommen. aber erst. »das werde ich niemals tun. Zuerst war da wieder der Wirbel aus Farben und Formen. Aber warum geschah dies alles? Welchen Plan . sondern weiter noch. das man während einer Belagerung tun kann?« »FRÜHSTÜCKEN!« erschien als Antwort auf deren Panzer. antwortete Meister Hora. wenn die Menschen sie nicht mehr brauchen. und in seinem Mund qualmte die kleine graue Zigarre. »Auch keine schlechte Idee!« Im gleichen Augenblick war der Tisch auch schon gedeckt. »Ja«. Aber dann begriff sie. Er ballte sich zu ekligen. sagte er sehr ernst.« »Aber sie sagen«. bläulich-grünen Schwaden. wie sie es sonst in gewöhnlicher Luft taten. Oder war er es eigentlich schon die ganze Zeit gewesen. sich zu bilden. der sich durch den Stadtteil mit den schneeweißen Häusern zog und dessen Mittelpunkt das Nirgend-Haus war. etwas Befremdliches. Momo hatte in der Zwischenzeit oft mit Sehnsucht an diese köstlichen Sachen zurückgedacht und begann sofort mit Heißhunger zu schmausen. die Butter und die knusprigen Brötchen. Und diesmal schmeckte es ihr fast noch besser als beim ersten Mal. kroch über die Straßen an den Fassaden der schneeweißen Häuser empor und spannte sich in langen Fahnen von Vorsprung zu Vorsprung. Sie standen nicht nur vor der Niemals-Gasse. Aber das wirst du doch nicht tun?« Nein. die sich langsam aber stetig immer höher übereinander türmten und das Nirgend-Haus von allen Seiten wie mit einer unaufhaltsam wachsenden Mauer umgaben. die sie sich aufsetzte. die Gläser der Allsicht-Brille seien vielleicht beschlagen. Nach einer kleinen Weile schon hatten sich ihre Augen auf die Allsicht eingestellt. der Honig. Die grauen Herren standen unbeweglich. daß du sie dir selber ansiehst. sondern daß er dort draußen in den Straßen aufstieg. in dieser gläsernen Luft zog sich der Rauch in zähen Schleiern wie Spinnweben dahin. Momo sah auch.« Er wandte sich an die Schildkröte zu seinen Füßen: »Kassiopeia.»Du hast mich da auf eine Idee gebracht«. sagte Meister Hora. an anderen begann er erst. ob sie auszuführen ist. und Momo hatte es nur bisher nicht bemerkt? Jedenfalls standen da wieder die kleinen goldenen Täßchen und das ganze übrige goldschimmernde Frühstück: Die Kanne mit dampfender Schokolade. sagte Momo nach einer Weile. fuhrt Momo fort. und sie wird einmal enden. An manchen Stellen war er schon dicht und undurchsichtig.« Er nahm seine kleine goldene Brille ab und reichte sie Momo hinüber. daß ab und zu neue Herren ankamen und an Stelle anderer. »möchte ich. Zuerst meinte sie nur. »aber es hängt nicht allein von mir ab.

zurückzukehren. Dagegen können die grauen Herren nichts tun.verfolgten die Zeit-Diebe? Sie nahm die Brille ab und schaute Meister Hora fragend an. Es gibt keinen Zorn mehr und keine Begeisterung. daß sie diese durch ihr eigene Kälte einfrieren. denn ohne sie könnte er nicht mehr existieren.« Momos Wangen begannen vor Empörung zu glühen. Momo. Man hastet mit leerem. mehr und mehr von diesen Blüten an sich zu reißen. die ganze Welt kommt einem fremd vor und geht einen nichts mehr an. grauem Gesicht umher. Denn erst in diesem Rauch ist die Zeit nun wirklich ganz und gar tot. sondern sie bleibt und nimmt langsam immer mehr zu. auch nicht aufhalten.« Momo hörte atemlos zu. Sie reißen den StundenBlumen die Blütenblätter aus. dann mischt sich in jede Stunde. dann werden sie krank davon. noch kann ich den Menschen ihre Zeit unversehrt zusenden. immer leerer im Innern. »Ach!« sagte sie. »Ich habe dir damals gesagt. die so herausgerissen sind aus dem Herzen eines Menschen. . Aber sie können den Menschen einen Schaden zufügen. Aber die Stunden-Blumen. Darum zünden sie die Zigarren an und rauchen sie. »Du mußt wissen. man kann sich nicht mehr freuen und nicht mehr trauern. Dann ist es kalt geworden in einem. Meister Hora nickte. gespenstischen Zeit der grauen Herren. Man fühlt sich immer mißmutiger. besteht aus toter Zeit. Sie können aber auch nicht leben.« »Ja. in welchen die ganze gefrorene Zeit liegt. todkrank sogar. Nichts interessiert einen. Noch ist genügend freier Himmel da. »Hast du genug gesehen?« fragte er. Ich weiß nur. und man fühlt gar nichts mehr. weil jeder ein Herz hat. dann ist die Krankheit unheilbar. Sie streben mit allen Fasern ihres Wesens zurück zu dem Menschen. »Hast du jemals einen von ihnen ohne seine kleine graue Zigarre gesehen? Gewiß nicht. man verlernt das Lachen und das Weinen. die von mir ausgeschickt wird. Aber wenn die finstere Qualmglocke sich rundherum und über uns geschlossen haben wird. Sie können die Zeit. »Mit dem Rauch ihrer Zigarren«. wo die grauen Herren die geraubten Stunden-Blumen aufbewahren. man ödet sich. von Woche zu Woche. Ich weiß nicht. »Dann gib mir bitte die Brille wieder. mich zu erpressen. Dann hört nach und nach sogar dieses Gefühl auf. erklärte Meister Hora. Doch auch dort sterben die StundenBlumen noch immer nicht. was sie bis jetzt getan haben.« »Etwas noch Schlimmeres?« fragte Momo erschrocken. Aber diese Unlust verschwindet nicht wieder. daß jeder Mensch einen solchen goldenen Tempel der Zeit besitzt.« Während er sie sich aufsetzte. Es gibt keine Rückkehr mehr. . Wenn die Menschen dort die grauen Herren einlassen. man . daß auch das Böse sein Geheimnis hat. Irgendwo tief unter der Erde müssen sich riesige Speicher befinden. etwas von der abgestorbenen. und man kann nichts und niemand mehr lieb haben. Aber sie können sie vergiften.« »Was sind denn das für Zigarren?« wollte Momo wissen. und daraus drehen sie sich ihre kleinen Zigarren. Wenn es einmal soweit gekommen ist. Aber bis zu diesem Augenblick ist noch immer ein Rest von Leben in den Blättern. Sie wird schlimmer von Tag zu Tag. Und wenn die Menschen die empfangen. Man hat eines Tages keine Lust mehr. »Ich teile jedem Menschen seine Zeit zu.« Momo war aufgestanden. der viel schlimmer ist. Leise fragte sie: »Und was ist das für eine Krankheit?« »Am Anfang merkt man noch nicht viel davon. diese Mauer von Rauch. lassen sie verdorren. irgend etwas zu tun.« »Die Zeit vergiften?« fragte Momo entgeistert. können nicht sterben. »soviel tote Zeit. immer unzufriedener mit sich und der Welt. Und damit versuchen sie. »Du erinnerst dich an die Stunden-Blumen«. bis sie grau und hart werden. wie du nun weißt. die sie dort draußen rund um das Nirgend-Haus wachsen lassen. denn sie sind ja von ihrem wirklichen Eigentümer getrennt. Mich selbst können sie nicht erreichen. Und von solcher toten Menschenzeit fristen sie ihr Dasein. ob sie mich zu etwas zwingen können. Dadurch werden sie gehindert. als alles. denn sie sind ja nicht wirklich vergangen. fuhr er fort: »Du hast gefragt.«Momo starrte Meister Hora fassungslos an. dem sie gehören. Lebendige Zeit ist jedoch für die grauen Herren unbekömmlich. sagte Meister Hora. Man wird ganz gleichgültig und grau. bis die Blüten hart sind wie gläserne Kelche. dann gelingt es denen. »Aus diesen Vorratskellern versorgen die grauen Herren sich immerzu. die ich aussende.

