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Michael Ende - Momo

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Veröffentlicht vonSantiago Cárdenas Escobar

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07/31/2014

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Im Dunkel scheint dein Licht. Woher, ich weiß es nicht. Es scheint so nah und doch so fern.

Ich weiß nicht, wie du heißt. Was du auch immer seist: Schimmere, schimmere, kleiner Stern! (Nach einem alten irischen Kinderlied)

Michael Ende

MOMO
ERSTER TEIL:

MOMO UND IHRE FREUNDE

ERSTES KAPITEL Eine große Stadt und ein kleines Mädchen

In alten, alten Zeiten, als die Menschen noch in ganz anderen Sprachen redeten, gab es in den warmen Ländern schon große und prächtige Städte. Da erhoben sich die Paläste der Könige und Kaiser, da gab es breite Straßen, enge Gassen und winkelige Gäßchen, da standen herrliche Tempel mit goldenen und marmornen Götterstatuen, da gab es bunte Märkte, wo Waren aus aller Herren Länder feilgeboten wurden, und weite schöne Plätze, wo die Leute sich versammelten, um Neuigkeiten zu besprechen und Reden zu halten oder anzuhören. Und vor allem gab es dort große Theater. Sie sahen ähnlich aus, wie ein Zirkus noch heute aussieht, nur daß sie ganz und gar aus Steinblöcken gefügt waren. Die Sitzreihen für die Zuschauer lagen stufenförmig übereinander wie in einem gewaltigen Trichter. Von oben gesehen waren manche dieser Bauwerke kreisrund, andere mehr oval und wieder andere bildeten einen weiten Halbkreis. Man nannte sie Amphitheater. Es gab welche, die groß waren wie ein Fußballstadion, und kleinere, in die nur ein paar hundert Zuschauer paßten. Es gab prächtige, mit Säulen und Figuren verzierte, und solche, die schlicht und schmucklos waren. Dächer hatten diese Amphitheater nicht, alles fand unter freiem Himmel statt. In den prachtvollen Theatern waren deshalb golddurchwirkte Teppiche über die Sitzreihen gespannt, um das Publikum vor der Glut der Sonne oder vor plötzlichen Regenschauern zu schützen. In den einfachen Theatern dienten Matten aus Binsen und Stroh dem gleichen Zweck. Mit einem Wort: die Theater waren so, wie die Leute es sich leisten

Darüber trug sie eine alte. und die Zikaden stimmten die nächste Strophe ihres endlosen Liedes an. Unter der grasbewachsenen Bühne der Theaterruine gab es ein paar halb eingestürzte Kammern. als ob jenes nur gespielte Leben auf geheimnisvolle Weise wirklicher wäre. die man durch ein Loch in der Außenmauer betreten konnte. in einem Pinienwäldchen versteckt. die Kinder benutzten den runden Platz in der Mitte zum Ballspielen. Sie hatte einen wilden. Und wer konnte wissen. Dann kehrte die Stille in das steinerne Rund zurück. Sie ließen dort ihre Ziegen weiden. Ihr Rock war aus allerlei bunten Flicken zusammengenäht und reichte ihr bis auf die Fußknöchel. Die großen Städte von damals sind zerfallen. knipsten ein Erinnerungsfoto und gingen wieder fort. auf diese andere Wirklichkeit hinzuhorchen. dann war es ihnen. Und sie liebten es. messen konnte. das sich anhört. als ihr eigenes. Aber da und dort zwischen den neuen Gebäuden stehen noch ein paar Säulen. ein Stück Mauer. die nicht zusammenpaßten und ihr außerdem viel zu groß waren. als ob die Erde im Schlaf atmet. Das kam daher. die auf der Bühne dargestellt wurden. denn sie lief fast immer barfuß. Nur ein paar Professoren der Altertumswissenschaft wußten von ihr. deren Ärmel an den Handgelenken umgekrempelt waren. Aber einige dieser alten. Es hieße Momo oder so ähnlich. wunderschöne und ebenfalls pechschwarze Augen und Füße von der gleichen Farbe. Und in einer solchen Stadt hat sich die Geschichte von Momo begeben. ein kleines Mädchen vermutlich. und auch von den großen Theatern stehen nur noch Ruinen. daß sie ja noch wachsen würde. daß Momo eben nichts besaß. weil es ein bißchen merkwürdig angezogen sei. In unseren Tagen. die sich mit anderen. So verirrten sich nur ab und zu ein paar Touristen dort hin. als ob er noch nie mit einem Kamm oder einer Schere in Berührung gekommen wäre. möglicherweise etwas erschreckend wirken. Aber haben wollten sie alle eins. Eines Mittags kamen einige Männer und Frauen aus der näheren . machten Lärm. viel zu weite Männerjacke. der so aussah. ob sie erst acht oder schon zwölf Jahre alt war. ein Tor. war die Ruine fast ganz vergessen. Sie war klein und ziemlich mager. die großen Wert auf Sauberkeit und Ordnung legen. die es in der großen Stadt gab. weil es dort nichts mehr zu erforschen gab. Natürlich ist das Leben in ihnen anders geworden. Die Menschen fahren mit Autos und Straßenbahnen. dort. Momos äußere Erscheinung war in der Tat ein wenig seltsam und konnte auf Menschen. pechschwarzen Lockenkopf.Und wenn sie den ergreifenden oder auch den komischen Begebenheiten lauschten. die sich übrigens in nichts von der vorigen unterschied. Sie war auch keine Sehenswürdigkeit. denn sie waren leidenschaftliche Zuhörer und Zuschauer. wo schon die ersten Felder beginnen und die Hütten und Häuser immer armseliger werden. alltägliches. Es war auch in jenen alten Zeiten keines von den prächtigen. großen Städte sind große Städte geblieben bis auf den heutigen Tag. so daß man beim besten Willen nicht erkennen konnte. Hier hatte Momo sich häuslich eingerichtet. die Ruine eines kleinen Amphitheaters. oder auch ein Amphitheater aus jenen alten Tagen. Kälte und Hitze haben die Steine abgeschliffen und ausgehöhlt. Abschneiden wollte Momo sie nicht. als was sie irgendwo fand oder geschenkt bekam. Eigentlich waren es nur die Leute aus der näheren Umgebung. Sie hatte sehr große. aber sie kümmerten sich nicht weiter um sie. Im geborstenen Gemäuer singen nun die Zikaden ihr eintöniges Lied. das heißt um jene Zeit. Es sei ein Kind. ob sie jemals wieder eine so schöne und praktische Jacke mit so vielen Taschen finden würde. da die Geschichte von Momo ihren Anfang nahm. weil sie vorsorglich daran dachte. haben Telefon und elektrisches Licht. Aber eines Tages sprach es sich bei den Leuten herum. Draußen am südlichen Rand dieser großen Stadt. die Tempel und Paläste sind eingestürzt. daß neuerdings jemand in der Ruine wohne. Jahrtausende sind seither vergangen. So genau könne man das allerdings nicht sagen. aber es waren zwei verschiedene. liegt. die das seltsame runde Bauwerk kannten. es war schon damals sozusagen ein Theater für ärmere Leute. Nur im Winter trug sie manchmal Schuhe.konnten. und manchmal trafen sich dort am Abend die Liebespaare. Wind und Regen. kletterten auf den grasbewachsenen Sitzreihen umher.

überhaupt keine Familie. versicherte Momo schnell. sagte einer der Männer. »Du sagst. »Wer sind denn deine Eltern?« forschte der Mann weiter. Momo«. sagte Momo und lächelte zum ersten Mal. seufzten und nickten. »Also. und die meisten haben schon einen Haufen Kinder. fuhr der Mann fort. Andere Kinder waren auch da. jedenTag gab's Prügel . die irgendwohin in die Ferne deutete. weil niemand es Zählen gelehrt hatte.« »Wann bist du denn geboren?« Momo überlegte und sagte schließlich: »Soweit ich mich erinnern kann. nachdem er sich mit den anderen beraten hatte. keine Großmutter.« »Das kann ich verstehen«. sagte der Mann. ernsthaft. »da will ich nicht hin. « Wieder wechselten die Leute Blicke. Das Kind schaute ihn und die anderen Leute ratlos an und hob ein wenig die Schultern. keinen Onkel. sagte Momo zögernd. Wir wollen dir helfen. weil sie es für einen Spaß hielten. Die Leute lachten. gern. sagte eine Frau. Wir haben zwar selber alle nur wenig Platz. »Nein«. »Kannst du das denn?« fragte die Frau. nicht wahr?« »Ja. murmelte sie. »Also gut«.« »Hast du denn keine Tante. »Hör mal«. daß es freundliche Leute waren. Da bin ich nachts über die Mauer und weggelaufen. »So«. wo du zu essen kriegst und ein Bett hast und wo du rechnen und lesen und schreiben und noch viel mehr lernen kannst. »Wo kommst du denn her. Und die anderen Leute konnten es auch verstehen und nickten. Aber sie merkte bald.« »Aber wirst du denn nirgendwo erwartet?« »Nein. bis die Leute merkten. der zuerst gesprochen hatte. aber noch nicht ganz überzeugt. »wir wollen dich nicht vertreiben. Da war ich schon mal.« »Das ist ein hübscher Name. wenn wir der Polizei sagen. »Und du willst hier bleiben?« »Ja. könne das Kind schließlich genausogut wohnen . Denn hier. Momo schwieg eine Weile und sagte dann leise: »Ich brauch' nicht viel. daß das Kind nur ein paar Zahlwörter kannte. »vielen Dank! Aber könntet ihr mich nicht einfach hier wohnen lassen?« Die Leute berieten lange hin und her.« Momo nickte stumm. Wer hat dir denn den Namen gegeben?« »Ich«. Kind?« Momo machte mit der Hand eine unbestimmte Bewegung. auf eines mehr kommt es dann auch schon nicht mehr an. daß du Momo heißt. noch ein wenig unsicherer. Irgendwer muß doch für dich sorgen. Was hältst du davon. die Leute würden sie wegjagen. »wäre es dir recht. eh?« »Danke«. antwortete Momo. Da will ich nicht wieder hin. ergriff nun wieder der Mann das Wort. Was hältst du davon. Da waren Gitter an den Fenstern. antwortete Momo erleichtert. »Du hast dich selbst so genannt?« »Ja. Die Leute tauschten Blicke und seufzten. antwortete Momo. du könntest vielleicht bei einem von uns unterkriechen. »wir meinen. »Weißt du. Dann murmelte sie: »Ich bin hier zu Hause. sagte Momo. »aber du bist doch noch klein. so meinten sie. die gefüttert sein wollen.« »Ich«. eh?« Momo sah ihn erschrocken an. Momo stand ihnen gegenüber und guckte sie ängstlich an. sich aber nichts Bestimmtes darunter vorstellen konnte.« »Ich meine. wo du hin kannst?« Momo schaute den Mann nur an und schwieg eine Weile. »Du brauchst keine Angst zu haben«. meinte der Mann. weil sie fürchtete. die es aufgeschnappt hatte.aber ganz ungerecht. aber ich hab' ihn noch nie gehört. und zuletzt waren sie einverstanden. aber wir meinen. wie alt bist du?« »Hundertzwei«.« »Na ja«. war ich immer schon da. daß du hier bist? Dann würdest du in ein Heim kommen. sagte ein alter Mann und nickte. Es dauerte eine Weile. »hier gefällt es dir also?« »Ja«. mußt du denn nicht wieder nach Hause?« »Ich bin hier zu Hause«. Sie waren selber arm und kannten das Leben.Umgebung zu ihr und versuchten sie auszufragen. »aber du bist doch ein Kind —wie alt bist du eigentlich?« »Hundert«.

mit Schnörkeln verziertes Eisenbett. Sie brauchten Momo. Irgend etwas zu essen hatte sie jetzt immer. zu dem sagten die ändern: »Geh doch zu Momo!« Dieser Satz wurde nach und nach zu einer feststehenden Redensart bei den Leuten der näheren Umgebung. die nur wenig zerrissen war. in der Momo hauste. Aus dem steinernen Loch unter der Bühne der Ruine war ein behagliches kleines Zimmerchen geworden. schickte nach ihr. Sie hatte ein Dach über dem Kopf. es könnte eines Tages wieder auf und davon gehen.wie bei einem von ihnen. mal mehr. So begann die Freundschaft zwischen der kleinen Momo und den Leuten der näheren Umgebung. was man an Essen erübrigen konnte. Einer von ihnen. so unentbehrlich. Und was das Wichtigste war: sie hatte viele gute Freunde. Ein rostiges Ofenrohr wurde auch aufgetrieben. Aber auch für die Leute stellte sich schon bald heraus. und sorgen wollten sie alle gemeinsam für Momo. Und dann kamen die Kinder der Leute und brachten. daß Momo sehr viel Besuch hatte. aufräumten und instandsetzten. das andere einen kleinen Brotwecken. Und wer sie brauchte und nicht kommen konnte. daß er sie brauchte. wie nur arme Leute es zu feiern verstehen. Ein alter Schreiner nagelte aus ein paar Kistenbrettern ein Tischchen und zwei Stühle zusammen. an so freundliche Leute geraten zu sein -. wenn es kalt war. als für einen allein. Sie fingen gleich an. So wie man sagt: »Alles Gute!« oder »Gesegnete Mahlzeit!« oder »Weiß . ein Feuer machen. der angelegentlich mit ihr redete. mal weniger. So kam es. Und wer noch nicht gemerkt hatte. jedenfalls nach ihrer eigenen Meinung. daß sie alle miteinander im Amphitheater ein richtiges kleines Fest zu Ehren von Momos Einzug feiern konnten. weil es für alle zusammen sowieso einfacher wäre. Und da es sehr viele Kinder waren. Und je länger das kleine Mädchen bei ihnen war. Der Maurer. so gut es ging. ZWEITES KAPITEL Eine ungewöhnliche Eigenschaft und ein ganz gewöhnlicher Streit Von nun an ging es der kleinen Momo gut. Man sah fast immer jemand bei ihr sitzen. der künstlerische Fähigkeiten besaß. und zwei Decken. daß Momo ganz einfach großes Glück gehabt hatte. der Maurer war. an dem das Bild hing. Und schließlich brachten die Frauen noch ein ausgedientes. baute sogar einen kleinen steinernen Herd. desto unentbehrlicher wurde es ihnen. malte zuletzt noch ein hübsches Blumenbild an die Wand. wie es sich eben fügte und wie die Leute es entbehren konnten. malte er dazu. kam an diesem Abend eine solche Menge zusammen. eine Matratze. um sie zu holen. daß sie nur noch fürchteten. wie sie früher ohne sie ausgekommen waren. das dritte etwas Obst und so fort. daß sie nicht weniger Glück gehabt hatten. und sie wunderten sich. das eine ein Stückchen Käse. sie hatte ein Bett und sie konnte sich. und Momo selbst war durchaus dieser Ansicht. indem sie zunächst einmal die halb eingestürzte steinerne Kammer. Man könnte nun denken. Es war ein so vergnügtes Fest. Sogar den Rahmen und den Nagel.

zuhören kann doch jeder. dunklen Augen an. jeder auf einer anderen Seite der steinernen Sitzreihen. Das ist doch nichts Besonderes. auf geheimnisvolle Weise klar. Was die kleine Momo konnte wie kein anderer. genauso wie er war. Auch Nino und dessen dicke Frau gehörten zu Momos Freunden und hatten ihr schon oft etwas Gutes zu essen gebracht. Nun saßen sie also im Amphitheater. Konnte sie vielleicht zaubern ? Wußte sie irgendeinen geheimnisvollen Spruch. daß sie jedem Menschen einen guten Rat geben konnte? Fand sie immer die richtigen Worte.am Ende gar tanzen oder akrobatische Kunststücke vorführen? Nein. das war es auch nicht. und schauten finster vor sich hin. unter allen Menschen nur ein einziges Mal gab und daß er deshalb auf seine besondere Weise für die Welt wichtig war.und er ging hin und erzählte alles das der kleinen Momo. Um keinen zu kränken. Oder daß Unglückliche und Bedrückte zuversichtlich und froh wurden. Er hieß Nicola und war ein starker Kerl mit einem schwarzen. Da Momo nun merkte.der liebe Himmel!«. mit dem man alle Sorgen und Nöte vertreiben konnte? Konnte sie aus der Hand lesen oder sonstwie die Zukunft voraussagen? Nichts von alledem. nein. das die Leute in gute Laune versetzte? Konnte sie zum Beispiel besonders schön singen? Oder konnte sie irgendein Instrument spielen? Oder konnte sie . Konnte Momo dann vielleicht irgend etwas. einer. obwohl sie Nachbarn waren. zu welchem sie zuerst hingehen sollte. von denen er nie geahnt hatte. wußte sie zunächst nicht. Die anderen Leute hatten ihnen geraten. Ich hab' . daß sie in ihm steckten. woran Momo reich war. genauso sagte man also bei allen möglichen Gelegenheiten: »Geh doch zu Momo!« Aber warum? War Momo vielleicht so unglaublich klug. Sie wartete einfach ab. daß die beiden böse aufeinander waren. daß es ihn. dann wurde ihm. und der Betreffende fühlte. Oder daß Schüchterne sich plötzlich frei und mutig fühlten. Nachdem die Männer lang so gesessen hatten. was sie wollten. Dabei schaute sie den anderen mit ihren großen. wenn jemand Trost brauchte? Konnte sie weise und gerechte Urteile fällen? Nein. sein Leben sei ganz verfehlt und bedeutungslos und er selbst nur irgendeiner unter Millionen. Sie konnte so zuhören. Wirklich zuhören können nur ganz wenige Menschen.weil sie doch in einer Art Zirkus wohnte . was geschehen würde. Nicht etwa. daß dummen Leuten plötzlich sehr gescheite Gedanken kamen. stumm und feindselig. aufgezwirbelten Schnurrbart. Und wenn jemand meinte. die den ganzen Abend an einem einzigen Glas Wein tranken und von ihren Erinnerungen redeten. setzte sie sich schließlich in gleichem Abstand von beiden auf den Rand der steinernen Bühne und schaute die zwei abwechselnd an. Er war mager und sah immer ein wenig müde aus. Nino war Pächter eines kleinen Lokals am Stadtrand. sie saß nur da und hörte einfach zu. daß Nachbarn in Feindschaft lebten. stand Nicola plötzlich auf und sagte: »Ich geh'. von dem der Ofen und das schöne Blumenbild in Momos »Wohnzimmer« stammte. Momo konnte so zuhören. Und so wie Momo sich aufs Zuhören verstand. die sich auf den Tod zerstritten hatten und nicht mehr miteinander reden wollten. in dem meistens nur ein paar alte Männer saßen. wird nun vielleicht mancher Leser sagen. weil sie etwas sagte oder fragte. war es ganz und gar einmalig. Manche Dinge brauchen ihre Zeit . So konnte Momo zuhören ! Eines Tages kamen zwei Männer zu ihr ins Amphitheater.und Zeit war ja das einzige. Die beiden Männer hatten sich anfangs geweigert und schließlich widerwillig nachgegeben. denn es ginge nicht an. noch während er redete. das war: Zuhören. das alles konnte Momo ebensowenig wie jedes andere Kind. Der eine war der Maurer. daß er sich gründlich irrte. auf den es überhaupt nicht ankommt und der ebenso schnell ersetzt werden kann wie ein kaputter Topf. mit aller Aufmerksamkeit und aller Anteilnahme. doch zu Momo zu gehen. wie in ihm auf einmal Gedanken auftauchten. Der andere hieß Nino. daß ratlose oder unentschlossene Leute auf einmal ganz genau wußten. was den anderen auf solche Gedanken brachte. Aber das ist ein Irrtum.

wird Wirt«. Momo. in gutem Recht gehandelt zu haben. »Über so was kann ich nicht lachen. Sein Gesicht war puterrot vor Zorn. indem ich überhaupt gekommen bin. »das war doch nur Spaß!« »Ein schöner Spaß!« grollte Nicola. er ist verstockt. Dem war allerdings wieder vorausgegangen. »Ist ja überhaupt nicht wahr !« verteidigte sich Nicola erbittert. »Umgekehrt wird ein Schuh draus ! Du wolltest mich hereinlegen. daß Nicola diese Schandtat nur begangen hatte. und der hatte sowieso schon einen Sprung!« »Aber es war mein Krug. Aber du siehst. weil Nino ihm zuvor in Gegenwart einiger Gäste eine Ohrfeige gegeben hatte. weil du stark und brutal bist. und sie fingen an. mich so zu behandeln. »Du glaubst wohl. Und das fand wiederum Nino gar nicht komisch. sich zu schämen. »Aber da siehst du. »Gut«. « Und wieder zu Nino gewandt. »Wer ist hier ein Verbrecher?« fragte er drohend und kam wieder zurück. »ich hätte das vielleicht nicht auf deine Tür schreiben sollen. Nun stritten sie eine Weile todernst. denn Nino hatte ihn in seiner Ehre als Maurer gekränkt. »Er hat gesagt. mir nur ein einziges Glas Wein auszuschenken. weil ich Tag und Nacht betrunken sei. Aber den Männern war plötzlich.« »Und ob ich den hatte!« gab Nino zurück. jetzt wirst du blaß ! Da hast du mich nämlich nach Strich und Faden übers Ohr gehauen. und er hätte am Schiefen Turm von Pisa mitgebaut!« »Aber Nicola«. »Erinnerst du dich nicht mehr an die Sache mit dem heiligen Antonius ? Ah. Das war gegen das Gesetz. schrie er: »Leider lebst du ja auch noch. wagt niemand. Momo. ich sage sie dir und allen. die sie hören wollen! Ja. daß Nicola versucht hatte. welcher von den beiden Spaßen der bessere gewesen sei und redeten sich wieder in Zorn. »Du hättest erst gar nicht zu kommen brauchen. verstehst du?« erwiderte Nino. und du hattest keinen Grund. und keiner der beiden konnte sich ihren Blick so recht deuten. verstehst du ? Denn ich habe immer bezahlt. »Und überhaupt hast du kein Recht zu so was!« Nicola war durchaus der Ansicht. Aber nach und nach kam heraus. Eines Morgens hatte nämlich in knallroten Buchstaben auf Ninos Tür gestanden: »Wer nichts wird. wie er lügt und verleumdet! Ich hab' ihn nur beim Kragen genommen und in die Spülwasserpfütze hinter seiner Spelunke geschmissen. wie du es schon mal tun wolltest!« »Hält' ich's nur getan !« brüllte Nicola und ballte die Fäuste. ich könne keine gerade Mauer bauen. sagte Nicola. worum es überhaupt ging und weshalb die beiden so erbittert aufeinander waren. Ich hätte es auch nicht getan. und so was muß ich mir nicht bieten lassen. »Sag das noch mal!« »Sooft du nur willst ! « schrie Nino. nur ist es dir nicht gelungen ! « . dir die Wahrheit ins Gesicht zu sagen? Aber ich. Wozu soll ich noch länger warten?« Und er wandte sich tatsächlich zum Gehen. was er über mich gesagt hat?« rief er Momo zu.meinen guten Willen gezeigt. wie man sieht!« Eine Zeitlang gingen die wildesten Beschimpfungen hin und her und Momo konnte nicht schlau daraus werden. Momo schaute sie groß an.« Es stellte sich jedoch heraus. Ninos ganzes Geschirr zu zertrümmern. daß Nino damit nur einen anderen Spaß Nicolas zurückgezahlt hatte. wenn du dich nicht geweigert hättest. Da drin kann nicht mal eine Ratte ersaufen. als sähen sie sich selbst in einem Spiegel. »Einen einzigen Krug hab' ich an die Wand geschmissen. Und sogar mein Urgroßvater wäre schon so gewesen. Aber plötzlich brachen sie ab. antwortete Nino. »Ja. komm doch her und bring mich um. mach. Machte sie sich im Inneren lustig über sie? Oder war sie traurig? Ihr Gesicht verriet es nicht. Nino. »Weißt du. daß du wegkommst!« rief Nino ihm nach.« »Ich dich?« rief Nicola und schlug sich wild vor den Kopf. nur zu. Ich versöhne mich doch nicht mit einem Verbrecher!« Nicola fuhr herum.

Nino. . winkte Momo ihnen noch lange nach. »Dann geht unser ganzer Streit«. Sie mußte ihm eine ganze Woche lang zuhören. weil es nicht zu dem Tausch gehört habe. umarmten einander und klopften sich gegenseitig auf den Rücken. So hatte der Streit angefangen. bis er endlich wieder zu trillern und zu jubilieren begann. »du kannst ihn gern wiederhaben. Dann wolltest du mich doch hereinlegen. von dem Nino nichts gewußt hatte. brummte er. Das war eine viel schwerere Aufgabe für Momo. Dann fragte Nino: »Sag mir jetzt einmal ganz ehrlich. und das ärgerte ihn.« Nicola kratzte sich am Kopf. Als die beiden die Sache nun bis zum Anfang zurückverfolgt hatten. Sie kletterten die steinernen Stufen hinunter. also. daß dieser seinen Radioapparat zum Tausch bot. he?« »Und wieso hast du von dem Geld gewußt?« »Ich hab' gesehen. antwortete Nicola. Und Nino hatte Nicola durch geschicktes Feilschen schließlich dazu gebracht. daß du mich betrogen hast!« »Wieso? Hast du denn von dem Geld wirklich nichts gewußt?« »Nein. Nun stellte sich aber heraus. Nino lachte sich ins Fäustchen. der nicht singen wollte. das den heiligen Antonius darstellte.angeblich. schwiegen sie eine Weile. daß ihre beiden Freunde nun wieder gut miteinander waren. meinte Nino nachdenklich. den ich aus der Zeitung ausgeschnitten habe. den Nino irgendwann einmal aus einer Illustrierten ausgeschnitten und gerahmt hatte. und daraufhin wollte Nino ihm nichts mehr ausschenken.« Nino biß sich auf die Lippen. Das Geschäft wurde gemacht. Es war ein Farbdruck. »War es viel?« »Nicht mehr und nicht weniger. Eines Tages wollte Nicola Nino dieses Bild abhandeln . »Eigentlich ja«. Jetzt war er plötzlich der Übervorteilte. denn natürlich schnitt Nicola dabei ziemlich schlecht ab. weil er es so schön fand. wie es zwei Abende vorher ein Gast als Opfergabe für den heiligen Antonius dort hineingesteckt hat. daß zwischen dem Bild und der Rückwand aus Pappdeckel ein Geldschein steckte. »Getauscht ist getauscht! Ein Handschlag gilt unter Ehrenmännern!« Und plötzlich fingen beide gleichzeitig an zu lachen.« »Dann mußt du doch zugeben.« »Aber nicht doch!« antwortete Nino würdevoll. mein Ehrenwort!« »Na. »eigentlich bloß um den heiligen Antonius. Sie war sehr zufrieden. Nicola weigerte sich. sonst hätte ich doch den Tausch nicht gemacht. Dann nahmen sie beide Momo in den Arm und sagten : »Vielen Dank!« Als sie nach einer Weile abzogen. als mein Radio wert war«. Ein anderes Mal brachte ihr ein kleiner Junge seinen Kanarienvogel. Kurz und bündig verlangte er von Nicola das Geld zurück. Nicola — hast du schon vor dem Tausch von dem Geld gewußt oder nicht?« »Klar. Wie konntest du mir sonst für das wertlose Stück Zeitungspapier mein Radio abnehmen.Die Sache war die: In Ninos kleinem Lokal hatte ein Bild an der Wand gehangen. trafen sich in der Mitte des grasbewachsenen runden Platzes.

elf Kinder auf den steinernen Stufen und warteten auf Momo. »wir könnten spielen. eines schöner als das andere. An manchen Abenden. Es gab einfach keine langweiligen Augenblicke mehr. Momo war nur einfach da und spielte mit. »Ich geh' lieber heim«. und lauschte einfach auf die große Stille. der mag nur einmal versuchen.Dann kam es ihr so vor. Am Himmel hingen dicke schwarze Wolken. als säße sie mitten in einer großen Ohrmuschel. über dem sich der sternenfunkelnde Himmel wölbte. die in die Sternenwelt hinaushorchte. den Grillen und Kröten. sagte ein Mädchen. Und es war ihr. Wahrscheinlich würde es bald ein Gewitter geben. und das Spiel kam nicht in Fluß. saßen etwa zehn. Ich bin der Kapitän. daß die ganze Ruine ein großes Schiff ist. Irgendwas eben. an einem schwülen.« »Irgendwas ist nichts. Nach kurzer Zeit saßen alle wieder auf den steinernen Stufen und warteten. »hast du zu Hause vielleicht keine Angst davor?« »Doch«. Und dann kam Momo. »Dann kannst du genausogut hier bleiben«. Und alles sprach zu ihr auf seine Weise. sagte ein dicker Junge mit einer hohen Mädchenstimme. Einmal.Momo hörte allen zu. ja. weil Momo so gute Vorschläge machte. denn es wimmelte hier von Untiefen.man weiß nicht wie . und wir fahren in unbekannte Meere und erleben Abenteuer. ein Professor. Das Mädchen zuckte die Schultern und nickte.« Das war ein guter Plan ! Sie versuchten zu spielen. aber was?« »Ich weiß auch nicht. Wer hat einen Vorschlag?« »Ich weiß was«. und du bist ein Naturforscher.« »Na und?« mischte sich nun ein Junge ins Gespräch. die ihr ganz seltsam zu Herzen gingIn solchen Nächten hatte sie immer besonders schöne Träume. Nein. »ich hab' Angst vor Blitz und Donner. aber sie konnten sich nicht recht einig werden. ob er es auch so gut kann. sogar dem Regen und dem Wind in den Bäumen. Seit Momo da war.« »Und zu Hause?« fragte ein Junge. das ein kleines Geschwisterchen bei sich hatte. DRITTES KAPITEL Ein gespielter Sturm und ein wirkliches Gewitter Es versteht sich wohl von selbst. während es in ruhiger Fahrt mit voller Kraft voraus in das südliche Korallenmeer vordrang. Hoch rauschte die Bugwelle auf. Es ist ein Zukunftsschiff. saß sie noch lange allein in dem großen steinernen Rund des alten Theaters. der etwas verwahrlost aussah. du bist der Erste Steuermann. »Deswegen können wir doch trotzdem irgendwas spielen — auch ohne Momo. meinte der Junge.« »Und wir Mädchen. drückenden Tag. Das war nicht etwa deshalb so. zuhören sei nichts Besonderes. antwortete das Mädchen. versteht ihr? Und die anderen sind Matrosen. wenn alle ihre Freunde nach Hause gegangen waren. Und wer nun noch immer meint. konnten sie so gut spielen wie nie zuvor. Täglich erfanden sie neue Spiele. weil es nämlich eine Forschungsreise ist. die ein wenig ausgegangen war. wie sie es manchmal tat. Aber die Kinder kamen noch aus einem anderen Grund so gern in das alte Amphitheater. den Hunden und Katzen.«»Gut. diese gefährlichen Gewässer zu befahren. daß Momo beim Zuhören keinerlei Unterschied zwischen Erwachsenen und Kindern machte. von Korallenriffen .kamen den Kindern selbst die besten Ideen. Nach einer Weile sagte sie: »Aber Momo kommt vielleicht gar nicht. was sind wir?« »Matrosinnen. um in der Gegend umherzustreifen. Und eben dadurch . Das Forschungsschiff »Argo« schwankte leise in der Dünung auf und nieder. der eine Brille trug. als höre sie eine leise und doch gewaltige Musik. Seit Menschengedenken hatte kein Schiff es mehr gewagt.

Stolz blickte er von der Kommandobrücke auf seine Matrosen und Matrosinnen hinunter. sich diesen unerhörten Gefahren auszusetzen.und Schweißstelle. ohne Naht. den nur der Professor verstand. »aber es kann auch ebensogut eine Schluckula tapetozifera sein. Freilich.« Professor Eisenstein richtete sich auf. einen Wirbelsturm. Auch Professor Eisenstein und seine Assistentinnen kamen interessiert herbei. Immerwährend wanderte er auf diesem Meer umher und suchte nach Beute wie ein lebendiges. Kapitän Gordon jedoch hatte ihn. »muß es sich wohl um ein Oggelmumpf bistrozinalis handeln. Nach der Mitte zu stieg sie an wie ein Kuppeldach.« »Möglich«. das Forschungsschiff »Argo« war in besonderer Weise für eine Begegnung mit diesem »Wandernden Wirbelsturm« ausgerüstet. Sein Weg war unberechenbar. Plötzlich riß ein Schrei des Mannes im Ausguck den Kapitän aus seinen Gedanken. . »Käptn !« rief er durch die hohle Hand herunter. Ziel der Expedition war es. Und alles. konnte er deutlich einen pulsierenden Lichtschein tief im Innern dieser Insel wahrnehmen. Der Professor stieg über die Strickleiter an der Außenwand des Schiffes hinunter und betrat den durchsichtigen Boden. Er teilte seine Beobachtung den anderen mit. Alle drei standen über ihre Präzisionsinstrumente gebeugt und beratschlagten leise miteinander in ihrer komplizierten Wissenschaftlersprache. das ließ er nicht eher wieder los.und von unbekannten Seeungeheuern. Und es war durch ein besonderes Herstellungsverfahren aus einem einzigen Stück gegossen. sich auf den Beinen zu halten. die ihm beide mit ihrem enormen Gedächtnis ganze Bibliotheken ersetzten.« Daraufhin sprangen drei Matrosinnen. der niemals zur Ruhe kam. und von dem Sturm war nichts zu spüren. Es bestand ganz und gar aus blauem Alamont-Stahl. was dieser Orkan einmal in seinen riesenhaften Klauen hatte. Neugier zu zeigen. damit dieses Meer auch für andere Schiffe wieder befahrbar werden würde. ins Wasser und verschwanden in der blauen Tiefe. »Demnach«. Die gläserne Insel war bald erreicht. zu beseitigen. Nur die schöne Eingeborene blieb gelassen sitzen. und sie antwortete ihm in ihrem wohlklingenden Hula-Dialekt. die außerdem weltberühmte Sporttaucherinnen waren und sich in der Zwischenzeit bereits Taucheranzüge angezogen hatten. Weiter hinten auf dem Sonnendeck sah man Professor Eisenstein. die Ursache für den »Wandernden Taifun« zu finden und. Dieser war außerordentlich glitschig und Professor Eisenstein hatte alle Mühe. Don Melú. Aber das können wir erst entscheiden. Die rätselhaften Sitten ihres Volkes verboten es ihr. Und vor allem gab es hier den sogenannten »Ewigen Taifun«. »entweder bin ich verrückt. meinte die Assistentin Maurin. als bis er es in streichholzdünne Splitter zertrümmert hatte. der schon hundertsiebenundzwanzig Orkane überstanden hatte. Als der Professor die höchste Stelle erreicht hatte. erwiderte die Assistentin Sara. die gespannt wartend an der Reling standen. Aber noch war alles ruhig. Ein wenig abseits von ihnen saß die schöne Eingeborene Momosan mit untergeschlagenen Beinen. ein Seebär von altem Schrot und Korn. wenn wir die Sache von unten erforscht haben. den wissenschaftlichen Leiter der Expedition. oder ich sehe tatsächlich eine gläserne Insel da vorn!«Der Kapitän und Don Melú blickten sofort durch ihre Fernrohre. rückte seine Brille zurecht und rief hinauf: »Nach meiner Ansicht haben wir es hier mit einer Abart des gewöhnlichen Strumpfus quietschinensus zu tun. Neben dem Kapitän stand sein Erster Steuermann. die alle erprobte Fachleute auf ihren jeweiligen Spezialgebieten waren. Die ganze Insel war kreisrund und hatte schätzungsweise zwanzig Meter Durchmesser. mit seinen Assistentinnen Maurin und Sara. Dennoch hätte wohl schwerlich ein anderer Kapitän und eine andere Mannschaft den Mut gehabt. der biegsam und unzerbrechlich war wie eine Degenklinge. wenn möglich. ja sogar listiges Wesen. Ab und zu befragte der Forscher sie wegen besonderer Einzelheiten dieses Meeres.

anders können wir die beiden Mädchen nicht befreien. in die Fluten. Und so wurden sie erst jetzt.Eine Weile lang erschienen nur Luftblasen an der Meeresoberfläche. Kapitän Gordon bewunderte im stillen die Kaltblütigkeit dieser Wissenschaftler. Und es war. die ja nicht wie er und seine Leute mit dem Meer auf du und du standen. denn dorthin sollte die Fahrt ja gehen. in letzter Minute. an solche wilden Seefahrten nicht gewöhnt. antwortete das eine Mädchen und lachte fröhlich. Heulend und brüllend warf sich der Wirbelsturm auf das Schiff. wo der innerste Kern des Wirbelsturmes sein mußte.« Zu einem längeren Wortwechsel blieb jedoch keine Zeit mehr. Zu gewaltig war die Kraft dieses riesenhaften Quallentieres ! »Irgend etwas«. Eine erste gewaltige Sturzwelle packte das stählerne Schiff. Ich hätte euch nicht hinunterschicken dürfen. aber dann tauchte plötzlich eines der Mädchen. Der Bug des stählernen Schiffes war scharf wie ein Rasiermesser. und die Gefangenen konnten sich herauswinden. riß es in die Höhe. sagte der Professor mit gerunzelter Stirn zu seinen Assistentinnen. Sogar Professor Eisenstein und seine Assistentinnen hatten ihre Instrumente nicht im Stich gelassen. Jedermann stand an seinem Platz. Sie berechneten. Sandra mit Namen. genannt »der Delphin«. Das war zwar nicht ganz ungefährlich für die beiden in den Fangarmen festgehaltenen Mädchen. und seine Mannschaft hatte ebenso ungerührt standgehalten. Die »Argo« fuhr nun zunächst ein wenig rückwärts und dann mit voller Kraft voraus. Sofort stürzten sich hundert Froschmänner unter der Führung ihres erfahrenen Hauptmannes Franco. »alle Mann wieder an Bord! Wir werden das Untier in zwei Stücke schneiden. Aber es gelang selbst diesen Männern nicht. Mit ruhiger Stimme gab der Kapitän seine Anweisungen. Sofort hingen die Fangarme beider Quallenhälften schlaff und kraftlos herunter. warf es auf die Seite und stürzte es in ein Wellental von gut fünfzig Metern Tiefe hinab. Professor«. Professor Eisenstein trat auf die beiden Mädchen zu und sprach : » Es war meine Schuld. Wir müssen ihnen zu Hilfe kommen. war in ein Rettungsboot geklettert. das Meer zu beobachten. als sei nichts geschehen. als steigere sich seine Wut von Minute zu Minute. Schon bei diesem ersten Anprall wären weniger erfahrene und tapfere Seeleute als die der »Argo« zweifellos zur einen Hälfte über Bord gespült worden und zur anderen in Ohnmacht gefallen. die dann vom Ersten Steuermann laut ausgerufen wurden. Kapitän Gordon jedoch stand breitbeinig auf der Kommandobrücke. »irgend etwas scheint in diesem Meer eine Art Riesenwachstum zu verursachen. Ein ungeheurer Kampf entbrannte unter Wasser.« Und das andere Mädchen setzte hinzu: »Die Gefahr ist unser Beruf. Lautlos und beinahe ohne fühlbare Erschütterung teilte er die Riesenqualle in zwei Hälften. »Zurück!« rief Don Melú. . Nur die schöne Eingeborene Momosan. daß inzwischen der »Wandernde Wirbelsturm« am Horizont aufgetaucht war und sich mit rasender Geschwindigkeit auf die »Argo« zubewegte. schleuderte es turmhoch hinauf und abgrundtief hinunter. Freudig wurden sie auf dem Schiff empfangen. weil er der stählernen »Argo« nichts anhaben konnte. Verzeiht mir. gewahr. »dazu sind wir schließlich mitgefahren. Das ist hochinteressant!« Inzwischen hatten Kapitän Gordon und sein Erster Steuermann Don Melú sich beraten und waren zu einer Entscheidung gekommen. die beiden Mädchen aus der schrecklichen Umklammerung zu befreien. dessen Oberfläche sich mit Schaum bedeckte. In wenigen Sekunden war der ganze Himmel pechschwarz.« »Der Delphin« und seine Froschmänner kletterten an Bord zurück. Über den Rettungsarbeiten hatten Kapitän und Besatzung gänzlich vergessen. aber der Erste Steuermann Don Melú hatte deren Lage haargenau berechnet und fuhr mitten zwischen ihnen hindurch. auf und rief keuchend: »Es handelt sich um eine Riesenqualle! Die beiden anderen hängen in ihren Fangarmen fest und können sich nicht mehr befreien. daß ich euch in Gefahr gebracht habe!« »Nichts zu verzeihen. auf die Riesenqualle zu. ehe es zu spät ist!« Damit verschwand sie wieder.

Es machte keinem mehr etwas aus.« . obgleich alle Asbest-Handschuhe anzogen. wurde aber von dem riesigen Wirbel erfaßt und abgelenkt. um nicht von dem grausamen Schlingern und Stampfen des Schiffes in den offenen Feuerrachen der Dampfkessel geschleudert zu werden.Ein erster Blitzstrahl zuckte hernieder und traf das stählerne Schiff. gegen die Urgewalt dieses Taifuns vorwärts. »Es ist zwecklos !« rief Kapitän Gordon. »Es ist eine einmalige Gelegenheit. sagte der Professor. ein Regen. Aber das genügt gerade. Aber welch ein Anblick bot sich ihnen da! Auf der Meeresoberfläche. der so dicht war. meinte der Kapitän. das es noch gibt. denn eine Kontrafiktions-Kanone schießt ja bekanntlich mit Proteinen. wie der Draht in einer elektrischen Birne. »um die Ursache des >Ewigen Taifuns< zu beseitigen. Die Besatzung mußte Tauchermasken und Atemgeräte anlegen. was passiert. wo es im Schwarz der Wolken verschwand. rief der Kapitän durch das Heulen des Sturms. Sie hatten sich mit dicken Tauen festgebunden. daß er bald die ganze Luft zum Atmen verdrängte.« »Aber wir sind hier«. . »weiß ich allerdings auch nicht. sprangen einem die Funken entgegen. Dieses Kreiselwesen stammt wahrscheinlich noch aus den allerersten Zeiten der Erdentwicklung. die man manchmal in Tomatensoße. die hier spiegelglatt war. die ihm der stürzende Regen immer wieder von der Nase spülte. Die Wissenschaft hat ja noch keine Gelegenheit gehabt. Nur. »Können Sie uns das vielleicht näher erklären?« brummte Don Melú. weil alle Wellen einfach von der Gewalt des Sturmes flachgefegt wurden. Die Maschinisten und Heizer in der Tiefe der Kesselräume leisteten Übermenschliches. Es stand auf einem Bein. Ein Exemplar dieser Größe ist vermutlich das einzige seiner Art. Es muß über eine Milliarde Jahre alt sein.« »Lassen Sie den Professor jetzt ungestört forschen«. alle Maschinen auf Volldampf. »Wir müssen unbedingt näher an das Ding heran!« »Näher kommen wir nicht mehr !« schrie Don Melú zurück. Eine blaue Stichflamme von einem Kilometer Länge schoß aus dem Zwillingsrohr. »Das einzige Exemplar eines Schum-Schum gummilastikum beschießen!« Aber die Kontrafiktions-Kanone war bereits auf den Riesenkreisel eingestellt. »Wir sind einfache Seeleute und . Heute gibt es davon nur noch eine mikroskopisch kleine Abart. welches daraufhin natürlich ganz und gar elektrisch geladen war. Aber zum Glück wurde diese Glut schnell wieder gelöscht. wie man dieses Ding da zum Stillstehen bringt!« »Das«. dann werden wir ja sehen. Es drehte sich mit solcher Schnelligkeit um sich selbst. Aber darauf war jeder an Bord der »Argo« in monatelangen harten Übungen trainiert worden. wurde nach oben immerdicker und sah tatsächlich so aus wie ein Brummkreisel von der Größe eines Berges. das erschwerte der Besatzung doch etwas die Arbeit. »Ein Schum-Schum gummilastikum!« rief der Professor begeistert und hielt seine Brille fest. Wo man hinfaßte. es zu erforschen. »Die Maschinen laufen schon auf Volldampf. daß die dünneren Teile des Schiffes. Das leuchtende Geschoß flog auf das Schum-Schum zu. umkreiste das Gebilde einige Male immer schneller und wurde schließlich in die Höhe gerissen. tanzte ein riesenhaftes Wesen. noch seltener in grüner Tinte findet. Zu hören war natürlich nichts. Der Professor soll uns also sagen. Blitz auf Blitz und Donnerschlag auf Donnerschlag ! Heulender Sturm ! Haushohe Wogen und weißer Schaum ! Meter für Meter kämpfte sich die »Argo«.je erlebt hatte. wie ihn noch keiner der TeilnehmerDon Melú ausgenommen . Und dann endlich war der innerste Kern des Wirbelsturms erreicht. daß Einzelheiten nicht auszumachen waren. Stahltrossen und Eisenstangen zu glühen begannen. um vom Sturm nicht zurückgeblasen zu werden. fiel ihm die Assistentin Sara ins Wort.« »Gut«.« »Es ist ein Jammer !« klagte der Professor. denn nun stürzte der Regen hernieder. . »wir werden es erst einmal beschießen. »Feuer!« befahl der Kapitän.

»Haben Sie einen Vorschlag, Professor?« wollte der Kapitän wissen. Aber Professor Eisenstein zuckte nur die Schultern, und auch seine Assistentinnen wußten keinen Rat. Es sah so aus, als müsse man diese Expedition erfolglos abbrechen. In diesem Augenblick zupfte jemand den Professor am Ärmel. Es war die schöne Eingeborene. »Malumba!« sagte sie mit anmutigen Gebärden, »Malumba oisitu sono! Erweini samba insaltu lolobindra. Kramuna heu béni béni sadogau.« »Babalu?« fragte der Professor erstaunt. »Didi maha feinosi intu ge doinen malumba?« Die schöne Eingeborene nickte eifrig und erwiderte: »Dodo um aufu schulamat wawada.« »Oi-oi«, antwortete der Professor und strich sich gedankenvoll das Kinn. »Was will sie denn?« erkundigte sich der Erste Steuermann. »Sie sagt«, erklärte der Professor, »es gebe in ihrem Volk ein uraltes Lied, das den >Wandernden Taifun< zum Einschlafen bringen könne, falls jemand den Mut hätte, es ihm vorzusingen.« »Daß ich nicht lache!« brummte Don Melú. »Ein Schlafliedchen für einen Orkan!«»Was halten Sie davon, Professor?« wollte die Assistentin Sara wissen. »Wäre so etwas möglich?« »Man darf keine Vorurteile haben«, meinte Professor Eisenstein. »Oft steckt in den Überlieferungen der Eingeborenen ein wahrer Kern. Vielleicht gibt es bestimmte Tonschwingungen, die einen Einfluß auf das Schum-Schum gummilastikum haben. Wir wissen einfach noch zu wenig über dessen Lebensbedingungen.« »Schaden kann es nichts«, entschied der Kapitän. »Darum sollten wir's einfach versuchen. Sagen Sie ihr, sie soll singen.« Der Professor wandte sich an die schöne Eingeborene und sagte: »Malumba didi oisafal huna-huna, wawadu?« Momosan nickte und begann sogleich einen höchst eigentümlichen Gesang, der nur aus wenigen Tönen bestand, die immerfort wiederkehrten: »Eni meni allubeni wanna tai susura tenu« Dazu klatschte sie in die Hände und sprang im Takt herum. Die einfache Melodie und die Worte waren leicht zu behalten. Andere stimmten nach und nach ein, und bald sang die ganze Mannschaft, klatschte dazu in die Hände und sprang im Takt herum. Es war ziemlich erstaunlich anzusehen, wie auch der alte Seebär Don Melú und schließlich der Professor sangen und klatschten, als seien sie Kinder auf einem Spielplatz. Und tatsächlich, was keiner von ihnen geglaubt hatte, geschah ! Der riesenhafte Kreisel drehte sich langsamer und langsamer, blieb schließlich stehen und begann zu versinken. Donnernd schlössen sich die Wassermassen über ihm. Der Sturm ebbte ganz plötzlich ab, der Regen hörte auf, der Himmel wurde klar und blau, und die Wellen des Meeres beruhigten sich. Die »Argo« lag still auf dem glitzernden Wasserspiegel, als sei hier nie etwas anderes gewesen als Ruhe und Frieden. »Leute«, sagte Kapitän Gordon und blickte jedem einzelnen anerkennend ins Gesicht, »das hätten wir geschafft ! « Er sagte nie viel, das wußten alle. Um so mehr zählte es, daß er diesmal noch hinzufügte: »Ich bin stolz auf euch!« »Ich glaube«, sagte das Mädchen, das sein kleines Geschwisterchen mitgebracht hatte, »es hat wirklich geregnet. Ich bin jedenfalls patschnaß . « In der Tat war inzwischen das Gewitter niedergegangen. Und vor allem das Mädchen mit dem kleinen Geschwisterchen wunderte sich, daß es ganz vergessen hatte, sich vor Blitz und Donner zu fürchten, solange es auf dem stählernen Schiff gewesen war.

Sie sprachen noch eine Weile über das Abenteuer und erzählten sich gegenseitig Einzelheiten, die jeder für sich erlebt hatte. Dann trennten sie sich, um heimzugehen und sich zu trocknen. Nur einer war mit dem Verlauf des Spiels nicht ganz zufrieden, und das war der Junge mit der Brille. Beim Abschied sagte er zu Momo: »Schade ist es doch, daß wir das Schum-Schum gummilastikum einfach versenkt haben. Das letzte Exemplar seiner Art! Ich hätte es wirklich gern noch etwas genauer erforscht.« Aber über eines waren sich nach wie vor alle einig: So wie bei Momo konnte man sonst nirgends spielen.

VIERTES KAPITEL Ein schweigsamer Alter und ein zungenfertiger junger
Wenn jemand auch sehr viele Freunde hat, so gibt es darunter doch immer einige wenige, die einem ganz besonders nahestehen und die einem die allerliebsten sind. Und so war es auch bei Momo. Sie hatte zwei allerbeste Freunde, die beide jeden Tag zu ihr kamen und alles mit ihr teilten, was sie hatten. Der eine war jung, und der andere war alt. Und Momo hätte nicht sagen können, welchen von beiden sie lieber hatte. Der Alte hieß Beppo Straßenkehrer. In Wirklichkeit hatte er wohl einen anderen Nachnamen, aber da er von Beruf Straßenkehrer war und alle ihn deshalb so nannten, nannte er sich selbst auch so. Beppo Straßenkehrer wohnte in der Nähe des Amphitheaters in einer Hütte, die er sich aus Ziegelsteinen, Wellblechsrücken und Dachpappe selbst zusammengebaut hatte. Er war ungewöhnlich klein und ging obendrein immer ein bißchen gebückt, so daß er Momo nur wenig überragte. Seinen großen Kopf, auf dem ein kurzer weißer Haarschopf in die Höhe stand, hielt er stets etwas schräg, und auf der Nase trug er eine kleine Brille. Manche Leute waren der Ansicht, Beppo Straßenkehrer sei nicht ganz richtig im Kopf. Das kam daher, daß er auf Fragen nur freundlich lächelte und keine Antwort gab. Er dachte nach. Und wenn er eine Antwort nicht nötig fand, schwieg er. Wenn er aber eine für nötig hielt, dann dachte er über diese Antwort nach. Manchmal dauerte es zwei Stunden, mitunter aber auch einen ganzen Tag, bis er etwas erwiderte. Inzwischen hatte der andere natürlich vergessen, was er gefragt hatte, und Beppos Worte kamen ihm wunderlich vor.Nur Momo konnte so lange warten und verstand, was er sagte. Sie wußte, daß er sich so viel Zeit nahm, um niemals etwas Unwahres zu sagen. Denn nach seiner Meinung kam alles Unglück der Welt von den vielen Lügen, den absichtlichen, aber auch den unabsichtlichen, die nur aus Eile oder Ungenauigkeit entstehen. Er fuhr jeden Morgen lange vor Tagesanbruch mit seinem alten, quietschenden Fahrrad in die Stadt zu einem großen Gebäude. Dort wartete er in einem Hof zusammen mit seinen Kollegen, bis man ihm einen Besen und einen Karren gab und ihm eine bestimmte Straße zuwies, die er kehren sollte. Beppo liebte diese Stunden vor Tagesanbruch, wenn die Stadt noch schlief. Und er tat seine Arbeit gern und gründlich. Er wußte, es war eine sehr notwendige Arbeit.

Wenn er so die Straßen kehrte, tat er es langsam, aber stetig: Bei jedem Schritt einen Atemzug und bei jedem Atemzug einen Besenstrich. Schritt-Atemzug-Besenstrich. Schritt-AtemzugBesenstrich. Dazwischen blieb er manchmal ein Weilchen stehen und blickte nachdenklich vor sich hin. Und dann ging es wieder weiter - Schritt - Atemzug - Besenstrich---. Während er sich so dahinbewegte, vor sich die schmutzige Straße und hinter sich die saubere, kamen ihm oft große Gedanken. Aber es waren Gedanken ohne Worte, Gedanken, die sich so schwer mitteilen ließen wie ein bestimmter Duft, an den man sich nur gerade eben noch erinnert, oder wie eine Farbe, von der man geträumt hat. Nach der Arbeit, wenn er bei Momo saß, erklärte er ihr seine großen Gedanken. Und da sie auf ihre besondere Art zuhörte, löste sich seine Zunge, und er fand die richtigen Worte. »Siehst du, Momo«, sagte er dann zum Beispiel, »es ist so: Manchmal hat man eine sehr lange Straße vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang; das kann man niemals schaffen, denkt man.« Er blickte eine Weile schweigend vor sich hin, dann fuhr er fort: »Und dann fängt man an, sich zu eilen. Und man eilt sich immer mehr. Jedesmal, wenn man aufblickt, sieht man, daß es gar nicht weniger wird, was noch vor einem liegt. Und man strengt sich noch mehr an, man kriegt es mit der Angst, und zum Schluß ist man ganz außer Puste und kann nicht mehr. Und die Straße liegt immer noch vor einem. So darf man es nicht machen.« Er dachte einige Zeit nach. Dann sprach er weiter: »Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du? Man muß nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Und immer wieder nur an den nächsten.« Wieder hielt er inné und überlegte, ehe er hinzufügte: »Dann macht es Freude ; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. Und so soll es sein.« Und abermals nach einer langen Pause fuhr er fort: »Auf einmal merkt man, daß man Schritt für Schritt die ganze Straße gemacht hat. Man hat gar nicht gemerkt wie, und man ist nicht außer Puste.« Er nickte vor sich hin und sagte abschließend: »Das ist wichtig.« Oder ein anderes Mal kam er, setzte sich schweigend neben Momo, und sie sah, daß er nachdachte und etwas ganz Besonderes sagen wollte. Plötzlich blickte er ihr in die Augen und begann: »Ich hab' uns Wiedererkannt.« Es dauerte lange, ehe er mit leiser Stimme fortfuhr: »Das gibt es manchmal - am Mittag -, wenn alles in der Hitze schläft. - Dann wird die Welt durchsichtig. Wie ein Fluß, verstehst du?- Man kann auf den Grund sehen.« Er nickte und schwieg ein Weilchen, dann sagte er noch leiser: »Da liegen andere Zeiten, da unten auf dem Grund.« Wieder dachte er lange nach und suchte nach den richtigen Worten. Aber er schien sie noch nicht zu finden, denn er erklärte auf einmal in ganz gewöhnlichem Ton : »Heute war ich an der alten Stadtmauer zum Kehren. Da sind fünf Steine von einer anderen Farbe in der Mauer. So, verstehst du?« Und er zeichnete mit dem Finger in den Staub ein großes T. Er betrachtete es mit schrägem Kopf, dann flüsterte er plötzlich: »Ich hab' sie wiedererkannt, die Steine.« Nach einer weiteren Pause fuhr er stockend fort: »Das waren solche anderen Zeiten, damals, als die Mauer gebaut wurde. - Viele haben da gearbeitet. - Aber zwei waren dabei, die haben die Steine dort hineingemauert. - Es war ein Zeichen, verstehst du? - Ich hab's wiedererkannt.« Er strich sich mit der Hand über die Augen. Es schien ihn anzustrengen, was er sagen wollte, denn als er nun weitersprach, klangen seine Worte mühsam: »Sie haben anders ausgesehen, die zwei damals, ganz anders. « Dann stieß er in abschließendem Ton und beinahe zornig hervor: »Aber ich habe uns wiedererkannt - dich und mich. Ich habe uns wiedererkannt!« Man kann es den Leuten nicht verübeln, daß sie lächelten, wenn sie Beppo Straßenkehrer so reden hörten, und manche tippten sich hinter seinem Rücken an die Stirn. Aber Momo hatte ihn lieb und bewahrte alle seine Worte in ihrem Herzen. Der andere beste Freund, den Momo hatte, war jung und in jeder Hinsicht das genaue Gegenteil von Beppo Straßenkehrer. Er war ein hübscher Bursche mit verträumten Augen,

sagte er zu Momo. wer will. . dann legte er los und erzählte das Blaue vom Himmel herunter. Hundespazierenführer. die er je nach Gelegenheit ausübte. »Wieso könnt ihr dann einfach behaupten. was hier vor tausend oder zweitausend Jahren passiert ist? Wißt ihr es vielleicht?« »Nein«. ob man wollte oder nicht. Er würde in einem märchenhaft schönen Haus wohnen. . was das Mundwerk betraf. »Und haben die Leute vielleicht nichts bekommen für ihr Geld ? Ich sage euch. sie herumzuführen und ihnen alles zu erklären. sie haben genau das bekommen. »Das ist kein Kunststück«. Nennen wir ihn also Gigi Fremdenführer. auch noch gutes Geld geben zu lassen. Namen und Jahreszahlen um sich. wie Gigi Fremdenführer und Beppo Straßenkehrer sich miteinander anfreundeten. daß den armen Zuhörern ganz wirr im Kopf wurde. Dann trat er mit ernster Miene auf sie zu und bot ihnen an. »damit soll reich werden. Die Leute aus der näheren Umgebung lachten über Gigis Einfälle.Schau sie dir doch an. eine Tasse Kaffee zu bezahlen . die für ein bißchen Wohlstand ihr Leben und ihre Seele verkauft haben ! Nein. die er für diese Tätigkeit besaß. Je nach Gelegenheit war er Parkwächter. wärmten. was heißt überhaupt wahr oder nicht wahr? Wer kann schon wissen. Aber wie gesagt. Und ebenso seltsamerweise war es gerade der zungenfertige Gigi. Er warf mit erfundenen Ereignissen. er würde von vergoldeten Tellern essen und auf seidenen Kissen schlafen. Fremdenführer war nur einer von vielen Berufen. die bloß erfunden seien. Seltsamerweise war der einzige. Und sich selbst sah er im Glanz seines zukünftigen Ruhms wie eine Sonne. Wenn die Fremden sich darauf einließen. aber manchmal machten sie auch bedenkliche Gesichter und meinten. »Na also!« rief Gigi Fremdenführer. Die einzige Voraussetzung. gerade der alte Beppo. hätte er selbst nicht sagen können. Die setzte er sofort auf. umgeben von einem Park. ob das alles in einem gelehrten Buch steht oder nicht? Wer sagt euch denn. Liebesbrief träger. Und doch war es so. Katzenfutterverkäufer und noch vieles andere. Denn von unermüdlichem Fleiß und harter Arbeit hielt er nicht sehr viel. wollen wir es bei Gigi genauso halten. so nicht. Leider kamen allerdings nur sehr selten Reisende. was sie wollten ! Und was macht es für einen Unterschied. »Das machen doch alle Dichter«. Da wir den alten Beppo nach seinem Beruf genannt haben. der als einziger niemals über den wunderlichen alten Beppo spottete. daß zwei so verschiedene Leute. mit so verschiedenen Ansichten über die Welt und das Leben. war eine Schirmmütze. sagte Gigi dann. daß meine Geschichten nicht wahr sind? Es kann doch zufällig genauso passiert sein. wenn sich tatsächlich einmal ein paar Reisende in diese Gegend verirrten. da mach' ich nicht mit. wenn die anderen über seine Träume lachten. Andenkenhändler. daß die Geschichten in den gelehrten Büchern nicht auch bloß erfunden sind. konnte mit Gigi nicht leicht einer fertig werden. und so mußte Gigi häufig andere Berufe ergreifen. wie sie aussehen. und er war es durchaus nicht von Amts wegen. Trauzeuge. aber die meisten nahmen alles für bare Münze und bezahlten deshalb auch in barer Münze. einmal berühmt und reich zu werden. die das Amphitheater besichtigen wollten.aber einem schier unglaublichen Mundwerk. es sei ganz unmöglich gewesen. Aber Gigi träumte davon. der Gigi niemals wegen seiner Leichtfertigkeit tadelte. obwohl er überhaupt keinen richtigen Beruf hatte. es ginge doch eigentlich nicht an.aber Gigi bleibt Gigi ! « -Eigentlich sollte man denken. Dann habe ich die pure Wahrheit gesagt !« Dagegen war schwer etwas einzuwenden. Ja. Manche merkten es und gingen ärgerlich davon. nur weiß es vielleicht keiner mehr?« Oder ein anderes Mal meinte er: »Ach. Sein Name war Girolamo. »Und ich werde es schaffen!« rief er. Und wenn ich auch oft nicht mal das Geld habe. gaben die ändern zu. deren Strahlen ihn schon jetzt in seiner Armseligkeit. wenn Gigi zuletzt seine Schirmmütze hinhielt. sozusagen aus der Entfernung. daß man einfach mitlachen mußte. aber er wurde einfach Gigi gerufen. Beerdigungsteilnehmer. »ihr alle werdet noch an meine Worte denken!« Womit er das allerdings schaffen wollte. Er steckte immer voller Spaße und Flausen und konnte so leichtsinnig lachen. sich für Geschichten.

