Im Dunkel scheint dein Licht. Woher, ich weiß es nicht. Es scheint so nah und doch so fern.

Ich weiß nicht, wie du heißt. Was du auch immer seist: Schimmere, schimmere, kleiner Stern! (Nach einem alten irischen Kinderlied)

Michael Ende

MOMO
ERSTER TEIL:

MOMO UND IHRE FREUNDE

ERSTES KAPITEL Eine große Stadt und ein kleines Mädchen

In alten, alten Zeiten, als die Menschen noch in ganz anderen Sprachen redeten, gab es in den warmen Ländern schon große und prächtige Städte. Da erhoben sich die Paläste der Könige und Kaiser, da gab es breite Straßen, enge Gassen und winkelige Gäßchen, da standen herrliche Tempel mit goldenen und marmornen Götterstatuen, da gab es bunte Märkte, wo Waren aus aller Herren Länder feilgeboten wurden, und weite schöne Plätze, wo die Leute sich versammelten, um Neuigkeiten zu besprechen und Reden zu halten oder anzuhören. Und vor allem gab es dort große Theater. Sie sahen ähnlich aus, wie ein Zirkus noch heute aussieht, nur daß sie ganz und gar aus Steinblöcken gefügt waren. Die Sitzreihen für die Zuschauer lagen stufenförmig übereinander wie in einem gewaltigen Trichter. Von oben gesehen waren manche dieser Bauwerke kreisrund, andere mehr oval und wieder andere bildeten einen weiten Halbkreis. Man nannte sie Amphitheater. Es gab welche, die groß waren wie ein Fußballstadion, und kleinere, in die nur ein paar hundert Zuschauer paßten. Es gab prächtige, mit Säulen und Figuren verzierte, und solche, die schlicht und schmucklos waren. Dächer hatten diese Amphitheater nicht, alles fand unter freiem Himmel statt. In den prachtvollen Theatern waren deshalb golddurchwirkte Teppiche über die Sitzreihen gespannt, um das Publikum vor der Glut der Sonne oder vor plötzlichen Regenschauern zu schützen. In den einfachen Theatern dienten Matten aus Binsen und Stroh dem gleichen Zweck. Mit einem Wort: die Theater waren so, wie die Leute es sich leisten

Sie hatte einen wilden. als ihr eigenes. Die Menschen fahren mit Autos und Straßenbahnen. Dann kehrte die Stille in das steinerne Rund zurück. aber es waren zwei verschiedene. dann war es ihnen. Aber eines Tages sprach es sich bei den Leuten herum. die Tempel und Paläste sind eingestürzt. Es hieße Momo oder so ähnlich. daß neuerdings jemand in der Ruine wohne. der so aussah. Und sie liebten es. Natürlich ist das Leben in ihnen anders geworden. und die Zikaden stimmten die nächste Strophe ihres endlosen Liedes an. das sich anhört. Aber da und dort zwischen den neuen Gebäuden stehen noch ein paar Säulen. die es in der großen Stadt gab. als was sie irgendwo fand oder geschenkt bekam. ein Tor. aber sie kümmerten sich nicht weiter um sie. ob sie jemals wieder eine so schöne und praktische Jacke mit so vielen Taschen finden würde. So genau könne man das allerdings nicht sagen. Sie war klein und ziemlich mager. Darüber trug sie eine alte. alltägliches. und manchmal trafen sich dort am Abend die Liebespaare. als ob jenes nur gespielte Leben auf geheimnisvolle Weise wirklicher wäre. wo schon die ersten Felder beginnen und die Hütten und Häuser immer armseliger werden. ein Stück Mauer. Aber einige dieser alten. Draußen am südlichen Rand dieser großen Stadt. die auf der Bühne dargestellt wurden. und auch von den großen Theatern stehen nur noch Ruinen. großen Städte sind große Städte geblieben bis auf den heutigen Tag. Die großen Städte von damals sind zerfallen. als ob er noch nie mit einem Kamm oder einer Schere in Berührung gekommen wäre. knipsten ein Erinnerungsfoto und gingen wieder fort. ob sie erst acht oder schon zwölf Jahre alt war.konnten. die man durch ein Loch in der Außenmauer betreten konnte. weil es ein bißchen merkwürdig angezogen sei. Momos äußere Erscheinung war in der Tat ein wenig seltsam und konnte auf Menschen. Nur im Winter trug sie manchmal Schuhe. deren Ärmel an den Handgelenken umgekrempelt waren.Und wenn sie den ergreifenden oder auch den komischen Begebenheiten lauschten. die nicht zusammenpaßten und ihr außerdem viel zu groß waren. Und in einer solchen Stadt hat sich die Geschichte von Momo begeben. Sie ließen dort ihre Ziegen weiden. viel zu weite Männerjacke. die Ruine eines kleinen Amphitheaters. Unter der grasbewachsenen Bühne der Theaterruine gab es ein paar halb eingestürzte Kammern. Kälte und Hitze haben die Steine abgeschliffen und ausgehöhlt. es war schon damals sozusagen ein Theater für ärmere Leute. Es war auch in jenen alten Zeiten keines von den prächtigen. so daß man beim besten Willen nicht erkennen konnte. in einem Pinienwäldchen versteckt. daß Momo eben nichts besaß. messen konnte. wunderschöne und ebenfalls pechschwarze Augen und Füße von der gleichen Farbe. ein kleines Mädchen vermutlich. Das kam daher. Ihr Rock war aus allerlei bunten Flicken zusammengenäht und reichte ihr bis auf die Fußknöchel. weil sie vorsorglich daran dachte. dort. Abschneiden wollte Momo sie nicht. machten Lärm. Nur ein paar Professoren der Altertumswissenschaft wußten von ihr. Sie hatte sehr große. die großen Wert auf Sauberkeit und Ordnung legen. daß sie ja noch wachsen würde. Sie war auch keine Sehenswürdigkeit. möglicherweise etwas erschreckend wirken. die sich übrigens in nichts von der vorigen unterschied. das heißt um jene Zeit. pechschwarzen Lockenkopf. da die Geschichte von Momo ihren Anfang nahm. kletterten auf den grasbewachsenen Sitzreihen umher. die das seltsame runde Bauwerk kannten. In unseren Tagen. Aber haben wollten sie alle eins. weil es dort nichts mehr zu erforschen gab. Im geborstenen Gemäuer singen nun die Zikaden ihr eintöniges Lied. denn sie lief fast immer barfuß. liegt. die sich mit anderen. Eines Mittags kamen einige Männer und Frauen aus der näheren . als ob die Erde im Schlaf atmet. Wind und Regen. die Kinder benutzten den runden Platz in der Mitte zum Ballspielen. Eigentlich waren es nur die Leute aus der näheren Umgebung. denn sie waren leidenschaftliche Zuhörer und Zuschauer. Es sei ein Kind. Jahrtausende sind seither vergangen. So verirrten sich nur ab und zu ein paar Touristen dort hin. auf diese andere Wirklichkeit hinzuhorchen. war die Ruine fast ganz vergessen. haben Telefon und elektrisches Licht. Und wer konnte wissen. oder auch ein Amphitheater aus jenen alten Tagen. Hier hatte Momo sich häuslich eingerichtet.

und zuletzt waren sie einverstanden. noch ein wenig unsicherer. »wir meinen. »Hör mal«. »Du sagst.« »Das ist ein hübscher Name. Wir haben zwar selber alle nur wenig Platz.« »Aber wirst du denn nirgendwo erwartet?« »Nein. »vielen Dank! Aber könntet ihr mich nicht einfach hier wohnen lassen?« Die Leute berieten lange hin und her. Die Leute tauschten Blicke und seufzten.« »Das kann ich verstehen«. »Wo kommst du denn her. Da will ich nicht wieder hin. aber wir meinen. sagte der Mann. gern.« »Na ja«. murmelte sie. »da will ich nicht hin. seufzten und nickten. die gefüttert sein wollen. nachdem er sich mit den anderen beraten hatte. daß du Momo heißt. »Du hast dich selbst so genannt?« »Ja. sagte Momo. sagte eine Frau. Dann murmelte sie: »Ich bin hier zu Hause. Aber sie merkte bald. und die meisten haben schon einen Haufen Kinder. keinen Onkel. sagte Momo zögernd. »Und du willst hier bleiben?« »Ja. sagte ein alter Mann und nickte. eh?« Momo sah ihn erschrocken an. weil sie fürchtete. Wer hat dir denn den Namen gegeben?« »Ich«. wenn wir der Polizei sagen. weil niemand es Zählen gelehrt hatte. du könntest vielleicht bei einem von uns unterkriechen. mußt du denn nicht wieder nach Hause?« »Ich bin hier zu Hause«. Da war ich schon mal. ernsthaft. »Also.« Momo nickte stumm. Denn hier. die Leute würden sie wegjagen. keine Großmutter. Das Kind schaute ihn und die anderen Leute ratlos an und hob ein wenig die Schultern. »Nein«. »aber du bist doch ein Kind —wie alt bist du eigentlich?« »Hundert«. aber ich hab' ihn noch nie gehört. »Weißt du. Wir wollen dir helfen. »Wer sind denn deine Eltern?« forschte der Mann weiter. Es dauerte eine Weile. wie alt bist du?« »Hundertzwei«. jedenTag gab's Prügel . auf eines mehr kommt es dann auch schon nicht mehr an. Irgendwer muß doch für dich sorgen. daß das Kind nur ein paar Zahlwörter kannte.« »Wann bist du denn geboren?« Momo überlegte und sagte schließlich: »Soweit ich mich erinnern kann. aber noch nicht ganz überzeugt. Da waren Gitter an den Fenstern. sagte Momo und lächelte zum ersten Mal. wo du zu essen kriegst und ein Bett hast und wo du rechnen und lesen und schreiben und noch viel mehr lernen kannst. Und die anderen Leute konnten es auch verstehen und nickten. fuhr der Mann fort. »Kannst du das denn?« fragte die Frau. »Du brauchst keine Angst zu haben«. der zuerst gesprochen hatte. »hier gefällt es dir also?« »Ja«. ergriff nun wieder der Mann das Wort. Sie waren selber arm und kannten das Leben. antwortete Momo. war ich immer schon da. so meinten sie. die es aufgeschnappt hatte. könne das Kind schließlich genausogut wohnen . daß du hier bist? Dann würdest du in ein Heim kommen. versicherte Momo schnell. Momo schwieg eine Weile und sagte dann leise: »Ich brauch' nicht viel.« »Ich«.Umgebung zu ihr und versuchten sie auszufragen. weil sie es für einen Spaß hielten. « Wieder wechselten die Leute Blicke. Momo stand ihnen gegenüber und guckte sie ängstlich an. Andere Kinder waren auch da. »aber du bist doch noch klein. Was hältst du davon. sich aber nichts Bestimmtes darunter vorstellen konnte. überhaupt keine Familie. »So«. Da bin ich nachts über die Mauer und weggelaufen. Die Leute lachten. nicht wahr?« »Ja. die irgendwohin in die Ferne deutete.aber ganz ungerecht. antwortete Momo. wo du hin kannst?« Momo schaute den Mann nur an und schwieg eine Weile.« »Ich meine. »wir wollen dich nicht vertreiben. sagte einer der Männer. »wäre es dir recht. »Also gut«. Kind?« Momo machte mit der Hand eine unbestimmte Bewegung. Was hältst du davon. Momo«.« »Hast du denn keine Tante. bis die Leute merkten. meinte der Mann. antwortete Momo erleichtert. eh?« »Danke«. daß es freundliche Leute waren.

kam an diesem Abend eine solche Menge zusammen. mal mehr. Ein rostiges Ofenrohr wurde auch aufgetrieben. Irgend etwas zu essen hatte sie jetzt immer.wie bei einem von ihnen. daß sie alle miteinander im Amphitheater ein richtiges kleines Fest zu Ehren von Momos Einzug feiern konnten. eine Matratze. das dritte etwas Obst und so fort. Man könnte nun denken. was man an Essen erübrigen konnte. ZWEITES KAPITEL Eine ungewöhnliche Eigenschaft und ein ganz gewöhnlicher Streit Von nun an ging es der kleinen Momo gut. Sie hatte ein Dach über dem Kopf. Es war ein so vergnügtes Fest. der angelegentlich mit ihr redete. So begann die Freundschaft zwischen der kleinen Momo und den Leuten der näheren Umgebung. indem sie zunächst einmal die halb eingestürzte steinerne Kammer. mal weniger. so gut es ging. schickte nach ihr. daß Momo ganz einfach großes Glück gehabt hatte. So wie man sagt: »Alles Gute!« oder »Gesegnete Mahlzeit!« oder »Weiß . Und je länger das kleine Mädchen bei ihnen war. daß Momo sehr viel Besuch hatte. Und da es sehr viele Kinder waren. mit Schnörkeln verziertes Eisenbett. und Momo selbst war durchaus dieser Ansicht. an so freundliche Leute geraten zu sein -. und sie wunderten sich. um sie zu holen. jedenfalls nach ihrer eigenen Meinung. und zwei Decken. Sie brauchten Momo. als für einen allein. zu dem sagten die ändern: »Geh doch zu Momo!« Dieser Satz wurde nach und nach zu einer feststehenden Redensart bei den Leuten der näheren Umgebung. Und dann kamen die Kinder der Leute und brachten. das andere einen kleinen Brotwecken. es könnte eines Tages wieder auf und davon gehen. in der Momo hauste. so unentbehrlich. Der Maurer. der Maurer war. ein Feuer machen. und sorgen wollten sie alle gemeinsam für Momo. Einer von ihnen. der künstlerische Fähigkeiten besaß. die nur wenig zerrissen war. Ein alter Schreiner nagelte aus ein paar Kistenbrettern ein Tischchen und zwei Stühle zusammen. desto unentbehrlicher wurde es ihnen. malte zuletzt noch ein hübsches Blumenbild an die Wand. weil es für alle zusammen sowieso einfacher wäre. Man sah fast immer jemand bei ihr sitzen. daß er sie brauchte. wie nur arme Leute es zu feiern verstehen. Und schließlich brachten die Frauen noch ein ausgedientes. das eine ein Stückchen Käse. Und wer sie brauchte und nicht kommen konnte. Und was das Wichtigste war: sie hatte viele gute Freunde. So kam es. aufräumten und instandsetzten. Aus dem steinernen Loch unter der Bühne der Ruine war ein behagliches kleines Zimmerchen geworden. daß sie nur noch fürchteten. wie sie früher ohne sie ausgekommen waren. malte er dazu. wenn es kalt war. an dem das Bild hing. daß sie nicht weniger Glück gehabt hatten. sie hatte ein Bett und sie konnte sich. Und wer noch nicht gemerkt hatte. wie es sich eben fügte und wie die Leute es entbehren konnten. Sogar den Rahmen und den Nagel. Sie fingen gleich an. baute sogar einen kleinen steinernen Herd. Aber auch für die Leute stellte sich schon bald heraus.

weil sie etwas sagte oder fragte. Nachdem die Männer lang so gesessen hatten.und er ging hin und erzählte alles das der kleinen Momo. Um keinen zu kränken. zu welchem sie zuerst hingehen sollte. nein. daß ratlose oder unentschlossene Leute auf einmal ganz genau wußten. daß es ihn. sie saß nur da und hörte einfach zu. Momo konnte so zuhören. daß er sich gründlich irrte. die den ganzen Abend an einem einzigen Glas Wein tranken und von ihren Erinnerungen redeten. daß sie in ihm steckten. Ich hab' .weil sie doch in einer Art Zirkus wohnte . Und so wie Momo sich aufs Zuhören verstand. unter allen Menschen nur ein einziges Mal gab und daß er deshalb auf seine besondere Weise für die Welt wichtig war. Das ist doch nichts Besonderes. daß die beiden böse aufeinander waren. was den anderen auf solche Gedanken brachte. daß sie jedem Menschen einen guten Rat geben konnte? Fand sie immer die richtigen Worte. was geschehen würde. mit aller Aufmerksamkeit und aller Anteilnahme. dunklen Augen an. dann wurde ihm. genauso sagte man also bei allen möglichen Gelegenheiten: »Geh doch zu Momo!« Aber warum? War Momo vielleicht so unglaublich klug. auf den es überhaupt nicht ankommt und der ebenso schnell ersetzt werden kann wie ein kaputter Topf. Sie wartete einfach ab. von dem der Ofen und das schöne Blumenbild in Momos »Wohnzimmer« stammte. stand Nicola plötzlich auf und sagte: »Ich geh'. Wirklich zuhören können nur ganz wenige Menschen. wie in ihm auf einmal Gedanken auftauchten. zuhören kann doch jeder. Aber das ist ein Irrtum. Die beiden Männer hatten sich anfangs geweigert und schließlich widerwillig nachgegeben. Was die kleine Momo konnte wie kein anderer. und schauten finster vor sich hin. Die anderen Leute hatten ihnen geraten. Nun saßen sie also im Amphitheater.und Zeit war ja das einzige. daß dummen Leuten plötzlich sehr gescheite Gedanken kamen. woran Momo reich war. noch während er redete. denn es ginge nicht an. obwohl sie Nachbarn waren. So konnte Momo zuhören ! Eines Tages kamen zwei Männer zu ihr ins Amphitheater. das alles konnte Momo ebensowenig wie jedes andere Kind. Oder daß Schüchterne sich plötzlich frei und mutig fühlten. Nicht etwa. jeder auf einer anderen Seite der steinernen Sitzreihen. Der eine war der Maurer. aufgezwirbelten Schnurrbart. stumm und feindselig. war es ganz und gar einmalig. setzte sie sich schließlich in gleichem Abstand von beiden auf den Rand der steinernen Bühne und schaute die zwei abwechselnd an. wird nun vielleicht mancher Leser sagen. Oder daß Unglückliche und Bedrückte zuversichtlich und froh wurden. genauso wie er war. Und wenn jemand meinte. Konnte Momo dann vielleicht irgend etwas. Konnte sie vielleicht zaubern ? Wußte sie irgendeinen geheimnisvollen Spruch. von denen er nie geahnt hatte. Da Momo nun merkte. Er war mager und sah immer ein wenig müde aus. das war es auch nicht. Manche Dinge brauchen ihre Zeit . sein Leben sei ganz verfehlt und bedeutungslos und er selbst nur irgendeiner unter Millionen.am Ende gar tanzen oder akrobatische Kunststücke vorführen? Nein. Nino war Pächter eines kleinen Lokals am Stadtrand. wußte sie zunächst nicht. Der andere hieß Nino. Dabei schaute sie den anderen mit ihren großen. Er hieß Nicola und war ein starker Kerl mit einem schwarzen. das die Leute in gute Laune versetzte? Konnte sie zum Beispiel besonders schön singen? Oder konnte sie irgendein Instrument spielen? Oder konnte sie . einer. die sich auf den Tod zerstritten hatten und nicht mehr miteinander reden wollten. daß Nachbarn in Feindschaft lebten. was sie wollten. in dem meistens nur ein paar alte Männer saßen. und der Betreffende fühlte. Auch Nino und dessen dicke Frau gehörten zu Momos Freunden und hatten ihr schon oft etwas Gutes zu essen gebracht. mit dem man alle Sorgen und Nöte vertreiben konnte? Konnte sie aus der Hand lesen oder sonstwie die Zukunft voraussagen? Nichts von alledem. auf geheimnisvolle Weise klar. das war: Zuhören. Sie konnte so zuhören.der liebe Himmel!«. wenn jemand Trost brauchte? Konnte sie weise und gerechte Urteile fällen? Nein. doch zu Momo zu gehen.

und so was muß ich mir nicht bieten lassen. mich so zu behandeln. wird Wirt«. ich könne keine gerade Mauer bauen. Und das fand wiederum Nino gar nicht komisch. welcher von den beiden Spaßen der bessere gewesen sei und redeten sich wieder in Zorn. Aber plötzlich brachen sie ab. Ich hätte es auch nicht getan. daß Nino damit nur einen anderen Spaß Nicolas zurückgezahlt hatte. »Du hättest erst gar nicht zu kommen brauchen. worum es überhaupt ging und weshalb die beiden so erbittert aufeinander waren. »das war doch nur Spaß!« »Ein schöner Spaß!« grollte Nicola.« Es stellte sich jedoch heraus.meinen guten Willen gezeigt. Aber du siehst. Eines Morgens hatte nämlich in knallroten Buchstaben auf Ninos Tür gestanden: »Wer nichts wird. weil Nino ihm zuvor in Gegenwart einiger Gäste eine Ohrfeige gegeben hatte.« »Ich dich?« rief Nicola und schlug sich wild vor den Kopf. Machte sie sich im Inneren lustig über sie? Oder war sie traurig? Ihr Gesicht verriet es nicht. »Gut«. weil du stark und brutal bist. Und sogar mein Urgroßvater wäre schon so gewesen. Ich versöhne mich doch nicht mit einem Verbrecher!« Nicola fuhr herum. »Wer ist hier ein Verbrecher?« fragte er drohend und kam wieder zurück. »ich hätte das vielleicht nicht auf deine Tür schreiben sollen. »Und überhaupt hast du kein Recht zu so was!« Nicola war durchaus der Ansicht. Dem war allerdings wieder vorausgegangen. Das war gegen das Gesetz. und der hatte sowieso schon einen Sprung!« »Aber es war mein Krug.« »Und ob ich den hatte!« gab Nino zurück. indem ich überhaupt gekommen bin. ich sage sie dir und allen. er ist verstockt. komm doch her und bring mich um. wagt niemand. »Er hat gesagt. und du hattest keinen Grund. daß Nicola versucht hatte. und sie fingen an. Ninos ganzes Geschirr zu zertrümmern. Momo. Aber nach und nach kam heraus. wie du es schon mal tun wolltest!« »Hält' ich's nur getan !« brüllte Nicola und ballte die Fäuste. Wozu soll ich noch länger warten?« Und er wandte sich tatsächlich zum Gehen. Momo. Aber den Männern war plötzlich. denn Nino hatte ihn in seiner Ehre als Maurer gekränkt. »Du glaubst wohl. mach. »Aber da siehst du. verstehst du?« erwiderte Nino. und er hätte am Schiefen Turm von Pisa mitgebaut!« »Aber Nicola«. schrie er: »Leider lebst du ja auch noch. »Sag das noch mal!« »Sooft du nur willst ! « schrie Nino. Nun stritten sie eine Weile todernst. »Erinnerst du dich nicht mehr an die Sache mit dem heiligen Antonius ? Ah. mir nur ein einziges Glas Wein auszuschenken. sich zu schämen. was er über mich gesagt hat?« rief er Momo zu. die sie hören wollen! Ja. »Über so was kann ich nicht lachen. Nino. wenn du dich nicht geweigert hättest. Da drin kann nicht mal eine Ratte ersaufen. »Einen einzigen Krug hab' ich an die Wand geschmissen. sagte Nicola. antwortete Nino. Sein Gesicht war puterrot vor Zorn. »Umgekehrt wird ein Schuh draus ! Du wolltest mich hereinlegen. »Weißt du. jetzt wirst du blaß ! Da hast du mich nämlich nach Strich und Faden übers Ohr gehauen. nur zu. « Und wieder zu Nino gewandt. dir die Wahrheit ins Gesicht zu sagen? Aber ich. Momo schaute sie groß an. in gutem Recht gehandelt zu haben. »Ist ja überhaupt nicht wahr !« verteidigte sich Nicola erbittert. wie er lügt und verleumdet! Ich hab' ihn nur beim Kragen genommen und in die Spülwasserpfütze hinter seiner Spelunke geschmissen. weil ich Tag und Nacht betrunken sei. wie man sieht!« Eine Zeitlang gingen die wildesten Beschimpfungen hin und her und Momo konnte nicht schlau daraus werden. daß du wegkommst!« rief Nino ihm nach. »Ja. als sähen sie sich selbst in einem Spiegel. nur ist es dir nicht gelungen ! « . daß Nicola diese Schandtat nur begangen hatte. und keiner der beiden konnte sich ihren Blick so recht deuten. verstehst du ? Denn ich habe immer bezahlt.

der nicht singen wollte. Wie konntest du mir sonst für das wertlose Stück Zeitungspapier mein Radio abnehmen. brummte er. also. meinte Nino nachdenklich. trafen sich in der Mitte des grasbewachsenen runden Platzes. Nun stellte sich aber heraus. mein Ehrenwort!« »Na. Es war ein Farbdruck. von dem Nino nichts gewußt hatte. Ein anderes Mal brachte ihr ein kleiner Junge seinen Kanarienvogel. das den heiligen Antonius darstellte. Jetzt war er plötzlich der Übervorteilte. den ich aus der Zeitung ausgeschnitten habe. So hatte der Streit angefangen. »Dann geht unser ganzer Streit«. denn natürlich schnitt Nicola dabei ziemlich schlecht ab. Sie kletterten die steinernen Stufen hinunter. sonst hätte ich doch den Tausch nicht gemacht. antwortete Nicola. »du kannst ihn gern wiederhaben. den Nino irgendwann einmal aus einer Illustrierten ausgeschnitten und gerahmt hatte. daß du mich betrogen hast!« »Wieso? Hast du denn von dem Geld wirklich nichts gewußt?« »Nein. wie es zwei Abende vorher ein Gast als Opfergabe für den heiligen Antonius dort hineingesteckt hat. Nicola weigerte sich. »Eigentlich ja«. schwiegen sie eine Weile. . he?« »Und wieso hast du von dem Geld gewußt?« »Ich hab' gesehen. Nino lachte sich ins Fäustchen. »War es viel?« »Nicht mehr und nicht weniger. »eigentlich bloß um den heiligen Antonius. Das war eine viel schwerere Aufgabe für Momo. daß dieser seinen Radioapparat zum Tausch bot. Das Geschäft wurde gemacht. und daraufhin wollte Nino ihm nichts mehr ausschenken. Sie war sehr zufrieden.« »Dann mußt du doch zugeben. weil er es so schön fand. daß ihre beiden Freunde nun wieder gut miteinander waren.Die Sache war die: In Ninos kleinem Lokal hatte ein Bild an der Wand gehangen. bis er endlich wieder zu trillern und zu jubilieren begann. daß zwischen dem Bild und der Rückwand aus Pappdeckel ein Geldschein steckte. Sie mußte ihm eine ganze Woche lang zuhören. Kurz und bündig verlangte er von Nicola das Geld zurück. Nino. und das ärgerte ihn.« Nicola kratzte sich am Kopf.« Nino biß sich auf die Lippen. umarmten einander und klopften sich gegenseitig auf den Rücken. Nicola — hast du schon vor dem Tausch von dem Geld gewußt oder nicht?« »Klar. Eines Tages wollte Nicola Nino dieses Bild abhandeln .angeblich. Dann fragte Nino: »Sag mir jetzt einmal ganz ehrlich. Als die beiden die Sache nun bis zum Anfang zurückverfolgt hatten. weil es nicht zu dem Tausch gehört habe. Dann wolltest du mich doch hereinlegen. als mein Radio wert war«.« »Aber nicht doch!« antwortete Nino würdevoll. Dann nahmen sie beide Momo in den Arm und sagten : »Vielen Dank!« Als sie nach einer Weile abzogen. winkte Momo ihnen noch lange nach. »Getauscht ist getauscht! Ein Handschlag gilt unter Ehrenmännern!« Und plötzlich fingen beide gleichzeitig an zu lachen. Und Nino hatte Nicola durch geschicktes Feilschen schließlich dazu gebracht.

der eine Brille trug. und wir fahren in unbekannte Meere und erleben Abenteuer. Nach einer Weile sagte sie: »Aber Momo kommt vielleicht gar nicht. an einem schwülen.« »Na und?« mischte sich nun ein Junge ins Gespräch. Das Forschungsschiff »Argo« schwankte leise in der Dünung auf und nieder. »Dann kannst du genausogut hier bleiben«. ein Professor. »Ich geh' lieber heim«. der etwas verwahrlost aussah. Es ist ein Zukunftsschiff. Es gab einfach keine langweiligen Augenblicke mehr. DRITTES KAPITEL Ein gespielter Sturm und ein wirkliches Gewitter Es versteht sich wohl von selbst. Und eben dadurch .« »Und zu Hause?« fragte ein Junge. die in die Sternenwelt hinaushorchte. was sind wir?« »Matrosinnen.« »Irgendwas ist nichts. daß Momo beim Zuhören keinerlei Unterschied zwischen Erwachsenen und Kindern machte. wenn alle ihre Freunde nach Hause gegangen waren. von Korallenriffen . sagte ein dicker Junge mit einer hohen Mädchenstimme. Wer hat einen Vorschlag?« »Ich weiß was«. Am Himmel hingen dicke schwarze Wolken. Seit Momo da war. der mag nur einmal versuchen. saßen etwa zehn.« Das war ein guter Plan ! Sie versuchten zu spielen. Aber die Kinder kamen noch aus einem anderen Grund so gern in das alte Amphitheater. Momo war nur einfach da und spielte mit. eines schöner als das andere. zuhören sei nichts Besonderes. Seit Menschengedenken hatte kein Schiff es mehr gewagt. Und wer nun noch immer meint. als säße sie mitten in einer großen Ohrmuschel. diese gefährlichen Gewässer zu befahren. elf Kinder auf den steinernen Stufen und warteten auf Momo. Das war nicht etwa deshalb so.« »Und wir Mädchen.kamen den Kindern selbst die besten Ideen. antwortete das Mädchen. Und alles sprach zu ihr auf seine Weise. weil Momo so gute Vorschläge machte. Das Mädchen zuckte die Schultern und nickte. »hast du zu Hause vielleicht keine Angst davor?« »Doch«. sagte ein Mädchen. um in der Gegend umherzustreifen. Wahrscheinlich würde es bald ein Gewitter geben. Nach kurzer Zeit saßen alle wieder auf den steinernen Stufen und warteten. über dem sich der sternenfunkelnde Himmel wölbte. daß die ganze Ruine ein großes Schiff ist. ob er es auch so gut kann. Nein. Und es war ihr. weil es nämlich eine Forschungsreise ist. »wir könnten spielen. das ein kleines Geschwisterchen bei sich hatte.Momo hörte allen zu. Irgendwas eben. die ein wenig ausgegangen war. Einmal. Und dann kam Momo. während es in ruhiger Fahrt mit voller Kraft voraus in das südliche Korallenmeer vordrang. denn es wimmelte hier von Untiefen. »ich hab' Angst vor Blitz und Donner. »Deswegen können wir doch trotzdem irgendwas spielen — auch ohne Momo. saß sie noch lange allein in dem großen steinernen Rund des alten Theaters. und das Spiel kam nicht in Fluß. Ich bin der Kapitän.man weiß nicht wie . Täglich erfanden sie neue Spiele. und lauschte einfach auf die große Stille. als höre sie eine leise und doch gewaltige Musik. ja. Hoch rauschte die Bugwelle auf. meinte der Junge. und du bist ein Naturforscher. die ihr ganz seltsam zu Herzen gingIn solchen Nächten hatte sie immer besonders schöne Träume. aber sie konnten sich nicht recht einig werden. versteht ihr? Und die anderen sind Matrosen. aber was?« »Ich weiß auch nicht. drückenden Tag. den Hunden und Katzen. konnten sie so gut spielen wie nie zuvor.Dann kam es ihr so vor. den Grillen und Kröten. An manchen Abenden.«»Gut. wie sie es manchmal tat. du bist der Erste Steuermann. sogar dem Regen und dem Wind in den Bäumen.

Dennoch hätte wohl schwerlich ein anderer Kapitän und eine andere Mannschaft den Mut gehabt. »Demnach«. was dieser Orkan einmal in seinen riesenhaften Klauen hatte. der niemals zur Ruhe kam.« Daraufhin sprangen drei Matrosinnen. Ab und zu befragte der Forscher sie wegen besonderer Einzelheiten dieses Meeres. Freilich. »aber es kann auch ebensogut eine Schluckula tapetozifera sein. Neben dem Kapitän stand sein Erster Steuermann. Die rätselhaften Sitten ihres Volkes verboten es ihr. als bis er es in streichholzdünne Splitter zertrümmert hatte. das Forschungsschiff »Argo« war in besonderer Weise für eine Begegnung mit diesem »Wandernden Wirbelsturm« ausgerüstet. . Stolz blickte er von der Kommandobrücke auf seine Matrosen und Matrosinnen hinunter. »muß es sich wohl um ein Oggelmumpf bistrozinalis handeln. Aber das können wir erst entscheiden. Immerwährend wanderte er auf diesem Meer umher und suchte nach Beute wie ein lebendiges. »Käptn !« rief er durch die hohle Hand herunter. den nur der Professor verstand. Und alles. ohne Naht. die gespannt wartend an der Reling standen. sich auf den Beinen zu halten. Auch Professor Eisenstein und seine Assistentinnen kamen interessiert herbei. Don Melú. einen Wirbelsturm. Und es war durch ein besonderes Herstellungsverfahren aus einem einzigen Stück gegossen.« Professor Eisenstein richtete sich auf. Dieser war außerordentlich glitschig und Professor Eisenstein hatte alle Mühe. Ein wenig abseits von ihnen saß die schöne Eingeborene Momosan mit untergeschlagenen Beinen. Plötzlich riß ein Schrei des Mannes im Ausguck den Kapitän aus seinen Gedanken. Alle drei standen über ihre Präzisionsinstrumente gebeugt und beratschlagten leise miteinander in ihrer komplizierten Wissenschaftlersprache. oder ich sehe tatsächlich eine gläserne Insel da vorn!«Der Kapitän und Don Melú blickten sofort durch ihre Fernrohre. die außerdem weltberühmte Sporttaucherinnen waren und sich in der Zwischenzeit bereits Taucheranzüge angezogen hatten. die alle erprobte Fachleute auf ihren jeweiligen Spezialgebieten waren. zu beseitigen. damit dieses Meer auch für andere Schiffe wieder befahrbar werden würde. Aber noch war alles ruhig. Neugier zu zeigen. ins Wasser und verschwanden in der blauen Tiefe. meinte die Assistentin Maurin. Sein Weg war unberechenbar. Weiter hinten auf dem Sonnendeck sah man Professor Eisenstein. der schon hundertsiebenundzwanzig Orkane überstanden hatte. die Ursache für den »Wandernden Taifun« zu finden und. Kapitän Gordon jedoch hatte ihn. und von dem Sturm war nichts zu spüren. der biegsam und unzerbrechlich war wie eine Degenklinge. Er teilte seine Beobachtung den anderen mit. sich diesen unerhörten Gefahren auszusetzen. erwiderte die Assistentin Sara. wenn wir die Sache von unten erforscht haben. Die gläserne Insel war bald erreicht. und sie antwortete ihm in ihrem wohlklingenden Hula-Dialekt. ein Seebär von altem Schrot und Korn. die ihm beide mit ihrem enormen Gedächtnis ganze Bibliotheken ersetzten. »entweder bin ich verrückt. Als der Professor die höchste Stelle erreicht hatte. ja sogar listiges Wesen. das ließ er nicht eher wieder los. Und vor allem gab es hier den sogenannten »Ewigen Taifun«. mit seinen Assistentinnen Maurin und Sara. Nur die schöne Eingeborene blieb gelassen sitzen. Nach der Mitte zu stieg sie an wie ein Kuppeldach.und Schweißstelle. den wissenschaftlichen Leiter der Expedition. rückte seine Brille zurecht und rief hinauf: »Nach meiner Ansicht haben wir es hier mit einer Abart des gewöhnlichen Strumpfus quietschinensus zu tun. Ziel der Expedition war es. Der Professor stieg über die Strickleiter an der Außenwand des Schiffes hinunter und betrat den durchsichtigen Boden. Es bestand ganz und gar aus blauem Alamont-Stahl.« »Möglich«. konnte er deutlich einen pulsierenden Lichtschein tief im Innern dieser Insel wahrnehmen. wenn möglich.und von unbekannten Seeungeheuern. Die ganze Insel war kreisrund und hatte schätzungsweise zwanzig Meter Durchmesser.

Sofort stürzten sich hundert Froschmänner unter der Führung ihres erfahrenen Hauptmannes Franco.« Und das andere Mädchen setzte hinzu: »Die Gefahr ist unser Beruf. Über den Rettungsarbeiten hatten Kapitän und Besatzung gänzlich vergessen. »dazu sind wir schließlich mitgefahren. Freudig wurden sie auf dem Schiff empfangen. »Zurück!« rief Don Melú. Das war zwar nicht ganz ungefährlich für die beiden in den Fangarmen festgehaltenen Mädchen. warf es auf die Seite und stürzte es in ein Wellental von gut fünfzig Metern Tiefe hinab. und seine Mannschaft hatte ebenso ungerührt standgehalten. auf die Riesenqualle zu. genannt »der Delphin«. Kapitän Gordon bewunderte im stillen die Kaltblütigkeit dieser Wissenschaftler. gewahr. Jedermann stand an seinem Platz. Professor«. wo der innerste Kern des Wirbelsturmes sein mußte. antwortete das eine Mädchen und lachte fröhlich. In wenigen Sekunden war der ganze Himmel pechschwarz. Das ist hochinteressant!« Inzwischen hatten Kapitän Gordon und sein Erster Steuermann Don Melú sich beraten und waren zu einer Entscheidung gekommen. Sie berechneten. Der Bug des stählernen Schiffes war scharf wie ein Rasiermesser. Heulend und brüllend warf sich der Wirbelsturm auf das Schiff. als sei nichts geschehen. als steigere sich seine Wut von Minute zu Minute.« »Der Delphin« und seine Froschmänner kletterten an Bord zurück. war in ein Rettungsboot geklettert. Zu gewaltig war die Kraft dieses riesenhaften Quallentieres ! »Irgend etwas«. »irgend etwas scheint in diesem Meer eine Art Riesenwachstum zu verursachen. daß ich euch in Gefahr gebracht habe!« »Nichts zu verzeihen. »alle Mann wieder an Bord! Wir werden das Untier in zwei Stücke schneiden. dessen Oberfläche sich mit Schaum bedeckte. sagte der Professor mit gerunzelter Stirn zu seinen Assistentinnen. Verzeiht mir. Professor Eisenstein trat auf die beiden Mädchen zu und sprach : » Es war meine Schuld. anders können wir die beiden Mädchen nicht befreien. Aber es gelang selbst diesen Männern nicht. die dann vom Ersten Steuermann laut ausgerufen wurden. an solche wilden Seefahrten nicht gewöhnt. riß es in die Höhe. Eine erste gewaltige Sturzwelle packte das stählerne Schiff. Schon bei diesem ersten Anprall wären weniger erfahrene und tapfere Seeleute als die der »Argo« zweifellos zur einen Hälfte über Bord gespült worden und zur anderen in Ohnmacht gefallen. weil er der stählernen »Argo« nichts anhaben konnte. Nur die schöne Eingeborene Momosan. . Lautlos und beinahe ohne fühlbare Erschütterung teilte er die Riesenqualle in zwei Hälften.« Zu einem längeren Wortwechsel blieb jedoch keine Zeit mehr. ehe es zu spät ist!« Damit verschwand sie wieder. Kapitän Gordon jedoch stand breitbeinig auf der Kommandobrücke. Sandra mit Namen. denn dorthin sollte die Fahrt ja gehen. die beiden Mädchen aus der schrecklichen Umklammerung zu befreien. die ja nicht wie er und seine Leute mit dem Meer auf du und du standen. und die Gefangenen konnten sich herauswinden.Eine Weile lang erschienen nur Luftblasen an der Meeresoberfläche. auf und rief keuchend: »Es handelt sich um eine Riesenqualle! Die beiden anderen hängen in ihren Fangarmen fest und können sich nicht mehr befreien. Sogar Professor Eisenstein und seine Assistentinnen hatten ihre Instrumente nicht im Stich gelassen. in die Fluten. Ein ungeheurer Kampf entbrannte unter Wasser. daß inzwischen der »Wandernde Wirbelsturm« am Horizont aufgetaucht war und sich mit rasender Geschwindigkeit auf die »Argo« zubewegte. Sofort hingen die Fangarme beider Quallenhälften schlaff und kraftlos herunter. das Meer zu beobachten. Mit ruhiger Stimme gab der Kapitän seine Anweisungen. in letzter Minute. aber dann tauchte plötzlich eines der Mädchen. Ich hätte euch nicht hinunterschicken dürfen. schleuderte es turmhoch hinauf und abgrundtief hinunter. Wir müssen ihnen zu Hilfe kommen. Die »Argo« fuhr nun zunächst ein wenig rückwärts und dann mit voller Kraft voraus. Und so wurden sie erst jetzt. aber der Erste Steuermann Don Melú hatte deren Lage haargenau berechnet und fuhr mitten zwischen ihnen hindurch. Und es war.

Zu hören war natürlich nichts. Und dann endlich war der innerste Kern des Wirbelsturms erreicht. die man manchmal in Tomatensoße. »Die Maschinen laufen schon auf Volldampf. welches daraufhin natürlich ganz und gar elektrisch geladen war. tanzte ein riesenhaftes Wesen. Die Wissenschaft hat ja noch keine Gelegenheit gehabt. Heute gibt es davon nur noch eine mikroskopisch kleine Abart. wie der Draht in einer elektrischen Birne. »Es ist zwecklos !« rief Kapitän Gordon. gegen die Urgewalt dieses Taifuns vorwärts. Es machte keinem mehr etwas aus. »wir werden es erst einmal beschießen. »Wir müssen unbedingt näher an das Ding heran!« »Näher kommen wir nicht mehr !« schrie Don Melú zurück. Wo man hinfaßte. Blitz auf Blitz und Donnerschlag auf Donnerschlag ! Heulender Sturm ! Haushohe Wogen und weißer Schaum ! Meter für Meter kämpfte sich die »Argo«. wo es im Schwarz der Wolken verschwand. daß die dünneren Teile des Schiffes. Sie hatten sich mit dicken Tauen festgebunden. Es stand auf einem Bein. wie man dieses Ding da zum Stillstehen bringt!« »Das«. der so dicht war. um vom Sturm nicht zurückgeblasen zu werden. das erschwerte der Besatzung doch etwas die Arbeit. was passiert. rief der Kapitän durch das Heulen des Sturms. »Es ist eine einmalige Gelegenheit. »weiß ich allerdings auch nicht. alle Maschinen auf Volldampf. »Wir sind einfache Seeleute und . . Aber das genügt gerade. Ein Exemplar dieser Größe ist vermutlich das einzige seiner Art.Ein erster Blitzstrahl zuckte hernieder und traf das stählerne Schiff. daß er bald die ganze Luft zum Atmen verdrängte. »Feuer!« befahl der Kapitän. um nicht von dem grausamen Schlingern und Stampfen des Schiffes in den offenen Feuerrachen der Dampfkessel geschleudert zu werden. Die Besatzung mußte Tauchermasken und Atemgeräte anlegen.« . Aber darauf war jeder an Bord der »Argo« in monatelangen harten Übungen trainiert worden. fiel ihm die Assistentin Sara ins Wort. Es drehte sich mit solcher Schnelligkeit um sich selbst. Es muß über eine Milliarde Jahre alt sein. umkreiste das Gebilde einige Male immer schneller und wurde schließlich in die Höhe gerissen. wie ihn noch keiner der TeilnehmerDon Melú ausgenommen . »um die Ursache des >Ewigen Taifuns< zu beseitigen. Eine blaue Stichflamme von einem Kilometer Länge schoß aus dem Zwillingsrohr. Die Maschinisten und Heizer in der Tiefe der Kesselräume leisteten Übermenschliches. die ihm der stürzende Regen immer wieder von der Nase spülte. wurde nach oben immerdicker und sah tatsächlich so aus wie ein Brummkreisel von der Größe eines Berges. meinte der Kapitän. die hier spiegelglatt war. Das leuchtende Geschoß flog auf das Schum-Schum zu. daß Einzelheiten nicht auszumachen waren. .« »Gut«. Stahltrossen und Eisenstangen zu glühen begannen. weil alle Wellen einfach von der Gewalt des Sturmes flachgefegt wurden.« »Es ist ein Jammer !« klagte der Professor.« »Aber wir sind hier«. Nur. Aber welch ein Anblick bot sich ihnen da! Auf der Meeresoberfläche. Aber zum Glück wurde diese Glut schnell wieder gelöscht. sagte der Professor. denn nun stürzte der Regen hernieder. wurde aber von dem riesigen Wirbel erfaßt und abgelenkt. Dieses Kreiselwesen stammt wahrscheinlich noch aus den allerersten Zeiten der Erdentwicklung. sprangen einem die Funken entgegen.« »Lassen Sie den Professor jetzt ungestört forschen«.je erlebt hatte. obgleich alle Asbest-Handschuhe anzogen. dann werden wir ja sehen. noch seltener in grüner Tinte findet. das es noch gibt. ein Regen. »Können Sie uns das vielleicht näher erklären?« brummte Don Melú. es zu erforschen. Der Professor soll uns also sagen. »Ein Schum-Schum gummilastikum!« rief der Professor begeistert und hielt seine Brille fest. denn eine Kontrafiktions-Kanone schießt ja bekanntlich mit Proteinen. »Das einzige Exemplar eines Schum-Schum gummilastikum beschießen!« Aber die Kontrafiktions-Kanone war bereits auf den Riesenkreisel eingestellt.

»Haben Sie einen Vorschlag, Professor?« wollte der Kapitän wissen. Aber Professor Eisenstein zuckte nur die Schultern, und auch seine Assistentinnen wußten keinen Rat. Es sah so aus, als müsse man diese Expedition erfolglos abbrechen. In diesem Augenblick zupfte jemand den Professor am Ärmel. Es war die schöne Eingeborene. »Malumba!« sagte sie mit anmutigen Gebärden, »Malumba oisitu sono! Erweini samba insaltu lolobindra. Kramuna heu béni béni sadogau.« »Babalu?« fragte der Professor erstaunt. »Didi maha feinosi intu ge doinen malumba?« Die schöne Eingeborene nickte eifrig und erwiderte: »Dodo um aufu schulamat wawada.« »Oi-oi«, antwortete der Professor und strich sich gedankenvoll das Kinn. »Was will sie denn?« erkundigte sich der Erste Steuermann. »Sie sagt«, erklärte der Professor, »es gebe in ihrem Volk ein uraltes Lied, das den >Wandernden Taifun< zum Einschlafen bringen könne, falls jemand den Mut hätte, es ihm vorzusingen.« »Daß ich nicht lache!« brummte Don Melú. »Ein Schlafliedchen für einen Orkan!«»Was halten Sie davon, Professor?« wollte die Assistentin Sara wissen. »Wäre so etwas möglich?« »Man darf keine Vorurteile haben«, meinte Professor Eisenstein. »Oft steckt in den Überlieferungen der Eingeborenen ein wahrer Kern. Vielleicht gibt es bestimmte Tonschwingungen, die einen Einfluß auf das Schum-Schum gummilastikum haben. Wir wissen einfach noch zu wenig über dessen Lebensbedingungen.« »Schaden kann es nichts«, entschied der Kapitän. »Darum sollten wir's einfach versuchen. Sagen Sie ihr, sie soll singen.« Der Professor wandte sich an die schöne Eingeborene und sagte: »Malumba didi oisafal huna-huna, wawadu?« Momosan nickte und begann sogleich einen höchst eigentümlichen Gesang, der nur aus wenigen Tönen bestand, die immerfort wiederkehrten: »Eni meni allubeni wanna tai susura tenu« Dazu klatschte sie in die Hände und sprang im Takt herum. Die einfache Melodie und die Worte waren leicht zu behalten. Andere stimmten nach und nach ein, und bald sang die ganze Mannschaft, klatschte dazu in die Hände und sprang im Takt herum. Es war ziemlich erstaunlich anzusehen, wie auch der alte Seebär Don Melú und schließlich der Professor sangen und klatschten, als seien sie Kinder auf einem Spielplatz. Und tatsächlich, was keiner von ihnen geglaubt hatte, geschah ! Der riesenhafte Kreisel drehte sich langsamer und langsamer, blieb schließlich stehen und begann zu versinken. Donnernd schlössen sich die Wassermassen über ihm. Der Sturm ebbte ganz plötzlich ab, der Regen hörte auf, der Himmel wurde klar und blau, und die Wellen des Meeres beruhigten sich. Die »Argo« lag still auf dem glitzernden Wasserspiegel, als sei hier nie etwas anderes gewesen als Ruhe und Frieden. »Leute«, sagte Kapitän Gordon und blickte jedem einzelnen anerkennend ins Gesicht, »das hätten wir geschafft ! « Er sagte nie viel, das wußten alle. Um so mehr zählte es, daß er diesmal noch hinzufügte: »Ich bin stolz auf euch!« »Ich glaube«, sagte das Mädchen, das sein kleines Geschwisterchen mitgebracht hatte, »es hat wirklich geregnet. Ich bin jedenfalls patschnaß . « In der Tat war inzwischen das Gewitter niedergegangen. Und vor allem das Mädchen mit dem kleinen Geschwisterchen wunderte sich, daß es ganz vergessen hatte, sich vor Blitz und Donner zu fürchten, solange es auf dem stählernen Schiff gewesen war.

Sie sprachen noch eine Weile über das Abenteuer und erzählten sich gegenseitig Einzelheiten, die jeder für sich erlebt hatte. Dann trennten sie sich, um heimzugehen und sich zu trocknen. Nur einer war mit dem Verlauf des Spiels nicht ganz zufrieden, und das war der Junge mit der Brille. Beim Abschied sagte er zu Momo: »Schade ist es doch, daß wir das Schum-Schum gummilastikum einfach versenkt haben. Das letzte Exemplar seiner Art! Ich hätte es wirklich gern noch etwas genauer erforscht.« Aber über eines waren sich nach wie vor alle einig: So wie bei Momo konnte man sonst nirgends spielen.

VIERTES KAPITEL Ein schweigsamer Alter und ein zungenfertiger junger
Wenn jemand auch sehr viele Freunde hat, so gibt es darunter doch immer einige wenige, die einem ganz besonders nahestehen und die einem die allerliebsten sind. Und so war es auch bei Momo. Sie hatte zwei allerbeste Freunde, die beide jeden Tag zu ihr kamen und alles mit ihr teilten, was sie hatten. Der eine war jung, und der andere war alt. Und Momo hätte nicht sagen können, welchen von beiden sie lieber hatte. Der Alte hieß Beppo Straßenkehrer. In Wirklichkeit hatte er wohl einen anderen Nachnamen, aber da er von Beruf Straßenkehrer war und alle ihn deshalb so nannten, nannte er sich selbst auch so. Beppo Straßenkehrer wohnte in der Nähe des Amphitheaters in einer Hütte, die er sich aus Ziegelsteinen, Wellblechsrücken und Dachpappe selbst zusammengebaut hatte. Er war ungewöhnlich klein und ging obendrein immer ein bißchen gebückt, so daß er Momo nur wenig überragte. Seinen großen Kopf, auf dem ein kurzer weißer Haarschopf in die Höhe stand, hielt er stets etwas schräg, und auf der Nase trug er eine kleine Brille. Manche Leute waren der Ansicht, Beppo Straßenkehrer sei nicht ganz richtig im Kopf. Das kam daher, daß er auf Fragen nur freundlich lächelte und keine Antwort gab. Er dachte nach. Und wenn er eine Antwort nicht nötig fand, schwieg er. Wenn er aber eine für nötig hielt, dann dachte er über diese Antwort nach. Manchmal dauerte es zwei Stunden, mitunter aber auch einen ganzen Tag, bis er etwas erwiderte. Inzwischen hatte der andere natürlich vergessen, was er gefragt hatte, und Beppos Worte kamen ihm wunderlich vor.Nur Momo konnte so lange warten und verstand, was er sagte. Sie wußte, daß er sich so viel Zeit nahm, um niemals etwas Unwahres zu sagen. Denn nach seiner Meinung kam alles Unglück der Welt von den vielen Lügen, den absichtlichen, aber auch den unabsichtlichen, die nur aus Eile oder Ungenauigkeit entstehen. Er fuhr jeden Morgen lange vor Tagesanbruch mit seinem alten, quietschenden Fahrrad in die Stadt zu einem großen Gebäude. Dort wartete er in einem Hof zusammen mit seinen Kollegen, bis man ihm einen Besen und einen Karren gab und ihm eine bestimmte Straße zuwies, die er kehren sollte. Beppo liebte diese Stunden vor Tagesanbruch, wenn die Stadt noch schlief. Und er tat seine Arbeit gern und gründlich. Er wußte, es war eine sehr notwendige Arbeit.

Wenn er so die Straßen kehrte, tat er es langsam, aber stetig: Bei jedem Schritt einen Atemzug und bei jedem Atemzug einen Besenstrich. Schritt-Atemzug-Besenstrich. Schritt-AtemzugBesenstrich. Dazwischen blieb er manchmal ein Weilchen stehen und blickte nachdenklich vor sich hin. Und dann ging es wieder weiter - Schritt - Atemzug - Besenstrich---. Während er sich so dahinbewegte, vor sich die schmutzige Straße und hinter sich die saubere, kamen ihm oft große Gedanken. Aber es waren Gedanken ohne Worte, Gedanken, die sich so schwer mitteilen ließen wie ein bestimmter Duft, an den man sich nur gerade eben noch erinnert, oder wie eine Farbe, von der man geträumt hat. Nach der Arbeit, wenn er bei Momo saß, erklärte er ihr seine großen Gedanken. Und da sie auf ihre besondere Art zuhörte, löste sich seine Zunge, und er fand die richtigen Worte. »Siehst du, Momo«, sagte er dann zum Beispiel, »es ist so: Manchmal hat man eine sehr lange Straße vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang; das kann man niemals schaffen, denkt man.« Er blickte eine Weile schweigend vor sich hin, dann fuhr er fort: »Und dann fängt man an, sich zu eilen. Und man eilt sich immer mehr. Jedesmal, wenn man aufblickt, sieht man, daß es gar nicht weniger wird, was noch vor einem liegt. Und man strengt sich noch mehr an, man kriegt es mit der Angst, und zum Schluß ist man ganz außer Puste und kann nicht mehr. Und die Straße liegt immer noch vor einem. So darf man es nicht machen.« Er dachte einige Zeit nach. Dann sprach er weiter: »Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du? Man muß nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Und immer wieder nur an den nächsten.« Wieder hielt er inné und überlegte, ehe er hinzufügte: »Dann macht es Freude ; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. Und so soll es sein.« Und abermals nach einer langen Pause fuhr er fort: »Auf einmal merkt man, daß man Schritt für Schritt die ganze Straße gemacht hat. Man hat gar nicht gemerkt wie, und man ist nicht außer Puste.« Er nickte vor sich hin und sagte abschließend: »Das ist wichtig.« Oder ein anderes Mal kam er, setzte sich schweigend neben Momo, und sie sah, daß er nachdachte und etwas ganz Besonderes sagen wollte. Plötzlich blickte er ihr in die Augen und begann: »Ich hab' uns Wiedererkannt.« Es dauerte lange, ehe er mit leiser Stimme fortfuhr: »Das gibt es manchmal - am Mittag -, wenn alles in der Hitze schläft. - Dann wird die Welt durchsichtig. Wie ein Fluß, verstehst du?- Man kann auf den Grund sehen.« Er nickte und schwieg ein Weilchen, dann sagte er noch leiser: »Da liegen andere Zeiten, da unten auf dem Grund.« Wieder dachte er lange nach und suchte nach den richtigen Worten. Aber er schien sie noch nicht zu finden, denn er erklärte auf einmal in ganz gewöhnlichem Ton : »Heute war ich an der alten Stadtmauer zum Kehren. Da sind fünf Steine von einer anderen Farbe in der Mauer. So, verstehst du?« Und er zeichnete mit dem Finger in den Staub ein großes T. Er betrachtete es mit schrägem Kopf, dann flüsterte er plötzlich: »Ich hab' sie wiedererkannt, die Steine.« Nach einer weiteren Pause fuhr er stockend fort: »Das waren solche anderen Zeiten, damals, als die Mauer gebaut wurde. - Viele haben da gearbeitet. - Aber zwei waren dabei, die haben die Steine dort hineingemauert. - Es war ein Zeichen, verstehst du? - Ich hab's wiedererkannt.« Er strich sich mit der Hand über die Augen. Es schien ihn anzustrengen, was er sagen wollte, denn als er nun weitersprach, klangen seine Worte mühsam: »Sie haben anders ausgesehen, die zwei damals, ganz anders. « Dann stieß er in abschließendem Ton und beinahe zornig hervor: »Aber ich habe uns wiedererkannt - dich und mich. Ich habe uns wiedererkannt!« Man kann es den Leuten nicht verübeln, daß sie lächelten, wenn sie Beppo Straßenkehrer so reden hörten, und manche tippten sich hinter seinem Rücken an die Stirn. Aber Momo hatte ihn lieb und bewahrte alle seine Worte in ihrem Herzen. Der andere beste Freund, den Momo hatte, war jung und in jeder Hinsicht das genaue Gegenteil von Beppo Straßenkehrer. Er war ein hübscher Bursche mit verträumten Augen,

deren Strahlen ihn schon jetzt in seiner Armseligkeit. was heißt überhaupt wahr oder nicht wahr? Wer kann schon wissen. Namen und Jahreszahlen um sich. sozusagen aus der Entfernung. war eine Schirmmütze. wärmten. der als einziger niemals über den wunderlichen alten Beppo spottete. Je nach Gelegenheit war er Parkwächter. wenn Gigi zuletzt seine Schirmmütze hinhielt. einmal berühmt und reich zu werden. gerade der alte Beppo. »Und ich werde es schaffen!« rief er. Hundespazierenführer. wie Gigi Fremdenführer und Beppo Straßenkehrer sich miteinander anfreundeten. es ginge doch eigentlich nicht an. sagte Gigi dann. was hier vor tausend oder zweitausend Jahren passiert ist? Wißt ihr es vielleicht?« »Nein«. und so mußte Gigi häufig andere Berufe ergreifen. Da wir den alten Beppo nach seinem Beruf genannt haben. Aber Gigi träumte davon. Die Leute aus der näheren Umgebung lachten über Gigis Einfälle. ob das alles in einem gelehrten Buch steht oder nicht? Wer sagt euch denn. . Liebesbrief träger. ob man wollte oder nicht. . da mach' ich nicht mit. Sein Name war Girolamo. daß die Geschichten in den gelehrten Büchern nicht auch bloß erfunden sind.aber Gigi bleibt Gigi ! « -Eigentlich sollte man denken. Die einzige Voraussetzung. Er würde in einem märchenhaft schönen Haus wohnen. Beerdigungsteilnehmer. und er war es durchaus nicht von Amts wegen. »damit soll reich werden. aber die meisten nahmen alles für bare Münze und bezahlten deshalb auch in barer Münze. sich für Geschichten. wer will. Er steckte immer voller Spaße und Flausen und konnte so leichtsinnig lachen. »Und haben die Leute vielleicht nichts bekommen für ihr Geld ? Ich sage euch. die für ein bißchen Wohlstand ihr Leben und ihre Seele verkauft haben ! Nein. was das Mundwerk betraf. Andenkenhändler. sagte er zu Momo. so nicht. die er je nach Gelegenheit ausübte. was sie wollten ! Und was macht es für einen Unterschied. sie haben genau das bekommen. Trauzeuge. daß zwei so verschiedene Leute. Und sich selbst sah er im Glanz seines zukünftigen Ruhms wie eine Sonne. daß man einfach mitlachen mußte. Katzenfutterverkäufer und noch vieles andere. Und wenn ich auch oft nicht mal das Geld habe. Leider kamen allerdings nur sehr selten Reisende. daß den armen Zuhörern ganz wirr im Kopf wurde. es sei ganz unmöglich gewesen. umgeben von einem Park. hätte er selbst nicht sagen können. dann legte er los und erzählte das Blaue vom Himmel herunter.Schau sie dir doch an. Seltsamerweise war der einzige. Ja. die bloß erfunden seien. Dann habe ich die pure Wahrheit gesagt !« Dagegen war schwer etwas einzuwenden. daß meine Geschichten nicht wahr sind? Es kann doch zufällig genauso passiert sein. »Das ist kein Kunststück«. Manche merkten es und gingen ärgerlich davon. Denn von unermüdlichem Fleiß und harter Arbeit hielt er nicht sehr viel. eine Tasse Kaffee zu bezahlen . »Wieso könnt ihr dann einfach behaupten. auch noch gutes Geld geben zu lassen. die das Amphitheater besichtigen wollten. Er warf mit erfundenen Ereignissen. aber er wurde einfach Gigi gerufen. Nennen wir ihn also Gigi Fremdenführer. wie sie aussehen. obwohl er überhaupt keinen richtigen Beruf hatte. mit so verschiedenen Ansichten über die Welt und das Leben. wenn sich tatsächlich einmal ein paar Reisende in diese Gegend verirrten. Und ebenso seltsamerweise war es gerade der zungenfertige Gigi. er würde von vergoldeten Tellern essen und auf seidenen Kissen schlafen. Wenn die Fremden sich darauf einließen. Fremdenführer war nur einer von vielen Berufen. Die setzte er sofort auf. Dann trat er mit ernster Miene auf sie zu und bot ihnen an. Und doch war es so. nur weiß es vielleicht keiner mehr?« Oder ein anderes Mal meinte er: »Ach. aber manchmal machten sie auch bedenkliche Gesichter und meinten. wollen wir es bei Gigi genauso halten. die er für diese Tätigkeit besaß. »Na also!« rief Gigi Fremdenführer.aber einem schier unglaublichen Mundwerk. Aber wie gesagt. gaben die ändern zu. konnte mit Gigi nicht leicht einer fertig werden. »ihr alle werdet noch an meine Worte denken!« Womit er das allerdings schaffen wollte. wenn die anderen über seine Träume lachten. »Das machen doch alle Dichter«. sie herumzuführen und ihnen alles zu erklären. der Gigi niemals wegen seiner Leichtfertigkeit tadelte.