und ich werde dir nicht mehr helfen können. die gar nicht zu ermessen ist«. als du jetzt glaubst. wird die Welt aufhören. »hätten wir nichts erreicht. machte ihr Mut. Es schien ihr unmöglich. und ich selbst kann wieder aufwachen. »Ich will es versuchen«. »Damit allein«. Die Aufgaben. Wenn also alle Zeit auf der Welt aufgehört hat. Und dorthin mußt du ihnen folgen. »Dann«.und das werden sie sehr schnell merken. still zu stehen.ist genauso geworden wie die grauen Herren selbst. daß sie sich auf einmal entscheiden konnte. dann ist man einer der ihren. flüsterte Momo.« Er blickte Momo an. zu leben. Und damit bliebe die Welt still und starr für alle Ewigkeit. Momo. daß die Menschen selbst sich von diesen Plagegeistern befreien würden. Freilich nur eine einzige. da sie ja große Vorräte an Zeit besitzen.« Momo nickte und schaute Meister Hora mit äußerster Aufmerksamkeit an. »Willst du es trotzdem versuchen?« fragte Meister Hora. begann er. »Willst du mir helfen?« »Ja«. wiederholte Momo.« Er stand auf und wandte sich ab. dir. würde im gleichen Augenblick alle Zeit aufhören. Aber nun kann ich nicht länger warten. »dann machen sie. »Du mußt wissen«. »ICH GEH MIT DIR!« las sie plötzlich auf Kassiopeias Rücken. Du hast die Stimmen der Sterne gehört. und diesmal klang ihre Stimme fest. an ihre Zeitvorräte zu kommen. müssen sie sich in Nichts auflösen. nicht ganz allein zu sein. Sobald ihre Zigarren zu Ende sind.« Momo schwieg. »Und wenn du ihnen also nicht die Zeit aller Menschen gibst«. meinte Momo. »Ich muß dich in eine Gefahr schicken. Diese Krankheit heißt: Die tödliche Langeweile. Wenn es nämlich keine Zeit mehr gibt. »damit wollen sie mich erpressen. »Vieles wird leichter sein. In einer einzigen Stunde hätten sie davon so gut wie nichts verbraucht. antwortete Meister Hora. dann können die grauen Herren auch niemand mehr bestehlen. »ist es doch ganz einfach!« »Leider ist es eben nicht so einfach. Ich nicht und niemand sonst. aber er bewirkte. daß alle Menschen so werden wie sie?« »Ja«. dann mußt du sie daran hindern.« Momo überlief ein Schauder. Zwar können sie noch eine Weile weiterexistieren. geht es auch mit ihnen zu Ende. denn die Vorräte der grauen Herren sind viel. Wenn der letzte Zeit-Dieb verschwunden ist. dir ganz allein eine Stunden-Blume zu geben. Ich muß etwas tun. Momo. Aber wenn diese verbraucht sind. versetzte Meister Hora. Und für alles das bleibt dir nur eine einzige Stunde. »Es ist die einzige und letzte Möglichkeit. fragte sie. Die Vorstellung. »gib jetzt genau acht auf das. sagte Meister Hora. Willst du es wirklich wagen?« »Ja«. »Und es wird von dir abhängen. daß die Zeit aufgehört hat .werden sie die Belagerung abbrechen und zu ihren Zeitvorräten streben.« . die du lösen müßtest. sonst brauchte ich ja nicht deine Hilfe.« »Dann kann ich dich doch wecken!« sagte Momo. Aber ich kann es nicht allein. sagte Meister Hora.« Momo sah Meister Hora ratlos an. ob die Welt für immer still stehen wird. Sie wären also danach noch immer da. Meister Hora blickte sie lange an und begann zu lächeln. denn du wirst ganz und gar auf dich gestellt sein. und das wird vielleicht von allem das Schwerste sein. Mit einem solchen Berg von Schwierigkeiten und Gefahren hatte sie nicht gerechnet. Wenn du ihr Versteck gefunden hast. Aber danach bleibt noch etwas zu tun. Wenn es aber keine Zeit mehr gibt. Die Welt würde still stehen. Denn nur. Du mußt keine Angst haben. Ja. Kind. so hättest du noch eine Stunde. oder ob sie von neuem beginnen wird. daß sie das schaffen konnte.« »Aber dann«. Wenn ich einschliefe. sind viel schwerer ! Sobald die grauen Herren merken. weil ihr Zigarren-Nachschub ausbleiben wird . weil ja immer nur eine blüht. dann mußt du die ganze geraubte Zeit befreien. denn sie selbst haben ihnen ja auch zum Dasein verholfen. was ich dir sage. wenn diese zurückkehrt zu den Menschen. Aber es liegt in meiner Macht. Es war zwar ein Mut ohne jeden vernünftigen Grund. sagte sie entschlossen. viel größer. »daß ich niemals schlafe. Momo. Was konnte die Schildkröte ihr bei all dem helfen ! Und doch war es ein winziger Hoffnungsstrahl für Momo. dann kann ich ja auch nicht wieder aufwachen. »Ich habe bis jetzt darauf gewartet. Sie hätten es gekonnt.