Und die Eroberer . Selbst ihre Gesichter sahen aus wie graue Asche. sondern über die ganze Gegend . sie gingen in alle Häuser. fragte sich natürlich auch niemand. Sie hatten einander Zeichen gemacht und später die Köpfe zusammengesteckt. Es war wie eine lautlose und unmerkliche Eroberung. die tagtäglich weiter vordrang. Dabei waren sie keineswegs unsichtbar. der doch manches sah. eine tiefe Liebe zu dem struppigen kleinen Mädchen gefaßt und hätte es am liebsten überallhin mitgeschleppt.wer waren sie? Sogar der alte Beppo. woher sie gekommen waren und noch immer kamen. sofern man das von einem so unsteten leichtherzigen jungen Kerl überhaupt sagen kann. So konnten sie im geheimen arbeiten. An diesem Abend hatte Momo die leise und doch gewaltige Musik nicht hören können wie sonst. Er hatte. Es nützte auch nichts. und Momo machte sich keine Gedanken mehr über die seltsamen Besucher. als eines Abends ihre dunklen Silhouetten auf dem obersten Rand der Ruine aufgetaucht waren. Jeder von ihnen hatte stets eine bleigraue Aktentasche bei sich.ein Schatten. aschenfarbene Zigarren. Sie trugen runde steife Hüte auf den Köpfen und rauchten kleine. über die große Stadt ausbreitete. die sie noch nie empfunden hatte. Auch sie hatte sie vergessen. dunkel und kalt. Man sah sie-. . die immer zahlreicher in der großen Stadt umherstreiften und unermüdlich beschäftigt schienen. daß schon einige Male mehrere dieser grauen Herren die Gegend um das Amphitheater durchstreift und dabei allerlei in ihre Notizbüchlein geschrieben hatten. als ob sie sich berieten. denn es wurden täglich mehr. Und nicht nur über ihre Freundschaft. Sie verstanden es auf unheimliche Weise. FÜNFTES KAPITEL Geschichten für viele und Geschichten für eine Nach und nach war Momo für Gigi Fremdenführer ganz unentbehrlich geworden. sich unauffällig zu machen. Dann waren die grauen Herren wieder fortgegangen und seither nicht mehr erschienen. wie die kleine Momo ihnen beiden zuhörte. aber Momo hatte es plötzlich auf eine Art gefroren. Nur Momo hatte sie beobachtet. Sie fuhren in eleganten grauen Autos auf den Straßen. der wuchs und wuchs und sich schon jetzt. denn es war keine gewöhnliche Kälte. Auch Gigi Fremdenführer hatte nicht bemerkt. weil niemand sie so recht bemerkte. die ganz in spinnwebfarbenes Grau gekleidet waren. Zu hören war nichts gewesen. Keiner von den dreien ahnte. und man sah sie doch nicht. und gegen die sich niemand wehrte. sie saßen in allen Restaurants.Das lag wohl auch an der Art. so daß man einfach über sie hinwegsah oder ihren Anblick sofort wieder vergaß. Es waren Herren. Aber am nächsten Tag war das Leben weitergegangen wie immer. Oft schrieben sie etwas in ihre kleinen Notizbüchlein. was andere nicht sehen. Und da sie niemand auffielen. daß sie sich fester in ihre große Jacke wickelte. bemerkte die grauen Herren nicht. gerade weil sie sich nicht versteckten. daß schon bald ein Schatten über ihre Freundschaft fallen würde.

die sich in vielen Fortsetzungen durch Tage und Wochen zogen. hatten sie plötzlich Flügel bekommen. versteckte er unter seinem Bett. die ihn schleppen mußten. die er gelesen hatte. waren Goldfische hierzulande noch unbekannt. in pures Gold verwandeln würde. führte die Kaiserin Strapazia Augustina unzählige Kriege. Übrigens hörte er sich selbst ebenso gespannt zu. je größer. desto besser. Und gerade in diesem Punkt war eine Veränderung mit ihm vorgegangen. es war ihm einfach nichts Rechtes eingefallen. und das beunruhigte sie. er hatte manches wiederholt oder auf irgendeinen Film. so sagte sie sich. desto besser<.Als sie diese Völker wieder einmal unterworfen hatte. Einer der Sklaven. Die Kaiserin Strapazia hatte jedoch von einem Reisenden erfahren. kreisrundes Aquarium. Zuletzt war dem Fisch aber auch das kaiserliche Schwimmbecken zu eng geworden. sobald er ausgewachsen sei. Es war ein gewaltiges. >Je größer. daß sie drohte. wenn Momo dabei war und ihm zuhörte. Er wuchs und wuchs. die das Amphitheater besichtigen wollten (Momo saß ein wenig abseits auf den steinernen Stufen). >]e größer. murmelte sie immer wieder vor sich hin. denn der Fisch wog nun schon so viel wie ein Ochse. der sich. Und diese Rarität wollte die Kaiserin nun also unbedingt haben. Kinder und Erwachsene drängten sich um ihn. Der junge Fisch wuchs nun von Tag zu Tag und verbrauchte Unmengen Futter. rutschte aus. oder eine Zeitungsgeschichte. denn um so mehr Gold würde der Fisch ja schließlich liefern. Der Kaiserin aber ließ er statt dessen einen jungen Walfisch in einer juwelengeschmückten Suppenterrine überbringen. und die Kaiserin ließ den Unglücklichen sofort den Löwen vorwerfen. Dieser Satz wurde zur allgemeinen Richtschnur erklärt und in ehernen Lettern auf alle staatlichen Gebäude geschrieben. Bald war die Suppenterrine für ihn zu klein. denn er hatte keine Ahnung. Sie dachte nur noch an das viele Gold. würde er sich in Gold verwandeln. den er tatsächlich besaß. seine Leidenschaft. aber seit er Momo kannte. meine Damen und Herren. Jeden Tag saß sie viele Stunden am Rand des Schwimmbeckens und sah ihm beim Wachsen zu. da begann er folgendermaßen: »Hochverehrte Damen und Herren! Wie Ihnen ja allen bekannt sein dürfte. Da ließ Strapazia dieses Gebäude errichten. Früher waren seine Erzählungen manchmal etwas kümmerlich geraten. deren König Xaxotraxolus überlasse ihr zur Strafe seinen Goldfisch. Aber der Abgesandte des Königs Xaxotraxolus erklärte ihr. es sei denn. und wurde dick und fett. denn der Fisch war nun ihr ein und alles. desto besser. Besonders dann. dessen Ruinen Sie hier vor sich sehen. wie er nur verdrücken konnte. und darin konnte der Fisch sich endlich so richtig ausstrecken. um ihr Reich gegen die ständigen Angriffe der Zittern und Zagen zu verteidigen. Die Kaiserin war zwar etwas überrascht von der Größe des Tiers. sagte die Kaiserin Strapazia und ließ ihn in ihre Badewanne umquartieren. Allerdings schimmerte dieser Goldfisch kein bißchen golden. zurückgegriffen. wie wir ja schon wissen. denn sie führte ja bekanntlich ein sehr luxuriöses Leben und konnte daher niemals genug Gold haben.Geschichtenerzählen war. Nun . denn sie hatte sich den Goldfisch kleiner vorgestellt. Das war bereits ein ziemlich umständlicher Transport. vorher nicht. Nun wurde er in das kaiserliche Schwimmbecken gebracht. bis zum obersten Rand mit Wasser gefüllt. Er konnte jetzt Geschichten erzählen. Als wieder einmal Reisende kamen. war sie so erzürnt über die unaufhörliche Belästigung. den er gesehen. Seinen Goldfisch. Damit gab sich die Kaiserin Strapazia zufrieden. und er war unerschöpflich an Hinfallen. Aber die Kaiserin Strapazia war ja nicht arm. und der Fisch bekam so viel. die er selbst sehr deutlich fühlte. Aber. Es sei deshalb unbedingt nötig. Aber schon kurze Zeit später paßte er auch in die Badewanne nicht mehr hinein. die Angreifer mit Mann und Maus auszurotten. erst wenn der Fisch ausgewachsen sei. Der König Xaxotraxolus lachte sich ins Fäustchen. wohin ihn seine Phantasie führen würde. meine Damen und Herren. blühte seine Phantasie auf wie eine Frühlingswiese. daß seine Entwicklung nicht gestört werde. jener König Xaxotraxolus besitze einen kleinen Fisch. Zu jener Zeit nämlich. Seine Geschichten waren sozusagen zu Fuß gegangen.

Dann hielt Gigi bescheiden seine Schirmmütze hin. an dem ungeheuren Werk mitzuarbeiten. jedes Haus und jeder Baum und alle Berge. Übrigens erzählte Gigi. im Gegenteil. ertrank. wohin die Leichtgläubigkeit führen kann!« Mit diesen Worten schloß Gigi die Führung. weder ihren Sklaven noch ihren Verwandten. Damals gab es ja. und die Zuhörer waren sichtlich beeindruckt. Das wäre ihm viel zu langweilig gewesen. daß sie sich in dieses Aquarium stürzte und neben dem Fisch. seit Momo da war. und immer neue Erfindungen strömten und sprudelten hervor. Danach ging man daran. Und mehr und mehr vernachlässigte Strapazia ihre Regierungsgeschäfte. meine hochverehrten Damen. dann kam es ihm vor. Zuerst baute man einen Sockel.saß die Kaiserin höchstpersönlich bei Tag und Nacht auf jener Stelle dort und beobachtete den Riesenfisch. gelebt hatte. ohne daß er überhaupt nachdenken mußte. und acht Tage lang bekam das ganze Volk gebratenes Fischfilet. Denen hatte er nämlich keinen schlechten Schrecken eingejagt. die gesamte damalige Welt nach seinen Vorstellungen zu ändern. und dem Volk war es sowieso gleich. Er befahl also. um nicht wieder zu weit zu gehen wie jenes eine Mal. Nur einer von ihnen war mißtrauisch und fragte: »Und wann soll das alles gewesen sein?« Aber Gigi war niemals um eine Antwort verlegen und sagte: »Die Kaiserin Strapazia war bekanntlich eine Zeitgenossin des berühmten Philosophen Noiosius. wie er wollte. magerte vor Angst und Sorge mehr und mehr ab. der genauso groß sein sollte wie die alte Erde und auf dem alles. einen Globus herzustellen. den Plan gefaßt hatte. nie mehr dieselbe Geschichte zweimal. . ob er sich schon in Gold verwandle. und so anschaulich und interessant hätte ihnen noch niemand jene alten Zeiten dargestellt. Da verfiel Marxentius Communus auf seine alten Tage in Wahnsinn. genannt der Rote. Sie traute nämlich keinem mehr. meine Damen und Herren. sich zu bremsen. . des Älteren. diese Besichtigung habe sich wirklich gelohnt. die bestehende Welt hinfort sich selbst zu überlassen und lieber eine vollkommen nagelneue Welt zu bauen. und hatte Angst. als sei eine Schleuse in seinem Inneren geöffnet. als die beiden vornehmen. die solche Erkrankungen heilen konnten. Meere und Gewässer ganz naturgetreu dargestellt sein müßten. auf dem dieser Riesenglobus stehen sollte. Sie begegneten überhaupt keinem Soldaten mehr. Sogar der Zweifler warf einige Münzen hinein. tat kein Auge zu und bewachte den Fisch. der Ältere. freien Amerika bekannt. dem Grab all ihrer Hoffnungen. daß er keine Ahnung hatte. der lustig herumplätscherte und nicht daran dachte.Als die Kaiserin Strapazia schließlich von der Sache erfuhr. ebensogroß wie die Erde. den Globus selbst zu bauen. meine Damen.< Der Rest ist uns leider nicht überliefert. Aber was er auch tat. als er ihnen folgendes erzählte: »Selbstverständlich ist es sogar bei Ihnen im schönen. und die Leute zeigten sich entsprechend freigebig. In seinem Wahn verfiel Marxentius Communus nun auf die Idee. vielen Dank. Sicher ist jedoch. wer es beherrschte. noch keine Seelenärzte. Wenn Momo unter den Zuhörern war. der Fisch könne ihr gestohlen werden. es zeigte sich. So mußte man den Tyrannen eben rasen lassen. Sie betrachteten die Ruine mit ehrfürchtigen Blicken. und sagte deshalb nur: »Aha. wann der berühmte Philosoph Noiosius. rief sie die bekannten Worte >Weh mir ! O daß ich doch . er mußte oft sogar versuchen. Und die Ruine dieses Sockels sehen Sie hier vor sich. eine riesenhafte Kugel.« Alle Zuhörer waren tief befriedigt und sagten. sich in Gold zu verwandeln. daß die Menschen trotz allem so ziemlich die gleichen blieben und sich einfach nicht ändern ließen. Und als diese Kugel schließlich fertig war. wurde auf ihr sorgfältig alles nachgebildet. wie Sie natürlich wissen. Genau darauf hatten die Zittern und Zagen nur gewartet. Sie sehen daraus. Die gesamte damalige Menschheit wurde unter Androhung der Todesstrafe gezwungen.« Der Zweifler mochte nun natürlich nicht zugeben. König Xaxotraxolus ließ zur Feier seines Sieges den Walfisch schlachten. was sich auf der Erde befand. So saß sie also da. Unter Führung ihres Königs Xaxotraxolus unternahmen sie einen letzten Kriegszug und eroberten im Handumdrehen das ganze Reich. älteren Damen aus Amerika seine Dienste angenommen hatten. . daß der überaus grausame Tyrann Marxentius Communus.

aber sie war ganz allein. ihre Hunde und Katzen und Vögel und sogar ihre Blumen. daß nun trotz allem eigentlich alles beim alten geblieben war. als du denken kannst. sagte Gigi. meine Damen. denn der alte war ja verbraucht. Den schickte sie jeden Tag und jede Nacht in die Welt hinaus. . Wir wollen sehen. die von Gigi und Momo selbst handelten. was Gigi sonst erzählte. Alles um sie herum. die ihn sahen. hüllte er sein Haupt in die Togo und ging davon. und deshalb tat sie es nicht. »von wem soll es handeln?« »Von Momo und Girolamo am liebsten«. antwortete Momo. Gigi überlegte ein wenig und fragte dann: »Und wie soll es heißen?« »Vielleicht . welche die Ruine hier noch heute erkennen läßt. die ihr gefielen. wenn niemand sonst zuhörte. So wurde eben langsam die Erde immer kleiner. hat man niemals erfahren. Daher kommt es. Sehen Sie. Prinzessin Momo hatte nämlich einen Zauberspiegel. Das wußte Prinzessin Momo sehr wohl.Natürlich brauchte man sehr viel Material für diesen Globus.« Die beiden feinen älteren Damen aus Amerika erbleichten. Und natürlich waren auch alle Menschen auf den neuen Globus umgezogen. und dieses Material konnte man ja nirgends anders hernehmen als von der Erde selbst. der wurde davon sterblich. »Das hört sich gut an. sie sagten einfach: >Das ist der Mond. Und viel schneller.« Da schrien die beiden feinen älteren Damen entsetzt auf und ergriffen die Flucht.das Märchen vom Zauberspiegel?« Gigi nickte nachdenklich. alles das waren nur Spiegelbilder. ist ja der neue Globus. Und sie waren auch nur für sie beide bestimmt und hörten sich ganz anders an als alles. dann schüttete er vor der Prinzessin alle Spiegelbilder aus. huschten die freigelassenen Spiegelbilder zurück durch die Gewässer der Erde zu ihren Eigentümern. Meistens waren es Märchen. Wohin. wie es eben gerade kam. wegnehmen müssen. Gigi hielt vergebens seine Schirmmütze hin. wie es geht. das von der alten Erde noch übriggeblieben war. meine Damen. »Erzählst du mir ein Märchen?« bat Momo leise. diese trichterförmige Höhlung. wenn der Zauberspiegel zurückkam. An einem schönen. die ging in Samt und Seide und wohnte hoch über der Welt auf einem schneebedeckten Berggipfel in einem Schloß aus buntem Glas.< Und jedesmal. »Gut«. und die anderen warf sie einfach in einen Bach. daß einem das eigene Spiegelbild entgegenblickt. Am Himmel funkelten bereits die ersten Sterne.Und als die neue Welt schließlich fertig war. warmen Abend saßen die beiden still nebeneinander auf dem obersten Rand der steinernen Stufen. war früher das Fundament. ihre Dienerschaft. Sie hatte alles. daß Prinzessin Momo unsterblich war. und eine fragte: »Und wo ist der Globus geblieben?« »Aber Sie stehen doch darauf!« antwortete Gigi. was man sich nur wünschen kann. »Die heutige Welt. Nun habe ich noch vergessen zu sagen. Als Marxentius Communus erkennen mußte. Denn wer sein eigenes Spiegelbild darin erblickte. ihre Kammerfrauen. und der Mond stieg groß und silbern über den schwarzen Umrissen der Pinien empor. über Städte und Felder. -Am allerliebsten aber erzählte Gigi der kleinen Momo allein. während der Globus immer mehr wuchs. Und der große Spiegel schwebte dahin über Länder und Meere.« Er legte Momo einen Arm um die Schulter und fing an : »Es war einmal eine schöne Prinzessin mit Namen Momo. sie aß nur die feinsten Speisen und trank nur den süßesten Wein. Sie schlief auf seidenen Kissen und saß auf Stühlen aus Elfenbein. Es waren schöne und häßliche. sooft man sich über einen Brunnen oder eine Pfütze beugt. die er auf seiner Reise aufgefangen hatte. interessante und langweilige. Sie hatte alles . hatte man dazu haargenau das letzte Steinchen. wunderten sich kein bißchen darüber. denn die wollte Momo am liebsten hören. Sie hatte nämlich noch nie sich selbst in dem Zauberspiegel gesehen. Die Prinzessin suchte sich diejenigen aus. der war groß und rund und aus feinstem Silber. Die Leute. und es waren fast immer solche. Sie müssen sich also das Ganze umgekehrt vorstellen. das auf der Oberfläche der alten Erde ruhte.

Du mußt vergessen.So lebte sie also mit all ihren vielen Spiegelbildern. zischelte die böse Fee. wie es ihr weitererging. daß der Zauberspiegel ihr ein Bild mitbrachte. Sie lief durch aller Herren Länder. jetzt muß ich dir aber zuerst von dem Prinzen erzählen. wie sie nur konnten. daß dem unglückseligen Prinzen ganz schwindelig wurde. Eines Nachts saß Prinz Girolamo auf dem Dach seines goldenen Palastes und spielte Dame mit der Fee. Unter den Mädchen hatte sich aber auch eine böse Fee in den Palast geschlichen. Eines Tages geschah es jedoch. noch wer er war. Sie gab allen Spiegelbildern. Vielleicht folgt er dem Spiegel auf seinem Weg und findet mich hier. sondern grünes und kaltes. silbernen Zauberspiegel. um seine Wahl zu treffen. Dann ging sie ganz allein auf ihren zarten Pantöffelchen aus ihrem Schloß aus buntem Glas durch die schneebedeckten Berge in die Welt hinunter. Und wo war dieses Reich? Es war nicht im Gestern und es war nicht im Heute. damit er sich eine aussuchen konnte. versetzte Prinz Girolamo unbedacht. sondern es lag immer einen Tag in der Zukunft. Nun schaute sie also lange in den Zauberspiegel und schickte ihn mit ihrem Bild über die Welt. denn jede wollte ihn natürlich haben. liebten und bewunderten den Prinzen. »das kann nicht sein. beschloß sie. Aber der Zauberspiegel mit ihrem Bild darin schwebte weiter hoch über der Welt dahin. Eines Tages nun sagten die Minister zu dem Prinzen des Morgen-Landes : >Majestät. ob sie seine Frau werden wolle. und dann sieht er mein Bild. >Nein<. >die Bedingung ist leicht !< Was war nun inzwischen mit Prinzessin Momo geschehen? Sie hatte gewartet und gewartet.« >Ich werde sie erfüllen<. antwortete die böse Fee und lächelte so süß. was dein ist. nun doch in den Zauberspiegel zu blicken. Da waren ihre Pantöffelchen durchgelaufen. >du darfst ein Jahr lang nicht zu dem schwebenden Silberspiegel hinaufschauen. antwortete der Prinz. die hatte kein rotes. Aber wie sollte sie das anfangen? Sie wußte ja weder.< Prinz Girolamo hatte nichts dagegen einzuwenden. Sie alle hatten sich so schön gemacht. wer du in Wirklichkeit bist. Als nun der Prinz des Morgen-Landes in den großen goldenen Thronsaal trat. ihre Freiheit wieder. >Gut<. bis sie in das Heute-Land kam. Denn sie dachte: Vielleicht kann der Spiegel mein Bild zu dem Prinzen bringen. Und alle Leute. warmes Blut in den Adern. und sie kannte noch nicht einmal seinen Namen. daß sie unbedingt zu ihm wollte. kaltes Blut hatte. und du mußt ins Heute-Land. der dort oben schwebte. >Es beginnt zu regnen<. da flüsterte sie rasch einen Zauberspruch. Es war das Spiegelbild eines jungen Prinzen. Bist du damit einverstanden?< >Wenn es nur das ist!< rief Prinz Girolamo. Da beschloß sie. Du wirst gleich hören. denn das gehört sich so. das ihr mehr bedeutete als alle anderen. denn sie hatte sich außerordentlich kunstvoll geschminkt. Da fiel plötzlich ein winziges Tröpfchen auf des Prinzen Hand. und dort mußt du als ein armer unbekannter Schlucker leben.< Und er blickte hinauf und schaute mitten in den großen. Das sah man ihr freilich nicht an. spielte mit ihnen und war soweit ganz zufrieden. selbst in die Welt hinauszugehen und ihn zu suchen. das er sich selbst erschaffen hatte. Da sie sich keinen anderen Rat wußte. wo niemand dich kennt. Vielleicht blickt der gerade zufällig in die Höhe. die dort wohnten. sagte die Fee mit dem grünen Blut. Und darum hieß es das Morgen-Land. >Gern<. die grünes. und nun sah der arme Girolamo nur noch sie und sonst keine. daß er sie auf der Stelle fragte. so mußt du auf der Stelle alles vergessen. Und sie kam ihm so wunderschön vor. Dieser Prinz hieß Girolamo und herrschte über ein großes Reich. aber der Prinz war nicht gekommen. bekam sie so große Sehnsucht nach ihm. wo er wohnte. denn es ist keine Wolke am Himmel. Tust du es aber doch. Da sah er das Bild der Prinzessin Momo und bemerkte. Als sie es erblickt hatte. und so wurden die schönsten jungen Damen des Morgen-Landes in den Palast gebracht. wenn der Spiegel am Himmel dahinschwebt. >aber ich habe eine Bedingung. und sie mußte barfuß gehen. daß sie weinte und . Aber dadurch war sie nun naturlich sterblich geworden. die um sie waren. Ihr müßt heiraten.

Es war schon sehr zerknittert und verwischt. sagte Gigi bestimmt. Und sie erzählte ihm alles. daß es dem einer Schlange glich. denn in meinem Herzen ist ein Knoten. was er mitgenommen hatte. Er ging aus seinem Schloß und seinem Reich wie ein Dieb in der Nacht. Und das haben die beiden getan. dann wurde man wieder unsterblich. was du sagst. Er nahm die Prinzessin bei der Hand und ging mit ihr weit fort . Und im gleichen Augenblick vergaß er. war das Bild aus dem Zauberspiegel. kaltes Blut in ihren Adern hatte. wenn man allein hineinblickte. die er in Wirklichkeit liebte. »-später. Inzwischen waren auch Prinzessin Momos Kleider aus Samt und Seide ganz zerrissen. der nun leer war. Und nun wußte Prinz Girolamo plötzlich wieder. daß er der Prinz des Morgen-Landes war. am Himmel dahinschwebte. unbekannter Taugenichts und nannte sich nur noch Gigi. Und sie wohnte in einer alten Ruine. . Und er wanderte weit über die Welt.« »Und sind sie inzwischen gestorben?« »Nein«. in die Brust und machte einen Knoten in sein Herz. dort lebte er fortan als ein armer. wo das Morgen-Land liegt.< Da griff Prinzessin Momo in seine Brust und löste ganz leicht den Knoten seines Herzens auf. und sie fühlten ganz deutlich. dann fragte Momo: »Und sind sie später Mann und Frau geworden?« »Ich glaube schon«. das sie damals ausgeschickt hatte. holte Gigi das Spiegelbild hervor und zeigte es Momo. Prinzessin Momo war es. Momo und Gigi saßen still nebeneinander und blickten lange zu ihm hinauf. Eines Abends. >Nun hast du dein Versprechen gebrochen<. und deshalb kann ich mich an nichts erinnern. viel zu große Männerjacke und einen Rock aus bunten Flicken. denn er war ja nun ein armer Schlucker. Und auch Gigi erkannte die Prinzessin nicht. sagte die grüne Fee. Der Zauberspiegel macht einen nur sterblich. und ihr Gesicht verzerrte sich. Das einzige. bis er ins Heute-Land kam. der wie erstarrt sitzen bleiben mußte. Sie trug jetzt eine alte. aber die Prinzessin erkannte doch sofort. Der war von da an leer. Aber Prinzessin Momo erkannte den Prinzen aus dem MorgenLand nicht. Und im gleichen Augenblick erkannte er. den sie immer gesucht hatte und für den sie sterblich geworden war. >und nun mußt du mir bezahlen !< Mit ihren grünen langen Fingern griff sie Prinz Girolamo. denn wie eine Prinzessin sah sie eigentlich nicht mehr aus.« Nachdem Gigi geendet hatte. daß es ihr eigenes Bild war. »das weiß ich zufällig genau. Hier begegneten sich die beiden eines schönen Tages. Aber Gigi schüttelte traurig den Kopf und sagte: >Ich kann nichts von dem verstehen. daß die Fee ihn getäuscht hatte. wer er war und wo er hingehörte.in die Ferne. daß sie nicht wirklich schön war und nur grünes. schwiegen sie beide ein Weilchen. Und nun erkannte sie auch unter der Maske des armen Schluckers Gigi den Prinzen Girolamo.daß eine ihrer Tränen auf seine Hand gefallen war. Aber in ihrem gemeinsamen Unglück freundeten sich die beiden miteinander an und trösteten sich gegenseitig. sagte Gigi.« Groß und silbern stand der Mond über den schwarzen Pinien und ließ die alten Steine der Ruine geheimnisvoll glänzen. als wieder der silberne Zauberspiegel. daß sie für die Dauer dieses Augenblicks beide unsterblich waren.Schaute man aber zu zweit hinein.

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ZWEITER TEIL: DIE GRAUEN HERREN .

je nachdem. Es gibt Kalender und Uhren.SECHSTES KAPITEL Die Rechnung ist falsch und geht doch auf Es gibt ein großes und doch ganz alltägliches Geheimnis. daß niemand auf ihre Tätigkeit aufmerksam wurde. daß einem eine einzige Stunde wie eine Ewigkeit vorkommen kann. drangen sie täglich weiter vor und ergriffen Besitz von den Menschen. einer Minute. aber die wenigsten denken je darüber nach. ohne daß jemand es bemerkte. Unauffällig hatten sie sich im Leben der großen Stadt und ihrer Bewohner festgesetzt. . jeder kennt es. Das Wichtigste war ihnen. aber das will wenig besagen. ja einer einzigen Sekunde Leben so wie sie. Denn Zeit ist Leben. mitunter kann sie aber auch wie ein Augenblick vergehen . Freilich verstanden sie sich auf ihre Weise darauf. Niemand kannte den Wert einer Stunde. so wie Blutegel sich aufs Blut verstehen. um sie zu messen. Sie hatten ihre Pläne mit der Zeit der Menschen. denn jeder weiß. Und genau das wußte niemand besser als die grauen Herren. was man in dieser Stunde erlebt. Die meisten Leute nehmen es einfach so hin und wundern sich kein bißchen darüber. Alle Menschen haben daran teil. Und Schritt für Schritt. Es waren weitgesteckte und sorgfältig vorbereitete Pläne. Dieses Geheimnis ist die Zeit. und auf ihre Weise handelten sie danach. Und das Leben wohnt im Herzen.

»Dann bin ich an der rechten Stelle«. war Herrn Fusi nicht klar. Sein Laden. daß es ein solches Institut überhaupt gibt. Wenn Sie Zeit hätten. Besonders beim Rasieren unter dem Kinn gegen den Strich war ihm so leicht keiner über. aber er war in seiner Straße gut angesehen. wie der Regen auf die Straße platschte. »Sehen Sie. sagte der graue Herr. etwas Luxuriöses. sozusagen aschengrauen Stimme. Der Lehrjunge hatte frei. erklärte Herr Fusi noch verwirrter. lieber Herr Fusi«. daß Sie ein Sparkonto bei uns eröffnen wollen. Eines Tages stand Herr Fusi in der Tür seines Ladens und wartete auf Kundschaft. Er war nicht arm und nicht reich. Aber es gibt eben manchmal Augenblicke. und auch in Herrn Fusis Seele war trübes Wetter. Wenn Sie einmal tot sind. Geschwätz und Seifenschaum. »mit Scherengeklapper und Geschwätz und Seifenschaum. der für ihre Absichten in Frage kam. Seine Arbeit bereitete ihm ausgesprochenes Vergnügen. Er sah zu. »Sie vergeuden Ihr Leben mit Scherengeklapper. wird es sein. dann wäre ich ein ganz anderer Mensch!« Wie dieses richtige Leben allerdings beschaffen sein sollte. als würde es plötzlich ungewöhnlich kalt in dem kleinen Raum. Habe ich recht?« . etwas. Was habe ich eigentlich von meinem Dasein? Und wenn ich einmal tot bin. Wir wissen.« In diesem Augenblick fuhr ein feines. Sie warteten nur den richtigen Augenblick ab. als hätte es Sie nie gegeben. »Womit kann ich dienen?« fragte er verwirrt. dann wären Sie ein ganz anderer Mensch.Da war zum Beispiel Herr Fusi. in dem sie ihn fassen konnten. wird es sein. Ich bin Agent Nr. ohne zu lächeln. »Mein Leben geht so dahin«. aschengraues Auto vor und hielt genau vor Herrn Fusis Friseurgeschäft. als hätte es mich nie gegeben. noch immer erstaunt. setzte sich auf den Rasierstuhl.« »Das ist mir neu«. Man muß frei sein. während er an seiner kleinen grauen Zigarre paffte. Alles. sagte der Agent. XYQ/384/b.« »Wie das?« fragte Herr Fusi. jetzt wissen Sie es«. denn der Herr hatte eine spiegelnde Glatze. meinte der graue Herr und klappte das Büchlein zu. Wenn ich das richtige Leben führen könnte. »Keines von beiden«. ich wußte bisher nicht einmal. nahm sein Notizbüchlein aus der Tasche und begann darin zu blättern. Geschwätz und Seifenschaum. und er beschäftigte einen Lehrjungen. Das geht jedem so. wie Sie das wünschen. es war ein grauer Tag. der mitten in der Stadt lag. Er blätterte in seinem Notizbüchlein und fuhr fort: »Sie sind doch Herr Fusi. in denen das alles kein Gewicht hat. den Kunden weitläufig seine Ansichten auseinanderzusetzen und von ihnen zu hören. und er wußte. Ich aber bleibe mein Leben lang ein Gefangener von Scherengeklapper. Denn für das richtige Leben muß man Zeit haben.« »Nun. daß er sie gut machte. ist Zeit. war klein. Ein grauer Herr stieg aus und betrat den Laden. Auch gegen Scherengeklapper und Seifenschaum hatte er nichts. versetzte Herr Fusi. wie man es immer in den Illustrierten sah. das richtige Leben zu führen. denn es war ihm. »Offengestanden. das ist nun aus mir geworden. dachte er mißmutig. Und sie taten das ihre dazu. was sie darüber dachten. Herr Fusi schloß die Ladentür. der Friseur. was Sie also benötigen. »Wer bin ich schon? Ein kleiner Friseur. »Mein ganzes Leben ist verfehlt«. Er war zwar kein berühmter Haarkünstler. Er stellte seine bleigraue Aktentasche auf den Tisch vor dem Spiegel. »für so etwas läßt mir meine Arbeit keine Zeit. daß dieser Augenblick eintrat. dachte er. »Ich komme von der Zeit-Spar-Kasse. schon lange bevor der Betreffende selbst etwas davon ahnte. Er stellte sich nur irgend etwas Bedeutendes vor. »Rasieren oder Haare schneiden?« und verwünschte sich im gleichen Augenblick wegen seiner Taktlosigkeit. hängte seinen runden steifen Hut an den Kleiderhaken. daß Herr Fusi etwas gegen ein Schwätzchen hatte. antwortete der Agent knapp. der Friseur?« »Ganz recht.Sie kannten jeden. »Sie sind Anwärter bei uns. dachte Herr Fusi. mit einer seltsam tonlosen.« Es war nun durchaus nicht so. und Herr Fusi war allein. der bin ich«. »Aber«. Er liebte es sogar sehr.

schätzen Sie die Dauer Ihres Lebens?« »Nun«. gestand Herr Fusi.« Herr Fusi schluckte und fuhr sich mit der Hand über die Stirn. fuhr der Agent unerbittlich fort.»Darüber habe ich eben nachgedacht«. »vielleicht zwei Stunden?« »Das scheint mir zu wenig«. »Sechzig mal sechzig ist dreitausendsechshundert. sagte der Agent nickend und zog wieder an seiner kleinen grauen Zigarre. »Ja«. »Nun kommt Ihnen aber auch noch eine gewisse Zeit abhanden durch die Notwendigkeit.täglich acht Stunden . Wieviel Zeit müssen Sie täglich der Arbeit opfern. »ich hoffe so siebzig.das macht also bereits vierhunderteinundvierzigmillionenfünfhundertundviertausend. »es ist eine eindrucksvolle Zahl. welches Ihnen zur Verfügung steht. stammelte der und fühlte sich plötzlich schuldbewußt. »Wie lange schlafen Sie durchschnittlich pro Nacht?« forschte der graue Herr weiter. Der Stift kreischte über das Spiegelglas. warf Herr Fusi flehend ein. Herr Fusi?« »Zweiundvierzig«. Der Agent rechnete blitzgeschwind. so ungefähr«. « »Aber . daß er so reich sei. Ich will es Ihnen durch eine kleine Rechnung beweisen. vergeuden Ihre Zeit auf ganz verantwortungslose Weise. XYQ/384/b begann die Zahlen mit einem grauen Stift auf den Spiegel zu schreiben. das bedeutet umgerechnet dreizehnmillionensiebenhundert-siebenundneunzigtausend. denn trotz der geschlossenen Tür wurde es immer kälter. wie wir wissen. Wie lange. also dreitausendsechshundert mal vierundzwanzig. Eine Minute hat sechzig Sekunden. Ferner haben Sie überflüssigerweise einen Wellensittich. sagte Herr Fusi. . Diese Summe dürfen wir wohl mit gutem Recht als verloren betrachten. Können Sie mir folgen?« »Gewiß«. wie bekannt. dann ergibt es in zweiundvierzig Jahren den Betrag von hundertzehnmillionendreihundertsechsundsiebzigtausend. »nehmen wir vorsichtshalber einmal nur siebzig Jahre an. Er hätte nie gedacht. « Und er schrieb diese Zahl groß an den Spiegel: 2 207 520 000 Sekunden Dann unterstrich er sie mehrmals und erklärte: »Dies also. Herr Fusi. achtzig Jahre alt zu werden. das heißt. Herr Fusi?« »Auch acht Stunden. nicht wahr? Aber nun wollen wir weitergehen. Ein Tag hat vierundzwanzig Stunden. fuhr der graue Herr fort. »Zweiundvierzig Jahre . gab Herr Fusi kleinlaut zu. murmelte Herr Fusi und fröstelte. . Ein Jahr hat aber. »Aber woher nimmt man Zeit ? Man muß sie eben ersparen ! Sie. Der Agent Nr. so Gott will. stotterte Herr Fusi verwirrt. Oder dreihundertfünfzehnmillionendreihundertundsechzigtausend Sekunden in zehn Jahren. »Dann müssen wir also noch einmal die gleiche Summe auf das Minuskonto verbuchen«. ist das Vermögen. dreihundertfünfundsechzig Tage. Das ergibt zweimilliardenzweihundertsiebenmillionenfünfhundertzwanzigtausend Sekunden. dessen Pflege Sie täglich eine Viertelstunde kostet. Also hat eine Stunde dreitausendsechshundert Sekunden. Die Summe machte ihn schwindelig. sehen Sie !« erwiderte der graue Herr und zog zufrieden an seiner kleinen Zigarre. Und eine Stunde hat sechzig Minuten. obgleich sie taub ist und sie kaum noch hört. Das macht mithin einunddreißigmillionenfünfhundertundsechsunddreißigtausend Sekunden pro Jahr. sagte der Agent. Herr Fusi. meinte Herr Fusi ängstlich. das macht sechsundachtzigtausendvierhundert Sekunden pro Tag. daß sich Herrn Fusi die Haut kräuselte. »aber nehmen wir es einmal an. . Das wäre also dreihundertfünfzehnmillionendreihundertsechzigtausend mal sieben. sich zu ernähren. Täglich widmen Sie der alten Frau eine volle Stunde. »Na. Es ist also hinausgeworfene Zeit: macht fünfundfünfzigmillioneneinhundertachtundachtzigtausend. Herr Fusi. Sie sitzen bei ihr und sprechen mit ihr. als habe er eine Unterschlagung begangen. Fahren wir fort! Sie leben allein mit Ihrer alten Mutter.«. Wieviel Zeit benötigen Sie insgesamt für alle Mahlzeiten des Tages?«»Ich weiß nicht genau«. Wie alt sind Sie.« »Gut«. »Acht Stunden etwa«.

Herr Fusi?« Herr Fusi sagte gar nichts. Geheimnis Fenster Zusammen: 441 504 000 Sekunden 441 504 000 110 376 000 55 188 000 13 797 000 55 188 000 165 564 000 27 594 000 13 797 000 1 324 512 Sekunden »Diese Summe«. Wozu?« »Sie freut sich doch immer so«. den Sie zweimal in der Woche besuchen. um ihr eine Blume zu bringen. Herr Fusi. »denn Fräulein Daria wird ihr Leben lang an den Rollstuhl gefesselt bleiben. daß Sie die Gewohnheit haben.« »Ganz recht«. jeden Abend vor dem Schlafengehen eine Viertelstunde am Fenster zu sitzen und über den vergangenen Tag nachzudenken. »diese Summe also ist die Zeit. . versetzte der Agent. antwortete Herr Fusi.« »Wir sind gleich zu Ende«. Wieviel Zeit kostet Sie das täglich?« »Vielleicht eine Stunde. XYQ/384/b. Sie schlagen Ihre Zeit mit nutzlosen Dingen tot. Was sagen Sie dazu. sagte der graue Herr und tippte mit dem Stift mehrmals so hart gegen den Spiegel.unterbrach ihn der Agent Nr. das macht einhundertfünfundsechzigmillionenfünfhundertvierundsechzigtausend. Trotzdem besuchen Sie sie täglich eine halbe Stunde. fuhr der graue Herr fort. . . was Ihnen eigentlich übrigbleibt.« Auf dem Spiegel stand nun folgende Rechnung: Schlaf Arbeit Nahrung Mutter Wellensittich Einkauf usw. dann bekommen wir nochmals eine abzuschreibende Summe von dreizehnmillionensiebenhun-dertsiebenundneunzigtausend. Sie sehen ganz recht«. Sie müssen einkaufen gehen. denn trotz der eisigen Kälte brach ihm der Schweiß aus. Herr Fusi. sagte Herr Fusi. Aber nun wollen wir einmal sehen. »ist sie für Sie. Herr Fusi. »entschuldigen Sie bitte .»Unterbrechen Sie mich nicht !« herrschte ihn der Agent an. und zwar etwa drei Stunden täglich. die Sie bis jetzt bereits verloren haben. außer mir und Fräulein Daria . Kurz. . . . müssen Sie. »es ist bereits mehr als die Hälfte Ihres ursprünglichen Gesamtvermögens. »Da Ihre Mutter ja behindert ist. Herr Fusi.Ist Ihnen nicht gut. die Sie verlieren. Nun wollen wir einmal sehen. Wir wissen ferner.« »In unserer modernen Welt«. Betrachten Sie die Dinge einmal sachlich und realistisch. Er setzte sich auf einen Stuhl in der Ecke und wischte sich mit dem Taschentuch die Stirn. sagte er. Und zwar insgesamt bereits siebenundzwanzig-millionenfünfhundertvierundneunzigtausend Sekunden. Singen usw. Sie haben da nämlich dieses kleine Geheimnis. Herr Fusi. Herr Fusi?« »Nein«. Herr Fusi. »haben Geheimnisse nichts mehr verloren. . was Ihnen von Ihren . und sich an den übrigen Tagen abends mit Freunden treffen oder manchmal sogar ein Buch lesen. »Ich dachte. antwortete Herr Fusi. aber . Schuhe putzen und dergleichen lästige Dinge mehr.« »Macht weitere fünfundfünfzigmillioneneinhundertachtundachtzigtausend. daß es wie Revolverschüsse klang. einen Stammtisch haben. der immer schneller und schneller rechnete. »Aber nüchtern betrachtet«. einmal wöchentlich in einem Gesangverein mitwirken. daß Sie einmal wöchentlich ins Kino gehen. . »das geht doch nicht. verlorene Zeit. »Das wissen Sie auch?« murmelte er kraftlos. Beantworten Sie mir eine Frage: Wollen Sie Fräulein Daria heiraten?« »Nein«. . weil ihre Beine verkrüppelt sind. einen Teil der Hausarbeit selbst machen. sagte der graue Herr. den Tränen nah. »Aber wir müssen noch auf ein besonderes Kapitel Ihres Lebens zu sprechen kommen. so kalt war ihm geworden. Freunde. »Ja. Der graue Herr nickte ernst. Sie wissen schon. Und wenn wir nun dazurechnen.« Herr Fusi begann mit den Zähnen zu klappern.

zweiundvierzig Jahren eigentlich geblieben ist. Ein Jahr, das sind einunddreißigmillionenfünfhun-dertsechsunddreißigtausend Sekunden, wie Sie wissen. Und das mal zweiundvierzig genommen macht einemilliardedreihundertvierundzwanzigmillionenfünfhundertundzwölf tausend.« Er schrieb die Zahl unter die Summe der verlorenen Zeit: 1.324.512.000 Sekunden — 1.324.512.000 0 000 000 000 ,, Sekunden

Er steckte seinen Stift ein und machte eine längere Pause, um den Anblick der vielen Nullen auf Herrn Fusi wirken zu lassen. Und er tat seine Wirkung. »Das«, dachte Herr Fusi zerschmettert, »ist also die Bilanz meines ganzen bisherigen Lebens.« Er war so beeindruckt von der Rechnung, die so haargenau aufging, daß er alles widerspruchslos hinnahm. Und die Rechnung selbst stimmte. Das war einer der Tricks, mit denen die grauen Herren die Menschen bei tausend Gelegenheiten betrogen. »Finden Sie nicht«, ergriff nun der Agent Nr. XYQ/384/b in sanftem Ton wieder das Wort, »daß Sie so nicht weiterwirtschaften können, Herr Fusi? Wollen Sie nicht lieber zu sparen anfangen?« Herr Fusi nickte stumm und mit blaugefrorenen Lippen. »Hätten Sie beispielsweise«, klang die aschenfarbene Stimme des Agenten an Herrn Fusis Ohr, »schon vor zwanzig Jahren angefangen, täglich nur eine einzige Stunde einzusparen, dann besäßen Sie jetzt ein Guthaben von sechsundzwanzigmillionenzweihundertundachtzigtausend Sekunden. Bei zwei Stunden täglich ersparter Zeit wäre es natürlich das Doppelte, also zweiundfünfzigmillionenfünfhundertundsech-zigtausend. Und ich bitte Sie, Herr Fusi, was sind schon zwei lumpige kleine Stunden angesichts einer solchen Summe?« »Nichts!« rief Herr Fusi, »eine lächerliche Kleinigkeit!« »Es freut mich, daß Sie das einsehen«, fuhr der Agent gleichmütig fort. »Und wenn wir nun noch ausrechnen, was Sie unter denselben Bedingungen in weiteren zwanzig Jahren erspart haben würden, so kämen wir auf die stolze Summe von einhundertfünfmillioneneinhundertundzwanzigtausend Sekunden. Dieses ganze Kapital stünde Ihnen in Ihrem zweiundsechzigsten Lebensjahr zur freien Verfügung.« »Großartig!« stammelte Herr Fusi und riß die Augen auf. »Warten Sie ab«, fuhr der graue Herr fort, »denn es kommt noch viel besser. Wir, das heißt die Zeit-Spar-Kasse, bewahren nämlich die eingesparte Zeit nicht nur für Sie auf, sondern wir zahlen Ihnen auch noch Zinsen dafür. Das heißt, Sie hätten in Wirklichkeit noch viel mehr.«»Wieviel mehr?« fragte Herr Fusi atemlos. »Das läge ganz bei Ihnen«, erklärte der Agent, »je nachdem, wieviel Sie eben einsparen würden und wie lange Sie das Ersparte bei uns liegen lassen.« »Liegen lassen?« erkundigte sich Herr Fusi, »was heißt das?« »Nun, ganz einfach«, meinte der graue Herr. »Wenn Sie Ihre ersparte Zeit nicht vor fünf Jahren von uns zurückverlangen, dann bezahlen wir Ihnen noch einmal dieselbe Summe dazu. Ihr Vermögen verdoppelt sich alle fünf Jahre, verstehen Sie? Nach zehn Jahren wäre es bereits das Vierfache der ursprünglichen Summe, nach fünfzehn Jahren das Achtfache und so weiter. Wenn Sie vor zwanzig Jahren angefangen hätten, täglich nur zwei Stunden einzusparen, dann stünde für Sie in Ihrem zweiundsechzigsten Lebensjahr, also nach vierzig Jahren insgesamt, das Zweihundertsechsundfünfzigfache der bis dahin von Ihnen ersparten Zeit zur Verfügung. Das wären sechsundzwanzigmilliardenneunhundertundzehnmillionensiebenhundertundzwanzigtausend.« Und er nahm noch einmal seinen grauen Stift heraus und schrieb auch diese Zahl an den Spiegel:

26 910 720 000 Sekunden »Sie sehen selbst, Herr Fusi«, sagte er dann und lächelte zum ersten Mal dünn, »es wäre mehr als das Zehnfache ihrer ursprünglichen gesamten Lebenszeit. Und das bei nur zwei ersparten Stunden täglich. Bedenken Sie, ob dies nicht ein lohnendes Angebot ist.« »Das ist es !« sagte Herr Fusi erschöpft. »Das ist es ganz ohne Zweifel ! Ich bin ein Unglücksrabe, daß ich nicht schon längst angefangen habe, zu sparen. Jetzt erst sehe ich es völlig ein, und ich muß gestehen - ich bin verzweifelt!« »Dazu«, erwiderte der graue Herr sanft, »besteht durchaus kein Grund. Es ist niemals zu spät. Wenn Sie wollen, können Sie noch heute anfangen. Sie werden sehen, es lohnt sich.« »Und ob ich will!« rief Herr Fusi. »Was muß ich tun?« »Aber, mein Bester«, antwortete der Agent und zog die Augenbrauen hoch, »Sie werden doch wissen, wie man Zeit spart! Sie müssen zum Beispiel einfach schneller arbeiten und alles Überflüssige weglassen. Statt einer halben Stunde widmen Sie sich einem Kunden nur noch eine Viertelstunde. Sie vermeiden zeitraubende Unterhaltungen. Sie verkürzen die Stunde bei ihrer alten Mutter auf eine halbe. Am besten geben Sie sie überhaupt in ein gutes, billiges Altersheim, wo für sie gesorgt wird, dann haben Sie bereits eine ganze Stunde täglich gewonnen. Schaffen Sie den unnützen Wellensittich ab! Besuchen Sie Fräulein Daria nur noch alle vierzehn Tage einmal, wenn es überhaupt sein muß. Lassen Sie die Viertelstunde Tagesrückschau ausfallen und vor allem, vertun Sie Ihre kostbare Zeit nicht mehr so oft mit Singen, Lesen oder gar mit Ihren sogenannten Freunden. Ich empfehle Ihnen übrigens ganz nebenbei, eine große, gutgehende Uhr in Ihren Laden zu hängen, damit Sie die Arbeit Ihres Lehrjungen genau kontrollieren können.« »Nun gut«, meinte Herr Fusi, »das alles kann ich tun, aber die Zeit, die mir auf diese Weise übrigbleibt - was soll ich mit ihr machen ? Muß ich sie abliefern? Und wo? Oder soll ich sie aufbewahren? Wie geht das Ganze vor sich?« »Darüber«, sagte der graue Herr und lächelte zum zweiten Mal dünn, »machen Sie sich nur keine Sorgen. Das überlassen Sie ruhig uns. Sie können sicher sein, daß uns von Ihrer eingesparten Zeit nicht das kleinste bißchen verlorengeht. Sie werden es schon merken, daß Ihnen nichts übrigbleibt.« »Also gut«, entgegnete Herr Fusi verdattert, »ich verlasse mich also darauf.« »Tun Sie das getrost, mein Bester«, sagte der Agent und stand auf. »Ich darf Sie also hiermit in der großen Gemeinde der Zeit-Sparer als neues Mitglied begrüßen. Nun sind auch Sie ein wahrhaft moderner und fortschrittlicher Mensch, Herr Fusi. Ich beglückwünsche Sie!« Damit nahm er seinen Hut und seine Mappe. »Einen Augenblick noch!« rief Herr Fusi. »Müssen wir denn nicht irgendeinen Vertrag abschließen? Muß ich nichts unterschreiben? Bekomme ich nicht irgendein Dokument?« Der Agent Nr. XYQ/384/b drehte sich in der Tür um und musterte Herrn Fusi mit leichtem Unwillen. »Wozu?« fragte er. »Das Zeit-Sparen läßt sich nicht mit irgendeiner anderen Art des Sparens vergleichen. Es ist eine Sache des vollkommenen Vertrauens - auf beiden Seiten ! Uns genügt Ihre Zusage. Sie ist unwiderruflich. Und wir kümmern uns um Ihre Ersparnisse. Wieviel Sie allerdings ersparen, das liegt ganz bei Ihnen. Wir zwingen Sie zu nichts. Leben Sie wohl, Herr Fusi!« Damit stieg der Agent in sein elegantes, graues Auto und brauste davon. Herr Fusi sah ihm nach und rieb sich die Stirn. Langsam wurde ihm wieder wärmer, aber er fühlte sich krank und elend. Der blaue Dunst aus der kleinen Zigarre des Agenten hing noch lange in dichten Schwaden im Raum und wollte nicht weichen. Erst als der Rauch vergangen war, wurde es Herrn Fusi wieder besser. Aber im gleichen Maß wie der Rauch verging, verblaßten auch die Zahlen auf dem Spiegel. Und als sie schließlich ganz verschwunden waren, war auch die Erinnerung an den grauen Besucher in Herrn Fusis

Gedächtnis ausgelöscht - die an den Besucher, nicht aber die an den Beschluß! Den hielt er nun für seinen eigenen. Der Vorsatz, von nun an Zeit zu sparen, um irgendwann in der Zukunft ein anderes Leben beginnen zu können, saß in seiner Seele fest wie ein Stachel mit Widerhaken. Und dann kam der erste Kunde an diesem Tag. Herr Fusi bediente ihn mürrisch, er ließ alles Überflüssige weg, schwieg und war tatsächlich statt in einer halben Stunde schon nach zwanzig Minuten fertig. Und genauso hielt er es von nun an bei jedem Kunden. Seine Arbeit machte ihm auf diese Weise überhaupt keinen Spaß mehr, aber das war ja nun auch nicht mehr wichtig. Er stellte zusätzlich zu seinem Lehrjungen noch zwei weitere Gehilfen ein und gab scharf darauf acht, daß sie keine Sekunde verloren. Jeder Handgriff war nach einem genauen Zeitplan festgelegt. In Herrn Fusis Laden hing nun ein Schild mit der Aufschrift: GESPARTE ZEIT IST DOPPELTE ZEIT! An Fräulein Daria schrieb er einen kurzen, sachlichen Brief, daß er wegen Zeitmangels leider nicht mehr kommen könne. Seinen Wellensittich verkaufte er einer Tierhandlung. Seine Mutter steckte er in ein gutes, aber billiges Altersheim und besuchte sie dort einmal im Monat. Und auch sonst befolgte er alle Ratschläge des grauen Herrn, die er ja nun für seine eigenen Beschlüsse hielt. Er wurde immer nervöser und ruheloser, denn eines war seltsam: Von all der Zeit, die er einsparte, blieb ihm tatsächlich niemals etwas übrig. Sie verschwand einfach auf rätselhafte Weise und war nicht mehr da. Seine Tage wurden erst unmerklich, dann aber deutlich spürbar kürzer und kürzer. Ehe er sich's versah, war schon wieder eine Woche, ein Monat, ein Jahr herum und noch ein Jahr und noch eines. Da er sich ja an den Besuch des grauen Herrn nicht mehr erinnerte, hätte er sich wohl eigentlich ernstlich fragen müssen, wo all seine Zeit denn blieb. Aber diese Frage stellte er sich so wenig wie alle anderen Zeit-Sparer. Es war etwas wie eine blinde Besessenheit über ihn gekommen. Und wenn er manchmal mit Schrecken gewahr wurde, wie schnell und immer schneller seine Tage dahinrasten, dann sparte er nur um so verbissener.Wie Herrn Fusi, so ging es schon vielen Menschen in der großen Stadt. Und täglich wurden es mehr, die damit anfingen, das zu tun, was sie »Zeit sparen« nannten. Und je mehr es wurden, desto mehr folgten nach, denn auch denen, die eigentlich nicht wollten, blieb gar nichts anderes übrig, als mitzumachen. Täglich wurden im Rundfunk, im Fernsehen und in den Zeitungen die Vorteile neuer zeitsparender Einrichtungen erklärt und gepriesen, die den Menschen dereinst die Freiheit für das »richtige« Leben schenken würden. An Hauswänden und Anschlagsäulen klebten Plakate, auf denen man alle möglichen Bilder des Glücks sah. Darunter stand in leuchtenden Lettern: ZEIT-SPARERN GEHT ES IMMER BESSER ! Oder: ZEIT-SPARERN GEHÖRT DIE ZUKUNFT! Oder: MACH MEHR AUS DEINEM LEBEN - SPARE ZEIT! Aber die Wirklichkeit sah ganz anders aus. Zwar waren die Zeit-Sparer besser gekleidet als die Leute, die in der Nähe des alten Amphitheaters wohnten. Sie verdienten mehr Geld und konnten auch mehr ausgeben. Aber sie hatten mißmutige, müde oder verbitterte Gesichter und unfreundliche Augen. Bei ihnen war die Redensart »Geh doch zu Momo ! « natürlich unbekannt. Sie hatten niemand, der ihnen so zuhören konnte, daß sie davon gescheit, versöhnlich oder gar froh geworden wären. Aber selbst, wenn es dort so jemand gegeben hätte, es wäre doch höchst zweifelhaft gewesen, ob sie je zu ihm hingegangen wären- es sei denn, man hätte die Sache in fünf Minuten erledigen können. Andernfalls hätten sie es für verlorene Zeit gehalten. Selbst ihre freien Stunden mußten, wie sie meinten, ausgenutzt werden und in aller Eile so viel Vergnügen und Entspannung liefern, wie nur möglich war. So konnten sie keine richtigen Feste mehr feiern, weder fröhliche noch ernste. Träumen galt bei ihnen fast als ein Verbrechen. Am allerwenigsten aber konnten sie die Stille ertragen. Denn in der Stille überfiel sie Angst, weil sie ahnten, was in Wirklichkeit mit ihrem Leben geschah. Darum machten sie Lärm, wann immer die Stille drohte. Aber es war natürlich kein fröhlicher Lärm wie der auf einem Kinderspielplatz, sondern ein wütender und mißmutiger, der die große Stadt von Tag zu

sagte Momo eines Tages.eine Wüste der Ordnung ! Und genauso verlief auch das Leben der Menschen.Tag lauter erfüllte. Und das Leben wohnt im Herzen. daß sie zu den Menschen paßten. Und schließlich hatte auch die große Stadt selbst mehr und mehr ihr Aussehen verändert. Im Norden der großen Stadt breiteten sich schon riesige Neubauviertel aus. daß er. und neue Häuser wurden gebaut. Über allen Arbeitsplätzen in den großen Fabriken und Bürohäusern hingen deshalb Schilder. Es war viel billiger und vor allem zeitsparender. Niemand war davon ausgenommen. Keiner wollte wahrhaben. auf denen stand: ZEIT IST KOSTBAR . daß sein Leben immer ärmer. über den Sesseln der Direktoren. in den Behandlungszimmern der Ärzte. die hier wohnten:Schnurgerade bis zum Horizont ! Denn hier war alles genau berechnet und geplant.DARUM SPARE! Ähnliche Schilder hingen auch über den Schreibtischen der Chefs. war unwichtig — im Gegenteil. bei denen man alles wegließ. denn auch für sie hatte nun niemand mehr Zeit. denn dann hätte man ja lauter verschiedene Häuser bauen müssen. immer gleichförmiger und immer kälter wurde. Restaurants und Warenhäusern und sogar in den Schulen und Kindergärten. Deutlich zu fühlen jedoch bekamen es die Kinder. desto weniger hatten sie. was nun für überflüssig galt. als ob unsere alten Freunde jetzt immer seltener zu mir kommen. »es kommt mir so vor. Dort erhoben sich in endlosen Reihen vielstöckige Mietskasernen. in Wirklichkeit etwas ganz anderes sparte. Die alten Viertel wurden abgerissen. SIEBENTES KAPITEL Momo sucht ihre Freunde und wird von einem Feind besucht »Ich weiß nicht«. in den Geschäften. die in ihnen wohnten.« . Niemand schien zu merken. jeder Zentimeter und jeder Augenblick. Und diese einförmigen Straßen wuchsen und wuchsen und dehnten sich schon schnurgerade bis zum Horizont . Und je mehr die Menschen daran sparten. Und da alle Häuser gleich aussahen. Ob einer seine Arbeit gern oder mit Liebe zur Sache tat. die Häuser so zu bauen. daß er in möglichst kurzer Zeit möglichst viel arbeitete. sahen natürlich auch alle Straßen gleich aus.VERLIERE SIE NICHT! oder: ZEIT IST (WIE) GELD . Aber Zeit ist Leben. indem er Zeit sparte. Man sparte sich die Mühe. das hielt nur auf. Wichtig war ganz allein. die einander so gleich waren wie ein Ei dem anderen. die Häuser alle gleich zu bauen. Manche hab' ich schon lang nicht mehr gesehen.