Nur Momo hatte sie beobachtet. und Momo machte sich keine Gedanken mehr über die seltsamen Besucher. An diesem Abend hatte Momo die leise und doch gewaltige Musik nicht hören können wie sonst. Dabei waren sie keineswegs unsichtbar. eine tiefe Liebe zu dem struppigen kleinen Mädchen gefaßt und hätte es am liebsten überallhin mitgeschleppt. Und da sie niemand auffielen. über die große Stadt ausbreitete. weil niemand sie so recht bemerkte.Das lag wohl auch an der Art. FÜNFTES KAPITEL Geschichten für viele und Geschichten für eine Nach und nach war Momo für Gigi Fremdenführer ganz unentbehrlich geworden. Sie fuhren in eleganten grauen Autos auf den Straßen. daß sie sich fester in ihre große Jacke wickelte. daß schon einige Male mehrere dieser grauen Herren die Gegend um das Amphitheater durchstreift und dabei allerlei in ihre Notizbüchlein geschrieben hatten. so daß man einfach über sie hinwegsah oder ihren Anblick sofort wieder vergaß. aber Momo hatte es plötzlich auf eine Art gefroren. Dann waren die grauen Herren wieder fortgegangen und seither nicht mehr erschienen. woher sie gekommen waren und noch immer kamen.wer waren sie? Sogar der alte Beppo. sie gingen in alle Häuser. und gegen die sich niemand wehrte. sondern über die ganze Gegend . als eines Abends ihre dunklen Silhouetten auf dem obersten Rand der Ruine aufgetaucht waren. . Auch Gigi Fremdenführer hatte nicht bemerkt. Jeder von ihnen hatte stets eine bleigraue Aktentasche bei sich. die immer zahlreicher in der großen Stadt umherstreiften und unermüdlich beschäftigt schienen. der doch manches sah. als ob sie sich berieten. sich unauffällig zu machen. Man sah sie-. die sie noch nie empfunden hatte. denn es wurden täglich mehr. Und nicht nur über ihre Freundschaft. denn es war keine gewöhnliche Kälte. Es war wie eine lautlose und unmerkliche Eroberung. sie saßen in allen Restaurants. Aber am nächsten Tag war das Leben weitergegangen wie immer. Und die Eroberer . Oft schrieben sie etwas in ihre kleinen Notizbüchlein. der wuchs und wuchs und sich schon jetzt. Auch sie hatte sie vergessen. Es waren Herren. gerade weil sie sich nicht versteckten. die tagtäglich weiter vordrang. Er hatte. Sie verstanden es auf unheimliche Weise. sofern man das von einem so unsteten leichtherzigen jungen Kerl überhaupt sagen kann. So konnten sie im geheimen arbeiten. daß schon bald ein Schatten über ihre Freundschaft fallen würde. wie die kleine Momo ihnen beiden zuhörte. und man sah sie doch nicht. dunkel und kalt. Zu hören war nichts gewesen. fragte sich natürlich auch niemand. aschenfarbene Zigarren. Sie hatten einander Zeichen gemacht und später die Köpfe zusammengesteckt. Es nützte auch nichts. was andere nicht sehen. Sie trugen runde steife Hüte auf den Köpfen und rauchten kleine. bemerkte die grauen Herren nicht. Keiner von den dreien ahnte. Selbst ihre Gesichter sahen aus wie graue Asche. die ganz in spinnwebfarbenes Grau gekleidet waren.ein Schatten.

Besonders dann. erst wenn der Fisch ausgewachsen sei. oder eine Zeitungsgeschichte. desto besser<. dessen Ruinen Sie hier vor sich sehen. wie wir ja schon wissen. Allerdings schimmerte dieser Goldfisch kein bißchen golden. den er gesehen. und der Fisch bekam so viel. Der junge Fisch wuchs nun von Tag zu Tag und verbrauchte Unmengen Futter. sobald er ausgewachsen sei. Und gerade in diesem Punkt war eine Veränderung mit ihm vorgegangen. sagte die Kaiserin Strapazia und ließ ihn in ihre Badewanne umquartieren. je größer. um ihr Reich gegen die ständigen Angriffe der Zittern und Zagen zu verteidigen. die das Amphitheater besichtigen wollten (Momo saß ein wenig abseits auf den steinernen Stufen). Übrigens hörte er sich selbst ebenso gespannt zu. die ihn schleppen mußten. meine Damen und Herren. würde er sich in Gold verwandeln. waren Goldfische hierzulande noch unbekannt. Früher waren seine Erzählungen manchmal etwas kümmerlich geraten. versteckte er unter seinem Bett. Der König Xaxotraxolus lachte sich ins Fäustchen. Bald war die Suppenterrine für ihn zu klein. daß seine Entwicklung nicht gestört werde. Die Kaiserin Strapazia hatte jedoch von einem Reisenden erfahren. jener König Xaxotraxolus besitze einen kleinen Fisch. die sich in vielen Fortsetzungen durch Tage und Wochen zogen. zurückgegriffen. denn um so mehr Gold würde der Fisch ja schließlich liefern. Nun . wenn Momo dabei war und ihm zuhörte. Kinder und Erwachsene drängten sich um ihn. denn er hatte keine Ahnung. er hatte manches wiederholt oder auf irgendeinen Film. Der Kaiserin aber ließ er statt dessen einen jungen Walfisch in einer juwelengeschmückten Suppenterrine überbringen. denn der Fisch wog nun schon so viel wie ein Ochse. Das war bereits ein ziemlich umständlicher Transport. deren König Xaxotraxolus überlasse ihr zur Strafe seinen Goldfisch. blühte seine Phantasie auf wie eine Frühlingswiese. denn sie führte ja bekanntlich ein sehr luxuriöses Leben und konnte daher niemals genug Gold haben. Er wuchs und wuchs.Als sie diese Völker wieder einmal unterworfen hatte. Die Kaiserin war zwar etwas überrascht von der Größe des Tiers. Damit gab sich die Kaiserin Strapazia zufrieden. die Angreifer mit Mann und Maus auszurotten. meine Damen und Herren. >Je größer. die er gelesen hatte. und wurde dick und fett. und das beunruhigte sie. war sie so erzürnt über die unaufhörliche Belästigung. den er tatsächlich besaß. vorher nicht. und darin konnte der Fisch sich endlich so richtig ausstrecken. Seinen Goldfisch. so sagte sie sich. Aber die Kaiserin Strapazia war ja nicht arm.Geschichtenerzählen war. Nun wurde er in das kaiserliche Schwimmbecken gebracht. seine Leidenschaft. Es war ein gewaltiges. Da ließ Strapazia dieses Gebäude errichten. der sich. Seine Geschichten waren sozusagen zu Fuß gegangen. aber seit er Momo kannte. Als wieder einmal Reisende kamen. >]e größer. denn der Fisch war nun ihr ein und alles. Einer der Sklaven. es sei denn. daß sie drohte. desto besser. in pures Gold verwandeln würde. wie er nur verdrücken konnte. hatten sie plötzlich Flügel bekommen. Jeden Tag saß sie viele Stunden am Rand des Schwimmbeckens und sah ihm beim Wachsen zu. denn sie hatte sich den Goldfisch kleiner vorgestellt. bis zum obersten Rand mit Wasser gefüllt. murmelte sie immer wieder vor sich hin. kreisrundes Aquarium. Zu jener Zeit nämlich. wohin ihn seine Phantasie führen würde. Und diese Rarität wollte die Kaiserin nun also unbedingt haben. desto besser. Zuletzt war dem Fisch aber auch das kaiserliche Schwimmbecken zu eng geworden. und die Kaiserin ließ den Unglücklichen sofort den Löwen vorwerfen. rutschte aus. führte die Kaiserin Strapazia Augustina unzählige Kriege. Er konnte jetzt Geschichten erzählen. Dieser Satz wurde zur allgemeinen Richtschnur erklärt und in ehernen Lettern auf alle staatlichen Gebäude geschrieben. es war ihm einfach nichts Rechtes eingefallen. da begann er folgendermaßen: »Hochverehrte Damen und Herren! Wie Ihnen ja allen bekannt sein dürfte. Es sei deshalb unbedingt nötig. Aber der Abgesandte des Königs Xaxotraxolus erklärte ihr. Aber. die er selbst sehr deutlich fühlte. Aber schon kurze Zeit später paßte er auch in die Badewanne nicht mehr hinein. und er war unerschöpflich an Hinfallen. Sie dachte nur noch an das viele Gold.

wohin die Leichtgläubigkeit führen kann!« Mit diesen Worten schloß Gigi die Führung. Übrigens erzählte Gigi. im Gegenteil. was sich auf der Erde befand. ertrank. die solche Erkrankungen heilen konnten. und hatte Angst. der genauso groß sein sollte wie die alte Erde und auf dem alles. auf dem dieser Riesenglobus stehen sollte. Er befahl also. Sogar der Zweifler warf einige Münzen hinein. älteren Damen aus Amerika seine Dienste angenommen hatten. . Nur einer von ihnen war mißtrauisch und fragte: »Und wann soll das alles gewesen sein?« Aber Gigi war niemals um eine Antwort verlegen und sagte: »Die Kaiserin Strapazia war bekanntlich eine Zeitgenossin des berühmten Philosophen Noiosius. tat kein Auge zu und bewachte den Fisch. Unter Führung ihres Königs Xaxotraxolus unternahmen sie einen letzten Kriegszug und eroberten im Handumdrehen das ganze Reich. meine Damen. die gesamte damalige Welt nach seinen Vorstellungen zu ändern.< Der Rest ist uns leider nicht überliefert.Als die Kaiserin Strapazia schließlich von der Sache erfuhr. und sagte deshalb nur: »Aha. Und als diese Kugel schließlich fertig war. dann kam es ihm vor. rief sie die bekannten Worte >Weh mir ! O daß ich doch . wann der berühmte Philosoph Noiosius. und dem Volk war es sowieso gleich. Sie traute nämlich keinem mehr. es zeigte sich. an dem ungeheuren Werk mitzuarbeiten. er mußte oft sogar versuchen. der Ältere. magerte vor Angst und Sorge mehr und mehr ab. daß sie sich in dieses Aquarium stürzte und neben dem Fisch. eine riesenhafte Kugel. daß die Menschen trotz allem so ziemlich die gleichen blieben und sich einfach nicht ändern ließen. seit Momo da war. Sie betrachteten die Ruine mit ehrfürchtigen Blicken. Aber was er auch tat. sich in Gold zu verwandeln. meine Damen und Herren. wer es beherrschte. der lustig herumplätscherte und nicht daran dachte. Da verfiel Marxentius Communus auf seine alten Tage in Wahnsinn. des Älteren. und so anschaulich und interessant hätte ihnen noch niemand jene alten Zeiten dargestellt. und die Leute zeigten sich entsprechend freigebig. ohne daß er überhaupt nachdenken mußte. die bestehende Welt hinfort sich selbst zu überlassen und lieber eine vollkommen nagelneue Welt zu bauen. den Globus selbst zu bauen. sich zu bremsen. Wenn Momo unter den Zuhörern war. . Damals gab es ja. Genau darauf hatten die Zittern und Zagen nur gewartet.saß die Kaiserin höchstpersönlich bei Tag und Nacht auf jener Stelle dort und beobachtete den Riesenfisch. Dann hielt Gigi bescheiden seine Schirmmütze hin. ebensogroß wie die Erde. und die Zuhörer waren sichtlich beeindruckt. und acht Tage lang bekam das ganze Volk gebratenes Fischfilet. dem Grab all ihrer Hoffnungen. weder ihren Sklaven noch ihren Verwandten. Sie sehen daraus. Sie begegneten überhaupt keinem Soldaten mehr. jedes Haus und jeder Baum und alle Berge. genannt der Rote. als die beiden vornehmen. . Denen hatte er nämlich keinen schlechten Schrecken eingejagt. König Xaxotraxolus ließ zur Feier seines Sieges den Walfisch schlachten. Und die Ruine dieses Sockels sehen Sie hier vor sich. vielen Dank. wie Sie natürlich wissen. Danach ging man daran. freien Amerika bekannt. der Fisch könne ihr gestohlen werden. ob er sich schon in Gold verwandle. Meere und Gewässer ganz naturgetreu dargestellt sein müßten. Die gesamte damalige Menschheit wurde unter Androhung der Todesstrafe gezwungen. wurde auf ihr sorgfältig alles nachgebildet. daß er keine Ahnung hatte. um nicht wieder zu weit zu gehen wie jenes eine Mal. Zuerst baute man einen Sockel. Das wäre ihm viel zu langweilig gewesen. und immer neue Erfindungen strömten und sprudelten hervor.« Der Zweifler mochte nun natürlich nicht zugeben. daß der überaus grausame Tyrann Marxentius Communus. einen Globus herzustellen. wie er wollte. Und mehr und mehr vernachlässigte Strapazia ihre Regierungsgeschäfte. nie mehr dieselbe Geschichte zweimal. als sei eine Schleuse in seinem Inneren geöffnet. In seinem Wahn verfiel Marxentius Communus nun auf die Idee. als er ihnen folgendes erzählte: »Selbstverständlich ist es sogar bei Ihnen im schönen. So saß sie also da. meine hochverehrten Damen. gelebt hatte. den Plan gefaßt hatte. Sicher ist jedoch. So mußte man den Tyrannen eben rasen lassen. diese Besichtigung habe sich wirklich gelohnt. noch keine Seelenärzte.« Alle Zuhörer waren tief befriedigt und sagten.

der war groß und rund und aus feinstem Silber. und der Mond stieg groß und silbern über den schwarzen Umrissen der Pinien empor. So wurde eben langsam die Erde immer kleiner. die ging in Samt und Seide und wohnte hoch über der Welt auf einem schneebedeckten Berggipfel in einem Schloß aus buntem Glas.das Märchen vom Zauberspiegel?« Gigi nickte nachdenklich. dann schüttete er vor der Prinzessin alle Spiegelbilder aus. und deshalb tat sie es nicht. Meistens waren es Märchen. Das wußte Prinzessin Momo sehr wohl. hatte man dazu haargenau das letzte Steinchen. wegnehmen müssen. ihre Hunde und Katzen und Vögel und sogar ihre Blumen. interessante und langweilige. Und sie waren auch nur für sie beide bestimmt und hörten sich ganz anders an als alles.aber sie war ganz allein. ist ja der neue Globus. denn die wollte Momo am liebsten hören. was Gigi sonst erzählte. Sie hatte alles . war früher das Fundament. wenn niemand sonst zuhörte. Denn wer sein eigenes Spiegelbild darin erblickte. wenn der Zauberspiegel zurückkam. Sehen Sie. als du denken kannst. und es waren fast immer solche. ihre Kammerfrauen. Den schickte sie jeden Tag und jede Nacht in die Welt hinaus. Es waren schöne und häßliche. Die Prinzessin suchte sich diejenigen aus. wunderten sich kein bißchen darüber. »von wem soll es handeln?« »Von Momo und Girolamo am liebsten«.< Und jedesmal. -Am allerliebsten aber erzählte Gigi der kleinen Momo allein. Sie hatte nämlich noch nie sich selbst in dem Zauberspiegel gesehen.« Die beiden feinen älteren Damen aus Amerika erbleichten. hüllte er sein Haupt in die Togo und ging davon. Gigi überlegte ein wenig und fragte dann: »Und wie soll es heißen?« »Vielleicht . die von Gigi und Momo selbst handelten.Und als die neue Welt schließlich fertig war. Sie hatte alles. sooft man sich über einen Brunnen oder eine Pfütze beugt. Sie schlief auf seidenen Kissen und saß auf Stühlen aus Elfenbein. Als Marxentius Communus erkennen mußte. sie sagten einfach: >Das ist der Mond. über Städte und Felder. hat man niemals erfahren. Prinzessin Momo hatte nämlich einen Zauberspiegel.« Er legte Momo einen Arm um die Schulter und fing an : »Es war einmal eine schöne Prinzessin mit Namen Momo. Am Himmel funkelten bereits die ersten Sterne. »Die heutige Welt. .Natürlich brauchte man sehr viel Material für diesen Globus. warmen Abend saßen die beiden still nebeneinander auf dem obersten Rand der steinernen Stufen. das auf der Oberfläche der alten Erde ruhte. ihre Dienerschaft. alles das waren nur Spiegelbilder.« Da schrien die beiden feinen älteren Damen entsetzt auf und ergriffen die Flucht. Und der große Spiegel schwebte dahin über Länder und Meere. Und natürlich waren auch alle Menschen auf den neuen Globus umgezogen. und die anderen warf sie einfach in einen Bach. diese trichterförmige Höhlung. An einem schönen. »Das hört sich gut an. Wir wollen sehen. meine Damen. die ihr gefielen. »Erzählst du mir ein Märchen?« bat Momo leise. die er auf seiner Reise aufgefangen hatte. »Gut«. das von der alten Erde noch übriggeblieben war. sagte Gigi. daß nun trotz allem eigentlich alles beim alten geblieben war. denn der alte war ja verbraucht. der wurde davon sterblich. Alles um sie herum. und eine fragte: »Und wo ist der Globus geblieben?« »Aber Sie stehen doch darauf!« antwortete Gigi. welche die Ruine hier noch heute erkennen läßt. Daher kommt es. daß Prinzessin Momo unsterblich war. meine Damen. was man sich nur wünschen kann. huschten die freigelassenen Spiegelbilder zurück durch die Gewässer der Erde zu ihren Eigentümern. sie aß nur die feinsten Speisen und trank nur den süßesten Wein. und dieses Material konnte man ja nirgends anders hernehmen als von der Erde selbst. Die Leute. Gigi hielt vergebens seine Schirmmütze hin. Sie müssen sich also das Ganze umgekehrt vorstellen. Wohin. daß einem das eigene Spiegelbild entgegenblickt. antwortete Momo. Nun habe ich noch vergessen zu sagen. wie es eben gerade kam. Und viel schneller. die ihn sahen. wie es geht. während der Globus immer mehr wuchs.

Dieser Prinz hieß Girolamo und herrschte über ein großes Reich. Aber der Zauberspiegel mit ihrem Bild darin schwebte weiter hoch über der Welt dahin. daß sie unbedingt zu ihm wollte. liebten und bewunderten den Prinzen. Sie lief durch aller Herren Länder. daß er sie auf der Stelle fragte. Da sie sich keinen anderen Rat wußte. wo er wohnte. und sie mußte barfuß gehen. bekam sie so große Sehnsucht nach ihm. wie sie nur konnten. Ihr müßt heiraten. denn sie hatte sich außerordentlich kunstvoll geschminkt. kaltes Blut hatte. >Nein<.« >Ich werde sie erfüllen<. der dort oben schwebte. wer du in Wirklichkeit bist. sagte die Fee mit dem grünen Blut. Es war das Spiegelbild eines jungen Prinzen. damit er sich eine aussuchen konnte. ob sie seine Frau werden wolle. wo niemand dich kennt. die grünes. denn jede wollte ihn natürlich haben. Aber dadurch war sie nun naturlich sterblich geworden. >Gern<. Eines Tages nun sagten die Minister zu dem Prinzen des Morgen-Landes : >Majestät. nun doch in den Zauberspiegel zu blicken. Da beschloß sie. daß sie weinte und . daß der Zauberspiegel ihr ein Bild mitbrachte. das ihr mehr bedeutete als alle anderen. Aber wie sollte sie das anfangen? Sie wußte ja weder. Dann ging sie ganz allein auf ihren zarten Pantöffelchen aus ihrem Schloß aus buntem Glas durch die schneebedeckten Berge in die Welt hinunter. versetzte Prinz Girolamo unbedacht. Und alle Leute. selbst in die Welt hinauszugehen und ihn zu suchen. Eines Nachts saß Prinz Girolamo auf dem Dach seines goldenen Palastes und spielte Dame mit der Fee. und nun sah der arme Girolamo nur noch sie und sonst keine. Und sie kam ihm so wunderschön vor. die um sie waren. Tust du es aber doch. Das sah man ihr freilich nicht an.< Und er blickte hinauf und schaute mitten in den großen. aber der Prinz war nicht gekommen. antwortete die böse Fee und lächelte so süß. die dort wohnten. noch wer er war. um seine Wahl zu treffen. Sie alle hatten sich so schön gemacht. so mußt du auf der Stelle alles vergessen. jetzt muß ich dir aber zuerst von dem Prinzen erzählen. Nun schaute sie also lange in den Zauberspiegel und schickte ihn mit ihrem Bild über die Welt. was dein ist. Eines Tages geschah es jedoch. die hatte kein rotes. Du wirst gleich hören. und sie kannte noch nicht einmal seinen Namen. und du mußt ins Heute-Land. silbernen Zauberspiegel. zischelte die böse Fee. Da waren ihre Pantöffelchen durchgelaufen. >Gut<. >aber ich habe eine Bedingung. das er sich selbst erschaffen hatte. Unter den Mädchen hatte sich aber auch eine böse Fee in den Palast geschlichen. wie es ihr weitererging. beschloß sie. und so wurden die schönsten jungen Damen des Morgen-Landes in den Palast gebracht. Denn sie dachte: Vielleicht kann der Spiegel mein Bild zu dem Prinzen bringen. Da sah er das Bild der Prinzessin Momo und bemerkte. daß dem unglückseligen Prinzen ganz schwindelig wurde.< Prinz Girolamo hatte nichts dagegen einzuwenden. Und wo war dieses Reich? Es war nicht im Gestern und es war nicht im Heute. Bist du damit einverstanden?< >Wenn es nur das ist!< rief Prinz Girolamo. Du mußt vergessen. bis sie in das Heute-Land kam. Vielleicht blickt der gerade zufällig in die Höhe. da flüsterte sie rasch einen Zauberspruch. warmes Blut in den Adern. Als sie es erblickt hatte. Sie gab allen Spiegelbildern. und dann sieht er mein Bild.So lebte sie also mit all ihren vielen Spiegelbildern. Als nun der Prinz des Morgen-Landes in den großen goldenen Thronsaal trat. antwortete der Prinz. >Es beginnt zu regnen<. denn das gehört sich so. und dort mußt du als ein armer unbekannter Schlucker leben. wenn der Spiegel am Himmel dahinschwebt. ihre Freiheit wieder. Vielleicht folgt er dem Spiegel auf seinem Weg und findet mich hier. Und darum hieß es das Morgen-Land. >die Bedingung ist leicht !< Was war nun inzwischen mit Prinzessin Momo geschehen? Sie hatte gewartet und gewartet. »das kann nicht sein. spielte mit ihnen und war soweit ganz zufrieden. sondern es lag immer einen Tag in der Zukunft. denn es ist keine Wolke am Himmel. Da fiel plötzlich ein winziges Tröpfchen auf des Prinzen Hand. sondern grünes und kaltes. >du darfst ein Jahr lang nicht zu dem schwebenden Silberspiegel hinaufschauen.

denn er war ja nun ein armer Schlucker. Er ging aus seinem Schloß und seinem Reich wie ein Dieb in der Nacht. schwiegen sie beide ein Weilchen. >Nun hast du dein Versprechen gebrochen<. Und sie wohnte in einer alten Ruine. unbekannter Taugenichts und nannte sich nur noch Gigi. am Himmel dahinschwebte. kaltes Blut in ihren Adern hatte. dann wurde man wieder unsterblich. was er mitgenommen hatte.Schaute man aber zu zweit hinein. sagte die grüne Fee. daß sie für die Dauer dieses Augenblicks beide unsterblich waren. Eines Abends. die er in Wirklichkeit liebte. bis er ins Heute-Land kam. Der war von da an leer. Und im gleichen Augenblick vergaß er. Aber Prinzessin Momo erkannte den Prinzen aus dem MorgenLand nicht. Und nun erkannte sie auch unter der Maske des armen Schluckers Gigi den Prinzen Girolamo. aber die Prinzessin erkannte doch sofort. Momo und Gigi saßen still nebeneinander und blickten lange zu ihm hinauf. Aber in ihrem gemeinsamen Unglück freundeten sich die beiden miteinander an und trösteten sich gegenseitig. Sie trug jetzt eine alte. wenn man allein hineinblickte. und ihr Gesicht verzerrte sich. wo das Morgen-Land liegt. sagte Gigi bestimmt.« »Und sind sie inzwischen gestorben?« »Nein«. Es war schon sehr zerknittert und verwischt. daß sie nicht wirklich schön war und nur grünes.in die Ferne. »das weiß ich zufällig genau.daß eine ihrer Tränen auf seine Hand gefallen war. Hier begegneten sich die beiden eines schönen Tages. viel zu große Männerjacke und einen Rock aus bunten Flicken. daß es dem einer Schlange glich. Inzwischen waren auch Prinzessin Momos Kleider aus Samt und Seide ganz zerrissen. dort lebte er fortan als ein armer. »-später.< Da griff Prinzessin Momo in seine Brust und löste ganz leicht den Knoten seines Herzens auf. Der Zauberspiegel macht einen nur sterblich. denn in meinem Herzen ist ein Knoten. sagte Gigi. und sie fühlten ganz deutlich. Und nun wußte Prinz Girolamo plötzlich wieder. das sie damals ausgeschickt hatte. und deshalb kann ich mich an nichts erinnern. . in die Brust und machte einen Knoten in sein Herz. Prinzessin Momo war es. der nun leer war.« Nachdem Gigi geendet hatte. Aber Gigi schüttelte traurig den Kopf und sagte: >Ich kann nichts von dem verstehen. als wieder der silberne Zauberspiegel. Und sie erzählte ihm alles. holte Gigi das Spiegelbild hervor und zeigte es Momo. dann fragte Momo: »Und sind sie später Mann und Frau geworden?« »Ich glaube schon«. wer er war und wo er hingehörte.« Groß und silbern stand der Mond über den schwarzen Pinien und ließ die alten Steine der Ruine geheimnisvoll glänzen. was du sagst. daß er der Prinz des Morgen-Landes war. Das einzige. daß die Fee ihn getäuscht hatte. Er nahm die Prinzessin bei der Hand und ging mit ihr weit fort . Und auch Gigi erkannte die Prinzessin nicht. >und nun mußt du mir bezahlen !< Mit ihren grünen langen Fingern griff sie Prinz Girolamo. war das Bild aus dem Zauberspiegel. den sie immer gesucht hatte und für den sie sterblich geworden war. denn wie eine Prinzessin sah sie eigentlich nicht mehr aus. Und im gleichen Augenblick erkannte er. Und das haben die beiden getan. Und er wanderte weit über die Welt. daß es ihr eigenes Bild war. der wie erstarrt sitzen bleiben mußte.

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ZWEITER TEIL: DIE GRAUEN HERREN .

aber die wenigsten denken je darüber nach.je nachdem. daß niemand auf ihre Tätigkeit aufmerksam wurde. Und genau das wußte niemand besser als die grauen Herren. einer Minute. Das Wichtigste war ihnen. so wie Blutegel sich aufs Blut verstehen. Sie hatten ihre Pläne mit der Zeit der Menschen. Es gibt Kalender und Uhren. aber das will wenig besagen. und auf ihre Weise handelten sie danach. Niemand kannte den Wert einer Stunde. drangen sie täglich weiter vor und ergriffen Besitz von den Menschen. denn jeder weiß. um sie zu messen. Es waren weitgesteckte und sorgfältig vorbereitete Pläne.SECHSTES KAPITEL Die Rechnung ist falsch und geht doch auf Es gibt ein großes und doch ganz alltägliches Geheimnis. Alle Menschen haben daran teil. Und das Leben wohnt im Herzen. ohne daß jemand es bemerkte. Unauffällig hatten sie sich im Leben der großen Stadt und ihrer Bewohner festgesetzt. was man in dieser Stunde erlebt. daß einem eine einzige Stunde wie eine Ewigkeit vorkommen kann. . Die meisten Leute nehmen es einfach so hin und wundern sich kein bißchen darüber. Denn Zeit ist Leben. mitunter kann sie aber auch wie ein Augenblick vergehen . Und Schritt für Schritt. ja einer einzigen Sekunde Leben so wie sie. jeder kennt es. Freilich verstanden sie sich auf ihre Weise darauf. Dieses Geheimnis ist die Zeit.

Aber es gibt eben manchmal Augenblicke. Denn für das richtige Leben muß man Zeit haben. etwas. und er beschäftigte einen Lehrjungen.« »Nun. Ich aber bleibe mein Leben lang ein Gefangener von Scherengeklapper. und auch in Herrn Fusis Seele war trübes Wetter. was Sie also benötigen. Ein grauer Herr stieg aus und betrat den Laden. wie Sie das wünschen.« Es war nun durchaus nicht so. wird es sein. setzte sich auf den Rasierstuhl. Er war zwar kein berühmter Haarkünstler. »Keines von beiden«. ohne zu lächeln. dann wäre ich ein ganz anderer Mensch!« Wie dieses richtige Leben allerdings beschaffen sein sollte. »Offengestanden. Der Lehrjunge hatte frei. erklärte Herr Fusi noch verwirrter. »für so etwas läßt mir meine Arbeit keine Zeit. Sie warteten nur den richtigen Augenblick ab. Geschwätz und Seifenschaum. Wenn Sie einmal tot sind. der Friseur. den Kunden weitläufig seine Ansichten auseinanderzusetzen und von ihnen zu hören. »Dann bin ich an der rechten Stelle«. hängte seinen runden steifen Hut an den Kleiderhaken. Er war nicht arm und nicht reich.Da war zum Beispiel Herr Fusi. aschengraues Auto vor und hielt genau vor Herrn Fusis Friseurgeschäft. denn es war ihm. Habe ich recht?« . Ich bin Agent Nr. ist Zeit. ich wußte bisher nicht einmal. Wir wissen. der für ihre Absichten in Frage kam. Und sie taten das ihre dazu. daß dieser Augenblick eintrat. meinte der graue Herr und klappte das Büchlein zu. daß er sie gut machte. denn der Herr hatte eine spiegelnde Glatze. Das geht jedem so. daß es ein solches Institut überhaupt gibt. »Wer bin ich schon? Ein kleiner Friseur. »mit Scherengeklapper und Geschwätz und Seifenschaum. nahm sein Notizbüchlein aus der Tasche und begann darin zu blättern. Seine Arbeit bereitete ihm ausgesprochenes Vergnügen. Wenn Sie Zeit hätten. das ist nun aus mir geworden. wie man es immer in den Illustrierten sah. in dem sie ihn fassen konnten. und er wußte. »Aber«. Man muß frei sein. dann wären Sie ein ganz anderer Mensch. Er blätterte in seinem Notizbüchlein und fuhr fort: »Sie sind doch Herr Fusi. »Rasieren oder Haare schneiden?« und verwünschte sich im gleichen Augenblick wegen seiner Taktlosigkeit. wie der Regen auf die Straße platschte. jetzt wissen Sie es«. »Womit kann ich dienen?« fragte er verwirrt. Eines Tages stand Herr Fusi in der Tür seines Ladens und wartete auf Kundschaft. mit einer seltsam tonlosen. Er sah zu. antwortete der Agent knapp. wird es sein. »Sie sind Anwärter bei uns. »Mein Leben geht so dahin«. Geschwätz und Seifenschaum. »Ich komme von der Zeit-Spar-Kasse. dachte er. Auch gegen Scherengeklapper und Seifenschaum hatte er nichts. das richtige Leben zu führen. als hätte es Sie nie gegeben. Wenn ich das richtige Leben führen könnte. daß Herr Fusi etwas gegen ein Schwätzchen hatte. etwas Luxuriöses. daß Sie ein Sparkonto bei uns eröffnen wollen. »Mein ganzes Leben ist verfehlt«. Er stellte sich nur irgend etwas Bedeutendes vor. Sein Laden. als würde es plötzlich ungewöhnlich kalt in dem kleinen Raum. in denen das alles kein Gewicht hat. und Herr Fusi war allein. sagte der Agent. dachte Herr Fusi. noch immer erstaunt. Alles. dachte er mißmutig. es war ein grauer Tag. lieber Herr Fusi«. XYQ/384/b.Sie kannten jeden. während er an seiner kleinen grauen Zigarre paffte. »Sie vergeuden Ihr Leben mit Scherengeklapper. als hätte es mich nie gegeben. der bin ich«.« »Das ist mir neu«. »Sehen Sie. war Herrn Fusi nicht klar. sozusagen aschengrauen Stimme.« In diesem Augenblick fuhr ein feines. versetzte Herr Fusi. sagte der graue Herr. was sie darüber dachten. Er stellte seine bleigraue Aktentasche auf den Tisch vor dem Spiegel. aber er war in seiner Straße gut angesehen. Er liebte es sogar sehr. Herr Fusi schloß die Ladentür. der mitten in der Stadt lag.« »Wie das?« fragte Herr Fusi. Besonders beim Rasieren unter dem Kinn gegen den Strich war ihm so leicht keiner über. war klein. der Friseur?« »Ganz recht. schon lange bevor der Betreffende selbst etwas davon ahnte. Was habe ich eigentlich von meinem Dasein? Und wenn ich einmal tot bin.

Ein Jahr hat aber.das macht also bereits vierhunderteinundvierzigmillionenfünfhundertundviertausend. gestand Herr Fusi. Diese Summe dürfen wir wohl mit gutem Recht als verloren betrachten. als habe er eine Unterschlagung begangen. Die Summe machte ihn schwindelig. das heißt. Wie alt sind Sie.«. Täglich widmen Sie der alten Frau eine volle Stunde. warf Herr Fusi flehend ein. Herr Fusi. »Dann müssen wir also noch einmal die gleiche Summe auf das Minuskonto verbuchen«. »ich hoffe so siebzig. ist das Vermögen. Der Stift kreischte über das Spiegelglas. »vielleicht zwei Stunden?« »Das scheint mir zu wenig«. »Aber woher nimmt man Zeit ? Man muß sie eben ersparen ! Sie. sich zu ernähren. stotterte Herr Fusi verwirrt. meinte Herr Fusi ängstlich. »Zweiundvierzig Jahre . Herr Fusi?« »Zweiundvierzig«. achtzig Jahre alt zu werden. denn trotz der geschlossenen Tür wurde es immer kälter. . stammelte der und fühlte sich plötzlich schuldbewußt. Fahren wir fort! Sie leben allein mit Ihrer alten Mutter. also dreitausendsechshundert mal vierundzwanzig. »Acht Stunden etwa«. Können Sie mir folgen?« »Gewiß«. nicht wahr? Aber nun wollen wir weitergehen. so Gott will. fuhr der graue Herr fort. XYQ/384/b begann die Zahlen mit einem grauen Stift auf den Spiegel zu schreiben. Der Agent rechnete blitzgeschwind. Und eine Stunde hat sechzig Minuten. Er hätte nie gedacht.« »Gut«. murmelte Herr Fusi und fröstelte. « Und er schrieb diese Zahl groß an den Spiegel: 2 207 520 000 Sekunden Dann unterstrich er sie mehrmals und erklärte: »Dies also. dessen Pflege Sie täglich eine Viertelstunde kostet. Herr Fusi. obgleich sie taub ist und sie kaum noch hört. Herr Fusi. fuhr der Agent unerbittlich fort. sagte der Agent. daß sich Herrn Fusi die Haut kräuselte. Es ist also hinausgeworfene Zeit: macht fünfundfünfzigmillioneneinhundertachtundachtzigtausend. »aber nehmen wir es einmal an. « »Aber . vergeuden Ihre Zeit auf ganz verantwortungslose Weise. Das wäre also dreihundertfünfzehnmillionendreihundertsechzigtausend mal sieben. Wie lange. das macht sechsundachtzigtausendvierhundert Sekunden pro Tag. »Wie lange schlafen Sie durchschnittlich pro Nacht?« forschte der graue Herr weiter. Herr Fusi?« »Auch acht Stunden. sagte Herr Fusi. daß er so reich sei. so ungefähr«. Ich will es Ihnen durch eine kleine Rechnung beweisen. »nehmen wir vorsichtshalber einmal nur siebzig Jahre an. wie bekannt. dann ergibt es in zweiundvierzig Jahren den Betrag von hundertzehnmillionendreihundertsechsundsiebzigtausend. sehen Sie !« erwiderte der graue Herr und zog zufrieden an seiner kleinen Zigarre.« Herr Fusi schluckte und fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Wieviel Zeit müssen Sie täglich der Arbeit opfern. Das macht mithin einunddreißigmillionenfünfhundertundsechsunddreißigtausend Sekunden pro Jahr. »Na. . dreihundertfünfundsechzig Tage. Ferner haben Sie überflüssigerweise einen Wellensittich. wie wir wissen.»Darüber habe ich eben nachgedacht«. welches Ihnen zur Verfügung steht. »Sechzig mal sechzig ist dreitausendsechshundert. »Nun kommt Ihnen aber auch noch eine gewisse Zeit abhanden durch die Notwendigkeit. »Ja«. gab Herr Fusi kleinlaut zu. Sie sitzen bei ihr und sprechen mit ihr. schätzen Sie die Dauer Ihres Lebens?« »Nun«. Der Agent Nr. Ein Tag hat vierundzwanzig Stunden. Oder dreihundertfünfzehnmillionendreihundertundsechzigtausend Sekunden in zehn Jahren.täglich acht Stunden . Also hat eine Stunde dreitausendsechshundert Sekunden. Eine Minute hat sechzig Sekunden. . Wieviel Zeit benötigen Sie insgesamt für alle Mahlzeiten des Tages?«»Ich weiß nicht genau«. das bedeutet umgerechnet dreizehnmillionensiebenhundert-siebenundneunzigtausend. Das ergibt zweimilliardenzweihundertsiebenmillionenfünfhundertzwanzigtausend Sekunden. »es ist eine eindrucksvolle Zahl. sagte der Agent nickend und zog wieder an seiner kleinen grauen Zigarre.

»denn Fräulein Daria wird ihr Leben lang an den Rollstuhl gefesselt bleiben.« Herr Fusi begann mit den Zähnen zu klappern. den Sie zweimal in der Woche besuchen. Geheimnis Fenster Zusammen: 441 504 000 Sekunden 441 504 000 110 376 000 55 188 000 13 797 000 55 188 000 165 564 000 27 594 000 13 797 000 1 324 512 Sekunden »Diese Summe«. . so kalt war ihm geworden. Herr Fusi. Trotzdem besuchen Sie sie täglich eine halbe Stunde. um ihr eine Blume zu bringen.unterbrach ihn der Agent Nr. sagte der graue Herr. einmal wöchentlich in einem Gesangverein mitwirken. und zwar etwa drei Stunden täglich. .Ist Ihnen nicht gut. außer mir und Fräulein Daria . Herr Fusi. »Ja.« »Wir sind gleich zu Ende«. . Herr Fusi?« »Nein«. »das geht doch nicht. versetzte der Agent. »Aber wir müssen noch auf ein besonderes Kapitel Ihres Lebens zu sprechen kommen. . sagte Herr Fusi. »ist sie für Sie. Beantworten Sie mir eine Frage: Wollen Sie Fräulein Daria heiraten?« »Nein«. Herr Fusi. daß Sie einmal wöchentlich ins Kino gehen. Und zwar insgesamt bereits siebenundzwanzig-millionenfünfhundertvierundneunzigtausend Sekunden. aber . XYQ/384/b. müssen Sie. den Tränen nah. und sich an den übrigen Tagen abends mit Freunden treffen oder manchmal sogar ein Buch lesen. . jeden Abend vor dem Schlafengehen eine Viertelstunde am Fenster zu sitzen und über den vergangenen Tag nachzudenken. »diese Summe also ist die Zeit. Herr Fusi?« Herr Fusi sagte gar nichts. Betrachten Sie die Dinge einmal sachlich und realistisch. denn trotz der eisigen Kälte brach ihm der Schweiß aus. Sie schlagen Ihre Zeit mit nutzlosen Dingen tot.« »In unserer modernen Welt«. was Ihnen von Ihren .« Auf dem Spiegel stand nun folgende Rechnung: Schlaf Arbeit Nahrung Mutter Wellensittich Einkauf usw. der immer schneller und schneller rechnete. einen Stammtisch haben. Sie haben da nämlich dieses kleine Geheimnis. Sie müssen einkaufen gehen. daß Sie die Gewohnheit haben. antwortete Herr Fusi. .« »Macht weitere fünfundfünfzigmillioneneinhundertachtundachtzigtausend.« »Ganz recht«. daß es wie Revolverschüsse klang. Er setzte sich auf einen Stuhl in der Ecke und wischte sich mit dem Taschentuch die Stirn. antwortete Herr Fusi. Wieviel Zeit kostet Sie das täglich?« »Vielleicht eine Stunde. »es ist bereits mehr als die Hälfte Ihres ursprünglichen Gesamtvermögens. . Wir wissen ferner. »haben Geheimnisse nichts mehr verloren. weil ihre Beine verkrüppelt sind. »entschuldigen Sie bitte . Aber nun wollen wir einmal sehen. die Sie bis jetzt bereits verloren haben. Nun wollen wir einmal sehen. was Ihnen eigentlich übrigbleibt. sagte er. Der graue Herr nickte ernst. Was sagen Sie dazu. Kurz. Singen usw. Sie sehen ganz recht«. einen Teil der Hausarbeit selbst machen. »Das wissen Sie auch?« murmelte er kraftlos. sagte der graue Herr und tippte mit dem Stift mehrmals so hart gegen den Spiegel. . das macht einhundertfünfundsechzigmillionenfünfhundertvierundsechzigtausend.»Unterbrechen Sie mich nicht !« herrschte ihn der Agent an. die Sie verlieren. Freunde. Herr Fusi. Und wenn wir nun dazurechnen. fuhr der graue Herr fort. Sie wissen schon. dann bekommen wir nochmals eine abzuschreibende Summe von dreizehnmillionensiebenhun-dertsiebenundneunzigtausend. Schuhe putzen und dergleichen lästige Dinge mehr. Herr Fusi. . »Ich dachte. Herr Fusi. verlorene Zeit. »Aber nüchtern betrachtet«. Wozu?« »Sie freut sich doch immer so«. »Da Ihre Mutter ja behindert ist.

zweiundvierzig Jahren eigentlich geblieben ist. Ein Jahr, das sind einunddreißigmillionenfünfhun-dertsechsunddreißigtausend Sekunden, wie Sie wissen. Und das mal zweiundvierzig genommen macht einemilliardedreihundertvierundzwanzigmillionenfünfhundertundzwölf tausend.« Er schrieb die Zahl unter die Summe der verlorenen Zeit: 1.324.512.000 Sekunden — 1.324.512.000 0 000 000 000 ,, Sekunden

Er steckte seinen Stift ein und machte eine längere Pause, um den Anblick der vielen Nullen auf Herrn Fusi wirken zu lassen. Und er tat seine Wirkung. »Das«, dachte Herr Fusi zerschmettert, »ist also die Bilanz meines ganzen bisherigen Lebens.« Er war so beeindruckt von der Rechnung, die so haargenau aufging, daß er alles widerspruchslos hinnahm. Und die Rechnung selbst stimmte. Das war einer der Tricks, mit denen die grauen Herren die Menschen bei tausend Gelegenheiten betrogen. »Finden Sie nicht«, ergriff nun der Agent Nr. XYQ/384/b in sanftem Ton wieder das Wort, »daß Sie so nicht weiterwirtschaften können, Herr Fusi? Wollen Sie nicht lieber zu sparen anfangen?« Herr Fusi nickte stumm und mit blaugefrorenen Lippen. »Hätten Sie beispielsweise«, klang die aschenfarbene Stimme des Agenten an Herrn Fusis Ohr, »schon vor zwanzig Jahren angefangen, täglich nur eine einzige Stunde einzusparen, dann besäßen Sie jetzt ein Guthaben von sechsundzwanzigmillionenzweihundertundachtzigtausend Sekunden. Bei zwei Stunden täglich ersparter Zeit wäre es natürlich das Doppelte, also zweiundfünfzigmillionenfünfhundertundsech-zigtausend. Und ich bitte Sie, Herr Fusi, was sind schon zwei lumpige kleine Stunden angesichts einer solchen Summe?« »Nichts!« rief Herr Fusi, »eine lächerliche Kleinigkeit!« »Es freut mich, daß Sie das einsehen«, fuhr der Agent gleichmütig fort. »Und wenn wir nun noch ausrechnen, was Sie unter denselben Bedingungen in weiteren zwanzig Jahren erspart haben würden, so kämen wir auf die stolze Summe von einhundertfünfmillioneneinhundertundzwanzigtausend Sekunden. Dieses ganze Kapital stünde Ihnen in Ihrem zweiundsechzigsten Lebensjahr zur freien Verfügung.« »Großartig!« stammelte Herr Fusi und riß die Augen auf. »Warten Sie ab«, fuhr der graue Herr fort, »denn es kommt noch viel besser. Wir, das heißt die Zeit-Spar-Kasse, bewahren nämlich die eingesparte Zeit nicht nur für Sie auf, sondern wir zahlen Ihnen auch noch Zinsen dafür. Das heißt, Sie hätten in Wirklichkeit noch viel mehr.«»Wieviel mehr?« fragte Herr Fusi atemlos. »Das läge ganz bei Ihnen«, erklärte der Agent, »je nachdem, wieviel Sie eben einsparen würden und wie lange Sie das Ersparte bei uns liegen lassen.« »Liegen lassen?« erkundigte sich Herr Fusi, »was heißt das?« »Nun, ganz einfach«, meinte der graue Herr. »Wenn Sie Ihre ersparte Zeit nicht vor fünf Jahren von uns zurückverlangen, dann bezahlen wir Ihnen noch einmal dieselbe Summe dazu. Ihr Vermögen verdoppelt sich alle fünf Jahre, verstehen Sie? Nach zehn Jahren wäre es bereits das Vierfache der ursprünglichen Summe, nach fünfzehn Jahren das Achtfache und so weiter. Wenn Sie vor zwanzig Jahren angefangen hätten, täglich nur zwei Stunden einzusparen, dann stünde für Sie in Ihrem zweiundsechzigsten Lebensjahr, also nach vierzig Jahren insgesamt, das Zweihundertsechsundfünfzigfache der bis dahin von Ihnen ersparten Zeit zur Verfügung. Das wären sechsundzwanzigmilliardenneunhundertundzehnmillionensiebenhundertundzwanzigtausend.« Und er nahm noch einmal seinen grauen Stift heraus und schrieb auch diese Zahl an den Spiegel:

26 910 720 000 Sekunden »Sie sehen selbst, Herr Fusi«, sagte er dann und lächelte zum ersten Mal dünn, »es wäre mehr als das Zehnfache ihrer ursprünglichen gesamten Lebenszeit. Und das bei nur zwei ersparten Stunden täglich. Bedenken Sie, ob dies nicht ein lohnendes Angebot ist.« »Das ist es !« sagte Herr Fusi erschöpft. »Das ist es ganz ohne Zweifel ! Ich bin ein Unglücksrabe, daß ich nicht schon längst angefangen habe, zu sparen. Jetzt erst sehe ich es völlig ein, und ich muß gestehen - ich bin verzweifelt!« »Dazu«, erwiderte der graue Herr sanft, »besteht durchaus kein Grund. Es ist niemals zu spät. Wenn Sie wollen, können Sie noch heute anfangen. Sie werden sehen, es lohnt sich.« »Und ob ich will!« rief Herr Fusi. »Was muß ich tun?« »Aber, mein Bester«, antwortete der Agent und zog die Augenbrauen hoch, »Sie werden doch wissen, wie man Zeit spart! Sie müssen zum Beispiel einfach schneller arbeiten und alles Überflüssige weglassen. Statt einer halben Stunde widmen Sie sich einem Kunden nur noch eine Viertelstunde. Sie vermeiden zeitraubende Unterhaltungen. Sie verkürzen die Stunde bei ihrer alten Mutter auf eine halbe. Am besten geben Sie sie überhaupt in ein gutes, billiges Altersheim, wo für sie gesorgt wird, dann haben Sie bereits eine ganze Stunde täglich gewonnen. Schaffen Sie den unnützen Wellensittich ab! Besuchen Sie Fräulein Daria nur noch alle vierzehn Tage einmal, wenn es überhaupt sein muß. Lassen Sie die Viertelstunde Tagesrückschau ausfallen und vor allem, vertun Sie Ihre kostbare Zeit nicht mehr so oft mit Singen, Lesen oder gar mit Ihren sogenannten Freunden. Ich empfehle Ihnen übrigens ganz nebenbei, eine große, gutgehende Uhr in Ihren Laden zu hängen, damit Sie die Arbeit Ihres Lehrjungen genau kontrollieren können.« »Nun gut«, meinte Herr Fusi, »das alles kann ich tun, aber die Zeit, die mir auf diese Weise übrigbleibt - was soll ich mit ihr machen ? Muß ich sie abliefern? Und wo? Oder soll ich sie aufbewahren? Wie geht das Ganze vor sich?« »Darüber«, sagte der graue Herr und lächelte zum zweiten Mal dünn, »machen Sie sich nur keine Sorgen. Das überlassen Sie ruhig uns. Sie können sicher sein, daß uns von Ihrer eingesparten Zeit nicht das kleinste bißchen verlorengeht. Sie werden es schon merken, daß Ihnen nichts übrigbleibt.« »Also gut«, entgegnete Herr Fusi verdattert, »ich verlasse mich also darauf.« »Tun Sie das getrost, mein Bester«, sagte der Agent und stand auf. »Ich darf Sie also hiermit in der großen Gemeinde der Zeit-Sparer als neues Mitglied begrüßen. Nun sind auch Sie ein wahrhaft moderner und fortschrittlicher Mensch, Herr Fusi. Ich beglückwünsche Sie!« Damit nahm er seinen Hut und seine Mappe. »Einen Augenblick noch!« rief Herr Fusi. »Müssen wir denn nicht irgendeinen Vertrag abschließen? Muß ich nichts unterschreiben? Bekomme ich nicht irgendein Dokument?« Der Agent Nr. XYQ/384/b drehte sich in der Tür um und musterte Herrn Fusi mit leichtem Unwillen. »Wozu?« fragte er. »Das Zeit-Sparen läßt sich nicht mit irgendeiner anderen Art des Sparens vergleichen. Es ist eine Sache des vollkommenen Vertrauens - auf beiden Seiten ! Uns genügt Ihre Zusage. Sie ist unwiderruflich. Und wir kümmern uns um Ihre Ersparnisse. Wieviel Sie allerdings ersparen, das liegt ganz bei Ihnen. Wir zwingen Sie zu nichts. Leben Sie wohl, Herr Fusi!« Damit stieg der Agent in sein elegantes, graues Auto und brauste davon. Herr Fusi sah ihm nach und rieb sich die Stirn. Langsam wurde ihm wieder wärmer, aber er fühlte sich krank und elend. Der blaue Dunst aus der kleinen Zigarre des Agenten hing noch lange in dichten Schwaden im Raum und wollte nicht weichen. Erst als der Rauch vergangen war, wurde es Herrn Fusi wieder besser. Aber im gleichen Maß wie der Rauch verging, verblaßten auch die Zahlen auf dem Spiegel. Und als sie schließlich ganz verschwunden waren, war auch die Erinnerung an den grauen Besucher in Herrn Fusis

Gedächtnis ausgelöscht - die an den Besucher, nicht aber die an den Beschluß! Den hielt er nun für seinen eigenen. Der Vorsatz, von nun an Zeit zu sparen, um irgendwann in der Zukunft ein anderes Leben beginnen zu können, saß in seiner Seele fest wie ein Stachel mit Widerhaken. Und dann kam der erste Kunde an diesem Tag. Herr Fusi bediente ihn mürrisch, er ließ alles Überflüssige weg, schwieg und war tatsächlich statt in einer halben Stunde schon nach zwanzig Minuten fertig. Und genauso hielt er es von nun an bei jedem Kunden. Seine Arbeit machte ihm auf diese Weise überhaupt keinen Spaß mehr, aber das war ja nun auch nicht mehr wichtig. Er stellte zusätzlich zu seinem Lehrjungen noch zwei weitere Gehilfen ein und gab scharf darauf acht, daß sie keine Sekunde verloren. Jeder Handgriff war nach einem genauen Zeitplan festgelegt. In Herrn Fusis Laden hing nun ein Schild mit der Aufschrift: GESPARTE ZEIT IST DOPPELTE ZEIT! An Fräulein Daria schrieb er einen kurzen, sachlichen Brief, daß er wegen Zeitmangels leider nicht mehr kommen könne. Seinen Wellensittich verkaufte er einer Tierhandlung. Seine Mutter steckte er in ein gutes, aber billiges Altersheim und besuchte sie dort einmal im Monat. Und auch sonst befolgte er alle Ratschläge des grauen Herrn, die er ja nun für seine eigenen Beschlüsse hielt. Er wurde immer nervöser und ruheloser, denn eines war seltsam: Von all der Zeit, die er einsparte, blieb ihm tatsächlich niemals etwas übrig. Sie verschwand einfach auf rätselhafte Weise und war nicht mehr da. Seine Tage wurden erst unmerklich, dann aber deutlich spürbar kürzer und kürzer. Ehe er sich's versah, war schon wieder eine Woche, ein Monat, ein Jahr herum und noch ein Jahr und noch eines. Da er sich ja an den Besuch des grauen Herrn nicht mehr erinnerte, hätte er sich wohl eigentlich ernstlich fragen müssen, wo all seine Zeit denn blieb. Aber diese Frage stellte er sich so wenig wie alle anderen Zeit-Sparer. Es war etwas wie eine blinde Besessenheit über ihn gekommen. Und wenn er manchmal mit Schrecken gewahr wurde, wie schnell und immer schneller seine Tage dahinrasten, dann sparte er nur um so verbissener.Wie Herrn Fusi, so ging es schon vielen Menschen in der großen Stadt. Und täglich wurden es mehr, die damit anfingen, das zu tun, was sie »Zeit sparen« nannten. Und je mehr es wurden, desto mehr folgten nach, denn auch denen, die eigentlich nicht wollten, blieb gar nichts anderes übrig, als mitzumachen. Täglich wurden im Rundfunk, im Fernsehen und in den Zeitungen die Vorteile neuer zeitsparender Einrichtungen erklärt und gepriesen, die den Menschen dereinst die Freiheit für das »richtige« Leben schenken würden. An Hauswänden und Anschlagsäulen klebten Plakate, auf denen man alle möglichen Bilder des Glücks sah. Darunter stand in leuchtenden Lettern: ZEIT-SPARERN GEHT ES IMMER BESSER ! Oder: ZEIT-SPARERN GEHÖRT DIE ZUKUNFT! Oder: MACH MEHR AUS DEINEM LEBEN - SPARE ZEIT! Aber die Wirklichkeit sah ganz anders aus. Zwar waren die Zeit-Sparer besser gekleidet als die Leute, die in der Nähe des alten Amphitheaters wohnten. Sie verdienten mehr Geld und konnten auch mehr ausgeben. Aber sie hatten mißmutige, müde oder verbitterte Gesichter und unfreundliche Augen. Bei ihnen war die Redensart »Geh doch zu Momo ! « natürlich unbekannt. Sie hatten niemand, der ihnen so zuhören konnte, daß sie davon gescheit, versöhnlich oder gar froh geworden wären. Aber selbst, wenn es dort so jemand gegeben hätte, es wäre doch höchst zweifelhaft gewesen, ob sie je zu ihm hingegangen wären- es sei denn, man hätte die Sache in fünf Minuten erledigen können. Andernfalls hätten sie es für verlorene Zeit gehalten. Selbst ihre freien Stunden mußten, wie sie meinten, ausgenutzt werden und in aller Eile so viel Vergnügen und Entspannung liefern, wie nur möglich war. So konnten sie keine richtigen Feste mehr feiern, weder fröhliche noch ernste. Träumen galt bei ihnen fast als ein Verbrechen. Am allerwenigsten aber konnten sie die Stille ertragen. Denn in der Stille überfiel sie Angst, weil sie ahnten, was in Wirklichkeit mit ihrem Leben geschah. Darum machten sie Lärm, wann immer die Stille drohte. Aber es war natürlich kein fröhlicher Lärm wie der auf einem Kinderspielplatz, sondern ein wütender und mißmutiger, der die große Stadt von Tag zu

daß sie zu den Menschen paßten. Im Norden der großen Stadt breiteten sich schon riesige Neubauviertel aus. denn auch für sie hatte nun niemand mehr Zeit. Deutlich zu fühlen jedoch bekamen es die Kinder. in den Behandlungszimmern der Ärzte. das hielt nur auf. Dort erhoben sich in endlosen Reihen vielstöckige Mietskasernen.Tag lauter erfüllte. die in ihnen wohnten.eine Wüste der Ordnung ! Und genauso verlief auch das Leben der Menschen. Man sparte sich die Mühe. Es war viel billiger und vor allem zeitsparender. was nun für überflüssig galt. als ob unsere alten Freunde jetzt immer seltener zu mir kommen. Niemand war davon ausgenommen. die Häuser so zu bauen. Und schließlich hatte auch die große Stadt selbst mehr und mehr ihr Aussehen verändert. Über allen Arbeitsplätzen in den großen Fabriken und Bürohäusern hingen deshalb Schilder. die hier wohnten:Schnurgerade bis zum Horizont ! Denn hier war alles genau berechnet und geplant. die Häuser alle gleich zu bauen. indem er Zeit sparte.VERLIERE SIE NICHT! oder: ZEIT IST (WIE) GELD . Wichtig war ganz allein. über den Sesseln der Direktoren. war unwichtig — im Gegenteil. auf denen stand: ZEIT IST KOSTBAR . Keiner wollte wahrhaben. daß er. »es kommt mir so vor. und neue Häuser wurden gebaut. in den Geschäften. Ob einer seine Arbeit gern oder mit Liebe zur Sache tat. denn dann hätte man ja lauter verschiedene Häuser bauen müssen. jeder Zentimeter und jeder Augenblick. immer gleichförmiger und immer kälter wurde.« . Und diese einförmigen Straßen wuchsen und wuchsen und dehnten sich schon schnurgerade bis zum Horizont . daß er in möglichst kurzer Zeit möglichst viel arbeitete. Restaurants und Warenhäusern und sogar in den Schulen und Kindergärten. daß sein Leben immer ärmer. Und da alle Häuser gleich aussahen. bei denen man alles wegließ. SIEBENTES KAPITEL Momo sucht ihre Freunde und wird von einem Feind besucht »Ich weiß nicht«. Und das Leben wohnt im Herzen. in Wirklichkeit etwas ganz anderes sparte.DARUM SPARE! Ähnliche Schilder hingen auch über den Schreibtischen der Chefs. desto weniger hatten sie. Und je mehr die Menschen daran sparten. sagte Momo eines Tages. Aber Zeit ist Leben. Niemand schien zu merken. sahen natürlich auch alle Straßen gleich aus. Die alten Viertel wurden abgerissen. Manche hab' ich schon lang nicht mehr gesehen. die einander so gleich waren wie ein Ei dem anderen.