Dann wandte er sich der Schildkröte zu und fragte: »Und du. Momo«. daß die Zeit aufgehört hat?« »Sei unbesorgt. Er wandte sich ab und ging rasch aus dem kleinen Zimmer. Kassiopeia. wenn alles für immer still stünde. steht alles still. und es erschienen die Worte: »JEMAND MUSS DOCH AUF SIE AUFPASSEN!« Meister Hora und Momo lächelten sich an. Nur eines noch: Sowie ich fort bin. Sie trägt ihre eigene kleine Zeit in sich selbst. »Kassiopeia braucht das nicht«. Ihr größtes Abenteuer hatte unwiderruflich begonnen. Denn wir bleiben doch Freunde. als er sie in den goldenen Tempel getragen hatte. und auch Momo erhob sich. »und du darfst mir nicht folgen und auch nicht fragen. Er strich ihr leise mit der Hand über ihren struppigen Haarschopf. »es war eine große Freude für mich. Die Schrift verschwand. daß du auch mir zugehört hast. »sie ist ein Wesen von außerhalb der Zeit. du wirst es bemerken.« »Ich werde allen von dir erzählen«.« »Gut«. wenn du nicht dabei bist. wohin ich gehe. alt wie ein Felsenberg oder ein uralter Baum. nicht wahr?« »Ja«. und dann waren sie von dem Ticken der vielen Uhren nicht mehr zu unterscheiden. und auch diese Türen sind durch keine Macht der Welt mehr zu bewegen. »später. Sie könnte auch über die Welt krabbeln. die kleine. auf der mein Name steht. das aus Uhrenkästen gebildet war. willst also mitgehen?« » NATÜRLICH !« stand auf dem Panzer.« Und nun sah Meister Hora plötzlich wieder unbegreiflich alt aus. »Kriegt sie auch eine Stunden-Blume?« fragte Momo. »Ich werde nun gehen«. Momo hob Kassiopeia hoch und drückte sie fest an sich. und es ist besser. erklärte Meister Hora und kraulte die Schildkröte zärtlich am Hals. mußt du sogleich die beiden Türen öffnen.»Leb wohl. Hast du alles gut verstanden und behalten. sagte Momo. »und was sollen wir jetzt tun?« »Jetzt«. dann fragte sie leise: »Werden wir uns denn nicht mehr wiedersehen?« »Wir werden uns wiedersehen.« Meister Hora stand auf. Denn sobald die Zeit aufhört. »wollen wir Abschied nehmen. . Denn mein Schlaf ist kein gewöhnlicher Schlaf. sagte Momo. entgegnete Meister Hora. Momo hörte seine Schritte immer ferner und ferner. sagte er. mein Kind?« »Ja«. und die große aus grünem Metall. Vielleicht war er in dieses Ticken hineingegangen. antwortete Momo. die auf die Niemals-Gasse hinausführt. »aber woran soll ich erkennen. ganz wie damals. fuhr Meister Hora fort. sagte Momo und nickte. in der nun plötzlich der Tatendrang erwachte. antwortete Meister Hora. kleine Momo«. »und bis dahin wird jede Stunde deines Lebens dir einen Gruß von mir bringen.« Momo schluckte.

Dann hörte sie die Schritte der grauen Herren draußen im Gang hallen. sie kamen durch die Niemals-Gasse. so vollkommen. in der ja nun auch die rückwärtslaufende Zeit aufgehört hatte. Nichts. waren vollkommen unbeweglich. die auf dem Teller lagen. das aus der Tiefe von Jahrhunderten kam. Sogar die Brotkrümchen. wie ihn zuvor noch nie ein Mensch gehört hat. wie diese Blume in ihre Hand hineingekommen war. Die schwingenden Perpendikel blieben stehen. lief sie in den Saal mit den unzähligen Uhren zurück und wartete. hinter einer großen Standuhr. Momo setzte sich auf eines der Polsterstühlchen. Sie hatte nicht gefühlt. Es gibt keine Worte dafür. Ihr Herz begann rasend zu klopfen. wie sich das anfühlte. was nun geschehen würde. Als sie damit fertig war. Und dann geschah es! Es gab plötzlich eine Art Erschütterung. aber die Polster waren jetzt hart wie Marmelstein und gaben nicht mehr nach. »Das ist also unser neues Heim. Und Momo wurde gewahr. daß sie in ihrer Hand eine wunderbare. wie sie nie und nirgends zuvor auf der Welt geherrscht hatte. und Momo schaute sie an. Kassiopeia strampelte. sie konnte sich bewegen. schlüpfte durch das kleine Türchen. In ihrer Tasse war noch ein Schluck Schokolade. aber das Täßchen war nicht mehr von der Stelle zu bewegen. bis ein ganzer Trupp von ihnen im Saal stand. Es war wie ein Seufzen. Momo wollte den Finger in die Flüssigkeit tauchen. Auf dem Tischchen standen noch die Reste des Frühstücks. nicht die winzigste Kleinigkeit konnte jetzt mehr verändert werden. Die Zeit hatte aufgehört. Einer nach dem anderen zwängte sich durch das kleine Türchen. Vorsichtig machte Momo einen Schritt. Dann lief sie geschwind durch den Gang mit den großen Steinfiguren und machte auch die äußere große Tür aus grünem Metall auf. auf das Nirgend-Haus zu ! Das war im Plan nicht vorgesehen gewesen ! Momo rannte zurück in den großen Saal und versteckte sich. denn die riesigen Torflügel waren sehr schwer. wie sie eben standen. sehr große Stunden-Blume trug. Kassiopeia auf dem Arm. mit Kassiopeia im Arm. Um Himmels willen. als sei sie immer schon da gewesen. Sie schauten sich um. sondern die Zeit. die aber nicht den Raum beben machte. Und dann war alles vorüber. Tatsächlich. wo es keine Zeit mehr gab. aber sie war hart wie Glas. ja ! Momo raffte sich auf. ein Zeit-Beben sozusagen.ZWANZIGSTES KAPITEL Die Verfolgung der Verfolger Als erstes ging Momo nun hin und öffnete die kleine innere Tür. »Das fängt ja schon gut an«. »ABER DEINE ZEIT VERLIERST DU!« stand auf ihrem Rückenpanzer. Das gleiche war mit dem Honig. Im gleichen Augenblick hörte das vielstimmige Ticken und Schnarren und Klingen und Schlagen der unzähligen Uhren ganz plötzlich auf. Die Zeit-Diebe liefen gar nicht fort! Im Gegenteil. Und eine Stille breitete sich aus. auf der Meister Horas Name stand. murmelte sie. Sie mußte all ihre Kraft aufwenden. Sie lief durch den Saal. Dieses Ereignis wurde von einem Klang begleitet. Sie war einfach ganz plötzlich da. »Eindrucksvoll!« sagte einer von ihnen. lief weiter durch den Gang und spähte bei der großen Tür um die Ecke und fuhr im gleichen Augenblick zurück. mühelos wie immer. Nichts. gar nichts regte sich mehr.« .