mit Spucke aus. dahinwackelte oder im Kreis sauste-. Beppo überlegte lang und antwortete schließlich: »Sie kommen nicht wegen uns. deswegen«. »mir geht's genauso. Oder eine Weltraumrakete. Gigi zuckte die Schultern und löschte gedankenvoll einige Buchstaben.« »Ja. die er auf eine alte Schiefertafel gekratzt hatte. Sie war natürlich nicht mehr ganz neu und hatte in der Mitte einen großen Sprung. Irgendwas ist los. Und da Momo ein sehr gutes Gedächtnis hatte.« »Aber was?« fragte Momo. den man herumfahren lassen konnte —. von Tag zu Tag.« Und abermals nach einer Weile fügte er hinzu: »Es wird kalt. wie man den oder jenen Buchstaben schreibt. dann antwortete er: »Nichts Gutes. die erst seit wenigen Tagen dazugehörten. der mit glühenden Augen dahinwackelte und den Kopf drehte—. daß Kinder allerlei Spielzeug brachten. die an einer Stange im Kreis herumsauste-. Manchmal störten sie auch absichtlich und verdarben alles. Aber außerdem waren da noch andere Kinder. wie Momos Freunde nie welche besessen hatten — und Momo selbst schon gar nicht. das Mädchen Maria mit dem kleinen Geschwisterchen Dedé. aber es fiel ihnen nichts dazu ein. Sie suchen nur einen Unterschlupf. Es ist mir schon lang aufgefallen. wo mehrere Kinder ein neues Ballspiel spielten. denn wie man weiß. Beppo Straßenkehrer. genügt ja oft ein einziger Spielverderber. der Paolo gerufen wurde. Es waren einige von Momos alten Freunden darunter: Der Junge mit der Brille. sie kamen sogar von weither aus anderen Stadtteilen. nickte langsam und sagte: »Ja. um den anderen alles zu zerstören. Aber die meisten von diesen Kindern konnten einfach nicht spielen. daß man sich dabei gar nichts mehr selber vorzustellen brauchte. zum Beispiel ein ferngesteuerter Tank. Darum kehrten sie schließlich doch wieder zu ihren alten . Eigentlich hätte Momo sich gern darüber gefreut. Nicht selten gab es jetzt Zank und Streit. und bald fingen sie an. und der andere Junge. der dicke Junge mit der hohen Stimme. dessen Name Massimo lautete.« »Was denn?« fragte Momo.« Alle drei blickten hinunter auf die runde Grasfläche in der Mitte des Amphitheaters. das sie erst diesen Nachmittag erfunden hatten.« »Was meinst du damit?« fragte Momo. selber die besten Ideen zu haben und begeistert mitzuspielen. Das blieb freilich nicht so. »Ja«. Immer häufiger kam es jetzt vor. der erst diesen Nachmittag gekommen war. konnte sie mittlerweile schon ganz gut lesen. das ist wahr. meinte Gigi nachdenklich. Und dann war da noch etwas. »deswegen. Es waren natürlich sehr teure Spielsachen. aber sonst war sie noch gut zu gebrauchen. Oder ein kleiner Roboter. die meinen Geschichten zuhören. mit dem man nicht wirklich spielen konnte. Und so fing alles immer wieder von vorn an. Beppo dachte eine Weile nach. und ein kleinerer Junge. aber weiter taugte er zu nichts. denn Momos Gegenwart tat auch bei diesen Kindern ihre Wirkung. Nur mit dem Schreiben ging es noch nicht so recht. Es hatte auch erst in allerjüngster Zeit angefangen. aber zu etwas anderem war er nicht zu gebrauchen. aber sonst konnte man nichts damit anfangen. wie Gigi gesagt hatte: Es wurden immer mehr. Es schien tatsächlich so. meinte Beppo.« »Ach was!« sagte Gigi und legte Momo tröstend den Arm um die Schulter. Vor allem waren alle diese Dinge so vollkommen bis in jede kleinste Einzelheit hinein. Seither zeigte Gigi Momo jeden Tag. So saßen die Kinder oft stundenlang da und schauten gebannt und doch gelangweilt so einem Ding zu. Aber es kamen eben fast täglich neue Kinder. Es werden immer weniger. der über Momos Frage nachgedacht hatte. Es ist nicht mehr wie früher. das Momo nicht recht begreifen konnte. der immer etwas verwahrlost aussah und Franco hieß. Es kommt näher.Gigi Fremdenführer und Beppo Straßenkehrer saßen neben ihr auf den grasbewachsenen Steinstufen der Ruine und sahen dem Sonnenuntergang zu. Die Schiefertafel hatte der alte Beppo vor einigen Wochen in einer Mülltonne gefunden und Momo mitgebracht. Sie saßen nur verdrossen und gelangweilt herum und guckten Momo und ihren Freunden zu. In der Stadt ist es schon überall. »dafür kommen jetzt immer mehr Kinder hierher. das da herumschnurrte.

wie ich mag. »Er soll doch woanders hingehen«. denn mehr oder weniger ging es ihnen allen so.« Franco setzte sich wieder hin. antwortete aber trotzig: »Du hast mir überhaupt nichts zu sagen und niemand. Er schaltete das Radio ab. »ich darf jetzt jeden Tag ins Kino. daß das geschah. Meistens kommen wir ja hierher. Wenn ich brav war. Beppo und Momo herumsaßen. .« »Ich hab' schon elf Märchenschallplatten«. sie zuckte die Schultern. Dabei konnte man sich alles vorstellen.Spielen zurück. »Erzählst du uns was.« »Doch gibt's die ! « sagte das kleine Mädchen trotzig. darf ich dabei helfen. wenn er von der Arbeit gekommen ist. »mein Radio geht so laut. meinte der alte Beppo. »die kann ich mir sooft anhören. »Die ist jetzt auch immer den ganzen Tag weg. »eine lustige Geschichte! . der heute zum ersten Mal erschienen war. »er verdirbt uns schon den ganzen Nachmittag alles. Später will ich auch so eins. eine aufregende! . bitte«. sagte Maria. « Sie gab dem kleinen Geschwisterchen. wie ich will. Nach einer kleinen Weile drehte er sein Radio leise und schaute in eine andere Richtung. Wir können ihn höchstens bitten.« Alle Kinder nickten. hatte nämlich ein Kofferradio bei sich.« Die Kinder blieben stumm. dann kauf ich mir eine Fahrkarte.«»Dreh's sofort leise!« rief Franco und stand auf. Gigi?« bat eines der Kinder. was ihr so macht und warum ihr hier seid.Ein Abenteuer!« Aber Gigi wollte nicht. sagte ein kleines Mädchen. »daß ihr mir was erzählt-über euch und euer Zuhause. dann wird es gewaschen. Irgend etwas schien auch heute abend das Spiel nicht recht gelingen zu lassen.« »Aber ich«. . Aber zum Glück hab' ich Dedé. wenn mein Papa und meine Mama Zeit haben.« Und nach einer kleinen Pause setzte es hinzu : »Ich will aber nicht aufgehoben sein. Der kleinere Junge. einen Kuß und fuhr fort: »Wenn ich von der Schule komm'. in drohendem Ton. Und dann . »Könntest du deinen blöden Kasten nicht vielleicht leiser drehen?« fragte der verwahrloste Junge.« »Du bist dumm!« rief ein anderes Kind. Aber jetzt ist er eben nie mehr da. »na ja. Die Kinder taten eines nach dem anderen nicht mehr mit.« »Ja«. »wir können's ihm nicht verbieten. Oder er ist müde und hat keine Lust. Es war das erste Mal. dann mach' ich uns das Essen warm. daß Gigi vielleicht zu erzählen anfangen würde. riefen die anderen. wenn ich mag. bei denen ihnen ein paar Schachteln. weil sie leider keine Zeit haben. ließ sich schließlich eines vernehmen. Damit ich aufgehoben bin. der Franco hieß. »Ich bin eigentlich ganz froh«.«. »Ich hab's sogar in einem Reiseprospekt gesehen. Deswegen geh' ich heimlich hierher und spar' mir das Geld. Er saß ein wenig abseits von den anderen und hatte den Apparat ganz laut gedreht. »Am Samstag.« Der fremde Junge schwieg.« »Und deine Mutter?« fragte das Mädchen Maria.Nein.Nein. ein zerrissenes Tischtuch.« »Da hat er recht«. »bei uns ist es genauso. »Bestimmt hat er den. sagte der fremde Junge und grinste. »Ich möchte viel lieber«. »Ich kann dich nicht verstehen«. Wenn ich genug Geld hab'. Dann mach' ich meine Aufgaben. die neu waren. Momo ging zu ihm und setzte sich still neben ihn. Das war schön. Sie hofften. bis schließlich alle um Gigi. bis es Abend ist. Der fremde Junge wurde ein bißchen blaß. erklärte ein kleiner Junge. das auf ihrem Schoß saß. Es war eine Reklamesendung. immer selber was erzählt. dann laufen wir eben so 'rum.« »Er wird schon seinen Grund haben«. Ich kann mein Radio so laut drehen. »O ja. und dann fahr' ich zu den sieben Zwergen. Eine Weile war es still. Früher hat mein Vater mir abends. aber das ging nicht. ein Maulwurfshügel oder eine Handvoll Steinchen genügten. ein Märchen! . sagte er erbittert. sagte er schließlich. . Ihre Gesichter waren plötzlich traurig und verschlossen. »die gibt's doch gar nicht. »Wir haben jetzt ein sehr schönes Auto«. antwortete Beppo und blickte den fremden Jungen freundlich und aufmerksam durch seine kleine Brille an. meinte Franco und sah dabei gar nicht froh aus.

mürrisch. Aber sie mögen sich selbst auch nicht mehr. Aber jetzt fragen sie danach nicht mehr viel. erklärte Paolo. Schließlich blickte Paolo dem alten Beppo forschend ins Gesicht. Dann fuhr er fort: »Neulich habe ich in der Stadt einen alten Bekannten getroffen.freudlos. sagte Paolo. Der .« Jetzt wandte sich ihnen plötzlich der Junge mit dem Kofferradio zu und sagte: »Aber ich. um mir zuzuhören. haben andere Leute immer weniger Zeit. nervös. jetzt will ich euch mal was sagen«. sagte er leise. weil ich sonst genauso werde wie ihr. Und ich soll nicht mehr hierher kommen.noch niemals habe ich in meinem Leben dem lieben Gott oder einem Mitmenschen das kleinste bißchen Zeit gestohlen.« »Das ist nicht wahr!« schrie der fremde Junge zornig. »Meine Eltern lügen doch nicht«. Die Kinder schwiegen beeindruckt. konnte sehr hübsch singen und hatte über alles seine ganz besonderen Gedanken. Er versuchte. Das ist doch ein Beweis -oder?« Alle schwiegen. denen man schon Ähnliches gesagt hatte. damit sie ihnen zuhört. Eigentlich war jedem von ihnen ebenso zumute. sagt mein Alter immer. haben sie gesagt. wenn ihr versteht. »ihr seid bloß Faulenzer und Tagediebe.»daß meine Alten keine Zeit mehr für mich haben. Ich bin auf eurer Seite.« Wieder nickten einige der Kinder. Und weil es von eurer Sorte viel zu viele gibt. Das ist meine Meinung. streckte drei Finger in die Höhe und sprach: »Ich hab' noch nie. einen Friseur. Sie mögen überhaupt nichts mehr. Sie haben sich dabei selbst gefunden. Früher war er ein netter Kerl gewesen. Sonst fangen sie bloß an zu streiten. aber die Tränen liefen in hellen Streifen durch die Schmutzflecken auf seinen Wangen. »ihr haltet uns also auch für Tagediebe?« Die Kinder schauten verlegen zu Boden. sagte der alte Beppo nach einer Weile noch einmal. Ich werd' ja später sowieso Straßenräuber. fuhr Gigi fort. Ich hatte ihn eine Weile nicht mehr gesehen und hätte ihn bald nicht mehr wiedererkannt.« »Ach so?« sagte Gigi und zog die Augenbrauen hoch. »Und ich auch!« sagte Gigi ernst. wofür sie keine Zeit mehr haben!« Er machte die Augen schmal und nickte. »Früher sind die Leute immer gern zu Momo gekommen. Sie verstanden ihn nun. »das machen sie. Und dann fragte er noch leiser: »Seid ihr denn keine?« Da erhob sich der alte Straßenkehrer in seiner ganzen. »Meine Eltern haben gesagt«. Das schwöre ich. der Junge mit der Brille. Deswegen habt ihr soviel. »Mich mögen meine Eltern sogar sehr. Und für euch haben sie auch keine Zeit mehr. der den ganzen Nachmittag der Spielverderber gewesen war. sagen sie. Sie können doch nichts dafür. Das ist eben so. so wahr mir Gott helfe!« »Ich auch!« fügte Momo hinzu. Fusi heißt er. sagen sie. daß sie keine Zeit mehr haben. Dafür haben sie mir aber jetzt sogar das Kofferradio geschenkt. »es wird kalt. so verändert war er. « »Ich darf vielleicht bald nicht mehr kommen«. Es war sehr teuer. nicht sehr beträchtlichen Größe. es zu unterdrücken und wischte sich die Augen mit seinen schmutzigen Fäusten. ich kriege jetzt viel mehr Taschengeld als früher!« »Klar!« antwortete Franco. Dabei haben sie sich selbst vergessen. Sie fühlten sich alle im Stich gelassen. Keines unter ihnen bezweifelte die Worte der drei Freunde. Die anderen Kinder sahen ihn teilnahmsvoll an oder blickten zu Boden. damit sie uns loswerden!Sie mögen uns nicht mehr. Und plötzlich fing der Junge. Für alles das hat er plötzlich keine Zeit mehr. Ihr stehlt dem lieben Gott die Zeit. Danach fragen sie auch nicht mehr viel. »Warum denn nicht?« fragte Momo verwundert. zu weinen an. Gigi blickte die Kinder der Reihe nach an. Früher sind die Leute auch immer gern gekommen. »Glaubt ihr das etwa auch von uns? Oder warum kommt ihr trotzdem?« Nach kurzem Stillschweigen meinte Franco: »Mir ist das gleich. was ich meine. Sie haben keine Zeit mehr für so was. Merkt ihr was? Es ist doch merkwürdig. »Ja«. und ich krieg dann Prügel. »Und überhaupt.

antwortete Momo schüchtern. Jeden Tag hauen wir ein ganzes Stockwerk drauf. Sie setzte sich vor seine Zimmertür auf die Treppe. Viel zuviel Sand im Mörtel. »He. daß er ein bißchen verrückt geworden ist. Ich geb's zu. Momo!« brummte er. blieb er verdutzt stehen. was sie tun könnten. und Momo hörte ihm aufmerksam zu. Während der nächsten Tage machte Momo sich auf die Suche nach ihren alten Freunden. Sie kannte das Haus gut. Privatsachen. Jetzt fangen sogar unsere alten Freunde auch damit an ! Ich frage mich wirklich. .« Er redete weiter. Ja. Die anderen Leute im Haus wußten nur. was los war und warum sie nicht mehr zu ihr kamen. ob es Verrücktheit gibt. Anders kann ich's nicht aushalten. und sie schlief ein. Und es werden immer mehr. das ist eine andere Sache als früher! Da ist alles organisiert. Momo beschloß. dann würde ich einfach denken. wo ich jetzt bin. was bei mir jetzt los ist. Die Zeiten ändern sich. Ja. und es bereitete ihm sichtlich Verlegenheit. der die Treppe heraufschwankte.Mann ist nur noch sein eigenes Gespenst. als sie durch polternde Schritte und rauhen Gesang geweckt wurde. Zuerst ging sie zu Nicola. Aber er war nicht da. Momo. Als er das Kind sah. die ansteckend ist?« Der alte Beppo nickte. verstehst du. auf ihn zu warten. Das geht einem ehrlichen Maurer gegen das Gewissen. sagte er auf einmal traurig. »Bestimmt«. da wird ein anderes Tempo vorgelegt. versteht ihr? Wenn er's nur allein wäre. »es muß eine Art Ansteckung sein. bis ins letzte hinein .« »Aber dann«. um von ihnen zu erfahren. Das geht wie der Teufel. »Kommt hier mitten in der Nacht her. was wir da machen. »Alles Unsinn. dem Maurer. ich hätte dich ja auch schon längst mal wieder besucht. »Na. »müssen wir unseren Freunden doch helfen!« An diesem Abend berieten sie alle gemeinsam noch lang. Er sei jetzt auch oft nicht mehr ganz nüchtern. Kind ! Das ist nicht mehr wie früher. »Was meinst du. Und je länger sie das tat. dann meistens sehr spät. . »Du siehst. aber ich hab' einfach keine Zeit mehr für solche. Da drüben. daß er jetzt drüben in den großen Neubauvierteln auf der anderen Seite der Stadt arbeite und eine Menge Geld verdiene. . wo er oben unter dem Dach ein kleines Zimmer bewohnte. »gibt's dich auch noch! Was suchst du denn hier?« »Dich«. Ich trink' jetzt oft zuviel. Es mußte schon spät in der Nacht sein. . sagte er. Es wurde langsam dunkel. du bist mir vielleicht eine!« sagte Nicola und schüttelte lächelnd den Kopf. eins nach dem anderen. und man könne überhaupt nicht mehr gut mit ihm auskommen. Plötzlich hielt er inné und wischte sich mit seinen schwieligen Händen übers Gesicht. um nach ihrem alten Freund Nicola zu sehen. meinte Momo ganz bestürzt. Er käme jetzt nur noch selten nach Hause und wenn. Aber von den grauen Herren und deren rastloser Tätigkeit ahnten sie nichts. desto weniger begeistert klang seine Rede.« Er machte eine fahrige Bewegung mit der Hand und setzte sich schwer neben Momo auf die Treppe. Aber wo man hinschaut. . sieht man solche Leute. ich hab' wieder mal zuviel getrunken. verstehst du? Das hält alles vier. was ich da rede«. Es war Nicola. er ist überhaupt nicht mehr Fusi. daß sie ihn so sah. jeder Handgriff.

Dazu habe ich als Wirt das Recht.« »Willst du was zu essen?« fragte Liliana ein wenig barsch. . Ihr dickes Gesicht glänzte von Schweiß. lag am Stadtrand. Das Schlimmste sind die Häuser. die wir da bauen. Aber jetzt. Die stand offen. da war ich stolz auf meine Arbeit. Momo setzte sich leise neben das Baby. . Nino redete gestikulierend auf seine Frau ein. »So was tut man einfach nicht. Alles wird teurer. wirklich. Woher . Bei uns haben sie keine Menschenseele gestört!« »Natürlich haben sie keine Menschenseele gestört!« rief Nino. das sollte ich. das Recht!« erwiderte Liliana aufgebracht.« Er ließ den Kopf hängen und starrte trübe vor sich hin. wenn einer hustet. Na ja.« »Ja«. Momo. Aber ich komm' bestimmt. die Zeiten ändern sich. zahlendes Publikum zu uns gekommen ist. Momo sagte nichts. »Was willst du denn?« erkundigte Nino sich nervös. »Nett. Wie früher ging Momo hinten herum zur Küchentür. Ich muß jetzt ein Drittel mehr bezahlen als früher. Irgendwann. »Vielleicht«. Ja. so was gefällt den Leuten ? Und an dem einzigen Glas billigen Rotwein. Und dann trennten sie sich. sagte Nino und lächelte flüchtig. Momo. Das sind überhaupt keine Häuser. Früher. mit dem regenfleckigen Verputz und der Weinlaube vor der Tür. denn sie waren beide sehr müde. abgemacht?« »Abgemacht«. »Aber du weißt ganz genau. wie man alte Gäste hinausekelt.das sind . »warum ihr schon so lang nicht mehr zu mir gekommen seid?« »Ich weiß auch nicht!« sagte Nino gereizt. das jeder von denen sich pro Abend leisten kann. antwortete Momo leise. häng' ich meinen Beruf an den Nagel und mach' was anderes. wenn wir was gebaut hatten. das sind jetzt seine Sorgen ! Erinnerst du dich an die alten Männer. wenn ich genug verdient hab'. »Wir haben jetzt wirklich andere Sorgen. Er kam überhaupt nicht. »Weil nämlich kein anständiges. ich muß sehen. daß es so nicht weitergeht. daß sie kein anderes Lokal finden. Alles Pfusch. die früher immer an dem Tisch in der Ecke saßen? Weggejagt hat er sie! Hinausgeworfen hat er sie!« »Das habe ich nicht getan !« verteidigte sich Nino. Die beiden Eheleute unterbrachen ihr Wortgefecht und schauten hin. Der Hausbesitzer hat mir die Pacht erhöht. ist für uns nichts zu verdienen! Da bringen wir es nie zu was!« »Wir sind bis jetzt ganz gut ausgekommen«.fünf Jahre.. gab Liliana zurück. »Ich habe sie höflich gebeten. antwortete Momo und freute sich. Das kleine alte Haus. Das ist unmenschlich und gemein. was sich sehen lassen konnte. bis es still war. fuhr Nicola leise nach einer Weile fort. sie hörte ihm nur zu. Liliana hantierte mit Töpfen und Pfannen am Herd.« »Ich wollte nur fragen«. »Bis jetzt. ja? Oder lieber übermorgen? Na. »Ach. Vielleicht hatte er wirklich nie mehr Zeit. In einer Ecke saß das Baby der beiden in einem Korb und schrie. « »Das Recht. »er hat jetzt ganz andere Sorgen ! Zum Beispiel. ja!« antwortete Nino heftig. du bist es«. rief Liliana und klapperte mit den Töpfen. »Wir haben im Moment wahrhaftig keine Zeit für dich. wie ich's einrichten kann. Sie nahm es auf den Schoß und schaukelte es sacht. da war das anders bei mir. Glaubst du. das sind . Du weißt genau. sich ein anderes Lokal zu suchen. daß man dich mal wieder sieht. Aber Nicola kam weder am nächsten noch am übernächsten Tag. Sagen wir gleich morgen. daß Nino und seine Frau Liliana einen heftigen Wortwechsel hatten. Momo schüttelte den Kopf. hundsgemeiner Pfusch ! Aber das ist noch nicht das Schlimmste. solang diese unrasierten alten Kerle da herumhockten.Seelensilos sind das ! Da dreht sich einem der Magen um ! Aber was geht mich das alles an ? Ich kriege eben mein Geld und basta. Als nächsten besuchte Momo den Wirt Nino und seine dicke Frau. Also. »sollte ich wirklich mal wieder zu dir kommen und dir alles erzählen. dann fällt es zusammen. und Momo hörte schon von weitem.

wiederzukommen. und seine Frau sagte: »Wir werden schon weiterleben. »Jetzt will ich dir mal was sagen«. .« Die dicke Liliana stellte eine Pfanne so hart auf den Herd. Alten. »Zu diesen armen alten Tatterern. »Stell dir vor. Weißt du. wenn er will. hat sich entschuldigt und sie gebeten. Liliana?« »Nein«. Und Nino und seine dicke Frau kamen tatsächlich. »Ich hatte schon ganz vergessen. aber was soll ich machen? Die Zeiten ändern sich eben. da kommen wir. er kann bleiben. Nino schaute sie an und nickte ebenfalls. daß du gekommen bist«.Aber jetzt werde ich wiederkommen. Ich weiß wirklich nicht. »Na ja«. »sie sind alle wieder da . Übermorgen ist bei uns Ruhetag.« »Natürlich will er nicht . daß ich . und sie ging nach Hause. und als sie schließlich gingen. was du willst!« Und sie nahm Momo das Baby. fuhr er nach einer Weile fort. daß es knallte. sagte Nino. Warum soll ich allein es anders machen? Oder meinst du.ohne seine alten Freunde ! Was stellst du dir vor ? Soll er vielleicht ganz allein da draußen in einem Winkel hocken ?« »Dann kann ich's eben nicht ändern !« schrie Nino. Aber alle machen's doch heute so. verstehst du? Ich kann's selbst nicht mehr leiden. Längere Zeit sagte Nino nichts. es tut mir ja selber leid. kommt mir mein Lokal irgendwie fremd vor. Momo schaute ihn an. sagte Liliana strahlend. gehört zum Beispiel auch mein Onkel Ettore! Und ich erlaube nicht.« Es wurde ein sehr schöner Nachmittag. aus dem Arm und lief aus der Küche. Nino. ich soll's?« Momo nickte unmerklich. sagte er schließlich. Ich tue es genauso für dich und für unser Kind. jedem einzelnen. Momo«. »Ich habe jedenfalls keine Lust. »Nino ist zu Onkel Ettore und den anderen. sagte Liliana hart.bloß aus Rücksicht auf deinen Onkel Ettore ! Ich will es auch zu was bringen ! Ist das vielleicht ein Verbrechen? Ich will diesen Laden hier in Schwung bringen ! Ich will etwas machen aus meinem Lokal ! Und ich tue es nicht nur für mich. »Gut. fügte Nino lächelnd hinzu und kratzte sich hinter dem Ohr. antwortete Momo. Aber er will ja nicht. »wenn es nur mit Herzlosigkeit geht-wenn es schon so anfängt. mit Liliana. das inzwischen wieder zu weinen angefangen hatte. Momo. Auch das Baby brachten sie mit und einen Korb voll guter Sachen. was ich tun soll. Einverstanden?«»Einverstanden«.soll ich das Geld nehmen. Kalt. rief sie und stemmte die Arme in ihre breiten Hüften. Mach. daß du meine Familie beschimpfst ! Er ist ein guter und ehrlicher Mann. daß wir früher bei so was immer gesagt haben: Geh doch zu Momo! . »Ich hab's ihm gesagt. mein Leben als kleiner Spelunkenwirt zu beenden . wenn ich aus meinem Lokal ein Asyl für arme alte Tatterer mache? Warum soll ich die anderen schonen? Mich schont ja auch keiner. bald wiederzukommen. Vielleicht hat Liliana recht«. Kannst du das denn nicht begreifen. dann ohne mich ! Dann geh' ich eines Tages auf und davon. wie du sie nennst.mit dem Aufschwung meines Lokals wird es wohl nichts werden.« Er lachte. Er zündete sich eine Zigarette an und drehte sie zwischen den Fingern. »es waren ja nette Kerle. Dann gab Nino ihr noch eine Tüte voll Äpfel und Orangen.« »Ja«. Aber es gefällt mir wieder. hingegangen. Ich mochte sie ja selber gern. versprachen sie. Dann lächelten sie beide. auch wenn er nicht so viel Geld hat wie dein zahlendes Publikum!« »Ettore kann ja wiederkommen!« erwiderte Nino mit großer Geste. . »Seit die Alten weg sind. .

die etwas quäkend klang. sondern wie eine schicke junge Dame oder eine Schaufensterfigur. was ich hab'. Ohne es zu wissen. dann kannst du ja sagen. daß Kinder eines der teuren Spielzeuge. einen schön gemaserten Stein. »Ich weiß nicht. was dir gefällt. einen goldenen Knopf. kam Momo damit den grauen Herren in die Quere. denen sie früher zugehört hatte und die davon gescheit. Wenn dir was gefällt. und es war fast so wie früher. quäkte die Puppe. Momo starrte sie fasziniert an. Aber warte mal.« . Kurz. Als sie sie nach einer Weile mit der Hand berührte.fand Momo auf den Steinstufen der Ruine eine Puppe. »das ist alles. Und das konnten sie nicht dulden. Und sie wäre ihr bestimmt aufgefallen. bewegte den Mund und sagte mit einer Stimme. Sie holte eine Schachtel mit allerlei Schätzen unter dem Bett hervor und stellte sie vor Bibigirl hin. dann sag's nur. Nun war es schon öfter vorgekommen. Sie war fast so groß wie Momo selbst und so naturgetreu gemacht. »Ich glaub' eher. Ich bin Bibigirl. daß dich jemand hier vergessen hat.« Wieder bewegte die Puppe ihre Lippen und sagte: »Ich gehöre dir. entschlossen oder froh geworden waren.« Und sie zeigte ihr eine hübsche bunte Vogelfeder.« Sie nahm die Puppe und kletterte mit ihr durch das Loch in der Mauer in ihr Zimmer hinunter. Sie ging zu dem Schreiner. sie sah nach allen. die ihr das Bett gebracht hatten. aber dann antwortete sie unwillkürlich: »Guten Tag. Sie trug ein rotes Kleid mit kurzem Rock und Riemchenschuhe mit hohen Absätzen. Manche hielten ihr Versprechen nicht oder konnten es nicht halten. Sie ging zu den Frauen. »Guten Tag«. ich zeig' dir meine Sachen. meinte Momo. ich heiße Momo.« Sie nahm die Puppe und hob sie hoch. »Hier«. weil sie keine Zeit dazu fanden. Aber Momo konnte sich nicht erinnern. denn es war eine ganz besondere Puppe. mit denen man nicht wirklich spielen konnte. Kurze Zeit später . Die Puppe sagte nichts und Momo stieß sie an.Und so suchte Momo einen ihrer alten Freunde nach dem anderen auf. ob ich was hab'. Da bewegten sich deren Lippen wieder und sie sagte: »Ich möchte noch mehr Sachen haben.«Momo fuhr erschrocken zurück.es war an einem besonders heißen Mittag . Aber sie sah nicht aus wie ein Kind oder ein Baby. Aber viele alte Freunde kamen tatsächlich wieder. als käme sie aus einem Telefon: »Guten Tag. Alle beneiden dich um mich.« »Ich glaub' nicht. sagte sie. klapperte die Puppe einige Male mit den Augendeckeln. einfach vergessen und liegengelassen hatten. ein Stückchen buntes Glas. die vollkommene Puppe.« »So?« antwortete Momo und überlegte. daß du mir gehörst«. diese Puppe bei einem der Kinder gesehen zu haben. das zu dir paßt. Alle versprachen wiederzukommen. »ich bin Bibigirl. der ihr damals das Tischchen und die Stühle aus Kistenbrettern gemacht hatte. die vollkommene Puppe. daß man sie beinahe für einen kleinen Menschen halten konnte.

fuhr Bibigirl fort. war nichts als Einbildung gewesen. die ihrerseits wieder mit blauen. Momo fühlte sich hilflos. »Was für eine schöne Puppe du hast!« sagte er mit eigentümlich tonloser Stimme. schlug Momo vor. »so können wir doch nicht spielen. gläsernen Augen Momo anstarrte. Aber so verhinderte Bibigirl gerade dadurch. »Aber wenn du nichts von meinen Sachen magst. du weißt überhaupt nicht. »ich weiß schon.« »Ich möchte noch mehr Sachen haben«. Aber es wurde einfach nichts daraus. dauerte es eine Weile. das sie noch nie zuvor empfunden hatte. wenn die Puppe gar nichts gesagt hätte. Der Herr mußte sie wohl schon eine ganze Weile beobachtet haben. « »Ja. Aber gleichzeitig fühlte sie etwas. aber sie konnte sich aus irgendeinem Grund nicht von ihr losreißen. Sie nahm die Puppe und kletterte wieder ins Freie hinaus. daß du zu mir zu Besuch kommst«. daß sie redete. daß die Luft in der Sonnenglut flimmerte. bis sie begriff.« Momo schüttelte ein wenig den Kopf. daß Sie mich besuchen!« erwiderte Momo. »Ich habe dich schon seit einer ganzen Weile beobachtet«. »Die war bestimmt sehr teuer?« fuhr der graue Herr fort. »Mehr hab' ich nicht«. »alle beneiden dich um mich. »ich bin Bibigirl. »Ich weiß nicht«. als sei alle Freude für immer aus der Welt verschwunden . Hier hab' ich zum Beispiel eine schöne rosa Muschel. »Ich habe allerdings nicht den Eindruck«. das hast du schon gesagt«. jedes Gespräch. meinte Momo. dann hätte Momo an ihrer Stelle antworten können. sagte Momo. »Du bist ja ein richtiger Glückspilz. Gefällt sie dir?« »Ich gehöre dir«. « »Wie nett. sagte Momo. meinte Momo. dessen Kommen sie nicht bemerkt hatte. Und alles was sie dafür gehalten hatte. Nach einer Weile überkam Momo ein Gefühl. einen grauen steifen Hut auf dem Kopf trug und eine kleine graue Zigarre rauchte. denn er nickte Momo lächelnd zu. Jetzt öffnete der Mann die Wagentür.»Ja«. Und weil es ihr ganz neu war. stieg aus und kam auf Momo zu. Auch sein Gesicht sah aus wie graue Asche. So saß Momo schließlich nur noch da und starrte die Puppe an. das sie warnte. »Wir spielen jetzt. Am liebsten hätte sie die vollkommene Puppe einfach liegen lassen und etwas anderes gespielt. Soll ich es dir zeigen?« . dann können wir vielleicht spielen. begann Momo plötzlich zu frösteln. »alle beneiden dich um mich. verehrte Dame?« »Ich gehöre dir«. murmelte Momo verlegen. In der Hand trug er eine bleigraue Aktentasche. und es hätte sich die schönste Unterhaltung ergeben. Ja. Aber du wolltest dir doch was aussuchen. als hätten sie sich gegenseitig hypnotisiert. scheint mir. die vollkommene Puppe. meinte der graue Herr mit dünnem Lächeln. Ganz nah stand nämlich ein elegantes aschen-graues Auto. In dem Auto saß ein Herr. Und obwohl es so heiß an diesem Mittag war. »Woher kommen Sie denn. antwortete die Puppe und klimperte mit den Wimpern. »als ob du dich so besonders freust. sagte die Puppe. »ich hab' sie gefunden.« Momo schwieg wieder und zog sich ihre viel zu große Männerjacke enger um den Leib. und als auch das mißlang.nein. wenn du immer das gleiche sagst. Dort setzte sie die vollkommene Bibigirl auf den Boden und nahm ihr gegenüber Platz. Es war ihr plötzlich. daß es die Langeweile war. »Darum können dich alle deine Spielkameraden beneiden. wie man mit einer so fabelhaften Puppe spielen muß. Bibigirl. als habe es überhaupt niemals so etwas gegeben. der einen spinnwebfarbenen Anzug anhatte. mit noch einem anderen und noch einem und noch einem. wiederholte die Puppe. Momo versuchte es mit einem anderen Spiel. »und mir scheint.« »Was du nicht sagst!« erwiderte der graue Herr. fuhr der graue Herr fort. »Guten Tag«. antwortete die Puppe. Schließlich wandte Momo ihren Blick mit Willen von der Puppe weg-und erschrak ein wenig. ja?« »Ich möchte noch mehr Sachen haben«.« »Also hör' mal«. meine Kleine.« Momo zuckte nur die Schultern und schwieg. Die Kälte nahm zu.

dessen Inhalt unerschöpflich schien. Ein anderes Kleid. es braucht nie wieder Langeweile zu geben. Ein Pyjama. viel mehr. wie man mit einer solchen Puppe spielen muß?« »Schon«. Sie war ebensogroß wie Bibigirl. ein kleines Scheckbuch. dann langweilt man sich niemals. »Nun möchtest du alle diese schönen Sachen natürlich gern behalten.« Er warf alle die Sachen zwischen Momo und die Puppe. Dazu ist sie auch nicht da. und stellte sie um Momo herum. sondern nur ernst seinen Blick erwiderte. Und noch eins. so wie ich es dir erklärt habe. Du brauchst auch nichts dafür zu tun. Badesalz. wenn man sich nicht mit ihr langweilen will.. Paß mal auf. »Und hier ist ein Pelzmantel aus echtem Nerz. »Du siehst«. denn die Sache ist endlos fortzusetzen. Hier ein Armband. meinst du? Nun gut. »Hier ist zum Beispiel eine richtige kleine Handtasche aus Schlangenleder. Kleine«. Sie begann jetzt vor Kälte zu zittern. siehst du. versteht sich ! . Mit einer so fabelhaften Puppe kann man nicht spielen wie mit irgendeiner anderen. Und ein Schianzug. ein Strohhut. die nur ihr paßt. »sie sagt es dir sogar selbst. Hier ist zum Beispiel ein entzückendes Abendkleid. nur daß es ein junger Mann war. Du siehst also.nicht sofort. fuhr der graue Herr fort. die vollkommene. Und noch eins . dann mußt du eben mehr Sachen für deine Puppe haben. »Ich will noch mehr Sachen haben«. ebenso vollkommen. der echt funktioniert. mit einem echten kleinen Lippenstift und einem Puderdöschen drin. das ist doch klar.« Wieder beugte er sich über den Kofferraum und warf Sachen zu Momo herüber. ein Frühjahrshütchen. »es ist ganz einfach. eine Halskette. sondern eines nach dem anderen. Hier ist ein kleiner Fotoapparat. Nein. wenn all diese schönen Sachen dir . »Zuerst einmal«. Und hier ein Tennisdreß. sagte er. Nun. dann gibt es noch eine Freundin von Bibigirl. »braucht sie viele Kleider. das du dir wünschen kannst. Kleine? Aber das wird nach ein paar Tagen auch langweilig. und es bleibt immer noch etwas. ich schenke sie dir! Du bekommst das alles . Man muß nur immer mehr und mehr haben. meine Kleine. sagte er und lächelte wieder dünn. »damit kannst du erst einmal eine Weile spielen.« Er zog es hervor und warf es Momo zu. die noch immer reglos dasaß und dem Mann eher erschrocken zuguckte. meinte der graue Herr. Und zu Bubiboy gibt es noch einen dazupassenden Freund. Ein Nachthemd. antwortete Momo. »Na.« Er machte eine Pause und blickte Momo prüfend an. ein Puppenrevolver. holte er eine Puppe nach der anderen aus dem Kofferraum seines Wagens. »So«.. setzte er hastig hinzu: »Du brauchst dann deine Freunde gar nicht mehr. keine Sorge! Da haben wir nämlich einen passenden Gefährten für Bibigirl. was sagst du dazu?« Der graue Herr lächelte Momo erwartungsvoll an. Ohrringe. . verstehst du? Du hast ja nun genug Zerstreuung. nicht wahr? Also gut. Parfümfläschchen. und sie hat eine ganze eigene Ausstattung. Du sollst nur damit spielen. daß die vollkommene Bibigirl eines Tages alles haben wird und daß es dann eben doch wieder langweilig werden könnte. Hier ein Tennisschläger.und noch viel. Und noch eins. quäkte die Puppe plötzlich. Körperspray. Der graue Herr nickte zufrieden und sog an seiner Zigarre. und erklärte: »Das ist Bubiboy ! Für ihn gibt es auch wieder eine unendliche Menge Zubehör.« Und nun zog er aus dem Kofferraum eine andere Puppe hervor. alles langweilig geworden ist. meine Kleine. Der graue Herr setzte ihn neben Bibigirl.Momo blickte den Mann überrascht an und nickte. Und ein Badekostüm. Man muß ihr schon etwas bieten. ein Federhut. und der hat wieder Freunde und Freundinnen. Aber vielleicht denkst du. Und wenn das alles. »Nun?« sagte der Mann schließlich und paffte dicke Rauchwolken.« Während er redete. Und ein Reitanzug. Seidenstrümpfchen. »hast du jetzt begriffen. . Kleine!« Er ging zu seinem Auto und öffnete den Kofferraum. Hier ein Puppenfernseher. die wie gelahmt zwischen all den Sachen am Boden saß. aber da sie nichts sagte. wo sie sich langsam zum Haufen türmten. nicht wahr. Golf schlägerchen. Und hier ist ein seidener Schlafrock.

« Der graue Herr erwiderte eine ganze Weile nichts. du ruinierst ihr Vorwärtskommen ! Vielleicht ist es dir bisher noch nicht bewußt geworden. daß sie es zu etwas bringen. Eine Weile sagte er nichts. dem fällt alles übrige ganz von selbst zu: Freundschaft.gehören und du immer noch mehr bekommst. die von seinem Blick ausging. was wichtig ist. »Du bist immer noch nicht zufrieden? Ihr heutigen Kinder seid aber wirklich anspruchsvoll! Möchtest du mir wohl sagen. »Ich glaub'«. mehr zu verdienen. . fuhr der graue Herr fort.« Der graue Herr verzog das Gesicht. Momo steckte die nackten Füße unter ihren Rock und verkroch sich. »wollen wir deine Freunde vor dir beschützen. du bist ein Klotz an ihrem Bein. ohne daß sie hätte sagen können. »wir sollten einmal ernsthaft miteinander reden. Wer es weiter bringt. Wir sind ihre wahren Freunde. »die hab' ich lieb. daß man was wird. Wir wollen dafür sorgen. was sie erwidern sollte. Sooft sie es versuchte. nicht wahr? Und das willst du doch? Du willst doch diese fabelhafte Puppe? Du willst sie doch unbedingt. begann der graue Herr nun wieder. als habe er plötzlich Zahnschmerzen. Er starrte glasig vor sich hin wie die Puppen. Einen Augenblick lang war sie sogar unsicher. Ehre und so weiter. Ja. sondern paffte nur nachdenklich an seiner kleinen grauen Zigarre. damit du lernst. wie?« Momo fühlte dunkel. Du hältst sie von allem ab. Hilft es ihnen. desto mehr ging es ihr mit ihm. Das hatte Momo ja schon die ganze Zeit versucht. »Das einzige«. fuhr der Mann fort. vor allem durch die Kälte. als allen anderen. dann hilfst du uns dabei. Sie schüttelte den Kopf. weshalb.« Der graue Herr paffte einige Nullen in die Luft. ihr Feind! Und das nennst du also jemand liebhaben?« Momo wußte nicht. daß sie schon mitten drin war.« »Wer >wir<?« fragte Momo mit bebenden . »worauf es im Leben ankommt. »Was denn. worauf es ankommt. Aber bei diesem Besucher gelang es ihr einfach nicht. ohne es zu wollen. So hatte sie die Dinge noch nie betrachtet. »Also Momo -nun höre mir einmal gut zu ! « begann er schließlich. was denn ?« sagte der graue Herr und zog die Augenbrauen hoch. »Ich glaube«. Wir können nicht stillschweigend mit ansehen. daß es dich gibt? Nützt es ihnen zu irgend etwas? Nein. daß man es zu etwas bringt. worum dieser Kampf ging und nicht gegen wen. sagte er eisig. »Und deshalb«. voranzukommen. »Du heißt Momo. »Da erhebt sich als erstes die Frage«. erwiderte er sanft. ja. aber sie hörte nicht den.»Aber meine Freunde«. wie er es meinte und wie er wirklich war. daß ihr ein Kampf bevorstand. Wir wollen. Momo schaute ihm in die Augen. »was haben deine Freunde eigentlich davon. sagte sie leise. Kleine. Das war ihr noch nie widerfahren. wie es ihr vorher mit der Puppe gegangen war: Sie hörte eine Stimme. sagte sie. »man kann sie nicht liebhaben. ist. Sonst konnte sie sozusagen ganz in den anderen hineinschlüpfen und verstehen. als sei da gar niemand. sie hörte Worte. Wir wollen das einmal ganz sachlich untersuchen. Schließlich raffte er sich zusammen. ob der graue Herr nicht vielleicht recht hatte. Aber sie wußte nicht. Du meinst also. die redete. soweit es möglich war. Aber irgendwie tat er ihr seltsamerweise auch leid. Zeit zu sparen? Im Gegenteil. daß du deine Freunde lieb hast. Aber er hatte sich gleich wieder in der Gewalt und lächelte messerdünn. was er suchte. daß man was hat. daß du da bist. wer mehr wird und mehr hat als die anderen. Liebe. Der graue Herr klappte das Büchlein zu. ins Dunkle und Leere zu stürzen. in ihrer großen Jacke. nicht wahr?« Momo nickte. Der Mann machte ihr Angst. Denn je länger sie diesem Besucher zuhörte. bis er fand. Momo. etwas aus ihrem Leben zu machen? Gewiß nicht. Und darum schenken wir dir all die schönen Sachen. Unterstützt du sie in ihrem Bestreben. Und wenn du sie wirklich liebhast. daß du sie in Ruhe läßt. denen sie bisher zugehört hatte. »Darauf kommt es überhaupt nicht an«. daß du sie von allem abhältst. hatte sie das Gefühl. du bist in Wirklichkeit. der sprach. was dieser vollkommenen Puppe denn nun noch fehlt?« Momo blickte zu Boden und dachte nach. Aber ihm war viel schwerer zuzuhören.« Er zog ein graues Notizbüchlein aus der Tasche und blätterte darin. steckte es wieder ein und setzte sich ein wenig ächzend zu Momo auf die Erde.jedenfalls schadest du deinen Freunden einfach dadurch.

was das ist.. Nur solang wir unerkannt sind. Sein Gesicht wurde noch eine Spur aschengrauer. . dann könnten wir unsere SparKasse bald zumachen und uns selbst in Nichts auflösen -. aber nun hielt er sich mit beiden Händen selbst den Mund zu. Ich persönlich meine es nur gut mir dir. so jemand wie du ist mir noch nicht vorgekommen.. sich trotzdem keine Angst machen zu lassen. »Wir von der Zeit-Spar-Kasse«. und er stierte Momo an. . immer mehr . . Als er nun wieder zu reden begann. daß es uns gibt und was wir tun . denn wovon sollten wir dann noch existieren?« Der Agent unterbrach sich. Die Veränderung in ihrem Gesicht war ihm nicht entgangen. wir brauchen sie . denn auch wir werden mehr . . . Sie bewegte die Lippen. Wir sorgen dafür. minuten. war es. .und sekundenweise abzuzapfen . uns hungert danach . . . immer mehr .« Momo gab nicht nach. »Gib dir keine Mühe«. daß die beiden Freunde jetzt hier wären. . Ihr kam die schreckliche Ahnung.Lippen. . ist für sie verloren . Sie hatte sich noch nie so allein gefühlt. « Diese letzten Worte hatte der graue Herr fast röchelnd hervorgestoßen. daß kein Mensch uns im Gedächtnis behalten kann . »niemand darf wissen. während er sich am Stummel seiner grauen Zigarre eine neue anzündete. Und wir brauchen mehr . die sie einsparen. Der graue Herr krümmte sich und sank plötzlich ein wenig in sich zusammen. »Was .was war das?« stammelte er. sagte er. vermochte aber nichts zu sagen. . Wir reißen sie an uns . »Du hast mich ausgehorcht! Ich bin krank! Du hast mich krank gemacht. das er nicht begreifen konnte. liebes Kind. . Der hatte Momo aus den Augenwinkeln beobachtet. . denn die Zeit-Spar-Kasse läßt nicht mit sich spaßen. . eure Zeit! . Er lächelte ironisch. Die Augen quollen ihm hervor. . können wir unserem Geschäft nachgehen . Wenn es mehr von deiner Sorte gäbe. daß dieser graue Herr etwas damit zu tun hatte. . wirklich nicht. als ob er aus einer Art Betäubung wieder zu sich käme. Dabei verzerrte sich sein Gesicht mehr und mehr vor Entsetzen über das. was Beppo und Gigi über Zeit sparen und Ansteckung gesagt hatten. . denn alle Zeit. wir speichern sie auf. . .Und dann in beinahe flehendem Ton: »Ich habe lauter Unsinn geredet. Vergiß es! Du mußt mich vergessen. . Und ich kenne viele Menschen. du !« . Aber sie beschloß. als geschehe es gegen seinen Willen. Er starrte Momo an und schien gegen etwas anzukämpfen. Und nun hörte Momo endlich seine wahre Stimme: »Wir müssen unerkannt bleiben«. was mit ihm geschah. . . und mit dem er nicht fertig wurde.« In diesem Augenblick erinnerte Momo sich plötzlich an das. immer mehr . . . Aber wir. »Hat dich denn niemand lieb?« fragte sie flüsternd. den Menschen ihre Lebenszeit stunden-.. so wie alle anderen uns vergessen! Du mußt! Du mußt!« Und er packte Momo und schüttelte sie. Dann antwortete er mit aschengrauer Stimme: »Ich muß schon sagen. hinter der der graue Herr sich vor ihr verbarg. antwortete der graue Herr. »Ich bin Agent BLW/553/c. Nach einer Weile schien es. . »mit uns kannst du es nicht aufnehmen. . . . Sehnlich wünschte sie. Ah. als brächen die Worte von selbst aus ihm hervor und er könne es nicht verhindern. vernahm sie wie von weitem. ein mühseliges Geschäft. ihr wißt es nicht. wir wissen es und saugen euch aus bis auf die Knochen . Sie nahm all ihre Kraft und ihren Mut zusammen und stürzte sich ganz und gar in die Dunkelheit und Leere hinein. ..

Sie setzten sich zu ihr und erkundigten sich besorgt. die ihm. was sie erlebt hatte. was sie da gehört hatte. »aber wie wollen wir das machen?« »Was meinst du?« fragte Gigi irritiert. Momo«. Dort qualmte der zerdrückte Stummel der grauen Zigarre und zerfiel langsam zu Asche.« . der knallend zuschlug. so wie sie es oft taten. sagte er und legte ihr die Hand auf die Schulter. Denn sie hatte die wirkliche Stimme eines grauen Herren gehört. schwieg er. dem Befreier. Aber eines ist doch klar: Nachdem wir jetzt wissen. Beppo und du. Vor ihr im dürren Gras stieg eine kleine Rauchsäule auf. »Jetzt. Und nun geschah etwas höchst Sonderbares: Wie in einer umgekehrten Explosion flogen all die Puppen und die ganzen anderen umhergestreuten Sachen von allen Seiten in den Kofferraum hinein. Ich hab' schon Angst. Der. zujubelte. es sind keine gewöhnlichen Männer. der bei mir war. Und schließlich wiederholte sie Wort für Wort die ganze Unterhaltung mit dem grauen Herren. sagte Momo ein wenig verwirrt. jetzt werden wir die ganze Stadt retten ! Wir drei. ich. was mit ihr los wäre. Nach und nach wich die schreckliche Kälte aus ihren Gliedern und in gleichem Maße wurde ihr alles immer klarer und klarer. Auch nachdem Momo geendet hatte. Das müssen wir uns erst ausdenken. »Schon«. die grauen Herren besiegen?« »Na ja«. Während der Erzählung schaute der alte Beppo Momo sehr ernst und prüfend an. »Ich glaub'. wenn er selber beim Erzählen in Fahrt kam. Seine Augen begannen zu glänzen. »Ich meine«. Sie fanden Momo im Schatten der Mauer sitzend. Und die Kälte ist ganz schlimm. Dann raste das Auto davon. müssen wir den Kampf mit ihnen aufnehmen — oder hast du etwa Angst?« Momo nickte verlegen. Sie vergaß nichts. noch immer ein wenig blaß und verstört. In seiner Phantasie sah er vor sich eine riesige Menschenmenge.Da sprang der graue Herr auf. Stockend begann Momo zu berichten. daß die Steine spritzten. Momo saß noch lang auf ihrem Platz und versuchte zu begreifen. »wie wollen wir das machen. sagte Gigi. Momo!« Er war aufgesprungen und hatte beide Hände ausgestreckt. dann sind sie bestimmt sehr gefährlich. Die Falten auf seiner Stirn vertieften sich. »so genau weiß ich das im Moment natürlich auch noch nicht. »hat unsere große Stunde geschlagen ! Du hast entdeckt. ACHTES KAPITEL Eine Menge Träume und ein paar Bedenken Am späteren Nachmittag kamen Gigi und Beppo. erklärte Momo. sah irgendwie anders aus. nein. blickte sich wie gehetzt um. Gigi dagegen hatte mit wachsender Erregung zugehört. daß es sie gibt und was sie tun. packte seine bleigraue Aktentasche und rannte zu seinem Auto. was bisher noch niemand wußte ! Und jetzt werden wir nicht nur unsere alten Freunde. Und wenn es viele sind.

daß es wahr ist.« »Gut. was wir tun. Mit Speck fängt man Mäuse. sehr schlau. Denn wer sie einmal erkannt hat. bei dem die Einfälle anfingen. plötzlich stehen. daß es ein ganz besonderes Gebäude ist: grau. was Momo da gesagt hat. »Die Sache ist doch ganz einfach! Diese grauen Herren können ja nur ihrem finsteren Geschäft nachgehen. fensterlos. ein riesenhafter Geldschrank aus Beton ! Ich sehe es vor mir.«Gigi drehte sich nach ihm um. der behält sie in Erinnerung. unheimlich. Unsere Erscheinung allein wird schon genügen. Und das werden wir bestimmt. .« »Das kann allerdings leicht sein«.« »Das ist eine sehr gute Idee«. »Worüber denn?« Beppo blickte den Freund eine Weile an und sagte dann: »Ich glaube Momo. glaub' ich. . daß sie erkennbar werden. der nicht verstand. meinte Gigi. Momo in der einen Richtung. entgegneteGigi.« »Aber mich kennen sie jetzt schon«. dann bringen wir sie vielleicht in Gefahr. Beppo und Gigi in der anderen. dann würden wir die Zeit-Spar-Kasse vielleicht auch eher finden. und wer sich an sie erinnert. »Sie sind. Wir müssen es nur finden. »dann werden wir eben etwas anderes machen. Wir haben doch genug davon! Du müßtest dich zum Beispiel als Köder hinsetzen und sie anlocken. »Dann müssen wir sie eben aus ihrem Versteck herauslocken. dann müssen wir uns gut überlegen. »Weißt du«. aber wenn wir jetzt auch noch die Kinder mit hineinziehen. verstehst du? Wenn wir die einfach so herausfordern. wandte Momo ein. »Dann machen wir es eben ohne Pistolen«. Es steht irgendwo in der Stadt. unterbrach ihn Momo bekümmert. meinte Momo. und jeder benachrichtigt so viele. »wenn wir dabei ein bißchen mehr wären. nicht bloß wir drei. dann kann das Momo in eine schlimme Lage bringen.wir sind unangreifbar!« »Glaubst du?« fragte Momo etwas zweifelnd. die jetzt immer kommen. Das muß doch wohl ein Gebäude sein. « »Ja und?« fragte Gigi verwundert. »wenn es nämlich wahr ist. dann werden Beppo und ich aus unserem Versteck hervorbrechen und sie überwältigen. sagte er. Wenn es sich wirklich um eine geheime Verbrecherbande handelt . sich zu überstürzen. »Sonst wäre dein Besucher doch nicht so Hals über Kopf vor dir geflohen.mit so jemand legt man sich nicht so ohne weiteres an.« »Es wäre vielleicht gut«. daß sie darauf hereinfallen. wie er finden kann. Das hat dein Besucher doch selbst verraten. Also! Wir brauchen nur dafür zu sorgen. »Das wird sie sogar noch mehr erschrecken. Wir müssen uns wirklich überlegen. der erkennt sie sofort ! Also können sie uns überhaupt nichts anhaben . Wenn wir es gefunden haben.« »Nichts leichter als das !« rief Gigi und lachte. wir gehen sofort alle drei los. »Wir fangen sie mit ihrer eigenen Gier. Gigi«. »Wir sollten alle unsere alten Freunde mobilisieren. Und wenn sie dann kommen. Als die beiden Männer schon eine Weile gegangen waren. Ich meine. denn ich bin sicher. blieb Beppo. sie in panische Furcht zu versetzen. »ich mach' mir Sorgen. »ich glaube. der bis jetzt noch immer geschwiegen hatte. »Ich glaub' nicht. gab Gigi zu. Ich schlage vor.« »Wir haben aber gar keine Pistolen«. Wir treffen uns alle morgen nachmittag um drei hier zur großen Beratung!« Sie machten sich also gleich auf den Weg.« »Und wie?« fragte Momo. wenn sie unerkannt sind. Und die vielen Kinder. Sie zittern vor uns ! « »Aber dann«. >Gebt auf der Stelle alle gestohlene Zeit heraus!« sage ich .»Ach was!« rief Gigi begeistert. erklärte Beppo. und was weiter?« fragte Gigi. »Hör' mal. Und die sollen es wieder den—' anderen weitersagen. was Momo uns erzählt hat. . dann gehen wir hinein. Von uns will ich gar nicht reden. Der graue Herr hat doch was von der Zeit-Spar-Kasse gesagt. »werden wir sie vielleicht gar nicht finden? Vielleicht verstecken sie sich vor uns. also fängt man Zeit-Diebe mit Zeit. sagte Momo. »Selbstverständlich!« fuhr Gigi mit leuchtenden Augen fort. was Beppo wollte. antwortete Gigi großartig. wenn noch andere mitsuchen.« '»Gut«. »Ich meine«. fuhr Beppo fort. Jeder von uns hat in beiden Händen eine Pistole.