der Paolo gerufen wurde. genügt ja oft ein einziger Spielverderber. meinte Gigi nachdenklich. Oder eine Weltraumrakete. Sie suchen nur einen Unterschlupf. Nicht selten gab es jetzt Zank und Streit. Manchmal störten sie auch absichtlich und verdarben alles. Eigentlich hätte Momo sich gern darüber gefreut. konnte sie mittlerweile schon ganz gut lesen. Nur mit dem Schreiben ging es noch nicht so recht. der erst diesen Nachmittag gekommen war. sie kamen sogar von weither aus anderen Stadtteilen. Aber außerdem waren da noch andere Kinder. Es hatte auch erst in allerjüngster Zeit angefangen. die er auf eine alte Schiefertafel gekratzt hatte. Und so fing alles immer wieder von vorn an. Und dann war da noch etwas. Vor allem waren alle diese Dinge so vollkommen bis in jede kleinste Einzelheit hinein. mit dem man nicht wirklich spielen konnte. »dafür kommen jetzt immer mehr Kinder hierher. Und da Momo ein sehr gutes Gedächtnis hatte. der mit glühenden Augen dahinwackelte und den Kopf drehte—. daß man sich dabei gar nichts mehr selber vorzustellen brauchte. nickte langsam und sagte: »Ja. Es kommt näher. In der Stadt ist es schon überall. die meinen Geschichten zuhören. den man herumfahren lassen konnte —. das ist wahr. Es waren einige von Momos alten Freunden darunter: Der Junge mit der Brille. der immer etwas verwahrlost aussah und Franco hieß. denn wie man weiß. Es ist mir schon lang aufgefallen. Es waren natürlich sehr teure Spielsachen. dessen Name Massimo lautete.« »Aber was?« fragte Momo. daß Kinder allerlei Spielzeug brachten. Irgendwas ist los. denn Momos Gegenwart tat auch bei diesen Kindern ihre Wirkung.« »Ach was!« sagte Gigi und legte Momo tröstend den Arm um die Schulter. das da herumschnurrte. aber es fiel ihnen nichts dazu ein. das Mädchen Maria mit dem kleinen Geschwisterchen Dedé. das Momo nicht recht begreifen konnte.Gigi Fremdenführer und Beppo Straßenkehrer saßen neben ihr auf den grasbewachsenen Steinstufen der Ruine und sahen dem Sonnenuntergang zu. dann antwortete er: »Nichts Gutes. von Tag zu Tag. Das blieb freilich nicht so. Oder ein kleiner Roboter. Es werden immer weniger. Es ist nicht mehr wie früher. aber sonst konnte man nichts damit anfangen. Die Schiefertafel hatte der alte Beppo vor einigen Wochen in einer Mülltonne gefunden und Momo mitgebracht. um den anderen alles zu zerstören.« »Was denn?« fragte Momo.« Alle drei blickten hinunter auf die runde Grasfläche in der Mitte des Amphitheaters. So saßen die Kinder oft stundenlang da und schauten gebannt und doch gelangweilt so einem Ding zu. Beppo Straßenkehrer. Gigi zuckte die Schultern und löschte gedankenvoll einige Buchstaben. meinte Beppo. Aber die meisten von diesen Kindern konnten einfach nicht spielen. Beppo überlegte lang und antwortete schließlich: »Sie kommen nicht wegen uns. mit Spucke aus.« »Was meinst du damit?« fragte Momo. zum Beispiel ein ferngesteuerter Tank. aber zu etwas anderem war er nicht zu gebrauchen.« »Ja. aber weiter taugte er zu nichts.« Und abermals nach einer Weile fügte er hinzu: »Es wird kalt. Immer häufiger kam es jetzt vor. »deswegen. aber sonst war sie noch gut zu gebrauchen. die an einer Stange im Kreis herumsauste-. Seither zeigte Gigi Momo jeden Tag. Beppo dachte eine Weile nach. Es schien tatsächlich so. Darum kehrten sie schließlich doch wieder zu ihren alten . deswegen«. wie Momos Freunde nie welche besessen hatten — und Momo selbst schon gar nicht. selber die besten Ideen zu haben und begeistert mitzuspielen. der über Momos Frage nachgedacht hatte. und ein kleinerer Junge. wie man den oder jenen Buchstaben schreibt. die erst seit wenigen Tagen dazugehörten. »Ja«. Sie war natürlich nicht mehr ganz neu und hatte in der Mitte einen großen Sprung. dahinwackelte oder im Kreis sauste-. Sie saßen nur verdrossen und gelangweilt herum und guckten Momo und ihren Freunden zu. der dicke Junge mit der hohen Stimme. wo mehrere Kinder ein neues Ballspiel spielten. wie Gigi gesagt hatte: Es wurden immer mehr. und bald fingen sie an. das sie erst diesen Nachmittag erfunden hatten. »mir geht's genauso. und der andere Junge. Aber es kamen eben fast täglich neue Kinder.

hatte nämlich ein Kofferradio bei sich. Wir können ihn höchstens bitten. »die gibt's doch gar nicht. sie zuckte die Schultern. dann mach' ich uns das Essen warm. ein Märchen! . .Spielen zurück. Deswegen geh' ich heimlich hierher und spar' mir das Geld. Er schaltete das Radio ab. dann wird es gewaschen.Ein Abenteuer!« Aber Gigi wollte nicht. sagte er schließlich. »Am Samstag. der heute zum ersten Mal erschienen war. Später will ich auch so eins. »Er soll doch woanders hingehen«. erklärte ein kleiner Junge. Früher hat mein Vater mir abends. wie ich will. »wir können's ihm nicht verbieten.« Und nach einer kleinen Pause setzte es hinzu : »Ich will aber nicht aufgehoben sein. .« Der fremde Junge schwieg. sagte der fremde Junge und grinste. sagte Maria. Damit ich aufgehoben bin. meinte Franco und sah dabei gar nicht froh aus. bei denen ihnen ein paar Schachteln. »Könntest du deinen blöden Kasten nicht vielleicht leiser drehen?« fragte der verwahrloste Junge. Momo ging zu ihm und setzte sich still neben ihn. Irgend etwas schien auch heute abend das Spiel nicht recht gelingen zu lassen. Die Kinder taten eines nach dem anderen nicht mehr mit.« Franco setzte sich wieder hin. ein zerrissenes Tischtuch.«. »bei uns ist es genauso. antwortete Beppo und blickte den fremden Jungen freundlich und aufmerksam durch seine kleine Brille an. Das war schön. ließ sich schließlich eines vernehmen. Aber zum Glück hab' ich Dedé. Wenn ich brav war. was ihr so macht und warum ihr hier seid. »mein Radio geht so laut. dann kauf ich mir eine Fahrkarte. »Ich kann dich nicht verstehen«. »ich darf jetzt jeden Tag ins Kino. Es war eine Reklamesendung. »eine lustige Geschichte! . Er saß ein wenig abseits von den anderen und hatte den Apparat ganz laut gedreht.«»Dreh's sofort leise!« rief Franco und stand auf. »Ich möchte viel lieber«.Nein. Ich kann mein Radio so laut drehen. Nach einer kleinen Weile drehte er sein Radio leise und schaute in eine andere Richtung. Der kleinere Junge. Ihre Gesichter waren plötzlich traurig und verschlossen. »Die ist jetzt auch immer den ganzen Tag weg. Eine Weile war es still. Wenn ich genug Geld hab'. bis schließlich alle um Gigi. denn mehr oder weniger ging es ihnen allen so. wie ich mag. daß das geschah. »die kann ich mir sooft anhören. Es war das erste Mal. das auf ihrem Schoß saß.« »Ja«. und dann fahr' ich zu den sieben Zwergen. »Bestimmt hat er den. meinte der alte Beppo. immer selber was erzählt. weil sie leider keine Zeit haben. eine aufregende! . wenn er von der Arbeit gekommen ist. der Franco hieß. einen Kuß und fuhr fort: »Wenn ich von der Schule komm'. die neu waren. aber das ging nicht. Oder er ist müde und hat keine Lust. daß Gigi vielleicht zu erzählen anfangen würde.« »Und deine Mutter?« fragte das Mädchen Maria. bitte«. »O ja.« »Aber ich«.« »Er wird schon seinen Grund haben«. »Ich bin eigentlich ganz froh«. wenn ich mag.« »Du bist dumm!« rief ein anderes Kind. »na ja.« »Ich hab' schon elf Märchenschallplatten«. Dann mach' ich meine Aufgaben.Nein.« Die Kinder blieben stumm.« »Da hat er recht«.« »Doch gibt's die ! « sagte das kleine Mädchen trotzig. »er verdirbt uns schon den ganzen Nachmittag alles. Beppo und Momo herumsaßen. Gigi?« bat eines der Kinder. »Ich hab's sogar in einem Reiseprospekt gesehen. antwortete aber trotzig: »Du hast mir überhaupt nichts zu sagen und niemand. ein Maulwurfshügel oder eine Handvoll Steinchen genügten. Sie hofften. sagte ein kleines Mädchen. Meistens kommen wir ja hierher. »Wir haben jetzt ein sehr schönes Auto«. bis es Abend ist. »daß ihr mir was erzählt-über euch und euer Zuhause. in drohendem Ton. Der fremde Junge wurde ein bißchen blaß.« Alle Kinder nickten. Aber jetzt ist er eben nie mehr da. sagte er erbittert. Dabei konnte man sich alles vorstellen. . »Erzählst du uns was. riefen die anderen. Und dann . wenn mein Papa und meine Mama Zeit haben. « Sie gab dem kleinen Geschwisterchen. darf ich dabei helfen. dann laufen wir eben so 'rum.

»Glaubt ihr das etwa auch von uns? Oder warum kommt ihr trotzdem?« Nach kurzem Stillschweigen meinte Franco: »Mir ist das gleich. einen Friseur. sagen sie. sagt mein Alter immer. Sie können doch nichts dafür. Dafür haben sie mir aber jetzt sogar das Kofferradio geschenkt. Die Kinder schwiegen beeindruckt. Fusi heißt er. sagte er leise. Das ist doch ein Beweis -oder?« Alle schwiegen.« Jetzt wandte sich ihnen plötzlich der Junge mit dem Kofferradio zu und sagte: »Aber ich. Er versuchte. damit sie ihnen zuhört. Früher war er ein netter Kerl gewesen. haben sie gesagt. »Und überhaupt. Deswegen habt ihr soviel. Sonst fangen sie bloß an zu streiten. Und ich soll nicht mehr hierher kommen. um mir zuzuhören. »es wird kalt. Ich werd' ja später sowieso Straßenräuber. »Ja«. »Meine Eltern haben gesagt«. Früher sind die Leute auch immer gern gekommen. erklärte Paolo. »Warum denn nicht?« fragte Momo verwundert. »das machen sie. so wahr mir Gott helfe!« »Ich auch!« fügte Momo hinzu.freudlos. streckte drei Finger in die Höhe und sprach: »Ich hab' noch nie. es zu unterdrücken und wischte sich die Augen mit seinen schmutzigen Fäusten. nicht sehr beträchtlichen Größe. Gigi blickte die Kinder der Reihe nach an. wofür sie keine Zeit mehr haben!« Er machte die Augen schmal und nickte. daß sie keine Zeit mehr haben. Sie verstanden ihn nun. aber die Tränen liefen in hellen Streifen durch die Schmutzflecken auf seinen Wangen. Das ist eben so. Ihr stehlt dem lieben Gott die Zeit. denen man schon Ähnliches gesagt hatte. der den ganzen Nachmittag der Spielverderber gewesen war. Es war sehr teuer. Und plötzlich fing der Junge. Ich hatte ihn eine Weile nicht mehr gesehen und hätte ihn bald nicht mehr wiedererkannt. so verändert war er. Merkt ihr was? Es ist doch merkwürdig. Ich bin auf eurer Seite. wenn ihr versteht. damit sie uns loswerden!Sie mögen uns nicht mehr. nervös. Sie fühlten sich alle im Stich gelassen. »Meine Eltern lügen doch nicht«. weil ich sonst genauso werde wie ihr. ich kriege jetzt viel mehr Taschengeld als früher!« »Klar!« antwortete Franco. konnte sehr hübsch singen und hatte über alles seine ganz besonderen Gedanken. Dann fuhr er fort: »Neulich habe ich in der Stadt einen alten Bekannten getroffen. Aber jetzt fragen sie danach nicht mehr viel. »Und ich auch!« sagte Gigi ernst. mürrisch. sagen sie. Sie mögen überhaupt nichts mehr. Der . »ihr seid bloß Faulenzer und Tagediebe. « »Ich darf vielleicht bald nicht mehr kommen«.« »Das ist nicht wahr!« schrie der fremde Junge zornig. haben andere Leute immer weniger Zeit. Dabei haben sie sich selbst vergessen. Eigentlich war jedem von ihnen ebenso zumute. Keines unter ihnen bezweifelte die Worte der drei Freunde. fuhr Gigi fort. Sie haben sich dabei selbst gefunden. »Mich mögen meine Eltern sogar sehr. sagte der alte Beppo nach einer Weile noch einmal. und ich krieg dann Prügel. der Junge mit der Brille.« »Ach so?« sagte Gigi und zog die Augenbrauen hoch. Die anderen Kinder sahen ihn teilnahmsvoll an oder blickten zu Boden. Das ist meine Meinung. »Früher sind die Leute immer gern zu Momo gekommen. Sie haben keine Zeit mehr für so was. Aber sie mögen sich selbst auch nicht mehr. »ihr haltet uns also auch für Tagediebe?« Die Kinder schauten verlegen zu Boden. sagte Paolo. jetzt will ich euch mal was sagen«. was ich meine. Schließlich blickte Paolo dem alten Beppo forschend ins Gesicht. Für alles das hat er plötzlich keine Zeit mehr. zu weinen an.»daß meine Alten keine Zeit mehr für mich haben. Danach fragen sie auch nicht mehr viel. Und weil es von eurer Sorte viel zu viele gibt. Und für euch haben sie auch keine Zeit mehr. Das schwöre ich. Und dann fragte er noch leiser: »Seid ihr denn keine?« Da erhob sich der alte Straßenkehrer in seiner ganzen.noch niemals habe ich in meinem Leben dem lieben Gott oder einem Mitmenschen das kleinste bißchen Zeit gestohlen.« Wieder nickten einige der Kinder.

Plötzlich hielt er inné und wischte sich mit seinen schwieligen Händen übers Gesicht. die ansteckend ist?« Der alte Beppo nickte. dann meistens sehr spät. um von ihnen zu erfahren. antwortete Momo schüchtern.« Er machte eine fahrige Bewegung mit der Hand und setzte sich schwer neben Momo auf die Treppe. der die Treppe heraufschwankte. »es muß eine Art Ansteckung sein. Ja. er ist überhaupt nicht mehr Fusi. verstehst du. Anders kann ich's nicht aushalten. Momo. »He. Sie kannte das Haus gut. Zuerst ging sie zu Nicola. Als er das Kind sah. und man könne überhaupt nicht mehr gut mit ihm auskommen. Aber er war nicht da. »Bestimmt«. als sie durch polternde Schritte und rauhen Gesang geweckt wurde. Privatsachen. Jetzt fangen sogar unsere alten Freunde auch damit an ! Ich frage mich wirklich. verstehst du? Das hält alles vier. dem Maurer. desto weniger begeistert klang seine Rede. Ja. wo er oben unter dem Dach ein kleines Zimmer bewohnte. eins nach dem anderen. Momo beschloß. »Du siehst. Die anderen Leute im Haus wußten nur. Während der nächsten Tage machte Momo sich auf die Suche nach ihren alten Freunden. »gibt's dich auch noch! Was suchst du denn hier?« »Dich«. ob es Verrücktheit gibt. Und je länger sie das tat. ich hätte dich ja auch schon längst mal wieder besucht. Aber wo man hinschaut.Mann ist nur noch sein eigenes Gespenst. Jeden Tag hauen wir ein ganzes Stockwerk drauf. versteht ihr? Wenn er's nur allein wäre. um nach ihrem alten Freund Nicola zu sehen.« »Aber dann«. wo ich jetzt bin. blieb er verdutzt stehen. Viel zuviel Sand im Mörtel. Er sei jetzt auch oft nicht mehr ganz nüchtern. Da drüben. und es bereitete ihm sichtlich Verlegenheit. »Kommt hier mitten in der Nacht her. was ich da rede«. Es mußte schon spät in der Nacht sein. dann würde ich einfach denken. . Ich trink' jetzt oft zuviel. »Alles Unsinn. »Was meinst du. und sie schlief ein. Er käme jetzt nur noch selten nach Hause und wenn. sagte er. Das geht wie der Teufel. . Ich geb's zu. ich hab' wieder mal zuviel getrunken. . Es wurde langsam dunkel.« Er redete weiter. . »müssen wir unseren Freunden doch helfen!« An diesem Abend berieten sie alle gemeinsam noch lang. Das geht einem ehrlichen Maurer gegen das Gewissen. . was bei mir jetzt los ist. Momo!« brummte er. und Momo hörte ihm aufmerksam zu. bis ins letzte hinein . Sie setzte sich vor seine Zimmertür auf die Treppe. meinte Momo ganz bestürzt. was wir da machen. sagte er auf einmal traurig. daß sie ihn so sah. »Na. was sie tun könnten. Es war Nicola. was los war und warum sie nicht mehr zu ihr kamen. das ist eine andere Sache als früher! Da ist alles organisiert. Kind ! Das ist nicht mehr wie früher. daß er jetzt drüben in den großen Neubauvierteln auf der anderen Seite der Stadt arbeite und eine Menge Geld verdiene. du bist mir vielleicht eine!« sagte Nicola und schüttelte lächelnd den Kopf. Und es werden immer mehr. daß er ein bißchen verrückt geworden ist. Die Zeiten ändern sich. auf ihn zu warten. da wird ein anderes Tempo vorgelegt. aber ich hab' einfach keine Zeit mehr für solche. Aber von den grauen Herren und deren rastloser Tätigkeit ahnten sie nichts. jeder Handgriff. sieht man solche Leute.

Das sind überhaupt keine Häuser. Na ja. daß man dich mal wieder sieht. Und dann trennten sie sich. Die beiden Eheleute unterbrachen ihr Wortgefecht und schauten hin. Momo schüttelte den Kopf. »sollte ich wirklich mal wieder zu dir kommen und dir alles erzählen. sie hörte ihm nur zu. »Aber du weißt ganz genau. . sagte Nino und lächelte flüchtig. ist für uns nichts zu verdienen! Da bringen wir es nie zu was!« »Wir sind bis jetzt ganz gut ausgekommen«. solang diese unrasierten alten Kerle da herumhockten. ich muß sehen. Momo. die Zeiten ändern sich. »So was tut man einfach nicht. Aber Nicola kam weder am nächsten noch am übernächsten Tag. Aber ich komm' bestimmt. Also. rief Liliana und klapperte mit den Töpfen. Momo setzte sich leise neben das Baby. Du weißt genau.« Er ließ den Kopf hängen und starrte trübe vor sich hin. Vielleicht hatte er wirklich nie mehr Zeit. Dazu habe ich als Wirt das Recht. das Recht!« erwiderte Liliana aufgebracht. da war das anders bei mir. fuhr Nicola leise nach einer Weile fort. antwortete Momo und freute sich.« »Willst du was zu essen?« fragte Liliana ein wenig barsch. dann fällt es zusammen. abgemacht?« »Abgemacht«. Bei uns haben sie keine Menschenseele gestört!« »Natürlich haben sie keine Menschenseele gestört!« rief Nino. wie ich's einrichten kann. Ja. Das kleine alte Haus. daß Nino und seine Frau Liliana einen heftigen Wortwechsel hatten. »Ich habe sie höflich gebeten. ja? Oder lieber übermorgen? Na. daß es so nicht weitergeht. Früher. Nino redete gestikulierend auf seine Frau ein. hundsgemeiner Pfusch ! Aber das ist noch nicht das Schlimmste. Liliana hantierte mit Töpfen und Pfannen am Herd. so was gefällt den Leuten ? Und an dem einzigen Glas billigen Rotwein. häng' ich meinen Beruf an den Nagel und mach' was anderes. bis es still war. antwortete Momo leise. Der Hausbesitzer hat mir die Pacht erhöht. du bist es«. wirklich. zahlendes Publikum zu uns gekommen ist. Sie nahm es auf den Schoß und schaukelte es sacht. wie man alte Gäste hinausekelt. und Momo hörte schon von weitem. Irgendwann.fünf Jahre. das jeder von denen sich pro Abend leisten kann. ja!« antwortete Nino heftig. Er kam überhaupt nicht. die wir da bauen. »Weil nämlich kein anständiges. Als nächsten besuchte Momo den Wirt Nino und seine dicke Frau. Ich muß jetzt ein Drittel mehr bezahlen als früher. Sagen wir gleich morgen. Momo. Alles Pfusch.« »Ja«. »Bis jetzt. daß sie kein anderes Lokal finden. »Was willst du denn?« erkundigte Nino sich nervös. das sollte ich. Das Schlimmste sind die Häuser. da war ich stolz auf meine Arbeit. wenn ich genug verdient hab'. wenn einer hustet. die früher immer an dem Tisch in der Ecke saßen? Weggejagt hat er sie! Hinausgeworfen hat er sie!« »Das habe ich nicht getan !« verteidigte sich Nino. »Wir haben jetzt wirklich andere Sorgen. Woher . »Nett. . »Vielleicht«. « »Das Recht. gab Liliana zurück.das sind . Glaubst du. Die stand offen. was sich sehen lassen konnte. sich ein anderes Lokal zu suchen. Ihr dickes Gesicht glänzte von Schweiß.« »Ich wollte nur fragen«. »Ach. mit dem regenfleckigen Verputz und der Weinlaube vor der Tür.. das sind jetzt seine Sorgen ! Erinnerst du dich an die alten Männer. das sind . »Wir haben im Moment wahrhaftig keine Zeit für dich. »warum ihr schon so lang nicht mehr zu mir gekommen seid?« »Ich weiß auch nicht!« sagte Nino gereizt. Alles wird teurer. Momo sagte nichts. Das ist unmenschlich und gemein. »er hat jetzt ganz andere Sorgen ! Zum Beispiel. In einer Ecke saß das Baby der beiden in einem Korb und schrie. denn sie waren beide sehr müde.Seelensilos sind das ! Da dreht sich einem der Magen um ! Aber was geht mich das alles an ? Ich kriege eben mein Geld und basta. Aber jetzt. Wie früher ging Momo hinten herum zur Küchentür. lag am Stadtrand. wenn wir was gebaut hatten.

das inzwischen wieder zu weinen angefangen hatte. jedem einzelnen. »sie sind alle wieder da . Momo schaute ihn an. er kann bleiben. wenn er will. sagte Liliana hart. Auch das Baby brachten sie mit und einen Korb voll guter Sachen.« Er lachte.« »Ja«. es tut mir ja selber leid. fuhr er nach einer Weile fort. »Stell dir vor.mit dem Aufschwung meines Lokals wird es wohl nichts werden. »Nino ist zu Onkel Ettore und den anderen. Vielleicht hat Liliana recht«. Nino.bloß aus Rücksicht auf deinen Onkel Ettore ! Ich will es auch zu was bringen ! Ist das vielleicht ein Verbrechen? Ich will diesen Laden hier in Schwung bringen ! Ich will etwas machen aus meinem Lokal ! Und ich tue es nicht nur für mich. »Jetzt will ich dir mal was sagen«. sagte er schließlich. Aber er will ja nicht. daß ich . »Zu diesen armen alten Tatterern. rief sie und stemmte die Arme in ihre breiten Hüften. mein Leben als kleiner Spelunkenwirt zu beenden . Aber alle machen's doch heute so. hingegangen. . Liliana?« »Nein«. Dann gab Nino ihr noch eine Tüte voll Äpfel und Orangen. aus dem Arm und lief aus der Küche. »Ich hab's ihm gesagt. Ich tue es genauso für dich und für unser Kind.« Die dicke Liliana stellte eine Pfanne so hart auf den Herd. da kommen wir. . Übermorgen ist bei uns Ruhetag. Dann lächelten sie beide. kommt mir mein Lokal irgendwie fremd vor. »wenn es nur mit Herzlosigkeit geht-wenn es schon so anfängt. »Ich habe jedenfalls keine Lust. Alten. Kannst du das denn nicht begreifen. antwortete Momo. Aber es gefällt mir wieder. wie du sie nennst.soll ich das Geld nehmen. »Gut. auch wenn er nicht so viel Geld hat wie dein zahlendes Publikum!« »Ettore kann ja wiederkommen!« erwiderte Nino mit großer Geste. sagte Liliana strahlend. Längere Zeit sagte Nino nichts. aber was soll ich machen? Die Zeiten ändern sich eben. daß es knallte. Momo. Momo«. daß wir früher bei so was immer gesagt haben: Geh doch zu Momo! . Und Nino und seine dicke Frau kamen tatsächlich. wenn ich aus meinem Lokal ein Asyl für arme alte Tatterer mache? Warum soll ich die anderen schonen? Mich schont ja auch keiner. mit Liliana. Er zündete sich eine Zigarette an und drehte sie zwischen den Fingern. Ich weiß wirklich nicht. »Seit die Alten weg sind. Weißt du. ich soll's?« Momo nickte unmerklich. »Na ja«. Mach. »Ich hatte schon ganz vergessen. Kalt.ohne seine alten Freunde ! Was stellst du dir vor ? Soll er vielleicht ganz allein da draußen in einem Winkel hocken ?« »Dann kann ich's eben nicht ändern !« schrie Nino. Ich mochte sie ja selber gern. daß du meine Familie beschimpfst ! Er ist ein guter und ehrlicher Mann. versprachen sie.« Es wurde ein sehr schöner Nachmittag. und sie ging nach Hause. . dann ohne mich ! Dann geh' ich eines Tages auf und davon. verstehst du? Ich kann's selbst nicht mehr leiden. was du willst!« Und sie nahm Momo das Baby. bald wiederzukommen. was ich tun soll. wiederzukommen. und als sie schließlich gingen. Warum soll ich allein es anders machen? Oder meinst du. gehört zum Beispiel auch mein Onkel Ettore! Und ich erlaube nicht. Nino schaute sie an und nickte ebenfalls. sagte Nino. und seine Frau sagte: »Wir werden schon weiterleben. Einverstanden?«»Einverstanden«. hat sich entschuldigt und sie gebeten. fügte Nino lächelnd hinzu und kratzte sich hinter dem Ohr. daß du gekommen bist«.« »Natürlich will er nicht . »es waren ja nette Kerle.Aber jetzt werde ich wiederkommen.

Die Puppe sagte nichts und Momo stieß sie an. Und sie wäre ihr bestimmt aufgefallen. Kurze Zeit später . »Guten Tag«. Kurz. ich heiße Momo. Sie ging zu den Frauen. Und das konnten sie nicht dulden. sie sah nach allen. was dir gefällt. Ich bin Bibigirl. einen schön gemaserten Stein. ob ich was hab'.« »Ich glaub' nicht. mit denen man nicht wirklich spielen konnte.« »So?« antwortete Momo und überlegte.« Sie nahm die Puppe und kletterte mit ihr durch das Loch in der Mauer in ihr Zimmer hinunter. aber dann antwortete sie unwillkürlich: »Guten Tag. ich zeig' dir meine Sachen. Alle versprachen wiederzukommen. Sie war fast so groß wie Momo selbst und so naturgetreu gemacht. der ihr damals das Tischchen und die Stühle aus Kistenbrettern gemacht hatte. die vollkommene Puppe.«Momo fuhr erschrocken zurück.es war an einem besonders heißen Mittag . sondern wie eine schicke junge Dame oder eine Schaufensterfigur. Aber viele alte Freunde kamen tatsächlich wieder. »Ich glaub' eher. einfach vergessen und liegengelassen hatten. entschlossen oder froh geworden waren. dann sag's nur. dann kannst du ja sagen. daß du mir gehörst«.« Sie nahm die Puppe und hob sie hoch. einen goldenen Knopf. und es war fast so wie früher. Nun war es schon öfter vorgekommen. sagte sie. Aber sie sah nicht aus wie ein Kind oder ein Baby. Sie holte eine Schachtel mit allerlei Schätzen unter dem Bett hervor und stellte sie vor Bibigirl hin.Und so suchte Momo einen ihrer alten Freunde nach dem anderen auf. die ihr das Bett gebracht hatten.« . quäkte die Puppe. klapperte die Puppe einige Male mit den Augendeckeln. das zu dir paßt. was ich hab'. Ohne es zu wissen. denen sie früher zugehört hatte und die davon gescheit. die etwas quäkend klang. »Ich weiß nicht. kam Momo damit den grauen Herren in die Quere. bewegte den Mund und sagte mit einer Stimme.« Wieder bewegte die Puppe ihre Lippen und sagte: »Ich gehöre dir.fand Momo auf den Steinstufen der Ruine eine Puppe. Momo starrte sie fasziniert an. »ich bin Bibigirl. daß man sie beinahe für einen kleinen Menschen halten konnte. diese Puppe bei einem der Kinder gesehen zu haben. Aber warte mal. »Hier«. Sie ging zu dem Schreiner. meinte Momo. ein Stückchen buntes Glas. Aber Momo konnte sich nicht erinnern. denn es war eine ganz besondere Puppe. Da bewegten sich deren Lippen wieder und sie sagte: »Ich möchte noch mehr Sachen haben. daß Kinder eines der teuren Spielzeuge. weil sie keine Zeit dazu fanden. die vollkommene Puppe. Alle beneiden dich um mich. Als sie sie nach einer Weile mit der Hand berührte. als käme sie aus einem Telefon: »Guten Tag. Wenn dir was gefällt.« Und sie zeigte ihr eine hübsche bunte Vogelfeder. Sie trug ein rotes Kleid mit kurzem Rock und Riemchenschuhe mit hohen Absätzen. »das ist alles. Manche hielten ihr Versprechen nicht oder konnten es nicht halten. daß dich jemand hier vergessen hat.

war nichts als Einbildung gewesen. Aber so verhinderte Bibigirl gerade dadurch. »Ich habe allerdings nicht den Eindruck«. So saß Momo schließlich nur noch da und starrte die Puppe an. Der Herr mußte sie wohl schon eine ganze Weile beobachtet haben. »ich bin Bibigirl. Am liebsten hätte sie die vollkommene Puppe einfach liegen lassen und etwas anderes gespielt. als habe es überhaupt niemals so etwas gegeben. Aber du wolltest dir doch was aussuchen. wenn die Puppe gar nichts gesagt hätte. In der Hand trug er eine bleigraue Aktentasche. denn er nickte Momo lächelnd zu. daß du zu mir zu Besuch kommst«. wie man mit einer so fabelhaften Puppe spielen muß. meinte Momo. du weißt überhaupt nicht. stieg aus und kam auf Momo zu. und als auch das mißlang. die vollkommene Puppe. dann können wir vielleicht spielen.nein. Die Kälte nahm zu. sagte die Puppe. Ganz nah stand nämlich ein elegantes aschen-graues Auto. »und mir scheint. Aber es wurde einfach nichts daraus. daß Sie mich besuchen!« erwiderte Momo. Jetzt öffnete der Mann die Wagentür. »ich hab' sie gefunden. fuhr der graue Herr fort. »als ob du dich so besonders freust. bis sie begriff. Bibigirl. meinte der graue Herr mit dünnem Lächeln. und es hätte sich die schönste Unterhaltung ergeben. »Mehr hab' ich nicht«. meinte Momo. daß es die Langeweile war.»Ja«. Ja. sagte Momo. schlug Momo vor. mit noch einem anderen und noch einem und noch einem. das hast du schon gesagt«. »Guten Tag«. »Aber wenn du nichts von meinen Sachen magst.« »Was du nicht sagst!« erwiderte der graue Herr. »Was für eine schöne Puppe du hast!« sagte er mit eigentümlich tonloser Stimme.« Momo schüttelte ein wenig den Kopf.« »Also hör' mal«. »Darum können dich alle deine Spielkameraden beneiden. Hier hab' ich zum Beispiel eine schöne rosa Muschel. daß die Luft in der Sonnenglut flimmerte. In dem Auto saß ein Herr. »alle beneiden dich um mich. Soll ich es dir zeigen?« . »alle beneiden dich um mich. wenn du immer das gleiche sagst. einen grauen steifen Hut auf dem Kopf trug und eine kleine graue Zigarre rauchte. Dort setzte sie die vollkommene Bibigirl auf den Boden und nahm ihr gegenüber Platz. »Wir spielen jetzt. »Ich habe dich schon seit einer ganzen Weile beobachtet«. « »Wie nett. als hätten sie sich gegenseitig hypnotisiert. »Du bist ja ein richtiger Glückspilz. »Ich weiß nicht«. Auch sein Gesicht sah aus wie graue Asche. meine Kleine. antwortete die Puppe. die ihrerseits wieder mit blauen. scheint mir. »so können wir doch nicht spielen. Und alles was sie dafür gehalten hatte. Schließlich wandte Momo ihren Blick mit Willen von der Puppe weg-und erschrak ein wenig. »Die war bestimmt sehr teuer?« fuhr der graue Herr fort. dauerte es eine Weile. Und weil es ihr ganz neu war. Aber gleichzeitig fühlte sie etwas. als sei alle Freude für immer aus der Welt verschwunden . dann hätte Momo an ihrer Stelle antworten können. murmelte Momo verlegen. antwortete die Puppe und klimperte mit den Wimpern. ja?« »Ich möchte noch mehr Sachen haben«. gläsernen Augen Momo anstarrte. wiederholte die Puppe. Momo fühlte sich hilflos. Es war ihr plötzlich. jedes Gespräch. das sie warnte. das sie noch nie zuvor empfunden hatte. begann Momo plötzlich zu frösteln. »Woher kommen Sie denn.« Momo zuckte nur die Schultern und schwieg. Und obwohl es so heiß an diesem Mittag war. « »Ja. »ich weiß schon. dessen Kommen sie nicht bemerkt hatte. Nach einer Weile überkam Momo ein Gefühl. fuhr Bibigirl fort.« Momo schwieg wieder und zog sich ihre viel zu große Männerjacke enger um den Leib.« »Ich möchte noch mehr Sachen haben«. Sie nahm die Puppe und kletterte wieder ins Freie hinaus. aber sie konnte sich aus irgendeinem Grund nicht von ihr losreißen. Momo versuchte es mit einem anderen Spiel. Gefällt sie dir?« »Ich gehöre dir«. sagte Momo. daß sie redete. verehrte Dame?« »Ich gehöre dir«. der einen spinnwebfarbenen Anzug anhatte.

ein Puppenrevolver. und stellte sie um Momo herum. Du sollst nur damit spielen. antwortete Momo. daß die vollkommene Bibigirl eines Tages alles haben wird und daß es dann eben doch wieder langweilig werden könnte. Und zu Bubiboy gibt es noch einen dazupassenden Freund. wo sie sich langsam zum Haufen türmten. Nein. Hier ist ein kleiner Fotoapparat. Und ein Schianzug. Und noch eins . dann gibt es noch eine Freundin von Bibigirl. Ohrringe. Und hier ein Tennisdreß.« Er zog es hervor und warf es Momo zu. meine Kleine. keine Sorge! Da haben wir nämlich einen passenden Gefährten für Bibigirl. Ein Nachthemd. ein kleines Scheckbuch. »braucht sie viele Kleider. Parfümfläschchen. Und noch eins. sondern nur ernst seinen Blick erwiderte. meinst du? Nun gut. Badesalz. nur daß es ein junger Mann war. viel mehr. dann mußt du eben mehr Sachen für deine Puppe haben. Hier ein Tennisschläger. dessen Inhalt unerschöpflich schien. meine Kleine. so wie ich es dir erklärt habe. quäkte die Puppe plötzlich.und noch viel. fuhr der graue Herr fort. »Ich will noch mehr Sachen haben«. sagte er und lächelte wieder dünn. die noch immer reglos dasaß und dem Mann eher erschrocken zuguckte. die vollkommene. Seidenstrümpfchen. »sie sagt es dir sogar selbst. Aber vielleicht denkst du. das ist doch klar.« Während er redete. Paß mal auf. ein Frühjahrshütchen. Und wenn das alles. Und ein Reitanzug. das du dir wünschen kannst. Kleine«. mit einem echten kleinen Lippenstift und einem Puderdöschen drin. wie man mit einer solchen Puppe spielen muß?« »Schon«. Mit einer so fabelhaften Puppe kann man nicht spielen wie mit irgendeiner anderen. Dazu ist sie auch nicht da. dann langweilt man sich niemals. versteht sich ! . sagte er. Ein Pyjama. Und ein Badekostüm. Hier ein Puppenfernseher. »Na. Körperspray. »Nun?« sagte der Mann schließlich und paffte dicke Rauchwolken. ein Federhut. Golf schlägerchen. Man muß nur immer mehr und mehr haben. setzte er hastig hinzu: »Du brauchst dann deine Freunde gar nicht mehr. ebenso vollkommen. und erklärte: »Das ist Bubiboy ! Für ihn gibt es auch wieder eine unendliche Menge Zubehör. nicht wahr? Also gut. »Und hier ist ein Pelzmantel aus echtem Nerz. »damit kannst du erst einmal eine Weile spielen. ich schenke sie dir! Du bekommst das alles . Kleine!« Er ging zu seinem Auto und öffnete den Kofferraum. »So«. Du siehst also. Und noch eins. und sie hat eine ganze eigene Ausstattung. die nur ihr paßt. der echt funktioniert.« Er warf alle die Sachen zwischen Momo und die Puppe. Ein anderes Kleid. Nun.« Er machte eine Pause und blickte Momo prüfend an. meinte der graue Herr. Du brauchst auch nichts dafür zu tun. Hier ist zum Beispiel ein entzückendes Abendkleid.Momo blickte den Mann überrascht an und nickte. »Zuerst einmal«. »Nun möchtest du alle diese schönen Sachen natürlich gern behalten. Und hier ist ein seidener Schlafrock. und es bleibt immer noch etwas. »es ist ganz einfach. sondern eines nach dem anderen. eine Halskette. was sagst du dazu?« Der graue Herr lächelte Momo erwartungsvoll an. es braucht nie wieder Langeweile zu geben. . . wenn man sich nicht mit ihr langweilen will. Kleine? Aber das wird nach ein paar Tagen auch langweilig. und der hat wieder Freunde und Freundinnen. Hier ein Armband. nicht wahr. alles langweilig geworden ist.. ein Strohhut. wenn all diese schönen Sachen dir . verstehst du? Du hast ja nun genug Zerstreuung. »Hier ist zum Beispiel eine richtige kleine Handtasche aus Schlangenleder. Der graue Herr setzte ihn neben Bibigirl. Der graue Herr nickte zufrieden und sog an seiner Zigarre. »Du siehst«. aber da sie nichts sagte. Sie war ebensogroß wie Bibigirl.nicht sofort. denn die Sache ist endlos fortzusetzen. Sie begann jetzt vor Kälte zu zittern.« Wieder beugte er sich über den Kofferraum und warf Sachen zu Momo herüber.. die wie gelahmt zwischen all den Sachen am Boden saß. Man muß ihr schon etwas bieten. siehst du. »hast du jetzt begriffen. holte er eine Puppe nach der anderen aus dem Kofferraum seines Wagens.« Und nun zog er aus dem Kofferraum eine andere Puppe hervor.

»Ich glaube«. daß ihr ein Kampf bevorstand. die von seinem Blick ausging. Aber er hatte sich gleich wieder in der Gewalt und lächelte messerdünn. sagte er eisig. Eine Weile sagte er nichts. was sie erwidern sollte. soweit es möglich war. Wir wollen das einmal ganz sachlich untersuchen. ja. etwas aus ihrem Leben zu machen? Gewiß nicht. dann hilfst du uns dabei. damit du lernst. worum dieser Kampf ging und nicht gegen wen. Das hatte Momo ja schon die ganze Zeit versucht. weshalb. mehr zu verdienen. Aber irgendwie tat er ihr seltsamerweise auch leid. Wir wollen dafür sorgen.gehören und du immer noch mehr bekommst. Ehre und so weiter.« Der graue Herr verzog das Gesicht. »wir sollten einmal ernsthaft miteinander reden. worauf es ankommt. als allen anderen. du ruinierst ihr Vorwärtskommen ! Vielleicht ist es dir bisher noch nicht bewußt geworden. wer mehr wird und mehr hat als die anderen. wie?« Momo fühlte dunkel. ob der graue Herr nicht vielleicht recht hatte. ins Dunkle und Leere zu stürzen. »Was denn. »die hab' ich lieb.« Der graue Herr erwiderte eine ganze Weile nichts. daß es dich gibt? Nützt es ihnen zu irgend etwas? Nein. dem fällt alles übrige ganz von selbst zu: Freundschaft. daß sie es zu etwas bringen. Er starrte glasig vor sich hin wie die Puppen. Liebe. Du hältst sie von allem ab. ohne es zu wollen. »Darauf kommt es überhaupt nicht an«. wie es ihr vorher mit der Puppe gegangen war: Sie hörte eine Stimme. »Und deshalb«. Momo. du bist in Wirklichkeit. denen sie bisher zugehört hatte. Wir sind ihre wahren Freunde. Und darum schenken wir dir all die schönen Sachen. daß du deine Freunde lieb hast. daß du sie in Ruhe läßt. »Also Momo -nun höre mir einmal gut zu ! « begann er schließlich. Und wenn du sie wirklich liebhast.« Er zog ein graues Notizbüchlein aus der Tasche und blätterte darin. in ihrer großen Jacke. Kleine. aber sie hörte nicht den.»Aber meine Freunde«. Momo steckte die nackten Füße unter ihren Rock und verkroch sich. »was haben deine Freunde eigentlich davon. erwiderte er sanft. Sie schüttelte den Kopf. Schließlich raffte er sich zusammen. der sprach. voranzukommen.« »Wer >wir<?« fragte Momo mit bebenden . die redete. Sonst konnte sie sozusagen ganz in den anderen hineinschlüpfen und verstehen. sagte sie leise. Aber ihm war viel schwerer zuzuhören. sagte sie. begann der graue Herr nun wieder. als sei da gar niemand.jedenfalls schadest du deinen Freunden einfach dadurch. Aber sie wußte nicht. hatte sie das Gefühl. Du meinst also. Hilft es ihnen. »Da erhebt sich als erstes die Frage«. daß sie schon mitten drin war. Das war ihr noch nie widerfahren. »Du bist immer noch nicht zufrieden? Ihr heutigen Kinder seid aber wirklich anspruchsvoll! Möchtest du mir wohl sagen. daß du sie von allem abhältst. du bist ein Klotz an ihrem Bein. daß du da bist. »Das einzige«. So hatte sie die Dinge noch nie betrachtet. nicht wahr?« Momo nickte. was dieser vollkommenen Puppe denn nun noch fehlt?« Momo blickte zu Boden und dachte nach. daß man was wird. was er suchte. Der Mann machte ihr Angst. steckte es wieder ein und setzte sich ein wenig ächzend zu Momo auf die Erde. Der graue Herr klappte das Büchlein zu. »Du heißt Momo. Denn je länger sie diesem Besucher zuhörte. fuhr der graue Herr fort. Wir können nicht stillschweigend mit ansehen. daß man es zu etwas bringt. Unterstützt du sie in ihrem Bestreben. Momo schaute ihm in die Augen. »Ich glaub'«. bis er fand. Wer es weiter bringt. sondern paffte nur nachdenklich an seiner kleinen grauen Zigarre. was denn ?« sagte der graue Herr und zog die Augenbrauen hoch. nicht wahr? Und das willst du doch? Du willst doch diese fabelhafte Puppe? Du willst sie doch unbedingt. Wir wollen. daß man was hat. desto mehr ging es ihr mit ihm. Aber bei diesem Besucher gelang es ihr einfach nicht. Sooft sie es versuchte. was wichtig ist. als habe er plötzlich Zahnschmerzen. wie er es meinte und wie er wirklich war. . ohne daß sie hätte sagen können. fuhr der Mann fort. Ja. ihr Feind! Und das nennst du also jemand liebhaben?« Momo wußte nicht. sie hörte Worte. vor allem durch die Kälte. »wollen wir deine Freunde vor dir beschützen. Zeit zu sparen? Im Gegenteil. Einen Augenblick lang war sie sogar unsicher. »worauf es im Leben ankommt. ist. »man kann sie nicht liebhaben.« Der graue Herr paffte einige Nullen in die Luft.

denn auch wir werden mehr . Vergiß es! Du mußt mich vergessen. . Nach einer Weile schien es. . wirklich nicht. was mit ihm geschah. . antwortete der graue Herr. ist für sie verloren . . . »Ich bin Agent BLW/553/c. so wie alle anderen uns vergessen! Du mußt! Du mußt!« Und er packte Momo und schüttelte sie. . »Wir von der Zeit-Spar-Kasse«. ein mühseliges Geschäft. Sehnlich wünschte sie. daß es uns gibt und was wir tun . Sie hatte sich noch nie so allein gefühlt. . . Er starrte Momo an und schien gegen etwas anzukämpfen. können wir unserem Geschäft nachgehen . . . .was war das?« stammelte er. den Menschen ihre Lebenszeit stunden-. Und wir brauchen mehr . sich trotzdem keine Angst machen zu lassen. « Diese letzten Worte hatte der graue Herr fast röchelnd hervorgestoßen. Sie nahm all ihre Kraft und ihren Mut zusammen und stürzte sich ganz und gar in die Dunkelheit und Leere hinein. Aber wir. Ihr kam die schreckliche Ahnung. . du !« . denn alle Zeit. minuten.Und dann in beinahe flehendem Ton: »Ich habe lauter Unsinn geredet. »Hat dich denn niemand lieb?« fragte sie flüsternd. wir wissen es und saugen euch aus bis auf die Knochen . sagte er. so jemand wie du ist mir noch nicht vorgekommen.« In diesem Augenblick erinnerte Momo sich plötzlich an das. während er sich am Stummel seiner grauen Zigarre eine neue anzündete. dann könnten wir unsere SparKasse bald zumachen und uns selbst in Nichts auflösen -. Als er nun wieder zu reden begann. daß kein Mensch uns im Gedächtnis behalten kann . . als ob er aus einer Art Betäubung wieder zu sich käme.. Dann antwortete er mit aschengrauer Stimme: »Ich muß schon sagen. hinter der der graue Herr sich vor ihr verbarg. Wir sorgen dafür. uns hungert danach . Er lächelte ironisch. Aber sie beschloß. Ich persönlich meine es nur gut mir dir. . . . immer mehr . und er stierte Momo an. Der hatte Momo aus den Augenwinkeln beobachtet. Die Augen quollen ihm hervor. .. wir speichern sie auf. Der graue Herr krümmte sich und sank plötzlich ein wenig in sich zusammen. Dabei verzerrte sich sein Gesicht mehr und mehr vor Entsetzen über das. »Du hast mich ausgehorcht! Ich bin krank! Du hast mich krank gemacht.« Momo gab nicht nach. das er nicht begreifen konnte.. vernahm sie wie von weitem. Ah. als geschehe es gegen seinen Willen. Wir reißen sie an uns . aber nun hielt er sich mit beiden Händen selbst den Mund zu. Und ich kenne viele Menschen. »mit uns kannst du es nicht aufnehmen. . ihr wißt es nicht.. und mit dem er nicht fertig wurde. wir brauchen sie . . Sie bewegte die Lippen. . was das ist. »niemand darf wissen. . was Beppo und Gigi über Zeit sparen und Ansteckung gesagt hatten. liebes Kind. denn die Zeit-Spar-Kasse läßt nicht mit sich spaßen. Die Veränderung in ihrem Gesicht war ihm nicht entgangen. war es. . daß dieser graue Herr etwas damit zu tun hatte. Und nun hörte Momo endlich seine wahre Stimme: »Wir müssen unerkannt bleiben«. Sein Gesicht wurde noch eine Spur aschengrauer. Nur solang wir unerkannt sind. »Was . denn wovon sollten wir dann noch existieren?« Der Agent unterbrach sich. Wenn es mehr von deiner Sorte gäbe. . als brächen die Worte von selbst aus ihm hervor und er könne es nicht verhindern. eure Zeit! . .Lippen. . die sie einsparen. .und sekundenweise abzuzapfen . immer mehr . daß die beiden Freunde jetzt hier wären. . »Gib dir keine Mühe«. immer mehr . . vermochte aber nichts zu sagen. .

der knallend zuschlug. »Schon«. ich. daß die Steine spritzten. packte seine bleigraue Aktentasche und rannte zu seinem Auto. Und nun geschah etwas höchst Sonderbares: Wie in einer umgekehrten Explosion flogen all die Puppen und die ganzen anderen umhergestreuten Sachen von allen Seiten in den Kofferraum hinein. In seiner Phantasie sah er vor sich eine riesige Menschenmenge. Beppo und du. wenn er selber beim Erzählen in Fahrt kam. schwieg er. jetzt werden wir die ganze Stadt retten ! Wir drei. Sie vergaß nichts. sagte Gigi. dem Befreier. was mit ihr los wäre. müssen wir den Kampf mit ihnen aufnehmen — oder hast du etwa Angst?« Momo nickte verlegen. Das müssen wir uns erst ausdenken. zujubelte. Sie setzten sich zu ihr und erkundigten sich besorgt. Momo saß noch lang auf ihrem Platz und versuchte zu begreifen. Und wenn es viele sind. »aber wie wollen wir das machen?« »Was meinst du?« fragte Gigi irritiert. Nach und nach wich die schreckliche Kälte aus ihren Gliedern und in gleichem Maße wurde ihr alles immer klarer und klarer. ACHTES KAPITEL Eine Menge Träume und ein paar Bedenken Am späteren Nachmittag kamen Gigi und Beppo. »wie wollen wir das machen. Ich hab' schon Angst. nein. Auch nachdem Momo geendet hatte. was bisher noch niemand wußte ! Und jetzt werden wir nicht nur unsere alten Freunde. erklärte Momo. sagte Momo ein wenig verwirrt.Da sprang der graue Herr auf. »Ich meine«. Dort qualmte der zerdrückte Stummel der grauen Zigarre und zerfiel langsam zu Asche. sagte er und legte ihr die Hand auf die Schulter. was sie erlebt hatte. sah irgendwie anders aus. Denn sie hatte die wirkliche Stimme eines grauen Herren gehört. Momo«.« . »Jetzt. dann sind sie bestimmt sehr gefährlich. »so genau weiß ich das im Moment natürlich auch noch nicht. Dann raste das Auto davon. blickte sich wie gehetzt um. was sie da gehört hatte. Die Falten auf seiner Stirn vertieften sich. Seine Augen begannen zu glänzen. die ihm. daß es sie gibt und was sie tun. Der. Gigi dagegen hatte mit wachsender Erregung zugehört. Aber eines ist doch klar: Nachdem wir jetzt wissen. Sie fanden Momo im Schatten der Mauer sitzend. Stockend begann Momo zu berichten. die grauen Herren besiegen?« »Na ja«. Und die Kälte ist ganz schlimm. »hat unsere große Stunde geschlagen ! Du hast entdeckt. so wie sie es oft taten. Und schließlich wiederholte sie Wort für Wort die ganze Unterhaltung mit dem grauen Herren. noch immer ein wenig blaß und verstört. es sind keine gewöhnlichen Männer. »Ich glaub'. der bei mir war. Momo!« Er war aufgesprungen und hatte beide Hände ausgestreckt. Vor ihr im dürren Gras stieg eine kleine Rauchsäule auf. Während der Erzählung schaute der alte Beppo Momo sehr ernst und prüfend an.

dann müssen wir uns gut überlegen. plötzlich stehen. fensterlos. sagte er.« »Und wie?« fragte Momo. verstehst du? Wenn wir die einfach so herausfordern. unterbrach ihn Momo bekümmert. fuhr Beppo fort. . »wenn wir dabei ein bißchen mehr wären. daß sie darauf hereinfallen. sie in panische Furcht zu versetzen. . denn ich bin sicher. »Sonst wäre dein Besucher doch nicht so Hals über Kopf vor dir geflohen. daß sie erkennbar werden. Beppo und Gigi in der anderen.« »Das kann allerdings leicht sein«. Wir müssen uns wirklich überlegen. »dann werden wir eben etwas anderes machen. meinte Gigi. « »Ja und?« fragte Gigi verwundert. Und das werden wir bestimmt. »Wir sollten alle unsere alten Freunde mobilisieren. der behält sie in Erinnerung. daß es ein ganz besonderes Gebäude ist: grau. Es steht irgendwo in der Stadt.« '»Gut«. antwortete Gigi großartig. und jeder benachrichtigt so viele. daß es wahr ist. und wer sich an sie erinnert. »Das wird sie sogar noch mehr erschrecken. was Momo uns erzählt hat. wenn noch andere mitsuchen. Ich meine. Von uns will ich gar nicht reden. dann würden wir die Zeit-Spar-Kasse vielleicht auch eher finden. »ich mach' mir Sorgen.wir sind unangreifbar!« »Glaubst du?« fragte Momo etwas zweifelnd. »Dann müssen wir sie eben aus ihrem Versteck herauslocken. was Beppo wollte. »Ich meine«. Denn wer sie einmal erkannt hat. dann kann das Momo in eine schlimme Lage bringen.« »Wir haben aber gar keine Pistolen«. der bis jetzt noch immer geschwiegen hatte. aber wenn wir jetzt auch noch die Kinder mit hineinziehen. »Ich glaub' nicht.« »Aber mich kennen sie jetzt schon«. Momo in der einen Richtung. Also! Wir brauchen nur dafür zu sorgen.« »Nichts leichter als das !« rief Gigi und lachte. sehr schlau. . ein riesenhafter Geldschrank aus Beton ! Ich sehe es vor mir. dann werden Beppo und ich aus unserem Versteck hervorbrechen und sie überwältigen. »ich glaube. >Gebt auf der Stelle alle gestohlene Zeit heraus!« sage ich . Der graue Herr hat doch was von der Zeit-Spar-Kasse gesagt. »Selbstverständlich!« fuhr Gigi mit leuchtenden Augen fort. bei dem die Einfälle anfingen. »Weißt du«. »Die Sache ist doch ganz einfach! Diese grauen Herren können ja nur ihrem finsteren Geschäft nachgehen.»Ach was!« rief Gigi begeistert. und was weiter?« fragte Gigi. gab Gigi zu. Wir müssen es nur finden. die jetzt immer kommen. was Momo da gesagt hat. Gigi«. Wir haben doch genug davon! Du müßtest dich zum Beispiel als Köder hinsetzen und sie anlocken. »Worüber denn?« Beppo blickte den Freund eine Weile an und sagte dann: »Ich glaube Momo. Ich schlage vor. Unsere Erscheinung allein wird schon genügen. wir gehen sofort alle drei los. blieb Beppo. unheimlich. also fängt man Zeit-Diebe mit Zeit. Sie zittern vor uns ! « »Aber dann«. Und wenn sie dann kommen. der erkennt sie sofort ! Also können sie uns überhaupt nichts anhaben . Als die beiden Männer schon eine Weile gegangen waren. wenn sie unerkannt sind. sagte Momo.« »Gut. »wenn es nämlich wahr ist. sich zu überstürzen. dann gehen wir hinein.« »Das ist eine sehr gute Idee«. nicht bloß wir drei. meinte Momo. Jeder von uns hat in beiden Händen eine Pistole. wie er finden kann. »Dann machen wir es eben ohne Pistolen«. Mit Speck fängt man Mäuse. was wir tun. »Hör' mal. Wenn es sich wirklich um eine geheime Verbrecherbande handelt . glaub' ich. »Sie sind. erklärte Beppo. Und die sollen es wieder den—' anderen weitersagen. »werden wir sie vielleicht gar nicht finden? Vielleicht verstecken sie sich vor uns. dann bringen wir sie vielleicht in Gefahr. Und die vielen Kinder.mit so jemand legt man sich nicht so ohne weiteres an. Wir treffen uns alle morgen nachmittag um drei hier zur großen Beratung!« Sie machten sich also gleich auf den Weg. Wenn wir es gefunden haben. wandte Momo ein. »Wir fangen sie mit ihrer eigenen Gier. entgegneteGigi. der nicht verstand. Das hat dein Besucher doch selbst verraten. Das muß doch wohl ein Gebäude sein.« »Es wäre vielleicht gut«.«Gigi drehte sich nach ihm um.

erwiderte Beppo ernst. aber seine Sorgen waren durch Gigis Antwort keineswegs geringer geworden. der er heute gleich als erstes gesagt hatte. »Du bist ein Mensch ohne Phantasie. daß keine Nachzügler mehr kommen würden. Zur gleichen Zeit lag der alte Beppo auf seinem Bett und konnte keinen Schlaf finden. aber etwa fünfzig bis sechzig Kinder von nah und fern. Geschwisterchen dabei. Das geht so nicht. Beppo im Bratenrock und Momo in einem Kleid aus weißer Seide. Er sah sich im Frack. Das hat man euch bei der Einladung zu dieser Geheimversammlung mitgeteilt. die den Menschen abhanden kam. was Momo erzählt hat. In dieser Nacht träumte Gigi vom künftigen Ruhm als Befreier der Stadt. Am nächsten Nachmittag um drei Uhr hallte die Ruine des alten Amphitheaters wider vom aufgeregten Geschrei und Geschnatter vieler Stimmen. wozu wir eure Hilfe brauchen. sagte der alte Beppo und stand auf. daß es sich dafür zu kämpfen lohnt?« Er machte eine Pause. und die Kinder klatschten Beifall. mit einem Schlag zu Ende sein. Beppo mit schwerem Herzen. was wir unternehmen Wollen. der über die Menschen gekommen ist. Dann trennten sie sich. Aber seht ihr. und wir spielen darin mit. Aber er mußte wenigstens versuchen.« »Mir scheint«.was wir tun. war es. wie sie einem dieser Kerle begegnet ist und wie er sich verraten hat. »hört mal zu. und die Stadt veranstaltete zu Ehren ihrer Retter einen Fackelzug. Er saß neben Momo. »Wir werden nachher«. und jeder ging in eine andere Richtung. daß es wahr ist. doch. daß Momo redet. dann wird dieser ganze Spuk. Die Erwachsenen unter den alten Freunden waren zwar leider nicht gekommen (außer Beppo und Gigi natürlich). den Finger im Mund. Die Unterhaltungen und das Geschnatter verstummten. um die Freunde und die Kinder von der morgigen Versammlung zu benachrichtigen. Wenn ihr alle bereit seid. Sie interessierten sich natürlich ganz besonders für die Sache. »was du dir immer für Sorgen machst ! Je mehr mitmachen. begann Gigi mit lauter Stimme. und erwartungsvolle Stille breitete sich in dem steinernen Rund aus. Manche hatten. erhob sich Gigi Fremdenführer und gebot mit großer Gebärde Schweigen. Bis heute war es so. »Liebe Freunde«. Und warum? Momo hat es entdeckt ! Den Menschen wird diese Zeit buchstäblich von einer Bande von Zeit-Dieben gestohlen ! Und dieser eiskalten Verbrecherorganisation das Handwerk zu legen. Übrigens war auch der kleinere Junge mit dem Kofferradio erschienen .« »Ach was !« rief Gigi und lachte. die da gespart wurde.« »Was heißt denn wahr!« antwortete Gigi. diese ungewöhnliche Versammlung betrachteten. so lang und so prächtig. daß immer mehr Menschen immer weniger Zeit hatten. wohlerzogene und wilde. Die ganze Welt ist eine große Geschichte. Als schließlich ersichtlich war. daß er mitmachen dürfe. die übrigen Kinder gehörten fast alle zu denen. Doch. Natürlich würde er Gigi und Momo nicht allein ins Verderben rennen lassen . genauso wie du!« Beppo wußte nichts darauf zu erwidern. um die es hier gehen sollte. daß er Claudio heiße und froh sei. Kinder! Ich bin dagegen. was Momo erzählt hat. Meint ihr nicht. Wenn sie redet. wie das Mädchen Maria. ich glaube alles. Paolo und Massimo waren natürlich auch da. Beppo. »darüber beraten. gerade diese Zeit. Gigi mit leichtem. worum es geht.er würde mitgehen. was auch immer daraus werden mochte. Franco. Aber nun soll euch zuerst Momo erzählen. desto deutlicher wurde ihm die Gefährlichkeit der ganzen Sache. obgleich mit allen Mitteln fortwährend Zeit gespart wurde. das ist es. »du glaubst gar nicht. Beppo. Großartige Musik ertönte. arme und reiche. die an der Hand geführt oder auf dem Arm getragen wurden und nun mit großen Augen. bringt sie sich selber und euch alle in die größte . sie zurückzuhalten. mitzumachen. fuhr Gigi fort. die erst in letzter Zeit ins Amphitheater gekommen waren. »ihr alle wißt ja schon ungefähr. desto besser ist es doch. Je länger er nachdachte.« »Moment mal«. größere und kleinere. Und dann wurden ihnen allen dreien goldene Ketten um den Hals gelegt und Lorbeerkränze aufgesetzt. wie er noch nie zuvor Menschen dargebracht worden war.ohne Kofferradio allerdings.