Jetzt werden wir kurzen Prozeß mit ihm machen.Wir müssen sofort die Belagerung abbrechen ! .»Das Mädchen Momo hat uns die Tür geöffnet«. meine Herren. ganz ähnliche Stimme antwortete: »Nach meiner Ansicht hat der Sogenannte selbst klein beigegeben. »Eine Sanduhr kann man nicht anhalten!« rief der erste.Sind Sie verrückt? .Ohne Wagen? Das können wir nicht rechtzeitig schaffen! Meine Zigarren reichen nur noch für siebenundzwanzig Minuten! . was dann aus uns wird!« schrie ein anderer. sagte eine andere aschengraue Stimme. Dann fragte einer: »Was sagen Sie? Unser Nachschub ist zusammengebrochen? Aber was wird dann aus uns. Denn daß der Zeit-Sog in der Niemals-Gasse ausgesetzt hat. den Alten herumzukriegen.Meine für achtundvierzig! -Dann geben Sie her! . und binnen kurzem befand sich das ganze Heer Hals über Kopf auf dem Rückzug. wenn unsere mitgeführten Zigarren verbraucht sind?« »Das wissen Sie selbst. Als sie die aus dem Nirgend-Haus Gekommenen rennen sahen. Momo konnte aus ihrem Versteck beobachten. Dort standen in den Rauchschwaden andere Gruppen von grauen Herren. begannen sie ebenfalls zu rennen. Sie schlugen sich die Hüte von den Köpfen. unter einem Arm die Schildkröte. der rinnende Sand ist mitten im Fall stehengeblieben ! Man kann die Uhr auch nicht bewegen ! Was bedeutet das?« Noch während er redete. Es ist unmöglich. Und jeder. wer kann!« Alle waren auf das kleine Türchen zugerannt und drängten gleichzeitig hinaus. meinte ein anderer unsicher. wurde rasch immer durchsichtiger und verschwand zuletzt. lief hinter ihnen her. nicht einmal sein Hut. . zu unseren Zeit-Speichern zu kommen! . angstvollen Ausdruck im Gesicht. meine Herren ! Die Uhren ! Sehen Sie sich doch nur die Uhren an! Sie stehen alle. schien plötzlich alle Kraft zu verlieren. die aufgeregt gestikulierend aufeinander einredeten. daß er sich uns fügen muß. kann nur bedeuten. Er stand da. die Hände ausgestreckt. Die Welt steht still. klangen laufende Schritte aus dem Gang herein. Sogar die Sanduhr hier.« Und eine dritte. wie sie es angestellt hat. Wo steckt er denn?« Die grauen Herren sahen sich suchend um. nacheinander durch das kleine Türchen hinauszuschlüpfen und davonzukommen. daß er ihn abgestellt hat. Jetzt kam alles darauf an. und seine Stimme klang noch eine Spur aschenfarbener: »Da stimmt was nicht. Ein vernünftiges Kind! Ich bin gespannt. und denen gelang es nun doch. sehen Sie nur. Er hat also eingesehen. Alles steht. dann quetschte sich ein weitere grauer Herr aufgeregt gestikulierend durch die kleine Tür und rief: »Soeben ist Nachricht unserer Agenten aus der Stadt gekommen. dem das widerfuhr. daß die Zeit-Diebe schon bis zum Anfang der Niemals-Gasse gelaufen waren. in der anderen Hand die Stunden-Blume. sie rangen miteinander und rissen sich gegenseitig die kleinen grauen Zigarren aus den Mündern. daß sie die grauen Herren nicht mehr aus den Augen verlor. irgendeinem Menschen noch das kleinste bißchen Zeit zu entreißen. Nichts blieb von ihm übrig.Wir müssen versuchen. dann sagte plötzlich einer von ihnen. meine Herren!« Und nun schrien plötzlich alle durcheinander: »Hora will uns vernichten ! .« »Er hat sie eben angehalten«. sah sie. Ihre Autos stehen. wie sie sich in ihrer Panik gegenseitig wegboxten. »Und doch. »ich habe es genau beobachtet. Eine schier endlose Karawane grauer Herren rannte stadteinwärts durch die seltsame Traumgegend mit den schneeweißen Häusern und den verschieden fallenden Schatten. Jeder wollte vor dem anderen hinaus und kämpfte um sein graues Leben. Unser gesamter Nachschub ist zusammengebrochen ! Es gibt keine Zeit mehr ! Hora hat die Zeit abgestellt!« Einen Augenblick herrschte Totenstille. Momo. andere schlössen sich den Fliehenden an. schoben und zogen und immer heftiger in ein Handgemenge gerieten. »Das ist eine fürchterliche Katastrophe. Durch das Verschwinden der Zeit hatte nun natürlich auch hier die geheimnisvolle Umkehrung von schnell und langsam aufgehört. Als sie aus dem großen Tor trat. mit einem greinenden. Schließlich waren nur noch drei der grauen Herren im Saal.Rette sich.

Der Zug der grauen Herren führte vorbei an dem großen Ei-Denkmal und weiter bis dorthin, wo die ersten gewöhnlichen Häuser standen, jene grauen, verfallenen Mietskasernen, in denen die Menschen wohnten, die eben am Rande der Zeit lebten. Aber auch hier war nun alles starr. In gebührendem Abstand hinter den letzten Nachzüglern folgte Momo. Und so begann nun eine umgekehrte Jagd durch die große Stadt, eine Jagd, bei welcher die riesige Schar der grauen Herren floh und ein kleines Mädchen mit einer Blume in der Hand und einer Schildkröte unter dem Arm sie verfolgte. Aber wie sonderbar sah diese Stadt nun aus ! Auf den Fahrbahnen standen die Autos Reihe neben Reihe, hinter den Steuerrädern saßen bewegungslos die Fahrer, die Hände an der Schaltung oder auf der Hupe (einer tippte sich gerade mit dem Finger an die Stirn und starrte wütend zu seinem Nachbarn hinüber), Radfahrer, die den Arm ausgestreckt hielten, um zu zeigen, daß sie abbiegen wollten, und auf den Gehsteigen all die Fußgänger, Männer, Frauen, Kinder, Hunde und Katzen vollkommen reglos und starr, sogar der Rauch aus den Auspuffrohren. Auf den Straßenkreuzungen waren die Verkehrspolizisten, ihre Trillerpfeife im Mund, mitten im Winken stehen geblieben. Ein Schwarm Tauben schwebte über einem Platz unbeweglich in der Luft. Hoch über allem stand ein Flugzeug wie gemalt am Himmel. Das Wasser der Springbrunnen sah aus wie Eis. Blätter, die von Bäumen fielen, lagen reglos mitten in der Luft. Und ein kleiner Hund, der gerade ein Bein an einem Lichtmast hob, stand, als wäre er ausgestopft. Mitten durch diese Stadt, die leblos war wie eine Fotografie, rannten und jagten die grauen Herren. Und Momo immer hinterdrein, doch immer vorsichtig darauf bedacht, von den Zeit-Dieben nicht bemerkt zu werden. Aber die achteten sowieso auf nichts mehr, denn ihre Flucht gestaltete sich immer schwieriger und anstrengender. Sie waren ja nicht daran gewöhnt, so große Strecken im Laufschritt zurückzulegen. Sie keuchten und rangen nach Atem. Dabei mußten sie immer noch ihre kleinen grauen Zigarren, ohne die sie ja verloren waren, im Mund behalten. Manch einem entglitt die seine im Laufen, und ehe er sie noch auf dem Boden wiederfinden konnte, löste er sich bereits auf. Aber nicht nur diese äußeren Umstände machten ihre Flucht immer beschwerlicher, sondern mehr und mehr drohte jetzt schon Gefahr von seilen der eigenen Leidensgenossen. Manche nämlich, deren eigene Zigarren zu Ende brannten, rissen in der Verzweiflung einfach einem anderen die seine aus dem Mund. Und so verringerte sich ihre Anzahl langsam, aber ständig. Diejenigen, die noch einen kleinen Vorrat von Zigarren in ihren Aktentaschen trugen, mußten sehr achtgeben, daß die anderen nichts davon merkten, sonst