»Wir werden nachher«. Franco. erwiderte Beppo ernst. der er heute gleich als erstes gesagt hatte. größere und kleinere. so lang und so prächtig.er würde mitgehen. worum es geht. desto besser ist es doch. Gigi mit leichtem. Paolo und Massimo waren natürlich auch da. Er sah sich im Frack. die den Menschen abhanden kam. der über die Menschen gekommen ist. Beppo. diese ungewöhnliche Versammlung betrachteten. daß immer mehr Menschen immer weniger Zeit hatten. Das hat man euch bei der Einladung zu dieser Geheimversammlung mitgeteilt. wozu wir eure Hilfe brauchen. die übrigen Kinder gehörten fast alle zu denen. Großartige Musik ertönte. »ihr alle wißt ja schon ungefähr. und erwartungsvolle Stille breitete sich in dem steinernen Rund aus. aber etwa fünfzig bis sechzig Kinder von nah und fern. was Momo erzählt hat. sagte der alte Beppo und stand auf. Er saß neben Momo. Die ganze Welt ist eine große Geschichte. um die es hier gehen sollte. »was du dir immer für Sorgen machst ! Je mehr mitmachen. genauso wie du!« Beppo wußte nichts darauf zu erwidern. Aber seht ihr. Natürlich würde er Gigi und Momo nicht allein ins Verderben rennen lassen . und die Stadt veranstaltete zu Ehren ihrer Retter einen Fackelzug. Bis heute war es so. Die Unterhaltungen und das Geschnatter verstummten. gerade diese Zeit.« »Moment mal«. war es. Aber nun soll euch zuerst Momo erzählen. obgleich mit allen Mitteln fortwährend Zeit gespart wurde. wie sie einem dieser Kerle begegnet ist und wie er sich verraten hat. wohlerzogene und wilde.« »Was heißt denn wahr!« antwortete Gigi. wie er noch nie zuvor Menschen dargebracht worden war. wie das Mädchen Maria. arme und reiche. die an der Hand geführt oder auf dem Arm getragen wurden und nun mit großen Augen. daß es sich dafür zu kämpfen lohnt?« Er machte eine Pause. »hört mal zu. »Liebe Freunde«. Beppo im Bratenrock und Momo in einem Kleid aus weißer Seide. Beppo. »du glaubst gar nicht. sie zurückzuhalten. daß Momo redet. und jeder ging in eine andere Richtung. um die Freunde und die Kinder von der morgigen Versammlung zu benachrichtigen. aber seine Sorgen waren durch Gigis Antwort keineswegs geringer geworden. daß er Claudio heiße und froh sei. und wir spielen darin mit. begann Gigi mit lauter Stimme. Dann trennten sie sich. Wenn ihr alle bereit seid. Aber er mußte wenigstens versuchen. Geschwisterchen dabei. doch. bringt sie sich selber und euch alle in die größte . Beppo mit schwerem Herzen.« »Mir scheint«. und die Kinder klatschten Beifall. erhob sich Gigi Fremdenführer und gebot mit großer Gebärde Schweigen. was auch immer daraus werden mochte. »darüber beraten. Übrigens war auch der kleinere Junge mit dem Kofferradio erschienen . Die Erwachsenen unter den alten Freunden waren zwar leider nicht gekommen (außer Beppo und Gigi natürlich). was Momo erzählt hat. Meint ihr nicht. desto deutlicher wurde ihm die Gefährlichkeit der ganzen Sache. Zur gleichen Zeit lag der alte Beppo auf seinem Bett und konnte keinen Schlaf finden. daß keine Nachzügler mehr kommen würden. Doch. Wenn sie redet. was wir unternehmen Wollen. den Finger im Mund. die erst in letzter Zeit ins Amphitheater gekommen waren.was wir tun. Je länger er nachdachte. mitzumachen. die da gespart wurde.ohne Kofferradio allerdings. Und dann wurden ihnen allen dreien goldene Ketten um den Hals gelegt und Lorbeerkränze aufgesetzt. daß er mitmachen dürfe. mit einem Schlag zu Ende sein. »Du bist ein Mensch ohne Phantasie. ich glaube alles. Das geht so nicht. Manche hatten. In dieser Nacht träumte Gigi vom künftigen Ruhm als Befreier der Stadt. Am nächsten Nachmittag um drei Uhr hallte die Ruine des alten Amphitheaters wider vom aufgeregten Geschrei und Geschnatter vieler Stimmen. dann wird dieser ganze Spuk.« »Ach was !« rief Gigi und lachte. das ist es. Kinder! Ich bin dagegen. daß es wahr ist. Als schließlich ersichtlich war. fuhr Gigi fort. Und warum? Momo hat es entdeckt ! Den Menschen wird diese Zeit buchstäblich von einer Bande von Zeit-Dieben gestohlen ! Und dieser eiskalten Verbrecherorganisation das Handwerk zu legen. Sie interessierten sich natürlich ganz besonders für die Sache.

dem Beppos oder dem der Kinder. Jetzt erhob sich ein sichtlich wohlerzogenes Mädchen und sagte: »Ich finde. als Gefahr für sich betrachten und ihn deshalb verfolgen werden. »Momo soll erzählen!« Andere fielen ein. und schließlich riefen alle im Chor: »Momo ! Momo ! Momo!« Der alte Beppo setzte sich. antwortete Beppo und nickte traurig. Das ist doch klar ! Gib es doch zu. »dann wollen wir jetzt beraten. der ihr Geheimnis kennt. Seinem Beispiel folgten erst zögernd. meinte Gigi und wies auf die Kinder. »wer von euch traut sich. daß er nicht mit den Zeit-Dieben zusammenarbeitet? Dann sitzen wir schön in der Tinte!« Das war ein berechtigter Einwand. das beste wäre. die einer bloß im Kopf denkt. Die Kinder schwiegen. »Denen kann man schon gleich nicht trauen ! Nimm mal an. Schließlich begann sie zu erzählen. Beppo«. So unheimlich hatten sie sich diese Zeit-Diebe nicht vorgestellt. Das hab' ich selber im Fernsehen gesehen. dann immer entschlossener andere. mit uns zusammen den Kampf gegen diese grauen Herren aufzunehmen?« »Warum hat Beppo nicht gewollt«. Die Kinder hörten gespannt zu. »Wenn man Filmaufnahmen macht. was wir tun sollen. gegen sie gefeit ist und sie ihm nichts mehr anhaben können. »müssen wir erst mal einen Wissenschaftler finden. dann wäre sie wieder da!« »Jedenfalls«. daß es gerade umgekehrt ist. ergriff Gigi wieder das Wort. Momo stand verwirrt auf.« »Also«. nahm seine Brille ab und strich sich mit den Fingern müde über die Augen. »Die Polizei.woher willst du wissen. dann ist sie offenbar machtlos. Und darum frage ich euch nun noch einmal. der ihr Geheimnis kennt. erklärte Gigi und lächelte aufmunternd. bis zuletzt alle Anwesenden sich gemeldet hatten. Sie wußte nicht recht. mit einer Maschine aufschreiben. . dann könnten wir sie einfach wieder ablaufen lassen. wer von euch will mitmachen?« »Ich!« rief Claudio und stand auf. sagte Paolo und schob seine Brille auf der Nase hoch. mit dem man die Zeit aufnehmen kann. Schließlich fragte Paolo.Gefahr. Aber ich bin sicher. wurde aber gleich wieder beschwichtigt. Er war ein bißchen blaß.« »Soweit kommt's noch!« protestierte Franco. Beppo!« Aber der schüttelte nur langsam den Kopf. »daß die grauen Herren jeden. wandte Gigi sich wieder an die Kinder. Wenn wir wüßten. Als sie geendet hatte. Während Momos Bericht war ihnen allen etwas bänglich zumut gewesen. »daß Momo uns ihr Erlebnis erzählt?« »Er meint«. »Eines steht jedenfalls fest«. Ein kleines Geschwisterchen fing laut zu weinen an. Vielleicht haben sie einen Apparat. wessen Wunsch sie folgen sollte. aber wir dürfen uns keine Angst machen lassen. der uns hilft. rief Claudio. der Junge mit der Brille: »Aber wie können die das? Ich meine. Auf der anderen Seite des steinernen Rundes erhob sich nun das Mädchen Maria mit dem kleinen Geschwisterchen Dedé auf dem Arm und sagte: »Vielleicht ist es so was wie Atome? Sie können ja auch Gedanken.« Eine Stille der Ratlosigkeit folgte. Und bei Tonbandaufnahmen ist alles auf dem Band.. »wir müssen jetzt auf Gedeih und Verderb zusammenhalten ! Wir müssen vorsichtig sein. »Nun?« fragte Gigi in die Stille hinein. »ich mach' natürlich auch mit. daß jeder. folgte eine lange Stille. « »Ich hab' eine Idee!« rief der dicke Massimo mit seiner Mädchenstimme. « »Doch!« riefen einige Kinder. »was sagst du dazu?« »Gut«. was die schon machen kann ! Das sind doch keine gewöhnlichen Räuber ! Entweder weiß die Polizei schon längst Bescheid. »Nun..« »Du immer mit deinen Wissenschaftlern!« rief Franco. fragte Franco. der Bescheid weiß . wir melden das Ganze der Polizei. Wer hat irgendeinen Vorschlag?« Alle dachten nach. wir finden einen. Das ist meine Meinung. wo sie drauf ist. wie kann man denn Zeit wirklich stehlen? Wie soll denn das gehen?« »Ja«. ist doch alles auf dem Film drauf. Sonst können wir gar nichts machen. »was ist denn Zeit überhaupt?« Niemand wußte eine Antwort. Es gibt doch heute für alles Spezialfachleute. Oder sie hat noch nichts von dem ganzen Saustall gemerkt -dann ist es sowieso hoffnungslos.

Und wie werden wir das machen? Wir werden eine große Kinder-Demonstration veranstalten ! Wir werden Plakate und Transparente malen und damit durch alle Straßen ziehen.»Aber irgendwas müssen wir doch tun«. wurde herbeigeschafft. die zum Beispiel folgendes mitteilten: Und auf allen stand außerdem Ort und Datum der Einladung. und was sonst noch alles nötig war. die gut schreiben konnten. was wir tun werden. »liegt darin. Wollen wir?« Ein vielstimmiger Jubelschrei war die Antwort. Als schließlich alles fertig war. wenn wir nur wollen. ehe die Zeit-Diebe etwas von unserer Verschwörung merken. daß sie unerkannt und im geheimen arbeiten können. stellten sich die Kinder im Amphitheater auf. aber fieberhafter Hochbetrieb in der Ruine. »ich habe mir die ganze Angelegenheit gründlich überlegt. eindrucksvolle Texte aus und malten sie darauf. Wenn ihr alle mitmacht ! Ich wollte nur zuerst hören. Also. das Gigi eigens für diesen Anlaß gedichtet hatte: . »Liebe Freunde«. Jeder wird so viel davon haben. »Ich stelle also fest«. um sie unschädlich zu machen. und dann zogen sie mit ihren Tafeln und Transparenten im langen Gänsemarsch in die Stadt. Und wir werden die ganze Stadt hierher zu uns ins alte Amphitheater einladen. können wir. Und das. meine Freunde. Ich habe Hunderte von Plänen entwickelt und wieder verworfen. Dazu machten sie Lärm mit Blechdeckeln und Pfeifchen.dann wird sich die Welt mit einem Schlag ändern! Man wird niemand mehr die Zeit stehlen können. So viele Zuhörer hatte er schon lange nicht mehr gehabt.) Und während die einen Transparente und Plakate und Umhängetafeln fabrizierten. bis ich schließlich einen gefunden habe. fuhr er fort. riefen Sprechchöre und sangen folgendes Lied. ob einer von euch vielleicht einen besseren Plan hat. Freunde . Wir werden die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf uns lenken. Beppo und Momo an der Spitze. wir alle gemeinsam schaffen. verstanden? Und nun. wie er nur haben will. Mehr als fünfzig Kindergesichter waren ihm zugewandt. Es wird eine ungeheure Aufregung unter den Leuten geben ! Tausende und Abertausende werden herbeiströmen ! Und wenn sich hier eine unübersehbare Menschenmenge versammelt hat. dachten sich die anderen. die ganze Stadt für den nächsten Sonntagnachmittag ins alte Amphitheater einzuladen. begann er. daß alle Leute die Wahrheit über sie erfahren. (Wie und woher. meinte Paolo schließlich. dann werden wir das schreckliche Geheimnis aufdecken ! Und dann .« Er machte eine Pause und blickte langsam im ganzen Rund umher. der mit Sicherheit zum Ziel führen wird. schloß Gigi seine Rede. Aber bis dahin muß strengstes Stillschweigen über unseren Plan bewahrt werden. um sie aufzuklären. »Die Macht dieser grauen Herren«.an die Arbeit!« Diesen und die folgenden Tage herrschte heimlicher. wollen wir lieber nicht fragen. Gigi. Papier und Töpfe voll Farbe und Pinsel und Leim und Bretter und Pappe und Latten. denn von nun an ist ja wieder genug da. wie ihr nun wißt. Es waren Aufrufe. »Und zwar möglichst schnell. ich will euch nun sagen.« Nun erhob sich Gigi Fremdenführer. »wir haben einstimmig den Beschluß gefaßt. Also ist das einfachste und wirkungsvollste Mittel.

die nicht stattfindet. ihr Leut. Ein paar Mal griff die Polizei ein und trieb die Kinder auseinander. die den Umzug sahen und bisher noch nichts von der ganzen Sache gewußt hatten. und laßt euch sagen: Fünf vor zwölf hat es geschlagen. ihr Leut. Aber die Kinder ließen sich dadurch keineswegs entmutigen.»Hört. schlössen sich an und gingen mit. und eine schlimme Versammlung. denn man stiehlt euch eure Zeit. aber die brauchen wir hier nicht alle aufzuführen. NEUNTES KAPITEL Eine gute Versammlung. trotz angestrengtester Aufmerksamkeit. die stattfindet Die große Stunde war vorüber. und keiner der Eingeladenen war gekommen. dann seid ihr frei!«Das Lied hatte natürlich noch mehr Strophen. die die Welt verändern sollte. hört uns zu. Hört. und graue Herren konnten sie. Sonst passierte ihnen nichts. Gerade . bis es viele hundert und schließlich sogar tausend waren. Sie sammelten sich an anderen Stellen wieder neu und fingen von vorn an. wenn sie den Straßenverkehr behinderten. Überall in der großen Stadt zogen nun Kinder in langen Prozessionen durch die Straßen und luden die Erwachsenen zu der wichtigen Versammlung ein. Sie war vorüber. nirgends entdecken. Drum wacht auf und seid gescheit. und laßt euch sagen: Laßt euch nicht mehr länger plagen ! Kommt am Sonntag so um drei. achtundzwanzig insgesamt. Aber viele andere Kinder.

das hast du doch noch nie gemußt!« »Nein. Eine Kirchturmuhr in der Ferne schlug achtmal. Ich war ja immer schon mißtrauisch gegen sie. Weil sie sonst nicht fertig werden. »Ich muß«. Da muß ich jetzt hin. das haben wir ja jetzt gesehen. mir ist es gar nicht recht. andere schlössen sich ihnen an. sagen sie. Die Enttäuschung war zu groß. in dem seit Stunden Hunderte von Kindern saßen und warteten. »Also. da muß ich ja Nachtwächter spielen ! Hab' ich dir schon erzählt. »Sei nicht traurig«.diejenigen Erwachsenen. hatten von den Umzügen der Kinder kaum etwas bemerkt.« Er schwang sich auf sein quietschendes Fahrrad und verschwand in der Dunkelheit. daß das mein neuester Beruf ist? Ich hatt's beinah vergessen. »Ich muß ja auch weg!« sagte er. wie wir dachten. Gigi pfiff leise ein melancholisches Lied vor sich hin. bald wurde es dunkel werden. fuhr Gigi fort. »Gehst du auch?« fragte Momo. Mit den Erwachsenen brauchen wir nicht mehr zu rechnen. sie haben uns ausnahmsweise zum Müll-Abladen eingeteilt. Die ersten Kinder standen auf und gingen schweigend fort.« Momo schaute ihn groß an und sagte nichts. Ihre Strahlen streiften nur noch die obersten Stufen des alten Amphitheaters. »ich war' froh gewesen.« »]a. Die Schatten verlängerten sich rasch. Kein Stimmengewirr und kein fröhlicher Lärm war mehr zu hören. als es schon dunkel wurde.« »In der Nacht?« »Ja. Ausnahmsweise. Jetzt kommt keiner mehr. auf Wiedersehen bis morgen. meinte Momo. Alle saßen still und traurig da. Gute Nacht. Momo.« Dann ging auch er. Aber . gaben auch die letzten Kinder die Hoffnung auf und zogen ab. »daß unser Plan nicht so gelungen ist. Er konnte sehr schön pfeifen. denn es wurde kühl. und Momo hörte ihm zu.« Und er ging. antwortete Beppo. Momo. sagte Beppo. Und schließlich. Die Sonne neigte sich schon tief dem Horizont zu und stand groß und rot in einem purpurnen Wolkenmeer. »Heute ist ja Sonntag. »ich hab' Sonderdienst. Aber plötzlich brach er die Melodie ab. daß die Sache ganz und gar mißlungen war. Personalmangel und so. Schließlich kam Paolo zu Momo und sagte: »Es hat keinen Zweck mehr. Dann kam Franco zu ihr und sagte: »Da kann man nichts machen.« »Aber es ist doch Sonntag! Und überhaupt. Nach einer Weile stand auch der alte Straßenkehrer auf. Ich hatte mir auch was anderes vorgestellt. zu warten.« »Schade«. daß ich jetzt weg muß«. aber jetzt will ich überhaupt nichts mehr mit ihnen zu tun haben. Nun war also alles umsonst gewesen. Jetzt gab es keinen Zweifel mehr. wenn du heute hier geblieben wärst. Niemand sagte ein Wort. und ihm folgten andere. Die Kinder begannen zu frösteln. Momo blieb mit Beppo und Gigi allein. die es am meisten anging. aber jetzt haben sie uns dazu eingeteilt.

Vielleicht sahen sie ihn überhaupt nicht. Wir denken uns einfach was Neues aus.eigentlich hat es doch Spaß gemacht! Es war großartig. Sie alle schwiegen und blickten unverwandt zur höchsten Stelle der Müllhalde. antwortete Beppo.« »Also dann«. los! Sonst werden wir nie fertig!« Beppo hatte geschaufelt und geschaufelt. Gigi stand auf. Es war sozusagen ein aschengrauer Wind. saß er nun erschöpft auf einer umgekehrten. »Ist dir nicht gut. die in langer Reihe und mit leuchtenden Scheinwerfern standen. Blechbüchsen. Nur die Ratten raschelten da und dort im Müll und pfiffen manchmal. »Der Agent BLW/553/c möge vor das Hochgericht treten !« erscholl in die Stille hinein die Stimme des Herren. ja?« »Das war keine Geschichte«. Ein seltsamer Wind erhob sich. davon. fuhr er ihr tröstend durch die Haare und fügte hinzu : »Nimm's doch nicht so schwer. nach und nach in die riesigen Verbrennungsöfen zu wandern. das war ihm klar. Hier durfte er nicht sein. zusammen mit seinen Kollegen. und er war von einer eigentümlichen Kälte.Da Beppo ja schon alt und sowieso nicht gerade von sehr kräftiger Statur war. Beppo«. Plastikresten. Jedenfalls beschloß Beppo. runde steife Hüte auf den Köpfen. Leute!« hieß es ständig. Und du solltest dich jetzt schlafen legen. Und je mehr abgefertigt waren. desto mehr hatten sich schon wieder an die Reihe angeschlossen. Kommst du mit?« »Einen Augenblick«. wußte er nicht. sagte Beppo und drückte die Hand auf sein Herz. Er blickte auf und war mit einem Schlag hellwach. »wir fahren jetzt heim. bleigraue Aktentaschen in den Händen und kleine graue Zigarren zwischen den Lippen. Scherben.trotzdem . zerlöcherten Plastikwanne und versuchte. Momo. ich bin sowieso schon zu spät dran. Wie lange er so geschlafen hatte. Aber dann bemerkte er bald. zu Atem zu kommen. die in der großen Stadt jeden Tag weggeworfen wurden und die hier darauf warteten. den Kopf in seine Arme gestützt. das weh tat. Er fürchtete. sich mucksmäuschenstill zu verhalten. »Ich versteh' schon. rief en die anderen. Im ersten Augenblick durchfuhr Beppo Angst. Ich ruhe mich nur noch einen Augenblick aus. »Ist schon in Ordnung«. »Los. entdeckt zu werden. ohne daß er darüber nachdenken mußte. als ihn plötzlich ein kalter Windstoß weckte. eine neue Geschichte. Auf dem ganzen riesigen Müll-Gebirge standen graue Herren in feiner Anzügen. Der Ruf wurde weiter unten wiederholt und erklang wie ein zweites Echo nochmals weit entfernt. und ein grauer Herr stieg langsam die . alten Matratzen. Alter?« fragte ein anderer. daß die grauen Herren wie gebannt zu dem Richtertisch hinaufblickten. »Eilt euch.« Und er ging.« Da Momo beharrlich schwieg. »He. Er war nicht stark. rief einer seiner Kollegen. sagte Momo leise. Bis spät in die Nacht hinein half der alte Beppo. sein melancholisches Lied pfeifend. »gute Nacht!« Und sie fuhren weg. hinter dem drei Herren saßen. Pappschachteln und all den anderen Sachen. Beppo schlief ein. oder vielleicht hielten sie ihn einfach für irgendeine weggeworfene Sache. aber wir reden morgen weiter darüber. um entladen zu werden. »fahrt nur schon los. Dann öffnete sich eine Gasse in der Menge. Gegen Mitternacht endlich war es vorüber. Weit draußen vor der großen Stadt erhoben sich die gewaltigen Müllhalden. bis ihm das Hemd am Leibe klebte. So blieb Momo ganz allein in dem großen steinernen Rund sitzen. Morgen sieht alles schon wieder ganz anders aus. den Müll von den Lastwagen zu schaufeln. Es war ein richtiges Gebirge aus Asche. die sich sonst in nichts von den Übrigen unterschieden. Der Himmel hatte sich mit Wolken bedeckt. aber unablässig. wo eine Art Richtertisch aufgebaut war. Es wurde still. einverstanden? Ich muß jetzt los. Die Nacht war sternenlos. der oben am Tisch in der Mitte saß.

. »Jawohl. »nicht vor einem Menschengericht. »Dennoch haben wir untrügliche Beweise dafür«. Wenn es sie nicht gäbe. Aber auch Sie selbst. sagte der Richter. konnte der alte Beppo seltsamerweise jedes Wort verstehen. »Uns interessiert ausschließlich das Ergebnis. »sind unsere natürlichen Feinde. keuchte der. zu bedenken. war nicht nur keinerlei Zeitgewinn für uns. .« »Ich weiß es«. antwortete der Agent BLW/553/c zerschmettert. »Weil dieses Kind«. Kinder lassen sich sehr viel schwerer zum Zeit-Sparen bringen als alle anderen Menschen. um sie über uns aufzuklären?« »Es ist mir bekannt«. die geplante Versammlung zu vereiteln.« »Das versteht sich von selbst. so möchte ich dem Hohen Gericht nahelegen. »das überlassen Sie gefälligst dem Urteil des Vorstandes. nicht mehr ! Und außerdem bitte ich das Gericht. Aber selbst wenn uns das nicht gelungen wäre. gab der Richter eisig zurück. die heute überall Tafeln und Plakate herumgetragen haben und die sogar den ungeheuerlichen Plan hatten. Daher lautet eines unserer strengsten Gesetze: Kinder kommen erst zuletzt an die Reihe. Angeklagter?« »Sehr wohl. fuhr der Richter fort. Ich habe in der besten Absicht für die ZeitSpar-Kasse gehandelt. fragte der Richter unerbittlich weiter. »Und warum haben Sie somit gegen unser strengstes Gesetz verstoßen ?« forschte der Richter. Warum versuchen Sie es trotzdem?« »Es ist Berufsgewohnheit«. diese ganze Angelegenheit doch nicht ernster zu nehmen. antwortete der Agent. acht Stunden. als sie ist. Angeklagter?« .« Obwohl diese Unterhaltung leise geführt wurde und überdies weit entfernt stattfand. »Aber wenn ich mir hierzu eine Bemerkung erlauben darf. daß das Grau seines Gesichtes fast weiß war. versetzte der Richter. Sie wissen genau. »Wie erklären Sie sich«. so wäre die Menschheit längst ganz in unserer Gewalt. »daß einer von uns. »Ist Ihnen bekannt«. »Ist Ihnen bewußt. Angeklagter. ich bin sicher. um dadurch . »daß es eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Kindern in dieser Stadt gibt. Das einzige. die Kinder hatten den Leuten nichts als irgendeine kindliche Räubergeschichte mitzuteilen gewußt. Gestehen Sie das ein. sechs Tagen. »Kinder«. wer dieser eine von uns war?« »Ich war es«. »Jawohl«. »daß diese Kinder überhaupt über uns und unsere Tätigkeit Bescheid wissen?«»Ich kann es mir auch nicht erklären«. erklärte der Richter.achtzehn Sekunden.« »Seit wann arbeiten Sie für die Zeit-Spar-Kasse?« »Seit meiner Entstehung. Endlich stand er vor dem Richtertisch. war.« »Ihre Absichten interessieren uns nicht«. hauchte er. »in seiner Wirkung auf andere Menschen unserer Arbeit ungemein im Wege ist. wissen Sie vielleicht. daß Sie uns nicht anlügen können. die ganze Stadt zu sich einzuladen. Angeklagter. sondern vor Ihresgleichen. drei Monaten. was ihn von allen anderen deutlich unterschied. Und das Ergebnis in Ihrem Fall. einer von uns mit einem Kind gesprochen und ihm obendrein noch die Wahrheit über uns verraten haben muß. wo Sie sich befinden?« Der Agent knickte ein wenig zusammen. «Sie sind Agent BLW/553/c?« fragte der in der Mitte. gab der Angeklagte kleinlaut zu. stammelte der Angeklagte. »Sie befinden sich«.in diesem Augenblick genau . Nach meiner Ansicht hätten wir die Versammlung sogar stattfinden lassen sollen. daß nichts und niemand unserer Arbeit so gefährlich ist wie gerade die Kinder. »Wie ernst oder nicht das Unternehmen der Kinder zu nehmen ist«. fuhr der Herr in der Mitte mit seiner Befragung fort. Angeklagter. indem wir den Leuten einfach keine Zeit dazu ließen. verteidigte sich der Angeklagte.« »Angeklagter !« unterbrach ihn der Herr in der Mitte scharf. wissen sehr gut. sondern obendrein haben Sie diesem Kind auch noch einige unserer wichtigsten Geheimnisse verraten. ich wiederhole. gab der Agent zur Antwort. Hohes Gericht«. Ist Ihnen dies Gesetz bekannt gewesen. daß es uns ganz mühelos gelungen ist. Eine hilflose Kinderei.Müllhalde hinauf. zweiunddreißig Minuten und . Sparen Sie sich solche überflüssigen Bemerkungen! Wann sind Sie entstanden?« »Vor elf Jahren.

Etwa zur gleichen Stunde . Die Dunkelheit verschlang sie. Schildkröte. jedenfalls bildeten sich nun plötzlich auf dem Rückenpanzer der Schildkröte schwach leuchtende Buchstaben. die ihr mit erhobenem Kopf und seltsam lächelndem Mund mitten ins Gesicht blickte. wie es dazu gekommen ist. »Und wie lautet das Urteil?« flüsterte er. Im selben Augenblick. denn es war ja sehr dunkel. der alles in sein kleines Notizbüchlein geschrieben hatte. Ihre schwarzen klugen Augen glänzten so freundlich. lockte es alles aus mir heraus. »Nett von dir. Sie wartete. wie etwas sie leise an ihrem nackten Fuß berührte. Dann wandte sich der in der Mitte wieder dem Angeklagten zu und verkündete: »Das Urteil über Agent BLW/553/c lautet einstimmig: Der Angeklagte wird des Hochverrats für schuldig befunden. doch auch den mildernden Umstand anzuerkennen.« »Gnade! Gnade!« schrie der Angeklagte auf. »Sie können versichert sein. als sei er zu Eis gefroren und taue nun langsam wieder auf.« »Knabe oder Mädchen?«»Ein kleines Mädchen. Unser Gesetz ist unverbrüchlich und duldet keinerlei Ausnahme. Mildernde Umstände lassen wir nicht gelten. daß es die grauen Herren gab. Auch sein Geschrei wurde dünner und leiser. Immerhin werden wir uns dieses merkwürdigen Kindes ein wenig annehmen. die sich aus den Mustern der Hornplatten zu formen schienen. So stand er da. »KOMM MIT!« entzifferte Momo langsam. Schweigend entfernten sich alle grauen Herren. daß ich regelrecht verhext worden bin. daß dieses Kind uns nicht noch einmal schaden wird. und nur noch der graue Wind wehte über die öde Halde. wie dieses Kind mir zuhörte. und erkannte eine große Schildkröte. daß ihm zur Strafe unverzüglich jegliche Zeit entzogen wird. Ganz zuletzt war es. versetzte der Richter. Ihm war. die neben ihm standen. Plötzlich fühlte sie. dann waren auch diese verschwunden. schlafen zu gehen. daß wenigstens du mich besuchen kommst. Angeklagter. worauf. »Ja. oder ob es tatsächlich in diesem Augenblick erst sichtbar wurde. Sie beugte sich hinunter. Sie hätte nicht sagen können.« »Ihre Entschuldigungen interessieren uns nicht. hielt sich die Hände vors Gesicht und löste sich buchstäblich in Nichts auf. Unser Gesetz schreibt vor. ob sie es zuerst nur nicht wahrgenommen hatte. Und so hatte sie sich bis jetzt noch nicht entschließen können. es war so. wo der Verurteilte die Zigarre nicht mehr hatte.« »Gut«. Er hat seine Schuld selbst eingestanden. Mag Ihnen das zum Trost gereichen. Aber schon hatten ihm zwei andere graue Herren.saß die kleine Momo noch immer auf den Steinstufen der Ruine. Die drei Herren hinter dem Richtertisch beugten sich zueinander. Ich kann es mir selbst nicht erklären.« »Wohnhaft?« »In der Ruine des Amphitheaters. »Sie bekennen sich also schuldig?« .die Turmuhr in der Ferne hatte Mitternacht geschlagen . die bleigraue Aktentasche und die kleine Zigarre entrissen. als ob sie gleich zu sprechen anfangen wollte. Erstaunt setzte sie sich auf. Beppo Straßenkehrer saß noch immer reglos auf seinem Platz und starrte auf die Stelle.»Ich gestehe es ein«. Was willst du denn von mir ?« Momo wußte nicht. Dafür werden wir mit allen Mitteln sorgen. begann er rasch immer durchsichtiger und durchsichtiger zu werden. Durch die Art. Wie heißt es?« »Momo. wer bist du denn?« fragte sie leise. Jetzt wußte er aus eigener Anschauung. aber ich schwöre. flüsterten sich etwas zu und nickten. als ob sie noch warten solle. aber ich bitte das Hohe Gericht. »Jawohl. wenn wir nun unverzüglich zur Vollstreckung des Urteils schreiten. die zugesehen und die zu Gericht gesessen hatten. wo der Angeklagte verschwunden war. »Meinst du mich?« . hauchte der Agent mit gesenktem Kopf. Und nun geschah etwas Sonderbares. Aber irgendwie war ihr. Momo beugte sich vollends zu ihr hinunter und krabbelte sie mit dem Finger unter dem Kinn. als ob der Wind noch ein paar Aschenflöckchen im Kreis herumwirbelte.« Der Angeklagte begann zu zittern.

»Ich folge dir. Sie können versichert sein. Momo war in größter Gefahr! Er mußte sofort zu ihr.. Wir werden uns dieses merkwürdigen Kindes annehmen . Dann kamen sie wieder heraus. so sehr er konnte.« Und Schrittchen für Schrittchen ging sie hinter der Schildkröte her. erklärte ein dritter. sehr langsam aus dem steinernen Rund herausführte und dann die Richtung auf die große Stadt einschlug. Dann stand sie auf und eine hinter dem Tier her. »Falls sie tatsächlich von dem Betreffenden gewarnt worden ist«. die sie von allen Seiten umstellt hatten. die sie langsam. Nach einigen Schritten hielt sie inné und schaute sich nach dem Kind um. Schließlich entdeckten sie auch das Loch in der Mauer. »Der Betreffende hätte ja schon früher als wir von unserem Beschluß wissen müssen!« Die grauen Herren blickten einander alarmiert an. Er eilte sich. »Das sieht fast so aus. anstatt ordentlich in ihren Betten zu liegen. Immer wieder klangen ihm die Worte des grauen Richters im Ohr: ». »Es ist empörend«.«»Undenkbar!« sagte der erste. Einige von ihnen kletterten hinein und guckten unter das Bett und sogar in den gemauerten Ofen.. Die ganze Ruine war grell erleuchtet von den Scheinwerfern vieler eleganter grauer Autos. »daß Kinder in der Nacht herumstrolchen. mußte sie vor den Grauen warnen. .. .« »Das gefällt mir ganz und gar nicht«. Der Weg bis zum Amphitheater war noch weit. klopften sich die feinen grauen Anzüge ab und zuckten die Schultern. »Der Vogel ist ausgeflogen«.. dafür werden wir mit allen Mitteln sorgen . Angeklagter. . . daß es uns nicht noch einmal schaden wird . Aber das würde er schon herausfinden.Aber die Schildkröte hatte sich bereits in Bewegung gesetzt. sagte einer. Dutzende von grauen Herren eilten die grasbewachsenen Stufen hinauf und hinunter und durchsuchten jeden Schlupfwinkel. als hätte sie jemand rechtzeitig gewarnt. gab . hinter dem Momos Zimmer lag. Sein weißer Haarschopf flatterte. mußte sie vor ihnen beschützen -obwohl er nicht wußte wie. meinte ein anderer. »Sie meint wirklich mich!« sagte Momo zu sich selbst. Beppo trat in die Pedale. « Kein Zweifel. »Geh nur!« sagte sie leise. ZEHNTES KAPITEL Eine wilde Verfolgung und eine geruhsame Flucht Der alte Beppo radelte auf seinem quietschenden Fahrrad durch die Nacht.

im schwachen Schein seiner Fahrradlampe die vielen Reifenspuren rund um die Ruine. die alles das noch nie gesehen hatte. Man konnte kein Auge zutun. die jetzt niemals mehr schlief. rempelten sich an. die ständig überfüllt waren. »Momo!« raunte er zuerst und dann noch einmal lauter: »Momo!« Keine Antwort. .Zur nämlichen Stunde wanderte die kleine Momo. ob wir die Umgebung auch tatsächlich gründlich abgesucht haben. dazwischen dröhnten riesige Omnibusse. Wir würden gerade durch weiteres Suchen hier nur unnütz Zeit verlieren.« »Die Zentrale wird uns als erstes fragen. als wisse die Schildkröte mit völliger Sicherheit vorher. warum der Lärm der vorbeirasenden Autos überhaupt nicht mehr verstummen wollte. Selbst die kleinsten Seitenstraßen und holperigsten Kieswege waren bis zum Morgengrauen von einem Getöse erfüllt wie sonst nur die großen Hauptverkehrsstraßen.« »Lächerlich!« fuhr ihn der andere böse an. »durchsuchen wir zunächst die Umgebung. Und nun . Es war. langsam durch die große Stadt. die Decken und die Matratze waren aus dem Bett gerissen. Dann werden sich sämtliche verfügbaren Agenten an der Jagd beteiligen. Aber wenn das Mädchen inzwischen von dem Betreffenden Hilfe bekommen hat. Und Momo war nicht da. dann machen wir damit einen großen Fehler. damit diese den Befehl zum Großeinsatz gibt.an die Arbeit. das ihm für einen Augenblick die Brust zerreißen wollte. »In diesem Fall kann die Zentrale immer noch Großeinsatz anordnen. meine Herren! Sie wissen. Beppo schluckte. stolperte und verstauchte sich den Fuß. wo in welchem Augenblick gerade kein Auto fahren. Mit zitternden Fingern entzündete er ein Streichholz und schaute sich um.« »Haben Sie einen besseren Vorschlag?« »Nach meiner Ansicht müßten wir sofort die Zentrale benachrichtigen. sagte der erste graue Herr. seine Kehle war trocken. Auf den Fahrbahnen drängten sich die Autos. Das Kind hat nicht die geringste Chance. von der Schildkröte geführt.« »Also gut«. Die beiden mußten auch niemals jemand ausweichen. ging wie im Traum und mit großen Augen immer hinter der Schildkröte her. entdeckte er. Sie überquerten weite Plätze und hellerleuchtete Straßen. kein Auto mußte ihretwegen bremsen. um zu warten.der dritte zu bedenken. uns zu entkommen. was auf dem Spiel steht.« In dieser Nacht wunderten sich viele Leute in der Gegend. Und Momo begann sich zu wundern. kein Fußgänger gehen würde. schoben sich gegenseitig ungeduldig beiseite. wurden niemals angestoßen. selbst zu dieser späten Nachtzeit nicht. oder trotteten hintereinander her in endlosen Kolonnen. Er ließ sein Rad ins Gras fallen und lief zu dem Loch in der Mauer.Das Tischchen und die beiden Stühle aus Kistenholz waren umgestoßen. Beppo biß sich auf die Lippen und unterdrückte ein heiseres Aufschluchzen. Er kletterte durch das Loch in den stockdunklen Raum hinunter. An den Häuserfassaden flammten die Leuchtreklamen auf. Rastlos jagten und hasteten die Menschen in riesigen Massen durcheinander. aber niemand beachtete das Kind mit der Schildkröte. . übergössen das Gewühl mit ihrem bunten Licht und erloschen wieder. So mußten sie sich niemals eilen und niemals anhalten. noch ehe er abgestiegen war. wie man so langsam gehen und doch so schnell vorankommen konnte. und das mit Recht. die Autos rasten hinter ihnen und vor ihnen vorüber. Als Beppo Straßenkehrer endlich beim alten Amphitheater ankam. Passanten umdrängten sie. »dann ist sie sicherlich nicht mehr hier in der Gegend. Momo.

»Gigi muß 'ran !« sagte er immer wieder vor sich hin. »Ich hab' gewußt. . Dort sollte er aufpassen. daß es sich um die Autoteil-Diebe handeln sollte. Das tut sie doch manchmal.« »Und die Reifenspuren?« fragte Beppo aufgebracht. keuchte Beppo. »Weißt du.« Beppo wußte. Jetzt haben sie sich gerächt. noch brauchbare Autoteile abhanden kamen.« . Zum ersten Mal in seinem Leben ging eine Geschichte ohne ihn weiter.« »Momo! . »Ich hab's von Anfang an geahnt«. »Und die herausgerissene Matratze?« »Na ja«. »was Schlimmes. Ihm war.« Und nun erzählte er alles. uns solche Sorgen zu machen. Beppo«. wenn man mich so brutal aus dem Schlaf reißt. Mein kleines Mädchen haben sie schon weggeholt. hielt Gigi sich zunächst mucksmäuschenstill. und alle Phantasie der Welt konnte sie nicht rückgängig machen! Er fühlte sich wie gelähmt.»Mein Gott«. Aber dann erkannte er Beppos Stimme und machte auf. als sei ihm plötzlich der Boden unter den Füßen weggezogen. kletterte er wieder ins Freie und humpelte auf seinem verstauchten Fuß zu seinem Fahrrad. Ich bin zu spät gekommen. Ich meine. »Momo? Was ist denn geschehen?« »Ich weiß es selbst noch nicht«. »Momo ist irgendwas Schreckliches passiert!« »Was sagst du ?« fragte Gigi und setzte sich fassungslos auf seine Liegestatt. Was soll ich denn jetzt machen? Was mach' ich denn jetzt nur?« Dann verbrannte ihm das Streichholz die Finger. für den Fall. »o mein Gott. Einmal ist sie sogar schon drei Tage und Nächte im Land herumgestrolcht. wie früher schon öfter. murmelte er. Als Beppo den Schuppen endlich erreicht hatte und mit der Faust gegen die Tür hämmerte. indem er jeden Sonntag nachts im Werkzeugschuppen einer kleinen Autoausschlachterei schlief. »nehmen wir mal an. schloß er seinen Bericht. wo er schläft. er warf es weg und stand im Finstern. »Was ist denn los?« jammerte er erschrocken. daß er Momo gefunden hat? Vielleicht war sie schon vorher weg. machte sich selbständig. es wäre wirklich irgendwer da gewesen. Er schwang sich hinauf und strampelte los. Sie haben Momo entführt ! O Gott.ohne dabei je an Folgen zu denken. begann er nach einer Weile. der nach Atem rang. »letzt muß Gigi 'ran! Hoffentlich find' ich den Schuppen. Gigi. bis jetzt haben wir vielleicht noch gar keinen Grund. Er hatte es so ernst genommen. und daß Momo nicht mehr da war. Wer sagt dir denn. denn trotz aller Angst und Sorge um Momo konnte er nun einmal nicht schneller reden. daß Gigi sich seit kurzem ein paar zusätzliche Pfennige verdiente. wie er jedes Spiel und jede Geschichte nahm . »es könnte ja auch sein. Sonst wäre doch nicht alles durchgesucht und umgewühlt. von den Reifenspuren um die Ruine. daß Momo einfach ein bißchen spazierengegangen ist. daß es nicht gutgehen würde. daß nicht wieder.« stieß Beppo hervor. was er erlebt hatte: vom Hochgericht auf der Müllhalde. Bis zu diesem Augenblick war alles für ihn ein großes Spiel gewesen. wir müssen ihr helfen ! Aber wie ? Aber wie?« Während Beppos Worten war langsam alle Farbe aus Gigis Gesicht gewichen. . sie haben sie schon weggeholt. So rasch er konnte. Es dauerte natürlich eine Weile. bis er alles vorgebracht hatte. gab Gigi ausweichend zur Antwort. »Ich kann es nicht leiden.

Sie waren schon durch Gärten gelaufen. Die ganze Nacht mußte er an die grauen Herren denken. und wir lachen alle drei über den ganzen Unsinn. meinte Gigi. wenn sie dich dann zum letzten Mal anschaut. »was dann?« Er packte den jüngeren Freund an den Jackenaufschlägen und schüttelte ihn. denn ein wenig bang war ihr schon. Der Weg. Toreinfahrten und Hausflure. fuhr Gigi fort. daß ein ganzes Heer von grauen Herren sie verfolgte und suchte. Und das war gut. fragte Momo. schien sie nun auch genau vorauszuwissen. wo streunende elternlose Kinder hinkommen? In so ein Heim stecken sie sie. ehe wir was unternehmen. »Aber sicher«. sagte Momo. wurde immer sonderbarer und verschlungener. Schildkröte«. Manchmal kamen die grauen Herren schon einen Augenblick später an einer Stelle vorüber. was die dann mit ihr machen? Weißt du das. »Das kannst du doch nicht machen ! Nimm mal an. So wie die Schildkröte vorher ihren Weg durch den Straßenverkehr gefunden hatte. »wo führst du mich eigentlich hin?« Die beiden wanderten eben durch einen dunklen Hinterhof.« Beppo ließ Gigi los. Beppo«.« Als er sah. daß Beppo schon eingeschlafen war. sie saßen auf den Dächern und in den Kanalisationsschächten. seufzte er und legte sich selbst auf den Fußboden. »Ich geh' zur Polizei!« stieß er hervor. den die Schildkröte sie führte. an der die beiden eben gewesen waren. Er half ihm auf das Lager hinüber und packte den Fuß in ein nasses Tuch. wenn sie's nicht ist«. Aber das Mädchen Momo fanden sie nicht. »wenn sie vielleicht wirklich nur ein bißchen herumstrolcht und du hetzt ihr die Polizei auf den Hals. Wir wissen ja noch nicht mal. Aber wenn sie doch vielleicht in Not ist?« »Aber stell dir vor. »Hab' ich auch nicht«. »wird alles wieder werden. die gehen los und finden unsere Momo wirklich. »wir sollten auf jeden Fall bis morgen oder übermorgen warten. durch Unterführungen. murmelte Beppo und starrte ratlos vor sich hin. einigemale sogar schon durch Keller. »das will ich nicht. Hätte Momo gewußt. wo wir Momo überhaupt suchen sollen. »Du. was ich machen soll«. können wir ja zur Polizei gehen. wo Gitter an den Fenstern sind ! Das willst du unserer Momo antun?« »Nein«. um sich Mut zu machen. Und zum ersten Mal in seinem bisher so unbekümmerten Leben überfiel ihn Angst. »Gigi. Aber davon ahnte sie nichts. »Sei doch vernünftig!« rief Gigi entsetzt. »KEINE ANGST!« stand auf dem Rücken der Schildkröte. sie hätte vermutlich noch viel mehr Angst gehabt. sie waren überall. Aber sie begegneten . Aber schlafen konnte er nicht. den auf einmal eine steinerne Müdigkeit übermannte. und zwar sofort!« »Beruhige dich doch. Aber sie sagte es mehr zu sich selbst.« »Meinst du?« murmelte Beppo. sagte er sanft. nachdem sie es entziffert hatte. Ich möchte nicht in deiner Haut stecken. »ich weiß es einfach nicht. antwortete Gigi und zog Beppo den Schuh von dem verstauchten Fuß. sie kontrollierten unauffällig die Bahnhöfe und den Flugplatz. stöhnte er. »Ich weiß einfach nicht.kurzum. Aus der Zentrale der Zeit-Spar-Kasse war der Befehl zum Großeinsatz gegeben worden. jede andere Tätigkeit zu unterbrechen und sich ausschließlich mit der Suche nach dem Mädchen Momo zu beschäftigen. und deshalb folgte sie geduldig und Schritt für Schritt der Schildkröte auf ihrem scheinbar so verworrenen Weg. Für den alten Mann war es heute ein bißchen viel gewesen. »Natürlich werden wir etwas unternehmen. sei kein Narr! Die grauen Herren sind Wirklichkeit! Wir müssen irgendwas tun. Beppo? Weißt du. über Brücken. »Wird schon wieder werden«.In allen Straßen wimmelte es von den grauen Gestalten . Weißt du. Aber wahrscheinlich ist bis dahin alles längst wieder in Ordnung. seine Jacke als Kissen unter den Kopf geschoben.« »Ich finde«. Sämtliche Agenten in der großen Stadt hatten Anweisung erhalten. wann und wo die Verfolger auftauchen wurden. stotterte Gigi erschrocken.»Wenn sie sie aber doch gefunden haben?« schrie Beppo. Aber das muß gut überlegt sein.« Beppo sank auf einen Stuhl am Tisch nieder und legte das Gesicht auf die Arme. Wenn sie dann immer noch nicht zurück ist. ja. die Autobusse und die Straßenbahnen .

Hier war es nicht mehr Nacht. nicht nur von Menschen. als würde jener Baum dort von links. Vögeln und Autos. war die Antwort. Aber auch die Häuser waren anders als alle. Außerhalb dieses seltsamen Stadtteils. Nicht der kleinste Windhauch regte sich. Irgendwas stimmt da nicht. In die Zentrale der Zeit-Spar-Kasse kam die Nachricht.« »Eine solche Gegend gibt es nicht«. »Gut«. um bewohnt zu werden.« »Was?« schrie die Zentrale. so daß man nicht sehen konnte. die Momo je gesehen hatte. die sogar die kleinsten Steinchen auf der Straße warfen. Wir haben ihre Spur wieder verloren. »findest du nicht?« Auf dem Rückenpanzer der Schildkröte blinkte wie ein Warnlicht die Schrift: »STILL!« Momo verstand nicht warum. aber sie befolgte die Anweisung. aber es war auch nicht Tag.« »Wie kann das sein?« »Das fragen wir uns selbst. sie war plötzlich wie vom Erdboden verschluckt. in dem sie jetzt waren.« »Wo befand sie sich. jagten drei elegante Autos mit leuchtenden Scheinwerfern die zerlöcherte Straße entlang. Die Autos kamen plötzlich nicht mehr vom Fleck. hatte Momo entdeckt. Hohe Mietskasernen. wurden immer grauer und schäbiger. der im vordersten Wagen saß. genaugenommen in dem Augenblick. . das die Konturen aller Dinge unnatürlich scharf und klar hervorhob und doch von nirgendwo herzukommen schien oder vielmehr von überallher zugleich. aber dieses seltsame Licht war so plötzlich gekommen. daß das Mädchen Momo gesehen worden sei. Alles schien reglos und wie in Glas eingeschlossen. obgleich die Schildkröte eher noch langsamer ging als bisher. geschah etwas höchst Unbegreifliches. geheimnisvollen Zweck zu dienen. »Verfolgung aufnehmen! Ihr müßt sie fassen. desto weniger kamen sie vorwärts. Einer. Es ist-wie soll man sagen?-als ob diese Gegend ganz am Rande der Zeit liegt. daß ich schon so gut lesen kann«. Diese Straßen waren vollkommen leer. dort wo Nacht war. wie schnell sie hier vorankamen. die Räder jaulten. stellte die Zentrale fest. säumten die Straßen voller Löcher. Momo. Aber irgendwie hatte Momo das Gefühl. die sie weit in der Ferne gerade noch erkennen konnten. als sie in die Straße mit den weißen Häusern eingebogen war. Übrigens sah das Denkmal selbst auch recht sonderbar aus. Die Fahrer traten aufs Gas. Und je mehr sie beschleunigten. »Ein Glück. Denn die langen schwarzen Schatten.ihnen niemals. wo das seltsame Licht anfing. die uns völlig unbekannt ist. in denen das Wasser stand. Als die grauen Herren das merkten. Auf einem großen würfelförmigen Sockel aus schwarzem Stein stand ein riesengroßes weißes Ei. liefen in ganz verschiedene Richtungen. Sie waren von einem fast blendenden Weiß. an denen der Verputz abbröckelte. sprangen sie fluchend aus den Wagen und versuchten. Und das Kind bewegte sich auf diesen Rand zu. Und diese Dämmerung glich weder der des Morgens noch der des Abends. Es handelt sich um eine Gegend der Stadt. Das war alles. ob dort überhaupt jemand wohnte. dieses Haus von rechts und das Denkmal da drüben von vorn beleuchtet. um jeden Preis! Habt ihr verstanden?« »Verstanden!« kam die aschengraue Antwort. als ob sie auf einem fahrenden Band stünden. sondern auch von Hunden. aber die Autos liefen am Ort. Zuerst dachte Momo. als sie in diese Straße eingebogen waren. als ihr sie gesehen habt?« »Das ist es ja gerade. daß diese Häuser gar nicht gebaut waren. es sei die Morgendämmerung. »habt ihr sie fest?« »Nein. etwa so. Die Häuser des Stadtteils. sagte Momo ahnungslos. das mit gleicher Geschwindigkeit in entgegengesetzter Richtung lief. In jedem saßen mehrere graue Herren. In geringer Entfernung gingen drei dunkle Gestalten vorüber. Hinter den Fenstern lagen schwarze Schatten. Als sie jedoch diese Ecke erreicht hatten. Hier war alles dunkel und menschenleer. sondern um einem anderen. Es war ein Licht. »Offenbar doch. Momo wunderte sich.

Es war eigentlich mehr ein enges Gäßchen. Und das Mädchen Momo war irgendwo in der Ferne zwischen den schneeweißen Häusern verschwunden. ging Momo hinter der Schildkröte her. Dieses Gäßchen lief auf ein einzelnes Haus zu. das seinen Abschluß bildete und quer zu den übrigen stand. erschien auf ihrem Panzer der Rat: »RÜCKWÄRTS GEHEN!« Momo versuchte es.und blieb überrascht stehen. ohne jede Schwierigkeit weiterzukommen. »aus und vorbei! Jetzt kriegen wir sie nicht mehr. das die Straße quer abschloß. dennoch war die Schildkröte nun schon weit voraus. waren sie im ganzen gerade zehn Meter weit vorangekommen. war es ihr plötzlich.« »Sie meinen. »die Frage ist nur. Sie stemmte sich schräg gegen den rätselhaften Druck. Während sie nämlich so rückwärts ging. als glitte die Straße unter ihnen dahin. Es war aus weißem Marmor. »Ob ich sie überhaupt aufkriege?« dachte Momo zweifelnd. Sie rannten mit verzerrten Gesichtern. zog sich an Mauervorsprüngen weiter und kroch manchmal auf allen vieren. »warum wir nicht mehr vom Fleck gekommen sind.« Alle beteiligten Herren ließen die Köpfe hängen und setzten sich auf Kühler und Stoßstangen ihrer Autos. Momo blieb noch einen Moment lang stehen. dachte sie zugleich auch rückwärts. Sie hatten es nicht mehr eilig. als flögen die Gebäude vorüber. voller Türmchen. von Tang und Algen überhangen und mit Muscheln und Korallen bewachsen. weit fort. Als sie schließlich vor Momo saß. Die Häuser. Schildkröte!« rief Momo. Schon weit. die sich links und rechts aneinanderdrängten. antwortete der erste. aber als sie nun in die NiemalsGasse hineinging. fast am Ende der Gasse vor dem letzten Haus. und als sie endlich erschöpft innehalten mußten. Wiederum bog die Schildkröte um eine Ecke. die sie klein am anderen Ende der Gasse sitzen sah. sie empfand rückwärts. Und gerade. Sie drehte sich um und stand vor dem letzten Haus. Aber es war höchst merkwürdig. Erkerchen und Terrassen. Momo folgte ihr . das kunstvoll mit Figuren bedeckt war. Momo wollte ihr folgen.zu Fuß einzuholen. irgendwo im Gewirr der leeren. meinte ein anderer. als ob sie unter Wasser gegen einen mächtigen Strom angehen müsse. Es wurde von einem weißen Einhorn getragen. sie atmete rückwärts. Und plötzlich gelang es ihr. der sie einfach zurückblies. ob man uns das als mildernde Umstände für unser Versagen zugute halten wird. Dagegen schien die Schildkröte sie gehört zu haben.« »Ich begreife nicht«. »Aus!« sagte einer der Herren. In seiner Mitte befand sich ein großes grünes Tor. »Ich komm' nicht dagegen an!« rief sie schließlich der Schildkröte zu. Und das Ganze spielte sanft in allen Farben wie Perlmutter. »Warte doch auf mich. schneeweißen Straßen und Plätze. und auf ihm stand in goldenen Lettern: NIEMALS-GASSE Momo hatte mit Schauen und Buchstabieren nur ein paar Augenblicke gesäumt. belobigen wird man uns ganz bestimmt nicht. denn sie hatte über der Tür ein weiteres Schild entdeckt. was dabei mit ihr geschah. sahen aus wie lauter zierliche Paläste aus Glas. das sich gleich über ihr an der Wand befand. »hilf mir doch!« Langsam kam die Schildkröte zurück. Sie drehte sich um und ging rückwärts. kurz — sie lebte rückwärts! Schließlich stieß sie gegen etwas Festes. Diese Straße bot einen völlig anderen Anblick als alle vorigen. Aber im selben Augenblick öffneten sich schon die beiden mächtigen Torflügel. man wird uns vor Gericht stellen?« »Na. oder gegen einen gewaltigen und doch unspürbaren Wind. die undenkliche Zeiten auf dem Meeresgrund gestanden hatten und nun plötzlich aufgestiegen waren.« »Ich auch nicht«. weil sie so langsam gingen. weil die figurenbedeckte Tür aus grünem Metall von hier aus nun plötzlich ganz riesenhaft erschien. Sie erschrak ein wenig. Momo blickte zu dem Straßenschild hinauf. war es. denn sie blieb stehen und schaute sich um. und auf ihm war zu lesen: DAS NIRGEND-HAUS . aber sonderbarerweise konnte sie ihre eigene Stimme nicht hören.

Von der geheimnisvollen Gegenströmung war hier nichts mehr zu bemerken. waren die beiden Torflügel schon wieder dabei. Im aschengrauen Licht endloser Gänge und Nebengänge huschten die Agenten der Zeit-SparKasse umher und flüsterten sich aufgeregt das Neueste zu: Sämtliche Herren des Vorstandes waren zu einer außerordentlichen Sitzung zusammengetreten ! Das konnte nur bedeuten. dreizehn Minuten und acht Sekunden. Ich sehe mich gezwungen. »Meine Herren«. ELFTES KAPITEL Wenn Böse aus dem Schlechten das Beste machen . Alle beteiligten Agenten mußten dabei unvermeidlich ihren eigentlichen . welche die Decke zu tragen schienen. sehr langen Gang. und jeder rauchte seine kleine graue Zigarre. als sie fertig war. daß Momo gebückt durchkommen konnte. An dessen Ende blieb das Tier vor einem sehr kleinen Türchen sitzen. die vor ihr herkrabbelte. sich langsam zu schließen. begann er. Die Stimmung . daß ungeahnte neue Möglichkeiten des Zeitgewinns sich ergeben hatten. Nur die runden steifen Hüte hatten sie abgelegt. Diese Jagd dauerte im ganzen sechs Stunden. Momo hockte sich nieder und sah direkt vor ihrer Nase auf der kleinen Tür ein Schildchen mit der Aufschrift: MEISTER SECUNDUS MINUTIUS HORA Momo holte tief Atem und drückte dann entschlossen auf die kleine Klinke. Links und rechts standen in regelmäßigen Abständen nackte Männer und Frauen aus Stein.soweit man bei diesen Herren überhaupt von so etwas wie Stimmung reden konnte . Sie saßen einer neben dem anderen an einem schier endlosen Konferenztisch. »WIR SIND DA« stand auf dem Rückenpanzer der Schildkröte. daß sie alle spiegelnde Glatzen hatten. Momo folgte der Schildkröte. Das konnte nur heißen. dann schlug das gewaltige Tor mit leisem Donner hinter ihr zu. Im großen Sitzungssaal tagten die grauen Herren des Vorstandes. wurde ein vielstimmiges musikalisches Ticken und Schnarren und Klingen und Schnurren von drinnen hörbar. durch den langen Gang. »unsere Lage ist ernst. Als das Türchen sich öffnete. und nun war zu sehen.Da Momo nicht besonders schnell lesen konnte. gerade groß genug. Jeder hatte wie immer seine bleigraue Aktentasche bei sich. schlössen die anderen daraus. Sie huschte rasch noch hindurch. Der Vorsitzende am Kopfende des langen Tisches erhob sich. Das Kind folgte der Schildkröte. Bei der Jagd nach dem Mädchen Momo haben wir nahezu alle unsere verfügbaren Agenten eingesetzt. daß größte Gefahr vorhanden war. und zwei endlose Reihen grauer Gesichter wandten sich ihm zu. . Sie befand sich jetzt in einem hohen. Das Gemurmel erstarb.war allgemein gedrückt. und die kleine Tür fiel hinter ihnen ins Schloß. aber unabänderlichen Tatsachen bekannt zu machen. Sie alle unverzüglich mit den bitteren. so folgerten die einen. .

Nun erhob sich ein zweiter Redner am anderen Ende der langen Tafel. Aber was wollten wir denn mehr. alle weiteren Pläne in diesem Sinne zu fassen. »entschuldigen Sie.und Sicherheitsschlössern an der Stirnseite des Saales in der Wand. Mehr habe ich nicht zu sagen. »Meine Herren«. das Wort. daß wir uns von der ganzen Angelegenheit beunruhigen lassen oder gar so etwas wie eine Katastrophe daraus machen. Nichts ist weniger der Fall. ein zweites Mal darf so etwas einfach nicht mehr geschehen. der nach ganz exakten Berechnungen dreimilliardensiebenhundertachtunddreißigmillionenzweihundertneunundfünfzigtausendeinhundertvierzehn Sekunden beträgt. Dieses Kind ist kein gewöhnliches Kind. daß es über Fähigkeiten verfügt. Nur so können wir sicher sein.Daseinszweck. Meine Herren. und alle Gesichter wandten sich ihm zu. Nun erhob sich ein dritter Redner in der Mitte des langen Tisches. ergriff nun ein vierter Redner. Es scheint mir jedoch völlig unnötig. daß es sich nicht wiederholen kann. daß unsere Zeit-Speicher schon so gewaltige Vorräte beherbergen. Wir alle wissen. »uns allen liegt das Wohlergehen unserer Zeit-Spar-Kasse gleichermaßen am Herzen.« Der Redner setzte sich selbstgefällig lächelnd. für unverantwortlich. daß selbst ein Vielfaches des erlittenen Verlustes uns nicht ernstlich in Gefahr bringen könnte. es handelt sich um völlig nutzlos vertane Zeit ! Das Mädchen Momo ist uns entkommen. als dieses Kind unschädlich machen? Nun. Etwas Ähnliches ist bisher noch nie geschehen. das ist doch vollkommen erreicht'! Das Mädchen ist verschwunden. Ich habe alle Möglichkeiten exakt .« Er machte eine Pause und wies mit großer Gebärde auf eine riesige Stahltür mit vielfachen Nummern. beweist keineswegs. Aus diesen beiden Minusposten ergibt sich ein Zeitverlust. aus dem Bereich der Zeit geflohen! Wir sind es los. »Ich will mich kurz fassen«. nicht verschleudern! Ich bitte Sie also. Ich werde mich jeder weiteren Unternehmung von derartig kostspieligen Ausmaßen auf das entschiedenste widersetzen. Daß der ganze Vorfall bisher einmalig ist. Und es wird zurückkehren!« Er setzte sich. rief er mit erhobener Stimme. die wir eben gehört haben. Aber ein Vorfall wie der mit dem Mädchen Momo ist völlig einmalig. aber ich muß es nun doch in aller Deutlichkeit aussprechen: Wir gehen fortwährend um den heißen Brei herum. Wachsamkeit ist geboten ! Wir dürfen uns nicht eher zufriedengeben. daß es je ein zweites Mal geschehen wird. die uns und unserer Sache höchst gefährlich werden können. das ist mehr als ein ganzes Menschenleben ! Ich brauche wohl nicht erst zu erklären. »Ich halte die beruhigenden Worte. welche während der Suche von unseren Agenten selbst verbraucht worden ist. Danke. sagte er. »sind nicht unerschöpflich ! Wenn die Jagd sich wenigstens gelohnt hätte ! Allein. als bis wir dieses Kind wirklich in unserer Gewalt haben.« Er setzte sich und stieß dicke Rauchwolken aus. der dem dritten gegenübersaß. kann es auch jeden Augenblick zurückkehren. meine Herren«. Wir müssen sparen. Schließlich hat der Herr Vorsitzende mit Recht getadelt. Denn da es den Bereich der Zeit verlassen konnte. Ich denke. daß sich etwas Derartiges nicht wiederholen sollte. und es ist höchst unwahrscheinlich. wir können mit diesem Ergebnis zufrieden sein.»Meine Herren«. erklärte er mit verkniffenem Gesicht. Wir müssen der Tatsache ins Auge sehen. Was ist für uns schon ein Menschenleben? Wahrhaftig eine Kleinigkeit! Dennoch stimme ich mit unserem verehrten Vorsitzenden darin überein. daß uns das Mädchen Momo entkommen ist. Meine Herren. Die anderen Herren des Vorstandes zogen die Köpfe ein und saßen geduckt da. Erregtes Flüstern ging durch die Reihen. vernachlässigen. daß eine fremde Macht sich in diese Angelegenheit eingemischt hat. Von einigen Seiten war schwacher Beifall zu hören. meine Herren.nämlich Zeit einzubringen. daß es uns nie wieder schaden wird. Zu diesem Ausfall kommt jedoch noch die Zeit. was das für uns bedeutet. »Unsere Zeit-Speicher. Wir alle wissen.