»Denen kann man schon gleich nicht trauen ! Nimm mal an. wer von euch will mitmachen?« »Ich!« rief Claudio und stand auf. wurde aber gleich wieder beschwichtigt. folgte eine lange Stille. mit dem man die Zeit aufnehmen kann. »müssen wir erst mal einen Wissenschaftler finden. Auf der anderen Seite des steinernen Rundes erhob sich nun das Mädchen Maria mit dem kleinen Geschwisterchen Dedé auf dem Arm und sagte: »Vielleicht ist es so was wie Atome? Sie können ja auch Gedanken. Wer hat irgendeinen Vorschlag?« Alle dachten nach. Und darum frage ich euch nun noch einmal. ergriff Gigi wieder das Wort. dann ist sie offenbar machtlos.. wo sie drauf ist. Es gibt doch heute für alles Spezialfachleute.woher willst du wissen. wir melden das Ganze der Polizei. « »Ich hab' eine Idee!« rief der dicke Massimo mit seiner Mädchenstimme. Das ist meine Meinung. wessen Wunsch sie folgen sollte. Er war ein bißchen blaß. Das hab' ich selber im Fernsehen gesehen.« Eine Stille der Ratlosigkeit folgte. meinte Gigi und wies auf die Kinder. der ihr Geheimnis kennt. dann wäre sie wieder da!« »Jedenfalls«. das beste wäre. »daß die grauen Herren jeden. »wer von euch traut sich. bis zuletzt alle Anwesenden sich gemeldet hatten. nahm seine Brille ab und strich sich mit den Fingern müde über die Augen. mit uns zusammen den Kampf gegen diese grauen Herren aufzunehmen?« »Warum hat Beppo nicht gewollt«. »Die Polizei. mit einer Maschine aufschreiben. was die schon machen kann ! Das sind doch keine gewöhnlichen Räuber ! Entweder weiß die Polizei schon längst Bescheid. Beppo!« Aber der schüttelte nur langsam den Kopf. Jetzt erhob sich ein sichtlich wohlerzogenes Mädchen und sagte: »Ich finde. Sonst können wir gar nichts machen. der ihr Geheimnis kennt. »was sagst du dazu?« »Gut«.. »wir müssen jetzt auf Gedeih und Verderb zusammenhalten ! Wir müssen vorsichtig sein. Als sie geendet hatte. und schließlich riefen alle im Chor: »Momo ! Momo ! Momo!« Der alte Beppo setzte sich. der Bescheid weiß . was wir tun sollen. So unheimlich hatten sie sich diese Zeit-Diebe nicht vorgestellt. dann könnten wir sie einfach wieder ablaufen lassen. Schließlich begann sie zu erzählen. Schließlich fragte Paolo. Die Kinder schwiegen. »dann wollen wir jetzt beraten. Beppo«. erklärte Gigi und lächelte aufmunternd.« »Du immer mit deinen Wissenschaftlern!« rief Franco. »Momo soll erzählen!« Andere fielen ein. daß es gerade umgekehrt ist. Das ist doch klar ! Gib es doch zu. »Nun. Momo stand verwirrt auf. als Gefahr für sich betrachten und ihn deshalb verfolgen werden. antwortete Beppo und nickte traurig. »Nun?« fragte Gigi in die Stille hinein. dem Beppos oder dem der Kinder. »ich mach' natürlich auch mit. aber wir dürfen uns keine Angst machen lassen. fragte Franco. Aber ich bin sicher.Gefahr. Sie wußte nicht recht. daß er nicht mit den Zeit-Dieben zusammenarbeitet? Dann sitzen wir schön in der Tinte!« Das war ein berechtigter Einwand. « »Doch!« riefen einige Kinder. dann immer entschlossener andere. rief Claudio. der uns hilft. sagte Paolo und schob seine Brille auf der Nase hoch. »daß Momo uns ihr Erlebnis erzählt?« »Er meint«.« »Also«. daß jeder. Oder sie hat noch nichts von dem ganzen Saustall gemerkt -dann ist es sowieso hoffnungslos. Seinem Beispiel folgten erst zögernd. . Wenn wir wüßten. Die Kinder hörten gespannt zu. »was ist denn Zeit überhaupt?« Niemand wußte eine Antwort. gegen sie gefeit ist und sie ihm nichts mehr anhaben können. »Wenn man Filmaufnahmen macht. Ein kleines Geschwisterchen fing laut zu weinen an. wie kann man denn Zeit wirklich stehlen? Wie soll denn das gehen?« »Ja«. der Junge mit der Brille: »Aber wie können die das? Ich meine. ist doch alles auf dem Film drauf. Vielleicht haben sie einen Apparat. die einer bloß im Kopf denkt.« »Soweit kommt's noch!« protestierte Franco. Und bei Tonbandaufnahmen ist alles auf dem Band. wandte Gigi sich wieder an die Kinder. wir finden einen. Während Momos Bericht war ihnen allen etwas bänglich zumut gewesen. »Eines steht jedenfalls fest«.

»Liebe Freunde«. fuhr er fort. um sie aufzuklären. eindrucksvolle Texte aus und malten sie darauf. »Ich stelle also fest«.) Und während die einen Transparente und Plakate und Umhängetafeln fabrizierten. Beppo und Momo an der Spitze. Gigi.« Er machte eine Pause und blickte langsam im ganzen Rund umher. meinte Paolo schließlich. (Wie und woher. und dann zogen sie mit ihren Tafeln und Transparenten im langen Gänsemarsch in die Stadt. Und wir werden die ganze Stadt hierher zu uns ins alte Amphitheater einladen. meine Freunde. stellten sich die Kinder im Amphitheater auf. Es wird eine ungeheure Aufregung unter den Leuten geben ! Tausende und Abertausende werden herbeiströmen ! Und wenn sich hier eine unübersehbare Menschenmenge versammelt hat.dann wird sich die Welt mit einem Schlag ändern! Man wird niemand mehr die Zeit stehlen können. »liegt darin. So viele Zuhörer hatte er schon lange nicht mehr gehabt. und was sonst noch alles nötig war. die gut schreiben konnten. wenn wir nur wollen. »ich habe mir die ganze Angelegenheit gründlich überlegt. die zum Beispiel folgendes mitteilten: Und auf allen stand außerdem Ort und Datum der Einladung. können wir.an die Arbeit!« Diesen und die folgenden Tage herrschte heimlicher. die ganze Stadt für den nächsten Sonntagnachmittag ins alte Amphitheater einzuladen. wir alle gemeinsam schaffen.« Nun erhob sich Gigi Fremdenführer. Und das. verstanden? Und nun. das Gigi eigens für diesen Anlaß gedichtet hatte: . daß alle Leute die Wahrheit über sie erfahren. ehe die Zeit-Diebe etwas von unserer Verschwörung merken. ich will euch nun sagen. wie er nur haben will. Papier und Töpfe voll Farbe und Pinsel und Leim und Bretter und Pappe und Latten. wurde herbeigeschafft. dachten sich die anderen. wollen wir lieber nicht fragen. Freunde . Und wie werden wir das machen? Wir werden eine große Kinder-Demonstration veranstalten ! Wir werden Plakate und Transparente malen und damit durch alle Straßen ziehen. wie ihr nun wißt. denn von nun an ist ja wieder genug da. »wir haben einstimmig den Beschluß gefaßt. Als schließlich alles fertig war. was wir tun werden. begann er.»Aber irgendwas müssen wir doch tun«. Also ist das einfachste und wirkungsvollste Mittel. Ich habe Hunderte von Plänen entwickelt und wieder verworfen. daß sie unerkannt und im geheimen arbeiten können. Mehr als fünfzig Kindergesichter waren ihm zugewandt. Wollen wir?« Ein vielstimmiger Jubelschrei war die Antwort. ob einer von euch vielleicht einen besseren Plan hat. um sie unschädlich zu machen. der mit Sicherheit zum Ziel führen wird. »Die Macht dieser grauen Herren«. bis ich schließlich einen gefunden habe. schloß Gigi seine Rede. Es waren Aufrufe. Wir werden die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf uns lenken. Wenn ihr alle mitmacht ! Ich wollte nur zuerst hören. Dazu machten sie Lärm mit Blechdeckeln und Pfeifchen. aber fieberhafter Hochbetrieb in der Ruine. riefen Sprechchöre und sangen folgendes Lied. Aber bis dahin muß strengstes Stillschweigen über unseren Plan bewahrt werden. Also. Jeder wird so viel davon haben. dann werden wir das schreckliche Geheimnis aufdecken ! Und dann . »Und zwar möglichst schnell.

Sie sammelten sich an anderen Stellen wieder neu und fingen von vorn an. Sie war vorüber. Gerade . und graue Herren konnten sie. dann seid ihr frei!«Das Lied hatte natürlich noch mehr Strophen. achtundzwanzig insgesamt. NEUNTES KAPITEL Eine gute Versammlung. und laßt euch sagen: Fünf vor zwölf hat es geschlagen. und laßt euch sagen: Laßt euch nicht mehr länger plagen ! Kommt am Sonntag so um drei.»Hört. und keiner der Eingeladenen war gekommen. hört uns zu. die den Umzug sahen und bisher noch nichts von der ganzen Sache gewußt hatten. und eine schlimme Versammlung. Überall in der großen Stadt zogen nun Kinder in langen Prozessionen durch die Straßen und luden die Erwachsenen zu der wichtigen Versammlung ein. die nicht stattfindet. wenn sie den Straßenverkehr behinderten. denn man stiehlt euch eure Zeit. Aber viele andere Kinder. ihr Leut. nirgends entdecken. die die Welt verändern sollte. schlössen sich an und gingen mit. Drum wacht auf und seid gescheit. Sonst passierte ihnen nichts. ihr Leut. die stattfindet Die große Stunde war vorüber. bis es viele hundert und schließlich sogar tausend waren. trotz angestrengtester Aufmerksamkeit. Aber die Kinder ließen sich dadurch keineswegs entmutigen. aber die brauchen wir hier nicht alle aufzuführen. Hört. Ein paar Mal griff die Polizei ein und trieb die Kinder auseinander.

« Dann ging auch er. Gigi pfiff leise ein melancholisches Lied vor sich hin. und Momo hörte ihm zu. mir ist es gar nicht recht. Gute Nacht. Und schließlich. auf Wiedersehen bis morgen. das hast du doch noch nie gemußt!« »Nein.« Er schwang sich auf sein quietschendes Fahrrad und verschwand in der Dunkelheit. »daß unser Plan nicht so gelungen ist. Momo. »ich war' froh gewesen.diejenigen Erwachsenen. das haben wir ja jetzt gesehen.« Und er ging. gaben auch die letzten Kinder die Hoffnung auf und zogen ab. Nun war also alles umsonst gewesen. bald wurde es dunkel werden. »Heute ist ja Sonntag. »Ich muß ja auch weg!« sagte er. aber jetzt will ich überhaupt nichts mehr mit ihnen zu tun haben. wenn du heute hier geblieben wärst. andere schlössen sich ihnen an. Er konnte sehr schön pfeifen. und ihm folgten andere. als es schon dunkel wurde. hatten von den Umzügen der Kinder kaum etwas bemerkt. Alle saßen still und traurig da.« »Aber es ist doch Sonntag! Und überhaupt. »Also. Personalmangel und so. daß die Sache ganz und gar mißlungen war. Ihre Strahlen streiften nur noch die obersten Stufen des alten Amphitheaters. Aber plötzlich brach er die Melodie ab. Weil sie sonst nicht fertig werden. Momo blieb mit Beppo und Gigi allein.« »]a. Da muß ich jetzt hin. Ich hatte mir auch was anderes vorgestellt.« Momo schaute ihn groß an und sagte nichts. meinte Momo. Ausnahmsweise. Die ersten Kinder standen auf und gingen schweigend fort. »ich hab' Sonderdienst. sagen sie. sie haben uns ausnahmsweise zum Müll-Abladen eingeteilt. daß das mein neuester Beruf ist? Ich hatt's beinah vergessen. Die Kinder begannen zu frösteln. Kein Stimmengewirr und kein fröhlicher Lärm war mehr zu hören. Ich war ja immer schon mißtrauisch gegen sie.« »Schade«. Mit den Erwachsenen brauchen wir nicht mehr zu rechnen. daß ich jetzt weg muß«. »Ich muß«. Aber . Jetzt kommt keiner mehr. Nach einer Weile stand auch der alte Straßenkehrer auf.« »In der Nacht?« »Ja. sagte Beppo. Momo. Die Schatten verlängerten sich rasch. denn es wurde kühl. Die Enttäuschung war zu groß. Eine Kirchturmuhr in der Ferne schlug achtmal. »Sei nicht traurig«. aber jetzt haben sie uns dazu eingeteilt. zu warten. fuhr Gigi fort. Die Sonne neigte sich schon tief dem Horizont zu und stand groß und rot in einem purpurnen Wolkenmeer. Schließlich kam Paolo zu Momo und sagte: »Es hat keinen Zweck mehr. Niemand sagte ein Wort. Jetzt gab es keinen Zweifel mehr. antwortete Beppo. wie wir dachten. in dem seit Stunden Hunderte von Kindern saßen und warteten. Dann kam Franco zu ihr und sagte: »Da kann man nichts machen. da muß ich ja Nachtwächter spielen ! Hab' ich dir schon erzählt. die es am meisten anging. »Gehst du auch?« fragte Momo.

ich bin sowieso schon zu spät dran. um entladen zu werden. »Eilt euch. Momo. Ich ruhe mich nur noch einen Augenblick aus. Gigi stand auf. Aber dann bemerkte er bald.Da Beppo ja schon alt und sowieso nicht gerade von sehr kräftiger Statur war. das war ihm klar. Wie lange er so geschlafen hatte. Auf dem ganzen riesigen Müll-Gebirge standen graue Herren in feiner Anzügen. So blieb Momo ganz allein in dem großen steinernen Rund sitzen. bleigraue Aktentaschen in den Händen und kleine graue Zigarren zwischen den Lippen. desto mehr hatten sich schon wieder an die Reihe angeschlossen. fuhr er ihr tröstend durch die Haare und fügte hinzu : »Nimm's doch nicht so schwer. nach und nach in die riesigen Verbrennungsöfen zu wandern. antwortete Beppo. Bis spät in die Nacht hinein half der alte Beppo. »gute Nacht!« Und sie fuhren weg. Blechbüchsen. »Los. sein melancholisches Lied pfeifend. ohne daß er darüber nachdenken mußte. sagte Beppo und drückte die Hand auf sein Herz. Wir denken uns einfach was Neues aus. davon. Dann öffnete sich eine Gasse in der Menge. Hier durfte er nicht sein. den Müll von den Lastwagen zu schaufeln. die in langer Reihe und mit leuchtenden Scheinwerfern standen. »Der Agent BLW/553/c möge vor das Hochgericht treten !« erscholl in die Stille hinein die Stimme des Herren. zu Atem zu kommen. Nur die Ratten raschelten da und dort im Müll und pfiffen manchmal. »fahrt nur schon los. und er war von einer eigentümlichen Kälte. Er war nicht stark. Gegen Mitternacht endlich war es vorüber. Kommst du mit?« »Einen Augenblick«. Es wurde still.« »Also dann«. die sich sonst in nichts von den Übrigen unterschieden. bis ihm das Hemd am Leibe klebte. als ihn plötzlich ein kalter Windstoß weckte. Und je mehr abgefertigt waren. eine neue Geschichte. Im ersten Augenblick durchfuhr Beppo Angst. rief en die anderen. Plastikresten. Scherben. einverstanden? Ich muß jetzt los. Es war sozusagen ein aschengrauer Wind. Vielleicht sahen sie ihn überhaupt nicht. daß die grauen Herren wie gebannt zu dem Richtertisch hinaufblickten. Alter?« fragte ein anderer.« Und er ging. Der Ruf wurde weiter unten wiederholt und erklang wie ein zweites Echo nochmals weit entfernt. Beppo«. wo eine Art Richtertisch aufgebaut war. der oben am Tisch in der Mitte saß. runde steife Hüte auf den Köpfen. das weh tat. den Kopf in seine Arme gestützt. ja?« »Das war keine Geschichte«. los! Sonst werden wir nie fertig!« Beppo hatte geschaufelt und geschaufelt. Pappschachteln und all den anderen Sachen.« Da Momo beharrlich schwieg. Die Nacht war sternenlos. zerlöcherten Plastikwanne und versuchte. Es war ein richtiges Gebirge aus Asche. saß er nun erschöpft auf einer umgekehrten. »Ich versteh' schon. Der Himmel hatte sich mit Wolken bedeckt. Er blickte auf und war mit einem Schlag hellwach. Beppo schlief ein. und ein grauer Herr stieg langsam die . Weit draußen vor der großen Stadt erhoben sich die gewaltigen Müllhalden.eigentlich hat es doch Spaß gemacht! Es war großartig. »Ist schon in Ordnung«. aber wir reden morgen weiter darüber. hinter dem drei Herren saßen. rief einer seiner Kollegen. wußte er nicht. Morgen sieht alles schon wieder ganz anders aus. Leute!« hieß es ständig. Und du solltest dich jetzt schlafen legen. die in der großen Stadt jeden Tag weggeworfen wurden und die hier darauf warteten. Jedenfalls beschloß Beppo. zusammen mit seinen Kollegen.trotzdem . sagte Momo leise. »Ist dir nicht gut. »He. Er fürchtete. oder vielleicht hielten sie ihn einfach für irgendeine weggeworfene Sache. sich mucksmäuschenstill zu verhalten. aber unablässig. alten Matratzen. Ein seltsamer Wind erhob sich. entdeckt zu werden. »wir fahren jetzt heim. Sie alle schwiegen und blickten unverwandt zur höchsten Stelle der Müllhalde.

Eine hilflose Kinderei. »Und warum haben Sie somit gegen unser strengstes Gesetz verstoßen ?« forschte der Richter. gab der Agent zur Antwort.achtzehn Sekunden. . »Sie befinden sich«. keuchte der. Angeklagter?« . . was ihn von allen anderen deutlich unterschied. so wäre die Menschheit längst ganz in unserer Gewalt. nicht mehr ! Und außerdem bitte ich das Gericht. war. antwortete der Agent BLW/553/c zerschmettert. ich bin sicher. »Wie erklären Sie sich«.in diesem Augenblick genau . Ich habe in der besten Absicht für die ZeitSpar-Kasse gehandelt. »in seiner Wirkung auf andere Menschen unserer Arbeit ungemein im Wege ist. zweiunddreißig Minuten und . ich wiederhole. Wenn es sie nicht gäbe. Nach meiner Ansicht hätten wir die Versammlung sogar stattfinden lassen sollen. Das einzige. um sie über uns aufzuklären?« »Es ist mir bekannt«. gab der Angeklagte kleinlaut zu. acht Stunden. «Sie sind Agent BLW/553/c?« fragte der in der Mitte. Angeklagter?« »Sehr wohl. antwortete der Agent.Müllhalde hinauf. Sie wissen genau. die ganze Stadt zu sich einzuladen.« »Angeklagter !« unterbrach ihn der Herr in der Mitte scharf. »nicht vor einem Menschengericht. sagte der Richter.« »Ihre Absichten interessieren uns nicht«. wer dieser eine von uns war?« »Ich war es«. Aber selbst wenn uns das nicht gelungen wäre. Aber auch Sie selbst. um dadurch . Ist Ihnen dies Gesetz bekannt gewesen. »Aber wenn ich mir hierzu eine Bemerkung erlauben darf. »Wie ernst oder nicht das Unternehmen der Kinder zu nehmen ist«. Daher lautet eines unserer strengsten Gesetze: Kinder kommen erst zuletzt an die Reihe. gab der Richter eisig zurück. Endlich stand er vor dem Richtertisch. fuhr der Richter fort. indem wir den Leuten einfach keine Zeit dazu ließen. wissen sehr gut. stammelte der Angeklagte. daß es uns ganz mühelos gelungen ist. die heute überall Tafeln und Plakate herumgetragen haben und die sogar den ungeheuerlichen Plan hatten. drei Monaten. »daß einer von uns. zu bedenken. Warum versuchen Sie es trotzdem?« »Es ist Berufsgewohnheit«. wo Sie sich befinden?« Der Agent knickte ein wenig zusammen. Hohes Gericht«. daß nichts und niemand unserer Arbeit so gefährlich ist wie gerade die Kinder. sechs Tagen. konnte der alte Beppo seltsamerweise jedes Wort verstehen. »Kinder«. Kinder lassen sich sehr viel schwerer zum Zeit-Sparen bringen als alle anderen Menschen. »daß es eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Kindern in dieser Stadt gibt. Angeklagter. »sind unsere natürlichen Feinde. erklärte der Richter. »daß diese Kinder überhaupt über uns und unsere Tätigkeit Bescheid wissen?«»Ich kann es mir auch nicht erklären«. sondern vor Ihresgleichen. »Dennoch haben wir untrügliche Beweise dafür«. die geplante Versammlung zu vereiteln. Sparen Sie sich solche überflüssigen Bemerkungen! Wann sind Sie entstanden?« »Vor elf Jahren. »Weil dieses Kind«. versetzte der Richter. daß Sie uns nicht anlügen können.« »Seit wann arbeiten Sie für die Zeit-Spar-Kasse?« »Seit meiner Entstehung. Angeklagter. als sie ist. Und das Ergebnis in Ihrem Fall. verteidigte sich der Angeklagte. »Uns interessiert ausschließlich das Ergebnis. »Jawohl«. »Jawohl.« »Ich weiß es«. Angeklagter. daß das Grau seines Gesichtes fast weiß war. war nicht nur keinerlei Zeitgewinn für uns. sondern obendrein haben Sie diesem Kind auch noch einige unserer wichtigsten Geheimnisse verraten. so möchte ich dem Hohen Gericht nahelegen.« Obwohl diese Unterhaltung leise geführt wurde und überdies weit entfernt stattfand. einer von uns mit einem Kind gesprochen und ihm obendrein noch die Wahrheit über uns verraten haben muß. wissen Sie vielleicht. Gestehen Sie das ein. fuhr der Herr in der Mitte mit seiner Befragung fort. die Kinder hatten den Leuten nichts als irgendeine kindliche Räubergeschichte mitzuteilen gewußt. hauchte er. fragte der Richter unerbittlich weiter. »Ist Ihnen bekannt«. »Ist Ihnen bewußt.« »Das versteht sich von selbst. »das überlassen Sie gefälligst dem Urteil des Vorstandes. diese ganze Angelegenheit doch nicht ernster zu nehmen.

Unser Gesetz schreibt vor. Beppo Straßenkehrer saß noch immer reglos auf seinem Platz und starrte auf die Stelle. »Und wie lautet das Urteil?« flüsterte er. Ihre schwarzen klugen Augen glänzten so freundlich. Ganz zuletzt war es. als ob der Wind noch ein paar Aschenflöckchen im Kreis herumwirbelte. als sei er zu Eis gefroren und taue nun langsam wieder auf. denn es war ja sehr dunkel. Dafür werden wir mit allen Mitteln sorgen. Und so hatte sie sich bis jetzt noch nicht entschließen können. Mag Ihnen das zum Trost gereichen. jedenfalls bildeten sich nun plötzlich auf dem Rückenpanzer der Schildkröte schwach leuchtende Buchstaben.« »Ihre Entschuldigungen interessieren uns nicht.»Ich gestehe es ein«. es war so. aber ich schwöre. die zugesehen und die zu Gericht gesessen hatten. und erkannte eine große Schildkröte. »Sie bekennen sich also schuldig?« . die neben ihm standen. »Jawohl. daß es die grauen Herren gab. Immerhin werden wir uns dieses merkwürdigen Kindes ein wenig annehmen. Unser Gesetz ist unverbrüchlich und duldet keinerlei Ausnahme.« »Gnade! Gnade!« schrie der Angeklagte auf.« »Knabe oder Mädchen?«»Ein kleines Mädchen. wenn wir nun unverzüglich zur Vollstreckung des Urteils schreiten. Sie beugte sich hinunter. wer bist du denn?« fragte sie leise.« Der Angeklagte begann zu zittern. Sie hätte nicht sagen können. »Nett von dir. ob sie es zuerst nur nicht wahrgenommen hatte.« »Wohnhaft?« »In der Ruine des Amphitheaters. versetzte der Richter. Sie wartete. und nur noch der graue Wind wehte über die öde Halde. Jetzt wußte er aus eigener Anschauung. Etwa zur gleichen Stunde . wie dieses Kind mir zuhörte. als ob sie noch warten solle.die Turmuhr in der Ferne hatte Mitternacht geschlagen . Momo beugte sich vollends zu ihr hinunter und krabbelte sie mit dem Finger unter dem Kinn. wie etwas sie leise an ihrem nackten Fuß berührte. »Sie können versichert sein. der alles in sein kleines Notizbüchlein geschrieben hatte. Und nun geschah etwas Sonderbares.« »Gut«. Aber schon hatten ihm zwei andere graue Herren. So stand er da. die ihr mit erhobenem Kopf und seltsam lächelndem Mund mitten ins Gesicht blickte. hielt sich die Hände vors Gesicht und löste sich buchstäblich in Nichts auf. dann waren auch diese verschwunden. Er hat seine Schuld selbst eingestanden. »Ja. Ich kann es mir selbst nicht erklären. flüsterten sich etwas zu und nickten. die bleigraue Aktentasche und die kleine Zigarre entrissen. Wie heißt es?« »Momo. daß ihm zur Strafe unverzüglich jegliche Zeit entzogen wird. begann er rasch immer durchsichtiger und durchsichtiger zu werden. wo der Verurteilte die Zigarre nicht mehr hatte. daß dieses Kind uns nicht noch einmal schaden wird. Dann wandte sich der in der Mitte wieder dem Angeklagten zu und verkündete: »Das Urteil über Agent BLW/553/c lautet einstimmig: Der Angeklagte wird des Hochverrats für schuldig befunden. Durch die Art. Im selben Augenblick.saß die kleine Momo noch immer auf den Steinstufen der Ruine. doch auch den mildernden Umstand anzuerkennen. lockte es alles aus mir heraus. Mildernde Umstände lassen wir nicht gelten. worauf. Was willst du denn von mir ?« Momo wußte nicht. Angeklagter. daß ich regelrecht verhext worden bin. Plötzlich fühlte sie. Die Dunkelheit verschlang sie. hauchte der Agent mit gesenktem Kopf. wo der Angeklagte verschwunden war. schlafen zu gehen. wie es dazu gekommen ist. aber ich bitte das Hohe Gericht. oder ob es tatsächlich in diesem Augenblick erst sichtbar wurde. »Meinst du mich?« . die sich aus den Mustern der Hornplatten zu formen schienen. Aber irgendwie war ihr. Schildkröte. Ihm war. daß wenigstens du mich besuchen kommst. Erstaunt setzte sie sich auf. Schweigend entfernten sich alle grauen Herren. »KOMM MIT!« entzifferte Momo langsam. als ob sie gleich zu sprechen anfangen wollte. Die drei Herren hinter dem Richtertisch beugten sich zueinander. Auch sein Geschrei wurde dünner und leiser.

Beppo trat in die Pedale. Immer wieder klangen ihm die Worte des grauen Richters im Ohr: ».« »Das gefällt mir ganz und gar nicht«. . »Sie meint wirklich mich!« sagte Momo zu sich selbst. Nach einigen Schritten hielt sie inné und schaute sich nach dem Kind um. Sie können versichert sein. »Falls sie tatsächlich von dem Betreffenden gewarnt worden ist«. sehr langsam aus dem steinernen Rund herausführte und dann die Richtung auf die große Stadt einschlug. Die ganze Ruine war grell erleuchtet von den Scheinwerfern vieler eleganter grauer Autos. . Dutzende von grauen Herren eilten die grasbewachsenen Stufen hinauf und hinunter und durchsuchten jeden Schlupfwinkel.. anstatt ordentlich in ihren Betten zu liegen. Momo war in größter Gefahr! Er mußte sofort zu ihr. »Der Vogel ist ausgeflogen«. »Ich folge dir. klopften sich die feinen grauen Anzüge ab und zuckten die Schultern. Aber das würde er schon herausfinden. »Es ist empörend«. so sehr er konnte. als hätte sie jemand rechtzeitig gewarnt. »Der Betreffende hätte ja schon früher als wir von unserem Beschluß wissen müssen!« Die grauen Herren blickten einander alarmiert an. Einige von ihnen kletterten hinein und guckten unter das Bett und sogar in den gemauerten Ofen. die sie von allen Seiten umstellt hatten. Der Weg bis zum Amphitheater war noch weit. mußte sie vor den Grauen warnen. « Kein Zweifel. Sein weißer Haarschopf flatterte. Er eilte sich. Dann kamen sie wieder heraus. »daß Kinder in der Nacht herumstrolchen. daß es uns nicht noch einmal schaden wird . hinter dem Momos Zimmer lag. Dann stand sie auf und eine hinter dem Tier her. die sie langsam. »Geh nur!« sagte sie leise. .«»Undenkbar!« sagte der erste. Schließlich entdeckten sie auch das Loch in der Mauer. gab .. . meinte ein anderer. Wir werden uns dieses merkwürdigen Kindes annehmen . ZEHNTES KAPITEL Eine wilde Verfolgung und eine geruhsame Flucht Der alte Beppo radelte auf seinem quietschenden Fahrrad durch die Nacht. mußte sie vor ihnen beschützen -obwohl er nicht wußte wie. dafür werden wir mit allen Mitteln sorgen . Angeklagter.. erklärte ein dritter.« Und Schrittchen für Schrittchen ging sie hinter der Schildkröte her. »Das sieht fast so aus.Aber die Schildkröte hatte sich bereits in Bewegung gesetzt.. sagte einer.

Auf den Fahrbahnen drängten sich die Autos.« In dieser Nacht wunderten sich viele Leute in der Gegend.« »Die Zentrale wird uns als erstes fragen. dann machen wir damit einen großen Fehler. ob wir die Umgebung auch tatsächlich gründlich abgesucht haben.« »Haben Sie einen besseren Vorschlag?« »Nach meiner Ansicht müßten wir sofort die Zentrale benachrichtigen. Aber wenn das Mädchen inzwischen von dem Betreffenden Hilfe bekommen hat. und das mit Recht. die ständig überfüllt waren. dazwischen dröhnten riesige Omnibusse. Mit zitternden Fingern entzündete er ein Streichholz und schaute sich um.der dritte zu bedenken. kein Auto mußte ihretwegen bremsen. stolperte und verstauchte sich den Fuß. Passanten umdrängten sie. die Autos rasten hinter ihnen und vor ihnen vorüber. So mußten sie sich niemals eilen und niemals anhalten. Das Kind hat nicht die geringste Chance. Dann werden sich sämtliche verfügbaren Agenten an der Jagd beteiligen. Rastlos jagten und hasteten die Menschen in riesigen Massen durcheinander. entdeckte er. noch ehe er abgestiegen war. Und Momo war nicht da. damit diese den Befehl zum Großeinsatz gibt. selbst zu dieser späten Nachtzeit nicht. ging wie im Traum und mit großen Augen immer hinter der Schildkröte her. im schwachen Schein seiner Fahrradlampe die vielen Reifenspuren rund um die Ruine. Beppo biß sich auf die Lippen und unterdrückte ein heiseres Aufschluchzen. rempelten sich an. Er ließ sein Rad ins Gras fallen und lief zu dem Loch in der Mauer. wo in welchem Augenblick gerade kein Auto fahren. . Und nun . Als Beppo Straßenkehrer endlich beim alten Amphitheater ankam. Momo. Selbst die kleinsten Seitenstraßen und holperigsten Kieswege waren bis zum Morgengrauen von einem Getöse erfüllt wie sonst nur die großen Hauptverkehrsstraßen. »Momo!« raunte er zuerst und dann noch einmal lauter: »Momo!« Keine Antwort. schoben sich gegenseitig ungeduldig beiseite. von der Schildkröte geführt. uns zu entkommen. kein Fußgänger gehen würde. Wir würden gerade durch weiteres Suchen hier nur unnütz Zeit verlieren. wie man so langsam gehen und doch so schnell vorankommen konnte. um zu warten. wurden niemals angestoßen. aber niemand beachtete das Kind mit der Schildkröte. Man konnte kein Auge zutun. übergössen das Gewühl mit ihrem bunten Licht und erloschen wieder. Und Momo begann sich zu wundern. als wisse die Schildkröte mit völliger Sicherheit vorher. Es war. was auf dem Spiel steht. »durchsuchen wir zunächst die Umgebung.« »Lächerlich!« fuhr ihn der andere böse an. langsam durch die große Stadt. Die beiden mußten auch niemals jemand ausweichen. sagte der erste graue Herr. die jetzt niemals mehr schlief. »In diesem Fall kann die Zentrale immer noch Großeinsatz anordnen. Er kletterte durch das Loch in den stockdunklen Raum hinunter. warum der Lärm der vorbeirasenden Autos überhaupt nicht mehr verstummen wollte. Beppo schluckte. die Decken und die Matratze waren aus dem Bett gerissen.Zur nämlichen Stunde wanderte die kleine Momo. »dann ist sie sicherlich nicht mehr hier in der Gegend. meine Herren! Sie wissen. Sie überquerten weite Plätze und hellerleuchtete Straßen. . An den Häuserfassaden flammten die Leuchtreklamen auf. die alles das noch nie gesehen hatte. das ihm für einen Augenblick die Brust zerreißen wollte.an die Arbeit. seine Kehle war trocken.Das Tischchen und die beiden Stühle aus Kistenholz waren umgestoßen.« »Also gut«. oder trotteten hintereinander her in endlosen Kolonnen.

schloß er seinen Bericht. wir müssen ihr helfen ! Aber wie ? Aber wie?« Während Beppos Worten war langsam alle Farbe aus Gigis Gesicht gewichen. daß es nicht gutgehen würde. daß nicht wieder. bis jetzt haben wir vielleicht noch gar keinen Grund. uns solche Sorgen zu machen. begann er nach einer Weile. Was soll ich denn jetzt machen? Was mach' ich denn jetzt nur?« Dann verbrannte ihm das Streichholz die Finger. Zum ersten Mal in seinem Leben ging eine Geschichte ohne ihn weiter. und daß Momo nicht mehr da war. Dort sollte er aufpassen.« Und nun erzählte er alles. »letzt muß Gigi 'ran! Hoffentlich find' ich den Schuppen. indem er jeden Sonntag nachts im Werkzeugschuppen einer kleinen Autoausschlachterei schlief. »es könnte ja auch sein. Mein kleines Mädchen haben sie schon weggeholt.« stieß Beppo hervor. »Ich hab's von Anfang an geahnt«. »Weißt du. der nach Atem rang. was er erlebt hatte: vom Hochgericht auf der Müllhalde. wie früher schon öfter. Ich bin zu spät gekommen. Er hatte es so ernst genommen. daß Gigi sich seit kurzem ein paar zusätzliche Pfennige verdiente. daß es sich um die Autoteil-Diebe handeln sollte. So rasch er konnte. Beppo«. Das tut sie doch manchmal. »Momo ist irgendwas Schreckliches passiert!« »Was sagst du ?« fragte Gigi und setzte sich fassungslos auf seine Liegestatt. Gigi. daß er Momo gefunden hat? Vielleicht war sie schon vorher weg.»Mein Gott«. Ich meine. »Ich hab' gewußt. »Und die herausgerissene Matratze?« »Na ja«. bis er alles vorgebracht hatte. . er warf es weg und stand im Finstern.« »Momo! . von den Reifenspuren um die Ruine. machte sich selbständig. daß Momo einfach ein bißchen spazierengegangen ist. Aber dann erkannte er Beppos Stimme und machte auf. wie er jedes Spiel und jede Geschichte nahm . Er schwang sich hinauf und strampelte los. Als Beppo den Schuppen endlich erreicht hatte und mit der Faust gegen die Tür hämmerte. »Was ist denn los?« jammerte er erschrocken. Sie haben Momo entführt ! O Gott. Bis zu diesem Augenblick war alles für ihn ein großes Spiel gewesen.« Beppo wußte. . »Ich kann es nicht leiden. wenn man mich so brutal aus dem Schlaf reißt. »nehmen wir mal an. »o mein Gott. Wer sagt dir denn. Jetzt haben sie sich gerächt. murmelte er. Sonst wäre doch nicht alles durchgesucht und umgewühlt.ohne dabei je an Folgen zu denken.« »Und die Reifenspuren?« fragte Beppo aufgebracht. noch brauchbare Autoteile abhanden kamen. für den Fall. »Gigi muß 'ran !« sagte er immer wieder vor sich hin. denn trotz aller Angst und Sorge um Momo konnte er nun einmal nicht schneller reden. hielt Gigi sich zunächst mucksmäuschenstill. »was Schlimmes. wo er schläft. Einmal ist sie sogar schon drei Tage und Nächte im Land herumgestrolcht. und alle Phantasie der Welt konnte sie nicht rückgängig machen! Er fühlte sich wie gelähmt. Es dauerte natürlich eine Weile. als sei ihm plötzlich der Boden unter den Füßen weggezogen. es wäre wirklich irgendwer da gewesen. Ihm war. »Momo? Was ist denn geschehen?« »Ich weiß es selbst noch nicht«. sie haben sie schon weggeholt. gab Gigi ausweichend zur Antwort.« . kletterte er wieder ins Freie und humpelte auf seinem verstauchten Fuß zu seinem Fahrrad. keuchte Beppo.

Für den alten Mann war es heute ein bißchen viel gewesen. »Sei doch vernünftig!« rief Gigi entsetzt.« »Meinst du?« murmelte Beppo. schien sie nun auch genau vorauszuwissen. ehe wir was unternehmen. sie hätte vermutlich noch viel mehr Angst gehabt. »Ich geh' zur Polizei!« stieß er hervor. seine Jacke als Kissen unter den Kopf geschoben. Sämtliche Agenten in der großen Stadt hatten Anweisung erhalten. meinte Gigi. Aber wahrscheinlich ist bis dahin alles längst wieder in Ordnung. Aber sie begegneten . »Wird schon wieder werden«. »das will ich nicht. Wir wissen ja noch nicht mal. denn ein wenig bang war ihr schon. »was dann?« Er packte den jüngeren Freund an den Jackenaufschlägen und schüttelte ihn. »wird alles wieder werden. »Du. wann und wo die Verfolger auftauchen wurden.« Als er sah. die Autobusse und die Straßenbahnen . »Das kannst du doch nicht machen ! Nimm mal an. sagte Momo. können wir ja zur Polizei gehen. Er half ihm auf das Lager hinüber und packte den Fuß in ein nasses Tuch. was die dann mit ihr machen? Weißt du das. Hätte Momo gewußt. Beppo«. murmelte Beppo und starrte ratlos vor sich hin. Aber davon ahnte sie nichts. den die Schildkröte sie führte.« »Ich finde«. »Natürlich werden wir etwas unternehmen. Beppo? Weißt du. Schildkröte«. wo streunende elternlose Kinder hinkommen? In so ein Heim stecken sie sie. durch Unterführungen. Aus der Zentrale der Zeit-Spar-Kasse war der Befehl zum Großeinsatz gegeben worden. stotterte Gigi erschrocken. Aber das muß gut überlegt sein. wo wir Momo überhaupt suchen sollen. stöhnte er.»Wenn sie sie aber doch gefunden haben?« schrie Beppo. und zwar sofort!« »Beruhige dich doch. daß ein ganzes Heer von grauen Herren sie verfolgte und suchte. »Hab' ich auch nicht«. Manchmal kamen die grauen Herren schon einen Augenblick später an einer Stelle vorüber. Die ganze Nacht mußte er an die grauen Herren denken. fragte Momo. wo Gitter an den Fenstern sind ! Das willst du unserer Momo antun?« »Nein«. jede andere Tätigkeit zu unterbrechen und sich ausschließlich mit der Suche nach dem Mädchen Momo zu beschäftigen. Ich möchte nicht in deiner Haut stecken. was ich machen soll«. Sie waren schon durch Gärten gelaufen. wenn sie's nicht ist«. den auf einmal eine steinerne Müdigkeit übermannte. sie waren überall. Toreinfahrten und Hausflure. »Ich weiß einfach nicht. seufzte er und legte sich selbst auf den Fußboden. sie saßen auf den Dächern und in den Kanalisationsschächten. »Aber sicher«.In allen Straßen wimmelte es von den grauen Gestalten . antwortete Gigi und zog Beppo den Schuh von dem verstauchten Fuß. »wir sollten auf jeden Fall bis morgen oder übermorgen warten. ja. »KEINE ANGST!« stand auf dem Rücken der Schildkröte.« Beppo ließ Gigi los. die gehen los und finden unsere Momo wirklich. um sich Mut zu machen. Aber das Mädchen Momo fanden sie nicht. und wir lachen alle drei über den ganzen Unsinn. nachdem sie es entziffert hatte. wurde immer sonderbarer und verschlungener. Aber sie sagte es mehr zu sich selbst. an der die beiden eben gewesen waren.kurzum. Aber schlafen konnte er nicht. »wenn sie vielleicht wirklich nur ein bißchen herumstrolcht und du hetzt ihr die Polizei auf den Hals. »wo führst du mich eigentlich hin?« Die beiden wanderten eben durch einen dunklen Hinterhof. daß Beppo schon eingeschlafen war. wenn sie dich dann zum letzten Mal anschaut. »Gigi.« Beppo sank auf einen Stuhl am Tisch nieder und legte das Gesicht auf die Arme. fuhr Gigi fort. über Brücken. So wie die Schildkröte vorher ihren Weg durch den Straßenverkehr gefunden hatte. Und zum ersten Mal in seinem bisher so unbekümmerten Leben überfiel ihn Angst. sie kontrollierten unauffällig die Bahnhöfe und den Flugplatz. einigemale sogar schon durch Keller. »ich weiß es einfach nicht. und deshalb folgte sie geduldig und Schritt für Schritt der Schildkröte auf ihrem scheinbar so verworrenen Weg. Der Weg. sagte er sanft. Wenn sie dann immer noch nicht zurück ist. sei kein Narr! Die grauen Herren sind Wirklichkeit! Wir müssen irgendwas tun. Weißt du. Aber wenn sie doch vielleicht in Not ist?« »Aber stell dir vor. Und das war gut.

nicht nur von Menschen. sprangen sie fluchend aus den Wagen und versuchten. daß ich schon so gut lesen kann«. dort wo Nacht war. »Ein Glück. als sie in diese Straße eingebogen waren. Hier war es nicht mehr Nacht. In geringer Entfernung gingen drei dunkle Gestalten vorüber. um bewohnt zu werden. Aber auch die Häuser waren anders als alle. Denn die langen schwarzen Schatten. das die Konturen aller Dinge unnatürlich scharf und klar hervorhob und doch von nirgendwo herzukommen schien oder vielmehr von überallher zugleich. Alles schien reglos und wie in Glas eingeschlossen. Nicht der kleinste Windhauch regte sich. jagten drei elegante Autos mit leuchtenden Scheinwerfern die zerlöcherte Straße entlang. Hinter den Fenstern lagen schwarze Schatten.« »Eine solche Gegend gibt es nicht«. aber dieses seltsame Licht war so plötzlich gekommen. der im vordersten Wagen saß. sondern um einem anderen. die Momo je gesehen hatte. Hier war alles dunkel und menschenleer. etwa so. aber sie befolgte die Anweisung. Momo. in denen das Wasser stand. dieses Haus von rechts und das Denkmal da drüben von vorn beleuchtet. ob dort überhaupt jemand wohnte. »Offenbar doch. Die Autos kamen plötzlich nicht mehr vom Fleck. als sie in die Straße mit den weißen Häusern eingebogen war.« »Was?« schrie die Zentrale. »Verfolgung aufnehmen! Ihr müßt sie fassen. Vögeln und Autos. die Räder jaulten. Irgendwas stimmt da nicht. . »habt ihr sie fest?« »Nein. sagte Momo ahnungslos. hatte Momo entdeckt. Sie waren von einem fast blendenden Weiß. war die Antwort. Und je mehr sie beschleunigten. Auf einem großen würfelförmigen Sockel aus schwarzem Stein stand ein riesengroßes weißes Ei. aber die Autos liefen am Ort. wie schnell sie hier vorankamen. das mit gleicher Geschwindigkeit in entgegengesetzter Richtung lief. so daß man nicht sehen konnte. an denen der Verputz abbröckelte. in dem sie jetzt waren. geschah etwas höchst Unbegreifliches. Einer. Und das Kind bewegte sich auf diesen Rand zu. es sei die Morgendämmerung. als würde jener Baum dort von links. Zuerst dachte Momo. Die Häuser des Stadtteils. desto weniger kamen sie vorwärts. Als sie jedoch diese Ecke erreicht hatten. Es war ein Licht. In die Zentrale der Zeit-Spar-Kasse kam die Nachricht. Es handelt sich um eine Gegend der Stadt. um jeden Preis! Habt ihr verstanden?« »Verstanden!« kam die aschengraue Antwort. Diese Straßen waren vollkommen leer. wurden immer grauer und schäbiger. Und diese Dämmerung glich weder der des Morgens noch der des Abends. daß diese Häuser gar nicht gebaut waren.« »Wo befand sie sich. In jedem saßen mehrere graue Herren. die sogar die kleinsten Steinchen auf der Straße warfen. »Gut«. geheimnisvollen Zweck zu dienen. liefen in ganz verschiedene Richtungen. sondern auch von Hunden. aber es war auch nicht Tag. stellte die Zentrale fest. Als die grauen Herren das merkten. »findest du nicht?« Auf dem Rückenpanzer der Schildkröte blinkte wie ein Warnlicht die Schrift: »STILL!« Momo verstand nicht warum. wo das seltsame Licht anfing. Es ist-wie soll man sagen?-als ob diese Gegend ganz am Rande der Zeit liegt. obgleich die Schildkröte eher noch langsamer ging als bisher. Aber irgendwie hatte Momo das Gefühl. die uns völlig unbekannt ist.ihnen niemals. die sie weit in der Ferne gerade noch erkennen konnten. Wir haben ihre Spur wieder verloren. sie war plötzlich wie vom Erdboden verschluckt. Das war alles. Momo wunderte sich. Die Fahrer traten aufs Gas. genaugenommen in dem Augenblick. als ihr sie gesehen habt?« »Das ist es ja gerade. daß das Mädchen Momo gesehen worden sei. als ob sie auf einem fahrenden Band stünden.« »Wie kann das sein?« »Das fragen wir uns selbst. Übrigens sah das Denkmal selbst auch recht sonderbar aus. Hohe Mietskasernen. säumten die Straßen voller Löcher. Außerhalb dieses seltsamen Stadtteils.

Und das Ganze spielte sanft in allen Farben wie Perlmutter. voller Türmchen. kurz — sie lebte rückwärts! Schließlich stieß sie gegen etwas Festes. »Warte doch auf mich. belobigen wird man uns ganz bestimmt nicht. »die Frage ist nur. Es wurde von einem weißen Einhorn getragen. Diese Straße bot einen völlig anderen Anblick als alle vorigen. Sie drehte sich um und stand vor dem letzten Haus. sie empfand rückwärts. das seinen Abschluß bildete und quer zu den übrigen stand. schneeweißen Straßen und Plätze. Momo blickte zu dem Straßenschild hinauf. denn sie hatte über der Tür ein weiteres Schild entdeckt. das sich gleich über ihr an der Wand befand.« Alle beteiligten Herren ließen die Köpfe hängen und setzten sich auf Kühler und Stoßstangen ihrer Autos. Dieses Gäßchen lief auf ein einzelnes Haus zu. Es war aus weißem Marmor. oder gegen einen gewaltigen und doch unspürbaren Wind. aber sonderbarerweise konnte sie ihre eigene Stimme nicht hören. »hilf mir doch!« Langsam kam die Schildkröte zurück. der sie einfach zurückblies. als ob sie unter Wasser gegen einen mächtigen Strom angehen müsse.« »Sie meinen. die sie klein am anderen Ende der Gasse sitzen sah. das kunstvoll mit Figuren bedeckt war. man wird uns vor Gericht stellen?« »Na. Wiederum bog die Schildkröte um eine Ecke.und blieb überrascht stehen. und auf ihm stand in goldenen Lettern: NIEMALS-GASSE Momo hatte mit Schauen und Buchstabieren nur ein paar Augenblicke gesäumt. »Ob ich sie überhaupt aufkriege?« dachte Momo zweifelnd. »Ich komm' nicht dagegen an!« rief sie schließlich der Schildkröte zu. und als sie endlich erschöpft innehalten mußten. dachte sie zugleich auch rückwärts. als glitte die Straße unter ihnen dahin. zog sich an Mauervorsprüngen weiter und kroch manchmal auf allen vieren. Als sie schließlich vor Momo saß. Die Häuser. weil sie so langsam gingen. Sie erschrak ein wenig.zu Fuß einzuholen. In seiner Mitte befand sich ein großes grünes Tor. die sich links und rechts aneinanderdrängten. Und das Mädchen Momo war irgendwo in der Ferne zwischen den schneeweißen Häusern verschwunden. ob man uns das als mildernde Umstände für unser Versagen zugute halten wird. ging Momo hinter der Schildkröte her. meinte ein anderer. Momo wollte ihr folgen. waren sie im ganzen gerade zehn Meter weit vorangekommen. Sie rannten mit verzerrten Gesichtern. Aber es war höchst merkwürdig. war es. von Tang und Algen überhangen und mit Muscheln und Korallen bewachsen. Sie stemmte sich schräg gegen den rätselhaften Druck. Aber im selben Augenblick öffneten sich schon die beiden mächtigen Torflügel. weil die figurenbedeckte Tür aus grünem Metall von hier aus nun plötzlich ganz riesenhaft erschien. das die Straße quer abschloß. Schon weit. Momo folgte ihr .« »Ich auch nicht«.« »Ich begreife nicht«. »Aus!« sagte einer der Herren. sie atmete rückwärts. Sie drehte sich um und ging rückwärts. aber als sie nun in die NiemalsGasse hineinging. die undenkliche Zeiten auf dem Meeresgrund gestanden hatten und nun plötzlich aufgestiegen waren. dennoch war die Schildkröte nun schon weit voraus. denn sie blieb stehen und schaute sich um. sahen aus wie lauter zierliche Paläste aus Glas. ohne jede Schwierigkeit weiterzukommen. Schildkröte!« rief Momo. »warum wir nicht mehr vom Fleck gekommen sind. erschien auf ihrem Panzer der Rat: »RÜCKWÄRTS GEHEN!« Momo versuchte es. Erkerchen und Terrassen. Dagegen schien die Schildkröte sie gehört zu haben. antwortete der erste. was dabei mit ihr geschah. »aus und vorbei! Jetzt kriegen wir sie nicht mehr. fast am Ende der Gasse vor dem letzten Haus. als flögen die Gebäude vorüber. Es war eigentlich mehr ein enges Gäßchen. und auf ihm war zu lesen: DAS NIRGEND-HAUS . weit fort. Während sie nämlich so rückwärts ging. Und plötzlich gelang es ihr. war es ihr plötzlich. irgendwo im Gewirr der leeren. Momo blieb noch einen Moment lang stehen. Und gerade. Sie hatten es nicht mehr eilig.

daß Momo gebückt durchkommen konnte. aber unabänderlichen Tatsachen bekannt zu machen. daß größte Gefahr vorhanden war. »unsere Lage ist ernst. begann er. schlössen die anderen daraus. Das konnte nur heißen. Momo hockte sich nieder und sah direkt vor ihrer Nase auf der kleinen Tür ein Schildchen mit der Aufschrift: MEISTER SECUNDUS MINUTIUS HORA Momo holte tief Atem und drückte dann entschlossen auf die kleine Klinke. Die Stimmung . gerade groß genug. Im großen Sitzungssaal tagten die grauen Herren des Vorstandes. dann schlug das gewaltige Tor mit leisem Donner hinter ihr zu. dreizehn Minuten und acht Sekunden. »WIR SIND DA« stand auf dem Rückenpanzer der Schildkröte. Das Kind folgte der Schildkröte. ELFTES KAPITEL Wenn Böse aus dem Schlechten das Beste machen . Ich sehe mich gezwungen. sehr langen Gang. Bei der Jagd nach dem Mädchen Momo haben wir nahezu alle unsere verfügbaren Agenten eingesetzt. wurde ein vielstimmiges musikalisches Ticken und Schnarren und Klingen und Schnurren von drinnen hörbar. und nun war zu sehen. An dessen Ende blieb das Tier vor einem sehr kleinen Türchen sitzen. daß ungeahnte neue Möglichkeiten des Zeitgewinns sich ergeben hatten. . Sie saßen einer neben dem anderen an einem schier endlosen Konferenztisch. Diese Jagd dauerte im ganzen sechs Stunden. sich langsam zu schließen. Sie huschte rasch noch hindurch. durch den langen Gang. Das Gemurmel erstarb. »Meine Herren«. und zwei endlose Reihen grauer Gesichter wandten sich ihm zu. so folgerten die einen. Alle beteiligten Agenten mußten dabei unvermeidlich ihren eigentlichen . Sie alle unverzüglich mit den bitteren. als sie fertig war. Jeder hatte wie immer seine bleigraue Aktentasche bei sich.war allgemein gedrückt. Der Vorsitzende am Kopfende des langen Tisches erhob sich. die vor ihr herkrabbelte. Als das Türchen sich öffnete. Links und rechts standen in regelmäßigen Abständen nackte Männer und Frauen aus Stein. Sie befand sich jetzt in einem hohen. daß sie alle spiegelnde Glatzen hatten. . waren die beiden Torflügel schon wieder dabei. welche die Decke zu tragen schienen.soweit man bei diesen Herren überhaupt von so etwas wie Stimmung reden konnte . und jeder rauchte seine kleine graue Zigarre. Momo folgte der Schildkröte.Da Momo nicht besonders schnell lesen konnte. Im aschengrauen Licht endloser Gänge und Nebengänge huschten die Agenten der Zeit-SparKasse umher und flüsterten sich aufgeregt das Neueste zu: Sämtliche Herren des Vorstandes waren zu einer außerordentlichen Sitzung zusammengetreten ! Das konnte nur bedeuten. Von der geheimnisvollen Gegenströmung war hier nichts mehr zu bemerken. und die kleine Tür fiel hinter ihnen ins Schloß. Nur die runden steifen Hüte hatten sie abgelegt.

und Sicherheitsschlössern an der Stirnseite des Saales in der Wand.« Er setzte sich und stieß dicke Rauchwolken aus. was das für uns bedeutet. »Ich will mich kurz fassen«. Von einigen Seiten war schwacher Beifall zu hören. Zu diesem Ausfall kommt jedoch noch die Zeit. Wir müssen der Tatsache ins Auge sehen. Daß der ganze Vorfall bisher einmalig ist. und alle Gesichter wandten sich ihm zu.»Meine Herren«. beweist keineswegs. Aus diesen beiden Minusposten ergibt sich ein Zeitverlust. Aber was wollten wir denn mehr. ergriff nun ein vierter Redner. »uns allen liegt das Wohlergehen unserer Zeit-Spar-Kasse gleichermaßen am Herzen. das Wort. kann es auch jeden Augenblick zurückkehren. Ich denke. Ich habe alle Möglichkeiten exakt . vernachlässigen. Meine Herren. daß wir uns von der ganzen Angelegenheit beunruhigen lassen oder gar so etwas wie eine Katastrophe daraus machen. das ist mehr als ein ganzes Menschenleben ! Ich brauche wohl nicht erst zu erklären. und es ist höchst unwahrscheinlich. der nach ganz exakten Berechnungen dreimilliardensiebenhundertachtunddreißigmillionenzweihundertneunundfünfzigtausendeinhundertvierzehn Sekunden beträgt. Nun erhob sich ein zweiter Redner am anderen Ende der langen Tafel. »Meine Herren«. Danke. als bis wir dieses Kind wirklich in unserer Gewalt haben. die uns und unserer Sache höchst gefährlich werden können. Aber ein Vorfall wie der mit dem Mädchen Momo ist völlig einmalig. Wir müssen sparen. Denn da es den Bereich der Zeit verlassen konnte. Dieses Kind ist kein gewöhnliches Kind. die wir eben gehört haben. Nichts ist weniger der Fall.« Der Redner setzte sich selbstgefällig lächelnd. Nur so können wir sicher sein. meine Herren«. nicht verschleudern! Ich bitte Sie also. Erregtes Flüstern ging durch die Reihen. daß unsere Zeit-Speicher schon so gewaltige Vorräte beherbergen. welche während der Suche von unseren Agenten selbst verbraucht worden ist. daß es über Fähigkeiten verfügt. »Unsere Zeit-Speicher. für unverantwortlich. aus dem Bereich der Zeit geflohen! Wir sind es los. »Ich halte die beruhigenden Worte. Etwas Ähnliches ist bisher noch nie geschehen. daß uns das Mädchen Momo entkommen ist. Es scheint mir jedoch völlig unnötig. Wachsamkeit ist geboten ! Wir dürfen uns nicht eher zufriedengeben. wir können mit diesem Ergebnis zufrieden sein. ein zweites Mal darf so etwas einfach nicht mehr geschehen. es handelt sich um völlig nutzlos vertane Zeit ! Das Mädchen Momo ist uns entkommen. der dem dritten gegenübersaß. Mehr habe ich nicht zu sagen. daß eine fremde Macht sich in diese Angelegenheit eingemischt hat. »sind nicht unerschöpflich ! Wenn die Jagd sich wenigstens gelohnt hätte ! Allein. Ich werde mich jeder weiteren Unternehmung von derartig kostspieligen Ausmaßen auf das entschiedenste widersetzen. alle weiteren Pläne in diesem Sinne zu fassen. erklärte er mit verkniffenem Gesicht. meine Herren. Wir alle wissen. Wir alle wissen. Nun erhob sich ein dritter Redner in der Mitte des langen Tisches. daß es je ein zweites Mal geschehen wird. Schließlich hat der Herr Vorsitzende mit Recht getadelt.nämlich Zeit einzubringen. daß selbst ein Vielfaches des erlittenen Verlustes uns nicht ernstlich in Gefahr bringen könnte. daß es uns nie wieder schaden wird. Die anderen Herren des Vorstandes zogen die Köpfe ein und saßen geduckt da. als dieses Kind unschädlich machen? Nun. aber ich muß es nun doch in aller Deutlichkeit aussprechen: Wir gehen fortwährend um den heißen Brei herum.« Er machte eine Pause und wies mit großer Gebärde auf eine riesige Stahltür mit vielfachen Nummern. daß es sich nicht wiederholen kann. Was ist für uns schon ein Menschenleben? Wahrhaftig eine Kleinigkeit! Dennoch stimme ich mit unserem verehrten Vorsitzenden darin überein. daß sich etwas Derartiges nicht wiederholen sollte. Und es wird zurückkehren!« Er setzte sich. »entschuldigen Sie. das ist doch vollkommen erreicht'! Das Mädchen ist verschwunden. Meine Herren.Daseinszweck. sagte er. rief er mit erhobener Stimme.