stürzten sich die, welche keine mehr hatten, auf die Reicheren und versuchten, ihnen ihre Schätze zu entreißen. Es gab wilde Schlägereien. Ganze Haufen von ihnen warfen sich aufeinander, um etwas von den Vorräten zu grapschen. Dabei rollten die Zigarren über die Straße und wurden im Tumult zertreten. Die Angst, von der Welt verschwinden zu müssen, hatte die grauen Herren vollkommen kopflos gemacht. Und noch etwas bereitete ihnen immer zunehmende Schwierigkeiten, je weiter stadteinwärts sie kamen. An manchen Stellen der großen Stadt stand die Menschenmenge so dicht, daß sich die grauen Herren nur mühsam zwischen den Leuten durchschieben konnten, als seien diese Bäume in einem dichten Wald. Momo, die ja klein und schmal war, hatte es da natürlich bedeutend leichter. Aber selbst ein Flaumfederchen, das reglos in der Luft hing, war so unbeweglich, daß die grauen Herren sich fast die Köpfe daran einschlugen, wenn sie aus Versehen dagegen rannten. Es war ein langer Weg, und Momo hatte keine Ahnung, wie lang er noch sein würde. Besorgt blickte sie auf ihre Stunden-Blume. Aber die war inzwischen erst voll aufgeblüht. Noch bestand also kein Grund zur Sorge. Doch dann geschah etwas, was Momo augenblicklich alles andere vergessen ließ: Sie erblickte in einer kleinen Seitenstraße Beppo Straßenkehrer ! »Beppo!« schrie sie, außer sich vor Freude, und rannte zu ihm hin. »Beppo, ich hab' dich überall gesucht! Wo warst du denn die ganze Zeit? Warum bist du nie gekommen? Ach,

Beppo, lieber Beppo!« Sie wollte ihm um den Hals fallen, aber sie prallte von ihm ab, als ob er aus Eisen wäre. Momo hatte sich ziemlich weh getan, und die Tränen schössen ihr in die Augen. Schluchzend stand sie vor ihm und schaute ihn an. Seine kleine Gestalt wirkte noch gebückter als früher. Sein gutes Gesicht war ganz schmal und ausgezehrt und sehr blaß. Um das Kinn war ihm ein weißer, struppiger Stoppelbart gewachsen, denn zum Rasieren hatte er sich keine Zeit mehr genommen. In den Händen hielt er einen alten Besen, der schon ganz abgenützt war vom vielen Kehren. So stand er da, reglos wie alles andere, und schaute durch seine kleine Brille vor sich auf den Schmutz der Straße. Jetzt endlich hatte Momo ihn also gefunden, jetzt, wo es gar nichts mehr half, weil sie sich ihm nicht mehr bemerkbar machen konnte. Und vielleicht würde es das letzte Mal sein, daß sie ihn sah. Wer konnte wissen, wie alles ausgehen würde. Wenn es schlecht ausging, würde der alte Beppo in alle Ewigkeit so hier stehen. Die Schildkröte zappelte in Momos Arm. »WEITER!« stand auf ihrem Panzer.Momo rannte auf die Hauptstraße zurück und erschrak. Keiner der Zeit-Diebe war mehr zu sehen ! Momo lief ein Stück in der Richtung, in welcher vorher die grauen Herren geflüchtet waren, aber vergebens. Sie hatte ihre Spur verloren ! Ratlos blieb sie stehen. Was sollte sie nun tun? Fragend blickte sie auf Kassiopeia. »DU FINDEST SIE, LAUF WEITER!« lautete der Rat der Schildkröte. Nun, wenn Kassiopeia vorherwußte, daß sie die Zeit-Diebe finden würde, dann war es ja auf jeden Fall richtig, ganz gleich, welchen Weg Momo einschlug. Sie lief also einfach weiter, wie es ihr gerade in den Sinn kam, mal links, mal rechts, mal geradeaus. Inzwischen war sie in jenen Teil am nördlichen Rande der großen Stadt gekommen, wo die Neubauviertel mit den immer gleichen Häusern und den schnurgeraden Straßen sich bis zum Horizont dehnten. Momo lief weiter und weiter, aber da ja alle Häuser und Straßen einander vollkommen glichen, hatte sie bald das Gefühl, gar nicht vom Fleck zu kommen und an der gleichen Stelle zu laufen. Es war ein wahrer Irrgarten, aber ein Irrgarten der Regelmäßigkeit und Gleichheit. Momo war schon nahe daran, den Mut zu verlieren, als sie plötzlich einen letzten grauen Herren um eine Ecke biegen sah. Er humpelte, seine Hose war zerrissen, Hut und Aktentasche fehlten ihm, nur in seinem verbissen zusammengepreßten Mund qualmte noch der Stummel einer kleinen grauen Zigarre. Momo folgte ihm, bis zu einer Stelle, wo in der endlosen Reihe der Häuser plötzlich eines fehlte. Statt dessen war dort ein hoher Bauzaun aus rohen Brettern errichtet, der ein weites Geviert umgab. In diesem Bauzaun war ein Tor, das ein wenig offenstand, und dort hinein huschte der letzte Nachzügler der grauen Herren. Über dem Tor befand sich ein Schild, und Momo blieb stehen, um es zu entziffern.

EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL Das Ende, mit dem etwas Neues beginnt
Momo hatte sich mit dem Buchstabieren der Warntafel aufgehalten. Als sie nun durch das Tor schlüpfte, war auch von dem letzten grauen Herren nichts mehr zu sehen. Vor ihr lag eine riesige Baugrube, die wohl zwanzig, dreißig Meter tief sein mochte. Bagger und andere Baumaschinen standen umher. Auf einer schrägen Rampe, die zum Grunde der Grube hinunterführte, waren einige Lastwagen mitten in der Fahrt stehengeblieben. Da und dort standen Bauarbeiter, reglos in ihren jeweiligen Haltungen erstarrt. Aber wohin nun? Momo konnte keinen Eingang entdecken, den der graue Herr benutzt haben mochte. Sie schaute auf Kassiopeia, aber diese schien auch nicht weiterzuwissen. Keine Buchstaben erschienen auf ihrem Panzer. Momo kletterte auf den Grund der Baugrube hinunter und schaute sich um. Und nun sah sie plötzlich noch mal ein bekanntes Gesicht. Da stand Nicola, der Maurer, der ihr damals das schöne Blumenbild an die Wand ihres Zimmers gemalt hatte. Natürlich war auch er reglos, wie alle anderen, aber seine Haltung war seltsam. Er stand da, eine Hand an den Mund gelegt, als ob er irgendwem etwas zuriefe, und mit der anderen Hand zeigte er auf die Öffnung eines riesenhaften Rohres, das neben ihm aus dem Boden der Baugrube ragte. Und es ergab sich gerade so, daß er dabei Momo anzublicken schien. Momo überlegte nicht lang, sie nahm es einfach als ein Zeichen und kletterte in das Rohr hinein. Kaum war sie drin, geriet sie ins Rutschen, denn das Rohr führte steil abwärts. Es machte allerlei Windungen, so daß sie wie auf einer Rutschbahn hin und her geschleudert wurde. Hören und Sehen verging ihr beinahe bei der rasenden Fahrt, tiefer und tiefer hinunter. Manchmal trudelte sie um sich selbst, so daß sie mit dem Kopf voran dahinsauste. Aber sie ließ dabei weder die Schildkröte noch die Blume los. Je tiefer sie kam, desto kälter wurde es. Einen Augenblick dachte sie auch daran, wie sie wohl je wieder hier herauskommen könne, aber noch ehe sie recht dazu kam, sich Gedanken zu machen, endete die Röhre plötzlich in einem unterirdischen Gang. Hier war es nicht mehr finster. Es herrschte ein aschengraues Halblicht, das von den Wänden selbst auszugehen schien. Momo stand auf und lief weiter. Da sie barfuß war, machten ihre Schritte kein Geräusch, wohl aber die des grauen Herrn, die sie nun wieder vor sich hörte. Sie folgte dem Klang.