»Alles spricht dafür«. wie wir das Mädchen Momo loswerden können. sagen wir einmal. Das ist doch das Problem. wir sollen zu jedem Opfer bereit sein — nun gut! Wir sollen zum Äußersten entschlossen sein . begann er. daß jener. bis endlich Stille eintrat. »Ruhe. es ist praktisch ausgeschlossen. »daß dem Mädchen Momo geholfen worden ist.« Bei diesem Namen zuckten die meisten der grauen Herren zusammen. meine Herren!« rief der vierte Redner mit ausgebreiteten Armen. Wir müssen also nicht nur bereit sein. allerlei katastrophale Möglichkeiten anzudeuten. was ich meine. womit jener Sogenannte das Mädchen Momo gegen uns ausrüsten wird ! Wir werden einer uns völlig unbekannten Gefahr gegenüberstehen. Wahrscheinlich wäre er sofort angenommen worden. Aber offenbar weiß er selbst nicht. »aber meine Herren.« Ein aufgeregtes Raunen ging durch die Reihen der Vorstandsmitglieder.durchgerechnet. Wir haben doch genügend Helfershelfer unter den Menschen ! Wenn wir diese in unauffälliger und geschickter Weise einsetzen. wenn sich nicht am oberen Ende des Tisches ein siebenter Redner zu Wort gemeldet hätte.Sogenannte dem Mädchen Momo geholfen hat. »wir denken nur immerfort darüber nach. Aber das ist ja auch gar nicht nötig. und es wäre zweifellos wirksam. manche hieben mit den Fäusten auf den Tisch ein. alle redeten durcheinander. Die Wahrscheinlichkeit. alles einsetzen! Denn in diesem Fall könnte uns jegliche Sparsamkeit verdammt teuer zu stehen kommen. meine Herren. aber wir wollen und müssen klar sehen ! Wenn jener . wir lassen uns da eine große. alles. Sie verstehen. es wäre für uns gefahrlos. das Mädchen Momo kommt . so brauchen wir uns doch überhaupt nicht persönlich zum Kampf stellen. nachdem sich das Gemurmel gelegt hatte. Nehmen wir ruhig einmal an. wir müssen.nun gut ! Aber das alles sind doch nur leere Worte ! Er soll uns doch sagen. nicht ganz schicklich ist. dann können wir das Mädchen Momo und die mit ihm verbundene Gefahr aus der Welt schaffen.Sogenannte dieses Kind nicht nur einfach zurückschickt. Es kostet mich selbst Überwindung. Ein fünfter Redner sprang auf seinen Stuhl und fuchtelte wild mit den Händen. ohne selbst in Erscheinung zu treten. Wir selbst sind zu einer solchen Begegnung nicht besonders gut geeignet — wie uns ja das betrübliche Geschick unseres inzwischen aufgelösten AgentenBLW/553/c so eindringlich vor Augen führt. daß die Nennung dieses Namens — nun. Mir scheint nämlich. Alles schrie durcheinander. dann hat er seine Gründe dafür. meine Herren. sich unserem Zugriff zu entziehen. Ein solches Vorgehen wäre sparsam. als seien sie geschlagen worden. meine Herren. Mit anderen Worten. daß ein Menschenkind lebend und aus eigener Kraft den Bereich der Zeit verlassen kann. sind gegen uns gerichtet.nein. ich muß Sie doch bitten. Ruhe!« schrie er.wie auch immer ausgerüstet — von jenem Sogenannten zurück.« Ein Aufatmen ging durch die Menge der Vorstandsmitglieder. »ich bitte Sie dringend. wenn es sein muß. Kurzum. Gestehen wir es nur. Ich denke. von wem ich rede. sondern daß er es obendrein noch gegen uns ausrüsten wird. ich wiederhole.nun gut ! Wir sollen nicht sparsam mit unseren Vorräten umgehen . wir müssen damit rechnen. andere hatten die Hände vors Gesicht geschlagen. das es zu lösen gilt!« Der Lärm im Saal steigerte sich zum Tumult. sich zu beherrschen. Dieser Vorschlag leuchtete ihnen allen ein. die Zeit eines Menschenlebens ein zweites Mal zu opfern oder ein Vielfaches davon . Mühsam verschaffte sich ein sechster Redner Gehör.« Die Aufregung unter den grauen Herren nahm zu. fuhr der Redner fort. Das ist jetzt das Wichtigste. Und diese Gründe. kühle Vernunft zu bewahren. beträgt genau 1:42 Millionen. andere sprangen auf und begannen heftig gestikulierend durcheinanderzuschreien. »Bitte. Dann wird es eine tödliche Gefahr für uns werden. »Aber meine Herren«. Aber Furcht ist ein schlechter Ratgeber. sagte er immer wieder beschwichtigend. was wir wirklich tun können ! Keiner von uns weiß. »Der Herr Vorredner beschränkt sich leider darauf. Panikstimmung hatte alle ergriffen. Ich weiß so gut wie Sie alle. was wir dagegen tun sollen ! Er sagt. »Meine Herren«. meine Herren. ja . Es handelt sich um jenen sogenannten Meister Hora. das liegt wohl auf der Hand. Sie alle wissen. die Furcht treibt uns dazu.

«»Wieso?« »Aus dem einfachen Grund. . »wird sie niemals mitmachen! Das ist ganz undenkbar!« »Dessen würde ich nicht so sicher sein. meine Herren!« Der Redner setzte sich. Und wenn wir erst einmal an seiner Stelle sitzen. das sie im Überfluß besitzt. mein Bester«. es wäre ein ständiger kleiner Verlust. aber bedenken Sie doch. rief einer. den soll man sich zum Freunde machen. schrie ein anderer gestikulierend. »wir müßten ihr nur natürlich etwas bieten. weil dieses Mädchen leider sowieso schon soviel Zeit hat. Nun. wir wären am Ziel! Und dazu könnte uns das Mädchen Momo nützen. »es geht nicht. »an das wir uns selbstverständlich nicht halten würden!« »Selbstverständlich doch!« erwiderte der neunte Redner und lächelte eisig. wie sie will . ihre Zeit anderen zu schenken. das Mädchen Momo auf unsere Seite zu ziehen?« »Hört. den Weg. »Wieviel kann ein einzelnes Kind schon ausgeben? Gewiß. . Ein Sprichwort sagt: Wen man nicht besiegen kann. »Mit Ihrer Erlaubnis?« »Sie haben das Wort«.« »Dann müssen wir sie ihr eben zuerst wegnehmen«. bedenken Sie. Bedenken Sie die ungeheuren Vorteile. wir hätten auf einen Schlag die gesamte Zeit aller Menschen in unserer Gewalt ! Und wer die Zeit der Menschen besitzt. dann brauchen wir hinfort nicht mehr mühsam Stunden. Sie liebt es. »Trotzdem«. sagte der sechste Redner schließlich. sagte der Vorsitzende. erwiderte der neunte Redner.« »Ein Versprechen«.das würde uns ja ein Vermögen kosten!« »Wohl kaum«. »erklären Sie das genauer!« »Es liegt doch auf der Hand«.« »Nein. »wir drehen uns im Kreis. wenn einfach niemand mehr da wäre.« . »daß man das Mädchen Momo nicht anlügen kann ! Denken Sie doch an den Agenten BLW/553/c ! Jeder von uns würde das gleiche Schicksal erleiden!« »Wer spricht denn von Lügen?« antwortete der Redner. beschwichtigte der Redner. Der Herr machte eine kleine Verbeugung zum Vorsitzenden und fuhr fort: »Dieses Mädchen ist angewiesen auf seine Freunde. hört!« riefen einige Stimmen. »daß dieses Kind tatsächlich den Weg zu dem Sogenannten gefunden hat. es könnte uns diesen Weg führen ! Dann können wir auf unsere Weise mit dem Sogenannten verhandeln. nein. Ich bin sicher. was aus ihr würde. den wir von Anfang an vergeblich gesucht haben ! Das Kind könnte also vermutlich jederzeit wieder hinfinden. Ich denke da zum Beispiel daran. rief der andere dazwischen. ihr selbst soviel Zeit zu versprechen. was wir dafür bekommen würden ! Die Zeit aller Menschen! Das Wenige.« »Aber dann«. nein !« schrie der Vorsitzende und schlug mit der Hand auf den Tisch. Wir können doch nicht an das Kind herankommen. Aber überlegen wir einmal. warum versuchen wir nicht. daß wir sehr schnell mit ihm fertig werden würden. mischte sich nun ein neunter Redner in die Debatte. meldete sich ein zehnter Redner. Es ist zwecklos. sagte der Vorsitzende müde. müßten wir eben als Spesen auf das Unkostenkonto buchen. der hat unbegrenzte Macht! Meine Herren. das Momo davon verbrauchen könnte. wie es nur will. das Sie alle beseitigen wollen!« Totenstille hatte sich im Saal ausgebreitet. dann wird sie es heraushören. »Aber Sie wissen doch«. Minuten und Sekunden zu raffen.« Ein Seufzer der Enttäuschung ging durch die lange Reihe der Vorstandsmitglieder. »Denn wenn wir es nicht ehrlich mit ihr meinen. sie mit etwas bestechen zu wollen.einmalige Gelegenheit entgehen. mein Bester«. fuhr der Redner fort. »Wir werden ihr natürlich unseren Plan offen mitteilen. das sie verlockt. um ihre Zeit mit ihr zu teilen? Da das Mädchen freiwillig unsere Pläne nicht unterstützen wird. »Ach. »das kann ich nicht dulden ! Wenn wir ihr tatsächlich so viel Zeit geben. und alle bedachten die Vorteile. Das ist es ja gerade. wie sie nur haben will. sollten wir uns einfach an ihre Freunde halten. »Ich hätte einen Vorschlag«.

. « Die grauen Herren. ja. Uhren aus Holz und Uhren aus Stein. Ich wette tausend Jahre gegen eine Zehntelsekunde. Das goldene Licht. die durch einen plätschernden Wasserstrahl getrieben wurden. deren winzige Perpendikelchen emsig hin und her zappelten. daß sie uns den bewußten Weg führen wird. wo die Zeit herkommt Momo stand in dem größten Saal. kam von unzähligen Uhren jeder Gestalt und Größe. Sie klatschten Beifall und das Geräusch hallte wider in den endlosen Gängen und Nebengängen. auf goldenen Wandkonsolen und in endlosen Regalen. Das tausendfältige Schnurren und Ticken und Klingen und Schnarren. nur um ihre Freunde zurückzubekommen. Triumphierendes messerdünnes Lächeln lag auf ihren Lippen. daß sie sie nicht mehr erreichen kann. welche die Zeit für jeden Punkt der Erde anzeigten. In der Mitte des Saales erhob sich ein ganzer Wald von Standuhren. um zu strahlen. Was wird ihr ihre viele Zeit dann noch bedeuten? Eine Last. die überall aufgesteckt waren und deren Flammen so reglos brannten. ein Uhr-Wald sozusagen. lagen und standen Uhren. Er war größer als die riesigste Kirche und die geräumigste Bahnhofshalle. Sonnenuhren. das diesen unermeßlichen Raum durchwebte. Mond und Sternen. gewöhnliche Blechwecker. sogar ein Fluch ! Früher oder später wird sie es nicht mehr ertragen. Und an den Wänden hingen alle Sorten von Kuckucksuhren und anderen Uhren mit Gewichten und schwingenden Perpendikeln. werden wir zur Stelle sein und unsere Bedingungen stellen. zu dem eine Wendeltreppe emporführte.Er zog aus seiner Aktentasche einen Ordner und schlug ihn auf: »Es handelt sich vor allem um einen gewissen Beppo Straßenkehrer und einen Gigi Fremdenführer. Fenster gab es keine. Da gab es winzige edelsteinverzierte Taschenührchen. keine große Sache! Wir werden einfach alle diese Personen so von ihr abziehen. ZWÖLFTES KAPITEL Momo kommt hin. daß es sich anhörte wie eine Steinlawine. Da gab es auch Weltzeituhren in Kugelform. die man hoch droben im Halbdunkel mehr ahnte als sah. Spieluhren mit tanzenden Püppchen darauf. den sie je gesehen hatte. in Glasvitrinen. Sanduhren. meine Herren. Noch höher droben war ein zweiter Rundgang. In Höhe des ersten Stockwerks lief ein Rundgang um den ganzen Saal. Dann wird die arme kleine Momo völlig allein sein. Und überall hingen. Und dann. manche. die sie regelmäßig aufsuchen. kam von unzähligen Kerzen. Gewaltige Säulen trugen eine Decke. und kleine und große Planetarien mit Sonne. Und dann ist hier noch eine längere Liste von Kindern. Sie standen und lagen auf langen Tischen. welches Momo bei ihrem Eintritt vernommen hatte. gläserne Uhren und Uhren. die langsam und gravitätisch gingen und andere. darüber noch einer und noch einer. als seien sie mit leuchtenden Farben gemalt und brauchten kein Wachs zu verzehren. die eben so niedergeschlagen dreingeblickt hatten. angefangen von gewöhnlichen Zimmerstanduhren bis hinauf zu richtigen Turmuhren. Sie sehen. meine Herren. hoben ihre Köpfe.

An den Handgelenken und am Hals kamen Spitzen aus der Jacke hervor. der sie erkennt. sah er kaum älter aus als Momo selbst. die in entgegengesetzter Richtung übereinanderlagen und sich langsam drehten. daß ich mich dir vorstelle. mit dem sie seine Erscheinung musterte. »Die Uhr allein würde niemand nützen. An den Stellen.Ununterbrochen schlug oder klingelte irgendwo ein Spielwerk. als sie plötzlich eine freundliche Stimme sagen hörte: »Ah. als ob er mit jedem Schritt. glaube ich. denn von allen diesen Uhren zeigte jede eine andere Zeit an.« Meister Hora schüttelte lächelnd den Kopf. nur war diese aus Gold. »Hier bin ich!« rief Momo. den er näherkam. daß alle Dinge und Wesen. »Was sagst du ?« fuhr jetzt der alte Herr .noch immer zur Schildkröte gebeugt . schien es Momo.« »Hast du mich wirklich erwartet?« fragte Momo erstaunt. »Dies«.« Er zog eine flache. Er trug eine lange goldbestickte Jacke. weiße Strümpfe und Schuhe mit großen Goldschnallen darauf. schaute er nachdenklich an sich hinunter. »braucht man dazu eben so eine Uhr.aber ich habe mich. erklärte Meister Hora.fort. und blickte sich suchend um. kleine Momo. wo die Linien sich überschnitten. aber jemand. »Nun. ein wenig verspätet-in der Mode. stellte er lächelnd fest und hielt ihr die Uhr hin. auf der zwei winzige Figuren. meinte Momo. Momo ging umher und betrachtete mit großen Augen all die Seltsamkeiten . Wie unaufmerksam von mir ! Ich werde das sofort korrigieren. Ich bin Meister Hora — Secundus Minutius Hora. Und während er das tat. Gestatte.« . »Du bist sogar ungewöhnlich pünktlich gekommen«. daß auf dem Zifferblatt weder Zeiger noch Zahlen waren. Momo sah. blauseidene Kniehosen. die vor ihm auf dem Boden saß. Als er schließlich vor ihr stand. »wo es sich ergibt. ob sie sich dadurch bewegen würden. »ist eine Sternstunden-Uhr. »herzlich willkommen im Nirgend-Haus. Momo hatte eine solche Tracht noch nie gesehen. Aber wenn es jemand gibt. und sein silberweißes Haar war am Hinterkopf zu einem kleinen Zopf geflochten.« Er klappte die Uhr wieder zu und steckte sie in die Westentasche. um zu sehen. Sie zeigt zuverlässig die seltenen Sternstunden an und jetzt eben hat eine solche angefangen. dann geschehen große Dinge auf der Welt. Als er Momos erstaunten Blick sah. feine Spiralen. runzelte die Stirn und sagte: »Oh.« »Was ist denn eine Sternstunde?« fragte Momo. der sich niederbückte und die Schildkröte anblickte. der weniger unwissend gewesen wäre als sie. hätte sofort erkannt. um dich abzuholen. sagte Meister Hora. ihre beiden Hände ergriff und herzlich schüttelte. Sie stand. »Willkommen!« rief er vergnügt. es gibt manchmal im Lauf der Welt besondere Augenblicke«. daß es eine Mode war. die der alte Beppo hatte.« »Vielleicht«. Der alte Herr kam mit erfreutem Lächeln und ausgestreckten Händen auf sie zu. immer jünger und jünger wurde. Leider verstehen die Menschen sich im allgemeinen nicht darauf. der dadurch entstand. sondern es war ein gleichmäßiges. meine ich. so daß etwas geschehen kann. einander zum Tanz die Hand reichten. was weder vorher noch nachher je möglich wäre. Aber es war kein unangenehmer Lärm. sondern nur zwei feine. Man muß sie auch lesen können. diamantenbesetzte Taschenuhr aus der Weste und ließ deren Deckel aufspringen. sie zu nützen. ein Frauchen und ein Männchen. leuchteten manchmal winzige Pünktchen auf. »sie ist schon da? Wo ist sie denn?«Er zog eine kleine Brille hervor. in ganz einmaliger Weise zusammenwirken. Kassiopeia! Hast du mir denn die kleine Momo nicht mitgebracht?« Das Kind drehte sich um und sah in einer Gasse zwischen den Standuhren einen zierlichen alten Herrn mit silberweißem Haar. summendes Rauschen wie in einem Sommerwald. da bist du ja wieder. »Aber gewiß doch ! Ich habe dir doch eigens meine Schildkröte Kassiopeia geschickt. ähnlich der. Eben wollte sie ihnen mit dem Finger einen kleinen Stups geben. die man vor zweihundert Jahren getragen hatte. gerade vor einer reichverzierten Spieluhr. bis zu den fernsten Sternen hinauf. und so gehen die Sternstunden oft unbemerkt vorüber.

desto besser schmeckte es ihr. Auch Semmeln. beim Orion. Das Frühstück ist bereit. Er verstand. wer und was er wohl sein mochte. Kind«. strich er die Brötchen und legte sie ihr auf den Teller. »So ist es richtig. weshalb er beim Zusehen nach und nach wieder älter aussah. Er selbst aß nur wenig. denn es war die Mode. hatte ihr überhaupt noch nie etwas geschmeckt. Auf dem Tischchen stand eine dickbauchige goldene Kanne. dazu Teller. vor dem Kind. »Sie suchen dich überall und du bist nur hier bei mir vor ihnen sicher. fuhr er gleich fort: »Aber natürlich nicht! Wo habe ich nur meine Gedanken!« Und er schnippte abermals. sie zunächst nicht durch Gespräche zu stören. »Nun. . ohne an irgend etwas anderes zu denken. den sein Gast stillen mußte. greif tüchtig zu!« Das ließ sich Momo nicht zweimal sagen. Daß er niemand Gewöhnlicher war. Als er merkte. und nun trug er plötzlich eine Kleidung. und ich hoffe. Du hast einen langen Weg hinter dir. blickte sie über den Rand ihrer goldenen Tasse hinweg prüfend ihren Gastgeberin und begann zu überlegen. »Warum«.« Er nahm sie bei der Hand und führte sie mitten in den Uhr-Wald hinein. der schlechthin wie flüssiges Gold aussah. hatte sie natürlich gemerkt. Es war ihr. nicht wahr?« sagte er und zwinkerte Momo zu. »Ich hoffe nur. antwortete Meister Hora ernst.« »Warum?« fragte Momo.Er schnippte mit den Fingern und stand im Nu in einem Bratenrock mit hohem Stehkragen vor ihr. zwei kleine Tassen. Meister Hora schenkte aus der dickbauchigen Kanne in beide Tassen Schokolade und sagte mit einladender Gebärde: »Bitte. gehörten zu den größten Seltenheiten in ihrem Leben. sie fühlte sich frisch und munter. Meister Hora schaute ihr dabei freundlich zu und war taktvoll genug. bis er wieder ein Mann mit weißen Haaren war. »Ist es so besser?« fragte er zweifelnd. der durch die Rückwände einiger riesiger Uhrenkästen gebildet wurde. In einer Ecke stand ein Tischchen mit geschwungenen Beinen und ein zierliches Sofa. Auch hier war alles von dem goldenen Licht der reglosen Kerzenflammen erleuchtet. Daß es Schokolade gab. So war sie zunächst einmal ganz und gar von diesem Frühstück in Anspruch genommen und schmauste mit vollen Backen. seufzte Meister Hora. ich habe dich nicht erschreckt. wie diese hier. fragte sie und setzte die Tasse ab. knusprige Semmeln. Löffelchen und Messer. alles aus blankem Gold. »Ja. Während sie ihre Schokolade austrank. nebst dazu passenden Polsterstühlen. aber bis jetzt wußte sie eigentlich noch nicht mehr von ihm als seinen Namen. ich versuch's nochmal. Und so köstlich. die man trinken konnte. liebes Mädchen. daß Momo mit dem Messer nicht gut zu Rande kam. »Auch nicht?« erkundigte er sich bei Momo. In einem Körbchen lagen goldbraune. daß es der Hunger vieler Jahre war. Die Schildkröte folgte ihnen und blieb etwas zurück. und nun endlich stand er in einem gewöhnlichen Straßenanzug. wie man ihn heutzutage trägt. das muß doch herauszukriegen sein! Warte. »hast du mich denn von der Schildkröte holen lassen?« »Um dich vor den grauen Herren zu schützen«. als könne sie tagelang so weiteressen. sozusagen nur zur Gesellschaft. Momo. Und vielleicht war das der Grund. wie weder Momo noch sonst irgend jemand sie je gesehen hat . Es war nur ein kleiner Spaß von mir. die erst in hundert Jahren getragen werden wird. Je länger sie aß.« Er schnippte zum dritten Mal mit den Fingern. mit Butter und Honig bestrichen. Aber nun darf ich dich vielleicht erst einmal zu Tisch bit-ten. Merkwürdigerweise wich durch dieses Essen auch alle Müdigkeit von ihr. mein kleiner Gast. Der Pfad verlief wie in einem Irrgarten kreuz und quer und mündete schließlich in einem kleinen Raum. »das kann man wohl sagen. hatte sie bisher noch nicht einmal gewußt. es wird dir schmecken. Aber als er Momos nun erst recht verwundertes Gesicht sah. obgleich sie doch die ganze Nacht keinen Augenblick geschlafen hatte.« »Wollen sie mir denn was tun?« erkundigte sich Momo erschrocken. in einem Schüsselchen befand sich goldgelbe Butter und in einem anderen Honig. Aber schließlich war Momo doch satt.

»das ist aber praktisch! Und wenn sie vorher weiß. meinte Momo. auf den Schoß und kraulte sie am Hals.« Er nahm seine kleine goldene Brille ab und reichte sie Momo. »Keine Sorge. antwortete Meister Hora. »muß ich dir mein Kompliment machen. »Hätten sie euch kriegen können?« Auf dem Rückenpanzer erschienen die Buchstaben »NIE!«. Dagegen könnte sie nichts machen. kleine Momo. da und da würde sie den grauen Herren begegnen. Sie weiß mit Sicherheit vorher. »ganz so einfach ist die Sache leider nicht. kann sie nichts ändern. aber immerhin so etwa eine halbe Stunde. »Kassiopeia«. um sie dir zu Todfeinden zu machen?« »Aber wir sind doch mitten durch die Stadt gegangen. sagte Meister Hora und wurde dabei wieder zusehends jünger. ich meine . erklärte Meister Hora. »Was meinst du. Die Erklärung Meister Horas beruhigte sie zwar. sich zu verraten.« »Ach«. »Ja. Kassiopeia?« fragte er lächelnd. daß man förmlich glaubte.« Meister Hora nickte bedauernd. Wenn sie also wüßte. leider. fuhr Meister Hora fort. was wirklich geschehen wird. sagte Momo. »Verzeihung«.« »Kennst du sie gut?«"forschte Momo. »Warst du schon oft bei ihnen?« »Nein. dann hätten sie mich doch ganz leicht kriegen können. Hier herein können sie nicht kommen. Aber sie wissen ihn nicht.« »Das versteh' ich nicht«. was sie von dieser merkwürdigen Antwort halten sollte. Glaubst du. »Wenn sie mich überall suchen.« »Manchmal doch«. »Um aber wieder auf dich und deine Freunde zu kommen«. daß sie den und den Weg gehen und dabei den grauen Herren nicht begegnen würde. Ihr wolltet sogar allen Leuten die Wahrheit über die grauen Herren mitteilen. Selbst wenn sie den Weg bis zur Niemals-Gasse wüßten. »Woher weißt du das eigentlich alles«. erwiderte Meister Hora.« »Ich hab' ihnen nichts getan«. meinte Momo. begann sie wieder. Deshalb weiß sie natürlich auch. »Alle«. »ich habe doch meine Allsicht-Brille. Ich verlasse das Nirgend-Haus niemals. was sie vorher weiß. antwortete Meister Hora. »genau eine halbe Stunde.« Momo wußte nicht recht. noch nie. Und wir sind auch ganz langsam gegangen. sagte Momo verwundert. was es für sie gibt. erklärte Meister Hora. was jeweils in der nächsten halben Stunde sein wird. Du hast einen von ihnen dazu gebracht. die Schildkröteun u. »und Wort für Wort!« »Leider«. An dem. verbesserte sich Meister Hora.« »Aber du gehst doch nie aus dem Haus?« »Das ist auch nicht notwendig«. ob sie beispielsweise den grauen Herren begegnen wird oder nicht. und sie kennen mich. dann geht sie einfach einen anderen Weg?« »Nein«. und sie flimmerten so lustig.« Meister Hora nahm die Schildkröte. Nicht viel. die inzwischen wieder zu seinen Füßen saß. »Doch. aber sie wollte gern etwas mehr über ihn erfahren. daß das nicht ausreicht. »hat sie sonst niemand gelesen. »dann nützt es doch gar nichts. »kann nämlich ein wenig in die Zukunft sehen. denn sie weiß ja nur das. erklärte Meister Hora. etwas vorher zu wissen.« »GENAU!« erschien auf dem Rückenpanzer. Und du hast es deinen Freunden erzählt. Eure Plakate und Inschriften haben mich außerordentlich beeindruckt. dann würde sie ihnen eben auch begegnen.»Sie fürchten dich«. findest du nicht?« Momo schwieg. da und da begegnet sie den grauen Herren. Ihre Gedanken verwickelten sich wie ein aufgegangenes Fadenknäuel. Wieder nickte Meister Hora und seufzte: »Ich kenne sie. ich«. »Willst du einmal durchgucken?« . »denn du hast ihnen das Schlimmste angetan. Dafür haben die grauen Herren gesorgt.« »Hast du sie denn gelesen?« fragte Momo erfreut.besuchen sie dich manchmal?« Meister Hora lächelte. scheint's. ein Gekicher zu hören. meinte Momo etwas enttäuscht. »So habe ich eben auch dich und deine Freunde beobachtet. »das mit unseren Plakaten und den grauen Herren?« »Ich beobachte sie ständig und alles was mit ihnen zusammenhängt«.« »Aber die grauen Herren.« Momo dachte eine Weile nach. Das ist doch schon etwas wert. »in deinem Fall zum Beispiel wußte sie.

erklärte Meister Hora. Der zweite ist nicht da. »Ja«.« Er stand auf. Denn willst du ihn anschaun.« »Und wo kommen sie her?« »Sie entstehen. Nur der dritte ist da. aus dem sie gekommen sind.« »Dann sind die grauen Herren also gar keine Menschen?« »Nein. Es ist nicht ganz einfach.« »Ich bin gespannt«. während sie weitergingen.« Denn sie sah nur einen Wirbel von lauter verschwommenen Farben. antwortete Meister Hora. Sofort wurde das Bild klar. so siehst du nur wieder . »laß' mir meine Zeit von niemand wegnehmen!« »Ich will es hoffen«. Denn jeder Mensch hat seine Zeit. führte ihr Weltzeituhren und Planetarien vor und wurde angesichts der Freude. blinzelte. Dort zeigte er ihr diese und jene Uhr. sie haben nur Menschengestalt angenommen. gleicht jeder den anderen beiden. »Du weißt ja. Aber diese Zeit stirbt buchstäblich. ließ Spielwerke laufen. »dann werde ich es mir merken und später meinen Freunden aufgeben. bleibt sie lebendig. Momo. Und nun geben die Menschen ihnen auch noch die Möglichkeit. ich will dir meine Sammlung zeigen.« »Aber was sind sie dann?« »In Wirklichkeit sind sie nichts. hörte sie Meister Horas Stimme. Er nahm Momo bei der Hand und führte sie in den großen Saal hinaus. die sehen wahrhaftig verschieden aus. »Weißt du eines?« »Ja«. erwiderte Meister Hora. Lichtern und Schatten. Und nur so lang sie wirklich die seine ist. weil die Menschen ihnen die Möglichkeit geben. »sie können nicht begreifen. schielte und sagte: »Ich kann überhaupt nichts erkennen. Und doch gibt's den dritten. meinte Momo. die sein kleiner Gast an all den wunderlichen Dingen hatte. nur weil sich der erst' in den zweiten verwandelt. sie zu beherrschen. ihre Wagen zurückzuschieben. »Löst du eigentlich gern Rätsel?« fragte er beiläufig.Momo setzte sie auf. er ging schon hinaus. zu entstehen. er kommt erst nach Haus. Die Wenigsten können es lösen. allmählich wieder jünger. »Aber leider«. »haben sie schon viele Helfershelfer unter den Menschen. Momo sah zuerst die Gruppe der grauen Herren mit den drei Autos am Rand jenes Stadtteils mit dem seltsamen Licht. denn ohne ihn gäb's nicht die anderen zwei. mit der Allsicht-Brille zu sehen. »O ja.« »Ich«. »Komm. sagte Momo entschlossen. Es wurde ihr geradezu schwindelig davon. trat hinter Momos Stuhl und legte beide Hände sacht an die Bügel der Brille auf Momos Nase. Sie waren gerade dabei. Und auch das genügt. während sie weiterguckte. »ob du es herauskriegen wirst. die aufgeregt gestikulierend miteinander redeten und sich eine Botschaft zuzurufen schienen. Aber du wirst dich gleich dran gewöhnen.« »Das ist gut«. sehr gern!« antwortete Momo. fuhr er nach einer Weile fort. wenn sie von ihrem wahren Eigentümer losgerissen wird. damit es geschehen kann. antwortete Meister Hora. um den es sich handelt. Das ist das Schlimme. »Sie reden von dir«. Hör' gut zu: Drei Brüder wohnen in einem Haus. »Weil sie von etwas Totem ihr Dasein fristen«. »aber es ist sehr schwer. »das geht einem am Anfang so.« Jetzt sah er plötzlich wieder wie ein alter Mann aus. sagte Meister Hora und blickte Momo lächelnd an.« »Und wenn sie keine Zeit mehr stehlen könnten?« »Dann müßten sie ins Nichts zurück. daß du ihnen entkommen bist. damit es geschieht.« »Warum sehen sie eigentlich so grau im Gesicht aus?« wollte Momo wissen. Das genügt schon. der Kleinste der drei. Der erste ist nicht da. Dann blickte sie weiter hinaus und sah andere Gruppen in den Straßen der Stadt. daß sie von der Lebenszeit der Menschen existieren.« Meister Hora nahm Momo die Brille ab und steckte sie ein. doch willst du sie unterscheiden.

Sie begann also noch einmal von vorn und murmelte die Worte des Rätsels langsam vor sich hin. Also war es vielleicht so etwas wie Blüte. Aber hier waren es drei Brüder. In Rätseln waren Brüder immer Apfelkerne oder Zähne oder so was. aber ohne ihn gäb's nicht die anderen zwei. »das ist aber wirklich schwer.das ist die Zukunft!« Meister Hora nickte. Und ohne es gab's nicht die anderen zwei. Momo murmelte noch einmal das ganze Rätsel vor sich hin.« Meister Hora schaute Momo an und nickte aufmunternd. sie würde die Lösung finden. Aber es ging doch nicht. daß Momo das Rätsel lösen würde.« Sie überlegte und rief plötzlich: »Das ist jetzt ! Dieser Augenblick ! Die Vergangenheit sind ja die . wenn man den kleinsten der drei anschauen will. Als sie zu der Stelle kam: »Der erste ist nicht da. . waren die beiden anderen nicht da.« Momo zog ihre Stirn kraus und begann wieder angestrengt nachzudenken. wo ich anfangen soll. der da ist. Was wußte sie also noch? Sie wußte immer alles. was Kassiopeia wußte? Sie wußte. gab sie zu. Kassiopeia !« sagte Meister Hora schmunzelnd. das waren drei Brüder. war klar. denn sie waren ja alle drei da. daß die Schildkröte ihr zuzwinkerte. »Aber jetzt«. »Nun. Und zwei davon sollten ja nicht da sein. Sie konnte und konnte einfach keine Spur finden. er kommt erst nach Haus . Da sie ein ausgezeichnetes Gedächtnis hatte. ohne daß er hingeguckt hatte. wiederholte sie nun das Rätsel langsam und Wort für Wort. Sie regieren gemeinsam ein großes Reich und sind es auch selbst! Darin sind sie gleich. Wird Momo das Rätsel lösen?« »SIE WIRD!« erschien auf Kassiopeias Rückenpanzer. Aber es ging doch nicht ! Denn ein Samenkorn konnte man doch sehr gut anschauen. Frucht und Samenkorn. Sie wußte . was gemeint sein könnte. er kommt erst nach Haus . Was gab es denn. Aber Kassiopeia hatte ja gesagt. Kassiopeia irrt sich nie. sagte Meister Hora. jedenfalls Sachen von der gleichen Art. »jetzt wird es schwierig. »Ich kann's nicht«. »Die Zukunft!« rief Momo laut. . . die sich irgendwie ineinander verwandelten. »nicht einsagen! Momo kann es ganz allein. sagte Meister Hora. mein Kind. heißt es. »du weißt doch alles eine halbe Stunde voraus. Und es hieß doch. fuhr Momo fort.«. Dann schüttelte sie den Kopf. so wirst du drei mächtige Herrscher erkennen. die zusammen in einem Haus wohnten? Daß es sich dabei nicht um Menschen handelte. Da standen zum Beispiel die Kerzen mit den reglosen Flammen.»Still. WAS ICH WEISS!« und erloschen gleich wieder. Da verwandelte sich das Wachs durch die Flamme in Licht. Ich hab' keine Ahnung. »Siehst du !« meinte Meister Hora. was es sein könnte.immer einen der anderen Brüder! Nun sage mir: Sind die drei vielleicht einer? Oder sind es nur zwei? Oder ist es gar . daß man immer einen der anderen Brüder sieht. tatsächlich. »Der erste ist nicht da. Sie saß neben Meister Hora und guckte Momo aufmerksam an. ihre Namen mir nennen. »Und der zweite«. »ist nicht da. »du wirst es lösen. was geschehen würde. die sie weitergeführt hätte. Inzwischen war die Schildkröte nachgekommen. Auf ihrem Rücken erschienen die Worte: »DAS. Was für drei Brüder gab es überhaupt. meinte Momo nachdenklich.« Momo hatte die Worte auf dem Panzer der Schildkröte natürlich gesehen und begann nun nachzudenken. . er ging schon hinaus -das ist dann die Vergangenheit!« Wieder nickte Meister Hora und lächelte erfreut.Was ist denn der dritte? Er ist der kleinste der drei. Ich weiß überhaupt nicht. Das Samenkorn war das kleinste von den dreien.keiner? Und kannst du. . was sich ineinander verwandelt? Momo schaute sich um. Aber das ergab keinen Sinn. zu Momo gewandt. Ja. sah sie. »Hui!« seufzte sie dann. Was war es denn. Momos Gedanken irrten umher.« »Versuch's nur«. Kassiopeia«. da stimmte schon vieles. Sie hatte gespannt zugehört. Und er ist der einzige. Und wenn es da war. Ja.

Es gibt sie doch.gewesenen Augenblicke und die Zukunft sind die. erklärte Momo. Ihr Blick wanderte über die tausend und abertausend Uhren. Und . »Nein. die man bloß nicht hört. Das ist ja richtig!« Momos Backen begannen vor Eifer zu glühen. ist er ja schon wieder Vergangenheit! Ach. nur weil sich der erst' in den zweiten verwandelt. das die drei gemeinsam regieren und das sie zugleich selber sind?« Momo schaute ihn ratlos an. fragte sie schließlich.« »Aber es muß noch was anderes dabei sein«. Vielleicht ist sie so was wie der Wind? Oder nein ! Jetzt weiß ich's ! Vielleicht ist sie eine Art Musik. Was ist sie denn wirklich?« »Es wäre schön«. »die Musik ist nämlich von weither gekommen. sagte Meister Hora. seltene Dinge. warum Meister Hora sich so darüber freute. »ja. »Und nun sag mir auch noch. »die Zeit selbst . das immerzu vorbeigeht. oder nur Vergangenheit und Zukunft. so siehst du nur wieder immer einen der anderen Brüder !< Und jetzt versteh' ich auch das übrige. weil es ja jeden bloß gibt. Oder eben gar keinen. »Meinen Respekt. »Die Zeit!« rief sie und klatschte in die Hände. nickte Meister Hora. »Was ist denn das große Reich. das ist die Zeit! Die Zeit ist es!« Und sie hüpfte vor Vergnügen ein paar Mal. aber Momo war noch immer in Gedanken bei dem Rätsel. »das hast du sehr schön gesagt. daß sie das Rätsel gelöst hatte. ich hab' sie schon manchmal gehört. in dem die drei Brüder wohnen!« forderte Meister Hora sie auf. weil sich die Zukunft in Vergangenheit verwandelt!« Sie schaute Meister Hora überrascht an. was jetzt kommt? Und doch gibt's den Dritten.sie muß doch irgend etwas sein. das ist wahrscheinlich alles Unsinn. Also muß sie auch irgendwo herkommen. alles zusammen? Sie schaute in dem riesigen Saal umher. Aber dann gibt's ja den Augenblick eigentlich gar nicht. wenn es die anderen auch gibt ! Da dreht sich einem ja alles im Kopf!« »Aber das Rätsel ist noch nicht zu Ende«. sagte Meister Hora. ich glaub'. Aber anfassen kann man sie nicht. . Sie gingen weiter durch den Uhrensaal und Meister Hora zeigte ihr noch andere. ich meine«. »deswegen konnte ich dich ja zu mir rufen. Gegenwart und Zukunft. »was ist denn die Zeit eigentlich?« »Das hast du doch gerade selbst herausgefunden«. jetzt versteh' ich.« Momo überlegte lange. die dem Gedanken noch weiter nachhing. um den es sich handelt. »Sie ist da«. aber geklungen hat sie ganz tief in mir drin. daß es die Gegenwart nur gibt. was ich rede!« »Ich finde«. »wenn du auch das selbst beantworten könntest. »das ist jedenfalls sicher. und plötzlich blitzte es in ihren Augen. antwortete Momo. »Das stimmt ja ! Daran hab' ich noch nie gedacht. weil sie immer da ist. was das heißt: »Denn willst du ihn anschaun.« Sie schwieg verwirrt und fügte dann hilflos hinzu: »Ich meine. ganz leise. Momo ! Du verstehst dich aufs Rätsellösen ! Das hat mir wirklich Freude gemacht!« »Mir auch !« antwortete Momo und wunderte sich im stillen ein wenig. die kommen ! Also gäb's beide nicht. Das heißt also. Vielleicht ist sie so was wie ein Duft? Aber sie ist auch etwas. murmelte sie gedankenverloren. weil man meinen kann. daß es überhaupt nur einen von den drei Brüdern gibt: nämlich die Gegenwart. Ach. antwortete Meister Hora. Und festhalten auch nicht.»Sag mal«. »Das ist die Welt«. Vielleicht ist es mit der Zeit auch so. meinte Momo. sondern bloß Vergangenheit und Zukunft? Denn jetzt zum Beispiel. Obwohl. »Bravo!« rief nun Meister Hora und klatschte ebenfalls in die Hände. Sie fuhr fort: »Aber was bedeutet das. sagte Meister Hora. wenn es die Gegenwart nicht gäbe. dieser Augenblick — wenn ich darüber rede. so wie die Wellen auf dem Wasser durch den Wind entstehen. Was konnte das wohl sein? Was war denn Vergangenheit.« »Ich weiß«. was das Haus ist. .

ist so verloren. dann könnte niemand ihnen mehr die Lebenszeit stehlen.« »Könntest du es dann nicht ganz einfach so einrichten«. aber dann schien es ihr mehr und mehr.« Momo blickte sich im Saal um. das jeder Mensch in seiner Brust hat. Sie sind nur höchst unvollkommene Nachbildungen von etwas.« »Ich hab' keine Angst«. »Aber das kannst du wohl noch nicht verstehen?« »Doch«. »Meinst du ?« fragte Meister Hora. und Ohren. Aber dann gehörst du dazu. »daß die Zeit-Diebe den Menschen keine Zeit mehr stehlen können?« »Nein. kühler Schnee. »Dann«. die ich ihnen zuteile. »diese Uhren sind nur eine Liebhaberei von mir. dann fragte er: »Möchtest du sehen. aber nicht wie ein alter Mann. Meine Pflicht ist es. was der Tod ist. durch das du einst hereinkamst. sagte sie leise. wo die Musik herkommt. »Aber an jenem Ort muß man schweigen. wie die Farben des Regenbogens für einen Blinden oder das Lied eines Vogels für einen Tauben. um das Licht zu sehen. flüsterte sie. Aber sie fühlte sich ganz geborgen und hatte keine Angst. dann fragte sie: »Hast du dazu die vielen Uhren? Für jeden Menschen eine.deshalb will ich dir nun ein Geheimnis anvertrauen: Hier aus dem Nirgend-Haus in der Niemals-Gasse kommt die Zeit aller Menschen. die durch die Zeit zurückgeht. sagte Momo. fragte Momo. jedem Menschen die Zeit zuzuteilen. . als ob Meister Hora mit ihr durch einen langen dunklen Gang schritte. die ihm bestimmt ist.«Er blickte Momo prüfend an. Sie müssen sie auch selbst verteidigen. dann hätten sie keine Angst mehr vor ihm. Ich kann sie ihnen nur zuteilen. »machst du sie selbst?« Meister Hora lächelte wieder. mein Kind. Dann deckte er ihr mit der Hand die Augen zu und es fühlte sich an wie leichter. wo die Zeit herkommt?« »Ja«. »Nein. »hört auch die Zeit für dich auf. sagte Momo leise. die du manchmal schon ganz leise gehört hast. Man könnte auch sagen. Du wanderst durch dein Leben zurück. Dort gehst du wieder hinaus. mein Kind. das Pochen ihres eigenen Herzens zu hören. Momo«. Aber ich fürchte. sie wollen es gar nicht hören. ehe er antwortete: »Wenn die Menschen wüßten. die nicht mit dem Herzen wahrgenommen wird. um Klänge zu hören.« »Dann braucht man es ihnen doch bloß zu sagen«. Er blickte Momo lange an. erwiderte Meister Hora. Das ist auch ein Rätsel.« »Und was ist auf der anderen Seite?« »Dann bist du dort. Momo war es. Und alle Zeit. »Ich sage es ihnen mit jeder Stunde. ja?« »Nein. erwiderte Meister Hora. Man darf nichts fragen und nichts sagen. Sie wollen lieber denen glauben. »Oh«. die ihnen Angst machen. Meister Hora nickte langsam. Anfangs meinte sie. sondern wie ein uralter Baum oder wie ein Felsenberg. der auf ihr Gesicht fiel. Monate und Jahre. obwohl sie schlagen. in der sie alles rückwärts erlebt hatte und sie fragte: »Bist du der Tod?« Meister Hora lächelte und schwieg eine Weile.« »Und wenn mein Herz einmal aufhört. Aber es gibt leider blinde und taube Herzen.« Sie erinnerte sich an ihren Weg durch die Niemals-Gasse. du bist selbst ein Ton darin. Versprichst du mir das?« Momo nickte stumm. zu schlagen?« fragte Momo. »denn was die Menschen mit ihrer Zeit machen. Denn so wie ihr Augen habt. durch alle deine Tage und Nächte. Und wenn sie keine Angst mehr vor ihm hätten. antwortete Meister Hora.« Momo blickte ihn ehrfürchtig an. »Ich werde dich hinführen«. als sei es in Wirklichkeit der Widerhall von Meister Horas Schritten. Er schien ihr auf einmal sehr groß und unaussprechlich alt. ich bin nur der Verwalter. du selbst bist es. hob sie hoch und nahm sie fest in seine Arme. die nichts wahrnehmen. so habt ihr ein Herz. »ich glaube schon. das kann ich nicht«. schlug Momo vor. um damit die Zeit wahrzunehmen. bis du zu dem großen runden Silbertor kommst. sagte Meister Hora. darüber müssen sie selbst bestimmen. Da beugte Meister Hora sich zu ihr herunter.

Dann richtete er sich auf und trat zurück. in den unergründlichen Tiefen des schwarzen Teiches. daß auch diese Vollkommenheit anfing. Und dort. schaute sie zu. aber schließlich setzte er Momo ab. langsam wieder zurück. ohne zu wissen. und je länger Momo sie betrachtete. Auch auf der Gegenseite war das Pendel nun einen Schritt weiter gewandert. sah Momo. Das Kind ging um den Teich herum. Es war eine Blüte von solcher Herrlichkeit. daß es diese Farben überhaupt gab. Diese Blüte war nun die allerschönste. hatte die herrliche Blüte sich vollkommen aufgelöst. Hoch oben in der Mitte war eine kreisrunde Öffnung. durch die eine Säule von Licht senkrecht herniederfiel auf einen ebenso kreisrunden Teich. hinzuwelken und in den dunklen Tiefen zu versinken. wie Blüte um Blüte entstand und wieder verging. Der Duft allein schien ihr wie etwas.und zurückschwang. bis sie schließlich voll erblüht auf dem Wasserspiegel lag. die gerade blühte. welches über dem schwarzen Spiegel hin. die da aufzubrechen begann. Momo empfand es so schmerzlich. Und als das Pendel sich dieser nun langsam näherte. daß es eine noch viel herrlichere Blüte war. tauchte dort aus dem dunklen Wasser eine große Blütenknospe auf. als könne sie dieses Schauspiels niemals müde werden. Dies war die Blüte aller Blüten. daß die herrliche Blüte anfing zu verwelken. Es bewegte sich mit majestätischer Langsamkeit dahin. und Momo erkannte ein ungeheures Pendel. und die Herrlichkeit verging und löste sich auf und versank. das sie Meister Hora gegeben hatte. was es war. Als das Pendel über der Mitte des schwarzen Teiches angekommen war. Aber sie erinnerte sich an das Versprechen. Und während es sich ganz allmählich entfernte. aber es schien ihr. als sei diese hier noch viel reicher und kostbarer. Und es war ihr. . Sein Gesicht war nahe vor dem ihren. Immer rund um den Teich wandernd. desto weiter öffnete sie sich. und eine neue Blume stieg aus den dunklen Wassern auf. Als das Sternenpendel sich nun langsam immer mehr dem Rande des Teiches näherte. gewahrte Momo zu ihrer Bestürzung. wonach sie sich immer gesehnt hatte. Aber wieder kehrte das Sternenpendel um. daß sie unter einer gewaltigen. sondern es war um ein kleines Stück weitergewandert. Ein Blatt nach dem anderen löste sich und versank in der dunklen Tiefe. einen Schritt neben der ersten Stelle. Nach und nach erkannte Momo. Goldene Dämmerung umgab sie. Aber es war nirgends aufgehängt. Es schwebte und schien ohne Schwere zu sein. um sie aus der Nähe zu betrachten. wie es Momo schien. als ob etwas Unwiederbringliches für immer von ihr fortginge. Allmählich begriff Momo. Gleichzeitig aber begann auf der gegenüberliegenden Seite eine Knospe aus dem dunklen Wasser aufzusteigen. vollkommen runden Kuppel stand. Das Sternenpendel hielt eine Weile über der Blüte an. Momo hatte nie geahnt. und daß ihr jeweils diejenige. und Momo versank ganz und gar in den Anblick und vergaß alles um sich her. um so mehr wundervolle Einzelheiten entdeckte sie. viel herrlicher.Doch dann schwang das Pendel langsam. Sie schien aus nichts als leuchtenden Farben zu bestehen. Dicht über dem Wasser funkelte etwas in der Lichtsäule wie ein heller Stern. wie Momo noch nie zuvor eine gesehen hatte. Langsam. als sie sehen mußte. ein einziges Wunder! Momo hätte am liebsten laut geweint. dessen schwarzes Wasser glatt und reglos lag wie ein dunkler Spiegel. begann abermals eine Knospe aufzusteigen und sich allmählich zu entfalten.Es war ein langer Weg. aber es erreichte nun nicht mehr dieselbe Stelle wie vorher. Blatt für Blatt. er blickte sie groß an und hatte den Finger an die Lippen gelegt. Auch ihre Farben hatte Momo noch nie zuvor gesehen. und schwieg still. Sie duftete ganz anders. langsam wanderte das Pendel zurück auf die Gegenseite. die allerschönste zu sein schien. daß jede neue Blume immer ganz anders war als alle vorherigen. Und diese riesige Kuppel war aus reinstem Gold. Je näher das Pendel kam. Sie war ganz und gar anders als die vorhergehende Blüte. die ihr so groß schien wie das ganze Himmelsgewölbe.

Aber nach und nach wurde sie gewahr. »das kann jetzt noch nicht sein. Aber es waren keine menschlichen Stimmen. jede in einmaliger und unwiederholbarer Gestalt aus den Tiefen des dunklen Wassers hervorrief und bildete. sich wandelten und immerfort andere Harmonien bildeten. »das war nicht die Zeit aller Menschen.« sie suchte nach dem richtigen Wort und konnte es nicht finden — »so groß ist«. bis es dem eines Wasserfalls glich oder dem Donnern der Meereswogen gegen eine Felsenküste. was sie tun und wie sie alle zusammenwirken. antwortete er. gleichsam dahinter. Immer deutlicher wurden sie. Und plötzlich erkannte Momo sie wieder: Es war die Musik. daß hier immerwährend noch etwas anderes vorging. wenn sie unter dem funkelnden Sternenhimmel der Stille lauschte. antwortete Meister Hora. Und Momo vernahm immer deutlicher. Stimmen aus undenkbaren Fernen und von unbeschreibbarer Mächtigkeit. das größer war als Angst. die sie manchmal leise und wie von fern gehörte hatte. In jedem Menschen gibt es diesen Ort. Worte einer Sprache.« »Wie lang darf ich denn bei dir bleiben?« . . die ihre eigenen. bettete er sie auf das zierliche Sofa. flüsterte Momo wieder. wer sich von mir tragen läßt. Die Lichtsäule. Wieder legten sich seine Hände schneeleise auf ihre Augen. Stimmen ganz anderer Art auf. sagte sie schließlich. so daß Momo nun nach und nach Worte hörte. und sie verbarg ihr Gesicht an seiner Brust. die sie noch nie vernommen hatte und die sie doch verstand. sondern es klang. Und dann tauchten. In diesem Augenblick sah sie Meister Hora. den man fern in den Wipfeln der Bäume hört. ihre wirklichen Namen offenbarten. daß alle diese Worte an sie gerichtet waren ! Die ganze Welt bis hinaus zu den fernsten Sternen war ihr zugewandt wie ein einziges. Aber dann wurde das Brausen mächtiger. die sich untereinander ständig neu ordneten. desto deutlicher konnte sie einzelne Stimmen unterscheiden. Aber dort hinkommen kann nur.Momo begann sie nun auch zu hören ! Anfangs war es wie ein Rauschen.« »Aber wo war ich denn?« »In deinem eigenen Herzen«. Es war Musik und war doch zugleich etwas ganz anderes. »Was du gesehen und gehört hast. Und in diesen Namen lag beschlossen. an dem du eben warst. als ob Gold und Silber und alle anderen Metalle sangen. »Meister Hora«. Momo«. Als sie wieder in dem kleinen Zimmer zwischen den Uhren waren. die aus der Mitte der Kuppel herniederstrahlte. Es waren Sonne und Mond und die Planeten und alle Sterne. um jede einzelne dieser Stunden-Blumen entstehen und wieder vergehen zu lassen. daß dieses Tosen aus unzähligen Klängen bestand. das sie anblickte und zu ihr reckte ! Und es überkam sie etwas. Momo ahnte. sagte Meister Hora und strich ihr sanft über ihr struppiges Haar. »darf ich meine Freunde auch zu dir bringen?« »Nein«. das sie bisher nicht bemerkt hatte. Und mit gewöhnlichen Augen kann man ihn nicht sehen. daß die Zeit aller Menschen so . »ich hab' nie gewußt. Aber nun wurden die Klänge immer klarer und strahlender. Sie stürzte auf ihn zu. etwas.Je länger sie zuhörte. »Meister Hora«. flüsterte Momo. der ihr schweigend mit der Hand winkte. war nicht nur zu sehen . . so wie von Wind. Es war nur deine eigene Zeit. und es wurde dunkel und still und sie fühlte sich geborgen. unausdenkbar großes Gesicht. daß dieses klingende Licht es war. das jede der Blüten in anderer. Er ging mit ihr den langen Gang zurück. Und auf einmal begriff Momo. er nahm sie auf den Arm.

Aber du wirst es nicht können.«»Warten macht mir nichts aus. »schlafe!« Und Momo holte tief und glücklich Atem und schlief ein. dann mußt du warten können. sagte Meister Hora und strich ihr über die Augen. ehe es aufgehen kann. mein Kind. dann würde alles wieder gut werden. das in der Erde schläft einen ganzen Sonnenkreis lang. Ich glaube. So lang dauert es. Momo. was die Sterne gesagt haben?« »Du darfst es. Willst du das?« »Ja«.« »Ich möchte ihnen aber davon erzählen. bis die Worte in dir gewachsen sein werden.« »Aber darf ich ihnen erzählen.« »Warten. allen! Ich möchte ihnen die Stimmen vorsingen können. »Dann schlafe«. wie ein Samenkorn.« »Warum nicht?« »Dazu müßten die Worte dafür in dir erst wachsen.« »Wenn du das wirklich willst. flüsterte Momo.»Bis es dich selbst zu deinen Freunden zurückzieht. Kind. .

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DRITTER TEIL: DIE STUNDEN-BLUMEN .

daß sie die Melodien mitsummen konnte. an den Stadtteil mit dem seltsamen Licht und den blendend weißen Häusern. formten sich Worte in ihr. Aber vor allem erinnerte sie sich an das Erlebnis unter der goldenen Kuppel. Und die Stimmen von Sonne.DREIZEHNTES KAPITEL Dort ein Tag und hier ein Jahr Momo erwachte und schlug die Augen auf. an die nächtliche Wanderung durch die große Stadt hinter der Schildkröte her. War sie denn nicht vor wenigen Augenblicken noch im Nirgend-Haus bei Meister Hora gewesen? Wie kam sie denn so plötzlich hierher? Es war dunkel und kühl. an die Niemals-Gasse. Es verwirrte sie. Sie mußte sich eine Weile besinnen. Ganz deutlich erinnerte sie sich an alles. Worte. was sie erlebt hatte. an jedes einzelne Wort ihrer Unterhaltung mit Meister Hora und an das Rätsel. Und während sie das tat. die diese Worte sprachen -doch mit dieser Erinnerung selbst war etwas Wunderbares geschehen ! Momo fand in ihr nun nicht mehr nur das. die wirklich den Duft der Blüten und deren niegesehene Farben ausdrückten ! Die Stimmen in Momos Erinnerung waren es. Momo fröstelte und zog sich ihre viel zu große Jacke enger um den Leib. daß sie sich auf den grasbewachsenen Steinstufen des alten Amphitheaters wiederfand. was sie gesehen und . Sie brauchte nur die Augen zu schließen. wo sie war. so deutlich sogar. um die nie zuvor geschaute Farbenpracht der Blüten wieder vor sich zu sehen. Mond und Sternen klangen ihr noch immer im Ohr. Über dem östlichen Horizont dämmerte eben das erste Morgengrauen auf. an den Saal mit den unzähligen Uhren. an die Schokolade und die Honigbrötchen.