ohne selbst in Erscheinung zu treten. Ein fünfter Redner sprang auf seinen Stuhl und fuchtelte wild mit den Händen. die Zeit eines Menschenlebens ein zweites Mal zu opfern oder ein Vielfaches davon .wie auch immer ausgerüstet — von jenem Sogenannten zurück. meine Herren. so brauchen wir uns doch überhaupt nicht persönlich zum Kampf stellen. aber wir wollen und müssen klar sehen ! Wenn jener . Ich denke. wir müssen. Kurzum.durchgerechnet. Aber offenbar weiß er selbst nicht. Das ist jetzt das Wichtigste. Wir haben doch genügend Helfershelfer unter den Menschen ! Wenn wir diese in unauffälliger und geschickter Weise einsetzen. »Der Herr Vorredner beschränkt sich leider darauf. Wir selbst sind zu einer solchen Begegnung nicht besonders gut geeignet — wie uns ja das betrübliche Geschick unseres inzwischen aufgelösten AgentenBLW/553/c so eindringlich vor Augen führt.Sogenannte dem Mädchen Momo geholfen hat. und es wäre zweifellos wirksam. »Ruhe. Die Wahrscheinlichkeit. Mir scheint nämlich. es ist praktisch ausgeschlossen. Sie verstehen. daß jener. Ich weiß so gut wie Sie alle. Ruhe!« schrie er. Aber das ist ja auch gar nicht nötig. Sie alle wissen. daß die Nennung dieses Namens — nun. wenn es sein muß.nein. was wir dagegen tun sollen ! Er sagt. alle redeten durcheinander.« Bei diesem Namen zuckten die meisten der grauen Herren zusammen. was wir wirklich tun können ! Keiner von uns weiß. allerlei katastrophale Möglichkeiten anzudeuten. Ein solches Vorgehen wäre sparsam.nun gut ! Aber das alles sind doch nur leere Worte ! Er soll uns doch sagen. sagen wir einmal. meine Herren. beträgt genau 1:42 Millionen. manche hieben mit den Fäusten auf den Tisch ein.« Die Aufregung unter den grauen Herren nahm zu. ich muß Sie doch bitten. ich wiederhole. alles. daß ein Menschenkind lebend und aus eigener Kraft den Bereich der Zeit verlassen kann. ja . »Meine Herren«. Gestehen wir es nur. Aber Furcht ist ein schlechter Ratgeber. nicht ganz schicklich ist. dann hat er seine Gründe dafür. Wahrscheinlich wäre er sofort angenommen worden. »Bitte. wenn sich nicht am oberen Ende des Tisches ein siebenter Redner zu Wort gemeldet hätte. Das ist doch das Problem. meine Herren!« rief der vierte Redner mit ausgebreiteten Armen. Wir müssen also nicht nur bereit sein. begann er. als seien sie geschlagen worden. meine Herren. Dann wird es eine tödliche Gefahr für uns werden. das liegt wohl auf der Hand. die Furcht treibt uns dazu. bis endlich Stille eintrat. Es kostet mich selbst Überwindung. sind gegen uns gerichtet. »ich bitte Sie dringend. wir lassen uns da eine große.« Ein Aufatmen ging durch die Menge der Vorstandsmitglieder. womit jener Sogenannte das Mädchen Momo gegen uns ausrüsten wird ! Wir werden einer uns völlig unbekannten Gefahr gegenüberstehen. das es zu lösen gilt!« Der Lärm im Saal steigerte sich zum Tumult. Mühsam verschaffte sich ein sechster Redner Gehör. Panikstimmung hatte alle ergriffen. wir sollen zu jedem Opfer bereit sein — nun gut! Wir sollen zum Äußersten entschlossen sein . Alles schrie durcheinander. alles einsetzen! Denn in diesem Fall könnte uns jegliche Sparsamkeit verdammt teuer zu stehen kommen. »aber meine Herren. andere sprangen auf und begannen heftig gestikulierend durcheinanderzuschreien. Dieser Vorschlag leuchtete ihnen allen ein. meine Herren. nachdem sich das Gemurmel gelegt hatte. sich zu beherrschen. es wäre für uns gefahrlos. kühle Vernunft zu bewahren. Mit anderen Worten. sagte er immer wieder beschwichtigend.nun gut ! Wir sollen nicht sparsam mit unseren Vorräten umgehen .Sogenannte dieses Kind nicht nur einfach zurückschickt. »Alles spricht dafür«. »daß dem Mädchen Momo geholfen worden ist. dann können wir das Mädchen Momo und die mit ihm verbundene Gefahr aus der Welt schaffen. wie wir das Mädchen Momo loswerden können. Nehmen wir ruhig einmal an. »Aber meine Herren«. andere hatten die Hände vors Gesicht geschlagen. Und diese Gründe. von wem ich rede. sich unserem Zugriff zu entziehen. Es handelt sich um jenen sogenannten Meister Hora. sondern daß er es obendrein noch gegen uns ausrüsten wird. fuhr der Redner fort. was ich meine. »wir denken nur immerfort darüber nach. wir müssen damit rechnen.« Ein aufgeregtes Raunen ging durch die Reihen der Vorstandsmitglieder. das Mädchen Momo kommt .

nein. dann brauchen wir hinfort nicht mehr mühsam Stunden. Nun. rief einer. schrie ein anderer gestikulierend. »das kann ich nicht dulden ! Wenn wir ihr tatsächlich so viel Zeit geben. und alle bedachten die Vorteile. Der Herr machte eine kleine Verbeugung zum Vorsitzenden und fuhr fort: »Dieses Mädchen ist angewiesen auf seine Freunde. ihr selbst soviel Zeit zu versprechen. sie mit etwas bestechen zu wollen. was wir dafür bekommen würden ! Die Zeit aller Menschen! Das Wenige. den Weg. das Sie alle beseitigen wollen!« Totenstille hatte sich im Saal ausgebreitet. Es ist zwecklos. müßten wir eben als Spesen auf das Unkostenkonto buchen. Ich denke da zum Beispiel daran.« . »daß dieses Kind tatsächlich den Weg zu dem Sogenannten gefunden hat. »Mit Ihrer Erlaubnis?« »Sie haben das Wort«. . »wir müßten ihr nur natürlich etwas bieten. nein !« schrie der Vorsitzende und schlug mit der Hand auf den Tisch. . sollten wir uns einfach an ihre Freunde halten. »es geht nicht. den soll man sich zum Freunde machen. wir wären am Ziel! Und dazu könnte uns das Mädchen Momo nützen.« »Aber dann«. mein Bester«. sagte der Vorsitzende müde. rief der andere dazwischen. fuhr der Redner fort. wenn einfach niemand mehr da wäre. »erklären Sie das genauer!« »Es liegt doch auf der Hand«. »Ach. »Wir werden ihr natürlich unseren Plan offen mitteilen. Aber überlegen wir einmal. aber bedenken Sie doch. sagte der sechste Redner schließlich. »Denn wenn wir es nicht ehrlich mit ihr meinen. es könnte uns diesen Weg führen ! Dann können wir auf unsere Weise mit dem Sogenannten verhandeln. bedenken Sie. wie sie will . »wir drehen uns im Kreis. wir hätten auf einen Schlag die gesamte Zeit aller Menschen in unserer Gewalt ! Und wer die Zeit der Menschen besitzt. Ich bin sicher. hört!« riefen einige Stimmen.« »Ein Versprechen«. das sie im Überfluß besitzt. »Ich hätte einen Vorschlag«. »Aber Sie wissen doch«. Sie liebt es. meine Herren!« Der Redner setzte sich.« »Nein. »wird sie niemals mitmachen! Das ist ganz undenkbar!« »Dessen würde ich nicht so sicher sein. Bedenken Sie die ungeheuren Vorteile.das würde uns ja ein Vermögen kosten!« »Wohl kaum«. erwiderte der neunte Redner. »an das wir uns selbstverständlich nicht halten würden!« »Selbstverständlich doch!« erwiderte der neunte Redner und lächelte eisig. den wir von Anfang an vergeblich gesucht haben ! Das Kind könnte also vermutlich jederzeit wieder hinfinden. »daß man das Mädchen Momo nicht anlügen kann ! Denken Sie doch an den Agenten BLW/553/c ! Jeder von uns würde das gleiche Schicksal erleiden!« »Wer spricht denn von Lügen?« antwortete der Redner. Wir können doch nicht an das Kind herankommen. wie sie nur haben will.einmalige Gelegenheit entgehen. dann wird sie es heraushören. sagte der Vorsitzende.« Ein Seufzer der Enttäuschung ging durch die lange Reihe der Vorstandsmitglieder. das Mädchen Momo auf unsere Seite zu ziehen?« »Hört. um ihre Zeit mit ihr zu teilen? Da das Mädchen freiwillig unsere Pläne nicht unterstützen wird. Das ist es ja gerade. meldete sich ein zehnter Redner. mein Bester«. Ein Sprichwort sagt: Wen man nicht besiegen kann. wie es nur will. der hat unbegrenzte Macht! Meine Herren. mischte sich nun ein neunter Redner in die Debatte. was aus ihr würde. Und wenn wir erst einmal an seiner Stelle sitzen. Minuten und Sekunden zu raffen.« »Dann müssen wir sie ihr eben zuerst wegnehmen«.«»Wieso?« »Aus dem einfachen Grund. weil dieses Mädchen leider sowieso schon soviel Zeit hat. daß wir sehr schnell mit ihm fertig werden würden. »Wieviel kann ein einzelnes Kind schon ausgeben? Gewiß. das sie verlockt. ihre Zeit anderen zu schenken. warum versuchen wir nicht. »Trotzdem«. es wäre ein ständiger kleiner Verlust. das Momo davon verbrauchen könnte. beschwichtigte der Redner.

Spieluhren mit tanzenden Püppchen darauf. « Die grauen Herren. welches Momo bei ihrem Eintritt vernommen hatte. keine große Sache! Wir werden einfach alle diese Personen so von ihr abziehen. in Glasvitrinen. welche die Zeit für jeden Punkt der Erde anzeigten. werden wir zur Stelle sein und unsere Bedingungen stellen. Sie standen und lagen auf langen Tischen. die überall aufgesteckt waren und deren Flammen so reglos brannten. Ich wette tausend Jahre gegen eine Zehntelsekunde. sogar ein Fluch ! Früher oder später wird sie es nicht mehr ertragen. ein Uhr-Wald sozusagen. wo die Zeit herkommt Momo stand in dem größten Saal. meine Herren. die sie regelmäßig aufsuchen. die eben so niedergeschlagen dreingeblickt hatten. darüber noch einer und noch einer. Uhren aus Holz und Uhren aus Stein. Und überall hingen. Und an den Wänden hingen alle Sorten von Kuckucksuhren und anderen Uhren mit Gewichten und schwingenden Perpendikeln. Sonnenuhren. daß es sich anhörte wie eine Steinlawine. das diesen unermeßlichen Raum durchwebte. Sanduhren. Da gab es auch Weltzeituhren in Kugelform. daß sie sie nicht mehr erreichen kann. Mond und Sternen. die man hoch droben im Halbdunkel mehr ahnte als sah. nur um ihre Freunde zurückzubekommen. Sie klatschten Beifall und das Geräusch hallte wider in den endlosen Gängen und Nebengängen. als seien sie mit leuchtenden Farben gemalt und brauchten kein Wachs zu verzehren. hoben ihre Köpfe. Sie sehen. daß sie uns den bewußten Weg führen wird. Gewaltige Säulen trugen eine Decke. Dann wird die arme kleine Momo völlig allein sein. angefangen von gewöhnlichen Zimmerstanduhren bis hinauf zu richtigen Turmuhren. manche. Noch höher droben war ein zweiter Rundgang. gläserne Uhren und Uhren. gewöhnliche Blechwecker. Das goldene Licht. den sie je gesehen hatte. deren winzige Perpendikelchen emsig hin und her zappelten. Was wird ihr ihre viele Zeit dann noch bedeuten? Eine Last. meine Herren. Er war größer als die riesigste Kirche und die geräumigste Bahnhofshalle. Fenster gab es keine. um zu strahlen. die langsam und gravitätisch gingen und andere. ja. ZWÖLFTES KAPITEL Momo kommt hin. die durch einen plätschernden Wasserstrahl getrieben wurden. zu dem eine Wendeltreppe emporführte. Und dann. kam von unzähligen Kerzen. Und dann ist hier noch eine längere Liste von Kindern. In der Mitte des Saales erhob sich ein ganzer Wald von Standuhren. lagen und standen Uhren.Er zog aus seiner Aktentasche einen Ordner und schlug ihn auf: »Es handelt sich vor allem um einen gewissen Beppo Straßenkehrer und einen Gigi Fremdenführer. auf goldenen Wandkonsolen und in endlosen Regalen. In Höhe des ersten Stockwerks lief ein Rundgang um den ganzen Saal. kam von unzähligen Uhren jeder Gestalt und Größe. Triumphierendes messerdünnes Lächeln lag auf ihren Lippen. und kleine und große Planetarien mit Sonne. Da gab es winzige edelsteinverzierte Taschenührchen. . Das tausendfältige Schnurren und Ticken und Klingen und Schnarren.

hätte sofort erkannt. gerade vor einer reichverzierten Spieluhr. nur war diese aus Gold. Der alte Herr kam mit erfreutem Lächeln und ausgestreckten Händen auf sie zu.« »Hast du mich wirklich erwartet?« fragte Momo erstaunt. Aber wenn es jemand gibt. einander zum Tanz die Hand reichten. glaube ich. Kassiopeia! Hast du mir denn die kleine Momo nicht mitgebracht?« Das Kind drehte sich um und sah in einer Gasse zwischen den Standuhren einen zierlichen alten Herrn mit silberweißem Haar. so daß etwas geschehen kann.« Er klappte die Uhr wieder zu und steckte sie in die Westentasche. um dich abzuholen. mit dem sie seine Erscheinung musterte.noch immer zur Schildkröte gebeugt . »Nun. dann geschehen große Dinge auf der Welt. Ich bin Meister Hora — Secundus Minutius Hora. Sie zeigt zuverlässig die seltenen Sternstunden an und jetzt eben hat eine solche angefangen.« Meister Hora schüttelte lächelnd den Kopf. Als er schließlich vor ihr stand. ein wenig verspätet-in der Mode. Momo sah. ihre beiden Hände ergriff und herzlich schüttelte.« Er zog eine flache. Gestatte. »Hier bin ich!« rief Momo. runzelte die Stirn und sagte: »Oh. wo die Linien sich überschnitten. die vor ihm auf dem Boden saß. sah er kaum älter aus als Momo selbst. und sein silberweißes Haar war am Hinterkopf zu einem kleinen Zopf geflochten. Momo ging umher und betrachtete mit großen Augen all die Seltsamkeiten . Und während er das tat. den er näherkam.fort. »sie ist schon da? Wo ist sie denn?«Er zog eine kleine Brille hervor. bis zu den fernsten Sternen hinauf. An den Stellen.« »Was ist denn eine Sternstunde?« fragte Momo. erklärte Meister Hora. der dadurch entstand. blauseidene Kniehosen. schaute er nachdenklich an sich hinunter. leuchteten manchmal winzige Pünktchen auf. schien es Momo. »Die Uhr allein würde niemand nützen. »Was sagst du ?« fuhr jetzt der alte Herr . »ist eine Sternstunden-Uhr. »wo es sich ergibt. der weniger unwissend gewesen wäre als sie. kleine Momo.« »Vielleicht«. sagte Meister Hora. in ganz einmaliger Weise zusammenwirken. als ob er mit jedem Schritt. »herzlich willkommen im Nirgend-Haus. die der alte Beppo hatte. die in entgegengesetzter Richtung übereinanderlagen und sich langsam drehten. »Dies«.Ununterbrochen schlug oder klingelte irgendwo ein Spielwerk. denn von allen diesen Uhren zeigte jede eine andere Zeit an. »Willkommen!« rief er vergnügt. daß ich mich dir vorstelle. immer jünger und jünger wurde. daß es eine Mode war. der sich niederbückte und die Schildkröte anblickte. »braucht man dazu eben so eine Uhr. sie zu nützen. daß alle Dinge und Wesen. die man vor zweihundert Jahren getragen hatte. sondern nur zwei feine. der sie erkennt. und blickte sich suchend um. meinte Momo. diamantenbesetzte Taschenuhr aus der Weste und ließ deren Deckel aufspringen. Man muß sie auch lesen können. Als er Momos erstaunten Blick sah. »Du bist sogar ungewöhnlich pünktlich gekommen«. feine Spiralen.aber ich habe mich. und so gehen die Sternstunden oft unbemerkt vorüber. An den Handgelenken und am Hals kamen Spitzen aus der Jacke hervor. aber jemand. »Aber gewiß doch ! Ich habe dir doch eigens meine Schildkröte Kassiopeia geschickt. Sie stand. um zu sehen. da bist du ja wieder. meine ich. Wie unaufmerksam von mir ! Ich werde das sofort korrigieren. summendes Rauschen wie in einem Sommerwald. ähnlich der. auf der zwei winzige Figuren. sondern es war ein gleichmäßiges. es gibt manchmal im Lauf der Welt besondere Augenblicke«. stellte er lächelnd fest und hielt ihr die Uhr hin. Aber es war kein unangenehmer Lärm. ein Frauchen und ein Männchen. was weder vorher noch nachher je möglich wäre.« . Leider verstehen die Menschen sich im allgemeinen nicht darauf. weiße Strümpfe und Schuhe mit großen Goldschnallen darauf. Momo hatte eine solche Tracht noch nie gesehen. Eben wollte sie ihnen mit dem Finger einen kleinen Stups geben. daß auf dem Zifferblatt weder Zeiger noch Zahlen waren. als sie plötzlich eine freundliche Stimme sagen hörte: »Ah. ob sie sich dadurch bewegen würden. Er trug eine lange goldbestickte Jacke.

fragte sie und setzte die Tasse ab. wie diese hier. aber bis jetzt wußte sie eigentlich noch nicht mehr von ihm als seinen Namen. beim Orion. . blickte sie über den Rand ihrer goldenen Tasse hinweg prüfend ihren Gastgeberin und begann zu überlegen. Er verstand. greif tüchtig zu!« Das ließ sich Momo nicht zweimal sagen. Die Schildkröte folgte ihnen und blieb etwas zurück.« »Warum?« fragte Momo. den sein Gast stillen mußte. Der Pfad verlief wie in einem Irrgarten kreuz und quer und mündete schließlich in einem kleinen Raum. hatte sie bisher noch nicht einmal gewußt. Aber schließlich war Momo doch satt. fuhr er gleich fort: »Aber natürlich nicht! Wo habe ich nur meine Gedanken!« Und er schnippte abermals. Auch hier war alles von dem goldenen Licht der reglosen Kerzenflammen erleuchtet. die man trinken konnte. Und so köstlich. »So ist es richtig. daß es der Hunger vieler Jahre war. wie weder Momo noch sonst irgend jemand sie je gesehen hat . und nun trug er plötzlich eine Kleidung. ich versuch's nochmal. liebes Mädchen. als könne sie tagelang so weiteressen. es wird dir schmecken. »Ist es so besser?« fragte er zweifelnd. ich habe dich nicht erschreckt. nebst dazu passenden Polsterstühlen. mein kleiner Gast. strich er die Brötchen und legte sie ihr auf den Teller. sie zunächst nicht durch Gespräche zu stören. die erst in hundert Jahren getragen werden wird. »Nun. weshalb er beim Zusehen nach und nach wieder älter aussah. »Ja. ohne an irgend etwas anderes zu denken. mit Butter und Honig bestrichen. und ich hoffe. bis er wieder ein Mann mit weißen Haaren war. »Auch nicht?« erkundigte er sich bei Momo. Merkwürdigerweise wich durch dieses Essen auch alle Müdigkeit von ihr. knusprige Semmeln. wer und was er wohl sein mochte. In einer Ecke stand ein Tischchen mit geschwungenen Beinen und ein zierliches Sofa. Es war ihr. hatte ihr überhaupt noch nie etwas geschmeckt. Auf dem Tischchen stand eine dickbauchige goldene Kanne. sozusagen nur zur Gesellschaft. Das Frühstück ist bereit. hatte sie natürlich gemerkt. das muß doch herauszukriegen sein! Warte.Er schnippte mit den Fingern und stand im Nu in einem Bratenrock mit hohem Stehkragen vor ihr.« »Wollen sie mir denn was tun?« erkundigte sich Momo erschrocken. Momo. »hast du mich denn von der Schildkröte holen lassen?« »Um dich vor den grauen Herren zu schützen«. dazu Teller. desto besser schmeckte es ihr. »Ich hoffe nur. der schlechthin wie flüssiges Gold aussah. zwei kleine Tassen. Als er merkte. der durch die Rückwände einiger riesiger Uhrenkästen gebildet wurde. sie fühlte sich frisch und munter. Auch Semmeln. antwortete Meister Hora ernst. Kind«. »Sie suchen dich überall und du bist nur hier bei mir vor ihnen sicher. Daß es Schokolade gab. »Warum«. Während sie ihre Schokolade austrank.« Er schnippte zum dritten Mal mit den Fingern. und nun endlich stand er in einem gewöhnlichen Straßenanzug. alles aus blankem Gold.« Er nahm sie bei der Hand und führte sie mitten in den Uhr-Wald hinein. Löffelchen und Messer. in einem Schüsselchen befand sich goldgelbe Butter und in einem anderen Honig. Aber nun darf ich dich vielleicht erst einmal zu Tisch bit-ten. Und vielleicht war das der Grund. Er selbst aß nur wenig. Du hast einen langen Weg hinter dir. Daß er niemand Gewöhnlicher war. gehörten zu den größten Seltenheiten in ihrem Leben. »das kann man wohl sagen. In einem Körbchen lagen goldbraune. Meister Hora schaute ihr dabei freundlich zu und war taktvoll genug. seufzte Meister Hora. obgleich sie doch die ganze Nacht keinen Augenblick geschlafen hatte. daß Momo mit dem Messer nicht gut zu Rande kam. Aber als er Momos nun erst recht verwundertes Gesicht sah. vor dem Kind. Es war nur ein kleiner Spaß von mir. denn es war die Mode. nicht wahr?« sagte er und zwinkerte Momo zu. wie man ihn heutzutage trägt. So war sie zunächst einmal ganz und gar von diesem Frühstück in Anspruch genommen und schmauste mit vollen Backen. Je länger sie aß. Meister Hora schenkte aus der dickbauchigen Kanne in beide Tassen Schokolade und sagte mit einladender Gebärde: »Bitte.

erklärte Meister Hora. verbesserte sich Meister Hora. Wieder nickte Meister Hora und seufzte: »Ich kenne sie. und sie kennen mich. »Verzeihung«. daß man förmlich glaubte. »das ist aber praktisch! Und wenn sie vorher weiß. »Ja. »Kassiopeia«.« »Kennst du sie gut?«"forschte Momo. ich«. »denn du hast ihnen das Schlimmste angetan.« Momo dachte eine Weile nach. Sie weiß mit Sicherheit vorher. was jeweils in der nächsten halben Stunde sein wird. Und wir sind auch ganz langsam gegangen. da und da begegnet sie den grauen Herren. »und Wort für Wort!« »Leider«. die Schildkröteun u. »in deinem Fall zum Beispiel wußte sie. dann hätten sie mich doch ganz leicht kriegen können. was es für sie gibt. um sie dir zu Todfeinden zu machen?« »Aber wir sind doch mitten durch die Stadt gegangen. »Doch.« Momo wußte nicht recht. ob sie beispielsweise den grauen Herren begegnen wird oder nicht.« »Ich hab' ihnen nichts getan«. »ganz so einfach ist die Sache leider nicht. »muß ich dir mein Kompliment machen.« »Aber du gehst doch nie aus dem Haus?« »Das ist auch nicht notwendig«.« Er nahm seine kleine goldene Brille ab und reichte sie Momo. erklärte Meister Hora. »Was meinst du. Und du hast es deinen Freunden erzählt. ich meine . »Hätten sie euch kriegen können?« Auf dem Rückenpanzer erschienen die Buchstaben »NIE!«. begann sie wieder. Aber sie wissen ihn nicht. »ich habe doch meine Allsicht-Brille. »kann nämlich ein wenig in die Zukunft sehen. Nicht viel. kann sie nichts ändern. da und da würde sie den grauen Herren begegnen. meinte Momo. ein Gekicher zu hören.« »GENAU!« erschien auf dem Rückenpanzer. Ihre Gedanken verwickelten sich wie ein aufgegangenes Fadenknäuel. was sie vorher weiß. etwas vorher zu wissen. Dagegen könnte sie nichts machen. »genau eine halbe Stunde. Kassiopeia?« fragte er lächelnd.»Sie fürchten dich«. antwortete Meister Hora. sagte Momo verwundert.besuchen sie dich manchmal?« Meister Hora lächelte. Wenn sie also wüßte. meinte Momo etwas enttäuscht.« »Das versteh' ich nicht«. und sie flimmerten so lustig. Hier herein können sie nicht kommen. noch nie. sagte Momo. »Willst du einmal durchgucken?« . Die Erklärung Meister Horas beruhigte sie zwar. sagte Meister Hora und wurde dabei wieder zusehends jünger. »dann nützt es doch gar nichts. leider. antwortete Meister Hora. was wirklich geschehen wird. aber immerhin so etwa eine halbe Stunde. Dafür haben die grauen Herren gesorgt. Glaubst du. auf den Schoß und kraulte sie am Hals. sich zu verraten. Eure Plakate und Inschriften haben mich außerordentlich beeindruckt.« »Manchmal doch«. Ihr wolltet sogar allen Leuten die Wahrheit über die grauen Herren mitteilen. Das ist doch schon etwas wert. »So habe ich eben auch dich und deine Freunde beobachtet. »Keine Sorge.« »Aber die grauen Herren. kleine Momo. fuhr Meister Hora fort. meinte Momo. aber sie wollte gern etwas mehr über ihn erfahren. »Alle«. »hat sie sonst niemand gelesen. Deshalb weiß sie natürlich auch. Selbst wenn sie den Weg bis zur Niemals-Gasse wüßten. »Woher weißt du das eigentlich alles«. daß sie den und den Weg gehen und dabei den grauen Herren nicht begegnen würde.« »Ach«. dann würde sie ihnen eben auch begegnen. findest du nicht?« Momo schwieg. erklärte Meister Hora. die inzwischen wieder zu seinen Füßen saß.« Meister Hora nickte bedauernd. scheint's. An dem.« »Hast du sie denn gelesen?« fragte Momo erfreut. »Wenn sie mich überall suchen. »Um aber wieder auf dich und deine Freunde zu kommen«. Ich verlasse das Nirgend-Haus niemals. was sie von dieser merkwürdigen Antwort halten sollte. »das mit unseren Plakaten und den grauen Herren?« »Ich beobachte sie ständig und alles was mit ihnen zusammenhängt«. dann geht sie einfach einen anderen Weg?« »Nein«. denn sie weiß ja nur das. Du hast einen von ihnen dazu gebracht. erwiderte Meister Hora.« Meister Hora nahm die Schildkröte. daß das nicht ausreicht. »Warst du schon oft bei ihnen?« »Nein.

Und nun geben die Menschen ihnen auch noch die Möglichkeit.« »Aber was sind sie dann?« »In Wirklichkeit sind sie nichts. »Löst du eigentlich gern Rätsel?« fragte er beiläufig. weil die Menschen ihnen die Möglichkeit geben. wenn sie von ihrem wahren Eigentümer losgerissen wird.« Er stand auf. Sofort wurde das Bild klar. erklärte Meister Hora.« Jetzt sah er plötzlich wieder wie ein alter Mann aus. Der erste ist nicht da. »Du weißt ja. Momo sah zuerst die Gruppe der grauen Herren mit den drei Autos am Rand jenes Stadtteils mit dem seltsamen Licht. während sie weitergingen. »Weil sie von etwas Totem ihr Dasein fristen«. »haben sie schon viele Helfershelfer unter den Menschen. »aber es ist sehr schwer.« »Ich bin gespannt«. »O ja. die sehen wahrhaftig verschieden aus. hörte sie Meister Horas Stimme. Denn willst du ihn anschaun. gleicht jeder den anderen beiden. daß du ihnen entkommen bist. der Kleinste der drei. »Ja«. Aber du wirst dich gleich dran gewöhnen. Hör' gut zu: Drei Brüder wohnen in einem Haus. aus dem sie gekommen sind. fuhr er nach einer Weile fort. »Weißt du eines?« »Ja«. »das geht einem am Anfang so. sie zu beherrschen. er ging schon hinaus. »Komm. sagte Meister Hora und blickte Momo lächelnd an. antwortete Meister Hora. nur weil sich der erst' in den zweiten verwandelt. Momo. Er nahm Momo bei der Hand und führte sie in den großen Saal hinaus. antwortete Meister Hora.Momo setzte sie auf.« Meister Hora nahm Momo die Brille ab und steckte sie ein. mit der Allsicht-Brille zu sehen.« »Ich«. Lichtern und Schatten. ließ Spielwerke laufen. schielte und sagte: »Ich kann überhaupt nichts erkennen. während sie weiterguckte. bleibt sie lebendig. erwiderte Meister Hora. so siehst du nur wieder . die aufgeregt gestikulierend miteinander redeten und sich eine Botschaft zuzurufen schienen. Sie waren gerade dabei. blinzelte. Das ist das Schlimme. Denn jeder Mensch hat seine Zeit. daß sie von der Lebenszeit der Menschen existieren. sehr gern!« antwortete Momo. er kommt erst nach Haus. Es wurde ihr geradezu schwindelig davon. um den es sich handelt. Die Wenigsten können es lösen. Und auch das genügt. Dort zeigte er ihr diese und jene Uhr. Dann blickte sie weiter hinaus und sah andere Gruppen in den Straßen der Stadt. allmählich wieder jünger. »Aber leider«.« »Das ist gut«.« Denn sie sah nur einen Wirbel von lauter verschwommenen Farben. Es ist nicht ganz einfach. Aber diese Zeit stirbt buchstäblich. Der zweite ist nicht da. »dann werde ich es mir merken und später meinen Freunden aufgeben. ich will dir meine Sammlung zeigen. Das genügt schon. Und nur so lang sie wirklich die seine ist. »Sie reden von dir«. »sie können nicht begreifen. denn ohne ihn gäb's nicht die anderen zwei. zu entstehen.« »Und wo kommen sie her?« »Sie entstehen. damit es geschehen kann. sie haben nur Menschengestalt angenommen.« »Warum sehen sie eigentlich so grau im Gesicht aus?« wollte Momo wissen. »laß' mir meine Zeit von niemand wegnehmen!« »Ich will es hoffen«. sagte Momo entschlossen. trat hinter Momos Stuhl und legte beide Hände sacht an die Bügel der Brille auf Momos Nase. Und doch gibt's den dritten. damit es geschieht. die sein kleiner Gast an all den wunderlichen Dingen hatte. führte ihr Weltzeituhren und Planetarien vor und wurde angesichts der Freude. doch willst du sie unterscheiden. »ob du es herauskriegen wirst. ihre Wagen zurückzuschieben.« »Und wenn sie keine Zeit mehr stehlen könnten?« »Dann müßten sie ins Nichts zurück.« »Dann sind die grauen Herren also gar keine Menschen?« »Nein. Nur der dritte ist da. meinte Momo.

Kassiopeia !« sagte Meister Hora schmunzelnd. was geschehen würde. »Nun. Momos Gedanken irrten umher. aber ohne ihn gäb's nicht die anderen zwei.« Sie überlegte und rief plötzlich: »Das ist jetzt ! Dieser Augenblick ! Die Vergangenheit sind ja die . Frucht und Samenkorn. heißt es. Sie wußte . »Siehst du !« meinte Meister Hora. Ja. das waren drei Brüder. Also war es vielleicht so etwas wie Blüte.»Still. was sich ineinander verwandelt? Momo schaute sich um. mein Kind. wenn man den kleinsten der drei anschauen will. ihre Namen mir nennen. er kommt erst nach Haus . jedenfalls Sachen von der gleichen Art. . sah sie. Sie hatte gespannt zugehört.« Meister Hora schaute Momo an und nickte aufmunternd. war klar. meinte Momo nachdenklich. die zusammen in einem Haus wohnten? Daß es sich dabei nicht um Menschen handelte. Aber hier waren es drei Brüder. Und zwei davon sollten ja nicht da sein. »Ich kann's nicht«. Kassiopeia irrt sich nie. »du wirst es lösen. sagte Meister Hora. Aber es ging doch nicht. die sie weitergeführt hätte. daß Momo das Rätsel lösen würde. In Rätseln waren Brüder immer Apfelkerne oder Zähne oder so was. Kassiopeia«. tatsächlich. er kommt erst nach Haus . »jetzt wird es schwierig. wiederholte sie nun das Rätsel langsam und Wort für Wort. Ja. Ich weiß überhaupt nicht. Was für drei Brüder gab es überhaupt. WAS ICH WEISS!« und erloschen gleich wieder. Sie konnte und konnte einfach keine Spur finden. Was gab es denn.immer einen der anderen Brüder! Nun sage mir: Sind die drei vielleicht einer? Oder sind es nur zwei? Oder ist es gar .« »Versuch's nur«. daß man immer einen der anderen Brüder sieht. so wirst du drei mächtige Herrscher erkennen. Und er ist der einzige. daß die Schildkröte ihr zuzwinkerte. Momo murmelte noch einmal das ganze Rätsel vor sich hin. Sie begann also noch einmal von vorn und murmelte die Worte des Rätsels langsam vor sich hin. Wird Momo das Rätsel lösen?« »SIE WIRD!« erschien auf Kassiopeias Rückenpanzer. Aber das ergab keinen Sinn. wo ich anfangen soll. Inzwischen war die Schildkröte nachgekommen. »das ist aber wirklich schwer. Und es hieß doch. . »nicht einsagen! Momo kann es ganz allein. Sie saß neben Meister Hora und guckte Momo aufmerksam an. der da ist. was gemeint sein könnte. gab sie zu. sie würde die Lösung finden. sagte Meister Hora. Dann schüttelte sie den Kopf. Da verwandelte sich das Wachs durch die Flamme in Licht. »ist nicht da.keiner? Und kannst du. zu Momo gewandt.« Momo hatte die Worte auf dem Panzer der Schildkröte natürlich gesehen und begann nun nachzudenken. »Und der zweite«. Aber es ging doch nicht ! Denn ein Samenkorn konnte man doch sehr gut anschauen. »Aber jetzt«. . die sich irgendwie ineinander verwandelten. . Da sie ein ausgezeichnetes Gedächtnis hatte. Da standen zum Beispiel die Kerzen mit den reglosen Flammen. waren die beiden anderen nicht da. .das ist die Zukunft!« Meister Hora nickte. was Kassiopeia wußte? Sie wußte. Und wenn es da war. da stimmte schon vieles. Ich hab' keine Ahnung. Als sie zu der Stelle kam: »Der erste ist nicht da. »du weißt doch alles eine halbe Stunde voraus. fuhr Momo fort. Und ohne es gab's nicht die anderen zwei. Das Samenkorn war das kleinste von den dreien. ohne daß er hingeguckt hatte. »Der erste ist nicht da. er ging schon hinaus -das ist dann die Vergangenheit!« Wieder nickte Meister Hora und lächelte erfreut. »Die Zukunft!« rief Momo laut.«. Auf ihrem Rücken erschienen die Worte: »DAS.« Momo zog ihre Stirn kraus und begann wieder angestrengt nachzudenken. was es sein könnte. »Hui!« seufzte sie dann. Sie regieren gemeinsam ein großes Reich und sind es auch selbst! Darin sind sie gleich.Was ist denn der dritte? Er ist der kleinste der drei. Was wußte sie also noch? Sie wußte immer alles. Was war es denn. Aber Kassiopeia hatte ja gesagt. denn sie waren ja alle drei da.

Vielleicht ist sie so was wie der Wind? Oder nein ! Jetzt weiß ich's ! Vielleicht ist sie eine Art Musik. Was ist sie denn wirklich?« »Es wäre schön«.« Momo überlegte lange. das ist die Zeit! Die Zeit ist es!« Und sie hüpfte vor Vergnügen ein paar Mal. »Die Zeit!« rief sie und klatschte in die Hände. fragte sie schließlich. Und . wenn es die anderen auch gibt ! Da dreht sich einem ja alles im Kopf!« »Aber das Rätsel ist noch nicht zu Ende«. sagte Meister Hora. Sie fuhr fort: »Aber was bedeutet das. »das hast du sehr schön gesagt. jetzt versteh' ich. ich glaub'. Und festhalten auch nicht. das immerzu vorbeigeht.gewesenen Augenblicke und die Zukunft sind die. Es gibt sie doch. erklärte Momo. sagte Meister Hora. Momo ! Du verstehst dich aufs Rätsellösen ! Das hat mir wirklich Freude gemacht!« »Mir auch !« antwortete Momo und wunderte sich im stillen ein wenig. Vielleicht ist es mit der Zeit auch so. dieser Augenblick — wenn ich darüber rede. aber Momo war noch immer in Gedanken bei dem Rätsel. »Sie ist da«. Also muß sie auch irgendwo herkommen. weil sich die Zukunft in Vergangenheit verwandelt!« Sie schaute Meister Hora überrascht an. so wie die Wellen auf dem Wasser durch den Wind entstehen. »Das ist die Welt«. sondern bloß Vergangenheit und Zukunft? Denn jetzt zum Beispiel. Aber anfassen kann man sie nicht. Was konnte das wohl sein? Was war denn Vergangenheit.sie muß doch irgend etwas sein. Vielleicht ist sie so was wie ein Duft? Aber sie ist auch etwas.« »Ich weiß«. ich hab' sie schon manchmal gehört. Oder eben gar keinen.« »Aber es muß noch was anderes dabei sein«. weil man meinen kann. daß sie das Rätsel gelöst hatte. was jetzt kommt? Und doch gibt's den Dritten. »die Musik ist nämlich von weither gekommen. was das heißt: »Denn willst du ihn anschaun. Gegenwart und Zukunft. ganz leise. meinte Momo. »die Zeit selbst . in dem die drei Brüder wohnen!« forderte Meister Hora sie auf. die kommen ! Also gäb's beide nicht. . weil sie immer da ist. wenn es die Gegenwart nicht gäbe. Ihr Blick wanderte über die tausend und abertausend Uhren. »Das stimmt ja ! Daran hab' ich noch nie gedacht.« Sie schwieg verwirrt und fügte dann hilflos hinzu: »Ich meine. die man bloß nicht hört. das ist wahrscheinlich alles Unsinn. ich meine«. alles zusammen? Sie schaute in dem riesigen Saal umher. was ich rede!« »Ich finde«. nickte Meister Hora. Aber dann gibt's ja den Augenblick eigentlich gar nicht. daß es die Gegenwart nur gibt. das die drei gemeinsam regieren und das sie zugleich selber sind?« Momo schaute ihn ratlos an. »Bravo!« rief nun Meister Hora und klatschte ebenfalls in die Hände. nur weil sich der erst' in den zweiten verwandelt. und plötzlich blitzte es in ihren Augen. sagte Meister Hora. »was ist denn die Zeit eigentlich?« »Das hast du doch gerade selbst herausgefunden«. . »das ist jedenfalls sicher. »Meinen Respekt. »Nein. daß es überhaupt nur einen von den drei Brüdern gibt: nämlich die Gegenwart. murmelte sie gedankenverloren. ist er ja schon wieder Vergangenheit! Ach. die dem Gedanken noch weiter nachhing. seltene Dinge. Das heißt also. Sie gingen weiter durch den Uhrensaal und Meister Hora zeigte ihr noch andere. so siehst du nur wieder immer einen der anderen Brüder !< Und jetzt versteh' ich auch das übrige. was das Haus ist. »deswegen konnte ich dich ja zu mir rufen. »ja. »Und nun sag mir auch noch. Ach. antwortete Meister Hora. Das ist ja richtig!« Momos Backen begannen vor Eifer zu glühen. aber geklungen hat sie ganz tief in mir drin. oder nur Vergangenheit und Zukunft. warum Meister Hora sich so darüber freute. Obwohl.»Sag mal«. weil es ja jeden bloß gibt. »Was ist denn das große Reich. »wenn du auch das selbst beantworten könntest. um den es sich handelt. antwortete Momo.

dann hätten sie keine Angst mehr vor ihm. Aber ich fürchte.« Momo blickte sich im Saal um. durch alle deine Tage und Nächte. »Ich sage es ihnen mit jeder Stunde. Und wenn sie keine Angst mehr vor ihm hätten. Momo war es. jedem Menschen die Zeit zuzuteilen. »Dann«. Sie sind nur höchst unvollkommene Nachbildungen von etwas.« »Könntest du es dann nicht ganz einfach so einrichten«. Sie müssen sie auch selbst verteidigen. fragte Momo.« »Ich hab' keine Angst«. antwortete Meister Hora. um das Licht zu sehen. der auf ihr Gesicht fiel. bis du zu dem großen runden Silbertor kommst. das kann ich nicht«. zu schlagen?« fragte Momo. Aber dann gehörst du dazu. »Nein. und Ohren. »denn was die Menschen mit ihrer Zeit machen. sagte Momo. Ich kann sie ihnen nur zuteilen. die du manchmal schon ganz leise gehört hast. das jeder Mensch in seiner Brust hat. sagte Meister Hora. »Aber das kannst du wohl noch nicht verstehen?« »Doch«. obwohl sie schlagen. durch das du einst hereinkamst. ehe er antwortete: »Wenn die Menschen wüßten. kühler Schnee. »Aber an jenem Ort muß man schweigen. »ich glaube schon. erwiderte Meister Hora. was der Tod ist. die ich ihnen zuteile. flüsterte sie. das Pochen ihres eigenen Herzens zu hören. hob sie hoch und nahm sie fest in seine Arme.« »Dann braucht man es ihnen doch bloß zu sagen«. sagte sie leise. dann fragte er: »Möchtest du sehen. Das ist auch ein Rätsel. »daß die Zeit-Diebe den Menschen keine Zeit mehr stehlen können?« »Nein. so habt ihr ein Herz. sagte Momo leise. schlug Momo vor. »Oh«. Und alle Zeit. »Meinst du ?« fragte Meister Hora. die ihnen Angst machen. aber dann schien es ihr mehr und mehr. sondern wie ein uralter Baum oder wie ein Felsenberg. die durch die Zeit zurückgeht.« Momo blickte ihn ehrfürchtig an. Meine Pflicht ist es.« »Und wenn mein Herz einmal aufhört. Dann deckte er ihr mit der Hand die Augen zu und es fühlte sich an wie leichter. Anfangs meinte sie. als ob Meister Hora mit ihr durch einen langen dunklen Gang schritte. erwiderte Meister Hora. . wo die Musik herkommt. dann fragte sie: »Hast du dazu die vielen Uhren? Für jeden Menschen eine. Denn so wie ihr Augen habt. die nichts wahrnehmen. in der sie alles rückwärts erlebt hatte und sie fragte: »Bist du der Tod?« Meister Hora lächelte und schwieg eine Weile. Er schien ihr auf einmal sehr groß und unaussprechlich alt. Man könnte auch sagen. die nicht mit dem Herzen wahrgenommen wird. Aber sie fühlte sich ganz geborgen und hatte keine Angst. Du wanderst durch dein Leben zurück. du selbst bist es.« »Und was ist auf der anderen Seite?« »Dann bist du dort. »Ich werde dich hinführen«. Sie wollen lieber denen glauben. ja?« »Nein.« Sie erinnerte sich an ihren Weg durch die Niemals-Gasse. darüber müssen sie selbst bestimmen. Da beugte Meister Hora sich zu ihr herunter. die ihm bestimmt ist. Aber es gibt leider blinde und taube Herzen. ich bin nur der Verwalter. mein Kind. Momo«. wo die Zeit herkommt?« »Ja«. Meister Hora nickte langsam. mein Kind. sie wollen es gar nicht hören.«Er blickte Momo prüfend an. Er blickte Momo lange an. aber nicht wie ein alter Mann. »machst du sie selbst?« Meister Hora lächelte wieder. um damit die Zeit wahrzunehmen. Versprichst du mir das?« Momo nickte stumm. als sei es in Wirklichkeit der Widerhall von Meister Horas Schritten. »hört auch die Zeit für dich auf. du bist selbst ein Ton darin. wie die Farben des Regenbogens für einen Blinden oder das Lied eines Vogels für einen Tauben. dann könnte niemand ihnen mehr die Lebenszeit stehlen. Dort gehst du wieder hinaus. Man darf nichts fragen und nichts sagen. »diese Uhren sind nur eine Liebhaberei von mir. ist so verloren. um Klänge zu hören.deshalb will ich dir nun ein Geheimnis anvertrauen: Hier aus dem Nirgend-Haus in der Niemals-Gasse kommt die Zeit aller Menschen. Monate und Jahre.

Je näher das Pendel kam. um so mehr wundervolle Einzelheiten entdeckte sie. und eine neue Blume stieg aus den dunklen Wassern auf. Sie schien aus nichts als leuchtenden Farben zu bestehen. Hoch oben in der Mitte war eine kreisrunde Öffnung. dessen schwarzes Wasser glatt und reglos lag wie ein dunkler Spiegel. Aber wieder kehrte das Sternenpendel um. wonach sie sich immer gesehnt hatte. daß auch diese Vollkommenheit anfing. Und es war ihr. daß die herrliche Blüte anfing zu verwelken. und daß ihr jeweils diejenige. wie es Momo schien. viel herrlicher. als sei diese hier noch viel reicher und kostbarer. Sie war ganz und gar anders als die vorhergehende Blüte. Momo empfand es so schmerzlich. daß jede neue Blume immer ganz anders war als alle vorherigen. einen Schritt neben der ersten Stelle. was es war. sah Momo. Und dort. Dies war die Blüte aller Blüten. aber schließlich setzte er Momo ab. und Momo versank ganz und gar in den Anblick und vergaß alles um sich her. Langsam. und je länger Momo sie betrachtete. hinzuwelken und in den dunklen Tiefen zu versinken. Immer rund um den Teich wandernd. ein einziges Wunder! Momo hätte am liebsten laut geweint. tauchte dort aus dem dunklen Wasser eine große Blütenknospe auf. Momo hatte nie geahnt. Nach und nach erkannte Momo. durch die eine Säule von Licht senkrecht herniederfiel auf einen ebenso kreisrunden Teich. Das Kind ging um den Teich herum. Goldene Dämmerung umgab sie. Dann richtete er sich auf und trat zurück. schaute sie zu. Als das Sternenpendel sich nun langsam immer mehr dem Rande des Teiches näherte. daß es diese Farben überhaupt gab. Aber es war nirgends aufgehängt. ohne zu wissen. begann abermals eine Knospe aufzusteigen und sich allmählich zu entfalten. Diese Blüte war nun die allerschönste. Auch ihre Farben hatte Momo noch nie zuvor gesehen. aber es erreichte nun nicht mehr dieselbe Stelle wie vorher.und zurückschwang. er blickte sie groß an und hatte den Finger an die Lippen gelegt. gewahrte Momo zu ihrer Bestürzung. Allmählich begriff Momo.Doch dann schwang das Pendel langsam. und die Herrlichkeit verging und löste sich auf und versank. vollkommen runden Kuppel stand. sondern es war um ein kleines Stück weitergewandert. hatte die herrliche Blüte sich vollkommen aufgelöst. wie Momo noch nie zuvor eine gesehen hatte. das sie Meister Hora gegeben hatte. und schwieg still. Aber sie erinnerte sich an das Versprechen. Als das Pendel über der Mitte des schwarzen Teiches angekommen war. Sein Gesicht war nahe vor dem ihren. langsam wanderte das Pendel zurück auf die Gegenseite. Es bewegte sich mit majestätischer Langsamkeit dahin. um sie aus der Nähe zu betrachten. Und als das Pendel sich dieser nun langsam näherte. Gleichzeitig aber begann auf der gegenüberliegenden Seite eine Knospe aus dem dunklen Wasser aufzusteigen. wie Blüte um Blüte entstand und wieder verging. die ihr so groß schien wie das ganze Himmelsgewölbe. aber es schien ihr. in den unergründlichen Tiefen des schwarzen Teiches. die allerschönste zu sein schien. Und diese riesige Kuppel war aus reinstem Gold. langsam wieder zurück. Und während es sich ganz allmählich entfernte. und Momo erkannte ein ungeheures Pendel. die da aufzubrechen begann. Das Sternenpendel hielt eine Weile über der Blüte an. . Dicht über dem Wasser funkelte etwas in der Lichtsäule wie ein heller Stern. daß es eine noch viel herrlichere Blüte war. Auch auf der Gegenseite war das Pendel nun einen Schritt weiter gewandert. welches über dem schwarzen Spiegel hin. daß sie unter einer gewaltigen. Blatt für Blatt. als sie sehen mußte.Es war ein langer Weg. desto weiter öffnete sie sich. Der Duft allein schien ihr wie etwas. Es war eine Blüte von solcher Herrlichkeit. als ob etwas Unwiederbringliches für immer von ihr fortginge. als könne sie dieses Schauspiels niemals müde werden. bis sie schließlich voll erblüht auf dem Wasserspiegel lag. Sie duftete ganz anders. Ein Blatt nach dem anderen löste sich und versank in der dunklen Tiefe. Es schwebte und schien ohne Schwere zu sein. die gerade blühte.

Es waren Sonne und Mond und die Planeten und alle Sterne. um jede einzelne dieser Stunden-Blumen entstehen und wieder vergehen zu lassen. das größer war als Angst. als ob Gold und Silber und alle anderen Metalle sangen. so wie von Wind. Als sie wieder in dem kleinen Zimmer zwischen den Uhren waren. unausdenkbar großes Gesicht. »das war nicht die Zeit aller Menschen. so daß Momo nun nach und nach Worte hörte. »Was du gesehen und gehört hast. Aber es waren keine menschlichen Stimmen. »das kann jetzt noch nicht sein. Stimmen ganz anderer Art auf. flüsterte Momo wieder. daß dieses klingende Licht es war. .« »Aber wo war ich denn?« »In deinem eigenen Herzen«. etwas. er nahm sie auf den Arm. daß die Zeit aller Menschen so .Aber nach und nach wurde sie gewahr. ihre wirklichen Namen offenbarten. Es war nur deine eigene Zeit. Und dann tauchten. Die Lichtsäule. jede in einmaliger und unwiederholbarer Gestalt aus den Tiefen des dunklen Wassers hervorrief und bildete. die ihre eigenen. Momo«. desto deutlicher konnte sie einzelne Stimmen unterscheiden. antwortete er. sondern es klang. daß hier immerwährend noch etwas anderes vorging. . »darf ich meine Freunde auch zu dir bringen?« »Nein«. Und plötzlich erkannte Momo sie wieder: Es war die Musik. an dem du eben warst. »ich hab' nie gewußt. was sie tun und wie sie alle zusammenwirken. In diesem Augenblick sah sie Meister Hora. gleichsam dahinter. Wieder legten sich seine Hände schneeleise auf ihre Augen.« »Wie lang darf ich denn bei dir bleiben?« . flüsterte Momo. Es war Musik und war doch zugleich etwas ganz anderes. die sie noch nie vernommen hatte und die sie doch verstand. Aber nun wurden die Klänge immer klarer und strahlender. In jedem Menschen gibt es diesen Ort. »Meister Hora«. sagte sie schließlich. Sie stürzte auf ihn zu. Momo ahnte. Stimmen aus undenkbaren Fernen und von unbeschreibbarer Mächtigkeit. die aus der Mitte der Kuppel herniederstrahlte. das sie anblickte und zu ihr reckte ! Und es überkam sie etwas. die sie manchmal leise und wie von fern gehörte hatte.Momo begann sie nun auch zu hören ! Anfangs war es wie ein Rauschen.« sie suchte nach dem richtigen Wort und konnte es nicht finden — »so groß ist«. antwortete Meister Hora. wer sich von mir tragen läßt. Aber dann wurde das Brausen mächtiger. daß alle diese Worte an sie gerichtet waren ! Die ganze Welt bis hinaus zu den fernsten Sternen war ihr zugewandt wie ein einziges. sich wandelten und immerfort andere Harmonien bildeten. Er ging mit ihr den langen Gang zurück. war nicht nur zu sehen . Und in diesen Namen lag beschlossen. das jede der Blüten in anderer. und es wurde dunkel und still und sie fühlte sich geborgen. »Meister Hora«. Aber dort hinkommen kann nur. Immer deutlicher wurden sie.Je länger sie zuhörte. Und Momo vernahm immer deutlicher. Worte einer Sprache. daß dieses Tosen aus unzähligen Klängen bestand. bis es dem eines Wasserfalls glich oder dem Donnern der Meereswogen gegen eine Felsenküste. der ihr schweigend mit der Hand winkte. wenn sie unter dem funkelnden Sternenhimmel der Stille lauschte. bettete er sie auf das zierliche Sofa. sagte Meister Hora und strich ihr sanft über ihr struppiges Haar. das sie bisher nicht bemerkt hatte. den man fern in den Wipfeln der Bäume hört. und sie verbarg ihr Gesicht an seiner Brust. Und mit gewöhnlichen Augen kann man ihn nicht sehen. Und auf einmal begriff Momo. die sich untereinander ständig neu ordneten.

»schlafe!« Und Momo holte tief und glücklich Atem und schlief ein. . ehe es aufgehen kann. Willst du das?« »Ja«.« »Warum nicht?« »Dazu müßten die Worte dafür in dir erst wachsen. dann mußt du warten können. Ich glaube. »Dann schlafe«. allen! Ich möchte ihnen die Stimmen vorsingen können.« »Wenn du das wirklich willst. Momo. Aber du wirst es nicht können. Kind. was die Sterne gesagt haben?« »Du darfst es. dann würde alles wieder gut werden. mein Kind. das in der Erde schläft einen ganzen Sonnenkreis lang. So lang dauert es. flüsterte Momo. bis die Worte in dir gewachsen sein werden. sagte Meister Hora und strich ihr über die Augen.« »Ich möchte ihnen aber davon erzählen.»Bis es dich selbst zu deinen Freunden zurückzieht. wie ein Samenkorn.« »Warten.«»Warten macht mir nichts aus.« »Aber darf ich ihnen erzählen.

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DRITTER TEIL: DIE STUNDEN-BLUMEN .