daß ganz hinten an der Rückwand des Saales eine riesige Panzertür ein wenig offenstand. dann gelingt es dreien auch nicht. wie lange wir mit ihnen auskommen müssen. wo sie hergekommen sind. »aber falls es nötig sein sollte. »Und nun«.« Die gleiche schauerliche Prozedur erfolgte ein zweites. Kopf bedeutet die mit den ungeraden. Sie bemerkte. daß es nichts half. »desto länger werden wir durchhalten. »Die Herren mit den geraden Zahlen bleiben. ein drittes und schließlich sogar ein viertes Mal. erwiderte der . dorthin zurückzukehren. Es genügt völlig. Im Vergleich zu vorher war es jetzt schon beinahe erträglich.« Eine Weile war es still. Das ist ein Gebot der Vernunft. sagte einer der grauen Herren. meine Herren. das sich. die Katastrophe zu überdauern. Zuletzt waren nur noch sechs der grauen Herren übrig. »Indem das Tor offensteht. »sparsam mit unseren Vorräten umgehen. ein unterirdisches Aderngeflecht. Eisige Kälte wehte aus dem Saal. als die Katastrophe begann.« »Leider haben Sie nicht ganz recht. antwortete ein anderer. wie es schien. der ganz oben am Konferenztisch vor der Panzertür saß.« »Wir sind nur noch wenige!« schrie ein anderer. Wir müssen uns einschränken. Obwohl Momo wußte. das Häuflein. fuhr der Redner ungerührt fort. dann erklärte einer: »Wie gut. die Vorräte tiefgekühlt zu halten?« »Wir sind leider nur sechs«. sich unverzüglich aufzulösen!« Ein tonloses Stöhnen lief durch die Reihe der Verlierer. die mit den ungeraden werden ersucht. denn wir wissen nicht. meine Herren. antwortete einer von der anderen Seite des Tisches.Von dem Gang zweigten nach allen Seiten andere Gänge ab. können wir ja immer noch darüber reden. die fürchterliche Kälte merklich nachließ. Nach und nach werden die Stunden-Blumen auftauen. dann könnte sie jetzt keine Macht der Welt öffnen. »Sechs«. und ihre Gesichter wirkten verzerrt von Angst. Momo sah.« »Sie meinen«. Danach zog der Vorsitzende eine Münze aus der Tasche und erklärte : »Wir werden losen. »ist eine häßliche Zahl. »Wir müssen«. Wenn es uns sechsen nicht gelingt. meine Herren. Zahl bedeutet. Vor ihren Augen lag ein riesiger Saal mit einem schier endlosen Konferenztisch in der Mitte. »es hat keinen Zweck mehr. wenn einige von uns diese Katastrophe überstehen. Sie saßen sich zu drei und drei am Kopfende des endlosen Tisches gegenüber und sahen sich eisig an. Nur ihre Zigarren brannten noch. nun abzuzählen?« Die grauen Herren zählten ab. entweicht die Kälte aus den Gefrier-Kellern. Die Zeit-Diebe mit den geraden Zahlen nahmen den anderen ihre Zigarren fort. Wir wären verloren. Sie ging ihm nach und lugte vorsichtig um eine Ecke. wie wir hier sitzen. daß die Tür zu den Vorrats-Speichern gerade offenstand. »Die Vorräte reichen auf Jahre hinaus!« »Je eher wir zu sparen beginnen«. unsere Zahl noch weiter zu verringern. mein Bester«. und die Verurteilten lösten sich in Nichts auf. wenn ich bitten darf.oder vielmehr. kauerte sie sich nieder und wickelte die nackten Füße in ihren Rock.« Er warf die Münze in die Luft und fing sie auf.« »Genug jetzt«. fragte ein dritter. Und wie armselig sahen diese letzten Zeit-Diebe jetzt aus ! Ihre Anzüge waren zerfetzt. meinte ein anderer. wenn die Zahl der grauen Herren geringer wurde. sind wir zu viele ! Wir müssen unsere Zahl beträchtlich verringern. Wir müssen die Dinge sachlich betrachten ! So. Wäre sie im entscheidenden Augenblick geschlossen gewesen. das von ihnen noch übrig war. Um diesen Tisch saßen in zwei langen Reihen die grauen Herren . »dasselbe noch einmal. Darf ich Sie bitten. was ich mit sparen meine. sagte der Vorsitzende in die Stille hinein.« »Das ist nicht gesagt«. Später. sie hatten Beulen und Schrunden auf ihren grauen Glatzen. »Zahl!« rief er. Momo hatte den Vorgang mit Schaudern beobachtet. daß wir sie dann nicht mehr daran hindern können. meine ich. unter dem ganzen Neubau-Viertel hinzog. aber keiner wehrte sich. Und Sie wissen. Und Sie alle wissen. hörte sie nun einen grauen Herrn sagen. daß die Herren mit den geraden Zahlen bleiben. Dann hörte sie Stimmengewirr. daß jedesmal. »daß unsere Kälte jetzt nicht mehr ausreicht.