»das ist lieb von dir. Sie lauschte wieder auf die Musik. Und es schien ihr. Damit schien für die Schildkröte die Unterhaltung zunächst beendet. Mit Gigi Fremdenführer hatten die grauen Herren es vergleichsweise leicht gehabt. sagte Momo. wo und wann man ihn treffen könne. Bald wurde er von einem Reiseunternehmen angestellt. »Schade«. Momo setzte sich auf die steinernen Stufen und freute sich auf Beppo.gehört hatte. Kassiopeia? Warum bist du nicht bei Meister Hora geblieben. Das also hatte Meister Hora gemeint. konnte sie deren Bedeutung verstehen. Er erzählte wie immer. ach. sang sie immer lauter und beherzter die Melodien und die Worte mit. Gigi hatte natürlich nichts dagegen einzuwenden. »Guten Morgen. fragte Momo. die nicht aufhörte. ich hab' den Namen vergessen. Es war ein schöner Name. aber lang und seltsam. »Vielen Dank«. stand da. sah sie unten auf dem runden Platz in der Mitte etwas krabbeln. Daraufhin kamen immer häufiger Leute zu dem alten Amphitheater. Gigi und die Kinder. Es hatte damit begonnen. Von geheimnisvollen und wunderbaren Dingen war da die Rede. daß sie für lange Zeit keine anderen Zuhörer mehr finden würde. um ihr unterbrochenes Frühstück fortzusetzen. »Warst du es«. »Ja !« rief sie und klatschte in die Hände. Die Schildkröte hob nur kurz den Kopf. die Worte müßten erst in ihr wachsen ! Oder war am Ende alles nur ein Traum gewesen ? War das alles gar nicht wirklich geschehen? Aber während Momo noch überlegte. um diese nachsprechen. Und bei jeder Blume erklangen neue Worte. »Entschuldige!« erwiderte Momo. Es war eine Schildkröte. in ihrem Inneren zu klingen. daß sie sehr lange fort gewesen war und daß die Welt sich inzwischen verändert hatte. »daran kann ich mich gar nicht erinnern. »die mich heute nacht zu Meister Hora geführt hat?« Wieder keine Antwort. als er gesagt hatte. . schwarzen Augen und fraß dann geruhsam weiter. als ob die Vögel und die Grillen und die Bäume und sogar die alten Steine diesmal ihr zuhörten. daß ich auf einmal wieder hier bin?« »DEIN WUNSCH!« erschien als Antwort. «das war der Name ! Dann bist du's ja doch? Du bist Meister Horas Schildkröte. wie es kommt. Und du. »Ich wollte dich ja nicht stören. ein längerer Artikel über Gigi in der Zeitung erschien. Ich hab' ihn noch nie vorher gehört. die da ganz gemächlich nach eßbaren Kräutern suchte! Rasch kletterte Momo zu ihr hinunter und hockte sich neben sie auf den Boden. geradewegs in die aufgehende Sonne hinein. sagte Momo. . Die Reisenden wurden in Autobussen . nicht war?« »WER DENN SONST?« »Aber warum hast du mir denn zuerst nicht geantwortet?« »ICH FRÜHSTÜCKE«. an dem Momo plötzlich spurlos verschwunden war. war auf dem Panzer zu lesen. murmelte sie. Sie konnte nicht wissen. »also bist du nur eine gewöhnliche Schildkröte und nicht die . sondern mit mir gekommen?« » MEIN WUNSCH!« stand auf dem Rückenpanzer. die man nicht versäumen dürfe. Wie aus einem unerschöpflichen Zauberbrunnen stiegen tausend Bilder von Stunden-Blumen auf. kurz nach dem Tag. »Der letzte wirkliche Geschichtenerzähler«. denn sie stapfte weiter. Außerdem wurde berichtet. murmelte Momo. »Sonderbar«. und er sei eine Attraktion. daß sie ganz vergeblich auf ihre Freunde wartete. Momo brauchte nur aufmerksam in sich hinein zu lauschen.« »KASSIOPEIA!« stand plötzlich in schwach leuchtenden Buchstaben auf dem Panzer der Schildkröte. war die Antwort. Schildkröte«. Momo seufzte enttäuscht. die jedesmal voller von Münzen und Geldscheinen war. das ihm zusätzlich noch eine feste Summe bezahlte für das Recht. Und obwohl sie ganz allein war und kein Mensch ihr zuhörte. ihn selbst als Sehenswürdigkeit zu präsentieren. Ich möchte nur gern wissen. daß etwas vor einem Jahr. aber indem Momo die Worte nachsprach. die Gigi sehen und hören wollten. was ihm gerade einfiel und ging anschließend mit seiner Mütze herum. Keine Antwort erschien auf dem Rückenpanzer. ja sogar mitsingen zu können. Sie konnte nicht wissen. musterte das Kind mit ihren uralten. Momo entzifferte es entzückt.« »BITTE«. sondern mehr und immer noch mehr.

konnte den Menschen die Wahrheit sagen ! Er wollte ihnen von den grauen Herren erzählen ! Und er wollte dazu sagen. Und als die Morgendämmerung kam. Er begann haushälterisch mit seinen Einfallen umzugehen. schrillte das Telefon. und er verdiente eine Menge Geld. Diesen Entschluß hatte er in einer jener Nächte gefaßt. horchte und erstarrte vor Entsetzen.herbeigeschafft und schon nach kurzer Zeit mußte Gigi einen regelrechten Stundenplan einhalten. fühlte er plötzlich. der Erfolg könne ihn wieder verlassen. sich auf sich selbst zu besinnen. daß er leer und ausgehöhlt war und nichts mehr erfinden konnte. daß er. die dafür bezahlt hatten. wo er mit Momo und dem alten Beppo und den Kindern hatte Zusammensein können und wo er wirklich noch zu erzählen verstanden hatte. Er nannte sich auch nicht mehr Gigi. Und als auch das nicht mehr genügte. dort wo alle reichen und berühmten Leute wohnten. Aber eines Tages raffte er dieses wenige zusammen und beschloß. in denen er sich nach seinen alten Freunden sehnte. selbst als ihm das doppelte Geld dafür geboten wurde. Er war doch nun jemand. Aber dorthin führte kein Weg zurück. Und als er die letzte erzählt hatte. saß er bereits an seinem großen Schreibtisch. Er hatte nun drei tüchtige Sekretärinnen. Wer. begann er alle seine Geschichten noch einmal zu erzählen. nur mit neuen Namen und ein bißchen verändert. Natürlich hatte er längst aufgehört. die aus dem Mark seiner Knochen zu kommen schien. denen er seine Geschichten diktierte. Denn nun war er doch reich und berühmt -. Inzwischen wohnte er auch nicht mehr in der Nähe des alten Amphitheaters. wenn er in seinem Bett mit der seidenen Steppdecke lag. Er hatte gar keine Zeit mehr dazu. dessen Stimme Gewicht hatte und auf den Millionen hörten. sehnte er sich zurück nach dem anderen Leben. die Reklame für ihn machten und seine Termine regelten. »Laß das sein!« sprach die Stimme. die Momo ganz allein gehörte. sie wiederzufinden. die gleiche Geschichte zweimal zu erzählen. denn seine Geschichten hatten keine Flügel mehr. Gigi war so benommen von diesem Tempo. Der Rundfunk holte ihn und wenig später sogar das Fernsehen. Er hatte eine großes modernes Haus gemietet. Man forderte weitere Geschichten von ihm. Sie wurde ebenso hastig verschlungen wie alle anderen und war sofort wieder vergessen. Daran hielt Gigi sich fest wie ein Ertrinkender an einer Holzplanke. Aber ein Termin für die Suche nach Momo ließ sich niemals mehr einschieben. tat er eines Tages etwas. sondern in einem ganz anderen Stadtteil. obgleich er sich noch immer standhaft weigerte. Nach wenigen Monaten hatte er es nicht mehr nötig. die nur für Momo bestimmt gewesen waren. Anfangs hatte Gigi einige ernstliche Versuche gemacht. denn Momo war und blieb verschwunden. ohne sich zu besinnen. Eine seltsam tonlose. um der immer noch zunehmenden Nachfrage gerecht zu werden. hintereinanderweg alle Geschichten preisgab. daß niemand es zu bemerken schien. Schon damals begann Momo ihm sehr zu fehlen. Jedenfalls beeinträchtigte es die Nachfrage nicht. Er hob ab. Gelegenheit fanden.« »Wer ist da?« fragte Gigi. wenn nicht er. ihn zu hören. ihm bei der Suche nach Momo zu helfen. »Wir raten es dir im Guten. wie früher immer neue Geschichten zu erfinden. sozusagen aschengraue Stimme sprach zu ihm. beim alten Amphitheater aufzutreten und mit der Mütze herumzugehen. und er fühlte gleichzeitig eine Kälte in sich aufsteigen. . und war es nicht das gewesen. so sagte er sich. sondern Girolamo. das er nicht hätte tun dürfen: Er erzählte eine der Geschichten. Und das Erstaunliche war. Dort erzählte er nun dreimal wöchentlich vor Millionen von Zuhörern seine Geschichten. wovon er immer geträumt hatte? Aber manchmal des Nachts. Doch ehe er noch das erste Wort niedergeschrieben hatte. damit auch wirklich alle. Aus einem einzigen machte er jetzt manchmal fünf verschiedene Geschichten. In seiner Angst. das mitten in einem gepflegten Park lag. um sich Notizen zu seinem Plan zu machen. die für ihn Verträge abschlössen. daß dies keine erfundene Geschichte sei und daß er alle seine Zuhörer bitte. später war ihm dazu keine Zeit mehr geblieben.Von dem alten Gigi war nur noch wenig übriggeblieben.

kannst du doch sehr schön weitermachen wie bisher!« »Ja«. denn schließlich waren wir es doch. was du jetzt bist?« »Ja. »so betrachtet. reich und berühmt zu sein?« »Doch«. »Nein«. Trotzdem. So betrachtet.. das glaube ich«. aber du gehörst uns schon längst mit Haut und Haar. du solltest uns dankbar sein. »Wir brauchen uns wohl nicht vorzustellen. Du bist eine Gummipuppe. ja?« Gigi nahm all seinen Mut zusammen. Darum laß es sein!« »Was habt ihr mit Momo gemacht?« flüsterte Gigi. dann lassen wir die Luft wieder aus dir heraus. Von diesem Tag an hatte Gigi alle Selbstachtung verloren. ob ihr es mit mir aufnehmen könnt. Es kommt wirklich nicht auf dich an. indem du nun diese Geschichte über uns erzählst. Wir haben dich aufgeblasen . »Armer kleiner Gigi«. wenn du versuchst. »ich lasse es nicht bleiben.« »Ich gebe dir einen guten Rat: Nimm dich selbst nicht so ernst. ist. Berühmt bist du mit unserer Hilfe für deine Flunkereien. was du damit erreichen wirst. was sie von dir hören wollen!« »Wie soll ich das machen?« brachte Gigi mit Anstrengung hervor. sagte die Stimme. flüsterte Gigi und starrte vor sich hin. und er wußte es.schon gar nicht.»Das weißt du ganz gut«. wem er das alles verdankte.. . es wird dir nicht gut bekommen. »Jetzt.Aber wenn du uns Ärger machst. man nannte es einen neuen Stil. »ausgerechnet du willst uns mit der Wahrheit kommen? Du hattest doch früher immer so viele schöne Sprüche von wegen wahr und nicht wahr. sagte die Stimme. Er fiel vornüber auf die Platte seines großen Schreibtisches und verbarg das Gesicht in seinen Armen. Aber das tat seinem Erfolg nicht etwa Abbruch. sagte er. du wüßtest das nicht!« »Was wollt ihr von mir?« »Was du dir da vorgenommen hast. daß dein schöner Erfolg genau so schnell vorbei sein wird. siehst du! Also . wie er gekommen ist.« Die Stimme lachte tonlos. Aber nun log er ! Er machte sich zum Hanswurst. daß du es dir und deinem unbedeutenden Talent zu verdanken hast. und viele versuchten ihn nachzuahmen. Wir werden ja sehen. armer Gigi. »Na. Sei brav und laß es bleiben. Für die Wahrheit bist du nicht zuständig. »du bist und bleibst ein Phantast. »Das ist Lüge!« »Du liebe Zeit!« antwortete die Stimme und lachte wieder tonlos. »Du bist niemand«. das gefallt uns nicht. Wir wollen dich nicht abhalten.» Dann klickte es im Hörer. Das einzige. Er gab seinen Plan auf und machte weiter wie bisher. Und so wurden seine Geschichten immer alberner oder rührseliger. Ist es denn nicht viel angenehmer. wo ich das alles weiß. Oder glaubst du im Ernst. Er begann seine Tätigkeit zu hassen. ja? Erzähle den Leuten lieber weiterhin das. Ich bin jetzt ein großer Mann. Er hatte nichts gewonnen. »Darüber zerbrich dir nicht deinen niedlichen Wirrkopf ! Ihr kannst du nicht mehr helfen . Natürlich mußt du das selbst entscheiden. dich auf die Wahrheit zu berufen. erwiderte Gigi heiser. antwortete Gigi mit erstickter Stimme. und Gigi begannen plötzlich die Zähne aufeinanderzuschlagen. im Gegenteil. aber er fühlte sich dabei wie ein Betrüger. Er wurde große Mode. Früher warst du Prinz Girolamo in der Maske des armen Schluckers Gigi. Aber Gigi hatte keine Freude daran.« »Das ist nicht wahr!« stammelte Gigi. Er hatte alles verloren. Und das war er ja auch. »Wir haben dich gemacht. Er wußte ja nun. und auch Gigi hängte ein. antwortete die Stimme. den Helden zu spielen und dich zu ruinieren. Du hast zwar bisher noch nicht persönlich das Vergnügen mit uns gehabt.laß uns aus dem Spiel. Und was bist du nun ? Der arme Schlucker Gigi in der Maske des Prinzen Girolamo. Früher hatte ihn seine Phantasie ihre schwebenden Wege geführt und er war ihr unbekümmert gefolgt. unbekannte Gigi Fremdenführer. Aber du kannst nicht von uns erwarten. wenn dir so viel daran liegt. zum Hampelmann seines Publikums. wenn du so undankbar bist. Ich bin nicht mehr der kleine. daß wir weiterhin unsere schützende Hand über dich halten. die dir alle deine Träume erfüllt haben. Ach nein. Sag nur. Ein lautloses Schluchzen schüttelte ihn.

wie sagten Sie?« »Momo«. Aber erst muß man sie jetzt finden. in der Momo verschwunden war. den Sekretärinnen seine alten Geschichten im neuen Gewand. »Also so geht das nicht. . er flog mit den schnellsten Flugzeugen und er diktierte unaufhörlich. daß so was verboten ist? Wo kämen wir denn da hin! Bei wem wohnt das Kind?« »Bei sich«. »worum handelt es sich denn?« »Es handelt sich«. »Na. »Immer noch besser«. »Sie wünschen?« fragte der Polizist. antwortete Beppo. wann immer seine Arbeit es ihm erlaubte. Wir kennen es alle. aber der Vater bin ich nicht.« Er ging also zur nächsten Polizeiwache. mein Guter. das heißt ja!« sagte der Polizist ärgerlich. daß sie gar nicht erst 'reinkommt. der gerade damit beschäftigt war. Vielleicht kann ich auch dafür sorgen.« »Ist es Ihr Kind?«»Nein«. Aus so einem Heim ist sie schon mal ausgerissen und kann es wieder tun. »das heißt. aber so kann man keine Anzeige aufsetzen. »Wessen Kind ist es denn? Wer sind seine Eltern?« »Das weiß niemand«. stellte der Polizist seufzend fest.« »Nein. ja.»erstaunlich fruchtbar«. ehe er hervorbrachte: »Es muß da nämlich etwas Schreckliches geschehen sein.« »Beppo«. »Und wie weiter?« . Viel schwerer war es den grauen Herren geworden. bei uns. ein kleines Mädchen. Falls sie überhaupt noch am Leben ist. wo er ging und stand. Momo und wie weiter? Den ganzen Namen.Aber er raste weiter mit dem Auto von Termin zu Termin. sagte Beppo.. »Wissen Sie. erwiderte Beppo. Aber da wohnt sie ja nun nicht mehr. bitte!« »Momo und nichts weiter«.« »Also nicht gemeldet«. sagte Beppo. mit dem alten Beppo Straßenkehrer fertig zu werden. ein langes und schwieriges Formular auszufüllen. »das heißt. sagte er sich. saß er. Nach jener Nacht. sagte der Polizist. als daß die Grauen sie gefangenhalten. Der Polizist kratzte sich unter dem Kinn und blickte Beppo bekümmert an. »sie stecken Momo wieder in solch ein Heim mit Gittern vor den Fenstern. Nun sagen Sie mir erst mal. namens Momo.« »Ein Kind?« »Ja. im alten Ampitheater. Eine Weile stand er noch vor der Tür herum und drehte seinen Hut in den Händen. »um unsere Momo. ». dann wohnte bis jetzt in der Ruine da draußen ein vagabundierendes kleines Mädchen namens . Beppo brauchte eine Weile.. So war aus dem Träumer Gigi der Lügner Girolamo geworden.« »Augenblick mal«. antwortete Beppo. antwortete Beppo. im alten Amphitheater und wartete. Der Polizist begann alles aufzuschreiben. Und als er es schließlich nicht mehr aushaken konnte. Er war-wie in allen Zeitungen stand. beschloß er trotz aller berechtigten Einwände. Sie ist weg. Ich will Ihnen ja helfen. die Gigi vorgebracht hatte. ich denke. »Wo ist das Kind denn gemeldet?« »Gemeldet?« fragte Beppo. wie Sie selbst heißen. dann faßte er sich ein Herz und ging hinein. »wenn ich richtig verstehe. die am Stadtrand lag. sagte Beppo verwirrt. . Seine Sorge und Unruhe wuchs von Tag zu Tag. der immer noch weiterschrieb. zur Polizei zu gehen.« »So?« fragte der Polizist.

sonst sperre ich Sie wegen Amtsbeleidigung ein!« »Verzeihung«. hauchte aber dann gehorsam dem Polizisten ins Gesicht. erklärte Beppo geduldig. antwortete Beppo arglos. lächelte dem alten Mann aufmunternd zu und sagte mit der Sanftheit eines Krankenpflegers: »Die Personalien können wir ja später aufnehmen. sagte er schließlich. ich muß bis Mittag diesen ganzen Berg von Formularen da ausgefüllt haben. angefangen von Momos Auftauchen und ihrer besonderen Eigenschaft. ich bin am Rande meiner Kräfte und meiner Nerven-. aber lassen Sie sich ruhig Zeit und erzählen Sie. und das ist von so einer Art Gespenster. kleines Mädchen. »Mit anderen Worten«. Er sprang von seinem Stuhl auf und hieb mit der Faust auf das lange und schwierige Formular. Ich wollte sagen . Der schnüffelte und schüttelte den Kopf. daß sie auf solche Ammenmärchen hereinfällt?« »Ja«. die er selbst belauscht hatte. murmelte Beppo. »Warum muß gerade ich jetzt Dienst haben. die sich dort abspielten. auf seine wunderliche und umständliche Art. . der gerade auf dem Rost gebraten wird. Beppo drehte sich um und ging hinaus. rot vor Verlegenheit. die ganze Geschichte zu erzählen. die es ja bekanntlich nicht gibt.Der Polizist beugte sich vor und rief barsch: »Hauchen Sie mich mal an!« Beppo verstand diese Aufforderung nicht.« Der Polizist blickte ihn lange und gramerfüllt an. Jetzt erzählen Sie erst mal der Reihe nach.« »Nein«.« »Den Namen will ich wissen. »Verschwinden Sie auf der Stelle. murmelte Beppo eingeschüchtert. »bin ich noch nie gewesen. straffte seine Schultern.« »Alles?« fragte Beppo zweifelnd. Und darum soll sich nun die Polizei kümmern?« »Ja. . man schickte ihn freundlich nach Hause. was eigentlich war und wie alles gekommen ist. Aber auch das ist nicht sicher.« »Warum erzählen Sie mir dann diesen ganzen Unsinn?« fragte der Polizist. »Jetzt reicht es mir aber!« schrie er mit rotem Kopf. bis zu den grauen Herren auf der Müllhalde. was zur Sache gehört«. « Dann richtete er sich auf. Die Szenen. .»Beppo Straßenkehrer. »Betrunken sind Sie offenbar nicht. oder man vertröstete ihn. was Sie auf dem Herzen haben. um ihn los zu werden . bitte!« sagte Beppo. Man warf ihn hinaus. unterschieden sich kaum von der ersten. »ist Momo verschwunden. »ich hab' es anders gemeint. nicht den Beruf!« »Es ist beides«. wer weiß wohin entführt worden. Der Polizist ließ den Federhalter sinken und vergrub sein Gesicht in den Händen. »Halten Sie die Polizei denn für so blöd.« Er lehnte sich zurück und schloß die Augen mit dem Ausdruck eines Märtyrers. Während der nächsten Tage tauchte er in verschiedenen anderen Polizeistationen auf. »Ich habe zwar überhaupt keine Zeit. »Und in derselben Nacht«. Jetzt riß dem Polizisten endgültig der Geduldsfaden. er zuckte die Schultern. Und der alte Beppo begann.« »'raus!« brüllte der Polizist. schloß er. »Alles. antwortete der Polizist. dessen Existenz man nicht beweisen kann. »Gott im Himmel !« murmelte er verzweifelt. »da war einmal ein höchst unwahrscheinliches.

denn auch meine Zeit ist kostbar«. hieß es: »Bald. Es hängt ganz von Ihnen ab. wenn ich Sie dazu auffordere ! Sie haben ja nun ein wenig sehen können. mein Bester.Aber einmal geriet Beppo an einen höheren Beamten. die Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen. ob Sie noch mehr davon kennenlernen werden. muß sie büßen. aber wir kommen voran. Überlegen sie sich's. Machen Sie sich keine Sorgen darüber. Wenn Sie damit einverstanden sind. bekommen Sie die kleine Momo wieder. Sie haben lediglich die Aufgabe. Sie können uns zwar nicht im geringsten damit schaden. daß sie ihm wirklich glaubten. die Summe von hunderttausend Stunden eingesparter Zeit. Aber es war kein Gefängnis oder dergleichen. Man wird feststellen müssen. faßte sich in Geduld. ob er gemeingefährlich ist. daß Ihre kleine Freundin Momo von uns gefangen gehalten wird. Man hatte ihm ein Bett in einem großen Schlafsaal angewiesen. Bringt ihn in die Arrestzelle!« In der Zelle mußte Beppo einen halben Tag warten. Wenn nicht. sie lachten ihn nicht aus und schimpften nicht mit ihm. »mache ich Ihnen folgendes Angebot : Wir geben Ihnen das Kind zurück unter der Bedingung. daß jemand neben seinem Bett stand. daß es einer der grauen Herren war. diese Zeit einzusparen. sie schienen sich sogar sehr für seine Geschichte zu interessieren. sozusagen als Lösegeld. Und durch Ihre Bemühungen.« »Sehr vernünftig«. Obgleich sie ihm nie widersprachen. dann bleiben Sie eben für immer hier. Er ließ sich unbewegten Gesichts die ganze Geschichte erzählen. Denn der glaubte jedes Wort. sondern ein Krankenhaus für Nervenleiden. Übrigens haben Sie natürlich völlig recht mit der Annahme. daß Sie im Laufe der nächsten Tage hier entlassen werden. Sie fuhren mit ihm quer durch die Stadt zu einem großen. aber im Augenblick brauchen wir Sie noch. Hören Sie mir zu und antworten Sie mir erst. wann er denn nun hinausdürfe. aber dann erkannte er den runden steifen Hut und die Aktentasche. dann werden wir dafür sorgen. »also denken Sie daran: Völliges Stillschweigen und hunderttausend Stunden.« Und Beppo. Jedesmal wenn er fragte. das Gitter vor den Fenstern hatte. aber gehen ließen sie ihn auch nicht. daß man sie je bei uns finden kann. das ist Ihre Sache. Sie müssen das verstehen. Er begriff. der weniger Sinn für Humor hatte als seine Kollegen. hatte Beppo auch nie das Gefühl. Das wird niemals geschehen. sie zu befreien. dann wurde er von zwei Polizisten in ein Auto verfrachtet. mein Bester. dann sagte er kalt: »Dieser alte Mann ist verrückt. Überlegen Sie sich also in Zukunft. wie weit unsere Macht bereits reicht. Erst entdeckte er nur das rote Leuchtpünktchen einer glimmenden Zigarre. und Momo bleibt für immer bei uns. sagte der graue Herr zufrieden. was sie tun und sagen. es handle sich um Untersuchungen nach dem Verbleib der kleinen Momo. das ist unsere Sache. Außerdem fordern wir von Ihnen. Wie. Also?« Beppo schluckte zweimal und krächzte dann: »Einverstanden. Aber geben Sie die Hoffnung auf. Wir machen dieses großzügige Angebot nur dies eine Mal. Ihnen ein Angebot zu machen. Machen Sie's gut. Sobald wir die haben. »ich habe den Auftrag. wie wir in den Besitz dieser Zeit kommen werden. machen Sie dem armen Kind seine Lage nicht gerade angenehmer. Er wurde nicht recht schlau aus ihnen. die seine Rede auf den alten Beppo hatte. »Um mich so kurz wie möglich zu fassen. aber angenehm ist es uns trotzdem nicht. Eines Nachts wachte er auf und sah im schwachen Licht der Notbeleuchtung. die die Gestalt im Dunkeln trug.« . wo noch viele andere Patienten schliefen. Für jeden Ihrer Versuche. fuhr der graue Herr fort. »Still!« sagte die aschenfarbene Stimme im Dunkeln. weißen Gebäude. ihm wurde kalt bis ins Herz hinein und er wollte um Hilfe rufen. daß Sie diese Geschichte über uns jedem auf die Nase binden. wie Beppo zuerst dachte. der glaubte.« Der graue Herr blies einige Rauchringe und beobachtete mit Genugtuung die Wirkung. denn er mußte sie ihnen immer und immer wieder erzählen. Der Professor und die Krankenpfleger waren freundlich zu ihm. Hier wurde er gründlich untersucht. daß Sie nie wieder ein Wort über uns und unsere Tätigkeit verlieren.

tippten sich hinter seinem Rücken an die Stirn. ging damit in die große Stadt und fing an zu kehren. bei jedem Schritt einen Atemzug und bei jedem Atemzug einen Besenstrich. schien in der Dunkelheit matt zu leuchten wie ein Irrlicht. und dies war die einzige Art Zeit zu sparen. Nur wenn ihn manchmal jemand fragte. Wenn sie die Kinder nicht unmittelbar unter ihren Einfluß bringen konnten. wenn er keuchend an ihnen vorüberhastete und den Besen schwang. aber diejenigen. sie hatten einfach so getan. sein ganzes bisheriges Leben verleugnete und verriet. ganz gleich. wo er und seine Kollegen immer ihre Besen und Karren in Empfang nahmen. die ja über die Kinder zu bestimmen hatten. die Kinder unter Momos Freunden nach ihren Plänen zu lenken. und er beachtete es kaum. . daß er damit seine tiefste Überzeugung. und das waren leider gar nicht wenige. Aber es ging ja um Momo. Außerdem hatten diese Kinder keinen Augenblick daran gezweifelt. dann mußten sie es eben über einen Umweg zuwege bringen.Und es kam der Frühling und wieder der Sommer. und das machte ihn krank vor Widerwillen gegen das. Die schwierigste Aufgabe stellte es für die grauen Herren dar. Und dieser Umweg waren die Erwachsenen. Nicht alle Erwachsenen. an die Plakate und Inschriften der Kinder. Aber Beppo ging nicht nach Hause. als gelte es sein Leben. Wenn die Erschöpfung ihn übermannte.Damit verließ der graue Herr den Schlafsaal. im alten Amphitheater versammelt. die er kannte. hatten die Kinder sich dennoch. Beppo bemerkte es kaum. um darin fabelhafte Weltreisen zu unternehmen oder um daraus Burgen und Schlösser zu errichten. Wäre es nur um ihn gegangen. Mit peinigender Deutlichkeit wußte er. versteht sich. Plötzlich erinnerten sich nämlich einige Leute an die Umzüge. Obendrein waren es nun die eigenen Waffen der Kinder. Er kehrte durch Wochen und durch Monate. Ebenso hastig würgte er zwischendurch rasch einmal irgend etwas zu essen hinunter. als sei Momo noch mitten unter ihnen. dann zuckte er nur traurig die Schultern. sooft es nur ging. Die Rauchfahne. Die stillschweigende Gewißheit verband die Kinder miteinander. schaute den Frager ängstlich und voll Trauer an und legte den Finger an die Lippen. er kehrte und kehrte. warum er sie früher erzählt habe. aber das war auch gar nicht nötig. ein paar alte Kisten und Schachteln genügten ihnen. Dagegen hatten die grauen Herren nicht ankommen können. was er tat. welche die grauen Herren gegen sie verwendeten. ja. Sie hatten immer neue Spiele erfunden. Darüber war zwar niemals gesprochen worden. Von dieser Nacht an erzählte Beppo seine Geschichte nicht mehr. Es kam der Herbst. war ja nichts Neues für Beppo. als sei sie tatsächlich noch da. Dann fuhr er nach kurzem wieder auf und kehrte weiter. Und wenn man ihn fragte. die er freikaufen mußte. die sich als Helfershelfer eigneten. die es doch taten. Die Leute in der großen Stadt hatten keine Zeit. um sie von Momo loszureißen. Und die wenigen. Sie hatten weiterhin ihre Pläne geschmiedet und einander Geschichten erzählt. dann unterbrach er seine Arbeit für einen Augenblick. Er kehrte bei Tag und bei Nacht. daß Momo wiederkommen würde. Zu seiner Hütte bei dem Amphitheater ging er nicht mehr zurück. setzte er sich auf eine Anlagenbank oder auch einfach auf den Rinnstein und schlief ein wenig. Aber daß man ihn für närrisch hielt. um auf den kleinen alten Mann zu achten. als sich selbst so untreu zu werden. Er holte seinen Besen. Und es hatte sich erstaunlicherweise gezeigt. die hinter ihm zurückblieb. Nachdem Momo verschwunden war. Wenige Tage später schon schickte man ihn nach Hause. um die hunderttausend Stunden Lösegeld zu ersparen. sondern jetzt tat er es hastig und ohne Liebe zur Sache und nur um Stunden einzubringen. Momo gehörte zu ihnen und war ihr heimlicher Mittelpunkt. und es kam der Winter. daß es dadurch fast so war. Beppo kehrte. sondern geradewegs zu jenem großen Haus mit dem Hof. kurzum. ohne jemals nach Hause zu gehen. warum er es denn so eilig habe. er wäre lieber verhungert. ob sie nun da war oder nicht. Aber nun kehrte er nicht mehr wie früher.

Aber die grauen Herren selbst kamen zu keinem der Kinder. kostet immer mehr Geld. gelangweilt und feindselig taten sie. das sie über die große Stadt gewebt hatten. Die Zukunft wird eine Zeit der Düsenmaschinen und der Elektrogehirne. sich zu begeistern und zu träumen. Und wenn sie doch einmal sich selbst überlassen blieben. sagten andere. Endlich stand Momo auf. und es waren nur solche.« Und abermals andere meinten : »Kinder sind das Menschenmaterial der Zukunft.»Wir müssen etwas unternehmen«. wo alle Kinder. Es wurde strengstens verboten. daß immer mehr und mehr Kinder allein sind und vernachlässigt werden. Ein Heer von Spezialisten und Facharbeitern wird notwendig sein. und wurden in verschiedene Kinder-Depots gesteckt. ihr etwas zu essen zu bringen. Auch Momos Freunde entgingen dieser neuen Regelung nicht. Aber anstatt unsere Kinder auf diese Welt von morgen vorzubereiten. was sie hätten tun können. und es wurde kalt. um die sich niemand kümmern konnte. Aber niemand war gekommen. erklärten wieder andere. wo sie zu nützlichen und leistungsfähigen Mitgliedern der Gesellschaft erzogen werden. »daß der reibungslose Ablauf des Straßenverkehrs durch herumlungernde Kinder gefährdet wird. Etwas anderes verlernten sie freilich dabei. Das waren große Häuser. Der Plan der grauen Herren war ausgeführt. Das war noch nie geschehen.« »Kinder ohne Aufsicht«. war nun dicht und — wie es schien .« »Es geht nicht an«. Alles war für Momos Rückkehr vorbereitet. Wurde ein Kind doch einmal dabei erwischt. und das war: sich zu freuen. denn niemand hatte daran gedacht. Verdrossen. um alle diese Maschinen zu bedienen. »verwahrlosen moralisch und werden zu Verbrechern. was sie nach all dem noch konnten. Die Spiele wurden ihnen von Aufsichtspersonen vorgeschrieben. Die Sonne senkte sich dem westlichen Horizont zu. Den Eltern ist kein Vorwurf zu machen. Die Schatten wuchsen. Das Netz. Selbst Gigi und Beppo mußten sie heute . Und da schon sehr viele Zeit-Sparer in der großen Stadt waren. Man muß Anstalten schaffen. je nach der Gegend. bei denen sie irgend etwas Nützliches lernten. Nach und nach bekamen die Kinder Gesichter wie kleine Zeit-Sparer. sondern ein wütender und böser. Niemand. so war sofort jemand da. etwas für die vielen vernachlässigten Kinder zu tun. »denn es geht nicht an. Sie war hungrig. Davon. durch die Maschen zu schlüpfen. die durch Kinder auf den Straßen verursacht werden. Es ist eine Schande für unsere Zivilisation und ein Verbrechen an der künftigen Menschheit!« Das alles leuchtete den Zeit-Sparern ungemein ein. hieß es. sich genügend mit ihren Kindern zu beschäftigen. Die Stadtverwaltung muß dafür sorgen. gelang es ihnen in ziemlich kurzer Zeit. der es in das nächste Kinder-Depot brachte. Sie wurden voneinander getrennt. denn das moderne Leben läßt ihnen eben keine Zeit. abgeliefert werden mußten und je nach Möglichkeit wieder abgeholt werden konnten. Und die Eltern mußten mit einer gehörigen Strafe rechnen.unzerreißbar. daß alle diese Kinder erfaßt werden. die Stadtverwaltung von der Notwendigkeit zu überzeugen. Von da an hatte das alte Amphitheater leer und verlassen dagelegen. war natürlich keine Rede mehr. daß Kinder auf den Straßen oder in den Grünanlagen oder sonstwo spielten. Den ganzen Tag seit ihrer Rückkehr hatte sie so gesessen und gewartet. Aber die Stadtverwaltung muß sich darum kümmern. daß sie sich hier selbst Spiele einfallen lassen durften. Daraufhin wurden in allen Stadtvierteln sogenannte »Kinder-Depots« gegründet. daß viele von ihnen Jahre ihrer kostbaren Zeit mit nutzlosen Spielen verplempern. dann fiel ihnen nichts mehr ein. lassen wir es noch immer zu. aus der sie kamen. Das einzige. was man von ihnen verlangte. Und nun saß Momo also auf den steinernen Stufen und wartete auf ihre Freunde. war Lärm machen aber es war natürlich kein fröhlicher Lärm. Selbst den schlausten Kindern gelang es nicht. Die Zunahme von Unfällen. das man anderweitig vernünftiger ausgeben könnte.

aber kannst du mir sagen. Hoffentlich ist dir nichts passiert. . Er schickt mir die Rechnung. Momo starrte die matt leuchtenden Buchstaben eine Weile an. »das kann nicht sein. »Entschuldige bitte«. was dieses Wort bedeutet. »JAHR UND TAG.« »HAST LANG GESCHLAFEN«. »Wie lang?« fragte sie flüsternd. Du irrst dich bestimmt.) Aber überall lag dicker Staub und hingen Spinnweben. der sich morgen aufklären würde.« Sie hätte gern geweint. sagte sie leise.vergessen haben. »Aber Beppo und Gigi«. Auf dem Tischchen aus Kistenbrettern lehnte an einer Blechbüchse ein Brief.« Sie nahm die Schildkröte hoch und trug sie durch das Einstiegsloch in der Mauer in ihren Raum hinunter. »ich bin doch noch da .« Momo las sie. schön und deutlich zu . »Es kann doch nicht einfach alles weg sein . melde dich bitte gleich bei mir.« Zum ersten Mal in ihrem Leben empfand Momo mit voller Gewalt. Momo erinnerte sich. Sie nahm ihn in die Hand und betrachtete ihn von allen Seiten. . warum heute den ganzen Tag kein einziger von meinen Freunden gekommen ist?« Auf dem Panzer erschienen die Worte: »KEINER MEHR DA. was sie bedeuten sollten. sagte sie zuversichtlich. als sie zugestimmt hatte. »Was ist denn mit meinen Freunden?« »ALLE FORT«. Du fehlst mir sehr. sagte Momo und lächelte tapfer. (Beppo hatte das Zimmer damals wieder aufgeräumt. »es tut mir leid. Morgen kommen meine Freunde bestimmt. »Naja«. aber sie konnte nicht. stand darauf. wir wollen schlafen gehen. Momo hockte sich neben sie und klopfte mit dem Fingerknöchel schüchtern auf den Rückenpanzer. »morgen wird sich's schon herausstellen. die sich schon zum Schlafen in ihr Gehäuse zurückgezogen hatte. daß die Schildkröte sie an ihrem nackten Fuß berührte.alles. »ICH BIN BEI DIR!« stand auf ihrem Panzer. ehe sie diese Antwort begriffen hatte. »Liebe Momo!« las sie. dachte Momo. daß Meister Hora gesagt hatte. Momos Herz begann schneller zu klopfen. Komm. las Sie. Die Schildkröte schob ihren Kopf hervor und blickte Momo an. hörst du? Alles Weitere sagt dir dann Nino. ich bezahle alles. sie müsse einen Sonnenkreis hindurch schlafen wie ein Samenkorn in der Erde.. Kassiopeia. verstand aber nicht. Nach einer Weile fühlte sie. irgendein dummer Zufall. daß alles noch so war. »An Momo«. aus der nichts geworden ist. Sie schüttelte den Kopf.. wieviel Zeit das sein mochte. »Aber ich«. wenn ich dich geweckt habe. sagte Momo. war die Antwort. Also iß nur. stammelte sie schließlich. war das Ganze nur ein Versehen. Aber nun begann sie es zu ahnen. wie sie es verlassen hatte. Auch er war von Spinnweben bedeckt. »Nein«. Sie hatte noch nie einen Brief bekommen. Falls du zurückkommst. murmelte sie fassungslos.» Und langsam erschien auf Kassiopeias Rücken das Wort: »VERGANGEN. »Was meinst du damit?« fragte sie schließlich bang. Sie stieg zur Schildkröte hinunter. Ihr Herz wurde schwer wie nie zuvor. »Ja«. Gestern waren sie ja noch alle da zur großen Versammlung. Behalte mich lieb ! Ich behalte dich auch lieb ! Immer dein Gigi« Es dauerte lang. »Wie kann denn das sein?« Momos Lippen zitterten. »du bist bei mir. »Ich bin umgezogen. Wenn du Hunger hast.«»NIE MEHR«. »die beiden warten doch bestimmt noch auf mich!« » NIEMAND MEHR DA«. was war . Sie hatte nicht bedacht. Und ich bin froh darüber. dann geh bitte zu Nino. Ich mache mir große Sorgen um dich. Im Licht der untergehenden Sonne sah Momo. bis Momo diesen Brief buchstabiert hatte. Aber sicher. soviel du willst. dann riß sie das Kuvert auf und nahm einen Zettel heraus. Kassiopeia. lautete Kassiopeias Antwort. obwohl Gigi sich offensichtlich alle Mühe gegeben hatte. stand auf dem Panzer.« Momo brauchte eine Weile.

Momo begann im Gehen zu summen und schließlich zu singen. kam nicht auf den Gedanken. welche die ganze Straßenfront ausfüllten. Vielleicht kommen Nino und seine Frau auch mit und die anderen alle. Und dann gehen wir und holen die Kinder. Und Momo. Auf der . Momo dachte im ersten Augenblick. Immer wieder faßte sie nach Gigis Brief. Die Straße selbst war inzwischen asphaltiert. und wir sind wieder alle zusammen. sagte sie leise: »Siehst du. sie alle wiederzusehen. Ach. Sie hob die Schildkröte hoch und legte sie neben sich auf das Bett. daß dieser Brief schon fast ein Jahr hier lag. Aber jetzt freu' ich mich erst mal auf ein schönes Mittagessen. Nino weiß. Vielleicht machen wir heute abend ein kleines Fest. wo Gigi und Beppo jetzt sind. Momo wußte jetzt. Sie legte ihre Wange auf das Papier. ich bin doch nicht allein. sie hätte sich im Wege geirrt.« So schwatzte sie fröhlich weiter. »jetzt wird sich alles aufklären.« Aber die Schildkröte schien bereits zu schlafen. meine Freunde.schreiben. Sie werden dir bestimmt gut gefallen. Aber Momo war getröstet. Wieder waren es die Melodien und die Worte der Stimmen. Statt des alten Hauses mit dem regenfleckigen Verputz und der kleinen Laube vor der Tür stand dort jetzt ein langgestreckter Betonkasten mit großen Fensterscheiben. antwortete aber nichts. weißt du. Kassiopeia«. Die Schildkröte schaute sie nur mit ihren uralten Augen an. Vor ihr lag Ninos Lokal. Ich werde ihnen von den Blumen erzählen und von der Musik und von Meister Hora und allem. erlosch gerade das letzte Restchen Tageslicht. Ich hab' schon richtigen Hunger. daß sie sie nie mehr verlieren würde. die in ihrer Erinnerung noch ebenso deutlich weiterklangen wie am Tage zuvor. Kassiopeia. VIERZEHNTES KAPITEL Zu viel zu essen und zu wenig Antworten Am nächsten Mittag nahm Momo die Schildkröte unter den Arm und machte sich auf den Weg zu Ninos kleinem Lokal. die beim Lesen des Briefes Gigi ganz deutlich vor sich gesehen hatte. und viele Autos fuhren auf ihr. Aber dann brach sie plötzlich ab. Als sie endlich damit fertig war. »Du wirst sehen. sagte sie. Jetzt war ihr nicht mehr kalt. Während sie sich in die staubige Decke hüllte. ich freu' mich schon drauf. den sie in der Jackentasche bei sich trug.

Kuchen und alles mögliche andere stand. An der Fensterseite entlang standen viele Tische mit winzigen Platten auf hohen Beinen. daß ein Erwachsener im Stehen an ihnen essen konnte. ganz wie früher. Viele Fahrzeuge parkten vor dem neuen Lokal. Dahinter zogen sich in kleinem Abstand lange Glaskästen hin. Es blieb ihr also nichts anderes übrig. »du bist wieder da ! Das ist aber eine Überraschung!« »Weitergehen!« riefen Leute aus der Reihe.gegenüberliegenden Seite waren eine große Tankstelle und in nächster Nähe ein riesiges Bürohaus entstanden. Als er Momo sah. über dessen Eingangstür in großen Lettern die Inschrift prangte: NINOS SCHNELLRESTAURANT Momo trat ein und konnte sich zunächst kaum zurechtfinden. das gibt's nicht! So ein unverschämtes Gör!« »Moment ! « rief Nino und hob beschwichtigend die Hände. in denen Schinken. Da und dort wechselten die Wartenden und die Essenden unfreundliche Worte. aber Nino hörte sie nicht. auf der er ununterbrochen tippte.und Käsebrote. wurde sie beiseite geschubst und weitergedrängt. flüsterte Nino dem Mädchen hastig zu. verschwand plötzlich der mißmutige Ausdruck auf seinem Gesicht. bitte!« »Da könnte ja jeder kommen ! « schimpfte einer aus der Reihe der Wartenden. Hier konnte sich also jeder nehmen. denen sie immerfort im Wege zu stehen schien. »Weiter. Er blickte auf. warteten schon jeweils andere auf deren Platz. der die Leute daran gehindert hätte oder wenigstens Geld dafür forderte. Zwischen dem Metallzaun und den Glaskästen schob sich langsam eine Schlange von Leuten weiter. eine Art Zaun. von den vielen Leuten verdeckt. Nino zu erspähen. weiter! Das Kind hat mehr Zeit als wir. was du willst. Hinter denen. Sie waren so hoch. Überhaupt machten die Leute alle einen ziemlich mißvergnügten Eindruck.« »Gigi bezahlt alles für dich. schoben die Leute 'sie einfach weiter. Sie winkte mit Gigis Brief. was er wollte ! Sie konnte niemand sehen. »das Kind soll sich hinten anstellen wie wir auch. Pudding. »Momo !« rief er und strahlte. Stühle gab es keine mehr. so daß sie wie sonderbare Pilze aussahen. das Momo nicht kannte. Die Kasse machte zu viel Lärm und beanspruchte seine ganze Aufmerksamkeit. Momo faßte sich ein Herz. daß er nicht zu den Tischchen kommen konnte. Die meisten Leute balancierten Tabletts mit Tellern und Flaschen darauf und versuchten einen Platz an den Tischchen zu ergattern. denn der « Raum war gedrängt voller Menschen. ganz am Ende der langen Reihe der Glaskästen hinter einer Kasse. Einfach vordrängen. Du hörst ja selbst!« Ehe Momo noch etwas fragen konnte. »ein kleines bißchen Geduld. Momo staunte. »also nimm dir zu essen. Jeder nahm sich da und dort einen Teller oder eine Flasche und einen Pappbecher aus den Glaskästen. kletterte über den Zaun und drängte sich durch die Menschenschlange zu Nino durch. Vielleicht gab es hier alles umsonst! Das wäre freilich eine Erklärung für das Gedränge gewesen. ohne an Nino vorbei zu müssen. Momo«. weil einige Leute laut zu schimpfen anfingen. Er saß. Geld einnahm und Wechselgeld herausgab. die dort standen und hastig aßen. Aber alles das konnte Momo erst nach und nach wahrnehmen. wo sie auch hintrat. als es genauso zu machen wie alle anderen. Auf der anderen Seite befand sich eine lange Barriere aus blitzenden Metallstangen. Sie stellte sich ans Ende der . »Nino !« rief Momo und versuchte sich zwischen den Leuten durchzudrängen. Teller mit Salaten. Aber stell dich hinten an wie die anderen. Also bei ihm bezahlten die Leute! Und durch den Metallzaun wurde jeder so gelenkt. Würstchen. Nach einer Weile gelang es Momo.

Und weil sie befürchtete. Ich hab' ihnen die Geschichte erzählt. weißt du«. Also stellte sie sich noch einmal in die Reihe. weil sie eben kaum auf ihren Teller gucken konnte. Soviel ich weiß. daß sie gerade eben mit der Nase über die Platte reichte. und im Radio spricht er auch. daß die Leute sonst vielleicht wieder ärgerlich auf sie werden würden. . fragte sie: »Und wo ist Beppo Straßenkehrer?« »Er hat lang auf dich gewartet«. erwiderte Nino. haben sie ihn schließlich in eine Art Sanatorium gebracht. denn immerhin. »Ach. weil er neuerlichen Unwillen seiner Kunden befürchtete. »er hat eben keine Zeit mehr. Er hat immer irgendwas von grauen Herren erzählt. Kassiopeia in der Mitte zog es vor. denn sie hatte ja noch viele. Im Vorbeigehen holte sie sich aus den Glaskästen da und dort etwas heraus und stellte es um die Schildkröte herum. aber wo ist er denn jetzt?« . viele Fragen. er war ja immer schon ein bißchen wunderlich. Wir sind alle sehr stolz auf ihn. wollte aber unbedingt noch erfahren. »Ich glaube nicht«. warum kommt er denn nicht mehr?« fragte Momo. fragte sie Nino schnell: »Weißt du. es wäre dir was Schreckliches passiert. ihr zwei da vorn!« rief jemand aus der Schlange. »schlaft ihr?« »Sofort. der schon ein bißchen nervös wurde. Na.« »Weiter da vorne!« riefen einige Stimmen aus der Schlange. Als Momo endlich zur Kasse kam. »ist das hier eigentlich ein Schnellrestaurant oder ein Wartesaal? Ihr habt wohl ein Familientreffen da vorne. »muß man sich heutzutage bieten lassen. wenn sie bloß so dazwischenstand. erklärte Nino hastig. Doch das Essen gestaltete sich auch so schon schwierig genug für sie. »Aber. sagte einer zu seinem Nachbarn. eine kleine Pastete und ein Pappbecher Limonade. »Er wollte unbedingt.« »Ja. wie?« »Sozusagen!« rief Nino flehend. flüsterte Nino. Allerdings war das Tischchen für sie so hoch. Nun war sie zwar satt. ein Marmeladebrot. sie haben ihn wieder laufen lassen. und am alten Amphitheater ist ja sowieso nichts mehr los. Und in den Zeitungen steht immer wieder etwas von ihm. »Auf dem Grünen Hügel irgendwo«. Da sie aber sehr hungrig war. daß sie dich suchen sollten. hier ewig herumzustehen?« »Wo wohnt er denn jetzt?« erkundigte Momo sich hartnäckig. wie man hört. Als sie schließlich wieder bei Nino ankam. fuhr Nino fort und strich sich nervös mit der Hand übers Gesicht. sagte Nino. »Dann hat er die Polizei rebellisch gemacht«. nahm sie sich im Vorübergehen noch einmal allerhand aus den Glaskästen. »So was«. Momo war von alledem etwas verwirrt. . »Glaubt ihr.« »Verdammt noch mal !« schrie jetzt eine wütende Stimme von hinten. antwortete Nino. »Ist er noch dort?« erkundigte sich Momo. schauten die Umstehenden mit angeekelten Gesichtern auf die Schildkröte. was aus Beppo geworden war. aber sie wurde einfach weitergeschoben. »«r hat eine schöne Villa. er ist doch einer von uns ! Man kann ihn oft im Fernsehen sehen. Dann wurde sie langsam und schrittweise weitergeschoben.Menschenschlange und nahm sich aus einem Regal ein Tablett und aus einem Kasten Messer. verzehrte sie alles bis auf den letzten Rest. wie Gigi einmal. Neulich sind sogar zwei Reporter zu mir gekommen und haben sich von früher erzählen lassen. bitte!« Momo wollte eigentlich nicht. Sie ging mit ihrem Tablett zu einem der Pilztischchen und erwischte tatsächlich nach kurzem Warten einen Platz.« »Was ist denn mit euch?« riefen mehrere unwillige Stimmen von hinten. »Und dann?« fragte Momo. du kennst ihn ja. sich gänzlich in ihr Gehäuse zu verkriechen und sich nicht dazu zu äußern. ein Würstchen. Da sie beide Hände für das Tablett benötigte. Mehr weiß ich auch nicht.« Und der andere brummte: »Was wollen Sie . Ein Stück gebratenen Fisch. »es heißt. setzte sie Kassiopeia einfach darauf. »Er dachte.« »He. ich weiß nicht mehr was. und so wurde es eine recht merkwürdige Zusammenstellung. wo Gigi ist?« »Ja«. Aber geh jetzt erst mal weiter. Gabel und Löffel. Er hat jetzt Wichtigeres zu tun. Als sie ihr Tablett hinauf schob. weil er harmlos ist. mit einem Park drumherum. wir haben Lust. mein Herr!« rief Nino ihm zu.die Jugend von heute!« Aber sonst sagten sie nichts und kümmerten sich nicht weiter um Momo. »unser Gigi ist berühmt geworden.

»viel zu essen hab' ich ja schon gekriegt. daß sie von der Straße wegkommen. wo du beschäftigt wirst und aufgehoben bist und sogar noch was lernst. Da half nichts. Momo!« rief Nino ihr nach. die auf ihrem Tablett stand. »He. das weißt du ja.« Momo sagte wieder nichts und sah Nino nur an. Aber ich an deiner Stelle würde eben einfach auch in solch ein Kinder-Depot gehen. wirklich. weil . Die Menge der Nachdrängenden schob sie weiter.« »Beeilt euch doch. Du kannst hier immer essen. wo du inzwischen gesteckt hast!« Aber dann drängten die nächsten Leute heran. wie hier heute getrödelt wird. um die sich niemand kümmern kann. »Kinder können doch über so was nicht entscheiden. wenn du so allein durch die Welt läufst. du siehst ja. Endlich war sie wieder bei Nino an der Kasse. »Wir wollen schließlich auch mal zum Essen kommen. an den Glaskästen vorübermaschieren und ihr Tablett mit Speisen füllen. Momo. Das Lächeln auf seinem Gesicht war schon lange wieder verschwunden. dem bei Momos neuerlichem Anblick der Schweiß auf die Stirn trat. nicht wahr?« Momo sagte darauf gar nichts. kurz und gut. kam Momo natürlich nicht. als sie wieder im alten Amphitheater waren. ich habe jetzt wirklich keine Zeit. geh jetzt weiter!« Abermals wurde Momo einfach von den nachdrängenden Leuten weitergeschoben. die sie früher immer besucht hatten. »Momo«. sagte er und holte tief Luft wie einer. Das ist schließlich das Wichtigste. mit dir zu beraten. sagte Momo zu Kassiopeia. wartete. ihr Trantanten da vorne!« riefen wieder Stimmen aus der Schlange. Diesmal schmeckte es ihr schon sehr viel weniger gut. was mit den Kindern war. erwiderte Nino und zappelte fahrig mit den Händen auf den Tasten seiner Kasse herum. sondern schaute Nino nur prüfend an. »sei vernünftig und komm irgendwann wieder. damit die Leute nicht böse auf sie würden. nahm Geld ein und gab Wechselgeld heraus. Sie nahm Kassiopeia unter den Arm und ging still und ohne sich noch einmal umzudrehen hinaus. . obwohl sie es kaum hinunterwürgen konnte und es wie Pappendeckel und Holzwolle schmeckte. »das ist ja zum Auswachsen. wie es zugeht hier!« »Aber warum kommen sie nicht mehr?« beharrte Momo eigensinnig auf ihrer Frage. viel zu- . erklärte Nino. und er tippte wieder auf der Kasse. Aber. der sie im letzten Augenblick noch erspäht hatte. »Zum Kuckuck noch mal!« schrie nun wieder eine erboste Stimme aus dem Hintergrund.»Keine Ahnung. Wieder ging sie zu einem der Pilztischchen. . Auf die Idee. »warte doch mal ! Du hast mir ja gar nicht erzählt. was du anfangen sollst. bis sie einen Platz fand und verdrückte die Mahlzeit. bitte. »Haben sie das wirklich selber gewollt?« »Das hat man sie nicht gefragt«. sind jetzt in Kinder-Depots untergebracht. Automatisch ging sie zu einem der Tischchen. sie mußte sich wieder in die Reihe der Wartenden stellen. das Essen einfach stehen zu lassen. »Alle Kinder. für sie ist jetzt gesorgt. »ohne meine Freunde?« Nino zuckte die Schultern und knetete seine Finger. Nun mußte sie aber noch erfahren. und ebenso automatisch verdrückte sie auch noch das dritte Mittagessen. Danach fühlte sie sich elend. »Was ist mit denen?« »Das ist jetzt alles anders geworden«. na. »Ich kann dir das jetzt nicht so erklären. — »Viel zu essen«. Es ist dafür gesorgt. Aber da werden sie dich sowieso hinbringen. Die dürfen sich nicht mehr selbst überlassen bleiben.« »Meine Freunde?« fragte Momo ungläubig. Und das machte Nino nun vollends konfus. »Und die Kinder?« fragte sie. fragte Momo leise. Müßt ihr euer gemütliches Schwätzchen denn ausgerechnet jetzt abhalten?« »Und was soll ich jetzt machen«. der mit Gewalt seine Fassung zu bewahren sucht.

wo Gigi hier wohnt. Sie stand auf und sagte: »Guten Tag. In den Gärten hinter den hohen Mauern und Eisengittern erhoben uralte Bäume ihre Wipfel in den Himmel. Wo der Grüne Hügel war. »Meinst du?« fragte Momo hoffnungsvoll.« »WIRST'S GLEICH WISSEN«. ich suche das Haus von Gigi. um Gigis Haus zu suchen. Sie setzte sich auf einen Rinnstein. Wahrscheinlich hatten die Besitzer keine Zeit dazu. Die Schildkröte nahm sie natürlich wieder mit. »wie ich jetzt herauskriegen kann. der weit entfernt lag von jener Gegend um das alte Amphitheater. Aber ich hab' trotzdem das Gefühl. Es war wirklich eine sehr vornehme Gegend. »He. Momo war zwar daran gewöhnt. Aber nirgends sah man jemand in den Gärten Spazierengehen oder auf dem Rasen spielen. aber als sie endlich auf dem Grünen Hügel ankam. »Wenn ich nur wüßte«. Er wird dir bestimmt gefallen.« Aber auf dem Rücken der Schildkröte erschien nur ein großes Fragezeichen. FÜNFZEHNTES KAPITEL Gefunden und verloren Am nächsten Tag machte Momo sich schon früh am Morgen auf. Du wirst schon sehen. als ob ich nicht satt bin. Es war ein weiter Weg. daß er jetzt hier wohnt. Kassiopeia. Nino hat mir gesagt.viel.« Und nach einer Weile fügte sie hinzu: »Ich hätte Nino auch nicht von den Blumen und der Musik erzählen können. sagte plötzlich eine Stimme hinter ihr.« »Wessen Haus suchst du?« .« Und abermals nach einer Weile sagte sie: »Aber morgen gehen wir und suchen Gigi. um sich einen Augenblick auszuruhen. auf ihnen Purzelbaume zu machen. Momo wußte nicht. Die Häuser in den Gärten waren meist langgestreckte Gebäude aus Glas und Beton mit flachen Dächern. taten ihr doch die Füße weh. Da stand ein Mann. barfuß zu laufen. daß Diener von reichen Leuten solche Westen tragen. Die glattrasierten Wiesen vor den Häusern waren saftiggrün und luden förmlich ein. also auf der anderen Seite der großen Stadt. Er lag in der Nähe jener gleichförmigen Neubauviertel. Es war ein Villenvorort. du Dreckspatz«. stand auf Kassiopeias Rücken. der eine sonderbare gestreifte Weste anhatte. wußte Momo. sagte Momo zur Schildkröte. Die Straßen waren hier breit und sehr sauber und beinahe menschenleer. »was suchst du denn hier?« Momo drehte sich um.

Er ist mein Freund. »Ich möchte wissen«. »LACKAFFE!« stand auf Kassiopeias Panzer. Kennst du ihn denn nicht?« »Hier gibt es keine Fremdenführer«. »Gehört das alles dir?« fragte Momo und zeigte durch das Tor. sagte der Mann mit der Weste noch eine Spur unfreundlicher. erwiderte der Mann mit der Weste und drehte sich um. so daß man nicht hineinsehen konnte. »Hiergeblieben!« sagte er. Er ist nämlich mein Freund. »Gigi Fremdenführer muß ich suchen. den berühmten Erzähler?« »Na ja. meinte Momo.« »WARTE!« erschien als Antwort.« Der Mann mit der gestreiften Weste guckte das Kind mißtrauisch an. »Na ja«. »verschwinde jetzt! Du hast hier nichts zu suchen. »was sie doch manchmal für ausgefallene Launen haben! Aber wenn du wirklich glaubst. »Warum ist denn alles so zu?« fragte Momo. um sie aus der Nähe zu betrachten. 'ob Kassiopeia sich nicht vielleicht doch einmal geirrt hatte. »ob das überhaupt Gigis neues Haus ist. Hinter ihm war das Gartentor ein wenig offen geblieben. »Oh!« rief Momo bewundernd. Weißt du. und ein langes. Er ging in den Garten zurück und wollte das Tor schließen. und Momo begann zu überlegen. »Da komm' ich nicht 'rein. »Diese Künstler !« sagte er säuerlich.« »IST ES ABER«. Dreckspatz!« Dann ließ er Momo wieder los und wischte sich die Hand mit seinem Taschentuch ab. Und auch das Gartentor war. sagte Momo. »Was fällt dir ein. wo sein Haus ist?«»Und er erwartet dich wirklich?« wollte der Mann wissen. doch im fetzten Augenblick schien ihm noch etwas einzufallen. auf dem einige Windhunde spielten und ein Springbrunnen plätscherte. und Gigi sprang heraus. »Momo!« schrie er und breitete die Arme aus. Eine Tür wurde aufgerissen.« »ER KOMMT GLEICH«. aus Eisenplatten. und er bezahlt für mich alles. war auf dem Panzer zu lesen. Und auf einem Baum voller Blüten saß ein Pfauenpärchen. elegantes Auto schoß in voller Fahrt heraus. »Ja«. Momo konnte sich gerade noch durch einen Sprung nach rückwärts retten und fiel hin. aber der Mann mit der Weste hielt sie am Kragen zurück. aber die Schrift erlosch sogleich wieder. Woher soll Gigi wissen.»Von Gigi Fremdenführer. »Du meinst doch nicht etwa Girolamo. Nirgends war ein Klingelknopf oder ein Namensschild zu finden. ähnlich wie das bei dem Mann mit der Weste. Das Auto raste noch ein Stückchen weiter. Es sieht eigentlich gar nicht nach ihm aus. Statt jeder erwarteten Antwort erschien aber auf dem Rückenpanzer das Wort: »LEBEWOHL!« Momo erschrak. Das letzte Haus ganz oben an der Straße war von einer übermannshohen Mauer umgeben. was ich bei Nino esse.« Und das Gartentor fiel ins Schloß. als habe er etwas Unappetitliches angefaßt. Gigi Fremdenführer eben«. »Bist du wirklich ganz sicher?« fragte sie nach einer Weile.falls er überhaupt drin ist. »Was meinst du denn damit. und Momo konnte einen Blick hineinwerfen. »ganz bestimmt. Er wartet nämlich auf mich. Kassiopeia? Willst du mich denn wieder verlassen? Was hast du denn vor?« »ICH GEH' DICH SUCHEN!« war Kassiopeias noch rätselhaftere Auskunft. meinte Momo seufzend. In diesem Augenblick flog plötzlich das Tor auf. stand auf dem Rücken der Schildkröte. »was für schöne Vögel!« Sie wollte hineingehen. »Nein«. Also setzte Momo sich geradewegs vor das Tor und wartete geduldig.« »Doch«. »da kann ich aber vielleicht lang warten. daß ich hier draußen stehe . Sie sah einen weiten Rasen.« Der Mann mit der Weste zog die Augenbrauen hoch und schüttelte den Kopf. Lange Zeit geschah gar nichts. »das ist doch wirklich und wahrhaftig meine kleine Momo!« . daß er Wert auf deinen Besuch legt: Sein Haus ist das letzte ganz oben an der Straße. daß die Reifen quietschten. antwortete Momo erfreut. »so heißt er doch. dann bremste es. versicherte Momo mit Nachdruck.