Über dem östlichen Horizont dämmerte eben das erste Morgengrauen auf. an jedes einzelne Wort ihrer Unterhaltung mit Meister Hora und an das Rätsel. die diese Worte sprachen -doch mit dieser Erinnerung selbst war etwas Wunderbares geschehen ! Momo fand in ihr nun nicht mehr nur das. daß sie sich auf den grasbewachsenen Steinstufen des alten Amphitheaters wiederfand. an die Niemals-Gasse. wo sie war. daß sie die Melodien mitsummen konnte. an den Stadtteil mit dem seltsamen Licht und den blendend weißen Häusern. War sie denn nicht vor wenigen Augenblicken noch im Nirgend-Haus bei Meister Hora gewesen? Wie kam sie denn so plötzlich hierher? Es war dunkel und kühl. Worte.DREIZEHNTES KAPITEL Dort ein Tag und hier ein Jahr Momo erwachte und schlug die Augen auf. Momo fröstelte und zog sich ihre viel zu große Jacke enger um den Leib. Und die Stimmen von Sonne. an den Saal mit den unzähligen Uhren. Mond und Sternen klangen ihr noch immer im Ohr. an die Schokolade und die Honigbrötchen. Sie brauchte nur die Augen zu schließen. an die nächtliche Wanderung durch die große Stadt hinter der Schildkröte her. die wirklich den Duft der Blüten und deren niegesehene Farben ausdrückten ! Die Stimmen in Momos Erinnerung waren es. Ganz deutlich erinnerte sie sich an alles. Und während sie das tat. Aber vor allem erinnerte sie sich an das Erlebnis unter der goldenen Kuppel. was sie gesehen und . so deutlich sogar. Es verwirrte sie. was sie erlebt hatte. formten sich Worte in ihr. um die nie zuvor geschaute Farbenpracht der Blüten wieder vor sich zu sehen. Sie mußte sich eine Weile besinnen.

geradewegs in die aufgehende Sonne hinein. Momo seufzte enttäuscht. fragte Momo. und er sei eine Attraktion. »Entschuldige!« erwiderte Momo. »Der letzte wirkliche Geschichtenerzähler«. »die mich heute nacht zu Meister Hora geführt hat?« Wieder keine Antwort. ein längerer Artikel über Gigi in der Zeitung erschien. daß sie sehr lange fort gewesen war und daß die Welt sich inzwischen verändert hatte. was ihm gerade einfiel und ging anschließend mit seiner Mütze herum. Momo brauchte nur aufmerksam in sich hinein zu lauschen. Momo entzifferte es entzückt. die Gigi sehen und hören wollten. Gigi und die Kinder. Und obwohl sie ganz allein war und kein Mensch ihr zuhörte. »Ja !« rief sie und klatschte in die Hände. Das also hatte Meister Hora gemeint. ach. als er gesagt hatte.« »KASSIOPEIA!« stand plötzlich in schwach leuchtenden Buchstaben auf dem Panzer der Schildkröte. Ich hab' ihn noch nie vorher gehört. Außerdem wurde berichtet. Kassiopeia? Warum bist du nicht bei Meister Hora geblieben. war auf dem Panzer zu lesen. Damit schien für die Schildkröte die Unterhaltung zunächst beendet. sondern mit mir gekommen?« » MEIN WUNSCH!« stand auf dem Rückenpanzer. Er erzählte wie immer. daß etwas vor einem Jahr. »das ist lieb von dir. das ihm zusätzlich noch eine feste Summe bezahlte für das Recht. daß ich auf einmal wieder hier bin?« »DEIN WUNSCH!« erschien als Antwort. sah sie unten auf dem runden Platz in der Mitte etwas krabbeln. war die Antwort. aber indem Momo die Worte nachsprach. . sang sie immer lauter und beherzter die Melodien und die Worte mit.« »BITTE«. daß sie für lange Zeit keine anderen Zuhörer mehr finden würde. sagte Momo. als ob die Vögel und die Grillen und die Bäume und sogar die alten Steine diesmal ihr zuhörten. Und bei jeder Blume erklangen neue Worte. konnte sie deren Bedeutung verstehen. Von geheimnisvollen und wunderbaren Dingen war da die Rede. »daran kann ich mich gar nicht erinnern. Es war ein schöner Name. Ich möchte nur gern wissen. die Worte müßten erst in ihr wachsen ! Oder war am Ende alles nur ein Traum gewesen ? War das alles gar nicht wirklich geschehen? Aber während Momo noch überlegte.gehört hatte. die jedesmal voller von Münzen und Geldscheinen war. »Sonderbar«. kurz nach dem Tag. Sie lauschte wieder auf die Musik. «das war der Name ! Dann bist du's ja doch? Du bist Meister Horas Schildkröte. Bald wurde er von einem Reiseunternehmen angestellt. »Ich wollte dich ja nicht stören. daß sie ganz vergeblich auf ihre Freunde wartete. Und es schien ihr. Mit Gigi Fremdenführer hatten die grauen Herren es vergleichsweise leicht gehabt. Sie konnte nicht wissen. schwarzen Augen und fraß dann geruhsam weiter. murmelte sie. ja sogar mitsingen zu können. die man nicht versäumen dürfe. um diese nachsprechen. »Schade«. aber lang und seltsam. Wie aus einem unerschöpflichen Zauberbrunnen stiegen tausend Bilder von Stunden-Blumen auf. sondern mehr und immer noch mehr. ich hab' den Namen vergessen. Daraufhin kamen immer häufiger Leute zu dem alten Amphitheater. Sie konnte nicht wissen. Es hatte damit begonnen. musterte das Kind mit ihren uralten. Und du. an dem Momo plötzlich spurlos verschwunden war. nicht war?« »WER DENN SONST?« »Aber warum hast du mir denn zuerst nicht geantwortet?« »ICH FRÜHSTÜCKE«. Momo setzte sich auf die steinernen Stufen und freute sich auf Beppo. »Guten Morgen. Keine Antwort erschien auf dem Rückenpanzer. in ihrem Inneren zu klingen. denn sie stapfte weiter. »Vielen Dank«. stand da. Die Reisenden wurden in Autobussen . Es war eine Schildkröte. murmelte Momo. Gigi hatte natürlich nichts dagegen einzuwenden. um ihr unterbrochenes Frühstück fortzusetzen. sagte Momo. wie es kommt. ihn selbst als Sehenswürdigkeit zu präsentieren. »Warst du es«. wo und wann man ihn treffen könne. Schildkröte«. die da ganz gemächlich nach eßbaren Kräutern suchte! Rasch kletterte Momo zu ihr hinunter und hockte sich neben sie auf den Boden. Die Schildkröte hob nur kurz den Kopf. . die nicht aufhörte. »also bist du nur eine gewöhnliche Schildkröte und nicht die .

dessen Stimme Gewicht hatte und auf den Millionen hörten. sondern in einem ganz anderen Stadtteil. die aus dem Mark seiner Knochen zu kommen schien. Und das Erstaunliche war. die dafür bezahlt hatten. und er verdiente eine Menge Geld. Wer. so sagte er sich. hintereinanderweg alle Geschichten preisgab. später war ihm dazu keine Zeit mehr geblieben. »Wir raten es dir im Guten. und war es nicht das gewesen. Er hob ab. denen er seine Geschichten diktierte. ohne sich zu besinnen. Gigi war so benommen von diesem Tempo. dort wo alle reichen und berühmten Leute wohnten. Doch ehe er noch das erste Wort niedergeschrieben hatte. sozusagen aschengraue Stimme sprach zu ihm. Man forderte weitere Geschichten von ihm. Und als die Morgendämmerung kam. Und als er die letzte erzählt hatte. schrillte das Telefon. tat er eines Tages etwas. die nur für Momo bestimmt gewesen waren. um sich Notizen zu seinem Plan zu machen. konnte den Menschen die Wahrheit sagen ! Er wollte ihnen von den grauen Herren erzählen ! Und er wollte dazu sagen. damit auch wirklich alle. denn seine Geschichten hatten keine Flügel mehr.herbeigeschafft und schon nach kurzer Zeit mußte Gigi einen regelrechten Stundenplan einhalten. wo er mit Momo und dem alten Beppo und den Kindern hatte Zusammensein können und wo er wirklich noch zu erzählen verstanden hatte. sondern Girolamo. wenn nicht er. Er hatte eine großes modernes Haus gemietet. Anfangs hatte Gigi einige ernstliche Versuche gemacht. Natürlich hatte er längst aufgehört. Inzwischen wohnte er auch nicht mehr in der Nähe des alten Amphitheaters. sich auf sich selbst zu besinnen. ihm bei der Suche nach Momo zu helfen. Aus einem einzigen machte er jetzt manchmal fünf verschiedene Geschichten. das er nicht hätte tun dürfen: Er erzählte eine der Geschichten. wie früher immer neue Geschichten zu erfinden. Diesen Entschluß hatte er in einer jener Nächte gefaßt. um der immer noch zunehmenden Nachfrage gerecht zu werden. Denn nun war er doch reich und berühmt -. daß er. Aber dorthin führte kein Weg zurück. sehnte er sich zurück nach dem anderen Leben. wenn er in seinem Bett mit der seidenen Steppdecke lag. daß dies keine erfundene Geschichte sei und daß er alle seine Zuhörer bitte. sie wiederzufinden. die Reklame für ihn machten und seine Termine regelten. in denen er sich nach seinen alten Freunden sehnte. fühlte er plötzlich. Schon damals begann Momo ihm sehr zu fehlen. Er begann haushälterisch mit seinen Einfallen umzugehen. das mitten in einem gepflegten Park lag. die Momo ganz allein gehörte. Aber ein Termin für die Suche nach Momo ließ sich niemals mehr einschieben. Nach wenigen Monaten hatte er es nicht mehr nötig.Von dem alten Gigi war nur noch wenig übriggeblieben. »Laß das sein!« sprach die Stimme. der Erfolg könne ihn wieder verlassen. In seiner Angst. obgleich er sich noch immer standhaft weigerte. Sie wurde ebenso hastig verschlungen wie alle anderen und war sofort wieder vergessen. die gleiche Geschichte zweimal zu erzählen. Dort erzählte er nun dreimal wöchentlich vor Millionen von Zuhörern seine Geschichten. ihn zu hören. Er nannte sich auch nicht mehr Gigi. Jedenfalls beeinträchtigte es die Nachfrage nicht.« »Wer ist da?« fragte Gigi. Aber eines Tages raffte er dieses wenige zusammen und beschloß. Er hatte gar keine Zeit mehr dazu. die für ihn Verträge abschlössen. Er hatte nun drei tüchtige Sekretärinnen. Er war doch nun jemand. begann er alle seine Geschichten noch einmal zu erzählen. daß er leer und ausgehöhlt war und nichts mehr erfinden konnte. . Daran hielt Gigi sich fest wie ein Ertrinkender an einer Holzplanke. selbst als ihm das doppelte Geld dafür geboten wurde. denn Momo war und blieb verschwunden. saß er bereits an seinem großen Schreibtisch. Und als auch das nicht mehr genügte. und er fühlte gleichzeitig eine Kälte in sich aufsteigen. horchte und erstarrte vor Entsetzen. Eine seltsam tonlose. Der Rundfunk holte ihn und wenig später sogar das Fernsehen. daß niemand es zu bemerken schien. beim alten Amphitheater aufzutreten und mit der Mütze herumzugehen. Gelegenheit fanden. wovon er immer geträumt hatte? Aber manchmal des Nachts. nur mit neuen Namen und ein bißchen verändert.

»ich lasse es nicht bleiben.. du wüßtest das nicht!« »Was wollt ihr von mir?« »Was du dir da vorgenommen hast. dich auf die Wahrheit zu berufen. siehst du! Also . Sei brav und laß es bleiben. Von diesem Tag an hatte Gigi alle Selbstachtung verloren. es wird dir nicht gut bekommen. das gefallt uns nicht. Aber nun log er ! Er machte sich zum Hanswurst. das glaube ich«. Sag nur. wenn dir so viel daran liegt. . Oder glaubst du im Ernst. »Armer kleiner Gigi«. Es kommt wirklich nicht auf dich an. ist. was du damit erreichen wirst. »du bist und bleibst ein Phantast. »Darüber zerbrich dir nicht deinen niedlichen Wirrkopf ! Ihr kannst du nicht mehr helfen . Du hast zwar bisher noch nicht persönlich das Vergnügen mit uns gehabt. Früher warst du Prinz Girolamo in der Maske des armen Schluckers Gigi. daß dein schöner Erfolg genau so schnell vorbei sein wird. zum Hampelmann seines Publikums. armer Gigi. wenn du versuchst. unbekannte Gigi Fremdenführer. reich und berühmt zu sein?« »Doch«. aber er fühlte sich dabei wie ein Betrüger. Er gab seinen Plan auf und machte weiter wie bisher.schon gar nicht.» Dann klickte es im Hörer. Ich bin jetzt ein großer Mann. ja?« Gigi nahm all seinen Mut zusammen. man nannte es einen neuen Stil. Du bist eine Gummipuppe. »so betrachtet. Ach nein. Wir haben dich aufgeblasen . wenn du so undankbar bist. »Du bist niemand«. Und das war er ja auch. und viele versuchten ihn nachzuahmen. wem er das alles verdankte. »ausgerechnet du willst uns mit der Wahrheit kommen? Du hattest doch früher immer so viele schöne Sprüche von wegen wahr und nicht wahr.Aber wenn du uns Ärger machst. »Das ist Lüge!« »Du liebe Zeit!« antwortete die Stimme und lachte wieder tonlos. »Nein«. die dir alle deine Träume erfüllt haben. Trotzdem. Und was bist du nun ? Der arme Schlucker Gigi in der Maske des Prinzen Girolamo. Ich bin nicht mehr der kleine. Berühmt bist du mit unserer Hilfe für deine Flunkereien. sagte er. Das einzige. und Gigi begannen plötzlich die Zähne aufeinanderzuschlagen. du solltest uns dankbar sein. Er hatte nichts gewonnen.« »Ich gebe dir einen guten Rat: Nimm dich selbst nicht so ernst. flüsterte Gigi und starrte vor sich hin.« Die Stimme lachte tonlos. Er fiel vornüber auf die Platte seines großen Schreibtisches und verbarg das Gesicht in seinen Armen.»Das weißt du ganz gut«. daß wir weiterhin unsere schützende Hand über dich halten. und er wußte es. Er wußte ja nun. »Wir brauchen uns wohl nicht vorzustellen. Aber du kannst nicht von uns erwarten.laß uns aus dem Spiel. und auch Gigi hängte ein. kannst du doch sehr schön weitermachen wie bisher!« »Ja«. daß du es dir und deinem unbedeutenden Talent zu verdanken hast. ob ihr es mit mir aufnehmen könnt. indem du nun diese Geschichte über uns erzählst. Natürlich mußt du das selbst entscheiden. »Jetzt. denn schließlich waren wir es doch. Er wurde große Mode. Aber das tat seinem Erfolg nicht etwa Abbruch. antwortete die Stimme. den Helden zu spielen und dich zu ruinieren. was du jetzt bist?« »Ja.« »Das ist nicht wahr!« stammelte Gigi. Ist es denn nicht viel angenehmer. Früher hatte ihn seine Phantasie ihre schwebenden Wege geführt und er war ihr unbekümmert gefolgt. was sie von dir hören wollen!« »Wie soll ich das machen?« brachte Gigi mit Anstrengung hervor. So betrachtet. im Gegenteil. »Wir haben dich gemacht.. Wir wollen dich nicht abhalten. erwiderte Gigi heiser. sagte die Stimme. antwortete Gigi mit erstickter Stimme. Darum laß es sein!« »Was habt ihr mit Momo gemacht?« flüsterte Gigi. Aber Gigi hatte keine Freude daran. sagte die Stimme. wo ich das alles weiß. »Na. Wir werden ja sehen. wie er gekommen ist. Er begann seine Tätigkeit zu hassen. Er hatte alles verloren. Und so wurden seine Geschichten immer alberner oder rührseliger. dann lassen wir die Luft wieder aus dir heraus. aber du gehörst uns schon längst mit Haut und Haar. Für die Wahrheit bist du nicht zuständig. ja? Erzähle den Leuten lieber weiterhin das. Ein lautloses Schluchzen schüttelte ihn.

antwortete Beppo. beschloß er trotz aller berechtigten Einwände.. den Sekretärinnen seine alten Geschichten im neuen Gewand. Momo und wie weiter? Den ganzen Namen. ehe er hervorbrachte: »Es muß da nämlich etwas Schreckliches geschehen sein. in der Momo verschwunden war. Und als er es schließlich nicht mehr aushaken konnte. daß so was verboten ist? Wo kämen wir denn da hin! Bei wem wohnt das Kind?« »Bei sich«. bitte!« »Momo und nichts weiter«. dann wohnte bis jetzt in der Ruine da draußen ein vagabundierendes kleines Mädchen namens . aber so kann man keine Anzeige aufsetzen. Viel schwerer war es den grauen Herren geworden. Er war-wie in allen Zeitungen stand. Ich will Ihnen ja helfen. sagte Beppo. .« Er ging also zur nächsten Polizeiwache. »sie stecken Momo wieder in solch ein Heim mit Gittern vor den Fenstern. »um unsere Momo.« »Ein Kind?« »Ja. die Gigi vorgebracht hatte. sagte Beppo. »Immer noch besser«. »Wessen Kind ist es denn? Wer sind seine Eltern?« »Das weiß niemand«. antwortete Beppo. »Sie wünschen?« fragte der Polizist. So war aus dem Träumer Gigi der Lügner Girolamo geworden.« »Augenblick mal«.« »Beppo«. Vielleicht kann ich auch dafür sorgen. namens Momo. ja. ich denke.»erstaunlich fruchtbar«. »Na. wann immer seine Arbeit es ihm erlaubte. daß sie gar nicht erst 'reinkommt. erwiderte Beppo.. Aber erst muß man sie jetzt finden.« »Ist es Ihr Kind?«»Nein«. Sie ist weg. wie sagten Sie?« »Momo«. Der Polizist begann alles aufzuschreiben. »das heißt. er flog mit den schnellsten Flugzeugen und er diktierte unaufhörlich. Der Polizist kratzte sich unter dem Kinn und blickte Beppo bekümmert an. ein kleines Mädchen. sagte der Polizist. Beppo brauchte eine Weile. bei uns. »Wo ist das Kind denn gemeldet?« »Gemeldet?« fragte Beppo. der immer noch weiterschrieb. mit dem alten Beppo Straßenkehrer fertig zu werden. »das heißt. Aber da wohnt sie ja nun nicht mehr. Aus so einem Heim ist sie schon mal ausgerissen und kann es wieder tun. »worum handelt es sich denn?« »Es handelt sich«. zur Polizei zu gehen. Wir kennen es alle. dann faßte er sich ein Herz und ging hinein. Falls sie überhaupt noch am Leben ist. mein Guter. sagte er sich. wie Sie selbst heißen. saß er. der gerade damit beschäftigt war. Seine Sorge und Unruhe wuchs von Tag zu Tag. ». »Und wie weiter?« . im alten Ampitheater. »wenn ich richtig verstehe. ein langes und schwieriges Formular auszufüllen. im alten Amphitheater und wartete. Nach jener Nacht. sagte Beppo verwirrt. »Wissen Sie. aber der Vater bin ich nicht.« »So?« fragte der Polizist. stellte der Polizist seufzend fest. die am Stadtrand lag.Aber er raste weiter mit dem Auto von Termin zu Termin. .« »Also nicht gemeldet«. »Also so geht das nicht. antwortete Beppo. als daß die Grauen sie gefangenhalten. Nun sagen Sie mir erst mal. wo er ging und stand. Eine Weile stand er noch vor der Tür herum und drehte seinen Hut in den Händen. das heißt ja!« sagte der Polizist ärgerlich.« »Nein.

sonst sperre ich Sie wegen Amtsbeleidigung ein!« »Verzeihung«.« »Warum erzählen Sie mir dann diesen ganzen Unsinn?« fragte der Polizist. dessen Existenz man nicht beweisen kann.Der Polizist beugte sich vor und rief barsch: »Hauchen Sie mich mal an!« Beppo verstand diese Aufforderung nicht. Während der nächsten Tage tauchte er in verschiedenen anderen Polizeistationen auf. oder man vertröstete ihn. angefangen von Momos Auftauchen und ihrer besonderen Eigenschaft. Er sprang von seinem Stuhl auf und hieb mit der Faust auf das lange und schwierige Formular. man schickte ihn freundlich nach Hause. « Dann richtete er sich auf. .« Er lehnte sich zurück und schloß die Augen mit dem Ausdruck eines Märtyrers. Man warf ihn hinaus. unterschieden sich kaum von der ersten. . ich muß bis Mittag diesen ganzen Berg von Formularen da ausgefüllt haben. Der schnüffelte und schüttelte den Kopf. wer weiß wohin entführt worden. murmelte Beppo. »Halten Sie die Polizei denn für so blöd. ich bin am Rande meiner Kräfte und meiner Nerven-. »Und in derselben Nacht«. lächelte dem alten Mann aufmunternd zu und sagte mit der Sanftheit eines Krankenpflegers: »Die Personalien können wir ja später aufnehmen. Und darum soll sich nun die Polizei kümmern?« »Ja. aber lassen Sie sich ruhig Zeit und erzählen Sie. Ich wollte sagen . »da war einmal ein höchst unwahrscheinliches. »Alles.« »'raus!« brüllte der Polizist.»Beppo Straßenkehrer. die ganze Geschichte zu erzählen. Beppo drehte sich um und ging hinaus.« »Nein«. auf seine wunderliche und umständliche Art. was eigentlich war und wie alles gekommen ist. Der Polizist ließ den Federhalter sinken und vergrub sein Gesicht in den Händen. um ihn los zu werden . »Gott im Himmel !« murmelte er verzweifelt. die er selbst belauscht hatte.« »Alles?« fragte Beppo zweifelnd. murmelte Beppo eingeschüchtert. »ist Momo verschwunden. »Verschwinden Sie auf der Stelle. nicht den Beruf!« »Es ist beides«.« Der Polizist blickte ihn lange und gramerfüllt an. was Sie auf dem Herzen haben. »Betrunken sind Sie offenbar nicht. Die Szenen. rot vor Verlegenheit. Und der alte Beppo begann. die sich dort abspielten. »bin ich noch nie gewesen. schloß er. »Ich habe zwar überhaupt keine Zeit. sagte er schließlich. bis zu den grauen Herren auf der Müllhalde. »Warum muß gerade ich jetzt Dienst haben. er zuckte die Schultern. antwortete Beppo arglos. erklärte Beppo geduldig. daß sie auf solche Ammenmärchen hereinfällt?« »Ja«. straffte seine Schultern. »Jetzt reicht es mir aber!« schrie er mit rotem Kopf. hauchte aber dann gehorsam dem Polizisten ins Gesicht. Jetzt erzählen Sie erst mal der Reihe nach. der gerade auf dem Rost gebraten wird. kleines Mädchen. Aber auch das ist nicht sicher. und das ist von so einer Art Gespenster. was zur Sache gehört«. Jetzt riß dem Polizisten endgültig der Geduldsfaden. »ich hab' es anders gemeint.« »Den Namen will ich wissen. die es ja bekanntlich nicht gibt. »Mit anderen Worten«. bitte!« sagte Beppo. . antwortete der Polizist.

Machen Sie sich keine Sorgen darüber. wie weit unsere Macht bereits reicht. Wir machen dieses großzügige Angebot nur dies eine Mal. »mache ich Ihnen folgendes Angebot : Wir geben Ihnen das Kind zurück unter der Bedingung. Man hatte ihm ein Bett in einem großen Schlafsaal angewiesen. Hören Sie mir zu und antworten Sie mir erst. weißen Gebäude. Wenn nicht. ob Sie noch mehr davon kennenlernen werden. Überlegen sie sich's. mein Bester.« Und Beppo. Man wird feststellen müssen. daß sie ihm wirklich glaubten. denn auch meine Zeit ist kostbar«. dann wurde er von zwei Polizisten in ein Auto verfrachtet. und Momo bleibt für immer bei uns. Obgleich sie ihm nie widersprachen. Übrigens haben Sie natürlich völlig recht mit der Annahme. die die Gestalt im Dunkeln trug. aber gehen ließen sie ihn auch nicht. sie schienen sich sogar sehr für seine Geschichte zu interessieren. daß man sie je bei uns finden kann. dann sagte er kalt: »Dieser alte Mann ist verrückt. das Gitter vor den Fenstern hatte. die seine Rede auf den alten Beppo hatte. »Um mich so kurz wie möglich zu fassen. Er wurde nicht recht schlau aus ihnen. hatte Beppo auch nie das Gefühl. Er begriff. »Still!« sagte die aschenfarbene Stimme im Dunkeln. Erst entdeckte er nur das rote Leuchtpünktchen einer glimmenden Zigarre. wie wir in den Besitz dieser Zeit kommen werden. dann werden wir dafür sorgen. daß Ihre kleine Freundin Momo von uns gefangen gehalten wird. muß sie büßen. ihm wurde kalt bis ins Herz hinein und er wollte um Hilfe rufen. fuhr der graue Herr fort. Ihnen ein Angebot zu machen. die Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen. daß es einer der grauen Herren war. was sie tun und sagen. daß Sie diese Geschichte über uns jedem auf die Nase binden. wenn ich Sie dazu auffordere ! Sie haben ja nun ein wenig sehen können. hieß es: »Bald. Wenn Sie damit einverstanden sind. diese Zeit einzusparen. Aber geben Sie die Hoffnung auf. aber dann erkannte er den runden steifen Hut und die Aktentasche. sie lachten ihn nicht aus und schimpften nicht mit ihm. das ist Ihre Sache. ob er gemeingefährlich ist. sagte der graue Herr zufrieden. der glaubte. Wie. denn er mußte sie ihnen immer und immer wieder erzählen. »ich habe den Auftrag. mein Bester. sondern ein Krankenhaus für Nervenleiden. die Summe von hunderttausend Stunden eingesparter Zeit. Also?« Beppo schluckte zweimal und krächzte dann: »Einverstanden. Es hängt ganz von Ihnen ab. sie zu befreien. dann bleiben Sie eben für immer hier.« »Sehr vernünftig«. Sie fuhren mit ihm quer durch die Stadt zu einem großen. Sie können uns zwar nicht im geringsten damit schaden. Bringt ihn in die Arrestzelle!« In der Zelle mußte Beppo einen halben Tag warten. daß jemand neben seinem Bett stand. daß Sie nie wieder ein Wort über uns und unsere Tätigkeit verlieren. wann er denn nun hinausdürfe. Außerdem fordern wir von Ihnen. Denn der glaubte jedes Wort. der weniger Sinn für Humor hatte als seine Kollegen. Der Professor und die Krankenpfleger waren freundlich zu ihm. Jedesmal wenn er fragte. »also denken Sie daran: Völliges Stillschweigen und hunderttausend Stunden. aber wir kommen voran. Für jeden Ihrer Versuche. sozusagen als Lösegeld. aber im Augenblick brauchen wir Sie noch. daß Sie im Laufe der nächsten Tage hier entlassen werden. Aber es war kein Gefängnis oder dergleichen. Das wird niemals geschehen.Aber einmal geriet Beppo an einen höheren Beamten. Überlegen Sie sich also in Zukunft. wie Beppo zuerst dachte. Hier wurde er gründlich untersucht. Sie haben lediglich die Aufgabe. Sobald wir die haben. Machen Sie's gut. Eines Nachts wachte er auf und sah im schwachen Licht der Notbeleuchtung. aber angenehm ist es uns trotzdem nicht. Sie müssen das verstehen. wo noch viele andere Patienten schliefen. bekommen Sie die kleine Momo wieder. machen Sie dem armen Kind seine Lage nicht gerade angenehmer. Und durch Ihre Bemühungen. das ist unsere Sache.« . Er ließ sich unbewegten Gesichts die ganze Geschichte erzählen. faßte sich in Geduld.« Der graue Herr blies einige Rauchringe und beobachtete mit Genugtuung die Wirkung. es handle sich um Untersuchungen nach dem Verbleib der kleinen Momo.

Beppo bemerkte es kaum. Dann fuhr er nach kurzem wieder auf und kehrte weiter. Nicht alle Erwachsenen. als sich selbst so untreu zu werden. hatten die Kinder sich dennoch. die hinter ihm zurückblieb. ob sie nun da war oder nicht. Mit peinigender Deutlichkeit wußte er. Momo gehörte zu ihnen und war ihr heimlicher Mittelpunkt. Nachdem Momo verschwunden war. Dagegen hatten die grauen Herren nicht ankommen können. daß Momo wiederkommen würde. kurzum. die er kannte. ohne jemals nach Hause zu gehen. Aber Beppo ging nicht nach Hause. dann mußten sie es eben über einen Umweg zuwege bringen. im alten Amphitheater versammelt. als sei sie tatsächlich noch da. Die Rauchfahne. Er kehrte durch Wochen und durch Monate. wenn er keuchend an ihnen vorüberhastete und den Besen schwang. was er tat. Und dieser Umweg waren die Erwachsenen. und das machte ihn krank vor Widerwillen gegen das. dann unterbrach er seine Arbeit für einen Augenblick. bei jedem Schritt einen Atemzug und bei jedem Atemzug einen Besenstrich. welche die grauen Herren gegen sie verwendeten. sooft es nur ging. die er freikaufen mußte. Beppo kehrte. war ja nichts Neues für Beppo. ein paar alte Kisten und Schachteln genügten ihnen. die Kinder unter Momos Freunden nach ihren Plänen zu lenken. schaute den Frager ängstlich und voll Trauer an und legte den Finger an die Lippen. sein ganzes bisheriges Leben verleugnete und verriet. Wenn die Erschöpfung ihn übermannte. er kehrte und kehrte. um sie von Momo loszureißen. setzte er sich auf eine Anlagenbank oder auch einfach auf den Rinnstein und schlief ein wenig. ganz gleich. Aber nun kehrte er nicht mehr wie früher. Zu seiner Hütte bei dem Amphitheater ging er nicht mehr zurück. Er kehrte bei Tag und bei Nacht. an die Plakate und Inschriften der Kinder. warum er es denn so eilig habe. sie hatten einfach so getan. als sei Momo noch mitten unter ihnen. Die schwierigste Aufgabe stellte es für die grauen Herren dar. Die Leute in der großen Stadt hatten keine Zeit. die es doch taten. Nur wenn ihn manchmal jemand fragte. sondern jetzt tat er es hastig und ohne Liebe zur Sache und nur um Stunden einzubringen. um darin fabelhafte Weltreisen zu unternehmen oder um daraus Burgen und Schlösser zu errichten. und er beachtete es kaum. Ebenso hastig würgte er zwischendurch rasch einmal irgend etwas zu essen hinunter. versteht sich.Damit verließ der graue Herr den Schlafsaal. um auf den kleinen alten Mann zu achten. Und es hatte sich erstaunlicherweise gezeigt. um die hunderttausend Stunden Lösegeld zu ersparen. Sie hatten weiterhin ihre Pläne geschmiedet und einander Geschichten erzählt. Wenn sie die Kinder nicht unmittelbar unter ihren Einfluß bringen konnten. Aber es ging ja um Momo. und dies war die einzige Art Zeit zu sparen. schien in der Dunkelheit matt zu leuchten wie ein Irrlicht. Aber daß man ihn für närrisch hielt.Und es kam der Frühling und wieder der Sommer. er wäre lieber verhungert. warum er sie früher erzählt habe. daß er damit seine tiefste Überzeugung. ging damit in die große Stadt und fing an zu kehren. Wäre es nur um ihn gegangen. Wenige Tage später schon schickte man ihn nach Hause. Sie hatten immer neue Spiele erfunden. Die stillschweigende Gewißheit verband die Kinder miteinander. Und die wenigen. aber das war auch gar nicht nötig. aber diejenigen. wo er und seine Kollegen immer ihre Besen und Karren in Empfang nahmen. Obendrein waren es nun die eigenen Waffen der Kinder. und das waren leider gar nicht wenige. Außerdem hatten diese Kinder keinen Augenblick daran gezweifelt. daß es dadurch fast so war. und es kam der Winter. dann zuckte er nur traurig die Schultern. die ja über die Kinder zu bestimmen hatten. Darüber war zwar niemals gesprochen worden. Plötzlich erinnerten sich nämlich einige Leute an die Umzüge. sondern geradewegs zu jenem großen Haus mit dem Hof. die sich als Helfershelfer eigneten. . ja. als gelte es sein Leben. tippten sich hinter seinem Rücken an die Stirn. Und wenn man ihn fragte. Er holte seinen Besen. Von dieser Nacht an erzählte Beppo seine Geschichte nicht mehr. Es kam der Herbst.

Verdrossen. Sie wurden voneinander getrennt. war Lärm machen aber es war natürlich kein fröhlicher Lärm. sich zu begeistern und zu träumen. Das einzige. Und die Eltern mußten mit einer gehörigen Strafe rechnen. Von da an hatte das alte Amphitheater leer und verlassen dagelegen. Es wurde strengstens verboten. Selbst den schlausten Kindern gelang es nicht. Und wenn sie doch einmal sich selbst überlassen blieben. Und nun saß Momo also auf den steinernen Stufen und wartete auf ihre Freunde. aus der sie kamen. Das Netz. hieß es. gelangweilt und feindselig taten sie. und es waren nur solche. Aber die Stadtverwaltung muß sich darum kümmern. Die Stadtverwaltung muß dafür sorgen. Sie war hungrig.« »Kinder ohne Aufsicht«. lassen wir es noch immer zu. Den ganzen Tag seit ihrer Rückkehr hatte sie so gesessen und gewartet. Nach und nach bekamen die Kinder Gesichter wie kleine Zeit-Sparer. um alle diese Maschinen zu bedienen. so war sofort jemand da. Endlich stand Momo auf. Man muß Anstalten schaffen. Auch Momos Freunde entgingen dieser neuen Regelung nicht. Der Plan der grauen Herren war ausgeführt. was sie nach all dem noch konnten. gelang es ihnen in ziemlich kurzer Zeit. »denn es geht nicht an. wo sie zu nützlichen und leistungsfähigen Mitgliedern der Gesellschaft erzogen werden. sich genügend mit ihren Kindern zu beschäftigen. um die sich niemand kümmern konnte. durch die Maschen zu schlüpfen. dann fiel ihnen nichts mehr ein. war nun dicht und — wie es schien . die durch Kinder auf den Straßen verursacht werden. »daß der reibungslose Ablauf des Straßenverkehrs durch herumlungernde Kinder gefährdet wird. die Stadtverwaltung von der Notwendigkeit zu überzeugen. das sie über die große Stadt gewebt hatten. erklärten wieder andere. Die Zunahme von Unfällen. und es wurde kalt. Ein Heer von Spezialisten und Facharbeitern wird notwendig sein. Es ist eine Schande für unsere Zivilisation und ein Verbrechen an der künftigen Menschheit!« Das alles leuchtete den Zeit-Sparern ungemein ein. je nach der Gegend. sagten andere. was man von ihnen verlangte. Die Zukunft wird eine Zeit der Düsenmaschinen und der Elektrogehirne. der es in das nächste Kinder-Depot brachte. etwas für die vielen vernachlässigten Kinder zu tun. kostet immer mehr Geld. Die Schatten wuchsen. Aber die grauen Herren selbst kamen zu keinem der Kinder. was sie hätten tun können. Davon. Niemand. Das waren große Häuser. denn niemand hatte daran gedacht. abgeliefert werden mußten und je nach Möglichkeit wieder abgeholt werden konnten. wo alle Kinder. Die Spiele wurden ihnen von Aufsichtspersonen vorgeschrieben.« Und abermals andere meinten : »Kinder sind das Menschenmaterial der Zukunft. ihr etwas zu essen zu bringen. daß viele von ihnen Jahre ihrer kostbaren Zeit mit nutzlosen Spielen verplempern.« »Es geht nicht an«. Etwas anderes verlernten sie freilich dabei. Daraufhin wurden in allen Stadtvierteln sogenannte »Kinder-Depots« gegründet. daß sie sich hier selbst Spiele einfallen lassen durften.unzerreißbar. Aber anstatt unsere Kinder auf diese Welt von morgen vorzubereiten. denn das moderne Leben läßt ihnen eben keine Zeit. und wurden in verschiedene Kinder-Depots gesteckt. Den Eltern ist kein Vorwurf zu machen. Aber niemand war gekommen. »verwahrlosen moralisch und werden zu Verbrechern.»Wir müssen etwas unternehmen«. sondern ein wütender und böser. Die Sonne senkte sich dem westlichen Horizont zu. Wurde ein Kind doch einmal dabei erwischt. Das war noch nie geschehen. Selbst Gigi und Beppo mußten sie heute . bei denen sie irgend etwas Nützliches lernten. daß Kinder auf den Straßen oder in den Grünanlagen oder sonstwo spielten. daß alle diese Kinder erfaßt werden. Und da schon sehr viele Zeit-Sparer in der großen Stadt waren. und das war: sich zu freuen. daß immer mehr und mehr Kinder allein sind und vernachlässigt werden. das man anderweitig vernünftiger ausgeben könnte. war natürlich keine Rede mehr. Alles war für Momos Rückkehr vorbereitet.

wie sie es verlassen hatte. wir wollen schlafen gehen. Momo starrte die matt leuchtenden Buchstaben eine Weile an. »Wie kann denn das sein?« Momos Lippen zitterten. »ICH BIN BEI DIR!« stand auf ihrem Panzer. »Wie lang?« fragte sie flüsternd. Auf dem Tischchen aus Kistenbrettern lehnte an einer Blechbüchse ein Brief. Wenn du Hunger hast. Sie hatte noch nie einen Brief bekommen.» Und langsam erschien auf Kassiopeias Rücken das Wort: »VERGANGEN. sagte sie zuversichtlich.. »das kann nicht sein. sagte sie leise. Die Schildkröte schob ihren Kopf hervor und blickte Momo an. sagte Momo und lächelte tapfer. »die beiden warten doch bestimmt noch auf mich!« » NIEMAND MEHR DA«.vergessen haben.) Aber überall lag dicker Staub und hingen Spinnweben. melde dich bitte gleich bei mir. »Was meinst du damit?« fragte sie schließlich bang. war das Ganze nur ein Versehen. sagte Momo. lautete Kassiopeias Antwort. (Beppo hatte das Zimmer damals wieder aufgeräumt. murmelte sie fassungslos. Momos Herz begann schneller zu klopfen. Gestern waren sie ja noch alle da zur großen Versammlung. Kassiopeia. wenn ich dich geweckt habe. »Ja«. ich bezahle alles. Und ich bin froh darüber. verstand aber nicht. Falls du zurückkommst. aus der nichts geworden ist. »An Momo«. Sie hatte nicht bedacht. »du bist bei mir. Also iß nur.«»NIE MEHR«. stammelte sie schließlich. aber sie konnte nicht. Sie schüttelte den Kopf. »Aber Beppo und Gigi«. Morgen kommen meine Freunde bestimmt. der sich morgen aufklären würde. dann riß sie das Kuvert auf und nahm einen Zettel heraus. Nach einer Weile fühlte sie. aber kannst du mir sagen. daß die Schildkröte sie an ihrem nackten Fuß berührte. »Was ist denn mit meinen Freunden?« »ALLE FORT«.. »Es kann doch nicht einfach alles weg sein . Du irrst dich bestimmt. was sie bedeuten sollten. . wieviel Zeit das sein mochte. . als sie zugestimmt hatte. daß Meister Hora gesagt hatte. warum heute den ganzen Tag kein einziger von meinen Freunden gekommen ist?« Auf dem Panzer erschienen die Worte: »KEINER MEHR DA. las Sie. dann geh bitte zu Nino. bis Momo diesen Brief buchstabiert hatte. »Nein«. Er schickt mir die Rechnung. ehe sie diese Antwort begriffen hatte. »Liebe Momo!« las sie. Sie nahm ihn in die Hand und betrachtete ihn von allen Seiten. stand darauf. Auch er war von Spinnweben bedeckt.« Zum ersten Mal in ihrem Leben empfand Momo mit voller Gewalt. »es tut mir leid. die sich schon zum Schlafen in ihr Gehäuse zurückgezogen hatte.« Momo brauchte eine Weile. obwohl Gigi sich offensichtlich alle Mühe gegeben hatte.« Momo las sie. stand auf dem Panzer. daß alles noch so war. sie müsse einen Sonnenkreis hindurch schlafen wie ein Samenkorn in der Erde. »JAHR UND TAG.« Sie nahm die Schildkröte hoch und trug sie durch das Einstiegsloch in der Mauer in ihren Raum hinunter. »Aber ich«. irgendein dummer Zufall. Aber sicher. Aber nun begann sie es zu ahnen. Behalte mich lieb ! Ich behalte dich auch lieb ! Immer dein Gigi« Es dauerte lang. Momo hockte sich neben sie und klopfte mit dem Fingerknöchel schüchtern auf den Rückenpanzer. Ich mache mir große Sorgen um dich. dachte Momo. Ihr Herz wurde schwer wie nie zuvor.« »HAST LANG GESCHLAFEN«. »morgen wird sich's schon herausstellen. hörst du? Alles Weitere sagt dir dann Nino. Im Licht der untergehenden Sonne sah Momo. schön und deutlich zu . »Naja«. Momo erinnerte sich. »ich bin doch noch da . »Ich bin umgezogen. Du fehlst mir sehr. Sie stieg zur Schildkröte hinunter. soviel du willst. was dieses Wort bedeutet.« Sie hätte gern geweint. »Entschuldige bitte«. Komm. Kassiopeia.alles. was war . Hoffentlich ist dir nichts passiert. war die Antwort.

»Du wirst sehen. Momo wußte jetzt. Nino weiß. daß dieser Brief schon fast ein Jahr hier lag. sagte sie leise: »Siehst du. daß sie sie nie mehr verlieren würde. Aber Momo war getröstet. antwortete aber nichts. Statt des alten Hauses mit dem regenfleckigen Verputz und der kleinen Laube vor der Tür stand dort jetzt ein langgestreckter Betonkasten mit großen Fensterscheiben. welche die ganze Straßenfront ausfüllten. Sie legte ihre Wange auf das Papier. den sie in der Jackentasche bei sich trug. wo Gigi und Beppo jetzt sind. Aber dann brach sie plötzlich ab. Als sie endlich damit fertig war. Und dann gehen wir und holen die Kinder. Vielleicht machen wir heute abend ein kleines Fest. Ach. Vielleicht kommen Nino und seine Frau auch mit und die anderen alle. »jetzt wird sich alles aufklären. kam nicht auf den Gedanken. Die Straße selbst war inzwischen asphaltiert. Die Schildkröte schaute sie nur mit ihren uralten Augen an. sagte sie. ich bin doch nicht allein. Sie hob die Schildkröte hoch und legte sie neben sich auf das Bett. Sie werden dir bestimmt gut gefallen. und wir sind wieder alle zusammen. Kassiopeia. Aber jetzt freu' ich mich erst mal auf ein schönes Mittagessen. Momo begann im Gehen zu summen und schließlich zu singen. Vor ihr lag Ninos Lokal. die in ihrer Erinnerung noch ebenso deutlich weiterklangen wie am Tage zuvor. die beim Lesen des Briefes Gigi ganz deutlich vor sich gesehen hatte. Ich hab' schon richtigen Hunger.« So schwatzte sie fröhlich weiter. Ich werde ihnen von den Blumen erzählen und von der Musik und von Meister Hora und allem. erlosch gerade das letzte Restchen Tageslicht. Auf der .« Aber die Schildkröte schien bereits zu schlafen. Wieder waren es die Melodien und die Worte der Stimmen. sie hätte sich im Wege geirrt. Während sie sich in die staubige Decke hüllte. weißt du. und viele Autos fuhren auf ihr.schreiben. Und Momo. VIERZEHNTES KAPITEL Zu viel zu essen und zu wenig Antworten Am nächsten Mittag nahm Momo die Schildkröte unter den Arm und machte sich auf den Weg zu Ninos kleinem Lokal. Kassiopeia«. Momo dachte im ersten Augenblick. Immer wieder faßte sie nach Gigis Brief. meine Freunde. sie alle wiederzusehen. ich freu' mich schon drauf. Jetzt war ihr nicht mehr kalt.

gegenüberliegenden Seite waren eine große Tankstelle und in nächster Nähe ein riesiges Bürohaus entstanden. in denen Schinken. Momo staunte.« »Gigi bezahlt alles für dich. Du hörst ja selbst!« Ehe Momo noch etwas fragen konnte. Vielleicht gab es hier alles umsonst! Das wäre freilich eine Erklärung für das Gedränge gewesen. Momo«. »du bist wieder da ! Das ist aber eine Überraschung!« »Weitergehen!« riefen Leute aus der Reihe. die dort standen und hastig aßen. daß er nicht zu den Tischchen kommen konnte. Auf der anderen Seite befand sich eine lange Barriere aus blitzenden Metallstangen. das Momo nicht kannte. Zwischen dem Metallzaun und den Glaskästen schob sich langsam eine Schlange von Leuten weiter. ohne an Nino vorbei zu müssen. über dessen Eingangstür in großen Lettern die Inschrift prangte: NINOS SCHNELLRESTAURANT Momo trat ein und konnte sich zunächst kaum zurechtfinden. Pudding. ganz am Ende der langen Reihe der Glaskästen hinter einer Kasse. wurde sie beiseite geschubst und weitergedrängt. als es genauso zu machen wie alle anderen.und Käsebrote. »ein kleines bißchen Geduld. Aber alles das konnte Momo erst nach und nach wahrnehmen. was er wollte ! Sie konnte niemand sehen. Teller mit Salaten. Momo faßte sich ein Herz. weil einige Leute laut zu schimpfen anfingen. weiter! Das Kind hat mehr Zeit als wir. denn der « Raum war gedrängt voller Menschen. Die meisten Leute balancierten Tabletts mit Tellern und Flaschen darauf und versuchten einen Platz an den Tischchen zu ergattern. schoben die Leute 'sie einfach weiter. Hier konnte sich also jeder nehmen. so daß sie wie sonderbare Pilze aussahen. kletterte über den Zaun und drängte sich durch die Menschenschlange zu Nino durch. was du willst. auf der er ununterbrochen tippte. Er saß. Aber stell dich hinten an wie die anderen. »das Kind soll sich hinten anstellen wie wir auch. Jeder nahm sich da und dort einen Teller oder eine Flasche und einen Pappbecher aus den Glaskästen. »also nimm dir zu essen. Also bei ihm bezahlten die Leute! Und durch den Metallzaun wurde jeder so gelenkt. Nach einer Weile gelang es Momo. Es blieb ihr also nichts anderes übrig. An der Fensterseite entlang standen viele Tische mit winzigen Platten auf hohen Beinen. aber Nino hörte sie nicht. Geld einnahm und Wechselgeld herausgab. Stühle gab es keine mehr. Würstchen. Viele Fahrzeuge parkten vor dem neuen Lokal. Nino zu erspähen. Überhaupt machten die Leute alle einen ziemlich mißvergnügten Eindruck. flüsterte Nino dem Mädchen hastig zu. Kuchen und alles mögliche andere stand. daß ein Erwachsener im Stehen an ihnen essen konnte. »Momo !« rief er und strahlte. wo sie auch hintrat. eine Art Zaun. der die Leute daran gehindert hätte oder wenigstens Geld dafür forderte. Sie waren so hoch. verschwand plötzlich der mißmutige Ausdruck auf seinem Gesicht. Er blickte auf. Als er Momo sah. warteten schon jeweils andere auf deren Platz. das gibt's nicht! So ein unverschämtes Gör!« »Moment ! « rief Nino und hob beschwichtigend die Hände. Dahinter zogen sich in kleinem Abstand lange Glaskästen hin. »Nino !« rief Momo und versuchte sich zwischen den Leuten durchzudrängen. Da und dort wechselten die Wartenden und die Essenden unfreundliche Worte. denen sie immerfort im Wege zu stehen schien. ganz wie früher. »Weiter. Einfach vordrängen. Die Kasse machte zu viel Lärm und beanspruchte seine ganze Aufmerksamkeit. Sie winkte mit Gigis Brief. von den vielen Leuten verdeckt. bitte!« »Da könnte ja jeder kommen ! « schimpfte einer aus der Reihe der Wartenden. Hinter denen. Sie stellte sich ans Ende der .

»es heißt. sagte Nino. »«r hat eine schöne Villa. Wir sind alle sehr stolz auf ihn. Allerdings war das Tischchen für sie so hoch. ein Marmeladebrot. »ist das hier eigentlich ein Schnellrestaurant oder ein Wartesaal? Ihr habt wohl ein Familientreffen da vorne. erklärte Nino hastig. er ist doch einer von uns ! Man kann ihn oft im Fernsehen sehen. wie Gigi einmal. haben sie ihn schließlich in eine Art Sanatorium gebracht. aber wo ist er denn jetzt?« . sich gänzlich in ihr Gehäuse zu verkriechen und sich nicht dazu zu äußern. Gabel und Löffel. Sie ging mit ihrem Tablett zu einem der Pilztischchen und erwischte tatsächlich nach kurzem Warten einen Platz. setzte sie Kassiopeia einfach darauf. nahm sie sich im Vorübergehen noch einmal allerhand aus den Glaskästen. wollte aber unbedingt noch erfahren. ihr zwei da vorn!« rief jemand aus der Schlange. »Auf dem Grünen Hügel irgendwo«.« »Was ist denn mit euch?« riefen mehrere unwillige Stimmen von hinten. »Glaubt ihr. »Aber. denn sie hatte ja noch viele. Da sie aber sehr hungrig war. »Ich glaube nicht«. wo Gigi ist?« »Ja«. Mehr weiß ich auch nicht. Dann wurde sie langsam und schrittweise weitergeschoben.« »Ja. Kassiopeia in der Mitte zog es vor. wie?« »Sozusagen!« rief Nino flehend. »Und dann?« fragte Momo. wir haben Lust. Ich hab' ihnen die Geschichte erzählt. Ein Stück gebratenen Fisch. Im Vorbeigehen holte sie sich aus den Glaskästen da und dort etwas heraus und stellte es um die Schildkröte herum. und so wurde es eine recht merkwürdige Zusammenstellung. »muß man sich heutzutage bieten lassen. »So was«. Also stellte sie sich noch einmal in die Reihe. und am alten Amphitheater ist ja sowieso nichts mehr los. Nun war sie zwar satt. Und weil sie befürchtete. »Ach. Momo war von alledem etwas verwirrt. fragte sie: »Und wo ist Beppo Straßenkehrer?« »Er hat lang auf dich gewartet«.« Und der andere brummte: »Was wollen Sie . »schlaft ihr?« »Sofort. . Neulich sind sogar zwei Reporter zu mir gekommen und haben sich von früher erzählen lassen. mit einem Park drumherum.« »Verdammt noch mal !« schrie jetzt eine wütende Stimme von hinten. viele Fragen. mein Herr!« rief Nino ihm zu. sagte einer zu seinem Nachbarn. hier ewig herumzustehen?« »Wo wohnt er denn jetzt?« erkundigte Momo sich hartnäckig. aber sie wurde einfach weitergeschoben. daß sie dich suchen sollten.« »He. Soviel ich weiß.Menschenschlange und nahm sich aus einem Regal ein Tablett und aus einem Kasten Messer. bitte!« Momo wollte eigentlich nicht. warum kommt er denn nicht mehr?« fragte Momo. »er hat eben keine Zeit mehr.« »Weiter da vorne!« riefen einige Stimmen aus der Schlange. wenn sie bloß so dazwischenstand. daß sie gerade eben mit der Nase über die Platte reichte. fuhr Nino fort und strich sich nervös mit der Hand übers Gesicht.die Jugend von heute!« Aber sonst sagten sie nichts und kümmerten sich nicht weiter um Momo. »Dann hat er die Polizei rebellisch gemacht«. daß die Leute sonst vielleicht wieder ärgerlich auf sie werden würden. erwiderte Nino. Er hat immer irgendwas von grauen Herren erzählt. »Er wollte unbedingt. Aber geh jetzt erst mal weiter. es wäre dir was Schreckliches passiert. der schon ein bißchen nervös wurde. Doch das Essen gestaltete sich auch so schon schwierig genug für sie. ein Würstchen. Na. weil er harmlos ist. denn immerhin. Als sie ihr Tablett hinauf schob. du kennst ihn ja. ich weiß nicht mehr was. weil er neuerlichen Unwillen seiner Kunden befürchtete. »unser Gigi ist berühmt geworden. und im Radio spricht er auch. . Als sie schließlich wieder bei Nino ankam. Er hat jetzt Wichtigeres zu tun. er war ja immer schon ein bißchen wunderlich. weil sie eben kaum auf ihren Teller gucken konnte. Und in den Zeitungen steht immer wieder etwas von ihm. »Er dachte. was aus Beppo geworden war. Da sie beide Hände für das Tablett benötigte. weißt du«. eine kleine Pastete und ein Pappbecher Limonade. »Ist er noch dort?« erkundigte sich Momo. schauten die Umstehenden mit angeekelten Gesichtern auf die Schildkröte. fragte sie Nino schnell: »Weißt du. Als Momo endlich zur Kasse kam. verzehrte sie alles bis auf den letzten Rest. flüsterte Nino. sie haben ihn wieder laufen lassen. antwortete Nino. wie man hört.

ich habe jetzt wirklich keine Zeit. geh jetzt weiter!« Abermals wurde Momo einfach von den nachdrängenden Leuten weitergeschoben. »viel zu essen hab' ich ja schon gekriegt. wie es zugeht hier!« »Aber warum kommen sie nicht mehr?« beharrte Momo eigensinnig auf ihrer Frage. »das ist ja zum Auswachsen. Da half nichts. für sie ist jetzt gesorgt. wo du inzwischen gesteckt hast!« Aber dann drängten die nächsten Leute heran. ihr Trantanten da vorne!« riefen wieder Stimmen aus der Schlange. — »Viel zu essen«.»Keine Ahnung. »Ich kann dir das jetzt nicht so erklären.« »Beeilt euch doch. weil . Das ist schließlich das Wichtigste. sie mußte sich wieder in die Reihe der Wartenden stellen. erklärte Nino. Aber ich an deiner Stelle würde eben einfach auch in solch ein Kinder-Depot gehen. »Alle Kinder. . sagte er und holte tief Luft wie einer. »Momo«. die sie früher immer besucht hatten. mit dir zu beraten. dem bei Momos neuerlichem Anblick der Schweiß auf die Stirn trat. bitte. na. um die sich niemand kümmern kann. wirklich. Momo. sondern schaute Nino nur prüfend an. Die dürfen sich nicht mehr selbst überlassen bleiben. Du kannst hier immer essen. das Essen einfach stehen zu lassen. Das Lächeln auf seinem Gesicht war schon lange wieder verschwunden. fragte Momo leise. Nun mußte sie aber noch erfahren. wie hier heute getrödelt wird. obwohl sie es kaum hinunterwürgen konnte und es wie Pappendeckel und Holzwolle schmeckte. Aber da werden sie dich sowieso hinbringen.« Momo sagte wieder nichts und sah Nino nur an. und er tippte wieder auf der Kasse. Endlich war sie wieder bei Nino an der Kasse. kurz und gut. bis sie einen Platz fand und verdrückte die Mahlzeit. wo du beschäftigt wirst und aufgehoben bist und sogar noch was lernst. daß sie von der Straße wegkommen. und ebenso automatisch verdrückte sie auch noch das dritte Mittagessen. »Wir wollen schließlich auch mal zum Essen kommen. Die Menge der Nachdrängenden schob sie weiter. »Und die Kinder?« fragte sie. »warte doch mal ! Du hast mir ja gar nicht erzählt. sagte Momo zu Kassiopeia. das weißt du ja. nicht wahr?« Momo sagte darauf gar nichts. sind jetzt in Kinder-Depots untergebracht. viel zu- . »Was ist mit denen?« »Das ist jetzt alles anders geworden«. wenn du so allein durch die Welt läufst. damit die Leute nicht böse auf sie würden. Wieder ging sie zu einem der Pilztischchen. was mit den Kindern war.« »Meine Freunde?« fragte Momo ungläubig. »Haben sie das wirklich selber gewollt?« »Das hat man sie nicht gefragt«. Danach fühlte sie sich elend. die auf ihrem Tablett stand. Aber. der sie im letzten Augenblick noch erspäht hatte. »Kinder können doch über so was nicht entscheiden. Müßt ihr euer gemütliches Schwätzchen denn ausgerechnet jetzt abhalten?« »Und was soll ich jetzt machen«. nahm Geld ein und gab Wechselgeld heraus. Und das machte Nino nun vollends konfus. Automatisch ging sie zu einem der Tischchen. »Zum Kuckuck noch mal!« schrie nun wieder eine erboste Stimme aus dem Hintergrund. du siehst ja. »sei vernünftig und komm irgendwann wieder. »He. Es ist dafür gesorgt. als sie wieder im alten Amphitheater waren. kam Momo natürlich nicht. was du anfangen sollst. . »ohne meine Freunde?« Nino zuckte die Schultern und knetete seine Finger. der mit Gewalt seine Fassung zu bewahren sucht. Momo!« rief Nino ihr nach. Diesmal schmeckte es ihr schon sehr viel weniger gut. an den Glaskästen vorübermaschieren und ihr Tablett mit Speisen füllen. erwiderte Nino und zappelte fahrig mit den Händen auf den Tasten seiner Kasse herum. wartete. Auf die Idee. Sie nahm Kassiopeia unter den Arm und ging still und ohne sich noch einmal umzudrehen hinaus.

Nino hat mir gesagt. auf ihnen Purzelbaume zu machen. wo Gigi hier wohnt. Die Schildkröte nahm sie natürlich wieder mit. taten ihr doch die Füße weh. »wie ich jetzt herauskriegen kann. also auf der anderen Seite der großen Stadt. »Meinst du?« fragte Momo hoffnungsvoll. Er wird dir bestimmt gefallen. um sich einen Augenblick auszuruhen. FÜNFZEHNTES KAPITEL Gefunden und verloren Am nächsten Tag machte Momo sich schon früh am Morgen auf.« Aber auf dem Rücken der Schildkröte erschien nur ein großes Fragezeichen. Wo der Grüne Hügel war. »was suchst du denn hier?« Momo drehte sich um. als ob ich nicht satt bin. daß Diener von reichen Leuten solche Westen tragen. In den Gärten hinter den hohen Mauern und Eisengittern erhoben uralte Bäume ihre Wipfel in den Himmel.viel. barfuß zu laufen. Es war ein weiter Weg. stand auf Kassiopeias Rücken. sagte plötzlich eine Stimme hinter ihr. Kassiopeia. Es war wirklich eine sehr vornehme Gegend. Da stand ein Mann. sagte Momo zur Schildkröte. »He. der eine sonderbare gestreifte Weste anhatte. um Gigis Haus zu suchen. Die glattrasierten Wiesen vor den Häusern waren saftiggrün und luden förmlich ein. der weit entfernt lag von jener Gegend um das alte Amphitheater.« »WIRST'S GLEICH WISSEN«. Momo war zwar daran gewöhnt.« Und abermals nach einer Weile sagte sie: »Aber morgen gehen wir und suchen Gigi. Sie stand auf und sagte: »Guten Tag. »Wenn ich nur wüßte«. wußte Momo. Aber nirgends sah man jemand in den Gärten Spazierengehen oder auf dem Rasen spielen. daß er jetzt hier wohnt. Wahrscheinlich hatten die Besitzer keine Zeit dazu. ich suche das Haus von Gigi. aber als sie endlich auf dem Grünen Hügel ankam. Sie setzte sich auf einen Rinnstein. du Dreckspatz«.« »Wessen Haus suchst du?« . Momo wußte nicht. Aber ich hab' trotzdem das Gefühl. Die Straßen waren hier breit und sehr sauber und beinahe menschenleer. Du wirst schon sehen. Es war ein Villenvorort. Die Häuser in den Gärten waren meist langgestreckte Gebäude aus Glas und Beton mit flachen Dächern. Er lag in der Nähe jener gleichförmigen Neubauviertel.« Und nach einer Weile fügte sie hinzu: »Ich hätte Nino auch nicht von den Blumen und der Musik erzählen können.