« » MIT DER BLUME BERÜHREN!« war die Antwort. Die Tür drehte sich geräuschlos in ihren Angeln. stand auf dem Panzer. Und nun rafften sich auch die grauen Herren auf und jagten hinter ihr drein. »Und damit«. wenn ich sie mit der Stunden-Blume berühre?« wisperte Momo. Die grauen Herren. «Momo dachte nach. Wenn Kassiopeia es vorauswußte. von einem Fußtritt getroffen. daß die Grauen über sie stolperten und sich auf dem Boden überkugelten. gehabt!« kreischte der sechste.eine trostlose Vorstellung. fragte der vierte. unter ihre Jacke.« »Für eine von beiden Möglichkeiten mußten wir uns entscheiden«. Dann steckte sie die Stundenblume. die inzwischen schon ziemlich welk war und nicht mehr sehr viele Blütenblätter hatte. berührte sie mit der Blüte und schob gleichzeitig mit der Hand. gegen die Wand. Das Herz klopfte ihr zum Zerspringen. wo die Verfolger laufen würden. Momo setzte die Schildkröte vorsichtig auf den Boden. »DU WIRST ES TUN«. meinte einer. Hier nur zu sitzen und weiter zu warten. Nun saß sie zwischen den Füßen der Zeit-Diebe. Und es würde sie immer weiter geben. wieviel wir ausrichten können. Leise. »Sie ist doch unbeweglich. »Das ist doch dieses schreckliche kleine Mädchen!« hörte sie einen rufen. Sie konnte zwar nur langsam krabbeln. unsere Anzahl derartig rigoros zu vermindern. Ungesehen von den sechs grauen Herren gelang es ihr. erreichte sie die Stelle rechtzeitig und legte sich so in den Weg. Ohne sich zu besinnen. aber immer wieder gelang es ihr zu entwischen. »Ich muß gestehen . »und Sie können sich selbst ausrechnen. Die Nachkommenden fielen über die Liegenden. daß außer ihnen noch irgendein anderes Wesen vom völligen Stillstand ausgenommen sein könnte. wovon sie eben vorherwußte. hatte gewiß keinen Sinn. Und auch Kassiopeia beteiligte sich auf ihre Art an diesem Kampf. da die Tür zu den Vorrats-Speichern ja offenstand und die ZeitDiebe sich nach Belieben Nachschub holen konnten? Kassiopeia strampelte. dann würden die Stunden-Blumen also von selbst auftauen. nahm sie zwischen die Zähne und krabbelte zwischen den Stühlen hindurch. rief der erste Herr. Aber hier wußten die grauen Herren natürlich besser Bescheid. die sich immer wieder verzweigten. »Das geht nicht!« flüsterte Momo. Aber vorläufig gab es die grauen Herren ja noch. ohne daß einer der grauen Herren es bemerkte. es war ziemlich voreilig. Mir scheint. Momo jagte kreuz und quer. . Natürlich flog sie dabei selbst oft. » Wieso kann sie sich bewegen ?« »Sie hat eine Stunden-Blume!« brüllte ein dritter.zweite Herr. »Ich kann sie bewegen. sonst ist alles aus!« Inzwischen war Momo schon irgendwo in den Gängen verschwunden. Aber was konnte sie tun. »aber jetzt ist die Tür zu ! Es gibt nur noch eine Rettung: Wir müssen die Stunden-Blume des Mädchens kriegen. die nicht im entferntesten damit gerechnet hatten. wenn sie nichts tat. saßen vor Schreck erstarrt auf ihren Stühlen und stierten das Mädchen an. und so rettete die Schildkröte mehrmals das Mädchen vor dem fast schon sicheren Gefaßtwerden. dann mußte es wohl auch so sein. »So werden wir also nun vielleicht jahrelang sitzen und nichts tun. Dort lief sie auf allen vieren weiter. »und wir haben uns entschieden. als uns gegenseitig bewachen«.« Wieder entstand eine Stille. weiterhin das zu tun. bis sie das andere Ende des langen Tisches erreichte. Wir werden nichts dabei gewinnen. »konnte sie die Tür bewegen?« Der fünfte schlug sich wild vor den Kopf: »Dann hätten wir das ja auch gekonnt! Wir haben doch genügend davon!« »Gehabt. drehte sich wirklich. manchmal lief sie einem Verfolger fast in die Arme. unter den langen Konferenztisch zu kriechen. daß sie es tun würde. Aber das hielt sie nicht ab. Sie erreichte die offenstehende Tür. Der Hall löste ein vielfaches Echo im Saal und in den tausend unterirdischen Gängen aus. und Momo schaute sie an. »DU MACHST DIE TÜR zu!« stand auf ihrem Panzer. aber da sie ja immer im voraus wußte. leise zog sie die Stunden-Blume hervor. Wenn es keine grauen Herren mehr gab. Momo sprang auf. und fiel donnernd ins Schloß. rannte Momo an ihnen vorbei auf den Ausgang des Saales zu. »Das ist Momo!« » Das gibt es nicht ! « schrie ein anderer.

alles vorbei . In seinem Mundwinkel qualmte noch ein winziger Stummel. und keine war einer anderen gleich . »Her mit der Blume !« keuchte er. Der erste Verfolger wollte eben die Hand nach der Blume ausstrecken. Sie stand in eine Ecke des Saales gepreßt und blickte den beiden Verfolgern angsterfüllt entgegen. begann mit einem Mal eine Art Sturm. konnten sie aber nicht einholen. Momo ging mit staunenden Augen in die riesigen Vorratsspeicher hinein. und eine war herrlicher anzusehen als die andere. Und es war wie ein übermütiger Tanz nach einer herrlichen Musik. Dann senkte sich die Blütenwolke langsam und sacht hernieder. richtete sich mühsam halb auf und hob zitternd seine Hand. Es war wie ein warmer Frühlingssturm. »Es ist gut«. FLIEGE HEIM!« Und dies war das letzte. Unzählige StundenBlumen standen hier wie gläserne Kelche aufgereiht in endlosen Regalen. gib mir die Blume!« Momo stand noch immer in die Ecke gepreßt. Schließlich waren nur noch zwei von ihnen übrig. drückte die Blume an sich und schüttelte. Und wie Schneeflocken. »Bitte«. Momo schaute wie im Traum umher und sah Kassiopeia vor sich auf dem Boden. schrie er. Mit dem Verschwinden des letzten Zeit-Diebes war auch die Kälte gewichen. an der nur noch ein einziges. auf deren Rücken stand: »DU MACHST DIE TÜR AUF. Der Graue warf sich auf den Boden und grapschte mit ausgestrecktem Arm danach. Und nun kam der letzte der grauen Herren auf Momo zu. KLEINE MOMO. wurde durchsichtig und verschwand. dabei fiel ihm der winzige Stummel aus dem Mund und rollte fort.ihre Zigarren und lösten sich. Dann teilten sie sich und liefen in entgegengesetzten Richtungen. Momo starrte fassungslos auf die Stelle. berührte sie wieder mit ihrer Stunden-Blume. Nur noch drei schimmernde Blütenblätter hingen daran. aber ein Sturm aus lauter befreiter Zeit.ist---« Und dann war auch er verschwunden. . letztes Blütenblatt hing. konnte ihn aber nicht mehr erreichen. als sei sie selbst eine der Blumen. in dem sie auf und nieder schwebte und sich um sich selbst drehte. daß Momo aufgehoben und davongetragen wurde. hinaus aus den finsteren Gängen. Dabei schlug der erste dem zweiten die Zigarre aus dem Mund. Die Blume hielt sie an sich gedrückt. liebes Kind. Der letzte graue Herr nickte langsam. daß nun . die immer größer und größer wurde. Momo war in den großen Saal mit dem langen Tisch zurückgeflohen. keines Wortes mehr mächtig. als der zweite ihn zurückriß. Denn nun verstärkte sich der Sturm der Blüten ganz unbeschreiblich. und der drehte sich mit einem geisterhaften Wehlaut um sich selbst. Und auf ihrem Rückenpanzer stand in leuchtender Schrift: »FLIEGE HEIM. Wolken von Stunden-Blumen wirbelten um sie her und an ihr vorüber. hinaus. »es ist gut-. und öffnete sie weit. flüsterte er.besinnungslos vor Gier nach der Stunden-Blume. wo er gelegen hatte. um dorthin zurückzukehren. »Nein«. so lösten sie sich sanft auf und wurden wieder unsichtbar. Und nun gab es für Momo kein Entrinnen mehr.« Momo ging zu der Tür. Er wandte Momo sein aschengraues Gesicht zu. wurde so gewaltig.Hunderttausende. Während das letzte Blatt von Momos eigener Stunden-Blume abfiel. einer nach dem ändern. den Kopf. Die beiden Zeit-Diebe verfolgten sie rund um den Tisch. Sie flog dahin über die Dächer und Türme in einer riesigen Wolke aus Blumen. Aber dort krabbelte jetzt Kassiopeia. Es wurde warm und wärmer wie in einem Treibhaus. hinauf über die Erde und hinauf über die große Stadt. wohin sie eigentlich gehörten: in die Herzen der Menschen.Bei dieser Verfolgung verloren einige der grauen Herren . in Nichts auf. murmelte er. »mir gehört die Blume! Mir!« Die beiden fingen an sich gegenseitig zurückzureißen. Millionen von Lebensstunden. und die Blumen fielen wie Schneeflocken auf die erstarrte Welt. was Momo von Kassiopeia sah. »bitte.