»Aber das ist doch Momo!« rief Gigi lachend. nein. sondern redete aufgeregt weiter. Momo. versicherte Gigi. verstehst du? Ich bin schon wieder mal zu spät dran. Momo? Du fährst einfach mit zum Flugplatz. »es hat sich nur erschreckt. ganz. Wo hast du denn nur gesteckt die ganze Zeit? Du mußt mir alles erzählen. Aber da er seinen Redestrom nicht unterbrach. »Also fahren wir schon! Weißt du was. Wir sollten Momo unbedingt der . Aber jetzt ist alles anders.Momo war aufgesprungen und lief auf ihn zu. Und die Kinder? Ach. Kind. aber er wartete gar nicht ab. so schön gepflegt. »Entschuldigung«. was das bedeuten würde. Die zweite Dame warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. daß ich dich erschreckt habe. ganz anders. »und jetzt erzähle. Er sah anders aus als früher. »uns ist das völlig gleich. diese Sklaventreiber. sie lassen mich nicht!« »Oh!« versetzte die zweite Dame spitz. »Hast du dir weh getan?« fragte er atemlos. Wir erledigen nur unseren Job. was sie sagte. wartete sie einfach ab und schaute ihn an. als wir noch alle zusammen waren und ich euch Geschichten erzählt habe. wandte sich die erste Dame nun an Momo und lächelte. sagte Gigi. dann fliegt uns das Flugzeug wirklich noch vor der Nase weg. Wir werden von Ihnen dafür bezahlt. Die drei Damen nahmen auf dem Rücksitz Platz. Sie wissen ja selbst. »Also«. antwortete Gigi nervös. Das waren schöne Zeiten. sondern zog sie an der Hand hinter sich her zum Auto. das wird bei den Leuten fabelhaft ankommen! Ich werde das sofort veranlassen. Und mein Fahrer bringt dich anschließend nach Hause. weißt du.« »Ja natürlich. »Hat das Kind sich verletzt?« fragte die eine. »du möchtest doch bestimmt gern in der Zeitung stehen. wir müssen uns so viel erzählen. Momo. von Meister Hora und den Stunden-Blumen zu erzählen. »kann ich denn nicht mal mehr mit Momo in Ruhe ein paar Worte wechseln nach so langer Zeit ! Aber du siehst ja selbst. daß wir Ihre Termine organisieren. als sich eine der Damen nach vorn beugte. Momo! Aber hübsch der Reihe nach. und bist du zu Nino essen gegangen ? Hat es dir geschmeckt? Ach. »Wenn wir jetzt nicht mächtig auf die Tube drücken. -Aber das könnten wir doch gleich an Presse und Rundfunk geben! »Wiedersehen mit der Märchenprinzessin« oder so.« Momo hatte mehrmals versucht. »das möchte ich eigentlich nicht. dieses Mädchen gibt es also wirklich ?« fragte die dritte Dame erstaunt. keine Spur«. und Gigi fing sie auf und hob sie hoch. Das wird der Knüller!« »Nein«. es ist ja so schrecklich viel passiert inzwischen. Gigi setzte sich neben den Fahrer und nahm Momo auf den Schoß. Also ich habe nicht mehr geglaubt. auf Gigis Fragen zu antworten. nicht wahr?« »Lassen Sie das Kind in Ruhe!« sagte Gigi ärgerlich. verehrter Meister. daß du zurückkommen würdest. und er duftete gut. Inzwischen waren aus dem Auto noch vier andere Personen ausgestiegen und herangekommen: ein Mann in einer ledernen Chauffeursuniform und drei Damen mit strengen. Wieso bist du damals so plötzlich verschwunden?« Momo wollte eben anfangen. »Es tut mir leid.« »Aber du. natürlich!« lenkte Gigi ein. einverstanden?« Er wartete nicht ab. Und ab ging die Fahrt. »Meine alte Freundin Momo ist das!« »Ach. was macht er? Ich hab' ihn schon ewig nicht mehr gesehen. Hast du meinen Brief gefunden ? Ja ? War er noch da ? Gut. »Ich hatte es immer für eine Ihrer Erfindungen gehalten. Dann können wir unterwegs reden. Kleine«. aber stark geschminkten Gesichtern. sagte Gigi. Wie geht es dir denn? So rede doch endlich ! Und unser alter Beppo. eher vorwurfsvoll als besorgt. sagte sie. aber ich hab's schrecklich eilig. Aber irgendwie war er ihr seltsam fremd. »Nein. küßte sie hundert Mal auf beide Backen und tanzte mit ihr auf der Straße herum. »aber mir kommt gerade eine fabelhafte Idee. sie lassen mich nicht.« »Mein Gott«. was Momo dazu sagen würde. ich denke oft an die Zeit.« »Was lungert es aber auch vor dem Tor herum!« sagte die zweite Dame.

aufs Äußerste gereizt.« »Nein!« fuhr ihr Gigi in die Rede.« Er ließ ein kleines bitteres Lachen hören. daß die grauen Herren dabei ihre Finger im Spiel . nahm eine Pille heraus und schluckte sie.« Nun waren alle drei Damen beleidigt.so weit ist es mit mir gekommen. Könnten Sie mich nicht wenigstens rasch ein Interview mit dem Kind machen lassen?« »Schluß !« brüllte Gigi. »Ich will jetzt mit Momo reden. das ist die Hölle. »Wir sind nämlich gleich da. verstummen. Gigi griff sich stöhnend an den Kopf. Momo. . du kannst das vielleicht nicht verstehen. »Sie hab' ich nicht gemeint. während ich mit Momo rede!« »Na. . erlauben Sie mal !« antwortete die Dame ebenso heftig. nicht um meine! Sie sollten es sich gut überlegen.lassen Sie uns beide für fünf Minuten in Ruhe!« Die Damen schwiegen. »Da siehst du's nun . — Ach. was ich jetzt noch tun könnte.« »Nur eine Frage noch. Aber wie Sie wollen. »daß ich nicht genügend wirkungsvolle Reklame für Sie mache!« »Richtig!« stöhnte Gigi. »Verzeihen Sie«. Sie ahnte. armer Teufel bin. wo ich jetzt bin. Momo. Ich bin einfach mit den Nerven fertig. Ich könnte es auch bei euch nicht wieder lernen. »wollen wir nur noch von uns reden. »Jeder andere würde sich die Finger ablecken nach einer solchen Gelegenheit. ob Sie sich's zur Zeit leisten können. Und jetzt halten Sie gefälligst Ihren Mund. was rede ich da? Das kannst du natürlich alles nicht verstehen. eine solche Gelegenheit auszulassen!« »Nein«.« »Ich bin nicht jeder andere!« schrie Gigi plötzlich wütend. »Und nun«. die erfüllt werden. entgegnete die Dame gekränkt. murmelte er abgekämpft. oder doch wenigstens so lang.Erinnerst du dich noch? Aber Gigi ist nicht Gigi geblieben. »Nicht jetzt und nicht später. Schließlich drehte sich Gigi nach hinten zu den Damen. Ich hab' alles so satt.ich flehe Sie an ! . Für mich gibt's nichts mehr zu träumen. und zwar privat ! Das ist wichtig für mich ! Wie oft soll ich Ihnen das noch erklären?« »Sie selbst werfen mir doch dauernd vor«. selbst wenn ich wollte. Jedenfalls. sondern überhaupt nicht. Ein paar Minuten lang sagte niemand mehr etwas. Momo. die als nächstes gedreht wird. aber wenigstens eine bequeme. Sie wäre doch haargenau der neue Kinderstar für Ihre Vagabunden-Story. todkrank.Public-Film-Gesellschaft vorführen. Es ist vorbei mit mir. das kennt man ja allmählich schon«. Ich sage dir eines. daß dieses Pack auch dich noch in die Finger kriegt. wenn es so geht wie bei mir. Und zu Momo gewandt fügte er hinzu: »Entschuldige. nichts mehr erzählen. antwortete die erste Dame. das wäre. »So was würde bei den Leuten auf die Tränendrüsen drücken. »ich kann es mir nicht leisten! Aber Momo bleibt aus dem Spiel ! Und jetzt . >Gigi bleibt Gigi !< .nein.« »Na ja. fuhr Gigi fort und lächelte Momo etwas schief an. sind Wunschträume.den Mund halten. »Ich möchte auf keinen Fall. Darum bleibe ich schon lieber. mischte sich nun die zweite Dame dazwischen. Gigi fuhr sich mit der Hand erschöpft über die Augen.« Er starrte trübe zum Wagenfenster hinaus.« Momo sah ihn nur an. Sie verstand vor allem. Stellen Sie sich die Sensation vor! Momo spielt Momo!« »Haben Sie nicht verstanden?« fragte Gigi scharf. schrie Gigi verzweifelt. dann holte er ein silbernes Döschen aus seiner Westentasche. Aber arm sein ohne Träume . ehe es zu spät ist«. vielleicht für den Rest meines Lebens. das Gefährlichste. »Schließlich geht's ja um Ihre Publicity. Momo. »Aber nicht jetzt! Nicht jetzt!« »Sehr schade !« meinte die Dame. aber ich will einfach nicht. erwiderte die Dame nun ebenfalls wütend. »Das einzige. wenn wir . daß er krank war. Vielleicht können wir's ja auch später machen. bis man mich vergessen hat und bis ich wieder ein unbekannter. was es im Leben gibt. »Ich kann nicht mehr zurück. was Sie wollen«. Das ist zwar auch eine Hölle. daß Sie das Kind da hineinziehen!« »Ich weiß wirklich nicht.

Aber die Stewardessen drängten ihn. Er nickte traurig. Momo. Und nun ging sie also Momo suchen. Ihr war. was du inzwischen erlebt hast. Bitte. Momo hatte während der ganzen Begegnung mit Gigi kein einziges Wort sagen können. Sie stiegen alle aus und eilten in die Halle. daß es so nicht richtig war. daß er wieder Gigi werden mußte und daß es ihm nichts helfen würde. Auch ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie schüttelte den Kopf. als Momo sich wieder zu ihm in Gigis langes elegantes Auto setzte. weil das Flugzeug in wenigen Minuten starten würde.hatten. hilf mir!« Momo wollte Gigi so gerne helfen. Aber sie fühlte. Gigi beugte sich zu Momo herunter und sah sie an. Und sie hätte ihm doch so viel zu sagen gehabt. »bleib bei mir! Ich nehme dich mit auf diese Reise und überallhin. weißt du? Du brauchst nur ja zu sagen. Er winkte noch einmal aus der Ferne. Hier wurde Gigi bereits von uniformierten Stewardessen erwartet. Aber wo ? Wo und Wann hatte sie sie denn verloren ? Bei der ganzen Fahrt mit Gigi war sie schon nicht mehr dabeigewesen. Einige Zeitungsreporter knipsten ihn und stellten ihm Fragen. »Hör zu. weggezogen. daß sie sich gleich verlieren würden. solche wie damals. Natürlich hatte Kassiopeia vorher gewußt. Aber wo sollte Momo Kassiopeia suchen? . als hätte sie ihn dadurch. sagte Gigi. Und Gigi verstand sie. daß sie ihn gefunden hatte. »nun erzähle doch endlich mal. Momo winkte zurück. dann wurde er von den Damen. die er selbst dafür bezahlte. Momo!« In diesem Augenblick hielt das Auto vor dem Flughafen. Das Mädchen starrte verstört vor sich hin. Was sollte sie ihm sagen? Wohin wollte sie denn eigentlich? Sie mußte Kassiopeia suchen. Und plötzlich hatte er Tränen in den Augen. Du wohnst bei mir in meinem schönen Haus und gehst in Samt und Seide wie eine richtige kleine Prinzessin. Momo«. Das Herz tat ihr davon weh. wenn sie nicht mehr Momo wäre. Also vor Gigis Haus ! Und nun fiel ihr auch ein. Und sie wußte nicht. daß auf ihrem Rückenpanzer »LEBEWOHL!« und »ICH GEH' DICH SUCHEN« gestanden hatte. Du sollst nur da sein und mir zuhören. und alles kommt in Ordnung. daß die Umstehenden es nicht hören konnten. nun erst wirklich verloren. Und plötzlich durchfuhr sie ein heißer Schreck: Auch Kassiopeia hatte sie verloren ! SECHZEHNTES KAPITEL Die Not im Überfluß »Also. »Aber ich rede immerfort nur von mir«. wo er es doch selbst gar nicht wollte. Langsam drehte sie sich um und ging dem Ausgang der Halle zu. und dann war er verschwunden. das wußte Momo ganz sicher. wohin?« fragte der Fahrer. wie sie ihm hätte helfen können. sagte er so leise. Vielleicht fallen mir dann wieder wirkliche Geschichten ein.

Jeden Tag ging sie einmal zu Nino zum Essen. das hinter dem Auto zufiel. lag an der heimlichen. Dabei spähte sie in jede Mauerecke und suchte in jedem Straßengraben. daß eine Flaschenpost. Oder umgekehrt. Beppo zu verfehlen. »Ich denke. von einem Fischerboot an einer fernen Küste aufgefischt wird.« Momo ging also den gleichen Weg. Aber vergebens. »Kassiopeia!« rief sie immer wieder leise. Ich muß sie unbedingt wiederfinden. weil sie es nicht tat. Aber schließlich mußte sie doch irgendwann weitergehen. bitte«. Aber das war ja natürlich gar nicht möglich. wie oft es geschah. sie hätte ihr geraten »WARTE U oder »GEH WEITER ! «. und so war es wieder möglich. daß zwei Menschen sich zufällig begegneten.»Na. Immer wieder rief sie den Namen der Schildkröte. Der Fahrer blickte etwas überrascht drein. waren sie sich vielleicht ganz nah. »Kassiopeia!« »Was suchst du denn eigentlich?« fragte der Fahrer aus dem Wagenfenster. Tief in der Nacht erst kam Momo im alten Amphitheater an. wie oft mochte Beppo wohl kurz oder lang nach ihr über diesen Platz oder an diese Straßenecke kommen. Da niemand ihr etwas über seinen Verbleib sagen konnte. »ich hab' was auf der Straße verloren.Und doch. unablässigen Überwachung durch die grauen Herren. Aber freilich. alles ringsum abzusuchen. die sie mit Momo hatten. und sie erinnerte sich an Ninos Worte. dachte Momo. daß sie sich nur um ein weniges verfehlten. in dieser riesengroßen Stadt war die Möglichkeit. wo Beppo erst vor einer Stunde. blieb ihr nur die verzweifelte Hoffnung. die früher immer zu ihr gekommen waren. stieg Momo aus und begann sofort. »Ich habe noch was anderes zu tun. daß die Schildkröte durch ein Wunder schon vor ihr nach Hause gekommen wäre. Wer weiß. soweit es in der Dunkelheit möglich war. Hilfst du mir bitte?« »Ich hab' keine Zeit für dumme Witze ! « knurrte er und fuhr durch das Tor. »sie heißt Kassiopeia und weiß immer eine halbe Stunde die Zukunft voraus. aber so wußte Momo nie. ja vielleicht erst vor einem Augenblick gewesen war. Sie suchte die ganze Straße ab. daß für die Kinder jetzt gesorgt sei. Sie hegte die zaghafte Hoffnung. Denn das hätte ja nicht in die Pläne gepaßt. ihn zu verfehlen. so langsam wie sie war. was sie tun sollte. antwortete Momo. als dich spazierenzufahren. Auch nach den Kindern. Auch hier suchte sie sorgfältig alles ab. denn dorthin mußte er ja sowieso. so sagte sich Momo. »Vielleicht«. »Meister Horas Schildkröte«. Das muß ich jetzt suchen. Sie mußte fürchten. die ein Schiffbrüchiger irgendwo im weiten Ozean in die Wellen wirft. Aber sie sah niemals eines. Die nächsten Wochen verbrachte Momo damit. so verschwindend gering wie die. Als sie vor Gigis Villa ankamen. Sie sah überhaupt keine Kinder mehr auf den Straßen. ihre Wege würden sich durch Zufall kreuzen.« Dem Fahrer war es recht. »hat sie sich schon auf den Heimweg zum Amphitheater gemacht. hielt sie Ausschau. ziellos in der großen Stadt umherzuirren und Beppo Straßenkehrer zu suchen. Wie gut hätte sie jetzt Kassiopeia brauchen können ! Wenn sie noch bei ihr gewesen wäre. Momo kroch in ihr Bett. ich soll dich zu dir nach Hause bringen. erwiderte Momo. wird's bald?« sagte der Chauffeur und trommelte mit den Fingern auf dem Lenkrad. den sie gekommen war. Aber mehr als bei ihrer ersten Begegnung konnte sie nie mit ihm reden. einer Minute. Daß Momo selbst niemals von einem Polizisten oder einem Erwachsenen aufgegriffen und in ein Kinder-Depot gebracht wurde. langsam zurück. Nino war immer in der gleichen Eile und hatte niemals Zeit. antwortete Momo. Momo wartete deshalb oft an einer Stelle viele Stunden. . weil sie wartete. Aber davon wußte Momo nichts. und sie mußte fürchten. Momo suchte also allein.« »Zu Gigis Haus. Und nun war sie wirklich zum ersten Mal ganz allein. aber keine Kassiopeia war zu sehen. daß sie just an einer Stelle vorüberkam. Sie schreibt nämlich Buchstaben auf ihrem Rückenpanzer. Oder wirst du jetzt etwa bei uns wohnen?« »Nein«.

die so vergingen — und doch war es die längste Zeit. Denn die wirkliche Zeit ist eben nicht nach der Uhr und dem Kalender zu messen. Auch hier quälte sie wieder die Vorstellung. Und immer war Momo allein. Aber niemals las es jemand außer ihr selbst. Momo glaubte Beppo zu erkennen und schrie und winkte. »Nein. Sie war inzwischen mit allem einverstanden. Aber das Tor öffnete sich nie wieder. Franco und das Mädchen Maria. sie hätte die Musik nie gehört und die Farben nie geschaut. um nachzusehen. wäre sie vor die Wahl gestellt worden. sie sei noch immer verschwunden. Es gibt viele Arten von Einsamkeit. und sie konnte sich niemand bemerkbar machen.Aus den Wochen wurden Monate. sagte Momo zu sich. Und dennoch. »Es wird wohl nicht Beppo gewesen sein«. oder ihr zu erlauben. und ihre Gesichter wirkten seltsam erstarrt . die wohl nur wenige Menschen kennengelernt haben. Jedenfalls kam sie nicht wieder. Sie kam sich vor wie eingeschlossen in einer Schatzhöhle voll unermeßlicher Reichtümer. Ich weiß doch. und die wenigsten mit solcher Gewalt. an denen man zugrunde geht. Über eine solche Art von Einsamkeit kann man in Wahrheit auch nichts erzählen. ihr keine Zeit mehr zuzuteilen. Wenn sie dann gerade nicht da wäre. vor einer Woche oder gestern ! Also wartete sie. Aber ohne Kassiopeia konnte sie den Weg nicht wiederfinden. in denen sie sich wünschte. obgleich diese sich immerfort neu bildeten und niemals die gleichen waren. der ihr zuhörte. weil sie plötzlich hoffte. sie hätte diese Erinnerung um nichts in der Welt wieder hergegeben. ob sie schon zurückgekommen sei. ihn noch einmal zu sehen. aber Momo erlebte eine. Ein einziges Mal erblickte sie. konnte sie niemand mehr entdecken. aber die Gestalt unterbrach ihre Tätigkeit keinen Augenblick. Sie wollte bei ihm bleiben. ihm zuhören und zu ihm sprechen. Niemand war da. in der Ferne auf einer anderen Brücke eine kleine gebückte Gestalt. um sich zu trösten. Eines jedoch verließ sie nicht in all dieser Zeit: Die lebendige Erinnerung an das Erlebnis bei Meister Hora. Sie brauchte nur die Augen zu schließen und in sich hineinzuhorchen. bei ihm im Nirgend-Haus für immer zu bleiben. Und die war und blieb verschwunden. Oder sie hatte sich irgendwo auf der Welt verirrt. Beppo könnte vielleicht vorbeikommen. das früher immer das kleine Geschwisterchen Dedé herumgetragen hatte. an die Blumen und die Musik. Auch wenn sie daran sterben mußte. ganz gleich. Alle drei sahen ganz verändert aus. Es waren nur einige Monate. Sie trugen eine Art grauer Uniform. so sah sie die glühende Farbenpracht der Blüten und hörte die Musik der Stimmen. was sie nun erfuhr: Es gibt Reichtümer. ob es so werden würde wie früher. die Momo je durchlebte. Diese schwang hastig einen Besen.und sie versuchte es oft und oft — so wäre sie zu ihm hingegangen und hätte ihn gebeten. daß genau das vielleicht schon geschehen war. Momo rannte los. aber als sie auf der anderen Brücke ankam. Schließlich malte sie in großen Buchstaben an die Wand ihres Zimmers: BIN WIEDER DA. Und es gab keinen Ausgang! Niemand konnte zu ihr dringen. Denn das war es. Es kamen sogar Stunden. Es waren Paolo. das kann er gar nicht gewesen sein. Eines Tages nämlich begegnete Momo in der Stadt drei Kindern. aber sie wartete natürlich vergebens. die früher immer zu ihr gekommen waren. Es genügt vielleicht. außer den Bäumen und den Vögeln und den alten Steinen. nur dies eine noch zu sagen: Wenn Momo den Weg zu Meister Hora hätte finden können . Und wie am ersten Tag konnte sie die Worte nachsprechen und die Melodien mitsingen. als sie in der Abenddämmerung auf dem Geländer einer Brücke saß. so tief vergraben unter einem Berg von Zeit. mußte er natürlich glauben. als gelte es ihr Leben.« An manchen Tagen blieb sie auch zu Hause im alten Amphitheater. die immer mehr und mehr wurden und sie zu ersticken drohten. wenn man sie nicht mit anderen teilen kann. Vielleicht war sie längst zu Meister Hora zurückgekehrt. -Alle paar Tage lief Momo zu Gigis Villa und wartete oft lange vor dem Gartentor. Sie hoffte. Statt dessen geschah etwas ganz anderes. wie Beppo kehrt. Manchmal saß sie ganze Tage lang allein auf den steinernen Stufen und sprach und sang vor sich hin.

»Heute spielen wir Lochkarten«. »Versuche es gar nicht erst! Es liegt nicht in unserem Interesse.« Doch nun geschah etwas Sonderbares: Ehe eines der Kinder antworten konnte.« . um zu klingeln oder zu klopfen. grauen Hauses angekommen. »Ach. daß er alle anderen Karten aussondert und nur die eine zum Schluß übrig bleibt. »Zwecklos!« sagte er mit dünnem Lächeln.« Inzwischen waren sie vor dem Tor eines großen. Jede Lochkarte enthält eine Menge verschiedener Angaben: wie groß. Um sie herum waren noch mehr Kinder. meinte Maria ängstlich. »Darauf kommt es nicht an«. Und alle sahen ähnlich aus wie die drei Freunde von Momo. antwortete Franco.« »Früher !« antwortete Paolo. Aber dabei lernt man nichts. lächelten sie kaum.« »Das haben wir doch nie getan«. »schließlich wird doch jetzt für uns gesorgt. »Früher seid ihr doch immer gekommen. »Ich hab' euch so gesucht«. Aber kaum hatte sie einen Schritt auf das Tor zu gemacht. erklärte Paolo. Dann werden wir gemischt und kommen in eine Kartei. aber man muß höllisch aufpassen. Er muß Fragen stellen. ob es jemand gehört hatte. sagen sie. flüsterte Franco. Wir dürfen unsere Zeit nicht mehr nutzlos vertun. Und dann muß einer von uns eine bestimmte Karte herausfinden. Die drei schüttelten die Köpfe und blickten sich um. dann schüttelten sie die Köpfe. Schließlich faßte Momo sich ein Herz und fragte: »Könntet ihr mich nicht vielleicht mitnehmen? Ich bin jetzt immer so allein. Wer es am schnellsten kann. meinte Momo. Zwischen ihr und der Tür stand plötzlich einer der grauen Herren. wurden sie wie von einer riesigen Magnetkraft in das Haus hineingesaugt. »daß es nützlich für die Zukunft ist. »Wo geht ihr denn jetzt hin?« wollte sie wissen. MUX/763/y zum Beispiel. sagte Franco plötzlich. »aber jetzt ist alles anders.« »Könnt ihr denn nicht einfach ausreißen?« schlug Momo vor. daß man sie mitspielen lassen sollte. Aber natürlich nie das. »In die Spielstunde«.« Alle schwiegen und blickten vor sich hin. sagte Momo atemlos. Sie kriegen einen immer wieder. »Bei dir war's viel schöner«. Manchmal sind wir auch nur lange Zahlen. sagte Maria. und so weiter.und leblos. »aber es ist zwecklos. es war schön«. »Aber morgen vielleicht. ja?« fragte Momo. »so darf man nicht reden. »Ja. hat gewonnen. »das ist sehr nützlich. sagte Momo. »Vielleicht sehen wir uns irgendwann mal wieder«.« »Was denn?« fragte Momo. Selbst als Momo sie jubelnd begrüßte. »kommt ihr jetzt wieder zu mir?« Die drei wechselten Blicke. antwortete Paolo. Dennoch trat sie nach einer Weile an das Tor heran. »Da lernen wir spielen. die Zigarre im Mundwinkel. »Da ist uns selber immer eine Menge eingefallen. Momo hatte es erschrocken beobachtet. Momo lief neben ihnen her. als sie vor Schreck erstarrte.« »Aber worauf kommt es denn an?« wollte Momo wissen. sonst wäre es ja zu einfach. wie schwer. meinte Maria.« »Und das macht Spaß?« fragte Momo etwas zweifelnd. »Oder übermorgen?« Wiederum schüttelten die drei die Köpfe. am Anfang«. kommt doch wieder!« bat Momo. Hinter ihnen schlug hallend das Tor zu. Sie wollte noch einmal bitten. »Kinder-Depot« stand über der Tür. »Ich hab's schon ein paar Mal versucht. und zwar so.« »Und wie geht das?« »Jeder von uns stellt eine Lochkarte dar. die alle in das Tor hineingingen. »aber darauf kommt es nicht an.« Die drei Kinder gingen eilig weiter. antwortete Maria traurig. »Ich hätte euch so viel zu erzählen«. »Darauf«.« »So darf man nicht reden«. wie alt. daß du dort hineinkommst. ganz gleich was für Spiele es sein würden. was man wirklich ist.

Momo zeigte mit dem Finger auf den grauen Herrn und wollte um Hilfe rufen. der sich wie eine Schlinge um Momos Hals legte und nur langsam verging. aber sie brachte keinen Laut hervor. »Laß das doch!« sagte der graue Herr und ließ ein freudloses. erklärte der Graue und paffte einen Rauchring.« »Warum?« brachte Momo mühsam hervor. Nur der Rauch seiner Zigarre hing noch in der Luft. Aber der graue Herr war schon nicht mehr da. Und auch mit dir können wir machen. Zwar hatte sie ja gesehen. »Wenn du vernünftig bist.daß es in Wahrheit nichts Gutes für sie und ihre Freunde sein würde. Niemand kann dir mehr helfen. flüsterte Momo. dann würden die Leute doch wohl aufmerksam werden und sie retten. Wo sie ihn treffen sollte. hatte er ihr nicht gesagt. Was auch immer er ihr vorzuschlagen hatte . wie mächtig wir sind? Wir haben dir alle deine Freunde genommen. Aber wo konnte sie sich vor ihm verstecken? Am sichersten schien es ihr mitten in der Menge anderer Menschen. Außerdem. Möchtest du das?« »Ja«. erwiderte der graue Herr.« Momo nickte stumm. Der graue Herr lächelte dünn. Und bei dem Gedanken. kannst du viel dabei gewinnen für dich . Aber wir verschonen dich. dort ganz allein mit ihm zu sein. daß du uns einen kleinen Dienst erweist«. Den restlichen Nachmittag und den ganzen Abend über bis tief in die Nacht hinein lief Momo also mitten im Gedränge der Passanten . »Kennst du uns denn noch immer so wenig? Weißt du noch immer nicht. so sagte sie sich.und deine Freunde.»Warum?« fragte Momo. was wir wollen. dort hinkommen. Nein. der sie um Mitternacht treffen wollte. »Weil wir möchten. SIEBZEHNTES KAPITEL Große Angst und größerer Mut Momo fürchtete sich davor. aber sie hatten es alle sehr eilig. Sicherlich würde der graue Herr.»Weil wir mit dir etwas anderes vorhaben«. war sie mitten in einer dichten Menschenmenge auch am schwersten zu finden. ins alte Amphitheater zurückzukehren. wie du siehst. aber wenn er ihr wirklich etwas tun würde und sie um Hilfe schrie. daß niemand auf sie und den grauen Herren geachtet hatte. »Dann wollen wir uns heute um Mitternacht zur Besprechung treffen. Leute gingen vorüber. war ja mehr als deutlich gewesen. aschengraues Gelächter hören. packte Momo das Entsetzen. Sie fühlte wieder die eisige Kälte in sich aufsteigen. weder dort noch anderswo. sie wollte ihm überhaupt nicht mehr begegnen.

Und dieser Wagen fuhr jetzt. auf dessen Ladefläche allerlei Säcke und Kisten lagen. aber schon wurden sie wieder gemischt.Als sie so weit gedacht hatte. Aber dann fiel ihr ein. Wenn es überhaupt noch jemand gab. Dann sah sie die Kinder. Gigi stand schon auf einem ganzen Berg von Papierstreifen. immer weiter. aber sie konnte sich ihm nicht einmal bemerkbar machen. Sie wollte zu ihm hinlaufen. Momo wischte sich die Wangen ab. dachte sie endlich. ihre Freunde freizugeben. Der Lieferwagen fuhr nicht sehr schnell. der um diese späte Nachtzeit wie ausgestorben wirkte. als ob er sie flehend anblickte. Dann sah sie Gigi. Es wurde spät und später. bis sie schließlich davon aufwachte. weiter . . wo sie sich befand. Momo wollte Beppo so gerne helfen. was sie geträumt hatte. in der Hoffnung. und dabei fielen sie übereinander. Das Motorengeräusch verklang allmählich in den dunklen Straßen. Wo war sie überhaupt? Der Wagen mußte wohl schon eine ganze Weile gefahren sein. Sie wollte auf die belebten Straßen zurück. Aber sie war ja schon den ganzen Tag über herumgelaufen. Sie war davongelaufen. Wirre Träume suchten sie heim. Sie zog die müden Füße hoch und steckte sie unter ihren Rock. daß es knatterte und ratterte. und Momo sprang ab. weiter.« Am Straßenrand stand gerade ein kleiner. Mochte die Möglichkeit. . die noch naß von Tränen waren. wo sie diesen Weg begonnen hatte. der seinen Besen als Balancierstange benutzte. wo sie vor dem grauen Herren sicher zu sein glaubte. dann war sie es. als ob er keine Luft mehr bekommen könne. Momo wollte nicht mehr fliehen. Und je heftiger sie sich zu befreien versuchte. ehe sie es selbst merkte. dreirädriger Lieferwagen. Momo kletterte hinauf und lehnte sich gegen einen Sack. und Momo marschierte halb im Schlaf dahin. fühlte sie plötzlich eine . und sein Motor machte solchen Lärm. Sie waren alle ganz flach wie Spielkarten. hoch über einem finsteren Abgrund auf einem Seil dahinschwanken. denn er befand sich jetzt in einem Teil der Stadt. dann kann ich wieder besser achtgeben . das tat gut ! Sie seufzte erleichtert. »Halt!« wollte Momo rufen und »aufhören!«. der angenehm weich war. ehe sie sich's recht überlegt hatte. Im ersten Augenblick wußte sie nicht mehr. Ach. Die Straßen waren menschenleer und die hohen Häuser dunkel. der sich einen endlosen Papierstreifen aus dem Munde zog.über die belebtesten Straßen und Plätze. Die Karten wurden durcheinandergewirbelt. . ohne daß sie es gemerkt hatte. aber ihre Füße verfingen sich in den Papierstreifen. bis sie wie in einem großen Kreis wieder dorthin zurückkam. wenn sie ihm nicht zu Hilfe käme. Sie sah den alten Beppo. zu hoch droben. Sie lief ihn ein zweites und ein drittes Mal. Und es wurde immer lauter und lauter. Doch dann fiel ihr wieder ein. Und es schien Momo. aber der Papierstreifen hörte nicht auf und riß auch nicht ab. aber das Knattern und Rattern übertönte ihre schwache Stimme. Sie ließ sich einfach mittreiben in dem Strom der immer eiligen Menschenmassen. Es verlor sich nach beiden Seiten in der Dunkelheit. an ihr eigene Verlassenheit. »Ich kann das andere Ende nicht finden!« Und das Seil schien tatsächlich unendlich lang. und allmählich schmerzten ihre Füße vor Müdigkeit. schmiegte sich gegen den Sack und war. dann mußten sie sich neu ordnen. . Die Kartenkinder weinten lautlos. Die ganze Zeit hatte sie nur an sich. versuchen mußte sie es wenigstens. sich zu retten. die in Not waren. Er war zu weit fort. und neue Löcher wurden in sie hineingestanzt. »Wo ist das andere Ende?« hörte sie ihn immer wieder rufen. die grauen Herren dazu zu bewegen. daß sie sich auf den Lieferwagen gesetzt hatte. denn es war dunkel um sie. an ihre eigene Angst gedacht ! Und dabei waren es doch in Wirklichkeit ihre Freunde. »nur einen winzigen Augenblick. vor Erschöpfung eingeschlafen. der ihnen Hilfe bringen konnte. und sie blieb stehen. auch noch so winzig sein. Er zog und zog immer weiter. und es wurde still. desto mehr verwickelte sie sich darin. Und in jede Karte waren richtige Muster kleiner Löcher gestanzt.»Nur einen Augenblick ausruhen«.

Sie schlug viele Male.« Aber das war nun leichter beschlossen als getan. »Hier bin ich!« rief sie. Er würde unverrichteterdinge wieder fortgehen. Momo nicht und auch keiner der grauen Herren. Und da sie eingekreist war und nicht weglaufen konnte. verkroch sie sich. Es war keiner von den schönen Plätzen. »Ich muß sofort zum alten Amphitheater«. dachte Momo.Blicke. und im Nu fühlte sie sich getröstet und gestärkt. in die Dunkelheit hinein.seltsame Veränderung in sich. wo sie stand. Sie fühlte sich nun so mutig und zuversichtlich. Sie wollte es um jeden Preis. sondern einfach eine weite. »vielleicht ist es noch nicht zu spät. Jetzt wollte sie dem grauen Herren begegnen. Schließlich gelangte Momo zu einem riesenhaften. irgend etwas zu entdecken. als ob keine Macht der Welt ihr etwas anhaben könnte. ihren Freunden zu helfen. Sie lief immer weiter und weiter durch die dunklen. totenstillen Straßen. hörte sie schließlich eine aschenfarbene Stimme. . vielleicht wartet er auf mich. in welche Richtung sie überhaupt laufen mußte. Sie wußte nicht. Jedesmal. in ihrer viel zu großen Männerjacke. dieses Häufchen Unglück!« Diesen Worten folgte ein rasselndes Geräusch. leere Fläche. was mit ihr geschehen würde. wie sie weiterlaufen mußte. der rasch heller wurde. denn sie blieben im Dunkeln hinter den Scheinwerfern. ein schwacher Lichtschein auftauchte. das ihr verriet. In welche Richtung sie sich auch wandte. daß der graue Herr sie hören würde. Dann stiegen die Herren aus. Doch darin hatte sie sich getäuscht. als sie näher kam. oder vielmehr: es kümmerte sie überhaupt nicht mehr. Sie kamen also! Aber mit einem so gewaltigen Aufgebot hatte Momo nicht gerechnet. Seht es euch jetzt an. denn das einzige lebendige Wesen. war ein magerer. also war es nun vielleicht schon Mitternacht. Und da sie barfuß war. »ist dieses Mädchen Momo. Und ihr wurde kalt. dessen Mittelpunkt Momo war. in einem Kreis stehen. Stoßstange neben Stoßstange. begann ziemlich in der Nähe eine Turmuhr zu schlagen. so laut sie konnte. Und fragen konnte sie auch niemand.vielleicht ein für allemal! Momo biß sich auf die Faust. Schließlich blieben sie. wo sie sich befand. und sie mußte ihre Augen mit der Hand schützen. »Das also«. Trotzdem lief sie aufs Geratewohl los. Momo überquerte den Platz. Die Möglichkeit. hoffte sie. leeren Platz. Kaum war nämlich der letzte Glockenschlag verhallt. von überallher strahlte ihr grelles Licht entgegen. und hatte nicht die leiseste Ahnung. leeren Platz mündeten. irgendein Zeichen. schmutziger Hund. das ihr begegnete. die ringsum auf den großen. das sich entfernt anhörte wie vielstimmiges Gelächter. würde vorüber sein . Es war durchgestanden. daß es die Scheinwerfer von vielen Autos waren. die nichts Freundliches enthielten. Das Gefühl der Angst und Hilflosigkeit war so groß geworden. Und dann erkannte Momo. das sie wiedererkannte. Aber sie spürte. Als sie eben dessen Mitte erreicht hatte. Wenn der graue Herr jetzt im Amphitheater auf sie wartete. dann konnte sie unmöglich noch rechtzeitig hinkommen. Aber sie fand keines. die nun sehr langsam von allen Seiten auf die Mitte des Platzes zukamen. Mit leise brummenden Motoren waren die Autos näher und näher herangekommen. auf denen Bäume oder Brunnen stehen. das uns einmal herausfordern zu können glaubte. wie viele es waren. der in einem Abfallhaufen nach Eßbarem suchte und ängstlich floh. als gleichzeitig in allen Straßen. Aber dann dachte sie an die Blumen und an die Stimmen in der großen Musik. Aber sie hatte keine Hoffnung. hörte sie nicht einmal den Klang ihrer eigenen Schritte. Momo konnte nicht sehen. was konnte sie jetzt noch tun? Sie wußte sich keinen Rat. daß viele Blicke auf sie gerichtet waren .Eine ganze Weile sagte niemand ein Wort. soweit das möglich war. daß es plötzlich umschlug und sich ins Gegenteil verwandelte. sagte sie zu sich. Für einen Augenblick schwand ihr ganzer Mut wieder dahin. Nur am Rande hoben sich dunkel die Umrisse der Häuser gegen den nächtlichen Himmel ab. wenn sie in eine neue Straße einbog. Was sollte.

Du bist allein.« Wieder entstand eine lange Stille. die Wahrheit zu sagen. und wie gut sie sie kannte! Wieder entstand eine längere Stille. deine Freunde zu befreien. Denn wir wissen. »Du könntest es. in einem Jahr. denn sie bebte an allen Gliedern vor Kälte. Eine Welle von Kälte kam von allen Seiten auf Momo zu. Das alles war unser Plan. wir warten einfach. Das ist . Uns ist es gleich. Ja. und ihr könnt wieder euer altes. Das ist alles. »Und du warst tatsächlich bei ihm?« Momo nickte wieder. als daß du uns zu ihm führst. kam sie abermals aus einer anderen Richtung. daß sie wirklich beim Sogenannten war«. was die Zeit ist«. wo er wohnt. die dich erstickt. das wie ein Keuchen aus vielen Kehlen klang. fuhr die Stimme fort. daß die grauen Herren sich davor fürchteten. verstehst du? Aber wir wissen nicht. »Du willst dir nicht von uns helfen lassen?« fragte die Stimme eisig. Wir wollen von dir nicht mehr. eine Last. daß wir vollkommen offen mit dir reden und es ehrlich meinen: Du bekommst dafür deine Freunde zurück. daß du einmal gekrochen kommen wirst und sagst: Ich bin zu allem bereit. Es gibt niemand mehr. Du siehst. sagte die erste Stimme aus dem Dunkel hinter den Scheinwerfern. lustiges Leben führen. aber sie biß die Zähne zusammen und schüttelte abermals den Kopf. was sind sie jetzt für dich? Ein Fluch. »Du liebst deine Freunde. Die Stimme kam aus einer anderen Richtung. Momo hörte etwas. nur befreit mich von dieser Last ! . zischelte eine andere Stimme. nicht wahr?« Momo nickte. ihr etwas vorzumachen. wie gefährlich uns die Kleine werden kann. damit du auch sicher bist. Oh. Und dann fragte sie laut: »Kennst du Meister Hora?« Momo nickte. wie mächtig wir sind. »Sie weiß. wo du es nicht mehr erträgst. »kommt der Augenblick.Oder bist du schon so weit ? Du brauchst es nur zu sagen. Es hat keinen Sinn. armes Kind. Du bist ausgesondert von allen Menschen. Als die Stimme von neuem zu reden anfing. »Einmal«. Die vielen einsamen Stunden.« Momo horchte auf. und du hilfst uns.»Vorsicht !« sagte eine andere aschenfarbene Stimme unterdrückt. eine Qual.»Wir möchten diesen Meister Hora nämlich auch gern einmal persönlich kennenlernen. aber klang genauso aschenfarben: »Reden wir also offen miteinander. morgen. aus welcher die Stimme jetzt kam. « Momo schüttelte den Kopf. die dich versengt. antwortete die erste Stimme ebenso.Stunden-Blumen?« Momo nickte zum dritten Mal. »Es würde dich wirklich nur eine Kleinigkeit kosten. »versuchen wir's also mit der Wahrheit. ein Meer. Das ist doch nicht mehr als recht und billig. der dich erdrückt. in einer Woche. »Das beweist. »Sie wissen. sich uns zu widersetzen. Wir helfen dir. »Und du würdest sie gern aus unserer Gewalt befreien?« Wieder nickte Momo.« Momo blickte aufmerksam in die Richtung. wenn du nur wolltest. Momo fühlte. Momo. Es schien sie eine unvorstellbare Anstrengung zu kosten. Deine Freunde sind unerreichbar für dich. das dich ertränkt. höre nur gut zu. »Na schön«.« Momo zog sich ihre Jacke ganz eng um den Leib. Endlich begann wieder einer zu reden.« Momo hörte zu und schwieg weiterhin. Es hat keinen Zweck. »Dann kennst du also die . mit dem du deine Zeit teilen kannst.

dann werden wir ihm kein Haar krümmen. Jede Schildkröte muß geprüft werden! Diese Kassiopeia muß gefunden werden! Sie muß! Sie muß!« Die Stimmen verklangen. Es kostete sie Anstrengung zu sprechen. Wir werden die Welt beherrschen!« Die Kälte war jetzt so schrecklich. Es wurde still. wenn du es könntest? Du kannst es doch ! Du warst doch bei Hora. daß wir die Wahrheit gesagt haben. Langsam kam Momo wieder zu sich. daß Momo nur noch mühsam die Lippen bewegen. Ihr werdet die letzten Menschen sein.« Momo blieb stumm und wartete ab. »Aber keine Sorge. Sie selbst haben die Welt so weit gebracht.doch ein lohnendes Angebot!« Jetzt tat Momo zum ersten Mal den Mund auf.« Die Stimme verstummte.sie . aber kein Wort mehr hervorbringen konnte. ich tat's nicht. Ihr mischt euch nicht mehr in unsere Angelegenheiten. der wie aus einer großen Leere zu kommen schien. .ich hab' . »Was wollt ihr von Meister Hora?« fragte sie langsam. fuhr die Stimme nun plötzlich wieder leise und beinahe schmeichelnd fort.»sind längst überflüssig.zurückgekommen --. denn ihre Lippen waren wie eingefroren. »Ich verstehe dich nicht«.. woher die Stimme kam. Er ist alt genug. uns die Stunden. und die Kälte nahm zu. Minuten und Sekunden der Menschen einzeln zusammenzuraffen. »Was wird dann aus denen?« »Menschen«. daß für ihresgleichen kein Platz mehr ist.mit mir . schrie die Stimme und überschlug sich. »du und deine Freunde. flüsterte Momo.« Momo versuchte zu sprechen.« »Wo ist sie jetzt?« Momo. antwortete die Stimme scharf. Wir werden unser Versprechen halten. kaum noch bei Bewußtsein. »Wir wollen ihn kennenlernen«. und wir lassen euch in Ruhe. »denk doch an dich und deine Freunde ! Was machst du dir Gedanken um Meister Hora. »Sofort Großalarm !« hörte sie rufen. Und nun führst du uns zu Hora.« »Wozu?« fragte Momo mit blauen Lippen. stammelte : »Sie ist . als sie antwortete: »Wir haben es satt. Nur Kassiopeia weiß ihn. Und außerdem . Unter den grauen Herren entstand eine Bewegung. »Damit laß dir genug sein. Das laß doch seine Sorge sein. »Und die Menschen?« fragte sie.« Von irgendwoher fragte die Stimme drohend : » Was heißt das. ein aschengrauer Wind.« Wie aus weiter Ferne hörte sie um sich her aufgeregtes Stimmengewirr. ihr seid natürlich ausgenommen. über den nur noch ein kalter Windstoß hinfuhr. Sie stand allein auf dem großen Platz.verloren. also weißt du den Weg!« »Ich finde ihn nicht wieder«. Die muß Hora uns überlassen!« Momo starrte entsetzt ins Dunkel. sagte die Stimme.« »Wer ist das?« »Meister Horas Schildkröte. sie schienen unruhig zu werden. Andernfalls haben wir unsere Mittel. »Man muß diese Schildkröte finden. ihn zu zwingen. Wir wollen die ganze Zeit aller Menschen. begann aber gleich darauf aus anderer Richtung wieder zu reden: »Du weißt.aber . Plötzlich klang die Stimme nun schrill und überanstrengt. um für sich selbst zu sorgen. die spielen und sich Geschichten erzählen. Die Kälte raubte ihr fast die Besinnung. kleine Momo«. »ich hab's versucht. Nach mehreren Versuchen brachte sie schließlich hervor : »Selbst wenn ich's könnte.wenn er vernünftig ist und sich gütlich mit uns einigt.

denn sie fürchtete. aber Momo hörte es kaum. »Man darf dich nicht sehen!» raunte Momo..« Ohne sich zu besinnen packte Momo sie und steckte sie unter ihre Jacke. guckte aber zu ihr hinein und flüsterte: »Bitte.ACHTZEHNTES KAPITEL Wenn man voraussieht ohne zurückzuschauen Momo wußte nicht.» In diesem Augenblick berührte etwas sie zart an ihrem nackten Fuß. Sie fühlte sich wie gelähmt und konnte keinen Entschluß fassen. bei dem einem der Verstand stillstand. und wie!« Und sie küßte sie mehrmals auf die Nase. was inzwischen geschehen war. Momo hielt sie fest an sich gedrückt. daß es nie wieder gut werden würde. Es wäre ein Glück für sie . »Aber sie suchen dich überall! Nur gerade hier sind sie nicht. obgleich sie wußte. . Flüsternd berichtete Momo nun der Schildkröte.und für mich . Kassiopeia strampelte heftig unter der Jacke und versuchte sich zu be-freien. wenn die grauen Herren sie tatsächlich finden würden ? Momo begann sich bittere Vorwürfe zu machen. Momo erschrak und beugte sich langsam hinunter. sagte Momo und schluchzte fast. . sich all das zu überlegen. Ist es nicht gescheiter. WIR GEHEN. daß sie gar nicht dazu gekommen war. daß sie sie nicht finden würde? Dann hätte sie ja eigentlich gar nicht zu suchen brauchen? Das war wieder so eines von Kassiopeias Rätseln. Also hatte die Schildkröte offenbar all die Zeit davor nach Momo gesucht. Aber jetzt war jedenfalls nicht der geeignete Augenblick. Sollte sie nach Hause gehen ins alte Amphitheater und sich schlafen legen? Jetzt. Die Buchstaben auf dem Panzer der Schildkröte erröteten sichtlich. hoffentlich sucht sie nicht mehr nach mir.« . »Hast du mich denn die ganze lange Zeit gesucht?« »FREILICH. Ja.. die grauen Herren könnten noch in der Nähe sein. über diese Frage zu grübeln. Dann richtete sie sich auf und horchte und spähte in die Dunkelheit ringsum. Jetzt erschienen auf dem Rücken der Schildkröte die Worte: »FREUST DICH WOHL GAR NICHT?« »Doch«. nie wieder . versuchte Momo sich zu trösten. war die Antwort. Dazu kam die Angst um Kassiopeia. als sie antwortete: »MUSS DOCH SEHR BITTEN!« Momo lächelte. halt dich ruhig!« »WAS SOLL DER UNFUG?« stand leuchtend auf dem Panzer. Aber alles blieb still. »Und vielleicht«. Die Turmuhr schlug manchmal. »doch Kassiopeia. Kassiopeia hatte aufmerksam zugehört.« »Und wieso hast du mich ausgerechnet jetzt und ausgerechnet hier gefunden?« »WUSSTE ES VORHER«. »Was sollen wir jetzt tun?« fragte sie zuletzt. wenn man zu lange darüber nachdachte. Aber sie war so benommen gewesen. nachdem alle Hoffnung für sie und ihre Freunde ein für allemal dahin war? Denn nun wußte sie ja. Nur sehr langsam kehrte die Wärme in ihre erstarrten Glieder zurück. wieviel Zeit vergangen war. hier zu bleiben?« Aber auf der Schildkröte stand nur: »ICH WEISS. Was. daß sie die Schildkröte überhaupt erwähnt hatte. »ist Kassiopeia schon längst wieder bei Meister Hora. Vor ihr saß die Schildkröte ! Und in der Dunkelheit leuchteten langsam die Buchstaben auf: »DA BIN ICH WIEDER.« »Jetzt?« rief Momo ganz entsetzt. Nun erschienen auf ihrem Panzer die Worte: »WIR GEHEN zu HORA.

Es waren die grauen Herren. Um jeden Preis.wenn auch nicht absichtlich. Momo war so müde wie noch nie in ihrem ganzen Leben zuvor. Sie tut es freiwillig . Momo schaute nicht mehr nach links und nach rechts. Alle sollen sich uns anschließen. und Momo folgte ihr. um heimlich das Mädchen zu beobachten. sagte Momo. um sich hinter dem Mädchen und der Schildkröte ihren Genossen anzuschließen. folgte lautlos dem Weg der beiden Fliehenden. »Gut«. sondern nur noch auf ihr eigenen Füße und auf Kassiopeia. daß ihre Kräfte dazu nicht mehr ausreichen würden. Ein knisterndes Rascheln ging über den Platz hin wie tonloses Kichern. Momo hob ihre Augenlider. daß Momo und Kassiopeia tatsächlich keinem einzigen ihrer Verfolger begegneten. langsam und Schrittchen für Schrittchen. daß dies der armselige und wie ausgestorben wirkende Stadtteil war. Aber dann dachte sie an den langen mühevollen Weg. Wenn nur die Schildkröte nicht so schrecklich langsam gekrabbelt wäre! Aber daran war ja nun nichts zu ändern. daß sie im nächsten Augenblick einfach hinfallen und einschlafen würde. den sie damals gegangen waren.« » ES IST GANZ NAH!« stand auf Kassiopeias Rücken. Man soll ihnen überall freie Bahn geben. Denn wohin auch immer sie ihre Schritte wandten. meine Herren. Ein Teil von ihnen war zurückgeblieben. damit es schneller geht?« »LEIDER NEIN«.« »Wieso?« fragte die erste Stimme. »Geh allein. bemerkte sie. Und wozu brauchen wir sie?« »Damit sie uns zu Hora führt. die Verfolger wichen aus und verschwanden rechtzeitig. Wenn es so war. . Nach und nach dämmerte ihr. Manchmal glaubte sie. Die Suche kann abgebrochen werden. »Geben Sie sofort Nachricht an alle Agenten in der Stadt. Sie dürfen keinem von uns begegnen. sagte Momo. Nun. wie es ihr vorkam. dann konnte man sich freilich darauf verlassen. »ich geh' mit dir. »Warum mußt du denn unbedingt selbst krabbeln?« fragte Momo. immer durch Mauern und Häuserecken verborgen. Und genau das tut sie jetzt.« »Stimmt. Geh allein und grüß Meister Hora schön von mir.« Wieder wehte tonloses Kichern durch die finsteren Schatten rund um den Platz. als es rund um den Platz in den finsteren Schatten der Häuser lebendig wurde.« »WIR BEGEGNEN KEINEM«. raunte eine andere. Kassiopeia«. daß die Straße unter ihren Füßen plötzlich heller wurde. Aber dann zwang sie sich noch zum nächsten Schritt und wieder zum nächsten. Aber könnte ich dich nicht vielleicht tragen. dann konnte sie es vielleicht tatsächlich noch bis zur Niemals-Gasse und zum Nirgend-Haus schaffen. Sie hatten lange warten müssen. Kaum waren das Mädchen und die Schildkröte in einer der einmündenden Gassen verschwunden. lassen Sie uns in aller Ruhe unseren beiden ahnungslosen Führern folgen!« Und so kam es. von dem aus sie damals in jene andere Gegend mit den weißen Häusern und dem seltsamen Licht gelangt waren. »Da gehen sie !« flüsterte eine aschengraue Stimme. »Wir müssen doch die Schildkröte fangen. Und dann wurde es für ein kleines Weilchen wieder ein wenig besser. Aber höchste Vorsicht. »ich kann nicht mehr. Und wir brauchen sie nicht einmal dazu zu zwingen.»Dann«.« »Eben. hatten sie selbst nicht geahnt. die ihr schwer wie Blei zu sein schienen. sagte sie leise. Nach einer Ewigkeit. die die ganze Szene belauscht hatten. meine Herren ! Keiner von uns darf sich ihnen in den Weg stellen. und plötzlich fühlte sie. »werden wir ihnen geradewegs in die Arme laufen.« Damit setzte sich die Schildkröte in Bewegung. Und nun. war auf Kassiopeias Rücken zu lesen. war Kassiopeias Antwort. Eine größer und größer werdende Prozession von grauen Herren. hieß es. wenn sie das so sicher wußte. Momo las es und schaute sich erstaunt um. Momo setzte Kassiopeia auf den Boden. »Wir lassen sie laufen. »Sollen wir zupacken?« »Natürlich nicht«. aber daß dieses Warten einen solchen unverhofften Erfolg zeitigen würde. Darauf erschien die rätselhafte Antwort: »DER WEG IST IN MIR.

Aber nicht nur Momo hatte diesen Vorgang beobachtet. desto schneller kam man vom Fleck. immer tiefer und tiefer hinein ins Innere des weißen Stadtteils. eher noch langsamer als vorher. bis sie bei Meister Hora sein würden. ein Wettlauf der Langsamkeit. sagte sie zu Kassiopeia. war die Antwort der Schildkröte. Es war geradezu. die ganze Straßenbreite ausfüllend. Momo erinnerte sich. Und Momo bemerkte . schlüpfte hindurch. immer schneller. Sie lief rückwärts in die Niemals-Gasse hinein und starrte mit aufgerissenen Augen auf das nachfolgende Heer der grauen Herren. um nichts mehr zu sehen und zu hören. Jetzt folgten sie den beiden genauso langsam wie diese gingen. Und da diese nun wußten. Dann war die Ecke der Niemals-Gasse erreicht. Das . sondern natürlich auch die anderen nachdrängenden grauen Herren. Ja. auf denen ein überraschter und entsetzter Ausdruck lag.daß sie hier gerade dadurch schneller vorwärts kamen. sie waren endlich in den Stadtteil gelangt. Zuerst verschwanden ihre vorgestreckten Hände. und Reihe hinter Reihe.und blickte umher. das nichts darstellte als ein riesengroßes Ei auf einem schwarzen Steinquader. Die ersten stemmten sich gegen die Masse der nachfolgenden. rannte durch den Gang mit den steinernen Figuren. Kreuz und quer ging der Weg durch diese Traumstraßen. Dann hatte Momo endlich das Nirgend-Haus erreicht.wie schon beim vorigen Mal . lief durch den Saal mit den unzähligen Uhren auf das kleine Zimmerchen in der Mitte der Standuhren zu. Wie eine graue. Die große schwere Tür aus grünem Metall öffnete sich. wie man sich hier bewegen mußte. Und deshalb tat sie es jetzt wieder. Und so entdeckten sie nun auch dieses Geheimnis. bis sie sich umgedreht hatte und rückwärts gegangen war. Momo schöpfte Mut. lösten sie sich buchstäblich vor Momos Augen in Nichts auf. dann die Beine und Körper und schließlich auch die Gesichter. desto langsamer kam man voran. DESTO SCHNELLER«. als glitte die Straße unter ihnen dahin.Damals ! Aber jetzt war die Sache anders. »können wir nicht ein bißchen schneller gehen?« »JE LANGSAMER. Aber keiner wagte es. . Denn dies war das Geheimnis jenes weißen Stadtteils: Je langsamer man voranschritt. und dadurch holten sie auf und kamen näher und näher heran. denn nun konnte es nicht mehr allzulange dauern. je langsamer sie beide gingen. gingen sie sogar noch etwas langsamer als die Schildkröte. »Bitte«. Es war wie ein umgekehrter Wettlauf.noch Abenddämmerung war und wo alle Schatten in verschiedene Richtungen fielen. Blendend weiß und unnahbar standen die Häuser mit den schwarzen Fenstern. So war Momo ihnen entkommen. Kassiopeia war schon eingebogen und lief auf das Nirgend-Haus zu. Momo stürzte hinein. wandernde Mauer kamen die Zeit-Diebe heran. so weit man sehen konnte. Momo sah ihre zornigen Gesichter und ihre drohend geschüttelten Fäuste. Und nun blieb ihr fast das Herz stehen vor Schreck. und für einen Augenblick entstand eine Art Handgemenge unter ihnen. einer neben dem anderen. öffnete die ganz kleine Tür am anderen Ende. Aber nun geschah abermals etwas Seltsames: Als die ersten der Verfolger in die Niemals-Gasse einzudringen versuchten. Langsam füllten sich die weißen Straßen hinter den beiden mit dem Heer der grauen Herren. daß sie in dieser Gasse nicht hatte weiterkommen können. warf sich auf das zierliche Sofa und versteckte ihr Gesicht unter einem Kissen. nicht gewußt. das nicht Morgen. Und je mehr man sich beeilte.hatten die grauen Herren damals. Denn jetzt wollten sie das Mädchen und die Schildkröte ja gar nicht einholen. Und dort war auch wieder jenes seltsame Denkmal. ihr weiter zu folgen. in dem jenes Licht herrschte. als sie Momo mit den drei Autos verfolgten. aber sie konnte ihr eigene Stimme nicht hören. Momo schrie auf. Sie krabbelte weiter.