Statt jeder erwarteten Antwort erschien aber auf dem Rückenpanzer das Wort: »LEBEWOHL!« Momo erschrak. »Oh!« rief Momo bewundernd. aus Eisenplatten. Das Auto raste noch ein Stückchen weiter. doch im fetzten Augenblick schien ihm noch etwas einzufallen. Das letzte Haus ganz oben an der Straße war von einer übermannshohen Mauer umgeben. Momo konnte sich gerade noch durch einen Sprung nach rückwärts retten und fiel hin. Lange Zeit geschah gar nichts. und Gigi sprang heraus. Gigi Fremdenführer eben«. und ein langes. stand auf dem Rücken der Schildkröte. »Gehört das alles dir?« fragte Momo und zeigte durch das Tor. Woher soll Gigi wissen. erwiderte der Mann mit der Weste und drehte sich um. daß er Wert auf deinen Besuch legt: Sein Haus ist das letzte ganz oben an der Straße. Dreckspatz!« Dann ließ er Momo wieder los und wischte sich die Hand mit seinem Taschentuch ab. Er ging in den Garten zurück und wollte das Tor schließen. »so heißt er doch.« »ER KOMMT GLEICH«. »Momo!« schrie er und breitete die Arme aus. Und auch das Gartentor war. Kennst du ihn denn nicht?« »Hier gibt es keine Fremdenführer«. »was für schöne Vögel!« Sie wollte hineingehen. meinte Momo seufzend. aber der Mann mit der Weste hielt sie am Kragen zurück. daß ich hier draußen stehe . sagte Momo. Nirgends war ein Klingelknopf oder ein Namensschild zu finden. war auf dem Panzer zu lesen. und Momo begann zu überlegen. elegantes Auto schoß in voller Fahrt heraus. und er bezahlt für mich alles. aber die Schrift erlosch sogleich wieder. »LACKAFFE!« stand auf Kassiopeias Panzer. Und auf einem Baum voller Blüten saß ein Pfauenpärchen. »Da komm' ich nicht 'rein. »Ich möchte wissen«. »Bist du wirklich ganz sicher?« fragte sie nach einer Weile. so daß man nicht hineinsehen konnte. »Gigi Fremdenführer muß ich suchen.« Der Mann mit der Weste zog die Augenbrauen hoch und schüttelte den Kopf. »Was meinst du denn damit. »Diese Künstler !« sagte er säuerlich. ähnlich wie das bei dem Mann mit der Weste. wo sein Haus ist?«»Und er erwartet dich wirklich?« wollte der Mann wissen. Er wartet nämlich auf mich. »Hiergeblieben!« sagte er. »Na ja«. »ganz bestimmt. »da kann ich aber vielleicht lang warten.falls er überhaupt drin ist. »das ist doch wirklich und wahrhaftig meine kleine Momo!« . was ich bei Nino esse. Eine Tür wurde aufgerissen. Weißt du. und Momo konnte einen Blick hineinwerfen. antwortete Momo erfreut. »Du meinst doch nicht etwa Girolamo. meinte Momo.»Von Gigi Fremdenführer. dann bremste es. »Warum ist denn alles so zu?« fragte Momo. Also setzte Momo sich geradewegs vor das Tor und wartete geduldig. »ob das überhaupt Gigis neues Haus ist. 'ob Kassiopeia sich nicht vielleicht doch einmal geirrt hatte. Sie sah einen weiten Rasen.« »IST ES ABER«. sagte der Mann mit der Weste noch eine Spur unfreundlicher.« »WARTE!« erschien als Antwort. Kassiopeia? Willst du mich denn wieder verlassen? Was hast du denn vor?« »ICH GEH' DICH SUCHEN!« war Kassiopeias noch rätselhaftere Auskunft. um sie aus der Nähe zu betrachten.« Der Mann mit der gestreiften Weste guckte das Kind mißtrauisch an. In diesem Augenblick flog plötzlich das Tor auf. Hinter ihm war das Gartentor ein wenig offen geblieben. auf dem einige Windhunde spielten und ein Springbrunnen plätscherte.« »Doch«. »was sie doch manchmal für ausgefallene Launen haben! Aber wenn du wirklich glaubst. »Was fällt dir ein. als habe er etwas Unappetitliches angefaßt. daß die Reifen quietschten.« Und das Gartentor fiel ins Schloß. »Ja«. Es sieht eigentlich gar nicht nach ihm aus. Er ist mein Freund. »Nein«. Er ist nämlich mein Freund. »verschwinde jetzt! Du hast hier nichts zu suchen. versicherte Momo mit Nachdruck. den berühmten Erzähler?« »Na ja.

dann fliegt uns das Flugzeug wirklich noch vor der Nase weg. Also ich habe nicht mehr geglaubt. wandte sich die erste Dame nun an Momo und lächelte. sagte Gigi. sagte Gigi. Wieso bist du damals so plötzlich verschwunden?« Momo wollte eben anfangen. Wo hast du denn nur gesteckt die ganze Zeit? Du mußt mir alles erzählen. es ist ja so schrecklich viel passiert inzwischen. Sie wissen ja selbst. ganz. Und ab ging die Fahrt. Wir werden von Ihnen dafür bezahlt. »Es tut mir leid. nicht wahr?« »Lassen Sie das Kind in Ruhe!« sagte Gigi ärgerlich. antwortete Gigi nervös. natürlich!« lenkte Gigi ein. »Hat das Kind sich verletzt?« fragte die eine. Das wird der Knüller!« »Nein«. Momo! Aber hübsch der Reihe nach. »und jetzt erzähle.« »Was lungert es aber auch vor dem Tor herum!« sagte die zweite Dame. »es hat sich nur erschreckt. sondern zog sie an der Hand hinter sich her zum Auto. -Aber das könnten wir doch gleich an Presse und Rundfunk geben! »Wiedersehen mit der Märchenprinzessin« oder so. was Momo dazu sagen würde. von Meister Hora und den Stunden-Blumen zu erzählen. »du möchtest doch bestimmt gern in der Zeitung stehen. aber stark geschminkten Gesichtern. sie lassen mich nicht!« »Oh!« versetzte die zweite Dame spitz.« Momo hatte mehrmals versucht. Wir sollten Momo unbedingt der . Momo. »Also fahren wir schon! Weißt du was. wartete sie einfach ab und schaute ihn an. sondern redete aufgeregt weiter. Die zweite Dame warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Dann können wir unterwegs reden. Wir erledigen nur unseren Job. Aber irgendwie war er ihr seltsam fremd. eher vorwurfsvoll als besorgt. »kann ich denn nicht mal mehr mit Momo in Ruhe ein paar Worte wechseln nach so langer Zeit ! Aber du siehst ja selbst. einverstanden?« Er wartete nicht ab. Und die Kinder? Ach. aber er wartete gar nicht ab. aber ich hab's schrecklich eilig. nein.« »Ja natürlich. Und mein Fahrer bringt dich anschließend nach Hause. Gigi setzte sich neben den Fahrer und nahm Momo auf den Schoß. verstehst du? Ich bin schon wieder mal zu spät dran. »Nein. Wie geht es dir denn? So rede doch endlich ! Und unser alter Beppo. Momo? Du fährst einfach mit zum Flugplatz. »uns ist das völlig gleich. »Aber das ist doch Momo!« rief Gigi lachend. was sie sagte. »das möchte ich eigentlich nicht. ganz anders. ich denke oft an die Zeit. keine Spur«. versicherte Gigi. »Entschuldigung«. Aber jetzt ist alles anders. Das waren schöne Zeiten. »Wenn wir jetzt nicht mächtig auf die Tube drücken. Aber da er seinen Redestrom nicht unterbrach. und er duftete gut. Hast du meinen Brief gefunden ? Ja ? War er noch da ? Gut. daß wir Ihre Termine organisieren. dieses Mädchen gibt es also wirklich ?« fragte die dritte Dame erstaunt. daß ich dich erschreckt habe. auf Gigis Fragen zu antworten. »Meine alte Freundin Momo ist das!« »Ach. verehrter Meister. was das bedeuten würde. »Ich hatte es immer für eine Ihrer Erfindungen gehalten. daß du zurückkommen würdest. als wir noch alle zusammen waren und ich euch Geschichten erzählt habe. wir müssen uns so viel erzählen. »Hast du dir weh getan?« fragte er atemlos. »Also«.« »Mein Gott«. das wird bei den Leuten fabelhaft ankommen! Ich werde das sofort veranlassen. als sich eine der Damen nach vorn beugte. Inzwischen waren aus dem Auto noch vier andere Personen ausgestiegen und herangekommen: ein Mann in einer ledernen Chauffeursuniform und drei Damen mit strengen. sie lassen mich nicht.« »Aber du. und Gigi fing sie auf und hob sie hoch. »aber mir kommt gerade eine fabelhafte Idee. und bist du zu Nino essen gegangen ? Hat es dir geschmeckt? Ach. Er sah anders aus als früher. küßte sie hundert Mal auf beide Backen und tanzte mit ihr auf der Straße herum. sagte sie. Die drei Damen nahmen auf dem Rücksitz Platz. weißt du. was macht er? Ich hab' ihn schon ewig nicht mehr gesehen.Momo war aufgesprungen und lief auf ihn zu. diese Sklaventreiber. Kleine«. Kind. Momo. so schön gepflegt.

verstummen.« »Nur eine Frage noch. das kennt man ja allmählich schon«. entgegnete die Dame gekränkt. »Jeder andere würde sich die Finger ablecken nach einer solchen Gelegenheit. Gigi fuhr sich mit der Hand erschöpft über die Augen. >Gigi bleibt Gigi !< .lassen Sie uns beide für fünf Minuten in Ruhe!« Die Damen schwiegen. »Aber nicht jetzt! Nicht jetzt!« »Sehr schade !« meinte die Dame. Ich sage dir eines. die als nächstes gedreht wird. du kannst das vielleicht nicht verstehen. daß er krank war. Sie wäre doch haargenau der neue Kinderstar für Ihre Vagabunden-Story. Momo. Könnten Sie mich nicht wenigstens rasch ein Interview mit dem Kind machen lassen?« »Schluß !« brüllte Gigi. armer Teufel bin. »Verzeihen Sie«.« »Nein!« fuhr ihr Gigi in die Rede. Momo. Momo.« Nun waren alle drei Damen beleidigt. nicht um meine! Sie sollten es sich gut überlegen.nein.« »Ich bin nicht jeder andere!« schrie Gigi plötzlich wütend. eine solche Gelegenheit auszulassen!« »Nein«. »Das einzige. Gigi griff sich stöhnend an den Kopf. sind Wunschträume. das ist die Hölle. selbst wenn ich wollte.« Er starrte trübe zum Wagenfenster hinaus. ob Sie sich's zur Zeit leisten können. daß die grauen Herren dabei ihre Finger im Spiel . sondern überhaupt nicht. nichts mehr erzählen. Vielleicht können wir's ja auch später machen. Sie verstand vor allem. die erfüllt werden. »ich kann es mir nicht leisten! Aber Momo bleibt aus dem Spiel ! Und jetzt . daß dieses Pack auch dich noch in die Finger kriegt. Ich könnte es auch bei euch nicht wieder lernen. und zwar privat ! Das ist wichtig für mich ! Wie oft soll ich Ihnen das noch erklären?« »Sie selbst werfen mir doch dauernd vor«. was es im Leben gibt. Schließlich drehte sich Gigi nach hinten zu den Damen. Es ist vorbei mit mir. »daß ich nicht genügend wirkungsvolle Reklame für Sie mache!« »Richtig!« stöhnte Gigi. erlauben Sie mal !« antwortete die Dame ebenso heftig. ehe es zu spät ist«. Jedenfalls. wo ich jetzt bin. fuhr Gigi fort und lächelte Momo etwas schief an. Ich hab' alles so satt. während ich mit Momo rede!« »Na. Das ist zwar auch eine Hölle. aber wenigstens eine bequeme. was rede ich da? Das kannst du natürlich alles nicht verstehen. aufs Äußerste gereizt.« Momo sah ihn nur an. Momo. Darum bleibe ich schon lieber. bis man mich vergessen hat und bis ich wieder ein unbekannter. Ich bin einfach mit den Nerven fertig. . »Nicht jetzt und nicht später. mischte sich nun die zweite Dame dazwischen. aber ich will einfach nicht. — Ach. Und zu Momo gewandt fügte er hinzu: »Entschuldige. »Ich will jetzt mit Momo reden. »Wir sind nämlich gleich da. wenn es so geht wie bei mir. »Da siehst du's nun . »Ich möchte auf keinen Fall. Ein paar Minuten lang sagte niemand mehr etwas.ich flehe Sie an ! . Für mich gibt's nichts mehr zu träumen. dann holte er ein silbernes Döschen aus seiner Westentasche. »Ich kann nicht mehr zurück. todkrank. Und jetzt halten Sie gefälligst Ihren Mund. »So was würde bei den Leuten auf die Tränendrüsen drücken. Stellen Sie sich die Sensation vor! Momo spielt Momo!« »Haben Sie nicht verstanden?« fragte Gigi scharf. vielleicht für den Rest meines Lebens. »Sie hab' ich nicht gemeint. »wollen wir nur noch von uns reden.Erinnerst du dich noch? Aber Gigi ist nicht Gigi geblieben.« Er ließ ein kleines bitteres Lachen hören. wenn wir .Public-Film-Gesellschaft vorführen. . »Schließlich geht's ja um Ihre Publicity. daß Sie das Kind da hineinziehen!« »Ich weiß wirklich nicht. schrie Gigi verzweifelt. murmelte er abgekämpft. Sie ahnte. das Gefährlichste. was Sie wollen«.so weit ist es mit mir gekommen. »Und nun«. erwiderte die Dame nun ebenfalls wütend. nahm eine Pille heraus und schluckte sie. antwortete die erste Dame. das wäre. oder doch wenigstens so lang. Aber wie Sie wollen.den Mund halten.« »Na ja. Aber arm sein ohne Träume . was ich jetzt noch tun könnte.

Was sollte sie ihm sagen? Wohin wollte sie denn eigentlich? Sie mußte Kassiopeia suchen. nun erst wirklich verloren. als hätte sie ihn dadurch. Du wohnst bei mir in meinem schönen Haus und gehst in Samt und Seide wie eine richtige kleine Prinzessin. »Aber ich rede immerfort nur von mir«. daß sie sich gleich verlieren würden. sagte er so leise. dann wurde er von den Damen. Ihr war. Sie stiegen alle aus und eilten in die Halle. Also vor Gigis Haus ! Und nun fiel ihr auch ein. »Hör zu. sagte Gigi. Und nun ging sie also Momo suchen. Und plötzlich hatte er Tränen in den Augen. Das Herz tat ihr davon weh. solche wie damals. Er winkte noch einmal aus der Ferne. als Momo sich wieder zu ihm in Gigis langes elegantes Auto setzte. wenn sie nicht mehr Momo wäre. und alles kommt in Ordnung. »nun erzähle doch endlich mal. Natürlich hatte Kassiopeia vorher gewußt. das wußte Momo ganz sicher. Bitte. Er nickte traurig. Einige Zeitungsreporter knipsten ihn und stellten ihm Fragen. wohin?« fragte der Fahrer. daß auf ihrem Rückenpanzer »LEBEWOHL!« und »ICH GEH' DICH SUCHEN« gestanden hatte. Vielleicht fallen mir dann wieder wirkliche Geschichten ein. hilf mir!« Momo wollte Gigi so gerne helfen. daß die Umstehenden es nicht hören konnten. Momo hatte während der ganzen Begegnung mit Gigi kein einziges Wort sagen können. daß sie ihn gefunden hatte. weil das Flugzeug in wenigen Minuten starten würde. Hier wurde Gigi bereits von uniformierten Stewardessen erwartet. Und sie hätte ihm doch so viel zu sagen gehabt. Das Mädchen starrte verstört vor sich hin. was du inzwischen erlebt hast. Momo!« In diesem Augenblick hielt das Auto vor dem Flughafen. Auch ihre Augen füllten sich mit Tränen. Aber die Stewardessen drängten ihn. Aber sie fühlte. Momo. Sie schüttelte den Kopf. Und sie wußte nicht. die er selbst dafür bezahlte.hatten. Langsam drehte sie sich um und ging dem Ausgang der Halle zu. Aber wo ? Wo und Wann hatte sie sie denn verloren ? Bei der ganzen Fahrt mit Gigi war sie schon nicht mehr dabeigewesen. Momo«. weißt du? Du brauchst nur ja zu sagen. weggezogen. wie sie ihm hätte helfen können. Du sollst nur da sein und mir zuhören. Und plötzlich durchfuhr sie ein heißer Schreck: Auch Kassiopeia hatte sie verloren ! SECHZEHNTES KAPITEL Die Not im Überfluß »Also. wo er es doch selbst gar nicht wollte. und dann war er verschwunden. Aber wo sollte Momo Kassiopeia suchen? . Gigi beugte sich zu Momo herunter und sah sie an. Momo winkte zurück. daß es so nicht richtig war. »bleib bei mir! Ich nehme dich mit auf diese Reise und überallhin. daß er wieder Gigi werden mußte und daß es ihm nichts helfen würde. Und Gigi verstand sie.

Hilfst du mir bitte?« »Ich hab' keine Zeit für dumme Witze ! « knurrte er und fuhr durch das Tor. stieg Momo aus und begann sofort. und sie mußte fürchten. Aber freilich. das hinter dem Auto zufiel. Sie sah überhaupt keine Kinder mehr auf den Straßen. ja vielleicht erst vor einem Augenblick gewesen war. Aber vergebens. antwortete Momo. Oder umgekehrt. alles ringsum abzusuchen. ich soll dich zu dir nach Hause bringen. blieb ihr nur die verzweifelte Hoffnung. dachte Momo. Da niemand ihr etwas über seinen Verbleib sagen konnte. Das muß ich jetzt suchen.Und doch. Aber mehr als bei ihrer ersten Begegnung konnte sie nie mit ihm reden. so verschwindend gering wie die. »Ich denke. »Kassiopeia!« rief sie immer wieder leise. Und nun war sie wirklich zum ersten Mal ganz allein. Aber schließlich mußte sie doch irgendwann weitergehen. »Kassiopeia!« »Was suchst du denn eigentlich?« fragte der Fahrer aus dem Wagenfenster. Der Fahrer blickte etwas überrascht drein. »Vielleicht«. Die nächsten Wochen verbrachte Momo damit. »Meister Horas Schildkröte«. waren sie sich vielleicht ganz nah. wird's bald?« sagte der Chauffeur und trommelte mit den Fingern auf dem Lenkrad. daß sie just an einer Stelle vorüberkam. Momo kroch in ihr Bett. wie oft mochte Beppo wohl kurz oder lang nach ihr über diesen Platz oder an diese Straßenecke kommen. ihre Wege würden sich durch Zufall kreuzen. lag an der heimlichen.« Dem Fahrer war es recht. aber keine Kassiopeia war zu sehen. Sie hegte die zaghafte Hoffnung. Denn das hätte ja nicht in die Pläne gepaßt. Sie mußte fürchten. einer Minute. »hat sie sich schon auf den Heimweg zum Amphitheater gemacht. Momo suchte also allein. Aber davon wußte Momo nichts. aber so wußte Momo nie. in dieser riesengroßen Stadt war die Möglichkeit. die sie mit Momo hatten. Wer weiß. Tief in der Nacht erst kam Momo im alten Amphitheater an. Momo wartete deshalb oft an einer Stelle viele Stunden. erwiderte Momo. Jeden Tag ging sie einmal zu Nino zum Essen. denn dorthin mußte er ja sowieso. Sie schreibt nämlich Buchstaben auf ihrem Rückenpanzer. Dabei spähte sie in jede Mauerecke und suchte in jedem Straßengraben. die ein Schiffbrüchiger irgendwo im weiten Ozean in die Wellen wirft. daß sie sich nur um ein weniges verfehlten. Beppo zu verfehlen. von einem Fischerboot an einer fernen Küste aufgefischt wird. . den sie gekommen war. Aber das war ja natürlich gar nicht möglich.« Momo ging also den gleichen Weg. Oder wirst du jetzt etwa bei uns wohnen?« »Nein«. so sagte sich Momo. langsam zurück. hielt sie Ausschau. antwortete Momo.»Na. wo Beppo erst vor einer Stunde. »ich hab' was auf der Straße verloren. ihn zu verfehlen. Aber sie sah niemals eines. Ich muß sie unbedingt wiederfinden. so langsam wie sie war. »Ich habe noch was anderes zu tun. und sie erinnerte sich an Ninos Worte. die früher immer zu ihr gekommen waren. »sie heißt Kassiopeia und weiß immer eine halbe Stunde die Zukunft voraus. als dich spazierenzufahren. daß die Schildkröte durch ein Wunder schon vor ihr nach Hause gekommen wäre. Auch hier suchte sie sorgfältig alles ab. bitte«. was sie tun sollte. sie hätte ihr geraten »WARTE U oder »GEH WEITER ! «. daß für die Kinder jetzt gesorgt sei. Daß Momo selbst niemals von einem Polizisten oder einem Erwachsenen aufgegriffen und in ein Kinder-Depot gebracht wurde. Sie suchte die ganze Straße ab. Auch nach den Kindern. Als sie vor Gigis Villa ankamen. daß zwei Menschen sich zufällig begegneten. soweit es in der Dunkelheit möglich war. weil sie wartete. wie oft es geschah. daß eine Flaschenpost. Nino war immer in der gleichen Eile und hatte niemals Zeit. und so war es wieder möglich. ziellos in der großen Stadt umherzuirren und Beppo Straßenkehrer zu suchen. unablässigen Überwachung durch die grauen Herren. weil sie es nicht tat.« »Zu Gigis Haus. Wie gut hätte sie jetzt Kassiopeia brauchen können ! Wenn sie noch bei ihr gewesen wäre. Immer wieder rief sie den Namen der Schildkröte.

wie Beppo kehrt. wäre sie vor die Wahl gestellt worden. aber sie wartete natürlich vergebens. und ihre Gesichter wirkten seltsam erstarrt . Es genügt vielleicht. so sah sie die glühende Farbenpracht der Blüten und hörte die Musik der Stimmen. Vielleicht war sie längst zu Meister Hora zurückgekehrt. sagte Momo zu sich. Aber ohne Kassiopeia konnte sie den Weg nicht wiederfinden. Auch hier quälte sie wieder die Vorstellung. als gelte es ihr Leben. weil sie plötzlich hoffte. daß genau das vielleicht schon geschehen war. aber als sie auf der anderen Brücke ankam. Beppo könnte vielleicht vorbeikommen. sie sei noch immer verschwunden. mußte er natürlich glauben. Denn das war es. Sie wollte bei ihm bleiben. Schließlich malte sie in großen Buchstaben an die Wand ihres Zimmers: BIN WIEDER DA. Momo rannte los. Sie kam sich vor wie eingeschlossen in einer Schatzhöhle voll unermeßlicher Reichtümer. wenn man sie nicht mit anderen teilen kann. Alle drei sahen ganz verändert aus. Jedenfalls kam sie nicht wieder. die wohl nur wenige Menschen kennengelernt haben. Aber das Tor öffnete sich nie wieder.Aus den Wochen wurden Monate. in denen sie sich wünschte. Und wie am ersten Tag konnte sie die Worte nachsprechen und die Melodien mitsingen. Statt dessen geschah etwas ganz anderes. ob sie schon zurückgekommen sei. aber Momo erlebte eine. Sie hoffte. Es gibt viele Arten von Einsamkeit. Und immer war Momo allein. ob es so werden würde wie früher. »Es wird wohl nicht Beppo gewesen sein«. der ihr zuhörte. aber die Gestalt unterbrach ihre Tätigkeit keinen Augenblick. sie hätte diese Erinnerung um nichts in der Welt wieder hergegeben. Ein einziges Mal erblickte sie. Auch wenn sie daran sterben mußte. an die Blumen und die Musik. ihn noch einmal zu sehen. Es waren Paolo. Über eine solche Art von Einsamkeit kann man in Wahrheit auch nichts erzählen. oder ihr zu erlauben. Ich weiß doch. die Momo je durchlebte. Manchmal saß sie ganze Tage lang allein auf den steinernen Stufen und sprach und sang vor sich hin. Wenn sie dann gerade nicht da wäre. obgleich diese sich immerfort neu bildeten und niemals die gleichen waren. Diese schwang hastig einen Besen. die so vergingen — und doch war es die längste Zeit. in der Ferne auf einer anderen Brücke eine kleine gebückte Gestalt. ihr keine Zeit mehr zuzuteilen. Aber niemals las es jemand außer ihr selbst. Denn die wirkliche Zeit ist eben nicht nach der Uhr und dem Kalender zu messen. Oder sie hatte sich irgendwo auf der Welt verirrt.« An manchen Tagen blieb sie auch zu Hause im alten Amphitheater. außer den Bäumen und den Vögeln und den alten Steinen. an denen man zugrunde geht. Sie trugen eine Art grauer Uniform. das früher immer das kleine Geschwisterchen Dedé herumgetragen hatte. Es waren nur einige Monate. Niemand war da. sie hätte die Musik nie gehört und die Farben nie geschaut. Es kamen sogar Stunden. das kann er gar nicht gewesen sein. so tief vergraben unter einem Berg von Zeit. als sie in der Abenddämmerung auf dem Geländer einer Brücke saß. bei ihm im Nirgend-Haus für immer zu bleiben.und sie versuchte es oft und oft — so wäre sie zu ihm hingegangen und hätte ihn gebeten. Eines jedoch verließ sie nicht in all dieser Zeit: Die lebendige Erinnerung an das Erlebnis bei Meister Hora. vor einer Woche oder gestern ! Also wartete sie. was sie nun erfuhr: Es gibt Reichtümer. nur dies eine noch zu sagen: Wenn Momo den Weg zu Meister Hora hätte finden können . Und die war und blieb verschwunden. Momo glaubte Beppo zu erkennen und schrie und winkte. Sie war inzwischen mit allem einverstanden. Und dennoch. die früher immer zu ihr gekommen waren. ganz gleich. und sie konnte sich niemand bemerkbar machen. und die wenigsten mit solcher Gewalt. Und es gab keinen Ausgang! Niemand konnte zu ihr dringen. Franco und das Mädchen Maria. die immer mehr und mehr wurden und sie zu ersticken drohten. -Alle paar Tage lief Momo zu Gigis Villa und wartete oft lange vor dem Gartentor. um nachzusehen. »Nein. ihm zuhören und zu ihm sprechen. Eines Tages nämlich begegnete Momo in der Stadt drei Kindern. konnte sie niemand mehr entdecken. Sie brauchte nur die Augen zu schließen und in sich hineinzuhorchen. um sich zu trösten.

antwortete Paolo. Wer es am schnellsten kann. hat gewonnen.« »Und das macht Spaß?« fragte Momo etwas zweifelnd. antwortete Franco. Dann werden wir gemischt und kommen in eine Kartei. sagte Momo atemlos. »aber darauf kommt es nicht an. Aber kaum hatte sie einen Schritt auf das Tor zu gemacht. »Kinder-Depot« stand über der Tür.« Doch nun geschah etwas Sonderbares: Ehe eines der Kinder antworten konnte. sagte Maria. »Aber morgen vielleicht. »Darauf«. »Ja.« »So darf man nicht reden«. meinte Momo. »Da ist uns selber immer eine Menge eingefallen. »kommt ihr jetzt wieder zu mir?« Die drei wechselten Blicke. wie schwer. dann schüttelten sie die Köpfe.und leblos. Dennoch trat sie nach einer Weile an das Tor heran. Und dann muß einer von uns eine bestimmte Karte herausfinden. »aber jetzt ist alles anders.« »Aber worauf kommt es denn an?« wollte Momo wissen. »so darf man nicht reden. aber man muß höllisch aufpassen. es war schön«. und zwar so. ja?« fragte Momo. sagte Franco plötzlich. kommt doch wieder!« bat Momo. daß du dort hineinkommst. Manchmal sind wir auch nur lange Zahlen. daß man sie mitspielen lassen sollte. »Oder übermorgen?« Wiederum schüttelten die drei die Köpfe. am Anfang«. Die drei schüttelten die Köpfe und blickten sich um. die alle in das Tor hineingingen.« Alle schwiegen und blickten vor sich hin. wie alt. »daß es nützlich für die Zukunft ist. Jede Lochkarte enthält eine Menge verschiedener Angaben: wie groß. »Wo geht ihr denn jetzt hin?« wollte sie wissen. »Darauf kommt es nicht an«.« Die drei Kinder gingen eilig weiter. meinte Maria. Selbst als Momo sie jubelnd begrüßte. was man wirklich ist. »Ich hätte euch so viel zu erzählen«. »Heute spielen wir Lochkarten«. »das ist sehr nützlich.« .« »Könnt ihr denn nicht einfach ausreißen?« schlug Momo vor. »Ach. Schließlich faßte Momo sich ein Herz und fragte: »Könntet ihr mich nicht vielleicht mitnehmen? Ich bin jetzt immer so allein. »Ich hab's schon ein paar Mal versucht. die Zigarre im Mundwinkel. Aber natürlich nie das. ob es jemand gehört hatte. ganz gleich was für Spiele es sein würden. »Ich hab' euch so gesucht«. »Bei dir war's viel schöner«. Zwischen ihr und der Tür stand plötzlich einer der grauen Herren. und so weiter. antwortete Maria traurig. flüsterte Franco. Aber dabei lernt man nichts. lächelten sie kaum. Momo lief neben ihnen her. sagen sie. um zu klingeln oder zu klopfen.« »Was denn?« fragte Momo. Momo hatte es erschrocken beobachtet. Und alle sahen ähnlich aus wie die drei Freunde von Momo.« »Das haben wir doch nie getan«. »Vielleicht sehen wir uns irgendwann mal wieder«. »schließlich wird doch jetzt für uns gesorgt. Sie kriegen einen immer wieder. meinte Maria ängstlich. grauen Hauses angekommen. Hinter ihnen schlug hallend das Tor zu. Er muß Fragen stellen. »Da lernen wir spielen. erklärte Paolo. sagte Momo. »In die Spielstunde«. MUX/763/y zum Beispiel.« »Und wie geht das?« »Jeder von uns stellt eine Lochkarte dar. Sie wollte noch einmal bitten. Wir dürfen unsere Zeit nicht mehr nutzlos vertun. »Versuche es gar nicht erst! Es liegt nicht in unserem Interesse. als sie vor Schreck erstarrte. »aber es ist zwecklos. sonst wäre es ja zu einfach. »Früher seid ihr doch immer gekommen.« »Früher !« antwortete Paolo. Um sie herum waren noch mehr Kinder. wurden sie wie von einer riesigen Magnetkraft in das Haus hineingesaugt. »Zwecklos!« sagte er mit dünnem Lächeln.« Inzwischen waren sie vor dem Tor eines großen. daß er alle anderen Karten aussondert und nur die eine zum Schluß übrig bleibt.

daß es in Wahrheit nichts Gutes für sie und ihre Freunde sein würde. aber sie brachte keinen Laut hervor. aber wenn er ihr wirklich etwas tun würde und sie um Hilfe schrie. aber sie hatten es alle sehr eilig. aschengraues Gelächter hören. was wir wollen. daß niemand auf sie und den grauen Herren geachtet hatte. Der graue Herr lächelte dünn. Aber wir verschonen dich. sie wollte ihm überhaupt nicht mehr begegnen. Außerdem.»Warum?« fragte Momo. Aber wo konnte sie sich vor ihm verstecken? Am sichersten schien es ihr mitten in der Menge anderer Menschen. wie du siehst. packte Momo das Entsetzen. dann würden die Leute doch wohl aufmerksam werden und sie retten. dort ganz allein mit ihm zu sein. Zwar hatte sie ja gesehen. daß du uns einen kleinen Dienst erweist«. Wo sie ihn treffen sollte. »Kennst du uns denn noch immer so wenig? Weißt du noch immer nicht. Möchtest du das?« »Ja«. hatte er ihr nicht gesagt. weder dort noch anderswo. Aber der graue Herr war schon nicht mehr da. SIEBZEHNTES KAPITEL Große Angst und größerer Mut Momo fürchtete sich davor. Und bei dem Gedanken. Momo zeigte mit dem Finger auf den grauen Herrn und wollte um Hilfe rufen. wie mächtig wir sind? Wir haben dir alle deine Freunde genommen. der sie um Mitternacht treffen wollte.»Weil wir mit dir etwas anderes vorhaben«. »Laß das doch!« sagte der graue Herr und ließ ein freudloses. ins alte Amphitheater zurückzukehren. Nur der Rauch seiner Zigarre hing noch in der Luft. dort hinkommen. Den restlichen Nachmittag und den ganzen Abend über bis tief in die Nacht hinein lief Momo also mitten im Gedränge der Passanten . erklärte der Graue und paffte einen Rauchring. Und auch mit dir können wir machen. kannst du viel dabei gewinnen für dich . erwiderte der graue Herr. war sie mitten in einer dichten Menschenmenge auch am schwersten zu finden. war ja mehr als deutlich gewesen.und deine Freunde. »Dann wollen wir uns heute um Mitternacht zur Besprechung treffen. Was auch immer er ihr vorzuschlagen hatte .« Momo nickte stumm. flüsterte Momo. Sie fühlte wieder die eisige Kälte in sich aufsteigen. »Wenn du vernünftig bist. Sicherlich würde der graue Herr.« »Warum?« brachte Momo mühsam hervor. »Weil wir möchten. der sich wie eine Schlinge um Momos Hals legte und nur langsam verging. Nein. Niemand kann dir mehr helfen. Leute gingen vorüber. so sagte sie sich.

Sie wollte zu ihm hinlaufen. Und es wurde immer lauter und lauter. »Halt!« wollte Momo rufen und »aufhören!«. . wo sie vor dem grauen Herren sicher zu sein glaubte. Die Kartenkinder weinten lautlos. an ihre eigene Angst gedacht ! Und dabei waren es doch in Wirklichkeit ihre Freunde. ohne daß sie es gemerkt hatte. versuchen mußte sie es wenigstens. die grauen Herren dazu zu bewegen. »Ich kann das andere Ende nicht finden!« Und das Seil schien tatsächlich unendlich lang. »nur einen winzigen Augenblick. Sie wollte auf die belebten Straßen zurück. Dann sah sie Gigi. . fühlte sie plötzlich eine . desto mehr verwickelte sie sich darin. Sie zog die müden Füße hoch und steckte sie unter ihren Rock. dann mußten sie sich neu ordnen. ehe sie sich's recht überlegt hatte. wo sie diesen Weg begonnen hatte. ihre Freunde freizugeben. das tat gut ! Sie seufzte erleichtert. dachte sie endlich. Es verlor sich nach beiden Seiten in der Dunkelheit. als ob er sie flehend anblickte. Momo wischte sich die Wangen ab. Sie ließ sich einfach mittreiben in dem Strom der immer eiligen Menschenmassen. aber der Papierstreifen hörte nicht auf und riß auch nicht ab. der um diese späte Nachtzeit wie ausgestorben wirkte. . Aber sie war ja schon den ganzen Tag über herumgelaufen. Mochte die Möglichkeit. wenn sie ihm nicht zu Hilfe käme. Und je heftiger sie sich zu befreien versuchte. die noch naß von Tränen waren. Dann sah sie die Kinder. Momo kletterte hinauf und lehnte sich gegen einen Sack. Und dieser Wagen fuhr jetzt. denn es war dunkel um sie. Und es schien Momo. hoch über einem finsteren Abgrund auf einem Seil dahinschwanken. . an ihr eigene Verlassenheit. Ach. weiter. Sie war davongelaufen. Er zog und zog immer weiter. Das Motorengeräusch verklang allmählich in den dunklen Straßen. dann war sie es. als ob er keine Luft mehr bekommen könne. bis sie wie in einem großen Kreis wieder dorthin zurückkam. Er war zu weit fort. Sie waren alle ganz flach wie Spielkarten. auch noch so winzig sein. immer weiter. aber schon wurden sie wieder gemischt. und es wurde still. und neue Löcher wurden in sie hineingestanzt. Es wurde spät und später. daß es knatterte und ratterte. Die Straßen waren menschenleer und die hohen Häuser dunkel. Sie sah den alten Beppo. denn er befand sich jetzt in einem Teil der Stadt.»Nur einen Augenblick ausruhen«. aber das Knattern und Rattern übertönte ihre schwache Stimme. der seinen Besen als Balancierstange benutzte.« Am Straßenrand stand gerade ein kleiner. Im ersten Augenblick wußte sie nicht mehr. Wenn es überhaupt noch jemand gab. Sie lief ihn ein zweites und ein drittes Mal. Gigi stand schon auf einem ganzen Berg von Papierstreifen. Wirre Träume suchten sie heim. Die Karten wurden durcheinandergewirbelt. der angenehm weich war. der ihnen Hilfe bringen konnte. und dabei fielen sie übereinander. Doch dann fiel ihr wieder ein. wo sie sich befand. ehe sie es selbst merkte. sich zu retten. und sie blieb stehen. was sie geträumt hatte. Die ganze Zeit hatte sie nur an sich. Momo wollte Beppo so gerne helfen. und sein Motor machte solchen Lärm. in der Hoffnung.Als sie so weit gedacht hatte. und allmählich schmerzten ihre Füße vor Müdigkeit. daß sie sich auf den Lieferwagen gesetzt hatte. zu hoch droben. aber ihre Füße verfingen sich in den Papierstreifen. und Momo marschierte halb im Schlaf dahin. und Momo sprang ab. die in Not waren. aber sie konnte sich ihm nicht einmal bemerkbar machen. Und in jede Karte waren richtige Muster kleiner Löcher gestanzt. Momo wollte nicht mehr fliehen.über die belebtesten Straßen und Plätze. Wo war sie überhaupt? Der Wagen mußte wohl schon eine ganze Weile gefahren sein. Der Lieferwagen fuhr nicht sehr schnell. auf dessen Ladefläche allerlei Säcke und Kisten lagen. dreirädriger Lieferwagen. schmiegte sich gegen den Sack und war. weiter . bis sie schließlich davon aufwachte. vor Erschöpfung eingeschlafen. Aber dann fiel ihr ein. dann kann ich wieder besser achtgeben . »Wo ist das andere Ende?« hörte sie ihn immer wieder rufen. der sich einen endlosen Papierstreifen aus dem Munde zog.

war ein magerer.« Aber das war nun leichter beschlossen als getan. in die Dunkelheit hinein. Die Möglichkeit. daß viele Blicke auf sie gerichtet waren . leere Fläche. denn sie blieben im Dunkeln hinter den Scheinwerfern. Und da sie eingekreist war und nicht weglaufen konnte. dann konnte sie unmöglich noch rechtzeitig hinkommen. und sie mußte ihre Augen mit der Hand schützen. Schließlich gelangte Momo zu einem riesenhaften. »ist dieses Mädchen Momo. Und ihr wurde kalt. Sie wußte nicht. würde vorüber sein . hörte sie nicht einmal den Klang ihrer eigenen Schritte. in einem Kreis stehen. »vielleicht ist es noch nicht zu spät. so laut sie konnte.seltsame Veränderung in sich. Sie wollte es um jeden Preis. Wenn der graue Herr jetzt im Amphitheater auf sie wartete. sondern einfach eine weite.Blicke. das ihr verriet. das sie wiedererkannte. die nichts Freundliches enthielten. die ringsum auf den großen. als ob keine Macht der Welt ihr etwas anhaben könnte. verkroch sie sich. Und da sie barfuß war. Dann stiegen die Herren aus. Momo nicht und auch keiner der grauen Herren. der rasch heller wurde. und im Nu fühlte sie sich getröstet und gestärkt. Schließlich blieben sie. irgend etwas zu entdecken. leeren Platz. sagte sie zu sich. Jedesmal. Nur am Rande hoben sich dunkel die Umrisse der Häuser gegen den nächtlichen Himmel ab. daß der graue Herr sie hören würde. denn das einzige lebendige Wesen. was konnte sie jetzt noch tun? Sie wußte sich keinen Rat. dachte Momo. Aber sie hatte keine Hoffnung. dieses Häufchen Unglück!« Diesen Worten folgte ein rasselndes Geräusch. irgendein Zeichen. leeren Platz mündeten.Eine ganze Weile sagte niemand ein Wort. »Hier bin ich!« rief sie. wo sie sich befand. Sie kamen also! Aber mit einem so gewaltigen Aufgebot hatte Momo nicht gerechnet. In welche Richtung sie sich auch wandte. Aber dann dachte sie an die Blumen und an die Stimmen in der großen Musik. Sie fühlte sich nun so mutig und zuversichtlich. soweit das möglich war. und hatte nicht die leiseste Ahnung. totenstillen Straßen. Und fragen konnte sie auch niemand. Und dann erkannte Momo. Aber sie fand keines. von überallher strahlte ihr grelles Licht entgegen. daß es die Scheinwerfer von vielen Autos waren. »Ich muß sofort zum alten Amphitheater«. das sich entfernt anhörte wie vielstimmiges Gelächter. das uns einmal herausfordern zu können glaubte. hörte sie schließlich eine aschenfarbene Stimme. Mit leise brummenden Motoren waren die Autos näher und näher herangekommen. als gleichzeitig in allen Straßen. was mit ihr geschehen würde. das ihr begegnete. Doch darin hatte sie sich getäuscht. Für einen Augenblick schwand ihr ganzer Mut wieder dahin. daß es plötzlich umschlug und sich ins Gegenteil verwandelte. Aber sie spürte. . Stoßstange neben Stoßstange. Er würde unverrichteterdinge wieder fortgehen. vielleicht wartet er auf mich. Momo konnte nicht sehen. hoffte sie.vielleicht ein für allemal! Momo biß sich auf die Faust. wo sie stand. Seht es euch jetzt an. die nun sehr langsam von allen Seiten auf die Mitte des Platzes zukamen. auf denen Bäume oder Brunnen stehen. begann ziemlich in der Nähe eine Turmuhr zu schlagen. Momo überquerte den Platz. wie viele es waren. Es war durchgestanden. schmutziger Hund. Sie lief immer weiter und weiter durch die dunklen. »Das also«. Trotzdem lief sie aufs Geratewohl los. ein schwacher Lichtschein auftauchte. oder vielmehr: es kümmerte sie überhaupt nicht mehr. Es war keiner von den schönen Plätzen. Jetzt wollte sie dem grauen Herren begegnen. dessen Mittelpunkt Momo war. also war es nun vielleicht schon Mitternacht. in ihrer viel zu großen Männerjacke. ihren Freunden zu helfen. Kaum war nämlich der letzte Glockenschlag verhallt. der in einem Abfallhaufen nach Eßbarem suchte und ängstlich floh. Als sie eben dessen Mitte erreicht hatte. Was sollte. Sie schlug viele Male. als sie näher kam. wenn sie in eine neue Straße einbog. in welche Richtung sie überhaupt laufen mußte. Das Gefühl der Angst und Hilflosigkeit war so groß geworden. wie sie weiterlaufen mußte.

in einem Jahr. aber klang genauso aschenfarben: »Reden wir also offen miteinander. Das ist . Denn wir wissen. das wie ein Keuchen aus vielen Kehlen klang. »Und du warst tatsächlich bei ihm?« Momo nickte wieder. kam sie abermals aus einer anderen Richtung. der dich erdrückt. wir warten einfach. Es hat keinen Sinn. deine Freunde zu befreien.»Wir möchten diesen Meister Hora nämlich auch gern einmal persönlich kennenlernen. wo du es nicht mehr erträgst. höre nur gut zu. »Sie wissen. »kommt der Augenblick. »Du willst dir nicht von uns helfen lassen?« fragte die Stimme eisig. Momo fühlte. Uns ist es gleich. « Momo schüttelte den Kopf. »Und du würdest sie gern aus unserer Gewalt befreien?« Wieder nickte Momo.Stunden-Blumen?« Momo nickte zum dritten Mal. denn sie bebte an allen Gliedern vor Kälte. Endlich begann wieder einer zu reden. sich uns zu widersetzen. daß wir vollkommen offen mit dir reden und es ehrlich meinen: Du bekommst dafür deine Freunde zurück. eine Qual. »Das beweist. wo er wohnt. Wir helfen dir. antwortete die erste Stimme ebenso. Oh. Ja. »Es würde dich wirklich nur eine Kleinigkeit kosten. was sind sie jetzt für dich? Ein Fluch. Es schien sie eine unvorstellbare Anstrengung zu kosten. »Du liebst deine Freunde. Du siehst. aber sie biß die Zähne zusammen und schüttelte abermals den Kopf. wie mächtig wir sind. Momo hörte etwas. »Na schön«. »Du könntest es. verstehst du? Aber wir wissen nicht. Momo. Du bist ausgesondert von allen Menschen. »versuchen wir's also mit der Wahrheit.Oder bist du schon so weit ? Du brauchst es nur zu sagen. lustiges Leben führen. zischelte eine andere Stimme. Die vielen einsamen Stunden. Es hat keinen Zweck. Die Stimme kam aus einer anderen Richtung. wie gefährlich uns die Kleine werden kann. wenn du nur wolltest. aus welcher die Stimme jetzt kam. mit dem du deine Zeit teilen kannst. Du bist allein. Eine Welle von Kälte kam von allen Seiten auf Momo zu. und ihr könnt wieder euer altes. Als die Stimme von neuem zu reden anfing. »Dann kennst du also die . daß die grauen Herren sich davor fürchteten. daß du einmal gekrochen kommen wirst und sagst: Ich bin zu allem bereit. die Wahrheit zu sagen. die dich erstickt.« Momo zog sich ihre Jacke ganz eng um den Leib.»Vorsicht !« sagte eine andere aschenfarbene Stimme unterdrückt. Wir wollen von dir nicht mehr. ihr etwas vorzumachen.« Momo horchte auf. und wie gut sie sie kannte! Wieder entstand eine längere Stille. ein Meer. Und dann fragte sie laut: »Kennst du Meister Hora?« Momo nickte. »Einmal«.« Momo blickte aufmerksam in die Richtung. nur befreit mich von dieser Last ! . Das ist alles. das dich ertränkt. als daß du uns zu ihm führst. was die Zeit ist«. Deine Freunde sind unerreichbar für dich. Das ist doch nicht mehr als recht und billig. sagte die erste Stimme aus dem Dunkel hinter den Scheinwerfern. die dich versengt. eine Last. daß sie wirklich beim Sogenannten war«. nicht wahr?« Momo nickte. »Sie weiß. Das alles war unser Plan. und du hilfst uns. Es gibt niemand mehr. armes Kind. morgen. damit du auch sicher bist.« Momo hörte zu und schwieg weiterhin. in einer Woche.« Wieder entstand eine lange Stille. fuhr die Stimme fort.

Er ist alt genug. »Ich verstehe dich nicht«. und wir lassen euch in Ruhe.zurückgekommen --.wenn er vernünftig ist und sich gütlich mit uns einigt.« Von irgendwoher fragte die Stimme drohend : » Was heißt das.»sind längst überflüssig. . »Wir wollen ihn kennenlernen«. Ihr werdet die letzten Menschen sein. sagte die Stimme. stammelte : »Sie ist . Sie stand allein auf dem großen Platz. Die Kälte raubte ihr fast die Besinnung. aber kein Wort mehr hervorbringen konnte. daß für ihresgleichen kein Platz mehr ist.mit mir . Jede Schildkröte muß geprüft werden! Diese Kassiopeia muß gefunden werden! Sie muß! Sie muß!« Die Stimmen verklangen. kaum noch bei Bewußtsein. »Damit laß dir genug sein. über den nur noch ein kalter Windstoß hinfuhr.ich hab' . Das laß doch seine Sorge sein.aber .« Momo versuchte zu sprechen. Langsam kam Momo wieder zu sich. dann werden wir ihm kein Haar krümmen. »denk doch an dich und deine Freunde ! Was machst du dir Gedanken um Meister Hora. der wie aus einer großen Leere zu kommen schien. antwortete die Stimme scharf. »Und die Menschen?« fragte sie. fuhr die Stimme nun plötzlich wieder leise und beinahe schmeichelnd fort. Sie selbst haben die Welt so weit gebracht. also weißt du den Weg!« »Ich finde ihn nicht wieder«. Und nun führst du uns zu Hora. Ihr mischt euch nicht mehr in unsere Angelegenheiten. uns die Stunden. kleine Momo«.doch ein lohnendes Angebot!« Jetzt tat Momo zum ersten Mal den Mund auf. »ich hab's versucht.« Momo blieb stumm und wartete ab.verloren.« »Wozu?« fragte Momo mit blauen Lippen. ihn zu zwingen. Wir wollen die ganze Zeit aller Menschen. Die muß Hora uns überlassen!« Momo starrte entsetzt ins Dunkel. »Was wollt ihr von Meister Hora?« fragte sie langsam. flüsterte Momo. ihr seid natürlich ausgenommen. Plötzlich klang die Stimme nun schrill und überanstrengt. die spielen und sich Geschichten erzählen. um für sich selbst zu sorgen. Unter den grauen Herren entstand eine Bewegung. Andernfalls haben wir unsere Mittel. Nach mehreren Versuchen brachte sie schließlich hervor : »Selbst wenn ich's könnte.« Die Stimme verstummte.« »Wo ist sie jetzt?« Momo. Minuten und Sekunden der Menschen einzeln zusammenzuraffen. daß wir die Wahrheit gesagt haben. denn ihre Lippen waren wie eingefroren. schrie die Stimme und überschlug sich. Es wurde still.. »Aber keine Sorge. »du und deine Freunde. Es kostete sie Anstrengung zu sprechen. wenn du es könntest? Du kannst es doch ! Du warst doch bei Hora. und die Kälte nahm zu. Und außerdem . woher die Stimme kam. Wir werden unser Versprechen halten. ein aschengrauer Wind.« »Wer ist das?« »Meister Horas Schildkröte. »Sofort Großalarm !« hörte sie rufen. daß Momo nur noch mühsam die Lippen bewegen. sie schienen unruhig zu werden.« Wie aus weiter Ferne hörte sie um sich her aufgeregtes Stimmengewirr. Nur Kassiopeia weiß ihn.sie . »Was wird dann aus denen?« »Menschen«. Wir werden die Welt beherrschen!« Die Kälte war jetzt so schrecklich. begann aber gleich darauf aus anderer Richtung wieder zu reden: »Du weißt. ich tat's nicht. als sie antwortete: »Wir haben es satt. »Man muß diese Schildkröte finden.

nachdem alle Hoffnung für sie und ihre Freunde ein für allemal dahin war? Denn nun wußte sie ja. nie wieder . sich all das zu überlegen. halt dich ruhig!« »WAS SOLL DER UNFUG?« stand leuchtend auf dem Panzer. was inzwischen geschehen war. war die Antwort. daß sie sie nicht finden würde? Dann hätte sie ja eigentlich gar nicht zu suchen brauchen? Das war wieder so eines von Kassiopeias Rätseln. Kassiopeia strampelte heftig unter der Jacke und versuchte sich zu be-freien..« »Und wieso hast du mich ausgerechnet jetzt und ausgerechnet hier gefunden?« »WUSSTE ES VORHER«. WIR GEHEN. guckte aber zu ihr hinein und flüsterte: »Bitte. denn sie fürchtete.und für mich . »doch Kassiopeia. Vor ihr saß die Schildkröte ! Und in der Dunkelheit leuchteten langsam die Buchstaben auf: »DA BIN ICH WIEDER. Dazu kam die Angst um Kassiopeia. daß sie gar nicht dazu gekommen war. hoffentlich sucht sie nicht mehr nach mir. versuchte Momo sich zu trösten.« . Momo hielt sie fest an sich gedrückt. daß sie die Schildkröte überhaupt erwähnt hatte. sagte Momo und schluchzte fast. Aber jetzt war jedenfalls nicht der geeignete Augenblick. Nun erschienen auf ihrem Panzer die Worte: »WIR GEHEN zu HORA. wenn man zu lange darüber nachdachte.« Ohne sich zu besinnen packte Momo sie und steckte sie unter ihre Jacke. »Man darf dich nicht sehen!» raunte Momo. Momo erschrak und beugte sich langsam hinunter. und wie!« Und sie küßte sie mehrmals auf die Nase. Nur sehr langsam kehrte die Wärme in ihre erstarrten Glieder zurück. »ist Kassiopeia schon längst wieder bei Meister Hora. Ja. Die Buchstaben auf dem Panzer der Schildkröte erröteten sichtlich. als sie antwortete: »MUSS DOCH SEHR BITTEN!« Momo lächelte. Aber alles blieb still. die grauen Herren könnten noch in der Nähe sein. Sie fühlte sich wie gelähmt und konnte keinen Entschluß fassen. bei dem einem der Verstand stillstand. »Hast du mich denn die ganze lange Zeit gesucht?« »FREILICH. Sollte sie nach Hause gehen ins alte Amphitheater und sich schlafen legen? Jetzt. Flüsternd berichtete Momo nun der Schildkröte. »Aber sie suchen dich überall! Nur gerade hier sind sie nicht. Jetzt erschienen auf dem Rücken der Schildkröte die Worte: »FREUST DICH WOHL GAR NICHT?« »Doch«. wieviel Zeit vergangen war. obgleich sie wußte. Es wäre ein Glück für sie . Aber sie war so benommen gewesen. .. Kassiopeia hatte aufmerksam zugehört. wenn die grauen Herren sie tatsächlich finden würden ? Momo begann sich bittere Vorwürfe zu machen. Ist es nicht gescheiter. Was.« »Jetzt?« rief Momo ganz entsetzt. »Und vielleicht«. daß es nie wieder gut werden würde. Also hatte die Schildkröte offenbar all die Zeit davor nach Momo gesucht. über diese Frage zu grübeln. Die Turmuhr schlug manchmal.» In diesem Augenblick berührte etwas sie zart an ihrem nackten Fuß. . aber Momo hörte es kaum. Dann richtete sie sich auf und horchte und spähte in die Dunkelheit ringsum.ACHTZEHNTES KAPITEL Wenn man voraussieht ohne zurückzuschauen Momo wußte nicht. »Was sollen wir jetzt tun?« fragte sie zuletzt. hier zu bleiben?« Aber auf der Schildkröte stand nur: »ICH WEISS.

daß sie im nächsten Augenblick einfach hinfallen und einschlafen würde. »Da gehen sie !« flüsterte eine aschengraue Stimme. daß Momo und Kassiopeia tatsächlich keinem einzigen ihrer Verfolger begegneten. »Sollen wir zupacken?« »Natürlich nicht«. »ich kann nicht mehr. wenn sie das so sicher wußte. Ein Teil von ihnen war zurückgeblieben. hieß es. »Geben Sie sofort Nachricht an alle Agenten in der Stadt. Nach und nach dämmerte ihr. Nach einer Ewigkeit. Geh allein und grüß Meister Hora schön von mir. Wenn es so war. »ich geh' mit dir. daß ihre Kräfte dazu nicht mehr ausreichen würden. daß dies der armselige und wie ausgestorben wirkende Stadtteil war. Und dann wurde es für ein kleines Weilchen wieder ein wenig besser. dann konnte man sich freilich darauf verlassen. Und genau das tut sie jetzt. Alle sollen sich uns anschließen.« Wieder wehte tonloses Kichern durch die finsteren Schatten rund um den Platz. Wenn nur die Schildkröte nicht so schrecklich langsam gekrabbelt wäre! Aber daran war ja nun nichts zu ändern. die Verfolger wichen aus und verschwanden rechtzeitig. »Geh allein. meine Herren ! Keiner von uns darf sich ihnen in den Weg stellen. Aber höchste Vorsicht. sondern nur noch auf ihr eigenen Füße und auf Kassiopeia. damit es schneller geht?« »LEIDER NEIN«. »Wir lassen sie laufen. daß die Straße unter ihren Füßen plötzlich heller wurde. Momo hob ihre Augenlider. Aber könnte ich dich nicht vielleicht tragen.wenn auch nicht absichtlich. Und wozu brauchen wir sie?« »Damit sie uns zu Hora führt. dann konnte sie es vielleicht tatsächlich noch bis zur Niemals-Gasse und zum Nirgend-Haus schaffen. die die ganze Szene belauscht hatten. Und wir brauchen sie nicht einmal dazu zu zwingen. »Wir müssen doch die Schildkröte fangen. Momo setzte Kassiopeia auf den Boden. Sie dürfen keinem von uns begegnen. . den sie damals gegangen waren. Denn wohin auch immer sie ihre Schritte wandten. folgte lautlos dem Weg der beiden Fliehenden. Darauf erschien die rätselhafte Antwort: »DER WEG IST IN MIR. Momo las es und schaute sich erstaunt um. Nun. Eine größer und größer werdende Prozession von grauen Herren. Manchmal glaubte sie. Die Suche kann abgebrochen werden. Ein knisterndes Rascheln ging über den Platz hin wie tonloses Kichern.« »Eben.»Dann«. war auf Kassiopeias Rücken zu lesen. Momo schaute nicht mehr nach links und nach rechts. war Kassiopeias Antwort. Kassiopeia«. Momo war so müde wie noch nie in ihrem ganzen Leben zuvor.« » ES IST GANZ NAH!« stand auf Kassiopeias Rücken. »Gut«. langsam und Schrittchen für Schrittchen. als es rund um den Platz in den finsteren Schatten der Häuser lebendig wurde. wie es ihr vorkam. Und nun. Sie hatten lange warten müssen. »werden wir ihnen geradewegs in die Arme laufen. lassen Sie uns in aller Ruhe unseren beiden ahnungslosen Führern folgen!« Und so kam es.« Damit setzte sich die Schildkröte in Bewegung. und plötzlich fühlte sie. die ihr schwer wie Blei zu sein schienen. sagte Momo. Kaum waren das Mädchen und die Schildkröte in einer der einmündenden Gassen verschwunden. sagte sie leise. Um jeden Preis. »Warum mußt du denn unbedingt selbst krabbeln?« fragte Momo. meine Herren.« »Stimmt.« »WIR BEGEGNEN KEINEM«. Sie tut es freiwillig . raunte eine andere. immer durch Mauern und Häuserecken verborgen. hatten sie selbst nicht geahnt. sagte Momo. Man soll ihnen überall freie Bahn geben. und Momo folgte ihr. bemerkte sie. um heimlich das Mädchen zu beobachten.« »Wieso?« fragte die erste Stimme. von dem aus sie damals in jene andere Gegend mit den weißen Häusern und dem seltsamen Licht gelangt waren. Aber dann zwang sie sich noch zum nächsten Schritt und wieder zum nächsten. aber daß dieses Warten einen solchen unverhofften Erfolg zeitigen würde. Es waren die grauen Herren. um sich hinter dem Mädchen und der Schildkröte ihren Genossen anzuschließen. Aber dann dachte sie an den langen mühevollen Weg.

hatten die grauen Herren damals. denn nun konnte es nicht mehr allzulange dauern. Blendend weiß und unnahbar standen die Häuser mit den schwarzen Fenstern. sagte sie zu Kassiopeia. Denn dies war das Geheimnis jenes weißen Stadtteils: Je langsamer man voranschritt. und Reihe hinter Reihe. lösten sie sich buchstäblich vor Momos Augen in Nichts auf. Wie eine graue. und dadurch holten sie auf und kamen näher und näher heran. Die große schwere Tür aus grünem Metall öffnete sich. eher noch langsamer als vorher. Momo sah ihre zornigen Gesichter und ihre drohend geschüttelten Fäuste.Damals ! Aber jetzt war die Sache anders. Sie lief rückwärts in die Niemals-Gasse hinein und starrte mit aufgerissenen Augen auf das nachfolgende Heer der grauen Herren. DESTO SCHNELLER«. ihr weiter zu folgen. schlüpfte hindurch. ein Wettlauf der Langsamkeit. öffnete die ganz kleine Tür am anderen Ende. Sie krabbelte weiter. je langsamer sie beide gingen. warf sich auf das zierliche Sofa und versteckte ihr Gesicht unter einem Kissen. Und dort war auch wieder jenes seltsame Denkmal. einer neben dem anderen. Kreuz und quer ging der Weg durch diese Traumstraßen. Und Momo bemerkte . nicht gewußt. Aber nicht nur Momo hatte diesen Vorgang beobachtet. Jetzt folgten sie den beiden genauso langsam wie diese gingen. das nichts darstellte als ein riesengroßes Ei auf einem schwarzen Steinquader. daß sie in dieser Gasse nicht hatte weiterkommen können. So war Momo ihnen entkommen. Aber keiner wagte es. Es war geradezu. gingen sie sogar noch etwas langsamer als die Schildkröte. Momo stürzte hinein. als sie Momo mit den drei Autos verfolgten.noch Abenddämmerung war und wo alle Schatten in verschiedene Richtungen fielen. Die ersten stemmten sich gegen die Masse der nachfolgenden. Momo schrie auf. wie man sich hier bewegen mußte. rannte durch den Gang mit den steinernen Figuren. bis sie sich umgedreht hatte und rückwärts gegangen war. desto langsamer kam man voran. lief durch den Saal mit den unzähligen Uhren auf das kleine Zimmerchen in der Mitte der Standuhren zu. Kassiopeia war schon eingebogen und lief auf das Nirgend-Haus zu. die ganze Straßenbreite ausfüllend. . dann die Beine und Körper und schließlich auch die Gesichter. Aber nun geschah abermals etwas Seltsames: Als die ersten der Verfolger in die Niemals-Gasse einzudringen versuchten. Das . um nichts mehr zu sehen und zu hören. Ja. war die Antwort der Schildkröte. immer schneller. in dem jenes Licht herrschte. Momo erinnerte sich.und blickte umher. so weit man sehen konnte. Und nun blieb ihr fast das Herz stehen vor Schreck. Und deshalb tat sie es jetzt wieder. sie waren endlich in den Stadtteil gelangt. »Bitte«. auf denen ein überraschter und entsetzter Ausdruck lag. Und je mehr man sich beeilte. immer tiefer und tiefer hinein ins Innere des weißen Stadtteils.daß sie hier gerade dadurch schneller vorwärts kamen. sondern natürlich auch die anderen nachdrängenden grauen Herren. Es war wie ein umgekehrter Wettlauf. Dann war die Ecke der Niemals-Gasse erreicht. Und so entdeckten sie nun auch dieses Geheimnis.wie schon beim vorigen Mal . aber sie konnte ihr eigene Stimme nicht hören. desto schneller kam man vom Fleck. Dann hatte Momo endlich das Nirgend-Haus erreicht. Momo schöpfte Mut. wandernde Mauer kamen die Zeit-Diebe heran. und für einen Augenblick entstand eine Art Handgemenge unter ihnen. Und da diese nun wußten. Zuerst verschwanden ihre vorgestreckten Hände. Denn jetzt wollten sie das Mädchen und die Schildkröte ja gar nicht einholen. bis sie bei Meister Hora sein würden. Langsam füllten sich die weißen Straßen hinter den beiden mit dem Heer der grauen Herren. das nicht Morgen. »können wir nicht ein bißchen schneller gehen?« »JE LANGSAMER. als glitte die Straße unter ihnen dahin.