und was in Wirklichkeit während jenes Augenblicks. »habe ich jetzt die hunderttausend Stunden eingespart und Momo freigekauft. die früher immer gekommen waren. Er hatte es auf einmal gar nicht mehr eilig und konnte sich selbst nicht erklären. bis die alten Sterne am Himmel standen. So wanderten die beiden Arm in Arm durch die Stadt. so vergnügt. und manche stiegen aus und spielten einfach mit. der Wirt. sich jedem ihrer Patienten ausführlich zu widmen. Und die Ärzte hatten jetzt Zeit. wie er brauchte und haben wollte. wie nur Momos Freunde es zu feiern verstehen. plauderten freundlich miteinander und erkundigten sich ausführlich nach dem gegenseitigen Wohlergehen. ganz wie früher. und alle Leute aus der Umgebung. und schaute nachdenklich vor sich hin. Es war für sie vorübergegangen wie ein Wimpernschlag. und wirklich. denn sie hatten ja nun alle genügend Zeit dazu.« Und genau in diesem Augenblick zupfte ihn jemand an der Jacke. Beide lachten und weinten abwechselnd und redeten fortwährend durcheinander und natürlich lauter dummes Zeug. und seinem Baby. geschehen ist. wem das alles zu verdanken war. Als Momo wieder recht zur Besinnung kam. wo sie vorher Beppo gefunden hatte. Alle Leute hatten nämlich plötzlich unendlich viel Zeit. möglichst viel in möglichst kurzer Zeit fertigzubringen. daß er für diesen Tag nicht mehr ans Arbeiten dachte. . guckten lächelnd zu. daß die Welt für eine Stunde still gestanden hatte. Und doch war etwas anders geworden als vorher. wenn man vor Freude wie betrunken ist. Die Arbeiter konnten ruhig und mit Liebe zur Sache arbeiten. und denen Momo zugehört hatte. Die Autos rühren. Es gibt wohl keine Worte. wie das eben so ist. und die kleine Momo stand vor ihm. Denn es war ja tatsächlich keine Zeit verstrichen zwischen dem Aufhören und dem neuen Beginn. die das Glück des Wiedersehens beschreiben können. und die Leute. Claudio und alle anderen Kinder. fand sie sich auf einer Straße wieder. der Maurer. Endlich schulterte Beppo seinen Besen. daß es in Wirklichkeit seine eigene gesparte Zeit war. seiner dicken Frau. die vorübergingen. und alles regte und bewegte sich von neuem. Die meisten Leute hätten es wohl auch nicht geglaubt. heimwärts zum alten Amphitheater. und die Autofahrer. denn von nun an war ja wieder genug davon da. die Verkehrsschutzleute pfiffen. hatten die Menschen nichts bemerkt. die Blumen in einem Fenster zu bewundern oder einen Vogel zu füttern. wieso er sich plötzlich so getröstet und voller Hoffnung fühlte. denn es versteht sich wohl von selbst. und er drehte sich um. Überall standen Leute. Und nachdem der Jubel und das Umarmen und Händeschütteln und Lachen und Durcheinanderschreien sich gelegt hatte. »Vielleicht«. Nicola. die Tauben flogen und der kleine Hund am Lichtmast machte sein Bächlein. denn es kam nicht mehr darauf an. dort stand er noch ! Stand mit dem Rücken zu ihr. die warten mußten. Es wurde ganz still. Dann wurde ein Fest gefeiert. hatte Zeit.Im selben Augenblick begann die Zeit wieder. aber niemand wußte. dachte er. auf seinen Besen gestützt. der ihnen wie ein Wimpernschlag vorkam. Franco. Denn als die kleine Momo und der alte Beppo an diesem Tag ins alte Amphitheater zurückkamen. Nino. Geglaubt und gewußt haben es nur Momos Freunde. Und in der großen Stadt sah man. Und jeder hatte dem anderen unendlich viel zu erzählen. blieben stehen und freuten sich und lachten und weinten mit. Es war die Seitenstraße. waren sie alle schon da und warteten: Gigi Fremdenführer. was man seit langem nicht mehr gesehen hatte : Kinder spielten mitten auf der Straße. Aber viele Leute haben nie erfahren. Davon. Und sie umarmten sich immer wieder. Paolo. Massimo. Natürlich war darüber jedermann außerordentlich froh. und es dauerte. Jeder konnte sich zu allem so viel Zeit nehmen. setzten alle sich rundherum auf die grasbewachsenen steinernen Stufen. die nun auf wunderbare Weise zu ihm zurückkehrte. das Mädchen Maria mit dem kleinen Geschwisterchen Dedé. Wer zur Arbeit ging. mit Liliana.

auf seinem Stuhl an dem kleinen zierlichen Tischchen und schaute Momo und ihren Freunden lächelnd durch seine Allsicht-Brille zu. Im Nirgend-Haus aber saß Meister Hora. meinte Meister Hora. »Ich kann mir denken. als sei er eben von einer schweren Krankheit genesen. Dann hinkte Kassiopeia davon und suchte sich einen stillen und dunklen Winkel. denn diesmal konnte ich euch ja nicht zusehen. daß du sehr erschöpft bist und dich erst einmal gründlich ausruhen möchtest. wie etwas ihn am Fuß berührte. Dann nieste Kassiopeia. »das habt ihr beide sehr gut gemacht.« »DANKE!« stand auf dem Panzer. » UND WIE!« war Kassiopeias Antwort. Sie zog ihren Kopf und ihre vier Glieder ein. Da fühlte er. Er nahm seine Brille ab und beugte sich hinunter. Und dann begann sie mit klarer Stimme zu singen. »Kassiopeia«. Du mußt mir alles erzählen. sagte er zärtlich und kraulte sie am Hals. Er war.Momo stellte sich in die Mitte des freien runden Platzes. Also ziehe dich ruhig zurück. Sie dachte an die Stimmen der Sterne und an die Stunden-Blumen. den die zurückgekehrte Zeit aus seinem ersten und einzigen Schlaf erweckt hatte. »Du hast dich doch nicht etwa erkältet?« fragte Meister Hora besorgt. »Das wird durch die Kälte der grauen Herren gekommen sein«.« »SPÄTER!« stand auf dem Rückenpanzer. Aber seine Augen strahlten. der diese Geschichte gelesen hat. Vor ihm saß die Schildkröte. erschienen langsam die Buchstaben: .noch sehr blaß und sah aus. für niemand mehr sichtbar als nur für den. und auf ihrem Rücken.

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