Dann würden alle Leute ein bißchen jünger. Er blickte mit kummervollem Gesicht vor sich auf den Boden nieder. »DENKE NICHT NACH!« Meister Hora schüttelte seufzend den Kopf. daß du immer mehr Zeit in dir hast. als bloß die Zeit. sie zu durchqueren. die du dazu gebraucht hast. »Das war ganz in Ordnung. Sonst ist es doch so. Aber bei den grauen Herren ist das anders. »entschuldige bitte. »Könnte man dann«. erschien auf Kassiopeias Rücken. »Das heißt. manchmal bist du auch mir ein Rätsel!« Momo setzte sich auf. wirst du älter. Nur bleibt vom Ballon wenigstens noch die Hülle übrig. Das heißt.NEUNZEHNTES KAPITEL Die Eingeschlossenen müssen sich entschließen Eine leise Stimme sprach. Schließlich setzte er sich wieder und sah Momo prüfend an. meinte Momo verwundert. Man kann sagen. wenn sie in den ZeitSog geraten. »Konntest du dir nicht denken. Langsam tauchte Momo aus der Tiefe ihres traumlosen Schlafes empor. fragte Momo.« »Zu uns hereinkommen«. nicht wahr? Rings um das Nirgend-Haus läuft die Zeit nämlich umgekehrt. von ihnen aber gar nichts. »Du weißt ja. Sie bestehen nur aus gestohlener Zeit. »Ich hoffe. verschwindet auch die andere. Und die geht im Handumdrehen aus ihnen heraus. erklärte Meister Hora lächelnd. »können sie doch nicht?« Meister Hora schneuzte sich. Du hast ja selbst gesehen.«. Kassiopeia. daß sie sich einfach in Nichts auflösen. »aber du. du fühlst dich wieder gut?« »Sehr gut. weil er sehr viel mehr ist. »für einen Menschen bedeutet das nicht so viel. Wenn man die eine aufhebt. »Sie belagern uns. .. Meister Hora zog ein großes blaues Taschentuch aus seiner Jacke.« »Wie kommt denn das?« wollte Momo wissen. . Kassiopeia-. Aber die Zeit-Diebe würden sich in Nichts auflösen. Momo beobachtete ihn gespannt. daß ich hier einfach eingeschlafen bin. erwiderte Hora. stand auf und ging einige Male tief in Gedanken in dem kleinen Zimmer auf und ab. Die beiden Strömungen halten sich im Gleichgewicht. »Nun ja«. »Das wäre freilich schön. Am Tischchen vor dem Sofa saß Meister Hora. daß man dort alles rückwärts tun muß.« »Mach dir darüber keine Gedanken«. fragte sie nach einer Weile. Dann gäbe es gar keine Zeit mehr . Du brauchst mir nichts zu erklären. die in ihm steckt. Kassiopeia . hörte sie die Stimme sagen.« »Davon hab' ich gar nichts gemerkt«. Nicht viel. hat Kassiopeia mir inzwischen berichtet. während du durch sie hindurchgegangen bist. Aber in der NiemalsGasse geht die Zeit aus dir heraus. nur eben die Zeit. »Ah. unsere kleine Momo ist aufgewacht ! « sagte Meister Hora freundlich. so wie die Luft aus einem geplatzten Luftballon. meine ich.« Momo dachte angestrengt nach. Sie fühlte sich auf wunderbare Weise erquickt und ausgeruht. . wenn sie die Niemals-Gasse betreten. «Er hielt inné und schob seine Allsicht-Brille auf die Stirn. Sie haben das Nirgend-Haus von allen Seiten umstellt. auch Kassiopeia verfolgte ihn mit den Augen. Soweit ich nicht alles selbst durch meine Allsicht-Brille beobachtet habe. »nicht einfach alle Zeit umgekehrt laufen lassen ? Nur ganz kurz. antwortete Meister Hora. murmelte er. »Ach. »Nein.« Meister Hora lächelte. soweit sie eben herankommen können.« »Und was ist mit den grauen Herren?« fragte Momo. das würde ja nichts machen. wo die Schildkröte saß. daß die Grauen euch folgen würden?« »WEISS NUR VORHER«. das nicht. Dadurch. daß du jünger geworden bist. daß die Zeit in dich hineingeht. »Das macht der Zeit-Sog«. antwortete Momo. danke«. Aber es geht leider nicht. »Das Kind kann nichts dafür«.warum hast du das nur getan?« Momo schlug die Augen auf..

Die Zeit hat einmal angefangen.»Du hast mich da auf eine Idee gebracht«. meine Teure! Was ist nach deiner Ansicht das Beste. Die Umzingelung war lückenlos. sondern daß er dort draußen in den Straßen aufstieg. der sie schwindelig machte wie beim ersten Mal. und Momo hatte es nur bisher nicht bemerkt? Jedenfalls standen da wieder die kleinen goldenen Täßchen und das ganze übrige goldschimmernde Frühstück: Die Kanne mit dampfender Schokolade. Aber diese Rauchwolken verteilten sich nicht. das man während einer Belagerung tun kann?« »FRÜHSTÜCKEN!« erschien als Antwort auf deren Panzer. »daß du ihnen die ganze Zeit aller Menschen gibst. die sie sich aufsetzte. die Gläser der Allsicht-Brille seien vielleicht beschlagen. bläulich-grünen Schwaden. »aber es hängt nicht allein von mir ab. Sie standen nicht nur vor der Niemals-Gasse. sagte Meister Hora. Hier. und sie wird einmal enden. aber erst. Momo sah auch.« » »Ehe wir uns darüber weiter unterhalten«. Von mir werden die grauen Herren nicht den kleinsten Augenblick bekommen. die Butter und die knusprigen Brötchen. die durch sie abgelöst wurden. in die Reihe traten. sich zu bilden. »möchte ich. Aber dann bemerkte Momo noch etwas anderes. Und diesmal schmeckte es ihr fast noch besser als beim ersten Mal. Übrigens griff jetzt auch Meister Hora herzhaft zu. sagte Momo nach einer Weile. mit vollen Backen kauend. der Honig. Nach einer kleinen Weile schon hatten sich ihre Augen auf die Allsicht eingestellt. oder sie könne noch immer nicht ganz deutlich sehen. An manchen Stellen war er schon dicht und undurchsichtig. Aber warum geschah dies alles? Welchen Plan . Zuerst meinte sie nur. antwortete Meister Hora. Zuerst war da wieder der Wirbel aus Farben und Formen. Die grauen Herren standen unbeweglich. Momo hatte in der Zwischenzeit oft mit Sehnsucht an diese köstlichen Sachen zurückgedacht und begann sofort mit Heißhunger zu schmausen. Er ballte sich zu ekligen.« Er wandte sich an die Schildkröte zu seinen Füßen: »Kassiopeia.« Er nahm seine kleine goldene Brille ab und reichte sie Momo hinüber. Aber dann begriff sie. »Sie wollen«. der sich durch den Stadtteil mit den schneeweißen Häusern zog und dessen Mittelpunkt das Nirgend-Haus war. »Ja«. daß du sie dir selber ansiehst. daß dieser Dunst nichts mit der Brille und nichts mit ihren Augen zu tun hatte. an anderen begann er erst.« »Aber sie sagen«. in dieser gläsernen Luft zog sich der Rauch in zähen Schleiern wie Spinnweben dahin. immer weiter in einem großen Kreis. sagte er sehr ernst. daß ab und zu neue Herren ankamen und an Stelle anderer. wie sie es sonst in gewöhnlicher Luft taten. und in seinem Mund qualmte die kleine graue Zigarre. die sich langsam aber stetig immer höher übereinander türmten und das Nirgend-Haus von allen Seiten wie mit einer unaufhaltsam wachsenden Mauer umgaben. Kind«. wo sich kein Windhauch regte. »sie können dich dazu zwingen. »Auch keine schlechte Idee!« Im gleichen Augenblick war der Tisch auch schon gedeckt. »das werde ich niemals tun. fuhrt Momo fort. sagte er. Oder war er es eigentlich schon die ganze Zeit gewesen. seine Aktentasche in der Hand. sondern weiter noch. kroch über die Straßen an den Fassaden der schneeweißen Häuser empor und spannte sich in langen Fahnen von Vorsprung zu Vorsprung. Jeder hatte wie immer seinen steifen runden Hut auf dem Kopf. Und nun sah sie das Heer der Belagerer ! Schulter an Schulter standen die grauen Herren in einer unabsehbar langen Reihe nebeneinander. Aber das wirst du doch nicht tun?« Nein. Aber diesmal ging es bald vorüber. denn ein merkwürdiger Nebel ließ die Umrisse der grauen Herren nur verschwommen erkennen. wenn die Menschen sie nicht mehr brauchen. etwas Befremdliches. ob sie auszuführen ist.

« »Ja. Lebendige Zeit ist jedoch für die grauen Herren unbekömmlich. weil jeder ein Herz hat. Sie wird schlimmer von Tag zu Tag. Ich weiß nicht. »soviel tote Zeit. zurückzukehren. »Ach!« sagte sie. Man hat eines Tages keine Lust mehr.« Momo hörte atemlos zu. Doch auch dort sterben die StundenBlumen noch immer nicht.« »Die Zeit vergiften?« fragte Momo entgeistert. etwas von der abgestorbenen. in welchen die ganze gefrorene Zeit liegt. dann werden sie krank davon. auch nicht aufhalten. ob sie mich zu etwas zwingen können. Dann ist es kalt geworden in einem. denn ohne sie könnte er nicht mehr existieren. noch kann ich den Menschen ihre Zeit unversehrt zusenden. Dadurch werden sie gehindert. Sie reißen den StundenBlumen die Blütenblätter aus. mich zu erpressen. man . Dagegen können die grauen Herren nichts tun. immer unzufriedener mit sich und der Welt. und man kann nichts und niemand mehr lieb haben. todkrank sogar. Darum zünden sie die Zigarren an und rauchen sie. sondern sie bleibt und nimmt langsam immer mehr zu. können nicht sterben. Ich weiß nur. . »Hast du jemals einen von ihnen ohne seine kleine graue Zigarre gesehen? Gewiß nicht. Aber die Stunden-Blumen. diese Mauer von Rauch. die von mir ausgeschickt wird. dann mischt sich in jede Stunde. die so herausgerissen sind aus dem Herzen eines Menschen. die sie dort draußen rund um das Nirgend-Haus wachsen lassen. wie du nun weißt. »Ich habe dir damals gesagt. Und damit versuchen sie. daß sie diese durch ihr eigene Kälte einfrieren. . bis sie grau und hart werden. als alles. Aber diese Unlust verschwindet nicht wieder. »Dann gib mir bitte die Brille wieder. Leise fragte sie: »Und was ist das für eine Krankheit?« »Am Anfang merkt man noch nicht viel davon.« Während er sie sich aufsetzte. Aber bis zu diesem Augenblick ist noch immer ein Rest von Leben in den Blättern. »Du mußt wissen. Und wenn die Menschen die empfangen. Mich selbst können sie nicht erreichen. Aber sie können sie vergiften. und man fühlt gar nichts mehr. dann ist die Krankheit unheilbar. gespenstischen Zeit der grauen Herren. Meister Hora nickte. »Aus diesen Vorratskellern versorgen die grauen Herren sich immerzu. Es gibt keine Rückkehr mehr. Wenn die Menschen dort die grauen Herren einlassen. Aber wenn die finstere Qualmglocke sich rundherum und über uns geschlossen haben wird. Es gibt keinen Zorn mehr und keine Begeisterung.« »Etwas noch Schlimmeres?« fragte Momo erschrocken. dann gelingt es denen. dem sie gehören. Und von solcher toten Menschenzeit fristen sie ihr Dasein.« Momos Wangen begannen vor Empörung zu glühen. die ganze Welt kommt einem fremd vor und geht einen nichts mehr an. immer leerer im Innern. Irgendwo tief unter der Erde müssen sich riesige Speicher befinden. »Hast du genug gesehen?« fragte er. Man hastet mit leerem. von Woche zu Woche. daß auch das Böse sein Geheimnis hat. fuhr er fort: »Du hast gefragt. bis die Blüten hart sind wie gläserne Kelche. Nichts interessiert einen.« Momo war aufgestanden. was sie bis jetzt getan haben. Momo. daß jeder Mensch einen solchen goldenen Tempel der Zeit besitzt. wo die grauen Herren die geraubten Stunden-Blumen aufbewahren. Sie können die Zeit. denn sie sind ja nicht wirklich vergangen. besteht aus toter Zeit. man ödet sich. Man fühlt sich immer mißmutiger. man verlernt das Lachen und das Weinen. »Ich teile jedem Menschen seine Zeit zu. mehr und mehr von diesen Blüten an sich zu reißen. sagte Meister Hora. Sie streben mit allen Fasern ihres Wesens zurück zu dem Menschen. Wenn es einmal soweit gekommen ist. und daraus drehen sie sich ihre kleinen Zigarren. die ich aussende. lassen sie verdorren. Noch ist genügend freier Himmel da. grauem Gesicht umher.verfolgten die Zeit-Diebe? Sie nahm die Brille ab und schaute Meister Hora fragend an. denn sie sind ja von ihrem wirklichen Eigentümer getrennt. Dann hört nach und nach sogar dieses Gefühl auf. Aber sie können den Menschen einen Schaden zufügen.« »Was sind denn das für Zigarren?« wollte Momo wissen. »Du erinnerst dich an die Stunden-Blumen«. Denn erst in diesem Rauch ist die Zeit nun wirklich ganz und gar tot. »Mit dem Rauch ihrer Zigarren«. der viel schlimmer ist.«Momo starrte Meister Hora fassungslos an. man kann sich nicht mehr freuen und nicht mehr trauern. Sie können aber auch nicht leben. Man wird ganz gleichgültig und grau. irgend etwas zu tun. erklärte Meister Hora.

die gar nicht zu ermessen ist«. »Vieles wird leichter sein. Momo. daß alle Menschen so werden wie sie?« »Ja«. Die Welt würde still stehen.« Momo schwieg.« Er blickte Momo an. Wenn es nämlich keine Zeit mehr gibt. Wenn also alle Zeit auf der Welt aufgehört hat. Ich muß etwas tun. »Ich habe bis jetzt darauf gewartet. viel größer.« . sagte sie entschlossen. flüsterte Momo. versetzte Meister Hora. fragte sie. »dann machen sie. daß die Zeit aufgehört hat . geht es auch mit ihnen zu Ende. Willst du es wirklich wagen?« »Ja«. »Du mußt wissen«. still zu stehen. Die Aufgaben. dann ist man einer der ihren. Aber ich kann es nicht allein. Meister Hora blickte sie lange an und begann zu lächeln. dir ganz allein eine Stunden-Blume zu geben. »Und wenn du ihnen also nicht die Zeit aller Menschen gibst«. antwortete Meister Hora.werden sie die Belagerung abbrechen und zu ihren Zeitvorräten streben. Sie hätten es gekonnt. Aber danach bleibt noch etwas zu tun. oder ob sie von neuem beginnen wird. müssen sie sich in Nichts auflösen. wiederholte Momo. »Es ist die einzige und letzte Möglichkeit. zu leben. Du mußt keine Angst haben. nicht ganz allein zu sein. »Ich will es versuchen«.ist genauso geworden wie die grauen Herren selbst. sind viel schwerer ! Sobald die grauen Herren merken. würde im gleichen Augenblick alle Zeit aufhören. »Damit allein«. sagte Meister Hora. an ihre Zeitvorräte zu kommen. wenn diese zurückkehrt zu den Menschen. so hättest du noch eine Stunde. denn die Vorräte der grauen Herren sind viel.« Momo sah Meister Hora ratlos an. »ist es doch ganz einfach!« »Leider ist es eben nicht so einfach. »Willst du es trotzdem versuchen?« fragte Meister Hora. und diesmal klang ihre Stimme fest. denn sie selbst haben ihnen ja auch zum Dasein verholfen. aber er bewirkte. »damit wollen sie mich erpressen. Was konnte die Schildkröte ihr bei all dem helfen ! Und doch war es ein winziger Hoffnungsstrahl für Momo. Wenn der letzte Zeit-Dieb verschwunden ist. »Willst du mir helfen?« »Ja«.« »Aber dann«. dir. Freilich nur eine einzige. weil ja immer nur eine blüht. dann mußt du die ganze geraubte Zeit befreien. meinte Momo. »daß ich niemals schlafe. Aber es liegt in meiner Macht. Mit einem solchen Berg von Schwierigkeiten und Gefahren hatte sie nicht gerechnet. da sie ja große Vorräte an Zeit besitzen. daß die Menschen selbst sich von diesen Plagegeistern befreien würden. weil ihr Zigarren-Nachschub ausbleiben wird . ob die Welt für immer still stehen wird. die du lösen müßtest. Wenn ich einschliefe. »gib jetzt genau acht auf das. Ja. Momo. und ich selbst kann wieder aufwachen. und ich werde dir nicht mehr helfen können. Aber wenn diese verbraucht sind. und das wird vielleicht von allem das Schwerste sein. »ICH GEH MIT DIR!« las sie plötzlich auf Kassiopeias Rücken. Wenn du ihr Versteck gefunden hast. Diese Krankheit heißt: Die tödliche Langeweile. sagte Meister Hora. Aber nun kann ich nicht länger warten.« Momo überlief ein Schauder. Du hast die Stimmen der Sterne gehört. denn du wirst ganz und gar auf dich gestellt sein. begann er. Wenn es aber keine Zeit mehr gibt. Kind. machte ihr Mut.« Er stand auf und wandte sich ab. sonst brauchte ich ja nicht deine Hilfe. dann mußt du sie daran hindern. »Dann«. als du jetzt glaubst. »hätten wir nichts erreicht.« »Dann kann ich dich doch wecken!« sagte Momo.und das werden sie sehr schnell merken. Und für alles das bleibt dir nur eine einzige Stunde. Und damit bliebe die Welt still und starr für alle Ewigkeit. Die Vorstellung. daß sie das schaffen konnte. wird die Welt aufhören. Ich nicht und niemand sonst. daß sie sich auf einmal entscheiden konnte. dann kann ich ja auch nicht wieder aufwachen. Es schien ihr unmöglich. Momo. »Und es wird von dir abhängen. dann können die grauen Herren auch niemand mehr bestehlen. Denn nur. Sobald ihre Zigarren zu Ende sind. Und dorthin mußt du ihnen folgen. Zwar können sie noch eine Weile weiterexistieren. was ich dir sage.« Momo nickte und schaute Meister Hora mit äußerster Aufmerksamkeit an. »Ich muß dich in eine Gefahr schicken. Sie wären also danach noch immer da. Es war zwar ein Mut ohne jeden vernünftigen Grund. In einer einzigen Stunde hätten sie davon so gut wie nichts verbraucht.

»aber woran soll ich erkennen. »es war eine große Freude für mich. Hast du alles gut verstanden und behalten. »sie ist ein Wesen von außerhalb der Zeit. sagte Momo. mein Kind?« »Ja«. und dann waren sie von dem Ticken der vielen Uhren nicht mehr zu unterscheiden. »und bis dahin wird jede Stunde deines Lebens dir einen Gruß von mir bringen. »Kassiopeia braucht das nicht«. kleine Momo«. willst also mitgehen?« » NATÜRLICH !« stand auf dem Panzer. Momo hob Kassiopeia hoch und drückte sie fest an sich. Momo hörte seine Schritte immer ferner und ferner. antwortete Momo. Denn sobald die Zeit aufhört. erklärte Meister Hora und kraulte die Schildkröte zärtlich am Hals. Vielleicht war er in dieses Ticken hineingegangen. wenn alles für immer still stünde. »und du darfst mir nicht folgen und auch nicht fragen. »später. steht alles still. du wirst es bemerken. daß die Zeit aufgehört hat?« »Sei unbesorgt. Er wandte sich ab und ging rasch aus dem kleinen Zimmer.« Meister Hora stand auf. nicht wahr?« »Ja«. sagte Momo und nickte.Dann wandte er sich der Schildkröte zu und fragte: »Und du. Sie könnte auch über die Welt krabbeln. Denn wir bleiben doch Freunde. als er sie in den goldenen Tempel getragen hatte. »Kriegt sie auch eine Stunden-Blume?« fragte Momo. Nur eines noch: Sowie ich fort bin. Momo«. mußt du sogleich die beiden Türen öffnen. fuhr Meister Hora fort. sagte Momo. und es erschienen die Worte: »JEMAND MUSS DOCH AUF SIE AUFPASSEN!« Meister Hora und Momo lächelten sich an. und auch diese Türen sind durch keine Macht der Welt mehr zu bewegen. dann fragte sie leise: »Werden wir uns denn nicht mehr wiedersehen?« »Wir werden uns wiedersehen.« »Ich werde allen von dir erzählen«. entgegnete Meister Hora. und es ist besser. daß du auch mir zugehört hast. und auch Momo erhob sich. Die Schrift verschwand. und die große aus grünem Metall.« Und nun sah Meister Hora plötzlich wieder unbegreiflich alt aus. das aus Uhrenkästen gebildet war. die kleine. in der nun plötzlich der Tatendrang erwachte. Kassiopeia. Sie trägt ihre eigene kleine Zeit in sich selbst. Er strich ihr leise mit der Hand über ihren struppigen Haarschopf.« Momo schluckte. antwortete Meister Hora.« »Gut«. alt wie ein Felsenberg oder ein uralter Baum. auf der mein Name steht. »wollen wir Abschied nehmen. . die auf die Niemals-Gasse hinausführt. Denn mein Schlaf ist kein gewöhnlicher Schlaf. wenn du nicht dabei bist. »und was sollen wir jetzt tun?« »Jetzt«. »Ich werde nun gehen«. Ihr größtes Abenteuer hatte unwiderruflich begonnen. ganz wie damals. sagte er.»Leb wohl. wohin ich gehe.

wie ihn zuvor noch nie ein Mensch gehört hat. »Das fängt ja schon gut an«. sie kamen durch die Niemals-Gasse. in der ja nun auch die rückwärtslaufende Zeit aufgehört hatte. aber die Polster waren jetzt hart wie Marmelstein und gaben nicht mehr nach. das aus der Tiefe von Jahrhunderten kam. und Momo schaute sie an. Kassiopeia strampelte. Und eine Stille breitete sich aus. Die Zeit-Diebe liefen gar nicht fort! Im Gegenteil. Momo setzte sich auf eines der Polsterstühlchen. Und Momo wurde gewahr. schlüpfte durch das kleine Türchen. denn die riesigen Torflügel waren sehr schwer. mühelos wie immer. wie sie nie und nirgends zuvor auf der Welt geherrscht hatte. hinter einer großen Standuhr. sie konnte sich bewegen. lief weiter durch den Gang und spähte bei der großen Tür um die Ecke und fuhr im gleichen Augenblick zurück. Die schwingenden Perpendikel blieben stehen. Nichts. Um Himmels willen. Als sie damit fertig war. Dieses Ereignis wurde von einem Klang begleitet. Tatsächlich. Kassiopeia auf dem Arm. daß sie in ihrer Hand eine wunderbare. aber sie war hart wie Glas. gar nichts regte sich mehr. mit Kassiopeia im Arm. lief sie in den Saal mit den unzähligen Uhren zurück und wartete. ja ! Momo raffte sich auf. Nichts. wie diese Blume in ihre Hand hineingekommen war. Ihr Herz begann rasend zu klopfen. Auf dem Tischchen standen noch die Reste des Frühstücks. bis ein ganzer Trupp von ihnen im Saal stand. Momo wollte den Finger in die Flüssigkeit tauchen. waren vollkommen unbeweglich. Das gleiche war mit dem Honig.« . Im gleichen Augenblick hörte das vielstimmige Ticken und Schnarren und Klingen und Schlagen der unzähligen Uhren ganz plötzlich auf. Sie schauten sich um. In ihrer Tasse war noch ein Schluck Schokolade. Dann hörte sie die Schritte der grauen Herren draußen im Gang hallen. Die Zeit hatte aufgehört. Sie hatte nicht gefühlt. ein Zeit-Beben sozusagen. Und dann geschah es! Es gab plötzlich eine Art Erschütterung. Sogar die Brotkrümchen. »Das ist also unser neues Heim. die aber nicht den Raum beben machte. Dann lief sie geschwind durch den Gang mit den großen Steinfiguren und machte auch die äußere große Tür aus grünem Metall auf.ZWANZIGSTES KAPITEL Die Verfolgung der Verfolger Als erstes ging Momo nun hin und öffnete die kleine innere Tür. aber das Täßchen war nicht mehr von der Stelle zu bewegen. Es war wie ein Seufzen. Sie war einfach ganz plötzlich da. auf das Nirgend-Haus zu ! Das war im Plan nicht vorgesehen gewesen ! Momo rannte zurück in den großen Saal und versteckte sich. sehr große Stunden-Blume trug. sondern die Zeit. »ABER DEINE ZEIT VERLIERST DU!« stand auf ihrem Rückenpanzer. Sie lief durch den Saal. Einer nach dem anderen zwängte sich durch das kleine Türchen. wie sie eben standen. Es gibt keine Worte dafür. Und dann war alles vorüber. so vollkommen. wo es keine Zeit mehr gab. Sie mußte all ihre Kraft aufwenden. wie sich das anfühlte. »Eindrucksvoll!« sagte einer von ihnen. was nun geschehen würde. die auf dem Teller lagen. auf der Meister Horas Name stand. als sei sie immer schon da gewesen. Vorsichtig machte Momo einen Schritt. nicht die winzigste Kleinigkeit konnte jetzt mehr verändert werden. murmelte sie.

Eine schier endlose Karawane grauer Herren rannte stadteinwärts durch die seltsame Traumgegend mit den schneeweißen Häusern und den verschieden fallenden Schatten. meinte ein anderer unsicher. Momo. Durch das Verschwinden der Zeit hatte nun natürlich auch hier die geheimnisvolle Umkehrung von schnell und langsam aufgehört. daß sie die grauen Herren nicht mehr aus den Augen verlor. zu unseren Zeit-Speichern zu kommen! . Wo steckt er denn?« Die grauen Herren sahen sich suchend um. wer kann!« Alle waren auf das kleine Türchen zugerannt und drängten gleichzeitig hinaus. die Hände ausgestreckt.« »Er hat sie eben angehalten«. Ein vernünftiges Kind! Ich bin gespannt. »Und doch.Ohne Wagen? Das können wir nicht rechtzeitig schaffen! Meine Zigarren reichen nur noch für siebenundzwanzig Minuten! . dann quetschte sich ein weitere grauer Herr aufgeregt gestikulierend durch die kleine Tür und rief: »Soeben ist Nachricht unserer Agenten aus der Stadt gekommen. den Alten herumzukriegen. dann sagte plötzlich einer von ihnen. irgendeinem Menschen noch das kleinste bißchen Zeit zu entreißen. »Das ist eine fürchterliche Katastrophe. und denen gelang es nun doch. ganz ähnliche Stimme antwortete: »Nach meiner Ansicht hat der Sogenannte selbst klein beigegeben. daß er ihn abgestellt hat. Schließlich waren nur noch drei der grauen Herren im Saal. Jetzt kam alles darauf an. und seine Stimme klang noch eine Spur aschenfarbener: »Da stimmt was nicht.»Das Mädchen Momo hat uns die Tür geöffnet«. Als sie die aus dem Nirgend-Haus Gekommenen rennen sahen.Wir müssen sofort die Belagerung abbrechen ! . wie sie sich in ihrer Panik gegenseitig wegboxten. schien plötzlich alle Kraft zu verlieren. der rinnende Sand ist mitten im Fall stehengeblieben ! Man kann die Uhr auch nicht bewegen ! Was bedeutet das?« Noch während er redete. wurde rasch immer durchsichtiger und verschwand zuletzt. Nichts blieb von ihm übrig. dem das widerfuhr. Er hat also eingesehen. Alles steht. sehen Sie nur. Jetzt werden wir kurzen Prozeß mit ihm machen. Dann fragte einer: »Was sagen Sie? Unser Nachschub ist zusammengebrochen? Aber was wird dann aus uns. wie sie es angestellt hat. sie rangen miteinander und rissen sich gegenseitig die kleinen grauen Zigarren aus den Mündern. nicht einmal sein Hut.Sind Sie verrückt? . »Eine Sanduhr kann man nicht anhalten!« rief der erste. kann nur bedeuten. Es ist unmöglich. mit einem greinenden. in der anderen Hand die Stunden-Blume. sagte eine andere aschengraue Stimme. Als sie aus dem großen Tor trat. und binnen kurzem befand sich das ganze Heer Hals über Kopf auf dem Rückzug. was dann aus uns wird!« schrie ein anderer. Momo konnte aus ihrem Versteck beobachten. Ihre Autos stehen. nacheinander durch das kleine Türchen hinauszuschlüpfen und davonzukommen. meine Herren. Und jeder. Die Welt steht still. Denn daß der Zeit-Sog in der Niemals-Gasse ausgesetzt hat. klangen laufende Schritte aus dem Gang herein. die aufgeregt gestikulierend aufeinander einredeten. daß die Zeit-Diebe schon bis zum Anfang der Niemals-Gasse gelaufen waren. »ich habe es genau beobachtet.« Und eine dritte. Er stand da. meine Herren!« Und nun schrien plötzlich alle durcheinander: »Hora will uns vernichten ! .Wir müssen versuchen. angstvollen Ausdruck im Gesicht. begannen sie ebenfalls zu rennen. meine Herren ! Die Uhren ! Sehen Sie sich doch nur die Uhren an! Sie stehen alle.Meine für achtundvierzig! -Dann geben Sie her! . Unser gesamter Nachschub ist zusammengebrochen ! Es gibt keine Zeit mehr ! Hora hat die Zeit abgestellt!« Einen Augenblick herrschte Totenstille. lief hinter ihnen her. Sogar die Sanduhr hier. daß er sich uns fügen muß. Dort standen in den Rauchschwaden andere Gruppen von grauen Herren. sah sie. schoben und zogen und immer heftiger in ein Handgemenge gerieten. Jeder wollte vor dem anderen hinaus und kämpfte um sein graues Leben. Sie schlugen sich die Hüte von den Köpfen. andere schlössen sich den Fliehenden an. unter einem Arm die Schildkröte. wenn unsere mitgeführten Zigarren verbraucht sind?« »Das wissen Sie selbst. .Rette sich.

Der Zug der grauen Herren führte vorbei an dem großen Ei-Denkmal und weiter bis dorthin, wo die ersten gewöhnlichen Häuser standen, jene grauen, verfallenen Mietskasernen, in denen die Menschen wohnten, die eben am Rande der Zeit lebten. Aber auch hier war nun alles starr. In gebührendem Abstand hinter den letzten Nachzüglern folgte Momo. Und so begann nun eine umgekehrte Jagd durch die große Stadt, eine Jagd, bei welcher die riesige Schar der grauen Herren floh und ein kleines Mädchen mit einer Blume in der Hand und einer Schildkröte unter dem Arm sie verfolgte. Aber wie sonderbar sah diese Stadt nun aus ! Auf den Fahrbahnen standen die Autos Reihe neben Reihe, hinter den Steuerrädern saßen bewegungslos die Fahrer, die Hände an der Schaltung oder auf der Hupe (einer tippte sich gerade mit dem Finger an die Stirn und starrte wütend zu seinem Nachbarn hinüber), Radfahrer, die den Arm ausgestreckt hielten, um zu zeigen, daß sie abbiegen wollten, und auf den Gehsteigen all die Fußgänger, Männer, Frauen, Kinder, Hunde und Katzen vollkommen reglos und starr, sogar der Rauch aus den Auspuffrohren. Auf den Straßenkreuzungen waren die Verkehrspolizisten, ihre Trillerpfeife im Mund, mitten im Winken stehen geblieben. Ein Schwarm Tauben schwebte über einem Platz unbeweglich in der Luft. Hoch über allem stand ein Flugzeug wie gemalt am Himmel. Das Wasser der Springbrunnen sah aus wie Eis. Blätter, die von Bäumen fielen, lagen reglos mitten in der Luft. Und ein kleiner Hund, der gerade ein Bein an einem Lichtmast hob, stand, als wäre er ausgestopft. Mitten durch diese Stadt, die leblos war wie eine Fotografie, rannten und jagten die grauen Herren. Und Momo immer hinterdrein, doch immer vorsichtig darauf bedacht, von den Zeit-Dieben nicht bemerkt zu werden. Aber die achteten sowieso auf nichts mehr, denn ihre Flucht gestaltete sich immer schwieriger und anstrengender. Sie waren ja nicht daran gewöhnt, so große Strecken im Laufschritt zurückzulegen. Sie keuchten und rangen nach Atem. Dabei mußten sie immer noch ihre kleinen grauen Zigarren, ohne die sie ja verloren waren, im Mund behalten. Manch einem entglitt die seine im Laufen, und ehe er sie noch auf dem Boden wiederfinden konnte, löste er sich bereits auf. Aber nicht nur diese äußeren Umstände machten ihre Flucht immer beschwerlicher, sondern mehr und mehr drohte jetzt schon Gefahr von seilen der eigenen Leidensgenossen. Manche nämlich, deren eigene Zigarren zu Ende brannten, rissen in der Verzweiflung einfach einem anderen die seine aus dem Mund. Und so verringerte sich ihre Anzahl langsam, aber ständig. Diejenigen, die noch einen kleinen Vorrat von Zigarren in ihren Aktentaschen trugen, mußten sehr achtgeben, daß die anderen nichts davon merkten, sonst stürzten sich die, welche keine mehr hatten, auf die Reicheren und versuchten, ihnen ihre Schätze zu entreißen. Es gab wilde Schlägereien. Ganze Haufen von ihnen warfen sich aufeinander, um etwas von den Vorräten zu grapschen. Dabei rollten die Zigarren über die Straße und wurden im Tumult zertreten. Die Angst, von der Welt verschwinden zu müssen, hatte die grauen Herren vollkommen kopflos gemacht. Und noch etwas bereitete ihnen immer zunehmende Schwierigkeiten, je weiter stadteinwärts sie kamen. An manchen Stellen der großen Stadt stand die Menschenmenge so dicht, daß sich die grauen Herren nur mühsam zwischen den Leuten durchschieben konnten, als seien diese Bäume in einem dichten Wald. Momo, die ja klein und schmal war, hatte es da natürlich bedeutend leichter. Aber selbst ein Flaumfederchen, das reglos in der Luft hing, war so unbeweglich, daß die grauen Herren sich fast die Köpfe daran einschlugen, wenn sie aus Versehen dagegen rannten. Es war ein langer Weg, und Momo hatte keine Ahnung, wie lang er noch sein würde. Besorgt blickte sie auf ihre Stunden-Blume. Aber die war inzwischen erst voll aufgeblüht. Noch bestand also kein Grund zur Sorge. Doch dann geschah etwas, was Momo augenblicklich alles andere vergessen ließ: Sie erblickte in einer kleinen Seitenstraße Beppo Straßenkehrer ! »Beppo!« schrie sie, außer sich vor Freude, und rannte zu ihm hin. »Beppo, ich hab' dich überall gesucht! Wo warst du denn die ganze Zeit? Warum bist du nie gekommen? Ach,

Beppo, lieber Beppo!« Sie wollte ihm um den Hals fallen, aber sie prallte von ihm ab, als ob er aus Eisen wäre. Momo hatte sich ziemlich weh getan, und die Tränen schössen ihr in die Augen. Schluchzend stand sie vor ihm und schaute ihn an. Seine kleine Gestalt wirkte noch gebückter als früher. Sein gutes Gesicht war ganz schmal und ausgezehrt und sehr blaß. Um das Kinn war ihm ein weißer, struppiger Stoppelbart gewachsen, denn zum Rasieren hatte er sich keine Zeit mehr genommen. In den Händen hielt er einen alten Besen, der schon ganz abgenützt war vom vielen Kehren. So stand er da, reglos wie alles andere, und schaute durch seine kleine Brille vor sich auf den Schmutz der Straße. Jetzt endlich hatte Momo ihn also gefunden, jetzt, wo es gar nichts mehr half, weil sie sich ihm nicht mehr bemerkbar machen konnte. Und vielleicht würde es das letzte Mal sein, daß sie ihn sah. Wer konnte wissen, wie alles ausgehen würde. Wenn es schlecht ausging, würde der alte Beppo in alle Ewigkeit so hier stehen. Die Schildkröte zappelte in Momos Arm. »WEITER!« stand auf ihrem Panzer.Momo rannte auf die Hauptstraße zurück und erschrak. Keiner der Zeit-Diebe war mehr zu sehen ! Momo lief ein Stück in der Richtung, in welcher vorher die grauen Herren geflüchtet waren, aber vergebens. Sie hatte ihre Spur verloren ! Ratlos blieb sie stehen. Was sollte sie nun tun? Fragend blickte sie auf Kassiopeia. »DU FINDEST SIE, LAUF WEITER!« lautete der Rat der Schildkröte. Nun, wenn Kassiopeia vorherwußte, daß sie die Zeit-Diebe finden würde, dann war es ja auf jeden Fall richtig, ganz gleich, welchen Weg Momo einschlug. Sie lief also einfach weiter, wie es ihr gerade in den Sinn kam, mal links, mal rechts, mal geradeaus. Inzwischen war sie in jenen Teil am nördlichen Rande der großen Stadt gekommen, wo die Neubauviertel mit den immer gleichen Häusern und den schnurgeraden Straßen sich bis zum Horizont dehnten. Momo lief weiter und weiter, aber da ja alle Häuser und Straßen einander vollkommen glichen, hatte sie bald das Gefühl, gar nicht vom Fleck zu kommen und an der gleichen Stelle zu laufen. Es war ein wahrer Irrgarten, aber ein Irrgarten der Regelmäßigkeit und Gleichheit. Momo war schon nahe daran, den Mut zu verlieren, als sie plötzlich einen letzten grauen Herren um eine Ecke biegen sah. Er humpelte, seine Hose war zerrissen, Hut und Aktentasche fehlten ihm, nur in seinem verbissen zusammengepreßten Mund qualmte noch der Stummel einer kleinen grauen Zigarre. Momo folgte ihm, bis zu einer Stelle, wo in der endlosen Reihe der Häuser plötzlich eines fehlte. Statt dessen war dort ein hoher Bauzaun aus rohen Brettern errichtet, der ein weites Geviert umgab. In diesem Bauzaun war ein Tor, das ein wenig offenstand, und dort hinein huschte der letzte Nachzügler der grauen Herren. Über dem Tor befand sich ein Schild, und Momo blieb stehen, um es zu entziffern.

EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL Das Ende, mit dem etwas Neues beginnt
Momo hatte sich mit dem Buchstabieren der Warntafel aufgehalten. Als sie nun durch das Tor schlüpfte, war auch von dem letzten grauen Herren nichts mehr zu sehen. Vor ihr lag eine riesige Baugrube, die wohl zwanzig, dreißig Meter tief sein mochte. Bagger und andere Baumaschinen standen umher. Auf einer schrägen Rampe, die zum Grunde der Grube hinunterführte, waren einige Lastwagen mitten in der Fahrt stehengeblieben. Da und dort standen Bauarbeiter, reglos in ihren jeweiligen Haltungen erstarrt. Aber wohin nun? Momo konnte keinen Eingang entdecken, den der graue Herr benutzt haben mochte. Sie schaute auf Kassiopeia, aber diese schien auch nicht weiterzuwissen. Keine Buchstaben erschienen auf ihrem Panzer. Momo kletterte auf den Grund der Baugrube hinunter und schaute sich um. Und nun sah sie plötzlich noch mal ein bekanntes Gesicht. Da stand Nicola, der Maurer, der ihr damals das schöne Blumenbild an die Wand ihres Zimmers gemalt hatte. Natürlich war auch er reglos, wie alle anderen, aber seine Haltung war seltsam. Er stand da, eine Hand an den Mund gelegt, als ob er irgendwem etwas zuriefe, und mit der anderen Hand zeigte er auf die Öffnung eines riesenhaften Rohres, das neben ihm aus dem Boden der Baugrube ragte. Und es ergab sich gerade so, daß er dabei Momo anzublicken schien. Momo überlegte nicht lang, sie nahm es einfach als ein Zeichen und kletterte in das Rohr hinein. Kaum war sie drin, geriet sie ins Rutschen, denn das Rohr führte steil abwärts. Es machte allerlei Windungen, so daß sie wie auf einer Rutschbahn hin und her geschleudert wurde. Hören und Sehen verging ihr beinahe bei der rasenden Fahrt, tiefer und tiefer hinunter. Manchmal trudelte sie um sich selbst, so daß sie mit dem Kopf voran dahinsauste. Aber sie ließ dabei weder die Schildkröte noch die Blume los. Je tiefer sie kam, desto kälter wurde es. Einen Augenblick dachte sie auch daran, wie sie wohl je wieder hier herauskommen könne, aber noch ehe sie recht dazu kam, sich Gedanken zu machen, endete die Röhre plötzlich in einem unterirdischen Gang. Hier war es nicht mehr finster. Es herrschte ein aschengraues Halblicht, das von den Wänden selbst auszugehen schien. Momo stand auf und lief weiter. Da sie barfuß war, machten ihre Schritte kein Geräusch, wohl aber die des grauen Herrn, die sie nun wieder vor sich hörte. Sie folgte dem Klang.

« Die gleiche schauerliche Prozedur erfolgte ein zweites. meine Herren. »Und nun«. »daß unsere Kälte jetzt nicht mehr ausreicht. fuhr der Redner ungerührt fort. die Katastrophe zu überdauern. dorthin zurückzukehren. wie wir hier sitzen. daß die Tür zu den Vorrats-Speichern gerade offenstand. daß jedesmal. Danach zog der Vorsitzende eine Münze aus der Tasche und erklärte : »Wir werden losen. Nur ihre Zigarren brannten noch. meine Herren. sagte einer der grauen Herren. Dann hörte sie Stimmengewirr. Obwohl Momo wußte. Später.« Eine Weile war es still. und die Verurteilten lösten sich in Nichts auf. »Sechs«. entweicht die Kälte aus den Gefrier-Kellern. daß die Herren mit den geraden Zahlen bleiben. »desto länger werden wir durchhalten. antwortete ein anderer. Wäre sie im entscheidenden Augenblick geschlossen gewesen. sich unverzüglich aufzulösen!« Ein tonloses Stöhnen lief durch die Reihe der Verlierer. Zuletzt waren nur noch sechs der grauen Herren übrig. Momo hatte den Vorgang mit Schaudern beobachtet. Wir müssen uns einschränken. Und wie armselig sahen diese letzten Zeit-Diebe jetzt aus ! Ihre Anzüge waren zerfetzt. daß es nichts half. Sie saßen sich zu drei und drei am Kopfende des endlosen Tisches gegenüber und sahen sich eisig an. unter dem ganzen Neubau-Viertel hinzog. ein drittes und schließlich sogar ein viertes Mal.oder vielmehr. mein Bester«.« »Das ist nicht gesagt«. Nach und nach werden die Stunden-Blumen auftauen. Wenn es uns sechsen nicht gelingt.Von dem Gang zweigten nach allen Seiten andere Gänge ab. als die Katastrophe begann. nun abzuzählen?« Die grauen Herren zählten ab. ein unterirdisches Aderngeflecht. Die Zeit-Diebe mit den geraden Zahlen nahmen den anderen ihre Zigarren fort. Und Sie alle wissen. Und Sie wissen.« »Wir sind nur noch wenige!« schrie ein anderer. wenn einige von uns diese Katastrophe überstehen. was ich mit sparen meine. Eisige Kälte wehte aus dem Saal. wenn ich bitten darf. meinte ein anderer. sie hatten Beulen und Schrunden auf ihren grauen Glatzen. Es genügt völlig. Sie bemerkte. Um diesen Tisch saßen in zwei langen Reihen die grauen Herren . Wir müssen die Dinge sachlich betrachten ! So. antwortete einer von der anderen Seite des Tisches. die mit den ungeraden werden ersucht. dann könnte sie jetzt keine Macht der Welt öffnen. kauerte sie sich nieder und wickelte die nackten Füße in ihren Rock. die Vorräte tiefgekühlt zu halten?« »Wir sind leider nur sechs«. wie es schien. Zahl bedeutet. wenn die Zahl der grauen Herren geringer wurde. daß wir sie dann nicht mehr daran hindern können. »ist eine häßliche Zahl. »Wir müssen«.« »Sie meinen«. meine Herren. aber keiner wehrte sich. dann gelingt es dreien auch nicht.« Er warf die Münze in die Luft und fing sie auf. »aber falls es nötig sein sollte. Momo sah. Sie ging ihm nach und lugte vorsichtig um eine Ecke. denn wir wissen nicht. sagte der Vorsitzende in die Stille hinein. unsere Zahl noch weiter zu verringern. das von ihnen noch übrig war. und ihre Gesichter wirkten verzerrt von Angst. Das ist ein Gebot der Vernunft. wo sie hergekommen sind. Kopf bedeutet die mit den ungeraden. erwiderte der . fragte ein dritter. der ganz oben am Konferenztisch vor der Panzertür saß. das Häuflein. »sparsam mit unseren Vorräten umgehen. Darf ich Sie bitten. Im Vergleich zu vorher war es jetzt schon beinahe erträglich. meine ich. Wir wären verloren. »Die Herren mit den geraden Zahlen bleiben. »dasselbe noch einmal. können wir ja immer noch darüber reden. »es hat keinen Zweck mehr. sind wir zu viele ! Wir müssen unsere Zahl beträchtlich verringern. daß ganz hinten an der Rückwand des Saales eine riesige Panzertür ein wenig offenstand.« »Leider haben Sie nicht ganz recht. die fürchterliche Kälte merklich nachließ. wie lange wir mit ihnen auskommen müssen. »Zahl!« rief er. »Die Vorräte reichen auf Jahre hinaus!« »Je eher wir zu sparen beginnen«.« »Genug jetzt«. dann erklärte einer: »Wie gut. »Indem das Tor offensteht. hörte sie nun einen grauen Herrn sagen. Vor ihren Augen lag ein riesiger Saal mit einem schier endlosen Konferenztisch in der Mitte. das sich.

«Momo dachte nach. Das Herz klopfte ihr zum Zerspringen. »Ich muß gestehen . Sie konnte zwar nur langsam krabbeln. hatte gewiß keinen Sinn. gehabt!« kreischte der sechste. Wenn es keine grauen Herren mehr gab. nahm sie zwischen die Zähne und krabbelte zwischen den Stühlen hindurch. Der Hall löste ein vielfaches Echo im Saal und in den tausend unterirdischen Gängen aus. »DU WIRST ES TUN«. als uns gegenseitig bewachen«. »Ich kann sie bewegen. rannte Momo an ihnen vorbei auf den Ausgang des Saales zu. von einem Fußtritt getroffen. Mir scheint. und Momo schaute sie an. die nicht im entferntesten damit gerechnet hatten. die inzwischen schon ziemlich welk war und nicht mehr sehr viele Blütenblätter hatte. erreichte sie die Stelle rechtzeitig und legte sich so in den Weg. berührte sie mit der Blüte und schob gleichzeitig mit der Hand. »Sie ist doch unbeweglich. bis sie das andere Ende des langen Tisches erreichte. Hier nur zu sitzen und weiter zu warten.eine trostlose Vorstellung. »und Sie können sich selbst ausrechnen. unter ihre Jacke. da die Tür zu den Vorrats-Speichern ja offenstand und die ZeitDiebe sich nach Belieben Nachschub holen konnten? Kassiopeia strampelte. Momo setzte die Schildkröte vorsichtig auf den Boden. »konnte sie die Tür bewegen?« Der fünfte schlug sich wild vor den Kopf: »Dann hätten wir das ja auch gekonnt! Wir haben doch genügend davon!« »Gehabt. rief der erste Herr. daß sie es tun würde. Und auch Kassiopeia beteiligte sich auf ihre Art an diesem Kampf.zweite Herr. Ungesehen von den sechs grauen Herren gelang es ihr.« »Für eine von beiden Möglichkeiten mußten wir uns entscheiden«. manchmal lief sie einem Verfolger fast in die Arme. wenn ich sie mit der Stunden-Blume berühre?« wisperte Momo. »aber jetzt ist die Tür zu ! Es gibt nur noch eine Rettung: Wir müssen die Stunden-Blume des Mädchens kriegen.« Wieder entstand eine Stille. »und wir haben uns entschieden. »Und damit«. Aber das hielt sie nicht ab. Natürlich flog sie dabei selbst oft. Dort lief sie auf allen vieren weiter. daß die Grauen über sie stolperten und sich auf dem Boden überkugelten. meinte einer.« » MIT DER BLUME BERÜHREN!« war die Antwort. Aber was konnte sie tun. wieviel wir ausrichten können. leise zog sie die Stunden-Blume hervor. die sich immer wieder verzweigten. sonst ist alles aus!« Inzwischen war Momo schon irgendwo in den Gängen verschwunden. und fiel donnernd ins Schloß. dann würden die Stunden-Blumen also von selbst auftauen. ohne daß einer der grauen Herren es bemerkte. Sie erreichte die offenstehende Tür. Und nun rafften sich auch die grauen Herren auf und jagten hinter ihr drein. stand auf dem Panzer. Aber vorläufig gab es die grauen Herren ja noch. wovon sie eben vorherwußte. Wenn Kassiopeia es vorauswußte. Die Tür drehte sich geräuschlos in ihren Angeln. aber immer wieder gelang es ihr zu entwischen. Aber hier wußten die grauen Herren natürlich besser Bescheid. . Ohne sich zu besinnen. Wir werden nichts dabei gewinnen. wenn sie nichts tat. wo die Verfolger laufen würden. »Das ist doch dieses schreckliche kleine Mädchen!« hörte sie einen rufen. dann mußte es wohl auch so sein. Die grauen Herren. gegen die Wand. Momo jagte kreuz und quer. »DU MACHST DIE TÜR zu!« stand auf ihrem Panzer. »Das ist Momo!« » Das gibt es nicht ! « schrie ein anderer. Momo sprang auf. es war ziemlich voreilig. unsere Anzahl derartig rigoros zu vermindern. Die Nachkommenden fielen über die Liegenden. Nun saß sie zwischen den Füßen der Zeit-Diebe. und so rettete die Schildkröte mehrmals das Mädchen vor dem fast schon sicheren Gefaßtwerden. drehte sich wirklich. Dann steckte sie die Stundenblume. Und es würde sie immer weiter geben. aber da sie ja immer im voraus wußte. »Das geht nicht!« flüsterte Momo. Leise. daß außer ihnen noch irgendein anderes Wesen vom völligen Stillstand ausgenommen sein könnte. weiterhin das zu tun. » Wieso kann sie sich bewegen ?« »Sie hat eine Stunden-Blume!« brüllte ein dritter. fragte der vierte. »So werden wir also nun vielleicht jahrelang sitzen und nichts tun. unter den langen Konferenztisch zu kriechen. saßen vor Schreck erstarrt auf ihren Stühlen und stierten das Mädchen an.

»Her mit der Blume !« keuchte er. den Kopf. Und nun gab es für Momo kein Entrinnen mehr. wohin sie eigentlich gehörten: in die Herzen der Menschen. Momo starrte fassungslos auf die Stelle. so lösten sie sich sanft auf und wurden wieder unsichtbar. Nur noch drei schimmernde Blütenblätter hingen daran. Der Graue warf sich auf den Boden und grapschte mit ausgestrecktem Arm danach. In seinem Mundwinkel qualmte noch ein winziger Stummel.ist---« Und dann war auch er verschwunden. Unzählige StundenBlumen standen hier wie gläserne Kelche aufgereiht in endlosen Regalen. . »Bitte«.Bei dieser Verfolgung verloren einige der grauen Herren . »es ist gut-. was Momo von Kassiopeia sah. in dem sie auf und nieder schwebte und sich um sich selbst drehte. Und auf ihrem Rückenpanzer stand in leuchtender Schrift: »FLIEGE HEIM. und eine war herrlicher anzusehen als die andere. keines Wortes mehr mächtig. Dann senkte sich die Blütenwolke langsam und sacht hernieder. Und nun kam der letzte der grauen Herren auf Momo zu.alles vorbei . Sie flog dahin über die Dächer und Türme in einer riesigen Wolke aus Blumen. einer nach dem ändern. hinaus. Millionen von Lebensstunden. hinauf über die Erde und hinauf über die große Stadt. aber ein Sturm aus lauter befreiter Zeit. und öffnete sie weit.« Momo ging zu der Tür. gib mir die Blume!« Momo stand noch immer in die Ecke gepreßt. Sie stand in eine Ecke des Saales gepreßt und blickte den beiden Verfolgern angsterfüllt entgegen.ihre Zigarren und lösten sich. Momo war in den großen Saal mit dem langen Tisch zurückgeflohen. liebes Kind. Der letzte graue Herr nickte langsam. richtete sich mühsam halb auf und hob zitternd seine Hand. »Nein«. wurde so gewaltig. Dabei schlug der erste dem zweiten die Zigarre aus dem Mund. Wolken von Stunden-Blumen wirbelten um sie her und an ihr vorüber. Mit dem Verschwinden des letzten Zeit-Diebes war auch die Kälte gewichen.Hunderttausende. wo er gelegen hatte. begann mit einem Mal eine Art Sturm. daß nun . KLEINE MOMO. auf deren Rücken stand: »DU MACHST DIE TÜR AUF. als sei sie selbst eine der Blumen. hinaus aus den finsteren Gängen. »Es ist gut«. Der erste Verfolger wollte eben die Hand nach der Blume ausstrecken. daß Momo aufgehoben und davongetragen wurde. Es war wie ein warmer Frühlingssturm. und der drehte sich mit einem geisterhaften Wehlaut um sich selbst. Er wandte Momo sein aschengraues Gesicht zu. schrie er. Denn nun verstärkte sich der Sturm der Blüten ganz unbeschreiblich. Die beiden Zeit-Diebe verfolgten sie rund um den Tisch. als der zweite ihn zurückriß. Schließlich waren nur noch zwei von ihnen übrig. Und wie Schneeflocken. Momo ging mit staunenden Augen in die riesigen Vorratsspeicher hinein. Es wurde warm und wärmer wie in einem Treibhaus. und die Blumen fielen wie Schneeflocken auf die erstarrte Welt. berührte sie wieder mit ihrer Stunden-Blume. und keine war einer anderen gleich . »mir gehört die Blume! Mir!« Die beiden fingen an sich gegenseitig zurückzureißen. um dorthin zurückzukehren. Momo schaute wie im Traum umher und sah Kassiopeia vor sich auf dem Boden. drückte die Blume an sich und schüttelte. Während das letzte Blatt von Momos eigener Stunden-Blume abfiel. flüsterte er. letztes Blütenblatt hing. Aber dort krabbelte jetzt Kassiopeia. konnten sie aber nicht einholen. Die Blume hielt sie an sich gedrückt. dabei fiel ihm der winzige Stummel aus dem Mund und rollte fort. wurde durchsichtig und verschwand. FLIEGE HEIM!« Und dies war das letzte. Und es war wie ein übermütiger Tanz nach einer herrlichen Musik.besinnungslos vor Gier nach der Stunden-Blume. »bitte. murmelte er. konnte ihn aber nicht mehr erreichen. in Nichts auf. die immer größer und größer wurde. Dann teilten sie sich und liefen in entgegengesetzten Richtungen. an der nur noch ein einziges.

Denn als die kleine Momo und der alte Beppo an diesem Tag ins alte Amphitheater zurückkamen. wie das eben so ist. wo sie vorher Beppo gefunden hatte. daß es in Wirklichkeit seine eigene gesparte Zeit war. und er drehte sich um. wie nur Momos Freunde es zu feiern verstehen. sich jedem ihrer Patienten ausführlich zu widmen. Davon. waren sie alle schon da und warteten: Gigi Fremdenführer. und alles regte und bewegte sich von neuem. Nino. denn sie hatten ja nun alle genügend Zeit dazu. Die meisten Leute hätten es wohl auch nicht geglaubt. dachte er. Nicola. ganz wie früher. blieben stehen und freuten sich und lachten und weinten mit. die Verkehrsschutzleute pfiffen. wie er brauchte und haben wollte. Und doch war etwas anders geworden als vorher. das Mädchen Maria mit dem kleinen Geschwisterchen Dedé. auf seinen Besen gestützt. der ihnen wie ein Wimpernschlag vorkam. Alle Leute hatten nämlich plötzlich unendlich viel Zeit. und die Leute. Denn es war ja tatsächlich keine Zeit verstrichen zwischen dem Aufhören und dem neuen Beginn. was man seit langem nicht mehr gesehen hatte : Kinder spielten mitten auf der Straße. wenn man vor Freude wie betrunken ist. Und nachdem der Jubel und das Umarmen und Händeschütteln und Lachen und Durcheinanderschreien sich gelegt hatte. Und jeder hatte dem anderen unendlich viel zu erzählen. so vergnügt. Franco. die das Glück des Wiedersehens beschreiben können. die Tauben flogen und der kleine Hund am Lichtmast machte sein Bächlein. Endlich schulterte Beppo seinen Besen. heimwärts zum alten Amphitheater. möglichst viel in möglichst kurzer Zeit fertigzubringen. Claudio und alle anderen Kinder. aber niemand wußte. »habe ich jetzt die hunderttausend Stunden eingespart und Momo freigekauft. Paolo. Die Arbeiter konnten ruhig und mit Liebe zur Sache arbeiten. Überall standen Leute. denn es kam nicht mehr darauf an. und alle Leute aus der Umgebung. Und sie umarmten sich immer wieder. Es gibt wohl keine Worte. Geglaubt und gewußt haben es nur Momos Freunde. und denen Momo zugehört hatte.Im selben Augenblick begann die Zeit wieder. Natürlich war darüber jedermann außerordentlich froh. und seinem Baby. und was in Wirklichkeit während jenes Augenblicks. der Maurer. Und die Ärzte hatten jetzt Zeit. Wer zur Arbeit ging. und manche stiegen aus und spielten einfach mit. »Vielleicht«. So wanderten die beiden Arm in Arm durch die Stadt. die früher immer gekommen waren. wieso er sich plötzlich so getröstet und voller Hoffnung fühlte. Als Momo wieder recht zur Besinnung kam. die nun auf wunderbare Weise zu ihm zurückkehrte.« Und genau in diesem Augenblick zupfte ihn jemand an der Jacke. geschehen ist. hatten die Menschen nichts bemerkt. bis die alten Sterne am Himmel standen. die Blumen in einem Fenster zu bewundern oder einen Vogel zu füttern. plauderten freundlich miteinander und erkundigten sich ausführlich nach dem gegenseitigen Wohlergehen. mit Liliana. . daß die Welt für eine Stunde still gestanden hatte. denn von nun an war ja wieder genug davon da. Dann wurde ein Fest gefeiert. wem das alles zu verdanken war. der Wirt. hatte Zeit. Es war die Seitenstraße. Es war für sie vorübergegangen wie ein Wimpernschlag. und die kleine Momo stand vor ihm. dort stand er noch ! Stand mit dem Rücken zu ihr. Jeder konnte sich zu allem so viel Zeit nehmen. die vorübergingen. seiner dicken Frau. und wirklich. Aber viele Leute haben nie erfahren. denn es versteht sich wohl von selbst. setzten alle sich rundherum auf die grasbewachsenen steinernen Stufen. die warten mußten. Und in der großen Stadt sah man. Die Autos rühren. guckten lächelnd zu. Es wurde ganz still. Beide lachten und weinten abwechselnd und redeten fortwährend durcheinander und natürlich lauter dummes Zeug. und es dauerte. und schaute nachdenklich vor sich hin. und die Autofahrer. Massimo. daß er für diesen Tag nicht mehr ans Arbeiten dachte. Er hatte es auf einmal gar nicht mehr eilig und konnte sich selbst nicht erklären. fand sie sich auf einer Straße wieder.

« »DANKE!« stand auf dem Panzer.noch sehr blaß und sah aus. Und dann begann sie mit klarer Stimme zu singen. »das habt ihr beide sehr gut gemacht. Du mußt mir alles erzählen. Dann nieste Kassiopeia. wie etwas ihn am Fuß berührte. Also ziehe dich ruhig zurück. Aber seine Augen strahlten. Er war. »Ich kann mir denken. Dann hinkte Kassiopeia davon und suchte sich einen stillen und dunklen Winkel. meinte Meister Hora. Er nahm seine Brille ab und beugte sich hinunter. Sie dachte an die Stimmen der Sterne und an die Stunden-Blumen. den die zurückgekehrte Zeit aus seinem ersten und einzigen Schlaf erweckt hatte. als sei er eben von einer schweren Krankheit genesen. Vor ihm saß die Schildkröte. erschienen langsam die Buchstaben: . Da fühlte er.« »SPÄTER!« stand auf dem Rückenpanzer. Sie zog ihren Kopf und ihre vier Glieder ein. »Du hast dich doch nicht etwa erkältet?« fragte Meister Hora besorgt. »Kassiopeia«. » UND WIE!« war Kassiopeias Antwort. sagte er zärtlich und kraulte sie am Hals.Momo stellte sich in die Mitte des freien runden Platzes. daß du sehr erschöpft bist und dich erst einmal gründlich ausruhen möchtest. für niemand mehr sichtbar als nur für den. Im Nirgend-Haus aber saß Meister Hora. denn diesmal konnte ich euch ja nicht zusehen. »Das wird durch die Kälte der grauen Herren gekommen sein«. und auf ihrem Rücken. auf seinem Stuhl an dem kleinen zierlichen Tischchen und schaute Momo und ihren Freunden lächelnd durch seine Allsicht-Brille zu. der diese Geschichte gelesen hat.

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