. hat Kassiopeia mir inzwischen berichtet. verschwindet auch die andere. Aber es geht leider nicht. . Er blickte mit kummervollem Gesicht vor sich auf den Boden nieder. »DENKE NICHT NACH!« Meister Hora schüttelte seufzend den Kopf. danke«. »Ich hoffe. daß die Grauen euch folgen würden?« »WEISS NUR VORHER«. Schließlich setzte er sich wieder und sah Momo prüfend an.« »Wie kommt denn das?« wollte Momo wissen. wirst du älter.« Meister Hora lächelte. Kassiopeia .NEUNZEHNTES KAPITEL Die Eingeschlossenen müssen sich entschließen Eine leise Stimme sprach. daß sie sich einfach in Nichts auflösen. »Nun ja«. fragte Momo. »entschuldige bitte. . manchmal bist du auch mir ein Rätsel!« Momo setzte sich auf. Sonst ist es doch so. Und die geht im Handumdrehen aus ihnen heraus. Dann würden alle Leute ein bißchen jünger. stand auf und ging einige Male tief in Gedanken in dem kleinen Zimmer auf und ab. »Das wäre freilich schön. Soweit ich nicht alles selbst durch meine Allsicht-Brille beobachtet habe. so wie die Luft aus einem geplatzten Luftballon. erwiderte Hora. »aber du. Das heißt.« Momo dachte angestrengt nach.« »Davon hab' ich gar nichts gemerkt«. Aber die Zeit-Diebe würden sich in Nichts auflösen. Sie fühlte sich auf wunderbare Weise erquickt und ausgeruht. auch Kassiopeia verfolgte ihn mit den Augen. Dadurch. »Konntest du dir nicht denken. du fühlst dich wieder gut?« »Sehr gut. weil er sehr viel mehr ist. Du hast ja selbst gesehen. die in ihm steckt.« »Mach dir darüber keine Gedanken«.« »Zu uns hereinkommen«. Aber in der NiemalsGasse geht die Zeit aus dir heraus. meine ich. erschien auf Kassiopeias Rücken. antwortete Momo. daß ich hier einfach eingeschlafen bin. als bloß die Zeit. »Du weißt ja. »können sie doch nicht?« Meister Hora schneuzte sich. »für einen Menschen bedeutet das nicht so viel. »nicht einfach alle Zeit umgekehrt laufen lassen ? Nur ganz kurz.warum hast du das nur getan?« Momo schlug die Augen auf. »Könnte man dann«. antwortete Meister Hora. Langsam tauchte Momo aus der Tiefe ihres traumlosen Schlafes empor. Wenn man die eine aufhebt.« »Und was ist mit den grauen Herren?« fragte Momo. Aber bei den grauen Herren ist das anders. Am Tischchen vor dem Sofa saß Meister Hora. Meister Hora zog ein großes blaues Taschentuch aus seiner Jacke. »Das heißt. Sie bestehen nur aus gestohlener Zeit. »Nein. unsere kleine Momo ist aufgewacht ! « sagte Meister Hora freundlich. »Das war ganz in Ordnung. wo die Schildkröte saß. »Das macht der Zeit-Sog«. wenn sie die Niemals-Gasse betreten. murmelte er. daß man dort alles rückwärts tun muß. Du brauchst mir nichts zu erklären. »Sie belagern uns. hörte sie die Stimme sagen. daß die Zeit in dich hineingeht. daß du jünger geworden bist. die du dazu gebraucht hast.. fragte sie nach einer Weile. Kassiopeia-. Die beiden Strömungen halten sich im Gleichgewicht. soweit sie eben herankommen können. meinte Momo verwundert. wenn sie in den ZeitSog geraten. Man kann sagen. Momo beobachtete ihn gespannt. »Das Kind kann nichts dafür«. »Ach. das würde ja nichts machen.«. daß du immer mehr Zeit in dir hast. von ihnen aber gar nichts. Nicht viel. während du durch sie hindurchgegangen bist. Nur bleibt vom Ballon wenigstens noch die Hülle übrig. «Er hielt inné und schob seine Allsicht-Brille auf die Stirn. das nicht. . sie zu durchqueren. nur eben die Zeit. Dann gäbe es gar keine Zeit mehr . nicht wahr? Rings um das Nirgend-Haus läuft die Zeit nämlich umgekehrt. Sie haben das Nirgend-Haus von allen Seiten umstellt. erklärte Meister Hora lächelnd. Kassiopeia. »Ah.

wo sich kein Windhauch regte. »das werde ich niemals tun. Zuerst war da wieder der Wirbel aus Farben und Formen. daß du sie dir selber ansiehst. wenn die Menschen sie nicht mehr brauchen. bläulich-grünen Schwaden. und Momo hatte es nur bisher nicht bemerkt? Jedenfalls standen da wieder die kleinen goldenen Täßchen und das ganze übrige goldschimmernde Frühstück: Die Kanne mit dampfender Schokolade. Aber das wirst du doch nicht tun?« Nein. daß ab und zu neue Herren ankamen und an Stelle anderer. An manchen Stellen war er schon dicht und undurchsichtig. antwortete Meister Hora. die sie sich aufsetzte. Die grauen Herren standen unbeweglich. fuhrt Momo fort. sondern daß er dort draußen in den Straßen aufstieg. die Gläser der Allsicht-Brille seien vielleicht beschlagen. sagte er sehr ernst. Kind«. Aber diese Rauchwolken verteilten sich nicht. »daß du ihnen die ganze Zeit aller Menschen gibst. Die Umzingelung war lückenlos. seine Aktentasche in der Hand. sich zu bilden.« Er nahm seine kleine goldene Brille ab und reichte sie Momo hinüber. die Butter und die knusprigen Brötchen. Momo hatte in der Zwischenzeit oft mit Sehnsucht an diese köstlichen Sachen zurückgedacht und begann sofort mit Heißhunger zu schmausen. Zuerst meinte sie nur. Und diesmal schmeckte es ihr fast noch besser als beim ersten Mal. denn ein merkwürdiger Nebel ließ die Umrisse der grauen Herren nur verschwommen erkennen. Übrigens griff jetzt auch Meister Hora herzhaft zu.»Du hast mich da auf eine Idee gebracht«. daß dieser Dunst nichts mit der Brille und nichts mit ihren Augen zu tun hatte. wie sie es sonst in gewöhnlicher Luft taten. aber erst. und sie wird einmal enden. das man während einer Belagerung tun kann?« »FRÜHSTÜCKEN!« erschien als Antwort auf deren Panzer. Aber warum geschah dies alles? Welchen Plan . Die Zeit hat einmal angefangen. in die Reihe traten. »Sie wollen«. etwas Befremdliches. an anderen begann er erst. Jeder hatte wie immer seinen steifen runden Hut auf dem Kopf.« Er wandte sich an die Schildkröte zu seinen Füßen: »Kassiopeia. »Auch keine schlechte Idee!« Im gleichen Augenblick war der Tisch auch schon gedeckt. Hier. sagte Meister Hora. der Honig.« »Aber sie sagen«. Aber dann begriff sie. mit vollen Backen kauend. in dieser gläsernen Luft zog sich der Rauch in zähen Schleiern wie Spinnweben dahin. die sich langsam aber stetig immer höher übereinander türmten und das Nirgend-Haus von allen Seiten wie mit einer unaufhaltsam wachsenden Mauer umgaben. sagte Momo nach einer Weile. Aber dann bemerkte Momo noch etwas anderes. die durch sie abgelöst wurden. und in seinem Mund qualmte die kleine graue Zigarre. meine Teure! Was ist nach deiner Ansicht das Beste. immer weiter in einem großen Kreis. kroch über die Straßen an den Fassaden der schneeweißen Häuser empor und spannte sich in langen Fahnen von Vorsprung zu Vorsprung. Momo sah auch. ob sie auszuführen ist. Er ballte sich zu ekligen. Sie standen nicht nur vor der Niemals-Gasse. »aber es hängt nicht allein von mir ab. »möchte ich. sondern weiter noch. Von mir werden die grauen Herren nicht den kleinsten Augenblick bekommen. Aber diesmal ging es bald vorüber. Und nun sah sie das Heer der Belagerer ! Schulter an Schulter standen die grauen Herren in einer unabsehbar langen Reihe nebeneinander. der sich durch den Stadtteil mit den schneeweißen Häusern zog und dessen Mittelpunkt das Nirgend-Haus war.« » »Ehe wir uns darüber weiter unterhalten«. Nach einer kleinen Weile schon hatten sich ihre Augen auf die Allsicht eingestellt. oder sie könne noch immer nicht ganz deutlich sehen. »Ja«. »sie können dich dazu zwingen. Oder war er es eigentlich schon die ganze Zeit gewesen. der sie schwindelig machte wie beim ersten Mal. sagte er.

»Du erinnerst dich an die Stunden-Blumen«. sondern sie bleibt und nimmt langsam immer mehr zu. man verlernt das Lachen und das Weinen. »soviel tote Zeit. man . denn ohne sie könnte er nicht mehr existieren.« »Etwas noch Schlimmeres?« fragte Momo erschrocken. Aber sie können den Menschen einen Schaden zufügen. lassen sie verdorren. mehr und mehr von diesen Blüten an sich zu reißen. diese Mauer von Rauch. Mich selbst können sie nicht erreichen. Sie streben mit allen Fasern ihres Wesens zurück zu dem Menschen. todkrank sogar. erklärte Meister Hora. Es gibt keinen Zorn mehr und keine Begeisterung. und man fühlt gar nichts mehr.« Momo war aufgestanden. Dann hört nach und nach sogar dieses Gefühl auf. dann ist die Krankheit unheilbar. dem sie gehören. die ich aussende. daß sie diese durch ihr eigene Kälte einfrieren. »Ich teile jedem Menschen seine Zeit zu.« Momos Wangen begannen vor Empörung zu glühen. die von mir ausgeschickt wird. die so herausgerissen sind aus dem Herzen eines Menschen. Wenn die Menschen dort die grauen Herren einlassen. Und von solcher toten Menschenzeit fristen sie ihr Dasein. Denn erst in diesem Rauch ist die Zeit nun wirklich ganz und gar tot. dann mischt sich in jede Stunde. was sie bis jetzt getan haben. immer unzufriedener mit sich und der Welt. »Hast du jemals einen von ihnen ohne seine kleine graue Zigarre gesehen? Gewiß nicht. auch nicht aufhalten. Sie reißen den StundenBlumen die Blütenblätter aus. Man hastet mit leerem. »Ach!« sagte sie. weil jeder ein Herz hat. mich zu erpressen.verfolgten die Zeit-Diebe? Sie nahm die Brille ab und schaute Meister Hora fragend an. wo die grauen Herren die geraubten Stunden-Blumen aufbewahren. »Hast du genug gesehen?« fragte er. der viel schlimmer ist. Nichts interessiert einen. etwas von der abgestorbenen.« Momo hörte atemlos zu. Aber wenn die finstere Qualmglocke sich rundherum und über uns geschlossen haben wird. Aber bis zu diesem Augenblick ist noch immer ein Rest von Leben in den Blättern. bis sie grau und hart werden. irgend etwas zu tun. Man wird ganz gleichgültig und grau. »Mit dem Rauch ihrer Zigarren«. Sie wird schlimmer von Tag zu Tag. Und wenn die Menschen die empfangen. dann werden sie krank davon. Meister Hora nickte. Doch auch dort sterben die StundenBlumen noch immer nicht. Aber sie können sie vergiften. noch kann ich den Menschen ihre Zeit unversehrt zusenden. . daß auch das Böse sein Geheimnis hat.« »Was sind denn das für Zigarren?« wollte Momo wissen. denn sie sind ja nicht wirklich vergangen. wie du nun weißt. . Sie können aber auch nicht leben. ob sie mich zu etwas zwingen können. immer leerer im Innern. Wenn es einmal soweit gekommen ist. gespenstischen Zeit der grauen Herren. Aber die Stunden-Blumen. bis die Blüten hart sind wie gläserne Kelche. Noch ist genügend freier Himmel da. Sie können die Zeit. »Du mußt wissen. Darum zünden sie die Zigarren an und rauchen sie.«Momo starrte Meister Hora fassungslos an. die ganze Welt kommt einem fremd vor und geht einen nichts mehr an. »Dann gib mir bitte die Brille wieder.« »Ja. Dann ist es kalt geworden in einem. in welchen die ganze gefrorene Zeit liegt. grauem Gesicht umher. »Aus diesen Vorratskellern versorgen die grauen Herren sich immerzu. Es gibt keine Rückkehr mehr. man ödet sich.« Während er sie sich aufsetzte. Ich weiß nicht. und daraus drehen sie sich ihre kleinen Zigarren. Dagegen können die grauen Herren nichts tun. sagte Meister Hora. als alles. denn sie sind ja von ihrem wirklichen Eigentümer getrennt. Ich weiß nur. Und damit versuchen sie. Man fühlt sich immer mißmutiger. die sie dort draußen rund um das Nirgend-Haus wachsen lassen. Lebendige Zeit ist jedoch für die grauen Herren unbekömmlich. daß jeder Mensch einen solchen goldenen Tempel der Zeit besitzt. und man kann nichts und niemand mehr lieb haben. Man hat eines Tages keine Lust mehr. Dadurch werden sie gehindert. Irgendwo tief unter der Erde müssen sich riesige Speicher befinden. Aber diese Unlust verschwindet nicht wieder. man kann sich nicht mehr freuen und nicht mehr trauern. zurückzukehren.« »Die Zeit vergiften?« fragte Momo entgeistert. fuhr er fort: »Du hast gefragt. »Ich habe dir damals gesagt. Leise fragte sie: »Und was ist das für eine Krankheit?« »Am Anfang merkt man noch nicht viel davon. Momo. dann gelingt es denen. von Woche zu Woche. können nicht sterben. besteht aus toter Zeit.

»Ich habe bis jetzt darauf gewartet. müssen sie sich in Nichts auflösen. Es war zwar ein Mut ohne jeden vernünftigen Grund. Es schien ihr unmöglich. wenn diese zurückkehrt zu den Menschen.und das werden sie sehr schnell merken. die gar nicht zu ermessen ist«. »Es ist die einzige und letzte Möglichkeit. sagte Meister Hora. ob die Welt für immer still stehen wird. versetzte Meister Hora. In einer einzigen Stunde hätten sie davon so gut wie nichts verbraucht. Kind. Sobald ihre Zigarren zu Ende sind. »Damit allein«.« Momo nickte und schaute Meister Hora mit äußerster Aufmerksamkeit an. sonst brauchte ich ja nicht deine Hilfe. dann ist man einer der ihren. geht es auch mit ihnen zu Ende. und diesmal klang ihre Stimme fest. und ich werde dir nicht mehr helfen können. denn du wirst ganz und gar auf dich gestellt sein. sagte sie entschlossen. Und damit bliebe die Welt still und starr für alle Ewigkeit. daß die Menschen selbst sich von diesen Plagegeistern befreien würden. Was konnte die Schildkröte ihr bei all dem helfen ! Und doch war es ein winziger Hoffnungsstrahl für Momo. und das wird vielleicht von allem das Schwerste sein. dir ganz allein eine Stunden-Blume zu geben. denn die Vorräte der grauen Herren sind viel.« . Willst du es wirklich wagen?« »Ja«. wird die Welt aufhören. »Dann«. »Willst du es trotzdem versuchen?« fragte Meister Hora. Wenn du ihr Versteck gefunden hast. Denn nur. Aber danach bleibt noch etwas zu tun. Ich muß etwas tun. fragte sie.werden sie die Belagerung abbrechen und zu ihren Zeitvorräten streben. »Ich will es versuchen«. flüsterte Momo.« Er stand auf und wandte sich ab. daß sie sich auf einmal entscheiden konnte. denn sie selbst haben ihnen ja auch zum Dasein verholfen. so hättest du noch eine Stunde. Zwar können sie noch eine Weile weiterexistieren. Sie hätten es gekonnt. als du jetzt glaubst. machte ihr Mut. sagte Meister Hora.« »Dann kann ich dich doch wecken!« sagte Momo. »Willst du mir helfen?« »Ja«. aber er bewirkte. weil ja immer nur eine blüht. Du mußt keine Angst haben. »dann machen sie. Freilich nur eine einzige. Die Vorstellung. an ihre Zeitvorräte zu kommen. viel größer. was ich dir sage.« Momo sah Meister Hora ratlos an. dann mußt du sie daran hindern. daß sie das schaffen konnte. Momo.ist genauso geworden wie die grauen Herren selbst. Und dorthin mußt du ihnen folgen. Momo. Wenn also alle Zeit auf der Welt aufgehört hat. Wenn der letzte Zeit-Dieb verschwunden ist. nicht ganz allein zu sein. still zu stehen. Wenn es aber keine Zeit mehr gibt. Die Aufgaben. die du lösen müßtest. Ja. Aber ich kann es nicht allein.« Momo schwieg. Wenn ich einschliefe.« Er blickte Momo an. meinte Momo. Mit einem solchen Berg von Schwierigkeiten und Gefahren hatte sie nicht gerechnet. dann können die grauen Herren auch niemand mehr bestehlen. oder ob sie von neuem beginnen wird. Sie wären also danach noch immer da. Ich nicht und niemand sonst. Aber es liegt in meiner Macht. »gib jetzt genau acht auf das. Wenn es nämlich keine Zeit mehr gibt. da sie ja große Vorräte an Zeit besitzen. »ICH GEH MIT DIR!« las sie plötzlich auf Kassiopeias Rücken. weil ihr Zigarren-Nachschub ausbleiben wird .« »Aber dann«. Diese Krankheit heißt: Die tödliche Langeweile. dann mußt du die ganze geraubte Zeit befreien. »Und es wird von dir abhängen. Momo. würde im gleichen Augenblick alle Zeit aufhören. sind viel schwerer ! Sobald die grauen Herren merken. Du hast die Stimmen der Sterne gehört. »hätten wir nichts erreicht. Die Welt würde still stehen. dann kann ich ja auch nicht wieder aufwachen. »daß ich niemals schlafe. »Du mußt wissen«. »damit wollen sie mich erpressen. zu leben.« Momo überlief ein Schauder. Aber wenn diese verbraucht sind. und ich selbst kann wieder aufwachen. begann er. dir. »Ich muß dich in eine Gefahr schicken. »Vieles wird leichter sein. wiederholte Momo. Meister Hora blickte sie lange an und begann zu lächeln. daß alle Menschen so werden wie sie?« »Ja«. »Und wenn du ihnen also nicht die Zeit aller Menschen gibst«. antwortete Meister Hora. »ist es doch ganz einfach!« »Leider ist es eben nicht so einfach. Und für alles das bleibt dir nur eine einzige Stunde. daß die Zeit aufgehört hat . Aber nun kann ich nicht länger warten.

nicht wahr?« »Ja«. »es war eine große Freude für mich. daß du auch mir zugehört hast. die kleine. Die Schrift verschwand. antwortete Momo. und auch Momo erhob sich. Denn sobald die Zeit aufhört. sagte Momo.Dann wandte er sich der Schildkröte zu und fragte: »Und du. und es erschienen die Worte: »JEMAND MUSS DOCH AUF SIE AUFPASSEN!« Meister Hora und Momo lächelten sich an. und dann waren sie von dem Ticken der vielen Uhren nicht mehr zu unterscheiden. »sie ist ein Wesen von außerhalb der Zeit. und die große aus grünem Metall. »aber woran soll ich erkennen. antwortete Meister Hora. Er strich ihr leise mit der Hand über ihren struppigen Haarschopf.« »Ich werde allen von dir erzählen«. daß die Zeit aufgehört hat?« »Sei unbesorgt. und auch diese Türen sind durch keine Macht der Welt mehr zu bewegen. Sie trägt ihre eigene kleine Zeit in sich selbst. du wirst es bemerken. »Ich werde nun gehen«. sagte er. sagte Momo. Ihr größtes Abenteuer hatte unwiderruflich begonnen. die auf die Niemals-Gasse hinausführt. auf der mein Name steht. »und bis dahin wird jede Stunde deines Lebens dir einen Gruß von mir bringen. Sie könnte auch über die Welt krabbeln. kleine Momo«. das aus Uhrenkästen gebildet war. »Kassiopeia braucht das nicht«. »und was sollen wir jetzt tun?« »Jetzt«. alt wie ein Felsenberg oder ein uralter Baum. erklärte Meister Hora und kraulte die Schildkröte zärtlich am Hals. »wollen wir Abschied nehmen. wohin ich gehe. Nur eines noch: Sowie ich fort bin.« Und nun sah Meister Hora plötzlich wieder unbegreiflich alt aus.»Leb wohl. entgegnete Meister Hora. Momo hob Kassiopeia hoch und drückte sie fest an sich. als er sie in den goldenen Tempel getragen hatte. Vielleicht war er in dieses Ticken hineingegangen. ganz wie damals. in der nun plötzlich der Tatendrang erwachte. Momo«. mußt du sogleich die beiden Türen öffnen. fuhr Meister Hora fort. willst also mitgehen?« » NATÜRLICH !« stand auf dem Panzer.« Meister Hora stand auf.« »Gut«. Denn mein Schlaf ist kein gewöhnlicher Schlaf. mein Kind?« »Ja«.« Momo schluckte. Denn wir bleiben doch Freunde. . wenn du nicht dabei bist. »später. dann fragte sie leise: »Werden wir uns denn nicht mehr wiedersehen?« »Wir werden uns wiedersehen. Hast du alles gut verstanden und behalten. steht alles still. »Kriegt sie auch eine Stunden-Blume?« fragte Momo. Er wandte sich ab und ging rasch aus dem kleinen Zimmer. sagte Momo und nickte. wenn alles für immer still stünde. Kassiopeia. Momo hörte seine Schritte immer ferner und ferner. »und du darfst mir nicht folgen und auch nicht fragen. und es ist besser.

»Das ist also unser neues Heim. Dieses Ereignis wurde von einem Klang begleitet. gar nichts regte sich mehr. Momo setzte sich auf eines der Polsterstühlchen. »Eindrucksvoll!« sagte einer von ihnen. Sie schauten sich um. Sie war einfach ganz plötzlich da. wo es keine Zeit mehr gab. Sie hatte nicht gefühlt. sehr große Stunden-Blume trug. Nichts. Es war wie ein Seufzen.ZWANZIGSTES KAPITEL Die Verfolgung der Verfolger Als erstes ging Momo nun hin und öffnete die kleine innere Tür. Die schwingenden Perpendikel blieben stehen. wie sich das anfühlte. »Das fängt ja schon gut an«. sie konnte sich bewegen. nicht die winzigste Kleinigkeit konnte jetzt mehr verändert werden. In ihrer Tasse war noch ein Schluck Schokolade. bis ein ganzer Trupp von ihnen im Saal stand. so vollkommen. Die Zeit hatte aufgehört. auf der Meister Horas Name stand. das aus der Tiefe von Jahrhunderten kam. Das gleiche war mit dem Honig. mit Kassiopeia im Arm. Dann lief sie geschwind durch den Gang mit den großen Steinfiguren und machte auch die äußere große Tür aus grünem Metall auf. Und dann war alles vorüber. was nun geschehen würde. aber sie war hart wie Glas. Sogar die Brotkrümchen. daß sie in ihrer Hand eine wunderbare. auf das Nirgend-Haus zu ! Das war im Plan nicht vorgesehen gewesen ! Momo rannte zurück in den großen Saal und versteckte sich. Nichts. Vorsichtig machte Momo einen Schritt. ja ! Momo raffte sich auf. Es gibt keine Worte dafür. Dann hörte sie die Schritte der grauen Herren draußen im Gang hallen. Sie lief durch den Saal. Die Zeit-Diebe liefen gar nicht fort! Im Gegenteil. sie kamen durch die Niemals-Gasse. aber das Täßchen war nicht mehr von der Stelle zu bewegen. ein Zeit-Beben sozusagen. mühelos wie immer. die aber nicht den Raum beben machte. lief weiter durch den Gang und spähte bei der großen Tür um die Ecke und fuhr im gleichen Augenblick zurück. Im gleichen Augenblick hörte das vielstimmige Ticken und Schnarren und Klingen und Schlagen der unzähligen Uhren ganz plötzlich auf. wie sie eben standen. schlüpfte durch das kleine Türchen. in der ja nun auch die rückwärtslaufende Zeit aufgehört hatte. als sei sie immer schon da gewesen. murmelte sie. lief sie in den Saal mit den unzähligen Uhren zurück und wartete. wie sie nie und nirgends zuvor auf der Welt geherrscht hatte. wie ihn zuvor noch nie ein Mensch gehört hat. die auf dem Teller lagen. aber die Polster waren jetzt hart wie Marmelstein und gaben nicht mehr nach. Tatsächlich. sondern die Zeit. denn die riesigen Torflügel waren sehr schwer. wie diese Blume in ihre Hand hineingekommen war. Kassiopeia auf dem Arm. Auf dem Tischchen standen noch die Reste des Frühstücks. Ihr Herz begann rasend zu klopfen. »ABER DEINE ZEIT VERLIERST DU!« stand auf ihrem Rückenpanzer. und Momo schaute sie an. Und eine Stille breitete sich aus. Und dann geschah es! Es gab plötzlich eine Art Erschütterung. Als sie damit fertig war. waren vollkommen unbeweglich. Momo wollte den Finger in die Flüssigkeit tauchen.« . Und Momo wurde gewahr. hinter einer großen Standuhr. Sie mußte all ihre Kraft aufwenden. Einer nach dem anderen zwängte sich durch das kleine Türchen. Um Himmels willen. Kassiopeia strampelte.

wer kann!« Alle waren auf das kleine Türchen zugerannt und drängten gleichzeitig hinaus. die aufgeregt gestikulierend aufeinander einredeten.« Und eine dritte.« »Er hat sie eben angehalten«. Momo konnte aus ihrem Versteck beobachten. »Und doch. Eine schier endlose Karawane grauer Herren rannte stadteinwärts durch die seltsame Traumgegend mit den schneeweißen Häusern und den verschieden fallenden Schatten. klangen laufende Schritte aus dem Gang herein. Sogar die Sanduhr hier. irgendeinem Menschen noch das kleinste bißchen Zeit zu entreißen. Als sie aus dem großen Tor trat. ganz ähnliche Stimme antwortete: »Nach meiner Ansicht hat der Sogenannte selbst klein beigegeben. Jetzt werden wir kurzen Prozeß mit ihm machen. Und jeder.Wir müssen sofort die Belagerung abbrechen ! . dann quetschte sich ein weitere grauer Herr aufgeregt gestikulierend durch die kleine Tür und rief: »Soeben ist Nachricht unserer Agenten aus der Stadt gekommen. wurde rasch immer durchsichtiger und verschwand zuletzt. daß die Zeit-Diebe schon bis zum Anfang der Niemals-Gasse gelaufen waren.Wir müssen versuchen. kann nur bedeuten.Meine für achtundvierzig! -Dann geben Sie her! . Jetzt kam alles darauf an. die Hände ausgestreckt. Momo. sah sie. Unser gesamter Nachschub ist zusammengebrochen ! Es gibt keine Zeit mehr ! Hora hat die Zeit abgestellt!« Einen Augenblick herrschte Totenstille. daß er ihn abgestellt hat. Wo steckt er denn?« Die grauen Herren sahen sich suchend um. wie sie sich in ihrer Panik gegenseitig wegboxten.»Das Mädchen Momo hat uns die Tür geöffnet«. schoben und zogen und immer heftiger in ein Handgemenge gerieten. der rinnende Sand ist mitten im Fall stehengeblieben ! Man kann die Uhr auch nicht bewegen ! Was bedeutet das?« Noch während er redete. Ein vernünftiges Kind! Ich bin gespannt. Denn daß der Zeit-Sog in der Niemals-Gasse ausgesetzt hat. meine Herren. Dann fragte einer: »Was sagen Sie? Unser Nachschub ist zusammengebrochen? Aber was wird dann aus uns.Rette sich. Er hat also eingesehen. »Das ist eine fürchterliche Katastrophe. sagte eine andere aschengraue Stimme. begannen sie ebenfalls zu rennen. nacheinander durch das kleine Türchen hinauszuschlüpfen und davonzukommen. und seine Stimme klang noch eine Spur aschenfarbener: »Da stimmt was nicht. zu unseren Zeit-Speichern zu kommen! . daß er sich uns fügen muß. »ich habe es genau beobachtet. Jeder wollte vor dem anderen hinaus und kämpfte um sein graues Leben. Sie schlugen sich die Hüte von den Köpfen. Ihre Autos stehen. schien plötzlich alle Kraft zu verlieren. meine Herren ! Die Uhren ! Sehen Sie sich doch nur die Uhren an! Sie stehen alle. . »Eine Sanduhr kann man nicht anhalten!« rief der erste. angstvollen Ausdruck im Gesicht. daß sie die grauen Herren nicht mehr aus den Augen verlor. sie rangen miteinander und rissen sich gegenseitig die kleinen grauen Zigarren aus den Mündern. dem das widerfuhr. den Alten herumzukriegen. und denen gelang es nun doch. wie sie es angestellt hat.Sind Sie verrückt? . Schließlich waren nur noch drei der grauen Herren im Saal. Die Welt steht still. sehen Sie nur. was dann aus uns wird!« schrie ein anderer. mit einem greinenden. Als sie die aus dem Nirgend-Haus Gekommenen rennen sahen. und binnen kurzem befand sich das ganze Heer Hals über Kopf auf dem Rückzug. andere schlössen sich den Fliehenden an.Ohne Wagen? Das können wir nicht rechtzeitig schaffen! Meine Zigarren reichen nur noch für siebenundzwanzig Minuten! . Es ist unmöglich. Nichts blieb von ihm übrig. Alles steht. dann sagte plötzlich einer von ihnen. Dort standen in den Rauchschwaden andere Gruppen von grauen Herren. lief hinter ihnen her. nicht einmal sein Hut. Er stand da. wenn unsere mitgeführten Zigarren verbraucht sind?« »Das wissen Sie selbst. meinte ein anderer unsicher. Durch das Verschwinden der Zeit hatte nun natürlich auch hier die geheimnisvolle Umkehrung von schnell und langsam aufgehört. meine Herren!« Und nun schrien plötzlich alle durcheinander: »Hora will uns vernichten ! . unter einem Arm die Schildkröte. in der anderen Hand die Stunden-Blume.

Der Zug der grauen Herren führte vorbei an dem großen Ei-Denkmal und weiter bis dorthin, wo die ersten gewöhnlichen Häuser standen, jene grauen, verfallenen Mietskasernen, in denen die Menschen wohnten, die eben am Rande der Zeit lebten. Aber auch hier war nun alles starr. In gebührendem Abstand hinter den letzten Nachzüglern folgte Momo. Und so begann nun eine umgekehrte Jagd durch die große Stadt, eine Jagd, bei welcher die riesige Schar der grauen Herren floh und ein kleines Mädchen mit einer Blume in der Hand und einer Schildkröte unter dem Arm sie verfolgte. Aber wie sonderbar sah diese Stadt nun aus ! Auf den Fahrbahnen standen die Autos Reihe neben Reihe, hinter den Steuerrädern saßen bewegungslos die Fahrer, die Hände an der Schaltung oder auf der Hupe (einer tippte sich gerade mit dem Finger an die Stirn und starrte wütend zu seinem Nachbarn hinüber), Radfahrer, die den Arm ausgestreckt hielten, um zu zeigen, daß sie abbiegen wollten, und auf den Gehsteigen all die Fußgänger, Männer, Frauen, Kinder, Hunde und Katzen vollkommen reglos und starr, sogar der Rauch aus den Auspuffrohren. Auf den Straßenkreuzungen waren die Verkehrspolizisten, ihre Trillerpfeife im Mund, mitten im Winken stehen geblieben. Ein Schwarm Tauben schwebte über einem Platz unbeweglich in der Luft. Hoch über allem stand ein Flugzeug wie gemalt am Himmel. Das Wasser der Springbrunnen sah aus wie Eis. Blätter, die von Bäumen fielen, lagen reglos mitten in der Luft. Und ein kleiner Hund, der gerade ein Bein an einem Lichtmast hob, stand, als wäre er ausgestopft. Mitten durch diese Stadt, die leblos war wie eine Fotografie, rannten und jagten die grauen Herren. Und Momo immer hinterdrein, doch immer vorsichtig darauf bedacht, von den Zeit-Dieben nicht bemerkt zu werden. Aber die achteten sowieso auf nichts mehr, denn ihre Flucht gestaltete sich immer schwieriger und anstrengender. Sie waren ja nicht daran gewöhnt, so große Strecken im Laufschritt zurückzulegen. Sie keuchten und rangen nach Atem. Dabei mußten sie immer noch ihre kleinen grauen Zigarren, ohne die sie ja verloren waren, im Mund behalten. Manch einem entglitt die seine im Laufen, und ehe er sie noch auf dem Boden wiederfinden konnte, löste er sich bereits auf. Aber nicht nur diese äußeren Umstände machten ihre Flucht immer beschwerlicher, sondern mehr und mehr drohte jetzt schon Gefahr von seilen der eigenen Leidensgenossen. Manche nämlich, deren eigene Zigarren zu Ende brannten, rissen in der Verzweiflung einfach einem anderen die seine aus dem Mund. Und so verringerte sich ihre Anzahl langsam, aber ständig. Diejenigen, die noch einen kleinen Vorrat von Zigarren in ihren Aktentaschen trugen, mußten sehr achtgeben, daß die anderen nichts davon merkten, sonst stürzten sich die, welche keine mehr hatten, auf die Reicheren und versuchten, ihnen ihre Schätze zu entreißen. Es gab wilde Schlägereien. Ganze Haufen von ihnen warfen sich aufeinander, um etwas von den Vorräten zu grapschen. Dabei rollten die Zigarren über die Straße und wurden im Tumult zertreten. Die Angst, von der Welt verschwinden zu müssen, hatte die grauen Herren vollkommen kopflos gemacht. Und noch etwas bereitete ihnen immer zunehmende Schwierigkeiten, je weiter stadteinwärts sie kamen. An manchen Stellen der großen Stadt stand die Menschenmenge so dicht, daß sich die grauen Herren nur mühsam zwischen den Leuten durchschieben konnten, als seien diese Bäume in einem dichten Wald. Momo, die ja klein und schmal war, hatte es da natürlich bedeutend leichter. Aber selbst ein Flaumfederchen, das reglos in der Luft hing, war so unbeweglich, daß die grauen Herren sich fast die Köpfe daran einschlugen, wenn sie aus Versehen dagegen rannten. Es war ein langer Weg, und Momo hatte keine Ahnung, wie lang er noch sein würde. Besorgt blickte sie auf ihre Stunden-Blume. Aber die war inzwischen erst voll aufgeblüht. Noch bestand also kein Grund zur Sorge. Doch dann geschah etwas, was Momo augenblicklich alles andere vergessen ließ: Sie erblickte in einer kleinen Seitenstraße Beppo Straßenkehrer ! »Beppo!« schrie sie, außer sich vor Freude, und rannte zu ihm hin. »Beppo, ich hab' dich überall gesucht! Wo warst du denn die ganze Zeit? Warum bist du nie gekommen? Ach,

Beppo, lieber Beppo!« Sie wollte ihm um den Hals fallen, aber sie prallte von ihm ab, als ob er aus Eisen wäre. Momo hatte sich ziemlich weh getan, und die Tränen schössen ihr in die Augen. Schluchzend stand sie vor ihm und schaute ihn an. Seine kleine Gestalt wirkte noch gebückter als früher. Sein gutes Gesicht war ganz schmal und ausgezehrt und sehr blaß. Um das Kinn war ihm ein weißer, struppiger Stoppelbart gewachsen, denn zum Rasieren hatte er sich keine Zeit mehr genommen. In den Händen hielt er einen alten Besen, der schon ganz abgenützt war vom vielen Kehren. So stand er da, reglos wie alles andere, und schaute durch seine kleine Brille vor sich auf den Schmutz der Straße. Jetzt endlich hatte Momo ihn also gefunden, jetzt, wo es gar nichts mehr half, weil sie sich ihm nicht mehr bemerkbar machen konnte. Und vielleicht würde es das letzte Mal sein, daß sie ihn sah. Wer konnte wissen, wie alles ausgehen würde. Wenn es schlecht ausging, würde der alte Beppo in alle Ewigkeit so hier stehen. Die Schildkröte zappelte in Momos Arm. »WEITER!« stand auf ihrem Panzer.Momo rannte auf die Hauptstraße zurück und erschrak. Keiner der Zeit-Diebe war mehr zu sehen ! Momo lief ein Stück in der Richtung, in welcher vorher die grauen Herren geflüchtet waren, aber vergebens. Sie hatte ihre Spur verloren ! Ratlos blieb sie stehen. Was sollte sie nun tun? Fragend blickte sie auf Kassiopeia. »DU FINDEST SIE, LAUF WEITER!« lautete der Rat der Schildkröte. Nun, wenn Kassiopeia vorherwußte, daß sie die Zeit-Diebe finden würde, dann war es ja auf jeden Fall richtig, ganz gleich, welchen Weg Momo einschlug. Sie lief also einfach weiter, wie es ihr gerade in den Sinn kam, mal links, mal rechts, mal geradeaus. Inzwischen war sie in jenen Teil am nördlichen Rande der großen Stadt gekommen, wo die Neubauviertel mit den immer gleichen Häusern und den schnurgeraden Straßen sich bis zum Horizont dehnten. Momo lief weiter und weiter, aber da ja alle Häuser und Straßen einander vollkommen glichen, hatte sie bald das Gefühl, gar nicht vom Fleck zu kommen und an der gleichen Stelle zu laufen. Es war ein wahrer Irrgarten, aber ein Irrgarten der Regelmäßigkeit und Gleichheit. Momo war schon nahe daran, den Mut zu verlieren, als sie plötzlich einen letzten grauen Herren um eine Ecke biegen sah. Er humpelte, seine Hose war zerrissen, Hut und Aktentasche fehlten ihm, nur in seinem verbissen zusammengepreßten Mund qualmte noch der Stummel einer kleinen grauen Zigarre. Momo folgte ihm, bis zu einer Stelle, wo in der endlosen Reihe der Häuser plötzlich eines fehlte. Statt dessen war dort ein hoher Bauzaun aus rohen Brettern errichtet, der ein weites Geviert umgab. In diesem Bauzaun war ein Tor, das ein wenig offenstand, und dort hinein huschte der letzte Nachzügler der grauen Herren. Über dem Tor befand sich ein Schild, und Momo blieb stehen, um es zu entziffern.

EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL Das Ende, mit dem etwas Neues beginnt
Momo hatte sich mit dem Buchstabieren der Warntafel aufgehalten. Als sie nun durch das Tor schlüpfte, war auch von dem letzten grauen Herren nichts mehr zu sehen. Vor ihr lag eine riesige Baugrube, die wohl zwanzig, dreißig Meter tief sein mochte. Bagger und andere Baumaschinen standen umher. Auf einer schrägen Rampe, die zum Grunde der Grube hinunterführte, waren einige Lastwagen mitten in der Fahrt stehengeblieben. Da und dort standen Bauarbeiter, reglos in ihren jeweiligen Haltungen erstarrt. Aber wohin nun? Momo konnte keinen Eingang entdecken, den der graue Herr benutzt haben mochte. Sie schaute auf Kassiopeia, aber diese schien auch nicht weiterzuwissen. Keine Buchstaben erschienen auf ihrem Panzer. Momo kletterte auf den Grund der Baugrube hinunter und schaute sich um. Und nun sah sie plötzlich noch mal ein bekanntes Gesicht. Da stand Nicola, der Maurer, der ihr damals das schöne Blumenbild an die Wand ihres Zimmers gemalt hatte. Natürlich war auch er reglos, wie alle anderen, aber seine Haltung war seltsam. Er stand da, eine Hand an den Mund gelegt, als ob er irgendwem etwas zuriefe, und mit der anderen Hand zeigte er auf die Öffnung eines riesenhaften Rohres, das neben ihm aus dem Boden der Baugrube ragte. Und es ergab sich gerade so, daß er dabei Momo anzublicken schien. Momo überlegte nicht lang, sie nahm es einfach als ein Zeichen und kletterte in das Rohr hinein. Kaum war sie drin, geriet sie ins Rutschen, denn das Rohr führte steil abwärts. Es machte allerlei Windungen, so daß sie wie auf einer Rutschbahn hin und her geschleudert wurde. Hören und Sehen verging ihr beinahe bei der rasenden Fahrt, tiefer und tiefer hinunter. Manchmal trudelte sie um sich selbst, so daß sie mit dem Kopf voran dahinsauste. Aber sie ließ dabei weder die Schildkröte noch die Blume los. Je tiefer sie kam, desto kälter wurde es. Einen Augenblick dachte sie auch daran, wie sie wohl je wieder hier herauskommen könne, aber noch ehe sie recht dazu kam, sich Gedanken zu machen, endete die Röhre plötzlich in einem unterirdischen Gang. Hier war es nicht mehr finster. Es herrschte ein aschengraues Halblicht, das von den Wänden selbst auszugehen schien. Momo stand auf und lief weiter. Da sie barfuß war, machten ihre Schritte kein Geräusch, wohl aber die des grauen Herrn, die sie nun wieder vor sich hörte. Sie folgte dem Klang.

entweicht die Kälte aus den Gefrier-Kellern. sind wir zu viele ! Wir müssen unsere Zahl beträchtlich verringern. Sie saßen sich zu drei und drei am Kopfende des endlosen Tisches gegenüber und sahen sich eisig an. die Katastrophe zu überdauern. antwortete ein anderer. wenn einige von uns diese Katastrophe überstehen. wenn ich bitten darf. daß wir sie dann nicht mehr daran hindern können. die mit den ungeraden werden ersucht. Das ist ein Gebot der Vernunft. sich unverzüglich aufzulösen!« Ein tonloses Stöhnen lief durch die Reihe der Verlierer. »Und nun«. sagte einer der grauen Herren. ein drittes und schließlich sogar ein viertes Mal. daß ganz hinten an der Rückwand des Saales eine riesige Panzertür ein wenig offenstand. mein Bester«. fragte ein dritter. sagte der Vorsitzende in die Stille hinein. die fürchterliche Kälte merklich nachließ.« »Leider haben Sie nicht ganz recht.« Eine Weile war es still. Sie ging ihm nach und lugte vorsichtig um eine Ecke. und ihre Gesichter wirkten verzerrt von Angst. Wir müssen die Dinge sachlich betrachten ! So. meinte ein anderer. unter dem ganzen Neubau-Viertel hinzog. wo sie hergekommen sind. Zuletzt waren nur noch sechs der grauen Herren übrig. Und Sie wissen. Nach und nach werden die Stunden-Blumen auftauen. daß jedesmal. wie wir hier sitzen. Obwohl Momo wußte. denn wir wissen nicht. dann könnte sie jetzt keine Macht der Welt öffnen. können wir ja immer noch darüber reden. erwiderte der . aber keiner wehrte sich. als die Katastrophe begann. antwortete einer von der anderen Seite des Tisches. Und wie armselig sahen diese letzten Zeit-Diebe jetzt aus ! Ihre Anzüge waren zerfetzt. nun abzuzählen?« Die grauen Herren zählten ab. Zahl bedeutet. Eisige Kälte wehte aus dem Saal.Von dem Gang zweigten nach allen Seiten andere Gänge ab. wenn die Zahl der grauen Herren geringer wurde. »aber falls es nötig sein sollte. daß die Herren mit den geraden Zahlen bleiben. »daß unsere Kälte jetzt nicht mehr ausreicht.« »Wir sind nur noch wenige!« schrie ein anderer. »es hat keinen Zweck mehr. meine Herren. hörte sie nun einen grauen Herrn sagen. das Häuflein. Nur ihre Zigarren brannten noch. das sich. »Zahl!« rief er. »Indem das Tor offensteht. Und Sie alle wissen. »dasselbe noch einmal. Momo hatte den Vorgang mit Schaudern beobachtet.« Er warf die Münze in die Luft und fing sie auf. Im Vergleich zu vorher war es jetzt schon beinahe erträglich.« »Sie meinen«. Wir wären verloren. wie lange wir mit ihnen auskommen müssen. fuhr der Redner ungerührt fort. »sparsam mit unseren Vorräten umgehen. Später. »Wir müssen«. dann erklärte einer: »Wie gut. »Die Herren mit den geraden Zahlen bleiben. Kopf bedeutet die mit den ungeraden. Dann hörte sie Stimmengewirr. »ist eine häßliche Zahl. Danach zog der Vorsitzende eine Münze aus der Tasche und erklärte : »Wir werden losen. »desto länger werden wir durchhalten. Darf ich Sie bitten. Wäre sie im entscheidenden Augenblick geschlossen gewesen. meine Herren. Die Zeit-Diebe mit den geraden Zahlen nahmen den anderen ihre Zigarren fort. »Sechs«. kauerte sie sich nieder und wickelte die nackten Füße in ihren Rock. dann gelingt es dreien auch nicht.« »Das ist nicht gesagt«. der ganz oben am Konferenztisch vor der Panzertür saß. was ich mit sparen meine. Sie bemerkte. Vor ihren Augen lag ein riesiger Saal mit einem schier endlosen Konferenztisch in der Mitte. die Vorräte tiefgekühlt zu halten?« »Wir sind leider nur sechs«.oder vielmehr. sie hatten Beulen und Schrunden auf ihren grauen Glatzen. Wir müssen uns einschränken. Wenn es uns sechsen nicht gelingt. meine ich. »Die Vorräte reichen auf Jahre hinaus!« »Je eher wir zu sparen beginnen«. Um diesen Tisch saßen in zwei langen Reihen die grauen Herren . dorthin zurückzukehren. und die Verurteilten lösten sich in Nichts auf. meine Herren. daß die Tür zu den Vorrats-Speichern gerade offenstand. Es genügt völlig.« »Genug jetzt«. ein unterirdisches Aderngeflecht.« Die gleiche schauerliche Prozedur erfolgte ein zweites. das von ihnen noch übrig war. daß es nichts half. Momo sah. wie es schien. unsere Zahl noch weiter zu verringern.

»DU WIRST ES TUN«. Leise. Sie erreichte die offenstehende Tür. wo die Verfolger laufen würden. Die Nachkommenden fielen über die Liegenden. »konnte sie die Tür bewegen?« Der fünfte schlug sich wild vor den Kopf: »Dann hätten wir das ja auch gekonnt! Wir haben doch genügend davon!« »Gehabt.eine trostlose Vorstellung. daß die Grauen über sie stolperten und sich auf dem Boden überkugelten. »Das geht nicht!« flüsterte Momo. unter den langen Konferenztisch zu kriechen. stand auf dem Panzer. Nun saß sie zwischen den Füßen der Zeit-Diebe. Momo sprang auf. hatte gewiß keinen Sinn. aber immer wieder gelang es ihr zu entwischen. »aber jetzt ist die Tür zu ! Es gibt nur noch eine Rettung: Wir müssen die Stunden-Blume des Mädchens kriegen. weiterhin das zu tun. rief der erste Herr. wenn sie nichts tat. wenn ich sie mit der Stunden-Blume berühre?« wisperte Momo. »DU MACHST DIE TÜR zu!« stand auf ihrem Panzer. «Momo dachte nach. manchmal lief sie einem Verfolger fast in die Arme. Wenn Kassiopeia es vorauswußte. Dann steckte sie die Stundenblume. meinte einer. Die Tür drehte sich geräuschlos in ihren Angeln. » Wieso kann sie sich bewegen ?« »Sie hat eine Stunden-Blume!« brüllte ein dritter. Aber hier wußten die grauen Herren natürlich besser Bescheid. »So werden wir also nun vielleicht jahrelang sitzen und nichts tun. und so rettete die Schildkröte mehrmals das Mädchen vor dem fast schon sicheren Gefaßtwerden. gehabt!« kreischte der sechste. daß sie es tun würde. Und nun rafften sich auch die grauen Herren auf und jagten hinter ihr drein. Wir werden nichts dabei gewinnen. daß außer ihnen noch irgendein anderes Wesen vom völligen Stillstand ausgenommen sein könnte. Ohne sich zu besinnen. »Ich kann sie bewegen.« »Für eine von beiden Möglichkeiten mußten wir uns entscheiden«. Die grauen Herren. Sie konnte zwar nur langsam krabbeln. da die Tür zu den Vorrats-Speichern ja offenstand und die ZeitDiebe sich nach Belieben Nachschub holen konnten? Kassiopeia strampelte. Dort lief sie auf allen vieren weiter. Ungesehen von den sechs grauen Herren gelang es ihr. Mir scheint. dann mußte es wohl auch so sein. fragte der vierte. Aber was konnte sie tun. »Das ist Momo!« » Das gibt es nicht ! « schrie ein anderer. »und Sie können sich selbst ausrechnen. und fiel donnernd ins Schloß. Und auch Kassiopeia beteiligte sich auf ihre Art an diesem Kampf. und Momo schaute sie an. unter ihre Jacke. drehte sich wirklich. Wenn es keine grauen Herren mehr gab. Aber vorläufig gab es die grauen Herren ja noch. rannte Momo an ihnen vorbei auf den Ausgang des Saales zu. »Das ist doch dieses schreckliche kleine Mädchen!« hörte sie einen rufen. als uns gegenseitig bewachen«. Hier nur zu sitzen und weiter zu warten. ohne daß einer der grauen Herren es bemerkte. Der Hall löste ein vielfaches Echo im Saal und in den tausend unterirdischen Gängen aus.« Wieder entstand eine Stille.zweite Herr. von einem Fußtritt getroffen. Aber das hielt sie nicht ab. saßen vor Schreck erstarrt auf ihren Stühlen und stierten das Mädchen an. Und es würde sie immer weiter geben. Das Herz klopfte ihr zum Zerspringen. es war ziemlich voreilig. bis sie das andere Ende des langen Tisches erreichte. »Ich muß gestehen . wieviel wir ausrichten können. aber da sie ja immer im voraus wußte. die nicht im entferntesten damit gerechnet hatten. »Sie ist doch unbeweglich. leise zog sie die Stunden-Blume hervor. sonst ist alles aus!« Inzwischen war Momo schon irgendwo in den Gängen verschwunden. »Und damit«. gegen die Wand. Momo setzte die Schildkröte vorsichtig auf den Boden. »und wir haben uns entschieden. die inzwischen schon ziemlich welk war und nicht mehr sehr viele Blütenblätter hatte. erreichte sie die Stelle rechtzeitig und legte sich so in den Weg. . unsere Anzahl derartig rigoros zu vermindern. berührte sie mit der Blüte und schob gleichzeitig mit der Hand. nahm sie zwischen die Zähne und krabbelte zwischen den Stühlen hindurch. wovon sie eben vorherwußte.« » MIT DER BLUME BERÜHREN!« war die Antwort. Natürlich flog sie dabei selbst oft. dann würden die Stunden-Blumen also von selbst auftauen. Momo jagte kreuz und quer. die sich immer wieder verzweigten.

so lösten sie sich sanft auf und wurden wieder unsichtbar. Sie flog dahin über die Dächer und Türme in einer riesigen Wolke aus Blumen. auf deren Rücken stand: »DU MACHST DIE TÜR AUF. Momo war in den großen Saal mit dem langen Tisch zurückgeflohen. dabei fiel ihm der winzige Stummel aus dem Mund und rollte fort. »Es ist gut«. liebes Kind. »Bitte«.ihre Zigarren und lösten sich. berührte sie wieder mit ihrer Stunden-Blume. Dann senkte sich die Blütenwolke langsam und sacht hernieder. als der zweite ihn zurückriß. wurde so gewaltig. Dabei schlug der erste dem zweiten die Zigarre aus dem Mund. um dorthin zurückzukehren. flüsterte er. Und nun gab es für Momo kein Entrinnen mehr. hinauf über die Erde und hinauf über die große Stadt. in dem sie auf und nieder schwebte und sich um sich selbst drehte. wohin sie eigentlich gehörten: in die Herzen der Menschen. Mit dem Verschwinden des letzten Zeit-Diebes war auch die Kälte gewichen. Schließlich waren nur noch zwei von ihnen übrig. Und auf ihrem Rückenpanzer stand in leuchtender Schrift: »FLIEGE HEIM. als sei sie selbst eine der Blumen. FLIEGE HEIM!« Und dies war das letzte. und keine war einer anderen gleich . Sie stand in eine Ecke des Saales gepreßt und blickte den beiden Verfolgern angsterfüllt entgegen. gib mir die Blume!« Momo stand noch immer in die Ecke gepreßt. Der erste Verfolger wollte eben die Hand nach der Blume ausstrecken. Dann teilten sie sich und liefen in entgegengesetzten Richtungen. Und es war wie ein übermütiger Tanz nach einer herrlichen Musik. wurde durchsichtig und verschwand. Die beiden Zeit-Diebe verfolgten sie rund um den Tisch. Denn nun verstärkte sich der Sturm der Blüten ganz unbeschreiblich. drückte die Blume an sich und schüttelte. Nur noch drei schimmernde Blütenblätter hingen daran.Hunderttausende.besinnungslos vor Gier nach der Stunden-Blume. Es war wie ein warmer Frühlingssturm. »Her mit der Blume !« keuchte er. »bitte. und eine war herrlicher anzusehen als die andere. KLEINE MOMO. Aber dort krabbelte jetzt Kassiopeia. Wolken von Stunden-Blumen wirbelten um sie her und an ihr vorüber. den Kopf.ist---« Und dann war auch er verschwunden. Und wie Schneeflocken. richtete sich mühsam halb auf und hob zitternd seine Hand. . Er wandte Momo sein aschengraues Gesicht zu. konnte ihn aber nicht mehr erreichen.« Momo ging zu der Tür. Millionen von Lebensstunden. Momo starrte fassungslos auf die Stelle. In seinem Mundwinkel qualmte noch ein winziger Stummel. schrie er. was Momo von Kassiopeia sah. einer nach dem ändern. murmelte er. konnten sie aber nicht einholen. Und nun kam der letzte der grauen Herren auf Momo zu. hinaus. Während das letzte Blatt von Momos eigener Stunden-Blume abfiel. daß nun . daß Momo aufgehoben und davongetragen wurde. und öffnete sie weit. an der nur noch ein einziges. Der letzte graue Herr nickte langsam. »Nein«. Unzählige StundenBlumen standen hier wie gläserne Kelche aufgereiht in endlosen Regalen. die immer größer und größer wurde. und der drehte sich mit einem geisterhaften Wehlaut um sich selbst. hinaus aus den finsteren Gängen. letztes Blütenblatt hing. Momo ging mit staunenden Augen in die riesigen Vorratsspeicher hinein. in Nichts auf.alles vorbei . keines Wortes mehr mächtig. begann mit einem Mal eine Art Sturm. »es ist gut-. »mir gehört die Blume! Mir!« Die beiden fingen an sich gegenseitig zurückzureißen. wo er gelegen hatte. Der Graue warf sich auf den Boden und grapschte mit ausgestrecktem Arm danach. und die Blumen fielen wie Schneeflocken auf die erstarrte Welt.Bei dieser Verfolgung verloren einige der grauen Herren . Die Blume hielt sie an sich gedrückt. aber ein Sturm aus lauter befreiter Zeit. Momo schaute wie im Traum umher und sah Kassiopeia vor sich auf dem Boden. Es wurde warm und wärmer wie in einem Treibhaus.

wieso er sich plötzlich so getröstet und voller Hoffnung fühlte. hatten die Menschen nichts bemerkt. und die Leute. Überall standen Leute. fand sie sich auf einer Straße wieder. »Vielleicht«. Aber viele Leute haben nie erfahren. auf seinen Besen gestützt. Denn als die kleine Momo und der alte Beppo an diesem Tag ins alte Amphitheater zurückkamen. der Maurer. Dann wurde ein Fest gefeiert. die nun auf wunderbare Weise zu ihm zurückkehrte. und es dauerte. und denen Momo zugehört hatte. der Wirt. Es war für sie vorübergegangen wie ein Wimpernschlag. setzten alle sich rundherum auf die grasbewachsenen steinernen Stufen. und alle Leute aus der Umgebung. Und die Ärzte hatten jetzt Zeit. und die kleine Momo stand vor ihm. sich jedem ihrer Patienten ausführlich zu widmen. dort stand er noch ! Stand mit dem Rücken zu ihr. und alles regte und bewegte sich von neuem. Endlich schulterte Beppo seinen Besen. blieben stehen und freuten sich und lachten und weinten mit. Paolo. So wanderten die beiden Arm in Arm durch die Stadt. denn sie hatten ja nun alle genügend Zeit dazu. Er hatte es auf einmal gar nicht mehr eilig und konnte sich selbst nicht erklären. das Mädchen Maria mit dem kleinen Geschwisterchen Dedé. denn es versteht sich wohl von selbst. Es wurde ganz still. Denn es war ja tatsächlich keine Zeit verstrichen zwischen dem Aufhören und dem neuen Beginn. die Blumen in einem Fenster zu bewundern oder einen Vogel zu füttern. die das Glück des Wiedersehens beschreiben können. und manche stiegen aus und spielten einfach mit. Die Arbeiter konnten ruhig und mit Liebe zur Sache arbeiten. Wer zur Arbeit ging. waren sie alle schon da und warteten: Gigi Fremdenführer. Alle Leute hatten nämlich plötzlich unendlich viel Zeit. hatte Zeit. seiner dicken Frau. und er drehte sich um. mit Liliana. die Tauben flogen und der kleine Hund am Lichtmast machte sein Bächlein. bis die alten Sterne am Himmel standen. wenn man vor Freude wie betrunken ist. möglichst viel in möglichst kurzer Zeit fertigzubringen. ganz wie früher. wie nur Momos Freunde es zu feiern verstehen. der ihnen wie ein Wimpernschlag vorkam. was man seit langem nicht mehr gesehen hatte : Kinder spielten mitten auf der Straße. wie er brauchte und haben wollte. . Und nachdem der Jubel und das Umarmen und Händeschütteln und Lachen und Durcheinanderschreien sich gelegt hatte. dachte er. die vorübergingen. Und doch war etwas anders geworden als vorher. und was in Wirklichkeit während jenes Augenblicks. wem das alles zu verdanken war. aber niemand wußte. Und sie umarmten sich immer wieder. Nicola. Claudio und alle anderen Kinder. Geglaubt und gewußt haben es nur Momos Freunde. und wirklich. und seinem Baby. Beide lachten und weinten abwechselnd und redeten fortwährend durcheinander und natürlich lauter dummes Zeug.« Und genau in diesem Augenblick zupfte ihn jemand an der Jacke. Es war die Seitenstraße. Franco. wie das eben so ist. geschehen ist. die Verkehrsschutzleute pfiffen. Die Autos rühren.Im selben Augenblick begann die Zeit wieder. Die meisten Leute hätten es wohl auch nicht geglaubt. daß die Welt für eine Stunde still gestanden hatte. Natürlich war darüber jedermann außerordentlich froh. heimwärts zum alten Amphitheater. Als Momo wieder recht zur Besinnung kam. Und in der großen Stadt sah man. daß er für diesen Tag nicht mehr ans Arbeiten dachte. »habe ich jetzt die hunderttausend Stunden eingespart und Momo freigekauft. Massimo. denn es kam nicht mehr darauf an. Davon. die warten mußten. Und jeder hatte dem anderen unendlich viel zu erzählen. plauderten freundlich miteinander und erkundigten sich ausführlich nach dem gegenseitigen Wohlergehen. daß es in Wirklichkeit seine eigene gesparte Zeit war. Es gibt wohl keine Worte. so vergnügt. die früher immer gekommen waren. wo sie vorher Beppo gefunden hatte. und schaute nachdenklich vor sich hin. Nino. denn von nun an war ja wieder genug davon da. Jeder konnte sich zu allem so viel Zeit nehmen. und die Autofahrer. guckten lächelnd zu.

Und dann begann sie mit klarer Stimme zu singen. der diese Geschichte gelesen hat. Sie zog ihren Kopf und ihre vier Glieder ein. Vor ihm saß die Schildkröte. als sei er eben von einer schweren Krankheit genesen. Aber seine Augen strahlten. Da fühlte er. Sie dachte an die Stimmen der Sterne und an die Stunden-Blumen. wie etwas ihn am Fuß berührte. Er war. daß du sehr erschöpft bist und dich erst einmal gründlich ausruhen möchtest. auf seinem Stuhl an dem kleinen zierlichen Tischchen und schaute Momo und ihren Freunden lächelnd durch seine Allsicht-Brille zu. »das habt ihr beide sehr gut gemacht. meinte Meister Hora.« »SPÄTER!« stand auf dem Rückenpanzer. »Das wird durch die Kälte der grauen Herren gekommen sein«. denn diesmal konnte ich euch ja nicht zusehen. Du mußt mir alles erzählen.« »DANKE!« stand auf dem Panzer. Er nahm seine Brille ab und beugte sich hinunter. für niemand mehr sichtbar als nur für den. Dann nieste Kassiopeia. und auf ihrem Rücken. »Kassiopeia«. den die zurückgekehrte Zeit aus seinem ersten und einzigen Schlaf erweckt hatte. erschienen langsam die Buchstaben: . Also ziehe dich ruhig zurück. Dann hinkte Kassiopeia davon und suchte sich einen stillen und dunklen Winkel. »Ich kann mir denken.noch sehr blaß und sah aus. Im Nirgend-Haus aber saß Meister Hora.Momo stellte sich in die Mitte des freien runden Platzes. » UND WIE!« war Kassiopeias Antwort. sagte er zärtlich und kraulte sie am Hals. »Du hast dich doch nicht etwa erkältet?« fragte Meister Hora besorgt.